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Author: Lenin N.
Tags: propaganda geschichte der propaganda essay marxismus-leninismus sowjetgeschichte artikelsammlung
Year: 1929
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MARXISTISCHE BIBLIOTHEK
Werke des Marxismus- Leninismus
Band 8
Einzige autorisierte Ausgabe
N. LENIN
AGITATION
UND PROPAGANDA
EINSAMMELBAND
6
VERLAG FÜR LITERATUR UND POLITIK
WIEN—BERLIN
Alle
Rechte,
insbesondere
die
de s N a c h d r u c k c s , v o r b e h a I t e o.
Copyright
1929 by VERLAG
FOR LITERATUR
U N D P O LI Tl K (D r. J o h a n n e 5
\V e r t h e i m), W i e n V I I 1
Druck:
Pcuyag
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2025
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Einleitung
Im vorliegenden Band der Marxistischen Bibliothek unterbreiten wir der
revolutionären Arbeiterschaft eine Zusammenstellung aus Reden und Schriften Lenins, die die Fragen der Agitation und Propaganda behandeln. Aus
naheliegenden Gründen haben wir es für nötig befunden, in diese Sammlung
picht allein die Äußerungen Lenins über Agitation und Propaganda im allgemeinen, über ihren Inhalt und ihre Methoden aufzunehmen, sondern zu-
gleich auch ausgewählte Illustrationsstücke der leninistischen Agitation und
Propaganda in bestimmten historischen Situationen und Zeitabschnitien zu
bringen.
Diese Verbindung ergibt sich von selbst aus der Natur des Leninismus,
denn nichts widerstrebt dem Leninismus mehr, als allgemeine, abstrakte Betrachtungen über eine Sache anzustellen, ohne ihr zugleich auf den Grund zu
gehen, ohne sie in ihrer konkreten Gestalt anzupacken. Es ist gerade das
besonders Hervorstechende an der leninistischen Agitation und Propaganda,
daß sie ihren konkreten Inhalt schöpft aus bestimmten geschichtlichen Situationen, aus den bestimmten Aufgaben, die das Proletariat in diesen Situatio'nen zu erfüllen hat, um diesem revolutionären Inhalt die entsprechenden For-
men und Methoden seiner Verwirklichung, seiner Umsetzung in die lebendige
Praxis der Revolution zu geben. Die leninistische Agitation und Propaganda
muß, will sie dem Geiste des Marxismus treu bleiben, stets in höchstem Maße
konkret sein, stets das richtige Kettenglied, das zur Aktion führt, herausdie revolutionäre Agitation und Propafinden. Der Leninismus betrachtet
ganda als eine spezifische Äußerung der revolutionären Bewegung des Proletariats und der Rolle der Kommunistischen Partei in ihr, er leitet daher die
Form der Agitation und Propaganda von dem Grundcharakter des proletarischen Massenkampfes ab. So wie z. B. die proletarische Bewegung ganz neue,
von den Formen des politischen Kampfes der Bourgeoisie prinzipiell
verschiedene Formen des wirklichen Massenkampfes schafft, die auf
die Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt, auf die Zertrümmerung des bürgerlichen Staates gerichtet sind, so sind auch die Formen der
revolutionären Agitation und Propaganda vor allem durch diese beiden Prinzipien bestimmt. Insofern haben diese Formen ihren notwendigen Schwerpunkt stets in der Bewegung der Massen selbst. Aber sie müssen zugleich die
Aufgabe lösen, die der Kommunistischen Partei als Avantgarde des Proletariats zufällt: die Aufgabe der Führung der Massen im Kampfe um
den Sturz des Kapitalismus, die Aufgabe der Organisierung der Revolution.
|
Daraus ergibt sich auch der innige Zusammenhang zwischen der revolutionären Agitation und der revolutionären Propaganda, der bei Lenin festzustellen ist. ‚Während die Agitation auf einige wenige Leitgedanken sich
konzentrieren muß, die zum Hebel der Aktion der Massen werden sollen und
somit, in tagläglichem Kampfe, unermüdlich dem Bewußtsein des kämpfenden Proletariats eingeprägt werden müssen, hat_die Propaganda die Aufgabe,
diese Aktionsparolen, diese Schlagworte der Taktik in Einklang zu
bringen mit dem allgemeinen strategischen Plan der Partei, sie zu begründen
durch eine erschöpiende Analyse der politischen Gesamtlage und der sich
daraus ergebenden Entwicklungstendenzen. Die Propaganda hat die Aufgabe,
die Gesamtheit der Kampfbedingungen und Kampfziele des Proletariats in
einer bestimmten Situation zu erhärten, anknüpfend an die Prinzi-
pien des Marxismus. Die Agitation verfolgt den Zweck, diese allgemeinen Richtlinien, die sich aus den Prinzipien des Marxismus ergeben, in
besonderen Knotenpunkten zusammenzufassen, sie zu Aktionsparolen umzuschmieden. Lenin spricht irgendwo davon, daß der revolutionäre Propagandist im Maßstabe von Hunderten zu denken hat, der Agitator im Maßstabe
von Zehntausenden, der Organisator und Führer der Revolution im Maßstabe
von Millionenmassen. Was allen Dreien gemeinsam sein muß, ist die „Einsicht in die Natur, die Bedingungen und die daraus sich ergebenden allgemeinen Ziele des vom Proletariat geführten Kampfes“ Denn das und nichts
anderes heißt Kommunismus. Denn das und nichts anderes kann die Voraussetzungen schaffen, ausgehend von welchen die Kommunistische Partei durch
ihre richtige Agitation und Propaganda, durch ihr aktives Eingreifen in den
wirklichen Kampf der Massen sich zusammenschließen kann mit der Klasse
des Proletariats, sie führen und organisieren kann für die Revolution,
+
Das in diesem Bande enthaltene Material ist chronologisch, nach den verschiedenen Entwicklungsetappen der revolutionären Bewegung in Rußland
eingeteilt. Den einzelnen Teilen wurden Vorbemerkungen vorausgeschickt,
die die Aufgabe haben, den allgemeinen historischen Hintergrund zu kennzeichnen, auf welchem sich die Aufgaben der leninistischen Agitation und .
Propaganda in konkreter Weise abheben.
Im Schlußkapitel, das von der Agitalion und Propaganda in der Kommunistischen Internationale handelt, haben wir Gelegenheit genommen, das Auf-
treten des Leninismus in der internationalen Arena des proletarischen Klassenkampfes zu zeigen und besonders diejenigen Äußerungen Lenins zu unterstreichen, die den Übergang von der Agitation und Propaganda zur Aktion
der Massen selbst darstellen.
I
AGITATION UND PROPAGANDA
IN DER PERIODE DER VORBEREITUNG
DER REVOLUTION VON 1905
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten*
Die neunziger Jahre in Rußland waren gekennzeichnet durch ein starkes
Anschwellen der Streikbewegung. Diese Belebung der Arbeiterbewegung
stellle die Sozialdemokraten vor die Aufgabe, den Charakter ihrer Arbeit zu
ändern. Bis dahin hatte sich ihre Tätigkeit hauptsächlich auf die Propaganda des Marxismus innerhalb von Zirkeln und auf den ideologischen
Kampf gegen die nichtsozialdemokratischen Strömungen konzentriert. In
Anbetracht der ungewöhnlichen Entwicklung der spontanen Arbeiterbewegung und der Vermehrung der sozialdemokratischen Zirkel war es nicht
mehr möglich, sich auf diese Aufgabe zu beschränken. Es stellte sich die
Notwendigkeit ein, die Frage der Führung der spontanen Arbeiterbewegung und der Hebung des Klassenbewußtseins der proletarischen Massen praktisch zu stellen. Die führende Rolle der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung erforderte die Gründung einer einheitlichen
Partei.
Der erste Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands
!
im Jahre 1898 unternahm den — allerdings mißlungenen — Versuch, diese
organisatorische Aufgabe zu lösen. Das proletarische Bewußtsein auf dasNiveau des Klassenstandpunktes zu heben, war nur möglich mit Hilfe einer,
umfassenden Agitation auf Grund der dringendsten Bedürfnisse und Forderungen des Proletariats, ferner durch die Klarlegung der Rolle der Arbeiterklasse als der einzigen konsequenten Kämpferin für die Demokratie, für die
Niederwerfung des Zarismus. Das mangelhafte Verständnis der Sozialisten
für die Hauptaufgaben der Sozialdemokratie in dieser Periode veranlaßte
Lenin, die Broschüre „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten“
zu schreiben. In dieser Broschüre betont Lenin, daß die praktische
Arbeit der Sozialdemokratie in der gegebenen Epoche nach
zwei Richtungen hin durchgeführt werden müsse: nach der Richtung des
Kampfes erstens gegen die Kapitalisten und die kapitalistische Gesellschaftsordnung, zweitens des Kampfes für die restlose Verwirklichung der demokratischen Aufgaben. Dadurch wird auch der Charakter der Agitation und
der Propaganda jener Zeit bestimmt.
*
Die zweite Hälfte der neunziger Jahre ist charakterisiert
durch eine auffallende Belebung in der Diskussion russischer
revolutionärer Probleme...
Im gegenwärtigen Moment (Ende 1897) ist von unserem
Standpunkt aus die vitalste Frage die der praktischen Ar-
beit der Sozialdemokraten. Wir unterstreichen diepraktische
Seite, da die theoretische anscheinend bereits über die schlimmste
Periode hinweggekommen ist, in der einerseits die Gegner mit
” Aus der 1897 veröffentlichten Broschüre: „Die Aufgaben der russischen
Sozialdemokraten‘.
10
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
verstocktem Unverständnis angestrengte Versuche machten, die
neue Richtung gleich bei ihrem Auftreten zu unterdrücken, und
andererseits die Anhänger des Sozialdemokratismus ihre Prinzıpien mit Leidenschaft verteidigten. Die theoretischen Anschauungen der Sozialdemokraten erscheinen jetzt in ihren
hauptsächlichen,grundlegenden Zügen genügend geklärt.
Von der praktischen
Seite des Sozialdemokratismus, von
seinem politischen
Programm, von seinen Aktionsmethoden,
von seiner Taktik, kann man aber nicht dasselbe behaupten.
Gerade auf diesem Gebiet herrschen, so scheint uns, die meisten
Mißverständnisse, gerade hier stößt man auf das tiefste gegenseitige Unverständnis, das auch solche Revolutionäre von dem
vorbehaltlosen Anschluß an die Sozialdemokratie abhält, die
sich theoretisch vollständig von dem Narodnikitum? losgesagt
haben. Diese letzteren werden in der Praxis durch die Logik der
Dinge entweder zur Propaganda und Agitation unter den Arbeitern getrieben — ja, sogar dazu, ihre Tätigkeit unter den Arbeitern
auf den Boden des Klassenkampfes zu stellen —, oder aber
sie suchen die
demokratischen Aufgaben zur Grundlage
des ganzen Programms und der ganzen revolutionären Tätigkeit
zu machen ..
Darum erscheint uns der Versuch besonders zeitgemäß, die
praktischen Aufgaben der Sozialdemokraten klarzumachen
und auseinanderzuseizen, warum wir das sozialdemokratische
Programm für das rationellste der drei Programme halten und
warum wir glauben, daß die Einwände gegen dieses Programm
in weitgehendem Maße auf Mißverständnissen beruhen.
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Bekanntlich stellen sich die Sozialdemokraten bei ihrer praktischen Tätigkeit die Aufgabe, den Klassenkampf des Proletariats
zu leiten und diesen Kampf in seinen beiden Erscheinungsformen
zu organisieren: in der sozialistischen (Kampf gegen die Kapitalistenklasse, mit dem Ziel, die Klassengesellschaft zu vernichten
und die sozialistische Gesellschaft zu organisieren) und der demo-
kratischen (Kampf gegen den Absolutismus, mit dem Ziel, in
Rußland die politische Freiheit zu erobern und die politische und
: -gesellschaftliche Ordnung Rußlands zu demokratisieren). Wir
sagten
bekanntlich, denn seit ihrem ersten Auftreten als
eigene sozial-revolutionäre Richtung haben die russischen Sozialdemokraten stets mit aller Bestimmtheit auf diese ihre Aufgabe
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten
11
hingewiesen, sie haben stets die zweifache Erscheinungsform und
den zweifachen Inhalt des proletarischen Klassenkampfes unterstrichen und den untrennbaren Zusammenhang zwischen ihren
sozialistischen und demokratischen Aufgaben betont. Diese Untrennbarkeit des Zusammenhanges wird auch durch den Namen,
den sie sich gegeben haben, veranschaulicht. Trotzdem trifft man
noch oft Sozialisten, die die verkehrtesten Vorstellungen von den
Sozialdemokraten haben und sie z. B. der Ignorierung des politischen Kampfes und dergl. beschuldigen. Verweilen wir also ein
wenig bei der Charakteristik der beiden Seiten der Praxis der
russischen Sozialdemokratie.
Wir wollen vorerst die sozialistische Seite betrachten. Man
sollte meinen, daß der Charakter der sozialdemokratischen Tätigkeit in dieser Hinsicht vollständig klar ist, seitdem der sozia-
listische „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse‘“ unter
den Petersburger Arbeitern seine Tätigkeit entfaltet.
Die sozia-
listische Arbeit der russischen Sozialdemokraten besteht darin,
die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus zu propagieren, d.h. unter der Arbeiterschaft richtige Begriffe zu verbreiten über die gegenwärtige gesellschaftliche und wirtschaft-|
liche Ordnung, über ihre Grundlagen und ihre Entwicklung,
über die verschiedenen Klassen der russischen Gesellschaft
und deren Wechselbeziehungen, über den Kampf dieser Klassen miteinander, über die Rolle der Arbeiterklasse in diesem
Kampf, über das Verhältnis der Arbeiterklasse zu den untereehenden und zu den aufsteigenden Klassen, zur Vergangenheit
und Zukunft des Kapitalismus, über die geschichtliche Aufgabe;
der internationalen Sozialdemokratie und der russischen Är-
beiterklasse. In untrennbarem Zusammenhang mit der Propaganda steht die Agitation unter den Arbeitern, die sich;
unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen in Rußland
und bei der gegebenen Entwicklungsstufe der Arbeitermassen
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naturgemäß in den Vordergrund drängt. DieAgitation unter
den Arbeitern besteht darin, daß_sich_.die_Sozialdemokraten_an
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allen spöntanen Äußerungen des Kampfes der Arbeiterklasse,
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allen Zusammenstößen der Arbeiter mit den Kapitalisten wegen
Arbeitszeit, Arbeitslohn, Arbeitsbedingungen usw. beteiligen.|
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Unsere Aufgabe ist es, unsere Tätigkeit mit den praktischen Alltagsfragen des Arbeiterlebens zu verbinden, den Arbeitern bei- |
12
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
‚zustehen, damit sie sich in diesen Fragen zurechtfinden, ihre Aufmerksamkeit auf die gröbsten Mißbräuche zu lenken, ihnen zu hel-
fen, ihre Forderungen an die Unternehmer genauer und zweckmäßiger zu formulieren, in den Arbeitern das Solidaritätsgefühl
zu entwickeln, das Bewußtsein der gemeinsamen Interessen und
der gemeinsamen Sache aller russischen Arbeiter als einheitliche
; Arbeiterklasse, die ein Teil der Weltarmee des Proletariats ist. Die
Organisierung von Arbeiterzirkeln, die Schaffung regelmäßiger
j konspirativer Verbindungen zwischen
diesen und der zentralen
Gruppe der Sozialdemokraten, die Ausgabe und Verbreitung von
Arbeiterliteratur, die Organisierung einer Berichterstattung in
allen Mittelpunkten der Arbeiterbewegung, die Ausgabe und Verbreitung von Flugblättern und Aufrufen zu Agitationszwecken,
die Ausbildung eines Stammes erfahrener Agitatoren — dies wären
in allgemeinen Umrissen die Äußerungsformen der sozialistischen
‚Tätigkeit der russischen Sozialdemokratie.
|
Unsere Arbeit ist vor allem und hauptsächlich auf die städtischen Fabrikarbeiter eingestellt. Die russische Sozialdemokratie
darf ihre Kräfte nicht zersplittern,/sie muß sich auf die Arbeit
unter dem Industrieproletariat konzentrieren, weil dieses die
größte Empfänglichkeit für die sozialdemokratischen Ideen, die
höchste intellektuelle und politische Reife aufweist und dank
seiner Zahl und Konzentration in den großen politischen Mittelpunkten des Landes den Ausschlag gibt. Darum ist die Schaffung
einer festen revolutionären Organisation unter den städtischen Fabrikarbeitern die erste und dringendste Aufgabe.der Sozialdemokratie, eineAufgabe, der sich im gegenwärtigen Moment zu entziehen,
im höchsten Grade unvernünftig wäre. Aber wenn wir die Notwendigkeit der Konzentrierung unserer Kräfte auf die Fabrikarbeiter anerkennen und eine Kräftezersplitterung verwerfen,
wollen wir damit keineswegs gesagt haben, daß die russische
Sozialdemokratie alle übrigen Schichten des russischen Proletariats und der russischen Arbeiterklasse außer acht lassen soll.
Ganz und gar nicht. Der russische Fabrikarbeiter ist durch seine
Lebensbedingungen gezwungen, sehr oft in engsten Beziehungen
mit Heimgewerbetreibenden? zu leben, mit diesem industriellen
Proletariat, das außerhalb der Fabriken in den Städten und Dör-
fern zerstreut ist und sich in einer viel schlechteren Lage befindet
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten
13
als das Fabrikproletariat. Der russische Fabrikarbeiter kommt
auch mit der ländlichen Bevölkerung in unmittelbare Berührung
(der Fabrikarbeiter hat oft seine Familie im Dorfe) und hat infolgedessen unvermeidlich auch mit dem ländlichen Proletariat
Fühlung, mit der Millionenmasse von Knechten, Tagelöhnern
und auch mit jener verarmten Bauernschicht, die sich an winzige
Bodenfetzen klammert und auf „Abarbeit“ und allerlei zufälligen
Erwerb, also ebenfalls auf Lohnarbeit, angewiesen ist. Die russischen Sozialdemokraten halten es für unzeitgemäß, ihre Kräfte
auf die Heimgewerbetreibenden und Landarbeiter zukonzentrieren, sie haben aber keineswegs die Absicht, diese Schichten unberücksichtigt zu lassen. Sie werden sich alle Mühe geben,
die entwickeltsten Arbeiter auch über die Lebensbedingungen
der Heimgewerbetreibenden und Landarbeiter aufzuklären, damit
dann diese Arbeiter die Ideen des Klassenkampfes, des Sozialismus und der politischen Aufgaben der russischen Demokratie
im allgemeinen und des russischen Proletariats im besonderen
bei der Berührung mit den rückständigeren Schichten des Proletariats in deren Reihen hineintragen. Es wäre unzweckmäßig,
Agitatoren unter die Heimgewerbetreibenden und Landarbeiter
zu schicken, während noch so viel Arbeit unter den städtischen
Fabrikarbeitern zu leisten ist. Sehr, sehr oft kommt aber der
sozialistische Arbeiter rein zufällig in Berührung mit diesen rücksländigeren prolelarischen Schichten, und er muß es dann verstehen, die Gelegenheit auszunützen. Dazu muß er selbst mit
den allgemeinen Aufgaben der Sozialdemokratie in Rußland
vertraut sein. Darum ist es ein schwerer Irrtum, die russischen
Sozialdemokraten der Engherzigkeit zu bezichtigen und ihnen
vorzuwerfen, sie neigten dazu, zugunsten der Fabrikarbeiter die
Masse der werktätigen Bevölkerung zu vernachlässigen. Im Gegenteil, die auf die progressivsten Schichten des Proletariats konzentrierte Agitation ist der sicherste und einzige Weg, (in dem Maße,
wie sich die Bewegung ausdehnt) auch das gesamte russische
Proletariat zu erwecken. Die Verbreitung des Sozialismus und der
Idee des Klassenkampfes unter den städtischen Arbeitern führt
unvermeidlich dazu, daß sich diese Ideen auch in kleinere, verzweigtere Kanäle ergießen. Dazu ist es wiederum unerläßlich, daß
diese Ideen im empfänglicheren Boden tiefere Wurzeln schlagen und diese Vorhut der russischen Arbeiterbewegung und der
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Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
russischen Revolution dicht durchziehen. Obwohl sie ihre ganze
Kraft auf die Arbeit unter den Fabrikarbeitern konzentriert, ist
die russische Sozialdemokratie bereit, alle russischen Revolutio-
näre zu unterstützen, die praktisch ihre sozialistische Arbeit auf
den Boden des Klassenkampfes des Proletariats stellen. Sie verheimlicht dabei aber keineswegs, daß keine wie immer gearteten
praktischen Bündnisse mit anderen revolutionären Fraktionen
zu Kompromissen oder Konzessionen in Fragen der Theorie, des
Programms, des Prinzips führen können oder führen dürfen. In
der Überzeugung, daß gegenwärtig nur die Lehre des wissenschaftlichen Sozialismus und des Klassenkampfes eine als Fahne
einer revolutionären Bewegung dienende revolutionäre Theorie
sein kann, werden die russischen Sozialdemokraten diese Lehre
mit allen Kräften verbreiten, vor falschen Auslegungen bewahren
und sich jedem Versuch widersetzen, das Schicksal der noch
jungen russischen Arbeiterbewegung mit weniger fest definierten
Doktrinen zu verknüpfen. Theoretische Überlegung beweist und die
praktische Arbeit der Sozialdemokraten zeigt, daß alle Sozialisten Rußlands zuSozialdemokraten werden müssen.
Gehen wir nun zu den demokratischen Aufgaben und
zur demokratischen Arbeit der Sozialdemokraten über. Wir
wiederholen noch einmal, daß diese Arbeit mit der sozialistischen
Iuntrennbar verbunden ist, Bei ihrer
Propaganda unter
‘den Arbeitern
können
die Sozialdemokraten die politischen
Fragen nicht umgehen und würden auch jeden Versuch, sie
zu umgehen oder gar beiseite zu schieben, als einen schweren
Fehler und eine Abkehr von den Grundprinzipien des internationalen Sozialdemokratismus betrachten. Neben der Propaganda
des wissenschaftlichen Sozialismus stellen sich die russischen
Sozialdemokraten auch die Aufgabe, die demokratischen
Ideenin den Arbeitermassen zu propagieren. Sie sind bestrebt,
das Verständnis für das Wesen des Absolutismus in allen seinen
Lebensäußerungen zu verbreiten, seinen Klasseninhalt aufzudecken und die Überzeugung in die Massen hineinzutragen, daß
der Sturz der Autokratie unumgänglich notwendig, ein erfolgreicher Kampf für die Arbeitersache ohne Eroberung der politischen Freiheit und ohne Demokratisierung der politischen und
. gesellschaftlichen Ordnung Rußlands unmöglich ist. Mit ihrer
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten
15
Agitation unter den Arbeitern auf der Grundlage der unmittelbaren
wirtschaftlichen Forderungen verbinden die So-!
zialdemokraten untrennbar auch die Agitation auf der Grundlage
der unmittelbaren politischen Bedürfnisse, Nöte und Forde-
rungen der Arbeiterklasse, — die Agitation gegen den polizeilichen
Druck, der bei jedem Streik, bei jedem Zusammenstoß zwischen
Arbeiterschaft und Kapitalisten fühlbar wird; die Agitation gegen }
die Einschränkung der Rechte der Arbeiter als russische Staats- |
bürger im allgemeinen und als die am meisten unterdrückte und
rechtlose Klasse im besonderen; die Agitation gegen jeden promi- |
nenten Vertreter und Lakaien des Absolutismus, der, mit den Ar- \
beitern in nähere Fühlung kommend, der Arbeiterklasse ihre politische Versklavung anschaulich macht. Ebenso wie es im Leben |
der Arbeiter keine einzige wirtschaftliche Frage gibt, die nicht |
für die wirtschaftliche Agitation ausgenutzt werden sollte, gibt |
es auch auf dem politischen Gebiet keine Frage, die nicht zum
Gegenstand der politischen Agitation dienen müßte. Diese zwei |
|
Arten der Agitation sind in der Arbeit der Sozialdemokraten so
untrennbar verbunden, wie die beiden Seiten einer
wirtschaftliche wie die politische Agitation, sind
wicklung des Kiassenbewußtseins des "Proletariats
behrlich; sie sind beide gleich unentbehrlich als
Klassenkampfes der russischen Arbeiter, denn jeder
Medaille. Die
für die Ent- ;
gleich unent-'
Leitfaden des:
Klassenkampf:
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ist ein politischer Kampf. Die eine wie die andere Art der Agitation
weckt das Bewußtsein der Arbeiter, organisiert und disziplintert|
sie, erzieht sie zur solidarischen Arbeit und zum Kampf für die!
sozialdemokratischen Ideale und gibt so die Möglichkeit, ihre
Kräfte an Hand der nächstliegenden Fragen und Bedürfnisse des:
Proletariats zu erproben.Sie gibt dieMöglichkeit,
dem FeindeTeilkonzessionen zu entreißen, die eigene wirtschaftliche Lage zu!
verbessern, die Kapitalisten zu zwingen, mit der organisierten’!
