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Österreich € 9,20 Benelux € 9f30 Schweiz sFr. 16,00
D 6323 E
6/2020
190632
30
83C
Mas
Die Marine im Einsatz
Das Seebataillon
Waffen aus dem Westen
NRW und die Verteidigungsindustrie
Bundeswehr und das Konjunkturprogramm
Welches Projekt überlebt die Corona-Krise?
Politik • Streitkräfte • Wirtschaft •
c h n i k
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Kommentar
Bringschuld der politisch
Verantwortlichen
Wenn die Wirtschaftsleistung in Deutschland zurückgeht und damit das Bruttoinlands-
produkt sinkt, hat das eine Nebenwirkung, die - wie vieles andere - zunächst unbeachtet
bleibt: Deutschland kommt damit dem Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für
die Sicherheit auszugeben, schneller nahe als geplant. Da könnte man sich freuen.
Aber ganz so einfach ist das nicht. Es hilft bei der Diskussion in der NATO, mit den Part-
nern, aber auch dort nur formal. Denn die NATO hat neben dieser Zahl auch beschlossen,
welche Fähigkeiten jedes Land bereitzustellen hat. Das geschieht im Einvernehmen mit
dem jeweiligen Land, aber wenn es in Beschlüsse gegossen ist, ist es verbindlich. Die Kon-
zentration auf diese Prozentzahl hat diesen Umstand in den Hintergrund treten lassen.
Wenn die Sicherheitspolitiker nun mit den Fähigkeiten argumentieren, setzen sie sich vor-
dergründig dem Verdacht aus, sie würden jetzt die Argumentation verändern, um immer
neue Forderungen zu begründen. Wer aber bisher zugehört hat, hat wahrgenommen,
dass immer mit beiden Aspekten, dem formalen Prozentsatz und dem inhaltlichen Bedarf
an Fähigkeiten, diskutiert wurde.
Die präzise Argumentation mit sicherheitspolitscher Begründung für die erforderlichen
Ausgaben ist jetzt dringend geboten. Das ist eine wichtige Bringschulld der politisch Verant-
wortlichen. Das muss gerade jetzt schnell beginnen. Denn die Bundesregierung plant nun
Konjunkturprogramme, um die Verluste durch die Corona-Krise aufzufangen. Nun sind ge-
rade die Beschaffungsprogramme der Bundeswehrauch Balsam für die Konjunktur. Wenn
es nun zusätzliche Mittel für Beschaffungen und Investitionen gibt, sollte auch die Bundes-
wehr mit einer entsprechenden Liste in die regierungsinterne Debatte eingreifen.
Um für diese Debatte gut gerüstet zu sein, muss die Bundeswehr jetzt Flexibilität bewei-
sen. Alle Bereiche, die Bedarf an bestimmten Gütern haben, müssen das schnell identifi-
zieren. Auch in den politischen Entscheidungsgremien muss es jetzt schnei! gehen. Die oft
sehr schleppend agierenden Stellen, die das identifizieren und dann eine Prioritätenliste
erstellen, haben die große Chance, ihre schnelle Handlungsfähigkeit zu beweisen.
Es wird dann spannend sein, zu sehen, wie sich die Koalition im Bund auf diese Liste
einlässt.
Wir stellen immer mehr fest, dass gerade im Bereich der Sicherheitspolitik die
Koalitionsparteien sehr weit auseinanderdriften. Da hilft es auch nicht, darauf hinzuwei-
sen, dass die Verpflichtungen in der NATO zu Zeiten eingegangen wurden, da die SPD
mitregiert hat. Dass sie sich in populistischer Weise von den mitgefassten Beschlüssen
entfernt, ist in der Öffentlichkeit nicht leicht wirksam zu vermitteln.
Dabei sollten uns die gegenwärtigen Herausforderungen zeigen, dass man jetzt eng zu-
sammenstehen muss. Die Ausrüstung der Bundeswehr ist von der Sache her geboten und
kann nun auch helfen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Es wären also zwei
Fliegen mit einer Klappe. Da muss argumentativ gerungen werden. In dieser Zeit ist es
wichtig, klar und präzise zu bleiben (oder zu werden).
Viele meinen, es werde nach Corona sehr vieles anders sein als vorher. Das darf getrost
hinterfragt werden. Nach vielen Krisen, die wir durchgemacht und überstanden haben,
ist danach das meiste so weitergegangen wie vorher. Ein Bereich ist die Hinwendung der
Gesellschaft zu mehr digitalen Aktionsformen. Da wirde sich einiges entwicklen.
Es sind zu viele Menschen unterwegs, die mit abstrusen Verschwörungstheorien andere
Menschen verunsichern. Auch da muss scharf argumentiert werden. Unsere Gesellschaft
darf nicht von den Rändern ausgehöhlt werden.
Zur Bereitschaft, die Fähigkeiten der Bundeswehr weiter auszubauen, muss treten, dass
wir auch in der Gesellschaft wehrhaft bleiben. Die Grundsätze unserer freiheitlichen
Ordnung dürfen nicht infrage gestellt werden. Wir können Corona nutzen, um die
Gesellschaft zu verändern, aber nicht, um sie zu kontrollieren. Es ist erfreulich, dass der
Bundestag darüber bisher sehr gut wacht. Das muss so bleiben.
Rolf Clement
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 3
Inhalt
Seite 17
Seite 42
Foto: Mawibo-media
Gefahr für die Freiheit?
Der neue Ölpreiskrieg
Die Corona-App in der Diskussion
Russland gegen USA gegen Saudi-Arabien
TITELSTORY
Der Beitrag des Heeres zum Fähigkeitsprofil der Bundeswehr
Alfons Mais
42 Energiepolitische Doppelkrise von Ölpreiskrieg und Pandemie
Geopolitische Auswirkungen
Frank Umbach
46 INSTEX: Lichtblick am dunklen Corona-Himmel des Iran?
Heino Matzken
IM FOKUS: CORONA
Corona-Apps und die Freiheitsrechte
Dorothee Frank
22 Auswirkung der Corona-Krise
auf Beschaffungen der Bundeswehr
Gerhard Heiming
24 Corona-Pandemie
Digitale Lösungen helfen Infektionsrisiken zu reduzieren
Jorg Plathner
SICHERHEIT & POLITIK
27 Fachkompetenz unnötig
Wie die SPD das Amt des Wehrbeauftragten entwertete
Wolfgang Labuhn
29 Brief Winfried Nachtwei
An den Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion
30 Kein Konsens
Die SicherheitS“ und Verteidigungspolitik von CDU/CSU
und SPD driftet auseinander
Wolfgang Labuhn
GESCHICHTE AKTUELL
49 Der Koreakrieg und seine Folgen
Hanns Günther Hilpert
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
52 Neuer Schwerpunkt ist die Befähigung zu amphibischen
Operationen und Kampf im maritimen Umfeld
Interview mit dem Kommandeur der Einsatzflottille 1,
Flottillenadmiral Christian Bock
54 Amphibische Kampfboote
Erweiterung der maritimen Fähigkeiten der Bundeswehr
Arne Krüger
58 Neues Material für die Luftlandetruppe
Dietmar Klos
63 Eine neue Stufe der deutsch-französischen Partnerschaft
Luftwaffe und Armee de l'Air fliegen gemeinsam C-130J
Mike Feuerbach und Philipp-Jan Krappmann
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
34 Für ein umfassenderes Engagement in der Sahel-Region
Jürgen Hardt
36 Quo vadis Mali - Stabilität in der Sahelzone?
Philipp Schätz
40 „Die Juden haben die Annexion schon vorweggenommen"
Palästinensische Gedanken zur Annexion
Gepanzertes Transportkraftfahrzeug Boxer
Varianten des Heeres, Bewaffnung und Schutz
Karlheinz Boenke
75 Logistische Unterstützung für den Boxer
Robert Elvish
4 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
76 Vor 50 Jahren
Die erste C-5A „Galaxy" für die U.S, Air Force
Peter Preylowski
Deutscher Ansatz zur vernetzten Luftverteidigung
Dorothee Frank und Ulrich Renn
82 Umsetzung der Fähigkeitsforderungen des
SPz Puma in das System Panzergrenadier
Kim Feilcke
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
87 Verteidigungsindustrie
in Nordrhein-Westfalen
Breites Angebotsspektrum
Lars Hoffmann
96 Der Verteidigungssektor muss
sich für Start-ups öffnen
Lorenz Lehmhaus
98 Systemrelevanz nationaler
Sch I üsseltechnolog ien
im Bereich Sicherheit und Verteidigung
Hans Christoph Atzpodien
102 Anforderungen so weit wie möglich harmonisieren
Interview mit Vizeadmiral Matteo Bisceglia,
Direktor OCCAR-EA
10 Tschechische Waffenschmiede mit Tradition
Jan-Phillipp Weisswange
RUBRIKEN
Kommentar
6 Umschau
26 Rechtsticker
32 Berliner Prisma
47 Impressum
65 Blick nach Amerika
66 Informationen - Nachrichten - Neuigkeiten aus aller Welt
70 Fraunhofer INT: Neue Technologien
I Bücher
110 Unternehmen & Personen
2 Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.
114 Gastkommentar
Europäische Sicherheit &
Technik 6/2020
Ja, es gibt die Themen noch, die nichts mit Corona zu tun haben. Das
politische Berlin wurde durch die heftig kritisierte Nominierung und
spätere Wahl von Eva Högl zur neuen Wehrbeauftragten kurzzeitig
aufgeweckt. Mit großem Respekt und viel Sympathie für ihn muss-
ten wir Hans-Peter Bartels gehen sehen. Die Gründe und Abläufe
der Neuwahl zeichnet ES&T in dieser Ausgabe nach. Winfried Nacht-
wei, langjähriger Verteidigungspolitiker der Grünen und damit aus
Zeiten gemeinsamen Regierens mit den handelnden Personen noch
vertraut, hat uns einen Brief an SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich
zum Abdruck freigegeben - und unsere Gastkommentatorin Birgit
Schmeitzner wendet sich diesem Thema zu. Wir hoffen, dass Eva
Högl sich nun schnell und tief einarbeitet - und auch einen Draht
zu den Soldaten spinnen kann. Aber dies ist ein Indiz dafür, dass die
Koalitionsparteien in Berlin sich in der Sicherheitspolitik nicht mehr
grün sind. Da werden schon die Gräben für den Bundestagswahl-
kampf 2020/21 gezogen - Es&T analysiert.
Es sind rund 100 Tage, dass der neue Heeresinspekteur Alfons Mais
im Amt ist. Nun wendet er sich an die Öffentlichkeit und beschreibt
in ES&T, wie das Heer die Fähigkeiten weiter auf- und ausbaut, die
es braucht - ein Programm, das über seine Amtszeit wohl weit
hinausreicht.
ES&T blickt auch in die Welt. Der Ölpreiskrieg, der zwischen den
USA, Russland und Saudi-Arabien ausgetragen wird, beschäftigt
uns ebenso wie ein Blick in die Sahel-Zone und den Einsatz der
Bundeswehr in Mali. Und auf die neue Koalition in Israel, die ja die
Annexion der Westbank vereinbart hat, schaut ein Autor, der als
Palästinenser geboren ist, nun aber als Deutscher hierzulande lebt.
Der Koreakrieg brach 1950 aus, und heute noch suchen wir nach
Wegen, den dortigen Konflikt zu lösen.
Es geht aber auch um Zusammenarbeit. Deutschland und Frankreich
betreiben gemeinsam einen Lufttransportverband. Zur Flexibilität ei-
ner Streikraft gehört es auch, dass sie Systeme vorhält, die zu Wasser
und an Land agieren können. ES&T beleuchtet die amphibischen
Erweiterungen der Marine.
Nordrhein-Westfalen ist ein Land mit großem wirtschaftlichen Po-
tential. In unserer lockeren Folge über die Rüstungswirtschaft in
deutschen Bundesländern blickt ES&T in dieser Ausgabe in dieses
Land.
Und dann doch noch Corona: Ist die von der Bundesregierung ge-
plante App positiv - oder bekommt der Staat damit ein Instrument
zur Überwachung in die Hand? Was könnte die Corona-Krise für
den Bundeshaushalt und auch den Wehretat bedeuten? Und geht
es schneller mit der Digitalisierung?
Ein Plädoyer dafür, dass die Bundeswehr sich mehr für Start-ups
öffnen soll - und ein Beitrag über die Systemrelevanz von Schlüssel-
technologien ergänzen die Berichterstattung über weitere Projekte,
die die Bundewehr beschaffen, verbessern oder einsetzen will.
Das ist der Bogen dieser ES&T 6/2020, den die Redaktion für Sie,
unsere Leser, gespannt hat.
Ihr
Rolf Clement, Chefredakteur
Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik
5
Umschau
Ausrüstung
für abgesessene Soldaten
Die NATO Support and Procurement Agen-
cy (NSPA) hat am 24. April 2020 den Ab-
schluss eines Fünfjahresvertrags mit Level
Peaks Associates über die Beschaffung
Mission Master für das britische Robotrc Platoon Vehicle Programm
Die britischen Streitkräfte erproben im Robotic Platoon Vehicle Programm, wie mit un-
bemannten Fahrzeugen Kampfkraft und Fähigkeiten abqesessen kämpfender Kräfte
auf Zugebene verbessert werden können. Für diese Erprobung wurden bei Rheinme-
tall vier Robotik-Fahrzeuge Mission Master in der Version Cargo zur Auslieferung im
Foto: Rheinmetall Foto: NSPA
von Kampfuniformen und Zubehör be-
kanntgegeben. Mit diesem Vertrag wird
die NSPA über die Dismounted Soldier
Equipment User Group (DSEUG) Ausrüs-
tung zur Verfügung stellen und damit den
wiederkehrenden Bedarf der beteiligten
Nationen decken. Die DSEUG wird derzeit
von 24 NATO-Nationen gebildet. Füh-
rungsnation ist Großbritannien, vertreten
durch die Royal Marines. Die NSPA bietet
der NATO und den Partnerstaaten, den NA-
TO -Reaktionskräften (NRF) und den vom
Nordatlantikrat genehmigten Operationen
Unterstützung auf dem Gebiet der abge-
sessenen Soldaten. (gwh)
Auftrag für erste Main Cround
Combat System-Studie erteilt
Mit dem Main Ground Combat System
(MGCS) wollen Deutschland und Frankreich
in einem gemeinsamen Vorhaben ab 2035
ihre Kampfpanzer Leopard 2 und Ledere
durch ein Kampfsystem für Landstreitkräfte
ersetzen. Jetzt hat das Bundesamt für Aus-
rüstung, Informationstechnik und Nutzung
der Bundeswehr (BAAINBw) im Auftrag
der beiden Nationen mit der ARGE MGCS,
zu der sich im Dezember 2019 die Firmen
Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co. KG
(KMW), die Rheinmetall AG sowie auf fran-
zösischer Seite Nexter Systems zusammen-
geschlossen haben, einen Industrievertrag
zur Erarbeitung der „System Architecture
Definition Study - Part 1" in Auftrag gege-
ben. Das ist die erste Industriestudie für das
Landkampfsystem der Zukunft. (gwh)
Frühjahr 2020 bestellt. Zum Lieferumfang der Mission Master Cargo gehören zwei
Krankentragesysteme, die sich binnen 60 Sekunden auf dem Cargo-Fahrzeug integ-
rieren lassen. Weiterhin umfasst der Auftrag Ausbildungs- und Serviceleistungen so-
wie Ersatzteile. Unmanned Ground Vehicles(UGV) wieder Mission Master begleiten
den Soldaten und tragen dessen Last. Das UGV verringert also die Kampfbeladung
der Soldaten und steigert Beweglichkeit und Effizienz. Der Mission Master Cargo
kann über eine halbe Tonne Nutzlast transportieren und ist luftverladbar in CH-53
und CH-47. (gwh)
Desinfektionsmittel aus
Bundeswehrproduktion
ABC-Abwehrkräfte der Bundeswehr stel-
len in Bayern durch ein patentiertes che-
misch-technisches Verfahren Desinfekti-
onsmittel für Flächen im großen Umfang
her. Bei diesem Bundeswehr-Desinfek-
tionsmittel ist Essigsäure die Grundlage,
nicht wie bei den meisten anderen Alko-
hol. Im Gegensatz zum medizinischen Al-
kohol besteht noch keine Knappheit von
Essigsäure auf dem Markt. Das Verfahren
zur Herstellung dieser Desinfektionsmit-
tel ist patentrechtlich geschützt. Der Pa-
tentinhaber ist Reservist der Bundeswehr
und ABC-Abwehrsoldat. Er stellt der Bun-
deswehr in dieser speziellen Zeit das von
ihm entwickelte Verfahren zur Verfügung.
Außer ihm darf es derzeit nur die ABC-Ab-
wehrtruppe der Bundeswehr herstellen
und verteilen. (df)
Schutzkleidung vom WlWeb
Das zum BAAINBw ge-
hörende Wehrwissen- |
schaftliche Institut für ।
Werk- und Betriebsstoff
(WIWeB) produziert
u.a. mit 3D-Druckern |
Gesichtsschutzmasken
und Face Shields zum
Schutz vor Corona-Vi-
ren. Die Spezialisten im
3D-Druckzentrum der Bundeswehr drucken
als Unterstützungsleistung in der Corona-Kri-
se Hunderte Masken für das In- und Ausland.
Auf Anforderung des Sanitätsversorgungs-
zentrums der Bundeswehr hat das WIWeB
240 Face Shields für den Raum Südbayern ent-
wickelt und bereitgestellt. Das Design wurde
mit dem Wehrwissenschaffliehen Institut für
Schutztechnologien - ABC abgestimmt. Der
perfekte Sitz und die richtige Handhabung
wurden in Trageversuchen mit den Neubiber-
ger Sanitätern optimiert. (gwh)
Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
Vollautomatische Luft-Luft -
Betankung mit A330 MRTT
Airbus hat für das Mehrzweck-Transport-
und Tankflugzeug A330 MRTT (Multi Role
Transport Tanker) eine automatische
Luft-Luft-Betankungsanlage (Automatic
Air-to-Air Refuelling, A3R) entwickelt
und im Flug mit einem portugiesischen
Kampfflugzeug F-16 getestet. Diese
nach Angaben von Airbus weltweit erste
A3R-Lösung kann jetzt in die A330 MRTT
implementiert werden. Das A3R-System
erfordert keine zusätzliche Ausrüstung
am Empfängerflugzeug und soll die Ar-
beitsbelastung des Luftbetankungsope-
rators (ARO) verringern, die Sicherheit
verbessern und die Geschwindigkeit der
Luftbetankung unter Betriebsbedingun-
gen optimieren. Nach Aktivierung durch
den ARO fliegt die A3R den Ausleger au-
tomatisch. (gwh)
Flight Eye Kameraprogramm
für Aviation Anwendungen
Kappa optronics hat sein Angebot an spe-
ziellen Luftfahrtkameras für Anwendun-
gen wie Nahfeldüberwachung, Pilotensicht
in HALE UAV und Weltraum-Applikationen
weiter ausgebaut. Die für die Luftfahrt
qualifizierte FE-Kamerafamilie (ITAR-free)
kommt in SWaP-C optimiertem Design und
bietet verschiedene physische Setups und
Schnittstellen zur Integration in kunden-
seitige Flugzeugsysteme (z.B. mit Zero-La-
tency über HD-SDI für UAV-Steuerung vom
Drohnen-Kontrollraum). (gwh)
Gefechtsstand für boden-
gebundene Luftverteidigung
Für das taktische bodengebundene Luft-
verteidigungssystem IRIS-T SLM eines
internationalen Kunden hat Diehl in Zu-
sammenarbeit mit Airbus ein taktisches
Feuerleitzentrum (Tactical Operation Cen-
ter, TOC) in einem Container entwickelt.
Diehl hat am 8. April 2020 den ersten
Seriengefechtsstand von Airbus Defence
and Space übernommen. Der komplett
ausgestattete 20-Fuß-Container, der u.
a. über mehrere Feuerleitrechner von
Diehl und die IBMS-Software (Integrated
Battle Management System) von Airbus
verfügt, wurde gemäß den Anforderun-
gen von Diehl in nur zweieinhalb Jahren
entwickelt und gebaut. Das TOC ist als in-
tegraler Systembestandteil von IRIS-T SLM
dank Plug-and-Fight-Technologie mit den
Sensoren wie das Mittelbereichsradar von
HENSOLDT ebenso vernetzt wie mit den
Startgeräten von Diehl. (gwh)
Flugkörperwarnsystem MILDS
AN/AAR-60 in Südkorea
ausgeliefert
Mit tatkräftiger Unterstützung aus
Deutschland konnte HENSOLDTs süd-
koreanische Partnerfirma Huneed Tech-
nologies die ersten acht in Korea end-
montierten MILDS AN/AAR-60 an Ko-
rea Aerospace Industries pünktlich zum
1. April 2020 ausliefern. Die ausgeliefer-
ten Raketenwarnsysteme werden künf-
tig im Korean Utility Helicopter sowie im
Maritime Utility Helicopter eingesetzt. Bis
Ende April 2020 soll Huneed zusätzlich
drei Sensoren und bis November 2020
weitere 85 Sensoren liefern. Insgesamt
haben die Offset-Verpflichtungen aktuell
ein Volumen von insgesamt 258 Senso-
ren. MILDS AN/AAR-60 eignet sich für
den Einbau an Bord einer Vielzahl von
taktischen Drehflüglern und Großraum-
flugzeugen wie NH-90, Tiger, UH-60,
CH-47, C-130 und P-3. Mit bisher mehr
als 7.000 verkauften Sensoren hat sich
MILDS weltweit einen Ruf für Zuverläs-
sigkeit und Effektivität erworben, (gwh)
Grafik: ULBRICHTS Protection
Gesichtsschild gegen Weiterver-
breitung und Ansteckung mit
Corona-Virus
ULBRICHTS Protection
hat ein Gesichtsschild
entwickelt, das die
Gefahr einer Weiter-
verbreitung und An-
steckung mit dem Co-
rona-Virus verringert.
Das neue Produkt bie-
tet Menschen verschie-
dener Berufsgruppen,
die den notwendigen Sicherheitsabstand
von mindestens 1,5 m nicht oder nicht
dauerhaft einhalten können, einen zu-
sätzlichen Schutz vor Tröpfchen- bzw.
Schmierinfektion. Es kann je nach Bedarf
bzw. Situation allein oder in Kombination
mit einer Mund-Nasen-Maske getragen
werden. Auch das Tragen einer Brille ist
uneingeschränkt möglich. Das neuentwi-
ckelte Face Shield verfügt über ein klapp-
bares Visier und besteht aus einem beson-
ders robusten Material. (gwh)
A319CJ für MedEvac umgerüstet
Die Bundeswehr hat eine A319CJ mit zwei
Intensivbetten ausgerüstet, die für den
Transport von Corona-infizierten Patienten
bereitgestellt werden. Das Flugzeug ist ei-
ne von zwei A319CJ der Flugbereitschaft
des BMVg, die auf 44 Plätzen Passagiere
auf Mittelstrecken bis 7.600 km transpor-
tieren können. Die A319CJ ist neben einer
A400M und einer A310 MRTT das derzeit
dritte Flugzeug der Bundeswehr, das für
den Transport infizierter Patienten genutzt
werden kann. (gwh)
Mit SAUS gegen Corona
Im Rahmen der „Hilfeleistung CORONA"
nutzt die Bundeswehr vorhandene Luft-
transportkapazitäten im Rahmen des SA-
LlS-Vertrages (Strategie Airlift International
Solution). Mehr als 25 Mio. Schutzmas-
ken hat die ukrainische Fluggesellschaft
in drei Flügen im Auftrag des BMVg und
zur Unterstützung des BMG von China
nach Deutschland geflogen. Dafür war
der Einsatz von Großraumfrachtflugzeu-
gen des Typs Antonow erforderlich. Diese
Flugzeuge (Antonow An-124 und An-225)
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
Umschau
Foto: Airbus Helicopters Foto: Bundeswehr
stehen der Bundeswehr aufgrund des
SALIS-Vertrages zur Verfügung. DieAn-225
ist mit ihren sechs Triebwerken das größte
Frachtflugzeug der Welt. Rund 15 Soldaten
des Logistikbataillons 171 aus Burg unter-
stützten die Entladung der Fracht vor Ort.
Im Rahmen der „Hilfeleistung CORONA"
durch die Bundeswehr stehen Soldaten z.B.
auch für Transporte und solche logistischen
Aufgaben bereit. (gwh)
Bell UH-iD begleitet Übergabe
der vierten Hi 4 5 SAR
Am 17. April hat die Bundeswehr die vierte
H145 in SAR-Konfiguration übernommen,
wie Airbus via Twitter mitgeteilt hat. Die
Übergabe bei Airbus Helicopters in Donau-
wörth wurde von dem Vorgängermodell
Boeing UH-1D Huey begleitet, die sich mit
einer Sonderlackierung als Goodbye Huey
auswies. Mit insgesamt sieben H145 SAR
soll die Fähigkeit Search and Rescue der
Bundeswehr aufrechterhalten werden. Ab
April 2021 sollen hierfür nur noch H145
SAR eingesetzt werden, wenn bis dahin,
wie vorgesehen, alle bestellten Hubschrau-
ber ausgeliefert sind und die Ausbildung
der Besatzungen abgeschlossen ist. Bisher
liegt die Auslieferung der Hubschrauber vor
dem Plan. Mit den neuen SAR-Hubschrau-
bern wächst die Flotte an H145-Hub-
schraubern in der Bundeswehr auf 22, da
bereits seit 2017 fünfzehn in der Rolle für
Spezialkräfte in Betrieb sind. (gwh)
Verlängerung Einsatzbereitschaft
Flugkörper RAM BlockiA
Für die Deutsche Marine wurde im April
2020 die Option zur zweiten Rezertifizie-
rung von weiteren Losen der Flugkörper
RAM BlockiA beauftragt. Der Initialvertrag
ist im Dezember 2015 mit der RAM-System
GmbH (RAMSYS) geschlossen worden.
Die restlichen Flugkörper RAM BlockiA
im Bestand der Bundeswehr durchlaufen
eine zweite Rezertifizierung und werden
in der Einsatzfähigkeit um weitere sieben
Jah re auf dann 21 Jahre verlängert. Die
Rezertifizierung der Lenkflugkörper-Kom-
ponenten wird bei der MBDA Deutschland
in Schrobenhausen und bei Diehl Defence
in Überlingen und Röthenbach durchge-
führt. In enger Zusammenarbeit mit ihren
Mutterhäusern Diehl Defence und MBDA
Deutschland führt RAMSYS die nationalen
industriellen Anteile. Die Rezertifizierung
wird bis Ende 2023 abgeschlossen sein.
Das Waffensystem wird zu gleichen Teilen
gemeinsam mit dem US-Partner Raytheon
Missile Defence entwickelt, produziert und
vermarktet. (gwh)l
Vollrobustes Ai 40 Gz Tablet
mit hoher Leistungsfähigkeit
Getac hat mit dem vollrobusten A140
G2 Tablet den Nachfolger des gefrag-
ten A140 G1 vorgestellt. Das Tablet mit
großem 14"-Bildschirm ist nach MIL-STD
810H und gemäß IP65 zertifiziert und
übersteht unter anderem Stürze aus bis
zu 1,2 m Höhe ebenso wie Stöße, Vi-
brationen und Erschütterungen, Staub
und Flüssigkeiten. Das großflächige
Touchscreen-Display lässt sich auch bei
Regen oder auch mit Handschuhen be-
dienen, was uneingeschränkten Einsatz
in fordernden Situationen sicherstellt.
Dank der einzigartigen Kombination
aus robustem Design, 4G LTE/Wi-Fi/
Bluetooth-Konnektivität sowie markt-
führender Rechenleistung eignet sich das
A140 G2 auch ideal für Rettungskräfte
und den Katastrophenschutz. (gwh)
Stromversorgung für den
mobilen Einsatz
Der Transportspezialist ZARGES und der
Stromsysteme-Hersteller Axsol haben
mit eigenen Mitteln eine mobile Strom-
versorgung entwickelt, die unabhängig
vom Netz verlässlich elektrische Energie
entsprechend den Anforderungen der
Bundeswehr bereitstellt. In das schützen-
de Mitraset-Gehäuse aus Aluminium von
ZARGES wurden Stromgeneratoren Arvey
mit der Möglichkeit zur Aufladung durch
erneuerbare Energien von Axsol integriert.
Der neue Generator ist in zwei Versionen
(0,5 und 1,5 kWh Kapazität) erhältlich. Die
Leistungsabgabe kann mit Lastspitzen bis
1.000 Watt bzw. 2.000 Watt erfolgen.
Damit können z.B. Licht-, Funk- und Kom-
munikationssysteme, Werkzeuge, Gerä-
te und Sensoren betrieben werden. Die
Anlagen eignen sich auch als Notstrom-
quelle. Die mobile Stromversorgung wird
zurzeit für die Nutzung in der Truppe ge-
testet. (gwh)
BSI-Zulassung von SecurePIM
Government SDS
Das BSI hat die Zulassung für die iOS-Ver-
sion der hochsicheren Kommunikations-
lösung SecurePIM Government SDS von
Virtual Solution bis Februar 2023 verlän-
gert. Die VS-NfD-zugelassene Lösung ist
jetzt noch benutzerfreundlicher und un-
terstützt neueste Standards wie das PA-
CE-Protokoll. D es ist die einzige Lösung,
die das BSI für VS-NfD auf iPhone und
iPad zugelassen hat. Das neu unterstütz-
te PACE-Protokoll (Password Authentica-
ted Connection Establishment) hebt das
Schutzniveau auf ein neues Level, indem
die Kommunikation zwischen der Con-
tainer-App und der Smartcard darüber
abgesichert wird und somit nicht von der
Sicherheitsstufe des jeweiligen Smart-
card Reader abhängt. (gwh)
8
Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
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www.mbda-systems.com
TLVS auf der Basis von MEADS wird der zukünftige Träger der bodengebundenen
Luftverteidigung. Die Bundeswehr erhält mit TLVS bisher nicht verfügbare Fähigkeiten:
Nachgewiesener 360-Grad-Rimdumschutz und vernetzte Operationsführung,
überlegene Mobilität, niedrige Nutzungskosten, hohe Durchhaltefähigkeit.
TLVS. DAS TAKTISCHE
LUFTVERTEIDIGUNGS-
SYSTEM
EINE,NEUE ÄRA BEGINNT
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SUPERIDRITY
ENGAGEMENT
TITELSTORY
Der Beitrag des Heeres zum
Fähigkeitsprofil der Bundeswehr
Foto: Bundeswehr/Maximilian Schulz
Alfons Mais
Unser zunehmend unwägbares sicherheitspolitisches Umfeld wird sich
auch in einer möglicherweise „neuen“ Normalität nach Auslaufen der
COVID-19-Wellen kaum verbessern. Wir sollten nicht Gefahr laufen,
von einer pandemischen in eine sicherheitspolitische Krise zu fallen.
Für die kontinentale Mittelmacht Deutschland bleibt auch in Zukunft
die Dimension Land bestimmend. Da sich die Dimensionen Land, See,
Luft, Cyber und Weltraum aber zunehmend verschränken, wird die Bun-
deswehrais Ganzes im künftigen Operationsumfeld multinational und
multidimensional zur Lage- und Gefechtsführung befähigt sein müssen.
eit dem Gipfelbeschluss von War-
schau 2016 verfolgt die NATO wieder
verstärkt die prägnante Formel: „Be-
drohung bestimmt den Bedarf". Der Nach-
holbedarf in Bezug auf rasche Einsatzbe-
reitschaft und die Herausforderungen des
hochintensiven Gefechts von organischen
Großverbänden ist enorm. Es muss eine
Balance zwischen den Aufgaben des Inter-
nationalen Krisenmanagements und de-
nen der Landes- und Bündnisverteidigung
gelingen.
Potenzielle Gegner der Allianz werden in
strategischen Papieren wieder deutlicher
benannt, auch weil diese in der Lage sind,
schnell aus einem intelligenten Transfer
verfügbarer moderner Technologien mi-
litärischen Nutzen zu ziehen, unterhalb
formeller Konfliktschwellen hybride Desta-
bilisierungsoperationen zu führen und auf
dem Weg sind, die Modernisierungsan-
strengungen europäischer Streitkräfte aus-
zumanövrieren.
Der Bedarf an militärischen Fähigkeiten
schlägt sich in den Vorgaben der NATO
an ihre Mitgliedstaaten nieder. Das Mittel
und Werkzeug dafür ist der NATO-Vertei-
digungsplanungsprozess (Defence Plan-
ning Process, NDPP). Dieser im vierjährigen
Rhythmus wiederkehrende Prozess legt in
Generalleutnant Alfons Mais ist
Inspekteur des Heeres.
Abstimmung mit den beteiligten Nationen
die militärischen Fähigkeitsziele fest, zu
deren Beistellung sich die Mitgliedstaaten
gegenüber dem Bündnis verpflichten.
Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr bil-
det diese Verpflichtung als nationale Am-
bition ab. Auch in COVID-19-geprägten
Zeiten muss gelten: Gute Planung darf
nie entkoppelt von der Gegenwart sein,
sie darf sich durch diese aber auch nicht
behindern lassen. Deshalb hier der Blick
nach vorne.
Das Heer im Fähigkeitsprofil
der Bundeswehr
Seit 1990 hat die Bundeswehr rund 25 Jah-
re lang die Bemühungen unterstützt, eine
Friedensdividende zu erwirtschaften. Sie
hat damit einen erheblichen Beitrag zum
Staatsziel stabiler Finanzen geleistet.
Dies führte dazu, dass die Streitkräftepla-
nung mit klarer Schwerpunktsetzung auf
Stabilisierungsoperationen ausgerichtet
wurde. Die Effizienz der Gesamtorgani-
Sitzung im NA TO-Rat
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Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
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TITELSTORY
sation Bundeswehr stand über ihrer mi-
litärischen Gesamteffektivität im Sinne
Artikel 87a des Grundgesetzes. Der Maß-
stab für materielle Rüstung waren kleine
Einsatzstrukturen als missionsabhängig
zusammengestellte Teilkontingente der
Grundstruktur des Heeres. Operationen
verbundener Kräfte in einem Szenario der
Bündnisverteidigung erfordern aber viel
mehr! Sie erfordern integrierte, personell
und materiell voll ausgestattete militärische
Strukturen, um schnell für unterschiedliche
politische Optionen nutzbar zu sein. Land-
streitkräfte und damit das Heer müssen
gegen einen Gegner, der versiert hybride
und hochletale konventionelle Mittel ein-
setzt und dabei die Freiheiten unilateralen
Handelns flexibel nutzen wird, bestehen.
Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr war
der Aufschlag für den als lange überfällig
erkannten planerischen Paradigmenwech-
sel. Das Gebot der Stunde ist die kohäsive
strukturelle Einsatzbereitschaft von Groß-
verbänden des Heeres, ihrer Enabler, ihre
Befähigung, über große Entfernungen
nach von der NATO vorgegebenen Zeiten
(Notice to move) in einem Einsatzraum au-
ßerhalb Deutschlands wirksam zu werden,
ihre logistische Unterstützbarkeit und ihre
Durchhaltefähigkeit unter Gefechtsbedin-
gungen.
Der Beitrag der Landstreitkräfte wurde im
Fähigkeitsprofil strukturell und nicht fähig-
keitsorientiert vorgegeben. Der erste Auf-
schlag ist also ein mehr quantitativer als ein
qualitativer, bei dem es darum geht, die
Großverbände schnell aufgabenorientiert
auszurüsten und einen Modernisierungs-
stau abzubauen, um Operationen verbun-
dener Kräfte wieder zu ermöglichen. Kurz
gesagt: Es geht darum, sich von der blan-
ken Kosteneffizienz wegzubewegen hin zu
einer Wirksamkeit militärischer Kräfte, die
geeignet ist, auch in Zeiten einer anstehen-
den Rezession und steigenderSpannungen
die Interessen und die Sicherheit der Bun-
desrepublik zu wahren.
Kohäsive, effektive Strukturen betreffen
die Landstreitkräfte als Ganzes. Das Fähig-
keitsprofil spricht hier von Systemverbün-
den. Der Systemverbund Land umfasst
neben den Großverbänden des Heeres
sämtliche für einen Einsatz erforderlichen
Unterstützungselemente anderer Organi-
sationsbereiche.
Bisherige Leistungen
des Fähigkeitsprofils
Die Logik des Fähigkeitsprofils der Bun-
deswehr hat in den vergangenen Jahren
wesentlich dazu beigetragen, den Para-
digmenwechsel der „Neuausrichtung" hin
zur Gleichrangigkeit von Internationalem
Der „Plan Heer", eine strategische Kommunikationshilfe
Krisenmanagement und der Landes- und
Bündnisverteidigung zu fördern. Sie be-
stimmte Rationale und Zielgrößen der ein-
geleiteten Trendwenden. Das Kerngeschäft
von Landstreitkräften - die klassische Ge-
fechtsführung mit militärischen Operatio-
nen von Großverbänden - ist wieder mehr
in den Vordergrund gerückt.
Als Kategorien zur Bemessung der Ein-
satzbereitschaft sind wieder ausformuliert:
die Reaktionsfähigkeit, die Befüllung mit
Personal und sein Ausbildungsstand, der
Ausstattungsgrad, die logistische Reich-
weite (insbesondere Munition), die inter-
operable Führungsfähigkeit sowie das
Schließen von Fähigkeitslücken u.a. in den
Bereichen Flugabwehr, Joint Fi res sowie das
Hemmen und Fördern von Bewegungen
(Brücken- und Minenverlegefähigkeit). Mit
dem Ziel, den langen Weg hin zur Wirk-
samkeit im Gefecht schnell zu beschreiten,
wurde das dynamische Verfügbarkeitsma-
nagement, Artefakt der bisher verfolgten
Effizienzstrategie, als Prinzip für den Erhalt
der Ausbildungs- und Übungsbefähigung
des Heeres ad acta gelegt - auch wenn
derzeit noch viele seine Werkzeuge weiter
genutzt werden müssen, um materielles
Fehl zu kompensieren. Die Revitalisierung
aufgegebener Fähigkeiten wurde initiiert:
Die qualifizierte Fliegerabwehr wird den
Großverbänden Möglichkeiten eröffnen,
unmittelbare Bedrohung aus der Luft durch
Klein- und Kleinstdrohnen abzuwehren.
Das ist sicherlich ein Anfang, auf dem dann
weiter mit technologisch höherwertigeren
Lösungen aufgebaut werden kann. Glei-
ches gilt für die Reaktivierung von Material
aus Altbeständen, wie der Minenverieger,
der den Verbänden des Heeres zunächst
im kleinen Rahmen schnell eine gewisse
Entlastung beim Fehl von Sperrfähigkeiten
bietet, bevor das zukünftige Sperrsystem
moderne technologische Lösungen er-
möglicht.
Darüber hinaus zeigt das Fähigkeitsprofil
mit aller Deutlichkeit den Rüstungsbedarf
auf, der erforderlich ist, um das Heer, die
Landstreitkräfte, tatsächlich in die Lage zu
versetzen, ihren Kernauftrag zu erfüllen.
Dieser anerkannte Bedarf des Heeres ist
im ministeriell gebilligten „Vorhabenplan
Heer" hinterlegt.
„Plan Heer"
Der „Plan Heer" beschreibt in emgängli-
cher Art und Weise ein schrittweises und
gleichzeitig paralleles Vorgehen des Heeres
zum Erreichen des ihm ins Auftragsbuch
geschriebenen Fähigkeitsprofils. Zudem
dient er als strategische Kommunikations-
hilfe. Er verbindet die quantitative mit der
qualitativen Komponente der Weiterent-
wicklung des Heeres. Der obere „Angriffs-
pfeil" stellt den schrittweisen Aufwuchs
einer von der NATO bis zum Jahr 2027
angezeigten mechanisierten Division dar.
Diese Division wird weitestgehend über
heute bereits vorhandene Fähigkeiten und
bekanntes Material verfügen, aber sie wird
der Eckpfeiler sein, mit dem mittelfristig
reaktionsfähige Großverbände für die NA-
TO-Speerspitze (VJTF) und NRF verfügbar
gehalten werden.
Der untere „Angriffspfeil" weist den Weg
zu den beiden Folgedivisionen, die in Zu-
kunft bereits vorhandene, aber von den
deutschen Streitkräften noch unerschlos-
sene Technologien integrativ nutzen sollen.
Besonders diese kohäsiven Großverbände
müssen so gedacht werden, dass sie auch
12 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
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Durchsetzungsfähige Abschreckungswirkung für die NA TO
in zukünftigen Konfliktszenarien der poli-
tischen Leitung sowohl in der Bündnisver-
teidigung als auch in Stabilisierungsopera-
tionen vielfältige neue Optionen eröffnen.
Doch welche Fähigkeiten werden benö-
tigt? Maßstab für die Beantwortung dieser
Kernfrage ist die Potenziale nalyse unse-
rer möglichen Gegner. Deren zukünftige
Operations- und Kampfweise, deren heute
bereits vorhandenen und in die Zukunft
extrapolierten Fähigkeiten, Vorgaben des
Bündnisses sowie unsere eigenen Vorstel-
lungen zu zukünftigen Operationen von
Landstreitreitkräften sind dafür entschei-
dend. Fazit: Beides, „Quantität und Quali-
tät", „Effizienz und Effektivität" sind in den
Zukunftsdivisionen zu optimieren.
Folgerungen für das Modul-
system des Fähigkeitsprofils
Die politische und militärische Fokussie-
rung auf Auslandsemsätze bei Haushalts-
mittelknappheit machte in den 2000er
Jahren das industrielle Outsourcing der
Vordekade, Modularisierung der Großver-
bände bei gleichzeitiger Zentralisierung der
Unterstützungskräfte sinnvoll. Der Nachteil
dieses Organisationsprinzips ist das Ma-
nagement der systemimmanent zahlrei-
chen Schnittstellen. Dieses ist bei planba-
rer, kontinuierlicher Leistungserbringung
- typisch z.B. für den Afghanistaneinsatz
- handhabbar. Unter Unsicherheit und bei
Zeitdruck im komplexen Umfeld und ho-
hen Anforderungen an Reaktionsfähigkeit
und Schnelligkeit sind die Nachteile dieses
Organisationsprinzips augenfällig.
Die gleichrangige Befähigung der Streit-
kräfte für das Internationale Krisenma-
nagement und die Bündnisverteidigung
wird deshalb neue Lösungen und langfris-
tige Entwicklungslinien erfordern, die es zu
entwerfen und zu diskutieren gilt. Während
das Internationale Krisenmanagement auf
Grundlage des heutigen Organisationsprin-
zips gut weitergeführt werden kann, er-
fordert die neue Welt ad-hoc einsatz- und
kampfbereit verfügbare Großverbände (9 bis
180 Tagen Notice-to-move), die organisch
über alle Fähigkeiten verfügen, schnell über
große Entfernungen zu verlegen und sofort
ohne vorherige Kräftegenerierung einsatz-
wirksam werden können. Das Prinzip „Train
as you fight" wird mit Blick auf Landes- und
Bündnisverteidigung mit dem Prinzip „Orga-
nize as you want to operate" ergänzt.
Zusage: Angemessener
deutscher Beitrag in der NATO
Die NATO erwartet - basierend auf seit
2016 regelmäßig wiederholten deutschen
Zusagen auf politischer Ebene - einen
angemessenen Beitrag Deutschlands an
glaubwürdiger kollektiver Verteidigung.
Mit seiner geografischen Lage und seiner
wirtschaftlichen Stellung kann die kon-
tinentale Mittelmacht Deutschland mit
militärisch relevanten Großverbänden der
Landstreitkräfte, welche andere Partner
insbesondere in der Anfangsphase eines
Bündnisfalles entlang der ostwärtigen
Grenze des Bündnisgebietes entlasten kön-
nen, Substanz zeigen. Zusammen mit ei-
ner effektiv funktionierenden logistischen
Drehscheibe in der Mitte Europas wird
Deutschland dann zum Main Contributor
für einen potenziellen Bündnisfall an der
Ostflanke der NATO. Wie uns die leider ge-
rade abgebrochene US-Großübung „Euro-
pean Defender 2020" wieder gezeigt hat:
US-Verstärkungen für Luft- und Seeope-
rationen im euro-atlantischen Raum sind
deutlich schneller verfügbar als US-Land-
streitkräfte. Diese zeitliche Lücke müssen
die europäischen NATO-Partner mit eige-
nen Landbeiträgen schließen.
Je mehr Optionen deutsche Landstreitkräf-
te ihrer politischen Leitung ermöglichen,
umso entscheidender können sie dazu bei-
tragen, die erforderliche Abschreckungs-
wirkung an den ostwärtigen Außengren-
zen des Bündnisses zu erzielen und desto
wertvoller ist der Beitrag Deutschlands für
das Bündnis - auch mit Blick auf dessen
Zusammenhalt.
Division 2027
Jenseits der NATO-Speerspitze (VJTF)
2023 ist die Division 2027 der nächste Pla-
nungsschritt. Werden die im ministeriellen
„Vorhabenplan Heer" für die Division vor-
gesehenen Rüstungsvorhaben umgesetzt
-finanziell vergleichsweise bescheiden und
aus jeglichem Blickwinkel heraus effektiv
- können wir diese Zusagen gegenüber
der NATO einhalten und einen Beitrag von
hohem militärischem Wert für das Bündnis
leisten. Die Division 2027, sowie angedacht
und geplant, eingebettet in eine noch aus-
zuplanende Korpsebene, verspricht in der
Tat mit ihrer Realisierung eine signifikante
Verbesserung der europäischen Kampf-
kraft auf dem Kontinent. Sie bildet damit
für die Landstreitkräfte den Stützpfeiler,
den die Anlehnungsnation Deutschland
unseren europäischen Partnern in der ge-
samten Bandbreite von „tiefer Integration"
(wie mit unserem niederländischen Partner)
bis hin zu Ausbildungs-, Llbungs- und Aus-
rüstungsunterstützung (z.B. mit Polen, Li-
tauen, Tschechischer Republik und Ungarn)
anbietet. In diesem Sinne ist die planerische
Umsetzung der Division 2027 in ihrer Rea-
lisierung auch aus der Perspektive unserer
europäischen Partner ein Lackmustest. Da-
rüber hinaus ist sie nach heutigen Maßstä-
ben „The best bang for the buck" und ein In-
vestment mit hohem Deckungsbeitrag zu den
gegenüber der NATO gemachten Zusagen.
Das Heer im kommenden
Fähigkeitsprofil
Die Bündnisverteidigung mit Phasen ei-
nes hoch intensiven Gefechts gegen einen
technologisch gleichwertigen und teilweise
höher befähigten Gegner an den Grenzen
unseres Bündnisgebiets ist jetzt planungs-
leitend. Der Nachholbedarf - natürliches
Resultat einer exklusiven Konzentration
auf Internationales Krisenmanagement -
ist enorm und damit auch die Herausfor-
derungen, vor denen das Deutsche Heer
steht. Im Bereich der materiellen Ausstat-
tung, um an dieser Stelle eine große Her-
ausforderung herauszustellen, wird es das
Management paralleler Modernisierungs-
und Beschaffungsmaßnahmen sein. Die
Lebenszyklen von manchem Großgerät
sind bereits weit fortgeschritten, während
die jeweiligen Nachfolgesysteme ihre volle
Einsatzreife noch nicht erreicht haben.
Zukünftig erscheint der Neu- und Hinzu-
kauf von Waffensystemen anstatt ihrer
Modernisierung wohl wieder der richtige-
14 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
TITELSTORY
re Weg. Die zahlenmäßige Erhöhung des
Großgeräts wird bei komplexen Systemen
die Verfügbarkeit der Plattformen in der
Truppe für Ausbildung und Übung erhöhen.
Personalobergrenzen
Das Heer sieht vor, durch die Umstrukturie-
rung der Ausbildung Personal umzusteuern,
das die im Rahmen der Struktur HEER2011
bewusst unterdimensionierte Logistik und
Führungsfähigkeit verstärkt. Damit wird
der im Rahmen der Trendwende Personal
begonnene Weg fortgesetzt. Potenzielle
personaleffiziente Innovationsgewinne hat
das Heer bereits eingepreist. Das Heer wird
die ihm vorgegebene Personalobergrenze
von 60.775 aktiven Dienstposten (+20.000
Reservisten) mit maximaler Effektivität nut-
zen. Defizite werden ausschließlich durch
Binnenoptimierung ausgeglichen, denn wir
haben, was wir brauchen, und wir werden
können, was wir müssen.
Weiterentwicklung des Kriegsbildes
Während der Weg zur Division 2027 klar
beschrieben ist, bedürfen weitere Arbeits-
schritte im Fähigkeitsprofil für die Zeit nach
2027 der Schärfung und Präzisierung. Der
„Vorhabenplan Heer" steht und zeigt den
quantitativen Weg. Er umfasst auch schon
Teile des südlichen „Angriffspfeils" des
„Plan Heer". Das Heer muss nun auch die
qualitativen Forderungen identifizieren,
welche ab 2032 anzugehen sind, wenn wir
im Kampf gegen einen mindestens gleich-
wertigen Gegner bestehen wollen. Dazu
arbeitet das Heer an operativen Leitlinien
für Landstreitkräfte, die stärker als bisher be-
kannte gegnerische Operationsweisen und
das zukünftige Kriegsbild berücksichtigen.
Das wird helfen, Fähigkeitsentwicklung
am tatsächlichen operativen Bedarf, an
einer klaren operativen Gesamtidee aus-
zurichten. Die zielgerichtete Doktrinent-
wicklung soll zukunftsfeste Schwerpunkte
setzen. Dies gebietet allein der begrenzte
Haushalt.
Teile dieser Vorstellung sollen hier nur grob
umrissen werden: Die Digitalisierung Land-
basierter Operationen (D-LBO) wird uns
ermöglichen, die Gefechtsstände zu ver-
kleinern, Entscheidungszyklen zu beschleu-
nigen, den Sensor-to-Shooter-Ansatz
umzusetzen, Aufklärungs- und Wirkungs-
reichweiten zu erhöhen und insgesamt die
Interoperabilität mit Partnern zu stärken.
Wir generieren insgesamt mobilere und
schnellere Kräfte, die zu mehr als dem
klassischen Manoeuvre Warfare befähigt
sind und damit der Politik weitere Optionen
eröffnen.
Fazit
Die Realisierung des „Plan Heer" bei
gleichzeitig laufenden Einsätzen, einsatz-
gleichen Verpflichtungen und praxisnaher
Ausbildung bzw. Übung ist mit Blick auf
2023 und 2027 machbar, wenn der minis-
terielle „Vorhabenplan Heer" umgesetzt
und mit Ressourcen hinterlegt wird. Es
gibt keine Atempause für den laufenden
Betrieb.
Die Realisierung der Division 2027 ist jen-
seits der NATO-Speerspitze 2023 das vor-
dringliche Ziel und generiert für die NATO
einen hohen Wert. Die Umsetzung der ge-
planten Maßnahmen, z.B. im Rahmen der
ersten Digitalisierungsschritte, ist auch zu
Zeiten nach COVID-19 erforderlich, um den
enteilenden Potenzialen möglicher Gegner
gerecht zu werden und die Kohäsion im
Bündnis zu erhalten.
Für die Zeit nach 2027 bleibt noch etwas
mehr Zeit zum Überlegen. Das Heer wird
diese Überlegungen aktiv begleiten und
mitgestalten.
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Information und Kommunikation aus einer Hand
Entscheidend für das optimale Lagebild ist
die Verfügbarkeit von Informationen über
alle Subsysteme und den eingesetzten Ge-
fechtsverband hinweg. Als IT-Systemhaus
setzt die ATM mit ihren Systemlösungen hier
an, Die ATM vernetzt Kommunikationsteil-
nehmer und taktische Anwendungen auf
der einen sowie Sensoren und Subsysteme
auf der anderen Seite.
Zentraler
Informationsknoten
Innerhalb von Fahrzeugen übernimmt
der ATM CENTURION i7 Fahrzeugserver
diese Aufgabe. Als zentraler Knoten im
Netzwerk empfängt, verwertet und ver-
breitet der CENTURION i7 die Informa-
tionen aus verschiedenen Quellen. Das
Verschmelzen aller Informationen auf
einer einheitlichen Softwareoberfläche
Die ATM entwickelt Display- und Panel-PC-Systeme sowie Systembedienge-
räte in den Größen 7" - 77", die auch SIL gemäß DIN EN 61508 einhalten.
und Darstellung auf der ATM Vista Master
Panel-PC und Displayfamilie oder dem
PALLADION Panel-PC erhöht die Situati-
onal Awareness.
Da die Geräte der VistaMaster- und
PALLADION-Serie an den jeweiligen Ar-
beitsplatz anpassbar sind, eignen sich diese
für unterschiedliche Aufgaben:
• als reines Display, Tochterdisplay und
Heckdisplay;
• als Display mit Terminalfunktion,
• als zentrales Bedien- und Anzeigegerät.
Der CENTURION i7 ist ein
leistungsfähiger Computer
für Landkampffahrzeuge.
Resistiver Singletouch oder kapazitiver
Multitouch unterstützen den Soldaten bei
der Bedienung des Touchscreens. Sind po-
tenziell sicherheitskritische Einrichtungen
betroffen, wendet die ATM die funktionale
Sicherheit nach DIN EN 61508 und erfüllt
das Sicherheitsintegritätslevel (SIL) an.
Zentraler
Kommunikationsknoten
Um die Informationsüberlegenheit zu er-
langen, vernetzt der ATM KommServer
alle Einheiten und Befehlsstände im Kom-
munikationsverbund. Als zentrale Intelli-
genz bindet der KommServer bestehende
wie zukünftige heterogene, schmal- und
breitbandige Funk- und Drahtnetze an,
Damit macht der KommServer die kom-
munikationstechnische Infrastruktur erst
verfügbar. Für die vernetzte Operations-
führung erweist sich der Taktische Service
Provider als Backbone der taktischen
Kommunikation.
Der Taktische Service Provider der ATM
wickelt den interoperablen Austausch von
Informationen von Anwender zu Anwen-
der ab. Als Kernelement sm Kommunika-
tionsverbund errichtet er ein selbstorgani-
sierendes, mobiles Ad-hoc-Netzwerk. In
dieses integriert er alle Übertragungsmittel
in einem einheitlichen und grundsätzlich
IP-fähigen Netz.
Der Taktische Service Provider und der
KommServer als Hardwarebasis erlauben
das Adaptieren zukünftiger Kommunikati-
onsmedien und Softwarefunktionalitäten.
Aufrechterhalten
der Funktionen
Mit ihren Life Cycle Softwarelösungen trägt
die ATM zur Materialerhaltung während
und nach dem Einsatz bei. Einfache und
intuitiv bedienbare Tools unterstützen bei
Diagnose und Wartung in den Bereichen
• Funktionsüberwachung während des
Einsatzes;
• Installation, Konfiguration und Sicherung
durch die Administratoren,
• Wartung, Fehlerlokalisierung und Funkti-
onsprüfung durch die tnstandsetzer.
Systemlösungen für
uneingeschränkten Betrieb
Als informationstechnische Schnittstelle
zwischen Fahrzeug, Bediener und exter-
nen Kommunikationsteilnehmern, ga-
rantieren die IT-Systeme und Life Cycle
Lösungen der ATM unbeschränkten Be-
trieb in allen Situationen.
IM FOKUS: CORONA
Corona-Apps und die Freiheitsrechte
Dorothee Frank
Im Kampf gegen Corona sind aktuell zwei Apps in der Diskussion. Beide wollen die privaten Daten der
Nutzer von ihren Handys oder Fitnesstrackern nutzen. Sie setzen also auf modernste Technologien gegen
die Krankheit. Allerdings ist diese Datenerhebung umstritten. Das Bedenken ist, dass sie Voraussetzungen
und Präzedenzfälle für einen Überwachungsstaat schafft.
Untersucht man die einzelnen Apps
auf die Daten, die erhoben wer-
den, und die Methoden, wie dies
geschieht, dann ergeben sich deutliche
Unterschiede in Bezug auf die Verfolg-
barkeit des Bürgers.
Corona-Warn-App
Mitte Juni soll die Corona-Wam-App
der Bundesregierung in die Stores kom-
men. Md dieser App sollen Warnungen
an Menschen geschickt werden, wenn
diese Kontakt mit einem Infizierten
hatten. Als Vorbild diente die TraceTo-
gether-App, die das singapurische Ge-
sundheitsministerium herausgab. Diese
App nutzt Bluetooth, um zu ermitteln,
welche Personen sich über mindestens
30 Minuten in einem Radius von zwei
Metern aufgehalten haben. Die Daten
werden auf dem jeweiligen Smartphone
über 21 Tage lang gespeichert.
Soweit bisher bekannt, soll die App der
Bundesregierung einem Beispiel wie
diesem folgen: Hubert H. fährt mit der
Bahn zum Supermarkt, kauft dort ein,
Fast jeder Bürger verfügt mittlerweile über ein Smartphone und hat die-
ses auch ständig dabei; mit den Handydaten lässt sich also der Standort
fast jedes Deutschen bestimmen
Dr. Jan-Marco Luczak,
MdB, rechts- und verbraucherpolitischer Sprecher
der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag:
I „ich halte ein Corona-App für sinnvoll -je schneller wir Kontaktketten nachvoll- !
; ziehen und unterbrechen können, desto besser können wir die weitere Ausbrei- :
tung des Corona Virus verhindern. Nur wenn uns das gelingt, können wir die •
• bestehenden Beschränkungen, die tief in die persönlichen Freiheiten der Men- •
: sehen eingreifen, weiter lockern und die Wirtschaft wieder ans Laufen bringen. :
• Die geplante Corona-App muss und wird dabei ganz auf Freiwilligkeit setzen. :
• Niemand soll gezwungen werden, die App herunterzuladen, und niemand
• wird zwangsweise lokalisiert oder identifiziert. Gleichzeitig muss die fertige •
1 App höchste technische Anforderungen an den Datenschutz erfüllen. Es muss :
• sichergestellt sein, dass im Falle einer Infektion die Kontaktpersonen eines Infi- •
• zierten gewarnt werden, ohne dass Identitäten bekannt oder persönliche Daten •
: ausgetauscht werden. Unter diesen Voraussetzungen wäre eine Corona-App
: aus meiner Sicht verfassungsrechtlich unproblematisch. Wenn überhaupt, wäre :
• ein Grundrechtseingriff sehr mittelbar und milde und vor dem Hintergrund des •
; überragenden Ziels des Gesundheitsschutzes jedenfalls gerechtfertigt." •
isst danach am Imbiss eine Bratwurst,
bevor er wieder mit der Bahn (und den
Einkäufen) nach Hause fährt. Eine Wo-
che später muss sich Hubert H. testen
lassen, weil in der Schule seines Sohnes
ein Corona-Fall aufgetreten ist. Der Test
fällt für alle Familienmitglieder positiv
aus. Hubert H. öffnet also die Coro-
na-Warn-App und setzt seinen Status
auf „Infiziert".
Dieses idealisierte Szenario setzt voraus,
dass alle Deutschen immer ein Smart-
phone mitführen. Zudem müssen sie die
App der Bundesregierung herunterge-
laden haben. Die Meldung von Hubert
H. geht also zu den Servern und infor-
miert alle Personen, zu denen Hubert H.
in den letzten Tagen seit der möglichen
Infektion Kontakt hatte. Deren Coro-
na-Warn-App-Pseudonyme waren auf
dem Handy von Hubert H gespeichert.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 17
IM FOKUS: CORONA
Der Pendler in der Bahn, die Verkäuferin
und Käufer im Supermarkt, der mbiss-
budenkoch ebenso wie die Imbissbu-
dengäste - jeder erhält die Warnung in
seine App, dass er Kontakt mit einem
Infizierten hatte, sich also testen lassen
soll.
Das Erkennen der Kontakte soll - nach
aktuellem Wissensstand - mit Bluetooth
geschehen. Demnach verbinden sich
die Apps automatisch mit anderen App-
Usern in der Umgebung und tauschen
das Nutzerpseudonym aus. Diese ge-
sammelten Nutzerpseudonyme werden
auf dem Smartphone gespeichert und
erst an den Server übermittelt, wenn ei-
ne Warnung rausgeht.
Der Nutzer muss hierfür allerdings
durchgehend die App im Standby hal-
ten. Zudem sucht die App ständig nach
Screenshot: Dorothee Frank
ill V*1 <r
11 43
Donnerstag. 14. Feix
✓ S: -i; mc Mi ril - c-
CM W
MliEfi IN HEWFMOUrNZZÖNFN
0 Mln
CMIn
15 Std. SOMin
Herzfrequenz während einer
Erkältung mit Fieber
möglichen Verbindungen, was den
Stromverbrauch doch deutlich in die
Höhe treiben dürfte. Wie sehr sich die
Akkulaufzeit dadurch reduziert, bleibt
abzuwarten.
Ebenso bleibt abzuwarten, wie viele
Nutzer diese App überhaupt installieren.
Wie ist das mit dem Schutz der Privat-
sphäre in Einklang zu bringen? Bluetoo-
th muss ständig offen sein. Der notwen-
dige Aufbau der App mit dem durch-
gehenden Datenaustausch zwischen
Handys schränkt zudem die Sicherheit
deutlich ein. Wenn dann die Warnung
verschickt wird, lässt sich leicht ermit-
teln, wer mit wem zusammentraf.
Das kann auch in anderen Bereichen
genutzt werden. Eine Terrorzelle, deren
Mitglieder noch nicht zweifelsfrei fest-
gestellt wurden, könnten enttarnt wer-
den. Ermittlungsbehörden könnten eine
Warnung über die App auf ein Terroris-
tenhandy schicken und dann prüfen, wel-
che verdächtigen Personen sich für einen
Corona-Test melden.
Datenspende des RKI
Deutlich harmloser ist die App „Daten-
spende" des Robert Koch-Instituts (RKI).
Diese sammelt zwar sehr viele verschie-
dene Daten, bringt sie aber nicht in di-
rekten Zusammenhang mit dem Bürger
oder seinem Standort. Der Grund für die
App ist eine Studie der Wissenschaftler
Jennifer M. Radin, Nathan E. Wineinger,
Eric J. Topol und Steven R. Steinhubl. In
dieser Studie wurden Sensordaten vom
1. März 2016 bis zum 1. März 2018 von
200.000 Fitbit-Nutzern aus den US-Bun-
desstaaten Illinois, Kalifornien, New
York, Pennsylvania und Texas unter-
sucht. Hintergrund ist die Tatsache, dass
bei einer Krankheit die Aktivität sinkt
und die Schlafdauer steigt. Bei Fieber
steigt zudem die Ruhe-Herzfrequenz.
„Wir verglichen die Sensordaten mit den
wöchentlichen Schätzungen der ILI-Ra-
ten (InfIuenza-like lllness) auf Bundes-
staatsebene, wie sie von den US-Zentren
für Krankheitskontrolle und Prävention |
(CDC) berichtet wurden, indem wir jene 8
Wochen ermittelten, in denen Fitbit-Be- g
nutzer erhöhte Ruhe-Herzfrequenzen 2
und erhöhte Schlafwerte aufwiesen", I
beschreiben die Autoren der Studie ihr g
Vorgehen. „Wir identifizierten 47.249
Anwender in den fünf führenden Staa-
ten, die während des Studienzeitraums
durchgehend eine Fitbit trugen, darun-
ter über 133 Millionen Daten mit einer
Gesamt-Ruhe-Herzfrequenz und Schlaf-
messungen. Wir fanden heraus, dass die
Fitbit-Daten die ILI-Vorhersagen in allen
fünf Staaten signifikant verbesserten ...
Wöchentliche Veränderungen des An-
teils der Fitbit-Benutzer mit abnorma-
len Daten waren in den meisten Fällen
mit wöchentlichen Veränderungen der
ILl-Raten verbunden."
Dementsprechend nennen die Auto-
ren der Studie als Resultat: „Aktivitäts-
und physiologische Tracker werden in
den USA und weltweit zunehmend zur
Überwachung der individuellen Gesund-
heit eingesetzt. Durch den Zugriff auf
diese Daten könnte es möglich sein, die
Echtzeit- und geografisch verfeinerte
Influenza-Überwachung zu verbessern.
Diese Informationen könnten von ent-
scheidender Bedeutung sein, um bei
Ausbrüchen rechtzeitig Maßnahmen
zur Verhinderung einer weiteren Über-
tragung von Influenza-Fällen ergreifen
zu können."
Die Ergebnisse dieser Studie wurden
am 16. Januar 2020 veröffentlicht und
ließen bei den Wissenschaftlern des Ro-
bert Koch-Instituts die Idee entstehen,
diese interessanten Erkenntnisse zur
Ermittlung der Corona-Verbreitung in
Deutschland zu nutzen. Bei den erfass-
ten Daten hielten sie sich eng an jene,
die schon von der Studie ausgewertet
wurden. Einmalig muss der Nutzer bei
der Datenspende-App sein Geschlecht,
Alter, Größe, Gewicht und die Post-
leitzahl angeben. Danach ist das Nut-
zer-Pseudonym einer Postleitzahl zuge-
ordnet, weitere Standortdaten werden
nicht erhoben. Auf aktueller Basis ruft
die App Daten zum Aktivitätsniveau,
Schlaf, Puls bzw. Herzfrequenz und die
Körpertemperatur ab, soweit die Tracker
diese Daten ermitteln.
Damit ist deutlich, dass sich diese App
wenig für die Überwachung der Bürger
eignet. Sie wurde auf medizinisch-wis-
senschaftlicher Basis erstellt und kann
höchstens erkennen, wenn in einem
Postleitzahlgebiet plötzlich mehr Nutzer
viel länger schlafen und sich weniger
bewegen als sonst. Kommt bei diesen
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Diese spartanische Oberfläche ist
alles, was der Nutzer der Daten-
spende-App des RKI normalerwei-
se sieht
18 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
IM FOKUS: CORONA
Nutzern noch eine höhere Ruhe-Herz-
frequenz hinzu, spricht einiges für Co-
rona. Etwa 100.000 Menschen wären
notwendig, um die notwendige Abde-
ckung Deutschlands zu erreichen. Nach
nur 14 Tagen waren bereits 400.000
Datenspender beim Robert Koch-Insti-
tut registriert. Dieses überraschend gute
Ergebnis führte vorübergehend zu Pro-
blemen mit den Servern. Diese konnten
allerdings mittlerweile behoben werden.
Als Quelle der Daten dienen die Apps
der Fitnesstracker-Anbieter Fitbit, Gar-
min (beides USA), Polar (Finnland) und
Withings (Frankreich) oder die He-
; Prof. Dr. med. Karl Lauterbach,
• Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD:
„Ohne eine Contact-Tracing-App, ohne ausreichend Masken und ohne Mas-
• sentests ist eine baldige Rückkehr zu einem halbwegs normalen Leben kaum
! vorstellbar. Die App wird besonders dringend gebraucht. Entscheidend sind
; hier Vertrauenswürdigkeit und Freiwilligkeit bei der Installation und Nutzung
• der App. Der nachweisbare Schutz der Privatsphäre durch Datensparsam-
• keit und Anonymität muss gewährleistet sein. Auch dürften nur die für den
! Zweck der Anwendung unbedingt notwendigen Daten gespeichert werden,
: also keine Daten zur Identifikation oder Ortung von Personen. Es muss sich
; zeigen, ob die bereits angekündigten Apps diesen Anforderungen gerecht
* werden können."
alth-Apps AppleHealth und GoogleFit
(beides USA).
Selbst wenn die App sich in der Vorher-
sage von Corona nicht bewähren sollte,
wäre es eine wichtige medizinische Stu-
die zur Nutzung von Fitnesstrackern bei
Krankheitsgeschehen, die aufgrund der
Datenvielfalt und des Testes während
Corona sicherlich noch größere wissen-
schaftliche Beachtung finden wird als
die im Januar präsentierte Studie.
Dr. Jürgen Martens,
rechtspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion:
„Tracing-Apps können ein nützlicher Baustein zur Bekämpfung des Coronavirus
sein. Sie ermöglichen, dass sich Burger selbständig informieren und entspre-
chende Vorsichtsmaßnahmen ergreifen können. Klar ist jedoch auch, dass ein
solcher Ansatz, der mit der Erfassung umfassender Standort- und Bewegungs-
daten verbunden ist, Grundrechte wahren muss. Die Nutzung der App darf
daher nicht verpflichtend sein. Ferner müssen wir uns die Frage stellen, wie wir
die Daten speichern und nutzbar machen. Ein dezentraler Ansatz, der auf der
Speicherung der jeweiligen - anonymisierten - Kontakt-IDs auf dem eigenen
Smartphone beruht, bietet einen ausreichenden Gesundheitsschutz und beugt
zugleich der Gefahr von Hacking oder Datenmissbrauch, der der zentralen
Speicherung immanent ist, vor. Drittens müssen wir gewährleisten, dass das
Verfahren der App-Entwicklung transparent ist, das schließt die kommerziellen
Interessen der beteiligten Unternehmen sowie die Offenlegung des zugrun-
deliegenden Protokolls für Sicherheit und Schutz der Privatsphäre und den
Programmcode ein."
Freiheitsrechte
Bei der Betrachtung der Auswirkungen
der Apps auf die Privatsphäre der Bür-
ger ist höchstens die App der Bundes-
regierung kritisch zu sehen, da sie alle
Kontakte aufzeichnet. Die vom RKI er-
mittelten Daten sind hingegen nur für
Mediziner interessant.
Wie die Statements der Politiker zeigen,
ist aber auch die Corona-Warn-App ver-
glichen mit der aktuellen Situation eine
deutliche Verbesserung. Schließlich wur-
den die Freiheitsrechte bereits in einem
Maß eingeschränkt, das für einen demo-
kratischen Staat eigentlich undenkbar
ist. Das wichtige Gut der Versammlungs-
freiheit ist weg, die Demonstrations-
freiheit verschwunden. Dem normalen
Bürger mag die Öffnung der Kinderta-
gesstätten wichtiger erscheinen.
Aber die Versammlungsfreiheit wurde
im Grundgesetz verankert, um eine po-
litische Opposition zu ermöglichen. Im
Grunde üben jene aktuell oft kopfschüt-
telnd betrachteten Demonstranten, die
Das Bundesverfassungsgericht
machte deutlich, dass es nicht in
Eilverfahren über die corona-
bedingten Beschränkungen
urteilen wird
ohne Maske gegen den Lockdown de-
monstrieren, auch nur ein von der Ver-
fassung garantiertes Recht zur Opposi-
tion aus.
Als Grundlage der staatlichen Maßnah-
men dient das Infektionsschutzgesetz
vom 20. Juli 2000 (BGBl. S. 1045),
das zuletzt durch Artikel 3 des Ge-
setzes vom 27. März 2020 (BGBl. I S.
587) geändert worden ist. § 28 behan-
delt die Schutzmaßnahmen: „Werden
Kranke, Krankheitsverdächtige, Anste-
ckungsverdächtige oder Ausscheider
festgestellt oder ergibt sich, dass ein
Verstorbener krank, krankheitsverdäch-
tig oder Ausscheider war, so trifft die
zuständige Behörde die notwendigen
Schutzmaßnahmen, insbesondere die
in den §§ 29 bis 31 genannten, soweit
und solange es zur Verhinderung der
Verbreitung übertragbarer Krankheiten
erforderlich ist; sie kann insbesondere
Personen verpflichten, den Ort, an dem
sie sich befinden, nicht oder nur unter
bestimmten Bedingungen zu verlas-
sen oder von ihr bestimmte Orte oder
öffentliche Orte nicht oder nur unter
bestimmten Bedingungen zu betreten.
Unter den Voraussetzungen von Satz 1
kann die zuständige Behörde Veranstal-
tungen oder sonstige Ansammlungen
von Menschen beschränken oder ver-
bieten und Badeanstalten oder in § 33
Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 19
IM FOKUS: CORONA
Deutschland kam noch relativ glimpflich durch die Pandemie, was die
Einschränkung der Grundrechte deutlicher spürbar macht.; hier über-
nimmt medizinisches Personal Corona-Patienten aus Italien für den
115, 25 <44 f.>), müssen die - durch
die Untersagung des Betriebs für den
Publikumsverkehr allerdings schwerwie-
gend beeinträchtigte - Berufsfreiheit
und die wirtschaftlichen Interessen der
Betreiber von Fitnessstudios derzeit zu-
rücktreten."
Die Richter betonten allerdings in der Be-
gründung: „Die Verfassungsbeschwer-
de ist, jedenfalls soweit die angegriffene
Regelung die Beschwerdeführerin selbst
betrifft, zumindest nicht von vornher-
ein unzulässig oder offensichtlich unbe-
gründet. Dies bedarf einer eingehenden
Prüfung, die im Rahmen eines Eilver-
fahrens nicht möglich ist." Hier macht
das Verfassungsgericht deutlich, dass es
solche weitreichenden Entscheidungen
nicht im Zuge der Eilverfahren fällen
wird.
Ähnlich erging das Urteil in einem wei-
teren Eilverfahren, das ein Organisator
einer Demonstration vor das Bundes-
verfassungsgericht brachte. Hierbei ur-
teilten die Richter: „Ausgehend davon
ist der Erlass einer einstweiligen Anord-
nung geboten, weil die Verbotsverfü-
gung der Antragsgegnerin den Antrag-
steller offensichtlich in seinem Grund-
recht aus Art. 8 GG verletzt. Art. 8 Abs.
1 GG gewährleistet für alle Deutschen
das Recht, sich ohne Anmeldung oder
Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu
Weitertransport in ein Bundeswehrkrankenhaus
genannte Gemeinschaftseinrichtungen
oder Teile davon schließen. Eine Heilbe-
handlung darf nicht angeordnet wer-
den. Die Grundrechte der Freiheit der
Person (Artikel 2 Absatz 2 Satz 2 des
Grundgesetzes), der Versammlungs-
freiheit (Artikel 8 des Grundgesetzes),
der Freizügigkeit (Artikel 11 Absatz 1
des Grundgesetzes) und der Unver-
letzlichkeit der Wohnung (Artikel 13
Absatz 1 des Grundgesetzes) werden
insoweit eingeschränkt."
Diese Schutzmaßnahmen dürfen also
im Grunde nur ergriffen werden, wenn
„Kranke, Krankheitsverdächtige, Anste-
ckungsverdächtige oder Ausscheider"
festgestellt werden. Die deutschland-
weite Anwendung dieses Paragrafen oh-
ne konkrete örtliche Anlässe steht somit
auf juristisch wackligen Füßen.
