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                    Österreich € 9,20  Benelux € 9f30  Schweiz sFr. 16,00
D 6323 E
6/2020
190632
30
83C
Mas
Die Marine im Einsatz
Das Seebataillon
Waffen aus dem Westen
NRW und die Verteidigungsindustrie
Bundeswehr und das Konjunkturprogramm
Welches Projekt überlebt die Corona-Krise?
Politik • Streitkräfte • Wirtschaft •
c h n i k

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Kommentar Bringschuld der politisch Verantwortlichen Wenn die Wirtschaftsleistung in Deutschland zurückgeht und damit das Bruttoinlands- produkt sinkt, hat das eine Nebenwirkung, die - wie vieles andere - zunächst unbeachtet bleibt: Deutschland kommt damit dem Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Sicherheit auszugeben, schneller nahe als geplant. Da könnte man sich freuen. Aber ganz so einfach ist das nicht. Es hilft bei der Diskussion in der NATO, mit den Part- nern, aber auch dort nur formal. Denn die NATO hat neben dieser Zahl auch beschlossen, welche Fähigkeiten jedes Land bereitzustellen hat. Das geschieht im Einvernehmen mit dem jeweiligen Land, aber wenn es in Beschlüsse gegossen ist, ist es verbindlich. Die Kon- zentration auf diese Prozentzahl hat diesen Umstand in den Hintergrund treten lassen. Wenn die Sicherheitspolitiker nun mit den Fähigkeiten argumentieren, setzen sie sich vor- dergründig dem Verdacht aus, sie würden jetzt die Argumentation verändern, um immer neue Forderungen zu begründen. Wer aber bisher zugehört hat, hat wahrgenommen, dass immer mit beiden Aspekten, dem formalen Prozentsatz und dem inhaltlichen Bedarf an Fähigkeiten, diskutiert wurde. Die präzise Argumentation mit sicherheitspolitscher Begründung für die erforderlichen Ausgaben ist jetzt dringend geboten. Das ist eine wichtige Bringschulld der politisch Verant- wortlichen. Das muss gerade jetzt schnell beginnen. Denn die Bundesregierung plant nun Konjunkturprogramme, um die Verluste durch die Corona-Krise aufzufangen. Nun sind ge- rade die Beschaffungsprogramme der Bundeswehrauch Balsam für die Konjunktur. Wenn es nun zusätzliche Mittel für Beschaffungen und Investitionen gibt, sollte auch die Bundes- wehr mit einer entsprechenden Liste in die regierungsinterne Debatte eingreifen. Um für diese Debatte gut gerüstet zu sein, muss die Bundeswehr jetzt Flexibilität bewei- sen. Alle Bereiche, die Bedarf an bestimmten Gütern haben, müssen das schnell identifi- zieren. Auch in den politischen Entscheidungsgremien muss es jetzt schnei! gehen. Die oft sehr schleppend agierenden Stellen, die das identifizieren und dann eine Prioritätenliste erstellen, haben die große Chance, ihre schnelle Handlungsfähigkeit zu beweisen. Es wird dann spannend sein, zu sehen, wie sich die Koalition im Bund auf diese Liste einlässt. Wir stellen immer mehr fest, dass gerade im Bereich der Sicherheitspolitik die Koalitionsparteien sehr weit auseinanderdriften. Da hilft es auch nicht, darauf hinzuwei- sen, dass die Verpflichtungen in der NATO zu Zeiten eingegangen wurden, da die SPD mitregiert hat. Dass sie sich in populistischer Weise von den mitgefassten Beschlüssen entfernt, ist in der Öffentlichkeit nicht leicht wirksam zu vermitteln. Dabei sollten uns die gegenwärtigen Herausforderungen zeigen, dass man jetzt eng zu- sammenstehen muss. Die Ausrüstung der Bundeswehr ist von der Sache her geboten und kann nun auch helfen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Es wären also zwei Fliegen mit einer Klappe. Da muss argumentativ gerungen werden. In dieser Zeit ist es wichtig, klar und präzise zu bleiben (oder zu werden). Viele meinen, es werde nach Corona sehr vieles anders sein als vorher. Das darf getrost hinterfragt werden. Nach vielen Krisen, die wir durchgemacht und überstanden haben, ist danach das meiste so weitergegangen wie vorher. Ein Bereich ist die Hinwendung der Gesellschaft zu mehr digitalen Aktionsformen. Da wirde sich einiges entwicklen. Es sind zu viele Menschen unterwegs, die mit abstrusen Verschwörungstheorien andere Menschen verunsichern. Auch da muss scharf argumentiert werden. Unsere Gesellschaft darf nicht von den Rändern ausgehöhlt werden. Zur Bereitschaft, die Fähigkeiten der Bundeswehr weiter auszubauen, muss treten, dass wir auch in der Gesellschaft wehrhaft bleiben. Die Grundsätze unserer freiheitlichen Ordnung dürfen nicht infrage gestellt werden. Wir können Corona nutzen, um die Gesellschaft zu verändern, aber nicht, um sie zu kontrollieren. Es ist erfreulich, dass der Bundestag darüber bisher sehr gut wacht. Das muss so bleiben. Rolf Clement Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 3
Inhalt Seite 17 Seite 42 Foto: Mawibo-media Gefahr für die Freiheit? Der neue Ölpreiskrieg Die Corona-App in der Diskussion Russland gegen USA gegen Saudi-Arabien TITELSTORY Der Beitrag des Heeres zum Fähigkeitsprofil der Bundeswehr Alfons Mais 42 Energiepolitische Doppelkrise von Ölpreiskrieg und Pandemie Geopolitische Auswirkungen Frank Umbach 46 INSTEX: Lichtblick am dunklen Corona-Himmel des Iran? Heino Matzken IM FOKUS: CORONA Corona-Apps und die Freiheitsrechte Dorothee Frank 22 Auswirkung der Corona-Krise auf Beschaffungen der Bundeswehr Gerhard Heiming 24 Corona-Pandemie Digitale Lösungen helfen Infektionsrisiken zu reduzieren Jorg Plathner SICHERHEIT & POLITIK 27 Fachkompetenz unnötig Wie die SPD das Amt des Wehrbeauftragten entwertete Wolfgang Labuhn 29 Brief Winfried Nachtwei An den Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion 30 Kein Konsens Die SicherheitS“ und Verteidigungspolitik von CDU/CSU und SPD driftet auseinander Wolfgang Labuhn GESCHICHTE AKTUELL 49 Der Koreakrieg und seine Folgen Hanns Günther Hilpert BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL 52 Neuer Schwerpunkt ist die Befähigung zu amphibischen Operationen und Kampf im maritimen Umfeld Interview mit dem Kommandeur der Einsatzflottille 1, Flottillenadmiral Christian Bock 54 Amphibische Kampfboote Erweiterung der maritimen Fähigkeiten der Bundeswehr Arne Krüger 58 Neues Material für die Luftlandetruppe Dietmar Klos 63 Eine neue Stufe der deutsch-französischen Partnerschaft Luftwaffe und Armee de l'Air fliegen gemeinsam C-130J Mike Feuerbach und Philipp-Jan Krappmann RÜSTUNG & TECHNOLOGIE 34 Für ein umfassenderes Engagement in der Sahel-Region Jürgen Hardt 36 Quo vadis Mali - Stabilität in der Sahelzone? Philipp Schätz 40 „Die Juden haben die Annexion schon vorweggenommen" Palästinensische Gedanken zur Annexion Gepanzertes Transportkraftfahrzeug Boxer Varianten des Heeres, Bewaffnung und Schutz Karlheinz Boenke 75 Logistische Unterstützung für den Boxer Robert Elvish 4 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
76 Vor 50 Jahren Die erste C-5A „Galaxy" für die U.S, Air Force Peter Preylowski Deutscher Ansatz zur vernetzten Luftverteidigung Dorothee Frank und Ulrich Renn 82 Umsetzung der Fähigkeitsforderungen des SPz Puma in das System Panzergrenadier Kim Feilcke WIRTSCHAFT & INDUSTRIE 87 Verteidigungsindustrie in Nordrhein-Westfalen Breites Angebotsspektrum Lars Hoffmann 96 Der Verteidigungssektor muss sich für Start-ups öffnen Lorenz Lehmhaus 98 Systemrelevanz nationaler Sch I üsseltechnolog ien im Bereich Sicherheit und Verteidigung Hans Christoph Atzpodien 102 Anforderungen so weit wie möglich harmonisieren Interview mit Vizeadmiral Matteo Bisceglia, Direktor OCCAR-EA 10 Tschechische Waffenschmiede mit Tradition Jan-Phillipp Weisswange RUBRIKEN Kommentar 6 Umschau 26 Rechtsticker 32 Berliner Prisma 47 Impressum 65 Blick nach Amerika 66 Informationen - Nachrichten - Neuigkeiten aus aller Welt 70 Fraunhofer INT: Neue Technologien I Bücher 110 Unternehmen & Personen 2 Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. 114 Gastkommentar Europäische Sicherheit & Technik 6/2020 Ja, es gibt die Themen noch, die nichts mit Corona zu tun haben. Das politische Berlin wurde durch die heftig kritisierte Nominierung und spätere Wahl von Eva Högl zur neuen Wehrbeauftragten kurzzeitig aufgeweckt. Mit großem Respekt und viel Sympathie für ihn muss- ten wir Hans-Peter Bartels gehen sehen. Die Gründe und Abläufe der Neuwahl zeichnet ES&T in dieser Ausgabe nach. Winfried Nacht- wei, langjähriger Verteidigungspolitiker der Grünen und damit aus Zeiten gemeinsamen Regierens mit den handelnden Personen noch vertraut, hat uns einen Brief an SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich zum Abdruck freigegeben - und unsere Gastkommentatorin Birgit Schmeitzner wendet sich diesem Thema zu. Wir hoffen, dass Eva Högl sich nun schnell und tief einarbeitet - und auch einen Draht zu den Soldaten spinnen kann. Aber dies ist ein Indiz dafür, dass die Koalitionsparteien in Berlin sich in der Sicherheitspolitik nicht mehr grün sind. Da werden schon die Gräben für den Bundestagswahl- kampf 2020/21 gezogen - Es&T analysiert. Es sind rund 100 Tage, dass der neue Heeresinspekteur Alfons Mais im Amt ist. Nun wendet er sich an die Öffentlichkeit und beschreibt in ES&T, wie das Heer die Fähigkeiten weiter auf- und ausbaut, die es braucht - ein Programm, das über seine Amtszeit wohl weit hinausreicht. ES&T blickt auch in die Welt. Der Ölpreiskrieg, der zwischen den USA, Russland und Saudi-Arabien ausgetragen wird, beschäftigt uns ebenso wie ein Blick in die Sahel-Zone und den Einsatz der Bundeswehr in Mali. Und auf die neue Koalition in Israel, die ja die Annexion der Westbank vereinbart hat, schaut ein Autor, der als Palästinenser geboren ist, nun aber als Deutscher hierzulande lebt. Der Koreakrieg brach 1950 aus, und heute noch suchen wir nach Wegen, den dortigen Konflikt zu lösen. Es geht aber auch um Zusammenarbeit. Deutschland und Frankreich betreiben gemeinsam einen Lufttransportverband. Zur Flexibilität ei- ner Streikraft gehört es auch, dass sie Systeme vorhält, die zu Wasser und an Land agieren können. ES&T beleuchtet die amphibischen Erweiterungen der Marine. Nordrhein-Westfalen ist ein Land mit großem wirtschaftlichen Po- tential. In unserer lockeren Folge über die Rüstungswirtschaft in deutschen Bundesländern blickt ES&T in dieser Ausgabe in dieses Land. Und dann doch noch Corona: Ist die von der Bundesregierung ge- plante App positiv - oder bekommt der Staat damit ein Instrument zur Überwachung in die Hand? Was könnte die Corona-Krise für den Bundeshaushalt und auch den Wehretat bedeuten? Und geht es schneller mit der Digitalisierung? Ein Plädoyer dafür, dass die Bundeswehr sich mehr für Start-ups öffnen soll - und ein Beitrag über die Systemrelevanz von Schlüssel- technologien ergänzen die Berichterstattung über weitere Projekte, die die Bundewehr beschaffen, verbessern oder einsetzen will. Das ist der Bogen dieser ES&T 6/2020, den die Redaktion für Sie, unsere Leser, gespannt hat. Ihr Rolf Clement, Chefredakteur Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 5
Umschau Ausrüstung für abgesessene Soldaten Die NATO Support and Procurement Agen- cy (NSPA) hat am 24. April 2020 den Ab- schluss eines Fünfjahresvertrags mit Level Peaks Associates über die Beschaffung Mission Master für das britische Robotrc Platoon Vehicle Programm Die britischen Streitkräfte erproben im Robotic Platoon Vehicle Programm, wie mit un- bemannten Fahrzeugen Kampfkraft und Fähigkeiten abqesessen kämpfender Kräfte auf Zugebene verbessert werden können. Für diese Erprobung wurden bei Rheinme- tall vier Robotik-Fahrzeuge Mission Master in der Version Cargo zur Auslieferung im Foto: Rheinmetall Foto: NSPA von Kampfuniformen und Zubehör be- kanntgegeben. Mit diesem Vertrag wird die NSPA über die Dismounted Soldier Equipment User Group (DSEUG) Ausrüs- tung zur Verfügung stellen und damit den wiederkehrenden Bedarf der beteiligten Nationen decken. Die DSEUG wird derzeit von 24 NATO-Nationen gebildet. Füh- rungsnation ist Großbritannien, vertreten durch die Royal Marines. Die NSPA bietet der NATO und den Partnerstaaten, den NA- TO -Reaktionskräften (NRF) und den vom Nordatlantikrat genehmigten Operationen Unterstützung auf dem Gebiet der abge- sessenen Soldaten. (gwh) Auftrag für erste Main Cround Combat System-Studie erteilt Mit dem Main Ground Combat System (MGCS) wollen Deutschland und Frankreich in einem gemeinsamen Vorhaben ab 2035 ihre Kampfpanzer Leopard 2 und Ledere durch ein Kampfsystem für Landstreitkräfte ersetzen. Jetzt hat das Bundesamt für Aus- rüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) im Auftrag der beiden Nationen mit der ARGE MGCS, zu der sich im Dezember 2019 die Firmen Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co. KG (KMW), die Rheinmetall AG sowie auf fran- zösischer Seite Nexter Systems zusammen- geschlossen haben, einen Industrievertrag zur Erarbeitung der „System Architecture Definition Study - Part 1" in Auftrag gege- ben. Das ist die erste Industriestudie für das Landkampfsystem der Zukunft. (gwh) Frühjahr 2020 bestellt. Zum Lieferumfang der Mission Master Cargo gehören zwei Krankentragesysteme, die sich binnen 60 Sekunden auf dem Cargo-Fahrzeug integ- rieren lassen. Weiterhin umfasst der Auftrag Ausbildungs- und Serviceleistungen so- wie Ersatzteile. Unmanned Ground Vehicles(UGV) wieder Mission Master begleiten den Soldaten und tragen dessen Last. Das UGV verringert also die Kampfbeladung der Soldaten und steigert Beweglichkeit und Effizienz. Der Mission Master Cargo kann über eine halbe Tonne Nutzlast transportieren und ist luftverladbar in CH-53 und CH-47. (gwh) Desinfektionsmittel aus Bundeswehrproduktion ABC-Abwehrkräfte der Bundeswehr stel- len in Bayern durch ein patentiertes che- misch-technisches Verfahren Desinfekti- onsmittel für Flächen im großen Umfang her. Bei diesem Bundeswehr-Desinfek- tionsmittel ist Essigsäure die Grundlage, nicht wie bei den meisten anderen Alko- hol. Im Gegensatz zum medizinischen Al- kohol besteht noch keine Knappheit von Essigsäure auf dem Markt. Das Verfahren zur Herstellung dieser Desinfektionsmit- tel ist patentrechtlich geschützt. Der Pa- tentinhaber ist Reservist der Bundeswehr und ABC-Abwehrsoldat. Er stellt der Bun- deswehr in dieser speziellen Zeit das von ihm entwickelte Verfahren zur Verfügung. Außer ihm darf es derzeit nur die ABC-Ab- wehrtruppe der Bundeswehr herstellen und verteilen. (df) Schutzkleidung vom WlWeb Das zum BAAINBw ge- hörende Wehrwissen- | schaftliche Institut für । Werk- und Betriebsstoff (WIWeB) produziert u.a. mit 3D-Druckern | Gesichtsschutzmasken und Face Shields zum Schutz vor Corona-Vi- ren. Die Spezialisten im 3D-Druckzentrum der Bundeswehr drucken als Unterstützungsleistung in der Corona-Kri- se Hunderte Masken für das In- und Ausland. Auf Anforderung des Sanitätsversorgungs- zentrums der Bundeswehr hat das WIWeB 240 Face Shields für den Raum Südbayern ent- wickelt und bereitgestellt. Das Design wurde mit dem Wehrwissenschaffliehen Institut für Schutztechnologien - ABC abgestimmt. Der perfekte Sitz und die richtige Handhabung wurden in Trageversuchen mit den Neubiber- ger Sanitätern optimiert. (gwh) Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
Vollautomatische Luft-Luft - Betankung mit A330 MRTT Airbus hat für das Mehrzweck-Transport- und Tankflugzeug A330 MRTT (Multi Role Transport Tanker) eine automatische Luft-Luft-Betankungsanlage (Automatic Air-to-Air Refuelling, A3R) entwickelt und im Flug mit einem portugiesischen Kampfflugzeug F-16 getestet. Diese nach Angaben von Airbus weltweit erste A3R-Lösung kann jetzt in die A330 MRTT implementiert werden. Das A3R-System erfordert keine zusätzliche Ausrüstung am Empfängerflugzeug und soll die Ar- beitsbelastung des Luftbetankungsope- rators (ARO) verringern, die Sicherheit verbessern und die Geschwindigkeit der Luftbetankung unter Betriebsbedingun- gen optimieren. Nach Aktivierung durch den ARO fliegt die A3R den Ausleger au- tomatisch. (gwh) Flight Eye Kameraprogramm für Aviation Anwendungen Kappa optronics hat sein Angebot an spe- ziellen Luftfahrtkameras für Anwendun- gen wie Nahfeldüberwachung, Pilotensicht in HALE UAV und Weltraum-Applikationen weiter ausgebaut. Die für die Luftfahrt qualifizierte FE-Kamerafamilie (ITAR-free) kommt in SWaP-C optimiertem Design und bietet verschiedene physische Setups und Schnittstellen zur Integration in kunden- seitige Flugzeugsysteme (z.B. mit Zero-La- tency über HD-SDI für UAV-Steuerung vom Drohnen-Kontrollraum). (gwh) Gefechtsstand für boden- gebundene Luftverteidigung Für das taktische bodengebundene Luft- verteidigungssystem IRIS-T SLM eines internationalen Kunden hat Diehl in Zu- sammenarbeit mit Airbus ein taktisches Feuerleitzentrum (Tactical Operation Cen- ter, TOC) in einem Container entwickelt. Diehl hat am 8. April 2020 den ersten Seriengefechtsstand von Airbus Defence and Space übernommen. Der komplett ausgestattete 20-Fuß-Container, der u. a. über mehrere Feuerleitrechner von Diehl und die IBMS-Software (Integrated Battle Management System) von Airbus verfügt, wurde gemäß den Anforderun- gen von Diehl in nur zweieinhalb Jahren entwickelt und gebaut. Das TOC ist als in- tegraler Systembestandteil von IRIS-T SLM dank Plug-and-Fight-Technologie mit den Sensoren wie das Mittelbereichsradar von HENSOLDT ebenso vernetzt wie mit den Startgeräten von Diehl. (gwh) Flugkörperwarnsystem MILDS AN/AAR-60 in Südkorea ausgeliefert Mit tatkräftiger Unterstützung aus Deutschland konnte HENSOLDTs süd- koreanische Partnerfirma Huneed Tech- nologies die ersten acht in Korea end- montierten MILDS AN/AAR-60 an Ko- rea Aerospace Industries pünktlich zum 1. April 2020 ausliefern. Die ausgeliefer- ten Raketenwarnsysteme werden künf- tig im Korean Utility Helicopter sowie im Maritime Utility Helicopter eingesetzt. Bis Ende April 2020 soll Huneed zusätzlich drei Sensoren und bis November 2020 weitere 85 Sensoren liefern. Insgesamt haben die Offset-Verpflichtungen aktuell ein Volumen von insgesamt 258 Senso- ren. MILDS AN/AAR-60 eignet sich für den Einbau an Bord einer Vielzahl von taktischen Drehflüglern und Großraum- flugzeugen wie NH-90, Tiger, UH-60, CH-47, C-130 und P-3. Mit bisher mehr als 7.000 verkauften Sensoren hat sich MILDS weltweit einen Ruf für Zuverläs- sigkeit und Effektivität erworben, (gwh) Grafik: ULBRICHTS Protection Gesichtsschild gegen Weiterver- breitung und Ansteckung mit Corona-Virus ULBRICHTS Protection hat ein Gesichtsschild entwickelt, das die Gefahr einer Weiter- verbreitung und An- steckung mit dem Co- rona-Virus verringert. Das neue Produkt bie- tet Menschen verschie- dener Berufsgruppen, die den notwendigen Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 m nicht oder nicht dauerhaft einhalten können, einen zu- sätzlichen Schutz vor Tröpfchen- bzw. Schmierinfektion. Es kann je nach Bedarf bzw. Situation allein oder in Kombination mit einer Mund-Nasen-Maske getragen werden. Auch das Tragen einer Brille ist uneingeschränkt möglich. Das neuentwi- ckelte Face Shield verfügt über ein klapp- bares Visier und besteht aus einem beson- ders robusten Material. (gwh) A319CJ für MedEvac umgerüstet Die Bundeswehr hat eine A319CJ mit zwei Intensivbetten ausgerüstet, die für den Transport von Corona-infizierten Patienten bereitgestellt werden. Das Flugzeug ist ei- ne von zwei A319CJ der Flugbereitschaft des BMVg, die auf 44 Plätzen Passagiere auf Mittelstrecken bis 7.600 km transpor- tieren können. Die A319CJ ist neben einer A400M und einer A310 MRTT das derzeit dritte Flugzeug der Bundeswehr, das für den Transport infizierter Patienten genutzt werden kann. (gwh) Mit SAUS gegen Corona Im Rahmen der „Hilfeleistung CORONA" nutzt die Bundeswehr vorhandene Luft- transportkapazitäten im Rahmen des SA- LlS-Vertrages (Strategie Airlift International Solution). Mehr als 25 Mio. Schutzmas- ken hat die ukrainische Fluggesellschaft in drei Flügen im Auftrag des BMVg und zur Unterstützung des BMG von China nach Deutschland geflogen. Dafür war der Einsatz von Großraumfrachtflugzeu- gen des Typs Antonow erforderlich. Diese Flugzeuge (Antonow An-124 und An-225) Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
Umschau Foto: Airbus Helicopters Foto: Bundeswehr stehen der Bundeswehr aufgrund des SALIS-Vertrages zur Verfügung. DieAn-225 ist mit ihren sechs Triebwerken das größte Frachtflugzeug der Welt. Rund 15 Soldaten des Logistikbataillons 171 aus Burg unter- stützten die Entladung der Fracht vor Ort. Im Rahmen der „Hilfeleistung CORONA" durch die Bundeswehr stehen Soldaten z.B. auch für Transporte und solche logistischen Aufgaben bereit. (gwh) Bell UH-iD begleitet Übergabe der vierten Hi 4 5 SAR Am 17. April hat die Bundeswehr die vierte H145 in SAR-Konfiguration übernommen, wie Airbus via Twitter mitgeteilt hat. Die Übergabe bei Airbus Helicopters in Donau- wörth wurde von dem Vorgängermodell Boeing UH-1D Huey begleitet, die sich mit einer Sonderlackierung als Goodbye Huey auswies. Mit insgesamt sieben H145 SAR soll die Fähigkeit Search and Rescue der Bundeswehr aufrechterhalten werden. Ab April 2021 sollen hierfür nur noch H145 SAR eingesetzt werden, wenn bis dahin, wie vorgesehen, alle bestellten Hubschrau- ber ausgeliefert sind und die Ausbildung der Besatzungen abgeschlossen ist. Bisher liegt die Auslieferung der Hubschrauber vor dem Plan. Mit den neuen SAR-Hubschrau- bern wächst die Flotte an H145-Hub- schraubern in der Bundeswehr auf 22, da bereits seit 2017 fünfzehn in der Rolle für Spezialkräfte in Betrieb sind. (gwh) Verlängerung Einsatzbereitschaft Flugkörper RAM BlockiA Für die Deutsche Marine wurde im April 2020 die Option zur zweiten Rezertifizie- rung von weiteren Losen der Flugkörper RAM BlockiA beauftragt. Der Initialvertrag ist im Dezember 2015 mit der RAM-System GmbH (RAMSYS) geschlossen worden. Die restlichen Flugkörper RAM BlockiA im Bestand der Bundeswehr durchlaufen eine zweite Rezertifizierung und werden in der Einsatzfähigkeit um weitere sieben Jah re auf dann 21 Jahre verlängert. Die Rezertifizierung der Lenkflugkörper-Kom- ponenten wird bei der MBDA Deutschland in Schrobenhausen und bei Diehl Defence in Überlingen und Röthenbach durchge- führt. In enger Zusammenarbeit mit ihren Mutterhäusern Diehl Defence und MBDA Deutschland führt RAMSYS die nationalen industriellen Anteile. Die Rezertifizierung wird bis Ende 2023 abgeschlossen sein. Das Waffensystem wird zu gleichen Teilen gemeinsam mit dem US-Partner Raytheon Missile Defence entwickelt, produziert und vermarktet. (gwh)l Vollrobustes Ai 40 Gz Tablet mit hoher Leistungsfähigkeit Getac hat mit dem vollrobusten A140 G2 Tablet den Nachfolger des gefrag- ten A140 G1 vorgestellt. Das Tablet mit großem 14"-Bildschirm ist nach MIL-STD 810H und gemäß IP65 zertifiziert und übersteht unter anderem Stürze aus bis zu 1,2 m Höhe ebenso wie Stöße, Vi- brationen und Erschütterungen, Staub und Flüssigkeiten. Das großflächige Touchscreen-Display lässt sich auch bei Regen oder auch mit Handschuhen be- dienen, was uneingeschränkten Einsatz in fordernden Situationen sicherstellt. Dank der einzigartigen Kombination aus robustem Design, 4G LTE/Wi-Fi/ Bluetooth-Konnektivität sowie markt- führender Rechenleistung eignet sich das A140 G2 auch ideal für Rettungskräfte und den Katastrophenschutz. (gwh) Stromversorgung für den mobilen Einsatz Der Transportspezialist ZARGES und der Stromsysteme-Hersteller Axsol haben mit eigenen Mitteln eine mobile Strom- versorgung entwickelt, die unabhängig vom Netz verlässlich elektrische Energie entsprechend den Anforderungen der Bundeswehr bereitstellt. In das schützen- de Mitraset-Gehäuse aus Aluminium von ZARGES wurden Stromgeneratoren Arvey mit der Möglichkeit zur Aufladung durch erneuerbare Energien von Axsol integriert. Der neue Generator ist in zwei Versionen (0,5 und 1,5 kWh Kapazität) erhältlich. Die Leistungsabgabe kann mit Lastspitzen bis 1.000 Watt bzw. 2.000 Watt erfolgen. Damit können z.B. Licht-, Funk- und Kom- munikationssysteme, Werkzeuge, Gerä- te und Sensoren betrieben werden. Die Anlagen eignen sich auch als Notstrom- quelle. Die mobile Stromversorgung wird zurzeit für die Nutzung in der Truppe ge- testet. (gwh) BSI-Zulassung von SecurePIM Government SDS Das BSI hat die Zulassung für die iOS-Ver- sion der hochsicheren Kommunikations- lösung SecurePIM Government SDS von Virtual Solution bis Februar 2023 verlän- gert. Die VS-NfD-zugelassene Lösung ist jetzt noch benutzerfreundlicher und un- terstützt neueste Standards wie das PA- CE-Protokoll. D es ist die einzige Lösung, die das BSI für VS-NfD auf iPhone und iPad zugelassen hat. Das neu unterstütz- te PACE-Protokoll (Password Authentica- ted Connection Establishment) hebt das Schutzniveau auf ein neues Level, indem die Kommunikation zwischen der Con- tainer-App und der Smartcard darüber abgesichert wird und somit nicht von der Sicherheitsstufe des jeweiligen Smart- card Reader abhängt. (gwh) 8 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
t ft « II IM I AIR www.mbda-systems.com TLVS auf der Basis von MEADS wird der zukünftige Träger der bodengebundenen Luftverteidigung. Die Bundeswehr erhält mit TLVS bisher nicht verfügbare Fähigkeiten: Nachgewiesener 360-Grad-Rimdumschutz und vernetzte Operationsführung, überlegene Mobilität, niedrige Nutzungskosten, hohe Durchhaltefähigkeit. TLVS. DAS TAKTISCHE LUFTVERTEIDIGUNGS- SYSTEM EINE,NEUE ÄRA BEGINNT f t ftV% 4 AIR DGMINANCE MARITI ME SUPERIDRITY ENGAGEMENT
TITELSTORY Der Beitrag des Heeres zum Fähigkeitsprofil der Bundeswehr Foto: Bundeswehr/Maximilian Schulz Alfons Mais Unser zunehmend unwägbares sicherheitspolitisches Umfeld wird sich auch in einer möglicherweise „neuen“ Normalität nach Auslaufen der COVID-19-Wellen kaum verbessern. Wir sollten nicht Gefahr laufen, von einer pandemischen in eine sicherheitspolitische Krise zu fallen. Für die kontinentale Mittelmacht Deutschland bleibt auch in Zukunft die Dimension Land bestimmend. Da sich die Dimensionen Land, See, Luft, Cyber und Weltraum aber zunehmend verschränken, wird die Bun- deswehrais Ganzes im künftigen Operationsumfeld multinational und multidimensional zur Lage- und Gefechtsführung befähigt sein müssen. eit dem Gipfelbeschluss von War- schau 2016 verfolgt die NATO wieder verstärkt die prägnante Formel: „Be- drohung bestimmt den Bedarf". Der Nach- holbedarf in Bezug auf rasche Einsatzbe- reitschaft und die Herausforderungen des hochintensiven Gefechts von organischen Großverbänden ist enorm. Es muss eine Balance zwischen den Aufgaben des Inter- nationalen Krisenmanagements und de- nen der Landes- und Bündnisverteidigung gelingen. Potenzielle Gegner der Allianz werden in strategischen Papieren wieder deutlicher benannt, auch weil diese in der Lage sind, schnell aus einem intelligenten Transfer verfügbarer moderner Technologien mi- litärischen Nutzen zu ziehen, unterhalb formeller Konfliktschwellen hybride Desta- bilisierungsoperationen zu führen und auf dem Weg sind, die Modernisierungsan- strengungen europäischer Streitkräfte aus- zumanövrieren. Der Bedarf an militärischen Fähigkeiten schlägt sich in den Vorgaben der NATO an ihre Mitgliedstaaten nieder. Das Mittel und Werkzeug dafür ist der NATO-Vertei- digungsplanungsprozess (Defence Plan- ning Process, NDPP). Dieser im vierjährigen Rhythmus wiederkehrende Prozess legt in Generalleutnant Alfons Mais ist Inspekteur des Heeres. Abstimmung mit den beteiligten Nationen die militärischen Fähigkeitsziele fest, zu deren Beistellung sich die Mitgliedstaaten gegenüber dem Bündnis verpflichten. Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr bil- det diese Verpflichtung als nationale Am- bition ab. Auch in COVID-19-geprägten Zeiten muss gelten: Gute Planung darf nie entkoppelt von der Gegenwart sein, sie darf sich durch diese aber auch nicht behindern lassen. Deshalb hier der Blick nach vorne. Das Heer im Fähigkeitsprofil der Bundeswehr Seit 1990 hat die Bundeswehr rund 25 Jah- re lang die Bemühungen unterstützt, eine Friedensdividende zu erwirtschaften. Sie hat damit einen erheblichen Beitrag zum Staatsziel stabiler Finanzen geleistet. Dies führte dazu, dass die Streitkräftepla- nung mit klarer Schwerpunktsetzung auf Stabilisierungsoperationen ausgerichtet wurde. Die Effizienz der Gesamtorgani- Sitzung im NA TO-Rat 10 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
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TITELSTORY sation Bundeswehr stand über ihrer mi- litärischen Gesamteffektivität im Sinne Artikel 87a des Grundgesetzes. Der Maß- stab für materielle Rüstung waren kleine Einsatzstrukturen als missionsabhängig zusammengestellte Teilkontingente der Grundstruktur des Heeres. Operationen verbundener Kräfte in einem Szenario der Bündnisverteidigung erfordern aber viel mehr! Sie erfordern integrierte, personell und materiell voll ausgestattete militärische Strukturen, um schnell für unterschiedliche politische Optionen nutzbar zu sein. Land- streitkräfte und damit das Heer müssen gegen einen Gegner, der versiert hybride und hochletale konventionelle Mittel ein- setzt und dabei die Freiheiten unilateralen Handelns flexibel nutzen wird, bestehen. Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr war der Aufschlag für den als lange überfällig erkannten planerischen Paradigmenwech- sel. Das Gebot der Stunde ist die kohäsive strukturelle Einsatzbereitschaft von Groß- verbänden des Heeres, ihrer Enabler, ihre Befähigung, über große Entfernungen nach von der NATO vorgegebenen Zeiten (Notice to move) in einem Einsatzraum au- ßerhalb Deutschlands wirksam zu werden, ihre logistische Unterstützbarkeit und ihre Durchhaltefähigkeit unter Gefechtsbedin- gungen. Der Beitrag der Landstreitkräfte wurde im Fähigkeitsprofil strukturell und nicht fähig- keitsorientiert vorgegeben. Der erste Auf- schlag ist also ein mehr quantitativer als ein qualitativer, bei dem es darum geht, die Großverbände schnell aufgabenorientiert auszurüsten und einen Modernisierungs- stau abzubauen, um Operationen verbun- dener Kräfte wieder zu ermöglichen. Kurz gesagt: Es geht darum, sich von der blan- ken Kosteneffizienz wegzubewegen hin zu einer Wirksamkeit militärischer Kräfte, die geeignet ist, auch in Zeiten einer anstehen- den Rezession und steigenderSpannungen die Interessen und die Sicherheit der Bun- desrepublik zu wahren. Kohäsive, effektive Strukturen betreffen die Landstreitkräfte als Ganzes. Das Fähig- keitsprofil spricht hier von Systemverbün- den. Der Systemverbund Land umfasst neben den Großverbänden des Heeres sämtliche für einen Einsatz erforderlichen Unterstützungselemente anderer Organi- sationsbereiche. Bisherige Leistungen des Fähigkeitsprofils Die Logik des Fähigkeitsprofils der Bun- deswehr hat in den vergangenen Jahren wesentlich dazu beigetragen, den Para- digmenwechsel der „Neuausrichtung" hin zur Gleichrangigkeit von Internationalem Der „Plan Heer", eine strategische Kommunikationshilfe Krisenmanagement und der Landes- und Bündnisverteidigung zu fördern. Sie be- stimmte Rationale und Zielgrößen der ein- geleiteten Trendwenden. Das Kerngeschäft von Landstreitkräften - die klassische Ge- fechtsführung mit militärischen Operatio- nen von Großverbänden - ist wieder mehr in den Vordergrund gerückt. Als Kategorien zur Bemessung der Ein- satzbereitschaft sind wieder ausformuliert: die Reaktionsfähigkeit, die Befüllung mit Personal und sein Ausbildungsstand, der Ausstattungsgrad, die logistische Reich- weite (insbesondere Munition), die inter- operable Führungsfähigkeit sowie das Schließen von Fähigkeitslücken u.a. in den Bereichen Flugabwehr, Joint Fi res sowie das Hemmen und Fördern von Bewegungen (Brücken- und Minenverlegefähigkeit). Mit dem Ziel, den langen Weg hin zur Wirk- samkeit im Gefecht schnell zu beschreiten, wurde das dynamische Verfügbarkeitsma- nagement, Artefakt der bisher verfolgten Effizienzstrategie, als Prinzip für den Erhalt der Ausbildungs- und Übungsbefähigung des Heeres ad acta gelegt - auch wenn derzeit noch viele seine Werkzeuge weiter genutzt werden müssen, um materielles Fehl zu kompensieren. Die Revitalisierung aufgegebener Fähigkeiten wurde initiiert: Die qualifizierte Fliegerabwehr wird den Großverbänden Möglichkeiten eröffnen, unmittelbare Bedrohung aus der Luft durch Klein- und Kleinstdrohnen abzuwehren. Das ist sicherlich ein Anfang, auf dem dann weiter mit technologisch höherwertigeren Lösungen aufgebaut werden kann. Glei- ches gilt für die Reaktivierung von Material aus Altbeständen, wie der Minenverieger, der den Verbänden des Heeres zunächst im kleinen Rahmen schnell eine gewisse Entlastung beim Fehl von Sperrfähigkeiten bietet, bevor das zukünftige Sperrsystem moderne technologische Lösungen er- möglicht. Darüber hinaus zeigt das Fähigkeitsprofil mit aller Deutlichkeit den Rüstungsbedarf auf, der erforderlich ist, um das Heer, die Landstreitkräfte, tatsächlich in die Lage zu versetzen, ihren Kernauftrag zu erfüllen. Dieser anerkannte Bedarf des Heeres ist im ministeriell gebilligten „Vorhabenplan Heer" hinterlegt. „Plan Heer" Der „Plan Heer" beschreibt in emgängli- cher Art und Weise ein schrittweises und gleichzeitig paralleles Vorgehen des Heeres zum Erreichen des ihm ins Auftragsbuch geschriebenen Fähigkeitsprofils. Zudem dient er als strategische Kommunikations- hilfe. Er verbindet die quantitative mit der qualitativen Komponente der Weiterent- wicklung des Heeres. Der obere „Angriffs- pfeil" stellt den schrittweisen Aufwuchs einer von der NATO bis zum Jahr 2027 angezeigten mechanisierten Division dar. Diese Division wird weitestgehend über heute bereits vorhandene Fähigkeiten und bekanntes Material verfügen, aber sie wird der Eckpfeiler sein, mit dem mittelfristig reaktionsfähige Großverbände für die NA- TO-Speerspitze (VJTF) und NRF verfügbar gehalten werden. Der untere „Angriffspfeil" weist den Weg zu den beiden Folgedivisionen, die in Zu- kunft bereits vorhandene, aber von den deutschen Streitkräften noch unerschlos- sene Technologien integrativ nutzen sollen. Besonders diese kohäsiven Großverbände müssen so gedacht werden, dass sie auch 12 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
TRAKKER - EURO 6 FLEXIBILITÄT KENNT KEINE GRENZEN ^ltiöWln^tTSA*febfR-e ’ (Schutz gegen Ballistik-, Minen- &l ED-Bedrohung) -^7 LEISTUNG 7-Höc h m o d epne Cujspj^Hbtofe n" f <w\vo 11 u rfifarrgl (je h?s i ng^fu el - ^‘.kainpatibel rfach NÄtö- * - Vergaben f v * DESIGN^ Überzeugende Synergien aus eOTS;ünd ßÖTSfür^ minimale TÄXLCeZl1' r« fc _ * —« _» “k. ' -‘ VIELFALT Vollständige Fahrzeugfamille ^als Chassis oder SZM vom 4x4 bis zum 8x8 I ' ’ "W G PERFORMANCE Maximale Traktion und einfache Bedienung/ADM / EBS / 1,20 m Wattiefe I EUROTRONIC-2 Mit einem vollständigen Bauprogramm für logistische, taktische, geschützte Rad- und Panzerfahrzeuge liefert Iveco Defence Vehicles einzigartige innovative & hochmobile Plattformen für Anforderungen militärischer Nutzer weltweit. FLEXIBILITÄT, SCHUTZ UND MOBILITÄT - OHNE KOMPROMISSE. IVECO DEFENCE VEHICLES Iveco Magirus AG - Militär’und Sonderfahrzeuge / Nicolaus-Otto-Straße 27 / D-89079 Ulm I TeL+49 731 -408 4409 / wwwjvecodefencevehicles.com
Foto: B u n d eswe h r/D o ro vv Durchsetzungsfähige Abschreckungswirkung für die NA TO in zukünftigen Konfliktszenarien der poli- tischen Leitung sowohl in der Bündnisver- teidigung als auch in Stabilisierungsopera- tionen vielfältige neue Optionen eröffnen. Doch welche Fähigkeiten werden benö- tigt? Maßstab für die Beantwortung dieser Kernfrage ist die Potenziale nalyse unse- rer möglichen Gegner. Deren zukünftige Operations- und Kampfweise, deren heute bereits vorhandenen und in die Zukunft extrapolierten Fähigkeiten, Vorgaben des Bündnisses sowie unsere eigenen Vorstel- lungen zu zukünftigen Operationen von Landstreitreitkräften sind dafür entschei- dend. Fazit: Beides, „Quantität und Quali- tät", „Effizienz und Effektivität" sind in den Zukunftsdivisionen zu optimieren. Folgerungen für das Modul- system des Fähigkeitsprofils Die politische und militärische Fokussie- rung auf Auslandsemsätze bei Haushalts- mittelknappheit machte in den 2000er Jahren das industrielle Outsourcing der Vordekade, Modularisierung der Großver- bände bei gleichzeitiger Zentralisierung der Unterstützungskräfte sinnvoll. Der Nachteil dieses Organisationsprinzips ist das Ma- nagement der systemimmanent zahlrei- chen Schnittstellen. Dieses ist bei planba- rer, kontinuierlicher Leistungserbringung - typisch z.B. für den Afghanistaneinsatz - handhabbar. Unter Unsicherheit und bei Zeitdruck im komplexen Umfeld und ho- hen Anforderungen an Reaktionsfähigkeit und Schnelligkeit sind die Nachteile dieses Organisationsprinzips augenfällig. Die gleichrangige Befähigung der Streit- kräfte für das Internationale Krisenma- nagement und die Bündnisverteidigung wird deshalb neue Lösungen und langfris- tige Entwicklungslinien erfordern, die es zu entwerfen und zu diskutieren gilt. Während das Internationale Krisenmanagement auf Grundlage des heutigen Organisationsprin- zips gut weitergeführt werden kann, er- fordert die neue Welt ad-hoc einsatz- und kampfbereit verfügbare Großverbände (9 bis 180 Tagen Notice-to-move), die organisch über alle Fähigkeiten verfügen, schnell über große Entfernungen zu verlegen und sofort ohne vorherige Kräftegenerierung einsatz- wirksam werden können. Das Prinzip „Train as you fight" wird mit Blick auf Landes- und Bündnisverteidigung mit dem Prinzip „Orga- nize as you want to operate" ergänzt. Zusage: Angemessener deutscher Beitrag in der NATO Die NATO erwartet - basierend auf seit 2016 regelmäßig wiederholten deutschen Zusagen auf politischer Ebene - einen angemessenen Beitrag Deutschlands an glaubwürdiger kollektiver Verteidigung. Mit seiner geografischen Lage und seiner wirtschaftlichen Stellung kann die kon- tinentale Mittelmacht Deutschland mit militärisch relevanten Großverbänden der Landstreitkräfte, welche andere Partner insbesondere in der Anfangsphase eines Bündnisfalles entlang der ostwärtigen Grenze des Bündnisgebietes entlasten kön- nen, Substanz zeigen. Zusammen mit ei- ner effektiv funktionierenden logistischen Drehscheibe in der Mitte Europas wird Deutschland dann zum Main Contributor für einen potenziellen Bündnisfall an der Ostflanke der NATO. Wie uns die leider ge- rade abgebrochene US-Großübung „Euro- pean Defender 2020" wieder gezeigt hat: US-Verstärkungen für Luft- und Seeope- rationen im euro-atlantischen Raum sind deutlich schneller verfügbar als US-Land- streitkräfte. Diese zeitliche Lücke müssen die europäischen NATO-Partner mit eige- nen Landbeiträgen schließen. Je mehr Optionen deutsche Landstreitkräf- te ihrer politischen Leitung ermöglichen, umso entscheidender können sie dazu bei- tragen, die erforderliche Abschreckungs- wirkung an den ostwärtigen Außengren- zen des Bündnisses zu erzielen und desto wertvoller ist der Beitrag Deutschlands für das Bündnis - auch mit Blick auf dessen Zusammenhalt. Division 2027 Jenseits der NATO-Speerspitze (VJTF) 2023 ist die Division 2027 der nächste Pla- nungsschritt. Werden die im ministeriellen „Vorhabenplan Heer" für die Division vor- gesehenen Rüstungsvorhaben umgesetzt -finanziell vergleichsweise bescheiden und aus jeglichem Blickwinkel heraus effektiv - können wir diese Zusagen gegenüber der NATO einhalten und einen Beitrag von hohem militärischem Wert für das Bündnis leisten. Die Division 2027, sowie angedacht und geplant, eingebettet in eine noch aus- zuplanende Korpsebene, verspricht in der Tat mit ihrer Realisierung eine signifikante Verbesserung der europäischen Kampf- kraft auf dem Kontinent. Sie bildet damit für die Landstreitkräfte den Stützpfeiler, den die Anlehnungsnation Deutschland unseren europäischen Partnern in der ge- samten Bandbreite von „tiefer Integration" (wie mit unserem niederländischen Partner) bis hin zu Ausbildungs-, Llbungs- und Aus- rüstungsunterstützung (z.B. mit Polen, Li- tauen, Tschechischer Republik und Ungarn) anbietet. In diesem Sinne ist die planerische Umsetzung der Division 2027 in ihrer Rea- lisierung auch aus der Perspektive unserer europäischen Partner ein Lackmustest. Da- rüber hinaus ist sie nach heutigen Maßstä- ben „The best bang for the buck" und ein In- vestment mit hohem Deckungsbeitrag zu den gegenüber der NATO gemachten Zusagen. Das Heer im kommenden Fähigkeitsprofil Die Bündnisverteidigung mit Phasen ei- nes hoch intensiven Gefechts gegen einen technologisch gleichwertigen und teilweise höher befähigten Gegner an den Grenzen unseres Bündnisgebiets ist jetzt planungs- leitend. Der Nachholbedarf - natürliches Resultat einer exklusiven Konzentration auf Internationales Krisenmanagement - ist enorm und damit auch die Herausfor- derungen, vor denen das Deutsche Heer steht. Im Bereich der materiellen Ausstat- tung, um an dieser Stelle eine große Her- ausforderung herauszustellen, wird es das Management paralleler Modernisierungs- und Beschaffungsmaßnahmen sein. Die Lebenszyklen von manchem Großgerät sind bereits weit fortgeschritten, während die jeweiligen Nachfolgesysteme ihre volle Einsatzreife noch nicht erreicht haben. Zukünftig erscheint der Neu- und Hinzu- kauf von Waffensystemen anstatt ihrer Modernisierung wohl wieder der richtige- 14 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
TITELSTORY re Weg. Die zahlenmäßige Erhöhung des Großgeräts wird bei komplexen Systemen die Verfügbarkeit der Plattformen in der Truppe für Ausbildung und Übung erhöhen. Personalobergrenzen Das Heer sieht vor, durch die Umstrukturie- rung der Ausbildung Personal umzusteuern, das die im Rahmen der Struktur HEER2011 bewusst unterdimensionierte Logistik und Führungsfähigkeit verstärkt. Damit wird der im Rahmen der Trendwende Personal begonnene Weg fortgesetzt. Potenzielle personaleffiziente Innovationsgewinne hat das Heer bereits eingepreist. Das Heer wird die ihm vorgegebene Personalobergrenze von 60.775 aktiven Dienstposten (+20.000 Reservisten) mit maximaler Effektivität nut- zen. Defizite werden ausschließlich durch Binnenoptimierung ausgeglichen, denn wir haben, was wir brauchen, und wir werden können, was wir müssen. Weiterentwicklung des Kriegsbildes Während der Weg zur Division 2027 klar beschrieben ist, bedürfen weitere Arbeits- schritte im Fähigkeitsprofil für die Zeit nach 2027 der Schärfung und Präzisierung. Der „Vorhabenplan Heer" steht und zeigt den quantitativen Weg. Er umfasst auch schon Teile des südlichen „Angriffspfeils" des „Plan Heer". Das Heer muss nun auch die qualitativen Forderungen identifizieren, welche ab 2032 anzugehen sind, wenn wir im Kampf gegen einen mindestens gleich- wertigen Gegner bestehen wollen. Dazu arbeitet das Heer an operativen Leitlinien für Landstreitkräfte, die stärker als bisher be- kannte gegnerische Operationsweisen und das zukünftige Kriegsbild berücksichtigen. Das wird helfen, Fähigkeitsentwicklung am tatsächlichen operativen Bedarf, an einer klaren operativen Gesamtidee aus- zurichten. Die zielgerichtete Doktrinent- wicklung soll zukunftsfeste Schwerpunkte setzen. Dies gebietet allein der begrenzte Haushalt. Teile dieser Vorstellung sollen hier nur grob umrissen werden: Die Digitalisierung Land- basierter Operationen (D-LBO) wird uns ermöglichen, die Gefechtsstände zu ver- kleinern, Entscheidungszyklen zu beschleu- nigen, den Sensor-to-Shooter-Ansatz umzusetzen, Aufklärungs- und Wirkungs- reichweiten zu erhöhen und insgesamt die Interoperabilität mit Partnern zu stärken. Wir generieren insgesamt mobilere und schnellere Kräfte, die zu mehr als dem klassischen Manoeuvre Warfare befähigt sind und damit der Politik weitere Optionen eröffnen. Fazit Die Realisierung des „Plan Heer" bei gleichzeitig laufenden Einsätzen, einsatz- gleichen Verpflichtungen und praxisnaher Ausbildung bzw. Übung ist mit Blick auf 2023 und 2027 machbar, wenn der minis- terielle „Vorhabenplan Heer" umgesetzt und mit Ressourcen hinterlegt wird. Es gibt keine Atempause für den laufenden Betrieb. Die Realisierung der Division 2027 ist jen- seits der NATO-Speerspitze 2023 das vor- dringliche Ziel und generiert für die NATO einen hohen Wert. Die Umsetzung der ge- planten Maßnahmen, z.B. im Rahmen der ersten Digitalisierungsschritte, ist auch zu Zeiten nach COVID-19 erforderlich, um den enteilenden Potenzialen möglicher Gegner gerecht zu werden und die Kohäsion im Bündnis zu erhalten. Für die Zeit nach 2027 bleibt noch etwas mehr Zeit zum Überlegen. Das Heer wird diese Überlegungen aktiv begleiten und mitgestalten. Kommunikationssysteme, C4l-Komponenten, Softwarelösungen — modular, skalierbar, querschnittlich Die ATM ComputerSysteme GmbH unterstützt als erfahrenes Systemhaus lückenlos den Life Cycle Ihres Technologieprojekts — zuverlässig, nachhaltig, effizient. | www.atm-computer.de | ADVANCED TECHNOLOGY FOR MILITARY-FORCES ATM ComputerSysteme GmbH I +49 7531 808-3 I info@atm-compiJter.de ÄT7I/I Tec-Knowledge
Marketing-Report: ATM ComputerSysteme GmbH Information und Kommunikation aus einer Hand Entscheidend für das optimale Lagebild ist die Verfügbarkeit von Informationen über alle Subsysteme und den eingesetzten Ge- fechtsverband hinweg. Als IT-Systemhaus setzt die ATM mit ihren Systemlösungen hier an, Die ATM vernetzt Kommunikationsteil- nehmer und taktische Anwendungen auf der einen sowie Sensoren und Subsysteme auf der anderen Seite. Zentraler Informationsknoten Innerhalb von Fahrzeugen übernimmt der ATM CENTURION i7 Fahrzeugserver diese Aufgabe. Als zentraler Knoten im Netzwerk empfängt, verwertet und ver- breitet der CENTURION i7 die Informa- tionen aus verschiedenen Quellen. Das Verschmelzen aller Informationen auf einer einheitlichen Softwareoberfläche Die ATM entwickelt Display- und Panel-PC-Systeme sowie Systembedienge- räte in den Größen 7" - 77", die auch SIL gemäß DIN EN 61508 einhalten. und Darstellung auf der ATM Vista Master Panel-PC und Displayfamilie oder dem PALLADION Panel-PC erhöht die Situati- onal Awareness. Da die Geräte der VistaMaster- und PALLADION-Serie an den jeweiligen Ar- beitsplatz anpassbar sind, eignen sich diese für unterschiedliche Aufgaben: • als reines Display, Tochterdisplay und Heckdisplay; • als Display mit Terminalfunktion, • als zentrales Bedien- und Anzeigegerät. Der CENTURION i7 ist ein leistungsfähiger Computer für Landkampffahrzeuge. Resistiver Singletouch oder kapazitiver Multitouch unterstützen den Soldaten bei der Bedienung des Touchscreens. Sind po- tenziell sicherheitskritische Einrichtungen betroffen, wendet die ATM die funktionale Sicherheit nach DIN EN 61508 und erfüllt das Sicherheitsintegritätslevel (SIL) an. Zentraler Kommunikationsknoten Um die Informationsüberlegenheit zu er- langen, vernetzt der ATM KommServer alle Einheiten und Befehlsstände im Kom- munikationsverbund. Als zentrale Intelli- genz bindet der KommServer bestehende wie zukünftige heterogene, schmal- und breitbandige Funk- und Drahtnetze an, Damit macht der KommServer die kom- munikationstechnische Infrastruktur erst verfügbar. Für die vernetzte Operations- führung erweist sich der Taktische Service Provider als Backbone der taktischen Kommunikation. Der Taktische Service Provider der ATM wickelt den interoperablen Austausch von Informationen von Anwender zu Anwen- der ab. Als Kernelement sm Kommunika- tionsverbund errichtet er ein selbstorgani- sierendes, mobiles Ad-hoc-Netzwerk. In dieses integriert er alle Übertragungsmittel in einem einheitlichen und grundsätzlich IP-fähigen Netz. Der Taktische Service Provider und der KommServer als Hardwarebasis erlauben das Adaptieren zukünftiger Kommunikati- onsmedien und Softwarefunktionalitäten. Aufrechterhalten der Funktionen Mit ihren Life Cycle Softwarelösungen trägt die ATM zur Materialerhaltung während und nach dem Einsatz bei. Einfache und intuitiv bedienbare Tools unterstützen bei Diagnose und Wartung in den Bereichen • Funktionsüberwachung während des Einsatzes; • Installation, Konfiguration und Sicherung durch die Administratoren, • Wartung, Fehlerlokalisierung und Funkti- onsprüfung durch die tnstandsetzer. Systemlösungen für uneingeschränkten Betrieb Als informationstechnische Schnittstelle zwischen Fahrzeug, Bediener und exter- nen Kommunikationsteilnehmern, ga- rantieren die IT-Systeme und Life Cycle Lösungen der ATM unbeschränkten Be- trieb in allen Situationen.
