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Author: Kiihne Hartmut Brumme Carina Koenigsmarkova Helena
Tags: museum
ISBN: 978-3-86732-128-0
Year: 2012
Similar
Text
Jungfrauen, Engel, Phallustiere
Die Sammlung mittclalterlicher franzosischer Pilgerzeichen
des Kanstgewerbemaseams in Prag und des Nationalmuseums Prag
im Aufrrag des Kunstgewerbemuseums in Prag
bearbeitet von
Hartmut Kiihne, Carina Brumme und Helena Koenigsmarkova
u ; ;m
Lukas Yerlag
LJmschlag: Pilgcr/eidien jus den beiden Prager Sammlungsteileii,
K.iulog-Nrn. 81, 220. 184, I7~ uiul 341
GERDA HENKEL STIFTUNG
Gedruckt mit Untcrstiitzungder Gcrda Henkel Scifcung, Dusseldorf
О Lukas Vcrlag und Kunstgewcrbemuseum Prag (Umelcckopriimyslove museum v Pra/e)
Erstausgabe, 1. Auflage 2012
Alle Rechtc vorbeli.ilten
Lukas Verlag Fur Kunst- und Geistesgeschichtc
KollwitzstraRc 57
D-10405 Berlin
www. lukasverlag. com
Umschlag: Lukas Verlag
Layout und Satz: Susanne Werner (Lukas Verlag)
Druck. Elbe Druckerci Wittenberg
Printed in Germany
ISBN 978-3-86732-128-0
Inhalt
5
Vorwort 7
Das Mark dcs Mittelalters 9
Jeau-Claude Schmitt
Die Prager Pilgerzeichcnsammlung 15
Eine sammlungs- und forschungsgeschichtliche Einlcitung
Helena Koenigsmarkova und Hanmul Kuhne
Katalog Himveise zur Benutzung dcs Kacalogs 32
Religiose Zeichen und Pilgcrzcichcn
Devotionalien Chriscus 33
Maria 38
Heilige 88
Devotionalien
Engel 146
Miniaturrctabcl 147
Miniaturschreine 149
Kronen 151
Ampullen 157
Varia 159
Profane Zeichen Tierc und Fabelwescn 165
Gcgcnstiinde 171
Buchstaben und Wappen 173
Varia 175
Erorische Zeichen 177
Bibelots Objekte/Miniaturen 188
Zierat (Schmuek und Beschliige) 195
Glockchen, Pfeifen und Klappern 199
Varia 203
Anhang Literatur 207
Autorcn 213
Karte der Herkunfrsorte 214
Vorwort
1m Jahre 1894 verkaulte tier Pa riser Antiqiur Joseph bigger an das Prager Kunst-
gewerbemuseum cine Kollektion von erwa 500 mittelalierlichen Pilgerzeichen und
verwandten Wciftmerallgussen, die in der Seine gc fun den vvorden waren. In jener
Zeit erfreuren sich derartige Funde in Sammlerkreisen grower Beliebrheir und einige
europaische Museen mit kunstgewerblichen und mittelalierlichen Sammlungsschwer-
punkten begannen sich fiirsiezu inreressieren. Mirdem AnkaufderSainmlunggelang
dem damals noch jungen Prager Kunstgewerbcmuscum eine spektakuliire Aquisition,
denn es besafi seitdem die damals zahlcnmafiig zweirgroftre Pilgerzcichensammlung
iiberhaupr - nur die Sammlung des Pariser Musee de Cluny war ervva.s grofter. Auch
der Erhaltungs/.usund der nach Prag verkauften Stiicke wai ganz exquisit. Schon
dies hatte eine aufwendige Publikation diescr Stiicke gerechtfertigt. Das>s> diese fast
120 Jahre lang unterblieb, ist vor allem dem nach dem Ersren Welrkricg entsrandenen
Desintcresse an diesen schlecht in die Raster der Kunstgeschichre einzuordnenden
Objekten geschuldet. Freilich bliebdie Sammlung rrotz der Kriege und Verwiistungen
des 20. Jahrhunderts gliicklicherwei.se erhalten und wurde lediglich durch eine vor
genau fiinfzigjahren gerroHFeneadminisrrarive Enrscheidung in zwei Sammlungsteile
aufgespalren, die seirher getrennr im Prager Narionalmuseum bzw. im Kunstgcwcrbc-
museum Prag verwalm vs'erden.
Die vorliegende Publikation, mit der diese beiden Sammlungsteile nun erstmals
vollstandig der Offentlichkeit vorgesrellt werden, verdankt sich mehreren gliicklichen
Umstanden. Vor allem ist es das in den letzten Jahren in vielen europaisclien Liindern
gcwachscne Interesse an diesen einzigartigen Zeugnissen der religiosen Allragskultur,
welches eine Veroffentlichung dieses Katalogs moglich machr. Daruber hinaus war es
die fiber Jahre gewachsene kollegiale Zusammenarbeit zwischen dem Kunstgewcrbe-
muscum Prag und dem am Berliner Kunstgewerbemuseum beheimateten Projekt der
»PilgerzeichenDatenbank«, das uns zu der gcmcinsamen Arbeit an diesem Katalog
ermiitigte. Leider hat sich die urspriinglich geplanre Beteiligung des an der Radboud
Universiteit Nijmegen beheimateten Kunera-Projektes, insbesonderevon debsenspiritus
rector Jos Koldeweij, an der Erstellung des Katalogs wegen anderweiriger Verpflich-
tungen nicht realisieren lassen.
EurdicSchaftu ngderinstiturionellen Voraussetzungen des Vorhabens isrbesonders
Lothar Lambachcrzu danken, der als Stcllvcrtrctcnder Direktor des Berliner Kunstge-
werbemuseums die Miihen der Antragstellung und Projektabwicklung auf sich nahm.
F.bensosind wirderGerda-Henkel-Srifrung(Dfisseldorf)zugro(3em Dankverpflichtct,
die durch ihre finanziellen Zuwendungen die Realisierung der Arbeit am Katalogunter-
stfitzre und durch einen grofiziigigen Druckzuschuss diese Publikation erst ermogliebte.
Fiir die Ausleihe des im Prager Nationalmuseum bewahrten Sammlungstciles an das
Kunstgewerbemuseum Prag zum Zwecke der wissenschahlichen Bearbeitung ist dem
Generaldirektor des Nationalmuseums Micbal Lukes, dem Direktor der historischen
Sammlungen Pavel Dousa und besonders Lubonir Srsen fur die kollegiale Zusammen¬
arbeit zu danken. Michal Stribrny unterstiitztc uns im Kunstgewerbemuseum Prag bci
der Recherche und der Uberpriifung der tcchnischcn Angaben und Lucie Zadrazilova
bei der Archivrecherche. Fur die fotografischen Neuaufnahmen der Objekte danken
wir Gabriel Urbanek, Ondrej Kocourek und Jin Homola vom fotografischen Atelier
des Kunstgcwerbemuscuins.
Eine besondere Freude bereitete uns Jean-Claude Schmitt, als er sich im Jahre
2011 wiihrend seines Aufenrhaltes als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg auf die
Pilgcrzcichenfahrte locken lielS und diesen Katalog mit einem Geleitwortauszeichnete.
Nichtzuletzrdanken wir Philippe Cordez (Florcnz).Jan Hrdina (Prag) und Willy Piron
(Nijmegen) Kir Hinweise, die uns bei der Hersrellung des Kataloges hilfreich vvaren.
Carina Brumme — Helena Koenigsmarkovd - Hartmut Kii/me
Prag - Berlin im Oktober 2012
9
Das Mark des Mittelalters
Jean-Claude Schmitt
1 Dcr Ausclriuk машин I860 voii Alfred D.n-
cel, deni spaiercn Direkmr des Mu see de C'lu-
uy in Kills, das den groKicn lcil der I’ilger-
/ciclicin.uiinilung soil Ariliur l:ori;eais aul-
neliiueii sollie. Siclie Bkuna 1996, S. 1A.
2 Ki;irNt/LAMBACHtR/VA\jA 2008. - Sielic
auch: Jos KomFUTij: l:oi et bonne fortune,
I’.irurect devotion en Fl.mdre niediev.ilc, Arn¬
hem, Terra, 2006.
Das »Mark des Miuelaltets«: so be/.eichnete ein Gclchrtei des 19. Jahrhundcrts die
Pilgerzeichen, nachdcm cr ei ne der ersten Sam mlungen besichtigt hattc, jenc, die Arthur
Forgeais (1822-78) 11m die Mirre des Jahihunderts in Paris zusammengerragen li.ute.1
Dieseschmcichelnde Metapher stand alien asthctischcn Vorurtcilcn und museographi-
schcn Gewohnheiten der Zeit entgegen: Wie konnten die.se klcincn Objekte aus min-
derwertigem Metall, wovon liunderte von Exemplaren geradc zufalligcrwei.sc auf dem
Grund dcr Seine enrdeckt worden waren, eben die zentrale, zarte und belebende Parrie
des Knodiens evozieren? Und wie konnten sie diesel be Dignitiit beanspruchcn, wie die
iiblichcrwcisc in den Musecn ausgestellten Kunstobjekte, wie etwa goldgeschmiedete
Reliquiarc oder gotische Altiire? Das »Mark« ist /.war eine unsiebtbare Komponcnte
des Organismus, glcichwolil ist es fiir das Lcbcn wesentlieh. Vergleichbares gilt fiir die
Pilgerzeichen: so klcin, so wenig sichtbar sie auf dem Gewand dcs Pilgers auch sein
mogen, so sagen sie doch sehr viel liber die Pilgerfabrt, die Reise, die Ausstrahlung der
Kultorte, den Status des Pilgers und die Metalltcchniken im Mittelalter aus.
Seit der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts bat es vielei Geneiationen von aufgc-
kliirten und vorurteilslosen Cieistern bedurft - Amateure, Icidenschaftliche Sammler,
Muscumsdirektoren, Historiker und Arcbiiologen mil Neugier auf das Alltagsleben
und die Saebkultur der Vergangenheit 11m den Pilgerzeichen endlich den Status
wisscnschaftlicher Objekte zu verleihen, um sie zu erfassen, zu studicren und derart zu
publizieren.dassdieNotwendigkeiteineserweiterten interdisziplinaren l ragenkatalogs
undeinereffizienteren internationalen Kooperationendeutlich wurde. Das Pionierwerk
von Kurt Koster (1912-86) ist alien in Erinnerung.: Er hat den Weg eingeschlagen,
auf dem sich heute Spezialisten aus Deutschland, der Tschcchischcn Rcpublik und
den Nicdcrlanden wiederbnden: Das votliegende Buch zeugt von ihrem Zusammen-
treHfen, von der Intensitiit ihres Austauschcs und von der in den letzien Jahrcn bereits
zuriickgelegten Strecke.
Als ein wesentlicher Ertrag der jiingsten Forschungen ist zitniichsi der betriichtliche
Zuwachs an erschlossenen Zeichen zu nennen. Sie stammen aus Sammlungen, die in
Vergessenheit geraten waren und heute neu bewertet werden oder aus archaologischen
Ausgrabungen sowie aus einer systcmatischen Recherche nach den Abdriicken von
Pilgerzeichen, die als Abgiissc auf Glocken am Elide des Mittelalters auftauchen. Vor
allem die letztgenannten Gebiete - die Archaologie und die Glockenkunde - verspre-
chen in den nachsten Jahren weitere sehr wichtige Entdeckungen hervor/.ubringen,
ergiinzt durch schriftliche Dokumente (welche iiber die Fabrikation, den Verkauf
und die Nurzung der Pilgerzeichen informieren) und durch bildliche Darstellungen:
Wie vide Bilder gibt es, die Pilger zeigen, die auf ihrem Hut oder ihrem Mantel eine
Jakobsmuschel oder eine kleine Replik des Heiligen Antlitz oder der Jungfrau von Ein-
siedeln tragen? Heute sind es niclit mehr nurcinigchundert Zeichen, die den Forschern
bekannt sind, sondern Tausende. Sie liegen ihnen entweder direkt vor oder konnen
durch indirekte Dokumentation nachgewiesen werden. Es ware wiinschenswert, dass
sie bald in einer gemeinsamen Datenbank auf europiiischer Ebene gebraclu werden.
Deren stetiges Anwachsen lielSe es zu, die Typologie, die riiumliche Vcrbrcitung und
sogar die Chronologie dieser kleinen Metallbilder immer weiter zu pnizisieren.
Das vorliegende Buch belegt auch, wie weit die Forschcr in ihrer Interpretation der
hisrorischcn Bedcutung der Zeichen gegangen sind: nie schien die eingangs erinnerte,
prophetischc Metapher, die in ihnen das »Mark des Mittelalters« sah, so gerechtfertigt.
10
Jean-Claude Schmitt
Denkt man nur einen Moment in Anbetracht der zahlreichen wisscnschaftlichen Ver-
offentlichungen, unter denen das vorliegende Buch einen neuen Meilenstein markiert,
dariiber nach, so verstehr man, dass dieser Ausdruck nur allzu gerechtfcrtigt ist. Kurz:
Der Reichrum der Bcdeutungen, der Nutzungen, der Funkrionen dieser Objekte
scheint in einem umgckehrten Verhaltnis zu ihren begrenzten MaRen, ihrem schein-
bar belanglosen Charakter und dem geringen Wert ihres Materials zu stehen. Abcr
gerade dicse Eigenschaften - die geringen MaRe (oft nur vier bis fiinf Zentimeter), die
eingesebrankte Visibilitat, der bescheidene materielle Wert (Zinn oder Blei), diesretige
Abhangigkeit von einem anderen Medium (dasGewand des Pilgers oder die Glocke, auf
dcr sie schlieRlich abgegossen wurden), die Mobilitat (in einer Gesellschaft, die immer
mehr die Srabilirar privilegierte) - und ihr letztendlich vorprogrammiertes Schicksal,
Stiick fu r Stuck verlorenzugehen (in einen Flussgeworfen, odereingeschmolzen), waren
paradoxerweise zugleich der Grund fur die auRergewohnlichc kulturelle und soziale
Bedeutung, welche die Pilgerzeichen besaRen: Sie existierten nur, insofern sie die Orte,
die Zeiten, die Menschen, die Korper und sogar die Sinne (das Sehcn, das Beruhrcn,
das Horen) »in Relation setzten«. Ich mochte bier lediglich auf drei grundlegende
Charaktereigenscbaften dieser Objekte naher eingchen. 11 Die Pilgerzeichen sind zweifellos »Identitatszeichen«', in einer Gesellschaft, welche
die Machr des sigmim in ihrem idcologischen Fundament tief verankert hat. Schon
an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert hat Augustinus cine regelrechte christliche
Theorie des Zeichens vorgelegt, die wahrend dcs gesamten Mittclalters von groRer Be¬
deutung geblieben ist, vorallem in der Liturgic und im religiosen Leben. Er griindete
seine 'Iheorie auf den Abstand zwischcn der Sache (res) und dem Zcichcn (sigmim):
Das Zeichen verweist auf cine vvesentliche, abcr als solche unsichtbare Sache. Augu¬
stin benutzte aufsehr anschauliche Wcise das Beispiel dcs Rauchs, dcr Zeichen eines
Feuers isr, das wir niclu direkt wahrnchmen. Im Christentum ist das Sakramcnt das
«Zeichen einer sakralen Sache«. Im juristischem l.eben geht es ebenso: Das Siegel oder
sigillum, an einer Urkunde angehangt, ist das sigmim der Autoritat dcs Autors oder dcs
Zeugen des Dokuments. Das Siegel hier ins Spiel zu bringen liegt um so mehr nahe,
als dass manche Pilgerzeichen die Mandorlaform eines Siegels aufnehmen und sogar
die Inschrift sigillum aufweisen. Hartmur Kiihne hat sogar Wachssiegel aufgefunden,
welche im siidfranzosischen Tarascon aufeiner Glocke abgegossen wurden’: Sie haben
1 Siegelabgusse auf einer Glocke in Tarascon,
Foto: Kurt Koster.Pilgerzeichenkartei Kurt Koster
im Germanischen Nationalmuseum Nurnberg
3 Ich tlalike Dr. Kiilinc fiir diesc wen voile In¬
formation.
Das Mark des Mittelalters
11
dasSchicksalviclcr Pilgerzeiclien geteilt, die illrcnAbdruck in dcrBron/cwcsrdcurscher
Glocken gclasscn haben. Die Pilgerzeiclien gehoren so auch dcr immciiscn Familic der
mittelalterlichen Zcichcn an, insbesondere derer, welche die Identirar von Individucn
und Gruppen bezeichnen: Niclu nur die Siegel, sondern aucli die Wappen, die 1 lelm-
zicrc, die Deviscn, die Livreen, deren Wichtigkeit wiihrend des ganzen Mittelalters
wachst und deren Nutzungsicli friih in alien gesellschaftlichen Schichten verbreitet
hat. Die Wappen waren kein Privileg des Adels: Bauern- und Handwcrkerfamilicn
identifizierten sich durcli ilire »Waffen«, die oft »sprechend« waren, was heifir, dass sic
mit dem von einer Generation zur niichsten tr.ulierten Patronym korrespondierten.
Die zusammenliangenden F.ntwicklungen der Heraldik und der Onomastik ab dem
12. Jalirhundert vcrlaufen zeitgleicli mit derjenigen der Pilgerzeiclien und sie zeugen
vom selben Wunsch, die Individucn, den Status und die Rolle in der Gesellschaft zu
identifizieren. In dicser Hinsicht denkt man aucli an das Gewand, an den Hut oder
aucli an den gelben Ring, den dieJuden ab dem 13. Jalirhundert zu tragen gezwungen
wurden: Der gelbe Ring war ein gefarbtes, rundes Stuck Stoff, das auf das Gewand
genahtwurdc; er kennzeichnete die Juden in der Stadt, wo sic von den Christen niclu
getrennt lcbten, alier von bestimmten Tauschbe/.iehungen ausgeschlossen waren, wie
eiwa dem Lebensmittelhandcl und dcr Ehe mit Christen. Der Pilger seinerseits war
ein Christ, er inkarnierresogar vvesentlichc Wertc des Christentums (den Verzicht. das
Geliibde, die Buftc, die Wandcrschaft), aber er platzierte sich temporiir am Rand der
iibliclien Gesellschaft und erwarb in dieser Eigcnschaft einen besonderen Status und
Privilegien, zu deren eindeutigen IdentifizicrungundGewahrlcistungsein Pilgerzeiclien
beitrug. So sieht man, dass die Pilgerzeiclien von all den andcren sichtbaren Zeiclicn
nichr isoliert werden konnen, welche die niittelalterliche Gesellschaft ordneren, den
jeweiligen Status identifizierten, an Privilegien und Vcrpflichtungen erinnerten. Die
Besonderheit des Pilgerzeichens ist, dass es eine spezielle Relation mit deni Raum iin-
terhielt: Seine Begriindung liegt in der Reise zu einem melir odcr wenigen entfernten
Kultort. Vergessen wir aber niclit, dass dieses auch fur andere Idenritiitszeichen gilt:
Die Wappen eines Ritters getragen auf scinem Scliild, auf der Decke seines Pferdes
oder der Livree seiner Knechte, erlaubtcn ihm, erkannt zu werden, wenn er allein und
in weiter Feme war und in einem Turnier anderen, fremden Rittcrn gegeniibertrat.
Ein Erkennungszeichen ist im engen Kreise der gegenseitigen Bekanntschak niclu
notig: Was es rechtfertigt, ist die Versetzung im Raum, die Tatsache, sich als Fremder
an einem anderen Ort zu befinden.
2 Freilich ist das Pilgerzeichen ist auch ein »mobiles« Bild, es begleitet den Pilger
auf seiner Riickreise. Oft reproduziert es in einem sehr kleinem MaKstab das Bild der
Jungfrau, Christi oder eines Heiligen, das der Pilger aufgesucht hatte; Oblicherwcisc
kauftder Pilger das Zeichen, das nicht melir kostetalscin Butterbrot (zwei Denareoder
Pfennige), an jenem Kultort, den ei zu bcsuchen gelobt hatte, um es an scin Gewand
genaht bis naeh Hausc zu bringen. Der Akt ist also andeis als bei der Votivgabc. die am
Kultort nacli einer wundersamen Heilung zuruckgelassen wurdc, wie erwa die Votiv-
gaben aus Wachs, die sich bei der Anmmaata in Florenz anhauften und die Organeder
kranken Korpertcileabbildeten - Bein, Augc, Hand, Geschlechtsteil usw. -, diedurch
die Fiirbitte der Jungfrau geheilt wurden. Diese Wachsbildcr, wie spiiter die gemalten
Tafeln, welche den ubernariirlichen Eingriff'der Jungfrau oder des Heiligen bei einem
Unfall oder wiihrend der Agonic eines Kranken darstellen, waren dazu bestimmt, am
Kultort zu verbleiben und zur Masse der zuvor geschcnktcn Votivgabcn hinzugefiigt
zu werden. Sie bezeugten die Sakralitat der Statte direkt voi Ort und durcli Anliiiu-
fung. Hire Masse bezeugte das Mali der Frequentierung des Pilgerortes und nalim sie
im Gcdachtnis fur Jahrzehnte und sogar Jabrhuiiderte auf. Viele gemalte Bilder des
spaten Mittelalters zeigen den lnnenraum von Kirchen, deren Wiinde von Kriicken
und Ketten wundersam befreiter Gefangenen geschmiickt sind, wiihrend Bchinderte
12
Jean-Claude Schmitt
zusanimenstromcn, getrieben durch iliren Wunscli, von dem lokalen Hciligcngescgnet
zu werden, sich unrer sein Grab schleppend oder scin Reliquiar beriihrend. Die Nut-
zung der Pilgerzeichen war sehr andcrs: Audi sie wurdcn am Kultort gekauft, aber sie
waren dazu bestimmt, mil dem Pilger den Orr zu verla.ssen, um illn zu identifizieren
iind zu schiitzcn, vielleicht abcr auch um an der Strafte enclang und bis zum Ziel der
Reisc den Ruf des Kultortes und auch einen Teil von dessen Aura zu verbreiten. Wir
sollten namlich in diesen bescheidenen Bildern Sakraliratsrragcrsehen: Haben sie nicht
mit sich und in Beruhrung mit dem Korper des Pilgers, der so von den Gefahren des
Wegcs geschiitzt war, einen Teil der sakralen Kraft des Kultortes mitgenommcn? Und
haben sie nicht, nach der Riickkehr, ihre thaumaturgische Effizienz dem Korper der
Kranken vermittelt, auf die sie aufgelegt wurden? Das Schicksal der Zeichen, nach-
dem der Pilger nach Hause zuriickgekehrt war, ist eine wesentliche, aber schwer zu
beantwortende Frage.
3 Ein «Medium des Sakralen«? Es gibt nur wenige Texte, die eine riruellc Benut-
zung der Zeichen hinsichtlich einer Heilung erwahnen oder, und dann mit einem
apotropaischen Ziel, um die Gefahren der Strafle von dem Pilger fernzuhalten. Die
beobachtbaren Praktiken sind widerspriichlich und ihre Interpretation ist heikel. Vicle
Zeichen wurden zwar auf dem Grund von Fliissen gefunden (der Seine, der Themsc,
der Schelde), aber wir wissen nichts von den Intentional der Pilger, die sich von ih-
nen getrennt haben. Haben sie sie ins Wasser geworfen, um durch eine feierliche oder
Hikhtige Geste zu markieren, dass Sie ihr Gelubde aufgelost batten? Hatten sie vor,
dem Fluss einen Teil der Sakralitat des Kultortes, durch den Kontakt mit dem Bild
und durch das Gewicht des metallenen Zeichens, zu ubertragen? Wollten sie, dass
das Pilgerzeichen ohne sie die Reise fortfiihre, die sie zusammen angefangen hatten?
Eine grofte Anzalil an Pilgerzeichen wurde von Archaologen in Werkstiitten von
Glockengieftern gefunden, besonders im Norden Deutschlands und in den Niederlan-
den. Auch in diesem Fall ist die Interpretation schwierig: Sollte lediglich das alte Metall
wiederverwendet werden, um neue Glocken zu einem billigeren Preis zu gieften? Oder
ging es vielmehr darum, den Glocken einen Teil der Sakralitat des Zeichens und des
Pilgerortes, aus dem es stammte, einzuverleiben, um sie im Rhythmus ihrer Klangc
den Rulim des Pilgerortes und der dort verchrten himmlischen Person verkunden zu
lassen? Die Abdrucke von Pilgerzeichen auf Glocken sollen in dieser Hinsicht mit den
Zeichen in Form von Pfeifen oder Glockchen zusammengebracht werden: der Klang
spielt, wie man weift, in jeder religioscn Zeremonie eine wichtige Rolle; es handelt
sich nicht nur um liturgischen Gesang oder instrumentelle Musik, sondem um den
rituellen »Larm« der Pfeifen, der Glocken und der Rasseln, der den Bruch der iibli-
chen Zeit, den Ausbruch einer sakralen Zeit markiert, welchedie Wesen transformiert
und sie (durch die Prozession, die Trance oder die Verkleidung) an der Konjunktion
der Erde und des Himmels teilhaben lasst. Die diesbezuglichen Beobachtungen der
Anthropologen lassen sich auf die chrisrliche Pilgerschaft anwenden und auf diese
»Klangzeichen«, welche die dabei beinhaltetc Energie platzen lassen.
In andere Zeichen sind kleine Spiegel montiert, mitdenen die Pilger den Glanzdes
Kultortes oder des Heiligenbildes aufnahmen, um ihn mit sich zu nehmen und in der
Feme weiterhin von den Wohltaren des Bildes zu profitieren. Die Idee vom Einfangen
des Glanzes des heiligen Bildes ist an den Kultorten des spaten Mittelaltersgur bezeugt,
besonders in Aachen; Sie wurzelt in den zeitgenossischen Auffassungen des Sehsinns
als »Extramission« eines sinnlichen Einflusses, das vom Auge des Menschen ausgeht
und die Form des wahrgenommenen Objektes dorthin zuriickbringt.
Manche Zeichen wurden im spaten Mittelalter auf das Pergarnent von Stunden-
biichern aufgenaht oder gezeichnet; Sie erinnerten den in seinem Buch betenden
Frommen an seine Pilgerfahrt und an die Abliisse, die er durch das Ausfuhren seines
Geliibdes erworbenen hattc.
Dus Murk dcs Mil tela Iters
13
2 Ausschnitt aus dem Fresco »Die Buonomini
bezahlen die Unterkunft eines Pilgerpaares«,
Florenz,Oratorium di San Martino, Ghirlandaio-
Werkstatt, Foto: H. Kiihne
Audi gibt es Falle, wie die Archiiologie zcigt, in denen Pilger ihrc Zcichcn ins (irab
mitnahmen: Der Pilger wird also in scincm Gcwand bestattet wordcn scin, mit der
Jakobsmuschel als Viarikum, um nach dem Tod scincn Weg zum Hcil fortzufiihren.
Kdnncn all diese Verwendungsweisen der Zeichen nach der Ausfiihrungdcr Pilgcr-
fahrt zusammcngcfiihrt werdcn? Sie dem Wasscr cincs Musses zu iibcrcigncn; auf ciner
Glocke abzugieftcn; in cm Siundcnbuch einzufugen; mir einem Spiegelzeichen den
Glanz eines hciligen Bildes aufzunchmen und sie schlieRlich als Grabbeigabe zu ver-
wendcn - all diese Handlungen harren die Ubcrzcugunggemeinsam, dass das Zeichen
in seiner Form und Macerie einen Teil der sakralcn Krafr der Pilgcrfahrt und cine
beschiirzendc Funktion fur den Pilgcr selbsi, seine Verwandren oder die Gesellschafi
in sich behalt. Die Pilgerzeichen waren keine ncutralen Objekte und ihr Schicksal war
nach dem Fndc der Pilgerfahrr nicht gleichgiiltig; Ihre Funktion bestand nicht nur
darin, auszuzcichnen, sie konnten auch denjenigen, die sie rrugcn oder besaften, als
Amulett oder Talisman dienen, manchmal bis in den Tod.
Denjenigen, die liber Pilgerzeichen forschen, ist abcr aufgelallcn, dass diegenannten
Praktiken und Vorstellungen mitanderen Handhabungen koexistierten,die mit unserer
IdeeeinerSakralitiit dieserObjekte wenigvereinbarerschcinen. Wie konnen wirverstehen,
dass die Mcnschen des spaten Mittelalters dieapotropaische Kraft der Zeichen ancrkannt
und zugleich akzeptiert habcn konnen, dass ein Glockengiefter sie als Material benutzt?
Wclche Unterscheidung machten sie zvvischcn den Pilgerzeichen und den sogenannten
»profancn« Zeichen, die oft an denselben Orten gefundcn wurden, die aber andere Funk-
tionen gehabt zu habcn scheinen? Sic signalisierten die Zugehorigkeit zu einer politisehen
Partci (wie es in Frankreich wiihrend des Antagonismus der Armagnaken und der Bur-
gunder zu Anfang dcs 15. Jahrhunderts der Fall war), crinnerten an cine Person oder an
ein Ereignis, erfiillten cine dekorarive Funktion odcrstellten erotisehe Bilderdar (Phallus,
Vulva, Koitusszene, usw.). Wir empfinden eine gewisse Schwierigkeit, die Kontinuitat
der der mitrelalterlichen Kultureigcnen Briiuche und Repriisentationen zu denken, bzw.
14
Jean - Claude Schmid
uns von unseren eigenen (von der Religionssoziologie des 19. und 20. Jahrhunderts gc-
crbten) Kategorien des »Sakralen-< und »Profanen« zu befreien, unsdavon /u iiberzcugen,
dass die matcricllc und profane Nutzungeines Objekteszu einem bcstimmren Grad mir
seiner Sakralisierung vcrcinbar war und aucb besonders, dass die crorischen Bilder an
der religiosen Auffassung der Schopfung teilbaben konnten.
Die Kataloge unrersebeiden zwischen >Pilgerzeichen« und »profanen Zeicben«, und
das meint eigenclich alle, die uns keinc explizite religiose Konnotation aufzuweisen
scbcinen. Typologien zu erscellen ist legitim, aber man sollre sich immcr dcs Risikos
bewussc sein, das solcbe darstellen. Namlich, dass wir den Kontinuitaten der Prakti-
ken und der antbropologischen Karegorien einer von der unsrigen uncerscbiedlichen
Kultur, wie es bei der mittelalterlichen Kultur der Fall ist, gegenuber crblinden. Wir
konnen von dem Gesicbtspunkt der Form und der Motive aus die Pilgerzeicbcn und
die erotischen Zeichen untersebeiden, aber es ist auch wiebtig, sicb zu fragen, was sie
gemeinsam hatten: Viellcicbt eben eine Sakralisierung der Krafte des Korpers - des
dargestellten Korpers und des Korpers des das Bild tragenden Individuums -, iihnlich
wie viele andere erotisebe Bilder, die in den Ausdrucksformen des mittelalterlichen
Christentums einen Platz fanden, wie in der Skulptur der romanischen Kircben, in
manchen spatmittelalterlichen Cborgestiihlen, oderin den marginaliavicler Psalter, Mis-
salien und Stundenbiicher. Auch hier, in Biichern, die fur den Kult geschaffen und oft
von wichtigen Klerikern odcr Prinzen und Damen bestellt wurden, sieht man Nonnen,
die Phalli von einem Baum pflucken, als ob es sich um Obst handelt, erotische Szenen,
Hybriden, wie manche Zeichen sie auch zeigen und bei denen man zweifelt, ob man
sie mit den Gewohnheiten der Pilgerschaft in Verbindung bringen kann. Wir wissen
aber doch, dass die Wallfahrten, insbesondere die Nahwallfahrten, deren Wichtigkeit
am F.nde des Mittelalters zunimmt, nicht nur Kultfunktionen hatten, sondern sich
fur feierliche Treffen und allerlei Verhandlungen, und zwar auch amourose, anboten.
Ohne die Niitzlichkcit der Typologien in Frage zu stellen, ist es notig, die Kontinuitat
der Briiuche, die gemischte Bedeurung der Objekte, sowie manche Polaritaten und
Spannungen zu beachten, welche unter den Augen der Zeitgenossen nicht unbedingt
den Widerspruchscharaktcr besaften, den wir ihnen heute zuzuschreiben geneigt sind.
Das Zusammenbringen des Korpus der Zeichen - aller Zeichen - eroffnet neue Perspek-
tiven im Verstandnis der Gesellschaft und der Kultur des Mittelalters. Dieser Korpus
stellt uns gut identifizierre Objekte vor, verbunden mit einem groSen Reichrum an
sozialen Praktiken, Formen und Bedeutungen, in einem rigoros definierten geogra-
phischcn und chronologischen Rahmen (es geht um ganz Europa im Laufe von vier
Jahrhunderten): Eine grofSe Baustelle offnet sich, die heute von einem internationalen
und interdisziplinaren Netz an Forschern besetzt wird, die uns einen immensen und
allzu oft unterschatzenTeil der mittelalterlichen Kulturentdecken lassen. Dieser Korpus
ist imstande, neue Antworten zu den wichtigsten historischen und anthropologischen
Fragen zu bringen: Bezuglich der religiosen Praktiken und dem, was die Menschen
glauben, der Funktion der Bilder und des Transfers dcr ikonografischen Motive von
einem Medium in das andere, des Korpers und des Gewandes, dcr Beherrschung des
Raums, dcr Hierarchie und der Netze der Wallfahrten, der Sanftheit der Ubergange
zwischen dem »Sakralen« und dem »Profanen« oder auch der Geschichte dcr Metall-
urgie. Er bietet sich auch fur eine Erneucrung unserer Analysekategorien und unserer
Methoden in einem immer breiteren interdisziplinaren Rahmen an. Es istgewiss nicht
tibertrieben, bezuglich der Pilgerzeichen vom »Mark des Mittelalters« zu sprechen...
Jean-Claude Schmitt
Aus dem Franzosischen von Philippe Cordez und Susannc Pollack
Die Prager Pilgerzeichensammlung
Eine sammlungs- und forschungsgeschichtliche Einleitung
Helena Koenigsmarkova und Hartmut Kiihne
15
Ich habe noch nic cine solche Anzahl feiner Documente
aus dicscr Zcir in Blci und /.inn zusammen geschen!
Joseph I 'ggn
Die ersten Pilgerzeichensammlungen
1 FoHCtAIS 1858
2 Arthur Forctais: Collection des plumbs his¬
tories trouves dans la Seme, 5 Hdc., Eiris
1861-65.
3 Vgl. Brlna 1996
4 Besondcrs scicn hier erwahnt: DtsM»i-K.s
1873. - Di-snoyirs 1876. - Cajoi 1875. -
Dancoisnl 1880. - Danicouri 1886. - Sa¬
ha 111 r 1912.
Die Erforschungdereuropaischen Pilgeizeichen dcs Mittclaltcrsgchoi tcbislici nicln zu
den Aufgaben von einflussreichen Wissenschafrsinsrirurenodcr Forschungsnerzwerkcn,
sondern sie wurde von einzelnen Enthusiasren vorangcrricbcn. Dies gilr sebon fi'ir ibre
Wiederentdeckung im 19. Jahrhundcrt: Als die ersten Pilgerzeichen beim Neubau der
alten Pariser Scinc-Briicken in der Jabrhundercmitte aus den Ablagerungssehichcen
am Grunde des Flusses aufrauebren, wurde dcr junge Pariser Antiquitatenlundler
Arthur Forgeias (1822-78), dessen Gcschaft in der Niihe des Pont-Neuf lag, auf jene
archaologischen Kleinfundeaufmerksam. So offnetedie mitdem Namen von Georges-
Eugcnc Haussmann verbundene Modernisierung del Pariser Innenstadt, die im All-
gemeinen mit der Zerstorung bistorischer Scrukcuren assoziierr wild, ein Fensccr zu
den im Flussschlamm verborgenen Bilderwelten des spaten Mittelalters. Zu den von
Forgeais gesammclten Objcktcn zahltcn neben Keramik vor allem jene Wcifimetall-
gusse, denen er den Namen »plombs bistories« gab und fur die sich beute der BegriH
»Pilgerzeichen« durdigesetzt bat - aucli in jenen Fallen, in denen es sicb gar nicht um
Zeichen bestimmter Wallfabrtsorte bandelt oder fur die nicht einmal ein religioser
Kontext vorliegr. Forgeais veroffentlichte 1858 im Eigenverlag eine erste Obersicht
der von ihm gesammelten »plombs histories«, die er in Pilgerzeicben, Metallmarken
(»Jetons«) der Pariser Bruderscbaften und Ziinfte sowie Miinzen und weirere Fundc
aus Blci unccrteilte.1 Vier Jabre sparer begann er mit der karalogarrigen Publikacion
dicscr Fundc, die er bis 1866 in insgesamr fiinfBanden vorlcgcc.J Ein grower Teil seiner
SammlunggelangteschlicfSIich in das Museede Cluny, das beutige Musee national du
Moyen Age - 'Ibermes ct hotel de Cluny. Dies war ein historischer Gliicksfall - auch
wenn nach dem Tode von Forgeais fast ein Jahrhundcrt vergeben musste, bevor sicb
Colette Lamy-Lassalle und besonders ibr Sclniler Denis Bruna wieder mit den von
ihm gesammelten »plombs bistories« beschafrigten.4
Den Pilgerzeicbenfunden aus der Seine folgrcn bald weitcrc aus dcr rhemsc, der
Sambre, der Somme und anderen Fliissen. Allerdings ist nicht recht klar, wober jene
Blei-Zinn-Gusse ratsacblich stammten, die seit den 1880er Jabren im franzosiseben
Kunstmarkt auftauchten und meisr als Funde aus dcr Seine reklamierr wurden. Die
Publikarionen von Forgeais hatten in den letzten Jabrzebnren des 19. Jahrhunderts
das lnteresse von Privatsammlern an den Blei-Zinngiissen geweekt und moglicber-
weise gait die Bezeichnung als Seinefund auf dem Anriquirarcnmarkt auch als Quali-
rarsmerkmal. Merkwtirdig ist, dass nach dem Erscheinen von Forgeais Katalog u.W.
Seinefunde nicht mebr in der wissensebaftbeben Literaturangezeigt wurden, wiihrend
es bis zum Ersten Weltkrieg immer wieder franzosische oder belgische Publikationen
neuer Funde aus anderen Gebieren gab.1
Dieoffenrlichen Museen hielten sicb bei Etwerbungen von Pilgerzeichen zuniichst
zuriick. Daher finden sicb neben der Kollekrion im Musee de Cluny nur in wenigen
Museen Sammlungen franzbsiseber Pilgerzeichen. In seinem Handbuch der Archiio-
16
Helena Koenigsmarkova und Hartmut Kiibne
logic verwies Camille Enlart 1916 besonders auf Stiicke in den Musccn von Rouen,
Amiens, Boulogne, Lille und im British Museum in London. Dcrcn Sammlungen
waren allerdings vom Umfang her sehr viel bescheidener als die von Forgeais zusam-
mengetragene Kollektion.' (Vgl. Abb. 1, 2) Von den franzosischen Museen scheinr
das Musee des Beaux-Arcs in Lyon die groftre altere Pilgcrzeichensammlung von fast
150 Stricken zu besitzen, die allerdings bisher nur unzureichend publiziert wurde und
daher kaum im Blickpunkt der Forschung stand/’
Nach dem Erstcn Weltkrieg erlosch das vvissenschaftliche Interesse an diesen
Sachzeugen fur Jahrzehnte, der »Pilgerzeichen-Boom [machte] rasch wieder snobis-
tisch gefarbtem Desinteresse Platz« wie Kurt Koster in der Riickschau formulierte.
In Deutschland wurde das Interesse der Forschung zudem von der Entdcckung der
Pilgcrzcichenabgiissc auf Glockcn bestimmt. Dazu waren erste Studien schon in den
Jahren 1904/05 publiziert worden8, was schlieftlich in den spiiten 1940er Jahren die
Forschungen Kurt Kosters (1912-86) anregtc, der als eigentlicher Bcgrundcr der sys-
tcmatischen Forschung zu den europaischen Pilgerzeichen anzusprechen ist.v Da es
sich bei den Glockenabgusscn aber kaum um franzosischc Zeichen handelte, stellten
diese glockenkundlichen Entdeckungen die archiiologischen Funde des 19. Jahrhun-
derts zunehmend in den Schatten. Daher sind fur die Kcnnrnis der franzosischen
Pilgerzeichen jcnc Kollektionen von entscheidender Bedeutung, die in den letzten
Jahrzehnten des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorallem von Privatsammlern
zusammengetragen und gclegentlich an Museen weitergegeben wurden. Dabci bleibr
es eine vorerst noch offene Frage, ob nicht zahlreiche kleine Privatsammlungen dieser
zuniichsthochgeschatzten undspatestensseitden 1920er Jahren kaum noch beachteten
Weiftmerallgiisse bis heute unerkannt erhalten blieben - die Verfasser sind jedcnfalls
gelegentlich mit solchen privaten Kollektionen konfrontiert worden.
Eine der bedeutendsten Sammlungen von mchr als 150 Zeichcn kauftc Karl Maxi¬
milian Freiherr von Heyl (1844-1925) fiir das Wormser Paulus-Museum wohl in den
1880cr Jahren.1" Wie sich bei unserer Bearbeitung der Prager Sammlung zeigte, gibt es
zwischen beiden Kollektionen sehr starke Beruhrungen, die nicht zufalligscin diirften.
Der Miinchner Sammler Wilhelm Clemens (1847-1934) erwarb ctwa 60 fran-
zosische und italicnische Zeichen, die 1919/20 mit cinem groRcn Teil seiner gesam-
1,2 Enlart 1916, Fig. 318f.
5 Enlart 1916, Pip. 3181'.
6 Kai. I.yon 1937.
7 Koster 1983. S. 20.
8 V011 grundlegeiider Bedeuiung \v;ircn die
Arbeiien von Frederick Ui.iiau.: Schwcstcr-
glockcn aus dem Mittclalccr im GroKherzog-
iuin Mccklcnburg-Scliwerin und dem Kbnig-
reich Dancmark. in: Jahrlriichcr des Vercins
fiir Mecklenburgisclie Gcschichic und Alter-
tumskundc70 (1905),S. I53-I82:dcrs.: Dan-
marks middelalderlige Kirkeklokker, Kopen-
hagen 1906; sowie Paul Liebeskini), Pilgcr-
u nd Walllahrcszeichen auf (docken, Teil 1-3.
in: Die DcnkmalpHcgefi (1904), Nr. 7.S. 53-
55; 7 (1905). Nr. 15. S. 117-120; 7 (1905).
Nr. 16, S. 125-128.
9 Vgl. Jorg Poeitcen: Der BeitragderGlucken-
kunde zur Pilger/eicbenforschung von Kurt
Koster bis beuic, in: Kuhne/I.ambacher/
Vania 1008. S. 31-46.
10 Ober dieGcschiclitcder Sammlung liegen in
Worms kcinecinsclilagigcn Nachricliten vor;
vgl. Kat. Worms 2001, S. 71. Allerdings cr-
wahnt von Heydi-n 1887, S. 114 die «bcacli-
tcnswerteKollekiion dieser kleinen Bildwerke
im Paulus-Museum zu Worms-, die sich der
•.Freigebigkcit des I lerren Baron von Heyl
verdankt.- Der Verfasser hattc nocli 2008 an-
genommen. dassder Wormser Kunsisammler
Freiherr Cornelius Wilhelm von Heyl zu
Herrnsheim (1843-1923) gcmcint sei. dessen
bedeutende Gemaldesammlung im Wormser
Kunsthaus Heylsbof bewahrt wird, vgl. I lari-
mut KiiiiM;: Zur Bedeutung der Pilgerzci-
chensammlungcn der Staatlichen Museen zu
Berlin, in: Kl iine/I.amiiaciIeh/V'anja 1008,
S. 223-234, hierS. 223. MathildeGriincwald
maebte nach der Vcrolfcntlichunp daraul aul-
merksa nt, dass die Erwcrbung durch Cornelius
Wilhelm von Heyl chcr unwalmchcinlich sei.
Daher mcintc August von Heyden wolil den
jungeren Bruder Karl Maximilian Freiherr
von Heyl. dessen eng mit dem Wormser Pau-
lus-Museum verbnndencn Sammlungsinter-
esseit arcbiiologischc Funde starker bcrtick-
sicllligten. Zu dessen Biografie vgl. Fritz
Reuter: Dr.-lug. c.h. Karl Maximilian Frei¬
herr von Heyl (1844-1925). Ein Miizen und
Musenfreund, in: Der Wormsgau 16 (1992-
I995),.S.7-I I.Zum Verhaltnisvon Hcyls/.um
Museum vgl. Mathildc Grunewai.ij: Max
von Heyl und das Paulusmiiseuiii. in: cbd..
S. 12 19.
Die Prager Pilgerzeichensammlimg
3 Pilgerzeichen der Sammlung Albert Figdor
nach d'Allemange 1928, Taf. CCXXXl
11 Vgl. zur Samnilungsgcschiclitc den Ausstcl-
lungskaialog «Die Sammlung Clemens*, hg.
void KunsrgcwerbcmusMim der Stadt Koln.
Koln 1%3, in welcliem allcrdings nur 39 Pil-
gerzciclien aufgenommen sind. Alle cinschla-
gigen Wcrkc vcrzcichnci Нлепеке 1968.
Nr. 10-60 11 nd 62-70. Vgl. zu den Pilgcrzci-
clien der Sammlung Clemens aucli Klisabcih
Musks: Der Schmuck iler Sammlung W. Cle¬
mens. Koln o.J. [1925]. S. 37-43.
12 ZiirSamiiilungDcmianisvgl. KcrstinStover.
Die »Dcm ian i selie Zi nn-Sam m lu ng«. Wissen-
schaftlichc Pionicrleitungeiiies Privatiers, in:
V0111 Schenken und Sanimeln. 125 Jabre
Kunsigcwerbcmuseum Dresden, Drcsdcn-
Wolfrarshauscn 2001, S. 81 -115. Fine Bearbci-
lung der etwa zwan/.ig Werke durch den Vcr-
fasser isi in Vorbereitung.
13 Vgl. Lot liar Lanibacher: Zur Cescliiclucder
Pilgerzeichcnsammlung de.s Berliner Kunsi-
gewcrbemiiseums, in: Kuiink/Lamhacher/
Vanja 2008, S. 207-222, hier lies. 212-216.
14 D’Ali.kmagne 1928, Talel CCI.XXX1.
15 F.bd.. Talel XV.
ten Kunstsammlung als Schenkung an das Kunsrgcwcrbemuseum der Stadt Koln
gelangten und dort bis heute bewahrt werden." Aucb die wenigen franzosischen
Pilgerzeichen, die 1911 mit der Zinnsammlung von Hans Heinrich Demiani an das
Dresdner Kunstgewerbemuseum kamen, blieben erhalten. sind aber bisher weder aus-
gestellt noch wisscnschaftlich bearbeitet worden.1' Allerdings gingen einige um 1900
eiustandene, bedeutende Sammlungen franzosischer Pilgerzeichen ganz oder rcilwcisc
verloren. Albert Figdor (1843-1927) trug fur seine kulturhistorisch ausgerichtete Wiener
Sammlung fast 100 iiberwiegend franzosischen Pilgerzeichen - angeblieh alles Pari-
scr Scine-Funde - zusammen. Davon sind heute nur noch jene sieben Pilgerzeichen
und -ampullen erhalten, die in das Berliner Kunstgewerbemuseum gelangten und
den Zweiten Welrkrieg iiberdauerten, sowic drei heute in Wien bzw. Regensburg be-
Hndliche Pilgerzeichcngussmodel." Die umfangreichste fotografischc Dokumentation
der Figdorschcn Pilgerzeichensammlung bierer eine Tafel in Henry Rene Allemagnes
Katalog der >*Aecessoires du Costume et du Mobilier«.“ (Abb. 3) 1m selben Katalog
findet sich auch eine Tafel mit Stiickcn aus der Kollektion des Pariser Historikers
Raymond Richebe.1,5 (Vgl. Abb. 3)
Lambert Jagenau aus Den Haag veraufterte 1944 eine Sammlung von 280 Pilger¬
zeichen an das Berliner Kunstgewerbemuseum. Lntgegen der Angabe des Verkaufers,
18
Helena Koenigsmarkovd und Hartnnit Kuhn
dass es sich um Scheldcfunde handele, scheinr sic vor allcm fran/osische Zeichen - und
wolil besonders Eunde aus der Seine - zu enthalten/’ Etwa die Hiilfte dieser Kollektion
gingimjahre 1945 vcrloren, ohne dass sich dieniiheren Umstiinde dieses Verlusrcs bisher
aufklaren liefien.1' Allcrdings konnren durch eine im Nachlass Kurc Kosrers aufgefundene
Fotodokumencarion von der Hand Erich Meyers, dcs chcmaligen Direktors des Berliner
Kunscgewerbemuseums,dieverlorenenSruckezu einemgroKenTeilidentifizierrwerden.ls
Eastvollstandigverloren gingdicPilgerzeichensammlungdesLuzernerGoldschmicds
und Antiquars Johann Bossard, die 1911 in Miinchcn veraukrioniert wurde. Bossard
hatte seine Sammlung »in den drei letzten Dezennien des 19- Jahrhundcrts angelegr«,
indem er die ihn als Goldschmied interessierenden Stiicke »aus dem Lagerbestand in
die Privacsammlung« uberfiihrre.19 Auch vvenn die Pilgerzeichen neben den Wcrken
der Goldschmiedekunst einen eher bescheidenen Placz im Aukcionskatalogeinnahmen,
wics Jules Coulin vor der Auktion doch eigens auf sie bin:
Fur Spe/ialsammler von bcsondcrem Inceresse isi eine grofterc Kollekrion von Blei-
pLikctren und schlicfilich die in dicscm umfange - aufler den Schiit/en im Louvre und
Clunyrmiscum - cin/.ig dastehende Sammlung der >Plombs Kistorics< vom 12. bis /um
16. Jahrhundcrr, die beim Ausbaggern der Seine gefunden worden sind.:o
4 Pilgerzeichen der Sammlung Raymond
Richeb6 nach d'Allemangne 1928, Taf. XV.
16 Vgl. Kuhnt: Zur Bedeutung (wic Anni. 10),
S. 228-230.
17 Vgl. LAMnAOiii R (wicAnm. 13), S. 218-220.
18 Vgl. den Kat. Htri in 2008. Inzwischcn sind
in einemzuvur nielli bcachietcn Karteikastcn
im Nachlass van Kurt Krister weitcrc Ieilcdcs
sog. . Materials Erich Meyer- aulgctauLht, dc-
ren l’ublikalion gcplant ist und an I die lilt
diesen Kalalog bcrcitszuruckgcgriflen wurde.
19 Jules Col lin: Die Sammlung J. Bossard in
Luzern, in: Der Cicr.RONi. 1911. S. 296-301,
hier S. 296. Zur SanimlungsgcschiLhte vgl.
auch Lamv-Lasalli.s 1968.
20 Ebd.,S. 301.
Die Pntger Pilgcrzekhemammlung
V)
5 Pilgerzeichen der Sammlung Johann Bossard, Ausstellungskatalog (Helbing 1911) Taf. 36
20
Helena Koenigsmarkovd uud Hartmut Kiihne
Der Auktionskatalog vcrzeichnet a Is Lot 698 »220 Stiick diverse Abgiissc mit Dar-
stellungen aus dem Lcben Chrisri und Mariae und der Heiligen«21, von denen 60 auf
derTafel 36 abgebildet sind. (Vgl. Abb. 5) Diese Stiicke und weitcrc 57 Blciplomben
sollen nach der Angabe des Katalogs aus »dem Bette der Seine« stanimcn und »sehr
viele Stiicke« enthaltcn, die sich auch in den Publikationen von Arthur Forgeais fin-
dcn - »ein grower Teil i.st aber ganzlich unbekannt.«22 Das Lot 701 umfasste 25 Guss-
model »von Kruzifixen und Madonncnrcliefs«.’' Mcrkwiirdig ist, dass es reclu exakte
Parallelcn zu cinigen im Auktionskatalog abgebildeten Stricken in der Sammlung dcs
Hi.stomchcn Museum Basel gibt. Freilich sollen die meisten dicser erwa 100 Pilger-
zeichen umfassenden Kollektion im Jahre 1904 erworben vvorden sein, so dass sie nichr
aus der Aukrion von 1911 stain men konnen.21 Die Parallelen deuten aber darauf hin,
dass beide Sammlungen aus derselben Quelle stammen - was eine wiinschcnswerte
zukiinftige Publikarion der Baseler Stiicke berucksichtigen sollte.
In jedem Fall liatteJohann Bossard nach dem Auktionskatalog um 1900 die groBtc
Sammlung franzosischer Pilgerzeichen zusammengetragen. Nur die Kollektion des
Mu see de Cluny war umfangrcicher- und jene Erwerbung, die der Pariser »Antiquaire-
Numismate« Joseph Egger 1984 dem Prager Kunstmiizen Adalbert Freiherr von Lanna
(1836-1909) ofFeriertc.2'
Der Ankauf der Prager Pilgerzeichensammlung
Uber die Erwerbung dieser Kollektion sind wir vor allem durch die erhaltenen Briefe
Joseph F.ggers an Adalbert von Lanna bzw. das Prager Kunstgewerbemuscum infor-
micrt. Am 16. Marz 1894 schrieb Egger, der bereits zuvor eine Reihe von Ankaufen
fiir den Pragei Kunstmazen vermittelt hatre, aus Paris:
Hiermit erlaube ich mir E. H. [= Adalbert von Lanna) zu befragen, ob Sie fiir eine
selrene Collection von 500 Stuck kleinen gorhischen und Renaissance Blei Gold-
schmiede Modellcn Interesse hatten? Es sind zierliche Spangen, Gurtel, Brochen,
Flacons und ahnliche kl. Dingc, vide mit Schrift, durchgchends scharf und priichtig
crhalren wie solche vor Jahren in der Seine gefunden wurden. Ich habe noch nic
eine solche Anzahl feincr Documente aus dieser Zeit in Blei und Zinn zusammen
gesehen! - Auf Wunsch konnte ich 10-20. Stiickchen leicht zur Ansicht senden, da
ich glaube, daB diese Affaire E. H. inrercssieren diirfte.2<’
Adalbert von Lanna gingaufdieOfferte aus Paris ein, denn am 25. April 1894 kundigtc
Egger ihm brieflich die Zusendung einer Auswahl der WeiBmetallgiisse zu Ansicht an
und machre ein Preisangebot:
Die erwahnten 500-600 Sr.[tick] Blei Modelle stellcn sich zusammen auf ca. 3000
frc. [Franc] was pro Stiick 5 fr. ausmachen wiirde2" Natiirlich sind die Sachen reclu
fragile, aber dessenungeachret kann man an eine Weitcrsendung denken. Ich glaube
wenn ich an E. H. in einem recommandirten Packchen 20-30 Siichelchen senden
wiirde, daB Sie sich leicht ein Bild vom Ganzen machen konnen. Im Cluny ist ein
ahnlicher, wenigerrcicher Fund, den Napoleon III. mit 15Millo. Frcs bezahlt haben
soil (?!)2S lhrem werthen Wunsche gemass sende ich morgen ein kleines wohl ver-
packtes Kistchen mit 50 Stiick Blei Modellcn ab. Die iibrigen 500 Siiickc sind alle
verschicden, doch haben E. H. eine richtige Idee der ganzen Sammlung (die man
gut zusammen abgeben kann)."'
Schon am 3. Mai fragte Egger bei Adalbert von Lanna vvegen der Musterscndung
nach.’0 Von Lanna antwortete offenbar intcressiert auf die Nachfrage und verwies
Egger direkt an das Museum, denn am 17. Mai 1894 richtcte dieser ein Schreiben »An
das lobl.[iche] Kunstgewerbe Museum in Prag«, in dem es hieB:
21 Им iunc: 1911, .S. 75.
22 l-.licl.
23 Ebd.
24 EinePublikatiou iiberdicPilgerzeichcnsanim-
lungexisticrt uicht. InderPilgcrzcichcnkartci
Kurl Krister fintlen sich zwei Fotos, die 111s-
gesamt dreiftig Werkc der Baseler Sammlung
abbilden Die Angaben 7.um Unifang und der
Erwerbungszeir der Sammlung verdanken die
Vf. derfrcundlicben Auskiinft von Willy Piron
(Nimwegen), dem die Stiicke im Jahre 2002
in Basel von Marie-Clairc Berkemeicr-Favre
gczeigi wurden und der auch eine schriftliche
Auskunft zur Erwcrbungs/eit von ihrerhiclt.
25 Eggervermittcltcauch einige Ankaulc im Auf-
trag Wilhelm von Bodes. ImNachlass Wilhelm
von Bodes findet sich cm Faszikel nut einigen
Bricfcn Eggers an Bode. Bis 1890 tragi sein
Briefpapicrim KopfdieAdrcsse»Jowph Egger
Objets d’Art, Curiositcs, Medailles, Rue Pi-
gal le 7, Paris». In den Brielen aus den Jahren
1892-94 bczcichnet er sich im Briefkopf als
»Anliquaire-Numismatc«, und sein Biiro lag
in der »Rue Chauchcttc»: Staatliche Musccn
/и Berlin - Zenrralarchiv (SMB-ZA), Nacli-
lass Wilhelm von Bode (1V/NL Bode) (Kor-
respondenz Egger, Joseph); vgl. auch Friedrich
KuNZELunrerMiiarbcit von Barbara Gotzk
Wilhelm von Bode. Der Nachlass. Bestands-
verzcichnis, Berlin 1995.
26 Handschriflliche Kopic im Archiv des UPM.
27 Zum Vergleich sci darauf hingesviesen, dass
der Wert cincr Reichsmark etwa 1,25 fran/o-
sische Franc oder 1,17 ostcrrcicluschc Kronen
betrug.
28 Gemcint ist offenbar die Sammlung ini Musec
dc Cluny.
29 Handschriftliche Kopic im Archis des UPM.
30 »Meine klcine Musterscndung an Blei Objcc-
ten \serdcn wohl E. H. inzwischcn erhaltcn
haben und selic ich nun mit Vergmigen Jhrer
werthen dieshczuglichen A nt wort entgegen...«
Handschriftliche Kopic im Archiv dcs UPM.
Die Prager Pilgerzeichemammlung
21
11 Sclircibcn bggcrs ini Arcliiv dcs UPM.
Vor ciliigcr Zcit sandtc icli an Hcrrn von Lamia als Muster 50 Slg. Blei Modele dcs 15c-
und I6ten Jalirlnnideris. Gcnamiicr Hen bcauftr.igtc micli 1 linen die gan/.e Saiumlung
/ur Ansichr liinsendcn /.u wollcii. Ich war liier ruin in folgc iiiigiiiisiigcr Vcisicigermigen
so in Anspriidi genomnien, daft ich nichr an die /eirraubende Arbeir gehen komitc* diese
400-500 kl.|cincn] Blcisachcn zu verpacken. Bcvor icli dies tluic, crl.uibe icli mir Sic*
hofliclist /и bcfiagen, ob llincn diese gaii/c Sammlung convcniren konntc' Die Saelicn
siiid doch fragile und lasscn sicli mi г mit groftcr Sorgfalr veipacken, was icli aucli auf
ilircii Wuiiscli gerne niaclie.*1
32 Sclircibcn loggers im Arcliiv dcs UPM.
Eeider wissen wir von eincm am 18. Mai aus Prag gesenderen Brief nur aus Kggers
Anrwort vom 23. Mai 1894:
Hire w. Zuschrifr vom 18 d. M. babe icli ricluig erlialien, und bin icli genie beicii lli¬
ncn die gan/.e Blei Modelen Collection zu verpacken und auf kur/e Zeit zur Ansicht /u
sellicken. Sie werden dann selhft [sic!] bei Iimpfang selieii, daft die Ahueclislung gerade
hier /iemlicli groft ist, da kaum 2 ganz gleiche Sriicke unter den lOOten /u finden sind.
Weiin Sie cininal das Gauze vor Augcn liaben, glaube icli ancli, daft Sie >cn blocs daraul
rcHccriren werden. Mir sind iibrigens sclion von anderer offeiul.[idler] Sene die Sadien
vcrlangt worden, da icli aber an ll.|crrn] v.|on| L.[anna| /uersi meine Musceiseiidung
niaclite wolltc icli nocli nidit .inderweitigdariibcr verfiigen. Icli /ielie n.iiiirlicli vor Allcs
7usammen zu placireii.uiidkoimrcn Sic mi Erlolgsfallecinc IbeilungmitandcTeii Musccn
odcr Sammlcrn vornchmcn, wenn Sie niche das Gauze bchaltcn wollten.**’
33 Korrcrspondenz Lggcr, Joseph (wic Anm. 23).
Der HinweisaufweirerepotenrielleKaufergiiig nichr nur auf das Kontoeinergeschickren
Verkaufspolitik, denn auch Wilhelm von Bode interessierre sicli fur die Sammlung. In
dem nur fragmenrarisch erhaltencn Briefwechsel zwischen Egger und von Bode werden
die Pilgerzeiclien erstmals am 30. April 1894 erwahnr, als Egger mirtcilr: «Bezuglich
meiner 500 Blei Modellen babe ich micli mir dem Gcwerbe Museum [d.h. dem Prager
KunstgewerbemuscumJ in Verbindung gesetzt«." Von der Angelegenheir muss also
bereits zuvor die Rede gevvesen sein - moglicherweise liacte Egger die Sammlung vor
der Offeree an Adalbert von Eanna bereics Wilhelm von Bode angeboten. In jedem
Fall hatte dieser die gesamte Kollektion in Paris bcsichrigt, wie er am 1. Juni 1894
brieflich an Adalbert von Lanna beriehtete:
34 Sclircibcn von Bodes an von Luma am 1. Juni
1894 ans London, handsclirihlichc Kopic im
Arcliiv dcs UPM.
Vor cin paar Tagen sah ich bei J. Egger in Paris cine grosse Sammlung kleiiicr mirrelalrcr-
licher Bleiaffixe, ca 600 Stuck. Hr sagre mir, dass Sic mir ihni iiber Ankauf derselben a
5 fianc das Snick in Unrcrhandlung stunden. Ich babe die Sammlung fliiclitig durcli-
gcschcn, die meisten Sacbcn sind genau odcr selir iibnlicb in verseliicdcnen 1-Acmplaicn
vorliandeii. Die Sammlung bat dalier als gan/ev weniger lnteressc als cine Auswalil. Wa-
ren Sic damit einverstanden, dass Ihr Museum und das memige sicli in die Sammlung
rhcilren? Hill Modus wiirde sicli ja leiclir finden lasscn.'1
35 Sclircibcn Jiggers im Archiv des UPM.
Die Moglichkeir eincr Aufteilung der Kollektion diirfte den Ankaul durcli das Prager
Kunstgewerbemuseum beschleunigt liaben, wo man die Angclegenlieit im Friihsonimer
init Eifer betrieb. Am 6. Juni 1894 bcricliter Egger nach Prag von der Scliwierigkeit
der Verpackung derganzen »Blei Collection*!. In »einer Kiste [befanden sicli] 4 Pakete
zu je 10 Piikkchen a 10 Stuck = 400 Sriicke und im beigefiigten Kistchen weitere 57
Piecen vvelche mit den bereits gesandren allso 507 Sriicke ausmachen.«^ F.rst jetzi -
moglicherweise iniZusanimenhangder Besichtigungdurch Wilhelm von Bode-scheim
Egger cine genaue Obersiclit der zum Verkauf stehenden Sriicke gewonnen zu haben,
da er zuvor von einer ungefahren Zalil von 500-600 ausging. Aus dem Briefwechsel
ist nichr zu erkennen, auf welche Weisc Joseph Egger zu dieser auBcrordenrlich groften
Kollckrion gelangr ist. Es scheinr sich bei iln nichr um einen neu geborgenen Fund-
komplex gchandelt zu haben. Daftir sprichr schoii, dass sicli in dem Konvolut last nur
Helena Koentgsmarkovd und Harlmut Kiilnn
hervorragend erhaltene Sriicke untl kaum Fragmente finden. Zumindest in einem Fall,
einem Pilgerzeichen aus Amiens, lasst sich zeigen, dass dieses bereits zuvor im Kunst-
handcl aufgetaucht war.,f' Mit einigcr Wahrscheinlichkeit wird es sich also um eine
oder evtl. auch mehrere bereits bcstchcnde Privatsammlungen gehandelt haben, die
Egger zum Vcrkaufubernommen hacte. Bei der jctzt von uns vorgenommenen Bearbei-
rung der Prager Sammlung ist deutlich geworden, dass sich zu ihren Werken niche nur
unrer den von Forgeais gesammelren Seinefundcn, sondern auch in den Kollektionen
dcs Wormser Paulus-Museums, des Berliner Kunstgcwerbemuscums, der ehemaligen
Sammlung Bossard, Figdor und wohl auch in der des Historischen Museums Basel
/.ahlrcicheparalleleoderahnlicheStuckefindcnlassen.Solltediesalleinin derHerkunft
der Funde »aus der Seine* (?) begriindet sein oder wurden die verfiigbaren Stiicke im
franzosischen Kunsthandel so sorcierr, dass mcist ahnlichc »Sammlungen« zustande
kamen? Zumindest lasst sich nach unserer Untersuchung der Prager Kollektion mit
einiger Wahrscheinlichkeit vermuten, dass zahlreiche Zcichen vor dem Vcrkauf durch
fragwiirdige Restaurierungen in cincn vermeintlich besseren Zustand versetzt worden
waren. In einigen Fallen wurden fehlende Kopfc durch schcinbar *>passende« Funde
6 Kat.-Nr.240:Bischofmitfalschangelotetem
Kopf, Vorder- und Ruckseite
7 Kat.-Nr. 80: Maria mit falsch angelotetem
Kopf, Vorder- und Ruckseite
36 Vgl. in unsereni Katalop Nr. 183.
Die Prager Pilgerzeicbenuihimitt tig
23
8 Telegramm Joseph Eggers liber die Absen-
dung der Pilgerzeichen-Kollektion nach Prag
vom 9. Juni 1894, Archiv des UPM
37 Dassclbe Plianoiltcn lasst sich .inch in tier
DrcicJcncr Sammlung Dcmi.inis bcoliachicn
(vgl Anm. 10).
38 Vgl.denhandschriftlichen Tclcgranimeniv.urf
und das Schrcibcn Eggers vom 16. Juni 1894
aus Uriisscl m Archiv dcs UPM.
39 Handschriftlichcs Protokoll dcr Sitzung des
Ankaufs-Coniucsam 18. Juni 1894 im Archiv
des UPM.
40 Abgcsehen von Inlormaiioncn aus der obeli
bcrcits bespmehenen Korrespondcnz, tciltc
Adalbert von Lanna mil: »Diesc |die crslen 50
gesendeten vStiickc] haben in dcr That Intcr-
cssc ersveckl und II. Egger ist aufgcfordcrt
worden, die ganze Sainuilung, welche seiner
Behauptung nach nur zusamnicn abgegeben
werden konne, nir Ansicht r.u senden. Dieser
Auftordcrung ist H. F.ggcrcrst vor kur/.er Zcii
nachgekom men, in it dcr Ent schu Id igu ng. dass
die Verpackung cine miihsamc war, was in dcr
'111at dcr Fall ist. und dass er anderweing bc-
schaftigt war. Die vor kurzem eingclangtc
Scndung zahlt, die friihereingesandten 50Stk.
mil inbegriffen 504 Stk.« I landschriflhches
Protokoll der Sitzung des Ankaufs-Comites
am 18. Juni 1894 im Archiv dcs UPM.
41 Ebd
42 Vgl. Anm. 33.
43 Vgl. das Sclircibcn Eggers an Wilhelm von
Bode vom 6. Juli 1894 aus I .ondon, in wclchcm
er ihm mittcilte, dass cr die gesamte Samm-
lu ngder Plombs h istones» von ei sva 500 St iick
dem Prager Museum angeboten habe; Korre-
spondeir/ Egger, |osepb (wie Anm. 23).
erganzr, was aber mit so wenig Sachkcnntnis geschah, dass of: sogar das Geschlechr
der dargesrellren Figur verunklart wurdc, ctwa wenn Marienkopfe auf die Figuren
mannlicher Heiliger geldtet wurden.'' (Abb. 6a-b, 7a-b)
Wie die Kollekrion von Joseph Egger oder anderen Anriquitiitcnhandlem aucli im-
mer 7.usammcngescellt worden war - die nach Frag gesandte Auswahl fand dorr sofort
groRes Intel esse und man wolltediegesamre Kollekrion 7.ur Ansicht erhalten, bevordie
Enrscheidung liber den Ankauffallcn sollte. Zunachst ver/.ogertccinc Rcisc Eggers nach
Belgien im Juni 1894 die angckiindigte Zusendung, weshalb er vom Kunstgewerbe-
museum zur Eile gedrangt wurde, da einige Mirglieder der »Acquisitionskommission«
in ihren Sommerurlaub abreisen wollcen und iiberden Ankauf nochzuvorentschicdcn
werden sollte.,b Am 9. Juni 1894 wurde die SendimgschlieRlich nach Pragabgeschickr
(vgl. Abb. 8) und schon am 18. Juni verhandelte das »Ankaufs-Comice« des Prager
Kunstgewerbenniseums iiber die Angelegcnheit. An der Beratung nahmen auRer Adal¬
bert von Lanna, dererste Museumskustos Karel Chytil (1857-1934) und GrafZdenko
Thun-Hohcnsrein teil. Die ubrigen beiden Mirglieder, Josef Schulz (1840-1917), der
Architekt des im Neorcnaissancc-Stil errichteten Gebaudes des Kunsrgewerbemuseums,
und derbekannre Bildhaucr Josef V. Myslbek (1848-1922), waren verhindert. Lctzterer
harre sich aber schon zuvor »fur den Ankauf wjirmsrens ausgesprochen«.'‘’ Adalbert
von Lanna ersrattere zunachst einen Bericht iiber die Verhandlungen mit Joseph Egger
und reilr mit, dass 504 einzclne Objekte zugesender wurden.'*1’ Fi'ir den Ankauf dcr
ganzen Sammlung spielte auch die Moglichkeit eine Rolle, einen Teil davon wieder
7ti verauRern. Im Prorokoll hciRr es:
Mitrlcrwcile bat der Obmann [d.b. Adalbert von Lanna] von Hrn. Dii. Bode m Berlin
einen die Scndung beriihrenden Brief erbalten, in wclchcm dcrselbe crwahiu. cr Italic
bei J. Egger in Paris cine grossc Scndung klciner mittel.iltcrlicbcr Blciaffixc ca. 600 Stk.
(a fres. 5 das Stuck) geselien und nachdcm cr crfaltrcn hat, dass this Prager Museum
iiber Ankauf dicscr Sammlung in Unterlundlungen stchc, fragt cr an, ob das Berliner
Museum sich mir dem Prager Museum in die Sammlung rheilen konntc. Ausserdem
bat auch Hr. L). A. Figtlor in Wien, welchcr anlasslieb eines Besuchs m Prag die erste
Probeseiidung hicr angesehen har, dem Obmannc gegeniiber den Wunsclt betieffs cincs
Participierens an dcr Sammlung ausgesproeben. Somit licssc sich ein Ihcil der gan/en
Sammlung anilerwcirig vcrwertheii.11
Wilhelm von Bode harre Adalbert von Lanna seine Inreresse an einer Teilung dcr
Sammlungzwischen Prag nnd Berlin schon am 1. Juni 1894 unrerhreirer.,: Am 1. Juli
1894 fragre von Bode bei Egger wegen des Vcrlaufsdcr Verkaufsverhandlungen nach.1'
Auch vor diesem Hinrergrund wurde der Kauf vom Ankaufs-Comire einsrimmig gc-
24
Helena Koenigsmarkovd und Hartmut Kiihne
nehmigt - im Hinblick auf den Kaufpicis wollrc man sich aber noch eincn gcwissen
Verhandlungsspielraum sichern.11 Schon am folgenden Tag bot man Egger brieflich
einen Kaufpreis von insgesamr 2500 Francs, d.h. fiinf Francs je Stuck, an, was Joseph
Egger am 24. Juni 1894 akzeptiertT
Am 28. Juni schrieb Adalbert von Lanna wegen dieser Angelegenheit sowohl an
Wilhelm von Bodealsauch an Albert Figdor. Wilhelm von Bode teilte er den erfolgren
Ankauf der Sammlung mit. Aus dem Ankauf soil eine Auswahl fiir das Prager Kunst-
gewerbemuseum getroffen werden, aberetwa 330 Stiicke stiinden zum Weiterverkauf
zur Verfiigung. Allcrdings gabe es einen weiteren Interesscnten:
Iiv/wisclicn hat sich gelegentlich meiner Anwcsenheit in Wien Doctor Figdor, dcr diese
Bleiaffixe bei mir in Prag geselien, an mich gcwendet, wir mochtcn ihm, falls wird die
Sammlung erwerben, etwas davon iibcrlasscn, was icb ihm aucb zugestand jcdoch mit
der ausdriicklichcn Bemerkung, dass Berlin aucb etwas davon haben will. Unter diesen
Umstandcn ware es nun das cinfachstc, Sic mochten sich mit Dr. Figdor in die criibrigcn-
deii ca. 330 Stiicke theilen und so miisstc jemand von III rent Museum und Herr Doctor
Figdor hierherkommen und die gegenseitige Auswahl treften...41'
An Albert Figdor wiirde eine Kopie dieses Briefes geschickt:
Nach dem unscr Kunstgewerbe-Museum dicauch Sie interessierenden plombs hisrories
aus Paris erworben hat, erlaube ich mir, Ihnen mein heutigiges diesfalls an Geheimrath
von Bode in Berlin gcrichtetes Schreiben in Abschrift vorzulcgcn in dcr Erwartung, den
richtigen Wcg getroffen zu haben, um alleTheile zufriedenzustcllcn.'
Wilhelm von Bode hat daraufhin eine Besichtigung der Kollektion in Prag angekiin-
digt, die aber erst nach seinem Urlaub in der Schweiz moglich ware. Darauf wollte
man in Prag gerne Riicksicht nehmen, wie ihm Adalbert von Lanna am 23. Juli 1894
versicherre.1* Dieser Brief ist der letzte Hinweis auf den geplanten Verkauf nach Ber¬
lin und Wien. Uber einen Besuch Wilhelm von Bodes oder eines Vertreters von der
Berliner Skulpturensammlung in Prag im Jahr 1894 ist aber u.W. nichts bekannt.4‘;
Die Aufteilung der Sammlung ubernahm nach dem Protokoll vom 18. Juni 1894
Adalbert von Lanna gemeinsam mit dem ersten Kustos und Museumsdirektor Karel
Chytil und dessen Vertreter Frantisek Borovsky (1852-1933)7° Ob die beiden letzteren
auch die Invcntarisierung der Sammlung im Kunsrgewerbemuseum vornahmen oder
ob andere Sachversrandige beteiligt waren, lasst sich nicht eindeutig klliren, da die
Handschrift auf den Karteikarten nicht eindeutig zu identifizieren ist. (Abb. 9) Man
hat sich hei der Bearbeitung der Sammlung an die Angaben in der Publikation von
Germain Bapst11 und dem bekannten Handbuchdermirtelalterlichen Archaologievon
Victor Gay'-1 gehalten. Darum hat man auch die identifizierten Abzeichen, so etwa
die vom Monr-Saini-Michel, als solche bezeichnet und sie Pilgerzeichen genannr. Fiir
andere benutzte man die Bezeichnungen Applikation, Anhiinger, Bibelot oder auch
die im Tschcchischen neue Wortschopfung »nametek« (von »namet« = Thema). Merk-
wiirdigerweise wurdc der Katalog von Forgeais aber nicht benutzt. Dennoch ordnete
man die Gegenstiinde auch im Hinblick auf die Datierung in das 14./I5. Jahrhundert
mehr oder weniger richtig ein. Insgesamt wurden damals 174 Objekte fur das Prager
Kunstgewerbemuseum inventarisiert.^ Zieht man diese Zahl von den 504 Stiicken ab,
die nach dem Protokoll vom 18. Juni 1894 in Prag ankamen, bleiben genau jene 330
Stuck iibrig, die man zum Weiterverkauf offerierte.54 Der beabsichtigte Weiterverkauf
an die Koniglichen Museen zu Berlin bzw. an Albert Figdor kam aus unklaren Griin-
den nicht zustande - was im Riickblick als Glucksfall gelten muss, denn andernfalls
wiiren diese Zeichen wohl inzwischen ebenfalls verloren oder zerstort worden. Ein
kleiner Komplex von 14 Zeichen, meist Doubletten, wurde 1903 an das Kunstgewerbe-
4-1 -Dcr Obmann cmplichlt sodanii. die g.in/c
Collection, d.i sie iiusserst seltcne und .lls Vor-
l.igen verwendlure und .liiregcnde Ohjccies
cnthalt, /um Anlcaule. Dcr Gustos tlieilt mil.
dass sich von den ahweseiulen Comilemuglic-
dern I Ir. Dir. Myslbck lur den Ankaul wlirms-
tens ausgcsprochcn hat. Bctrells des Preiscs
siellt derCusiosden Anirug, vorderh.md davon
abzuschcn, dass als Preis der gan/eii .S.inim-
lungder beirag von 3000 Ires, genannt wiir¬
de, nachdem anstatt dcr urspninglichcn 600
Stk. die An/alil bios 504 Stk. betriigt und als
Basis der Vcrliandlungcn den Preis von 5 fres.
per Stk. an/iinehinen, was somii im G.inzen
2520 I res bet ragcnwiirdc. hs wird beschlosseii,
dicganzcSammlunganzukaiilcii, furdieselbe
ist 2520 fres (5 fres per Stuck) zu bictcn, docli
ist sie eventitcll selbst fur 3000 fres. zu erwer¬
ben. Aus der gaii7cn Sammlung ist etwa ein
Drittel fiir das Museum auszuwahlcn. Die
Auswahl mogen der Obmann Herr A. von
Lanna, Hr. Dir. Myselhek und der Gustos D
K. Chytil trelfen. Der erubrigende llieil ist
dem Herrn Dir. Bode und Her[rn] DA. Figdor
anzubicccn. F.in Stuck zum andern ist [ein
Wort unlcscrlich] zu 5 fres. zu nehmen, sollte
jedocli Hr Egger auf dem I’reisc von 3000 fres.
bcstelien, ist als Dttrchschnittspreis 6 Ires, per
Stuck anzunehmen.» Ilandschriftliches Pro-
tokoll dcr Sitzung des Ankaufs-Comitcs am
18. Juni 1894 im Archiv des Ul’M. Znr Be-
grundung des Ankaufs vgl. auch Zprava Ku-
ratoria za spravni rok 1894 (Bencht des Ku-
ratoriums fiir das Jahr 1894), Umclecko-
prumyslovc museum v Prazc 1895, S. 4.
45 Vgl. das Schreiben Eggers vom 24. Juni 1894
aus Paris im Archiv dcs UPM.
46 Bricfkonzcpr Adalberts von Lanna auf der
Kiickseitecincs Briefes von Wilhelm von Bode
an Adalbert von Lanna, London, den 17. Juni
1894 im Archiv dcs UPM.
47 HandschriftlicheAbschriftimArchtvdcsUPM.
48 Adalbert von Lanna an Wilhelm von Bode aus
Prag am 23. Juli 1894: »Licbcr, verchrter Herr
Gchcimrath! Herzlichcn Dank fiir 1 hre I rcund-
lichcn Zeileti vom 20. D. M. und dtc besten
Wiinsche fur eine recht grundlichc, nachhal-
ttge Erholung in den Schweizcr Bergen! Wegen
der plombs histoirics seten Sie ganz aufler
Surge; diesclbcn werden heute aufs Depot ge-
stcllt und kommen nicht ans Fagcsltcht jIs in
Ihrcr oder Ihres Museumsvcrtreters Gegcn-
wart. Obrigensgeht Dr. Chytil nachsicrTagc
auf Urlaub und blcibt wenigstens I Monat
fort. Ich griifie Sic hcrzlich und wiinsche vor
Allem giinstiges Wetter fiir Iliren Schweizcr
Aufcnthalt. Aufrichtigst der I hr Lanna« Staat-
liclie Museen zu Berlin - Zentralarehiv (SM B-
ZA), Nachlass Wilhelm von Bode (IV/NL
Bode) (Korrcspondenz von Lanna, Adalbert).
49 Eine grundlichc Suche im Nachlass Wilhelm
von Bodes war im Rahmeii dieser Publikation
allcrdings nicht mbglicli. Moglichcrweise lin¬
den sich noch erlicllende Noti/en in seinen
Kalendcrn, die fiir das Jahr 1894erhaltcnsind;
vgl. Kun7.fi. (wie Anni. 25).
50 Vgl. Amu. 44.
51 Germain BaI'si : Letain: les tneiaux dans I'an-
ttquttc ft au moyen age, Paris 1884.
52 Gay 1887-1918-
Die Prager Pilgerzeichemammlimg
25
9 Karteikarte der ersten Inventarisation der
Pilgerzeichen im UPM
53 Eshandch sich urn die forclnnfenden Inv.-Nrn.
UPM 5613 bis UI’M 5788
54 Vgl.Anm 44 und 46.
55 Vgl. Кап DusshLDORi- iy8i. Nr. 1-14, S. 18-
21.
56 Vgl.Anm 60.
57 «Sammlung de.s Freihcrrn Adalbert von Lan-
na l’rag« (Auktionskacalog), 3 leile. Rudolph
I.epkc’s Kiinsr-Aukiions-H.ius, Nr. 1SS9.1605
und 1614, Berlin 1909 und 1911
museum in Diisseldorf verkaufr.'5 Schrifrlichc Bclcgc fiir diesen Vorgang fchlcn im
Kunstgewerbemuseum Prag. Uberden Verkaufmusswohl derdamaligeDirektor Karel
Chytil oder Frantisck Borovsky cntschieden haben. Frcilich ist aueh denkbar, dass es
noch cincn weireren Verkaufvon erwa 30 Objekten gegeben hai, denn so wurde sich
die Different zwischen den urspriinglich erworbenen Zeichen und den heuce nocb
vorhandenen erkliiren lassen.S('
Warum das Museum den urspriinglich fur den Vcrkauf vorgesehenen Resr der
Sammlung nichr in scin Inventar aufgenommen hat, ist ebenfalls nichr bekannt. Mog-
licherweisc gcschah dies mit Riicksicht auf Adalbert von Lanna. Dieser widmeie dem
Kunstgewerbemuseum noch im Jahre 1906 cincn groften Teil seiner Glassammlung
sowie weiterc Gegenstiindc. Allcrdings ist seinen lagebuchern zu enmehmen, dass er
im zunehmenden Maf?e durch die Wandlungcn dcs politischen Klimas enttauscht war,
weil sich damals die NarionalitatenkonHikte zuspirzren und der Zerfall seiner Welt -
der Osterreichisch-Ungarischen Monarchic - ankiindigte. In diesem Zeitraum gab er
seine urspriinglichcn Pliine auf, von seinen Sammlungen weitere in Prag zu belassen,
und bereitete deren Verkauf in ciner Auktion vor.v Er starb im Jahre 1909.
Das Schicksal der Prager Sammlung im 20. Jahrhundert
Nach dem Ersren Weltkrieg wurde das Kunstgewerbemuseum im neu gegriindeten
Staat vor ganz andcre fachliche Aufgaben gestellt. So blieb das gesamte Konvolut bei-
sammen, wurde aber nicht weiter beachret, was aucli dem allgcmcincn wissenschaft-
lichen Desinteresse an den Pilgerzeichen geschulder war.
Erst infolge der Eingliederungzahlreicherprivater und kirchlicherSammlungen, die
nach 1948 durch das kommunistische Regime konfisziert wurden, fulirte man in der
Tschechoslowakei am Endcder fiinfziger Jahre eine Gesamtinvcntur aller Museumsbc-
standedurch. Der damaligeDirektor des Museums, Emanuel Poche (1903-87), wurde
verhaftet und beschuldigt, Eigentum von »regimefeindlichen« Personen im Museum
aufzubewahren. Zugleicb wurden Spezialisierungen dcr Sammlungen der Prager Mu-
seen angeordnet, und umfangreicheKomplexe ursprii nglicherSammlungsgegenstiinde
wurden an andereMuseen iiberwiesen. Opfer dieser >Sauberung< wurde aucli jener 1'eil
der Sammlung von Pilgerzeichen, der einst vergebens auf die Obergabe nach Berlin
26
Helena Koemgsmarkoiui и ml Harnnut Kiihne
oder Wien gewarter harrc. Im Jahrc 1962 wurden 245 Abzeichen und Devotionalicn in
das Prager Nationalmuseum iiberwicscn und dort inventarisiert.''' Im Kunstgewerbc- 58
museum verblieben nebcn den ursprimglich inventarisierten 174 Nummern aucb
noch 43 weiterc Objekre, die zu dem Ankauf von 1894 gehorcen. Diese Stiicke batten
zunachst noch kcine Inventarnummern und wurden von der Verfasserin erst in den
1980er Jahren nachtriiglich inventarisiert.v’ Ziihlt man die im Kunsrgewerbemuscum 59
insgesamr bewahrten Stiicke mit den an das Prager Nationalmuseum abgegebcncn
und den nach Diisseldorf verkauften zusammen, ergibr sich die Zahl 476. Da mit bind
zwischen dem Ankauf und den 1960er Jahren etwa 30 Stiicke verloren gegangen.'’" 60
Allerdings ist diese Rechnung mit cinigen Unsicherheiten bebaftet, denn moglicher-
weise enthielt der Ankauf auch einige Fragmente, die zunachst als cinzelne Nummern
behandelt und erst in Prag zusammengefiigt wurden.
Eine vvissenschaftliche Bearbeirung des im Kunstgewerbemuseum verbliebenen
Sammlungsreils wurde erstmals durch die Verfasserin in Form eines Katalogcs im
Rahmen ihrer kunstgeschichtlichen Dissertation an der Philosophischen Fakultat
der Prager Karls-Univcrsitar im Jahre 1977 unternommen.61 Allerdings war der da- 61
malige wissenschaftliche Kontext fur ein solches Unternehmen nicht giinstig. Es gab
aufter den Katalogen von Forgeais, die zum Gluck in der Nationalbibliothek Prag
vorlagen, fast keine Spezialuntersuchungen. Mit den Pilgerzcichcn als einem cigcn-
stiindigen Phanomen der mittelalterlicher Kultur begannen sich ab denl960er Jahren
nur einige wenige Spezialisren zu befassen, die ihre Erkenntnissc in verschiedenen, in
der Tschechoslowakei damals schwer zugiinglichen Periodika veroffentlichten. Es ge-
lang der Verfasserin jedoch, in Deutschland mit Kurt Koster, in England mit Brian
Spencer und in Frankreich mit Colette Lamy-Lassalle Kontakt aufzunehmen. Fur die
Dissertation wurden aus dem Gesamtbestand 155 Abzeichen und Devotionalien des
14. und 15. Jahrhunderts bearbeitet. Duplikare und einige offenkundig jiingere Ob-
jekte und Fragmente blieben unberiicksichtigt. Auch die bereits erwiihntcn 43 damals
noch nicht inventarisierten Stiicke wurden in der Dissertation nicht bearbeitet.62 Da 62
unrer den Bedingungen des sozialistischen Regimes an eine Veroffentlichung dieser
Untersuchung mit starkem Bezug auf chrisrliche Themen nicht zu denken war, blieb
die Dissertation ungedruckt. Nur cine kurze Vorstellung der Sammlung konnte 1980
auf Tschechisch erscheinen.63 63
In den Jahren 1977-80wurdederim Kunstgewerbemuseum verbliebeneSammlungs-
teil restauriert, d.h. die Stiicke wurden gereinigt, konservierr, Deformationen wurden
ausgebessert und abgebrochene Teile zusammengelotet. In diesem Zusammenhang
veranstaltete das Kunstgewerbemuseum 1980 die Ausstellungen »Navraceno zivotu«
(»In das Leben zuruckgekehrt. Restaurierungsarbeiten der let/ten Jahre in UPM«) mit
eigenem Katalog. Zum hundertjahrigen Bestehen des Kunsrgewerbemuseums und sei¬
ner NeuerofTnung im Jahre 1986 folgten die Ausstellung und der Katalog »Srredoveke
umelecke remcslo ze sbirek UPM« (»Mittelalterliches Kunstgewerbe aus den Samm-
lungen dcs UPM«)64, der auch eine Reihe von Pilgerzeichen vorstellte. 64
ImGegensatzzudemSammlungsteilim Kunstgewerbemuseum blieb eine wissenschaft¬
liche Bearbeirung des 1962 in das Prager Nationalmuseum gelangrcn Sammlungsreils
aus und dieser Bestand damit selbst der Fachwelt weiterhin verboigen. In der Zcir um
1977 war es selbst fur die Verfasserin kompliziert, den im Prager Nationalmuseum
erhaltenen Sammlungstcil naher kennenzulernen. Damals war nur eine fluchtige
Besichtigung moglich, bei welcher der Eindruck entstand, dieser Teil umfasse eher
Duplikate und andere kleinere Devotionalien. Nach einem eingehenderen Studium
in den letzten Jahren zeichnet sich aber ein System ab, nach welchem die Abzeichen
nach ihrem Ankauf sortiert worden waren. Offenbar wurden fur das Kunstgewerbe¬
museum besonders vollsrandig erhaltene Abzeichen ausgewahlt, etwa solche, die sich
lislundeli ml I) uimlic Ion l.iii IcikIcii Inv.-Nrn.
N.uion.ilmuscum Prag 112-68.048 Im H2-
68.293.
F.slundeli sitliumdieloril.nilenden Inv.-Nrn.
UI'M 98.952 his 98.991 (38 Si tick) und liinl
Ir.igmenic olnif Inv.-Nr.
Mojjlichcrwcisc wurden die lelilenden Objek-
[C nher julIi sl1h»i uni 1900 vcrk.uilt, vgl.
Anm. 56.
Kof.nigsmarkova 1977.
Vgl.auchden Ubcrblickbei KobNiGSMARKOVA
1980.
Kofnig.smarkova 1980.
Kai. I'rag 1986.
Die Prager Pilgerzeicbensammlung
65 Vgl. diese Argumentation im I’rotokoll tier
Ankauf'bkoinniission von: 18. Jirni 1894,
Anm. 44.
mit ihrem Rah men erhalten haben. Sodann spielte dei Typ - Anhanger, Ab/eichen
zum Anheften oder Aufstellcn ere. - eine Rolle. Von besonderer Bedeuumg war eine
deutlich erfassbare bildliche Darsrellung, aucli wenn diese im Hinblick aufihre ikono-
grafische Einordiuing unklar blieb. Daneben tritt der formale Gcsichtspunkr, also die
stilistischen Merkmale der Zeichen, a Is Krirerium deutlich zurage. All dies waren aucli
Kritcrien fur die Begriindung des Ankaids, denn die Kunstgcwcrbcmusccn dcs aus-
gebenden 19. Jahrbunderts waren aucli a Is Sammlungen /.ur Inspiration fur moderne
Herstellungstecliniken gedaclit und so wurden erwa die plombs historic als Vorbilder
fur Goldschmiede geschatzt.6'’
Tiotz dcr Kiiterien der Teilung behnden sicli im Bestand dcs Narionalmuseums
aucli einige wunderbare Gegenstande, die in den anderen bekannten Sammlungen,
cinschlicRlich der Sammlung im Mu see de Cluny, fehlen. Eine dringend wunschens-
werte Bearbeitung des im Nationalmuscum befindlichen Sammliingsteiles war seit
den 1990er Jahrcn durcli Dagmar Stara, eine der ganz wenigen tschcchischen Spe/.ia-
listinnen auf deni Gebicr dcr Pilgcrzeichenhirschung, inimer wieder geplant worden,
unterblieb aber letztlich, weil ihr fortgcschrittcnes Alter ihr die Realisierung dieses
Vorhabens nicht mchr ermbglichte.
Die Entstehung des vorliegenden Katalogs
Das im Jalir 2001 am ehemaligen l.ehrstuhl fur Christliclie Arclkiologic, Dcnkmal-
kunde und Ktdturgeschichte der Humboldt-Univcrsirat /u Berlin begonnene und seit
dem Jalir 2008 am Berliner Kunstgcweibemuseum angesiedelte Projekt der Berliner
»PilgerzeichenDarenbank« har sich zum Ziel gesetzt, die besonders seir dem Tod Kurt
Kosrers (t 1986) in eine Krisegeratene Kommunikation in der Pilgerzeichenforschung
neu zu biindeln. Durch die von hier ausgehenden Impulse zur eiiropaischen Zusam-
mcnarbcit bei der Erforschung der mittelalrerlichen Pilgerzeichen wurde deutlich, wie
wichrig eine griindliche Publikation der beiden Prager Sammlungsteile fiir den Hort-
schritr der Pilgerzeichenforschung ist. Seitdem sich die beiden Verfasscr im Jahrc 2003
erstmals in Prag trafen, war zwischen ihnen inimer wieder von einem zukiinftigen
Katalog die Rede, insbesondere nachdem der Verfasscr 2004 gemeinsam mit Nicole
Hegener am Kunstgescliiclulichen Seminar der 1 Iumboldr-Universitat zu Berlin cin
Seminar zu mittelalrerlichen Pilgerzeichen veranstalteteunddieSeminargruppesich bei
einer Exkursion intensiv mit dem Teilbestand im Kunstgewerbemuscum Prag bcschaf-
tigen konnre. Konkretere Gesralr gewannen diese Uberlegungen im Zusammenhang
des am 24725. November 2006 am Kunstgewerbemuseum der Staatliclien Museen
zu Berlin veranstalreten Symposiums in memoriam Kurt Kiister, in dessen Tagungs-
band auch cin knapper Uberblick zur Geschichte der Prager Pilgerzeicbensammlung
66 Koinic;>makkov.\ 2008. aufgenommen wurde, auf den in dieser Einfiihrung zuruckgegriffen wurde.1'' l)ass die
nun vorliegende Bearbeitung des Gesanitbestandes dcr Prager Pilgerzeicbensammlung
schliefSIich /ustandc kam, verdankt sicli gi'instigen Umstiinden. Da die Magazine des
Prager Nationalmuseums durch die umfassende Renovierung des Museum in den Jah-
ren 2010/11 ausgelagert werden mussren, bot es sich an, den dort aufbewahrten Teil
der Pilgerzeichensammlung zeirweise in die Obhut des Kunstgewerbemuseum Prag
zu geben. Dieser Umzug bor eine giinstige Gclcgenheit, die gesamte Kollektion zu
dokumentieren. Die ma(?gebliche Beteiligung der Berliner »PilgerzeichenDatenbank«
an diesem Vorhaben wurde durch eine Forderung seitens der Gerda-Henkel-Sriftung
(Dusscldorf) ermoglicht, die Honorarmittel und Reisckostcn zahltc und auch die
Drucklcgung des Bandes groEzugig forderte.
2«
Helena Koenigsmarkovd und Hart mat Kiibne
Die Prager Pilgerzeicbensammlung
67 Daniel Bf.hcfk: Herstellungstechnik.cn liocli-
und spiitmutelallcrlicher KIcinobjcktc aus
Zinn. in: HP III, S. 39-55.