Urteile des Bundesverfas-
sungsgerichtes
Bei einer Klage einer Fitnessstudio-Be-
sitzerin gegen die Schließung ihres Stu-
dios vor dem Bundesverfassungsgericht
wurde der Antrag auf Erlass einer einst-
weiligen Anordnung am 28. April 2020
abgelehnt. Die Richter begründeten
dies wie folgt: „Gegenüber den somit
bestehenden Gefahren für Leib und Le-
V
Friedrich Straetmanns,
MdB, Justiziar der Fraktion DIE LINKE, im Bundestag:
„Grundsätzlich stehen wir als Fraktion DIE LINKE Tracing-Apps kritisch ge-
genüber. Doch besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen und
deshalb halten wir unter gewissen Umständen die Nutzung einer solchen
App für sinnvoll-den medizinischen Mehrwert einmal vorausgesetzt. Erstens
muss die Nutzung auf Freiwilligkeit basieren und es darf auch keinen wie auch
immer gearteten zwanglosen Zwang zur Nutzung geben. Zweitens muss stets
die absolute Anonymität gewahrt bleiben und darf auch nicht über die Kombi-
nation mit anderen Daten, etwa aus Videoüberwachung, ausgehebelt werden
können, weshalb wir gegen eine Nutzung von Standortdaten sind. Drittens
dürften die gesammelten Daten ausschließlich für den konkreten Zweck der
Verhinderung der weiteten Verbreitung des Corona-Virus genutzt werden.
Es muss beispielsweise ein klares Beweiserhebungs- und -Verwertungsverbot
festgeschrieben werden. Die Erfüllung dieser Voraussetzungen muss von un-
abhängiger Stelle überprüft werden."
ben, vor denen zu schützen der Staat
nach dem Grundrecht auf Leben und
körperliche Unversehrtheit gemäß Art.
2 Abs. 2 GG auch verpflichtet ist (vgl.
BVerfGE 77, 170 <214>; 85, 191 <212>;
versammeln. Nach Art. 8 Abs. 2 GG
kann dieses Recht für Versammlungen
unter freiem Himmel durch Gesetz oder
auf Grund eines Gesetzes beschränkt
werden. Die Verordnung der Hessischen
Landesregierung zur Bekämpfung des
Corona-Virus enthält jedenfalls kein
generelles Verbot von Versammlungen
unter freiem Himmel für mehr als zwei
nicht dem gleichen Hausstand angehöri-
20 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
ge Personen." Das Grundrecht bestünde
weiterhin, nur dürfe es erst zu einem
späteren Zeitpunkt als dem gewünsch-
ten ausgeübt werden.
Allerdings handelte es sich auch hierbei
wieder um ein Eilverfahren. Eine tat-
sächliche Klärung dürfte sich also erst
durch spätere Verfahren ergeben, wenn
die Corona-Pandemie wahrscheinlich
bereits vorüber ist. Abschließende und
in Ruhe gefällte Urteile des Bundesver-
fassungsgerichtes sind dennoch wichtig,
um den Rahmen für die Eingriffsmög-
lichkeiten des Staates in die Grundrechte
der Burger zu setzen.
Einfallstor
für den Überwachungsstaat
Verglichen mit den bereits durchgesetz-
ten Einschränkungen der Freiheitsrechte
ist sogar die Corona-Warn-App der Bun-
desregierung überaus harmlos. Sollte sie
eine frühere Rückkehr zu den normalen
Grundrechten ermöglichen, wäre sie
sogar begrüßenswert. Dafür müsste sie
aber Download-Zahlen erreichen, die
aktuell wenig realistisch erscheinen.
Die Datenspende-App des Robert
Koch-Instituts ist hingegen schon jetzt
ein Erfolg für die Wissenschaftler. Es bie-
tet sich an, diese App auch nach Corona
weiterhin Daten erheben zu lassen, um
etwa die jährlichen Grippe-Verbreitun-
gen zu untersuchen. Dies könnte wie-
derum zu Erkenntnissen für die nächste
Pandemie führen. Ebenso muss das Bun-
desverfassungsgericht Erkenntnisse zu
den Eingriffsmöglichkeiten des Staates
bei einer Pandemie liefern. Schließlich
könnte der Begriff Pandemie sonst zum
Einfallstor für diktatorische Verordnun-
gen werden.
Im Infektionsschutzgesetz „§ 5 Epide-
mische Lage von nationaler Tragweite"
steht: „Der Deutsche Bundestag stellt
eine epidemische Lage von nationaler
Tragweite fest. Der Deutsche Bundestag
hebt die Feststellung der epidemischen
Lage von nationaler Tragweite wieder
auf, wenn die Voraussetzungen für ihre
Feststellung nicht mehr vorliegen." Dies
geht von einem demokratisch gewähl-
ten Bundestag aus. Allerdings sollte
gerade Deutschland wissen, dass auch
Diktatoren demokratisch gewählt an
die Macht kommen können. Die Väter
des Grundgesetzes versuchten deshalb
alle Schlupflöcher zu schließen. Das
Wort „Pandemie" darf sich nicht zu
einem solchen Schlupfloch entwickeln,
um Bürger zu überwachen und Ver-
sammlungen zu verbieten. Egal, ob mit
Apps oder Polizisten.
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Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 21
IM FOKUS: CORONA
Auswirkung der Corona-Krise
auf Beschaffungen der Bundeswehr
Gerhard Helming
Die behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Auswirkung von Infektionen mit dem Corona-Virus
haben weltweit zur Verlangsamung der Wirtschaftsprozesse bis zu - mindestens vorübergehend - teilweisen
Produktionsausfällen geführt. Nach Wiederanläufen der Wirtschaft werden politische und ökonomische
Einflüsse zu veränderten Strukturen führen. Nach langen Jahren der „Schwarzen Null“ sind aus den öffentli-
chen Haushalten zahlreiche neue Anforderungen mit hoher Priorität zu finanzieren.
Ab Mitte März 2020 wurden in zuneh-
mendem Maße Kontaktverbote und
Abstandsgebote sowie Betriebsver-
bote eriassen, in deren Folge Unternehmen
aller Größen und Branchen für mehrere Wo-
chen ihre Produktion unterbrochen haben.
In Behörden und Dienstleistungsunterneh-
men nahm - u.a. durch Quarantänemaß-
nahmen und überraschende Verlagerung
der Arbeit ins Homeoffice - die Geschäfts-
tätigkeit stark ab.
Aus der Corona-Krise können Auswirkungen
auf Betrieb und Beschaffungen der Bundes-
wehr in drei Bereichen entstehen: Finanzie-
rung, Bearbeitung der Vorhaben sowie Pro-
duktion und Lieferung von Geräten/Systemen.
Finanzierung
Der Schützenpanzer Puma gehört zu den Vorhaben, die über Verpflich-
tungsermächtigungen langfristig Finanzmittel binden
Der im März verordnete und in abgemii-
derter Form immer noch andauernde Lock-
down mit Betriebs- und Kontaktverboten
führte unmittelbar zu Einnahmeausfällen in
den öffentlichen Haushalten, insbesondere
bei umsatzabhängigen Steuern, Einkommen-
und Gewerbesteuern. Gleichzeitig sind die
Ausgaben für gesetzlich geregelte Sozialaus-
gaben stark angestiegen. Mit Nothilfen für
Wirtschaftsbetriebe und Maßnahmen zur An-
kurbelung der Wirtschaft ist neuer finanzieller
Bedarf in beträchtlicher Höhe entstanden.
Um die "olgen der Krise abzumildern, hat
der Bundestag einen Nachtragshaushalt mit
neuen Ausgaben in Höhe von vollständig
kreditfinanzierten 122 Milliarden Euro und
Einnahmeausfällen in Höhe von 33 Milli-
arden Euro beschlossen, der seit 27. März
2020 in Kraft ist. Dabei sind die bisher mit
dem Bundeshaushalt 2020 beschlossenen
Ausgaben nicht angetastet worden.
Haushalt 2021
Der Arbeitskreis Steuerschätzung beim Bun-
desfinanzministerium hat am 14. Mai 2020
für den Bund Steuerausfälle in Höhe von 44
Milliarden Euro für 2020 vorhergesagt. Für
2021 und die Folgejahre belaufen sich die
Einnahmeausfälle auf rund 30 Milliarden
Euro jährlich. Damit stehen der Bundestag
und die Bundesregierung vor der schwierigen
Aufgabe, neue Maßnahmen in beträchtlichem
Umfang trotz sinkender Einnahmen zu finan-
zieren. Dazu werden die bisher vorgesehenen
Ausgaben auf den Prüfstand gestellt.
Am 18. März 2020 hatte das Bundeskabi-
nett - von der Corona-Krise unbeeinflusst
- die Eckwerte für die Aufstellung des Bun-
deshaushalts 2020 beschlossen. Bundesfi-
nanzminister Olaf Scholz hatte aber schon
bei der Bekanntgabe auf die zu erwartenden
Einflüsse hin gewiesen. Die Eckwerte sehen
für den Verteidigungsetat ein Anwachsen
um 600 Millionen Euro auf 45,6 Milliarden
Euro. Für die Folgejahre ist im mittelfristigen
Finanzplan kein weiterer Zuwachs vorgese-
hen. Bisher war es dem BMVg immer wieder
gelungen, im Rahmen der Aufstellung des
Haushalts die Obergrenzen im mittelfristigen
Finanzplan anheben zu lassen und so die
mittelfristigen Perspektiven zu verbessern.
Großvorhaben
Der bisherige Ansatz erscheint aus Sicht des
Verteidigungsministeriums als zu knapp. Die
rund neun Milliarden Euro für rüstungsinves-
tive Ausgaben sind zum großen Teil durch
überjährige Beschaffungsverträge (z.B.
Schützenpanzer Puma, Korvetten K 130,
Transportflugzeuge A440M) gebunden.
Der Umfang von Verpflichtungsermächti-
gungen, die den Abschluss neuer Verträge
mit Wirkung in folgende Haushaltsjahre er-
möglichen, richtet sich nach dem mittelfris-
tigen Finanzplan. Der derzeitige Finanzplan
schafft nicht ausreichend Platz für den gro-
ßen Nachholbedarf, den die Bundeswehr in
verschiedenen Dokumenten wie dem Fähig-
keitsprofil der Bundeswehr niedergelegt hat.
Die Bundesregierung hat zwar zugesagt,
„dass bestimmte wesentliche Großvorha-
ben zum Schließen von Fähigkeitslücken ge-
mäß dem Fähigkeitsprofil der Bundeswehr
und damit zur Wahrnehmung bereits ein-
gegangener internationaler Verpflichtungen
finanziert werden und dem Verteidigungs-
haushalt ermöglicht wird, die insoweit ver-
22 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
IM FOKUS: CORONA
Die mobile Feldküche ist ein Projekt mit VJTF 2023-Relevanz, das kürzlich
unter Vertrag genommen wurde
abredeten Fähigkeitsziele zu erreichen."
Genannt wurden die Kooperationen mit
Frankreich (FCAS, MGCS) und Norwegen
(U212CD), die Vorhaben Eurofighter, PEGA-
SUS, Tornado-Nachfolge, Marinebordhub-
schrauber, Flottendienstboote, U-Boot-Ab-
wehr und TLVS.
Dadurch geraten alle anderen nichtgenann-
ten Vorhaben unter Druck (z.B. Schwerer
Tra nsporth ubsch räuber, Ml eh rzweckka m pf-
schiff). Für 2020 hatte das BMVg in einer
Liste über 60 Vorhaben zusammen gefasst,
die mit 25-Mio-Euro-Vorlagen im Parlament
vorlagepflichtig sind. Darüber hinaus gibt es
eine Unzahl von Vorhaben unterhalb der
25-Mio-IEuro-Schwelle,diefürdie Aufgaben-
erfüllung unerlässlich sind.
Haushaltsvollzug
Wenn sich die Einnahmeausfälle und Zusatz-
ausgaben manifestieren, werden sich die
Parlamentarier fragen, welche Vorhaben
zwingend sind und welche nicht. Die Not-
wendigkeit von Vorhaben aus dem Vertei-
digungsbereich sind argumentativ oft leicht
anzugreifen, vor allem wenn sie Anforde-
rungen aus dem sozialen oder ökonomi-
schen Bereich gegen übergestellt werden. Es
ist also damit zu rechnen, dass Vorhaben aus
dem Verteidigungsbereich vor allem zum
Jahresende das Nachsehen haben werden
gegenüber Maßnahmen zur Bewältigung
der Coronakrise. Eine drohende Haushalts-
sperre könnte sogar den Abschluss jeglicher
Verträge unterbinden. Betroffen wäre dann
auch eine große Zahl von Vorhaben, die für
die Ausstattung der Truppe zur Teilnahme
an VJTF 2023 dringend benötigt werden.
Für das BMVg gilt es daher, die 25-Mio-Eu-
ro-Vorlagen schnell auf den Weg zu brin-
gen, damit früh Fakten geschaffen werden
und die Finanzierung der Vorhaben gesi-
chert wird. Spätestens, wenn zeitgleich der
neue Haushalt im Parlament verhandelt
wird und die Finanzierung konkurrierender
Vorhaben über Kredite ermöglicht werden
soll, werden die Prioritäten neu gesetzt Die
Erfahrung (2009) hat gezeigt, dass der Ein-
zelplan 14 des Verteidigungsministeriums
ein beliebter Steinbruch ist, um Finanzmittel
freizuschaufeln.
Bearbeitung der Vorhaben
Bis ein Vorhaben haushaltsreif ist und ein
Beschaffungs- oder Dienstleistungsvertrag
abgeschlossen werden darf, sieht die Zen-
trale Dienstvorschrift A-1500/3 (Customer
Product Management) zahlreiche Verfah-
rensschritte vor, die mit hohem Personalauf-
wand und Abstimmungsbedarf bearbeitet
werden müssen.
Schon bisher mangelte es den beteiligten
Dienststellen, vor allem dem Bundesamt für
Ausrüstung, Informationstechnik und Nut-
zung der Bundeswehr, an ausreichendem
Personal. Durch Corona-bedingte Personal-
ausfälle, veränderte Arbeitsabläufe und
Restriktionen sinkt der Output. In man-
chen Fällen reicht schon der Ausfall einer
Person an einer Schlüsselstelle, um einen
Vorgang vorübergehend zum Halten zu
bringen. Hinzu kommt, dass Vorhaben
mit Bedeutung für die Bekämpfung der
Corona-Krise höher priorisiert und damit
zeitlich vorgezogen werden.
Damit gerät der ohnehin enge Zeitplan für
die Realisierung der Vorhaben ins Wanken.
Die oben genannte Liste von 25-Mio-Eu-
ro-Vorhaben hinkt für das laufende Jahr
bereits dem Zeitplan hinterher, und es ist
absehbar, dass nicht alle Vorhaben mit ei-
nem Vertrag zum Zuge kommen werden.
Kein Vorhaben auf der Liste ist verzicht-
bar oder verträgt ohne Schaden eine zeit-
liche Verschiebung.
Um sicherzustellen, dass mindestens die
Vorhaben mit VJTF 2023-Bezug noch in
diesem Jahr unter Vertrag genommen
werden können, muss deren Bearbei-
tung - gegebenenfalls unterstützt durch
Personalabstellungen - forciert werden.
Produktion und Lieferung
von Geräten/Systemen
Wehrtechnische Produkte werden - wie
alle technologisch anspruchsvollen Pro-
dukte - in einem hochgradig vernetzten
System hergestellt. Neben wirtschaftlichen
Aspekten verursachen in der Wehrtechnik
oft politische Vorgaben die Verteilung der
Produktion auf internationale Partner. Die
Generalunternehmer und Systemhäuser
als Gesamtverantwortliche sind darauf an-
gewiesen, dass aus der Zuliefererkette die
Baugruppen und Systemanteile rechtzeitig
angeliefert werden. Eine fehlende Bau-
gruppe kann die Produktion zum Erliegen
bringen.
Wochenlange Betriebsschließungen und
verlängerte Produktionsdauer wegen verän-
derter Arbeitsabläufe und Personalausfällen
machen vereinbarte Lieferpläne hinfällig.
Eine verlässliche Beurteilung, welche Betrie-
be in welchem Umfang betroffen sind, ist
nicht möglich, weil lokale Gegebenheiten
und Maßnahmen einem schnellen Wandel
unterliegen. Daher können Maßnahmen
zum Ausgleich von Lieferverschiebungen
kaum zeitgerecht eingeleitet werden, zumal
es häufig für ausgesprochene Spezialisten
keinen Ersatzlieferanten gibt.
Eine verspätete Auslieferung wird unter
Corona-Bedingungen entschuldbar sein.
Aber sobald die Lieferung so spät kommt,
dass am Jahresende die Rechnung gemäß
Zahlungsplan nicht mehr bezahlt werden
kann, belastet die Rechnung als Überkip-
per das nächste Haushaltsjahr. Zwar kann
das BMVg bis zu 500 Millionen Euro als
Investitionsrücklage ins folgende Haus-
haltsjahr übertragen und Überkipper dar-
aus bezahlen. Dies war aber erstens men-
genmäßig für den Normalbetrieb (ohne
Corona) bestimmt und könnte daher nicht
ausreichen und steht zweitens unter Be-
schoss und könnte mit der Aufstellung des
Haushalts 2021 wieder kassiert werden.
Konsequenzen
Es wird schwierig, unter den Bedingungen
der Corona-Krise das notwendige Wachs-
tum des Verteidigungshaushalts zu errei-
chen. Daher muss die Bundeswehr zusam-
men mit der Wirtschaft alles daransetzen,
dass im laufenden Jahr möglichst viel Ma-
terial aus der Industrie zuläuft und bezahlt
werden kann, damit die für 2020 verfüg-
baren Investitionsmittel vollständig genutzt
werden. Nicht genutzte Finanzmittel sind
ein beliebtes Argument für Etatkürzungen.
Die Herstellung der Haushaltsreife der Vor-
haben ist mit Nachdruck zu forcieren. Dazu
müssen, falls notwendig, Ressourcen zu-
sammengefasstwerden. Nur fertig bearbei-
tete Vorhaben zeigen, dass wirklicher Bedarf
besteht. Darüber hinaus müssen mit Über-
planung Vorhaben bereitstehen, die bei
Verzögerung anderer Projekte nach rücken
können, um so die Finanzmittel vollständig
nutzen zu können.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 23
IM FOKUS: CORONA
Corona-Pandemie
Digitale Lösungen helfen Infektionsrisiken zu reduzieren
Jörg Plathner
Die neuen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie leisten
einem breiten Spektrum an InnovationsvorhabenVorschub.
Gemeinsam mit Nutzern aus der Bun-
deswehr testet der Cyber Innovation
Hub der Bundeswehr (CIHBw), eine
Innovationseinheit der BWI GmbH, derzeit
verschiedene digitale Lösungen, die einen
Beitrag zur Eindämmung der Krise liefern.
Online Videosprechstunde
Corona-bedingte Mobilitäts- und Kommu-
nikationseinschränkungen beeinträchti-
gen den Wirkungskreis des medizinischen
Fachpersonals der Bundeswehr massiv. Um
sowohl Ärzte als auch Patienten zu entlas-
ten, erprobt der CIHBw im Rahmen eines
Sonderforschungsvorhabens gemeinsam
mit der Klinik für Unfallchirurgie und Ortho-
pädie des Bundeswehrkrankenhauses Ber-
lin eine videogestützte Online-Konsultation
Arzt-Patient. Technische Grundlage hierfür
bilden auf Seiten der Hardware handelsübli-
che Tablets, Headsets und Mobilfunkkarten,
auf Seiten der Software die Nutzung einer
Online-Videosprechstunden-Plattform.
Letztere garantiert mittels Ende-zu-En-
de-Verschlüsselung und Zwei-Faktoren-Au-
thentifizierung die Sicherheit der Patienten-
daten. Die Vorteile der Online-Videosprech-
stunde liegen auf der Hand: Verringerung
des Ansteckungsrisikos, Reduktion langer
Wartezeiten und Anfahrtswege, eine effi-
zientere Nutzung dienstlicher Ressourcen
sowie eine bessere Planbarkeit für Patienten
und Ärzte. Sie bedeuten auch in Zeiten ohne
Corona eine Erhöhung der Qualität in der Pa-
tientenversorgung.
Pflege-App
In Zeiten von erhöhter Ansteckungsgefahr
durch SARS CoV-2 ist die Versorgung von
Patienten für die Pflegekräfte eine noch grö-
Jörg Plathner ist Leiter Startup
Engagement, Memberof the Ma-
nagement Board, Bundeswehr Cyber
Innovation Hub der Bundeswehr.
ßere Herausforderung. Der Direktkon-
takt mit potenziell infizierten Patienten
birgt für das medizinische Personal trotz
Schutzmaßnahmen ein großes Risiko,
was sich in den Infektionszahlen dieser
Gruppe widerspiegelt.
Die Pflege-App reduziert den
direkten Kontakt zwischen
Patient und Pflegepersonal,
um Ansteckungen durch Social
Distancing zu verhindern
Vergleichbar mit der Online-Videosprech-
stunde hilft auch die Pflege-App den per-
sönlichen Kontakt zwischen Pflegedienst-
personal und Patienten zu reduzieren, die
Pflege von Patienten zu verbessern und Pfle-
gekräfte zu entlasten. In der Urologie-Stati-
on des Bundeswehrkrankenhauses Berlin ist
die Pf lege-App für sechs Monate im Test.
Dabei ist der Serviceumfang der App explizit
an den Bedarf des Testnutzers angepasst.
Die Ta biet-Oberfläche ist so vorkonfiguriert,
dass sowohl allgemeine wie spezifische Pati-
entenbedürfnisse abgebildet werden. Über
eine Eingabemaske kann der Patient seinen
Bedarf signalisieren, wie beispielsweise Un-
terstützung beim foilettengang, das Auffül-
len des Getränkevorrates oder die Einnah-
me von Schmerzmitteln. Sein Anliegen wird
dann über eine gesicherte Verbindung
an das Smartphone des Pflegedienstper-
sonals gesendet. Unnötige Gänge zur
Bedarfsklärung beim Patienten bleiben
dadurch aus, und er bekommt via App so-
fortige Rück- und Statusmeldungen.
Wie die Online-Videosprechstunde bietet
auch die Pflege-App eine einfach einzu-
setzende digitale Ergänzung zur Verbesse-
rung von Zeit- und Ressourcenplanung auf
Basis bereits am Markt verfügbarer Lösungen.
Laut Aussagen des Start-ups, das die App ent-
wickelt hat, liegt das Einsparungspotenzial pro
Schicht und Mitarbeiter bei 25 Minuten.
Bundeswehr Community
Im Zuge der Ausbreitung von SARS CoV-2
wurden die Bemühungen um die Heran-
ziehung freiwilliger Reservisten zur Krisen-
bewältigung deutlich ausgeweitet. Einen
Beitrag dazu leistet das Portal „https://bun-
deswehr.community/" des CIHBw (derzeit
noch in der Beta Version). Es handelt sich
dabei um eine Kommunikationsplattform
für Bundeswehrangehörige und Reservisten
mit aktuell rund 5.000 registrierten Usern.
Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen
Communitys innerhalb der Bundeswehr ist
deren integrierte Jobbörse für Reservisten-
dienstleistende.
Zudem lässt sich die Bundeswehr-Commu-
nity auch sehr gut zur Durchführung von
Online-Ausbildungsvorhaben nutzen - eine
willkommene Gelegenheit in der aktuellen
Corona-Krise, die durch das Bildungszent-
rum der Bundeswehr für die Durchführung
des Lehrgangs „Fachtechnische Grundla-
gen" des gehobenen technischen Dienstes
bereits genutzt wird. In einer hierfür speziell
eingerichteten Gruppe werden schnell und
unkompliziert Lehrinhalte zum Download
bereitgestellt und die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer können sich über die Chatfunk-
tion mit den Dozentinnen und Dozenten so-
wie untereinander in einem exklusiven und
geschützten virtuellen Raum austauschen.
Bei der Bundeswehr Community handelt es
sich um einen Prototypen, der aktuell mit ei-
nem Team aus verschiedenen Bereichen der
Bundeswehr weiterentwickelt wird. Die Ein-
stellung von als vertraulich eingestuften und
Personaldaten ist im Moment nicht erlaubt.
Online-Videostunde, Pflege-App und Bun-
deswehr Community - diese und andere
Innovationsvorhaben des CIHBw zeigen,
dass die Corona-Krise auch als Digitalisie-
rungschance innerhalb der Bundeswehr
verstanden werden kann. Allen Beispielen
ist gemein, dass im Ergebnis nachhaltig si-
gnifikante Effizienz- und Effektivitätssteige-
rungen erzielt wenden können.
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ISBN 978-3-8132-0990-7
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U96 - Realität und Mythos
Erzählt erstmals die Biografie von II 96-Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock
Enthüllt die wahre Rolle Lothar-Günther Buchheims als Kriegsberichter der Marine
Veröffentlicht exklusiv privates Tagebuch- und Fotomaterial von Friedrich Grade,
Leitender Ingenieur von II96
Sorgt für die Neubewertung des Bestsellers »Das Boot«.
Mittler
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rST ICKER
Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Vergaberecht
Die Corona-Pandemie hat Gesellschaft und Wirtschaft weiter im Griff. Trotz zunehmender Lockerungen der Eindämmungsmaß-
nahmen dürften die Folgen für Beschaffungsvorhaben und laufende Verträge noch länger zu spüren sein. Das Bundesministerium
der Verteidigung hat nun reagiert und mit einigen Erlassen klarstellende Richtlinien zum Umgang mit auftretenden Leistungs-
störungen veröffentlicht.
Die wohl am deutlichsten sichtbaren Folgen der Corona-Pandemie zeigen sich an den in nahezu allen Wirtschaftszweigen global organisierten
Liefer- und Logistikketten. Deren Zusammenbruch hat vielfach zu fehlenden Waren- und Ersatzteillieferungen geführt. Hinzu kommen umfassende
Kontaktbeschränkungen, die teils große Personalengpässe verursacht haben.
Großzügige Verlängerung vertraglicher Fristen
Sofern der Auftragnehmer durch höhere Gewalt in der Ausführung eines
Vertrags behindert wird, bestimmt § 5 Nr. 3 der Verdingungsordnung für
Leistungen/Bundesrecht, die grundsätzlich in verteidigungs- und sicher-
heitsspezifische Aufträge einzubeziehen ist, dass die Ausführungsfristen
angemessen zu verlängern sind. Das BMVg (Abteilung Ausrüstung) hat
mit Erlass vom 23. April 2020 klargestellt, was praktisch kaum bestritten
wird: Die Corona-Pandemie ist ein Fall höherer Gewalt. Sie ist auch all-
gemein bekannt, weshalb nicht auf die eigentlich nach § 5 Nr. 1 VOL/B
verlangte Behinderungsanzeige bestanden wird. Zugleicht stellt das
BMVg klar, dass eine bioße Geltendmachung von Einschränkungen nicht
genügt, um Fristverlängerungen zu erhalten. Vielmehr muss der Auftrag-
nehmer konkret darlegen, inwieweit wegen der Corona-Pandemie seine
Lieferketten gestört, Personalkapazitäten beeinträchtigt, notwendige
Reisen oder Ein- und Ausfuhrverbote verhängt wurden. Verbleibende
Restzweifel sollen nach dem Erlass vom 23. April 2020 aber nicht zulas-
ten des Auftragnehmers gehen. Dauern Behinderungen beim Auftrag-
nehmer länger als drei Monate an, darf der Auftraggeber den Vertrag
binnen 30 Tagen außerordentlich kündigen (§ 5 Nr. 2 VOL/B). Das BMVg
teilt jedoch mit, dass hieran in aller Regel kein Interesse besteht, „da es
uns maßgeblich auf die Leistungserfüllung zur Versorgungssicherheit der
Streitkräfte ankommt." In laufenden Vergabeverfahren sollen schließlich,
soweit erforderlich, die Angebotsfristen angemessen verlängert werden.
Teilleistungen bei Meilensteinen
Einen weiteren Erlass hat das Referat A13 bereits am 3. April 2020 zum
Umgang mit vertraglich vereinbarten Zahlungsplänen veröffentlicht.
Hiernach dürfen vereinbarte Meilensteine und Meilensteinzahlungen
bei Bedarf auf weitere Teilleistungen über die bisherigen vertraglichen
Festlegungen hinaus vereinbart werden. Infolgedessen darf auch von
der Vorgabe abgewichen werden, wonach die letzte Meilensteinzah-
lung 15 Prozent der Gesamtvergütung betragen soll. Gegebenen-
falls sollen laufende Verträge angepasst werden. Voraussetzung ist
aber, dass die jeweilige Teilleistung im Wert der weiteren Teilzahlung
entspricht. Außerdem sollen Insolvenzrisiken des Auftragnehmers
vorab geprüft und berücksichtigt werden. Schließlich sollen weitere
Teilzahlungen keine Vorentscheidung mit Blick auf die ausstehende
Gesamtabnahme sein. Für Neuverträge sollen die Zahlungspläne von
vornherein die Besonderheiten der Corona-Pandemie berücksichtigen.
Verzinsung
Mit Rundschreiben vom 25. März 2020 hat das BMF schließlich über
Änderungen an den Verwaltungsverordnung zu der für alle Bundes-
behörden geltenden Bundeshaushaltsordnung informiert. Nach VV Nr.
1.4.1 zu § 59 BHO sollen gestundete Ansprüche des Bundes gegen den
Auftragnehmer mit regelmäßig zwei Prozentpunkten über dem Basis-
zinssatz verzinst werden. Die Regelung wurde um einen weiteren Halb-
satz ergänzt, wonach die Verzinsung mindestens ein Prozent jährlich
betragen soll. In diesem Zusammenhang weist das BMF ausdrücklich auf
W Nr. 1.4.2 zu § 59 BHO hin. Danach kann der Zinssatz je nach Lage
des Einzelfalles herabgesetzt werden, insbesondere wenn seine Erhe-
bung die Zahlungsschwierigkeiten verschärfen würde. Von der Erhebung
von Zinsen kann sogar vollständig abgesehen werden, wenn dies den
Auftragnehmer in seiner wirtschaftlichen Lage schwer schädigen würde.
Ausschluss verschuldensabhängiger Ansprüche
Wird der Auftragnehmer allein infolge der Corona-Pandemie vertrags-
brüchig, ohne dass ihn ein (Mit-)Verschulden trifft, scheiden schließlich
auch die an ein Verschulden gebundenen vertraglichen Ansprüche
des Auftraggebers auf Ersatz des Verzugsschadens, Vertragsstrafen,
Kündigung oder Rücktritt regelmäßig aus.
Fazit Der Bund ist sich der besonderen Ausnahmesituation bewusst und
kommt Bietern und Auftragnehmern entgegen, um laufende Vertrags-
beziehungen nicht zu gefährden und Betrieb und Einsatzbereitschaft der
Bundeswehr zu erhalten. Ob diese Sofortmaßnahmen ausreichen, wird
sich noch zeigen müssen.
► Dr. Daniel Soudry, LLM. ist Fachanwalt
für Vergaberecht und Partner der Sozietät SOU-
DRY & SOUDRY Rechtsanwälte, Berlin. Er berät
Unternehmen der Verteidigungs- und Sicher-
heitswirtschaft bei der rechtssicheren Teilnahme
an Vergabeverfahren und in Nachprüfungsver-
fahren. Dr. Soudiy tritt regelmäßig als Referent
auf und publiziert laufend zu vergaberechtlichen
Themen. SOUDRY & SOU DRY Rechtsanwälte
werden von Who's Who Legal, JUVE und der
Wirtschaftswoche als Kanzlei für Vergaberecht
empfohlen. Dr. Soudry bloggt laufend zum VS-
Vergaberecht unter www.VSVgV.de
26 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK
Fachkompetenz unnötig
Wie die SPD das Amt des Wehrbeauftragten entwertete
Wolfgang Labuhn
Mit der erforderlichen Kanzlermehrheit hat der Deutsche Bundestag am 7. Mai 2020 die SPD-Abgeordnete
Eva Högl zur neuen Wehrbeauftragten gewählt. Die Nominierung der Rechts- und Innenpolitikerin durch
den SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich war zuvor auf allgemeines Unverständnis gestoßen, zumal
ihr allseits geschätzter Amtsvorgänger Hans-Peter Bartels (SPD) seine Arbeit als „Anwalt der Soldatinnen
und Soldaten“ gern fortgesetzt hätte.
as Unbehagen vieler Mitglieder
des Bundestages an dieser Perso-
nalie spiegelte sich in Högls Wahl-
ergebnis wider. Zwar erhielt sie 389 von
656 abgegebenen Stimmen und damit
die nötige absolute Mehrheit der gegen-
wärtig 709 Sitze im Bundestag, aber ein
überzeugender Beweis des Vertrauens
der Abgeordneten in ihr „Hilfsorgan ...
bei der Ausübung der parlamentarischen
Kontrolle" (Artikel 45b des Grundgeset-
zes) der Streitkräfte war dies nicht. Zum
Vergleich: Amtsvorgänger Hans-Peter
Bartels war am 18. Dezember 2014 mit
532 von seinerzeit 598 abgegebenen
Stimmen gewählt worden, also frakti-
onsübergreifend. Gegenwärtig haben
die Koalitionsfraktionen 398 Mitglieder,
neun mehralsfür Högl gestimmt haben.
Dabei entzündete sich die Kritik noch
nicht einmal an der Person. Die 51-jähri-
ge Juristin Eva Högl, die dem Bundestag
seit 2009 angehört und seitdem den
zwischen den Parteien hart umkämpften
Berliner Wahlkreis Mitte dreimal mit ei-
nem Direktmandat gewann, machte sich
einen Namen als Vorsitzende des Unter-
suchungsausschusses zur „Edathy-Affä-
re" und vor allem zwischen 2012 und
2017 in den beiden Untersuchungsaus-
schüssen zur Terrorgruppe Nationalso-
zialisticher Untergrund (NSU). Sie enga-
gierte sich in der Prostitutionspolitik und
für eine Reform des Abtreibungsrechts.
In der SPD-Bundestagsfraktion zählte sie
zur Gruppe der pragmatischen „Netz-
werker". Mit der Verteidigungs- und
Sicherheitspolitik war sie allerdings erst
seit Ende 2019 indirekt befasst, als sie
in das Parlamentarische Kontrollgremi-
um des Bundestages zur Überwachung
der Geheimdienste des Bundes gewählt
wurde, das auch den Militärischen Ab-
schirmdienst MAD kontrolliert. Die bis-
her einzige weibliche Wehrbeauftragte,
Fotos: DBTr Achim Melde
Am 7. Mai 2020 wurde die SPD-Abgeordnete Eva Högl zur neuen
Wehrbeauftragten gewählt
Claire Marienfeld (CDU), die das Amt
von 1995 bis 2000 bekleidete, war zuvor
Mitglied des Verteidigungsausschusses
gewesen. Högl hatte keinerlei bekann-
te direkte Berührungen mit der Bun-
deswehr. Ihre Amtsvorgänger Bartels,
Hellmut Königshaus (FDP) und Reinhold
Robbe (SPD) waren vor ihrer Wahl zum
Wehrbeauftragten Vorsitzende des Ver-
teidigungsausschusses oder zumindest
Mitglied dieses Gremiums und damit in
die Materie bestens eingearbeitet.
Högl kündigte nach ihrer Wahl in Inter-
views an, „mit frischem Blick" an ihre
neuen Aufgaben heranzutreten. Sie
räumte ein, keine Verteidigungspolitike-
rin zu sein, verwies aber auf ihre lang-
jährige Expertise als Rechtspolitikerin.
Schließlich gehe es um die Grundrech-
te der Soldatinnen und Soldaten, die
Grundsätze der Inneren Führung und
die Grundsätze des Rechtsstaats. Ge-
genüber dem Deutschlandfunk erklärte
sie am 8. Mai, unter anderem die Frage
der Ausrüstung in der Bundeswehr in
den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.
Die Soldatinnen und Soldaten müssten
gute Rahmenbedingungen haben. Das
gelte insbesondere für die schweren
Auslandseinsätze.
Das Vorschlagsrecht für das Amt des
Wehrbeauftragten liegt in der 19. Legis-
laturperiode des Bundestages aufgrund
einer informellen Absprache zwischen
den Koalitionspartnern Union und SPD
bei den Sozialdemokraten. Der SPD-Frak-
tionsvorsitzende Mützenich verteidigte
seine Nominierung von Eva Högl am 7.
Mai im Fernsehsender Phoenix mit dem
Hinweis, sie sei eine „exzellente Juris-
tin" und habe sich in den vergangenen
Jahren intensiv mit dem Beamten- und
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 27
SICHERHEIT & POLITIK
Foto: Bundestag
Johannes Kahrs, langjähriger SPD-Abgeordneter, Sprecher des konserva-
tiven Seeheimer Kreises in der SPD-Bundestagsfraktion und Oberst d.R.,
legte daraufhin sein Bundestagsmandat und sämtliche weiteren politi-
schen Ämter nieder
ter gibt bereits im Oktober dieses Jahres
auch den SPD-Landesvorsitz auf und soll
durch eine Doppelspitze aus Raed Saleh,
den SPD-Fraktionschef im Berliner Ab-
geordnetenhaus, und Familienministerin
Franziska Giffey ersetzt werden. Giffey
wiederum wird bereits als künftige Re-
gierende Bürgermeisterin gehandelt.
Die SPD-Bundestagsfraktion muss dem-
gegenüber einen beträchtlichen Kolla-
teralschaden verzeichnen. Denn auch
Johannes Kahrs, langjähriger SPD-Ab-
geordneter, Sprecher des konservativen
Seeheimer Kreises in der SPD-Bundes-
tagsfraktion und Oberst d.R., hatte sich
Hoffnung auf den Posten des Wehrbe-
auftragten gemacht und sich dabei auf
eine angebliche Zusage von Fraktions-
chef Mützenich aus dem Oktober 2019
berufen, was dieser bestreitet. Kahrs
legte daraufhin am 5. Mai sein Bundes-
tagsmandat und sämtliche weiteren po-
litischen Ämter nieder. Mit ihm verliert
die SPD-Fraktion ihren erfahrensten
Soldatenrecht befasst. Aber es klang in
diesem Zusammenhang schon fast wie
eine Drohung, als Mützenich erklärte:
„ Es wird kein militärischer Ratschlag von
Seiten der Wehrbeauftragten erwartet."
Es gehe vielmehr um die Überprüfung
der Inneren Führung der Bundeswehr.
Hans-Peter Bartels und seine Vorgänger
hatten das Amt durchaus anders aufge-
fasst und sich nicht selten, auch ungefragt,
zu grundlegenden Fragen der Sicherheits-
und Verteidigungspolitik und zur Lage der
Bundeswehr geäußert. Insbesondere der
studierte Politologe und Soziologe Bartels
ließ es dabei in seinen Jahresberichten
und in Interviews an deutlichen Worten
nicht fehlen: „Es ist von allem zu wenig
da", konstatierte er etwa im Jahresbericht
2016. Schweres Großgerät wie Panzer,
Hubschrauber und Schiffe, aber auch
Munition und persönliche Ausrüstung für
die Soldaten von Uniformen über Nacht-
sichtgeräte bis hin zu Schutzbekleidung
fehlten. Der Mangel gefährde sogar „Aus-
bildung, Übung und Handlungssicherheit
der Soldaten im Einsatz." „Wir verwalten
uns zu Tode", zitierte Bartels im Jahresbe-
richt 2018 Stimmen aus der Truppe an-
gesichts einer Bundeswehr, die zugleich
an Unterbesetzung und Überorganisation
leide, gepaart mit einer undurchsichtigen
„Verantwortungskultur". „Zu wenig Ma-
terial, zu wenig Personal, zu viel Bürokra-
tie", lautete auch in seinem letzten Jahres-
bericht das Fazit, das er um den Vorschlag
ergänzte: „Weg vom Grundsatz, dass für
deutsches Militär immer alles, Design' sein
muss, weil es sonst nichts taugt, hm zum
,IKEA-PrinzipJ; aussuchen, bezahlen und
mitnehmen! Und ergänzend, für das obe-
re Ende modernster Technik, vom neuen
Kampfpanzer bis zur Raketenabwehr: die
Design-Lösung!" Und obwohl Bartels
die deutliche Steigerung des deutschen
Verteidigungshaushaltes ausdrücklich
begrüßte, stellte er bei der Präsentation
des Jahresberichts 2019 am 28. Januar
2020 fest, dass die Bundeswehr für die
kollektive Verteidigung noch nicht wieder
auf gestellt sei.
Dass Bartels selbst nicht für eine zwei-
te Amtszeit als Wehrbeauftragter auf-
gestellt werden würde, hatte ihn be-
reits am 29. April zu einem Brief an die
SPD-Bundestagsfraktion veranlasst:
„Warum die Partei jetzt dieses wichtige, unabhängige Amt, das als Teil der
parlamentarischen Kontrolle unseres Militärs im Grundgesetz verankert ist,
gerne durch eine neue SPD-Kandidatin besetzen will, erschließt sich nicht so-
fort. Nach landläufigen Erfolgskriterien gibt es für die aktuelle Amtsführung
sehr freundlichen Zuspruch und Unterstützung von Soldatinnen und Soldaten
und ihren Vertrauensleuten und Personal raten, von Regierungs- und Opposi-
tionsfraktionen im Verteidigungsausschuss und auch in der breiteren Öffent-
lichkeit. ... Mir stellt sich also die Frage: Warum ist dies heute politisch eine
Stelle, an der die SPD in dieser Zeit einen Personalwechsel braucht? Welcher
sozialdemokratischen Binnenlogik folgt das?" Hans-Peter Bartels
Eine Antwort darauf gibt ein Blick auf
die Lage der Berliner SPD. Denn in Ber-
lin stand Högl bei Bundestagswahlen
bisher auf Platz 1 der Landesliste. Den
kann nun Michael Müller einnehmen,
der im kommenden Jahr nicht erneut
für das Amt des Regierenden Bürger-
meisters kandidieren und stattdessen in
den Bundestag wechseln möchte. Mül-
Haushaltspolitiker und die Bundeswehr
einen verlässlichen parlamentarischen
Fürsprecher. So gelang es Kahrs 2016,
im Haushaltsausschuss des Bundestages
gemeinsam mit seinem CDU-Kollegen
Eckhardt Rehberg, die Finanzierung von
fünf weiteren Korvetten K130 als Ergän-
zungsbeschaffung für die Deutsche Ma-
rine durchzusetzen, nachdem die dama-
lige Ressortchefin Ursula von der Leyen
(CDU) die Beschaffung weiterer Korvet-
ten kurz zuvor für unnötig erklärt hat-
te. Allerdings hatte sich der streitlustige
Kahrs in seiner Fraktion nicht nur Freunde
gemacht. Und ein Zerwürfnis mit dem
neuen Fraktionschef Mützenich hätte
es wohl ohnehin gegeben, wenn es in
der Post-Corona-Zeit knapper Haushalts-
mittel um die Finanzierung teurer Rüs-
tungsprojekte gegangen wäre. Denn die
SPD hat nach ihrem Linksrutsch an der
Partei- und Fraktionsspitze andere Priori-
täten, die den bisherigen sicherheits- und
verteidigungspolitischen Konsens in der
Koalition unverkennbar infrage stellen
(siehe Seite 30).
28 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Winfried Nachtwei
Mitglied des Bundestages
1994-2009
An den Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion
Dr. Rolf Mützenich
Platz der Republik 1
11011 Berlin
Offener Brief des ehemaligen verteidi-
gungspolitischen Sprechers der Fraktion
Die Grünen/ Bündnis 90 im Bundestag
Nordhornstr. 51
48161 Münster
Wahl des/der nächsten Wehrbeauftragten
Lieber Rolf, 02. Mai 2020
mit Freude und hohem Respekt erfuhr ich am 24. September letzten Jahres, dass Deine Fraktion Dich mit höchster Zustimmung zu ihrem Vorsitzenden
gewählt hatte. In besonders schwieriger Zeit übernahm mit Dir ein Parlamentarier, den ich seit 2002 als fachlich und sozial höchst kompetenten Kollegen
erlebt hatte, die Spitzenverantwortung des Fraktionsvorsitzenden. Für diese besonders verantwortungsvolle und beanspruchende Arbeit wünsche ich
Dir viel Kraft.
Gestatte, dass ich mich zur bevorstehenden Wahl der/des nächsten Weh rbeauf fragten an Dich wende. Ich tue das vordem Hintergrund meiner inzwischen
25-jährigen Zusammenarbeit und Erfahrung mit inzwischen fünfWehrbeauftragten und in dem Bewusstsein, wie elementar wichtig und bewährt dieses
Amt für die Angehörigen der Bundeswehr, für ihre Integration in Rechtsstaat und Gesellschaft und das Parlament ist. Insofern handelt es sich hier auch
nicht um eine innere Angelegenheit der SPD-Bundestagsfraktion.
Euer Fraktionsvorstand beschloss einstimmig, Eure stellvertretende Fraktionsvorsitzende Dr. Eva Högl zur Wahl des nächsten Wehrbeauftragten vorzu-
schlagen und damit dem bisherigen Wehrbeauftragten eine erneute Kandidatur zu verweigern.
Nicht nur mir drängt sich der Eindruck auf, dass hier
- fraktions- und vielleicht parteiinterne Interessen ausschlaggebend waren und dabei
- die für die Bundeswehrangehörigen, die Bundeswehr und das Parlament bestmögliche Personalauswahl für das Amt des Wehrbeauffragten eine
sekundäre Rolle spielte.
Hans-Peter Bartels habe ich seit 1998 elf Jahre als Kollegen im Verteidigungsausschuss hoch schätzen gelernt. Als Wehrbeauftragter f ul It er seit fünf Jahren
sein Amt mit umfassender und verlässlicher Kompetenz, mit hohem Einsatz für die Menschen in der Bundeswehr und die Einhaltung der Grundsätze
der Inneren Führung aus. Wie ich durchweg gehört habe, bringen ihm Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr volles Vertrauen entgegen. Seine
parlamentarische Kontrollfunktion übte er zum Besten einer in Rechtsstaat und Gesellschaft verankerten Bundeswehr und mit großer Unabhängigkeit
aus. Seine Amtsführung findet fraktionsübergreifend hohe Anerkennung. Über seine Kontrollpflichten hinaus hat er Debatten und Verständigungen über
wichtige, die Bundeswehr und deutsche Sicherheitspolitik betreffende Fragen initiiert und durch eigene Anregungen bereichert. Beispielhaft erinnere
ich mich an das Expertengespräch „ISAF: Lessons learned - Erfahrungen für neue Einsätze nutzen", einer gemeinsamen Veranstaltung von Wehrbeauf-
tragtem, Dt. Bundeswehrverband, Reservistenverband und Aspen-Institut. Es war eine der besten Veranstaltungen, die ich im politischen Berlin seit 2002
zum Afghanistan-Einsatz erlebt habe.
In seiner sicherheitspolitischen Orientierung bemerkte ich bei Hans-Peter Bartels keinen Widerspruch zu den von SPD-Ministern in der Koalition mitge-
tragenen Positionen.
Eure Kandidatin für das Amt des Wehrbeauftragten wird als Innen- und Rechtsexpertin sehr geschätzt. Es ist möglich, dass Frau Högl eine gute Wehr-
beauftragte sein könnte.
Allerdings ist das Amt desWehrbeauftragten keine Aufgabe wie ein Ministerposten, die politische Führungspersonen übernehmen können, auch ohne
fachpolitisch versiert sein zu müssen. Wer mit der komplexen Großorganisation Bundeswehr klar kommen, bei der Truppe „landen" und ihr sowie das
Vertrauen der Bevölkerung gewinnen will, braucht ein gewisses Grundverständnis des Militärischen, Erfahrung mit der Bundeswehr und ihrer Menschen.
Bisher gibt es darauf keine Hinweise bei der SPD-Kandidatin.
Mit Hans-Peter Bartels eine so bewährte, über alle Parteigrenzen hinweg anerkannte „erste Vertrauensperson" der Soldatinnen und Soldaten „abzuwäh-
len”, ist fachlich in keiner Weise begründbar und - erlaube mir die direkte Formulierung - in der Art und Weise des Vorgehens menschlich unanständig.
Bei Truppenbesuchen und vielen anderen Begegnungen mit Soldaten der Bundeswehr beobachte ich seit Jahren einen beunruhigenden Vertrauensverlust
gegenüber „der Politik".
Treiber dieses Vertrauensverlustes wurden immer wieder klar in den Jahresberichten des Wehrbeauftragten benannt. Zu ihnen gehören nach meiner
Erfahrung nicht zuletzt Einsatzaufträge, denen es an Zielklarheit mangelte und deren Wirksamkeit bisher nie systematisch und ressortübergreifend über-
prüft wurde, sowie die verbreitete Wahrnehmung unter Einsatzrückkehrern und ihren Angehörigen, dass ihre Einsatzleistungen in Politik und Gesellschaft
nur wenig Interesse, geschweige Anerkennung finden. Der Vertrauensschwund erreichte unter der vorherigen Verteidigungsministerin einen Tiefpunkt.
Vor diesem Hintergrund wirkt Eure Personalentscheidung, die offenbar von fraktions-Zpartei-internen Motiven bestimmt ist und keine erkennbare
Rücksicht auf die Belange der Soldatinnen und Soldaten nimmt, alles andere als vertrauensbildend - sowohl innerhalb der Bundeswehr als auch in der
Öffentlichkeit. Sie kann erheblichen politischen Schaden anrichten. Für antidemokratische Kräfte, die sich ganz rechts im Bundestag großmäulig als
„Fürsprecher unzufriedener Soldaten" geben, ist sowas eine Vorlage.
In den 61 Jahren des Amtes des Wehrbeauftragten, dieser großen Errungenschaft des deutschen demokratischen Rechtsstaats, stellte die SPD vier in
Bundeswehr und Parlament hoch angesehene Wehrbeauftragte. Bitte haltet glaubwürdig an dieser guten Tradition fest!
Mit herzlichen kollegialen Grüßen
4X-
Winni Nachtwei
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 29
SICHERHEIT & POLITIK
Kein Konsens
Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik von
CDU/CSU und SPD driftet auseinander
Wolfgang Labuhn
Mit Empörung reagierte die SPD-Bundestagsfraktion auf die Absicht des Verteidigungsministeriums, das
veraltete Kampfflugzeug Tornado nicht nur durch weitere 93 Eurofighter-Maschinen, sondern auch durch
45 Exemplare des US-Typs F-18 zu ersetzen. Ebenso empört reagierten Unionspolitiker auf die
Forderung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich nach dem Abzug sämtlicher US-Nuklearwaffen
aus Deutschland Nur zwei Beispiele für die tiefen Risse in der Berliner Koalition, wenn es um die Belange
der Bundeswehr und die sicherheits- und verteidigungspolitischen Interessen Deutschlands geht.
tin Blick in den am 7. Februar 2018
unterschriebenen Koalitionsvertrag
zwischen CDU/CSU und SPD lässt ei-
gentlich keine Fragen offen, soweit es um
die in Deutschland vermutlich gelagerten
US-Nuklearwaffen geht. Im Abschnitt
„Abrüstung und restriktive Rüstungsex-
portpolitik" heißt es: „Solange Kernwaf-
fen als Instrument der Abschreckung im
Strategischen Konzept der NATO eine Rol-
le spielen, hat Deutschland ein Interesse
daran, an den strategischen Diskussionen
und Planungsprozessen teilzuhaben. Er-
folgreiche Abrüstungsgespräche schaffen
die Voraussetzung für einen Abzug der in
Deutschland und Europa stationierten tak-
tischen Nuklearwaffen."
Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die
Zahl der substrategischen Nuklearwaffen
der NATO in Europa um fast 90 Prozent
verringert worden, die Zahl der Lagerstät-
ten um rund 80 Prozent. Das verbliebene
Nukleardispositiv in Europa dient damit
de facto eher einem politischen als einem
militärischen Zweck, denn einen konkreten
Gegner hat die NATO-Strategie seit dem
Ende der Sowjetunion und der Auflösung
des Warschauer Paktes nicht mehr im
Blick. Die in besonders gesicherten Depots
verbliebenen Nuklearwaffen unterliegen
strikter Kontrolle durch die US-Streitkräf-
te. Die nukleare Teilhabe Deutschlands
sichert der Bundesregierung die Mitwir-
kung an Planungen in diesem Bereich in
den zuständigen Gremien des Bündnisses.
Voraussetzung dafür ist, auch ohne den
Besitz eigener Nukiearwaffen für den Ver-
teidigungsfall geeignete Kampfflugzeuge
bereitzuhalten, die von amerikanischer Sei-
te fürden möglichen Einsatz von US-Nukle-
arwaffen zertifiziert sind. Ihre genaue Zahl
• Luftwaffenbasis mit Nukleaiwaffen in WSJ-Buriken
o Luftwaffenbasen mitvartiandenenWSS-Bwnkem,
aus denen die Bomben abgezogen wurden
US-B61-Atombomben in Europa 2019
Und Flugplttt Wto | KWwBrafri ~l Ikuhcfchnd Bnchd | | Waffen 1 BM-iu । FlugXftigtYp Fit
Hab* ii Aviaao 2« HS15 4 t-lfiilSJ
. iSwJafatiiiF Gbedi [7 Vulkd | MW1JM j TiA
Tiirln inrirlik | So kröi ßfl
5 150
Stationierung der in Europa gelagerten US-Nuklearwaffen
unterliegt der Geheimhaltung. In Deutsch-
land dürfte es um schätzungsweise zwei
Dutzend Freifallbomben gehen, die auf
dem Stützpunkt Büchel in der Eifel gela-
gertwerden.
Überraschend hat der SPD-Fraktionsvor-
sitzende Rolf Mützenich am 3. Mai nun
gegenüber dem „Berliner Tagesspiegel"
den Abzug sämtlicher US-Nuklearwaffen
aus Deutschland mit der Begründung ver-
langt, US-Präsident Donald Trump habe
Nuklearwaffen als Waffen bezeichnet, mit
denen man Kriege führen könne. Das Es-
kalationsrisiko sei damit unüberschaubar
geworden. Mützenichs Fazit: „Es wird Zeit,
dass Deutschland die Stationierung zu-
künftig ausschließt." Das hätten schließlich
auch andere Staaten getan, ohne dabei die
NATO in Frage zu stellen. Dass Deutschland
mit einem Verzicht auf Kampfflugzeuge für
den Transport taktischer Atomwaffen auch
seine nukleare Teilhabe einbüßt, also die
NATO-interne Mitsprache bei diesem The-
ma, bezweifelte Mützenich: „Wir sollten
als Deutsche selbstbewusst fordern, die
Nuklearstrategie auch dann mitzuprägen,
wenn keine Nukiearwaffen mehr auf un-
serem Gebiet lagern." Ebenfalls am 3. Mai
sprach sich auch der Co-Vorsitzende der
SPD Norbert Walter-Borjans in der „Frank-
furter Allgemeinen Sonntagszeitung" ge-
gen die nukleare Teilhabe Deutschlands
aus: „Ich vertrete eine klare Position ge-
gen Stationierung, Verfügungsgewalt und
erst recht gegen den Einsatz von Nukie-
arwaffen." Deshalb wolle er auch keine
„Nachfolger für die Kampfflugzeuge ...
beschaffen, die für den Einsatz als Atom-
bombervorgesehen sind." Damit war klar,
was die SPD-Partei- und Fraktionsführung
zu diesem offenbar abgestimmten Vorstoß
veranlasst hatte.
30 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK
Mit dem zweisitzigen Mehrzweckkampfflugzeug Panavia 200 Tornado
kann die nukleare Teilhabe Deutschlands sichergestetlt werden
Denn in Deutschland wird diese Teilhabe
durch das seit über 40 Jahren eingesetz-
te Kampfflugzeug Tornado gewährleistet,
dessen noch verbliebenen 85 Exempla-
re aus Altersgründen in wenigen Jahren
ausgemustert werden müssen. Nach lan-
gem Zögern entschied sich die Spitze des
Verteidigungsministeriums, den Tornado
durch 93 neue Eurofighter-Flugzeuge und
durch 45 Maschinen F-18 des US-Herstel-
lers Boeing zu ersetzen -als Brückenlösung
bis zur Realisierung des deutsch-franzö-
sisch-spanischen FCAS-Projekts (Future
Combat Air System). 30 der US-Maschinen
aus der Serie F/A-18F Super Hörnet Block
lll könnten für den Einsatz von Atomwaf-
fen zertifiziert werden, 15 weitere vom Typ
E/A-18 Growler würden im Rahmen der
luftgestützten elektronischen Kampffüh-
rung die Bekämpfung der gegnerischen
Luftabwehr übernehmen. Der Tornado
kann je nach Ausstattung beide Rollen
wahrnehmen. Die Kaufabsicht für die F-18
teilte Verteidigungsministerin Annegret
Kramp-Karrenbauer (CDU) ihrem ameri-
kanischen Amtskollegen Mark Esper am
16. April per E-Mail mit. Abgesprochen
war sie dem Vernehmen nach zwar mit
Außenminister Heiko Maas (SPD) und Fi-
nanzminister Olaf Scholz (SPD), nicht aber
mit SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich und
den Verteidigungspolitikern der SPD-Frak-
tion im Deutschen Bundestag. Deren Reak-
tionen ließen nicht lange auf sich warten.
Der verteidigungspolitische Sprecher Fritz
Felgentreu etwa vermisste eine vorgängige
politische Diskussion zu dem Thema und
gab am 20. April zu Protokoli, dass für die
SPD-Fraktion weiterhin „erkennbarer Ge-
sprächsbedarf mit der Ministerin" bestehe,
latsächlich scheint es eher Gesprächsbe-
darf zwischen der Union und der SPD zu
geben, die sich unter ihrer neuen Partei-
und Fraktionsführung in der Außen- und
Sicherheitspolitik gerade neu positioniert
- und zwar deutlich links vom gültigen
Koalitionsvertrag. Mit Verweis auf diese
Arbeitsgrundlage der Koalition wies Regie-
rungssprecher Steffen Seibert am 4. Mai die
Forderung der SPD-Spitze nach dem Abzug
der noch verbliebenen US-Nuklearwaffen
aus Deutschland entschieden zurück. Es
gebe einige Staaten, die weiterhin nukle-
are Waffen als Mittel militärischer Ausein-
andersetzungen betrachteten. Solange das
so sei, bestehe die Notwendigkeit zum Er-
halt einer nuklearen Abschreckung: „Diese
nukleare Abschreckung leistet für uns Deut-
sche die NATO. Insofern bekennt sich die
Bundesregierung zur nuklearen Teilhabe
der NATO als wichtigem Bestandteil einer
glaubwürdigen Abschreckung im Bündnis."
Doch die SPD plant ganz offensichtlich, in
der deutschen Sicherheits- und Verteidi-
gungspolitik neue Wege zu beschreiten.
Ein Beleg dafür ist der auf dem SPD-Bun-
desparteitag vom 6. bis zum 8. Dezember
2019 verabschiedete Beschluss Nr. 13:
„Frieden sichern, Zukunft gestalten". Das
Dokument fand seinerzeit im Schatten
der Wahl einer neuen Parteiführung kaum
Beachtung, lässt aber keinen Zweifel dar-
an, dass den Sozialdemokraten eine neue
europäische Sicherheitsarchitektur vor-
schwebt: „Die USA sind für die Sicherheit in
Europa zentral, aber die transatlantischen
Beziehungen bestehen aus weit mehr als
nur aus dem NATO-Bündnis." An anderer
Stelle heißt es in dem Beschluss: „Europa
muss vor allem eigene sicherheitspolitische
sowie Rüstungskontroll- und Abrüstungs-
initiativen für den europäischen Kontinent
entwickeln, auch, um sich nicht zuneh-
mend dem wechselnden Verhältnis der
Großmächte auszuliefern." Auffällig ist
dabei die Forderung nach einer „aktiven
europäischen Ostpolitik, die auf der Basis
klarer sozialdemokratischer Prinzipien und
der Bereitschaft zum Dialog die Zusam-
menarbeit und den Interessenausgleich
mit Russland genauso sucht, wie die wei-
tere Annäherung der Staaten der Östlichen
Partnerschaft an die EU. Im Austausch mit
Russland setzen wir dabei auf klare Posi-
tionen und benennen bestehende Diffe-
renzen deutlich wie auch offen." Benannt
wird allerdings lediglich der Konflikt in der
Ostukraine, nicht aber das Ereignis, das die
seit 1989 entstandene neue europäische
Sicherheitsarchitektur ins Wanken brach-
te und auch Deutschland veranlasste, sich
wieder stärker der Landes- und Bündnis-
verteidigung zuzuwenden, nämlich die
völkerrechtswidrige Annexion der ukraini-
schen Krim durch Russland im Jahre 2014.
Ist dies ein Plädoyer für eine „europäische
Blockfreiheit" oder gar die Wiederbele-
bung der früheren linken Forderung nach
einer politischen Äquidistanz zu Moskau
und Washington? Denn die Sozialdemo-
kraten machen sich nicht nur beim Thema
nukleare Teilhabe immer deutlicher für ei-
nen nationalen Alleingang stark. Als Regie-
rungspartei hatte die SPD die deutsch-fran-
zösische Rüstungsexportvereinbarung vom
23. Oktober 2019 akzeptieren müssen, die
u.a. vereinfachte Genehmigungsverfahren
für den Export bilateral produzierter Waf-
fensysteme vorsieht, falls der deutsche
Zulieferanteil höchstens 20 Prozent des
Wertes eines auszuführenden Gesamtsys-
tems beträgt. Die SPD-Bundestagsfraktion
reagierte darauf und auf die derzeitige Rüs-
tungsexportpolitik insgesamt am 25. No-
vember 2019 mit einem Positionspapier, in
dem u. a. gefordert wird, in den Richtlinien
bzw. in einem (noch zu erlassenden) Rüs-
tungsexportgesetz eine Genehmigungs-
dauer von maximal zwei Jahren festzu-
schreiben und künftig auch offenzulegen,
„nach welchen Kriterien Genehmigungen
des Bundessicherheitsrats erteilt bzw. ver-
sagt wurden." Der Bundesverband der
Deutschen Sicherheits- und Verteidigungs-
industrie (BDSV) kommentierte das Papier
am 26. November 2019 mit den Worten:
„Die SPD stellt damit die Wettbewerbs-
fähigkeit der deutschen Sicherheits- und
Verteidigungsindustrie infrage und begibt
sich auf einen nationalen, in Europa nicht
mehrheitsfähigen Sonderweg."
Verteidigungsministerin Kramp-Karren-
bauer betrachtet unterdessen den Streit
mit den Sozialdemokraten, der sich an der
„nuklearen Teilhabe" Deutschlands im NA-
TO-Bündnis entzündete, mit offensichtlich
großer Gelassenheit. Die konkrete Entschei-
dung über die Tornado-Nachfolge werde
erst in der nächsten Legislaturperiode im
Parlament fallen, erklärte sie am 22. April
gegenüber der „Süddeutschen Zeitung":
„Das heißt, dass in der vorangehenden
Bundestagswahl und den anschließend zu
führenden Koalitionsverhandlungen Raum
für eine solche Debatte sein wird." Wohl
in der nicht ganz abwegigen Erwartung,
diese Debatte dann nicht mehr mit einem
nach links abgedrifteten Koalitionspartner
SPD führen zu müssen. Mit der SPD muss
sie allerdings vorher noch über die Höhe
des Verteidigungshaushaltes verhandeln,
von der die Finanzierung modernerer Aus-
rüstung für die Bundeswehr entscheidend
abhängt.
Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 31
BERLINER
PRISMA
Im Schatten der Corona-Krise
Wolfgang Labuhn
Als im Internet übertragene Podiumsdis-
kussion fast ohne Publikum fand am 11.
Mai im Verteidigungsministerium eine
längst überfällige Veranstaltung statt.
Der Parlamentarische Staatssekretär,
Peter Tauber (CDU), hatte Parlamentari-
er, Vertreter der Bundeswehr, zivile Ex-
perten und Geistliche zur Debatte „Be-
waffnete Drohnen - politische, ethische
und rechtliche Aspekte" geladen. Nach
Taubers Worten ging es dabei um eines
der „wichtigsten und kontroversesten
Themen" der Verteidigungspolitik. Der
Haushaltsausschuss des Bundestages
hatte bereits am 13. Juni 2018 dem
Leasing von fünf bewaffnungsfähigen
Drohnen des israelischen Typs Heron
TP zwar zugestimmt, das heikle Thema
einer tatsächlichen Bewaffnung aber
ausgeklammert. Denn im Koalitionsver-
trag von Union und SPD war festgehal-
ten worden: „Über die Beschaffung von
Bewaffnung wird der Deutsche Bundes-
tag nach ausführlicher völkerrechtlicher,
verfassungsrechtlicher und ethischer
Würdigung gesondert entscheiden." Die
Debatte darüber ergab allerdings wenig
Neues. Generalinspekteur Eberhard Zorn
plädierte nachdrücklich für eine Bewaff-
nung der Heron TP und sprach vor allem
von einem Zeitgewinn für die Entschei-
der, die nicht zum Zusehen verurteilt
seien, wenn es um den raschen Schutz
der Truppe im Einsatz gehe. Außerdem
könnten Ziele mit größerer Präzision
bekämpft werden, da Drohnen kleine-
re Waffen als Kampfflugzeuge trugen.
Zorn betonte, dass die Bundeswehr nie-
mals Drohnen zur gezielten Tötung von
Menschen einsetzen würde, für die es in
Deutschland keine juristische Grundlage
gebe. Im Übrigen dürften Kampfdrohnen
auch nur mit einem Mandat des Bundes-
tages eingesetzt werden. Ähnlich argu-
mentierten Vertreter der Koalitionsfrak-
tionen, der FDP und der AfD, während
Sprecher der Grünen und der Linkspartei
den Einsatz von Kampfdrohnen durch die
Bundeswehr strikt ablehnten mit dem
Argument, dass sie völkerrechtswidri-
ge Tötungen ermöglichen würden. Die
neuen Drohnen sollen die von der Bun-
deswehr bisher in Afghanistan und Mali
erfolgreich eingesetzten Drohnen Heron
1 frühestens ab Mitte 2021 ablösen, bis
die Euro-Drohne einsatzbereit ist. Ange-
sichts der wachsenden verteidigungs-
politischen Differenzen zwischen den
Koalitionspartnern ist jedoch kaum an-
zunehmen, dass über eine Bewaffnung
der Heron TP mit Luft-Boden-Raketen
noch vor der nächsten Bundestagswahl
entschieden wird.
*
In der Aktuellen Stunde des Deut-
schen Bundestages am 13. Mai er-
läuterte Thomas Silberhorn (CSU),
Parlamentarischer Staatssekretär im
Verteidigungsministerium, öffentlich
und unmissverständlich die geplante
Ersatzbeschaffung für das Waffen-
system Tornado bis zur Einführung
des deutsch-französisch-spanischen
Future Combat Air System (FCAS):
„Konkret beinhaltet die Empfehlung
die Beschaffung von 38 Eurofigthern
der Tranche 4 als Ersatz für die Euro-
fighter der Tranche 1, die Vorbereitung
der Beschaffung von 40 Eurofightern
mit einer Option auf weitere 15 Euro-
fighter als Tranche 5 in Ersatz für Teile
der Tornado-Flotte einschließlich des
Aufbaus eines Beitrages zur Fähigkeit
„elektronischer Kampf" und schließ-
lich die Vorbereitung der Beschaffung
von 30 F-18-Kampfflugzeugen für die
Rolle „nukleare Teilhabe" und weite-
ren 15 F-18-Kampfflugzeugen für die
Rolle „elektronischer Kampf". Dieses
Konzept ermöglicht es der Bundes-
wehr, die schon bestehenden Fähig-
keiten unterbrechungsfrei zu erhal-
ten." Dass Verteidigungsministerin
Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)
die Kaufabsicht für 45 F-18-Maschi-
nen des Herstellers Boeing ihrem
US-Amtskollegen Mark Esper zuvor
bereits per E-Mail mitgeteilt hatte,
hatte Unmut bei SPD-Politikern aus-
gelöst. Silberhorn gab vor dem Bun-
destag zu Protokoll: „Das Konzept
der Bundesverteidigungsministerin
ist abgestimmt innerhalb der Bundes-
regierung." Doch offenbar verfügen
deren SPD-Minister nicht mehr über
die Rückendeckung durch ihre eigene
Partei- und Fraktionsspitze.
*
Bevor Verteidigungsministerin
Kramp-Karrenbauer am 13. Mai vor
dem Bundestag um Zustimmung für
die fortgesetzte Beteiligung der Bun-
deswehr an der MINUSMA-Mission in
Mali warb, sah sie sich veranlasst, zu
einem weiteren mutmaßlichen Fall von
Rechtsextremismus in der Truppe Stel-
lung zu nehmen. Zuvor waren bei einer
Polizeirazzia auf dem Grundstück eines
Oberstabsfeldwebels des Kommandos
Spezialkräfte (KSK) im Landkreis
Nordsachsen em Sturmgewehr vom
Typ AK-47, Munition und Sprengstoff
entdeckt worden. Der Militärische Ab-
schirmdienst (MAD) hatte den Mann
schon seit Längerem beobachtet und
der Polizei schließlich entsprechende
Hinweise gegeben. Niemand, der in ra-
dikaler Art und Weise in den Streitkräf-
ten auffalile, habe in der Bundeswehr
Platz, erklärte Kramp-Karrenbauer dazu
vor den Abgeordneten: „Dieser Soldat
wird keine Uniform mehr tragen und
auch keine Liegenschaft der Bundes-
wehr mehr betreten dürfen." Gegen
den 45-jährigen Soldaten wurde Haft-
befehl erlassen. Dem jüngsten Jahres-
bericht des Wehrbeauftragten zufolge
bearbeitete der MAD 2019 insgesamt
363 neue Verdachtsfälle. 45 Soldaten
seien vorzeitig entlassen worden. Die-
se Zahlen sind identisch mit den Daten,
die im ersten Bericht der neu geschaf-
fenen Koordinierungsstelle des Vertei-
digungsministeriums für Extremismus-
fälle enthalten sind. Dieser Bericht soll,
so der Auftrag, die Leitung des Verteidi-
gungsministeriums, das Parlament und
die Öffentlichkeit informieren. Damit
hat das Verteidigungsministerium ei-
ne Forderung des inzwischen aus dem
Amt geschiedenen Wehrbeauftragten
Hans-Peter Bartels erfüllt, der forderte,
dass der Militärische Abschirmdienst
die Öffentlichkeit jährlich über die Er-
kenntnisse der Bundeswehr zum „Phä-
nomenbereich Rechtsextremismus"
informieren sollte.
32 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
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4
*
SICHERHEIT & POLITIK
Für ein umfassenderes Engagement
in der Sahel-Region
Jürgen Hardt
Das Schicksal Europas ist immer mehr verknüpft mit dem Schicksal Afrikas - im Positiven wie im Negativen.
Chancen und Herausforderungen, die sich aus der Entwicklung Afrikas ergeben, betreffen Deutschland und
Europa direkt. Immer wieder ist zu Recht die Rede vom „Chancenkontinent Afrika“. Das wirtschaftliche,
auch das innovative Potenzial ist enorm. Dies gilt es, in einer ausgebauten Partnerschaft noch viel stärker
und viel konsequenter zu erschließen.
□gleich zeigen gerade die Entwick-
lungen der letzten Monate die Risiken
und Herausforderungen, die vom afri-
kanischen Kontinent ausgelöst werden, in
aller Deutlichkeit. Krisen, instabile Staaten,
geringer Entwicklungsstand mit wenig Ar-
beitsperspektiven und hohes Bevölkerungs-
wachstum, mangelnde Gesundheitsversor-
gung erhöhen nicht nur den Druck auf die
Staaten und die staatlichen Institutionen
selbst, sondern drohen ganze Regionen zu
destabilisieren.
Diese Herausforderungen zeigen sich gera-
de in der Sahelzone wie in einem Brennglas.
Die Zunahme terroristischer Gewalt und die
Bildung neuer terroristischer Netzwerke, an-
haltende Konflikte, fortwährende schlechte
Regierungsführung in einigen Ländern und
zugleich immer häufigere und schwerere
Extremwetterereignisse haben zu einerwei-
teren Destabilisierung der Region geführt.
Die Sicherheitskräfte der Sahelstaaten sind
dieser sicherheitspolitischen Herausforde-
rung nicht gewachsen.
Zuletzt haben terroristische Gruppierungen
immer häufiger gezeigt, dass sie mit ge-
zielten Attacken auf die malischen, burki-
nischen und nigrischen Streitkräfte willens
und in der Lage sind, komplexe Operationen
durchzuführen. In Mali und Burkina Faso
sind trotz der bereits laufenden internatio-
Jürgen Hardt ist seit 2009 Mitglied
des Deutschen Bundestages. Er ist
Außenpolitischer Sprecher der CDU/
CSU-Fraktion. Die Gedanken in diesem
Artikel sind eine Fortentwicklung des
Positionspapiers „Unterstützung für die
Sahelregton - die Stabilität Nord- und
Westafrikas ist im deutschen Interesse",
das die CDU/CSU-Fraktion am 12. Mai
2020 beschlossen hat.
Staaten der Sahel-Region
naien Unterstützung weite Landesteile nicht
mehr unter Kontrolle der Sicherheitskräfte,
staatliche Verwaltungseinrichtungen sind
seit Langem nicht mehr präsent. Schulen
sind vielerorts geschlossen und die Zahl der
Binnenvertriebenen steigt dramatisch.
Zu dieser bereits laufenden Krisenzuspitzung
wird die Bewältigung der Corona-Krise den
Kontinent und gerade die Sahelzone abseh-
bar vor weitere enorme Herausforderungen
stellen. Im schlimmsten Fall droht der Verlust
einer Generation, der die Zukunftsperspek-
tiven fehlt.
Eine solche Entwicklung kann und darf Eu-
ropa nicht hinnehmen. Denn eine fortge-
setzte Instabilität der Sahelzone wird auch
zu einer Destabilisierung Gesamt-Westaf-
rikas führen. Und dies hätte verheerende
Konsequenzen, die bis nach Europa reichen
würden: eine weitere Ausbreitung terroris-
tischer Aktivitäten im Maghreb und damit
eine Destabilisierung der direkten Nachbar-
schaft der EU, eine weitere Ausweitung von
Operations- und Rückzugsräumen für Ter-
roristen und terroristischen Gruppierungen
wie den iS oder al-Qaida sowie ein Anstieg
von Fluchtbewegungen und irregulärer
Migration.
Schon jetzt gibt es in Teilen der Sahelstaa-
ten große rechtsfreie Räume, die Terroristen
Rückzugs- und Rekrutierungsraum bieten.
Wichtige Routen des Menschen- und Dro-
genschmuggels nach Europa verlaufen
durch Westafrika.
Und diese negative Entwicklung ist längst
nicht auf die fünf Staaten der Sahelzone
begrenzt. Schon jetzt bindet der Konflikt in
Niger und Tschad entlang der Grenzen zu
Nigeria wichtige militärische Ressourcen, die
anderweitig im Kampf gegen den Terroris-
mus benötigt werden. Zudem gibt es be-
reits erste Anzeichen für ein Übergreifen der
Instabilität auf die Küstenstaaten am Golf
von Guinea. Diese sind und waren bislang
für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung
der gesamten Region überaus bedeutsam.