Macht der Arbeiter zu rechnen, die Regierung zu zwingen, die;
Rechte der Arbeiter zu erweitern. und ihre Forderungen zu be-
rücksichtigen. Sie gibt die Möglichkeit, die Regierung in fort-;
währender Angst zuhalten vor den ihr feindlich gesinnten und
von einer- festgefügten sozialdemokratischen Organisation geführ
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ten Arbeitermassen.
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Wir haben auf die untrennbare Verknüpfung der sozialistischen und der demokratischen Propaganda und
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Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
Agitation, auf den durchgehenden Parallelismus der revolutionären
Arbeit in beiden Sphären hingewiesen. Aber es gibt auch einen
sehr großen Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Arbeit und des Kampfes. Dieser besteht darin, daß das Proletariat
im wirtschaftlichen Kampfe vollkommen allein steht, sowohl die
adligen Grundbesitzer als auch die Bourgeoisie gegen sich hat und
höchstens (und auch das bei weitem nicht immer) auf die Hilfe
der zum Proletariat hinneigenden Elemente des Kleinbürgertums
rechnen kann. Demgegenüber steht die russische Arbeiterklasse
im demokratischen, politischen Kampf nicht isoliert da;
neben sie stellen sich alle politisch oppositionellen Elemente,
Bevölkerungsschichten, Klassen, insofern sie dem Absolutismus
feindlich gegenüberstehen und ihn in dieser oder jener Form
bekämpfen.
Neben dem Proletariat stehen hier auch die oppositionell gesinnten Elemente der Bourgeoisie, der gebildeten Klassen, des Kleinbürgertums, der vom Absolutismus verfolgten Nationalitäten, Konfessionen, Sekten usw. Hier taucht naturgemäß
die Frage auf, welche Beziehungen die Arbeiterklasse zu diesen
Elementen unterhalten soll. Soll sie sich nicht mit ihnen zum
gemeinsamen Kampfe gegen den Absolutismus vereinigen? Alle
Sozialdemokraten erkennen ja an, daß in Rußland der sozialistischen Revolution eine politische Revolution vorangehen muß;
muß man sich also nicht mit allen politisch oppositionellen Elementen zum Kampf gegen den Absolutismus vereinigen und den
Sozialismus einstweilen zurückstellen, ja, ist dies nicht unsere
Pflicht, damit der Kampf gegen den Absolutismus verstärkt
werde?
Untersuchen wir beide Fragen.
Was die Stellung der Arbeiterklasse als Kämpfer gegen den
Absolutismus zu allen anderen politisch oppositionellen Gesellschaftsklassen und Gesellschaftsgruppen betrifft, so ist diese ganz
genau bestimmt durch die Grundprinzipien des Sozialdemokratismus, die im berühmten „Kommunistischen Manifest‘ nieder-
gelegt sind. Die Sozialdemokraten unterstützen die fortschrittlichen Gesellschaftsklassen gegen die reaktionären: die Bourgeoisie gegen den privilegierten ständischen Grundbesitz und gegen
die Bureaukratie, die Großbourgeoisie gegen die reaktionären
Bestrebungen des Kleinbürgertums. Diese Unterstützung erfordert keinerlei Kompromisse mit nichtsozialdemokratischen Pro-
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten
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grammen und Prinzipien und setzt keine solche Kompromisse
voraus — sie ist die Unterstützung, die einem Bundesgenossen
gegen einen bestimmten Feind gewährt wird. Die Sozialdemokraten gewähren diese Unterstützung, um den Sturz
des gemeinsamen Feindes zu beschleunigen, aber sie erwarten
für sich von diesen temporären Bundesgenossen nichts und
machen ihnen auch keine Zugeständnisse. Die Sozialdemokraten
unterstützen jede revolutionäre Bewegung, die gegen die jetzige
Gesellschaftsordnung gerichtet ist, jede unterdrückte Nationalität, jede verfolgte Konfession, jeden geknechteten Stand usw.
in ihrem Kampf um Gleichberechtigung.
Die Unterstützung
aller politisch oppositionellen Elemente wird ın der Propaganda der Sozialdemokraten darin zum
Ausdruck kommen, daß die Sozialdemokraten, auf die Feind-
schaft des Absolutismus gegenüber der Arbeitersache hinweisend,
die Solidarität der Arbeiterklasse mit diesen Gruppen in gewissenEinzelfragen,beibestimmtenAufgaben
hervorheben werden. In der Agitation wird diese Unterstützung
ihren Ausdruck darin finden, daß die Sozialdemokraten jeden
Fall polizeilich-absolutistischer Unterdrückung dazu benützen
werden, den Arbeitern zu zeigen, wie diese Unterdrückung alle
Staatsbürger im allgemeinen und die Vertreter besonders
verfolgter Stände, Nationalitäten, Konfessionen, Sekten usw. im
einzelnen trifft und wie sich diese Unterdrückung speziell bei der
Arbeiterklasse bemerkbar macht. Endlich drückt sich
diese Unterstützung in der Praxis so aus, daß die russischen So-
zialdemokraten bereit sind, zur Erreichung der einen oder anderen Teilziele mit Revolutionären anderer Richtungen Bündnisse
zu schließen. Diese Bereitschaft haben sie mehr als einmal durch
Taten bewiesen.
Hier kommen wir zur zweiten Frage. Wenn die Sozialdemokraten auf die Solidarität gewisser oppositioneller Gruppen mit
den Arbeitern hinweisen, werden sie immer die Arbeiter gesondert behandeln, immer den provisorischen
und bedingten Charakter dieser Solidarität auseinandersetzen, immer die klassenmäßige Sonderstellung des Proletariats betonen, das vielleicht
morgen als Gegner seiner heuligen Bundesgenossen auftreten
wird. Man wird uns sagen: „Ein solcher Hinweis schwächt
alle Kämpfer für die politische Freiheit im gegenwärtigen MoM. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
|
2
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Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
ment.“ Ein solcher Hinweis stärkt alle Kämpfer für die politische Freiheit, antworten wir. Nur solche Kämpfer sind stark,
die sich auf die bewußten realen Interessen bestimmter
Klassen stützen, und jede Verwischung dieser Klasseninteressen, die in der modernen Gesellschaft bereits eine dominie-
rende Rolle spielen, schwächt nur die Kämpfer. Dies zum ersten.
Zweitens muß sich die Arbeiterklasse im Kampf gegen den Absolutismus darum absondern, weil nur
sie eine bis zuletzt kon-
sequente und unbedingte Feindin des Absolutismus ist, weilnur
bei ihr die Möglichkeit eines Kompromisses mit dem Absolutismus
ausgeschlossen bleibt, weil der Demokratismus nur in der Ärbeiterklasse einen vorbehaltlosen, entschlossenen, nicht nach
rückwärts schielenden Anhänger besitzt. Bei allen anderen
Klassen, Gruppen, Schichten der Bevölkerung ist die Feindschaft
gegen den Absolutismus keine unbedingte, ihr Demokratismus schielt fortwährend nach rückwärts. Die Bourgeoisie
kann nicht umhin, die Fesseln zu spüren, die der industriellen
und gesellschaftlichen Entwicklung durch den Absolutismus angelegt werden, aber sie hat auch Angst vor der restlosen Demokratisierung der politischen und sozialen Ordnung und kann
jederzeit ein Bündnis mit dem Absolutismus gegen das Proletariat eingehen. Das Kleinbürgertum hat seiner Natur gemäß
‚ zwei Gesichter und tendiert zwar einerseits zum Proletariat und
zum Demokratismus, andererseits
aber
zu
den
reaktionären
Klassen, es versucht, den Lauf der Geschichte aufzuhalten und
kann den Experimenten und Lockungen des Absolutismus erliegen (sei es z. B. in der Art der „Volkspolitik®“ Alexanders III.).
Es kann ein Bündnis mit den herrschenden Klassen gegen das
Proletariat eingehen mit dem Ziel, die eigene Lage als
Kleineigentümer zu festigen. Die gebildeten Leute, überhaupt. die „Intellektuellen“, können nicht umhin, sich gegen die
Gedanken und Wissen verfolgende barbarische Polizeiherrschaft
des Absolutismus aufzulehnen,
aber
die materiellen Interessen
dieser Intelligenz binden sie an den Absolutismus, an die Bourgeoisie und zwingen sie, schwankend zu sein, zu Kompromissen
zu neigen, ihre revolutionäre und oppositionelle Begeisterung zu
verkaufen um den Preis staatlicher Gehälter oder der Beteiligung
an Profiten und Dividenden. Was die demokratischen Elemente
der verfolgten Nationalitäten und Konfessionen betrifft, so weiß
‚Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten
19
und sieht ein jeder, daß die Klassengegensätze innerhalb dieser
Bevölkerungskategorien viel tiefer und stärker sind als die Solidarität aller Klassen der gegebenen Kategorie gegen den Absolutismus und für die demokratischen Institutionen. Nur das Proleta\V
riat kann
— und muß es, seiner Klassenlage nach
— bis zuletzt
konsequent demokratisch sein, ein entschlossener Feind des Ab-
solutismus, unfähig zu irgendwelchen Zugeständnissen und Kompromissen. Nur das Proletariat allein kann der
Vorkämpfer
der politischen Freiheit und der demokratischen Institutionen
sein. Denn erstens lastet der politische Druck am allerstärksten
auf dem Proletariat, ohne in der Lage dieser Klasse irgendwelche
Korrektiva zu finden, da diese weder Zugang zur Staatsgewalt
noch Einfluß auf die Öffentliche Meinung, ja nicht einmal Zugang zu der Beamtenschaft hat. Zweitens kann nur das Proletariat die Demokratisierung der politischen und sozialen Ordnung zu Ende führen, denn eine solche Demokratisierung A
würde ja diese Ordnung in die Hände der Arbeiter legen. Eben ‘|
darum würde die Verschmelzung der demokratischen Tätigkeit der Arbeiterklasse mit dem Demokratismus der übrigen Gruppen den politischen Kampf schwächen, weniger entschlossen, weniger konsequent, mehr zu Kompromissen hinneigend
machen. Umgekehrt wird die
Absonderung der Arbeiterklasse als Vorkämpferin für demokratische Institutionen die
demokratische
Bewegung,
den
Kampf
um
die
politische
Freiheit stärken, denn die Arbeiterklasse wird alle anderen demokratischen und politisch oppositionellen Elemente vorwärtsdrängen, d.h. die Liberalen zu den politisch Radikalen und
die Radikalen zum unwiderruflichen Bruch mit der gesamten
sozialen und politischen Ordnung der gegenwärtigen Gesellschaft.
Wir sagten oben, daß alle
Sozialisten in Rußland
zu Sozialdemokraten werden müssen. Wir fügen jetzt
hinzu: alle wahren und konsequenten Demokraten in
Rußland müssen zuSozialdemokraten werden...
“3%
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Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
Womit beginnen?*
Die Erfüllung der allgemeinen Aufgaben der Arbeiterklasse setzte das
Vorhandensein einer führenden politischen Organisation, der Partei, voraus.
Der erste Parteitag (1898) hatte diese Aufgabe — die Gründung der Partei —
nicht erfüllt. Die Sozialdemokratie blieb in zahlreiche Zirkel und ÖOrganisationen zersplittert. Im Jahre 1900 kehrte Lenin aus der sibirischen
; Verbannung zurück und emigrierte ins Ausland, wo er an den Aufbau der
' Partei heranging. Diesem Zwecke sollte in erster Linie die Herausgabe der
| Zeitung „Iskra“ (‚Der Funke‘) und der Zeitschrift „Sarja“ („Die Morgenröte‘‘) dienen. Der organisatorischen Zersplitterung stellte die sozialdemokratische Gruppe, die sich um die „Iskra“ und die „Sarja“ scharte, ihren Plan
der organisatorischen Vereinigung der Avantgarde des Proletariats entgegen. „Dem Zirkel der ‚Handwerkler‘ — sagte Lenin — sind natürlich die
politischen Aufgaben nicht zugänglich, solange diese Handwerkler ihre Handwerklerei nicht erkannt und sich von ihr nicht befreit haben.“ Dieser Orientierungsplan wurde von Lenin zum erstenmal entworfen in seinem 1901 geschriebenen Artikel „Womit beginnen?“. Dieser Artikel gab die erste, gedrängte Antwort auf die alle Sozialdemokraten quälende Frage
— was iun? In
ihm war von einer Wahl des Weges nicht mehr die Rede. Der Weg stand bereits fest. Es handelte sich nur darum, „welche praktischen Schritte zu tun
sind, und wie sie auf dem bereits festgelegten Wege zu tun sind“. Als den Anfang betrachtet Lenin die Herausgabe einer für ganz Rußland bestimmten
politischen Zeitung, die ein kollektiver Organisator, Agitator und Propagandist sein sollte.
*
... Unserer Meinung nach muß der Ausgangspunkt unserer
Tätigkeit, der erste praktische Schritt zur Schaffung der erwünschten Organisation, der Leitfaden schließlich, an Hand dessen wir die Organisation unbeirrt entwickeln, vertiefen und erweitern können, — die Schaffung einer zentralen politischen
Zeitung sein. Wir brauchen vor allem eine Zeitung — ohne sie
ist die systematische Durchführung einer grundsätzlichen, konsequenten und allseitigen Propaganda und Agitation unmöglich —,
die die ständige und wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie
im allgemeinen und eine besonders dringliche Aufgabe des gegenwärligen Moments darstellt, wo das Interesse für Politik, für
Fragen des Sozialismus in den breitesten Bevölkerungsschichten
wach geworden ist. Niemals noch machte sich mit solcher Kraft
wie heute das Bedürfnis geltend, die zersplitterte Agitation durch
* Aus dem Artikel: „Womit beginnen?“, „Iskra“, Nr. 4, Mai 1901.
Womit beginnen?
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ni
persönliche Einwirkung, durch örtliche Flugblätter, Broschüren
usw. zu ergänzen durch die verallgemeinerte und regelmäßige
Agitation, die nur mit Hilfe einer periodischen Presse möglich
ist. Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, daß das mehr oder
weniger häufige und regelmäßige Erscheinen einer Zeitung (und
ihre Verbreitung) als genauestes Maß dafür dienen kann, wie solide wir diesen ursprünglichsten und wichtigsten Zweig unserer
Kriegstätigkeit ausgebaut haben. Ferner brauchen wir eben eine
allgemein-russische Zeitung. Wenn wir es nicht verstehen, und
solange wir es nicht verstehen, unsere Einwirkung auf das Volk
und auf die Regierung mit Hilfe des gedruckten Wortes zusammenzulassen, wird der Gedanke an die Vereinheitlichung anderer,
komplizierterer, schwierigerer, dafür aber entscheidenderer Mittel der Beeinflussung eine Utopie sein. Unsere Bewegung leidet
sowohl in ideeller als auch in praktischer, organisatorischer Hinsicht vor allem unter ihrer Zersplitterung, unter dem Umstand,
daß die übergroße Mehrheit der Sozialdemokraten fast gänzlich
absorbiert wird von der rein örtlichen Arbeit, durch die sowohl
ihr Gesichtskreis als auch der Umfang ihrer Tätigkeit, ihre kon-
spirative Geschicklichkeit und Schulung beschränkt werden.
Eben in dieser Zersplitterung müssen die tiefsten Wurzeln jener
Unsicherheit und jenes Schwankens gesucht werden, die wir
oben erwähnt haben. Und der erste Schritt auf dem Wege zur
Beseitigung dieses Fehlers, auf dem Wege zur Verwandlung
mehrerer örtlicher Bewegungen in eine einheitliche, allgemeinrussische Bewegung, muß die Gründung einer allgemein-russischen Zeitung sein. Schließlich brauchen wir unbedingt eine p olitische Zeitung. Ohne ein politisches Organ ist im heutigen
Europa eine Bewegung, die den Namen einer politischen Bewe-
sung verdient, undenkbar. Ohne sie ist unsere Aufgabe — alle
Elemente der politischen Unzufriedenheit und des Protestes zu
konzentrieren und mit ihnen die revolutionäre Bewegung des
Proletariats zu befruchten — absolut undurchführbar. Wir
haben den ersten Schritt getan, wir haben in der Arbeiterklasse
die Leidenschaft für „ökonomische“ Enthüllungen der Übel-
stände in den Fabriken geweckt. Wir müssen den nächsten
Schritt tun und in allen einigermaßen denkenden Volksschichten
die Leidenschaft für politische Enthüllungen wecken. Man
darf sich nicht dadurch abschrecken lassen, daß die politisch an-
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Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
klagenden Stimmen heute so schwach, selten und zaghaft sind.
Der Grund hierfür liegt durchaus nicht darin, daß sich die Massen mit der Polizeiwillkür abgefunden hätten. Der Grund ist der,
daß die Leute, die fähig und bereit sind zu enthüllen und anzuklagen, keine Tribüne haben, von der herab sie sprechen könnten, daß kein Auditorium vorhanden ist, das den Rednern leiden-
schaftlich zuhört und sie ermuntert, daß sie nirgends im Volke
die Kraft sehen, an die sich mit einer Anklage gegen die „allmächtige“ russische Regierung zu wenden der Mühe wert wäre.
Jetzt aber ändert sich all das mit ungeheurer Geschwindigkeit.
Eine solche Kraft ist vorhanden, das ist das revolutionäre Proletariat, das bereits seine Bereitwilligkeit gezeigt hat, die Aufforderung zum politischen Kampf nicht nur zu hören und zu
unterstützen, sondern sich auch mutig in den Kampf zu stürzen.
Wir sind jetzt imstande, und wir sind verpflichtet, eine Tribüne
zu schaffen, die die Aufgabe hat, die Zarenregierung vor dem ganzen Volke zu entlarven, — eine solche Tribüne muß die sozialdemokratische Zeitung sein. Die russische Arbeiterklasse bekundet
— zum Unterschied von den übrigen Klassen und Schichten der
russischen Gesellschaft — ein ständiges Interesse für politisches
Wissen; in ihr ist ständig (und nicht nur zu Zeiten besonderer
Erregung) eine ungeheuer starke Nachfrage nach illegaler Literatur lebendig. In Anbetracht einer solchen Massennachfrage,
in Anbetracht der bereits begonnenen Heranbildung erfahrener
revolutionärer Führer, in Anbetracht der Konzentration der Ar-
beiterklasse in den Arbeitervierteln der Großstadt, in der Arbeitersiedlung, in der kleinen Fabrikstadt, die sie dort tatsächlich zum
Herrn der Lage macht, ist die Herausgabe einer politischen Zeitung eine Sache, der das Proletariat durchaus gewachsen ist.
Durch
Reihen
benden
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Vermittlung des Proletariats wird die Zeitung in die
des städtischen Kleinbürgertums, der Heimgewerbetreiund Bauern eindringen und so.zu einer wirklichen poliVolkszeitung werden.
Die Rolle der Zeitung beschränkt sich jedoch nicht allein auf
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die Verbreitung von Ideen, nicht allein auf die politische _Eree
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ziehung und die. Gewinnung _“politischer _ Bundesgenossen. Die
Zeitung.ist.nichtnur ein kollektiver Propagandistıund kollektiver
Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator. In dieser BeZiehung kann
sie mit einem Gerüst verglichen werden, das um
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Womit beginnen?
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ein im Bau befindliches Gebäude errichtet wird; es zeigt die Um-
risse des Gebäudes an, erleichtert die Verbindung zwischen den
einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und
die allgemeinen Resultate zu überblicken, die durch organisierte
Arbeit erreicht worden sind. Mit Hilfe der Zeitung und im Zusammenhang mit ihr wird sich ganz von selbst eine beständige
Örganisalion herausbilden, die sich nicht nur mit örtlicher, sondern auch mit regelmäßiger allgemeiner Arbeit befaßt, die ihre
Mitglieder lehrt, die politischen Ereignisse aufmerksam zu verfolgen, deren Bedeutung und Einfluß auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten richtig zu bewerten, zweckmäßige Methoden
herauszuarbeiten, durch die die revolutionäre Partei auf diese
Ereignisse einwirken kann. Schon allein die technische Aufgabe
— die richtige Versorgung der Zeitung mit Material und ihre gute
Verbreitung — zwingt dazu, ein Netz von örtlichen Vertrauensleuten der einheitlichen Partei zu schaffen, von Vertrauensleuten,
die lebendige Beziehungen zueinander unterhalten, die mit der
allgemeinen Lage der Dinge vertraut sind, die sich daran gewöhnen, die Teilfunktionen der allgemein-russischen Arbeit regelmäßig zu erfüllen, die ihre Kräfte an der Organisierung dieser
oder jener revolutionären Aktionen erproben. Dieses Netz von
Vertrauensleuten” wird das Gerippe der Organisation bilden, die
wir brauchen: genügend groß, um das ganze Land zu erfassen;
genügend weit verzweigt und vielseitig, um eine strenge und detaillierte Arbeitsteilung durchzuführen; genügend konsequent, um
unter allen Umständen, bei jedem „Wendepunkt“ und bei allen
Überraschungen die eigene Arbeit unbeirrt fortzusetzen, genügend elastisch, um es zu verstehen, einerseits einer offenen
Schlacht gegen einen an Kraft überlegenen Gegner, wenn er alle
seine Kräfte an einem Punkt gesammelt hat, auszuweichen und
andererseits die Schwerfälligkeit dieses Gegners auszunutzen und
ihn dann und dort anzugreifen, wo der Überfall am wenigsten
erwartet wird. Heute erwächst uns die verhältnismäßig leichte
* Selbstverständlich könnten solche Vertrauensleute nur unter der Bedingung engster Fühlung mit den ÖOrtskomitees (Gruppen, Zirkeln) unserer
Partei erfolgreich arbeiten. Und überhaupt kann der ganze von uns entworfene Plan nur bei aktivster Unterstützung durch die Komitees verwirklicht
werden, dıe schon mehrfach Schritte zur Einigung der Partei getan haben,
und die — davon sind wir überzeugt — diese Einigung wenn nicht heute, dann
morgen, wenn nicht in dieser, dann in einer anderen Form erreichen werden.
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Agilation und Propaganda in der Periode vor 1905
Aufgabe, die Studenten zu unterstützen, die in den Straßen der
Großstädte demonstrieren. Morgen wird vielleicht eine schwierigere Aufgabe vor uns stehen, z. B. eine Arbeitslosenbewegung
in irgendeinem bestimmten Bezirk zu unterstützen. Übermorgen
müssen wir auf dem Posten sein, um an einem Aufruhr der
Bauern revolutionären Anteil zu nehmen. Heute müssen wir die
Verschärfung der politischen Lage ausnutzen, die die Regierung
durch ihren Feldzug gegen die Semstwos’ geschaffen hat. Morgen
müssen wir die Empörung der Bevölkerung gegen diesen oder
‚jenen tollgewordenen zaristischen Schergen unterstützen und
durch Boykott, Aufstachelung,
Kundgebungen usw. dazu mit-
helfen, ihm eine solche Lektion zu verabfolgen, daß er zu einem
offenen Rückzug gezwungen wird. Ein solcher Grad von Gefechtsbereitschaft läßt sich nur durch die regelmäßige Tätigkeit
eines regulären Heeres erzielen. Und wenn wir unsere Kräfte
für die Herausgabe einer allgemeinen Zeitung vereinigen, so wird
eine solche Arbeit nicht nur die tüchtigsten Propagandisten schu- |
len und an die Oberfläche tragen, sondern auch die geschick- '
testen Organisatoren, die talentvollsten politischen Führer der‘
Partei, die imstande sind, im notwendigen Moment die Parole,
zum entscheidenden Kampf auszugeben und den Kampf zu
leiten ... .