IM FOKUS: CORONA Corona-Apps und die Freiheitsrechte Dorothee Frank Im Kampf gegen Corona sind aktuell zwei Apps in der Diskussion. Beide wollen die privaten Daten der Nutzer von ihren Handys oder Fitnesstrackern nutzen. Sie setzen also auf modernste Technologien gegen die Krankheit. Allerdings ist diese Datenerhebung umstritten. Das Bedenken ist, dass sie Voraussetzungen und Präzedenzfälle für einen Überwachungsstaat schafft. Untersucht man die einzelnen Apps auf die Daten, die erhoben wer- den, und die Methoden, wie dies geschieht, dann ergeben sich deutliche Unterschiede in Bezug auf die Verfolg- barkeit des Bürgers. Corona-Warn-App Mitte Juni soll die Corona-Wam-App der Bundesregierung in die Stores kom- men. Md dieser App sollen Warnungen an Menschen geschickt werden, wenn diese Kontakt mit einem Infizierten hatten. Als Vorbild diente die TraceTo- gether-App, die das singapurische Ge- sundheitsministerium herausgab. Diese App nutzt Bluetooth, um zu ermitteln, welche Personen sich über mindestens 30 Minuten in einem Radius von zwei Metern aufgehalten haben. Die Daten werden auf dem jeweiligen Smartphone über 21 Tage lang gespeichert. Soweit bisher bekannt, soll die App der Bundesregierung einem Beispiel wie diesem folgen: Hubert H. fährt mit der Bahn zum Supermarkt, kauft dort ein, Fast jeder Bürger verfügt mittlerweile über ein Smartphone und hat die- ses auch ständig dabei; mit den Handydaten lässt sich also der Standort fast jedes Deutschen bestimmen Dr. Jan-Marco Luczak, MdB, rechts- und verbraucherpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag: I „ich halte ein Corona-App für sinnvoll -je schneller wir Kontaktketten nachvoll- ! ; ziehen und unterbrechen können, desto besser können wir die weitere Ausbrei- : tung des Corona Virus verhindern. Nur wenn uns das gelingt, können wir die • • bestehenden Beschränkungen, die tief in die persönlichen Freiheiten der Men- • : sehen eingreifen, weiter lockern und die Wirtschaft wieder ans Laufen bringen. : • Die geplante Corona-App muss und wird dabei ganz auf Freiwilligkeit setzen. : • Niemand soll gezwungen werden, die App herunterzuladen, und niemand • wird zwangsweise lokalisiert oder identifiziert. Gleichzeitig muss die fertige • 1 App höchste technische Anforderungen an den Datenschutz erfüllen. Es muss : • sichergestellt sein, dass im Falle einer Infektion die Kontaktpersonen eines Infi- • • zierten gewarnt werden, ohne dass Identitäten bekannt oder persönliche Daten • : ausgetauscht werden. Unter diesen Voraussetzungen wäre eine Corona-App : aus meiner Sicht verfassungsrechtlich unproblematisch. Wenn überhaupt, wäre : • ein Grundrechtseingriff sehr mittelbar und milde und vor dem Hintergrund des • ; überragenden Ziels des Gesundheitsschutzes jedenfalls gerechtfertigt." • isst danach am Imbiss eine Bratwurst, bevor er wieder mit der Bahn (und den Einkäufen) nach Hause fährt. Eine Wo- che später muss sich Hubert H. testen lassen, weil in der Schule seines Sohnes ein Corona-Fall aufgetreten ist. Der Test fällt für alle Familienmitglieder positiv aus. Hubert H. öffnet also die Coro- na-Warn-App und setzt seinen Status auf „Infiziert". Dieses idealisierte Szenario setzt voraus, dass alle Deutschen immer ein Smart- phone mitführen. Zudem müssen sie die App der Bundesregierung herunterge- laden haben. Die Meldung von Hubert H. geht also zu den Servern und infor- miert alle Personen, zu denen Hubert H. in den letzten Tagen seit der möglichen Infektion Kontakt hatte. Deren Coro- na-Warn-App-Pseudonyme waren auf dem Handy von Hubert H gespeichert. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 17
IM FOKUS: CORONA Der Pendler in der Bahn, die Verkäuferin und Käufer im Supermarkt, der mbiss- budenkoch ebenso wie die Imbissbu- dengäste - jeder erhält die Warnung in seine App, dass er Kontakt mit einem Infizierten hatte, sich also testen lassen soll. Das Erkennen der Kontakte soll - nach aktuellem Wissensstand - mit Bluetooth geschehen. Demnach verbinden sich die Apps automatisch mit anderen App- Usern in der Umgebung und tauschen das Nutzerpseudonym aus. Diese ge- sammelten Nutzerpseudonyme werden auf dem Smartphone gespeichert und erst an den Server übermittelt, wenn ei- ne Warnung rausgeht. Der Nutzer muss hierfür allerdings durchgehend die App im Standby hal- ten. Zudem sucht die App ständig nach Screenshot: Dorothee Frank ill V*1 <r 11 43 Donnerstag. 14. Feix ✓ S: -i; mc Mi ril - c- CM W MliEfi IN HEWFMOUrNZZÖNFN 0 Mln CMIn 15 Std. SOMin Herzfrequenz während einer Erkältung mit Fieber möglichen Verbindungen, was den Stromverbrauch doch deutlich in die Höhe treiben dürfte. Wie sehr sich die Akkulaufzeit dadurch reduziert, bleibt abzuwarten. Ebenso bleibt abzuwarten, wie viele Nutzer diese App überhaupt installieren. Wie ist das mit dem Schutz der Privat- sphäre in Einklang zu bringen? Bluetoo- th muss ständig offen sein. Der notwen- dige Aufbau der App mit dem durch- gehenden Datenaustausch zwischen Handys schränkt zudem die Sicherheit deutlich ein. Wenn dann die Warnung verschickt wird, lässt sich leicht ermit- teln, wer mit wem zusammentraf. Das kann auch in anderen Bereichen genutzt werden. Eine Terrorzelle, deren Mitglieder noch nicht zweifelsfrei fest- gestellt wurden, könnten enttarnt wer- den. Ermittlungsbehörden könnten eine Warnung über die App auf ein Terroris- tenhandy schicken und dann prüfen, wel- che verdächtigen Personen sich für einen Corona-Test melden. Datenspende des RKI Deutlich harmloser ist die App „Daten- spende" des Robert Koch-Instituts (RKI). Diese sammelt zwar sehr viele verschie- dene Daten, bringt sie aber nicht in di- rekten Zusammenhang mit dem Bürger oder seinem Standort. Der Grund für die App ist eine Studie der Wissenschaftler Jennifer M. Radin, Nathan E. Wineinger, Eric J. Topol und Steven R. Steinhubl. In dieser Studie wurden Sensordaten vom 1. März 2016 bis zum 1. März 2018 von 200.000 Fitbit-Nutzern aus den US-Bun- desstaaten Illinois, Kalifornien, New York, Pennsylvania und Texas unter- sucht. Hintergrund ist die Tatsache, dass bei einer Krankheit die Aktivität sinkt und die Schlafdauer steigt. Bei Fieber steigt zudem die Ruhe-Herzfrequenz. „Wir verglichen die Sensordaten mit den wöchentlichen Schätzungen der ILI-Ra- ten (InfIuenza-like lllness) auf Bundes- staatsebene, wie sie von den US-Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention | (CDC) berichtet wurden, indem wir jene 8 Wochen ermittelten, in denen Fitbit-Be- g nutzer erhöhte Ruhe-Herzfrequenzen 2 und erhöhte Schlafwerte aufwiesen", I beschreiben die Autoren der Studie ihr g Vorgehen. „Wir identifizierten 47.249 Anwender in den fünf führenden Staa- ten, die während des Studienzeitraums durchgehend eine Fitbit trugen, darun- ter über 133 Millionen Daten mit einer Gesamt-Ruhe-Herzfrequenz und Schlaf- messungen. Wir fanden heraus, dass die Fitbit-Daten die ILI-Vorhersagen in allen fünf Staaten signifikant verbesserten ... Wöchentliche Veränderungen des An- teils der Fitbit-Benutzer mit abnorma- len Daten waren in den meisten Fällen mit wöchentlichen Veränderungen der ILl-Raten verbunden." Dementsprechend nennen die Auto- ren der Studie als Resultat: „Aktivitäts- und physiologische Tracker werden in den USA und weltweit zunehmend zur Überwachung der individuellen Gesund- heit eingesetzt. Durch den Zugriff auf diese Daten könnte es möglich sein, die Echtzeit- und geografisch verfeinerte Influenza-Überwachung zu verbessern. Diese Informationen könnten von ent- scheidender Bedeutung sein, um bei Ausbrüchen rechtzeitig Maßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Über- tragung von Influenza-Fällen ergreifen zu können." Die Ergebnisse dieser Studie wurden am 16. Januar 2020 veröffentlicht und ließen bei den Wissenschaftlern des Ro- bert Koch-Instituts die Idee entstehen, diese interessanten Erkenntnisse zur Ermittlung der Corona-Verbreitung in Deutschland zu nutzen. Bei den erfass- ten Daten hielten sie sich eng an jene, die schon von der Studie ausgewertet wurden. Einmalig muss der Nutzer bei der Datenspende-App sein Geschlecht, Alter, Größe, Gewicht und die Post- leitzahl angeben. Danach ist das Nut- zer-Pseudonym einer Postleitzahl zuge- ordnet, weitere Standortdaten werden nicht erhoben. Auf aktueller Basis ruft die App Daten zum Aktivitätsniveau, Schlaf, Puls bzw. Herzfrequenz und die Körpertemperatur ab, soweit die Tracker diese Daten ermitteln. Damit ist deutlich, dass sich diese App wenig für die Überwachung der Bürger eignet. Sie wurde auf medizinisch-wis- senschaftlicher Basis erstellt und kann höchstens erkennen, wenn in einem Postleitzahlgebiet plötzlich mehr Nutzer viel länger schlafen und sich weniger bewegen als sonst. Kommt bei diesen 1&1 1?:4B • _ A ä ** i 16 i' r7 k-.Ztl Y't - | [ L7 J il* konren Ihrer □jten uöwicj thr Profil ufcwr NVrnucbfr hnk\ in Vih*’ n unri yf fwji ten Diese spartanische Oberfläche ist alles, was der Nutzer der Daten- spende-App des RKI normalerwei- se sieht 18 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
IM FOKUS: CORONA Nutzern noch eine höhere Ruhe-Herz- frequenz hinzu, spricht einiges für Co- rona. Etwa 100.000 Menschen wären notwendig, um die notwendige Abde- ckung Deutschlands zu erreichen. Nach nur 14 Tagen waren bereits 400.000 Datenspender beim Robert Koch-Insti- tut registriert. Dieses überraschend gute Ergebnis führte vorübergehend zu Pro- blemen mit den Servern. Diese konnten allerdings mittlerweile behoben werden. Als Quelle der Daten dienen die Apps der Fitnesstracker-Anbieter Fitbit, Gar- min (beides USA), Polar (Finnland) und Withings (Frankreich) oder die He- ; Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, • Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD: „Ohne eine Contact-Tracing-App, ohne ausreichend Masken und ohne Mas- • sentests ist eine baldige Rückkehr zu einem halbwegs normalen Leben kaum ! vorstellbar. Die App wird besonders dringend gebraucht. Entscheidend sind ; hier Vertrauenswürdigkeit und Freiwilligkeit bei der Installation und Nutzung • der App. Der nachweisbare Schutz der Privatsphäre durch Datensparsam- • keit und Anonymität muss gewährleistet sein. Auch dürften nur die für den ! Zweck der Anwendung unbedingt notwendigen Daten gespeichert werden, : also keine Daten zur Identifikation oder Ortung von Personen. Es muss sich ; zeigen, ob die bereits angekündigten Apps diesen Anforderungen gerecht * werden können." alth-Apps AppleHealth und GoogleFit (beides USA). Selbst wenn die App sich in der Vorher- sage von Corona nicht bewähren sollte, wäre es eine wichtige medizinische Stu- die zur Nutzung von Fitnesstrackern bei Krankheitsgeschehen, die aufgrund der Datenvielfalt und des Testes während Corona sicherlich noch größere wissen- schaftliche Beachtung finden wird als die im Januar präsentierte Studie. Dr. Jürgen Martens, rechtspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion: „Tracing-Apps können ein nützlicher Baustein zur Bekämpfung des Coronavirus sein. Sie ermöglichen, dass sich Burger selbständig informieren und entspre- chende Vorsichtsmaßnahmen ergreifen können. Klar ist jedoch auch, dass ein solcher Ansatz, der mit der Erfassung umfassender Standort- und Bewegungs- daten verbunden ist, Grundrechte wahren muss. Die Nutzung der App darf daher nicht verpflichtend sein. Ferner müssen wir uns die Frage stellen, wie wir die Daten speichern und nutzbar machen. Ein dezentraler Ansatz, der auf der Speicherung der jeweiligen - anonymisierten - Kontakt-IDs auf dem eigenen Smartphone beruht, bietet einen ausreichenden Gesundheitsschutz und beugt zugleich der Gefahr von Hacking oder Datenmissbrauch, der der zentralen Speicherung immanent ist, vor. Drittens müssen wir gewährleisten, dass das Verfahren der App-Entwicklung transparent ist, das schließt die kommerziellen Interessen der beteiligten Unternehmen sowie die Offenlegung des zugrun- deliegenden Protokolls für Sicherheit und Schutz der Privatsphäre und den Programmcode ein." Freiheitsrechte Bei der Betrachtung der Auswirkungen der Apps auf die Privatsphäre der Bür- ger ist höchstens die App der Bundes- regierung kritisch zu sehen, da sie alle Kontakte aufzeichnet. Die vom RKI er- mittelten Daten sind hingegen nur für Mediziner interessant. Wie die Statements der Politiker zeigen, ist aber auch die Corona-Warn-App ver- glichen mit der aktuellen Situation eine deutliche Verbesserung. Schließlich wur- den die Freiheitsrechte bereits in einem Maß eingeschränkt, das für einen demo- kratischen Staat eigentlich undenkbar ist. Das wichtige Gut der Versammlungs- freiheit ist weg, die Demonstrations- freiheit verschwunden. Dem normalen Bürger mag die Öffnung der Kinderta- gesstätten wichtiger erscheinen. Aber die Versammlungsfreiheit wurde im Grundgesetz verankert, um eine po- litische Opposition zu ermöglichen. Im Grunde üben jene aktuell oft kopfschüt- telnd betrachteten Demonstranten, die Das Bundesverfassungsgericht machte deutlich, dass es nicht in Eilverfahren über die corona- bedingten Beschränkungen urteilen wird ohne Maske gegen den Lockdown de- monstrieren, auch nur ein von der Ver- fassung garantiertes Recht zur Opposi- tion aus. Als Grundlage der staatlichen Maßnah- men dient das Infektionsschutzgesetz vom 20. Juli 2000 (BGBl. S. 1045), das zuletzt durch Artikel 3 des Ge- setzes vom 27. März 2020 (BGBl. I S. 587) geändert worden ist. § 28 behan- delt die Schutzmaßnahmen: „Werden Kranke, Krankheitsverdächtige, Anste- ckungsverdächtige oder Ausscheider festgestellt oder ergibt sich, dass ein Verstorbener krank, krankheitsverdäch- tig oder Ausscheider war, so trifft die zuständige Behörde die notwendigen Schutzmaßnahmen, insbesondere die in den §§ 29 bis 31 genannten, soweit und solange es zur Verhinderung der Verbreitung übertragbarer Krankheiten erforderlich ist; sie kann insbesondere Personen verpflichten, den Ort, an dem sie sich befinden, nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu verlas- sen oder von ihr bestimmte Orte oder öffentliche Orte nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu betreten. Unter den Voraussetzungen von Satz 1 kann die zuständige Behörde Veranstal- tungen oder sonstige Ansammlungen von Menschen beschränken oder ver- bieten und Badeanstalten oder in § 33 Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 19
IM FOKUS: CORONA Deutschland kam noch relativ glimpflich durch die Pandemie, was die Einschränkung der Grundrechte deutlicher spürbar macht.; hier über- nimmt medizinisches Personal Corona-Patienten aus Italien für den 115, 25 <44 f.>), müssen die - durch die Untersagung des Betriebs für den Publikumsverkehr allerdings schwerwie- gend beeinträchtigte - Berufsfreiheit und die wirtschaftlichen Interessen der Betreiber von Fitnessstudios derzeit zu- rücktreten." Die Richter betonten allerdings in der Be- gründung: „Die Verfassungsbeschwer- de ist, jedenfalls soweit die angegriffene Regelung die Beschwerdeführerin selbst betrifft, zumindest nicht von vornher- ein unzulässig oder offensichtlich unbe- gründet. Dies bedarf einer eingehenden Prüfung, die im Rahmen eines Eilver- fahrens nicht möglich ist." Hier macht das Verfassungsgericht deutlich, dass es solche weitreichenden Entscheidungen nicht im Zuge der Eilverfahren fällen wird. Ähnlich erging das Urteil in einem wei- teren Eilverfahren, das ein Organisator einer Demonstration vor das Bundes- verfassungsgericht brachte. Hierbei ur- teilten die Richter: „Ausgehend davon ist der Erlass einer einstweiligen Anord- nung geboten, weil die Verbotsverfü- gung der Antragsgegnerin den Antrag- steller offensichtlich in seinem Grund- recht aus Art. 8 GG verletzt. Art. 8 Abs. 1 GG gewährleistet für alle Deutschen das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu Weitertransport in ein Bundeswehrkrankenhaus genannte Gemeinschaftseinrichtungen oder Teile davon schließen. Eine Heilbe- handlung darf nicht angeordnet wer- den. Die Grundrechte der Freiheit der Person (Artikel 2 Absatz 2 Satz 2 des Grundgesetzes), der Versammlungs- freiheit (Artikel 8 des Grundgesetzes), der Freizügigkeit (Artikel 11 Absatz 1 des Grundgesetzes) und der Unver- letzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Absatz 1 des Grundgesetzes) werden insoweit eingeschränkt." Diese Schutzmaßnahmen dürfen also im Grunde nur ergriffen werden, wenn „Kranke, Krankheitsverdächtige, Anste- ckungsverdächtige oder Ausscheider" festgestellt werden. Die deutschland- weite Anwendung dieses Paragrafen oh- ne konkrete örtliche Anlässe steht somit auf juristisch wackligen Füßen. Urteile des Bundesverfas- sungsgerichtes Bei einer Klage einer Fitnessstudio-Be- sitzerin gegen die Schließung ihres Stu- dios vor dem Bundesverfassungsgericht wurde der Antrag auf Erlass einer einst- weiligen Anordnung am 28. April 2020 abgelehnt. Die Richter begründeten dies wie folgt: „Gegenüber den somit bestehenden Gefahren für Leib und Le- V Friedrich Straetmanns, MdB, Justiziar der Fraktion DIE LINKE, im Bundestag: „Grundsätzlich stehen wir als Fraktion DIE LINKE Tracing-Apps kritisch ge- genüber. Doch besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen und deshalb halten wir unter gewissen Umständen die Nutzung einer solchen App für sinnvoll-den medizinischen Mehrwert einmal vorausgesetzt. Erstens muss die Nutzung auf Freiwilligkeit basieren und es darf auch keinen wie auch immer gearteten zwanglosen Zwang zur Nutzung geben. Zweitens muss stets die absolute Anonymität gewahrt bleiben und darf auch nicht über die Kombi- nation mit anderen Daten, etwa aus Videoüberwachung, ausgehebelt werden können, weshalb wir gegen eine Nutzung von Standortdaten sind. Drittens dürften die gesammelten Daten ausschließlich für den konkreten Zweck der Verhinderung der weiteten Verbreitung des Corona-Virus genutzt werden. Es muss beispielsweise ein klares Beweiserhebungs- und -Verwertungsverbot festgeschrieben werden. Die Erfüllung dieser Voraussetzungen muss von un- abhängiger Stelle überprüft werden." ben, vor denen zu schützen der Staat nach dem Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gemäß Art. 2 Abs. 2 GG auch verpflichtet ist (vgl. BVerfGE 77, 170 <214>; 85, 191 <212>; versammeln. Nach Art. 8 Abs. 2 GG kann dieses Recht für Versammlungen unter freiem Himmel durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden. Die Verordnung der Hessischen Landesregierung zur Bekämpfung des Corona-Virus enthält jedenfalls kein generelles Verbot von Versammlungen unter freiem Himmel für mehr als zwei nicht dem gleichen Hausstand angehöri- 20 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
ge Personen." Das Grundrecht bestünde weiterhin, nur dürfe es erst zu einem späteren Zeitpunkt als dem gewünsch- ten ausgeübt werden. Allerdings handelte es sich auch hierbei wieder um ein Eilverfahren. Eine tat- sächliche Klärung dürfte sich also erst durch spätere Verfahren ergeben, wenn die Corona-Pandemie wahrscheinlich bereits vorüber ist. Abschließende und in Ruhe gefällte Urteile des Bundesver- fassungsgerichtes sind dennoch wichtig, um den Rahmen für die Eingriffsmög- lichkeiten des Staates in die Grundrechte der Burger zu setzen. Einfallstor für den Überwachungsstaat Verglichen mit den bereits durchgesetz- ten Einschränkungen der Freiheitsrechte ist sogar die Corona-Warn-App der Bun- desregierung überaus harmlos. Sollte sie eine frühere Rückkehr zu den normalen Grundrechten ermöglichen, wäre sie sogar begrüßenswert. Dafür müsste sie aber Download-Zahlen erreichen, die aktuell wenig realistisch erscheinen. Die Datenspende-App des Robert Koch-Instituts ist hingegen schon jetzt ein Erfolg für die Wissenschaftler. Es bie- tet sich an, diese App auch nach Corona weiterhin Daten erheben zu lassen, um etwa die jährlichen Grippe-Verbreitun- gen zu untersuchen. Dies könnte wie- derum zu Erkenntnissen für die nächste Pandemie führen. Ebenso muss das Bun- desverfassungsgericht Erkenntnisse zu den Eingriffsmöglichkeiten des Staates bei einer Pandemie liefern. Schließlich könnte der Begriff Pandemie sonst zum Einfallstor für diktatorische Verordnun- gen werden. Im Infektionsschutzgesetz „§ 5 Epide- mische Lage von nationaler Tragweite" steht: „Der Deutsche Bundestag stellt eine epidemische Lage von nationaler Tragweite fest. Der Deutsche Bundestag hebt die Feststellung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite wieder auf, wenn die Voraussetzungen für ihre Feststellung nicht mehr vorliegen." Dies geht von einem demokratisch gewähl- ten Bundestag aus. Allerdings sollte gerade Deutschland wissen, dass auch Diktatoren demokratisch gewählt an die Macht kommen können. Die Väter des Grundgesetzes versuchten deshalb alle Schlupflöcher zu schließen. Das Wort „Pandemie" darf sich nicht zu einem solchen Schlupfloch entwickeln, um Bürger zu überwachen und Ver- sammlungen zu verbieten. Egal, ob mit Apps oder Polizisten. BUCHKoehler a a a . 4 - * > 4 4 • « f 4 4 V 9 P 4 « * * * * “ 4 • 4 4 4 « 4 * MINI DIE KLASSISCHEN VOLKSWAGEN AUTOMOBILE DER ZUKUNFT Koehler Koehie« AUTO - FOTOGRAFIE - GENUSS - GESCHICHTE HAMBURG * KALENOER KREUZFAHRT - KUNST - MUSIK - REISE - SCHIFFFAHRT - TECHNIK J L J LJ f I k - J> L J A 4 JL .L .k - J L J 1 E J LJ LJ LJ L4.4L.J&UI JJ & 4 & 4 L .L L J L . |isi^.J4L4kLXkJA J LJJ.L4 J SJ.LJ L & J L J Koehler koehler-books.de Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 21
IM FOKUS: CORONA Auswirkung der Corona-Krise auf Beschaffungen der Bundeswehr Gerhard Helming Die behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Auswirkung von Infektionen mit dem Corona-Virus haben weltweit zur Verlangsamung der Wirtschaftsprozesse bis zu - mindestens vorübergehend - teilweisen Produktionsausfällen geführt. Nach Wiederanläufen der Wirtschaft werden politische und ökonomische Einflüsse zu veränderten Strukturen führen. Nach langen Jahren der „Schwarzen Null“ sind aus den öffentli- chen Haushalten zahlreiche neue Anforderungen mit hoher Priorität zu finanzieren. Ab Mitte März 2020 wurden in zuneh- mendem Maße Kontaktverbote und Abstandsgebote sowie Betriebsver- bote eriassen, in deren Folge Unternehmen aller Größen und Branchen für mehrere Wo- chen ihre Produktion unterbrochen haben. In Behörden und Dienstleistungsunterneh- men nahm - u.a. durch Quarantänemaß- nahmen und überraschende Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice - die Geschäfts- tätigkeit stark ab. Aus der Corona-Krise können Auswirkungen auf Betrieb und Beschaffungen der Bundes- wehr in drei Bereichen entstehen: Finanzie- rung, Bearbeitung der Vorhaben sowie Pro- duktion und Lieferung von Geräten/Systemen. Finanzierung Der Schützenpanzer Puma gehört zu den Vorhaben, die über Verpflich- tungsermächtigungen langfristig Finanzmittel binden Der im März verordnete und in abgemii- derter Form immer noch andauernde Lock- down mit Betriebs- und Kontaktverboten führte unmittelbar zu Einnahmeausfällen in den öffentlichen Haushalten, insbesondere bei umsatzabhängigen Steuern, Einkommen- und Gewerbesteuern. Gleichzeitig sind die Ausgaben für gesetzlich geregelte Sozialaus- gaben stark angestiegen. Mit Nothilfen für Wirtschaftsbetriebe und Maßnahmen zur An- kurbelung der Wirtschaft ist neuer finanzieller Bedarf in beträchtlicher Höhe entstanden. Um die "olgen der Krise abzumildern, hat der Bundestag einen Nachtragshaushalt mit neuen Ausgaben in Höhe von vollständig kreditfinanzierten 122 Milliarden Euro und Einnahmeausfällen in Höhe von 33 Milli- arden Euro beschlossen, der seit 27. März 2020 in Kraft ist. Dabei sind die bisher mit dem Bundeshaushalt 2020 beschlossenen Ausgaben nicht angetastet worden. Haushalt 2021 Der Arbeitskreis Steuerschätzung beim Bun- desfinanzministerium hat am 14. Mai 2020 für den Bund Steuerausfälle in Höhe von 44 Milliarden Euro für 2020 vorhergesagt. Für 2021 und die Folgejahre belaufen sich die Einnahmeausfälle auf rund 30 Milliarden Euro jährlich. Damit stehen der Bundestag und die Bundesregierung vor der schwierigen Aufgabe, neue Maßnahmen in beträchtlichem Umfang trotz sinkender Einnahmen zu finan- zieren. Dazu werden die bisher vorgesehenen Ausgaben auf den Prüfstand gestellt. Am 18. März 2020 hatte das Bundeskabi- nett - von der Corona-Krise unbeeinflusst - die Eckwerte für die Aufstellung des Bun- deshaushalts 2020 beschlossen. Bundesfi- nanzminister Olaf Scholz hatte aber schon bei der Bekanntgabe auf die zu erwartenden Einflüsse hin gewiesen. Die Eckwerte sehen für den Verteidigungsetat ein Anwachsen um 600 Millionen Euro auf 45,6 Milliarden Euro. Für die Folgejahre ist im mittelfristigen Finanzplan kein weiterer Zuwachs vorgese- hen. Bisher war es dem BMVg immer wieder gelungen, im Rahmen der Aufstellung des Haushalts die Obergrenzen im mittelfristigen Finanzplan anheben zu lassen und so die mittelfristigen Perspektiven zu verbessern. Großvorhaben Der bisherige Ansatz erscheint aus Sicht des Verteidigungsministeriums als zu knapp. Die rund neun Milliarden Euro für rüstungsinves- tive Ausgaben sind zum großen Teil durch überjährige Beschaffungsverträge (z.B. Schützenpanzer Puma, Korvetten K 130, Transportflugzeuge A440M) gebunden. Der Umfang von Verpflichtungsermächti- gungen, die den Abschluss neuer Verträge mit Wirkung in folgende Haushaltsjahre er- möglichen, richtet sich nach dem mittelfris- tigen Finanzplan. Der derzeitige Finanzplan schafft nicht ausreichend Platz für den gro- ßen Nachholbedarf, den die Bundeswehr in verschiedenen Dokumenten wie dem Fähig- keitsprofil der Bundeswehr niedergelegt hat. Die Bundesregierung hat zwar zugesagt, „dass bestimmte wesentliche Großvorha- ben zum Schließen von Fähigkeitslücken ge- mäß dem Fähigkeitsprofil der Bundeswehr und damit zur Wahrnehmung bereits ein- gegangener internationaler Verpflichtungen finanziert werden und dem Verteidigungs- haushalt ermöglicht wird, die insoweit ver- 22 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
IM FOKUS: CORONA Die mobile Feldküche ist ein Projekt mit VJTF 2023-Relevanz, das kürzlich unter Vertrag genommen wurde abredeten Fähigkeitsziele zu erreichen." Genannt wurden die Kooperationen mit Frankreich (FCAS, MGCS) und Norwegen (U212CD), die Vorhaben Eurofighter, PEGA- SUS, Tornado-Nachfolge, Marinebordhub- schrauber, Flottendienstboote, U-Boot-Ab- wehr und TLVS. Dadurch geraten alle anderen nichtgenann- ten Vorhaben unter Druck (z.B. Schwerer Tra nsporth ubsch räuber, Ml eh rzweckka m pf- schiff). Für 2020 hatte das BMVg in einer Liste über 60 Vorhaben zusammen gefasst, die mit 25-Mio-Euro-Vorlagen im Parlament vorlagepflichtig sind. Darüber hinaus gibt es eine Unzahl von Vorhaben unterhalb der 25-Mio-IEuro-Schwelle,diefürdie Aufgaben- erfüllung unerlässlich sind. Haushaltsvollzug Wenn sich die Einnahmeausfälle und Zusatz- ausgaben manifestieren, werden sich die Parlamentarier fragen, welche Vorhaben zwingend sind und welche nicht. Die Not- wendigkeit von Vorhaben aus dem Vertei- digungsbereich sind argumentativ oft leicht anzugreifen, vor allem wenn sie Anforde- rungen aus dem sozialen oder ökonomi- schen Bereich gegen übergestellt werden. Es ist also damit zu rechnen, dass Vorhaben aus dem Verteidigungsbereich vor allem zum Jahresende das Nachsehen haben werden gegenüber Maßnahmen zur Bewältigung der Coronakrise. Eine drohende Haushalts- sperre könnte sogar den Abschluss jeglicher Verträge unterbinden. Betroffen wäre dann auch eine große Zahl von Vorhaben, die für die Ausstattung der Truppe zur Teilnahme an VJTF 2023 dringend benötigt werden. Für das BMVg gilt es daher, die 25-Mio-Eu- ro-Vorlagen schnell auf den Weg zu brin- gen, damit früh Fakten geschaffen werden und die Finanzierung der Vorhaben gesi- chert wird. Spätestens, wenn zeitgleich der neue Haushalt im Parlament verhandelt wird und die Finanzierung konkurrierender Vorhaben über Kredite ermöglicht werden soll, werden die Prioritäten neu gesetzt Die Erfahrung (2009) hat gezeigt, dass der Ein- zelplan 14 des Verteidigungsministeriums ein beliebter Steinbruch ist, um Finanzmittel freizuschaufeln. Bearbeitung der Vorhaben Bis ein Vorhaben haushaltsreif ist und ein Beschaffungs- oder Dienstleistungsvertrag abgeschlossen werden darf, sieht die Zen- trale Dienstvorschrift A-1500/3 (Customer Product Management) zahlreiche Verfah- rensschritte vor, die mit hohem Personalauf- wand und Abstimmungsbedarf bearbeitet werden müssen. Schon bisher mangelte es den beteiligten Dienststellen, vor allem dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nut- zung der Bundeswehr, an ausreichendem Personal. Durch Corona-bedingte Personal- ausfälle, veränderte Arbeitsabläufe und Restriktionen sinkt der Output. In man- chen Fällen reicht schon der Ausfall einer Person an einer Schlüsselstelle, um einen Vorgang vorübergehend zum Halten zu bringen. Hinzu kommt, dass Vorhaben mit Bedeutung für die Bekämpfung der Corona-Krise höher priorisiert und damit zeitlich vorgezogen werden. Damit gerät der ohnehin enge Zeitplan für die Realisierung der Vorhaben ins Wanken. Die oben genannte Liste von 25-Mio-Eu- ro-Vorhaben hinkt für das laufende Jahr bereits dem Zeitplan hinterher, und es ist absehbar, dass nicht alle Vorhaben mit ei- nem Vertrag zum Zuge kommen werden. Kein Vorhaben auf der Liste ist verzicht- bar oder verträgt ohne Schaden eine zeit- liche Verschiebung. Um sicherzustellen, dass mindestens die Vorhaben mit VJTF 2023-Bezug noch in diesem Jahr unter Vertrag genommen werden können, muss deren Bearbei- tung - gegebenenfalls unterstützt durch Personalabstellungen - forciert werden. Produktion und Lieferung von Geräten/Systemen Wehrtechnische Produkte werden - wie alle technologisch anspruchsvollen Pro- dukte - in einem hochgradig vernetzten System hergestellt. Neben wirtschaftlichen Aspekten verursachen in der Wehrtechnik oft politische Vorgaben die Verteilung der Produktion auf internationale Partner. Die Generalunternehmer und Systemhäuser als Gesamtverantwortliche sind darauf an- gewiesen, dass aus der Zuliefererkette die Baugruppen und Systemanteile rechtzeitig angeliefert werden. Eine fehlende Bau- gruppe kann die Produktion zum Erliegen bringen. Wochenlange Betriebsschließungen und verlängerte Produktionsdauer wegen verän- derter Arbeitsabläufe und Personalausfällen machen vereinbarte Lieferpläne hinfällig. Eine verlässliche Beurteilung, welche Betrie- be in welchem Umfang betroffen sind, ist nicht möglich, weil lokale Gegebenheiten und Maßnahmen einem schnellen Wandel unterliegen. Daher können Maßnahmen zum Ausgleich von Lieferverschiebungen kaum zeitgerecht eingeleitet werden, zumal es häufig für ausgesprochene Spezialisten keinen Ersatzlieferanten gibt. Eine verspätete Auslieferung wird unter Corona-Bedingungen entschuldbar sein. Aber sobald die Lieferung so spät kommt, dass am Jahresende die Rechnung gemäß Zahlungsplan nicht mehr bezahlt werden kann, belastet die Rechnung als Überkip- per das nächste Haushaltsjahr. Zwar kann das BMVg bis zu 500 Millionen Euro als Investitionsrücklage ins folgende Haus- haltsjahr übertragen und Überkipper dar- aus bezahlen. Dies war aber erstens men- genmäßig für den Normalbetrieb (ohne Corona) bestimmt und könnte daher nicht ausreichen und steht zweitens unter Be- schoss und könnte mit der Aufstellung des Haushalts 2021 wieder kassiert werden. Konsequenzen Es wird schwierig, unter den Bedingungen der Corona-Krise das notwendige Wachs- tum des Verteidigungshaushalts zu errei- chen. Daher muss die Bundeswehr zusam- men mit der Wirtschaft alles daransetzen, dass im laufenden Jahr möglichst viel Ma- terial aus der Industrie zuläuft und bezahlt werden kann, damit die für 2020 verfüg- baren Investitionsmittel vollständig genutzt werden. Nicht genutzte Finanzmittel sind ein beliebtes Argument für Etatkürzungen. Die Herstellung der Haushaltsreife der Vor- haben ist mit Nachdruck zu forcieren. Dazu müssen, falls notwendig, Ressourcen zu- sammengefasstwerden. Nur fertig bearbei- tete Vorhaben zeigen, dass wirklicher Bedarf besteht. Darüber hinaus müssen mit Über- planung Vorhaben bereitstehen, die bei Verzögerung anderer Projekte nach rücken können, um so die Finanzmittel vollständig nutzen zu können. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 23
IM FOKUS: CORONA Corona-Pandemie Digitale Lösungen helfen Infektionsrisiken zu reduzieren Jörg Plathner Die neuen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie leisten einem breiten Spektrum an InnovationsvorhabenVorschub. Gemeinsam mit Nutzern aus der Bun- deswehr testet der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw), eine Innovationseinheit der BWI GmbH, derzeit verschiedene digitale Lösungen, die einen Beitrag zur Eindämmung der Krise liefern. Online Videosprechstunde Corona-bedingte Mobilitäts- und Kommu- nikationseinschränkungen beeinträchti- gen den Wirkungskreis des medizinischen Fachpersonals der Bundeswehr massiv. Um sowohl Ärzte als auch Patienten zu entlas- ten, erprobt der CIHBw im Rahmen eines Sonderforschungsvorhabens gemeinsam mit der Klinik für Unfallchirurgie und Ortho- pädie des Bundeswehrkrankenhauses Ber- lin eine videogestützte Online-Konsultation Arzt-Patient. Technische Grundlage hierfür bilden auf Seiten der Hardware handelsübli- che Tablets, Headsets und Mobilfunkkarten, auf Seiten der Software die Nutzung einer Online-Videosprechstunden-Plattform. Letztere garantiert mittels Ende-zu-En- de-Verschlüsselung und Zwei-Faktoren-Au- thentifizierung die Sicherheit der Patienten- daten. Die Vorteile der Online-Videosprech- stunde liegen auf der Hand: Verringerung des Ansteckungsrisikos, Reduktion langer Wartezeiten und Anfahrtswege, eine effi- zientere Nutzung dienstlicher Ressourcen sowie eine bessere Planbarkeit für Patienten und Ärzte. Sie bedeuten auch in Zeiten ohne Corona eine Erhöhung der Qualität in der Pa- tientenversorgung. Pflege-App In Zeiten von erhöhter Ansteckungsgefahr durch SARS CoV-2 ist die Versorgung von Patienten für die Pflegekräfte eine noch grö- Jörg Plathner ist Leiter Startup Engagement, Memberof the Ma- nagement Board, Bundeswehr Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. ßere Herausforderung. Der Direktkon- takt mit potenziell infizierten Patienten birgt für das medizinische Personal trotz Schutzmaßnahmen ein großes Risiko, was sich in den Infektionszahlen dieser Gruppe widerspiegelt. Die Pflege-App reduziert den direkten Kontakt zwischen Patient und Pflegepersonal, um Ansteckungen durch Social Distancing zu verhindern Vergleichbar mit der Online-Videosprech- stunde hilft auch die Pflege-App den per- sönlichen Kontakt zwischen Pflegedienst- personal und Patienten zu reduzieren, die Pflege von Patienten zu verbessern und Pfle- gekräfte zu entlasten. In der Urologie-Stati- on des Bundeswehrkrankenhauses Berlin ist die Pf lege-App für sechs Monate im Test. Dabei ist der Serviceumfang der App explizit an den Bedarf des Testnutzers angepasst. Die Ta biet-Oberfläche ist so vorkonfiguriert, dass sowohl allgemeine wie spezifische Pati- entenbedürfnisse abgebildet werden. Über eine Eingabemaske kann der Patient seinen Bedarf signalisieren, wie beispielsweise Un- terstützung beim foilettengang, das Auffül- len des Getränkevorrates oder die Einnah- me von Schmerzmitteln. Sein Anliegen wird dann über eine gesicherte Verbindung an das Smartphone des Pflegedienstper- sonals gesendet. Unnötige Gänge zur Bedarfsklärung beim Patienten bleiben dadurch aus, und er bekommt via App so- fortige Rück- und Statusmeldungen. Wie die Online-Videosprechstunde bietet auch die Pflege-App eine einfach einzu- setzende digitale Ergänzung zur Verbesse- rung von Zeit- und Ressourcenplanung auf Basis bereits am Markt verfügbarer Lösungen. Laut Aussagen des Start-ups, das die App ent- wickelt hat, liegt das Einsparungspotenzial pro Schicht und Mitarbeiter bei 25 Minuten. Bundeswehr Community Im Zuge der Ausbreitung von SARS CoV-2 wurden die Bemühungen um die Heran- ziehung freiwilliger Reservisten zur Krisen- bewältigung deutlich ausgeweitet. Einen Beitrag dazu leistet das Portal „https://bun- deswehr.community/" des CIHBw (derzeit noch in der Beta Version). Es handelt sich dabei um eine Kommunikationsplattform für Bundeswehrangehörige und Reservisten mit aktuell rund 5.000 registrierten Usern. Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Communitys innerhalb der Bundeswehr ist deren integrierte Jobbörse für Reservisten- dienstleistende. Zudem lässt sich die Bundeswehr-Commu- nity auch sehr gut zur Durchführung von Online-Ausbildungsvorhaben nutzen - eine willkommene Gelegenheit in der aktuellen Corona-Krise, die durch das Bildungszent- rum der Bundeswehr für die Durchführung des Lehrgangs „Fachtechnische Grundla- gen" des gehobenen technischen Dienstes bereits genutzt wird. In einer hierfür speziell eingerichteten Gruppe werden schnell und unkompliziert Lehrinhalte zum Download bereitgestellt und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können sich über die Chatfunk- tion mit den Dozentinnen und Dozenten so- wie untereinander in einem exklusiven und geschützten virtuellen Raum austauschen. Bei der Bundeswehr Community handelt es sich um einen Prototypen, der aktuell mit ei- nem Team aus verschiedenen Bereichen der Bundeswehr weiterentwickelt wird. Die Ein- stellung von als vertraulich eingestuften und Personaldaten ist im Moment nicht erlaubt. Online-Videostunde, Pflege-App und Bun- deswehr Community - diese und andere Innovationsvorhaben des CIHBw zeigen, dass die Corona-Krise auch als Digitalisie- rungschance innerhalb der Bundeswehr verstanden werden kann. Allen Beispielen ist gemein, dass im Ergebnis nachhaltig si- gnifikante Effizienz- und Effektivitätssteige- rungen erzielt wenden können. 24 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Realität und Mythos Der Alte und Lothar-Günther Buchheim Gerrit Reichert Mittler Gerrit Reichert U96 - REALITÄT UND MYTHOS Der Alte und Lothar-Günther Buchheim Hardcover • 26 x 24 cm • 232 Seiten zahlreiche historische Aufnahmen €(D) 29,95 l€(A) 30,70 ISFr*35t90 ISBN 978-3-8132-0990-7 * unverbindliche Preisempfehlung U96 - Realität und Mythos Erzählt erstmals die Biografie von II 96-Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock Enthüllt die wahre Rolle Lothar-Günther Buchheims als Kriegsberichter der Marine Veröffentlicht exklusiv privates Tagebuch- und Fotomaterial von Friedrich Grade, Leitender Ingenieur von II96 Sorgt für die Neubewertung des Bestsellers »Das Boot«. Mittler mittler-books.de
rST ICKER Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Vergaberecht Die Corona-Pandemie hat Gesellschaft und Wirtschaft weiter im Griff. Trotz zunehmender Lockerungen der Eindämmungsmaß- nahmen dürften die Folgen für Beschaffungsvorhaben und laufende Verträge noch länger zu spüren sein. Das Bundesministerium der Verteidigung hat nun reagiert und mit einigen Erlassen klarstellende Richtlinien zum Umgang mit auftretenden Leistungs- störungen veröffentlicht. Die wohl am deutlichsten sichtbaren Folgen der Corona-Pandemie zeigen sich an den in nahezu allen Wirtschaftszweigen global organisierten Liefer- und Logistikketten. Deren Zusammenbruch hat vielfach zu fehlenden Waren- und Ersatzteillieferungen geführt. Hinzu kommen umfassende Kontaktbeschränkungen, die teils große Personalengpässe verursacht haben. Großzügige Verlängerung vertraglicher Fristen Sofern der Auftragnehmer durch höhere Gewalt in der Ausführung eines Vertrags behindert wird, bestimmt § 5 Nr. 3 der Verdingungsordnung für Leistungen/Bundesrecht, die grundsätzlich in verteidigungs- und sicher- heitsspezifische Aufträge einzubeziehen ist, dass die Ausführungsfristen angemessen zu verlängern sind. Das BMVg (Abteilung Ausrüstung) hat mit Erlass vom 23. April 2020 klargestellt, was praktisch kaum bestritten wird: Die Corona-Pandemie ist ein Fall höherer Gewalt. Sie ist auch all- gemein bekannt, weshalb nicht auf die eigentlich nach § 5 Nr. 1 VOL/B verlangte Behinderungsanzeige bestanden wird. Zugleicht stellt das BMVg klar, dass eine bioße Geltendmachung von Einschränkungen nicht genügt, um Fristverlängerungen zu erhalten. Vielmehr muss der Auftrag- nehmer konkret darlegen, inwieweit wegen der Corona-Pandemie seine Lieferketten gestört, Personalkapazitäten beeinträchtigt, notwendige Reisen oder Ein- und Ausfuhrverbote verhängt wurden. Verbleibende Restzweifel sollen nach dem Erlass vom 23. April 2020 aber nicht zulas- ten des Auftragnehmers gehen. Dauern Behinderungen beim Auftrag- nehmer länger als drei Monate an, darf der Auftraggeber den Vertrag binnen 30 Tagen außerordentlich kündigen (§ 5 Nr. 2 VOL/B). Das BMVg teilt jedoch mit, dass hieran in aller Regel kein Interesse besteht, „da es uns maßgeblich auf die Leistungserfüllung zur Versorgungssicherheit der Streitkräfte ankommt." In laufenden Vergabeverfahren sollen schließlich, soweit erforderlich, die Angebotsfristen angemessen verlängert werden. Teilleistungen bei Meilensteinen Einen weiteren Erlass hat das Referat A13 bereits am 3. April 2020 zum Umgang mit vertraglich vereinbarten Zahlungsplänen veröffentlicht. Hiernach dürfen vereinbarte Meilensteine und Meilensteinzahlungen bei Bedarf auf weitere Teilleistungen über die bisherigen vertraglichen Festlegungen hinaus vereinbart werden. Infolgedessen darf auch von der Vorgabe abgewichen werden, wonach die letzte Meilensteinzah- lung 15 Prozent der Gesamtvergütung betragen soll. Gegebenen- falls sollen laufende Verträge angepasst werden. Voraussetzung ist aber, dass die jeweilige Teilleistung im Wert der weiteren Teilzahlung entspricht. Außerdem sollen Insolvenzrisiken des Auftragnehmers vorab geprüft und berücksichtigt werden. Schließlich sollen weitere Teilzahlungen keine Vorentscheidung mit Blick auf die ausstehende Gesamtabnahme sein. Für Neuverträge sollen die Zahlungspläne von vornherein die Besonderheiten der Corona-Pandemie berücksichtigen. Verzinsung Mit Rundschreiben vom 25. März 2020 hat das BMF schließlich über Änderungen an den Verwaltungsverordnung zu der für alle Bundes- behörden geltenden Bundeshaushaltsordnung informiert. Nach VV Nr. 1.4.1 zu § 59 BHO sollen gestundete Ansprüche des Bundes gegen den Auftragnehmer mit regelmäßig zwei Prozentpunkten über dem Basis- zinssatz verzinst werden. Die Regelung wurde um einen weiteren Halb- satz ergänzt, wonach die Verzinsung mindestens ein Prozent jährlich betragen soll. In diesem Zusammenhang weist das BMF ausdrücklich auf W Nr. 1.4.2 zu § 59 BHO hin. Danach kann der Zinssatz je nach Lage des Einzelfalles herabgesetzt werden, insbesondere wenn seine Erhe- bung die Zahlungsschwierigkeiten verschärfen würde. Von der Erhebung von Zinsen kann sogar vollständig abgesehen werden, wenn dies den Auftragnehmer in seiner wirtschaftlichen Lage schwer schädigen würde. Ausschluss verschuldensabhängiger Ansprüche Wird der Auftragnehmer allein infolge der Corona-Pandemie vertrags- brüchig, ohne dass ihn ein (Mit-)Verschulden trifft, scheiden schließlich auch die an ein Verschulden gebundenen vertraglichen Ansprüche des Auftraggebers auf Ersatz des Verzugsschadens, Vertragsstrafen, Kündigung oder Rücktritt regelmäßig aus. Fazit Der Bund ist sich der besonderen Ausnahmesituation bewusst und kommt Bietern und Auftragnehmern entgegen, um laufende Vertrags- beziehungen nicht zu gefährden und Betrieb und Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu erhalten. Ob diese Sofortmaßnahmen ausreichen, wird sich noch zeigen müssen. ► Dr. Daniel Soudry, LLM. ist Fachanwalt für Vergaberecht und Partner der Sozietät SOU- DRY & SOUDRY Rechtsanwälte, Berlin. Er berät Unternehmen der Verteidigungs- und Sicher- heitswirtschaft bei der rechtssicheren Teilnahme an Vergabeverfahren und in Nachprüfungsver- fahren. Dr. Soudiy tritt regelmäßig als Referent auf und publiziert laufend zu vergaberechtlichen Themen. SOUDRY & SOU DRY Rechtsanwälte werden von Who's Who Legal, JUVE und der Wirtschaftswoche als Kanzlei für Vergaberecht empfohlen. Dr. Soudry bloggt laufend zum VS- Vergaberecht unter www.VSVgV.de 26 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK Fachkompetenz unnötig Wie die SPD das Amt des Wehrbeauftragten entwertete Wolfgang Labuhn Mit der erforderlichen Kanzlermehrheit hat der Deutsche Bundestag am 7. Mai 2020 die SPD-Abgeordnete Eva Högl zur neuen Wehrbeauftragten gewählt. Die Nominierung der Rechts- und Innenpolitikerin durch den SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich war zuvor auf allgemeines Unverständnis gestoßen, zumal ihr allseits geschätzter Amtsvorgänger Hans-Peter Bartels (SPD) seine Arbeit als „Anwalt der Soldatinnen und Soldaten“ gern fortgesetzt hätte. as Unbehagen vieler Mitglieder des Bundestages an dieser Perso- nalie spiegelte sich in Högls Wahl- ergebnis wider. Zwar erhielt sie 389 von 656 abgegebenen Stimmen und damit die nötige absolute Mehrheit der gegen- wärtig 709 Sitze im Bundestag, aber ein überzeugender Beweis des Vertrauens der Abgeordneten in ihr „Hilfsorgan ... bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle" (Artikel 45b des Grundgeset- zes) der Streitkräfte war dies nicht. Zum Vergleich: Amtsvorgänger Hans-Peter Bartels war am 18. Dezember 2014 mit 532 von seinerzeit 598 abgegebenen Stimmen gewählt worden, also frakti- onsübergreifend. Gegenwärtig haben die Koalitionsfraktionen 398 Mitglieder, neun mehralsfür Högl gestimmt haben. Dabei entzündete sich die Kritik noch nicht einmal an der Person. Die 51-jähri- ge Juristin Eva Högl, die dem Bundestag seit 2009 angehört und seitdem den zwischen den Parteien hart umkämpften Berliner Wahlkreis Mitte dreimal mit ei- nem Direktmandat gewann, machte sich einen Namen als Vorsitzende des Unter- suchungsausschusses zur „Edathy-Affä- re" und vor allem zwischen 2012 und 2017 in den beiden Untersuchungsaus- schüssen zur Terrorgruppe Nationalso- zialisticher Untergrund (NSU). Sie enga- gierte sich in der Prostitutionspolitik und für eine Reform des Abtreibungsrechts. In der SPD-Bundestagsfraktion zählte sie zur Gruppe der pragmatischen „Netz- werker". Mit der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik war sie allerdings erst seit Ende 2019 indirekt befasst, als sie in das Parlamentarische Kontrollgremi- um des Bundestages zur Überwachung der Geheimdienste des Bundes gewählt wurde, das auch den Militärischen Ab- schirmdienst MAD kontrolliert. Die bis- her einzige weibliche Wehrbeauftragte, Fotos: DBTr Achim Melde Am 7. Mai 2020 wurde die SPD-Abgeordnete Eva Högl zur neuen Wehrbeauftragten gewählt Claire Marienfeld (CDU), die das Amt von 1995 bis 2000 bekleidete, war zuvor Mitglied des Verteidigungsausschusses gewesen. Högl hatte keinerlei bekann- te direkte Berührungen mit der Bun- deswehr. Ihre Amtsvorgänger Bartels, Hellmut Königshaus (FDP) und Reinhold Robbe (SPD) waren vor ihrer Wahl zum Wehrbeauftragten Vorsitzende des Ver- teidigungsausschusses oder zumindest Mitglied dieses Gremiums und damit in die Materie bestens eingearbeitet. Högl kündigte nach ihrer Wahl in Inter- views an, „mit frischem Blick" an ihre neuen Aufgaben heranzutreten. Sie räumte ein, keine Verteidigungspolitike- rin zu sein, verwies aber auf ihre lang- jährige Expertise als Rechtspolitikerin. Schließlich gehe es um die Grundrech- te der Soldatinnen und Soldaten, die Grundsätze der Inneren Führung und die Grundsätze des Rechtsstaats. Ge- genüber dem Deutschlandfunk erklärte sie am 8. Mai, unter anderem die Frage der Ausrüstung in der Bundeswehr in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen. Die Soldatinnen und Soldaten müssten gute Rahmenbedingungen haben. Das gelte insbesondere für die schweren Auslandseinsätze. Das Vorschlagsrecht für das Amt des Wehrbeauftragten liegt in der 19. Legis- laturperiode des Bundestages aufgrund einer informellen Absprache zwischen den Koalitionspartnern Union und SPD bei den Sozialdemokraten. Der SPD-Frak- tionsvorsitzende Mützenich verteidigte seine Nominierung von Eva Högl am 7. Mai im Fernsehsender Phoenix mit dem Hinweis, sie sei eine „exzellente Juris- tin" und habe sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Beamten- und Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 27
SICHERHEIT & POLITIK Foto: Bundestag Johannes Kahrs, langjähriger SPD-Abgeordneter, Sprecher des konserva- tiven Seeheimer Kreises in der SPD-Bundestagsfraktion und Oberst d.R., legte daraufhin sein Bundestagsmandat und sämtliche weiteren politi- schen Ämter nieder ter gibt bereits im Oktober dieses Jahres auch den SPD-Landesvorsitz auf und soll durch eine Doppelspitze aus Raed Saleh, den SPD-Fraktionschef im Berliner Ab- geordnetenhaus, und Familienministerin Franziska Giffey ersetzt werden. Giffey wiederum wird bereits als künftige Re- gierende Bürgermeisterin gehandelt. Die SPD-Bundestagsfraktion muss dem- gegenüber einen beträchtlichen Kolla- teralschaden verzeichnen. Denn auch Johannes Kahrs, langjähriger SPD-Ab- geordneter, Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD-Bundes- tagsfraktion und Oberst d.R., hatte sich Hoffnung auf den Posten des Wehrbe- auftragten gemacht und sich dabei auf eine angebliche Zusage von Fraktions- chef Mützenich aus dem Oktober 2019 berufen, was dieser bestreitet. Kahrs legte daraufhin am 5. Mai sein Bundes- tagsmandat und sämtliche weiteren po- litischen Ämter nieder. Mit ihm verliert die SPD-Fraktion ihren erfahrensten Soldatenrecht befasst. Aber es klang in diesem Zusammenhang schon fast wie eine Drohung, als Mützenich erklärte: „ Es wird kein militärischer Ratschlag von Seiten der Wehrbeauftragten erwartet." Es gehe vielmehr um die Überprüfung der Inneren Führung der Bundeswehr. Hans-Peter Bartels und seine Vorgänger hatten das Amt durchaus anders aufge- fasst und sich nicht selten, auch ungefragt, zu grundlegenden Fragen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik und zur Lage der Bundeswehr geäußert. Insbesondere der studierte Politologe und Soziologe Bartels ließ es dabei in seinen Jahresberichten und in Interviews an deutlichen Worten nicht fehlen: „Es ist von allem zu wenig da", konstatierte er etwa im Jahresbericht 2016. Schweres Großgerät wie Panzer, Hubschrauber und Schiffe, aber auch Munition und persönliche Ausrüstung für die Soldaten von Uniformen über Nacht- sichtgeräte bis hin zu Schutzbekleidung fehlten. Der Mangel gefährde sogar „Aus- bildung, Übung und Handlungssicherheit der Soldaten im Einsatz." „Wir verwalten uns zu Tode", zitierte Bartels im Jahresbe- richt 2018 Stimmen aus der Truppe an- gesichts einer Bundeswehr, die zugleich an Unterbesetzung und Überorganisation leide, gepaart mit einer undurchsichtigen „Verantwortungskultur". „Zu wenig Ma- terial, zu wenig Personal, zu viel Bürokra- tie", lautete auch in seinem letzten Jahres- bericht das Fazit, das er um den Vorschlag ergänzte: „Weg vom Grundsatz, dass für deutsches Militär immer alles, Design' sein muss, weil es sonst nichts taugt, hm zum ,IKEA-PrinzipJ; aussuchen, bezahlen und mitnehmen! Und ergänzend, für das obe- re Ende modernster Technik, vom neuen Kampfpanzer bis zur Raketenabwehr: die Design-Lösung!" Und obwohl Bartels die deutliche Steigerung des deutschen Verteidigungshaushaltes ausdrücklich begrüßte, stellte er bei der Präsentation des Jahresberichts 2019 am 28. Januar 2020 fest, dass die Bundeswehr für die kollektive Verteidigung noch nicht wieder auf gestellt sei. Dass Bartels selbst nicht für eine zwei- te Amtszeit als Wehrbeauftragter auf- gestellt werden würde, hatte ihn be- reits am 29. April zu einem Brief an die SPD-Bundestagsfraktion veranlasst: „Warum die Partei jetzt dieses wichtige, unabhängige Amt, das als Teil der parlamentarischen Kontrolle unseres Militärs im Grundgesetz verankert ist, gerne durch eine neue SPD-Kandidatin besetzen will, erschließt sich nicht so- fort. Nach landläufigen Erfolgskriterien gibt es für die aktuelle Amtsführung sehr freundlichen Zuspruch und Unterstützung von Soldatinnen und Soldaten und ihren Vertrauensleuten und Personal raten, von Regierungs- und Opposi- tionsfraktionen im Verteidigungsausschuss und auch in der breiteren Öffent- lichkeit. ... Mir stellt sich also die Frage: Warum ist dies heute politisch eine Stelle, an der die SPD in dieser Zeit einen Personalwechsel braucht? Welcher sozialdemokratischen Binnenlogik folgt das?" Hans-Peter Bartels Eine Antwort darauf gibt ein Blick auf die Lage der Berliner SPD. Denn in Ber- lin stand Högl bei Bundestagswahlen bisher auf Platz 1 der Landesliste. Den kann nun Michael Müller einnehmen, der im kommenden Jahr nicht erneut für das Amt des Regierenden Bürger- meisters kandidieren und stattdessen in den Bundestag wechseln möchte. Mül- Haushaltspolitiker und die Bundeswehr einen verlässlichen parlamentarischen Fürsprecher. So gelang es Kahrs 2016, im Haushaltsausschuss des Bundestages gemeinsam mit seinem CDU-Kollegen Eckhardt Rehberg, die Finanzierung von fünf weiteren Korvetten K130 als Ergän- zungsbeschaffung für die Deutsche Ma- rine durchzusetzen, nachdem die dama- lige Ressortchefin Ursula von der Leyen (CDU) die Beschaffung weiterer Korvet- ten kurz zuvor für unnötig erklärt hat- te. Allerdings hatte sich der streitlustige Kahrs in seiner Fraktion nicht nur Freunde gemacht. Und ein Zerwürfnis mit dem neuen Fraktionschef Mützenich hätte es wohl ohnehin gegeben, wenn es in der Post-Corona-Zeit knapper Haushalts- mittel um die Finanzierung teurer Rüs- tungsprojekte gegangen wäre. Denn die SPD hat nach ihrem Linksrutsch an der Partei- und Fraktionsspitze andere Priori- täten, die den bisherigen sicherheits- und verteidigungspolitischen Konsens in der Koalition unverkennbar infrage stellen (siehe Seite 30). 28 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Winfried Nachtwei Mitglied des Bundestages 1994-2009 An den Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion Dr. Rolf Mützenich Platz der Republik 1 11011 Berlin Offener Brief des ehemaligen verteidi- gungspolitischen Sprechers der Fraktion Die Grünen/ Bündnis 90 im Bundestag Nordhornstr. 51 48161 Münster Wahl des/der nächsten Wehrbeauftragten Lieber Rolf, 02. Mai 2020 mit Freude und hohem Respekt erfuhr ich am 24. September letzten Jahres, dass Deine Fraktion Dich mit höchster Zustimmung zu ihrem Vorsitzenden gewählt hatte. In besonders schwieriger Zeit übernahm mit Dir ein Parlamentarier, den ich seit 2002 als fachlich und sozial höchst kompetenten Kollegen erlebt hatte, die Spitzenverantwortung des Fraktionsvorsitzenden. Für diese besonders verantwortungsvolle und beanspruchende Arbeit wünsche ich Dir viel Kraft. Gestatte, dass ich mich zur bevorstehenden Wahl der/des nächsten Weh rbeauf fragten an Dich wende. Ich tue das vordem Hintergrund meiner inzwischen 25-jährigen Zusammenarbeit und Erfahrung mit inzwischen fünfWehrbeauftragten und in dem Bewusstsein, wie elementar wichtig und bewährt dieses Amt für die Angehörigen der Bundeswehr, für ihre Integration in Rechtsstaat und Gesellschaft und das Parlament ist. Insofern handelt es sich hier auch nicht um eine innere Angelegenheit der SPD-Bundestagsfraktion. Euer Fraktionsvorstand beschloss einstimmig, Eure stellvertretende Fraktionsvorsitzende Dr. Eva Högl zur Wahl des nächsten Wehrbeauftragten vorzu- schlagen und damit dem bisherigen Wehrbeauftragten eine erneute Kandidatur zu verweigern. Nicht nur mir drängt sich der Eindruck auf, dass hier - fraktions- und vielleicht parteiinterne Interessen ausschlaggebend waren und dabei - die für die Bundeswehrangehörigen, die Bundeswehr und das Parlament bestmögliche Personalauswahl für das Amt des Wehrbeauffragten eine sekundäre Rolle spielte. Hans-Peter Bartels habe ich seit 1998 elf Jahre als Kollegen im Verteidigungsausschuss hoch schätzen gelernt. Als Wehrbeauftragter f ul It er seit fünf Jahren sein Amt mit umfassender und verlässlicher Kompetenz, mit hohem Einsatz für die Menschen in der Bundeswehr und die Einhaltung der Grundsätze der Inneren Führung aus. Wie ich durchweg gehört habe, bringen ihm Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr volles Vertrauen entgegen. Seine parlamentarische Kontrollfunktion übte er zum Besten einer in Rechtsstaat und Gesellschaft verankerten Bundeswehr und mit großer Unabhängigkeit aus. Seine Amtsführung findet fraktionsübergreifend hohe Anerkennung. Über seine Kontrollpflichten hinaus hat er Debatten und Verständigungen über wichtige, die Bundeswehr und deutsche Sicherheitspolitik betreffende Fragen initiiert und durch eigene Anregungen bereichert. Beispielhaft erinnere ich mich an das Expertengespräch „ISAF: Lessons learned - Erfahrungen für neue Einsätze nutzen", einer gemeinsamen Veranstaltung von Wehrbeauf- tragtem, Dt. Bundeswehrverband, Reservistenverband und Aspen-Institut. Es war eine der besten Veranstaltungen, die ich im politischen Berlin seit 2002 zum Afghanistan-Einsatz erlebt habe. In seiner sicherheitspolitischen Orientierung bemerkte ich bei Hans-Peter Bartels keinen Widerspruch zu den von SPD-Ministern in der Koalition mitge- tragenen Positionen. Eure Kandidatin für das Amt des Wehrbeauftragten wird als Innen- und Rechtsexpertin sehr geschätzt. Es ist möglich, dass Frau Högl eine gute Wehr- beauftragte sein könnte. Allerdings ist das Amt desWehrbeauftragten keine Aufgabe wie ein Ministerposten, die politische Führungspersonen übernehmen können, auch ohne fachpolitisch versiert sein zu müssen. Wer mit der komplexen Großorganisation Bundeswehr klar kommen, bei der Truppe „landen" und ihr sowie das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen will, braucht ein gewisses Grundverständnis des Militärischen, Erfahrung mit der Bundeswehr und ihrer Menschen. Bisher gibt es darauf keine Hinweise bei der SPD-Kandidatin. Mit Hans-Peter Bartels eine so bewährte, über alle Parteigrenzen hinweg anerkannte „erste Vertrauensperson" der Soldatinnen und Soldaten „abzuwäh- len”, ist fachlich in keiner Weise begründbar und - erlaube mir die direkte Formulierung - in der Art und Weise des Vorgehens menschlich unanständig. Bei Truppenbesuchen und vielen anderen Begegnungen mit Soldaten der Bundeswehr beobachte ich seit Jahren einen beunruhigenden Vertrauensverlust gegenüber „der Politik". Treiber dieses Vertrauensverlustes wurden immer wieder klar in den Jahresberichten des Wehrbeauftragten benannt. Zu ihnen gehören nach meiner Erfahrung nicht zuletzt Einsatzaufträge, denen es an Zielklarheit mangelte und deren Wirksamkeit bisher nie systematisch und ressortübergreifend über- prüft wurde, sowie die verbreitete Wahrnehmung unter Einsatzrückkehrern und ihren Angehörigen, dass ihre Einsatzleistungen in Politik und Gesellschaft nur wenig Interesse, geschweige Anerkennung finden. Der Vertrauensschwund erreichte unter der vorherigen Verteidigungsministerin einen Tiefpunkt. Vor diesem Hintergrund wirkt Eure Personalentscheidung, die offenbar von fraktions-Zpartei-internen Motiven bestimmt ist und keine erkennbare Rücksicht auf die Belange der Soldatinnen und Soldaten nimmt, alles andere als vertrauensbildend - sowohl innerhalb der Bundeswehr als auch in der Öffentlichkeit. Sie kann erheblichen politischen Schaden anrichten. Für antidemokratische Kräfte, die sich ganz rechts im Bundestag großmäulig als „Fürsprecher unzufriedener Soldaten" geben, ist sowas eine Vorlage. In den 61 Jahren des Amtes des Wehrbeauftragten, dieser großen Errungenschaft des deutschen demokratischen Rechtsstaats, stellte die SPD vier in Bundeswehr und Parlament hoch angesehene Wehrbeauftragte. Bitte haltet glaubwürdig an dieser guten Tradition fest! Mit herzlichen kollegialen Grüßen 4X- Winni Nachtwei Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 29
SICHERHEIT & POLITIK Kein Konsens Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik von CDU/CSU und SPD driftet auseinander Wolfgang Labuhn Mit Empörung reagierte die SPD-Bundestagsfraktion auf die Absicht des Verteidigungsministeriums, das veraltete Kampfflugzeug Tornado nicht nur durch weitere 93 Eurofighter-Maschinen, sondern auch durch 45 Exemplare des US-Typs F-18 zu ersetzen. Ebenso empört reagierten Unionspolitiker auf die Forderung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich nach dem Abzug sämtlicher US-Nuklearwaffen aus Deutschland Nur zwei Beispiele für die tiefen Risse in der Berliner Koalition, wenn es um die Belange der Bundeswehr und die sicherheits- und verteidigungspolitischen Interessen Deutschlands geht. tin Blick in den am 7. Februar 2018 unterschriebenen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD lässt ei- gentlich keine Fragen offen, soweit es um die in Deutschland vermutlich gelagerten US-Nuklearwaffen geht. Im Abschnitt „Abrüstung und restriktive Rüstungsex- portpolitik" heißt es: „Solange Kernwaf- fen als Instrument der Abschreckung im Strategischen Konzept der NATO eine Rol- le spielen, hat Deutschland ein Interesse daran, an den strategischen Diskussionen und Planungsprozessen teilzuhaben. Er- folgreiche Abrüstungsgespräche schaffen die Voraussetzung für einen Abzug der in Deutschland und Europa stationierten tak- tischen Nuklearwaffen." Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Zahl der substrategischen Nuklearwaffen der NATO in Europa um fast 90 Prozent verringert worden, die Zahl der Lagerstät- ten um rund 80 Prozent. Das verbliebene Nukleardispositiv in Europa dient damit de facto eher einem politischen als einem militärischen Zweck, denn einen konkreten Gegner hat die NATO-Strategie seit dem Ende der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes nicht mehr im Blick. Die in besonders gesicherten Depots verbliebenen Nuklearwaffen unterliegen strikter Kontrolle durch die US-Streitkräf- te. Die nukleare Teilhabe Deutschlands sichert der Bundesregierung die Mitwir- kung an Planungen in diesem Bereich in den zuständigen Gremien des Bündnisses. Voraussetzung dafür ist, auch ohne den Besitz eigener Nukiearwaffen für den Ver- teidigungsfall geeignete Kampfflugzeuge bereitzuhalten, die von amerikanischer Sei- te fürden möglichen Einsatz von US-Nukle- arwaffen zertifiziert sind. Ihre genaue Zahl • Luftwaffenbasis mit Nukleaiwaffen in WSJ-Buriken o Luftwaffenbasen mitvartiandenenWSS-Bwnkem, aus denen die Bomben abgezogen wurden US-B61-Atombomben in Europa 2019 Und Flugplttt Wto | KWwBrafri ~l Ikuhcfchnd Bnchd | | Waffen 1 BM-iu । FlugXftigtYp Fit Hab* ii Aviaao 2« HS15 4 t-lfiilSJ . iSwJafatiiiF Gbedi [7 Vulkd | MW1JM j TiA Tiirln inrirlik | So kröi ßfl 5 150 Stationierung der in Europa gelagerten US-Nuklearwaffen unterliegt der Geheimhaltung. In Deutsch- land dürfte es um schätzungsweise zwei Dutzend Freifallbomben gehen, die auf dem Stützpunkt Büchel in der Eifel gela- gertwerden. Überraschend hat der SPD-Fraktionsvor- sitzende Rolf Mützenich am 3. Mai nun gegenüber dem „Berliner Tagesspiegel" den Abzug sämtlicher US-Nuklearwaffen aus Deutschland mit der Begründung ver- langt, US-Präsident Donald Trump habe Nuklearwaffen als Waffen bezeichnet, mit denen man Kriege führen könne. Das Es- kalationsrisiko sei damit unüberschaubar geworden. Mützenichs Fazit: „Es wird Zeit, dass Deutschland die Stationierung zu- künftig ausschließt." Das hätten schließlich auch andere Staaten getan, ohne dabei die NATO in Frage zu stellen. Dass Deutschland mit einem Verzicht auf Kampfflugzeuge für den Transport taktischer Atomwaffen auch seine nukleare Teilhabe einbüßt, also die NATO-interne Mitsprache bei diesem The- ma, bezweifelte Mützenich: „Wir sollten als Deutsche selbstbewusst fordern, die Nuklearstrategie auch dann mitzuprägen, wenn keine Nukiearwaffen mehr auf un- serem Gebiet lagern." Ebenfalls am 3. Mai sprach sich auch der Co-Vorsitzende der SPD Norbert Walter-Borjans in der „Frank- furter Allgemeinen Sonntagszeitung" ge- gen die nukleare Teilhabe Deutschlands aus: „Ich vertrete eine klare Position ge- gen Stationierung, Verfügungsgewalt und erst recht gegen den Einsatz von Nukie- arwaffen." Deshalb wolle er auch keine „Nachfolger für die Kampfflugzeuge ... beschaffen, die für den Einsatz als Atom- bombervorgesehen sind." Damit war klar, was die SPD-Partei- und Fraktionsführung zu diesem offenbar abgestimmten Vorstoß veranlasst hatte. 30 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK Mit dem zweisitzigen Mehrzweckkampfflugzeug Panavia 200 Tornado kann die nukleare Teilhabe Deutschlands sichergestetlt werden Denn in Deutschland wird diese Teilhabe durch das seit über 40 Jahren eingesetz- te Kampfflugzeug Tornado gewährleistet, dessen noch verbliebenen 85 Exempla- re aus Altersgründen in wenigen Jahren ausgemustert werden müssen. Nach lan- gem Zögern entschied sich die Spitze des Verteidigungsministeriums, den Tornado durch 93 neue Eurofighter-Flugzeuge und durch 45 Maschinen F-18 des US-Herstel- lers Boeing zu ersetzen -als Brückenlösung bis zur Realisierung des deutsch-franzö- sisch-spanischen FCAS-Projekts (Future Combat Air System). 30 der US-Maschinen aus der Serie F/A-18F Super Hörnet Block lll könnten für den Einsatz von Atomwaf- fen zertifiziert werden, 15 weitere vom Typ E/A-18 Growler würden im Rahmen der luftgestützten elektronischen Kampffüh- rung die Bekämpfung der gegnerischen Luftabwehr übernehmen. Der Tornado kann je nach Ausstattung beide Rollen wahrnehmen. Die Kaufabsicht für die F-18 teilte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ihrem ameri- kanischen Amtskollegen Mark Esper am 16. April per E-Mail mit. Abgesprochen war sie dem Vernehmen nach zwar mit Außenminister Heiko Maas (SPD) und Fi- nanzminister Olaf Scholz (SPD), nicht aber mit SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich und den Verteidigungspolitikern der SPD-Frak- tion im Deutschen Bundestag. Deren Reak- tionen ließen nicht lange auf sich warten. Der verteidigungspolitische Sprecher Fritz Felgentreu etwa vermisste eine vorgängige politische Diskussion zu dem Thema und gab am 20. April zu Protokoli, dass für die SPD-Fraktion weiterhin „erkennbarer Ge- sprächsbedarf mit der Ministerin" bestehe, latsächlich scheint es eher Gesprächsbe- darf zwischen der Union und der SPD zu geben, die sich unter ihrer neuen Partei- und Fraktionsführung in der Außen- und Sicherheitspolitik gerade neu positioniert - und zwar deutlich links vom gültigen Koalitionsvertrag. Mit Verweis auf diese Arbeitsgrundlage der Koalition wies Regie- rungssprecher Steffen Seibert am 4. Mai die Forderung der SPD-Spitze nach dem Abzug der noch verbliebenen US-Nuklearwaffen aus Deutschland entschieden zurück. Es gebe einige Staaten, die weiterhin nukle- are Waffen als Mittel militärischer Ausein- andersetzungen betrachteten. Solange das so sei, bestehe die Notwendigkeit zum Er- halt einer nuklearen Abschreckung: „Diese nukleare Abschreckung leistet für uns Deut- sche die NATO. Insofern bekennt sich die Bundesregierung zur nuklearen Teilhabe der NATO als wichtigem Bestandteil einer glaubwürdigen Abschreckung im Bündnis." Doch die SPD plant ganz offensichtlich, in der deutschen Sicherheits- und Verteidi- gungspolitik neue Wege zu beschreiten. Ein Beleg dafür ist der auf dem SPD-Bun- desparteitag vom 6. bis zum 8. Dezember 2019 verabschiedete Beschluss Nr. 13: „Frieden sichern, Zukunft gestalten". Das Dokument fand seinerzeit im Schatten der Wahl einer neuen Parteiführung kaum Beachtung, lässt aber keinen Zweifel dar- an, dass den Sozialdemokraten eine neue europäische Sicherheitsarchitektur vor- schwebt: „Die USA sind für die Sicherheit in Europa zentral, aber die transatlantischen Beziehungen bestehen aus weit mehr als nur aus dem NATO-Bündnis." An anderer Stelle heißt es in dem Beschluss: „Europa muss vor allem eigene sicherheitspolitische sowie Rüstungskontroll- und Abrüstungs- initiativen für den europäischen Kontinent entwickeln, auch, um sich nicht zuneh- mend dem wechselnden Verhältnis der Großmächte auszuliefern." Auffällig ist dabei die Forderung nach einer „aktiven europäischen Ostpolitik, die auf der Basis klarer sozialdemokratischer Prinzipien und der Bereitschaft zum Dialog die Zusam- menarbeit und den Interessenausgleich mit Russland genauso sucht, wie die wei- tere Annäherung der Staaten der Östlichen Partnerschaft an die EU. Im Austausch mit Russland setzen wir dabei auf klare Posi- tionen und benennen bestehende Diffe- renzen deutlich wie auch offen." Benannt wird allerdings lediglich der Konflikt in der Ostukraine, nicht aber das Ereignis, das die seit 1989 entstandene neue europäische Sicherheitsarchitektur ins Wanken brach- te und auch Deutschland veranlasste, sich wieder stärker der Landes- und Bündnis- verteidigung zuzuwenden, nämlich die völkerrechtswidrige Annexion der ukraini- schen Krim durch Russland im Jahre 2014. Ist dies ein Plädoyer für eine „europäische Blockfreiheit" oder gar die Wiederbele- bung der früheren linken Forderung nach einer politischen Äquidistanz zu Moskau und Washington? Denn die Sozialdemo- kraten machen sich nicht nur beim Thema nukleare Teilhabe immer deutlicher für ei- nen nationalen Alleingang stark. Als Regie- rungspartei hatte die SPD die deutsch-fran- zösische Rüstungsexportvereinbarung vom 23. Oktober 2019 akzeptieren müssen, die u.a. vereinfachte Genehmigungsverfahren für den Export bilateral produzierter Waf- fensysteme vorsieht, falls der deutsche Zulieferanteil höchstens 20 Prozent des Wertes eines auszuführenden Gesamtsys- tems beträgt. Die SPD-Bundestagsfraktion reagierte darauf und auf die derzeitige Rüs- tungsexportpolitik insgesamt am 25. No- vember 2019 mit einem Positionspapier, in dem u. a. gefordert wird, in den Richtlinien bzw. in einem (noch zu erlassenden) Rüs- tungsexportgesetz eine Genehmigungs- dauer von maximal zwei Jahren festzu- schreiben und künftig auch offenzulegen, „nach welchen Kriterien Genehmigungen des Bundessicherheitsrats erteilt bzw. ver- sagt wurden." Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungs- industrie (BDSV) kommentierte das Papier am 26. November 2019 mit den Worten: „Die SPD stellt damit die Wettbewerbs- fähigkeit der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie infrage und begibt sich auf einen nationalen, in Europa nicht mehrheitsfähigen Sonderweg." Verteidigungsministerin Kramp-Karren- bauer betrachtet unterdessen den Streit mit den Sozialdemokraten, der sich an der „nuklearen Teilhabe" Deutschlands im NA- TO-Bündnis entzündete, mit offensichtlich großer Gelassenheit. Die konkrete Entschei- dung über die Tornado-Nachfolge werde erst in der nächsten Legislaturperiode im Parlament fallen, erklärte sie am 22. April gegenüber der „Süddeutschen Zeitung": „Das heißt, dass in der vorangehenden Bundestagswahl und den anschließend zu führenden Koalitionsverhandlungen Raum für eine solche Debatte sein wird." Wohl in der nicht ganz abwegigen Erwartung, diese Debatte dann nicht mehr mit einem nach links abgedrifteten Koalitionspartner SPD führen zu müssen. Mit der SPD muss sie allerdings vorher noch über die Höhe des Verteidigungshaushaltes verhandeln, von der die Finanzierung modernerer Aus- rüstung für die Bundeswehr entscheidend abhängt. Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 31