Denn in diesen Staaten konzentrieren sich
die nach wie vor geringen industriellen
Strukturen und die wichtige Handelsinfra-
struktur, vor allem Häfen. Die wirtschaft-
lich stärkeren Küstenstaaten wie die Gote
d'lvoire (Elfenbeinküste) oder Senegal sind
34 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK
Teilnehmer des C7-Gipfels in BiarritzIFrankreich
traditionell wichtige Zielländer für saiso-
nale und dauerhafte Arbeitsmigration aus
dem Sahel. Auch diese Verbindung muss
Richtschnur für unser verstärktes Engage-
ment in der gesamten Region sein.
Dies gilt natürlich auch für die Staaten des
Maghreb. Sie können sowohl politisch
wie auch wirtschaftlich entscheidend zur
Stabilität und einer positiven Entwicklung
des Sahel und ganz Westafrikas beitragen
- aber eben auch die Instabilität weiter be-
feuern.
In besonderem Maße betrifft dies Libyen.
Denn eine nachhaltige Befriedung Libyens
ist ein weiterer Schlüssel zur Stabilisierung
der Sahelzone. Auch deshalb ist es so
wichtig, dass der „Berliner Prozess" fort-
und umgesetzt wird. Hierzu wird die neue
EU-Operation „Irini" hoffentlich einen
wichtigen Beitrag leisten.
Zu lange hat die Europäische Union als Gan-
zes diese Entwicklung ignoriert bzw. ihr zu
wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Es muss
eine außen- und sicherheitspolitische Prio-
rität für die gesamte EU sein, die Sahelzone
zu stabilisieren. Hierzu bedarf es eines um-
fassenden, kohärenten und robusten An-
satzes, der auch die unterschiedlichen in-
ternationalen und bilateralen Engagements
in der Region koordiniert und stärkt. Ich
plädiere für die rasche Formulierung einer
Sahel-Strategie der EU als sichtbares Zei-
chen der Handlungsfähigkeit der Gemein-
samen Außen- und Sicherheitspolitik der
EU. Die Interessen sind in der sogenannten
„EU Global Strategy" aus dem Jahr 2016
aufgeführt. Mit Blick auf den Sahel müssen
diese jetzt operationalisiert werden. Selbst-
verständlich muss dieser Ansatz alle zivilen
und militärischen Instrumente bündeln und
aufeinander abstimmen.
Gerade die Formate, die in den vergan-
genen fünf bis zehn Jahren entstanden
sind, müssen zusammengeführt werden.
Die sogenannte „P3S"-lnitiative (Partena-
riat pour la stabilste et la securite au Sahel)
vom G7-Gipfel in Biarritz 2019 kann eine
Art übergeordneten Rahmen bilden, der
sicherheitspolitische, diplomatische und
entwicklungspolitische Maßnahmen koor-
diniert und dadurch effizienter macht.
Die P3S kann beispielsweise die Maß-
nahmen zu Stärkung der „G5 Sahel" im
sicherheitspolitischen Bereich, vor allem
im Rahmen der sogenannten „GS Force
Conjointe", bündeln. Die P3S hat auch
die lokalen Sicherheitskräfte im Blick. Sie
müssen gezielt und entlang rechtstaatli-
cher und menschenrechtlicher Standards
ausgebildet und befähigt werden, Sicher-
heit durchzusetzen. Die P3S kann auch
dazu dienen, die Arbeit der im Juli 2017
am Rande des Deutsch-Französischen
Ministerrats ins Leben gerufenen „Sahel
Allianz" als Plattform für verbesserte und
erweiterte Entwicklungs- und Stabilisie-
rungsmaßnahmen weiter zu intensivie-
ren.
Dabei müssen die Vereinten Nationen eng
eingebunden werden. Schon im Jahr 2018
hat die Europäische Union mit einem ers-
ten Gipfel in Brüssel gemeinsam mit den
Vereinten Nationen und den GS die Initi-
ative ergriffen, um weitere internationale
Aufmerksamkeit für die Region zu gene-
rieren und finanzielle Unterstützung für
Sicherheit und Stabilität in der Region zu
sichern. Diesen Prozess gilt es fortzusetzen.
Die Corona-Pandemie kann und muss ein
weiterer Katalysator sein. Denn mangels
Resilienz der Gesundheitssysteme droht
gerade im Sahel eine Katastrophe großen
Ausmaßes.
Bei all diesen Bemühungen muss Deutsch-
land eine tragende Rolle spielen und Im-
pulsgeber sein. Als größte Volkswirtschaft
der EU steht Deutschland in besonderer
Verantwortung für die anderen Mitglied-
staaten der EU. Und mit Blick auf die Erfah-
rungen mit Migrationsbewegungen muss
Deutschland im eigenen Interesse präventiv
agieren.
Ich kann mir gut vorstellen, dass Deutsch-
land zu einer umfassenden Konferenz für
den Sahel einlädt, die Startschuss für eine
neue, international abgestimmte und alle
relevanten Akteure einbindende Initiative
für den Sahel ist.
Deutschland muss nicht nur im EU- und
im UN-Rahmen, sondern auch bilateral
bereit sein, sein Engagement im Sahel im
gesamten Instrumentenkasten der Au-
ßen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik
auszuweiten. Dies fordert von Regierung
und Parlament größere Flexibilität und die
Mobilisierung und Umwidmung von Res-
sourcen. Doch das muss es uns wert sein!
Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf
den Verteidigungshaushalt. Wir werden
auf absehbare Zeit deutlich mehr Hoch-
wertfähigkeiten einsetzen müssen. Diese
müssen beschafft und vorgehalten wer-
den. Es kann nicht sein, dass wir zum Bei-
spiel eine Entscheidung treffen müssen, ob
wir eine Hochleistungsdrohne in Afghanis-
tan oder in Mai einsetzen. In Zukunft darf
dies keine Frage mehr sein. Damit ist die
Zwei-Prozent-Debatte sehr konkret.
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Hybride Kriegführung
und Urbanität
Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 35
SICHERHEIT & POLITIK
Quovadis Mali-
Stabilität in der Sahelzone?
Philipp Schätz
Zugegeben, Mali bildet weder das Zentrum gesellschaftlichen Interes-
ses noch medialer Berichterstattung in Deutschland. Dennoch leisten
aktuell insgesamt über 1.100 deutsche Soldatinnen und Soldaten
Dienst in der Europäischen Trainingsmission Mali (European Training
Mission Mali, ELITM Mali) sowie der United Nations Multidimensional
Integrated Stabilisation Mission in Mali (MINUSMA).
Auf Grundlage seiner Erfahrungen als
Analyst und Lagebearbeiter für das
Einsatzgebiet Mali, sowohl in der hei-
mischen Gebirgsjägerbrigade 23 als
auch in drei Auslandseinsätzen vor
Ort, gibt der Autor einen Überblick
über die historischen und aktuellen
Entwicklungen in Mali.
Die durch den Deutschen Bundestag
mandatierte Obergrenze für beide
Missionen liegt zusammengerechnet
bei insgesamt 1.450 Soldatinnen und Sol-
daten. Damit bildet Mali den medial wahr-
nehmbaren Schwerpunkt des deutschen
Auslandsengagements. Doch was genau
ist der Auftrag der deutschen Streitkräfte
in Mali? Was ist das militärische sowie das
politische Ziel dieser Missionen? Mit wel-
chen Herausforderungen sehen sich die
deutschen Soldatinnen und Soldaten, aber
natürlich auch das Land Mali konfrontiert?
Vom Arabischen Frühling zum
Friedensabkommen von Algier
Mali, ein Staat mit weit zurückreichender
Geschichte und einst erheblicher regionaler
Bedeutung, erfuhr ein ähnliches Schicksal
wie die meisten Staaten Afrikas: Eine jahr-
tausendealte indigene (Hoch-)Kultur wurde
durch stetig wechselnde Strukturen, be-
einflusst durch volatile ethnische oder reli-
giöse Machtverhältnisse und Expansionen,
geprägt, Im Zuge der großen Kolonialisie-
rungspolitik europäischer Mächte ging das
heutige Staatsgebiet Malis beginnend ab
1892 in der französischen Kolonie Franzö-
sisch-Sudan auf. Von besonderem Interes-
se waren bereits damals der Reichtum an
Bodenschätzen, vor allem Gold, sowie die
günstige Lage auf dem afrikanischen Konti-
nent als Transit- und Handelsregion.
Zu Beginn der 1960er Jahre endete die fran-
zösische Kolonialherrschaft mit all ihren Be-
Hauptmann Philipp Schätz ist
Angehöriger der Gebirgsjägerbrigade
23.
Gefährdetes UNESCO-Weltkulturerbe: das Grabmal von Askia in Gao,
Ruhestätte des ersten Königs des Songhaireiches aus dem 15. Jahrhundert
gleiterscheinungen wie willkürlicher Grenz-
ziehung und - nach der Unabhängigkeit des
Landes - stetig wechselnden Machthabern
im Land. Eine Konstante stellen dabei die Be-
strebungen der Tuareg nach ihrem Azawad
(tuareg-beiberisch für: Savanne) dar: Die Tu-
areg beanspruchen das Gebiet Zentral- und
Nordmalis mit den Regionen Timbuktu, Gao
und Kidal, das als Kernland des Nomaden-
volks gilt, und fordern einen eigenen, auto-
nom geführten Staat namens Azawad. im
Zuge der ersten Revolte Ende der 1980er
Jahre, als zahlreiche Tuareg, die in Algerien
und Libyen als Gastarbeiter gelebt hatten, in
ihre Heimat zurückkehren wollten, sicherte
die in die Enge getriebene malische Regie-
rung den Tuareg mittelfristig das geforderte
Gebiet zur autonomen Selbstverwaltung
zu. Jedoch hielt sie nie Wort. Während des
sogenannten Arabischen Frühlings und des
damit verbundenen politischen Umsturzes
in Libyen im Jahre 2011 rebellierte der no-
madische Berber-Stamm der Tuareg zum
wiederholten Male. Zehntausende Tuareg,
die dem ehemaligen libyschen Machthaber
Muammar al-Gaddafi als elitäre Leibgarde
dienten, waren fortan ohne Arbeit und oh-
ne Heimat. Im Gegensatz zur Revolte der
1980er/1990er Jahre waren sie nun jedoch
militärisch hervorragend ausgebildet und
ausgerüstet. Dementsprechend erfolgreich
verlief ihr Einmarsch im Norden Malis oh-
ne nennenswerten Widerstand einer voll-
kommen überraschten, überforderten und
maroden malischen Armee. Bereits nach
kürzester Zeit kontrollierten die Tuareg das
beanspruchte Gebiet des Azawads.
Angesichts dieser desolaten Situation
putschten Teile des scheinbar in ihrem Stolz
gekränkten Militärs unter der Führung des
36 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK
Tuareg-Rebellen
in Mali
Gebiul
* durch MNLA oder
Islamisten fr&sotrt
Unbc » annrt, ob beselzl
(früher hfrWrscH]
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Von den Tuareg kontrollierte Gebiete in Mali im Jahr 2012
Infanterieoffiziers Amadou Toure. Im Nachhi-
nein amtierte Toure mehrere Male als Staats-
oberhaupt bis 2012. Im Wesentlichen blieb
der Norden und Nordosten bis zu diesem
Zeitpunkt unter der Kontrolle der Tuareg-Re-
bellen, die ihrerseits die Unabhängigkeit des
Azawad und einen Separatstaat ausriefen.
2012 hatte das malische Militär erneut ge-
gen die Regierung unter dem Vorwand ge-
putscht, der Regierung gelänge es nicht, die
Tuareg-Rebellen im Norden unter Kontrolle
zu bringen. 2013 bat der Staatspräsident der
malischen Interimsregierung Frankreich um
militärischen Beistand. Durch die internatio-
nale Intervention unter französischer Führung
gelang es zunächst, eine vermeintlich demo-
kratische Zivilregierung in Bamako zu instal-
lieren. Mit Unterstützung der französischen
Operation „Serval" gelang es Anfang 2013,
die Rebellen aus dem Nordosten des Landes
zu verdrängen und die staatliche Kontrolle
über das Territorium wiederherzustellen.
Zur offiziellen Rückübertragung der Kont-
rolle des gesamten Landes an die malische
Regierung wurde im Mai 2015 in Algerien
eine Konferenz abgehalten, bei der das
„Friedensabkommen von Algier" verhan-
delt und besiegelt wurde. Ein wesentlicher
Bestandteil des Friedensabkommens stellt
die Integration ehemaliger Tuareg- Rebellen
in die regulären malischen Streitkräfte dar. In
sogenannten MOC-Bataillonen (Mecanisme
operationnel de coordination) sollen zu glei-
chen Teilen je 200 Soldaten der malischen
Armee, 200 ehemalige Milizionäre, die die
malische Armee unterstützt haben, sowie
200 ehemalige Tuareg-Rebellen, gemein-
sam für Stabilität im Nordosten des Landes
sorgen, indem sie Militär- und Polizeiaufga-
ben übernehmen.
Sicherheit und Stabilität
in Mali?
So ambitioniert, beinah pathetisch das Kern-
ziel des Friedensabkommens klingen mag,
so klar muss schon im Jahre 2015 gewesen
sein, dass die Umsetzung erhebliche Kraft
und Zeit beanspruchen würde und somit
nicht durch Mali allein gestemmt werden
konnte. Der Nordosten Malis, der eine Flä-
che gut doppelt so groß wie Deutschland
umfasst, wird durch eine Vielzahl irregulärer
Akteure beansprucht.
Unverändert besitzt Mali eine erhebliche
geostrategische Relevanz für Handel oder
auch für Schmuggel. Dabei wird sich nicht
auf einige wenige Schmuggelgüter be-
schränkt. Vielmehr fungiert Mali als zentra-
ler Umschlagpunkt auf der Achse Südame-
rika-Afrika-Europa für Drogen und Waffen
jeglicher Art, Menschen oder Elfenbein.
Schätzungen der Vereinten Nationen gehen
von einem jährlichen Gewinnvolumen von
über fünf Milliarden US-Dollar aus. Neben
der Organisierten Kriminalität werden von
solchen Gewinnaussichten auch Terroristen
angezogen, die sich nicht nur einen lukrati-
ven Beitrag zur Finanzierung eigener Aktivitä-
ten erhoffen, sondern gleichzeitig ungestört
Kämpfer rekrutieren und ausbilden können.
Die eigenen Fähigkeiten können dann in un-
mittelbarer Nähe im Kampf getestet werden
gegen Gegner, deren Fähigkeitsspektrum
von dem einer überforderten lokalen Miliz
bis hin zu europäischen Spezial Kräften reicht.
Bis Mali selbst in der Lage sein wird, diese
internen wie externen Bedrohungen erfolg-
reich und dauerhaft abzuwehren, ist es auf
die Unterstützung ausländischer Akteure
angewiesen. Auf die französische Operation
„Serval" folgte die Operation „Barkhane"
(Sicheldüne), in deren Verlauf Frankreich mit
rund 5.100 Soldatinnen und Soldaten den
islamistischen Terrorismus in der Sahelzone
bekämpft. In Anlehnung an die vorange-
gangene Intervention sind die Truppen im
Nordwesten des Landes, vornehmlich in
Kidal und Gao, stationiert. Außerdem sollen
die rund 15 000 Blauhelme der MINUSMA
zur Friedenssicherung und Stabilisierung
Malis beitragen. Sie sind in den Regionen
Kidal, Gao und Timbuktu sowie der Zent-
ralregion um Mopti/Sevare stationiert. Die
Truppendislozierung orientiert sich an den
ehemals durch Tuareg besetzten Gebieten.
Darüber hinaus will die Europäische Union
mit der European Training Mission Hilfe zur
Selbsthilfe leisten und mit über 600 Solda-
tinnen sowie Soldaten aus mehr als 20 Staa-
ten die malischen Streitkräfte im Koulikoro
Training Center vor allem in infanteristischen
Fähigkeiten aus- und weiterbilden. Frank-
reich hingegen fördert und koordiniert eine
weitere Antiterror-Mission in der Sahelzone
unter Beteiligung Malis und der Sahelstaa-
ten Mauretanien, Niger, Burkina Faso sowie
des Tschad. Diese Länder werden zusam-
men als G5-Sa hei-Staaten bezeichnet. Ziel
der „G5-Sahel" ist die Terrorismusbekämp-
fung in den Grenzregionen derSahelstaaten
durch die betroffenen Staaten unter Abstüt-
zung auf Frankreich. Somit bildet GB-Sa-
hel den maßgeblichen Bestandteil einer
Exitstrategie für die Operation „Barkhane".
Die drei Säulen des Konflikts
Dass trotz des erheblichen personellen wie
finanziellen Einsatzes ausländischer Akteure
keine sichtbare Verbesserung der Sicherheits-
lage erkennbar ist, hat vielerlei Ursachen.
Einen erstaunlich offenen, jedoch wenig
optimistischen Einblick gewährt UN-General-
sekretär Antonio Guterres in seinem Bericht
vom 20. März 2020 zur Lage in Mali. Nachfol-
gend werden diese Ursachen in drei Säulen
gruppiert. Dabei sind die jeweiligen Säulen
nicht isoliert zu betrachten, sondern vielmehr
in Wechselwirkung zueinander zu setzen.
Humanitäre Herausforderungen
Zwar umfasst das Staatsgebiet Malis eine
Fläche, die mehr als dreimal so groß ist wie
Deutschland, jedoch können davon weniger
als fünf Prozent bewohnt und bewirtschaftet
werden. Die Verdoppelung der Bevölkerung
auf rund 18 bis 20 Millionen Menschen in den
vergangenen 40 Jahren und eine weitere pro-
gnostizierte Verdoppelung in den nächsten
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 37
Foto: Bundesweh r/Tessensohn
MINUSMA in Gao: Ein Sandsturm kündigt sich an
20 Jahren hat einen Kampf um fruchtbares
Land als Lebensgrundlage zur Folge. Ferner
leben in Mali seit jeher verschiedenste Ethnien
und Religionen friedlich neben- oder mitei-
nander. Lediglich in der Zentralregion rund
um Mopti/Sevare herrschen blutige Gebiets-
kämpfe zwischen den beiden seit Jahrhun-
derten verfeindeten Ethnien der Dogon und
Fulbe (Fulani), die in den letzten Jahren weit
über 1.000 Todesopfer forderten.
Die prekäre humanitäre Situation, die feh-
lende Aussicht auf Verbesserung und staatli-
che Ohnmacht, sind Ursache für eine erheb-
liche Unzufriedenheit der lokalen Bevölke-
rung, die sich in Form von Demonstrationen
entlädt. Diese Situation wird durch zwei
Strömungen zusätzlich verschärft: Einerseits
werden interethnische Spannungen durch
terroristische Gruppierungen zusätzlich in-
strumentalisiert und durch Ausbildung und
Ausrüstung der Konfliktparteien angefacht.
Andererseits werden die Feindbilder und
ursprüngliche Ursachen dieser Demonstra-
tionen teilweise vermischt So wird beispiels-
weise die Operation der ehemaligen Kolo-
nialmacht Frankreich mit MINUSMA gleich-
gesetzt. Es ist davon auszugehen, dass die
angespannte humanitäre Lage durch China
und Russland bewusst genutzt wird, um ih-
ren Fußabdruck in Afrika und ihre jeweilige
Rolle als Weltmacht auszubauen. Während
von Russland bisher noch keine signifikanten
Aktivitäten zu beobachten sind, engagiert
sich China sowohl militärisch bei MINUSMA
im Raum Gao als auch mit Entwicklungshil-
fe in den Bereichen Sanitätsversorgung und
Infrastruktur im gesamten Land.
Fehlende Staatlichkeit
Ungeachtet des nationalen wie internatio-
nalen Drucks wurden die blutigen Kämpfe
zwischen Dogon und Fulbe von staatlicher
Seite hingenommen. Wenn überhaupt,
dann gab es aus Bamako Aufrufe zur Beile-
gung des Konflikts in der über 500 Kilome-
ter entfernten Zentralregion. Erst ein Über-
fall auf ein Fulbe-Dorf im Frühjahr 2019 mit
200 Todesopfern bewegte die Regierung
zur Vorlage eines Konzepts zur Stabilisierung
der Zentralregion durch die Stationierung
von bis zu 3.000 zusätzlichen malischen Si-
cherheitskräften. Bisher kann von einer Kon-
trolle des Gebiets durch offizielle Akteure
jedoch keine Rede sein. Wie auch im Rest
des Landes. Es scheint, als konzentriere sich
der Großteil der gut 25.000 Sicherheitskräf-
te (davon ca. 18.000 Armeeangehörige) auf
die Hauptstadt Bamako sowie die angren-
zenden und als sicher geltenden Regionen
Kayes, Koulikoro und Sikasso im Südwesten
des Landes. Militärstandorte in der Zentral-
region sowie dem Nordosten Malis haben
bestenfalls symbolischen Charakter und
keinerlei Einfluss auf die Sicherheitslage.
Gleiches gilt für die zivilen staatlichen Ver-
waltungseinrichtungen, von denen in der
Zentralregion bzw im Nordosten weniger
als 25 Prozent besetzt sind.
Terrorismus und Organisierte
Kriminalität
Das Machtvakuum, besonders in der Zen-
tralregion und dem Nordosten Malis, und
die Enttäuschung der lokalen Bevölkerung
gegenüber dem Staat wird gezielt durch An-
gehörige krimineller und/oder terroristischer
Gruppierungen genutzt, um die eigene
Gruppierung als unangefochtene Autorität
in der Region zu installieren und damit ein-
hergehend staatliche Aufgaben wie Sicher-
heit, Gerichtsbarkeit, Gesundheitswesen
und Schulbildung zu kontrollieren. Mangels
Alternativen und aus Sorge vor Anarchie wird
dieses Angebot von der lokalen Bevölkerung
akzeptiert. Es wird von einem harten Kern
von etwa 2.000 Kämpfern ausgegangen.
Zahlreiche lokale Untergruppen agieren in
bzw. aus Mali grenzübergreifend in den zwei
Bündnissen, der Jama'a Nusrat ul-lslam wa
al-Muslimin (JNIM, Gruppe zur Unterstüt-
zung des Islams und der Muslime) sowie dem
Islamic State in the Greater Sahara (ISGS).
Die JNIM, die al-Qaida nahesteht, kont-
rolliert dabei die Zentralregion sowie den
Norden des Landes um Kidal, wohingegen
ein Vormarsch des ISGS über die Grenzlinie
zu Burkina Faso und Niger auf den Osten
des Landes und die strategisch wichtige
Verbindung zwischen Ansongo, Menaka
und Gao zu beobachten ist. Ferner heizen
beide Gruppierungen den ethnischen Kon-
flikt zwischen den Dogon und Fulbe in der
Zentralregion an, um somit das Land weiter
zu destabilisieren und malische wie interna-
tionale Sicherheitskräfte zu beschäftigen.
In den letzten Jahren ist ein signifikanter
qualitativer wie quantitativer Anstieg von
Aktionen durch Terroristen beziehungswei-
se Kriminelle zu beobachten. Einst primitive
Angriffe auf isolierte und überforderte ma-
lische Soldaten sind professionell geplanten
und durchgeführten Angriffen auf Einrich-
tungen westlicher Nationen wie beispiels-
weise Frankreich gewichen. Dabei gelang es,
eine Vielzahl von Angreifern und vermehrt
auch Selbstmordattentäter zu mobilisieren
und erheblichen Schaden zu verursachen.
Auch vereinzelte komplexe Vorstöße wie
auf das EUTM Mali Trainingscenter im ver-
meintlich sicheren Koulikoro unterstreichen
die neue Qualität der Bedrohung in Mali.
Eine weitere, sukzessive Steigerung des Ein-
satzwertes der Angreifer in den nächsten
Jahren gilt als sehr wahrscheinlich.
Wider den Status quo
Diese Entwicklungen führen zu einer inter-
national diskutierten Anpassung der Mali-
Strategie sowie auch der dort tätigen Mis-
sionen.
Anpassungen MINUSMA
MINSUMA adaptierte eine neue Dislozie-
rung der Truppen angesichts der prekären
Lage in Zentralmali, um dem ethnischen
Konflikt zwischen den Dogon und Fulbe
Rechnung zu tragen. Unter Beibehaltung
der personellen Obergrenze von gut 14.000
Blauhelmen wurden verstärkt Truppen in
der Zentralregion stationiert. Dies hatte ei-
ne Reduktion der Truppen im Nordosten
zur Folge. Damit einher ging ein Erstarken
der Terroristen im Norden und die Aufgabe
ganzer Stützpunkte der malischen Armee.
Somit konnten zwar räumlich und zeitlich
begrenzte Achtungserfolge in der Zentralre-
gion erzielt werden, von Nachhaltigkeit wa-
ren diese jedoch nicht geprägt. Dies führte
dazu, dass MINUSMA mitunter mehr als
Teil des Problems, denn als Teil der Lösung
wahrgenommen wurde. Dieses Problem soll
nun durch eine angepasste, intensivere Vor-
ausbildung der Einsatzsoldaten sowie einer
stärkeren Kontrolle und Sanktionierung sei-
tens der UN angegangen werden.
Die aktuellen Forderungen von Guterres
umfassen eine grundlegende militärische
Neustrukturierung der Mission. Demnach
sollen die vier regional agierenden Infante-
38 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK
Luftbeweglicher Einsatz in Gao
riebataillone durch luftbewegliche speziali-
sierte beziehungsweise Spezialkräfte ersetzt
werden. Dazu sollen entsprechende Heli-
kopter zur Verfügung gestellt werden. Somit
könnten die Einheiten auch ohne gängige
nationale Standard vorgaben (beispielsweise
die Einhaltung der „Golden Hour" im Zuge
der Rettungskette)jederzeit und kurzfristig im
gesamten Land eingesetzt werden und somit
reaktionsschnell auf aktuelle Bedrohungen
reagieren.
Ein Aufstocken der Truppen durch eine Er-
höhung der Mandatsobergrenze sieht Gu-
terres nicht vor, sehr wohl jedoch eine An-
hebung des Budgets - ohne dabei konkrete
Zahlen zu nennen.
Frankreichs Strategie
Frankreich hält weiterhin an einer Zwei-Säu-
len-Strategie, der Bekämpfung von Terro-
rismus sowie der Stabilisierung des Landes,
fest. Dabei forciert Frankreich seine Rolle als
Mentor. Im Zuge der Mission „G5-Sahei"
soll das französische Engagement stark re-
duziert und der eigentliche Auftrag der Ter-
rorismusbekämpfung mehr und mehr den
Teilnehmerstaaten überlassen werden. Fer-
ner soll die national geführte, robuste An-
titerror-Mission Operation „Barkhane" für
NATO/EU-Partner geöffnet und somit der
eigene Beitrag reduziert werden. Im NATO/
EU-Verbund sollen auch weiterhin gezielt
Terroristen bekämpft werden.
Auch die Stabilisierung des Landes soll nach
und nach an malische Sicherheitskräfte
übergeben werden, die zuvor-sei es durch
EUTM Malioder MINUSMA-dazu befähigt
worden sein sollten.
Ausblick
Da selbst der UN-Generalsekretär in seinem
jüngsten Bericht postuliert, dass die aktu-
elle Lage Malis stark an das Jahr 2012, al-
so der maximalen Machtausdehnung der
Tuareg-Rebellen im Nordosten sowie einer
instabilen Regierung im Süd westen des Lan-
des erinnere, scheint eine Anpassung der
Strategie unabdingbar, um den gewünsch-
ten Erfolg zu erreichen. Somit herrscht ein
einvernehmliches Narrativ aller Akteure
hinsichtlich einer veränderten Strategie für
Mali vor. Besonders Frankreich und die USA
befürworten diese Vorgehensweise.
Die Zwei-Säulen-Strategie, also die Bekämp-
fung von bewaffneten Kriminellen und Ter-
roristen, sowie die Hilfe zur Selbsthilfe für
die malischen Sicherheitskräfte, die das Land
künftig in eigener Verantwortung stabili-
sieren sollen, erscheint hierzu als probates
Mittel.
Einerseits wären gemeinsame Vereinbarun-
gen von klaren und realistischen Zielen auf
politischer Ebene sowohl für die malische
Regierung als auch die internationalen Ak-
teure ein verlässlicher Gradmesser für die
Effektivität der Zusammenarbeit. Zum einen
wird der malischen Regierung ermöglicht,
die Zielerreichung selbst zu kontrollieren
und bei Bedarf eigeninitiativ nachzusteuern,
sodass die Regierung an Souveränität und
Eigenverantwortung gewinnen würde. Zum
anderen würde eine solche Checkliste ein-
getretene Verbesserungen im Lande auch
für internationale Akteure quantifizierbar of-
fenlegen und somit einen Beitrag zur Erhö-
hung des gesellschaftlichen Verständnisses
für das Engagement in Mali leisten.
Andererseits würde der neuen Bedrohungs-
lage durch die qualitative wie quantitative
Steigerung der bewaffneten Akteure in Mali
sowie dem Grenzgebiet nach Burkina Fa-
so und Niger Rechnung getragen werden.
Die Anpassung der bestehenden Mandate
würde die malische Armee maßgeblich bei
der Wahrnehmung von Sicherheitsaufgaben
unterstützen und somit zur effektiven und
nachhaltigen Bekämpfung von Organisierter
Kriminalität und Terrorismus beitragen.
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Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 39
SICHERHEIT & POLITIK
„Die Juden haben die Annexion
schon vorweggenommen“
Palästinensische Gedanken zur Annexion
XXX*
Nach der Bildung der Großen Koalition in Israel steht die Annexion des Westjordanlandes im Regierungs-
programm. Israel scheint dies ohne großen internationalen Protest durchziehen zu können. Wie wirkt das
auf jemanden, der das mit palästinensischen Augen betrachtet?
Es ist schon recht paradox, dass die
Länder der arabischen Liga und der
internationalen Staatengemeinschaft
auf die Ankündigung der Annexion weiter
Teile des Westjordanlandes durch die neue
israelische Regierungskoalition mit Entrüs-
tung reagieren. Denn es werden regelmä-
ßig Olivenbäume palästinensischer Bauern
zerstört, Häuser palästinensischer Familien
niedergerissen und palästinensisches Land
zum Bau oder zur Ausweitung jüdischer
Siedlungen enteignet. Gerade unter Pre-
mier Benjamin Netanjahu wurde die Kon-
fiszierung von Land und Boden schamlos
weitergetrieben. Allerdings bilden diese
Ereignisse für unsere Leitmedien keinen
Neuigkeitswert, so dass sie von der Öf-
fentlichkeit weiterhin unbeachtet bleiben.
Oder - wie sagte es mir einst ein deutscher
Parlamentarier hinter vorgehaltener Hand:
„Da unten wird es nie eine einvernehmli-
che Lösung geben. Sollen die sich doch die
Köpfe einschlagen - was soll's!"
Siedlungskurs von
Sharon bis Netanjahu
Die Siedlungspolitik mit ihrem ideolo-
gisch-religiösen Unterbau („Gott hat uns
Juden, dem auserwählten Volk, dieses
Land versprochen, und nun ist es unsere
heilige Pflicht es zu besiedeln.") folgt der
Logik der vollendeten Tatsachen. Forciert
hat dies Ariel Scharon, Ministerpräsident
in Israel von 2001-2006, der als Vater der
Siedlungspolitik gilt und dessen kompro-
missloses Vorgehen ihm den bezeichnen-
* Der Autor ist ein in Palästina gebo-
rener Deutscher, der nicht namentlich
genannt werden möchte. (Name ist
der Redaktion bekannt).
Ariel Scharon, Israelischer Ministerpräsident von 2001-2006, gilt als
Vater der Siedlungspolitik
den Namen „Bulldozer" eingebracht hat.
Das Prinzip ist einfach: Vor Ort Fakten
schaffen, indem bestehende Siedlungen
im Westjordanland erweitert und neu ge-
gründet werden, was sich inzwischen als
erfolgreiches Mittel erwiesen hat, um das
zu erreichen, was eine ganze Reihe politi-
scher Führungen Israels stets anstrebten:
die Verhinderung eines politisch unabhän-
gigen und souveränen palästinensischen
Staatsgebildes östlich des Jordans. Das
war und ist die Agenda von Premier Ne-
tanjahu. Ihre logische Fortführung liegt
auf der Hand - die Annexion von Teilen
des Westjordanlandes, die noch in der
Amtszeit von US-Präsident Donald Trump
vollzogen werden soll.
Doch wie sieht es konkret vor Ort aus?
Was bedeutet diese Siedlungspolitik für
das Leben der Palästinenser? Derzeit leben
622.670 israelische Bürger in mehr als 200
Siedlungen: 209.270 in Teilen des Westjor-
danlandes, die Israel der kommunalen Ge-
richtsbarkeit Jerusalems angegliedert hat,
und 413.400 im restlichen Westjordanland.
Israel kontrolliert die Rohstoffe
Betrachtet man nun alle Siedlungsblöcke
im Zusammenhang, so wird Folgendes
deutlich: Sie sind so angelegt, dass sie als
Ganzes das gesamte Territorium des West-
jordanlandes weiträumig einkreisen, und es
dazu noch in verschiedene Sektoren zer-
schneiden. Am Beispiel von Jerusalem zeigt
sich, dass die Stadt von zwei Siedlungsrin-
gen umgeben ist. Der erste besteht unter
anderem aus Ramot, Neve Yaacov, Talpiot
und Gilo, der zweite aus Rekhes Shujat und
Har Homa, wobei der eine Ring den ande-
ren umschließt. Gebietsmäßig umfassen sie
den größten Teil des mittleren Westjordan-
landes von Bir Zeit im Norden bis zu den
Randgebieten Bethlehems im Süden. Über
dieses feinmaschige Gitternetz von Sied-
lungsachsen kontrolliert Israel beispiels-
weise auch eine Region wie das Jordan-
tal, das 23 Prozent des Westjordanlandes
ausmacht und als Kornkammer der Palästi-
nenser gilt. Es erlaubt Israel aber vor allem
40 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK
die Grundwasserleiter zu kontrollieren, und
damit 80 Prozent des Wasservorkommens
im Westjordanland. Infolgedessen steht ei*
nem israelischen Siedler 15-mal mehr Was-
ser zur Verfügung als einem Palästinenser.
Doch all diese Aspekte und die daraus re-
sultierende öffentliche Diskussion über die
Rechtmäßigkeit der Siedlungen verschlei-
ern, dass viele der Siedlungen der israeli-
schen Mittelklasse als komfortable und
preiswerte Vororte (Anzahlung ab 4.900
US-Dollar und monatliche Ratenzahlung ab
390 US-Dollar) dienen.
Während die Siedlungen und damit also
auch der Gedanke der Annexion in weiten
Teilen der israelischen Gesellschaft keine
Aufreger mehr sind, sieht es auf der paläs-
tinensischen Seite ganz anders aus. Denn
hier sind die Siedlungen der prägendste
Faktor ihres Alltags. Hunderttausende von
Foto: Creative commons
Die Siedlung Har Homa am Südostrand von Jerusalem im
Westjordanland
Dunams (1 Dunam = 1.000 Quadratmeter),
einschließlich Acker- und Weideflächen,
hat sich Israel von den Palästinensern seit
1967 unrechtmäßig angeeignet, um diese
zu bebauen. Land, das auch für Hunderte
Kilometer neuer Straßen benutzt wurde,
die ausschließlich von Siedlern befahren
werden dürfen. Straßensperren, Check-
points und ein von Willkür geprägtes
Passierscheinsystem, die zum Schutz von
Anzahl Siedler
(ohne Ostjerusalem)
| 427.800
2018
281.100
2008
]|21 172-200
1998
| 66.500
1988
7.800
1978
GAZA
I I
0 10 km
Israelische Siedlungen im Westjordanland Ende 2019
Siedlungen dienen, schränken die Bewe-
gungsfreiheit von 2,7 Millionen Palästinen-
sern extrem ein.
Vielen palästinensischen Bauern wird der
Zugang zu ihrem Ackerland verwehrt. Die
israelische Sperranlage wurde nicht ent-
lang der Grünen Linie (Waffenstillstandsli-
nie 1949) erreichtet, sondern innerhalb des
Westjordanlandes (bis zu 20km von der
Grünen Linie entfernt), um möglichst viele
Lage der Siedlungen §
und «Außenposten" s
üj
ÖL
3
WESTJORDAN-
LAND
* * •
Siedlungen und große Landflächen zu deren
Erweiterung auf die Seite des israelischen
Staatsgebietes zu ziehen. Gegenwärtig sind
46 palästinensische Gemeinden hochgradig
gefährdet, abgerissen und verlegt zu wer-
den, da für die Gebäude angeblich keine
Baugenehmigungen existierten.
Gewalt von Siedlern
Nicht unerwähnt bleiben sollte die Sied-
lergewalt, denn auch diese dient als
Instrument, sich immer mehr Land an-
zueignen. Übergriffe von radikalen, ul-
tra-orthodoxen Siedlern gehören zum
Alltag jener Palästinenser, die unweit von
Siedlungen wohnen. Israelische Sicher-
heitskräfte ermöglichen diese Aktionen,
indem sie teilnahmslos dabeistehen oder
sich aktiv daran beteiligen (dokumentiert
durch die Menschenrechtsorganisation
B'Tselem).
Für Palästinenser sind die Folgen solcher
Übergriffe immer verheerend - angefan-
gen von Schäden an Land und Eigentum
über schwere Verletzungen bis hin zu To-
desfällen. Konsequenz dieser Gewalt ist in
vielen Fällen der Wegzug der palästinensi-
schen Landeigentümer, so dass Behörden
leichtes Spiel haben, sich Ressourcen einzu-
verleiben und Land zu annektieren.
Schon vor vielen Jahren konnte man in Tel
Aviv, Akko, Haifa und Jerusalem große Pla-
katwände mit dem Wort „TRANSFER" fin-
den. Die Idee eines ausschließlich jüdischen
Staates ist keine neue - und der internatio-
nalen Staatengemeinschaft wohl bekannt.
Die Enteignung von Land ist schon seit Jahr-
zehnten Vorbote der Annexion. Gerade vor
diesem Hintergrund wirkt die Entrüstung
vieler politischer Akteure regelrecht heuch-
lerisch. Oder ist bei ihnen jetzt erst der Gro-
schen gefallen, dass die israelische Führung
unter Premier Netanjahu Ernst macht? 11
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 41
SICHERHEIT & POLITIK
Energiepolitische Doppelkrise
von Olpreiskrieg und Pandemie
Geopolitische Auswirkungen
Frank Umbach
rdöl ist noch immer die wichtigste
Energiequelle mit rund 34 Prozent der
globalen Energienachfrage, die 2019
erstmals auf 101 Mio. Fass pro Tag (mb/d)
angestiegen ist. Seit dem letzten Einbruch
des internationalen Erdölpreises 2014
konnte dieser zuletzt in einer Preisspanne
von zumeist 50-70 US-Dollar pro Tonne nur
stabilisiert werden, weil die Mitgliedstaa-
ten der Organisation erdölproduzierender
und -exportierender Länder (OPEC) und
von Nicht-OPEC-Mitgliedern wie Russland
sich seit Dezember 2016 jährlich auf eine
Erdölförderbeschränkung und faktische
Produktionskürzung einigen konnten. Al-
lerdings waren die Verhandlungen schwie-
rig und die jeweilige Kompromisslösung
brüchig, zumal sich nicht alle Staaten an
die vereinbarten nationalen Produktions-
kürzungen gehalten haben.
Dennoch haben Saudi-Arabien und Russ-
land weiterhin mit dem stetigen Anstieg
der US-Schieferölproduktion Marktanteile
an die USA verloren, zumal sich Washing-
ton bisher nicht in eine globale Ölproduk-
tionsbeschränkung des „OPEC+-Kartells"
einbinden ließ. Inzwischen sind die USA
vom einstmals größten Rohöl im porteur
zum weltgrößten Rohölproduzenten und
Nettoexporteur aufgestiegen, während
Saudi-Arabien (mehr als Russland) die
vereinbarten gemeinsamen Produktions-
beschränkungen mit eigenen Marktanteil-
verlusten bezahlen musste. Daher konnte
Russland an Saudi-Arabien vorbei von
2008-2017 zum größten und seit 2017
zum zweitgrößten Ölproduzenten nach
den USA aufsteigen.
Bis Anfang März sollten die erneuten Ver-
handlungen der OPEC+-Gruppe unter
Führung Saudi-Arabiens und Russlands
eine erneute Förderkürzung der Ölpro-
duktion vereinbaren. Doch diese Verhand-
Dr. Frank Umbach ist Forschungsdii-
rektor am European Centre for Clima-
te, Energy and Resource Security
(EUCERS), King's College, London.
5 SaudhArafatai Russland Vereinigte Staaten
< florfei pu Fog
12
2OÜfi 2009 2010 2011 2012 2013 201*4 2015 2016 2017 2018
Rohölproduktion von Saudi-Arabien, Russland und den Vereinigten
Staaten von 2008 bis 2018 in Millionen Barrel pro Tag
Projechm»
MiENAP ölt experter« 2017 2018 2019 2020 2021
Algerü 91.4 101.4 104.6 157,2 109.3
ßafrirair* 1126 118,4 106.3 95.6 34.4
Iran 648 67.8 244.3 3394 319.5
Iraqi 42.3 45.4 55.7 60.4 54.0
Kuwait 45.7 53.6 526 61.1 60.3
Libyi 102.8 68.6 .. | 48.5 57.9 70.3
Qnw 96,9 96,7 92-8 868 79.8
Qitar 513 48.0 MV 39.9 36 5
Saudi Arabia 33.7 38.6 32.6 76.1 66.0
United Arab Emirate« 62.0 64.1 671 1 _ 69.1 60.6
Gewinnschwelle der Ölexporteure in Nordafrika und im Nahen Osten in
Dollar pro Barrel
lungen scheiterten am Widerstand des
Kremls. Daraufhin erklärte Saudi-Arabien
Russland und indirekt auch den USA einen
„Ölpreiskrieg", in dem alle früheren För-
derbeschränkungen aufgehoben wurden
und Saudi-Arabien seine Ölproduktion
von 9,8 mb/d auf 12,3 mb/d stark aus-
weitete.
In deren Folge musste sich die ohnehin
bestehende Überversorgung auf dem glo-
balen Rohölmarkt weiter verschärfen. Dar-
aufhin fiel derölpreis bis Anfang April 2020
um zwei Drittel auf unter 20 US-Dollar pro
Fass - das niedrigste Ölpreisniveau seit den
islamistischen Terroranschlägen 2002.
Inzwischen wird der Ölpreis aber noch
mehr durch die globale Corona-Pandemie
beeinflusst, da die globale Quarantäne-Po-
litik die Weltwirtschaft und Ölnachfrage
determiniert. Dies setzt viele Ölproduzen-
ten unter zusätzlichen wirtschaftlich-fi-
nanziellen Druck. So sind nicht nur die
Staatshaushalte der Petrostaaten weiter-
hin in einem hohen Ausmaß auf Ölexpor-
teinnahmen angewiesen, die auf einem
fiskalischen Ölpreis von zumeist mehr als
60 US-Dollar basieren. Daran hat auch die
jüngst vereinbarte Förderkürzung um 9,7
mb/d für Mai und Juni (danach 8 mb/d)
kaum etwas geändert, da diese zu spät
42 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
ICHERHEIT & POLITIK
Produktionskosten 2018 in Dollar pro Barrel
nis auf Zeit. Dies zeigte steh schon schnell,
als der saudische Ölminister Prinz Abdu-
laziz Moskau wiederholt vorwarf, die
vereinbarte Förderquote nicht wirklich
umzusetzen. Tatsächlich lag die russische
Rohölproduktion 2017 nur 0,1 Prozent
unter der vorjährigen trotz der vereinbar-
ten Förderquotensenkung. 2018 sollte sie
noch einmal um 1,6 Prozent zu- statt ab-
nehmen. Hinter den durchaus berechtig-
ten saudischen Vorwürfen spiegelt sich
jedoch auch der Umstand wieder, dass
Riad Moskau nicht als wirklich gleichbe-
rechtigten Partner, sondern sich eher als
„Primus inter pares" von OPEC+ ansieht.
und gering ist, um den globalen Nachfra-
gekollaps von 101 mb/d auf rund 75 mb/d
abzufangen und den Öl preis wieder stärker
auf zumindest 50 US-Dollar zu stabilisieren,
im Jahresdurchschnitt 2020 dürfte er kaum
über 40 US-Dollar pro Fass liegen.
Damit aber drohen nicht nur größere wirt-
schaftliche Krisen in zahlreichen Ölprodu-
zentenstaaten. Auch deren politische und
gesellschaftliche Stabilität ist zunehmend
fragil. Die eskalierende geopolitische Dy-
namik dieser Doppelkrise darf vor allem
dann nicht unterschätzt werden, wenn
die weltwirtschaftliche Rezession infolge
der Pandemie anhält und es Saudi-Arabien
sowie Russland nicht gelingen sollte, eine
nachhaltigere Öl Produktionsbeschränkung
zu vereinbaren und diese dann auch ver-
bindlich umzusetzen.
Saudi-Arabien als Führer der
OPEC+: Zwischen allen Stühlen
Der von Saudi-Arabien erklärte Ölpreis-
krieg hat auch die Modernisierungsstra-
tegie „Vision 2030" des 34 Jahre jungen
Kronprinzen Mohammed bin Salman ge-
fährdet, der die eigene Wirtschaft diversi-
fizieren will. Seine wirtschafts- und innen-
politischen Reformen waren jedoch von
Anfang an umstritten. Zuletzt wurde der
jüngere Bruder seines Vaters König Salman,
Prinz Mohammed bin Nayef (sein Cousin),
im Zuge des erklärten Ölpreiskrieges und
infolge eines Palastcoups verhaftet, als der
Kronprinz seine Machtposition weiter zu
konsolidieren versuchte.
Bereits seit dem Terroranschlag auf das
World Trade Center 2001, an dem saudi-
sche Extremisten beteiligt waren, sind die
bilateralen saudisch-amerikanischen Be-
ziehungen immer schwieriger geworden.
Hierzu haben auch der vom Kronprinzen
initiierte Stellvertreterkrieg im Jemen ge-
gen den Iran und die Ermordung des Jour-
nalisten Jamal Kashoggi im saudischen
Konsulat in Istanbul 2018 beigetragen, die
in den USA zu einer zunehmend kritische-
ren Haltung gegenüber dem saudischen
Verbündeten geführt haben.
Während so Saudi-Arabien einerseits auf
kritischere US-Sichtweisen und die „Ame-
rica First"-Politik von US-Präsident Trump
Rücksicht nehmen muss, sieht sich Riad
andererseits immer wieder zu Konzessio-
nen an seine OPEC-Mitglieder gezwungen.
Die saudische Ölproduktion als weltweit
drittgrößter Erdölproduzent war von dem
jüngst erklärten Ölpreiskrieg auf 9,8 mb/d
abgesunken. Der gegenwärtige Marktanteil
Saudi-Arabiens, Russlands und der USA bei
der weltweiten Erdölförderung macht im-
merhin mehr als 35 Prozent aus (OPEC rund
45 Prozent), zeigt aber auch gleichzeitig,
dass dieser keineswegs die mehrheitliche
Förderung ausmacht, so dass die drei füh-
renden Erdölproduzenten auf ihre trilaterale
Kooperation, aber auch mit den anderen
OPEC- und Nicht-OPEC-Förderstaaten an-
gewiesen bleiben.
Bereits 2014 hatte der langjährige frühere
saudische Ölminister Ali al-Naimi einen Öl-
preiskrieg gegen die USA erklärt, war aber
dann gescheitert. Auch der gegenwärtige
Ölpreiskrieg war von Beginn an mit hohen
wirtschaftlichen und (geo)politischen Risi-
ken behaftet. Zwar hat Saudi-Arabien die
mit Abstand weltweit geringsten Ölför-
derkosten mit rund 10 US-Dollar pro Fass
gegenüber Russland mit 25 US-Dollar und
den USA mit 35-45 US-Dollar pro Fass. Auch
kann die saudische Führung auf große Wäh-
rungsreserven in einem Umfang von 502
Mrd. US-Dollar zu rückgreifen. Allerdings ba-
siert der saudische Staatshaushalt auf einem
Erdölpreis von 76 US-Dollar, so dass jeder
größere Rückgang des Erdölpreises große
Auswirkungen auf die Staatseinnahmen
und den Haushalt hat. Allein für dieses Jahr
könnte der Ölpreiskrieg zusammen mit der
weltwirtschaftlichen Rezession infolge der
Corona-Pandemie das saudische Königs-
haus mehr als 100 Mrd. US-Dollar kosten,
Die OPEC+-Allianz mit Russland war von
beiden Seiten keine Liebesheirat, son-
dern eher ein taktisches Interessensbünd-
Russland: Strategische
Fehleinschätzungen
Noch immer machen russische Öl- und
Gasexporte 65 Prozent aller Ausfuhren
und die Einnahmen daraus 30 Prozent
des Staatshaushaltes aus. Somit hat auch
Russland ein strategisches Eigeninteresse,
mit Saudi-Arabien und der OPEC gemein-
same Förderquoten zu vereinbaren, um
den internationalen Erdölpreis im beider-
seitigen Interesse auf einem Niveau von
50-70 US-Dollar pro Fass zu stabilisieren.
Dies erlaubte Russland sogar, nicht nur eine
höhere Ölproduktion als Saudi-Arabien seit
2008 aufzuweisen, sondern auch seinen
geopolitischen Einfluss in der Golf-Region
sowie Mittleren Osten (insbesondere in Sy-
rien und Irak) massiv auszubauen. Zugleich
hatten die US-Sanktionen gegen russische
Energiefirmen wie Gazprom und Rosneft
den Kreml wiederholt verärgert, so dass die
Politik Russlands auch auf die Schwächung
der US-Rolle und der 75-jährigen US-sau-
dischen Sicherheitsallianz zielt.
Offiziell versicherte der Kreml, dass Russ-
land auch geringere Erdölpreise von 25-30
US-Dollar pro Fass für 6-10 Jahre wirt-
schaftlich überleben würde. Der diesjährige
russische Haushalt basiert noch auf einem
Erdölpreis von 42 US-Dollar pro Fass. Zu-
dem hat Russland größere Finanzreserven
mit seinem Nationalen Wohlstandsfonds
von 142,7 Mrd. US-Dollar aus Öleinnah-
men und Gold- sowie Währungsreserven
in einem Umfang von 550 Mrd. US-Dollar
angehäuft. Damit schien Russland auf den
ersten Blick für einen längeren Ölpreiskrieg
sowohl gegenüber Saudi-Arabien als auch
den USA gut gerüstet.
Allerdings bereitete sich Saudi-Arabien
nach Scheitern der Verhandlungen mit
Russland darauf vor, den eigenen Haushalt
auf einem Erdölpreis von lediglich 12-20
US-Dollar auszurichten und damit Russland
unter ökonomischen Druck zu setzen. Doch
während Saudi-Arabien seine Erdölförde-
rung on 9,8 mb/d innerhalb kürzester Zeit
Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 43
SICHERHEIT & POLITIK
um 2,5 mb/d erhöhen konnte, können auf
russischer Seite längerfristig nur zusätzliche
500.000 b/d gefördert werden.
Das mittelfristige Problem Russlands ist
zudem, dass all seine neueren Investiti-
onen und die Förderung in der Arktis zu
den teuersten im internationalen Vergleich
gehören. Zudem sind die alten Erdölfel-
der schon heute zunehmend erschöpft.
Ab 2025 wird mit einem steten Rückgang
der russischen Ölförderung um rund fünf
mb/d bis 2030 gerechnet. Die Erschließung
neuer Erdölfelder (einschließlich unkonven-
tionellen Erdöls) benötigt jedoch riesige
neue Investitionen sowie Technologien der
US-Schieferölkonzerne. Dieses ist jedoch
seit den US-Sanktionen wegen der russi-
schen Krim-Annexion nicht länger möglich.
Eine Schlüsselrolle beim jüngsten Ölpreis-
krieg mit Saudi-Arabien wird auf russischer
Seite dem CEO von Rosneft, Igor Setchins,
zugeschrieben, der seit langem die Einbin-
dung Russlands in OPEC+-Förderkürzun-
gen kritisiert hat, da diese primär den USA
zugutekommen. Doch die strategische
Fehlentscheidung des Kreml zum Ölpreis-
krieg mit Riad und die Unterschätzung der
Auswirkungen der globalen Pandemie auf
die weltweite Ölnachfrage und den Öl-
preisverfall könnten im russischen Staats-
haushalt bis Ende des Jahres zu offiziellen
Verlusten in einer Größenordnung von 75
Mrd. US-Dollar führen.
Vorerst wird Russland aufgrund der
neuen Vereinbarung von Mitte April mit
Saudi-Arabien für eine erneute Ölförder-
kürzung der OPEC+ seine eigene Pro-
duktion von 11,3 auf 8,5 mb/d kürzen
müssen. Dies ist historisch präzedenzlos
und kommt einer „Revolution in der rus-
sischen Ölindustrie" gleich, zumal die
Produktion nicht so schnell flexibel hoch-
und runtergefahren werden kann wie in
Saudi-Arabien oder den USA. Darüber
hinaus rächt sich nun, dass Russland im
Gegensatz zu seinen beiden Hauptkon-
kurrenten keine strategischen Lagerka-
pazitäten hat und nun die russische Ölin-
dustrie weitgehend unvorbereitet trifft.
Zudem sind auch in Russland die europä-
ischen und internationalen Bemühungen
bei der Klimaschutzpolitik und Dekarbo-
nisierung (weg von allen fossilen Brenn-
stoffen) des Weltenergiesystems nicht
unbemerkt geblieben und werden als
strategische Gefährdung der zukünftigen
wirtschaftlichen Entwicklung sowie poli-
tischen Stabilität gewertet. Daher könnte
auch ein Großteil der russischen Erdöl- und
Erdgasressourcen tatsächlich „in der Erde
bleiben" und nicht mehr gefördert wer-
den. Auch wenn dies noch immer nicht
in Russland und bei anderen führenden
Erdöl- und Erdgasförderstaaten die Mehr-
CM
dt
Welt-Ölverbrauch in Millionen Barrel pro Tag
heitsmeinung ist, könnte dies diese Staaten
veranlassen, verstärkt die eigenen verblei-
benden Ressourcen auf den Markt zu wer-
fen, bevor dies immer weniger realistisch
ist. Dies würde allerdings den Erdölpreis
und alle vereinbarten Förderquoten noch
weiter unter Druck setzen sowie die wirt-
schaftliche Konkurrenz verschärfen. Unge-
achtet dessen setzt Russlands Anfang April
verabschiedete neue „Energiestrategie bis
2035" auch weiterhin fast vollständig auf
fossile Energieträger, während weder dem
Ausbau von Erneuerbaren Energien noch
der globalen Umweltschutzpolitik irgend-
eine nennenswerte Aufmerksamkeit ge-
widmet wird.
Die US-Schieferölförderung:
Der Anfang vom Ende?
Im Zeitraum 2016-2019 konnte die
US-Rohölförderung um weitere 3,4 mb/d
auf ein Förderniveau von 13,1 mb/d im
März 2020 zunehmen und sich gegenüber
jenem vor dem Beginn der Schieferölrevo-
lution 2010 faktisch verdoppeln. Dies hat
Präsident Trump-zusammen mit dem Auf-
stieg als weltgrößter Gasförderer infolge
der Schiefergasrevolution und steigender
Flüssiggasexporte (LNG) - zur Proklamation
einer „Energieunabhängigkeit" und sogar
weltweiten „Energiedominanz" verleitet.
Im Gegensatz zum letzten Ölpreiskrieg der
Saudis gegen die US-Schiefergasförderung
in den Jahren 2014/2015 haben sich inzwi-
schen jedoch die finanziellen Rahmenbe-
dingungen geändert.
So können die kleineren und unabhängigen
Fracking-Unternehmen, die 83 Prozent der
US-Rohöl- und 90 Prozent der Erdgasförde-
rung ausmachen, gegenwärtig nicht mehr
auf billige Kredite zurückgreifen. Gleichzei-
tig ist die Geduld der Banken hinsichtlich
der weiteren zeitlichen Aufschiebung für
die Rückzahlung der Kredite erschöpft,
weil auf dem Weltmarkt ein Überangebot
von gegenwärtig rund 30 Mrd. Fass Rohöl
entstanden ist. Zwischen 2008 und 2018
haben US-Schieferölproduzenten rund 400
Mrd. US-Dollar über Kredite investiert, oh-
ne dass bisher davon ein größerer Teil zu-
rückgezahlt worden ist. Die kleineren und
unabhängigeren US-Rohölproduzenten
sind finanziell viel verwundbarer bei derart
volatilen Preis- und Marktveränderungen
als die großen multinationalen Ölkonzerne
wie ExxonMobile, Chevron u.a.
Auch die längerfristigen Perspektiven mit
Blick auf die weltweite Expansion der Elek-
tromobilität und ein prognostiziertes „Peak
Demand" ab 2030, bei der die weltweite
Rohölnachfrage stetig absinken würde,
hatten hierzu beigetragen. Damit drohen
viele kleinere Schieferölproduzenten von
den großen Erdölkonzernen aufgekauft
zu werden. Dieser oft zyklische Konsoli-
dierungsprozess in der Erdölwirtschaft be-
deutet aber nicht, dass damit die gesamte
US-Schieferölwirtschaftvor dem Aus steht.
Allerdings führt der weitere Rückgang des
Erdölpreises auf derzeit 20-30 US-Dollar
dazu, dass nun selbst mittelgroße Unter-
nehmen nicht mehr wirklich profitabel ar-
beiten können, da diese einen Erdölpreis
von zumeist mehr als 40 US-Dollar pro
Tonne benötigen.
Zudem sind weitere spektakuläre Förderet-
fizienzgewinne und Kosteneinsparungen
bei der Schieferölproduktion nicht mehr
zu erwarten. April war der Ölpreis für das
Seichte, schwefelarme Rohöl aus Texas, das
mit realtiv geringem Aufwand raffiniert
und zu leichten Mineralölen, z.B. Benzin,
verarbeitet werden kann, auf dem ameri-
kanischen Markt sogar zeitweise auf einen
Negativ-Preis von fast minus 40,00 US-Dol-
lar gesunken. Damit nahm der Druck auf
US-Präsident Trump zu, diplomatischen
Einfluss vor allem auf den Verbündeten
Saudi-Arabien für eine neue Vereinbarung
zur Erdölförderbeschränkung zu nehmen.
So kritisierte er die saudische Ölpolitik mit
44 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK
Netto-Einkommen aus dem Ölverkauf für ausgesuchte Länder
den Worten: „Wir verteidigen ihre Indust-
rie, während sie unsere zerstören." Sowohl
Präsident Trump als auch Kongressabge-
ordnete drohten ultimativ mit dem Abzug
der US-Truppen aus Saudi-Arabien und
stellten damit sogar die 75-jährige bilate-
rale Sicherheitsallianz in Frage.
Gleichzeitig führte die US-Regierung wirt-
schaftliche Unterstützungsmaßnahmen
(wie Steuererleichterungen) ein und er-
möglichte es, 30 mb zusätzlich als strate-
gische Reserven einzu lagern sowie weitere
47 mb Einlagerungskapazitäten neu. Wenn
aber die globale Erdölnachfrage nicht wie-
der in den kommenden Monaten schnell
genug anzieht, dann wird sich dieses Inst-
rument schnell erschöpft haben.
Strategische Perspektiven
Auf den ersten Blick erscheint der Aus-
blick der Erdölwirtschaft noch immer
relativ positiv. Trotz des weltweiten Aus-
baus der Elektromobilität im Transport-
sektor gingen vor der Pandemie die Inter-
nationale Energie Agentur (IEA) und an-
dere globale Energieagenturen bis 2040
vorerst von einem weiteren Wachstum
auf zumindest 121 mb/d aus, da vor al-
lem die globale Nachfrage der petroche-
mischen Industrie die Verluste auf dem
weltweiten Transportsektor (der derzeit
40 Prozent der globalen Rohölnachfrage
ausmacht) mehr als kompensieren wird.
Allerdings könnten auch die weltwei-
ten Bemühungen zur Reduzierung des
Plastikmülls sowie die Recycling-Bemü-
hungen die Erdölnachfrage stärker ein-
brechen lassen. Die Internationale Ener-
gie Agentur geht davon aus, dass die
weltweite Ölnachfrage bis 2040 jedoch
auf 67 mb/d fallen müsste, um das Zwei-
Grad-Ziel der globaien Klimaerwärmung
zu erreichen. Fest steht vorerst allenfalls,
dass die künftige Rohölnachfrage und
Transformation des weltweiten Ener-
giesystems weniger von wirtschaftlichen
und technologischen Faktoren als von
politischen Vorgaben bestimmt wird. Für
2020 dürfte nach vorläufigen Prognosen
die weltweite Erdölnachfrage erstmals
um mehr als 10 mb/d gegenüber 101
mb/d in 2019 fallen.
Sowohl der erklärte Öl preiskrieg Saudi-Ara-
biens als auch Russlands gegenüber der
US-Schieferölindustrie haben das internati-
onale Umfeld und die weltwirtschaftlichen
Auswirkungen der Corona-Pandemie An-
fang März völlig unterschätzt. Inzwischen
ist die russische Führung unter Präsident
Putin vorerst vom ursprünglichen Optimis-
mus des Rosneft-Vorsitzenden Igor Set-
chins abgerückt, die US-Schieferölindustrie
nachhaltig ruinieren zu können. Zugleich ist
Präsident Putin auch gescheitert, die USA in
eine erweiterte OPEC+ langfristig einzubin-
den - auch wenn sich die US-Ölförderung
aufgrund der globalen Marktbedingungen
um mindestens 3 mb/d bis Ende des Jah-
res selbst verringert. Auf allen Seiten hat
sich inzwischen stattdessen die Erkenntnis
durchgesetzt, dass unter den derzeitigen
weltwirtschaftlichen Umständen ein ver-
längerter Ölpreiskrieg auf allen Seiten nur
Verlierer zurücklassen wurde. Auch Russ-
land kann nicht - wie propagandistisch
erklärt - einen derartigen Preiskrieg wirt-
schaftlich ohne größere Schäden überste-
hen, wie unabhängigere Experten in Mos-
kau bereits von Beginn an gewarnt hatten.
Die weltwirtschaftlichen Auswirkungen
der Doppelkrisen könnten vor allem aus
zwei Gründen verheerend sein:
• Politische Destabilisierung vieler Erd-
öl-Förderstaaten: Bis Anfang April
war der globale Erdölpreis um rund
zwei-Drittel auf unter 20 US-Dollar
gefallen. Für mehr als die Hälfte der
OPEC-Staaten machen Rohölexporte
mehr als 60 Prozent ihrer Staatsein-
nahmen aus. Da der fiskalische Break-
even-Preis für deren Staatshaushalte
zumeist über 60 US-Dollar pro Fass für
2020 liegt, haben diese Petrostaaten
mit einem dramatischen Einnahmeaus-
fall bei ihren Erdölexporten zu kämp-
fen. So ist die Mehrheit dieser Staaten
wirtschaftlich weiterhin zu sehr von die-
sen Exporten abhängig, und ihre Wirt-
schaften sind bisher nicht stärker diver-
sifiziert. Dies gilt derzeit insbesondere
für Algerien, Irak, Nigeria, Angola und
Kasachstan. Andere Erdöiexporteure
wie Iran und Venezuela haben ohnehin
wirtschaftlich zu kämpfen, zumal sie
mit internationalen Sanktionen belegt
sind. Iran benötigt sogar einen Ölpreis
von 195 US-Dollar für seine öffentli-
chen Ausgaben, zumal seine Ölexporte
aufgrund der US-Sanktionen ohnehin
stark gefallen sind. Trotz aller Apelie
und eigener Wirtschaftsinitiativen ist
die Diversifizierung der Ökonomien der
meisten OPEC-Staaten trotz der welt-
weiten Bemühungen um Klimaschutz
und Dekarbonisierung nicht wirklich
vorangekommen. Die Internationale
Energie Agentur hat die Einnahme-
verluste der besonders verwundbaren
Förderländer Mitte März auf bis zu 85
Prozent beziffert. Dies könnte auch den
Interessenantagonismus zwischen den
13 OPEC-Mitgliedern weiter verschär-
fen und zu einer Teilung der Organisa-
tion führen.
• Aufkauf privater westlicher Erdöl unter-
nehmen: Weltweit wird die Ölindustrie
dieses Jahr eine Billion US-Dollar an
Einnahmen (-40 Prozent, d. h. 2019
insgesamt: 2,47 Bill. US-Dollar) verlie-
ren. Ohne massive Stützung der ohne-
hin geschwächten europäischen und
internationalen Erdölindustrie könnte
diese nach Ende der weltweiten Pan-
demie Ziel einer verstärkten Übernah-
me von staatlichen chinesischen und
arabischen Staatsunternehmen wer-
den. In deren Folge könnte der welt-
weite wirtschaftliche Wettbewerb in
der Erdölindustrie massiv schwinden,
die Ölimportdiversifizierung verringern
und mittelfristig - trotz derzeit gegen-
läufiger Entwicklungen bei der globa-
len Nachfrage-höhere Erdölpreise zur
Folge haben. Dies könnte deutlich grö-
ßere geopolitische Folgen haben als je-
ne infolge der globalen Finanzkrise von
2008. Einmal mehr würden sich damit
auch historische Erfahrungen und Leh-
ren wiederholen, dass häufig größere
weltweite Krisen zu einer Beschleuni-
gung von ohnehin bereits erkennba-
ren strategischen Megatrends globaler
Machtverschiebungen führen.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 45
SICHERHEIT & POLITIK
INSTEX: Lichtblick am dunklen
Corona-Himmel des Iran?
Heino Matzken
Die Kündigung des Nuklearabkommens mit dem Iran durch die USA und die anschließend wieder
aufgenommene Sanktionspolitik hat den Iran vor immense Probleme gestellt.
ber auch die Firmen in den west-
lich orientierten Staaten litten un-
ter der Sanktionspolitik der USA,
zumal die USA Sanktionen auch über
solche Firmen verhängten, die dennoch
mit dem Iran Geschäfte machten. Mit ei-
ner Agentur versuchten die Staaten, die
an dem Abkommen festhalten wollten,
dem Iran und der westlichen Wirtschaft
zu helfen. Nun hat die Corona-Krise das
Regime vor noch größere Probleme ge-
stellt.
Corona macht keinen Unterschied zwi-
schen Demokratien im westlichen Sinn,
Diktaturen oder Autokratien. So sieht
sich auch das Mullah-Regime in Teheran
vor einer gesundheitlichen und gesamt-
gesellschaftlichen Herausforderung, die
seinen Rückhalt im Volk weiter auf die
Probe stellt. Die westlichen Sanktionen
wegen des nationalen Atomprogramms,
der Absturz des Ölpreises und das stei-
genden soziale Aufbegehren unter den
über 80 Millionen Einwohnern des Iran
setzt die Regierung unter Premierminister
Hassan Rohani unterZugzwang.
Da kommt die Meldung aus Europa wie
gerufen. Ein besonderer Wirtschafts-
vertrag - klein, aber richtungsweisend
- versprüht ein Fünkchen Hoffnung für
das nicht nur ökonomisch gebeutelte
Land! Zum ersten Mal nutzten im März
die Bundesrepublik Deutschland, Groß-
britannien und Frankreich den sogenann-
ten INSTEX-Mechanismus. Die vor einem
Jahr eingerichtete europäische Agentur
soll eine Möglichkeit für Unternehmen
bieten, die Sanktionen zu umgehen,
die nach der einseitigen Kündigung des
Atom-Abkommens durch die USA ver-
Heino Matzken beschäftigt sich
mit dem Nahen Osten. Er ist Autor
des Buchs „Ewiger Krieg rm Nahen
Osten - Konsequenz verkorkster
Staatengründung".
INSTEX - die Zweckgesellschaft kann helfen, das Atomabkommen mit
dem Iran zu retten
schärft wurden. So liefern nun die drei
EU-Länder im Rahmen des „Instruments
zur Unterstützung von Handelsaktivi-
täten" (Instrument in Support of Trade
Exchanges, INSTEX) medizinisches Gerät
in den Iran. Mit einem Auftragsvolumen
von einer Million Euro erscheint der Han-
del zwar gering. Doch sehen einige darin
das Potential für einen Wiederausbau der
Beziehungen zwischen den Partnern.
Mit der Zweckgesellschaft in der franzö-
sischen Rechtsform der SAS (Societe par
actions simp ifiee, also eine vereinfachte
Aktiengesellschaft)-so ist dieses „Instru-
ment zur Unterstützung von Handelsakti-
vitäten konstruiert worden - beabsichtig-
ten die sogenannten „E3"(Deutschland,
Frankreich, Großbritannien) das Atom-
abkommen vom Juli 2015 zu retten. Nach
der einseitigen Kündigung durch Wa-
shington im Mai 2018 und den sich ver-
schärfenden Spannungen am Golf sollte
diese Agentur „eine langfristig tragfähi-
ge Lösung für den rechtmäßigen Handel
zwischen Europa und Iran gewährleis-
ten". Angesichts der im Atomabkommen
vereinbarten, aber dann ausbleibenden
wirtschaftlichen Vorteile für das Land am
Golf war auch Teheran von seinen Ver-
pflichtungen des Abkommens abgerückt
- so z.B. der Nicht-Inbetriebnahme der
Urananreicherungsanlage in Fordo. Die
europäischen Partner wollten die Verein-
barung und damit den Frieden in der Re-
gion jedoch so leicht nicht aufgeben und
lösten deshalb im Januar 2020 den im
Vertrag etablierten Streitschlichtungsme-
chanismus aus- leiderohnesignifikanten
Erfolg. Der US-amerikanische Druck im
„Atom-Poker" wuchs kontinuierlich und
zeigte Wirkung. Großunternehmen wie
Total, Airbus und Renault schlossen be-
reits erwartete Aufträge mit Teheran aus
Furcht vor wirtschaftlichen Nachteilen im
Handel mit den USA nicht ab.
Doch Paris, London und Berlin waren
nicht gewillt, das lange verhandel-
te, komplizierte aber hoffnungsvolle
Atom-Abkommen leichtfertig wieder
„sterben" zu lassen. So starteten sie
gemeinsam mit dem im Januar 2019
gegründeten INSTEX-Mechanismus den
„großen" europäischen Versuch, das
Abkommen zu retten. Gleichzeitig sa-
hen sie dies als einen „kleinen" Schritt
in Richtung Unabhängigkeit gegenüber
46 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
dem nordatlantischen Partner. INSTEX
sollte den Zahlungsverkehr bei Iran-Ge-
schäften abwickeln und so Firmen vor
drohenden US-Sanktionen schützen,
Die neue Agentur ist diplomatisch tri-
lateral aufgestellt. Sie hat ihren Sitz in
der Rue de Bercy 139 in Paris, ein Brite
ist der Manager, und mit Michal Bock
fungiert ein Deutscher als Präsident. Der
ehemalige Botschafter der Bundesrepu-
blik Deutschland in Kairo und jetzige
Pensionär verfügt über eine fundier-
te Nah-Ost-Erfahrung. Der 66-jähirge
Bock folgte im Amt des Präsidenten
dem deutschen Per Fischer. Der ehema-
lige Manager der Commerzbank hatte
den Posten nach sechs Monaten aufge-
geben. Vervollständigt wird die Führung
von INSTEX durch den Aufsichtsrat be-
stehend aus Ministerialbeamten der drei
Außenministerien. Ende November 2019
traten mit Belgien, Dänemark, Finnland,
Niederlande, Norwegen und Schweden
sechs weitere Staaten der Agentur bei.
Ziel ist neben der Möglichkeit von Han-
del zwischen dem Iran und dem Wes-
ten, das Mullah-Regime zur Einhaltung
des Atomabkommens zu bewegen. Die
„Furcht" vor den US-Sanktionen und
Drohungen ließ und lässt jedoch ver-
ständlicherweise einige Partner sehr zu-
rückhaltend vorgehen.
Nach über einem Jahr kam es nun end-
lich zum ersten Vertrag - ein substantiel-
ler Fortschritt. Teheran erhielt über diese
Transaktion medizinische Ausrüstung.
Nun gilt es für die Gesellschaft mit ihrer
iranischen Spiegelorganisation STFI (Speci-
al Trade and Finance Institute) an weiteren
Transaktionen zu arbeiten und den Mecha-
nismus weiter zu entwickeln. Im Zuge der
Corona-Krise erhielt das Land am Per-
sischen Golf medizinisches Gerät oder
finanzielle Unterstützung über INSTEX,
aber auch aus China, Japan, Katar und
Russland. Darauf ließ das Außenministe-
rium verlauten, dass „die iranische Regie-
rung und Bevölkerung in Zeiten der Not
ihre Freunde niemals vergisst".
Von Not kann man in der Islamischen
Republik aktuell mit Fug und Recht spre-
chen. Mit offiziell über 90.000 Infizierten
und bereits fast 6.000 Verstorbenen -
die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher
liegen - gehört sie zu den am stärksten
betroffenen Ländern in der Region. Das
Gesundheitssystem ist völlig überlastet.
Da wiegt die wirtschaftliche Krise im öl-
reichen Land am Persischen Golf beson-
ders schwer.
Ob INSTEX diesen Niedergang auffan-
gen kann, ist zu bezweifeln. Die schar-
fen Sanktionen gegen den Iran betref-
fen formal gesehen nicht medizinische
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Europäische Sicherheit & Technik
Europäische Sicherheit • Strategie & Technik
59. Jahrgang ISSN 2193-746X
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Titelfotos: Bundeswehr (3), Sikorsky (1)
SICHERHEIT & POLITIK
Güter. Doch kann der Iran praktisch
keine entsprechenden Waren auf dem
internationalen Markt kaufen, da auf der
einen Seite die erhofften Öleinnahmen
einbrachen und auf der anderen Seite
Banken kaum bereit sind, Geschäfte mit
dem Mullah-Regime abzusichern. 2018
Der iranische Präsident Hassan Rohani kann derzeit nicht mit Geldern
aus dem Ölverkauf rechnen
förderte der Iran noch 2,5 Millionen Bar-
rel Öl am Tag. Heute ist diese Quote auf
unter 500.000 gesunken. Preisverfall und
die Tatsache, dass der Verkauf häufig auf
„inoffiziellen" Wegen erfolgen muss
(China ist derzeit der größte Kunde und
Nutznießer!), tun ihr Übriges. Nachdem
die letzten Ausnahmegenehmigungen
der USA für acht ölimportierende Staaten
(unter ihnen Italien und Griechenland) im
Mai 2019 endeten, hat die Rohani-Regie-
rung für den Haushalt 2020 keine Ölein-
nahmen mehr eingerechnet.