25
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik*
Die Tätigkeit der „Iskra“ und der „Sarja“, der beiden Presseorgane der
revolutionären Sozialdemokraten, war von Anfang ihres Bestehens an
hauptsächlich auf den Kampf gegen die anderen Richtungen innerhalb
der Sozialdemokratie eingestellt. Der Gegenstand der ersten Auseinandersetzungen war die Frage der dringendsten Aufgaben der Agitation. Während die alten Sozialdemokraten, mit Lenin und Plechanow an der Spitze,
der Ansicht waren, daß „der Kampf gegen die absolutistische Regierung um
die polilische Freiheit die nächste Aufgabe der russischen Arbeiterbewegung” sei, verlraten die anderen, die Träger der bürgerlich-liberalen Anschauungen waren, die Meinung, daß „die Masse der Arbeiter für die poiitische Agitalion noch nicht reif“ sei und daß sich daraus die Notwendigkeit
ergebe, die Agilation auf die der Masse naheliegenden wirtschaftlichen
Fragen zu beschränken.
Diese letzte Richtung erhielt den Namen „Öko-
nomismus“. Die Zeitung „Rabotschaja Mysl“ („Der Arbeitergedanke“) und
die Zeitschrift „Rabotscheje Djelo“ („Die Arbeitersache“) brachten diese
ideologische Strömung zum Ausdruck. Die ersten Meinungsverschiedenheiten führten zu weiteren Auseinandersetzungen: über die Rolle der Sozial-
demokratie, über den Aufbau der Organisation usw. Der Ökonomismus,
der es ablehnte, in der Agitation weiter zu gehen als bis zu den der Masse
zum Bewußisein gekommenen wirtschaftlichen Interessen, selzte dadurch
den Aufgabenkreis und die historische Rolle der Sozialdemokratie auf das
Niveau einer sponlanen Arbeiterbewegung herab. Die revolutionären Sozialdemokraten nahmen den Kampf gegen den Ökonomismus auf, Dieser
Kampf zwischen den „Iskra“-Anhängern und den Ökonomisten füllt die
Jahre 1900—1902 aus. Der erste Platz in diesem Kampf gegen die Öpportunisten gehörte Lenin. Nachdem er in dem Aufsatz „Womit beginnen?“
den ÖOrganisationsplan in allgemeinen Zügen entworfen hatte, arbeitete er
in seiner 1902 veröffentlichten Broschüre „Was tun?“ den Plan weiter heraus und übte gleichzeitig erschöpfende Kritik am Ökonomismus. Unter dem
Einfluß der aufklärenden Tätigkeit der „Iskra“ und des immer mehr zum
Ausdruck 'kommenden politischen Charakters der Arbeiterbewegung büßte
der Ökononismus zu Beginn des Jahre 1903 seinen Einfluß fast gänzlich ein.
x
a) Diepolitische AgitationundihreEinengung
durch die Ökonomisten
Alle Welt weiß, daß die weite Verbreitung und das Erstarken
des ökonomischen*” Kampfes der russischen Arbeiter Hand in
Hand ging mit dem Entstehen einer „Literatur“ der ökonomi* Aus der Broschüre: „Was tun?” 1902.
** Um Mißverständnisse zu vermeiden, wollen wir bemerken, daß wir in
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Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
schen (Fabrik und Beruf betreffenden) Enthüllungen. Der Hauptinhalt der „Flugzettel“ bestand in der Bloßstellung der Zustände
in den Fabriken, und bald entbrannte unter den Arbeitern eine
wahre Leidenschaft der Enthüllungen. Sobald die Arbeiter sich
überzeugt hatten, daß die sozialdemokratischen Zirkel gewillt
und auch imstande sind, ihnen eine neue Art von Flugblättern
zu verschaffen, in denen die volle Wahrheit über ihr Elendsdasein, ihre übermäßig schwere Arbeit und ihre rechtlose Lage
enthalten ist, — da begannen die Korrespondenzen aus Fabriken
und Werken nur so zu regnen. Diese „Enthüllungsliteratur“ rief
eine ungeheure Sensation nicht nur in jenen Fabriken hervor,
deren Zustände im betreffenden Flugblatt gegeißelt wurden, sondern überhaupt in allen Betrieben, wo nur etwas von den bloßgestellten Tatsachen bekannt geworden war. Und da das Elend
und die Nöte der Arbeiter verschiedener Betriebe und verschiedener Berufe viele gemeinsame Züge aufweisen, begeisterte die
„Wahrheit über das Arbeiterleben“ alle. Unter den rücksländigsten Arbeitern entstand eine wahre Leidenschaft, „ge-
druckt zu werden“ — eine edle Leidenschaft für diese Keimform des Kampfes gegen die gesamte heutige Gesellschaftsordnung, die auf Raub und Unterdrückung aufgebaut ist. Und die
„Flugzettel“ kamen in den allermeisten Fällen tatsächlich einer
Kriegserklärung gleich, denn die Enthüllungen lösten eine ungeheure Erregung aus und führten dazu, daß die Arbeiter allgemein die Beseitigung der empörendsten Mißstände forderten und
auch bereit waren, diesen Forderungen durch Streiks Nachdruck
zu verleihen. Die Fabrikbesitzer selber waren letzten Endes so
sehr gezwungen, die Bedeutung dieser Flugblätter als Kriegserklärung anzuerkennen, daß sie dien Krieg selber oft erst gar nicht ab-
warten wollten. Wie es mit Enthüllungen immer zu sein pflegt,
wirkten sie schon durch die bloße Tatsache ihrer Veröffentlichung und gewannen die Bedeutung eines machtvollen moralischen Druckmittels. Es geschah oft, daß das bloße Erscheinen
der weiteren Darlegung unter ökonomischem Kampf (dem bei uns üblichen
Wortgebrauch gemäß) jenen „praktisch-wirtschaftlichen Kampf“ verstehen,
den Engels „Widerstand gegen die Kapitalisten“ nannte und der in freiheitlichen Ländern gewerkschaftlicher, syndikalistischer oder tradeunionistischer®
Kampf heißt.
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
27
eines Flugblattes genügte, damit sämtliche oder ein Teil der Forderungen erfüllt wurden. Mit einem Wort, die ökonomischen (die
Zustände in den Betrieben geißelnden) Enthüllungen
waren
und bleiben auch jetzt ein wichtiger Hebel des ökonomischen
Kampfes. Und diese Bedeutung werden sie behalten, solange
der Kapitalismus bestehen wird, der die Arbeiter notwendigerweise zur Selbsthilfe greifen läßt. In den fortgeschrittensten
europäischen Ländern kann man heute noch beobachten, wie die
Enthüllung der Mißstände in irgendeinem Winkel,,gewerbe‘
oder einem gottvergessenen Zweig der Heimarbeit als Ausgangspunkt zum Erwachen des Klassenbewußtseins, zum Beginn des
gewerkschaftlichen Kampfes und der Verbreitung des Sozialismus dient.
Die überwiegende Mehrheit der russischen Sozialdemokraten
war in der letzten Zeit fast vollkommen in Anspruch genommen
durch diese Organisierung von Fabrikenthüllungen. Es genügt,
an die „Rabotschaja Mysl‘ zu erinnern, um zu sehen, wie sehr
man in dieser Arbeit aufging, wie man dabei vergaß, daß dies
an und für sich eigentlich noch keine sozialdemokratische
sondern nur eine tradeunionistische Tätigkeit ist. Die Enthüllungen erfaßten im Grunde nur die Beziehungen der Arbeiter eines
bestimmtenBerufes zuihren Unternehmern und erreichten nur, daß die Verkäufer von Arbeitskraft es lernten, diese
„Ware“ günstiger zu verkaufen und auf dem Boden rein kom-
merziellen Geschäftes den Kampf gegen den Käufer zu führen.
Diese Enthüllungstätigkeit konnte (unter der Bedingung einer
gewissen Ausnutzung durch die Organisation der Revolutionäre)
zum Beginn und zu einem Bestandteil der sozialdemokratischen
Tätigkeit werden, sie konnte aber auch (und durch die Anbetung
der Spontaneität mußte sie es) zu einem „nurgewerkschaftlichen“
Kampf und zu einer nichtsozialdemokratischen Arbeiterbewegung
führen. Die Sozialdemokratie leitet nicht nur den Kampf der
Arbeiterklasse um günstige Bedingungen für den Verkauf ihrer
Arbeitskraft, sondern auch den Kampf um die Beseitigung jener
Gesellschaftsordnung, die die Besitzlosen zwingt, sich an die
Reichen zu verkaufen. Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse nicht in ihrer Beziehung nur zu einer bestimmten Unternehmergruppe, sondern in ihrer Beziehung zu sämtlichen Klassen der modernen Gesellschaft, in ihrer Beziehung zum Staat als
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Agitalion und Propaganda in der Periode vor 1905
einer organisierten politischen Kraft. Es ist daher begreiflich,
daß die Sozialdemokraten sich nicht nur nicht auf den ökonomischen Kampf beschränken können, sondern auch nicht zulassen
dürfen, daß die Organisierung der ökonomischen Enthüllungen
zu ihrer hauptsächlichsten Tätigkeit wird. Wir müssen aktiv an
die politische Erziehung der Arbeiterklasse, an die Entwicklung
ihres politischen Bewußtseins herangehen ...
Es fragt sich nun, worin die politische Erziehung bestehen
soll? Darf man sich darauf beschränken, die Idee von der Feindschaft der Arbeiterklasse gegen den Absolutismus zu propagie-
ren?
Natürlich nicht.
Es genügt nicht, die politische Unter-
drückung der Arbeiter zu erklären (wie es nicht genügte,
ihnen den Gegensatz zwischen ihren Interessen und denen der
Unternehmer zu erklären). Es ist notwendig, aus Anlaß
einer jeden konkreten Erscheinung dieser Unterdrückung zu
agitieren (wie wir jetzt aus Anlaß konkreter Erscheinungen der
ökonomischen Unterdrückung zu agitieren begonnen haben). Und
da unter dieser Unterdrückung die verschiedensten Gesell-
schaftsklassen zu leiden haben, da sie auf den verschiedensten
Lebens- und Tätigkeitsgebieten, auf dem gewerkschaftlichen
sowohl wie auf dem allgemein-staatsbürgerlichen, dem persönlichen wie dem der Familie, dem religiösen, dem wissenschaftlichen usw. usw. in Erscheinung tritt, — ist es da nicht klar, daß
wir unsere Aufgabe, das politische Bewußtsein der Arbeiter
zu entwickeln, nicht erfüllen werden, wenn wir nicht
an die ÖOrganisierung einer allseitigen politischen
Entlarvung des Absolutiismus herangehen? Ist es
doch, um aus Anlaß der konkreten Erscheinungen der Unterdrückung Agitation zu treiben, notwendig, diese Erscheinungen
bloßzustellen (wie man auch die Mißstände in den Betrieben
bloßstellen mußte, um ökonomische Agitation zu treiben).
Es scheint, als müßte das ganz klar sein. Aber gerade hier
stellt es sich heraus, daß die Notwendigkeit einer allseitigen
Entwicklung des politischen Bewußtseins nur in Worten ,„allgemein“ anerkannt wird. Hier stellt es sich heraus, daß z. B. das
„Rabotscheje Djelo“ nicht nur nicht die Aufgabe übernahm, eine
allseitige politische Entlarvung zu organisieren (oder den Anfang
damit zu machen), sondern daß es sogar versuchte, die ‚„Iskra“,
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
1
29
Bu
die an diese Aufgabe herangegangen war, davon wieder abzubringen. Man höre:
„Der politische Kampf der Arbeiterklasse ist lediglich“ (eben nicht lediglich|) „die am meisten entwickelte, umfassende und wirksame Form des ökonomischen Kampfes.“ (Das Programm des „Raboischeje Djelo“, „Rab. Djelo“
Nr. 1, S. 3.)
„Jetzt steht vor den Sozialdemokraten die Aufgabe, nach Möglichkeit
dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter zu verleihen.“
(Martynow® in Nr. 10, S. 42.)
„Der ökonomische Kampf ist das weitestgehend anwendbare Mittel zur
Einbeziehung der Masse in den aktiven politischen Kampf.“ (Resolution der
Konferenz des Auslandsbundes1® und „Zusatzanträge“, „Zwei Konferenzen1t“,
S. 11 u. 17.)
Wie der Leser sieht, durchdringen alle diese Grundsätze das
„Rabotscheje Djelo“ vom Augenblick seiner Entstehung an bis
zu den letzten ,„Redaktionsinstruktionen‘“, und sie alle bringen
augenscheinlich ein und dieselbe Auffassung von der politischen
Agitation und dem politischen Kampf zum Ausdruck. Man sehe
sich nun diese Auffassung vom Standpunkt der bei allen Ökonomisten vorherrschenden Meinung an, daß die politische Agitation
nach der ökonomischen kommen müsse, Trifft es zu, daß der
ökonomische Kampf allgemein „das weitestgehend anwendbare
Mittel“ zur Einbeziehung der Massen in den politischen Kampf
ist? Es trifft durchaus nicht zu. Ein nicht minder „weitgehend
anwendbares“ Mittel dieser „Einbeziehung“ sind alle und
jegliche Äußerungen der polizeilichen Unterdrückung und
absolutistischen Exzesse und durchaus nicht nur die Erscheinun-
gen, die mit dem ökonomischen Kampf in Verbindung stehen.
Die Semskije Natschalniki" und die Prügelstrafe für die Bauern,
die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des „ge-
meinen“ Stadtvolkes durch die Polizei, der Kampf gegen die
Hungernden und die Unterdrückung jeglichen Strebens des Volkes nach Licht und Wissen, das Herauspressen der Steuern und
die Hetze gegen die Sektierer””, der Drill der Soldaten und die
rekrutenmäßige Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen’*, — warum sollen diese und tausend andere ähnliche
Erscheinungen der Unterdrückung, die nicht unmittelbar mit dem
„ökonomischen“
Kampf
in
Verbindung
stehen,
weniger
„weitgehend anwendbare“ Mittel und Anlässe zur politischen
Agitation, zur Einbeziehung der Masse in den politischen Kampf
darstellen? Ganz im Gegenteil: in der Gesamtsumme jener Fälle
30
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
des Lebens, in denen der Arbeiter unter Rechtlosigkeit, Willkür
und Gewalttätigkeit (gegen ihn selber oder gegen ihm nahestehende Menschen) zu leiden hat, bilden zweifellos die Fälle der
polizeilichen Unterdrückung gerade im gewerkschaftlichen
Kampf nur eine geringe Minderheit. Warum also im voraus den
Schwung der politischen Agitation einengen, indem man als
„weitestgehend anwendbar“ nur eines
der Mittel erklärt, neben
dem es doch für einen Sozialdemokraten viele andere geben muß,
die, allgemein gesprochen, nicht weniger „weitgehend anwendbar“ sind?
In längst, längst vergangenen Zeiten (vor einem Jahr!) schrieb
das „Rabotscheje Djelo‘:
„Die nächsten politischen Forderungen werden der Masse nach einem
oder, im äußersten Falle, nach einigen Streiks zugänglich“, „sobald die Regierung Polizei und Gendarmerie eingesetzt hat.“ (Nr. 7 vom August 1900.)
Heute hat der Auslandsbund diese opportunistische Stadientheorie!” bereits aufgegeben und macht uns ein Zugeständnis, indem er erklärt:
„Es besteht gar keine Notwendigkeit, von Anfang an die politische Agitation nur auf ökonomischem Boden zu betreiben.‘
S. 11.)
(„Zwei Konferenzen“,
Der zukünftige Geschichtsschreiber der russischen Sozialdemokratie wird allein schon aus diesem Satz, in dem der Auslandsbund einen Teil seiner alten Fehler abschwört, besser als aus
langen Erörterungen ersehen, wie tief unsere Ökonomisten den
Sozialismus herabgewürdigt hatten! ...
. .. Welchen konkreten, realen Sinn hat im Munde Martynows die der Sozialdemokratie gestellte Aufgabe: „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter verleihen”?
Der ökonomische Kampf ist der kollektive Kampf der Arbeiter
gegen die Unternehmer um günstige Bedingungen beim Verkauf der Arbeitskraft, um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter. Dieser Kampf ist
notwendigerweise ein gewerkschaftlicher, da die Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Berufen äußerst verschieden sind
und folglich der Kampf um die Verbesserung dieser Bedingungen nur nach Berufen geführt werden kann (durch die Gewerkschaften im Westen, durch die provisorischen gewerkschaftlichen Vereinigungen und durch Flugblätter in Rußland usw.).
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
ni
1
—
A
„Dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter“
verleihen, heißt folglich, die Verwirklichung derselben gewerk-
schaftlichen Forderungen, derselben gewerkschaftlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen vermittels „gesetzgebender und
administrativer Maßnahmen“ anstreben (wie sich Martynow auf
der nächsten Seite seines Artikels ausdrückt). Das eben tun alle
gewerkschaftlichen Arbeiterverbände und haben es stets getan.
Man werfe einen Blick in die Werke der gründlich g@lehrten
(und „gründlich“ opportunistischen) Eheleute Webb’ und man
wird sehen, daß die englischen Arbeiterverbände die Aufgabe,
„dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter
zu verleihen“, schon seit langem erkannt haben und sie verwirklichen, daß sie seit langem für Streikfreiheit, für die Beseitigung aller und jeglicher rechtlichen Hindernisse in der genossenschaftlichen und gewerkschaftlichen Bewegung, für Gesetze
zum Schutz von Frauen und Kindern, für die Verbesserung der
Arbeitsbedingungen mit Hilfe der Gesetzgebung im Gesundheitsund Fabrikwesen usw. kämpfen.
Auf diese Weise versteckt sich hinter der hochtrabenden
Phrase: „dem ökonomischen Kampf selber
einen politischen
Charakter verleihen‘, die „schrecklich“ scharfsinnig und revolutionär klingt, eigentlich nur das traditionelle Streben, die sozialdemokratische Politik zur tradeunionistischen Politik zudegradieren]|! Man gibt vor, die Einseitigkeit der „Iskra‘“, die die
„Revolutionierung des Dogmas über die Revolutionierung des Le-
bens”“ stelle, korrigieren zu wollen und tischt uns dabei als etwas
Neues den Kampf um ökonomische Reformen
auf... .
Die revolutionäre Sozialdemokratie hat den Kampf um Reformen noch stets in ihre Tätigkeit eingeschlossen. Sie bedient sich
der „ökonomischen“ Agitation aber, um von der Regierung nicht
nur allerhand Maßnahmen zu fordern, sondern auch (und vor
allem), um zu verlangen, daß diese aufhören soll, eine absoluti* „Rab. Djelo”, Nr. 10, S. 60. Eine Martynowsche Variante jener An-
wendung auf den heutigen chaotischen Zustand unserer Bewegung der These:
„Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programnıe“,
die wir schon weiter oben charakterisiert haben. Im Grunde ist dies nur eine
Übertragung ins Russische_des berüchtigten Bernsteinschen!? Satzes: „Das
Endziel ist mir nichts, die Bewegung alles“.
32
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
stische Regierung zu sein. Außerdem hält sie es für ihre
Pflicht, der Regierung diese Forderung nicht nur auf dem
Boden des ökonomischen Kampfes zu stellen, sondern auf dem
Boden aller Erscheinungen des gesellschaftlich-politischen Lebens
überhaupt. Mit einem Wort, sie ordnet den Kampf um Reformen,
als einen Teil des Ganzen, dem revolutionären Kampf um Freiheit und Sozialismus unter. Martynow aber läßt in anderer Form
die Stadientheorie wieder auferstehen und ist bemüht, dem politischen Kampf unbedingt einen sozusagen ökonomischen Entwicklungsweg vorzuschreiben. Indem er im Augenblick des revolutionären Aufschwunges mit einer angeblich besonderen „Aufgabe“ des Kampfes um Reformen auftritt, zerrt er damit die
Partei zurück und arbeitet sowohl dem „ökonomischen“ als
auch dem liberalen Opportunismus in die Hände...
... Man nehme z. B. dieselben, von Martynow selbst angeführten, Beispiele von „Maßnahmen“ gegen Arbeitslosigkeit und
Hungersnot. Zur gleichen Zeit, wo sich das „Rab. Djelo“, nach
seinem Versprechen zu urteilen, mit der Aus- und Bearbeitung
„konkreter (in der Form von Geseltzesentwürfen gehaltener?)
Forderungen gesetzgeberischer und administrativer Maßnahmen“ beschäftigt, die „greifbare Resultate verheißen“, — zur
selben Zeit hat sich die „Iskra“, ‚die die Revolutionierung des
Dogmas unentwegt über die Revolutionierung des Lebens stellt“,
bemüht, den untrennbaren Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und der ganzen kapitalistischen Gesellschaftsordnung
klarzulegen, sie hat vor der „herannahenden Hungersnot“ gewarnt, hat den polizeilichen „Kampf gegen die Hungernden“ und
die empörenden „provisorischen Zuchthausregeln” gebrandmarkt, zur selben Zeit hat die „Sarja‘“ in einem Sonderdruck, als
Agitationsbroschüre, einen Teil der der Hungersnot gewidmeten
„Inlandsrundschau“ veröffentlicht. . .
b) WieAgitationundPropagandaaufgefaßt
wurden
. „Seitdem Plechanowi8 das oben genannte Büchlein schrieb („Über
die Aufgaben der Sozialisten im Kampfe gegen die Hungersnot in Rußland“),
ist viel Wasser ins Meer geflossen, — erzählt Lomonossow!?-Marlyunow. —
Die Sozialdemokraten, die 10 Jahre hindurch den ökonomischen Kampf der
Arbeiterklasse geführt haben, . . . sind noch nicht dazu gekommen, eine breit
angelegte theoretische Begründung der Parteitaktik zu geben.
Jetzt ist diese
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
—
33
—
Frage reif geworden, und wenn wir eine solche
theoretische Begründung
geben wollten, so müßten wir zweifellos jene Prinzipien der Taktik, die einst
Plechanow entwickelte, bedeutend vertiefen ...
Wir müßten den Unter-
schied zwischen Propaganda und Agitation anders definieren, als es Plechanow getan hat.“ (Martynow hatte soeben die Worte Plechanows angeführt:
„Der Propagandist gibt viele Ideen einer oder mehreren Personen, der Agi-
tator dagegen gibt nur eine oder wenige Ideen, dafür aber gibt er sie einer
ganzen Masse von Menschen.“) ‚Unter Propaganda würden wir die revolutionäre Beleuchtung der gesamten gegenwärtigen Ordnung oder ihrer Teilerscheinungen verstehen, unabhängig davon, ob dies in einer für Einzelne
oder für die breite Masse zugänglichen Form geschieht. Unter Agitation im
strengen Sinne des Wortes (sicl) würden wir die an die Masse gerichtete Aufforderung zu bestimmten konkreten Aktionen verstehen, die Förderung eines
unmittelbaren revolutionären Eingreifens des Proletariats in das öffentliche
Leben.“
Wir beglückwünschen die russische — und auch die internationale — Sozialdemokratie zu der neuen, exakteren und tie-
feren, Martynowschen Terminologie.
Bisher glaubten wir (zu-
sammen mit Plechanow, ja mit allen Führern der internationalen
Arbeiterbewegung), daß der Propagandist, wenn er z. B. dieselbe
Frage der Arbeitslosigkeit behandelt, die kapitalistische Natur
der Krisen klarlegen, die Ursache ihrer Unvermeidlichkeit in der
heutigen Gesellschaft aufzeigen, die notwendige Umwandlung
dieser Gesellschaft in eine sozialistische skizzieren muß usw. Mit
einem Wort, er muß ‚viele Ideen‘ geben, dermaßen viele,
daß
alle diese Ideen in ihrer Gesamtheit auf der Stelle nur von (ver-
hältnismäßig) wenigen Personen angeeignet werden. Der Agitator
dagegen, der über die gleiche Frage spricht, wird das allen seinen
Zuhörern bekannteste, das hervorstechendste Beispiel wählen,
— z. B. den Hungertod einer arbeitslosen Familie, die Zunahme des
Elends usw. —, und er wird alle seine Bemühungen darauf richten, aus dieser allbekannten Tatsache ausgehend, der „Masse“
eine Idee zu vermitteln: die Idee von der Sinnlosigkeit des
Widerspruches zwischen dem Wachstum des Reichtums und dem
Wachstum des Elends, er wird bemüht sein, in der Masse Unzufriedenheit und Empörung hervorzurufen über diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, die restlose Analyse dieses Widerspruches wird er aber Gen TOpaBan sten überlassen. Der Promr
ren
der_ Agitator.des le bendiIigen Wortes. Vom Propagandisten
werden nicht die gleichen Eigenschaften verlangt, wie vom Agitator. Kautsky und Lafargue werden wir z. B. Propagandisten
a
EEE.