29
Summarische Bemerkungen zum Sammlungsbestand
Je mehr die Bcarbeitung des Kataloges voranschritt, umso deutlicher wurde, dass das
Ergebnisder Arbeit weniger ein endgiiltiges odcr auch nursichcrcs Urteil iiber vide dcr
vorzusrellenden .Stиске sein kann. Dazu waren in vielen Fallen genaucre Unrcrsuchun-
gen der franzosischen Knit- und Walllalirtsgeografie sowie der rcgionalen Verbreitung
bestimmter Bildmorivc notig gewesen. So soil das bier dokumentierte Resuliat vor
allem als ein hofFentlicb brauchbarcs Material zur Weiterarbeit fur all jene verstanden
werden, die an der HrschlieRung dieser Zeicben als kunst-, kiiltur-, religions- sowie
kirchengeschichtlichc Zeugnisse interessiert sind.
Trotz der zahlreichcn Fragen, die bei der Bcarbeitung aufgetatichr sind, und an-
gesichts der Vorliiufigkeit unserer Uberlegungen sollen einige grundlegende Beobach-
tungen an den Abscliluss dieser Einfiihrung gestellt werden.
Oberblickt man die Prager Sammlung als ganze, ist die zeitliche Konzentratioii
der Objekte auf die Zeir des ausgehenden Mittelalters, also das 15. und evil, das
fruhe 16. Jahrhundert auffrillig. Die fur den Zeitraum vom spiiten 12. bis zur Mitte
des 14. Jahrhunderts cbarakteristisclien Pilgcrzeichen-Flachgiisse fehlen last ganzlich.
Daher sind die wolil siimtlich aus dem 14. Jahrhundert stammenden Eligius-Zeichen
aus Noyon (Nr. 166-168), das Zeichen aus dem KlosrerSr. Fiacre, Breuil (Nr. 169), das
Zeichen mit Ludwig von Toulouse aus Marseille (Nr. 192) und das bislier einmalige
Zeicben mit dem Hiihncrwundcr von Santo Domingo de la Calzada / Villalcazar de la
Sirga (Nr. 165), die iihesten Zeugnisse dcr Sammlung. Bedcurct dies, dass ratsiichlich
so wenig Flachgiisse gefunden wurden, oder ist ihr Fehlen eher auf die Konvcntioncn
des Antiquitatenmarkres zuriickzufuhren, auf dem die filigraneren und kunstvollen
Girtcrgusse besser abzusetzen waren, als die derberen Flachgiisse?
Eine schlichte Beobachtung betrifft die Tatsache, dass aufFallig vielc der Zeichen
start Osenaufzuweisen mit riickscitigen Befesrigungsnadclnausgestartetsind. (Abb. 10)
Dies serzr im Gegensatz zu den mit Osen versehenen Zeichen eine wesentlich aufwen-
digere Herstcllung in einer dreischaligen Form voraus, was beispielsweise an Pilger-
zeichcn aus dem deutschen Raum bislier noch nie beobachtet wurde. Nachdem noch
kurz vor Abscliluss dieses Katalogs eine vorziiglichc Beschreibung der Giefttechniken
von mittelalterlichen Pilgcrzeichen und anderen WeiBmetallgussen von Daniel Berger
crschienen ist, konnre das von tins dargebotene Material dazu einladcn, diesen Fragen
mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden.6’ Darf man etwa aufgrund der Ausstattung mit
einer riickseirigen Nadel auf ein bestimmtes Herkunftsgebiet, etwa das franzosische
Konigreich oder elier noch den Bereich nordlich der Loire schlicEcn? Und lasst sich
diese Hcrstcllungstechnik zeitlich noch klarer eingrenzen als es bisher gelungen ist?
Das Studium der Pilgerzeichen warimmer eng mit der Wallfahrrsforschungverza lint,
da die archaologischen Pilgerzeichenfunde vorzugliche lndizien fur die gcografische
Reichweite einzelner Wallfahrtsbewegungen darstellen. Unter der Bcdingung. dass es
sich tatsachlich uni - zumindcsr uberwiegend - Funde aus der Pariser Seine handelt,
stcllen sie ein Spiegclbild fur die fromme Mobilitat der Pariser Einwohnerschaft des
Spatmittelalters dar. Dies vorausgesetzt, fallt die geringe Priisens der gro(?en mittel-
alterlichen Pilgerzentrcn auf: Rom ist miteinem Zeichen vertreten (Nr. 233), Santiago
de Compostela wolil nur mit zweien (Nr. 179f.), wozu man noch das schon erwahnte
Zeichen vom spanischen Jakobsweg rechnen mag (Nr. 165). Die Pilgerzentren im
deutschen Reich erscheinen nur mit je eincm Zeichen aus Maastricht (Nr. 234) und
Aachen (Nr. 68). Unter den franzosischen Pilgerzentrcn dominiert im Hinblickaufdie
Zalil der Zeichen eindeutigder Mont Saint Michel mit seiner Dependence Tombclaine.
Ebenfalls mit relativvielen Zeichen sind vorallem regionaleWallfahrtszentren vertreten
wie das Kloster St. Fiacre in Breuil, dcr Mont St.-Catherine bei Rouen, die Kirche des
111. Mathurinus von Larchanr, die Abtei Saint-Maur-des-Fosses oder aucli das Wall-
fahrtskirclilein der Notre Damede Vaudouan. Mit aller gebotenen Vorsicht lasst sich
30
Helena Koenigsmarkoini und Hartmut Kithm
aus dicsem Befund der allgemein zu beobachtende Aufstieg der Nahwallfahrten seit
dcm spiiren 14. Jahrhundcrraucli fur den Pa riser Raum beobachren, was die Vcrfasserin
schon in ihrer Dissertation konstaticri hatie/,K Ein Problem stellen freilicb die zahlrei- 68 Vgl. Koimcs
chen nocb niclit lokalisierren Herkunfcsorre von Pilgerzeichen dar, wie beispielsweisc
jene markant-arebaisierenden Plakerten mit einer dreifigurigen Kreuzigungsgruppe
(vgl. Nr. 15HF.), die in zahlreichen Sammlungen franzosischer Pilgerzeicben auftauchen.
Vor besonders knifflige Aufgaben stellte uns die breire Palette von Mariendarstel-
lungen, die dem Zeitgenosscn durcb kleine ikonografische Details Hinweise aufein
bestimmtes Kultbild oder eine lokale Legcnde gegeben haben mag, die heure aber riit-
selbafr sind. Um die Eorschung in dieser aporetischen Situation voranzutreiben, haben
wir cs gewagt, auch hypothetische Idenrifikarionen vorzuscblagen, wie jene der Zei-
clien von Notre-Dame-de-PEpine (Nr. 93-102), Notrc-Damc-dc-Vaux (Nr. 103-106)
und Notrc-Dame-des-Ardilliers (Nr. 107), auch wenn dicse moglicherweisc keinen
Bescand haben werden.
Ineinigen Fallen konnen hier Zuschreibungen von Zeichenrypen vorgestellt werden,
die niclit leicht von der Hand zu weisen sind. Dies gilt fur die Zeichen der Austrebertbe
de Pavilly aus Montreuil-sur-Mcr, die bisher Palschlich dem Kloster der 111. Odilia im
Elsass zugeschrieben wurden. Auch konnte die Stiftskirche in Sainte-Barbe-en-Auge
als Ursprungsort zumindesreinesTeiles jener Barbara-Zeichen identifiziert werden, die
sicli in zahlreichen Sammlungen franzosischer Pilgerzeichen finden. Und nichr zuletzt
isr cs Jos Koldeweij gelungen, einen bisher singularen Pilgerzeichenbrakteaten aus dem
Prager Nationalmuseum als Zeichen der Sainte-Chapelle in Bourbon L’Archambault
zu erweisen (vgl. Nr. 26), was von uns gerne aufgegriffen wurde.
Neben den Pilgerzeichen im eigentlichen Sinne und den religioscn Devotionalien
stehen die profanen Zeichen, Miniaturen, Schmuck und Klcidungsaccessoires, die
etwa ein Viertel der Katalognummern umfassen. Diese disparate Gruppe von Gegen-
standen als Zeugnisse der vergangenen Alltagskultur zu erschliefien, ist eine Aufgabe,
die im Rahmcn dieses Katalogs nur selir vorliiufig zu losen war. Unter den profanen
Zeichen fallt die relativ grofic Gruppe von fast dreiftig erotischen Zeichen auf, die
besonders signifikant ist, wenn man die gleichzeitig mit der Prager Sammlung ent-
standenen Kollektionen in den Blick nimmt, in denen solche Stiicke nicht oder nur
in einzelnen Exemplaren vertreten waren. Erst die in den letzten drei Jahrzehnten ge-
machten Zeichenfunde aus den Niederlanden haben diese Gruppe in das Blickfeld der
Forschung gcriickt. Die erotischen Zeichen der Prager Sammlung zeigen, dass solche
Darstellungen auch in den franzosischen Funden des 19. Jahrhunderts stark vertreten
waren, aber auf dem Kunstmarkt wohl nur schwer Absatz fanden.
Moglicherweise hatte eine Fortsctzung unscrcr Bemiihungen um das Verstandnis dcr
profanen und der Pilgerzeichen und ihrer Ikonografie noch weitere Entdeckungen
moglich gemacht, vorgeschlagene Interprctationen bestatigt oder auch in Frage ge-
stellt. Nach gut zwei Jahren Arbeit an der Prager Pilgerzeichensammlung meinen wir
ein wissenschaftlich verantwortbares Werk vorlcgen zu konnen, das hoffentlich seine
Fortsetzung in der Mitarbeit vieler bei der ErschlielSung der Bilderwelten der von uns
hier vorgestellten spatmittelaltcrlichen Massenware findet.
va 1977. S. 35.
KATALOG
Hinweise zur Benutzung des Katalogs
Die Arrikel des vorliegenden Kataloges sind von den drei Autoren in enger Absprache
miteinander verfassr und gegenseitig kritisch bewertet worden. Um die dennoch be-
stehende Verfasserschafr zu kennzeichnen, ist jeder Artikel am Ende mit dem Namens-
kiirzel CB (fur Carina Brumme), HK (fur Hartmur Kiihne) und HKoe (fur Helena
Koenigsmarkova) versehcn worden.
In den Anmerkungcn und Lireraturangaben wird auf die versiegelte Literatur
verwiesen, deren Kurztirel sich durch das Lirerarurverzeichnis erschlieften lassen.
Der Vermerk »Pilgerzeichenkartei Kurr Koster« bzw. »Kosterkarrei« verweist auf die
»ZenrraIe Pilgerzeichenkartei Kurr Koster«, die sich zusammen mit dem Nachlass
von Kurt Koster im Deutschen Glockenarchiv des Germanischen Nationalmuseums
Niirnberg befinder.
Das Kiirzcl »UPM« vor einer Inventarnummer verweist auf den Bestand des Kunst-
gewerbemuscums Prag (Umclcckoprumyslove museum v Praze, abgekiirzt UPM). Der
Verwcis auf das »Nationamuseum Prag« steht fur den Bestand im Prager National-
museums - Historisches Museum.
Da in unsere forschungsgeschichtliche Einleitung einige wichtige Tafeln mit his-
torischen Aufnahmen von Pilgerzeichen aufgenommen wurden, konnen bei enrspre-
chenden Verweisen im Katalog auch die Abbildungen in diesem Band herangezogen
werden. Dies gilt fiir Helbinc, 1911, S. 75, Tafel XXXVI, die als Abb. 5 auf S. 19,
fur d’Ai.i.emagne 1928, Tafel XV, die als Abb. 4 auf S. 18 und die Tafel CCLXXXI
desselben Werkes, die als Abb. 3 auf S. 17, und Eni.art 1916, S. 305f. mit Fig. 318f.,
die als Abb. If. auf S. 16 erscheinen.
RELIGIOSE ZEICHEN UND DEVOTIONALIEN
Pilgerzeichen
33
Christus
Agnus Dei (1-7)
Seit dem 8. Jahrlumdert wurden an die Glaubigen kleine aus Wachs und Ol gcFormtc
Plaketten in Gcstalr des Gorteslammes verteilt, vvelche die Arcbidiakone zuvor am
Karsamstag gevveihr hatten. Diese Plaketten priigte man ab dem Hnde des 12. Jahr-
hunderts serienmiiftig mir Modelzangen. Fiir sic crscheint die Вezei chnung Agnus Dei
zunachst nur im Kontcxt der in Rom gepriigten Plaketten, die untcr dem Pontifikat
Papst Martins V. (1417-31) crstmals cine piipstliche Weihe erhielcen. Diese Agnus Dei
galten als Segenstriigcr. Die in Edelmetall gefassten Wachsplarrchen trug man in Form
von Anhangern oder Kapscln als Amulette zum Schutz vor bosen Geistern, Krank-
Keiten, Unwcttern und andcrcn Schadcn.
Seit dem spiiten 14. Jahrhundert kennen wir auch Zinn-Bleigiisse mit dem Bild
eines Lammes, die in der Regel kein geweihtes Wachs enthielten.' Auch diese Agnus-
Dei-Zeichen waren weit vcrbrcitct. Lntsprechend zahlreieh isr die Anzahl der bis heute
erhaltenen Stiicke, zu denen auch die sieben bier vorzustellenden lixemplare gehorcn.
Die Gitrergusse stellen ein nach links oder rechts schreitendes Lamm mit Kreuz-
nimbus und Srabkreuz mit Siegcsfahnc dar. F.s blickr bei Fast alien Zeichen (nicht
bei Nr. 2) iiber seine Schulter zuriick. Neben den dreiteiligen Anhangern, bei denen
Vj>1. Buvckni-k iooo. S. 14.Л—14T. - Yves
Ciikisti'., Ai t. Agint< Di'i. in: I DM 1. Sp. 215.
1 Kapsel, oval
[nveniar-Nr.: UPM 5617
Mafic: Durchmesser: 35 nun
Material: Blei-Ziimlegienmg
Dacicmng: I5./16. Jalirlnindcri
Vcrglcichs.st iicke: kcinc
2 An hanger mit Ose, Gitterguss. rah-
menlos mit inschriftfuhrcndcr Standleistc
Invc.uai-Nr.: UPM 98.968
Inschrift: in Minuskeln «aw - gnw - s - (Ici-
Mafic: Hiihc 40 nun, Brcire 30 nun
Materia I: Blei-Z.in n Icgieru ng
Daiicrung: I5./1G. Jahrhundert
Vcrglcichvmiicke: kcinc
I.itcratur: Koiniusmarkova 1977, 5. 116, Nr. 99
3 Pilgerzeichen (?), Brosche mit Ansteck-
nadel: Gitierguss, rahmenlos mit Stand-
leiste und seitliehem SchriFtband
I men tar-Nr.: U I’M 5~63
Insclirilc in Minuskeln. Beginn verdriickt
■•[agn|us»dci>-
Mafic: lltilie 32 mm. Breite 40 mm
Material: Blci-Zinnlcgicrung
Daiicrung: 15./16. Jaluhundcn
VcrglcichsMiicke: К at. Bkri.IX 200X, S. 287,
N'r. 47. - K.u. Worms 2001. S. 154. Nr. 139.
Клт. Cai N/ riun.oesi /r.VRi.i x 2002. S. 247.
Nr. 275. - Kiisterkartci Agnus DciTyp A III.
I .iter.it 11 r: Koknicsmarkova 197'. S. 115.
Nr. 98
34
Pilgerzeicbei.
der Gitrerguss, tier das Lamm zcigt, in cincn zweischaligen Rahmcn cingclegr wurdc
(Nr. 5—7), wahrscheinlich urspriinglich auch bei Nr. 4), gibr cs anch cincn rahmcnloscn
Anbiinger, bci dcm die Spitze des Sicgcskrcuzcs die Ose des An hangers bildcr (Nr. 2).
Zu den sieben Zeichen rreren vicr weirere rundc bzvv. sccbseckige Anbiinger mit zwei
verscbicdcncn Bildfeldern auf dcr Vordcr- und Riickscitc hin/u, die auf dcr cincn Sciie
das Lamm, auf dcr anderen die stebende Gorrcsmurrer zwischcn zwei Biiumchen bzw.
cine MaricnHgur in einem Gewachs odcr das Bild des hi. Fiacrius von Brie zeigen. Die
zwei runden Marienzeichcngeboren zu ciner Ciruppc, die von unsersrmals Notrc-Dame-
de-l’Epinc zugcvvicscn wird und die im Karalog aucli dorr behandclr werdend Dassclbe
gilt Hi г das Zeichen mit dcm hi. Fiacrius von Brie' und das scchscckigc Maricn/cichcn *.
Dcr rundgiebelige Anbangcr (Nr. 6) enthiilt neben dcm Gitrerguss auch noch Resre
eincr Hintcrlcgung, vvobci cs sich in Anlehnung an die cigcntlichen, romischen Agnus
Dei uni Wachs handcln konnte. Nr. 1 stellr wahrscheinlich eine Kapsel dar, in dcr
Wachs verwahrt wurde odcr sic imitiert eincsolchc. Die Herkunft dieser Objekte blcibt
im Dunkcln. Die beiden lerzrgcnannten konnten wegen der vermuteten Einlage aus
geweihrem (?) Wachs eventuell aus Rom srammen.
Bei Nr. 3 darf cine Verbindung zu cincm bestimmten franzosischen Wallfahrtsort
verinutct vverden. Es handclt sich im Gcgcnsatz zu den iibrigen um cine rahmcn lose
4 Anhangcr (?), Gitrerguss, rund mirpcrl-
schnurgcfasstem Rundrahmcn
Inventar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.102
Майе: Durchniesser: 16 mm
Material: Blei-Zinnlegicrung
Datierung: 15./16. Jalirhunderr
Vcrgleiclisstuckc: Клт. Pcri.in 2008, b. 328.
Nr. 153. S. 332. Nr. 165. S. 333. Nr. 168. - Kos-
terkartei Agnus Dei Тур A I a. - HF.i.niN’c: 1911,
S. 75. TjIcI XXXVI, 7. Rcilie. I. von links in
spiegelvcrkehrter Ausliilirung. Клг. Worms
2001, S. 148. N'r. 127
5 Anhangcr mit Osc, Gitrerguss, rund,
mit urspriinglich sicbcn (crhalten fiinf)
Zungcn befesrigt im zweischaligen mit
Wurfclaugen, Kugcln und gedrehtcr
Schnurvcrziertem, hcrzformigen Rahmcn
Inventar-Nr.: Naiionalniuseum Prag 112-68.197
Майе: Holie 33 mm, Breite 23 mm
Material: Blci-Zinnlcgicrung
Datierung: 15- Jahrhmulert
Vergleichsstiicke: Kosterkariei Agnus Dei Typ A
II c
2 Y'gl. unien Nr. 97 uiul Nr. 102.
3 Vgl. unien Nr. 171.
4 Vgl. unien Nr. 111.
6 An hanger mit Ose, Gitrerguss, hoch-
rcchtcckigmit Rundgicbcl, mit perlschnur-
verziertem Rahmcn im zweischaligen mit
gedrehtcr Schnur verziertem, hochrecht-
eckigen, rundgicbeligcn Rahmcn, ur-
spriinglich Hintcrlegung mit unbekann-
rem Material
Inventar-Nr.: National museum N2-68.198
Майе: Hohe 32 111111, Breite 21 mm
Material: Blei-Zinnlegieriing. Reste von unlie-
kanntem Material
Datierung: 15. Jahrliumlert
Vergleielisstiicke: Ka'i. Bf.ri.in 2008. S. 329,
Nr. 156. - Kosterkartci Agnus Dei Typ Alla
Christus
35
Brosche, die mit einer riickseitigangebrachten Nadel an der Kleidung befestigt vverden
konnte-einetypischeAus(uhrungbei franzosischen Pilgerzeichen. Hans von Waltheym,
der 1475 cine Wallfalm zu den Kultorten der Maria Magdalena in der Provence inner-
nahm, vermerkt in scinem Reisebericht den lirvvcrb von Agnus Dei in Sr. Anroinc-cn
Viennois (Departemenc Iscrc), dem Srammkloster des Anronirerordens.s Da das Kloster
am Jakobusweg, namlich an der via tolosana lag, diente es aucli als Station fur durch-
reisende Jakobspilger.1’ Daher ist zu erwagen, ob Nr. 3 aus Sr. Antoine stammt. C.H
5 H-\i;i-к 197 5. V 7l. uml 36-39.
6 Wr.m.i 1925. S. .V'i siclic nutli I9f.
7 Allcrdings ist inikl.ir. ob о sidi bci den cr-
\v:i hnii-11
Agnus IV. tin, met.,
1 lli-iii
Zi-ii lii-ii
odcr uni
Anhanger mil gcwi
i liter
11 Wadis
liaiuli-lt.
1 l.ui.N von W.ililu-ym
lloti;
■i.c ledig-
iiclt .....e
it lie lie aguiis ilci. die
iclt ,
tcit same
Ant linn ins gckoulil li.ittc..."
Wit
ill 192s.
S. 34
Dornenkronc (Paris, Sainte-Chapelle?) (8)
Die Dornenkronealsein Sinnbild der Passion Cbrisii begegnei bei Nr. 8 verbunden mil
einem Krcuz in Form eines als Gitterguss ausgcfiihrten Anhiingcrs. Der Dornenkran/.
umschliefit ein kompakres, stramingemustertes und perlschnurvcrziertes Krcuz, in
dessen Mitte sich cine ebcnfalls krcuzformige Aussparung beHndet. Gerade diese Aus-
sparungzeigt, dass ein Rcliquienkrcuz und nicht ein Kruzifixus dargesrellt vverden soil.
Aufgrund der Symbolik - Dornenkrone und Krcuz - und der wahrscheinlichen
Herkunft aus Frankreich, vviire es denkbar, dass dieses Stiick mit der Reliquiensamm-
lungdes franzosischen Konigs Ludwig IX. des Hciligcn (1214-70) im Zusammenhang
stelit, der 1239 aus Konsrantinopel neben andcrcn kostbaren Rcliquien auch die Dor-
7 Anhanger mit Cse, rahmenloscr Gir-
terguss im zweischaligen mit Wiirfelaugen,
gedrehter Schnur und Bogenfries verzier-
tem Sechseckrahmen
Invcniar-Nr.: Naiionalmuseum H2-6K.158
Mafic: Hohc 39 mm. Brciic 32 mm
Material: Blei-Zinnlegierung
Daiicrung: 15. Jalirhundcrt
Vcrglcichssriickc: Kbsrcrkartei Agnus Dei Typ A
II a. - Kat. Worms iooi, S. 152. Nr. 135. ahn-
lich, nur spicgdvcrkcbri und mir Verkiindi-
gungss/ctie auf der Riiekscirc, SiM-.Nt:i:u 1998.
S. 172. Nr. 191a, hier vvohl irrtiimlidi einer
niche benannicn cnglischcn Kultsiairc zugcvvic-
8 Anhanger, Gitterguss, annahernd oval
Invcniar-Nr.: Nationalnniscuin H2-68.214
Mafic: Hohc 41 mm. Broke 26 mm
Maicrial: Blci-Zinnlcgicrung
Darierung: 14./15. Jalirhundcrt
Vcrglcichssi lit kc: kcinc
9 Gitterguss, Anhanger, rahmenlos
Invcniar-Nr.: UI’M 5623
Mafic: Hohc 34 111111. Brciic 34 mm
Material: Blci-Ziniilcgicrimg
Daiicrung: 15. Jalirhundcrt
Verglcichssiiickc: 1 IP II, S. 362. Nr. 1525
l.itcratur: Kc>i:nii:sm.\rkov.\ 197“ S. 119.
Nr. 105
36
rilgcrzeichai
ncnkrone Christi ervvarli und sic in tier eigens zu diesem Zweck in Paris errichrcren
Sainie-Chapelle verwahrcn lief$.'s Insofern konntc das Stuck ein Souvenir der Sainte-
Chapellc von Paris bzw. einer ilircr Nachfolgebauten in den Residenzcn der Neben-
linien des (ranzosischen Konigsliauscs gevvescn sein. CB
»IHS«-An hanger (9-13)
Das soil deni Sparmitrelalter gebrauchliche »1HS% eine missversrandene Form der
griecliisclieii Schreibung des Namens »IHXOYX«, begegner all deni 15. Jahrhundert
gehauft im Kontext religioser Kleinkunst. Es trat, besonders durch die Predigt des
Ы. Bernardin von Siena gefordcrt, an die Stelle der iiltereii Chrisrusmonogramme (1C,
XC, und XPS)/’
Die fiinf IHS-Anlianger der Prager Sammlungcn bcsrehen fast alle aus zvveiteiligen
Rah men - rhombcnformig bei Nr. 10, herzformig bei Nr. 11 b/.vv. rund bei Nr. 12f. -,
die u. a. mil gedrehren Randcrn oder Pcrlschnurverzierungen versehen sind und cinen
Gitter- oder Flachguss mil dem Christusmonogramm einfassen. 1m Fall von Nr. 9,
einem rahinenlosen Gitterguss, bei dem die drei IHS-Eettern miteinander vcrflochrcn
sind, wird erst im Vergleich mil einem nahezu identischen Fundstiick aus dem nie-
dcrlandischen Nieuwlande klar, dass es sich auch hier um einen Anhanger handclre.1"
10 Anhanger, Flachguss im zvveiteiligen,
rhombusformigen Rahmen, aufder Riick-
scite Einlage aus Glimmer
Invcntar-Nr.: l.TM 5738
Mafic: f lohc 23 mm
Material: Blei-Zinnlcgicrung
Daricrung: 15. Jalirhundcrt
Vergleiclissiiicke: Kosrcrkartci lypuvR V'lll I t: 3
L.itcraiur: Koiniosmarkova 1977.8. 117.
Nr. 102
11 Anhiingcr, Gitterguss im zvveiteiligen,
herzformigen Rahmen
Invcntar-Nr.: UPM 5743
Mafic: Hohe 29 nun, Brcite 22 mm
Material: Blci-Zinnlcgicrung
Datierung: 15. Jalirhundcrt
Vergleiclissriickc: Kdstcrkartci Typus В V'lll I c
l.iteratur: Kof.nic.smakkova 1977, S. 117,
Nr. 101
8 Jean Kii iiaki). Art. Iiuhriy AY. ft. tit.. in:
1.ПМ 5.Sp. 2186.
9 In diiumui 19Я. S. 718-718. - Josel Lni;f-
mans. Arl. Christusnwnof>rannu, in: 1.D.V1 2.
Sp. I943H".
10 IIP 11, S. .362. Nr. 1525.
12 Anhanger, Gitterguss im zvveiteiligen,
runden Rahmen
Invcntar-Nr.: UPM 5744
Mafic: Hohe 27 mm, Durchmcsscr: 24 111m
Material: Blci-Ziimlcgicrung
Datierung: 15. Jalirhundcrt
Vcrglcichsstiickc: Kcisierkartei Typus В V'lll 3 a
l.iteratur: Koknicsmarkova 1977. S. 116.
Nr. 100
Christm
Der Buchstabe »l« in tier Mitre war urspriinglich iiber die rcstliche Formation liinaus
verlangcrt, so dass ein Kreuz. enrsrand. Bei dem F'xemplar aus den Niederlanden gibr
es oben an dieser Vcrlangcmng cine sell rage, geschvvungene INRl-Tafel und cine Ose.
l:iir das hier vorgestclltc Pragcr Stuck ist beziiglich seiner urspriinglidien Gestalt ganz
A h n I iches a n/.u neli men. CB
Das Christkind mit den Leidenswerkzctigcn (14)
Darstellungen dcs nackren Cliristkindes vvaren besonders in der Druckgrafikdes spaten
15. Jahrluinderis weit verbreitet. Dieses RildthemawurdehaufigmireineniSpriichband
verbunden, das ein «Cures Neues Jalu« angekiindigr. Desbalb triigt dieser Typus von
pjnblattdrucken aucli den Namcn »Ncujahrswunscli«." Die Verbindung des nack-
ten Cliristkindes in stehender oder sitzender Haltung mit Symbolen der Passion wie
dem Kreuz, der Lanze, der CieiRel oder dem Rohr mil dem Essigscbwamm, d.h. den
Arma Christi, begegnet aucli in der Druckgrafik liaufig.,: Dagegen ist diese Blecbpra-
gung, die moglicherweise eine Nadel zur Befestigung als Anstecker besaK, ein bisher
singulares Stiick. Wiihrcnd die Verbindung des Cliristkindes mit Kreuz, Speer und
Essigschwamm zum normalen ikonografisclieii Programm der Drucke geliorr, ist die
Ersclieinung des Engels ungewobnlich. Die Interpretation der gedruckten Neujahrs-
griiKe als Cliicksbringcr lasst sich wohl aucli auf dieses Stiick iibertragen. HK
13 Anhanger, Flachguss im zwcitciligcn,
rundeii Rah men
Invcntar-Nr.: National museum Pr.tg 112-68.107
Mafic: Durclimesscr: 23 mm
Material: Blci-Zinnlegierung
Daticrung: 15. Jalirluindert
Vcrgleichsstiiekc: Kosterkartei Typus В V'lll 1 a 1
14 Brakteatenartiger Anstecker, auf der
Ruckscite Lotstelle (evrl. fur eine Nadel),
das Blech zwischen Kreuz, Cbristuskind
und den Leidenswcrkzeugen ist teilweise
weggebroclien
Inventar-Nr.: Nationalimiseum Prag 112-68.204
Material: Kupfer / Messing (:)
MaKc: Hohe 25 mm, Breitc 22 mm
Daticrung: spates 15. / frillies 16. Jahrhiindert
Vcrglcichssriickc: kcinc
II Vgl. Мкп/. 191-
12 Vgl. I h it/. 1917, N1. 20. 22, 23. 27. Kai.
Mi'Ncati N Nr. 331.
15 Pilgerzeichen, Bmselie mil Anstcck-
nadel bin ten, kompakter Flacliguss, hoch-
rechteckig oben mil Kielbogcngiebel
ln\cniar-Nr.: UI’M 5755
Malic: I lobe 37 mm. Breitc 25 111m
Material: Blei-Zinnlcgicrimg
Daticrung: 13-/14. Jahrliuniiert (?)
Vcrgleichsstiiekc: Kostcrtlatei: Kreu/iginig IV-
pus dreiligttrig, C 1.2.1». - K.vr. Bi.ri.in 2008.
S. 311. Nr. 112. - Kai. Worms 2001. .5. 74,
Nr. 1. ViLi.NOi-.11 19S9. - I ln.BlNt; i*;i I. Tafel
XXXV'I oben retlits: Briissel Koniglielie Rililio-
tliek. Miin/.kabinm (ehemalige Saiiimlung Dis-
sard)
L.itcratur: Koi.niosmaukova 19-7. S. 107.
Nr. 85. Kai. I’ii.-u; 1986, 5. 24. N1. I70
38
Vilgerzeicbat
Kreuzigungsdarstellungen (15-24)
Krcuzigungsdarsiellungen sind bis zum 8. Jahrhundcrt ehcrselren zu finden. Erst ab
dem ausgehenden Hochmirtclalrer erlangre der Opfertod Christi gnmdlcgende sakra-
mcntale Bedeutungund somir auch einezentrale Stellung ini christlichen Rildkanon." 13 K.ul Nii.uk, An. Kuuzigun^ Christi, in:
Insgesamt zehn Objckte dcr Prager Sammlung /.eigen cine solche Krcu/igung mit 1 l)f;1 **’ SP- b(>^
Beifigure». Acht davon sind Pilgcrzcicbcn: Nr. 15-18, 20, 22-24.
Ingrofiercr Sriickzahl hcrgcstcllt und damit wold als Pilgcrzcicbcn anzusprechensind
die Exemplare Nr. 15 und 16. Sie zeigen grofic Ubcrcinstimmung in dcr Darstellung,
zudem sind weitere Exemplare aus anderen Sammlungen bekannt. Die Darstellung
zeigt Cbrisrus mir Triumphnimbus an einem stramingemusterren Kreuz. Dcr Korper
sclnvingi ab der Eliifte nacb links. Markant sind die Enden des Krcuzcs, die von je drei
zum Dreieck zusammengestellcen Wiirfelaugen gebildet werden. Flankiert wird der
Kruzifixus von zvvei Figurcn - links von Johannes, rechts von Maria. Auffallig sind das
Scheibenantlitzdes Mondes und das Sonnenrad, diezu beiden Seiten uber dem horizon -
talen Kreuzbalkcn ersebeinen. Die Darstellung des Gekreuzigten mit Triumphkreuz-
nimbus und den Gestirnen begegnet vor allem im byzantinischen Raum.u Auch die 14 F.bd., Sp. 1505.
iibergroften Hiinde und diesteife aber nicht ganz parallele Fattenfiibrung der Gevviindcr
der Trauernden deuten in diese Richtung. Daher konnte es sich hier um die Wiedergabe
cinesBildobjcktcs byzantinischen Ursprunges zuhandeln.viellcichteinerStaurotbekoder
einer lkonc, die mdglicbervveise ini Zeitalter der Krcuzziige nacb Frankreicb gelangte.
16 Pilgcrzcicbcn, Broschc mir Ansrcck-
nadel hinten, kompakter Flachguss, hoch-
rccbieckig oben mit Kiclbogengiebel
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.062
Mafic: Hohe 34 mm. Brcitc 26 mm
Material: Blei-Zinnlcgierung
Daticrung: 15. Jahrhundcri
Vcrglcichsstikkc: Kat. Nr. Kal Kostcrdatei,
Krcu/.igung Tvpus dreifigurig, C 1.2.1», Kat.
Berlin 2008, S. 311, Nr. 112. - Kat. Worms
2ooi, S. 74 Nr. 1. - Vii.i.Nt;tR 1959. - Helbinc
191 I, Tafel XXXVI oben rechts; BriisscI Miinz-
kabinett. Sammlung Dissard (nach Kostcrkartci,
SainincHoio Brussel .3, 1. Reilie in dcr Mine)
17 Pilgerzeichcn Broschc mit Ansteck-
nadel hinten, kompakter Flachguss, hoch-
rcchtcckig oben mit schwach kielbogenfo-
migem Giebel mit Krabben
hiventar-Nr.: National museum Prag H2-68.061
Mafic: Hohe 40 mm, Breitc 27 mm
Material: Blci-Zinnlegierung
Datierung: 15. Jahrluindert
Vergleichssriicke: Brcna 1996, S. 70, Nr. 41
18 Pilgerzeichcn, Broschc mit Ansteck-
nadel hinten, kompakter Flachguss, hoch-
rechteckig oben mit halbrundem Giebel
Inventar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.063
Mafic: Hohe 37 mm, Bieitc 2!) mm
.Y1.-ircri.-il: Blei-Zinnlegiemng
Datierung: 15. Jahrhundert
Vcrglcichsstikkc: Brcna 1996, S. 70, Nr. 35-37
Christ us
У)
Auch Nr. 17 zcigt - allerdings in einer ctwas abgewandelten Bildsprache - dicsc
Symbolik. Ubcr dcm Horizontalbalken srcht cin Halbmond imd aul der anderen
Seite das Sonncnrad. Пег Gekrcuzigte ist ohne Triumphkreuznimbus abgebildcr und
wesentlicli kleiner dimensioniert als die Hankierenden Figuren, Johannes und Maria,
die ihrerscits ohne die iibergrofien Hiiiule erscheinen. Dieses Zeichen gelu wolil nicht
aufdasselbe Kultbild wie Nr. 13f. zuriick. Doch auch hier ist eine Orientierung an
byzantinischcn Vorbildern erkennbar. Gleiches gilt fiir Nr. 18, dessen wcscntlichcr
Untcrschied zu den vorgenannten Exeniplaren ist, dass hier zwei Frauen figuren den
Gekreuzigtcn begleiten, evil. Maria und Maria Magdalena, und dass eine INRI-Tafel,
die erstmals seit deni 12. Jahrliundert in der Darstellung iiblicli wird,\ am oberen
Knde des vertikalen Krcuzesbalkens zu sehen ist.
Die Pilgerzeichen Nr. 20, 22-24 zeigen eine eher abendlandische Gestalcung ohne
die Gestirne und шit geschwungener INRl-Tafel. Diese Form der Tafel ist ein Indiz
dafiir, dass die Vorlage fiir das Zeichen bzvv. das Zeichen selbst fruhestens im 13. Jahr-
hundert etusranden sein konnen.
Bei all dicscn Zeichen ist an ein Gnadcnbild als Vorlage zu denken. Insbesondere die
drei letzgenannten sind aber zu unspezifisch, als dass eine lokale Zuordnung ohne wei-
teres gelingen konnte. Etwas giinstiger srcht es bei der Identifizierung des Hcrkunfcs-
ortes der Zeichen Nr. 15f. Die spezifische Gestalcung, die wahrscheinlich auf eine
byzantinische Ikone oder Sraurothek zuriickgeht, und der Unistand, dass mindestens
19 Bcschlag, kompakter Flachguss, wap-
penformig m it fiitif nachtraglich gesetzten
Durchlochungen
Inwnrar-Nr.: Naiionalmuscum Pr.ig 112-68.069
Mafic: Hiilic 25 mm, Breitc 25 mm
Maicrial: Blci-Zinnlcgicrung
□nticrung: 15- Jahrhundcri
Y'crglcichssiikkc: kcinc
20 Pilgeizeichen, Broschc mit Ansteck-
nadel hinten, kompakter Flachguss. Iiocli-
rechteckig mit kreuzgcschmucktem Drei-
ccksgiebel
Invcniar-Nr.: Naiionalmuscum I’rag Н2-68.0Л)
Mafic: H6hc31 mm, Brciic 19 mm
Maicrial: Blci-Zinnlcgicrung
□aliening: 15. JahrluinJcn
Vcrglcielissiikkc: kcinc
15 Heinrich l.AAC.ticza Jazai.An. Kn-uztr,i]>uii£.
I.CI 2. Sp. 6 i9.
9
21 Anhanger, riind, zwcireilig, eine Ose
obeii, Flachguss in pcrlschnurvcrziertem
Rundrahmeu mil vier Ziingen als Halte-
rung des Bildes auf der Riickseite
lnvcniar-Nr.: Naiionalmuscum Prag 112-68.121
Malic: Durchmcsscr 21 mm. I lolic31 mm
Material: Blci-Zinnlcgicrung
□alicrung: 15. JalirhuiHlcri
Vcrglcichssiiickc: kcinc
40
Pilgerzeichen
drei weitere identische Zcichcn aus andereti Samnilungen bekamit sind, spreclicn liir
cincn bcdcutcndcn Wallfahrrsorr, desscn Idcntitat allcrdings nodi nichr gckliirt ist.
Audi bei Nr. 24 handelt es sicli um cine rcchrcckigc Plakette, die auf einem stramin-
gemusterren Hinrergrund, bei dcr jedc Raute mittig mit einer kleinen Kugel verschen
wurde, den gekreuzigren Korpus ohne Kreuz und ohne Bcifiguren zeigt. Das Stuck
кошке mittels einer riickseitig angebrachten Nadel an der Kleidung befestigt vverden.
Audi liier ist die Herkunft unklar.
Die Excmplarc Nr. 19 und 21 sind kerne Pilgerzeichen. Nr. 19 diente ursprunglidi
als Bcsdilag, vielleicht an einem kleinen Altarclien. Seine elier einfache Ausfiihrung
spricht zudem fiir eine allgemeine, niclit auf ein best mimics Kultobjckt bezogene
Darstellung. Nr. 21 bingegen ist durchaus aufwiindig gearbeitet. Neben der Kreu/.i-
gungsdarstellung auf dcr Vorderseite triigt die Bildplakcttc, die mit vier Zungeii in
einem Rundrahmen befestigt ist, ein Triumphkreuz auf der Riickscitc. Audi hier ist
wegen der iehlendcn individucllcn Merkmale fraglich, ob sidi die Abbildungan einem
spezifisdien Vorbild orientiert oder ob es sidi um cine typisierende Darstellung des
Bildhemas handelt. CB
Kreuzabnahme (25)
Der Gitterguss Nr. 25 zeigt in einem hochrecliteckigen Bildfeld die Kreuzabnahme
durcli Joseph von Arimathaa. Dieser stelit links als biirtige Gestalt im langcn Gevvand
und ninimt mit ausgcstreckten Armen den Korper Gliristi, welchcr teilweise schon
22 Pilgerzeichen, Brosche mit Ansceck-
nadel hinten, Gitterguss, rund mit perl-
schnurvcrziertem Rahmcn
Invcntar-Nr.: Naiionalmuscum Prag H2-68.199
Mafic: Durclimcsscr 23 mm
Material: Blci-Zinnlegicrung
Daticruilg: 15. Jahrluiiuleri
Verglcichsstiicke: kcinc
23 Pilgerzeichen, Brosche mit Ansteck-
nadcl hinten, Gitterguss, hochrechteckig
oben mit von Fialen flankiertem Drei-
ecksgiebel
Invcntar-Nr.: Naiionalmuscum Prag H2-68.201
Mafie: Holic 27 mm, Brciic 2'i mm
Material: Blci-Zinnlcgierung
Daticruilg: 15. Jahrhundert
Vcrgleichsstiickc: kcinc
24 Plakctie, hochrechteckiger Flach-
guss, Korpus ohne Kreuz, Nadel aul der
Riickseite
Invcntar-N'r.: Natioiialnuiscum Prag H2-68.064
Mafic: Holic 29 mm, Brciic 25 mm
Material: Blci-Zinnlcgierung
Daticruilg: 14./15. Jahrhundcri
Verglcichsstiicke: К at. Worms aooi, S. 75. Nr. 2
Chrisms
41
vom Krcuz gelosi ist, in Hmpfang. Zur Rechten knicr cine weiterc Figur, wolil Nikti-
dcnius, cbenfalls im langen Gcwaiul «line Bart und halt die Fufse des Gekreuzigten.
Der Ursprungsort des Zeicliens ist unklar. Am eliesten ist ail ein wundcrtatiges
Gnadcnbild als Kultbild z.u denken. Die Darstcllung der Kieuzabnahme ist seit deni
9. Jahrbuiulert sowohl ini Abendland als aucli im bv/antiiiischeii Raum vveii verbreitet.
Das Fchlen von weitcren Assistenzfiguren konnte in die Zeit bis uni 1400 deuten, da
dieses Szene seit deni beginnenden 15. Jahrhundert meist mit einer grofieren Zalil von
Personcn ausgestaltet wurde."’ Stilistiscli weisen die Krabbcn und Iialen am Rah men l(> Miklos Boskovus. Gcza |a/.ai. Art. kinu-
in das spate 14. und 15. Jahrliunderr. Cti .ibmtlmie. I.U 2. Sp. v)()-v).3.
Kreuzreliquiar (Bourbon L’Archambault, Sainte-Chapelle) (26)
Die brakteatenartig in Messingblech cinseitiggepriigte Plakette zeigt ein grofies Kreuz¬
reliquiar, das von einer machtigen Lilicnkrone geziert und am Fuft von einem Giirtel
uinsclilungen vvird. Links neben dem Kreuz stehen die trauernde Maria und Johannes,
reclits wendet sich die Gestalt der Maria Magdalena mit dem Salbgefaf? dem Kreuz
zu. Die Lilien in der oberen Hiilfte des Bildfcldcs und dcr schmale Schragbalken
verweisen heraldisch auf das Wappen der Hcrzogc von Bourbon und damit auf die
Sainte-Chapelle von Bourbon I’Archambault (Departement Allicr) als Herkunfrsort
des Zeichens. Seine Ikonografie wurde von Jos Koldcvveij 2010 erstmals gedeutet;
diese Interpretation wird hicr iibernommen.1 Das Zeichen zeigt ein Kreuzreliquiar, 17 Koi.diwlij 2012.
das 1397 von Herzog Louis II. von Bourbon fur eine Kreuzpartikel und einen Dome
25 Brosche mit Anstecknadel binteii,
Pilgcrzcichen, Gitterguss, hochrechtcckig
mit Kiclbogengiebel, Fialen und Krabbcn,
ursprunglich vicr Zungen, zwei davon nur
rudimentar erhalten 26Inventar-Nr.: Naiionalmusctim Prag H2-68.233
Мабс: Hiihc 44 111111, В rate 22 rum
Material: Blci-Zinnlegierung
Darierung: 15. Jalirliinidcrr
Vcrgleiclissiiickc: kcinc
26 Pilgerzeichen, kreisrunde brakteaten-
formige Blechpragung mil zwei naclitrag-
lichcn Lochungen
Inventar-Nr.: Natioiialmiiscum Prag Н2-В8.0^7
Майе: Duidmicssii 25 nun
Material: Mcssinghlcch
Daiiernng: 11111 I5B0
Vcrgldclisstikkc: keine
42
Vilgerzeicht’t
der Dornenkronc Cliristi gestihet wurde. Diese Rcliquicn waren 1287 durch den
Grafen Robert von Clermonr-cn-Bcauvaisis, cincm Sohn Ludwigs des Heiligen von
Frankreich, a us der Pariser Sainte-Chapelle in die Auvergne gebraclu worden. Herzog
Louis 11. srifrere 1370 den Orden der »Notre Dame du Chardon«, der wegen seines
Ordenszeichen, eines Giirtels mir der Inschrift »Lspcrancc« (Hoftnung) auch »Ordre
de I’Fsperancee genannt wurde. Aufdieses Ordenszeichen verweist dcr Giirrel am Fufi
des Kreuzreliquiars. Schon im 14. Jahrhundert war in Bourbon LArchambaulc eine
Sainte-Chapelle als Nacbbau des Pariser Vorbilds enrstanden, die unrer der Regierung
des Herzogs Johann 11. von Bourbon (t 1488) und seines Nachfolgers Pierre II. von
Bourbon (t 1503) durch den Bau einer zweiten Sainte-Chapelle erganzt wurde, den
man 1508 weihte. Hier wurde das Kreuzreliquiar bewahrt, das in der Franzosischen
Revolution wie die Gebaude des Schlosses mir den zwei Kapellcn unterging. Die Hcr-
stcllungdes Zeichcns als brakteatenartige Pragung verweist aufseinespate F.ntstehung
um 1500, moglicherweise auch im Zusammenhang der Weihe von 1508. HK
T1 Andachtsbild mit StandluR (verlorcn),
dreischaliger Guss
Invcntar-Nr.: Natinnalnniseum Frag H2-68.184
Mafic: Hohc 44 mm, Breite 23 mm
Material: Blci-Zinnlcgicrung
Daricrung: spates 15./ Iriihes 16. Jahrhundert
Vcrgleichsstitckc: Historisches Museum Basel,
Invcniar Nr. 1904.2146
28 Andachtsbild mir StandfulS, drei-
schaliger Guss
Invcntar-Nr.: National museum Frag 112-68.249
Mafic: Hohc 58 mm, Breite 25 mm
Material: Blci-Zinnlegierung
Daiierung: spates 15./ frillies 16. Jalirhiinderi
Vergleielisstiicke: Historisches Museum Basel.
In vent а г Nr. 1904.2146
29 Brosche mit Ansrecknadcl, Flach-
guss, oval
Inventar-Nr.: Nationalmuseum Frag H2-68.I08
Mafic: Hohc 30 mm, Breite 23 mm
Material: Bronze
Daricrung: 15-/16. Jahrhundert
Vergleielisstiicke: kcinc
Chrisms
43
Salvator muntli (27, 28)
Im Spatmittelalrer kam in der alrnicdcrlandischen Malerei das Motiv dcs Salvator
tnundiauf, ein Bild dcs auferstandenen Christus, der die eine Hand /.um Segcnsgcstus
erhebt, wall rend die anderc einen Reichsapfel b/.vv. die Spaira halt. Zunachst nur als
Biistc ausgefiihrt, wurde er spacer auch ganzfigurig dargestdlr, meist im Kontext der
Apostelversammlung oder der Ausscndung der Apostel.1* 18 Anton Iicnir. An Chnstm. Chnm,>b,M.
Zwei kleineFlachgiissemitder Darstellimgeincsgaiizfigurcn Salvacor niundi finden 1 *' sl’- /{
sich in der PragerSammlung. Beidestimmen stilistisch in so lioliem MaE iibcrein, dass
sie wohl aus dersclbcn Wcrkstatt scammen. Moglicherweise ist auch cinegemeinsame
Vorlage, vielleiclu ein Andachtsbild, anzunehmen.
Der Hciland stelit frontal, er ist bartig und tragt schulterlanges, glattes Haar. Sein
Hauptumgibtein Kreuznimbus. DieEnden desKreuzeslaufenin Lilien aus. DieFalten
seiner langcn Tunika mit rundem Halsausschnitt fallen im Bereich des Oberkorpeis
leicht geschwungen langs herab, unterhalb der Brust liegt das Gewand in Querfalten.
Es ist hoch fiber dem linken Knie gerafFt, so dass beidc Unterschenkel ciuhluBi sind.
Die nackten FiiRe Christi stehen auf einer Standleiste in Form einer stilisierten Wiese.
Die eng am Korper anliegenden Armesind ah dem Ellenbogengelenk erhoben, derlinke
prascntiert den Reichsapfcl, der rechte ist zum Segen erhoben. Bei beiden Exemplaren
ist die Segenshand verloren. Ein Blick auf die Riickseite zeigt mittigim unteren Bereich
eine verdickte Lotstelle, wclche auf die Verwendung als Aufsrellfigurchen mit Stand-
fuf? verweist, also wohl als Andachtsbild im Kontext privater Frommigkeit. Wahrend
der StandfuR bei Nr. 27 fehlt, ist bei Nr. 28 ein runder, mit acht Speichen und Perl-
schnurrand versehener Standful? angclotct. Ob diese Verlotung des Zcichens mit dem
fraglos originalen spatgotischen FuR im Kunsthandel vorgenommen wurde, bei einer
spacer Restaurierung im Museum entstand, oder ob bier der urspriingliche Zusrand
bewahrt wurde, liisst sich nichr sagcn. Auch die urspriingliche Herkunft der Stiicke
bleibt vorerst im Dunkeln. Allerdings konnte das vor allcm in den Nicderlanden ver-
breitete Salvator-mundi-Motiv eine Entstehung in diesem Raum nahelegen. CR
Heilige Trane Christi (St. Larme), Vendome (29, 30)
Die um 1040errichteie Abtei LaTrinite in Vendome (Departement Loir-et-Cher) kam im
12.Jahrhundcrt in den Besit/.einer cinmaligen Reliquic: Hicrwurden in einem prachtigen
Reliquienkreuz die Tranen verwahrt, von denen es hicl?, dass Jesus sie aus Trailer iiber
den gestorbenen Lazarus vergossen babe.19 Angeblich stammte die Tranenreliquie aus
derSchatzkammerdesbyzantinischcn Kaisers Michael IV. Paleologus (1034-41). Dieser
habe sie Geoffrey Martel (1006-60), dem sechstcn Grafen von Vendome und Griinder
der Abtei, als Dank fur dessen Sieg iiber die Sarazenen zum Geschenk gemacht.’0 Viel
wahrscheinl icher ist es, dass Geoffrey Martel das Reliquienkreuzzusammen mitanderen
Reliquicn, wie dem Arm des hi. Georg, von Kaiser Heinrich III., dem Sclnviegersohn
seiner zweiten Frau Agnes von Poitou (1024-77), bekam. Daraufdeutetdielnschriftauf
einer der Holzkistcn, in denen das Heiltum urspriinglich aufbewahrt worden war. Sie
laurere »HENRICO NIKF.RS DAT« und verweist damit auf cine Schenkung Bischof
Notgers von Freisingen an Heinrich 111.21 Dicengevcrwandtschaftliche Beziehunglegt
den Gedanken an eine solclie Schenkung jedenfalls nahe.
Besonders zum Hauptfe.st der Abtei am 17. Dezember, dem Tag der Erweckung
des Lazarus, stromten die Pilger nach Vendome. Eine Quelle aus den I430er Jahren
liefertdetailliertelnformationen iiber den liturgischen AblaufderFcier.22 Das Reliquiar
mit den Heiligen Triinen wurde prozcssionaliter aus der Kirche durcli die StraRen der
Stadt getragen und nach der Prozession im Seitenschiff unrer einem Baldachin auf-
gestellt. Ein Priester predigte iiber die Auferstehung dcs Lazarus und pries dabei die
Stadt Vendome sowie ihr grofies Gliick, einen solchen Scliatz wie die heiligen Tranen,
19 biMON 1834. S. 321 - Dominique Bari i.t 1 niv,
Art. Vendome, in: I .DM 8. Sp. И561.
21) Bot.RTjr.s 2005, S. 445
21 Klul
22 Simon 1834, S. 330f.
44
Pilgerzeichen
ibr eigen nennen zu konnen. Am lindc wurde das Reliquiar unter Gesiingen zuriick
an seincn rcguliiren Ort gcbracht.
In Vendome wurdcn Ampullar’ und Pilgerzeichen an die Glaubigen verkauft.
Dabei handcltc es sich auch urn Anhiingcr in Gestalt cines stark geschwungenen Trop-
lens (teilweise im Schnabel ciner Heilig-Geist-Taube), die als Abbilder der Trane Jesu
galten.2'' In der Prager Sammlung gibt es eincn ovalcn Flachguss (Nr. 29), der liierzu
starkc Parallelen aufvveist. Eingefasst in einen gcdrchtcn Rand tbrontdie Gottesmutter,
Christus auf ibren Knien haltend, iiber einer Mondsicbel. Hinter ihr erhebt sich ein
Kreuz, iiber dessen oberem Vertikalbalken die Dornenkrone hangc. Zu beiden Seiten
der Pieta, unterhalb dcs Horizontalbalkens sind zwei geschvvungenc, tropfenformigc
Gebildc dargestellt. Diese Tropfen ahneln der Darstellung dcr Trane auf den aus der
Abtei bisher bekanntcn Pilgerzeichen stark. Das Kreuz konnte auf das Kreuzreliquiar
von Vendome deuten, so dass mit guten Griinden zu vermuten ist, es handle sich um
eine bisher unbekannte Variante der Saint-Larme-Zeichen. Diese Vermutung vvird
dadurch gestiirzt, dass auch cinigc der bisher bekannten Zeichen auf der Riickseite
cine Pieta zeigen.iS Der kleine Prager Flachguss hat auf der Riickseite eine nur noch
30 Pilgerzeichen, hochrechteckigcr Brak-
teat mit Dreiecksgiebel
Inventar-Nr.: Naiionahmiscum Prag H2-68.075
Mafic: Hcihe 29 nun. Breitc 20 mm
Material: Kupfcrblcch mit Resten einer Vergol-
dung (r)
Daricrung: 15./16. Jahrhunderi
Vergleichsstiickc: keinc
23 Sit.Ncr.it 1998. S. 2271'. -1 IP I. S. 21711'.. S. 217.
Nr. 443 und 444. - HP 11. S. 331II'. Nr. 1383-
1390. - Bruna 1996. S. 69, Nr. 6.2. - Kmtcr-
datci, Typus Btitiltigiic-siir-mcr N.H
24 K»sri-:K, Vendome, St.c I.armc, Typus С. I, C
II.
25 Boeifi jfcs 2005, S. 461.
31 Anhangcr/Kleiderbesatz, gerahmter
Gitterguss, Kruzifixus mit Arma Christi,
mit vier Lochern an den Kreuzenden und
einer Osc oben, Riickseite ohne Gestaltung
Invcniar-Nr.: UPM 5788
Mafie: Mohc 234 mm, Brciie 110 mm
Inschrift: spiegelverkchri »INRI«
Material: Blei-Zinulegierung?
Datieruug: 15. Jahrhundcrt
Verglcichsstiicke: keinc
32 Anhiinger, Vollguss, Cruzifixus, beid-
seitiggestaltctmitKorpusundmitgefasster
Einlage im Kreuzungsbcreich der Balken
auf der Riickseite
Invcntar-Nr.: UPM 5665
Mafic: Hohe 34 mm, Brcitc 18 111m
Inschrift: nichi Icsbar
Material: Blei-Zinnlcgicrung
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Vergleichsstiicke: keine
Litcratur: Koknicsmarkova 1977- S. 112-Is!r- 92
Christus
45
rudimcntar vorhandcnc Nadel. Zusatzlich wurdenzwei Lochereingeschlagcn. inn ilin
an der Kleidung bcfcstigen zu konnen.
Auch bci dcm hochrcchtcckigen oben von einem Dreiecksgiebel bcgrenztcn Brak-
rcaten Nr. 30 handelt es sich wolil uin ein Zeichen dcr Abtei von Vendom. In das Kup-
ferblcch isr ein sog. »Gnadcnstuhl« als Darstellung der Trinitat eingepragt. Gottvater
sitzt niinbiert aid einem liohen lluon, vor sicli halt cr an den Horizontalbalken ein
Kreuz, an dem Christus hiingt. Unlei dem Haupt Gottvaters und fiber dcm Gckreu-
zigtcn erscheint eine Heilig-Geist-Taube. Die Szcne isi von einem Doppclrahmcn mit
innen laufcnder Perlschnur gefasst. Zur Befestigung wurde das Blech an drei Stellen
durchbohrt. Ein Zeichen mit derselben lkonografie findet sich unter den Seine-Fun-
den des 19. Jahrhunderts, die heute im Pariser Muscc dc Cluny verwahrt werden.J('
Eine Blciampulle, die cbenfalls zu den genannten Funden aus der Pariser Seine gchort,
tragt auf der einen Seite die Darstellung des Gnadcnstuhles, der von der Inschrift
•’SANTA TRI NITS VN VS DEVS« umzogen wird, und auf der anderen Seite ein Bild
der Hciligen Trane, wodurch auch die Herkunft dieses Pragcr Zcichens aus Vendome
naheliegend istT Cli
Kruzifixe (31-56)
Pectorale, auch Brustkreuze genannt, treten schon scit dcm Friihmittelalrer als Insi-
gnien des Bischofs auf. Diese waren mit bis zu 130 mm Hohe meist deutlich grower
als jene etwa zeitgleich bclegten Anhanger, die im aufierliturgischen Kontext auch
von Laien getragen wurden. Die altcrcn Exemplare zeigen trapezfdrmige b/.w. gerade
Balkenenden, wahrend bei spatcren Formen die Balken in l.ilien oder Kleebliittern
bzw. Dreipasscn auslaufen. Kreuzanhanger waren sowohl Zeichen der Verehrung als
auch apotropaische Amulette und daher besonders im Spatmittclaltcr weit verbreitet.’H
Wie die Sammlungen des Berlin Kunstgewerbemuseums20 und des Pariser Muscc
National du Moyen Age-Thcrmes de Cluny10 so enthalt auch die Prager Sammlung
eine Kollektion solcher kleinen Kruzifixe, die wohl samtlich Zeugnisse privater From-
migkeit sind. Der Hauptanteil der insgesamt 26 Exemplare, namlich 21 zumeist spiit-
mittelalterliche Objekte, haben eineOse am oberen Horizontalbalken (Nr. 31-51), die
ubrigen sind in ihrem Zwcck schwcr zu bestimmen, aber in den mcisten Fallen wohl
als Bcschliigc oder als ortsunspezifischc Devotionalien anzusprechen.
Die Mehrzahl der Anhanger ist beidseitig gestaltct. So zeigen Nr. 35-50 den Gekreu-
zigten, meist mit Krcuztitulus fiber dem Haupt, und umseitig eine stehendc Madonna
oder eine anderc Heilige. Die Gestalt dieser Kruzifixe divergiert. Am haufigsten ver-
treten sind lateinische Kreuze mit vcrschieden geformten Balkenenden. Darunter sind
acht Exemplare, bei denen die Balken in stilisicrte Lilien auslaufen (Nr. 35, 39, 42, 43,
45( 47, 49, 50). Zwei Objekte zeigen kleeblattformige Endcn (Nr. 36, 46). Zwei anderc
Stficke haben die Form eines byzantinischen Krcuzes (Nr. 38, 41). Auch Nr. 37 weist
ausschwingende Balkenenden auf, verfugtaber zusatzlich fiber einen zwciicn Querbalken.
Es handelt sich um ein sogenanntes Lothringisches Kreuz. Diese Sonderform wie auch
die iibrige Gestaltung mu ten eher neuzeitlich an. Gleiches dfirftc auch fur Nr. 51 gelten,
eincr Art Astkreuz mit gegahelten Enden. Bci Nr. 48 sind Vertikal- und Horizontalbal¬
ken gleichlang. Sic enden in Kreisen, welche mit je drei kleinen Kugeln verziert sind. Die
Gestaltung hat - im Vcrhalmis zu den fibrigen Stficken -sehr regelmafiige, geometrische
Zfige, was ein moglicher Hinweis auf eine frfiherc Daticrung in das 14. Jahrhundert ist.
Drei der Objekte (N. 32-34) haben an den Stelle, wo sich die Balken kreuzen, cine
klcine Fassung mit ciner Einlage. Bei Nr. 32, das auf der anderen Seite den Korpus
zeigt, ist diese vollstandig vcrloren. Hingcgen konnten bei Nr. 33, das keinen Korpus
tragt, sondern durch kugclige Ausbuchtungen strukturiert ist, Resteeinerwachsartigcn
Substanz festgcstellt werden. Das Zentrum von Nr. 34 ziert ein smaragdgriiner Stein,
auch hier finder sich auf der Gcgcnseite ein Bild des Gekreu/igten.
26 IUkI S. 464(.. Abb. 226 im Talcltal: Biiuna
1996, S. 49f. Nr. 6.
27 B01 injr.s 2005, S. 46s uml Ahb. 22S 1111 la¬
ic lie i l bciuhcml aul cmcr 7ciJminij; von Ar-
ilmr bor{>cjis, dcr Vcrblcib des Sliickcs im
iinbckannr.
28 Willnnith Aiu.niiovii, An. linutkiruz, in:
LDM 2, bp. 797.
29 26Fxemplare: Kai Btiu is 2008, S. 296-304,
Nr. 71-95, 315. Nr. 123.
30 27 txcmplare bci Bri.na 1996. b. 71-81,
Nr. 46-73.
46
Pilgerzeichen
Das aufPalligste und vvohl auch schonste Stuck in dieser Abtcilung ist Nr. 31. Das
Kreuz, dcsscn Arme je in einer Muschcl enden und das am oberen Vertikalbalken
cine geschwungcnc INRI-Tafel mit spicgclbildlicher Inschrift triigt, bildct cincn mic
Wiirfelaugen, Drciccken und Perlschnur verzierten Rabmen fur die Anna Cbristi,
wclchc das Innere der Balkcn fiillen. Gerade die spatmittelalterliche Frommigkeit ist
gekennzeichnetdurch denstarken Bezugaufdic Leiden Cbristi. Das Thema der Passion
Cbristi finder in zahlreichen Bildtypcn scinen Nicdcrschlag. In diesen Kontext geheirt
auch dieses Arma-Christi-Kreuz.’' Im Horizontalarm findensich von links nacb reebts 31 Vgl. Behunkr 195s. - Suckam- 1977-
der Hammer, die Geifiel und die Hand des Pilatus. Mittig angebraebt ist die Dornen-
krone, in deren Innercn die drei Kreuzesniigcl facherformig angeordnet sind. Rechts
davon erscheinen eine Rute, ein Messer (als Sinnbild fur die Bcschneidung Cbristi)
und eine Zangc. Ganzoben im Vertikalarm erkennt man fiberdem Kreuzestitulus die
drei Wiirfel, mit denen die Soldaten uni den Rock Jcsu wiirfelrcn. Unterder INRI-Ta-
fel und direkt iiber der Dornenkrone befindet sich das Handwaschbecken des Pilatus.
Unter der Krone erscheinen der Geldbcutel mit den dreifSig Silberlingcn des Judas,
der Purpurmantel, eine Lcitcr und die Longinuslanzc, gekreuzt von einem Stab, der
auf das Rohr mit dem Essigschwamm verweist. Darunter gibt es cine Fehlstelle: Hier
konntc das Schweifttuch der Veronika zu finden gevvesen scin. Ganz unten schlieftt
die GeiRelsaule, auf der der Hahn als Symbol dcr Verleugnung des Petrus siizt, die
Koinposition ab. Das Stiick konnte vvegen seiner Grofie kaum als Anhangcr getragen
werden. Vier Aussparungen je kurz hinter den Muscheln am Ende der Kreuzbalken
lassen an eine Verwendung als Kleiderbesatzoder als Beschlagdenken. Eine Zuordnung
zu den Pilgerzeichen ist wegen der aufwendigen Gestaltung und den vier Lochungen
zwar prinzipicll moglich, aber die Anhangerose ist eher untypisch.
33 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus, beid-
seitiggestaltet mit kugeligen Verdickungen
ohne Korpus init gefasstcr Einlage im
Krcuzungsbereich der Balkcn
Invcntar-Nr.: Naiionalimiscum I’rag 112-68.244
Mafic: Hi»he 21 mm, Breire 13 mm
Material: Blci-Zinnlcgicrung, Wachs (?)
Daticrung: 14./15. Jahrhundcrt
V'crglcichsstiickc: keine
34 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus, beid-
scitiggestaltet mit Korpus und mit gefasstcr
Einlage im Krcuzungsbereich der Balken
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum I’rag H2-68.253
Mafic: Holie 20 mm, Brcitc 11 mm
Inschrift: »INRI«
Material: Blei-Zinnlcgicrung, smaragdgriincr
Stein oiler (ilasfluss
Daticrung: 14./I5. Jahrhundcrt
Vergleichsstiicke: keinc
34a Ruckseite von Nr. 34
Christus
47
37 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus(Loih-
ringisches Krcuz mit zusatzlichcm Qncr-
halkcn) und ausscliwingcndcn Linden, bcid-
seitig gestaltct mit Korpus und Madonna
Invcntar-Nr.: Naiioiulnuiscuin I’rag 112-68.115
Mafic: I I6hc*11 min, Brciic 30 nun
Material: Bronze
Inschrif i: »INRI.-; »DOMINl>
□aliening: 17./I8. Jahrluincleri (?)
Vcrglcichssi iickc: kei ne
4*
39 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus mit
lilienformigcn Linden. beidseitig gestaltct
mit Korpus und Madonna
Invcniar-N'r.: Naiionalnuiseum Brag H2-68.24R
Mafic: Hohe49 mm, Brcirc ЗУ mm
Material: Blei-/.inn
□aliening: 15. Jahrliimderi
Vergleichssiiieke: Kiistcrkarici Cruzilixus D VII 1
33 Anhanger (?), Vollguss, Cruzifixus mit
lilicnfbnnigcn linden, beidseitig gestaltct
mit Korpus und Madonna
Inveiitar-Nr.: UPM 5663
Mafic: Hohc 38 nun, Brciic 32 mm
Inschrift: in Miniiskcl »inri«
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jaluluindert
Vcrgleichsstikke: Kcisierkariei Cruzifixus D VII
1, Kat. Berlin zoofi, S. 303. Nr. 92
I.iieratur: Kucnigsmarkova 1977, S. 109. Nr. 88
37a Ruckseite von Nr. 37
36 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus mit
klccblattformigen linden, beidseitig gc-
staltct mit Korpus und Madonna
Inventar-Nr.: Naiionalnuiseum Prag H2-68.052
Mafic: I lohe 20 mm, Breiie 11 mm
Material: Blci-Ziun
Datierung: 15./16. Jahrluuulert
Vergleichssiiieke: Kostcikartci Cruzifixus 17
VIII 1
38 Anhanger (?), Vollguss, Cruzifixus
(byzantinische Form) ausschwingcndcn
Endcn, beidseitig gestaltct mit Korpus
und Madonna
Invcniar-Nr.: Naiionalnuiseum Prag H2-68.236
Mafic: Hohe 28 mm, Brcirc 21 mm
Material: Blei-Zinii mir Vergnlilnng
Inschrift: »INRI«
Datierung: 14./15. Jahrhunderi
Vcigleichsstiicke: keine
48
Pilgerzeichei
40 Anhjingcr, Vollguss, Cruzifixus mit 40a Riickseitc von Nr. 40
geraden Knden, beidseitig gcstaltet mit
Korpus und Madonna
Itiveiuar-Nr.: Nationalnuiscum I’rag 112-68.252
Mafic: I lohc 33 mm, Brcitc 21 mm
Material: Blei-Zinn
Itischrifc angcdcutct durcb I’scudolcttem
Datierung: 13./16. Jnhrhundcrr
Verglcichsstuckc: Kosterkarici Cruzifixus D I 1.
- К at. Ri.hi.in 2008, S. 2У7, Nr. 74
41 An hanger, Vollguss, Cruzifixus mit
ausschwingendcn Hnden (bvzantinisches
Kreuz), beidseitiggcstaltet mit Korpus und
cincr weiblicbcn Heiligen mit Palmwcdel
und Turin (?), wohl die hi. Barbara
Invcntar-Nr.: Naiionalmuseum I’rag H2-68.256
Mafic: Hohc 31 mm, Rrcitc 22 mm
Material: Rlei-Ziuii
Datierung: 14./15. Jahrlumdcrt
Vergleichsstiicke: kcinc
41 a Riickseitc von Nr. 41
42 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus mit
lilienformigen Enden, beidseitig gcstaltet
mit Korpus und Madonna
Invcntar-Nr.: Nationalmiisciim H2-68.283
Mafic: Hohe 47 mm. Brcitc 37 mm
Material: Blci-Zinn
Inschrift: »INRI«
Datierung: 14./15. Jalirliundcrt
Vcrgleiclisstiicke: Kosterkarici Cruzifixus D V'lI 2
43 Anbanger(?), Vollguss, Cruzifixus mit
lilienformigen Enden, beidseitig gestaltet
mit Korpus und Madonna
Invcntar-Nr.: Natioiulinuscum I’rag 112-68.285
Mafic: I liilic 51 mm, Brcitc 41 mm
Marerial: Blci-Zinn
Inschrift: nnleserlicli
Datierung: 14./15. Jahrlumdcrt
Verglcichsstuckc: Kosterkarici Cruzifixus D VII I
Christas
49
44 Anhanger, Vollguss, Kruzifix, beid-
seitig gcstaltct mit Korpus und Madonna
Invcntar-Nr.: UPM 98.987
Mafic: Hohe 40 mm Breite 25 mm
Inschrifi: unlcscrlich
Material: Blei-Zinn
Daiicriing: 15./I6. Jahrhundcrt
Vergleichsstiicke: keine
45 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus mit
lilicnfbrmigcn F.ndcn, heidseitig gcstaltct
mit Korpus und Madonna
Invcniar-Nr.: UPM 5662
Mafic: Ho lie 39 mm. Breite 25 nun
Material: Blei-Zinn
Inschrill: -illri« (Minu.skcl)
Daticrung: 14./15. Jalirhunderi
Vcrglcichssiikkc: Kostcrkartei Cruzifixus D VI! 2
l.itcratur: Koi-.nigsmarkova 1977. S. 109.
Nr. 89. - Kat. Prac: 1986, S. 24, Nr. 169
45a Riickseire von Nr. 45
46 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus mit
Endcn in Ccstalt von vierblattrigcn Klee-
blattern, bcidseitig gcstaltet mit Korpus
und Madonna
Inveniar-Nr.: UPM 5660
Mafic: Hohe 44 mm, Breiie 35 mm
Inschrift: »INR“
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhuiulert
Vcrgleichsstijtkc: Kostcrkartei Cruzifixus I) VII 1
1.iterator: K01 nicsmarkova 1977- $ H>8, K'r. 86
47 Anhanger (?), Vollguss, Cruzifixus mit
lilienformigen F.ndcn, heidseitig gcstaltct
mit Korpus und Madonna
Invcntar-Nr.: UPM 98.976
Mafie: Hohe 40 mm, Brcitc: 30 mm
Inschrift: unlcscrlich
Material: Blei-Zinn
Daticrung: I4./I5. Jahrhuiuleri
Vcrglcichsstiiekc: Kostcrkartei Cruzifixus D VII I.
- I Iki rinc 1911, Tafel XXXVI, letzte Rcihc unten,
1. von links. - Kat. Bkhi.in 2008. S. 303. Nr. 92
50
Vilgerzeichei
48 Anhanger (?), Vollguss, Cruzifixus,
gleichlangcBalkcn mitkrcisformigen Enden,
die von drei Kugcln verziert werden, bcitl-
seitiggcstaltct mit Korpus und Madonna
Invcnta r-N'r.: UPM 5666
Mafic: I lohe 22 mm, Breiie 23 mm
Material: BIciZinn
Datierung: 14. Jalirluuulcn
Vcrglcichsxtuckc: keinc
l.itcratur: Koi.nigsmaiikova 1977,5. 110f., Nr. 91
49a Anhanger, Riickscite von Nr. 49
48a Riickscite von Nr. 48
50 Anhanger (?), Vollguss, Cruzifixus mic
lilicnformigen Enden, beidseitig gcstaltet
mit Korpus und Madonna
Invcntar-Nr.: Nationalmuseum H2-68.291
Mafic: Holie 61 mm, Brciic 45 mm
Inschrilt: spicgelverkeliri geschricbcncs -1NRI-
Material: Blei-Zinn
Datierung: 14./15. Jahrhundcrt
Vcrgleichsstiickc: Kosicrkanei Cruzifixus D Vll 2
49 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus mit
lilicnformigen Enden, beidseitig gcstaltet
mit Korpus und Madonna
Invcmai-Nr.: UPM 5667
Mafic: Hcihe 50 mm. Breitc 35 nun
Inschrift: "IHS«
Material: Hlci-Zinn
Datierung: 15. Jahrliundcri
Vcrglcichssttickc: Kosterkartci Cruzifixus D VII 2
I.iteraiur: Клт. PraG 1986, S. 24, Nr. 178
50a Riickseitc von Nr. 50
Christus
51
51 Anhanger, Vollguss, Cruzifixus mit
gegabdtcn Enden und Korpus, Riickseitc
«line Gescaltung
Invcntar Nr.: UPM 5661
Mafic: Hohc 39 mm, Brcitc 25 mm
Inschrift: oline
Material: BIci-Zinn (Messing?)
Datierung: 16. Jahrhurulert
Verglcichsstiickc: keinc
Liccratur: Koenicsmarkova 1977, S. 112, Nr. 93
52 Vollplastik, ChrLsriiskorpus
Inveniar-Nr: H2-68.0H8/H2-6H.286
Mafic: Lange Arnifragmcnt: 32 mm, Korpus
I Iolic 89 mm, Brcitc 63 mm
Material: Hlci-/.inn
Datierung: spatcr als 16. Jalirhuhdcri
Vcrglciclisstiickc: keinc
53 Dcvotionalic, Fragment, Korpus,
halhschaligcr Holilguss
Invcntar Nr.: UPM 5668
Mafic: I lohc 51 mm
Material: Btci-Zinn
Datierung: 15. Jalirhundcrt
Verglcichsstiickc: keinc
Literalur: Koenicsmarkova 1977, S. 113, Nr. 94
54 Beschlag, Cruzifixus mit lilicnformi-
gen Enden mit Korpus, Riickseitc ohne
Gestaltung
Invcntar-Nr.: Naiioiialimisctim Prag H2-68.284
Mafic: Hohc 103 mm, Breite77 mm
Material: BIci-Zinn
Datierung: 16./17. Jalirhundcrt
Vcrgleiclisstiicke: keinc
55 Dcvotionalic, Flachguss, Cruzifixus
mit Korpus, Riickseitc ohne Gestaltung
Invcntar-Nr.: Nationalinuscum Prag H2-68.287
Mafic: Hohc 70 111111, Brcitc 45 mm
Inschrift: »»I»N»RI«
Material: Blei-Zinn
Datierung: 15- Jalirhundcrt
V'crglcichssiiicke: keine
56 Beschlag (?), Flachguss, Cruzifixus
mit Korpus, Riickseitc ohne Gestaltung
Invcntar-Nr.: Nationalinuscum Prag H2-68.290
Mafic: Hiilie 75 mm. Breiie 15 111111
Insclirift: >-..NRl»
Material: BIci-Zinn
Daiierung: 15. Jahrhiinderi
Vcrglcichssiiickc: keinc
52
PUgerzeicben
Schliefilich sind in diescr Reilie noch fiinf vvcircrc Objekte zu nenncn (Nr. 52-56), bei
delicti die Verwcndung weniger oft'ensichtlich ist. Sie zeigen keine Spuren von Osen
oderanderen Befesiigungsmcrkmalcn undsind nurcinscitiggestaltet. Eincsvon ihnen,
Nr. 54, wurde wabrscheinlich als Bcschlag benutzt, wic die drei Durchbobrungcn
zeigen. Moglichcrweise baben Nr. 53, 55 nnd 56 einen ahnlichcn Zvveck erfiillt. Da
es aber keine aussagekriiftigcn Gebraucbspuren gibt, muss diese Frage often blcibcn.
F.ine bemerkenswerte Vollplastik eines Gekreuzigten ohne Kruzifix stellt Nr. 52
dar. Die Ausfiihrung ist chcr schlicht und untersebeidet sicb deutlich von den spat-
mittelalterlichcn Stiicken. So ersebeim der Gekreuzigte bier wedcr ausgezebrt, nodi
werden seine typiseben Verletzungcn (Stigmata, Seitenwunde etc.) explizit darge-
stcllt. Das bartlosc Antlitz wirkt entspannt und jugendlicb. Die Durchlochungen dcr
Hiindc deuten auf eine ur.sprungliche Befestigung der Figur an eincm holzcrnen (?)
Kreuz. EinschlieRlich der geradlinigen Konzeption der Figur, die noch nichts von der
schmer/vcrkriimmt vviedergegebenen Korperhaltung der Gekreuzigten alinen lasst.
Moglicherweise handelt es sich hier urn cine eher jiingere Arbeit, deren Urheberscbaft
im volkskunstlerischen Milieu zu vermuten sein diirftc. CB
57 Kreuzanhiinger aus drei separat gc- 57a Ruckseite von Nr. 57
gossenen und zusammengeloteten Teilen,
bestebend aus dem Kreuz mit Kugelcnden
und einer Anhangcrose, dem Bild des Ge¬
kreuzigten mitgestreckten Beinen und dcr
umseitigen Madonna, beidc als dreischali-
ger Gitrerguss ausgefuhrt
Invcntar-Nr.: UI*M 5664
Mafic: Hohc4l mm. Brcitc31 min
Inschrift: ohne
Material: Blci-Zinn
Daiierung: 13. / friihes 16. lalirhundcrt
Verglcichsstiitkc: keine
I.iieratur: Kor.Ni(;sMAKKov,\ 1977. S. 108,
Nr. 87
58 Kreuzanhiinger aus drei separat ge-
gossenen und zusammengeloteten Teilen,
bestehend aus dem Kreuz mit Kugelenden,
dem Bild des Gekreuzigten mit gcstrecktcn
Beinen und der umseitigen Madonna, bcide
als dreiscbaliger Gitterguss ausgefuhrt,
stark fragmentiert, der Querbalken und
dcr obere Teil des vertikalcn Balkens mit
Anbangerosc sind vcrlorcn
Inventar-Nr.: UPM 98.957
Mafic: Hiihe (noch) 45 mm, Breitc (noch) max.
16 mm
Inschrift: ohne
Material: Blei-Zinn
Daricrnng: l5./friihes 16. Jahrhunrlert
Vergleicbsstiickc: keine
Lb r is t us
Dreitciliges Kruzifix mit Maria (57-62)
Scchs teilwcisc nur fragmentarisch erhaltene Kreuzanhiinger weisen eine signifikante
Ahnlichkeit durcli ihre ungcwohnliche Konstruktion aus: Das Kreuz bildet ein kons-
rrukrivcs Geriist aus Rundstaben, die in kugelfbrmigen Verdickungen auslauf'en. Auf
beiden Seiten wurden an den vcrtikalcn Krcuzbalkcn scparat gcgossenc Rcliefplattcn
mit der Figur dcs Gckreu/igcen und einer gekromen Maria angelmei. Die Gestaluing
der Maricnfigur, die das Jesuskind immcr aufdcr liukcn Seitc tragi, ist bci alien Siu-
cken ahnlich. Auffiillig ist der kleine Archicekrnrsnckel, auf dem die Figur /11 srehen
scheint. Dagegen variieren die Darstellungen Cbristi stark. So sind die Beme dcs
Gekreuzigten in drei Fallen gestreckt, und in zvvei Fallen sind sie angewinkelt. Stets
ist der Kreuzcstitulus als geschwungenes Band dargcstellt. Die Anhiinger wurden in
zwei unterscliiedlichen Groften hergesrellt: Wall rend die kleineren Stiickeeinen Holie
zwischen 30 und 40 mm besitzen, sind die groBeren bis zu 75 mm hoch.
Zu dieserauftalligen Gruppc sind aus anderen Sammlungen bisher vier Parallelen
bekannt. Von Forgcais wurde ein solches Kreuz als Seine-Fund erworbenen und pu-
59 Fragment eincs Kreuzanhangers,
inoglicherwcise ursprunglicli mit Nr. 58
verbunden (?)
Invcmar-Nr: Naiionalmuseum Prag H2-68.054
Mafic: Holie 30 mm, Brcile 50 mm
I nschrifi: ..I NRI.
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15- /frillies 16. Jahrhundert
Verglciehssiiicke: keinc
60 Kreuzanhiinger aus drei separat gc-
gossenen und zusammengelbteten Tcilcn,
bestehend aus dem Kreuz mit Kugelenden
und einer Anhangerose, dem Bild des Ge-
kreuzigten mirangewinkelten Beiilen und
der umscitigen Madonna, beide als drei-
schaligerGittergussausgcFuhrt, die Halite
des Querbalkens ist verloren
Invfiitar-Nr.: Naiionalmuseum Prag 112-68.242
MaRe: Holie 74 mm, Bieite 31 mm
Insclirifr oilne
Material: Blei-Zinn
Datieruug: 15. / f rulics 16. Jalirhnnilcrr
Vergleielisstiieke: koine
61 Kreuzanhiinger aus drei scparat ge-
gossenen und zusammengelbreteii Teilen,
bestehend alts dem Kreuz mil Kugelenden
und einer Anhangerose, dem Bild des Ge¬
kreuzigten mitgestrecklen Beiilen unddei
umscitigen Madonna, beide als dreischali-
ger Giucrguss ausgeluhrt
Inventar-Nr: National museum Prag 112-68.254
MaRe- llohc 37 mm. Rrciie 53 mm
Insdirili: oline
Mateiial Blei-Zinn
Datiening- 15 /Iriilies 16. Jalirliniulerl
Vergleiehssiiieke: Bklna 1996, Nr. 45 (olmc
Marientignr, Verlusi?)
54
PUgerzeicheu
bliziert.,: Dieses Stuck ist nicht mit jencm fragmentierten idcntisch, das Bruna aus
der ehemaligcn Sammlung Forgeais publizicrrcv4-4 Aus der Sammlung Cay stammen
zwei Exemplare: Hines, dem die Maricnfigur auf der Riickscitc fchlr’1, und ein alinlich
aufgebautes Stiick, dass allerdings auf der Riickseite keine Mariendarstellung, sondcrn
eine hi. Barbara unter einem gotischen Architekturgiebel mit Krabben zeigc.,s Dieses
Beispiel spricht dafiir, in dem charakteristischen Aufbau dieser Kreuzanhiinger keinen
Hinweis auf einen speziellen Kultort zu sehen, wenngleich dies auch nicht vollig aus-
zuschliefien ist. HK
32 I;oiu;i:ais 186$. S. 481'.
33 Hkuna 1996. S. 75. Nr. 58.
34 1-hd.. S. 71. Nr. 45.
35 l;.bd., S. 76. Nr. 60.
Kruzifix im SchifF (Rue, Chapelle du Saint-Esprit?) (63-67)
Fiinf Objekte der Pragcr Sammlung weisen cine so ahnliche ikonografische Gestalrung
auf, dass eine gemeinsame Herkunft sehr wahrscheinlich ist. Es handelt sich immer
iim Darstellungcn eines Schiffes, das an Stelle des Mastes ein Kruzifix triigt. Drei
dieser Objekte sind kleine Anhanger, die beidseitig gestaltet sind. Allerdings ist nur
die Nr. 63 vollstandig erhalrcn, bei den Nr. 64 und 65 ist die Bekronung des verti-
kalcn Kreuzesbalkens mir der Ose abgebrochen. Auf der Riickseite dieser Anhanger
befindet sich immer eine stebende Mariengesralt, die gekront ist und das Jesuskind
aid dem linken Arm tragt. Ob dieses Marienbild auf ein konkrctes Bildwerk vcr-
62 Кreuzanbanger aus drei separac ge-
gossenen und zusammengeloteten Teilen,
bescehcnd aus dem Kreuz mit Kugelenden
und einer Anhangerose, dem Bild des Ge-
kreuzigten mitangewinkelten Beinen und
der umseitigen Madonna, beide als drei-
schaliger Gitterguss ausgefiiliri
63 Anhanger mit Ose, zweischaliger
Gitterguss, am Kiel stark gebogenes SchifF
mit Kruzifix als Mast, an alien drei Kreu-
zenden Palmetten, auf der Riickseite die
gekronte Maria, stehend mit dem Kind
auf dem linken Arm
Invencar-Nr.: Nauonalmuscum Prap H2-68.277
Mafic: Hohc 31 mm. Brcitc 24 mm
Inschrift: olmc
Maierial: Blci-Zimi
Daticruiig: l5./friilies 16. Jahrhundcri
Vcrglcichsstiicke: kcinc
Inveniar-Nr.: UPM 5659
Mafic: Hohc 39 mm, Brcitc 28 mm
Insclirifi: ohne
Maierial: Blci-Zinn
[)acicrung: 15. Jahrhimdcrt
Vcrglciclisstiicke: keine
Literatur: Koknic'.smakkova 1977. S. 113,
Nr. 95- - Kat. Prac; 1986, S. 24. Nr. 168. - К at.
О1.0М01.4: 2006, S. 230. Nr. 104
63a Riickseite von Nr. 63
Christus
55
wcisr oder nur eincr auch sonst haufigen Konvcntion zur Erganzung dcs Kruzifixus
mit cinem Marienbild folgt, ist scliwcr zu cntschcidcn.”' Bci dcm Gekrcuzigten auf
dcr Vorderseite handclt cs sich um cincn Viernageltypus mil gckrontem Haupt and
cinem l.endentuch, so dass sich die Darstellung auf ein romanisches Kreuzigungsbild
beziehen diirfte. Freilich wird am Kreuzbalkcn immer der Kreuzestitulus auf cinem
geschwungcnen Band dargestcllc, was auf cine jiingcrc ikonografische Form verweist.
Signifikant sind in alien Fallen die grofien Palmecren, die aus den drei Enden der
Kreuzcsbalkcn hcraus/.uwachsen scheinen. Bei Nr. 65 konnten die Palmcttcn auch
als stilisierre Muschelschalen angesprochen werden. Wahrcnd die Schiffsform bei den
Nr. 63 und 65 wegen des stark gebogenen Kiels und des angedeuteten Seirenmders an
ein Nef mit Kasrellen auf dcm Vor- und AcluerschifFerinnert, mochtc man bci Nr. 64
eher an cine Kogge mit Achterkastell denken.
Dcr Гу pus dcs zweiseirig gestaltctcn Anhangcrs erinnert an ein in Nieuwlandc
gefundencs Stiick, das allerdings neben dcm Krcuz noch zvvei undcutlichc Gcstalten
steliend im Boot darstcllt und bei dem die Kreuzesbalken ahnlich dcm Jakobuskrcuz
in cin Lilienornament auslaufcn. Als Herkunftsort des Stiickes aus Nieuwlandc wurdc
die Onzc-Lieve-Vrouwkcrk in Damme (Wcstflandcrn) vermutet, wo sich seit der Mitte
dcs 14. Jahrhundcrtscin Mirakclkrcuzbcfand, das von Sell iff ern aufwunderbareWeise
im Mecrgefunden vvorden sein soil.1
16 Vgl. den vnrlicrgchcndcii K.ualog.irtikol /u
den Kru/.ilixcn.
37 HIM. Nr. lOl.vgl. .iui.lidi.-n Koininencii clul..
S. 138. К«vi. Bito<a;i 200s Nr. und
Konimemar S. 202.
64 Anhiinger, zweischaligcr Gitterguss, 64a Riickseite von Nr. 64
Schiffmitgcradem Kiel und Achterkastell
mit Kruzifix als Mast, Kreuzender mir
Palmettcn (nur einseitig), Palmerte und
Anhangcroseoben wohl wcggebrochen, auf
dcr Riickseite die gekronte Maria, stehend
mit dem Kind auf dem linken Arm
Inventar-Nr.: UI’M 98.965
Mafic: Holic 22 mm. Brciic 22 mm
Inschrift: oh 11c
Material: Ulei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhuiuleri
Vcrgleichbst iickc: keine
Literatur: Kokniusmaiikciva 1977. S. lid, Nr. 96
65 Anhiinger, zweischaligcr Girrcrgti.ss,
ahnlich Nr. 63, aber stiirkcrcr Qucrbalkcn,
auf der Riickseite mit Straminmustcrung,
Palmettc und Ose oben wcggebrochen
Inventar-Nr.: IJ I’M 98.966
Mafic: Hiilic 31 iiini. Brciic 29 nun
liischrilt: 0I111c
Material: Blci-Zinn
□aliening: 15. Jalirhuudci 1
Vcrglciclisst iickc: kei 11c
Literatur: Koi:nk;smakkova 1977,5. lid.
Nr. 97
56
Pilgerzeichen
Mit den drei Anhangern ikonografisch verwandt sind die Pilgerzeichen Nr. 66 und 67.
Beide stellen ebenfalls ein Schiff dar, bei dcm die Srelle des Mastes von cincm Kruzi¬
fix eingenommcn wird. Zusatzlich werden auf ihncn dasselbe Kreuz und der Korpus
des Gekrcuzigten nochmals frontal stehend getrcnnt voncinander in geringcrcr GroRe
dargestellr. Die Schiffsform von Nr. 66 erinnert an die der Anhangcr Nr. 63 und
65. Allerdings ist der Schiffsiumpf hicr von einem Bchang verbiillt, deram Bug, am
Achterdeck und am Krcuzesstamm befestigt zu sein scheinr. Die Figur des Gekreu-
zigten und das Kreuz scheinen im Rumpf des Schiffes zu stehen. Sowohl das groRe
Mastkreuz als aucli das kleinere Ieerc Krcuzesholz sind als Prankenkreuz gestaltet und
weisen kcine Pal met ten auf.
Die Nr. 67 entspricht im Hinblick auf die Schiffsform der Nr. 64. Wahrend das den
Mast vertretende Kreuz mit den groRen Palmetten in der Darstellung den Nr. 63-65
cntspriclu, zeigt das kleine Ieerc Krcuzesholz, das nahc am Bug des Schiffes stehr, wie
Nr. 66 die Form eincs Prankenkreuzes. Der zugchorige Korpus >sitzt< im Achterkastell.
Links und reclus neben dem Mastkreuz stehen zwei Gestaltcn. Die eine wohl altcrc,
hagerc Gestalt tragt eine Карре auf dem Haupt, die zweite ist barhauptig mit gclock-
tem Haar, tragt in der rechten Hand ein Buch und in der linken einen langlichen
Gegenstand mit einem breiten Kopf. Auf dem Schiffsiumpf erscheint in Minuskeln
cine schwer lesbare Inschrift, deren erste Zeichen »s: saunom : ...« oder »s. sannom :
...« lauten konnten. Nach dem zweiten Worttrenner konnrc als erster Buchstabe ein »a«
siehen; die anschlieRenden zwei oder drei Lettern sind nicht zu entziffcrn.
Die drei Anhangcr und zwei Pilgerzeichen scheinen aus einem Kultort zu stammen,
an dem ein romanischer Kruzifix verehrt wurde, dessen Legendc mit seiner wunder-
barcn Ankunft auf einem Schiff zusammenhangt. Diese Vermutung lasst an eine
Variantc der Legcnde vom Lucccscr Volto Santo denken, nach der ein von Nikode-
mus mit himmlischer Hilfe hergestellter Kruzifix aus dem Hciligen Land auf einem
fuhrerlosen Schiff an die italienische Kiiste getrieben sei, um schlieRlich in Lucca
66 Pilgerzeichen: drcischaliger Gitter-
guss mit Nadel und Nadelrast auf der
Riickseite, Schiff mit betontem Bug und
Achterkastell, der Rumpf mit Tiichern be-
hiingt, als Mast ein Kruzifix als Pranken¬
kreuz, rechts und links daneben separat
ein kleineres, leeres Prankenkreuz und der
Korpus des Gekrcuzigten
Invcniar-Nr.: Natioualnuiscum I’rag Н2-68.13У
Hohc 58 mm, Brciic 46 mm
Inschrifi: ohne
Material: Blci-Zinn
Dalierung: 15. Jalirhunden
Vcrglcich.Mtiickc: kcine
Christus
scinen Ori zu Hndcn. Varianten dieser F'rza lilung bcgegnen auKerhalb Italicn auch
an dcr Atlantikkiisie, so ctwa im spanischen Burgos, wo sick die I.egende an Г ein im
dortigen Augustincrklostcr verelirtes Bild bezng.<K Die Pilgerzeichen schcincn aber eher
aus einem franzbsischen Kultorr zu slammen, el wa aus dcr ChapelIc du Saint-F.sprit in
Rue (Department Somme). Hier verehrre man im Spatmittelaltcr ein wundertacigcs
Kreuz, das dcr I.egende nach Nikodemus fertigre und das im Jalire 1101 auf einem
srcuerlosen Sell iff die Kiiste der Picardie crrciclirc. Die Wallfahrr zu diesem Mirakcl-
kreuz erlebte in der zweiten Halftc des 15. Jabrhunderts ihren Hohepunkt, als die
Chapcllc du Saint-Esprit fiir das bislier in der Kirche Saint-Wulphy bewahrte Kreuz
neu erbaur wurde (1440-1515).'' Audi der burgundisclie Herzog Philipp der Gute
(1396-1467), dessen I-rau Isabella von Portugal (1397-1471) sovvie der franzosische
Konig Ludwig XI. (1423-83) bcsuchten Rue.
Sollte die Vermutung der Herkunft der Zeichen aus Rue zutreffen, so stcllen die
beiden Eigurcn auf deni Zeichen Nr. 67 wahrscheinlich Joseph von Arimathaa und
Nikodemus dar, vvobei letzterer wohl in seiner rechten Hand einen der Kreuzesnagel
als iiblichcs Anribut halt. Die unklare Inschrift auf dem Sehiflsrumpf bezoge sieli
mdglicherwcisc auf cine lateinischc Namensvariante der Somme, da Rue erst durch
die spatere Versandung von der Somme-Bucht am Armelkanal abgeschnittcn wurde,
im Mittelalter aber einen Hafen besafi.
Bemerkenswert bleibt, dass Pilgerzeichen dieser Gruppe bisher iiur aus der Prager
Sammlung bekannt sind. I.ediglich in der Sa mm lung Figdor befand sich ein inzwi-
schen verschollenes Zeichen, das mil Nr. 67 wohl fast idenrisch war. Moglichcrwci.se
ist der bisher der Liebfrauenkirchen von Damme zugewiesene Fund aus Nicuwlandc
auch diescr Gruppe zuzurechnen. Unklar ist, ob ein fragmentarisches Kreuz im Ber¬
liner Kunstgcwerbemuseum ebenfalls zu dieser Gruppe gehiirt, da es an den beiden
Enden des Querbalkcns und am unteren F.nde des senkrechten Kreuzesbalkens eben¬
falls runde Verzierungen aufwcist, die allerdings chcr an Muscheln denn an Palmetten
erinnern.‘ll>
38 V»l. Sau;ai><> 2000. lies. S. 9||.
39 Vgl. 1-vans isifvj. S. 287. I .cider war uus tlk-
cin.schlagiec rci’ionalj;cschiclHiiclic l.iicraiur
nielli crrcichlinr: Di.oovr.: l.'liismirc du cm
cilix mir.iculcux honorc dans la chapcllc du
Saiiu-[;.sprit dc la ville dc Rue cn Picardie.