BERLINER PRISMA Im Schatten der Corona-Krise Wolfgang Labuhn Als im Internet übertragene Podiumsdis- kussion fast ohne Publikum fand am 11. Mai im Verteidigungsministerium eine längst überfällige Veranstaltung statt. Der Parlamentarische Staatssekretär, Peter Tauber (CDU), hatte Parlamentari- er, Vertreter der Bundeswehr, zivile Ex- perten und Geistliche zur Debatte „Be- waffnete Drohnen - politische, ethische und rechtliche Aspekte" geladen. Nach Taubers Worten ging es dabei um eines der „wichtigsten und kontroversesten Themen" der Verteidigungspolitik. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte bereits am 13. Juni 2018 dem Leasing von fünf bewaffnungsfähigen Drohnen des israelischen Typs Heron TP zwar zugestimmt, das heikle Thema einer tatsächlichen Bewaffnung aber ausgeklammert. Denn im Koalitionsver- trag von Union und SPD war festgehal- ten worden: „Über die Beschaffung von Bewaffnung wird der Deutsche Bundes- tag nach ausführlicher völkerrechtlicher, verfassungsrechtlicher und ethischer Würdigung gesondert entscheiden." Die Debatte darüber ergab allerdings wenig Neues. Generalinspekteur Eberhard Zorn plädierte nachdrücklich für eine Bewaff- nung der Heron TP und sprach vor allem von einem Zeitgewinn für die Entschei- der, die nicht zum Zusehen verurteilt seien, wenn es um den raschen Schutz der Truppe im Einsatz gehe. Außerdem könnten Ziele mit größerer Präzision bekämpft werden, da Drohnen kleine- re Waffen als Kampfflugzeuge trugen. Zorn betonte, dass die Bundeswehr nie- mals Drohnen zur gezielten Tötung von Menschen einsetzen würde, für die es in Deutschland keine juristische Grundlage gebe. Im Übrigen dürften Kampfdrohnen auch nur mit einem Mandat des Bundes- tages eingesetzt werden. Ähnlich argu- mentierten Vertreter der Koalitionsfrak- tionen, der FDP und der AfD, während Sprecher der Grünen und der Linkspartei den Einsatz von Kampfdrohnen durch die Bundeswehr strikt ablehnten mit dem Argument, dass sie völkerrechtswidri- ge Tötungen ermöglichen würden. Die neuen Drohnen sollen die von der Bun- deswehr bisher in Afghanistan und Mali erfolgreich eingesetzten Drohnen Heron 1 frühestens ab Mitte 2021 ablösen, bis die Euro-Drohne einsatzbereit ist. Ange- sichts der wachsenden verteidigungs- politischen Differenzen zwischen den Koalitionspartnern ist jedoch kaum an- zunehmen, dass über eine Bewaffnung der Heron TP mit Luft-Boden-Raketen noch vor der nächsten Bundestagswahl entschieden wird. * In der Aktuellen Stunde des Deut- schen Bundestages am 13. Mai er- läuterte Thomas Silberhorn (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, öffentlich und unmissverständlich die geplante Ersatzbeschaffung für das Waffen- system Tornado bis zur Einführung des deutsch-französisch-spanischen Future Combat Air System (FCAS): „Konkret beinhaltet die Empfehlung die Beschaffung von 38 Eurofigthern der Tranche 4 als Ersatz für die Euro- fighter der Tranche 1, die Vorbereitung der Beschaffung von 40 Eurofightern mit einer Option auf weitere 15 Euro- fighter als Tranche 5 in Ersatz für Teile der Tornado-Flotte einschließlich des Aufbaus eines Beitrages zur Fähigkeit „elektronischer Kampf" und schließ- lich die Vorbereitung der Beschaffung von 30 F-18-Kampfflugzeugen für die Rolle „nukleare Teilhabe" und weite- ren 15 F-18-Kampfflugzeugen für die Rolle „elektronischer Kampf". Dieses Konzept ermöglicht es der Bundes- wehr, die schon bestehenden Fähig- keiten unterbrechungsfrei zu erhal- ten." Dass Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) die Kaufabsicht für 45 F-18-Maschi- nen des Herstellers Boeing ihrem US-Amtskollegen Mark Esper zuvor bereits per E-Mail mitgeteilt hatte, hatte Unmut bei SPD-Politikern aus- gelöst. Silberhorn gab vor dem Bun- destag zu Protokoll: „Das Konzept der Bundesverteidigungsministerin ist abgestimmt innerhalb der Bundes- regierung." Doch offenbar verfügen deren SPD-Minister nicht mehr über die Rückendeckung durch ihre eigene Partei- und Fraktionsspitze. * Bevor Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer am 13. Mai vor dem Bundestag um Zustimmung für die fortgesetzte Beteiligung der Bun- deswehr an der MINUSMA-Mission in Mali warb, sah sie sich veranlasst, zu einem weiteren mutmaßlichen Fall von Rechtsextremismus in der Truppe Stel- lung zu nehmen. Zuvor waren bei einer Polizeirazzia auf dem Grundstück eines Oberstabsfeldwebels des Kommandos Spezialkräfte (KSK) im Landkreis Nordsachsen em Sturmgewehr vom Typ AK-47, Munition und Sprengstoff entdeckt worden. Der Militärische Ab- schirmdienst (MAD) hatte den Mann schon seit Längerem beobachtet und der Polizei schließlich entsprechende Hinweise gegeben. Niemand, der in ra- dikaler Art und Weise in den Streitkräf- ten auffalile, habe in der Bundeswehr Platz, erklärte Kramp-Karrenbauer dazu vor den Abgeordneten: „Dieser Soldat wird keine Uniform mehr tragen und auch keine Liegenschaft der Bundes- wehr mehr betreten dürfen." Gegen den 45-jährigen Soldaten wurde Haft- befehl erlassen. Dem jüngsten Jahres- bericht des Wehrbeauftragten zufolge bearbeitete der MAD 2019 insgesamt 363 neue Verdachtsfälle. 45 Soldaten seien vorzeitig entlassen worden. Die- se Zahlen sind identisch mit den Daten, die im ersten Bericht der neu geschaf- fenen Koordinierungsstelle des Vertei- digungsministeriums für Extremismus- fälle enthalten sind. Dieser Bericht soll, so der Auftrag, die Leitung des Verteidi- gungsministeriums, das Parlament und die Öffentlichkeit informieren. Damit hat das Verteidigungsministerium ei- ne Forderung des inzwischen aus dem Amt geschiedenen Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels erfüllt, der forderte, dass der Militärische Abschirmdienst die Öffentlichkeit jährlich über die Er- kenntnisse der Bundeswehr zum „Phä- nomenbereich Rechtsextremismus" informieren sollte. 32 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
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SICHERHEIT & POLITIK Für ein umfassenderes Engagement in der Sahel-Region Jürgen Hardt Das Schicksal Europas ist immer mehr verknüpft mit dem Schicksal Afrikas - im Positiven wie im Negativen. Chancen und Herausforderungen, die sich aus der Entwicklung Afrikas ergeben, betreffen Deutschland und Europa direkt. Immer wieder ist zu Recht die Rede vom „Chancenkontinent Afrika“. Das wirtschaftliche, auch das innovative Potenzial ist enorm. Dies gilt es, in einer ausgebauten Partnerschaft noch viel stärker und viel konsequenter zu erschließen. □gleich zeigen gerade die Entwick- lungen der letzten Monate die Risiken und Herausforderungen, die vom afri- kanischen Kontinent ausgelöst werden, in aller Deutlichkeit. Krisen, instabile Staaten, geringer Entwicklungsstand mit wenig Ar- beitsperspektiven und hohes Bevölkerungs- wachstum, mangelnde Gesundheitsversor- gung erhöhen nicht nur den Druck auf die Staaten und die staatlichen Institutionen selbst, sondern drohen ganze Regionen zu destabilisieren. Diese Herausforderungen zeigen sich gera- de in der Sahelzone wie in einem Brennglas. Die Zunahme terroristischer Gewalt und die Bildung neuer terroristischer Netzwerke, an- haltende Konflikte, fortwährende schlechte Regierungsführung in einigen Ländern und zugleich immer häufigere und schwerere Extremwetterereignisse haben zu einerwei- teren Destabilisierung der Region geführt. Die Sicherheitskräfte der Sahelstaaten sind dieser sicherheitspolitischen Herausforde- rung nicht gewachsen. Zuletzt haben terroristische Gruppierungen immer häufiger gezeigt, dass sie mit ge- zielten Attacken auf die malischen, burki- nischen und nigrischen Streitkräfte willens und in der Lage sind, komplexe Operationen durchzuführen. In Mali und Burkina Faso sind trotz der bereits laufenden internatio- Jürgen Hardt ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Außenpolitischer Sprecher der CDU/ CSU-Fraktion. Die Gedanken in diesem Artikel sind eine Fortentwicklung des Positionspapiers „Unterstützung für die Sahelregton - die Stabilität Nord- und Westafrikas ist im deutschen Interesse", das die CDU/CSU-Fraktion am 12. Mai 2020 beschlossen hat. Staaten der Sahel-Region naien Unterstützung weite Landesteile nicht mehr unter Kontrolle der Sicherheitskräfte, staatliche Verwaltungseinrichtungen sind seit Langem nicht mehr präsent. Schulen sind vielerorts geschlossen und die Zahl der Binnenvertriebenen steigt dramatisch. Zu dieser bereits laufenden Krisenzuspitzung wird die Bewältigung der Corona-Krise den Kontinent und gerade die Sahelzone abseh- bar vor weitere enorme Herausforderungen stellen. Im schlimmsten Fall droht der Verlust einer Generation, der die Zukunftsperspek- tiven fehlt. Eine solche Entwicklung kann und darf Eu- ropa nicht hinnehmen. Denn eine fortge- setzte Instabilität der Sahelzone wird auch zu einer Destabilisierung Gesamt-Westaf- rikas führen. Und dies hätte verheerende Konsequenzen, die bis nach Europa reichen würden: eine weitere Ausbreitung terroris- tischer Aktivitäten im Maghreb und damit eine Destabilisierung der direkten Nachbar- schaft der EU, eine weitere Ausweitung von Operations- und Rückzugsräumen für Ter- roristen und terroristischen Gruppierungen wie den iS oder al-Qaida sowie ein Anstieg von Fluchtbewegungen und irregulärer Migration. Schon jetzt gibt es in Teilen der Sahelstaa- ten große rechtsfreie Räume, die Terroristen Rückzugs- und Rekrutierungsraum bieten. Wichtige Routen des Menschen- und Dro- genschmuggels nach Europa verlaufen durch Westafrika. Und diese negative Entwicklung ist längst nicht auf die fünf Staaten der Sahelzone begrenzt. Schon jetzt bindet der Konflikt in Niger und Tschad entlang der Grenzen zu Nigeria wichtige militärische Ressourcen, die anderweitig im Kampf gegen den Terroris- mus benötigt werden. Zudem gibt es be- reits erste Anzeichen für ein Übergreifen der Instabilität auf die Küstenstaaten am Golf von Guinea. Diese sind und waren bislang für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region überaus bedeutsam. Denn in diesen Staaten konzentrieren sich die nach wie vor geringen industriellen Strukturen und die wichtige Handelsinfra- struktur, vor allem Häfen. Die wirtschaft- lich stärkeren Küstenstaaten wie die Gote d'lvoire (Elfenbeinküste) oder Senegal sind 34 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK Teilnehmer des C7-Gipfels in BiarritzIFrankreich traditionell wichtige Zielländer für saiso- nale und dauerhafte Arbeitsmigration aus dem Sahel. Auch diese Verbindung muss Richtschnur für unser verstärktes Engage- ment in der gesamten Region sein. Dies gilt natürlich auch für die Staaten des Maghreb. Sie können sowohl politisch wie auch wirtschaftlich entscheidend zur Stabilität und einer positiven Entwicklung des Sahel und ganz Westafrikas beitragen - aber eben auch die Instabilität weiter be- feuern. In besonderem Maße betrifft dies Libyen. Denn eine nachhaltige Befriedung Libyens ist ein weiterer Schlüssel zur Stabilisierung der Sahelzone. Auch deshalb ist es so wichtig, dass der „Berliner Prozess" fort- und umgesetzt wird. Hierzu wird die neue EU-Operation „Irini" hoffentlich einen wichtigen Beitrag leisten. Zu lange hat die Europäische Union als Gan- zes diese Entwicklung ignoriert bzw. ihr zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Es muss eine außen- und sicherheitspolitische Prio- rität für die gesamte EU sein, die Sahelzone zu stabilisieren. Hierzu bedarf es eines um- fassenden, kohärenten und robusten An- satzes, der auch die unterschiedlichen in- ternationalen und bilateralen Engagements in der Region koordiniert und stärkt. Ich plädiere für die rasche Formulierung einer Sahel-Strategie der EU als sichtbares Zei- chen der Handlungsfähigkeit der Gemein- samen Außen- und Sicherheitspolitik der EU. Die Interessen sind in der sogenannten „EU Global Strategy" aus dem Jahr 2016 aufgeführt. Mit Blick auf den Sahel müssen diese jetzt operationalisiert werden. Selbst- verständlich muss dieser Ansatz alle zivilen und militärischen Instrumente bündeln und aufeinander abstimmen. Gerade die Formate, die in den vergan- genen fünf bis zehn Jahren entstanden sind, müssen zusammengeführt werden. Die sogenannte „P3S"-lnitiative (Partena- riat pour la stabilste et la securite au Sahel) vom G7-Gipfel in Biarritz 2019 kann eine Art übergeordneten Rahmen bilden, der sicherheitspolitische, diplomatische und entwicklungspolitische Maßnahmen koor- diniert und dadurch effizienter macht. Die P3S kann beispielsweise die Maß- nahmen zu Stärkung der „G5 Sahel" im sicherheitspolitischen Bereich, vor allem im Rahmen der sogenannten „GS Force Conjointe", bündeln. Die P3S hat auch die lokalen Sicherheitskräfte im Blick. Sie müssen gezielt und entlang rechtstaatli- cher und menschenrechtlicher Standards ausgebildet und befähigt werden, Sicher- heit durchzusetzen. Die P3S kann auch dazu dienen, die Arbeit der im Juli 2017 am Rande des Deutsch-Französischen Ministerrats ins Leben gerufenen „Sahel Allianz" als Plattform für verbesserte und erweiterte Entwicklungs- und Stabilisie- rungsmaßnahmen weiter zu intensivie- ren. Dabei müssen die Vereinten Nationen eng eingebunden werden. Schon im Jahr 2018 hat die Europäische Union mit einem ers- ten Gipfel in Brüssel gemeinsam mit den Vereinten Nationen und den GS die Initi- ative ergriffen, um weitere internationale Aufmerksamkeit für die Region zu gene- rieren und finanzielle Unterstützung für Sicherheit und Stabilität in der Region zu sichern. Diesen Prozess gilt es fortzusetzen. Die Corona-Pandemie kann und muss ein weiterer Katalysator sein. Denn mangels Resilienz der Gesundheitssysteme droht gerade im Sahel eine Katastrophe großen Ausmaßes. Bei all diesen Bemühungen muss Deutsch- land eine tragende Rolle spielen und Im- pulsgeber sein. Als größte Volkswirtschaft der EU steht Deutschland in besonderer Verantwortung für die anderen Mitglied- staaten der EU. Und mit Blick auf die Erfah- rungen mit Migrationsbewegungen muss Deutschland im eigenen Interesse präventiv agieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass Deutsch- land zu einer umfassenden Konferenz für den Sahel einlädt, die Startschuss für eine neue, international abgestimmte und alle relevanten Akteure einbindende Initiative für den Sahel ist. Deutschland muss nicht nur im EU- und im UN-Rahmen, sondern auch bilateral bereit sein, sein Engagement im Sahel im gesamten Instrumentenkasten der Au- ßen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik auszuweiten. Dies fordert von Regierung und Parlament größere Flexibilität und die Mobilisierung und Umwidmung von Res- sourcen. Doch das muss es uns wert sein! Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf den Verteidigungshaushalt. Wir werden auf absehbare Zeit deutlich mehr Hoch- wertfähigkeiten einsetzen müssen. Diese müssen beschafft und vorgehalten wer- den. Es kann nicht sein, dass wir zum Bei- spiel eine Entscheidung treffen müssen, ob wir eine Hochleistungsdrohne in Afghanis- tan oder in Mai einsetzen. In Zukunft darf dies keine Frage mehr sein. Damit ist die Zwei-Prozent-Debatte sehr konkret. OMZ ! j hk-TbAATbB IBfWLAf7 Hybride Kriegführung und Urbanität Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 35
SICHERHEIT & POLITIK Quovadis Mali- Stabilität in der Sahelzone? Philipp Schätz Zugegeben, Mali bildet weder das Zentrum gesellschaftlichen Interes- ses noch medialer Berichterstattung in Deutschland. Dennoch leisten aktuell insgesamt über 1.100 deutsche Soldatinnen und Soldaten Dienst in der Europäischen Trainingsmission Mali (European Training Mission Mali, ELITM Mali) sowie der United Nations Multidimensional Integrated Stabilisation Mission in Mali (MINUSMA). Auf Grundlage seiner Erfahrungen als Analyst und Lagebearbeiter für das Einsatzgebiet Mali, sowohl in der hei- mischen Gebirgsjägerbrigade 23 als auch in drei Auslandseinsätzen vor Ort, gibt der Autor einen Überblick über die historischen und aktuellen Entwicklungen in Mali. Die durch den Deutschen Bundestag mandatierte Obergrenze für beide Missionen liegt zusammengerechnet bei insgesamt 1.450 Soldatinnen und Sol- daten. Damit bildet Mali den medial wahr- nehmbaren Schwerpunkt des deutschen Auslandsengagements. Doch was genau ist der Auftrag der deutschen Streitkräfte in Mali? Was ist das militärische sowie das politische Ziel dieser Missionen? Mit wel- chen Herausforderungen sehen sich die deutschen Soldatinnen und Soldaten, aber natürlich auch das Land Mali konfrontiert? Vom Arabischen Frühling zum Friedensabkommen von Algier Mali, ein Staat mit weit zurückreichender Geschichte und einst erheblicher regionaler Bedeutung, erfuhr ein ähnliches Schicksal wie die meisten Staaten Afrikas: Eine jahr- tausendealte indigene (Hoch-)Kultur wurde durch stetig wechselnde Strukturen, be- einflusst durch volatile ethnische oder reli- giöse Machtverhältnisse und Expansionen, geprägt, Im Zuge der großen Kolonialisie- rungspolitik europäischer Mächte ging das heutige Staatsgebiet Malis beginnend ab 1892 in der französischen Kolonie Franzö- sisch-Sudan auf. Von besonderem Interes- se waren bereits damals der Reichtum an Bodenschätzen, vor allem Gold, sowie die günstige Lage auf dem afrikanischen Konti- nent als Transit- und Handelsregion. Zu Beginn der 1960er Jahre endete die fran- zösische Kolonialherrschaft mit all ihren Be- Hauptmann Philipp Schätz ist Angehöriger der Gebirgsjägerbrigade 23. Gefährdetes UNESCO-Weltkulturerbe: das Grabmal von Askia in Gao, Ruhestätte des ersten Königs des Songhaireiches aus dem 15. Jahrhundert gleiterscheinungen wie willkürlicher Grenz- ziehung und - nach der Unabhängigkeit des Landes - stetig wechselnden Machthabern im Land. Eine Konstante stellen dabei die Be- strebungen der Tuareg nach ihrem Azawad (tuareg-beiberisch für: Savanne) dar: Die Tu- areg beanspruchen das Gebiet Zentral- und Nordmalis mit den Regionen Timbuktu, Gao und Kidal, das als Kernland des Nomaden- volks gilt, und fordern einen eigenen, auto- nom geführten Staat namens Azawad. im Zuge der ersten Revolte Ende der 1980er Jahre, als zahlreiche Tuareg, die in Algerien und Libyen als Gastarbeiter gelebt hatten, in ihre Heimat zurückkehren wollten, sicherte die in die Enge getriebene malische Regie- rung den Tuareg mittelfristig das geforderte Gebiet zur autonomen Selbstverwaltung zu. Jedoch hielt sie nie Wort. Während des sogenannten Arabischen Frühlings und des damit verbundenen politischen Umsturzes in Libyen im Jahre 2011 rebellierte der no- madische Berber-Stamm der Tuareg zum wiederholten Male. Zehntausende Tuareg, die dem ehemaligen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi als elitäre Leibgarde dienten, waren fortan ohne Arbeit und oh- ne Heimat. Im Gegensatz zur Revolte der 1980er/1990er Jahre waren sie nun jedoch militärisch hervorragend ausgebildet und ausgerüstet. Dementsprechend erfolgreich verlief ihr Einmarsch im Norden Malis oh- ne nennenswerten Widerstand einer voll- kommen überraschten, überforderten und maroden malischen Armee. Bereits nach kürzester Zeit kontrollierten die Tuareg das beanspruchte Gebiet des Azawads. Angesichts dieser desolaten Situation putschten Teile des scheinbar in ihrem Stolz gekränkten Militärs unter der Führung des 36 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK Tuareg-Rebellen in Mali Gebiul * durch MNLA oder Islamisten fr&sotrt Unbc » annrt, ob beselzl (früher hfrWrscH] ALGERIEN MAURETANIEN Kidal ©Kay es • XhJiJOu Tao- _ *h 'Trtü^jat-Br L Tmwm 9 Timbuktu kteoakA RK1 N A NIN fcGao J Anöls Gourrrvi- Rtwoos Niamey j h i 1 b L • <* Artd&ramtoukan« Von den Tuareg kontrollierte Gebiete in Mali im Jahr 2012 Infanterieoffiziers Amadou Toure. Im Nachhi- nein amtierte Toure mehrere Male als Staats- oberhaupt bis 2012. Im Wesentlichen blieb der Norden und Nordosten bis zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle der Tuareg-Re- bellen, die ihrerseits die Unabhängigkeit des Azawad und einen Separatstaat ausriefen. 2012 hatte das malische Militär erneut ge- gen die Regierung unter dem Vorwand ge- putscht, der Regierung gelänge es nicht, die Tuareg-Rebellen im Norden unter Kontrolle zu bringen. 2013 bat der Staatspräsident der malischen Interimsregierung Frankreich um militärischen Beistand. Durch die internatio- nale Intervention unter französischer Führung gelang es zunächst, eine vermeintlich demo- kratische Zivilregierung in Bamako zu instal- lieren. Mit Unterstützung der französischen Operation „Serval" gelang es Anfang 2013, die Rebellen aus dem Nordosten des Landes zu verdrängen und die staatliche Kontrolle über das Territorium wiederherzustellen. Zur offiziellen Rückübertragung der Kont- rolle des gesamten Landes an die malische Regierung wurde im Mai 2015 in Algerien eine Konferenz abgehalten, bei der das „Friedensabkommen von Algier" verhan- delt und besiegelt wurde. Ein wesentlicher Bestandteil des Friedensabkommens stellt die Integration ehemaliger Tuareg- Rebellen in die regulären malischen Streitkräfte dar. In sogenannten MOC-Bataillonen (Mecanisme operationnel de coordination) sollen zu glei- chen Teilen je 200 Soldaten der malischen Armee, 200 ehemalige Milizionäre, die die malische Armee unterstützt haben, sowie 200 ehemalige Tuareg-Rebellen, gemein- sam für Stabilität im Nordosten des Landes sorgen, indem sie Militär- und Polizeiaufga- ben übernehmen. Sicherheit und Stabilität in Mali? So ambitioniert, beinah pathetisch das Kern- ziel des Friedensabkommens klingen mag, so klar muss schon im Jahre 2015 gewesen sein, dass die Umsetzung erhebliche Kraft und Zeit beanspruchen würde und somit nicht durch Mali allein gestemmt werden konnte. Der Nordosten Malis, der eine Flä- che gut doppelt so groß wie Deutschland umfasst, wird durch eine Vielzahl irregulärer Akteure beansprucht. Unverändert besitzt Mali eine erhebliche geostrategische Relevanz für Handel oder auch für Schmuggel. Dabei wird sich nicht auf einige wenige Schmuggelgüter be- schränkt. Vielmehr fungiert Mali als zentra- ler Umschlagpunkt auf der Achse Südame- rika-Afrika-Europa für Drogen und Waffen jeglicher Art, Menschen oder Elfenbein. Schätzungen der Vereinten Nationen gehen von einem jährlichen Gewinnvolumen von über fünf Milliarden US-Dollar aus. Neben der Organisierten Kriminalität werden von solchen Gewinnaussichten auch Terroristen angezogen, die sich nicht nur einen lukrati- ven Beitrag zur Finanzierung eigener Aktivitä- ten erhoffen, sondern gleichzeitig ungestört Kämpfer rekrutieren und ausbilden können. Die eigenen Fähigkeiten können dann in un- mittelbarer Nähe im Kampf getestet werden gegen Gegner, deren Fähigkeitsspektrum von dem einer überforderten lokalen Miliz bis hin zu europäischen Spezial Kräften reicht. Bis Mali selbst in der Lage sein wird, diese internen wie externen Bedrohungen erfolg- reich und dauerhaft abzuwehren, ist es auf die Unterstützung ausländischer Akteure angewiesen. Auf die französische Operation „Serval" folgte die Operation „Barkhane" (Sicheldüne), in deren Verlauf Frankreich mit rund 5.100 Soldatinnen und Soldaten den islamistischen Terrorismus in der Sahelzone bekämpft. In Anlehnung an die vorange- gangene Intervention sind die Truppen im Nordwesten des Landes, vornehmlich in Kidal und Gao, stationiert. Außerdem sollen die rund 15 000 Blauhelme der MINUSMA zur Friedenssicherung und Stabilisierung Malis beitragen. Sie sind in den Regionen Kidal, Gao und Timbuktu sowie der Zent- ralregion um Mopti/Sevare stationiert. Die Truppendislozierung orientiert sich an den ehemals durch Tuareg besetzten Gebieten. Darüber hinaus will die Europäische Union mit der European Training Mission Hilfe zur Selbsthilfe leisten und mit über 600 Solda- tinnen sowie Soldaten aus mehr als 20 Staa- ten die malischen Streitkräfte im Koulikoro Training Center vor allem in infanteristischen Fähigkeiten aus- und weiterbilden. Frank- reich hingegen fördert und koordiniert eine weitere Antiterror-Mission in der Sahelzone unter Beteiligung Malis und der Sahelstaa- ten Mauretanien, Niger, Burkina Faso sowie des Tschad. Diese Länder werden zusam- men als G5-Sa hei-Staaten bezeichnet. Ziel der „G5-Sahel" ist die Terrorismusbekämp- fung in den Grenzregionen derSahelstaaten durch die betroffenen Staaten unter Abstüt- zung auf Frankreich. Somit bildet GB-Sa- hel den maßgeblichen Bestandteil einer Exitstrategie für die Operation „Barkhane". Die drei Säulen des Konflikts Dass trotz des erheblichen personellen wie finanziellen Einsatzes ausländischer Akteure keine sichtbare Verbesserung der Sicherheits- lage erkennbar ist, hat vielerlei Ursachen. Einen erstaunlich offenen, jedoch wenig optimistischen Einblick gewährt UN-General- sekretär Antonio Guterres in seinem Bericht vom 20. März 2020 zur Lage in Mali. Nachfol- gend werden diese Ursachen in drei Säulen gruppiert. Dabei sind die jeweiligen Säulen nicht isoliert zu betrachten, sondern vielmehr in Wechselwirkung zueinander zu setzen. Humanitäre Herausforderungen Zwar umfasst das Staatsgebiet Malis eine Fläche, die mehr als dreimal so groß ist wie Deutschland, jedoch können davon weniger als fünf Prozent bewohnt und bewirtschaftet werden. Die Verdoppelung der Bevölkerung auf rund 18 bis 20 Millionen Menschen in den vergangenen 40 Jahren und eine weitere pro- gnostizierte Verdoppelung in den nächsten Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 37
Foto: Bundesweh r/Tessensohn MINUSMA in Gao: Ein Sandsturm kündigt sich an 20 Jahren hat einen Kampf um fruchtbares Land als Lebensgrundlage zur Folge. Ferner leben in Mali seit jeher verschiedenste Ethnien und Religionen friedlich neben- oder mitei- nander. Lediglich in der Zentralregion rund um Mopti/Sevare herrschen blutige Gebiets- kämpfe zwischen den beiden seit Jahrhun- derten verfeindeten Ethnien der Dogon und Fulbe (Fulani), die in den letzten Jahren weit über 1.000 Todesopfer forderten. Die prekäre humanitäre Situation, die feh- lende Aussicht auf Verbesserung und staatli- che Ohnmacht, sind Ursache für eine erheb- liche Unzufriedenheit der lokalen Bevölke- rung, die sich in Form von Demonstrationen entlädt. Diese Situation wird durch zwei Strömungen zusätzlich verschärft: Einerseits werden interethnische Spannungen durch terroristische Gruppierungen zusätzlich in- strumentalisiert und durch Ausbildung und Ausrüstung der Konfliktparteien angefacht. Andererseits werden die Feindbilder und ursprüngliche Ursachen dieser Demonstra- tionen teilweise vermischt So wird beispiels- weise die Operation der ehemaligen Kolo- nialmacht Frankreich mit MINUSMA gleich- gesetzt. Es ist davon auszugehen, dass die angespannte humanitäre Lage durch China und Russland bewusst genutzt wird, um ih- ren Fußabdruck in Afrika und ihre jeweilige Rolle als Weltmacht auszubauen. Während von Russland bisher noch keine signifikanten Aktivitäten zu beobachten sind, engagiert sich China sowohl militärisch bei MINUSMA im Raum Gao als auch mit Entwicklungshil- fe in den Bereichen Sanitätsversorgung und Infrastruktur im gesamten Land. Fehlende Staatlichkeit Ungeachtet des nationalen wie internatio- nalen Drucks wurden die blutigen Kämpfe zwischen Dogon und Fulbe von staatlicher Seite hingenommen. Wenn überhaupt, dann gab es aus Bamako Aufrufe zur Beile- gung des Konflikts in der über 500 Kilome- ter entfernten Zentralregion. Erst ein Über- fall auf ein Fulbe-Dorf im Frühjahr 2019 mit 200 Todesopfern bewegte die Regierung zur Vorlage eines Konzepts zur Stabilisierung der Zentralregion durch die Stationierung von bis zu 3.000 zusätzlichen malischen Si- cherheitskräften. Bisher kann von einer Kon- trolle des Gebiets durch offizielle Akteure jedoch keine Rede sein. Wie auch im Rest des Landes. Es scheint, als konzentriere sich der Großteil der gut 25.000 Sicherheitskräf- te (davon ca. 18.000 Armeeangehörige) auf die Hauptstadt Bamako sowie die angren- zenden und als sicher geltenden Regionen Kayes, Koulikoro und Sikasso im Südwesten des Landes. Militärstandorte in der Zentral- region sowie dem Nordosten Malis haben bestenfalls symbolischen Charakter und keinerlei Einfluss auf die Sicherheitslage. Gleiches gilt für die zivilen staatlichen Ver- waltungseinrichtungen, von denen in der Zentralregion bzw im Nordosten weniger als 25 Prozent besetzt sind. Terrorismus und Organisierte Kriminalität Das Machtvakuum, besonders in der Zen- tralregion und dem Nordosten Malis, und die Enttäuschung der lokalen Bevölkerung gegenüber dem Staat wird gezielt durch An- gehörige krimineller und/oder terroristischer Gruppierungen genutzt, um die eigene Gruppierung als unangefochtene Autorität in der Region zu installieren und damit ein- hergehend staatliche Aufgaben wie Sicher- heit, Gerichtsbarkeit, Gesundheitswesen und Schulbildung zu kontrollieren. Mangels Alternativen und aus Sorge vor Anarchie wird dieses Angebot von der lokalen Bevölkerung akzeptiert. Es wird von einem harten Kern von etwa 2.000 Kämpfern ausgegangen. Zahlreiche lokale Untergruppen agieren in bzw. aus Mali grenzübergreifend in den zwei Bündnissen, der Jama'a Nusrat ul-lslam wa al-Muslimin (JNIM, Gruppe zur Unterstüt- zung des Islams und der Muslime) sowie dem Islamic State in the Greater Sahara (ISGS). Die JNIM, die al-Qaida nahesteht, kont- rolliert dabei die Zentralregion sowie den Norden des Landes um Kidal, wohingegen ein Vormarsch des ISGS über die Grenzlinie zu Burkina Faso und Niger auf den Osten des Landes und die strategisch wichtige Verbindung zwischen Ansongo, Menaka und Gao zu beobachten ist. Ferner heizen beide Gruppierungen den ethnischen Kon- flikt zwischen den Dogon und Fulbe in der Zentralregion an, um somit das Land weiter zu destabilisieren und malische wie interna- tionale Sicherheitskräfte zu beschäftigen. In den letzten Jahren ist ein signifikanter qualitativer wie quantitativer Anstieg von Aktionen durch Terroristen beziehungswei- se Kriminelle zu beobachten. Einst primitive Angriffe auf isolierte und überforderte ma- lische Soldaten sind professionell geplanten und durchgeführten Angriffen auf Einrich- tungen westlicher Nationen wie beispiels- weise Frankreich gewichen. Dabei gelang es, eine Vielzahl von Angreifern und vermehrt auch Selbstmordattentäter zu mobilisieren und erheblichen Schaden zu verursachen. Auch vereinzelte komplexe Vorstöße wie auf das EUTM Mali Trainingscenter im ver- meintlich sicheren Koulikoro unterstreichen die neue Qualität der Bedrohung in Mali. Eine weitere, sukzessive Steigerung des Ein- satzwertes der Angreifer in den nächsten Jahren gilt als sehr wahrscheinlich. Wider den Status quo Diese Entwicklungen führen zu einer inter- national diskutierten Anpassung der Mali- Strategie sowie auch der dort tätigen Mis- sionen. Anpassungen MINUSMA MINSUMA adaptierte eine neue Dislozie- rung der Truppen angesichts der prekären Lage in Zentralmali, um dem ethnischen Konflikt zwischen den Dogon und Fulbe Rechnung zu tragen. Unter Beibehaltung der personellen Obergrenze von gut 14.000 Blauhelmen wurden verstärkt Truppen in der Zentralregion stationiert. Dies hatte ei- ne Reduktion der Truppen im Nordosten zur Folge. Damit einher ging ein Erstarken der Terroristen im Norden und die Aufgabe ganzer Stützpunkte der malischen Armee. Somit konnten zwar räumlich und zeitlich begrenzte Achtungserfolge in der Zentralre- gion erzielt werden, von Nachhaltigkeit wa- ren diese jedoch nicht geprägt. Dies führte dazu, dass MINUSMA mitunter mehr als Teil des Problems, denn als Teil der Lösung wahrgenommen wurde. Dieses Problem soll nun durch eine angepasste, intensivere Vor- ausbildung der Einsatzsoldaten sowie einer stärkeren Kontrolle und Sanktionierung sei- tens der UN angegangen werden. Die aktuellen Forderungen von Guterres umfassen eine grundlegende militärische Neustrukturierung der Mission. Demnach sollen die vier regional agierenden Infante- 38 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK Luftbeweglicher Einsatz in Gao riebataillone durch luftbewegliche speziali- sierte beziehungsweise Spezialkräfte ersetzt werden. Dazu sollen entsprechende Heli- kopter zur Verfügung gestellt werden. Somit könnten die Einheiten auch ohne gängige nationale Standard vorgaben (beispielsweise die Einhaltung der „Golden Hour" im Zuge der Rettungskette)jederzeit und kurzfristig im gesamten Land eingesetzt werden und somit reaktionsschnell auf aktuelle Bedrohungen reagieren. Ein Aufstocken der Truppen durch eine Er- höhung der Mandatsobergrenze sieht Gu- terres nicht vor, sehr wohl jedoch eine An- hebung des Budgets - ohne dabei konkrete Zahlen zu nennen. Frankreichs Strategie Frankreich hält weiterhin an einer Zwei-Säu- len-Strategie, der Bekämpfung von Terro- rismus sowie der Stabilisierung des Landes, fest. Dabei forciert Frankreich seine Rolle als Mentor. Im Zuge der Mission „G5-Sahei" soll das französische Engagement stark re- duziert und der eigentliche Auftrag der Ter- rorismusbekämpfung mehr und mehr den Teilnehmerstaaten überlassen werden. Fer- ner soll die national geführte, robuste An- titerror-Mission Operation „Barkhane" für NATO/EU-Partner geöffnet und somit der eigene Beitrag reduziert werden. Im NATO/ EU-Verbund sollen auch weiterhin gezielt Terroristen bekämpft werden. Auch die Stabilisierung des Landes soll nach und nach an malische Sicherheitskräfte übergeben werden, die zuvor-sei es durch EUTM Malioder MINUSMA-dazu befähigt worden sein sollten. Ausblick Da selbst der UN-Generalsekretär in seinem jüngsten Bericht postuliert, dass die aktu- elle Lage Malis stark an das Jahr 2012, al- so der maximalen Machtausdehnung der Tuareg-Rebellen im Nordosten sowie einer instabilen Regierung im Süd westen des Lan- des erinnere, scheint eine Anpassung der Strategie unabdingbar, um den gewünsch- ten Erfolg zu erreichen. Somit herrscht ein einvernehmliches Narrativ aller Akteure hinsichtlich einer veränderten Strategie für Mali vor. Besonders Frankreich und die USA befürworten diese Vorgehensweise. Die Zwei-Säulen-Strategie, also die Bekämp- fung von bewaffneten Kriminellen und Ter- roristen, sowie die Hilfe zur Selbsthilfe für die malischen Sicherheitskräfte, die das Land künftig in eigener Verantwortung stabili- sieren sollen, erscheint hierzu als probates Mittel. Einerseits wären gemeinsame Vereinbarun- gen von klaren und realistischen Zielen auf politischer Ebene sowohl für die malische Regierung als auch die internationalen Ak- teure ein verlässlicher Gradmesser für die Effektivität der Zusammenarbeit. Zum einen wird der malischen Regierung ermöglicht, die Zielerreichung selbst zu kontrollieren und bei Bedarf eigeninitiativ nachzusteuern, sodass die Regierung an Souveränität und Eigenverantwortung gewinnen würde. Zum anderen würde eine solche Checkliste ein- getretene Verbesserungen im Lande auch für internationale Akteure quantifizierbar of- fenlegen und somit einen Beitrag zur Erhö- hung des gesellschaftlichen Verständnisses für das Engagement in Mali leisten. Andererseits würde der neuen Bedrohungs- lage durch die qualitative wie quantitative Steigerung der bewaffneten Akteure in Mali sowie dem Grenzgebiet nach Burkina Fa- so und Niger Rechnung getragen werden. Die Anpassung der bestehenden Mandate würde die malische Armee maßgeblich bei der Wahrnehmung von Sicherheitsaufgaben unterstützen und somit zur effektiven und nachhaltigen Bekämpfung von Organisierter Kriminalität und Terrorismus beitragen. Broschüre MITTLER REPORT IT-Report 2020 Themen u.a.: • Masterstudium Cyber-Sicherheit • Bundeswehr Cyber Innovation Hub • Managed Security Services • Cyber Security & Künstliche Intelligenz • Digitalisierung der Artillerie MITTLER REPORT Wehrtechnischer Report 68 Seiten € 14,80 (zzgl. Versandkosten) MITTLER REPORT VERLAG GMBH • Beethovenallee 21 • D-53173 Bonn Fax: 0228 / 35 00 871 info@mittler-report.de • www.mittler-report.de Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 39
SICHERHEIT & POLITIK „Die Juden haben die Annexion schon vorweggenommen“ Palästinensische Gedanken zur Annexion XXX* Nach der Bildung der Großen Koalition in Israel steht die Annexion des Westjordanlandes im Regierungs- programm. Israel scheint dies ohne großen internationalen Protest durchziehen zu können. Wie wirkt das auf jemanden, der das mit palästinensischen Augen betrachtet? Es ist schon recht paradox, dass die Länder der arabischen Liga und der internationalen Staatengemeinschaft auf die Ankündigung der Annexion weiter Teile des Westjordanlandes durch die neue israelische Regierungskoalition mit Entrüs- tung reagieren. Denn es werden regelmä- ßig Olivenbäume palästinensischer Bauern zerstört, Häuser palästinensischer Familien niedergerissen und palästinensisches Land zum Bau oder zur Ausweitung jüdischer Siedlungen enteignet. Gerade unter Pre- mier Benjamin Netanjahu wurde die Kon- fiszierung von Land und Boden schamlos weitergetrieben. Allerdings bilden diese Ereignisse für unsere Leitmedien keinen Neuigkeitswert, so dass sie von der Öf- fentlichkeit weiterhin unbeachtet bleiben. Oder - wie sagte es mir einst ein deutscher Parlamentarier hinter vorgehaltener Hand: „Da unten wird es nie eine einvernehmli- che Lösung geben. Sollen die sich doch die Köpfe einschlagen - was soll's!" Siedlungskurs von Sharon bis Netanjahu Die Siedlungspolitik mit ihrem ideolo- gisch-religiösen Unterbau („Gott hat uns Juden, dem auserwählten Volk, dieses Land versprochen, und nun ist es unsere heilige Pflicht es zu besiedeln.") folgt der Logik der vollendeten Tatsachen. Forciert hat dies Ariel Scharon, Ministerpräsident in Israel von 2001-2006, der als Vater der Siedlungspolitik gilt und dessen kompro- missloses Vorgehen ihm den bezeichnen- * Der Autor ist ein in Palästina gebo- rener Deutscher, der nicht namentlich genannt werden möchte. (Name ist der Redaktion bekannt). Ariel Scharon, Israelischer Ministerpräsident von 2001-2006, gilt als Vater der Siedlungspolitik den Namen „Bulldozer" eingebracht hat. Das Prinzip ist einfach: Vor Ort Fakten schaffen, indem bestehende Siedlungen im Westjordanland erweitert und neu ge- gründet werden, was sich inzwischen als erfolgreiches Mittel erwiesen hat, um das zu erreichen, was eine ganze Reihe politi- scher Führungen Israels stets anstrebten: die Verhinderung eines politisch unabhän- gigen und souveränen palästinensischen Staatsgebildes östlich des Jordans. Das war und ist die Agenda von Premier Ne- tanjahu. Ihre logische Fortführung liegt auf der Hand - die Annexion von Teilen des Westjordanlandes, die noch in der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump vollzogen werden soll. Doch wie sieht es konkret vor Ort aus? Was bedeutet diese Siedlungspolitik für das Leben der Palästinenser? Derzeit leben 622.670 israelische Bürger in mehr als 200 Siedlungen: 209.270 in Teilen des Westjor- danlandes, die Israel der kommunalen Ge- richtsbarkeit Jerusalems angegliedert hat, und 413.400 im restlichen Westjordanland. Israel kontrolliert die Rohstoffe Betrachtet man nun alle Siedlungsblöcke im Zusammenhang, so wird Folgendes deutlich: Sie sind so angelegt, dass sie als Ganzes das gesamte Territorium des West- jordanlandes weiträumig einkreisen, und es dazu noch in verschiedene Sektoren zer- schneiden. Am Beispiel von Jerusalem zeigt sich, dass die Stadt von zwei Siedlungsrin- gen umgeben ist. Der erste besteht unter anderem aus Ramot, Neve Yaacov, Talpiot und Gilo, der zweite aus Rekhes Shujat und Har Homa, wobei der eine Ring den ande- ren umschließt. Gebietsmäßig umfassen sie den größten Teil des mittleren Westjordan- landes von Bir Zeit im Norden bis zu den Randgebieten Bethlehems im Süden. Über dieses feinmaschige Gitternetz von Sied- lungsachsen kontrolliert Israel beispiels- weise auch eine Region wie das Jordan- tal, das 23 Prozent des Westjordanlandes ausmacht und als Kornkammer der Palästi- nenser gilt. Es erlaubt Israel aber vor allem 40 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK die Grundwasserleiter zu kontrollieren, und damit 80 Prozent des Wasservorkommens im Westjordanland. Infolgedessen steht ei* nem israelischen Siedler 15-mal mehr Was- ser zur Verfügung als einem Palästinenser. Doch all diese Aspekte und die daraus re- sultierende öffentliche Diskussion über die Rechtmäßigkeit der Siedlungen verschlei- ern, dass viele der Siedlungen der israeli- schen Mittelklasse als komfortable und preiswerte Vororte (Anzahlung ab 4.900 US-Dollar und monatliche Ratenzahlung ab 390 US-Dollar) dienen. Während die Siedlungen und damit also auch der Gedanke der Annexion in weiten Teilen der israelischen Gesellschaft keine Aufreger mehr sind, sieht es auf der paläs- tinensischen Seite ganz anders aus. Denn hier sind die Siedlungen der prägendste Faktor ihres Alltags. Hunderttausende von Foto: Creative commons Die Siedlung Har Homa am Südostrand von Jerusalem im Westjordanland Dunams (1 Dunam = 1.000 Quadratmeter), einschließlich Acker- und Weideflächen, hat sich Israel von den Palästinensern seit 1967 unrechtmäßig angeeignet, um diese zu bebauen. Land, das auch für Hunderte Kilometer neuer Straßen benutzt wurde, die ausschließlich von Siedlern befahren werden dürfen. Straßensperren, Check- points und ein von Willkür geprägtes Passierscheinsystem, die zum Schutz von Anzahl Siedler (ohne Ostjerusalem) | 427.800 2018 281.100 2008 ]|21 172-200 1998 | 66.500 1988 7.800 1978 GAZA I I 0 10 km Israelische Siedlungen im Westjordanland Ende 2019 Siedlungen dienen, schränken die Bewe- gungsfreiheit von 2,7 Millionen Palästinen- sern extrem ein. Vielen palästinensischen Bauern wird der Zugang zu ihrem Ackerland verwehrt. Die israelische Sperranlage wurde nicht ent- lang der Grünen Linie (Waffenstillstandsli- nie 1949) erreichtet, sondern innerhalb des Westjordanlandes (bis zu 20km von der Grünen Linie entfernt), um möglichst viele Lage der Siedlungen § und «Außenposten" s üj ÖL 3 WESTJORDAN- LAND * * • Siedlungen und große Landflächen zu deren Erweiterung auf die Seite des israelischen Staatsgebietes zu ziehen. Gegenwärtig sind 46 palästinensische Gemeinden hochgradig gefährdet, abgerissen und verlegt zu wer- den, da für die Gebäude angeblich keine Baugenehmigungen existierten. Gewalt von Siedlern Nicht unerwähnt bleiben sollte die Sied- lergewalt, denn auch diese dient als Instrument, sich immer mehr Land an- zueignen. Übergriffe von radikalen, ul- tra-orthodoxen Siedlern gehören zum Alltag jener Palästinenser, die unweit von Siedlungen wohnen. Israelische Sicher- heitskräfte ermöglichen diese Aktionen, indem sie teilnahmslos dabeistehen oder sich aktiv daran beteiligen (dokumentiert durch die Menschenrechtsorganisation B'Tselem). Für Palästinenser sind die Folgen solcher Übergriffe immer verheerend - angefan- gen von Schäden an Land und Eigentum über schwere Verletzungen bis hin zu To- desfällen. Konsequenz dieser Gewalt ist in vielen Fällen der Wegzug der palästinensi- schen Landeigentümer, so dass Behörden leichtes Spiel haben, sich Ressourcen einzu- verleiben und Land zu annektieren. Schon vor vielen Jahren konnte man in Tel Aviv, Akko, Haifa und Jerusalem große Pla- katwände mit dem Wort „TRANSFER" fin- den. Die Idee eines ausschließlich jüdischen Staates ist keine neue - und der internatio- nalen Staatengemeinschaft wohl bekannt. Die Enteignung von Land ist schon seit Jahr- zehnten Vorbote der Annexion. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die Entrüstung vieler politischer Akteure regelrecht heuch- lerisch. Oder ist bei ihnen jetzt erst der Gro- schen gefallen, dass die israelische Führung unter Premier Netanjahu Ernst macht? 11 Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 41
SICHERHEIT & POLITIK Energiepolitische Doppelkrise von Olpreiskrieg und Pandemie Geopolitische Auswirkungen Frank Umbach rdöl ist noch immer die wichtigste Energiequelle mit rund 34 Prozent der globalen Energienachfrage, die 2019 erstmals auf 101 Mio. Fass pro Tag (mb/d) angestiegen ist. Seit dem letzten Einbruch des internationalen Erdölpreises 2014 konnte dieser zuletzt in einer Preisspanne von zumeist 50-70 US-Dollar pro Tonne nur stabilisiert werden, weil die Mitgliedstaa- ten der Organisation erdölproduzierender und -exportierender Länder (OPEC) und von Nicht-OPEC-Mitgliedern wie Russland sich seit Dezember 2016 jährlich auf eine Erdölförderbeschränkung und faktische Produktionskürzung einigen konnten. Al- lerdings waren die Verhandlungen schwie- rig und die jeweilige Kompromisslösung brüchig, zumal sich nicht alle Staaten an die vereinbarten nationalen Produktions- kürzungen gehalten haben. Dennoch haben Saudi-Arabien und Russ- land weiterhin mit dem stetigen Anstieg der US-Schieferölproduktion Marktanteile an die USA verloren, zumal sich Washing- ton bisher nicht in eine globale Ölproduk- tionsbeschränkung des „OPEC+-Kartells" einbinden ließ. Inzwischen sind die USA vom einstmals größten Rohöl im porteur zum weltgrößten Rohölproduzenten und Nettoexporteur aufgestiegen, während Saudi-Arabien (mehr als Russland) die vereinbarten gemeinsamen Produktions- beschränkungen mit eigenen Marktanteil- verlusten bezahlen musste. Daher konnte Russland an Saudi-Arabien vorbei von 2008-2017 zum größten und seit 2017 zum zweitgrößten Ölproduzenten nach den USA aufsteigen. Bis Anfang März sollten die erneuten Ver- handlungen der OPEC+-Gruppe unter Führung Saudi-Arabiens und Russlands eine erneute Förderkürzung der Ölpro- duktion vereinbaren. Doch diese Verhand- Dr. Frank Umbach ist Forschungsdii- rektor am European Centre for Clima- te, Energy and Resource Security (EUCERS), King's College, London. 5 SaudhArafatai Russland Vereinigte Staaten < florfei pu Fog 12 2OÜfi 2009 2010 2011 2012 2013 201*4 2015 2016 2017 2018 Rohölproduktion von Saudi-Arabien, Russland und den Vereinigten Staaten von 2008 bis 2018 in Millionen Barrel pro Tag Projechm» MiENAP ölt experter« 2017 2018 2019 2020 2021 Algerü 91.4 101.4 104.6 157,2 109.3 ßafrirair* 1126 118,4 106.3 95.6 34.4 Iran 648 67.8 244.3 3394 319.5 Iraqi 42.3 45.4 55.7 60.4 54.0 Kuwait 45.7 53.6 526 61.1 60.3 Libyi 102.8 68.6 .. | 48.5 57.9 70.3 Qnw 96,9 96,7 92-8 868 79.8 Qitar 513 48.0 MV 39.9 36 5 Saudi Arabia 33.7 38.6 32.6 76.1 66.0 United Arab Emirate« 62.0 64.1 671 1 _ 69.1 60.6 Gewinnschwelle der Ölexporteure in Nordafrika und im Nahen Osten in Dollar pro Barrel lungen scheiterten am Widerstand des Kremls. Daraufhin erklärte Saudi-Arabien Russland und indirekt auch den USA einen „Ölpreiskrieg", in dem alle früheren För- derbeschränkungen aufgehoben wurden und Saudi-Arabien seine Ölproduktion von 9,8 mb/d auf 12,3 mb/d stark aus- weitete. In deren Folge musste sich die ohnehin bestehende Überversorgung auf dem glo- balen Rohölmarkt weiter verschärfen. Dar- aufhin fiel derölpreis bis Anfang April 2020 um zwei Drittel auf unter 20 US-Dollar pro Fass - das niedrigste Ölpreisniveau seit den islamistischen Terroranschlägen 2002. Inzwischen wird der Ölpreis aber noch mehr durch die globale Corona-Pandemie beeinflusst, da die globale Quarantäne-Po- litik die Weltwirtschaft und Ölnachfrage determiniert. Dies setzt viele Ölproduzen- ten unter zusätzlichen wirtschaftlich-fi- nanziellen Druck. So sind nicht nur die Staatshaushalte der Petrostaaten weiter- hin in einem hohen Ausmaß auf Ölexpor- teinnahmen angewiesen, die auf einem fiskalischen Ölpreis von zumeist mehr als 60 US-Dollar basieren. Daran hat auch die jüngst vereinbarte Förderkürzung um 9,7 mb/d für Mai und Juni (danach 8 mb/d) kaum etwas geändert, da diese zu spät 42 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
ICHERHEIT & POLITIK Produktionskosten 2018 in Dollar pro Barrel nis auf Zeit. Dies zeigte steh schon schnell, als der saudische Ölminister Prinz Abdu- laziz Moskau wiederholt vorwarf, die vereinbarte Förderquote nicht wirklich umzusetzen. Tatsächlich lag die russische Rohölproduktion 2017 nur 0,1 Prozent unter der vorjährigen trotz der vereinbar- ten Förderquotensenkung. 2018 sollte sie noch einmal um 1,6 Prozent zu- statt ab- nehmen. Hinter den durchaus berechtig- ten saudischen Vorwürfen spiegelt sich jedoch auch der Umstand wieder, dass Riad Moskau nicht als wirklich gleichbe- rechtigten Partner, sondern sich eher als „Primus inter pares" von OPEC+ ansieht. und gering ist, um den globalen Nachfra- gekollaps von 101 mb/d auf rund 75 mb/d abzufangen und den Öl preis wieder stärker auf zumindest 50 US-Dollar zu stabilisieren, im Jahresdurchschnitt 2020 dürfte er kaum über 40 US-Dollar pro Fass liegen. Damit aber drohen nicht nur größere wirt- schaftliche Krisen in zahlreichen Ölprodu- zentenstaaten. Auch deren politische und gesellschaftliche Stabilität ist zunehmend fragil. Die eskalierende geopolitische Dy- namik dieser Doppelkrise darf vor allem dann nicht unterschätzt werden, wenn die weltwirtschaftliche Rezession infolge der Pandemie anhält und es Saudi-Arabien sowie Russland nicht gelingen sollte, eine nachhaltigere Öl Produktionsbeschränkung zu vereinbaren und diese dann auch ver- bindlich umzusetzen. Saudi-Arabien als Führer der OPEC+: Zwischen allen Stühlen Der von Saudi-Arabien erklärte Ölpreis- krieg hat auch die Modernisierungsstra- tegie „Vision 2030" des 34 Jahre jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman ge- fährdet, der die eigene Wirtschaft diversi- fizieren will. Seine wirtschafts- und innen- politischen Reformen waren jedoch von Anfang an umstritten. Zuletzt wurde der jüngere Bruder seines Vaters König Salman, Prinz Mohammed bin Nayef (sein Cousin), im Zuge des erklärten Ölpreiskrieges und infolge eines Palastcoups verhaftet, als der Kronprinz seine Machtposition weiter zu konsolidieren versuchte. Bereits seit dem Terroranschlag auf das World Trade Center 2001, an dem saudi- sche Extremisten beteiligt waren, sind die bilateralen saudisch-amerikanischen Be- ziehungen immer schwieriger geworden. Hierzu haben auch der vom Kronprinzen initiierte Stellvertreterkrieg im Jemen ge- gen den Iran und die Ermordung des Jour- nalisten Jamal Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul 2018 beigetragen, die in den USA zu einer zunehmend kritische- ren Haltung gegenüber dem saudischen Verbündeten geführt haben. Während so Saudi-Arabien einerseits auf kritischere US-Sichtweisen und die „Ame- rica First"-Politik von US-Präsident Trump Rücksicht nehmen muss, sieht sich Riad andererseits immer wieder zu Konzessio- nen an seine OPEC-Mitglieder gezwungen. Die saudische Ölproduktion als weltweit drittgrößter Erdölproduzent war von dem jüngst erklärten Ölpreiskrieg auf 9,8 mb/d abgesunken. Der gegenwärtige Marktanteil Saudi-Arabiens, Russlands und der USA bei der weltweiten Erdölförderung macht im- merhin mehr als 35 Prozent aus (OPEC rund 45 Prozent), zeigt aber auch gleichzeitig, dass dieser keineswegs die mehrheitliche Förderung ausmacht, so dass die drei füh- renden Erdölproduzenten auf ihre trilaterale Kooperation, aber auch mit den anderen OPEC- und Nicht-OPEC-Förderstaaten an- gewiesen bleiben. Bereits 2014 hatte der langjährige frühere saudische Ölminister Ali al-Naimi einen Öl- preiskrieg gegen die USA erklärt, war aber dann gescheitert. Auch der gegenwärtige Ölpreiskrieg war von Beginn an mit hohen wirtschaftlichen und (geo)politischen Risi- ken behaftet. Zwar hat Saudi-Arabien die mit Abstand weltweit geringsten Ölför- derkosten mit rund 10 US-Dollar pro Fass gegenüber Russland mit 25 US-Dollar und den USA mit 35-45 US-Dollar pro Fass. Auch kann die saudische Führung auf große Wäh- rungsreserven in einem Umfang von 502 Mrd. US-Dollar zu rückgreifen. Allerdings ba- siert der saudische Staatshaushalt auf einem Erdölpreis von 76 US-Dollar, so dass jeder größere Rückgang des Erdölpreises große Auswirkungen auf die Staatseinnahmen und den Haushalt hat. Allein für dieses Jahr könnte der Ölpreiskrieg zusammen mit der weltwirtschaftlichen Rezession infolge der Corona-Pandemie das saudische Königs- haus mehr als 100 Mrd. US-Dollar kosten, Die OPEC+-Allianz mit Russland war von beiden Seiten keine Liebesheirat, son- dern eher ein taktisches Interessensbünd- Russland: Strategische Fehleinschätzungen Noch immer machen russische Öl- und Gasexporte 65 Prozent aller Ausfuhren und die Einnahmen daraus 30 Prozent des Staatshaushaltes aus. Somit hat auch Russland ein strategisches Eigeninteresse, mit Saudi-Arabien und der OPEC gemein- same Förderquoten zu vereinbaren, um den internationalen Erdölpreis im beider- seitigen Interesse auf einem Niveau von 50-70 US-Dollar pro Fass zu stabilisieren. Dies erlaubte Russland sogar, nicht nur eine höhere Ölproduktion als Saudi-Arabien seit 2008 aufzuweisen, sondern auch seinen geopolitischen Einfluss in der Golf-Region sowie Mittleren Osten (insbesondere in Sy- rien und Irak) massiv auszubauen. Zugleich hatten die US-Sanktionen gegen russische Energiefirmen wie Gazprom und Rosneft den Kreml wiederholt verärgert, so dass die Politik Russlands auch auf die Schwächung der US-Rolle und der 75-jährigen US-sau- dischen Sicherheitsallianz zielt. Offiziell versicherte der Kreml, dass Russ- land auch geringere Erdölpreise von 25-30 US-Dollar pro Fass für 6-10 Jahre wirt- schaftlich überleben würde. Der diesjährige russische Haushalt basiert noch auf einem Erdölpreis von 42 US-Dollar pro Fass. Zu- dem hat Russland größere Finanzreserven mit seinem Nationalen Wohlstandsfonds von 142,7 Mrd. US-Dollar aus Öleinnah- men und Gold- sowie Währungsreserven in einem Umfang von 550 Mrd. US-Dollar angehäuft. Damit schien Russland auf den ersten Blick für einen längeren Ölpreiskrieg sowohl gegenüber Saudi-Arabien als auch den USA gut gerüstet. Allerdings bereitete sich Saudi-Arabien nach Scheitern der Verhandlungen mit Russland darauf vor, den eigenen Haushalt auf einem Erdölpreis von lediglich 12-20 US-Dollar auszurichten und damit Russland unter ökonomischen Druck zu setzen. Doch während Saudi-Arabien seine Erdölförde- rung on 9,8 mb/d innerhalb kürzester Zeit Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 43
SICHERHEIT & POLITIK um 2,5 mb/d erhöhen konnte, können auf russischer Seite längerfristig nur zusätzliche 500.000 b/d gefördert werden. Das mittelfristige Problem Russlands ist zudem, dass all seine neueren Investiti- onen und die Förderung in der Arktis zu den teuersten im internationalen Vergleich gehören. Zudem sind die alten Erdölfel- der schon heute zunehmend erschöpft. Ab 2025 wird mit einem steten Rückgang der russischen Ölförderung um rund fünf mb/d bis 2030 gerechnet. Die Erschließung neuer Erdölfelder (einschließlich unkonven- tionellen Erdöls) benötigt jedoch riesige neue Investitionen sowie Technologien der US-Schieferölkonzerne. Dieses ist jedoch seit den US-Sanktionen wegen der russi- schen Krim-Annexion nicht länger möglich. Eine Schlüsselrolle beim jüngsten Ölpreis- krieg mit Saudi-Arabien wird auf russischer Seite dem CEO von Rosneft, Igor Setchins, zugeschrieben, der seit langem die Einbin- dung Russlands in OPEC+-Förderkürzun- gen kritisiert hat, da diese primär den USA zugutekommen. Doch die strategische Fehlentscheidung des Kreml zum Ölpreis- krieg mit Riad und die Unterschätzung der Auswirkungen der globalen Pandemie auf die weltweite Ölnachfrage und den Öl- preisverfall könnten im russischen Staats- haushalt bis Ende des Jahres zu offiziellen Verlusten in einer Größenordnung von 75 Mrd. US-Dollar führen. Vorerst wird Russland aufgrund der neuen Vereinbarung von Mitte April mit Saudi-Arabien für eine erneute Ölförder- kürzung der OPEC+ seine eigene Pro- duktion von 11,3 auf 8,5 mb/d kürzen müssen. Dies ist historisch präzedenzlos und kommt einer „Revolution in der rus- sischen Ölindustrie" gleich, zumal die Produktion nicht so schnell flexibel hoch- und runtergefahren werden kann wie in Saudi-Arabien oder den USA. Darüber hinaus rächt sich nun, dass Russland im Gegensatz zu seinen beiden Hauptkon- kurrenten keine strategischen Lagerka- pazitäten hat und nun die russische Ölin- dustrie weitgehend unvorbereitet trifft. Zudem sind auch in Russland die europä- ischen und internationalen Bemühungen bei der Klimaschutzpolitik und Dekarbo- nisierung (weg von allen fossilen Brenn- stoffen) des Weltenergiesystems nicht unbemerkt geblieben und werden als strategische Gefährdung der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung sowie poli- tischen Stabilität gewertet. Daher könnte auch ein Großteil der russischen Erdöl- und Erdgasressourcen tatsächlich „in der Erde bleiben" und nicht mehr gefördert wer- den. Auch wenn dies noch immer nicht in Russland und bei anderen führenden Erdöl- und Erdgasförderstaaten die Mehr- CM dt Welt-Ölverbrauch in Millionen Barrel pro Tag heitsmeinung ist, könnte dies diese Staaten veranlassen, verstärkt die eigenen verblei- benden Ressourcen auf den Markt zu wer- fen, bevor dies immer weniger realistisch ist. Dies würde allerdings den Erdölpreis und alle vereinbarten Förderquoten noch weiter unter Druck setzen sowie die wirt- schaftliche Konkurrenz verschärfen. Unge- achtet dessen setzt Russlands Anfang April verabschiedete neue „Energiestrategie bis 2035" auch weiterhin fast vollständig auf fossile Energieträger, während weder dem Ausbau von Erneuerbaren Energien noch der globalen Umweltschutzpolitik irgend- eine nennenswerte Aufmerksamkeit ge- widmet wird. Die US-Schieferölförderung: Der Anfang vom Ende? Im Zeitraum 2016-2019 konnte die US-Rohölförderung um weitere 3,4 mb/d auf ein Förderniveau von 13,1 mb/d im März 2020 zunehmen und sich gegenüber jenem vor dem Beginn der Schieferölrevo- lution 2010 faktisch verdoppeln. Dies hat Präsident Trump-zusammen mit dem Auf- stieg als weltgrößter Gasförderer infolge der Schiefergasrevolution und steigender Flüssiggasexporte (LNG) - zur Proklamation einer „Energieunabhängigkeit" und sogar weltweiten „Energiedominanz" verleitet. Im Gegensatz zum letzten Ölpreiskrieg der Saudis gegen die US-Schiefergasförderung in den Jahren 2014/2015 haben sich inzwi- schen jedoch die finanziellen Rahmenbe- dingungen geändert. So können die kleineren und unabhängigen Fracking-Unternehmen, die 83 Prozent der US-Rohöl- und 90 Prozent der Erdgasförde- rung ausmachen, gegenwärtig nicht mehr auf billige Kredite zurückgreifen. Gleichzei- tig ist die Geduld der Banken hinsichtlich der weiteren zeitlichen Aufschiebung für die Rückzahlung der Kredite erschöpft, weil auf dem Weltmarkt ein Überangebot von gegenwärtig rund 30 Mrd. Fass Rohöl entstanden ist. Zwischen 2008 und 2018 haben US-Schieferölproduzenten rund 400 Mrd. US-Dollar über Kredite investiert, oh- ne dass bisher davon ein größerer Teil zu- rückgezahlt worden ist. Die kleineren und unabhängigeren US-Rohölproduzenten sind finanziell viel verwundbarer bei derart volatilen Preis- und Marktveränderungen als die großen multinationalen Ölkonzerne wie ExxonMobile, Chevron u.a. Auch die längerfristigen Perspektiven mit Blick auf die weltweite Expansion der Elek- tromobilität und ein prognostiziertes „Peak Demand" ab 2030, bei der die weltweite Rohölnachfrage stetig absinken würde, hatten hierzu beigetragen. Damit drohen viele kleinere Schieferölproduzenten von den großen Erdölkonzernen aufgekauft zu werden. Dieser oft zyklische Konsoli- dierungsprozess in der Erdölwirtschaft be- deutet aber nicht, dass damit die gesamte US-Schieferölwirtschaftvor dem Aus steht. Allerdings führt der weitere Rückgang des Erdölpreises auf derzeit 20-30 US-Dollar dazu, dass nun selbst mittelgroße Unter- nehmen nicht mehr wirklich profitabel ar- beiten können, da diese einen Erdölpreis von zumeist mehr als 40 US-Dollar pro Tonne benötigen. Zudem sind weitere spektakuläre Förderet- fizienzgewinne und Kosteneinsparungen bei der Schieferölproduktion nicht mehr zu erwarten. April war der Ölpreis für das Seichte, schwefelarme Rohöl aus Texas, das mit realtiv geringem Aufwand raffiniert und zu leichten Mineralölen, z.B. Benzin, verarbeitet werden kann, auf dem ameri- kanischen Markt sogar zeitweise auf einen Negativ-Preis von fast minus 40,00 US-Dol- lar gesunken. Damit nahm der Druck auf US-Präsident Trump zu, diplomatischen Einfluss vor allem auf den Verbündeten Saudi-Arabien für eine neue Vereinbarung zur Erdölförderbeschränkung zu nehmen. So kritisierte er die saudische Ölpolitik mit 44 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