M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
3
34
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
nennen, Bebel und Guesde?” dagegen Agitatoren. Ein drittes Gebiet oder eine dritte Funktion der praktischen Tätigkeit aussondern wollen, indem man als diese Funktion die „Aufforderung
der Masse zu hestimmten konkreten Aktionen‘ bezeichnet, das ist
die größte Ungereimtheit, denn entweder ergänzt diese „Aufforderung“ als Einzelakt natürlicher- und unvermeidlicherweise das
theoretische Traktat sowohl als die Propagandabroschüre und die
Agitationsrede, oder aber sie stellt eine rein ausführende Funk-
tion dar. In der Tat, man betrachte z. B. den jetzigen Kampf der
deutschen Sozialdemokraten gegen die Getreidezölle. Die Theoretiker schreiben Untersuchungen über Zollpolitik und „rufen“
zum Kampf, sagen wir, für Handelsverträge und Handelsfreiheit,
der Propagandist tut das gleiche in der Zeitschrift, der Agitator
— in öffentlichen Reden. Die „konkreten Aktionen“ der Masse
bestehen in diesem Moment in der Unterzeichnung von Petitionen an den Reichstag, die gegen eine Erhöhung der Getreidezölle
protestieren. Die Aufforderung zu diesen Aktionen geht mittelbar
von den Theoretikern, Propagandisten und Agitatoren aus, unmittelbar — von jenen Arbeitern, die in Fabriken und Privatwohnungen die Unterschriften sammeln. Nach der „Martynowschen
. Terminologie“ wären also Kautsky und Bebel Propagandisten, die Unterschriftensammler dagegen Agitatoren, nicht wahr?
Das Beispiel der Deutschen hat mich an das deutsche Wort
„verballhornung“ erinnert. Johann Ballhorn war ein Leipziger
Verleger im 16. Jahrhundert; er verlegte eine Fibel, in der er, wie
damals üblich, auch eine Zeichnung brachte, die einen Hahn darstellte; nur daß die Zeichnung statt der gewöhnlichen Darstellung
eines an den Füßen gespornten Hahnes einen Hahn ohne Sporen
zeigte, dafür aber mit ein paar Eiern neben ihm; auf dem Umschlag aber war hinzugefügt: „Verbesserte Ausgabe von
Johann Ballhorn“. Seitdem bezeichnen die Deutschen mit dem
Wort Verballhornung eine solche „Verbesserung“, die in Wirklichkeit eine Verschlechterung ist. Und unwillkürlich denkt man
an Ballhorn, wenn man sieht, wie die Martynow Plechanow
„vertiefen“ ...
Wozu hat unser Lomonossow diese Konfusion „ersonnen‘“?
Um zu illustrieren, daß die „Iskra“
„nur die eine Seite der Sache beachtet, genau wie es Plechanow schon
vor anderthalb Jahrzehnten getan hat“. (S. 39.)
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
35
„Für die ‚Iskra‘ werden, wenigstens für die jetzige Zeit, die Aufgaben der
Agitation durch die der Propaganda in den Hintergrund gedrängt.“ (S. 52.)
Wenn man diesen letzten Satz aus der Martynowschen in die
allgemeinmenschliche Sprache übersetzt (denn die Menschheit
ist noch nicht dazu gekommen, sich die neu erfundene Termino-
logie zu eigen zu machen), so erhält man folgendes: für die
„Iskra““ drängen die Aufgaben der politischen Propaganda und
der politischen Agitation die Aufgabe in den Hintergrund, „an
die Regierung konkrete Forderungen nach gesetzgebenden und
administrativen Maßnahmen zu richten“, „die gewisse greifbare
Resultate verheißen“ (d. h. die Forderung sozialer Reformen ...).
c) Die politischen Enthüllungen und die
ErziehungzurrevolutionärenAktivität
Indem Martynow der ‚Iskra‘ seine Theorie von der „Hebung
der Aktivität der Arbeitermasse‘“ entgegenstellte, verriet er in
Wirklichkeit sein Bestreben, diese Aktivitätherabzusetzen,
denn
als
das
vorzuziehende,
besonders
wichtige,
„weitest-
gehend anwendbare“ Mittel zur Auslösung der Aktivität und
als Gebiet dieser Aktivität erklärte er denselben ökonomischen
Kampf, vor dem auch alle Ökonomisten auf dem Bauche krochen.
Darum ist ja auch diese Verirrung charakteristisch, weil sie
durchaus nicht Mariynow allein eigen ist. In Wirklichkeit jedoch kann diese „Hebung der Aktivität der Arbeitermasse‘ nur
unter der Bedingung erreicht werden, daß wir uns nicht beschränken
auf die „politische Agitation auf ökonomischem
Boden“. Eine der grundlegenden Bedingungen aber. für .die-notwendige Erweiterung der politischen Agitation istdie Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen. Anders als durch
diese Enthüllungen können_die Massen zum politischen Be
Beu. or!
5TE
wußtsein und zur revolutionären Aktivität_nicht_erzogen werden.
Darum stellt die Tätigkeit dieser Art eine der wichtigsten Funk-
tionen der gesamten internationalen Sozialdemokratie dar, denn
auch die politische Freiheit beseitigt keineswegs, sondern ver-
schiebt nur ein wenig die Richtungssphäre dieser Enthüllungen.
Die deutsche Partei z. B. verdankt die Festigung ihrer Positionen
und die Ausdehnung ihres Einflusses besonders der unablässigen
Energie, mit der sie ihre politische Entlarvungskampagne führt.
Das Bewußisein der Arbeiterklasse kann kein wirklich politisches
v“
36
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
sein, wenn die Arbeiter nicht daran gewöhnt worden sind, auf
schlechthinalle Fälle der Willkür und der Unterdrückung,
der Gewalttätigkeit und des Mißbrauchs zu reagieren, welche
Klassen diese Fälle auch betreffen mögen, und zwar müssen
sie eben vom sozialdemokratischen und nicht von irgendeinem
anderen Standpunkt aus reagieren. Das Bewußtsein der Arbeitermassen kann kein wirkliches Klassenbewußtsein sein, wenn
die Arbeiter nicht an konkreten und außerdem unbedingt aktuellen politischen Tatsachen und Ereignissen lernen, jede der anderen Gesellschaftsklassen in allen Erscheinungen ihres intellektuellen, sittlichen und politischen Lebens zu beobachten, wenn
sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und die materialistische Beurteilungsweise auf die gesamte Tätigkeit und das
gesamte Leben sämtlicher Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden. Wer die Aufmerksamkeit, das Augenmerk und das Bewußtsein der Arbeiterklasse ausschließlich oder auch nur vorwiegend auf sie selber
richtet, der ist kein Sozialdemokrat, denn die Selbsterkenntnis der
Arbeiterklasse ist untrennbar verbunden mit der absoluten Klar-
heit nicht nur der theoretischen — richtiger sogar gesagt, nicht
so sehr der theoretischen, wie der an Hand der Erfahrung des
politischen Lebens ausgearbeiteten — Vorstellungen von dem
Wechselverhältnis sämtlicher Klassen der modernen Gesellschaft. Darum ist ja auch die Propaganda unserer Ökonomisten,
daß der ökonomische Kampf das weitestgehend anwendbare Mittel zur Einbeziehung der Massen in die politische Bewegung sei,
so schädlich und ihrer praktischen Bedeutung nach so reaktionär.
Um‘Sozialdemokrat zu werden, muß der Arbeiter eine klare Vorstellung haben von der ökonomischen Natur und dem sozial-
politischen Gesicht des Gutsbesitzers und des Popen, des Würdenträgers und des Bauern, des Studenten und des Vagabunden, er
muß ihre starken und ihre schwachen Seiten sehen, muß sich in
den Schlagworten und allen möglichen Sophismen auskennen,
mit denen jede Klasse und jede Schicht ihre egoistischen Neigungen und ihr wahres „Innere“ bemäntelt, er muß wissen,
welche Institutionen und welche Gesetze diese oder jene Interessen zum Ausdruck bringen und wie sie es tun. Diese ‚klare
Vorstellung“ läßt sich aber nicht aus Büchern schöpfen: sie kann
nur gegeben werden durch lebendige Darstellungen und durch
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
87
den Ereignissen unmittelbar folgende Enthüllungen dessen, was
|\\
nn
ur
flüstert, was in bestimmten Ereignissen, in bestimmten Zahlen.
a
gegenseitig — jeder auf seine Weise — erzählt oder auch nur zu-
_
im gegebenen Augenblick um uns herum geschieht, was man sich
ın bestimmten Gerichtsurteilen usw. usw. zum Ausdruck kommt.
Diese allseitigen politischen Enthüllungen sind eine notwendige
und
grundlegende Bedingung für die Erziehung der Massen zur revolutionären Aktivität.
Warum ist die revolutionäre Aktivität des russischen Arbeiters
angesichts der bestialischen Behandlung des Volkes durch die
Polizei, angesichts der Verfolgungen der Sektierer, der Mißhandlungen der Bauern, des Wütens der Zensur, der Folterung der
Soldaten, der Verfolgungen aller noch so harmlosen kulturellen
Bestrebungen usw. noch so gering? Etwa darum, weil der „Ökonomische Kampf“ ihn nicht darauf ‚stößt‘, weil das ihm wenig
„greifbare Resultate verheißt“, wenig ‚Positives‘ gibt? Nein.
Eine solche Ansicht ist, wir wiederholen es, nichts anderes als
ein Versuch, die eigene Schuld anderen in die Schuhe zu schieben, das eigene Philistertum (auch Bernsteinianertum genannt)
auf die Arbeitermasse abzuwälzen. Wir müssen uns selbst den
Vorwurf machen, weil wir zurückgeblieben sind hinter der Bewegung der Massen, weil wir es noch nicht verstanden haben,
eine genügend umfassende, lebendige, rasche Entlarvung all dieser Schandtaten zu organisieren. Wenn wir das tun (und wir
können und müssen es tun), dann wird auch der unaufgeklärteste Arbeiter verstehen
oderfühlen, das der Student und der
Sektierer, der Bauer und der Schriftsteller von der gleichen finsteren Kraft verhöhnt und getreten werden, die ihn selber auf
jedem Schritt seines Lebens dermaßen knechtet und unterdrückt,
und sobald er das empfunden hat, wird er ein Verlangen, ein
unwiderstehliches Verlangen danach verspüren, auch selbst darauf zu reagieren, er wird dann verstehen, heute den Zensoren ein
Katzenkonzert zu veranstalten, morgen vor dem Hause des Gou-
verneurs zu demonstrieren, der eine Bauernrevolte unterdrückt
hat, übermorgen jenen Gendarmen im Priesterrock, die die Arbeit
der heiligen Inquisition verrichten, eine Lektion zu erteilen usw.
Wir haben noch sehr wenig, fast nichts dazu getan, um allseitige
und aktuelle Enthüllungen unter die Arbeitermassen zuwerfen.
Viele von uns sind sich dieser ihrer Pflicht noch gar nicht be-
u
ARE
1
38
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
wußt, sie trotten vielmehr instinktmäßig einher hinter dem „un-
ansehnlichen Tageskampf“ in dem engen Rahmen des Fabriklebens. Bei einer solchen Sachlage sagen:
„die ‚Iskra‘ hat die Tendenz, die Bedeutung des fortschrittlichen Ganges des
unansehnlichen Tageskampfes im Vergleich zur Propaganda glänzender und
abgeschlossener Ideen herabzusetzen‘“ (Martynow, S. 61) —
heißt die Partei zurückzerren, heißt, unsere mangelnde Vor-
bereitung, unsere Rückständigkeit in Schutz nehmen und verherrlichen.
Was nun den Aufruf der Massezur Aktion anbetrifft, so wird
er sich_von selbst ergeben,sobald nur eine energische politische
Agitationentfaltet wird, lebendige und farbige Enthüllungen ge-
‚macht _werden. Jemanden auf frischer Tat ertappen und ihn vor
allen und überall sofort brandmarken, wirkt an und für sich besser als jede „Aufforderung“, wirkt oft so, daß man nachher gar
nicht mehr feststellen kann, wer eigentlich die Menge ‚aufgerufen“, wer diesen oder jenen Demonstrationsplan vorgeschlagen
hat und dergleichen. Aufrufen — nicht im allgemeinen, sondern
im konkreten Sinne des Wortes, kann man nur am Tatort, aufrufen kann nur einer, der selbst und sofort mitmacht. Unsere
Sache aber, die Sache der sozialdemokratischen Publizisten, ist
es, die politische Entlarvung und die politische Agitation zu erweitern und zu verstärken .
dA Die Arbeiterklasseals Vorkämpferin
der Demokratie
Wir haben gesehen, daß die weitestgehende Entfaltung der
politischen Agitation und folglich auch die Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen eine unbedingt notwendige, ja
dringlicheralsalles andere notwendige Aufgabe der
Tätigkeit ist, falls diese Tätigkeit eine wahrhaft sozialdemokratische sein soll. Doch wir haben diesen Schluß gezogen, indem
wir ausschließlich von dem allerdringendsten Bedürfnis
der Arbeiterklasse nach politischem Wissen und politischer Erziehung ausgingen. Indes wäre eine nur darauf fußende Auffassung allzu eng, sie würde die allgemein-demokratischen Aufgaben
jeder Sozialdemokratie im allgemeinen und der jetzigen russischen Sozialdemokratie im besonderen außer acht lassen. Um
diesen Satz möglichst konkret klarzulegen, wollen wir versuchen,
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
un
u
39
ni
die Frage von einer Seite anzupacken, die den Ökonomisten „anı
nächsten steht“, nämlich von der praktischen Seite. „Alle sind
sich darüber einig“, daß es notwendig ist, das politische Bewußtsein der Arbeiterklasse zu entwickeln. Es fragt sich, wie dies
geschehen soll und was erforderlich ist, um dies zu erreichen?
Der ökonomische Kampf ‚stößt‘ die Arbeiter lediglich auf Fragen,
die das Verhältnis der Unternehmer zur Arbeiterklasse betreffen,
und darum werden wir, so sehr wir uns auch damit
abmühten, „dem ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter zu verleihen“, es doch
niemals zustande
bringen, das politische Bewußtsein der Arbeiter im Rahmen
dieser Aufgaben zu entwickeln (bis zum Niveau des sozialdemokratischen politischen Bewußtseins), denn dieserRahmen
selbst ist zu eng. Die Martynowsche Formel ist für uns
durchaus nicht darum von Wert, weil sie Martynows Fähigkeit
illustriert, eine Frage zu verwirren, sondern weil sie plastisch
den Grundirrtum aller Ökonomisten zum Ausdruck bringt, nämlich die Überzeugung, daß man das politische Klassenbewußtsein.
der Arbeiter voninnen heraus
entwickeln könne, sozusagen
aus dem ökonomischen Kampf heraus, d. h., ausgehend allein
(oder auch nur hauptsächlich) von diesem Kampf, gestützt allein
\oder auch nur hauptsächlich) auf diesen Kampf. Eine solche
Auffassung ist grundfalsch, und gerade darum, weil die Ökonomisten uns zwar unsere Polemik übelnehmen, über die Quelle
der Meinungsverschiedenheiten aber nicht richtig nachdenken
wollen, ergibt sich dann auch ein solcher Zustand, daß wir aneinander buchstäblich vorbeireden, daß wir verschiedene
Sprachen sprechen.
Das politische Klassenbewußisein kann dem Arbeiter nur
vonaußen beigebracht werden, d. h. außerhalb des Öökonomi- schen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen der Arbeiter zu den Unternehmern. Das Gebiet, aus dem allein dieses
Wissen geschöpft werden kann, ist das Gebiet der Beziehungen
aller Klassen und Schichten zum Staate und zur Regierung, das
Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen sämtlichen
Klassen. Deshalb darf man auf die Frage: was tun, um den Arbeitern
politisches Wissen beizubringen? — nicht nur jene Antwort
geben, mit der sich in den meisten Fällen die Prakliker begnügen,
ganz zu schweigen von jenen Praktikern, die zum Ökonomismus
0
Agitalion und Propaganda in der Periode vor 1905
——
wa
neigen, nämlich die Antwort: „Man gehe unter die Arbeiter“.
Um den Arbeitern politisches Wissen beizubringen, müssen
die Sozialdemokraten inalleKlassenderBevölkerung
gehen, müssen sie Abteilungen ihrer Armee nach allen
Seitenhin aussenden ...
Man nehme einen sozialdemokratischen Zirkel des in den
letzten Jahren am meisten verbreiteten Typus und sehe sich seine
Arbeit an.
Er hat „Verbindungen mit den Arbeitern“, begnügt
sich damit und gibt Flugblätter heraus, in denen die Mißstände
im Betrieb, das parteiische Verhalten der Regierung zugunsten
der Kapitalisten und die Gewalttaten der Polizei gebrandmarki
werden; in den Zusammenkünften mit den Arbeitern geht die Unterhaltung nie oder fast nie über den Rahmen der gleichen
Themen hinaus; Vorträge und Diskussionen über die Geschichte
der revolutionären Bewegung, über Fragen der Innen- und
Außenpolitik unserer Regierung, über Fragen der ökonomischen
Entwicklung Rußlands und Europas, über die Stellung dieser
oder jener Klasse innerhalb der modernen Gesellschaft und:
dergleichen mehr sind die größte Seltenheit, an eine systematische Anknüpfung und Erweiterung von Verbindungen in den
anderen Gesellschaftsklassen denkt kein Mensch. Eigentlich.
schwebt in den meisten Fällen den Mitgliedern eines solchen
Zirkels als Ideal eines Politikers etwas vor, was weit mehr einem
Sekretär einer Trade Union als einem sozialistischen politischen
Führer ähnlich sieht. Denn der Sekretär einer beliebigen, sagen
wir, einer englischen Trade Union hilft den Arbeitern stets bei der
Führung des ökonomischen Kampfes, organisiert Enthüllungen in
den Betrieben, setzt die Ungerechtigkeit der Gesetze und Maßnahmen auseinander, die die Freiheit der Streiks und die freie Aufstellung von Streikposten einschränken, macht die Voreingenommenheit der zu den bürgerlichen Klassen des Volkes gehörenden
Schiedsrichter klar usw. usw. Kurz und gut, jeder Sekretär einer
Trade Union ist Führer und Helfer in dem „ökonomischen
Kampf gegen die Unternehmer und gegen die Regierung“. Und
man kann nicht genug betonen, daß diesnochnicht Sozialdemokratismus ist, daß das Ideal eines Sozialdemokraten nicht
der Sekretär einer Trade Union sein darf, sondern der Volkstribun, der es versteht, auf alle und jegliche Äußerungen der
Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten,
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
u
_
4i
Eisen.
—
welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen, der es versteht, alle diese Erscheinungen zu einem Gesamtbild der Polizeiwillkür und der kapitalistischen Ausbeutung zu vereinen, es versteht, jede Kleinigkeit auszunutzen, um voraller Welt seine
sozialistische Ueberzeugung und seine demokratischen Forderungen auseinanderzusetizen, um jedermann
die weltgeschichtliche Bedeutung des proletarischen Befreiungskampfes klarzumachen...
... Wir sagten, daß ein Sozialdemokrat, wenn er für die Not-
wendigkeit einer allseitigen Entwicklung des politischen Bewußtseins des Proletariats kein bloßes Lippenbekenntnis ablegen will.
„in alle Klassen der Bevölkerung gehen“ muß. Es entstehen da
die Fragen: Wie hat das zu geschehen? Haben wir die Kraft dazu? Ist der Boden für eine solche Arbeit in allen anderen Klassen
vorhanden? Wird dies nicht ein Abweichen vom Klassenstand:punkt bedeuten oder zu einem solchen Abweichen führen? Verweilen wir bei diesen Fragen.
„In alle Klassen der Bevölkerung gehen“, das müssen wic
sowohl als Theoretiker wie als Propagandisten, als Agitatoren
und als Organisatoren. Daß die theoretische Arbeit der Sozialdemokraten auf das Studium aller Besonderheiten der sozialen
und politischen Lage der einzelnen Klassen gerichtet sein muß,
daran zweifelt niemand. Doch getan wird in dieser Hinsicht
sehr, sehr wenig, unverhältnismäßig wenig im Vergleich zu
der Arbeit, die auf das Studium der Besonderheiten des Fabrik-
lebens verwandt wird. In den Komitees und Zirkeln kann man
Leute antreffen, die sich sogar in das Spezialstudium irgendeines Zweiges der Eisenproduktion vertiefen, aber man wird fast
kein Beispiel dafür finden, daß Mitglieder von Organisationen
(die, wie es oft der Fall ist, gezwungen sind, sich aus diesem oder
jenem Grunde von der praktischen Arbeit zurückzuziehen) sich
speziell mit der Sammlung von Materialien über irgendeine
aktuelle Frage unseres gesellschaftlichen und politischen Lebens
abgeben würden, die zur sozialdemokratischen Arbeit in anderen
Schichten der Bevölkerung Anlaß geben könnte. Spricht man von
der ungenügenden Vorbereitung der meisten heutigen Führer der
Arbeiterbewegung, so kann man nicht umhin, auch die Vorbereitung in dieser Beziehung zu erwähnen, denn auch dies hängt mit
der „ökonomischen“ Auffassung von
der
„engen
organischen
42
ÄAgitation und Propaganda in der Periode vor 1905
Verbindung mit dem proletarischen Kampf‘ zusammen. Die
Hauptsache ist aber natürlich de Propaganda und Agitation in allen Schichten des Volkes. Dem westeuropäischen Sozialdemokraten wird diese Aufgabe durch Volksversammlungen
und Zusammenkünfte erleichtert, zu denen jeder hinkommen
kann, der Lust hat, sie wird ihm erleichtert durch das Parlament,
wo er vor Abgeordneten aller Klassen redet. Wir haben weder
ein Parlament noch Versammlungsfreiheit, doch verstehen wir
es trotzdem, Versammlungen mit Arbeitern zu veranstalten, die
einen
Sozialdemokraten hören wollen. Wir müssen es
auch verstehen, Versammlungen mit Vertretern aller und jeglicher Klassen der Bevölkerung abzuhalten, die einen Demokraten anhören wollen. Denn derjenige ist kein Sozialdemokrat, der in der Praxis vergißt, daß die „Kommunisten jede
revolutionäre Bewegung unterstützen“, daß wir daher verpflichtet sind, vor dem ganzen Volke die allgemeindemokratischen Aufgaben darzutun und hervorzuheben, ohne unsere sozialistische Überzeugung auch nur einen
Augenblick lang zu verhehlen. Derjenige ist kein Sozialdemokrat,
der praktisch seine Pflicht vergißt, in der Formulierung, Zuspitzung und Lösung jeder allgemein-demokratischen Frage
allen voranzugehen ....
.. . Fahren wir fort. Haben wir die Kraft dazu, unsere Pro-
paganda und Agitation auf alle Klassen der Bevölkerung zu
richten? Natürlich, ja. Unsere Ökonomisten, die dies nicht selten zu leugnen geneigt sind, übersehen jenen gigantischen Schritt
vorwärts, den unsere Bewegung seit (ungefähr) 1894 bis 1901
getan hat. Als wahre ‚„Chowstisten?"“ bewegen sie sich nur zu oft
in den Vorstellungen der längst vergangenen Anfangsperiode
der Bewegung. | Damals verfügten wir tatsächlich über auffallend
wenig Kräfte, damals war der Entschluß, sich ganz der Tätig-
keit unter den Arbeitern zu widmen und jedes Abweichen von
ihr scharf zu verurteilen, natürlich und berechtigt, damals bestand die ganze Aufgabe darin, in der Arbeiterklasse festen Fuß zu
fassen. Heute sind in die Bewegung sehr viel Kräfte hineingezogen
worden, zu uns kommen alle besten Vertreter der jungen Generation der gebildeten Klassen, allüberall in der Provinz sitzen gezwungenermaßen Leute herum, die an der Bewegung bereits teilgenommen haben oder teilnehmen möchten, Leute, die zur So-
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
43
zialdemokratie neigen (während man 1894 die russischen Sozialdemokraten an den Fingern abzählen konnte). Einer der grundlegenden politischen und organisatorischen Mängel unserer Bewegung ist der, daß wiresnichtverstehen, alle dieseKräfte
zu beschäftigen, jedem eine passende Arbeit zu geben. Der gewaltigen Mehrheit dieser Kräfte fehlt jede Möglichkeit, „zu den
Arbeitern zu gehen“, so daß von einer Gefahr, die Kräfte könnten
unserer Hauptarbeit entzogen werden, nicht die Rede sein kann.
Um aber den Arbeitern wirkliches, allseitiges und lebendiges
politisches Wissen zu vermitteln, braucht man „eigene Leute‘,
Sozialdemokraten, allüberall, in allen Gesellschaftsschichten, in
allen Positionen, die es ermöglichen, die inneren Triebfedern
unseres Staatsmechanismus kennen zu lernen. Solche Leute sind
notwendig nicht nur für die Propaganda und Agitation, sondern
noch viel mehr für die organisatorische Arbeit.