INSTEX hätte eine Linderung bedeuten
können. In dessen Zuge kündigte Frank-
reichs Präsident Emmanuel Macron Anfang
September 2019 einen Kredit von 15 Milli-
arden Dollar auf Basis zukünftiger Ölliefe-
rungen an. Doch der Angriff von Marsch-
flugkörpern und bewaffneten Drohnen auf
die saudischen Ölfelder Abqaiq und Churais
im gleichen Monat machte dem Ansinnen
einen Strich durch die Rechnung. Die meis-
ten Staaten - so auch die INSTEX-Gründer
Frankreich, Deutschland und Großbritanni-
en - beschuldigten den Iran und bezwei-
felten eine Verwicklung der jemenitischen
Houthis im Süden, da die Flugkörper aus
nördlicher Richtung in den saudischen
Luftraum eingedrungen waren. US-Fmanz-
minister Steven Mnuchin erließ umgehend
Sanktionen gegen Irans Zentralbank und
Staatsfonds. Ein möglicher französischer
Kredit hatte sich somit erübrigt.
Insgesamt stehen die Vorzeichen für das
Funktionieren von INSTEX also nicht gut.
Nach der starken Einschränkung von
Bankaktivitäten und Finanztransfers blei-
ben eigentlich nur noch Tauschgeschäfte.
Wer Teppiche aus dem Iran importiert,
zahlt nicht den Lieferanten, sondern IN-
STEX. Die Agentur gleicht mit dem Geld
die Rechnung eines anderen Lieferanten
für z.B, Krebsmedikamente aus. So fließt
zwischen Iran und Europa kein Geld. Um
die USA nicht zu verärgern, beschränkt
sich INSTEX auf den Handel mit huma-
nitären Gütern wie Medikamenten, Me-
dizinprodukten und Nahrungsmitteln.
Diese stehen jedoch ohnehin nicht auf
den US-Sanktionslisten. Doch der Iran hat
im Gegenzug außer dem schwarzen Gold
mit Perserteppichen und Pistazien wenig
anzubieten. Die Europäer exportierten
vier Mal mehr in den Iran als von dort
zurückkehrt.
Um die Rolle der Handelsgesellschaft
INSTEX zu stärken, wäre das Auftreten
als Warenvermittler denkbar. So könnte
Teheran eigene Medizintechnik, die für
den Westen nicht geeignet ist, nach Af-
rika verkaufen und im Gegenzug dafür
westliche Produkte erhalten.
Doch insgesamt drückt die Angst vor
Konsequenzen der US-Sanktionen be-
sonders das Engagement westlicher Un-
ternehmen. So ist es keine Überraschung,
dass der deutsch-iranische Handel in
2019 um knapp die Hälfte auf nur noch
rund 1,5 Milliarden Euro gesunken ist.
Das erste INSTEX-Geschäft kann zwar
als Licht im Tunnel bewertet werden. Es
wird aber kaum zur Rettung des Mul-
lah-Regimes führen. Zu stark belasten
auch andere Problerne die Akzeptanz der
Rohani-Regierung, so z.B. die Wasser-
knappheit. Nach einem Einbruch derNie-
derschläge um 25 Prozent im Jahr 2019
fehlt das „blaue" Gold sowohl für die
Energiegewinnung - und somit Strom-
exporte ins Nachbarland Irak - sowie
für die Weizenproduktion. Seit 2018 hat
sich Teheran zum Weizenexporteur ge-
mausert und ist auf diesem Feld autark.
Eine engere Zusammenarbeit mit Russ-
land hinsichtlich der Wasserressource im
Kaspischen Meer ist daher unabwend-
bar. Bereits heute existiert eine militä-
rische Kooperation der beiden Staaten
nicht nur im Syrien-Konflikt, die droht,
sich zu verstärken. So strebt Moskau
den Zugang seiner Streitkräfte zum Ha-
fen in Bandar und somit einen weiteren
Schritt in Richtung warme Gewässer
an. Gleichzeitig sollen Landerechte für
Kampfflugzeuge in der gleichen Regi-
on folgen. Russland beabsichtigt auch
die Errichtung eines U-Boot-Hafens in
Chabahar. Derzeit verbietet die iranische
Verfassung jedoch die Stationierung
ausländischer Truppen im eigenen Land.
Doch schon 2016 kam es zu einer tem-
porären Anwesenheit russischen Militärs
im Zuge von Angriffen auf die Gegner
des syrischen Assad-Regimes. Der Arm
des russischen Bären greift stärker denn
je in den Persischen Golf!
Eine Verbesserung der Beziehungen des
Westens zum Iran könnte eventuell auch
das strategische Vorrücken Moskaus im
Nahen Osten verlangsamen. Ohne ein-
deutige Rückendeckung durch die eu-
ropäische Führung wird INSTEX jedoch
auch nach seinem ersten abgeschlosse-
nen Vertrag seine Rolle nicht entschei-
dend stärken. Wahrscheinlicher ist, dass
die Agentur nach einem einjährigen Dorn-
röschenschlaf und kurzem Erwachen zu-
rückfallen wird in eine eher symbolische
und politische Rolle. Ob die europäische
Agentur INSTEX mit dieser ersten Transak-
tion letztendlich das Atomabkommen ret-
tet und dann auch indirekt den russischen
Einfluss in der Region zurückdrängt, bleibt
abzuwarten.
48 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
GESCHICHTE AKTUELL
Der Koreakrieg und seine Folgen
Hanns Günther Hilpert
Am 25. Juni 1950, vor nunmehr 70 Jahren, überschritten nordkoreanische Truppen die Grenze zu Südkorea
am 38. Breitengrad. Die national-kommunistische Regierung in Pjöngjang unter der Führung des charisma-
tischen Kim ll-sung verfolgte das Ziel, ganz Korea durch einen militärischen Gewaltakt wieder zu vereinen.
Der Plan sollte scheitern. Vielmehr zementierte der über drei Jahre mit hohen Verlusten unter der Zivilbe-
völkerung erbittert ausgefochtene Krieg die Teilung der Koreanischen Halbinsel. Bis zum heutigen Tage ist
der Kriegszustand nicht beendet. Der ungelöste Korea Konflikt bleibt die große ungelöste sicherheitspoliti-
sche Frage Nordostasiens.
hünf Jahre vorher, 1945, war Korea
nach Japans Niederlage im Zweiten
Weltkrieg im Norden von der UdSSR,
im Süden von den USA besetzt worden.
Der ursprüngliche Plan einer gemeinsamen
Treuhandverwaltung und der anschließen-
den Entlassung Koreas in die staatliche
Unabhängigkeit scheiterte am aufziehen-
den Ost-West-Konflikt, so dass 1948 sich
jeweils ein Südstaat, die Republik Korea
(RK), und ein Nordstaat, die Demokratische
Volksrepublik Korea (DVRK) konstituierten.
Beide Staaten beanspruchten (und bean-
spruchen) die Vertretung ganz Koreas für
sich.
Aufgrund ihrer Überlegenheit in Truppen-
stärke und Material war die mit Rücken-
deckung Stalins und Maos durchgeführte
Invasion des Nordens zunächst sehr erfolg-
reich. Nur drei Tage nach Beginn der Inva-
sion fiel Südkoreas Hauptstadt Seoul. Nach
40 Tagen befand sich der Süden, mit Aus-
nahme des ca. 225 km umfassenden Bu-
san-Perimeters, im äußersten Südosten der
Halbinsel gelegen, in der Hand des nord-
koreanischen Militärs. Es ist allein der In-
tervention der USA zu verdanken, dass ein
totaler Sieg des Nordens und die gewaltsa-
me Wiedervereinigung unter kommunisti-
scher Regie verhindert wurden. Bereits am
Tag des Kriegsbeginns, am 25. Juni, hatte
der UN-Sicherheitsrat in der Resolution 82
den Angriff Nordkoreas scharf verurteilt.
Am 31. Juli autorisierte die Resolution 85
ein militärisches Eingreifen der UN. Beide
Resolutionen fanden unter Abwesenheit
der Sowjetunion, aber mit Zustimmung
Dr. rer. pol.Hanns Günther Hilpert
ist Forschungsgruppenleiter der For-
schungsgruppe Asien bei der Stiftung
Wissenschaft und Politik, SWR
Fotos: U.$. Army
Die 24. Infanteriedivision war der erste amerikanische Verband, der bei
Osan angelandet wurde und mit der Rückeroberung von Südkorea begann
Chinas statt, damals vertreten durch die
in Taiwan residierende nationalchinesische
Regierung.
Die Landung US-amerikanischer Truppen
in Incheon an der Westküste der Halbinsel
brachte eine Wendung. Die Truppen Süd-
koreas, der USA und die mit ihnen verbün-
deten UN-Kontingente aus 15 Ländern (un-
ter anderem Großbritannien, Frankreich,
Kanada, Australien, Neuseeland, Belgien,
die Niederlande) eroberten schnell und
entschlossen den Süden zurück. Nach kur-
zem Zögern entschied die amerikanische
Regierung unter Präsident Truman, ihrer-
seits den 38. Breitengrad zu überschreiten,
um nunmehr militärisch eine Wiederverei-
nigung unter südkoreanischer Führung zu
erzwingen. Dieser Schritt war aber nicht
von den UN-Resolutionen gedeckt.
Die Attacke aus dem Süden veranlasste
die gerade erst ein Jahr vorher gegrün-
dete Volksrepublik China, in die Kämpfe
einzugreifen. China sah in einem westlich
und kapitalistisch ausgerichteten vereinten
Korea eine militärische Bedrohung seiner
nordöstlichen Landesteile (Mandschurei),
wollte aber nicht offen die USA konfrontie-
ren. Statt der Volksbefreiungsarmee traten
daher chinesische „Freiwilligenverbände"
am 19. Oktober 1950 in den Krieg ein. Die
nahezu 500.000 Mann zählenden chine-
sischen Truppen, unterstützt durch sow-
jetische Jagdflieger in nord koreanischer
Uniform, brachten im Winter 1950/51
Amerika mehrere schwere Niederlagen bei.
Sie überschritten ihrerseits den 38. Brei-
tengrad und konnten am 3. Januar 1951
abermals Seoul einnehmen. Erst im Fruh-
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 49
Online-Dienst
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Das 452. leichte Bombengeschwader bombadiert 1950 südlich von
Wonsan in Nordkorea, einer Hafenstadt an der Ostküste, Eisenbahn-
waggons mit Napalm
jahr 1951 gelang den verbündeten Truppen
Südkoreas und Amerikas eine Rückerobe-
rung. Anschließend verfestigte sich die
Frontlinie um den 38. Breitengrad. Es folgte
ein verlustreicher, zwei Jahre anhaltender
Stellungskrieg, während auf der diploma-
tischen Ebene um die Bedingungen eines
Waffenstillstandes gerungen wurde.
Am 27. Juli 1953 wurde schließlich im
Grenzort Panmunjon ein Waffenstillstands-
abkommen geschlossen. Unterzeichner
waren die Demokratische Volksrepublik
(Nord)Korea, die Volksrepublik China und
die durch die USA repräsentierten Verein-
ten Nationen, nicht aber die Republik Ko-
rea (Süd). Das Waffenstillstandsabkommen
bestätigte den 38. Breitengrad als Grenze
zwischen Nord- und Südkorea und legte
eine vier Kilometer breite entmilitarisier-
te Zone (DMZ) entlang der Grenze fest.
Zur Umsetzung des Abkommens und zur
Verwaltung der entmilitarisierten Zone
wurde eine Waffenstillstandskommissi-
on eingesetzt. Für die laufende Kontrolle
und Inspektion der Zone entstand eine aus
neutralen Nationen bestehende Überwa-
chungskommission mit der Schweiz und
Schweden auf der südlichen, Polen und der
Tschechoslowakei auf der nördlichen Seite.
Der Krieg hatte schätzungsweise mehr als
vier Millionen Menschen das Leben ge-
kostet. Infrastruktur und Industrieanlagen
Koreas waren komplett zerstört. Etwa 1,5
Millionen Menschen flohen aus dem Nor-
den in den Süden. Durch den Krieg ausein-
andergerissene Familien blieben dauerhaft
getrennt. Als Folge des Krieges blieb ein
vehementer Antikommunismus im Süden,
ein heftiger Antiamerikanismus im Norden
und angesichts des furchtbaren Krieges
in ganz Korea ein Gefühl der Ohnmacht
und eine tiefe Verbitterung gegenüber
den am Krieg beteiligten Großmächten.
Die im Waffenstillstandsabkommen vorge-
sehenen Friedensgespräche sollten 1954
scheitern. Selbst eine Normalisierung der
innerkoreanischen Beziehungen konnte bis
heute nicht erreicht werden.
Vorgezeichnet durch die weltpolitische Si-
tuation und ihre gegensätzlichen Ideolo-
gien schlugen der Norden und der Süden
nach dem Krieg gänzlich unterschiedliche
Entwicklungspfade ein:
Südkorea wurde zunächst zu einem auto-
ritär geführten Staat mit einem kapitalis-
tischen Wirtschaftssystem. Mit den USA
schloss die Republik (Süd-)Korea 1954
einen bilateralen Sicherheitsvertrag, der
dem Land militärischen Beistand und damit
auch Souveränität und territoriale Integri-
tät garantierte. Umgekehrt sollte Südkorea
später die USA sowohl im Vietnamkrieg
als auch im zweiten Irakkrieg mit eigenen
Truppenkontingenten unterstützen. In den
1960er Jahren setzte im Süden ein dynami-
scher Industrialisierungsprozess ein, derder
Bevölkerung einen zunehmenden Wohl-
stand bescherte und das Land zu einer
der weltweit führenden Wirtschaftsmäch-
te und aufgrund seines wirtschaftlichen
und technologischen Potenzials zu einem
für Drittstaaten attraktiven Partnerland
werden ließ. Als Mitgliedsland der asia-
tisch-pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft
APEC, der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung OECD
und der G 20 ist die Republik Korea fest
in das internationale Staaten- und Wirt-
schaftssystem eingebunden. Ende der
1980er Jahre begann ein erfolgreicher po-
litischer Demokratisierungs- und Transfor-
mationsprozess. Heute genießt Südkoreas
Präsidialdemokratie aufgrund der Stärke
seiner demokratischen Institutionen, seiner
Rechtsstaatlichkeit und seiner Zivilgesell-
schaft weltweit Ansehen und Sympathie.
In Nordkorea entstand nach sowjetischem
Vorbild ein sozialistisches Staats- und Wirt-
schaftssystem. Während sich aber in der
Sowjetunion das politische Leben in den
1950er Jahren im Zuge der Entstalinisie-
rung zunehmend ziviler gestaltete, ent-
stand in Nordkorea ein totalitäres System,
in dem der Staat seinen in alle Lebensberei-
che hineinreichenden absoluten Machtan-
spruch mit einer wirkmächtigen Ideologie
50 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
GESCHICHTE AKTUELL
Im Grenzort Panmunjon, wo 1953 das Waffenstillstandsabkommen ge-
schlossen wurde, trafen sich vor zwei Jahren die Präsidenten von Nord-
und Südkorea Kim Jong-un und Moon Jae-in, trotzdem verbesserte sich
das Verhältnis beider Staaten kaum
(Juche), einem nahezu lückenlosen Infor-
mationsmonopol, allgegenwärtiger politi-
scher Propaganda und willkürlichem Terror
unbedingt durchsetzt. Der bis 1994 herr-
schende „Große Führer" Kim ll-sung wird
bis heute in einem religiös anmutenden
Personenkult verehrt. In dynastische Thron-
folge nahmen bzw. nehmen sein Sohn Kim
Jong-il (1994 bis 2011) und sein Enkel Kim
Jong-un (seit 2012) in ähnlicher Weise eine
gottkönigartige Rolle ein. Kim ll-sung ver-
stand es geschickt, vor dem Hintergrund
der sowjetisch-chinesischen Rivalität die Ei-
genständigkeit Nordkoreas zu wahren. So
wurden sowohl 1961 mit China ein bis heu-
te gültiger Bündnisvertrag geschlossen als
auch 1967 ein Verteidigungsabkommen mit
der Sowjetunion, das 1990 aufgelöst wurde.
Statt sich allein auf den militärischen Bei-
stand der Verbündeten zu verlassen, er-
strebte Nordkorea von Anfang an den
Aufbau einer unabhängigen schlagkräfti-
gen Armee. So wurde Nordkorea anders
als etwa die Warschauer-Pakt-Staaten Mit-
tel- und Osteuropas nie zu einem von der
Sowjetunion abhängigen Satellitenstaat.
Zur militärischen Abschreckung (vor allem
der USA) und der militärischen Bedrohung
(vor allem Südkoreas) unterhält Nordkorea
eine überdimensionierte konventionelle Ar-
mee und entwickelte seit den 1960er Jah-
ren Kurz- und Mittelstreckenraketen und
Massenvernichtungswaffen.
Die außen- und sicherheitspolitische Auto-
nomie Nordkoreas in Verbindung mit der
innenpolitischen Überlebensfähigkeit des
Regimes sind letzthin dafür verantwortlich,
dass hier nach Ende des Kalten Krieges kein
politischer Systemwechsel erfolgte und
auch kein ökonomischer Transformations-
prozess stattfand. Die Isolation Nordkoreas
und der Verzicht auf ökonomische Refor-
men hatten auch zur Folge, dass im Laufe
der 1990er Jahre das Land verarmte und
eine furchtbare Hungersnot durchstehen
musste. Auf der Koreanischen Halbinsel
traten mit dem Ende des Kalten Krieges
- anders als in Europa - weder eine poli-
tische Entspannung noch - anders als in
Deutschland - eine Wiedervereinigung der
zwei getrennten Staaten ein. Im Gegen-
teil: Die deutsche Einheit veranlasste das
Regime in Pjöngjang, ihre Abgrenzungspo-
litik, ihre systembefestigende Propaganda
und ihre militärische Aufrüstung nur noch
weiter zu intensivieren. Auch nach dem
innerkoreanischen Grundlagenvertrag von
1992 und den innerkoreanischen Gipfelt-
reffen der Jahre 2000 (Kim Dae-jung und
Kim Jong-il), 2007 (Roh Moo-hyun und
Kim Jong-il) und 2018 (Moon Jae-in und
Kim Jong-un) bleiben die Beziehungen
zwischen den beiden koreanischen Staaten
zutiefst antagonistisch.
Die politischen und ideologischen Systeme sind
unvereinbar. Wirtschaftlich trennen Nord und
Süd Welten. Der Eiserne Vorhang am 38. Brei-
tengrad trennt Nord- und Südkorea heute ge-
nauso wie in den vergangenen siebzig Jahren.
Nach dem Wegfall der sowjetischen Bei-
standsgarantie setzte das Regime zur Wah-
rung der nationalen Souveränität und des
totalitären Systems auf eine eigene nukleare
Bewaffnung. Die Demokratische Volksre-
publik (Nord)Korea wurde zum ersten und
bislang einzigen Staat, der aus dem Nuklea-
ren Nichtverbreitungsvertrag (NW) und der
Internationalen Atomenergieorganisation
(IAEO) austrat. Nach mehrmaligen Kernwaf-
fentests (2006, 2013, 2016, 2017) und dem
erfolgreichen Test zweier Interkontinentalra-
keten 2017 reicht Nordkoreas nukleare Be-
drohung inzwischen bis nach Nordamerika
und Europa.
Weder militärische Drohungen der USA
noch internationale Sanktionen der UN oder
ökonomische Anreize der Internationalen
Gemeinschaft bzw. bilateral von China ha-
ben das Regime von seiner nuklearen und
ballistischen Aufrüstung abbringen können.
In drei Nuklearkrisen (1992 bis 1994, 2002
bis 2007, seit 2017) scheiterten die US-Präsi-
denten Clinton, Bush jun. und Trump mit sehr
unterschiedlichen Ansätzen am nuklearen
Behauptungswillen Nordkoreas. Pjöngjang
weiß, dass jedem Versuch Amerikas, eine
nukleare Abrüstung militärisch zu erzwin-
gen, unkalkulierbar hohe militärische und
politische Risiken entgegenstehen. Denn
Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt nur 50 km
südlich der Demarkationslinie am 38. Breiten-
grad und damit in unmittelbarer Reichweite
der nord koreanischen Artillerie. Nordkoreas
Kurzstreckenwaffen decken zudem das ge-
samte Territorium Südkoreas wie auch große
Teile Japans ab. Auch ist schwer vorstellbar,
dass Peking dem Versuch eines Regimestur-
zes in Pjöngjang tatenlos zusehen würde.
Bis auf Weiteres bleibt eine Lösung des Nord-
koreakonflikts mit seinen sich überschnei-
denden Problembereichen unwahrschein-
lich. Auf der humanitären Ebene verletzt das
Regime anhaltend und massiv das Recht der
Menschen Nordkoreas auf em sicheres und
gutes Leben. Zweitens ist der Teilungskonflikt
zwischen Nord und Süd ungelöst, drittens
bedrohen Nordkoreas Raketen und Massen-
vernichtungswaffen Länder und Regionen
auch jenseits der Halbinsel. Und viertens
unterminieren die fortgesetzten schweren
Verletzungen multilateraler Regelwerke die
Effektivität und Legitimität internationaler
Ordnungsstrukturen, insbesondere das nuk-
leare Nichtverbreitungsregime.
In der gegenwärtigen dritten Nuklearkrise
ist es zwar nach den persönlichen Treffen
zwischen Kim Jong-un und US-Präsident
Donald Trump auf den Gipfeln von Singa-
pur, Hanoi und Panmunjon zu einer gewis-
sen Entspannung gekommen. Aber in der
Substanz sind sich beide Seiten jenseits der
sehr allgemein gehaltenen Verständigung
auf eine „Denuklearisierung" nicht näher-
gekommen. Unklar ist, was unter Denukleri-
sierung überhaupt zu verstehen ist, wie und
in welcher Reihenfolge nukleare Abrüstung
und Sanktionserleichterungen vorzuneh-
men sind, wie die Beziehungen zwischen
Nordkorea und den USA ausgestaltet sein
sollten und wie ein regionales Friedensregi-
me Nordostasien aussehen wird.
In Ermangelung diplomatischer Fortschrit-
te setzt das Regime aber die Entwicklung
seiner ballistischen und nuklearen Angriffs-
waffen unverdrossen fort. Bereits haben
Nordkoreas Militärs neue straßenmobile
Abschussfahrzeuge und Feststoffraketen
getestet und sie experimentieren mit dem
Abschuss von seegestützten Raketen von
Unterseebootplattformen. Vor diesem Hin-
tergrund ist es nicht unwahrscheinlich, dass
das Regime, ohnehin durch UN-Sanktionen
und die Corona-Weltrezession stark unter
Druck, sein selbst auferlegtes Moratorium
für Nuklear- und Interkontinentalraketen-
tests wieder aufhebt. Neuerliche Tests
würden eine neue Runde im Nuklearpoker
Nordkoreas einiäuten. Den Zeitpunkt für
diese Auseinandersetzung kann Pjöngjang
bestimmen.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
51
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
Neuer Schwerpunkt ist die Befähigung
zu amphibischen Operationen und
Kampf im maritimen Umfeld
Interview mit dem Kommandeur der EJnsatzflottille 1,
Flottillenadmiral Christian Bock, über den Verlauf der
deutsch-niederländischen Kooperation bis heute und die
Zukunft des Seebataillons
Aktuell befindet sich das niederländische
Joint Support Ship „Karel Doorman" in
der Karibik, um humanitäre Hilfe im Zu-
sammenhang mit der Corona-Pandemie
zu leisten. Das amphibische Mehrzweck-
schiff hat eine besondere Verbindung
zum Seebataillon und damit auch zur
Einsatzflottille 1 in Kiel. Denn das Schiff
ist Teil der niederländisch-deutschen
Marinekooperation, und es wird seit
2016 formell von beiden Streitkräften
gemeinsam genutzt. Bei der Unterzeich-
nung des Letter of Intent zwischen bei-
den Staaten sagte die damalige Bundes-
ministerin der Verteidigung Ursula von
der Leyen: „Wir legen heute zugleich
einen Grundstein für einen Leuchtturm
innerhalb der maritimen Kooperation.
Wir werden dazu das Seebataillon der
Deutschen Marine in die Königlich Nie-
derländische Marine integrieren. Beide
zusammen werden das niederländische
Schiff nutzen. In meinen Augen ist das
ein Musterbeispiel für den Aufbau einer
europäischen Verteidigungsunion, was
wir heute erleben.“
ES&T: Herr Admiral, vor dem Hinter-
grund dieser politischen Absichtserklä-
rungen aus dem Jahre 2016: Wo stehen
wir heute und wie steht es um die Koope-
ration in der Praxis?
Bock: Obwohl das Seebataillon erst 2014
aufgestellt wurde, kann ich heute bereits
mit einem gewissen Stolz behaupten,
dass sich der Verband stark weiterentwi-
ckelt und sich zu Recht einen tollen Ruf
innerhalb der Marine und bei den inter-
nationalen Partnern erarbeitet hat. Die
Kooperation läuft gut. Ich denke da an
die gemeinsameTeilnahme mit dem Korps
Mariniers an der Amphibious Task Group
2020 als Teil der NATO Response Force.
Das Seebataillon beteiligt sich dort aktuell
mit einer verminderten Kompanie, inklusi-
ve Unterstützungs- und Kampfunterstüt-
zungskräften. Hervorzuheben ist natürlich
auch der gemeinsame Katastrophenhil-
fe-Einsatz auf den Bahamas im Zuge des
Hurrikans Dorian im September 2019. Wir
haben zudem viele Ausbildungsvorhaben
zusammen bestritten, etwa das arktische
Wintertraining in Norwegen, bei dem
niederländische und deutsche Marine-
infanteristen über Wochen Seite an Seite
unter widrigsten Bedingungen zusammen
gekämpft und gelitten haben. Regelmä-
ßig schicken wir Seesoldaten zu Manövern
in niederländische Gefechtsstände oder
Stäbe. Und wir haben vergangenes Jahr
zwei deutsche Marineinfanterieoffiziere
dauerhaft in die Niederlande versetzt.
Ein Stabsoffizier arbeitet mittlerweile im
Führungsstab der Netherlands Maritime
Forces in Den Helder als Operationsst-
absoffizier für den Bereich Amphibik. Ein
weiterer Offizier ist im Marine Training
Command in Doorn für Ausbildung zu-
ständig. Dazu kommen die personellen
Verbindungen zu den britischen Royal
Marines beim 47 Commando in Plymouth.
Ziel all dieser Maßnahmen ist, und das ist
konzeptionell nun auch gefordert, der
Gewinn weiterer Erfahrungen im Bereich
Amphibik. Die Deutsche Marine muss ir-
gendwann selbst in der Lage sein, deut-
sche Staatsbürger aus dem Ausland vom
nassen Strand zu evakuieren. Also noch-
mal: Wenn ich das alles zusammenfasse,
komme ich zu dem Schluss: Es läuft viel.
Davon läuft auch vieles gut. Man verzahnt
zwei Verbände aber nicht ohne Weiteres.
Dieser Prozess dauert lange, er hat mit Ge-
wöhnung zu tun, betrifft viele Ebenen in
allen Streitkräften der Partner. Von der po-
litischen Leitung bis zum Infanteristen am
Strand muss diese Zusammenarbeit gelebt
werden. Am Ende dieses Dauerlaufs sind
wir natürlich noch lange nicht.
ES&T: Ob Sie das bitte noch weiter kon-
kretisieren könnten, was muss denn noch
passieren?
Bock: Wir haben ganz aktuell den Auf-
trag des Seebataillons komplett über-
arbeitet und ihn den Bedürfnissen der
Landes- und Bündnisverteidigung sowie
der deutsch-niederländischen Koopera-
tion angepasst. Der neue Schwerpunkt
des Verbandes ist die Befähigung zu
52 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
amphibischen Operationen und Kampf
im maritimen Umfeld. Langfristig auch
als geschlossener Gefechtsverband. Der
ehemalige Auftrag des Seebataillons und
seiner Vorgängerverbände, fokussiert auf
den Schutz von Marineanlagen, bildet nun
nicht mehr den Mittelpunkt und wurde
deutlich ergänzt. Dem neuen Auftrag des
Verbandes muss natürlich die Struktur und
Organisation des Seebataillons Rechnung
tragen. Und der Verband braucht das nöti-
ge Material, um insbesondere den amphi-
bischen Auftrag mit den Partnern erfüllen
zu können.
Das Seebataillon soll im Rahmen der Marinekooperation in die
niederländische Marine integriert werden
ES&T: An welches Material denken Sie
dabei?
Bock: In erster Linie fehlt es unseren am-
phibischen Kräften an geeigneten Ein-
satzbooten, mit denen sie schnell, flexibel
und mit eigener Feuerkraft im maritimen
Umfeld, speziell in Küstennähe, operieren
können. Die Facetten reichen von Evakuie-
rungsoperationen, humanitärer Hilfe, Ha-
fenschutz bis hin zu Escort-Operationen
und Kampfeinsätzen für kleine amphibi-
sche Operationen. Solche Boote können
auch für das Legen defensiver oder pro-
tektiver Minenfelder und Aufklärungsope-
rationen mit verbundenem Drohnenein-
satz genutzt werden. Zudem werte ich
solche Boote als Beitrag auf Augenhöhe
für die Kooperation mit den niederlän-
dischen amphibischen Kräften. Sinnvoll
und optimal ist es, wenn beide Nationen
den gleichen Bootstyp nutzen. Dass die
Ausbildung auf den Booten harmonisiert
wird. Dass sie nach denselben taktischen
Grundsätzen eingesetzt werden. Das
sorgt für taktische und operative Verläss-
lichkeit auf beiden Seiten. Und es erleich-
tert ganz enorm, Personal auszutauschen
und Kräfte gemeinsam einzusetzen.
ES&T: Der Bedarf solcher Boote ist nach
unserem Kenntnisstand schon lange an-
erkannt. Wann kann die Truppe mit dem
Zulauf rechnen?
Bock: Ja, Sie haben recht. Der Bedarf ist
von Seiten der Marine und dem Planungs-
amt anerkannt. Wir befinden uns derzeit in
der Analysephase und definieren die An-
forderungen an die Boote, also die techni-
schen und funktionalen Forderungen. Ich
würde mich freuen, wenn der erste Bau-
stein in der Analysephase dieses Jahr noch
abgeschlossen werden kann. In der aktu-
ellen Situation kann Ihnen aber niemand
sagen, wann genau und welche Boote zu-
laufen werden. Ich hoffe aber, genauso wie
die Truppe, dass der Zulauf nicht mehr allzu
lange auf sich warten lässt. Wie fordern
keine technisch hochkomplexen Meister-
stücke, sondern robuste, schnelle und aus-
dauernde Boote, wie sie auch seit vielen
Jahren in anderen Marinen erfolgreich ein-
gesetzt werden. Also einfaches Wehrma-
terial. Solche Boote sind marktverfügbar.
Das Rad muss nicht neu erfunden werden.
Es wird also nicht so schwer sein, geeignete
Kampfboote auszuwählen und anzuschaf-
fen. Dann wird in einem ersten Schritt dem
Verband eine Erprobungsplattform zur
Verfügung gestellt werden, um auch die
Schulung erster Stammbesatzungen zu
ermöglichen. Ich kann Ihnen versichern,
dass das Seebataillon, mein Stab und ich
selber weiter mit aller Kraft an diesem zu-
kunftsträchtigen Thema arbeiten und die
Beschaff ungsorganisation unterstützen
werden. All dies dient dazu, die Leistungs-
fähigkeit und Auftragserfüllung des Seeba-
taillons, insbesondere im Kontext der Part-
nerschaft mit dem Korps Mariniers, weiter
zu verbessern. Ich bin unheimlich stolz,
diesen einzigartigen und jungen Verband
so weit vorne zu sehen. Ohne ihn fehlte
der Toolbox der Einsatzflottille 1 und der
Marine insgesamt eine immens wichtige
und vielseitige Fähigkeit.
Die Fragen stellte
Hans Uwe Mergener.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 53
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONA!
Amphibische Kampfboote
Erweiterung der maritimen Fähigkeiten der Bundeswehr
Arne Krüger
Früher Morgen am Westrand des Pazifiks: Kleine Teams von Marineinfanteristen in Kompaniestärke
stürmen in ihren mobilen Kampfbooten zu abgelegenen Inseln. Unterstützt durch unbemannte Drohnen
(Land, Luft und See) greifen die U.S. Marines gegnerische Landungsschiffe und andere Kriegsschiffe mit
Flugkörpern an, bevor diese ihre Invasionstruppen entladen oder in die Tiefe des Pazifiks vordringen kön-
nen. Die durch die Kampfboote generierten Zieldaten werden zeitgleich an die eigene Luftwaffe und Mari-
ne weitergegeben. Diese unterstützen den Abwehrkampf mit weitreichenden Flugkörpern. Um potenziel-
len Vergeltungsschlägen aus der Luft zu entgehen, wechseln die Ledernacken alle 48 bis 72 Stunden ihren
Standort, indem sie von Insel zu Insel springen. Dabei nutzen sie eine neue Generation von amphibischen
Kampfbooten, die auch ferngesteuert werden können. Die kleinen und wendigen Einsatzboote sind für den
Gegner gerade in Küstennahe wegen ihrer geringen Signatur nur schwer aufzufassen und zu bekämpfen.
Was hier wie ein Szenario aus ei-
nem neuen Tom Clancy-Roman
klingt, ist in Wahrheit der Inhalt
eines aktuellen Planspiels des U.S. Marine
Corps (USMC). Die dort angestellten Simu-
lationen zeigen, dass neue Taktiken und der
defensive Kampf mit kleinen amphibischen
Booten künftig „eine Menge Probleme" für
angreifende gegnerische Streitkräfte schaf-
fen würde, so General David Berger, amtie-
render Kommandeur des USMC. „ Es ist sehr
schwierig, einer aufgelockerten Marineex-
peditionstruppeentgegenzutreten, die klein
und mobil ist", so Berger in einem Interview
im „Wall Street Journal" im März 2020. Kri-
tiker halten ihm derweil vor, dass sein Ansatz
nur für den Kampf im westpazifischen Raum
mit seinen zahlreichen Inselketten gelte, also
nur für eine spezifische Region.
Kein neuer Ansatz
und geografisch übertragbar
Dass der Ansatz von Berger nicht neu ist,
und seine Theorien durchaus auch auf an-
dere Regionen der Welt - und hier insbe-
Fregattenkapitän Arne Krüger hat
2014 das Seebataillon aufgestellt und
war bis 2016 erster Kommandeur.
Derzeit arbeitet er im Centre of Excel-
lence for Operations in Confined and
Shallow Waters. Der Artikel gibt seine
persönliche Meinung wieder.
Die amphibische Nyland Brigade
der Finnen nutzt das „Watercat"
der Werft Marine Alutech
Das königlich-schwedische Amfibieregementet nutzt das Combat Boat
90 HSM (CB90) des schwedische Herstellers SAAB-Dockstavarvet
sondere auch auf die Ostsee - übertragbar
sind, zeigt das Beispiel der schwedischen
und finnischen Küstenjäger. Die amphibi-
sche Nyland Brigade der -innen und auch
das königliche Amfibieregementet (Amf 1)
arbeiten schon lange in einer binationalen
Amphibious Task Unit zusammen. Mobi-
le Stoßtrupps trainieren seit Jahren eine
Hit and Run-Taktik mit unterschiedlichen
Kampfboottypen. Die Geografie in der öst-
lichen Ostsee mit ihren zahlreichen zerklüf-
teten Inseln, Archipelen, schroffen Felsen
und Fjorden ähnelt im übertragenen Sinne
der im Westpazifik. Mit Steilfeuerwaffen
(z.B. Mörsern), leichten Flugkörpern (u.a.
Hellfire und Spike-ER), Aufklärungssenso-
ren und mit Kampfschwimmern sowie Mi-
nen üben die Skandinavier einen Gegner zu
bekämpfen, der in ihr Territorium eindringt.
Mobile kleine Teams springen dazu von In-
sel zu Insel.
54 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Und nicht nur geografisch ähneln sich die
Regionen: Denn genauso wie die U.S. Mari-
nes im West-Pazifik trotz eines überlegenen
gegnerischen Flugkörperschirms erfolgreich
operieren sollen, müssen ihre skandinavi-
schen und baltischen Pendants innerhalb
einer gegnerischen Flugkörperblase überle-
ben, die von der hoch gerüsteten russischen
Oblast Kaliningrad aus operiert. Bezüglich
der Lage in der Ostsee ist schon an anderer
Stelle umfassend über die Fähigkeit der Rus-
sischen Föderation zum sogenannten A2/
AD (Anti-Access/Area Denial) berichtet wor-
den. Nursoviel: Experten, wie etwa der frü-
here Befehlshaberder US-Landstreitkräfte in
Europa, Generalleutnant a.D. Ben Hodges,
sehen insbesondere in der Stationierung
weitreichender Flugkörper in Kaliningrad
die Gefahr, dass größere Schiffsbewegun-
gen in der Ostsee unterbunden werden
könnten. Damit sind im Konfliktfall See-
transporte oder auch Landungen mit gro-
ßen Landungsschiffen zur Unterstützung
der baltischen Staaten selbst mit starkem
Geleitschutz nur unter unverhältnismäßig
großem Risiko möglich.
Auch die britischen Royal
Marines setzen wieder auf
Nadelstiche
Dass neben dem USMC mit seiner neuen
oben beschriebenen Taktik auch andere Ma-
rineinfanterieeinheiten wieder auf kleinere
Kommandounternehmungen, sogenannte
Raids, und Kampfboote setzen, zeigt auch
das Beispiel Großbritanniens. Nicht ohne
Hintergedanken wird dort im vergangenen
November die in Plymouth beheimatete am-
phibische 1 Assault Group Royal Marines in
47 Commando Rading Group umbenannt.
Und das ausgerechnet am 75. Jubiläumstag,
an dem 47 Commando im Zweiten Welt-
krieg die schwer befestigten Inseln zur stra-
tegischen Hafenstadt Antwerpen mit ihren
Booten freikämpfte. Im Sommer 2019 beauf-
tragt der Royal Marines-Kommandant Gene-
ral Brigadier Matt Holmes in diesem Zusam-
menhang auch Absolventen vom UK Naval
Engineering Science and Technology Forum
damit, technische Zukunftsvisionen für die
britische Marineinfanterie zu entwickeln. Die
Vorgabe lautet dabei: „Ein Angriff der Royal
Marines im 21. Jahrhundert auf eine feindli-
che Flugkörperstellung auf einer Klippe".
Wissenschaftlich gestützt wird die Neuaus-
richtung des USMC und der Royal Marines
vom Politologen Peter Roberts von der briti-
schen Denkfabrik Royal United Services Insti-
tution (RUS I). Dieser urteilt: „... dass die Tage
gezählt sind, in denen man große Infanterie-
kräfte zu Hause versammelt und sie dann mit
großen Schiffen in eine Konfliktzone trans-
portiert." Einzig die USA seien heute noch in
Das amphibische Mehrzweckschiff „Karel Doorman" ist Teil der nieder-
ländisch-deutschen Marinekooperation, und es wird seit 2016 formell
von beiden Streitkräften gemeinsam genutzt
der Lage, ganze Brigaden über See an frem-
de Küsten zu werfen, betont der Professor.
Die meisten Streitkräfte würden immer mehr
auf kleine, mobile Raiding Parties setzen, also
auf Überfallkommandos in Zug- oder Kom-
paniestärke mit bis zu 120 Soldaten, meist
inklusive Unterstützungselementen wie
Scharfschützen, Drohnenoperateuren und
Notfallsanitätern. Früher oblag diese Aufga-
be den Spezialkräften, heute ist sie zum We-
senskern moderner Marineinfanterie gewor-
den. Die Stärke solcher Truppen liegt darin,
unabhängig voneinander und das Moment
der Überraschung ausnutzend, gegnerische
Kräfte direkt oder über das Hinterland anzu-
greifen. Ziel ist es dabei, nadelstichartig deren
Handeln zu stören oder strategische Punkte
zu gewinnen (z.B. Häfen, Flug basen, Flug-
körperstellungen), um dadurch für eigene
Folgekräfte einen Brückenkopf zu errichten.
Auch die Abwehr von gegnerischen irregulä-
ren Kräften ist so möglich.
Grundlage amphibischer Kommando-
trupps sind schnelle Kampfboote: Die heu-
te zur Verfügung stehenden europäischen
Modelle sind dabei jedoch aktuell recht
überschaubar. Wegweisend sind dabei
das schwedische Combat Boat 90 HSM
(CB90) des Herstellers SAAB-Docksta und
das finnische Watercat 18 AMC von Mari-
ne Alutech, welches auch als „Jehu"-Klasse
bezeichnet wird. Beide Boote sind schon
lange zugelassen und haben sich in Übung
und Einsatz bewährt. Das CB90 wird inter-
national in zahlreichen Varianten bei den
Marinen von Estland, Griechenland, Ma-
laysia und Mexiko verwendet. In Norwegen
wird es von den maritimen Spezialkräften
in einer größeren Variante genutzt. Sowohl
das CB90 als auch das Jehu verfügen über
eine relativ kleine Besatzung von maximal
sechs Soldaten, von denen nur zwei nau-
tisch tätig sind, einer davon der Komman-
dant im Rang eines Portepeeunteroffiziers
(Meister). Die übrigen Besatzungsangehöri-
gen sind für die Schiffstechnik und den see-
männischen Dienst zuständig, wozu unter
anderem kleinere Strandmeisteraufgaben
und die Absicherung des Bootes gehören.
Die Handhabung des Bootes ist einfach. Eine
funktionierende Ausbildungsinfrastruktur
befindet sich im Ostseeraum.
Seebataillon: Praktische
Erfahrung mit skandinavischen
Kampf booten
Und gerade diese Ausbildungsinfrastruktur
nutzte die Deutsche Marine schon in der Ver-
gangenheit. In den zurückliegenden Jahren
hat das Seebataillon der Deutschen Marine
bereits Teile der sogenannten „Taktischen
Einsatzkräfte See" der beiden Bordeinsatz-
kompanien auf den oben genannten Boot-
stypen in Schweden und Finnland ausbilden
lassen. Für das CB90 haben einige Soldaten
der Marineinfanterie in mehrmonatigen
Lehrgängen im Jahre 2015 sogar schon
offizielle Führerscheine beziehungsweise
Kommandantenzeugnisse erworben. Unter
Aufsicht der Stammbesatzungen durften
die deutschen Seesoldaten daher im Rah-
men der Übungsserien „Northern Coasts"
und BALTOPS in den Jahren 2017 und 2018
die Boote taktisch selbstständig einsetzen.
Als besonders gewinnbringend zeigte sich
dabei die erweiterte Möglichkeit der Führer
zur Koordination ihrer Truppen: Von Bord
der Boote aus konnte in sicherem Abstand
zum Operationsgebiet via Funk und optroni-
schem Gerät schnell Unterstützung angefor-
dert oder angeboten werden (z.B. Steilfeu-
er). Hilfreich erwies sich auch, die Boote als
Plattform für Aufklärungsdrohnen (See und
Luft) zu nutzen, um Vorgänge an Land oder
im Küstenbereich besser zu überwachen.
Deutsche Marineinfanteristen
fordern eigene Boote seit über
einem Jahrzehnt
Szenenwechsel: Neben den guten Ver-
bindungen zum niederländischen Koope-
rationspartner Korps Mariniers bestehen
zwischen dem deutschen Seebataillon und
dem britischen 47 Commando heute auch
schon personelle Verbindungen. Seit meh-
reren Jahren werden in Plymouth deutsche
Austauschsoldaten in sämtlichen amphibi-
schen Lande verfahren mit diversen Boot-
stypen ausgebildet, vom Landungsboot bis
zum Hovercraft. Sie bringen ihr Wissen nach
ihrer Rückkehr als Multiplikatoren zurück in
das Seebataillon. Zeitgleich dient ein Por-
tepeeunteroffizier der Royal Marines durch-
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
55
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
gehend im Seebataillon in Eckernförde.
Die Entsendung eines Austauschsoldaten
nach Plymouth geschah 2015 aus gutem
Grund: Schon die deutschen Marineschutz-
kräfte, ein Vorgängerverband des Seebatail-
lons, hatten im Jahre 2009 kleine mobile
Kampfboote gefordert, diese allerdings vor-
rangig für den seeseitigen Hafenschutz und
für nationale Evakuierungen von eigenen
Staatsbürgern aus Krisengebieten. Eine Fä-
higkeitslücke und damit ein Bedarf wurden
schon damals anerkannt. Die ursprüngliche
Forderung wurde in den folgenden Jahren
immer wieder angepasst und von einem an-
deren Rüstungsprojekt entkoppelt (Hafen-
schutz-Modul). Sie mündete 2016 in einem
eigenen Beschaffungsvorhaben. Zusätzliche
Forderungen an die Boote kamen hinzu und
wurden in der neuen Initiative anerkannt.
Zum Zeitpunkt der ersten Forderung der
Marineschutzkräfte spielte die Landes- und
Bündnisverteidigung auch angesichts der fi-
nanziellen Haushaltszwänge im Vergleich zu
den Einsatzverpflichtungen der Streitkräfte
nur eine nachgeordnete Rolle in den kon-
zeptionellen Planungen der Bundeswehr.
Das hat sich 2014 schlagartig geändert mit
der völkerrechtswidrigen Besetzung der
Krim durch die Russische Föderation. Neben
der reinen Konfliktverhütung und Krisen-
bewältigung vollzog sich eine Refokussie-
rung der NATO und Bundeswehr auf neue
amphibische Seekriegsszenarien, gerade
im Hinblick auf die Landes- und Bündnis-
verteidigung. So heißt es etwa in der Kon-
zeption der Bundeswehr vom 20. Juli 2018:
„Darüber hinaus werden perspektivisch
Beiträge zur NATO-Raketenabwehr und zur
Wirkung von See an Land, z.B. durch Spezi-
alkräfte und begrenzte amphibische Ope-
rationen die Fähigkeiten der Seestreitkräfte
bestimmen." In den Fähigkeitsforderungen
wird darauf basierend auch die Forderung
gestellt: „Die Sicherung des seeseitigen
Zugangs in allen Dimensionen bei gleich-
zeitiger asymmetrischer Bedrohung im Ein-
satzraum muss jederzeit gewährleistet sein.
Hierzu ist das Anlanden von Einsatzkräften
auch ohne Nutzung vorhandener Häfen si-
cherzustellen."
Im Februar 2017 verkündete Vizeadmiral
Rainer Brinkmann, der Stellvertreter des Ins-
pekteurs der Marine und zeitgleich Befehls-
haber der Flotte und Unterstützungskräfte,
auf einer Veranstaltung des Nautischen Ver-
eins in Kiel: „Wir planen die Anschaffung
neuer Kampfboote für das Seebataillon."
Der Generalinspekteur der Bundeswehr,
General Eberhard Zorn, sagte bei seinem Be-
such im Seebataillon am 17. Juli 2018 ferner:
„Bei den Mari ne Infanteristen habe ich viele
Parallelen zu meiner Zeit als Kommandeur
bei den Fallschirmjägern gesehen. Neu und
beeindruckend ist die amphibische Kom-
ponente. Die gilt es zu erhalten und aus-
zubauen." Wenngleich diese Formulierung
noch recht unspezifisch ist, wird damit zu-
mindest eine amphibische Ausrichtung der
Bundeswehr in Aussicht gestellt. Der schles-
wig-holsteinische Bundesabgeordnete und
Obmann des Verteidigungsausschusses
Ingo Gädechens (CDU) wird dahingehend
noch konkreter, was eine Beschaffung von
Booten angeht: „Wenn das Seebataiflon in
den Einsatz verlegen muss, machen diese
kleinen Boote auch Sinn."
Dr. Sebastian Bruns vom Institut für Sicher-
heitspolitik Universität Kiel, einer haupt-
sächlich mit Aspekten maritimer Strategie
und Sicherheit befassten zivilen Denkfab-
rik, kritisiert die seiner Meinung nach zu
langsame Umsetzung des Vorhabens: „Die
Bundesrepublik Deutschland leistet sich
nicht die Marine, die ihren maritimen und
sicherheitspolitischen Interessen, ihrer Ab-
hängigkeit und Anfälligkeit entspricht. Der
Bedarf an Kampf booten ist dringend, die
Argumente ausgetauscht, die Umsetzung
aber bleibt hinter Anspruch und begründe-
ten Erwartungen zurück." Prozesse dauer-
ten zu lange, so der Kieler Marineexperte.
Und Großprojekte wie die Fregatte F125
oder das künftige Mehrzweckkampfschiff
180 zögen überproportional Aufmerksam-
keit und Ressourcen auf sich. Seestreitkräf-
te und insbesondere amphibische Fähig-
keiten als „Schweizer Armeemesser der
Sicherheitspolitik" benötigten aber auch
die Umsetzung von augenscheinlichen
„Nischenprojekten" wie dem für das See-
bataillon.
Exkurs: Lizenzbau in
Deutschland und Kosten
Bei der Beschaffung von neuen Booten für
das Seebataillon könnte ein Neubau auf
einer deutschen Werft erwogen werden.
56 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
Dieser müsste geplant, entwickelt und neu
aufgelegt werden.
Bei einer alternativen Beschaffung von
Booten „von der Stange" für das Seeba-
taillon sollte aber durchaus auch übereinen
Lizenzbau durch deutsche Werften nach-
gedacht werden. Ein Beispiel dafür ist der
Erwerb von 14 neuen Patrouillenbooten 15
für die Schweizer Armee. Die „16" steht
dabei für das Jahr der Ausschreibung. Die-
se gewann die bereits erwähnte finnische
Werft Marine Alutech. Schweizer Boots-
bauer sahen sich bei der Beschaffung zu-
nächst benachteiligt, wurden dann aber bei
der Ausrüstung der Boote vom Typ „Wa-
tercat 1250 Patrol” beteiligt. Sechs Boote
werden beim Generalunternehmer im fin-
nischen Tejo gefertigt und anschließend
bei Shiptec in Luzern fertig ausgerüstet. Bei
acht weiteren Booten wird nur der Schiffs-
rumpf geliefert. Bis 2021 sollen alle Boote
zulaufen. Mit diesem Kompromiss verbleibt
ein großer Teil der Wertschöpfung in der
Schweiz. Für die Beschaffung der 14 Boote
und der entsprechenden Logistik und Inf-
rastruktur wurde ein Volumen von ca. 45
Millionen Euro bewilligt. Zum Vergleich:
Für ihre zwölf „Je hu "-Kampf boote zahlte
die Finnische Marine schätzungsweise 34
Millionen Euro.
Eine interessante Option wäre ferner der
Einstieg Deutschlands in die gegenwärtig
laufende Beschaffung von 18 der moderns-
ten CB90 HSM durch die Schwedische Ma-
rine, die dann bis 2021 insgesamt 165 CB90
in ihren Bestand genommen haben wird.
Die neuen Boote zeichnen sich durch wei-
tere technische Optimierungen von Antrieb
und Führungssystem, vor allem aber durch
die hochpräzise, stabilisierte Multi-Waf-
fen-Plattform TRACKFIRE aus. Ein solches
Vorgehen ist im deutschen militärischen
Beschaffungsprozess ausdrücklich vorge-
sehen. Der deutsche Bedarf könnte damit
kostengünstig (Serienvorteil), risikoarm (er-
probt und zugelassen) und schnell „von der
Stange" gedeckt werden. Auch dafür wäre
ein Lizenzbau wie beim Schweizer Beispiei
in Deutschland denkbar. Die Schwedische
Marine investierte ca. 44 Millionen Euro in
ihre 18 neuen Boote.
Schlussfolgerungen
Mit der Beschaffung eigener Kampf boote
für das Seebataillon erhält die Bundeswehr
einen beachtlichen und sofortigen Fähig-
keitsgewinn. Das Seebataillon könnte,
wie in der Konzeption der Bundeswehr
und vom Generalinspekteur gefordert,
begrenzt amphibisch wirken und eigene
Staatsbürger in nationalen Evakuierungs-
operationen auch unter Bedrohung von
fremden Stränden über das Meer retten.
In der Ostsee böten sich zudem vielfältige
Übungsmöglichkeiten sowie eine beste-
hende Ausbildungs- und Logistikstruktur
durch skandinavische Partner. Im Rahmen
der Landes- und Bündnisverteidigung
könnten die Boote zusammen mit der
finnisch-schwedischen Amphibious Task
Unit in skandinavischen sowie baltischen
Gewässern operieren. Daneben könn-
ten Kampfboote als deutscher Beitrag
auf Augenhöhe in die Kooperation mit
den Niederlanden eingebracht werden.
Das Korps Mariniers wird in Kürze seine
kleinen amphibischen Landungsboote
zum Personentransfer aus Altersgründen
ersetzen müssen. Eine künftige Beschaf-
fung könnte daher durchaus auch mit
den Niederländern koordiniert werden,
um typgleiche Boote später gemeinsam
zu betreiben und die Besatzungen einheit-
lich auszubilden.
Warum die Deutsche Marine dabei „aus
dem Regal" auf bestehende Systeme zu-
rückgreifen sollte, erläutert Bundeskanz-
lerin Angela Merkel in ihrer Rede vor dem
Europäischen Parlament am 13. Novem-
ber 2018 in Straßburg recht anschaulich:
Weil man in Europa „mehr als 160 Ver-
teidigungssysteme respektive Waffensys-
teme habe" und die USA nur 50 oder 60,
schlug sie vor, man müsse an der gemein-
samen europäischen Entwicklung und am
Betrieb von einheitlichen Waffensystemen
arbeiten.
Der Kommandeur des Seebataillons, Fre-
gattenkapitän Norman Bronsch, schaut üb-
rigens zuversichtlich in die Zukunft seines
amphibischen Verbandes, da „die Diskussi-
onen zur Zukunft von wie auch immer ge-
arteten Kampfbooten, die einen absoluten
Fähigkeitszugewinn für die Bundeswehr
darstellen würden, in den letzten Monaten
in sehr richtungsweisende Entscheidungs-
bahnen verlaufen sind."
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Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik
57
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
Neues Material für die Luftlandetruppe
Dietmar Klos
In der Struktur HEER2011 ist die Luftlandetruppe in der Division Schneite Kräfte und dort in der
Luftlandebrigade 1 zusammengefasst.
Neben zwei Fallschirmjägerregimen-
tern sind noch je zwei Luftlandeauf-
klärungs- bzw. -pionierkompanien
unterstellt. Luftverlegbare Kräfte aus an-
deren Bereichen können hinzutreten. Die
drei Heeresfliegerregi meuter der Division,
mit dem leichten Transporthubschrauber
NH90 sowie dem Kampfhubschrauber
Tiger ausgestattet, wirken in luftbeweg-
lichen Operationen oft mit den Luftlan-
dekräften zusammen. Die Fallschirmjä-
gertruppe stellt den Kern dieser Truppen.
Ihre zumeist leichte Ausstattung hat sich in
etlichen Einsätzen bewährt, ist inzwischen
aber in die Jahre gekommen. Seit einiger
Zeit wird daran gearbeitet, neues Material
zu erlangen.
Die Fallschirmjäger
Die Fallschirmjägertruppe erfüllt grundsätz-
lich alle Grundbefähigungen und Aufgaben
der Infanterie. Sie führt Luftlandeeinsätze
mit unterschiedlichen Verbringungsmit-
teln durch. Die Failschirmjägerregimenter
26 und 31 haben u.a. je fünf leichte In-
fanteriekompanien mit jeweils drei Zügen
und einen schweren Zug. Dieser umfasst
je eine Granatmaschinenwaffen-, Scharf-
schützen- sowie Panzerabwehrgruppe zu
je drei Trupps. Die Regimenter verfügen zur
Schwerpunktbildung über eine schwere
Fallschirmjägerkompanie mit heute sechs
Zügen. Einige Änderungen werden bis Mit-
te des Jahrzehnts vorgenommen. Derzeit
gehören dazu ein Feuerunterstützungszug
mit vier Joint Fire Support Teams, dem-
nächst fünf Teams, drei Kanonenzüge auf
Wiesel 1 mit 20-mm-Maschinenkanone
(MK) und ein Panzerabwehrraketenzug
mit Wiesel 1 TOW. Hinzu kommt noch ein
Mörserzug mit acht 120-mm-Mörsern. Zu-
künftig wird es zwei Mörserzüge geben.
Beide Züge erhalten vier zukünftige Sys-
teme indirektes Feuer - kurze Reichweite,
den Nachfolger des Mörsers 120 mm. Im
1. Zug wird es noch eine volle Feuereinheit
mit vier Systemen 60-mm-Mörser geben.
Diese Feuereinheit kann auch abgesessen
einer Fallschirmjägerkompanie direkt un-
terstellt werden. Der 2. Zug erhält zwar
keine ganze Feuereinheit, verfügt aber ma-
Gliederung der Division Schnelle Kräfte
Zukünftige Struktur schwere Fallschirmjägerkompanie
teriell übereine Doppelbewaffnung durch
vier Mörser 60 mm. Somit kann der Zug
materiell flexibel eingesetzt werden. Neu
kommt noch ein Aufklärungszug mit sechs
Trupps auf der neuen Luftlandeplattform
mit Aufklärungsausstattung und zwei
Trupps mit Unmanned Aerial Systems hin-
zu. Im Regiment gibt es zudem noch je
eine Luftlandeunterstützungs- sowie -sa-
nitätskompanie.
In Teilbereichen dieser Regimenter wurde
eine Binnenoptimierung durchgeführt,
um Dienstposten zur Implementierung
von neuen Fähigkeiten zu generieren, z.B.
durch kleinere Zugtrupps. Das bedeutet
aber, dass aus der schon heute knappen
Personalausstattung neue oder zu stärken-
de Fähigkeiten alimentiert werden müssen.
Bezüglich der Ausrichtung der Fähig-
keiten auf die Erfordernisse der Lan-
des- und Bündnisverteidigung mit dem
„Plan Heer" in drei Schritten bis 2032 auf
dann drei voll ausgestattete Divisionen
und acht Brigaden kann die zukünftige
Ausgestaltung der Infanteriekräfte und
Fallschirmjägertruppe noch nicht genau
vorausgesagt werden. Vorerst ist davon
auszugehen, dass die heute vorhandenen
Truppen der Infanterie, einschließlich der
Failschirmjägerregimenter, mit den o.a.
Veränderungen im Wesentlichen Bestand
haben werden.
58 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
Material und Neuerungen
Mobilität
Geräteausstattungen von Luftlandetrup-
pen sind vielfältig und speziell wegen der
besonderen Aufgaben und Anforderun-
gen. Die Ausstattung der Fallschirmjäger-
truppe ist leicht ausgelegt, und die Fahr-
zeuge sind luftverlegbar.
Rund 400 leicht geschützte, geländegän-
gige Einsatzfahrzeuge für Spezialisierte
Kräfte (ESK) Mungo von Krauss-Maffei
Wegmann dienen vor allem als -ührungs-
und Gruppenfahrzeuge für bis zu zehn
Soldaten. Weitere Varianten sind der Mun-
go 3 Großraumkabine, der in Unterstüt-
zungstruppen der Luftlandekräfte mit den
Rüstsätzen für Gefechtsfeldaufklärungs-,
Fernmelde- und Sanitätsausstattungen
eingesetzt wird. In der Streitkräftebasis
Foto: Bundeswehr
werden gerade zehn leichte, luftveriadba-
Mit der Panzerabwehrwaffe TOW auf dem Wiesel 1 können können die
re Aufklärungssysteme Mungo A/C Spür
mit Strahlenspürausstattung beschafft. Der
Mungo Mehrzweck wird ebenfalls zur Un-
terstützung, insbesondere bei Pionier- und
Logistiktruppen, genutzt Am Fahrzeug
können Anbaugeräte und Rüstsätze ange-
brachtwerden.
Die Luftlandetruppe verfügt über etwa
100 Waffenträger Wiesel 1 von Rheinme-
tall, davon ca. 32 bei den Fallschirmjägern.
Das leicht gepanzerte Vollkettenfahrzeug
mit zweiköpfiger Besatzung kann per
Hubschrauber oder Transportflugzeug
angelandet werden. Die nachtkampffähi-
gen Waffenträger Wiesel 1 TOW wirken
mit der Panzerabwehrwaffe TOW auf bis
zu 3.750 m Kampfentfernung. Die Waf-
fenträger Wiesel 1 mit MK 20 mm wirken
bis auf 2.000 m. Zwischenzeitlich wurden
die Systeme insbesondere bei den optroni-
schen Beobachtungs- und Zielsystemen im
Kampfwert gesteigert.
Seit Ende 2019 bis etwa 2022 erfolgen
durch die FFG Flensburger Fahrzeugbau
GmbH beim Wiesel 1 Maßnahmen zur
Verlängerung der Nutzungsdauer über das
Soldaten bis auf 3.750 m wirken
Jahr 2030 hinaus. Die Maßnahmen um-
fassen die Verbesserung des Fahrwerks,
des Schutzes gegen Minen und ballisti-
sche Bedrohungen - hier der leichte CA-
MAC-Add-on-Schutz von NP Aerospace,
den Einbau des Mehrrollenfähigen Leich-
ten Lenkflugkörpersystems (MELLS) zur
Panzerabwehr statt TOW und moderner
Kommunikationsmittel. Die Waffenträger
Wiesel erhalten zudem das elektroopti-
sche Feuerleit- und Beobachtungssystem
EOPTRIS LR von Telefunken Racoms mit
einer gekühlten Wärmebildkamera, einem
CMOS-Tagsicht-Kanal und einem Laserent-
fernungsmesser.
Im neuen Gesamtvorhaben „Luftlande-
plattform" sollen bis 2030 bisherige Träger
in hoher Stückzahl mit gut 20 geschützten
oder modular geschützten Varianten ersetzt
werden. Der Zulauf der ersten Serie wird für
Ende 2026 erwartet. Der modular geschütz-
te Träger wurde gefordert, um etwa 15 Fä-
higkeitsbereiche der Infanterie abzudecken,
also ein Träger mit verschiedenen Ausstat-
tungsversionen. Beispiele sind Träger für
Gruppentransport-, Mörser-, Aufklärungs-,
Führungs- oder Transportfähigkeiten. Vari-
anten für andere Truppengattungen bzw.
Organisationbereiche, z.B. leichte Sani-
tätsfahrzeuge, werden zudem gefordert.
Welche und wie viele Versionen letztlich
beschafft werden, werden der Verlauf des
Vorhabens, aber auch die verfügbaren Fi-
nanzmittel ergeben. Die Funktionale Fähig-
keitsforderung wurde erstellt, das Vorhaben
an das Bundesamt für Ausrüstung, Informa-
tionstechnik und Nutzung der Bundeswehr
(BAAINBw) gerade übergeben. Der Nach-
folger für z.B. die erwähnten ESK Mungo
als Gruppentransportfahrzeug wird ein mo-
dular geschütztes Radfahrzeug sein, also mit
Zusatz-Schutzelementen, mit ein bis zwei
Fahrzeugen plus Besatzung lufttransportfä-
hig in dem neuen schweren Transporthub-
schrauber. Die Gruppe soll auf einem Fahr-
zeug eingesetzt werden können, Die Auf-
teilung auf zwei Träger ist eine Option, falls
Raum- und Gewichtskapazitäten das erfor-
dern. Höhere Haushaltsmittel würden dafür
natürlich entstehen. Im Vorhaben werden
auch marktverfügbare Träger gesichtet. Ei-
ne Option wäre z.B. der Groundforce-5.12
der niederländischen Firma Defenture, ein
Vierrad-Fahrzeug, dessen Vorgänger dort
bei den Spezialkräften genutzt wird.
Ein spezielles Trägerfahrzeug wird der
„Luftbewegliche Waffenträger" als Nach-
folger der Waffenträger Wiesel 1. Ein bes-
ser geschütztes Kettenfahrzeug, ggf. als
Monocoque, mit zwei Mann Besatzung
und dem Panzerabwehrlenkflugkörpersys-
tem MELLS, auch offen für ein Folgesystem,
bzw. einer Maschinenkanone mit größe-
rem Kaliber als 20 mm. Ein Kaliber 30 mm
Der Mission Master von Rheinmetail in zwei verschiedenen Varianten
würde den Träger zu schwer werden lassen
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
59
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
Foto: Eurospnke Foto: Bundeswehr
Mit dem G82 können Scharfschützen bis 1.800 m wirken
für den Transport im schweren Transport-
hubschrauber. Die Lösung könnte eventuell
bei Bordkanonen/Ieichten Geschützen der
Bundeswehr (Eurofighter bzw. Marine, al-
so 27 mm) liegen. Das Vorhaben wird in
Bundeswehrregie entwickelt. Erste Unter-
suchungen wurden durch die Wehrtechni-
sche Dienststelle 41 in Trier durchgeführt.
Das BAAINBw hat danach die Firma IABG
beauftragt, die weitere Entwicklung vorzu-
nehmen, um letztlich einen Demonstrator
in den nächsten Jahren vorzustellen. Erste
Anteile sollen Anfang 2021 verfügbar sein.
Zielidee ist, in etwa einen modernen Wiesel
als neuen Träger zu haben. Nicht ganz aus-
zuschließen ist, dass am Ende der Wiesel
1 in modernerer, innovativer Version wie-
deraufersteht, weil nichts Besseres, Koste-
neffektives gefunden wird. Parallel arbei-
ten auch zivile Firmen selbstständig daran,
einen „Luftbeweg liehen Waffenträger" zu
kreieren, hat sich doch mit dem Vorhaben
ein Markt geöffnet.
Die Spike-Lenkrakete - hier in der Version LR2 - bildet die Basis für
MELLS
Die Luftlandeplattformen können auch
mit unbemannten Plattformen verknüpft
werden, um das sogenannte Manned-Un-
manned Teaming erfolgreich anzuwenden.
Man plant eine Art Cargo-Mule. Dieses
System soll die abgesessenen Kräfte der In-
fanterie, die häufig 30 kg bis 80 kg an Waf-
fen und Ausrüstung mitzuführen haben,
unterstützen. Das Cargo-Mule soll zuerst
handgeführt werden, später auch selbst-
ständig folgend, von handhabbarer Größe
und geländegängig sein. Die Beschaffung
wird vorerst für die schweren Infanteriezü-
ge gefordert. Mit sechs Cargo-Mule pro
Zug, dabei ein Führer Unbemannte Syste-
me, sollen vor allem die schweren Waffen
transportiert werden.
Durch das BAAINBw erfolgen entspre-
chende F&T-Studien, dabei auch das
Fraunhofer-Institut. Im Herbst 2019 wur-
den an der Infanterieschule in Hammel-
burg Tests mit den ferngesteuerten Sys-
temen Mission Master von Rheinmetall,
Roboterplattform von Hentschel System/
Diehl Defence auf Raupenfahrzeug Zie-
sel/Mattro sowie Probot von Roboteam/
Israel mit Firma Hippel/Deutschland
durchgeführt, um erste praktische Er-
kenntnisse zu gewinnen. Diese fielen bei
den teilnehmenden Nutzern des Heeres
positiv aus. Derzeit erfolgen Untersu-
chungen des BAAINBw mit dem System
THeMIS von Milrem/Estland als Experi-
mentalsystem, auch für die Teilhabe am
vergleichbaren europäischen Vorhaben.
Eine Initiative des Heeres steht vor dem
Abschluss. Zielvorstellung ist der erste
Zulauf solcher Systeme bei der Fallschirm-
jägertruppe 2023.
Ein weiteres leichtes Fahrzeug wird das
Luftlande-UTV (Utility Terrain Vehicle)
sein. Dieses soll für das Kommando Spe-
zialkräfte (KSK) zuerst mit rund 65 Stück,
aber danach auch für die Fallschirmjä-
gertruppe als Transportunterstützung
beschafft werden. Von einem Fahrer ge-
steuert, können damit weitere drei Per-
sonen und/oder Material transportiert
werden. Die Auswahlentscheidung war
Ende 2020 geplant, allerdings musste
diese zurückgestellt werden. Eine zweite
Ausschreibungsrunde wurde gestartet.
Auch im Bereich der Kräder sowie Quads
wird die Fähigkeitslücke vorerst nicht ge-
schlossen. Derzeit werden die Initiativen
noch bearbeitet. Quads sind für das KSK
sehr wichtig, könnten aber auch bei den
Fallschirmjägern gut genutzt werden. Al-
lerdings wird es keine Doppelausstattung
geben - also entweder Krad oder Quad.
Gefechtsfeldaufklärung
Bei der Infanterie wird zudem an die Ver-
besserung der Gefechtsfeldaufklärung
gedacht. Eine Studie des Beschaffungsam-
tes zur Schwarmaufklärung Boden/-Luft,
Automatische Augmented Gefechts-
feldaufklärung (AutoAuge) wurde 2019
abgeschlossen. Untersucht wurden der
Einsatz, die Steuerung und Verknüpfung
von vernetzten Bild- und Akustiksensoren
auf marktverfügbaren unbemannten Sys-
temen sowie die Weitergabe der Daten
an einen Leitstand für eine vollständige,
leicht zu erfassende Lagedarstellung. Die
Schwarmsteuerung in einem abgesesse-
nen Infanteriezug könnte von einem Be-
diener erfolgen, um Informationen in Echt-
zeitjenseits der Handwaffenentfernung zu
erlangen. Der Zugriff auf Fremdsysteme
soll später ermöglicht werden. In einer um-
fassenderen Studie, auch was die Nutzer
vieler Truppengattungen angeht, wird mit
ErzUntGlas (Erzeugung eines Gefechtsfel-
des zur Unterstützung dynamischer Opera-
tionen) ein größerer Ansatz gemacht, z.B.
60 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Systemlieferant und Servicepartner für
Schifffahrt und Werften,
On-/Off shore,
Industrie, Baugewerbe und Handwerk
unter Nutzung von umfangreichen Drohnenschwärmen, luft-
gestützten Kommunikationsknoten und Künstlicher Intelligenz
zur Steuerung.
Weitere Ausstattungen
Eine große Zahl an Waffen, Kampfmitteln und optischem Ge-
rät steht für die infanteristischen Kräfte zur Verfügung. Die-
se wurden teils als Einzelvorhaben oder im Rahmen der Pro-
jekte „Infanterist der Zukunft" beschafft. Gut 15 Hand- und
Panzerabwehrwaffen gehören zur Ausstattung einer jeden
Fallschirmjägergruppe. Im Wettbewerb für das neue System
Sturmgewehr Bundeswehr stehen noch das HK416 bzw. HK433
von Heckler & Koch sowie das MK556 von Haenel. Die Aus-
wahlentscheidung und der Vertragsabschluss könnten bis Ende
2020, die Einsatzprüfung ab Mitte 2021 erfolgen. Die vollau-
tomatischen G27 mit Kaliber 7,62 mm sollen zukünftig das
G28 (beide von Heckler & Koch) als Zielfernrohrgewehr erset-
zen. Das halbautomatische Präzisionsgewehr G28 mit Kaliber
7,62 mm und hoher Durchschlagsleistung ist ein Wirkmittei
bis auf 800 m. Es soll in Zukunft als Waffe für den Beobachter/
Spötter in den Scharfschützentrupps Verwendung finden. Hier
erfolgt eine Satzanpassung, dabei Nachtsicht, Wärmebildgerät
und Patrouillenausstattung. Das G82 mit Kaliber 12,7 mm und
großer Reichweite bis 1.800 m soll zukünftig nur noch in den
Scharfschützentrupps eingesetzt werden. Die Umrüstung des
Scharfschützengewehrs G22 7,62 mmx67 mit Wirkung bis gut
800 m auf die Version G22 A2 mit Anpassung der Sichtmittel,
neuer Schulterstütze, Handschutz sowie Zielfernrohr wird bis
Ende 2020 vollzogen. Zudem wird ein Scharfschützengewehr
mit Reichweite bis 1.500 m angegangen.
Das Maschinengewehr (MG) 3 wird derzeit weitgehend durch
das MG5 A2 mit gleichem Kaliber 7,72 mm von Heckler &
Koch abgelöst. Die Version mit kurzem Rohr für die Infanterie
sowie das KSK soll für das Heer insgesamt beschafft werden.
Es kann auch auf den bisherigen Lafetten genutzt werden.
Die Fallschirmjäger erhalten ab etwa Ende 2020 ebenfalls das
nachtkampffähige Wirkmittel 90 von Dynamit Nobel Defence
gegen weiche und halbharte Ziele, welches mit den program-
mierbaren Mehrzweckgefechtsköpfen Spreng/Splitter mit Luft-
schwerpunkt DM11 und Antistruktur DM22 mit (verzögerter)
Aufschlagzündung, zudem mit IR-Leucht sowie Nebel bis auf
1.200 m Entfernung wirkt. Zudem wird das leichte Wirkmittel
1,800+ beschafft, ein Lenkflugkörper auch mit dem Dynaha-
wk-Visier von Hensoidt. Damit können leicht gepanzerte Ziele
sowie Ziele in und hinter Deckungen auf mehr als 1.800 m prä-
zise bekämpft werden. Der Kleinflugkörper Enforcer von MBDA
wurde ausgewählt. Die Qua ifizierung soll noch 2020 beginnen,
der Zulauf ab 2023 möglich werden.
Das Konzept „Plattformungebundene Panzerabwehr der Bun-
deswehr" wurde am 1. April 2020 veröffentlicht. Demnach un-
terscheidet man nun zwischen Panzerabwehr aller Truppen mit
der Basisbefähigung und der erweiterten Befähigung sowie der
Qualifizierten Panzerabwehr. Bis für die erweiterte Befähigung
eine neue Panzerabwehrwaffe beschafft werden kann, bleibt
die Panzerfaust 3 die Waffe für die Panzerabwehr aller Truppen.
Ebenfalls von Dynamit Nobel Defence wirkt sie bis 400 m Ent-
fernung und erbringt Wirkung durch Deckungen hindurch. Mit
den Patronen DM72A1 der modernsten Version Panzerfaust
3 Improved Tandem kann die reaktive Zusatzpanzerung von
Kampf panzern auf 400 m durchschlagen werden. Das moderne
Visier Dynahawk wird auf die Panzerfaust 3 angepasst.
Das System MELLS mit der Eurospike LR des Konsortiums Euro-
Spike (Rheinmetall, Diehl Defence und Rafael/Israel) deckt die
ISO 5.1 '<1 - ISO 14QDI
IS0 5öm ISO 22900
0HS*S 18001
LUREAU VERITAS
Certif tfatiftn
Everything a ship needs
Technische Schiffsausrüstung
Proviant
Catering (Provisions & Stores)
Ersatzteile & Reparaturservice
für Schiffsmotoren, Regler- und Pumpentechnik
Maritime Umweltmanagement
Biologische Kläranlagen
Ballastwasserbehandlung
Bilgenwasserentöler
Entsorgungs- und Recyclingsysteme
Herstellung von Netzen
Segelmacherei & Taklerei
On-/Offshore
Ausrüstung & Service
Luftfracht & Logistik
'---I— -- ------ --
Foto: Bundeswehr
Bremen Bremerhaven 'Cuxhaven' Wilhelmshaven' Leer - Emdern Meppen ’ Dessau Hamburg
Heeslingen Lübeck Rostock ' Stralsund Mukran ’ Gdynia Gdansk Szczecin > Nachodka
Rotterdam Eemshaven - Antwerp Cadiz Barcelona Bilbao Valencia Las Palmas Istanbul
Izmir Cape Town Durban Dubai Blumenau • Singapore Shanghai Hong Kong
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
Soldaten vom Fallschirmspezialzug 31 aus Seedorfsteuern als Combat
Control Team (CCT) den Frei fall der Fallschirmjäger aus einer Transall
Qualifizierte Panzerabwehr ab. Die Waf-
fenanlage MELLS Variante iCLU befindet
sich seit 2018 in der Einführung für den ab-
gesessenen Einsatz bei der Infanterie und
Pioniertruppe. Für die Nutzungsdauerver-
längerung der Wiesel 1 TOW werden die
Systeme TOW bis spätestens 2021 durch
MELLS iCLU ersetzt.