SICHERHEIT & POLITIK Netto-Einkommen aus dem Ölverkauf für ausgesuchte Länder den Worten: „Wir verteidigen ihre Indust- rie, während sie unsere zerstören." Sowohl Präsident Trump als auch Kongressabge- ordnete drohten ultimativ mit dem Abzug der US-Truppen aus Saudi-Arabien und stellten damit sogar die 75-jährige bilate- rale Sicherheitsallianz in Frage. Gleichzeitig führte die US-Regierung wirt- schaftliche Unterstützungsmaßnahmen (wie Steuererleichterungen) ein und er- möglichte es, 30 mb zusätzlich als strate- gische Reserven einzu lagern sowie weitere 47 mb Einlagerungskapazitäten neu. Wenn aber die globale Erdölnachfrage nicht wie- der in den kommenden Monaten schnell genug anzieht, dann wird sich dieses Inst- rument schnell erschöpft haben. Strategische Perspektiven Auf den ersten Blick erscheint der Aus- blick der Erdölwirtschaft noch immer relativ positiv. Trotz des weltweiten Aus- baus der Elektromobilität im Transport- sektor gingen vor der Pandemie die Inter- nationale Energie Agentur (IEA) und an- dere globale Energieagenturen bis 2040 vorerst von einem weiteren Wachstum auf zumindest 121 mb/d aus, da vor al- lem die globale Nachfrage der petroche- mischen Industrie die Verluste auf dem weltweiten Transportsektor (der derzeit 40 Prozent der globalen Rohölnachfrage ausmacht) mehr als kompensieren wird. Allerdings könnten auch die weltwei- ten Bemühungen zur Reduzierung des Plastikmülls sowie die Recycling-Bemü- hungen die Erdölnachfrage stärker ein- brechen lassen. Die Internationale Ener- gie Agentur geht davon aus, dass die weltweite Ölnachfrage bis 2040 jedoch auf 67 mb/d fallen müsste, um das Zwei- Grad-Ziel der globaien Klimaerwärmung zu erreichen. Fest steht vorerst allenfalls, dass die künftige Rohölnachfrage und Transformation des weltweiten Ener- giesystems weniger von wirtschaftlichen und technologischen Faktoren als von politischen Vorgaben bestimmt wird. Für 2020 dürfte nach vorläufigen Prognosen die weltweite Erdölnachfrage erstmals um mehr als 10 mb/d gegenüber 101 mb/d in 2019 fallen. Sowohl der erklärte Öl preiskrieg Saudi-Ara- biens als auch Russlands gegenüber der US-Schieferölindustrie haben das internati- onale Umfeld und die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie An- fang März völlig unterschätzt. Inzwischen ist die russische Führung unter Präsident Putin vorerst vom ursprünglichen Optimis- mus des Rosneft-Vorsitzenden Igor Set- chins abgerückt, die US-Schieferölindustrie nachhaltig ruinieren zu können. Zugleich ist Präsident Putin auch gescheitert, die USA in eine erweiterte OPEC+ langfristig einzubin- den - auch wenn sich die US-Ölförderung aufgrund der globalen Marktbedingungen um mindestens 3 mb/d bis Ende des Jah- res selbst verringert. Auf allen Seiten hat sich inzwischen stattdessen die Erkenntnis durchgesetzt, dass unter den derzeitigen weltwirtschaftlichen Umständen ein ver- längerter Ölpreiskrieg auf allen Seiten nur Verlierer zurücklassen wurde. Auch Russ- land kann nicht - wie propagandistisch erklärt - einen derartigen Preiskrieg wirt- schaftlich ohne größere Schäden überste- hen, wie unabhängigere Experten in Mos- kau bereits von Beginn an gewarnt hatten. Die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der Doppelkrisen könnten vor allem aus zwei Gründen verheerend sein: • Politische Destabilisierung vieler Erd- öl-Förderstaaten: Bis Anfang April war der globale Erdölpreis um rund zwei-Drittel auf unter 20 US-Dollar gefallen. Für mehr als die Hälfte der OPEC-Staaten machen Rohölexporte mehr als 60 Prozent ihrer Staatsein- nahmen aus. Da der fiskalische Break- even-Preis für deren Staatshaushalte zumeist über 60 US-Dollar pro Fass für 2020 liegt, haben diese Petrostaaten mit einem dramatischen Einnahmeaus- fall bei ihren Erdölexporten zu kämp- fen. So ist die Mehrheit dieser Staaten wirtschaftlich weiterhin zu sehr von die- sen Exporten abhängig, und ihre Wirt- schaften sind bisher nicht stärker diver- sifiziert. Dies gilt derzeit insbesondere für Algerien, Irak, Nigeria, Angola und Kasachstan. Andere Erdöiexporteure wie Iran und Venezuela haben ohnehin wirtschaftlich zu kämpfen, zumal sie mit internationalen Sanktionen belegt sind. Iran benötigt sogar einen Ölpreis von 195 US-Dollar für seine öffentli- chen Ausgaben, zumal seine Ölexporte aufgrund der US-Sanktionen ohnehin stark gefallen sind. Trotz aller Apelie und eigener Wirtschaftsinitiativen ist die Diversifizierung der Ökonomien der meisten OPEC-Staaten trotz der welt- weiten Bemühungen um Klimaschutz und Dekarbonisierung nicht wirklich vorangekommen. Die Internationale Energie Agentur hat die Einnahme- verluste der besonders verwundbaren Förderländer Mitte März auf bis zu 85 Prozent beziffert. Dies könnte auch den Interessenantagonismus zwischen den 13 OPEC-Mitgliedern weiter verschär- fen und zu einer Teilung der Organisa- tion führen. • Aufkauf privater westlicher Erdöl unter- nehmen: Weltweit wird die Ölindustrie dieses Jahr eine Billion US-Dollar an Einnahmen (-40 Prozent, d. h. 2019 insgesamt: 2,47 Bill. US-Dollar) verlie- ren. Ohne massive Stützung der ohne- hin geschwächten europäischen und internationalen Erdölindustrie könnte diese nach Ende der weltweiten Pan- demie Ziel einer verstärkten Übernah- me von staatlichen chinesischen und arabischen Staatsunternehmen wer- den. In deren Folge könnte der welt- weite wirtschaftliche Wettbewerb in der Erdölindustrie massiv schwinden, die Ölimportdiversifizierung verringern und mittelfristig - trotz derzeit gegen- läufiger Entwicklungen bei der globa- len Nachfrage-höhere Erdölpreise zur Folge haben. Dies könnte deutlich grö- ßere geopolitische Folgen haben als je- ne infolge der globalen Finanzkrise von 2008. Einmal mehr würden sich damit auch historische Erfahrungen und Leh- ren wiederholen, dass häufig größere weltweite Krisen zu einer Beschleuni- gung von ohnehin bereits erkennba- ren strategischen Megatrends globaler Machtverschiebungen führen. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 45
SICHERHEIT & POLITIK INSTEX: Lichtblick am dunklen Corona-Himmel des Iran? Heino Matzken Die Kündigung des Nuklearabkommens mit dem Iran durch die USA und die anschließend wieder aufgenommene Sanktionspolitik hat den Iran vor immense Probleme gestellt. ber auch die Firmen in den west- lich orientierten Staaten litten un- ter der Sanktionspolitik der USA, zumal die USA Sanktionen auch über solche Firmen verhängten, die dennoch mit dem Iran Geschäfte machten. Mit ei- ner Agentur versuchten die Staaten, die an dem Abkommen festhalten wollten, dem Iran und der westlichen Wirtschaft zu helfen. Nun hat die Corona-Krise das Regime vor noch größere Probleme ge- stellt. Corona macht keinen Unterschied zwi- schen Demokratien im westlichen Sinn, Diktaturen oder Autokratien. So sieht sich auch das Mullah-Regime in Teheran vor einer gesundheitlichen und gesamt- gesellschaftlichen Herausforderung, die seinen Rückhalt im Volk weiter auf die Probe stellt. Die westlichen Sanktionen wegen des nationalen Atomprogramms, der Absturz des Ölpreises und das stei- genden soziale Aufbegehren unter den über 80 Millionen Einwohnern des Iran setzt die Regierung unter Premierminister Hassan Rohani unterZugzwang. Da kommt die Meldung aus Europa wie gerufen. Ein besonderer Wirtschafts- vertrag - klein, aber richtungsweisend - versprüht ein Fünkchen Hoffnung für das nicht nur ökonomisch gebeutelte Land! Zum ersten Mal nutzten im März die Bundesrepublik Deutschland, Groß- britannien und Frankreich den sogenann- ten INSTEX-Mechanismus. Die vor einem Jahr eingerichtete europäische Agentur soll eine Möglichkeit für Unternehmen bieten, die Sanktionen zu umgehen, die nach der einseitigen Kündigung des Atom-Abkommens durch die USA ver- Heino Matzken beschäftigt sich mit dem Nahen Osten. Er ist Autor des Buchs „Ewiger Krieg rm Nahen Osten - Konsequenz verkorkster Staatengründung". INSTEX - die Zweckgesellschaft kann helfen, das Atomabkommen mit dem Iran zu retten schärft wurden. So liefern nun die drei EU-Länder im Rahmen des „Instruments zur Unterstützung von Handelsaktivi- täten" (Instrument in Support of Trade Exchanges, INSTEX) medizinisches Gerät in den Iran. Mit einem Auftragsvolumen von einer Million Euro erscheint der Han- del zwar gering. Doch sehen einige darin das Potential für einen Wiederausbau der Beziehungen zwischen den Partnern. Mit der Zweckgesellschaft in der franzö- sischen Rechtsform der SAS (Societe par actions simp ifiee, also eine vereinfachte Aktiengesellschaft)-so ist dieses „Instru- ment zur Unterstützung von Handelsakti- vitäten konstruiert worden - beabsichtig- ten die sogenannten „E3"(Deutschland, Frankreich, Großbritannien) das Atom- abkommen vom Juli 2015 zu retten. Nach der einseitigen Kündigung durch Wa- shington im Mai 2018 und den sich ver- schärfenden Spannungen am Golf sollte diese Agentur „eine langfristig tragfähi- ge Lösung für den rechtmäßigen Handel zwischen Europa und Iran gewährleis- ten". Angesichts der im Atomabkommen vereinbarten, aber dann ausbleibenden wirtschaftlichen Vorteile für das Land am Golf war auch Teheran von seinen Ver- pflichtungen des Abkommens abgerückt - so z.B. der Nicht-Inbetriebnahme der Urananreicherungsanlage in Fordo. Die europäischen Partner wollten die Verein- barung und damit den Frieden in der Re- gion jedoch so leicht nicht aufgeben und lösten deshalb im Januar 2020 den im Vertrag etablierten Streitschlichtungsme- chanismus aus- leiderohnesignifikanten Erfolg. Der US-amerikanische Druck im „Atom-Poker" wuchs kontinuierlich und zeigte Wirkung. Großunternehmen wie Total, Airbus und Renault schlossen be- reits erwartete Aufträge mit Teheran aus Furcht vor wirtschaftlichen Nachteilen im Handel mit den USA nicht ab. Doch Paris, London und Berlin waren nicht gewillt, das lange verhandel- te, komplizierte aber hoffnungsvolle Atom-Abkommen leichtfertig wieder „sterben" zu lassen. So starteten sie gemeinsam mit dem im Januar 2019 gegründeten INSTEX-Mechanismus den „großen" europäischen Versuch, das Abkommen zu retten. Gleichzeitig sa- hen sie dies als einen „kleinen" Schritt in Richtung Unabhängigkeit gegenüber 46 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
dem nordatlantischen Partner. INSTEX sollte den Zahlungsverkehr bei Iran-Ge- schäften abwickeln und so Firmen vor drohenden US-Sanktionen schützen, Die neue Agentur ist diplomatisch tri- lateral aufgestellt. Sie hat ihren Sitz in der Rue de Bercy 139 in Paris, ein Brite ist der Manager, und mit Michal Bock fungiert ein Deutscher als Präsident. Der ehemalige Botschafter der Bundesrepu- blik Deutschland in Kairo und jetzige Pensionär verfügt über eine fundier- te Nah-Ost-Erfahrung. Der 66-jähirge Bock folgte im Amt des Präsidenten dem deutschen Per Fischer. Der ehema- lige Manager der Commerzbank hatte den Posten nach sechs Monaten aufge- geben. Vervollständigt wird die Führung von INSTEX durch den Aufsichtsrat be- stehend aus Ministerialbeamten der drei Außenministerien. Ende November 2019 traten mit Belgien, Dänemark, Finnland, Niederlande, Norwegen und Schweden sechs weitere Staaten der Agentur bei. Ziel ist neben der Möglichkeit von Han- del zwischen dem Iran und dem Wes- ten, das Mullah-Regime zur Einhaltung des Atomabkommens zu bewegen. Die „Furcht" vor den US-Sanktionen und Drohungen ließ und lässt jedoch ver- ständlicherweise einige Partner sehr zu- rückhaltend vorgehen. Nach über einem Jahr kam es nun end- lich zum ersten Vertrag - ein substantiel- ler Fortschritt. Teheran erhielt über diese Transaktion medizinische Ausrüstung. Nun gilt es für die Gesellschaft mit ihrer iranischen Spiegelorganisation STFI (Speci- al Trade and Finance Institute) an weiteren Transaktionen zu arbeiten und den Mecha- nismus weiter zu entwickeln. Im Zuge der Corona-Krise erhielt das Land am Per- sischen Golf medizinisches Gerät oder finanzielle Unterstützung über INSTEX, aber auch aus China, Japan, Katar und Russland. Darauf ließ das Außenministe- rium verlauten, dass „die iranische Regie- rung und Bevölkerung in Zeiten der Not ihre Freunde niemals vergisst". Von Not kann man in der Islamischen Republik aktuell mit Fug und Recht spre- chen. Mit offiziell über 90.000 Infizierten und bereits fast 6.000 Verstorbenen - die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen - gehört sie zu den am stärksten betroffenen Ländern in der Region. Das Gesundheitssystem ist völlig überlastet. Da wiegt die wirtschaftliche Krise im öl- reichen Land am Persischen Golf beson- ders schwer. Ob INSTEX diesen Niedergang auffan- gen kann, ist zu bezweifeln. Die schar- fen Sanktionen gegen den Iran betref- fen formal gesehen nicht medizinische Impressum Europäische Sicherheit & Technik Europäische Sicherheit • Strategie & Technik 59. Jahrgang ISSN 2193-746X Herausgeber Mittler Report Verlag GmbH, Beethovenallee 21, D-53173 Bonn Tel. (0228) 3500870, Fax (0228) 3500871, infö@mittler+eport.de www.mittler-report.de, Amtsgericht Bonn HRB 18658 Geschäftsführer: Peter Tamm und Thomas Bande Prokurist: Jürgen Hensel Ein Internehmen der Gruppe Tamm Media Allianz für Gyber-Sicherheit Teilnehmer öer Die Herausgabe erfolgt in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr/dem Bundesministerium der Verteidigung in aus- schließlicher inhaltlicher und presserechtlicher Verantwortung des Mittler Report Verlages. Europäische Sicherheit & Technik ist aus der Zusammenführung der Zeitschriften Strategie & Technik und Europäische Sicherheit entstanden. Strategie & Technik ist ein Werktitel des Lizenzgebers Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Bundesministerium der Verteidigung. Europäische Sicherheit & Technik ist offizielles Organ der Interessengemeinschaft Deutsche Luftwaffe e.V. (IDLw), der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. (GSP) sowie der Clausewitz-Gesellschaft e.V. und erscheint in Zusammenarbeit mit dem Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland e.V. Redaktion Chefredakteur: Rolf Clement (rc; V.i.S.d.P.); CvD: Wilhelm Bocklet, Oberstleutnant a.D.(wb); Fachredakteure: Dorothee Frank (df; BOS, IT Cyber Security); Knut Görsdorf, Stabshauptmann a.D. (kg); Dipl.-Ing. Gerhard Heiming, Oberstleutnant a.D. (gwh; Industrie); Dipl.-Ing. Michael Horst, Oberst a.D. (mh; Landstreitkräfte); Hans Uwe Mergenei; Kapitän zur See a.D. (hum, Marine); Ulrich Renn, Oberst a.D. (ure; Luftstreitkräfte) Weitere ständige Mitarbeiter: Thomas Bauer, M’.A. (tb); Hans-Günter Behrendt, Oberstleutnant a.D. (hgb); Dipl.-Ing. Rolf Hilmes, Wissenschaftlicher Direktor a.D. (hi); Lars Hoffmann (Ih); Hans Karr (hk); Dietmar Klos, Oberst a.D. (dkl, Sonderkorrespondent Landstreitkräfte); Yuri Laskin (yl); Dipl.-Ing. Georg Meyer, Oberst a.D. (gm); Peter Preylowski, Oberst a.D. (pp); Ulrich Rapreger, Oberst a.D. (ur, Korrespondent Luftwaffe); Dieter Stockfisch, Kapitän zur See a.D. (ds, Korrespondent Marine/Küste); Dr. Jan-Phillipp Weisswange, (ww, BOS) Korrespondent in Berlin: Dr. Wolfgang Labuhn (wl), Korrespondent für USA: Sidney E. Dean, Korrespondent für Israel: Tamir Eshel (te) Anschrift der Redaktion: Beethovenallee 21, D-53173 Bonn, Tel. (0228) 3500870, Fax (0228) 3500871 info@esut.de, www.esut.de Marketing und Anzeigenleitung Jürgen Hensel (jh), Beethovenallee 21, D-53173 Bonn, Tel, (0228) 3500876 juergen.hensel@mittler-report.de Marketing Manager & Business Development Waldemar Geiger (wg), Tel. (0228) 3500887, waldemar.geiger@mittler-report.de Dr. Andreas Himmelsbach (ah) Tel. 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SICHERHEIT & POLITIK Güter. Doch kann der Iran praktisch keine entsprechenden Waren auf dem internationalen Markt kaufen, da auf der einen Seite die erhofften Öleinnahmen einbrachen und auf der anderen Seite Banken kaum bereit sind, Geschäfte mit dem Mullah-Regime abzusichern. 2018 Der iranische Präsident Hassan Rohani kann derzeit nicht mit Geldern aus dem Ölverkauf rechnen förderte der Iran noch 2,5 Millionen Bar- rel Öl am Tag. Heute ist diese Quote auf unter 500.000 gesunken. Preisverfall und die Tatsache, dass der Verkauf häufig auf „inoffiziellen" Wegen erfolgen muss (China ist derzeit der größte Kunde und Nutznießer!), tun ihr Übriges. Nachdem die letzten Ausnahmegenehmigungen der USA für acht ölimportierende Staaten (unter ihnen Italien und Griechenland) im Mai 2019 endeten, hat die Rohani-Regie- rung für den Haushalt 2020 keine Ölein- nahmen mehr eingerechnet. INSTEX hätte eine Linderung bedeuten können. In dessen Zuge kündigte Frank- reichs Präsident Emmanuel Macron Anfang September 2019 einen Kredit von 15 Milli- arden Dollar auf Basis zukünftiger Ölliefe- rungen an. Doch der Angriff von Marsch- flugkörpern und bewaffneten Drohnen auf die saudischen Ölfelder Abqaiq und Churais im gleichen Monat machte dem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung. Die meis- ten Staaten - so auch die INSTEX-Gründer Frankreich, Deutschland und Großbritanni- en - beschuldigten den Iran und bezwei- felten eine Verwicklung der jemenitischen Houthis im Süden, da die Flugkörper aus nördlicher Richtung in den saudischen Luftraum eingedrungen waren. US-Fmanz- minister Steven Mnuchin erließ umgehend Sanktionen gegen Irans Zentralbank und Staatsfonds. Ein möglicher französischer Kredit hatte sich somit erübrigt. Insgesamt stehen die Vorzeichen für das Funktionieren von INSTEX also nicht gut. Nach der starken Einschränkung von Bankaktivitäten und Finanztransfers blei- ben eigentlich nur noch Tauschgeschäfte. Wer Teppiche aus dem Iran importiert, zahlt nicht den Lieferanten, sondern IN- STEX. Die Agentur gleicht mit dem Geld die Rechnung eines anderen Lieferanten für z.B, Krebsmedikamente aus. So fließt zwischen Iran und Europa kein Geld. Um die USA nicht zu verärgern, beschränkt sich INSTEX auf den Handel mit huma- nitären Gütern wie Medikamenten, Me- dizinprodukten und Nahrungsmitteln. Diese stehen jedoch ohnehin nicht auf den US-Sanktionslisten. Doch der Iran hat im Gegenzug außer dem schwarzen Gold mit Perserteppichen und Pistazien wenig anzubieten. Die Europäer exportierten vier Mal mehr in den Iran als von dort zurückkehrt. Um die Rolle der Handelsgesellschaft INSTEX zu stärken, wäre das Auftreten als Warenvermittler denkbar. So könnte Teheran eigene Medizintechnik, die für den Westen nicht geeignet ist, nach Af- rika verkaufen und im Gegenzug dafür westliche Produkte erhalten. Doch insgesamt drückt die Angst vor Konsequenzen der US-Sanktionen be- sonders das Engagement westlicher Un- ternehmen. So ist es keine Überraschung, dass der deutsch-iranische Handel in 2019 um knapp die Hälfte auf nur noch rund 1,5 Milliarden Euro gesunken ist. Das erste INSTEX-Geschäft kann zwar als Licht im Tunnel bewertet werden. Es wird aber kaum zur Rettung des Mul- lah-Regimes führen. Zu stark belasten auch andere Problerne die Akzeptanz der Rohani-Regierung, so z.B. die Wasser- knappheit. Nach einem Einbruch derNie- derschläge um 25 Prozent im Jahr 2019 fehlt das „blaue" Gold sowohl für die Energiegewinnung - und somit Strom- exporte ins Nachbarland Irak - sowie für die Weizenproduktion. Seit 2018 hat sich Teheran zum Weizenexporteur ge- mausert und ist auf diesem Feld autark. Eine engere Zusammenarbeit mit Russ- land hinsichtlich der Wasserressource im Kaspischen Meer ist daher unabwend- bar. Bereits heute existiert eine militä- rische Kooperation der beiden Staaten nicht nur im Syrien-Konflikt, die droht, sich zu verstärken. So strebt Moskau den Zugang seiner Streitkräfte zum Ha- fen in Bandar und somit einen weiteren Schritt in Richtung warme Gewässer an. Gleichzeitig sollen Landerechte für Kampfflugzeuge in der gleichen Regi- on folgen. Russland beabsichtigt auch die Errichtung eines U-Boot-Hafens in Chabahar. Derzeit verbietet die iranische Verfassung jedoch die Stationierung ausländischer Truppen im eigenen Land. Doch schon 2016 kam es zu einer tem- porären Anwesenheit russischen Militärs im Zuge von Angriffen auf die Gegner des syrischen Assad-Regimes. Der Arm des russischen Bären greift stärker denn je in den Persischen Golf! Eine Verbesserung der Beziehungen des Westens zum Iran könnte eventuell auch das strategische Vorrücken Moskaus im Nahen Osten verlangsamen. Ohne ein- deutige Rückendeckung durch die eu- ropäische Führung wird INSTEX jedoch auch nach seinem ersten abgeschlosse- nen Vertrag seine Rolle nicht entschei- dend stärken. Wahrscheinlicher ist, dass die Agentur nach einem einjährigen Dorn- röschenschlaf und kurzem Erwachen zu- rückfallen wird in eine eher symbolische und politische Rolle. Ob die europäische Agentur INSTEX mit dieser ersten Transak- tion letztendlich das Atomabkommen ret- tet und dann auch indirekt den russischen Einfluss in der Region zurückdrängt, bleibt abzuwarten. 48 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
GESCHICHTE AKTUELL Der Koreakrieg und seine Folgen Hanns Günther Hilpert Am 25. Juni 1950, vor nunmehr 70 Jahren, überschritten nordkoreanische Truppen die Grenze zu Südkorea am 38. Breitengrad. Die national-kommunistische Regierung in Pjöngjang unter der Führung des charisma- tischen Kim ll-sung verfolgte das Ziel, ganz Korea durch einen militärischen Gewaltakt wieder zu vereinen. Der Plan sollte scheitern. Vielmehr zementierte der über drei Jahre mit hohen Verlusten unter der Zivilbe- völkerung erbittert ausgefochtene Krieg die Teilung der Koreanischen Halbinsel. Bis zum heutigen Tage ist der Kriegszustand nicht beendet. Der ungelöste Korea Konflikt bleibt die große ungelöste sicherheitspoliti- sche Frage Nordostasiens. hünf Jahre vorher, 1945, war Korea nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg im Norden von der UdSSR, im Süden von den USA besetzt worden. Der ursprüngliche Plan einer gemeinsamen Treuhandverwaltung und der anschließen- den Entlassung Koreas in die staatliche Unabhängigkeit scheiterte am aufziehen- den Ost-West-Konflikt, so dass 1948 sich jeweils ein Südstaat, die Republik Korea (RK), und ein Nordstaat, die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) konstituierten. Beide Staaten beanspruchten (und bean- spruchen) die Vertretung ganz Koreas für sich. Aufgrund ihrer Überlegenheit in Truppen- stärke und Material war die mit Rücken- deckung Stalins und Maos durchgeführte Invasion des Nordens zunächst sehr erfolg- reich. Nur drei Tage nach Beginn der Inva- sion fiel Südkoreas Hauptstadt Seoul. Nach 40 Tagen befand sich der Süden, mit Aus- nahme des ca. 225 km umfassenden Bu- san-Perimeters, im äußersten Südosten der Halbinsel gelegen, in der Hand des nord- koreanischen Militärs. Es ist allein der In- tervention der USA zu verdanken, dass ein totaler Sieg des Nordens und die gewaltsa- me Wiedervereinigung unter kommunisti- scher Regie verhindert wurden. Bereits am Tag des Kriegsbeginns, am 25. Juni, hatte der UN-Sicherheitsrat in der Resolution 82 den Angriff Nordkoreas scharf verurteilt. Am 31. Juli autorisierte die Resolution 85 ein militärisches Eingreifen der UN. Beide Resolutionen fanden unter Abwesenheit der Sowjetunion, aber mit Zustimmung Dr. rer. pol.Hanns Günther Hilpert ist Forschungsgruppenleiter der For- schungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, SWR Fotos: U.$. Army Die 24. Infanteriedivision war der erste amerikanische Verband, der bei Osan angelandet wurde und mit der Rückeroberung von Südkorea begann Chinas statt, damals vertreten durch die in Taiwan residierende nationalchinesische Regierung. Die Landung US-amerikanischer Truppen in Incheon an der Westküste der Halbinsel brachte eine Wendung. Die Truppen Süd- koreas, der USA und die mit ihnen verbün- deten UN-Kontingente aus 15 Ländern (un- ter anderem Großbritannien, Frankreich, Kanada, Australien, Neuseeland, Belgien, die Niederlande) eroberten schnell und entschlossen den Süden zurück. Nach kur- zem Zögern entschied die amerikanische Regierung unter Präsident Truman, ihrer- seits den 38. Breitengrad zu überschreiten, um nunmehr militärisch eine Wiederverei- nigung unter südkoreanischer Führung zu erzwingen. Dieser Schritt war aber nicht von den UN-Resolutionen gedeckt. Die Attacke aus dem Süden veranlasste die gerade erst ein Jahr vorher gegrün- dete Volksrepublik China, in die Kämpfe einzugreifen. China sah in einem westlich und kapitalistisch ausgerichteten vereinten Korea eine militärische Bedrohung seiner nordöstlichen Landesteile (Mandschurei), wollte aber nicht offen die USA konfrontie- ren. Statt der Volksbefreiungsarmee traten daher chinesische „Freiwilligenverbände" am 19. Oktober 1950 in den Krieg ein. Die nahezu 500.000 Mann zählenden chine- sischen Truppen, unterstützt durch sow- jetische Jagdflieger in nord koreanischer Uniform, brachten im Winter 1950/51 Amerika mehrere schwere Niederlagen bei. Sie überschritten ihrerseits den 38. Brei- tengrad und konnten am 3. Januar 1951 abermals Seoul einnehmen. Erst im Fruh- Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 49
Online-Dienst mg weh r wirt sch aff ?SSäS« Insider- und Hintergrund- informationen zu Haushalt Rüstung und Beschaffung für Entscheider in Wirtschaft, Streitkräften, Verwaltung und Politik. hrwirtschaft NATO £ BOS ftrssnüi' * «nm ** wnrrLtt s-wSS»~ «•UH«™« B+ irfT'-—***'**" L „ . L ,v. v «in» SSK^S*~SÄSÄ5:5- =Ä-=“ÄÄ Ttatttr’ «j m i*fcart't*h* ^Tj^wrrtff tri***"”"1“*1 ..,-«- *n ,wfci S** NÖf'*' -1 ,, ,>ppia^ PL“** **_. -j ik '*“’ “**1 Ä_- ' JTT' lJ<M_ 'Ml* * W“ w “ «fc 2"’*"*> **Ä?L** r^ÄELT: £?’-**' *•* 1 cLTT?* r£ &S^-ä: Auuhr IfiOultTfcB Bestellen Sie ein kostenloses und unverbindliches Probeexemplar: info@mittler-report.de MITTLER REPORT VERLAG Beethovenallee 21 • D-53173 Bonn Fax: 0228 / 3 50 08 71 info@mittler-report.de www.mittler-report.de Das 452. leichte Bombengeschwader bombadiert 1950 südlich von Wonsan in Nordkorea, einer Hafenstadt an der Ostküste, Eisenbahn- waggons mit Napalm jahr 1951 gelang den verbündeten Truppen Südkoreas und Amerikas eine Rückerobe- rung. Anschließend verfestigte sich die Frontlinie um den 38. Breitengrad. Es folgte ein verlustreicher, zwei Jahre anhaltender Stellungskrieg, während auf der diploma- tischen Ebene um die Bedingungen eines Waffenstillstandes gerungen wurde. Am 27. Juli 1953 wurde schließlich im Grenzort Panmunjon ein Waffenstillstands- abkommen geschlossen. Unterzeichner waren die Demokratische Volksrepublik (Nord)Korea, die Volksrepublik China und die durch die USA repräsentierten Verein- ten Nationen, nicht aber die Republik Ko- rea (Süd). Das Waffenstillstandsabkommen bestätigte den 38. Breitengrad als Grenze zwischen Nord- und Südkorea und legte eine vier Kilometer breite entmilitarisier- te Zone (DMZ) entlang der Grenze fest. Zur Umsetzung des Abkommens und zur Verwaltung der entmilitarisierten Zone wurde eine Waffenstillstandskommissi- on eingesetzt. Für die laufende Kontrolle und Inspektion der Zone entstand eine aus neutralen Nationen bestehende Überwa- chungskommission mit der Schweiz und Schweden auf der südlichen, Polen und der Tschechoslowakei auf der nördlichen Seite. Der Krieg hatte schätzungsweise mehr als vier Millionen Menschen das Leben ge- kostet. Infrastruktur und Industrieanlagen Koreas waren komplett zerstört. Etwa 1,5 Millionen Menschen flohen aus dem Nor- den in den Süden. Durch den Krieg ausein- andergerissene Familien blieben dauerhaft getrennt. Als Folge des Krieges blieb ein vehementer Antikommunismus im Süden, ein heftiger Antiamerikanismus im Norden und angesichts des furchtbaren Krieges in ganz Korea ein Gefühl der Ohnmacht und eine tiefe Verbitterung gegenüber den am Krieg beteiligten Großmächten. Die im Waffenstillstandsabkommen vorge- sehenen Friedensgespräche sollten 1954 scheitern. Selbst eine Normalisierung der innerkoreanischen Beziehungen konnte bis heute nicht erreicht werden. Vorgezeichnet durch die weltpolitische Si- tuation und ihre gegensätzlichen Ideolo- gien schlugen der Norden und der Süden nach dem Krieg gänzlich unterschiedliche Entwicklungspfade ein: Südkorea wurde zunächst zu einem auto- ritär geführten Staat mit einem kapitalis- tischen Wirtschaftssystem. Mit den USA schloss die Republik (Süd-)Korea 1954 einen bilateralen Sicherheitsvertrag, der dem Land militärischen Beistand und damit auch Souveränität und territoriale Integri- tät garantierte. Umgekehrt sollte Südkorea später die USA sowohl im Vietnamkrieg als auch im zweiten Irakkrieg mit eigenen Truppenkontingenten unterstützen. In den 1960er Jahren setzte im Süden ein dynami- scher Industrialisierungsprozess ein, derder Bevölkerung einen zunehmenden Wohl- stand bescherte und das Land zu einer der weltweit führenden Wirtschaftsmäch- te und aufgrund seines wirtschaftlichen und technologischen Potenzials zu einem für Drittstaaten attraktiven Partnerland werden ließ. Als Mitgliedsland der asia- tisch-pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft APEC, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD und der G 20 ist die Republik Korea fest in das internationale Staaten- und Wirt- schaftssystem eingebunden. Ende der 1980er Jahre begann ein erfolgreicher po- litischer Demokratisierungs- und Transfor- mationsprozess. Heute genießt Südkoreas Präsidialdemokratie aufgrund der Stärke seiner demokratischen Institutionen, seiner Rechtsstaatlichkeit und seiner Zivilgesell- schaft weltweit Ansehen und Sympathie. In Nordkorea entstand nach sowjetischem Vorbild ein sozialistisches Staats- und Wirt- schaftssystem. Während sich aber in der Sowjetunion das politische Leben in den 1950er Jahren im Zuge der Entstalinisie- rung zunehmend ziviler gestaltete, ent- stand in Nordkorea ein totalitäres System, in dem der Staat seinen in alle Lebensberei- che hineinreichenden absoluten Machtan- spruch mit einer wirkmächtigen Ideologie 50 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
GESCHICHTE AKTUELL Im Grenzort Panmunjon, wo 1953 das Waffenstillstandsabkommen ge- schlossen wurde, trafen sich vor zwei Jahren die Präsidenten von Nord- und Südkorea Kim Jong-un und Moon Jae-in, trotzdem verbesserte sich das Verhältnis beider Staaten kaum (Juche), einem nahezu lückenlosen Infor- mationsmonopol, allgegenwärtiger politi- scher Propaganda und willkürlichem Terror unbedingt durchsetzt. Der bis 1994 herr- schende „Große Führer" Kim ll-sung wird bis heute in einem religiös anmutenden Personenkult verehrt. In dynastische Thron- folge nahmen bzw. nehmen sein Sohn Kim Jong-il (1994 bis 2011) und sein Enkel Kim Jong-un (seit 2012) in ähnlicher Weise eine gottkönigartige Rolle ein. Kim ll-sung ver- stand es geschickt, vor dem Hintergrund der sowjetisch-chinesischen Rivalität die Ei- genständigkeit Nordkoreas zu wahren. So wurden sowohl 1961 mit China ein bis heu- te gültiger Bündnisvertrag geschlossen als auch 1967 ein Verteidigungsabkommen mit der Sowjetunion, das 1990 aufgelöst wurde. Statt sich allein auf den militärischen Bei- stand der Verbündeten zu verlassen, er- strebte Nordkorea von Anfang an den Aufbau einer unabhängigen schlagkräfti- gen Armee. So wurde Nordkorea anders als etwa die Warschauer-Pakt-Staaten Mit- tel- und Osteuropas nie zu einem von der Sowjetunion abhängigen Satellitenstaat. Zur militärischen Abschreckung (vor allem der USA) und der militärischen Bedrohung (vor allem Südkoreas) unterhält Nordkorea eine überdimensionierte konventionelle Ar- mee und entwickelte seit den 1960er Jah- ren Kurz- und Mittelstreckenraketen und Massenvernichtungswaffen. Die außen- und sicherheitspolitische Auto- nomie Nordkoreas in Verbindung mit der innenpolitischen Überlebensfähigkeit des Regimes sind letzthin dafür verantwortlich, dass hier nach Ende des Kalten Krieges kein politischer Systemwechsel erfolgte und auch kein ökonomischer Transformations- prozess stattfand. Die Isolation Nordkoreas und der Verzicht auf ökonomische Refor- men hatten auch zur Folge, dass im Laufe der 1990er Jahre das Land verarmte und eine furchtbare Hungersnot durchstehen musste. Auf der Koreanischen Halbinsel traten mit dem Ende des Kalten Krieges - anders als in Europa - weder eine poli- tische Entspannung noch - anders als in Deutschland - eine Wiedervereinigung der zwei getrennten Staaten ein. Im Gegen- teil: Die deutsche Einheit veranlasste das Regime in Pjöngjang, ihre Abgrenzungspo- litik, ihre systembefestigende Propaganda und ihre militärische Aufrüstung nur noch weiter zu intensivieren. Auch nach dem innerkoreanischen Grundlagenvertrag von 1992 und den innerkoreanischen Gipfelt- reffen der Jahre 2000 (Kim Dae-jung und Kim Jong-il), 2007 (Roh Moo-hyun und Kim Jong-il) und 2018 (Moon Jae-in und Kim Jong-un) bleiben die Beziehungen zwischen den beiden koreanischen Staaten zutiefst antagonistisch. Die politischen und ideologischen Systeme sind unvereinbar. Wirtschaftlich trennen Nord und Süd Welten. Der Eiserne Vorhang am 38. Brei- tengrad trennt Nord- und Südkorea heute ge- nauso wie in den vergangenen siebzig Jahren. Nach dem Wegfall der sowjetischen Bei- standsgarantie setzte das Regime zur Wah- rung der nationalen Souveränität und des totalitären Systems auf eine eigene nukleare Bewaffnung. Die Demokratische Volksre- publik (Nord)Korea wurde zum ersten und bislang einzigen Staat, der aus dem Nuklea- ren Nichtverbreitungsvertrag (NW) und der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) austrat. Nach mehrmaligen Kernwaf- fentests (2006, 2013, 2016, 2017) und dem erfolgreichen Test zweier Interkontinentalra- keten 2017 reicht Nordkoreas nukleare Be- drohung inzwischen bis nach Nordamerika und Europa. Weder militärische Drohungen der USA noch internationale Sanktionen der UN oder ökonomische Anreize der Internationalen Gemeinschaft bzw. bilateral von China ha- ben das Regime von seiner nuklearen und ballistischen Aufrüstung abbringen können. In drei Nuklearkrisen (1992 bis 1994, 2002 bis 2007, seit 2017) scheiterten die US-Präsi- denten Clinton, Bush jun. und Trump mit sehr unterschiedlichen Ansätzen am nuklearen Behauptungswillen Nordkoreas. Pjöngjang weiß, dass jedem Versuch Amerikas, eine nukleare Abrüstung militärisch zu erzwin- gen, unkalkulierbar hohe militärische und politische Risiken entgegenstehen. Denn Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt nur 50 km südlich der Demarkationslinie am 38. Breiten- grad und damit in unmittelbarer Reichweite der nord koreanischen Artillerie. Nordkoreas Kurzstreckenwaffen decken zudem das ge- samte Territorium Südkoreas wie auch große Teile Japans ab. Auch ist schwer vorstellbar, dass Peking dem Versuch eines Regimestur- zes in Pjöngjang tatenlos zusehen würde. Bis auf Weiteres bleibt eine Lösung des Nord- koreakonflikts mit seinen sich überschnei- denden Problembereichen unwahrschein- lich. Auf der humanitären Ebene verletzt das Regime anhaltend und massiv das Recht der Menschen Nordkoreas auf em sicheres und gutes Leben. Zweitens ist der Teilungskonflikt zwischen Nord und Süd ungelöst, drittens bedrohen Nordkoreas Raketen und Massen- vernichtungswaffen Länder und Regionen auch jenseits der Halbinsel. Und viertens unterminieren die fortgesetzten schweren Verletzungen multilateraler Regelwerke die Effektivität und Legitimität internationaler Ordnungsstrukturen, insbesondere das nuk- leare Nichtverbreitungsregime. In der gegenwärtigen dritten Nuklearkrise ist es zwar nach den persönlichen Treffen zwischen Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump auf den Gipfeln von Singa- pur, Hanoi und Panmunjon zu einer gewis- sen Entspannung gekommen. Aber in der Substanz sind sich beide Seiten jenseits der sehr allgemein gehaltenen Verständigung auf eine „Denuklearisierung" nicht näher- gekommen. Unklar ist, was unter Denukleri- sierung überhaupt zu verstehen ist, wie und in welcher Reihenfolge nukleare Abrüstung und Sanktionserleichterungen vorzuneh- men sind, wie die Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA ausgestaltet sein sollten und wie ein regionales Friedensregi- me Nordostasien aussehen wird. In Ermangelung diplomatischer Fortschrit- te setzt das Regime aber die Entwicklung seiner ballistischen und nuklearen Angriffs- waffen unverdrossen fort. Bereits haben Nordkoreas Militärs neue straßenmobile Abschussfahrzeuge und Feststoffraketen getestet und sie experimentieren mit dem Abschuss von seegestützten Raketen von Unterseebootplattformen. Vor diesem Hin- tergrund ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Regime, ohnehin durch UN-Sanktionen und die Corona-Weltrezession stark unter Druck, sein selbst auferlegtes Moratorium für Nuklear- und Interkontinentalraketen- tests wieder aufhebt. Neuerliche Tests würden eine neue Runde im Nuklearpoker Nordkoreas einiäuten. Den Zeitpunkt für diese Auseinandersetzung kann Pjöngjang bestimmen. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 51
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Neuer Schwerpunkt ist die Befähigung zu amphibischen Operationen und Kampf im maritimen Umfeld Interview mit dem Kommandeur der EJnsatzflottille 1, Flottillenadmiral Christian Bock, über den Verlauf der deutsch-niederländischen Kooperation bis heute und die Zukunft des Seebataillons Aktuell befindet sich das niederländische Joint Support Ship „Karel Doorman" in der Karibik, um humanitäre Hilfe im Zu- sammenhang mit der Corona-Pandemie zu leisten. Das amphibische Mehrzweck- schiff hat eine besondere Verbindung zum Seebataillon und damit auch zur Einsatzflottille 1 in Kiel. Denn das Schiff ist Teil der niederländisch-deutschen Marinekooperation, und es wird seit 2016 formell von beiden Streitkräften gemeinsam genutzt. Bei der Unterzeich- nung des Letter of Intent zwischen bei- den Staaten sagte die damalige Bundes- ministerin der Verteidigung Ursula von der Leyen: „Wir legen heute zugleich einen Grundstein für einen Leuchtturm innerhalb der maritimen Kooperation. Wir werden dazu das Seebataillon der Deutschen Marine in die Königlich Nie- derländische Marine integrieren. Beide zusammen werden das niederländische Schiff nutzen. In meinen Augen ist das ein Musterbeispiel für den Aufbau einer europäischen Verteidigungsunion, was wir heute erleben.“ ES&T: Herr Admiral, vor dem Hinter- grund dieser politischen Absichtserklä- rungen aus dem Jahre 2016: Wo stehen wir heute und wie steht es um die Koope- ration in der Praxis? Bock: Obwohl das Seebataillon erst 2014 aufgestellt wurde, kann ich heute bereits mit einem gewissen Stolz behaupten, dass sich der Verband stark weiterentwi- ckelt und sich zu Recht einen tollen Ruf innerhalb der Marine und bei den inter- nationalen Partnern erarbeitet hat. Die Kooperation läuft gut. Ich denke da an die gemeinsameTeilnahme mit dem Korps Mariniers an der Amphibious Task Group 2020 als Teil der NATO Response Force. Das Seebataillon beteiligt sich dort aktuell mit einer verminderten Kompanie, inklusi- ve Unterstützungs- und Kampfunterstüt- zungskräften. Hervorzuheben ist natürlich auch der gemeinsame Katastrophenhil- fe-Einsatz auf den Bahamas im Zuge des Hurrikans Dorian im September 2019. Wir haben zudem viele Ausbildungsvorhaben zusammen bestritten, etwa das arktische Wintertraining in Norwegen, bei dem niederländische und deutsche Marine- infanteristen über Wochen Seite an Seite unter widrigsten Bedingungen zusammen gekämpft und gelitten haben. Regelmä- ßig schicken wir Seesoldaten zu Manövern in niederländische Gefechtsstände oder Stäbe. Und wir haben vergangenes Jahr zwei deutsche Marineinfanterieoffiziere dauerhaft in die Niederlande versetzt. Ein Stabsoffizier arbeitet mittlerweile im Führungsstab der Netherlands Maritime Forces in Den Helder als Operationsst- absoffizier für den Bereich Amphibik. Ein weiterer Offizier ist im Marine Training Command in Doorn für Ausbildung zu- ständig. Dazu kommen die personellen Verbindungen zu den britischen Royal Marines beim 47 Commando in Plymouth. Ziel all dieser Maßnahmen ist, und das ist konzeptionell nun auch gefordert, der Gewinn weiterer Erfahrungen im Bereich Amphibik. Die Deutsche Marine muss ir- gendwann selbst in der Lage sein, deut- sche Staatsbürger aus dem Ausland vom nassen Strand zu evakuieren. Also noch- mal: Wenn ich das alles zusammenfasse, komme ich zu dem Schluss: Es läuft viel. Davon läuft auch vieles gut. Man verzahnt zwei Verbände aber nicht ohne Weiteres. Dieser Prozess dauert lange, er hat mit Ge- wöhnung zu tun, betrifft viele Ebenen in allen Streitkräften der Partner. Von der po- litischen Leitung bis zum Infanteristen am Strand muss diese Zusammenarbeit gelebt werden. Am Ende dieses Dauerlaufs sind wir natürlich noch lange nicht. ES&T: Ob Sie das bitte noch weiter kon- kretisieren könnten, was muss denn noch passieren? Bock: Wir haben ganz aktuell den Auf- trag des Seebataillons komplett über- arbeitet und ihn den Bedürfnissen der Landes- und Bündnisverteidigung sowie der deutsch-niederländischen Koopera- tion angepasst. Der neue Schwerpunkt des Verbandes ist die Befähigung zu 52 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
amphibischen Operationen und Kampf im maritimen Umfeld. Langfristig auch als geschlossener Gefechtsverband. Der ehemalige Auftrag des Seebataillons und seiner Vorgängerverbände, fokussiert auf den Schutz von Marineanlagen, bildet nun nicht mehr den Mittelpunkt und wurde deutlich ergänzt. Dem neuen Auftrag des Verbandes muss natürlich die Struktur und Organisation des Seebataillons Rechnung tragen. Und der Verband braucht das nöti- ge Material, um insbesondere den amphi- bischen Auftrag mit den Partnern erfüllen zu können. Das Seebataillon soll im Rahmen der Marinekooperation in die niederländische Marine integriert werden ES&T: An welches Material denken Sie dabei? Bock: In erster Linie fehlt es unseren am- phibischen Kräften an geeigneten Ein- satzbooten, mit denen sie schnell, flexibel und mit eigener Feuerkraft im maritimen Umfeld, speziell in Küstennähe, operieren können. Die Facetten reichen von Evakuie- rungsoperationen, humanitärer Hilfe, Ha- fenschutz bis hin zu Escort-Operationen und Kampfeinsätzen für kleine amphibi- sche Operationen. Solche Boote können auch für das Legen defensiver oder pro- tektiver Minenfelder und Aufklärungsope- rationen mit verbundenem Drohnenein- satz genutzt werden. Zudem werte ich solche Boote als Beitrag auf Augenhöhe für die Kooperation mit den niederlän- dischen amphibischen Kräften. Sinnvoll und optimal ist es, wenn beide Nationen den gleichen Bootstyp nutzen. Dass die Ausbildung auf den Booten harmonisiert wird. Dass sie nach denselben taktischen Grundsätzen eingesetzt werden. Das sorgt für taktische und operative Verläss- lichkeit auf beiden Seiten. Und es erleich- tert ganz enorm, Personal auszutauschen und Kräfte gemeinsam einzusetzen. ES&T: Der Bedarf solcher Boote ist nach unserem Kenntnisstand schon lange an- erkannt. Wann kann die Truppe mit dem Zulauf rechnen? Bock: Ja, Sie haben recht. Der Bedarf ist von Seiten der Marine und dem Planungs- amt anerkannt. Wir befinden uns derzeit in der Analysephase und definieren die An- forderungen an die Boote, also die techni- schen und funktionalen Forderungen. Ich würde mich freuen, wenn der erste Bau- stein in der Analysephase dieses Jahr noch abgeschlossen werden kann. In der aktu- ellen Situation kann Ihnen aber niemand sagen, wann genau und welche Boote zu- laufen werden. Ich hoffe aber, genauso wie die Truppe, dass der Zulauf nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt. Wie fordern keine technisch hochkomplexen Meister- stücke, sondern robuste, schnelle und aus- dauernde Boote, wie sie auch seit vielen Jahren in anderen Marinen erfolgreich ein- gesetzt werden. Also einfaches Wehrma- terial. Solche Boote sind marktverfügbar. Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es wird also nicht so schwer sein, geeignete Kampfboote auszuwählen und anzuschaf- fen. Dann wird in einem ersten Schritt dem Verband eine Erprobungsplattform zur Verfügung gestellt werden, um auch die Schulung erster Stammbesatzungen zu ermöglichen. Ich kann Ihnen versichern, dass das Seebataillon, mein Stab und ich selber weiter mit aller Kraft an diesem zu- kunftsträchtigen Thema arbeiten und die Beschaff ungsorganisation unterstützen werden. All dies dient dazu, die Leistungs- fähigkeit und Auftragserfüllung des Seeba- taillons, insbesondere im Kontext der Part- nerschaft mit dem Korps Mariniers, weiter zu verbessern. Ich bin unheimlich stolz, diesen einzigartigen und jungen Verband so weit vorne zu sehen. Ohne ihn fehlte der Toolbox der Einsatzflottille 1 und der Marine insgesamt eine immens wichtige und vielseitige Fähigkeit. Die Fragen stellte Hans Uwe Mergener. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 53
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONA! Amphibische Kampfboote Erweiterung der maritimen Fähigkeiten der Bundeswehr Arne Krüger Früher Morgen am Westrand des Pazifiks: Kleine Teams von Marineinfanteristen in Kompaniestärke stürmen in ihren mobilen Kampfbooten zu abgelegenen Inseln. Unterstützt durch unbemannte Drohnen (Land, Luft und See) greifen die U.S. Marines gegnerische Landungsschiffe und andere Kriegsschiffe mit Flugkörpern an, bevor diese ihre Invasionstruppen entladen oder in die Tiefe des Pazifiks vordringen kön- nen. Die durch die Kampfboote generierten Zieldaten werden zeitgleich an die eigene Luftwaffe und Mari- ne weitergegeben. Diese unterstützen den Abwehrkampf mit weitreichenden Flugkörpern. Um potenziel- len Vergeltungsschlägen aus der Luft zu entgehen, wechseln die Ledernacken alle 48 bis 72 Stunden ihren Standort, indem sie von Insel zu Insel springen. Dabei nutzen sie eine neue Generation von amphibischen Kampfbooten, die auch ferngesteuert werden können. Die kleinen und wendigen Einsatzboote sind für den Gegner gerade in Küstennahe wegen ihrer geringen Signatur nur schwer aufzufassen und zu bekämpfen. Was hier wie ein Szenario aus ei- nem neuen Tom Clancy-Roman klingt, ist in Wahrheit der Inhalt eines aktuellen Planspiels des U.S. Marine Corps (USMC). Die dort angestellten Simu- lationen zeigen, dass neue Taktiken und der defensive Kampf mit kleinen amphibischen Booten künftig „eine Menge Probleme" für angreifende gegnerische Streitkräfte schaf- fen würde, so General David Berger, amtie- render Kommandeur des USMC. „ Es ist sehr schwierig, einer aufgelockerten Marineex- peditionstruppeentgegenzutreten, die klein und mobil ist", so Berger in einem Interview im „Wall Street Journal" im März 2020. Kri- tiker halten ihm derweil vor, dass sein Ansatz nur für den Kampf im westpazifischen Raum mit seinen zahlreichen Inselketten gelte, also nur für eine spezifische Region. Kein neuer Ansatz und geografisch übertragbar Dass der Ansatz von Berger nicht neu ist, und seine Theorien durchaus auch auf an- dere Regionen der Welt - und hier insbe- Fregattenkapitän Arne Krüger hat 2014 das Seebataillon aufgestellt und war bis 2016 erster Kommandeur. Derzeit arbeitet er im Centre of Excel- lence for Operations in Confined and Shallow Waters. Der Artikel gibt seine persönliche Meinung wieder. Die amphibische Nyland Brigade der Finnen nutzt das „Watercat" der Werft Marine Alutech Das königlich-schwedische Amfibieregementet nutzt das Combat Boat 90 HSM (CB90) des schwedische Herstellers SAAB-Dockstavarvet sondere auch auf die Ostsee - übertragbar sind, zeigt das Beispiel der schwedischen und finnischen Küstenjäger. Die amphibi- sche Nyland Brigade der -innen und auch das königliche Amfibieregementet (Amf 1) arbeiten schon lange in einer binationalen Amphibious Task Unit zusammen. Mobi- le Stoßtrupps trainieren seit Jahren eine Hit and Run-Taktik mit unterschiedlichen Kampfboottypen. Die Geografie in der öst- lichen Ostsee mit ihren zahlreichen zerklüf- teten Inseln, Archipelen, schroffen Felsen und Fjorden ähnelt im übertragenen Sinne der im Westpazifik. Mit Steilfeuerwaffen (z.B. Mörsern), leichten Flugkörpern (u.a. Hellfire und Spike-ER), Aufklärungssenso- ren und mit Kampfschwimmern sowie Mi- nen üben die Skandinavier einen Gegner zu bekämpfen, der in ihr Territorium eindringt. Mobile kleine Teams springen dazu von In- sel zu Insel. 54 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Und nicht nur geografisch ähneln sich die Regionen: Denn genauso wie die U.S. Mari- nes im West-Pazifik trotz eines überlegenen gegnerischen Flugkörperschirms erfolgreich operieren sollen, müssen ihre skandinavi- schen und baltischen Pendants innerhalb einer gegnerischen Flugkörperblase überle- ben, die von der hoch gerüsteten russischen Oblast Kaliningrad aus operiert. Bezüglich der Lage in der Ostsee ist schon an anderer Stelle umfassend über die Fähigkeit der Rus- sischen Föderation zum sogenannten A2/ AD (Anti-Access/Area Denial) berichtet wor- den. Nursoviel: Experten, wie etwa der frü- here Befehlshaberder US-Landstreitkräfte in Europa, Generalleutnant a.D. Ben Hodges, sehen insbesondere in der Stationierung weitreichender Flugkörper in Kaliningrad die Gefahr, dass größere Schiffsbewegun- gen in der Ostsee unterbunden werden könnten. Damit sind im Konfliktfall See- transporte oder auch Landungen mit gro- ßen Landungsschiffen zur Unterstützung der baltischen Staaten selbst mit starkem Geleitschutz nur unter unverhältnismäßig großem Risiko möglich. Auch die britischen Royal Marines setzen wieder auf Nadelstiche Dass neben dem USMC mit seiner neuen oben beschriebenen Taktik auch andere Ma- rineinfanterieeinheiten wieder auf kleinere Kommandounternehmungen, sogenannte Raids, und Kampfboote setzen, zeigt auch das Beispiel Großbritanniens. Nicht ohne Hintergedanken wird dort im vergangenen November die in Plymouth beheimatete am- phibische 1 Assault Group Royal Marines in 47 Commando Rading Group umbenannt. Und das ausgerechnet am 75. Jubiläumstag, an dem 47 Commando im Zweiten Welt- krieg die schwer befestigten Inseln zur stra- tegischen Hafenstadt Antwerpen mit ihren Booten freikämpfte. Im Sommer 2019 beauf- tragt der Royal Marines-Kommandant Gene- ral Brigadier Matt Holmes in diesem Zusam- menhang auch Absolventen vom UK Naval Engineering Science and Technology Forum damit, technische Zukunftsvisionen für die britische Marineinfanterie zu entwickeln. Die Vorgabe lautet dabei: „Ein Angriff der Royal Marines im 21. Jahrhundert auf eine feindli- che Flugkörperstellung auf einer Klippe". Wissenschaftlich gestützt wird die Neuaus- richtung des USMC und der Royal Marines vom Politologen Peter Roberts von der briti- schen Denkfabrik Royal United Services Insti- tution (RUS I). Dieser urteilt: „... dass die Tage gezählt sind, in denen man große Infanterie- kräfte zu Hause versammelt und sie dann mit großen Schiffen in eine Konfliktzone trans- portiert." Einzig die USA seien heute noch in Das amphibische Mehrzweckschiff „Karel Doorman" ist Teil der nieder- ländisch-deutschen Marinekooperation, und es wird seit 2016 formell von beiden Streitkräften gemeinsam genutzt der Lage, ganze Brigaden über See an frem- de Küsten zu werfen, betont der Professor. Die meisten Streitkräfte würden immer mehr auf kleine, mobile Raiding Parties setzen, also auf Überfallkommandos in Zug- oder Kom- paniestärke mit bis zu 120 Soldaten, meist inklusive Unterstützungselementen wie Scharfschützen, Drohnenoperateuren und Notfallsanitätern. Früher oblag diese Aufga- be den Spezialkräften, heute ist sie zum We- senskern moderner Marineinfanterie gewor- den. Die Stärke solcher Truppen liegt darin, unabhängig voneinander und das Moment der Überraschung ausnutzend, gegnerische Kräfte direkt oder über das Hinterland anzu- greifen. Ziel ist es dabei, nadelstichartig deren Handeln zu stören oder strategische Punkte zu gewinnen (z.B. Häfen, Flug basen, Flug- körperstellungen), um dadurch für eigene Folgekräfte einen Brückenkopf zu errichten. Auch die Abwehr von gegnerischen irregulä- ren Kräften ist so möglich. Grundlage amphibischer Kommando- trupps sind schnelle Kampfboote: Die heu- te zur Verfügung stehenden europäischen Modelle sind dabei jedoch aktuell recht überschaubar. Wegweisend sind dabei das schwedische Combat Boat 90 HSM (CB90) des Herstellers SAAB-Docksta und das finnische Watercat 18 AMC von Mari- ne Alutech, welches auch als „Jehu"-Klasse bezeichnet wird. Beide Boote sind schon lange zugelassen und haben sich in Übung und Einsatz bewährt. Das CB90 wird inter- national in zahlreichen Varianten bei den Marinen von Estland, Griechenland, Ma- laysia und Mexiko verwendet. In Norwegen wird es von den maritimen Spezialkräften in einer größeren Variante genutzt. Sowohl das CB90 als auch das Jehu verfügen über eine relativ kleine Besatzung von maximal sechs Soldaten, von denen nur zwei nau- tisch tätig sind, einer davon der Komman- dant im Rang eines Portepeeunteroffiziers (Meister). Die übrigen Besatzungsangehöri- gen sind für die Schiffstechnik und den see- männischen Dienst zuständig, wozu unter anderem kleinere Strandmeisteraufgaben und die Absicherung des Bootes gehören. Die Handhabung des Bootes ist einfach. Eine funktionierende Ausbildungsinfrastruktur befindet sich im Ostseeraum. Seebataillon: Praktische Erfahrung mit skandinavischen Kampf booten Und gerade diese Ausbildungsinfrastruktur nutzte die Deutsche Marine schon in der Ver- gangenheit. In den zurückliegenden Jahren hat das Seebataillon der Deutschen Marine bereits Teile der sogenannten „Taktischen Einsatzkräfte See" der beiden Bordeinsatz- kompanien auf den oben genannten Boot- stypen in Schweden und Finnland ausbilden lassen. Für das CB90 haben einige Soldaten der Marineinfanterie in mehrmonatigen Lehrgängen im Jahre 2015 sogar schon offizielle Führerscheine beziehungsweise Kommandantenzeugnisse erworben. Unter Aufsicht der Stammbesatzungen durften die deutschen Seesoldaten daher im Rah- men der Übungsserien „Northern Coasts" und BALTOPS in den Jahren 2017 und 2018 die Boote taktisch selbstständig einsetzen. Als besonders gewinnbringend zeigte sich dabei die erweiterte Möglichkeit der Führer zur Koordination ihrer Truppen: Von Bord der Boote aus konnte in sicherem Abstand zum Operationsgebiet via Funk und optroni- schem Gerät schnell Unterstützung angefor- dert oder angeboten werden (z.B. Steilfeu- er). Hilfreich erwies sich auch, die Boote als Plattform für Aufklärungsdrohnen (See und Luft) zu nutzen, um Vorgänge an Land oder im Küstenbereich besser zu überwachen. Deutsche Marineinfanteristen fordern eigene Boote seit über einem Jahrzehnt Szenenwechsel: Neben den guten Ver- bindungen zum niederländischen Koope- rationspartner Korps Mariniers bestehen zwischen dem deutschen Seebataillon und dem britischen 47 Commando heute auch schon personelle Verbindungen. Seit meh- reren Jahren werden in Plymouth deutsche Austauschsoldaten in sämtlichen amphibi- schen Lande verfahren mit diversen Boot- stypen ausgebildet, vom Landungsboot bis zum Hovercraft. Sie bringen ihr Wissen nach ihrer Rückkehr als Multiplikatoren zurück in das Seebataillon. Zeitgleich dient ein Por- tepeeunteroffizier der Royal Marines durch- Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 55
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL gehend im Seebataillon in Eckernförde. Die Entsendung eines Austauschsoldaten nach Plymouth geschah 2015 aus gutem Grund: Schon die deutschen Marineschutz- kräfte, ein Vorgängerverband des Seebatail- lons, hatten im Jahre 2009 kleine mobile Kampfboote gefordert, diese allerdings vor- rangig für den seeseitigen Hafenschutz und für nationale Evakuierungen von eigenen Staatsbürgern aus Krisengebieten. Eine Fä- higkeitslücke und damit ein Bedarf wurden schon damals anerkannt. Die ursprüngliche Forderung wurde in den folgenden Jahren immer wieder angepasst und von einem an- deren Rüstungsprojekt entkoppelt (Hafen- schutz-Modul). Sie mündete 2016 in einem eigenen Beschaffungsvorhaben. Zusätzliche Forderungen an die Boote kamen hinzu und wurden in der neuen Initiative anerkannt. Zum Zeitpunkt der ersten Forderung der Marineschutzkräfte spielte die Landes- und Bündnisverteidigung auch angesichts der fi- nanziellen Haushaltszwänge im Vergleich zu den Einsatzverpflichtungen der Streitkräfte nur eine nachgeordnete Rolle in den kon- zeptionellen Planungen der Bundeswehr. Das hat sich 2014 schlagartig geändert mit der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim durch die Russische Föderation. Neben der reinen Konfliktverhütung und Krisen- bewältigung vollzog sich eine Refokussie- rung der NATO und Bundeswehr auf neue amphibische Seekriegsszenarien, gerade im Hinblick auf die Landes- und Bündnis- verteidigung. So heißt es etwa in der Kon- zeption der Bundeswehr vom 20. Juli 2018: „Darüber hinaus werden perspektivisch Beiträge zur NATO-Raketenabwehr und zur Wirkung von See an Land, z.B. durch Spezi- alkräfte und begrenzte amphibische Ope- rationen die Fähigkeiten der Seestreitkräfte bestimmen." In den Fähigkeitsforderungen wird darauf basierend auch die Forderung gestellt: „Die Sicherung des seeseitigen Zugangs in allen Dimensionen bei gleich- zeitiger asymmetrischer Bedrohung im Ein- satzraum muss jederzeit gewährleistet sein. Hierzu ist das Anlanden von Einsatzkräften auch ohne Nutzung vorhandener Häfen si- cherzustellen." Im Februar 2017 verkündete Vizeadmiral Rainer Brinkmann, der Stellvertreter des Ins- pekteurs der Marine und zeitgleich Befehls- haber der Flotte und Unterstützungskräfte, auf einer Veranstaltung des Nautischen Ver- eins in Kiel: „Wir planen die Anschaffung neuer Kampfboote für das Seebataillon." Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, sagte bei seinem Be- such im Seebataillon am 17. Juli 2018 ferner: „Bei den Mari ne Infanteristen habe ich viele Parallelen zu meiner Zeit als Kommandeur bei den Fallschirmjägern gesehen. Neu und beeindruckend ist die amphibische Kom- ponente. Die gilt es zu erhalten und aus- zubauen." Wenngleich diese Formulierung noch recht unspezifisch ist, wird damit zu- mindest eine amphibische Ausrichtung der Bundeswehr in Aussicht gestellt. Der schles- wig-holsteinische Bundesabgeordnete und Obmann des Verteidigungsausschusses Ingo Gädechens (CDU) wird dahingehend noch konkreter, was eine Beschaffung von Booten angeht: „Wenn das Seebataiflon in den Einsatz verlegen muss, machen diese kleinen Boote auch Sinn." Dr. Sebastian Bruns vom Institut für Sicher- heitspolitik Universität Kiel, einer haupt- sächlich mit Aspekten maritimer Strategie und Sicherheit befassten zivilen Denkfab- rik, kritisiert die seiner Meinung nach zu langsame Umsetzung des Vorhabens: „Die Bundesrepublik Deutschland leistet sich nicht die Marine, die ihren maritimen und sicherheitspolitischen Interessen, ihrer Ab- hängigkeit und Anfälligkeit entspricht. Der Bedarf an Kampf booten ist dringend, die Argumente ausgetauscht, die Umsetzung aber bleibt hinter Anspruch und begründe- ten Erwartungen zurück." Prozesse dauer- ten zu lange, so der Kieler Marineexperte. Und Großprojekte wie die Fregatte F125 oder das künftige Mehrzweckkampfschiff 180 zögen überproportional Aufmerksam- keit und Ressourcen auf sich. Seestreitkräf- te und insbesondere amphibische Fähig- keiten als „Schweizer Armeemesser der Sicherheitspolitik" benötigten aber auch die Umsetzung von augenscheinlichen „Nischenprojekten" wie dem für das See- bataillon. Exkurs: Lizenzbau in Deutschland und Kosten Bei der Beschaffung von neuen Booten für das Seebataillon könnte ein Neubau auf einer deutschen Werft erwogen werden. 56 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Dieser müsste geplant, entwickelt und neu aufgelegt werden. Bei einer alternativen Beschaffung von Booten „von der Stange" für das Seeba- taillon sollte aber durchaus auch übereinen Lizenzbau durch deutsche Werften nach- gedacht werden. Ein Beispiel dafür ist der Erwerb von 14 neuen Patrouillenbooten 15 für die Schweizer Armee. Die „16" steht dabei für das Jahr der Ausschreibung. Die- se gewann die bereits erwähnte finnische Werft Marine Alutech. Schweizer Boots- bauer sahen sich bei der Beschaffung zu- nächst benachteiligt, wurden dann aber bei der Ausrüstung der Boote vom Typ „Wa- tercat 1250 Patrol” beteiligt. Sechs Boote werden beim Generalunternehmer im fin- nischen Tejo gefertigt und anschließend bei Shiptec in Luzern fertig ausgerüstet. Bei acht weiteren Booten wird nur der Schiffs- rumpf geliefert. Bis 2021 sollen alle Boote zulaufen. Mit diesem Kompromiss verbleibt ein großer Teil der Wertschöpfung in der Schweiz. Für die Beschaffung der 14 Boote und der entsprechenden Logistik und Inf- rastruktur wurde ein Volumen von ca. 45 Millionen Euro bewilligt. Zum Vergleich: Für ihre zwölf „Je hu "-Kampf boote zahlte die Finnische Marine schätzungsweise 34 Millionen Euro. Eine interessante Option wäre ferner der Einstieg Deutschlands in die gegenwärtig laufende Beschaffung von 18 der moderns- ten CB90 HSM durch die Schwedische Ma- rine, die dann bis 2021 insgesamt 165 CB90 in ihren Bestand genommen haben wird. Die neuen Boote zeichnen sich durch wei- tere technische Optimierungen von Antrieb und Führungssystem, vor allem aber durch die hochpräzise, stabilisierte Multi-Waf- fen-Plattform TRACKFIRE aus. Ein solches Vorgehen ist im deutschen militärischen Beschaffungsprozess ausdrücklich vorge- sehen. Der deutsche Bedarf könnte damit kostengünstig (Serienvorteil), risikoarm (er- probt und zugelassen) und schnell „von der Stange" gedeckt werden. Auch dafür wäre ein Lizenzbau wie beim Schweizer Beispiei in Deutschland denkbar. Die Schwedische Marine investierte ca. 44 Millionen Euro in ihre 18 neuen Boote. Schlussfolgerungen Mit der Beschaffung eigener Kampf boote für das Seebataillon erhält die Bundeswehr einen beachtlichen und sofortigen Fähig- keitsgewinn. Das Seebataillon könnte, wie in der Konzeption der Bundeswehr und vom Generalinspekteur gefordert, begrenzt amphibisch wirken und eigene Staatsbürger in nationalen Evakuierungs- operationen auch unter Bedrohung von fremden Stränden über das Meer retten. In der Ostsee böten sich zudem vielfältige Übungsmöglichkeiten sowie eine beste- hende Ausbildungs- und Logistikstruktur durch skandinavische Partner. Im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung könnten die Boote zusammen mit der finnisch-schwedischen Amphibious Task Unit in skandinavischen sowie baltischen Gewässern operieren. Daneben könn- ten Kampfboote als deutscher Beitrag auf Augenhöhe in die Kooperation mit den Niederlanden eingebracht werden. Das Korps Mariniers wird in Kürze seine kleinen amphibischen Landungsboote zum Personentransfer aus Altersgründen ersetzen müssen. Eine künftige Beschaf- fung könnte daher durchaus auch mit den Niederländern koordiniert werden, um typgleiche Boote später gemeinsam zu betreiben und die Besatzungen einheit- lich auszubilden. Warum die Deutsche Marine dabei „aus dem Regal" auf bestehende Systeme zu- rückgreifen sollte, erläutert Bundeskanz- lerin Angela Merkel in ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament am 13. Novem- ber 2018 in Straßburg recht anschaulich: Weil man in Europa „mehr als 160 Ver- teidigungssysteme respektive Waffensys- teme habe" und die USA nur 50 oder 60, schlug sie vor, man müsse an der gemein- samen europäischen Entwicklung und am Betrieb von einheitlichen Waffensystemen arbeiten. Der Kommandeur des Seebataillons, Fre- gattenkapitän Norman Bronsch, schaut üb- rigens zuversichtlich in die Zukunft seines amphibischen Verbandes, da „die Diskussi- onen zur Zukunft von wie auch immer ge- arteten Kampfbooten, die einen absoluten Fähigkeitszugewinn für die Bundeswehr darstellen würden, in den letzten Monaten in sehr richtungsweisende Entscheidungs- bahnen verlaufen sind." LÜRSSEN COMBAT BOAT MODULAR DESIGN FOR EFFECTIVE MISSION PERFORMANCE Lürssen has decades of experience delivering hundreds offast patrol vesselsand high speed boats to Customers worldwide. Our proven expertise in building production series boats enables us to build high performance combat vessels quickly and eflnciently that are tailored to your exact needs. Featuring a modular design, Lürssen combat boats are readily adaotable for missions ranging from harbour and Coastal patrol to amphibious operations and are versatile and effective protectors for your fleet Lürssen - The DNA of shipbuilding More Information: +49 421 6604 344 or www.luerssen-defence.com LU LÜRSSEN Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 57
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Neues Material für die Luftlandetruppe Dietmar Klos In der Struktur HEER2011 ist die Luftlandetruppe in der Division Schneite Kräfte und dort in der Luftlandebrigade 1 zusammengefasst. Neben zwei Fallschirmjägerregimen- tern sind noch je zwei Luftlandeauf- klärungs- bzw. -pionierkompanien unterstellt. Luftverlegbare Kräfte aus an- deren Bereichen können hinzutreten. Die drei Heeresfliegerregi meuter der Division, mit dem leichten Transporthubschrauber NH90 sowie dem Kampfhubschrauber Tiger ausgestattet, wirken in luftbeweg- lichen Operationen oft mit den Luftlan- dekräften zusammen. Die Fallschirmjä- gertruppe stellt den Kern dieser Truppen. Ihre zumeist leichte Ausstattung hat sich in etlichen Einsätzen bewährt, ist inzwischen aber in die Jahre gekommen. Seit einiger Zeit wird daran gearbeitet, neues Material zu erlangen. Die Fallschirmjäger Die Fallschirmjägertruppe erfüllt grundsätz- lich alle Grundbefähigungen und Aufgaben der Infanterie. Sie führt Luftlandeeinsätze mit unterschiedlichen Verbringungsmit- teln durch. Die Failschirmjägerregimenter 26 und 31 haben u.a. je fünf leichte In- fanteriekompanien mit jeweils drei Zügen und einen schweren Zug. Dieser umfasst je eine Granatmaschinenwaffen-, Scharf- schützen- sowie Panzerabwehrgruppe zu je drei Trupps. Die Regimenter verfügen zur Schwerpunktbildung über eine schwere Fallschirmjägerkompanie mit heute sechs Zügen. Einige Änderungen werden bis Mit- te des Jahrzehnts vorgenommen. Derzeit gehören dazu ein Feuerunterstützungszug mit vier Joint Fire Support Teams, dem- nächst fünf Teams, drei Kanonenzüge auf Wiesel 1 mit 20-mm-Maschinenkanone (MK) und ein Panzerabwehrraketenzug mit Wiesel 1 TOW. Hinzu kommt noch ein Mörserzug mit acht 120-mm-Mörsern. Zu- künftig wird es zwei Mörserzüge geben. Beide Züge erhalten vier zukünftige Sys- teme indirektes Feuer - kurze Reichweite, den Nachfolger des Mörsers 120 mm. Im 1. Zug wird es noch eine volle Feuereinheit mit vier Systemen 60-mm-Mörser geben. Diese Feuereinheit kann auch abgesessen einer Fallschirmjägerkompanie direkt un- terstellt werden. Der 2. Zug erhält zwar keine ganze Feuereinheit, verfügt aber ma- Gliederung der Division Schnelle Kräfte Zukünftige Struktur schwere Fallschirmjägerkompanie teriell übereine Doppelbewaffnung durch vier Mörser 60 mm. Somit kann der Zug materiell flexibel eingesetzt werden. Neu kommt noch ein Aufklärungszug mit sechs Trupps auf der neuen Luftlandeplattform mit Aufklärungsausstattung und zwei Trupps mit Unmanned Aerial Systems hin- zu. Im Regiment gibt es zudem noch je eine Luftlandeunterstützungs- sowie -sa- nitätskompanie. In Teilbereichen dieser Regimenter wurde eine Binnenoptimierung durchgeführt, um Dienstposten zur Implementierung von neuen Fähigkeiten zu generieren, z.B. durch kleinere Zugtrupps. Das bedeutet aber, dass aus der schon heute knappen Personalausstattung neue oder zu stärken- de Fähigkeiten alimentiert werden müssen. Bezüglich der Ausrichtung der Fähig- keiten auf die Erfordernisse der Lan- des- und Bündnisverteidigung mit dem „Plan Heer" in drei Schritten bis 2032 auf dann drei voll ausgestattete Divisionen und acht Brigaden kann die zukünftige Ausgestaltung der Infanteriekräfte und Fallschirmjägertruppe noch nicht genau vorausgesagt werden. Vorerst ist davon auszugehen, dass die heute vorhandenen Truppen der Infanterie, einschließlich der Failschirmjägerregimenter, mit den o.a. Veränderungen im Wesentlichen Bestand haben werden. 58 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Material und Neuerungen Mobilität Geräteausstattungen von Luftlandetrup- pen sind vielfältig und speziell wegen der besonderen Aufgaben und Anforderun- gen. Die Ausstattung der Fallschirmjäger- truppe ist leicht ausgelegt, und die Fahr- zeuge sind luftverlegbar. Rund 400 leicht geschützte, geländegän- gige Einsatzfahrzeuge für Spezialisierte Kräfte (ESK) Mungo von Krauss-Maffei Wegmann dienen vor allem als -ührungs- und Gruppenfahrzeuge für bis zu zehn Soldaten. Weitere Varianten sind der Mun- go 3 Großraumkabine, der in Unterstüt- zungstruppen der Luftlandekräfte mit den Rüstsätzen für Gefechtsfeldaufklärungs-, Fernmelde- und Sanitätsausstattungen eingesetzt wird. In der Streitkräftebasis Foto: Bundeswehr werden gerade zehn leichte, luftveriadba- Mit der Panzerabwehrwaffe TOW auf dem Wiesel 1 können können die re Aufklärungssysteme Mungo A/C Spür mit Strahlenspürausstattung beschafft. Der Mungo Mehrzweck wird ebenfalls zur Un- terstützung, insbesondere bei Pionier- und Logistiktruppen, genutzt Am Fahrzeug können Anbaugeräte und Rüstsätze ange- brachtwerden. Die Luftlandetruppe verfügt über etwa 100 Waffenträger Wiesel 1 von Rheinme- tall, davon ca. 32 bei den Fallschirmjägern. Das leicht gepanzerte Vollkettenfahrzeug mit zweiköpfiger Besatzung kann per Hubschrauber oder Transportflugzeug angelandet werden. Die nachtkampffähi- gen Waffenträger Wiesel 1 TOW wirken mit der Panzerabwehrwaffe TOW auf bis zu 3.750 m Kampfentfernung. Die Waf- fenträger Wiesel 1 mit MK 20 mm wirken bis auf 2.000 m. Zwischenzeitlich wurden die Systeme insbesondere bei den optroni- schen Beobachtungs- und Zielsystemen im Kampfwert gesteigert. Seit Ende 2019 bis etwa 2022 erfolgen durch die FFG Flensburger Fahrzeugbau GmbH beim Wiesel 1 Maßnahmen zur Verlängerung der Nutzungsdauer über das Soldaten bis auf 3.750 m wirken Jahr 2030 hinaus. Die Maßnahmen um- fassen die Verbesserung des Fahrwerks, des Schutzes gegen Minen und ballisti- sche Bedrohungen - hier der leichte CA- MAC-Add-on-Schutz von NP Aerospace, den Einbau des Mehrrollenfähigen Leich- ten Lenkflugkörpersystems (MELLS) zur Panzerabwehr statt TOW und moderner Kommunikationsmittel. Die Waffenträger Wiesel erhalten zudem das elektroopti- sche Feuerleit- und Beobachtungssystem EOPTRIS LR von Telefunken Racoms mit einer gekühlten Wärmebildkamera, einem CMOS-Tagsicht-Kanal und einem Laserent- fernungsmesser. Im neuen Gesamtvorhaben „Luftlande- plattform" sollen bis 2030 bisherige Träger in hoher Stückzahl mit gut 20 geschützten oder modular geschützten Varianten ersetzt werden. Der Zulauf der ersten Serie wird für Ende 2026 erwartet. Der modular geschütz- te Träger wurde gefordert, um etwa 15 Fä- higkeitsbereiche der Infanterie abzudecken, also ein Träger mit verschiedenen Ausstat- tungsversionen. Beispiele sind Träger für Gruppentransport-, Mörser-, Aufklärungs-, Führungs- oder Transportfähigkeiten. Vari- anten für andere Truppengattungen bzw. Organisationbereiche, z.B. leichte Sani- tätsfahrzeuge, werden zudem gefordert. Welche und wie viele Versionen letztlich beschafft werden, werden der Verlauf des Vorhabens, aber auch die verfügbaren Fi- nanzmittel ergeben. Die Funktionale Fähig- keitsforderung wurde erstellt, das Vorhaben an das Bundesamt für Ausrüstung, Informa- tionstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) gerade übergeben. Der Nach- folger für z.B. die erwähnten ESK Mungo als Gruppentransportfahrzeug wird ein mo- dular geschütztes Radfahrzeug sein, also mit Zusatz-Schutzelementen, mit ein bis zwei Fahrzeugen plus Besatzung lufttransportfä- hig in dem neuen schweren Transporthub- schrauber. Die Gruppe soll auf einem Fahr- zeug eingesetzt werden können, Die Auf- teilung auf zwei Träger ist eine Option, falls Raum- und Gewichtskapazitäten das erfor- dern. Höhere Haushaltsmittel würden dafür natürlich entstehen. Im Vorhaben werden auch marktverfügbare Träger gesichtet. Ei- ne Option wäre z.B. der Groundforce-5.12 der niederländischen Firma Defenture, ein Vierrad-Fahrzeug, dessen Vorgänger dort bei den Spezialkräften genutzt wird. Ein spezielles Trägerfahrzeug wird der „Luftbewegliche Waffenträger" als Nach- folger der Waffenträger Wiesel 1. Ein bes- ser geschütztes Kettenfahrzeug, ggf. als Monocoque, mit zwei Mann Besatzung und dem Panzerabwehrlenkflugkörpersys- tem MELLS, auch offen für ein Folgesystem, bzw. einer Maschinenkanone mit größe- rem Kaliber als 20 mm. Ein Kaliber 30 mm Der Mission Master von Rheinmetail in zwei verschiedenen Varianten würde den Träger zu schwer werden lassen Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 59