Gibt es nun einen Boden für die Tätigkeit in allen Klassen
der Bevölkerung? Wer das nicht sieht, der bleibt mit seiner Erkenntnisfähigkeit wiederum hinter dem elementaren Aufschwung
der Massen zurück. Die Arbeiterbewegung erzeıgt nach wie vor
Unzufriedenheit bei den einen, Hoffnung auf Unterstützung durch
die Opposition bei den anderen, das Bewußtsein der Unhalitbar-
keit des Absolutismus und seines unvermeidlichen Zusammenbruchs bei den dritten. Wir wären bloß in Worten „Politiker“
und Sozialdemokraten (was in Wirklichkeit auch sehr, sehr oft
der Fall ist), wenn wir uns nicht der Aufgabe bewußt wären, alle
und jegliche Äußerungen der Unzufriedenheit auszunutzen, auch
die geringsten Regungen selbst eines erst keimenden Protestes zusammenzufassen und auszuwerten. Wir wollen- schon gar nicht
davon reden, daß die ganze millionenköpfige Masse des werktätigen Bauerntums, der Heimgewerbetreibenden, der kleinen
Handwerker usw. die Propaganda eines einigermaßen geschickten
Sozialdemokraten stets begierig hören würde. Kann man aber
auch nur eine Bevölkerungsklasse nennen, in der es nicht Einzelpersonen, Gruppen und Kreise gibt, die mit der Entrechtung und
Willkür unzufrieden und daher der Propaganda eines Sozialdemokraten als des Wortführers der allerdringlichsten allgemein-demokratischen Erfordernisse zugänglich sind? Wer sich aber diese
politische Agitation eines Sozialdemokraten in allen Klassen
und Schichten der Bevölkerung konkret vergegenwärtigen möchte,
44
Agitalion und Propaganda in der Periode vor 1905
den wollen wir auf die politische Entlarvung im brei-
ten Sinne dieses Wortes hinweisen, als auf das wichtigste (aber
natürlich nicht das einzige) Mittel dieser Agitation.
„Wir müssen“ — schrieb ich im Artikel „Womit beginnen?“ („Iskra“,
Nr. 4, Mai 1901*) — „in allen einigermaßen denkenden Volksschichten die
Leidenschaft für politische Enthüllungen wecken, Man darf sich nicht dadurch abschrecken lassen, daß die politisch anklagenden Stimmen heute so
schwach, selten und zaghaft sind. Der Grund hierfür liegt durchaus nicht
darin, daß sich die Massen mit der Polizeiwillkür abgefunden hätten, Der
Grund ist der, daß die Leute, die fähig und bereit sind, zu enthüllen, keine
Tribüne haben, von der herab sie sprechen könnten, daß kein Auditorium
vorhanden ist, das den Rednern leidenschaftlich zuhört und sie ermuntert,
daß sie nirgends im Volke die Kraft sehen, an die sich mit einer Anklage ge-
gen die ‚allmächtige‘ russische Regierung zu wenden der Mühe wert wäre...
Wir sind jetzt imstande und wir sind verpflichtet, eine Tribüne zu schaffen,
die die Aufgabe hat, die Zarenregierung vor dem ganzen Volke zu entlarven,
— eine solche Tribüne muß die sozialdemokratische Zeitung sein.“
Eben ein solches ideales Auditorium für politische Entlarvung
stellt die Arbeiterklasse dar, die vor allem und mehr als alles ein
allseitiges und lebendiges politisches Wissen braucht, die am
meisten fähig ist, dieses Wissen in aktiven Kampf umzusetzen.
selbst wenn dieser keine „greifbaren Resultate“ verhieße.
Tribüne aber für Entlarvungen
Eine
vordemgesamtenVolke
kann nur eine für ganz Rußland bestimmte Zeitung sein. „Ohne
ein politisches Organ ist im heutigen Europa eine Bewegung, die
den Namen einer politischen Bewegung verdient, undenkbar“,
und zweifellos gehört Rußland in dieser Hinsicht mit zum heutigen Europa. Die Presse ist bei uns schon längst zu einer Macht
geworden — sonst würde ja die Regierung nicht Zehntausende
von Rubeln für ihre Bestechung und die Subsidierung der verschiedenen Katkow”” und Meschtscherski” verausgaben. Und es
ist nichts Neues im autokratischen Rußland, daß die illegale Presse
die Zensurschranken durchbricht und die legalen und konservativen Organe zwingit, offen von ihr zu reden. Das war sowohl
in den siebziger als auch in den fünfziger Jahren der Fall. Wieviel breiter und tiefer sind aber jetzt die Volksschichten, die be-
reit sind, eine illegale Presse zu lesen und aus ihr zu lernen, „wie
man zu leben und zu sterben hat“, um mit den Worten eines
Arbeiters zu reden, der sich mit einem Brief an die „Iskra“ (Nr. 7)
wandte.
Durch die politische Entlarvung
* Siehe S. 20 dieses Sammelbandes.
Die Red.
wird
der Regie-
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik
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45
nn
cung der Krieg erklärt, genau so wie durch die ökonomische
Entlarvung der Krieg dem Fabrikanten erklärt wird. Und diese
Kriegserklärung hat eine um so größere moralische Bedeutung,
je. umfassender und wuchtiger diese Entlarvungskampagne, je
zahlreicher und entschlossener die gesellschaftliche
Klasse, die
den Kriegerklärt, umdenKriegzubeginnen. Die
politischen Enthüllungen stellen daher schon an und für sich eins
der machtvollsten Mittel zur Zersetzung
der feindlichen
Reihen dar, der Mittel, dem Feinde seine zufälligen oder vorübergehenden Verbündeten abtrünnig zu machen, der Mittel, um
unter den ständigen Teilhabern an der autokratischen Staatsmacht Haß und Argwohn zu säen.
In unserer Zeit wird nur die Partei verstehen, zur Avantgarde
der revolutionären Kräfte zu werden, die wirklich allgemeinnationale Enthüllungen organisieren wird. Dieses
Wort „allgemein-national“ ist aber sehr inhaltsschwer. Die ge-
waltige Mehrheit der nicht zur Arbeiterklasse gehörenden Ankläger (und um zur Avantgarde zu werden, muß man eben die
anderen Klassen heranziehen) sind nüchterne Politiker und kalt-
blütige Männer der Praxis. Sie wissen sehr wohl, wie gefährlich
es ist, sich selbst über einen subalternen Beamten, geschweige
denn über die „allmächtige“ russische Regierung zu „beschwe-
ren“. Daher werden sie zu uns mit ihren Beschwerden erst
dann kommen, wenn sie sehen, daß die Beschwerden ihre Wirkung tatsächlich nicht verfehlen, daß wir eine politische
Kraft darstellen. Um eine solche Kraft in den Augen Fernstehender zu werden, müssen wir viel und zähe an der Hebung
unseres Klassenbewußtseins, unserer Inititative und unserer
Energie arbeiten; es genügt dazu nicht, das Etikett „Avantgarde“
an die Theorie und Praxis der Arrieregarde anzuhängen.
Wenn wir aber die Örganisierung tatsächlich allgemeinnationaler Enthüllungen der Regierung übernehmen sollen, worin
wird dann der Klassencharakter unserer Bewegung zum Ausdruck
kommen? — wird uns fragen und fragt bereits jetzt der mehr
eifrige als kluge Anbeter der „engen organischen Verbindung mit
dem proletarischen Kampf“. — Ja, eben darin, daß die Organisatoren dieser allgemein-nationalen Enthüllungen wir, die Sozialdemokraten, sein werden; darin, daß die Beleuchtung aller durch
dıe Agitation aufgerollten Fragen stets in konsequent sozialdemo-
46
Agitation und Propaganda in der Periode vor 1905
kratischem Geist gehalten sein wird, ohne das geringste Zugeständnis an die absichtlichen und unabsichtlichen Entstellungen
des Marxismus; darin schließlich, daß diese allseitige politische
Agitation von einer Partei ausgehen wird, die sowohl den Ansturm auf die Regierung im Namen des ganzen Volkes als auch
die revolutionäre Erziehung des Proletariats — neben der Wahrung seiner politischen Selbständigkeit — sowie die Leitung des
ökonomischen Kampfes der Arbeiterklasse, die Auswertung jener
spontanen Zusammenstöße derselben mit ihren Ausbeutern,
durch die immer neue und neue Schichten des Proletariats
mobilisiert und für uns gewonnen werden — zu einem unzertrennlichen Ganzen verbindet! ... .
II
AGITATION UND PROPAGANDA
IN DER REVOLUTION VON 1905
49
Der Beginn der Revolution in Rußland *
Pr
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Rußland noch eine absolutistische Monarchie. Der bürokratische Staatsapparat stand der bürgerlichen
Entwicklung des Landes hindernd im Wege. Die Notwendigkeit einer radikalen Änderung reifte allmählich heran. Zu Beginn des Jahres 1904
brach der russisch-japanische Krieg aus, der ein imperialistisches Abenteuer
der kapitalistisch-junkerlichen Oberschichten darstellte, ein Abenteuer, das
den Zweck verfolgte, die wachsende oppositionelle Bewegung in ein patriotisches Flußbett zu leiten. Die aufeinanderfolgenden militärischen MiBßerfolge erwiesen die Unfähigkeit und die Morschheit des Zarismus und
trieben den politischen Konflikt zwischen Zarenregierung und Volk auf die
‚Spitze. Kongresse der Bourgeoisie, Streiks der Arbeiter, Rebellionen der
Bauern lösten einander ab und verbreiteten sich über das ganze Land. Die
Revolution stand auf der Tagesordnung. Jede politische Partei war gezwungen, ihr Verhältnis zur Revolution, einen konkreten politischen Aktionsplan und eine konkrete Taktik festzulegen, klare Losungen aufzustellen. In diesen Fragen entstanden Meinungsverschiedenheiten zwischen den
beiden Fraktionen der Sozialdemokratie — den Bolschewiki und den Menschewiki24, Die Fraktion der Bolschewiki vertrat den Standpunkt, daß die Revolution zwar eine bürgerliche, daß aber die Haupttriebkraft in ihr das Proletariat
und die vom Proletariat geführte Bauernschaft sein werde, und daB darum
die Aufgabe der Revolutionäre in der Niederwerfung der Monarchie und in
der Errichtung der demokratischen Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft bestehe. Obgleich schon im Jahre 1904 die Frage der Revolution aktuell geworden war, so bedurfte es doch eines Ereignisses, das
den Massen das wahre Gesicht des Absolutismus enthüllte, das den Anstoß
zu unmittelbaren revolutionären Aktionen gab. Ein solches Ereignis war
der 9. (22.) Januar 1905, der „blutige Sonntag“. Der 9. Januar wird von
Lenin mit Recht als der Beginn der Revolution betrachtet. Der neuen
Lage entsprechend, stellt er nicht mehr die Losung auf: Klarlegung der
Notwendigkeit des Aufstandes, — sondern die Losung: sofortiger Sturz
des Absolutismus durch den bewaffneten Aufstand. Der Kennzeichnung der
neuen Aufgaben, der neuen Taktik sind seine Artikel „Der Beginn der Re-
volution in Rußland“ und „Der Kampf des Proletarıats und der Servilismus der Bourgeoisie“ gewidmet.
x
In Rußland spielen sich gewaltige historische Ereignisse
ab. Das Proletariat ist gegen den Zarismus aufgestanden. Das
Proletariat ist von der Regierung zum Aufstand getrieben
worden. Jetzt sind wohl kaum noch Zweifel möglich, daß die
Regierung absichtlich die Streikbewegung sich verhältnismäßig
ungehindert entwickeln und es zu einer großen Demonstration
* Geschrieben am 12. (25.) Januar 1905.
M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propuganda
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Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
kommen ließ, weil sie einen Vorwand haben wollte, um die Mili-
tärmacht einsetzen zu können. Und sie hat es dahin gebracht!
Tausende von Toten und Verwundeten — das ist das Fazit des
blutigen Sonntags, des 22. (9.) Januar in Petersburg. Das Militär
hat über die welhrlosen Arbeiter, Frauen und Kinder gesiegt. Das
Militär hat den Feind überwältigt, indem es die am Boden
liegenden Arbeiter zusammenschoß. „Wir haben ihnen eine tüchtige Lektion erteilt!“ sagen jetzt mit nicht wiederzugebendem
Zynismus die Diener des Zaren und ihre europäischen Lakaien
aus der konservativen Bourgeoisie.
Ja, es war eine große Lehre! Das russische Proletariat wird
diese Lehre nicht vergessen. Die am wenigsten vorbereiteten, die
am meisten zurückgebliebenen Schichten der Arbeiterklasse, die
in naivem Glauben an dem Zaren hingen und aufrichtig wünschten, friedlich ‚dem Zaren selbst‘ die Bitten des gequälten Volkes
vorzubringen, sie alle haben von der vom Zaren bzw. vom Onkel
des Zaren, dem Großfürsten Wladimir, geführten Militärmachlt
eine Lehre erhalten.
Die Arbeiterklasse hat eine große Lehre des Bürgerkrieges erhalten; die revolutionäre Erziehung des Proletariats hat an dem
einen Tag einen so großen Schritt vorwärts gemacht, wie sie ihn
in Monaten und Jahren des grauen, verschüchterten Alltagslebens
nicht hätte machen können. Die Losung des heldenmütigen
Petersburger Proletariats: „Tod oder Freiheit!‘ hallt jetzt wie
ein Echo durch ganz Rußland wider. Die Ereignisse entwickeln
sich mit rasender Geschwindigkeit ...
Die Revolution breitet sich aus. Schon beginnt die Regierung
unsicher zu werden. Von der Politik blutiger Repressalien versucht sie zu wirtschaftlichen Zugeständnissen überzugehen und
sich mit einem Almosen oder mit dem Versprechen des Neunstundentages loszukaufen. Aber die Lehre des blutigen Tages
kann nicht umsonst gewesen sein. Die Forderung der aufständi‚ schen Petersburger Arbeiter — sofortige Einberufung der Konı stituierenden Versammlung auf der Grundlage des allgemeinen,
‘ direkten, gleichen und geheimen Wahlrechts — muß zur Forderung aller streikenden Arbeiter werden. Sofortiger Sturz der Regierung — das ist die Parole, mit der selbst die bis dahin zarengläubigen Petersburger Arbeiter auf das Blutbad vom 9. Januar
geantwortet haben, geantwortet haben durch den Mund ihres
Der Beginn der Revolution in Rußland
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Führers, des Priesters Georg Gapon”, der nach dem blutigen
Sonntag erklärt hat: „Wir haben keinen Zaren mehr. Ein Strom
von Blut trennt den Zaren vom Volke. Es lebe der Kampf für
die Freiheit!“
Es lebe das revolutionäre Proletariat! sagen wir. Der Generalstreik erhebt und mobilisiert immer breitere Massen der Arbeiterklasse und der städtischen Armut. Die Bewaffnung des Volkes
wird zu einer der nächsten Aufgaben des revolutionären Moments.
Nur das bewaffnete Volk kann ein wirklicher Schutz für die
Volksfreiheit sein. Und je schneller es dem Proletariat gelingen
wird, sich zu bewaffnen, je länger es sich in seiner militärischen
Position des streikenden Revolutionärs halten wird, um so rascher
wird das Militär erschüttert werden, um so mehr werden sich
unter den Soldaten Leute finden, die endlich begreifen werden,
was sie tun, die auf die Seite des Volkes treten werden gegen die
Unmenschen, gegen den Tyrannen, gegen die Mörder der wehrlosen Arbeiter, ihrer Frauen und Kinder. Wie immer der jetzige
Aufstand in Petersburg selbst enden möge, in jedem Falle wird
er unvermeidlich und unausbleiblich die erste Stufe zu einem
noch umfassenderen, zielbewußteren, besser vorbereiteten Aufstand bilden. Der Regierung mag es vielleicht gelingen, die Stunde
der Vergeltung hinauszuschieben, aber dieses Hinauszögern wird
den nächsten Schritt des revolutionären Ansturms nur noch
grandioser gestalten. Die Zwischenzeit wird die Sozialdemokratie
nur benutzen, um die Reihen der organisierten Kämpfer fester
zusammenzuschweißen und um die Nachricht von dem mutigen
Beginnen der Petersburger Arbeiter überall zu verbreiten. Das
Proletariat wird sich dem Kampf anschließen, indem es die Fabriken und Werke verläßt und sich Waffen beschafft. Die Losungen des Freiheitskampfes werden unter die arme Bevölkerung
der Städte, unter die Millionen der Bauernschaft immer weiter
und weiter dringen. In jeder Fabrik, in jedem Stadtbezirk, in
jedem größeren Dorf werden sich revolutionäre Komitees bilden.
Das rebellierende Volk wird daran gehen, alle Regierungsinstitutionen des zaristischen Absolutismus zu stürzen und die sofortige
Einberufung der Konstituierenden Versammlung zu proklamieren.
Die sofortige Bewaffnung der Arbeiter und überhaupt aller
Staatsbürger, die Vorbereitung und Organisierung der revolutionären Kräfte zur Vernichtung der Regierungsbehörden und
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Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
Institutionen — das ist die praktische Grundlage, auf der sich alle
Revolutionäre zum gemeinsamen Schlag vereinigen können und
müssen.
Das Proletariat muß stets einen selbständigen Weg
gehen, in fester Verbindung mit der Sozialdemokratischen Partei,
eingedenk seines großen Endzieles der Erlösung der ganzen
Menschheit von jeder Ausbeutung. Aber diese Selbständigkeit
der sozialdemokratischen proletarischen Partei wird uns niemals
die Wichtigkeit des gemeinsamen revolutionären Ansturms im
Moment der wirklichen Revolution vergessen lassen. Wir Sozialdemokraten können und müssen unabhängig von den Revolutionären der bürgerlichen Demokratie vorgehen und die Klassenselbständigkeit des Proletariats wahren, aber wir müssen mit
ihnen Hand in Hand gehen während des Aufstandes, beim offenen Angriff auf den Zarismus, beim Widerstand gegen das Militär, bei den Angriffen auf die Bastillen des verfluchten Feindes
des ganzen russischen Volkes.
Das Proletariat der ganzen Welt blickt jetzt mit fieberhafter
Spannung auf das Proletariat Rußlands. Der Sturz des Zarismus
in Rußland, von unserer Arbeiterklasse heldenhaft begonnen,
wird ein Wendepunkt sein in der Geschichte aller Länder, eine
Erleichterung für die Sache der Arbeiter aller Nationen, in allen
Staaten, an allen Ecken und Enden des Erdballs. Und möge jeder
Sozialdemokrat, jeder klassenbewußte Arbeiter dessen eingedenk
sein, welche ungeheuren Aufgaben des das ganze Volk bewegenden Kampfes jetzt auf seinen Schultern lasten. Möge er nicht
vergessen, daß er auch die Nöte und Interessen der ganzen Bauernschaft, der ganzen Masse der Werktätigen und Ausgebeuteten,
des ganzen Volkes gegen den Feind des gesamten Volkes vertritt.
Vor aller Augen steht jetzt das Beispiel der Proletarierhelden
von Petersburg.
Es lebe die Revolution!
Es lebe das aufständische Proletariat'
Die Losung des bewaffneten Aufstandes”
.Das Proletariat befindet sich in ständiger Erregung, besonders seit dem 9. Januar; es gewährt dem Feinde keinen ruhigen Augenblick, es greift vorwiegend in der Form von Streiks an,
es geht direkten Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht des
Zarismus aus dem Wege, seine Kräfte für den großen Entscheidungskampf vorbereitend. In den industriell am meisten entwickelten Gegenden, wo die Arbeiter politisch am besten vorbereitet sind, wo zur wirtschaftlichen und allgemein-politischen
Unterdrückung sich noch die nationale Unterdrückung gesellt,
gehen Polizei und Militär des Zarismus besonders herausfordernd vor, provozieren sie geradezu die Arbeiter. Und die Arbeiter, selbst die zum Kampf unvorbereiteten, selbst solche, die
sich zunächst nur auf die Defensive beschränkten, zeigen uns 1n
der Gestalt des Lodzer Proletariats nicht nur ein neues Vorbild
des revolutionären Enthusiasmus und Heldenmuts, sondern
auch höhere Kampfformen. Ihre Bewaffnung ist noch schwach,
äußerst schwach, ihr Aufstand ist immer noch sporadisch, er entbehrt immer noch der Verbindung mit der allgemeinen Bewegung, und trotzdem machen sie einen Schritt vorwärts, überziehen
sie mit ungeheurer Geschwindigkeit die Straßen der Stadt mit
Dutzenden von Barrikaden, sie fügen den Truppen des Zarismus
ernste Verluste zu, sie verteidigen sich verzweifelt in einzelnen
Häusern. Der bewaffnete Aufstand wächst in die Tiefe wie in die
Breite. Die neuen Opfer der zaristischen Henker — in Lodz sind
etwa 2000 Menschen getötet und verwundet worden — entzünden
in neuen Zehntausenden und Hunderttausenden von Staatsbürsern flammenden Haß gegen den fluchbeladenen Absolutismus.
Die neuen bewaffneten Kämpfe zeigen immer anschaulicher die
Unvermeidlichkeit des bewaffneten Entscheidungskampfes des
Volkes gegen die bewaffneten Kräfte des Zarismus. Aus den einzelnen Ausbrüchen tritt immer deutlicher das Bild der auf ganz
* Aus dem Artikel: „Der Kampf des Proletariats und der Servilismus der
recht sr
Bourgeoisie‘“‘ vom 3. Juli (20. Juni) 1905.
rm
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Agitation und Propaganda :in der Revolution von 1905
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———
Rußland übergreifenden Feuersbrunst hervor. Der proletarische
Kampf erfaßt neue, ganz rückständige Bezirke, und der Eifer der
Zarenschergen kommt der Revolution zustatten, indem er die
ökonomischen Konflikte in politische verwandelt, den Arbeitern
allüberall an ihrem eigenen Schicksal die unbedingte Notwendigkeit der Niederwerfung des Absolutismus klarmacht, sie zu künftigen Helden und Kämpfern des Volksaufstandes erzieht.
Bewaffneter Volksaufstand — zu dieser Losung, die von der
Partei des Proletariats, in Gestalt des dritten Parteitages der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, so enschlossen
aufgestellt worden ist, führen die Ereignisse selbst, der elementare Prozeß der sich ausbreitenden und verschärfenden revolu-
tionären Bewegung selbst immer näher und näher heran. Mögen
darum alle Schwankungen und Zweifel recht bald verschwinden,
ınöge jeder recht bald erkennen, wie unsinnig, wie unwürdig in
der gegenwärtigen Zeit alle Versuche sind, dieser unaufschiebbaren Aufgabe — der energischsten Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes — auszuweichen, wie gefährlich jede Verzögerung,
wie dringend notwendig die Vereinheitlichung und Zusammenfassung der überall ausbrechenden Teilaufstände ist. Bleiben diese
Empörungsausbrüche isoliert, so sind sie machtlos. Die organisierte Kraft der Zarenregierung vermag die Aufständischen der
Reihe nach zu zermalmen, wenn die Bewegung ebenso unorganisiert langsam wie bisher von einer Stadt auf die andere, von
einem Bezirk auf den anderen übergreifen wird. Zusammengefaßt aber können diese Ausbrüche sich zu einem so mächtigen
revolutionären Flammenmeer vereinigen, daß ihm keine Macht
der Welt widerstehen wird. Und diese Vereinigung kommt, sie
kommt auf tausend Wegen, die wir nicht kennen und nicht ahnen.
Das Volk lernt die Revolution an diesen einzelnen Ausbrüchen
und Gefechten — unsere Sache ist lediglich, hinter den Aufgaben
der Stunde nicht zurückzubleiben, es zu verstehen, die nächstfol-
sende, höhere Stufe des Kampfes aufzuzeigen, unter Ausnützung
der Erfahrungen und Fingerzeige der Vergangenheit und der
Gegenwart und indem wir die Arbeiter und Bauern immer kühner und umfassender auffordern, vorwärts und immer vorwärts
zu stürmen, bis zum vollständigen Sieg des Volkes, bis zur voll-
ständigen Vernichtung der absolutistischen Bande, die jetzt mit
der Verzweiflung eines zum Tode Verurteilten kämpft.