Vorrangig für die VJTF 2023 sowie zur Er-
gänzung der Systeme IdZ-ES werden Ver-
besserungen im Bereich der Optik/Optromk
kurzfristig verfolgt. Aber auch für die Fall-
schirmjäger ist eine dem Gegner überlege-
ne Ausrüstung notwendig. Das gilt auch für
leistungsstarke Optik- und Optronikkompo-
Foto: Bundeswehr
Fallschirmjägertrupp mit 120-mm-Mörser
nenten mit moderner Wärmebild- oder Rest-
lichtverstärkertechnik. Diese ermöglichen
Bewegungen, Aufklärung und Wirkung bei
Tag sowie schlechten Sichtverhältnissen.
Modernisierungen werden bei allen Hand-
waffen (Laser-Licht-Module), Waffenoptiken
durch Vorsatzgeräte oder bei Nachtsicht-
brillen angestrebt. Hierbei und bei weiteren
Maßnahmen werden konzeptionell nach den
Spezialkräften die Spezialisierten Kräfte der
Fallschirmjäger und danach alle abgesessen
kämpfenden Truppen ausgestattet. Werden
die aktuellen Beschaffungsabsichten zeitge-
recht realisiert, so stehen diese den Soldaten
etwa 2022/2023 zur Verfügung.
Die modernisierten Mörser 120-mm-R-
Rohr (Rheinmetall) der Mörserzüge mit
Reichweiten von gut 6.000 m werden bis
2030 genutzt. Damit kann die Munition
Neue Generation (Spreng-, Nebel- sowie
IR-Leuchtgeschosse) verschossen werden.
Die Träger MTW M113 werden in Nutzung
gehalten, die Nutzungsdauer der Lkw Wolf
bei den Fallschirmjägern wurde bis 2027
verlängert.
Überlegungen zur Nachfolge der Mörser-
systeme 120 mm werden im Rahmen des
Vorhabens „Zukünftiges System Indirek-
tes Feuer - kurze Reichweite" geprüft.
Hierbei werden größere Reichweiten
bis 8.000 m und eine höhere Präzisi-
on gefordert. Etwa ab 2027 sollen das
neue modular geschützte Radfahrzeug
plus neuem Mörser, wahrscheinlich 120
mm, sowie einer leistungsgesteigerten
120-mm-Munition verfügbar sein. Der
Träger soll automatisch zu richten und
die Mörser auch abgesessen einzuset-
zen sein. Es werden Möglichkeiten zur
(anteiligen) Digitalisierung der Systeme
geprüft.
Ab 2020 sollte der Mörser 60 mm als
Leichtes Wirkmittel Indirektes Feuer mit
Kampfentfernungen bis 3.500 m zulau-
fen. Die geplanten Schussversuche mit
den möglichen Produkten wurden vor-
erst ausgesetzt. Mit dem Zulauf in die
Truppe wird jetzt im Sommer 2022 ge-
rechnet. Ohne Zusatzausstattung, das
Rohr nur gehalten sowie gerichtet, wer-
den Entfernungen von 400 bis 1.500 m
erzielt.
Die Fallschirme T-10 und T-10R wurden
in der Nutzung verlängert. Spätestens ab
2023 sollen neue Schirme mit der Mög-
lichkeit für Richtungsänderungen be-
schafft werden. Ab 2024 soll ein neues
taktisches Gleitfallschirmsystem beschafft
werden. Die Lastenabsetzsysteme werden
in den kommenden Jahren für die bes-
sere Nutzung mit dem Transportflugzeug
A400M durch neue Systeme ersetzt.
Fazit
Für die Luftlandetruppe - und insbeson-
dere die Fallschirmjägertruppe - stehen in
näherer Zukunft etliche Verbesserungen
beim Material an. Ob die Umsetzung der
Planungen gelingt, ist allerdings unsicher.
Diese Truppen stehen bei der Einnahme
des „Planes Heer" nicht in der ersten
Reihe (VJTF 2023, Division 2027). Zudem
kommen die Verteidigungshaushalte der
nächsten Jahre und damit alle Planungen
der Bundeswehr unter Druck, denkt man
an die enormen finanziellen Belastungen,
die die Bundesregierung durch die Coro-
na-Krise eingegangen ist.
62 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL
Eine neue Stufe der deutsch-
französischen Partnerschaft
Luftwaffe und Armee de l‘Air fliegen gemeinsam C-130J
Mike Feuerbach und Philipp-Jan Krappmann
In einer multipolaren Welt können auch aus wirtschaftlichen Gründen rein national ausgerichtete Streitkräfte
allein keine Antwort auf heutige und zukünftige Herausforderungen sein. Die gemeinsame europäische Ent-
wicklung, Beschaffung und Bereitstellung von militärischen Fähigkeiten ist daher ein vordringliches Ziel.
Die Ernsthaftigkeit der Umsetzung
dieses Zieles wurde am 4. Oktober
2016 bekräftigt, als auf Ebene der
Verteidigungsminister Deutschlands und
Frankreichs die Absichtserklärung zur Ko-
operation im Taktischen Lufttransport un-
terzeichnet wurde Dies war gleichzeitig
der Startschuss für eine einmalige und bis
dato einzigartige Kooperation zwischen der
Luftwaffe und der Armee de l'Air. Von 2021
an werden sie gemeinsam eine Lufttrans-
portstaffei in der Haute Normandie, nahe
Paris, betreiben. Insgesamt sollen zehn Flug-
zeuge des Typs Lockheed Martin C-130J Super
Hercules auf dem französischen Fliegerhorst
Evreux-Fauville stationiert und durch Personal
beider Länder betrieben werden. Deutschland
beteiligt sich neben Personal mit drei C-130J-30
(Langversion der C-130J) und drei KC-130J (Tan-
kerversion) an diesem Vorzeigeprojekt - Frank-
reich stellt zwei C-130J-30 und zwei KC-130J.
Langjährige Zusammenarbeit
Deutschland und Frankreich können auf gute
Erfahrungen aus den bestehenden Koope-
rationen für den Kampfhubschrauber Tiger
und für das Transportflugzeug A400M zu-
rückblicken. Auch historisch bestehen mit
dem gemeinsam entwickelten taktischen
Transportflugzeug Transall C-160 seit jeher
enge Bande im militärischen Lufttransport.
Darauf aufbauend soll nun die Partnerschaft
auf einen neuen, bisher nie dagewesenen
Level gehoben werden: eine voll integrierte
Staffel und ein gemeinsames Training Center,
Oberstleutnant Mike Feuerbach
ist Referent im Kommando Luftwaffe,
Referat 4II a und Hauptfeldwebel
Philipp-Jan Krappmann ist Sachbe-
arbeiter im gleichen Referat.
Foto: Bundeswehr/Johannes Heyn
Am 15. Januar 2018 wurde das erste Flugzeug vom Typ C-130J Hercules
in Orleans Bricy an die Armee de l'Air übergeben
das alle Ausbildungsbedürfnisse der Partner
für die C-130J abdecken wird. Dieses Training
Center wird ab 2023 die fliegerische Schulung
der Super Hercules-Besatzungen genauso
wie die technische Ausbildung des Boden-
personals übernehmen. Ergänzend wird ein
Full Flight Simulator zur Verfügung gestellt.
Der gemeinsame Betrieb deutscher und
französischer C-130J erfordert ein einheit-
liches luftrechtliches Regelwerk und so
fußt diese enge Kooperation auf einem
weiteren Projekt europäischer Integration.
Während das zivile Luftrecht der Europe-
an Union Aviation Safety Agency (EASA)
mittlerweile selbstverständlicher europäi-
scher Standard ist, wurde auf der militä-
rischen Seite mit den European Military
Airworthiness Requirements (EMAR) ein
Pendant geschaffen, dessen Anwendung
im Ermessen der Nationen liegt. Deutsch-
land und Frankreich haben sich ent-
schieden, einen weiteren Meilenstein zu
erreichen, indem sie für die Kooperation
bei der C-130J die EMAR-Regularien län-
derübergreifend anwenden. Dies erfolgt
durch gegenseitige Anerkennung der
beiden nationalen militärischen Luftfahrt-
behörden, die für dieses Ziel sehr intensiv
Zusammenarbeiten.
Wofür wird die C-130J
benötigt?
Aber warum besteht eigentlich der Bedarf
für ein weiteres Luftfahrzeug, das kleiner
ist als die A400M, die sich zum Rückgrat
des deutschen militärischen Lufttransports
entwickelt hat?
Die A400M ist nicht nur Nachfolger der
Transall C-160, sondern verfügt auch über
deutlich größere Fähigkeiten. Doch in der
Zeit des gleichzeitigen Betriebs der beiden
Luftfahrzeugtypen zeigte sich, dass die
C-160 für bestimmte Szenarien noch immer
eine sehr gute, teilweise sogar die bessere
Wahl ist. Trotz ihrer enormen Leistungsfä-
higkeit ist die A400M für einige Spezialope-
rationen im taktischen Transport nicht ein-
setzbar, da sie wegen ihrer Größe nicht auf
jedem Flugplatz zum Einsatz kommen kann.
Besonders für die Fähigkeit zur Evakuierung
deutscher und befreundeter Staatsbürger
aus Krisen gebieten gab es daher den Bedarf
für ein kleineres Muster. Genau hier setzt die
Super Hercules an. Die C-130J kommt nicht
nur mit sehr kurzen Start- und Landebahnen
aus, sondern kann auch auf beengten, un-
befestigten Landeplätzen mit eingeschränk-
ter Infrastruktur problemlos operieren.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 63
Foto: Bundeswehr/Johannes Heyn
Start einer C-130J Herkules mit französischen Kennzeichen
Die Transall C-160 ist am Ende ihrer Nut-
zungszeit angelangt und wird sukzessive bis
2021 außer Dienst gestellt. Mit der Einfüh-
rung der C-130J wird die Synergie zwischen
einem größeren und einem kleineren Trans-
portflugzeug wiederhergestellt und diese
Fähigkeitslücke geschlossen.
Die C-130J ist das am längsten und am meis-
ten gebaute militärische Transportflugzeug
der Welt. Das in den USA von Lockheed
Martin entworfene und gebaute Frachtflug-
zeug wurde seit 1956 mehr als 2.600 Mal, in
ungefähr 100 Versionen an die Streitkräfte
der USA sowie befreundeter Staaten ausgelie-
fert. Aktuell sind über 1.400 Flugzeuge des Typs
C-130 weltweit im Einsatz. Auch für zivile Firmen
oder Nichtregierungsorganisationen werden
Versionen der C-130 gebaut, aktuell die L-100.
Merkmale und Fähigkeiten
derC-130J
Die von Deutschland und Frankreich in der
Kooperation verwendete C-130 des Typs
„J" unterscheidet sich von ihrem Vorgän-
ger „H" maßgeblich. Am auffälligsten sind
die Modernisierungen des Cockpits und der
Triebwerke. Das Cockpit, ein sogenanntes
Glas-Cockpit, ist mit mehreren multifunkti-
onalen Bildschirmen und Head-up-Displays
ausgerüstet. Dies sorgt bei der Besatzung für
eine bessere Rundumsicht und intuitive Bedi-
enbarkeit, was Kapazitäten für andere Auf-
gaben freisetzt. Gleichwohl ist dieser Kom-
fort keine Achillesferse, da die C-130J sehr
robust ist und im Notfall auch bei Ausfall der
elektronischen Systeme beherrschbar bleibt.
Dieser Ansatz hat sich bei anderen Nutzern
schon mehrfach im Einsatz bewährt
Die vier Turboproptriebwerke verfügen
über ein eigenes Regelungssystem, das so-
genannte FADEC (Full Authority Digital En-
gine Control). Auch hier wird die Besatzung
durch autonome und verbesserte Überwa-
chung sowie Nachregelung dieser moderni-
sierten Rolls-Royce-Triebwerke weitgehend
von manuellen Eingriffen entlastet.
Die Vorteile der sehr beeindruckenden Reich-
weite von 1.450 Nautische Meilen bei maxi-
maler Zuladung, der enormen Steigrate (17 Mi-
nuten auf eine Cruise Altitude von ca. 28.000
Fuß), der Bedienbarkeit und Wendigkeit sind
so gravierend, dass die Maschine in den USA
sogar als Hurrikan-Jäger eingesetzt wird.
Frankreich und Deutschland haben die
Versionen C-130J-30 und KC-130J für ihren
gemeinsamen Flottenpool ausgewählt. Die
„-30" hat einen um ca. vier Meter verlänger-
ten Rumpf und kann somit mehr sperrigere
Fracht in ihrem 55 Fuß (ca. 16,7 Meter) gro-
ßen Laderaum transportieren. So besteht
die Möglichkeit, entweder acht standar-
disierte HCU-6 Paletten, 128 Infanteristen
bzw. Passagiere oder 92 voll ausgerüstete
Fallschirmjäger aufzunehmen und abzuset-
zen. Mit den damit verfügbaren Sitzplätzen
sind gerade für den Evakuierungsfall ausrei-
chend Kapazitäten verfügbar.
Zur Betankung von Luftfahrzeugen werden
beide Nationen insgesamt fünf „KC" in den
Pool der gemeinsamen Staffel einbringen. Die
KC-130J kann nicht nur Kampfflugzeuge oder
andere Flächenflugzeuge in der Luft betanken,
sondern auch Hubschrauber. Falls zudem am
Boden eine Betankung von Hubschraubern
benötigt wird, kann mit der KC 130J auch auf
unbefestigten Pisten gelandet werden und
dort ein sogenannter Forward Arming And
Refueling Point (FARR) mit geringem Aufwand
schnell und flexibel eingerichtet werden.
Aber die deutschen C-130J können auch
selbst in der Luft betankt werden. Dadurch
wird der Einsatzradius erheblich erwei-
tert und in der Tankerrolle mehr Treibstoff
verfügbar. Frankreich verfügt bereits über
seine vier C-130J. Deutschland wird seine
Luftfahrzeuge schon sechs Jahre nach der
Absichtserklärung der Nationen und vier
Jahre nach Feststellung des Bedarfs ab An-
fang 2022 sukzessive bis 2024 zum Einsatz
bringen können. Das ist für die militärische
Beschaffung von Luftfahrzeugen ein atem-
beraubendes Tempo.
Gemeinsam in Evreux
Der zukünftige Standort in Evreux wartet
mit einem Militärflugplatz auf, der auf eine
lange und spannende Geschichte zurück-
blickt. Schon 1912 eröffnet, diente er vom
Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1966 als
Transportstützpunkt der U S. Air Force. We-
gen seiner Nähe zu Paris wurde der Stütz-
punkt auch nach dem Abzug der Amerika-
ner von der Armee de l'Air unter anderem
für das präsidiale Flugzeug und für vielfältige
Transportflugzeugmuster, einschließlich der
Transall C-160, genutzt.
Im Sommer 2021 wird die binationale Staffel
hier ihre Heimat finden. Das deutsche Perso-
nal wird dann nach Evreux verlegen und mit
der von Orleans kommenden französischen
C-130J-Staffel eine neue Einheit bilden. Die
Bauarbeiten für das komplett neue Staffel-
gebäude mit der notwendigen Infrastruktur
wie einem Hangar für die Instandhaltung
und Außenstellplätzen haben Mitte letzten
Jahres begonnen. Zusätzlich wird noch ein
Stabsgebäude für die Führung und die Be-
treuung des deutschen Personals errichtet.
Wegen der umfangreichen Bauarbeiten und
des enormen Tempos des Projekts wird trotz
größter Anstrengungen nicht die gesamte
Infrastruktur von Beginn an zur Verfügung
stehen. Deshalb wird das erste Personal mit
den Luftfahrzeugen zunächst in Interimsge-
bäuden unterkommen, die zurzeit noch für
den Betrieb der dort stationierten französi-
schen Transall C-160 genutzt werden. Der
Umzug in die neuen Gebäude ist für Ende
2021 geplant. Der Zeitplan ist zwar „sport-
lich", aber aufgrund der hervorragenden
Zusammenarbeit mit einem Architekturbüro
aus Paris, das weltweit erfolgreich Großpro-
jekte umgesetzt hat, sind beide Vertragspar-
teien guter Dinge, das für die Fertigstellung
angestrebte Datum zu erreichen. Von den
intensiven Aktivitäten vor Ort konnte sich ei-
ne deutsch-französische Delegation bereits
im November letzten Jahres überzeugen.
Das Projekt C-130J bleibt weiterhin sehr am-
bitioniert, da pünktlich bis zur Indienststel-
lung des ersten deutschen Luftfahrzeuges
auch die rechtlichen und logistischen Vor-
aussetzungen zu schaffen sind. Nicht ohne
Grund wird daher das Projekt in direkter
Zusammenarbeit mit dem französischen
Verteidigungsministerium unmittelbar aus
dem BMVg heraus geführt. Die binationale
Zusammenarbeit setzt sich dabei auf allen
Ebenen fort. Das gilt für die Beschaffungs-
organisation, die Verwaltung und die Streit-
kräfte.
Das große Ziel der Teamplayer (auf deut-
scher Seite aus dem Bundesministerium der
Verteidigung, dem Bundesamt für Ausrüs-
tung, Informationstechnik und Nutzung der
Bundeswehr und der Luftwaffe) ist es, bis
Ende des Jahres 2024 die volle Einsatzbereit-
schaftzu erreichen.
Fazit
Mit diesem für die Geschichte beider Streit-
kräfte einzigartigen Projekt wird sich der
Anspruch einer gemeinsamen Bereitstel-
lung militärischer Fähigkeiten verwirkli-
chen. Der militärische und auch taktische
Lufttransport als Daueraufgabe ist für heu-
tige Einsätze eine unverzichtbare und regel-
mäßig in Anspruch genommene Fähigkeit.
In diesem Umfeld wird sich diese Koope-
ration gewiss bewähren und damit als -
bisher einmalige - Blaupause für weitere
Projekte zur Vertiefung der europäischen
Integration stehen.
64 Europäische Sicherheit & Technik • Juni 2020
den USA, erklärte Esper im Rahmen eines
Seminars der Brookings Institution.
Nicht alle Experten bewerten die Lage pes-
simistisch. Einige Wirtschafts- und Sicher-
heitsexperten sind der Ansicht, dass die
Blick nach Amerika
werden soll. Die Einsatzführung erfolgt
aus dem bemannten Flugzeug heraus,
doch soll das unbemannte Luftfahrzeug
auch ein hohes Maß an Autonomie besit-
zen. Skyborg kann als Aufklärer voraus-
Sidney E. Dean
Auch Pentagon am COVID-19-Virus er-
krankt!: Die Überschrift bezieht sich aller-
dings nicht auf die Anzahl der Infektionsfälle
unter Soldaten. Medizinisch steht das Mi-
litär wesentlich besser da als die Zivilbevöl-
kerung. Angesichts der Tatsache, dass die
ohnehin massive US-Staatsverschuldung in
Folge der COVID-19-Pandemie um mindes-
tens 25 Prozent zunehmen wird, macht sich
im Pentagon die Sorge breit, dass das Vertei-
digungsministerium in den nächsten Jahren
mit Etateinbußen rechnen muss. Verteidi-
gungsminister Esper warnt, dass der Abbau
älterer Ausrüstung vermutlich schneller als
geplant durchgeführt werden muss, um
möglichst früh Betriebskosteneinsparungen
umzusetzen. Eine weitere Runde Standort-
schließungen wird auch nicht ausgeschlos-
sen. „Der Tag der Abrechnung rückt näher",
resümierte Esper vor Reportern.
Noch tiefgreifender ist die Aussicht auf
eine Kürzung bei den Entwicklungs- und
Beschaffungsprogrammen zur Moderni-
sierung der Streitkräfte. Bedroht sind vor
allem politisch umstrittene Programme
wie die Modernisierung der atomaren
Streitkräfte. Der Verteidigungsetat muss
grundsätzlich um drei bis fünf Prozent
jährlich steigen, um die Streitkräfte auf
Im Falle von Etatkürzungen wäre
die Modernisierung des Interkon-
tinentalraketenarsenals beson-
ders gefährdet
künftige Bedrohungen durch Russland
und China vorzubereiten. Eine Sparmög-
lichkeit wäre die Reduzierung der ständig
im Ausland stationierten Streitkräfte zu-
gunsten entsendungsbereiter Einheiten in
Hemmschwelle der Etatdisziplin durch die
COVID-bedingten Konjunktur- und Sozial- |
pakete dieses Jahres durchbrochen wurde.
Falls diese These zutrifft, könnte der Druck 1
auf die verschiedenen Etatposten - ein-
schließlich Verteidigung - sogar schwächer
ausfallen. „Zur Bekämpfung der Pandemie
erhöhte der Kongress den bereits für die-
ses Jahr gültigen Staatsetat", kommentierte
Mark Cancian vom Washingtoner Center
for Strategie and International Studies. „Ich
gehe davon aus, dass der Kongress sich für
2021 weitgehend am Budgetantrag der Re-
gierung halten wird. Ich sehe derzeit wenig
Neigung zur Fiskaldisziplin."
1FF für die Infanterie: IFF-Systeme (Iden-
tifizierung Freund oder Feind) gehören seit
Jahrzehnten zur Standardausrüstung mi-
litärischer Flugzeuge. Am Boden sieht es
Die Gefahr von „Freundfeuer-
zwischenfälien" nimmt nachts
exponentiell zu
noch anders aus. Trotz verbesserter Kom-
munikationsausstattung kommt es insbe-
sondere bei Nachteinsätzen immer wieder
vor, dass getrennt vorrückende Trupps sich
versehentlich gegenseitig beschießen. Die
U S. Army will nun ein IFF-System für In-
fanteristen einführen. Die entsprechende
Ausschreibung erfolgte Anfang Mai. In-
teressierte Firmen haben bis zum 7. Juni
2020 Zeit, Vorschläge einzureichen. Die
neue Technologie soll direkt in die Feld-
uniform oder in andere Ausrüstungsge-
genstände integriert werden. Das Gerät
darf maximal 25 x 25 Zentimeter messen
und muss noch auf 300 Meter Entfernung
funktionieren.
Skyborg: Die U.S. Air Force gab am 11.
Mai bekannt, dass sie noch vor Monats-
ende eine Ausschreibung für das Sky-
borg-Programm vorstellen werde. Es han-
delt sich dabei um ein unbemanntes be-
waffnetes Flugzeug, das gemeinsam mit
bemannten Jagdflugzeugen eingesetzt
Loyal Wingman-Prototyp der
Firma Boeing
fliegen und gegnerische Flugabwehrstel-
lungen orten, auf Kommando Bodenziele
bekämpfen und auch als fliegende Kom-
munikationsschnittstelle fungieren, um
den Datenaustausch zwischen gemein-
sam eingesetzten Flugzeugen verschiede-
nen Typs zu ermöglichen.
Verschiedene unbemannte Luftfahrzeuge
wurden im Verlauf der letzten zwei Jahre
eingesetzt, um das Skyborg oder Basis-
konzept „Unmanned Wingman" (Unbe-
mannter Rottenkamerad) zu erproben. Bei
der jetzigen Ausschreibung geht es um
die Auslieferung vollwertiger Prototypen
eines Einsatzflugzeugs. Die Air Force will
mindestens zwei konkurrierende Entwür-
fe testen. Die Firmen Kratos und Boeing
gelten als besonders aussichtsreiche Be-
werber. Die Air Force machte bereits gute
Erfahrungen bei der Erprobung der Valky-
rie-Drohne der Firma Kratos. Boeing stell-
QuelJe: U.S. Air Force
XQ-58A Vaikyrie der Firma Kratos
te Anfang Mai den ersten Prototyp des in
Australien für die australischen Streitkräf-
te entwickelten Loyal Wingman-UAV vor.
Die Auftragsvergabe für die Auslieferung
der Prototypen soll noch im Verlauf des
Sommers erfolgen. Die Einsatzbereit-
schaft der Vorserienflugzeuge wird Ende
2023 angestrebt.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 65
INFORMATIONEN • NACHRICHTEN • NEUIGKEITEN
Unsichere Zukunft für die
russische Su-57
Die Voraussetzungen für die Su-57 in der
russischen Luftwaffe haben sich verändert.
Das in der NATO „Felon" genannte Flug-
zeug ist ein Mehrzweck-Kampfflugzeug
der fünften Generation, von dem sich die
Firma Suchoi und die Luftwaffe viel ver-
Foto: USN/Later Foto: Suchoi
sprochen haben. Es wird allerdings immer
offensichtlicher, dass die Su-57 zumindest
in der unmittelbaren Zukunft die Su-27/35
Flanker-Familie nicht in der ursprünglich
vorgesehenen Anzahl ersetzen wird. Die
Su-57 wurde im Rahmen des Programms
„FutureCombat Aircraft" (PAK FA)entwi-
ckelt. Die russische Luftwaffe stellte aller-
dings fest, dass die bestehenden Flankers
derzeit ausreichen, da in naher Zukunft
keine Luftkämpfe gegen westliche Kampf-
flugzeuge der fünften Generation, wie die
F-22 Raptor und die F-35 Lightning II, zu
erwarten sind. (yl)
FFG(X) nach FREMM-Design
Seit Jahren plant die U.S. Navy, Mehrzweck-
fregatten der nächsten Generation (FFG(X))
zu beschaffen. Jetzt hat sie sich für Fregat-
ten nach dem Design derFREMM-Fregatten
des italienischen Rüstungskonzerns Fincan-
tieri entschieden. Die Fregatten sollen von
Wisconsins Manette Marine Shipyards ge-
baut werden. Die Kiellegung der ersten Fre-
gatte soll noch 2020 beginnen, und 2026
soll das Schiff, das 1,28 Mrd. Dollar kostet,
Excalibur-Geschosse für das
niederländische Heer
Die Defense Secu-
rity Cooperation
Agency hat mitge-
teilt, dass die US-
Regierung dem
Kaufantrag der nb._
ländischen Regierung
über 199 Geschosse
Excalibur increment IB genehmigt hat. Die
Programmkosten werden mit rund 37 Mio.
Euro angegeben und schließen technische
Unterstützung, Ausbildung, Sonderwerk-
zeuge und weiteres logistisches Gerät ein.
Das präzisionsgelenkte Geschoss wurde
gemeinsam von Raytheon und Bofors ent-
wickelt und ist erstmals 2012 von der U.S.
Army in Afghanistan eingesetzt worden.
Das 155-mm-Geschoss mit Base-Bleed-
Antrieb verfügt an der Geschossspitze
über Steuerflächen zur Lenkung des Ge-
schosses im Endanflug. Abgefeuert in der
oberen Winkelgruppe können in urbanem
Umfeld Ziele hinter hohen Gebäuden be-
kämpft werden. (gwh)
Jüngste Aufträge für die P-8A
Boeing ist mit seinem Seefernaufklärer und
U-Bootjäger P-8A weiterhin auf Erfolgskurs.
Im April erfolgten drei Aufträge: acht Flug-
zeuge für die U.S. Navy, sechs für Südkoreas
Marineflieger und vier für die Royal New Ze-
aland Air Force. Bei der U.S. Navy löst sie die
seit 1962 im Einsatz befindliche Lockheed
jz?
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o
P-3 „Orion" ab, die in zahlreichen Versionen
in rund 20 Ländern genutzt wurde/wird. Die
Boeing P-8A „Poseidon" basiert auf dem
Passagiermuster Boeing 737-800ER1 und
absolvierte am 25. April 2009 ihren Erstflug.
Seit 2013 ist sie bei der U.S. Navy im Dienst.
Die Einsatzdauer beträgt vier Stunden, kann
aber durch Luftbetankung fast beliebig ver-
längert werden. Die Bewaffnung (Bomben)
kann an Bord bzw. an Pylonen unterhalb der
Tragflächen (Torpedos, Lenkraketen) mitge-
führt werden. Mit Sonarbojen kann sie U-
Boote aufspüren. (pp)
Verbundhelme für das
polnische Heer
Der polnische Verteidigungsminister Mari-
usz Blaszczak hat am 23. April 2020 be-
kanntgegeben, dass der Abschluss eines
Vertrages mit Maskpol zur Lieferung von
über 50.000 Verbundhelmen kurz bevor-
steht. Ohne den Helm zu spezifizieren,
zeigte Blaszczak ein Bild des ballistischen
Helms HP-05 von Maskpol. Der knapp
1,5 kg schwere High-Cut-Helm ist in drei
Größen lieferbar und wird mit vier Gurten
ausgeliefert werden. Vorerst sollen zehn
Fregatten beschafft werden. Die Fregatten
werden mit dem modernen AN/SPY-6 Ra-
dar, dem Aegis Combat System von Lock-
heed Martin, mitClWS-Systemen und mit 32
VLS-Zeilen für Flugkörper ausgerüstet. Das
Foto zeigt die italienische FREMM-Fregatte
„Alpino", die zur Auswahlentscheidung zur
Ostküste der USA verlegt hat. (ds)
Das erste GlobalEye Frühwarnflugzeug ausgeliefert
Saab hat am 29. April das erste von fünf luftgestützten Frühwarnsystemen Global
Eye an die Vereinigten Arabischen Emirate ausgeliefert. Es besteht aus einem Saab
Erieye Extended Range Radar und zusätzlichen Sensoren integriert in Bombardier
Global 6000 Langstreckenflugzeuge. Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten
2015 drei GlobalEye-Flugzeuge bestellt und im November 2019 eine Vertragsän-
derung für den Kauf von zwei weiteren Systemen angekündigt. GlobalEye ist die
neue, luftgestützte Frühwarn- und Überwachungslösung von Saab. Es bietet Luft-,
See- und Bodenüberwachung in einer einzigen Lösung. (gwh)
66 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
... AUS ALLER WELT
befestigt. Er schützt vor Splittern und Be-
schiess mit Handfeuerwaffen. Der Helm ist
mit Zubehörschienen und einer Halterung
für Nachtsichtbrillen ausgestattet und ist
kompatibel mit militärischer Ausrüstung
wie kugelsicheren Westen, filtrierenden
Schutzkleidung, Schutzmasken, individu-
ellen Sprachkommunikationsmitteln und
Augenschutzgeräten. (gwh)
Maritime SAR-UAS
Eibit Systems hat das Hermes 900 Maritime
Patrol Unmanned Aircraft System (UAS) für
SAR-Missionen weiterentwickelt bzw. befä-
higt. Das UAS wurde mit Entdeckungs- und
Identifikationssystemen (EO/lR-Sensoren),
mit einem speziellen Suchradar zum Auf-
finden von Schiffsbrüchigen sowie mit vier
aufblasbaren Rettungsinseln für jeweils
sechs Personen unter den Flügeln ausgerü-
stet. Die Rettungsinseln können präzise aus
ca. 200 m Höhe zu den Schiffbrüchigen au-
tomatisch abgeworfen werden, im Gegen-
satz zu bemannten SAR-Flugzeugen kann
das SAR-UAS 24 Stunden lang, bei Tage
und bei Nacht und bei allen Wetterlagen
seine SAR-Mission erfüllen. (ds)
Leonardos
„Falco Xplorer" fliegt
Nachdem der italienische Hersteller Leo-
nardo das taktische Remotely Piloted Air
System (RPAS) „Falco Xplorer", seine bisher
größte Drohne, auf der letztjährigen Paris
Air Show präsentiert hatte, ist zu Beginn
dieses Jahres der Erstflug des RPAS auf der
Militärbasis Trapani durchgefuhrt worden.
Nach Firmenangaben hat „Falco Xplorer"
eine Nutzlast von maximal 350 kg und eine
maximale Flugdauer von mehr als 24 Stun-
den. Das maximale Abfluggewicht beträgt
1,3 t, die Flughöhe erreicht mehr als 7.300
m. Zur Sensorik gehört u.a. des Radar T-80,
das Aufklärungssystem SAGE und weitere
Ausstattung. Für Einsätze jenseits der Sicht-
linie gibt es eine Satellitenverbindung.. Die
Ausstattung kann nach Kundenwünschen
variieren. Derzeit sind mehr als 50 RPAS von
Leonardo bei unterschiedlichen Nutzern im
Einsatz. (pp)
Luft-Luft-Betankungstests
mit CH-53K
Über der Chesapeake Bay an der Ostküste
der USA haben das U.S. Marine Corps und
der CH-53K-Hersteller Sikorsky Luft-Luft-
ckene Kontakte zwischen Tanker und Hub-
schrauber erreicht. Die Kontakte mit dem
Tankschäauch und dem trichterförmigen
Korb fanden mit ständig steigenden Flug-
geschwindigkeiten statt, um den Einfluss
der Verwirbelungen hinter dem Tankflug-
zeug auszutesten. Die Luftbetankungsfä-
higkeit ist ein wichtiges Merkmal, um die
geforderten Langstreckeneigenschaften zu
erreichen. Die Betankungstests gehören zu
den letzten Nachweisen vor Abschluss der
Entwicklungstests. (gwh)
Erstflug der X-31A „Gremlins"
Dynetics Technical Solutions hat nach
einem Auftrag der DARPA von 2018 den
unbemannten Flugkörper X-31A „Grem-
lins" entwickelt, mit dem die Möglich-
keiten von Start und Bergung wieder-
verwendbarerer Unmanned Air Vehicles
(UAV) erprobt werden sollen. Der Erst-
flug von Gremlins fand im Januar 2020
statt. Dabei löste sich der Flugkörper
erfolgreich von einem Transportflug-
zeug Lockheed C-130A. Noch in diesem
Frühjahr soll ein weiterer Test erfolgen.
Das Gremlins-UAV kann von dem Trans-
portflugzeug wieder abgefangen und zu
einem Stützpunkt gebracht werden, wo
es für einen weiteren Einsatz vorbereitet
wird. Die X-31A ist 4,2 m lang und wiegt
680 kg, es ist eine vielseitige Nutzlast
von 65,7 kg möglich. (pp)
Eibit liefert Führungssystem für
Schweizer TASYS
Das Taktische Aufkiärungssystem (TASYS)
der Schweizer Armee wird mit einem
Führungssystem von Eibit ausgestattet.
Eibit hat die Unterzeichnung eines ent-
sprechenden Vertrags mit armasuisse mit
einem Volumen von 13,8 Mio. Euro am
16. April 2020 bekanntgegeben. C2-Sys-
teme von Eibit verbessern die Fähigkeiten
zur Zielerfassung, Priorisierung und Da-
Betankungstests mit dem Tankflugzeug
KC-130J erfolgreich durchgeführt. Bei den
4,5-stündigen Tests wurden mehrere tro-
tenverbreitung und tragen zur Generie-
rung eines gemeinsamen Lagebildes für
rasche Entscheidungsfindung und einen
effektiven Einsatz bei. Die Einführung in
die Truppe ist 2023 bis Ende 2025 vorge-
sehen. (gwh)
Mobile Firepower Programm-
Kampffahrzeug vorgestellt
General Dynamics hat das Kampffahr-
zeug für das Mobile Firepower Pro-
gramm (MPF) der U.S. Army vorgestellt.
Das MPF ist eines der Kampffahrzeuge
aus dem übergreifenden Programm New
Generation Combat Vehicle, mit dem die
Ausrüstung der U.S. Army in kurzer Frist
grundlegend erneuert werden soll. MPF
soll als schwere Waffe die Infanterie un-
terstützen. Dazu wird eine Kompanie mit
14 MPF ausgestattet und jeweils einem
Infanteriekampfverband zugordnet. Bei
der Vorstellung wurden keine Details zu
dem Fahrzeug mitgeteilt. (gwh)
Foto: U.S. Army Foto: Eibit
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 67
INFORMATIONEN • NACHRICHTEN • NEUIGKEITEN
„Tejas" im Einsatzstandard
Am 17. März ist auf dem Flugplatz Ban-
galore des Herstellers Hindustan Aero-
nautics Ltd. (HAL) das erste Exemplar des
Foto: 11. LDKPzDiv Foto: HAL
Light Combat Aircraft (LCA) „Tejas" mit
dem Standard Final Operational Clea-
rance (FOC) gestartet. Der Flug dauerte
40 Minuten. Der einsitzige Kampfjet war
das erste Flugzeug eines Auftrages über
16 „Tejas", die 2021 an die indische Luft-
waffe geliefert werden sollen. Die FOC-
„Tejas" hat ein Turbofan-Triebwerk F414
von General Electric, sie kann in der Luft
betankt werden, hat eine doppelläufige
23-mm-Kanone GSh-23 aus Russland
und ein Luft-Luft-Raketensystem mit
BVR-Sichtweite (Beyond Visual Range)
von Rafael aus Israel, Für die Zukunft plant
Indien die weitere Beschaffung von 83
weiteren „Tejas", 73 einsitzige Kampf-
flugzeuge und zehn Trainer. Der erste
„Tejas"-Erprobungsträger kam 2001 in
die Flugerprobung. (pp)
Modernisierung der polnischen
Leopard 2-Panzer stockt
2015 hat Polen das Programm zur Mo-
dernisierung von 142 Kampfpanzern
Leopard 2A4 gestartet Es war vorgese-
hen, dass Rheinmetall-Defence zunächst
einen Prototyp und nach Serienfreigabe
fünf weitere Kampfpanzer modernisiert.
Anschließend sollte der polnische Auf-
tragnehmer Bumar-Tab?dy 12 Panzer un-
ter Anleitung von Rheinmetall umrüsten.
Die restlichen Panzer sollten unter Regie
von Bumar-tabedy bis 2021 ausgeliefert
werden. Bis heute hat die polnische Seite
den ersten Prototyp noch immer nicht
abgenommen. Der aktualisierte Zeitplan
von 2019 sieht vor, die Modernisierung
der Kampfpanzer bis 31. Juli 2023 abzu-
schließen. (gwh)
Finnland übernimmt
GrobG115E
Bei der finnischen Luftwaffe haben die
ersten Kurse auf modernisierten Trainern
Grob G 115 „Tutor" begonnen. Da aus
Kostengründen eine Beschaffung von Neu-
flugzeugen nicht infrage kam, hat Finnland
in den vergangenen Jahren 28 Flugzeuge
von der Firma Babcock International erwor-
ben, die mit einer Flotte von rund 90 Tutor-
Trainern die Ausbildung für die britischen
Streitkräfte betrieben hat. Der Kaufpreis
lag bei 6,6 Mio. Euro. Die Flugzeuge haben
im Schnitt 5.000 Flugstunden erreicht und
wurden mit einer neuen GPS-Navigation
und einer neuen Instrumentierung verse-
hen, was zu den Beschaffungskosten hin-
zuzurechnen ist. Die Arbeiten wurden von
dem finnischen Unternehmen Patria Aviati-
6
o
Modernisierung der Tu-95-Bomber
Die Tupolew Tu-95 (NATO-Bezeichnung Bear) ist ein viermotoriger Bomber mit
Turboprop-Antrieb. Sie flog 1952 zum ersten Mal, von den etwa 600 produzierten
Flugzeugen sind noch etwa 60 im Dienst. Deren Modernisierung auf den Stand
Tu-95MSM erfolgt im Berijew-Werk in Taganrog. Die ersten erneuerten Flugzeuge
haben bereits das Werk verlassen und die Flugerprobung begonnen. Von der Mo-
dernisierung sind die Funk- und Navigationsgeräte betroffen, auch das Triebwerk
NK-12MPM wird leistungsgesteigert. Das Schwergewicht der Modernisierung liegt
allerdings bei der Bewaffnung. Die Tu-95MSM wird befähigt, die modernen Marsch-
flugkörper Ch-101 und Ch-102 einzusetzen. Wegen der Ausmaße der Waffen müs-
sen diese an vier zusätzlichen Pylonen mitgeführt werden. Die neuen Flugkörper
haben eine Reichweite von bis zu 5.000 km. (pp)
on durchgeführt. Die Grob G 115E werden
bei der finnischen Luftwaffe die seit 40 Jah-
ren genutzten Trainer Valmet L-70 „Vinka"
ersetzen. (pp)
FireFly wird in Israel eingeführt
Das israelische Verteidigungsministerium
(IMOD) hat bei Rafael die Produktion und
Lieferung der schwebefähigen (loitenng)
Munition FireFly in Auftrag gegeben. Fi-
reFly gehört zur weitverbreiteten Spike-
Familie und soll bei den Bodentruppen der
israelischen Streitkräfte eingeführt werden.
Loitenng Munition wird ohne konkretes
Ziel gestartet und kann begrenzte Zeit in
der Nähe möglicher Ziele schweben, bis die
Wirkung ausgelöst wird. Die gemeinsam
68 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
... AUS ALLER WELT
von Rafael und dem IMOD entwickelte Fi-
reFly wiegt nur 3 kg und bietet dem ab-
gesessenen Soldaten die Fähigkeit zum
Präzisionsangriff hinter der Deckung vor
allem in urbanem Umfeld, wo das Situa-
tionsbewusstsein häufig begrenzt und oft
unzureichend ist. (gwh)
Erste Nachtsichtgeräte
ENVG-B ausgeliefert
LBHarris hat das erste Los der neuen
zweiäugigen Nachtsichtbrillen (Enhanced
Night Vision Goggle - Binocular, ENVG-
B) mit 656 Stück an die U.S. Army aus-
geliefert. Damit können erste Einheiten
vollständig ausgestattet werden und
von der neuen Nachtsichttechnologie
profitieren. Die
। *> | ENVG-B ist eine
' .'.JjSkjv drahtlose, bino-
if | kulare Nacht-
sichtbrille mit
integriertem
Ä Wärmebildge-
! T rät ur|d kom-
i < ' biniert zwei
** yM leistungsstarke
v « 18-mm-Nacht-
sichtröhren der dritten Generation (Weiß-
phosphor) von LBHarris mit einem sepa-
raten Wärmebildkanal für die Bildfusion
und die thermische Zielaufklärung. Das
System kann drahtlos mit Wärmebildziei-
geräten auf Handwaffen kommunizieren.
Das generierte Zielbild wird direkt in das
Okuiardisplay der ENVG-B, somit in das
Sichtfeld der Nutzer übertragen. LBHarris
war 2018 mit der Lieferung von ENVG-B
beauftragt worden. Der Rahmenvertrag
umfasst 10.000 Geräte. (gwh)
Gründung Joint Venture
für spanischen Piranha
Mit einer Verpflichtungserklärung hat die
spanische Verteidigungsministerin Mar-
garita Robles die Gründung eines Joint-
Venture-Unternehmens für die Produkti-
on von gepanzerten 8x8-Radfahrzeugen
(Vehiculo de Combate sobre Ruedas, VCR)
ermöglicht.
An dem Joint Venture sind die spanischen
Unternehmen Indra Sistemas S.A., Santa
Barbara Sistemas S.A., Sapa Placencia S.L.
und Escribano Mechanical & Engineering S.L.
beteiligt, die 348 VCR auf Basis des Piranha V
8x8 von Genera! Dynamics European Land-
systems (GDELS)
produzieren
sollen. Mit dem
Industriekonsor-
tium will Spanien
die Designkom-
petenz im Land
erhalten und sicherstellen, dass mindesten
70 Prozent Arbeitsanteil in Spanien erbracht
werden. Sobald das Joint Venture gegrün-
det ist, beginnt die Ausschreibungsperiode
mit dem Ziel im dritten Quartal 2020 einen
Beschaffungsvertrag zu unterzeichnen. Im
Dezember 2019 hatte die spanische Re-
gierung ein Angebot der GDELS-Tochter
Santa Barbara Sistemas aus technischen
und Kosten-Gründen zurückgewiesen und
eine Ausschreibung im Wettbewerb ange-
kündigt. (ghw)
Steigerung australischer
Fähigkeiten
Die australische Ministerin für die Verteidi-
gungsindustrie, Melissa Price, verkündete,
dass die australische Rüstungsindustrie einen
wichtigen Meilenstein zur Verbesserung der
Fähigkeiten der F-35A Joint Strike Fighter er-
reicht habe. Hierbei handelt es sich um die
neue BLU-111, die die gleiche Reichweite
und Leistungskennziffern wie die derzei-
tigen Mehrzweckbomben hat, dabei aber
wesentlich sicherer zu lagern, zu transportie-
ren und zu betreiben ist. Die BLU-111 ist aus
der Zusammenarbeit von 15 australischen
Firmen unter Leitung von Thales Australia
Limited hervorgegangen. (df)
Russisches Amphibien-
Kampffahrzeug Boomerang
Russland hat begonnen, die universelle
Kampfplattform Boomerang für den Export
anzubieten. Das Fahrzeug hatte sein öffent-
liches Debüt auf der Victory-Parade 2015 in
Moskau, Im Dezember 2019 waren Vorver-
suche abgeschlossen worden. Der Boome-
rang ist ein 8x8 Amphibien-Kampffahrzeug,
das mit einer Besatzung von drei Mann plus
acht bis elf Soldaten für die Bewältigung ei-
ner Vielzahl von Kampf- und Friedensmissi-
onen ausgelegt ist. Es verfügt über em fort-
schrittliches Moduldesign mit dem Fahrraum
vorne links, dem Motorraum vorne rechts,
dem Kampfraum in der Mitte und dem Trup-
penraum hinten, wobei der Ein- und Aus-
stieg über Dachluken, die Hecktüroder eine
Rampe möglich ist. (yl)
China: zwei neue strategische
U-Boote in Dienst gestellt
Die „South China Morning Post" berich-
tet, dass die Volksbefreiungsmarine, PLAN,
zwei Atom-U-Boote vom Typ 094A in
Dienst gestellt hat. Die Einheiten sind Wei-
terentwicklungen des Typs 094, die auch als
„Jin"-Klasse bezeichnet wird. Die Morning
Post verm eld et hyd rodyn am ische Verbesse-
rungen am Turm und an der Formgebung
im Vorschiffbereich sowie technologische
Upgrades bei Radar, Sonar und Torpedos.
Die 135 m langen, 11.000 t verdrängenden
Boote des Typs sind mit zwölf JL-2 U-Boot-
gestutzten Interkontinentalraketen, die in
US-Quellen mit einer Reichweite von 7.400
km angegeben werden, bewaffnet, (hum)
Weitere Tests
mit der AVfC AG600
Die Aviation Industry Corporation of Chi-
na (AVIC) hat nach einer durch die Coro-
na-Pandemie unterbrochenen Pause die
Erprobung des größten Flugbootes der
Welt AG600 „Kunlong" wieder aufge-
nommen Seit dem 7. April werden Flüge
durchgeführt, die das Flugzeug auch für
längere Zeit über das Südchinesische Meer
führen. Noch in diesem Jahr sollen auch
Starts von der Meeresoberfläche erfolgen.
Die von vier in China entwickelten Turbo-
prop-Triebwerken angetriebene AG600
erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von
450 km/h, sie hat eine Flugdauer von 12
Stunden bei 4.500 km Reichweite und soll
sowohl militärische als auch Aufgaben wie
Seenotrettung oder Waldbrandbekämp-
fung durchführen. Der Erstflug der AG600
fand am 24. Dezember 2017 statt. Im Ok-
tober 2018 fanden erfolgreiche Landetests
auf dem Wasser statt. (pp)
Foto: AVIC Foto: PLAN
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 69
Fraunhofer
INT
Das Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische
Trendanalysen berichtet über neue Technologien
Bioinspirierte Sensoren
Schon seit Jahrzehnten ist die Bionik,
also das Lernen von der Natur und die
Umsetzung der dabei gewonnenen Er-
kenntnisse in der Technik, ein immer
stärker werdender Trend. In den letzten
10 bis 15 Jahren nehmen hier insbeson-
dere die Bemühungen um die techni-
sche Nachahmung der Sensorik aus dem
Tier- und Pflanzenreich zu. Wesentliche
Triebfeder dafür sind die teilweise über-
ragenden Detektionsleistungen natürli-
cher Systeme. Trotz enormer Fortschritte
in Forschung und Technologie sind diese
ihren technischen Pendants in den meis-
ten Bereichen heute immer noch weit
überlegen.
Neben den klassischen, vom Menschen
bekannten Sinnessystemen wie Hören,
Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken
finden sich im Tierreich viele weitere sen-
sorische Systeme wie beispielsweise die
Echoortung, Elektroortung, Infrarot- und
UV-Wahrnehmung, Sonar und Mecha-
nosensorik. Jedes dieser Systeme ist auf
einen bestimmten Aufgabenbereich spe-
zialisiert. Tiere nutzen diese Sensoren,
um sich zu orientieren, Beute zu jagen
oder auch zur Kommunikation. Allge-
mein kann man biologische Sensorsyste-
me in akustische, chemische, elektrische,
optische, mechanische und thermische
unterteilen. Die vermutlich bekanntes-
te Art von biologischen Sensoren sind
sogenannte Exterorezeptoren. Dies sind
sensorische Zellen, welche Signale von
außen, also aus der Umgebung, aufneh-
men und dann weiterverarbeiten. Für
diesen Zweck sind diese Sinneszellen
auch an der Grenze zwischen Organis-
mus und Umwelt, also zum Beispiel auf
der Haut oder im Auge, zu finden.
Eine biomimetische Nachbildung von
Sinnessystemen kann auf unterschiedli-
che Art und Weise geschehen. Neben
der Nachbildung der morphologischen
oder inneren Struktur eines Sinnessys-
tems kann beispielsweise auch ohne
strukturelle Ähnlichkeiten nur dessen
Funktionsmechanismus übernommen
werden. Ein Beispiel für die strukturelle
Nachbildung eines Sinnessystems sind
3D-gedruckte Hundenasen, welche die
äußeren aerodynamischen Eigenschaf-
ten des Riechorgans imitieren und somit
ein wesentlich feineres Detektieren (16
bis18-fach) von Stoffen ermöglichen als
Sensoren, die ohne diese Technik aus-
kommen. Ein weiteres Beispiel ist ein Mi-
niatur-Ohr auf einem Mikrochip, welches
in seinem Aufbau dem des menschlichen
Innenohres entspricht und in dem Schall-
wellen über einen mit Flüssigkeit gefüll-
ten Kanal weitergeleitet werden.
Die ausschließliche Übernahme eines
Funktionsmechanismus von einem sen-
sorischen System, ohne dessen Form
und Struktur zu kopieren, findet man
bei einem Roboter, der am Vorbild der
Fledermaus entwickelt wurde. Der Robo-
ter kann zwar nicht fliegen, nutzt aber,
an der Echoortung von Fledermäusen
orientiert, Ultraschall-Lautsprecher und
Ultraschall-Mikrophone und wertet die
dadurch gewonnen Echoinformationen
mittels eines Algorithmus aus, um Um-
gebungsinformationen zu gewinnen.
Anwendungsmöglichkeiten für bioinspi-
rierte Sensoren gibt es in den verschie-
densten Bereichen. Ein Einsatz in der
Robotik, wo teilweise bioinspirierte Sen-
soren mit „klassischer" Robotik verbun-
den werden, oder auch das Einbringen
solcher Sensoren in ohnehin schon bioin-
spinerte Roboter ist verbreitet. Eine Neu-
entwicklung nimmt sich die Schnurrhaa-
re von semi-aquatischen Lebewesen wie
Seehunden oder Walrossen als Vorbild.
Aus Materialien wie Polyurethan und
Graphen können mittels eines 3D-Dru-
ckers künstliche Schnurrhaare gedruckt
werden, welche der Strömungserken-
nung dienen und somit Unterwasserro-
botern eine bessere Positionssteuerung
und Navigation ermöglichen sollen. Ent-
wickelt wurden auch künstliche mecha-
nosensorische Nerven, in welche neben
künstlichen Neuronen und Synapsen
auch künstliche Mechanorezeptoren
(resistive Drucksensoren) eingebunden
werden. Mit einer solchen Kombination
aus bioinspirierten Sensoren und Nach-
bildungen von neuronalen Netzwerkbe-
standteilen erhofft man sich Vorteile in
den Bereichen Stromverbrauch, Flexibili-
tät und Sensitivität. Bei der Sprengstoff-
detektion kommen mittlerweile Senso-
ren zum Einsatz, die sich an den Struk-
turen von Mottenantennen orientieren
und eine um den Faktor 1.000 höhere
Sensitivität aufweisen als klassische Sen-
soren und damit der Empfindlichkeit von
Drogenspürhunden entsprechen.
Aber auch Systeme oder Funktionen
aus dem Tierreich, welche im ersten
Moment nicht wie Sensoren wirken,
können technisch umgesetzt beeindru-
ckende sensorische Funktionalitäten
aufweisen. Es können also auch ande-
re Eigenschaften oder Fähigkeiten von
Lebewesen, z.B. deren Aufbau oder
Struktur, als Inspiration genutzt wer-
den, um technisch umgesetzt dann für
andere Zwecke eingesetzt zu werden.
Der Truthahn beispielsweise hat die Fä-
higkeit, seine Hautfarbe im Kopfbereich
von blau über rot und weiß zu variieren,
je nach Gemütszustand. Dies geschieht
durch Kollagenfaserbündel, welche mit
vielen verzweigten Blutgefäßen durch-
zogen sind und somit durch veränder-
ten Blutfluss ihren Abstand zueinander
verändern können. So kommt es durch
die unterschiedlichen Lichtbrechungs-
eigenschaften zur Farbveränderung der
Haut. Anhand dieses Vorbildes wurde
ein Sensor für Smartphones entwickelt,
der verschiedene Giftstoffe erkennen
und farblich kodiert darstellen kann.
Weitere „versteckte" Sensoren finden
sich in speziellen Kristallstrukturen in den
Flügeln von Schmetterlingen, die diesen
lediglich der Farbgebung dienen. Mit der
Art, in der diese photonischen Kristalle
das Licht reflektieren, lassen sich in der
technischen Umsetzung verschiedene
Chemikalien detektieren.
Insgesamt kann man also sagen, dass
das Feld der bioinspirierten Sensorik
sehr breit aufgestellt ist und sowohl im
zivilen als auch im militärischen Bereich
jetzt schon weitreichende Einsatzmög-
lichkeiten und Chancen bietet. Allerdings
ist ihr Potenzial längst noch nicht ausge-
schöpft, sodass im Laufe der nächsten
Jahre mit einer weiter zunehmenden
Verbreitung solcher bioinspirierter Sys-
teme zu rechnen ist.
Dr. Vanessa Hollmann
70
Juni 2020
Bücher
Kompendium
zur jüngeren deutschen
Militärgeschichte
Hans-Günter Behrendt (Hrsg.): Erinne-
rungsorte der Bundeswehr - Personen,
Ereignisse und Institutionen der sol-
datischen Traditionspflege; Carola
Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2020;
308 Seiten, Paperback 29,80 €; ISBN
978-3-945861-95-0, Hardcover 39,90 €;
ISBN 978-3-945861-94-3
Die Bundeswehr feiert am 12. November ihren
65. Grundungstag. Sie ist zu Recht stolz auf ihre
Tradition. Unter Federführung Hans- Günter Beh-
rendts ist ein be-
merkenswerter
Band zu den Er-
innerungsorten
der Bundeswehr
erschienen. Er-
innerungsorte
manifestieren
sich vielfältig
und unter-
schiedlich und
steilen sich als
Kristallisations-
punkte der kol-
lektiven Erinne-
rung und Identität dar. Der erste Abschnitt wid-
met sich Personen, Ereignissen und Orten: den
preußischen Heeresreformern, der Stiftung des
Eisernen Kreuzes, dem Zapfenstreich, dem Ham-
bacher Fest, der Nationalhymne und dem Wider-
stand. Dann folgt die eigentliche Bundeswehr-
geschichte: Hiimmeroder Denkschrift, Hardt-
höhe, Sturmflut 1962 in Hamburg, Starfighter-
Krise, Armee der Einheit, Frauen in der Truppe
und Wandel zur Armee im Einsatz. Ein weiterer
Abschnitt gilt den Schulen und Ausbildungsstät-
ten. Schließlich werden die Kasernennamen der
Bundeswehr aufgeführt. Die Texte stellen Per-
sonen vor, deren Denken und Wirken für die Bun-
deswehr bedeutsam ist. Sie schildern Ereignisse
und ihre Folgen, die die Bundeswehr beschäftigt
und auch verändert haben und oft noch heute
nachwirken. Ein gelungenes Nachschlagewerk
und auch ein Reiseführer zur jüngeren deutschen
Militärgeschichte. (ww)
Ein umstrittener „Star"
Gerhard Lang: F-104 Starfighter; Motor-
buch Verlag, Stuttgart 2019; 144 Seiten,
19,95 €; ISBN 978-3-613-
228-5
Auch wenn die Lockheed F-104 längst aus den
Schlagzeilen verschwunden ist und sich kaum
noch jemand an ihren unvergleichlichen Sound
erinnern kann, bleibt sie ein wichtiger Baustein
in der Geschichte der Luftwaffe, auch wenn sie
viele Opfer forderte.
Vorliegendes Buch
beschreibt vom Be-
ginn bis zum Ende
die Entstehung und
die Nutzung dieses
auch aus technischer
Sicht beachtens-
werten Flugzeugs.
Am Anfang stand
eine Forderung der
U.S. Air Force von
1952, die Entscheidung fiel 1953, und am 4.
März 1954 erfolgte der Erstflug. Insgesamt
wurden von Lockheed und den Lizenznehmern
2.578 F-104 gebaut. Der Autor beschreibt die
Entwicklung des Flugzeugs und stellt ausführ-
lich die verschiedenen Baureihen vor. Breiten
Raum hat die Nutzung der 916 für die Luft-
waffe beschafften „Starfighter". Hier werden
Schwerpunkte des Einsatzes, aber auch die
auf tretenden Prob'eme dargestellt. Ein inte-
ressantes Kapitel bilden zwei Programme: das
ZELL (Zero-Length-Launch)-Programm, das
1960 in Auftrag gegeben wurde und das SATS
(Short Airfield for Tactical Support) von 1962.
Den Abschluss des Buches oildet ein Überblick
über die F-104 im internationalen Einsatz bei 14
Nationen. Das Buch ist eine faktenreiche, ge-
lungene und mit gutem Bildmaterial versehene
Darstellung eines Waffensystems. (pp)
Panzergeschichte
Pat Ware: M 4 Sherman - Entwicklung,
Technik, Einsatz; Motorbuch-Verlag, Stutt-
gart 2018; 159 Seiten, 29,90 €; ISBN: 978-3-
613-04058-8
Der Band ist die
deutsche Ausgabe
des entsprechenden
Buches aus der Rei-
he „Owner’s Work-
shop Manual". Die-
se Reihe zeichnet
sich durch fachlich
fundierte Infor-
mationen und ein
umfangreiches und
aussagekräftiges
Bildmaterial aus.
Dies gilt auch für
M4SHERMAN
F’Nl Wir .* i TFCHfti* F
das vorliegende Buch. Es werden die Themen
Entwicklungsgeschichte, Ausführungsformen,
Produkti-on/Fertigungsstätten, Systembe-
schreibung/Komponenten, Einsatzberichte
sowie Aspekte der Instandsetzung behandelt.
Sehr informativ sind die Bewertungen des M4
im Vergleich zu entsprechenden Fahrzeugen auf
deutscher Seite. Mit Ausnahme der „Firefly-Ver-
sion" litten alle Sherman an einer unterlegenen
Bewaffnung - außerdem wies das
Fahrzeug ungünstige Verwund-
barkeitsmerkmale auf. Als positive
Eigenschaften weist der Autor auf
die hohe Zuverlässigkeit des Fahr-
zeugs hin. Da in Spitzenzeiten ca.
alle 30 Minuten in den sechs Ferti-
gungsstätten ein M 4 vom Band lief,
war am Ende die Stückzahl von ca.
50.000 gebauten M 4 von kriegs-
entscheidender Bedeutung. Ein
außerordentlich informativer Band
- empfehlens-wert für alle Enthusiasten, die sich
umfassend über den M 4 informieren möchten.
Der deutsche Text ist gut gelungen und in eine
lebendige Form gebracht worden. (hi)
Facetten eines
schwierigen Erbes
Donald Abenheim, Uwe Hartmann (Hrsg.):
Tradition in der Bundeswehr - Zum Erbe
des deutschen Soldaten und zur Umset-
zung des neuen Traditionserlasses; Carola
Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2018; 312
Seiten, € 29,80; ISBN 978-3-945861-75-2
Nach den Vorkommnissen im Frühjahr 2017, die
Zweifel an der Führungskultur in der Bundeswehr
aufkommen ließen, ergab sich als eineSofortmaß-
nahme eine Neufassung und Überarbeitung der
seit 1982 geltenden Regeln zur Umsetzung des
Traditionsverständnisses in der Truppe. Aktive
und ehemalige Soldaten sowie Wissenschaftler
und Politiker wurden zu mehreren Workshops
eingeladen, haben Grundgedanken geäußert,
Analysen vorgenommen, Leitlinien entwickelt
und zeitgemäße Bewertungen abgeleitet. Meh-
rere an diesem Prozess Beteiligte sind
Autoren im vorliegenden Sammelband,
in dem nicht nur Begriffe geklärt, Zusam-
menhänge aufgezeigt und Defizite ange-
sprochen, sondern auch Ratschläge für
eine verbesserte Praxis formuliert wer-
den. Es werden Ansätze aufgezeigt, mit
denen eine „TrendwendeTradition" Stolz
bildend sein kann und eine bessere Tradi-
tionspflege insbesondere in der Gemein-
schaft mit der Zivilgesellschaft ermögli-
cht. Aus diesen Überlegungen leitet sich
schließlich ein anspruchsvoller Themen-
katalog für die historische Bildung in der
Bundeswehr ab, entsprechend der Not-
wendigkeit, dass Tradition stets im Bewusstsein
auf die Grundzüge der westlichen Zivilisation und
der Entwicklungslinien der deutschen Geschichte
hin zur demokratischen Verfassung zu sehen ist.
Insgesamt ist der vorliegende Sammelband eine
facettenreiche Darstellung eines überaus komple-
xen Themas. (hgb)
Juni 2020 •
71
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Gepanzertes Transportkraftfahrzeug Boxer
Varianten des Heeres, Bewaffnung und Schutz
Karlheinz Boenke
Das Gepanzerte Transportkraftfahrzeug (GTK) Boxeristein geschütztes, hochmobiles 8x8-Radfahrzeug für
Führungs-, Unterstützungs- und Transportaufgaben. Es ist das Hauptwaffensystem der Infanterie sowie
Führungsfahrzeug der gepanzerten Verbände im Heer.
Der Einsatz erfolgt neben und im Ver-
bund mit gepanzerten Kräften. Das
Fahrzeug ist modular konstruiert,
see-, lüft- und bahnverladbar. Es ist welt-
weit einsetzbar und selbstverteidigungsfä-
hig. Der Boxer hat sich unmittelbar nach
seiner Einführung im ISAF-Einsatz bewährt.
Multinationaler Ansatz
Mit dem Aufkommen immer präziserer,
lüft- und bodengebundener Abstands-
waffen und Bombletmunition waren
die bis dahin eingefuhrten Transport-,
Führungs- und Unterstützungsfahrzeu-
ge nicht mehr bedrohungsgerecht ge-
schützt. Selbst der Transportpanzer 1
Fuchs bot mit seiner Panzerstahlwanne
lediglich Schutz gegen Handfeuerwaffen
und nur sehr begrenzt gegen Artillerie-
splitter. Mit dem „Taktischen Konzept
für ein gepanzertes Transport-KFzJ‘ aus
dem Jahre 1990 wurde dem Rechnung
getragen. In den 1990er Jahren kamen
zudem die besonderen Auslandseinsätze
des Heeres hinzu, aus denen zusätzliche
Anforderungen resultierten, welche in
die taktisch-technische Forderung und
folgende Zwischenentscheidungen dazu
eingingen.
In der Folge vereinbarten Frankreich und
Deutschland Anfang 1998 (später auch
Großbritannien), gemeinsam ein allrad-
getriebenes, geschütztes Radfahrzeug
zu entwickeln. Hierzu wurde zunächst
ein 6x6-Technologiedemonstrator ge-
fertigt, der bereits einige grundsätzliche
Eigenschaften des geplanten GTK de-
monstrieren sollte. Frankreich und später
auch Großbritannien zogen sich jedoch
Oberstleutnant Karlheinz Boenke
ist Angehöriger des Amtes für Hee-
resentwicklung und Bevollmächtigter
Vertreter des Heeres IPT Boxer.
Der Boxer im Einsatz in A fghanistan
wieder aus der Zusammenarbeit zurück.
Deutschland und die mittlerweile in das
Projekt eingestiegenen Niederlande ent-
schieden sich trotz dieser Rückschläge für
eine bilaterale Fortführung.
Ab 2001 wurden dann insgesamt acht
seriennahe Prototypen bereitgestellt,
mit denen umfangreiche technische und
taktische Erprobungen durchgeführt
wurden. Der Serienvertrag wurde Ende
2006 im niederländischen Amersfoort
unterzeichnet. Deutschland beschaffte
zunächst insgesamt 272 GTK Boxer in
unterschiedlichen Varianten, die Nieder-
lande 200. Die Truppe - im Schwerpunkt
die Infanterie - wurde ab 2011 mit den
GTK Boxer ausgestattet, zuerst mit Prio-
rität für den Afghanistan-Einsatz.
Aktuell haben sich auch Litauen, Aust-
ralien und erneut Großbritannien ent-
schieden, diese Plattform einzuführen.
Mit der Einrichtung einer internationa-
len Boxer-User-Group sollen der Erfah-
rungsaustausch gefördert, gemeinsame
Ersatzteilbeschaffung sowie kostenteilige
technisch-logistische Betreuung oder ge-
meinsame Ausbildungsvorhaben koordi-
niert werden.
Entwicklung und
Realisierung
Die wesentlichen militärischen Parameter
Schutz, Wirkung und Mobilität bedingen
bzw. beeinflussen sich bekanntermaßen
gegenseitig. Dies ist gerade beim (passiven)
ballistischen Schutz sehr augenscheinlich.
Denn hier bedeutet ein Mehr an Schutz
zumeist auch ein deutliches Mehr an Ge-
wicht, was wiederum insbesondere zulas-
ten der Mobilität geht, gerade im Gelände
abseits von Straßen und Wegen. Zugleich
iron Triangle
72 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
wird der Spielraum für Nutzlast einge-
schränkt, auch für mitzuführende Muniti-
on und Verpflegung. Der Zusammenhang
wird üblicherweise durch das „Eiserne Drei-
eck" (ron Triangle) anschaulich dargestellt.
Daher wurden für das GTK Boxer zunächst
mehrere Studien und Untersuchungen
durchgeführt, um die Möglichkeiten und
Grenzen aktueller Technologien, insbeson-
dere auch zum Schutz gegen Bedrohun-
gen, zu ermitteln. Die Ergebnisse bildeten
die Grundlage für die taktisch-technischen
Forderungen. Dabei sollte die neue Platt-
form noch über genügend Aufwuchsfä-
higkeit verfugen, um perspektivisch auch zu-
künftigen Aufgaben und Herausforderungen
gerecht werden zu können, zur Teilnahme
am öffentlichen Straßenverkehr zugelassen
werden und bahn- sowie luftverlastbar in der
A400M sein. Dies setzte deutliche Grenzen für
Design und Konstruktion, insbesondere hin-
sichtlich der maximalen Breite und Höhe des
Fahrzeugs, der Achslast und der Gesamtmasse.
Neu gegenüber bisherigen Ansätzen war
das Konzept einer einheitlichen, geschütz-
ten Plattform, bei der die Bedürfnisse un-
terschiedlicher Nutzer bereits konstruktiv
berücksichtigt werden sollten. Die Realisie-
rung erfolgte durch einen konsequent um-
gesetzten modularen Aufbau, bestehend
aus einem einheitlichen Fahrmodul und ab-
nehmbaren aufgabenspezifischen Missions-
modulen. Dabei ist ein schneller Tausch der
Missionsmodule mit Truppenmitteln mög-
lich, was diesem System gegenüber anderen
derzeitig verfügbaren Plattformen em signi-
fikantes Alleinsteilungsmerkmal: verleiht.
Das Fahrmodul ist gleichzeitig Teil des
mehrstufigen Schutzsystems, das durch
das Missionsmodul als Sicherheitszelle
ergänzt wird. Das Gesamtsystem zeigt
ein sehr gutes Überlastverhalten, wie An-
sprengversuche bestätigt haben.
Varianten des Heeres
Die Bundeswehr hat bislang vier unter-
schiedliche Varianten eingeführt, davon
zwei für das Heer, speziell für die Infanterie.
Diese sind das Gruppentransportfahrzeug
(GTFz) und Führungsfahrzeug (FüFz). Der
Zentrale Sanitätsdienst verfügt über das
schwere geschützte Sanitätskraftfahrzeug
und die Streitkräftebasis über das Fahr-
schulfahrzeug.
Gruppentransportfahrzeug
Das GTFz dient dem geschützten Trans-
porteiner Infanteriegruppe (zehn Soldaten)
und nimmt in seiner Funktion als „Mut-
terschiff" wesentliche Funktionalitäten
im Bereich der Unterstützung wahr. Der
Transport ist unter allen Bedingungen bei
Tag und Nacht, schlechter Sicht, Bedro-
hung durch Infanterie, Artillerie, Einsatz
von ABC-Kampfmitteln und vergleichbarer
Gefährdungen möglich. Die Mobilitätsaus-
legung des Fahrzeugs erlaubt den Trans-
port sowohl über große Entfernungen auf
der Straße als auch in schwerem Gelände.
Für den autarken Einsatz kann Verpflegung
und Ausrüstung für mehr als 48 Stunden
mitgeführt werden.
Im Einsatzraum wird ein schnelles Ab- und
Aufsitzen der Infanteriegruppe ermöglicht.
Mit der Bordbewaffnung kann der abge-
sessene Kampf unterstützt werden. Über
die Waffenanlage, die auch über ein Wär-
mebildgerät verfügt, bestehen Beobach-
tungs- und Wirkmöglichkeiten vom Fahr-
zeug aus. Vier Soldaten der Infanteriegrup-
pe können zudem über die Dachluken des
Fahrzeugs sichern, auch während der Fahrt.
Die Funkgeräteausstattung berücksichtigt
die spezifischen Anforderungen des Sys-
tems Infanterist der Zukunft und seine An-
bindung über das Führungsinformations-
system Heer. Eine medien bruchfreie Einbin-
dung der Infanteriegruppe in den gesamten
Führungsverbund ist damit gewährleistet.
Führungsfahrzeug
Das FüFz dient als taktisch mobiler und
geschützter Arbeitsraum für Führungs-
einrichtungen des Heeres und stellt einen
signifikanten Zugewinn gegenüber den bis
dahin eingesetzten Systemen dar. Die Aus-
stattung besteht aus vier VHF-Funkgeräten,
einem HF-Funkgerät und einem optionalen
Satellitenfunkgerät. Über das Führungsin-
formationssystem Heer ist die Befähigung
zur vernetzten und mobilen Operations-
führung gegeben. Es war damit erstmals
möglich, die Funktionalitäten eines Ge-
fechtsstandfahrzeugs und einer bewegli-
chen Befehlsstelle in einer Fahrzeugvariante
zu vereinen, die auf den Führungsebenen
Kompanie bis Division eingesetzt werden
kann. Die Fahrzeuge verfügen über ein auf-
blasbaresZelt, welches hinten an geflanscht
Bei der Einsatzprüfung in Norwegen
Boxer Module
werden kann, um den Arbeitsbereich der
funfköpfigen Besatzung zu vergrößern.
Auf diese Weise können auch zwei FüFz im
stationären Betrieb aneinandergekoppelt
werden. Signifikantestes Ausstattungs-
merkmal ist ein 40-Zoll-Monitor, der unter
anderem zur Darstellung der Lagekarte
oder zur Befehlsausgabe dient.
Geplante Varianten
In der Beschaffung befindet sich aktuell das
Modul „Qualifizierte Fliegerabwehr" zur
Ausstattung der VJTF (L) 2023. Das Modul
stellt die Erstbefähigung Countering small
Unmanned Aerial Systems dar und dient der
Abwehr von Mini-/Micro-UAS (Unmanned
Aerial System, die ein Abfluggewicht unter
15 kg haben) im Nächstbereich. Der Einsatz
erfolgt gemäß den Regelungen zur Flieger-
abwehr aller Truppen. Die Fahrzeuge wer-
den hierzu mit einer neuen Waffenstation
sowie einem Radarsensor ausgestattet. Die
Bekämpfung der UAS erfolgt mittels tem-
pierbarer 40-mm-Sprengmunition.
Mit der Variante Joint Fire Support Team
schwer wird die Fähigkeit zur Zielaufklärung
und Feuerlenkung von eigenem indirekten
boden- und seegebundenen Feuer als auch
Close Combat Attack durch die Heeresflieger
und Close Air Support/Digital Aided Close Air
Support durch die Joint Fire Support Teams
der Artillerie modernisiert. Hierdurch soll das
für eine Wirkungsforderung am besten ge-
eignete und im Einsatzraum durch ein Joint
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 73
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Fire Support Coordination Team bzw.
durch eine Joint Fire Support Coordi-
nation Group zugewiesene Wirkmittel
reaktionsschnell eingesetzt werden. Die
Auswahlentscheidung über eine Lösung
basierend auf dem GTK Boxer wurde
2017 getroffen. Serienbeginn des ersten
Loses ist ab 2023 geplant.
Des Weiteren ist beabsichtigt, den
Schweren Waffenträger Infanterie, einen
mit bemanntem Turm ausgestatteten
Boxer, einzuführen. Das Projekt befindet
sich noch in einer frühen Phase, wobei
die Funktionalen Forderungen bereits er-
stellt sind. Durch eine Kooperation mit
Australien sollen Kosten und Entwick-
lungszeit eingespart werden, sodass die
Serienfertigung voraussichtlich ab 2024
beginnen kann.
Im Projekt „Geschützte Bewegliche Füh-
rungseinrichtung" soll unter anderem
auch das GTK Boxer als Trägerplattform
genutzt werden. Die Funktionalen Forde-
rungen sind aktuell in Erarbeitung.
Bewaffnung
Die Varianten Gruppentransportfahrzeug
und Führungsfahrzeug sind mit der fernbe-
dienbaren Waffenstation FLW 200 ausge-
stattet. Daran können sowohl ein schweres
Maschinengewehr (Kaliber 12,7 mm) als
auch eine Granatmasch men waffe 40 mm
adaptiert werden. Im GTFz wird zudem der
Waffenm ix der Infanteriegruppe, bestehend
aus missionsspezifisch zusammengestellten
Handwaffen und Panzerabwehrhandwaf-
fen, mitgeführt.
Über die reine Selbstverteidigung hinaus
sind diese Fahrzeuge befähigt, abgesessene
Kräfte mit Feuer zu unterstützen oder offen-
siv gegen ungepanzerte oder leicht gepan-
zerte Kräfte zu wirken. Die Waffenstation
bietet zudem die Möglichkeit zur Beobach-
tung und Aufklärung bei Tag und bei Nacht.