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Foto: Eurospnke Foto: Bundeswehr Mit dem G82 können Scharfschützen bis 1.800 m wirken für den Transport im schweren Transport- hubschrauber. Die Lösung könnte eventuell bei Bordkanonen/Ieichten Geschützen der Bundeswehr (Eurofighter bzw. Marine, al- so 27 mm) liegen. Das Vorhaben wird in Bundeswehrregie entwickelt. Erste Unter- suchungen wurden durch die Wehrtechni- sche Dienststelle 41 in Trier durchgeführt. Das BAAINBw hat danach die Firma IABG beauftragt, die weitere Entwicklung vorzu- nehmen, um letztlich einen Demonstrator in den nächsten Jahren vorzustellen. Erste Anteile sollen Anfang 2021 verfügbar sein. Zielidee ist, in etwa einen modernen Wiesel als neuen Träger zu haben. Nicht ganz aus- zuschließen ist, dass am Ende der Wiesel 1 in modernerer, innovativer Version wie- deraufersteht, weil nichts Besseres, Koste- neffektives gefunden wird. Parallel arbei- ten auch zivile Firmen selbstständig daran, einen „Luftbeweg liehen Waffenträger" zu kreieren, hat sich doch mit dem Vorhaben ein Markt geöffnet. Die Spike-Lenkrakete - hier in der Version LR2 - bildet die Basis für MELLS Die Luftlandeplattformen können auch mit unbemannten Plattformen verknüpft werden, um das sogenannte Manned-Un- manned Teaming erfolgreich anzuwenden. Man plant eine Art Cargo-Mule. Dieses System soll die abgesessenen Kräfte der In- fanterie, die häufig 30 kg bis 80 kg an Waf- fen und Ausrüstung mitzuführen haben, unterstützen. Das Cargo-Mule soll zuerst handgeführt werden, später auch selbst- ständig folgend, von handhabbarer Größe und geländegängig sein. Die Beschaffung wird vorerst für die schweren Infanteriezü- ge gefordert. Mit sechs Cargo-Mule pro Zug, dabei ein Führer Unbemannte Syste- me, sollen vor allem die schweren Waffen transportiert werden. Durch das BAAINBw erfolgen entspre- chende F&T-Studien, dabei auch das Fraunhofer-Institut. Im Herbst 2019 wur- den an der Infanterieschule in Hammel- burg Tests mit den ferngesteuerten Sys- temen Mission Master von Rheinmetall, Roboterplattform von Hentschel System/ Diehl Defence auf Raupenfahrzeug Zie- sel/Mattro sowie Probot von Roboteam/ Israel mit Firma Hippel/Deutschland durchgeführt, um erste praktische Er- kenntnisse zu gewinnen. Diese fielen bei den teilnehmenden Nutzern des Heeres positiv aus. Derzeit erfolgen Untersu- chungen des BAAINBw mit dem System THeMIS von Milrem/Estland als Experi- mentalsystem, auch für die Teilhabe am vergleichbaren europäischen Vorhaben. Eine Initiative des Heeres steht vor dem Abschluss. Zielvorstellung ist der erste Zulauf solcher Systeme bei der Fallschirm- jägertruppe 2023. Ein weiteres leichtes Fahrzeug wird das Luftlande-UTV (Utility Terrain Vehicle) sein. Dieses soll für das Kommando Spe- zialkräfte (KSK) zuerst mit rund 65 Stück, aber danach auch für die Fallschirmjä- gertruppe als Transportunterstützung beschafft werden. Von einem Fahrer ge- steuert, können damit weitere drei Per- sonen und/oder Material transportiert werden. Die Auswahlentscheidung war Ende 2020 geplant, allerdings musste diese zurückgestellt werden. Eine zweite Ausschreibungsrunde wurde gestartet. Auch im Bereich der Kräder sowie Quads wird die Fähigkeitslücke vorerst nicht ge- schlossen. Derzeit werden die Initiativen noch bearbeitet. Quads sind für das KSK sehr wichtig, könnten aber auch bei den Fallschirmjägern gut genutzt werden. Al- lerdings wird es keine Doppelausstattung geben - also entweder Krad oder Quad. Gefechtsfeldaufklärung Bei der Infanterie wird zudem an die Ver- besserung der Gefechtsfeldaufklärung gedacht. Eine Studie des Beschaffungsam- tes zur Schwarmaufklärung Boden/-Luft, Automatische Augmented Gefechts- feldaufklärung (AutoAuge) wurde 2019 abgeschlossen. Untersucht wurden der Einsatz, die Steuerung und Verknüpfung von vernetzten Bild- und Akustiksensoren auf marktverfügbaren unbemannten Sys- temen sowie die Weitergabe der Daten an einen Leitstand für eine vollständige, leicht zu erfassende Lagedarstellung. Die Schwarmsteuerung in einem abgesesse- nen Infanteriezug könnte von einem Be- diener erfolgen, um Informationen in Echt- zeitjenseits der Handwaffenentfernung zu erlangen. Der Zugriff auf Fremdsysteme soll später ermöglicht werden. In einer um- fassenderen Studie, auch was die Nutzer vieler Truppengattungen angeht, wird mit ErzUntGlas (Erzeugung eines Gefechtsfel- des zur Unterstützung dynamischer Opera- tionen) ein größerer Ansatz gemacht, z.B. 60 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Systemlieferant und Servicepartner für Schifffahrt und Werften, On-/Off shore, Industrie, Baugewerbe und Handwerk unter Nutzung von umfangreichen Drohnenschwärmen, luft- gestützten Kommunikationsknoten und Künstlicher Intelligenz zur Steuerung. Weitere Ausstattungen Eine große Zahl an Waffen, Kampfmitteln und optischem Ge- rät steht für die infanteristischen Kräfte zur Verfügung. Die- se wurden teils als Einzelvorhaben oder im Rahmen der Pro- jekte „Infanterist der Zukunft" beschafft. Gut 15 Hand- und Panzerabwehrwaffen gehören zur Ausstattung einer jeden Fallschirmjägergruppe. Im Wettbewerb für das neue System Sturmgewehr Bundeswehr stehen noch das HK416 bzw. HK433 von Heckler & Koch sowie das MK556 von Haenel. Die Aus- wahlentscheidung und der Vertragsabschluss könnten bis Ende 2020, die Einsatzprüfung ab Mitte 2021 erfolgen. Die vollau- tomatischen G27 mit Kaliber 7,62 mm sollen zukünftig das G28 (beide von Heckler & Koch) als Zielfernrohrgewehr erset- zen. Das halbautomatische Präzisionsgewehr G28 mit Kaliber 7,62 mm und hoher Durchschlagsleistung ist ein Wirkmittei bis auf 800 m. Es soll in Zukunft als Waffe für den Beobachter/ Spötter in den Scharfschützentrupps Verwendung finden. Hier erfolgt eine Satzanpassung, dabei Nachtsicht, Wärmebildgerät und Patrouillenausstattung. Das G82 mit Kaliber 12,7 mm und großer Reichweite bis 1.800 m soll zukünftig nur noch in den Scharfschützentrupps eingesetzt werden. Die Umrüstung des Scharfschützengewehrs G22 7,62 mmx67 mit Wirkung bis gut 800 m auf die Version G22 A2 mit Anpassung der Sichtmittel, neuer Schulterstütze, Handschutz sowie Zielfernrohr wird bis Ende 2020 vollzogen. Zudem wird ein Scharfschützengewehr mit Reichweite bis 1.500 m angegangen. Das Maschinengewehr (MG) 3 wird derzeit weitgehend durch das MG5 A2 mit gleichem Kaliber 7,72 mm von Heckler & Koch abgelöst. Die Version mit kurzem Rohr für die Infanterie sowie das KSK soll für das Heer insgesamt beschafft werden. Es kann auch auf den bisherigen Lafetten genutzt werden. Die Fallschirmjäger erhalten ab etwa Ende 2020 ebenfalls das nachtkampffähige Wirkmittel 90 von Dynamit Nobel Defence gegen weiche und halbharte Ziele, welches mit den program- mierbaren Mehrzweckgefechtsköpfen Spreng/Splitter mit Luft- schwerpunkt DM11 und Antistruktur DM22 mit (verzögerter) Aufschlagzündung, zudem mit IR-Leucht sowie Nebel bis auf 1.200 m Entfernung wirkt. Zudem wird das leichte Wirkmittel 1,800+ beschafft, ein Lenkflugkörper auch mit dem Dynaha- wk-Visier von Hensoidt. Damit können leicht gepanzerte Ziele sowie Ziele in und hinter Deckungen auf mehr als 1.800 m prä- zise bekämpft werden. Der Kleinflugkörper Enforcer von MBDA wurde ausgewählt. Die Qua ifizierung soll noch 2020 beginnen, der Zulauf ab 2023 möglich werden. Das Konzept „Plattformungebundene Panzerabwehr der Bun- deswehr" wurde am 1. April 2020 veröffentlicht. Demnach un- terscheidet man nun zwischen Panzerabwehr aller Truppen mit der Basisbefähigung und der erweiterten Befähigung sowie der Qualifizierten Panzerabwehr. Bis für die erweiterte Befähigung eine neue Panzerabwehrwaffe beschafft werden kann, bleibt die Panzerfaust 3 die Waffe für die Panzerabwehr aller Truppen. Ebenfalls von Dynamit Nobel Defence wirkt sie bis 400 m Ent- fernung und erbringt Wirkung durch Deckungen hindurch. Mit den Patronen DM72A1 der modernsten Version Panzerfaust 3 Improved Tandem kann die reaktive Zusatzpanzerung von Kampf panzern auf 400 m durchschlagen werden. Das moderne Visier Dynahawk wird auf die Panzerfaust 3 angepasst. Das System MELLS mit der Eurospike LR des Konsortiums Euro- Spike (Rheinmetall, Diehl Defence und Rafael/Israel) deckt die ISO 5.1 '<1 - ISO 14QDI IS0 5öm ISO 22900 0HS*S 18001 LUREAU VERITAS Certif tfatiftn Everything a ship needs Technische Schiffsausrüstung Proviant Catering (Provisions & Stores) Ersatzteile & Reparaturservice für Schiffsmotoren, Regler- und Pumpentechnik Maritime Umweltmanagement Biologische Kläranlagen Ballastwasserbehandlung Bilgenwasserentöler Entsorgungs- und Recyclingsysteme Herstellung von Netzen Segelmacherei & Taklerei On-/Offshore Ausrüstung & Service Luftfracht & Logistik '---I— -- ------ -- Foto: Bundeswehr Bremen Bremerhaven 'Cuxhaven' Wilhelmshaven' Leer - Emdern Meppen ’ Dessau Hamburg Heeslingen Lübeck Rostock ' Stralsund Mukran ’ Gdynia Gdansk Szczecin > Nachodka Rotterdam Eemshaven - Antwerp Cadiz Barcelona Bilbao Valencia Las Palmas Istanbul Izmir Cape Town Durban Dubai Blumenau • Singapore Shanghai Hong Kong
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Soldaten vom Fallschirmspezialzug 31 aus Seedorfsteuern als Combat Control Team (CCT) den Frei fall der Fallschirmjäger aus einer Transall Qualifizierte Panzerabwehr ab. Die Waf- fenanlage MELLS Variante iCLU befindet sich seit 2018 in der Einführung für den ab- gesessenen Einsatz bei der Infanterie und Pioniertruppe. Für die Nutzungsdauerver- längerung der Wiesel 1 TOW werden die Systeme TOW bis spätestens 2021 durch MELLS iCLU ersetzt. Vorrangig für die VJTF 2023 sowie zur Er- gänzung der Systeme IdZ-ES werden Ver- besserungen im Bereich der Optik/Optromk kurzfristig verfolgt. Aber auch für die Fall- schirmjäger ist eine dem Gegner überlege- ne Ausrüstung notwendig. Das gilt auch für leistungsstarke Optik- und Optronikkompo- Foto: Bundeswehr Fallschirmjägertrupp mit 120-mm-Mörser nenten mit moderner Wärmebild- oder Rest- lichtverstärkertechnik. Diese ermöglichen Bewegungen, Aufklärung und Wirkung bei Tag sowie schlechten Sichtverhältnissen. Modernisierungen werden bei allen Hand- waffen (Laser-Licht-Module), Waffenoptiken durch Vorsatzgeräte oder bei Nachtsicht- brillen angestrebt. Hierbei und bei weiteren Maßnahmen werden konzeptionell nach den Spezialkräften die Spezialisierten Kräfte der Fallschirmjäger und danach alle abgesessen kämpfenden Truppen ausgestattet. Werden die aktuellen Beschaffungsabsichten zeitge- recht realisiert, so stehen diese den Soldaten etwa 2022/2023 zur Verfügung. Die modernisierten Mörser 120-mm-R- Rohr (Rheinmetall) der Mörserzüge mit Reichweiten von gut 6.000 m werden bis 2030 genutzt. Damit kann die Munition Neue Generation (Spreng-, Nebel- sowie IR-Leuchtgeschosse) verschossen werden. Die Träger MTW M113 werden in Nutzung gehalten, die Nutzungsdauer der Lkw Wolf bei den Fallschirmjägern wurde bis 2027 verlängert. Überlegungen zur Nachfolge der Mörser- systeme 120 mm werden im Rahmen des Vorhabens „Zukünftiges System Indirek- tes Feuer - kurze Reichweite" geprüft. Hierbei werden größere Reichweiten bis 8.000 m und eine höhere Präzisi- on gefordert. Etwa ab 2027 sollen das neue modular geschützte Radfahrzeug plus neuem Mörser, wahrscheinlich 120 mm, sowie einer leistungsgesteigerten 120-mm-Munition verfügbar sein. Der Träger soll automatisch zu richten und die Mörser auch abgesessen einzuset- zen sein. Es werden Möglichkeiten zur (anteiligen) Digitalisierung der Systeme geprüft. Ab 2020 sollte der Mörser 60 mm als Leichtes Wirkmittel Indirektes Feuer mit Kampfentfernungen bis 3.500 m zulau- fen. Die geplanten Schussversuche mit den möglichen Produkten wurden vor- erst ausgesetzt. Mit dem Zulauf in die Truppe wird jetzt im Sommer 2022 ge- rechnet. Ohne Zusatzausstattung, das Rohr nur gehalten sowie gerichtet, wer- den Entfernungen von 400 bis 1.500 m erzielt. Die Fallschirme T-10 und T-10R wurden in der Nutzung verlängert. Spätestens ab 2023 sollen neue Schirme mit der Mög- lichkeit für Richtungsänderungen be- schafft werden. Ab 2024 soll ein neues taktisches Gleitfallschirmsystem beschafft werden. Die Lastenabsetzsysteme werden in den kommenden Jahren für die bes- sere Nutzung mit dem Transportflugzeug A400M durch neue Systeme ersetzt. Fazit Für die Luftlandetruppe - und insbeson- dere die Fallschirmjägertruppe - stehen in näherer Zukunft etliche Verbesserungen beim Material an. Ob die Umsetzung der Planungen gelingt, ist allerdings unsicher. Diese Truppen stehen bei der Einnahme des „Planes Heer" nicht in der ersten Reihe (VJTF 2023, Division 2027). Zudem kommen die Verteidigungshaushalte der nächsten Jahre und damit alle Planungen der Bundeswehr unter Druck, denkt man an die enormen finanziellen Belastungen, die die Bundesregierung durch die Coro- na-Krise eingegangen ist. 62 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Eine neue Stufe der deutsch- französischen Partnerschaft Luftwaffe und Armee de l‘Air fliegen gemeinsam C-130J Mike Feuerbach und Philipp-Jan Krappmann In einer multipolaren Welt können auch aus wirtschaftlichen Gründen rein national ausgerichtete Streitkräfte allein keine Antwort auf heutige und zukünftige Herausforderungen sein. Die gemeinsame europäische Ent- wicklung, Beschaffung und Bereitstellung von militärischen Fähigkeiten ist daher ein vordringliches Ziel. Die Ernsthaftigkeit der Umsetzung dieses Zieles wurde am 4. Oktober 2016 bekräftigt, als auf Ebene der Verteidigungsminister Deutschlands und Frankreichs die Absichtserklärung zur Ko- operation im Taktischen Lufttransport un- terzeichnet wurde Dies war gleichzeitig der Startschuss für eine einmalige und bis dato einzigartige Kooperation zwischen der Luftwaffe und der Armee de l'Air. Von 2021 an werden sie gemeinsam eine Lufttrans- portstaffei in der Haute Normandie, nahe Paris, betreiben. Insgesamt sollen zehn Flug- zeuge des Typs Lockheed Martin C-130J Super Hercules auf dem französischen Fliegerhorst Evreux-Fauville stationiert und durch Personal beider Länder betrieben werden. Deutschland beteiligt sich neben Personal mit drei C-130J-30 (Langversion der C-130J) und drei KC-130J (Tan- kerversion) an diesem Vorzeigeprojekt - Frank- reich stellt zwei C-130J-30 und zwei KC-130J. Langjährige Zusammenarbeit Deutschland und Frankreich können auf gute Erfahrungen aus den bestehenden Koope- rationen für den Kampfhubschrauber Tiger und für das Transportflugzeug A400M zu- rückblicken. Auch historisch bestehen mit dem gemeinsam entwickelten taktischen Transportflugzeug Transall C-160 seit jeher enge Bande im militärischen Lufttransport. Darauf aufbauend soll nun die Partnerschaft auf einen neuen, bisher nie dagewesenen Level gehoben werden: eine voll integrierte Staffel und ein gemeinsames Training Center, Oberstleutnant Mike Feuerbach ist Referent im Kommando Luftwaffe, Referat 4II a und Hauptfeldwebel Philipp-Jan Krappmann ist Sachbe- arbeiter im gleichen Referat. Foto: Bundeswehr/Johannes Heyn Am 15. Januar 2018 wurde das erste Flugzeug vom Typ C-130J Hercules in Orleans Bricy an die Armee de l'Air übergeben das alle Ausbildungsbedürfnisse der Partner für die C-130J abdecken wird. Dieses Training Center wird ab 2023 die fliegerische Schulung der Super Hercules-Besatzungen genauso wie die technische Ausbildung des Boden- personals übernehmen. Ergänzend wird ein Full Flight Simulator zur Verfügung gestellt. Der gemeinsame Betrieb deutscher und französischer C-130J erfordert ein einheit- liches luftrechtliches Regelwerk und so fußt diese enge Kooperation auf einem weiteren Projekt europäischer Integration. Während das zivile Luftrecht der Europe- an Union Aviation Safety Agency (EASA) mittlerweile selbstverständlicher europäi- scher Standard ist, wurde auf der militä- rischen Seite mit den European Military Airworthiness Requirements (EMAR) ein Pendant geschaffen, dessen Anwendung im Ermessen der Nationen liegt. Deutsch- land und Frankreich haben sich ent- schieden, einen weiteren Meilenstein zu erreichen, indem sie für die Kooperation bei der C-130J die EMAR-Regularien län- derübergreifend anwenden. Dies erfolgt durch gegenseitige Anerkennung der beiden nationalen militärischen Luftfahrt- behörden, die für dieses Ziel sehr intensiv Zusammenarbeiten. Wofür wird die C-130J benötigt? Aber warum besteht eigentlich der Bedarf für ein weiteres Luftfahrzeug, das kleiner ist als die A400M, die sich zum Rückgrat des deutschen militärischen Lufttransports entwickelt hat? Die A400M ist nicht nur Nachfolger der Transall C-160, sondern verfügt auch über deutlich größere Fähigkeiten. Doch in der Zeit des gleichzeitigen Betriebs der beiden Luftfahrzeugtypen zeigte sich, dass die C-160 für bestimmte Szenarien noch immer eine sehr gute, teilweise sogar die bessere Wahl ist. Trotz ihrer enormen Leistungsfä- higkeit ist die A400M für einige Spezialope- rationen im taktischen Transport nicht ein- setzbar, da sie wegen ihrer Größe nicht auf jedem Flugplatz zum Einsatz kommen kann. Besonders für die Fähigkeit zur Evakuierung deutscher und befreundeter Staatsbürger aus Krisen gebieten gab es daher den Bedarf für ein kleineres Muster. Genau hier setzt die Super Hercules an. Die C-130J kommt nicht nur mit sehr kurzen Start- und Landebahnen aus, sondern kann auch auf beengten, un- befestigten Landeplätzen mit eingeschränk- ter Infrastruktur problemlos operieren. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 63
Foto: Bundeswehr/Johannes Heyn Start einer C-130J Herkules mit französischen Kennzeichen Die Transall C-160 ist am Ende ihrer Nut- zungszeit angelangt und wird sukzessive bis 2021 außer Dienst gestellt. Mit der Einfüh- rung der C-130J wird die Synergie zwischen einem größeren und einem kleineren Trans- portflugzeug wiederhergestellt und diese Fähigkeitslücke geschlossen. Die C-130J ist das am längsten und am meis- ten gebaute militärische Transportflugzeug der Welt. Das in den USA von Lockheed Martin entworfene und gebaute Frachtflug- zeug wurde seit 1956 mehr als 2.600 Mal, in ungefähr 100 Versionen an die Streitkräfte der USA sowie befreundeter Staaten ausgelie- fert. Aktuell sind über 1.400 Flugzeuge des Typs C-130 weltweit im Einsatz. Auch für zivile Firmen oder Nichtregierungsorganisationen werden Versionen der C-130 gebaut, aktuell die L-100. Merkmale und Fähigkeiten derC-130J Die von Deutschland und Frankreich in der Kooperation verwendete C-130 des Typs „J" unterscheidet sich von ihrem Vorgän- ger „H" maßgeblich. Am auffälligsten sind die Modernisierungen des Cockpits und der Triebwerke. Das Cockpit, ein sogenanntes Glas-Cockpit, ist mit mehreren multifunkti- onalen Bildschirmen und Head-up-Displays ausgerüstet. Dies sorgt bei der Besatzung für eine bessere Rundumsicht und intuitive Bedi- enbarkeit, was Kapazitäten für andere Auf- gaben freisetzt. Gleichwohl ist dieser Kom- fort keine Achillesferse, da die C-130J sehr robust ist und im Notfall auch bei Ausfall der elektronischen Systeme beherrschbar bleibt. Dieser Ansatz hat sich bei anderen Nutzern schon mehrfach im Einsatz bewährt Die vier Turboproptriebwerke verfügen über ein eigenes Regelungssystem, das so- genannte FADEC (Full Authority Digital En- gine Control). Auch hier wird die Besatzung durch autonome und verbesserte Überwa- chung sowie Nachregelung dieser moderni- sierten Rolls-Royce-Triebwerke weitgehend von manuellen Eingriffen entlastet. Die Vorteile der sehr beeindruckenden Reich- weite von 1.450 Nautische Meilen bei maxi- maler Zuladung, der enormen Steigrate (17 Mi- nuten auf eine Cruise Altitude von ca. 28.000 Fuß), der Bedienbarkeit und Wendigkeit sind so gravierend, dass die Maschine in den USA sogar als Hurrikan-Jäger eingesetzt wird. Frankreich und Deutschland haben die Versionen C-130J-30 und KC-130J für ihren gemeinsamen Flottenpool ausgewählt. Die „-30" hat einen um ca. vier Meter verlänger- ten Rumpf und kann somit mehr sperrigere Fracht in ihrem 55 Fuß (ca. 16,7 Meter) gro- ßen Laderaum transportieren. So besteht die Möglichkeit, entweder acht standar- disierte HCU-6 Paletten, 128 Infanteristen bzw. Passagiere oder 92 voll ausgerüstete Fallschirmjäger aufzunehmen und abzuset- zen. Mit den damit verfügbaren Sitzplätzen sind gerade für den Evakuierungsfall ausrei- chend Kapazitäten verfügbar. Zur Betankung von Luftfahrzeugen werden beide Nationen insgesamt fünf „KC" in den Pool der gemeinsamen Staffel einbringen. Die KC-130J kann nicht nur Kampfflugzeuge oder andere Flächenflugzeuge in der Luft betanken, sondern auch Hubschrauber. Falls zudem am Boden eine Betankung von Hubschraubern benötigt wird, kann mit der KC 130J auch auf unbefestigten Pisten gelandet werden und dort ein sogenannter Forward Arming And Refueling Point (FARR) mit geringem Aufwand schnell und flexibel eingerichtet werden. Aber die deutschen C-130J können auch selbst in der Luft betankt werden. Dadurch wird der Einsatzradius erheblich erwei- tert und in der Tankerrolle mehr Treibstoff verfügbar. Frankreich verfügt bereits über seine vier C-130J. Deutschland wird seine Luftfahrzeuge schon sechs Jahre nach der Absichtserklärung der Nationen und vier Jahre nach Feststellung des Bedarfs ab An- fang 2022 sukzessive bis 2024 zum Einsatz bringen können. Das ist für die militärische Beschaffung von Luftfahrzeugen ein atem- beraubendes Tempo. Gemeinsam in Evreux Der zukünftige Standort in Evreux wartet mit einem Militärflugplatz auf, der auf eine lange und spannende Geschichte zurück- blickt. Schon 1912 eröffnet, diente er vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1966 als Transportstützpunkt der U S. Air Force. We- gen seiner Nähe zu Paris wurde der Stütz- punkt auch nach dem Abzug der Amerika- ner von der Armee de l'Air unter anderem für das präsidiale Flugzeug und für vielfältige Transportflugzeugmuster, einschließlich der Transall C-160, genutzt. Im Sommer 2021 wird die binationale Staffel hier ihre Heimat finden. Das deutsche Perso- nal wird dann nach Evreux verlegen und mit der von Orleans kommenden französischen C-130J-Staffel eine neue Einheit bilden. Die Bauarbeiten für das komplett neue Staffel- gebäude mit der notwendigen Infrastruktur wie einem Hangar für die Instandhaltung und Außenstellplätzen haben Mitte letzten Jahres begonnen. Zusätzlich wird noch ein Stabsgebäude für die Führung und die Be- treuung des deutschen Personals errichtet. Wegen der umfangreichen Bauarbeiten und des enormen Tempos des Projekts wird trotz größter Anstrengungen nicht die gesamte Infrastruktur von Beginn an zur Verfügung stehen. Deshalb wird das erste Personal mit den Luftfahrzeugen zunächst in Interimsge- bäuden unterkommen, die zurzeit noch für den Betrieb der dort stationierten französi- schen Transall C-160 genutzt werden. Der Umzug in die neuen Gebäude ist für Ende 2021 geplant. Der Zeitplan ist zwar „sport- lich", aber aufgrund der hervorragenden Zusammenarbeit mit einem Architekturbüro aus Paris, das weltweit erfolgreich Großpro- jekte umgesetzt hat, sind beide Vertragspar- teien guter Dinge, das für die Fertigstellung angestrebte Datum zu erreichen. Von den intensiven Aktivitäten vor Ort konnte sich ei- ne deutsch-französische Delegation bereits im November letzten Jahres überzeugen. Das Projekt C-130J bleibt weiterhin sehr am- bitioniert, da pünktlich bis zur Indienststel- lung des ersten deutschen Luftfahrzeuges auch die rechtlichen und logistischen Vor- aussetzungen zu schaffen sind. Nicht ohne Grund wird daher das Projekt in direkter Zusammenarbeit mit dem französischen Verteidigungsministerium unmittelbar aus dem BMVg heraus geführt. Die binationale Zusammenarbeit setzt sich dabei auf allen Ebenen fort. Das gilt für die Beschaffungs- organisation, die Verwaltung und die Streit- kräfte. Das große Ziel der Teamplayer (auf deut- scher Seite aus dem Bundesministerium der Verteidigung, dem Bundesamt für Ausrüs- tung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr und der Luftwaffe) ist es, bis Ende des Jahres 2024 die volle Einsatzbereit- schaftzu erreichen. Fazit Mit diesem für die Geschichte beider Streit- kräfte einzigartigen Projekt wird sich der Anspruch einer gemeinsamen Bereitstel- lung militärischer Fähigkeiten verwirkli- chen. Der militärische und auch taktische Lufttransport als Daueraufgabe ist für heu- tige Einsätze eine unverzichtbare und regel- mäßig in Anspruch genommene Fähigkeit. In diesem Umfeld wird sich diese Koope- ration gewiss bewähren und damit als - bisher einmalige - Blaupause für weitere Projekte zur Vertiefung der europäischen Integration stehen. 64 Europäische Sicherheit & Technik • Juni 2020
den USA, erklärte Esper im Rahmen eines Seminars der Brookings Institution. Nicht alle Experten bewerten die Lage pes- simistisch. Einige Wirtschafts- und Sicher- heitsexperten sind der Ansicht, dass die Blick nach Amerika werden soll. Die Einsatzführung erfolgt aus dem bemannten Flugzeug heraus, doch soll das unbemannte Luftfahrzeug auch ein hohes Maß an Autonomie besit- zen. Skyborg kann als Aufklärer voraus- Sidney E. Dean Auch Pentagon am COVID-19-Virus er- krankt!: Die Überschrift bezieht sich aller- dings nicht auf die Anzahl der Infektionsfälle unter Soldaten. Medizinisch steht das Mi- litär wesentlich besser da als die Zivilbevöl- kerung. Angesichts der Tatsache, dass die ohnehin massive US-Staatsverschuldung in Folge der COVID-19-Pandemie um mindes- tens 25 Prozent zunehmen wird, macht sich im Pentagon die Sorge breit, dass das Vertei- digungsministerium in den nächsten Jahren mit Etateinbußen rechnen muss. Verteidi- gungsminister Esper warnt, dass der Abbau älterer Ausrüstung vermutlich schneller als geplant durchgeführt werden muss, um möglichst früh Betriebskosteneinsparungen umzusetzen. Eine weitere Runde Standort- schließungen wird auch nicht ausgeschlos- sen. „Der Tag der Abrechnung rückt näher", resümierte Esper vor Reportern. Noch tiefgreifender ist die Aussicht auf eine Kürzung bei den Entwicklungs- und Beschaffungsprogrammen zur Moderni- sierung der Streitkräfte. Bedroht sind vor allem politisch umstrittene Programme wie die Modernisierung der atomaren Streitkräfte. Der Verteidigungsetat muss grundsätzlich um drei bis fünf Prozent jährlich steigen, um die Streitkräfte auf Im Falle von Etatkürzungen wäre die Modernisierung des Interkon- tinentalraketenarsenals beson- ders gefährdet künftige Bedrohungen durch Russland und China vorzubereiten. Eine Sparmög- lichkeit wäre die Reduzierung der ständig im Ausland stationierten Streitkräfte zu- gunsten entsendungsbereiter Einheiten in Hemmschwelle der Etatdisziplin durch die COVID-bedingten Konjunktur- und Sozial- | pakete dieses Jahres durchbrochen wurde. Falls diese These zutrifft, könnte der Druck 1 auf die verschiedenen Etatposten - ein- schließlich Verteidigung - sogar schwächer ausfallen. „Zur Bekämpfung der Pandemie erhöhte der Kongress den bereits für die- ses Jahr gültigen Staatsetat", kommentierte Mark Cancian vom Washingtoner Center for Strategie and International Studies. „Ich gehe davon aus, dass der Kongress sich für 2021 weitgehend am Budgetantrag der Re- gierung halten wird. Ich sehe derzeit wenig Neigung zur Fiskaldisziplin." 1FF für die Infanterie: IFF-Systeme (Iden- tifizierung Freund oder Feind) gehören seit Jahrzehnten zur Standardausrüstung mi- litärischer Flugzeuge. Am Boden sieht es Die Gefahr von „Freundfeuer- zwischenfälien" nimmt nachts exponentiell zu noch anders aus. Trotz verbesserter Kom- munikationsausstattung kommt es insbe- sondere bei Nachteinsätzen immer wieder vor, dass getrennt vorrückende Trupps sich versehentlich gegenseitig beschießen. Die U S. Army will nun ein IFF-System für In- fanteristen einführen. Die entsprechende Ausschreibung erfolgte Anfang Mai. In- teressierte Firmen haben bis zum 7. Juni 2020 Zeit, Vorschläge einzureichen. Die neue Technologie soll direkt in die Feld- uniform oder in andere Ausrüstungsge- genstände integriert werden. Das Gerät darf maximal 25 x 25 Zentimeter messen und muss noch auf 300 Meter Entfernung funktionieren. Skyborg: Die U.S. Air Force gab am 11. Mai bekannt, dass sie noch vor Monats- ende eine Ausschreibung für das Sky- borg-Programm vorstellen werde. Es han- delt sich dabei um ein unbemanntes be- waffnetes Flugzeug, das gemeinsam mit bemannten Jagdflugzeugen eingesetzt Loyal Wingman-Prototyp der Firma Boeing fliegen und gegnerische Flugabwehrstel- lungen orten, auf Kommando Bodenziele bekämpfen und auch als fliegende Kom- munikationsschnittstelle fungieren, um den Datenaustausch zwischen gemein- sam eingesetzten Flugzeugen verschiede- nen Typs zu ermöglichen. Verschiedene unbemannte Luftfahrzeuge wurden im Verlauf der letzten zwei Jahre eingesetzt, um das Skyborg oder Basis- konzept „Unmanned Wingman" (Unbe- mannter Rottenkamerad) zu erproben. Bei der jetzigen Ausschreibung geht es um die Auslieferung vollwertiger Prototypen eines Einsatzflugzeugs. Die Air Force will mindestens zwei konkurrierende Entwür- fe testen. Die Firmen Kratos und Boeing gelten als besonders aussichtsreiche Be- werber. Die Air Force machte bereits gute Erfahrungen bei der Erprobung der Valky- rie-Drohne der Firma Kratos. Boeing stell- QuelJe: U.S. Air Force XQ-58A Vaikyrie der Firma Kratos te Anfang Mai den ersten Prototyp des in Australien für die australischen Streitkräf- te entwickelten Loyal Wingman-UAV vor. Die Auftragsvergabe für die Auslieferung der Prototypen soll noch im Verlauf des Sommers erfolgen. Die Einsatzbereit- schaft der Vorserienflugzeuge wird Ende 2023 angestrebt. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 65
INFORMATIONEN • NACHRICHTEN • NEUIGKEITEN Unsichere Zukunft für die russische Su-57 Die Voraussetzungen für die Su-57 in der russischen Luftwaffe haben sich verändert. Das in der NATO „Felon" genannte Flug- zeug ist ein Mehrzweck-Kampfflugzeug der fünften Generation, von dem sich die Firma Suchoi und die Luftwaffe viel ver- Foto: USN/Later Foto: Suchoi sprochen haben. Es wird allerdings immer offensichtlicher, dass die Su-57 zumindest in der unmittelbaren Zukunft die Su-27/35 Flanker-Familie nicht in der ursprünglich vorgesehenen Anzahl ersetzen wird. Die Su-57 wurde im Rahmen des Programms „FutureCombat Aircraft" (PAK FA)entwi- ckelt. Die russische Luftwaffe stellte aller- dings fest, dass die bestehenden Flankers derzeit ausreichen, da in naher Zukunft keine Luftkämpfe gegen westliche Kampf- flugzeuge der fünften Generation, wie die F-22 Raptor und die F-35 Lightning II, zu erwarten sind. (yl) FFG(X) nach FREMM-Design Seit Jahren plant die U.S. Navy, Mehrzweck- fregatten der nächsten Generation (FFG(X)) zu beschaffen. Jetzt hat sie sich für Fregat- ten nach dem Design derFREMM-Fregatten des italienischen Rüstungskonzerns Fincan- tieri entschieden. Die Fregatten sollen von Wisconsins Manette Marine Shipyards ge- baut werden. Die Kiellegung der ersten Fre- gatte soll noch 2020 beginnen, und 2026 soll das Schiff, das 1,28 Mrd. Dollar kostet, Excalibur-Geschosse für das niederländische Heer Die Defense Secu- rity Cooperation Agency hat mitge- teilt, dass die US- Regierung dem Kaufantrag der nb._ ländischen Regierung über 199 Geschosse Excalibur increment IB genehmigt hat. Die Programmkosten werden mit rund 37 Mio. Euro angegeben und schließen technische Unterstützung, Ausbildung, Sonderwerk- zeuge und weiteres logistisches Gerät ein. Das präzisionsgelenkte Geschoss wurde gemeinsam von Raytheon und Bofors ent- wickelt und ist erstmals 2012 von der U.S. Army in Afghanistan eingesetzt worden. Das 155-mm-Geschoss mit Base-Bleed- Antrieb verfügt an der Geschossspitze über Steuerflächen zur Lenkung des Ge- schosses im Endanflug. Abgefeuert in der oberen Winkelgruppe können in urbanem Umfeld Ziele hinter hohen Gebäuden be- kämpft werden. (gwh) Jüngste Aufträge für die P-8A Boeing ist mit seinem Seefernaufklärer und U-Bootjäger P-8A weiterhin auf Erfolgskurs. Im April erfolgten drei Aufträge: acht Flug- zeuge für die U.S. Navy, sechs für Südkoreas Marineflieger und vier für die Royal New Ze- aland Air Force. Bei der U.S. Navy löst sie die seit 1962 im Einsatz befindliche Lockheed jz? TO TO vo O o P-3 „Orion" ab, die in zahlreichen Versionen in rund 20 Ländern genutzt wurde/wird. Die Boeing P-8A „Poseidon" basiert auf dem Passagiermuster Boeing 737-800ER1 und absolvierte am 25. April 2009 ihren Erstflug. Seit 2013 ist sie bei der U.S. Navy im Dienst. Die Einsatzdauer beträgt vier Stunden, kann aber durch Luftbetankung fast beliebig ver- längert werden. Die Bewaffnung (Bomben) kann an Bord bzw. an Pylonen unterhalb der Tragflächen (Torpedos, Lenkraketen) mitge- führt werden. Mit Sonarbojen kann sie U- Boote aufspüren. (pp) Verbundhelme für das polnische Heer Der polnische Verteidigungsminister Mari- usz Blaszczak hat am 23. April 2020 be- kanntgegeben, dass der Abschluss eines Vertrages mit Maskpol zur Lieferung von über 50.000 Verbundhelmen kurz bevor- steht. Ohne den Helm zu spezifizieren, zeigte Blaszczak ein Bild des ballistischen Helms HP-05 von Maskpol. Der knapp 1,5 kg schwere High-Cut-Helm ist in drei Größen lieferbar und wird mit vier Gurten ausgeliefert werden. Vorerst sollen zehn Fregatten beschafft werden. Die Fregatten werden mit dem modernen AN/SPY-6 Ra- dar, dem Aegis Combat System von Lock- heed Martin, mitClWS-Systemen und mit 32 VLS-Zeilen für Flugkörper ausgerüstet. Das Foto zeigt die italienische FREMM-Fregatte „Alpino", die zur Auswahlentscheidung zur Ostküste der USA verlegt hat. (ds) Das erste GlobalEye Frühwarnflugzeug ausgeliefert Saab hat am 29. April das erste von fünf luftgestützten Frühwarnsystemen Global Eye an die Vereinigten Arabischen Emirate ausgeliefert. Es besteht aus einem Saab Erieye Extended Range Radar und zusätzlichen Sensoren integriert in Bombardier Global 6000 Langstreckenflugzeuge. Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten 2015 drei GlobalEye-Flugzeuge bestellt und im November 2019 eine Vertragsän- derung für den Kauf von zwei weiteren Systemen angekündigt. GlobalEye ist die neue, luftgestützte Frühwarn- und Überwachungslösung von Saab. Es bietet Luft-, See- und Bodenüberwachung in einer einzigen Lösung. (gwh) 66 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
... AUS ALLER WELT befestigt. Er schützt vor Splittern und Be- schiess mit Handfeuerwaffen. Der Helm ist mit Zubehörschienen und einer Halterung für Nachtsichtbrillen ausgestattet und ist kompatibel mit militärischer Ausrüstung wie kugelsicheren Westen, filtrierenden Schutzkleidung, Schutzmasken, individu- ellen Sprachkommunikationsmitteln und Augenschutzgeräten. (gwh) Maritime SAR-UAS Eibit Systems hat das Hermes 900 Maritime Patrol Unmanned Aircraft System (UAS) für SAR-Missionen weiterentwickelt bzw. befä- higt. Das UAS wurde mit Entdeckungs- und Identifikationssystemen (EO/lR-Sensoren), mit einem speziellen Suchradar zum Auf- finden von Schiffsbrüchigen sowie mit vier aufblasbaren Rettungsinseln für jeweils sechs Personen unter den Flügeln ausgerü- stet. Die Rettungsinseln können präzise aus ca. 200 m Höhe zu den Schiffbrüchigen au- tomatisch abgeworfen werden, im Gegen- satz zu bemannten SAR-Flugzeugen kann das SAR-UAS 24 Stunden lang, bei Tage und bei Nacht und bei allen Wetterlagen seine SAR-Mission erfüllen. (ds) Leonardos „Falco Xplorer" fliegt Nachdem der italienische Hersteller Leo- nardo das taktische Remotely Piloted Air System (RPAS) „Falco Xplorer", seine bisher größte Drohne, auf der letztjährigen Paris Air Show präsentiert hatte, ist zu Beginn dieses Jahres der Erstflug des RPAS auf der Militärbasis Trapani durchgefuhrt worden. Nach Firmenangaben hat „Falco Xplorer" eine Nutzlast von maximal 350 kg und eine maximale Flugdauer von mehr als 24 Stun- den. Das maximale Abfluggewicht beträgt 1,3 t, die Flughöhe erreicht mehr als 7.300 m. Zur Sensorik gehört u.a. des Radar T-80, das Aufklärungssystem SAGE und weitere Ausstattung. Für Einsätze jenseits der Sicht- linie gibt es eine Satellitenverbindung.. Die Ausstattung kann nach Kundenwünschen variieren. Derzeit sind mehr als 50 RPAS von Leonardo bei unterschiedlichen Nutzern im Einsatz. (pp) Luft-Luft-Betankungstests mit CH-53K Über der Chesapeake Bay an der Ostküste der USA haben das U.S. Marine Corps und der CH-53K-Hersteller Sikorsky Luft-Luft- ckene Kontakte zwischen Tanker und Hub- schrauber erreicht. Die Kontakte mit dem Tankschäauch und dem trichterförmigen Korb fanden mit ständig steigenden Flug- geschwindigkeiten statt, um den Einfluss der Verwirbelungen hinter dem Tankflug- zeug auszutesten. Die Luftbetankungsfä- higkeit ist ein wichtiges Merkmal, um die geforderten Langstreckeneigenschaften zu erreichen. Die Betankungstests gehören zu den letzten Nachweisen vor Abschluss der Entwicklungstests. (gwh) Erstflug der X-31A „Gremlins" Dynetics Technical Solutions hat nach einem Auftrag der DARPA von 2018 den unbemannten Flugkörper X-31A „Grem- lins" entwickelt, mit dem die Möglich- keiten von Start und Bergung wieder- verwendbarerer Unmanned Air Vehicles (UAV) erprobt werden sollen. Der Erst- flug von Gremlins fand im Januar 2020 statt. Dabei löste sich der Flugkörper erfolgreich von einem Transportflug- zeug Lockheed C-130A. Noch in diesem Frühjahr soll ein weiterer Test erfolgen. Das Gremlins-UAV kann von dem Trans- portflugzeug wieder abgefangen und zu einem Stützpunkt gebracht werden, wo es für einen weiteren Einsatz vorbereitet wird. Die X-31A ist 4,2 m lang und wiegt 680 kg, es ist eine vielseitige Nutzlast von 65,7 kg möglich. (pp) Eibit liefert Führungssystem für Schweizer TASYS Das Taktische Aufkiärungssystem (TASYS) der Schweizer Armee wird mit einem Führungssystem von Eibit ausgestattet. Eibit hat die Unterzeichnung eines ent- sprechenden Vertrags mit armasuisse mit einem Volumen von 13,8 Mio. Euro am 16. April 2020 bekanntgegeben. C2-Sys- teme von Eibit verbessern die Fähigkeiten zur Zielerfassung, Priorisierung und Da- Betankungstests mit dem Tankflugzeug KC-130J erfolgreich durchgeführt. Bei den 4,5-stündigen Tests wurden mehrere tro- tenverbreitung und tragen zur Generie- rung eines gemeinsamen Lagebildes für rasche Entscheidungsfindung und einen effektiven Einsatz bei. Die Einführung in die Truppe ist 2023 bis Ende 2025 vorge- sehen. (gwh) Mobile Firepower Programm- Kampffahrzeug vorgestellt General Dynamics hat das Kampffahr- zeug für das Mobile Firepower Pro- gramm (MPF) der U.S. Army vorgestellt. Das MPF ist eines der Kampffahrzeuge aus dem übergreifenden Programm New Generation Combat Vehicle, mit dem die Ausrüstung der U.S. Army in kurzer Frist grundlegend erneuert werden soll. MPF soll als schwere Waffe die Infanterie un- terstützen. Dazu wird eine Kompanie mit 14 MPF ausgestattet und jeweils einem Infanteriekampfverband zugordnet. Bei der Vorstellung wurden keine Details zu dem Fahrzeug mitgeteilt. (gwh) Foto: U.S. Army Foto: Eibit Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 67
INFORMATIONEN • NACHRICHTEN • NEUIGKEITEN „Tejas" im Einsatzstandard Am 17. März ist auf dem Flugplatz Ban- galore des Herstellers Hindustan Aero- nautics Ltd. (HAL) das erste Exemplar des Foto: 11. LDKPzDiv Foto: HAL Light Combat Aircraft (LCA) „Tejas" mit dem Standard Final Operational Clea- rance (FOC) gestartet. Der Flug dauerte 40 Minuten. Der einsitzige Kampfjet war das erste Flugzeug eines Auftrages über 16 „Tejas", die 2021 an die indische Luft- waffe geliefert werden sollen. Die FOC- „Tejas" hat ein Turbofan-Triebwerk F414 von General Electric, sie kann in der Luft betankt werden, hat eine doppelläufige 23-mm-Kanone GSh-23 aus Russland und ein Luft-Luft-Raketensystem mit BVR-Sichtweite (Beyond Visual Range) von Rafael aus Israel, Für die Zukunft plant Indien die weitere Beschaffung von 83 weiteren „Tejas", 73 einsitzige Kampf- flugzeuge und zehn Trainer. Der erste „Tejas"-Erprobungsträger kam 2001 in die Flugerprobung. (pp) Modernisierung der polnischen Leopard 2-Panzer stockt 2015 hat Polen das Programm zur Mo- dernisierung von 142 Kampfpanzern Leopard 2A4 gestartet Es war vorgese- hen, dass Rheinmetall-Defence zunächst einen Prototyp und nach Serienfreigabe fünf weitere Kampfpanzer modernisiert. Anschließend sollte der polnische Auf- tragnehmer Bumar-Tab?dy 12 Panzer un- ter Anleitung von Rheinmetall umrüsten. Die restlichen Panzer sollten unter Regie von Bumar-tabedy bis 2021 ausgeliefert werden. Bis heute hat die polnische Seite den ersten Prototyp noch immer nicht abgenommen. Der aktualisierte Zeitplan von 2019 sieht vor, die Modernisierung der Kampfpanzer bis 31. Juli 2023 abzu- schließen. (gwh) Finnland übernimmt GrobG115E Bei der finnischen Luftwaffe haben die ersten Kurse auf modernisierten Trainern Grob G 115 „Tutor" begonnen. Da aus Kostengründen eine Beschaffung von Neu- flugzeugen nicht infrage kam, hat Finnland in den vergangenen Jahren 28 Flugzeuge von der Firma Babcock International erwor- ben, die mit einer Flotte von rund 90 Tutor- Trainern die Ausbildung für die britischen Streitkräfte betrieben hat. Der Kaufpreis lag bei 6,6 Mio. Euro. Die Flugzeuge haben im Schnitt 5.000 Flugstunden erreicht und wurden mit einer neuen GPS-Navigation und einer neuen Instrumentierung verse- hen, was zu den Beschaffungskosten hin- zuzurechnen ist. Die Arbeiten wurden von dem finnischen Unternehmen Patria Aviati- 6 o Modernisierung der Tu-95-Bomber Die Tupolew Tu-95 (NATO-Bezeichnung Bear) ist ein viermotoriger Bomber mit Turboprop-Antrieb. Sie flog 1952 zum ersten Mal, von den etwa 600 produzierten Flugzeugen sind noch etwa 60 im Dienst. Deren Modernisierung auf den Stand Tu-95MSM erfolgt im Berijew-Werk in Taganrog. Die ersten erneuerten Flugzeuge haben bereits das Werk verlassen und die Flugerprobung begonnen. Von der Mo- dernisierung sind die Funk- und Navigationsgeräte betroffen, auch das Triebwerk NK-12MPM wird leistungsgesteigert. Das Schwergewicht der Modernisierung liegt allerdings bei der Bewaffnung. Die Tu-95MSM wird befähigt, die modernen Marsch- flugkörper Ch-101 und Ch-102 einzusetzen. Wegen der Ausmaße der Waffen müs- sen diese an vier zusätzlichen Pylonen mitgeführt werden. Die neuen Flugkörper haben eine Reichweite von bis zu 5.000 km. (pp) on durchgeführt. Die Grob G 115E werden bei der finnischen Luftwaffe die seit 40 Jah- ren genutzten Trainer Valmet L-70 „Vinka" ersetzen. (pp) FireFly wird in Israel eingeführt Das israelische Verteidigungsministerium (IMOD) hat bei Rafael die Produktion und Lieferung der schwebefähigen (loitenng) Munition FireFly in Auftrag gegeben. Fi- reFly gehört zur weitverbreiteten Spike- Familie und soll bei den Bodentruppen der israelischen Streitkräfte eingeführt werden. Loitenng Munition wird ohne konkretes Ziel gestartet und kann begrenzte Zeit in der Nähe möglicher Ziele schweben, bis die Wirkung ausgelöst wird. Die gemeinsam 68 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
... AUS ALLER WELT von Rafael und dem IMOD entwickelte Fi- reFly wiegt nur 3 kg und bietet dem ab- gesessenen Soldaten die Fähigkeit zum Präzisionsangriff hinter der Deckung vor allem in urbanem Umfeld, wo das Situa- tionsbewusstsein häufig begrenzt und oft unzureichend ist. (gwh) Erste Nachtsichtgeräte ENVG-B ausgeliefert LBHarris hat das erste Los der neuen zweiäugigen Nachtsichtbrillen (Enhanced Night Vision Goggle - Binocular, ENVG- B) mit 656 Stück an die U.S. Army aus- geliefert. Damit können erste Einheiten vollständig ausgestattet werden und von der neuen Nachtsichttechnologie profitieren. Die । *> | ENVG-B ist eine ' .'.JjSkjv drahtlose, bino- if | kulare Nacht- sichtbrille mit integriertem Ä Wärmebildge- ! T rät ur|d kom- i < ' biniert zwei ** yM leistungsstarke v « 18-mm-Nacht- sichtröhren der dritten Generation (Weiß- phosphor) von LBHarris mit einem sepa- raten Wärmebildkanal für die Bildfusion und die thermische Zielaufklärung. Das System kann drahtlos mit Wärmebildziei- geräten auf Handwaffen kommunizieren. Das generierte Zielbild wird direkt in das Okuiardisplay der ENVG-B, somit in das Sichtfeld der Nutzer übertragen. LBHarris war 2018 mit der Lieferung von ENVG-B beauftragt worden. Der Rahmenvertrag umfasst 10.000 Geräte. (gwh) Gründung Joint Venture für spanischen Piranha Mit einer Verpflichtungserklärung hat die spanische Verteidigungsministerin Mar- garita Robles die Gründung eines Joint- Venture-Unternehmens für die Produkti- on von gepanzerten 8x8-Radfahrzeugen (Vehiculo de Combate sobre Ruedas, VCR) ermöglicht. An dem Joint Venture sind die spanischen Unternehmen Indra Sistemas S.A., Santa Barbara Sistemas S.A., Sapa Placencia S.L. und Escribano Mechanical & Engineering S.L. beteiligt, die 348 VCR auf Basis des Piranha V 8x8 von Genera! Dynamics European Land- systems (GDELS) produzieren sollen. Mit dem Industriekonsor- tium will Spanien die Designkom- petenz im Land erhalten und sicherstellen, dass mindesten 70 Prozent Arbeitsanteil in Spanien erbracht werden. Sobald das Joint Venture gegrün- det ist, beginnt die Ausschreibungsperiode mit dem Ziel im dritten Quartal 2020 einen Beschaffungsvertrag zu unterzeichnen. Im Dezember 2019 hatte die spanische Re- gierung ein Angebot der GDELS-Tochter Santa Barbara Sistemas aus technischen und Kosten-Gründen zurückgewiesen und eine Ausschreibung im Wettbewerb ange- kündigt. (ghw) Steigerung australischer Fähigkeiten Die australische Ministerin für die Verteidi- gungsindustrie, Melissa Price, verkündete, dass die australische Rüstungsindustrie einen wichtigen Meilenstein zur Verbesserung der Fähigkeiten der F-35A Joint Strike Fighter er- reicht habe. Hierbei handelt es sich um die neue BLU-111, die die gleiche Reichweite und Leistungskennziffern wie die derzei- tigen Mehrzweckbomben hat, dabei aber wesentlich sicherer zu lagern, zu transportie- ren und zu betreiben ist. Die BLU-111 ist aus der Zusammenarbeit von 15 australischen Firmen unter Leitung von Thales Australia Limited hervorgegangen. (df) Russisches Amphibien- Kampffahrzeug Boomerang Russland hat begonnen, die universelle Kampfplattform Boomerang für den Export anzubieten. Das Fahrzeug hatte sein öffent- liches Debüt auf der Victory-Parade 2015 in Moskau, Im Dezember 2019 waren Vorver- suche abgeschlossen worden. Der Boome- rang ist ein 8x8 Amphibien-Kampffahrzeug, das mit einer Besatzung von drei Mann plus acht bis elf Soldaten für die Bewältigung ei- ner Vielzahl von Kampf- und Friedensmissi- onen ausgelegt ist. Es verfügt über em fort- schrittliches Moduldesign mit dem Fahrraum vorne links, dem Motorraum vorne rechts, dem Kampfraum in der Mitte und dem Trup- penraum hinten, wobei der Ein- und Aus- stieg über Dachluken, die Hecktüroder eine Rampe möglich ist. (yl) China: zwei neue strategische U-Boote in Dienst gestellt Die „South China Morning Post" berich- tet, dass die Volksbefreiungsmarine, PLAN, zwei Atom-U-Boote vom Typ 094A in Dienst gestellt hat. Die Einheiten sind Wei- terentwicklungen des Typs 094, die auch als „Jin"-Klasse bezeichnet wird. Die Morning Post verm eld et hyd rodyn am ische Verbesse- rungen am Turm und an der Formgebung im Vorschiffbereich sowie technologische Upgrades bei Radar, Sonar und Torpedos. Die 135 m langen, 11.000 t verdrängenden Boote des Typs sind mit zwölf JL-2 U-Boot- gestutzten Interkontinentalraketen, die in US-Quellen mit einer Reichweite von 7.400 km angegeben werden, bewaffnet, (hum) Weitere Tests mit der AVfC AG600 Die Aviation Industry Corporation of Chi- na (AVIC) hat nach einer durch die Coro- na-Pandemie unterbrochenen Pause die Erprobung des größten Flugbootes der Welt AG600 „Kunlong" wieder aufge- nommen Seit dem 7. April werden Flüge durchgeführt, die das Flugzeug auch für längere Zeit über das Südchinesische Meer führen. Noch in diesem Jahr sollen auch Starts von der Meeresoberfläche erfolgen. Die von vier in China entwickelten Turbo- prop-Triebwerken angetriebene AG600 erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 450 km/h, sie hat eine Flugdauer von 12 Stunden bei 4.500 km Reichweite und soll sowohl militärische als auch Aufgaben wie Seenotrettung oder Waldbrandbekämp- fung durchführen. Der Erstflug der AG600 fand am 24. Dezember 2017 statt. Im Ok- tober 2018 fanden erfolgreiche Landetests auf dem Wasser statt. (pp) Foto: AVIC Foto: PLAN Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 69
Fraunhofer INT Das Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen berichtet über neue Technologien Bioinspirierte Sensoren Schon seit Jahrzehnten ist die Bionik, also das Lernen von der Natur und die Umsetzung der dabei gewonnenen Er- kenntnisse in der Technik, ein immer stärker werdender Trend. In den letzten 10 bis 15 Jahren nehmen hier insbeson- dere die Bemühungen um die techni- sche Nachahmung der Sensorik aus dem Tier- und Pflanzenreich zu. Wesentliche Triebfeder dafür sind die teilweise über- ragenden Detektionsleistungen natürli- cher Systeme. Trotz enormer Fortschritte in Forschung und Technologie sind diese ihren technischen Pendants in den meis- ten Bereichen heute immer noch weit überlegen. Neben den klassischen, vom Menschen bekannten Sinnessystemen wie Hören, Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken finden sich im Tierreich viele weitere sen- sorische Systeme wie beispielsweise die Echoortung, Elektroortung, Infrarot- und UV-Wahrnehmung, Sonar und Mecha- nosensorik. Jedes dieser Systeme ist auf einen bestimmten Aufgabenbereich spe- zialisiert. Tiere nutzen diese Sensoren, um sich zu orientieren, Beute zu jagen oder auch zur Kommunikation. Allge- mein kann man biologische Sensorsyste- me in akustische, chemische, elektrische, optische, mechanische und thermische unterteilen. Die vermutlich bekanntes- te Art von biologischen Sensoren sind sogenannte Exterorezeptoren. Dies sind sensorische Zellen, welche Signale von außen, also aus der Umgebung, aufneh- men und dann weiterverarbeiten. Für diesen Zweck sind diese Sinneszellen auch an der Grenze zwischen Organis- mus und Umwelt, also zum Beispiel auf der Haut oder im Auge, zu finden. Eine biomimetische Nachbildung von Sinnessystemen kann auf unterschiedli- che Art und Weise geschehen. Neben der Nachbildung der morphologischen oder inneren Struktur eines Sinnessys- tems kann beispielsweise auch ohne strukturelle Ähnlichkeiten nur dessen Funktionsmechanismus übernommen werden. Ein Beispiel für die strukturelle Nachbildung eines Sinnessystems sind 3D-gedruckte Hundenasen, welche die äußeren aerodynamischen Eigenschaf- ten des Riechorgans imitieren und somit ein wesentlich feineres Detektieren (16 bis18-fach) von Stoffen ermöglichen als Sensoren, die ohne diese Technik aus- kommen. Ein weiteres Beispiel ist ein Mi- niatur-Ohr auf einem Mikrochip, welches in seinem Aufbau dem des menschlichen Innenohres entspricht und in dem Schall- wellen über einen mit Flüssigkeit gefüll- ten Kanal weitergeleitet werden. Die ausschließliche Übernahme eines Funktionsmechanismus von einem sen- sorischen System, ohne dessen Form und Struktur zu kopieren, findet man bei einem Roboter, der am Vorbild der Fledermaus entwickelt wurde. Der Robo- ter kann zwar nicht fliegen, nutzt aber, an der Echoortung von Fledermäusen orientiert, Ultraschall-Lautsprecher und Ultraschall-Mikrophone und wertet die dadurch gewonnen Echoinformationen mittels eines Algorithmus aus, um Um- gebungsinformationen zu gewinnen. Anwendungsmöglichkeiten für bioinspi- rierte Sensoren gibt es in den verschie- densten Bereichen. Ein Einsatz in der Robotik, wo teilweise bioinspirierte Sen- soren mit „klassischer" Robotik verbun- den werden, oder auch das Einbringen solcher Sensoren in ohnehin schon bioin- spinerte Roboter ist verbreitet. Eine Neu- entwicklung nimmt sich die Schnurrhaa- re von semi-aquatischen Lebewesen wie Seehunden oder Walrossen als Vorbild. Aus Materialien wie Polyurethan und Graphen können mittels eines 3D-Dru- ckers künstliche Schnurrhaare gedruckt werden, welche der Strömungserken- nung dienen und somit Unterwasserro- botern eine bessere Positionssteuerung und Navigation ermöglichen sollen. Ent- wickelt wurden auch künstliche mecha- nosensorische Nerven, in welche neben künstlichen Neuronen und Synapsen auch künstliche Mechanorezeptoren (resistive Drucksensoren) eingebunden werden. Mit einer solchen Kombination aus bioinspirierten Sensoren und Nach- bildungen von neuronalen Netzwerkbe- standteilen erhofft man sich Vorteile in den Bereichen Stromverbrauch, Flexibili- tät und Sensitivität. Bei der Sprengstoff- detektion kommen mittlerweile Senso- ren zum Einsatz, die sich an den Struk- turen von Mottenantennen orientieren und eine um den Faktor 1.000 höhere Sensitivität aufweisen als klassische Sen- soren und damit der Empfindlichkeit von Drogenspürhunden entsprechen. Aber auch Systeme oder Funktionen aus dem Tierreich, welche im ersten Moment nicht wie Sensoren wirken, können technisch umgesetzt beeindru- ckende sensorische Funktionalitäten aufweisen. Es können also auch ande- re Eigenschaften oder Fähigkeiten von Lebewesen, z.B. deren Aufbau oder Struktur, als Inspiration genutzt wer- den, um technisch umgesetzt dann für andere Zwecke eingesetzt zu werden. Der Truthahn beispielsweise hat die Fä- higkeit, seine Hautfarbe im Kopfbereich von blau über rot und weiß zu variieren, je nach Gemütszustand. Dies geschieht durch Kollagenfaserbündel, welche mit vielen verzweigten Blutgefäßen durch- zogen sind und somit durch veränder- ten Blutfluss ihren Abstand zueinander verändern können. So kommt es durch die unterschiedlichen Lichtbrechungs- eigenschaften zur Farbveränderung der Haut. Anhand dieses Vorbildes wurde ein Sensor für Smartphones entwickelt, der verschiedene Giftstoffe erkennen und farblich kodiert darstellen kann. Weitere „versteckte" Sensoren finden sich in speziellen Kristallstrukturen in den Flügeln von Schmetterlingen, die diesen lediglich der Farbgebung dienen. Mit der Art, in der diese photonischen Kristalle das Licht reflektieren, lassen sich in der technischen Umsetzung verschiedene Chemikalien detektieren. Insgesamt kann man also sagen, dass das Feld der bioinspirierten Sensorik sehr breit aufgestellt ist und sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich jetzt schon weitreichende Einsatzmög- lichkeiten und Chancen bietet. Allerdings ist ihr Potenzial längst noch nicht ausge- schöpft, sodass im Laufe der nächsten Jahre mit einer weiter zunehmenden Verbreitung solcher bioinspirierter Sys- teme zu rechnen ist. Dr. Vanessa Hollmann 70 Juni 2020
Bücher Kompendium zur jüngeren deutschen Militärgeschichte Hans-Günter Behrendt (Hrsg.): Erinne- rungsorte der Bundeswehr - Personen, Ereignisse und Institutionen der sol- datischen Traditionspflege; Carola Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2020; 308 Seiten, Paperback 29,80 €; ISBN 978-3-945861-95-0, Hardcover 39,90 €; ISBN 978-3-945861-94-3 Die Bundeswehr feiert am 12. November ihren 65. Grundungstag. Sie ist zu Recht stolz auf ihre Tradition. Unter Federführung Hans- Günter Beh- rendts ist ein be- merkenswerter Band zu den Er- innerungsorten der Bundeswehr erschienen. Er- innerungsorte manifestieren sich vielfältig und unter- schiedlich und steilen sich als Kristallisations- punkte der kol- lektiven Erinne- rung und Identität dar. Der erste Abschnitt wid- met sich Personen, Ereignissen und Orten: den preußischen Heeresreformern, der Stiftung des Eisernen Kreuzes, dem Zapfenstreich, dem Ham- bacher Fest, der Nationalhymne und dem Wider- stand. Dann folgt die eigentliche Bundeswehr- geschichte: Hiimmeroder Denkschrift, Hardt- höhe, Sturmflut 1962 in Hamburg, Starfighter- Krise, Armee der Einheit, Frauen in der Truppe und Wandel zur Armee im Einsatz. Ein weiterer Abschnitt gilt den Schulen und Ausbildungsstät- ten. Schließlich werden die Kasernennamen der Bundeswehr aufgeführt. Die Texte stellen Per- sonen vor, deren Denken und Wirken für die Bun- deswehr bedeutsam ist. Sie schildern Ereignisse und ihre Folgen, die die Bundeswehr beschäftigt und auch verändert haben und oft noch heute nachwirken. Ein gelungenes Nachschlagewerk und auch ein Reiseführer zur jüngeren deutschen Militärgeschichte. (ww) Ein umstrittener „Star" Gerhard Lang: F-104 Starfighter; Motor- buch Verlag, Stuttgart 2019; 144 Seiten, 19,95 €; ISBN 978-3-613- 228-5 Auch wenn die Lockheed F-104 längst aus den Schlagzeilen verschwunden ist und sich kaum noch jemand an ihren unvergleichlichen Sound erinnern kann, bleibt sie ein wichtiger Baustein in der Geschichte der Luftwaffe, auch wenn sie viele Opfer forderte. Vorliegendes Buch beschreibt vom Be- ginn bis zum Ende die Entstehung und die Nutzung dieses auch aus technischer Sicht beachtens- werten Flugzeugs. Am Anfang stand eine Forderung der U.S. Air Force von 1952, die Entscheidung fiel 1953, und am 4. März 1954 erfolgte der Erstflug. Insgesamt wurden von Lockheed und den Lizenznehmern 2.578 F-104 gebaut. Der Autor beschreibt die Entwicklung des Flugzeugs und stellt ausführ- lich die verschiedenen Baureihen vor. Breiten Raum hat die Nutzung der 916 für die Luft- waffe beschafften „Starfighter". Hier werden Schwerpunkte des Einsatzes, aber auch die auf tretenden Prob'eme dargestellt. Ein inte- ressantes Kapitel bilden zwei Programme: das ZELL (Zero-Length-Launch)-Programm, das 1960 in Auftrag gegeben wurde und das SATS (Short Airfield for Tactical Support) von 1962. Den Abschluss des Buches oildet ein Überblick über die F-104 im internationalen Einsatz bei 14 Nationen. Das Buch ist eine faktenreiche, ge- lungene und mit gutem Bildmaterial versehene Darstellung eines Waffensystems. (pp) Panzergeschichte Pat Ware: M 4 Sherman - Entwicklung, Technik, Einsatz; Motorbuch-Verlag, Stutt- gart 2018; 159 Seiten, 29,90 €; ISBN: 978-3- 613-04058-8 Der Band ist die deutsche Ausgabe des entsprechenden Buches aus der Rei- he „Owner’s Work- shop Manual". Die- se Reihe zeichnet sich durch fachlich fundierte Infor- mationen und ein umfangreiches und aussagekräftiges Bildmaterial aus. Dies gilt auch für M4SHERMAN F’Nl Wir .* i TFCHfti* F das vorliegende Buch. Es werden die Themen Entwicklungsgeschichte, Ausführungsformen, Produkti-on/Fertigungsstätten, Systembe- schreibung/Komponenten, Einsatzberichte sowie Aspekte der Instandsetzung behandelt. Sehr informativ sind die Bewertungen des M4 im Vergleich zu entsprechenden Fahrzeugen auf deutscher Seite. Mit Ausnahme der „Firefly-Ver- sion" litten alle Sherman an einer unterlegenen Bewaffnung - außerdem wies das Fahrzeug ungünstige Verwund- barkeitsmerkmale auf. Als positive Eigenschaften weist der Autor auf die hohe Zuverlässigkeit des Fahr- zeugs hin. Da in Spitzenzeiten ca. alle 30 Minuten in den sechs Ferti- gungsstätten ein M 4 vom Band lief, war am Ende die Stückzahl von ca. 50.000 gebauten M 4 von kriegs- entscheidender Bedeutung. Ein außerordentlich informativer Band - empfehlens-wert für alle Enthusiasten, die sich umfassend über den M 4 informieren möchten. Der deutsche Text ist gut gelungen und in eine lebendige Form gebracht worden. (hi) Facetten eines schwierigen Erbes Donald Abenheim, Uwe Hartmann (Hrsg.): Tradition in der Bundeswehr - Zum Erbe des deutschen Soldaten und zur Umset- zung des neuen Traditionserlasses; Carola Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2018; 312 Seiten, € 29,80; ISBN 978-3-945861-75-2 Nach den Vorkommnissen im Frühjahr 2017, die Zweifel an der Führungskultur in der Bundeswehr aufkommen ließen, ergab sich als eineSofortmaß- nahme eine Neufassung und Überarbeitung der seit 1982 geltenden Regeln zur Umsetzung des Traditionsverständnisses in der Truppe. Aktive und ehemalige Soldaten sowie Wissenschaftler und Politiker wurden zu mehreren Workshops eingeladen, haben Grundgedanken geäußert, Analysen vorgenommen, Leitlinien entwickelt und zeitgemäße Bewertungen abgeleitet. Meh- rere an diesem Prozess Beteiligte sind Autoren im vorliegenden Sammelband, in dem nicht nur Begriffe geklärt, Zusam- menhänge aufgezeigt und Defizite ange- sprochen, sondern auch Ratschläge für eine verbesserte Praxis formuliert wer- den. Es werden Ansätze aufgezeigt, mit denen eine „TrendwendeTradition" Stolz bildend sein kann und eine bessere Tradi- tionspflege insbesondere in der Gemein- schaft mit der Zivilgesellschaft ermögli- cht. Aus diesen Überlegungen leitet sich schließlich ein anspruchsvoller Themen- katalog für die historische Bildung in der Bundeswehr ab, entsprechend der Not- wendigkeit, dass Tradition stets im Bewusstsein auf die Grundzüge der westlichen Zivilisation und der Entwicklungslinien der deutschen Geschichte hin zur demokratischen Verfassung zu sehen ist. Insgesamt ist der vorliegende Sammelband eine facettenreiche Darstellung eines überaus komple- xen Themas. (hgb) Juni 2020 • 71
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Gepanzertes Transportkraftfahrzeug Boxer Varianten des Heeres, Bewaffnung und Schutz Karlheinz Boenke Das Gepanzerte Transportkraftfahrzeug (GTK) Boxeristein geschütztes, hochmobiles 8x8-Radfahrzeug für Führungs-, Unterstützungs- und Transportaufgaben. Es ist das Hauptwaffensystem der Infanterie sowie Führungsfahrzeug der gepanzerten Verbände im Heer. Der Einsatz erfolgt neben und im Ver- bund mit gepanzerten Kräften. Das Fahrzeug ist modular konstruiert, see-, lüft- und bahnverladbar. Es ist welt- weit einsetzbar und selbstverteidigungsfä- hig. Der Boxer hat sich unmittelbar nach seiner Einführung im ISAF-Einsatz bewährt. Multinationaler Ansatz Mit dem Aufkommen immer präziserer, lüft- und bodengebundener Abstands- waffen und Bombletmunition waren die bis dahin eingefuhrten Transport-, Führungs- und Unterstützungsfahrzeu- ge nicht mehr bedrohungsgerecht ge- schützt. Selbst der Transportpanzer 1 Fuchs bot mit seiner Panzerstahlwanne lediglich Schutz gegen Handfeuerwaffen und nur sehr begrenzt gegen Artillerie- splitter. Mit dem „Taktischen Konzept für ein gepanzertes Transport-KFzJ‘ aus dem Jahre 1990 wurde dem Rechnung getragen. In den 1990er Jahren kamen zudem die besonderen Auslandseinsätze des Heeres hinzu, aus denen zusätzliche Anforderungen resultierten, welche in die taktisch-technische Forderung und folgende Zwischenentscheidungen dazu eingingen. In der Folge vereinbarten Frankreich und Deutschland Anfang 1998 (später auch Großbritannien), gemeinsam ein allrad- getriebenes, geschütztes Radfahrzeug zu entwickeln. Hierzu wurde zunächst ein 6x6-Technologiedemonstrator ge- fertigt, der bereits einige grundsätzliche Eigenschaften des geplanten GTK de- monstrieren sollte. Frankreich und später auch Großbritannien zogen sich jedoch Oberstleutnant Karlheinz Boenke ist Angehöriger des Amtes für Hee- resentwicklung und Bevollmächtigter Vertreter des Heeres IPT Boxer. Der Boxer im Einsatz in A fghanistan wieder aus der Zusammenarbeit zurück. Deutschland und die mittlerweile in das Projekt eingestiegenen Niederlande ent- schieden sich trotz dieser Rückschläge für eine bilaterale Fortführung. Ab 2001 wurden dann insgesamt acht seriennahe Prototypen bereitgestellt, mit denen umfangreiche technische und taktische Erprobungen durchgeführt wurden. Der Serienvertrag wurde Ende 2006 im niederländischen Amersfoort unterzeichnet. Deutschland beschaffte zunächst insgesamt 272 GTK Boxer in unterschiedlichen Varianten, die Nieder- lande 200. Die Truppe - im Schwerpunkt die Infanterie - wurde ab 2011 mit den GTK Boxer ausgestattet, zuerst mit Prio- rität für den Afghanistan-Einsatz. Aktuell haben sich auch Litauen, Aust- ralien und erneut Großbritannien ent- schieden, diese Plattform einzuführen. Mit der Einrichtung einer internationa- len Boxer-User-Group sollen der Erfah- rungsaustausch gefördert, gemeinsame Ersatzteilbeschaffung sowie kostenteilige technisch-logistische Betreuung oder ge- meinsame Ausbildungsvorhaben koordi- niert werden. Entwicklung und Realisierung Die wesentlichen militärischen Parameter Schutz, Wirkung und Mobilität bedingen bzw. beeinflussen sich bekanntermaßen gegenseitig. Dies ist gerade beim (passiven) ballistischen Schutz sehr augenscheinlich. Denn hier bedeutet ein Mehr an Schutz zumeist auch ein deutliches Mehr an Ge- wicht, was wiederum insbesondere zulas- ten der Mobilität geht, gerade im Gelände abseits von Straßen und Wegen. Zugleich iron Triangle 72 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