Amicus 18SS. - A. I.K.siiM'k: l.c Crucifix dc
Rue ci Ic >-St Voiim dc I.ucqucs, in: Bulletin de
la Socieie cIT.nuilaiion d’Abbeville, 1022.
S. 2S4-266. Bernard Ca.ssi.i.. I .e pelerinage
au Saini-l-sprii de Rue. in: Dossiers arclieolo-
piques. historiques er culturels du N'ord er du
Pas-de-thil.iis. 2l) (198‘>). S. 2-S.
40 К at. Ri.ki.in 1008, Nr. 94.
67 Pilgerzeichen: zwcisclialigcr Gitter-
guss, Schiff mit Aclnerkastcll, als Mast ein
Kruzifix mit Palmeiten, reclus und links
je eine stehendc Figur, daneben separat
cin kleinercs, leeres Prankenkreuz und im
Aehterkastell der KorpusdcsGckrcuzigien
Invcntar-Nr.: Naiionalmuscuni Praj; H2-08.280
Make: Hdlie S3 mm. Brciic 39 nun
Inschrih: aid dem Kreu/estirulus ••i*nerei*« aid
dem SehiHsriimpr(l.csuiij; unsiclier): -s: sau-
nom: a...- oder -s. sanuoin: a...-
iVlarcrial: Hlci-/.inn
Daiicnmi;: IS. lahrliundcri
Verulcichssiiicke: Sanunlun» Higdon n'Aui-
мacini. 1928. Tafel c:a.XXXl. Nr. 30
58
1'ilgerzeichen
Maria
Marienzeichen aus identifizierten Wallfahrtsorten
Aachen (Maricnklcid) (68)
Das Aachcncr Marienniiinstcr zahlt zu den wenigen deutschen Kirchen, an dcnen be-
reits um dasjahr 1200 Pilgerzeichen hergcstellt wurden. Die Aachcncr Pilgerzeichen-
produkcion des Mittelalters war wohl die umfangreichste aller europaischen Pilgcr-
kirchen iiberhaupt, sowolil im Hinblick aufdcn zahlenmafiigen Umfang der Emission
wieauch im Hinblick aufdas Spcktrum ikonografischer Typcn. Die Erarbeitung einer
historischen Sysrematik dcr Aachener Pilgerzeichen isr allcrdings ein Desiderar der
Forschung, die bislang immer nocb dutch die von Kurt Kosrer auf der Grundlage der
ihm bekannten Glockenabgusseerarbeiteten Typologie bestimmend isr.41 Wahrend fur
die friihen Aachener Elachgiissc zumindest Ansiitze einer Bearbeitung vorlicgen42 und
die Karlszeichen inzwischen systematisch dargestellt wurden4’, fchlen solche Unter-
suchungen fiir die Heiltums- und Marienzeichen des ausgehenden Mirrelalrers ganz.
Angesichts dieser Aulgabc eriibrigt es sich, den aus Aachen srammenden Anhiinger
der Prager Sammlung in einen allgcmcinen Uberblick der Aachener Pilgerzeichen
einzuordnen. Die Verbindung der ikonografisch eindcutigen Darstellung des Marien-
kleides, der prominentesrcn Reliquie der Aachener Srifrskirche, auf dem Revers init
einer Maria auf der Mondsichcl im Srrahlcnkranz auf dem Avers verweist eindeurig
auf Aachen. Der Anhanger ist als Devotionalie anzusprechcn, die im Kontext der in
41 Grundlcgend war die Uniersucluing Kosthr
■957- - Vgl. aucli den Uberblick bei Kosnai
1971. S. 149-151.
42 Haasis-Rf.rker 1003л, S. 157-168. - Vgl. zu
den Hlach-und friihen Gittergiissen jcrz.t aucli
llRIllNA/KoLAli/MARr.TlIOVA/MunRA/SKA-
i.icka/Tkkync.kkova lOl I.
43 PoH'rre.r.N 1008.
68 Dreischaliger Gitterguss mit Ose, 68a Riickseite von Nr. 68
Anhanger mit zwei Bildseiten: Maria in
der Mondsichel und Marienkleid auf einer
Trages range
lnventar-N'r.: Narionalmuseum Prag 112-68.100
Material: Blci-7.inn
Malse: I Iolie 31 mm, Brcicc 20 mm
Daticrung: uni 1500
Vergleiclisscuckc: HP 1. S. 214. Nr. 4331. — Sni’N-
ctR 1998. S. 260, Nr. 255b
Maria
59
Aachen allc sicken Jahre veransiaheten Heihumsweisung sielu. Bei dieser Reliquien-
zeigung wurdc auch das Maricnklcid aus dem Aachcncr Maricnschrcin entnommen
11 nd offend ich gez.eigt.
Zu deni Anhangersindzwei parallele Fundcausdcm niedcrliindischen Niemvlande1'' 44 HP I. S. 2M. Nr. 933Г.
und ein Fund aus London'1' bekanni, so dass man von einem helielnen Devorionalien- -IS Sh-ncir 1998. S. 260. Nr. 2v>h.
typus ausgehen darf, der um 1500 das Spektrum dcr Aachener Pilgcrzeichen erweiterte.
UK
Notre Dame de Boulogne-sur-Mer (69-71)
Boulogne-sur-Mer (Departcment Pas-de-Calais), als Fahrhafen am Armclkanal bcrcits
in der Antike von Bedeutung, erhiek seit dem 11. Jahrlumderi als Zentralort der Graf-
schaft Boulogne neues Gcwichr, als die Grafen von Boulogne auch durch ihre Betei-
ligung an den Kreuzziigen eine Rolle im Kreise der fiihrendcn europaischen Fiirstcn
zu spielen begannen. Die im spiiten 11. Jahrhundert einsetzende Wallfahrt zur dcr von
der Grafin Ida (1040-1113) kurz vor ihrem Tod ncu errichtetcn Marienkirche spicgch
so auch den Aufstieg des Grafenhauses wider."6
Die Marienkirche zog schon im Hochmittelalter Pilger aus Flandern, F.ngland
und Frankreich an. Konig Philippe August besuchre Boulogne 1213 und Ludwig dcr
Heilige 1264. Konig Philipp IV. liefi nach 1308 in Menus-les-Saint-Cloud wcstlich
von Paris eine Marienkapelle als Sekundarkultstiitrc von Boulogne-sur-mcr crrichtcn.
Dennoch sind Pilgcrzeichen aus Boulogne bislang erst seit dem spiiten 14. Jahrhundert
4(> Vgl. /.urn On ши! /.nr Walll.ilin R.-ll. Bac-
l ii-.ti. Art. Houlognr-sttr-utrr, I .DM 2. S|>. -499-
301. - Si.n.i.iKit/l.oi'iiN 198.1. Iks. S. 77fl.
69 Pilgcrzeichen, hochrcchteckigcrzwei-
schaliger Gitterguss mit vicr Osen
Invcniar-Nr.: UPM 5678
Material: Blci-/.inn
Mafic: Hohc 33 mm. Breite 27 mm
Daticrung: 2. Halite des 15. Jahrhundcrts
Vcrgleichsstuckc: Kat. Berlin 2008. S. 265f.,
Nr. 8. - Lamy-Lasai.i.e 1968, S. 201.. Nr. 21
(them. Sammlung Btissard)
Licratur: Koknicsmarkova «977. 62, Nr. 22.
- Kat. Prac; 1986. S. 19. Nr. 129
70 Pilgerampulle, beutcllormig mil vicr
Osen und Lilienornament am Roden
Invcntar-Nr.: National museum l’rag H2-68.073
Material: Zinn
Mafic: Ilolie 16 mm. Breite (mit Osen) 28 111111
Daticrung: 15- Jahrhundert
Insclirift: Vordcrscitc in Majtiskcln: »STC: MA-
RIC: DC: BOVI.OINGC* Riickscitc in Majus-
keln. teilweisc vcrdruckt: >.STC: MARIC: DC:
bov;coi|ngi>
Vcrglcichssiiicke: HP II. Nr. 1383. - Sammlung
Demaillv (Amicn): Demaii i.v 1910, S. 1291. -
Desnoyehs 1876, S. 190Г. - Sammlung (lay:
Gay 1887. S. 196
70a Riickscitc von Nr. 70
60
I'ilgerzachen
nachzuweisen. Die altcstcn identifizierten Stiicke siammen aus cincr Grabung in Va¬
lenciennes.' Derzcir sind knapp 150 ZeugnLs.se von Pilgerzeichen oder Pilgerampullen
bekannt, die in Boulogne im 15. und fruhen 16. Jahrhundert vertrieben wurden. Das
ikonografische Programm dieser Objekte beziehr sich stets auf das marianisclie Gna-
denbild - cine thronende und gekronte Maria mit dem Kind aid ibrer linken Seite
das in einem Schiff sitzt. Dieses Motiv stellr die Ursprungslcgendc des Gnadenbildes
dar, das aid einem Schiffohne Besatzung und Segel wunderbarerweise nach Boulogne
getrieben sein soil. Bezeugt wird diese Legendc aber erst im spaten Mittelalter.
Die Pilgerzeichen von Boulogne weisen trotz der Konzentration auf das marianisclie
Gnadenbild undseineLcgendecinebreitesSpcktrumvonTypenauf: neben rahnienlosen
Gittergiissen mil der Darstellung des im Schiff sitzenden Marienbildcs,H und schildfcir-
migen Gittcrgii.ssen',,> sind vor allem kreisrunde oder rhombische Plaketten'>1' bekannt.
Das bier vorzustellende Pilgerzeichen gehort zu cincr Gruppe, die das Gnadenbild
im Schiff innerbalb eines hochrecheckigcn Rahmens darstellt. Der Rah men wird da-
bei immer von zwei Stegen gebildet, die durch ein Zick-Zack-Band verbunden sind.
Am aufSeren Steg des Rahmens sitzen links und rechts jeweils zwei Osen. Wie bei den
beiden ahnlichen, inzwischen verschollencn Stiicken aus den Sammlung Bossard bzw.
der Sammlung Figdor wird der iiiiRere Steg von einem Tausrab, der innere von einem
Perlstab iiberzogen und das Zick-Zack-Band am inneren Rah men verdoppclt. Spezifisch
fur das Pragcr Zcichen ist, dass das Zick-Zack-Band grofiere Zwischenraume aufweist,
wodurch in den vier Ecken noch je ein Bliitenornament Platz hat. Am iiufieren Rand
finden sich noch zwei von urspriinglich wohl sechs Haltezungen (zwei je oben und
unten, cine je links und rechts). mit denen eine Hinterlegung aus Pergament o.ii. fixiert
werden konnte. Merkwiirdig ist, dass dieser Zeichentypus trotz der zahlreichen Ncu-
funde der letzten Jahrzehnte nur in den vor oder uni 1900 entstandenen Sammlungen
begegnet. Durch den Verlust der anderen beiden Stiicke ist dieses Zeichen gegenwartig
der einzige noch physisch exisrente Vertreter dieses Typus.
71 Pilgerainpulle.bcutclformig.mitzwei 71a Riickseite von Nr. 71
groften Hcnkelosen
Invcniar-Nr.: UPM 98.962
Material: Blci-Zinn
MaGe: Hohe 37 mm. Breite 35 mm
Daticrung: 15. Jahrliundert
Vergleichsstiklx: Vordcrscicc wie К at. Bi:ki.in
2008. S. 273. Nr. 22
I.iieratur: Koknicsmakkova 1977, S. 142,
Nr. 153
M Vgl. Tixadok 2004. S. 27. Nr. 17.
'iS Vgl. HP I. Nr. 440—442.
49 Vgl. HP 11. 331. Nr. 13811". — Tixaiiok 1004,
S. 271'.. Nr. 171'.
50 Vgl. van Asi'eken 2009, S. 5171.
72 Anhanger (Pilgerzeichen), runder,
zweischaliger Gitterguss im tiefen Rund-
rahmen mit Anhangerose, riickseiiige
Fiillung des Rahmens verloren
lnventar-Nr.: UPM 5714
Material: Blei-Zinn
Mal?e: Durclimesscr 28 mm
Datieriing: 2. Halite des 15. Jalirluindcris
V'erglciclisstuckc: keine
Maria
61
Zwci der insgesamt vier Pilgerampullen der Prager Sammlungsind ebenfalls Boulogne
zuzuweisen. Nr. 70 ist ein typischer Vertrerer der auch sonst bckannrcn baud form igcn
Ampullen aus Boulogne, die am oberen Rand reebts und links je eine henkelformige
Ose aufweisen, und unren in ein lilienformigcs Ornament auslaufen, das in diesem
Fall zcrdriickt ist. Die beiden Hakchen am Rand waren urspriinglich zu Osen gebogen,
wieein Stuck der SammliingGayzeigt/” Die Vorderseitestellt eine stebende, nimbierte 51
Marienfigur dar, die das Kind auf der linken Seite triigt. Vor ibr knict balbfrontal ein
Pilger, derdie Arme bittend /.um Maiienbild eiliebt. Den Rand um/.ieht eine Inschrift.
Nur die obere Kante wird von cincm stramingemusterten Band begrenzt, das sich auf
der Riickseite fortsetzt. Die Riickseite zeigt in einem Boor die rhronende Maria, die
in ihrer rechten Hand ein gropes Kirchenmodel mit einer Dreiturmfassade halt. Auch
hier umzieht ein Schrifrband den Rand. Die chemischc Analyse der Ampulle zeigte,
dass sie praktisch aus reinem Zinn bc-steln.'2 52
Die Nr. 71 besitzt dagegen nur zwei groRc henkelformige Osen an den beiden
Seiten.s’ Der wohl urspriinglich halbrunde Boden ist weggebrochen, so dass auch ein
evtl. vorhandenes Lilienornamcnc verlorenging. Auf der einen Seite zeigt sie das franzo- 53
sischen Konigswappcn mir drei Lilien in cincm Schild, welches oben von einer kleinen
stramingemusterten Flache und einer Icicht gebogenen I.ilienkrone uberfangen wird.
Auf der Riickseite befindet sich die Darstellung einer Kogge mit Mast und Takellage,
die auf srilisierten Wellen schwimmt. Rcchts vor dem Mast ist eine undeutliche unre-
gelmal?ige kleine Struktur erkennbar, moglicherweise das Marienbild. Die Zuweisung
nach Boulogne bleibt daher noch hypothetisch.
Notre-Dame de С1ёгу (72)
Die Stiftskirche in Clery-Saint-Andre (Departement Loiret) wurde durch Konig Karl
VII. und seinen Sohn Ludwig XI. an Srelle einer alteren Marienkirche, die im Hun-
dertjahrigen Krieg zerstort worden war, neu erbaut. Ludwig XI. wall Ite Clery zu seiner
Grablege und machte zu ihren Gunsten bedeutende Stifrungen.-4 54
Das urspriingliche marianische Gnadenbild ging verloren und wurde im 17. Jahr-
hundert durch ein barockes ersetzt. 1873 publizierre der Abbe Francois-Edmond
Desnoyers erstmals ein in der Loire gefundenes Pilgerzeichen aus Clery, welches das
Gnadenbild darstellt und durch die Umschrift idenrifiziert werden копте.'’'' Drei 55
Jahre sparer bcrichtete Desnoyers von 13 neuen, z.T. fragmentarischcn Loirefunden
aus Clery, von denen er zwei abbildete.'’6 Der Verbleib diescr Funde ist unbekannt. Im 56
Jahre 1874 wurden nach dem Vorbild der Loirefunde 4000 Repliken hergestcllr und in
Clery an Besucher verkauft. Eine Replik - evtl. aus dieser Edition - befand sich in der
Sammlung Busso Peuss (Frankfurt).^ Ein weiteres Stuck mit einer Ose aus dem Bcsitz Ы
des Folklore-Museums Amsterdam verzeichner die Pilger/.cichenkartei Kurt Koster.'11
Die Pilgerzeichen aus Clery zeigen in einem runden Rahmen die frontal auf einem 55
Stuhl thronende gekronte Gottesmutter. Das Jesuskind sitzt dabei auf ihiem linken
oder rechtcn Knie. Das Gnadenbild ist von einer gotischen Rahmenarchitektur um-
geben, links und rechts werden meist zwei auf Leuchtern stehende Kerzen dargestellt.
Die vier bisher bekannten Originale verweisen alle in einer Umschrift im Rahmen
auf den Herkunftsort.
Das hier vorzustellende Zeichen unterscheidet sich von den bisher bekannten Pilger¬
zeichen aus Clery auch durch die Form, da es sich um einen Anhiinger handelt, dessen
Bildfeld in einen breiten Rahmen aus Kreissegmenten eingefiigt ist. Ikonografisch
weicht die Darstellung von den Zeichcn aus Clery insofern ab, als das Jesuskind nicht
auf den Knien Marias sitzt, sondern an ihrer linken Seite gehalten wird. Start der seit-
lichen Kerzenlcucbterwird die’Ihronbank von zwei fialenartigen Architekrurelementen
eingerahmr. Die Zuweisung nach Clery ist daher vorerst hypothetisch. HK
Gay 1887. S. 1%.
Nach emein Guiadiicn des Insulins Iur die-
niisdie Tccbnnlngie I’rag (Vysokn Skola Ghe¬
nt icko-Tedinologickav Pra/e) vom M.ir/20l 2
fiir das Kiinsmi-WL-rlK-iiiusciim Рг.ц;.
Alinlitlic Henkel weisen /.II. die Ampulli-ii in
I ll> II. Nr. 1386 und 13S8 .nil
Vgl.dieUI>crsklH iibcrdieStiftungeii l.mlwigs
XI. bei Paiiavic ini lyyj, S. 143.
13i.snoyi-.ks 1871. b. 295, Nr. 18 mu Abb. .ml
Tafcl IX. Abb 8.
Dcsnoyi.us 1876, S. 18Л. mit Abb. auf laid
V, Nr. 2 und 3.
Nadi der Angabe m der Pilger/eidienkarici
Kuri Knsrer, ein enispreelieudes Stuck fclili
in Pr.uss 1981.
Iuveniar-Nr. 64 76.3506
62
Pilgerzeicben
Notre Dame de Liesse (73)
DicMarienwallfahrt von Liesse(Departcmenl dcl’Aisne), unweitvon l.aon gelegen, hat
das Gnadcnbild einer Schwarzcn Madonna zum Ziel. Nach der Lcgendc schcnktcn im
12. Jahrluindcrt drei franzosische Ritter wiilircnd ilirer Gcfangenschaft in Kairo diese
Plastik einer Sultanstochter mit Namen Ismerie, die sich zum Christenmm bekehrtc
und das Marienbild auf wunderbare Weise nach Nordfrankrcich brachtc. l licr wahlte
das Bild den Orr seiner Verehrung selbst aus.'"' Wall rend die Legende die Ankunft des
Marienbildes in die Jahre 1138/39 datiert, ist die Entstehung der Wallfahrr erst am
Elide des 14. Jahrhunderts zu fassen, als der Neubati der Kirche durch Stiftimgcn von
Ludwig von Valois, Herzog von Orleans (1372-1407) und des franzosischen Konigs
Karls VI. (1368-1422) vorangetrieben wurde/'0 Auch dessen Nachfolger Karl VII.
(1403-61) und Ludwig XL (1423-83) besuchten Liesse nielirfach.
Bci der vorzustellenden Plakette handelt es sich nicht um ein PilgcrzeichenM, son-
dern um eine Plakette der Pariser Bruderschaft der »Notre Dame de Liesse», die 1413
gegriindet wurde und in Konig Karl IV. und seiner Frau Isabella von Bayern potente
borderer besafS/’’ Forgeais publizierte 18(33 vier ahnliche Plaketten dieser Wallfahrts-
bruderschaft.(,i Eine dieser Plaketten entspricht, abgesehen von eincm kleinen Defckt
der Inschrilt‘’‘,dein Prager Stuck. Im Avers der Plaketten wild immerdasGiiadenbild
dargestellr: Dicgekronre Maria thront frontal aufeinem Stuhl mit hoher Lehne. Die
Darstellung ist stets von der auf der Randleistc angebrachten Inschrifr »notre dame
59 Zur (iesehielite ilcr W:i 11 t.i li n und ilirer l.c-
gende vgl. Di i-i.ovi' iSr.i. Nidii erreielibar
war uns: Bri.no M,\i:s. Not re-Da me de- l.ies-
se. I .a litres 201)4.
60 Vgl. Dijim-oyi: 1862, Hd. 1, S. /i(H.
61 Zu den Pilgerzeiclicn von liesse vgl. Brvna
1996. S. 4If.. Nr. 92-94.
62 Dui'I-oyf. 1862, lkl. 1. S. 43.
63 l-'oKta.Ais 1863, S. 3SH. - Vgl. aiicli Di im.ovi'
1862. Bd. 2. S. 343.
64 l*.s Гс-lilt der ersie Sieg des »d« in -de lienee».
73 Bruderschaftsplaketce, runder, zwcischaliger. doppelscitiger 73a Riickseitc von Nr. 73
Guss
Inventar-Nr.: I’PM 5752
Material: Blei-Zinn
Mafic: Diirtlime.sser 29 mm
Insclirih: Avers: •nosirc dame [d]e : lienee», Kevcrs -lienee», beides in Mi-
nu.skein
Dalierung: 15. Jalirliundert
Vcrglciclissriicke: [‘tiKcr.Ats 1863, S. 36
l.iteratur: Клт. I'rac; 1986, S. 19, Nr. 128. - Коекii;smarkov.a 1977. S. 61.
Nr. 21
Marin
63
de lience« o.ii. unigebcn, die reclits neben dem Haupt Marias beginnt and vor dem
»de« durch die Sell га (fur zu FiiRcn dcr Madonna untcrbrochcn wird. Nur bci dem
bier vorzustellenden Zeichcn stcht das Jcsuskind in it tig zwischen den Knicn Marias
und hiilt in der linkcn Hand einen Rcichsapfcl, wahrend die rechte Hand mit Segens-
gestus erhoben isr, wic cs der Darstellung des Kultbildes cntspricht. In den iibrigen
Fallen sitzt das Kind halbfrontal auf dem linkcn Obersclienkel der Madonna. Die
Riickseite zeigt in dicscm Fall einen srilisierten Baum, urn den ein Sprucliband mit
der Inschrift »licncc« gelegt ist. Einc ahnlichc Darsrcllung begegnet atieb auf einer
zvveiren Flakette.'^ Der sich verjiingende Rand deutet darauf bin, dass diese Plaketren
ursprunglidi in einem Rail men gerragen wurden, mogliclicrweise in ahnlicher Form
wie z.B. Nr. 72. UK
Mont S. Michel (Maria im Tor zwischen zwei Tiinnen) (74, 75)
Die Zeichen mit der Darstellung einer stehenden Marienfigur mit Kind in einem
von zwei Tiinnen flankierten Tor bilden eine groRe Gruppc, die in zahlrcichen
Sammlungen franzosischer Pilgerzeichen vertreten ist.w* Die Zuweisungzum Marien-
heiligtum von Tombelaine in u limit tel barer Nachbarschalt zum Mont Saint Michel
wurde verschiedentlich diskutierd’’, bestritten'* und hlieb zuletzt in der Schwebe/’4
Der archaologische Fund eines diesem Typus entsprechenden Gussmodels in einem
am Mont Saint Michel ergrabenen Pilgerzeichcnaielier bcstaligte aber die Loka-
65 l-'imi.i-.MS i86|.S.35.36.l>/u\ Dipiovi. 1862.
Bd. 2. S. 343.
66 Sanimlmig Bossard: Ill.l.litNi; 1911, T.iM
X X X V I. CMC RcillC VOll L)l)L'll, drit tes ZcidlCIl
von links. - Bui na 1996, S. 11-1. N1. 139 l il.
- Клт. Worms 200^. S. 82-86. Nr. 12-20. -
Briisscl, Biin.imni-oei Rovai 1. Gahinci dcs
monnaics. Coll. Di.ss.1r1. Invcin.ir Nr. 23447.
- Dr.sNnri-.KS 1 N76, S. 189. Nr. .Vi. - I.amv-
I.asai 11: 1968, S. 21. Nr. 22. K.-m. Bi ki.in
1008, S. 294!.. Nr. 66. IIP I. S. 232. Nr. -1991.
67 VanHi.i.iuni;i.n/Koi.i)i.\x i:ij/G.a.\i.man 1987.
S. 9<>H.
68 HPI.S. 2.32.
69 К.vi. Worms 2001. S. 82.
74 Drcischaliger hochrechteckiger Git-
terguss, Nadel und vier von ehemals sechs
Haltezungen auf der Ruckseire; stehende
Maria mit dem Jcsuskind auf dem linkcn
Arm, Perlstabeinfassung dcs Tores untcr
geschupptem Zeltdach, florale Elemente
(Eichelzweigc und Fruchtc?) zwischen
Dach und Tiirmen
lnveniar-Nr.: UPM 5677
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holic 28 mm. Brcitc 23 mm
Daiierung: 15. Jahrhtimlcri
Vcrglcidisstiickc: Bruna 1996, S. 114, Nr. 139
I.ircratur: Koi-:nigsmakkova 1977- S- 641.,
Nr. 34. - Kat. I’kac 1986, S. 20. Nr. 130
75 Drcischaliger hochrechteckiger Git-
terguss, Ansatz von Nadel und Nadelrast,
einc von ehemals sechs Haltezungen aufcler
Riickseitecrhaltcn; stehende Maria mitdem
Jcsuskind auf dem rcchten Arm, Rosetre
im Dach des Torhauscs. zwei Iangsticligc
Kicheln (?) zwischen Dach und Turmcn
lnveniar-Nr.: UPM 98.959
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hiihc 32 mm. Brcitc 22 mm
Daiierung: 15. Jahrhnndcrt
Vcrglciclissiiickc: die Dachrosetce nnd die lang-
siicligen Kiclicln liabcn bisher keinc Parallclc
l.iicrainr: KoI-.nigsmarkova 1977, S. 70, Nr. 35
64
Pilgerzeichen
lisicrung dieser Zeiclien in den Raum des Mont Saint Michel. " Allerdings bleibt
die Zuweisung nach Tombelaine eine problematische Hypothe.se, da sie erkliiren
muss, wie sich dieser Typus zu den anderen in Tombelaine verorteten Zeichen vet-
halt, die eine thronende Maria mit Kind darsrellen.’1 Wahrscheinlichcr ist es, dass
diese Zeichen in irgendeiner Weise mit der Marienvcrehrung auf dem Mont Saint
Michel selbst verbunden waren.
Die Zeichen dieser Gruppe prasentieren die stehende MarienHgur immer in einer
lorarchitektur zwischen zwei mnden Tiirmen, die von Kegeldachern abgeschlossen
werden. In Details weichen die Gestaltungen der lorarchitektur von cinander ab. So
finder sich haufig um die TorofFnung ein Perlstabdekor, gelegentlich werden zusiitzlich
Zinnen unterhalb des Daches oder eine Dachrosette start des meist ziegelgedeckten
Zeltdaches dargestellt. Sucht man im Umfeld des Mont Saint Michel nach einem bc-
stimmten Vorbild fur diese Darstellung, legr sich die Port du Roi (Konigstor) nahe, die
mit zwei runden Torriirmen und einem Torhaus seit dem friihen 15. Jahrhundert den
Zugang zum Mont Saint Michel schiitzte und den einzigen Zugang zum Heiligtum
bildete. Die Korrespondenzzwischen der Architekturdarstellungder Zeichen und dem
in der Modernc baulich veranderren Konigstor zeigt eine Miniatur im Stundenbuch
Peters II., Herzog der Bietagne (um 1455).’2
Alle Zeichen besafien ursprunglich Hiiuerlegungen aus Metall, wie die stets - zu-
mindest chemals - vorhandenen Haltezungen auf der Riickseite bezeugen.
Ein cinzelner Fund prasentiert in derselben Architekturform Veronika mit dem
SchweifirucIT', was inrerprerationsbedurfrig ist, aber die generelle Zuschreibung der
Zeichen zum Mont Saint Michel nicht in Fragc stcllr. HK
Notre Dame Le Puy (76)
Die Kalhediale von Le Puy-cn-Velay (Departement Hautc-Loirc) erscheint bereits in
der Mitre des 12. Jahrhunderts im Liber Sancti Jacobi als hervorgehobenes Heiligtum,
namlich als Ausgangspunkt cines der vier franzosischen Jakobswege, der deshalb auch
als «Via Podensis« bezeichnet wird. Le Puy warvom 12. bis zum 16. Jahrhundert einer
der bedeutendsten franzosischen Wallfahrtsorte.74 Die hier spatestens seit der Zeit um
1200 hergestellten Pilgerzeichen gchoren zu den ersten Pilgerzeichen uberhaupr. Einen
Ubcrblick uber die alteren Pilgerzeichen in Form von Flachgiissen gibt Haasis-Ber-
ner.'5 Die Darsrellungen dieser Flachgiisse wurden von dem marianischc Gnadenbild
bestimmt: frontal thront die gekronte Maria, das Kind mit dem linken Arm auf den
Knien haltend, wahrend die reclite Hand ein Lilienszepter prasentiert.
Das hier vorzustellende Pilgerzeichen ist identisch mit einem Seine-Fund aus dem
Besitz des Muscc de Cluny. Es stellt das Gnadenbild im Unterschied zur Darstellung
der alteren Zeichen von Le Puy mit dem Jesuskind frontal vor den Knien Marias dar.
Der Gestus des Kindes, das in der linken Hand einen Reichsapfel halt und die rechte
zum Segensgestus erhebt, ahnelt der Darstellung auf der Bruderschaftsmedaille von
Notre Dame de Liesse, weshalb Artur Forgeais das Pariser Stuck als Pilgerzeichen
von Liesse ansprach.6 Die ricluige Identifikation des Zeichens gclang Denis Bruna
im Jahre 1996, der die Rahmung des Zeichens beriicksicluigte. Der auf zwei Saulcn
ruhende Tabernakel mit dem zentral positionierten Lilienwappen entspricht dem von
Konig Ludwig XL 1476 bei seinem Besuch in Le Puy gestifteten »Chadaraita«, einer
Adikula, die das Gnadenbild beherbergre. ’ Bruna wies auf einen Holzschnitt mit der
Darstellung des Gnadenbildes in der »Chadaraita« hin, dcr sich in einem 1523 von
Marhurin des Roys gedruckten Wallfahrtsbuchlein von Le Puy finder.’8 Eine parallele
Darstellung finder sich bereits in einem um 1500 entstandenen Einblattdruck mit der
Darstellung dcs Gnadenbildes, den Joseph Breck 1929 publizierte. Das Pilgerzeichen
und dieser Einblattdruck konnen so als gleichzeirige Zeugnisse des Kulres von Le Puy
in der Zeit um 1500 angesprochen werden. HK
70 Kai. Cai n/ I'ouioisi /1-.VH1 их 1002. S. 298,
Nr. 262.
71 Vgl. den Absclium "Maria loinbclainc- in
dicscin K.u.ilog.
72 Paris, Bibliothcque nanonale. Ms lai. 1159.
- Vgl. Hahhian 1977, S. 118-121.
73 Brus’a 1996, S. 57, Nr. 19.
74 F.nnen 1972 mit weiccrcr Lit.
75 Haasis-Blrnfr iooj, S. 111-115.
76 Forceais i863,S.45.-Danachauch Deni.ovh
1862, Bd. l.S. 53.
77 Bruna 1996, S. 96.
78 Matluirin i>KS Roys: La fondation et erection
de la saincte, devote ct mir.ieulcuse Eglise dc
Nostre-Dainc du Pit, bastie par revelations
divines, L'aksimilcausgabe von Andre Pascal,
Paris 1921.- F.incAbbildiingdesHobscliniiis
aneb bei Bruna 1996, S. 96 und bei Breck
1929, S. 156
79 Bki.ck 1929, S. 155.
Maria
Notre Dame tic Tonibclaine (77—83)
Auf der crvva tlrei Kilometer vom Mont Saint Michel cntfcrnt gelegenen Insel Tomhe-
laine grundere ini Jahre 1137 Bernard du Bee, Abt dcs Klostcrs Saint Michel, ein Priorar
mit dem Namen »Notre-Dame-de-la Gisante«.8° Der wallfalmsmafSige Besuch von
Tombelaine scheint sicli vor dem Hintcrgrund der Pilgerbevvegung zum Mont Saint
Michel entwickeltzu haben. AllerdingssindZeugnisse fiir den Besuch von Tombelaine
bis/.иm Endcdcs 14. J a hrliunderts selten. Wahrenddes Huiidertjalirigen К l ieges geriet
das F.iland /.wisclicn die Trontcn und wurde von 1423 bis 1449 von den Hnglandern
besetzr und /и einer Testung atisgebaut.81 F.rst nacli der Vertreibung der Englander
diirfte die Wallfahrt reaktiviert worden sein. Kinen Nachvveis liber den Verkaul von
Pilgerzciclien auf Tombelaine bietet die Reisereclinung des Gralcn Johann III. von
Henneberg-Schleusingen (1503-41), tier don 1519 *>7.eichen« erwarb.8’
Schon Arthur Forgeais identifizierte 1863 drei Funde aus der Seine als Pilgerzciclien
von 'Tombelaine: Zwei nur fragmentarisch erhaltene Zeichen stellen eine aul einer
'Ihronbanksitzende Madonna mit dem vom Bctrachtcraus links neben ihr srehenden8'
bzw. auf ihrem linken Oberschenkel sitzenden Jesuskind8'1 dar. Ein drittes Zeichen, das
heute verschollen ist, zeigt die Madonna stehend in einer Bogenarchitcktur mit dem
Jestiskind auf dem linken Arm.8S Alledrei Zeichen tragen auf der'Ihronbank oder dem
76 Pi lgei zeichen, adikulaformiger, drei-
schaligcr Girterguss mit Nadel und Nadel-
rast auf der Riickseite und vicr Haltc/.un-
gen 7uг Bcfestigung eines riickseitigen
Mediums
Invcntar-Nr.: Naiionalmuscum Brag 112-68.208
Material: Blei-Zinn
Mafic: 1 lolie 40 mm. Brciie 26 mm
Datierung: uni 1500
Verglciclisstuck: Bki'Na 1996, S. 951- Nr. 99
77 Pilgerzciclien, hochrechteckiger, zwei-
schaliger Girterguss mit Adikulaarchitek-
tur, drei von vicr Osen erhalten, bekroiiende
Figurchen (?) auf dem Dacli verloren
Invcntar-Nr.: UIWl 5684
Material: Blei-Zinn
Mafic: I lohc 119 mm. Brciie max. 48 mm
Daticrung: 2. HiiHie des 15. Jaluhunderis
Vcrglciclisu iickc: keilie
Utcratnr: Koi-.n 10.ЧМaukova 1977. S. 571..
Nr. 16. - K.-vi . Риле: 1986. S. 19. Nr. 124
80 Sinmui i n /. 1000. S. 1(>.
81 Vgl. ebd.. S. 45H.
82 Vgl. Ki: 11N1: 2012.
83 Touch.-Ms i86i.S.49par. Bruna 1996.S. 100.
Nr. 109.
84 Touci ais i86i.S.48]>ar. Bursa 1996.S. 100.
Nr. 108.
85 Toiu.i.ain i86i,S. 46Г.
78 Pilgerzciclien, dreischaliger, rahmen-
loser Gitterguss mit Nadel und Nadchast
auf der Riickseite, Kopl des Jesuskindcs
und rechtcr Arm der Madonna mit Lilie
verloren, originaler Kopl neu verlotet
Inveiuar-Nr.: UPM 5687
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 57 nun. Brciie (max.l 29 nun
Daricning: 2. Hiilltc dcs 15. jalnhundcris
Vergleiclissiiickc: Kai. Bi ui in 200X Nr. 3 i
(sellг ahnlich). Kai. Worms 2001. Nr. 7
l.itcratur: K01 nk.smaukhva 1977. S. 58, Nr. I7.
Kokmcsmakkova 1980. S. 67. - K \r. Риле;
1986. S. 19. Nr. 125
66
Pilgerzeicbcn
Rah men die Inschrift »tombelaine«. AuBcr dicscn drei Scine-l:unden ist bishcr kein
weireres Pilgcrzcichcn mit eineriihnlichen Inschrift bekannr. Artur Forgeais banc den
erwahnten Stiickcn bcrcitscincn weireren bundzugcordnet, dcrcine ikonogralisch schr
iih n I idle Darstcllung ciner rhronenden Madonna bietet: Die auf dcr Bank sitzende
Maria isr nimbiert und ihr Haupt mir einer Lilicnkrone bedeckr. I hr eng anlicgendes
Kleid wird von einem gepunkreren Raurcnmuster geschmiickt. Neben ihr steht das
Kind frontal auf der Bank in einem Kleid mit Giirtel und streng nacli uiuen laufcndcn
I.angsfalren.'"' Das von Forgeais vorgestellte Original ist verscliollen, so dass nur seine
Unv/.eichnung zum Vergleich dienen kann. Der hierin abzulesende Typus zeichnet
eine Gruppe von Pilgcrzcichcn aus, die bei unrerschiedlicher handwerklicher Quali-
tiit schr dcutliche liigcnhciten zeigt. Neben fiinf Excmplaren dcr Prager Sammlung
gehoren dazu cin Stuck im Wormser Paulus-Museum8 , zwei Stiicke aus dem Berliner
Kunsrgewerbemuseum79 * * * * * * * * 88, cin Sriick im Salisbury and South Wiltshire Museum84, cin
Stiick im Museum von Rouen'’'1 und mindesrens cin Stuck dcr ehemaligen Sanini-
lung Bossard". Alle diese Zcichen stcllen die thronendc Maria in charakteristischcr
Weisc dar, so dass auch Fragmente noch Icichr erkannt werden kbnncn. Dcr Leib der
Madonna wird fiaschenformig aus einem rundcni Bauch und streng symmetrischcn
runden Briisten gebilder. Das enganliegendc Kleid triigt ein Rautenmusrer mir kleincn
Punkten. Uber die Schultern fallt cin Icichter Mantel auf die Oberarme, dessen Saum
79 Pilgerzeiclien, Fragment: dreischali-
ger, rahmenloser Gicterguss (urspi iinglicli
iihnlich Nr. 77)
lnvciiidi-Nr.: l-'PM 5688
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holic (noch) 50 mm. Brcitc 18 nnn
Daiierung: 2. Halftc dcs 15. Jahrhundcris
Vcrglcichsstiickc: Nr. 77
l.itcranir: KotN'ics.M arkova 1977. S. 59, Nr. 18.
- Клт. Prai; 1986. S. 19, Nr. 126
80 Pilgerzeiclien, dreischaliger, rah men-
loser Gicterguss, Nadcl und Nadclrasr auf
dcr Riickseite, Kopfdcr Madonna verloren
und falsch erganzt
Invcntar-Nr.: Naiionalmuscum I’rag H2-68.086
Material: Blci-Zinn
Mafic: I lohe 43 mm: Breiie 25 mm
Daiicrung: 2. llalftcdcs 15-Jahrhundcris
Vcrgleichsstiickc: К at. Worms 2001. Nr. 7, ahn-
lich audi Spencer II, Nr. 36 aher andcre l.ilien-
I'orm
86 I-okckais 1863, S. 50.
87 Kat. Worms 2001, S. 78, Nr. 7.
88 Kai. Berlin 2008. S. 280f., Nr. 32 und 34.
89 Spencer H.S. 25, Nr. 36.
90 Lamv-Lasai.i.i: 1968, Nr. 23.
91 Hei.iiinc: 1911, Tafcl XXXVI, 5. Rcihc von
ohen, 4. Stuck von links; evil, auch das Sriick
in dcr 4. Rcihc von ohen, 4. von rcclus.
81 Pilgerzeiclien, dreischaliger, ralimcn-
loser Gitterguss, Nadcl und Nadelrast auf
der Riickseite verloren, Kopf der Madonna
verloren und falsch erganzt
lnveniar-Nr.: Nacionalmiiscuin Brag H2-68.092
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hiihc 56 mm. 35 mm Brciic
Daiicrung: 2. Halite dcs 15. Jahrhundcris
Vcrglcichsstiickc: Kai. Berlin 2008, Nr. 34
Maria
67
untcr der Wolbung dcs Bandies nacli links fiber die Oberscbenkel lallt. Uber deni
Bauch vcrlauft ein halbkreislormigcr Ciiirtcl. Unrcr dcr Lilicnkrone fallt das Haar bis
zu den Scbultern. Der Sclicibennimbus bincer dem Haupr zeigt meisr eine Scramin-
muscerung. Dcr Kopf gelibrte zu den fragilsren Teilen des Pilgerzeicliens, vveshalb
er inir bci vvenigen Exemplaren erlialtcn ist. Bei den Stiitkcn Nr. 80 und 81 wurden
zwei nichr autbentisebe Kopfc erganzt. Das Jesuskind sedu immer vom Berrachcer
aus recbc.s neben der Gottesmucter auf der Bank.4’ Sein verrikal gefalreltes Gewand
vvird in einigen Fallen durcli eine senkrechte Perlstableiste betont. Meist triigt Maria
in der recliten Hand eine melir odcr weniger srilisierre Lilie und das Jesuskind cincn
Reicbsapfel miiaufgeserztem Kreuz. DicscKomposition wirdgelegentlicb mil weiteren
Elemental angereichert. DieTlironbank vvird bei den bandwerklicli sclilicliten Stiicken
aus der Sammlung Bossard und ini Berliner Kunstgewerbemuseum an beiden Seiren
von einem Lilienvvappcn Hankiert. Das Stiick aus Rouen zeigt zwei kerzentragende
Engel neben der Bank. Das auRerordentlich grofie Siiick Nr. 77, das die Madonna in
einer eigenarrigen Miscliung aus einer Adikulaarchitektur und einem Dach in Form
eines Reliquienscbreins priisentiert, isr bishcr singular.
Merkwiirdig blcibt, dass die markante Gesralrting der Marienfigur sicli gerade bei
den Pariser Stiicken mir der Inschrifr »Tombelaine« nur selir eingeschrankt fesrstel-
len lassr. Insofcrn ist die lokale Zuvveisung nocli liypotlietiscli. Auch ilire Datierung
82 Pilgerzeichen, Fragment, dreischa-
liger, rah men loser Gitterguss, leicht ver-
gossen
Invemar-Nr.: UI>M 5689
Material: Blci-Zinn
Майе: Holie 31 mn, Brcitc 29 mm
Datierung: 2. I liillie dcs 15. Jalirhundcrts
Vergleichssiikkc: I.amv-I.asai.i.U 1968. Nr. 19
Litcrarur: Kouniusmakkova 1977. S. 60, Nr. 20
83 Pilgerzeichen, Fragment, dreisclia-
liger, hochredneckiger Gitterguss, ur-
spriinglicb wolil mir Archirckrurrahmcn,
auf der Riickseite Reste der Nadel und
Nadelrast, Kopf dcr Madonna angelotet
(vvohl sekundiire Vervvendung, moglicher-
weise von Nr. 80 oiler 81 stamniend)
Invemar-Nr.: UPM 5685
Maierial: Rli-i-Zinn
Ma(5c: H6lie77 111m, Hrciic45 mm
Datierung: 2. Halliedcs 15. Jahrhuiulerts
Veigleich.sMiieke: l.AMY-I.ASAi.i.fc 1968. Nr. 20,
Buli.na 1996, Nr. 1551.
Literal 11 r: Koinic.smarkova 1977. S. 591-
Nr. 19. - Kat. Prac: 1986. S. 19. Nr. 123
92 Nur im hi 111-dell l|ir/eic liming von I'oIk.i.ais
1ХГ4. S. 50. Mein d.is Kind links!
84 Pilgerzeichen, rundcr, drcischaligcr
Gitterguss, Ralimen mil Flammcnkranz
und Pcrlstabdckor, aufder Ruckseit e Nadel
mit Resten der Nadelrast, viet Halieziingen
lnveinar-Nr.: V, PM 5728
Material: Ulci-Zinn
Malse: Durchmcsscr 43 mm
Datierung: 15. Jalirluindi-ri
Vergleiclisstiickc: Bildfeld alinlieh. aher mit ein-
lachem Rahmcn Kat. VVdhms 2001, S. 101,
Nr. 53
l.iirraiiir: Kdi niusmarkova 1977. S. 64, Nr. 24.
- Kai. Prac; 1986. S. 20, Nr. 132
68
Pilgerzeichen
ist unsicher. Spencer hat liir das Exemplar in Salisbury stilistisch den Zcitraum von
1400 bis 1424, also bis zum Zeitpunkr dcr englischen Bescr/ung von Tombelainc vor-
gcschlagen. Unter der Bedingung, dass cs sich wirklicb um Zeichen aus Tombelainc
liandelt, halten vvir eine Hersrcllung nach 1449 fur sehr vicl vvabrscheinlicher. Die
handwerklieb sebliebten Stiickc mit den Lilienvvappen reflekrieren moglicliervveisedie
Riickeroberung der Inscl 1449.
Die Nr. 83 srellr ein fragmentarisebes Pilgerzeichen mit einer stehenden Maria dar,
die den rhronenden Madonncn aus Tombelainc stark iihnelt. Da Forgeais durch die
Inscbrifi desobengenannten Fu tides bereitsein Pilgerzeichen nilsTombleainc mit cincr
stehenden Maria publiziert liatie, keinme dieses Pilgerzeichen auch von dort srammen.
Ein ahnliches Zeichen wie das hier vorgesrellre war bereirs aus der Sammlung Bossard
bckannt7’ Der Wechsel zwischen der stehenden und der rhronenden Madonna bei
den Pilgerzeichen von Tombelainc miisste aucb im Hinblick auf die am Mont Saint
Michel vertriebenen Pilgerzeichen mit dem Erzengel Michael und Marie sowie mit
der stehenden Maria in der Torfassade (Nr. 74f.) diskutiert vverden.
Ein weiterer Pilgerzeichenrypus dcr mit Tombelaine zusammenhangen konnte, stcllt
in einem Rundrahmen Marie und das neben ihr srehende Jcsuskind aufeiner breiten
Thronbank dar, die seitlich von einer groEen Lilie bzw. einer Kerze ini Lcuchtcr be-
grenzt wird. Allcrdings sind bei diesen recht kleinen Darstellungen die spezifischen
Formen des Marienbildes kaum abzulescn. Daher wird dicscrTypus in diesem Katalog
separat behandelt/" HK
85 Pilgerzeichen, vierpassformiger,
dreischaligcr Girterguss mit Nadel und
Nadelrasr auf der Riickseite, Bekronung
abgebrochen
Inveiuar-Nr.: UFM 5732
Material: Blci-Zinn
Malic: Hcilic 33 mm, Brcitc 29 nun
lnschrilt: aul dcr Fahne in Minuskeln -vodan -
Daticrung: 15. Jaluliundcrt
V'crglcichsstiickc: Sammlung Figdor (n’Ai.i -
r.M.uiNK 1928, Talcl CC1.XXX1, Nr. 32). Rouen
(1.ЛМy-I.asaI.I.i:. 1968, Nr. 2). wohl idcnriscli mit
Fslart 1916. S. 3051.
Litcratur: Koknigsmarkova 1977. S. 63, Nr. 23.
- Kat. Frag 1986, S. 20, Nr. 131
86 Pilgerzeichen, runder, dreischaliger
Gitterguss, Rahmen mit Minuskelinschrifr
und Eaustabdekor, Bekronung mit zwei
Schafen und Adorant (?) teilweise weg-
gehrochen, auf dcr Riickseite Nadel mit
Nadelrasr
Invcntar-Nr.: Naiionalmusciim Frag H2-68.157
Material: Blei-Zimi
Malic: Flohc 38 mm, Brcitc 29 111 m
Iii.selirift: in Minuskeln, nicht cindcuiig 7.11 ent-
ziftem (s.o.)
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
V'crglcicli-sstiickc: kcinc
93 11ы 111 kg 1911. Talcl XXXVI, vierte Rcilie
von olicn, funftes Siiick von links.
94 Vgl. Nr. 1321.
87 Pilgerzeichen, runder, dreischaliger
Gitterguss.Rah men m i t M i nuskel i nscli ri fc
und Wiirfelaugendekor, Bekronung und
oberer Rand weggehrochen, auf der Riick-
seire Resce der Nadelrasr
Invenrar-Nr.: Nationalmuseum Frag H2-6H.174
Material: Blci-7.iiin
Malic: Durchmc-sser 38 mm
lnschrift: in Minuskeln, niclu cindcuiig zn ent-
ziffern (s.o.)
Haticrung: 15. Jaluliundcrt
Vcrglcichsstiicke: kcinc
Maria
m
Notre Dame de Vaudouan (84—87)
Der Lcgende nach soli ein Schalcr im Jahrc 1013 in dcr Nahc dcs О г res Briantes
(Departement Indre) bei einer Quelle eine Mariensratue gehinden haben. Nachdem
er sie in die Pfarrkirche bracbte, kebrte sie nadirs /.wei Mai wieder /.u ilirem l;undort
zuriick, so dass an jener Stelle aufSerhalb der Stadt eine Kapclle fiir dieses bald weitere
Wunder wirkende Marienbild erbaut wurde.‘,s Die Anfange der bis hence andauernden
Wallfahrt bind aber spacmittelalterlich, wobei die Lage der Kapclle an cincni Engpass
der von Paris nach Toulouse fiihrendcn Wege eine Rolle fur die Popularity der Wall-
fahrc gespielt haben diirftc.
Die Pilgerzeichen von Vaudouan wurden erst nach einer Reihe von Missverstiind-
nissen idenrifizierr. Camille Enlart meinre 1916, dass cs sicli um eine Darstcllung dcr
heiligen Genoveva handelr.'"’ Colerte Lamy-Lasalle versuchre 1968 eine Zuvveisung
zur heiligen Abtissin Auscreberthe von Pavilly.M Erst Denis Bruna gelang 1996 durch
die Deutung der Inschriftcn und der Ikonografie die Identifikation mit Notre Dame
de Vaudouan.'"1
Die Pilgerzeichen lassen sicli nach der Gestalt des Rahmens in drei Gruppen unrer-
teilen: Es gibt Zeichcn mit einem Rundrahmen (Nr. 84, 86, 87), hochrechteckige
Zeichen in Form einer Adikula und Zeichen mit einem Rahmen in Gestalt eines aus
Halbkreisbogen zusammengesetzren Vierpasses (Nr. 85). Das einzige adikulaformigc
Zeichen der Prager Sammlung ist 1903 an das Kunstgewerbemuseum Diisseldorf ver-
kauft worden.yy Die bildliche Kernszene ist in alien Fallen dicselbe: In der Mine steht
eine Marienfigur, die das Jesuskind in geradcr, sreifer Haltung vor ihrem Leib rragt,
so dass der Eindruck eines auf ihren Knien sitzenden Kindes entsteht. Die Figur ist
nicht nimbiert. Sie tragt auf dem Kopf einen Schleicr, der gelegcntlich auch als Ka-
puze jenes ofFenen Mantels erscheint, der ihr iiber die Schultem Pallt. Zu der einen
Seite Marias kniet eineanberende Figur im Halbprofil, die meisteine Kerze triigt, die
gelegentlich als Lanze missdeutet wurde. Auf der anderen Seite richtet sicli ein Scliaf
vor der Marienfigur auf. Diese Darstellung verweist auf die Ursprungslegende der
Wallfahrt, namlich die Entdeckung der Marienfigur durch den Schafer. Zu dicscm
ikonografischen Kern trirr eine unrerschiedlich starke Ausgestaltung des Raumes mit
Vorivgaben. Immervertretcn ist eine Doppelfcssel. Die vierpassformigen Zeichen zeigen
zwei durch Eisenringe gefasste Steine mit Seilen als Fuftfesscln. In den Bekronungen
der Rahmen taucht haufig das franzosische l.ilienwappen auf. Wahrend die Inschrift
auf der kleinen Fahnc der vierpassformigen Zeichen sicher »vodan« lauter, ist bei dcr
Lcsung der langeren Inschriften auf den runden Zeichen nur der Wortbestand »n[ot]
tre dame de [...] audc« gesichert. HK
9S \y. Реки ahi>-Mi
% l maim 1916, S WSf
97 Lamy-I.asai 11 1968, S. I It.
98 Itiu-NA 199ft, S. 101-103.
99 Vgl. Kai nOssi-moiti 1981.4 21. Nr 12
Villalcizar de la Sirga Dominikus (Santo Domingo de la Calzada)
Walsingham, »Heiliges Haus« (Verkiindigung Mariae) (88-92)
Es gibt zwei Gruppen von Pilgerzeichen, welche die Verkundigung der Geburt Christi
an Mariadurch den Erzengel Gabriel (Luk. 1,26-38) darstellen. Bei dcr einen Gruppc
handelt es sich um Flachgiisse, die eine charakteristische trapezformige Form mit zwei
halbkreisformigen Ausschnitten an dcr Unterseite aufweisen, deren mittlerer Scheitel
in eine Muschel auslauft. I in Bildfeld steht der Verkundigungsengcl Maria gegeniiber.
Beide Figuren sind durch eine Saule getrennr. Um die Plakette zieht sich am au^eren
Rand ein Inschriftenband mit dem »Ave Maria«. Datierung und Herkunfr dieser Zei¬
chen waren umstritten: Wahrend Koldeweij100 und Haasis-Berner"" fiir eine Herkunfr
aus Nazareth und eine Datierung in die erste Halfre des 13. Jahrhunderts votieren,
vermutet dcr Vf. den Ursprung in einer der romischen Pilgerkirchen, moglicherweise
in Santa Maria Maggiore (zweitc Halfte des 13. / beginnendes 14. Jahrhundert)."’’ Auf
100 Van Hh-risgi n/Koi m \vi ij/Ciaai man
1987, S. 106.
101 Haams-Hi rntr 2001. S. 2001.
102 Kuiini 2008, S. 226-228.
70
Pilgerzeichen
cinem niederlandischcn l;und miteinersehrahnlichen Form wurdcjetzt eine Inschrift
cnrdeckr, die auf Aachen a Is Ursprungsort verweist.1'” Mir dieser Gruppc liabcn die
Gittergiisse dcr Pragcr Sammlung niches zu tun.
Derzwcirc Orr, an dem Pilgerzeichen mit der Darstellungdcr Verkiindigungsszene
ausgegeben wurden, ist Walsingham in Norfolk, wo das «Heiligc Haus«, cine Kopie des
Hauscs Marias in Nazarerh, verehrt vvurdc.10'1 Walsingham gilt naclt Canterbury a Is
das wicluigstc mittclalterlichc Pilgerzcntrum der britischen Inscln. Die in Walsingham
hergestellten Pilgerzeichen bilden ein breites Spekrrum von Typen. das von Nachbildun-
gen der Archirektur des Heiligen Hauscs iiber iidikulaformige, runde und rcchtcckige
Gittergiisse bis zu schlicluen Wallfahrtsplaketten reichr.l<is Die von Dickinson als Typ
1 bezeichncrc Gruppc stellt die Verkiindigungsszene in das Zentrum der Darsrellung,
wobei zwischcn dem Engel und Maria stets eine Vase mit eincr Lilie sreht.10*’
A lie cinschlagigen Zcichen der Prager Sammlung sind stark fragmentierr. Daher
ist ein Riickschluss auf den originalen Zustand nur bedingt moglich. Am wahrschein-
lichsten ist, dass die Eraginenre iiberwiegend zu jener Gruppe gehoren, die die Verkiin-
digung in einem rechreckigen Rahmen darstellt.1*'7 In einem Fall ist eine weitgehende
103 Пег I'liiicl soli in Hcilig cn Prolaail III. vor-
gcsrcllt werden; IrcundIielic-r Ilimveis vim
Willi Piron (Niinwcgcii).
104 Ziim Knit vgl. Dickinson 1956.
105 Vgl. SrKNcr.K 1998. S. 135-148. - Dickin¬
son 1956,5. 112-122.
106 Dickinson 1956. S. 117r. mil Tafcl 8.
107 Dazu gehoren 11.a. Spk.nckr 1998, S. 143,
Nr. 149a. - I IP 11, 5. 351, Nr. l4K5f.
88 Pilgerzeichen, fragmentarischer Git-
rerguss, l.otstelle an der Standleisre wohl
von einem Standfufichen, Fliigel durch
Lotung gcsichert; F.rzengel Gabriel nach
rechts gewendet auf diagonal geschach-
terem Standgrund mit Schriftband, Vase
mit Lilie
Invcntar-Nr.: IJPM 5710
Material: Blei-7inn
MaRe: Holier 41 mm; Hreiic 24 nun
Inschrift: auf dem Spruchband in .Vkijuskeln:
»AVK . GRACIA 4 PLli«
Daiierung: 15. Jahrhundert
Vergleic lisst iicke: kei ne
Koknic.smarkova 1977. S. 122. Nr. 109
89 Pilgerzeichen, fragmentarischer, drei-
schaliger Gitterguss, Vase mit Lilie, Nadel-
rast auf der Riickseire
Inventar-Nr.: UPM 5654
Material: Blei-Zinn
MaRc: Hohe 29 mm
Datierung: 15. Jahrhundert
Vergleichsstiicke: .Sphncek II, S. 32, Nr. 51- -
Mitchinkr 1986, S. 172. Nr. 534
90 Pilgerzeichen, fragmentarischer Git-
terguss, auf der Riickseire waagerechte
Nadclrast, Maria nach links gewendet
auf Standgrund vor einer Vase, die Lilie
isr abgebrochen
Invcntar-Nr.: Naiioiialiniiseum Prag H2 68.213
Material: Blci-7.inn
MaRc: Nolle (noch) 41 mm: Brcite (iioch) 19 mm
Datierung: 15. Jahrhuiideii
Vergleich.sst iicke: kei lie
Maria
71
Rckonstruluion des origin л tun Zusrandes moglich: Zu dum fragmcntarischen Stiick
Nr. 91 gab cs in dcr Saninilung dcs Berliner Kunstgewerbemuseums ein fast vollstan-
dig erhaltenes Gcgcnstuck."is Es handelt sicli uni die Darstellnng der Verkiindigimg
im «Heiligen Haus«, das dutch eine Adikula mil breiter Ralimung gebilder wird. Im
Palle von Nr. 88 wurde das Zeichen durcli Anloten eines StandfiifSchens, von dem
nur nocli die Eotstelle zeugt, in ein Bildclien /.um Aufstellen verwandelt. HK
91 Pilgerzeichen, fragmentarischcr
Gitterguss, urspriinglich hocluechteckig,
Verkiindigung in einer Adikula, die von
einem breicen Ralimcn mir Efeuornamen-
ten unizogen wird
Inveinлг-Nr.: Nationalniiiseuiii Prap 112-68.223
Material: Blei-Zinn
Mafic: Holie (nocli) 72 mm: Breiie (noch)
55 mm
lnsehrifi: aul'dcin Spruchband in Minuskeln:
»ave niaria«
Daiierunp: 15. Jalulumderi
Verplcichsstiitke: ehemals Kunsrgcwerbe-
iiiuscnni Berlin. Inv.-Nr. 1933. 18 (12)
91a Pilgerzeichen aus Walsingham,
Kun.sigcwerbemuseuni Berlin
Invcniar-Nr. 1933.18(12)
seii 1935 verschollcn
loto: Material Meyer in tier Pilgerzeichcnkartei
Kurt Keister
10X Ktinstgcwcrbcnuisciini Berlin. I ns-.- Nr. 19 i i.
18(12). Has Muck ping nacli 1935 vcrlorcn,
die Abbildiing sianinu aus dem von k.rieli
Meyer an Kurt Kiisieriibergeheiicn Material,
dassich in der/.eniraleii I’ilgerzeiclunkariei
Kurt Kbster im ('lernunisclien Nation.d-
niiisenm. -/.‘Г. verst rein .111 Грек leht aid den
Kaiteikarieil. erlialieu liai. Das Siiiik lelili
in Kai. Bikiin ;ooK, da der \T. dieseii
Naclisveis da 111.1 Is. nocli nielli eiudecki liane.
92 Pilgerzeichen, fragmentarischer Git-
rerguss, kniender, nacli ruclits gewendeier
Engel, wahrscheinlich Teil einer Vcrkiin-
digungsszene, Standgrund mil einer Ose
lnveniar-Ni.: Naiioiialniuseuni 112-68.235
Maierial: Blci-Ximi
Malic: 1 lobe (nocli) 30 nun: Breiie (nocli)
16 mm
□aliening: spates 15./frillies 16. Jalirhiindert
Vergleichsstiicke: Bki sa 1496. S. 215. \r. 335
Hlgerzekbe)
Nicht sicher identifizierte Marienzeichen
Maria mit Kind zwischen zwei Baumchcn (Notre-Dame-de-PEpinc?) (93-102)
Darstellungen dcr stchcnden Madonna mir dcm Kind, die von zwei Baumchcn oder
Gewachssrauden Hankiert wird, bilden eine Gruppemit verschiedenen Varianten. Den
>Kern< dieser Gruppe stellen jene Objekte dar, bei denen die Darsrellung von eincm
kreisrunden Rahmen cingehisst wird. .Sowohl der mir Perlsrablinicn umzogene Rah-
mcii alsauch die Darsrellungerinnern an den Pilgcrzeichcntypus der »stchcnden Maria
zwischen zwei Leuchtern«, der von uns hier versuchsweise der Stifrskirchc Norrc-Da-
me-de-Vaux (Chalons-en-Champagne) zugcordner wird. Der wesenrliche Unterschied
hestelu in der Ersctzung der Kerzenleuchrer durch die Gewiichse. In beiden Fallen
wird Maria mir ciner Lilienkrone gekront dargestellt. Ubcr dem Kleid rriigt sie einen
iiber die Schulrern fallcndcn Mantel. Das Kind sitzt auf dem linken Arm Marias und
wirkr im Gegensarz zur Darsrellung der Zeichen mir den Leuclucrn etwas kleiner und
holier positioniert.
Die Gruppe unrerscheidet sich vor allem im Hinblick auf die Arr der Gewiichse
und die Darsrellung der rechren Hand Mariens, die entweder vor dem I.eib an den
Fiifscn des Kinde.s liegt oder aber nach links ausgesrreckt isr und ein I.ilienzepter hiilr
(Nr. 94,95). Die Gewiichse werden entweder als srilisierre Biiumchen (Nr. 93,96) oder
staudenartig mir Bliiten und Bliirrern (Nr. 94, 96) gezeichnet. Dieser Pilgerzeichen-
typus mit Rundrahmen istauch ausanderen Sammlungen bekannr.so mit eincm Sr tick
im Wormser Paulus-Museumш,,, cinmal aus der Sammlung Clemen"" und dreimal
93 Pi Igerzeiehen aus zwei G tissen zusam-
mengesetzt; Bildfeld: runder, zweischaliger
Girrerguss, Riickseite plan: Rahmen: drei-
schaligcr Gitterguss mir Flammenkranz
und Perlstabdekor, aufder Riickseite Nadel
und Nadelrast sowie drei Zungcn zum
Festhalten des Bildfcldes
Invcmar-Nr.: L'lWl 5729
Material: Blei-Ziiin
Malic: Durtlimesscr 37 mm
Daticrung: 15. Jahrliuiulcrt
Verglcielisst iickc: kei nc
Litcratur: Koi:nk;smaiikov..\ 1977. S. 66, Nr. 29.
- Kat. I’rac 1986, S. 20. Nr. 133
94 Anhiingcr, runder Rahmen mit Perl-
stabdekor, eine Ose, vier Haltezungen,
rundes Bildfeld separat gegossen, aufder
Riickseite Verschlusshlech mit srraminge-
musterrem Kreuz
Invcmar-Nr.: UPM 5745
Material: Ulci-Zinn
Malse: Hcilie mit Ose: 29111m, Durchmesser 21 mm
Daticrung: 15. Jalirhundcri
Verglcidisstiicke:ahnlichKAi.Bi:iiUK 2008, Nr. 148
109 Kat. Worms 2001, S. 92, Nr. 35.
110 Hakof-ki: 1968. S. 65. Nr. 39.
95 Pilgerzeichen, runder, dreischaliger
Girrerguss mit Nadel auf der Riickseite,
rechtes Bildfeld srark vergossen
Invcntar-Nr.: Naiionalmuscum I’rag H2-68.078
Material: Blei-Zinn
Mafic: Durchmesser 25 mm
Daticrung: 15. Jalirhundcri
Verglciclisstucke: Kat. Worms 2001, Nr. 35
(aber dorr bekront)
Muria
73
96 Anhiinger, rundcr Ralimen mit cincr
Oseund Taustabornamcnt, Bildf'eld separat
gcgosscn mit planer Riickscitc
lnveiiiar-Nr.: NaiitHulimiicum Prag 112-68.098
Material: Blei-Zinn
Mafic: Holie mil Osc: 32 mm, Durdime.sser
24 mm
Daticnmg: 15. Jalirhundert
Vergleiclisstiickc: kcinc
97 Anhangcr, rundcr Ralimen mit In-
schrifr, eincr Osc mid Taustahornamcm,
zwciscitig Avers: Maria stehend zwischcn
Biiumchcn, Rcvcrs: Agnus Dei mit к lei tier
Krenzfahne nach links schrcitend
Inveiunr-Nr.: UPM 574(•,
Material: Blei-Zinn
MaIsc: Durdimc.xscr 24 mm
lnsdirih in .spaigniisdieii Mimiskeln: >■+ avc~
in:iria-graiia-|il[ciiaj-
□aliening: spates I5./I'riilies 16. J.ilirliuiidvri
Vcrglcidisstucke: keilie
l.iieratur: Koknicsmark'OVa 1977, -5. 116. N’r.99
98 Pilgcrzcichen, drcischaligcr Gitrcr-
guss mit riick.scitigcr Nadel und Nadelrast
lnveiuar-Nr.: Naiioiialmu.scnm Prag 112-6K.146
Material: Blei-Zimi
Mafic: Holie 26 mm. Breite 18 min
Datierung: 15. Jalirhundci t
Vergleichssiiickc: keine
99 Pilgerzeichen (?), rahmcnloscr zwei-
schaligcr(?)Gitterguss,sckundarmitcincm
profanen Zeichen zusammengelotet
lnveiuar-Nr.: Naiinnalmiisciini Prag 112-68.055
Material: Blei-Zinn
Mafic: Holie mil Osc: 32 mm. Durclimesscr
24 mm
□aliening: 15. Jalirliniidcrt
Vergleichsst iicke: kei lie
97a Riickseite von Nr. 97
100 Pilgerzcichen, drcischaligcr. rahmcn¬
loscr Gitterguss mit Nadel und Nadelrast
aufdcr Riickscitc, nurein Biiumchcn und
Jesuskind aufdcm rcchtcn Arm Marias
lnveiuar-Nr: Naiionalmii.seiim Prag H2-68.212
Material: Blei-Zinn
Mafic: 1 lobe 42 mm, Brciie 22 mm
□aricrung: 2. I lallie des 15. Jahiiiiindcris
Vergleidissiiickc: .ihnlich Kai. Biiilin looS.Nr. 15
74
Pilgerzeicheti
111 Кат. Hi.ui.in -ooK, S. 324-326, Nr. 144,
1471.
in der Sammlung des Berliner Kunstgewerbeniuseums.1 1 Sowohl bei den Excmpla-
ren der Pragcr Sammlung als auch bei den anderen Stiicken variiert die Gestaltung
dcs Rahmens stark: So finden sich einfache Gestaltungen mit Pcrlstabdekor (Nr. 95)
oder Taustabdekor (Nr. 97) als Abscliluss, aufwendig separar gegossene Rahmen mir
reichcm Dekor und Flammenzungen (Nr. 93) oder breire Anhangerkapseln mit orna-
mentierten Riickenblccb (Nr. 94).
Unklar ist, ob sich auch die rahmenlosen Stiicke Nr. 98 und 99 auf dasselbe Kult-
objekt beziehen. Nur entfernt verwandt ist das Pilgcrzeichen Nr. 100, bei dem Maria
das Kind auf dem rechten Arm tragt und das moglicherweise nur ein Baumchen neben
Maria darstellt.
Die ikonografischc Niihe zu den Zcichcn aus Notre-Dame-de-Vaux lassc an ihre Her-
kunfr aus dem raumlichen Umfeld denken. Fine denkbare Zuweisung ware daher die
Wallfahrtskirche Notre-Dame-de-rEpine(L’Epinc, Dcpartement Marne), die nuracht
Kilometer von Chalons-en-Champagne entfernt ist. Ausloser dieser Wallfahrt war
die Atiffindung einer wundertatigen Marienstatue, die der Legendc nach von Hirtcn
im Jahre 1400 in einem brennenden Dorncngebiisch gefunden wurde. Die Marien-
darstellung des Pilgerzeichens stimmt jedenfalls mil dem erhaltenen Gnadenbild gut
iiberein. Der Bau der Wallfahrtskirche sctzte 1406 ein und wurde durch Stiftungen
der franzosischen Konige (Karl VII. und Ludwig XI.) geforderr. Uber die Interaktion
und vermutliche Konkurrenz zwischen den beiden Marienwallfahrten ist bishervvenig
Ьекапт.11-' HK
101 Pilger/.eichen, dreischaliger, rahmen-
loser Gitterguss mil Nadel und drei von
urspriinglich vier Hahe/.ungen auf der
Riickseitc, ohne Baumchen
Invenrar-Nr.: Naiionalmusciim Prag I I2-68.134
Material: Blei-Zinn
Iiischrilt: in Minuskelu: >•+ avc - maria - gratia
- plena -■<
Mafic: Durchmcsscr 41 mm
Datierung: 15. JahrhuiKlert
Vergleiehssiiieke: keine
102 Anhiinger, runder Rahmen mit einer
Ose, ZickzackdekorundTaustabornament,
zweiseitig Avers: Maria stehend zwischen
Biiumchen hintcrlcgt mit rundem Trenn-
pliittchen, Rcvers: Agnus Dei mit kleiner
Kreuzfahne nach rechts schreitend
lnventar-Nr.: Nationalmuseum Prag 112-68.148
Mafic: Durchiiiesser 20 mm, Dickc: 4 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: 15. Jahrliunileri
Vergleichsst iieke: Nr. 97
112 SoCorsepil'S 1997.S. 141. Niclucrreitlibar
war uns Notre-DanicdcL’Epinc 1406-2006.
Acies du colloque international des 15 el 16
scptcinbre 2006. hg. von Jean-Bapiisic Re¬
nault (Etude.s Marnaises CXX1I / СХХ1П),
2007Г
102a Riickseitc von Nr. 102
Marin
Maria mit Kind, zwischen zwei Kcrzenleuchtern stehend (Notre-Dame-de-Vaux?)
(103-Ю6)
1 n vielen Sammlungen franzosischer Pilgerzeichen Hnden sich Exemplareeines Pilgerzei-
chentypus, dcr in eincm rundcn Rah men diestehende Madonna zeigt, wclchc das Kind
auf dein linken Arm tra.gr und zu beiden Seiten von je einem l.euchter mil brennender
Kcrze flankierr wird. Ncun solche Stiicke besitzt die ehemaligc Sammlung Clemen"-1,
mindesrens ein Stiick befand sich in dcr Sammlung Bossard"', ebenfalls mindcstcns
ein Sriick in der 1944 fiir das Berliner Kunsrgewcrbemuseum erworbenen Sammlung
Jagenau11' und sogar IS Stiickc in der Sammlung dcs Wormser Paulus-Museums.11'’
Auch zwei Funde aus London sind bekannt."7 Hinzu kommen jetzt die vicr Stiickc der
Prager Sammlung. In der Kollcktion des Mu see de Cluny fehlt dieser Typus hingegen.
Allerdings hattcschon Artur Forgeais cine in der Seine gefundenen Plaketteder Pariser
Srrumpfmacherzunft publiziert, die eine ikonografiscb selir ahnlicbe Darstellung zeigt
und diesc durch die lnschrifr »Nostre Dame des Vosges» (= »Norrc Dame de Vaux«) als
Abbildung des Kulrbildcs in der Stifrskirchc von Norrc-Damc-de-Vaux in Chalons-en-
Champagne (Department Marne) ausweist. Die Stiftskirchc erscbcint erstmals nach
einem Einsturz der Gewolbe im Jabre 1157 als wunderverheiRender Gnadenort."*
Seit vvann das dort verehrte Gnadenbild zum Ziel von Wallfiihrren wurde ist unklar.
Aucb uber das Alter und die Gestalt des in der Franzosischen Revolution zerstorten
Gnadenbildes ist nur bekannt, dass es ein steinernes Rild dcr >-Sainte Vierge tenant
son Enfant Jesus» war."1' Eine Identifikation des beschriebenen Typus als Zeichen von
103 Pilgerzeichen, Hinder, bekronter,
dreischaliger Gitterguss mit Nadel und
Nadelrast aufder Riickseite sowie drei von
urspriinglich vicr Zungcn, die ein rutides
Blech festhalten
lnventar-Nr.: UPM 5721
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohc mit Krone 30 mm, Durchincsser
22 mm
Daticning: spates 15- /friihes 16. Jahrlninderi
Vcrgleiclisstiicke: Kat. Worms iooi. Nr. 21-31,
34. - Клг. Nurnhi-RG 2000, Nr. \1)1)
Literati! r: Koeniosmarkova 1977- S. 67, Nr. 30
104 Pilgerzeichen, runder, dreischaliger
Gitterguss mil Resten von Nadel und
Nadelrast auf der Riickseite sowie vier
erhaltcncn Zungen, das riickseitige Blech
fehlt; das Felilen der Bckronung verweist
evtl. auf cincn separat gefertigten und ver-
lorenen Rahmen
lnvcntar-Nr.: Nationalmusciini Prag H2-68.200
Material: Blei-Zinn
Mafic: Durclimesser 24 nun
Datirrung: spates lS./lriihes 16. Jalirluindert
Vcrgleiclisstiicke: 'vie Nr. 103 aber lelileiule Be-
k muting
113 1 l.M in.Ki tyftS, S. 02—(>4. Nr. 31-38.
114 Hi i i.inc 191 ■ • Та I’d XXXVI. driuc Rcil.c
von obeli, gan/ links.
115 Kat. Berlin iooS. S. 319, Nr. 131. Miigli-
chcrweise hdanden sich in Jem vcrlorcncn
Teil der .Sammlung imcli ahnlicbe Siiicke.
116 К ai. Worms iooi.S. 87-92, Nr. 21 34uiul
36. Walirsclurinlicli машин aucli das im
CiermanischcnNationalmiiseumbclindlichc
Pilgerzeichen Inv.-Nr. 1*1.0.403 mil dem
angehliclien I'lindori ■■\V'orins< aus diesem
Saniniluiigszii.s.iiiniiciilinng; das Stuck wiir-
ducrsinialsini jabre 2000 piibli/icn im Kat.
NOrnuhrc; iooo. S. 371, Nr. 199.
117 Sh.nci.Ii 199H. S. 244. Nr. 248.
118 Vgl. CoRsmus 1997, S. 34 und S. 192 195.
I>ie Mirakclbcriclne ebd. S. 214-223.
119 Nacli den Angabc von bdme Baugier aus
deni Jalir 1721 zit. Coiishi-ius S. 140.
— Z11111 Ciiadcnbild uml dcr Qncllcnlagc vgl.
ebd., S. 14Of.
105 Anhangcr, hochrechteckiger Git-
terguss im doppelwandigen, hochrccht-
eckigen Rahmen, hekront mit einer Lilie,
Anhangcrdsc
Inventat-Nr.: UPM 5742
Material: Blei-Zinn
Mafic: 1 Itihc 26 mm, Brcilc 14 111111
Daiicrung: spates 15-/frillies 16. Jalirluindert
Vcrgleiclisstiicke: keine
76
hlgerzeicheh
Notre Dame de Vaux beruhe duller auf der Ahnlichkeit mit der singuliiren Plaketre.
M6glicherwei.se spriclu aber noch cin weireres Argument fiir dicse Zuschreibung: Ks
existiert ein sehr iilinlicher Pilgerzeichentvpus, der sich von dem hier vorgestelltcn
im Wesentlichen darin unterscheidet, dass die Marienfigur niebt von zwei Leuchtern,
sondern von zwei Baumchen bzvv. Gewacbsen flankiert wird. Moglicherweise handelr
es sich bei diesem anderen Typus um Zeicben der Wallfahrtskirche Notre Dame de
I’Hpine, der nur acht Kilometer von Chalons entfernt war.12" Die Niilie und wobl auch
Konkurrenz der beiden Wallfahrtskirchen konnte die ahnliche Ikonografie erkliiren.
Bei den Zcicben bandelt cs sich immer um kreisrunde Gittergiis.se, deren Rahmen
innen und auRen mil einem Pcrlstab begrenzt und von einer Lilienkrone mit Wiirfel-
augendekor bekront wird. Im Bildfeld stebt einegekronte Maria zwischen zwei Leuch-
tern mit aufgcsetzren Kerzen, deren Flammen bis zum oberen Rand des Rabmens
reichen. Das Jesuskind wird von Maria aufder linken Seite gehalten. Ihre rechte Hand
und die Hiinde des Jesuskindes erfassen einen kreisrunden Gcgcnsrand, der bei den
Stiickcn Nr. 103 und 106 deutlich als Reichsapfel mit aufgesetztem Kreuz gestaltet ist.
Auf der Riickseire der Pilgerzeichen sind immer kleine Haltezungen angebracht,
um ein rundes Blech als Hintergrund befestigen zu komien, das sich in einigen Fallen
crhalten hat. Befestigt wurden die Pilgerzeichen mit einer angegossenen Nadel auf der
Riickseire.
Von dicscr Form der Pilgerzeichen unterscheiden sich dieStiicke Nr. 105 und 106
durcb ihre jeweilige Rahmung. Nr. 105 fiigt das Bildmotiv in einen bochrechteckigen
Rahmen mit einer Anbangerose ein. Bei Nr. 106 wurde das Pilgerzeichen in einen
aufwendigen Rahmen mit Krcisornamenten eingelugt, ohne dass es seine Funktion
als Pilgerzeichen vcrlor, wie die Haltenadel zeigt. 1IK
120 Vpl. der vorluTgeliciulcii K-ii.ilog.mikcl
•■M.iri.i zwisciit-n zwei ('.fwiitiiscii (Noire
I ):iinc tie I’Mpinc?)-.
106 Pilgerzeichen, runder, dreiscbaliger
Girrerguss im kreisrunden, separaren Rah¬
men, aufder Riickseire Resre von Nadel und
Nadelrast sowie drei von urspriinglich vier
Haltezungen, das Blech fehlt
Invcntiir-Nr.: UPM 98.970
Material: Blei-Ziun
Mafic: DurLlnnc.s.scr 7i7 mm
Daiicrung: spates 15. Jalirhundcn
Ycrglcichsstiicke: keinc
I.iieratur: Kok.micsmarkova 1977. S. 68, Nr. 32
107 Pilgerzeichen, rahmenloser, dreischa-
liger Gitterguss, Nadel auf der Riickseire
lnvciuar-Nr.: Narionalmuscum Prag H2-68.183
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holie 31 nun, Breiie22 mm
Daricrung: 2. Halftc des 15. Jalirhundcns
Verglcichssiiickc: keine
10B (Rosenkranz-)Anhanger, fragmen-
tiert, Pieta mit Arma Christi und Heilig-
Geist-laube
Invcniar-Nr.: UPM 9372
Material: Blci-Zinn
Mafic: C’icsaiiulmhc 80 mm; max. Brciic 34 mm
Daiieriing: 2. Halite dex 15- Jahrlumderts
Vergleichsstiickc: keine
Pieta (Notrc-Dame-des-Ardilliers?) (107, 108)
Fur das Zeichen in it dcr Da rs tel lung einer Pieta sind bisher keine Parallelen in einer
anderen Sammlung bekamu. Maria wird auf einer Bank aufrecht sit/end dargestellr,
das Haupt mir cinem Umbang verbiillt, der vor dcr Brust geoifnet ist und bis zu den
FiifSen reicbt. Sic halt ihren roren Sohn auf ihrem Schofi, der in beronr sreifer, diago-
nalcr Halrung von den Armen Marias unifangen und an ihren Korper gedriickt wird.
Der rechte Arm dcs Gckrcuzigten liegt eng am Korper an, der linke liegt auf der lin-
ken Schuller Marias. Die Beine Marias werden von den Fallen des Mantels ganzlicb
verdcckr. Untcr der Thronbank ist eine .stramingemusterte Standleiste sichtbar. Es
handelr sich um cine kiinstlerisch anspruclislosc Arbeit.
Es ist sehr walirscheinlich, dass es sich um das Pilgerzeichen einer Marienwall-
fahrt zu einem Gnadenbild in Form einer Pieta handclt. Da cine Inscluift fchlt, ist
die Lokalisierung schwierig. Zu denken ware moglichervveise an die Marienkapelle
der Notre-Damc-dcs-Ardilliers in der Nabe von Saunnir (Dep. Maine-et-Loire).121
Die Wallfabrr gehr der Legende nach auf cine kleine sreinernen Pieta zuriick, die ein
Bauer 1454 in einem Schieferfeld (Champ a ardilie) fand. Die Figur wurde schon im
16. Jahrhundert beschadigr und hat sich nicht erhalten.
Wegen der Bildthematik der Pieta soil an dieser Stclle aueb ein als An hanger (Roscn-
kranzanhanger?122) anzusprechendes Stiickvorgestellt werden, das nicht ausdem Ankauf
von Joseph Eggcr stainnu, sondern am Ende des 19. Jahrhunderts im Prager Kunst-
handel fur das Kunstgewerbemuseum erworben wurde. Daher ist die ursprungliche
Herkunft des Stuckes nichr mehr zu identifizicren. Es zeigt die sitzende Gottesmurter
unter dem Kreuz, wabrend sie ihren toren Sohn in den Armen halt. Das Kreuz wild
von den Arma Christi umgeben, links dcr Lanze, rechts dem Stab und Essigschwamm.
Im Schnittpunkt der Kreuzesbalken befindet sich ein Her/, das von der Dornenkrone
umgeben wird. Uncerhalb der Pieta ist mittels einer Ose eine Heilig-Geist-Taube be-
festigt. Am oberen (jetzt abgebrochenen) Ende des senkrechten Kreuzbalkens saiS
wahrscheinlich cine weitere Ose. Fur das Stuck liegt eine chemische Analyse vor, die
zeigt, dass es sich um eine Messinglegierung handelr.121 HK
121 Zur \\'allf.ihrcsgcsthitlitc vgl. Jean m Vi-
c.i um: NmrcD.imcclcs ArdillicrsiiS.iumur.
I.c pclcrinagc dc Loire, l’.ins 1986.
122 Zu den Roscnkraiv/anhangern vgl. Kai.
Sai./iu ki. ’do8. lies. S. t'"i3(1. — Kai. Ni hn-
ni rc. looo. S 299-306.
123 Nach einem (lUiachien des lnsiinKs liir elie-
nuselie leelmologie Pr.ig (Vysok.i Skol.i Clie-
micko-Tcclmologick;i v I’ra/e) vom ,\1;ir/
2012 liir das Kunstgewerbemuseum 1’r.ig
bcsicbi dcreigcntlichc Anlihngcr.uis 82,"’%
Kupfer, 9,9% /.init, 2,2% /ink. 2,9% Blei.
0,9% Risen, 0,8% N'iekel uud 0.6°r> Arsen
DieTaubebesielil ,uis68,3 % Kupler, 22,1 %
BIci, 2,7°/o Risen, 2,4% Zinn, 2,1 % Silber,
1,5 % /ink und 0,6 % Nickel. Dcr kleine Ring,
der die laube mil deni Anhanger verbmdei,
bcstehi aus72,4 % Kupfer, 23,3 %Zinn, 1,9‘!i)
Blei, 0.23% Risen uud 0,13% Arsen.
Maria in einer Lilie (Kloster Santa Maria la Real in Najera?) (109-111, Nachtrag 257)
Die folgenden drei Zeichen stellen eine Maricnfigur dar, deren Oberkorper aus einer
Lilienstaude bzw. einem Lilienornament herauszuwachsen scheint. Die Darstellung
der Marienfigur ist in alien Fallen so abnlich, dass es sich um die Wiedergabe eines
bestimmten Gnadenbildes handeln muss: Maria wird immer in derselben Haltung
mit einer Lilienkronc gckront dargestellr. Das Jesuskind halt sie auf der linken Seire,
wobei ihre rechte Hand den linken FufSdcs Kindes beruhrt. Markanrisrauch derweire
offene Mantel, dessen Innenseite am Kragen nach aufien geschlagcn ist, was dutch
eine Straminmusterung betonf wird. Nur Nr. 109 ist als Pilgerzeichen mit einer Nadel
versehen. Bei den Nr. 110 und 111 handelt es sich um Anhanger, bei denen das separat
gegossene Bildfeld in einen sechscckigen bzw. runden Rahmen eingelegt wurde. Bei
Nr. Ill ist auf der Riickseite ein zweires Bildfeld mit einem Agnus Dei erhalten ge-
blieben, wiihrend ein solches Bildfeld bei Nr. 110 wahrscheinlich vcrloren ging.
Die Verbindung der Mariendarstellung mit einer Lilie lieBe sich gcncrcll aus der
mittelalrerlichen Bedeutung der Lilie als Zeichen der Keuschheit und Reinheit sowie
deren ublicher Verwendung in der Maiicnsymbolik erklaren. Allerdings ist die Dar¬
stellung dcs aus der Liliensraude wachsenden Marienbildes so eigentiimlich, dass sie
wohl an ein bestimmtes Kultbild und dessen Legende ankniipft. Line einschliigige
Erzahlung verbindet sich mit dem marianischen Cinadenbild der «Santa Maria en la
Cueva« im Kloster Santa Maria la Real bei dcr Stadr Najera (Region La Rioja). Die
78
Ptlgerzekhen
Griindungdes Klostcrs ini 11. Jahrhundcrt wird legendarisch mit dcr Auffindung der
aus ciner l.ilie gewachscnen Maricnfigur verknupft.12'* Sowohl das iiltere romanischc
als auch das jiingere gotischc Gnadenbild konntcn das Vorbild fur die Darstellung
der Maricnfigur der drci Zcichen abgegebcn haben.l2S Das Kloster, urspriinglich aucb
Grablege der Konige von Navarra, war einc Station auf dem Jakobsvveg unmittelbar
vor Santo Domingo de la Cal/.ad a.'26 Dies konntc die Verbreitung der Zeichen bis nach
Frankrcich erkliiren. Allcrdings muss diesc Hcrkunft der Zcichcn vorerst noch cine
Vermutung blciben, zumal man insbesondere die Anhanger eher mit den Konventio-
nen dcr Iran/.osischen Pilgcrzcichcnproduktion dcs 15.Jahrhunderts vcrbindcn mochte.
Allerdings ist bisber nur ein iihnlichcs Zcichcn aus der Sammlung Gay bckannr127, so
dass auch die durch die gegcnwartige Forschungssiruation bedingre Unkenntnis liber
die Pilgcr/.eichenproduktion in Spanien in Rechnung gestellt werden muss.
109 Pilgerzeichen, drcischaligei rahmen-
loscr G ittcrguss m it Nadel aufder Riicksei te,
Maricnfigur aus einem Lilienornament
wachsend
Invciuar-Nr.: UPM 5653
Material: Blci-Zinn
Mafie: Hiilte 34 inm, Rrcite 25 mm
Daticrung: 2. Ilalfic 15./friihes 16. Jahrlnmdert
Verglcichxsiiickc: Bhuna 1996, Nr. 142
l.itcratur: Koi-.nigsmarkova 1977. S. 138,
Nr. 144. - Kat. Prac 1986. S. 19. Nr. 127
110 Pilgcrzcichen, runderGitierguss mit
Oscn (?) im runden, separat gcgossenen
Rahmen mir Kreissegmcntcn, Pcrlstab-
und Wiirfelaugcndekor, Avers: Maria im
Liliengewachs, riickseitiges Bildfeld bzw.
Hinterlegung verloren
Inventar-Nr.: UPM 5715
Material: Blci-Zinn
Мл8c: Durchmcsscr 50 mm
Darierung: 2. Halftc l5./friihcs 16. Jahrhundcrt
VerglcichsMuckc: kcine
l.itcratur: Kof.nigsmahkova 1977. -S. 71, Nr. 38
124 Vgl. (Pierre I In тот]: P. Ilippulyt llclyim
;iudidirliclie( iciicliiclii caller gci?it lichen uiul
welt lichen Klosier- und Riiicioulcn fur bc-
yilerlev (Icsehlcchi [...]. Bd. 8. Leipzig 1756,
S. 405-408.
125 Vgl. Cicorg Wl isi:: SpaiiiM-he Pl.otik aus
.\icbcnjalirhuiulcricii, Band 2.1 (Text). Leip¬
zig 1927. S. If. uud die Abb. in Band 2,2,
I "a l ei 1.
126 Vgl. Р1.01/ Л012, S. 207 mit weitcrcr Lit.
127 Bruna 1996. S. 115. Nr. 142.
Ill Pilgerzcichen, scchseckiger Gitrer-
guss im sechseckigcn, separat gcgossenen
Rahmen mir umlaufenden Tausraborna-
ment und Anhiingerose, Avers: Maria im
Liliengewachs, Rcvers: Agnus Dei, dazwi-
schen Metallpliittchcn als Hinterlegung
lnvcntar-Nr.: UPM 5733
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hblie (mit Osc) 40 mm, Breite 30 in 111
Datierung: 2. Halftc 15./friihes 16. Jahrluindcn
Verglcichsstiickc: koine
l.itcratur: Kof.nicsmarkova 1977, S. 72. Nr. 39.
- Kat. Prag 1986, 5. 20, Nr. 134
Maria
Marienzeichen ohne lokale Zuweisung
DiePragerSammlungciuhah cine Rcihc von Zcicbcn mil Maricndarstcllungen.dieals
Pilgerzcichen nocli keinem bestimmten Kultort bzw. -bild zugcordnct werden konnicii
oder als niche orisgcbundcne Devotionalien anzusprechen sind. Pine Entscheidung
dariiber, zu wclcher dieser bciden Gruppen die folgcnden Zcicben gerechnet werden
miissen, wird erst nach weiteren Porschungen moglich sein.
Maria und Kreuzigung Christi mit zwei Engcln und Eichcnlaub (112, 113)
Die beiden Pilgerzeichcn sind fast identische, allerdings niclit modelgleichcGirtergiissc.
In beiden fallen wurde dem mit ciner riickseitigen Nadel versebenen Pilgerzeichcn
nachrraglich cin Standfiiftchcn angelbtet.
Das runde Bildfeld wird von einer Scheininschrilt umzogen. 1m Feld sielu frontal
eine gekrontc Maricnfigur, die das Jesuskind anf dem linken Arm rriigr und in der
rechten Hand einen runden Gegcnsrand, wohl einen stilisierten Apfel, halt. Rechts
neben dem Cbristuskind ragt cin aus drei Punkten gcbildetcs (Bhut)-Ornamcni vom
Rahmen her ins Bildfeld. Links neben der Maricnfigur sreht senkrecht ein langliches
Objekt, das wohl als Kerzc zu verstehen ist, deren Flamme bis zum oberen Rand reicht.
Den Raum zwischen Kerze und Bildrahmen fiillt eine Doppelfesscl, die als Voiiv zu
112 Pilgerzeichen, dreischaliger milder
und bekmnrer Girrerguss mit Resten der
riickseitigen Nadel, angelbtctcr Steg eincs
Standfiifichcns
InvL-ntar-Nr.: Natinnalmuscum Prag H2-68.I93
Material: Blci-Zinn
Make: Holic 60 mm, Breite 23 mm
Datierung: 13. Jahrhuntlcrt
lnschriii: Scheininschrilt aus zalil- imil mimis-
kclahnlichcn Zeichen
Vcrglcichsstiicke: Kat. Ri.ri.in 2008. Nr. 19. 49.
61, 246. - I'.Ni.AKT 1916, Fig 319, Nr. 2c
113 Pilgerzeichcn, dreischaliger runder
und bekrouter Gillerguss mit Rcsien der
riickseitigen Nadel, angelbtcter Steg mit
Resten des Standfiifichens, Ende des senk-
rechren Krcuzcsbalkcns vergossen
lnveiiiar-Nr.: UPM 5658
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holie 57 mm, Hrcitc 25 mm
□aliening: 15. Jahrluindcn
ln.sclirili: Scheininschrilt aus /.a111- uiul mimis-
kelahnlichen Zeichcn
Vcrglciclisstiicke: Kat. Bi.ri in 2008, Nr. 19.49,
61.246. - ILnlart 1916. Fig. 319. Nr. 2c
l.inTatiir: Kohniosmaukova 1977. S. 106.
Nr. 84. - Kat. Puac: 1986. S. 25, Nr. 179
80
Pilgerzeichet
intcrpretieren isr. Auf dun Scheitel des Rahmens erhebt sich cine Kreuzigungsszene:
Christus hiingr als Drei-Nagel-Kruzifix mit Icichr angedeureiem S-Schwung an eineni
Kreuz, dessen seitliche und obcrc Enden in Lilienornamciiteii auslaufcn. Пег Kreuzcs-
tirulus vvird schematisch angedeutet. Links und rcchts knier dem Kreuz zugewandt
halbfrontal jc ein Engel mir vveit ausschwingenden Fliigeln. Beide halten langliche, ge-
rundetc Gegenstiinde- Kerzen oder Leuchter- in den Handen. Die Leuchterscheinen
in eichclfbrmige Lampen auszulaufen, deren obere Enden mit dem Querbalken des
Kreuzes verbunden sind. Esgibtbisherkeinedirekten Parallelen zuden beiden Stricken.
Allcrdingsscheinensiezubammcn mil vieruntcrschiedlichen Pilgcrzciclien des Berliner
Kunstgcwcrbemuseums und einem Sriick im Museum von Boulogne-sur-mer zu einer
Gruppe zu gehoren. Kennzcichncnd fiir diese Gruppe ist der Rundrahmen, aufdessen
Scheitel ein Kreuz stehr, dessen Enden in Lilienornamenren auslaufen.
Drei der Berliner Sriicke, die urspriinglich aus der Sammlung Jagenau stammen, sind
verschollen und nur noch durch Foros dokumentiert. Zwei von ihnen zeigen aufeinem
durch einen Flammenkranz gebildeten Rundrahmen eine sehr ahnliche Krcuzigungs-
gruppe wie die Prager Stiicke. Das ehcmals gefrillte Bildfeld ist leer.1-'1 Ein ahnliches 128
Werk bildere Enlart aus dem Bestand dcs Museums von Boulogne-sur-mer ab. Dieses
srark fragmentierte Stuck /.eigi im Bildfeld cine Vera Ikon.129 Dem dritten Exemplar 129
aus der Sammlung Jagenau fchlen die beiden das Kreuz flankierenden Engel. Srattdes-
sen rahmen Eichenzweige mit dreipassformigen Blartern und Eicheln das Kreuz ein
(das linkc Ornament ist wahrscheinlich weggebrochen). Im Bildfeld ist eine sirzende
Madonna als Halbfigur mit dem Kind auf dem rechten Arm dargestellr.1'0 130
Das vierte Berliner Sriick, urspriinglich aus der Sammlung Figdor, ist aufwendiger
gcstaltet. In dem um das rundc Bildfeld laufende Schriftband ist das »Ave Maria« zu
lesen. Im Bildfeld selbst thront Maria mit einem langen Zeprer (?). Die von den Prager
Stricken bekannten Elementc dcr Doppclfessel und des aus drei Punkten gebildeten
Blarrornamenrs kehren aber hier wieder. Die Engel flankieren Maria und nicht den
Gekreuzigten auf dem Scheitel des Rahmens. Deutlich erkennbar sind hier Eichen-
laub und Eicheln, die das Kreuz umgeben. Daher darfdaraufgeschlossen werden, dass
auch bei den Prager Stricken Eicheln gemeint sein werden.