Die mit dem GTK Boxer gewonnenen neu-
en Fähigkeiten tragen entscheidend zur
Durchsetzungsfähigkeit der Infanterie bei
und wurden in die taktischen Regelungen
und Einsatzgrundsätze der Infanterie aufge-
nommen.
Mit dem Schweren Waffenträger Infante-
rie wird sich die Kampfkraft der Infanterie
weiter erhöhen. Als Hauptbewaffnung ist
eine 30-mm-Maschinenkanone vorgese-
hen, analog zum Schützenpanzer Puma.
Als Sekundär- und Tertiärbewaffnung sind
ein koaxiales Maschinengewehr und eine
turmunabhängige Waffenstation für den
Kommandanten vorgesehen. Darüber hin-
auswird mit der Integration des Lenkflugkör-
persystems MELLS eine weitreichende Fähig-
keit zur Panzerabwehr geschaffen. Infante-
ristische Absitzstärke ist nicht vorgesehen.
Schutz
Beim GTK Boxer bieten bereits die Struk-
turen von Fahr- und Missionsmodul ei-
nen Grundschutz gegen die Blastwirkung
von Artilleriegeschossen und behelfsmä-
ßigen Sprengladungen einschließlich
deren Splitterbildung Ein Schutz ge-
gen Panzerabwehrminen ist durch eine
konstruktiv optimierte Fahrzeugstruk-
tur in annähernder Doppel-V-Struktur
aus Fahrmodul und Missionsmodul und
entkoppelten Mannschaftssitzen be-
rücksichtigt. Optional kann zur weiteren
Erhöhung des Schutzes ein zusätzlicher
Minenschutzboden adaptiert werden.
Die Fahrzeuge des ISAF-Einsatzes waren
hiermit ausgestattet.
Doppel-V-Struktur des Boxers
Als ballistischer Rundumschutz gegen
Feuer aus schweren Maschinengeweh-
ren sind auf Schock-Absorbern montier-
te metallische Schutzplatten frontal und
seitlich am Fahrzeug adaptiert. Diese
Platten können leicht ausgetauscht wer-
den und reduzieren durch den Luftspalt
zum Fahrzeug dessen Infrarotsignatur.
Frontal besteht insbesondere durch die
Formgebung der Fahrzeugfront ein er-
weiterter Schutz auch gegen Feuer aus
Waffen mittleren Kalibers.
Ergänzend wurden Sekundärschutzmaß-
nahmen realisiert. Zur Vermeidung von
Splitterbildung im Innenraum des Fahr-
zeugs sind dort hochfeste Gewebemat-
ten, sogenannte Spall-Liner, angebracht.
Hinzu kommt, sowohl im Motor- als auch
im Kampfraum, eine schnell wirkende au-
tomatisch auslösende Feuerlöschanlage.
Entstehungsbrände bis hin zu Verpuffun-
gen können so sicher verhindert werden.
Durch Einzelradaufhängung sowie Reifen
mit Notlaufeigenschaften wird eine be-
merkenswert gute Restmobilität sicher-
gestellt, selbst nach Beschädigung des
Fahrwerks durch Beschuss oder Minen.
Eine ABC-Schutzbelüftungsanlage stellt
zeitlich begrenzt die Überlebensfähig-
keit in kontaminiertem Gelände sicher.
Konstruktiv umgesetzte Maßnahmen zur
Signaturreduzierung verringern die Auf-
klärbarkeit des Fahrzeugs. Im Notfall er-
möglicht die richtbare Nebelmittelwurf-
anlage das sichtgeschützte Ausweichen.
Ein an die GTK Boxer angepasstes, mul-
tispektral wirkendes Tarnnetz ist indust-
rieseitig verfügbar und kann bei Bedarf
beschafft werden.
Ausblick
Mit dem zweiten Los Gruppentransport-
fahrzeug im Konstruktionsstand A2, das
derzeit der Truppe zuläuft, werden Rest-
maßnahmen aus den Einsatzprüfungen
und Forderungen aus dem ISAF-Einsatz
umgesetzt. Parallel läuft die Hochrüstung
der bereits vorhandenen Boxer auf diesen
Konstruktionsstand. Durch den anstehen-
den Generationenwechsel hin zu digitalen
Funkgeräten, der Einführung eines neu-
en Battle Management Systems und des
neuen Wirkmittels 90 besteht bereits jetzt
erkennbarer weiterer Anpassungsbedarf.
Erste Integrationsuntersuchungen haben
stattgefunden. In diesem Zusammenhang
sollen auch weitere Maßnahmen einqe-
bracht werden. Im Schwerpunkt stehen
dabei Sichtmittelverbesserungen, zusätzli-
che Sensorik und eine motorunabhängige
Energieversorgung.
Die Verbesserung des Schutzes gegen
Panzerabwehr-Lenkflug körper und Pan-
zerabwehr-Handwaffen stellt eine noch
nicht gelöste Herausforderung dar. Mit der
Realisierung des Schweren Waffenträgers
Infanterie werden hierzu Möglichkeiten
untersucht, die auch für die übrigen Boxer
nutzbar sein sollen.
In Bezug auf neue Varianten gibt es erste
Überlegungen, im Sinne des Flottengedan-
kens ein Mörserträgerfahrzeug zu entwi-
ckeln, möglicherweise in Kooperation mit
Großbritannien. Erste Sondierungsgesprä-
che haben hierzu stattgefunden. Eine pla-
nerische oder finanzielle Abbildung ist hier
allerdings noch nicht gegeben.
Insgesamt kann festgestellt werden, dass
das Aufwuchspotenzial der GTK Boxer noch
nicht ausgereizt ist, was beispielsweise mit
dem Firmendemonstrator eines 155-mm-Ar-
tilleriegeschützes Remote Controlled Howit-
zer oder eines Berge- und Abschleppfahr-
zeuges eindrucksvoll belegt wird.
Fazit
Das GTK Boxer besticht durch sein ein-
zigartiges Konzept und konsequent um-
gesetzte Modularität. Schutz, Mobilität,
Gefechtswert und Durchsetzungsfähig-
keit der Infanterie und weitererTruppen-
teile werden signifikant erhöht. Mit der
Einführung neuer Varianten werden sich
zusätzliche Möglichkeiten und Fähigkei-
ten für die nutzenden Truppenteile erge-
ben.
74 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Logistische Unterstützung für den Boxer
Robert Elvish
ie einzigartige Struktur der Unter-
stützungspartnerschaften (Support
Partnership, SP) im NSPA bietet einen
bewährten rechtlichen Rahmen, der es zwei
oder mehr Nationen ermöglicht, gemeinsa-
me logistische Unterstützungsziele im nati-
onalen Fähigkeitsspektrum zu verfolgen. Die
Nationen übernehmen die direkte Führung
und Anleitung, während die NSPA die von
den Nationen angeforderte Unterstützung
gewährleistet.
Die Niederlande, Deutschland, Litauen und
das Vereinigte Königreich sind Mitglieder der
Boxer-Unterstützungspartnerschaft und pro-
fitieren von der kooperativen Unterstützung
ihrer Boxer-Flotten während der Nutzung. Ein
engagiertes Team von 20 NSPA-Experten in
der Boxer System Management Group leis-
tet diese Unterstützung. Sie sind das Kompe-
tenzzentrum für Lebenszy klusmanagement und
integrierte Logistikunterstützung für die Boxer.
Das Band der Zeit - eine
engagierte Boxer Support-
Partnerschaft
Im Jahr 2013 richteten die Niederlande und
Deutschland eine erste Boxer-Unterstüt-
zungsstruktur bei der NSPA em. Beide Natio-
nen haben ihre Systeme über die OCCAR er-
worben und beschlossen, zur Unterstützung
ihrer Boxer-Flotten eine kooperative Unter-
stützungsstruktur bei der NSPA einzurichten.
Im Jahr 2018 trat Litauen der Unterstützungs-
partnerschaft bei, wodurch ein reibungsloser
Übergang von der Produktion zur dienstin-
ternen Unterstützung gewährleistet wird
und Litauen sofort von der Unterstützung
der NSPA profitieren konnte. Neben der tech-
nisch-logistischen Unterstützung lieferte die
NSPA auch die Spike-Raketen und Munition
für die auf den litauischen Boxer-Fahrzeugen
montierten Waffensysteme.
Im Januar 2020 trat das Vereinigte Königreich
der Boxer-Unterstützungspartnerschaft bei.
Es wird sichergestellt, dass es zum Zeitpunkt
der Inbetriebnahme der ersten Fahrzeuge
über eine fähige Unterstützungsstruktur ver-
fügen wird, die an den wachsenden Bedarf
des Vereinigten Königreichs angepasst wer-
Robert Elvish ist Programm-
Manager, Programmbüro für Luft-
und LandkampfSysteme bei der NSPA.
Die NATO-Agentur für Unterstützung
und Beschaffung (NSPA) bringt Staaten
zusammen, indem sie multinationale ko-
operative Lösungen für die Beschaffung
und die Unterstützung im Einsatz bietet,
die es den Staaten ermöglichen, Fähig-
keiten zu entwickeln und aufrechtzuer-
halten und ihre Anstrengungen zu bün-
deln, Ressourcen zu konsolidieren und zu
teilen sowie Größenvorteile zu nutzen.
Foto: Rheinmetall
Die Boxer-Unterstützungspartnerschaft wird in der nächsten Zeit durch
britische Boxer verstärkt
den kann. Gleichzeitig profitieren die derzei-
tigen Partnernationen durch die gemeinsame
Nutzung von Ressourcen und einmaligen
Kosten bei gleichzeitiger Ausnutzung von
Gemeinsamkeiten und Mengenvorteilen.
Gegenwärtig hat die Boxer-Unterstützungs-
partnerschaft vier Mitgiiedsnationen mit ei-
ner NSPA-Struktur, um diese moderne Flotte
zu unterstützen, die in den nächsten Jahren bis
zu 1.200 gepanzerte Fahrzeuge anwachsen wird.
Aktuelles Boxer-Flotten-
unterstützungsportfolio
Das Programmbüro der NSPA für Luft- und
Landkampfsysteme (NSPA - Air & Land-
Combat Systems) bietet Beschaffungs- und
Lebenszyklus-Unterstützungslösungen für
zwölf multinationale Unterstützungspart-
nerschaften an. Dazu gehören Flugkörper
(AMRAAM, Sidewinder, HARM/AARGM,
TOW/ITAS, SPIKE und Stinger), Artilleriesys-
teme (MLRS und die PzH 2000), Nachtsicht-
und Optoelektronikausrüstung, taktische
unbemannte Luftsysteme und gepanzerte
Kampffahrzeuge, einschließlich Leopard,
Dingo, leichte gepanzerte Fahrzeuge (LAV)
sowie der Boxer.
Das aktuelle Boxer-Flottenunterstützungs-
portfolio umfasst technische und Projekt-
unterstützung durch erfahrene Projektma-
nager, Ingenieure und Techniker. Dies bietet
den Beteiligten Transparenz und einen struk-
turierten Rahmen für die Projektsteuerung,
um Projektergebnisse zeitnah und kosten ef-
fizient zu erreichen. Vermittlung und Lager-
bestandsverwaltung mit mehr als 1.100 -
nach Nationen ausgewählten - Einzelposten
werden vor Ort in Luxemburg gehalten, um
eine prompte Verfügbarkeit von Ersatzteilen
zu gewährleisten. Darüber hinaus sind Er-
satzteile über bestehende Rahmenverträge
oder wettbewerbsorientierte Beschaffung
erhältlich,
Boxer - eine Flaggschiff-
Unterstützungspartnerschaft
Die Boxer-Familie ist schnell zum Flaggschiff
der Unterstützungspartnerschaft für Land-
waffensysteme in der NSPA geworden. Sein
Erfolg liegt in der Zusammenarbeit zwischen
allen wichtigen Akteuren wie OCCAR, AR-
TEC und den Nationen. Die Boxer-Unterstüt-
zungspartnerschaft gleicht die Interessen der
Nationen aus, um ihre Ziele zu erreichen. Die
NSPAerwartet, dass neue Boxer-Anwendernati-
onen von der etablierten Struktur der Boxer-Un-
terstützungspartnerschaft profitieren werden.
Die robuste Unterstützungsstruktur, die der-
zeit zur Unterstützung einer gemeinsamen
Flotte von 1.200 Fahrzeugen ausgebaut wird,
die laufende Zusammenarbeit und neue In-
itiativen mit der Industrie und der OCCAR
sowie das verfügbare interne Fachwissen
weisen alle auf den anhaltenden Erfolg der
Boxer-Unterstützungspartnerschaft hm.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 75
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Vor 50 Jahren
Die erste G5A „Galaxy“
für die U.S. Air Force
Peter Preylowski
Mit Blick auf ihre alternde C-124- und
C-133-Transporterflotte mit Propel-
ler-Antrieb plante die U.S. Air Force
1961 die Beschaffung eines strategischen
Langstrecken-Transportflugzeuges. 1963
begannen Studien für ein Projekt CX-4, und
im Mai 1964 wurden Boeing, Douglas und
Lockheed beauftragt, ihre bisherigen Entwür-
fe weiterzuentwickeln. Mit der Entwicklung
neuerTurbofans wurden General Electric und
Pratt & Whitney beauftragt. 1965 erfolgte die
Auswahl: Die Lockheed-Georgia Company
Lockheed C-5M „Super Galaxy"
der ersten Jahre
Dieses Foto vermittelt einen
Eindruck von der Größe der C-5
erhielt den Auftrag für die Entwicklung und
den Bau der C-5 „Galaxy" (Firmenbezeich-
nung L-500), die General Electric Company
wurde mit der Entwicklung und Herstel-
lung des Triebwerks TF-39 beauftragt.
Mit dem Bau der vierstrahligen C-5 wurde
1966 begonnen, und am 2. März 1968
verließ die erste C-5 die Montagehalle. Das
Flugzeug absolvierte am 30. Juni 1968 sei-
nen Erstflug. Die C-5 war zum damaligen
Zeitpunkt das größte Flugzeug der Welt.
Übertroffen wurde sie erst 1982 von der
Antonow An-122 und 1988 von der Anto-
now An-225, diese Muster erreichten aber
nicht die Produktionszahl der „Galaxy". Im
Oktober 1969 stellte die C-5 einen inoffizi-
ellen Weltrekord auf und startete mit einem
Gewicht von 362.063 Kilogramm vom
Stützpunkt Edwards in Kalifornien.
Am 17. Dezember 1969 wurde die erste C-5
zu Ausbildungszwecken an das Military Airlift
Command übergeben, und am 6. Juni 1970
erhielt der 437. Military Airlift Wing in Charles-
ton/South Carolina das erste Einsatzflugzeug.
Zu diesem Zeitpunkt war das C-5-Programm
bereits in heftige Kritik geraten. Auf der einen
Seite stiegen die Kosten (120 C-5A sollten 2,9
Mrd. Dollar kosten, Lockheed erhöhte den
Preis auf 5,248 Mrd., der Auftrag wurde auf
81 C-5 reduziert) auf der anderen Seite wurden
Leistungen nicht erreicht. Der Betrieb konnte
zunächst nur mit Einschränkungen erfolgen.
Bis 1973 fertigte Lockheed 81 Flugzeuge der
Version C-5A Von der verbesserten Version
C-5B mit verstärktem Flügel und höherer
Nutzlast, die am 10. September 1985 zum
ersten Mal flog, wurden bis April 1989 50
Exemplare ausgeliefert. Die Version C-5C
besteht aus zwei für den Transport von
Raumfahrtausrüstung umgerüsteten C-5A.
Mit der „Galaxy" stand der U S. Air Force ein
Transportflugzeug mit beeindruckenden Da-
ten zur Verfügung. Es gab einen Frachtraum
von 985 Kubikmetern, der Kampfpanzer
und Hubschrauber oder bis zu 345 Soldaten
aufnehmen konnte. Die großen nach oben
öffnenden Tore an Bug und Heck erlauben ein
schnelles Be- und Entladen. Das Fahrwerk besteht
aus 28 Rädern, womit Starts und Landungen
auch auf unvorbereiteten Plätzen möglich sind.
Vor allem im Vietnam-Krieg hatte die C-5 die
Gelegenheit, ihre hohe Leistungsfähigkeit
unter Beweis zu stellen. Ab Sommer 1970
wurden vor allem Transporte mit schwerem
Gerät durchgeführt: Kampfpanzer und an-
dere Fahrzeuge für die U.S. Army, aber auch
Flugzeuge und Hubschrauber. Zuletzt war es
auch die C-5, die viele Flüchtlinge am Kriegs-
ende aus Südvietnam ausflog. Erneut gefor-
dert wurde die C-5 imGolfkrieg 1991. Mit 85
Flugzeugen wurden in rund 15.800 Einsätzen
42 Prozent aller Lufttransporte durch geführt.
Die jüngste Version ist die C-5M „Super Ga-
laxy", eine seit Januar 1999 durchgeführte
Modernisierung der Versionen C-5A/B/C. Die
„Super Galaxy" erhält eine Avionik sowie ein
Glascockpit nach neuestem Stand (Avionics
Modernization Program, AMP), und 2001
wird der Auftrag (Reliability Enhancement
and Re-engming Program, RERP) u. a. über
neue elektrische Systeme, ein neues Treib-
stoffsystem sowie neue Triebwerke General
Electric CF6-80C2 mit je 222 Kilonewton
Schub erteilt. Die C-5M hat ein maximales
Abfluggewicht von 381 Tonnen und eine
Reichweite von 9.700 Kilometern mit einer
Nutzlast von 55 Tonnen. Der Erstflug einer
vollständig modernisierten C-5M fand am
19. Juni 2006 statt. Angesichts der hohen
Programmkosten sollen nur 52 C-5A/B/C
umgerüstet werden, die übrigen etwa 20
C-5A/B werden außer Dienst gestellt. Diese
Maßnahmen sollten nach den ursprüngli-
chen Planungen 2014 abgeschlossen sein.
Die erste C-5M wurde 2009 an einen Ver-
band geliefert, der seine 18. und damit letz-
te „Super Galaxy" am 2. April 2014 erhielt.
Anfang August 2018 hat die letzte C-5M das
Lockheed-Werk in Marietta verlassen.
Die nunmehr durch die Modernisierung ge-
wonnene Nutzungszeit der Lockheed Martin
C-5M wird nach Angaben des Herstellers in je-
dem Fall mindestens bis ins Jahr 2040 oder spä-
ter reichen. Schon heute aber hat die C-5 einen
festen Platz in der Luftfahrtgeschichte.
76 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Deutscher Ansatz
zur vernetzten Luftverteidigung
Dorothee Frank und Ulrich Renn
Die aktuellen und zukünftigen Bedrohungen reichen von Schwärmen von unbemannter Flugobjekte im
Nahbereich über die Bedrohung durch ballistische Flugkörper bis zu Hyperschallbedrohungen aus großen
Distanzen und in großen Höhen. Diesen Bedrohungen zu begegnen, verlangt nach einem neuen integrier-
ten und vernetzten Ansatz zur Luftverteidigung und Flugkörperabwehr.
owohl im Rahmen von Einsätzen zur
Landes- und Bündnisverteidigung als
auch bei Missionen im Kontext des in-
ternationalen Krisenmanagements wird der
Schutz vor allen Arten von Bedrohung aus
der Luft durch die Kräfte der bodengebun-
denen Luftverteidigung wahrgenommen.
Aktuelle wie auch zukünftige Bedrohungen
sind dabei nicht auf einen speziellen An-
griff ssektor limitiert, sondern erfordern von
einem modernen Luftverteidigungssystem
die Fähigkeit einer 360°-Abdeckung, so-
wohl im Bereich der Aufklärung (Luftraum-
überwachung) als auch bei der Waffenwir-
kung. DesWeiteren wird eine bedrohungsge-
rechte anpassbare Mischung aus Effektoren
und Sensoren angestrebt. Die Einsatzrealität
heute und morgen verlangt einen möglichst
minimalen, aber durch haltefähigen Kräftean-
satz. Hieraus leitet sich die Forderung nach
weitestgehender Modularität und Vernetz-
barkeit der eingesetzten Luftverteidigungs-
kräfte ab
Adaptierbarkeit
an Bedrohungen
Mit Blick auf das aktuelle und zukünftige
Bedrohungsspektrum verfolgt die Luftwaffe
den Ansatz, auf der Grundlage einer offenen
Systemarchitektur unterschiedliche - der Be-
drohungslage angepasste - Sensoren und
Waffen in einem System-Wirk-Verbund zu
vernetzen. Vor diesem Hintergrund beabsich-
tigt Deutschland das Taktische Luftverteidi-
gungssystem (TLVS) zu beschaffen, das darauf
ausgelegt ist, eine Vernetzung des Kernsys-
tems mit systemexternen Sensoren und Effek-
toren von Nah- und Nächstbereichssystemen
bis hin zu Ballistic Missile Defence Systems zu
realisieren.
Ankerpunkt der zukünftigen vernetzten
bodengebundenen Luftverteidigung ist ein
rollen- und ebenenbasierter Gefechtsstand,
der den Einsatz unterschiedlicher Flugkörper
oder Sensoren in einer vernetzten Luftver-
teidigungsarchitektur gewährleisten soll. Als
Nukleus für diese Fähigkeit wird die TLVS-Ge-
fechtsstandsoftware MC4IS zum Einsatz
kommen. MC4IS ist eine flexibel skalierbare
Gefechtsstandsoftware. Sie erlaubt es, die Fä-
higkeiten und Funktionen des Gefechtsstands
in Abhängigkeit vom jeweiligen Einsatzauf-
trag und Kontingentumfang an verschiedene
Führungsebenen und Rollen der Bediener
anzupassen.
Der rollen- und ebenenbasierte Gefechtsstand
des TLVS wird für den Einsatz von Luftvertei-
digungs- und Raketenabwehrkräften völlig
neue Fähigkeiten und Optionen schaffen. Der
Gefechtsstand kann durch seine einheitliche
Führungs- und Waffeneinsatzsoftware über
alle Führungsebenen hinweg flexibel für un-
terschiedliche Einsatzaufgaben genutzt wer-
den. Je nach Auftragslage können verschie-
dene Sensoren und Effektoren in Anzahl und
Art jeweils einem logischen Gefechtsstand zu-
geordnetwerden. Die Gefechtsstandsoftware
versetzt die Luftwaffe damit in die Lage, unab-
hängig von der jeweiligen Gefechtsstandhül-
le, auf allen Führungsebenen (Staffel, Gruppe,
Geschwader) - unter Berücksichtigung des
erforderlichen Planungs-, Kampfführungs-
und Führungsaufwandes in der notwendigen
Konfiguration - zu führen. So ist ein Grad von
Flexibilität und Modularität erreichbar, der es
ermöglicht, grundsätzlich alle verfügbaren
Sensoren und Effektoren, auch die von ver-
bündeten Nationen, bedrohungs- und auf-
tragsgerecht anzubinden und einzusetzen.
Zudem ist eine stufenweise Erweiterung durch
zukünftige Sensoren und Effektoren möglich
- sowohl für die untere als auch für die obere
Abfangschicht.
Effektoren
Die Leistung der systeminternen Effektoren
des Taktischen Luftverteidigungssystems
(TLVS) bildet die Grundlage für seine sehr
hohe operative Wirksamkeit Der primäre
Effektor für TLVS wird der schon in den Waf-
Testschießen in White Sands, USA
fensystemen Patriot und MEADS verwendete
Lenkflugkörper PAC-3 MSE (Missile Segment
Enhancement) von Lockheed Martin sein. Die
Beschaffung dieses Flugkörpers soll über das
Foreign Military Sales-Verfahren der US-Regie-
rung erfolgen.
Gegenüber früheren Varianten des PAC-3
zeichnet sich der PAC-3 MSE durch größere
Steuerflächen, eine verbesserte Stromversor-
gung und einen sogenannten Dual-Pulse-Fest-
stoffantrieb aus, die ihm eine bessere Manöv-
rierfähigkeit, größere Abfanghöhen und eine
größere Reichweite ermöglichen. Der Flugkör-
per ist darauf ausgelegt, sein Ziel durch einen
direkten Treffer (Hit-to-Kill-Technologie) zu
zerstören, was insbesondere beim Abfangen
von ballistischen Kurz- und Mittelstreckenflug-
körpern dazu dienen soll, den Gefechtskopf
des Ziels durch ein Maximum an kinetischer
Energie vollständig zu neutralisieren und so
die Sicherheit der zu schützenden Objekte
zu erhöhen. Der PAC-3 MSE zeigte bereits
im Rahmen der Erprobung von MEADS sehr
eindrucksvolle Ergebnisse. Insbesondere ist
hier die simultane Bekämpfung von zwei aus
entgegengesetzten Richtungen anfliegenden
Zielen zu nennen, die die 360°-Fähigkeit des
Flugkörpers wie auch des Gesamtsystems ein-
drucksvoll nachgewiesen hat.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 77
Marketing-Report: Thales Deutschland GmbH
Radartechnologie der nächsten Generation
Das TLVS-Programm befindet sich mo-
mentan in einer entscheidenden Phase.
Thales Deutschland hat im Rahmen seiner
langjährigen Mitarbeit in TLVS ein Angebot
für das Mittelbereichsradar (MRS) an das
verantwortliche Joint Venture übergeben.
Der Mittelbereichssensor TLVS ist in ers-
ter Linie für die Feuerleitung des Zweit-
flugkörpers verantwortlich und muss
sich nahtlos in das Gesamt-System ein-
fügen. Daneben sind Programmaspekte,
wie nationale Souveränität und Regula-
rien aus der MEADS-Historie zu beach-
ten. Wünschenswert ist darüber hinaus
eine Marktverfügbarkeit, um technische
und programmatische Risiken zu mini-
mieren.
Optimale Feuerleitung für
den Zweitflugkörper TLVS
Die hervorragende Eignung des Thales
GM200 MM/C als Mittelbereichssensor
im Zusammenwirken mit dem IRIS-T SL
wurde bereits 2016 (Risk Mitigation) nach-
gewiesen. Aktuelle Untersuchungen aus
dem vergangenen Jahr attestieren dem
Sensor die höchste Genauigkeit in dieser
Radar-Klasse.
Das Radar verfügt über eine moderne
AESA-Technologie (Active Electronically
Scanned Array), die in Gallium-Nitrid im-
plementiert ist, und arbeitet im S-Band.
Damit sind rotierende und starrende Be-
triebsarten mit hoher Flexibilität möglich,
gat und Kühlung stellt ein autonomes Sys-
tem dar und kann auch ohne Fahrzeug
betrieben werden.
Die kompakte Auslegung des Radars mit
seinem geringen Gewicht bringt zahlrei-
che Vorteile im Fährbetrieb auf einem
LKW und in der Luftverladung mit sich.
Die operativ geforderten Zeiten für das
„in Stellung gehen" und den Abbau wer-
den deutlich unterboten ( < 5 Minuten),
da die elektronisch stabilisierte Antenne
keine mechanische Abstützung erfordert.
Dies ermöglicht ein potentielles, taktisch
erforderliches schnelles Verlassen einer
Stellung, im Gegensatz zu Systemen mit
ausfahrbaren hydraulischen Stützen.
Die modulare Auslegung des GM200
MM/C, die AESA-Technologie, die Zuge-
hörigkeit zu einer Thales S-Band-Radar-
plattformfamilie und die weitgehende
Digitalisierung des Radars (vollprogram-
mierbar), erlauben ein erhebliches Wachs-
tumspotential in allen Bereichen.
Keine Risiken in der
Projekt- und Nutzungsphase
Das GM200 MM/C wird derzeit durch die
niederländischen Streitkräfte beschafft,
befindet sich aktuell in der Serienferti-
gung und bietet daher eine einzigartige
Flexibilität, um den Zeitplan des TLVS zu
erfüllen. Zudem wurde ein Prototyp be-
reits seit 2016 erfolgreich erprobt. Damit
ist das GM200 MM/C das einzige Produkt
Nationale Souveränität
und MEADS-Konformität
Thales Deutschland verfügt über eine eigene
Radarentwicklung und -Fertigung mit ent-
sprechendem Fach- und Managementperso-
nal sowie TLVS-relevantem Know-how. Zu-
sammen mit einer Akkreditierung für höchste
Geheimhaltungsstufen können alle Projektan-
forderungen hinsichtlich „German Eyes Only"
oder der MEADS-Bestimmungen eingehalten
werden. Damit gewährleistet das Unterneh-
men als lokaler Partner in vollem Umfang die
geforderte nationale Souveränität.
Insbesondere bei Service und Wartung von
Radaren für die Luftwaffe hat Thales mit sei-
nem Servicebereich in Koblenz innerhalb des
ARED-Programms (Ground Master) über viele
Jahre seine Leistungsfähigkeit und Kunden-
orientierung bewiesen. Eine signifikante deut-
sche Wertschöpfung über die Systembetreu-
ung in der Nutzung hinaus ist durch Thales
Deutschland ebenfalls realisiert.
Wirtschaftlichkeit durch
Mehrfachnutzung, Kooperation
und Familienkonzept
Die abgeschlossene Entwicklung und die lau-
fende Serienfertigung des GM200 MM/C re-
sultieren in einem attraktiven Preis-/Leistungs-
verhältnis fürTLVS. Darüber hinaus gehört das
Radar zu einer kompletten Produktfamilie, von
deren Weiterentwicklung auch das GM200
MM/C und somit seine Nutzer in alien Phasen
der Beschaffung und Nutzung profitieren.
wobei Datenwiederholraten bis < 1s rea-
lisiert werden. Die Reichweite gegen ein
kleines Luftziel ist > 130 Kilometer, die
instrumentierte Reichweite beträgt bis
zu 400 Kilometer. Die Palette mit dem
GM200 MM/C, Stromerzeugungsaggre-
Hans-Jochen Sölter ist Senior Stra-
tegy, Marketing & Business Develop-
ment Manager, Thales Deutschland
in dieser Klasse, das über Prototyp- sowie
Serienvertrag verfügt, in Serie gefertigt
wird und demzufolge berechtigt als Mili-
tary off the Shelf-Produkt gilt.
Die Auslegung des GM200 MM/C reflek-
tiert vollständig die Systemanforderungen
von TLVS/ MEADS in Bezug auf Einsatz,
Vernetzung („plug-and-fight"), Transport
und Mobilität. Das System ist ITAR-frei
und kann somit ohne exportrechtliche
Einschränkungen durch die Bundeswehr
überden kompletten Lebenszyklus einge-
setzt werden.
Das Thales GM200 MM/C ist für Mittelbe-
reichsradaranwendungen in zwei weiteren
Programmen der Luftwaffe - NNbS und
Bereichsradar MANTIS - geeignet. Hier er-
möglicht die kompakte Auslegung des Sys-
tems eine Verlastung auf besser geschützte
Fahrzeuge wie z. B. DINGO oder BOXER - die
Verfliegbarkeit auf C130J in einer Sortie ist
em weiteres Allemstellungsmerkmal. Zudem
ist das GM200 MM/C besonders für die
deutsch-niederländische Zusammenarbeit in
der bodengebundenen Luftverteidigung prä-
destiniert.
Jun 2020
Transport und Vorschuss des Flugkörpers
erfolgen über ein Startgerät (Launcher),
das auch in das für TLV5 querschnittlich
verwendete Trägerfahrzeug integriert wer-
den soll. Das Launch er-Fahrzeug kann bis
zu acht palettierte Flugkörper aufnehmen,
die im Falle einer Komplettbeladung inner-
halb sehr kurzer Zeit nachgeladen werden
können. Das Fahrzeug erfüllt die eingangs
genannten Mobilitätsanforderungen und
ist über das für TLVS neu zu entwickelnde
nationale Kommunikationssystem in das
Gesamtsystem TLVS eingebunden. Es kann
über erhebliche Entfernungen von den üb-
rigen Systemkomponenten abgesetzt wer-
den, was den Wirkungsradius und damit
den Schutzbereich einer TLVS-Feuereinheit
stark vergrößert.
Als sogenannter Komplementärflugkörper
zum PAC-3 MSE soll der Lenkflugkörper IRIS-T
SL der Diehl Defence GmbH eingesetzt wer-
den. IRIS-T SL wurde speziell für diesen Zweck
aus dem Luft-Luft-Flugkörper IRIS-T entwi-
ckelt. Der Flugkörper ist vollständig qualifiziert
und wird über die Plug-and-Fight-Schnittstelle
des TLVS in das System integriert. Neben dem
Einsatz im TLVS wird der IRIS-T SL inzwischen
auch in Verbindung mit einem Radarsensor
und einem Gefechtsstand als eigenständiges
Luftverteidigungssystem, IRIS-T SLM, durch
die Diehl Defence GmbH angeboten.
Der IRIS-T SL hat seine Fähigkeiten zur Be-
kämpfung insbesondere auch kleiner, ma-
növrierender Ziele über unterschiedliche Ent-
fernungen in mehreren Testkampagnen er-
folgreich nachgewiesen. Der Flugkörper wird
wie der PAC-3 MSE über einen Datenlink zum
Ziel geführt. D e hohe Reaktionsfähigkeit des
IRIS-T SL-Startgerätes erlaubt die gleichzeitige
Bekämpfung mehrerer Ziele. Das Startgerät
entspricht nach Aufbau und Funktionsweise
weitgehend dem für PAC-3 MSE.
Vernetzte Operationen
Aufgrund seiner offenen Systemarchitektur ist
TLVS grundsätzlich in der Lage, neben den sys-
teminternen auch externe, zu anderen Luft-
verteidigungssystemen gehörende Sensoren
und Effektoren zu nutzen. Im einfachsten Fall
geschieht dies durch den Austausch von Lage-
und Zieldaten über taktische Datenlinks wie
z.B. dem innerhalb der NATO standardisierten
Link 16. TLVS nutzt hierbei die im Verbund von
Sensoren und Waffensystemen verfügbaren
Informationen für die eigenen Bekämpfungs-
abläufe (Co-operative Engagement Capabili-
ty) oder stellt den anderen Verbundteilneh-
mern eigene Informationen zur Verfügung.
Im Fall, dass die systemexternen Sensoren
und Effektoren mit der zu TLVS gehörenden
„ Plug-and-Fight-Schnittstelle" ausgestattet
sind, kann TLVS jedoch einen Grad der Integ-
ration und Kontrolle über die systemexternen
Komponenten ausüben, der demjenigen über
die internen ähnlich oder sogar gleich wäre. So
entsteht ein vollständig integriertes Luftvertei-
digungssystem, dass in der Lage ist, einen gro-
ßen Raum gegen ein großes Zielspektrum so
abzudecken, dass die Luftraumüberwachung
und Zielverfolgung so umfassend wie möglich
sind und der jeweils am besten platzierte und
am besten geeignete Effektor zur Wirkung
gebracht werden kann.
Plug-and-Fight
Natürlich setzt dies die Bereitschaft der Her-
steller und Betreiber der einzu bindenden Sys-
teme voraus, die Plug-and-Fight-Schnittstelle
als sicheren Standard zu akzeptieren und in
ihren Geräten zu implementieren. Daher ist
es geplant, die TLVS Plug-and-Fight-Schnitt-
stelle als NATO-Standard zu veröffentlichen,
so dass insbesondere die Partner und Ver-
bündeten im Rahmen des NATO Framework
Nation Concept hierauf zugreifen und ihre
Systeme in den TLVS-Systemverbund einbin-
den können. Bezogen auf die Bundeswehr
besteht die Absicht, eine durchgängige Ar-
chitektur und komplementäre Schnittstellen
für die gesamte bodengebundene Luftver-
teidigung von TLVS bis hin zu den zukünfti-
gen Systemen des Nah- und Nächstbereichs-
schutzes zu realisieren.
Dank seiner offenen Systemarchitekturschafft
TLVS auch die Voraussetzung dafür, in seinem
Fähigkeitsspektrum zu wachsen. So ist es per-
spektivisch möglich, TLVS mit Systemen aller
operativen Dimensionen - Land, See, Luft,
Weltraum und Cyber/Informationsraum - in
einer „Joint Combat Cloud" zu integrieren.
Somit kann der Nutzer dimensionsübergrei-
fend agieren, was zu deutlicher Informations-
überlegenheit und damit zu Wirkungsüber-
legenheit führt. Die „Joint Combat Cloud"
bildet hierfür das Herzstück. In ihr werden
Kampflugzeuge, neue Remote Carrier, Un-
terstützungsflugzeuge, Drohnen, Satelliten,
Schiffe, die Elemente der bodengebundene
Flugabwehr und Luftverteidigung sowie Auf-
klärungs- und Wirksysteme der Landstreit-
kräfte intelligent vernetzt.
TLVS wird Deutschlands Beitrag zur NATO
Integrated Air and Missile Defence (IAMD)
sein. Im Verbund wird TLVS Systeme, die auf
die Bekämpfung von ballistischen Langstre-
ckenflugkörpern in der oberen Abfangschicht
ausgelegt sind, wirkungsvoll und effizient
ergänzen und hierdurch deren Lücken in der
unteren Abfangschicht schließen. Dies bein-
haltet auch den Schutz der Systeme für die
obere Abfangschicht selbst, da diese über kei-
ne Selbstschutzfähigkeiten verfügen.
Insgesamt wird TLVS rund acht Milliarden Euro
kosten. Das Bundesfinanzministerium soll am
18. März 2020 die Zusage zur Finanzierung
erteilt haben.
<CONDOK>
Das Systemhaus
mit dem richtigen Konzept
für Technik und Logistik.
Kiel - Koblenz - Hamburg
'w.condok
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 79
Marketing-Report: HENSOLDT Holding Germany GmbH
TRML-4D
Ein Mittelbereichssensor für das
Taktische Luftverteidigungssystem
Markus Rothmaier und Daniela Martin-Höckelmann
Die Bundeswehr plant derzeit die Be-
schaffung des Taktischen Luftvertei-
digungssystems TLVS. Entscheidend
für diese Beschaffung ist die Bereitstellung
von hochentwickelten bodengestützten
Luftverteidigungsfähigkeiten mit vernach-
lässigbaren technologischen und pro-
jektplanerischen Risiken. Ein Fokus des
Beschaffers liegt damit klar auf dem mög-
lichen Einsatz marktverfügbarer Produkte
zur Integration in dasTLVS-Gesamtsystem.
Um das geforderte Wachstumspotenti-
al für TLVS sicherzustellen, müssen diese
Produkte nicht nur voll vernetzt und inte-
griert, sondern auch anpassbar sein. Diese
Produktanforderungen treffen dabei insbe-
sondere auf den Mittelbereichssensor als
eines der Kernelemente von TLVS zu.
Hensoldt bietet dafür seinen neu entwi-
ckelten und marktverfügbaren Mittelbe-
reichssensor TRML-4D als eine passende
Lösung an.
Der Mittelbereichssensor
TRML-4D
Das TRML-4D greift auf modernste Tech-
nologien wie Galliumnitrid-Halbleiter
und AESA-Design zurück. In Verbindung
mit dem integrierten IFF-System und den
verschiedenen Betriebsmodi ergibt sich
so ein hochentwickeltes Luftraumüber-
wachungs- und Zielerfassungssystem mit
hoher Ausfallsicherheit, hohem Automa-
tisierungsgrad und dadurch geringem
Personalbedarf in der Nutzung wie in
der Wartung.
Mit dem TRML-3D/TRS-3D steht bereits
ein bewährtes Produkt zur Verfügung,
welches weltweit über 80 mal - sowohl
Markus Rothmaier, Geschäftsfeld-
leiter Marine und Bodenradar
HENSOLDT und Daniela Martin-
Höckelmann, Projektleiterin TLVS
bei HENSOLDT
p
□
ul
C
T
VT
C
Das TRML-4D auf einem geschützten Radfahrzeug
auf der Korvette K130 (erstes Los) als auch
bei renommierten NATO-Partnern - in
der Nutzung ist. Als jüngstes Mitglied der
Hensoldt-TRML/TRS-Produktfamilie steht
nun das Produkt TRML-4D/TRS-4D als ein
erprobtes und eingeführtes System be-
reit. Dieses kommt nun nach den U S. Na-
vy LCS-Schiffen in der Deutschen Marine
beim zweiten Los der Klasse K130 mit
rotierender Antennenfläche zum Ein-
satz und hat auf der Fregatte F125 (als
Vier-Flächen-Lösung) seine Einsatztaug-
lichkeit bereits eindrucksvoll bewiesen.
So wurde das TRS-4D durch die deutsche
Beschaffungsbehörde für das kommen-
de MKS 180 als Vier-Flächen-Lösung ge-
setzt. Dabei garantiert das Familienkon-
zept Synergien hinsichtlich Ausbildung,
Einsatz und Wartung, welche sowohl im
Personal- als auch im Material-Bereich
gehoben werden können.
Durch die bestehende enge Zusammen-
arbeit der Firmen Diehl Defence und
Hensoldt kann die Integration des TRML-
4D zusammen mit dem für TLVS vor-
gesehenen Zweitflugkörper IRIS-T SLM
bereits im Vorfeld und somit risikoarm
gewährleistet werden. In Verbindung
mit der „Plug-and-Fight"-Fähigkeit des
TLVS, durch welche vorhandene militä-
rische Komponenten eingebunden wer-
den können, ist zudem eine Integration
dieser Feuereinheit in das Gesamtsystem
mit geringem Aufwand möglich.
Die Leistung des Radars selbst ist da-
bei für genau solche Einsatzszenari-
en abgestimmt: Detektionsreichweite,
Azimut- und Elevationsabdeckung,
Zielgenauigkeit sowie die erreich-
bare Aktualisierungsrate des Luft-
lagebildes erlauben eine optimale
Nutzung der IRIS-T SLM oder anderer
80
Jun 2020
Effektoren gegen moderne, hochagile
Luftziele aller Art.
Dabei erfüllt das TRML-4D sämtliche
TLVS-Mobilitätsanforderungen und ist
für alle vorgesehenen Klimazonen qua-
lifiziert.
Hensoldt - Das deutsche
Radarhaus
Als das deutsche Sensorhaus verfügt
Hensoldt über langjährige Erfahrung
mit Radarprojekten der Bundeswehr.
An seinen deutschen Standorten be-
sitzt das Unternehmen modernste Pro-
duktions- und Testfähigkeiten, welche
speziell auf hochleistungsfähige Ra-
darsysteme wie das TRML-4D ausge-
richtet sind. Dies erlaubt die Lieferung
leistungsfähiger Produkte „Made in
Germany" an unsere nationalen und
internationalen Kunden.
Der Serienhochlauf des TRML-4D ist be-
reits erfolgt und das Material für die ersten
25 Einheiten ist bei Zulieferern beschafft.
Die erste Auslieferung eines integrierten
TRML-4-D-Radars an einen Kunden ist für
2020 terminiert. Somit kann Hensoldt ei-
ne risikoarme und zeitgerechte Lieferung
an das TLVS-Programm garantieren, wel-
che auf einer Serienfertigung basiert, die
deutsche Arbeitsplätze in einer Schlüs-
selbranche im High-Tech-Bereich sichert.
Hensoldt ist stolz darauf, in die Entwick-
lung des deutschen Luftverteidigungs-
systems der nächsten Generation bereits
Das TRML-4D in der Produktion
über das Vorgängersystem MEADS von
Beginn an eingebunden gewesen zu sein.
Somit kann Hensoldt auf durchgehend
vorhandenes Expertenwissen zurückgrei-
fen und ist damit für die Aufgaben im
Rahmen des TLVS Programmes - auch
hinsichtlich der Lieferung von Kernkom-
ponenten für das Feuerleitradar MFCR -
prädestiniert.
Kontakt:
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Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 81
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Umsetzung der Fähigkeitsforderungen
des Schützenpanzers Puma in das
System Panzergrenadier
Kim Feikke
Am 24. Juni 2015 fand die Schlüsselübergabe für den Schützenpanzer (SPz) Puma an den Inspekteur des
Heeres statt. Mit diesem Startschuss war die Einführung noch lange nicht abgeschlossen.
Die Herstellung der vollumfänglichen
Einsatzreife des Waffensystems dau-
ert bis heute an. Dies ist ein Prozess,
in den dauerhaft Ergebnisse aus Einsatz-
prüfungen, Erfahrungen aus der Truppe
sowie technische Weiterentwicklungen und
die Realisierung von Systemkomponen-
ten einfließen. Eine enge Zusammenarbeit
zwischen dem Nutzer, dem Bundesamt für
Ausrüstung, Informationstechnik und Nut-
zung der Bundeswehr sowie der Industrie ist
dafür unabdingbar und eine Voraussetzung
für das Herstellen der Einsatzbereitschaft
des Systems Panzergrenadier sowie die Wei-
terentwicklung der Panzergrenadiertruppe.
Schützentrupp Infanterist der Zukunft - Erweitertes System
Rahmenbedingungen im Zuge
der Einführung
Der Grundstein zur Neuentwicklung eines
Schützenpanzers für die Panzergrenadier-
truppe wurde im Jahr 1998 mit dem takti-
schen Konzept „Neue Gepanzerte Plattfor-
men" (NGP) gelegt. Bis zur Einführung des
SPz Puma gab es drei Strukturänderungen
(1994 bis 1999 Neues Heer für neue Auf-
gaben, 2000 bis 2003 Heer der Zukunft,
2003 bis 2010 Heer im Einsatz und seit 2011
HEER2011) im Heer, die unter anderem die
Reduzierungen der Streitkräfte sowie eine
Fokussierung auf Stabilisierungsoperationen
zum Inhalt hatten. Mit der Reduzierung der
Streitkräfte insgesamt ging auch die Redu-
zierung der Hauptwaffensysteme einher. Ei-
ne Modernisierung der verbleibenden Waf-
fensysteme in Bezug auf deren Präzision und
Abstandsfähigkeit war unabdingbar, um die
Durchsetzungsfähigkeit der Panzertruppen
zu erhalten. Ausgehend von der aktuellen
Oberstleutnant Kim Feikke ist
im Amt für Heeresentwickiung I11 (1)
der Teamleiter Einsatzprüfungen.
sicherheitspolitischen Lage und als Ergebnis
des NATO-Gipfels in Wales 2014, wurde mit
der Konzeption der Bundeswehr aus dem
Jahr 2018 der Fokus wieder auf die Lan-
des- und Bündnisverteidigung gelegt. Die
Folgen dieser Entscheidung werden mit der
Verantwortung Deutschlands für die Very
High Readiness Joint Task Force (Land) (VJTF
(L) 2019) deutlich. Vom Konzept musste der
Puma daher grundsätzlich in der Lage sein,
das gesamte Spektrum von Stabilisierungs-
operationen bts hin zum hochintensiven Ge-
fecht der verbundenen Kräfte abzudecken.
Ein weiterer Faktor, der die Realisierung
der Einsatzreife des Panzers beeinflusst, ist
die rasante Weiterentwicklung technischer
Möglichkeiten sowie der Übergang zur Digi-
talisierung. Um im internationalen Rahmen
führungsfähig zu bleiben, waren auch in
diesem Bereich umfassende Anpassungen
notwendig. Der Startschuss zur Digitalisie-
rung der deutschen Landstreitkräfte erfolg-
te 2018 durch den Inspekteur des Heeres
mit der Strategie zur Digitalisierung des Hee-
res im Kontext landbasierter Operationen.
Konzeptionelle
Grundüberlegungen
Grundüberlegung für die Entwicklung des
taktischen Konzeptes NGP waren festge-
stellte Defizite im Bereich Mobilität, Feuer-
kraft, Schutz und Führungsfähigkeit für die
Waffensysteme der Panzertruppen insge-
samt. Das Aufwuchspotenzial des SPz Mar-
der wurde jedoch als erschöpft bewertet
und daraufhin die Neuentwicklung eines
Gefechtsfahrzeuges für die Panzergrena-
diertruppe priorisiert.
Handlungsleitend für die Neuentwicklung
eines Schützenpanzers waren neben der
Erhöhung der Durchsetzungsfähigkeit und
der Mobilität insbesondere die Forderungen
zur Verbesserung im Bereich Überlebensfä-
higkeit und Schutz. Der Einsatz der Waffen-
systeme im Rahmen der KonfÜktverhütung
und Krisenbewältigung sowie im Rahmen
der Unterstützung von Bündnispartnern be-
dingte zudem eine schnelle Verlegung, auch
über weite Entfernungen. Die Fähigkeit ei-
ner strategischen Verlegung des neuen SPz
wurde daher gleichermaßen berücksichtigt
und ging mit der Entwicklung des Transport-
flugzeuges Future Transport Aircraft mit der
späteren Bezeichnung A400M einher.
Ein Zweifahrzeugsystem mit einer Trennung
der infanteristischen und der aufgesessenen
gepanzerten Komponente wurde verwor-
fen. Die Entscheidung fiel auf eine Einfahr-
zeuglösung als mehrrollenfähiges Waffen-
system mit modularer Schutzausstattung.
Damit wurde auch eine Eskalationsfähigkeit
82
Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
des Waffensystems für den Einsatz in Operati-
onen unterschiedlicher Intensitäten realisiert.
Kampfweise
der Panzergrenadiere
Um das System Panzergrenadier zu verste-
hen, ist ein kurzer Exkurs in die Kampfweise
der Panzergrenadiere notwendig. Panzergre-
nadiere werden, mit der Panzertruppe, den
Panzertruppen, als Hauptträger beweglich
geführter Landoperationen zugeordnet. Sie
werden in Operationen grundsätzlich ge-
meinsam eingesetzt und wirken eng und
unmittelbar zusammen. Dabei kämpft die
Panzertruppe vorrangig gegen Panzerkräfte,
die Panzergrenadiertruppe im Schwerpunkt
gegen feindliche Infanterie im bewaldeten
Gebiet sowie im urbanen Raum. Gemeinsam
und im Verbund mit Kampfunterstützungs
kräften kann die Panzertruppe ihre Schnellig-
keit und Stoßkraft effektiv umsetzen. Das be-
stimmende Merkmal der Panzergrtenadier-
truppe dabei ist die Fähigkeit zum schnellen
Wechsel der Kampfweise zwischen dem auf-
gesessenen und dem abgesessenen Kampf.
Eine Panzergrenadiergruppe besteht immer
aus dem Schützenpanzer mit seiner Kernbe-
satzung und dem Schützentrupp (SchtzTrp).
Zur Kernbesatzung gehören der Komman-
Grafik: Rheinmetall
Übersicht Infanterist der Zukunft - Erweitertes System
dant, der Richtschütze und der Kraftfah-
rer. Der SchtzTrp kämpft vom Panzer über
die Bordwand und nach dem Wechsel der
Kampfweise infanteristisch. Er wird durch
einen Truppführer geführt und setzt einen
Waffenmix infanteristischer Hand- und Pan-
zerabwehrhandwaffen ein.
Auch im infanteristischen Kampf kämpfen
Panzergrenadiere immer eng angelehnt an
und mit dem SPz. Dabei unterstützt dieser
mit seinen Bordwaffen den SchtzTrp, wann
immer möglich. Hierzu ist eine ständige
Verbindung mit den aufgesessenen Kräften
notwendig.
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Gratik/Foto: AHEntwg
Führungs fähigkeit im System Panzergrenadier
Ableitung
der Fähigkeitsforderung
Die Ableitung der Fähigkeitsforderungen
zum System Panzergrenadier war geprägt
von mehreren Abhängigkeiten. Die sicher-
heitspolitischen Rahmenbedingungen
führten zu der Forderung der strategischen
Verlegefähigkeit in allen Dimensionen, um
Kräfte flexibel und schnell in zukünftige
Einsatzgebiete verlegen zu können. Dies
führte letztendlich dazu, dass der SPz Puma
luftverlastbar in der A400M sein musste.
Die damit einhergehende Gewichtsober-
grenze von 31,451 war ein Kernaspekt, der
zur Entscheidung eines modularen Aufbau-
es sowie zum Verzicht auf einen bemann-
ten Turm führte. Der zweite handlungslei-
tende Faktor war eine hohe Gewichtung
von Überlebensfähigkeit und Schutz, wel-
che die Entscheidung zum unbemannten
Turm sowie die Umsetzung modularer
Schutzstufen nochmals verstärkte. Die For-
derung nach Schutz wurde darüber hinaus
mit dem Infanterist der Zukunft - Erwei-
tertes System (IdZ-ES), einer Schutzklasse
4-Ausstattung, auch für den Schützent-
rupp umgesetzt.
In Bezug zu den taktischen Forderungen
Mobilität und Wirkung war die Vorgabe,
dass die gleiche taktische Beweglichkeit wie
der Kampfpanzer Leopard zu erreichen ist,
um wieder effektiv im Verbund mit der Pan-
zertruppe kämpfen zu können. Die Bewaff-
nung wurde, gemäß den Grundsätzen, zur
Bekämpfung feindlicher Infanterie sowie ge-
gen leicht gepanzerte Fahrzeuge ausgelegt.
Im Kampf gegen stark gepanzerte Fahrzeu-
ge sollte mindestens ein Missionsabbruch
des Gegners erreicht werden können.
Für den Einsatz im Rahmen der Konfliktver-
hütung und Krisenbewältigung wurde zu-
sätzlich die Forderung zum Einsatz nichtle-
taler Wirkmittel in die Entwicklung einge-
bracht. Diese zusätzliche Fähigkeit unter-
streicht die Mehrrollenfähigkeit.
Entwicklung
System Panzergrenadier
Schützenpanzer Puma
Die beschriebene Gewichtung der Fä-
higkeitsforderungen führte in der kon-
sequenten Umsetzung zu einem besat-
zungslosen und somit fernbedienbaren
Turm und der Ausführung in modularen
Schutzstufen, die sowohl passive als auch
reaktive Komponenten umfasst. Zu die-
sen zählen Reaktivschutzmodule sowie
ein multifunktionales Selbstschutzsystem
(MUSS), um Lenkflugkörpersysteme so-
wie sonstige lasergelenkte Waffen abzu-
wehren.
Aufgrund der Gewichts- und Größenvor-
gaben konnte der SchtzTrp, bestehend
aus einem Mix von Soldaten oder Sol-
datinnen mit einer Gesamtstärke von
sechs anstelle einer ursprünglichen Min-
destforderung von sieben, optimal sogar
acht Soldaten oder Soldatinnen realisiert
werden.
Im Bereich Wirkung entschied man
sich für die Implementierung einer
30-mm-Maschinenkanone mit Funk-
tionalität für Airburst-Munition, die
es ermöglicht, tempierbare Munition
(programmierter Zerlegesatz mit Sub-
projektilen), panzerbrechende (Pfeil-
munition) sowie Übungsmunition zu
verschießen. Mit der Airburst-Munition
wurde man dem Schwerpunkt des Auf-
gabenspektrums, dem Kampf gegen
feindliche Infanterie, gerecht. Weiterhin
wurde die Integration des Mehrrollen-
fähigen Leichten Lenkfiugkörpersystems
(MELLS) zur Bekämpfung stark gepan-
zerter Ziele umgesetzt.
Der Verbesserung der Mobilität wurde
mit einem neu entwickelten, leistungsfä-
higen Triebwerk sowie mit einem neuen,
entkoppelten Laufwerkkonzept zur Ver-
besserung der Fahrleistungen im Gelän-
de Rechnung getragen.
Einbindung Infanterist der
Zukunft - Erweitertes System
Das System IdZ-ES umfasst neben der Schutz-
ausstattung eine Vielzahl an Optroniken,
die vom Laserentfernungsmesser bis hin zu
Wärmebildgeräten reichen. Diese können
missionsgerecht ausgewählt und eingesetzt
werden. Darüber hinaus wurde ein Waffen-
mix realisiert, der als Grundbewaffnung das
Sturmgewehr G36 A3 und zusätzlich ein
Abschussgerät für Granaten 40 mm enthält.
Darüber hinaus ist noch das leichte Maschi-
nengewehr MG4 mit dem Kaliber 5,56 mm
x45 NATO und seit 2018 auch das MG5 mit
einem Kaliber von 7,62 mm x 51 NATO im
Waffenmix enthalten. Weiterhin gehört die
Panzerfaust 3 zur Ausstattung.
Neben Wirkung und Schutz wurde auch die
Forcierung zur Verbesserung der Führungs-
fähigkeit umgesetzt. In diesem Bereich liegt
der größte Fortschritt des Systems. Jeder
Soldat und jede Soldatin sowie der Puma
sind über ein UHF-Funkgerät an den Grup-
penfunk angebunden. Weiterhin verfügt die
Ausstattung über ein eigenes Führungsin-
formationssystem (FülnfoSys), welches es
jedem Soldaten, jeder Soldatin ermöglicht,
Lagemeldungen digital zu erstellen und
über Datenfunk zu melden. Ergänzend steht
ein Kartensystem mit GPS-Anbindung zur
Navigation zur Verfügung. Alle Informa-
tionen, wie Routendaten, die Position der
Nachbarn sowie Lagemeldungen können
jederzeit über ein Bedien- und Anzeigege-
rät, ein transparentes Helm-Display oder ei-
ne Nachtsichtbrille angezeigt werden.
System Panzergrenadier
Das System Panzergrenadier umfasst die
Kopplung verschiedener Einzelsysteme. So
werden hier der Puma mit dem Schützen-
trupp (IdZ-ES-Ausstattung) über das Füln-
foSys IdZ-ES, das FülnfoSys Heer sowie des
integrierten Führungsinformations- und
Waffeneinsatzsystems verbunden. Auf-
grund des besatzungslosen Turmes und
einer dadurch eingeschränkten Außensicht
ist das Blue Force Tracking unabdingbar
zum Führen nach dem Wechsel der Kampf-
weise. Der Panzerkommandant ist nur so
in der Lage, den Standort des abgesesse-
nen Trupps sicher zu bestimmen und eine
Gefährdung beim Einsatz der Bordwaffen
auszuschäießen. Der SchtzTrp kämpft immer
gemeinsam mit dem Panzer und kann über
das FülnfoSys georeferenzierte Lagemel-
dungen an den Kommandanten senden.
Diese können von diesem ausgewertet und
weitergeleitet werden. Damit wurde ein we-
sentlicher Schritt hinsichtlich der Forderung
Sensor to Shooter erreicht. Gleichzeitig sind
der Kommandant und der Truppführer in
84 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
der Lage, Meldungen bis auf die Ebene des einzelnen Soldaten
zu verteilen. Jeder bekommt damit aktuelle Meldungen, z.B.
über Sperren, die aufgrund der GPS-Anbindung georeferen-
ziert hinterlegt sind.
Im aufgesessenen Kampf kommuniziert der Schützentrupp
auch im Panzer weiterhin über das System IdZ- ES. Dazu schließt
er sich an eine Fahrzeugschnittstelle an, eine zusätzliche
Sprechhaube wird nicht mehr benötigt.
Derzeit wird das “ührungssystem bis auf Ebene Panzergrena-
dierzug genutzt. In Zukunft wird das FülnfoSys IdZ-ES bis auf
die Kompanieebene ausgeweitet werden. Darüber hinaus wird
im Rahmen der Digitalisierung landbasierter Operationen ein
neues Battle Management System, erstmalig für den Auftrag
VJTF (L) 2023, eingeführt.
Sachstand Entwicklung
System Panzergrenadier
INTEROPERABLE
EINSATZERPROBTE
Mit der Schlüsselübergabe wurde der SPz Puma mit dem Sys-
tem IdZ-ES als System Panzergrenadier offiziell in die Truppe
eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren noch nicht alle Sys-
temkomponenten entwickelt. Die Einführung erfolgte daher
in Nutzungsstufen, alle noch fehlenden Systemkomponenten
sollen im Zuge einer konsolidierten Nachrüstplanung nachge-
steuert werden. Der SPz Puma wird zurzeit im Grundbetrieb
zur Ausbildung genutzt. Bis dato wurden fünf Panzergrena-
dierbataillone mit dem neuen Panzer ausgestattet.
Die Hauptkomponenten in der konsolidierten Nachrüstung
sind das Lenkflugkörpersystem MELLS und die turmunabhän-
gige sekundäre Waffen an läge (TS WA). Diese wird, neben dem
Einsatz von 40-mm-Sprenggranaten, auch fähig sein, nichtle-
tale Wirkmittel einzusetzen. Für die Waffenanlage MELLS wur-
de 2018 die taktische Einsatzprufung erfolgreich durchgeführt.
Die TSWA befindet sich noch in der Entwicklung. Zusätzlich
erfolgt eine Anpassung der Sichtmittel für den Turm, für die
Besatzung des hinteren Kampfraumes und für den Panzerfah-
rer auf aktuelle Färb- und Nachtsichten.
Derzeit ist geplant, die Nachrüstung des Schützenpanzers in
zwei Stufen durchzuführen. In diesem Zusammenhang läuft
die Nachrüstung unter dem Arbeitsbegriff S1 für die erste Stu-
fe, mit der erstmalig die Schwelle der Einsatzbereitschaft für die
Seriensysteme überschritten wird. In der Stufe S1+ sollen dann
noch Restmaßnahmen sowie die TSWA nachgerustet werden.
Die Führungsfähigkeit ist derzeit noch über die SEM-Familie
(80/90) sowie ein UHF-Funkgerät (SOLAR 400) zur Anbindung
des Systems IdZ-ES sichergestellt. Im Ausbildungsbetrieb lässt sich
damit die Verbindung des Schützentrupps zum Gruppenfahrzeug
sowie ein Zugkreis für die SPz sicherstellen. Da in das System IdZ-
ES kein zweites Funkgerät integriert ist, lässt sich ein Zug- oder
Kompanie-Führungskreis auf- und abgesessen noch nicht ver-
wirklichen. Noch in diesem Jahr läuft jedoch ein Folgesystem zu,
mit dem dieses auf UHF-Basis möglich sein wird. Die vollumfäng-
liche Führungsfähigkeit des Systems Panzergrenadier wird erst mit
der Nachrüstung digitaler Funkgeräte und der Einführung eines
IdZ-Systems mit zweitem Funkgerät verfügbar sein.
Die Vorteile des FülnfoSys IdZ-ES liegen vor allem in der Opera-
tionsplanung. Mit der Übertragung aller relevanten grafischen
Informationen bis auf die Ebene des Einzelschützen entsteht
ein zeitlicher Vorteil in der Umsetzung von Befehlen und ein
einheitlicher Wissensstand. Im Kampf wird jedoch weiterhin im
Schwerpunkt über Sprechfunk geführt, da Eingaben in das Füh-
rungs- und Informationssystem deutlich mehr Zeit in Anspruch
nehmen. Die Eintragung von Informationen in die digitale Lage-
karte erfolgt in Gefechtspausen.
SOFTWARE
STATIONÄR
VERLEGEFÄHIG
MOBIL
SEEGEHEND
www.systeiTiatic.com/lagedienst
5Y5TEMAT/C
SITAWARE
SYSTEMATIC
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE
Zur Sicherstellung der Ausbildung wurden
ein Schieß- und Gefechtssimulator als in-
tegriertes System, die Ausbildungsanlage
Turm sowie das System Ausbildungsgerät
Duellsimulator (AGDUS) beauftragt. Da
Manövermunition für den SPz Puma nicht
vorgesehen ist, wird die Schussabgabe über
die elektronische Waffen- und Effektsimula-
Foto: Bundesweh r/Jand Neumann
Abfeuern des Lenkflugkörpers MELLS während der erfolgreichen
Nach weisführung der Waffenanlage beim Puma
tion in einer sich derzeit in der Entwicklung
befindlichen modifizierten Version simuliert.
Weiterentwicklung und
Zukunftsprognose
Zurzeit ist die Bundeswehr mit einer Kampf-
brigade im Rahmen der NATO-Speerspit-
ze (VJTF) gebunden. Die Bundesrepublik
Deutschland hat angezeigt, im Jahr 2023
erneut einen Beitrag zu VJTF zu leisten.
Um international auf Augenhöhe agieren
zu können und unseren Soldaten das best-
mögliche und modernste Gerät zur Verfü-
gung zu stellen, ist der Einsatz des SPz Puma
geplant.
Da er die Schwelle der Einsatzbereitschaft
noch nicht erreicht hat, wurde die Entwick-
lung von 41 Systemen miteinem Konstrukti-
onsstand VJTF, der von der Serie losgelöst ist,
beauftragt. In diesem Konstruktionsstand
werden Entwicklungen vorgezogen, die in
der Serie erst später im Zuge der konsoli-
dierten Nachrüstplanung vorgesehen sind.
Der SPz Puma VJTF wird über das MELLS,
die Anpassung der Sichtmittel und erstmalig
über eine digitale Führungsausstattung ver-
fügen, welche auch ein angepasstes System
IdZ-ES beinhaltet. Der zweite Führungskreis
(Zug oder Kompanie) kann mit diesem an-
gepassten System betrieben werden. Mit
der damit vollumfänglich vorhandenen Füh-
rungsfähigkeit wird das System Panzergre-
nadier erstmalig die Schwelle zur Einsatzrei-
fe überschritten haben - ein großer Schritt
und Erfolg. Die taktische Einsatzprüfung
für den Konstruktionsstand VJTF ist für das
zweite Halbjahr 2020 gep ant. Der Start der
Serienproduktion in diesem Konstruktions-
stand ist, abhängig vom Ergebnis der Nach-
weisführung, bereits für 2021 vorgesehen.
Die hauptsächlichen Herausforderungen:
Interaktive Elektronische technische Doku-
mentation, Softwarepflege und -änderung,
Ersatzteilverfügbarkeit sowie zusätzliche
Sonderwerkzeugsätze sind bis dahin zu
lösen. Aufgrund der Komplexität des Waf-
fensystems wird seitens des Amtschefs Amt
für Heeresentwicklung die Einrichtung eines
Systemzentrums Puma erwogen.
Abhängig vom Ergebnis der Nachweisführung
SPz Puma VJTF wurde weiterhin die Beauftra-
gung eines 2. Loses beschlossen, das ab 2023
in einem Konstruktionsstand S1 eingeführt
werden soll. Der Zu lauf des 2. Loses wird mit
der geplanten konsolidierten Nachrüstpla-
nung abgestimmt, um die Verfügbarkeit in der
Truppe möglichst konstant zu halten und die
Bindung des Großgerätes in der Umrüstmaß-
nahme S1 zu kompensieren.
Mit dem System Panzergrenadier im Konst-
ruktionsstand VJTF wird die Einsatzreife des
neuen modernen Waffensystems der Pan-
zergrenadiertruppe erstmalig erreicht sein
und der Schützenpanzer Puma kann seine
volle Leistungsfähigkeit beweisen Schon
jetzt zeigt der Puma eine erheblich höhere
taktische Stoßkraft, die die Truppengattung
Panzergrenadiere rundum überzeugt. Mit
dem Konstruktionsstand S1 werden auch in
der Serie die ersten einsatzreifen Systeme
zu Verfügung stehen. Mit dem Erreichen
der Einsatzreife des Systems Panzergrena-
dier kann letztendlich das altbewährte Waf-
fensystem SPz Marder außer Dienst gestellt
werden.
40 Jahre Transportpanzer Fuchs
Mit über 1.400 gebauten Exemplaren
zählt der Transportpanzer Fuchs 6x6 von
Rheinmetall zu den taktischen Radfahr-
zeugen mit der höchsten Einsatzerfahrung
weltweit. Streitkräfte zahlreicher Nationen
setzen den Fuchs in unterschiedlichs-
ten Varianten ein, z.B. zum geschützten
Mannschaftstransport, als Gefechts-
stand oder Ambulanz sowie zur mobilen
ABC-Aufklärung.
Die ABC-Aufklärungsvariante wurde in vielen Krisengebieten welt-
weit erfolgreich zur Gefahrenabwehr eingesetzt. So haben sich
die knapp 300 bislang produzierten ABC-Spürfüchse in der Bun-
deswehr, der U.S. Army, sowie den Streitkräften der Vereinigten
Arabischen Emirate, Großbritanniens, Kuwaits, der Niederlande
und Norwegens vielfach bewährt. Herzstück des „ABC-Spürfuch-
ses" ist eine umfangreiche, voll integrierte Geräteausstattung zur
Identifikation und Analyse von atomaren, biologischen und che-
mischen Kampfstoffen.
Die Bundeswehr nutzt den Transportpanzer 1 Fuchs - kurz „TPz"
- seit 1979 in einer Vielzahl von Varianten und vertraut bei ihren
Auslandseinsätzen u.a. in Afghanistan und Mali auf seine Ro-
bustheit und Zuverlässigkeit. Die
derzeit modernste bei der Bundes-
weh reingeführte Version TPz 1 A8
gewährleistet gegenüber älteren
Modellen einen stark verbesser-
ten Schutz gegen ballistische Be-
drohungen sowie vor Minen und
Sprengfallen. Zu den wesentlichen
Modifikationen des 1 A8 zahlen
strukturelle Änderungen der Wan-
ne, neue Achsen, Verstärkungen der Radkästen, Türen und Schei-
benaufnahmen sowie zusätzliche Staukästen und Verstärkungen
im Außenbereich. Rheinmetall wird bis Ende 2020 insgesamt 272
Füchse der Bundeswehr auf den aktuellen Stand 1 A8 hochrüsten.
Darüber hinaus hat die Düsseldorfer Firma bereits die nächst mo-
dernere Version entwickelt, die sich durch ein neues Triebwerk, ein
neues Verteilergetriebe, eine neue Bremsanlage, ein verbessertes
Lenksystem sowie ein Monitor- und Kamerasichtsystem auszeich-
net Das macht den TPz 1 Fuchs noch beweglicher im Gelände und
noch ergonomischer zu bedienen.
Mit einer Flottenverfügbarkeit von über 90 Prozent steht der TPz
1 Fuchs wie kaum ein zweites Fahrzeugsystem als Garant für Zu-
verlässigkeit im Einsatz. (wb)
WIRTSCHAFT &
INDUSTRIE
Verteidigungsindustrie
in Nordrhein-Westfalen
Breites Angebotsspektrum
Lars Hoffmann
Das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland, Nordrhein-Westfalen, wurde bereits 1946 kurz nach dem
Zweiten Weltkrieg von der britischen Besatzungsmacht gegründet. Die Briten fassten dazu den nördlichen
Teil der preußischen Rheinprovinz mit den Regierungsbezirken Aachen, Düsseldorf und Köln sowie der
preußischen Provinz Westfalen zusammen. Damit war die wichtige Montan-Ind ustrieder Region in einem
Bundesland gebündelt. Das Ruhrgebiet galt - insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg - als wichtigste Rüs-
tungsschmiede Deutschlands. Verbunden mit dieser Industriesparte sind unter anderem Unternehmen wie
Krupp, Thyssen und Rheinmetall.
In den mehr als 70 Jahren des Bestandes
von Nordrhein-Westfalen hat die Schwer-
industrie des Ruhrgebietes ihre Rolle in der
Verteidigungsindustrie jedoch weitgehend
verloren. So trennte sich der mittlerweile zu
Thyssen-Krupp fusionierte Großkonzern bis
auf eine Werft von der Rüstungsproduktion.
Lediglich Rheinmetall ist in den vergange-
nen Jahrzehnten zum größten rein deut-
schen Hersteller von Verteidigungstechnik
- vor allem in Landbereich - aufgestiegen.
Wobei die Niederlassungen des Düsseldor-
fer Konzerns in Nordrhein-Westfalen in ers-
ter Linie auf Schutztechnik fokussiert sind.
Geschützrohre und Munition werden an
anderen Standorten produziert.
Aufgrund der strukturellen Veränderungen
der Nachkriegszeit ist die Produktion von
Rüstungswaren im Vergleich zu anderen
Bundesländern weniger bedeutend. Nach
Angaben des Bundeswehr-Beschaffungs-
amtes BAAINBw wurden in den Jahren
2017 und 2018 Rüstungsgüter im Wert von
etwa 540 Mio Euro in Nordrhein-Westfalen
für die Bundeswehr beschafft. Im vergan-
genen Jahr erhöhte sich dieser Wert auf et-
wa 1,1 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das
Bruttoinlandsprodukt des Bundeslandes lag
2018 bei rund 700 Milliarden Euro.
Auch die kumulierten Exportzahlen bele-
gen, dass Nordrhein-Westfalen in punkto
Verteidigungstechnik hinter anderen Län-
dern zurückbleibt. Während das Bundes-
land mit rund 18 Millionen Einwohnern im
Jahr 2019 laut Statistischem Bundesamt mit
Ausfuhren von 193,68 Milliarden Euro (14,6
Prozent der deutschen Gesamtexporte) an
zweiter Stelle hinter Baden-Württemberg
(205,22 Milliarden Euro - 15,5 Prozent) und
Foto: Rheinmetall
Insgesamt vier Standorte - im Bild die Konzernzentrale in Düsseldorf -
unterhält Rheinmetall in Nordrhein-Westfalen im Geschäftsbereich
Sicherheit
vor Bayern (189,58 Milliarden Euro - 14,3
Prozent) lag, ergibt sich bei den Rüstungs-
ausfuhren ein ganz anderes Bild: Hier befand
sich Nordrhein-Westfalen mit rund 430 Mio
Euro - das sind 5,4 Prozent der gesamten
deutschen Rüstungsexporte - nur an dritter
Stelle hinter Bayern mit 4,1 Milliarden Euro
(50,9 Prozent) und Baden-Württemberg mit
2,1 Milliarden Euro (26,3 Prozent), wie aus
einer Antwort der Bundesregierung auf eine
Kleine Anfrage im Bundestag hervorgeht.
Der Niedergang der Rüstungsindustrie
im Ruhrgebiet in der Nachkriegszeit lässt
sich nicht zuletzt an den großen Stahlkon-
zernen des Reviers, Krupp und Thyssen,
festmachen. Während Krupp Ende des
19. Jahrhunderts für seine modernen Ka-
nonen berühmt war, hat der heutige Thys-
sen-Krupp-Konzern bis auf eine Ausnahme
keine Verteidigungstechnik mehr im Portfo-
lio. Lediglich die U-Boot-Werftthyssenkrupp
Marine Systems (tkMS) ist noch im Besitz
des Unternehmens. Allerdings befinden sich
Zentrale und Produktion in Kiel und nicht
am Hauptsitz von thyssenkrupp in Essen. Bis
Ende 2018 war tkMS in der Sparte Industrial
Solutions aufgehängt. Nach der Auflösung
dieser Struktur berichtet der Geschäftsfüh-
rer von tkMS direkt an den Vorstand von
Thyssen-Krupp. Über eigenes Personal am
Sitz der Holding in Essen verfügt die weit-
gehend unabhängig agierende tkMS nach
Auskunft des Konzerns nicht Während zu
Thyssen-Krupp kein weiteres Unternehmen
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 87
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
Die Defence Service Tracks (DST),
ein global agierender Anbie-
ter von Panzerketten aus Rem-
scheid gehört mittlerweile zu
Krauss-Maffei Wegmann
der Verteidigungsindustrie gehört, beliefert
die Thyssen-Krupp-Tochter Rothe Erde-ein
Spezialunternehmen für Wälzlager und Len-
kringe - die Rüstungsindustrie mit Teilen.