wird der Spielraum für Nutzlast einge- schränkt, auch für mitzuführende Muniti- on und Verpflegung. Der Zusammenhang wird üblicherweise durch das „Eiserne Drei- eck" (ron Triangle) anschaulich dargestellt. Daher wurden für das GTK Boxer zunächst mehrere Studien und Untersuchungen durchgeführt, um die Möglichkeiten und Grenzen aktueller Technologien, insbeson- dere auch zum Schutz gegen Bedrohun- gen, zu ermitteln. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für die taktisch-technischen Forderungen. Dabei sollte die neue Platt- form noch über genügend Aufwuchsfä- higkeit verfugen, um perspektivisch auch zu- künftigen Aufgaben und Herausforderungen gerecht werden zu können, zur Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr zugelassen werden und bahn- sowie luftverlastbar in der A400M sein. Dies setzte deutliche Grenzen für Design und Konstruktion, insbesondere hin- sichtlich der maximalen Breite und Höhe des Fahrzeugs, der Achslast und der Gesamtmasse. Neu gegenüber bisherigen Ansätzen war das Konzept einer einheitlichen, geschütz- ten Plattform, bei der die Bedürfnisse un- terschiedlicher Nutzer bereits konstruktiv berücksichtigt werden sollten. Die Realisie- rung erfolgte durch einen konsequent um- gesetzten modularen Aufbau, bestehend aus einem einheitlichen Fahrmodul und ab- nehmbaren aufgabenspezifischen Missions- modulen. Dabei ist ein schneller Tausch der Missionsmodule mit Truppenmitteln mög- lich, was diesem System gegenüber anderen derzeitig verfügbaren Plattformen em signi- fikantes Alleinsteilungsmerkmal: verleiht. Das Fahrmodul ist gleichzeitig Teil des mehrstufigen Schutzsystems, das durch das Missionsmodul als Sicherheitszelle ergänzt wird. Das Gesamtsystem zeigt ein sehr gutes Überlastverhalten, wie An- sprengversuche bestätigt haben. Varianten des Heeres Die Bundeswehr hat bislang vier unter- schiedliche Varianten eingeführt, davon zwei für das Heer, speziell für die Infanterie. Diese sind das Gruppentransportfahrzeug (GTFz) und Führungsfahrzeug (FüFz). Der Zentrale Sanitätsdienst verfügt über das schwere geschützte Sanitätskraftfahrzeug und die Streitkräftebasis über das Fahr- schulfahrzeug. Gruppentransportfahrzeug Das GTFz dient dem geschützten Trans- porteiner Infanteriegruppe (zehn Soldaten) und nimmt in seiner Funktion als „Mut- terschiff" wesentliche Funktionalitäten im Bereich der Unterstützung wahr. Der Transport ist unter allen Bedingungen bei Tag und Nacht, schlechter Sicht, Bedro- hung durch Infanterie, Artillerie, Einsatz von ABC-Kampfmitteln und vergleichbarer Gefährdungen möglich. Die Mobilitätsaus- legung des Fahrzeugs erlaubt den Trans- port sowohl über große Entfernungen auf der Straße als auch in schwerem Gelände. Für den autarken Einsatz kann Verpflegung und Ausrüstung für mehr als 48 Stunden mitgeführt werden. Im Einsatzraum wird ein schnelles Ab- und Aufsitzen der Infanteriegruppe ermöglicht. Mit der Bordbewaffnung kann der abge- sessene Kampf unterstützt werden. Über die Waffenanlage, die auch über ein Wär- mebildgerät verfügt, bestehen Beobach- tungs- und Wirkmöglichkeiten vom Fahr- zeug aus. Vier Soldaten der Infanteriegrup- pe können zudem über die Dachluken des Fahrzeugs sichern, auch während der Fahrt. Die Funkgeräteausstattung berücksichtigt die spezifischen Anforderungen des Sys- tems Infanterist der Zukunft und seine An- bindung über das Führungsinformations- system Heer. Eine medien bruchfreie Einbin- dung der Infanteriegruppe in den gesamten Führungsverbund ist damit gewährleistet. Führungsfahrzeug Das FüFz dient als taktisch mobiler und geschützter Arbeitsraum für Führungs- einrichtungen des Heeres und stellt einen signifikanten Zugewinn gegenüber den bis dahin eingesetzten Systemen dar. Die Aus- stattung besteht aus vier VHF-Funkgeräten, einem HF-Funkgerät und einem optionalen Satellitenfunkgerät. Über das Führungsin- formationssystem Heer ist die Befähigung zur vernetzten und mobilen Operations- führung gegeben. Es war damit erstmals möglich, die Funktionalitäten eines Ge- fechtsstandfahrzeugs und einer bewegli- chen Befehlsstelle in einer Fahrzeugvariante zu vereinen, die auf den Führungsebenen Kompanie bis Division eingesetzt werden kann. Die Fahrzeuge verfügen über ein auf- blasbaresZelt, welches hinten an geflanscht Bei der Einsatzprüfung in Norwegen Boxer Module werden kann, um den Arbeitsbereich der funfköpfigen Besatzung zu vergrößern. Auf diese Weise können auch zwei FüFz im stationären Betrieb aneinandergekoppelt werden. Signifikantestes Ausstattungs- merkmal ist ein 40-Zoll-Monitor, der unter anderem zur Darstellung der Lagekarte oder zur Befehlsausgabe dient. Geplante Varianten In der Beschaffung befindet sich aktuell das Modul „Qualifizierte Fliegerabwehr" zur Ausstattung der VJTF (L) 2023. Das Modul stellt die Erstbefähigung Countering small Unmanned Aerial Systems dar und dient der Abwehr von Mini-/Micro-UAS (Unmanned Aerial System, die ein Abfluggewicht unter 15 kg haben) im Nächstbereich. Der Einsatz erfolgt gemäß den Regelungen zur Flieger- abwehr aller Truppen. Die Fahrzeuge wer- den hierzu mit einer neuen Waffenstation sowie einem Radarsensor ausgestattet. Die Bekämpfung der UAS erfolgt mittels tem- pierbarer 40-mm-Sprengmunition. Mit der Variante Joint Fire Support Team schwer wird die Fähigkeit zur Zielaufklärung und Feuerlenkung von eigenem indirekten boden- und seegebundenen Feuer als auch Close Combat Attack durch die Heeresflieger und Close Air Support/Digital Aided Close Air Support durch die Joint Fire Support Teams der Artillerie modernisiert. Hierdurch soll das für eine Wirkungsforderung am besten ge- eignete und im Einsatzraum durch ein Joint Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 73
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Fire Support Coordination Team bzw. durch eine Joint Fire Support Coordi- nation Group zugewiesene Wirkmittel reaktionsschnell eingesetzt werden. Die Auswahlentscheidung über eine Lösung basierend auf dem GTK Boxer wurde 2017 getroffen. Serienbeginn des ersten Loses ist ab 2023 geplant. Des Weiteren ist beabsichtigt, den Schweren Waffenträger Infanterie, einen mit bemanntem Turm ausgestatteten Boxer, einzuführen. Das Projekt befindet sich noch in einer frühen Phase, wobei die Funktionalen Forderungen bereits er- stellt sind. Durch eine Kooperation mit Australien sollen Kosten und Entwick- lungszeit eingespart werden, sodass die Serienfertigung voraussichtlich ab 2024 beginnen kann. Im Projekt „Geschützte Bewegliche Füh- rungseinrichtung" soll unter anderem auch das GTK Boxer als Trägerplattform genutzt werden. Die Funktionalen Forde- rungen sind aktuell in Erarbeitung. Bewaffnung Die Varianten Gruppentransportfahrzeug und Führungsfahrzeug sind mit der fernbe- dienbaren Waffenstation FLW 200 ausge- stattet. Daran können sowohl ein schweres Maschinengewehr (Kaliber 12,7 mm) als auch eine Granatmasch men waffe 40 mm adaptiert werden. Im GTFz wird zudem der Waffenm ix der Infanteriegruppe, bestehend aus missionsspezifisch zusammengestellten Handwaffen und Panzerabwehrhandwaf- fen, mitgeführt. Über die reine Selbstverteidigung hinaus sind diese Fahrzeuge befähigt, abgesessene Kräfte mit Feuer zu unterstützen oder offen- siv gegen ungepanzerte oder leicht gepan- zerte Kräfte zu wirken. Die Waffenstation bietet zudem die Möglichkeit zur Beobach- tung und Aufklärung bei Tag und bei Nacht. Die mit dem GTK Boxer gewonnenen neu- en Fähigkeiten tragen entscheidend zur Durchsetzungsfähigkeit der Infanterie bei und wurden in die taktischen Regelungen und Einsatzgrundsätze der Infanterie aufge- nommen. Mit dem Schweren Waffenträger Infante- rie wird sich die Kampfkraft der Infanterie weiter erhöhen. Als Hauptbewaffnung ist eine 30-mm-Maschinenkanone vorgese- hen, analog zum Schützenpanzer Puma. Als Sekundär- und Tertiärbewaffnung sind ein koaxiales Maschinengewehr und eine turmunabhängige Waffenstation für den Kommandanten vorgesehen. Darüber hin- auswird mit der Integration des Lenkflugkör- persystems MELLS eine weitreichende Fähig- keit zur Panzerabwehr geschaffen. Infante- ristische Absitzstärke ist nicht vorgesehen. Schutz Beim GTK Boxer bieten bereits die Struk- turen von Fahr- und Missionsmodul ei- nen Grundschutz gegen die Blastwirkung von Artilleriegeschossen und behelfsmä- ßigen Sprengladungen einschließlich deren Splitterbildung Ein Schutz ge- gen Panzerabwehrminen ist durch eine konstruktiv optimierte Fahrzeugstruk- tur in annähernder Doppel-V-Struktur aus Fahrmodul und Missionsmodul und entkoppelten Mannschaftssitzen be- rücksichtigt. Optional kann zur weiteren Erhöhung des Schutzes ein zusätzlicher Minenschutzboden adaptiert werden. Die Fahrzeuge des ISAF-Einsatzes waren hiermit ausgestattet. Doppel-V-Struktur des Boxers Als ballistischer Rundumschutz gegen Feuer aus schweren Maschinengeweh- ren sind auf Schock-Absorbern montier- te metallische Schutzplatten frontal und seitlich am Fahrzeug adaptiert. Diese Platten können leicht ausgetauscht wer- den und reduzieren durch den Luftspalt zum Fahrzeug dessen Infrarotsignatur. Frontal besteht insbesondere durch die Formgebung der Fahrzeugfront ein er- weiterter Schutz auch gegen Feuer aus Waffen mittleren Kalibers. Ergänzend wurden Sekundärschutzmaß- nahmen realisiert. Zur Vermeidung von Splitterbildung im Innenraum des Fahr- zeugs sind dort hochfeste Gewebemat- ten, sogenannte Spall-Liner, angebracht. Hinzu kommt, sowohl im Motor- als auch im Kampfraum, eine schnell wirkende au- tomatisch auslösende Feuerlöschanlage. Entstehungsbrände bis hin zu Verpuffun- gen können so sicher verhindert werden. Durch Einzelradaufhängung sowie Reifen mit Notlaufeigenschaften wird eine be- merkenswert gute Restmobilität sicher- gestellt, selbst nach Beschädigung des Fahrwerks durch Beschuss oder Minen. Eine ABC-Schutzbelüftungsanlage stellt zeitlich begrenzt die Überlebensfähig- keit in kontaminiertem Gelände sicher. Konstruktiv umgesetzte Maßnahmen zur Signaturreduzierung verringern die Auf- klärbarkeit des Fahrzeugs. Im Notfall er- möglicht die richtbare Nebelmittelwurf- anlage das sichtgeschützte Ausweichen. Ein an die GTK Boxer angepasstes, mul- tispektral wirkendes Tarnnetz ist indust- rieseitig verfügbar und kann bei Bedarf beschafft werden. Ausblick Mit dem zweiten Los Gruppentransport- fahrzeug im Konstruktionsstand A2, das derzeit der Truppe zuläuft, werden Rest- maßnahmen aus den Einsatzprüfungen und Forderungen aus dem ISAF-Einsatz umgesetzt. Parallel läuft die Hochrüstung der bereits vorhandenen Boxer auf diesen Konstruktionsstand. Durch den anstehen- den Generationenwechsel hin zu digitalen Funkgeräten, der Einführung eines neu- en Battle Management Systems und des neuen Wirkmittels 90 besteht bereits jetzt erkennbarer weiterer Anpassungsbedarf. Erste Integrationsuntersuchungen haben stattgefunden. In diesem Zusammenhang sollen auch weitere Maßnahmen einqe- bracht werden. Im Schwerpunkt stehen dabei Sichtmittelverbesserungen, zusätzli- che Sensorik und eine motorunabhängige Energieversorgung. Die Verbesserung des Schutzes gegen Panzerabwehr-Lenkflug körper und Pan- zerabwehr-Handwaffen stellt eine noch nicht gelöste Herausforderung dar. Mit der Realisierung des Schweren Waffenträgers Infanterie werden hierzu Möglichkeiten untersucht, die auch für die übrigen Boxer nutzbar sein sollen. In Bezug auf neue Varianten gibt es erste Überlegungen, im Sinne des Flottengedan- kens ein Mörserträgerfahrzeug zu entwi- ckeln, möglicherweise in Kooperation mit Großbritannien. Erste Sondierungsgesprä- che haben hierzu stattgefunden. Eine pla- nerische oder finanzielle Abbildung ist hier allerdings noch nicht gegeben. Insgesamt kann festgestellt werden, dass das Aufwuchspotenzial der GTK Boxer noch nicht ausgereizt ist, was beispielsweise mit dem Firmendemonstrator eines 155-mm-Ar- tilleriegeschützes Remote Controlled Howit- zer oder eines Berge- und Abschleppfahr- zeuges eindrucksvoll belegt wird. Fazit Das GTK Boxer besticht durch sein ein- zigartiges Konzept und konsequent um- gesetzte Modularität. Schutz, Mobilität, Gefechtswert und Durchsetzungsfähig- keit der Infanterie und weitererTruppen- teile werden signifikant erhöht. Mit der Einführung neuer Varianten werden sich zusätzliche Möglichkeiten und Fähigkei- ten für die nutzenden Truppenteile erge- ben. 74 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Logistische Unterstützung für den Boxer Robert Elvish ie einzigartige Struktur der Unter- stützungspartnerschaften (Support Partnership, SP) im NSPA bietet einen bewährten rechtlichen Rahmen, der es zwei oder mehr Nationen ermöglicht, gemeinsa- me logistische Unterstützungsziele im nati- onalen Fähigkeitsspektrum zu verfolgen. Die Nationen übernehmen die direkte Führung und Anleitung, während die NSPA die von den Nationen angeforderte Unterstützung gewährleistet. Die Niederlande, Deutschland, Litauen und das Vereinigte Königreich sind Mitglieder der Boxer-Unterstützungspartnerschaft und pro- fitieren von der kooperativen Unterstützung ihrer Boxer-Flotten während der Nutzung. Ein engagiertes Team von 20 NSPA-Experten in der Boxer System Management Group leis- tet diese Unterstützung. Sie sind das Kompe- tenzzentrum für Lebenszy klusmanagement und integrierte Logistikunterstützung für die Boxer. Das Band der Zeit - eine engagierte Boxer Support- Partnerschaft Im Jahr 2013 richteten die Niederlande und Deutschland eine erste Boxer-Unterstüt- zungsstruktur bei der NSPA em. Beide Natio- nen haben ihre Systeme über die OCCAR er- worben und beschlossen, zur Unterstützung ihrer Boxer-Flotten eine kooperative Unter- stützungsstruktur bei der NSPA einzurichten. Im Jahr 2018 trat Litauen der Unterstützungs- partnerschaft bei, wodurch ein reibungsloser Übergang von der Produktion zur dienstin- ternen Unterstützung gewährleistet wird und Litauen sofort von der Unterstützung der NSPA profitieren konnte. Neben der tech- nisch-logistischen Unterstützung lieferte die NSPA auch die Spike-Raketen und Munition für die auf den litauischen Boxer-Fahrzeugen montierten Waffensysteme. Im Januar 2020 trat das Vereinigte Königreich der Boxer-Unterstützungspartnerschaft bei. Es wird sichergestellt, dass es zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme der ersten Fahrzeuge über eine fähige Unterstützungsstruktur ver- fügen wird, die an den wachsenden Bedarf des Vereinigten Königreichs angepasst wer- Robert Elvish ist Programm- Manager, Programmbüro für Luft- und LandkampfSysteme bei der NSPA. Die NATO-Agentur für Unterstützung und Beschaffung (NSPA) bringt Staaten zusammen, indem sie multinationale ko- operative Lösungen für die Beschaffung und die Unterstützung im Einsatz bietet, die es den Staaten ermöglichen, Fähig- keiten zu entwickeln und aufrechtzuer- halten und ihre Anstrengungen zu bün- deln, Ressourcen zu konsolidieren und zu teilen sowie Größenvorteile zu nutzen. Foto: Rheinmetall Die Boxer-Unterstützungspartnerschaft wird in der nächsten Zeit durch britische Boxer verstärkt den kann. Gleichzeitig profitieren die derzei- tigen Partnernationen durch die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und einmaligen Kosten bei gleichzeitiger Ausnutzung von Gemeinsamkeiten und Mengenvorteilen. Gegenwärtig hat die Boxer-Unterstützungs- partnerschaft vier Mitgiiedsnationen mit ei- ner NSPA-Struktur, um diese moderne Flotte zu unterstützen, die in den nächsten Jahren bis zu 1.200 gepanzerte Fahrzeuge anwachsen wird. Aktuelles Boxer-Flotten- unterstützungsportfolio Das Programmbüro der NSPA für Luft- und Landkampfsysteme (NSPA - Air & Land- Combat Systems) bietet Beschaffungs- und Lebenszyklus-Unterstützungslösungen für zwölf multinationale Unterstützungspart- nerschaften an. Dazu gehören Flugkörper (AMRAAM, Sidewinder, HARM/AARGM, TOW/ITAS, SPIKE und Stinger), Artilleriesys- teme (MLRS und die PzH 2000), Nachtsicht- und Optoelektronikausrüstung, taktische unbemannte Luftsysteme und gepanzerte Kampffahrzeuge, einschließlich Leopard, Dingo, leichte gepanzerte Fahrzeuge (LAV) sowie der Boxer. Das aktuelle Boxer-Flottenunterstützungs- portfolio umfasst technische und Projekt- unterstützung durch erfahrene Projektma- nager, Ingenieure und Techniker. Dies bietet den Beteiligten Transparenz und einen struk- turierten Rahmen für die Projektsteuerung, um Projektergebnisse zeitnah und kosten ef- fizient zu erreichen. Vermittlung und Lager- bestandsverwaltung mit mehr als 1.100 - nach Nationen ausgewählten - Einzelposten werden vor Ort in Luxemburg gehalten, um eine prompte Verfügbarkeit von Ersatzteilen zu gewährleisten. Darüber hinaus sind Er- satzteile über bestehende Rahmenverträge oder wettbewerbsorientierte Beschaffung erhältlich, Boxer - eine Flaggschiff- Unterstützungspartnerschaft Die Boxer-Familie ist schnell zum Flaggschiff der Unterstützungspartnerschaft für Land- waffensysteme in der NSPA geworden. Sein Erfolg liegt in der Zusammenarbeit zwischen allen wichtigen Akteuren wie OCCAR, AR- TEC und den Nationen. Die Boxer-Unterstüt- zungspartnerschaft gleicht die Interessen der Nationen aus, um ihre Ziele zu erreichen. Die NSPAerwartet, dass neue Boxer-Anwendernati- onen von der etablierten Struktur der Boxer-Un- terstützungspartnerschaft profitieren werden. Die robuste Unterstützungsstruktur, die der- zeit zur Unterstützung einer gemeinsamen Flotte von 1.200 Fahrzeugen ausgebaut wird, die laufende Zusammenarbeit und neue In- itiativen mit der Industrie und der OCCAR sowie das verfügbare interne Fachwissen weisen alle auf den anhaltenden Erfolg der Boxer-Unterstützungspartnerschaft hm. 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RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Vor 50 Jahren Die erste G5A „Galaxy“ für die U.S. Air Force Peter Preylowski Mit Blick auf ihre alternde C-124- und C-133-Transporterflotte mit Propel- ler-Antrieb plante die U.S. Air Force 1961 die Beschaffung eines strategischen Langstrecken-Transportflugzeuges. 1963 begannen Studien für ein Projekt CX-4, und im Mai 1964 wurden Boeing, Douglas und Lockheed beauftragt, ihre bisherigen Entwür- fe weiterzuentwickeln. Mit der Entwicklung neuerTurbofans wurden General Electric und Pratt & Whitney beauftragt. 1965 erfolgte die Auswahl: Die Lockheed-Georgia Company Lockheed C-5M „Super Galaxy" der ersten Jahre Dieses Foto vermittelt einen Eindruck von der Größe der C-5 erhielt den Auftrag für die Entwicklung und den Bau der C-5 „Galaxy" (Firmenbezeich- nung L-500), die General Electric Company wurde mit der Entwicklung und Herstel- lung des Triebwerks TF-39 beauftragt. Mit dem Bau der vierstrahligen C-5 wurde 1966 begonnen, und am 2. März 1968 verließ die erste C-5 die Montagehalle. Das Flugzeug absolvierte am 30. Juni 1968 sei- nen Erstflug. Die C-5 war zum damaligen Zeitpunkt das größte Flugzeug der Welt. Übertroffen wurde sie erst 1982 von der Antonow An-122 und 1988 von der Anto- now An-225, diese Muster erreichten aber nicht die Produktionszahl der „Galaxy". Im Oktober 1969 stellte die C-5 einen inoffizi- ellen Weltrekord auf und startete mit einem Gewicht von 362.063 Kilogramm vom Stützpunkt Edwards in Kalifornien. Am 17. Dezember 1969 wurde die erste C-5 zu Ausbildungszwecken an das Military Airlift Command übergeben, und am 6. Juni 1970 erhielt der 437. Military Airlift Wing in Charles- ton/South Carolina das erste Einsatzflugzeug. Zu diesem Zeitpunkt war das C-5-Programm bereits in heftige Kritik geraten. Auf der einen Seite stiegen die Kosten (120 C-5A sollten 2,9 Mrd. Dollar kosten, Lockheed erhöhte den Preis auf 5,248 Mrd., der Auftrag wurde auf 81 C-5 reduziert) auf der anderen Seite wurden Leistungen nicht erreicht. Der Betrieb konnte zunächst nur mit Einschränkungen erfolgen. Bis 1973 fertigte Lockheed 81 Flugzeuge der Version C-5A Von der verbesserten Version C-5B mit verstärktem Flügel und höherer Nutzlast, die am 10. September 1985 zum ersten Mal flog, wurden bis April 1989 50 Exemplare ausgeliefert. Die Version C-5C besteht aus zwei für den Transport von Raumfahrtausrüstung umgerüsteten C-5A. Mit der „Galaxy" stand der U S. Air Force ein Transportflugzeug mit beeindruckenden Da- ten zur Verfügung. Es gab einen Frachtraum von 985 Kubikmetern, der Kampfpanzer und Hubschrauber oder bis zu 345 Soldaten aufnehmen konnte. Die großen nach oben öffnenden Tore an Bug und Heck erlauben ein schnelles Be- und Entladen. Das Fahrwerk besteht aus 28 Rädern, womit Starts und Landungen auch auf unvorbereiteten Plätzen möglich sind. Vor allem im Vietnam-Krieg hatte die C-5 die Gelegenheit, ihre hohe Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Ab Sommer 1970 wurden vor allem Transporte mit schwerem Gerät durchgeführt: Kampfpanzer und an- dere Fahrzeuge für die U.S. Army, aber auch Flugzeuge und Hubschrauber. Zuletzt war es auch die C-5, die viele Flüchtlinge am Kriegs- ende aus Südvietnam ausflog. Erneut gefor- dert wurde die C-5 imGolfkrieg 1991. Mit 85 Flugzeugen wurden in rund 15.800 Einsätzen 42 Prozent aller Lufttransporte durch geführt. Die jüngste Version ist die C-5M „Super Ga- laxy", eine seit Januar 1999 durchgeführte Modernisierung der Versionen C-5A/B/C. Die „Super Galaxy" erhält eine Avionik sowie ein Glascockpit nach neuestem Stand (Avionics Modernization Program, AMP), und 2001 wird der Auftrag (Reliability Enhancement and Re-engming Program, RERP) u. a. über neue elektrische Systeme, ein neues Treib- stoffsystem sowie neue Triebwerke General Electric CF6-80C2 mit je 222 Kilonewton Schub erteilt. Die C-5M hat ein maximales Abfluggewicht von 381 Tonnen und eine Reichweite von 9.700 Kilometern mit einer Nutzlast von 55 Tonnen. Der Erstflug einer vollständig modernisierten C-5M fand am 19. Juni 2006 statt. Angesichts der hohen Programmkosten sollen nur 52 C-5A/B/C umgerüstet werden, die übrigen etwa 20 C-5A/B werden außer Dienst gestellt. Diese Maßnahmen sollten nach den ursprüngli- chen Planungen 2014 abgeschlossen sein. Die erste C-5M wurde 2009 an einen Ver- band geliefert, der seine 18. und damit letz- te „Super Galaxy" am 2. April 2014 erhielt. Anfang August 2018 hat die letzte C-5M das Lockheed-Werk in Marietta verlassen. Die nunmehr durch die Modernisierung ge- wonnene Nutzungszeit der Lockheed Martin C-5M wird nach Angaben des Herstellers in je- dem Fall mindestens bis ins Jahr 2040 oder spä- ter reichen. Schon heute aber hat die C-5 einen festen Platz in der Luftfahrtgeschichte. 76 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Deutscher Ansatz zur vernetzten Luftverteidigung Dorothee Frank und Ulrich Renn Die aktuellen und zukünftigen Bedrohungen reichen von Schwärmen von unbemannter Flugobjekte im Nahbereich über die Bedrohung durch ballistische Flugkörper bis zu Hyperschallbedrohungen aus großen Distanzen und in großen Höhen. Diesen Bedrohungen zu begegnen, verlangt nach einem neuen integrier- ten und vernetzten Ansatz zur Luftverteidigung und Flugkörperabwehr. owohl im Rahmen von Einsätzen zur Landes- und Bündnisverteidigung als auch bei Missionen im Kontext des in- ternationalen Krisenmanagements wird der Schutz vor allen Arten von Bedrohung aus der Luft durch die Kräfte der bodengebun- denen Luftverteidigung wahrgenommen. Aktuelle wie auch zukünftige Bedrohungen sind dabei nicht auf einen speziellen An- griff ssektor limitiert, sondern erfordern von einem modernen Luftverteidigungssystem die Fähigkeit einer 360°-Abdeckung, so- wohl im Bereich der Aufklärung (Luftraum- überwachung) als auch bei der Waffenwir- kung. DesWeiteren wird eine bedrohungsge- rechte anpassbare Mischung aus Effektoren und Sensoren angestrebt. Die Einsatzrealität heute und morgen verlangt einen möglichst minimalen, aber durch haltefähigen Kräftean- satz. Hieraus leitet sich die Forderung nach weitestgehender Modularität und Vernetz- barkeit der eingesetzten Luftverteidigungs- kräfte ab Adaptierbarkeit an Bedrohungen Mit Blick auf das aktuelle und zukünftige Bedrohungsspektrum verfolgt die Luftwaffe den Ansatz, auf der Grundlage einer offenen Systemarchitektur unterschiedliche - der Be- drohungslage angepasste - Sensoren und Waffen in einem System-Wirk-Verbund zu vernetzen. Vor diesem Hintergrund beabsich- tigt Deutschland das Taktische Luftverteidi- gungssystem (TLVS) zu beschaffen, das darauf ausgelegt ist, eine Vernetzung des Kernsys- tems mit systemexternen Sensoren und Effek- toren von Nah- und Nächstbereichssystemen bis hin zu Ballistic Missile Defence Systems zu realisieren. Ankerpunkt der zukünftigen vernetzten bodengebundenen Luftverteidigung ist ein rollen- und ebenenbasierter Gefechtsstand, der den Einsatz unterschiedlicher Flugkörper oder Sensoren in einer vernetzten Luftver- teidigungsarchitektur gewährleisten soll. Als Nukleus für diese Fähigkeit wird die TLVS-Ge- fechtsstandsoftware MC4IS zum Einsatz kommen. MC4IS ist eine flexibel skalierbare Gefechtsstandsoftware. Sie erlaubt es, die Fä- higkeiten und Funktionen des Gefechtsstands in Abhängigkeit vom jeweiligen Einsatzauf- trag und Kontingentumfang an verschiedene Führungsebenen und Rollen der Bediener anzupassen. Der rollen- und ebenenbasierte Gefechtsstand des TLVS wird für den Einsatz von Luftvertei- digungs- und Raketenabwehrkräften völlig neue Fähigkeiten und Optionen schaffen. Der Gefechtsstand kann durch seine einheitliche Führungs- und Waffeneinsatzsoftware über alle Führungsebenen hinweg flexibel für un- terschiedliche Einsatzaufgaben genutzt wer- den. Je nach Auftragslage können verschie- dene Sensoren und Effektoren in Anzahl und Art jeweils einem logischen Gefechtsstand zu- geordnetwerden. Die Gefechtsstandsoftware versetzt die Luftwaffe damit in die Lage, unab- hängig von der jeweiligen Gefechtsstandhül- le, auf allen Führungsebenen (Staffel, Gruppe, Geschwader) - unter Berücksichtigung des erforderlichen Planungs-, Kampfführungs- und Führungsaufwandes in der notwendigen Konfiguration - zu führen. So ist ein Grad von Flexibilität und Modularität erreichbar, der es ermöglicht, grundsätzlich alle verfügbaren Sensoren und Effektoren, auch die von ver- bündeten Nationen, bedrohungs- und auf- tragsgerecht anzubinden und einzusetzen. Zudem ist eine stufenweise Erweiterung durch zukünftige Sensoren und Effektoren möglich - sowohl für die untere als auch für die obere Abfangschicht. Effektoren Die Leistung der systeminternen Effektoren des Taktischen Luftverteidigungssystems (TLVS) bildet die Grundlage für seine sehr hohe operative Wirksamkeit Der primäre Effektor für TLVS wird der schon in den Waf- Testschießen in White Sands, USA fensystemen Patriot und MEADS verwendete Lenkflugkörper PAC-3 MSE (Missile Segment Enhancement) von Lockheed Martin sein. Die Beschaffung dieses Flugkörpers soll über das Foreign Military Sales-Verfahren der US-Regie- rung erfolgen. Gegenüber früheren Varianten des PAC-3 zeichnet sich der PAC-3 MSE durch größere Steuerflächen, eine verbesserte Stromversor- gung und einen sogenannten Dual-Pulse-Fest- stoffantrieb aus, die ihm eine bessere Manöv- rierfähigkeit, größere Abfanghöhen und eine größere Reichweite ermöglichen. Der Flugkör- per ist darauf ausgelegt, sein Ziel durch einen direkten Treffer (Hit-to-Kill-Technologie) zu zerstören, was insbesondere beim Abfangen von ballistischen Kurz- und Mittelstreckenflug- körpern dazu dienen soll, den Gefechtskopf des Ziels durch ein Maximum an kinetischer Energie vollständig zu neutralisieren und so die Sicherheit der zu schützenden Objekte zu erhöhen. Der PAC-3 MSE zeigte bereits im Rahmen der Erprobung von MEADS sehr eindrucksvolle Ergebnisse. Insbesondere ist hier die simultane Bekämpfung von zwei aus entgegengesetzten Richtungen anfliegenden Zielen zu nennen, die die 360°-Fähigkeit des Flugkörpers wie auch des Gesamtsystems ein- drucksvoll nachgewiesen hat. 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Marketing-Report: Thales Deutschland GmbH Radartechnologie der nächsten Generation Das TLVS-Programm befindet sich mo- mentan in einer entscheidenden Phase. Thales Deutschland hat im Rahmen seiner langjährigen Mitarbeit in TLVS ein Angebot für das Mittelbereichsradar (MRS) an das verantwortliche Joint Venture übergeben. Der Mittelbereichssensor TLVS ist in ers- ter Linie für die Feuerleitung des Zweit- flugkörpers verantwortlich und muss sich nahtlos in das Gesamt-System ein- fügen. Daneben sind Programmaspekte, wie nationale Souveränität und Regula- rien aus der MEADS-Historie zu beach- ten. Wünschenswert ist darüber hinaus eine Marktverfügbarkeit, um technische und programmatische Risiken zu mini- mieren. Optimale Feuerleitung für den Zweitflugkörper TLVS Die hervorragende Eignung des Thales GM200 MM/C als Mittelbereichssensor im Zusammenwirken mit dem IRIS-T SL wurde bereits 2016 (Risk Mitigation) nach- gewiesen. Aktuelle Untersuchungen aus dem vergangenen Jahr attestieren dem Sensor die höchste Genauigkeit in dieser Radar-Klasse. Das Radar verfügt über eine moderne AESA-Technologie (Active Electronically Scanned Array), die in Gallium-Nitrid im- plementiert ist, und arbeitet im S-Band. Damit sind rotierende und starrende Be- triebsarten mit hoher Flexibilität möglich, gat und Kühlung stellt ein autonomes Sys- tem dar und kann auch ohne Fahrzeug betrieben werden. Die kompakte Auslegung des Radars mit seinem geringen Gewicht bringt zahlrei- che Vorteile im Fährbetrieb auf einem LKW und in der Luftverladung mit sich. Die operativ geforderten Zeiten für das „in Stellung gehen" und den Abbau wer- den deutlich unterboten ( < 5 Minuten), da die elektronisch stabilisierte Antenne keine mechanische Abstützung erfordert. Dies ermöglicht ein potentielles, taktisch erforderliches schnelles Verlassen einer Stellung, im Gegensatz zu Systemen mit ausfahrbaren hydraulischen Stützen. Die modulare Auslegung des GM200 MM/C, die AESA-Technologie, die Zuge- hörigkeit zu einer Thales S-Band-Radar- plattformfamilie und die weitgehende Digitalisierung des Radars (vollprogram- mierbar), erlauben ein erhebliches Wachs- tumspotential in allen Bereichen. Keine Risiken in der Projekt- und Nutzungsphase Das GM200 MM/C wird derzeit durch die niederländischen Streitkräfte beschafft, befindet sich aktuell in der Serienferti- gung und bietet daher eine einzigartige Flexibilität, um den Zeitplan des TLVS zu erfüllen. Zudem wurde ein Prototyp be- reits seit 2016 erfolgreich erprobt. Damit ist das GM200 MM/C das einzige Produkt Nationale Souveränität und MEADS-Konformität Thales Deutschland verfügt über eine eigene Radarentwicklung und -Fertigung mit ent- sprechendem Fach- und Managementperso- nal sowie TLVS-relevantem Know-how. Zu- sammen mit einer Akkreditierung für höchste Geheimhaltungsstufen können alle Projektan- forderungen hinsichtlich „German Eyes Only" oder der MEADS-Bestimmungen eingehalten werden. Damit gewährleistet das Unterneh- men als lokaler Partner in vollem Umfang die geforderte nationale Souveränität. Insbesondere bei Service und Wartung von Radaren für die Luftwaffe hat Thales mit sei- nem Servicebereich in Koblenz innerhalb des ARED-Programms (Ground Master) über viele Jahre seine Leistungsfähigkeit und Kunden- orientierung bewiesen. Eine signifikante deut- sche Wertschöpfung über die Systembetreu- ung in der Nutzung hinaus ist durch Thales Deutschland ebenfalls realisiert. Wirtschaftlichkeit durch Mehrfachnutzung, Kooperation und Familienkonzept Die abgeschlossene Entwicklung und die lau- fende Serienfertigung des GM200 MM/C re- sultieren in einem attraktiven Preis-/Leistungs- verhältnis fürTLVS. Darüber hinaus gehört das Radar zu einer kompletten Produktfamilie, von deren Weiterentwicklung auch das GM200 MM/C und somit seine Nutzer in alien Phasen der Beschaffung und Nutzung profitieren. wobei Datenwiederholraten bis < 1s rea- lisiert werden. Die Reichweite gegen ein kleines Luftziel ist > 130 Kilometer, die instrumentierte Reichweite beträgt bis zu 400 Kilometer. Die Palette mit dem GM200 MM/C, Stromerzeugungsaggre- Hans-Jochen Sölter ist Senior Stra- tegy, Marketing & Business Develop- ment Manager, Thales Deutschland in dieser Klasse, das über Prototyp- sowie Serienvertrag verfügt, in Serie gefertigt wird und demzufolge berechtigt als Mili- tary off the Shelf-Produkt gilt. Die Auslegung des GM200 MM/C reflek- tiert vollständig die Systemanforderungen von TLVS/ MEADS in Bezug auf Einsatz, Vernetzung („plug-and-fight"), Transport und Mobilität. Das System ist ITAR-frei und kann somit ohne exportrechtliche Einschränkungen durch die Bundeswehr überden kompletten Lebenszyklus einge- setzt werden. Das Thales GM200 MM/C ist für Mittelbe- reichsradaranwendungen in zwei weiteren Programmen der Luftwaffe - NNbS und Bereichsradar MANTIS - geeignet. Hier er- möglicht die kompakte Auslegung des Sys- tems eine Verlastung auf besser geschützte Fahrzeuge wie z. B. DINGO oder BOXER - die Verfliegbarkeit auf C130J in einer Sortie ist em weiteres Allemstellungsmerkmal. Zudem ist das GM200 MM/C besonders für die deutsch-niederländische Zusammenarbeit in der bodengebundenen Luftverteidigung prä- destiniert. Jun 2020
Transport und Vorschuss des Flugkörpers erfolgen über ein Startgerät (Launcher), das auch in das für TLV5 querschnittlich verwendete Trägerfahrzeug integriert wer- den soll. Das Launch er-Fahrzeug kann bis zu acht palettierte Flugkörper aufnehmen, die im Falle einer Komplettbeladung inner- halb sehr kurzer Zeit nachgeladen werden können. Das Fahrzeug erfüllt die eingangs genannten Mobilitätsanforderungen und ist über das für TLVS neu zu entwickelnde nationale Kommunikationssystem in das Gesamtsystem TLVS eingebunden. Es kann über erhebliche Entfernungen von den üb- rigen Systemkomponenten abgesetzt wer- den, was den Wirkungsradius und damit den Schutzbereich einer TLVS-Feuereinheit stark vergrößert. Als sogenannter Komplementärflugkörper zum PAC-3 MSE soll der Lenkflugkörper IRIS-T SL der Diehl Defence GmbH eingesetzt wer- den. IRIS-T SL wurde speziell für diesen Zweck aus dem Luft-Luft-Flugkörper IRIS-T entwi- ckelt. Der Flugkörper ist vollständig qualifiziert und wird über die Plug-and-Fight-Schnittstelle des TLVS in das System integriert. Neben dem Einsatz im TLVS wird der IRIS-T SL inzwischen auch in Verbindung mit einem Radarsensor und einem Gefechtsstand als eigenständiges Luftverteidigungssystem, IRIS-T SLM, durch die Diehl Defence GmbH angeboten. Der IRIS-T SL hat seine Fähigkeiten zur Be- kämpfung insbesondere auch kleiner, ma- növrierender Ziele über unterschiedliche Ent- fernungen in mehreren Testkampagnen er- folgreich nachgewiesen. Der Flugkörper wird wie der PAC-3 MSE über einen Datenlink zum Ziel geführt. D e hohe Reaktionsfähigkeit des IRIS-T SL-Startgerätes erlaubt die gleichzeitige Bekämpfung mehrerer Ziele. Das Startgerät entspricht nach Aufbau und Funktionsweise weitgehend dem für PAC-3 MSE. Vernetzte Operationen Aufgrund seiner offenen Systemarchitektur ist TLVS grundsätzlich in der Lage, neben den sys- teminternen auch externe, zu anderen Luft- verteidigungssystemen gehörende Sensoren und Effektoren zu nutzen. Im einfachsten Fall geschieht dies durch den Austausch von Lage- und Zieldaten über taktische Datenlinks wie z.B. dem innerhalb der NATO standardisierten Link 16. TLVS nutzt hierbei die im Verbund von Sensoren und Waffensystemen verfügbaren Informationen für die eigenen Bekämpfungs- abläufe (Co-operative Engagement Capabili- ty) oder stellt den anderen Verbundteilneh- mern eigene Informationen zur Verfügung. Im Fall, dass die systemexternen Sensoren und Effektoren mit der zu TLVS gehörenden „ Plug-and-Fight-Schnittstelle" ausgestattet sind, kann TLVS jedoch einen Grad der Integ- ration und Kontrolle über die systemexternen Komponenten ausüben, der demjenigen über die internen ähnlich oder sogar gleich wäre. So entsteht ein vollständig integriertes Luftvertei- digungssystem, dass in der Lage ist, einen gro- ßen Raum gegen ein großes Zielspektrum so abzudecken, dass die Luftraumüberwachung und Zielverfolgung so umfassend wie möglich sind und der jeweils am besten platzierte und am besten geeignete Effektor zur Wirkung gebracht werden kann. Plug-and-Fight Natürlich setzt dies die Bereitschaft der Her- steller und Betreiber der einzu bindenden Sys- teme voraus, die Plug-and-Fight-Schnittstelle als sicheren Standard zu akzeptieren und in ihren Geräten zu implementieren. Daher ist es geplant, die TLVS Plug-and-Fight-Schnitt- stelle als NATO-Standard zu veröffentlichen, so dass insbesondere die Partner und Ver- bündeten im Rahmen des NATO Framework Nation Concept hierauf zugreifen und ihre Systeme in den TLVS-Systemverbund einbin- den können. Bezogen auf die Bundeswehr besteht die Absicht, eine durchgängige Ar- chitektur und komplementäre Schnittstellen für die gesamte bodengebundene Luftver- teidigung von TLVS bis hin zu den zukünfti- gen Systemen des Nah- und Nächstbereichs- schutzes zu realisieren. Dank seiner offenen Systemarchitekturschafft TLVS auch die Voraussetzung dafür, in seinem Fähigkeitsspektrum zu wachsen. So ist es per- spektivisch möglich, TLVS mit Systemen aller operativen Dimensionen - Land, See, Luft, Weltraum und Cyber/Informationsraum - in einer „Joint Combat Cloud" zu integrieren. Somit kann der Nutzer dimensionsübergrei- fend agieren, was zu deutlicher Informations- überlegenheit und damit zu Wirkungsüber- legenheit führt. Die „Joint Combat Cloud" bildet hierfür das Herzstück. In ihr werden Kampflugzeuge, neue Remote Carrier, Un- terstützungsflugzeuge, Drohnen, Satelliten, Schiffe, die Elemente der bodengebundene Flugabwehr und Luftverteidigung sowie Auf- klärungs- und Wirksysteme der Landstreit- kräfte intelligent vernetzt. TLVS wird Deutschlands Beitrag zur NATO Integrated Air and Missile Defence (IAMD) sein. Im Verbund wird TLVS Systeme, die auf die Bekämpfung von ballistischen Langstre- ckenflugkörpern in der oberen Abfangschicht ausgelegt sind, wirkungsvoll und effizient ergänzen und hierdurch deren Lücken in der unteren Abfangschicht schließen. Dies bein- haltet auch den Schutz der Systeme für die obere Abfangschicht selbst, da diese über kei- ne Selbstschutzfähigkeiten verfügen. Insgesamt wird TLVS rund acht Milliarden Euro kosten. Das Bundesfinanzministerium soll am 18. März 2020 die Zusage zur Finanzierung erteilt haben. <CONDOK> Das Systemhaus mit dem richtigen Konzept für Technik und Logistik. Kiel - Koblenz - Hamburg 'w.condok Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 79
Marketing-Report: HENSOLDT Holding Germany GmbH TRML-4D Ein Mittelbereichssensor für das Taktische Luftverteidigungssystem Markus Rothmaier und Daniela Martin-Höckelmann Die Bundeswehr plant derzeit die Be- schaffung des Taktischen Luftvertei- digungssystems TLVS. Entscheidend für diese Beschaffung ist die Bereitstellung von hochentwickelten bodengestützten Luftverteidigungsfähigkeiten mit vernach- lässigbaren technologischen und pro- jektplanerischen Risiken. Ein Fokus des Beschaffers liegt damit klar auf dem mög- lichen Einsatz marktverfügbarer Produkte zur Integration in dasTLVS-Gesamtsystem. Um das geforderte Wachstumspotenti- al für TLVS sicherzustellen, müssen diese Produkte nicht nur voll vernetzt und inte- griert, sondern auch anpassbar sein. Diese Produktanforderungen treffen dabei insbe- sondere auf den Mittelbereichssensor als eines der Kernelemente von TLVS zu. Hensoldt bietet dafür seinen neu entwi- ckelten und marktverfügbaren Mittelbe- reichssensor TRML-4D als eine passende Lösung an. Der Mittelbereichssensor TRML-4D Das TRML-4D greift auf modernste Tech- nologien wie Galliumnitrid-Halbleiter und AESA-Design zurück. In Verbindung mit dem integrierten IFF-System und den verschiedenen Betriebsmodi ergibt sich so ein hochentwickeltes Luftraumüber- wachungs- und Zielerfassungssystem mit hoher Ausfallsicherheit, hohem Automa- tisierungsgrad und dadurch geringem Personalbedarf in der Nutzung wie in der Wartung. Mit dem TRML-3D/TRS-3D steht bereits ein bewährtes Produkt zur Verfügung, welches weltweit über 80 mal - sowohl Markus Rothmaier, Geschäftsfeld- leiter Marine und Bodenradar HENSOLDT und Daniela Martin- Höckelmann, Projektleiterin TLVS bei HENSOLDT p □ ul C T VT C Das TRML-4D auf einem geschützten Radfahrzeug auf der Korvette K130 (erstes Los) als auch bei renommierten NATO-Partnern - in der Nutzung ist. Als jüngstes Mitglied der Hensoldt-TRML/TRS-Produktfamilie steht nun das Produkt TRML-4D/TRS-4D als ein erprobtes und eingeführtes System be- reit. Dieses kommt nun nach den U S. Na- vy LCS-Schiffen in der Deutschen Marine beim zweiten Los der Klasse K130 mit rotierender Antennenfläche zum Ein- satz und hat auf der Fregatte F125 (als Vier-Flächen-Lösung) seine Einsatztaug- lichkeit bereits eindrucksvoll bewiesen. So wurde das TRS-4D durch die deutsche Beschaffungsbehörde für das kommen- de MKS 180 als Vier-Flächen-Lösung ge- setzt. Dabei garantiert das Familienkon- zept Synergien hinsichtlich Ausbildung, Einsatz und Wartung, welche sowohl im Personal- als auch im Material-Bereich gehoben werden können. Durch die bestehende enge Zusammen- arbeit der Firmen Diehl Defence und Hensoldt kann die Integration des TRML- 4D zusammen mit dem für TLVS vor- gesehenen Zweitflugkörper IRIS-T SLM bereits im Vorfeld und somit risikoarm gewährleistet werden. In Verbindung mit der „Plug-and-Fight"-Fähigkeit des TLVS, durch welche vorhandene militä- rische Komponenten eingebunden wer- den können, ist zudem eine Integration dieser Feuereinheit in das Gesamtsystem mit geringem Aufwand möglich. Die Leistung des Radars selbst ist da- bei für genau solche Einsatzszenari- en abgestimmt: Detektionsreichweite, Azimut- und Elevationsabdeckung, Zielgenauigkeit sowie die erreich- bare Aktualisierungsrate des Luft- lagebildes erlauben eine optimale Nutzung der IRIS-T SLM oder anderer 80 Jun 2020
Effektoren gegen moderne, hochagile Luftziele aller Art. Dabei erfüllt das TRML-4D sämtliche TLVS-Mobilitätsanforderungen und ist für alle vorgesehenen Klimazonen qua- lifiziert. Hensoldt - Das deutsche Radarhaus Als das deutsche Sensorhaus verfügt Hensoldt über langjährige Erfahrung mit Radarprojekten der Bundeswehr. An seinen deutschen Standorten be- sitzt das Unternehmen modernste Pro- duktions- und Testfähigkeiten, welche speziell auf hochleistungsfähige Ra- darsysteme wie das TRML-4D ausge- richtet sind. Dies erlaubt die Lieferung leistungsfähiger Produkte „Made in Germany" an unsere nationalen und internationalen Kunden. Der Serienhochlauf des TRML-4D ist be- reits erfolgt und das Material für die ersten 25 Einheiten ist bei Zulieferern beschafft. Die erste Auslieferung eines integrierten TRML-4-D-Radars an einen Kunden ist für 2020 terminiert. Somit kann Hensoldt ei- ne risikoarme und zeitgerechte Lieferung an das TLVS-Programm garantieren, wel- che auf einer Serienfertigung basiert, die deutsche Arbeitsplätze in einer Schlüs- selbranche im High-Tech-Bereich sichert. Hensoldt ist stolz darauf, in die Entwick- lung des deutschen Luftverteidigungs- systems der nächsten Generation bereits Das TRML-4D in der Produktion über das Vorgängersystem MEADS von Beginn an eingebunden gewesen zu sein. Somit kann Hensoldt auf durchgehend vorhandenes Expertenwissen zurückgrei- fen und ist damit für die Aufgaben im Rahmen des TLVS Programmes - auch hinsichtlich der Lieferung von Kernkom- ponenten für das Feuerleitradar MFCR - prädestiniert. Kontakt: HENSOLD» Wörthstrasse 85 89077 Ulm Tel. (0731)392-0 info@hensoldt.net https://www. he nso I dt. n et Europäische Sicherheit & Technik als E-Paper! MITTLER REPORT Europäische Sicherheit & Technik ist für Ihren Tablet-PC jetzt auch als E-Paper im ikiosk der Axel Springer AG erhältlich! iKiosk App auf dem Tablet-PC installieren (kostenlos im App Store von Apple bzw. im Google Play Store) — u«. a 99 Euro Einzelausga • ’ Euro Abonnement: 643 — icherheit & Technik im Men und erwerben! MITTLER REPORT VERLAG GMBH Beethovenallee 21 • 53171 Fax: 0228 / 3 68 04 02 • info@mittler-report.de • www.mittler- Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 81
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Umsetzung der Fähigkeitsforderungen des Schützenpanzers Puma in das System Panzergrenadier Kim Feikke Am 24. Juni 2015 fand die Schlüsselübergabe für den Schützenpanzer (SPz) Puma an den Inspekteur des Heeres statt. Mit diesem Startschuss war die Einführung noch lange nicht abgeschlossen. Die Herstellung der vollumfänglichen Einsatzreife des Waffensystems dau- ert bis heute an. Dies ist ein Prozess, in den dauerhaft Ergebnisse aus Einsatz- prüfungen, Erfahrungen aus der Truppe sowie technische Weiterentwicklungen und die Realisierung von Systemkomponen- ten einfließen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Nutzer, dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nut- zung der Bundeswehr sowie der Industrie ist dafür unabdingbar und eine Voraussetzung für das Herstellen der Einsatzbereitschaft des Systems Panzergrenadier sowie die Wei- terentwicklung der Panzergrenadiertruppe. Schützentrupp Infanterist der Zukunft - Erweitertes System Rahmenbedingungen im Zuge der Einführung Der Grundstein zur Neuentwicklung eines Schützenpanzers für die Panzergrenadier- truppe wurde im Jahr 1998 mit dem takti- schen Konzept „Neue Gepanzerte Plattfor- men" (NGP) gelegt. Bis zur Einführung des SPz Puma gab es drei Strukturänderungen (1994 bis 1999 Neues Heer für neue Auf- gaben, 2000 bis 2003 Heer der Zukunft, 2003 bis 2010 Heer im Einsatz und seit 2011 HEER2011) im Heer, die unter anderem die Reduzierungen der Streitkräfte sowie eine Fokussierung auf Stabilisierungsoperationen zum Inhalt hatten. Mit der Reduzierung der Streitkräfte insgesamt ging auch die Redu- zierung der Hauptwaffensysteme einher. Ei- ne Modernisierung der verbleibenden Waf- fensysteme in Bezug auf deren Präzision und Abstandsfähigkeit war unabdingbar, um die Durchsetzungsfähigkeit der Panzertruppen zu erhalten. Ausgehend von der aktuellen Oberstleutnant Kim Feikke ist im Amt für Heeresentwickiung I11 (1) der Teamleiter Einsatzprüfungen. sicherheitspolitischen Lage und als Ergebnis des NATO-Gipfels in Wales 2014, wurde mit der Konzeption der Bundeswehr aus dem Jahr 2018 der Fokus wieder auf die Lan- des- und Bündnisverteidigung gelegt. Die Folgen dieser Entscheidung werden mit der Verantwortung Deutschlands für die Very High Readiness Joint Task Force (Land) (VJTF (L) 2019) deutlich. Vom Konzept musste der Puma daher grundsätzlich in der Lage sein, das gesamte Spektrum von Stabilisierungs- operationen bts hin zum hochintensiven Ge- fecht der verbundenen Kräfte abzudecken. Ein weiterer Faktor, der die Realisierung der Einsatzreife des Panzers beeinflusst, ist die rasante Weiterentwicklung technischer Möglichkeiten sowie der Übergang zur Digi- talisierung. Um im internationalen Rahmen führungsfähig zu bleiben, waren auch in diesem Bereich umfassende Anpassungen notwendig. Der Startschuss zur Digitalisie- rung der deutschen Landstreitkräfte erfolg- te 2018 durch den Inspekteur des Heeres mit der Strategie zur Digitalisierung des Hee- res im Kontext landbasierter Operationen. Konzeptionelle Grundüberlegungen Grundüberlegung für die Entwicklung des taktischen Konzeptes NGP waren festge- stellte Defizite im Bereich Mobilität, Feuer- kraft, Schutz und Führungsfähigkeit für die Waffensysteme der Panzertruppen insge- samt. Das Aufwuchspotenzial des SPz Mar- der wurde jedoch als erschöpft bewertet und daraufhin die Neuentwicklung eines Gefechtsfahrzeuges für die Panzergrena- diertruppe priorisiert. Handlungsleitend für die Neuentwicklung eines Schützenpanzers waren neben der Erhöhung der Durchsetzungsfähigkeit und der Mobilität insbesondere die Forderungen zur Verbesserung im Bereich Überlebensfä- higkeit und Schutz. Der Einsatz der Waffen- systeme im Rahmen der KonfÜktverhütung und Krisenbewältigung sowie im Rahmen der Unterstützung von Bündnispartnern be- dingte zudem eine schnelle Verlegung, auch über weite Entfernungen. Die Fähigkeit ei- ner strategischen Verlegung des neuen SPz wurde daher gleichermaßen berücksichtigt und ging mit der Entwicklung des Transport- flugzeuges Future Transport Aircraft mit der späteren Bezeichnung A400M einher. Ein Zweifahrzeugsystem mit einer Trennung der infanteristischen und der aufgesessenen gepanzerten Komponente wurde verwor- fen. Die Entscheidung fiel auf eine Einfahr- zeuglösung als mehrrollenfähiges Waffen- system mit modularer Schutzausstattung. Damit wurde auch eine Eskalationsfähigkeit 82 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE des Waffensystems für den Einsatz in Operati- onen unterschiedlicher Intensitäten realisiert. Kampfweise der Panzergrenadiere Um das System Panzergrenadier zu verste- hen, ist ein kurzer Exkurs in die Kampfweise der Panzergrenadiere notwendig. Panzergre- nadiere werden, mit der Panzertruppe, den Panzertruppen, als Hauptträger beweglich geführter Landoperationen zugeordnet. Sie werden in Operationen grundsätzlich ge- meinsam eingesetzt und wirken eng und unmittelbar zusammen. Dabei kämpft die Panzertruppe vorrangig gegen Panzerkräfte, die Panzergrenadiertruppe im Schwerpunkt gegen feindliche Infanterie im bewaldeten Gebiet sowie im urbanen Raum. Gemeinsam und im Verbund mit Kampfunterstützungs kräften kann die Panzertruppe ihre Schnellig- keit und Stoßkraft effektiv umsetzen. Das be- stimmende Merkmal der Panzergrtenadier- truppe dabei ist die Fähigkeit zum schnellen Wechsel der Kampfweise zwischen dem auf- gesessenen und dem abgesessenen Kampf. Eine Panzergrenadiergruppe besteht immer aus dem Schützenpanzer mit seiner Kernbe- satzung und dem Schützentrupp (SchtzTrp). Zur Kernbesatzung gehören der Komman- Grafik: Rheinmetall Übersicht Infanterist der Zukunft - Erweitertes System dant, der Richtschütze und der Kraftfah- rer. Der SchtzTrp kämpft vom Panzer über die Bordwand und nach dem Wechsel der Kampfweise infanteristisch. Er wird durch einen Truppführer geführt und setzt einen Waffenmix infanteristischer Hand- und Pan- zerabwehrhandwaffen ein. Auch im infanteristischen Kampf kämpfen Panzergrenadiere immer eng angelehnt an und mit dem SPz. Dabei unterstützt dieser mit seinen Bordwaffen den SchtzTrp, wann immer möglich. Hierzu ist eine ständige Verbindung mit den aufgesessenen Kräften notwendig.
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Gratik/Foto: AHEntwg Führungs fähigkeit im System Panzergrenadier Ableitung der Fähigkeitsforderung Die Ableitung der Fähigkeitsforderungen zum System Panzergrenadier war geprägt von mehreren Abhängigkeiten. Die sicher- heitspolitischen Rahmenbedingungen führten zu der Forderung der strategischen Verlegefähigkeit in allen Dimensionen, um Kräfte flexibel und schnell in zukünftige Einsatzgebiete verlegen zu können. Dies führte letztendlich dazu, dass der SPz Puma luftverlastbar in der A400M sein musste. Die damit einhergehende Gewichtsober- grenze von 31,451 war ein Kernaspekt, der zur Entscheidung eines modularen Aufbau- es sowie zum Verzicht auf einen bemann- ten Turm führte. Der zweite handlungslei- tende Faktor war eine hohe Gewichtung von Überlebensfähigkeit und Schutz, wel- che die Entscheidung zum unbemannten Turm sowie die Umsetzung modularer Schutzstufen nochmals verstärkte. Die For- derung nach Schutz wurde darüber hinaus mit dem Infanterist der Zukunft - Erwei- tertes System (IdZ-ES), einer Schutzklasse 4-Ausstattung, auch für den Schützent- rupp umgesetzt. In Bezug zu den taktischen Forderungen Mobilität und Wirkung war die Vorgabe, dass die gleiche taktische Beweglichkeit wie der Kampfpanzer Leopard zu erreichen ist, um wieder effektiv im Verbund mit der Pan- zertruppe kämpfen zu können. Die Bewaff- nung wurde, gemäß den Grundsätzen, zur Bekämpfung feindlicher Infanterie sowie ge- gen leicht gepanzerte Fahrzeuge ausgelegt. Im Kampf gegen stark gepanzerte Fahrzeu- ge sollte mindestens ein Missionsabbruch des Gegners erreicht werden können. Für den Einsatz im Rahmen der Konfliktver- hütung und Krisenbewältigung wurde zu- sätzlich die Forderung zum Einsatz nichtle- taler Wirkmittel in die Entwicklung einge- bracht. Diese zusätzliche Fähigkeit unter- streicht die Mehrrollenfähigkeit. Entwicklung System Panzergrenadier Schützenpanzer Puma Die beschriebene Gewichtung der Fä- higkeitsforderungen führte in der kon- sequenten Umsetzung zu einem besat- zungslosen und somit fernbedienbaren Turm und der Ausführung in modularen Schutzstufen, die sowohl passive als auch reaktive Komponenten umfasst. Zu die- sen zählen Reaktivschutzmodule sowie ein multifunktionales Selbstschutzsystem (MUSS), um Lenkflugkörpersysteme so- wie sonstige lasergelenkte Waffen abzu- wehren. Aufgrund der Gewichts- und Größenvor- gaben konnte der SchtzTrp, bestehend aus einem Mix von Soldaten oder Sol- datinnen mit einer Gesamtstärke von sechs anstelle einer ursprünglichen Min- destforderung von sieben, optimal sogar acht Soldaten oder Soldatinnen realisiert werden. Im Bereich Wirkung entschied man sich für die Implementierung einer 30-mm-Maschinenkanone mit Funk- tionalität für Airburst-Munition, die es ermöglicht, tempierbare Munition (programmierter Zerlegesatz mit Sub- projektilen), panzerbrechende (Pfeil- munition) sowie Übungsmunition zu verschießen. Mit der Airburst-Munition wurde man dem Schwerpunkt des Auf- gabenspektrums, dem Kampf gegen feindliche Infanterie, gerecht. Weiterhin wurde die Integration des Mehrrollen- fähigen Leichten Lenkfiugkörpersystems (MELLS) zur Bekämpfung stark gepan- zerter Ziele umgesetzt. Der Verbesserung der Mobilität wurde mit einem neu entwickelten, leistungsfä- higen Triebwerk sowie mit einem neuen, entkoppelten Laufwerkkonzept zur Ver- besserung der Fahrleistungen im Gelän- de Rechnung getragen. Einbindung Infanterist der Zukunft - Erweitertes System Das System IdZ-ES umfasst neben der Schutz- ausstattung eine Vielzahl an Optroniken, die vom Laserentfernungsmesser bis hin zu Wärmebildgeräten reichen. Diese können missionsgerecht ausgewählt und eingesetzt werden. Darüber hinaus wurde ein Waffen- mix realisiert, der als Grundbewaffnung das Sturmgewehr G36 A3 und zusätzlich ein Abschussgerät für Granaten 40 mm enthält. Darüber hinaus ist noch das leichte Maschi- nengewehr MG4 mit dem Kaliber 5,56 mm x45 NATO und seit 2018 auch das MG5 mit einem Kaliber von 7,62 mm x 51 NATO im Waffenmix enthalten. Weiterhin gehört die Panzerfaust 3 zur Ausstattung. Neben Wirkung und Schutz wurde auch die Forcierung zur Verbesserung der Führungs- fähigkeit umgesetzt. In diesem Bereich liegt der größte Fortschritt des Systems. Jeder Soldat und jede Soldatin sowie der Puma sind über ein UHF-Funkgerät an den Grup- penfunk angebunden. Weiterhin verfügt die Ausstattung über ein eigenes Führungsin- formationssystem (FülnfoSys), welches es jedem Soldaten, jeder Soldatin ermöglicht, Lagemeldungen digital zu erstellen und über Datenfunk zu melden. Ergänzend steht ein Kartensystem mit GPS-Anbindung zur Navigation zur Verfügung. Alle Informa- tionen, wie Routendaten, die Position der Nachbarn sowie Lagemeldungen können jederzeit über ein Bedien- und Anzeigege- rät, ein transparentes Helm-Display oder ei- ne Nachtsichtbrille angezeigt werden. System Panzergrenadier Das System Panzergrenadier umfasst die Kopplung verschiedener Einzelsysteme. So werden hier der Puma mit dem Schützen- trupp (IdZ-ES-Ausstattung) über das Füln- foSys IdZ-ES, das FülnfoSys Heer sowie des integrierten Führungsinformations- und Waffeneinsatzsystems verbunden. Auf- grund des besatzungslosen Turmes und einer dadurch eingeschränkten Außensicht ist das Blue Force Tracking unabdingbar zum Führen nach dem Wechsel der Kampf- weise. Der Panzerkommandant ist nur so in der Lage, den Standort des abgesesse- nen Trupps sicher zu bestimmen und eine Gefährdung beim Einsatz der Bordwaffen auszuschäießen. Der SchtzTrp kämpft immer gemeinsam mit dem Panzer und kann über das FülnfoSys georeferenzierte Lagemel- dungen an den Kommandanten senden. Diese können von diesem ausgewertet und weitergeleitet werden. Damit wurde ein we- sentlicher Schritt hinsichtlich der Forderung Sensor to Shooter erreicht. Gleichzeitig sind der Kommandant und der Truppführer in 84 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
der Lage, Meldungen bis auf die Ebene des einzelnen Soldaten zu verteilen. Jeder bekommt damit aktuelle Meldungen, z.B. über Sperren, die aufgrund der GPS-Anbindung georeferen- ziert hinterlegt sind. Im aufgesessenen Kampf kommuniziert der Schützentrupp auch im Panzer weiterhin über das System IdZ- ES. Dazu schließt er sich an eine Fahrzeugschnittstelle an, eine zusätzliche Sprechhaube wird nicht mehr benötigt. Derzeit wird das “ührungssystem bis auf Ebene Panzergrena- dierzug genutzt. In Zukunft wird das FülnfoSys IdZ-ES bis auf die Kompanieebene ausgeweitet werden. Darüber hinaus wird im Rahmen der Digitalisierung landbasierter Operationen ein neues Battle Management System, erstmalig für den Auftrag VJTF (L) 2023, eingeführt. Sachstand Entwicklung System Panzergrenadier INTEROPERABLE EINSATZERPROBTE Mit der Schlüsselübergabe wurde der SPz Puma mit dem Sys- tem IdZ-ES als System Panzergrenadier offiziell in die Truppe eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren noch nicht alle Sys- temkomponenten entwickelt. Die Einführung erfolgte daher in Nutzungsstufen, alle noch fehlenden Systemkomponenten sollen im Zuge einer konsolidierten Nachrüstplanung nachge- steuert werden. Der SPz Puma wird zurzeit im Grundbetrieb zur Ausbildung genutzt. Bis dato wurden fünf Panzergrena- dierbataillone mit dem neuen Panzer ausgestattet. Die Hauptkomponenten in der konsolidierten Nachrüstung sind das Lenkflugkörpersystem MELLS und die turmunabhän- gige sekundäre Waffen an läge (TS WA). Diese wird, neben dem Einsatz von 40-mm-Sprenggranaten, auch fähig sein, nichtle- tale Wirkmittel einzusetzen. Für die Waffenanlage MELLS wur- de 2018 die taktische Einsatzprufung erfolgreich durchgeführt. Die TSWA befindet sich noch in der Entwicklung. Zusätzlich erfolgt eine Anpassung der Sichtmittel für den Turm, für die Besatzung des hinteren Kampfraumes und für den Panzerfah- rer auf aktuelle Färb- und Nachtsichten. Derzeit ist geplant, die Nachrüstung des Schützenpanzers in zwei Stufen durchzuführen. In diesem Zusammenhang läuft die Nachrüstung unter dem Arbeitsbegriff S1 für die erste Stu- fe, mit der erstmalig die Schwelle der Einsatzbereitschaft für die Seriensysteme überschritten wird. In der Stufe S1+ sollen dann noch Restmaßnahmen sowie die TSWA nachgerustet werden. Die Führungsfähigkeit ist derzeit noch über die SEM-Familie (80/90) sowie ein UHF-Funkgerät (SOLAR 400) zur Anbindung des Systems IdZ-ES sichergestellt. Im Ausbildungsbetrieb lässt sich damit die Verbindung des Schützentrupps zum Gruppenfahrzeug sowie ein Zugkreis für die SPz sicherstellen. Da in das System IdZ- ES kein zweites Funkgerät integriert ist, lässt sich ein Zug- oder Kompanie-Führungskreis auf- und abgesessen noch nicht ver- wirklichen. Noch in diesem Jahr läuft jedoch ein Folgesystem zu, mit dem dieses auf UHF-Basis möglich sein wird. Die vollumfäng- liche Führungsfähigkeit des Systems Panzergrenadier wird erst mit der Nachrüstung digitaler Funkgeräte und der Einführung eines IdZ-Systems mit zweitem Funkgerät verfügbar sein. Die Vorteile des FülnfoSys IdZ-ES liegen vor allem in der Opera- tionsplanung. Mit der Übertragung aller relevanten grafischen Informationen bis auf die Ebene des Einzelschützen entsteht ein zeitlicher Vorteil in der Umsetzung von Befehlen und ein einheitlicher Wissensstand. Im Kampf wird jedoch weiterhin im Schwerpunkt über Sprechfunk geführt, da Eingaben in das Füh- rungs- und Informationssystem deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Eintragung von Informationen in die digitale Lage- karte erfolgt in Gefechtspausen. SOFTWARE STATIONÄR VERLEGEFÄHIG MOBIL SEEGEHEND www.systeiTiatic.com/lagedienst 5Y5TEMAT/C SITAWARE SYSTEMATIC
RÜSTUNG & TECHNOLOGIE Zur Sicherstellung der Ausbildung wurden ein Schieß- und Gefechtssimulator als in- tegriertes System, die Ausbildungsanlage Turm sowie das System Ausbildungsgerät Duellsimulator (AGDUS) beauftragt. Da Manövermunition für den SPz Puma nicht vorgesehen ist, wird die Schussabgabe über die elektronische Waffen- und Effektsimula- Foto: Bundesweh r/Jand Neumann Abfeuern des Lenkflugkörpers MELLS während der erfolgreichen Nach weisführung der Waffenanlage beim Puma tion in einer sich derzeit in der Entwicklung befindlichen modifizierten Version simuliert. Weiterentwicklung und Zukunftsprognose Zurzeit ist die Bundeswehr mit einer Kampf- brigade im Rahmen der NATO-Speerspit- ze (VJTF) gebunden. Die Bundesrepublik Deutschland hat angezeigt, im Jahr 2023 erneut einen Beitrag zu VJTF zu leisten. Um international auf Augenhöhe agieren zu können und unseren Soldaten das best- mögliche und modernste Gerät zur Verfü- gung zu stellen, ist der Einsatz des SPz Puma geplant. Da er die Schwelle der Einsatzbereitschaft noch nicht erreicht hat, wurde die Entwick- lung von 41 Systemen miteinem Konstrukti- onsstand VJTF, der von der Serie losgelöst ist, beauftragt. In diesem Konstruktionsstand werden Entwicklungen vorgezogen, die in der Serie erst später im Zuge der konsoli- dierten Nachrüstplanung vorgesehen sind. Der SPz Puma VJTF wird über das MELLS, die Anpassung der Sichtmittel und erstmalig über eine digitale Führungsausstattung ver- fügen, welche auch ein angepasstes System IdZ-ES beinhaltet. Der zweite Führungskreis (Zug oder Kompanie) kann mit diesem an- gepassten System betrieben werden. Mit der damit vollumfänglich vorhandenen Füh- rungsfähigkeit wird das System Panzergre- nadier erstmalig die Schwelle zur Einsatzrei- fe überschritten haben - ein großer Schritt und Erfolg. Die taktische Einsatzprüfung für den Konstruktionsstand VJTF ist für das zweite Halbjahr 2020 gep ant. Der Start der Serienproduktion in diesem Konstruktions- stand ist, abhängig vom Ergebnis der Nach- weisführung, bereits für 2021 vorgesehen. Die hauptsächlichen Herausforderungen: Interaktive Elektronische technische Doku- mentation, Softwarepflege und -änderung, Ersatzteilverfügbarkeit sowie zusätzliche Sonderwerkzeugsätze sind bis dahin zu lösen. Aufgrund der Komplexität des Waf- fensystems wird seitens des Amtschefs Amt für Heeresentwicklung die Einrichtung eines Systemzentrums Puma erwogen. Abhängig vom Ergebnis der Nachweisführung SPz Puma VJTF wurde weiterhin die Beauftra- gung eines 2. Loses beschlossen, das ab 2023 in einem Konstruktionsstand S1 eingeführt werden soll. Der Zu lauf des 2. Loses wird mit der geplanten konsolidierten Nachrüstpla- nung abgestimmt, um die Verfügbarkeit in der Truppe möglichst konstant zu halten und die Bindung des Großgerätes in der Umrüstmaß- nahme S1 zu kompensieren. Mit dem System Panzergrenadier im Konst- ruktionsstand VJTF wird die Einsatzreife des neuen modernen Waffensystems der Pan- zergrenadiertruppe erstmalig erreicht sein und der Schützenpanzer Puma kann seine volle Leistungsfähigkeit beweisen Schon jetzt zeigt der Puma eine erheblich höhere taktische Stoßkraft, die die Truppengattung Panzergrenadiere rundum überzeugt. Mit dem Konstruktionsstand S1 werden auch in der Serie die ersten einsatzreifen Systeme zu Verfügung stehen. Mit dem Erreichen der Einsatzreife des Systems Panzergrena- dier kann letztendlich das altbewährte Waf- fensystem SPz Marder außer Dienst gestellt werden. 40 Jahre Transportpanzer Fuchs Mit über 1.400 gebauten Exemplaren zählt der Transportpanzer Fuchs 6x6 von Rheinmetall zu den taktischen Radfahr- zeugen mit der höchsten Einsatzerfahrung weltweit. Streitkräfte zahlreicher Nationen setzen den Fuchs in unterschiedlichs- ten Varianten ein, z.B. zum geschützten Mannschaftstransport, als Gefechts- stand oder Ambulanz sowie zur mobilen ABC-Aufklärung. Die ABC-Aufklärungsvariante wurde in vielen Krisengebieten welt- weit erfolgreich zur Gefahrenabwehr eingesetzt. So haben sich die knapp 300 bislang produzierten ABC-Spürfüchse in der Bun- deswehr, der U.S. Army, sowie den Streitkräften der Vereinigten Arabischen Emirate, Großbritanniens, Kuwaits, der Niederlande und Norwegens vielfach bewährt. Herzstück des „ABC-Spürfuch- ses" ist eine umfangreiche, voll integrierte Geräteausstattung zur Identifikation und Analyse von atomaren, biologischen und che- mischen Kampfstoffen. Die Bundeswehr nutzt den Transportpanzer 1 Fuchs - kurz „TPz" - seit 1979 in einer Vielzahl von Varianten und vertraut bei ihren Auslandseinsätzen u.a. in Afghanistan und Mali auf seine Ro- bustheit und Zuverlässigkeit. Die derzeit modernste bei der Bundes- weh reingeführte Version TPz 1 A8 gewährleistet gegenüber älteren Modellen einen stark verbesser- ten Schutz gegen ballistische Be- drohungen sowie vor Minen und Sprengfallen. Zu den wesentlichen Modifikationen des 1 A8 zahlen strukturelle Änderungen der Wan- ne, neue Achsen, Verstärkungen der Radkästen, Türen und Schei- benaufnahmen sowie zusätzliche Staukästen und Verstärkungen im Außenbereich. Rheinmetall wird bis Ende 2020 insgesamt 272 Füchse der Bundeswehr auf den aktuellen Stand 1 A8 hochrüsten. Darüber hinaus hat die Düsseldorfer Firma bereits die nächst mo- dernere Version entwickelt, die sich durch ein neues Triebwerk, ein neues Verteilergetriebe, eine neue Bremsanlage, ein verbessertes Lenksystem sowie ein Monitor- und Kamerasichtsystem auszeich- net Das macht den TPz 1 Fuchs noch beweglicher im Gelände und noch ergonomischer zu bedienen. Mit einer Flottenverfügbarkeit von über 90 Prozent steht der TPz 1 Fuchs wie kaum ein zweites Fahrzeugsystem als Garant für Zu- verlässigkeit im Einsatz. (wb)