Die Losung des bewaffneten Aufstandes
5B)
Wie oft sind innerhalb der Sozialdemokratie, besonders auf
ihrem Intellektuellen-Flügel, Leute aufgetreten, die die Aufgaben
der Bewegung zu degradieren suchten, kleinmütig an der revolutionären Energie der Arbeiterklasse zweifelten. Manche glauben
auch heute noch, daß das Proletariat, weil der demokratische
Umsturz seinem gesellschaftlich-Skonomischen Charakter nach
ein bürgerlicher ist, nicht danach streben dürfe, in ihm die führende
Rolle zu spielen, an ihm aufs energischste teilzunehmen, vorgeschrittene Losungen des Sturzes der Zarenmacht und der Errichtung einer provisorischen Revolutionsregierung aufzustellen. Die
Ereignisse belehren auch diese rückständigen Leute eines Besseren.
Die Ereignisse bestätigen die Kampfschlußfolgerungen aus der
revolutionären Theorie des Marxismus. Der bürgerliche Charakter der demokratischen Revolution bedeutet nicht, daß sie nur für
die Bourgeoisie nützlich sein kann. Im Gegenteil, am nützlichsten
und notwendigsten ist sie für das Proletariat und die Bauernschaft. Die Ereignisse zeigen immer anschaulicher, daß nur das
Proletariat zu einem entschlossenen Kampf fähig ist für die vollständige Freiheit, für die Republik — trotz der Unzuverlässigkeit
und Wankelmütigkeit der Bourgeoisie. Das Proletariat kann sich
an die Spitze des gesamten Volkes stellen und die Bauernschaft
zu sich herüberziehen, die nichts zu erwarten hat als Unterdrückung und Vergewaltigung seitens der absolutistischen Regierung, Verrat und Treulosigkeit seitens der bürgerlichen Volksfreunde. Das Proletariat ist infolge seiner Klassenlage in der
modernen Gesellschaft imstande, früher als alle übrigen Klassen
zu erkennen, daß die großen historischen Fragen letzten Endes
nur durch die Gewalt entschieden werden, daß die Freiheit ohne
die größten Opfer nicht zu erringen ist, daß der bewaffnete
Widerstand des Zarismus mit bewaffneter Hand gebrochen und
niedergerungen werden muß. Anders werden wir die Freiheit
nicht erringen, anders erwartet Rußland das Schicksal der Türkei
— ein langwieriger, qualvoller Abstieg und Zerfall, qualvoll insbe-
sondere für alle werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen.
Mag das Bürgertum sich erniedrigen und liebedienern, mag es
in seinem Streben nach einer erbärmlichen Parodie auf die Freiheit feilschen und betteln. Das Proletariat wird den Kampf aufnehmen und, die durch die niederträchtigste und unerträglichste
Leibeigenschaft und Vergewaltigung gemarterte Bauernschaft mit
56
Agitalion und Propaganda in der Revolution von 1905
sich reißend, wird es vorwärts marschieren bis zur vollständigen
Freiheit, die nur das auf die revolutionäre Macht gestützte bewaffnete Volk behaupten kann.
Die Sozialdemokratie hat die Losung des Aufstandes nicht
unüberlegt ausgegeben. Sie hat stets die revolutionäre Phrase bekämpft und wird sie auch weiter bekämpfen, sie wird stets eine
nüchterne Einschätzung der Kräfte und eine nüchterne Analyse
der Lage fordern. Die Sozialdemokratie sprach schon seit 1902
von der Vorbereitung des Aufstandes, ohne jemals diese Vorbereitung zu verwechseln mit der sinnlosen, künstlichen Inszenierung
von Putschen, die unsere Kräfte nur unnütz vergeuden . würde.
Und erst jetzt, nach dem 9. Januar, hat die Arbeiterpartei die
Losung des Aufstandes auf die Tagesordnung gesetzt, hat sie die
Notwendigkeit des Aufstandes und die Notwendigkeit der Vorbereitung zum Aufstand erkannt. Der Absolutismus selber hat diese
Losung zur praktischen Losung der Arbeiterbewegung gemacht.
Der Absolutismus hat den ersten umfassenden Massenunterricht
des Bürgerkrieges erteilt. Dieser Krieg hat begonnen und nimmt
immer breiteren Umfang, immer schärfere Form an. Wir haben
lediglich seine Lehren zu verallgemeinern, den großen Sinn des
Wortes „Bürgerkrieg“ restlos
klarzulegen,
aus
den
einzelnen
Schlachten dieses Krieges praktische Anleitungen zu gewinnen,
die Kräfte zu organisieren, unmittelbar und unverzüglich alles für
einen richtigen Krieg Notwendige vorzubereiten.
Die Sozialdemokratie fürchtet sich nicht, der Wahrheit ins
Auge zu schauen. Sie kennt die Verräternatur der Bourgeoisie.
Sie weiß, daß die Freiheit dem Arbeiter nicht Ruhe und Frieden
bringen wird, sondern einen neuen, noch gewaltigeren Kampf,
den Kampf um den Sozialismus, den Kampf gegen die jetzigen
bürgerlichen Freunde der Freiheit. Aber nichtsdestoweniger —
und gerade deswegen—ist die Freiheit für die Arbeiter unbedingt
notwendig, ist sie für sie notwendiger als für irgend jemand sonst.
Nur die Arbeiter sind imstande, an der Spitze des Volkes für vollständige Freiheit, für die demokratische Republik zu kämpfen,
und sie werden auf Leben und Tod für sie kämpfen.
Natürlich ist das Volk noch unwissend und eingeschüchtert, ist noch eine gewaltige Arbeit zu leisten, um das Klassenbe-
wußtsein der Arbeiter zu entwickeln. ganz zu schweigen von der
Bauernschaft. Doch man sehe nur, wie rasch sich der gestrige
Die Losung des bewaffneten Aufstandes
d/
Sklave aufrichtet, wie der Funke der Freiheit selbst in seinem
halberloschenen Auge aufleuchtet. Seht euch die Bauernbewegung an. Sie ist zersplittert, unbewußt, über ihren Umfang und
ihren Charakter kennen wir nur Brocken der Wahrheit. Aber
eins steht für uns fest: der klassenbewußte Arbeiter und der
sich zum Kampf erhebende Bauer werden sich verstehen, sobald
sie nur ein paar Worte miteinander gewechselt haben, jeder
‚Lichtstrahl wird sie enger miteinander verbinden zum Kampf um
die Freiheit, sie werden dann ihre Revolution der verächtlich-
feigen und eigennützigen Bourgeoisie und den Gutsbesitzern nicht
überlassen, jene demokratische Revolution, die Land und Freiheit
geben, den Werktätigen alle in der bürgerlichen Gesellschaft
denkbaren Erleichterungen des Lebens zum weiteren Kampf für
den Sozialismus verschaffen kann. Seht euch das zentrale Industriegebiet an. Wie lange ist es denn her, daß dieses Gebiet in
einen tiefen Schlaf versunken schien, wie lange ist es denn her,
daß wir dort nur eine beschränkte, zersplitterte, kleine Zunftbewegung für möglich hielten? Und jetzt ist dort bereits der Generalstreik aufgelodert.
Zehntausende, ja Hunderttausende haben
sich erhoben und erheben sich noch jetzt. Ungewöhnlich rasch
entfaltet sich, die politische Agitalion. Die dortigen Arbeiter
stehen natürlich noch weit zurück hinter dem heldenmütigen
Proletariat des heldenmütigen Polen, doch die Zarenregierung
klärt sie rasch auf, zwingt sie rasch, „Polen einzuholen‘.
Nein, der allgemeine bewaffnete Volksaufstand ist kein
Traum. Der Gedanke an den vollständigen Sieg des Proletariats
und der Bauernschaft in der jetzigen demokratischen Revolution
ist keine müßige Spielerei. Welche gewaltigen Perspektiven aber
eröffnet ein solcher Sieg dem europäischen Proletariat, das nun
schon seit vielen Jahren in seinem Streben nach Glück künstlich
gchemmt wird durch die militärische und gutsherrliche Reaktion!
Der Sieg der demokratischen ‚Revolution in Rußland wird das
Signal sein für den Beginn der sozialistischen Revolution, für den
weiteren Sieg unserer Brüder, der klassenbewußten Proletarier in
allen Ländern ...
58
Agitation und Propaganda in der Revolution
von 1905
Die revolutionär-demokratische Diktatur des
Proletariats und der Bauernschaft“”
Die Lage der verschiedenen Klassen in Rußland im Jahre 1905 analysierend, stellte Lenin fest, daß der Organisationsgrad des Proletariats, seine
Verbundenheit mit der Revolution, die Schwäche der Bourgeoisie und ihre
enge Verbindung mit dem Großgrundbesitz, das Bestreben der Bauernschaft,
eine Ägrarrevolution durchzuführen, das Proletariat als Haupttriebkraft in
den Vordergrund rücken. Der Verbündete des Proletariats ist die Bauernschaft, die in ihrer Masse revolutionär und bereit ist, zusammen mit dem
-
Proletariat und unter seiner Führung die bürgerlich-demokratische Revolution zu vollenden. Die Bourgeoisie ist nur revolutionär bis zu den ersten
Zugeständnissen, die der Zarismus ihr macht — nachher wird sie zur
Hauptfeindin des Proletariats und der Bauernschaft. Die Beurteilung der
Wechselbeziehungen zwischen den Triebkräften der Revolution und ihre
weitere Entwicklung nach dem 9. Januar zwangen Lenin, zugleich mit
früher aufgestellten Losungen die neue Losung der Errichtung der provisorischen Revolutionsregierung nach dem Sturz des Absolutismus aufzustellen. In dieser Frage führte Lenin im Jahre 1905 nach zwei Fronten hin
den Kampf: gegen die rechten Menschewiki und gegen die „Linken”
(Trotzki, Parvus?®). Die einen wie die andern vertraten den Standpunkt,
daß das an die Macht gelangte Proletariat gezwungen sein werde, unmittelbar zu sozialistischen Maßnahmen zu schreiten. Sie unterschieden sich
darin, daß Trotzki und Parvus für den Eintritt in die provisorische Revo-
lutionsregierung und folglich für sofortige sozialistische Maßnahmen eintraten, während die Menschewiki, die Rußland für den Sozialismus noch nicht
reif hielten, gegen jede Teilnahme der Sozialdemokraten an dieser Regierung
waren. Der Klärung der Frage der provisorischen Revolutionsregierung
als Verwirklichung der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ist der
nachfolgende Artikel Lenins gewidmet.
#
Die Frage der Beteiligung der Sozialdemokratie an der provisorischen Revolutionsregierung ist aktuell geworden nicht so sehr
durch den Gang der Ereignisse als vielmehr durch theoretische
Betrachtungen von Sozialdemokraten einer gewissen Richtung... Wie die Sozialdemokraten die Wahrscheinlichkeit, daß
wir in naher Zukunft diese Frage nicht nur theoretisch werden
entscheiden müssen, auch beurteilen mögen, auf jeden Fall ist
Klarheit über die nächsten Ziele eine Notwendigkeit für die Partei. Ohne eine klare Antwort auf diese Frage ist schon jetzt eine
* „Wperjod” Nr. 14, vom 30. März 1905.
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft
59
konsequente, von Schwankungen oder Unklarheiten freie Propa-
ganda und Agitation unmöglich.
Versuchen wir, das Wesen der Streitfrage zu rekonstruieren.
Wenn wir nicht nur Zugeständnisse seitens des Absolutismus,
sondern seinen wirklichen Sturz wollen, so müssen wir die Ersetzung der Zarenregierung durch eine provisorische Revolutionsregierung anstreben, die einerseits auf Grund eines wirklich allgemeinen, direkten und gleichen Wahlrechts mit geheimer Stimm-
abgabe eine Konstituierende Versammlung einberufen würde
und die andererseits imstande wäre, vollständige Freiheit für die
Zeit der Wahlen tatsächlich zu sichern. Und nun fragt es sich,
ist es für die sozialdemokratische Arbeiterpartei statthaft, sich
an einer solchen provisorischen Revolutionsregierung zu beteiligen? Diese Frage ist zum erstenmal von den Vertretern des
opportunistischen Flügels unserer Partei, namentlich von Martynow, noch vor dem 9. Januar aufgeworfen worden, wobei er
und mit ihm auch die „Iskra“ diese Frage negativ entschieden
haben. Martynow suchte die Auffassungen der revolutionären
Sozialdemokraten ad absurdum zu führen, indem er sie damit
schreckte, daß, falls die Organisierung der Revolution Erfolg
haben und unsere Partei die Führung des bewaffneten Volksaufstandes übernehmen sollte, wir genötigt sein würden, uns an
der provisorischen Revolutionsregierung zu beteiligen. Eine
solche Beteiligung aber sei eine unzulässige „Machtergreifung“,
ein für eine sozialdemokratische Klassenpartei unstatthafter
„vulgärer Jauresismus”“.
Verweilen wir bei den Betrachtungen der Anhänger dieser
Auffassung. Wenn wir in der provisorischen Regierung sind, sagt
man uns, werde die Sozialdemokratie die Macht in Händen halten; die Sozialdemokratie als Partei des Proletariats könne aber
die Macht nicht in Händen halten, ohne den Versuch zu machen,
unser Maximalprogramm zu verwirklichen, d. h. ohne zu versuchen, die sozialistische Umwälzung durchzuführen. Bei einem
solchen Unterfangen aber würde sie heute unvermeidlich eine
Niederlage erleiden und sich nur blamieren, nur der Reaktion in
die Hände spielen. Darum sei die Teilnahme der Sozialdemokratie an der provisorischen „Revolutionsregierung‘ unzulässig.
Diese Überlegung beruht auf einer Verwechslung des demokratischen und des sozialistischen Umsturzes — des Kampfes für
60
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
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die Republik (unser ganzes Minimalprogramm mit einbegriffen)
und des Kampfes für den Sozialismus. Wollte die Sozialdemokratie sich den sofortigen sozialistischen Umsturz zum Ziele
setzen, so würde sie sich in der Tat nur blamieren. Gerade gegen
solche verworrenen und unklaren Ideen unserer „Sozialrevolutio-
näre”“* hat jedoch die Sozialdemokratie stets gekämpft. Gerade
deshalb betonte sie stets den bürgerlichen Charakter der Rußland bevorstehenden Revolution, gerade deshalb forderte sie die
strenge Trennung des demokratischen Minimalprogramms vom
sozialistischen Maximalprogramm. Einzelne Sozialdemokraten,
die dazu neigen, vor der Spontaneität zu kapitulieren, mögen all
das während des Umsturzes vergessen, nicht aber die Partei als
Ganzes. Die Anhänger dieser irrigen Meinung verfallen in eine
Anbetung der Spontaneität, wenn sie glauben, der Verlauf der
Dinge werde in einer solchen Lage die Sozialdemokratie zwingen,
gegen ihren Willen an die Durchführung des sozialistischen Umsturzes zu gehen. Wäre dem so, dann wäre also unser Programm
falsch, dann würde es dem ‚Gang der Dinge‘ nicht entsprechen:
gerade das befürchten die Anbeter der Spontaneität, sie hegen
Befürchtungen in bezug auf die Richtigkeit unseres Programms.
Aber ihre Furcht ist im höchsten Grade unbegründet. Unser Programm ist richtig. Gerade der Gang der Dinge wird es unbedingt
bestätigen, und je weiter, je mehr. Gerade der Gang der Dinge
wird uns die unbedingte Notwendigkeit des verzweifelten Kampfes um die Republik „aufdrängen‘“, gerade er wird praktisch
unsere Kräfte, die Kräfte des politisch aktiven Proletariats, in
diese Richtung lenken. Gerade der Gang der Dinge wird uns unvermeidlich beim demokratischen Umsturz eine solche Menge von
Bundesgenossen aus dem Kleinbürgertum und der Bauernschaft
aufdrängen, deren reale Bedürfnisse gerade
die Durchführung
des Minimalprogramms erfordern werden, daß die Befürchtungen
eines allzu raschen Überganges zum Maximalprogramm geradezu
lächerlich sınd.
Aber andererseits rufen eben diese Bundesgenossen aus der
kleinbürgerlichen Demokratie neue Befürchtungen unter den
Sozialdemokraten einer gewissen Richtung hervor, und zwar Be-
fürchtungen wegen des „vulgären Jaur&sismus“. Die Beteiligung
an einer Regierung zusammen mit der bürgerlichen Demokratie sei durch die Resolution des Amsterdamer Kongresses”
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft
61
verboten, das sei Jauresismus, d. h. unbewußter Verrat der Inter-
essen des Proletariats, die Verwandlung des Proletariats in ein
Anhängsel der Bourgeoisie, seine Korrumpierung durch den
Schein der Macht, die in Wirklichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft absolut unerreichbar ist.
Diese Überlegung ist nicht minder irrig. Sie zeigt, daß ihre Urheber zwar gute Resolutionen auswendig gelernt, deren Bedeutung
aber nicht begriffen haben; sie haben sich einige anti-jaurösistische Schlagworte eingepaukt, ohne sie durchdacht zu haben, und
wenden sie daher ganz am unrechten Platz an; — sie haben
sich den Buchstaben, aber nicht den Geist der letzten Lehren der
internationalen revolutionären Sozialdemokratie angeeignet. Wer
den Jaur&sismus vom dialektisch-materialistischen Standpunkt
aus würdigen will, der muß die subjektiven Motive und objektiven
historischen Bedingungen streng auseinanderhalten. Subjektiv
wollte Jaur&s die Republik retten und schloß zu diesem Zweck
mit der bürgerlichen Demokratie ein Bündnis. Die objektiven
Bedingungen dieses „Experimentes‘“ bestanden darin, daß die Republik in Frankreich bereits Tatsache war, und ihr keine ernste
Gefahr mehr drohte, — daß die Arbeiterklasse die volle Möglichkeit für die Entwicklung einer selbständigen politischen Klassen-
organisation hatte und diese Möglichkeit nicht genügend ausnützte, zum Teil gerade unter dem Einfluß der vielen parlamentarischen Spiegelfechtereien ihrer Führer; — daß in Wirklichkeit
die Arbeiterklasse von der Geschichte objektiv bereits vor die
Aufgabe des sozialistischen Umsturzes gestellt wurde, von der
die Millerands das Proletariat durch das Versprechen winziger
sozialer Reformen fortzulocken suchten.
Nehmen wir nun Rußland. Subjektiv wollen solche revolutionären Sozialdemokraten, wie die Wperjodisten®” oder Parvus, die
Republik verteidigen und zu diesem Zwecke ein Bündnis mit
der revolutionären bürgerlichen Demokratie schließen. Die objektiven Bedingungen sind von denen Frankreichs himmelweit verschieden. Objektiv hat der historische Gang der Dinge jetzt das
russische Proletariat gerade vor die Aufgabe des demokratischen
bürgerlichen Umsturzes gestellt (dessen Gesamtinhalt wir der
Kürze halber mit dem Wort „Republik“ bezeichnen); vor derselben Aufgabe steht das ganze Volk, d. h. die ganze Masse des
Kleinbürgertums und der Bauernschaft; ohne diesen Umsturz ist
62
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
eine halbwegs großzügige Entwicklung einer selbständigen Klassenorganisation für den sozialistischen Umsturz undenkbar.
Man stelle sich konkret den ganzen Unterschied der objektiven
Bedingungen vor und sage dann: was soll man von Leuten hal-
ten, die diesen Unterschied vergessen und sich durch die Übereinstimmung einiger Worte, durch die Ähnlichkeit einiger Buchstaben, durch die Gleichheit der subjektiven Motivierung verleiten
lassen?
Weil Jaures in Frankreich die bürgerliche Sozialreform anbetete und sich zu Unrecht mit dem subjektiven Ziel des Kampfes
für die Republik drapierte, darum sollen wir russische Sozialde-
mokraten auf einen ernsten Kampf für die Republik verzichten! ....
In der Tat, ist es denn nicht klar, daß der Kampf um die Republik für das Proletariat undenkbar ist ohne ein Bündnis zwischen ihm und der kleinbürgerlichen Volksmasse? Ist es denn
nicht klar, daß ohne die revolutionäre Diktatur des Proletariats
und der Bauernschaft nicht die leiseste Hoffnung auf einen Erfolg
dieses Kampfes besteht? Einer der Hauptmängel dieser Auffassung besteht in ihrer Starrheit, ihrer Schablonenhaftigkeit, darin,
daß die Bedingungen der revolutionären Zeit außer acht gelassen
werden. Für die Republik kämpfen und gleichzeitig auf die revolutionäre demokratische Diktatur verzichten,
ist dasselbe,
als
wenn Oyama®" beschlossen hätte, bei Mukden gegen Kuropatkin
zu kämpfen, dabei aber von vornherein auf den Gedanken verzichtet hätte, selber in Mukden einzuziehen. Denn wenn wir, das.
revolutionäre Volk, d. h. das Proletariat und die Bauernschaft,
den Absolutismus „vereint schlagen‘ wollen, so müssen wir ihn
auch vereint erschlagen, ihn vereint totschlagen, vereint die unausbleiblichen Versuche seiner Restauration zurückschlagen! (Um
mögliche Mißverständnisse zu vermeiden, betonen wir nochmals,
daß wir unter „Republik“ nicht nur und sogar nicht so sehr die
Regierungsform verstehen als vielmehr die Gesamtheit der demokratischen Reformen unseres Minimalprogramms). Man muß
eine wahrhaft schülerhafte Auffassung von der Geschichte haben,
um sich die Sache ohne „Sprünge“ vorzustellen, als eine langsam
und gleichmäßig aufsteigende gerade Linie: zunächst sei die liberale Großbourgeoisie an der Reihe — Konzessiönchen des Absolutismus, dann das revolutionäre Kleinbürgertum — demokratische Republik, schließlich das Proletariat — sozialistische Um-
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft
63
wälzung. Dieses Bild ist richtig im großen und ganzen, ist richtig ä la longue, wie die Franzosen zu sagen pflegen, etwa für ein
ganzes Jahrhundert (z. B. für Frankreich von 1789 bis 1905),
um aber nach diesem Bilde einen Plan der eigenen Tätigkeit in
einer revolutionären Epoche zu entwerfen, — dazu muß man ein
Virtuose des Philistertums sein. Wenn es dem russischen Absolutismus nicht gelingt, sich auch jetzt herauszuwinden und mit
einer kümmerlichen Verfassung davonzukommen, wenn er nicht
nur erschüttert, sondern tatsächlich gestürzt wird, so wird
offenbar eine ungeheure Anspannung der revolutionären Energie
aller fortschrittlichen Klassen erforderlich sein, um diese Er-
rungenschaft zu behaupten. Dieses „Behaupten‘“ ist eben nichts
anderes als die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft! Je mehr wir jetzt erkämpfen, je energischer wir
das Erkämpfte verteidigen, um so weniger wird später die unausbleibliche künftige Reaktion zurückerobern können, um so kürzer
werden diese Intervalle der Reaktion, um so leichter wird die
Aufgabe der uns nachfolgenden proletarischen Kämpfer sein.
Und da kommen Leute, die in voraus, noch vor dem Kampf,
ein bescheidenes Stückchen der künftigen Errungenschaften mit
der Elle genau abmessen möchten — die vor dem Sturz des Absolutismus, ja sogar noch vor dem 9. Januar die Arbeiterklasse
Rußlands mit dem Popanz der schrecklichen revolutionären
demokratischen Diktatur ins Bockshorn jagen wollten! Und diese
Ritter der Elle erheben Anspruch auf den Namen revolutionärer
Sozialdemokraten ...
Gemeinsam mit der bürgerlichen revolutionären Demokratie
an der provisorischen Regierung teilnehmen — jammern sie —,
das heißt doch, die bürgerliche Gesellschaftsordnung sanktionieren, die Aufrechterhaltung der Gefängnisse und der Polizei, der
Arbeitslosigkeit und des Elends, des Eigentums und der Prostitution. Es ist dies ein Argument, würdig entweder der Anarchisten oder der Narodniki. Die Sozialdemokratie wendet sich nicht
von dem Kampfe um die politische Freiheit ab, weil das eine bürgerliche politische Freibeit ist. Die Sozialdemokratie betrachtet
die „Sanktionierung“ der bürgerlichen Gesellschaftsordnung vom
geschichtlichen Standpunkt. Als man Feuerbach fragte, ob
er den Materialismus Büchners, Vogts und Moleschotts” sanktio-
niere, antwortete er: Rückwärts stimme ich den Materialisten
64
Agitation und Propaganda in der Revolulion von 1905
vollkommen bei, aber nicht vorwärts. Genau so sanktioniert auch
die Sozialdemokratie die bürgerliche Ordnung. Sie hat sich nie
gescheut und wird sich nie scheuen, auszusprechen, daß sie die
republikanisch-demokratische bürgerliche Ordnung im Vergleich
zum absolutistisch-feudalen Regime sanktioniert. Aber sie „sanktioniert““ die bürgerliche Republik lediglich als letzte Form der
Klassenherrschaft, als die geeignetste Arena für den Kampf des
Proletariats gegen die Bourgeoisie, sie sanktioniert sie nicht wegen
ihrer Gefängnisse und ihrer Polizei, ihres Eigentums und ihrer
Prostitution, sondern zum Zweck eines umfassenden freien Kampfes gegen diese netten Einrichtungen.