Eine Zuweisung zu einer bestimmten Kultstatte ist nicht moglich. Auffallig ist aber
die Wiederholung einzelner Bildelemente, besonders des aus drei Punkten gebildeten
Blartornaments, die auch auf den Zcichen von Vaudon begegnen. HK
Marienkronung (114)
Zu dem Zeichen mit der Darstellung einer Marienkronung gibt es bisher nur drei Par-
allelen: eine in der Sammlung des Musee de Cluny, welches dieselbe Szene - allerdings
in einem querreclneckigen Rahmen - prasentierr1 M, die zweite in einem fragmenrarisch 131
erhaltcnen Zeichen mit hochrechteckigem Rahmen, das in Sluis (Provinz Zeeland,
Nicderlande)n: gefunden wurde, und cine dritte in einem Fragment aus dem Kloster 132
Wienhausen bei Celle.1” 133
A lie Zeichen enrsprechen der scit dem 14. Jahrhundert ublichen Darstellung der
Marienkronung, bei der Christus und Maria gemeinsam auf einer Bank thronen. Bei
dem Prager Zeichen halt Christus in dcr linken Hand die Spaira und setzt Maria mit
der rechren Hand die Krone auf das Haupt, wiihrend Maria mit dem Gestus dcr zum
Gebet aneinandergclcgren Hande sich ihrem Sohn zuvvendet.
Das besonders in der franzosischen Tympanon-Plastik weit verbreitete Motiv der
Marienkronung macht die Idenrifikation einer konkreten Bildvorlage schwierig. Trotz
der erhaltenen Befestigungsnadel muss es sich bei diesem Objckt auch nicht um ein
Pilgerzeichcn handeln, sondern es ist eher von einer allgemcineren Funktion als reli-
gidses Tragezeichcn auszugehen. HK
Каг. BtHi in 2008, Nr 49 und 246.
Eniaki 1916. Fig. 319, Nr. 2c.
Kat. Br.Ri.iN 2008, Nr. 61.
Bruna 1996, S. 105, Nr. 116.
Н1Ч1, S. 355. Nr. 1491.
Vgl. Appijiin/von Hi usinc.iir i96s,S.233f.
nut Abb. 214. Die Dacierimg auf uni 1330
ist wohl zu friili.
Maria
81
Mondsichelmadonna (115-121)
Ini folgcndcn Ariikel werdcn alle Zcichen zusammengefasst, die das Moiiv der Mond-
siclielmadonna aufgreifen, ohnc dass damit cine gcmcinsame Herkunfr der Zeichen
untcrstellt wiirde. Zumindesr fiir die Nr. 115-117 isr ihre l:unkrion als Pilgerzeichen
naheliegend. Allerdings licK sicli bislang mir ein Typus von Gitrcrgiisscn mir einer
Mondsichel madonna als Pilgerzeichen identifizieren, namlich die Zeichen der Kirche
»Onze Licve Vrouw ter Potrerie« in Brugge1 * von denen die hicr vorzusrellcndcn Zei¬
chen sicli aber deurlich unterscheiden.
Nr. 115 hat sich in der Prager Sammlung nur als Fragment erhalten. Dieses Zcichen
besaf$ urspriinglich einen hochrechteckigen Rahmen. Da weirgehend identischc Zei¬
chen alls dem Museum Worms und in der ehemaligen Pariser Sammlung von Octave
Homberg bekannt sind, liissr sich seine urspriingliche Gestalt rekonstruieren.l,s Der
Rahmen mit Wiirfelaugendekor lief in zwei kurzen Fialen und in einen Hachen Kielbo-
gen aus. Die Marienfigur stein auf einer kleinen Konsole, die der schmalen sieigenden
Mondsichel vorgelagert ist. Maria triigr das Kind auf dem recluen Arm. Ihr Kleid ist
giirtellos und weist am Halsausschnitt eine Perlsiabborte auf. Uber das Kleid falli mit
114 Pilgerzeichen (?), rahmenloser, drei-
schaliger Gittcrguss mit waagerechrer
Nadel und Nadelrast auf der Riickseite
lnveiuar-Nr.: UI'M 5690
Material: Blei-Ziun
Mafic: Holic 29 mm: Brcitc 29 mm
□aliening: spates И. Jahrliundcrt (?)
Vcrgleiclisstiickc: Bruna 1996. S. 105. Nr. 116
I.iieratur: Koi-mgsmarkova 1977. 5. 106.
Nr. 83. - К at. Prac. 1986, S. 24. Nr. 177. - К at.
Oi.omoik: 2006. S. 225. Nr. 95
115 Pilgerzeichen (?), urspriinglich hoch-
rechteckiger, zweischaliger Gittcrguss,
Fragment, Rahmen und flankierendc Engel
vcrloren, noch eine Ose und drei riickseitige
Halrezungen
Invcntar-Nr.: UPM 5686
Maicrial: Blei Zinn
Mafic: Holic (noch) 75 mm; Brcitc 38 mm
Inschrift: in Miiuiskcln (inirlinkc Fufileistc cr-
linltcn) ••...incus miscricnr-
Daiierung: 15. Jalirluiiulcrc
Vergleichsstiicke: Michis 1904. S. 48. - Kat.
Worms 2001, Nr. 8, S. 79
Litcratur: Kocnigsviakkova 1977. S. 71, Nr. 37
134 Vgl. Kat. Drccgi-. 2006, S. 180-184.
135 Micron 190.1. S. 48. - K.-vi. Worms 2001.
Nr. 8. S. 79.
116 Pilgerzeichen (?), rahmenloser, drei-
schaligcr Gittcrguss, auf der Riickseite
Reste der Nadel. durch angelotetes FiiR-
chen zum Miniaiurbild verandert
lnveiirar-Nr.: UPM 57(P
Material: Blci-Zinn
Mafic: I I о hi- (noch) 43 111m; Brciic 25 mm
□aliening: 15- Jalirlitinilcrt
Vcigleichssti'icke: kcinc
Litcratur: Koknigsmarkova 1977. S. 701..
Nr. 36
82
Pilgerzeicben
leichtem Falrenwurfcin Mantel, (lessen umgcschlagene Innenseite Straminmusterung
zeigr. Das Hanpt rragt eine Lilienkrone und ist mit halb geschlossenen Augen leichi
zum Kind geneige. Die Haarc reichen in sanfeen Wcllcn bis auf die Scluiltern. Den
Kopf umgibt cin kreisrunder Nimbus mit Perlstab. Der Leib wird von fiinf paarig
angcordneten Flammenzungen gerabmt. Links und reebis neben dem Hanpt triigt je
eine Hiegende Kngelsgestali den Nimbus, wobei zwei im reebten Winkel zueinander
srehende Metallsrcgc als >Haltegrifl'< und zugleich wobl der Stabilisierung des Gusses
dienten. Am Rahmen waren urspriinglich wohl vier Osen angcbraclu, wovon sicb
bci Nr. 115 nur eine unten reclits erhalten bat. Mehrere Zungen auf der Riickseite
dienten zur Befestigung cincr Bildhinterlegung. Die Darstelhmg des Marienbildes auf
einer Konsole bezieht sich vvabrsebeinlieb auf ein bestimmtes marianisebes Gnadcn-
bild. Line sebr ah nliche Darstellung der auf der Mondsichel stebenden Gottesmutter
- allerdings im Vergleicb mit Nr. 115 mit seitenverkehrt gehaltenem Jesuskind - bietet
Nr. 116. In dicsem Fall fehlen allerdings der Rahmen und die begleitenden Engel. Die
I.brstclle am unteren Rand verweist auf ein bier ehcmals angelotetes FuKchen, um das
Bild aufstellcn zu konnen. Der Rest einer Nadel auf der Riickseite belegt, dass cs sicb
urspriinglich um ein Zeichcn handelte, das an der Kleidung getragen wurde.iw‘ Die
Nr. 117 stellt eine Mondsicbcrmadonna begleitet von vier Engeln in einem kreisrunden
Doppclrabmcn dar, den cin stilisierter Flammenkranz fiillt. Im Gegensatz zu Nr. 115
wird die Szene hier durch die im unteren Bildfeld links und rechts hinzutretenden
Engel mit Scbriftbandern erweitert. Identische oder zumindest sehr ahnliche Stiick
finden sich in der Sammlung Bossard und in Lyon, bier allerdings im ovalen Rabmen.
136 Zur sckundiireii, aber liichl uniibliche Ver-
wciulimg von Pilgcr/eiclicnals I Iciligenbild-
dicn vgl. die Beispiclc unter Barbara, Kat-
lierina, l.aiircntius in dicscin Karalog.
Der bandwerklich schlichte Guss Nr. 118 stellt eine stehende Madonna auf der Mond¬
sichel ohne Strablenkranz und Beifiguren dar, der wedcr Osen nocb eine llaltcnadel
117 Pilgerzeichen (?), zvveischaliger Git-
terguss im runden Doppelrahmen, eine
von vier Osen erhalten, auf der Riickseite
(tint' von urspriinglich sieben oder acht
Haliezungen zur Fixierung einer Hinter-
Icgung erhalten
Invcntar-Nr.: Narinnalmuseiim I’rag H2-68.185
Material: Blci-Zinn
Mafic: Dnrchmesser 49 mm
Daticrung: 2. Halite de.s 15. Jahrhunderts (?.l
Vergleiclisstiicke: Кат. I.yon 1957, S. 44, Nr. 52
(mit Abb.). - Sammlung Bossard (Hn.niN'c 1911,
Tafel XXXVI: 2. Kcihc von oben, 3. Stuck von
links)
118 Zweischaliger Girterguss
lnveniai-Nr.: Nationalmu.scum I'rag H2-68.188
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hobc 24 inni, Brcite 14 mm
Daticrung: 15. Jahrhundcri
V'crglciclisstucke: kcinc
119 Dreiscbaliger Girterguss mit Nadel
und Nadelrast auf der Riickseite
Invcntar-Nr.: Nationalmuscuin Brag H2-68.28I
Maierial: Blci-Zinn
Mafic: I lohe 48 mm. Breite 25 mm
Daticrung: 15. Jahrlumdcrt
Verglciclisstiickc: kei lie
Maria
КЗ
besirzt. Moglicherwcise belaud sich ini abgcbrochcncn Scheitel der Mondsichel der
Ansatz eines FuKchcns um das Bild aufzustcllcn. Bci dem Zeichcn Nr. 119 steht Maria
in einer Mondsichd, deren Endcn weit nach oben gezogen wurden, so dass die Spit-
zen ihren Manrel und ihr Klcid beruhren. Das Kind auf dem linken Arm rriigt einen
Kreuznimbus, Maria ist gekront und ebenfalls nimbiert. Die sich u.a. im bewegten
Faltenwurf des Gewandes ausdriickende handwerkliche Qualitat verweist wahrschcin-
lich auf ein besrimmtes Kultbild als Vorlage.
Nr. 120 zeigt die in der Mondsicbel thronende Maria, die ein in den Hiificn gegiir-
tetes Kleid und einen fiber die Schultern herabfallenden Mantel triigt. Sie ist gekront,
nimbiert und halt das Kind, das auf ihrem rechten Oberschenkel sitzt, im Arm. In der
linken Hand hiilt sie ein Lilienzepter. Zu dicscm Zeichcn cxisticren zwei Parallclcn: ein
Stuck aus der Sammlung Bossard und eines aus der Sammlung Gay (jetzt Musee de
Clunv). Diese beiden Zeichcn tragen allerdings in der Mondsicbel die Inschrift »ave«,
die dem Stuck aus Prag fchlt.
Der Anhanger Nr. 121 zeigrdieaufeinersehrkleinen Mondsichel stehende Maria
in einem portikusartigen Rahmen, dessen Saulen schon Renaissanceformen ahnen
lasscn. HK
Maria stehend in it dem Jesuskind (122-131)
Die Zeichcn mir Darstcllungen eincr stehenden Maricnfigur sind so mannigfaltig, dass
eine ausfuhrlichc Behandlung dieser Gruppe nicht sinnvoll erscheinr, zumal keines
der Stiicke in der Prager Sammlung mehrfach aultritt. Daher werden die cinzclncn
Stiicke im Pol gen den etwas genauer beschrieben.
120 drcischaliger Gitterguss mit Nadcl
und Nadclrast auf der Ruckscitc
Inveninr-Nr.: Naiionalmuseum I’rag H 2-68.156
Material: Blci-Ziim
Mafe: Hoke 22 mm. Breite 14 mm
Datierung: spates 15- / frillies 16. Jalirlniiulert
Vcrglcichssiiickc: Brcna 1996. -s- I ^ Nr- |/|6-
- Sammlung Bossard (Hri.niNt; 1911. 'I'afcl
XXXVI. 3. Rcihc von oben, 2. Snick von links)
121 Anhanger mit Ose, zweischaliger
Gitterguss mit einer Mcrallhinterlcgung,
die von noch fiinf (urspriinglich sechs)
Zungcn gelialten wird, Mondsichel ma¬
donna unter Portikusarchitcktur
lnventar-Nr.: Nationalmuseuin H2-68.106
Material: Blei-7.inn
Mafic: Hohc31 mm, Breite 18 111111
Datierung: friilics 16. Jalirhundert
Vergleichssnickc: Bhuna 1996, Nr. 134
122 Broschc, drcischaliger Gitterguss mit
Resten der Nadel auf der Riickseirc, scchs-
eckigcs Feld mit cingezogenen Seilen, das
von einem Perlstab umzogen wird, darin
Maria frontal stehend im Strahlenkranz
dar und dem Kind auf dem linken Arm
lnventar-Nr.: Naiionalmuseum I’rag M 2-68.071
Material: Blei-Zinn
Mafic: Holic 24 mm, Breite 21 mm
Datierung: spates IS. I(ruhes 16. J.ilirhiindci i
Vergleielissl iieke: keine
84
Pilgerzeicba
131
Maria
85
Inwiefern sich dieeinzelnen Zeichen auf ein bestimmtes Gnadenbild bzw. aufeinen
lokalen Kult beziehen, ist kaum zu bcantworten. Dennoch soli darauf hingcwiesen
werden, dass cinigc dcr Zeichen auch in anderen Sammlungcn srark vertreten sind,
was ein Indiz Fur ihre Funktion als Pilgerzeichen scin konntc. Dies gilt besonders Fur
die Broscben Nr. 123 und 125, die auffallend haufig in den um 1900 entstandenen
Sammlungen vorbanden sind, allerdings in der Pariser Sammlung von Forgeais Feblcn.
Ob die Nr. 122 als Fanzelstiick anzusprechen ist, da idenrisebe Sriickc Feblen, oder
ob dasselbe Motiv der Frontal stebenden Maria im Strablenkranz auF Broscben mit
achteckigen1’’ odcr runden Rahmen1'” als verwandte Objekte anzusprechen sind, soil
hicr ofFen bleibcn.
123 Runde Brosche, dreischaliger Git-
terguss mit Nadcl und Nadelrast auF der
Riickscite, im einem von einem Perlstab
umzogenen runden Feld steht Frontal cine
nimbierte Maria, die das Kind auF dem
linken Arm triigr, vor dem Korper ein
kreisrunder Gegenstand, moglicherweise
erne Kugcl, die das Kind in der Hand hal-
ten sollte, urspriingliche Bekronung wohl
weggebrochen
lnvcntar-Nr.: UPM 5749
Material: Blei-Zinn
Inschrift: »Avc: maria«
Mafic: Durchmcsser 18 mm
Daticrung: spates 15./friihcs 16. Jahrliunderi
Vergleichsstiicke: Каг. Berun 2008, S. 265,
Nr. 5. - Kai. Worvis 2001, S. 99, Nr. 50f. -
Sammlung Bossard (Heluing 191 r, Tafcl
XXXVI: 6. Rcihe von oben, I StQck von rechts;
7. Rcihe von oben, 2. Stuck von links); Brussel,
Btbliothequc Royalc, Cabinet des monnaies,
Coll. Dissart, Invcnrar Nr. 23464
124 Runde Brosche, dreischaliger Gitter-
guss, Reste von Nadel und Nadelrast; auF
der Riickseite, ahnlich Nr. 123 aber ohne
InschriFr und Perlstab
Inventar-Nr.: Nationalmuscum H2-68.067
Material: Blei-Zinn
Mafie. Durchmesser 29 mm
Daticrung: spates 15. / fruhes 16. Jahrhundert
Vcrgleichsstuckc: keine
125 Hochrechteckige, an den Ecken ab-
gerundere Brosche, dreischaligerGitterguss,
Nadel und Nadelrast auFder Riickseite, im
BildFeld die stehende, gekronte und nim¬
bierte Madonna mit dem Kind auF dem
linken Arm, das BildFeld mit erhabenen
Punkten gefiillt, der Rahmen wird von
einem Perlstab umzogen
Invcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.073
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohc 22 mm, Brcite 14 mm
Daticrung: spates 15. / fruhes 16. Jahrliunderi
Verglcichssmtke: Brussel, Riblioilicqitc Royalc,
Cabinet des monnaies, (’oil. Dissart, Invcntar
Nr. 23453 (?) - Sammlung Bossard (Heeding
1911, I'afcl XXXVI, 7. Rcihe von oben. 3. Stuck
von links; 9. Rcihe von oben, 1. St lick von links)
126 Pilgerzeichen (?), dreischaliger, hoch-
rechteckiger Gitterguss mit Nadel und
Nadcl rasraufdcr Riickscire, ineiner Adiku-
larchitektur, die innen von einem Perlstab
umzogen wird, unter krabbengesetztem
Spitzgiebel eine stehende Madonna mit
dem Kind auF dem linken Arm
Inventar-Nr.: Nationalmuseum Prag 112-68.202
Material' Blci-Z.nn
Mafie: I lohe 22 mm, Brcitc 14 mm
Inschrift: in Minuskcln »avc«
Daticrung: 15. Jahrhundert
Vergleichsstiicke: keine
127 Pilgerzeichen (?), dreischaliger, wap-
penschildformiger Gitterguss mit Resten
von Nadel und Nadelrast auF der Riick-
seite. Uberden wappenfbrmigcn Rahmen
wolbt sich ein Lilienreif. Dem innen und
aufien mit Perlstab umzogene Rahmen
sind knospenformige Kreiseaufgesetzt. Die
gekronte und nimbierte Marienfigur triigr
das Kind, das eine Kugel in dcr Hand halt,
auF dem linken Arm. Zu beiden Seiten der
Figur fiillen Lilienornamente den Raum
bis zum Rahmen aus
Invcntar-Nr.: UPM 5675
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 33 mm, Brcitc 22 mm
Daticrung: 15. Jahrhundert
Vergleichsstiicke: К at. Worms 2001. Nr. 44
(andcrc Bekronung)
Literalur: Kof.nigsmarkova 1977. J>. 68, Nr 33
128 Pilgerzeichen (?), dreischaliger, ovaler
Gitterguss mit angegossener Ose auF der
Riickseite, Rahmen aufien von rocaillear-
tigen Ornamenten umzogen, im BildFeld
Maria auF einem waagerechten Balken
137 Kai. Lion 1957. 8 45. Nr. 66 (mit Abb.).
Kai. Worms 2001. S. 98, Nr. 48.
138 Kai. Worms 2001. S. 98, Nr. 49.
srehend, das darunrer den Raum fiillende
Rankenwerk ist teilweise weggebrochen,
die Figur nimbierr, das Kind auF dem
linken Arm iragend (Bild stark vergossen)
liiveni.ir-Nr.: UPM 5731
Material: Blei-Zinn
Mafie- Hohe 30 nun, Brcitc 27 mm
Daticrung: 17. /18. Jahrhuiulcrt (>)
Vergleichsstiicke- keine
129 Pilgerzeichen (?), dreischaliger, ovaler
Gitterguss mit angegossener Ose auf der
Riickseite, Rahmen auficn von rocaillear-
tigen Ornamenten umzogen, im BildFeld
Maria auf einem waagerechten Balken
stehend, darunter Rankenwerk, die Figur
halbFrontal, nimbieru
Inveiuar-Nr.: Nationalmuseum Prag 112-68.172
Material: Blei-Zinn
Mafie- Hohe 37 111m, Breite 29 mm
Dancrung: 17./18. J.ihrliuiulert (5)
Vergleichssriickc- keine
130 Anhimger, zweischaliger ovaler Git-
rerguss, Rahmen umzogen von Taustabde-
kor, mit Dse, nimbierre Marienfigur mit
dem Kind auFdem linken Arm
Inventar-Nr.: Nationalmuseum Prag 112-68.150
Material: Blei-Zinn
Mafie: 1 lolie 45 mm, Breite 32 mm
Daticrung: 15./fruhes 16 Jahrliuiuleri
Vergleichsstiicke. keine
131 Anhanger, zweischaliger ovaler
Girrerguss, zwciteiligcr Rahmen mit Ose,
auf der Riickseite rautenformiges Gitter
als Hintcrlegung, nimbierte Marienfigur
mit dem Kind (stark vergossen?) auf dem
linken Arm zwischcnzwci Gcwachsrankcn
Inventar-Nr.: Nationalmuseum Prag П2-68.173
Material: Blei-Zinn
Mafie. Hohe 48 111111, Breite 33 mm
Daticrung: 16./ 17. Jahrhundert
Vergleiclissiiicke: keine
86
Pilgerzeicheh
Maria thronend mit Jesuskind (132-134)
Zwei Pilgerzeichen der Pragcr Sammlung zcigen in cincm runden Rahmcn die Dar-
stellung eincr auf einer breiten Thronbank sitzenden Marie, zu deren linker Seite
das Jesuskind aufrecht stehr. Rcchts neben dcr Marienfigur stcht eine Lilie in einem
kannenartigen GefaE und links neben deni Jesuskind brennt in einem Leuchter eine
Kerzc. Die Marienfigur ist nimbiert und mit einer Lilienkronc gekront. Sic tragr einen
weiten Mantel iiber einem eng anlicgcndcn L'nterkleid. Das Jesuskind hiilr in seiner
linken Hand einen Reichsapfel.
Die Ikonografie dieser Zeichen erinnert stark an einige jener Zeichen, die Tom-
bclaine zugewiesen werden (vgl. besonders Nr. 78 und 81) - allerdings fehlt in diesen
Fallen der Kcrzcnleuchter. Als Verglcich lieRe sich evenruell das Stuck in Rouen an-
fiihrcn, das der thronenden Maria mit Jesuskind zwei kerzentragende Engel hinzu-
fiigt.1 w Der Zusammenhang der Pilgerzcichen mit Tombelaine muss daher vorerst
nocb ofFen blciben.
134 stellt ebenfalls die auf einem Thron sitzende Maria mit dem neben ihr stehenden
Jesuskind dar. Es ist dcutlicber alter als die Nr. 132f. und scheint den friihen Gitter-
giissen inderzweiten Halfredes 14. Jahrhunderts anzugchoren. Eine Verwandtschaft
dcr Ikonografie mir den Zeichen aus Tombelaine ist zu vermuten. Das Zeichen ist im
oberen Bereich stark fragmentiert, es fehlt die Rahmung, die wahrscheinlich adikula-
formig von einem Giebel abgeschlossen wurde. Das Stuck srammt nicht aus dem
Ankaufvon Joseph Egger, sondern wurde aus dem Prager Kunsthandel erworben, so
dass iiber seine Provenienz nichts bekannt ist. Dennoch spricht nichts gegen seine
Herkunft aus Frankreich.
132 Pilgerzcichen, dreischaliger runder
Gitterguss, im breiten Rahmen mit umlau-
fendem Pcrlstabdekor, Nadelrast und eine
von vierZungen aufder Ruckseitecrhalten
lnvc-ntar-Nr.: UPM 5725
Material: Blei-Zinti
\la(!t: Durchme.sser 34 mm
Datierung: 15. Jalirhundert
V'crglddisstiicke: Bkuna 1996, Nr. 120
Liter.itur: Koknicsmarkova 1977. S. 64. Nr. 25
133 Pilgerzeichen, dreischaliger runder
Gitterguss, im breiten Rahmen mit Flam-
menornamenten und dreipassformigem
Knospcndekor (z.T. weggebrochen), Na-
del und Nadelrast auf der Riickseite
Invcntar-Nr.: UPM 98.958
Material: RIei-Zinn
Ma8e: Durchmesscr mit Strahlen 42 mm, Bild-
durclimesser 20 mm
Datierung: 15- Jahrhundert
Vcrglciclisstiicke: Bri.na 1996, Nr. 120
Litcrautr: Koknicsmarkova 1977. 8. 65, Nr. 26
139 Lamy-I.asai.i.e 1968, Nr. 23-
134 Pilgerzeichen, zweischaligcr hoch-
rechteckiger Gitterguss, fragmentiert, zwei
Osen erhalten, ebenso eine von urspriing-
lich wohl achr Haltezungcn zur Fixierung
einer Hinterlegung
lnventar-Nr.: UPM 4944
Material: Blei-Zinn
MaBe: Holic (nocli) 58 mm, Rreite 58 mm
Datierung: 2. Halftcdes 14. Jahrhundcri.s
Vergleichsstiickc: keinc
l.iteratur: Koknicsmarkova 1977, S. 56. Nr. 15.
-Kat. Prac 1986. S. 19. Nr. 122
Maria
87
Maria mit Kind als Halbfigur (135)
Die in diin lies Blech cingcpragte Darstellung der Madonna mit Kind als Halbfigur in
cinem rnnd abschliefienden Bogcnfcld ist bishcraus andcrcn Pilgerzeichensainmlungen
nicht bekannt. Wegen der fragmentierten Riinder der Plakette sind Befestigungsmbg-
lichkeitcn nicht (mehr?) z.u erkennen. Auch wen n die lkonogra fie dieses Zeichens bisher
singular ist, ist fine gewisse Vcrwandtschafc mit ciner Cruppc von Plaketten fesiz.u-
stellen, diezuersi von Кип Kostcr a Is Abgiisse auf rheiniseben Glocken ans der z.weiten
Halfte des 15. Jahrhunderts beschrieben wurden"" und /и denen Beatrice Schiirli 1985 140 Kosti-.h kjs?, S. 8‘)f.
Erganzungen aus dem Baseler Raum lieferre.NI Ihre Funktion als Pilgerzeichen srehr 141 SniXui i iy«v
zu vernuiten, eine Identifikation des Herkunftsortes war bisher aber nicht moglich.
Es handelt sich uni hochrcchteckige Plaketten mit einem giebelfbrmigen Abschluss
mit einer maximalcn Hohe von etwa 75 mm. Auf ihnen wild Maria mit Nimbus und
Biigelkrone dargestellt, die sich dem auf dem linken Arm gehaltenen Kind mit leicht
geneigtein Kopf zuwendet. Im Gegensatz dazu halt auf der Nr. 135 Maria das Kind
auf dem rcchten Arm. Maria und das Kind sind bier auch nicht nimbiert und Maria
tragt einc Lilienkrone ohne Biigel. Dennoeh gewinnt man durch die Gestaltung der
z.um Tragen am Rand gelochten rheinischen Plaketten1*2 wohl eine Vorstellung vom 142 V«l. Kosti-r iy*?, Taf. 7. ЛЬЕ 42.
urspriinglichen Zustand der Nr. 135. HK 135135 Pilgerzeichen (?), hochrcehtcekige,
wahrscheinlieh ursprunglichgiehellbrmig
abschlicRcnde Priigung in Zinnblcch (?),
Rand fragmenliert
lnvcntar-Nr.: Narionalmusatm 1‘rag 112-68.224
Maic-ri.il: Zilin (?)
Mafse: I Icihe (noch) 67 mm, Rreire SO mm
Daticrutig: 2. Halfte dc-s IS./frillies 16. Jahr-
IuiikIlti
Vtrglcii'li.vM iickir: kc-inc
88
Pilgerzeichen
Heilige
Identifizierte Zeichen
Adrian (Hadrian) von Nikomedien (Sankr-Adrians-Abtci Geraardsbergcn/Ostflan-
dern?) (136, 137)
Die Verehrung des hi. Adrian, der um 290 in Nikomedien als romischer Offi/ier das
Martyrium erlirr, wurde im spaten Mittelalter besonders in der Abtei von Gcraards-
bergen gepflegt, wohin 1175 Rcliquien dcs Heiligen gelangtcn. Die Wallfahrt zu dieser
Kliltstiitte erlebte im 15. Jahrhunderi ilire Bliiiezeit, wovon auch die weite Verbreitung
der bier ausgegebenen Pilgerzeichen zeugr.m ИЗ
Die Pilgerzeichen aus Geraardsbergen1^ stellen den Heiligen imnier im rittcrlichen
Aufzug der Zeit mit Plattcnpanzer dar. Meisr stcht er auf einem liegenden Lowen als ^
Zeichen seines Mutes im Martyrium. Er prasentiert mit der einen Hand ein gcziicktes
Schwcrt, wahrend die andere Hand einen Amboss und einen Hammer als Attribute
seines Martyriums tragt, da ihm im Kerker seine Knochen mit Hilfe dieser Gerate
zerschlagen wurdcn.
Kuri Rosier hat darauf hingewiesen, dass trotz ahnlicher Ikonografie derAdrians-
Zeichen zwei Varianten zu unierscheiden sind. In dcm einen Fall wird der Heilige
mit Bart und lockigem Haar gezeigt und tragt liber dcr Riistung einen mit Zoddeln
besetzten Umhang. Bei der zweiten Variantc wird der Heilige als jugendlicher Rit¬
ter bartlos und mit kurzem Haar dargestellt, der iiber dem Panzer keinen Umhang
tragt.11' Letztere Zeichen scheinen auch kein Schriftband zu besitzen, wie es bei der ИЗ
ersten Variante nicht immer aber meisr begegnet. Beide Varianten sind nicht als Ent-
wicklungsstufen zu verstehen, denn die Darstellung des bartigen Heiligen mit Umhang
begegnet sowohl in Form von Gittergiissen, die seir den l430cr Jahren als Glocken-
abguss belegt sind, wie auch auF brakteatenformigen Plaketten, die seit den l480er
Jahren in Geraardsbergen vertrieben wurden.
Die beiden Prager Zeichen entsprechen der Variante des bartlosen Ritters ohne Um¬
hang. Wahrend die sonst bekannten Exemplare dieses Typus in der Regel rahmenlos
sind, bcsitzteincs der Zeichen einen hochrechtcckigen Rahmcn mit Giebel. Lediglich
ein leicht fragmentiertes Stuck in der Sammlung des Museums dcr Stadt Worms ist
mitdiesem Zeichen identisch. Auch tragt der Heilige in seiner rechten Hand nur einen
Amboss. Der sonst auf dcm Amboss scnkrecht mit dem Kopf nach unten liegende
Hammer fehlt. Wahrend die Zeichen aus Geraardsbergen iiblicherweise mit Osen
versehen sind, besitzt die Nr. 136 stattdessen auf der Riickseite eine Nadel, wie sie fur
franzosische Pilgerzeichen charakteristisch ist.
Das zweite Zeichen (Nr. 137) ist zwar fragmentiert, wahrscheinlich besaR es aber
keinen Rahmen. Die Darstellung des heiligen Ritters wcicht von Nr. 136 ab; so tragt
die Figur z.B. das Schwert in der linken und nicht in der rechten Hand. Die wohl
von der rechten Hand getragenen Attribute Amboss und Hammer sind zusammen
mit der Hand wcggebrochen. Dennoch verweist die Darstellung des auf einem Lowen
stehenden Ritters cindcutig auf den hi. Adrian.
Es ist die Frage zu stellen, ob es sich bei diesen Pilgerzeichen - und moglicherweise
bei alien Zeichen mit der Darstellung des jugendlichen Ritters - um einen eigenstan-
digen Typus der Pilgerzeichen aus Geraardsbergen handelt oder ob die ganze Gruppe
dieser Pilgerzeichen nicht doch aus einem andcrcn Wallfahrtsort stammt? HK
Austreberthe de Pavilly (Montreuil-sur-Mer) (138-142)
Die hier vorzustcllcnden Objckte wurden bisher als Pilgerzeichen dcr hi. Odilia vom
elsiissischen Odilienberg (Mont Sainte-Odile, Departement Bas-Rhin) aufgcfasst.
Zum Kult von Geraardsbergen vgl. die Iiin-
leitungzu den Pilgcrzeiilien in 1 IP 1, 8. 117f.
nnd Kosn R 1973H.
Vgl. zu den bisher bekannten Fundcn li.a.
HPI..S. 119-121, Nr. 1-19. -ПРИ. 244f.,
Nr. 1038-1042. - Bruna 1996, S. I19f..
Nr. 152. - Nach HP II, S. 244 sollen fast
400 niedcrlandischc Bodeiilunde bekannt
scin.
Rosier 1973B, S. 112-114.
Heilige
Durch die Inschrifi »oteberte« (= Austreberihe) aid dem Pilgerzeichen Nr. 138 wird
diesc bishcr giiltige Forsdiimgsmcinung korrigiert.
Die iiltere Forschung zu den Odilienzeidicn lasste F.lly van I.oon-van dc Mosoos-
dijk 1995 zusanimcn.1’1' Danacb werden dieOdilienzeichen inzwei Gruppen unterieili.
Der Typ A ist durch einen achtcckigcn Rahmen bcstimnit, in wcldicm die stehende
Heilige im Ordcnshabir dargesielh wird, den Abtissiniieiisiab in ilirer linken und ein
Buell in ihrer reebten Hand haltcnd. Der Тур В besit/t cincn adikulaformigcn Rail-
men und siellt die Heilige cbenfalls im Ordensbabir dar, allcrdings mit cincm Kelch
in der rcchten und cincm Buch in der linken Hand. Audi wird die Figur auf beiden
Seiren von einem floralen Rankenwerk umgeben. Das erste Zeichcn des Typus A war
ein Seine-Fund, der in die Samnilung Gay gelangtc und schon friih publiziert wurdc.1 r
Von den insgesarnt fiinfahnlichcn Zeichcn, die aus dem franzosisdien Kunsibandel in
das Wonnscr Paulus-Museum gelangien, bildeie Medard Barth 1938 cities als Pilger¬
zeichen der Wallfahrt zum Odilienberg ab."s Die Excmplare des Typus В wurden zu-
erst durch einen Abguss aufder Glockc des danischcn Uggerby bekannt, die Frederick
Uldall 1905 publizierte.1'14 Allerdings meinte Uldall aid der Standleistc »WALPVRG«
lesen zu komicn und identifizierte die dargestellle Heilige so als die 111. Walburgis von
Eichsriitt. Dies wurde in den folgenden Jalirzelinten nie bestritten und aucli nielli iiber-
priift, so dass weitere Glockenabgiisse diese Jdentifikation erhielten.1Erst als 1990
das Germanische Nationalmuseum in Niimbergden gut erhaltenen Bodenfund eines
136 Pilgcrzeichen, dreischaliger, hoch-
rechteckiger Gitrcrguss mit giebelFormig
zulaufetidem Rahmen und Perlstabdekor,
Nadel und Nadclrast auf der Ruckseite,
zwei von urspriinglich fiinf(?) Haltezungeti
zur Fixierung einer Hinterlegung auf der
Ruckseite bewahrt.
Invent...-Nr.: UPM 5692
МаКс: I Icihc 37 mm. Hreite 27 mm
Material: Blei /inn
Daticrung: zweite Halite ties 15. Jahrlumderts
Vcrgleiclisstiicke: Клт. Worms ioui.S. 105,
Nr. 59.
Literatur: Kotniosmarkova 197?, S. 90. Nr. 6.
- К AT. I'RAG 1986, S. 22, Nr. 153
137 Pilgcrzeichen, Gittcrguss, rahmenlos
mit einer Ose aufder Ruckseite
Inventar-Nr.: Naiionalmiiseum Prag 112-68.169
Malic: Hohc 33 mm. Breiie 15 mm
Maierial: Blei-Zimi
Daticrung: zweite I lalltc ties 15. Jubrhundcris
Vcrgleiclisst iickc: kcinc
196 V'.\k I.chin-van in- VlnoMiijK 199S/96.
\'P Gay 1887. I. l.S. 152.
И.Ч Bartii м;?8. .5. 28-11'. mil Abb. 18. Die /.11-
weisung geln aul IVucr lolunnes I l.ui OS В
(Trier. S. Matthias)ztiriitk. tier meinte -einen
ditklichcn Snidi- aul dem Buell als Augcu-
paar ansprei'lien zu kniincn.
149 L'i.dai 1. 190s, S. 1S6.
150 Vgl. Kosh-.r 19S7.-5. 701'.
138 Pilgerzeichen, dreischaliger hodi-
rcehteekiger Gitterguss, rechter Rahmen
wcggehrochen, Resie der Nadel und Na¬
dclrast auf der Riickseiie
Inventar-Nr.: Nat inna I museum Prag H2-68.2D
libthrtfi: in Miiutskcln -s. 1?| oteberti-
Maierial: Blei-Zinu
Malic: I lobe 45 mm. Brcitc (nocli) 26 mm
Daticrung: 2. I laltie ties 15. Jalirhttndcrts
Vcrgleiclisst iicke: kei tie
I'ilgerzeicben
90
solchen Zeichens erwarb, dessen Insclmft »s. odilia« lautete'si, und wenig spacer ein
alinlidler niederlandischer Rodcnhind publiziert wurde1'2, setzte sich die Zuweisung
der Zeichcn zum Odilienberg durdi. Allerdings srellre diese Entdeckung die Idenci-
fikation der nun als Typ A geltenden Odilienzeidien nidit in Frage. Merkwiirdig, ist,
dass nie Zweilel an diescr Identifikation auftauchten, da beide Gruppcn z.ur selben
Zeic hergesrellt wurden. Audi hiittc auffallen miissen, dass die Exemplare dcs Typ A
aus deni franzosischen Bereich srammten, die dcs Тур В aber aus den deutseben Liin-
dern und dem Baltikum, was auch durch die Exemplare des Typus A in der Prager
Samnilung unterstrichen wird.
Die Identifikation durch die Inschrift auf Nr. 138 lost so einen alren Irrrum der
Forschung auf. Bei den angeblieh vom Odilienberg stammenden Pilgerzeichen des
Typus A handelt es sich tatsachlich um Pilgerzeichen mit der Darstellung der hi. Aus-
treberthe (Austreberta) von Pavilly.
Diese Heilige wurde um 630 als loch ter eines Hofbeaniten des Konigs Dagobert I.
geboren und legte Trull ein Zolibatsgclubdcab, das sie zunachst als Nonne in die Abtei
Port (bei Abbeville) ftihrte, von wo aus sie durch den Abt Philibert von Junlieges zur
Abrissin dcs von ihm gegriindeten Kloster von Pavilly (Departement Seine-Maritime)
berufen wurde. Hier ftihrte sie ein vorhildliches Leben und srarb nach dem Jahr 700.
139 Pilgerzeichen, dreischaliger hoch-
rechteckiger Gitterguss mit riickseitiger
Nadel und Nadelrast, drei von urspriing-
I ich vicr riickseitigen Haltezungen erhalten,
Rahmen links fragmentiert
lnventar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.I8I
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hohc 43 mm, Brcice 24 mm
Daticrung: 2. Halftcdes 15. Jahrliundcrts
Verglcichsstiickc: Kat. Worms 2001. S. 132,
Nr. 96. - Kai. BhRLiN 2008, S. 347, Nr. 200
(als hi. Odilia inissdctitet)
140 Pilgerzeiclieii, dreischaliger hoch-
reclueckiger Gitterguss mit riickseitiger
Nadel und Nadelrast, drei von urspriing-
lich vier riickseitigen Haltezungen erhalten,
Bekronung weggebrochen
lnventar-Nr.: Nationalmuscum Brag H2-68.194
Material: Blci-Zinn
Mafic: Htilic 36 mm, Brcitc 25 mm
Dacicrung: 2. Halftedes 15. Jahrliundcrts
V'crglciclisMiitkc: Kat. Worms 2001. S. 132,
Nr. 96. - Kat. Berlin 2008. S. 347. Nr. 200
(als hi. Odilia missdcuict)
151 Kat. NOrniii-rc; 2000, Nr. l‘)7, S. 370.
152 IIP I, Nr. 246.
I4l Pilgerzeichen, dreischaliger Gitter¬
guss mit achtcckigem Rahmen und vier
Osen, riickseitige Nadel und Nadelrast,
das hinrerlegte Blech erhalten, welches mit
drei von urspriinglich vier Haltezungen
befestigt ist
lnventar-Nr.: UPM 5736
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hohc 40 mm, Brcitc 40 nun
Daticrung: 2. Hiilfccdes 15. Jahrliundcrts
Vcrglcichsstiickc: Kat. Worms 2001. 5. 133.
Nr.97f.-GAV 1887, T. l.S. 1521
Literatur: Koi-nicsmarkova 1977, S. 88, Nr. 59.
- Kat. Olomouc 1006, S. 226. Nr. 96
Heilige
91
Wcgcn dcr Normanncniibcrlallc wurdc das Klosternach Montrcuil-sur-mer verlegi.1'’’
M6glichcrwei.se hangt die durch die Pilgerzeichen dokumentierte Ausstrahlung des
Kultes im 15. Jahrlnindert auch mit dcr Bliite der nahegelegenen Wallfahrtszentren
Boulogne-sur-MerundSaintJo<>.stzusammcn,liirdieMontreuil Durchgangsstation war.
Die Pilgerzeichen stcllen Austreberthe immer stebend im Benediktinerinnenha-
bit dar. Ihr Haupt wild von einem Scheibennimbus nmgeben. In der rechtcn Hand
halt sie vor dem Leib ein Bucli. Mit der linken Hand triigt sie einen Abtissinnensiab,
dessen Kriimme nach Aufien zeigi. Besonders markanr ist der Ansar/ der Kriimme
liervorgeboben, der bei Nr. 138 nocb durcb den Pannisellus beront wird. Das Kloster
bewabrte einen romanischen Abtissinnenstab, der als Reliquie der hi. Austreberthe
versranden wurde und sich bis beute in der Abtei Sainr-Saulve in Monrreuil erhalten
hat.iv‘ Diese Reliquie erkliirt moglicherwei.se auch die Bctonung des Stabes in der
Ikonografic der Pilgerzeichen.
Die Pilgerzeichen unterschieden sich nach der Form der Rahmung in solche mil einem
achteckigen Rahmen und solche mit einem iidikulaformigcn Rahmen. Lctztcrc stcllen
im Gegensatz zu den Pilgerzeichen des Odilienbergcs die Abrissin immer ohne Keleh
und ohne das rahmende Rankenwcrk, aber mit dem Abtissinnenstab dar. Sie miter-
142 Pilgerzeichen, dreischaliger acht-
eckiger Plakertenguss, ruckseitige Nadel
und Nadelrast (deformiert)
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.068
Material: Blei-Zinn
Mafic: Durchmesser 23 mm
Datierung: lindc dcs 15. Jahrlumderts
Verglcichsstuckc: К at. Worms iooi.S. 1341.,
Nr. 99-101
143 Pilgerzeichen, dreischaliger, rahmen-
loser Gittcrguss (Fragment) mit Rcstcn
der Nadel auf dcr Riickscitc, durch einen
angcloteten Standfufi zum Heiligenhild
veriindert
Invcntar-Nr.: UPM 5706
Maicrial: Blei-Zinn
Mafic: H»hc6U mm (mil I'ufi midi). Hohe
ohne I'ufi 40 mm, Brcitc (l'igur) 25 min
Datierung: 2. Halite des 15. Jahrlumderts
Verglcichsstuckc: Nr. 144. - K.-vi. Bi.ki.in 2008,
Nr. 2 und Nr. 36
l.iteratur: Koi-.nk;smaukuva 1977. S. 981., Nr. 71
153 Vgl. zur tie.seliieliie des Klosters: Вuaqui
11 AY к 1891-91. - Rnniiui 1901.
154 К at. Paris 200s, S. 310, Nr. 235.
144 Pilgerzeichen,dreischaliger, rahmen-
loser Gitterguss (Fragment), riickseitige
Nadel verloren
Invcntar-Nr.: Natioii.ilmiiseuni I’rag 112-68.216
Maicrial: Blei-Zinn
Mafic: Holic 43 nun, Breiie 18 mm
Daiierung: 2. I lallte des 15. Jalirhnndcrts
Vergleielissuickc: Nr. 143. - Kat. Btkmk 1008.
Nr. 2 und Nr. 36
92
Pilgerzeichen
scheiden sich von den Odilienzeichen auch dadurch, dasssieeine Nadcl zum Anstcckcn
statt der am Rahmcn angebraclnen Osen besir/en.
Die Rabmcn der iidikulaformigen Zeichen werden von eincm umlaiifcnen Perl-
.srabornament verziert und von einem Lilienornament bekront. Sic besitzen auf der
Riickseite Zungen, mil denen wahrscheinlich eine Blechhinterlegung befestigr war,
wie sie bei Nr. 141 erhalten ist. Der Rahmen von Nr. 138 ist aufwendiger gestaltet,
die Riickseite zeigt noch eine Haltczungc fiir die Hinterlegung.
Das achteckige Zeichen Nr. 141 entspricht den beiden lixemplaren in Worms.
Audi fiir das handtvcrklich schlichtcre Zeichen Nr. 142, auf dem Stab und Buch
seitlich vertauscht erscheinen, gibt es eine Parallele in der Wormser Sammlung. 1m
letzten Fall schcint sich allerdings die Darsrellung von zwei Augcn auf dem in der
rcchten Hand der Abtissin gehaltenen Buch zu befinden. HK
Barbara (Sainte-Barbc-en-Auge) (143-155)
Pilgerzeichen mit Darstcllungen der hi. Barbara bilden unter den franzosischen Zei¬
chen eine rnarkante Grofte. In jeder groReren Sammlung ist diese Gruppe mit einigen
Exemplaren prasent. Obwohl Colette Lamy-Lasalle bereits 1968 darauf hingewiesen
hattc, dass das in der Franzosischen Revolution zerstorte Augustinerchorherrenstift
Sainte-Barbe-en-Auge (Mezidon-Canon, Departement Calvados) als bedeutendstes
Zentrum des Barbarakultcs zu geltcn hat, wurden aus diesem Hinweis bisher keine
Schliisse fur die Zuvvcisung der Barbara-Zeichen gezogcn.IVi Die Attraktion, die Sainte-
145 Pilgerzeichen, dreischaliger, rahmen-
loser Girterguss, auf der Riickseite Reste
einer Osc (?)
Inventar-Nr.: UPM 5697
Material: Blei-Zinn
Matte: Hohc 54 mm, Breitc 20 mm
naiierung: 15. Jahrliundert
Vergleichsstik'ke: Bruka 1996, Nr. I53f.
Literanir: Kopniosmarkova 1977, S. 98. Nr. 70
146 Pilgerzeichen, Gitterguss mit rtick-
seitiger Ose(?)
Inventar-Nr.: UPM 98.986
Material: Zinn-BIci
Matte: Holic 30 mm, Breite 18 mm
Dacicntng: spates 15./friihcs 16. Jahrlnindert
V'ergleiehsstiickc: Kat. Worms 2001, Nr. 62
155 I.amy-Lasali.k 1968. S. 13.
147 Pilgerzeichen, Gitterguss, Ruck-
seite plan
Inventar-Nr.: Natioiialmuseum H2 68.125
Material: Blei-Zinn
Matte: Hohe 22 min, 17 mm Brciie
Datierung: spates 15./ friihes 16. Jahrhundert
Vergleichs.stuckc: Kat. Worms 2001. Nr. 63
Heiligc
93
Barbe-en-Augc als Walllalmsort besaR, hern lire aiif dem Besirz tier Sdi;idelrcliquie
dcr 111. Barbara, diedurch den normanniseben Adligcn Robert Stigand (1036-86) aus
Byzanz in die Stiftskirchc gclangt sein soil. Kardinal l.uigi d’Aragona, der die Kirclie
1517 besuchte, sprichi davon, dass diesc Reliquie »in ganz l:rankreich« verehrt werde.IM’
Einen Quellenbcleg f ur den Verkaufvon Pilgcrzciclicn in Saintc-Barbc-en-Augebictct
die ReiscrechmmgdesGrafen Johann 111. von Henneberg-Sclileusingen (1503-41), der
dort 1519 auf einer Wallfalm von Paris zuin Monr Saint Michel »zeichen« erwarb.|,;~
Die aliesien Pilgcrzciclicn mit Barbaradarsrcllungcn stammen friihestens aus deni
spaten l4.Jahrhundert. AllcZcicliciibictcncincahnliclielkonogralic: Die Heiligc wild
frontal stehend dargestellt, in dcr einen Hand tragt sie einen langen, leicht gebogenen
Palmzweig, in der andcrcn mcist ein Buck. Neben ihrstcht dcrTurm als Attribut, dcr
in etwa dicsclbc Hohe wie die Figur hat.
Die Zeichcn lassen sich in vcrschiedencn Gruppen untertcilen. Dcr wohl altcrc
Typus stellr die Heiligc neben deni rechts von ihr positionierten Fur in auf einer scliina-
lcn Standleistc dar, die sicli nach auRen verjiingt. Der Turin ist mit der Figur nielli
durcligangig verbunden, daher treten auch Fragmcnte ohne den flankicrcnden Turin
auf (vgl. Nr. 144). Die Zeichen dicscr Gruppe sind etwa zwischen 45 und 60 mm lioch.
Sie wurden als drcischaliger Guss mit einer auf der Riickseite angegossener Nadel
hergestellt. Die Zeichen konnten auch durch Anlotcn cines StandfiiRchens zu eincm
Heiligenbild umfunktioniert werden, wiediesNr. l43 zeigt. Diese Verwendiingscheint
bci diesen Zeichen besonders liaufig gewesen zu sein, da Lotstellen auch an ahnlichen
Stiickcn dokumentici 1 sind.IMi Srilistiseh kann man cinigcn schr schcmatisch gearbei-
156 П’Лклсажл 1905. S. I .IS.
IS? l.ii-Bi- 1895. S. 80. - YiJ. /11111 Кошем l.ii--
in-uvi'At.n 1928, S. 371. - Kt iiM. 101 i.
158 V«l. u.a. Kai. Bkki.in 2008. S. 26'i. Nr. 2
und S. 281. Nr. 36.
148 Pilgcrzeichen, Gittcrguss mit riick-
seitiger Osc
lnvcntar-Nr.: National museum H2 68.155
Material: Blei-Zinn (r)
Mafic: I liilie 27 mm, Breiie 12 111111
Daiiming: spates 15./triihes 16. Jali rbundert
Vergleiclisstiickc: Kai. Worms 2001. Nr. 64
149 Pilgcrzeichen. Gittergussmit Restcn
der riickscirigcn Osc
Iuvcntar-Nr.: Natioiialmusciim 112 68.243
Material: Blei-7.inn (?)
Malic: Hohe26 mm, Brciic 15 mm
Daticning: spates l5./friihcs 16. Jalirhuiulert
Verj;leichsstuckc: Bkuna 1996. Nr. 1551.
150 Pilgcrzeichen, drcischaliger Gitier-
guss mit riickscitigcr Nadel, hochrcclit-
cckigcr Rah men
Inveniar Nr.: Naiioiialinuseuin Prat; 112-68.203
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hcjlic 23 nun. Breite 21 nun
Haiicriing: 2. Halite ties 15. Jalirliunderts
Vergleielisst ticke: kei ne
94
Pilgerzeichen
tetcn, wohl altcrcn Stucken (vgl. Bruna 1996, Nr. 153Г.) cine Scric gcgcniiberstellen,
die mit groEem handwerkliehen Konncn bei der Faltenfiihrungeine Oricntierung an
dergleichzcirigen Malerci erkennen lassen (Nr. l43f.).lv> Eine Mittclstellung/.vvischen
beiden Gruppcn nimmt Nr. 145 ein.1'*'
F.in jlingerer Typus diirfte dem ausgehenden 15. Jahrhundert angchorcn. Er verklei-
nertdie Darstellungauf eine Holie um 30 mm und weniger. Moglicherweise wurdefiir
diese Zeichen eine andere Legierung benurzt, wodurch sie an Haltbarkeit gewannen,
was ihre starke Prasenz in den heutigen Sammlungen mit erklaren konnte. Allerdings
vcrloren sie an Konturierung und Detailscharfe. Zur Befestigung diente ilinen eine
aufder Riickseite angegossene Ose. Zu uinerscheiden sind jene Zeichen, die Barbara
aufeinem halbmondformigen Bogen stehend darstcllcn (Nr. I46f.) von jenen, die eine
sich nach unten verjiingendc, sockelformige Standleiste besitzen (Nr. I48f.).
Ein bisher einmaliges Stiick ist Nr. 150, das die Hciligc in cincm bochrechteckigen
Rahmen darstellt, der nach innen mit einem Perlstab abschliefSt und auften durch ein
Band von Wiirfelaugcn umzogen wird.
Ebenfalls singular ist das Zeichen in Gestalt eines Pfeils, auf dessen Schaft sich
eine der aus sonst iiblichen Barbaradarstellungen mitTurm und Palme findet (Nr. 151).
Hinzuwciscn ist auch auf einen doppelseitig gestalteten Kruzifix-Anhangcr, dcr auf
einer Seite die Ы. Barbara zeigt, der in diesem Katalog im Zusammenbang der Kruzi-
fixe bebandelt wird (Nr. 41).
159 Parallclcn da/.u sicllcn die Sitickc К at. Bur-
1.1N 2008 Nr. 1 imd 36 dar.
160 Ahnliclicsf;ili fiir Kat. Wiiiims 2001, Nr. 65.
151 Pilgerzeichcn (?), Gitterguss, Pfeil
mit hi. Barbara, auf dcr Riickseite Reste
der Ose (?)
Invcncar-Nr.: UPM 5669
Material: Blci-Zinn
MaBc: Hohe 60 mm, Brcitc 13 mm
Uaticrung: spates 15. / friilies 16. Jahrhundert
Vcrglcichssiiickc: kcinc
Literalur: Koenics.markova 1977, S. 97, Nr. 69
152 Pilgerzeichen, dreischaliger Gitter-
guss mit Res ten dcrNadel aufder Riickseite,
hochrcchteckiger Rahmen, durch einen
angeloteten Standfuf? zum Heiligenbild
verandert
Inveiiiar-Nr.: LI PM 5705
Material: Blci-Zinn
Mafie: Hohc 52 mm (mit F11R), Holie dcr l-igur
37 mm. Breitcdcr Figur 27 mm
Daticruiig: 15- Jahrhundert
Vcrgleiclisstucke: kcine
l.iceratur: Kornicsmarkova 1977. S. 94. Nr. 73-
- Kat. Pkac 1986, S. 21, Nr. 144
153 Pilgerzeichen, dreischaliger Gitter¬
guss mit riickscitigcrNadel und Nadelrast,
vergossen und starke Gussgrate
Invcncar-Nr.: UPM 5696
Material: Blci-Zinn
MaKc: Holie 37 mm, Breitc 20 nun
Daricruiig: 15. Jahrhundert
Vcrgleichsstiicke: kei tie
l.itcratur: Koenicsmakkova 1977, S. 94, Nr. 72
Heilige
95
Niclit volligsichcr ist, c»l> cs sich bci den Nr. 152-155 cbcidalls um Darstelhingen der
hi. Barbara handelt, da in dicscn Fallen das Artribut des Turms fell It. Allerdings be-
gegnen ini Spatniittelalter aucli Daisiclluiig der 111. Barbara, die sich wie diese Gruppc
von Zeichcn nur der Attribute von Palme und Buell bedienen. Da eine alternative
Interpretation als eine der virgines capitales, /..B. die hi. Katharina, iinwahrsclieinlich
ersclieint, ist vorerst an der Identifikation mil der 111. Barbara fcstzuhaltcii.
Ahnlich wie ini Fall des urspriinglichen Barba ra-Typus srellen diese Zeichen die
Figur der heiligen Jungfrau frontal aid einer aid einer kleinen Standleiste dar, die von
cinem Bauniclien flankiert wird. Ini Fa lie der Nr. 152 steht die Figur in einer von
zwei Tiirmen beg ten/ten Fassadenarchitektur, die von einem gescliwiingeneti Giebel
bekroiit wird. HK
161 Vgl. Koniusmahkova 1980, S. 65. - Daniil
wiril «.Lis Until Karl Kosice. Iici ilt-in .ill 11
lidiciiStiickin tlcrSamniliingl-igdor/KunM-
gcwcibcimiscuin Her I in handle cs sitli uni
die 111. k.tlliaiina, levidicrl. vgl. K-vr. Hi-It 1 in
200X. S. 265. Nr. i.
Bernhard von Aosta / von Menthon(?) (156)
Der heilige Bernhard, um 923 als Sohu eiue.s savoyardischen Ritters geboren, ent-
scliied sich gegen den Willcn seiner Familie fiir das gcistliche Lehen. hr wurde in
Aosta zum Priester geweiht und stieg dort bald zum Archidiakon aid. F.r sail seine
Aufgabe vor allem in der Bekampfung der Reste des Heidentums ini Alpengcbiet.
In diesen Zusammenhang gchort die Legende von der Zerstdrting der Jitpitersaule
atif deni sparer nach deni Heiligen benannten Grofien Sankt-Bernhard-Pass. An
154 Pilgerzeichen, dreischaliger Gittcr-
guss ni it Resten der riickseitigcn Nadel
Invcntar-Nr.: Naiionalimiseum Frag H2-68.2I9
Material: Ulei-Zinn
Майе: Holit: 34 mm. Brciic H mm
Datierung: 15. Jalirlumdm
Vcrglciclisstiickc: kcinc
155 Pilgerzeichen, dreischaliger Gitter-
guss, Nadel auf dcr Riickseite, Palniwedel
in recliter Hand abgcbrochen
Inveruar-Nr.: Naiionalmiisciiin Prag 112-68.220
Material: Blci-Zinn
Майе: I lohe 43 mm. Brciic 28 mm
Daiicrung: 15. Jahrliiuulcri
Verglciclissiiitke: Sammlung Bnssard: Hi.i.iwnc;
1911, laid XXXVI. 4. Re»lit- v«m «. links. Клт.
Hi ki.in 2008, Nr. 4
156 Pilgerzeichen, hochrechteekiger,
dreischaliger Gitterguss, aid dcr Riick-
seire sind Spuren von Nadel und Nadel-
rast erhalten
liivcmar-Nr.: Naiioiialmii.scnin Prag H2-68.I92
Material: Blci-7.inn
Mafic: Molic 40 mm. Brciic 30 miu
liistlirili: in Miniiskcln »su |...|m« (?)
Daiicrung: 2. I liilftc tics 15. Jalirlmnderis
Vciglciilisstiickc: kcinc
96
Pilgerzetchen
dicscm Ort stiftete er ein Hospital und jene gcistlichc Genieinschaft, die sich sparer
als Augustinerchorherrenstift um die Versorgung der Reisenden auf dem gefahr-
lichen Passwcg kiimmerte. Die Gebeine des 1008 verstorbenen Heiligen ruhcn in
der Kathedrale von Novarra.16-
Einegriindliche Untersuchungzu dem im Spatmittelaltcrvorallem in Savoyen und
im Piemont verbreiteten Knit fchlr. Die Identifikation des vorliegenden Pilgerzeichens
mit scinem Kult erfolgt aul der Grundlage zweier Holzschnitte des spaten 15. Jahr-
lninderts: dem Strafiburger Nachdruck eines um 1470 wohl in Italien hergestellten
Holzschnitts aus der Univcrsitatsbibliothek Salzburg16' und einem ctwa glciclrzeitigen
Einblattdruck aus dem Besii/. des Britiscb Museum16'. Bcidc Blatter stellen Bernhard
als Chorherren mit Abtssrab dar, wie er mit der rechten Hand den Teufel an der Kette
halt, wahrend er in der linken Hand ein Buch tragt, aus dem ein kleines Krcuz heraus-
ragt. Die ausgestreckte Hand mit dem Buch schiebt sich als Schranke zwischen einen
Hagelschauer, der mit Gewolk und Blitzen am linken oberen Bildrand erscheint, und
ein Feld mit Korn und Wcin, das so durch den Heiligen geschiitzt wird. Wahrend die
Darstellung des Heiligen mit dem an der Kette liegenden Damonen der auch sonst
iiblichen Ikonografie des Heiligen entspricht16', ist die Schilderung der Rettung vor
Unwetter ein Spezifikum dieser Holzschnitte.
Das Pilgcrzcichcn greift diesen Zug der zcitgcnossischen Druckgrafik auf, indem
es den Heiligen mit Chormantel und Stola frontal stchend darstellt, wie er die rechte
Hand mit dem Buch und dem daraus hervorragenden Kreuz nach links streckt. Der
ausgestreckte Arm am rechten oberen Rand des Bildfeldes meint wahrscheinlich die
Dcxtcra Dei in Verbindung mit der Wundermacht des Heiligen. Vom Rahmen sind
nur die beiden begrenzenden Saulen und die Standleiste mit einer Minuskelinschrift
crhalren. DieGcstaltungdes mit Krabben besetzten Giebelwerkes zwischen den Saulen
ist nur zu ahnen. Moglicherweise beziehen sich die beiden seitlichen Begrenzungcn
auf jene Saule, von der Bernhard das Jupiterbild entfernte. Neben der Ikonografie des
Pilgerzeichens bleibt auch sein Herkunftsort (die Kathedrale von Novarra mit dem
Grab des Heiligen, das Hospizaufdem Grofien Sankt-Bernhard-Pass?) zu klaren.
HK
Christophorus (157-163)
Die legcndarc Gestalt des Riesen Christophorus gchort zu den am meisten verehrten
und dargestellten Heiligen desausgehenden Mittelalters. Die Ikonografie des Heiligen
wurde im latcinischcn Spatmittelalter im besonderen Ma(5e durch eine Episode der
Heiligenlcgendebestimmt: DerRiese, derdemstiirksten Herren der Welt dienen wollte,
tragt von einem Einsiedlerangeleitet Reisende uber einen Fluss, bis sich Christusselbst
in Gestalt eines Kindcs von Christophorus uber das Wasser setzten lasst. Als der Riesc
unter seiner Last fast zusammenbricht, offenbart sich Christus und lasst zum Beweis
den Stab des Christophorus austreiben.166 Als Nothelfer, Patron der Pilger und Reisen¬
den, aber auch als Heifer gegen die »mors mala«, den jahen Tod ohne den Empfang der
Sterbesakramente, waren die Bilder des Christus aufseinen Schultern durch den Fluss
tragenden Riesen, der sich aufseinen Stab stutzt, im 15. Jahrhundert in alien Sujets vom
monumenralen Fresko bis zum kleinformatigen Holzschnitt weit verbreitet. Insofern
verwundert es nicht, dass auch zahlreiche Zeichen mit der Darstellung dieser Szene
bekannt sind. Wahrend der grofStc Tcil der Christophorus-Zeichcn ortsunspczifische
Devotionalien umfasst, fuhren die Stiicke der Prager Sammlung auf eine Fahrte, die
auf eine bestimmte Lokalisierung dieses Typus von Christophorus-Zcichen verweisen
- sie jedcnfalls von der allgemeinen Christophorus-lkonografie abheben.
Unter den Prager Zeichen kommt Nr. 158 eineSchlusselstcllungzu. Dieses Zeichen
ist relativ vollstiindig erhalten und ermbgliclu es, das urspriingliche Ausschen von
Stucken der Prager Sammlung, aber auch von Parallelen in der Wormser Sammlung,
162 Zur Viia und l.egende des I leiligen vgl.
AASS Jnin II. S. 1074(F. - RE II, S. 640f.
- I.cxikmi fur Ihcologieund Kirchc 11, S. 237.
- Vincent Mayk, Art. liem/uml von Aosin
(von Menton), I.C:i 5, Sp. 370.
163 Universitat.sbiblioihck Salzburg, Sonder-
sammlungcn, SignatnrCI 11171, vgl. Wilhelm
I .lid wig Schreiber: Handbucli der Holz- und
Mctallschnicte des XV. Jalirliunderts, Bd 8:
Nadu rage zu den vorhcrgehendeii Banden,
Siralsburg 1930, ND Stuitgart 1969,
Nr. I277m;aucliabgcbildet in:'Ilieillustraied
BartscliBd 164. Supplement: German single¬
leaf woodcuts before 1500, hg. von Richard
S. Field, New York 1992. Nr. 1277-1.
164 Abbildung in: Ihe illustrated B.rnsch Bd.
164, Nr. 1277-2.
165 Vgl. Mayk (wie Anm. 162).
166 Vgl. zum Kult und der Ikonografie KostN-
m I» 1937.
Heilige
97
dem Kolner Museum fur Angewandte Kunst und dein Germanischen Narionalmu-
seum in Niirnberg zu crschlielsen. Es stcllt den heiligen Christophorus dar, vvie er auf
einem Stock mit zwei Knaufen nacli reclus gewendet das aid seiner Scluilrer sitzende
Christuskind durch den Russ iriigt. Die Darstcllung vvird nach unten durch cincn
leicht gewolbten Standstreifen begrenzt, auf dem das Wasser des l:lusses als schriiges
Wellengittcr ersebeint. Links hintcr Christophorus steht leicht erhoht eine Gestalt in
cincm Mantel mir scnkrechten Fallen, die eine Latcrnc vor den Korper halt. Ihr Kopt
ist abgebrochcn. Ks handeltsich nach der ublichcn Christophorus-Ikonografie um den
Einsiedler, der Christopheros unterweist. Das Fragment Nr. 157 zeigt eine iilmliche
Bildparrie, bei welcher die Figur des F.insiedlcrs giinzlich erhalten ist, aber die restliche
Szenerie fehlt. Auf Nr. 158 ist reclus neben Christophorus am Ufer eine zweite Ge¬
stalt, ein frontal stchender Pilger mit Mantel, Stab, Hut, Taschc und einem Buch in
dcr recluen Hand, zu sehen. Es handelt sich niclu um eine beliebige Pilgei gestalt, die
im Bild etwa das von dem Heiligen gewohnlich iiber das Wasser getragene Klientel
vertritt, wic der Nimbus um das Haupt des Pilgers zeigt. Daher muss es sich um einen
bestimnuen Pilgerheiligen handeln. Ein Fragment, das imr den am Ufer stchenden
Pilgerheiligen zeigt, srellt Nr. 159 dar.
Mit dem Zeichen Nr. 158 sind zvvei Stiicke identisch, moglicberweisc sogarmodcl-
gleich, die allerdings nur fragmentarisch erhalten sind und daher lediglich den durch
157 Rahmenloser, wohl drei-
schaligcr Gitterguss, fragmen-
tiertes Pilgerzeichen, zum Typus
Christophorus mit dem Pilger¬
heiligen gehorig
Invcntar-Nr.: National museum l*rag:
112-68.186
Material: Blci-Zinn
Mafic: I lohe 43 mm. Rreire (noch)
19 mm
Dark-rung: Kndc des 15. Jahrhuiulerts
Vergkiclisstuckc: Nr. 159
158 Pilgerzeichen, rahmenloser, dreischaliger Gitterguss.
Nadel und Nadelrast auf der Ruckseite, Typus Christophorus
mit dem Pilgerheiligem
Invcntar-Nr.: Naiionalmiisciiin Prag 112-68.231
Mareri.il: Blei-Zinn
Mafic: I lohe 43 mm, Rrciie 35 mm
□aliening: Ende des 15. Jalirliundcrts
Vcrglcichsstiiokc: К at. Won ms iooi. S. 1 ID. Nr. 67: S. 112f.. Nr. "Of. -
I 1ак11кс:кг 1968. S. 69. Nr. 54. - Kat. Nurkbeiui 2000. S. 3701'..
Nr. 198
159 Rahmenloser. wohl drei¬
schaliger Gitterguss, fragmen-
tiertes Pilgerzeichen, zum Tvpus
Christophorus mil dem Pilger¬
heiligen gehorig
Invcni:ir-Nr.: Nai inn.i I museum I'r.ig
112-68.16(1
.Ylalcrial: Blci-Zinn
M a fie: Hfilie ii mm, Breitc (nodi) 15
111111
□aliening: 2. Hiill'lede.s 13. Jahrluin-
derrs
Ycrgleidis.stiii.ke: Nr. 159. - Kat.
Worms 2001 S. 112, Nr. 70f. IIal-
di-.cki: 1968. S. 69, Nr. 54
98
Pilgerzeicbn
den Fluss schreitcndcn Christophorus mit Stab und Kind zcigen, wiihrcnd die fragilen
Seireiiparticn mit dem Pilgerheiligen und dem Einsiedler weggebrochen sind. Fines
der beiden Zeichen hefindet sicb in der Wormscr Sammlung16', das anderc ist ein
Kolner Bodenfund, der vom Ciermanischen Nationalmuseum in Niirnberg erworben
wurde.160 * * * 164 * * * * Zwar niclu identisch, aber in der Darscellung des durch den Fluss sclirei-
tenden Christophorus, der rechts von einem nimbierten Pilgerheiligem flankiert wird,
sehr iihnlich sind drci weitere Zeichen: zwei aus der Wormscr Samniliing16'’ und eincs
des Museums fiir Angewandte Kunsr in Кб1п|Л1. Moglichcrweisc war die Einsiedler-
gestalt urspriinglich aucli Teil dieser Zeichen.
Ikonografisch ahnlich, handwcrklich allcrdings sehr schlicln sind die beiden Zei¬
chen Nr. 160f., die aid einem Standgrund die Chrisrophorusgestalt mit Chrisruskind
begleiret von einem Pilger mit Mantel, Hut und Stab zeigen. Bei diesen Zeichen durfte
es sich urn jiingere Arbeiten des 16. Jahrhunderts von einfachster Machart handeln.
Die fiinf genannten Zeichen bzw. Zeichenfragmcntc der Prager Sammlung bilden
zusammen mit den fiinf Pa rallelen eineGruppc, die einem gemeinsamen Ursprungsort
bzw. -konrcxr zuzuweiscn ist. Nahcliegcnd ware es, in der Gestalt des Pilgerheiligen
den hi. Jodokus zu sehen, zuiiial die Darstellung mit den Konvencionen ubereinstimmt,
die auf den Pilgerzeichen von Sainre-Josse-sur-mer abzulescn sind.171 Dies gilt beson-
ders fiir die um 1500 gemalten Pilgerzeichen bzw. Wallfahrtsmedaillen aus Sainte-
Josse.1 1 Freilich stellt sich damit die Frage nach der Verbindung zwischcn dem Kult
des hi. Jodokus und dem des 111. Christophorus. Denkbar ware freilich aucli in dem
Pilgerheiligen den hi. Jakobus d. A. zu sehen und den Zeichentypus als Verbiiidiing
zwcier Pilger- und Reisepatrone zu begreifen.
160 Pilgerzeichen, rahmenloser, drei-
schaliger Gitterguss mit Nadel auf der
Ruekseitc, Typus Christophorus mit dem
Pilgerheiligem
Invcinar-Nr.: Nationalmuseum I'rag H2-68.I76
Material: Blei-Zinn
\1a8c: 1 lithe 34 mm, Breite24 mm
□aliening: I. Hiillie des 16. Jahrhunderts?
Vergleichsstiicke: Nr. 161
161 Pilgerzeichen, rahmenloser, drei-
schaliger Gitterguss mit Nadel auf der
Riickseite, Tvpus Christophorus mit deni
Pilgerheiligem
Inventar-Nr.: Nationalmuseum I’rag 112-68.196
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hcihe 31 mm, Brcitc 20 mm
□aticrung: I. Halftedes 16. Jahrlumdcrts(?)
Verglcichssliicke: Nr. 160
167 Kai. Wuiims 2001. S. 1101'., Nr. 67.
168 К at. NOkniii-.kc 2000, S. 3701., Nr. 198.
169 Kat. Wuiims 2001, S. 112f., Nr. 701.
170 1 Iaudhcki: 1968. -S. 69, Nr. 54.
171 Vgl. den Abschniti Jodokus (Bcncdikiincr-
abteiSaini-Jossc-siir-Mcr) indicscin Katalog.
DicgrofitcAlinlichkcitbc.sichi/.iidcm Stiick
IIP II. S. 274. Nr. 1175.
172 Vgl. bcs. dicgcmalte Pilgcrzcichciikollcktion
in dem nach 1488 I'iii Louis Quarrc gcmal-
ten Stundcnbuch (Kostkk 1972,8. 160 mit
Abb.); die Pilgcrzcichciikollcktion in dem in
Briiggcum 1500eiusiandcncn.Stundcnbuch
ini Bcsitzdes Berliner Kupfersiichkabineits
(Ms. 78 В 14, Abb. Kat. Brucc.i- 2006,
S. 239). Ein Uberblick iiber die Jodokns-
zeichcn in Stu ntlcnbiichcrn hei van Aspr.ntK
2009. S. 553Г. Nr. 25.1-25.3.
162 Pilgerzeichen, rahmenloser, drei-
schaliger Girterguss
Invcmar-Nr.: Nalionalmiiscnm Prag H2-68.209
Material: Blei-Zinn
Mafic: I lobe 39 min, Brcitc 23 mm
□aliening: 15. Jahrhnndcn
Vergleichsstiicke: Kai. Worms 2001. S. 111. Nr. 68
Heilige
99
Ncbcn den Stiicken, die Christophorus mit einem Pilgerheiligen kombinieren. besitzt
die Pragcr Samndung noth zwei Zcichcn, die Christophorus mit dem Christuskind
ohne Bcifigure» darstellen. Nr. 162 zeigt den Hciligcn mit blofien Unterschenkeln
im Fluss watend. Fr rragt cine» ponchoartigen Umhang und vvendet sich nach links,
wall rend das nur fragmeiitarisch erlialtene Christuskind auf der I in ken Schulter sitzt.
Hinter dem starken Stab sieht man einige Morale Ornamente, die zur Rahmung der
Szene auf der linken Seite gchorten, jetzt aber hinter den Stab gedriickt sind. Zu die-
sem Zeichen existiert cin identisches Stiick in der Wormser Sammlung, das ebenfiills
einige Fchlsrellen aufweist. Bei diesem Fxemplar ist zu erkennen, dass die Szene auch
auf der rcchten Seite von einem ornamentalen Baumchen abgesclilosseii wurde.
Nr. 163 zeigt den hi. Christophorus mit seinen Fiiftcn im Wasser stchend, nach links
gewendet auf seinen Stab gestutzt. Das Christuskind aul seiner Schulter ist weggebro-
chen. Die astartigen Begrenzungen an der linken und rechten Seite lassen vermuten,
dass siesich urspriinglich als hochrechteckiger Rahmcn um das ganze Bildfeld zogen.
Da kein Vcrglcichsbeispiel bekannt ist, bleibt dies aber eine Vermutung. HK
Cosmas und Damian (Luzarches) (164)
Um die beiden Briider und Arzte Cosmas und Damian, die um das Jahr 300 das
Martyrium erlitten haben sollen, ranktcsich schon in der Antikeeine reiche I.egenden-
bildung, die ihr Leben und ihre Graber an unterschiedlichen Platzen verortete, so in
Kilikien, in Agypten und in Кот.'"’ Fiir die latcinischc Christcnhcit dcs Mirrclaltcrs
17.1 Zlis.immLiilasscnil Wolfgang AltlT.l.r. Art.
Копит und Отпит. 1.0 7, Sp. 341 352.
Vgl. nucli David-Dani-.i. 1958. - Jui.ikn/
1 .khmimakn 1985.
163 Pilgerzeichen, wohl urspriinglich
hochrechteckiger drcischaliger Gitrerguss,
Rahmung verloren, Nadcl und Nadelrasr
auf der Riickseite
liwcntar-Nr.: UPM 5700
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holic 57 mm, Brciic41 mm
Daiierung: 15. JahrhniKlcri
Vcrgleichsstiicke: keine
l.itcraiur: Kocnicsmarkova i97“. 103.
Nr. 79. - К at. Pk.-u; 1986. S. 21. Nr. 145
164 Pilgerzeichen, dreischaliger Gitrerguss mit Nadelrast
und (noch) einer Haltezunge auf der Riickseite
liivemar-Nr.: UPM 98.955
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hohc 47 mm. Breitc 42 mm
Inschrilc: in Minuskeln, verdriicki, links »s [...] m [...)■< reclus »[...] ami
[...In-?
Daiierung: 15. Jahrhundert
Verglcichsstiickc: keine
Litcratur: Kokniusmakkova 1977, S. 91, Nr. 62
100
Pilgerzeichet
gewann der romische KultdiegroRte Bcdeutung. Von liier aus fand die Verchrungder
heiligen Arztc пенс Kultzentren im Norden. Fur das franzosische Konigreich spielrcn
im Sparmirrelalter die in Luzarches (Departemcnr Val-d’Oise) verehrten Keliquicn
die wichrigste Rolle.1 ' 174
Der Rcliquicnschrein befand sicli nicln in der heutc noch bestehenden Pfarrkir-
che Saint-Come-Saint-Damien, sondern in der Stiftskirche Saint-Come auf der Burg
von Luzarches. Der Ritter Jean de Beaumont brachtc urn 1170 auf der Ruckkehr vom
Kreuzzugaus Rom Reliquien der Heiligen Cosmas und Damian mit auf seine Burg.
Das Kapitel der Stiftskirche ersclieint erstmals in einer Urkunde Papst Lucius 111. von
1182. Die Verehrung scheint aber erst am Ende des 14. Jahrhunderts zu einer Wall-
fahrt gefuhrt zu haben, nachdcm die Reliquien in einen Schrein und andere Reliquiarc
translozicrt wurdcn.ps Kach 1360 sind eine Reihevon Stiftungen zur Aussratrung der 175
Kirche belegt.rf> Um 1400 wurde die Stiftskirche auch zum Zicl von testamentarisch 176
verordneten Wallfahrten.1 ' 177
Essindbisherdrei Pilgerzeichen aus Luzarches bekannt, dieausPariserSeine-Funden
s tarn men und sich im Musec de Cluny befinden: zwei Plaketten und ein hochrecht-
eckiger Gitterguss, die mit dem bier vorzustellenden Zeichen nur in der Darstellung
derselben Heiligen ubereinstimmen, aber einen anderen Typus reprasenricrcn.'78 178
Das Pilgerzeichen stellt die beiden Heiligen frontal stehend unter einem hufeisen-
formigen Bogen dar, der auRen von einem schmalcn Lilienband umzogen wird. Die
Lilien sind nur noch fragmentarisch erhalten. Wahrschcinlich bildete das obere Bogen-
segment urspriinglich cine Lilienkroneiihnlich dem Marienzeichen Nr. 103. Als Stand-
grund dient eine nach innen gekrummte diinne Leiste mit Taustabdekor. Derselbe
Dekor finder sich auch auf dem Saulchen, welches das Bildfeld vertikal trennt und in
zwei Bogen auslauft. Die Kopfe der beiden Heiligen sind von einem groRen Nimbus
umgeben, sie rragen kurze Rocke und als Attribute das Harnglas, die Arzneitasche
und ein SalbgefiiR. HK
Dominikus (Santo Domingo de la Calzada / Villalcazar de la Sirga) (163)
Santo Domingo de la Calzada (Region La Rioja) bildet eine wichtigc Station am
spanischen Jakobusweg zwischen Estclla und Burgos. Der hier verehrte Lokalheilige
Domingo (Dominikus) Garcia (t 1109) lebte als Einsiedler an dem damals noch wenig
begangenen FlussubergangdesOja. Er erbaute ein Hospital, eine Brucke und besserte
die Strecke des Jakobusweges zwischen Najero und Redecilla aus, was ihm den Bei-
namen »dc la Calzada« (von »Calzada« = StraRe) eintrug. Auf ihn gcht die Exisrcnz
der spater nach dem Heiligen benannten Stadt zuriick.179 179
Der Besuch des Grabes dieses Heiligen wurde den Jakobuspilgern bereits im Liber
Sancti Jacobi empfohlen.180 Bishcr war nur ein Pilgerzeichen aus Santo Domingo de la 180
Calzada bekannt, das den Heiligen frontal auf einer siegelformigen Plakette darstellt
und aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammen soli.181 181
Das Bildprogramm des Prager Pilgerzeichens stellt hingegen das »Hiihnerwunder«
in den Mittelpunkt. Dieses bereits im Liber Sancri Jacobi erziihlte Mirakel berichtet von
der Rettung eines zu Unreclu zu Tode verurteilten Pilgcrs, der am Galgcn auf wunder-
bare Weiscdem Tode entging, weil ihn der hi. Jacobus am Lehen erhielt. Diese Rettung
wurde nach einer spiiteren Variantedieser Mirakelerzahlungdurch den Richter bestatigt,
nachdem dieser durch das Lebendigwcrdcn gebratener Hiihner auf seinem Teller iiber-
zeugt wurde. Diese Legende ist im Sparmirrelalter in zahlreichen Varianten uberliefert.187 182
Spatestens seit der Mirte des 14. Jahrhunderts wurde das Wunder in Santo Domingo de
la Calzada lokalisiert, wo scitdem auch ein hinter dem Marienaltar der Karhedrale be-
findlicher Kafig bezeugt ist, in dem ein Paar weiRer Hiihner gehalren wird.18’ Im Laufe 183
des 13. Jahrhundert stieg Villalcazar de la Sirga (autonome Gemeinschaft Kastilien-
Leon) als neue Station am Jakobusweg auf und trat damit in eine gewisse Konkurrcnz
Yy. Daviii-D^nu 1958, S. 611Г
Vgl. MuLLtK 189?. -5. 79 mu Ант. I.
VB1. ebd., S. 821.
Nacli Мльь 199 b S. 205.
Bkuna 1996, S. 126f.
Vgl. I’loiz 2012 mil weiierer Lit.
Hi kbfrs 1998, S. 152.
Vcl. BRUNA I996. S. 131- — HAASIS-BtRKl.R
2003. S. 61 f.
Gruiullcgcnd zur Monvgeschichie I'lOiz
1999. _ Vgl. aiicb HtRiu'Rs/pLOTZ 1996,
S. 55-61. - I'Lorz 2011, bes. S. 217-224.
HmBhiis/I’i.OTZ 1996, S. 58f.
101
Hcilige
7.11 Santo Domingo de la Calzada. Auch hicr nahm man das Hiihncrwundcr fiir cin
marianisches Gnadcnbild in Anspruch.18' Das Pilgerzeichen kombinicrt allc drci Va-
riantcn des Huhncrwundcrs, indcm cs im untercn Bildfeld den unschuldig gehangten
Pilger da rs tel It, dessen rechter bids vom hi. Jakobus in Pilgertracht und Pilgerstab gc-
stiitzt wild, wall rend sdn linker l:uK vom hi. Dominikus gehalten wild, der mit Kutte
und Stab dargcstellt ist.iss Beide Heilige sind durcb einen Nimbus gekennzeichnet, der
von cinem Perlstab gebildet wird. Links und redus neben dem Haupt des Pilgcrs sind
ein Hubn bzw. ein Hahn dargcstellt, da/wischcn zwei Sterne wolil als Hinweis auf
den »Sterncnweg«. Das dreitiirmige Stadttnodell zu Fiifien des Pilgers verweist mog-
licherweise auf Santiago de Composiela. Eine iihnliche Darstellung erscheint audi aid
einem Pilgerzeichen aus Villalcazar de la Sirga, das in Valenciennes gefunden wurde.IK"
Das obere, giebelformige Bildfeld wird von einer thronenden und gckronrcn Ma-
rienfigur bestimmt, die das Jesuskind auf ihrem rechten Knie halt. Zu ihrer linken
Seite kniet ein Engel, der ein Weihraudifass schwingt, zu ibrer recluen Seite ein ker-
zentragendcr Engel. Das Maricnbild entspricht im Wesentlichen dem marianischen
Gnadenbild, das in Villalcazar dc la Sirga vcrchrt wird. Allerdings ist die Position des
Jesuskindes auf dem Pilgerzeichen seitcnvcrkchrt dargcstellt. Ein anderes Pilgerzeichen
aus Villalcazar de la Sirga, das in Huntingdon gefunden wurdc, stellt das Gnadenbild
ebenfalls seirenverkehrt dar."1’
Die am Rand urn die Darstellung verlaufende Inschrift verweist zugleich auf Do¬
minikus, Jakobus und Maria als Urheber des Wunders. Nach der Schriftform wird
man das Zeichen in das 14. Jahrhundert datieren diirfen. HK
Eligius von Noyon (166-168)
EligiussollalsGoldschmiedam Hofderfrankischen HerrscherChlotharslI. (584-628)
und Dagoberts (628-638) gewirkt haben. Spacer empfing er die Priesterweihe und
wurde 641 Bischof von Noyon, wo er 660 starb. Seine Reliquien verehrte man in der
Kathedrale von Noyon. Zahlreiche Pilgerzeichenfunde aus dem 13. und 14. Jahrhun-
derc bezeugen fur diese Zeit eine bedeutende Wallfahrtsbewegung.188
184 Plot/. 1999. s. 26. Р1.01/ 2011. S. 222
ill it wciicrer lit.
185 V«l. l.C"1 6. Sp. 72. Dicsclbc Darsiellunii
oil lie S1.1l» bcijcgnel .inch .111/ Jem I'ilper/ei-
I'llCll.
186 Tixaiioh 1004. S. 28-30, Nr. I1).
187 Vgl. Haasis-Bi.kmk 2003, S. 63.
188 I Iaasis-Ueknuk ioo), S. 70-76. - Vgl. /ur
Ikonogralie von Кт/.покг 1957.
165 Hochrcchteckiger, zwcischaliger
l'lachguss mit Spitzgicbcl, urspriinglich
vier odcr fiinf Oscn (alle weggebrochen).
auf der Riicksciie Inschrift
Invcmar-Nr.: UPM 5756
Male-rial: Blci-Zinn
Malle: Hcilie 44 mm; Brciic 35 111 m
Inschrili: in Maj 11.skein um das Bildlcld laufend:
••MIRACVI.A : ST DOM1XIU : JACOBI:
В KATE MARIK -. auf der Riicksciie: »K PH A :
TER: OAI. |Ah.s:ii/.] TKRVS-
□aliening: 14. Jahrhundert
Vergleichssiiicke: keinc
Literal ur: Kor.NicsM akkovA 1977. S. 041.,
Nr. 66. - К at. I'iiai; 1986. S. 22. Nr. 151
102
Pilgerzeichen
Bei den fruhenEligius-Pilgerzeichenhandeltes sich umquadratische bisquerrechteckigc
Plachgiisse, diezwei ikonografischcn Grundformen folgcn. Dicerste Form stcllt Eligius
im Bischofsornar dar, dem cin Pilger - haufig mit Krucken versehen - cine zu cincr
Spirale gcrolltc Kcrzc (Wachsrodcl) reichr.1*4 Zwischen beiden Personen isr cin Altar
mit Kclch und Hostic darge.stellt. Der zweite Typus zeigt den Heiligcn als Schmied
an cincm Am boss stehend, an dem er mit einem Hammer cin Hufeisen bearbeitet.
Ihm gegeniiber stein neben einem Pferd eine Figur, die dem Heiligcn ein Wacbsrodel
reicht. Die Denning der Szene ist z.T. ratselhaft, sehr wahrscheinlicb bezieht sie sich
aufdas in unterschiedlichen Eassungen umlaufende »Beschlagwundcr«, nacli dem der
FIciligc einem storrischcn Pferd das Bein abhicb, anschlie/Send das Hufeisen befestigte
und dem 'Tier das Bein wieder ansetzte.
Zvvei der hier vorzustellenden Eligius-Pilgerzeichen gehoren zu der zuletzt bcschriebe-
nen Gruppc »Eligius als Schmicd«.|,,n Sic diirften als jit ngere Vertreter aus der Mitte bzw.
vom Ende dcs H. Jabrhundert stammen. Sie untersebeiden sich von den meisten iibrigen
Exemplaren dieser Gruppe dtirch die Darstcllung der Kerze, die nicht als Wacbsrodel,
sondern als gezogene, gerade Kerze dargestellt wird. Beide verfugen auf der Ruckseitc
liber Haltenadeln, was fur jungere Pilgerzeichen vorallem des 15. Jabrhundertstypisch ist.
Die Nr. 167 ist eine exakte Parallele zu einem Stiick, das Artur Forgeais 1863 bcschricb,
dessen Verbleib aber unbekannt ist.141 Charakteristiscb fiir dieaheren Pilgerzeichen von
Noyon ist die fragile und deshalb selten erhaltcne Bekronung mit einem Tiirmchen und
zwei seitlich stehenden wellenartigen Zungcn, die moglicherweise Ambosshorner dar-
stellen sollen. Diese Bekronung ist bei Nr. 167 ungewohnlich stark ausgebildet.
189 Vgl. I Iaasis-Bkrni.r 2003, S. 72-74.
190 Vgl. ebd., S. 74-76.
191 I-orukais 1863, S. 162f. Da dem von l:orge-
ai.s bescliriebencn Stiick cin Tcil der Bckro-
nung lehlt, капп es sich nicht um dassclbe
Exemplar haiiddn.
166 Pilgerzeichen, dreischaligcr Flach-
guss mit riickseitiger Nadel und Nadelrast,
Bekronung und linker Rand beschadigt
Inveniar-Nr.: Nationalmuscuni Prag H2-68.207
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hohe 34 mm, Breite 32 111111
□aliening: Mine dcs 14. Jahrhimderts
Insclirift: in Majuskeln mit liegendem »Ci«:
..Kll.JICiIVS..
V'ergleiclisstiicke: Tixador 2004, S. 33L Nr. 24
(Insclirift!)
167 Pilgerzeichen. dreischaliger Flach-
guss mit riickseitiger Nadel und Nadelrast,
Bekronung gut ausgebildet, urspriinglich
vier Osen (rechts unten abgcbrochen)
Invemar-Nr.: Nationalnuiseiim Prag 112-68.095
Material: Blci-Zinn
MaRe: Holie 56 mm, Breite 34mm
Daticrung: 2. Halftc des 14. Jahrhunderts
Inschrifr: in Majuskeln: »S ELOVIS»
Verglcichsstiicke: Forcu ais 1863, S. I62f.
168 Zweischaliger Guss, Plaketre mit
planer Riickseite, zugehoriger Rah men
verloren
Invemar-Nr.: UPM 5751
Material: Blci-Zinn
MaRc: Durcliincsser 32 min
Daticrung: 2. Malfiedes 15. Jahrhunderts
Inschrift: in Minuskeln: «saint: elov : d |c| :
noyon :«
Verglcichsstiicke: keinc
Literalur: Kof.nic.smarkova 1977, S. 93, Nr. 64.
- Клг. I'rac 1986, S. 22. Nr. 156. - Клт. Ot.o-
mouc 2006, S. 226, Nr. 97
103
Heilige
Die rundc Plakette Nr. 168 mil der Darstellung des auf einer Bank thronenden
Bischofs, der durcli das Artribur dcs Hammers in der rechten Hand ausgczcichnet
wird, ist bisher einzigartig. Eine felilendc Bcfcstigiiiigsvorriclming und der wulsiige
Rand mit deni uberstehenden Grat lassen vermuten, dass diese Plakette nrspriinglich
fur die Einfiigung in einen wahrscheinlich zweiseitigen Ralimen (wie z.B. bei Nr. 72)
hergestellt wurde. Die Darstellung und die Inschrift in Minuskeln vervveisen das Stiick
in die 2. Ha 1 fee des 15. Jalirluinderts. HK
Fiacrius von Brie (KlosterSt. Fiacre, Breuil) (169-172)
Der aus Irland stammende Monch Fiacrius lebte in einer Einsicdclci bei Mcaux, wo er
670 verstarb.192 Im Hochmittelalter vcrbindctsich mit derGriindungdieserEinsiedelei
die Legende, Bischof Faron von Mcaux babe dem Eremiten jenes Areal eines Wald-
stucks geschenkt, das er an einem Tag zu roden und mit einem Grabcn zu umgeben
vermochte. Aber als der Spaten des Eremiten die Erdc beriihrte, sturzten die Biiume
von alleine uni, und der Graben entstand ohne sein Zurun. Als eine Augcnzeiigin,
die in den I.egendenvariantcn Houpdce bzw. Becnaude genannt wird, den Einsiedler
wegen Zanberei bei dem Bischof vcrklagte, iibcrzeugte dieser sich selbst von der gott-
lichen Wunderkrafr.
Die Anziehungskraft dcs im Kloster St. Fiacre in Breuil (Dep. Marne) verehrten
Wundertaters bezeugen etwa 40 Pilgerzcichcnfunde. Unter diesen Funden dominie-
ren Flachgiisse, die zum groGen Tcil aus der Seine srammen, was fur einen starken
regionalen Besucli dieser knapp 50 km von Paris entfernten Gnadenstiitte im 13. und
14. Jahrhundert spricht. Andreas Haasis-Bemer hat bei den Flachgiissen aus dem
KlosterSt. Fiacre zwischcn dem Typus der hoehrechteckigen Zeichen mit Spitzgiebel
und dem Typus der querrechtcckigen Zeichen mit einschwingenden Giebelseiten
unterschiedcn.191 Die beiden Typen bieten eine ikonografisch ahnliche Darstellung:
In der Mittc steht frontal der Bischof Faron mit dem Bischofsstab in der einen Hand,
wahrend er die andcre zum Segensgestus erhebt. Auf der einen Seite, meist aid der
linken Seite des Bischofs, steht der Einsiedler Fiacrius mit Kutte, Spaten und Buch, das
Haupt von einem Nimbus umgeben. Auf der anderen Seite kniet eine Fraucngestalt,
die einen Spinnrocken in der Hand halt. Das Bildprogramm der Pilgeizeichen nimmt
so auf die Legende von der Ubergabe des Waldcs an Fiacrius durch den Bischof Faron
und die Anklage des Einsiedlers vor dem Bischof Bezug. Die Szene im Bildfeld rahmt
bei alien Zeichen eine umlaufende Inschriftenlciste, die in Majuskelschrift und diffc-
rierender Schreibweise entweder nur Faron und Fiacrius oder auch noch die Anklage
fiihrcndc Frau »Hopdee« nennt.