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Verteidigungsindustrie in Nordrhein-Westfalen Breites Angebotsspektrum Lars Hoffmann Das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland, Nordrhein-Westfalen, wurde bereits 1946 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von der britischen Besatzungsmacht gegründet. Die Briten fassten dazu den nördlichen Teil der preußischen Rheinprovinz mit den Regierungsbezirken Aachen, Düsseldorf und Köln sowie der preußischen Provinz Westfalen zusammen. Damit war die wichtige Montan-Ind ustrieder Region in einem Bundesland gebündelt. Das Ruhrgebiet galt - insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg - als wichtigste Rüs- tungsschmiede Deutschlands. Verbunden mit dieser Industriesparte sind unter anderem Unternehmen wie Krupp, Thyssen und Rheinmetall. In den mehr als 70 Jahren des Bestandes von Nordrhein-Westfalen hat die Schwer- industrie des Ruhrgebietes ihre Rolle in der Verteidigungsindustrie jedoch weitgehend verloren. So trennte sich der mittlerweile zu Thyssen-Krupp fusionierte Großkonzern bis auf eine Werft von der Rüstungsproduktion. Lediglich Rheinmetall ist in den vergange- nen Jahrzehnten zum größten rein deut- schen Hersteller von Verteidigungstechnik - vor allem in Landbereich - aufgestiegen. Wobei die Niederlassungen des Düsseldor- fer Konzerns in Nordrhein-Westfalen in ers- ter Linie auf Schutztechnik fokussiert sind. Geschützrohre und Munition werden an anderen Standorten produziert. Aufgrund der strukturellen Veränderungen der Nachkriegszeit ist die Produktion von Rüstungswaren im Vergleich zu anderen Bundesländern weniger bedeutend. Nach Angaben des Bundeswehr-Beschaffungs- amtes BAAINBw wurden in den Jahren 2017 und 2018 Rüstungsgüter im Wert von etwa 540 Mio Euro in Nordrhein-Westfalen für die Bundeswehr beschafft. Im vergan- genen Jahr erhöhte sich dieser Wert auf et- wa 1,1 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt des Bundeslandes lag 2018 bei rund 700 Milliarden Euro. Auch die kumulierten Exportzahlen bele- gen, dass Nordrhein-Westfalen in punkto Verteidigungstechnik hinter anderen Län- dern zurückbleibt. Während das Bundes- land mit rund 18 Millionen Einwohnern im Jahr 2019 laut Statistischem Bundesamt mit Ausfuhren von 193,68 Milliarden Euro (14,6 Prozent der deutschen Gesamtexporte) an zweiter Stelle hinter Baden-Württemberg (205,22 Milliarden Euro - 15,5 Prozent) und Foto: Rheinmetall Insgesamt vier Standorte - im Bild die Konzernzentrale in Düsseldorf - unterhält Rheinmetall in Nordrhein-Westfalen im Geschäftsbereich Sicherheit vor Bayern (189,58 Milliarden Euro - 14,3 Prozent) lag, ergibt sich bei den Rüstungs- ausfuhren ein ganz anderes Bild: Hier befand sich Nordrhein-Westfalen mit rund 430 Mio Euro - das sind 5,4 Prozent der gesamten deutschen Rüstungsexporte - nur an dritter Stelle hinter Bayern mit 4,1 Milliarden Euro (50,9 Prozent) und Baden-Württemberg mit 2,1 Milliarden Euro (26,3 Prozent), wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Bundestag hervorgeht. Der Niedergang der Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet in der Nachkriegszeit lässt sich nicht zuletzt an den großen Stahlkon- zernen des Reviers, Krupp und Thyssen, festmachen. Während Krupp Ende des 19. Jahrhunderts für seine modernen Ka- nonen berühmt war, hat der heutige Thys- sen-Krupp-Konzern bis auf eine Ausnahme keine Verteidigungstechnik mehr im Portfo- lio. Lediglich die U-Boot-Werftthyssenkrupp Marine Systems (tkMS) ist noch im Besitz des Unternehmens. Allerdings befinden sich Zentrale und Produktion in Kiel und nicht am Hauptsitz von thyssenkrupp in Essen. Bis Ende 2018 war tkMS in der Sparte Industrial Solutions aufgehängt. Nach der Auflösung dieser Struktur berichtet der Geschäftsfüh- rer von tkMS direkt an den Vorstand von Thyssen-Krupp. Über eigenes Personal am Sitz der Holding in Essen verfügt die weit- gehend unabhängig agierende tkMS nach Auskunft des Konzerns nicht Während zu Thyssen-Krupp kein weiteres Unternehmen Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 87
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Die Defence Service Tracks (DST), ein global agierender Anbie- ter von Panzerketten aus Rem- scheid gehört mittlerweile zu Krauss-Maffei Wegmann der Verteidigungsindustrie gehört, beliefert die Thyssen-Krupp-Tochter Rothe Erde-ein Spezialunternehmen für Wälzlager und Len- kringe - die Rüstungsindustrie mit Teilen. Rheinmetall AG Insgesamt vier Standorte - unter Einbezie- hung der Konzernzentrale - unterhält die Rheinmetall AG in Nordrhein-Westfalen im Geschäftsbereich Sicherheit. Die Holding des Rüstungs- und Automotive-Konzerns, der im vergangenen Jahr einen Umsatz von mehr als sechs Milliarden Euro erzielte, ist mit rund 250 Mitarbeitern in Düsseldorf ange- siedelt. Dort befinden sich zentrale Bereiche der Konzernführung, wie unter anderem die Personalabteilung, Finanzen und Cont- rolling, Unternehmensstrategie, Unterneh- menskommunikation, Projektorganisation Deutschland, IT, Rechtsabteilung, der Chief Foto: mawibo-media Die BW! mit Sitz in Meckenheim, Berlin und Bonn befindet sich mittler- weile zu 100 Prozent in Bundesbesitz Technology Officer, das Rheinmetall Techno- logy Center sowie die Rheinmetall Academy. Hauptsitz der Rheinmetall Protection Sys- tems GmbH mit rund 200 Mitarbeitern be- findet sich m Bonn. Hier sind die Leitung, Human Resources, Finanzabteilung und Controlling der GmbH angesiedelt. Das Unternehmen fertigt vor Ort Passivschutz- lösungen für höchstgeschützte militärische Fahrzeuge. Dazu gehören gepanzerte Fahr- zeuge inklusive Kampfpanzern. Der Pro- duktbereich Aktivschutz beschäftigt sich mit der Entwicklung und Fertigung von so genannten Hardkiil-Aktivschutzsystemen. Mit Lohmar verfügt die Gesellschaft noch über einen weiteren Standort mit etwa 70 Mitarbeitern. Hier erfolgen die Entwicklung, das Design und die Qualifizierung von Pas- sivschutzlösungen für militärische Fahrzeu- ge. Außerdem werden Passivschutzkom- ponenten, unter anderem für Luftfahrtan- wendungen gefertigt. Hervorgegangen ist die Niederlassung aus der IBD Deisenroth Engineering, die Rheinmetall Mitte vergan- genen Jahres übernommen hat. An ihrem dritten Standort in Krefeld entwi- ckelt und fertigt Protection Systems mit et- wa WO Mitarbeitern unter anderem leichte und mittlere Schutzlösungen auf Verbund- werkstoff-Basis für militärische und zivile Anwendungen. Diese finden Verwendung beim militärischen und zivilen Fahrzeug- schutz, dem Schutz für See-Anwendungen sowie dem ballistischen Körperschutz. Dar- über hinaus verfügt Rheinmetall noch über Automotive-Standorte in Neuss mit etwa 2.000 Mitarbeitern und in Dormagen mit rund 50 Mitarbeitern. Wirkmittel und Sprengstoffe Ein wichtiger Player der Verteidigungsin- dustrie in Nordrhein-Westfalen ist Dynamit Nobel Defence - kurz DND. Das Werk des Spezialisten für schultergestützte Waffen- systeme, Fahrzeugschutz sowie Brandschutz liegt in Bürbach im Siegerland. DND ging aus der Wehrtechniksparte der Dynamit No- bel AG hervor, die 2004 aufgelöst wurde. Seitdem befindet sich das Unternehmen im Besitz des israelischen Konzerns Rafael. Zu den bekanntesten Produkten des Unterneh- mens, das mittlerweile rund 350 M itarbeiter beschäftigt, gehört die Panzerfaust 3. Ge- meinsam mit der Bundeswehr entwickelte DND überdies die Systemfamilie „Wirkmittel 90" (RGW90 LRMP). Dabei handelt es sich um ein leichtes Mehrzweckschulterwaffen- system, das ein breites Spektrum an Zielen auf Reichweiten über 1.000 Meter be- kämpft. 2017 wurde das erste Wirkmittel im Rahmen eines Festakts an die Bundeswehr übergeben. Mittlerweile hat das Unterneh- men überdies Wirkmittel in den Kalibern 60 sowie 110 mm im Portfolio. Ein weiteres Pro- dukt ist der für den Schützenpanzer Puma entwickelte explosive Reaktivschutz (ERA), der auch auf andere Fahrzeuge adaptiert werden kann. Überdies bietet DND Brand- schutzsysteme für militärische Fahrzeuge und zivile Anwendungen an. Aufgrund der guten Auftragslage wurde im März dieses Jahres nach mehrjähriger Pla- nungsphase der erste Spatenstich für den Bau eines neuen Fertigungskomplexes auf dem Werksgelände in Bürbach gesetzt. In weniger als zwei Jahren sollen nach An- gaben von DND mehrere neue Gebäude und Anlagen zum Gießen, Mischen, Tem- perieren und Trocknen von Explosiv- und Sprengstoffen entstehen. Dabei werden neuartige Fertigungsverfahren für Gefechts- köpfe eingesetzt. Diese Know-how- und Kapazitätserweiterung werde insbesondere für die Produktlinie RGW90 LRMP benötigt. Laut DND sollen in den kommenden Jah- ren nahezu alle infanteristisch kämpfenden Kräfte der Bundeswehr mit dem Wirkmittel ausgestattet werden. Aus der Aufspaltung der Dynamit Nobel re- sultierte auch die Gründung der DynITEC GmbH in Troisdorf. Konkret ist das Unterneh- men aus der Dynamit Nobel GmbH Explosiv- stoff- und Systemtechnik am 1. Oktober 2002 hervorgegangen. Die GmbH gehört gegen- wärtig zur Diehl-Gruppe. Die Aktivitäten der DynITEC umfassen die Entwicklung und Pro- duktion militärischer Zünd- und Anzündmittel, energetischer Materialien und elektronischer Zündsysteme. Die besondere Stärke des Unternehmens be- steht nach eigenen Angaben dabei im Ange- bot kompletter Zündketten und Zündsysteme mit aufeinander abgestimmten Einzelelemen- ten aus einer Hand. Dieses ist insbesondere durch die eigene Entwicklung und Herstellung der dazu erforderlichen energetischen Mate- rialien möglich. Laut Unternehmensbilanz lag der Umsatz der Firma mit über 80 Mitarbei- tern im Jahr 2018 bei rund 16 Millionen Euro. 88 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Mit Sprengstoffen befasst sich auch die Wuppertaler ELP GmbH. Seit 1989 stattet das Unternehmen militärische und polizei- liche Entschärfungsdienste in Deutschland aus. Im Produktportfolio sind unter ande- rem Spreng- und Disruptionstechnik, Schutz- bekleidung sowie Fernlenk- und Manipulati- onstechnik von etablierten Herstellern. Das Familienunternehmen bietet mittlerweile auch Geräte an, die in der Flughafen-, Gelände- und Gebäudesicherheit eingesetzt werden. Das Bergische Land gilt noch immer als eines der deutschen Zentren für Metall- bearbeitung und Schmiedetechnik. So verwundert es nicht, dass die DST Defence Service Tracks GmbH, ein global agierender Anbieter von Panzerketten, in Remscheid beheimatet ist. Die GmbH gehört mittler- weile zum Münchener Landsystemhaus Krauss-Maffei Wegmann (KMW), das die DSTEnde 2014 vom Diehl-Konzern erwarb. Nach eigenen Angaben ist DST weltweit der einzige Hersteller, der komplette Ket- tensysteme entwickelt, herstellt und liefert. 1959 begann das Unternehmen mit der Herstellung von Ketten für die Fahrzeuge der in Deutschland stationierten Besat- zungsmächte. Ein Durchbruch gelang mit der Entwicklung der DST Stahlsystem kette für den Kampfpanzer Leopard 1: Diese Ket- te verfügte über austauschbare Laufpols- ter nach einem patentierten Schnellwech- Die secunet Security Networks mit ihrem Hauptsitz in Essen hat 2004 eine Sicherheitspartnerschaft mit der Bundesrepublik Deutschland sel-Prinzip. Heute bietet das Unternehmen eine breite Palette von Panzerketten an - von System-, Leichtgewichts- bis Bandket- ten. Darüber hinaus produziert DST Ketten- rollen, Triebkränze sowie Schutzelemente. Laut Hersteller sind über 100 verschiedene Kettenvarianten bei mehr als 50 Armeen welt- weit im Einsatz. Allein von den Systemketten mit rund 40 Varianten wurden im Zeitraum 2000 bis 2017 rund 2,5 Mio Exemplare welt- weit ausgeliefert. DST verfügt über zwei Standorte In Rem- scheid: In Vieringhausen erfolgt die Vulka- nisation von Kettenteilen, Rollen und die Endmontage der Ketten. Außerdem werden dort Schutzelemente aus Gummi-Metall-Ver- bindungen gefertigt. Der Standort in Lüttring- hausen ist dagegen auf den Stahlguss für besondere Anwendungszwecke spezialisiert. Dazu gehören hochfeste Vergütungsstähle für die Kettenglieder sowie Gussteile für Fahrzeu- ge. Die Gießerei nutzt zwei Elektrolichtbogen- öfen mit Kapazitäten von je 3,2 Tonnen und einen Induktionsofen mit einer Kapazität von einer Tonne. Laut DST werden pro Jahr rund 13.000Tonnen Stahl abgegossen. Aktuell beschäftigt das Unternehmen im Durchschnitt 300 Mitarbeiter, inklusive Leih- arbeiter. Azubis, Praktikanten und Aushilfen werdendabei nicht mitgezählt. Nach Aussa- ge von Musbah Al-Mansour, Vice President Sales & Marketing, verzeichnet die DST seit Übernahme durch KMW ein „Wachstum in allen Produktbereichen". Gegenwärtig arbeitet das Unternehmen unter anderem an der Qualifizierung neuer Leichtgewichts- stahlketten für die Fahrzeugklasse 70 und 50 Tonnen, sowie an segmentierten Gum- mibandketten der Fahrzeuggewichte bis zu 35 Tonnen. BUUI IT für Deutschland #WirfürdieBundeswehr Unterstützung auch in Ausnahmesituationen Unsere Streitkräfte leisten einen hervorragenden Dienst. Mit größtem persönlichem Einsatz meistern sie Tag für Tag neue Herausforderungen. Wir als BWI unterstützen die Bundeswehr dabei. Gemeinsam setzen wir herausfordernde und zukunfts- weisende Projekte um und tun alles dafür, dass die IT-Systeme stabil und sicher laufen - selbst in Ausnahmesituationen. Und wenn es darauf ankommt, die Bundeswehr für die Erfüllung ihres Auftrags schnell mit neuen Systemen zu unterstützen: Wir stehen bereit. @BWI JT Q /BWIITfuerDeutschland Q www.bwi.de/news-blog Q /bwi-gmbh ö Auch in Zukunft unterstützen wir die Streitkräfte mit unseren bewährten IT-Leistungen - damit unsere Soldaten, Soldatinnen und zivilen Angestellten auch weiterhin ihr Bestes geben können. #WirfürdieBundeswehr www.bwi.de
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Informationstechnologie und Elektronik In den vergangenen Jahrzehnten hat die Be- deutung von Informationstechnologie und Software für Waffensysteme und die Ver- teidigungsindustrie deutlich zugenommen. Dies spiegelt sich auch am Geschäftserfolg der in Nordrhein-Westfalen ansässigen Un- ternehmen der Branche wider. Ein Platzhirsch in Sachen Informationstech- nologie ist die mittlerweile zu 100 Prozent Foto: ES&T Archiv Foto: steep Im Bereich Systemintegration von steep werden in enger Abstimmung mit den Kunden Systeme und Containerlösungen entwickelt in Bundesbesitz befindliche BWI GmbH. Das Unternehmen war 2017 aus der Verschmel- zung der BWI Informationstechnik GmbH und der BWI Systeme GmbH hervorgegan- gen. Diese beiden Vorgängergesellschaften waren 2006 von der Bundeswehr, IBM und Siemens gegründet worden, um das IT-Pro- jekt HERKULES für die Bundeswehr umzu- setzen, das 2016 abgeschlossen wurde. Die Hauptaufgabe der BWI besteht darin, auf Basis eines unbefristeten Leistungsvertra- Mit Hauptsitz in Bonn operiert die HIL mit drei Werken, fünf Niederlas- sungen und 54 Stützpunkten (im Bild: HIL-Wegweiser in Rukla, Litauen) als logistischer Unterstützer der deutschen Landstreitkräfte ges die nichtmilitärische IT-Infrastruktur der Bundeswehr zu betreiben und weiterzuent- wickeln. Voraussichtlich wird das Aufgabenspektrum des Unternehmens auf die so genannte grü- ne IT ausgeweitet. So könnte die BWI im Rahmen der Digitalisierung Landbasierter Operationen (D-LBO) weitere Aufgaben übernehmen. Etwa mit IT-Serviceleistungen und dem Aufbau der notwendigen IT-Infra- strukturfür das Battle Management System (BMS) auf Gefechtsständen (Command Post) und Fahrzeugen (Mountable) für die VJTF 2023. Darüber hinaus wird die GmbH mit dem Kommando Heer und dem Kom- mando Cyber- und Informationsraum ein gemeinsames, kooperatives Betriebsmodell entwickeln. Die BWI mit Hauptsitz in Me- ckenheim bei Bonn macht nach eigenen Angaben mit ihren rund 4.800 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro. Leistungen für Sicherheitsbehörden und die Bundeswehr erbringt auch die an der Deut- sehen Börse gelistete secunet Security Net- works AG mit Hauptsitz in Essen. Das Unter- nehmen, dessen Mehrheitsaktionär Giese- cke + Devrient ist, bietet seinen Kunden vor allem Lösungen im Bereich der IT-Sicherheit. Bei secunet konzentrieren sich nach eige- nen Angaben mehr als 600 Experten auf Themen wie Kryptographie, E-Government, Industrie und Sicherheitslösungen für das elektronische Gesundheitswesen. Seit 2004 besteht überdies eine Sicherheitspartner- schaft mit der Bundesrepublik Deutschland. Die secunet Division Verteidigung für mili- tärische Kunden ist auf die Verschlüsselung und Cyber-Sicherheit fokussiert. Die ge- meinsam mit dem Bundesamt für Sicher- heit in der Informationstechnik für nationale und internationale Hochsicherheitskunden entwickelte Kryptoarchitektur SINA ermög- licht laut Herstellereine sichere Bearbeitung, Speicherung, Übertragung und Nachweis- führungvon klassifizierten Informationen bis einschließlich GEHEIM, NATO SECRET und SECRET UE/EU SECRET. Nach Aussage eines secunet-Sprechers liegt der Schwerpunkt des Geschäftes im Verteidigungsbereich auf dem deutschen Markt. Danach folge das Euroopäische Ausland und die NATO. Als eine von fünf Geschäftseinheiten mache die Sparte Verteidigung „einen signifikanten Anteil" des Unternehmens aus. Im Bereich sicherer Datenübertragung be- wegt sich auch das Unternehmen Secu- smart aus Düsseldorf. Seit der Gründung im Jahr 2007 hat sich die GmbH nach eigenen Angaben zu einem globalen Experten für abhörsichere Kommunikation entwickelt. Seit mehr als acht Jahren stattet Secusmart nach eigenen Angaben deutsche Behörden, Ministerien und andere behördliche Institu- tionen mit abhörsicherer mobiler Kommuni- kation aus, d.h. mit Hilfe von Secusmart-Pro- dukten wird mobile Sprach- und Datenkom- munikation verschlüsselt. Seit Ende 2014 ist Secusmart ein Tochterunternehmen des kanadischen Konzerns BlackBerry. In Köln ist die Systematic GmbH, eine 100prozentige Tochter des dänischen Soft- ware-Hauses Systematic A/S, vertreten. Das Unternehmen beliefert die Bundeswehr bis- lang mit der Command & Control Software SitaWare Frontline und SitaWare Headquar- ters. Die Kölner Niederlassung ist für den Vertrieb sowie für die lokale Auslieferung und Implementierung der Lösungen verant- wortlich. Lokal werden darüber hinaus spe- zifische Dienstleistungen, wie beispielsweise Ausbildungen erbracht. Von Köln aus erfolgt überdies der Vertrieb in Mitteleuropa. Die inhabergeführte steep GmbH mit Haupt- sitz in Bonn wurde 1961 unter dem Namen „Elektronik-und Luftfahrtgeräte GmbH" mit sieben Mitarbeitern gegründet Die Aufgabe war es damals, Radare aus US-Fertigung für 90 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
die Bundeswehr zu betreuen. Heute ist das Unternehmen ein international aktiver tech- nischer Dienstleister mit mehr als 30 Standor- ten und rund 800 Mitarbeiterinnen und Mit- arbeitern in Deutschland und Europa. Neben den Kernfähigkeiten in den Bereichen Radar Systems Support, IT-Services, Systemintegra- tion, Training und Mobile Netze verfügt steep über ein Kompetenzspektrum, das von der Logistik über die technische Dokumentation bis zum Facility Management reicht. Der Radar Systems Support der steep Gm- bH bietet der Bundeswehr ein Komplett- paket für fest installierte Luftraumüber- wachungs- und Anflugradarsysteme. Die Betreuung umfasst die Instandhaltung und Wartung von Radarsystemen vor Ort sowie die Instandsetzung und Reparatur durch ein Expertenteam in eigenen Werk- stätten. Dabei betreut das Unternehmen Radare verschiedener Hersteller über deren gesamte Lebenszeit. Für die rund 150 Mit- arbeiter der Defence-Sparte ist der Bereich Radar eines der stärksten Geschäftsfelder geblieben. Im Bereich System Integration werden in en- ger Abstimmung mit den Kunden Systeme und Containerlösungen entwickelt. So hat steep zusammen mit der ESG das Ground Support Container System für den Euro- Foto: CAE D/e CAE Elektronik GmbH mit Sitz in Stolberg in der Nähe von Aachen widmet sich der Umsetzung von Lösungen vor allem für Trainingsszenarien fighter (GSCS Eurofighter) konzipiert. Dabei handelt es sich um ein verlegefähiges und modulares System für den Einsatz auf einer so genannten Deployed Operation Base für bis zu 12 Luftfahrzeuge. Es wird mit einer autarken Stromversorgung und Klimatisie- rung betrieben und stellt drei unterschiedlich eingestufte Netze bereit. Darüber hinaus hat steep mit der ESG einen verlegbaren Gefechtsstand für die Luftwaffe für den Kampf gegen die Terrororganisati- on IS entwickelt. Im Bereich Mobile Netze entwickelt steep sichere und schnell einsatz- fähige Kommunikationslösungen durch die Kombination von IT-Systemen mit robuster Hardware. Ein Schwergewicht in Sachen Radar be- findet sich in Neuss mit der Leonardo Germany GmbH - ein Tochterunterneh- men des gleichnamigen italienischen Rüstungskonzerns. Die bis vor kurzem unter dem Namen Selex ES firmierende GmbH fertigt in Deutschland laut Bun- desanzeiger hochleistungsfähige Wet- terradare sowie Überwachungsradare, die bei der Bundeswehr im Einsatz sind. Im Geschäftsjahr 2018 erwirtschafteten etwas mehr als 200 Mitarbeiter einen Umsatz von rund 44 Millionen Euro. Von Neuss aus werden auch die Beschaf- fungsvorhaben der Bundeswehr für Leo- nardo beobachtet und betreut. EIN NETZWERK VOLLER MÖGLICHKEITEN www.steep.de www.steep.de/karriere
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Foto: JK Defence JK Defence & Security Products mit Sitz in Kempen am Nieder- rhein wird seit An fang 2019 von Philip Kaiweit in zweiter Genera- tion geführt; das Unternehmen ist seit fast 30 Jahren zuverlässiger Partner der Bundeswehr und Po- lizeibehörden in den Bereichen Funkkommunikation, Nachtsicht sowie Rescue und Safety Beratung In Nordrhein-Westfalen ist mit der Bw- Consulting noch eine weitere Inhouse-Ge- sellschaft der Bundeswehr ansässig Das als GmbH aufgesetzte Unternehmen in 100prozentigem Eigentum des BMVg un- terstützt das Ministerium bei strategischen Projekten. Die Schwerpunkte der Beratung sind dabei Strategie & Steuerung, Prozesse & Organisation sowie Projektmanagement. Die BwConsulting mit Hauptsitz in Köln wurde im Jahr 2000 als Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb mbH (g.e.b.b.) gegründet und Anfang 2017 in BwConsulting umbenannt. Vorteile des Einsatzes der BwConsulting sind nach de- ren Angaben unter anderem umfassende Kenntnisse des Geschäftsbereichs sowie die schnelle und flexible Einsatzbarkeit ohne Vergabeverfahren. Ende vergangenen Jah- res verfügte das Unternehmen über rund 200 festangestellte Mitarbeiter. Luft/Training Die Bundeswehr gibt erhebliche Summen für militärische Luftfahrttechnik aus, wo- von insbesondere Bayern profitiert, da in dem Bundesland wichtige Niederlassungen des Airbus-Konzerns angesiedelt wurden. Nordrhein-Westfalen dagegen verfügt zwar durchaus über Zulieferer und Service-Anbie- ter für die Militärluftfahrt. Im Vergleich mit anderen Bundesländern ist dieses Segment jedoch weniger stark ausgeprägt. Eine Ausnahme bildet die CAE Elektronik GmbH mit Sitz in Stolberg in der Nähe von Aachen. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben seit fast 60 Jahren als Partner der Bundeswehr im Bereich der Entwicklung, Herstellung und Betreuung von Trainings- und Simulationssystemen für Luftwaffe, Marine und Heer. Über 500 Mitarbeiter widmen sich der Umsetzung von Lösungen für unterschiedliche Kun- denanforderungen und Trainingsszenarien. So lieferte das Unternehmen zum Beispiel für das Hubschrauber-Ausbildungszentrum in Bückeburg Trainingssysteme für die vier Hubschraubertypen UH-1D, CH-53, EC-135 und NH90. Ende vergangenen Jahres unter- zeichnete das Unternehmen einen Vertrag mit der NATO Support and Procurement Agency (NSPA) zur Bereitstellung von um- fassenden Trainingslösungen für die Sea-Li- on-Helikopter der Deutschen Marine. Das deutsche Unternehmen gehört zum kanadischen CAE-Konzern, der unter an- derem auf Simulatoren für die Zivil- und Militärluftfahrt sowie auf den Gesundheits- markt spezialisiert ist. Die als Canadian Avi- ation Electronics gegründete CAE mit Sitz in Montreal realisierte im vergangenen Jahr mit über 10.000 Mitarbeitern einen Umsatz von mehr als drei Milliarden CAD. Gegründet wurde die deutsche CAE GmbH 1961, nachdem der Mutterkonzern mit der Entwicklung von Simulatoren für die F-104 Starfighter begonnen hatte. Zu den Kunden von CAE zählen nicht nur die Bundeswehr, sondern auch militärische Beschaffungs- agenturen und Organisationen in Euroopa und Afrika. Schutztechnik Neben Rheinmetall befassen sich eine Reihe weiterer Unternehmen in Nordrhein-West- falen mit Schutztechnologien. Ein Spezialist für Schutzmaterialien ist das Unternehmen CeramTec-ETEC, eine Tochterfirma der Cer- amTec. Das in Lohmar ansässige Unterneh- men bietet keramische Panzerungen für den ballistischen Personen-, Fahrzeug- und Objektschutz an. Die CeramTec war 2004 bei der Zerlegung der Dynamit Nobel AG zunächst vom US-Unternehmen Rockwo- od übernommen worden. 2018 erwarb dann ein Konsortium unter Führung der Private-Equity-Gesellschaft BC Partners die CeramTec. CeramTec bietet Produkte und Lösungen mit technischer Keramik an und erzielte mit rund 3.500 Mitarbeitern - davon rund 2.000 in Deutschland - an etwa 20 Fertigungsstätten weltweit im Jahr 2019 einen Umsatz von 620 Millionen Euro, wovon der größte Teil des Umsatzes auf Deutschland entfällt. Ein wichtiger Zulieferer für Lösungen im Brandschutz ist die Firma Kidde Deugra aus Ratingen, die zum US-Konzern Collins Aerospace gehört. Das im Jahr 1958 in Deutschland gegründete Unternehmen hat sich auf fest installierte Rauchmelder, Feu- erwarn- und .Löschanlagen für gepanzerte Militärfahrzeuge, geschützte Führungs-, Funktions- und Transportfahrzeuge, Son- de rschutzfahrzeuge, zivile Anwendungen sowie die militärische Luftfahrt spezialisiert. Die Systeme des Unternehmens können nach Entzündung eines Brandes ein auftre- tendes Feuer sofort löschen, es eindämmen oder es sogar ganz unterdrücken. Lösungen für den ballistischen Schutz sowie den Augen- und Gehörschutz bietet über- dies die in Neuss beheimatete 3M Deutsch- land GmbH an - ein Tochterunternehmen des gleichnamigen US-Konzerns, der unter anderem auch Atemschutzmasken herstellt. Enstandsetzung/Logistik Ein wichtiger Partner für die Bundeswehr ist die HIL Heeresinstandsetzungslogistik GmbH mit Hauptsitz in Bonn. Das 2005 gegründete Unternehmen verfügt über insgesamt drei Werke, fünf Niederlassungen und 54 Stütz- punkte. Die rund 2.200 Mitarbeiter des im Besitz des BMVg befindlichen Unternehmens kümmern sich um Logistikdienstleistungen für ausgewählte Waffensysteme und Geräte der Bundeswehr. Ihre Aufgabe ist die Sicher- stellung einer definierten Materialverfügbar- keit. Die HIL erwirtschaftet einen Umsatz von rund 400 Millionen Euro pro Jahr. Die bis vor kurzem geplante Privatisierung der HIL wurde im Oktober vergangenen Jahres vom BMVg endgültig gestoppt, um die Ressourcen im Haus zu behalten. Militärische Unterkünfte liefert die F irma M. Schall GmbH und Co. KG aus Merzenich im Kreis Düren. Das Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern bietet nach eigenen Angaben das gesamte Leistungsspektrum rund um mobile Arbeitsräume. Hierzu zählen Kon- zeption, Entwicklung, Herstellung und Ver- trieb von Zelten und Funktionscontainern für den militärischen und zivilen Einsatz bis hin zu funktionsfertigen Systemen. Für mili- tärische Anwendungen bietet Schall unter anderem Komplettsysteme, luftgestützte Zelte, gerüstgestützte Zelte sowie Funkti- onscontainer. Textilsparte Neben den Herstellern von Stahl, Sprengstoff und IT haben auch zwei bedeutende Her- steller von Spezialtextilien für die Bundes- wehr ihren Hauptsitz in Nordrhein-Westfa- len. Die Hexonia GmbH ist vielen Soldaten der Bundeswehr als Lieferant diverser speziell für den militärischen und behörd- 92 Europäische Sicherheit & Technik • Juni 2020
Marketing Report: HIL GMBH Partner der Bundeswehr HIL GmbH mit neuem Arbeitgeberauftritt zur Mitarbeitergewinnung Partner der Bundeswehr Die H!L GmbH ist starker Partner der Bun- deswehr. Unser Ziel ist es, die landbasierten Waffensysteme der Bundeswehr verfügbar zu halten. Zur Wahrnehmung dieser Auf- gabe sind wir Managementdrehscheibe zur Vergabe von Instandhaltungsaufträgen am Markt und haben darüber hinaus umfang- der HIL sicherzustellen und unser hochin- teressantes Unternehmen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Im hart umkämpften Arbeitsmarkt steht die HIL als Arbeitgeber in starker Konkurrenz zu anderen attraktiven Unternehmen, die sich ebenfalls um qualifizierte und passende Unter www.karriere.hilgmbh.de ist ein modernes Karriereportal entstanden, welches über die diversen Karrieremög- lichkeiten informiert und die verschie- denen Berufsgruppen darstellt. So kann sich der interessierte Besucher über die vielfältigen Angebote in den Bereichen kaufmännische Berufe und Jobs in der Logistik oder im technischen Bereich informieren. Für ausscheidende Zeitsol- daten ist ein zusätzlicher Bereich mit interessanten Perspektiven eingerichtet. Neben weiterführenden Informationen zur HIL, findet man die Jobangebote mit ausführlichen Beschreibungen zu den Anforderungsprofilen und den Leis- tungen, die wir Ihnen bieten. Flankiert wird das Karriereportal der HIL durch ein umfangreiches Messekonzept und dem- nächst durch ein vielfältiges Print- und Onlineangebot. Viele Möglichkeiten, um mit uns in den Dialog zu treten! Wir würden uns freu- en, wenn Sie sich für die HIL interessie- ren. Sprechen Sie uns an! Kontakt: 0228 4463 -1343 reiche eigene Instandsetzungskapazitäten. Mit rund 2.200 Beschäftigten an über 60 Standorten ist die HIL GmbH ein dynami- sches Unternehmen, das als bundeseigene Gesellschaft nicht konjunkturabhängig ist. Dadurch können wir einen sicheren Arbeits- platz mit Zukunftsgarantie gewährleisten. Um den weiteren Unternehmenserfolg si- cherstellen zu können, wird eine Vielzahl an neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in allen Bereichen gesucht. Insgesamt werden durch Personal regen ration und Aufwuchs in den nächsten zwei Jahren über 400 Stellen neu besetzt. Hierfür müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Bekanntheit und die Attraktivität der HIL als Arbeitgeber zu steigern, das Bestandspersonal zu binden und vielleicht Sie für uns zu begeistern. Im Januar 2019 haben wir deshalb ein neues Employer-Branding-Projekt zur Entwicklung eines professionellen Arbeit- geberauftritts und einer zielgerichteten Personalgewinnungskampagne gestartet, um die reibungslose Auftragserfüllung Mitarbeiterinnen und Mitar- beiter bemühen. Ziel des Em- ployer-Branding-Projektes ist es, Werkzeuge zu entwickeln und Maßnahmen durchzu- führen, die diese Aufgabe erleichtern sollen. Der neue Arbeitgeberauftritt wurde in den zurückliegen- den Monaten in mehreren Projektphasen entwickelt und umgesetzt. Hierzu zählten eine auf das Projekt maßgeschneiderte Strategie- entwicklung, die Konzeption eines neuen modernen Mes- seauftritts, neue Werbemit- tel, die Erstellung einer Karri- ereseite, der Relaunch des In- ternet- und Intranet-Auftritts der HIL sowie die Konzeption verschiedener Print- und On- linekampagnen. Das Ergeb- nis kann sich sehen lassen! HIL Jetzt bewerten. Partner der BundMwehr i’-irtW tÜf Dich Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 93
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE liehen Einsatz konzipierter Bekleidung bekannt. Zum Produktportfolio des Un- ternehmens aus Nettetal gehört neben Einsatz- und Schutzbekleidung auch spezielle Unterwäsche, die in Kombi- nation mit Schutzwesten vor Kleinst- splittern und Druck-Belastungen schützt. Ebenfalls im textilen Segment aktiv ist die Blücher Gruppe aus Erkrath. Die mit- telständische Unternehmensgruppe in Familien besitz hat sich insbesondere im Bereich des individuellen ABC-Schutzes von Soldaten mit ihrer Saratoga-Produkt- linie einen Namen gemacht. Darüber hi- naus produziert Blücher auch Fragment- schutzbekleidung sowie Produkte zur Gas-, Wasser- und Fluid-Filtration. Nach eignen Angaben hat das Unternehmen die Technologieführerschaft im Bereich Hochleistungsadsorbenzien und sorptive Verbundstoffe inne. Eine wichtige Rolle für die Ausstattung der Bundeswehr mit Bekleidung spielt die in Köln ansässige Bw Bekleidungsmanage- ment GmbH. Das Unternehmen entstand nachdem der Bund 2015 die Geschäfts- anteile der privaten Gesellschafter Lion Apparel Inc. USA und Hellmann Worldwi- de Logistics GmbH & Co. KG der Vorgän- gerfirma LHD übernommen hatte. Zuvor bestand eine so genannte Public Private Partnership zwischen dem BMVg mit einer 25,1-Prozent-Beteiligung, und den beiden Unternehmen zu gleichen Teilen mit je 37,45 Prozent. Die LHD war jedoch aufgrund von Fehlern der Mehrheitseigentümer in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. In der Folge übernahm der Bund die Firma ganz. Die LHBw wird aktuell in Form einer GmbH als lOOprozentige Inhousegesellschaft des BMVg fortgeführt. Die zentrale Aufgabe als Dienstleister der Bundeswehr ist das Beklei- dungsmanagement für die rund 200.000 Soldaten und zivilen Mitarbeiter im Ministe- rium und in den Ämtern. Mit mehr als 1.300 Mitarbeitern - darunter Textilfachleuten, Betriebswirtschaftlern, Logistikern, Quali- tätsmanagern und IT-Spezialisten - soll den Kunden die passende Bekleidung und Aus- rüstung bereitgestellt werden. Handel/Import Nicht alle für die Bundeswehr und hei- mische Sicherheitsbehörden benötigten Ausrüstungstückewerden in Deutschland produziert. Umso wichtiger ist es, das fehlende Material in der richtigen Qualität und Quantität aus dem Ausland zu bezie- hen. Hierbei kommt Handelsunternehmen und Vertriebspartnern ausländischer Fir- men eine wichtige Rolle zu. Seit 1992 beschäftigen sich die mehr als 25 Mitarbeiter der JK Defence & Security Products aus Kempen mit dem Import von Militärtechnik aus dem Ausland. Während zu Anfang in erster Linie Flugzeugteile be- schafftwurden, verfügt das Unternehmen nach eigenen Angaben mittlerweile über ein weites Netzwerk von zuverlässigen Agenturen und Vertretungen. Unterande- rem zählt JK Defence & Security Products den Hersteller von Nachtsichtgeräten, Theon Sensors, sowie den Funktechnik- produzenten L3 Harris zu seinen Partnern. Auf den Import und die Anpassung an militärische Bedürfnisse von geländegän- gigen Quads hat sich die Rainer Diederich GmbH aus Wiehl-Bomig spezialisiert. Auf die Vertretung ausländischer Marken für Nutzer im Sicherheitssektor ist überdies die Firma TeutoDefence aus Bad Oeynhau- sen spezialisiert. Darüber hinaus existieren in Nord- rhein-Westfalen noch weitere Unterneh- men, die sich ganz oder teilweise mit Dienstleistungen und Produkten rund um die Sicherheitsindustrie befassen, allerdings im Rahmen dieses Beitrages nicht vorgestellt werden können. Dazu zählen unter anderem Anbieter von Trai- ningssystemen, Messern, IT-Services oder Drohnen. Ergänzungen für das German Route Clearance Package Die Bundeswehr erhält für das German Route Clearance Package (GRCP) vier weitere Systeme. Das GRCP dient dazu, Verbindungswege im Einsatzumfeld von Sprengfallen, Sprengsätzen und ande- ren Hindernissen zu befreien. Rheinme- tall wurde mit einem Ergänzungsvertrag beauftragt, fünf Transportpanzer Fuchs 1 A8 in Bedienertruppfahrzeuge sowie vier Luftlande-Waffenträger Wiesel 1 in Detektorfahrzeuge umzurüsten. Zudem sollen sieben Reserve-Dualsensoren und weitere logistische Anteile beschafft werden. Bei den Dualsensoren, die eine Schlüsselkomponente des Route Clearan- ce Systems sind, handelt es sich um eine neue obsoleszenzbereinigte Version. Das Vertragsvolumen liegt in einem niedrigen zweistelligen Millionen Euro-Bereich. Neben dem angesprochenen Bediener- truppfahrzeug und dem Detektorfahrzeug gehören ein Kampfmittelaufklärungs- und -identifizierungsfahrzeug (Fuchs KAI) und ein Räumfahrzeug (Mini MineWolf 240) zum Package. Der Transport der Kettenfahrzeuge erfolgt mit MULTI FSA von RMMV. Der separat durch die Bundeswehr beauftragte Fuchs für die Kampfmittelaufklärung und -identifizierung (KAI) mit Manipulator übernimmt schließlich die ferngesteuerte Überprüfung verdächtiger Objekte. Vor wenigen Tagen wurde der vierte von sechs bestellten Fuchs KAI übergeben. Der Rest soll bis Jahresende folgen. Auch der Mini MineWolf 240 soll durch eine aktualisierte Version ergänzt werden. Das Beschaffungsverfahren ist eingeleitet. Eine Ausschreibung ist noch nicht erfolgt. (gwh) 94 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
Marketing-Report: jk defence & security Products GmbH Ein integriertes System - der entscheidende Vorteil in der vernetzten Operationsführung Die Digitalisierung in allen Bereichen ist ein Megatrend unserer Zeit. Während Anwen- der von zivilen Systemen erwarten, dass diese nahtlos, nutzerfreundlich und intero- perable den globalen Austausch von Infor- mationen ermöglichen, so stellt sich die Rea- lisierung dessen im Kontext der militärischen Digitalisierung, als deutlich komplexer dar. Die Herausforderung Die Digitalisierung des Gefechtsfelds dient dem Zweck den „Nebel des Kriegs" zu lüften. Informationen sollen dazu schnell, sicher und korrekt verfügbar sein. Resultie- rende militärische Entscheidungen müssen ebenso übermittelt werden. Mehr denn je spielt dabei die Übertragung von Sensor-Information, über verschiedene Hierarchie-Ebenen hinweg, eine missionskri- tische Rolle. Die Aufklärungsergebnisse können von einer Vielzahl an Quellen zur Verfügung gestellt werden. Die Vernetzung dieser, und damit die ständige Verfügbar- keit der Informationen über Teilstreitkräfte hinweg, bildet einen entscheidenden Kern. Es gilt der Grundsatz, dass die schnellere und zuverlässigere Verfügbarkeit korrekter Informationen, zur Überlegenheit auf dem Gefechtsfeld führt. Doch welches System kann diese Anforde- rungen bereits heute leisten und ist den- noch bereits einsatzerprobt und bewährt? Die Lösung Um den genannten Herausforderungen gerecht zu werden, bedarf es einer in al- len Belangen in sich abgestimmten Lösung. L3Harris bietet mit dem Falcon Net, ein System welches weit über Einzelaspekte hinausgeht: es führt Teilkomponenten zu einem integrierten und abgestimmten Gan- zen zusammen. Die entscheidenden Blöcke bilden dabei Radios, Wellenformen, Appli- kationen und Service. Die Falcon Radiofamilie liefert interoperable Funkgeräte in allen Formfaktoren an. So ist der Zugriff auf Sensorinformationen fliegen- der Plattformen ebenso möglich, wie die Anforderung weitreichenden Feuers von See aus. Die mehrkanalfähigen Funkgeräte AN/PRO163 und AN/PRG158 erlauben es beispielweise mittels ROVER, streitkräfte- gemeinsame taktische Feuerunterstützung (STF) mit Videoübertragung anzufordern. Gleichzeitig ist die Kommunikation, über taktisches V/UHF oder SATCOM, mit weite- ren Kräften möglich. Dies gilt bei minimalen Gewicht und einfacher Bedienbarkeit. Interoperabilität mit Bündnispartnern, oder Operationen im Deutsch-souveränen Kon- text werden über die NATO Suite B/NINE Sicherheits-Architektur ermöglicht. Dieses zukunftsweisende Konzept erlaubt den sicheren und abgestuften Informationsaus- tausch . Anders als in der zivilen Welt, setzt Über- legenheit auf dem Gefechtsfeld auch die Dominanz über das elektromagnetische Spektrums voraus. Entsprechende Erfahrun- gen aus den aktuellen Krisenregionen wie Syrien, der Krim oder dem baltischen Raum belegen diese Notwendigkeit. Gegnerische Maßnahmen der elektronischen Kriegfüh- rung erfordern entsprechende Reaktionen: L3Harris kognitive Wellenformen ermögli- chen die flexible Nutzung des Spektrums, weichen Jammern aktiv aus, und liefern durch fortschrittliche Frequenzsprung- und Spreizverfahren hohe Übertragungssicher- heit. MANET Protokolle vernetzen Soldaten zuverlässig, auch unter herausfordernden geographischen Gegebenheiten. Während Radios und Wellenformen als Netzwerk das Nervensystem der Digitalisie- rung bilden, so setzen taktische Applikati- onen darauf auf, und ermöglichen es dem L3HARRIS FALCON NET ECOSYSTEM Hingt hq CPfkwcM 5 jr Soldaten den Vorteil eines integrierten Sys- tems zu erleben: Die Position von eigenen und fremden Kräften steht auf Karten oder mittels augmented-reality jedem Soldaten ständig zur Verfügung. Schnelle Entschei- dungen auf Basis umfassender Informatio- nen sind das Ergebnis. Durch die tiefe Integration von L3Harris Funkgeräten und Wellenformen mit dem Marktführer im Bereich Führungssyste- me, wird eine integrierte und performante Systemlösung erzielt. Ein weiteres, exakt passendes Puzzlestück des Gesamtsystems Falcon Net, unterstützt schon im Vorfeld einer Operation die Planung: Un- ter Berücksichtigung von Gelände, Frequen- zen, eingebundenen Kräften und geforder- ten Diensten, liefert die Software L3 Harris hManager-Spectrum in kürzester Zeit verläss- liche und leistungsfähige Funknetze. Integration ist der Schlüssel Der eingangs beschriebenen Forderung nach dem perfekten Zusammenspiel aller Subsys- teme trägt das L3Harris Falcon Ecosystem umfassend Rechnung. Dabei sind alle Kom- ponenten marktverfügbar und weltweit im Einsatz bewährt. Die abgestimmten Kom- ponenten, bestehend aus führender Hard- ware-Technologie und fortschrittlichsten Übertragungsverfahren, liefern das Netz- werk für Nutzerapplikationen. Der Mehrwert der Digitalisierung für den Nutzer: schnelle und korrekte Entscheidungen, basierend auf einem in sich abgestimmten Gesamtsystem. JK DEFENCE & SECURITV PRODUCTS GMBH JK Defence & Security Products GmbH Felix Wickenhäuser Technologieberater Militärische Funkkommunikation industriering Ost 74 47906 Kempen Mobil: +49 170 814 2916 f.wickenhaeuser@jkdefence.de www.jkdefence.de
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Der Verteidigungssektor muss sich für Start-ups öffnen Lorenz Lehmhaus Im Februar dieses Jahres ging es bei einer Mitgliederbefragung des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) um die wichtigsten digitalen Technologie-Trends in Sicherheit und Verteidigung. Die Technologiecluster Cyber Security, Künstliche Intelligenz, Internet of Things, Cloud Computing sowie Big Data Analytics führten die Liste an. ei der Betrachtung des deutschen Verteidigungssektors wird jedoch deutlich, dass die erwähnten Tech- nologien aktuell nicht zu dessen Kern- kompetenzen gehören. Die Digitalisie- rung wird auch hier unaufhaltsam den Wandel bringen. Sie wird eher früher als später dafür sorgen, dass eine platt- form-zentrische Wertschöpfungskette durch eine software-zentrische ersetzt wird. In der Automobilbranche ist der Wandel bereits im vollen Gange. Tesla baut eine Software, die eine Hardware betreibt und Mercedes eine Hardware, die mit einer angepassten Software be- trieben wird. Tesla kann somit nutzer- zentriert und anwendungsspezifisch die Integration von parallel laufenden techni- schen IT-Entwicklungen durchführen. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zur technischen Skalierung sind weitrei- chend. Die deutsche Verteidigungsindus- trie hat bereits heute den Auftrag, diese digitalen Kompetenzen an Produkt- und Dienstleistungen für die Streitkräfte ab- zubilden. Zu diesem Zeitpunkt verfügt diese jedoch nicht über ausreichende Ka- pazitäten und Kompetenzen im Bereich der Digitalisierung, um dies zu tun. Daher muss sie zusammen mit dem Bedarfsträ- ger, also zum Beispiel der Bundeswehr, eine nachhaltige Innovationslandschaft schaffen, die Start-ups, also jungen, in- novativen Unternehmen mit potenziell sicherheitsrelevanten Geschäftsmodel- len und Technologien, die Chance bietet, diese Fähigkeiten zusammen zu entwi- ckeln. Lorenz Lehmhaus, MA, MSc. ist freiberuflicher Defense Connector im Bereich Verteidigung und Sicherheit. /m Orange County in Kalifornien befindet sich das Hauptquartier von Andari! Industries, dem derzeitigen Vorreiter im Bereich Verteidigungs- Start-up; hier wurde innerhalb von drei Jahren eine agnostische Künstliche Intelligenz für militärische Sensoren, Plattformen und Netzwerke mit dem Namen „Lattice" (Netz) geschaffen Neue Verfahren bei der Projektplanung nötig Die Verteidigungsindustrie bewirbt sich um Aufträge in der Hoffnung, ein Produkt bauen zu dürfen. Start-ups bauen hingehen ein Produkt in der Hoffnung, es verkaufen zu können. Daher ergibt sich eine funda- mental andere Herangehensweise an die Problemlösung. Start-ups nutzen dazu die Bestimmung des „kleinstmöglichen testba- ren Produktes" (Minimum Viable Product, MVP). Es erfordert das Prototyping und Tes- ten vieler Alternativen. Mit anderen Worten: Testen, schnell scheitern, weiter testen, noch ein paar Mal scheitern und immer weiter zur nächsten Idee schwenken, bis man findet, was funktioniert. Es geht jedoch nicht um die Schaffung der häufig erwähnten Fehler- kultur, sondern vielmehr um das Generieren von Testdaten und die streng datenzentrierte Bewertung von Erfolg und Misserfolg eines Produktes oder eines Features. Es ist somit ein Mindestmaß an Entwicklungsleistung nötig, um quantifizierbares Feedback zu ge- nerieren, wodurch das Produkt weiterentwi- ckelt werden kann. Diese Herangehenswei- se ermöglicht die schnelle und zielgerichtete Weiterentwicklung von Lösungen und ver- hindert im Allgemeinen übermäßige Inves- titionen in schlechte Ideen oder vermeintlich vielversprechende Technologien, denen viel- leicht die Reife fehlt, um in der praktischen Umsetzung zu bestehen. Start-ups setzen dies zumeist in Form software-zentrischer Wertschöpfungsketten um, die insbesonde- re durch diejenigen Technologien getrieben sind, die laut Industrieumfrage eine heraus- 96 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE ragende Rolle spielen werden. Das digitale Gefechtsfeld zeichnet sich durch hohe Vola- tilität aus und lässt daher keine langen From lab to field-Zeiten mehr zu. Aufgrund ihrer Geschäftsmodelle verkürzen Start-ups ihre Entwicklungszeiten und können dazu bei- tragen, dass die richtige Technologie für die Soldaten rechtzeitig verfügbar ist. Trotz des Mehrwertes, den Start-ups dem Gefechts- feld der Zukunft bringen, erhalten sie aktuell weder Aufmerksamkeit noch Akzeptanz im deutschen Verteidigungsdiskurs. Der Tesla in der Verteidigungsindustrie Manch einer schwärmt vom innovativen und hoch technologisierten Verteidigungs- sektor Israels, übersieht aber zugleich, dass Frankreich unter der Schirmherrschaft sei- nes Rüstungsverbands Gl CAT bereits sein eigenes Start-up-Ökosystem für den Ver- teidigungssektor ausbaut. Der Tesla in der Verteidigungsindustrie kommt jedoch we- der aus Israel noch aus Frankreich, sondern aus den Verei n igte n Staaten. Er hei ßt And u ri I Industries und wird finanziert durch ein Kon- sortium aus Wagniskapital-Fonds Unterfüh- rung von Peter Thiel (Palantir) aus dem Sili- con Valley. Anduril Industries hat innerhalb von drei Jahren eine agnostische Künstliche Intelligenz für militärische Sensoren, Plattfor- men und Netzwerke mit dem Namen „Lat- tice" (Netz) geschaffen. Es verfolgt dabei einen Systems-of-Systems-Ansatz, der die Steuerung und Kontrolle zahlreicher halb- autonomer und autonomer Plattformen er- möglicht, die Entwicklung und den Zugriff auf Betriebsdaten in Echtzeit zulässt und die- se dann allen, vom taktischen Schützen bis hin zu strategischen Entscheidungsträgern, nutzbar macht. Diese und weitere Techno- logie des Unternehmens werden bereits von den amerikanischen und britischen Streit- kräften eingesetzt. Die Truppe beweist Gründergeist Die Bundeswehr hat die Notwendigkeit zum Handeln erkannt und gründete daher 2017 den Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw). Wie sein Pendant der US-Luft- waffe (AFWERX) bildet er die Schnittstelle zwischen der Bundeswehr und Start-up- Ökosystem und unterstützt somit die di- gitale Transformation. Zum einen werden im Cyber Innovation Hub marktverfügbare Produkt- und Serviceinnovationen aus der zivilen Start-up-Szene identifiziert, um sie anschließend in Innovationsvorhaben ge- meinsam mit militärischen Nutzern zu tes- ten. Hierbei steht nicht die Beschaffung der Technologie im Vordergrund, sondern ihre Ghost heißt das kleine unbemannte Fluggerät (sUAS - small Umanned Aircraft System) von Andaril Industries schnelle und anwendungsnahe Erprobung. Somit fungiert der Cyber Innovation Hub als Ideen-und Impulsgeber für die Truppe. Zum anderen baut er em zukunftsweisendes Int- rapreneurship-Programm auf, das Soldatin- nen und Soldaten als Truppeninnovatoren ausbildet und sie dadurch zur Umsetzung ihrer Ideen befähigt. Perspektivisch soll der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr zur Förderung einer Innovationskultur innerhalb der Truppe beitragen. Die Selbstbefähigung der Truppe ist wegweisend. Aber um Start- ups adäquat einzubinden, bedarf es einer weitreichenden Reduzierung der Komple- xität von Verantwortlichkeiten, Vorschriften und Verfahren im Projektwesen. Dies ge- lingt jedoch nur, wenn auch die Industrie- partner bei diesem Prozess mit einbezogen werden. Diese stehen allerdings, Stand heu- te, vor noch größeren Herausforderungen, als sie sich eingestehen möchten. Die deutsche Verteidigungs- industrie am Scheideweg Dem software-zentrischen Geschäftsmo- dell von Start-ups stehen die mehrheitlich hardware-zentrischen Geschäftsmodelle der großen Systemhäuser, die auf lang- fristig geplante und bereits umgesetzte Entwicklungen ausgelegt sind, entgegen. Dieser Umstand führt dazu, dass der Zeit- plan für Hardware-Aktualisierungen den Zeitplan für Software-Aktualisierungen bestimmt. Das Resultat sind mehrjährige Software-Entwicklungszyklen, die zum Scheitern verurteilt sind. Die jetzigen indus- triellen Fähigkeiten stehen jedoch im star- ken Kontrast zu den Anforderungen der Systems-of-Systems-Großprojekte, wie z.B. dem Future Combat Air System (FC AS). Auf- grund der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts werden diese Projekte von kur- zen Entwicklungszyklen und kurzfristigen Anpassungen an Kundenfeedback geprägt sein. Die Anforderungen des Kunden, die Demokratisierung des Zugangs zu innova- tiven Technologien und der internationale Wettbewerb sorgen dafür, dass sich die Verteidigungsindustrie entscheiden muss, ob sie weiterhin als geschlossenes Ökosys- tem agieren will und langfristig kann. Mit der Entwicklung einer nachhaltigen Innova- tionslandschaft erhielte sie Zugang zu neu- en Entwicklungsmethoden und modernen IT-Themen sowie zu Personal, das nicht nativ im Verteidigungsbusiness arbeiten würde. Darüber hinaus ergäben sich Invest- ment-Möglichkeiten sowie eine potenzielle Vergrößerung des Portfolios. Innovation zwingend nötig Der deutsche Verteidigungssektor wird aufgrund seiner bestehenden Struktur nicht in der Lage sein, die digitalen Her- ausforderungen aus eigener Kraft zu stem- men, Daher muss er zusammen mit dem Bedarfsträger eine zukunftsfähige Innova- tionslandschaft für junge, innovative Unter- nehmen in Deutsch land schaffen. Genauso wie die Industrie ohne den Willen zur Ver- änderung den schnellen Anforderungen des digitalen Zeitalters nicht nachkommen wird, so werden Start-ups nicht in der La- ge sein, Großprojekte wie künftige Luft- kampfsysteme zu bewältigen. Das müssen Start-ups auch nicht, aber sie können dem digitalen Nachholbedarf auf Seiten der Ver- teidigungsindustrie dienlich sein. Mit der Schaffung solcher Win-win-Beziehungen, die das Beste aus Verteidigungsindustrie, Bundeswehr und Start-up-Ökosystem ver- eint, erhält der Soldat, um den es hier geht, das richtige Produkt, um seinen Auftrag für unser Land zu erfüllen. Die einzelnen Elemente sind da, wir müssen sie nur klug zusammenfügen. Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 97
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Syste m re I eva nz nationaler Schlüsseltechnologien im Bereich Sicherheit und Verteidigung Hans Christoph Atzpodien Ein in der Corona-Krise öffentlich viel diskutierter Begriff ist „Systemrelevanz“. Atemschutzmasken und medizinische Schutzkleidung werden mittlerweile im Lichte der jüngsten Erfahrungen als systemrelevant ei n- gestuft, weil man sie innerhalb unseres Gesundheitssystems dringend zur Behandlung von COVID-19- Patienten benötigt, sie aber aus heimischer Produktion nicht in ausreichendem Umfang beschaffen konnte. Daraus hat sich die Diskussion entwi- ckelt, welche Güter insbesondere im Krisenfall eine derartige System- relevanz aufweisen. Ein Definitionsvor- schlag lautet: Alles, was zum Überleben der deutschen Gesellschaft essenziell ist, ist als System relevant zu betrachten. Oder anders gesagt: System relevant ist, was zur Erfüllung des elementaren staatlichen Sicherheitsauftrages gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern unabdingbar ist. Eine Hilfe leistet das zentrale sicherheits- politische Dokument der Bundesregie- rung, nämlich das Weißbuch zur Sicher- heitspolitik und zur Zukunft der Bundes- wehr aus dem Jahr 2016, Abschnitt 1.1.2: „Verpflichtung und Ziele deutschen Re- gierungshandelns sind die Wahrung von Freiheit, Sicherheit und Wohlstand un- serer Bürgerinnen und Bürger sowie die Förderung von Frieden und die Stärkung des Rechts. Deutsche Sicherheitspolitik ist wertegebunden und interessengelei- tet. Die objektive Richtschnur für die For- mulierung unserer nationalen Interessen bilden die Werteordnung unseres Grund- gesetzes, insbesondere die Menschen- würde und die sonstigen Grundrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit sowie die Bestimmungen des europäischen Rechts und des Völkerrechts, insbesondere zum Schutz universaler Menschenrechte und zur Wahrung des Friedens.' Dr. Hans Christoph Atzpodien ist Hauptgeschäftsführer des Bun- desverbandes der Deutschen Sicher- heits- und Verteidigungsindustrie e.V (BDSV). Atemschutzmasken und medizinische Schutzkleidung werden mittlerweile im Lichte der jüngsten Erfahrungen als systemrelevant eingestuft, weil man sie innerhalb unseres Gesundheitssystems dringend zur Behandlung von COVID-19-Patienten benötigt, sie aber aus heimischer Produktion nicht in ausreichendem Umfang beschaffen konnte (im Bild eine Anlieferung von Atemschutzmasken aus China) Gesundheit ist System relevant Auch wenn die Gesundheit der Bürger dort nicht ausdrücklich genannt ist, handelt die Bundesregierung entspre- chend dem Gebot der Menschenwürde, wenn sie Schutzgüter zur Wahrung der Gesundheit als systemrelevant einstuft. Aber erst recht muss dann gemäß Art. 87 a des Grundgesetzes alles, was der Funktionsfähigkeit der Streitkräfte dient, ebenfalls als systemrelevant eingestuft werden. Nicht zuletzt muss dies auch für den Schutz Kritischer Infrastrukturen bzw. kritischer Ressourcen gelten, die das Weißbuch ebenfalls erwähnt, unter an- derem im Zusammenhang mit möglichen Cyber-Angriffen. Wie steht es dabei nun mit dem Schar- nier zwischen Systemrelevanz und den nationalen Schlüsseltechnologien, wie sie zuletzt durch das „Strategiepapier der Bundesregierung zur Stärkung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie" vom 12. Februar 2020 definiert worden sind. Diese nationalen Schlüsseltechnolo- gien sind nicht etwa nur solche Techno- 98 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020
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Wie viel Autarkie braucht Deutschland? Was nützt es uns im Rahmen einer global vernetzten, arbeitsteiligen Wirtschaft, wenn wir uns darauf verlassen, dass ande- re Nationen bessere Atemschutzmasken, Medikamente, Flugzeuge oder Fregatten herstellen können als wir, wenn wir dann bei der entscheidenden Nagelprobe für unsere Überlebensfähigkeit keine derar- tigen Geräte in ausreichender Qualität zur Verfügung haben? Der Begriff der „nationalen Schlüsseltechnologie" hat von seiner gesamten Genese her immer auch das Element einer strategischen Ent- scheidung aus einem nationalen Souve- ränitätsinteresse in sich getragen. Immer schon ging es um die Frage, was wir im Bereich Sicherheit und Verteidigung zu unserer Überlebensfähigkeit unbedingt benötigen, aber auch was wir der Rolle Deutschlands wegen als technologische Basis brauchen. Souveränität in Bezug auf die Überlebensfähigkeit der Gesell- schaft, aber auch in Bezug auf Deutsch- lands übrige Verpflichtungen, die ohne Überlebensfähigkeit nicht erfüllbar sind, haben wir eben nur dann, wenn wir im entscheidenden Moment über alle sys- temrelevanten Ressourcen verfügen. Dieser Gedanke findet sich übrigens be- reits in dem Vorgänger-Strategiepapier vom 8. Juli 2015: „Es gilt, die erforder- lichen militärischen Fähigkeiten und die Versorgungssicherheit der Bundeswehr sowie die Rolle Deutschlands als zuver- lässigem Kooperations- und Bündnispart- ner technologisch und wirtschaftlich si- cherzustellen, insbesondere im Rahmen auch zunehmend globalisierter Liefer- ketten. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung verteidigungsindustri- elle Schlüsseltechnologien identifiziert, deren Verfügbarkeit aus nationalem Si- cherheitsinteresse zu gewährleisten ist, gegebenenfalls auch in Abstimmung und Zusammenarbeit mit unseren europäi- schen Partnern." Dazu kompatibel heißt es in dem neuen Strategiepapier vom 12. Februar 2020: „Die Versorgung mit Aus- rüstung sowie die Funktionsfähigkeit kri- tischer Infrastrukturen müssen zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein. ... Die hier- für notwendigen Schlüsseltechnologien sollen von dauerhaft vertrauenswürdigen Herstellern bezogen werden, ohne dabei von Drittstaaten außerhalb der EU ab- hängig zu sein, Dies erfordert eine inno- vative, leistungs- und wettbewerbsfähige Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in Deutschland und der EU." Würde die- ser Passus unter Einbeziehung der Co- rona-Krise neu gefasst, würde vielleicht auch die Abhängigkeit von EU-Ländern als kritisch eingestuft werden. Alle diese Zitate belegen, dass die Schlüs- seltechnologien im Bereich der Sicher- heits- und Verteidigungsindustrie eine Ableitung aus dem übergeordneten Be- griff der „Systemrelevanz" im Sinne von Sicherstellung der Überlebensfähigkeit unserer Gesellschaft sind. Die wesent- liche Folgerung daraus sollte sein, dass die Definition der nationalen Schlüssel- technologien im Rahmen des Strategie- papiers vom 12. Februar 2020 im Lichte der Corona-Erfahrungen nochmals neu und umfassender im Sinne von System- relevanz überdacht werden muss. Ein Beispiel: Die Corona-Krise lehrt uns, dass in einem solchen Krisenfall sehr schnell alle innereuropäischen Grenzen undurch- lässig werden. Allein diese Erfahrung muss tief greifende Auswirkungen auf die erweiternde Betrachtung nationaler Schlüsseltechnologien im Bereich Sicher- heit und Verteidigung haben. Was müs- sen wir beispielsweise in dem bisher sehr stark europäisch gesehenen Bereich der militärischen Luftfahrtan eigenen, natio- nalen Fähigkeiten behalten oder wieder neu aufbauen, um für Polizei und Bun- deswehr im Krisenfall (wie Corona) die je- derzeitige Verfügbarkeit ihres fliegenden Gerätes sicherzustellen? Ähnliche Fragen werden sich auch in anderen Bereichen stellen. Hinzu kommen die Fälle, in denen wir für unsere Hightechausrüstung von Spezialteilen aus fernen Gegenden die- ser Welt (Stichwort: sensible Lieferketten) angewiesen sind. Diese Abhängigkeiten müssen im Schulterschluss zwischen Bundesregierung und Industrie von Neu- em auf ihre Systemrelevanz hm analy- siert werden. Hierbei sind die Bereiche Sicherheit und Verteidigung im Vergleich zu anderen Feldern - wie man es gegen- wärtig im Bereich der Gesundheitspro- dukte sieht - durch das Strategiepapier vom 12. Februar 2020 heute schon ver- gleichsweise besser aufgestellt, wenn es um die Definition systemrelevanter Technologien und damit auch Fähigkei- ten geht. Aber dieser Vorsprung muss anhand der Corona-Lehren im Dia- log zwischen Amtsseite und Industrie durch weitere Verständnis-Schärfungen genutzt und weiter operationalisiert werden. 100 I Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
Marketing Report: THEON SENSORS । * ~ THEON SENSORS - ein modernes griechisches Wunder THEON Stammsitz in Athen THEON SENSORS hat ausgehend vom Stammsitz in Athen, Griechenland, in den letzten Jahren den Weltmarkt für Nacht- sicht- und Wärmebildgeräte kräftig aufge- wirbelt, neue Maßstäbe gesetzt und nimmt heute eine weltweit führende Position auf diesem Gebiet ein. 1997 begann die Firma mit einer Hand voll Leuten und bearbeitete ausschließlich den griechischen Markt. Seit dem hat sich THEON SENSORS zu einem globalen Player entwickelt, mit mehr als 100.000 Geräten in Nutzung oder unter Vertrag in über 50 Ländern weltweit. Die Anfänge THEON SENSORS begann früh einen ex- trovertierten Geschäftsansatz zu pflegen und gewann 2004 eine erste internatio- nale Ausschreibung über die Lieferung von Fahrernachtsichtsystemen für die australi- schen Streitkräfte. Es folgten weitere Export- verträge, wobei der Durchbruch in die erste Liga des internationalen Nachtsichtmarktes im Jahr 2010 erfolgte, als THEON SENSORS eine Ausschreibung über die Lieferung von Nachtsichtmonokularen an die schwedi- schen Streitkräfte gewann und damit den globalen Wettbewerb überrumpelte. Dieser Vertrag war letztlich ein Wendepunkt für das Unternehmen. Die schwedische Armee bestellte in Anerkennung der hervorragen- den Systemqualität und -leistung, sowie der außergewöhnlichen Kundenbetreuung fast 15.000 Systeme über die Vertragslaufzeit von fünf Jahren - viel mehr als ursprüng- lich geplant. Während Theon in anderen europäischen Ländern, wie den Niederlan- den und Dänemark, weitere große Erfolge verzeichnete, erweiterte das Unternehmen seine globale Reichweite durch die Grün- dung von Tochtergesellschaften in Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Darüber hinaus ging die Firma Koprodukti- onspartnerschaften in verschiedenen asiati- schen Ländern ein. Die Erfolgsgeschichte der binokularen Nachtsichtbrille NYX Um das Jahr 2013 wechselten weltweit viele Nutzer von monokularen Nachtsichtgeräten auf binokulare Systeme. Auf diesen Trend reagierte THEON SENSORS mit der Einfüh- rung der NYX Familie. Nach einer Reihe klei- nerer Verträge markierten zwei Aufträge der Bundeswehrden Durchbruch, alsTheon mit der Lieferung binokularer Nachtsicht- brillen sowohl für die Militärkraftfahrer als auch für das Kommando Spezialkräfte (KSK) beauftragt wurde. In Zusammenarbeit mit dem KSK wurde die binokulare Brille NYX einem 18-monatigen Abnahmetest unterzogen, in dessen Rahmen das System unter arktischen, Wüsten- und Dschungelbedingungen getestet wurde, was zu verschiedenen Upgrades und Modifikationen der Brille führte. Das Ergeb- nis dieser Osmose zwischen griechischem Talent& Unternehmertum, sowie deutscher Industrie-DNA war die brandneue, verbes- serte NYX, welche eine hervorragende op- tische Leistung bei geringem Gewicht bie- tet, ohne dabei jedoch die Robustheit oder Ergonomie des Systems zu beeinträchtigen. Die „neue NYX" setzte ihren internationa- len Erfolg mit Verträgen in Polen, Lettland, Portugal und Österreich fort, während der THEON SEN SO RS- Pa rtn er SAFRAN -Vectron ix von der Schweizer Armee einen Auftrag über die Lieferung von 8.385 NYX-Nacht- sichtbrillen erhielt, welche ab 2020 durch SAFRAN-Vectronix vor Ort montiert wer- den. Zur Unterstützung der europäischen Aktivitäten gründete THEON SENSORS im Frühjahr 2019 die deutsche Tochterge- sellschaft Theon Deutschland GmbH, die bereits im ersten Jahr ihres Bestehens einen Auftrag der Bundeswehr zur Lieferung von Restlichtverstärkervorsatzgeräten zur quer- schinittlichen Nutzung auf verschiedensten Handwaffen erhielt. Eintritt in den US-Markt Parallel zu den europäischen Kampagnen für die Nachtsichtbrille NYX unterzeich- nete THEON SENSORS 2016 eine strategi- sche Partnerschaft mit Harris, dem renom- mierten amerikanischen Hersteller von Restlichtverstärkerröhren und Nachtsicht- systemen, welcher kürzlich von Eibit Sys- tems of America (ESA) übernommen wurde. Diese Vereinbarung gewährt HARRIS / ESA das Recht, die Nachtsichtbrille NYX für den US-Markt unter der Bezeichnung F5032 un- ter Verwendung amerikanischer Bildverstär- kerröhren der 3. Generation zu vermarkten und vor Ort zu montieren. Im Sommer 2019 setzte sich Harris/ESA mit der brandneuen F5032 gegen alle Wettbewerber durch und gewann einen 5-Jahres-IDIQ-Vertrag über mindestens 14.000 Nachtsichtbrillen fürdasUS Manne Corps. Im Rahmen dieses Vertrages soll die F5032 (und damit letztlich die NYX) die US-Bezeichnung PVS-31B erhalten, welche demnach die L3 PVS-31A als Langzeitstandard und vermutlich weltweit beste Nachtsichtbrille ihrer Klasse ablösen würde. Im März 2020 eröffnete THEON SENSORS dann eine neue US-Tochtergesellschaft, um die globale Reichweite konsequent weiter auszubauen. Die Zukunft vor Augen Die Geschichte von THEON SENSORS mutet wirklich wie ein modernes griechisches Wunder an. Das Unternehmen verfolgt beharrlich die Vision starke internationale Partnerschaften zu schmieden und ist da- durch am besten Wege ein wahrlich euro- päischer Champion in der Rüstungsindust- rie zu werden. 101