Natürlich sind wir weit davon entfernt, zu behaupten, unsere
Beteiligung an der provisorischen Revolutionsregierung bringe
keinerlei Gefahren für die Sozialdemokratie mit sich. Es gibt
keine und kann keine Form des Kampfes, keine politische Lage
geben, die nicht Gefahren mit sich brächte. Fehlt der revolutionäre Klasseninstinkt, fehlt eine geschlossene, auf der Höhe der
Wissenschaft stehende Weltanschauung, fehlt Grütze im Kopf,
dann ist auch die Teilnahme an Streiks gefährlich — sie kann
zum Ökonomismus führen —, auch die Teilnahme am parlamen-
tarischen Kampf — sie kann mit parlamentarischem Kretinismus
enden —, auch die Unterstützung der liberalen Semstwo-Demokratie — sie kann zum „Plan der Semstwo-Kampagne®”*“ führen.
Dann ist es sogar gefährlich, die höchst nützlichen Werke von
Jaures und Aulard”* über die Geschichte der französischen Revolution zu lesen — das kann zur Broschüre Martynows über zwei
Diktaturen führen.
Selbstverständlich, wenn die Sozialdemokratie auch nur einen
Augenblick lang die Sonderstellung des Proletariats als Klasse
dem Kleinbürgertum gegenüber vergäße, wenn sie zu unrechter
Zeit ein für uns ungünstiges Bündnis mit der einen oder anderen
kein Vertrauen verdienenden intelligenzlerischen, kleinbürgerlichen Partei schließen wollte, wenn die Sozialdemokratie auch
nur für einen Augenblick ihre selbständigen Ziele sowie die Notwendigkeit außer acht ließe, in allen politischen Situationen und
bei allen politischen Konjunkturen, bei allen politischen Wende-
punkten und Umwälzungen die Entwicklung des Klassenbewußtseins des Proletariats und seiner selbständigen politischen Organisation in den Vordergrund zu stellen, dann wäre die Beteiligung
D. revolutionär-demokr. Diktatur d. Proletariats u. d. Bauernschaft
65
an der provisorischen Revolutionsregierung äußerst gefährlich.
Aber unter dieser Voraussetzung, wir wiederholen es, ist jeder
sonstige politische Schritt genau so gefährlich ...
Nein! Die wirkliche politische Gefahr für die Sozialdemokratie liegt jetzt durchaus nicht dort, wo die Anhänger der neuen
„Iskra®”“ sie suchen. Nicht der Gedanke der revolutionären
demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft
darf uns schrecken, sondern jener Geist des Chwostismus und der
Starrheit, der auf die Partei des Proletariats zersetzend wirkt
und in allen möglichen Theorien über die Organisation als Prozeß, die Bewaffnung als Prozeß usw. zum Ausdruck kommt.
Nehmen wir z. B. den neuesten Versuch der ‚Iskra“, einen Unter-
schied zu machen zwischen der provisorischen Revolutionsregierung und der revolutionären demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Ist das nicht ein Musterbeispiel
starrer Scholastik? Leute, die solche Unterschiede erfinden, sind -
zwar fähig, schöne Worte aneinander zu reihen, sind aber vollkommen unfähig, zu denken. Das Verhältnis zwischen den genannten Begriffen ist in Wirklichkeit ungfähr das gleiche, wie
das Verhältnis zwischen der juristischen Form und dem Klasseninhalt. Wer „provisorische Revolutionsregierung‘“ sagt, der betont die staaisrechtliche Seite der Sache, die Entstehung der Regierung nicht aus dem Gesetz, sondern aus der Revolution, den
provisorischen Charakter der Regierung, die an die zukünftige
Konstituierende Versammlung gebunden ist. Aber mag die Form,
die Entstehung, mögen die Bedingungen sein wie sie wollen, es
ist jedenfalls klar, daß die provisorische Revolutionsregierung
nicht umhin kann, sich auf bestimmte Klassen zu stützen. Es
genügt, sich an diese Binsenwalirheit zu erinnern, um einzusehen,
daß die provisorische Revolutionsregierung nichts anderes sein
kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft. Folglich zerrt der Unterschied, den die „Iskra“
macht, die Partei zurück, zurück zu unfruchtbaren Wortgefechten, lenkt sie ab von der Aufgabe der konkreten Analyse der Klasseninteressen in der russischen Revolution ...
Nein und tausendmal nein, Genossen! Keine Angst, daß die
energischste, vor nichts haltmachende Beteiligung an der republikanischen Umwälzung zusammen mit der revolutionären bürgerlichen Demokratie euch beflecken könnte. Übertreibt nicht die
M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
5
66
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
Gefahren dieser Beteiligung, mit denen unser organisiertes Proletariat sehr wohl fertig werden kann. Monate der revolutionären
Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft werden mehr
schaffen als Jahrzehnte der friedlichen abstumpfenden Atmosphäre der politischen Stagnation. Wenn die russische Arbeiterklasse es nach dem 9. Januar verstanden hat, unter den Be-
dingungen der politischen Sklaverei mehr als eine Million Proletarier zu einer kollektiven, standhaften und konsequenten Aktion
zu mobilisieren, so werden wir unter den Bedingungen einer revolJutionär-demokratischen Diktatur Dutzende von Millionen der
städtischen und ländlichen Armut mobilisieren, werden wir die
russische politische Revolution zum Vorspiel der europäischen
sozialistischen Umwälzung machen.
67
Über konstitutionelle Illusionen*
Nach dem 9. Januar 1905 verbreitete sich die ansteigende Welle der Revolution über ganz Rußland. Im Juni brach ein Aufstand in der Flotte aus,
im August wurde der Friede mit Japan geschlossen, im Oklober der politische Generalstreik proklamiert, im Dezember kam es zum bewaffnelen
Aufstand in Moskau und anderen Städten. Den allgemeinen Hintergrund
dieser Ereignisse bildelen die unaufhörlichen Bauernaulstände, die Arbeiter- und Studentenslreiks. Die durch den Umfang der revolulionären Bewegung erschreckte Regierung erklärte sich zu Konzessionen bereit und
erließ am 17. Oktober 1905 ein Manifest, in dem bürgerliche politische
Freiheiten und die Einberufung der Reichsduma proklamiert wurden. Die
zufriedengestellte Bourgroisie und ihre Parleien waren bemüht, die weitere Einlwicklung der Revolution auf den legalen Rahmen des erlassenen
Manifestes zu beschränken. Es begann die Vorbereilung der Dumawahlen.
Auch die Sozialdemokratie stand vor der Frage, ob sie sich an den Wahlen
zu der ersten gesetzgebenden Körperschaft beteiligen soll oder nicht. Die
beiden Fraktionen der Sozialdemokratie lösten die Frage in verschiedener
Weise. Die Menschewiki waren für, die Bolschewiki gegen die Beteiligung
an der ersten Reichsduma, Lelztere gingen von der Überzeugung aus, daß
die Revolution trotz der Niederlage des Dezemberaufstandes, trotz der Abwürgung der Streiks noch nicht zu Ende sei. Sie gehe weiler, eine neue
Welle nahe heran. Unter solchen Umständen aber bedeute die Weahlbeteiligung eine Einschränkung der Revolution. Und Lenin stellte die Losung auf:
Boykott der ersten Duma, Kampf gegen konstlitutionelle Illusionen in der
Periode der ansteigenden revolutionären Welle.
*
...Die Besonderheiten des gegenwärtigen Moments der russischen Revolution sind eben von solcher Beschaffenheit, daß die
objektiven Bedingungen einen entschiedenen außerparlamentarischen Kampf für den Parlamentarismus in den Vordergrund
rücken, und darum gibt es in einem solchen Moment nichts
Schädlicheres und Gefährlicheres als konstitutionelle Illusionen
und parlamentarische Tändeleien. Die Parteien der „parlamentarischen“‘ Opposition sind in einem solchen Moment vielleiclıt
gefährlicher und schädlicher als die offen und schlechthin reaktionären Parteien: dieser Satz kann nur dem paradox erscheinen,
der absolut unfähig ist, dialektisch zu denken. In der Tat, wenn
in den breitesten Volkmassen die Forderung des Parlamentaris* Aus der Broschüre: „Der Sieg der Kadetten und die Aufgaben der Arbeiterpartei‘, geschrieben März 1906.
be
68
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
mus zur vollständigen Reife gelangt ist, wenn sich diese Forderung auch auf die ganze jahrhundertelange gesellschaftlich-ökonomische Evolution des Landes stützt, wenn die politische Entwicklung dicht an die Verwirklichung dieser Forderung herangeführt hat, kann es da etwas Gefährlicheres und Schädlicheres
geben als eine Scheinverwirklichung dieser Forderung? Der
offene Antiparlamentarismus ist ungefährlich. Er ist zum Tode
verurteilt. Er ist tot. Die Versuche, ihn neu aufleben zu lassen,
sind nur dazu angetan, die am weitesten zurückgebliebenen Bevölkerungsschichten zu revolutionieren. Zum einzig möglichen
Mittel für die Erhaltung der Autokratie wird der „konstitutionelle
Absolutismus“, die Schaffung und Verbreitung konstitutioneller
Illusionen. Das ist die einzig richtige, die einzig vernünftige Politik des Absolutismus ...
... Es gibt — infolge der objektiven Bedingungen des Moments
— nichts Gefährlicheres, nichts Schädlicheres in diesem Moment
des Kampfes als eine solche Lüge.
Eine kleine Abschweifung. Vor kurzem mußte ich in der
Wohnung eines sehr gelehrten und außerordentlich liebenswürdigen Kadetten” ein politisches Referat halten. Es entwickelte
sich eine Debatte. Stellen Sie sich vor, sagte der Hausherr, wir
haben ein Raubtier, einen Löwen, vor uns, und wir sind zwei
Sklaven, der Zerfleischung preisgegeben. Sind Streitigkeiten zwischen uns am Platze? Sind wir da nicht verpflichtet, uns zum
Kampf gegen diesen gemeinsamen Feind zu vereinigen, „die Reaktion zu isolieren“, wie sich der weiseste und weitsichtigste
unter den Sozialdemokraten, G. V. Plechanow, so ausgezeichnet
ausdrückt? — Das Beispiel ist gut, und ich akzeptiere es, — antwortete ich. Aber was dann, wenn der eine Sklave den Rat gibt,
sich mit einer Waffe zu versehen und auf den Löwen loszugehen,
der andere aber gerade während des Kampfes das dem Löwen
umgehängte Brustlätzchen mit der Aufschrift „Konstitution“ betrachtet und schreit: „Ich bin gegen Gewalt sowohl von rechts als
von links“, „ich bin Mitglied einer parlamentarischen Partei, ich
stehe auf konstitutionellem Boden“. Könnte es sich nicht ergeben,
daß das Löwenjunge, das die wahren Ziele des Löwen ausplaudert, sich unter solchen Umständen für die Aufklärung der Massen und die Entwicklung des politischen und Klassenbewußtseins
Über konstitutionelle Illusionen
69
nützlicher erweist als der Sklave, der den Glauben an das Brustlätzchen verbreitet, während er vom Löwen zerfleischt wird?
Das ist es eben, daß man bei den üblichen Auseinandersetzun-
sen über die Unterstützung der bürgerlichen Demokratie durch
die Sozialdemokratie sehr oft vor lauter allgemeinen, abstrakten
Grundsätzen die Besonderheiten des konkreten Moments nicht
sieht, eines Moments, wo der Entscheidungskampf für den Parlamentarismus heranreift und zu einer der Waffen der absolutistischen Regierung gegen den Parlamentarismus das Spiel mit dem
Parlamentarismus wird.
Unter solchen Umständen, wo die ent-
scheidende außerparlamentarische Schlacht noch bevorsteht,
wäre es ein geradezu verhängnisvoller Fehler, wenn nicht ein
Verbrechen am Proletariat, wollte man es zur Aufgabe der Arbeiterpartei die Unterstützung der Partei der parlamentarischen
Kompromißler machen.
Stellen wir uns vor, wir hätten in Rußland ein stabiles parlamentarisches Regime. Das würde bedeuten, daß das Parlament
bereits zur Hauptform der Herrschaft der regierenden Klassen
und Kräfte, daß es bereits zum Hauptschauplatz des Kampfes
der sozial-politischen Interessen geworden wäre. Eine revolu-
tionäre Bewegung in unmittelbarem Sinne des Wortes wäre nicht
vorhanden, die wirtschaftlichen und anderen Verhältnisse riefen
im gegebenen, d. h. von uns angenommenen Moment keine revolutionären Ausbrüche hervor. Durch keine revolutionären Deklamationen ließe sich natürlich unter solchen Umständen eine Revolution „hervorrufen“. Der Verzicht auf den parlamentarischen
Kampf wäre unter solchen Bedingungen für die Sozialdemokratie
absolut unstatthaft. Die Arbeiterpartei müßte sich mit dem größten Ernst dem Parlamentarismus zuwenden, an den Wahlen zur
„Duma“ und an der „Duma“ selber teilnehmen, ihre ganze Tak-
tik den Bedingungen der Entstehung und des erfolgreichen Funktionierens einer parlamentarischen sozialdemokratischen Partei
unterordnen. Dann wäre die Unterstützung der Kadettenpartei
im Parlament gegen alle weiter rechts stehenden Parteien unsere
unbedingte Pflicht. Dann könnte man auch gegen Wahlabmachungen mit dieser Partei bei gemeinsamen Wahlen, sagen
wir in den Gouvernements-Wahlversammlungen (bei indirekten
Wahlen), keine unbedingten Einwände erheben. Mehr als das.
Dann wäre sogar die parlamentarische Unterstützung der
70
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
Schipow-Leute’” durch die Sozialdemokraten gegen die ausgesprochenen, eingefleischten Reaktionäre unsere Pflicht:
die Re-
aktion erstrebt unsere Isolierung — würden wir dann sagen —,
wir müssen die Isolierung der Reaktion erstreben.
Jetzt aber kann in Rußland von einem gefestigten, allgemein
anerkannten, wirklich parlamentarischen Regime keine Rede
sein. Jetzt ist in Rußland die Hauptform der Herrschaft der
regierenden Klassen und sozialen Kräfte eine notorisch nichtparlamentarische, die Hauptarena des Kampfes der sozialen und politischen Interessen ist notorisch nicht das Parlament. Unter solchen Bedingungen käme die Unterstützung der Partei der parlamentarischen Kompromißler einem Selbstmord der Arbeiterpartei gleich, — und umgekehrt, die Unterstützung der bürgerlichen
Demokratie, die außerparlamentarisch vorgeht, mag auch ihr
Vorgehen spontan, unorganisiert, unbewußt sein (siehe z. B. Jie
Bauernrebellionen), tritt in den Vordergrund, wird zu einer
ernsten, wirklichen Aufgabe, der alles andere untergeordnet werden muß... Der Aufstand ist unter solchen sozialen und politischen Bedingungen eine Realität; der Parlamentarismus
ist ein
Spielzeug, eine belanglose Kampfstätte, — weit mehr ein Köder
als ein wirkliches Zugeständnis. Es handelt sich also gar nich
darum, daß wir den Parlamentarismus ablehnen oder unlterschätzen, durch allgemeine Redensarten über Parlamentarismus
wird unsere Position nicht im geringsten berührt. Es handelt
sich um die konkreten Umstände gerade des gegebenen Moments
der demokratischen Revolution, wo die bürgerlichen Kompromißler, die liberalen Monarchisten, obgleich sie selber die Möslich-
keit nicht leugnen, daß Durnowo” die Duma einfach auseinanderjagen oder das Gesetz die Bedeutung der Duma endgültig
auf Null herabsetzen könnte, dennoch den Parlamentarismus für
eine ernste Angelegenheit erklären, den Aufstand aber — für
Utopie, Anarchismus, Putschismus, ohnmächtigen
Revolutiona-
rismus oder wie sich all diese Kiesewetter, Miljukow, Struve,
Isgojew®” und sonstigen Helden des Spießertums sonst auszudrücken pflegen.
Man stelle sich vor, die sozialdemokratische Partei habe an
den Duma-Wahlen teilgenommen. Eine bestimmte Zahl sozialdemokratischer Wahlmänner ist gewählt worden. Um den Sieg
der Schwarzen Hundert?’ zu verhindern, muß man (wenn man
‘Über konstitutionelle Illusionen.
sich schon zu dieser sinnlosen Wahlkomödie hergegeben hat)
Kadetten unterstützen. Die sozialdemokratische Partei trifft
Wahlabkommen mit den Kadetten. Eine gewisse Anzahl von
zialdemokraten wird mit Hilfe der Kadetten in die Duma
71
die
ein
Soge-
wählt. Es fragt sich nun, würde dies der Mühe wert sein? Würden wir dabei gewinnen oder verlieren? Erstens hätten wir
keine Möglichkeit, die Massen über die Bedingungen und den
Charakter unserer Wahlabmachungen mit den Kadetten vom
sozialdemokratischen Standpunkt aus eingehend zu informieren.
Die Kadeltenzeitungen würden die bürgerliche Lüge und die bürgerliche Entstellung der Klassenaufgaben des Proletariats in Hunderttausenden und Millionen von Exemplaren verbreiten. Unsere
Flugblätter, unsere kleinen Vorbehalte in einzelnen Erklärungen
würden nur einen Tropfen im Meere bedeuten. In Wirklichkeit würden wir uns eben als ein stummes Anhängsel der Kadetten erweisen. Zweitens würden wir, wenn wir einen Pakt
schließen, zweifellos — ob stillschweigend, ob offen und in
aller Form, das bleibt sich gleich — dem Proletariat gegenüber
eine gewisse Verantwortung für die Kadetten übernehmen, eine
Garantie dafür, daß sie besser seien als alle anderen, daß ihre
Kadetten-Duma dem Volke helfen werde, kurz eine Verantwortung für ihre ganze kadettische Politik. Ob wir es verstehen
würden, durch nachherige „Erklärungen“ die Verantwortung für diesen oder jenen Schritt der Kadetten von uns abzuwälzen, bleibt noch dahingestellt, und auch die Erklärungen würTatsache des Wahlabkomden nur Erklärungen bleiben, die
mens aber wäre bereits gegeben. Haben wir indes irgendeinen
Anlaß, sei es auch nur in geringem Umfang, sei es auch nur indirekt, vor dem Proletariat und der Bauernmasse eine Bürgschaft
für die Kadetten zu übernehmen? Haben uns die Kadetten nicht
tausend Beweise für ihre Verwandtschaft mit den deutschen
kadettischen Professoren gegeben, mit eben jenen „Frankfurter Kannegießern”“, die es fertigbrachten, nicht etwa eine
Duma, sondern sogar die verfassunggebende Nationalversammlung aus einem Werkzeug der Entwicklung der Revolution in ein
Werkzeug der Dämpfung der Revolution, der (moralischen) Erdrosselung der Revolution zu machen? Die Unterstützung der
Kadettenparlei wäre ein Fehler der Sozialdemokratie gewesen,
72
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905:
| —
und unsere Partei hat gut daran getan, die Duma-Wahlen zu bovkottieren...
Als Aufgabe der Arbeiterpartei im gegenwärtigen Moment
die Unterstützung der Kadetten bezeichnen zu wollen, wäre dasselbe, als wollte man sagen, die Aufgabe des Dampfes sei nicht,
die Schiffsmaschinen anzutreiben, sondern die Dampfpfeifen ertönen zu lassen. Wird Dampf in den Kesseln sein, werden
auch die Pfeifen pfeifen. Wird die Revolution Kraft besitzen,
werden auch die Kadetten pfeifen. Pfiffe lassen sich naclıahmen, und in der Geschichte des Kampfes für den Parlamentarısmus haben die bürgerlichen Verräter an der Volksfreiheit
oftmals Pfiffe nachgeahmt und naive Leute, die verschiedenen
„ersten Vertretungskörperschaften“ Vertrauen schenkten, an der
Nase herumgeführt.
Unsere Aufgabe ist nicht die Unterstützung der kadettischen
Duma, sondern die Ausnutzung der Konflikte, die innerhalb die-
ser Duma und im Zusammenhang mit ihr entstehen, um den
besten Augenblick zu wählen für den Angriff auf den Feind, für
den Aufstand gegen den Absolutismus. Wir müssen uns danach
richten, wie die politische Krise in der Duma und um die Duma
herum zunimmt. Für die Einschätzung der gesellschaftlichen
Stimmungen, für eine richtigere und genauere Feststellung des
„Sledepunktes“ muß diese ganze Duma-Kampagne für uns eine
ungeheuere Bedeutung haben, jedoch die Bedeutung eines Barometers und nicht die eines realen Schlachtfeldes. Nicht die Kadetten-Duma werden wir unterstützen, nicht mit der Kadettenpartei müssen wir rechnen, sondern mit jenen Elementen des
städtischen Kleinbürgertums und besonders der Bauernschaft,
die ihre Stimmen für die Kadetten abgegeben haben, aber von ihnen
unvermeidlich enttäuscht werden müssen und darum beginnen
werden, sich auf Kampf umzustellen, — und zwar um so rascher,
je entscheidender der Sieg der Kadetten in der Duma sein wird.
Unsere Aufgabe ist, im Interesse der Organisierung der Arbeiter,
im Interesse der Entlarvung der konstitutionellen Illusionen, im
Interesse der Vorbereitung eines Kampfangriffs die Atempause
restlos auszunutzen, die uns die oppositionelle Duma gewährt
(die Atempause ist für uns sehr vorteilhaft, da das Proletariat
erst ordentlich seine Kräfte sammeln muß). Unsere Aufgabe
ist, in dem Augenblick auf unserem Posten zu sein, wo die
Über konstitutionelle Illusionen
73
Duma-Komödie sich in einer neuen großen politischen Krise entlädt, und unser Ziel wird dann nicht die Unterstützung der Kadetten sein (im besten Falle werden sienur ein schwaches
Sprachrohr des revolutionären Volkes darstellen), sondern der
Sturz der absolutistischen Regierung und der Übergang der
Macht in die Hände des revolutionären Volkes. Werden Proletariat und Bauernschaft siegreich aus dem Aufstand hervorgehen, dann wird die kadettische Duma im Nu ein Papierchen
unterzeichnen, sie schließe sich dem Manifest der Revolutions-
regierung, die die verfassunggebende Nationalversammlung einberuft, an.
Wird der Aufstand unterdrückt werden, so wird der
durch den Kampf erschöpfte Sieger vielleicht gezwungen sein,
eine gute Hälfte der Macht an die kadettische Duma abzutreten,
die sich an den Kuchen setzen und eine Resolution des Bedauerns
annehmen wird über den „Wahnsinn“ des bewaffneten Aufstandes in einem Augenblick, in dem ein wirklich konstitutio-
nelles Regime so möglich, so nahe gewesen sei....
Wenn nur
Leichen da sind — Maden finden sich immer.
Br
... Der Fehler der
Menschewiki ist der,
daß
sie eine
im gegebenen Moment so wesentliche politische Aufgabe des
klassenbewußten
sozialdemokratischen
Proletariats,
wie
den
kampf gegen konstitutionelle Illusionen, überhaupt nicht formulieren, ja sie allem Anschein nach ganz und gar übersehen. Das
sozialistische Proletariat, das streng den Klassenstandpunkt
wahrt, das unbeirrbar die materialistische Geschichtsauffassung
bei der Beurteilung der Gegenwart anwendet, das jeglichen kleinbürgerlichen Sophismen und Täuschungen feindlich gegenübersteht, kann in einer Zeit, wie sie Rußland jetzt durchmacht,
diese Aufgabe nicht ignorieren. Ignoriert es sie, dann wird es
aufhören, der Vorkämpfer für die Freiheit des gesamten Volkes
zu sein, ein Kämpfer zu sein, der sich über die bürgerlich-demokratische Beschränktheit erhebt. Ignoriert es sie, so wird es hilfIos den Ereignissen nachhinken, die jetzt gerade diese konstitu-
tionellen Illusionen zu einem ebensolchen Instrument der bürgerlichen Demoralisierung des Proletarjiats machen, wie die Theorie
des „sozialen Friedens‘ vor kurzem in Europa das Hauptinstrument der bürgerlichen Ablenkung der Arbeiter vom Sozialismus war.
v4
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
Konstitutionelle Illusionen — das ist eine ganze Periode der
russischen Revolution, die nach der Unterdrückung des ersten
bewaffneten Aufstandes (ihm wird noch ein zweiter folgen) und
nach den Wahlsiegen der Kadetten naturnotwendig eingetreten
ist. Konstitutionelle Illusionen — das ist das politisch-opportunistische und bürgerliche Gift, das jetzt die Kadettenpresse, das
erzwungene Schweigen der sozialistischen Zeitungen ausnutzend,
durch Millionen von Exemplaren in die Gehirne des Volkes einträufelt. . .