Der Flachguss Nr. 169 gehort zum Typus der querrechteckigen Zeichen mit ein-
schwingendem Giebel. Die Darstellung enrspricht der ublichen Ikonografie, der im
Profil dargestellte Einsiedler halt als Auribut nur den Spaten in der Hand, das Buch
fehlt. Die Majuskelinschrift ist unsauber ausgefiihrt, fur »F« erscheint immer »P«. Das
Zeichen besitzt grofie Ahnlichkeit mit einem von Blanchet 1930 als Umzeichnung
publizierten Stiick.191
Neben dem Flachguss, der noch dem 14. Jahrhundert angehoren diirfte, besitzt die
Prager Sammlung einen zweiseitig gestalteten, herzformigen Anhiinger, dessen Bild-
seite einen frontal stehenden Monch mit einem Spaten darstellt. Die Identifikation
dieser Figur mit dem hi. Fiacrius ist naheliegend. Der Anhiinger gehort damit wohl in
eine Reihe mit verschiedenartigcn WciBnietallgiissen, die im friihen 16. Jahrhundert
entstanden und den 111. Fiacrius darstellen.,,>s Merkwurdig ist, dass trotz der ikono-
grafischeindeutigen Vcrbindung von Kutte und Spaten mit dem 111. Fiacrius eine Reihe
rundcr Gittergiisse mit einem breiten, separat gegossenen Ralimen, die eine Figur in
der Kutte zeigen, die einen Spaten in der Hand halt, seit dem 19. Jahrhundert als
Pilger/eicben der Abtei Abtei Saint-Maur-des-Fosses interpretiert werden. Der Grund
192 Vi;l. /uni I'oI^cikIl-h die DjrMcllunj; liei
Нллмь-Вькм! к loo.i, S. "’S-83.
193
l bcl., 8. ^8.
Ж Bi.asi ill i 1950, S. 11Ш., Abk 6. Der Ver-
lilcib dcs Xcicliem isi unkl.ir.
193 Vgl. В kuna 199k S 14.31 . Nr 201-201
104
Pilgerzeichei
Kir diese ikonografisch nichr zu den Darstclliingskoiivcntioncn dcs lieiligcn Maurus
passendc Zuschreibung ist cin Seine-Fund, den Forgeais 1863 publi'/ierre.11’6 Das bis
lietire ini Musee de Gluny bevvahrte Zeichcn triigt aufdem Rahmen die Inschrift »S.
MOR. DBS. FOSSES*. Sein Bildfeld zeigt einen Monch mit Kutte, dereinen Spaten
in der Hand hair. Neben ihm kniet cin Adorant. Aucb wenn an der Kombinatioii des
Rahmens mil dem Bildleld kein Zweifel besrelu, so enispricht der Spaten als Atrribut
keineshills dem hi. Maurus, der auf den Pilgerzeichen immer mit dem Abrssrab dar-
gesrellr wird. Ohne hicr cine Ihesc zur Interpretation dieses bisher als Scliliisselstiick
behandelten Seine-Fuiides bieten zu koniien, erscheint die Idcntifikaiioii der durch
Kuttc und Spaten gekennzeichncrcn Figur als hi. Maurus als nieht tragfahig. Daher
werden hier die beiden Prager Zeichcn Nr. 171 f., die zu diesem Zeichentypus gehoren,
fur den 111. Fiacrius von Brie in Anspruch genommen.
Bei beiden Stuckeii handelr es sich um An hanger, die zwei Bildfelder in einem
Rahmen vereinigen. Die Nr, 171 stellt auf dereinen Seite den hi. Fiacrius dar, der mit
Tunika und Kukulle bckleidct ist, in der linken Hand ein Buch vor seinen Korpcr halt
und die rechte Hand auf den Griff eines im Boden sreckenden Spatens legt. Neben
der Figur ist ein Gcwachs siclitbar. Auf der zweiten Seite befindet sich die Darstcllung
eines nach links schrcitcndcn Gorteslamms mit Siegesfahne.'‘r Die Nr. 172 zeigt im
ersten Bildfeld ebenfalls den 111. Fiacrius in Tunika und Kukulle, in der linken Hand
ein Buch lialtcnd und mit der rechten den Spatenstiel beriilirend. Links und rechts
sind kleine, omamentale Biiumchen sichtbar. Auf der zweiten Bildseite erscheint das
»ihs<-Monogramm in Miiiuskelschrift.144 HK
146 l utti.l.Ais 1863. .S. 1171'.
197 Vgl. da/u den Ahschnitt >-Agiuis Dci« in
diesem Band.
198 Vgl. da/.u den Abschniti -IMS- in diesem
Band.
169 Pilgerzeichen, zweischaliger Flach-
guss mit eliemals walirschcinlich vier
Osen (verlorcn), Riickscitc mitdiagonalem
Schachhrettmuster
Inveiuar-Nr.: Naiionalmuseuni Prag 112-68.138
Mafic: Hfihe 34 mm, Breite -13 min
Material: Blci-Zinn
Inschrilt: in Majuskeln »-t . S P: I: Л: [Cl?]: R: li:
S: P: H: Л: R: О N.
Daticrung: 14. Jahrliiinden
Vergleichsstiicke: Bl anciift 1930, S. 1401.,
АЫ). 6
170 Her/.formigcr Anhanger mit metal-
lenem Bildfeld und Rcsten einer Einlage
aus Glimmer (?) auf der Rtickseite
Invcntar-Nr.: UPM 5739
Mafic: Hohe 32 mm
Material: Blei-Zinn / Glimmer (?)
Datierung: spates 15./fruhes 16. jalirbundcns
Vcrglciclisstiicke: keine
Literal 11 r: Kof.nigsmarkova 1977, S. 76, Nr. 44.
- К at. Prac 1986, S. 22, Nr. 154. - Kai. От¬
моет 2006, S. 231, Nr. 106
171 Kreisrunder Anhanger mit breitem,
separatgegossenen Rahmen, umlaufendem
Taustabdekor und zwei separaten Bildfel-
dern (Fiacrius, Agnus Dei)
Invcntar-Nr.: UPM 5747
Mafic: Durclimesser 21 mm
Material: BIci-Zinn
Da tier uiig: 2. Halfte 15. Jahrhundert
Vergleichsstiicke: Kai Worms 2001. S. 147.
Nr. 125
l.itcratur: Koknicsmakkova 1977, S. 77. Nr. 45.
- К at. Prag 1986, S. 22, Nr. 155
Heilige
105
Georg von Nikomedien (173-175)
Zcichen mit der Darstellung dcs iiciligcn Georg als Drachcntdtcr finden sich in gro¬
wer Zahl als spatmittelalterliche Fundsriicke aus ganz F.uropa. Da kein systematischer
Ubcrblick y.u dicsen Objekten vorliegt, isr die Einordnung der Einzelfunde schvvierig.
Clrundsatzlicli lassen sich zwei Bildtypcn untersclieiden: In dem einen Fall vvird der
Heilige auf dem Pfcrd siczend dargcstellt, wie er dem Drachen die l.anze in den I.cib
stofit. Bci diescr Darstellung geliort zur Szencric cin Standgrund und hiiufig wird auch
die gerettete Kdnigstocluer in das Bild einbezogen. Die zweire Grimdform stellt den
Heiligen ohne Pferd dar, wie er mit Lanze und / oder Sclnvert den Drachen bekampft.
Diese beiden ikonografischcn Grundformen stellen aber nocli keine Pilgcrzeichen-
typen im Sinnc Kurt Kosters dar, die einem bestimmten Kultorr zuzuweisen vvaren.
Viclmehr musste eine Gesamtsystematik noch wcitcre Kriterien ermitteln, uni zu einer
tragfahigen Gruppierung von Typen zu kommen.
Fur die historische Vcrortung der Georgszeichen sind unterschiedliche Vorschliige
gemacht worden, ohne dass sich eine uberzeugende Posting durchgesetzt harte. Forge-
ais hatte bei der Einordnung eines entsprechendcn Scine-Fundes darauf hingewiesen,
dass Kardinal Georges d’Amboise (1460-1510), ab 1493 Erzbischof von Rouen und
enger Vertrauter des franzdsischen Konigs Ludwigs Xll. (1498-1515), anlasslich eines
Festes Zeichcn mit der Darstellung des Drachenkampfes seines Namenspatrons hcr-
stellcn licS.'w Alle Georgszeichen auf dieses Ereignis zu beziehen, wie dies jiingsr noch
geschehen isr00, verbieten schon die starken srilisrischen Unterschiedc der Zcichen
und,soweit Inschriftenvorhandensind, deren diffcreiucr Inhalr. Colette l.amy-I.asallc
172 Krcisrundcr Anhanger mit breitem,
separat gegossenen Rahmen und zwei
separaren Bildfeldem (Fiacrius, ihs), Ose
abgebrochcn
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum [‘rag Н2-68.КИ
Мавс: Durchmcsser 19 mm
Material: Blci-Zinn
Daticning: 2. Hallicdcs 15. Jahrhiindcrrs
Verglcicbsstiicke: Kat. Berlin 2008, S. 266.
Nr. 6: S. 3241'., Nr. 1451.
173 Pilgerzcichen, drcischaliger Gitter-
guss mit Nadel auf der Riickseite, Kopf
des 111. Georg erganzt, stehender Georg
mit Drachen und Konigstochter
Invcntar-Nr.: UPiM 5701
Material: Blei-Zinn
Malle: H(')lie41 mm. Brcitc2l 111m
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrgleichsstiicke: keine
l.itcratur: Koi.niusmarkova 1977. S- 105,
Nr. 81. - Клт. Рили 1986. S. 21, Nr. 14
199 I-'ohceais 1865. S. 102.
200 Клт. Nlknhi ki; 2000. S. 3691'.
174 Pilgerzcichen, drcischaliger Giltcr-
guss mit Ansarz.cn der riickseitigen Nadel
und Nadelrast, zwei modeme I.distellen
auf der Riickseite, Georg auf dem Pfcrd,
Drachen, Standgrund und Konigsrochter
vcrloren
Invcntar-Nr.: UPM 5702
Material: Blci-Zinn
Malic: Holic (nocli) 30 min, Brcite (nocli) >0 mm
Datierung: 2. Hallicdcs 15. Jalirliuiitlcns
Vcrglcichssiiickc: Клт. Berlin 2008, S. 2641.,
Nr. 3. - Haf.df.cke 1968. S. 68. Nr. 51 f. - La-
mv-I asa11.i' 1968,8. 151., Abb. 12. - Saninilung
Bussard: Helbing 1911, lafcl XXXV I. 2. Kcilic
v. u, 2. und 3. Si tick von rcclits; I listorisclu-n
Museum Basel. Inv. Nr. 1904/2157 ixler
1904/2158 (?).
I.iicraiui: Koemgsmarkova 1977. S. 105, Nr. 82
106
Pilgerzeichen
verwies aufdie Abrei Saint-Gcorges in Boschervillc (heute Gemeinde Saint-Martin-de-
Boscherville, Dcp. Seine-Maritime), wenige Kilometer wcstlich von Rouen gelegen, als
moglichen I Icrkunftsort201, deuret imselbcn Zusammenhang aberauch aufdie Abrei
Fonrenelle (heute Saint-Wandrille), die einen Kieferknochen des 111. Georg besaft.2"2
Letzterem Hinweisschlosssicli Denis Bruna vorsichtigan.20' Eine KlarungdieserFrage
scheint gegemvartig nur auf dcr Grundlage einer systematischcn Beschreibung aller
Pilgerzeichenfunde und dcr Bewerrung der lokalen Quellen im Hinblick auf Wall-
fabrtszeugnisse moglich zu sein, was an dieser Stelle niclit zu leisten ist.
Die drei Zcichen dcr Prager Sammlung gelioren drei untcrschiedlichen Typen an. Das
Zeichen Nr. 173 ist mit keinem anderen Fund idenrisch oderaucb nur ahnlich. Georgsteht
mit einer Plattcnrustung auf dem sich unter seinen FiiRen windenden Drachen, dessen
Sclnvanz sich uni sein rechtes Bein ringclr. In der linken Hand halt er einen Schild, der
ein gemeines Kreuz cragc, mit der rechten Hand holt er zum Schlag mit cinem Schwcrt
aus, dessen Klingc abgcbrochen ist. Zu seiner rechten Seite knict die Konigstochrer, die
einen Strick in Handen halt, mit dem der Drache am Hals gefesselt ist. Dcr Kopf des
heiligen Ritters ist erganzt. Ob es sich um den originalen Kopf handelt, ist zwcifelhaft.
Die Nr. 174 stellt den hi. Georg in Riistung und mit aufgeklapptem Visier auf dem
Pferd dar, wie er nach rechts gevvandt dem unter ihm liegenden Drachen mit der vom
rechten Arm gcfiihrtcn Lanzc in das Maul sticht, wahrend sein linker Arm den Schild,
der ein gemeines Kreuz zeigt, vor den Oberkorper halt. Das Stuck ist fragmentierr, der
Kopf des Reiters und des Drachen, die Vorderbeine des Pferdes, die Standleiste und
die Figur dcr Konigstochrer fehlen. Das Zeichen gehorr zu einer Gruppe von Georgs-
zcichen, welche schr ahnlich, teilvveise wohl idcntisch, wenn nicht gar modelgleich
sind. Die Stucke dieser Gruppe lassen sich bislang nur in den um 1900 entstandenen
iilteren Pilgerzeichensammlungen nachweisen.2"4 Alle Zeichen sind mehr oder weniger
fragmentarisch erhalren, das einzige vollstandig erhaltene befindet sich im Museum von
Rouen.20’ Signifikant fur diese Zeichen ist u.a. die Darstellung dcs Pferdes mit einer
charakreristischenSchabracke.dieausKreissegmentenzusammengesetzt ist, welche sich
um einen Knauf auf der Kruppe dcs Pferdes zenrrieren und deren Rand mit Zaddeln
geschmiickt ist. Diese Form der Schabracke ist kennzeichnend fiir den Pfcrdeputz im
Umkreis des burgundischen Hofes im dritren Vicrrel des 15. Jahrhunderts.206 Auch die
von der Konigstochrer getragene Hornerhaube gchort wohl in diesen Kontext. Ob diese
Darstellung nur die Rezeption der aktuellen Mode ausdriickr oder auch fur einen Ur-
sprungsort in den von Herzog Karl dem Kuhnen (1433-77) regierten Landcrn spricht,
soli hicr nicht cntschieden werden. Allerdings ist auch zu prufen, ob die Ahnlichkeit
der Serie ein Argument fiir die Falschung dieses Typus um 1900 sein konnte.
Das Zeichen Nr. 175 wird ebenfalls von der Darstellung des reitenden Heiligen
bestimmt, der dem Drachen die von der linken Hand gcfiihrre Lanze in das Maul
sticht, wahrend die Konigstochrer vor dem Pferd steht. Im Gegensatz zu Nr. 174 sind
die Figuren wesentlich schlankcr ausgcfuhrt. Besondcrs die Beine des Pferdes sind
aufFallig schmal und die Vorderbeine eigentumlich cingeknickt. Der hi. Georg triigt
ein Tarrschenschild, so dass dieses Zeichen nicht vor der Mitte dcs 15. Jahrhunderts
entstanden sein kann. Dem Prager Zeichen ahneln zwei aus der Sammlung Gay stam-
mende Seine-Fundc20" sowie eines aus der Wormser Sammlung.208 Obwohl zwei dcr
Zeichen das Pferd nach rechts rciten lassen, sind die Ahnlichkeitcn in der Darstellung
der Figuren so markant, dass man von einer zusammengehorigen Gruppe ausgehen
muss. Nur eines der Snicke besitzt noch die FufSlciste mit der Minuskclinschrift »s :
gorge : chevalerie«, die auch fu г die anderen Stucke vorauszusctzen ist.200 Dcr Vergleich
dcr Zeichen zeigt, dass der Helm Georgs immer mit cinem flatternden Helmbusch
geziert war, der bei dem Prager Stuck weggebrochen ist. Die Konigstochrer ist immer
mit einem enganliegenden Kleid mit weitem Ausschnitt bekleidct, dessen Fallen gerade
von der Hiifte abwarts bis zu den Fiiften fallen. HK
201 l.AMY-I.AsAIII 1968, S 16
202 Ebd.
203 Brl na 1996, .5 146.
204 Die Sriickc stainmcn aus der Sammlung
Figdor: Kai. Berlin 2008. S. 2641.. Nr. 3;
der Sammlung Clemen: Нлтг.екь 1968,
S.68, Nr 5lf.; der Sammlung Bossard: Ны -
Bing 191 i.Tafcl 2. Reilicv. o, 2. und3. Stuck
von rechts. Eines derStiicke soil nach Koster
vom Hisrorisclien Museum in Basel erwor-
ben worden sein. Karteikartc Kuri Rosters
verzcichnei die Inv. Nr. 1904/2157 und
1904/2158. Unklar isi, ob beide Stiicke an-
gckaufr wurden. Da die Baseler Sammlung
1904 erworben wurdc, die Sammlung Boss¬
ard aber erst 1911 veraukrionien wurdc,
konnte es sich auch um parallelc Stiickc
handcln. SichcauclidicLit. mderfolgenden
Anm.
205 I.amy-Lasai.le 1968, S. l5f.,Abb. 12.
206 Vgl. u.a die Darstellung des hi. Georg auf
einer burgundischen Srandartc vor 1474 ini
Kanionalen Museum Solotburn, Клт. Blkn/
Bruggf. 2008, S. 250, Abb. 101. Wcuerc
Bcispiclc ebd., S. 313, Kar. Nr. 129c (Cac-
sartapisseneii 1450—1470); S 203. Kat.
Nr. 28 (Trajan- nnd Herlinbald-Teppicli
1440_l450);Troj.i-Teppicb 1111 Metropolitan
Museum of Art New York (wohl Pasqnicr
Grenier nach I4(i0 aus Tournai)
207 Bruna 1996, S. I45f., Nr. 206f.
208 Kai. Worms 2001, S. 116, Nr. 75-
209 Ein Fragment, das nur die FulSleisie mil der
idcntischen Inschrilt.dcm Drachcnleibund
dem Korpus dcr Konigsiochierdarstclli, ver-
offcntlichtc n’Ai 1 i.macnk 1928, laid XV,
S. 24 /25 (2. Reilic von alien, 3. Snick von
Links) aus der Sammlung R. Richebe. Ein
iilinliclics Stuck mil dcrsclben lnstlirift
wurdc in Lyon gcfiiiulcn: Клт. Lyon 19S7>
S.48, Nr. 90 (mit Abb.).
Heilige
107
Gertrud von NivcIIcs (176)
Die 626 als 'lociiter des frankischen Herrschcrs Pippin des Altcrcn und seiner Frau
Idubcrga geborene Gertrud trat in das von Hirer Mutrer gesrifrere Kloster Nivelles bei
Briisscl ein, wurde 652 dcssen Abtissin und verstarb liier 659. Ihre Verehrung verbrei-
tete sich wahrend des Mittelalters im ganzen Abend land, oline dass der Besucli ibrer
Gebeinc in der Abtei Nivelles cine bedeutende Wallfahrr hervorbrachte.
Bisher waren drei Pilgcr/.eichen bekannt, die aus Nivelles srammen: Neben einem
iilteren firagmentarischcn Fund im Mu see des Beaux-Arts von I .you21" handelt es sich
um zwei Excmplare aus Amsterdam2" und deni belgischen Wichelen212. Alle diese
Pilgerzeicben stellen die heilige Abtissin in einer gotischcn Architekturrahmcn untcr
einem Giebel dar, dessen Ausselien variiert.
Auch das bier vor/.ustellende Objekt ist als Pilgerzeicben anzusprechcn, da Rcsre
der Bcfestigungsnadel aufdcr Riickseite erhalten sind. Ebenso verweisen Ansiitzc von
jezwei Halcezungcn am unteren und oberen Rand aufdie urspriingliclie Hinterlegung
des Zeichcns mit Metall, Pergament oder einem andcrcn Medium.
Die Presentation der sichendcndcn l Ieiligenfigur in einem Ralimen, der durch ein
Zick-Zack-Fries gebilder wird, weist das Stuck in die Zeit nacli der Mitte des 15. Jahr-
hunderts. Die handwerklich schlichrc Darsrcllungder Heiligen entspricht der iiblichen
Ikonografie: bekleidet mit dem Ordensgevvand (Weihel, Wimpcl und Kutte), halt sic
in der rechten Hand den Abtissinnenstab und in der linken ein Buch. Die Maus auf
der unteren Rabmenleiste verweist auf das Attribut der gegen Mauseplagen angeru-
fenen Heiligen. Ein sell г ahnliches Stiick finder sich in der Sammlung des Museums
der Stadt Worms.21’ HK
210 Kai. I von 19^7. S. SI. Nr. 145.
211 HIM 1. Nr. 1128. - К л i. НнГга.к 2006. .5.217,
АЫ». 16.11.
212 HP II. Nr. 1127.
2D Kat. Worms 2001. Nr. 102. S. 135 (donals
111. Ottilia gedeutcr).
175 Pilgerzeichcn, dreischaliger Gittcr-
guss mit Nadelrast und Ansatz der riick-
seirigen Nadel, Georg auf dem Pferd mit
Drachen, Standgrund und Konigsrochter
Invcmar-Nr.: UI’M 5703
Material: Blci-Zinu
Mafit: l lolie (nocli) 53 mm, Breite 53 111m
Datierung: 15. Jalulumdcrt
Vcrgleichsstiickc: Bruna 1996. S. 1451..
Nr. 2061’. - Клт. Worms 2001, S. 116. Nr. 75
l.ircrarur: Koeniosmarkova 1977. 5. 104,
Nr. 80. Клт. Риде 19КЛ, S. 21, Nr. 146
176 Pilgerzeichen, dreischaliger hocli-
rechreckiger Girterguss mit Rahnien und
Resren der riickseitigen Nadel und vier
Halcezungcn
I liven tar-Nr.: Nationalmuscum l’rag H2-68.232
Material: Blci-7.inn
Malic: Htihe 31 111111, Breite 26 mm
Datierung: 2. Hiilftedes 15. Jalirliuiiderts
Vergleiclissrtieke: Клт. Worms 2001. Nr. 102,
Nr. 135
177 Pilgerzeichen, dreischaliger Gitrcr-
guss in Form des Buchstabcn »M«, aufdcr
Riickseite Reste von Nadel und Nadelrast
erhalten
Inveutar-Nr.: UI*M 5761
Material: Blei-7.inn
Malse: Holic 34 mm; Breite 37 nun
lnsclirift: in Minuskeln -г : gourgun-
Daiieriing: 2. I lalfic des 15. Jalirliuiiderts
Verglcichssriicke: I.amy I.asai.i.i. 1968, S. 16,
Abb. 13. - I lAinr.Ki. 1968, S. 70, Nr. 591.
l.iteratur: Koi.nic.smarkova 1977. S. 92. Nr. 63.
- Клт. Prac; 1986, S. 23, Nr. 160
108
Pilgerzeichen
Gorgonius und Dorotheus von Nikomedien (177)
Das Zeichen, vvclchcs in dcr Form eines »M« untcr den Bogcn des Buchsrabens zwei
Hcilige in hofischcr Traclu zeigt, ist durch die Inschrift »s. gourgon« unschwcr als Dar-
stellungdesMiirtyrerpaars Gorgonius und Dorotheuszu identifizieren.diealskaiserliche
HoHinge am Palast von Nikomedien unter Kaiser Diokletian uni 300 das Martyrium
crlitten. Gorgonius wurde im Iateinischen Mittelalter hriufig mit dem romischen Miir-
tyrer Gorgonius gleichgesctzt, dessen Reliquien aus Rom in die Abrei Gorze bei Metz
ubertragen wurden, von wo aus der Kult weitcr ausstrablic. Eine sichere Lokalisierung
der Hcrkunft des Pilger/.eichentypus ist bislicr nicht gelungen. Die Idcntifikation des
Typus gclang Colette Lamy-Lasalle 1968 durcb die richtige Lesung der Inschrift auf
eincm Stuck der Sammlung Bossard.-" Dieses Exemplar ist das einzige voll.standig
crhalrene Vergleichsstiick. In der ehemaligen Sammlung Clemen im Museum fur An-
gewandre Kunst Koln befinden sich zwei Fragmente desselbcn Zeichentypus, die nur
als rechter Teil des Zeichens bewahrt sind. Da sich die Inschrift auf der linken Seite
der Zeichen befindet, kam es zur Missdeutung des Buchstabens als »N« und der dar-
gestellten Figurals hi. Bavo.2ls Nach Kurt Koster besitzen die Briisseler Musees royaux
d’Art etd’Hismireebensolchcin Fragment aus der ehemaligen Sammlung Hagemann.’16
Das Pilgerzeichen stellt beide Heilige in der von Burgund beeinflussten Mode
des 15. Jahrhunderts dar: Sie tragen Schnabelschuhe, Strumpfhosen und eine kurz
geschnittcne Schecke. Der rechts stehende Gorgonius halt einen Grillrost als Zeichen
seines Marryriums in der rechren Hand, wiihrend die linke Hand in einen am Giirtel
befestigten Beutel grcift. Der zweite Heilige, sehr wahrscheinlich ist Dorotheus ge-
meint, halt einen Vogel (Falken?) auf der linken Hand und streckt seine rechte Hand
cbenfalls in einen an seinem Giirtel hangenden Beutel. Das rahmende »M« wird von
einem Wiirfelaugcnband umzogcn. Eine am oberen rechten Rand erhaltenc Zunge
(drei wciterc Zungen sind wahrscheinlich abgebrochen) zeigt, dass der Hintcrgrund
des Zeichens urspriinglich hinterlegt wurde. HK
Honoratus von Amiens (178)
Zu dem Pilgerzeichen Nr. 178 sind bisher vier Parallelen bekannt. Jc eines befindet
bzw. befand sich im British Museum London, im Musee de Cluny Paris, im Kunst-
gewerbemuseum Berlin (seit 1945 verschollen) und im Musee de Picardie in Amiens.
Wahiend Camille Enlart 1916 das Stuck aus Amiens mit der neutralen Zuweisung
»Heiliger Bischof oder Abt« 1916 veroflFentlichte21", identifizierte Denis Bruna den
Heiligen des Pilgerzeichens mit Leobinus von Chartres, wobei er als Vergleichsstiick
Nr. 191 benutzte, das seine Herkunft durch die Inschrift zu erkennen gibt. Die Ahn-
lichkeit zwischen den beiden Zeichen ist allerdings nicht grofi genug, um vom selben
Typus zu sprechen. Nur die Disposition des in einem Architekturrahmen frontal ste-
henden Bischof mit Segensgestus, der zu beiden Seiten von einem knienden Adoranten
begleitet wird, ist in beiden Fallen gleich.:i!i
Das Pilgerzeichen wird von ciner Adikula gerahmt, die nach oben mit einem recht-
winkligen Spitzgiebel abschlieftt. Die kleinen seitlichen Fialen sind nur bei dem Stuck
im Musee de Cluny rechts erhalten. Die frontal stehende Bischofsfigur tragr liber einer
Dalmatik die Kasel und eine Mitra auf dem nimbierten Haupt. Den Bischofsstab
halt die linke Hand schrag vor den Korper und beriihrt zugleich einen vor der Brust
gchaltenen Kelcli. Die rechte Hand im Pontifikalhandschuh ist zum Segensgestus er-
hoben. Links und rechts knien neben der Figur zwei kleine Adoranten, von denen die
eine einen Korb oder Kasten auf dem Kopf rragt. Links neben dem Rahmen sind zwei
T-formige Kriicken iibereinander dargestellt. Rechts erkennt man neben der Kriimme
dcs Bischofstabcs Rudimente einer Doppelfessel. Diese Votive sind bei den Exemplaren
in London, Paris und Berlin spiegelverkehrt angeordnet, wiihrend der Bischofsstab bei
2M Lamy-I.asaiii 1968. S. 16.
215 Наипкь 1968. S. 70, Nr. 59f.
216 /.cntralc Pilgcivcicliciikartei Kurt Kiisicr.
K.irteikartc St. Gorgo und Si. Doroilieus.
178a Bruderschaftsmedaille der Pariser
Backer mit der Darstellung d. hi. Hono¬
ratus von Amiens, FoRGbAis 1874
217 Lnlaki 1916, S. 3051. mil Al»b. 7.
218 l'OKi.hAis 1874. S. 45-47.
Heilige
109
alien Zeichen diagonal von links unten nach rcchrs oben vcrlauft. Obcr dem Nimbus
crscheint in dem Gicbcl ein kreisrunder Gcgcnstand, dessen mittleres Segment erhaben
ist. Bei diesem Objekt handelr es sich wall rsclici illicit um ein Brot. Mit dicsem Attribut
wurde der Ы. Honoratus von Amiens dargestellt, so u.a. auf den von Porgeais puhlizicr-
ten Plaketten der Pariser Backerinnung. (Vgl. Abb. 178a) Der Kelch vervveist auf ein
eucharistisches Wunder und begegnet u.a. in der Darstellung des Ы. Honoratus am
Firminporral der Kathcdrale von Amiens. Der Bischof des 6. Jalirbunderts wurde seit
der Hrhebung seiner Gebeine iin Jalir 1060 in Amiens als Wunder rater verebrt. HK
Jakobusd. A. (Pilgcrstabemitjakobsmuscheln-Santiago dc Compostela?) (179-180)
Die Nr. 179f. stellen zwei Miniaturpilgerstabe dar, die als Zeichen dienten, wie die in
einem Fall gut erhalrene ruckseitige Osc zeigt. Beide Stabe besitzen unterhalb des obe-
ren Knaufs kleine Haken, die bei den echtcn Pilgerstiibcn zum Anhangen dcs Gcpacks
odcr dcs Hutes dienten. Bei Nr. 180 ist dem Stab einegrofte Kammmuscliel aufgelegt,
auf deren Scliale sich die Darstellungeines Pilgerheiligen mit Stab, 'Iasche, Hut, Buell
und Rosenkranz befindet. Der andere Stab (Nr. 179) ist mit einer kleinen Kammmu-
schel und einer Pilgertasche verbunden, deren Tragcriemen um den Stab geschlungen
isc. Ahnliche Zeichen sind auch aus einigen wenigen anderen Sammlungen bekannt.
178 Pilgerzeichen, hochrechteckiger,
dreischaliger Gitterguss, aufder Ruckseite
Nadel und (noch) cine von vier Haltezun-
gen vorhanden
I nvcntar-Nr.: UPM 568.3
Material: Blei-Zinn
MaRe: Holie 41 mm; Brcitc 26 mm
Daticrung: 15. Jalirlnmderi
Vcrglcichsstiicke: London. British Museum,
Inv.-Nr. 1913-6-1*28. - Bkl'na 1996. S. 170.
Nr. 250. - Kat. Berlin 1008, .S. 2881'.. Nr. 51.
Enlart 1916. S. 3051. mit Abb. 7
Literal 11 r: Koknigsmarkova 1977. S- 87, Nr. 57.
- Kat. Prag 1986, S. 23. Nr. 164
179 Pilgerzeichen in Form eines Pilgcrsta-
bes mit Knauf, Haken.'Iasche undkleiner
Kammniuschelklappe
Invent a r-Nr.: UPM 5670
Material: Blei-Zinn
Malse: l lohc 62 mm
Daticrung: um 1500
Vcrglcichsstiicke: keine
l.iteratur: Koekicsmarkuva 1977. S. 96Г,
Nr. 68. - Kat. Prag 1986, S. 23. Nr. 166
180 Pilgerzeichen in Form eines Pilger-
stabes mit Knauf, Haken, und grofier
Kammnuischelklappe mir Darsrellung
eines Pilgerheiligen
Inventar-Nr.: UPM 5671
iVlaierial: Blei-Zinn
MaRe: Hohe 57 mm
Daticrung; 11111 1500
Vergleiclissliickc: Sammluiig Eranz Claes. Auk-
tionskatalog, Tafel 3. 2. Reilie von unten. 1. Zei-
elicn von rcchts
l.iteraciir: Koekigsmarkova 1977, S. 96, Nr. 67.
- Kat. Prac; 1986. S. 24, Nr. 167. - Kat. Oi.o-
мо|ч: 2006, S. 23L Nr. 105
по
Pilgerzeichen
So cnthidr die Sammlung Franz Claes cin Stiick, das mir Nr. 180 ubcrcinsrimimc.214 2I‘)
Ahnliche Sriicke, aber oltne Haken und die Heiligendarsrellung, stain men aus der
Seine"" bzw. aus cincm Fund im niederljindischen Rilland**1. F.in verwandtes, wolil
aber jiingeres Stuck mit Pilgerhut anstelle der Jakobsmuscliel, wurde in Wien bei den 220
Ausgrabungen an der Alien Universitar entdcckt.222 In der Buchmalerei gibt es zwei
ahnliche Darstellungen: Auf einer Randbordiire des Stundenbuchs der Johanna von
Kastilien (1479-1555) aus der Zeir urn 1500 wird cin Pilgcrstab mit Haken und einer
grofien Muschelklappc wiedergegeben.22* Als Pilgerzeichen erscheint der Stab mir Mu- 223
schel -allcrdingsohnc Haken- aufder Seiteeines um 1510 entsrandenen Gebetsbuchs
mil einer genial ten «Sammlung- von Pilgerzeichen.221 Dicsc Darstellungen crlauben cs,
die Zeichen in die Zeit um 1500 zu datieren. Ob es sich allerdings ratsachlich um aus
Santiagode Compostelastammendc Pilgerzeichen handelt oberob auch eine Herkunft
aus einem anderen Pilgerort moglich ware, an dem die Muschelsymbolik eine Rolle
spielte - z.B. Saint-Josse-sur-mer -, muss vorliiufig often bleiben. HK
Jodokus (Benediktinerabtei Saint-Jossc-sur-Mer) (181, 182)
Der heilige Jodokus entstammte einem bretonischen Fiirstcngeschlecht. Nach seinem
Verziclu auf die ererbte Herrschaft wurde er Priester und Eremit. Er grundetc die
Einsiedelei Runiac in der Picardie, wo er 669 verstarb.22S An ilirer Stelle enrstand das 225
Benediktinerklostcr Saint-Josse (Dcp. Pas-de-Calais). Die Auffmdung der Gebeine
des Heiligen im Jahrc 997 begriindete den mirtelalterlichen Kult, der im 14./15. Jahr-
hundert - auch in Verbindung mir der nahegelegenen Wallfahrt zur Marienkirche in
Boulogne-sur-mer - gcsamrcuropaischc Ausstrahlung gevvann und in den Herzogen
von Burgund am Ende des Mittelalters die bedeutendsten Forderer fand.
181 MuschelformigerAnhangermitdcm
Rcliefeincs Pilgerheiligen (wahrscheinlich
Jodokus), mit Anhangerosc, Rucksciteplan
Invcntar-Nr.: Nationaliniisciim Prag N2-68.097
Marcrial: Blei-Zinn
Mafic: I lolic 37 mm, Breitc 27 mm
Daiierung: I.Viertel des 16. Jahrliunderts
Vcrglciclisstiickc: keine
182 Zweiscitiggegossene Pilgermcdaillc 182a
mit dem hi. Jodokus und Maria (Boulog-
ne-sur-mcr?)
Invcniar-Nr.: National museum Prag N2-68.089
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hcjhe 22 mm, Breiic 12 mm
Daticrung: 16. Jalirliundcrt (?)
Verglcichsstiicke: keinc
Die lotografisclicTal'cl 3 ties Vcrstcigcrungs-
katalogsdcrSaniniluiigin den Sammclma|>-
pender Pilgerzeichen kartei Kuri Kosrcrzcigi
das Stiick.
Bkuna 1996. S. 152, Nr. 221.
IIP I.S. 166. Nr. 222.
Kiiti 1 Ki.inr.H 2006. Bd. 2, S. 285f.
London, Briiish Library. Add. MS 18 852,
Ш. 183', Alibildung in van Asim-.ukk 2009,
S. 471.
Brussel, Ktiniglichc Bibliotliek. Ms IV, 280,
Bl. 211’. vgl. van Am-iui.n 2009, S. 467 und
S. 551, Nr. 21.4.
Zum Knit des 111. Jodokus und der spatcrcn
Wallfaliri vgl.Ihikh 1924 und Zr.NntK 1973-
Ruckseitc von Nr. 182
Ill
Heilige
Pilgerzeichen aus Saint-Josse-sur-Mcr bind scit deni Iriilicn 14. Jalirlmndcrt be-
zeugt226, wobei erst in der zweiten Hiilftc ties 14. Jahrhunderts eine dichte Fundiiber-
lieferung cinsetzt.22"’ lis handelt sich um meist rail men lose Girtcrgiisse22\ die den
Heiligen als Pilger frontal stehcnd darstellen.22‘' Charakteristisch fiir die Darstellung
sind der Pilgerniantcl, die am Riemen getragene Pilgertasclie und der in der linken
oder recluen Hand gerragene Pilgerstab und hiiufig cin in der Hand gelialrenes Bucli.
Piir die alteren Pilgerzeichen sind die aufdem Mantel angebracluen /.alilrciclien Pil-
germuscbeln signifikant, die bei den jiingeren Zeichen verschwinden.
Zwei Objekte der PragerSanimlung lassen mit einiger Vorsiclit Saint-Josse-sur-Mer
als Herkunftsort vermuten:dei niiisclielfbrniigei Anhanger Nr. 181 und der beidseitig
gcstalteter Wallfalmsanhiingcr Nr. 182.
Muschelformigc Anbiinger mit der Darstellung eines Pilgcrlieiligen sind bislier
inimer an Г Santiago de Compostela bezogen worden. 21(1 Allerdings isr die Herstellung
von nietallencn Musclieln als Pilgerzeiclien sowohl fiir den Mont Saint Michel al.sauch
fiir Boulogne-sur-mer belegt, wo z.B. der hessisclie Landgraf Ludwig I. 1431 sowohl
»zceyclien« alsaucli »moscheln« kanfrc. ’41 Dalier istdic Produktion von musclielformi-
gen Devotionalien im benachbarten Saint-Josse-sur-Mer ebenhlls wahrschcinlich. Im
Ubrigen erscheint die Pilgerniuscliel als vielfach wiederholtes Ziermotiv aufden friilien
Gittergussen mit dem hi. Jodokus. Daher ist die Identifikation des Pilgerheiligen aul
der Muschclklappe als Jodokus zumindcst erwagenswert, zumal der Gegenstand in
der linken Hand der Figur wohl als Buch anzusprechen isr. Ein sehr iilinliches Stuck
hat sich als Abguss auf ciner Glocke im schottischen Dunning aus dem Jahre 1526
erhalten.212 Man wild durch diesc Parallclc die F.ntsrehting des Anhangers im ersten
Viercel des 16. Jahrhunderts vermuten durfen, aucli wenn das handwerklieh schlichte
Stiick eine spatere Datierung zuliefie.
Der beidseitig gestaltete Anhanger zeigt auf der einen Seite den heiligen Jodokus
mit der typischen Pilgertracln in einer schlichten Darstellung. Auf der anderen Seite
ist in ahnlicher einfacher Manier eine stehende Madonna mit dem Kind dargcstellt,
deren Haupt wohl cine Lilienkrone tragt. Umgebcn ist die Gestalt von vier Wiirfel-
augen. Die einfache Gcsraltung erschwert eine Datierung der Medaille, die aber nach-
mitrelalterlich sein durfte und vermutlich aus dem 16. Jahrhundert stammt, wenn sie
niche noch jungcr ist. HK
Johannes der Taufer (Amiens, Kathedralkirche, Tauferhaupt) (183)
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts gclangte Amiens (Dep. Somme) in den Besitz eines le-
gendaren Reliquienschatzes. Angeblich hatte Walon dcSarton, ein Adligeraus dem Haus
Picardy und Tcilnehmer am 4. Krcuzzug, 1204 nacli der Pliinderung Konstantinopels
Teile des Schadels Johannes desTaulers und die silberne Schiisscl, auf der das Haupt der
Salome dargeboten worden war, als Bcuteanteil erhalten.211 Bei seiner Riickkehr 1206
nach Amiens wurde die Reliquie von Richard de Gerberoy, dem damaligen Biscliof von
Amiens, in Empfang genommen und in einer feierliclien Prozession von Biirgern und
dem Klerus durch die Sradt getragen.2'1 Der kostbare Scliatz wurde im Spatmittelaltcr
in ciner Chorkapellc der Kathedrale in einem Reliquiar verwahrt, das die Form eines
grofSen flachen Tellers mit einer zentralen Darstellung des Antlirzes Johannes des Taufers
umgeben von kostbaren Steinen und Pcrlcn hosal?.2'1 Die Weisung am 24. Juni, dem
Hauptfcsttagdcs Heiligen, welche vermutlich schon kurz nacli derTranslation cinsetzte2 ,f\
zog zahlreiche Pilger an. Man emittierte hier Pilgerzeichen, deren Ikonografie sich am
Hohepunkt der Heiltumsweisung, der Zeigung des Tauferreliquiars, orientierte.21
Iii der PragerSammlungfindet sich ein Pilgerzeichen ausAmiens,dasdic Weisungs-
szene in einem Rundrahnicn zeigt. Die Inschrift verweist aufdas Gesicht des Taufcrs
iin Zentrum des Reliquiars. Deutlich zu sclien ist der kreisrunde perlschnurvcrzierte
Teller in dessen Mittc uberdimensioniert und ebenfalls kreisrund das I auferantlitz
226 Dei alicsic sii.iliyr.itiM.li rclativ sidicr mu
1 100 il.ulcrb.ire l-inul машин aus Rostock,
vgl. Naci-.i 200K, S. ”3-76
227 V|»l ilen 1*'11н*гЫ it к bei H л asis- 13i kni к zoo i
228 Cin Lvemplar mit separat gegossenem Rah-
men in IIP 11. S. 2”3, Nr. 1160.
229 Die lies ten Obcrsicliicn bietei bislier die 7. u-
sninmcnstcllung der nicilcrliiiulischcn l im-
dernllPl.Ni.261 263 und 11P II. Nr 1160
IPS.
230 Vgl HIM.S. 163, Nr 212 und 214 -HP1I.
S. 26Л Nr. 1133 Mild 1134
231 Kut n 1908. S. 243.
232 Van Loon van hi- Moosuiik 2000. S. 123,
Abb. 10.
233 SielieKNiPiMM. 2001,.S. 33-32 Dcrl.cgcn-
de n.ub sind die Reliquicn von Kaiser Vale¬
rius n.ieli Rom gchoh worden. spiilcr abei
li.'inc sie llieodosius nacli Konstantinupcl
verbr.nlit. WiSKll s l8n, S 3
234 I'.bd.
233 Cbd. S. 32.
236 Nacli Winkles wurde die егме К.uliedr.de
in Amiens 1130 erriclnei Sie branute 1218
.lb, и ml/wcij.ilirc spinel wuidcn die l'Uiida-
lnenie ernes Neubaus gclegl. del 1 288 lonig-
gestellt wurde. Spiiiestens /inn Knile des
13- Jahtlmnderts diirlie der Ablialiung pom-
pdser Weisung.sleicrn, bei denen neben ilern
Haupi aucli die aiideren Reliipiien der Ka-
thedralc, wie die Cebeme des St Firiinn,
ge/eipt wurdcn, nidus melir im Wege ge-
siandcn haben. I did. S. 31.
237 Win kies bericbiet an Kerdem. oh lie allerdings
die Quelle zu benennen, dass spe/ielle gol-
dene Objekte,iu das Haupt gelulien wurdcn
uiid die auf die.se Weise gehcihgicn Stucke
als (Jcschcnkc an Konigc und I'iirsten ver-
geben wurdcn. Aucliseicn silberne Medadleii
mu dem AblnlddesTaufciliaupies, nachdem
man init lhncn die Stb;iilelrelii|uie beriilin
babe, an Pilger vergeben wurdcn. Lbd. S. 32.
112
Pilgerzeichen
erscheint. Das Reliquiar wird durch cincn Klcriker im langcn Gcwand mit Stola pra-
sentiert, dcr cs vor scincm Korper halt. Flankicrt wird cr von zwei Assistenzfiguren,
vermutliclicbcnfalls Klcriker, wclchclangc. diinnegedrelire Wachsliclucr строгhaltcn.
Dieses Exemplar wurde bereits 1886 im Kunstliandel zum Verkauf oftcricrr.2-’* Es
ist zu vermuten, dass es damals von dem Antiquiratenhandler Joseph Egger erworben
wurde, der sparer die heutigc Pragcr Sammlung Adalberr von Lanna anbot.2 w CB
HI. Katherina (Mont St.-Catherine bei Rouen) (184-189)
Die Bcncdikrincrabrci Sainte-Trinite bei Rouen besafi cine groRe Fingerreliquie der
Martyrerin Katherina, die um 300 in Alexandria hingerichtct vvorden sein soli und
im Spatmittelalrer vor allcm a Is Norhelferin verehrt wurde. Diese Reliquie sollte aus
dem Katherinenklostcr des Sinai stammen, das den Schrein mit den Gebeinen der
Heiligcn bewahrt. Sie machte die Abtei zum Zicl einer bedeurenden Wallfahrt, von
derinsbesonderedie in zahlreichen Sammlungen erhaltenen Pilgerzcichen des 15- Jahr-
hunderrs Zeugnis geben.
Obwohl bereirs Forgeaisein aus der Seine geborgenes Katherinenzeichen vorstellte2,n
undahnlicheZeichcn in den um 1900entstandenenSammIungcn Bossard2'11, Figdor242
183 Pilgerzcichen, Gitterguss rund im
inschriftfuhrenden Rah men vier (drei
erhalren) Oscn und vier Zungen auf der
Riickseite
Invcntar-Nr.: UPM 5711
Inschrift: »+ : LCCL : SIC[1L|LLM : FAC1KI :
BEATI : lOl IANNIS: BAPTISTt-
Mafic: Durchmesser 42 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: I4./I5.Jahrhunderi
Verglckhs.s tiickc: Kosierkartei, Typus Amiens,
Sr. Jean Baptiste A I; F.ki.art 1916, Fig. 319,
Abb. 2d: ikonogralisch sell г lilinlich aber ohne
Inschrift im Kahiucn Brii.sscI, Konigliche Biblin-
thek, Munzkabinctt, eliemalige Sammlung Dis-
sard
Literatur: Koenigsmarkova 1977, S. 74, Nr. 42.
- Koenigsmarkova 1980, S. 61. - Kat. Prag
1986. S. 20, Nr. 140
184 Pilgerzeichen, drcischaliger Gitter¬
guss mit riickseitiger Nadel und Nadelrast,
Figur stehend auf Inschriftenband
Invcntar-Nr.: UPM 5698
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 80 mm, Brcitc 42 mm
Daticrung: 2. Hiilftcdcs 15. Jalirhunderts
Inschrift »Z te Z kateline Z duni(i|u]i Z dernuc [n]«
Verglcichsstiicke: К at. Worms 2001, Nr. 79 (evt.
modelgleich, das Buch ist weggebrnchcn). Mu¬
seum Rouen: Lamy-Lasau.f. 1968, S. 13. Abh. 6
Literatur: Koenigsmarkova 1977, S. 100,
Nr. 75. - Kat. Prag 1986, S. 21, Nr. 141. - Kat.
Oi-omouc 2006, S. 227, Nr. 99
238 Kiisierkartei Typus Amiens St. Jean Baptis¬
te A 1 nach DaMCOIIrt 1886/K7.S. 133. Abb.
4. - Vgl. auch Lamy-Lassali.e 1973. S. 157.
Von dem spateren Ankauf durch Adalbert
Lanna wussie Kiister offenbar nidus.
239 Vgl. Koenigsmarkova 2008, S. 1851'.
240 PorgkaIS iKfis, S. 32If. par. Brlna 1996.
S. 123. Nr. 159.
241 Melding 1911, Taf'cl XXXVI, viertc Rcihe
von oben, drittes Stuck von links.
242 Kat Berlin 2008. S. 268. Nr. 13.
185 Pilgerzeichen, drcischaliger Gitter¬
guss, Rcstc der riickseicigen Nadel und
Nadelrast nicht erkennbar, Kopfsekundar,
Figur stehend auf Maxentius mit verkiirz-
tem Schriftband
Inventar-Nr.: UPM 5695
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 43 mm, Brcitc 25 mm
Datierung: 2. Halite dcs 15. Jahrbimdcrts
Inschrift »mai« ?
Verglcichsstiicke: Kat. Berlin 2008, S. 268.
Nr. 13
Literatur: Koenigsmarkova 1977» Ю1, Nr. 76
Hcilige
113
und im Paulus-Muscum in Worms’*' vertrcten waren, idcntifizicrtc erst Kurr Koster
1957 den Herkunfrsorres durcli die riclnige Lesungder Inschrift aufeinem der Worm-
ser Zeiclien."'* Hie Eiudcckung des Abgusses eines identischen Zeichcns auf der 1464
von Tilman von Hachenburg gegossenen Glocken in Breithardt (Rheingau-Taunus-
Kreis, Hessen) gibt einen wicluigen Himveis zur Datierung. Die Publikation von vier
weiteren Katlierinenzeichen aus dem Bcstand des Museums von Rouen durcli Colette
Lamy-Lasalle, von denen zwei dem durcli Koster identifizierten Tvpus enrspreehen,
bestatigre die Zuweisung Keisters.2"
Die drei vorzustellenden Pilgerzeiclien entsprcchen dem zuersr von Kurt Koster be-
schriebenen Typus: Die Hcilige wird frontal steliend als junge Frau mit hocb stehenden
kleinen Briistcn und eincr scbmalen Taille in der modischen Trachr des 15. Jahrhun-
derts dargestellt. Das eng anliegende Kleid lauft in einer langen Schlcppc aus, die von
dcr Figur mit der linken Hand in die Hohe gehoben wird. Die Hiifte wird meist durcli
einen Giirtel betont und iiber den Scliultern erscheint haufig eine kurze iirmellose Jacke.
In der linken Hand halt die Figur ein aufgcschlagencs Buch. Die rechtc Hand halt das
Schwcrt, vor dessen Scheide das mit Klingen besetzte Rad steht, welches von der Figur
halb verdeckt wird. Das von einem stramingemusterten Nimbus umgebene Haupt wird
von eincr Lilienkrone bedeckt, unrer der traubenformige I.ockcn licrvorquellen. Am
186 Pilgerzeiclien, dreischaliger Gitter-
guss in it Resten dcr riickseitigen Nadel,
Lorstelle zur Befestigung auf einem Stand¬
ful?, Figur steliend auf Rasenstiick
lnventar-Nr.: UPM 98.994
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohc (iinch) 37 mm. Brcitc (noch)
22 mm
Datierung: 2. Halftedcs 15. Jahrliundcrts
V'crglcichsstiickc: Kat. Worms 2001. Nr. 80. -
Museum Rouen: LAMY-I.ASAi.i.t lyfifi. S. 13,
Abb. 5
187 Pilgerzeiclien, dreischaliger Gilter-
guss, urspriinglich wohl mit riickseitiger
Nadel und Nadelrast, Kopfsekundar,durch
Anlotung eines Srandfiificliens zuin Hei-
ligenbildchen verandert, Typ unbestimmt
(aus Sainte-Catlierinc-de-Ficrbois ?)
hncntar-Nr.: UPM 98.978
Material: Blei-Zitui
Mafic: Hiilic insgesamt 58 111111. 43 mm (nline
Pufi). Breiic 23 mm
Datierung: 2. Halftedcs 15. Jahrliundcrts
Vcrglciclisstiicke: Samiiilung Bossard: Hf.i.risg
1911. Tafcl XXXVI. 5. Reilie von oben. 3. Stiitk
von rcclits
243 Kat. Worms 2001. S. 1191'.. Nr. 791'.
244 Kositk u;s7. S. 831’.
245 I.amv-I.asaiii 196S. S. 13f.
188 Anhanger / Medallion, gegossener
runder Ralimen mit Anhangerbse. sechs
Perlen aus Zahnbein, vier riickseitige
Haltezungen und Verschlusspliiitchen aus
Blei-Zinn, BildeinlageausgebraniiteniTon
Inveniar-Nr.: UPM 5748
Material: Blei-Zinn. Zalin, Ton
Mafic: Durchmesser 24 111m
Daiierung: 15 Jalirlnmdcrt
Vcrglcichsstucke: kcinc
I.itcratur: Koi:nu;.smaiikov,\ 1977, S. 102,
Nr. 78. - Kat. Prag 1986. 5. 21. Nr. 143. - K.vr.
Oi.omiiuc 2006. S. 232. Nr. 107
114
Pilgerzeichen
starkstcndiffcrierendie F.xempla re dieses Typus indcrGesralrungdesSrandgrundes. Bci
der ersten Varianrc srehr die Figur auf einem an beidcn Sciten eingerollten Schriftband,
das sich rechrs bis zum Saum des Kleides emporschwingt und die Minuskelinschrift
»Ste 2 kateline 2 du mont 2 de rouen« 6. A. enthalt, wobei die Worttrenner immer die
eigentiimliche Form eines groften »2« habcn. Diese Variante wird hierdurch die Nr. 184
vertreten.2^’ Bci dcr zweiten Variante bildet die liegende Gestalt des von der Martyrcrin 246 Лк Worn miner wird cin gcspiegelics »S«
iiberwundcnen Kaisers Maxentiusden Srandgrund. Bisherwar diese Variante nurdurch eingesei/t.
das fragmentarische Stiick aus der Sammlung Figdor im Berliner Kunstgewerbemu-
seum bekannt. Nr. 185 zeigt, dasssich bei der vollstandigen Ausfiihrungzwischen dem
gekronten Haupr des Kaisers und dem Klcidersaum ein kurzes Spruchband befinder,
dessen wenige Zeichen Ratsel aufgeben.-4' Bei der dritten Variante ist der Standgrund 247 hvil. ist »m.ii« fur Maxcmius /u lesen?
als mit Rasen bewachscncr Boden gestaltet, was durch kurze vertikale Linien angedeutet
wird. Zu dieser Variante gehort die Nr. 186. Eine erhaltene Lotstellc in der Mitte des
Standgrundes weist auf cin inzwischen verlorcnes Standfiiftchen hin, durch das man
das Pilgerzeichen ein Heiligenbildchen verwandelte, wie es besonders auch fur die Bar-
barazeichen aus Sainte-Barbe-en-Auge (vgl. Nr. 143 und 151) bezeugtwird.
Einen vollig anderen Typus, der wahrscheinlich nicht vom Mont St.-Catherine
srammt, stcllt die Nr. 187 dar. Auch in diesem Fall wurde das ursprungliche Pilger¬
zeichen mit riickseitiger Nadel durch das Anloten eines SrandfiilSchens in ein Heiligen-
bild verwandclt. Die Attribute der Figur- das in der rechten Hand gehaltene Buch und
das von der linken Hand ergriffene Schwert - sprechen fur die Identifikation mit der
heiligen Katherina. Die Veranderungen in der Bildkomposition sind aberso gravierend,
dass es von den bisher bekannten Zeichen vom Mont St.-Catherine zu unterscheiden
ist. Dem Zeichen wurde in jtingerer Zeit an Srelle des verlorenen Kopfes ein unzuge-
horiges Kopffragmcnt angelotet. Ein sehr ahnliches Stiick aus der Sammlung Bossard
zeigt aber, dass es sich ursprunglich um die Darstellungeiner jungen Frau mitoflfenem
Haar handelr. Moglicherweise haben wir es mit einem Zeichen aus Sainre-Catherine-
de-Fierbois (Departement Indre-et-Loire) zu tun, dem zweiten grofien franzosischen
Zentrum des Karherinenkulres im 15. Jahrhundert?
Im Ubrigen wurde auch der Nr. 184 in jtingerer Zeit ein falsches KopfFragment
angelotet. Bei dem Anhanger mit dem Bild der heiligen Katherina handelt es sich
wahrscheinlich nicht um eine ortsspezifische Devotionalie. Vergleichsstuckezu diesem
Objekt fehlen bisher.
Fragen wirft ein nur fragmentarisch erhaltenes Pilgerzeichen auf, das in einem architek-
tonischen Rahmen, der eine gotische Kirche evoziert, nebeneinander die hi. Katharina
und den hi. Michael als Drachentoter darstellt. Oberhalb des geteilten Bildfeldes sind
Rcste der Darstellung eines Gnadenstuhls zu erkennen, der wahrscheinlich in einen
architektonischen Rahmen, z.B. einen Arkadenbogen, eingebunden war. Die Darstel¬
lung der sehr schlanken, in dcr Mode des 15. Jahrhundertsgekleideten Katharinenfigur
erinnert zwar an die Nr. 184-186, entspricht ihnen in der Zeichnung des Gewandes
aber nicht. Allerdings entspricht die Inschrift »sancte s kateline« und insbesondere das
als Worttrenner fungierende gespiegelte »s« grundsatzlich der Inschrift auf Nr. 184.
Da nur diese Inschrift auf der Fufileiste erscheint, ist die Annahme, es handle sich bei
diesem Zeichen um eine Kombination fur mehrere Kultorte, etwa den Mont Saint
Michel (hi. Michael), Vendome (die gottliche Trinitat) und den Katharinenberg bei
Rouen, wohl irrig. HK
Laurentius von Rom (Bourgtheroulde-Infreville?) (190)
Der romische Diakon Laurentius, der entweder unter Kaiser Valerian 258 oder unter
Kaiser Dioklctian um 305 das Martyrium crlitt, gehorte rrotz unklarer historischer
Bezeugung schon in der Antike zu den am meisten verehrten Martyrern der christ-
Heilige
115
lichen Kirche. Der ursprungliche Ort seines Kultes war sein Grab in der romische
Basilika San Lorenzo fuori le inura bzw. deren Vorgangerbauten. Romische Pilger-
zeichen des 13./14. Jahrhunderts zeigen sein Bild zusammen mit dem des Erziniir-
tyrers Stephanos.-Ih
Das Zcichen Nr. 190 siammt allerdings nichi aus Rom, sondern mit grower Wahr-
scheinlichkeitausdem nordlichen Frankreich. Ein identischcsStuck publizierte Colette
Lamy-Lasalle aus dem Bestand des Museums von Rouen.Jr> Die Figur des Heiligcn
steht halbfrontal und leicht nacli reclus gewendei auf einer schmalen Siandleisie, die
durch schmale vertikale Linicn einen natiirlichen Boden andeurer. Laurenrius ist als
Diakon bekleidet mit einer Dalmatik und ciner darunrer gerragenen Allx*. In dcr
rechten Hand triigt er einen nach oben gerichteten Rost, in der linken ein Buch. Der
Nimbus des Heiligen wird von einem Perlstab umzogcn. An die Standlciste wurdc in
beiden Fallen ein Fiifichen angelotet, das bei dem Exemplar aus Rouen verloren ist.
Bei dem Pragcr Stuck ist zwar die Figur kurz iiber der Standleiste gebrochen, der aclu-
eckige SrandfuR aber erhaltcn. Auf der Riickseite des dreischaligen Gusses war eine
Haltenadel angegossen, von der sich nur noth der Ansatz erhalten hat.
AuEer diesen beiden Zcichen gibt cs in dcr Pilgcrzeichensammlung des Berliner
Kunstgewerbemuseums einen weitcrcn Gittcrguss, der - nur fragmentarisch erhal¬
ten - ebenfalls den hi. Laurentius darstellt. Bei dicscm Stuck halt die Figur das Buch
allerdings in der rechten Hand und den Rost, dcr nach unten weist, in der linken.^"
189 Pilgerzcichen, hochrechteckiger
dreischaliger Gitterguss mit ruckscitigcr
Nadel und Nadelrast und noch fiinfvon
ursprunglich mindcstcnsacht Halrezungen,
mit denen cine Hinterlegungdes Bildfeldes
fixiert war, dcr hi. Michael als Drachentoter
und die Ы. Katharina im Architckturrah-
mcn, dariiber Rcste eincs Gnadenstulds
Inventar-Nr: UPM 98.954
Material: Blei-Zinii
Mafic: llohc 54 mm. Brcite 40 mm
Daticruiig: 15. Jahrhundcri
Vcrglcidissciicke: keine
Litcratur: Клт. Рклс: 1986. 5. 21. Nr. 142
248 Haasis-Bi км к loot, S. 1481.
249 Lamy-I.asau.i: 1968. S. 17 mil Abb. 15.
250 Клт. Bi-klin 2008, S. 280, Nr. 33.
190 Pilgerzcichen, dreischaliger Gitter¬
guss mit Rcsrcn der riickseiiigen Nadel,
durch einen angclotctcn Stnndluti zum
Heiligenbild verandert, durchgcbrochcn,
Hand mit Rost separat inventarisiert
1 liven i a r-Nr.: National museum Prag H2 68.250
tint] H2. 68.049 (Fragment. 1 land mil Rost)
Material: Blei-Ziim
Mafic: Hohc 57 mm (mit I-ufi). Durchmcsscr
des Standltifies 28 mm
IXiricrung: 2. Halite des 15. Jalirliimdcris
Vcrglcidisstiickc: I.amv-I.asai.i.k 1968. S. 17.
Abb. 15
116
Pilgerzeichen
Ob ein ebenfalls nur fraginemarisch eihaltencs Pilgerzeichen im Museum der Stadt
Worms, das einen rittcrlich gekleideren Heiligen mit einem Rost als Attribur darstellt,
tatsaclilich als Laurcntius anzusprechen ist, bleibt unsicher.2'’1 251
Die Laurentius-Pilgerzeichen aus dem 15. oder friihen 16. Jahrhundert stammen
mit grower Wahrscheinlichkcit von cincm Laurentius-Kultort im nordlichen Frank-
reicli. Colette Lamy-Lasallc hattc auFeinen moglichen Zusammenhang mit der spat-
mittelalrerlichcn Laurentiuswallfahrt nach Bourgthcrouldc-Infreville(Departementde
l’Eure) in der Normandie hingewie.sen.2-’2 Fur dieses Argument konnre auch sprechen, 252
dassdieinderdortigen Laurentiuskirchecrhaltcnectwa lcbcnsgrol3eLaurenrius-Starue
aus dem friihen 16. Jahihundcrr eine gewisse Ahnlichkeit mit den bciden Stricken aus
Rouen und Prag aufweist. HK
Lubinus von Chartres (Chartres, Kathedralkirche) (191)
Lubinus wurde um 544 zum Bischof von Chartres geweiht und starb 552. Man be-
stattetc illn in einer Confessio an der Ostwand der Kathedrale. Schon zu Lebzeiten als
Wundertater verehrt blieber auch im Hoch- und Sparmittelalter neben Maria, deren Ge-
wandreliquiehierverwahrr wurde, der wichrigste Patron der Kathedrale von Chartres.2^ 253
Das Pilgerzeichen Nr. 191 ist das einzige, das sich durch seine Inschrift sicher mit
dem Kult des hi. Lubinus in Verbindung bringen lasst.2^ Aufgrund einer gewissen 254
Ahnlichkeit nahm Denis Bruna auch das in dicsem Katalog erstmals Honoratus von
Amiens zugewiesenen Pilgerzeichen Nr. 178 als Chartreser Zeichen in Anspruch.255 255
Moglicherweisesind auch verschicdene Pi Igerzcichentypen, die einen stehenden Bischof
mit Adoranten darstcllcn und bisher keinem bestimmten Kultort zugewiesen werden
konnten, Darstellungen des hi. Lubinus von Chartres.2'’6 256
DerArchitekturrahmendeshochrechteckigen Pilgerzeichensschlieftt nachoben mit
einem doppelten Spitzgiebel ab. Die Giebelspitzen werden von Lilien bekront. AulSen
und zwischen den Giebeln befinden sichdrei hohe, in Kreuzblumen auslaufende Fialen.
In den beiden Giebelfeldern ist jeweils ein Maftwerkfenster mit Vierpass angedeutet.
Dieser markante Rahmen verweisr wohl auf die Bauformen der Kathedrale von Char¬
tres. Im Bildfeld dominiert die hohe Gestalt eines Bischofs mit der iiber dcr Dalmatik
getragenen Kasel, einer Mitra auf dem nimbierten Haupt und einem Bischofsstab mit
auflfalliger Kriimme in der linken Hand. Die rechte Hand ist zum Segensgestus er-
hoben. Neben dem Bischof sind zwei Adoranten zu sehen: auf der rechten Seite eine
kniende Gestalt, auf der linken Scire cine Figur, die sich wohl auf eine Kriicke stiitzt.
Oberhalb dieser Figur scheint eine als Votivzuriickgelassene Kriicke dargesrellt zu sein.
Die Srandleisrezeigr eine Inschrift, die sich in der Leiste des linken Rahmens fortsetzt.
Die Buchstaben erscheinen spicgclvcrkchrt und von rechts nach links gcschrieben, da
der Modclschneider die Schrift nicht negativ eingeschnitten hat. Die Verwendung von
Majuskeln lasstaufeine Entstehungspatestens im zweiten Drittel des 14. Jahrhunderts
schliefien, wjihrend die Stilistik eher dem spaten 14. oder schon dem 15. Jahrhundert
enrsprichr, was eine Darierung des Zeichens erschwert. HK
Ludwig von Toulouse (Marseille) (192)
Als zweiter Sohn Konig Karls 11. von Neapel 1274 geboren verzichtcte Ludwig von
Toulouse 1296 auf die Thronrechte zugunsten seines jungeren Bruders Robert, wurde
zum Priester geweiht, schloss sich dem Franziskanerorden an und wurde noch im selben
Jahr von Papst Bonifaz VIII. zum Erzbischof von Toulouse geweiht. Er starb bereits im
folgenden Jahr und wurde in der Franziskanerkirche von Marseille begraben. Berichte
iiber Wunder an seinem Grab liefSen eine regionale Wallfahrr entstchen und fiihrren
1307 zur Einleitungdes papstliehen Kanonisationsverfahrens, das 1317 mit der Hcilig-
Kat. Worms 2001, S. 121, Nr. 81. I11 der
(•Combination dcr riucrliclun Klcidung mit
dem Rost ist chic ldcntifikatioii als hi. Quin-
tinus von Amiens elier wahrschcinlich.
Lamv-LaSaI 1 F 1968, .S. 17.
Vgl. Jan van пик Meui fn. Arc. Lubinus von
Chartres, in: I.CI 7, 5р. 412-414
l.csung nach einem Vorschlag von Jan Hrdi-
11a, Prag. Nach Koenigsmarkova 1977 ware
711 lcsen »S. Lubino de cravan- (= C.ravant).
Bruna 1996, S. 170.
Vgl. S. 136-140 in dicscm Katalog.
Heiligt
sprecbungendcte. Durcli seine l'amilie gefordert verbreitete sich sein Kult besonders in
den vom Hans Anjou beherrsebten Territorial. Seine Verchriing in der Franziskancrkir-
che von Marseille crlebtc ibren Hohepunkt im 14. Jahrhundert und bracb ab, nachdem
Konig Alfons V. 1423 Marseille eroberte und die Reliquien nacb Aragon bringen licR.
Das Pilgerzeichen gehorr zu den iiheren Flacbgilssen. Das Bildfeld isi als Adikula
mit spitzem Giebcl gestaltet, aufdessen AuRenseite kleine Krabben sitzen. Dacb und
Seirenwande werden durcli ein stramingemustertes Band angedeuret. Die Darsrellung
wird durcli die frontal steliendc Figur des nimbierten Heiligen besrimmt, der den Bt-
sebofsstab mit der linken Hand schrag vor seinen Korper hair, wahrend er die Rechte
segnend erhebu. Bekleidct ist er mit einer Kasel; ob der Faltenwurf zu seinen FiiRcn
die daruntcr getragene Franziskanerkutte andeuten soil, ist sclnver zu entscbeideii.J"'s
Zu seinen FiiRen stebt ein Scbild mit dem franzosiseben Lilienwappen. Links neben
ibm kniet einc Gestalt, die einen Reicbsapfel in Handen halt; wahrscheinlich ist Ro¬
bert von Anjou gemeint, zu dessen Gunsten Ludwig aul den ’Ibron verziclueie.JV' In
der FuRlciste findet sicb der spiegelverkehrt geschriebene Bucbstabe »S« und ein evtl.
als Fisch zu deutendes Bild. Moglicherweise wird dabei aufjenes berubmte Wunder
angespielt, durch das ein Kaufmann aus Marseille seine verlorene Geldborse iin Bauch
eines gefangenen Fisches zuriick erhielt.’f,tl Der Flachguss ist das cinzigc bekannte
Pilgerzeichen der Wallfahrt zum hi. Ludwig nach Marseille. HK
257 Vgl.dcn l Ibcrhlickbci Ktu'ia u 2002,S. l‘)2-
\h mil wciiorct l.iicr.niir.
258 Vgl. zur iiblidicn Daistcllinigdcs Ht-ilii;«.-ii
mil Km tc-11 ntc-r tli-m Pluvialc- lv/iv. der Kasel
Kt.t.txsiatMim 1909, S. 2(l(>l'. und 210.
ISO Vgl. zu diescr DarstcIliingdnsTafcIhilil von
Simone Martini in Sail Lorenzo ill Ncapel
(did., S. 1081. u nil lug. I) und ein a lull idles
Talclhild iill Mnseiini vnn Aix-eu Provence
(el 11L. S. 2101.
260 Vgl. das 1:гско von Bcncilcitit Rotiligli im
PalazzoC'oniiiuinaleiii Perugia(cbil.. Li};. 5).
191 Pilgerzeichen, dreischaliger, hoch-
rechteckiger Gitterguss, mit fiinf von ur-
sprunglich sechs Haltezungen, Nadel und
Nadelrast auf der Riickseite
Iiiventar-Nr.: UPM 5682
Inschrift: in Majuskcln: »S : LUB1NO : CARA-
TKN[SI]“ (Lesung nach cincin Vorsdilag von
Jan Hrdina, Prag)
Material: Blei-Zinii
Mafic: Holic 7U 111m, Brcitc 39 mm
Dalicrung: 15. Jahrhundert
Verglciclissciieke: keine
Litcratur: Kor.NtusMARKovA 1977, S. 85. Nr. 55.
- Kor.NtcsMARKOVA 1980, Abb. S. 63. - Kat.
Pkac 1986. S. 22. Nr. 157. - Клт. Ot.oMOta:
2006. S. 228, Nr. 100
192 Pilgerzeichen, hochrechtcckigcr
Flachguss mit spitzem, krabbenbesetztem
Gicbel, Ansatze von 4 Csen (?)
Iiiventar-Nr.: UI’M 5757
Material: Blei-Zitin
Dalicrung: 14. Jalirlutndcri
Vergleidisst iickc: kei ne
I .iteratin': Koknicsmarkova 1977. S. 87, Nr. 58.
- Kai. Prai: 1986, S. 21. Nr. 149
118
Pilgerzeichen
Lupus (Leu) von Sens (Saint-Leu-d’Esserent) (193, 194)
Lupus war seir 60S Bischof von Sens und starb hicr 623. Er wurde in dem von ihm
gegriindctcn Kloster Sainte-Colombc in Sens begraben. 853 wurden seine Gcbcine in
die neuerbaiite Kirche transferiert. Sein Kult verbreitete sich besonders im Osten und
Norden Frankreichs. Er wurde besonders von Epileptikern als Patron angerufen.2*’'
Es sind vier Pilgerzeichen mit der Darstcllung des heiligen Lupus bekannt, die ausweis-
lich der lnscbrift aile aus der Abtei Saint-Loup in Sainc-Leu-d’Esserent (Departement
Oise) stammen. Die vier Zeichen sind ikonografisch ahnlich. Dieersten beiden Funde
aus Auneuil und aus dcr Seine in Paris wurde von Forgeais publiziert.~b’ Es handelt
sich bei alien Zeichcn um Flachgiisse in Form einer spitzgiebligen Kirchenarchitektur,
die seitlich von zwei kleinen Tiirmchen flankiert wird. Der Giebel ist mit Krabben
verziert, die in alien Fallen aber nur rudimentar erhalten sind. Im Bildfeld steht der
mit einer Kasel bekleidetc Bischof, mit Mitra aufdem Haupt und cinem Kreuzstab
in der linken Hand frontal auf einem Lowen. Die rechte Hand ist zum Segensgestus
erhoben. Rechts neben dem Heiligen kniet eine kleine damonische Figur mit einer
Krallenhand, dieals Darstel lung dcr diimonischen Besessenheit (Epilcpsie) zu versrehen
ist. Wahrend die von Forgeais publizicrtcn Sciicke in der unteren Lcistc eine Majuskel-
inschrift zeigen, die sich in einem Fall in einem Schriftband im Giebelfeld fortsetzt,
weisen die beiden Stiicke aus Prageine Minuskelinscluift auf, die in der Rahmenlciste
193 Pilgerzeichen, hochrechteckiger,
giebel formigabschlieftender.dreischaliger
Flachguss, mit Nadel und Nadelrast aufdcr
Rucksei te u nd noch zwei von urspriinglich
vier Oscn
lnvcntar-Nr.: UPM 5758
Material: Blei-Zinn
Mafic: Holic -^8 mm, Breitc4U mm
lnscbrift: in Minuskcln: .«saint leu dc c[ss]crcn<,«
Daricning: spates l4./friihcs 15- Jahrlunidcrt
Vcrglcichs.sriickc: Bkuna 1996, S. 168f. Nr. 248.
- Forci-.ais 1863, S. 189-193
Litcraiur: Kornigsmarkova 1977, S. 86. Nr. 56.
- Koknigsmarkova 1980, Abb. S. 162. - Кат.
Prag 1986, S. 22, Nr. 150
194 Pilgerzeichen, hochrechteckiger,
giebelformigabschliefSender.dreischaliger
Flachguss, mit Resten von Nadel und Na-
dclrast auf der Ruckseite und noch einer
von urspriinglich vier Oscn
Inventar-Nr.: UPM 98.952
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 47 mm, Breitc 37 mnt
lnscbrift: in Minuskcln: »saiiu leu dc c[ss]crcnv
Daticrung: spates l4./fruhcs 15. Jahrlmndert
Vcrglcichssiiteke: Bruna 1996,8. I68L Nr. 248.
- PoRGi Ats 1863, S. 189-193
261 Vgl. P. Cousin. Art. l.ufim ojSens, in: New
catholic encyclopedia, Bd. 8, San I'rancisco
1967. S. 10781.
262 Porgkais 1863. S. 189-193.
195 Brosche, Pilgerzeichen, hochrcchr-
eckiger Gitterguss mit doppeltem goti-
schen Drciccksgiebel, Mafiwerk und Fialen,
Ruckseite: Nadel mit Nadelrast
lnvcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2 68.189
Mafic: Holie 48 mm. Brcirc 33 111m
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jalirlunidert
Vcrglcichssriicke: kcinc
Metlige
oberhalb dcr diinwnischen Gestalt einsetzt und um den Giebel zur anderen Seite liiuft.
Die Verwendung der Minuskeln ist ein Indiz dafiir, dass diese Stiicke etwas jiinger
sind und moglichcrwcise schon in das 15. Jabrhundert zu verweisen sind. Allerdings
ist die Herstellung von Flachgiissen Kir das 15. Jahrhundert auffallig. ИК
Maria Magdalena von Bcthanien (Saint-Maxim-La-Saint-Baumes?) (195-197)
Vezelay (Department Yonne) in der Grafschafr Burgund war bcrcirs zu Begin n dcs
11. Jahrbunderts in den Besitz von Rcliquien Maria Magdalenas von Bethanien ge-
kommen. Da der Ort an einem dcr vier groRen Zubringerwege nach Santiago dc
Compostela, der via lenwvicensis, lag, avanciei te er zu einer bliibenden Kultstiitte und
zu einer wicluigen Station fur die durchziclicndcn Jakobspilger.'<’,
Doch die Situation anderte sich mit dem Aufstieg des Hauses Anjou im 13. Jahr¬
hundert, dem 1245 die Crafschafr Provence zufiel.J<H Karl I. von Anjou, stjindig be-
strebt scinen politischen liinlluss wie auch sein 1 lerrschafrsgcbict auszudchnen, zeigre
gropes Interessc an der Hciligen und suchre nach Wcgcn, den populiiren Kulr in sein
Territorium zu verlagern. Dies gelang ihm schlieftlicb mittels einer aufvvendigen In-
szenierung. Im Dczember 1279 erfolgte die Auffindung des angeblich wahren Leibes
der Maria Magdalena unter der Kirche von Saint-Maxim-La-Saint-Baumes in dcr
Provence, in einem von mehreren mutmaftlichen cliristlichen Miirtyrersarkophagen
aus dem 3. Jahrhundert.Im Jahr darauf exhumierte man die Ubcrrcstc dcr Heili-
196 Anhiingcr, sechseckiger Gitterguss,
Einleger in doppelten Rahmen (hier ver-
loren)
Invencar-Nr.: Nationalmtiseum Frag H2 68.206
Mafic: Hiilic 24 mm. Rrciic 21 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrlnmtlcrt
Vcrgleichsstiickc: keine
197 Pilgerzeichen, hochrechteckiger
Gitterguss mil Dreiecksgiebel, Riickscire:
Nadel und Nadelrast
Invcniar-Nr.: Naiinnalnuiscum I’rag H2 68.245
Mafic: Hohc 56 mm, Breite 30 mm
Inschrilt: in Minuskeln >•?. madalain»
Material: Rlci-7.inn
Datierung: 15. Jahrhundert
Verglcichsstiicke: keine
263 Ulrikc l.ti.Bi,. Art. .Maria MagtMena, in:
LD.VI 6. Sp. 2831.
264 Raoul Mi.Nsr.i.i.i, Art. Kurt r. Anjou, in:
l.DMI. Sp. 645Г
265 Y'gl. Saxi-.k 1959,8. 2201. Kri'ci k 2002.
bes. S. 120-148.
198 Pilgerzeichen (?) oder Hciligciifigur-
chen(?), zwcischaligcr, rail men loser Gii-
terguss mit Srandleiste und angeltiicicm
PuRclien, Riickseite plan
liivenur-Nr.: UI>M 5704
Material: Blci-Zinn
Mafic: I lobe (noth) 45 nun. Rrciic 48 nun.
Hohc des l:iifirlu-ns 14 nun. Durchincsscr dcs
l;iifithcns 40 nun
Datierung: um 1500
Verglcichsstiicke: 1 ll> I. S. 205. Nr. Ш (I'rag-
mcni). - I IF II, S. 278. Nr. 1101. - Bruna 1996.
S. 172. Nr. 2521'. - Van I.oon-van nr. Moos-
i>ijk 2000, .S. 118, Abb. 7
I.iterator: Koknicsmarkova 1977. S. 104.
Nr. 80. - К At. Риле 1986, S. 23. Nr. 158. - К at.
Oi.nMtirc: 2006. S. 230. Nr. 103
120
Pilgerzeichei
gen. Der so initiierte Reliquienkult fand rasch machrige Unrerstiirzung. Bereits 1295
legitimierte Papst Bonifa/. VIII. den Kultort, in dcm er den Dominikanerorden mit
der Betreuung der Grabstatte beauftragte und Abkisse fur all jene erteilte, die am Fest-
tag der Magdalena und am l ag der Erhebung der Reliquien in der Kirche St. Maxim
anwesend waren.:M’ Obwohl die Reliquien in Vezelay schon 1265 offiziell gepriift
wurden, fiihrtc der Aufsticg von Saint-Maxim-La-Saint-Baumes zum Niedergang der
urspriinglichen Wallfahrtsstatte.2<’~
Der Reisebericlu des Hallenser Salzherren Hans von Waltheyms, der im Jalir 1474
cine Pilgerfahrr in die Provence unternahm, unterstreicht exemplarisch den Erfolg
der Gnadenstatte und zeigt, dass die Provence im ausgehenden Spiicmittelalter das
Zentrum der Magdalenenverehrung war. In seinen Aufzeichmingen finden sich neben
Saint-Maxim-La-Saint-Baumes, wo er u.a. Pilgcrzeichen erwarb,268 noch zwei weitcre
wichtige Magdalenen-Gnadenorte: der BergSt. Pilon, wo die Heiligeangeblich 32Jahre
lang in einer Grotte geruht habe26'2, und Marseille, wo sie gemeinsam mit der heiligen
Martha und Lazarus von Bethanien nach langer Irrfahrt in einem ruderlosen Boot
gelandet sein soil. Von dort habc die Prcdigt des Evangeliums in der Provence seinen
Ausgang genommen.27'’ Der Legendc nach war ihr Bruder Lazarus dcr erste Bischof
von Marseille2 1 und ihr Gefahrre Maximin der erste Bischof von Aix-en-Provence2'2.
Drei Objekte der Prager Sammlung zeigen Maria Magdalena. Das Pilgerzeichen
Nr. 195 und dcr Anhanger Nr. 196 stellen die Heilige, die das typische Salbgefal? in
den Handen halt, in Verbindung mit einer Madonna und einem Bischof dar, der cin
Kirchenmodell triigt. Bei der Bischofsfigur diirfte es sich entweder um den heiligen
Bischof St. Maximin oderden hi. Lazarus handeln. Vor dem Hintergrund des Maria-
Magdalcncn-Kulccs in dcr Provence und dem Wissen iiber den Pilgerzeichcnvertrieb in
Saint-Maxim-La-Saim-Bauine ist die Herkunft der beiden Zeichen von hier durchaus
denkbar. Allerdings kamen auch die Kathedralen von Aix-en-Provence oder Marseille
(?) als Herkunfrsorre in Frage. Unklar bleibt vorersr, auf welche kulrische Verehrung
sich die Marienfigur bezieht.
Das Pilgcrzeichen Nr. 197 diirfte von einer der anderen mit Maria Magdalena ver-
bundene Gnadenstatten stammen, denn die Darstellung weicht von der der Nr. 195f.
deutlich ab.2 ’ Die Heilige erscheint wieder stehend mit ihrem charakteristischen
Attribut, dem SalbgefafS, in Begleitung eines knienden Adoranten und umkranzt von
F.ichenlaub. Letzteres konnte auf die Lage des Kulrortes aufSerhalb eines stiidtischen
Umfeldes hindeuten. Miigl idler weise ist dies cin Hinweis auf den St. Pilon, ein sich
schroffaus der Ebene erhebendes Kalksreinmassiv, dessen Fill? bis heute von einem
Wiildchen eingerahmt wird.2'' CB
266 Saxi к 1959, S. 241.
267 Ebtl., S 1К8Г
268 Wti.i u 1925, S. 34.
269 Ebd., S. 36ff.
270 Ebd., S. 43-46.
271 Vgl. Kruolr 2002, S. 178ЙГ
272 Vgl.cbd.,S. I20ff.
273 Das »s« ist spiegelvcrkchrt geschricbcn.
274 Wfiti 1 1925, S. 38.
Martin von Tours (198)
Dcr fragmentarische Gitterguss mit der Darstellung des heiligen Martin, der auf dem
Pferd sitzend seinen Mantel teilt, gchort zu einer Gruppe von ikonografisch verwand-
ten Zcichen, die saimlich ahnliche Mal?e von ctwa 55 mm Holie und erwa dcrsclben
Breitc aufweisen, oh lie modelgleich zu sein. Das am besten erhaltene Exemplar dieses
Typus ist ein Abguss auf der 1518 gegossenen Glocke der Katharinenkirche in Heus-
den (Provinz Nordbrabant, NL).27'5 Alle bekannten Pilgerzeichenoriginale sind mehr 275 Van Loon-van dl Moosdijk 2000, S. 118.
oder weniger fragmentierr. Es handelt sich immer um die Darstellung des nach links Abb> 7-
reitenden Heiligen auf einem Pferd, das von einer diinnen Standleiste getragen wird.
Der Heilige halt in der linken Hand ein fast waagerecht nach rechts weisendes Schwert,
mit dem er im Begriffist, seinen von der rechten Hand gehaltenen Mantel zu zerteilen.
Hinter dem Pferd steht auf Kriicken gestiitzt die Gestalt des nackten Beiilers.
Das Fehlen von Oscn und einer riickseitigen Befestigungsnadel bei diesen Gitter-
giissen wirft die Frage auf, ob es sich iiberhaupt um Zeichen und nicht vielmehr um
Miniaturheiligenbilder handeltc, die von Anfang an zur Aufstellung mitrels eines an-
121
Heilige
geloreren Fiifichcns bestimmt waren. Ebenso bleibt unklar, ob die Stiicke von einem
bestimmten Kultort stammen - etwa von der Marrinskirche in Tours - oder ob es
sich um Devotionalien ohne einc lokale Bindung bandclr.
Das Stiick aus dcr Pragcr Sanimlung ist unterden bisber bekannten Zeichen dieses
Typus das bandwerklieb hoebwerrigste. Lis isr reilweise fragmenriert: Der Kopf des
Heiligen fehlt, ebenso ein Vorderbein des Pferdes und Teile der beiden Hinterbcine.
Von dcr Bettlergestalt bat sich nur ein FuR auL der Standleiste erhalten. Zur Stabili-
sicrung ist auf der Riickseite cine Metallklammer mir Kunstbarz fixiert worden. Das
originale StandfiiRchcn wurde wiedcr angcklcbt. HK
Mathurinus von Larchant (199-204)
Nach der aus dem Mittelalter stammenden Lcgcnde wurde Mathurinus am Fnde
des 3. Jahrhunderts in Larchant (Deparicmein Seine-et-Mame), etwa 70 km siid-
lich von Paris, geboren. Seine Eltern waren vermogende Heiden. Dennoch wurde er
bereits als Jugendlicber von einem Bischof Polycarp gerauft und sparer zum Priesrer
geweiht. Er wirke zahlreicbe Wunder, vor allem Exorzismen. Deshalb wurde er von
Kaiser Maximinian nach Rom gerufen, um dcssen Stieftochter Tlieodora von einem
bosen Geist zu befreien, was Mathurinus auch gelang. Er blieb in Rom und soil dort
verstorben und begraben sein; erst sparer wurden seine Gcbeinc nach Larchant iiber-
tragen.I7f’ Die Basilika von I.archant gebortc zu den bedeutendsten Wallfahrtszentren 276 AASS, Nov. I (1887). S. 245 259.
der Ile-de-ITance im Spatmittelalter; es sind testamentarisebe Wallfabrtslegate wie
auch Strafwallfahrten dorthin bezeugt.
199 Pilgcrzeichen, Plakettc, dreischaliger
Guss mil Resten einer Oseaufder Riickseite
200 Pilgcrzeichen, Brakreat, init Lo-
chung
lnventar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.066
Material: Blei-Zinn
Mafic: Durchmcsser 28 mm
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Verglciclisstikkc: К at. BRiican: 1006, S. 149.
Nr. 9.22 und 9.23 (Gussinodcl)
Invcniar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.076
Material: Messing
Mafic: Durchmcsser 26 mm
Datierung: 2. Halite des |5./I'riihcs 16. Jalir-
hunderr
Verglcichsstiickc: van Asim rkn 2009, S. 557.
Nr. 30
201 Pilgcrzeichen. Girtcrguss. Fragment
Invciiiar-N'r.: National museum N2-68.180
Material: Blei-Zinn
Mafic: Holie (nocli) 54 nun. Brciic (nocli) 21 mm
Datierung: 2. Hiilltc des 15-Jahrluiiulert
Verglcichsstiickc: Bruna 1996. S. 176, Nr. 260
(iinsicher. da ebenlalls Fragment)
122
Pilgerzeichen
Die Pilgerzeichen aus Larchant stellcn cin breites Spektrum von Varianten dar, fur
dcren Gestaltung drei einzelnc Bildmotive - teilweise in Koinbination - konsrirutiv
sind.’’ Das erste Motiv ist der Exorzismus der 'Iheodora: Diese Szene wir durcb den
frontal stehenden Mathurinus bestimmt, der mit Albe und Kasel beklcidet in der lin-
ken Hand das Evangelienbuch halt und seine rechte Hand erhebt. Zu seiner rechten
Seitc knienheodora, meisr mit Krone, uber ihr siebt man den ausgetriebenen Damon
als kleine teuflische Gestalt. Auf der anderen Seite kniei biiufig cine zweite Figur, die
sich durch die Krone als Kaiser Maximinian zu erkennen gibt. Gelegenrlich sieln
Mathurinus in dieser Szene auf einem Damonenhaupt, auch wird gelegenrlich cine
Doppelfessel als Attribut des Hciligen hinzugefiigt. Das zweite Motiv ist die Transla¬
tion des Heiligen, der von zwei Klerikern in einem oftenen Schrcin in die scbematisch
angedeutete Basilika von I.archant getragen wird. Dieses Motiv erscheint auf den Pil¬
gerzeichen immer in Kombination mit den anderen Motiven. Das dritte Motiv ist eine
Darstellung des Kopfreliquiars des Heiligen. Es handelr sich urn ein Biisrenreliquiar,
das den nimbierten Heiligen mit Tonsur und zur Seite fallenden halblangen lockigen
Haaren darstellt. An Schultem und Brust wird ein Kaselkreuz angedeutet. Bei den
zwei Pilgerzeichen Nr. 202f. triu zu Darstellung der Reliquienbiistc ein Armreliquiar
hinzu, dessen Existenz fiir das 15. Jabrhundert in I.archanr ebenfalls belegt ist.
Die hier vorgestelltcn seeks Pilgerzeichen lassen sich vier unterschiedlichen Typen
zuordnen. Nr. 199f. stellen nur die Szene des Exorzismus der Theodora dar, wobei an
die Stelle der sonst ublichcn Figur des knienden Maximinian eine kleine stilisierte
Blumc tritt. Wahrend Nr. 199 eine gegossene Plakette von besebeidener kunstlerischer
Gestaltung darstellt, ist Nr. 200 ein etwas jiingerer, aus Messingblech2'" geschlagener
Brakreat, dessen Ausfuhrung, u.a. mit einem Pcrlcnrcif im doppclrcn Tauband als
Rahmenornament liohcrc Anspruche an die Gestaltung erkennen liisst.
202 Pilgerzeichen, Gitterguss im separat
gefertigten Rahmen, 2(?) erhaltene riick-
seitige Haltezungen
Invcntar-Nr.: UPM 5713
Material: Blei-Zinn
Mafic: Diirclimesser 62 mm
Daricrung: 15. Jalirhundcn (2. Halite:)
Inschrilt: in Miiiuskclii »+ miserere| mei |dcus|
secundum | magiiam | misericordiam | tuaiii«
Verglcich.sstiicke: Nr. 203
l.itcrattir: KotNicsMakkov'A 1977. S. 79f.,
Nr. 48. - Kat. Prac 1986. S. 23. Nr. 159
203 Pilgerzeichen, Gitterguss im separat
gefertigten Rahmen, ahnlich Nr. 202 aber
ohne 1 nschrift, riickseitige Haltezungen (?)
Inveniar-Nr.: UPM 98.973
Material: Blei-Zinn
Malle: Dtirchmesscr mit Railnien 65 mm,
Durdimesser ohne Rahmen 38 mm, Rahmen-
dicke 8
Datierung: 2. Halfte des 15. Jahrlnuidcrts
Vergleichsstiickc: Nr. 202
277 Vgl. Biiuna 1996. S. 173-177. - I.amy-
Lassai.i.k 1988. - Tiioison 1889.
278 Nach einein Ciitacluen des liistiiuis fiir ehe-
niisclic Tech nnlogie Prag (Vysoka Skola Clie-
micko-I'eclinologickd v Pra/e) vom MiirzZO 12
hcstclu das Blech zu 80,2% ails Kuptcr und
zu 19,1 % aus Zink. Hinzu knnimcn gcringc
Antcilc Nickel (0,45%) 11 ml F.isen (0,25%).
204a Mathurinus-Pilgerzcichen gefun-
den in Troyes, nach Coffinet 1859
204 Pilgerzeichen, Gitterguss, Rahmen,
Bildfeld fchlt, Laubornamente und eine
Ose unten links fchlen, riickseitige Hal¬
tezungen (?)
Invcntar-Nr.: IJPM 5722
Material: Blei-Z.inn
Ma8e: Hiihc (maximal) 65 mm. Breirc (maxi¬
mal) 58 mm
Daiicrung: 15. Jalirhunderi
Verglciclissiiickc: Coi i-inkt 1859. S. 1691.-
Bkun-a .996. S. 175. Nr. 258. S. 176, Nr. 259
Heilige
123
Die Nr. 201 ist das Fragmenr eincs Gittergusses, der ebenfalls den Exorzismus der
Theodora darstellte. Erhaltcn blieben nnr die Figur des Maihurinus und der Damon
auf seiner rechrcn Scire. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich bei diesem Fragment
um ein Bruchstiick von dem Typus der wappenschildforinigen Spiegelzeichen handelt,
die ebenfalls den Exorzismus und die Translation des Heiligcn darstellcn27‘\ da die
Gesamthohe dieser Zeichen etwa 73 mm betragt, wovon die Figur des Mathurinus
etwa die Hiilfte einnimmt. Dafiir ist die Nr. 201 mit einer Holie von 54 mm also zu
grofi. Es handelt sich daher um das bisher einzige bekannte Exemplar dieses Pilger-
zeichentypus.
Die Nr. 202f. stellen das Biisten- und das Armreliquiar des Heiligen in Form einer
Engclweisung dar. Als Attribut des Heiligen erscheint oberhalb des Nimbus eine
kleine Doppelfessel, die cine Fehldeutung auf den 111. Leonhard nahelegen konnte.
Der durchbrochene Gittcrguss befindet sich in einem Rahmen, dessen riickwartige
Haltezungen die Befestigung einer Abdeckung, moglicherweisc eincs Spicgclchcns,
ermoglichten. Fiireines der wappenschildforinigen Pilgerzeichen ist die Hinterlegung
mit einem Spiegel bclegr.28'1 Die Ikonografie der Nr. 202f., die cinen Zusammenhang
mit einer Reliquienweisung nahelegt, konnte fur eine solche Hinterlegung mit einem
Spiegelchen sprcchen.
Die Zuweisung der Nr. 204 nach Larchant ist nicht vollig gesichcrt. Allcrdings
entspricht die Gestaltung des Biistenreliquiars den auch bei den anderen Pilgerzeichen
zu beobachtendcn Konventionen. Vor allem hat die Nr. 204 grofie Ahnlichkeit mit
einem in Troyes gefundenen Zcichen, das in einem ahnlich gestaltetcn Rahmen den
Exorzismus der Theodora darstellt, wahrend in der Bekronung des Rahmcns die
Translationsszene und darunter das Kopfreliquiar gczcigt werden.281 (Vgl. Abb. 204a)
Vermutlich enthielt auch dieser Rahmen einen runden Gitterguss mit dem Exorzis¬
mus der Theodora. Die Bekronung orientierte sich aber abweichend von dem Stuck
aus Troyes an der Engelweisung wie die Nr. 202f. HK
Maurus von Glanfeuil (Abtei Saint-Maur-des-Fosses) (205)
Der heilige Maurus war ein Schuler Benedikrs von Nursia. Nach einer spateren
Legendc soli er die Regel seines Lehrcrs nach Gallien gebracht haben und bier im
Kloster Glanfeuil (heute Gemeinde Le Thoureil, Dep. Maine-et-Loire) begraben
worden sein. Seine Gebeine kamen von dort in die klosterliche Tochtergriindung
Saint-Maur-dcs-Fosses.282
Die Wallfahrtzu dem als Krankcnpatron verehrten Heiligen setzte im 13. Jahrluin-
dert ein und riss bis zum Ende des Mittelalters nicht ab, ohne fiber Zentralfrankreich
hinaus weitere Verbreitung zu finden. Die frfihen Pilgerzeichen sind Flachgiisse mit
der Darstellung dcs heiligen Abtes mit Stab und neben ihm knienden Adoranren, iiber
denen kleine Krfickcn als Vorivgaben erscheinen.28’ Die jungeren Gittergusse stellen
den Heiligen in ahnlicher Wcisc in einem Architekturrahmcn mit Adoranten und den
daruber aufgehangten Krucken dar.28' Noch jfingersind die runden Gittergusse, die
haufig in separat gegossene, breite Rahmen eingeffigt und so als Anhiinger getragen
wurden. Auch diese Zcichen stellen den frontal srehenden Monch mit Stab und Buch
dar, neben dem mcist ein Adorant kniet. Die bei den altercn Zcichen aufgehangten
Krucken stehen hier neben dem Heiligen auf dem Boden. Diese Form kann allerdings
variieren, indent der Adorant wcggelassen wird2t,,i oder ein Eichengewiichs eine Seite
des Bildfeldes einnimmt.28(’ Die Nr. 205 entspricht der Grundform mit Adorant und
ohne Gewachs.