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Anforderungen so weit wie möglich harmonisieren Foto: OCCAR Der italienische Vizeadmiral Matteo Bisceglia leitet die OCCAR seit dem 21. September 2019 ES&T: Die OCCAR besteht seit 22 Jahren und Sie sind seit etwas mehr als einem hal- ben Jahr der Direktor dieser Organisation. Wie beurteilen Sie die aktuelle Rolle und den Status der OCCAR im Rüstungsumfeld und was sind Ihre persönlichen Ziele für die Organisation? Bisceglia: Seit Beginn meiner Amtszeit als Direktor der OCCAR sind sieben Monate Interview mit Vizeadmiral Matteo Bisceglia, Direktor OCCAR-EA vergangen; herausfordernde Monate, in denen ich eine Bestandsaufnahme der Ak- tiva der Organisation vorgenommen und die strategischen Ziele für die Zukunft mit den Mitgliedern meines Aufsichtsrates, den Nationalen Rüstungsdirektoren und den Vertretern der Industrie diskutiert habe. He- rausfordernde Monate auch deshalb, weil wir es mit dieser schrecklichen Coronavi- rus-Pandemie zu tun haben, die, wie Sie sich vorstellen können, alles komplizierter macht. Aber ich vertraue darauf, dass wir, wenn wir sie hinter uns lassen, sicher stärker sein wer- den. Nach diesen Vorbemerkungen möchte ich darauf hinweisen, dass die OCCAR, die ich übernommen habe, eine leistungsstarke und effektive Organisation ist, sehr schlank und mit sehr geringen Gemeinkosten. Mei- ner Meinung nach hat die OCCAR bereits vor der Einleitung der europäischen Initia- tiven eine wichtige Rolle in Europa gespielt, eine Rolle, die durch diese Initiativen noch verstärkt wurde. Im Jahr 2017 kamen 25 EU-Mitgliedstaaten überein, die OCCAR als bevorzugte Managementorganisation im Rahmen der Verpflichtungen zur Zu- sammenarbeit mit der Ständigen Struktur (PESCO) in Betracht zu ziehen. Durch PESCO und das Europäische Programm für indust- rielle Entwicklung im Verteidigungsbereich (EDIDP) erwarte ich, dass mehr europäische Nationen der OCCAR-Gemeinschaft beitre- ten werden. Als die OCCAR gegründet wurde, gaben die Gründungsstaaten ihr ein ähnliches Ziel wie der jüngsten EDIDP-Initiative vor, OCCAR OCCAR (Organisation Conjointe de Cooperation en Matiere f d'Armement), die Gemeinsame Organisation für Rüstungs- k kooperation, wurde am 12. November 1996 von Deutsch- | land, Frankreich, Großbritannien und Italien gegründet, um ji gemeinsame Rüstungsprogramme zu koordinieren und da- 2 mit Geld zu sparen. Im Februar 2001 wurden mit der Inte- gration des Schützenpanzers Boxer (mit den Niederlanden als teilnehmendem Staat), COBRA (Counter Battery Radar - Langstrecken-Gefechtsfeldradarprogramm), FSAF (Future Surface-to-Air Family - l-lugabwehrraketenprogramm), den Panzerabwehrlenkraketensystemen HOT und Milan, dem Flugabwehrsystem Roland und dem Kampfhubschrauber Tiger die ersten Programme gestartet. 2003 wurde Belgien fünfter Mitgliedstaat unddasA400M-Programm initiiert, mit Spanien, der Türkei sowie Luxemburg als Teilnehmerstaaten. 2005 wurde Spanien Mitgliedsland und die FREMM-Schiff- bauprogramme wurden integriert. 2008 starteten die Mit- gliedsländer das ESSOR-Programm (European Secure Soft- ware defined Radio) mit Finnland, Polen und Schweden als zusätzliche Teilnehmerländer. Es folgten eine Reihe weiterer Programme, wie unter anderem das Eurodrohnenprogramm. Mit Litauen schloss sich im Herbst 2016 ein weiteres Teilnehmerland dem Boxer-Programm an. Insgesamt hat die in Bonn beheimatete Organi- sation rund 300 Mitarbeiter. (wb) 102 Europäische Sicherheit & Technik Juni 2020 Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE nämlich die Stärkung der Wettbewerbs- fähigkeit der europäischen Technologie und industriellen Basis im Bereich der Verteidigung. (EDTIB) zu ermöglichen, Heute arbeite ich mit der Europäischen Kommission zusammen, um bestimmte Aufgaben der EDIDP zu übernehmen, da zwei der laufenden OCCAR-Programme in ihrem Arbeitsprogramm anerkannt werden; dies zeugt von der Effizienz der Organisation. Die Vision der OCCAR ist es, ein europä- isches Kompetenzzentrum für das Ma- nagement komplexer Rüstungsprogram- me zu sein. Dies ist daher mein erstes Ziel: die Stärkung des Rufs der Organisation als Kompetenzzentrum für das Life Cycle Ma- nagement multinationaler Verteidigungs- systeme. Dazu muss die Organisation so schlank und flexibel wie möglich bleiben, Vorteile, die die OCCAR gegenüber jeder anderen Organisation, sowohl national als auch international, bietet. Mein zweites Ziel, das mit dem ersten ver- bunden ist, besteht darin, dass die OCCAR von der Europäischen Kommission als ein vertrauenswürdiger und zuverlässiger Partner anerkannt wird. Ich habe den Um- fang unserer derzeitigen Zusammenarbeit im Rahmen der EDIDP umrissen. Ein gu- tes Ansehen bei der Kommission ist sehr wichtig für unsere künftige Beteiligung an dem Folgeprogramm, dem Europäischen Verteidigungsfonds. Mein drittes Ziel ist es, die EU-Länder, die nicht Mitglied der OCCAR sind, für die Vor- teile der OCCAR zu sensibilisieren. Wenn ein Land kein OCCAR-Mitgliedstaat ist, ist das kein Hindernis für die Teilnahme an ei- nem unserer Programme. Ganz im Gegen- teil, im Rahmen des Managements dieser Programme haben alle Nationen gleiche Rechte und Privilegien. Die Aufnahme Li- tauens in das OCCAR-BOXER-Programm in nur acht Monaten ist ein gutes Beispiel für diese Möglichkeit und die Effizienz der OCCAR beim Integrationsmanagement. Wir sind bereit, neue Herausforderungen anzunehmen, und ich freue mich darauf, dass der OCCAR kurzfristig eine ganze Reihe neuer komplexer Programme an- vertraut werden, auch wenn die Corona- virus-Pandemie em Hindernis darstellen könnte. ES&T: Wie ist die Beziehung zwischen EDA und OCCAR, und wie teilen Sie die Verantwortung? Bisceglia: Die OCCAR-Konvention wur- de 1998 unterzeichnet, und zu diesem Zeitpunkt war die EDA noch nicht ge- gründet. Im Jahr 2004 wurde die EDA durch einen Ratsbeschluss gegründet, und es war auch der Rat, der die EDA be- auftragte, angesichts unserer Rolle bei der Förderung und Entwicklung von Koope- rationsprogrammen nach größeren Syn- ergien mit der OCCAR zu suchen. Der Rat beauftragte die EDA insbesondere damit, Doppelarbeit zu vermeiden. Genau dies haben wir seither getan. EDA und OCCAR sehen sich als zuverlässige und komple- mentäre Partner mit unterschiedlichen Rollen bei der Förderung neuer Koope- rationsprojekte. Die EDA konzentriert sich auf den vorgelagerten Teil der Koopera- tionsförderung, die Harmonisierung der Anforderungen, die Vorbereitung, die For- schung und die Technologien, während Foto: Airbus Eine deutsche A400M; bis 2026 will die Luftwaffe insgesamt 53 dieser Transporter in Dienst stellen die OCCAR sich auf die Entwicklung, die Fertigung, den Betrieb und die Verwer- tung im Rahmen dieser Kooperationspro- gramme konzentriert. Im Jahr 2012 haben wir erfolgreich eine Verwaltungsvereinbarung abgeschlos- sen, die die Rollen und die Beteiligung beider Organisationen definiert und die Übertragung eines Programms von der EDA auf die OCCAR skizziert. Wir haben Beispiele für diese fruchtbare Zusammenarbeit: MUSIS, ESSOR, das MMF- und das MMCM-Programm wur- den innerhalb der EDA geboren. Durch die Wirtschaftskrise wurden die Vertei- digungsbudgets jedoch erheblich ge- kürzt, und obwohl es hier mehr Koope- rationsprogramme gegeben hätte, sah die Realität ganz anders aus; es wurden mehr Programme auf nationaler Ebene entwickelt. Wir erwarten, dass die eu- ropäischen Initiativen die Rüstungszu- sammenarbeit wieder beleben werden und dass durch die EDA-OCCAR-Ver- waltungsvereinbarung neue Program- me entstehen, um die von den Natio- nen festgestellten Fähigkeitslücken zu schließen. ES&T: Welche Auswirkungen hatte die Einführung der Initiative zur Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit (Perma- nent Structured Cooperation - PESCO) auf die Struktur und die Arbeit der OCCAR? Welche Entwicklungen sind in diesem Zu- sammenhang noch zu erwarten? Bisceglia: PESCO wurde im Dezember 2017 eingeführt. Die Staaten haben sich zur Zu- sammenarbeit und zur Unterstützung der Technologie- und industriellen Basis im Be- reich der Verteidigung in Europas verpflichtet. Im Rahmen der 18. Verpflichtung kamen die Nationen überein, die OCCAR als bevorzugte Führungsorganisation zu betrachten. Wie Sie sich vorstellen können, besteht eine gewisse Erwartung, dass einige der Projekte, die im Rahmen von PESCO lanciert wurden, irgend- wann der OCCAR an vertraut werden. Derzeit gibt es 47 PESCO-Projekte, jedes mit einem anderen Reifegrad. Eine Reihe von Projekten wurde bereits gestartet, bevor sie zu PESCO-Projekten wurden, andere benötigen EDIDP-Mittel, um vor- anzukommen, und viele von ihnen wer- den die Einleitung eines Beschaffungs- prozesses erfordern. Hier kann OCCAR eine wichtige Rolle spielen. Bis jetzt hat PESCO keine Änderung der Struktur der OCCAR oder ihrer Arbeit zur Folge gehabt. Wenn eine große Anzahl von PESCO-Kleinprojekten an die OCCAR übertragen werden sollte, könnte dies ei- ne Überprüfung der OCCAR-Struktur er- fordern, die aktuell für das Management großer und komplexer Rüstungspro- gramme konzipiert ist. Doch im Moment sind wir noch nicht so weit. ES&T: Wie sieht das aktuelle Portfolio der OCCAR-Rüstungsprogramme aus, und welche davon würden Sie als „Leucht- turmprojekte" der OCCAR bezeichnen? Juni 2020 - Europäische Sicherheit & Technik 103
Abb.: OCCAR Im Rahmen des PESCO-Projekts ESSOR (European Secure Software- defined Radio) sollen gemeinsame, interoperable und sichere Technolo- gien für die Sprach- und Datenkom- munikation entwickelt werden Bisceglia: Die OCCAR hat derzeit drei- zehn Programme in ihrem Portfolio. Es handelt sich um den strategischen Lufttransporter A400M, das gepanzer- te Fahrzeug Boxer, das Gefechtsfeldra- dar COBRA, das europäische Software Defined Radio ESSOR, die Familie der FSAF- Missile Defence-Systeme, die Mehrzweck-Fregatten FREMM, das MA- LE-RPAS, die Seeminenjagdprogramme MMCM, die Mehrzweck-MRTT-Flotte MMF (wir leiten die Akquisitionsphase für NSPA), das multinationale weltraum- gestützte Bildgebungssystem MUSIS, das logistische Unterstützungsschiff LSS, das Mehrzweck-Patrouillenschiff PPA und den Hubschrauber Tiger. Wir integrieren derzeit zwei weitere Projekte, eines für die Beschaffung von Nachtsichtgeräten für Belgien und Deutschland und ein wei- teres für einen taktischen Flugkörper für den Tiger-Hubschrauber für Frankreich, Bei den FREMM-Fregatten handelt es sich um eine Variante der französisch-italienischen Führungs- und Luftverteidigungsschiffe des Horizon-Projekts; im Bild: die Fregatte „Provence" der Französischen Marine der sich auch für eine mögliche Integrati- on in das MALE RPAS eignet. Ich bin der Meinung, dass alle OCCAR-Pro- gramme erfolgreich sind und ihre Ergebnis- se die Spezifikationen ihrer Kunden erfüllen. Nehmen Sie zum Beispiel die A400M. Sie ist ein fantastisches und einzigartiges stra- tegisches und taktisches Transportflugzeug, und alle Besatzungen, die es fliegen, sind äußerst zufrieden mit den Fähigkeiten, die das Flugzeug bereits bietet. Wenn wir uns den Landbereich ansehen, werden Sie, an- gesichts der guten Leistung, des Schutzes und der Vielseitigkeit, gepaart mit dem modularen Aufbau und angesichts des in vielen Nationen geweckten Interesses, wohl zustimmen, dass der Boxer eines der am besten gepanzerten Fahrzeuge auf dem Markt ist. Das MMF ist eine weitere Erfolgs- geschichte, ein Beweis für die fruchtbare Zusammenarbeit von EDA, NSPA und OC- CAR. Dieses Programm basiert auf dem be- stehenden Produkt/Programm, so dass nur wenig Entwicklung erforderlich war und die Konfiguration aller Flugzeuge gleich ist, was die vollständige Interoperabilität der Flotte gewährleistet; das FREMM-Programm ist ein weiteres herausragendes Programm, das sowohl in Bezug auf die Zeit, die Kosten als auch die Leistung pünktlich ist. Wenn wir uns die Zukunft von OCCAR ansehen, wird das MALE RPAS, eine kri- tische Fähigkeit, die vom EU-Rat 2013 identifiziert wurde, zu einem weiteren „Leuchtturmprojekt'' heranwachsen, so- bald der Vertrag für die Entwicklung, die Produktion und die vorläufige logistische Unterstützung unterzeichnet ist, hoffent- lich im Laufe des Jahres. ES&T: Wie ist der aktuelle Stand des Boxer-Programms für die British Army? Können Sie die Vertragsstruktur näher erläutern? Bisceglia: Am 4. November 2019 unter- zeichneten die ARTEC Chief Executive Officers und ich im Namen des Vereinig- ten Königreichs einen Vertrag über die Beschaffung von mehr als 500 Fahrzeu- gen. Nach dem Wiedereintritt Großbri- tanniens in das Programm im Jahr 2018 und dem Vorschlag der Industrie Anfang 2019 haben Mitarbeiter der OCCAR-EA BOXER-Programmabteilung und Spe- zialisten aus der Abteilung DE&S des britischen Verteidigungsministeriums hart daran gearbeitet, den Vertrag mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis zu evaluieren, auszuhandeln und die elfte Änderung des Serienproduktions- vertrags abzuschließen. Dies wurde in einem sehr kurzen Zeitrahmen von nur acht Monaten erreicht. Der Vertrag für das Vereinigte Königreich änderte den Vertrag für Deutschland, die Niederlande und Litauen und umfasst die Lieferung von fünf Prototypen in vier spezifischen Baukonfigurationen (Mannschaftstrans- porter für die Infanterie, Spezialfahrzeug, Gefechtsstand und Krankenwagen) und mehr als 500 Serienfahrzeugen, erste In-Service-Support-Pakete und Special to Role Kits. Die Produktion der britischen Flotte wird zwischen Deutschland und dem Vereinig- ten Königreich aufgeteilt. In einem ersten Schritt werden die Prototypen in Deutsch- land von den Hauptauftragnehmern von ARTEC, den Firmen Krauss-Maffei Weg- mann und Rheinmetall, hergestellt. Die erste Phase der Serienfertigung wird auf den deutschen Fertigungsstraßen beider Unternehmen durchgeführt. Arbeiter aus Großbritannien werden in der Montage der Fahrzeuge geschult, und nach dem notwendigen Wissenstransfer wird die Produktion in neue Anlagen in Großbri- tannien verlagert. Der Plan sieht die ersten Versuche im Juni 2022 und die Ausliefe- rung des ersten Serienfahrzeugs an den britischen Kunden bis November 2022 vor. Die Bemühungen sind im Gange und liegen derzeit gut im Zeitplan. Die erste Critical Design Review ist für später in diesem Jahr geplant. ES&T: Welche Auswirkungen wird der BREXIT auf die Arbeit der OCCAR haben? Bisceglia: Großbritannien ist eine der vier OCCAR-Gründungsnationen, und folglich hat die Tatsache, dass Großbritannien die Europäische Union verlassen hat, keine Auswirkungen auf das Konstrukt der OC- CAR Je nach den Vereinbarungen über die Zollgebühren könnten sich jedoch Verzö- gerungen bei den Lieferungen von Teilen für die Programme ergeben, an denen bri- tische Hersteller beteiligt sind. 104 I Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE ES&T: Was sind die nächsten Schritte und der voraussichtliche weitere Zeitplan des ESSOR-Projekts, nachdem Deutsch- land beigetreten ist? Bisceglia: Deutschland ist dem ES- SOR-Proqramm als Teilnehmerstaat mit vollen Rechten beigetreten. Im Rahmen der aktuellen Programmphase „ESSOR Operational Capability 1" haben die ehe- maligen ESSOR-Staaten die Zeitpläne für die bereits vertraglich vereinbarten Er- gebnisse, einschließlich der abschließen- den Interoperabilitätstests, beibehalten, während Deutschland die Portierung der gemeinsamen Produktkommunikations- software (die so genannte Breitbandwel- lenform) auf ihre Funkplattformen nach- holen kann. Daher ist eine zweite Runde von Interoperabilitätstests geplant, die Anfang 2023 mit allen Nationen (ein- schließlich Deutschland) durchgeführt werden soll. Gleichzeitig beteiligt sich Deutschland an den von der Europäi- schen Kommission mit finanzierten ES- SOR PESCO/EDIDP-Projekten, die Zweige des ESSOR-Baums sind. Diese neuen Pro- jekte werden in die OCCAR integriert und die entsprechenden Vertragsunterzeich- nungen sind für Dezember 2020 geplant. ES&T: Cyber-Sicherheit und Hyperschall- technologie gehören zu den Themen, die aktuell in aller Munde sind. Eröffnen die- se Technologiesektoren neue Perspekti- ven für die OCCAR? Bisceglia: Artikel 7 der OCCAR-Kon- vention beauftragt die Exekutivver- waltung (d.h. das Organ, das die von den Mitgliedstaaten zugewiesenen Rüstungsprogramme kontrolliert und umsetzt). In der Praxis bedeutet dies, dass die OCCAR-EA die ihr anvertrauten Programme durchführt, die vom höchs- ten Entscheidungsgremium der OCCAR, dem Aufsichtsrat, genehmigt werden. Es ist nicht Sache der Exekutivverwal- tung, zu entscheiden, welche Program- me durchzuführen sind; dies ist eine souveräne Entscheidung der Nationen. Mir ist jedoch klar, dass im Bereich der Cyber-Sicherheit und der Hyperschall- technologien noch viel zu tun ist. Die Cyber-Verteidigung steht natürlich ganz oben auf der Liste der künftigen Ver- teidigungserfordernisse, wobei die Hy- bridkriegführung eng damit verbunden ist. Die OCCAR ist bereit und willens, auch solche Programme anzunehmen, wenn die Nationen dies beschließen. Angesichts der Gemeinsamen Erklärun- gen der NATO und der EU könnte dies möglicherweise in Zusammenarbeit mit der NATO oder über die EU erfolgen, z.B. im Rahmen von PESCO. ES&T: Gibt es Pläne für eine Erweite- rung? Gibt es Länder, von denen man erwarten könnte, dass sie sich um eine OCCAR-„Mitgliedschaft" bewerben, gibt es neue internationale Rüstungsanforde- rungen und -programme, von denen Sie erwarten konnten, dass sie der OCCAR zugeordnet werden? Bisceglia: Die OCCAR wurde durch ihre Konvention (ein internationaler Vertrag) mit einer klaren europäischen Berufung gegründet. Durch ihre sehr flexible Ausrichtung kann die OCCAR neue Programme, neue Pro- grammphasen und neue Mitglieder oder Programmteilnehmerstaaten integrieren. Ich gehe davon aus, dass in naher Zukunft einige europäische Nationen erwägen wer- den, sich um eine Mitgliedschaft in der OC- CAR zu bewerben. Dies könnte aufgrund BUCH Koehler Howard Kramer ROLLING STONES Never Stop Rocking Hardcover* 25 x 29 cm • 272 Seiten zahlr. Färb- und S/W-Fotos € CD) 34,95 • ISBN 978-3-7822-1354-7 der EU-Initiativen und der Rolle, die die OCCAR innerhalb dieser Initiativen spielt, geschehen. Es ist für mich wichtig zu beto- nen, dass die Mitgliedschaft keine Voraus- setzung für ein von der OCCAR geführtes Programm ist. Jede Nation, die bereit ist, an einem OCCAR-Programm teilzunehmen, kann dies tun, sofern sie die Regeln und Vorschriften der OCCAR für das Manage- ment dieses Programms akzeptiert und damit die gleichen Rechte und Pflichten er- wirbt wie jeder Mitgliedstaat, der ebenfalls teilnimmt. Die OCCAR-Mitgliedschaft gibt den einzelnen Nationen auch die Möglich- keit, Einflussauf die Unternehmensprozes- se der Organisation zu nehmen, ist jedoch mit einem zusätzlichen Verwaltungsauf- wand verbunden, da hauptsächlich die Mitgliedstaaten die Kosten für das OC- CAR-Zentralbüro tragen. ABBA Alle Songs und ihre Geschichten Hardcover 18,5 x 23,7 cm • 176 Seiten zahlt Färb- und S/W-Fotos € (D) 24,95 - ISBN 978-3-7822-1362-2 Als vier Schweden Anfang der 70er-Jahre ihre Initialen zusammenlegten, konnte nie- mand ahnen, dass der neue Name zum In- begriff feinster Popkultur werden würde. Ein gutes Jahrzehnt lang dominierten ABBA die Charts, die Discos und unzählige Parties. Nach der Trennung des Quartetts war die Erfolgsgeschichte jedoch keineswegs be- endet. Befeuert vom Musical und dem Film Mamma mra, begeistert die Musik von ABBA heute wieder Millionen Fans. * ABBA - Affe Songs und Ihre Geschichten zeichnet die faszinierende Geschichte der Ausnahme- band Song für Song nach, von preisgekrön- ten Platin-Hits bis hin zu weniger bekannten Songs. Komplettiert wird diese Zeitreise durch viele, teils bisher unbekannte Fotos. john Blaney + 9-B + I + I + B-I+4 + I + + RI-I + I + + II4 + + ++** + + + »' + « JOHN LENNON Mit einem Vorwort von Yoko Ono Lennon Hardcover * 25 x 29 cm * 272 Seiten zahlr. S/W-Fotos €(D) 34,95 * ISSN 978-3*7622-1355-4 AUTO • FOTOGRAFIE GENUSS - GESCHICHTE HAMBURG • KALENDER * KREUZFAHRT- KUNST- MUSIK REISE * SCHIFFFAHRT1 TECHNIK Koehler koehler-books.de
Foto: OCCAR Das Vereinigte Königreich beschafft mehr als 500 8x8-Radfahrzeuge vom Typ Boxer in unterschiedlichen Varianten Ich habe vorhin auf den PESCO-Rahmen und die unter seinem Dach entstandenen Programme hingewiesen. Mit der Zusage, die OCCAR als die bevorzugte Manage- mentorganisation für die EDIDP-Initiative zu betrachten, haben die Staaten die Vo- raussetzungen für das Auflegen von noch mehr Kooperationsprogrammen erleich- tert, diese Programme können der OCCAR übertragen werden. Ich gehe also davon aus, dass sicherlich noch mehr europäische Nationen der OCCAR-Gemeinschaft bei- treten werden. Unabhängig davon freue ich mich sehr darauf. ES&T: Welche großen Rüstungsprojekte unter der Leitung der OCCAR sind bereits abgeschlossen? Bisceglia: Als die OCCAR gegründet wur- de, wurden der Organisation eine Reihe von Programmen anvertraut, die bereits angelaufen waren und heute noch Teil des Portfolios sind, nämlich Boxer, COBRA, Tiger und FSAF. Diese Programme befin- den sich jetzt hauptsächlich in der Phase der In-Service-Unterstützung, durchlaufen jedoch neue Entwicklungen für ihre Mid-Li- fe Upgrades. Alle diese Programme haben ihren Programmteilnehmerstaaten hoch- leistungsfähige Waffensysteme geliefert, die operativ eingesetzt wurden. Zwei weitere Programme wurden der OC- CAR bei ihrer Gründung anvertraut: das Boden-Luft-Waffensystem Roland und die Panzerabwehrprogramme HOT und MILAN wurden zum Zeitpunkt der Gründung in die OCCAR integriert. Diese Programme waren weiter fortgeschritten: die erste gemeinsa- me Entwicklung des Roland wurde im Ok- tober 1964 von Frankreich und Deutschland unterzeichnet, und die erste Produktion der deutsch-französischen HOT und MILAN be- gann 1974. Somit standen beide Program- me bereits kurz vor der Ausphasung; das Ro- land-Programm wurde 2007 und das Pro- gramm HOT/MILAN 2003 abgeschlossen. Man könnte also sagen, dass Roland und HOT/MILAN die einzigen Programme sind, die abgeschlossen wurden, obwohl die meisten ihrer Phasen vor der Übertragung an OCCAR verwaltet wurden. ES&T: Laufen die Projekte in der Regel rei- bungslos? Wie stark spielen nationale Indus- trieinteressen bei Ihrer Arbeit eine Rolle? Bisceglia: Wie reibungslos die Programme ablaufen, hängt davon ab, wie harmonisiert die technischen und betrieblichen Anforde- rungen an den Aufbau sind und wie inno- vativ das Programm ist. Je mehr Entwicklung ein Programm erfordert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auf dem Weg dorthin auf Schwierigkeiten stößt. Sie fragen, wie nationale Industrieinteres- sen die Arbeit der OCCAR beeinflussen. In meiner vierzigjährigen Erfahrung in der Rüstung habe ich zahlreiche Beispiele für Verteidigungsprogramme gesehen, bei denen Ineffizienzen durch den Wunsch der Teilnehmerstaaten nach einer gleich- wertigen industriellen Rendite eingeführt wurden. Der Generalunternehmer sollte die Möglichkeit haben, die Arbeit ungeachtet der nationalen Grenzen an den am besten geeigneten Unterauftragnehmer zu verge- ben. Zu oft habe ich auch gesehen, dass bei der kooperativen Entwicklung eines Systems jeder Teilnehmerstaat weiterhin den „juste retour"-Ansatz verfolgt und na- tionale Varianten fordert, die in der Praxis eine Einschränkung der Zusammenarbeit darstellen. Ich denke, wir alle verstehen, dass es politisch nicht einfach ist, einer aus- ländischen Industrie Arbeit anzubieten, weil die Regierungen ihren Bürgern gegenüber die Gründe für den möglichen Verlust von Arbeitsplätzen oder den Verlust von indus- triellem Know-how rechtfertigen müssen. Ich denke, dies ist einer der Hauptgründe für die bestehende europäische Zersplitterung in diesem Bereich. Meine früheren Positionen, entweder in der italienischen Marine oder in der OC- CAR als FREMM-Programmmanager ha- ben dazu geführt, dass ich diese Phäno- mene wiederholt erlebt habe. Mein Ziel als OCCAR-Direktor ist es, zu versuchen, die Anforderungen so weit wie möglich zu harmonisieren. ES&T: Welchen Einfluss hat die OCCAR auf die Zusammensetzung der Länder und Un- ternehmen, die ein Projekt durchführen? Bisceglia: Artikel 7 der OCCAR-Konven- tion beauftragt die Exekutivverwaltung mit der Kontrolle und Durchführung der Rüstungsprogramme, die ihr von den Mitgliedstaaten übertragen werden. Das bedeutet, dass die OCCAR die ihr an- vertrauten Programme mit Zustimmung des höchsten Entscheidungsgremiums der OCCAR, nämlich des Aufsichtsrates, führt. Die verschiedenen Teilnehmerstaa- ten einigen sich untereinander, bevor sie das Programm der OCCAR anvertrau- en, so dass die Zusammensetzung der Teilnehmer des Programms nicht in den Händen der Exekutivverwaltung liegt. Was die Industrie betrifft, so sind, wie zu erwarten ist, normalerweise Unter- nehmen der am Programm teilnehmen- den Nationen beteiligt. Die von den am Programm teilnehmenden Staaten ge- billigte Beschaffungsstrategie legt die Gründe für die Auswahl der Vertrags- partnerfest. Sie können entscheiden, ob sie einen EU-weiten Wettbewerb starten wollen, wie z.B. bei der belgisch-deut- schen Nachtsichtfähigkeit, bei der das Unternehmen mit dem besten Preis-Leis- tungs-Verhältnis den Auftrag erhält. Die Strategie kann auch restriktiver sein. In einigen Fällen wird ein bestimmtes Un- ternehmen direkt ermittelt, wenn es sich beispielsweise um einen ISS-Auftrag han- delt, bei dem nur der Originalhersteller über anerkanntes Fachwissen oder die Fähigkeit zur Lieferung verfügt. ES&T: Spielt es bei der Auswahl der Projekt- partner eine Rolle, dass die deutschen Rüs- tungsexportbestimmungen strenger sind als die anderer Länder? Bisceglia: In der Tat sind die Unterschie- de zwischen den Exportbestimmungen in Deutschland und Frankreich bekannt und waren bei zahlreichen Gelegenheiten Ge- genstand der Titelstories der Fachpresse. Insbesondere für Frankreich wurde die Zuverlässigkeit seines deutschen Partners in dieser Hinsicht in Frage gestellt, da Frankreich zur Aufrechterhaltung seiner Rüstungsindustrie sehr stark auf Exporte angewiesen ist. Es ist sehr schwierig, De- gressionsgewinne zu erzielen, die nur auf der nationalen Nachfrage basieren, und angesichts der großen Vielfalt der von den verschiedenen EU-Mitgliedstaaten einge- setzten Systeme kann der Export die einzi- ge Möglichkeit sein, den Stückpreis zu sen- ken und die Fertigungslinien aufrechtzuer- halten. Deshalb halte ich es für ein starkes Argument, das bei der Prüfung potenzieller Partner in einem Verteidigungsprojekt in die Waagschale zu werfen. Die Fragen stellte Jürgen Hensel 106 | Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE Tschechische Waffenschmiede mit Tradition Ja n-Phil llpp Weisswange Tschechien hat mit der Waffenfabrik Ceskä zbrojovka (CZ) einen potenten Player für Waffenentwicklung und -fertigung im eigenen Lande. 1936 gegründet, gehört die tschechische Waffenfabrik Uhersky Brod zu den weltweit erfolgreichen Unternehmen im Bereich der Handfeuerwaffen. ES&T war vorOrt. LZ befindet sich heute in Privatbesitz. Die jung und modern geführte Firma ist Teil der Ceskä zbrojovka Group (CZG), einem führenden europäischen Unternehmen für Schusswaffen und takti- schem Zubehör für die Bereiche Militär, Si- cherheitsbehörden, Personenschutz, Jagd, Sportschießen und andere zivile Zwecke. Zu den Unternehmen zählen neben CZ auch CZ-USA, Brno Rifles, 4M Systems (taktische Bekleidung) und CZ Export. Die CZG hat ihren Hauptsitz in der Tschechi- schen Republik und verfügt über Produk- tionsstätten dort und in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sie beschäftigt rund 1.960 Mitarbeiter. Erst kürzlich hat sich CZ mit einem pro- minenten Vertreter der Branche verstärkt. Franz von Stauffenberg stieß als Vertriebs- leiter Westeuropa zu dem CZ-Team. Der 44 Jahre alte Fallschirmjäger-Reserveoffizier ist in der Branche bekannt: Er baute in den letzten Jahren den deutschen Law Enforce- ment-Bereich bei SIG Sauer in Eckernför- de auf und war zuvor beruflich auch bei Heckler & Koch sowie Rheinmetall aktiv. Er bringt darüber hinaus Expertise aus der Sicherheitsberatung mit. Sein Sales Team wird um weitere erfahrene Mitarbeiter anwachsen. Zudem kooperiert CZ im Be- hördenvertrieb mit der CSC Arms Division GmbH in Mömbris. Tradition und Moderne Im traditionsreichen Werk Uhersky Brod selbst arbeiten rund 1.700 Angestellte, in den Fertigungsstätten verbindet sich tradi- tionelles Handwerk wie etwa das Gießen Dr. Jan-P. Weisswange arbeitet hauptberuflich als Referent Öffent- lichkeitsarbeit in der wehrtechnischen Industrie. Dieser Artikel gibt seine persönliche Meinung wieder. FötO: CZ Die Waffenfabrik CZ in Uhersky Brod von Griffstücken mit modernsten Produkti- onsmethoden dank eines Maschinenparks der neuesten Generation. Insgesamt um- fasst das CZ-Portfoiio rund 500 verschie- dene Produkte. Exportiert wird in fast 100 Staaten auf allen Kontinenten. Dass CZ schon seit ihrer Gründung zur nationalen Sicherheitsvorsorge gehörte, belegen zahlreiche waffenhistorisch sehr interessante Stücke in der Mustersamm- lung in der Firmenzentrale. Unter anderem fertigte man hier das Flugzeug-MG LK30. Im Kalten Krieg stattete CZ die tschecho- slowakischen Streitkräfte mit dem eigens entwickelten Sturmgewehr vZ.58 aus. Zu den weiteren weltberühmten Produkten dieser Epoche gehören außerdem die Ma- schinenpistole Scorpion vZ. 61, eine der ers- ten Personal Defence Weapons überhaupt, oder die Pistole CZ 75, die auch im westli- chen Sportschützen- und Jagdbereich ei- nen großen Erfolg erzielte. Während Sport- und Jagdwaffen ungebro- chen zum Portfolio gehörten, endete die Produktion des Sturmgewehrs vZ. 58 im Jahr 1982. Fast drei Jahrzehnte später stieg CZ wieder in den Militärwaffensektor ein. Ab 2010 kam das solide Sturmgewehr CZ 805 Bren 1. Wenig später folgte das mo- dernisierte Bren 2. CZ Bren 2 - eine modulare Militärwaffenfamilie Die Waffenfamilie Bren 2 ist modular auf- gebaut: Es gibt die Sturmgewehre derzeit in den Kalibern 5,56 mm x45 und 7,62 mm x 39, wobei es für beide Versionen je drei unterschiedliche Lauflängen gibt 8“ bzw. 9", 11" und 14". Weiterhin hat CZ die Fa- milie um ein schweres Sturmgewehr (Battle Rif le) in 7,62 mm x 51 ergänzt. Dieses ist bisher mit einem 16"-Lauf verfügbar. Alle Familienmitglieder arbeiten als Gas- drucklader mit Kurzhub-Gaskolbensystem. Die Gasabnahme verfügt über drei Einstel- lungen: Normalbetrieb, starke Verschmut- zung und Schalldämpfer. In der letzten Ein- stellung erfolgt der Repetiervorgang von Hand. Weiterhin zeichnet sich die Bren 2-Fami- lie durch ein Leichtmetallgehäuse aus Flugzeugaluminium, eine klappbare, längenverstellbare Schulterstütze aus Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 107
carbonfaserverstärktem Kunststoff mit Gummi-Schaftkappe und einen Pistolen- griff mit austauschbarem Griff rücken und Stauraum aus. Vier Mil-Std 1913-Monta- Zugriffstrupp der französischen Gendarmerie-Spezialeinheit GIGN mit Bren 2 in 7,62 mm x 39 über 30-Schuss-Polymermagazine. Neben der langen Mil-Std 1913-Schiene auf der Gehäuseoberseite finden sich weitere Schienen auf der 3-, 9- und 6-Uhr-Position. Die modulare Bren 2-Familie und die Maschinenpistole Scorpion Evo (unten) Die Pistoienfamilie CZ P-10 mit Schlagbolzenschioss... ... wurde im Frühjahr 2020 durch die mikrokompakte P-10M ergänzt geschienen sind am Gehäuse vorhanden. Die Waffen lassen sich beidseitig bedienen. Der nicht mitlaufende Ladehebel lässt sich mit wenigen Handgriffen auf die andere Waffenseite verlegen. Magazinhalteknopf, Verschlussfanghebel und Peuerwahlhebel sind beidseitig vorhanden, die Bedienung ähnelt der AR-15-Architektur. Auch Ma- gazine des AR-15-Typs lassen sich in den 5,56er Waffen verwenden. Die Bren 2 Battle Rifle nutzt em eigens entwickeltes 25-Schuss-Magazin. Die Waffen lassen sich in jedem Ladezustand sichern. Mit dem 40-mm-Granatwerfer CZ 805 G1 steht der innovativen Waffenfamilie ein weiterer Kampfkraftmultiplikator zur Verfügung. Er lässt sich entweder an das Sturmgewehr montieren oder auch als se- parate Granatpistole nutzen. CZ Scorpion Evo 3 A1 Auch bei der Entwicklung der Maschinen- pistole CZ Scorpion Evo 3 A1 stand die Ergonomie im Mittelpunkt. Die handliche Waffe verfügt über ein Polymergehäu- se und einen kaltgehämmerten 196 mm langen Lauf. Sie ist im Kaliber 9 mm x 19 und 9 mm x 21 verfügbar. Die CZ Scorpi- on Evo 3 A1 arbeitet als Rückstoßlader mit verriegeltem Masseverschluss und schießt aus geschlossener Verschlussstellung, was zur guten Präzision beiträgt. Die längen- verstellbare Schuiterstütze lässt sich an die rechte Waffenseite anklappen. Die vorne am Abzugsbügel liegende Magazinhalte- wippe und der Feuerwahlhebel sind beid- seitig bedienbar. Es lassen sich Einzelschuss, Drei-Schuss-Feuerstöße und Dauerfeuer anwählen. Die Munitionszuführung erfolgt So lassen sich entsprechende Optiken und Anbaugeräte montieren. Pistoienfamilie CZ P-10 Mit seiner P-10-Familie konnte CZ inzwi- schen einen großen kommerziellen Erfolg erzielen. Derzeit sind vier Größen der ro- busten und ergonomischen Schlagbol- zenschlosspistole verfügbar: F für Full Size, C für Compact, S für Subcompact und - erst im April vorgestellt - M für Micro- compact. Allen Modellen gemein ist das Polymer-Griffstück mit austauschbarem Griffrück und beidseitig bedienbarem Verschlussfanghebel sowie der Verschluss mit einer extrem haltbaren Beschichtung. Vordere und hintere Handhabungsrillen vereinfachen die Ladetätigkeiten. Der Ma- gazinhalteknopf ist auf die andere Waffen- seite ummontierbar. Das Eisenvisier mit den selbstleuchtenden Markierungen lässt sich sehr gut aufnehmen. Weiterhin gibt es eine Optics Ready-Version, die optische Visiere aufnimmt. Die Magazinkapazität liegt je nach Modell zwischen zwölf und 19 Pat- ronen. Die Griffstücke sind in unterschied- lichen Farben verfügbar. Neue Handwaffengenerationen Im April 2020 vergaben die tschechischen Streitkräfte an CZ einen fast 90 Millionen Euro schweren Rahmenvertrag zur Liefe- rung von Handwaffen und Munition. Bei Abruf des vollen Vertragsumfangs könn- ten bis 2025 rund 16.000 Bren 2-Sturmge- wehre, über 21.000 CZ P-10-Pistolen, über 1.600 Anbaugranatwerfer CZ 805 G1 und 108 I Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
WIRTSCHAFT & INDUSTRIE etwa 100 CZ Scorpion Maschinenpistolen ausgeliefert werden. Bereits in den Jahren 2010 und 2016 hatte CZ die Streitkräfte ihrer Heimat (26.000 Berufssoldaten und 11,000 Reservisten) mit rund 40.000 neu- en Handwaffen ausgestattet. „Die tschechischen Streitkräfte verlangen stets die bestmögliche Ausstattung. Die- ser Auftrag zeigt uns, dass wir unseren Job gut machen und hochqualitative und inno- vative Produkte für die anspruchsvollsten Militär- und Behörden markte an bieten", so Lubos Kovank, der Vorstandsvorsitzende der CZ-Gruppe. Und auch CZ-Geschäfts- führer Ladislav Britahäk freut sich überden Auftrag: „Wir fühlen uns geehrt, unsere Streitkräfte als einen unserer historisch wichtigsten Kunden weiter ausstatten zu können." Zugleich sind die tschechischen Streitkräfte auch ein wichtiger Referenz- kunde auf dem internationalen Markt. Ko- vahk und Britahäk begrüßten zudem, dass die tschechische Regierung mit dem Auf- trag em wichtiges Zeichen zur Unterstüt- zung der heimischen Industrie und damit auch zur nationalen Sicherheitsvorsorge in Krisenzeiten setze. Seine moderne Handwaffenpalette konn- te CZ auch beim NATO-Partner Ungarn platzieren. Dort fiel im März 2018 die Ent- scheidung, den Handwaffenbestand durch CZ-Produkte zu modernisieren. Ungarn legt dabei Wert auf Know-how-Transfer und eigene Fertigung. So werden das Sturm- gewehr CZ Bren 2, die Maschinenpistole Scorpion Evo sowie die Hahnschloss-Pisto- len P07 und P09 in Lizenz gebaut. Insgesamt nutzen derzeit Streit- und Sicher- heitskräfte aus über 40 Staaten CZ-Waffen. Zu den prominentesten Nutzern des Bren 2 gehört ohne Zweifel die französische Spezialeinheit der Gendarmerie. Die GIGN orderte die Waffe in 7,62 mm x 39, um ins- besondere mit AK-47 ausgerüsteten militä- risch operierenden Straftätern ebenbürtig bewaffnet zu sein. Ausblick CZ verstärkt seine Aktivitäten weiterhin. Anfang Mai 2020 stieg das Unternehmen mit einer Minderheitsbeteiligung bei der Firma Spuhr ein, dem schwedischen Spe- zialisten für Montagen und Waffentuning- Blick in die historische Waffensammlung zubehör. CZ wird aber natürlich nicht nur im Behördensektor sein Produktportfolio konsequent weiter ausbauen. Und so wird auch in Zukunft einiges neues aus Uhersky Brod zu berichten sein. Nachgefxqgt: bei Franz von Stauffenberg. Direktor Vertrieb für Westeuropa ES&T: CZ wollte dieses Jahr erstmalig auf der Enforce Tac ausstellen, warum? Gibt es eine neue Ausrichtung auf den Behör- denmarkt? Stauffenberg: CZ ist Zulieferer mehre- rer bedeutender Behörden in ganz Eu- ropa.. Neben Frankreich, Finnland und Polen, Tschechien, Slowakei, Rumänien liefert CZ auch an amerikanische und asi- atische Behörden. Viele Einheiten stam- men aus dem Bereich Spezialkräfte. Mit den neuen Produkten Sturmgewehr Bren 2, Maschinenpistole Skorpion Evo 3 und der P10-Pistolenfamilie sind wir für alle Bedürfnisse gut aufgestellt. CZ hat die Absicht, die Aktivitäten in Europa stark zu verstärken. Teil der Strategie ist es, auch an den wichtigen Messen teilzunehmen. Die Enforce Tac ist mittlerweile eine sehr wichtige Messe für europäische Behör- den geworden, da wollen wir natürlich unsere Produkte und unser neues Team vorstellen. ES&T: Was sind die Neuheiten im Jahr 2020? Franz von Stauffenberg Stauffenberg: Die Produktreihe für Be- hörden wird ständig erweitert und ver- bessert. Für den Behördenmarkt präsen- tieren wir Produktverbesserungen aller Modelle. Der Hauptfokus unserer Arbeit liegt darin, die Produkte an die speziellen Anforderungen der westlichen Kunden anzupassen. Auf diesem Gebiet hat CZ in den letzten Jahren einiges geleistet und dies möchten wir den Kunden vorstellen. Im Bereich der Pistolenfamilie P-10 wird mit der P-10 Micro ein neues Familienmit- glied vorgestellt und durch 4M neue tak- tische Bekleidungsteile. Denn CZ macht nicht nur Waffen, sondern auch taktische Bekleidung und persönliche Ausrüstung. ES&T: Nach welchen Kriterien und nach welcher Philosophie werden bei CZ die Waffen für Polizei und Militär entwickelt und produziert? Stauffenberg: Die Produkte von CZ werden nach CIP- und NATO-Standards in Tschechien gefertigt und unterliegen einer sehr strengen Qualitätskontrolle. Die Fertigung in Uhersky Brod im Osten Tschechiens entspricht der modernsten Technologie, die es auf dem Markt gibt. Entwickelt wird nach den Vorgaben des Marktes, welche der Produktmanager mit der Entwicklungsabteilung und der Ferti- gung umsetzt. Ab 2020 wird verstärkt der europäische Behördenmarkt berücksichtigt werden. Im Bereich Sportpistole gehören wir schon zur absoluten Spitzenklasse, sodass alle Fähigkeiten im Hause CZ vor- handen sind. Nach großen Erfolgen im zi- vilen Bereich, wollen wir nun einen neuen Schwerpunkt im Behördenbereich setzen. Juni 2020 • Europäische Sicherheit & Technik 109
Unternehmen & Personen Weltleit messe SMM verschoben Die SMM, Internationale Leitmesse der maritimen Wirtschaft, die ursprünglich vom 8. bis 11. September 2020 in Ham- burg stattfinden sollte, wurde wegen der Corona-Pandemie mit ihren weltweiten Auswirkungen auf Großveranstaltungen und den internationalen Reiseverkehr auf den 2. bis 5. Februar 2021 verschoben. Das Leitthema der SMM 2020 „Schiff- fahrt auf Digitalisierungskurs" („Düving the maritime transition") gilt auch für den neuen Termin. Die SMM wird damit der erste internationale Branchentreff der maritimen Industrie und Wirtschaft sein, der im neuen Jahr stattfindet. „Wir werden der globalen maritimen Gemein- schaft im Februar 2021 eine außerge- wöhnliche und kompakte SMM bieten", teilte die Geschäftsführung der Hambur- ger Messe und Congress GmbH mit. (ds) SOVERON D (SVFuA-Serie) erhält BSI-Zulassung Mitte Februar hat Rohde & Schwarz für die streitkräftegemeinsame verbundfä- hige Funkgeräteausstattung (SVFuA) die Zulassung GEHEIM durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) erhalten. Die Zulassung ermöglicht die Übertragung von Daten und Sprache in den Einstufungsgraden Offen, VS-Nur für den Dienstgebrauch und GEHEIM, sprich es gestattet die klassische Füh- rungsfähigkeit auf allen Ebenen. Nach einer mehrjährigen gemeinsamen Ent- wicklung hatte 2017 das BAAINBw mit Rohde & Schwarz einen Vertrag über die Beschaffung von ersten Systemen SVFuA (Serienbezeichnung „SOVERON D") ge- schlossen. (wb) Neuer Chief Executive der EDA Foto: EDA Am 5. Mai übernahm der Tscheche Jin Sedivy die Po- sition des Chief Executive der Europäischen Verteidigungs- agentur (Euro- pean Defence Agency, EDA). Eine Amtszeit dauert drei Jahre mit der Option zur Verlängerung um weitere zwei Jahre. Er folgt Jorge Domecq, der im Januar dieses Jahres nach fünf Jahren aus dem Amt ausschied. Sedivy war be- reits im März ernannt worden, durch den Ausbruch der Corona-Pandemie hatte sich sein Amtsantritt allerdings verzö- gert, Sedivy war Verteidigungsminister der Tschechischen Republik (2006 bis 2007), stellvertretender Verteidigungs- minister (2010 bis 2012), stellvertreten- der NATO-Generalsekretär für Vertei- digungspolitik und -planung (2007 bis 2010) und Ständiger Vertreter der Tsche- chischen Republik bei der NATO (2012 bis 2019). (df) Enea und genua kooperieren genua GmbH, ein deutscher Spezialist für IT-Sicherheit und ein Unternehmen der Bundesdruckerei-Gruppe, und Enea, ein globaler Anbieter von innova- tiven Softwarekomponenten für die Be- reiche Telekommunikation und Cyber- sicherheit, gaben Mitte Mai bekannt, dass genua für die Klassifikation des Netzwerk-Traffics innerhalb der IT-Si- cherheitsplattform cognitix Threat De- fender zukünftig die Qosmos ixEngine von Enea einsetzt. Der cognitix Threat Defender ist eine innovative Plattform für die Detektion und Abwehr von Netz- werkbedrohungen (Network Threat De- tection and Response, NDR). Die Platt- form vereint Funktionen zum Schutz vor bekannten Bedrohungen von IDS/IPS (Intrusion Detection Systems/Intrusion Prevention Systems) mit einzigartigen Netzwerk-Traffic-Analysen (NTA) zum Schutz vor unbekannten Bedrohungen. (wb) Jörg Grote ndorst wird Mitglied im Vorstand von Rheinmetall Jörg G roten- dorst ist zum Mitglied im Vorstand der Rheinmetall AG ernannt worden. Gro- tendorst, Dip- lom-Ingenieur Elektrotechnik, Steuer- und Regelungs- technik, der zurzeit die Di- vision E-Mobility bei ZF Friedrichshafen leitet, verantwortet künftig im Vorstand von Rheinmetail die Automotive-Spar- te des Technologiekonzerns. Er tritt bei Rheinmetall zum Ende dieses Jahres die Nachfolge von Horst Binnig an, der Ende 2019 seine Karriere in dem Unternehmen beendet hat und in den Ruhestand ge- wechselt ist. (wb) thyssenkrupp Aufsichtsrat: Nationale oder europäische Lösung für Marineschiffbau Die Aufsichtsratssitzung von thyssenkrupp bestätigte am 18. Mai den eingeleiteten Kurs des Umbaus und die strategische Ausrichtung. Dabei will sollen zwei Wege verfolgt wer- den: dort, wo Konzern aufgrund der eigenen Marktposition und Wettbewerbsstärke gutes Entwicklungspotenzial sieht, will man sich auch künftig aus eigener Kraft weiterentwickeln. Andererseits will thyssenkrupp die Leistungs- fähigkeit in den Bereichen Stahl und Marine Systems dahingehend steigern, dass sie als für das Unternehmen profitabel bleiben, thyssen- krupp Marine Systems steht im Geschäftsjahr 2018/19 mit Verkäufen in Höhe von 1,8 Milliar- den Euro und Auftragseingängen in Höhe von 2,192 Milliarden Euro gut da. (hum) EU-Satellitenkommunikation von Airbus Airbus Defen- ce and Spa- ce hat einen neuen Rah- menvertrag erhalten, der den Zugang zu Satellitenkom- munikations- diensten bei militärischen und zivilen Missionen der Europäischen Union (EU) und ihrer Mit- gliedstaaten regelt. Der Vertrag mit ei- ner Laufzeit von vier Jahren wurde von der Europäischen Verteidigungsagentur (EDA) erteilt. Er besitzt ein Volumen von zehn Millionen Euro. „Mit diesem Satel- litenkommunikationsprogramm leistet Airbus einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung gemeinsamer Fähigkeit für die europäische Verteidigung und ihrer militärischen und zivilen Friedens- missionen", so Dirk Hoke (Foto), CEO von Airbus Defence and Space. Rund 32 mitwirkende Mitglieder, darunter 20 europäische Verteidigungsministe- rien, erhalten damit über die EDA, die im Rahmen von EU SatCom Market seit 2012 Satellitenkommunikationsdienste bereitstellt, schnell und effizient Zugang zu Satellitenlösungen und -diensten. Der EU SatCom Market-Vertrag umfasst die Bereitstellung von Satellitenkommunika- tion (in den Frequenzbereichen C, Ku, Ka und L), den Verkauf oder die Miete von Terminals sowie die Lieferung schlüs- selfertiger Lösungen, besonders für Ein- satzgebiete außerhalb der EU. (ds) 110 Jun 2020
Rene Obermann ist Vorsitzender des Airbus-Verwaltungsrats Foto; RRPS Foto: Airbus Auf der Hauptver- sammlung von Airbus in Amster- dam hat Rene Obermann den Vorsitz im Verwaltungs- rat des Luft- und Raum- fahrtkonzerns übernommen. Er ist Denis Ranque nachgefolgt. Damit ist das deutsch-französische Gleichgewicht in der Airbus-Spitze wiederhergestellt, nachdem Guillaume Faury im vergan- genen Jahr Tom Enders als CEO abge- löst hatte. Obermann ist bereits seit April 2018 Mitglied des Verwaltungs- rats. Zuvor war er von 2006 bis 2013 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom. Nach 2013 ist Obermann in Spitzenverwendungen für zahlreiche Unternehmen in Europa tätig, darunter Warburg Pincus, E.ON, Spotify Techno- logy, Compu Group Medical, thyssen- krupp, Allianz und 1&1. (gwh) Otto Preiss neuer COO bei Rolls-Royce Power Systems Otto Preiss wurde zum 1. Mai 2020 als Chief Opera- ting Officer Mitglied des Vorstands von Rolls-Royce Power Sys- tems (RRPS). Mit der neu geschaffe- nen Position will RRPS die Transformati- on des Unternehmens noch fokussierter vorantreiben. Preiss war zuletzt Group Senior Vice President beim Energie- und Automatisierungstechnikkonzern ABB in der Rolle als Chief Operating Officer Digital. Davor leitete er den weitweiten Geschäftsbereich Motors & Generators von ABB und war für die konzernweite Forschung in Power Technologies sowie das Swiss Corporate Research Center zuständig. (gwh) MTU Aero Engines steigert Umsatz bei gesunkenem Erlös Ungeachtet der Corona-Krise konnte MTU Aero Engines seinen Umsatz im ersten Quartal 2020 um 13 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro steigern. Das Ergeb- nis sank um drei Prozent auf 181,8 Milli- onen Euro. Der Umsatz des militärischen Triebwerksgeschäfts ging um sieben Prozent auf 97,6 Millionen Euro zurück. Wichtigster Umsatzträger war das Euro- fighter-Triebwerk EJ200. Negative Aus- wirkungen auf Nachfrage und Ergebnis- se durch die Corona-Krise erwartet das Unternehmen ab dem zweiten Quartal. Dabei dürfte das Militärgeschäftweitge- hend unberührt bleiben, während sich die Nachfrage im zivilen Bereich deut- lich reduzieren dürfte. Die Jahresprog- nose hat MTU zurückgenommen. Eine Präzisierung der Erwartungen für das Geschäftsjahr 2020 kann erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. (gwh) Jennifer Upton Director of Acquisit'on der MCI Agency Seit März 2020 ist Jen- nifer Upton als Director of Acquisiti- on der NCI Agency für die Beschaffung von Produkten und Dienst- leistungen der K o m m u n i - kations- und Informations- technologie auf dem neuesten Stand der Technik verantwortlich. Auf dem Dienstposten war Peter Scaruppe jahre- lang tätig. Upton hat zuletzt beim United States Naval Special Warfare Command die Beschaffungsaktivitäten für das ge- samte Portfolio an vertraglich vereinbar- ten Dienstleistungen und Lieferungen des Kommandos geleitet. Davor war sie in ähnlicher Position für das Kommando der US-Spezialkräfte tätig, u.a. im Infor- mationstechnologie-Portfolio. (gwh) Airbus: Einbruch wegen Corona Im ersten Quartal 2020 musste Airbus co- ronabedingt starke Rückgänge bei Um- satz und Erlös hinnehmen. Der Umsatz der Airbus-Gruppe sank um 15 Prozent auf 10,6 Milliarden Euro, der Erlös hal- bierte sich auf 281 Millionen Euro. Im Verteidigungssektor stieg der Umsatz um 16 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Während der Umsatz beim zivilen Flug- zeugbau um 22 Prozent auf 7,6 Mrd. Euro abnahm, blieben die Umsätze bei Airbus Helicopters und Airbus Defence and Spa- ce wegen der überwiegend behördlichen Abnehmer von der Krise unbeeinflusst. Bei Hubschraubern stieg der Umsatz um knapp ein Fünftel auf 1,2 Mrd. Euro, De- fence and Space blieb bei 2,1 Mrd. Euro. Zum Erlös trugen die Flugzeugbauer nur 191 Mio. Euro (- 59 Prozent) bei. Heli- copters leistete mit 53 Mio. Euro (+ 253 Prozent) einen außerordentlichen Beitrag. Bei Defence and Space verringerte sich der Erlös auf nur noch 15 Mio. Euro (- 85 Prozent). Da zeigen sich die bekannten Ertragsprobleme, die ja auch schon zu Gesprächen über Personalabbau geführt haben. Eine Prognose für das laufende Ge- schäftsjahr mochte CEO Guillaume Faury nicht geben, weil die Auswirkungen der Co- rona-Krise noch nicht beurteilt werden kön- nen. In Pressegesprächen hatte Faury schon mehrfach darauf hingewiesen, dass er die Existenz von Airbus bedroht sieht, (gwh) Defence stützt Rheinmetall Die starke Umsatzsteigerung im Defen- ce-Bereich des Rheinmetall-Konzerns hat die Umsatzeinbußen bei Automotive überkompensiert. Im ersten Quartal 2020 konnte Rheinmetall den Umsatz um 1,1 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro steigern. Das operative Ergebnis sank um 20 Millio- nen Euro auf 34 Millionen Euro. Im Defen- ce-Bereich stieg der Umsatz um 18 Prozent auf 740 MillionenEuro und das operative Ergebnis wuchs um mehr als das Doppelte auf 29 Millionen Euro. Die Corona-Krise hat sich in diesem Sektor nicht erkennbar ausgewirkt, weil die Auftragssituation bei den behördlichen Kunden noch unverän- dert ist. Rheinmetall erwartet in diesem Sektor einen Umsatzzuwachs zwischen fünf und sieben Prozent im laufenden Jahr. Demgegenüber leidet der Automo- tive-Sektor unter der Krise. Der Umsatz ging um 14 Prozent auf 618 MillionenEuro gepaart mit einem Rückgang des Ergebnis- ses auf 10 Millionen. Euro (auf ein Fünftel). Für das zweite Quartal wird eine weitere Verschlechterung erwartet. Eine verlässli- che Jahresprognose erscheint aus Sicht des Konzerns zurzeit nicht möglich. Nach die- sem Quartalsergebnis hat sich das Überge- wicht des Defence-Bereichs mit 53 Prozent Umsatz- und 85 Prozent Ergebnisanteil er- neut gesteigert. Mit einem Zuwachs des Auftragsbestands um 13 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro blickt Rheinmetall zuver- sichtlich auf die weitere Entwicklung des Jahres. (gwh) Juni 2020
GSP4 Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. Nicht einmal bedingt abwehrbereit Die Bundeswehr zwischen Elitetruppe und notwendigen Reformen Dietmar Paun Im sicherheitspolitischen Teil der Landesbereichsversammlung VI Bayern stellten die Autoren Josef Kraus und Richard Drexl ihr Buch mit dem obenstehenden Titel vor. Höchst informativ nahmen die Referenten kein Blatt vor den Mund. Ihre konstruktive Kritik und daraus abgeleitete Folgerungen ergaben reichlich Diskussionsstoff. I eit mehr als einem Vierteljahrhundert befinden sich nennenswerte Teile der • • . ’ Bundeswehr im Auslandseinsatz. Nicht dem Technischen Hilfswerk (THW) ähnlich, sondern im bewaffneten Einsatz, Deutsch- land konnte sich nicht länger verweigern und auf eine deutsche Sonder- und Hyper- moral berufen. Für unsere Partner in der NATO und der Europäischen Union wären das ohnehin nur Ausreden gewesen. Das ist die eine Seite, Die andere Seite ist die „Ruinierung" der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands: Wenn in den letzten Jahren zeitweise keines der sechs U-Boote der 212A-Klasse einsatzbe- reit war; wenn beim ADAC tausende Flug- stunden angemietet werden mussten, um Fluglizenzen zu erhalten; wenn von den 128 Eurofightern kaum mehr als vier ohne jede Einschränkung einsatzfähig waren; wenn von 68 Hubschraubern des Typs Tiger nur 12 voll einsatzfähig waren; wenn von den Transporthubschraubern NH90 nur 13 von 58, vom (neuen!) Transportflieger A400M gerade mal drei von 15, von den Fregatten fünf von 13 und von den Leopard Il-Panzern 105 von 244 „einsetzbar" waren; wenn die Flugbereitschaft es wiederholt nicht schaff- te, Bundespräsidentoder Kanzlerin rechtzei- tig ans Ziel zu bringen ... Ja, dann ist dies zwar ein akutes Problem, doch liegen die Ursachen dafür teils Jahre zurück. Bundeswehr kaputtgespart Es ist nicht alles von der ehemaligen Verteidi- gungsministerin Ursula von der Leyen verur- sacht, was die Bundeswehr heute quält. Bei aller berechtigten Kritik führt nichts an der Feststellung vorbei, dass für die mangelhaf- te Einsatzbereitschaft der Waffensysteme im Wesentlichen frühere Regierungen die Verantwortung tragen. Seit Jahren wurden beispielsweise nicht ausreichend Ersatztei- le beschafft und Instandsetzungsverträge abgeschlossen. Verfügbare Haushaltsmittel Die Referenten und Autoren Richard Drexl (I.) und Josef Kraus wurden auf die weltweite Krisenbewälti- gung und Terrorismusbekämpfung kon- zentriert. Bundeswehr im Auslandseinsatz lautete die Devise. Gerät wurde nicht mehr betriebsbereit gehalten oderstillgelegt. Auch die Personalprobleme der Bundes- wehr sind unübersehbar. Der Übergang von der Wehrpflicht- zur Freiwilligenarmee ist nicht gelungen. Mit Stand Anfang 2020 wa- ren ca. 20.000 Stellen nicht besetzt. Zudem soll die Bundeswehr von 180.000 Soldaten bis 2025 auf 203.000 Soldaten anwachsen. Ob in Zeiten einer prosperierenden Wirt- schaft und erheblicher Nachwuchssorgen allerorten ausreichend geeignetes Personal gefunden werden kann, ist fraglich. Was die Corona-Pandemiediesbezüglich für Auswir- kungen zeigen wird, bleibt abzuwarten. Diese Gesellschaft muss sich entschei- den, ob sie eine Armee braucht oder nicht braucht. Wenn wir sie wollen, weil wir sie brauchen, muss sie ordentlich organisiert, ausgestattet und geführt werden - aber vor allem: Sie muss als Institution quer durch Staat, Gesellschaft und Politik Wertschät- zung erfahren. „Schafft sie doch ganz ab!" Diese Parole wäre bei einem fiktiven Volks- entscheid möglicherweise nicht mal in der Minderzahl. Die Politik weiß darum, wendet sich dennoch kaum gegen vorhandene an- timilitärische Ressentiments. Populismus pur ist, gegen besseres Wissen den Dingen ihren Lauf zu lassen, statt sich für die Wertschät- zung der Soldaten und die Verteidigungsfä- higkeit des Landes vehement einzusetzen Weltfremde „Nie-wieder-Einstellung" Wie konnte in unserem Land eine derart weltfremde Entwicklung um sich greifen, was hat zu dieser Entfremdung von bzw. bei fast allen Partnern in EU und NATO ge- führt? Deutschland ist ein friedliches Land, seit 1990 nur noch „von Freunden umge- ben." Allerdings haben seit dem Wegfall des 112 Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
Warschauer Paktes weltweit keineswegs liberale, friedliche Ordnungen gesiegt. Wir sind mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende der Sowjetunion nicht am Ende der Geschichte angelangt, wie der US-Po- litologe Francis Fukuyama 1992 meinte. Eine allumfassend friedliche Weltordnung gibt es nicht und wird es nie geben. Von solcher Illusion ließ sich nur deutsche Politik paralysieren. „In der Verteidigung Milliarden streichen und soziale Füllhörner auskippen lautete die schlichte Devise." Der pazifistischen Gesellschaft scheint das Verständnis für die Grundvoraussetzungen einer freiheitlichen Demokratie abhanden- gekommen zu sein. Deutschlands Bürger und Politiker sind maßgeblich geprägt von einem zwar moralisch hochwertigen, aber unrealistischen „Niewieder! ' „Moderne Bundeswehr" Die „hohe" Politik trägt das ihre dazu bei - durch Sparorgien und durch die de-facto- Abschaffung der Wehrpflicht. Man erinne- re sich: Die CDU/CSU/FDP-Bundesregierung folgte am 15. Dezember 2010 dem reichlich populistischen Vorschlag von Verteidigungs- minister Karl-Theodorzu Guttenberg und be- endete ab dem 1. März 2011 die Einberufung von Wehrpflichtigen. Vonseiten der CDU und ihrer Kanzlerin gab es keinen Widerstand, die FDP sah einen Wunsch erfüllt. Realiter wird die Bundeswehr im Alltag kaum noch wahrgenommen. Immer weniger Soldaten zeigen sich außerhalb der Kasernen noch in Uniform. Aus Angst um die Sicherheit der Soldaten wurde - G20 Gipfel in Hamburg 2017 - sogar der Befehl erlassen, sich nicht in Uniform in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber auch der aktuelle Koalitionsvertrag der im Frühjahr 2018 konstituierten CDU/CSU/ SPD-Bundesregierung: Wenn der Umfang einzelner Kapitel etwas aussagt über die Vorträge und Veranstaltungen bie- ten oft nur einen Ausschnitt der si- cherheitspolitischen Landschaft, der durch eine Berichterstattung mit Platzbeschränkungen noch weiter eingeengt wird. In der Veranstaltung des bayerischen Landesverbandes der Gesellschaft für Sicherheitspoli- tik, über die hier berichtet wird, fan- den z.lB. eine - auch kritische - Würdi- gung der seit einiger Zeit gestarteten Trendwenden in der Bundeswehr oder die Maßnahmen im Zusam- menhang mit der NATO-Speerspitze 2019 keinen Raum. Darüber wird in der GSP an anderer Stelle informiert. Josef Kraus, Kolumnist, Oberstudi- endirektor a.D., langjähriger ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, von 1990 bis 2013 Mitglied im Beirat für Innere Führung des Bundes- ministers der Verteidigung Bedeutung eines Politikfeldes, auch dann steht es schlecht um die Armee. Von 177 Sei- ten des Koalitionsvertrages wurden kurz vor Schluss dem Punkt „Moderne Bundeswehr" etwas mehr als drei Seiten gewidmet! Forderung: Einsatzbereitschaft Die Bundeswehr braucht die Unterstützung der Gesellschaft. Heute steht die Truppe per- sonell mehr denn je ausgedünnt da, die Mo- tivation ist teilweise im Keller, das Material kaum einsatzfähig, die Gesamtorganisation in einem desaströsen Zustand. Der Reformeifer ließ eine Fortschrittsillusion aufkeimen, bes- ser ist dadurch kaum etwas geworden. Tat- sächlich ist die Bundeswehr mit Ausnahme einiger Bereiche, wie z.B. dem Kommando Spezialkräfte, einzelner Marine- und Hee- reseinheiten sowie fliegender Verbände und Unterstützungseinheiten zu einer Reformru- ine geworden. Die Reformen haben bisher keine zählbaren Erfolge gebracht. Was muss geschehen? Deutschland muss endlich seinem den NATO-Partnern gegebenes Versprechen, zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts in die äußere Sicherheit, respektive die Bundeswehr, zu investieren, nachkommen und diese Mittel sinnvoll einbringen. Dieses Ziel war lange vor US-Präsident Donald Trump, der das vehement einfordert, der NATO zugesagt. Aus einem durch Präsident Trump verstärkt erwachse- nen Anti-Amerikanismus heraus dieser Zusa- ge nicht nachzukommen ist für die Sicherheit Deutschlands abträglich. Heute stehen wir bei 1,35 Prozent und sind damit nicht (mehr) in der Lage die uns zustehende und von unseren Ver- bündeten erwartete Rolle im Gesamtkonzert der NATO-Streitkräfte einzunehmen. in eigener redaktioneller Verantwortung Oberst d. R. Dipl.- Ing. Dietmar Paun ist Landevorsitzender VI Bayern. GSP ♦ Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. 53111 Bonn, Wenzelgasse 42, Tel.: (0228)652556. E-Mail: geschaeftss-telle@gsp-Sipo.de Internet: www.g sp-si po.de, Facebook: www.facebook.com/GSPSipo; Twitter; ©GSPSipo Sicherheitspolitische Öffentlichkeitsarbeit für Jedermann Die GSP widmet sich als unabhängiger und überparteilicher Verein mit ihren rund IOC Sektionen, unterstützt von über 6,000 Mitg ledern, der Vermittlung sicherheits- politischen Verständnisses in der Bevölkerung. Veranstaltungsangebot Die Sektionen als Hauptträger unserer Öffentlichkeitsarbeit veranstalten Vorträge, Seminare. Symposien und Kongresse sowie Informationsbesuche und Exkursionen für alle interessierten Bürger. Gemeinnützigkeit Die GSP ist wegen ihrer besonders förderungswürdigen satzungsgemäßen Aufgaben durch Freistellungsbescheid des Finanzamtes Bonn-Innenstadt Steuernummer 205/5764/0498, als gemeinnützig und spendenfähig anerkannt worden. Spendenkonto Sparda-Bank eG Köln IBAN DE53 3706 0590 0200 6402 20 Präsident: Prof. Dr. Johannes Varwick Geschäftsführer: Reiner Wehnes Vereinsregister-Nr.: 5684, Amtsgericht Bonn Gliederung/Kontakt Die GSP gliedert sich in 7 Landesbereiche und 3 selbstständige Sektionen, die direkt dem Vorstand unterstellt sind. Sie errreichen sie wie folgt: Lartdesbereich Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg (Tel.: 04331/696174) Landesbereich Niedersachsen und Bremen (TeL: 04761/70121) Landesbereich Nordrhein-Westfalen (TeL; 0172/3034560) Landesbereich Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland (TeL: 0172/2362627) Landesbereich Baden-Württemberg (TeL: 0711/605555) Landesbereich Bayern (TeL: 08239/7114) Landesbereiche Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (TeL: 030/36289697) Selbstständige Sektion Bonn (TeL: 0151/155677401) Selbstständige Sektion Berlin (TeL: 0176/23366939) Selbstständige Sektion Brüssel: bruessel@gsp-sipo.de
Gast-Kommentar „Ich mag die Bundeswehr sehr“ Foto: ARD Man muss nicht gedient haben, um Wehrbeauftragte(r) zu sein. Und nein, man muss auch kein Mann sein. Diese Zeiten sind vorbei. Es ist ein ziviler Posten zur parlamenta- rischen Kontrolle des Militärs. In den 1990er Jahren gab es mit Claire Marienfeld schon einmal eine Wehrbeauftragte. Der Kriegsdienstverweigerer Reinhold Robbe versah das Amt von 2005 bis 2010. Eva Högl ist ungedient und eine Frau - na und? Rumpelig ist ihr Start trotzdem. Das hat mehrere Gründe, die etwas mit ihr selbst zu tun haben, aber auch mit dem Innenleben ihrer Partei, der SPD. Es macht schon einen schlechten Eindruck, wenn Eva Högl zur Debatte über die EUTM-Mission in Mali nicht auftaucht - wenn die erste große verteidigungspolitische Bundestagsdebatte nach ihrer Wahl zur Wehrbeauftragten also ohne sie stattfindet. Sieht so Interesse aus an der Bundeswehr und an den Risiken, die Soldaten und Soldatin- nen tagtäglich eingehen? Högls Beteuerung „Ich mag die Bundeswehr sehr" bekommt da einen faden Beigeschmack. Zur NATO, sagt die frisch gewählte Högl, habe sie noch keine Meinung, und spricht von anderen Schwerpunkten: Sie will sich um Innere Füh- rung und Extremismus in der Truppe kümmern. Um die Arbeitszeit, das Pendeln, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das erinnert daran, wie einst Ursula von der Leyen die Kasernenausstattung anging und dafür auch Spott von Soldaten einstecken musste: „FKK" als geflügeltes Wort für „Flachbildschirm, Kühlschrank und Kitaplatz". Man nimmt der promovierten Juristin Högl ab, dass sie sich reinfuchsen wird. So wie sie es im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages getan hat oder im Parlamenta- rischen Kontrollgremium, das den Geheimdiensten auf die Finger schaut. Aber es fällt schon auf: Högl grenzt sich ab vom Militärischen. Nun ist eine Wehrbeauftragte keine Art „Neben-Verteidigungsministerin". Man kann es Högl also nachsehen, wenn sie sich bei den großen verteidigungspolitischen Linien und Strategien zurückhält. Aber sie sollte möglichst schnell einordnen können, welcher Schuh die Truppe wirklich drückt oder noch gar nicht da ist, welches Großgerät gerade nicht fliegt, fährt oder schwimmt und wo Ersatzteile oder Munition fehlen. Wie will sie denn sonst den Abgeordneten im Bundestag gegenübertreten und im Brustton der Überzeugung sagen: Das, was Ihr an Einsätzen beschließt, kann die Bundeswehr gar nicht leisten!? Högls Ferne zum militärischen Teil der Bundeswehr nennt Rolf Miützenich, der SPD-Frak- tionschef, euphemistisch „neue Akzente setzen". Wäre es Mützenich um Expertise gegangen, hätte er ganz einfach Hans-Peter Bartels für eine weitere Amtszeit vorge- schlagen. Fachlich top, parteiübergreifend anerkannt, bei den Soldaten beliebt. Bartels war ein sehr politischer Wehrbeauftragter, hat auch den Bundestag in der Auseinander- setzung mit dem Verteidigungsministerium gestärkt. Nur, so richtig auf SPD-Linie war er nicht (mehr). Und seine Etatforderungen für die Bundeswehr, seine transatlantische Überzeugung wollten so gar nicht zum pazifistischen Kurs von Fraktionschef Mützenich und Parteichef Norbert Walter-Borja ns passen. Johannes Kahrs hätte diesen Kurs eben- falls gestört: Reserveoffizier, einflussreicher Haushälter im Bundestag (man denke an die von ihm durchgesetzten Korvetten der „Kahrs-Klasse"!), mit besten Verbindungen zur Rüstungsindustrie und reichlich Energie, sich das begehrte Amt als Wehrbeauftragter zu sichern. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Mützenich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte: Zum einen den unbequemen Barteis in den Ruhestand schieben. Zum anderen den allzu forschen und machtbewussten Kahrs, den die Union ohnehin nicht einfach mitgewähit hätte, abschmettern. Eva Högl, so forsch sie oft auftritt, tut nicht weh. Vor allem nicht dem linken Parteiflügel, für den sich Bundeswehr und Sicherheitspolitik fast schon wie ein Hemmschuh anfühlen müssen auf der Suche nach neuen Bündnissen links der Mitte. Dass diese Parteilogik für Mützenichs Personalentscheidung wichtiger war als Expertise, ist eine Hypothek für Högls Start ins Amt. Birgit Schmeitzner ist Korrespondentin des bayerischen Rundfunks im Hauptstadtstudio der ARD. 114 I Europäische Sicherheit & Technik - Juni 2020
Sicherheitspolitik • Streitkräfte • Rüstung • Wehrtechnik • Logistik • IT • Öffentliche Sicherheit Europäische Sicherheit & Technik Die führende Monatszeitschrift für Sicherheitspolitik und Wehrtechnik do ui Europäische Sicherheit & Technik Europäische Sicherheit 51 r a C eg / e & Te ch n i k K>rnpif Ibjictijt um! rnorpcn Onhsdidbe Deirfctftliitd Dlt ruTa-Cirintie gibt Hilt M IKAwtegtn KJWÜ$e*d>UnHMhEw?pi Jahresabo € 78,00 (zzgl. € 11,50 Versand / Inland) (für Bundeswehr, Reservisten, GSP- und IDLw-Mitglieder, Schüler, Studenten € 58,00 zzgl. € 11,50 Versand/Inland) Probekurzabo € 16,40 (inkl. Versand) (3 Ausgaben; das Probeabo endet automatisch nach Erhalt des letzten Heftes) Ja, ich bestelle ES&T □ im Probekurzabo ohne Prämie zu € 16,40 (inkl. Versand) (3 Ausgaben ohne automatische Verlängerung; Dieses Angebot kann nur ein- mal pro Kalenderjahr in Anspruch genommen werden.) □ im Jahresabo mit Prämie zu € 78,00 (zzgl. € 11.50 Versand) □ im Jahresabo für Bundeswehr, Reservisten, GSP- und IDLw-Mitglieder, Schüler, Studenten (bitte Nachweise) für € 58,00 (zzgl. € 11,50 Versand) Bitte wählen Sie Ihre Prämie aus: □ „Beanie Lite" von Woolpower, Farbe: Schwarz □ Der Reibert □ Wehrtechnischer Report „Soldat und Technik 2020" Politik • Streitkräfte • Wirtschaft • Technik Wählen Sie zu Ihrem Jahresabonnement eine unserer attraktiven Werbeprämien aus! (Nur für Neu-Abonnenten) ► „Beanie Lite" von MTW/cröttfEt Farbe: Schwarz Absender Bei nicht dienstlichen Bestellungen bitte die Privatadresse angeben und ggf. die abweichende Lieferanschrift zusätzlich eintragen. Name, ggf- Dienstgrad ggf. Firma / Institution / Dienststelle Straße/Hausnummer Ata PLZ/Ort E-Mail Mittler ► Der Reibert Das Handbuch für den deutschen Soldaten 902 Seiten, Taschenformat ► Wehrtechnischer Report Soldat und Technik 2020 Die Auslieferung der Prämie erfolgt, sobald die erste Abonnementrechnung beglichen ist. Datum, Unterschrift Widerrufsbelehrung Widerrufs recht: Sie haben das Recht, binnen vierzehn Tagen ohne Angabe von Gründen diesen Vertrag zu widerru- fen. Die Widerrufsfrist beträgt vierzehn Tage ab dem Tag an dem Sie oder ein von Ihnen benannter Dritter, der nicht der Beförderer ist, die erste Ware in Besitz genommen haben bzw. hat. Um Ihr Widerrufsrecht amszuüben, müssen Sie uns (Mittler Report verlag GmbH, Beethovenallee 21, D-53173 Bonn, Tel.: 0228/3500870, Fax: 0228/3500871, E-Mail: info@mittler-report.de) mittels einer eindeutigen Erklärung (z. B. ein mit der Post versandter Brief, Telefax oder E-Mail) über Ihren Entschluss, diesen Vertrag zu widerrufen, informieren. Zur Wahrung derWiderrufsfrist reicht es aus, dass Sie die Mitteilung über die Ausübung des Widerrufs rechts vor Ablauf der Widerrufsfrist absenden. Folgen des Widerrufs: Wenn Sie diesen Vertrag widerrufen, haben wir Ihnen alle Zahlungen, die wir von Ihnen erhalten haben, einschließlich der Lieferkosten (mit Ausnahme der zusätzlichen Kosten, die sich daraus ergeben, dass Sie eine andere Art der Lieferung als die von uns angebotene, günstigste Stand ar dl ieferun g gewählt haben), unverzüglich und spätestens binnen vierzehn Tagen ab dem Tag zurückzuzahlen, an dem die Mitteilung über Ihren Widerruf dieses Vertrags bei uns eingegangen ist. Für diese Rückzahlung verwenden wir dasselbe Zahlungsmittel, das Sie bei der ursprünglichen Transaktion eingesetzt haben, es sei denn, mit Ihnen wurde ausdrücklich etwas anderes vereinbart; in keinem Fall weiden Ihnen wegen dieser Rückzahlung Entgelte berechnet. Wir können die Rückzahlung verweigern, bis wir die Waren wieder zurückerhalten haben oder bis Sie den Nachweis erbracht haben, dass Sie die Waren zurückgesandt haben, je nachdem, welches der frühere Zeitpunkt ist. Sie haben die Waren unverzüglich und in jedem Fall spätestens binnen vierzehn Tagen ab dem Tag, an dem Sie uns über den Widerruf dieses Vertrags unterrichten, an uns zurückzusenden oder zu übergeben. Die Frist ist gewahrt, wenn Sie die Waren vor Ablauf der Frist von vierzehn Tagen absenden. Wir tragen die Kosten der Rücksendung der Waren. Sie müssen für einen etwaigen Wertverlust der Waren nur aufkommen, wenn dieser Wertverlust auf einen zur Prüfung der Beschaffenheit, Eigenschaften und Funktionsweise der Waren nicht notwendigen Umgang mit ihnen zurückzuführen ist- Hiermit bestätige ich, dass ich mein Widerrufsrecht zur Kenntnis genommen habe, Datum, 2.. Unterschrift Bestellung mit Bestellschein (Post oder Fax), oder per E-Mail an info@mittler-report.de MITTLER REPORT VERLAG GMBH Beethovenallee 21 • D-53173 Bonn Fax 0228 - 3500871
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