Rheinmetall AG
Insgesamt vier Standorte - unter Einbezie-
hung der Konzernzentrale - unterhält die
Rheinmetall AG in Nordrhein-Westfalen im
Geschäftsbereich Sicherheit. Die Holding
des Rüstungs- und Automotive-Konzerns,
der im vergangenen Jahr einen Umsatz von
mehr als sechs Milliarden Euro erzielte, ist mit
rund 250 Mitarbeitern in Düsseldorf ange-
siedelt. Dort befinden sich zentrale Bereiche
der Konzernführung, wie unter anderem
die Personalabteilung, Finanzen und Cont-
rolling, Unternehmensstrategie, Unterneh-
menskommunikation, Projektorganisation
Deutschland, IT, Rechtsabteilung, der Chief
Foto: mawibo-media
Die BW! mit Sitz in Meckenheim, Berlin und Bonn befindet sich mittler-
weile zu 100 Prozent in Bundesbesitz
Technology Officer, das Rheinmetall Techno-
logy Center sowie die Rheinmetall Academy.
Hauptsitz der Rheinmetall Protection Sys-
tems GmbH mit rund 200 Mitarbeitern be-
findet sich m Bonn. Hier sind die Leitung,
Human Resources, Finanzabteilung und
Controlling der GmbH angesiedelt. Das
Unternehmen fertigt vor Ort Passivschutz-
lösungen für höchstgeschützte militärische
Fahrzeuge. Dazu gehören gepanzerte Fahr-
zeuge inklusive Kampfpanzern. Der Pro-
duktbereich Aktivschutz beschäftigt sich
mit der Entwicklung und Fertigung von so
genannten Hardkiil-Aktivschutzsystemen.
Mit Lohmar verfügt die Gesellschaft noch
über einen weiteren Standort mit etwa 70
Mitarbeitern. Hier erfolgen die Entwicklung,
das Design und die Qualifizierung von Pas-
sivschutzlösungen für militärische Fahrzeu-
ge. Außerdem werden Passivschutzkom-
ponenten, unter anderem für Luftfahrtan-
wendungen gefertigt. Hervorgegangen ist
die Niederlassung aus der IBD Deisenroth
Engineering, die Rheinmetall Mitte vergan-
genen Jahres übernommen hat.
An ihrem dritten Standort in Krefeld entwi-
ckelt und fertigt Protection Systems mit et-
wa WO Mitarbeitern unter anderem leichte
und mittlere Schutzlösungen auf Verbund-
werkstoff-Basis für militärische und zivile
Anwendungen. Diese finden Verwendung
beim militärischen und zivilen Fahrzeug-
schutz, dem Schutz für See-Anwendungen
sowie dem ballistischen Körperschutz. Dar-
über hinaus verfügt Rheinmetall noch über
Automotive-Standorte in Neuss mit etwa
2.000 Mitarbeitern und in Dormagen mit
rund 50 Mitarbeitern.
Wirkmittel und Sprengstoffe
Ein wichtiger Player der Verteidigungsin-
dustrie in Nordrhein-Westfalen ist Dynamit
Nobel Defence - kurz DND. Das Werk des
Spezialisten für schultergestützte Waffen-
systeme, Fahrzeugschutz sowie Brandschutz
liegt in Bürbach im Siegerland. DND ging
aus der Wehrtechniksparte der Dynamit No-
bel AG hervor, die 2004 aufgelöst wurde.
Seitdem befindet sich das Unternehmen im
Besitz des israelischen Konzerns Rafael. Zu
den bekanntesten Produkten des Unterneh-
mens, das mittlerweile rund 350 M itarbeiter
beschäftigt, gehört die Panzerfaust 3. Ge-
meinsam mit der Bundeswehr entwickelte
DND überdies die Systemfamilie „Wirkmittel
90" (RGW90 LRMP). Dabei handelt es sich
um ein leichtes Mehrzweckschulterwaffen-
system, das ein breites Spektrum an Zielen
auf Reichweiten über 1.000 Meter be-
kämpft. 2017 wurde das erste Wirkmittel im
Rahmen eines Festakts an die Bundeswehr
übergeben. Mittlerweile hat das Unterneh-
men überdies Wirkmittel in den Kalibern 60
sowie 110 mm im Portfolio. Ein weiteres Pro-
dukt ist der für den Schützenpanzer Puma
entwickelte explosive Reaktivschutz (ERA),
der auch auf andere Fahrzeuge adaptiert
werden kann. Überdies bietet DND Brand-
schutzsysteme für militärische Fahrzeuge
und zivile Anwendungen an.
Aufgrund der guten Auftragslage wurde im
März dieses Jahres nach mehrjähriger Pla-
nungsphase der erste Spatenstich für den
Bau eines neuen Fertigungskomplexes auf
dem Werksgelände in Bürbach gesetzt. In
weniger als zwei Jahren sollen nach An-
gaben von DND mehrere neue Gebäude
und Anlagen zum Gießen, Mischen, Tem-
perieren und Trocknen von Explosiv- und
Sprengstoffen entstehen. Dabei werden
neuartige Fertigungsverfahren für Gefechts-
köpfe eingesetzt. Diese Know-how- und
Kapazitätserweiterung werde insbesondere
für die Produktlinie RGW90 LRMP benötigt.
Laut DND sollen in den kommenden Jah-
ren nahezu alle infanteristisch kämpfenden
Kräfte der Bundeswehr mit dem Wirkmittel
ausgestattet werden.
Aus der Aufspaltung der Dynamit Nobel re-
sultierte auch die Gründung der DynITEC
GmbH in Troisdorf. Konkret ist das Unterneh-
men aus der Dynamit Nobel GmbH Explosiv-
stoff- und Systemtechnik am 1. Oktober 2002
hervorgegangen. Die GmbH gehört gegen-
wärtig zur Diehl-Gruppe. Die Aktivitäten der
DynITEC umfassen die Entwicklung und Pro-
duktion militärischer Zünd- und Anzündmittel,
energetischer Materialien und elektronischer
Zündsysteme.
Die besondere Stärke des Unternehmens be-
steht nach eigenen Angaben dabei im Ange-
bot kompletter Zündketten und Zündsysteme
mit aufeinander abgestimmten Einzelelemen-
ten aus einer Hand. Dieses ist insbesondere
durch die eigene Entwicklung und Herstellung
der dazu erforderlichen energetischen Mate-
rialien möglich. Laut Unternehmensbilanz lag
der Umsatz der Firma mit über 80 Mitarbei-
tern im Jahr 2018 bei rund 16 Millionen Euro.
88 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Mit Sprengstoffen befasst sich auch die
Wuppertaler ELP GmbH. Seit 1989 stattet
das Unternehmen militärische und polizei-
liche Entschärfungsdienste in Deutschland
aus. Im Produktportfolio sind unter ande-
rem Spreng- und Disruptionstechnik, Schutz-
bekleidung sowie Fernlenk- und Manipulati-
onstechnik von etablierten Herstellern. Das
Familienunternehmen bietet mittlerweile auch
Geräte an, die in der Flughafen-, Gelände- und
Gebäudesicherheit eingesetzt werden.
Das Bergische Land gilt noch immer als
eines der deutschen Zentren für Metall-
bearbeitung und Schmiedetechnik. So
verwundert es nicht, dass die DST Defence
Service Tracks GmbH, ein global agierender
Anbieter von Panzerketten, in Remscheid
beheimatet ist. Die GmbH gehört mittler-
weile zum Münchener Landsystemhaus
Krauss-Maffei Wegmann (KMW), das die
DSTEnde 2014 vom Diehl-Konzern erwarb.
Nach eigenen Angaben ist DST weltweit
der einzige Hersteller, der komplette Ket-
tensysteme entwickelt, herstellt und liefert.
1959 begann das Unternehmen mit der
Herstellung von Ketten für die Fahrzeuge
der in Deutschland stationierten Besat-
zungsmächte. Ein Durchbruch gelang mit
der Entwicklung der DST Stahlsystem kette
für den Kampfpanzer Leopard 1: Diese Ket-
te verfügte über austauschbare Laufpols-
ter nach einem patentierten Schnellwech-
Die secunet Security Networks mit ihrem Hauptsitz in Essen hat 2004
eine Sicherheitspartnerschaft mit der Bundesrepublik Deutschland
sel-Prinzip. Heute bietet das Unternehmen
eine breite Palette von Panzerketten an -
von System-, Leichtgewichts- bis Bandket-
ten. Darüber hinaus produziert DST Ketten-
rollen, Triebkränze sowie Schutzelemente.
Laut Hersteller sind über 100 verschiedene
Kettenvarianten bei mehr als 50 Armeen welt-
weit im Einsatz. Allein von den Systemketten
mit rund 40 Varianten wurden im Zeitraum
2000 bis 2017 rund 2,5 Mio Exemplare welt-
weit ausgeliefert.
DST verfügt über zwei Standorte In Rem-
scheid: In Vieringhausen erfolgt die Vulka-
nisation von Kettenteilen, Rollen und die
Endmontage der Ketten. Außerdem werden
dort Schutzelemente aus Gummi-Metall-Ver-
bindungen gefertigt. Der Standort in Lüttring-
hausen ist dagegen auf den Stahlguss für
besondere Anwendungszwecke spezialisiert.
Dazu gehören hochfeste Vergütungsstähle für
die Kettenglieder sowie Gussteile für Fahrzeu-
ge. Die Gießerei nutzt zwei Elektrolichtbogen-
öfen mit Kapazitäten von je 3,2 Tonnen und
einen Induktionsofen mit einer Kapazität von
einer Tonne. Laut DST werden pro Jahr rund
13.000Tonnen Stahl abgegossen.
Aktuell beschäftigt das Unternehmen im
Durchschnitt 300 Mitarbeiter, inklusive Leih-
arbeiter. Azubis, Praktikanten und Aushilfen
werdendabei nicht mitgezählt. Nach Aussa-
ge von Musbah Al-Mansour, Vice President
Sales & Marketing, verzeichnet die DST seit
Übernahme durch KMW ein „Wachstum
in allen Produktbereichen". Gegenwärtig
arbeitet das Unternehmen unter anderem
an der Qualifizierung neuer Leichtgewichts-
stahlketten für die Fahrzeugklasse 70 und
50 Tonnen, sowie an segmentierten Gum-
mibandketten der Fahrzeuggewichte bis zu
35 Tonnen.
BUUI
IT für Deutschland
#WirfürdieBundeswehr
Unterstützung auch in Ausnahmesituationen
Unsere Streitkräfte leisten einen hervorragenden Dienst. Mit größtem persönlichem Einsatz meistern sie
Tag für Tag neue Herausforderungen.
Wir als BWI unterstützen die Bundeswehr dabei. Gemeinsam setzen wir herausfordernde und zukunfts-
weisende Projekte um und tun alles dafür, dass die IT-Systeme stabil und sicher laufen - selbst in
Ausnahmesituationen. Und wenn es darauf ankommt, die Bundeswehr für die Erfüllung ihres Auftrags
schnell mit neuen Systemen zu unterstützen: Wir stehen bereit.
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/BWIITfuerDeutschland Q
www.bwi.de/news-blog Q
/bwi-gmbh ö
Auch in Zukunft unterstützen wir die Streitkräfte mit unseren bewährten IT-Leistungen - damit unsere
Soldaten, Soldatinnen und zivilen Angestellten auch weiterhin ihr Bestes geben können.
#WirfürdieBundeswehr
www.bwi.de
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
Informationstechnologie
und Elektronik
In den vergangenen Jahrzehnten hat die Be-
deutung von Informationstechnologie und
Software für Waffensysteme und die Ver-
teidigungsindustrie deutlich zugenommen.
Dies spiegelt sich auch am Geschäftserfolg
der in Nordrhein-Westfalen ansässigen Un-
ternehmen der Branche wider.
Ein Platzhirsch in Sachen Informationstech-
nologie ist die mittlerweile zu 100 Prozent
Foto: ES&T Archiv Foto: steep
Im Bereich Systemintegration von steep werden in enger Abstimmung
mit den Kunden Systeme und Containerlösungen entwickelt
in Bundesbesitz befindliche BWI GmbH. Das
Unternehmen war 2017 aus der Verschmel-
zung der BWI Informationstechnik GmbH
und der BWI Systeme GmbH hervorgegan-
gen. Diese beiden Vorgängergesellschaften
waren 2006 von der Bundeswehr, IBM und
Siemens gegründet worden, um das IT-Pro-
jekt HERKULES für die Bundeswehr umzu-
setzen, das 2016 abgeschlossen wurde. Die
Hauptaufgabe der BWI besteht darin, auf
Basis eines unbefristeten Leistungsvertra-
Mit Hauptsitz in Bonn operiert die HIL mit drei Werken, fünf Niederlas-
sungen und 54 Stützpunkten (im Bild: HIL-Wegweiser in Rukla, Litauen)
als logistischer Unterstützer der deutschen Landstreitkräfte
ges die nichtmilitärische IT-Infrastruktur der
Bundeswehr zu betreiben und weiterzuent-
wickeln.
Voraussichtlich wird das Aufgabenspektrum
des Unternehmens auf die so genannte grü-
ne IT ausgeweitet. So könnte die BWI im
Rahmen der Digitalisierung Landbasierter
Operationen (D-LBO) weitere Aufgaben
übernehmen. Etwa mit IT-Serviceleistungen
und dem Aufbau der notwendigen IT-Infra-
strukturfür das Battle Management System
(BMS) auf Gefechtsständen (Command
Post) und Fahrzeugen (Mountable) für die
VJTF 2023. Darüber hinaus wird die GmbH
mit dem Kommando Heer und dem Kom-
mando Cyber- und Informationsraum ein
gemeinsames, kooperatives Betriebsmodell
entwickeln. Die BWI mit Hauptsitz in Me-
ckenheim bei Bonn macht nach eigenen
Angaben mit ihren rund 4.800 Mitarbeitern
einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro.
Leistungen für Sicherheitsbehörden und die
Bundeswehr erbringt auch die an der Deut-
sehen Börse gelistete secunet Security Net-
works AG mit Hauptsitz in Essen. Das Unter-
nehmen, dessen Mehrheitsaktionär Giese-
cke + Devrient ist, bietet seinen Kunden vor
allem Lösungen im Bereich der IT-Sicherheit.
Bei secunet konzentrieren sich nach eige-
nen Angaben mehr als 600 Experten auf
Themen wie Kryptographie, E-Government,
Industrie und Sicherheitslösungen für das
elektronische Gesundheitswesen. Seit 2004
besteht überdies eine Sicherheitspartner-
schaft mit der Bundesrepublik Deutschland.
Die secunet Division Verteidigung für mili-
tärische Kunden ist auf die Verschlüsselung
und Cyber-Sicherheit fokussiert. Die ge-
meinsam mit dem Bundesamt für Sicher-
heit in der Informationstechnik für nationale
und internationale Hochsicherheitskunden
entwickelte Kryptoarchitektur SINA ermög-
licht laut Herstellereine sichere Bearbeitung,
Speicherung, Übertragung und Nachweis-
führungvon klassifizierten Informationen bis
einschließlich GEHEIM, NATO SECRET und
SECRET UE/EU SECRET. Nach Aussage eines
secunet-Sprechers liegt der Schwerpunkt
des Geschäftes im Verteidigungsbereich
auf dem deutschen Markt. Danach folge
das Euroopäische Ausland und die NATO.
Als eine von fünf Geschäftseinheiten mache
die Sparte Verteidigung „einen signifikanten
Anteil" des Unternehmens aus.
Im Bereich sicherer Datenübertragung be-
wegt sich auch das Unternehmen Secu-
smart aus Düsseldorf. Seit der Gründung im
Jahr 2007 hat sich die GmbH nach eigenen
Angaben zu einem globalen Experten für
abhörsichere Kommunikation entwickelt.
Seit mehr als acht Jahren stattet Secusmart
nach eigenen Angaben deutsche Behörden,
Ministerien und andere behördliche Institu-
tionen mit abhörsicherer mobiler Kommuni-
kation aus, d.h. mit Hilfe von Secusmart-Pro-
dukten wird mobile Sprach- und Datenkom-
munikation verschlüsselt. Seit Ende 2014 ist
Secusmart ein Tochterunternehmen des
kanadischen Konzerns BlackBerry.
In Köln ist die Systematic GmbH, eine
100prozentige Tochter des dänischen Soft-
ware-Hauses Systematic A/S, vertreten. Das
Unternehmen beliefert die Bundeswehr bis-
lang mit der Command & Control Software
SitaWare Frontline und SitaWare Headquar-
ters. Die Kölner Niederlassung ist für den
Vertrieb sowie für die lokale Auslieferung
und Implementierung der Lösungen verant-
wortlich. Lokal werden darüber hinaus spe-
zifische Dienstleistungen, wie beispielsweise
Ausbildungen erbracht. Von Köln aus erfolgt
überdies der Vertrieb in Mitteleuropa.
Die inhabergeführte steep GmbH mit Haupt-
sitz in Bonn wurde 1961 unter dem Namen
„Elektronik-und Luftfahrtgeräte GmbH" mit
sieben Mitarbeitern gegründet Die Aufgabe
war es damals, Radare aus US-Fertigung für
90 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
die Bundeswehr zu betreuen. Heute ist das
Unternehmen ein international aktiver tech-
nischer Dienstleister mit mehr als 30 Standor-
ten und rund 800 Mitarbeiterinnen und Mit-
arbeitern in Deutschland und Europa. Neben
den Kernfähigkeiten in den Bereichen Radar
Systems Support, IT-Services, Systemintegra-
tion, Training und Mobile Netze verfügt steep
über ein Kompetenzspektrum, das von der
Logistik über die technische Dokumentation
bis zum Facility Management reicht.
Der Radar Systems Support der steep Gm-
bH bietet der Bundeswehr ein Komplett-
paket für fest installierte Luftraumüber-
wachungs- und Anflugradarsysteme. Die
Betreuung umfasst die Instandhaltung
und Wartung von Radarsystemen vor Ort
sowie die Instandsetzung und Reparatur
durch ein Expertenteam in eigenen Werk-
stätten. Dabei betreut das Unternehmen
Radare verschiedener Hersteller über deren
gesamte Lebenszeit. Für die rund 150 Mit-
arbeiter der Defence-Sparte ist der Bereich
Radar eines der stärksten Geschäftsfelder
geblieben.
Im Bereich System Integration werden in en-
ger Abstimmung mit den Kunden Systeme
und Containerlösungen entwickelt. So hat
steep zusammen mit der ESG das Ground
Support Container System für den Euro-
Foto: CAE
D/e CAE Elektronik GmbH mit Sitz in Stolberg in der Nähe von Aachen
widmet sich der Umsetzung von Lösungen vor allem für Trainingsszenarien
fighter (GSCS Eurofighter) konzipiert. Dabei
handelt es sich um ein verlegefähiges und
modulares System für den Einsatz auf einer
so genannten Deployed Operation Base für
bis zu 12 Luftfahrzeuge. Es wird mit einer
autarken Stromversorgung und Klimatisie-
rung betrieben und stellt drei unterschiedlich
eingestufte Netze bereit.
Darüber hinaus hat steep mit der ESG einen
verlegbaren Gefechtsstand für die Luftwaffe
für den Kampf gegen die Terrororganisati-
on IS entwickelt. Im Bereich Mobile Netze
entwickelt steep sichere und schnell einsatz-
fähige Kommunikationslösungen durch die
Kombination von IT-Systemen mit robuster
Hardware.
Ein Schwergewicht in Sachen Radar be-
findet sich in Neuss mit der Leonardo
Germany GmbH - ein Tochterunterneh-
men des gleichnamigen italienischen
Rüstungskonzerns. Die bis vor kurzem
unter dem Namen Selex ES firmierende
GmbH fertigt in Deutschland laut Bun-
desanzeiger hochleistungsfähige Wet-
terradare sowie Überwachungsradare,
die bei der Bundeswehr im Einsatz sind.
Im Geschäftsjahr 2018 erwirtschafteten
etwas mehr als 200 Mitarbeiter einen
Umsatz von rund 44 Millionen Euro. Von
Neuss aus werden auch die Beschaf-
fungsvorhaben der Bundeswehr für Leo-
nardo beobachtet und betreut.
EIN NETZWERK
VOLLER
MÖGLICHKEITEN
www.steep.de
www.steep.de/karriere
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
Foto: JK Defence
JK Defence & Security Products
mit Sitz in Kempen am Nieder-
rhein wird seit An fang 2019 von
Philip Kaiweit in zweiter Genera-
tion geführt; das Unternehmen ist
seit fast 30 Jahren zuverlässiger
Partner der Bundeswehr und Po-
lizeibehörden in den Bereichen
Funkkommunikation, Nachtsicht
sowie Rescue und Safety
Beratung
In Nordrhein-Westfalen ist mit der Bw-
Consulting noch eine weitere Inhouse-Ge-
sellschaft der Bundeswehr ansässig Das
als GmbH aufgesetzte Unternehmen in
100prozentigem Eigentum des BMVg un-
terstützt das Ministerium bei strategischen
Projekten. Die Schwerpunkte der Beratung
sind dabei Strategie & Steuerung, Prozesse
& Organisation sowie Projektmanagement.
Die BwConsulting mit Hauptsitz in Köln
wurde im Jahr 2000 als Gesellschaft für
Entwicklung, Beschaffung und Betrieb
mbH (g.e.b.b.) gegründet und Anfang 2017
in BwConsulting umbenannt. Vorteile des
Einsatzes der BwConsulting sind nach de-
ren Angaben unter anderem umfassende
Kenntnisse des Geschäftsbereichs sowie die
schnelle und flexible Einsatzbarkeit ohne
Vergabeverfahren. Ende vergangenen Jah-
res verfügte das Unternehmen über rund
200 festangestellte Mitarbeiter.
Luft/Training
Die Bundeswehr gibt erhebliche Summen
für militärische Luftfahrttechnik aus, wo-
von insbesondere Bayern profitiert, da in
dem Bundesland wichtige Niederlassungen
des Airbus-Konzerns angesiedelt wurden.
Nordrhein-Westfalen dagegen verfügt zwar
durchaus über Zulieferer und Service-Anbie-
ter für die Militärluftfahrt. Im Vergleich mit
anderen Bundesländern ist dieses Segment
jedoch weniger stark ausgeprägt.
Eine Ausnahme bildet die CAE Elektronik
GmbH mit Sitz in Stolberg in der Nähe von
Aachen. Das Unternehmen arbeitet nach
eigenen Angaben seit fast 60 Jahren als
Partner der Bundeswehr im Bereich der
Entwicklung, Herstellung und Betreuung
von Trainings- und Simulationssystemen
für Luftwaffe, Marine und Heer. Über 500
Mitarbeiter widmen sich der Umsetzung
von Lösungen für unterschiedliche Kun-
denanforderungen und Trainingsszenarien.
So lieferte das Unternehmen zum Beispiel
für das Hubschrauber-Ausbildungszentrum
in Bückeburg Trainingssysteme für die vier
Hubschraubertypen UH-1D, CH-53, EC-135
und NH90. Ende vergangenen Jahres unter-
zeichnete das Unternehmen einen Vertrag
mit der NATO Support and Procurement
Agency (NSPA) zur Bereitstellung von um-
fassenden Trainingslösungen für die Sea-Li-
on-Helikopter der Deutschen Marine.
Das deutsche Unternehmen gehört zum
kanadischen CAE-Konzern, der unter an-
derem auf Simulatoren für die Zivil- und
Militärluftfahrt sowie auf den Gesundheits-
markt spezialisiert ist. Die als Canadian Avi-
ation Electronics gegründete CAE mit Sitz
in Montreal realisierte im vergangenen Jahr
mit über 10.000 Mitarbeitern einen Umsatz
von mehr als drei Milliarden CAD.
Gegründet wurde die deutsche CAE GmbH
1961, nachdem der Mutterkonzern mit der
Entwicklung von Simulatoren für die F-104
Starfighter begonnen hatte. Zu den Kunden
von CAE zählen nicht nur die Bundeswehr,
sondern auch militärische Beschaffungs-
agenturen und Organisationen in Euroopa
und Afrika.
Schutztechnik
Neben Rheinmetall befassen sich eine Reihe
weiterer Unternehmen in Nordrhein-West-
falen mit Schutztechnologien. Ein Spezialist
für Schutzmaterialien ist das Unternehmen
CeramTec-ETEC, eine Tochterfirma der Cer-
amTec. Das in Lohmar ansässige Unterneh-
men bietet keramische Panzerungen für
den ballistischen Personen-, Fahrzeug- und
Objektschutz an. Die CeramTec war 2004
bei der Zerlegung der Dynamit Nobel AG
zunächst vom US-Unternehmen Rockwo-
od übernommen worden. 2018 erwarb
dann ein Konsortium unter Führung der
Private-Equity-Gesellschaft BC Partners die
CeramTec.
CeramTec bietet Produkte und Lösungen mit
technischer Keramik an und erzielte mit rund
3.500 Mitarbeitern - davon rund 2.000 in
Deutschland - an etwa 20 Fertigungsstätten
weltweit im Jahr 2019 einen Umsatz von 620
Millionen Euro, wovon der größte Teil des
Umsatzes auf Deutschland entfällt.
Ein wichtiger Zulieferer für Lösungen im
Brandschutz ist die Firma Kidde Deugra
aus Ratingen, die zum US-Konzern Collins
Aerospace gehört. Das im Jahr 1958 in
Deutschland gegründete Unternehmen hat
sich auf fest installierte Rauchmelder, Feu-
erwarn- und .Löschanlagen für gepanzerte
Militärfahrzeuge, geschützte Führungs-,
Funktions- und Transportfahrzeuge, Son-
de rschutzfahrzeuge, zivile Anwendungen
sowie die militärische Luftfahrt spezialisiert.
Die Systeme des Unternehmens können
nach Entzündung eines Brandes ein auftre-
tendes Feuer sofort löschen, es eindämmen
oder es sogar ganz unterdrücken.
Lösungen für den ballistischen Schutz sowie
den Augen- und Gehörschutz bietet über-
dies die in Neuss beheimatete 3M Deutsch-
land GmbH an - ein Tochterunternehmen
des gleichnamigen US-Konzerns, der unter
anderem auch Atemschutzmasken herstellt.
Enstandsetzung/Logistik
Ein wichtiger Partner für die Bundeswehr ist
die HIL Heeresinstandsetzungslogistik GmbH
mit Hauptsitz in Bonn. Das 2005 gegründete
Unternehmen verfügt über insgesamt drei
Werke, fünf Niederlassungen und 54 Stütz-
punkte. Die rund 2.200 Mitarbeiter des im
Besitz des BMVg befindlichen Unternehmens
kümmern sich um Logistikdienstleistungen
für ausgewählte Waffensysteme und Geräte
der Bundeswehr. Ihre Aufgabe ist die Sicher-
stellung einer definierten Materialverfügbar-
keit. Die HIL erwirtschaftet einen Umsatz von
rund 400 Millionen Euro pro Jahr. Die bis vor
kurzem geplante Privatisierung der HIL wurde
im Oktober vergangenen Jahres vom BMVg
endgültig gestoppt, um die Ressourcen im
Haus zu behalten.
Militärische Unterkünfte liefert die F irma M.
Schall GmbH und Co. KG aus Merzenich im
Kreis Düren. Das Unternehmen mit rund 120
Mitarbeitern bietet nach eigenen Angaben
das gesamte Leistungsspektrum rund um
mobile Arbeitsräume. Hierzu zählen Kon-
zeption, Entwicklung, Herstellung und Ver-
trieb von Zelten und Funktionscontainern
für den militärischen und zivilen Einsatz bis
hin zu funktionsfertigen Systemen. Für mili-
tärische Anwendungen bietet Schall unter
anderem Komplettsysteme, luftgestützte
Zelte, gerüstgestützte Zelte sowie Funkti-
onscontainer.
Textilsparte
Neben den Herstellern von Stahl, Sprengstoff
und IT haben auch zwei bedeutende Her-
steller von Spezialtextilien für die Bundes-
wehr ihren Hauptsitz in Nordrhein-Westfa-
len.
Die Hexonia GmbH ist vielen Soldaten
der Bundeswehr als Lieferant diverser
speziell für den militärischen und behörd-
92 Europäische Sicherheit & Technik • Juni 2020
Marketing Report: HIL GMBH
Partner der Bundeswehr
HIL GmbH mit neuem Arbeitgeberauftritt
zur Mitarbeitergewinnung
Partner der Bundeswehr
Die H!L GmbH ist starker Partner der Bun-
deswehr. Unser Ziel ist es, die landbasierten
Waffensysteme der Bundeswehr verfügbar
zu halten. Zur Wahrnehmung dieser Auf-
gabe sind wir Managementdrehscheibe zur
Vergabe von Instandhaltungsaufträgen am
Markt und haben darüber hinaus umfang-
der HIL sicherzustellen und unser hochin-
teressantes Unternehmen einer breiteren
Öffentlichkeit bekannt zu machen. Im hart
umkämpften Arbeitsmarkt steht die HIL
als Arbeitgeber in starker Konkurrenz zu
anderen attraktiven Unternehmen, die sich
ebenfalls um qualifizierte und passende
Unter www.karriere.hilgmbh.de ist
ein modernes Karriereportal entstanden,
welches über die diversen Karrieremög-
lichkeiten informiert und die verschie-
denen Berufsgruppen darstellt. So kann
sich der interessierte Besucher über die
vielfältigen Angebote in den Bereichen
kaufmännische Berufe und Jobs in der
Logistik oder im technischen Bereich
informieren. Für ausscheidende Zeitsol-
daten ist ein zusätzlicher Bereich mit
interessanten Perspektiven eingerichtet.
Neben weiterführenden Informationen
zur HIL, findet man die Jobangebote
mit ausführlichen Beschreibungen zu
den Anforderungsprofilen und den Leis-
tungen, die wir Ihnen bieten. Flankiert
wird das Karriereportal der HIL durch ein
umfangreiches Messekonzept und dem-
nächst durch ein vielfältiges Print- und
Onlineangebot.
Viele Möglichkeiten, um mit uns in den
Dialog zu treten! Wir würden uns freu-
en, wenn Sie sich für die HIL interessie-
ren. Sprechen Sie uns an!
Kontakt: 0228 4463 -1343
reiche eigene Instandsetzungskapazitäten.
Mit rund 2.200 Beschäftigten an über 60
Standorten ist die HIL GmbH ein dynami-
sches Unternehmen, das als bundeseigene
Gesellschaft nicht konjunkturabhängig ist.
Dadurch können wir einen sicheren Arbeits-
platz mit Zukunftsgarantie gewährleisten.
Um den weiteren Unternehmenserfolg si-
cherstellen zu können, wird eine Vielzahl an
neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in
allen Bereichen gesucht. Insgesamt werden
durch Personal regen ration und Aufwuchs in
den nächsten zwei Jahren über 400 Stellen
neu besetzt. Hierfür müssen Maßnahmen
ergriffen werden, um die Bekanntheit und
die Attraktivität der HIL als Arbeitgeber zu
steigern, das Bestandspersonal zu binden
und vielleicht Sie für uns zu begeistern.
Im Januar 2019 haben wir deshalb ein
neues Employer-Branding-Projekt zur
Entwicklung eines professionellen Arbeit-
geberauftritts und einer zielgerichteten
Personalgewinnungskampagne gestartet,
um die reibungslose Auftragserfüllung
Mitarbeiterinnen und Mitar-
beiter bemühen. Ziel des Em-
ployer-Branding-Projektes ist
es, Werkzeuge zu entwickeln
und Maßnahmen durchzu-
führen, die diese Aufgabe
erleichtern sollen.
Der neue Arbeitgeberauftritt
wurde in den zurückliegen-
den Monaten in mehreren
Projektphasen entwickelt
und umgesetzt. Hierzu
zählten eine auf das Projekt
maßgeschneiderte Strategie-
entwicklung, die Konzeption
eines neuen modernen Mes-
seauftritts, neue Werbemit-
tel, die Erstellung einer Karri-
ereseite, der Relaunch des In-
ternet- und Intranet-Auftritts
der HIL sowie die Konzeption
verschiedener Print- und On-
linekampagnen. Das Ergeb-
nis kann sich sehen lassen!
HIL
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Partner der BundMwehr
i’-irtW tÜf Dich
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
93
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
liehen Einsatz konzipierter Bekleidung
bekannt. Zum Produktportfolio des Un-
ternehmens aus Nettetal gehört neben
Einsatz- und Schutzbekleidung auch
spezielle Unterwäsche, die in Kombi-
nation mit Schutzwesten vor Kleinst-
splittern und Druck-Belastungen schützt.
Ebenfalls im textilen Segment aktiv ist
die Blücher Gruppe aus Erkrath. Die mit-
telständische Unternehmensgruppe in
Familien besitz hat sich insbesondere im
Bereich des individuellen ABC-Schutzes
von Soldaten mit ihrer Saratoga-Produkt-
linie einen Namen gemacht. Darüber hi-
naus produziert Blücher auch Fragment-
schutzbekleidung sowie Produkte zur
Gas-, Wasser- und Fluid-Filtration. Nach
eignen Angaben hat das Unternehmen
die Technologieführerschaft im Bereich
Hochleistungsadsorbenzien und sorptive
Verbundstoffe inne.
Eine wichtige Rolle für die Ausstattung der
Bundeswehr mit Bekleidung spielt die in
Köln ansässige Bw Bekleidungsmanage-
ment GmbH. Das Unternehmen entstand
nachdem der Bund 2015 die Geschäfts-
anteile der privaten Gesellschafter Lion
Apparel Inc. USA und Hellmann Worldwi-
de Logistics GmbH & Co. KG der Vorgän-
gerfirma LHD übernommen hatte. Zuvor
bestand eine so genannte Public Private
Partnership zwischen dem BMVg mit einer
25,1-Prozent-Beteiligung, und den beiden
Unternehmen zu gleichen Teilen mit je 37,45
Prozent. Die LHD war jedoch aufgrund von
Fehlern der Mehrheitseigentümer in eine
wirtschaftliche Schieflage geraten. In der
Folge übernahm der Bund die Firma ganz.
Die LHBw wird aktuell in Form einer GmbH
als lOOprozentige Inhousegesellschaft des
BMVg fortgeführt. Die zentrale Aufgabe als
Dienstleister der Bundeswehr ist das Beklei-
dungsmanagement für die rund 200.000
Soldaten und zivilen Mitarbeiter im Ministe-
rium und in den Ämtern. Mit mehr als 1.300
Mitarbeitern - darunter Textilfachleuten,
Betriebswirtschaftlern, Logistikern, Quali-
tätsmanagern und IT-Spezialisten - soll den
Kunden die passende Bekleidung und Aus-
rüstung bereitgestellt werden.
Handel/Import
Nicht alle für die Bundeswehr und hei-
mische Sicherheitsbehörden benötigten
Ausrüstungstückewerden in Deutschland
produziert. Umso wichtiger ist es, das
fehlende Material in der richtigen Qualität
und Quantität aus dem Ausland zu bezie-
hen. Hierbei kommt Handelsunternehmen
und Vertriebspartnern ausländischer Fir-
men eine wichtige Rolle zu.
Seit 1992 beschäftigen sich die mehr als
25 Mitarbeiter der JK Defence & Security
Products aus Kempen mit dem Import von
Militärtechnik aus dem Ausland. Während
zu Anfang in erster Linie Flugzeugteile be-
schafftwurden, verfügt das Unternehmen
nach eigenen Angaben mittlerweile über
ein weites Netzwerk von zuverlässigen
Agenturen und Vertretungen. Unterande-
rem zählt JK Defence & Security Products
den Hersteller von Nachtsichtgeräten,
Theon Sensors, sowie den Funktechnik-
produzenten L3 Harris zu seinen Partnern.
Auf den Import und die Anpassung an
militärische Bedürfnisse von geländegän-
gigen Quads hat sich die Rainer Diederich
GmbH aus Wiehl-Bomig spezialisiert. Auf
die Vertretung ausländischer Marken für
Nutzer im Sicherheitssektor ist überdies
die Firma TeutoDefence aus Bad Oeynhau-
sen spezialisiert.
Darüber hinaus existieren in Nord-
rhein-Westfalen noch weitere Unterneh-
men, die sich ganz oder teilweise mit
Dienstleistungen und Produkten rund
um die Sicherheitsindustrie befassen,
allerdings im Rahmen dieses Beitrages
nicht vorgestellt werden können. Dazu
zählen unter anderem Anbieter von Trai-
ningssystemen, Messern, IT-Services oder
Drohnen.
Ergänzungen für das German Route Clearance Package
Die Bundeswehr erhält für das German
Route Clearance Package (GRCP) vier
weitere Systeme. Das GRCP dient dazu,
Verbindungswege im Einsatzumfeld von
Sprengfallen, Sprengsätzen und ande-
ren Hindernissen zu befreien. Rheinme-
tall wurde mit einem Ergänzungsvertrag
beauftragt, fünf Transportpanzer Fuchs
1 A8 in Bedienertruppfahrzeuge sowie
vier Luftlande-Waffenträger Wiesel 1 in
Detektorfahrzeuge umzurüsten. Zudem
sollen sieben Reserve-Dualsensoren und
weitere logistische Anteile beschafft
werden. Bei den Dualsensoren, die eine
Schlüsselkomponente des Route Clearan-
ce Systems sind, handelt es sich um eine
neue obsoleszenzbereinigte Version. Das
Vertragsvolumen liegt in einem niedrigen
zweistelligen Millionen Euro-Bereich.
Neben dem angesprochenen Bediener-
truppfahrzeug und dem Detektorfahrzeug gehören ein Kampfmittelaufklärungs- und -identifizierungsfahrzeug (Fuchs KAI) und
ein Räumfahrzeug (Mini MineWolf 240) zum Package. Der Transport der Kettenfahrzeuge erfolgt mit MULTI FSA von RMMV.
Der separat durch die Bundeswehr beauftragte Fuchs für die Kampfmittelaufklärung und -identifizierung (KAI) mit Manipulator
übernimmt schließlich die ferngesteuerte Überprüfung verdächtiger Objekte. Vor wenigen Tagen wurde der vierte von sechs
bestellten Fuchs KAI übergeben. Der Rest soll bis Jahresende folgen. Auch der Mini MineWolf 240 soll durch eine aktualisierte
Version ergänzt werden. Das Beschaffungsverfahren ist eingeleitet. Eine Ausschreibung ist noch nicht erfolgt. (gwh)
94 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Marketing-Report: jk defence & security Products GmbH
Ein integriertes System - der entscheidende Vorteil
in der vernetzten Operationsführung
Die Digitalisierung in allen Bereichen ist ein
Megatrend unserer Zeit. Während Anwen-
der von zivilen Systemen erwarten, dass
diese nahtlos, nutzerfreundlich und intero-
perable den globalen Austausch von Infor-
mationen ermöglichen, so stellt sich die Rea-
lisierung dessen im Kontext der militärischen
Digitalisierung, als deutlich komplexer dar.
Die Herausforderung
Die Digitalisierung des Gefechtsfelds dient
dem Zweck den „Nebel des Kriegs" zu
lüften. Informationen sollen dazu schnell,
sicher und korrekt verfügbar sein. Resultie-
rende militärische Entscheidungen müssen
ebenso übermittelt werden.
Mehr denn je spielt dabei die Übertragung
von Sensor-Information, über verschiedene
Hierarchie-Ebenen hinweg, eine missionskri-
tische Rolle. Die Aufklärungsergebnisse
können von einer Vielzahl an Quellen zur
Verfügung gestellt werden. Die Vernetzung
dieser, und damit die ständige Verfügbar-
keit der Informationen über Teilstreitkräfte
hinweg, bildet einen entscheidenden Kern.
Es gilt der Grundsatz, dass die schnellere
und zuverlässigere Verfügbarkeit korrekter
Informationen, zur Überlegenheit auf dem
Gefechtsfeld führt.
Doch welches System kann diese Anforde-
rungen bereits heute leisten und ist den-
noch bereits einsatzerprobt und bewährt?
Die Lösung
Um den genannten Herausforderungen
gerecht zu werden, bedarf es einer in al-
len Belangen in sich abgestimmten Lösung.
L3Harris bietet mit dem Falcon Net, ein
System welches weit über Einzelaspekte
hinausgeht: es führt Teilkomponenten zu
einem integrierten und abgestimmten Gan-
zen zusammen. Die entscheidenden Blöcke
bilden dabei Radios, Wellenformen, Appli-
kationen und Service.
Die Falcon Radiofamilie liefert interoperable
Funkgeräte in allen Formfaktoren an. So ist
der Zugriff auf Sensorinformationen fliegen-
der Plattformen ebenso möglich, wie die
Anforderung weitreichenden Feuers von
See aus. Die mehrkanalfähigen Funkgeräte
AN/PRO163 und AN/PRG158 erlauben es
beispielweise mittels ROVER, streitkräfte-
gemeinsame taktische Feuerunterstützung
(STF) mit Videoübertragung anzufordern.
Gleichzeitig ist die Kommunikation, über
taktisches V/UHF oder SATCOM, mit weite-
ren Kräften möglich. Dies gilt bei minimalen
Gewicht und einfacher Bedienbarkeit.
Interoperabilität mit Bündnispartnern, oder
Operationen im Deutsch-souveränen Kon-
text werden über die NATO Suite B/NINE
Sicherheits-Architektur ermöglicht. Dieses
zukunftsweisende Konzept erlaubt den
sicheren und abgestuften Informationsaus-
tausch .
Anders als in der zivilen Welt, setzt Über-
legenheit auf dem Gefechtsfeld auch die
Dominanz über das elektromagnetische
Spektrums voraus. Entsprechende Erfahrun-
gen aus den aktuellen Krisenregionen wie
Syrien, der Krim oder dem baltischen Raum
belegen diese Notwendigkeit. Gegnerische
Maßnahmen der elektronischen Kriegfüh-
rung erfordern entsprechende Reaktionen:
L3Harris kognitive Wellenformen ermögli-
chen die flexible Nutzung des Spektrums,
weichen Jammern aktiv aus, und liefern
durch fortschrittliche Frequenzsprung- und
Spreizverfahren hohe Übertragungssicher-
heit. MANET Protokolle vernetzen Soldaten
zuverlässig, auch unter herausfordernden
geographischen Gegebenheiten.
Während Radios und Wellenformen als
Netzwerk das Nervensystem der Digitalisie-
rung bilden, so setzen taktische Applikati-
onen darauf auf, und ermöglichen es dem
L3HARRIS
FALCON NET
ECOSYSTEM
Hingt hq
CPfkwcM 5 jr
Soldaten den Vorteil eines integrierten Sys-
tems zu erleben: Die Position von eigenen
und fremden Kräften steht auf Karten oder
mittels augmented-reality jedem Soldaten
ständig zur Verfügung. Schnelle Entschei-
dungen auf Basis umfassender Informatio-
nen sind das Ergebnis.
Durch die tiefe Integration von L3Harris
Funkgeräten und Wellenformen mit dem
Marktführer im Bereich Führungssyste-
me, wird eine integrierte und performante
Systemlösung erzielt.
Ein weiteres, exakt passendes Puzzlestück des
Gesamtsystems Falcon Net, unterstützt schon
im Vorfeld einer Operation die Planung: Un-
ter Berücksichtigung von Gelände, Frequen-
zen, eingebundenen Kräften und geforder-
ten Diensten, liefert die Software L3 Harris
hManager-Spectrum in kürzester Zeit verläss-
liche und leistungsfähige Funknetze.
Integration ist der Schlüssel
Der eingangs beschriebenen Forderung nach
dem perfekten Zusammenspiel aller Subsys-
teme trägt das L3Harris Falcon Ecosystem
umfassend Rechnung. Dabei sind alle Kom-
ponenten marktverfügbar und weltweit im
Einsatz bewährt. Die abgestimmten Kom-
ponenten, bestehend aus führender Hard-
ware-Technologie und fortschrittlichsten
Übertragungsverfahren, liefern das Netz-
werk für Nutzerapplikationen. Der Mehrwert
der Digitalisierung für den Nutzer: schnelle
und korrekte Entscheidungen, basierend auf
einem in sich abgestimmten Gesamtsystem.
JK DEFENCE & SECURITV
PRODUCTS GMBH
JK Defence &
Security Products GmbH
Felix Wickenhäuser
Technologieberater
Militärische Funkkommunikation
industriering Ost 74
47906 Kempen
Mobil: +49 170 814 2916
f.wickenhaeuser@jkdefence.de
www.jkdefence.de
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
Der Verteidigungssektor muss
sich für Start-ups öffnen
Lorenz Lehmhaus
Im Februar dieses Jahres ging es bei einer Mitgliederbefragung des Bundesverbands der Deutschen
Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und des Bundesverbands Informationswirtschaft,
Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) um die wichtigsten digitalen Technologie-Trends in
Sicherheit und Verteidigung. Die Technologiecluster Cyber Security, Künstliche Intelligenz, Internet of
Things, Cloud Computing sowie Big Data Analytics führten die Liste an.
ei der Betrachtung des deutschen
Verteidigungssektors wird jedoch
deutlich, dass die erwähnten Tech-
nologien aktuell nicht zu dessen Kern-
kompetenzen gehören. Die Digitalisie-
rung wird auch hier unaufhaltsam den
Wandel bringen. Sie wird eher früher
als später dafür sorgen, dass eine platt-
form-zentrische Wertschöpfungskette
durch eine software-zentrische ersetzt
wird. In der Automobilbranche ist der
Wandel bereits im vollen Gange. Tesla
baut eine Software, die eine Hardware
betreibt und Mercedes eine Hardware,
die mit einer angepassten Software be-
trieben wird. Tesla kann somit nutzer-
zentriert und anwendungsspezifisch die
Integration von parallel laufenden techni-
schen IT-Entwicklungen durchführen. Die
sich daraus ergebenden Möglichkeiten
zur technischen Skalierung sind weitrei-
chend. Die deutsche Verteidigungsindus-
trie hat bereits heute den Auftrag, diese
digitalen Kompetenzen an Produkt- und
Dienstleistungen für die Streitkräfte ab-
zubilden. Zu diesem Zeitpunkt verfügt
diese jedoch nicht über ausreichende Ka-
pazitäten und Kompetenzen im Bereich
der Digitalisierung, um dies zu tun. Daher
muss sie zusammen mit dem Bedarfsträ-
ger, also zum Beispiel der Bundeswehr,
eine nachhaltige Innovationslandschaft
schaffen, die Start-ups, also jungen, in-
novativen Unternehmen mit potenziell
sicherheitsrelevanten Geschäftsmodel-
len und Technologien, die Chance bietet,
diese Fähigkeiten zusammen zu entwi-
ckeln.
Lorenz Lehmhaus, MA, MSc. ist
freiberuflicher Defense Connector im
Bereich Verteidigung und Sicherheit.
/m Orange County in Kalifornien befindet sich das Hauptquartier von
Andari! Industries, dem derzeitigen Vorreiter im Bereich Verteidigungs-
Start-up; hier wurde innerhalb von drei Jahren eine agnostische Künstliche
Intelligenz für militärische Sensoren, Plattformen und Netzwerke mit dem
Namen „Lattice" (Netz) geschaffen
Neue Verfahren
bei der Projektplanung nötig
Die Verteidigungsindustrie bewirbt sich
um Aufträge in der Hoffnung, ein Produkt
bauen zu dürfen. Start-ups bauen hingehen
ein Produkt in der Hoffnung, es verkaufen
zu können. Daher ergibt sich eine funda-
mental andere Herangehensweise an die
Problemlösung. Start-ups nutzen dazu die
Bestimmung des „kleinstmöglichen testba-
ren Produktes" (Minimum Viable Product,
MVP). Es erfordert das Prototyping und Tes-
ten vieler Alternativen. Mit anderen Worten:
Testen, schnell scheitern, weiter testen, noch
ein paar Mal scheitern und immer weiter zur
nächsten Idee schwenken, bis man findet,
was funktioniert. Es geht jedoch nicht um
die Schaffung der häufig erwähnten Fehler-
kultur, sondern vielmehr um das Generieren
von Testdaten und die streng datenzentrierte
Bewertung von Erfolg und Misserfolg eines
Produktes oder eines Features. Es ist somit
ein Mindestmaß an Entwicklungsleistung
nötig, um quantifizierbares Feedback zu ge-
nerieren, wodurch das Produkt weiterentwi-
ckelt werden kann. Diese Herangehenswei-
se ermöglicht die schnelle und zielgerichtete
Weiterentwicklung von Lösungen und ver-
hindert im Allgemeinen übermäßige Inves-
titionen in schlechte Ideen oder vermeintlich
vielversprechende Technologien, denen viel-
leicht die Reife fehlt, um in der praktischen
Umsetzung zu bestehen. Start-ups setzen
dies zumeist in Form software-zentrischer
Wertschöpfungsketten um, die insbesonde-
re durch diejenigen Technologien getrieben
sind, die laut Industrieumfrage eine heraus-
96 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
ragende Rolle spielen werden. Das digitale
Gefechtsfeld zeichnet sich durch hohe Vola-
tilität aus und lässt daher keine langen From
lab to field-Zeiten mehr zu. Aufgrund ihrer
Geschäftsmodelle verkürzen Start-ups ihre
Entwicklungszeiten und können dazu bei-
tragen, dass die richtige Technologie für die
Soldaten rechtzeitig verfügbar ist. Trotz des
Mehrwertes, den Start-ups dem Gefechts-
feld der Zukunft bringen, erhalten sie aktuell
weder Aufmerksamkeit noch Akzeptanz im
deutschen Verteidigungsdiskurs.
Der Tesla
in der Verteidigungsindustrie
Manch einer schwärmt vom innovativen
und hoch technologisierten Verteidigungs-
sektor Israels, übersieht aber zugleich, dass
Frankreich unter der Schirmherrschaft sei-
nes Rüstungsverbands Gl CAT bereits sein
eigenes Start-up-Ökosystem für den Ver-
teidigungssektor ausbaut. Der Tesla in der
Verteidigungsindustrie kommt jedoch we-
der aus Israel noch aus Frankreich, sondern
aus den Verei n igte n Staaten. Er hei ßt And u ri I
Industries und wird finanziert durch ein Kon-
sortium aus Wagniskapital-Fonds Unterfüh-
rung von Peter Thiel (Palantir) aus dem Sili-
con Valley. Anduril Industries hat innerhalb
von drei Jahren eine agnostische Künstliche
Intelligenz für militärische Sensoren, Plattfor-
men und Netzwerke mit dem Namen „Lat-
tice" (Netz) geschaffen. Es verfolgt dabei
einen Systems-of-Systems-Ansatz, der die
Steuerung und Kontrolle zahlreicher halb-
autonomer und autonomer Plattformen er-
möglicht, die Entwicklung und den Zugriff
auf Betriebsdaten in Echtzeit zulässt und die-
se dann allen, vom taktischen Schützen bis
hin zu strategischen Entscheidungsträgern,
nutzbar macht. Diese und weitere Techno-
logie des Unternehmens werden bereits von
den amerikanischen und britischen Streit-
kräften eingesetzt.
Die Truppe beweist
Gründergeist
Die Bundeswehr hat die Notwendigkeit zum
Handeln erkannt und gründete daher 2017
den Cyber Innovation Hub der Bundeswehr
(CIHBw). Wie sein Pendant der US-Luft-
waffe (AFWERX) bildet er die Schnittstelle
zwischen der Bundeswehr und Start-up-
Ökosystem und unterstützt somit die di-
gitale Transformation. Zum einen werden
im Cyber Innovation Hub marktverfügbare
Produkt- und Serviceinnovationen aus der
zivilen Start-up-Szene identifiziert, um sie
anschließend in Innovationsvorhaben ge-
meinsam mit militärischen Nutzern zu tes-
ten. Hierbei steht nicht die Beschaffung der
Technologie im Vordergrund, sondern ihre
Ghost heißt das kleine unbemannte Fluggerät (sUAS - small Umanned
Aircraft System) von Andaril Industries
schnelle und anwendungsnahe Erprobung.
Somit fungiert der Cyber Innovation Hub als
Ideen-und Impulsgeber für die Truppe. Zum
anderen baut er em zukunftsweisendes Int-
rapreneurship-Programm auf, das Soldatin-
nen und Soldaten als Truppeninnovatoren
ausbildet und sie dadurch zur Umsetzung
ihrer Ideen befähigt. Perspektivisch soll der
Cyber Innovation Hub der Bundeswehr zur
Förderung einer Innovationskultur innerhalb
der Truppe beitragen. Die Selbstbefähigung
der Truppe ist wegweisend. Aber um Start-
ups adäquat einzubinden, bedarf es einer
weitreichenden Reduzierung der Komple-
xität von Verantwortlichkeiten, Vorschriften
und Verfahren im Projektwesen. Dies ge-
lingt jedoch nur, wenn auch die Industrie-
partner bei diesem Prozess mit einbezogen
werden. Diese stehen allerdings, Stand heu-
te, vor noch größeren Herausforderungen,
als sie sich eingestehen möchten.
Die deutsche Verteidigungs-
industrie am Scheideweg
Dem software-zentrischen Geschäftsmo-
dell von Start-ups stehen die mehrheitlich
hardware-zentrischen Geschäftsmodelle
der großen Systemhäuser, die auf lang-
fristig geplante und bereits umgesetzte
Entwicklungen ausgelegt sind, entgegen.
Dieser Umstand führt dazu, dass der Zeit-
plan für Hardware-Aktualisierungen den
Zeitplan für Software-Aktualisierungen
bestimmt. Das Resultat sind mehrjährige
Software-Entwicklungszyklen, die zum
Scheitern verurteilt sind. Die jetzigen indus-
triellen Fähigkeiten stehen jedoch im star-
ken Kontrast zu den Anforderungen der
Systems-of-Systems-Großprojekte, wie z.B.
dem Future Combat Air System (FC AS). Auf-
grund der Geschwindigkeit des technischen
Fortschritts werden diese Projekte von kur-
zen Entwicklungszyklen und kurzfristigen
Anpassungen an Kundenfeedback geprägt
sein. Die Anforderungen des Kunden, die
Demokratisierung des Zugangs zu innova-
tiven Technologien und der internationale
Wettbewerb sorgen dafür, dass sich die
Verteidigungsindustrie entscheiden muss,
ob sie weiterhin als geschlossenes Ökosys-
tem agieren will und langfristig kann. Mit
der Entwicklung einer nachhaltigen Innova-
tionslandschaft erhielte sie Zugang zu neu-
en Entwicklungsmethoden und modernen
IT-Themen sowie zu Personal, das nicht
nativ im Verteidigungsbusiness arbeiten
würde. Darüber hinaus ergäben sich Invest-
ment-Möglichkeiten sowie eine potenzielle
Vergrößerung des Portfolios.
Innovation zwingend nötig
Der deutsche Verteidigungssektor wird
aufgrund seiner bestehenden Struktur
nicht in der Lage sein, die digitalen Her-
ausforderungen aus eigener Kraft zu stem-
men, Daher muss er zusammen mit dem
Bedarfsträger eine zukunftsfähige Innova-
tionslandschaft für junge, innovative Unter-
nehmen in Deutsch land schaffen. Genauso
wie die Industrie ohne den Willen zur Ver-
änderung den schnellen Anforderungen
des digitalen Zeitalters nicht nachkommen
wird, so werden Start-ups nicht in der La-
ge sein, Großprojekte wie künftige Luft-
kampfsysteme zu bewältigen. Das müssen
Start-ups auch nicht, aber sie können dem
digitalen Nachholbedarf auf Seiten der Ver-
teidigungsindustrie dienlich sein. Mit der
Schaffung solcher Win-win-Beziehungen,
die das Beste aus Verteidigungsindustrie,
Bundeswehr und Start-up-Ökosystem ver-
eint, erhält der Soldat, um den es hier geht,
das richtige Produkt, um seinen Auftrag
für unser Land zu erfüllen. Die einzelnen
Elemente sind da, wir müssen sie nur klug
zusammenfügen.
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 97
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
Syste m re I eva nz nationaler
Schlüsseltechnologien im Bereich
Sicherheit und Verteidigung
Hans Christoph Atzpodien
Ein in der Corona-Krise öffentlich viel diskutierter Begriff ist „Systemrelevanz“. Atemschutzmasken und
medizinische Schutzkleidung werden mittlerweile im Lichte der jüngsten Erfahrungen als systemrelevant ei n-
gestuft, weil man sie innerhalb unseres Gesundheitssystems dringend zur Behandlung von COVID-19-
Patienten benötigt, sie aber aus heimischer Produktion nicht in ausreichendem Umfang beschaffen konnte.
Daraus hat sich die Diskussion entwi-
ckelt, welche Güter insbesondere
im Krisenfall eine derartige System-
relevanz aufweisen. Ein Definitionsvor-
schlag lautet: Alles, was zum Überleben
der deutschen Gesellschaft essenziell ist,
ist als System relevant zu betrachten. Oder
anders gesagt: System relevant ist, was
zur Erfüllung des elementaren staatlichen
Sicherheitsauftrages gegenüber seinen
Bürgerinnen und Bürgern unabdingbar ist.
Eine Hilfe leistet das zentrale sicherheits-
politische Dokument der Bundesregie-
rung, nämlich das Weißbuch zur Sicher-
heitspolitik und zur Zukunft der Bundes-
wehr aus dem Jahr 2016, Abschnitt 1.1.2:
„Verpflichtung und Ziele deutschen Re-
gierungshandelns sind die Wahrung von
Freiheit, Sicherheit und Wohlstand un-
serer Bürgerinnen und Bürger sowie die
Förderung von Frieden und die Stärkung
des Rechts. Deutsche Sicherheitspolitik
ist wertegebunden und interessengelei-
tet. Die objektive Richtschnur für die For-
mulierung unserer nationalen Interessen
bilden die Werteordnung unseres Grund-
gesetzes, insbesondere die Menschen-
würde und die sonstigen Grundrechte,
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit sowie die
Bestimmungen des europäischen Rechts
und des Völkerrechts, insbesondere zum
Schutz universaler Menschenrechte und
zur Wahrung des Friedens.'
Dr. Hans Christoph Atzpodien
ist Hauptgeschäftsführer des Bun-
desverbandes der Deutschen Sicher-
heits- und Verteidigungsindustrie e.V
(BDSV).
Atemschutzmasken und medizinische Schutzkleidung werden mittlerweile
im Lichte der jüngsten Erfahrungen als systemrelevant eingestuft, weil man
sie innerhalb unseres Gesundheitssystems dringend zur Behandlung von
COVID-19-Patienten benötigt, sie aber aus heimischer Produktion nicht in
ausreichendem Umfang beschaffen konnte (im Bild eine Anlieferung von
Atemschutzmasken aus China)
Gesundheit
ist System relevant
Auch wenn die Gesundheit der Bürger
dort nicht ausdrücklich genannt ist,
handelt die Bundesregierung entspre-
chend dem Gebot der Menschenwürde,
wenn sie Schutzgüter zur Wahrung der
Gesundheit als systemrelevant einstuft.
Aber erst recht muss dann gemäß Art.
87 a des Grundgesetzes alles, was der
Funktionsfähigkeit der Streitkräfte dient,
ebenfalls als systemrelevant eingestuft
werden. Nicht zuletzt muss dies auch
für den Schutz Kritischer Infrastrukturen
bzw. kritischer Ressourcen gelten, die das
Weißbuch ebenfalls erwähnt, unter an-
derem im Zusammenhang mit möglichen
Cyber-Angriffen.
Wie steht es dabei nun mit dem Schar-
nier zwischen Systemrelevanz und den
nationalen Schlüsseltechnologien, wie
sie zuletzt durch das „Strategiepapier
der Bundesregierung zur Stärkung der
Sicherheits- und Verteidigungsindustrie"
vom 12. Februar 2020 definiert worden
sind. Diese nationalen Schlüsseltechnolo-
gien sind nicht etwa nur solche Techno-
98 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SMM
your position
Hamburg
Keeping pace with
operational requirements
Jom this high-profile global Conference with renowned
Speakers from academia, defence organisations,
navies and the naval industry discussing a broad ränge of
security and defence issues that accompany our industry's
security transition - from future military and non-military
threats, artificial intelligence, and global and regional
maritime security, to operational and technological
Cooperation, as well as highly specific topics
such as technological developments for
manned and unmanned platforms.
international Conference on
maritime security and defence
MS&D
smm-hamburg.com/
security-route
smm-hamburg.com/
ticket
in cooperation with
NAVAL
FORCES
Hamburg
Messe + Cong ress
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logiefelder, auf denen wir in Deutschland
einfach besser sind als andere; vielmehr
geht es um Bereiche, in denen wir wegen
unserer Überlebensfähigkeit auf unserer
nationalen Ebene mindestens gleich gut
oder besser aufgestellt sein müssen als
andere Nationen.
Wie viel Autarkie braucht
Deutschland?
Was nützt es uns im Rahmen einer global
vernetzten, arbeitsteiligen Wirtschaft,
wenn wir uns darauf verlassen, dass ande-
re Nationen bessere Atemschutzmasken,
Medikamente, Flugzeuge oder Fregatten
herstellen können als wir, wenn wir dann
bei der entscheidenden Nagelprobe für
unsere Überlebensfähigkeit keine derar-
tigen Geräte in ausreichender Qualität
zur Verfügung haben? Der Begriff der
„nationalen Schlüsseltechnologie" hat
von seiner gesamten Genese her immer
auch das Element einer strategischen Ent-
scheidung aus einem nationalen Souve-
ränitätsinteresse in sich getragen. Immer
schon ging es um die Frage, was wir im
Bereich Sicherheit und Verteidigung zu
unserer Überlebensfähigkeit unbedingt
benötigen, aber auch was wir der Rolle
Deutschlands wegen als technologische
Basis brauchen. Souveränität in Bezug
auf die Überlebensfähigkeit der Gesell-
schaft, aber auch in Bezug auf Deutsch-
lands übrige Verpflichtungen, die ohne
Überlebensfähigkeit nicht erfüllbar sind,
haben wir eben nur dann, wenn wir im
entscheidenden Moment über alle sys-
temrelevanten Ressourcen verfügen.
Dieser Gedanke findet sich übrigens be-
reits in dem Vorgänger-Strategiepapier
vom 8. Juli 2015: „Es gilt, die erforder-
lichen militärischen Fähigkeiten und die
Versorgungssicherheit der Bundeswehr
sowie die Rolle Deutschlands als zuver-
lässigem Kooperations- und Bündnispart-
ner technologisch und wirtschaftlich si-
cherzustellen, insbesondere im Rahmen
auch zunehmend globalisierter Liefer-
ketten. Vor diesem Hintergrund hat die
Bundesregierung verteidigungsindustri-
elle Schlüsseltechnologien identifiziert,
deren Verfügbarkeit aus nationalem Si-
cherheitsinteresse zu gewährleisten ist,
gegebenenfalls auch in Abstimmung und
Zusammenarbeit mit unseren europäi-
schen Partnern." Dazu kompatibel heißt
es in dem neuen Strategiepapier vom 12.
Februar 2020: „Die Versorgung mit Aus-
rüstung sowie die Funktionsfähigkeit kri-
tischer Infrastrukturen müssen zu jedem
Zeitpunkt gewährleistet sein. ... Die hier-
für notwendigen Schlüsseltechnologien
sollen von dauerhaft vertrauenswürdigen
Herstellern bezogen werden, ohne dabei
von Drittstaaten außerhalb der EU ab-
hängig zu sein, Dies erfordert eine inno-
vative, leistungs- und wettbewerbsfähige
Sicherheits- und Verteidigungsindustrie
in Deutschland und der EU." Würde die-
ser Passus unter Einbeziehung der Co-
rona-Krise neu gefasst, würde vielleicht
auch die Abhängigkeit von EU-Ländern
als kritisch eingestuft werden.
Alle diese Zitate belegen, dass die Schlüs-
seltechnologien im Bereich der Sicher-
heits- und Verteidigungsindustrie eine
Ableitung aus dem übergeordneten Be-
griff der „Systemrelevanz" im Sinne von
Sicherstellung der Überlebensfähigkeit
unserer Gesellschaft sind. Die wesent-
liche Folgerung daraus sollte sein, dass
die Definition der nationalen Schlüssel-
technologien im Rahmen des Strategie-
papiers vom 12. Februar 2020 im Lichte
der Corona-Erfahrungen nochmals neu
und umfassender im Sinne von System-
relevanz überdacht werden muss. Ein
Beispiel: Die Corona-Krise lehrt uns, dass
in einem solchen Krisenfall sehr schnell
alle innereuropäischen Grenzen undurch-
lässig werden. Allein diese Erfahrung
muss tief greifende Auswirkungen auf
die erweiternde Betrachtung nationaler
Schlüsseltechnologien im Bereich Sicher-
heit und Verteidigung haben. Was müs-
sen wir beispielsweise in dem bisher sehr
stark europäisch gesehenen Bereich der
militärischen Luftfahrtan eigenen, natio-
nalen Fähigkeiten behalten oder wieder
neu aufbauen, um für Polizei und Bun-
deswehr im Krisenfall (wie Corona) die je-
derzeitige Verfügbarkeit ihres fliegenden
Gerätes sicherzustellen? Ähnliche Fragen
werden sich auch in anderen Bereichen
stellen. Hinzu kommen die Fälle, in denen
wir für unsere Hightechausrüstung von
Spezialteilen aus fernen Gegenden die-
ser Welt (Stichwort: sensible Lieferketten)
angewiesen sind. Diese Abhängigkeiten
müssen im Schulterschluss zwischen
Bundesregierung und Industrie von Neu-
em auf ihre Systemrelevanz hm analy-
siert werden. Hierbei sind die Bereiche
Sicherheit und Verteidigung im Vergleich
zu anderen Feldern - wie man es gegen-
wärtig im Bereich der Gesundheitspro-
dukte sieht - durch das Strategiepapier
vom 12. Februar 2020 heute schon ver-
gleichsweise besser aufgestellt, wenn
es um die Definition systemrelevanter
Technologien und damit auch Fähigkei-
ten geht. Aber dieser Vorsprung muss
anhand der Corona-Lehren im Dia-
log zwischen Amtsseite und Industrie
durch weitere Verständnis-Schärfungen
genutzt und weiter operationalisiert
werden.
100 I Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
Marketing Report: THEON SENSORS । * ~
THEON SENSORS -
ein modernes griechisches Wunder
THEON Stammsitz in Athen
THEON SENSORS hat ausgehend vom
Stammsitz in Athen, Griechenland, in den
letzten Jahren den Weltmarkt für Nacht-
sicht- und Wärmebildgeräte kräftig aufge-
wirbelt, neue Maßstäbe gesetzt und nimmt
heute eine weltweit führende Position auf
diesem Gebiet ein. 1997 begann die Firma
mit einer Hand voll Leuten und bearbeitete
ausschließlich den griechischen Markt. Seit
dem hat sich THEON SENSORS zu einem
globalen Player entwickelt, mit mehr als
100.000 Geräten in Nutzung oder unter
Vertrag in über 50 Ländern weltweit.
Die Anfänge
THEON SENSORS begann früh einen ex-
trovertierten Geschäftsansatz zu pflegen
und gewann 2004 eine erste internatio-
nale Ausschreibung über die Lieferung von
Fahrernachtsichtsystemen für die australi-
schen Streitkräfte. Es folgten weitere Export-
verträge, wobei der Durchbruch in die erste
Liga des internationalen Nachtsichtmarktes
im Jahr 2010 erfolgte, als THEON SENSORS
eine Ausschreibung über die Lieferung von
Nachtsichtmonokularen an die schwedi-
schen Streitkräfte gewann und damit den
globalen Wettbewerb überrumpelte. Dieser
Vertrag war letztlich ein Wendepunkt für
das Unternehmen. Die schwedische Armee
bestellte in Anerkennung der hervorragen-
den Systemqualität und -leistung, sowie der
außergewöhnlichen Kundenbetreuung fast
15.000 Systeme über die Vertragslaufzeit
von fünf Jahren - viel mehr als ursprüng-
lich geplant. Während Theon in anderen
europäischen Ländern, wie den Niederlan-
den und Dänemark, weitere große Erfolge
verzeichnete, erweiterte das Unternehmen
seine globale Reichweite durch die Grün-
dung von Tochtergesellschaften in Singapur
und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Darüber hinaus ging die Firma Koprodukti-
onspartnerschaften in verschiedenen asiati-
schen Ländern ein.
Die Erfolgsgeschichte
der binokularen
Nachtsichtbrille NYX
Um das Jahr 2013 wechselten weltweit viele
Nutzer von monokularen Nachtsichtgeräten
auf binokulare Systeme. Auf diesen Trend
reagierte THEON SENSORS mit der Einfüh-
rung der NYX Familie. Nach einer Reihe klei-
nerer Verträge markierten zwei Aufträge
der Bundeswehrden Durchbruch, alsTheon
mit der Lieferung binokularer Nachtsicht-
brillen sowohl für die Militärkraftfahrer als
auch für das Kommando Spezialkräfte (KSK)
beauftragt wurde.
In Zusammenarbeit mit dem KSK wurde die
binokulare Brille NYX einem 18-monatigen
Abnahmetest unterzogen, in dessen Rahmen
das System unter arktischen, Wüsten-
und Dschungelbedingungen getestet wurde,
was zu verschiedenen Upgrades und
Modifikationen der Brille führte. Das Ergeb-
nis dieser Osmose zwischen griechischem
Talent& Unternehmertum, sowie deutscher
Industrie-DNA war die brandneue, verbes-
serte NYX, welche eine hervorragende op-
tische Leistung bei geringem Gewicht bie-
tet, ohne dabei jedoch die Robustheit oder
Ergonomie des Systems zu beeinträchtigen.
Die „neue NYX" setzte ihren internationa-
len Erfolg mit Verträgen in Polen, Lettland,
Portugal und Österreich fort, während der
THEON SEN SO RS- Pa rtn er SAFRAN -Vectron ix
von der Schweizer Armee einen Auftrag
über die Lieferung von 8.385 NYX-Nacht-
sichtbrillen erhielt, welche ab 2020 durch
SAFRAN-Vectronix vor Ort montiert wer-
den. Zur Unterstützung der europäischen
Aktivitäten gründete THEON SENSORS im
Frühjahr 2019 die deutsche Tochterge-
sellschaft Theon Deutschland GmbH, die
bereits im ersten Jahr ihres Bestehens einen
Auftrag der Bundeswehr zur Lieferung von
Restlichtverstärkervorsatzgeräten zur quer-
schinittlichen Nutzung auf verschiedensten
Handwaffen erhielt.
Eintritt in den US-Markt
Parallel zu den europäischen Kampagnen
für die Nachtsichtbrille NYX unterzeich-
nete THEON SENSORS 2016 eine strategi-
sche Partnerschaft mit Harris, dem renom-
mierten amerikanischen Hersteller von
Restlichtverstärkerröhren und Nachtsicht-
systemen, welcher kürzlich von Eibit Sys-
tems of America (ESA) übernommen wurde.
Diese Vereinbarung gewährt HARRIS / ESA
das Recht, die Nachtsichtbrille NYX für den
US-Markt unter der Bezeichnung F5032 un-
ter Verwendung amerikanischer Bildverstär-
kerröhren der 3. Generation zu vermarkten
und vor Ort zu montieren.
Im Sommer 2019 setzte sich Harris/ESA
mit der brandneuen F5032 gegen alle
Wettbewerber durch und gewann einen
5-Jahres-IDIQ-Vertrag über mindestens
14.000 Nachtsichtbrillen fürdasUS Manne
Corps. Im Rahmen dieses Vertrages soll
die F5032 (und damit letztlich die NYX)
die US-Bezeichnung PVS-31B erhalten,
welche demnach die L3 PVS-31A als
Langzeitstandard und vermutlich weltweit
beste Nachtsichtbrille ihrer Klasse ablösen
würde.
Im März 2020 eröffnete THEON SENSORS
dann eine neue US-Tochtergesellschaft, um
die globale Reichweite konsequent weiter
auszubauen.
Die Zukunft vor Augen
Die Geschichte von THEON SENSORS mutet
wirklich wie ein modernes griechisches
Wunder an. Das Unternehmen verfolgt
beharrlich die Vision starke internationale
Partnerschaften zu schmieden und ist da-
durch am besten Wege ein wahrlich euro-
päischer Champion in der Rüstungsindust-
rie zu werden.
101
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
Anforderungen so weit wie
möglich harmonisieren
Foto: OCCAR
Der italienische Vizeadmiral
Matteo Bisceglia leitet die OCCAR
seit dem 21. September 2019
ES&T: Die OCCAR besteht seit 22 Jahren
und Sie sind seit etwas mehr als einem hal-
ben Jahr der Direktor dieser Organisation.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Rolle und
den Status der OCCAR im Rüstungsumfeld
und was sind Ihre persönlichen Ziele für die
Organisation?
Bisceglia: Seit Beginn meiner Amtszeit als
Direktor der OCCAR sind sieben Monate
Interview mit Vizeadmiral Matteo Bisceglia,
Direktor OCCAR-EA
vergangen; herausfordernde Monate, in
denen ich eine Bestandsaufnahme der Ak-
tiva der Organisation vorgenommen und
die strategischen Ziele für die Zukunft mit
den Mitgliedern meines Aufsichtsrates, den
Nationalen Rüstungsdirektoren und den
Vertretern der Industrie diskutiert habe. He-
rausfordernde Monate auch deshalb, weil
wir es mit dieser schrecklichen Coronavi-
rus-Pandemie zu tun haben, die, wie Sie sich
vorstellen können, alles komplizierter macht.
Aber ich vertraue darauf, dass wir, wenn wir
sie hinter uns lassen, sicher stärker sein wer-
den. Nach diesen Vorbemerkungen möchte
ich darauf hinweisen, dass die OCCAR, die
ich übernommen habe, eine leistungsstarke
und effektive Organisation ist, sehr schlank
und mit sehr geringen Gemeinkosten. Mei-
ner Meinung nach hat die OCCAR bereits
vor der Einleitung der europäischen Initia-
tiven eine wichtige Rolle in Europa gespielt,
eine Rolle, die durch diese Initiativen noch
verstärkt wurde. Im Jahr 2017 kamen 25
EU-Mitgliedstaaten überein, die OCCAR
als bevorzugte Managementorganisation
im Rahmen der Verpflichtungen zur Zu-
sammenarbeit mit der Ständigen Struktur
(PESCO) in Betracht zu ziehen. Durch PESCO
und das Europäische Programm für indust-
rielle Entwicklung im Verteidigungsbereich
(EDIDP) erwarte ich, dass mehr europäische
Nationen der OCCAR-Gemeinschaft beitre-
ten werden.
Als die OCCAR gegründet wurde, gaben
die Gründungsstaaten ihr ein ähnliches
Ziel wie der jüngsten EDIDP-Initiative vor,
OCCAR
OCCAR (Organisation Conjointe de Cooperation en Matiere f
d'Armement), die Gemeinsame Organisation für Rüstungs- k
kooperation, wurde am 12. November 1996 von Deutsch- |
land, Frankreich, Großbritannien und Italien gegründet, um ji
gemeinsame Rüstungsprogramme zu koordinieren und da- 2
mit Geld zu sparen. Im Februar 2001 wurden mit der Inte-
gration des Schützenpanzers Boxer (mit den Niederlanden
als teilnehmendem Staat), COBRA (Counter Battery Radar
- Langstrecken-Gefechtsfeldradarprogramm), FSAF (Future
Surface-to-Air Family - l-lugabwehrraketenprogramm), den
Panzerabwehrlenkraketensystemen HOT und Milan, dem
Flugabwehrsystem Roland und dem Kampfhubschrauber
Tiger die ersten Programme gestartet. 2003 wurde Belgien
fünfter Mitgliedstaat unddasA400M-Programm initiiert, mit
Spanien, der Türkei sowie Luxemburg als Teilnehmerstaaten.