Die in der Forschung bisher u.E. irrtiimlich Saint-Maur-des-Fosses zugeordneten
runden Gittergusse im breiren Anhangerrahmen mit der Darstellung des mit einer
Kutte bekleideten Heiligen mit Sparcn finden sich im Katalog unter Fiacrius von Brie
(Nr. 17 If.). HK
274 Нкимл 1996, .S. 173, Nr 254, cbd. cm Stuck
•iiisAiij-cisNi 254, li^. 1 ului ||К 2
2ЯО Vgl. Komi к 1771л, S. 40-42.
2Я1 CnniMH i8s‘l, S. 16У1'. und S. 1КЙ- m.
282 M.-A. Dell Omo, Art. Май,ns, m: LDM 6,
Sp. 417. - Sabine Kimpel, Art. Maurm ran
(i/miffuil, in: 1 Cl 7, Sp 014-616.
28.3 Vgl. den Uhcrhlick uber die Hachgussc bei
Haasis-Bi rki.r 200;. S. 83-85.
284 Vgl. U.a Bri na 1996, S. ГН. Nr. 263
285 U.a. bei dem Stuck Bri'Na 1976. S. 182,
Nr. 273.
286 F.lnl.. S. 181Г. Nr 271.
i 24
Pilgerzeichen
205 Krcisrundcr Anhangcr mir brcitcm,
scparat gcgosscncm Rah men
Invcntar-Nr.: Naiinnalniiisc-uin Prag H2-68.132
Mafic: Durchmcsscr 40 nun
Inschrift: in Mnjuskcln: •>+ : ?. : M О R : I) l\ S [•
О S I- S : S M OR:!) К 1 O-
Marcrial: Blei-Zinn 1
Daliciung: 2. I lalltc IS. Jalirhunderi
Verglcichsstiickc: Kat Bi-.ri.in 1008, S. 294,
Nr. 04 («line Rahtnen), Iorgiais 1858, S. 14f. -
I'Okk.i ais i80 j, S. I l?f.
208 Pilgerzeichen, Citterguss im brei-
ten, perlschnur- und bliitenblattvemer-
rem Rundrahmcn, Ruckseite: Nadel und
Nadel l ast
lnventar-Nr.: UPM 5723
Mafic: Durchmcsscr 27 nun
Material: Blei-Zinn
Dalierung: 15. Jahrhundcrt
Verglcichsstiickc: kcinc
Liicratur: Koenigsmarkova 1977, S. 49, Nr. 4
207 Pilgerzeichen, Citterguss, rahmcnlos,
Ruckscite: Nadelrast
Invcntar-Nr.: UPM 5693
Mafic: Holic 35 mm, Breite 30 mm
Material: Blei-Zinn
Dane-rung: 15. Jalirlmndert
Vcrglcichsstiitkc: Model Kat. Cakn/Tou louse/
Evreux 2002, S. 297. Nr. 259 (ahnlich)
Liicratur: Koenigsmarkova 1977. S. 52, Nr. 9
210 Devotionalie, Anhangcr mit Ose,
Flachguss, hochrcchteckig im zwcischali-
gen mit gedrehtcr Schnur und Kugel ver-
ziertem, hochrechteckigcn, rundgiebeligen
Rahmcn, Ruckseite: stehendcMaria (Notre
Dame du Tombelainc?)
Invcntar-Nr.: UPM 5741
Mafic: Hohc 30 mm, Brcitc 23 min
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Verglcichsstiickc: kcinc
l.itcratur: Koenigsmarkova 1977. S. ^8, Nr. 3
206 Pilgerzeichen, Citterguss, hochrecht-
cckig, mit inschriftfuhrcndem, perlschnur-
hegrenztem Rahmen, Ruckseite: sieben
erhaltene Zungen, Reste einer Nadelrast
Invcntar-Nr.: UPM 5691
Inschrift: »...tlu nmni • dc la • saint • micliel-
aufder Standlcistc: »ad« -11104« (?), auf dem
rcditcn Fliigel: »ihs«
Mafic: Hohc 70 mm. Brcitc 54 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jalirhunderi
Vcrgleichssiiicke: keine
l.itcratur: Koenigsmarkova 1977, S. 47, Nr. 1.
- Kat. Prag 1986, S. 20, Nr. 136
209 Devotionalie, Anhiinger mit Ose,
Citterguss, hochrcchteckig mit Rundgie-
bel, mit perlschnurverziertem Rahmen
im zweischaligen mit gedrehter Schnur
verziertem, hochrcchteckigen, rundgie¬
beligen Rahmen
Invcntar-Nr.: UPM 5740
Mafic: Hohc 29 mni, Hreite 21 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Vergleichssiiickc: Nr. 215
l.itcratur: Koenigsmarkova 1977, S. 48, Nr. 2
Heiligt
125
Mont-Saint-M ichcl (206-226)
Die im 6. Jahrhundert zunachsr als monastischc Nicdcrlassung dcs friihcn Eremiten-
tums errichtete Abtei Ее Monc-Sainr-Michcl (Dcp. Manchc) liegr aufdcr Inscl Mont
Tombe diclu vor der nordfranzosischcn Arlantikkiistc im Wat ten nicer. Dcr Erzcngel
Michael soli hier im Jalir 709 deni Bischof Aurbert in einer Vision erschienen sein,
woraufhin der Bischof deni Erzengel cine Kirche weihte und Rcliquicn ausdeni italic-
nisclien Gargano, bis daliin die I lauptvcrchrungsstattc des I'rzcngcls, beschaffcn liefi.
Der Kult war hier so erfolgreich. dass der Mont-Sainr-Michcl ab dem 10. Jahrhuiidcrt
zur wichtigsten Wallfahrrssrarte der Normandie avancierte und Wallfahrer aus deni
gesamten christlichen Abcndland anzog. Selbst als im 14. und 15. Jahrhundert dcr
Hundertjahrigen Kricg und einegravierende Pestepidcmic die Abtci in Mitleidenscbaft
zogen, riss dcr Strom der Pilgcr niclitab. So brachen beispielsweise in den Jahren 1456
bis 1459 viele Jugendliche aus der Schweiz und Wcstdcutschland zu cincm »Kinder-
krcuzzug« zum Mont-Saint-Michel auf.Jfi~
Die Attraktion des Wallfahrtsortesscblagt sicli aucb in derZabl von 21 in der Prager
Sammlung uberlicferten Pilgerzeichcn und Devotionalien nieder. Die Stiicke zeigen
cin weites Formenspckrrum, in dem sicb auch die uiiterschiedlichen Kultobjekte, die
auf dem Berg verehrt wurden, widerspiegeln.
11 Zcichen zeigen den hi. Michael, in Rustling (aufier bei Nr. 214, bier ist der Erz¬
engel lediglich mit einer Art kurzer Toga bekleidet) mit loekigem Haar, ausgebreite-
ten Fliigcln, zum Teil mit erhobenem Schwert (Nr. 207, 211 und 216), zum Teil mit
Krcuzeslanze (Nr. 206, 208-210, 212-215). Er srclu als Bezwinger mil gespreizien
Beincn iiber dem sich unter seinen Fiifien windenden Satan. Der Eormenreichtum
211 Pilgerzeichen, Flachguss, rund, ge-
rahmt von einem Bogenfrics, Riickscirc:
210a Riickseite von Nr. 210 ^sc
Inveniar-Nr.: UPM 5750
lnschrih: »SANCTK MICHAEL ORA PRO
NOBIS.
Mafic: Durchmcsscr 36 mm
Material: Blci-Zinn
Daiieriing: spates 15. / Iriilies 16. Jahrhundert
Vcrgleichsstiicke: Kat.Bkki.in 1008, S. 339.
Nr. 183. - Kostcrkartei Moni-Saini-Michcl Ty-
pus В 1
l.iieratur: Koknkjsmakkoya 1977, S. 51, Nr. 8.
- Kai. Pkac; 1986, S. 20. Nr. 135
287 Klaus Arnold, Ait. Kniderkreiuzug, in:
I.DM 5.Sp. 1151. - Vemniqiie lir/i.-xn. Ari.
Mom-Saim Michd, in: l.OM 6. Sp. 8191.
212 Devotionalie Anhiinger mir Ose,
Flachguss, sechscckig im sechseckigetn
Rahmen mit Rliirenverzierung an den
Ecken
Inventar-Nr.: UPM 98.97-1
Mafic: Diirchmesser 28 mm
Material: Blci-Zinn
Daiienmg: 15- Jalirluinderc
VcrglciclisM iicke: keine
l.iternnir: Kokkicsmakkoya 1977. S. 49. Nr. 5
126
Hilgerzeicbct,
ist auffallig: Neben sehr qualiratvollen und ki'mstlerisch ansprechenden Gittergiissen
und Flachgiissen (Nr. 206, 207, 211) gibt cs einfache bis einfachste AusKihrungcn mir
und ohne Ralimung. F'sgibr rah men lose Exemplare (Nr. 207, 214, 216), mehrschalige
rundc, halbrundgiebelformige, viercckige Anhanger, (Nr. 208-210, 215) sechseckige
und vicrcckigc Plakcrtcn (Nr. 2I2f.). Auch in ihrer Tragcweisc isr fast jede Moglich-
keit verrreren: Anhanger mit cincr Osc oben (Nr. 208-210, 215), Broschcn mir cincr
riickseitigen Anstccknadd (Nr. 213), Pilgerzeichen mir Osen an den Seiten (Nr. 2061.)
und Plakcrrcn, die aufder Riickscitc cine Osc, ahnlich einem gesrielrcn Knopf haben
(Nr. 214, 216).
Das detailreichstc Exemplar ist Nr. 206, auf deni alle Symbole erscheinen, die mit
dem F’rzengel Michael und dem Monr Saint Michel verbunden sind. Sic erscheinen
in dicscr Komplcxiriit bci den iibrigen Zeichen dieser Gruppe (Nr. 204-216) nicln
wieder. Das durch seine Inschrift eindcutig zuzuordnende Stuck zeigt den Erzengcl
in komplettcr Riistung mit Harnisch und gespreizten Fliigeln. Aul der Brust ist cine
Muschel angebracht. Seine Fliigel zieren die Scclcnwaage und das Christusmonogramm
1HS. Die DarstellungderSeelenvvaageals Attributdes Erzengcls weist aufdie zeitliche
Hntstehung des Zeichens im 15. odcr friihen 16. Jahrhundert hin.2s>i Seine Linke stofit
die Lanze in den Rachen des unter seinen Fiifien liegenden Satans, die Rechte halt ein
Wappenschild mit franzosischer Heraldik — Heure de lys und Krone.
Fine grofiere stilistische Zusainmengehorigkeit zeigt sich bei den Exemplaren
Nr. 2171. Die Grundlorm der Zcichen vvird durch cine Muschel besrimmt, auf welcher
der Hrzengel als Bezwinger Satans in der eben schon beschriebcnen Darstellungswei.se
mit Kreuzstab erscheint.
Auch bei den Exemplaren Nr. 219f. bestimmt eine Muschel die Gestalt des Zeichens.
Aufdcn ersten Blick scheinen diese Stiicke den eben vorgestellten zu ahneln. Allerdings
213 Pilgerzeichen, Brosche, Flachguss,
hochrechteckig mit Wiirlelaugenverzic-
rung und Nadcl mit Nadelrast auf der
Riickseirc
Invcniar-Nr.: Narionalnuiscum I’rag I l2-f)H.072
Mafic: Uohc 1,7 mm, Breite 15 mm
Material: Blci-Zimi
DatiLTUilg: spates 15- /Iriilics l(>. Jalirlnuulcrt
Vcrglcicli-sstuckc: kcinc
214 Pi Igerzeichen, G itterguss, ra h menlos
mit einer Ose auf der Riickseite
Invcntar-Nr.: Narionalmii.seum Prag H2-68.083
Mafic: Hcilie 34 mm, Breite 23 mm
Material: Blei-Zinn
Daiicrung: spates 15-/FrCihe.s 16. Jaliiliinitlci t
Vcrgleielisstiieke: keine
288 Art. Michael, Erzengcl, in: LCI 3, Sp. 262.
215 Dcvotionalie, Bildcinlage eincs An-
hangers, Gitterguss mit hoch rechtcckigem,
rundgicbeligcm und perlschnurverziertem
Rah men,
Inveiuar-Nr.: Natinnaliniiscum Prag N2-68.103
Mafic: Hcilie 20 mm, Breite 16 mm
Material: Blei-Zinn
Daiicrung: spates 15-/friilics 16. Jahrhundert
Vcrgleichsst tieke: Nr. 209
127
Heilige
wird hier trotz der Fliigel, welche die Halbfigur auf der Muschel flankieren, nicht der
Erzengel dargesrellt. Dies zeigt zum einen die Lilienkrone auf dem nimbierten Haupt
der Gestalt, die untypisch fur den hi. Michael ist. Zum anderen zeigt sich bei Nr. 220
deutlich cin femininer Busen. Auch ist die Gestalt in ein langes, weites Gewand gehiillt.
Augenschcinlich handelt es sich hier um cine hybridc Verkniipfungzwischen dem Kn-
gel und ciner weiblichcn Heiligen. Das erscheint zuniichst abwegig, denn die tibrige
Symbolik bewegt sich klar im Formenkreis des Mont Saint Michel: die Muschel, die
Wappcn mit dem Christusmonogramm (Nr. 219) bzw. den fleur de lys (Nr. 220). Eine
Heilige muret hier seltsam kontextlos an. Mit Hilfe der nachsten Gruppe von Zeichen
(Nr. 221-224) kann dieses Ratsel gelost werden, denn sie ervveitern die Darstellung
um zwei zusatzliche Protagonisren. So werden bei Nr. 222 in einem Rundrahmen der
Erzengel (links) gemeinsam mit einer Madonna (Mitte) und einem Bischof dargesrellt.
Die schon geschilderte komplexe Kultsituation auf dem Michaelsberg findet in dieser
Darstellung ihren Niederschlag. Die nitnhierte und mil einer Lilienkrone bekrome
Madonna, wohl als Hinweis auf das Kultbild der »Notre Dame surTerre« zu verstehen,
legt nahe, dasssich die Darstellungsverdichtung von Nr. 219f. at iseiner Vcrschmclzung
dcr Erzengelikonografie mit der Gottesmutter ergibt. Kin weiterer Hinweis auf diesc
Verbindung verbirgt sich auf dcr Riickscire von Nr. 210, wo - auf stramingemuster-
ten Hintergrund - eine bekronte Standmadonna mit dem Lilienzepter abgebildet ist.
Bei dcr zweiten Beifigur, dem Bischof, handelt cs sich um Autbcrt, den Initiator dcs
Sanktuariums auf dem Mont Saint Michel. Vor diesem Hintergrund konnen auch die
Nr. 221 und Nr. 223 hier eingeordnet werden, auch wenn sie nur die Madonna und
den Bischof zeigen, in ihrer Darstellung aber deutliche Parallelen zu Nr. 222 aufwci-
scn. Bei Nr. 223 konnte die linke, wcggebrochene Seite des Fragmentes ursprunglich
noch den Erzengel abgebildet haben. Das wappenformige Zeichen Nr. 224 zeigt eine
216 Pilgerzeichcn, Gitterguss, zweiteilig,
rahmenlos mit einer Ose aufderRuckseite
luvcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.222
Mafic: Hfihe 38 mm, Brcite 22 mm
Material: Messing
Daticrung: spates l5-/fruhcs 16. Jahrliundert
Verglcichsstiickc: HP 11. S. 281, Nr. 1203- -
Kosterkanci Moni-Saint-Micliel Typus С 1 (I.a-
my-Lassai.i.i: 1971, Talcl XXV. Nr. 7. К at.
Worms 2001, S. 1281., Nr. 92 und 93) Typus D
(= C',ouT 1910, Bd. I. S. 341-3^5 mit l:ig. 205)
217 Pilgerzeichen, muschelformiger
Anhanger
lnvcntar-Nr.: UPM 98.961
Mafic: l lohe 30 mm. Brcite 27 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15- Jalirlumdcrt
Vcrglcichsstiicke: keine
Litcratur: Koknicsmaukova 1977, S. 51. Nr. 7
218 Pilgerzeichcn, Rrosche, Gitterguss
rahmenlos, Rikkseite: Ose
Inveiuar-Nr.: UPM 5674
Mafic: I lohe 25 mm, Brcite 25 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirlumdcri
Verglcichsst iickc: Kiistcrka rtci Mont-Sai m-M i-
chcl Typus PI (= Taiiiiy 1958. S. 487. - Спк-
roykr t88o, S. 253. Fig. 79. - Lamy-1.assai.i i-.
1971. Tnfel XXVIII. Nr. 7. - К at. Worms 2001.
S. 126, Nr. 88)
Litcratur: Ко r.NtesM л к kova 1977, S. 50, Nr. 6.
- К at. Prac. 1986. S. 20. Nr. 137
128
PUgerzeichen
220 Pilgerzeichcn, Brosclie, Gitrerguss,
rahmenlos mit Wurfelaugcnumrandung
im untcrcn Bereich, Riickseite: Nadcl mit
Nadelrast
Invemar-Nr.: UPM 5673
Mafie: Hiihe44 mm, Brciic 27 min
Material: Blei-Zinn
Da riming: 14./ 15. Jahrhiindcrr
Vcrgleichsstuckc: Kosicrkartci Mont-Saint-Mi-
chel Tvpus E I (Corroyeii 1880, S. 253.1;ig. 80.
- Forgeais 1863, S. 82. - Sainniliing Bossard:
Hei.iunc 1911, Tafcl XXXVI, dorr 1. Rcihc, 2.
Stiick von rcchts). sichc aucli Model Kat. Caen/
Toci.ousfVEvreux 2002, S. 240, Nr. 258
Lilcralur: Koenigsmarkova 1977. S. 53. Nr. 10
219 Pilgerzeichen, Brosche, Gitrerguss
rahmenlos mit Wiirfelaugenumrandung
im untcrcn Bcrcich, Riickseite: Reste von
Nadcl uiid Nadelrast
Invcncar-N’r.: UPM 5672
Mafic: Hohc 30 mm, Brcitc 21 mm
Material: Blei-Zinn
Daiierung: 15. Juhrhundcrt
Vcrgleiclissiiicke: Kosierkarici Moni-Saini-Mi-
cliel Typus E I (Gorkoykr 1880, S. 253, Fig. 80.
- Forgeais 1863, S. 82)
I.iterator: Koenigsmarkova 1977, S. 53, Nr. II
222 Pilgerzeichcn, Gitrerguss, in zwei-
schaligem, krabbenverziertem Rahmen,
Riickseite: vier Zungen
lnvcntar-Nr.: UPM 5717
Mafic: Durelimesscr 50 mm
Material: Blei-Zinn
Darierung: 15. Jahrhundert
Vcrgleichsstiickc: keine
Literatur: Koenigsmarkova 1977, S. 54, Nr. 12.
- К at. Frag 1986, S. 20, Nr. 138
221 Pilgerzeichcn, Gitrerguss, rund, in
zweischaligem, krabbenverziertem Rah¬
men, Riickseite, drei Zungen
Invcmar-Nr.: UPM 5716
Mafic: Durchmesscr 42 nun
Material: Blei-Zinn
Daiierung: 15. Jahrhuiidert
Vcrgleichsstiickc: ahnlich Kat. Worms 2001,
S. 126, Nr. 89
Literatur: Koenigsmarkova 1977, S. 55, Nr. 14.
- Kat. Prag 1986, S. 20, Nr. 139
223 Pilgerzeichcn, Gitrerguss, rahmen¬
los (Bildplatrchen zum Einlcgcn in einen
Rahmen)
Inveiuar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.I66
Mafic: Hcihe 36 mm. Brciic 20 mm
Material: Blei-Zinn
Daiierung: 15. Jahrhuiidert
Vcrglcichxsiucke: keine
tieilige
stehende Maricnfigur, die von cincm Bischof und der hi. Katharina flankierc wird. Es
handelrsich um die Varianrc cincs sehr ahnlichcn, eben falls wappen form i gen Zeichcns,
das in zvvei Exemplarcn bekannr isrH‘' und Maria gemcinsam mir dem hi. Michael
und dem Bischof Aucbcrc zeigt. Wegcn diescr Vcrwandtschaft wild die Nr. 224 hier
vorsichtig ebcnfalls dem Mont Saint Michel zugcordnet, ohne dass fiir die Darstellung
der hi. Katharina eine Erklarung vorliegt.
Die Miniaturschwerter Nr. 225f. reihen sich nicht auf den ersten Blick in die Sym-
bolikdcrZeichcn vom Mont Saint Michel ein. Eine Gussform, die bei der Ausgrabung
eines Pilgcrzeichenateliers am Mont Saint Michel entdeekt wurde, zeigt aber, dass sol-
che Miniaturschwerter hier gegossen wurden.*‘X) Die Sammlung des Musee de Cluny
besitzt acht ahnliche Miniaturschwerter: Alle besitzen wie die Nr. 225 einen Knauf
von unterschiedlicher Form, ein gewickcltes Heft, eine gerade oder leicht gebogene
Parierstange und eine Klinge mit spitz zulaufendem Orr.241 Drei von ihnen tragen zu-
satzlich noch einen Rundschild.242 Auf dem Mont Sainr Michel wurden den Pilgern
das Schwert und der Schild des hi. Michael als Reliquien gewiesen. Dies erkliirt die
eigentumliche Symbolik dieser Miniaturschwerter als Darsrelliingcn dcr Waffcn dcs
Erzengels.2'’1 CB
Nikolaus von Myra/ Saint-Nicolas-de-Port (227-231)
Der legcndiiren Bischof Nikolaus von Myra (heutc Kale, Tiirkci), dessen Grabstatte
seit dem 6. Jahrhundert von Gliiubigen und Pilgern verehrre wurde, soli schon zu Leb-
zeiten etliche Wunder gewirkt haben: Schiffe habe er aus Seenot gerettet, angeblich
drei geschlachtete Jiinglinge zum Eeben erweekt. Die vvohl bekannteste Episode seiner
224 Pilgerzcichen, wappenschildariger,
dreischaliger Gittcrguss mit Nadelrast
und sechs Haltezungen auf der Riickscitc,
Nadel abgebrochen, im Bildfeld Maria,
hi. Katharina und hi. Bischof (Aurbert?)
Invciitar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.191
Mafic: Holic 51 mm, Brciic 40 mm
Material: Blci-Zinn
Insclirift: im Rahmen: »•* AVh : MARIA :
GRATIA : PLENA : DOM1NVS : TF.CV:«
Dalicrung: 15. Jahrhunderi
Vcrglcichsstiickc: Kat. Worms 2001. 5. 79f.,
Nr. 9. - Lamy-Lasalle 1968, Nr. 17
225 Devotionalic, gegossenes Miniatur-
schwert
Inveiuar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.090
Mafic: Lange 70 min
Material: Hlei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundert
V'ergleichsstiicke: Bkuna 1996, S. 336-338.
Nr. 648-652
289 Kat. Worms 2001. S. 791'.. Nr. 9. - I.amv-
I.a.sai.i.k 196S, Nr. 17.
290 Kat. Cai,n/Tiiiii.iii:.sk/];.vkei'x 2002.
S. 240-244, Nr. 259-263-
291 Bruna 1996.S. 336-334. Nr. 648-654 und
Nr. 657.
292 Lbd.. Nr. 6531'. mul 657. Пк- Kc.mhination
Rundschild/ .Schwcricr konnte allerdiugs
aueli aus dem englischen C'aiitiThury siam-
men. Aus dcr'lhcmse wurden sechs soldier
Ohjekte gchorgen. ebenso zwei Schwertei
ohneSelliId. Spencer weisi allcdicse Sdiilder
nach ('antcrlniry, m. F.. gehoren aber maxi¬
mal die mit Rundschild liicrlici. Spkncek
1998. S. 95-98.
293 V'gl. Ki'iiNE 2012.
226 Pilgerzcichen (?); Miniaiurschwcri
mit Scheide undaufgcsetzicni Rundschild.
der GrifFisr abgebrochen, die Klingestcckt
noch in der Scheide
Invcmar-Nr.: IJPM 98.963
Mafic: Lange (noch) 63 mm, Brcitc (max.) 14 mm
Material: Blci-Ziim
Daticrung: 15. Jahrhundert
Vergleidisstiicke: Bki.na 1996, S. 339, Nr. 655
130
Pilgerzeichen
Legende erziihlr, wic cr die drei Tochter eines mittelosen Mannes vor der Prostitution
bewahrt, indem cr ihnen drei goldene Kugeln schenkte.244 Darstellungcn dcs hi. Niko¬
laus finden sich auf fiinf Objekten in den Prager Sammlungen.
Nr. 227f. zeigen den Heiligen nimbiert, im bischoflichen Gcvvand thronend, den
Bischofsstab mit der Lin ken schrag vor den Korper haltend, die Rcclue zum Segen
erhoben und flankiert von einem zu seiner Rechten knienden Adoranten. Beidc Stii-
cke sind - ungeachtet der Tatsache, dass Nr. 228 augcnscheinlich sekundiir auf cincn
kleinen Stiinder gelotet wurde - Pilgerzeichen, was durch die riickseitig zu erkennen-
den Nadeln mit Nadelrast dcutlich wird. Diegrofie Ubereinstimmung im Faltcnwurf
und in der Gcsamtkomposition weist beide demselben, allerdings noch unbekannten
Ursprungsort zu, der aufgrund der typischen Befestigungsart am chcsrcn im franzo-
sischcn Raum zu vermuten ist. Der Kopf von Nr. 227 wurde nachtrjiglich aufgelotet
und ist daher vermutlich nicht authentisch, wie auch die fehlcnde Kompatibilirar der
Gussnahte auf der Ruckseite zeigt.
Nr.230,eineflache, vollplastischekleine Figur, zeigt den Heiligen ebenfalls mit einem
Adoranten; allerdings halt der hier thronende Bischofden Stab in seiner Linken gerade
neben dem Korper empor und der Nimbus fehlt. Das Pilgerzeichen Nr. 229 und die
kleinc, Hache Vollfigur Nr. 231 zeigen den Bischof in einer ganz ahnlichcn Ausfuhrung,
227 Pilgerzeichen, dreischaligcr Girtcr-
guss, stehender hciligcr Nikolaus mit Ad-
orant, Ruckseite mit Nadel und Nadelrast,
Kopf angelotet, moglicherweise sekundar
erganzr
Itivciuar-Nr.: UPM 5694
Make: Holic 43 mm, Breite 20 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: 15. Jalirlnindert
V'ergleichsstiickc: selir altnlich Sammlnng Boss-
ard: Hr.i.Blse 1911, Tafel XXXY'I, dort 5. Rcihc,
2. Sliick von reclus
l.iteratur: Koenigsmakkova 1977, S. 94, Nr. 65
228 Pilgerzeichen, drcischaliger Gitter-
guss, stehender heiliger Nikolaus mit Ad-
orant, Ruckseite mit Nadel (verloren) und
Nadelrast, Standftifichen sparer angelotet
lnvcntar-Nr.: UPM 98.979
Make: Holie 50 mm, Brcire 31 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jalirhundcrt
Yerglciclisstiickc: schr ahnlich Sa mm lung Boss-
ard: Helbinc 1911, Tafel XXXVI, dort 5. Rcihc,
2. Stiick von rechrs
294 An ncniarieBKecKN’i-.it, Art. Nikotausv. Myra,
in: ШМ 6, Sp. 1173-1176.
229 Pilgerzeichen, Flachguss, stehender
heiliger Nikolaus mit Jiinglingen im Pokel-
topf, Ruckseite mit Nadel und Nadelrast
(bcidcs verloren)
Inventar-Nr.: Nationalmuseuin Prag H2-68.234
Макс: 1 lohe 44 mm, Brcitc 22 111m
Material: Blei-Zinn
Daiierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrgleichsstucke: Sammlnng Bossard: Helding
1911. 1'afcl XXXVI, 4. Reihe, 2. von rechts
131
Heilige
tlironcnd, mitgcradcm Bischofsstab zur Linkcn. Statt des Adoranren findctsich hierzu
FuRen von Nikolaus cine Darstellung, die auf eine Episode aus seiner legcndarcn Vita
zuriickgeht. Drci Gestalten sitzen dort in cinem Trog. Bei Nr. 231 isc die Darstellung
rechcs auRen nocli um eine kleine, axtschwingende Figur erweitert. Es handelt sich um
die bildliche Wiedergabe der Erwcckung jener schon erwahnten drci armen Schuler, die
von einem Wirt, bei dem sieeingekebrt waren, erschlagen, geschlacluet und eingepokelt,
dem heiligen Nikolaus als Speise gereicht wurden. Dieser erkannte den Frcvel, riigte
den verbrecberischen Gasigeber scharl und erweekte die Jiinglinge zu Lebcn.
Besonders diese letzte Variantc von Zcichcn isr mehrfach bclcgt, so dass von einer
starken Emission dieser Zcichcn ausgegangen werden kann, was Hi г die Hcrkunft aus
einem bestimmten Gnadenort spriebt.
Ein Grofiteil dcr Rcliquien des heiligen Biscbofs wurden am Ende des II. Jahr-
hunderts nacli Bari iibcrfuhrt, wo sie in der Krypta der Basilika verwahi t werden und
die iralicnische Hafcnstadt zur abendliindischen Hauptvcrehi ungsstatte des Heiligen
machteir,‘i Schon seit dem 12. Jahrhundcrt wurden liier Pilgcrzcichcn ausgegeben.1'"'
Die Ikonografiedieserhochrechreckigen Flachgiisse mit halbrundem Giebel entspricht
jedoch nicht der der hier angefiihrren Stiicke. Sie zeigen nur eine Biiste des segnenden
Bischofs mit einem Buch in der linkcn Hand.
230 Devotionalie, Vollplastik, beidseitig
gestaltct, thronender hciliger Nikolaus
mit Adorant
Invcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.237
Mafic: Holtc 51 min, Brcitc 24 mm
Material: Blci-Zinn mit Paiiuabildung
Daricning: 15. Jahrhundcrt
Vcrgleichsstiickc: keiiu*
231 Devotionalie, vollplastischc Figur,
thronender Heiliger Nikolaus mit Jiing-
lingcn ini Pokeltopf und Wirt mit Beil
Invcniar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.238
Mafic: Hohc 49 mm. Brcitc 24 mm
Insclirift: olntc
Material: Blei mit Rcstcn von Vcrgoldung (?)
Daticning: 15. Jahrliundcrt
Vcrgleichsstiicke: Kiisierkarici Ту pus St. Nikolaus
Л I 1. - Saminlung Bossard: Hi-u.uing 1911, Tafcl
XXXVI. 4. Rciltc, I. von rcclits. - Van Htfrin-
(a;.N/Koi.m-:wt:ij/(jAAi.MAN 1987, S. 1161".,
N1. 39.1. - Kat. Worms 1001, S.l291f„ Nr. 94
und 95. - Sclir iilmlich Slhaki.i 1985, S. 120П.,
Til. 21-23. - Bkcna 1996, S. I%1'.. Nr. 301-303
295 TIUi, Bd. 24, Art. Myra. Sp. 568.
296 Siehc 11.a. Anoi ksson 1989. S. 1041'. - 1111-
RINt: 2000. - H/\ASIS-Bl;.RNKK 200). S. 1551.
231a Riickscitc von Nr. 231
132
Pilgerzeichen
Sowohl die Darstellung der drei Knaben im PdkeltopP17 als auch die Nadel als Bc-
fesrigung am Pilgerzeichen Nr. 229 verweisen viclmchr auf den franzosischen Rauni
und die angrenzenden Gebiete. In Lotbringen war der Nikolauskult schon ctabliert,
bevor Bari zu einem Wallfahrtszentrum europaischcn Ranges aufstieg. Die Nikolaus-
verehrungerfuhr auch hier einen deutliehen Aufschwung, als 1065 -erwa gleichzeirig
mit Bari - auch die Abrei Gorze bei Merz in den Besitz einer Nikolausreliquiegelangtc,
namlich cincs Fingcrglicdcs des Hciligen, aus dem angeblich ebenfalls wie aus den
Reliquien in Bari kostbares Ol tropfte. Die Reliquie wurde zunachst in einer Kapelle
verwahrt, die Abt Heinrich von Gorze (1055-93) hattc erbauen lassen und zu der nach
der Reliquienerwerbungein Zustrom von Glaubigen, insbesondcrc auch von Kaufleu-
ten, entstand. Nach Edith Ennen war diese Wallfahrt dafiir verantwortlich, dass sich
aus dem DorF, in dem die Kapelle stand, noch vor der Mitte des 13. Jahrhundcrrs die
Stadr Saint-Nicolas-de-Port entwickelte.*‘Jli Unter dem Protektorat der Herzogc von
Lothringen wurde hier eine machtige Basilika gebaut und die Gnadenstiitte stieg zum
popularsren Nikolauswallfahrrsorr im wesrcuropaischcn Raum auf.2rj Aufeinigen der
in Saint-Nicolas-de-Port ausgegeben Pilgerzeichen, deren Gestalt sich in seiner hoch-
rechteckigen Grundform mit halbrundem Giebel offensichrlich an dem des beriihmten
iralienischen Vorbildes orientiert, ist der Bischof analog der Stucke Nr. 229 und 231
zu sehen: thronend, mit gcradem Bischofsstab und den drei Knaben im Pokelfass.11,11
Auch die spatmirtclalterliche Plasrik am Portal der Basilika Saint-Nicolas zeigt den
Bischof mit diesen Attributen. Die bildliche Nahe zu Nr. 229 und Nr. 231 ist so of-
fensichtlich, dass die Herkunft dieser Zeichen aus Saint-Nicolas-de-Port als gesichert
gelten kann. Auch Denis Bruna hat in seinem Katalog der Pilgerzeichensammlung
des Pariser Musec de Cluny drei kleine Nikolausfigurinen, die Nr. 231 in Aussehen
und Dimension schr ahnlich sind, nach Saint-Nicolas-de-Port verwiesen.™1 CB
Rochus von Montpellier (232)
Weiftmetallgiissc und Plaketten mit der Darstcllung des hi. Rochus bilden eine
zahlenmaftig kleine Gruppe, die bisher von zwei Exemplaren aus niederlandischen
Fundzusammenhangen,o:, einem Fund aus dem englischen South Petherron303 und
zwei Srucken in der Brusseler Kdniglichen Bibliorhck304 gebildet wurde. Ob es sich
bei diesen Zeichen um ortsspezifische Zeichen oder unspezifische Devotionalien des
im 15. und 16. Jahrhundert hochverchrten Pestheiligen handelt, ist unklar. Sollte cs
sich um Zeichen mit Bczug zu einem Kulrort handeln, ist dieser nach der Verteilung
der Funde wahrsclieinlich in Nordfrankreich (Antwerpen?) zu suchen, nicht aber in
Venedig, wohin die Gebeine des Heiligen 1485 uberfuhrt wurden, und ebenso wenig
in Arles, wo man am Endc des Mittelalters ebenfalls Anspruch auf den Besitz seiner
Reliquien erhob.,0,i
Alle Gittergussc stellcn den Heiligen auf einer Standleiste frontal stehend in der
Tracht eines Pilgers dar, der seinen rcchtcn Oberschenkel entblofSr, um die Pestbeule
sichtbar zu machen. Begleitet wird er von einem Hund und einem Engel. Diese Dar-
stellung bezieht sich auf die Legende des Heiligen, der bei der Riickkehr von seiner
Pilgerreise nach Rom in Piacenza an der Pest erkrankt scin soil, sich dort in die Ein-
samkeit zuruckzog und von einem Hund mit Brot gespeist wurde, bis ein Engel ihn
auf wundcrbarc Wcise von seiner Krankheit heilte.
Das Prager Zeichen war wic cincs der Zeichen in der Brusseler Koniglichcn Bib-
liothek10fl urspriinglich mit einer riickscirigcn Nadel versehen. Durch Anloten eines
SrandfiifSchens, von dem nur noch die Verdickung der Lotstelle an der Unterseite der
FuBleiste iibrig ist, wurde es zu einem Hciligenbildchen umgeformr. Der originale
Kopf des Zeichcns ging verloren und wurde falsch ersetzt. Dass es sich nicht um den
originalen Kopfhandelt zeigt die Ruckseitc, denn sowohl am Kopf als auch am Riicken
sind Ansiitze dcr urspriinglich vorhandenen Nadeln zu sehen. HK
297 Annemarie Bruckshr, Art. Nikolaus von
Myra, in- I DM 6,S|i. IDS.
298 Ennln 1972. S. 1065.
299 TRF. Bd. 24, S. 568.
300 Bruna 1996,6. 194, Nr.296,-1 IP II, S. 281,
Nr. 1207.
301 Bruna 1996, S. I96f.
302 HP I, S. 190, Nr. 327. - HP II. S. 287,
Nr. 1228.
303 Funddaicnbank dc.s British Museu m, SOM-
DOR905.
304 Brussel, Bibliotheque Royalc, Cabincr des
monnaics, Coll. Dissart, Invciuar Nr. 23466
(nur fragmentarisch erhalten) und 23499.
Die Angaben beruhen auf der Zentralen
Pilgerzcichenkarrei Kurt Koster, St. Rochus,
Formtyp I und dem Sammelforos derSamm-
lungDissard cbd. Bei derlnventarNr. 2.3499
handelt es sich wahrscheinlich um einen
jungeren Guss des 16. Jahrhunderts im Siil
dcr Renaissance.
305 Vgl. F. Scorza Barcellona, Art. Rochus, hi,
in: LDM 7, Sp. 926.
306 Brussel, Bibliothcque Royalc, Cabinet des
monnaics, Coll. Dissart, 1 nventar N r. 23466.
133
Heilige
Petersschliissel (Rom, Peterskirche) (233)
Die Nr. 233 ist ein Pilgcrzeichen tier Peterskirche in Rom. Der Giiterguss zeigt in
rahmenloser Ausfiihrungzwei gekrcuzteSchliisscl mir Rciden in Gestalt dreiblanrigcr
Kleeblatter und mil grofien, nach aufien gcwandten Barten. Uber dem Kreuzungs-
punkr der Sell Kissel ersebeint ein piipstliches Haupt mir Tiara.
Rom ist neben Jcrnsnlem die iiltcsrc Wallfahrtsstatte der abendlandischen Chris-
renheit. Die Graber der chrisrlichen Martvrer in den Coemetrien aufierhalb der
Stadtmauern waren schon scit dem 2. Jahrhundert Ziel von Wallfahrern.ur Die 307 Кгпм, 2011л. S. i?H.
lange Tradition als geistliches Zcntrum, die Gcgenwart der piipstlichen Autorirar
und Viclzahl seiner Gnadensrarten hoben Rom von den iibrigen Wallfahrtsorten ab.
Die zahlrcichen romischen Kirchen besafien cine Viclzahl bedeutender Reliquien
und Ikonen. lhr Bcsuch war, seit Papst Bonilaz VIII. 1300 das erste romischen
Jubcljahr ausgerufen harte und dieses Jubilaum in der Folgezeit in eincm immer
kiirzer werdenden Intcrvall wiederholt wurde, mir besonders attraktiven Ablassen
verbunden, die scharenwcise Pilger in die Ewige Stadt lockten. Dies spiegelt sich
auch in den romischen Pilgerzcichen wider, deren Oberlielerung gleichermaBen 308 Hkcvimi 2011.
zahlreich und viclgesraltig isc.3,,K Unter den romischen Kirchen, die Wallfahrtszei-
chen ausgaben, war die Peterskirche die bedeutendste. Schon seit dem ausgehenden
12. Jahrhundert emittierte man hicr Pilgcrzeichen, deren Gestalt und Ikonografic 30ч F.UI., S. 50f.
sich im Laufe der Zeit andcrte.,l,‘l Die ersten Pilgerzeichen zeigten die Apostelfiirsten
Petrus und Paulus. Ab dem 14. Jahrhundert gcscllrcn sich zu dicscn ncuc Zcichen,
232 Hochrechteckiger,drcischaligerGit-
terguss mit Resten der Nadel und Nadelrast
auf der Riickseite
Inventar-Nr.: Natiimalmusciim Prag H2-68.211
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohc 41 mm, Brcitc 23 mm
Daiicrung: 2. Halfrc dcs 15. Jahrhunderts
Vcrglcichsstiickc: HP I, S. 190, Nr. 327; Brussel.
Bibliotlicque Royalc, Cabinet dcs moimaics.
Coll. Dissart. Invcntar Nr. 23466
233 Brosche, Pilgcrzeichen, Gitrerguss
rahmenlos, Doppelschliissel, Riickseite
Nadel mit Nadelrast
Invcmar-Nr.: Naiionalmiiscum Prag H2-68.08S
Material: Blei-Zinn
Mafic: Holic 26 111m, Brcite 19 mm
natierung: 2. Halite dcs 15. Jahrlumdcrts
Vcrgleidtsstiicke: selir ahnlich aber Anltangcr:
HP 1, S. 186, Nr. 306
134
Pilgerzeichen
welche eine Vera Ikon, das wahre Antlitz Jesu, zeigten. Dessen Abdruck sci, so cine
romische Legende, in einem Tuch verewigt worden, mit dem eine mitleidige Frau
das schwcift- und blutuberstromte Antlitz Jesu auf dem Weg zum Kreuz trocknete.
Die Tuchrcliquie stieg im Spatmittelalter zu eincr der wichtigsten abendliindischen
Reliquie auf.'10 SchlieGlich erschienen ab der zweiten Hiilfte des 15. Jahrhunderts
jene Pilgerzeichen in Gestalt zweier gekreuzter Schlussel, zu denen auch das hier
vorgestellte Objekt gehort.
Urspriinglich standen die zwei Schliissel symbolisch fiir die Lose- und Bindegewalt
des Papstcs. Im Spatmittelalter scheint sich ihre Bedeutung mehr und mehr auf die
papstliche Amtsgewalt zu fokussieren. Ab dem 14. Jahrhundert ist die Obergabe der
Schliissel durch den Apostel Petrus an cinen Papst ein verbreitetes Bildmotiv. So zeigen
das Sarkophagrelief Papst Urbans VI. (t 1389) und auch die Mittcltiir von St. Peter
(1445, Pontifikat Eugen IV.) cincsolche Schlusseliibcrgabe. Bei dicsen Darstellungen
werden die Schlussel allerdi ngs parallel in der Hand gehalten. Die Abbildunggekreuzter
Schliissel bcgegnet im Kontextdes romischen Papsttumserstmalsaufdem Wappen Papst
Nikolaus V. (1447-55). Es tragtbreit gekreuzte aufrechtstehende Schlussel, iiber denen
eine papstliche Tiara schwcbt.1" Entsprechend gestaltete Pilgerzeichen der romischen
Petcrskirchc sind in vcrschicdcncn Variantcn (gekreuztc Schlussel, gekreuzte Schliissel
mit Vera-Ikon, gekreuzte Schliissel mit Vera-Ikon und Tiara, gekreuzte Schliissel mit
Tiara bekrontem Papsthaupt, gekreuzte Schliissel mit Jakobsmuschel) uberliefert.112
Auch die Glockenabgusse von romischen Doppelschlusselzeichen datieien nicht vor
1450.-'1-' Dieser spezielle Zeichcnrypus isr damir zeirlich in die 2. Halfre des 15. Jahr-
hunderrs zu weisen. CB
310 Ebd..S. 51.
311 Ebd.,S. 55.
312 Kostcrkarici Typus Rom, gekreuzte Schliis¬
sel. - Amahk 1956, S. 33f. mir Abb. 26. -
HP I. S. 186Г. Nr. 303-314. - Bruna 1996,
S. 199 mir Abb. 306 und 307. - Клт. Rom
.999, S 345 mir Abb. 110. Ill und 113. -
HPII.S. 283, Nr. 1216, 1217.-Benk6iooz,
S. 490f. mit Abb. 213. - Benko 2004, S. 61
und Abb. 2/3 auf S. 59.
313 Der alteste nachgewiescnc Glockenabguss
eines romischen Pilger/.cichcns srammt von
einer 1452gegosscnenGlockein Hochclheim
bci Werzlar; sichc Kosrerkarrei Typus Rom,
gekreuzte Schlussel. Siche auch Kuhne
201 ib.
Servatius von Maastricht (234)
Der hi. Servatius, der legendare Griinder der Bischofskirche von Maastricht, ist eine
spatantike Bischofsgestalt, dcren Vita im Laufc des Mittelalters von zahlrcichen
Legenden iiberwuchert wurde. Dazu zahlen auch seine angebliche Verwandtschaft
mit der Familic Jesu und seine daraus konstruierte Zugehorigkcit zur »Hciligen
Sippe«.'"
In der Maastrichter Stiftskirchc wurden neben dem Schrein mit den Gebeinen
des heiligen Bischofs besonders drei Reliquien verehrt, die man mit ihm in Verbin-
dung brachtc: sein Bischofsstab, sein Messkelch und jener Schlussel, der ihm an-
gcblich in Rom iibergeben worden war, um seine Vollmacht zur Sundenvergebung
zu bezeugen.’1'1
Die Ausbildung des Maastrichter Reliquienkultes und der damit verbundenen
Wallfahrt war seit der Zeit um 1200 eng mit den Entwicklungen im nur etwa 30
Kilometer entfernten Aachen vcrkniipft. An beiden Orten stellte man seit dem frii-
hen 13. Jahrhundert Pilgerzeichen her.,l6 Als sich im Laufe des 14. Jahrhunderts die
siebenjahrliche Aachenfahrt mit der fcicrlichen Weisung der Aachener Reliquien
etablierte, folgte man etwa ab dem Jahr 1400 auch in Maastricht diesem Beispiel
und zeigte hier zeitgleich mit dem Aachener Marienmiinster Reliquien, besonders
solche, die mit dem hi. Servatius in Verbindung standen.'17 Im Jahr 1403 wurde vom
Servatiusstifr ein ncues Biistenreliquiar des Heiligen hergestellt und ein Teil seines
Schadels darin eingeschlossen. Auch dieses Reliquiar wurde bei dem Reliquienfest
gewiesen. Seine Bedeutung bezeugen neue Pilgerzeichentypen, die sein Abbild seit
dem Beginndes 15. Jahrhunderts nun als Brustbilddarstellen.31" In Maastricht wurde
wie in Aachen im 15. Jahrhundert eine breite Palette von Pilgerzeichentypen her¬
gestellt. Der altere Typus, die Darstellung des heiligen Bischofs als frontal stehende
Figur mit dem groften Schlussel und dem Bischofsstab, den er mcist einem Drachen
ins Maul stoftt, blieb auch im 15. Jahrhundert in verschiedenen Varianten erhalten.
Daneben stehen jene Pilgerzeichen, die die Biiste des Heiligen allein oder flankiert
314 7.um mittclalterlichen Kult des Heiligen vgl.
den Oberblick bci Zf.ndcr 1973.
315 Zum Scrvatiusschrcin und weitcrcn Maas¬
trichter Scrvatiusreliquiarcn vgl. Kroos 1985.
316 Der bishcrcinzige Oberblick iiber die Typen
der Maastrichter Pilgerzeichen stamnit von
Rosier 1971, S. 154f.
317 Vgl. Kuhne 2000, S. 208-227.
318 Vgl. KoiDEWtlJ 2000.
Metlige
135
von zwci Assistcnzligurcn - Engel n oder den Maastrichrcr Bischofcn Monulplius
und Gondulpluis - /.eigen.
Einc spate Form dieser Entwicklung stcllen Plaketten (Wallfalirtsmedaillcn) oder
Brakteatcn dar. Erstmalswurdeeinsolclies Maastricluer Pilgerzeiclien von Kurt Kostcr
1965 als gcmaltes Abbild ini Stundenbucli der Eleonora von Portugal identifiziert.31''
Hanecke van Asperen konnte in/wischen noch fiinf weitere Darstellungen dieses
Maastrichter Pilgerzeichentypus in Gebetbiicliern derZeit um 1500dokunientieren.32"
Ein in etwaquadratischer Pilgerzciclicn-Brakteat mit Lochungen wurdc in Rotterdam
gefunden.321 Allc diese Pilgerzeiclien stellen die Reliquienbiiste des lieiligen Servatius
in frontaler Ansiclit dar. Seitlicli neben deni Reliquiar zeigen sie zum einen den iiber-
groficn Servatiusschliissel und auf der anderen Seite die Kriininie des Biscliofstabes,
wobei die Anordnung beidcr Attribute variieren kann. Die Darstellung entsprichr so
dem cinfaclien Typus der Gitfergiisse mit Servatiusliaupt. Durcli die Datierung der
Handschriften kann dieser Braktcaten- und Medaillentypus in die Zeit um 1500 ver-
wiesen werden.
Das Servatiuspilgerzeichen der Pragcr Sammlung ist kein Brakteat, sondern ein drei-
schaligcr Gitterguss und ist somit den von Kurt Keister als Wallfalirtsmedaillen be-
zeiclineten Plaketten zuzuordnen. Die Darstellung der Rcliquicnbiistc, gerahmt von
der Kriininie des Bischofstabes links und dem Schliissel rcchts entspricht den oben
genannten Parallclen. Die Rahmung in einem runden Perlstabkranz findet sich aucli
bei der Wicdergabe des runden Servatiuszeicliens ini Gebetbuch der Konigin Isabella I.
von Kastilien.322 UK
319 Kosti-k i. S.467I'. - Z.u dim Hand .ms
der New Yorker I’cirpoiu-Morg.m-l.ibr.u v
(Ms M 32) vgl. .Hllll VAN Asn-.KI-.N 2009.
S. 398-400.
320 Die.se Zeiclien sind a her eniweder rund oder
Iwductlueckig mil (iiebel. nicht aditcckig
svie das von Kbsier eutdeckie. vgl. van As-
pukI’.n 2009, S. 302, Nr. 42.1 und 42.3.
321 HP 1. S. 193. Nr. 330.
322 Vgl. van Asim ki n 2009. S. 362. Nr. 42.1:
Cleveland I. 184'. - Zu der I lundsdirifi vgl.
ebd.. S. 381-384.
234 Drcisclialiger, quadratisclier Guss,
Wallfahrismedaille mit Resten der Nadel
und der Nadelrast auf der Riickseite
Inveiuar-Nr.: Nationulnuisciiiu Prag H2-68.063
Material: Messing (?)
Mafic: Hohc 23 mm. В re in: 24 mm
Datierung: um 1300
Yergleicbxstiicke: keine
136
Pilgerzeichen
Nicht oder nicht sicher identifizierte Heilige
Johannes Evangelist (?) (235-236)
In der Kollektion finden sich zvvei Pilgerzeichen, die einen nimbierten jugcndlichen
mannliclieii Heiligen, der in seiner linken Hand ein auigeschlagenes Buch tragt, in
einer Adikula zeigen. Die stehcndcn Figuren sind in beiden Fallen halbfroncal nach
rechts gcwendet. Audi sind die Haltung der rcchten Hand, die das Buch tragt, und
die dadurch bedingte Raffung des langen Gevvandes markant. Nr. 235 tragt zusatz-
lieh in dcr rechten Hand die Martyrerpalmc. Arthur Forgcais veroftcntlichte eine
Reihe von Jerons der Pariser Kerzenmacherzunfr, die auf dem Avers samrlich deren
Patron, den 111. Johannes Evangelist, zeigen.ш (Vgl. Abb. 235a) Darunter finder sicli
eine Variante, die Johannes in jener charakteristischen Weise zeigt, wie er auch auf
den beiden Pilgerzeichen dargestellt wird. ’2'1 Daher wird hier vorgeschlagen, beide als
Figuren des Evangelisren anzusprechen. Von vvelchem Kultort die Zeichen stammen,
muss hier often bleiben. HK
Stehender Bischof im Medaillon (hi. Philibertus von Tournus?) (237-239)
Die Sammlung enthiilt drei Medaillons, die in eincm Mctallrahmen mit Anhiingerose
aufdcr cincn Scire ein mctallcncs Bildfeld mit der Darstellungeincsstehenden Bischofs
zeigen, vvahrend auf der Riickseite ein Plattclien aus einer rot-gelbliclien wachs- oder
harzartigenSubstaiizeingclegt ist. Die Darstellungder frontal stehenden Bischofsgestalt
ist deutlich erkennbar, aber nicht spezifisch: Die Figur tragt Albe und Kasel, auf dem
235 Pilgerzeichen, hochrechteckiger,
dreischaliger Gitterguss mit adikulaformi-
ger Rahmung, Spitzgiebel und Krabben-
besatz, aufdcr Riickseite Nadelrasterhaltcn
Invcntar-Nr.: National museum Pray H2-68.218
Mafic: Hohc 37 min, Breite 25 mm
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jahrhundcrt
Vergleichsstiicke: К at. Wokms 2001. Nr. 104.
S. 136f.
236 Pilgerzeichen, hochrechteckiger,
dreischaliger Gitterguss mit adikulafor-
miger Rahmung und ziegelgedecktem
Zeltdach, aufdcr Riickseite Nadclrasr und
Reste der Nadel erhaltcn
Inventar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.099
Mafic: Hohe 31 mm, Breite 28 mm
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: spates l5./friihes 1C. Jahrhundcrt
Vcrglcichsstiicke: keinc
235a Johannes Ev. aufeinem Jeron der Pa¬
riser Kcrzenniacher nach Faro 1874, S. 62
323 PtikiatAis 1874, S. 60-62.
324 Ebd., S. 62.
237 Ovaler Anhanger mit Metallrah-
men, gegossenem Bildfeld und riickseitiger
planer Einlage aus einer harz- oder wachs-
artigen Substanz
lnvcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag Н2-68.Ю9
Mafic: Hiihe 24 mm, Breite 17 mm
Material: Blci-Zinn, Harz oder Wachs?
Daiicrung: 2. Halftcdcs 15. Jahrhundcrts
Vcrglcichsstiicke: kc-inc
neilige
137
nimbierten Haupt cine Mirra. Sic hale den Bischofsscab mit betonter Kriimmc in dcr
rcchten Hand. Die linkc Hand isr markant zum Segensgesrus erhoben. Das Bildfcld
zeigt cine Straminnuisterung. Es ist bisher keine direkte Parallelezu diesen Anhiingern
bekannt. Ein Anbiingcr ans der ehemaligen Sammlung Dissard in dcr Koniglichen
Bibliothek in Brussel zeigt cine verwandte Darstellung auf einer Plakcttc in cinem von
rocailleartigen Ornamcnten gezierten Rahnien; allcrdings tragtdie Figur den Bischofs-
stab in der linken Hand und erhebt die Rechre zum Segen.Vergleichbar ist auch cine
Plakette in cinem mit einem Palmwedel gekroincn Raluncn in Lyon, auf welchcr die
Figur den Bischofsstab allcrdings diagonal vor den Kiirper halt.1J<* Ebenfalls verwandt
ist einc ovale Plakcttc mit umlaufendem Wiirfelaugendekor im Musee de ОипуЛ’
Eine gewisse Niihc zeigt die Darstellung besonders durcli die Betoiumgdes Segens-
gestus zu den Pilgcrzcichcn aus Saint-Claude (Dep. Jura)/-’* Allcrdings halt die I’igur
in diesen Fallen immer einen Krcuzstab in der Hand, so dass cine Idcntifikation mit
dem hi. Claude unwahrscheinlich ist. Die Idcntifikation dcr Bischofsfigur mit dem
hi. Nikolaus scheme nicht zwingend.*"' Die grofite Ahnlichkeit bestelu wohl zu einer
runden Plakette, die ebenfallsausdcrSammlungDissard in dcr Koniglichen Bibliothek
in Briisscl stammt.v'n Die Darstellung der Bischofsfigur mit der markanten rcchten
Hand und einem Krummsrab, der besonders mit der Nr. 237 stark iibcrcinstimmr,
findet sich auch hicr. Allerdings ist auf der Plakette links ein kniender Adorant plat-
ziert, wahrend die rcchts neben der Figur verlaufende Minuskelinschrift »s:philberr«
die Herkunft aus dem Bencdiktinerkloster in Tournus (Dep. Saone-et-Loire) verrat,
welches die Reliquicn des friinkischcn Hciligen seit dem 11. Jahrhundert bewahrte. (Vgl.
Nr. 237) Daher ist die Identifikation des im Bildfcld dcr drei Anhanger abgcbildeten
Heiligen mit dem hi. Philibertus erwagenswert. HK
325 Uiipublizicrt, Nachwcisindcr Bilgci/ciilicn-
karrei Kun Kiisici, |-cirmiyp.Biscluif'. I laih-
figur В II a -.
326 К at. Lyon 1957, Nr. 124 in it Abb.
327 Bruna 1996. S. 221. Nr. 352.
328 Vgl. К at. Bi к 1 in iooS. N1. 27-29. S. 2781.
- Bki-na 1996, S. 125. Nr. 163.
329 Vgl. Bruna 1996. S. 195.
330 Biblioilu4|iK' myak- ill- Belgique, eabiuei de
inoimaies, Invcniar-Nr. 23445. iinpiibli/ieri.
Nachwcis in iler Bilgerzciilienkariei Кип
Kiister, l-'orniiyp Si. Bliilibcn, Tournui.
238 Ovaler Anhanger mit Metallrah-
men, gegossencm Bildfeld und riickscitigcr
planer Einlagc aus einer harz- oder wachs-
artigen Substanz
Invcniar-Nr.: Nationalmuscum Brag H2-68.110
Mafic: Hohc 23 mm, Brcitc 17 mm
Material: Blci-Zinn, Harz odcr Waclis?
Daticrung: 2. Halftc tics 15. Jahrhtindcrts
Vcrglciclisstuckc: keine
239 Ovaler Anhanger mit Metallrah-
men, gegossenem Bildfeld und riickseitigcr
planer Einlagc aus einer harz- oder wachs-
artigen Substanz
luventar-Nr.: Narionalmiiseimi Brag H2-68.ll 2
Mafic: Hiihc 28 mm. Brcitc 19 mm
Material: Blci-Zinn, 11 а г/, oder Waclis?
Daticrung: 2. Halite des 15. Jahrhundcrts
Vcrglcichsst iickc: kei lie
240 Hochrechteckiger dreischaliger Cit-
terguss im Architekturrahmen, fragmen-
rierr, auf der Riickseite Resre der Nadcl
und Nadclrast crhalren, am Rand Resre
von Haltezungen zur Fixicrungeiner rCick-
seitigen Hinterlegung, Kopffalsch ergiinzt
Invcniar-Nr.: Nationalmuscum Brag H2-68.278
Mafic: 1 lobe (noch) 39 mm. Breite 35 in 111
Material: Blci-Zinn
Daticrung: spates 15./frillies 16. Jalirliiinderi
Verglcichssriicke: Kai. Worms 1011. S. 113f..
N1.V2
138
Pilgerzeichen
Stehender Bischof mit Adorant (hi. Philibertus von Tournus?) (240)
Das Pilgerzeichen ist nurfragmentarischerhaltcn. F.sfchltdcrden Rahmen bekronende
Spitzgiebel. Der urspriingliche Kopf der Bischofsgestalr wurdc durth einen niclu zu-
gehorigen Kopf, wohl den ciner Maricnfigur, ersetzt. Die Bekleidung mit Albe und
Kascl konnre zwar auch auf einen heiligen Priester verxveisen, aber die Kriimme dcs
auflfalliggebogenen Stabeswcist wohl auf einen Bischofsstab bin. Die («Composition der
Darstellung, die charakteristische Segensgeste, die Kriimme und die Gcwandung dcs
neben der Bischofsfigur knienden Adorantcn crinncrn stark an dicschon oben erwahnte
Plakette mit der Darstellung des hi. Philibertus von Tournus.3-’1 (Vgl. Nr. 237) Daher
ist auch in diesem Fall eine Zuweisung nach Tournus nicht ganz unwahrscheinlich.
Die Darstellung unddieauffallige Fiillungder seitlichen Rahmcnlcisrcn mirschrag-
strichgefullten Dreiecken verbindetdas WerkmiteinerParallele, diesich inder Wormscr
Sammlung findet und die noch den urspriinglichen Giebel mit Krabbcnbcsatzzeigt."2
Die im К at. Worms 2001 vermutete Identifikation mir dem hi. F.ligius von Noyon
iiberzeugt nicht. Die wohl als »DE: PAS1« zu lesende Inschrift der Nr. 240 gibt bisher
noch ein Ratscl aul. HK
Stehender Bischof (?) (241)
Das Pilgerzeichen, welches durch das Anloten eines Srandfufichcns in cin Andachts-
biId verwandelt wurdc, ist nur noch fragmentarisch erhalten. Der urspriingliche Kopf
wurde nach dem Vcrlust durch einen nicht zugehorigen Fund, der wahrscheinlich zu
241 Pilgerzeichen, hochrechteckiger,
rahmenloser dreischaliger Gittcrguss mit
Resten von Nadel und Nadelrast auf der
Riickseite, durch Anloten eines Standfiifi-
chcns zu einem Andachtsbild verandert
Inventar-Nr.: Narionalmuscuiii Frag H2 68.177
Mafic: Hohc (noch) 48 mm, Breiie (noch) 20 mm
Material: Blei-Zinn
Dane-rung: 15. Jahrhundert
Vergleichssliickc: kcinc
242 Zwcischaliger ovaler Gitterguss mit
frontal stehender Bischofsfigur
lnventar-Nr.: Nationalmuseum H2-68.168
Mafic: Hohc 26 mm, Brcitc 27 mm
Material: Blei-Zinn
Daiierung: spates 15. Jahrhundcrt
Verglcichsstiickc: kcinc
331 Bibliotheqnc royalc dc Belgique, cabinet de
mon n.i ics, lnventar-Nr. 23-445, unpublizicrr.
Nachweis in der I’ilgcr/.eichenkariei Kurt
Kosrcr, Borintyp St. Philibert, Tournus
332 Kat. Worms iooi. Nr. 72, S. 113f. Eine
altereSainmelaufnahmeindcr I’ilgcncichcn-
kariei Kurt Rosier (Worms Тою IV, Nr. 53)
zeigt, dassdic Figur einen ebenso gekriinnn-
ten Bischofsstab in dcr Hand hielt wic tinse-
rc Nr. 240.
243 Wappcnschildformiger, dreischali-
ger Gitterguss mit Resten der Nadel und
Nadelrast auf der Riickseite
lnventar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.175
Mafie: Hohe 40 mm, Brcite 26 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 2. Halite des 15. Jahrhunderts
Vergleichsstiickc: keine
139
Heilige
einem Salvator-mundi-Bild (wic Nr. 27f.) gchorte, ersetzt. Der Standgrund scheint
ursprunglich breiter gewcsen zu sein, so dass sich neben der Bischofsfigur moglicher-
weise noch cine Assistenzfigur, ctwa cin Adorant, bcfand. Die Zerstorungen und Ver-
anderungen erlauben es nicht, das ursprunglich qualitatvollc Werk einem bestimnuen
Pilgerzeichentypus zuzuordnen. HK
Stehender Bischof mit Adorant im Blutenkranz (242)
Der kleinformatigc Gitterguss ist schwer einzuordnen. Schon die Frage, ob es sich
um ein Zeicben oder einen Beschlag o.ii. handelt, lassc sich kaum entscheiden. Die
Deutung der frontal stehenden und nimbierten Bischofsgestalt, der mit Albe, Kasel
und Mitra bekleidet ist, hangt von der Interpretation jenes Gegenstandes ab, den
sie in der linken Hand rragt. Man konnte an eine Pflanze oder Ranken denken.
Moglich ware auch, bier ein Hammendes Her/, das Attribut des hi. Augustinus, zu
sehen. Auch der florale Blumenkranz, der den Rahmen bildet, und die kleine Figur
des knieenden Adoranten geben wohl keinen klaren Hinweis auf die Identitat der
dargestellten Figur. HK
Stehende Marienfigur und heiliger Bischof in wappenformigem Rahmen (243)
Das wappenschildformigePilgerzeichen, das von einem Lilienbandgekrontwird, greift
ein auch sonst bei Pilgerzeichcn iibliches Motiv auf.1" Fiir die Zusammenstellung einer
stehenden Marienfigur mit einem heiligen Bischof im Bildfeld ist aber bishcr nur eine
Parallele aus der Sammlung Bossard bekannt, in der sich ein runder Gitterguss mit
einer ahnlichen Darstellung befand.1" Daher muss die Herkunft des Zeichens vorerst
ofFenbleiben. HK
333 Vgl. bier 7.B. K.unlog-Nr. 127,224
334 Hu.niNC 1911, S. 75, 1'afcl XXXVI, 6. Rei-
hev. o., l.v.l.
Zwei Heilige in Architekturrahmen (244)
Der Archirekturrahmen wird von zwei spitzgiebligen Nischen mit Maftwerk und Fia-
len gebildet. In der linken Nische steht frontal eine Figur, die wegen der Beklcidung
mit einer Dalmatika (?) wohl als Diakon anzusprechen ist. In der linken Hand tragt
sie ein (Evangelien-)Buch, in der rechten einen Palmzweig oder Stab. In der rechten
Nische thront eine Gestalt, deren linkc Hand zum Segensgestus erhoben ist. Eigen-
rumlich ist die Gestaltung der Kopfe, die nicht nimbiert sind und spitzkeglige Hiitc
(Judenhiite?) tragen. Moglicherweisebestehcn Verbindungenzu einem fragmentarisch
erhaltenen Zeichen in Worms, das ebenfalls zwei Heilige in Architcktumischen mit
Mal?werk darstellt. Auch hier halt die linkc Figur cin Buch und eine Martyrerpalme
in den Handen, wahrend der rechre, srehend abgebildete Heilige mit Albe und Kasel
bekleidet als Bischof gezeigt wird.1" Eine Identifikation der Darstellung war bishcr
nicht moglich. HK
335 Kat. Worms zooi, S 1.37, Nr. 105. Hcidc
Kopfe und die I landcdcr Uiscliolsfigur feli-
Icn. Die linkc Figur wird mi Wormser Ka-
talogals weibliclie Heilige .mgesprochen.
Bustenreliquiar eines heiligen Bischof (hi. Dionysius?) (245)
Das Pilgerzeichen stellt in einem sechseckigen Rahmen das Bustenreliquiar eines Bi-
schofs dar. Dessen Innenkante wird von einem Perlstabornament und seine Aufien-
kante von einem Wiirfelaugenband umzogen. Dieser innere Rahmen wird von einem
runden Taustabring umfangen. Ein idcntisches Stuck, vom dem sich allerdings nur
der innere sechseckige Rahmen mit dem Bustenrcliquar erhalten hat, findctsich in der
Wormser Sammlung.3" Der Nimbus und der angedeutete Steinbesatz auf Kragen und 336 Kat. Worms 2001. S 139. Nr 108.
Mitra sind zu wenigspezifisch als dass cine Zuweisungzu einem bestimnuen Reliquiar
moglich ist. Jedoch konnte man an das beriihmte Kopfreliquiar des hi. Dionysius in
der Abtei in Saint Denis denken. Dieses Kopfreliquiar wurdc von verschiedenen Pil-
140
Pilgerzcicbeu
gerzeichentypen aus Saint Denis abgebildct, wobei allerdings stets das gesamte Motiv
der Rngelweisnng von dem Reliquiar-Vorbild iibernommen wurde.**7 HK
Hciliger Diakon mitSchwein (hi. Monon von Nassogne ?, Sainte-Monon, Gemeinde
Nassogne, Provinz Luxemburg, Bclgien) (246)
Die Interpretation dieses Pilgerzeichens ist komplizierr, aucli deshalb, weil esdaseinzige
bekannte Exemplar seiner Art ist. Die Darstellung eines frontal stehenden Heiligen,
dem auf seiner linken Seite ein Schwcin als Attribut beigegeben ist, lasst sofort an den
hi. Anronius denken. Einc gewisse Parallclc zu dicsem Zcichcn ist cin Stuck aus dem
Historischen Museum Basel, das den heiligen Eremiten in einer sehr ahnlichen Weise
mircincm Schwcin an seiner linken Scitcdarsrcllt.'-1* Dicscr Dcutung widcrsprichraber
die Tonsur und Gewandung dcs Heiligen, dcr iiber der Albc cine Dalmatik tragt und
damit als Diakon gekennzcichnct wird. Eine mogliche Losung dieses Ratsels ist cs, in
der bigur den hi. Monon von Nassogne zu erkennen. Der schottische Eremit wurde
um 650 bei Nassogne in den Ardennen ersclilagen. Ubcr seinem Grab wurde sparer
eine Stiftskirche errichtet. Seine Darstellung im Gewand des Diakons ist tiblich. Sein
Attribut ist ein Schwein, weil dieses Tier fur den Einsiedler eine Glocke aus der Erde
gewiihlt habe.vw Wenn diese Deutungzutrifft, so ist der Gcgenstand, den der Heilige
in seiner rechten Hand halt, wohl als jene Glocke zu versrehen. HK
244 Hochrechteckiger Gitterguss mit
Architekturrahmen, auf der Riickseite
sind Nadel und Nadelrast sowie noch vicr
Haltezungen /.ur Pixicrung einer Hinter-
legung erhaltcn
Invcniar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.282
Mafic: Hohc48 mm, Brcitc 37 mm
Material: BIci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhuiulcrt
Vcrgleiclissiiickc: Kat. Worms 2001, S. 137,
Nr. 105 (r)
245 Runder dreischaliger Gitterguss,
Reste dreier von urspriinglich vier Osen,
zwei von wohl urspriinglich vier Halte-
zungenam aufieren Rand erhalten.aufder
Ruckscitc Reste dcr Nadelrast
Inventar-Nr.: UI’M 5734
Mafic: Hohc 33 mm (39 mil Zunge), Breite 32
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrlmndcrt
Vergleichsstucke: Kat. Worms 2001. S. 139,
Nr. 108
Literal 11 r: Kat. Prag 19K6, S. 23, Nr. 165
337 Vgl. But:nл 1996. S. 1281.
338 Hisiorischcs Museum Basel. Invcuiar
Nr. 1904.2145.
339 Vgl. likkart Sauslr, Art. Monon, in: Bio-
graphisch-BiblingraphischcsKirchenlcxikon
17, 2000, Sp. 986.
246 Pilgerzeichen, hochrechteckiger,
rahmcnloser, dreischaliger Gitterguss, auf
der Riickseite Nadel und Nadelrast
lnveiuar-Nr.: Nationalmuscum Prag 112-68.239
Mafic: Hohe 55 mm, Breite 30 mm
Material: BIci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundert
Vergleichsstuckc: keinc
Kopfreliquiar cines Martyrerdiakons (hi. Quintinus?, hi. Vincentius?,
hi. Stephanus?) (247-254)
In den grcifieren Sammlungen franzosischer Pilgerzeichen gibr es srets cine Reihe von
Werken, welche die Biisce cines Diakons /eigen, die meist in runden oder seltener vier-
eckigen Rahmcn dargestellt vvird. Diese В listen sind wohl immer als Wiedergaben
bestiinmter Kopfreliquiarc anzusprechcn. Schon Forgeais hat zwei unterschicdliche
Typen diescr Kopfreliquiarc untcrschicdcn. In dem einen Fall handclt es sich um cine
Biistc, bei der vom Kragen aus zwei Streifcn, wohl dicClavi, schriig nach an fieri laufen;
diese Pilgerzeichen sollen nach Forgeais den 111. Quintinus darstellen. ’111 Nun ist durch
die Inschrift sovvie die spezifischen Attribute, namlich die Nagel, welche zu beiden
Seiten in die Schultcr des Heiligen gebohrt sind, ein Pilgerzeichenbrakteat cindeutig
als Darsrellungdes hi. Quintinus bzw. von dessen Biistcnreliquiar anzusprechcn. Bci
diescr Darstellung vcrlaufen die Clavi allerdings vom Kragen aus nach innen.,',‘ Damit
diirfte die von Forgeais vorgeschlagene Deutung in Frage stehen.
Die zweite Deutung cines Zeichens mir dem Biistenreliquiar cines Diakons durch
Forgeais betrifFt ein rundes Zeichen, bei dem das Reliquiar aufbciden Seiten durch zwei
traubenartige Dolden oder Baumchen flankiert wird. Forgeais hatte jene «orncmcnrarion
vegetale« als Hinweis auf Wcinrrauben interpretierr und daher in dem Dargestellten
den hi. Vinzenz, den Patron der Winzer, selien wollen.-M2 Allerdings zeigt gerade das
340 l-oiuaiAis iS6i. S. 1941.. par. Bri.na 1996.
S. 2(101.. Nr. 31(1.
3 41 Vgl. 111» I. S. 47 mil Abb. mid К at. BrOggii
2006. S. 233. Abb. 17.12. Vgl. aucli die Ka-
lalugubcrsichi bci van Asim:ri-n 2009.
S. 55‘)f., Nr. 38.1. In alien angefiilinen lici-
spiek-11 wird der 111. Quiniiiuis Mels mil den
Niigeln in deli Selinlierii dargcsicllt.
342 l-oRta.Ai.s 1865. S. 1711.
247 Pilgerzeichen, drcischaliger, rahmen-
loser Gitterguss, Biiste eines hi. Diakons
im runden Rahmen, der mit von drei
uberdimensionalen Palmwedeln gckront
wird, auf der Riickseite Reste von Nadcl
und Nadelrast
Invcniar-Nr.: UPM 5657
Mafic: Hohc 70 mm, Breiie 40 nun
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundert
Vcrglcichssiiicke: keine
I.iteraiur: Koknicsmarkova 1977- S- 83. Nr. 52.
- К at. Prag 198O. S. 23, Nr. 163
248 Anhiinger im runden, breiten, sc-
parat gegossenen Rahmen, das runde
Bildfeld von Wurfelaugeiulekor gerahmt,
Biisre cines hi. Diakons von zwei Kerzen
flankiert, Bildfeld oder Hinterlcgung auf
der Riickseite verlorcn
Invcntar-Nr.: UPM 5712
Mafic: Durdimcsser 42 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirluindeit
Vcrglciclissiiieke: kei 11c
l.iicrarur: Koknigsmarkova 1977, S. 82, Nr. 51
249a Gussmodel mit Darstellung des
hi. Vincentius nach Gay 1887, S. 152
142
Pilgerzeichen
von Forgeais vorgestellte Exemplar in den floralen Gebilden eindeutig Eichelfriichte,
sodassdie vermeintlichen Trauben wold als Eichenbliitter anzusprechensind.Vicror
Gay verofFentliclue hingegen schon 1887 die Abbildung eines Gussmodels, das cine
von zwei kerzentragenden Engeln flankierte Reliquienbiiste sowie ein Wappenschild
mir den Buchsraben »S:V« zeigr, die links und rechrs von zwei Weinrrauben eingerahmt
werden, als Zeichen des hi. Vinzenz.’44 (Vgl. Abb. 249a) Ein aus diesem oder einem
vergleichbaren Model stammender Guss ist bisheraber nichtbekanntgeworden. Daher
ist die Identifikation mit dem hi. Vinzenz fur jene Zeichen mir den beiden Baumchen
oder Dolden und damit ihre Zuweisung nach Le Mans bzw. Castres zuletzr im Клт.
Worms 2001 auch in Frage gestellt worden’1' obwohl Bruna 1996^’ an ihr festhielt.
Fiir unsere Nr. 247-250 ist von Helena Koenigsmarkova 1977 auch eine Deutung
als hi. Stephanus ins Gespriich gebracht worden, was ikonografisch denkbar ist.
Bei dem gegenwartigen Forschungsstand crscheinr cine Zuweisung der Prager Zei¬
chen an bestimmre heiligen Diakone schon deshalb unmoglich, weil hierfur zunachst
Klarheit iiber die Reliquiare bestehen miisstc, auf welche die Darstcllungen Bezug
nehmen. Es muss daher an diescr Stclle geniigen, auf einige signifikante Darsrcllungs-
konventionen hinzuweisen. Ob diese Beobachtungcn zu ciner kiinftigen Identifikation
beizutragen vermogen, wird sich zeigen.
249 Pilgerzeichen, runder, dreischaliger
Gittcrguss, dcr Rand mit Wiirfelaugen
und von Kiigelchcn umzogen, Biiste eines
hi. Diakons zwischcn zwei Baumchen, auf
dcr Riickseite Nadel und Nadelrast sowie
zwei von ehemals wohl vier Haltezungen
zur Befestigung einer Hinterlegung
Invcntar-Nr.: UPM 5719
Made: Durclmicsser 28 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15- Jalirlumdcrt
Verglcichssiuckc: K,vr. Worms loot, S. 143,
Nr. 114
Litcratur: Koenigsmarkova 1977, S. 81, Nr. 49.
- Клт. Prag 1986, S. 23, Nr. 161
250 Pilgerzeichen, runder, dreischaliger
Girrerguss, der Rand innen und auften von
Perlstab umzogen und mit einer Lilien-
krone bekront, Biiste eines hi. Diakons
zwischcn zwei Baumchen, auf der Riick-
scirc Nadel und Nadelrast sowie drei von
urspriinglich vier Haltezungen zur Fixie-
rung der Hinterlegung
Inventar-Nr.: UPM 5720
Mafic: Hohc (mil Bckronung) 31 mm. Durcli-
messer 23 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrnng: 15. Jahrhundert
Vergleichssiiicke: Kat. Worms loot, S. 140,
Nr. 109; S. 145, Nr. 120. - Brcna 1996, S. 212,
Nr. 329
l.itcratur: Koenigsmarkova 1977, S. 82, Nr. 51
343 Vgl. ebd. und Brosa 1996, S. 213, Nr. 331.
344 Gay 1887, S. 152. Das Model hat sielt bis
lieute crhaltcn, vgl. Brcna 1996. S. 2561.,
Nr. 693.
345 Kai. Worms 2001. S. 140.
346 Bruna 1996, S. 2111'.
251 Pilgerzeichen, quadrat ischer, aufder
Spitze stehender, dreischaliger Gitrerguss,
Biiste eines hi. Diakons, Reste von Nadel
und Nadelrast aufder Riickseite, wohl ur-
spriinglich vier Haltezungen abgcbrochen
lnvcniar-Nr.: UPM 5730
Mafic: Hohe 26 mm, Brcitc 26 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundert
Vcrglcichsstiicke: keinc
Litcratur: Koenigsmarkova 1977, S. 79, Nr. 47
Heiligt
ИЗ
Signifikant isc, class die Nr. 247-253 alle ein iihnliches Reliquiar abzubilden schei-
ncn, das durch einen bctonten Kragcn sovvie zwei liber die Scliultcr schrag nacli innen
Iaufende Streifen - wold die Clavi - gekennzcichnet wird. Innerhalb dicser Gruppe
scheinen die Nr. 248 und 253 besonders ahnlich zu scin, da bier die Clavi niclu ganz
so schrag wie bei den andcrcn Zeichen fallen und scirlich neben und zwischcn ihren
Streifen jeweils ein Wiirfelaugc angebraclu ist. Nur die Oberflache der Biiste von
Nr. 254 ist auffallig anders gestaltet, denn sie ist schrag gegittert und in jedem Feld
mit einem Punkt besetzt, was an die Musterung des von Gay publizierten Gussmodels
erinnert. Ob die flankierenden Kerzen (Nr. 248) odcr Baumchen (Nr. 249f.) und die
Formen der Rah men und deren Vcrzierung cine Rolle fur die Identifikarion spielen
konnen, ist cine wcitcre oftene Fragc. HK
252 Pilgerzeichen, quadratischcr, aufdcr
Spitze stehender, dreischaliger Gittcrguss,
identisch mit Nr. 251» aber auf der Riick-
scite sind Nadel, Nadelrast, drei von viei
Haltezungen und die Metallhinterlegung
erhaltcn
lnvcmar-Nr.: U1>M 5737
Майе: Hohe 28 mm, Brcitc 28 nun
Maicrial: Blci-Zinn
Datierung: 15- Jahrhundcrt
Verglcicltsstiickc: keine
Litcramr: Kocniosmarkova 1977. S. 78. Nr. 46.
- Kat. Prac; 1986. S. 23, Nr. 162
253 Pilgerzeichen, plakettenartiger,
neuneckiger dreischaliger Cuss mit Nadel
und Nadelrast aufdcr Riickseire, im Flach-
relief Buste cincs hi. Diakons, umzogen
von Pcrlstabdekor und einem Band mit
Wiirfelaugen
lnvmtar-Nr.: UPM 5754
Майе: Hiilic 30 mm. Brcitc 27 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundert
Vcrgleichs.stiicke: keine
Literatur: Koi-nicsmakkova 1977, S. 84, Nr. 54
254 Wahrscheinlich Bildfeld eines An-
hangers (ahnlich Nr. 248); das runde
Bildfeld von Wiirfdaugendekor gerahint
und mit Perlstab umzogen, Biiste eines hi.
Diakons untcr MaRwcrk, links und rechrs
von Bliitenranken Hankiert, Ruckseiceplan
lnvcntar-Nr.: NationalmiLscnm I’rag H2-68.141)
МаЙс: Durchmcsscr 41 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrluindcrt
Vergleichssiiicke: keine
144
Pilgerzeichen
Kardinal (hi. Hieronymus?) (255)
Die Deutung der stchenden Figur, die durch einen Kardinalshut (Calero) und den
I alar als Kardinal gckcnnzcichnct isr, ware noch rarselhafrer, wenn nicht ein selir alin-
liclier Seine-Fund aus der Sammlung Gay wcircre Teilc dcr chcmaligcn vollsrandigen
Darsrellung verraten wiirde: Rechrs neben dem Kardinal stehen auf einem sich nach
auRen verjiingenden Standgrund zwei Kriicken, die wolil als Vorivgaben zu verstehen
sind.-v'7 Lcidcr ist auch bei dicsem Pariscr Exemplar dcr rcchtc Tcil des Standgrundes 347 Vgl. Bri.-na 1996. S. 269. Nr. 515.
abgcbrochen, so dass ein moglicherweise dorr befindliches Bilddetail fehlr. Da die
Figur nicht niinbiert ist, stellt sich die Frage, ob es sich iibcrhaupi uni cine Heiligen-
darsrcllunghandclr, was frcilich durch die Vorivgaben nahcgclcgrwird. Moglicherweise
handelt es sich trotz des fehlenden Nimbus um eine Darstellung des hi. Hieronymus,
dem evtl. der I .owe auf der rechten Seite als Attribut beigegeben war. HK
Fragmenr eines Pilgcrzcichens (Einhornjagd ?) (256)
Fur das Fragment eines Pilgerzeichens, von dem nur ein Teil des Rahmens mit einer
Figur crhalten ist, lasst sich gegenwiirtig keine Parallele oder gar der Pilgerzeichentypus
255 Pilgerzeichen, drcischaligcr rahmcn-
loser Gitterguss, Nadelrast auf der Riick-
seite crhalten, Standgrund verbogen (?),
links und rechts weggebrochen
Inventar-Nr.: Nationalmuscum I’rag H2-68.228
Mafic: I folic: 25 mm, Breite (noch) 16 mm
Material: Blei-Zinn
Datiening: 15- Jahrhundcrt
Verglcichssiiickc: Bruna 1996, S. 269, Nr. 515
256 Pilgerzeichen, wohl zwcischaliger,
(quer- ?)rechteckiger Gitrerguss, nur linker
Rahmen und Reste der Standleiste und
linke Figur (Jager?) erhalten
Inventar-Nr.: Nationalmiiseum Prag H2-68.226
Inschrift: in Majiiskcln: .[BENEDICTA TU IN
MVLIERIBUJS a ET a BENEDICTVS a
FRV[Cri'VS VEN'I RIS TL'I)-
Mafic: I lohe (noch) 61 nun, Breite (noch) 21 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: Mine 2. Halftcdcs 14. Jahrhundcris
VcrglcichsMucke: keinc
tieilige
145
angeben. Offenbar bandcltc es sicli uni cin (qucr- ?)rechteckiges Zeichen mit vicr Osen.
Die Majuskelinschrifi und die Klcidung der Figur verweisen seine Entstehung in die
Micce oder spatesrcns die zweite 1 liilfte des 14. Jahrliiindcrrs. Der markante Jagerhut
und der von der Figur gehaltene Pfeil (?) konntcn zu einer Jagdszcncgchort haben. Der
erhaltene Tcil der Inschrift »S о F.T о BENF.DICTVS о FRV« lasst sich leiclit /.uni
Ave Maria bzw. zuni Grufider Elisabeth (Lk 1,42) erganzen. Vordiesem Hintergrund
konnte es sich bei deni Zeichcn um cine Darsrellung der F.inhornjagd als Symbol der
Empfangnis Christi durcli Maria handcln. HK
Nachtrag zu Maria in einer Lilie (Nr. 109) (257)
Kurz vor Abschluss des Katalogs srellte sich heraus, dass ein Nr. 109 schr ahnliches
Zeichen bislier iibersehen worden war. Aus satztechnischen Griinden wird dieses Zei-
chen hier als Nachrrag aufgenommen. Moglicherweise besaft die Sammlung nocli ein
weiteres identisches oder schr ahnliches Zcichcn. Dieses Objckt (Inventar-Nr. UPM
5651) lieE sich nicht in der Sammlung auffinden. Zwar existierr eine Karreikarte mit
knapper Beschrcibung, aber kcine Fotografie. Daher muss der unsichere Hinweis auf
die mogliche Ahnlichkeit mit den Nr. 109 und 257 hier ausrcichen. HK
257 Pilgerzeichen, dreischaliger ralimeii-
loser Gitterguss mir Nadel auf der Riickseitc,
Marienfigur aus eineni Lilienornainent
waehsend
Invcntar-Nr.: UPM 98.972
Material: Blci-/.inn
Mafic: Hohc 52 mm
Datierung: 2. Hiillic lS./lriihes 16. Jalirluindcrc
Vcrglcichsstiickc: Nr. 109, Biuina 1996. Nr. 142
146
Devotionalien
Engel (258-260)
Sclion die cliristliclie Ikonografie des Friihmittelalters kennt Engelfigurcn als Adoran-
ten oder Assistcn/figurcn. Zunachsr als groftc machrigc Gcschopfc dargcstellt, werden
sic ini I.aufc dcr Gotik immer mchr an das hofisclic Idcalbild cincs Jiinglings mil ju-
gendlichcn Ziigen und lockigem Haar angepasst.-*'’* In diesem Sril sind auch die drei
Engelfigurcn ausgefiihrt, die in dicser Gruppc zusammengefasst sind.
Bei Nr. 258 und Nr. 259 handelt es sich um naliezu identisclie kleinc zweidinien-
sionale Standfiguren im Seirenprofil. Die Engel tragen lange Gewiinder mir einem
abgesetzten Kragen. Es isr jcwcils ein halbaufgestcllrer, detailreich herausgearbeiteter
Fliigel zu sehen. Die Gesichter wirken eigentiinilich verfremdet — Augen und Nase sind
iibermaKig groK, letztere geht nahtlos in eine holie Stirn tiber. Das Haar ist halblang
und lockig. In den Handen halren die Figuren einen groften Leuchrer, unter dem sich
cine runde Basis ausbrciiel. Die Figuren liaben am uiuercii Rand zusatzlich zwei um-
gebogene Srcgc. Stcg und Leuchrerbasis dicncn dcr Stabilisicrung bcim Aufstellen der
Figuren. Auffallig ist die fast niodclglciche Ausfuhrung. Woraufsiegestellt vvurden bzw.
258 Standfigiirchcn, Vollguss, Engel
I iivcn tar-Nr.: UPM 5709
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holie 45 mm, Urcitc 20 mm
Datierung: 15. Jahrhundert
Yergleichsstikke: Nr. 230, Kosterkartci Tvpus
l-.ngel; .Sammlung Figdor siehc dAi.I.EMacne
1928, Tafcl l.Nr. 10. - Scherers 1981, S. 19,
Nr. 0. - Selir iihnlich: Клт. Dcsseldorp 1981.
S. 19, Nr. 6
l.iieratur: Koenigsmakkova 1977. S. 122,
Nr. 109. - К at. 1W 1986, S. 25, Nr. 182
259 Srandfigiirchen, Vollguss, Engel
Inventar-Nr.: UPM 98.980
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holie 45 mm, Brcitc 20 mm
Datierung: 15. Jahrhundert
Verglcichsstikke: Nr. 235, Kosterkartci Typus
Engel; Sammlung Figdor siche d’Ai.i.kmagni:
1928. Tafcl 1, Nr. 10. - Scherers 1981, S. 19.
Nr. 0. - Schr iihnlich, Клт. Dusseldoke 1981,
S. 19, Nr. 6 (Inv. Nr. 17748)
l.iteratur: Koenicsmarkova 1977,8. 122,
Nr. 110
348 Oskar Hol.i. (11. a). Art. Hiigcl, in: LC1 1,
Sp. 028.
260 Brosche, Flachguss, Rtickseirc Nadel
und Nadelrast
lnvcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag 112 08.147
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holie 20 mm. Breitc 15 mm
Datierung: 15. Jahrhundcrt/16. Jahrlmndcri
Vergleiclisstiickc: keinc
Miniaturretabel
147
ob sie Teil cines Ensembles waren, was zu veimuten isr, bleibt vorerst unklar. Leuditer
tragende Engel erscheinen aufvielen Pilgerzeichen - insbesondere aber auf den franzo-
sischen - als Adoranren oder AssistenzHguren von Mariengnadenbildern.,w Insofcrn 349
konnre hierin ein Hinweisaufdie lokale Herkunfr der beiden Standfigiirchen geselien
werden und unter Umstanden aucli aufeine Verwendung im Kontext der privaten Ver-
ehrung eincs Madonnenbildcliens. Die Prager Sammlung bcsal? ehcmals drei dieser
Figuren, eine ist 1903 an das Diisseldorfer Kunsrgcwcrbcmuscum verkauft worden. '51) 350
Ebenfalls im langen Gewand und mit lockigem Haar allerdings frontal und mit
hoch aufgestellten Fliigeln ist der Engel auf der Brosclie Nr. 260 dargestellt. Der
Kreuzstab, den er in der linken Hand sclirag vor dem Korpcr halt, und das nimbierte
Haupt kennzeichnen ihn als einen der Erzengel. Nur schwach zeichner sich leider der
Gegenstand ab, den der Engel in der rechten Hand triigt, und dessen unbestimmte
Form am ehesten mit beutelformig zu beschrcibcn ist. Um wclchen Erzengel es sich
hier genau handelt, hangt letzrlich davon ab, wie das undeutliche Attribut in seiner
rechten Hand zu deuten ist, denn nimbierte Haupter und Boten- bzw. Kreuzstab
gehoren zur allgemeinen Ikonografie der Erzengel.451 Michael scheidet hier wohl aus 351
und damit auch die Herkunft aus Monr-Sainr-Michel, da cr als einziger der Erzengel
schon seit dem 14. Jahrhundert cine spezielle eigene Ikonografie besitzt und haufig
in Riistung, immer aber als Drachentoter erscheint, wie die Zeichen vom Mont
Saint Michel zeigen.’52 Ebenfalls im 14. Jahrhundert begann man in der Kunst auch 352
die ubrigen Erzengel /war immer noch in gleicher Tracht darzustellen, sie aber mit
unterscheidbaren Attributen auszusratten.'5’ Die typischen Beigaben des Erzengels 353
Gabriel, Olzweig, Lilienstengcl, Palmzweige bzw. Schriftrolle, passen nicht zu dem
undeutlichen Objekt in der Hand des Erzengels.’"”4 Glciches gilt fur die Attribute der 354
Erzengel Uriel, dargestellt mit Schwert, Elamme bzw. Laterne, Sealthiel, als Adorant
kniend dargestellt, Barachiel, mit Rose, und Jehudiel, Krone und GeifSel. Am ehesten
lasst sich die beutelformige Struktur in der rechten Hand wohl mit dem Erzengel
Raphael in Verbindung bringen, dem gestalterisch ein Fisch oder eine Biichse mit der
Fischgalle beigegeben wurden, Sinnbilder seine Heilung des mit Blindheit geschlage-
nen alten Tobias.”5 Ob dieses Zeichen explizir einem Herkunftsort zuzuordnen ist, 355
muss vorerst ofFen bleiben. CB
Miniaturretabel (261-264)
In den Kontext privater Frommigkeit gehoren kleine Klappaharchen mit zwei Fliigeln,
die es wie die Altarretabel in den Kirchen.den diese Miniaruren nachempfunden sind,
ermogliehten, das darin befindliche Heiligenbild zu bestimmten Zeiten zu verbergen.w’ 356
Auf die Innenseite der Riickwandc der Altarchen konnte ein Bild aufgemalt oder eine
kleine gegossene flache Abbildung eines Gnadenbildes cingelegt werden.’5’ 357
Bei den Objekten 261-264 handelt es sich um viereinzelneTurchen solcher Klapp-
altare, samrlich in hochrechteckiger oben in eine geschwungcne Spitze auslaufender
Form und ein oder zwei (Nr. 261) Turangeln. Sowohl in der Ausfuhrung als auch in
ihren Dimensioncn weisen sie untereinander so grolSe Ubcrcinstimmungen auf, dass
man versucht ist, an die Herkunft aus einer Werkstatt zu denken. Aufgrund des Fund-
ortes und eingedenk des Umstandes, dass es sich hier nicht wie bei den Pilgerzeichen
unbedingr um Reisesouvenirs handcln muss, kame der Raum Paris in Frage.
Nr. 261 zeigt auf dcr Vorderseite vor einem schwach stramingemusterten Hintcr-
grund eine Heilige, wohl Maria Magdalena, im langen faltenrcichen Gewand. Das
nimbierte und von einem Schleier bedeckte Haupt ist bis zum Halbprofil nach rechts
gewandt. In beiden Handen halt sie vor dem Korper ein GcPdft (wohl ein Salbgefaft).
Ober ihrem Haupt ist MafSwerk angedeutet, das sich bis in die Spitze des Flugels zieht.
Der gesamte Fliigel ist von einer Perlschnur umiahmt. Die Ruckseite ist analog aus-
gefiihrt, nur dass start der Heiligen ein Kreuzstab, bei dem das Krcuz von einer Raute
Vgl. Iiicr K.iulog-Nr. U2f.. 132 nnd 133.
Sen ti*t rs 1981, S. 19. Nr. 6.
Oskar Mon (и. л), Лп. Engel, in I.Q 1.
Sp. 63II. - P.1II1 Lucciilsi, Ai 1. Erzengel, in:
LCI 1. Sp. 6781"
Sidle lucr 1111 Kauloi;. Nr 206-213. 215,
216
I’nlli 1 uci Hhsi, Art. Erzengel, in: LCI 1. Sp.
675 If.
Palli Lucciif.si, Art. Gabriel, Erzengel, in:
LCI 2, Sp 75.
Oskar I lot.L(u.a),Art. Raphael, Erzengel, in:
LCI 3. Sp. 496.
Norlim Woli-, An. Relabel, in- LDM 7, Sp.
762 f.
I ci/iercszeigcn cntsprctlienilc Puntl / R in
Paris oder auch Strnlsund. Rkuna 1996,
S. 274. Nr. 530: Ansorci: 2008. S. 95.
148
Dewtionalit
umlaufen wird, erscheint, der auf cincr zwcigctcilten Mafiwcrkstrukrur aufsteht. Auch
Nr. 262 zeigt Maria Magdalena — bier mir frontalem Antlirz. Diesonsrigen Gesraltungs-
elemente, auch auf der Riickscitc, stimmcn bis auf kleine srilistische Abweichungcn
fast giinzlich niit Nr. 261 iiberein.
Auch Nr. 263 zcigr cincn srramingemusrerren Hinrergrund, vor dem der aufer-
standene Christus mir Kreuznimbus, Lendentuch und Dorncnkrone zu schen isr.
Die rechte Hand ist zum Segensgrufi erhoben, die linke prasentiert das Wundmal.
Dcr Hciland erscheinr frontal, vvobei er ab der Hiifte abwarts nach recht eingedreht
ist, die Bcine stchcn hintcreinander, so dass er scheinbar aus dem Bild heraustritt.
Auch hier ist iiber dem Haupt angedeutetes Maftwerk sichtbar. Die Szenc umrahmt
ein planes Band ohne Verzierung. Auf der Ruckseite steht ein Engel im Profil, die
erhobenen Fliigcl weisen in Richtung dcr Tiirangcl, von scincn Handen schwingt
ein Spruchband in die Hohe, welches die ersten zwei Worte des Englischen Gruftcs
tragt: »ave maria«
Finen ebensolchen Engel mit Spruchband tragt auf der Vorderseitc der Turfliigel
(Nr. 264). Dieser kniet vor einem wicdcrum stramingemusterten Hinrergrund, der
von einem unverzierten Rand umlaufen wird, auf einem ahnlich gemusterten und zu-
satzlich mit kleinen Kugeln in den Straminrauten versehenen Podesr. Die Ruckseite
tragt wiedcr den Kreuzstab in der Art, die schon fur Nr. 261 und Nr. 263 beschrieben
wurde. CB
261 Flachguss, linker Flugel eines
Miniaturaltiirchens
Inventar-Nr.: UPM 5760
Material: Dlei-Zimi
Mafic: Hohe 56 mm, Bicitc 17 mm
Daticrung: spates 14./15- Jahrhitndert
Vergleichsstucke: keine
Litcrautr: Koenics.markova 1977, S. 120,
Nr. 106. - Kat. Prac 1986. S. 25, Nr. 184. -
К at. Olomouc 2006, S. 227, Nr. 98
262 Flachguss, rechter Fliigcl cincs
Miniaturaltiirchens
Inventar-Nr.: UPM 98.956
Material: Blei-Zitm
Made: Hohe 60 nun, Brcire max. 17 mm
Daticrung: spates I4./15-Jahrhundcrt
Vergleichsstucke: Brun'a 1996, Nr. 530, S. 274f.,
Nr. 530, und 534f. - Kat. Berlin 2008, S. 283,
Nr. 38
Litcracur: Kof.nicjsmarkova 1977,S. 1201'., Nr. 107
263 Flachguss, linker Flugel eincs
M i n iatu ralta rchens
Inventar-Nr.: UPM 5759
Inschrift: in Minuskcln "avc maria.< (Ruckseite)
Material: Blci-Zinn
MaBe: Hohe 61 mm, Brcite 1,47 mm
Daticrung: spates 14./15- Jahrhundcrt
Vergleichsstucke: keine
I.ireratur: Koenigsmarkova 1977, S. 121,
Nr. 108
MiniaturschreinelAluirchen
149
Miniaturschreine/Aharchen (265-268)
Vicr Objekre der Sammlung gehdren zu finer Gruppc von Gcgenstandcn, deren
genauer Zwcck bzw. Fiinktionswfi.se unklar sind. Da her sollen die Bezeichnungen
»Miniaturschrein« und »Alt;irchen« als vorlaufige Formulicrtmgcn versranden werden.
Klarer hingegen ist der urspriingliche Sitz im Alltag, bci dem von einer Verwcndung
im Rahmen der personliehen Devotion auszugehen isr.
Die im Folgcnden als Miniaturschreine bczeiclineten zwei Girtergiisse sind Teile
klciner sch rein form iger Kistclicn odcr Bcschlage bzw. Verzicrungen derselbcn. Insbc-
sondcre die Stiicke Nr. 265 und Nr. 266 sind in deutlicher Anlelinung an spiitmittel-
alterliche Schrcinreliquiare gestaltet. Es sind Seitenvviinde - teilweise mit Dach und
Giebcl (Nr. 266) - bei deren Ausgcstaltung unverkennbar gorische Bauelementc, wic
Maftwerk und spitzbogige Fenster, Vorbild waren. Das Exemplar Nr. 266 zeigr den
Schreincharakrcr am deutliclisten. Erhalten sind zwei Seitenwiinde, je direkt daran
anschlieftend oben das Dach und vorn die Gicbelwand. Diese zeigr einen heiligen
Bischof mit Kreuzstab, dcr auf einem niedergeworfenen Drachcn steht. Links von
ihm knier einen Adorant, der cine Kerze empor halt. Aufgrund des in Frankreich
zu vcrniutenden Ursprungs des Objektes konnte es sich bei dem Bischof um den HI.
Marcellus von Paris handeln, der allerdings iiblicherweise mit scincm Krummstab 358 S;lbinc K,.m Ли. ,w, Paris. in:
den Drachen durchbohrt.ViH Faltet man das Exemplar zusammen, erkennt man un- I.CI 7, Sp. 491.
264 Flachguss, rechter Flugel eincs
Miniaturaltarcliens
lnvcntar-Nr.: Natiimalmuscum 112 68.IU5
Inschrifr: »ave maria-
Material: Blei-Zinn
MaBc: Hohc 59 mm. Brcite max. 17 nmi
Darierung: spates 14./15. Jahrhundcrt
Verglciclisstiiekc: keine
265 Miniaturschrein, Girrerguss, querrechtcckige Seirenwand, eine Zunge auf der Riick-
seite
lnvcntar-Nr.: UPM 5640
MafSc: IHohe 20 mm. Brace 45 mm
Material: Blci-Ziim
Daticrung: 15. Jahrliunderr
Verglcichssriicke: К at. Berlin 2008, S. 2911'. dort Nr. 57, 58
l.iteratur: Koenicsmarkova 1977, S. 127, Nr. 120. - Клт. Prac 1986, S. 25. Nr. 186
150
Devotionalien
schwcr, dass aus dcm zwcidimcnsionalen »Bausatz« ein dreidimensionales Kastchen
mir Satteldach entsteht.-w' Das hier in zwci Einzcltcilcn wicdergegebene Stiick hat
Denis Bruna als ein zusammengesetzres Objekt abgcbildec und auch als 3-D Rekons-
truktion dargestellt.’60
Nr. 265 ist ebenfalls mit angedeutcten, hicr sehr spitzcn gotischen Fenster, die von
Siiulchen mit kugeligen Kapitellen getrennt werdcn, und cincm drcieckigen Maftwerk
ver/.iert. Auf deni Rahnien liiuft ein Zickzackband, dessen Drciecksfliichcn abwech-
selnd mit ciner Schragschraffur und einer auf der Spitze stehenden Drcieckskombina-
tion von drei Punkten versehen sind. Sowohl in seiner Gestaltung als auch in seinen
Maften passt es exakt zu zwei, nahezu identischen Exemplaren aus der Sammlung des
Berliner Kunstgewerbemuseums. Der einzige Unterschied bestehr im Fehlen des an-
gedeuteten Schliissellochs, wie es in der Mirte von Nr. 265 dargestellt ist. Auch hier
liegt der Gedanke nahe, in den Objekten Teileeines hier gleich mehrfach vorliegenden
Bausatzcs zu schcn.
Auch Nr. 267 und Nr. 268 waren urspriinglich Teile von Miniaturschreinen odcr
Klappalrarchen. Das wird an den tiberlangen Zungen deutlich, die an den Seiten
aus den Objekten herausragen und die cine Verwcndung als Klcidungszier unwahr-
schcinlich machcn. Nr. 267 zeigt in einer unregelmafiig viereckigen Architektur die
stehende heilige Katharina, nimbiert, bekront, mit ihrem charaktcristischen Rad in
der einen sowie einem Palmwedel in der anderen Hand. Auch in dem hochrechtecki-
gen Rahmen des Objektes Nr. 268 steht ein nimbierter Heiliger hier im bischoflichen
Ornat mit Mitra, Stola und Kasel und einem verzierten Krummstab, den er rechts
neben sicli halt. Eine Identifizicrung des Bischofs ist vvegen der fehlenden spezifischen
Attribute nicht moglich. Die vier Werke besitzen kleine Zungen auf der Riickscite,
die nahe legen, dass die Miniaturen von innen mit farbigem Papier o. a. hinterlegt
worden sind. CB
266 Miniaturschrein, Gittcrguss, zwci
querrechteckigc Scitenwande mit Dach-
flache und ein Giebel, 13 Zungen auf der
Riickseite, zwei Verschlussdsen crhaltcn
Inventar-Nr.: UPM 5641
Mafic: Hohc 23-50 mm, Brcirc 32-44 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundert
Vcrgleiclisstiickc: keine
I.itcratur: Koenicsmarkova 1977-5. 127,
Nr. 121
267 Miniaturschrein, Gittcrguss, Frag¬
ment mit vier Zungen, Giebel?
Invcntar-Nr.: Nationalmiiseum H2-68.135
Mafic: Hohc 56 mm, Breitc 39 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundert
Verglcichsstiickc: keinc
359 Sichc auch Hri.na 1006. S. 298. Nr. 1141.
360 P.hd. S. 298, Nr. 114.
268 Miniaturschrein, Gittcrguss, Frag¬
ment mit zwei Zungen, Giebel ?
Invcntar-Nr.: Nationalmiiseum H2-68.I82
Mafic: Hohc 34 mm, Breite 35 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundert
Verglcichsstiickc: keine
Kronen
151
Kronen (269-289)
Eine Besonderlieit dcr Pragei Sammlung, die in anderen Kollektionen nicht in dersel-
ben Haufigkeit auftrittu’’, sind diegroRe Zahl von Miniaturkronen. Essind insgesamt 361
21 Werke, deren markantcs Charakteristikum - neben einem bandformigen Korpus,
der so bci keinem Pilgerzeichen auftritt - ein auffalliges konstruktives Merkmal ist:
An den schmalen Vcrrikalenden befinden sicli auf der einen Seine Zungen und auf der
anderen Seite cnrsprechcnde Aussparungen, in welchedie Zungen eingesteckt werden
konnten. Wie bei den gerade beschriebenen Miniaturschreincn (siche Nr. 265-268)
handelt es sicli also urn eine Arr »Bausatz«. Die Enden konnten zusammengebogen
und so aus dem Band dreidimensionale Kronclien gefornit werden, die liinsiclitlicli
ihrer Verwendung Fragen aufwerfen.
Da die meisten der vorliegenden Stiicke beschadigt oder sogar nur fragmentarisch
erhalten sind, zeigt sich die vollsrandige urspriingliche Gestaltung nur bei Nr. 276
und Nr. 280. Sic gleichen sich untereinander sowolil in ihren Dimensionen, die eine
Hohe von vier Zentimeter und (im zusammengebogenen Zustand) einen Durchmcsscr
von drei Zentimetern kaum iibersteigt, als auch in der Gestaltung, die um zwei zen-
rrale Bildthemen kreist: die Epiphanie Jesu und die so genannten Monatsbilder. Ein
Teil der Objckte besteht aus einer Figurenleiste (Nr. 269-276 und 289), iiber der die
Zacken der Krone in Form von Lilien, Eichenlaub - seltener auch anderes Blattwerk
- dargestellt sind. In einem Fall erscheint in diesem Bereich zusiitzlich die thronende
Gottesmutter mit Jesusknaben. Andere Stiicke bestelien aus einem ornamental ge-
schmuckren Reif(Nr. 277-281).
Sieben Exemplare (Nr. 269-275) zeigen die Heiligen Drei Konige, die der Gottes¬
mutter ih re Gaben reichen bzw. ihrc Gaben prasentieren. DiekunstlerischeAusfiihrung
variiert dabei stark. So zeigt das Fragment Nr. 271 in detaillierter Darstellung Maria im
Wochenbett mit dem srehenden Jesuskind mit Kreuznimbus. Rechts und obcn sind noch
Reste der Stallarchitektur zu erkennen (Balken und Schindeldach). Der Knabe streckt
die linke Hand nach einem undefinierbaren Gegenstand aus, moglicherweise das Rudi¬
ment einer Gabe eines der Konige. Links sind drei der charakteristischen Aussparungen
fiir die Zungen erhalten, diese beweisen, dass es sich auch bei Exemplar Nr. 275, welches
(vermutlich) die stehende Gottesmutter mit Kind zeigt, um eine solche Krone handelt.
Auch Nr. 269f., und Nr. 272f. gehoren zu diesem Themenkreis, geben die typische
Ikonografie aber wesentlich schematischer wieder. Die Konige und die Gottesmutter
stehen einzeln, sind kaum aufeinander bezogen, sondern sehen den Betrachtcr frontal an.
Zusatzlich sind die Figuren durch grofle srilisierte Lilien bzw. Eichenlaub getrennt, das
gleichzeitig- abgesehen von Nr. 270, bei dem die Konige und die Gottesmutter in einem
separaten Bildfeld stehen - gemeinsam mit den Figuren die Zacken der Krone bildet.
Ebenfalls zurTliematikder Heiligen Drei Konige gehortwahrscheinlich Nr. 276, das
einzige vollsrandige Exemplar. In drei von vier separaten Bildfeldern, deren dreieckige,
kreuzbekronte Giebel innen von dreibogigem Maftwerk verziert werden, steht je ein
Hirte auf einer Wiese, zu deren FuBen je ein Lamm erscheint. Im rechten Feld ist iiber
einer Blume der Verkiindigungsengel zu sehen, dcr ein Spruchband mit einer hier nicht
lesbaren Inschrift empor halt. Bekront wird das Stuck von einem groften dreiteiligen
Arrangement aus Eicheln und Eichenlaub. Die zwei nur noch rudimenrar erhaltenen
Figuren, die iiber dem Giebel des Engelfeldcs stehen, sind evcntuell ein Verweis auf den
Kindermord von Bethlehem: Es scheint, als durchbohredie hinteregroKere Figur, deren
Beine in einer Rustung stecken, die kleinere nackte Gestalt davor mit einem Schwert.
Ob die kniende Gestalt, die auf dem Fragment Nr. 275 zu erkennen ist, einen der
Drei Heiligen Konige meint oder ob dieses Exemplar eher dem zweiten Themenkreis,
den Monatsbildern, zuzurechnen ist, ist unklar.1('2 Umso deutlicher rritr dieses Tlierna 362
bei Nr. 289 zu Tage, bei dem fiinf Monatsbilder in einzelnen Rundbogen erhalten
sind. Dargestellt ist iiber einem Band mit rundem Mafiwcrk ein Teil des jahrlichen
Die Berliner Samniliing bcsiizi set hi eni
sprcclicndc Objckte (Kat. Bi ri in 2008.
S. 286, Nr. 44, S. 28911'., Nr. 52-56, S. 292,
Nr. 59),Pariszehn,(BiujNA 1 ^ 9 0. S. 204-207,
Nr 314-323).AvciSuickcvcTzcichncil lugo
Hclbing in der Sammlung Bossaid, (H1.1-
iunc 1911, S. 75, Га I el 36). Die Sammlung
im Wormscr Stadtnuiseum besit/i ilrci Kru-
nenf’iaginenic Kai. Worms 2001, S. 1031’.,
Nr. 56-58. Eine Krone befindet sich im
A/iocrdesАл/»»л-/|»/(||с Viilfnaennei(Brlna
2006, S. 297, N1. I 12). emc wciteie 1111 Mu¬
seum van den Belfon in Gem (Kai Gt-N i
1975, S. 366, Nr. 64 5). Unrcr den 1’ilger/ei-
chen und DcMXinn.ilicn der .Sainmlinii; R.
Rieliebe.dieausdcrSaonegeborgen woiden
waren, hckindcn sich /wei Kiuncu (n’Ai.i-
hMAONh 1928). Eine Krone wurdc in 1.1 lie
(De]>. Pas-De-Cal.ns) gelunden.dcr Verbleib
ist unbekannt. (Tni'oixiiu 19U. S 687-
689). Ein Kroncnfi.igniciu belindet in der
Sammlnng Clemen iin Kolncr Kunstgewei-
bemuseum (H,u dkcki 1968, b. 72, Nr. 65).
In der I’ilgcr^cichcnkartei von Kun Kdster
im Germaiusclien Nationalmuseiim in
Nurnbcrg crscheinen uniei der gmfleu Ru-
brik der Pilgerzeichen mit deni Motiv der
Heiligen Drei Konige zwei solche Kronen
in Gestalt vonGlockcnabgussein Hesslingen,
Krcis Gifhorn, von 1423 und in I an bach,
Krcis GieEen, von 1470. (Kbsterkartei, Hci-
lige Drei Konige, Pranzosischcr Typus). Sic-
he dazu Khimmi 2012.
ZumThcma Monarsbildervgl. S1 koiimai 1 k-
Wlhm.RANIHRS 1999.
152
Devotionalien
Kronchen mil den Heiligen Drei Konigen (269-276)
269
Kronen
153
Erntezyklus, cin Motiv, welches explizit Teil der Portiilprogramme franzdsischer,M
sowie einiger oberitalicnischer,<" Kathedralen des 12./13. Jahrhunderts ist. Beginncnd
auf dcr linkcn Seite siehr man /.uniiclist cincn Baucrn. dcr Gerreide mir der Sicliel
schneidct und im nachsten Segment die Garben bindet (Ju I i /August). Da nil folgt die
Wcinlese im September, dargestellt durch cine Gestalt mit Kiepe aufdcni Riicken, die
ihre Hand an einen Weinstock legt. Der naclistc den Oktober verkorperndc Abschnitt
ist stark fragmentiert. Im unteren Bereich sind nocli ein Baucrn mit eincr Hacke und
ein brachliegcndes Getreidclcld zu erkennen. Im abschlieftcnden I;cld stcht cin Mann
mit einem Schwein oder Scliaf, Symbol fur die in den kaltcn Monatcn November und
Dczember beginnende Scldaelitezeit. Hier enden symbolisch das Jahr und real iter auch
der Reif der Krone. Die klcinen Monatsbildcben tragen iiber den Rundhogen jc cine
kleine stilisicrte Lilie, die auch in diesem Fall die Kronenzacken bilden.
269 Krone, Gitterguss
lnvcntar-Nr.: UPM 5635
Mafic: Hohc: 35 cm. Breitc: 100 mm
Material: Blei-Zinti
Daticrung: 15. Jahrhundcri
Vcrgleiclissiiickc: kcinc
270 Krone, Gitterguss, Riickseite: drei
Zungen
lnvcntar-Nr.: UPM 5638
Mafic: Hohc 30-45 mm, Breiic 81 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrliundert
Verglcichsstiicke: kcinc
Lireratur: Koenicsmakkoya 1977. S. 129,
Nr. 124. - Kat. Prag 1986, S. 25, Nr- 188
271 Krone, Gitterguss
Inventar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.279
Mafic: Hohc 43 mm, Breitc 36 mm
Material: Blci-Zinn
Daricruiig: 15. Jahrliundert
Verglcichsstiicke: kcinc
272 Krone, Gitterguss
lnvcntar-Nr.: UPM 98.981
Mafic: Hohc 66 min, Breitc ca. 150 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcri
Verglcichsstiicke: kcinc
273 Krone, Gitterguss
lnvcntar-Nr.: UPM 98.969
Mafic: I lohe 22 mm, Brciic ca. 110 nun
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirlumdcrt
Vcrgleiclissiiickc: kcinc
274 Krone, Gitterguss
Inventji-Ni.: Nationalmuscum 112-68.251
Inschrift: »[?]CM«
Mafic: I lohe 43 mm, Breitc 28 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrliundert
Verglcichsstiicke: kcinc
363 U.a. Vczclay. Charles. Paris, Reims, Auum
und Amiens, siclic Marion ( !kams-Tiiii mi:.
Art. Jtih res fill r.< tel In ngen. f.ilnriziiuii. in:
1.1 ).VI 5. Sp. 278.
364 U. a. Verona und I’arm.i, p.hd.
275 Krone, Gitterguss
lnvcntar-Nr.: Nationaliniiscuni Prag 112-68.210
Mafic: Hohc 28 mm, Breitc 22 min
Man-rial: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jahrhundcri
Vei glcii lisst iickc: kei nc
276 Krone, Gitterguss
lnvcntar-Nr.: UPM 5637
Mafic: I liilic 53 111m. Breitc 68 111111
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jahrliiiiulcri
Vcrgleiclissiiickc: kcinc
l.iicraiur: Koinigssiaiikova 1977. S. 129.
Nr. 1253
275
276
154
Dei’otionalien
Ornamentale Shake (277-288)
*******
277 278
280
281 282
283
284
285
Kronen
155
Alleiibrigen Stiickc trctcn im Wescntlichcn ohnc Figuren auf: die Kronen Nr. 277-281
bzw. die Kronenfragmcnre Nr. 272-288, bei denen es sich ausschlieftlich um Kronen-
zackcn handelt. Die crhaltcncn Kronenrcifen sind entweder unverziert (Nr. 280) oder
tragen vcrschiedene Muster, die von einfachen geometrischen Formcn wic Punkten,
Kreuzen und Vierecken (Nr. 277, 279f.) bis hin zu aufwendigen, verscblungenen Maft-
werkarbeiten (Nr. 281) rcichcn. Bei Nr. 277 und Nr. 279 konnte es sich aufgrund der
grofien Ubereinstimmungcn in der Gestaltung um die Fragmente desselben Objcktcs
handeln. Von den Kronenzacken zeigen sich einige in Ulienform (Nr. 278, 280, 288),
277 Krone, Girterguss
Inveniar-Nr.: Naiionalmuscum Pr.ig 112-68.131
Mafic: Hohe 40 mm, Brciic 103 mm
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jalirhundcn
Vcrgleichsstiickc: kcinc
278 Krone, Gitrcrguss
Invcmar-Nr.: UPM 5631
Mafic: Hohe 30 mm. Brcilc 140 mm
Material: Hlei-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundcn
Vergleiclissi iicke: keine
279 Krone, Girterguss
Invcntar-Nr.: UPM 5632
Mafic: Holic 40 mm, Brciic 105 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jalirhunderi
Vcrgleichsstiickc: kcinc
280 Krone, Girterguss
Invcntar-Nr.: UPM 5634
Mafic: Hohe: 31 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: 15. Jalirhunderi
Vcrgleichsstiickc: keine
281 Krone, Gitrcrguss
Invcntar-Nr.: UPM 5633
Mafic: Ilohe: 31 mm. Brciic: 79 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jalirhuiidcrt
Vergleiclissiiicke: keine
282 Krone, Girterguss, rahmenlos
(Fragment)
Invcntar-Nr.: UP.V1 5639
Mafic: Holte 66 mm, Rreite 60 mm
Material: Blei-Zinn
Daiicrung: 15. Jalirhunderi
Vcrgleichsstiickc: kcinc
283 Krone, Girterguss, rahmenlos
(Fragment)
Invcntar-Nr.: UPM 5650
Mafic: Hohe 40 min, Brciic 35 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jalirliundcrt
Vergleiclissi iicke: kcinc
284 Krone, Gitrerguss, rahmenlos
(Fragment)
Invenlar-Nr.: UPM 5652
Mafic: Holic 23 null. Brcitc 15 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Vergleiclissi iicke: kcinc
Litcratur: К at. Pkai; 1986, S. 26, Nr. 196. -
Клт. Olomolc 2006. i>. 233. Nr. 110
285 Krone, Giuerguss, rahmenlos
(Fragment)
Invcntar-Nr.: UPM 5655
(iri)fic: I liilic 43 111111. Brcitc 22 nun
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: 15- Jalirhuiidcrt
Vergleiclissi iicke: kcinc
286 Krone, Girterguss, rahmenlos
(Fragment)
Invriitar-Nr.: UPM 98.960
Mafic: Holic 35 nun. Brciic 35 111m
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jalirhunderi
Vergleiclissi iicke: kcinc
287 Krone, Girterguss, rahmenlos
(Fragment)
Invcntar-Nr.: Naiioiialniuscuiii Prag 1 12-68.159
Mafic: Holic 41 nun. Brciic 45 mm
Material: Blei-Zinn
I latierung: 15. Jalirhuiidcrt
Vergleiclissi iicke: keine
288 Krone, Gitrcrguss, rahmenlos
(Fragment)
Invcniar-Nr.: Natitmalttmsomi l’rag 112-68.091
Mafic: I loin- 48 111111, Brcitc 41 nun
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jalirluitulcri
Vergleiclissi iicke: kcinc
156
Devotionalien
anderc sind als Laubbliitter b/w. konkret als Eichenlaub zu erkennen (Nr. 280, 282f.,
285ft.), iibcr dem in cineni Pall (Nr. 270) die Gottesmutter thront.
Wo fanden diese Kronen Verwendung und was oder wen liaben sie bekronc? Ihre
Dimensionen sprechen gegen eine Verwendung als Kopfschmuck, sowohl fur Kinder
und erst recht fur Erwacbsene sind sie schlicht zu klein. Die Bildmotive der Heiligen
Drei Konige und der Monatsbilderzyklen verweisen aufdas Pest der Epiphanie bzw. den
Drei-Konigs-Tagam 6. Januar. Es warseit dem 15. Jahrhundert in Mittclcuropa Braucli,
fur dicsen Pesttag, welcher gleichzeitig das Ende der so genannten »Raunachte«16S dar-
stcllte, kleine Kuclien zu backen, in denen eine Bobne versceckc wurdc. Der Kuchen
wurdc aufgetcilr und derjenige, in dessen Stuck sich die Bobne befand, war »Bohnen-
konig«. In Frankreicb warder Braucli wabrschcinlich sclion ab dem 13. Jahrhundert
etabliert und verbreitete sich von hier aus in den Nachbarlandern.166 Der Bolinenko-
nig triigt als Symbol seiner temporaren Wiirde eine Krone. Solche Kronen sind seit
etwa der Mitre des 16. Jahrhundert durch bildliche Darstellungen belcgt und wurden
von Straftenhandlern als Papierbogen verkauft.16 Dominik Fugger beschcinigt vollig
zu Recht den franzosischen Bleikronchen eine groften Ahnlichkeit mit der spateren
Papierexemplaren und kommt zu dem Schluss, dass auch diese Blcikroncn als Kopf¬
schmuck des Bohnenkonigs Verwendung fanden.16" Allerdings ignoriert er dabei die
geringe Grofte der Objekte. Betrachtet man die Darstellung des Bohnenkonigs auf
Gcmiilden des 16. und 17. Jahrhunderts, erkennr man, dass in den meisren Fallen die
hier getragenen Kronen eine angemessene Dimension besitzen. Allerdings zeigen auch
einigeGemalde, dass die Kronen teilweise garnichtals Rondell, sondern nurals ofFener
Reif vorn auf dem Hut getragen wurden.169 Dies ware eine mogliche Erklarungfiirdie
Verwendung der Bleikronchen, wirft aber gleichzeitig die Frage auf, warum die hier
vorliegenden vollstandigen Sriicke dann die beschriebenen Verschlussmoglichkeiren
aufweisen, dieaufeinen Gebrauch als geschlossenes Rundobjekt deuten.
Einederzeit nur schwer belegbare aberdennoch interessante Losungder Frage ergibt
sich im Blick auf rezente Brauche. Auch heute noch gehoren in vielen wcstcuropaischen
Liindem Dreikonigskuchen zum Epiphanienfest. Besonders in Spanien und Frankreich
werden oft kleine Kronchen aus Goldpapier, deren Zacken u. a. auch die Gestalt von
stilisierten Lilien liaben konnen, auf diese Kuchcn gesetzt. Ob die Dreikonigskuchen
auch schon im Mittelalter derartig geschmuckt wurden, ist nicht uberliefert. Auf den
neuzeitlichen Darstellungen finden sich derart verzierte Kuchen nicht. Trotzdem ist
aufgrund der aufgezeigten Merkmale auch ein solcher Gebrauchskontcxt nicht ganz
von der Hand zu weisen.
365 In der Jucli Zwolf- oder Zwistheimachic
genannie Zciispannc k.imen im Miitdalier
magibclie Pr.ikiikcn 7iir Anwendiing, wie
der Wcissagung von Krcigimscn des kom-
nieiiden Jahres, Hausrjutlieningen ere.
Christoph DAXU.ML’Libit, Art. Rauniichtr,
in: LDM 7, Sp. 477f. Dass cs eine engc Vei-
bindimgzwischcnden Rjunachren und dem
Lpiphaniefest gab. zeigi die im 16. Jahrluin-
dert m England gcbraiichlithcBezcithiuiiig
iwelfnightking bzw. iwelfnightaike fur den
Bohncnkdnig und den Dreikonigskuchen.
Cuuiiz 1949, 5». 10, 12.
366 Guta 1 /. 1949, S. 9-14.
367 FufiGER 2007 S. 48f., S. 57f.
368 Ebd. S. 58.
369 Ebd. Talelieil, Abb. 15-17 Marten Clevc,
»Dcr Konit; trinkt!« und Abb. 19, Jan Sielicn,
»Der Konig trinki!».
Kronchen nut Monatshilclern
289 Krone, Girrerguss, rahmenlos
Invcniar-Nr.: IJPM 5636
Mafie: Hdlie 32 mm, Breitc 72 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundert
Vcrgleichsstiicke: keinc
Literatur: Koenicsmarkova 1977, S. 128.
Nr. 122
Ampullen
157
Die Kronen mit rein Horaler lr/.w. geomecrischer Gestaltung siehen mic grower
Wahrschcinliclikeit im Kontext privater Frdmmigkeit. Dies legt zuinindest ein mittel-
alcerlicher Quellcext italic, dcr aus den Regisrern von l.e Puy srammr. Hs handclr sicli
urn einc Aufzahlung von Devotionalien und Andenken, die am Wallfahrtsort an die
Pilger verkauft wurden. Neben verschiedenen Souvenirs - wie kleine Heiligenbilder,
diverse Bildnissc und Statuen, die Frauen, Manner, Fische und andere Tiere zeigten -
werden gcstickte farbige Bordiiren mit fleur de Lis erwahnt, die zum 'leiI auf Kronen
aufgebracht waren.1'" Auf vvclchc Wcise genau diese Kronen Vervvendung fanden, ob
sie beispiclsweise zur Bekronung von Statuetten o. ;i. dienten, bleibc im Dunklen.
Abgesehen von den bciden dcutschcn Glockcnabgiissen17' wurden a lie bishcr bc-
kannten Kronchen in Frankreieli gefunden. So liegt es nabc, dorr aucb ilire uisprirng-
liche Herkunft zu vermuten und in ihnen Zeugnisse franzosischen Brauchtums zu
sehen. CB
Ampullen (290-292)
Bereits in der Antike gab man an verschiedenen Pilgcrzentrcn, vor allem in Palastina,
kleine bauchige GefaRe aus Metall, Glas oderTon aus. Sie dienten zur Aufbcwahrung
und zum Transport von gesegnetem Wasser odcr Ol und galcen als Amuletce mit apo-
tropaischer Wirkung, worauf ihre Bezcichnung als Fulogi(= das Gesegnete) zuriickgeht.
Man crugdiezum Tcil mit zwei klcincn Osen versehenen kleinen GefaReals Anhanger
oder deponierte sie im Haus. Wie die Pilgerzeichen oder die andere Devotionalien, die
an den Wallfahrtsorten ausgegeben wurden, erlauben einige von ihnen eine Zuweisung
zu einem bestimmten Herkunftsortaufgrund tvpischer Ikonografie bzw. einschliigiger
Inschrift.’72 Audi abendljindische Wallfahrtsorte, darumer Canterbury, Boulogne-sur-
mer oder Vendomc verkaulten Ampullen an die Glaubigen.1*
Zum Konvolut der Prager Sammlungen gehoren drei Ampullen (Nr. 290-292).
Bei Nr. 290 handelt es sich urn eine Ampulle mit je einer Ose an beiden Seicen, einem
konischen, stark einzichenden Hals und viereckigem Korpus. Auf Hals und Korpus
ist eine Straminmusterung erkennbar. Lctztcren ziert zudem ein geviertes Wappen,
welches im ersten und vierten Schild die franzosischen Lilien zeigt und dessen zweites
und drittes Feld diagonal gestreift ist. Es handelt sich uni das Wappen des I Ierzog-
tums Burgund unter Philipp dem Kiihnen (1342-1404) und seincm Sohn Johann
Ohnefurcht (1371-1419). Auch die Ruckseite der Ampulle ist stramingemustert wie
auch das hier dargestellte stilisierte Wappen, das keinen konkreren Bezug zu einem
370 »Yni.iginc.\ sancionmi cl sanciaruni. Iiomi-
minu'i miilicriinu-iqiinriiniaiinqucaliaruni
siatuauim ei vniaginun) ciiam aniinaliiim
quommciimqiic ac pisdum ci alias, in quo
cuniqnc crc. auri, argenti, scagni, cupri,
pluml>i, Imoiii cl alio qiioqiicacqucquacum-
que alia niuicria |...| Item |...] in auro. ar-
genio. siagno, plnmlio cl quoeiimqiic malc-
ria ctiam hraiulainli ci pingciuli lloics lilii
eimi corona vcl sine corona - Biuna iooG.
S. 00.
371 Vgl. Anm. 361.
372 l.DK. Ari. Ampullen, S. I49J".
373 Boi:ut)i..s 20o-j, S. -170.
290 Devolionalic, Ampulle mil cin-
ziehendem Hals und viereckigen Bauch,
zwei rundc Osen
Inveniar-Nr.: UI'M 5783
iVlaRe: Hiilic 40 nun. Brciit- 26 nun
iYlaccri.il: Hlci-Zinn
Daticrung: 1363 bis Anfang 15. Jalirhuiulcn
Vcrglcichssiiickc: III* II. S. 370, Nr. 1595
Liicraiur: Koi-niosmaiikova 1977. S. 142.
Nr. 154. - К at. Риде; 1986, S. 26. Nr. 192
290a Riickseite von Nr. 290
158
Devotionalien
Adelshaus hat, sondern bloftes Dekorationselement ist. Dass der Herkunftsort dcr Am-
pulle im Herzogrum Btirgtind zu suchen i.st, liegt aufgrund des Wappens aufdcr Hand.
Um welchen konkreren Ort es sicli handelt, kann aber dcrzcit nichr gesagt werden.'4
Nr. 291 ist mit zwei Osen ausgestattet, hat die Form einer klcincn Vase lind liis.st
im unteren, bier stark fragmentierten Bereich, einen runden Abschluss crahnen. Die
Ampulle zeigt das Wappen des franzosischen Konigs bzw. des Ihronfolgers, in der
seit 1376 iiblichen Ausfuhrung mit drei Fleur-de-Lys in einem Schild, welches oben
von einer kleinen stramingemusterten Flaclie und einer leiclit gebogenen Lilienkrone
iiberfangen wird. Die Riickseite zeigt ein Schiff, eine mittelalterliche Kogge mit Mast
und Takcllage, die atif stilisierten Wellen sehwimmt. Rechrs vor dem Mast ist einc
undcutlichc unrcgclmaftigc klcinc Struktur crkcnnbar. Moglicherweisehandelt es sich
auch bier um eine Ampulle aus Boulogne-sur-mer. (Vgl. dazu Nr. 70)
Um einiges alter ist die dritte Ampulle Nr. 292. Das bcutelformige Stuck besitzt
an den Seiten je eine eckige Ose. Es ist an vielen Stellen von der Zinnpest befallen, so
dass die Darstellungen nicht genau zu erkennen sind. Die Vorderseite wird horizontal
von breiten stramingemusterte Bander durclrzogen, dazwischen sind einige bogcnfor-
mige Elcmcntc erkennbar. In der Mitte des Bauches erscheint eine kleine, aus sieben
Punktcn bestchende bliitenartige Struktur, daruntereinc nicbt mehr zu deurende, am
ehcsten als zoomorph zu beschreibende Form. Die Riickseite umlauft am Rand ein
Zickzackband. Die Verzierungen wirken insgesamt viel schlicluer und die Ausfiihrung
ist vvesentlich grober als bei Nr. 290 und 291. Zusammen mit der Beutelform, die
insbesondere bei Ampullen des spaten 12. bis 13. Jahrhunderts auftritt’75, deutet dies
darauf bin, dass Nr. 292 in das 13. Jahrhundert - eventuell nocb in das beginnende
14. Jahrhundert - datiert. Eine Aussage liber die Herkunft des Stiickes kann wegen
der unspezifischcn Gcstaltung und dcm Mangel an Vcrglcichsstiickcn bislang nicht
gemacht werden. CB
AlnilichcSiiickcKAi. HRiuaa-20o6,S. 1681'.,
Nr. 12 19 und 12.20. - Van Hi.tKiNt.iN/
Koi ni wtij/CiAAi.MAN ■ 9K7.S. 139, Nr. 61.2.
375 Borrtjes 2005, S. 470.
291 Dcvotionalic, Ampulle aus (Bou-
logne-sur-mcr?) vascnformig mit rundem
Abschluss unicn, zwei runde Osen
Invenur-Nr.: UI’M 98.962
M.ilse- 1 lohe 37 mm. Breiic 35 mm
М.негм!, Blci-Zinn
Daiicrung: 3. Vierrel 14./15. Jahrhundert
Vcrglcithsstikke: Vorderscire wic Kai. Btui.iN
2008. S. 273, Nr. 22
l.iteratur: Kot-NicsMARKOVA 1977, S 142,
Nr. 153
291a Riickseite von Nr. 291
292 Devotionalie, Ampulle, beutelfor-
mig mil rundem Abschluss unren, zwei
dreieckigc Osen
lnvciuar-Nr.: Naiionalmuseum H2-68.292
МлЙс- Hohe 49 mm. Brcite 38 mm, Dickc
10 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 13./beginneiules 14. Jahrhundert
Vergletchsstiicke: keine
Vana
159
Varia
Rahmen und Rahmenfragmente (293-304)
Der Vcrwendungs- und Bedcurungskonrcxtdcr in dicser Rubriksubsumicrrcn Objekte
ist vielfaltig. Sic konnten sowohl Teile von Pilgerzeichen als auch von kleincn Altarchen,
Schrcinen oder andcrcn Devotionalicn etc. gewesen sein. Bei cinigcn ist auch nicht
auszuschliefien, dass sie von profanen Zeichen oder von Schmucksriicken stammen
odcr als Beschlagc dieiiten. Gemcinsam isc fast alien, dass es sicb uni leere Rahmen
handelt, d.h. ihnen fchlr die zentrale Bildcinheit. Oder aher es sind Rahmenfragmente.
Nur einige wenige cnrhalten ein Bildelement.
Zu letzteren gehoren die Stiicke Nr. 293 und Nr. 294. Der quercckigc Gitterguss
Nr. 293 zeigt einen bekronten Putto mit Hullhornern in den Handen umgeben von
floralen Elcmenten und Ran ken in einem Rechceckrahmen. F.benso wic bei diesem
Stuck ist auch die Vcrwendung von Nr. 294 unklar, am wahrscheinlichsten erschcint
eine Verwcndung als Beschlag. In einem mit einer sternformigen Gicterstrukrur aus-
gefiillten Rahmen erscheint der hi. Georg hoch zu Ross als Drachentoter. Bei Nr. 295
befindet sich in einem ebenfalls von einer Gicterstrukrur ausgcfiillrer Rcchteckrahmen
ein leercs, rechtcckiges Plattchen - moglicherweise befand sich hier urspriinglich ein
kleiner Spiegel.’’6 376 Vgl. Iiierzu 1 11* 11. s. -vi7. Nr. iim.
Bei den folgendcn Objekten handelt es sich um Rahmenfragmente. Nr. 297 stammt
vermutlieh von einem Pilgerzeichen; das legt die kleine, nach innen gewandee Ado-
rantenfigur nahe. Nr. 296 isc aufgrund seiner GroRe wohl cher als Bestandteil eines
Beschlages o. a. anzusprechen.
Die hochrechteckigen Objekte Nr. 298 und 299 sind aufgrund der leeren, rechtecki-
gen Bildflachen als Spiegel zeichen bzw. Spiegelanhanger anzusprechen. Das Spiegelfeld
293 Gitterguss, querrechccckig
Invcntar-Nr.: UPM 5621
Malic: Hiilic 30 mm. Brcitc 52 nun
Material: BIci-Zinn
Daticning: 16. Jahrhundcri (?)
Vcrglcich-sstiicke: keine
294 Ciittcrguss, querrechccckig
Invcntar-Nr: UPM 5642
Mafic: НоЬебО mm, Hrcitc 81 mm
Material: BIci-Zinn
Daticrung: 15./I6. Jahrhundcrt
Vcrgleidissiuckc: keine
I.iterantr: Kat. Phac; 1986, S. 25. Nr. 187
160
Devotionalien
295 Spiegelzcichen, Gitterguss, hoch-
reclueckig
Invcntar-Nr.: UI'M 5643
Mafic: llolic 55 mm, Brcitc 35 mm
Material: Blci-Zinn
Daiicmng: 15./16. Jahrhundcn
Y'crglcichsstiickc: kcinc
298 Spicgclzcichen, Gitterguss, hoch-
rechteckig mit halbrundem Giebcl, drei
Osen und cine ruckscitigc Zungc
Invcntar-Nr.: UI'M 5680
Mafic: Hc'ilic 65 mm, Brcitc 45 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15./16. Jahrliundcri
Vc rglcich sst iic lie: kei ne
Litcralur: KoenicsmakkOva 1977, S. 135, Nr. 142
296 Girrcrgnss, Rahmcnfragment
Invcntar-Nr.: UI»M 5648
Mafic: Lange 86 nnn
Material: Blci-Zinn
Daricrung: 15./16. Jahrhundcrc
Vcrglcichsstiickc: kcinc
299 Spiegelan hanger, Gitterguss, hoch-
rcchtcckig mit Dreiccksgicbcl, einc Osc,
vier ruckseitigc Zungcn
Invcntar-Nr.: UI'M 5681
Mafic: Hohe 53 mm, Brcitc 34 111111
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15./I6. Jahrhundcn
Vcrglcichsstiicke: kcinc
I.iterantr: KoenicsmarkovA 1977.S. 135,Nr. 143
297 Gitterguss, Rahmenfragmcnt
Invcntar-Nr.: Naiionalmuscum Prag H2-68.050
Mafic: Hohe 36 mm, Brcitc 15 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15-/16. Jahrhundcn
Verglciclisst iickc: kei ne
300 Girrerguss, zweitciliger Rahmen,
hochrechteckig mit Rundgiebel
lnventar-Nr.: Naiionalmuscum Prag H2-68.255
und H2-68.289
Inschrift: »/\Vli MARIA«
Mafic: Fragment: I.iingc 51 mm, Brcite 7 mm;
Rahmen: Hohe 61 mm; Brcitc 44 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15-/16. Jahrluindert
Vergleichssiiicke: kcinc
I'aria
16
von Nr. 298 wild von einer aulwendigen Architcktur ausgotischen Biforien, MaRwerk,
eincm Dreiecksgiebel und Fialcn gerahmt und von einer Kreuzigungsgruppe bekront.
Das lecre Mittclfcld des Anhangers Nr. 299 wird von cinem fragilen, mit Perlschnur ver-
zierten Rechteckrahmen mit Wiirfelaugen und Bliitenornamenten gerahmt. Aus einem
Dreiecksgiebel, dcr den Rah men iiherdacht.hlicktein Engel mitgespreiztem Flugelpaar
hinrer dem Haupt. Aufgrund der riickscitigcn Zimgcn an beiden Objekcen kann man
davon ausgehen, dass sie mit farbigem Papier odcr ahnlichem hinterlegt wurden. Ein
vcrgleichbareswennaueh nichtidentischesStiickwurdein den Niederlanden gefunden. ’ ’ ’
Nr. 300 isr ein zweiteiliger Rah men mit halbrundem Giebel, der, das legt die In-
schrift nalie, moglicherweise einmal ein Bild der Gottcsmutter enthielt. Die Vorder-
seire mit dcr Majuskelinschrift »AVE : MARIA« im unteren Bereich, zeigt auRerdem
Perlschniire sowic zwei flankierende gedrehte Saulen, von denen die eine bisher als
gesondertes Objekt inventarisiert war, ohne Zwcifcl aber urspriinglich zu diesem
Rahmcn gehortc. Am Giebel sind Restc einer schmalen MaRwerkverzierung erhaltcn.
Riickseitig ist das leere Bildleld ebenfalls von einer Perlschnur und zudem von eincm
Wiirfelaugenband und einem breiten Zickzackfrics, das an einigen Stcllcn cine Stra-
minmusrerung zeigt, gerahmt.
Zwei runde (Nr. 301 und 302) sowie ein herzformiger Rahmen (Nr. 303) sind an
dieser Stelle noch zu nennen. Das Exemplar mit der Katalognummcr 301 umfasst
ein metallenes rundes Blattchen mit einem Fries aus kleinen nach auRen gewolbten
Bogen, das scinerseits von einer Perlreihen flankierten gedrehten Schnurgefasst wird.
Die Einlage ist durch das Umbiegen des gesamten hinreren inneren Randbcreiches
befesiigt. Im Gcgcnsatz zu dieser - oftensichtlich sehr bestiindigen - Befestigung war
die Einlage in dem ebenfalls runden Rahmen (Nr. 302) nur mittels zweier kleiner
301 Gitterguss, Rundrahmen mit ein-
gelegtem Metallblattchen
lnvciuar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.171
Mafic: Durchmcsscr 33 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15-/16. Jaluliundcn
Vcrglciclisstiicke: kcinc
302 Gitterguss, Rundrahmen mit zwei
riickseitigen Zungen
Invcntar-Kr.: Kaiionalmuscum Prag H2-68.153
Mafic: Durclimcsser 58 mm, Dickc 7 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15./16. JahrhtmtlLTi
Vcrglcichssttickc: keme
377 Sic lie 11P 11. S. Л /|8. Nr. 1У98.
303 Gitterguss. Anlninger, Rahmer
herzformig mit einer oberen Ose
Invcntar-Nr.: N’anonalimismim Prag 1 l2-(i8.1(M
Mafic: Nolle 17 mm, Hrcitc23 nun
Maicrial: Blci-Zinn
Daticrung: 15./16. JahrhuiHlcri
VcrgleiclisMiickc: kcinc
162
Devotionalien
Zungen befestigt wordcn und isr vcrloren gegangen. Der bier durchbrochcn gcstalcere
Rundrabmen besteht aus eincm Wiirfclaugenband das von einem Kranz aus Ringen
unigcbcn isr. Ahnliche Fundcaus den Niederlanden zeigen, dass derartigeStiicke weice
Verbrcitung gefunden haben.,7s
Audi bei dem herzformiger Anhanger (Nr. 303) isr das Bild, welches in gleicber
Weise befestigt war wie bei Nr. 301, verlorengegangen. Das leere Feld wird umschlos-
sen von einer Perlschnur und auften von einem Band aus Wiirfelaugen. Die Osc wird
von einer kleinen l.ilic vcrdcckr.’74
Die runde Broschc (Nr. 304) konnte ursprunglich ebenfalls ein zctu rales Bildfeld
besessen liaben. Die markante Rahmengcstalrung um das runde leere Mittelfeld mit
umlaufenden Perlleisren und den chcmals elf geschwungenen Strahlen, von denen
einer weggebrochen ist, liisst an sich nodi keine Schliisse zu, ob cs sich bei um ein
religioses oder ein profanes Motiv gcbandelr bat. Allerdings zeigen u.a. die Nr. 84, 93,
101 eine abnliche Gestaltung, was auch fur cin Stuck im Museum von Rouen zutrifft,
das allerdings noch durch cine Kreuzigungsgruppe bekront wird.1*10
Dcnkbar isr aber aucb, da am inneren Rand keine einschliigigen Befestigungs-
elemente fur cine Bildplattc erbalten sind, dass zu diesem Objekt ursprunglich kein
zcntralcs Motiv geborre. In diesem Fall ware die Sonnensymbolik des Rahmens, die
recht eindeutig durch die geflamnuen, leicht gekriimmten Srrahlen mit kugcligen
F’lidcn wiedergegeben wird, das wesentliche Motiv des Objcktcs. CB
304 Broschc, rundcr Gittcrguss mit
Strahlen, Riickseite: Nadel und Nadelrast
Invcntar-Nr.: N'aiionalmuscum I'rag H2-68.I67
Mafic: Diirchmcsscr *12 min
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. JahrliuiK.cn
Vcrglcicltssiiickc: Nr. 84, 93, 101
305 Miniatur, dreidimcnsionalcr Gitter-
guss, Turin, Fragment
Invcmar-Nr.: UI’M 5647
Matte: Hcihe 51 mm, Brciie 23 mm
Material: Blei-Zinn
Daiicrung: 15. Jalirlumderr
Verglciclisstiickc: keine
Litcrautr: Koi:nic;sm.\rkova 1977, S. 130,
Nr. 126. - К at. Prac 1986. S. 25. Nr. 189
378 Sielie IIP II, S. 445Г, don Nr. 1990 und
1994. Sichc auch d'Ai.i.kmacki: 1928, Tafel
X V. S. 24 /25 (3. Reilic von oben, ganz r cell is)
379 Diverse lier/.fiirmigc Anliiingcr sind auch in
anderen I;nndkonicxicn haufigeraiigelroflen
worden. Sichc z.B. I IP I, S. 298. Nr. 859. -
Sim-.nckk 1998, S. 322. Nr. 321 g/h.
380 Kni.art 1916, Tafel 319, Nr. 2c.
306 Miniatur, dreidimensionaler Gitter-
guss, Turm, Fragment
Inventar-Nr.: UPM 98.985
Mafie: Hohc 65 mm, Breite max. 21 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jalirliundcrt
Vergleichsst iickc: keine
Varia
Miniarurtiirme (305-308)
Wie bei den gerade vorgestcllten Rail men und Rah men (ragmen ten bestelit aucli iiber
die Verwendung von vier Miniaturtiirmclien Unklarlieit.
Diedreidimensionalen, sanitlicli mir/.um 'leiI erlialren Gittergiisse (Nr. 305-308),
stellen Turmspitzcn dar. Die Eormenspradie zeigt eine klare gotische Pragung mit
MaRwerk, Krabben und Kreuzblunien. Ob in ilinen die Uberreste von Miniaturarclii-
rckturen erwa kleiner Kapellenmodelle odcr aucli von kleinen Schreinen begegnen,
lasst sich i n Erniangeluiig vveirere iiberlieferter Elemeiue soldier Ensemble bisher niche
sagen. CB
307 Miniatur, dreidimensionaler Gitterguss, Turm, Fragment
Invcniar-Nr.: UPM 5646
Mafic: Hiihc 64 mm. Urcitc ca. 20 mm
Material: Blei-Zinn
Daiierung: 15. Jalirlnmdert
Vcrgleichs.siiicke: keinc
Literaitir: Kofnicsmakkova 1977, S. 130. Nr. 127. - К at. Риле: 1986. S. 25.
Nr. 190
308 Miniatur, tlrcidiniciisioiialcr Giuerguss. Turin, Fragment
lnvcmar-Nr.: UPM 98.984
Mafic: Holic 65 mm. Hrciic max. 25 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jalirliuntlcrt
Verglcichs.siiickc: kcinc
165
PROFANE ZEICHEN
Tiere und Fabelwescn (309-324)
Insgesamr 16 Stiickc der Prager Sammlung stellen Tiere oder Fabelwesen dar. Пег
iiberwiegende Teil hiervon sind profane Zeicben. Welche konkrete Aussage .sich hin-
ter den einzelnen Moriven verbirgr, isr nur sclccn klar crkcnnbar. Das liegr vor allcm
daran, dass diese Motive sich auf zeitgcnossische umgangssprachliche Wcndungen
oder alltaglichcs Erleben bcziehen, zu denen dcr Zugang in Ermangclung eines wis-
scnschaftlich verwertbaren Dccodicriingsschlussels verschlossen bleibt. Erklarungcn
basieren daher entwcder auf den Inschriftcn oder auf Analogicn.
Nr. 3l6zcigr in dctaillierter Ausfiihrung einen schlanken Windhund mit Halsband
in einer spielerischcn, fast begriiRcndcn Pose mit aufgestellten Ohren. Die Inschrift des
Stiickes, zu dem es auffallig stark iibereinstimmende, fast modelgleiche Parallelstiicke181
in Kolner und in Paris gibt, ermoglicht die Enrschliisselung seiner Symbolik: Es soli
seinem Trager Gliick bringen.Auch offenbaren die Worte auf der Standleiste. dass die
Brosche in Frankreich gefertigt wurdc. Das Stiick Nr. 317 zeigt ebenfalls einen Hund
und auch er ist auf eine spielerisch-freundlichc Art abgebildet. Hr isi siilistisch wesent-
lich einfachergehalten alsdie vorgenannre Brosche und konntcTeil eines Beschlagcso.a.
gewesen sein, da es weder einen Hinvveis auf eine Anhangerose noch eine riickseitige
Nadel gibt. Moglicherweise ist in diesem Stiick ebenfalls ein Gliicksbringer zu sehen.
309 Brosche, profanes Zeichen Girtcr-
guss AfFc mit Dudelsack, Ruckseirc
Reste von Nadel und Nadelrast
Invenrar-Nr.: Narionalmuscum Prag H2-68.187
Mafic: Holie 28 mm Brcitc 17 mm
Material: Blei-Zinn
Daricrung: 15. Jahrhuiidcn
Vergleichssi iickc: kcinc
310 Anhanger, bekronter Delphin
Inveniar-Nr.: UPM 5768
Mafic: Ilohc 28 mm Brciie 25 mm
Material: Blei-Ziim
Daticrung: 15- Jahrhundert
Verglciclissiutkc: kcinc
Litcratur: Koenigsmarkuva 1977. S. 140,
Nr. 149. - К at. Pit At; 1986. S. 26, Nr. 195. -
Kai. Oi.omolc 2006, S. 233, Nr. 109
381 Haf.»i:ki- 196K. S. 72. Nr. 66. - Bkuna 1996.
S. 312. Nr. 597.
382 Bkuna 1996, click
311 Anhanger, Drachen-Miniatur-
schwcrtschcide mir drci Osen
luvcntar-Nr.: UPM 5775
Mafic: Ticfc 24 nun, l.iingc 100 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglcichsstiickc: kcinc
Profane Zeichen
166
Am haufigsten sind Vogelmotive in dieser Gruppe vertreren. Nr. 321 zeigr iibcr
einer geschwungencn Inschrihenleistc cinen Schwan, dcr auf einem von drei Wellen-
linien angcdeurctcm Wasscr .schwimnu. Die Inschrift »or loons : die« gibr Rarscl auf.
Im Bririsch Museum in London wird ein Stuck mir ciner fast identischen Inschrift
(»or loons dieu«) verwahrr.’8’ Ahnliche Schwanenzeichen finden sich im Vcrhaltnis
zu andcren Tierdarsrelhingcn iibcrdurchsclmirrlich hiiiifig - dies gilt vor allem Fur die
niederlandischen Fundesowie die Pariser Seine- bzw. die LondonerTliemse-Funde.,K''
Die Inschriften auf einigen franzosischeii F^xemplaren deuren auf cine Funktion als
Gliicksbringer bin. Dem Schwan liaftet rein aufterlich etwas Edles an. Daher sind sie
hin und wiederzum Gegenstand in der mittelalterlichen Literatur, besonders in den
mittelalterlichen Ritterromanen geworden. Vordiesem Hintcrgrund murmafit Bruna,
das.s die Schwanenzeichen Kopien von Kleinodien sein konnten, es sich also um eine
Art populiirc Interpretation liofischer Kunst bandclt.'85 Dafiir wiirde auch sprechen,
dass sich im 14. Jahrhundert in England derartige Schwanenzeiclien bei vielen adligen
Familien bis hin zum Konigshaus grower Beliebtheit erfreuren - allcrdings in hoch-
werrigeren vergoldeten und steinbesetzten Versionen.'K(’
Zu diesen Kollektionen gehoren etliche Anhanger bzw. Broschen, die einen auf
einer kleinen Standleiste mit floralen Elementen stehenden schlanken Vogel mit kur-
zem spitzem nacli unten gebogeneni Schnabel zeigen - vermutlich eine Taube. Vom
Riicken der Tiere fiihren zwei gedrehtegerade Stege zu einer runden Ose.1H7 Ein solches
Exemplar lindet sich auch unter den Prager Stucken (Nr. 323). Eine profane Deutung
des Stiickcs aufierhalb der ausgepriigten christlichen Symbolik - als Fleiliggcisttaube,
Seclenvogcl oder Vcrkorpcrung christlicher Tugenden wie Hoffnung, Mitgefiihl etc.
- stelit nocli aus.
Hiiliner und Hahnesiiid liiiufig dargestellte Tiere in den bekannten Konvoluten.’88
Darunter zalilt auch eines, das unter den Prager Objekten ein ganz iiliiiliches Gegen-
312 Brosche, profanes Zeichen. Gitrer-
guss, bekrontcr Greif, Riickscitc mit Na-
del und Nadelrasl
lnveniar-Nr.: UI’M 5766
Matte: Holie 35 linn, Breitc 44 nun
Material: Blci-Zinn
Dalicning: 15. Jahrluuulerl
Vergleiclissiiicke: koine
313 Brosche, profanes Zeichen, Gitrer-
guss, Greif, Riickseite mit Nadel und
Nadelrast
Invcnrar-Nr.: UPM 98.964
Matte: Hcihe 50 mm, Brcite 35 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jalirliuiideri
Vergleichssiiickc: kei nc
383 HP I. S. 271.
384 HP 1, S. 270f. Nr. 703-710,- I IP II, S. 419,
Nr. 1817-1823. - Bruna 1996, S. 301 ff..
Nr. 571-576. Siminci u 1998. S. 286-289;
Sielic auch n’An.r.Macni: 1928, Tafel 2.
Nr. 10.
385 Bruna 1996, S. 301.
386 Spencer 1998, S. 2871.
387 HP I, S. 269, Nr. 694-697. - Bruna 1996,
S. 300, Nr. 569f. - Spf.nci-.u 1998, S. 316f..
Nr. 318 a und h.
388 HPI.S. 272, Nr. 712-716.-HPI1.S. 418.
Nr. 1810-1815-
314 Brosche, profanes Zeichen, Gitter-
guss, Teufel, Riickseite mit Nadel und
Nadelrast
Inveniar-Nr.: Nationalinuscum Prag H2-68.129
Matte: Hohe 21 mm, Breitc 23 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhiindert
Vcrglcichssriicke: keine
Tiere und Fabelwesen
167
stuck hat, ein vollplasiischer Anhiinger (Nr. 324) in Gestalt cincr rcclu rimdlich aus-
gefuhrtcn Henne, dcrcn Riicken mit dcm Kopf durcli zvvci klcinc Bogenstrukruren
vcrbundcn si lid, welche die Ose bildcn.’,v> Im hintcren I'eil ist der Schwanz weggebro-
chen. Nach Denis Bruna gehoren speziell Hennen in den Kontcxt dcs »Mardi Cras«,
des franzosischen Faschingsdiensiags, cines jener »fetten« Tagc, an denen die Vogel
und ihrer tier in groRen Mengen konsumierr \vurden.,‘,,1 Aus der Londoner Themse
scamint der Fund eines einschlagigcn An hangers, dcr dem beschriebenen Prager Fx-
emplar ahnlich ist und zudem die Inschritt: »Lok on me, Kocrel« tragi, was eher fur
einen Gebrauch als Amulert spricht.Wl
Das letztc hier zu ncnncndc Vogelinoiiv begegnet schlicRIich in Nr. 313, einem
kleinen Beschlagfragment in Gestalt cincs bekronten Vogclkopfcs. Das Tier blickt
nach links und halt abwiiris am Hals entlang fallenden einen stilisierten Zweigoder
Grasstengel, der je links und reehts von drei Voluten gerahmt wird. Links ragen die
Voluten iiber den Kbrper hinaus und finden auf der gegcniibcrlicgcndcn Scite ihr Pen¬
dant in fiinf auRen am Hals entlang fiihrendcn Voluten, die analog der Gegenseitc
kleine Osen bilden. Audi die Krone triigt vier kleine Bogen, die auf diese Art vier
weitere Osen erzeugt. H inter dicscn zahlrcichen Aussparungcn steht wahrscheinlich
neben gestaltcrischen Intensionen ein funktionalcr Gcdankc, dann namlich, wenn
die Osen zum Befestigen des so charakrerisierten Beschlages mittcls kleiner Niigel
oder Stifte dienten.
Unter den Prager Tierdarstellungen finden sich zudem drei Lowen. Lntsprechende
Sciicke sind auch in anderen Samndungen belegt/4- Im Mittelalter speiste sich das
Wisscn um Ausschen und Verhaltcnsweiscn der GroRkatzen vor allem aus antiken
Schriftquellen, alien voran den biblischen Schriften und dem Physiologus.*‘M Im We-
sentlichen stand das Tier fiir drei Aspekte. Angrcifende Lowen mit geoffhetem Maul
verkorperten das Dainonische. Zuglcich war der Lowe, der mit seinem Odem seine
313 Beschlagfragment (?), Girterguss,
bekronter Vogelkopf
Inveniar-Nr.: Naiioiialmusciiin Prag 112-68.128
Mafic: Holie 29 mm, Brciie 18 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhiintlcrt
Vergleichssi iickc: keinc
316 Brosche, profanes Zeichen, Giuer-
guss, Hund auf Siandleiste, Riickseite
mit Nadel und Nadelrasr.
Invcntar-Nr.: UPM 5767
Inschrift: -BIPN AI A QVI <V1 F. PORTK-
Mafic: Hcihc 39 mm, Brciie 58 mm
Material: Blei-Zinn
Dai imi ng: 14./15-Jah rlni ndert
Vcrgleichssiiicke: I Iai.deke 1968. S. 72, Nr. 66.
- Bruna 1996. S. 312 Nr. 597
Liierauir: Koenic.smarkova 197- S. 132,
Nr. 133. - Kat. Prag 1986. S. 24, Nr. 172. -
Kai. Olomihc 2006. S. 233. Nr. Ill
389 IIP 11. S. 418. Nr. 181 i.
390 But:nл 1996, S. 296.
391 Sn-Nc.i r 1998. S. 316. Ahh. 316li und S. 318.
392 HP I. S. 267. Nr. 681 686; HP II. S. 414.
Nr. 1786-1788.-Kai. Worms 21,0,..S. |57.
Nr. 144.
393 Vgl. Physio, o.ms .916. S. 1 8.
317 Bcschlagfragment(?) Hund, lUitk-
seite ohne Gestalrung
lnveniar-Nr.: Naiionalimiseuni Prag H2-68.126
Mafic: Holic 17 nun. Brciie 19 mm
M.iicrial: Blei-Zinn
D.nieriing: 15. Jalirlunuleil
VciglciclisM iickc: keine
168
Profane Zeichen
rotgeborenen Jungcn /.um Leben erweckte und von dem es hiefi, erschlafe mit offenen
Augcn, cin Christussymbol. Schlieftlich verkorpcrtc dcr Lowe wcgcn seiner Kraft und
majcsrarischcn Erscheinungauch Herrschaft und Wachsamkcit.m Die BroscheNr. 319
zeigt das Tier in der fiir das Mirrelalter typischcn Art, die oft auf Wappen begegner, in
einer cber symbolischcn als realistischcn Darstellungsweise. Es bat einen iibermaftig
scblankcn, langgestreckten Korper und steht seitlieb: allc vier detaillicrt ausgefubrten
Prankcn sind zu sehen. Das Haupt mit kleinen runden Ohren blickt den Betracbter
frontal mit geschlossenem Maul an. Vom empor gekriimmten Schwanz ist nur ein Teil
erhalten. Die Mabne fallr in einzelnen Strabnen uber Hals und Brust. Am Kopfwurdc
auf den Haarschmuck ver/ichter. In der Art der Gesraltungsrimmt Nr. 320 im Prinzip
iiberein. Die Broscbe ist lediglieb etwas gedrungener ausgefiihrt und die Mabne um-
schliefir den ganzen Kopf, so dass sie - im Vergleich zur vorgenannten Nr. 319 - eher
die Anmutung eines realen Lowen ausdriickr. Auch das dritte einschlagige Exemplar
ist eine Brosche (Nr. 318). In einem innen von einer Perlschnur gesiiumten und auften
von Voluten und Osen gesebmiickten runden Rahmen sitzt nach rechts gewendet ein
Lowe, das Haupt mit geschlossenem Maul wiederum frontal dem Betrachter zugewandt.
Und auch hier finden sich wieder die typischen Merkmale: grofie Pranken, runde Oh¬
ren und sparliche Mabne. Im Gegensatzzu den vorausgehenden Darstellungen ragen
von den Schulterbliirtern des Tieres zwei grofte dreieckige Fliigel nacli hinten. Der
vordere zeigt drei durchgangige Lamellen, der hintere tragt ein Straminmuster. Das
Tier erinnert an den Markuslowen von Venedig. Ob tatsaeblieb ein Zusammenhang
mit dem venezianischcs Wappentier bestelu, sebeint aber fraglich.395
Der Anbiingcr Nr. 310 stcllt einen springenden Fisch mit Schuppenkleid, aufge-
stellter RiickenHosse und geoffneter, zahnbewehrter Schnauze dar, die in ihrer Form
318 Broscbe, profanes Zeichen, runder
Gitterguss mit gefliigeltem Lowen, Riick-
seite Reste von Nadel und Nadelrast
Invcnrar-Nr.: UPM 5726
Malic: Dtirchmcsscr 30 mm
Material: Blei-Zinn
□aliening: 15. Jalirliundcrt
Vcrglciclisst iitke: kei lie
l.iicr.uur: Koi.nicsmakkova 1977,8. 131,
Nr. 129
319 Brosche, profanes Zeichen, Gitter¬
guss, stehender Lowe, Riickseite: Nadel
mit Nadelrast
Invciiiar-Ni.: UPM 5765
Mafic: Holic 35 mm, Breite 45 mm
Marcrial: BIci-Zinn
Daricrung: 15. Jalirliundcrt
Vcrglcichsstiickc: Клт. Worms 2001, S. 157,
Nr. 144
l.itcraiur: Koknicsmarkova 1977. S. 141,
Nr. 152
394 Christian HcNi.MOiim-R, Am. Lowe, in:
ШМ 5,Sp. 21411.
395 Unrcr den Pariscr Fiinclcn isi cin sehr iilin-
liches Stuck, welches in dein Katalog des
Muscc de Cluny als »lion cliinieriquc" auf-
gefiiliriisiuiuldcn Fabelwesenziigcschlagcn
wurdc, Bruna 1996, S. 326, Nr. 623. - Unrcr
den niederlaudischcn Sriickeii finder sich in
eincin viereckigcn Rahmen cin I.owe, dcr
urspriinglich mogliehcrweisc chenfalls Flu-
gel trug. F.nisprcchcndc Rudimeiiresind am
Riickcn des Tieres erkenubar. HP П. S. 4l4,
Nr. 1788.
320 Brosche, profanes Zeichen, Gitter-
guss, stehender Lowe, Riickseite: Reste von
Nadel mit Nadelrast
Invcnrar-Nr.: Nationalmuseuin Prag H2-68.079
Mafic: I lohe 24 mm, Brcitc 24 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15- Jabrhunderr
Vergleiclisstiickc: К at. Worms 2001, S. 157.
Nr. 144
Tiere und Fabehvesen
169
klar an einen Delphi» erinnert. Auf dem Kopf des Tieres sind die Kesrc einer Krone in
Form des Rcifes auszumachen. Dieser Gitterguss gchort zu den polirischen Zeichen.
Den Titel Dauphin dc France rrug jcwcils der iiltcste Kronprinz der franzbsischen K6-
nige.r,? Pur Denis Bruna stelien diese Delphinzeichen im Zusammenhang mit den
Auscinanderserzungcn zwischen den Armagnacs undden Bourguignonszu Beginn des
15. Jahrhunderts.Wb hr sieht in ihncn Abzcichen der Anhanger Ludwig von Orleans.
Damit dariertcn diese Zeichen in den Zeitraum vom Ende des 14. Jahrhunderts bis
zur Ermordung Ludwigs im Jahre 1407.
Die zwei folgenden Stiicke Nr. 309 und Nr. 322 zielen in ihrer Aussage deudich
auf mcnschliche Vcrhaltensweisen ab. Nr. 309 zeigt im Seirenprofil einen Affen, eine
Art Meerkatze, der mit angczogenen Bcinen nach links gcwandt auf einem klcincn
Podest hockt und auf einem Dudelsack spielt. Der erkennbar erigierre Penis des Tieres
offenbart die sexuellcundsicherauchsatirische Anspielung, die h inter dieser Symbolik
zu scehen scheint. Vcrgleichbare Darstellungen - allerdings mit Schweinen - wtirdcn
in den Niederlanden gcfunden.'0" Eine auf Zwischen menschlichcs bezogcnc satirische
Aussage hatte wohl auch das profane Zeichen Nr. 322. In der gleichen Pose begegnet
hier eine Sau. Auch sic sitzt aufrecht auf einem Podest, das auf einer kurzen Stand-
leiste steht. Sic iriigi ein 1 Ialsband mit Glockchen, einen Giirtcl mit einer Gcldkatze
und ist mit langen haarigen Borsten bedeckt. Unter den linken Vorderlauf gcklemmr
lauft schrag von links oben nach rechts unten ein (Wander-?)Stab. Das Moriv tier
Wanderschaft begegnet auch bei den crotischen Zeichen hiiufiger (siehe Kat Nr. 359
und 360), was aber nicht zwingcnd bcdcutct, dass auch dieses Stuck eine dcrartige
Bedeutung implizicrt. Allerdings Iegt das ausgeprjigt ausgearbeitete Gesauge nahe,
sexuelle Konnotationen nicht ganz von der Hand zu weisen.
321 Brosche, profanes Zeichen, Girter-
guss, Schwan auf Standleiste, Riickseite
mit Nadel und Nadelrast
Inventar-Nr.: UPM 5762
Inschrift: in Minuskcln »or loons : die-
Mafic: Hohe 32 mm, Breitc 40 mm
Marerial: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jalirlumdcn
Vcrgleichsstuckc: keine
Lireratur: Koenigsni arkova 1977- S- 139,
Nr. 148. - Клт. Prag 1986. S. 26, Nr. 194. -
Bruka 1996, S. 301. - Kat. Oi.omouc 2006,
S. 232, Nr. 108
322 Brosche, profanes Zeichen, Gitter¬
guss, sitzende Sau, Riickseite Rcsrc von
Nadel und Nadelrast
Invciuar-Nr.: Narionalmiiseuni H2-68.246
Mafic: Hohe 51 nun. Brcitc 20 nun
Material: BIci mit Resien einer (Schein-)VcrgoI-
dung
Daiicrung: 15. Jahrhiuulerr
Vcrglciclissriicke: keine
396 Bruna 1996. S. 278-286.
397 Der Titel «Dauphin- cxisiicric sehon seii
deni2. Vieneldes M.Jalirhniidcrrs.Sciidciii
die (iralschali Daupliinc, die dieses Tier
audi im WappL-n irug. 1349 an die Iran/fi-
siselie Krone iilicrgcgangci) war und als
Apanage deni jeweiligen Kroiiprin/.eii ver-
liehen wurden. Iie/.ciduicic man die konig-
lielien llironlolger als Dauphins, (ierard
(Jiokuanengo, Art. Duuphinf. in: I .DM 3.
Sp. 588.
398 Audi sic sind in alien bereiis gcnaiuucii grd-
fieren .S.inuTiliiiigcu vert retell. Bruna 1996,
S. 2791., Nr. 537 539. - Sn nc kr 199K.
S. 2901., Nr. 283a: I IP I. S. 273. Nr. 719.
399 Bruna 1996. S. 279. Z11111 P.ineieiik.iinpl
/wisdien den Armagnacs und den Bouign-
iguons sielie .nidi: (iuy I’. Marciiai., An.
Лruuigmin ii Hanrguignons. in: l.DM 1, Sp.
962If.
400 I IP I. S. 2671'.. Nr. 691 -693.
323 Anhanger, Gitterguss, Taube
Inventar-Nr.: UPM 5764
Mafic: Holic 32 111111, Breitc 29 nun
Maierial: Blei-/.inn
Daiicrung: 15. Jahrliinideri
Vergleielisst iieke: kei ne
Literatiir: Kof.nicsmarkova 1977. S. 132.
Nr. 132. - Kat. Prag 1986. S. 24, Nr. 173
170
Profane Zeichen
Nebenderirdischen Fauna erscheinenauch diverse phanrasrischeFabelwcsen unrerden
Prager Weiftmetallgiissen (Nr. 311-314). Die mitrelalterlichen bildlichen und literari-
schen Kiinsrc kennen eineganze Rei he solcher Wesen, meisr Hybrideaus versebiedenen
Tieren, aus Menschen und Tieren oder aucb imaginare Tier- bzw. Menschenrassen
mir unnaturlichen korperlichen Merkmalen.401 Es waren in der Regel cher negative
Eigenschaften, die diesen Wesen zugesprochen wurden.40’
Ein klciner Teufel bzw. eine Chimare begegnet in Nr. 314. Das Wesen lauft auf
alien Vieren, die Hinterbeine sind mit langen Klauen bewehrt, nach reclus gewandt,
mit geschwungenem, bocb aufgeriduetem Schwanz. Das Haupt triigr Horner die
Niistcrn sind gcblaht, die Augen weit geoffnet und aus dem aufgerissenen Maul ragr
die Zunge. Derartige Damonenzeichen sind auch in den Niederlanden gefunden wor-
dcn.101 Wahrschcinlich hatten sic wie die Wasserspeier an den Katbedralen vor allcm
aporropaischen Charakter.
401 Josef F.Ncr.MANN/Viiclav l;ii.ip. Art. Fabel-
wesen, in: l.DM 4. Sp. 208-211.
402 Ebd., Sp. 211.
403 HP 1, S. 251. Nr. 59If.; HP II, S. 402f.,
Nr. 1700f., 1705 und 1707-1710.
Die Zeicben Nr. 3I2f. zeigen einen Greif.4"4 Vollsrandige erhalten ist nur Nr. 312; man
sieht cin nacb rechtsgewandtes Hybridwcscn in der typischen Ausfiibrung. Der Hinrer-
leib ist dcr eines Lowen mit Vogelklauen an den Beinen. Der geschwungene Schwanz
endet start in einer Fellquaste in drei Hedern und aus dem Riicken ragen aufgestellte
und mir Hedern bedeckte Schwingen. Das bekronre Haupt ist das eines Raubvogels.
Dagegen schcinr der Hals mit einer Miilme bedeckt. Ganz ahnlich wurde auch bei
der Gestaltung von Nr. 313 verfahren, bier ist allerdings nur der hintere Tcil eines
nacb links gewandten Greifes erhalten geblieben. Greife begegnen in der Heraldik als
Wappentiere. Ihnen wurden Heilkrafre nachgesagt. Zudem erscheinen sie als Sinnbild
fur ungeziibmte Wildbeit aber auch als Christussymbol.40, Auch hier muss die Frage
nach der Bedeutung, die diese Zeichen fur ihre Triiger besaften, vorerst ofFenbleiben.
Nr. 311 zeigt auf einer Miniaturschwertscheide einen stilisierten Drachen, dessen
Maul die Offnung der Scheide darsrellr. Die Verbindung Schwert und Drachen steht
fur den im spiiten Mittclaltcr immer wieder in dcr Abcntcuerlirerarur erscheinenden
404 Sichcaucli Bruna 1996, S. 324f. Nr. 6l9ff.;
n’Ai LhMACNi. 1918, TalcI 2, Nr. 22.
405 Chrisrian Hunemorder, Art. Greif, in:
l.DM 4, Sp. I693f.
324 Anhanger, vollplastiscb, Huhn
Iiivcn1.1 r-Nr. UPM 98.953
MjRc: Mohc 20 mm; Brcitc 22 mm
Material: Blei-'/.iim
D.nicrmip: 15. Jalirliuiuleri
Verpleichssruckc: kcinc
325 Girrerguss, profanes Zeichen, Buch-
stabe V, Reste von Zungen
liivcnur-Nr: UPM 5679
Mafic: Holic 33 mm, Brcitc 31 mm
Material: Blci-Ziun
Daiicning: 15. Jahrhinidcrt
Vcrglcichsstiickc. n’Ai i kmac;n> 1918, Iafcl XV,
1. Rcihc, 4 Objckr von links
Litcratur: Koenigsmarkova 1977, S. 118, Nr. 103
326 Gitterguss, profanes Zeichen, fran-
zosischen Lilienwappen, Reste von Zungen
Invcniar-Nr.: UPM 5676
MaKc: Hohc 42 nim, Brcitc 33 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhunclcrt
Vcrglcichsstiicke: kcinc
Litcratur: Kolnigsmarkova 1977, S- 140, Nr. 150
Buchstaben und Wappen
171
Kampf mit dem Unrier und symholisiert Mut, Unerschrockenheit und Heldentum.1"'’
Ikonografisch ist das jMoriv cincs Schwcrrcs oder einer Lanze, die einem Drachcn in
das aufgerisscne Maul gestoRen wird - und dies gesdiichr quasi ebenso, wenn der Be-
sitzer dieses Miniaturgegenstandes cin entsprcchendes Schwert in die Scheide steckt
- besonders eng mit der Vita des heiligen Georgs verknuplt."’’ CB
Buchstaben und Wappen (325-330)
Zu dem breiten Spektrum der in den spiitmitrelalterlichen Weiftmetallgiissen abgebilde-
ten Gcgenstande und Symbole gehoren auch Lertern K,fi und heraldische Zeichen'"'\ die
in fast alien grofteren wesreuropiiischcn Fundkomplexen bzw. Sammlungen derartiger
Sciicke priisent sind. Fiinf entsprechende Excmplare gehoren zur Prager Sammlungen
(Nr. 325—330). Nur die Nr. 330 besitzt (noch) cine Vorrichtungen, die zur Befestigung
an der Kleidunggedient haben konnten, niimlich eine riickseitigc Nadcl. Da es sich bei
alien um Gittergiisse handclt und aucb vvegen des klcinen Formates sowie der biiiifigen
Prasenz-zumindestder hiervorgesrellten Wappenzcichen-, istdavon auszugehen, dass
es sich nichr um Beschliige, sondern um Zeichen handelt. Zur Befestigung konnten
diesc unter Nutzung aus der Gestalrung rcsultierender Aussparungen in den Gtissen
an die Kleidung genaht worden sein.
Die Buchstaben A, B, D, H, M, O, R, S und V sind als Abgiisse bekannt. Wall rend
bei dem i m iibrigen am haufigsren belegten Buchstaben »M« fur Maria bei der Deutung
innerhalb der Literatur Konsens besteht’"’, existicrcn fur die anderen Lcttern derzeit
nur Vermutungcn. Das gilt auch fiirdaseinzige in den Prager Sammlungen befindliche
Letterzeichcn (Nr. 325). Es zeigt den Buchstaben »V« auf einer kleinen Standleiste mit
leicht nacb unten gebogenen F.nden stehend. In der Leiste befinden sich zwei kleinc
Locher, die der Befestigung an der Kleidung o.ii. dienten. Der Korpus des Buchstabens
ist stramingemusterc. Das lnnerc fiillt cine regelmafiige, rektanguliire Girterstrukmr
aus zwei horizontalen und sieben vertikalen Staben. Im oberen Bereicb sind in diese
406 Wollga nj; Rune: к n i-.k. Art. Dntche/I: Kulntr-
gescbichte und Vidkskundr des spntcn Mittc/-
nltrrs, in: ШМ 3, Sp. 13431.
407 Siclic oben den Arlikel: (icorg von Nikome-
dlien Ысг im Katalog.
408 Bki;na 1996. S.343f.Ni. 665-669. Soi.n-
«>.к 1998. S. 319H'.. Nr. 318l--32Ic .-111* 1.
.S. 311flf.. Nr. 962-982. - HP 11. S. 4421",
Nr. 1967-1980. К.vi. Biiki.in 2008. S. 343.
Nr. 190.
409 Bri.na 199г., S. 280. Nr. 3401'., S'. 283,
Nr. 544If.. S. 283. Nr. 34811.. S. 2891'..
Nr. 53611., S. 2931'., Nr. 3611.. S. 34If..
Nr. 662П. -Si*i:nc:i:r 1998. S. 2821.. Nr. 270c.
d, 271; HP 1. S. 27811.. Nr. 737-773. - 1 IP
II. S. 423-426, Nr. 1847-1869.
410 Siclic auch Hiiuna 1996, S. 342. - Si*i:n<:i r
1998. S. 319; I IP I. S. 310; 1 IP II. S. 442.
327 Gitterguss, profanes Zcichcn, fran-
zosischcn Lilicnwappcn, Restevon Zungen
lnventar-Ni.: Narionalmuscum H2 68.048
Mafic: Hohc 32 min, Brciie 19 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15- Jahrhunclcri
Vcrgleidisstiickc: koine
328 Gitterguss, profanes Zeichen, franzosisches Lilicnwappcn getragen von zwei Assis-
tenzfiguren, Reste von Zungen
Invcniar-Nr.: Naiionalnuiscnm 112-68.190
Mafic: Hohc 19 mm, Breilc 29 mm
Material: BIci-Zinn
Daiicrung: 15. Jalirliunderl
Verglcichssiiickc: koine
172
Profane Zeichen
Srruktur zwei kleine Fcnsrcr eingcarbeiter, die wo hi dem glcichen Zweck dienten wic
dieexakr senkrecht unrer ihnen positionierten Aussparungen in der Standleisre. Obcn
schliclit cin kreuzbekrontes Vierpassmafiwerk das Stiick ab.
Das franzosische Konigswappen in Gestalt von je drei fleure de lis in einem bekronren
Wappcnschild prasenriert sich in zwei untcrschicdlichen Varianten aufden vier explizit
als heraldische oder patriotische Zcichen anzusprechendcn Objekten (Nr. 326-329).
Die I.ilic ersebeint in Kontext der Konige des Fran ken reiches schon seit karolingiseber
Zcit als I.ilicnkrone oder Ulienzepter. Als Wappen bzw. als explizites Symbol des Ko-
nigshauscs ist sic seit dem 12. Jahrhundcrt auf einem Siegel Ludwigs VII. nachweis-
bar. Das der Gottesmutter zugeordnete Symbol der Lilie verkorpertc wohl sebon itn
14. Jahrbundert gemeinsame mit der Oriflammc, dem legendaren Reicbsbanner und
den koniglichen Insignien, der beiligen Ampulle mit dem Blut Christi und der den
franzosischen Konigen nachgesagren Gabc, durcb Handauflegung Skrofel heilen zu
konnen, den quasi gebeiligren Status der franzosischen Monarchal.4"
Zwei der Zeichen des hiervorgestellten Konvolures (Nr. 326f.) zeigen ein jc bekronres
Wappen mit drei stilisierten I.ilicn, von denen zwei liber der dritten angebracht sind.
Von den Kronen sind bei beiden Objekten nur Reste erhalten, dass sie aber ursprung-
lieb vorhanden waren, legt der Vergleich mir ahnlichen Sriicken nahe.41- Reste von
Zungen an den Rtickscitcn beweisen, dass diese mit farbigem Papier oder ahnlichem
binterlegt wurden.
Die Gittergiissc Nr. 328f. zeigen - wic in dcr vor dem beschriebenen Ausfuhrung
- in einem querrechteckigen Rah men die Priisentation eines Lilienwappens dutch zwei
Assistenzfiguren. Bei Nr. 328 wird der Rahmen von zwei verflochtenen Linien ge-
411 PhilippeCiiun i amini-., An. Frankreicb, (A.
Allgcmcinc und politische Cieschichtc). in:
I.DM 4. Sp. 758K: Peier Dn.c, An. I.ilic, in:
l.DM 5. Sp. 1983f.
412 D’Allemai:nk 1928, Tafcl XV', Nr. 27. -
I Iki.dinc 1911. Tafcl 36, Reihc 7, 4. Objckt
v.l. - Bruna 1996, S. 285. Nr. 548: 1 IP 1,
S. 280, Nr. 769.
329 Gitterguss, profanes Zeichen, franzosisches Lilienwappen getragen
von zwei Engcln, Reste von Zungen
Invcutar-Nr.: Naiionalmuseum 112-68.215
Mafic: I lohe 22 mm, Brciie 30 mm
Material: Blei-/.inn
Datierung: 15- Jabrliundcrt
Verglcichsstiicke: Bruna 1996, S. 342. Nr. 664
330 Gitterguss, profanes Zcichen (?),
gekronre Lilie, Nadel auf der Riickseite
Invcniar-Nr.: UPM 98.967
Mafic: Hohc 28 mm
Material: BIci-Zinn
Daiiening: 15- Jahrlnmdcri
Vcrglcichsstiickc: keine
173
Ritter und Wajfett
schmiickt. Zu beiden Seircn des Wappens stcht je cine Gestalt im langen Cewand mit
kurzcm lockigen Haar und schaut den Betrachter frontal an. Nr. 329 gleichr Nr. 328
hinsichrlicli des Aufbaus dcs Bildfeldcs. Allerdings wird der Rahmen bier von einer
Perlschnur gescbmiickr. Das Wappen selbst wird von zwei Engeln flankiert. Auch hier
zeigen Reste der Ansarze von Zungen, dass die Stiicke hinterlegt getragen worden. In
der Sammlung des Mu sec de Cluny gibt es drei Objekte, die in h'orm und Aufbau des
Bildfeldcs den Nr. 328f. gleiclien."' Zwei tragen allerdings nicht die drei Lilien im 413 Bkdna 1996. S. 3411'.. Nr. 6f>2il.
Wappen, sondern srellen je zwei Lilien gemeinsam mit einem anderen heraldischen
Symbol dar. Denis Bruna interpretiert diese Melange a Is gcmeinsamc Darstellung
des koniglichen Wappens mit dem jeweiligen heraldischen Symbol des Hauses, aus
dem die angeheiratete konigliche Gemahlin stammrc.''" Insgesamt kann wohl davon 414 l-bd. S. 34if.. Nr. 662 ('.
ausgegangen werden, dasssolche Zeichen, die das Konigswappen bzw. auch Wappen
allgemein zeigen, von ihrem Besitzer in der Absicht dcr Zurschaustellung einer in
welcher Intensitiit auch immer bestehenden Sympathie oder Verbundenheit zu den
dargestcllten Herrschaftshausern getragen wurden.
Die Nr. 330, eine von einer Lilienkrone bekronte fleure de Its, konnte auch als
Mariensymbol angesprochcn werden, scheint abcr wohl doch eher cin politisches Zei¬
chen darzustcllen. CB
Ritter und Waflfen (331-336)
Zeichen mit stehenden oder hiiufiger noch reitenden Rittern waren im Spatmirtelalter
weit verbreitet. Dennoch gibt es zu den beiden Zeichen Nr. 331 f. bisher keine Analogic-
in einer anderen Sammlung. Die Nr. 331 zeigt in einer handwerklich cjualitatvollcn
331 Profanes Zeichen, dreischaliger Gir-
tcrguss, leicht fragmentiert. stehcndcr Rirrcr,
auf dcr Ruckseite ist die Nadelrasr erhaltcn
Inveniar-Nr.: UPM 5699
Mafic: Brcitc 38 111m, Hohc 93 mm
Material: Blci-Ziim
Daticrung: 2. Hiilfte dcs 15. Jahrhundcrts
Vcrglcichsstiickc: koine
Litcratur: Kat. Prac. 1986, S. 21, Nr. 148
332 Profanes Zeichen, rahmenloscr,
dreischaliger Gitterguss, ritrerlieher Dra-
chenkampf, auf der Riickseire Nadelrasi
und Reste der Nadel erhaltcn, oberer und
unterer Teil des Zeichens sind nett zu-
sammcngclotct
Invcntar-Nr.: Nationalinuscum Prag U2-68.080
Mafic: I lohe 36 mm, Brcitc 30 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 2. Halfic dcs 15- Jahrhundcrts
Vcrglcichsstiickc: keme
333 Profanes Zeichen, Armbrust, ilrci-
schaliger Gitterguss mit an der Riickseire
befindlichcr Osc
lm-ciuar-Nr.: Naiionaliniiscuiii Prag H2-68.271
Mafic: Hiilic 35 mm, Brcitc 51 mm
Material: Blci-/.inn
□aliening: 15. |alirlunidcn
Wrglcichsst iickc: kei 11c
174
Profane Zeichen
Ausfiihrung einen stehenden Ritter mit Plattenpanzer sowie Helm mit betonter Feder,
der in seiner rechten Hand cin Schwcrt und in seiner linken eine Tartsche triigt, de-
ren geviertes Schild cin Krcuz und heraldische Lilien zeigt. An der Hiifte lehnr eine
Streitaxt. Hie Darstellung der Rustling und Bewaffnung verweist auF die 2. Hiilfre
des 15. Jalirhunderrs. Die auf der Riickscite crhaltene Nadelrast zeigt, dass es sicli um
ein an der Kleidung gctragcncs Zeichen handelte.
Die Nr. 332 stellr ebenfalls einen Ritter in Plattenriistung dar, der aber auf dem
Pfcrd sitzend einen unter ihm liegenden Drachcn die Lanzc in das Maul stoftr. Das
ikonografischc Motiv dcs rirterliehen Drachenkampfes verbindet dieses Zeichen mit
den Darstcllungen des hi. Georg. (Vgl. Nr. 173-175) Das Fchlen der Konigstochter
in der Szenerie oder eines anderen Hinwcises auf die Georgslcgcnde machen es aber
unwnhrscheinlich, dass liicr der hi. Georg, dargesrellr isr.
Als Armbrust gestalteteZeichen sind bishernurails niedcrlandischen"\ belgische‘ll<’
und britischen11 Funden bekannt. Moglicherweise handelt es sich um Zeichen von
Schiitzengilden o.a. Solltc die Nr. 333 wie die meisten Zeichen der Prager Sammlung
aus der Seine stammen, wiire es der erste franzosische Fund dieser Art. Das Zeichen
stellt eine Armbrust mit Stegreif und eingelegtem Bolzen dar. Eigentiimlich ist die
Darstellung des Abzugshebels, der auf beiden Seitcn des Schaftes erscheint, was dieses
Stuck von alien bisher bekannren Funden unrerscheidet.
Die zwei Schciden (Nr. 334f.) gchoren zu einem in alien westeuropiiischen Fund-
komplexen weit verbreiteten Zeichentypus von Miniaturschwertern, uberderen Funktion
allcrdings keine Finigkcitbcstcht. Spencer interpretiert Funde von Miniaturschwertern
mit Schwertscheide, insbcsondcre mit klcinen aufgcsctztcn Rundschilden, als Dar-
stellungen jener Mordwaffe, mit der Tliomas Becket erschlagen und die als Reliquic
in Canterbury bewahrt wurde."H Sonst interpretiert man Miniaruren in Form von
334 Profanes Zeichen (?), Miniatursiibel-
scheide, hohl gegossen
Invciiiar-Nr.: Naiinnalinnsciim Prag 112-68.059
Mafic: Hohc 48 nun. Breiic 15 mm
Marcrial: Blei-Zinn
Daiierung: friiluiciizciilich (17. Jalirhuiitlen ?)
Vergleichsstiickc: kcinc
335 Profanes Zeichen, Schwertscheide
mit Giirtung, Nadel und Nadelrast auf
der Riickseite
Invciuar-Nr.: Naiioiialnuiscuin Prag 112-68.093
Mafic: Hohc 72 nun, Brcitc 25 mm
Material: Blei-Zinn
Darierung: 15. Jahrhundcri
Vergleiclissiiickc: Bhuna 1996, S. 340, Nr. 658f.
415 Vgl. HP 1, S. 310. Nr. 959-961. - HP II.
S. 441, Nr. 1963-1964.
416 Vgl. Kat. BKi'u;t;E2oo6,S.33, Nr.2.11 2.15.
417 Vgl. Mitciiikick 1986. S. 211, Nr. 756. -
Spencer 199Я. S. 298f.
418 Vgl. Spencer 1998, S. 93-99.
336 Fragment eines Ritters, erhalten isr
der Schild mit Hand und Armansatz
Invcnrar-Nr.: NarionaIuius,cum Prag H2-68.056
Malic: Hohc 25. Brcirc 13 mm
Material: Blei-Zinn
Daiierung: 11 m 1500
Vcrglcichssiiicke: keine
Varia
175
Schwcrtern und Schwertschciden meistals profanes Zeichen.'^Zwei Stiickcdcr Prager 419 Vgl. u.a. Нш:кл 199ft, s. 336 341. - III* 11,
Sammlung werden in diesem Katalog allerdings als Zeichcn bzw. Dcvotionalien vom s 4’’1
MontSaintMichelangcsprochen (vgl. Nr. 225f.),woden Pilgern im 15.Jahrhundertdie
reliquiaren Waften des Erzengels prasentiert wurden. Fur die beiden Scbwerrscheiden
Nr. 334f. ist dies aber niclu walirsclieinlicli. Auflallig ist, dass es sich bci Nr. 334 urn
eine gckriimmte Scheide mit eincr an zwei Ringen bciestigten Aufhangung handelt.
Daher ist die Miniatur kaum als spatmittelaltcrlich anzusprechen. Dies gilt niclu fur
Nr. 335, bei dem die leiclue Biegung sekundar ist. Der Besar/. der Scheide und die
Giirtung entspriclu ahnlichcn Miniaturen im Musee de Cluny. '-” 420 Vgl. Hm na 199ft. S. 340. Nr. 6581.
Die Nr. 336 istein Fragment, das wall rscheinlich 7.11 r Darstellungeinesgewappneten
Ritters gchdrte. Erkennbar ist nur nocli der rarschenartige Scliild mit der Darstellung
des Gesichtes eines Wilden Manncs, sowie die in die Schildfessel greiiende Hand und
der mit einem Kettenhemd (?) gcschiitztc Oberarm. (Vgl. Nr. 336a) ИК
Varia (337-340)
Im Folgcnden sind jene Zeiclien mit llicmen zusammengcstcllt, die in den iibrigen
Abschnittcn niclu einzuordnen waren. Da es sicli um cine heterogene Gruppe handelt,
wird jedes Zeichen fur sich kommentiert.
Zeichcn mit der Darstellungciner Sackpfeifc hegegnen haufiger in westeuropaisclien
Funden — gclegentlich werden auch dudelsackspielende Fiere abgebildet. (Vgl. Nr. 309
und 322) Die aus Frankreich stammenden Zeichcn stellen die Sackpfeife iminer in
einer spezifischen Weise dar: Den Ubergang vom Luftsack zur Spielpfeife bildet ein
Drachenkopf; deutlich erkennbar ist das nach oben gerichtcte Anblasrohr, wall rend
die danebensitzende Bordunpfeife nur rudimentar ausgcbildet ist. (337)
336a Wachtcr am Grab Christi mir
Tartsche in Form eines Wilden Manncs,
Ostcrgrab im Erfurter Dom, 11 m 1500,
Foto: H. Kuhne
337 Profanes Zeichen, Sackpfeife, se¬
kundar mit einem Maricnbildchcnvcrlotct
Invcniar-Nr.: Naiionalimiscum Prag H2-68.055
Mafic: I Iohc33 mm. Hreitc 24 mm
Maiciial: Ulci-Ziun
Daticrung: 15. Jalirhuiulcn
Vcrglcichsstiickc: Tixaddk 2004, S. 112.