2005 wurde Spanien Mitgliedsland und die FREMM-Schiff-
bauprogramme wurden integriert. 2008 starteten die Mit-
gliedsländer das ESSOR-Programm (European Secure Soft-
ware defined Radio) mit Finnland, Polen und Schweden als
zusätzliche Teilnehmerländer. Es folgten eine Reihe weiterer Programme, wie unter anderem das Eurodrohnenprogramm. Mit Litauen
schloss sich im Herbst 2016 ein weiteres Teilnehmerland dem Boxer-Programm an. Insgesamt hat die in Bonn beheimatete Organi-
sation rund 300 Mitarbeiter. (wb)
102
Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
nämlich die Stärkung der Wettbewerbs-
fähigkeit der europäischen Technologie
und industriellen Basis im Bereich der
Verteidigung. (EDTIB) zu ermöglichen,
Heute arbeite ich mit der Europäischen
Kommission zusammen, um bestimmte
Aufgaben der EDIDP zu übernehmen, da
zwei der laufenden OCCAR-Programme
in ihrem Arbeitsprogramm anerkannt
werden; dies zeugt von der Effizienz der
Organisation.
Die Vision der OCCAR ist es, ein europä-
isches Kompetenzzentrum für das Ma-
nagement komplexer Rüstungsprogram-
me zu sein. Dies ist daher mein erstes Ziel:
die Stärkung des Rufs der Organisation als
Kompetenzzentrum für das Life Cycle Ma-
nagement multinationaler Verteidigungs-
systeme. Dazu muss die Organisation so
schlank und flexibel wie möglich bleiben,
Vorteile, die die OCCAR gegenüber jeder
anderen Organisation, sowohl national als
auch international, bietet.
Mein zweites Ziel, das mit dem ersten ver-
bunden ist, besteht darin, dass die OCCAR
von der Europäischen Kommission als ein
vertrauenswürdiger und zuverlässiger
Partner anerkannt wird. Ich habe den Um-
fang unserer derzeitigen Zusammenarbeit
im Rahmen der EDIDP umrissen. Ein gu-
tes Ansehen bei der Kommission ist sehr
wichtig für unsere künftige Beteiligung an
dem Folgeprogramm, dem Europäischen
Verteidigungsfonds.
Mein drittes Ziel ist es, die EU-Länder, die
nicht Mitglied der OCCAR sind, für die Vor-
teile der OCCAR zu sensibilisieren. Wenn
ein Land kein OCCAR-Mitgliedstaat ist, ist
das kein Hindernis für die Teilnahme an ei-
nem unserer Programme. Ganz im Gegen-
teil, im Rahmen des Managements dieser
Programme haben alle Nationen gleiche
Rechte und Privilegien. Die Aufnahme Li-
tauens in das OCCAR-BOXER-Programm
in nur acht Monaten ist ein gutes Beispiel
für diese Möglichkeit und die Effizienz der
OCCAR beim Integrationsmanagement.
Wir sind bereit, neue Herausforderungen
anzunehmen, und ich freue mich darauf,
dass der OCCAR kurzfristig eine ganze
Reihe neuer komplexer Programme an-
vertraut werden, auch wenn die Corona-
virus-Pandemie em Hindernis darstellen
könnte.
ES&T: Wie ist die Beziehung zwischen
EDA und OCCAR, und wie teilen Sie die
Verantwortung?
Bisceglia: Die OCCAR-Konvention wur-
de 1998 unterzeichnet, und zu diesem
Zeitpunkt war die EDA noch nicht ge-
gründet. Im Jahr 2004 wurde die EDA
durch einen Ratsbeschluss gegründet,
und es war auch der Rat, der die EDA be-
auftragte, angesichts unserer Rolle bei der
Förderung und Entwicklung von Koope-
rationsprogrammen nach größeren Syn-
ergien mit der OCCAR zu suchen. Der Rat
beauftragte die EDA insbesondere damit,
Doppelarbeit zu vermeiden. Genau dies
haben wir seither getan. EDA und OCCAR
sehen sich als zuverlässige und komple-
mentäre Partner mit unterschiedlichen
Rollen bei der Förderung neuer Koope-
rationsprojekte. Die EDA konzentriert sich
auf den vorgelagerten Teil der Koopera-
tionsförderung, die Harmonisierung der
Anforderungen, die Vorbereitung, die For-
schung und die Technologien, während
Foto: Airbus
Eine deutsche A400M; bis 2026 will die Luftwaffe insgesamt 53 dieser
Transporter in Dienst stellen
die OCCAR sich auf die Entwicklung, die
Fertigung, den Betrieb und die Verwer-
tung im Rahmen dieser Kooperationspro-
gramme konzentriert.
Im Jahr 2012 haben wir erfolgreich eine
Verwaltungsvereinbarung abgeschlos-
sen, die die Rollen und die Beteiligung
beider Organisationen definiert und
die Übertragung eines Programms von
der EDA auf die OCCAR skizziert. Wir
haben Beispiele für diese fruchtbare
Zusammenarbeit: MUSIS, ESSOR, das
MMF- und das MMCM-Programm wur-
den innerhalb der EDA geboren. Durch
die Wirtschaftskrise wurden die Vertei-
digungsbudgets jedoch erheblich ge-
kürzt, und obwohl es hier mehr Koope-
rationsprogramme gegeben hätte, sah
die Realität ganz anders aus; es wurden
mehr Programme auf nationaler Ebene
entwickelt. Wir erwarten, dass die eu-
ropäischen Initiativen die Rüstungszu-
sammenarbeit wieder beleben werden
und dass durch die EDA-OCCAR-Ver-
waltungsvereinbarung neue Program-
me entstehen, um die von den Natio-
nen festgestellten Fähigkeitslücken zu
schließen.
ES&T: Welche Auswirkungen hatte die
Einführung der Initiative zur Ständigen
Strukturierten Zusammenarbeit (Perma-
nent Structured Cooperation - PESCO) auf
die Struktur und die Arbeit der OCCAR?
Welche Entwicklungen sind in diesem Zu-
sammenhang noch zu erwarten?
Bisceglia: PESCO wurde im Dezember 2017
eingeführt. Die Staaten haben sich zur Zu-
sammenarbeit und zur Unterstützung der
Technologie- und industriellen Basis im Be-
reich der Verteidigung in Europas verpflichtet.
Im Rahmen der 18. Verpflichtung kamen die
Nationen überein, die OCCAR als bevorzugte
Führungsorganisation zu betrachten. Wie Sie
sich vorstellen können, besteht eine gewisse
Erwartung, dass einige der Projekte, die im
Rahmen von PESCO lanciert wurden, irgend-
wann der OCCAR an vertraut werden.
Derzeit gibt es 47 PESCO-Projekte, jedes
mit einem anderen Reifegrad. Eine Reihe
von Projekten wurde bereits gestartet,
bevor sie zu PESCO-Projekten wurden,
andere benötigen EDIDP-Mittel, um vor-
anzukommen, und viele von ihnen wer-
den die Einleitung eines Beschaffungs-
prozesses erfordern. Hier kann OCCAR
eine wichtige Rolle spielen.
Bis jetzt hat PESCO keine Änderung der
Struktur der OCCAR oder ihrer Arbeit zur
Folge gehabt. Wenn eine große Anzahl
von PESCO-Kleinprojekten an die OCCAR
übertragen werden sollte, könnte dies ei-
ne Überprüfung der OCCAR-Struktur er-
fordern, die aktuell für das Management
großer und komplexer Rüstungspro-
gramme konzipiert ist. Doch im Moment
sind wir noch nicht so weit.
ES&T: Wie sieht das aktuelle Portfolio der
OCCAR-Rüstungsprogramme aus, und
welche davon würden Sie als „Leucht-
turmprojekte" der OCCAR bezeichnen?
Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 103
Abb.: OCCAR
Im Rahmen des PESCO-Projekts
ESSOR (European Secure Software-
defined Radio) sollen gemeinsame,
interoperable und sichere Technolo-
gien für die Sprach- und Datenkom-
munikation entwickelt werden
Bisceglia: Die OCCAR hat derzeit drei-
zehn Programme in ihrem Portfolio.
Es handelt sich um den strategischen
Lufttransporter A400M, das gepanzer-
te Fahrzeug Boxer, das Gefechtsfeldra-
dar COBRA, das europäische Software
Defined Radio ESSOR, die Familie der
FSAF- Missile Defence-Systeme, die
Mehrzweck-Fregatten FREMM, das MA-
LE-RPAS, die Seeminenjagdprogramme
MMCM, die Mehrzweck-MRTT-Flotte
MMF (wir leiten die Akquisitionsphase
für NSPA), das multinationale weltraum-
gestützte Bildgebungssystem MUSIS, das
logistische Unterstützungsschiff LSS, das
Mehrzweck-Patrouillenschiff PPA und
den Hubschrauber Tiger. Wir integrieren
derzeit zwei weitere Projekte, eines für
die Beschaffung von Nachtsichtgeräten
für Belgien und Deutschland und ein wei-
teres für einen taktischen Flugkörper für
den Tiger-Hubschrauber für Frankreich,
Bei den FREMM-Fregatten handelt es sich um eine Variante der
französisch-italienischen Führungs- und Luftverteidigungsschiffe des
Horizon-Projekts; im Bild: die Fregatte „Provence" der Französischen
Marine
der sich auch für eine mögliche Integrati-
on in das MALE RPAS eignet.
Ich bin der Meinung, dass alle OCCAR-Pro-
gramme erfolgreich sind und ihre Ergebnis-
se die Spezifikationen ihrer Kunden erfüllen.
Nehmen Sie zum Beispiel die A400M. Sie
ist ein fantastisches und einzigartiges stra-
tegisches und taktisches Transportflugzeug,
und alle Besatzungen, die es fliegen, sind
äußerst zufrieden mit den Fähigkeiten, die
das Flugzeug bereits bietet. Wenn wir uns
den Landbereich ansehen, werden Sie, an-
gesichts der guten Leistung, des Schutzes
und der Vielseitigkeit, gepaart mit dem
modularen Aufbau und angesichts des
in vielen Nationen geweckten Interesses,
wohl zustimmen, dass der Boxer eines der
am besten gepanzerten Fahrzeuge auf dem
Markt ist. Das MMF ist eine weitere Erfolgs-
geschichte, ein Beweis für die fruchtbare
Zusammenarbeit von EDA, NSPA und OC-
CAR. Dieses Programm basiert auf dem be-
stehenden Produkt/Programm, so dass nur
wenig Entwicklung erforderlich war und die
Konfiguration aller Flugzeuge gleich ist, was
die vollständige Interoperabilität der Flotte
gewährleistet; das FREMM-Programm ist
ein weiteres herausragendes Programm, das
sowohl in Bezug auf die Zeit, die Kosten als
auch die Leistung pünktlich ist.
Wenn wir uns die Zukunft von OCCAR
ansehen, wird das MALE RPAS, eine kri-
tische Fähigkeit, die vom EU-Rat 2013
identifiziert wurde, zu einem weiteren
„Leuchtturmprojekt'' heranwachsen, so-
bald der Vertrag für die Entwicklung, die
Produktion und die vorläufige logistische
Unterstützung unterzeichnet ist, hoffent-
lich im Laufe des Jahres.
ES&T: Wie ist der aktuelle Stand des
Boxer-Programms für die British Army?
Können Sie die Vertragsstruktur näher
erläutern?
Bisceglia: Am 4. November 2019 unter-
zeichneten die ARTEC Chief Executive
Officers und ich im Namen des Vereinig-
ten Königreichs einen Vertrag über die
Beschaffung von mehr als 500 Fahrzeu-
gen. Nach dem Wiedereintritt Großbri-
tanniens in das Programm im Jahr 2018
und dem Vorschlag der Industrie Anfang
2019 haben Mitarbeiter der OCCAR-EA
BOXER-Programmabteilung und Spe-
zialisten aus der Abteilung DE&S des
britischen Verteidigungsministeriums
hart daran gearbeitet, den Vertrag mit
dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis
zu evaluieren, auszuhandeln und die
elfte Änderung des Serienproduktions-
vertrags abzuschließen. Dies wurde in
einem sehr kurzen Zeitrahmen von nur
acht Monaten erreicht. Der Vertrag für
das Vereinigte Königreich änderte den
Vertrag für Deutschland, die Niederlande
und Litauen und umfasst die Lieferung
von fünf Prototypen in vier spezifischen
Baukonfigurationen (Mannschaftstrans-
porter für die Infanterie, Spezialfahrzeug,
Gefechtsstand und Krankenwagen) und
mehr als 500 Serienfahrzeugen, erste
In-Service-Support-Pakete und Special to
Role Kits.
Die Produktion der britischen Flotte wird
zwischen Deutschland und dem Vereinig-
ten Königreich aufgeteilt. In einem ersten
Schritt werden die Prototypen in Deutsch-
land von den Hauptauftragnehmern von
ARTEC, den Firmen Krauss-Maffei Weg-
mann und Rheinmetall, hergestellt. Die
erste Phase der Serienfertigung wird auf
den deutschen Fertigungsstraßen beider
Unternehmen durchgeführt. Arbeiter aus
Großbritannien werden in der Montage
der Fahrzeuge geschult, und nach dem
notwendigen Wissenstransfer wird die
Produktion in neue Anlagen in Großbri-
tannien verlagert. Der Plan sieht die ersten
Versuche im Juni 2022 und die Ausliefe-
rung des ersten Serienfahrzeugs an den
britischen Kunden bis November 2022 vor.
Die Bemühungen sind im Gange und
liegen derzeit gut im Zeitplan. Die erste
Critical Design Review ist für später in
diesem Jahr geplant.
ES&T: Welche Auswirkungen wird der
BREXIT auf die Arbeit der OCCAR haben?
Bisceglia: Großbritannien ist eine der vier
OCCAR-Gründungsnationen, und folglich
hat die Tatsache, dass Großbritannien die
Europäische Union verlassen hat, keine
Auswirkungen auf das Konstrukt der OC-
CAR Je nach den Vereinbarungen über die
Zollgebühren könnten sich jedoch Verzö-
gerungen bei den Lieferungen von Teilen
für die Programme ergeben, an denen bri-
tische Hersteller beteiligt sind.
104 I Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
ES&T: Was sind die nächsten Schritte
und der voraussichtliche weitere Zeitplan
des ESSOR-Projekts, nachdem Deutsch-
land beigetreten ist?
Bisceglia: Deutschland ist dem ES-
SOR-Proqramm als Teilnehmerstaat mit
vollen Rechten beigetreten. Im Rahmen
der aktuellen Programmphase „ESSOR
Operational Capability 1" haben die ehe-
maligen ESSOR-Staaten die Zeitpläne für
die bereits vertraglich vereinbarten Er-
gebnisse, einschließlich der abschließen-
den Interoperabilitätstests, beibehalten,
während Deutschland die Portierung der
gemeinsamen Produktkommunikations-
software (die so genannte Breitbandwel-
lenform) auf ihre Funkplattformen nach-
holen kann. Daher ist eine zweite Runde
von Interoperabilitätstests geplant, die
Anfang 2023 mit allen Nationen (ein-
schließlich Deutschland) durchgeführt
werden soll. Gleichzeitig beteiligt sich
Deutschland an den von der Europäi-
schen Kommission mit finanzierten ES-
SOR PESCO/EDIDP-Projekten, die Zweige
des ESSOR-Baums sind. Diese neuen Pro-
jekte werden in die OCCAR integriert und
die entsprechenden Vertragsunterzeich-
nungen sind für Dezember 2020 geplant.
ES&T: Cyber-Sicherheit und Hyperschall-
technologie gehören zu den Themen, die
aktuell in aller Munde sind. Eröffnen die-
se Technologiesektoren neue Perspekti-
ven für die OCCAR?
Bisceglia: Artikel 7 der OCCAR-Kon-
vention beauftragt die Exekutivver-
waltung (d.h. das Organ, das die von
den Mitgliedstaaten zugewiesenen
Rüstungsprogramme kontrolliert und
umsetzt). In der Praxis bedeutet dies,
dass die OCCAR-EA die ihr anvertrauten
Programme durchführt, die vom höchs-
ten Entscheidungsgremium der OCCAR,
dem Aufsichtsrat, genehmigt werden.
Es ist nicht Sache der Exekutivverwal-
tung, zu entscheiden, welche Program-
me durchzuführen sind; dies ist eine
souveräne Entscheidung der Nationen.
Mir ist jedoch klar, dass im Bereich der
Cyber-Sicherheit und der Hyperschall-
technologien noch viel zu tun ist. Die
Cyber-Verteidigung steht natürlich ganz
oben auf der Liste der künftigen Ver-
teidigungserfordernisse, wobei die Hy-
bridkriegführung eng damit verbunden
ist. Die OCCAR ist bereit und willens,
auch solche Programme anzunehmen,
wenn die Nationen dies beschließen.
Angesichts der Gemeinsamen Erklärun-
gen der NATO und der EU könnte dies
möglicherweise in Zusammenarbeit mit
der NATO oder über die EU erfolgen,
z.B. im Rahmen von PESCO.
ES&T: Gibt es Pläne für eine Erweite-
rung? Gibt es Länder, von denen man
erwarten könnte, dass sie sich um eine
OCCAR-„Mitgliedschaft" bewerben, gibt
es neue internationale Rüstungsanforde-
rungen und -programme, von denen Sie
erwarten konnten, dass sie der OCCAR
zugeordnet werden?
Bisceglia: Die OCCAR wurde durch ihre
Konvention (ein internationaler Vertrag)
mit einer klaren europäischen Berufung
gegründet.
Durch ihre sehr flexible Ausrichtung kann
die OCCAR neue Programme, neue Pro-
grammphasen und neue Mitglieder oder
Programmteilnehmerstaaten integrieren.
Ich gehe davon aus, dass in naher Zukunft
einige europäische Nationen erwägen wer-
den, sich um eine Mitgliedschaft in der OC-
CAR zu bewerben. Dies könnte aufgrund
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der EU-Initiativen und der Rolle, die die
OCCAR innerhalb dieser Initiativen spielt,
geschehen. Es ist für mich wichtig zu beto-
nen, dass die Mitgliedschaft keine Voraus-
setzung für ein von der OCCAR geführtes
Programm ist. Jede Nation, die bereit ist, an
einem OCCAR-Programm teilzunehmen,
kann dies tun, sofern sie die Regeln und
Vorschriften der OCCAR für das Manage-
ment dieses Programms akzeptiert und
damit die gleichen Rechte und Pflichten er-
wirbt wie jeder Mitgliedstaat, der ebenfalls
teilnimmt. Die OCCAR-Mitgliedschaft gibt
den einzelnen Nationen auch die Möglich-
keit, Einflussauf die Unternehmensprozes-
se der Organisation zu nehmen, ist jedoch
mit einem zusätzlichen Verwaltungsauf-
wand verbunden, da hauptsächlich die
Mitgliedstaaten die Kosten für das OC-
CAR-Zentralbüro tragen.
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Alle Songs und
ihre Geschichten
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zahlt Färb- und S/W-Fotos
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Als vier Schweden Anfang der 70er-Jahre
ihre Initialen zusammenlegten, konnte nie-
mand ahnen, dass der neue Name zum In-
begriff feinster Popkultur werden würde. Ein
gutes Jahrzehnt lang dominierten ABBA
die Charts, die Discos und unzählige Parties.
Nach der Trennung des Quartetts war die
Erfolgsgeschichte jedoch keineswegs be-
endet. Befeuert vom Musical und dem Film
Mamma mra, begeistert die Musik von ABBA
heute wieder Millionen Fans. * ABBA - Affe
Songs und Ihre Geschichten zeichnet die
faszinierende Geschichte der Ausnahme-
band Song für Song nach, von preisgekrön-
ten Platin-Hits bis hin zu weniger bekannten
Songs. Komplettiert wird diese Zeitreise
durch viele, teils bisher unbekannte Fotos.
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Foto: OCCAR
Das Vereinigte Königreich beschafft mehr als 500 8x8-Radfahrzeuge
vom Typ Boxer in unterschiedlichen Varianten
Ich habe vorhin auf den PESCO-Rahmen
und die unter seinem Dach entstandenen
Programme hingewiesen. Mit der Zusage,
die OCCAR als die bevorzugte Manage-
mentorganisation für die EDIDP-Initiative
zu betrachten, haben die Staaten die Vo-
raussetzungen für das Auflegen von noch
mehr Kooperationsprogrammen erleich-
tert, diese Programme können der OCCAR
übertragen werden. Ich gehe also davon
aus, dass sicherlich noch mehr europäische
Nationen der OCCAR-Gemeinschaft bei-
treten werden. Unabhängig davon freue
ich mich sehr darauf.
ES&T: Welche großen Rüstungsprojekte
unter der Leitung der OCCAR sind bereits
abgeschlossen?
Bisceglia: Als die OCCAR gegründet wur-
de, wurden der Organisation eine Reihe
von Programmen anvertraut, die bereits
angelaufen waren und heute noch Teil
des Portfolios sind, nämlich Boxer, COBRA,
Tiger und FSAF. Diese Programme befin-
den sich jetzt hauptsächlich in der Phase
der In-Service-Unterstützung, durchlaufen
jedoch neue Entwicklungen für ihre Mid-Li-
fe Upgrades. Alle diese Programme haben
ihren Programmteilnehmerstaaten hoch-
leistungsfähige Waffensysteme geliefert,
die operativ eingesetzt wurden.
Zwei weitere Programme wurden der OC-
CAR bei ihrer Gründung anvertraut: das
Boden-Luft-Waffensystem Roland und die
Panzerabwehrprogramme HOT und MILAN
wurden zum Zeitpunkt der Gründung in die
OCCAR integriert. Diese Programme waren
weiter fortgeschritten: die erste gemeinsa-
me Entwicklung des Roland wurde im Ok-
tober 1964 von Frankreich und Deutschland
unterzeichnet, und die erste Produktion der
deutsch-französischen HOT und MILAN be-
gann 1974. Somit standen beide Program-
me bereits kurz vor der Ausphasung; das Ro-
land-Programm wurde 2007 und das Pro-
gramm HOT/MILAN 2003 abgeschlossen.
Man könnte also sagen, dass Roland und
HOT/MILAN die einzigen Programme sind,
die abgeschlossen wurden, obwohl die
meisten ihrer Phasen vor der Übertragung
an OCCAR verwaltet wurden.
ES&T: Laufen die Projekte in der Regel rei-
bungslos? Wie stark spielen nationale Indus-
trieinteressen bei Ihrer Arbeit eine Rolle?
Bisceglia: Wie reibungslos die Programme
ablaufen, hängt davon ab, wie harmonisiert
die technischen und betrieblichen Anforde-
rungen an den Aufbau sind und wie inno-
vativ das Programm ist. Je mehr Entwicklung
ein Programm erfordert, desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass man auf dem Weg
dorthin auf Schwierigkeiten stößt.
Sie fragen, wie nationale Industrieinteres-
sen die Arbeit der OCCAR beeinflussen.
In meiner vierzigjährigen Erfahrung in der
Rüstung habe ich zahlreiche Beispiele für
Verteidigungsprogramme gesehen, bei
denen Ineffizienzen durch den Wunsch
der Teilnehmerstaaten nach einer gleich-
wertigen industriellen Rendite eingeführt
wurden. Der Generalunternehmer sollte die
Möglichkeit haben, die Arbeit ungeachtet
der nationalen Grenzen an den am besten
geeigneten Unterauftragnehmer zu verge-
ben. Zu oft habe ich auch gesehen, dass
bei der kooperativen Entwicklung eines
Systems jeder Teilnehmerstaat weiterhin
den „juste retour"-Ansatz verfolgt und na-
tionale Varianten fordert, die in der Praxis
eine Einschränkung der Zusammenarbeit
darstellen. Ich denke, wir alle verstehen,
dass es politisch nicht einfach ist, einer aus-
ländischen Industrie Arbeit anzubieten, weil
die Regierungen ihren Bürgern gegenüber
die Gründe für den möglichen Verlust von
Arbeitsplätzen oder den Verlust von indus-
triellem Know-how rechtfertigen müssen.
Ich denke, dies ist einer der Hauptgründe für
die bestehende europäische Zersplitterung
in diesem Bereich.
Meine früheren Positionen, entweder in
der italienischen Marine oder in der OC-
CAR als FREMM-Programmmanager ha-
ben dazu geführt, dass ich diese Phäno-
mene wiederholt erlebt habe. Mein Ziel
als OCCAR-Direktor ist es, zu versuchen,
die Anforderungen so weit wie möglich zu
harmonisieren.
ES&T: Welchen Einfluss hat die OCCAR auf
die Zusammensetzung der Länder und Un-
ternehmen, die ein Projekt durchführen?
Bisceglia: Artikel 7 der OCCAR-Konven-
tion beauftragt die Exekutivverwaltung
mit der Kontrolle und Durchführung der
Rüstungsprogramme, die ihr von den
Mitgliedstaaten übertragen werden. Das
bedeutet, dass die OCCAR die ihr an-
vertrauten Programme mit Zustimmung
des höchsten Entscheidungsgremiums
der OCCAR, nämlich des Aufsichtsrates,
führt. Die verschiedenen Teilnehmerstaa-
ten einigen sich untereinander, bevor sie
das Programm der OCCAR anvertrau-
en, so dass die Zusammensetzung der
Teilnehmer des Programms nicht in den
Händen der Exekutivverwaltung liegt.
Was die Industrie betrifft, so sind, wie
zu erwarten ist, normalerweise Unter-
nehmen der am Programm teilnehmen-
den Nationen beteiligt. Die von den am
Programm teilnehmenden Staaten ge-
billigte Beschaffungsstrategie legt die
Gründe für die Auswahl der Vertrags-
partnerfest. Sie können entscheiden, ob
sie einen EU-weiten Wettbewerb starten
wollen, wie z.B. bei der belgisch-deut-
schen Nachtsichtfähigkeit, bei der das
Unternehmen mit dem besten Preis-Leis-
tungs-Verhältnis den Auftrag erhält. Die
Strategie kann auch restriktiver sein. In
einigen Fällen wird ein bestimmtes Un-
ternehmen direkt ermittelt, wenn es sich
beispielsweise um einen ISS-Auftrag han-
delt, bei dem nur der Originalhersteller
über anerkanntes Fachwissen oder die
Fähigkeit zur Lieferung verfügt.
ES&T: Spielt es bei der Auswahl der Projekt-
partner eine Rolle, dass die deutschen Rüs-
tungsexportbestimmungen strenger sind als
die anderer Länder?
Bisceglia: In der Tat sind die Unterschie-
de zwischen den Exportbestimmungen in
Deutschland und Frankreich bekannt und
waren bei zahlreichen Gelegenheiten Ge-
genstand der Titelstories der Fachpresse.
Insbesondere für Frankreich wurde die
Zuverlässigkeit seines deutschen Partners
in dieser Hinsicht in Frage gestellt, da
Frankreich zur Aufrechterhaltung seiner
Rüstungsindustrie sehr stark auf Exporte
angewiesen ist. Es ist sehr schwierig, De-
gressionsgewinne zu erzielen, die nur auf
der nationalen Nachfrage basieren, und
angesichts der großen Vielfalt der von den
verschiedenen EU-Mitgliedstaaten einge-
setzten Systeme kann der Export die einzi-
ge Möglichkeit sein, den Stückpreis zu sen-
ken und die Fertigungslinien aufrechtzuer-
halten. Deshalb halte ich es für ein starkes
Argument, das bei der Prüfung potenzieller
Partner in einem Verteidigungsprojekt in
die Waagschale zu werfen.
Die Fragen stellte Jürgen Hensel
106 | Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
Tschechische Waffenschmiede
mit Tradition
Ja n-Phil llpp Weisswange
Tschechien hat mit der Waffenfabrik Ceskä zbrojovka (CZ) einen potenten Player für Waffenentwicklung
und -fertigung im eigenen Lande. 1936 gegründet, gehört die tschechische Waffenfabrik Uhersky Brod zu
den weltweit erfolgreichen Unternehmen im Bereich der Handfeuerwaffen. ES&T war vorOrt.
LZ befindet sich heute in Privatbesitz.
Die jung und modern geführte Firma
ist Teil der Ceskä zbrojovka Group
(CZG), einem führenden europäischen
Unternehmen für Schusswaffen und takti-
schem Zubehör für die Bereiche Militär, Si-
cherheitsbehörden, Personenschutz, Jagd,
Sportschießen und andere zivile Zwecke.
Zu den Unternehmen zählen neben CZ
auch CZ-USA, Brno Rifles, 4M Systems
(taktische Bekleidung) und CZ Export. Die
CZG hat ihren Hauptsitz in der Tschechi-
schen Republik und verfügt über Produk-
tionsstätten dort und in den Vereinigten
Staaten von Amerika. Sie beschäftigt rund
1.960 Mitarbeiter.
Erst kürzlich hat sich CZ mit einem pro-
minenten Vertreter der Branche verstärkt.
Franz von Stauffenberg stieß als Vertriebs-
leiter Westeuropa zu dem CZ-Team. Der 44
Jahre alte Fallschirmjäger-Reserveoffizier ist
in der Branche bekannt: Er baute in den
letzten Jahren den deutschen Law Enforce-
ment-Bereich bei SIG Sauer in Eckernför-
de auf und war zuvor beruflich auch bei
Heckler & Koch sowie Rheinmetall aktiv.
Er bringt darüber hinaus Expertise aus der
Sicherheitsberatung mit. Sein Sales Team
wird um weitere erfahrene Mitarbeiter
anwachsen. Zudem kooperiert CZ im Be-
hördenvertrieb mit der CSC Arms Division
GmbH in Mömbris.
Tradition und Moderne
Im traditionsreichen Werk Uhersky Brod
selbst arbeiten rund 1.700 Angestellte, in
den Fertigungsstätten verbindet sich tradi-
tionelles Handwerk wie etwa das Gießen
Dr. Jan-P. Weisswange arbeitet
hauptberuflich als Referent Öffent-
lichkeitsarbeit in der wehrtechnischen
Industrie. Dieser Artikel gibt seine
persönliche Meinung wieder.
FötO: CZ
Die Waffenfabrik CZ in Uhersky Brod
von Griffstücken mit modernsten Produkti-
onsmethoden dank eines Maschinenparks
der neuesten Generation. Insgesamt um-
fasst das CZ-Portfoiio rund 500 verschie-
dene Produkte. Exportiert wird in fast 100
Staaten auf allen Kontinenten.
Dass CZ schon seit ihrer Gründung zur
nationalen Sicherheitsvorsorge gehörte,
belegen zahlreiche waffenhistorisch sehr
interessante Stücke in der Mustersamm-
lung in der Firmenzentrale. Unter anderem
fertigte man hier das Flugzeug-MG LK30.
Im Kalten Krieg stattete CZ die tschecho-
slowakischen Streitkräfte mit dem eigens
entwickelten Sturmgewehr vZ.58 aus. Zu
den weiteren weltberühmten Produkten
dieser Epoche gehören außerdem die Ma-
schinenpistole Scorpion vZ. 61, eine der ers-
ten Personal Defence Weapons überhaupt,
oder die Pistole CZ 75, die auch im westli-
chen Sportschützen- und Jagdbereich ei-
nen großen Erfolg erzielte.
Während Sport- und Jagdwaffen ungebro-
chen zum Portfolio gehörten, endete die
Produktion des Sturmgewehrs vZ. 58 im
Jahr 1982. Fast drei Jahrzehnte später stieg
CZ wieder in den Militärwaffensektor ein.
Ab 2010 kam das solide Sturmgewehr CZ
805 Bren 1. Wenig später folgte das mo-
dernisierte Bren 2.
CZ Bren 2 - eine modulare
Militärwaffenfamilie
Die Waffenfamilie Bren 2 ist modular auf-
gebaut: Es gibt die Sturmgewehre derzeit
in den Kalibern 5,56 mm x45 und 7,62 mm
x 39, wobei es für beide Versionen je drei
unterschiedliche Lauflängen gibt 8“ bzw.
9", 11" und 14". Weiterhin hat CZ die Fa-
milie um ein schweres Sturmgewehr (Battle
Rif le) in 7,62 mm x 51 ergänzt. Dieses ist
bisher mit einem 16"-Lauf verfügbar.
Alle Familienmitglieder arbeiten als Gas-
drucklader mit Kurzhub-Gaskolbensystem.
Die Gasabnahme verfügt über drei Einstel-
lungen: Normalbetrieb, starke Verschmut-
zung und Schalldämpfer. In der letzten Ein-
stellung erfolgt der Repetiervorgang von
Hand.
Weiterhin zeichnet sich die Bren 2-Fami-
lie durch ein Leichtmetallgehäuse aus
Flugzeugaluminium, eine klappbare,
längenverstellbare Schulterstütze aus
Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 107
carbonfaserverstärktem Kunststoff mit
Gummi-Schaftkappe und einen Pistolen-
griff mit austauschbarem Griff rücken und
Stauraum aus. Vier Mil-Std 1913-Monta-
Zugriffstrupp der französischen Gendarmerie-Spezialeinheit GIGN mit
Bren 2 in 7,62 mm x 39
über 30-Schuss-Polymermagazine. Neben
der langen Mil-Std 1913-Schiene auf der
Gehäuseoberseite finden sich weitere
Schienen auf der 3-, 9- und 6-Uhr-Position.
Die modulare Bren 2-Familie und
die Maschinenpistole Scorpion Evo
(unten)
Die Pistoienfamilie CZ P-10 mit
Schlagbolzenschioss...
... wurde im Frühjahr 2020 durch
die mikrokompakte P-10M ergänzt
geschienen sind am Gehäuse vorhanden.
Die Waffen lassen sich beidseitig bedienen.
Der nicht mitlaufende Ladehebel lässt sich
mit wenigen Handgriffen auf die andere
Waffenseite verlegen. Magazinhalteknopf,
Verschlussfanghebel und Peuerwahlhebel
sind beidseitig vorhanden, die Bedienung
ähnelt der AR-15-Architektur. Auch Ma-
gazine des AR-15-Typs lassen sich in den
5,56er Waffen verwenden. Die Bren 2
Battle Rifle nutzt em eigens entwickeltes
25-Schuss-Magazin. Die Waffen lassen sich
in jedem Ladezustand sichern.
Mit dem 40-mm-Granatwerfer CZ 805
G1 steht der innovativen Waffenfamilie
ein weiterer Kampfkraftmultiplikator zur
Verfügung. Er lässt sich entweder an das
Sturmgewehr montieren oder auch als se-
parate Granatpistole nutzen.
CZ Scorpion Evo 3 A1
Auch bei der Entwicklung der Maschinen-
pistole CZ Scorpion Evo 3 A1 stand die
Ergonomie im Mittelpunkt. Die handliche
Waffe verfügt über ein Polymergehäu-
se und einen kaltgehämmerten 196 mm
langen Lauf. Sie ist im Kaliber 9 mm x 19
und 9 mm x 21 verfügbar. Die CZ Scorpi-
on Evo 3 A1 arbeitet als Rückstoßlader mit
verriegeltem Masseverschluss und schießt
aus geschlossener Verschlussstellung, was
zur guten Präzision beiträgt. Die längen-
verstellbare Schuiterstütze lässt sich an die
rechte Waffenseite anklappen. Die vorne
am Abzugsbügel liegende Magazinhalte-
wippe und der Feuerwahlhebel sind beid-
seitig bedienbar. Es lassen sich Einzelschuss,
Drei-Schuss-Feuerstöße und Dauerfeuer
anwählen. Die Munitionszuführung erfolgt
So lassen sich entsprechende Optiken und
Anbaugeräte montieren.
Pistoienfamilie CZ P-10
Mit seiner P-10-Familie konnte CZ inzwi-
schen einen großen kommerziellen Erfolg
erzielen. Derzeit sind vier Größen der ro-
busten und ergonomischen Schlagbol-
zenschlosspistole verfügbar: F für Full Size,
C für Compact, S für Subcompact und
- erst im April vorgestellt - M für Micro-
compact. Allen Modellen gemein ist das
Polymer-Griffstück mit austauschbarem
Griffrück und beidseitig bedienbarem
Verschlussfanghebel sowie der Verschluss
mit einer extrem haltbaren Beschichtung.
Vordere und hintere Handhabungsrillen
vereinfachen die Ladetätigkeiten. Der Ma-
gazinhalteknopf ist auf die andere Waffen-
seite ummontierbar. Das Eisenvisier mit den
selbstleuchtenden Markierungen lässt sich
sehr gut aufnehmen. Weiterhin gibt es eine
Optics Ready-Version, die optische Visiere
aufnimmt. Die Magazinkapazität liegt je
nach Modell zwischen zwölf und 19 Pat-
ronen. Die Griffstücke sind in unterschied-
lichen Farben verfügbar.
Neue
Handwaffengenerationen
Im April 2020 vergaben die tschechischen
Streitkräfte an CZ einen fast 90 Millionen
Euro schweren Rahmenvertrag zur Liefe-
rung von Handwaffen und Munition. Bei
Abruf des vollen Vertragsumfangs könn-
ten bis 2025 rund 16.000 Bren 2-Sturmge-
wehre, über 21.000 CZ P-10-Pistolen, über
1.600 Anbaugranatwerfer CZ 805 G1 und
108 I Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE
etwa 100 CZ Scorpion Maschinenpistolen
ausgeliefert werden. Bereits in den Jahren
2010 und 2016 hatte CZ die Streitkräfte
ihrer Heimat (26.000 Berufssoldaten und
11,000 Reservisten) mit rund 40.000 neu-
en Handwaffen ausgestattet.
„Die tschechischen Streitkräfte verlangen
stets die bestmögliche Ausstattung. Die-
ser Auftrag zeigt uns, dass wir unseren Job
gut machen und hochqualitative und inno-
vative Produkte für die anspruchsvollsten
Militär- und Behörden markte an bieten", so
Lubos Kovank, der Vorstandsvorsitzende
der CZ-Gruppe. Und auch CZ-Geschäfts-
führer Ladislav Britahäk freut sich überden
Auftrag: „Wir fühlen uns geehrt, unsere
Streitkräfte als einen unserer historisch
wichtigsten Kunden weiter ausstatten zu
können." Zugleich sind die tschechischen
Streitkräfte auch ein wichtiger Referenz-
kunde auf dem internationalen Markt. Ko-
vahk und Britahäk begrüßten zudem, dass
die tschechische Regierung mit dem Auf-
trag em wichtiges Zeichen zur Unterstüt-
zung der heimischen Industrie und damit
auch zur nationalen Sicherheitsvorsorge in
Krisenzeiten setze.
Seine moderne Handwaffenpalette konn-
te CZ auch beim NATO-Partner Ungarn
platzieren. Dort fiel im März 2018 die Ent-
scheidung, den Handwaffenbestand durch
CZ-Produkte zu modernisieren. Ungarn legt
dabei Wert auf Know-how-Transfer und
eigene Fertigung. So werden das Sturm-
gewehr CZ Bren 2, die Maschinenpistole
Scorpion Evo sowie die Hahnschloss-Pisto-
len P07 und P09 in Lizenz gebaut.
Insgesamt nutzen derzeit Streit- und Sicher-
heitskräfte aus über 40 Staaten CZ-Waffen.
Zu den prominentesten Nutzern des Bren
2 gehört ohne Zweifel die französische
Spezialeinheit der Gendarmerie. Die GIGN
orderte die Waffe in 7,62 mm x 39, um ins-
besondere mit AK-47 ausgerüsteten militä-
risch operierenden Straftätern ebenbürtig
bewaffnet zu sein.
Ausblick
CZ verstärkt seine Aktivitäten weiterhin.
Anfang Mai 2020 stieg das Unternehmen
mit einer Minderheitsbeteiligung bei der
Firma Spuhr ein, dem schwedischen Spe-
zialisten für Montagen und Waffentuning-
Blick in die historische
Waffensammlung
zubehör. CZ wird aber natürlich nicht nur
im Behördensektor sein Produktportfolio
konsequent weiter ausbauen. Und so wird
auch in Zukunft einiges neues aus Uhersky
Brod zu berichten sein.
Nachgefxqgt:
bei Franz von Stauffenberg.
Direktor Vertrieb für Westeuropa
ES&T: CZ wollte dieses Jahr erstmalig auf
der Enforce Tac ausstellen, warum? Gibt
es eine neue Ausrichtung auf den Behör-
denmarkt?
Stauffenberg: CZ ist Zulieferer mehre-
rer bedeutender Behörden in ganz Eu-
ropa.. Neben Frankreich, Finnland und
Polen, Tschechien, Slowakei, Rumänien
liefert CZ auch an amerikanische und asi-
atische Behörden. Viele Einheiten stam-
men aus dem Bereich Spezialkräfte. Mit
den neuen Produkten Sturmgewehr Bren
2, Maschinenpistole Skorpion Evo 3 und
der P10-Pistolenfamilie sind wir für alle
Bedürfnisse gut aufgestellt. CZ hat die
Absicht, die Aktivitäten in Europa stark zu
verstärken. Teil der Strategie ist es, auch
an den wichtigen Messen teilzunehmen.
Die Enforce Tac ist mittlerweile eine sehr
wichtige Messe für europäische Behör-
den geworden, da wollen wir natürlich
unsere Produkte und unser neues Team
vorstellen.
ES&T: Was sind die Neuheiten im Jahr
2020?
Franz von Stauffenberg
Stauffenberg: Die Produktreihe für Be-
hörden wird ständig erweitert und ver-
bessert. Für den Behördenmarkt präsen-
tieren wir Produktverbesserungen aller
Modelle. Der Hauptfokus unserer Arbeit
liegt darin, die Produkte an die speziellen
Anforderungen der westlichen Kunden
anzupassen. Auf diesem Gebiet hat CZ in
den letzten Jahren einiges geleistet und
dies möchten wir den Kunden vorstellen.
Im Bereich der Pistolenfamilie P-10 wird
mit der P-10 Micro ein neues Familienmit-
glied vorgestellt und durch 4M neue tak-
tische Bekleidungsteile. Denn CZ macht
nicht nur Waffen, sondern auch taktische
Bekleidung und persönliche Ausrüstung.
ES&T: Nach welchen Kriterien und nach
welcher Philosophie werden bei CZ die
Waffen für Polizei und Militär entwickelt
und produziert?
Stauffenberg: Die Produkte von CZ
werden nach CIP- und NATO-Standards
in Tschechien gefertigt und unterliegen
einer sehr strengen Qualitätskontrolle.
Die Fertigung in Uhersky Brod im Osten
Tschechiens entspricht der modernsten
Technologie, die es auf dem Markt gibt.
Entwickelt wird nach den Vorgaben des
Marktes, welche der Produktmanager mit
der Entwicklungsabteilung und der Ferti-
gung umsetzt. Ab 2020 wird verstärkt der
europäische Behördenmarkt berücksichtigt
werden. Im Bereich Sportpistole gehören
wir schon zur absoluten Spitzenklasse,
sodass alle Fähigkeiten im Hause CZ vor-
handen sind. Nach großen Erfolgen im zi-
vilen Bereich, wollen wir nun einen neuen
Schwerpunkt im Behördenbereich setzen.
Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 109
Unternehmen & Personen
Weltleit messe SMM verschoben
Die SMM, Internationale Leitmesse der
maritimen Wirtschaft, die ursprünglich
vom 8. bis 11. September 2020 in Ham-
burg stattfinden sollte, wurde wegen der
Corona-Pandemie mit ihren weltweiten
Auswirkungen auf Großveranstaltungen
und den internationalen Reiseverkehr auf
den 2. bis 5. Februar 2021 verschoben.
Das Leitthema der SMM 2020 „Schiff-
fahrt auf Digitalisierungskurs" („Düving
the maritime transition") gilt auch für
den neuen Termin. Die SMM wird damit
der erste internationale Branchentreff
der maritimen Industrie und Wirtschaft
sein, der im neuen Jahr stattfindet. „Wir
werden der globalen maritimen Gemein-
schaft im Februar 2021 eine außerge-
wöhnliche und kompakte SMM bieten",
teilte die Geschäftsführung der Hambur-
ger Messe und Congress GmbH mit. (ds)
SOVERON D (SVFuA-Serie) erhält
BSI-Zulassung
Mitte Februar hat Rohde & Schwarz für
die streitkräftegemeinsame verbundfä-
hige Funkgeräteausstattung (SVFuA) die
Zulassung GEHEIM durch das Bundesamt
für Sicherheit in der Informationstechnik
(BSI) erhalten. Die Zulassung ermöglicht
die Übertragung von Daten und Sprache
in den Einstufungsgraden Offen, VS-Nur
für den Dienstgebrauch und GEHEIM,
sprich es gestattet die klassische Füh-
rungsfähigkeit auf allen Ebenen. Nach
einer mehrjährigen gemeinsamen Ent-
wicklung hatte 2017 das BAAINBw mit
Rohde & Schwarz einen Vertrag über die
Beschaffung von ersten Systemen SVFuA
(Serienbezeichnung „SOVERON D") ge-
schlossen. (wb)
Neuer Chief Executive der EDA
Foto: EDA
Am 5. Mai
übernahm der
Tscheche Jin
Sedivy die Po-
sition des Chief
Executive der
Europäischen
Verteidigungs-
agentur (Euro-
pean Defence
Agency, EDA).
Eine Amtszeit
dauert drei
Jahre mit der
Option zur Verlängerung um weitere
zwei Jahre. Er folgt Jorge Domecq, der
im Januar dieses Jahres nach fünf Jahren
aus dem Amt ausschied. Sedivy war be-
reits im März ernannt worden, durch den
Ausbruch der Corona-Pandemie hatte
sich sein Amtsantritt allerdings verzö-
gert, Sedivy war Verteidigungsminister
der Tschechischen Republik (2006 bis
2007), stellvertretender Verteidigungs-
minister (2010 bis 2012), stellvertreten-
der NATO-Generalsekretär für Vertei-
digungspolitik und -planung (2007 bis
2010) und Ständiger Vertreter der Tsche-
chischen Republik bei der NATO (2012
bis 2019). (df)
Enea und genua kooperieren
genua GmbH, ein deutscher Spezialist
für IT-Sicherheit und ein Unternehmen
der Bundesdruckerei-Gruppe, und
Enea, ein globaler Anbieter von innova-
tiven Softwarekomponenten für die Be-
reiche Telekommunikation und Cyber-
sicherheit, gaben Mitte Mai bekannt,
dass genua für die Klassifikation des
Netzwerk-Traffics innerhalb der IT-Si-
cherheitsplattform cognitix Threat De-
fender zukünftig die Qosmos ixEngine
von Enea einsetzt. Der cognitix Threat
Defender ist eine innovative Plattform
für die Detektion und Abwehr von Netz-
werkbedrohungen (Network Threat De-
tection and Response, NDR). Die Platt-
form vereint Funktionen zum Schutz vor
bekannten Bedrohungen von IDS/IPS
(Intrusion Detection Systems/Intrusion
Prevention Systems) mit einzigartigen
Netzwerk-Traffic-Analysen (NTA) zum
Schutz vor unbekannten Bedrohungen.
(wb)
Jörg Grote ndorst wird Mitglied
im Vorstand von Rheinmetall
Jörg G roten-
dorst ist zum
Mitglied im
Vorstand der
Rheinmetall
AG ernannt
worden. Gro-
tendorst, Dip-
lom-Ingenieur
Elektrotechnik,
Steuer- und
Regelungs-
technik, der
zurzeit die Di-
vision E-Mobility bei ZF Friedrichshafen
leitet, verantwortet künftig im Vorstand
von Rheinmetail die Automotive-Spar-
te des Technologiekonzerns. Er tritt bei
Rheinmetall zum Ende dieses Jahres die
Nachfolge von Horst Binnig an, der Ende
2019 seine Karriere in dem Unternehmen
beendet hat und in den Ruhestand ge-
wechselt ist. (wb)
thyssenkrupp Aufsichtsrat:
Nationale oder europäische
Lösung für Marineschiffbau
Die Aufsichtsratssitzung von thyssenkrupp
bestätigte am 18. Mai den eingeleiteten Kurs
des Umbaus und die strategische Ausrichtung.
Dabei will sollen zwei Wege verfolgt wer-
den: dort, wo Konzern aufgrund der eigenen
Marktposition und Wettbewerbsstärke gutes
Entwicklungspotenzial sieht, will man sich auch
künftig aus eigener Kraft weiterentwickeln.
Andererseits will thyssenkrupp die Leistungs-
fähigkeit in den Bereichen Stahl und Marine
Systems dahingehend steigern, dass sie als für
das Unternehmen profitabel bleiben, thyssen-
krupp Marine Systems steht im Geschäftsjahr
2018/19 mit Verkäufen in Höhe von 1,8 Milliar-
den Euro und Auftragseingängen in Höhe von
2,192 Milliarden Euro gut da. (hum)
EU-Satellitenkommunikation
von Airbus
Airbus Defen-
ce and Spa-
ce hat einen
neuen Rah-
menvertrag
erhalten, der
den Zugang zu
Satellitenkom-
munikations-
diensten bei
militärischen
und zivilen
Missionen der
Europäischen Union (EU) und ihrer Mit-
gliedstaaten regelt. Der Vertrag mit ei-
ner Laufzeit von vier Jahren wurde von
der Europäischen Verteidigungsagentur
(EDA) erteilt. Er besitzt ein Volumen von
zehn Millionen Euro. „Mit diesem Satel-
litenkommunikationsprogramm leistet
Airbus einen bedeutenden Beitrag zur
Entwicklung gemeinsamer Fähigkeit
für die europäische Verteidigung und
ihrer militärischen und zivilen Friedens-
missionen", so Dirk Hoke (Foto), CEO
von Airbus Defence and Space. Rund
32 mitwirkende Mitglieder, darunter
20 europäische Verteidigungsministe-
rien, erhalten damit über die EDA, die
im Rahmen von EU SatCom Market seit
2012 Satellitenkommunikationsdienste
bereitstellt, schnell und effizient Zugang
zu Satellitenlösungen und -diensten. Der
EU SatCom Market-Vertrag umfasst die
Bereitstellung von Satellitenkommunika-
tion (in den Frequenzbereichen C, Ku,
Ka und L), den Verkauf oder die Miete
von Terminals sowie die Lieferung schlüs-
selfertiger Lösungen, besonders für Ein-
satzgebiete außerhalb der EU. (ds)
110
Jun 2020
Rene Obermann ist
Vorsitzender des
Airbus-Verwaltungsrats
Foto; RRPS Foto: Airbus
Auf der
Hauptver-
sammlung
von Airbus
in Amster-
dam hat Rene
Obermann
den Vorsitz im
Verwaltungs-
rat des Luft-
und Raum-
fahrtkonzerns
übernommen.
Er ist Denis
Ranque nachgefolgt. Damit ist das
deutsch-französische Gleichgewicht
in der Airbus-Spitze wiederhergestellt,
nachdem Guillaume Faury im vergan-
genen Jahr Tom Enders als CEO abge-
löst hatte. Obermann ist bereits seit
April 2018 Mitglied des Verwaltungs-
rats. Zuvor war er von 2006 bis 2013
Vorstandsvorsitzender der Deutschen
Telekom. Nach 2013 ist Obermann in
Spitzenverwendungen für zahlreiche
Unternehmen in Europa tätig, darunter
Warburg Pincus, E.ON, Spotify Techno-
logy, Compu Group Medical, thyssen-
krupp, Allianz und 1&1. (gwh)
Otto Preiss neuer COO
bei Rolls-Royce
Power Systems
Otto Preiss
wurde zum 1.
Mai 2020 als
Chief Opera-
ting Officer
Mitglied des
Vorstands von
Rolls-Royce
Power Sys-
tems (RRPS).
Mit der neu
geschaffe-
nen Position
will RRPS die
Transformati-
on des Unternehmens noch fokussierter
vorantreiben. Preiss war zuletzt Group
Senior Vice President beim Energie- und
Automatisierungstechnikkonzern ABB
in der Rolle als Chief Operating Officer
Digital. Davor leitete er den weitweiten
Geschäftsbereich Motors & Generators
von ABB und war für die konzernweite
Forschung in Power Technologies sowie
das Swiss Corporate Research Center
zuständig. (gwh)
MTU Aero Engines steigert
Umsatz bei gesunkenem Erlös
Ungeachtet der Corona-Krise konnte
MTU Aero Engines seinen Umsatz im
ersten Quartal 2020 um 13 Prozent auf
1,3 Milliarden Euro steigern. Das Ergeb-
nis sank um drei Prozent auf 181,8 Milli-
onen Euro. Der Umsatz des militärischen
Triebwerksgeschäfts ging um sieben
Prozent auf 97,6 Millionen Euro zurück.
Wichtigster Umsatzträger war das Euro-
fighter-Triebwerk EJ200. Negative Aus-
wirkungen auf Nachfrage und Ergebnis-
se durch die Corona-Krise erwartet das
Unternehmen ab dem zweiten Quartal.
Dabei dürfte das Militärgeschäftweitge-
hend unberührt bleiben, während sich
die Nachfrage im zivilen Bereich deut-
lich reduzieren dürfte. Die Jahresprog-
nose hat MTU zurückgenommen. Eine
Präzisierung der Erwartungen für das
Geschäftsjahr 2020 kann erst zu einem
späteren Zeitpunkt erfolgen. (gwh)
Jennifer Upton Director
of Acquisit'on der MCI Agency
Seit März
2020 ist Jen-
nifer Upton
als Director
of Acquisiti-
on der NCI
Agency für die
Beschaffung
von Produkten
und Dienst-
leistungen der
K o m m u n i -
kations- und
Informations-
technologie auf dem neuesten Stand
der Technik verantwortlich. Auf dem
Dienstposten war Peter Scaruppe jahre-
lang tätig. Upton hat zuletzt beim United
States Naval Special Warfare Command
die Beschaffungsaktivitäten für das ge-
samte Portfolio an vertraglich vereinbar-
ten Dienstleistungen und Lieferungen
des Kommandos geleitet. Davor war sie
in ähnlicher Position für das Kommando
der US-Spezialkräfte tätig, u.a. im Infor-
mationstechnologie-Portfolio. (gwh)
Airbus: Einbruch wegen Corona
Im ersten Quartal 2020 musste Airbus co-
ronabedingt starke Rückgänge bei Um-
satz und Erlös hinnehmen. Der Umsatz
der Airbus-Gruppe sank um 15 Prozent
auf 10,6 Milliarden Euro, der Erlös hal-
bierte sich auf 281 Millionen Euro. Im
Verteidigungssektor stieg der Umsatz
um 16 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro.
Während der Umsatz beim zivilen Flug-
zeugbau um 22 Prozent auf 7,6 Mrd. Euro
abnahm, blieben die Umsätze bei Airbus
Helicopters und Airbus Defence and Spa-
ce wegen der überwiegend behördlichen
Abnehmer von der Krise unbeeinflusst.
Bei Hubschraubern stieg der Umsatz um
knapp ein Fünftel auf 1,2 Mrd. Euro, De-
fence and Space blieb bei 2,1 Mrd. Euro.
Zum Erlös trugen die Flugzeugbauer nur
191 Mio. Euro (- 59 Prozent) bei. Heli-
copters leistete mit 53 Mio. Euro (+ 253
Prozent) einen außerordentlichen Beitrag.
Bei Defence and Space verringerte sich
der Erlös auf nur noch 15 Mio. Euro (- 85
Prozent). Da zeigen sich die bekannten
Ertragsprobleme, die ja auch schon zu
Gesprächen über Personalabbau geführt
haben. Eine Prognose für das laufende Ge-
schäftsjahr mochte CEO Guillaume Faury
nicht geben, weil die Auswirkungen der Co-
rona-Krise noch nicht beurteilt werden kön-
nen. In Pressegesprächen hatte Faury schon
mehrfach darauf hingewiesen, dass er die
Existenz von Airbus bedroht sieht, (gwh)
Defence stützt Rheinmetall
Die starke Umsatzsteigerung im Defen-
ce-Bereich des Rheinmetall-Konzerns
hat die Umsatzeinbußen bei Automotive
überkompensiert. Im ersten Quartal 2020
konnte Rheinmetall den Umsatz um 1,1
Prozent auf 1,4 Milliarden Euro steigern.
Das operative Ergebnis sank um 20 Millio-
nen Euro auf 34 Millionen Euro. Im Defen-
ce-Bereich stieg der Umsatz um 18 Prozent
auf 740 MillionenEuro und das operative
Ergebnis wuchs um mehr als das Doppelte
auf 29 Millionen Euro. Die Corona-Krise
hat sich in diesem Sektor nicht erkennbar
ausgewirkt, weil die Auftragssituation bei
den behördlichen Kunden noch unverän-
dert ist. Rheinmetall erwartet in diesem
Sektor einen Umsatzzuwachs zwischen
fünf und sieben Prozent im laufenden
Jahr. Demgegenüber leidet der Automo-
tive-Sektor unter der Krise. Der Umsatz
ging um 14 Prozent auf 618 MillionenEuro
gepaart mit einem Rückgang des Ergebnis-
ses auf 10 Millionen. Euro (auf ein Fünftel).
Für das zweite Quartal wird eine weitere
Verschlechterung erwartet. Eine verlässli-
che Jahresprognose erscheint aus Sicht des
Konzerns zurzeit nicht möglich. Nach die-
sem Quartalsergebnis hat sich das Überge-
wicht des Defence-Bereichs mit 53 Prozent
Umsatz- und 85 Prozent Ergebnisanteil er-
neut gesteigert. Mit einem Zuwachs des
Auftragsbestands um 13 Prozent auf 10,3
Milliarden Euro blickt Rheinmetall zuver-
sichtlich auf die weitere Entwicklung des
Jahres. (gwh)
Juni 2020
GSP4 Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.
Nicht einmal bedingt abwehrbereit
Die Bundeswehr zwischen Elitetruppe und notwendigen Reformen
Dietmar Paun
Im sicherheitspolitischen Teil der Landesbereichsversammlung VI Bayern stellten die Autoren Josef Kraus
und Richard Drexl ihr Buch mit dem obenstehenden Titel vor. Höchst informativ nahmen die Referenten
kein Blatt vor den Mund. Ihre konstruktive Kritik und daraus abgeleitete Folgerungen ergaben reichlich
Diskussionsstoff.
I eit mehr als einem Vierteljahrhundert
befinden sich nennenswerte Teile der
• • . ’ Bundeswehr im Auslandseinsatz. Nicht
dem Technischen Hilfswerk (THW) ähnlich,
sondern im bewaffneten Einsatz, Deutsch-
land konnte sich nicht länger verweigern
und auf eine deutsche Sonder- und Hyper-
moral berufen. Für unsere Partner in der
NATO und der Europäischen Union wären
das ohnehin nur Ausreden gewesen. Das ist
die eine Seite,
Die andere Seite ist die „Ruinierung" der
Verteidigungsfähigkeit Deutschlands: Wenn
in den letzten Jahren zeitweise keines der
sechs U-Boote der 212A-Klasse einsatzbe-
reit war; wenn beim ADAC tausende Flug-
stunden angemietet werden mussten, um
Fluglizenzen zu erhalten; wenn von den 128
Eurofightern kaum mehr als vier ohne jede
Einschränkung einsatzfähig waren; wenn
von 68 Hubschraubern des Typs Tiger nur
12 voll einsatzfähig waren; wenn von den
Transporthubschraubern NH90 nur 13 von
58, vom (neuen!) Transportflieger A400M
gerade mal drei von 15, von den Fregatten
fünf von 13 und von den Leopard Il-Panzern
105 von 244 „einsetzbar" waren; wenn die
Flugbereitschaft es wiederholt nicht schaff-
te, Bundespräsidentoder Kanzlerin rechtzei-
tig ans Ziel zu bringen ... Ja, dann ist dies
zwar ein akutes Problem, doch liegen die
Ursachen dafür teils Jahre zurück.
Bundeswehr kaputtgespart
Es ist nicht alles von der ehemaligen Verteidi-
gungsministerin Ursula von der Leyen verur-
sacht, was die Bundeswehr heute quält. Bei
aller berechtigten Kritik führt nichts an der
Feststellung vorbei, dass für die mangelhaf-
te Einsatzbereitschaft der Waffensysteme
im Wesentlichen frühere Regierungen die
Verantwortung tragen. Seit Jahren wurden
beispielsweise nicht ausreichend Ersatztei-
le beschafft und Instandsetzungsverträge
abgeschlossen. Verfügbare Haushaltsmittel
Die Referenten und Autoren Richard Drexl (I.) und Josef Kraus
wurden auf die weltweite Krisenbewälti-
gung und Terrorismusbekämpfung kon-
zentriert. Bundeswehr im Auslandseinsatz
lautete die Devise. Gerät wurde nicht mehr
betriebsbereit gehalten oderstillgelegt.
Auch die Personalprobleme der Bundes-
wehr sind unübersehbar. Der Übergang von
der Wehrpflicht- zur Freiwilligenarmee ist
nicht gelungen. Mit Stand Anfang 2020 wa-
ren ca. 20.000 Stellen nicht besetzt. Zudem
soll die Bundeswehr von 180.000 Soldaten
bis 2025 auf 203.000 Soldaten anwachsen.
Ob in Zeiten einer prosperierenden Wirt-
schaft und erheblicher Nachwuchssorgen
allerorten ausreichend geeignetes Personal
gefunden werden kann, ist fraglich. Was die
Corona-Pandemiediesbezüglich für Auswir-
kungen zeigen wird, bleibt abzuwarten.
Diese Gesellschaft muss sich entschei-
den, ob sie eine Armee braucht oder nicht
braucht. Wenn wir sie wollen, weil wir sie
brauchen, muss sie ordentlich organisiert,
ausgestattet und geführt werden - aber vor
allem: Sie muss als Institution quer durch
Staat, Gesellschaft und Politik Wertschät-
zung erfahren. „Schafft sie doch ganz ab!"
Diese Parole wäre bei einem fiktiven Volks-
entscheid möglicherweise nicht mal in der
Minderzahl. Die Politik weiß darum, wendet
sich dennoch kaum gegen vorhandene an-
timilitärische Ressentiments. Populismus pur
ist, gegen besseres Wissen den Dingen ihren
Lauf zu lassen, statt sich für die Wertschät-
zung der Soldaten und die Verteidigungsfä-
higkeit des Landes vehement einzusetzen
Weltfremde
„Nie-wieder-Einstellung"
Wie konnte in unserem Land eine derart
weltfremde Entwicklung um sich greifen,
was hat zu dieser Entfremdung von bzw.
bei fast allen Partnern in EU und NATO ge-
führt? Deutschland ist ein friedliches Land,
seit 1990 nur noch „von Freunden umge-
ben." Allerdings haben seit dem Wegfall des
112
Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
Warschauer Paktes weltweit keineswegs
liberale, friedliche Ordnungen gesiegt. Wir
sind mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und
dem Ende der Sowjetunion nicht am Ende
der Geschichte angelangt, wie der US-Po-
litologe Francis Fukuyama 1992 meinte.
Eine allumfassend friedliche Weltordnung
gibt es nicht und wird es nie geben. Von
solcher Illusion ließ sich nur deutsche Politik
paralysieren. „In der Verteidigung Milliarden
streichen und soziale Füllhörner auskippen
lautete die schlichte Devise."
Der pazifistischen Gesellschaft scheint das
Verständnis für die Grundvoraussetzungen
einer freiheitlichen Demokratie abhanden-
gekommen zu sein. Deutschlands Bürger
und Politiker sind maßgeblich geprägt von
einem zwar moralisch hochwertigen, aber
unrealistischen „Niewieder! '
„Moderne Bundeswehr"
Die „hohe" Politik trägt das ihre dazu bei
- durch Sparorgien und durch die de-facto-
Abschaffung der Wehrpflicht. Man erinne-
re sich: Die CDU/CSU/FDP-Bundesregierung
folgte am 15. Dezember 2010 dem reichlich
populistischen Vorschlag von Verteidigungs-
minister Karl-Theodorzu Guttenberg und be-
endete ab dem 1. März 2011 die Einberufung
von Wehrpflichtigen. Vonseiten der CDU und
ihrer Kanzlerin gab es keinen Widerstand,
die FDP sah einen Wunsch erfüllt. Realiter
wird die Bundeswehr im Alltag kaum noch
wahrgenommen. Immer weniger Soldaten
zeigen sich außerhalb der Kasernen noch in
Uniform. Aus Angst um die Sicherheit der
Soldaten wurde - G20 Gipfel in Hamburg
2017 - sogar der Befehl erlassen, sich nicht in
Uniform in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Aber auch der aktuelle Koalitionsvertrag der
im Frühjahr 2018 konstituierten CDU/CSU/
SPD-Bundesregierung: Wenn der Umfang
einzelner Kapitel etwas aussagt über die
Vorträge und Veranstaltungen bie-
ten oft nur einen Ausschnitt der si-
cherheitspolitischen Landschaft, der
durch eine Berichterstattung mit
Platzbeschränkungen noch weiter
eingeengt wird. In der Veranstaltung
des bayerischen Landesverbandes
der Gesellschaft für Sicherheitspoli-
tik, über die hier berichtet wird, fan-
den z.lB. eine - auch kritische - Würdi-
gung der seit einiger Zeit gestarteten
Trendwenden in der Bundeswehr
oder die Maßnahmen im Zusam-
menhang mit der NATO-Speerspitze
2019 keinen Raum. Darüber wird in
der GSP an anderer Stelle informiert.
Josef Kraus, Kolumnist, Oberstudi-
endirektor a.D., langjähriger
ehrenamtlicher Präsident des
Deutschen Lehrerverbandes, von
1990 bis 2013 Mitglied im Beirat
für Innere Führung des Bundes-
ministers der Verteidigung
Bedeutung eines Politikfeldes, auch dann
steht es schlecht um die Armee. Von 177 Sei-
ten des Koalitionsvertrages wurden kurz vor
Schluss dem Punkt „Moderne Bundeswehr"
etwas mehr als drei Seiten gewidmet!
Forderung:
Einsatzbereitschaft
Die Bundeswehr braucht die Unterstützung
der Gesellschaft. Heute steht die Truppe per-
sonell mehr denn je ausgedünnt da, die Mo-
tivation ist teilweise im Keller, das Material
kaum einsatzfähig, die Gesamtorganisation in
einem desaströsen Zustand. Der Reformeifer
ließ eine Fortschrittsillusion aufkeimen, bes-
ser ist dadurch kaum etwas geworden. Tat-
sächlich ist die Bundeswehr mit Ausnahme
einiger Bereiche, wie z.B. dem Kommando
Spezialkräfte, einzelner Marine- und Hee-
reseinheiten sowie fliegender Verbände und
Unterstützungseinheiten zu einer Reformru-
ine geworden. Die Reformen haben bisher
keine zählbaren Erfolge gebracht. Was muss
geschehen? Deutschland muss endlich seinem
den NATO-Partnern gegebenes Versprechen,
zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts in die
äußere Sicherheit, respektive die Bundeswehr,
zu investieren, nachkommen und diese Mittel
sinnvoll einbringen. Dieses Ziel war lange vor
US-Präsident Donald Trump, der das vehement
einfordert, der NATO zugesagt. Aus einem
durch Präsident Trump verstärkt erwachse-
nen Anti-Amerikanismus heraus dieser Zusa-
ge nicht nachzukommen ist für die Sicherheit
Deutschlands abträglich. Heute stehen wir bei
1,35 Prozent und sind damit nicht (mehr) in der
Lage die uns zustehende und von unseren Ver-
bündeten erwartete Rolle im Gesamtkonzert
der NATO-Streitkräfte einzunehmen.
in eigener redaktioneller Verantwortung
Oberst d. R. Dipl.- Ing. Dietmar Paun ist
Landevorsitzender VI Bayern.
GSP ♦
Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.
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Internet: www.g sp-si po.de, Facebook: www.facebook.com/GSPSipo; Twitter; ©GSPSipo
Sicherheitspolitische Öffentlichkeitsarbeit für Jedermann
Die GSP widmet sich als unabhängiger und überparteilicher Verein mit ihren rund
IOC Sektionen, unterstützt von über 6,000 Mitg ledern, der Vermittlung sicherheits-
politischen Verständnisses in der Bevölkerung.
Veranstaltungsangebot
Die Sektionen als Hauptträger unserer Öffentlichkeitsarbeit veranstalten Vorträge,
Seminare. Symposien und Kongresse sowie Informationsbesuche und Exkursionen
für alle interessierten Bürger.
Gemeinnützigkeit
Die GSP ist wegen ihrer besonders förderungswürdigen satzungsgemäßen Aufgaben
durch Freistellungsbescheid des Finanzamtes Bonn-Innenstadt Steuernummer
205/5764/0498, als gemeinnützig und spendenfähig anerkannt worden.
Spendenkonto
Sparda-Bank eG Köln IBAN DE53 3706 0590 0200 6402 20
Präsident: Prof. Dr. Johannes Varwick
Geschäftsführer: Reiner Wehnes
Vereinsregister-Nr.: 5684, Amtsgericht Bonn
Gliederung/Kontakt
Die GSP gliedert sich in 7 Landesbereiche und 3 selbstständige Sektionen,
die direkt dem Vorstand unterstellt sind. Sie errreichen sie wie folgt:
Lartdesbereich Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und
Hamburg (Tel.: 04331/696174)
Landesbereich Niedersachsen und Bremen (TeL: 04761/70121)
Landesbereich Nordrhein-Westfalen (TeL; 0172/3034560)
Landesbereich Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland (TeL: 0172/2362627)
Landesbereich Baden-Württemberg (TeL: 0711/605555)
Landesbereich Bayern (TeL: 08239/7114)
Landesbereiche Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
(TeL: 030/36289697)
Selbstständige Sektion Bonn (TeL: 0151/155677401)
Selbstständige Sektion Berlin (TeL: 0176/23366939)
Selbstständige Sektion Brüssel: bruessel@gsp-sipo.de
Gast-Kommentar
„Ich mag die Bundeswehr sehr“
Foto: ARD
Man muss nicht gedient haben, um Wehrbeauftragte(r) zu sein. Und nein, man muss
auch kein Mann sein. Diese Zeiten sind vorbei. Es ist ein ziviler Posten zur parlamenta-
rischen Kontrolle des Militärs. In den 1990er Jahren gab es mit Claire Marienfeld schon
einmal eine Wehrbeauftragte. Der Kriegsdienstverweigerer Reinhold Robbe versah das
Amt von 2005 bis 2010.
Eva Högl ist ungedient und eine Frau - na und? Rumpelig ist ihr Start trotzdem. Das hat
mehrere Gründe, die etwas mit ihr selbst zu tun haben, aber auch mit dem Innenleben
ihrer Partei, der SPD.
Es macht schon einen schlechten Eindruck, wenn Eva Högl zur Debatte über die
EUTM-Mission in Mali nicht auftaucht - wenn die erste große verteidigungspolitische
Bundestagsdebatte nach ihrer Wahl zur Wehrbeauftragten also ohne sie stattfindet.
Sieht so Interesse aus an der Bundeswehr und an den Risiken, die Soldaten und Soldatin-
nen tagtäglich eingehen? Högls Beteuerung „Ich mag die Bundeswehr sehr" bekommt
da einen faden Beigeschmack. Zur NATO, sagt die frisch gewählte Högl, habe sie noch
keine Meinung, und spricht von anderen Schwerpunkten: Sie will sich um Innere Füh-
rung und Extremismus in der Truppe kümmern. Um die Arbeitszeit, das Pendeln, die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das erinnert daran, wie einst Ursula von der Leyen
die Kasernenausstattung anging und dafür auch Spott von Soldaten einstecken musste:
„FKK" als geflügeltes Wort für „Flachbildschirm, Kühlschrank und Kitaplatz".
Man nimmt der promovierten Juristin Högl ab, dass sie sich reinfuchsen wird. So wie sie
es im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages getan hat oder im Parlamenta-
rischen Kontrollgremium, das den Geheimdiensten auf die Finger schaut. Aber es fällt
schon auf: Högl grenzt sich ab vom Militärischen. Nun ist eine Wehrbeauftragte keine
Art „Neben-Verteidigungsministerin". Man kann es Högl also nachsehen, wenn sie
sich bei den großen verteidigungspolitischen Linien und Strategien zurückhält. Aber sie
sollte möglichst schnell einordnen können, welcher Schuh die Truppe wirklich drückt
oder noch gar nicht da ist, welches Großgerät gerade nicht fliegt, fährt oder schwimmt
und wo Ersatzteile oder Munition fehlen. Wie will sie denn sonst den Abgeordneten im
Bundestag gegenübertreten und im Brustton der Überzeugung sagen: Das, was Ihr an
Einsätzen beschließt, kann die Bundeswehr gar nicht leisten!?
Högls Ferne zum militärischen Teil der Bundeswehr nennt Rolf Miützenich, der SPD-Frak-
tionschef, euphemistisch „neue Akzente setzen". Wäre es Mützenich um Expertise
gegangen, hätte er ganz einfach Hans-Peter Bartels für eine weitere Amtszeit vorge-
schlagen. Fachlich top, parteiübergreifend anerkannt, bei den Soldaten beliebt. Bartels
war ein sehr politischer Wehrbeauftragter, hat auch den Bundestag in der Auseinander-
setzung mit dem Verteidigungsministerium gestärkt. Nur, so richtig auf SPD-Linie war
er nicht (mehr). Und seine Etatforderungen für die Bundeswehr, seine transatlantische
Überzeugung wollten so gar nicht zum pazifistischen Kurs von Fraktionschef Mützenich
und Parteichef Norbert Walter-Borja ns passen. Johannes Kahrs hätte diesen Kurs eben-
falls gestört: Reserveoffizier, einflussreicher Haushälter im Bundestag (man denke an die
von ihm durchgesetzten Korvetten der „Kahrs-Klasse"!), mit besten Verbindungen zur
Rüstungsindustrie und reichlich Energie, sich das begehrte Amt als Wehrbeauftragter zu
sichern.
Es drängt sich der Eindruck auf, dass Mützenich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen
wollte: Zum einen den unbequemen Barteis in den Ruhestand schieben. Zum anderen
den allzu forschen und machtbewussten Kahrs, den die Union ohnehin nicht einfach
mitgewähit hätte, abschmettern. Eva Högl, so forsch sie oft auftritt, tut nicht weh. Vor
allem nicht dem linken Parteiflügel, für den sich Bundeswehr und Sicherheitspolitik fast
schon wie ein Hemmschuh anfühlen müssen auf der Suche nach neuen Bündnissen links
der Mitte. Dass diese Parteilogik für Mützenichs Personalentscheidung wichtiger war als
Expertise, ist eine Hypothek für Högls Start ins Amt.
Birgit Schmeitzner ist Korrespondentin des bayerischen Rundfunks
im Hauptstadtstudio der ARD.
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