Nr. 249. - HP 1. S. 293. N1. 860. - К at.
Worms 2001. S. 158. Nr. 145 (modclglcicli ?)
176
Profane Zeichen
Miniaturen eines Grillrostes mit Fischcn sind als Einzelfunde im Raum dcr Ostscc
(Stralsund'21, Liibeck122) sovvie aus Damme*2-' und Brugge'42’4 belegt. Zu dem Pragcr
Stuck gibt es einen sehr ahnlichen, bisher unpubliziertcii, Seine-bund.',2S Sowohl die
Funktion als aucb die Datierung (spatmittelalterlich, friihneuzeitlich) dicscr Minia-
turen iststrittig. (338)
Man konnte den maskcnhaftcn Schiidel eines Wildsclnveins mit betontem Gebiss
und hcrvorstehenden Hauern fur das Fragment einergrofScrcn Darstellung halten,gabe
es nicht einen ikonografisch selir ahnlichen Fund aus Iper426, der cindeutig als Zcichen
identifiziert werden kann. An der Nr. 339 sind allerdings keinc Befestigungsosen o.ii.
zu erkennen. (339)
Die primitiv gearbeitete Hand mil Oberarm konnte rnogl icherwei.se das Fragment
einer grofieren Darstellung gewesen sein. Andcrcrseits konnte es sich auch um einc
mehr oder weniger vollstiindige Darstellung eines Armcs handeln, die als Votiv oder
aber aucli als Miniaturszeptcr (main de justice?) anzusprcchcn ware. (340) HK
339 Profanes Zcichcn, Wildschweinkopf
Invcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag 112-68.060
Mafic: Hohc 29 mm, Brcitc 27 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: spatmittelalterlich (?)
Verglcichsstuckc: Kai. Bhucci-: 2006, S. 123,
Nr. 7.102
338 Fischgrill mit zwei Fischen
Invciuar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.081
Mafic: Holtc 65 milt. Brcitc 41 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: spatmittclalrcrlich. iViihncit/.citlidi?
Verglcichsstiicke: vgl. Anm. 420-424
421 Ansorck 2008, S. 110, Nr. S 531.
422 К at. I.uiif.ck 2003, S. 192. Nr. 42.
423 К at. Вtuxa; 1. 2006, S. 121, Nr. 7.82.
424 Brugge, Hriiggcmusciim, unpuhlizicrt, nach
Kunera Objckt-Nr. 10629.
425 Paris, Muscc National tin Moyett Age. nach
Kunera Objekt-Nr. 11297.
426 Vgl. Kat. BKiititit- 2006, S. 123. Nr. 7.102.
340 Hand mit Oberarm, gegossen
lnvcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-C8.051
Mafic: Hohc 39 mm, Brcitc 12 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: uiiklar
Verglcichsstiicke: keinc
Erotiscbe Zeicben
177
Erotiscbe Zeicben
Zeichen miterodschen bzw. sexuellen Darstellimgentauchtenim 19.Jahrhundertgleich-
zeitig mit den Pilgerzeichen und anderen Weifimetallgiissen unter den Seine-Funden
auf, die Arthur Forgeais als erster katalogisicrte. Forgeais zog cs allerdings vor, diese
Stiicke niche in scinem fiinfbandigen Katalogder »plombs histories« zu veroffentlichen,
sondern stellte sic in einem diinnen Biichlein unter dem Titel »Priapees« vor, das ohne
Verlagsangabe gedruckt wurde. Nur ein kleiner Teil der von Forgeais publizierten
erotischen Zeicben kam in die Sarnmlung des Musee de Cluny. Darin driiekie sich
die Distanz der Zcir zu den pornografischen Sujcts dicscr Zeichen aus. Noch 1968
wurden die zwei Phalluszeichen aus der Sarnmlung Clemen im Bestandskatalog des
Kolner Museums fur Angewandtc Kunst als »gefliigelte Tiere« camoufliert.'2" Erst
durch die zahlreichen Neufunde erotischcr Zeichen in den Niederlanden kam in den
letzten zwanzig Jahren eine wissenschaftliche Diskussion liber Gebrauch und Funk-
tion dieser Objekte in Gang, die besonders durch eine 2002 in Amsterdam zu diesem
Thema veranstalteten Tagung vorangetrieben und fokussiert wurde.'28 Allerdings gibt
es bisher keine restlos uberzeugende Deurung ihrer Funktion. GroISe Aufmerksam-
keit erregte der Versuch Bedaux'20, die Funktion der sexuellen Zeichen auch auf dem
Hintergrund von verbaltensbiologischen Beobacluungen an bestimmten Affenarten
zu kliiren, die den erigierten Penis zurGefahrenabwehrcinsctzcn. Diese Funktion der
Gefahrenabwehr liisst sich leicht mit den antiken apotrophiiischen Phallusdarstellun-
gen wie den Tintinnabuli verbinden, mit denen die besonders haufig belegten spat-
mi ttelalterlichen Phallustiere auch ikonografisch durch Beine, Fliigel und angehangte
Schellen auffallige Parallelen aufweisen. Im Gegensatz zu der Schaden abwehrenden
Funktion betonen Jones430 und jetzt vor allem Koldeweij den Aspekt der sexuellen
Zeichen als Gliicksbringer, was die erotischen aberauch weitere »profane« Zeichen mit
den religiosen Zeichen verbindet.431 Im Rahmen der angesprochenen Amsterdamer
Tagung wurde mehrfach auf die Fastnacht bzw. allgemeincr den Raum der »verkehrten
Welt« als Lebensbereich hingewiesen, in denen die erotischen Zeichen wahrscheinlich
verortet waren.432 Noch weiter gehen Herchert4” und Velten mit der Interpretation
als Kennzeichen bzw. Auszeichnungcn innerhalb von Gemeinschaften oder »Bruder-
schaften« unverheirateter Manner.434 Retsch hat jiingst versucht, diese Zeichen als
»scherzhafte Liebesgaben« bei der Kommunikation zwischen den Geschlechtern zu
verstehen.435 Diese Diskussion soli hier weder bewerrer noch fortgesetzt werden, zumal
die einschlagigen Zeichen der Prager Sarnmlung keine unbekannten Sujets bieten, die
neue Interpretationen herausfordern. Die erotischen Zeichen der Prager Sarnmlung
umfassen im Wesentlichen zwei Gruppen: das Motiv des »Phallustieres« und das der
»Vulva auf Pilgerschaft«. Zusatzlich wurden in diesem Abschnitt noch zwei Fragmente
einer mechanischen Szencrie mit sexuellen Konnotationen, ein Zeichcnfragment mit
der Darstellung einer jungen Frau mit nacktem Oberkbrper, zwei Zeichen mit Minne-
szenen und eine als Anhanger gefasste Kaurimuschel aufgcnommcn. Eine Pfeife mit
einem Anhanger, der einen Strauft Penisse zeigt, finder sich unter Nr. 424. HK
Phallustiere (341-358)
Die Prager Sarnmlung umfasst insgesamt 18 Zeichen mit der Darstellung von Phallus-
deren. Es handelt sich dabei urn eine recht grofte Menge derartiger Zeichen, die mit
keiner anderen Sarnmlung des 19. Jahrhunderts vergleichbar ist. Allerdings wurden
nur zwei dieser Phallustiere fur die Sarnmlung des Prager Kunstgewerbemuseums an-
gekauft, wall rend die restlichen Zeichen in deni ursprunglich fur den Weitervcrkauf
bestimmten Bestand gewissermaften »entsorgt« wurden.
Bei dem Typus der Phallustiere wird das Bild eines erigierten Penis in horizontal
Ausrichtung mit einem Paar an den Schenkeln stark behaarter Beine zu einer grotesken
427 1 Iai m.( кi- 196K. S. 73, Nr. 68f.
428 Die Bcitriigc der lnguiig wild /iixammen-
gel'.isxi in dem Band Winki i masn/Wdi 1
2004.
429 В1ПЛ1Х1989.
430 Jon h x ,991
431 Koi.m \vi ij 1995. - K01 m \vi ij 2006. l»cs.
S. 109-117.
432 L‘..i.Ri iii[K2004.-Oxikami>2004 - Won
2004.
433 Hi.iuaiiiti 2004.
434 V'i:i it.n 2004, hex S. 2SST.
435 Ri:t.xc.ii 2008. - Ri:im:ii 2012.
178
Profane Zeichen
Figur verbunden. Als weirere Elemente konnen zu dieser Grundform ein Paar in der
Mitte des Penis oder oberhalb dcr Beine sitzende Fliigel, cine unterhalb des Frenulum
befestigte Schelle oder Glocke, eine auf der Eichel sitzende Krone, ein Schwanzchen,
das sich am hinreren F.nde der Schenkel befinder, sowie ein kleiner Penis im Winkel
zwischen den Beinen und dem eigentlichen Korper hinzutreten. Die Verbindung des
Phallus mit Beinen, dem Fliigelpaar, einem Schwanz und Schellen entspricht in auffal-
liger Weise den antiken Tintinnabuli'1’6, oline dass eine Kontinuitat der Darstellung zu
diesen spiitantiken Phallusdarstellungen ernsthaft zu behaupten ware. Moglicherweise
handeltessich urn die Umgestaltungvon Elementen der traditionellen Amor-Ikonografie
341 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadelrastaufder Riickseite; nach links
gewandres Phallusrier mir Krone, Schelle,
Fliigel und Schwanzchen
lnvcnrar-Nr.: UPM 5772
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hohe 30 nun, Breitc 30 mm
Daticrtmg: 15. Jahrhundcrt
Vcrgleicltssiucke: HP I, S. 260, Nr. 634. - Bru-
NA 1996, S. 319, Nr. 610
Litcratur: Koenigsmaiikova 1980, S. 134,
Nr. 136. - К at. Prag 1986, S. 24, Nr. 174. -
Kai. Olumol'i. 2006, S. 229, Nr. 101
342 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadclrast auf der Riickseite; nach
links gewandtes Phallusrier mit Schelle
und Fliigel
111 ven1.1 r-Nr.: UPM 5773
Material: Blci-Zinn
MaKe: Hohe 24 mm
Datierung: 15. Jahrliundcrt
Vergleiclissiucke: Bruna 1996, S. 3171'., Nr. 607Г.
- Haeuecke 1968, S. 73, Nr. 69
Liieraiur: Koenic.smarkova 1980, S. 133,
Nr. 135. - Kai. Piiag 1986, S. 24. Nr. 175
343 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadelrastaufder Riickseite; nach links
gewandtes Phallusrier mit Schelle, Fliigel
und Schwanzchen
liivcntar-Nr.: Narionalmusciim Prag 112-68.116
Material: Blei-Zinn
Майе: I lolic 22 111m, Breitc 24 mm
Datierung: 15. Jalirlnindert
Vcrgleiclisstiicke: ahnlich Kat. Nr. 342
344 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadelrastaufder Riickseite; nach links
gewandtes Phallusrier mit Schelle, Fliigel
und Schwanzchen
lnvcnrar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.117
Material: Blci-Zinn
Майе: Hohe 16 mm, Brciic 18 mm
Daucrung: 15. Jahrhundcrt
Vcrgleiclisstiicke: keine
343 Dreischaliger Gitterguss Nadelrast
auf der Riickseite erhalten, Nadel wegge-
brochen; nach links gewandres Phallusrier
mit Fliigel, Schelle, Schwanzchen, Beine
abgebrochen
Invcntar-Nr.: Nationalnuiseum Prag H2-68.118
Material: Blci-Zinn
Майе- Hohe (noch) 16 mm, Breitc 23 mm
Datierung: 15. Jahrhundert
Vcrglcichssiiickc: ahnlich, cvtl. sogar modcl-
gleicli mit Kat Nr 342
346 Dreischaliger Gitterguss Nadelrast
auf der Riickseite erhalten, Nadel wegge-
brochen; nach links gewandtes Phallusrier
mit Fliigel und Schwanzchen, ein Fufi
abgebrochen
Invcmar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.119
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hohe 16 mm, Breitc 19 mm
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglcichssiiickc: in dcr Gcstaliung dcr Fliigel
ahnlich Kat. Nr. 341
347 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadelrast aufderRiickseite; nach links
gewandtes Phallusrier mit Krone, Schelle,
Fliigel und Schwanzchen, cin Bcin mitFuft
weggcbrochen
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag 142-68.120
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 29 mm, Brcite 29 mm
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglcichssiiickc: sehr ahnlich, aber mclu
modelgleich mit Kal.-Nr. 341
348 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel¬
rast auf der Riickseite, Nadel weggebro-
chcn; nach links gewandres Phallustiermit
Schelle und Flugcl
lnvcnrar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.121
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 20 mm, Breitc 23 mm
Datierung: 15- Jahrhundcrt
Vcrgleiclisstiicke: ahnlich Kat. Nr. 342. -Tixa-
dou 1004, S. 120, Nr. 265
436 Du.richs 1997.
349 Dreischaliger Gitterguss mit Nadcl¬
rast aufderRiickseite, Nadel weggebrochen,
nach rechts gewandtes Phallusticr mit
Fliigel und Schwanzchen
Inventar-Nr.: Nationalmuseuni Prag H2-68.122
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe 17 mm, Breitc 14 mm
Datierung: 15. Jahrhnnderi
Vcrgleiclisstiicke: trotz dcr gegenlaufigcn Wen-
dung bcstcht eine gewisse Ahnlichkeii zu Nr. 344
350 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadelrastaufder Riickseite; nach links
gewandtes Phallustier, stark fragmentierr,
mit Fliigeln, Schelle, Beine und Schwanz¬
chen waluscheinlich abgebrochen
Invcntar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.124
Material: Blei-Zinn
Mafic: Hohe (noch) 33 mm, Brciic (noch)
42 mm
Datierung: 15. Jahrhunderi
Vergleichsstiicke: die besonders plane Oberfla-
chc und die eigcntiimliche Gestalrung der Fliigel
ist so nichr noch einmal bekannt
351 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadclrast aufder Riickseite; nach links
gewandtes Phallustier olme Krone, Schelle,
Fliigel und Schwanzchen (keine Abbriiche)
lnvcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.140
Mafie: Hohe 16 mm, Breiic 24 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglcichssiiickc: s-Hertogenbosch, Afdeling
Bouwhistoric, Archcologie en Monumenicn, In¬
ventar-Nr. 7475 (niche publizicrt, nach Kunera,
Objekt-Nr. 15106)
352 Dreischaliger Gitterguss, Rcste von
Nadel und Nadelrast auf der Riickseite
erhalten; nach links gewandtes Phallustier
mit Schelle, Beine und Fiifte fragmentiert
lnvcnrar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.141
Mafie: Hohe (noch) 13 mm, Brcite 24 mm
Material: Blei-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundert
Vcrglcichsstuckc: Bruna 1996, S. 318, Nr. 609
Erotiscbe Zeicben
I7l)
350
351
352
180
Profane Zeichen
у.и einer Darstellung dcs >*amor carnalis«. Allc Zcichcn tragen auf der Ruckscirc noch
intakte odcr in/wischen rudimentare Befestigungen in Form von Nadcl und Nadelrast,
was ilire Herkunfr aus Nordfrankrcich nahelcgt, wo dicsc Form der Befestigungsich im
15. Jalirliundcrt gegeniiber der alteren Anbringung mittels Oscn durchsetzte. HK
353 DreischaligcrGiucrguss,Nadcl und
Nadclrast auf der Ruckseite, nach links ge-
wandics Phallustier mit Fliigcln
lnvcnrar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.142
Mafic: I Idlic 19 mm, Rrciic 23 mm
Material: Blci-Zinn
Dalicrung: 15. Jalirliundcrt
Verglcicliss i iickc: kei lie
354 DreischaligcrGitterguss, Nadel und
Nadclrast auf dcr Ruckscirc, nach links
gewandres Phallustier mir Fliigeln und
Schclle (verloren), ein Bein abgebrochcn
Invciuar-N'r.: Natioiinlniiisciiiii Prag 112-68.143
Mafic: I Iolic 20 mm, Brcitc 22 mm
Material: Blci-Zinn
Daiicriing: 15. Jalirliinulcn
Vcrglcichsstiickc: cine gewisse Alinliclikcit bc-
siclit /и Kat. Nr. 348
355 Drcischaligcr Gitterguss mir Nadel-
rast auf der Riickscitc, Nadcl abgcbrochen,
Obcrflachcstark beschadigt; nach links ge-
wandees Phallusticr mit Schelle und Fliigcl
Invcntar-Nr.: Naiionalmuseum Prag H2-68.144
Mafic: Hohc 21 mm, Brcitc 23 mm
Material: Blei Zinn
Daiierung: 15. Jalirliundcrt
Vcrglcichsstiickc: cine gewisse Alinliclikcit bc-
sielu -/и Kat. Nr. 348
356 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadclrastaufdcr Ruckseite; nach links
gewandres Phallustier mit Schellc, Fliigcl
und Scliwanzchcn
liivemar-Nr.: Naiiunalniuscuni Prag H2-68.145
Mafic: Hohc 21 mm, Rrciic 24 mm
Material: Blci-Zinn
Daiierung: 15- Jalirliundcrt
Vcrglcichsstiickc: Tixador 2004, ,S. 120,
Nr. 265. - liinc gewisse Alinliclikcit bcsteln 7.11
Kat. Nr. 342
357 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
und Nadclrast auf dcr Riickscite; srark
fragmentiert, nach links gewandres Phal¬
lustier, wahrscheinlich ohne Schelle, Fliigcl
und Krone
Invcntar-Nr.: Naiiimaliiiuscum Prag H2-68.151
Mafic: Holic (noch) 21 nun, Rrciic 54 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirliundcrt
Vergleiclissiiickc: keine
358 Dreischaliger Gitterguss mit Resten
der Nadel und Nadelrast auf der Ruck-
scitc; fragmentiert, nach links gewandres
Phallustier mit Glockchen, Flugelansatz (?),
Schwan/.chen und Krallenfufien
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-G8.161
Mafic: Hdlic 33 mm, Breitc 62 mm
Material: Blei-Zinn
Daiierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglcichsstiickc: keine
356
Erotische Zeicben
181
Vulva auf Pilgcrschaft (359-360)
Zeichen mit der Darstcllung einer aufrechtscehenden Vulva,diemitArmen und Beincn
versehcn ist und die iiblichcn Kennzeiclien der Pilgerfahrt triigt, namlich Stab, Hut
und Rosenkranz, sind auch aus cinigen niederlandischen Fundkomplexen bekannt.
Einige Deutungen dieser Szcncric vcrwciscn auf die mit der Pilgcrschaft vcrbundcnc
sexuelle Vcrsucbung und erotische Zugellosigkeit'1™, ohne dass eine konsistente Inter¬
pretation dieser Darstcllung bisher gegluckt ware.
1m Unterschied zu den niederlandischen Funden srehr bei den beiden Prager Stii-
cken die Vulva aufeinem Standgrund, der eine Rasenfliiche darstellen soil. Die Pilger-
stabe sind gcdrechselt und mit einem typischen Haken versehen, die Gebetschnur des
Rosenkranzes ist offen und rcicht vom Boden bis zur rechten Hand. ИК
43? I IP I. S. 264. Nr.663-666.- IIP 11.S. 413,
Nr. 1774.
438 Vgl. и.a. I Imrm uT ioo.|, S. 97|‘ -Sciimid
1009. S. 1081.
Meehanische Szenerie (361-363)
Die Prager Sammlu ng enthii It zwei sehг wah rscheinlich zusammengehorige Fragmente.
Es handelt sicb zum einen um einen flachen aber beidseitig gestalteten Oberkorper
einer Frau, dcren Kopf mit einem Tuch bedeckt ist. Ihre Hiinde halten einen Stab
oder Stiel in leicht aufrechter Haltung vor dem Korper. Das stabartige Gebilde ist nur
fragmentarisch erhalten. Moglicherweise handelte es sich um einen langen Stock oder
auf der Spitze dcs Stabes saft cin hammerartiges Gerat. An der unteren Riickenpartie
der Frauengestalt befindet sich cin erigierter Phallus mit Hodensack. Drei ahnliche
Stiickc bei denen der gesamte Korper erhalten ist — eine Frau und zwei Manner -
hatte Thomas Wright 1865 als Fundc aus der Seine publiziert.‘,<‘> (Vgl. Nr. 361a)','<"
439 Wnuair/KNiciiT 1865. Plait-33.
440 In iit-r lotiigralischt-n Dokumciuaiiiin der
Sammlung l'ranz Claes in tier Pilgcr/.cichcn-
kartei Kurt Kti.sti-г erscheiui anlTatd 3 in
tier iTMcn Reilic von oIhmi ganz refills till
iillllliclies S|>iclz.ciigfragincni. alli-rdiilgs
oline Phallus.
359 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel und Nadelrast auf der
Riickscite; auf einer Standleiste Vulva mit Pilgerhut, Pilgersrab mir
Haken in der linken und den Rosenkranz in der rcchtcn Hand
Invemar-Nr.: UPM 5774
Mafie: Holic 50 inm
Material: Blei-Zinn
□aliening: 15- Jahrhiindcri
Vcrglcichsstiickc: HP I. S. 264. Nr. 663-666. - HP 2. S. 413. Nr. 1774
(ahnlicli)
I.itcratur: Kai. Prai; 1986. S. 24. Nr. 176
360 Dreischaliger Gitterguss mil Res ten von Nadel und Nadel¬
rast auf der Riickscitc; auf einer z. T. weggebrochcncn Standleiste
Vulva mit Pilgerhut, den fragmentarisch crhaltcncn Pilgcrstab in
der linken und den Rosenkranz in der rcchtcn Hand
Inveniar-Nr.: UPM 98.975
Mafic: Hohe 26 mm
Maierial: Blei-Zinn
□ar'iening: 15. Jahrliunderi
Vcrglciclissiiicke: HP 1, S. 264, Nr. 663-666. - 1 IP 2, S. 413, Nr. 1774
(ahnlicli)
182
Projane Zeicheh
Wozu dicsc Figurcn dicntcn, lasst sicli an dcr Nr. 362 ablesen: Es handelt sich um den
unteren Teil einer alinlichcn Figur, die von dcr Hiiftc abwarrs crhalrcn blieb. Bcidc
Hande dcr Figur umfasscn wiederum einen Stab und am Riicken erschcint ebcnfalls
cin Phallus. Dcr Fuft dcr Figur ist durch cincn Nict beweglieh mir einem liinglichen
Metallstreifcn verbunden, der mit einem Wiirfelaugendekorverziert ist. Auf Knicliohe
bchiulct sicli in dcr Figur einc kreisrunde Aussparung, die wahrscheinlich ebenfalls
cine gcnictctc Vcrbindung aufnahm. Die Montage dcr Figur lasst sicli unschwer zu
einer bewegliehen Szcncric bzw. zu einem mcchanischcn Spielzeug erganzen. Der
Fraueiifigur stand eine zweite Figur, evtl. ein Mann, gegenuber, die ebenfalls an dem
langlichcn Metallstreifcn angenieret war. Zusatzlich waren bcide Figuren auf Knie-
holie mit einem Dralit o.a. verbunden, dcr den Zug von einer Figur auf die andere
iibertrug. Dcnkbar ist, dass bcide Figurcn bci dcr Bcwcgung aufeinander oder aber
mit Hammern o.ii. auf cincn mittigaufdem Metallstreifcn angebracliten Gegenstand
einschlugen. Der auf der Riickseite der Figuren angebraclite Phallus diente als Grift
zum Bewegcn der Figuren.
Da ein nach demselbcn Prinzip funktionicrendes Holzhackerspiel als Fragment zu
der Prager Saninilung gelicirt, wird diese Nr. 363 bier in den Katalog aufgenommen,
aucli wenn es sich niclit um ein scxuell konnotiertes Objekt handelt. HK
Fig.!» Fig- 2. Ftg-3.
361a Reste einer mechanischcn S/.cnerie
nach Wright/Knigiit 1865, Plate 35
361 Vollplastisclic Fraucnfigur mit Stab
und Phallus am Riicken, Teil eines mcclia-
nischen Spiclzcugs
Invcntar-Nr.: Natiniinliiiiiseiiin Prag H2-68.057
Ma8c: Holie (nocli) 27 mm, Breite (nodi)
18 nun
Material: Blci-Zinn
Daiierting: spiiimiitclalrcrlidi?
Y'erglcidissriickc: W'iuimit/Knicii i 1865. Plate
35. Pig- 1-3. - Kliemaligc Sammlung Pranz Claes
362 Vollplasrische Figur mit Stab und
Phallus am Riicken, an einen langlichcn
Metallstreifcn mit Wiirfclaugendekor an-
genietet, Fragment eincs mechanischcn
Spiclzcugs
lnvcntar-Nr.: Nationalmnsoiim Prag H2-68.133
Mafic: Hohc (noch) 24 mm, Breitc dcs Morali¬
st rci fens (nodi) 91 nun
Malcrial: Blci-Zinn
Daricrung: spaimirrelallcrlich ?
Verglciclisstiickc: keine
Erotische Zeichen
183
Nackte stehendc Frauengestalt (364-365)
Die Prager Sammlung bcsitzt zwei Wcrkc, die jcwcils cine stehende Frauengestalt mit
betont schlanker Huftc darstcllcn. In dem einen Fall (Nr. 364) bandclt es sicli um eine
handwerklicli sehr schlicbte Arbeit. Die Figur tragt einen Faltenrock odcr ein Kleid,
dessen Oberreil berabgelassen wurdc. F.s verhiillt den Korper vom Bauch abwarts,
wahrend der Obcrkorper bis zum Nabel nackt ist. Beide Armc sind in die Huften gc-
stemnit. Da der Kopf fchlt und chcmals scitlich an dcr Figur befindliche Zusatze mog-
licherwcise ebenfalls ahgebrochen sind, lasst sich die Darstellung niclit klar beurteilen.
Die zweite Figur (Nr. 365) ist beklcidct mit einem in dcr'Faille eng geschniirten
Kleid, das die Briiste durch einen tiefen Ausschnirt betont. Auf dcr linken Seitc der
Figur reicht ein geschwungenes Schriftband von der Schulter bis zum Boden. Die
Minuskelinschrift darauf ist schwer lesbar, erkennbar scheint das Wort »amor«. Auf
der rechtcn Seite sind Rcsrc einer floralen Szencrie aus Blartcrn und Biischen zu ahnen,
die zum groften Teil weggcbrochen ist. Moglicherweisc handclt cs sich um das Bruch-
stuck einer groReren Szene. Da keine Nadel o.a. vorhanden ist, kann die Figur allein
nicht als Zeichen getragen vvorden sein.
Die Bedeutung dicser Figurcn ist schwcr zu bestimmen, moglicherweisc stchen
sie in Verbindung mit drei ahnlichcn stehenden Frauenfigurcn in der Sammlung dcs
Musee de Cluny.1" HK
363 Vollplastische Figur eines Holzha-
ckers mit Axt und Restender inechanischen
Verbindung, Fragment eines Spielzeugs
Iiivcntar-Nr.: Nationalmusciim l’rag H2-68.162
Mafic: Hohc 34 mm, Breitc 18 mm
Material: I3lci-Zinn
Daticrunj;: spatmiiicIaliiTliclir/friihneii/.eii-
lidi ?
Verglcichssi iickc: keine
364 Dreischaliger Gitterguss mit Nadel
auf der Riickseite, stehende Frauen figur
mit entbloRtem Obcrkorper
liivcniar-Nr.: Naiionalmuseiini Prag H2-68.221
Mafic: Hohc 32 nun. Brciic (noch) 18 mm
Material: Blci-Zinn
Daiiernng: spliimittelalterlich?
Verglcichsstiicke: keine
441 BitiiNa 1996. S. 3311., N’r. 635-637.
365 Fragment ierter (jit lerguss,!aeheude
Frauen figur mit Spruchhand
Invcniar-Nr.: Nationalinuscum Frag 112-68.205
lnschrifi: >anior«
Mafic: Hohc (noch) 28 mm, Brciic (noch)
22 nun
Material: Blci-Zinii
Daticrung: wohl 13. Jalirhuiulcri
Vcrglcicli.ssiiickc: Biujna 1996. S. 3311..
Nr. 633-637
184
Profane Zeicbe,
Minneszene und Herzgabe (366-367)
Zu dem Zeicben mir der Darstellung einer Minneszene (Nr. 366) gibt es bisher
keine Parallele. Dargcsrcllr ist cin Licbespaar, das unrer einem Baum sitzt und
Liebesgaben austauscht: Die Frau reicht dem Mann einen Blumenkranz, wahrend
dieser illr cin Herzsymbol entgegenstreckt. Die Szene ruht auf einem rcchteckigen,
gerahmten Schriftfeld mit der Inscbrift »an may«. Die Darsrellung nimmt mit dem
Hcrzensiauscb und dem Minnegarten Bezug auf die Konventionen der Minnclite-
ratur (Rosenroman).
Die Darsrellung cines Herzsymbols mit spriefSenden Blartern (Nr. 367) ist als
konkretc Liebesgabe anzusprcdicn. Ahnlicbe Objekie sind aus zahlreichen Funden
bekannr, allein aus Londoner Grabungen stammen mehr als 50 von ihnen.'12 HK
Meerjungfrau (368)
Da die urspriinglicb aus der griechischen Mythologie stammenden Mischwescn dcr
Sircnen - urspriinglicb mit menscblicbein Haupt und Vogelleib — seit dcr christlichen
Spatanrike vor a I lent als Vcrfiihrerinnen zur sinnlicben Lust verstanden wurden, wird
366 Dreiscbaligcr Gitterguss mir Nadcl
und Nadelrast auf der Riickseitc, Minne¬
szene mit Herzenstausch und Inschrif-
ten rab men
Invcntar-Nr.: L'PM S770
lnsclirili: in Minuskcln »an may»
Майе: Hcilie 38 nun, I3rcitc3l mm
Material: Blci-Zinn
Datierimg: 15. Jalirhiindcrt
Verglciclisstiickc: keinc
Liicratur: Koeniusmahkova 1977.8. 135.
Nr. 138. - Клт. Prac; 1986, S. 24, Nr. 171. -
Kai. Oi.omouc 1006. S. 229, Nr. 102
442 Vgl. Spencer 1998. S. 321 f.
367 Zwciscbaliger Gitterguss, Herz mit
spriefienden Zwcigen
Invcntar-Nr.: UPM 5656
Inschrift: in Minuskeln »ca« ?
Майе: Hohe 38 mm. Brcite 22 mm
Marcrial: Blci-Ziim
Daiierunp: 15./frillies 16. Jahrliundcn
Vcrglcichssriickc: Spencer 1998, S. 323,
Nr. 321c
Literalur: Koenicsmarkova 1977- 8. 134,
Nr. 137
Erotische Zeichen
185
das Zeichen Nr. 368 ini Katalog an dicscr Stellc eingeordnet."’ Die Darstellung der
einschvvanzigen Meerjungfrau mir Spiegel und Kamni (?) entspriclu den iiherwiegend
in den Niederlanden gefundenen'", aber auch den aus der Seine stammenden1 ana-
logen Zeichen. Ahnlichc Darsrcllungen finden sich in zahlrcichcn Snjeis. Besonders
enge Beruhrungen mit der Ikonografie der Zeichen hai eine Misericordie in der Sinr-
Pieterskerk in I.owcn (Flamisch-Brabant) aus dcrZeit um 144().H(’ HK
Kaurischneckc (369)
Das Gchau.se der aus dem Indischcn Ozcan oder Pazifik stammenden Kaurischneeken
(Cypraeidac) spielteseit der romischen Kaiserzeit in der europaischen Kulturgeschichre
eine wichtige Rolle als Schmuckstuck und Amulert.1'1 Die der weiblichen Scham ah-
nclnde Form der Schlitzoffnung des Schneckengchauses mit den parallel verlaufenden
Querrippen erklitrt seine Bedeurung als Liebes- und Fruchtbarkeirssymbol. Da eine
systematische Unrersuchung der Verbreitung solchcr bis heute getragener Anhanger
fur das spate Mittclaltcr und die friihe Neuzeit m.W. fehlt, liisst sich das Stuck nur
schwer einordnen.4'"1 HK
368 Profanes Zeichen, drcischaliger C.it-
terguss, Sirene, auf der Ruckseite Nadel
mit Nadelrast
Inventar-Nr.: Narionaliiitiseiim IVag 112-68.113
Mafic: Hohc 27 mm, Brcitc 23 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15. Jahrluindort
Vergleiclmtiickc: Bkiina 1996, 5. 323, Nr. 6l6.
- HP I, S. 252. Nr. 598. - HP II. S. 405.
Nr. 1719
369 Anhanger, gefasste Kaurischnecke
Invcniar-Nr.: Natioiialnuiseum l’rag H2-68.I14
Mafic: Holie 29 mm. Hrciic 17 mm
Material: Kaurischneckc, Blei-Zinn (?)
Daticrung: 15. Jahrlnindcrr?, friihneuzeirlich?
Vcrglcichssiiicke: Haxsmann/Kkiss-Rkttkn-
ukck 1977. S. 181, Nr. 292
443 Vgl. лиг Dcutimgdcr Sircncn ini iVliitclalter
dcu Uberblick hei Roi.inc 1010. /.in Ikn-
uogr.ific tier Sircncn vgl. I.i.i i i iu.q-Makx
■ 997-
444 Vgl. HP l. S. 2521.. Nr. 598-601 - HP II.
S. 405. Nr. 1717-1720.
445 Vgl. But na 1996. S. 322-324.
446 I.i-.ci.i-.kc:q-Makx 1997. S. 281.
447 Vgl. (>um 11. Art. Musdiel. in: I l.mdworier-
hucli de\ lleuisdicii AlHTglaubeiis, lig. von
I lann.s I3iichrhold-St:inbli u.a., Bd. 6. Berlin
1934/35 (N1) Berlin 1987:, Sp. 6321.
448 Vgl. К at. Sai.ziiiihc 2010. S. 280. Nr. 8.12
II ncl S. 303. Nr. 8.183. - Ahnlichc l-.isNimgen
zeigrn die Iriilmeuv.eiilichcn Ainuleite iin
К at. Sai./.hl ki. 2010. S. 262-265.
369a Riickseite von Nr. 369
187
BIBELOTS
Im Umerschied zu den Pilgerzeichen, die besonders in den letztcn Jahren grundlicheren
Analysen und Idcntifr/ierungen unterzogen wurden, stchen Miniaturobjekte des tag-
lichen Bcdarfs bzw. Kleidungszubehor hin&ichtlich ihrer Erforschung noth im Abscirs.
Dies ist wohl auch dadurch bedingt, dasssie, weil sieoft aus einerpreiswerten Zinn-Blei-
Legierung gefertigt waren und einem praktischen Zweck, das heif^t dem Spielen, dem
Verschlieften von Kleidung oder als Schmuck dicntcn, stets nur eine armere Varianre
der aus Edclmetallen gefertigten Gegenstande waren. Sie unterlagen schneller dem
Verfall und hatten dariiber hinausauch keineso interessantc Ikonografiezu bieten wie
die Pilgerzeichen. Und doth bleibt es eine Tatsache, dass sie (wenngleich in geringerer
Menge) zusammen mit Pilgerzeichen und auch mit Gussformen aus Stein (zumeist
Schiefer) gefunden wurden. Wenn wir uns nur auf das Gebiet von Paris konzentrie-
ren, von dem angenommen wird, dass wir hier die Provenicnz des Prager Konvoluts
suchen diirfen, so finden wir in der Eiteratur vielfach die Herstellung dieser »bibelors«
im Rahmen der Zinngiefterei erwahnt. Hire Hersteller wurden »bibelotiers« genannt,
wie Verweisc auf Archiveintriige aus dem 13. Jahrluindert zcigcn.vl<l Die »bibelotiers« 449
bewohnten dasselbe Viertel wie die Goldschmiedc, namlich die Gcgend urn die Pont
au Change und den Justizpalast'141’, und dieselbc Lcgierung wie fur die »bibelots« wurde
oft auch von den Goldschmieden fur die Herstellung von Modeln fur Schnuickstiickc
oder andere Schmuckdetails benutzt. Die Quellcn belegcn eine in dicsem Sinne zent- 4<’°
ralisierte Produktion und den Vcrtricbdurch Vcrkaufinsbcsondcrcaufviclen Markten,
auf denen selbstverstandlich vor allem preiswertere Andenken wie kleine Schmuck-
stiicke, Ringe, Rroschen, Armreifen und Stirnbiinder, oder Kleidcrschlieften, Knopfe,
Spangen, Schnallen und Gurtelzierbeschlage, angebocen wurden.'1'51 Gleichzeirig kann 451
angenommen werden, dass Miniaturgeschirr und -gegenstande aus dem Bereich der
Kiichenausstattung als Spielzeug dienten. Das Ganze kann man sich parallel zu ma-
teriellen Zeugnissen aus jungerer Zeit vorstellen, wie zum Beispiel zum Zinngeschirr,
das fur Nurnberger Puppenkuchen typisch ist, die bereits fur das 17. Jahrhundert
uberliefert sind. Doch es gibt bereits aus der Antike Belege fur Miniaturgeschirr. Die
Kontinuitiit des materielIcn Milieus und daraus rcsulticrcnd mcnschlichcr Bcdiirfnis.se
ist geradc in den Artefakten dieser Miniaturwelt fur Kinder eindeutig fassbar, denn
Spielsachen und Spielc dienten stets dazu, die Welt kcnncnzulcrnen.
Ein Teil der Produkte bestand aus kleineren Gcgcnstanden, dcren Funktion Schutz
bzw. Vorbeugung war. Glockchen waren Kleidungsbeiwerk oder befanden sich an
einer Kette in der Hand des Pilgers, um seine Gegenwart anzuzeigen oder um in das
allgemeine Glockengeliiut beim Vorzeigen der betreffenden Reliquicn auf Kirchenfes-
ten mit einzustimmen. Eine ahnlichc Funktion hatten Pfeifen, doch waren sie auch
Spielzeuge. Klappern wiederum dienten sowohl dazu, Boses vom Kind fernzuhalten,
als auch als warnende Signalinstrumente, die ihren Tragcr als Kranken, beispielsweise
als Leprakranken, auswiesen.
Im Prager Konvolutsind im Kapitel »BibeIors« 56 Gegenstande angefiihrr, darunter
dominiert das Miniaturgeschirr wie Schiisseln, Becher oder ihre Fragmente (19), zwei
kleine Kerzenstiinder, zwei Feuerbocke, funf verschiedene plastische Tierfigi'irchcn,
ebenso Fragmente, ein LofFelchen und viellcicht ein Zahnstocber- alles Gegenstande
des profanen Gebrauchs. Die zweite Gruppe wird von Schmuckstiicken und Zierat
gebildel, der zur Kleidung gchorte. Hierzu zahlcn sieben Ringe und sechs Schnallen
bzw. GiirtclschlieBen. Eine Ausnahme unter den Schmuckstiicken bzw. rcligiosen
Objekten (Devotionalien) ist das Fragment einer ofFcnsichtlichen »Rosenkranzkugel«
/it. (!av 1877. S 153. Allcrdin^s crstlu-mi
die lUvekhmmg ■■ Hibdoi« I'iir Mini.iuircn
cim starker tin l7. Jalirliiiiiileri nnil w.n vor
.illeinlieiileii F;orscluTiulo 19. J.ilirlnmdcrts
ublicli.
Z.u. Ha ns i iKK.i, S ? 15
Licmibown 1992. Кар. 5.
188
Bibelots
oder Pomander-Riechdose (Bisamapfel). Die dritte Gruppe besreln aus Glockchen und
kleinen Pfeifen (10), die dem Pilger aufseinen Fahrten wohl zurTonerzeugunggedient
haben mogen, genauso wie die Klappern, bei denen es aber wohl wahrschcinliclicr war,
dass man sie einem Kleinkind zur Beruhigung gab. Keiner diescr Gcgcnsrande stellt
indes eine Besonderheit noch eine exemplarische Auswahl dar, aus dcr man leicht auf
die Welt der erhaltenen Beispiele in der Realitat oder in Abbildungen schliel?en darf.
Typische Bestandteile der mittelalterlichen Kiiche waren Feuerbocke, »hasteur« ge-
nannte Stutzgestelle, die entweder an der Feuerstelle (Nr. 370 und 371) verwendet
wurden, sofern sie paarig vorkamen und zwischen ihnen ein Rost zum Braten von
Fleisch ausgebreitet war, oder zum Aufbewahren von Holz. Gay fiihrt nocli einen
weitcrcn Ausdruck fiir ein iihnliches Gcstcll an: »chcnet dc fer« (eiserner Hund).45J Die
Miniattirbcchcr/-kclchc (Nr. 378-380) haben hinsichtlich ihrer Form dieengsten Par-
allelen in liturgischen Gegenstanden (Nr. 374) namlich in der breiten Form der Kuppa
- jedenfalls mehr als in gelaufigen Trinkbechern. Zwei kleine Gefal?e auf fast genau
so groften Fiil?cn wie ihre geoffnete Kuppa erinnern ihrer Form nach an Taufbecken
Objekte/Miniaturen (370-397)
370 Miniatur-Feuerbock, ursprtinglich
aus zwei Teilen bestehend, der vordere
Srah zweiheinig mir Dreipass, nben gedreht
mit Haken, da ran ein kleiner Haken als
Aufhangung
lnvcntar-Nr.: UPM 5777
Mafic: Hcihc 60 mm, Brcitc 25 mm
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglciilissiiiikc: Gay 1887, S. 362 (ЛЬЫIdung
cincs Fcucrbocks/Cliencts aus dem 15. Jahrluin-
den)
371 Miniatur-Feuerbock, ursprunglich
aus zwei Teilen bestehend, der Stander
stcht auf zwei Fiil?chcn, mit S-formigcm
Arm, gabelformig in Blumenornamente
auslaufend
lnvcntar-Nr.: UPM 5640
Mafic: Hohc 69 nun, Brcitc 35 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. /16. Jahrhundcrt
Vcrglcit.lissiiii.kc: keine
372 Miniaturkerzeiilialier, runderTeller-
ful?, StockschaftmitglockenformigerTiille
und Dreiblattfensterchen, inderFul?platte
eine nicht gegossene Offnung
lnvcntar-Nr.: UPM 5776
Malic: Hcilie 50 mm, Brcitc 30 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Vcrgleich.s.stiicke: n’At.l.r.MACNE 1928, Tafcl
CXXXIV. Abb. 8
Literatur: Kai. Prag 1987, Nr. 183
373 Miniaturkerzenhalter, runder
Tellerful?, Stockschaft mit zylindrischcr
Tulle, zwei Fiscliblasenfensterchen, stark
deform iert
lnvcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.260
Mafic: Hohc 48 mm, Brcitc 26 mni
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundert
Vergleichsstiicke: d’Allemagne 1928, Tafcl
CXXXIV, Abb. 8
374 Fufischale/Kelch, teilweise Voll-
guss, gerippter Tellerful? mit Stabschaft
und runder Kuppa, die mit Schraffierung
verziert ist, deformiert
lnvcntar-Nr.: UPM 5779
Mafic: Hohc 32 mm, Breitc 30 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglcidisstiickc: Gay 1887, S. 377 (Ziborium
von iihnlichcr Form in it cinern Deckel)
Literatur: Koi.nigsmarkova 1977, S. 125, Nr. 117
375 Kannchcn/Ampulle, birnenformi-
ger Gefdl?korper mit Flockendekor, gc-
drungenem breiten Hals, aufrechter Tiille,
die in einen Tierkopf auslauft, die Tulle
ist mit dem Hals verbunden, geschweifter
Bandhcnkel, auf dem Bodenrand noch
Reste von drei Fiil?chen vorhanden
lnvcntar-Nr.: UPM 5782
Mafic: Hohc 35 mm, Breitc 31 mm
Material: Blei-Zinn
Daiicrung: 15. Jahrhundcrt
Vergleichssriicke: Gay 1887, S. 14 mit Abb.
Literatur: Koknigsmarkova 1977.^- 143, Nr. 155
371a Feuer-
bock nach Gay
1887, S. 362
452 Gay 1887, S. 69 und 362.
376 Kannchen / Ampul le bi rnen formiger
Gefal?korpcr mit Flockendekor, gedrunge-
nem breiten Hals, aufrechter Tiille, die in
einen Tierkopf auslauft, die Tiille ist mit
dem Hals verbunden, unten am Boden eine
Lilie, fragmentiert, wie Nr. 375
lnvcntar-Nr.: UPM 98.983
Mafic: Hohc: 32 mm, Brcitc: 32 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundcrt
Vergleichsstiicke: Gay 1887, S. 14 mit Abb.
377 Miniaturtaufbecken (?), runder
durchgebrochener Tellerful? mit aufge-
setzter sechseckiger Schale, von zwei Blatt-
kranzchcn umzogen, aul?en die Buchstabcn
»PM« und eine Ziffer (?)
Invcntar-Nr.: UPM 5785
Mafie: Hohc 20 mm, Brcitc 30 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 16./17. Jahrhundert
Vergleichsstiicke: keine
378 Beclier/ Miniaturtaufbecken (?),
runder, schalenformiger Ful? mit Rclief-
verzierung, auf der breiten Schale zwei
Blattkranzchen, aul?en die Buchsraben »I
D« und cine Ziffer (?)
lnventar-Nr.: Nationalmuseum Prag H2-68.262
Mafie: Hohc 20 mm, Brcitc 24 111m
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15./16. Jahrhundcrt
Vergleichsstiicke: keine
vjCKtei ivitmamren
189
377
378
190
Bibelot.
379 Bccher/ Miniattirkelch, flacher
Fufi mil Stangcnsiicl und kuppelformiger
Schale, mit einigen Rippen versehen (?)
lnvcntar-Nr.: Nationalnuisciini Prag 112-68.258
Mafic: Hoke 34 min. Breite 22 mm
Material: Hlei-Zinn
Daticrung: 15. Jalirluiiulcrt
Vergleiclisstiickc: kcinc
382 Kelle (Salzloffel?), rundcr Schopflof-
fcl, am Rande gestreift, dcr Sticl tordiert,
in cine Kugcl auslaufend
lnvcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-C8.058
Mafic: I lobe 14 mm, Lange 44 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: I5./I6. Jalirhundcrt
Vergleiclisstiickc: kcinc
380 Becher/Miniaturkclch.flacher.acht-
eckiger Fufi mitstangenformigem Sticl und
breiter, einFaclier, kuppelformiger Schalc
lnvciuar-Nr.: Nationalmuseuni Prag H2-68.259
Mafic: Hcilic 35 mm, Breiie 24 mm
Material: Hlei-Zinn
Daiicrung: 15. Jahrlumderi
Vergleiclisstiickc: keine
383 Kannchen (Taufkanne?), flacher,
runder Ful? mir Verzierung, trichtcrfor-
miger GefafSkorper mit flachem Schnabel
und eckigem Henkel, stark deformiert,
neben dem Henkel cin zusatzlicher Hakcn
(?) zugegossen, dcformicri
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.261
Mafic: Hdhe 38 mm. Breite 25 nun
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15./16. Jahrliuiiden
Vergleichsstiicke: keine
381 Miniaturbeclier?
Inveniar-Nr.: UPM 98.982
Mafic: I Itilie 26 mm, Durclnnesser 23 nun
Material: Hlei-Zinn
Daticrung: 15. Jalirhundcrt
Vergleiclisstiickc: keine
384 Kannchen, flacher runden FuB mit
Vcrzierungsresten, stark deformiertcr halb-
ovaler Korper
Inventar-Nr.: Nationalinuseiim Prag H2-C8.263
Mafic: Hdhc 38 mm. Breite 25 mni
Material: Blei-Zinn
Daticrung: 15./16. Jalirhundcrt
Vergleiclisstiickc: keine
ObjektelMin'utturen
191
(Nr. 377, 378 ). Zwei Miniaturker/.enstander, dcren Cuppae-Fensterclicn in Dreipafs-
form (Nr. 372, 373 ) haben, konntcn zwar als Spielzeug gcdient liaben, sollten abcr
doch besscr dcr Kategorie dcr liturgischen Miniaturgerate zugeordnet vvcrdcn, die wir
abermals in groKerer Menge ails dcmsclbcn Material, aber ans jiingerer Zeit, d.b. vom
17. Jahrhundcrt an, kennen.Siestammen dann insbesondereaus Zentren, in denen sieli
die Zinnproduktion kontinnierlich liielt, wie bcispiclsweise in Niirnberg. Spielsachen
waren viellcicht die Kjinnchen mit gegossenem Schuppendekor (Nr. 375, 376 ), deren
Oberfliiche mit der Zeir eine goldartige Patina annahm. Sic iilincln dcr Ampnlle aus
385 Ohrenschiisscl, runde Scliale mit konvexem Boden, zwei
flache Drciblattgriffe, untcr dem Boden Reste von zwei (kugcli-
gen) FuRchen
Inveiitar-Nr: Nationalmuscum I’rag H2-68.270
Mafic: Holic 25 mm, Breitc 36 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 16./17. Jahrhundcn
Vcrgleiclisstikkc: keinc
386 Schiissel, ruiidcSdialciiiitaufsicigcndciiiglaticiii Rand, am
Boden stilisierte vierbliittrige В Kite, zwei runde 1 lenkel am Randc.
deformiert, Gussliicke
Invcniar-Nr.: National museum I'rag 112-68.272
Mafic: Holic 14 mill. Brcitc 33 inni
Material: Blci-Zinn
Haiiming: 16717. Jahrlunulcrt
Vcrglcich.sstiickc: kcinc
387 Ohrenschusscl, runde flache Schale mit zwei groflen, gegen-
iiberliegenden, flachen Dreiblattgriffen, auf dem Boden im Kreis
stilisierte Rose und an den GriflFen feiner volutenartiger Dekor,
beschadigt
lnvcniar-Nr.: Naiionalmuscum Brag H2-68.274
Mafic: Hohc 5 mm, Brcitc 26 nun
Material: Ulci-Zinn
Daticrung: Elide ties 16. Jahrlnmdcn.s
Vergleiclisst iicke: kei nc
388 Plan tie, runde tiefe Schale mit flachcm Dekor am Boden,
Fufl ursprunglich rund und durchbrochen, auf vier angeloteten
Ftiflchen stebend, der Handgrifl waclist ans finer dcr drei Rippcn
auf dem Mantel des Gcfaflcs heraus, deform iert
Inventar-Ni.: Naiion.ilnniseum Brag 112-68.275
Mafic: Durcliniesser 29 mm, Lange 46 mm
Material: Klci /.iilil
Daticrung: 15. Jalirlunidcn
Vcrgleiclisstikkc: kei nc
190
Bibelots
Ъ7Э Becher/ Miniarurkclch, flachcr
Fufl mir Stangenstiel und kuppelformiger
Schalc, mit cinigen Rippen versehen (?)
Inventar-Nr.: Narionalmuscum Prag 112-68.258
Mafic: I lolie 34 mm, Rrcitc 22 nun
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Vergleiclisstiicke: Iccine
382 Kclle (Salzloff'el?), rundcr Schopflof-
fel, am Rande gestreifr, dcr Sticl tordiert,
in cine Kugei auslaufend
Invcntar-Nr.: Nationalmuseiifn I’rag H2-68.058
Mafic: Holic 14 min. Liingc 44 mm
Material: Blci-Zinn
Daricrung: 15./I6. Jalirliundcrt
Vcrglcichssriicke: keine
380 Bcchcr/ Miniaturkelch, flacher.acht-
cckiger Fufl mirstangenformigem Sticl und
breiter, einfaclier, kuppelformiger Schalc
Invcntar-Nr.: Narionalmuseum Prag H2-68.259
Mafic: Hohe 35 mm, Brcirc 24 mm
Material: Blci-Zinn
Daricrung: 15. Jahrhtindcrt
Vcrglcidissiiicke: kcinc
383 Kannchen (Taufkanne?), flachcr,
runder Fufl mir Verzierung, tricluerfor-
miger Gefaftkorper mit flachem Schnabel
und cckigcm Henkel, stark deformiert,
neben dem Henkel cin zusatzlicher Hakcn
(?) zugegossen, deformiert
Invcntar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-68.26I
Mafic: Hohe 38 mm, Breitc 25 mm
Material: Blei-Zinn
Daticrung: I5./16. Jalirliundcrt
Vergleiclisstiicke: kcinc
381 Miniaturbechcr?
Invcntar-Nr.: UPM 98.982
Mafic: Hohe 26 nun, Durchmesser 23 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Vergleiclisstiicke: kcinc
384 Kannchen, flacher runden Fufl mit
Ver/.ierungsrcsten, stark deform ierter halb-
ovalcr Korper
Invcnrar-Nr.: Nationalmuscum Prag H2-6H.263
Mafic: Hohe 38 mm, Breitc 25 mm
Material: Blci-Zinn
Darierung: 15./16. Jahrhtindcrt
Vergleiclisstiicke: kcinc
Objekte/Miniaturen
11Л
(Nr. 377, 378 ). Zw'ci Miniaturkerzcnstander, deren Cuppae-Fensterchen in Dreipafi-
form (Nr. 372, 373 ) habcn, konntcn /.war als Spiclzeug gedienr haben, solltcn abcr
doch bcsser dcr Katcgoric dcr liturgisclien Miniaturgerare zugeordnet werdcn, die wir
abermals in grofierer Menge aus demsclben Material, aber ans jiingerer Zeir, d.b. vom
17. Jahrhundcrran, kcnncn.Sicstammcn dann insbesondereausZenrrcn, in denen sich
die Zinnprodukrion konrinuierlich hielt, wic beispiclsweise in Niirnberg. Spielsachen
waren vielleicht die Kannchen mit gegossenem Schuppcndckor (Nr. 373, 376 ), deren
Oberflache mit der Zeit eine goldai tige Patina annahm. Sie iihncln dcr Ampulle aus
385 Ohrenschiisscl, runde Schalc mit konvexem Boden, zwei
flachc Dreiblattgriffc, unter dem Boden Reste von zwei (kugeli-
gen) FuRclien
Inventar-Nr.: Nationaliiniseinn Prag 112-68.270
Mafic: Hohc 25 mm, Breite 36 mm
Material: Blci-Zinn
Datierting: 16./17. Jalirhundert
Verglcichsstiicke: kcinc
386 Schiissel, runde Schale mit aufsteigendcmglatteni Rand, am
Boden stilisierte vierbliittrige Bliitc, zwei runde Henkel am Rande,
deformiert, Gussliicke
Inventar-Nr.: National museum Prag H2-6K.272
Mafic: I liilic 14 mm, Brcitc 33 mm
Material: Blci-Zinn
Datierting: 16./17. Jahrluiiuiert
Vergleicbsstiicke: kcinc
387 Ohrenschiissel, runde flache Schale mit zwei groficn, gegen-
ubcrliegenden, flachen Dreiblattgriffen, aufdcm Boden im Kreis
stilisierte Rose und an den Griften feiner volutenartiger Dekor,
beschiidigr
Invcntar-Nr.: Naiinnalmusctim Prag H2-68.274
Mafic: Hohc 5 mm, Breite 26 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: Elide dcs 16. Jahrluindcrts
Verglcichsstiicke: keine
388 Pfanne, runde tide Schale mit flachem Dekor am Boden.
FuR iirspriinglich rund und durdibrochen, auf vier angclotcrcn
Fiifichen srehend, dcr HandgrifFwachst aus einer der drei Rippen
auf dem Mantel des Gefaftes heraus, deform iert
Invcntar-Nr.: Naiionalnuisetini Prag 112-68.275
Mafic: Durchincsscr 29 nun, Liingc 46 nun
Material: Blei Zinn
Datierting: 15. Jalirhiinderi
Verglcichsstiicke: kcinc
192
Bibelot.
394
Objekte/Mtuuituren
dun Kunstgewerbemiiseum in Koln am Rhein,s< uiui weiteren Kiinnchen mu einRi¬
cher konischcr l;orm (Nr. 383). die an laufkanneii aus dem 16. Jalirhiindert erimiem.
Bemerkenswert isr, dass in dcr ersten Auswalil fiir die Saminlungcn des Kunsrge-
werbemuseums Prag keine der fiinf Schusseln (Nr. 385-387, 388 (cine Pfanne], 390)
enrhaltcn waren, obgleicli es sich in diesem Falle um edict- Miniaturen liandeli, die
jahrhundertclang benurzr wurden, also schwerlicli miller datiert werden kbimen als ins
389 ZaluiMoclicr, der Schafc isr unter-
schiedlieh geformt: er endei aufder einen
Scire flach und auf der undcien sichel-
formig; es konnte sich um oin am Giirtcl
getragenes Anhhngsel handeln
l»vcniar-Nr.: Nationalmuscum 1'r.ig 112-68 136
Mafic: Hohe8l nun. Breitc 22 null
Maicrial: Blci-Zinn
Daticrung: 16. Jahrliundert
Vcrglcichsstiickc- d'Ai i.fmac.ni-. 1928, laid
CCXXVIII. Abb. 3. I'afcl CCXXXV. AI>1>. 5
390 Schiissel, rundc tiefe Schale, aufdem
Boden in Kreisen stilisierte Blrite mit Ran-
ken, untcrdcrschraflfierten Kanresindsechs
Lothei rcgelmaBigangcordnet, walirschein-
lich dienten die Locher zur Aufhhngung
Invcnt.ir Nr.: Natiitiulimiseum Prag H2-6K 276
Mafic: Hohc ‘J mm, Durchmcsscr 44 nun
Material: Blei-Zmn
Daticrung: I6./I7. Jahrliundert
Vcrglcichsstiicke- Sammliing Bossard (Hllding
191 i,TafelXXXVl:2. Rcihcvon tinten 3. von links)
391 Gefafi, Morser (?), der Mantel isr
waagereclu in drei Srreifen getcilr, im
mittleren sreln die Inschrifr »pia maria«;
es konnte sich um einen Morser handeln,
weil sich auf dem Fuff Resre von Srand-
fiiffchen befinden
Invcniar-Nr.: UPM 5781
Mafic- Hohc 20 min. Durchmcsscr 25 mm
Material: Blei-Zmn
Daticrung: 15. JahrliutHlen
Vcrglcicbsstиске- kcinc
I.itcraiur: Koi-nu.sm akkova 1977. S 126, Nr 118
392 Sal/gefaff, Flacliguss, runde Schale,
aufdem tieferen Boden im Kreis die In-
schrift »IHS«, auf dem Rand cine umlnu-
fende Inschrifr, aufder Riickscitcdes Roden
gericzce, unlesbare Buchstaben
Invctnar-Nr.: UPM 5786
Mafic. Durcbmesser: 62 mm
Inscbrifl: ->+soprc dto * none signore sopre
sal" none sapore-
Matcrial: Blei-Zmn
Daticrung: 15. Jalirbutulcri
Vcrglcicbsstиске: Cay 1877. S. 606. glctclic bdiale
Lttcr.mtr: Kof nigsm akkova 1977, 5. 126,
Nr. 119
393 Vollguss, auf einem fragmentierten
Sockei sit7ender Himd mit einem Hals-
band und Schelle; es scheinr sich um den
Knauf eines Gegcnstandes zu handeln,
wahrscheinlich um den Griff vom Deckel
cinerMiniaturkaimeodervon einem Mes¬
ser bzw. Loffel
Г/.1
453 Hai t>t к 1 1968. S. 58. N1. 14.
lnvcntar-Nr UPM 5771
Mafic- 1 lobe 23 mm. Rreitr Г mm
Material: B!ci-/inu
Daticrung: 15./16. Jabrltundcri
Vcrglcidtsstiickc: t»'Al 1 f.magki 192K. laid
CCXXXV. Abb 7. |.,|VIC С XXXVI, Abb 11
394 Vollguss, drei l iguren mit Guss-
stutzen: in der Mittesit/endcr Lowe, liber
ihm ein liegendei l.bwc, unten nnd an
heiden Seiten Gussriniieii. Das Objckt ist
ein Halbprodukt, das zur Herstellung von
Griftcn fur RasiermcsseroderSpciseinesser
bzw. -loffel verwendet wurdc
lnvcntar-Nr.: Naiionaliniiscum Prag 112-68 08”
Mafie: Hohc 47 mm. Brcttc 24 mm
Material: Ulei-/itin
Daticrung: 15. Jabrltundcri
Vcrgleiclissiiickc: n'Ai 1 lmai.ni. 1928, I alel
CCXXXV. Abb. 7. l afcl CCXXXV1. Abb 11
395 Vollguss, aufeincm Kapitell sit/endei
Liiwe mit groffer Mahnc, dcr Schwa 11/ ist
и in die Hinrerbeine gewickelt, wolil ein
Messergriff o.ii.
lnvcntar-Nr. Naiionalmuseum l’tagl 12-68.12”
Mafic: I liihc 24 mm, Rreiic 11 mm
Material: Blei-Zinn
Dancning. 15./16. Jahrliundert
Vergleitbssnicke: d’Ai i.kmai.m 1928. laid
CCXXXV, Abb. Л Tafel CCXXXVI. Abb. 11
396 Flachcr Vollguss, sit/.ender Lowe mir
dem Kopf frontal gedrelu, stark oxidierr
lnvcntar-Nr.- Nationalnuiseum PragH2-68 230
Mafic: Hohc 28 mm, Breitc 15 mm
Material. Blci-7.mn
Daticrung' 15/16 lahrhundcn
Vcrglcitbsstiiche. kcinc
397 Vollguss, Pfau auf einem Zweig sit-
zend (Klinke?)
lnvcntar-Nr.- Nniuinalmnseiim Prag H2-68.240
Mafic Holtc 26 mm. Breitc 41 mm
Material: Blei-Zmn
Daticrung: 16. Jahrliundert
Vcrglcichsstiickc: kcinc
397
194
Bibelots
15./16. Jahrhundert. Lediglich Nr. 385, cine zweihenklige Schiissel, besirzr hinsicht-
lich ibrcr flachen Henkelform erst eine nabelicgcndc Variance im 17. Jahrhundert, als
dieser Schiisseltyp Verbreitung fand, zumeist mit Deckel und runden kleinen Aufstell-
fiiftchen. Diesen Schusseltyp nannre man mitunter WochnerinschQssel oder Breinapf.
Ihren Weg in die Sammlungen des Prager Kunstgewerbemuseums fand indes eine tic-
fere Schiissel mir dem Monogramm IHS auf ihrem Boden und der Aufschrift »Soprc
Dio non e signore - Sopre sal non e sapore« (Nr. 392)4Vt Hirer italienischcn Aufschrift
vvegen bekam die Schiissel als einziges Objckt aus dem ganzen Konvolut den Vcrmcrk
»italienische Provenienz« und konnteals kleine rituelles Salzfass gedient haben. Genau
dieselbe Schiissel ist auch bei Gay abgcbildet und vielleichc gelang sie auch in loggers
Sammlung, wie die Nr. 183.
Ein relariv seltenes Objekt ist der Zahnstochcr (Nr. 389). Zeitgenossischen Ab-
bildungen nach zu urteilen, trug man ihn mit anderen Instrumenten fur die Korper-
hygiene (Ohrenreiniger, Nagelreiniger u.ii.) zusammen nut verschiedencn Schliisseln
am Giirtel. Ein Riitsel geben einige plastische Miniaturfigiirchen auf (Nr. 393-397):
Lowen, ein Hund und evenruell ein Pfau. Sicherlich waren es keine Spielsachen, wie
man mitunter meinte, denn alle gehen von angedeuteten Sockeln aus, so dass sie
elier wie dcr Abschluss irgendeines Gegenstandcs wirken. Eine iihnliche plastische
Verzierung weisen im 15.-16. Jahrhundert insbesonders GrifFe von Rasiermessern,
Gabeln und LofFeln auf. (Vgl. Abb. 394a) Mitunter war auch der Deckel eincr Kanne
mit einem solchen Abschluss versehen. Wir ordnen also diese Funkrion auch diesen
Figiirchen zu, z.B. als Variance fur Kinderbcstccke als Vorbereitung auf das Erwach-
senenleben. HKoe
I I
454 Die italicnibchc lnsclirift erinnert stark an
eine» Tischspruch: «Jensens von Cun kein
Herr - jenseits vom Sal/ kein Gestl)inack«.
(Carina Brumme)
394a BesteckgrifFe nach dAllemagne
i9zS, Tafel CCXXXVI
Zierat
195
Zierat (Schmuck und Beschliige) (398-412)
Unter den erhaltenen Schinuckstiickcn aus der preiswerten Blei-Zinnlegierung sind
Ringe am zahlreichstcn verrreten, und zwar niclit nur im Prager Konvolur, sondern
auch in andcrcn Sammlungen. Der Ring isc bis heute die schlichteste Varianre eines
Wallfahrtsandcnkcns. Dicsc cinfachcn Abgiisse, deren I;orm mic dem Ringkopf in der
Mitre langs in die Gussf'orin geritzt und dann verbunden wurden, weisen zwar viel-
faclie RingkopflFormen auf (Bliite, Muschel, vereinte Hande u.a.), sind aber nur selten
sebr anspruclisvoll. Mitunter enthalten sie noch einen kurzen Gliicksspruch auf der
Ringschiene. Im Prager Konvolut gibt es zwei Ringe mit blumenformigem Ringkopf
und den Rcsten einer Inschrift »... du bon« (Nr. 399 und 404), was wahrscheinlich
einen Segenswunsch meint. Bei zwei relativ massiven Ringen mit starken zahnformi-
gen Einkcrbungen konnre es sich um speziell fur Manner gefertigte Stuckc handeln
(N r. 401,402). Der bisla ng ei nzige beka n nte Beleg eines wei teren massiven Erzeugn isses
ist die Rosenkranzkugel (Nr. 405), denn die Herstellung von Rosenkriinzcn aus ver-
schiedenen Materialien wie Korrallenperlen, Edelmetallen, aber auch aus Holzvvarseit
dem 13. Jahrhundert in ganz Europa verbreitet. Bereits im Laufedes 13. Jahrhunderts
wurde der Rosenkranz Bestandtcil der Kleidung, getragen wurde er um den Hals.*"
Auf Portrats seit Beginn dcs 16. Jahrhunderts bilden klcinc durchbrochene GefaRe den
Abschluss des Rosenkranzcs; diese GefaRe dienten zugleich oft als Riechkugel oder
Pomander, wenn in ihnen irgendein aromatischer Stoff eingelagert war. Sie wurden
aber auch an einer Ketre um die Taille get rage n.‘lV‘
Die Sammlung enthalt auch KleiderschlieRen in Form von Riemenzungen und
Giirtelschnallen. Die Vorlicbc fur langc Giirtel, die an der Kleidung herabhingen, war
der Grund fur eine reiclie Giirtelbeschlagproduktion und fanden ihren Widerhall
auch in wohlfeil produzierten Varianten. Nr. 407 stellr einen sehr schonen Abguss
mit Dekor dar, der der gotischen Formgcbung enrspricht und sein Vorbild in einem
398 Fingerring mit flacher Schiene, die
sich zum Ringkopf hin in Form einer
funfblattrigen Rlume in einem Sechseck
verbreitert
lnvcnrar-Nr.: UPM 5626
Mafic: Durchmesser 20 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundert
Verglcidissiiitke: kcinc
Litcratur: Кат. Риде; 19K6. Nr. 203
399 Fingerring mit flacher Schiene und
flachem Ringkopf in Form einer fiinf-
bliittrigcn Blume, am Reif die Inschrift:
»du bon du cuer«
Inventar-Nr.: UPM 5627
Mafic: Durchmesser 20 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jahrhundert
Vcrglcichssiikkc: keinc
l.itcratur: Kat. Prai; 1986, Nr. 204
455 l.icilTiuwx ig«j2. Kapitel Paternoster Beads,
ah S. 342.
456 Si I’.inckaueu 1956. S. 81, Abb. 127.
400 Fingerring, mil HacherengerSchiene
mil kleinen Blumen beset/.t, dazwischcn
Minuskulen »pre/nec« (?), der Ringkopf in
Form einer Muschel im Relief
Invennr-Nr.: UPM 5628
Mafic: Durchmesser 21) mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jabrltunderi
Vcrgleichsstiicke: koine
l.iieratur: Кат. Рклс 1986. Nr. 205
1%
liibeloi
Silbererzeugnis liabcn konntc, cbenso wie die Giirtclschnallc in Nr. 408, dcrcn Form
ganz ahnlicli in Silbcrausfiihrung bezeugt isr. Auf Masscnproduktion verweisen zwei
weitere idcntischcGurcclabschlusse (Nr. 409,410) micdurchbrocbcncm MaRwcrk und
L-incni ausgepriigten Dorn, die an das Gewebe angenaht bzw. durcli zwei OfFiiuiigeii
am Leder befesrige waren. Mituntcr waren sic aucli mit religiose» Motive» dekoriert
(vgl. Nr. I), was wiederum daHir spriiche, dass aucli ahnliche profane Gcgcnstandc
mit Motive» cxisrierten, die sich in irgendeiner Form auf den Wallfahrtsorr bezogen
und auch auf Marktcn bei Wallfahrtcn angeboten wurden. HKoe
401 Fiiigcrring, Vollguss, niirzahnfcirmi-
gcnSchnittenzwischenstilisicrten Blattern
Invcntar-Nr.: UP.Vl 5625
Mafic: Durchmcsscr 23 mm
Material: Blci-Zinn
Dane-rung: 15. Jalirhundcrt
Vcrglcichsstiickc: kcinc
402 Fingerring, Vollguss, mitzahnformi-
gen Sell n i t ten zwischcn st il isierten Blattern
Invcncar-Nr.: UPM 98.992
Mafic: Durchmcsscr 19 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirhundcrt
Vcrglcichsstiickc: kcinc
403 Fingerring mit flacber Scliicne und
Perlenstab am Rande, der Ringkopf wird
auszwei ubercinander gelegten Vierpasscn
gcbildct, Reste von Minuskulen: »du ...«?
Invcnrar-Nr.: UPM 98.988
Mafic: Durchmcsscr 16 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirhundcrt
Vergleichsstuckc: kcinc
404 Fingerring mit flacher Schiene, der
Ringkopf zeigt cine» Vicrpass, am Rande
Reste von Minuskulen: »... du boil ...«
Invcntar-Nr.: UPM 98.977
Mafic: Durchmesscr 13 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcri
Vcrglcichsstiickc: kcinc
405 Rosenkraiizkugel/ Ricchkapscl (Pomander?), Gitterguss, aus zwei mit Mafiwcrk
durchgebrochenen Halbkugcln mit runder Offnung, in der Mitte zusammengesetzt
Invcntar-Nr.: UPM 5784
Mafic: Durchmcsscr 30 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhundcrr
Vcrglcichsstiickc: ii'Ai i kmacne 1928. Tafcl CVIII. Abb. f>
Zierat
197
406 Anhanger (Pfeifchen ?). a us zwei ge-
pressccn Rundteilen mit Rippen mic Perl-
musier auf einer Seite. auf der andere mil
Ranken, obcn zwci Osen zum Aufhangen,
durch die ein klcincr Ring gezogen ist,
Resce von (originaler?) Drahcbefesrigung,
deform iert
Inventar-Nr.: Nationalmuscuni Prag H2-68.247
Mafic: Durchmcsscr 31 mm, Hohe 10 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: I5--16. Jahrhundcrt
Vcrgleichsstikke: kettle
407 Endbeschlag eines Giirtels (Riemenzunge), gegossen, zvveiseiiig gearbeilci, kings in
drei Zonen geteilt: rcchts im Vollguss durchflochrcne Aste, in der Mitte beidseilig Giiier,
der Ansatzdes Bandes beidseitigdurchgebroclien, links in Klcehluttoriinmentcuuslaufcnd,
mit zwei Lochern zur Befestigung, der Dorn fell It
lnvcnrar-Nr.: UPM 5614
Mafie: Holie 22 mm, Brcitc 45 mm
Material: Blci-Zinn
Daricrung: 15. Jahrhunilcrr
Vcrglcichssttickc: o'Allkmacm-: 1918, Tafcl XXXV', Nr. 7 und 21. (Asrmotivc). - FixuriRi.tN' 1971.
S. 362, Nr. 126. Abb. 409 (in Sillier)
l.itcratur: К at. Prac: 1986, Nr. 199
408 Schnalle mir festem Beschlag, gegos-
sen, motiticri; das ovale Auge mil gcritziem
Rankendekor ist mil einer zvveiseiiigen
Einsieckhiilsc verbunden; auf einer Seite
zeigt dieuntereHalfteein gegossenes Dekor
und diirchbrochenc Pensierchen, auf der
anderen Seite ein im Flachreliefgegossenes
Blumendekor
Invcntar-Nr.: UPM 5613
Mafie: Holie 43 mm, Rrcirc 37 mm
Material: Blci-Zinn
Datierung: 15. Jalirlumdert
Verglciclissiiicke: I-inumkli.n 1971, Abb. 401,
Nr. 108 (in Sillier)
Literacur: Клт. Prac 1986. Nr. 197
408a Ruckscitc von Nr. 408
198
Bibelots
409 Endbeschlag ernes Giirtels (Riemenzunge), hohles Rund-
medaillon, die frontalc Scitc mit durchgcbrochenem Fensrcr, der
Dornansatz mir Blattornament und mit abschlicftendem Tierkopf
Invcntar-Nr.: UPM 5615
Mafic: Hbhe 42 mm, Brcite 25 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrliundcrt
Vcrglciclissiucke: d’AllumaGne 192b, II, Taf. 34, 23. Клт. Wok ms 2001,
S. 162. NTr. 156. - Fingeri.in 1971, Nr. 387, Abb. 215 (in Bronze)
l.iteratur: Клт. Prag 1986, Nr. 198
410 Endbcschlag eines Giirtels (Riemenzunge), hohles Rundme-
daillon, auf der frontalcn Seite ein mit MalSwerk durchgebrochenes
Fensrcr, der Dornatisacz mit Blattornament und mit abschlieften-
dem Tierkopf
Inventar-Nr.: Naiionalmuseum Prag H2-68.111
Mafic: Hohc 48 mm, Brcirc 25 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrliundcrt
Vcrglcichsstiickc: h’Ali.emagne. 1928, II, Tal. XXXIV, Nr. 23. - FingerlIN
1971, Nr. 387, Abb. 215 (in Bronze)
411 Endbesch lag eines Giirtels (Riemenzunge),
flacherlanglicherschildfbrmiger Kasten mirbeid-
seitiggegossenem Rankendekor mit Buchstaben
(?), am Rande Rundmedaillons mit Vierpiissen
und Muscheln, auslaufend in eine kleine Ose
lnvcnrar-Nr.: UPM 5618
Mafic: Hohc 45 nun, Brcitc 35 mm
Marcrial: Blci-Zinn
Darierung: 15. Jahrhundcrt
Vcrglcicltsstiicke: Fingeri.in 1971, S. 407
412 Schnallc mit Haken, sechscckig mit schragen Seiten, ge-
ritztem Ornament, in der mittlcren sechscckigen Offhung Restc
vom Textilgewebe, die untere Seite ist mit flachcm Blech bedeckt,
die Ose fiir den Haken fehlt
Invcntar-Nr.: UPM 5616
Mafie: Hohc 65 mm. Breire 40 mm
Material: Messing
Daticrung: 15. Jahrliundcrt
Vergleichsrucke: keinc
Litcratur: Клт. Prag 1986, Nr. 200
Glockchen, IJeijen und Klappern
m
Glockchen, Pfeifen und Klappern (413-425)
In den meisten Sammlungen von Pilgerandenken und sonsrigen Souvenirs bilden
Glockchen eine umfangreiche Gruppc, denn sie gehorten auch zum typischen Ange-
bot auf Marktcn und an den Wallfahrcsorten. Drei Glockcn in dcr Pragcr Sammlung
weisen neben dcr klassischcn Glockenform und Zickzack-Dckor in Streifen auf dein
Glockcnmantel (Nr. 413, 415, 416) auch cinen identisch geformten Griffauf, der aus
einern in drei Schlcifen zu cincm M gewundenen Band bestclu. Wic Bruna>v und
vveitere Forscher unrer Berufungaul Qucllcnnotizen iiberei list im mend ausfuhren, ge¬
horten Glockchen zur zusatzlichen Aussrattung eines Pilgers und solltcn cinerseiis bei
dcr Fcier der verchrren Rcliquic crklingcn, andcrcrseits aber auch vorbeugend vor zahl-
reichen Gefahren schiitzen, die deni Pilger auf seiner Reise drohren. Dicselbe Funktion
harren iibrigens auch andcrc, ahnliche Gegensrandc mir akkustischem F.ftekt wie z. B.
Pfeifen, von denen es schr reiche Variamen gibt, sei es in der klassischcn langlichen
Form einer Rohre mit Anblaseloch oder als rundc liohle Pfeife in Form eines Napfes.
Die Pfeife Nr. 423 verstarkr den Ton durch Blasen in ein Glockchen, das gcschlossen
ist und ofFensichtlich auch aus einer besseren l.egierung mir hoherem Zinngehah zur
Erzeugung eines besseren Tones bcstcht. Auch die zweite Pfeife (Nr. 424) zeichner sich
dadurch aus, dass sic sich mir den dazugehorigen Anhiingern in Form eines Schmet-
terlings bzw. eines fliegenden Vogels und eines Srraufichens von Penissen erhalten
har, die durch den gcblascncn Lufrsrrom zu schwingen anfangen. Da es ein Fragment
einer ahnlichen Pfeife im Kunstgewerbemuseum in Koln und ein weiteres Fragment
im Musee de Cluny in Paris und ein drittes im Wormser Paulus-Museum gibt, war
sic sicher ein beliebtes Spielzeug.158 Die Pfeife Nr. 425 ziert eine gekronte, nimbierre
Fraucnbiiste, was sie auch als Devotionalie kennzeichnet.
413 Glockc, der Mantel ist durch drei
Streifen mit verschiedenen gcomcrrischcn
Motiven u.a. einem Zick-Zack-Band gctcilt,
der Grift hat die Form des Buchstaben »M«
Invcmar-Nr.: UPM 5778
Mafic: Hohc 35 mm, Durchmcsscr 30 mm
Material: Blci-Zinn
Daricrung: 15. JahrhuiKlcri
V'erglcichssriicke: Buuna 1996, S. 264-268,
Nr. 500, 501, 504
Litcraiur: KoenicsmaRKOVa 1977, S. 124,
Nr. 114. - Kat. Pkac 1986. Nr. 180
414 Glocke, der Mantel ist durch drei
waagcrechtc Streifen geteilt, der untere
und obere zeigt Zick-Zack-Dekor, die
Aufhangung fehlt
lnvcnrar-N'r.: Nationalmusciim Prag 112-68.264
Mafic: Hohc 27 mm, Durclimesser 30 mm
Material: Blci-Zinn
Daricrung: 15- Jahrhundcrr
Vergleichsstiickc: Brcna 1996,5. 264-268,
Nr. 500. 501, 504
457 Bruna 1996, S. 263.
458 I Iakoeki: 1968, S. 78, Nr. /5.
415 Glockc, der Mantel ist durch drei
waagerechte Streifen gctcilt und zeigt Zick-
Zack-Dekor, d ie Aufliangu ng hat d ic Form
eines gebogenen »M«
lnvcntar-Nr.: Narionalmuseitm Prag H2-68.265
Malle: Hohe 33 mm, Durchmcsscr 29 mm
Material: Blei-/.inn
Daricrung: 15. Jahrhundcri
Vcrglciclissiiickc: Bruna 1996. S. 264-268,
Nr. 500, 501, 504
200
Bibelots
416
420
422
423
(rlockcheu, Pfeifen und Klappern
201
416 CJlockc, tier Mantel ist durch drei
waagcrechte Streifen gcrcilt und zeigt
Zick-Zack-Dckor, die Aufliangung ist
stark gebogen
lnvcntar-Nr.: Natiiinalnuiscum Prag 112-68.266
Mafic: Hiilic 34 mm, Durchmcsscr 26 mm
Material: Blci-Zinn
Daiicrung: 15. Jalirliundcrt
Vcrglcichsstiickc: Rki.na 1996, S. 264-268,
Nr. 500, 501,504
417 Glocke, der Mantel ist durch drei
waagcrechte Streifen geteilt und zeigt Zick-
Zack-Dekor, die Aufliiingung felilt
lnvcntar-Nr.: Nationalnutscum Prag H2-68.267
Mafic: Hiilic 27 mm. Durchmcsscr 26 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jahrhunclcrt
Vcrglciclisstiickc: keine
418 Glocke, der Mantel ist durch drei
waagcrechte Streifen geteilt und zeigt Zick-
Zack-Dekor, die Aufhiingung fehlt, durch
Zusammenpressen stark deformiert
lnvcntar-Nr.: National museum Prag 112-68.273
Mafic: Hiilic 28 mm, Durchmcsscr 3‘) 111m
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirliundeit
Vcrgleichsstiickc: kcinc
419 Glocke, fragmeniiert, auf derinneren
Scitc Streifen mit Zick-Zack Dekor, ohen
Reste eines Handgriffcs (gedrcht?)
lnvcntar-Nr.: UPM 98.990
Mafic: Hiilic (nodi) 19 111111, Durclinic.sscr
32 111111
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirliundcrt
Vcrglcichs.st iickc: kei »c
420 Klapper als Anhanger, aus zwei
gepressten Teilen in Form einer Rime z.u-
sammengesetzt, im Inncren cin frei beweg-
1 ichcs Kiigelchen, der Mantel tordiert mil
flachem Rcliefdekor (auf der Oberflache
Starke Patinabildtmg); die Ose zum Auf-
hangen ist zerbrochen
Invcniar-Nr.: Naiionalmuscum Prag 112-68.268
Mafie: Hiilic 52 nun, Brcitc 27 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15./16. Jahrhunclcrt
Vcrglciclisstiickc: kcinc
421 Klapper als Anhanger mit klciner
Mcssingkctcc und Hakcn. aus zwei ge-
pressten Teilen in Form einer Rime zti-
sammengeseizi, im Innerencin freibeweg-
lichcs Kiigelchen, der Mantel tordiert mit
Haclicm Ornament. Patinabildung und
Delormationcn
lnvcntar-Nr.: Nationalniusciini Prag 112-68.269
Malic: I liilic 75 111m, Brcitc 24 111m
Material: Blci-Zinn, Messing
Daticrung: 15./16. lalirliunclcn
Vcrglciclisstiickc: kcinc
422 Klapper als Anhanger, aus zwei ge¬
pressten Teilen in Form einer Birnc zusam-
mengesetzr, im lnnercn cin freihewegliches
Kiigelchen, der Mantel leicht tordiert mit
einfachem Rankendekor (wie Nr. 422),
Anhangerose mit Rcsten der Aufliangting,
Parinabildung und Delormationcn
lnvcntar-Nr.: Naiionalmuscum Prag 112-68.288
Mafic: I Iflhc 34 111m. Brcitc 19 mm
Material: Blci-Zinn
Daticrung. 15/16. Jahrluiiulcri
Vcrglcichsst iickc: kei ne
423 Pfeifchen, Itohle konischc Roll re.
die sich zum Mundende hin verhreitert
und einen am Rand timlaiifenden Ring
aufweist; am schmalen F.nde der Rdhrc
cin Hundckopf vor der Miindiing, die in
einer hohlen Schelleendet, welclie von einer
Sclilangc tiimvunden ist; auf der unteren
Seite der Roll re befinden sich in helaubtcn
Zweigen zwei Osen zum Aufliangen
Invcnrar-Nr.: UPM *>622
Mafic: Hiilic 25 nnu, Brcitc 80 nini
Material: Blci-Zinn
Daticrung: 15./16. Jahrluindcrt
Vcrglcichsst iickc: keine
l.iicratnr: Kor.Nir.sMARKiiVA 1977. Nr. 113.
S. 124. - К at. Pkai;, 1986, Nr. 181
424 Pfeifchen (Lockpfeife?), konische
Rohre mil flachem Relief, daruntcr cin
Haltebiigel, seirlich zwei Fliigel und zwei
Hangevorrichtungcn mit Loch, wozu die
heiden Anhanger im l;orm einesSditnetier-
lings und eines StrauKes von Penisscn ge-
horen, die sich im Wind der Pfcifc bewegen
lnvcntar-Nr.: Nationalnitiscum Prag 112-68.13(1
Mafic: Hiilic 34 mm. Brcitc 50 mm
Marcrial: Blci-Zinn
Daticrung: 15. Jalirliundcrt
Vcrgleichsstiickc: IIakdfkf 1968. S. Nr. 75.
- Rki.na 1996, S. 346, Nr. 674. - К at. Worm s
2001, S. 158, Nr. 146 (sell г iihnlich). - Sam Hi¬
lling Bnssard (Hr.i.nixc 1911, Та (cl XXX VI: 6.
Rcihc von oben, 2. und 3. von links)
424
202
Bibelot.
Ganz aufiergewohnlich sind drei Klappern in Form cincr Birnc, die sich in dem
Sammlungsteil des Prager Nationalmuscums befinden. Die GroBtc isr iiber 5 cm lang
(Nr. 420), cine andere isr sugar vollstandig mit cincm Mcssingkerrchcn und dem Ha-
ken zum Aufhiingen erhalten (Nr. 421). Auch die Art ihrer Hersrellung isr eine andere,
denn sie sind aus gepressrem Zinnblech in zwei Teilen geferrigt, die mircinandcr ver-
lorctsind und die in ihrem Innern kleine Kugeln bergen. Man kann annehmen, dass
ihre Oberflache bearbeirer und vielleicht auch vergolder war, was letzelieh nur durch
eine Analyse bestatigt vverden kann. Bei einigen metallenen Gegenstandcn verursa-
chen Oxidationsprozesse eine goldfarbcnc Anmutung der Oberflache, gerade wenn
das vSruck lange Zeit im Boden lagcrtc. HKoe
425 Pfcifchen, konische Rohre in eine
Frauenbiistc mit Krone und Nimbus aus-
laufend, seitlich mir cinem Fliigel, der
7.weite fehlt, aufder Unterscite Resteeincr
Bcfestigungs- oder Halteosc
lnventar-Nr.: UPM 98.993
Майе: Hohc 50 mm
Daticrung: 15. Jahrhundcrt
Vergleicbssiiickc: keine
Liicratur: Koknigsmaiikova 1977. Nr. I12.S. 123
Var'ut
203
Varia (426-434)
lm abschlicfiendcn Toil ties Katalogs finden sich ncun Objekte obne deraillierte Be-
.sebreibung aufgcfiihrr, wcil sic entweder schr stark beschridigt sind odcr aus dem zeit-
lichcn Ralimen dcr Provenienz der Sammlung dcr Pilgerabzeiclien fallen. Nr. 434 ist
cine bemerkenswerr gut crbaltcnc Miniatur cincs Barockscsscls, vvic cr .sichcrlich zur
Pin rich tung eincs Puppenstubenzimmers gchorte. HKoe
426 (obne Abbildung) GelaB
Inventar-Nr. UPM 5780
Daticrung: 15. Jalirliuiulcrt
Mafic: 1 Icihe 29 mm. В re ire 22 mm
Material: Wei. stark korrodieri
427 Klinkc
Invenrar-Nr.: Nationalmiiseuin Brag H2-68.229
Daricning: 16./17. Jalirhundcri
Mafie: Breite 86 mm
Material: Blei-Zimi
c%
428 Plombe
Inventar-Nr.: UPM 5753
Daiicrung: 14./15. Jalirliiimlert
Mafic: Durchmcsscr 30 mm
Material: Blei
428a Ruckseite von Nr. 428
429 Petschaft?
Inventar-Nr.: Nutiunalmuseum Pr;tg H2-68257
Datierung: 14./15. Jalirliuudcri
Material: Blei
Mafic: Durcbmcsscr 30 mm
429a Ruckseite von Nr. 429
204
Bibelot
430 Schwingc (Fragment)
Inventar-Nr.: National museum Prag H2-68.I70
Daiicrung: I6. Jalirliundcrt
.Vlarerial: Blei-/.inn
Mafic: Hdlic 12 nun, Brciie 24 mm
431 Aphrodite
Invcniar-Nr.: Nationalmuscuin Prag H2-68.241
Daiicniug: 16./17. Jalirliundcrt
Material: Blci-Zinn
Mafic: Mohe 61 mm, Breite 20 mm
433 Fragment eincs Beschlags (?) 434 Stuhl
Inventar-Nr.: Nationalmuscuin Prag H2-68.094
Daricruiig: 16./17. Jalirliundcrt
Material: Blci-Zinn
Mafic: Hiilic 23 mm, Breite 59 mm
Inventar-Nr: UPM 5787
Datictung: 17. Jalirliundcrt
Material: Blci-Zinn
Mafic: Holie 58 mm, Breite 31 nuu
ANHANG
207
Literatur
DAllemagne 1928: Henry Rene dAllcmagnc: Les accessoircs dn costume ei du mobilier depths le irei-
zicnic jusqu'ju dixncuvicinc siccle, Paris 1928, Reprint New Yotk 1970.
Amark 1956: Mats Amark: Pilgriinsmnrken pa svenska meilcltidsklockor. Amikv.inki Arkiv 28. 1956.
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213
Autoren
Carina Brumme, Dr. phil., studicrtcan dcr Humboldt-Universitar zu Berlin Ur- und
Friihgeschiclue und Thcologie. Sie wurde 2009 an der Humboldt-Universitar zu
Berlin mir einer Arbeit iiber »Das spatmirrclaltcrlichc Wallfahrtswesen im Erzstift
Magdeburg, im Fiirstentum Anbalr und im sachsischen Kurkrcis« promoviert. Hire
Forschungssclnverpunkte sind die religiose Mobiliriir im cbristlicben Abendland,
insbesondcrc deren soziale und gesellschaftliche Aspektc, und die religiosen Zeichen
des Mirrelalrers. Sie wirkt unter andcrem im Rahmen eines Projektes zum mitrel-
altcrlichen Wallfahrtswesen in Mittclcuropa an der Berreuung der Berliner Pilger-
zeichendatenbank (www.pilgerzeichen.de) am Kunstgewerbcmuseum der Sraatlichen
Museen zu Berlin mit.
Helena Koknigsmarkova, PhDr., studierte Kunstgescliichre an der Philosophischcn
Fakulrar der Karlsunivcrsirar Prag. Seir 1971 arbeitete sie am Kunsrgewerbemuseum
in Prag (UPM) als Spczialisrin fiir Metalle (Zinn, Gusseisen usw.) und historisclies
Spielzeug. Sie wurde 1978 mit einer Arbeit iiber die Sammlung der mittelalterliclien
Pilgerzcichen im Kunstgewerbemuseum in Prag an der Karlsuniversitiit promoviert und
isr seit 1991 Direktorin des Kunstgewerbemuseum.s in Prag. Ihre Forschungsschwer-
punkre sind Museologie, mirtelaltcrliche Pilgerzcichen und kleine Metallplasriken.
Hartmut Kuhne, Dr. theol., studierre Evangelischen Theologie an der Kirchlichen
Hochschulc Berlin (Ost) und der Theologischen Fakulrar dcr Humboldt-Universitar
zu Berlin. Er wurde 1998 mir einer Arbeit zu spatmirrelalrcrlichen Reliquienfesten
an der Theologischen Fakulrat dcr Humboldt-Universitar promoviert. Er war von
2002 bis 2008 Wissenschaftlicher Assisrentam Lehrstuhl fiirChrisrliche Archaologie,
Denkmalkundeund Kulturgeschichre dcr Theologischen Fakulrat dcr Humboldr-Uni-
versitatzu Berlin. ,Seit 2009 ist er freiberuflich in verschiedenen Forschungsprojekren
tarig, zuletzt als Sripendiat dcr Gerda-Henkel-Stiftung fur ein Projekt zur Vorrefor-
matorischen Frommigkeit in Mitteldeurschland. Seine Forschungen betrefFen die
Frommigkeir und Kulrur des Spiirmirtclalrers und der Fruhen Neuzeir.
214
Anhang
Karte der Herkunftsorte
215
Herkunftsorte der Pilgerzeichen
1 Aaclien (Nordrhein-Westfalen), D
2 Amiens (Dep. Somme), FR
3 Boulogne-sur-Mcr (Dep. Pas-de-Calais). HR
4 Bourbon L’Archambauh (Dcparcement Allier), FR
5 Bourgtheroulde-lnfreville (Dep. de I’hure), lR
6 Breuil (Dep. Marne), FR
7 Briantcs, Notre Dame de Vaudouan (Dep. Indre), FR
8 Calzada (Autonomc Region La Rioja), E
9 Chalons-en-Chainpagnc. Notre-Dame-de-Vaux (Dep. Marne), FR
10 Chartres (Dep. F.urc-ct-I.oir), FR
11 Clery-Saint-Andre (Dep. l.oiret), FR
12 Geraardsbergen (Ostflandern), В
13 I.archanr (Dep. Seine-et-Marne), FR
14 Le Puy-en-Velay (Dep. Haute-Loire), FR
15 L’Eptne (Dep. Marne), FR
16 Le Thourcil, ehemals Glanfeuil (Dep. Maine-et-Loire), FR
17 Liessc (Dep. de l’Aisne), FR
18 Luzarches (Dep. Val-d’Oise), FR
19 Maastricht (Provin/. Limburg), NL
20 Marseille (Dep. Bouches-du-Rhone), FR
21 Mdzidon-Canon, ehemals Sainre-Barbe-en-Auge (Dep. Calvados), FR
22 Mont St.-Catherine bei Rouen (Dep. Seine-Mai itime), FR
23 Mont St.-Michel (Dep. Manche), FR
24 Montreuil-siir-Mer (Dep. Pas-de-Calais), FR
25 Najera, Santa Marfa la Real (Atirnnnme Region La Rioja), E
26 Nivcllcs (Provinz Wallonisch-Brabant), В
27 Nassogne, Sainte-Monon (Provinz Luxemburg), В
28 Noyon (Dep. Oise), FR
29 Paris, FR
30 Rom (Region Latium), I
31 Rue (Dep. Somme), FR
32 Saint-Antoine-en-Viennois (Dep. lscrc), FR
33 Saint-Denis (Dep. Scine-Saint-Denis), FR
34 Saint-Josse (Dep. Pas-de-Calais), FR
35 Saint-Leu-d’Esserent (Dep. Oise), FR
36 Saint-Martin-de-Boscherville (Dep. Seine-Maritime), FR
37 Saint-Maur-des-Fosses (Dep. Val-de-Marnc), FR
38 Saint-Maximin-la-Sainte-Baume (Dep. Var), FR
39 Saint-Nieolas-de-Port (Dep. Meurrhe-et-Moselle), FR
40 Saint-Quctnin (Dep. Aisne), FR
41 Saint-Wandrille, ehemals Fontenelle (Dep. Seine-Maritime), FR
42 Santiago de Compostela (Auronome Gemeinschaft Galicien), E
43 Saumur, Notre-Dame-des-Ardilliers (Dep. Maine-et-Loire), FR
44 Tombelaine (Dep. Manche). FR
45 Tournus (Dep. Saone-et-Loire), FR
46 Fours (Dep. Indre-et-Loire), FR
47 Vendome (Dep. Loir-et-Cher), FR
48 Vezelay (Dep. Yonne), FR
49 Villalcazar de la Sirga (Autonomc Gemeinschaft Kastilicn-Leon), E
50 Walsingham (Norfolk), GB