... Es läßt sich nicht bestreiten, daß diese bürgerliche Lüge,
diese Trübung des revolutionären Bewußtseins des Volkes durch-
aus nicht den Charakter zufälliger Ausfälle, sondern den eines
regelrechten Feldzuges trägt. Mehr noch. Die kadettische Duma
(wenn die Duma eine solche sein wird) ist sozusagen die lebendige Verkörperung der konstitutionellen Illusionen, ihr Herd,
der Brennpunkt aller jener Erscheinungen des politischen Lebens,
die am meisten in die Augen fallen (und die sich dem oberflächlichen idealistischen Blick des Kleinbürgers als das Wesen
oder wenigstens die Haupterscheinung des gegenwärtigen politischen Lebens darstellen). Wir haben hier zu tun nicht nur-mit
einem systematischen Feldzug der gesamten bürgerlichen Presse,
aller bürgerlichen Ideologen, die das Proletariat ins Schlepptau
nehmen möchten, — wir haben hier zu tun mit einer allrus-
sischen Vertretungskörperschaft, die von dem ganzen Glorienschein des ersten, mit Verlaub zu sagen, „Parlaments“ umgeben
ist und die die Verwandlung der Arbeiterklasse in ein Anhängsel
der Kadettenpartei befestigen soll...
Jede politische Epoche stellt die Sozialdemokratie als die
Vertreterin der einzigen konsequent revolutionären Klasse vor
eine besondere, spezifische Aufgabe, die zur Tagesaufgabe wird
und die die opportunistischen Schichten der bürgerlichen Demokratie stets zu verdunkeln und auf die eine oder andere Weise
in den Hintergrund zu rücken versuchen. Zur Zeit ist eine solche
spezifische politische Aufgabe der Stunde, die nur von der revolutionären Sozialdemokratie erfüllt werden kann und die zu erfüllen diese verpflichtet ist, wenn sie nicht an den übrigen, fundamentalen, ausschlaggehenden Interessen des Proletariats Verrat üben will — eine solche Aufgabe ist der Kampf gegen die
konstitutionellen Illusionen. Die kleinbürgerlichen Opportu-
Über konstitutionelle Illusionen
75
an
——
nisten geben sich immer mit dem Augenblick zufrieden, mit dem
Glanz der letzten Neuheit, mit der Minute des ‚Fortschritts —
wir müssen weiter und tiefer blicken, müssen in diesem Fortschritt
sofort und unverzüglich diejenigen Seiten aufdecken, die die
Grundlage und das Unterpfand des Rückschritts bilden,
die die Einseiligkeit, die Beschränktheit, die Unsicherheit des Erreichten verraten und den weiteren Kampf in anderen
Formen, unter anderen Bedingungen notwendig
machen.
Je entschiedener der Wahlsieg der Kadetten und der Opposition überhaupt, je wahrscheinlicher und näher eine kadettische
Duma, um so gefährlicher werden die konstitutionellen Ilusionen, um so stärker macht sich der Widerspruch geltend zwischen der vollständigen Beibehaltung und sogar Verschärfung
der reaktionären Politik des Absolutismus, der nach wie vor im
Vollbesitz
der Macht, ist,
und
der „Volks“vertretung.
Dieser
Widerspruch läßt mit ungeheurer Geschwindigkeit eine neue
revolutionäre Krise entstehen, die unvergleichlich umfassender
und tiefer, die zielbewußter und schärfer sein wird als alle vorhergehenden. Wir erleben im Jahre 1906 wahrhaftig eine Reproduktion der Revolution, wie sich ein Sozialdemokrat sehr
treffend ausgedrückt hat. Die Geschichte des Jahres 1905
wiederholt sich gleichsam, beginnend wiederum von vorne mit
dem unumschränkten Absolutismus, ihre Fortsetzung findend
in einer gesellschaftlichen Gärung und einer oppositionellen Bewegung von noch nie dagewesener Stärke, die das ganze Land
erfaßt, endend . . . wer weiß, womit — vielleicht mit einer
„Reproduktion“ der Sommer-Deputation (1905) der Liberalen
zum Zaren” in der Form einer Adresse oder einer Resolution
der kadettischen Duma, vielleicht mit einer „Reproduktion“ der
Tlut vom Herbst 1905. Es wäre lächerlich, die genauen Formen
und Daten der künftigen Schritte der Revolution voraussagen zu
wollen. Wichtig ist, die unvergleichlich größere Schwungkraft
der Bewegung, die größere politische Erfahrung des ganzen Volkes im Auge zu behalten. Wichtig ist, nicht zu vergessen, daß
eben eine revolutionäre, keineswegs eine parlamentarische
Krise hereinbrechen wird. Der „parlamentarische“ Kampf in der
Duma ist nur eine kurze Etappe, nur eine kleine Eisenbahnstation
„Kadettische Plattform“ auf der Strecke zwischen Konstitution
16
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
und Revolution. Der Kampf in der Duma kann nicht,
Anbetracht der grundlegenden Besonderheiten der jetzigen
sellschaftlichen und politischen Lage, über die Geschicke
Volksfreiheit entscheiden, er kann nicht die
Hauptform
ın
geder
des
Kampfes sein, denn dieses „Parlament“ wird, wie notorisch be-
kannt ist, von keiner der beiden sich bekriegenden Parteien
anerkannt, weder von den Durnowo, Dubassow®® und Co. noch
vom Proletariat und von der Bauernschaft.
Die Sozialdemokratie muß daher, alle konkreten Besonder-
heiten des gegenwärtigen historischen Moments in Betracht
ziehend, entschlossen anerkennen und systematisch in die Köpfe
der Arbeiter und der aufgeklärten Bauern einhämmern, daß die
Hauptform der gesellschaftlichen Bewegung im gegenwärtigen
Rußland nach wie vor die unmittelbare revolutionäre Bewegung
der breiten Volksmassen bleibt, die die alten Gesetze sprengen,
die Organe zur Unterdrückung des Volkes vernichten, die politische Macht erobern, ein neues Recht schaffen...
Im Zusammenhang damit steht nun die Frage der bürgerlichen Demokratie und ihrer Unterstützung durch das Proletariat... Die Kadetten geben sich alle erdenkliche Mühe, ihre
Partei mit der bürgerlichen Demokratie schlechthin zu indentjfizieren, ihre Partei als die Hauptvertreterin der bürgerlichen
Demokratie darzustellen. Das ist die größte Lüge. Und jede
Unklarheit in der Definition des Begriffes „bürgerliche Demokratie“ durch die Sozialdemokraten kommt dieser Lüge zugute.
Wir sind verpflichtet, die konkrete politische Aufgabe, die Unterstützung der bürgerlichen Demokratie, auf Grund einer genauen
Einschätzung der konkreten Richtungen, Strömungen, Parteien
innerhalb der bürgerlichen Demokratie zu lösen. Und die grundlegende Aufgabe des Moments besteht in dieser Hinsicht gerade
darin, die revolutionäre bürgerliche Demokratie, d. h. solche bürgerliche Demokratie, die, wenn auch politisch nicht ganz bewußt,
wenn auch mit einer Reihe von Vorurteilen behaftet und dergl,,
so doch fähig ist zum entschlossenen und zähen Kampf gegen
alle Ueberreste des Rußlands der Leibeigenschaft, — solche bürgerliche Demokratie zu trennen von der liberal-monarchistischen,
opportunistischen bürgerlichen Demokratie, die zu jeder Abmachung mit der Reaktion fähig ist und die in jedem kritischen
Moment ihre konterrevolutionären Bestrebungen hervorkehrt.
Über konstitutionelle Illusionen
77
Das Vorhandensein außerordentlich breiter Schichten der revo-
lutionären Demokratie in Rußland unterliegt keinem Zweifel:
ihre Unorganisiertheit, ihre Parteilosigkeit, ihre Niedergedrücktheit infolge der jetzigen Repressalien können nur ganz unaufmerksame und oberflächliche Beobachter irreführen. Mit dieser und nur mit dieser Demokratie müssen wir jetzt im Interesse der Vollendung der demokratischen Revolution „getrennt
marschieren, vereint schlagen“, wobei wir die Unzuverlässigkeit
der zur Zeit „führenden“ Kadettenpartei in schonungslosester
Weise entlarven.
Indem sich die Partei des sozialistischen Proletariats die
Vollendung der demokratischen Revolution zum Ziele setzt, muß
sie verstehen, nicht nur alle konstitutionellen Illusionen stets zu
entlarven, nicht nur aus der Masse der bürgerlichen Demokratie
die kampffähigen Elemente auszusondern, sondern auch die Bedingungen dieses entscheidenden Sieges der Revolution genau
und eindeutig zu bestimmen, sie der Masse klar vor den Augen
zu halten, der Masse zu zeigen und durch ihre ganze Propaganda
und Agitation aufzudecken, worin eben dieser entscheidende
Sieg der Revolution bestehen muß. Wenn wir das nicht tun
(und die Genossen Menschewiki haben es in ihren Resolutionen
nicht getan), so werden unsere Worte von der „Vollendung der
Revolution‘ leere und bloße Worte bleiben. . .
Sollte unsere Parlei unbedachlterweise allerhand Wahlblocks,
Abkommen, Vereinbarungen mit den Kadetten schließen, sollle
sie die Aufgabe des Kampies gegen die konstitutionellen Illusionen vernachlässigen, sollte sie, Annäherung an die bürgerliche
Demokratie suchend, den opportunistischen Flügel dieser Demokratie, d. h. die Kadetten, mit der bürgerlichen Demokratie
identifizieren, sollte sie die Notwendigkeit ernsthafter Vorbereitung zu außerparlamentarischen Kampfmethoden in einer Epoche
wie die gegenwärtige vergessen, — dann würde auch unserer Partei
die ernste Gefahr drohen, das traurige Schicksal der französischen
kleinbürgerlichen Quasi-Sozialdemokratie der Jahre 1848/49”
teilen zu müssen ...
78
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
Parteiorganisation und Parteiliteratur*
Der nachstehende Auszug aus einem Aufsatz über den Charakter der
Parleiliteratur, den Lenin in der Zeit nach dem Oktobermanifest des
Jahres 1905 schrieb — nach dem Manifest, das dem Prolelariat beschränkle
demokratische Freiheiten und legale Kampfmöglichkeiten gab —, kann
zweifellos als für alle heuligen kommunistischen Parteien geltend betrachtet werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung des
Klasseninhalts, den Lenin der abgeleierten demokralischen Phrase von der
„Pressefreiheit“ gibt. Die Freiheit der proletarischen Presse kann nur „im
Sinne der Befreiung vom Kapital, der Befreiung vom Strebertum, der Befreiung vom bürgerlich-monarchistischen Individualismus“ aufgefaßt werden.
*
Die neuen Bedingungen für die sozialdemokratische Arbeit, wie
sie sich in Rußland nach der Oktoberrevolution gestaltet haben,
haben die Frage der Parteilileratur auf die Tagesordnung gesetzt.
Der Unterschied zwischen illegaler und legaler Presse, dieses
traurige Erbe aus der Zeit des leibeigen-absolutistischen Rußlands,
beginnt zu schwinden. Er ist noch nicht restlos verschwunden,
bei weitem nicht. Die heuchlerische Regierung unseres Premierministers treibt es noch so arg, daß die „Iswestija‘““ (Nachrichtenblatt) des Arbeiterdeputiertenrates „illegal“ gedruckt wer-
den, jedoch sind der einzige Erfolg der blöden Versuche, etwas
zu „verbieten“, was die Regierung nicht zu verhindern vermag,
nur eine Blamage für die Regierung, neue moralische Ohrfeigen
für sie.
Als ein Unterschied bestand zwischen illegaler und legaler
Presse, da löste man die Frage Parteipresse oder parteilose Presse
höchst einfach und höchst falsch und verzerrt. Die ganze illegale Presse war Parteipresse, wurde von Organisationen herausgegeben und von Gruppen geleitet, die auf die eine oder andere
Weise mit Gruppen von praktischen Parteiarbeitern verbunden
waren. Die gesamte legale Presse war keine Parteipresse, denu
die Parteizugehörigkeit stand unter Verbot, wohl aber „neigte“
sie dieser oder jener Partei zu. Abnorme Bündnisse, unnatürliches „Zusammenleben“, unechte Bemäntelungen waren unver* ‚Nowaja Shisin“ Nr. 12 vom 13. November 1905.
Parteiorganisation und Parteiliteratur
79
meidlich; mit den erzwungenen Halbheiten von Leuten, die die
Parteianschauungen zum Ausdruck bringen wollten, vermengte
sich die gedankliche Unreife bzw. Feigheit jener, die diesen
Anschauungen nicht gewachsen waren, die im Grunde keine
Parteimenschen waren.
Verfluchte Zeit des Redens durch die Blume, der literarischen
Knechtschaft, der Sklavensprache, der geistigen Leibeigenschaft!
Das Proletariat hat dieser Niedertracht, unter der alles Lebendige
und Frische in Rußland zu ersticken drohte, ein Ende gemacht. Jedoch hat das Proletariat vorläufig nur die halbe Freiheit für Rußland erkämpft.
Die Revolution ist noch nicht zu Ende. Ist der Zarismus
schonnicht mehr imstande, die Revolution zu besiegen, so
ist die Revolution
noch nicht imstande, den Zarismus zu be-
siegen. Und wir leben in einer Zeit, da sich überall und an allen
Dingen diese widernatürliche Kombination der offenen, ehrlichen, eindeutigen, konsequenten Parteiverbundenheit mit der
unterirdischen, verhüllten, „diplomatischen“, schmiegsamen ‚„Le-
galität“ bemerkbar macht. Diese widernatürliche Kombination
wirkt sich auch an unserer Zeitung aus: mag Herr Gutschkow“°
noch so sehr über die sozialdemokratische Tyrannei witzeln,
die die Drucklegung liheral-bürgerlicher, gemäßigter Blätter verbiete,” die Tatsache bleibt dennoch bestehen, das Zentralorgan
der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, der ‚„Proletarij
‚,- bleibt dennoch vor der Tür des absolutistischpolizeilichen Rußlands.
Wie dem auch sei, die halbe Revolution gebietet uns allen,
unverzüglich die Neugestaltung unseres Literaturwesens in Angıiff zu nehmen. Die Literatur kann jetzt, sogar „legal“, zu
neun Zehnteln Parteiliteratur sein. Die Literatur muß Parteiliteratur werden. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Sitten, im
nn
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rn el m
eruie geuulieliiiieuugn.
Gegensatz zu der bürgerlichen Geschäfts- und Krämerpresse,
. im Gegensatz zum bürgerlichen literarischen Strebertum und
Individualismus, zum „Edelanarchismus“ und zur Profitjagd — muß das sozialistische Proletariat das Prinzip der Parteiliteratur aufstellen, dieses Prinzip entwickeln und es
möglichst vollständig und restlos verwirklichen.
Worin besteht nun dieses Prinzip der Parteiliteratur? Nicht
nur darin, daß für das sozialistische Proletariat das Literatur-
80
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
wesen kein Mittel zur Bereicherung einzelner Personen oder
Gruppen sein darf — es darf überhaupt keine individuelle Angelegenheit sein, die unabhängig wäre von der allgemeinen
proletarischen Sache. Fort mit den parteilosen Literaten!
Fort mit den schriftstellernden Uebermenschen!
Das Literatur-
wesen muß einTeil_der allgemein-proletarischen
n
Sachewerden, ein „Rädchen und Schräubchen“ des einen einheitlichen,
großen sozialdemokratischen Mechanismus, der durch die ganze
klassenbewußte Avantgarde der ganzen Arbeiterklasse angetrieben wird. Das Literaturwesen muß zu einem Bestandteil der
organisierten, planmäßigen, _ vereinheitlichten sozialdemokratizn...
schen Parteiarbeit werden._
Jeder Vergleich "hinkt, sagt ein deutsches Sprichwort. Es
hinkt auch mein Vergleich der Literatur mit einem Schräubchen, der lebendigen Bewegung mit einem Mechanismus. Es
dürften sich sogar hysterische Intellektuelle finden, die Zeter und
Mordio über einen solchen Vergleich anstimmen werden, der eine
Herabwürdigung, Abtötung, „Bürokratisierung‘“ des freien geistisen Kampfes, der Freiheit der Kritik, der Freiheit des literarischen Schaffens usw. usw. bedeute. Seinem Wesen nach wäre
ein derartiges Geschrei nur der Ausdruck des bürgerlich-intelli-
genzlerischen Individualismus. Gewiß, das Literaturwesen eignet sich am wenigsten für eine mechanische Gleichmachung, für
Nivellierung, für die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit. Gewiß, auf diesem Gebiet ist es unbedingt notwendig, einen
weiten Spielraum zu sichern der persönlichen Initiative, den individuellen Neigungen, den Gedanken und der Phantasie, der
Form und dem Inhalt. All das läßt sich nicht bestreiten, aber
all das beweist nur, daß der literarische Teil der Parteiarbeit des
Proletariats nicht schablonenmäßig mit den übrigen Teilen der
Parteiarbeit des Proletariats identifiziert werden darf. All das
widerlegt keineswegs den für die Bourgeoisie und die bürgerliche
Demokratie fremden und seltsamen Grundsatz, daß das Literatur- wesen unbedingt und auf jeden Fall mit den übrigen Zweigen der
sozialdemokratischen Parteiarbeit untrennbar verknüpft werden
muß. Die Zeitungen müssen Organe der verschiedenen „Parteiorganisationen werden. Die Schriftsteller müssen unbedingt den Parteiorganisationenbeitreten. Die ‚Verlagsanstalten_und die Lager,
die
Buchhandlungen und die Lesehallen, die Bibliotheken und die
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Parteiorganisation und Parteiliteratur
81
verschiedenen Literaturvertriebsstellen müssen zu Parteiunternehmungen werden, müssen der Partei unterstellt sein. Das organisierte sozialistische Proletariat muß diese ganze Tätigkeit Verfolgen, es muß sie restlos kontrollieren, es muß überall in diese
ganze Arbeit den lebendigen Geist der lebendigen proletarischen
Sache hineintragen, um auf diese Weise dem althergebrachten,
halb Oblomowschen®””, halb krämerischen russischen Prinzip jeden
Boden zu entziehen, dem zufolge der Schriftsteller zu schreiben
und der Leser zu lesen pflegt.
Wir wollen natürlich nicht behaupten, daß sich diese Umge-
staltung des durch eine asiatische Zensur und eine europäische
Bourgeoisie entstellten Literaturwesens auf einen Schlag durchführen ließe. Wir sind weit davon entfernt, irgendein starres
System oder die Lösung der Aufgabe durch ein paar Beschlüsse
zu propagieren. Oh nein, eine Schematisierung kommt für dieses
Gebiet am wenigsten in Frage. Es handelt sich darum, daß unsere
gesamte Partei, daß das gesamte klassenbewußte sozialdemokratische Proletariat in ganz Rußland diese neue Aufgabe erkenne,
sie klar stelle und überall und allenthalben an ihre Lösung herangehe. Nachdem wir die Gefangenschaft der Fronherrenzensur losseworden sind, wollen wir nicht und werden wir uns nicht in die
Gefangenschaft der bürgerlich-krämerischen literarischen Beziehungen begeben. Wir wollen und werden eine freie Presse
schaffen, frei nicht nur im polizeilichen Sinne, sondern frei auch
vom Kapital, frei vom Strebertum, ja noch mehr: frei auch vom
bürgerlich-anarchistischen Individualismus.
Diese letzten Worte können als ein Paradoxon oder als eine
Verspottung des Lesers erscheinen. Wie! wird vielleicht irgendein Intellektueller, ein temperamentvoller Anhänger der Freiheit,
ausrufen. Wie! Ihr wollt eine so delikate, individuelle Angelegenheit, wie das literarische Schaffen, der Kollektivität unterwerfen!
Ihr wollt, daß Arbeiter mit Stimmenmehrheit über Fragen der
Wissenschaft, der Philosophie, der Ästhetik entscheiden! Ihr
leugnet die absolute Freiheit des absolut individuellen geistigen
Schaffens!
Beruhigt euch, meine Herren! Erstens handelt es sich urm
Parteiliteratur und ihre Unterstellung der Parteikontrolle Es
steht jedermann frei, zu schreiben und zu sagen, was er will, ohne
die geringste Einschränkung. Aber es steht auch jedem freien
M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
6
82
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
Verein (darunter der Partei) frei, solche Mitglieder fortzujagen,
die das Aushängeschild der Partei ausnutzen, um parteifeindliche
Ansichten zu propagieren. Die Rede- und Pressefreiheit muß vollständig sein. Aber auch die Vereinsfreiheit muß vollständig
sein. Im Namen der Redefreiheit bin ich verpflichtet, dir
das volle Recht einzuräumen, zu schreien, zu lügen und zu schrei-
ben, was dir paßt. Aber im Namen der Vereinsfreiheit mußt du
auch mir das Recht zugestehen, mit Leuten, die das und das sagen,
ein Bündnis zu schließen oder es zu lösen. Die Partei ist ein freiwilliger Verein, der unvermeidlich auseinanderfallen würde, zunächst geistig und nachher auch materiell, wenn er sich nicht der
Mitglieder entledigte, die parteifeindliche Ansichten propagieren.
Zur Feststellung der Grenze zwischen dem, was dem Parteistandpunkt entspricht, und dem, was gegen die Partei gerichtet ist, dient
aber das Parteiprogramm, dienen die taktischen Resolutionen der
Partei und ihr Statut, dient schließlich die gesamte Erfahrung der
internationalen Sozialdemokratie, der internationalen freiwilligen
Vereine des Proletariats, das steis in seinen Parteien einzelne
Elemente oder Richtungen aufwies, die nicht ganz konsequent,
nicht ganz rein marxistisch, nicht ganz einwandfrei waren, das
aber auch stets periodische „Säuberungen“ seiner Partei vornahm.
So wird es, ihr Herren Anhänger der bürgerlichen ‚Freiheit der
Kritik“, auch bei uns innerhalb
der Partei sein; jetzt wird
unsere Partei mit einemmal zu einer Massenpartei, jetzt machen
wir einen jähen Übergang zur legalen Organisation durch, jetzt
werden unvermeidlich viele inkonsequente (vom marxistischen
Siandpunkt aus) Leute in die Partei kommen, vielleicht sogar
manche Christen oder gar manche Mystiker. Wir haben einen
kräftigen Magen, wir sind steinharte Marxisten. Wir werden diese
inkonsequenten Leute verdauen. Die Freiheit des Gedankens und
die Freiheit der Kritik innerhalb der Partei wird uns nie vergessen lassen die Freiheit der Gruppierung von Menschen in freien |
Vereinen, genannt Parteien.
Zweitens, ihr Herren bürgerlichen Individualisten, müssen wir
euch sagen, daß euer Gerede über absolute Freiheit pure Heuchelei
ist. In einer Gesellschaft, die auf der Macht des Geldes aufgebaut
ist, in einer Gesellschaft, in der die werktätigen Massen darben
und kleine Häuflein von Reichen schmarotzen, kann es keine
reale und wirkliche „Freiheit“ geben. Sind Sie etwa frei Ihrem
Parteiorganisation und Parteiliteratur
83
bürgerlichen Verleger gegenüber, Herr Schriftsteller, frei gegenüber Ihrem bürgerlichen Publikum, das von Ihnen — eingerahmt
und abkonterfeit — Pornographie fordert, Prostitution als „Zugabe“ zur „heiligen“ Bühnenkunst verlangt? Diese absolute
Freiheit ist ja eine bürgerliche oder anarchistische Phrase (denn
als Weltanschauung ist der Anarchismus umgestülpte Bürgerlichkeit).
In der Gesellschaft leben und von der Gesellschaft frei
sein, ist unmöglich. Die Freiheit des bürgerlichen Schriftstellers,
des bürgerlichen Künstlers, der bürgerlichen Schauspielerin ist
lediglich unsichtbare (oder heuchlerisch maskierte) Abhängigkeit
vom Geldsack, von Korruption, vom Ausgehaltenwerden.
Wir Sozialisten entlarven diese Heuchelei, reißen die falschen
Aushängeschilder herunter, nicht etwa, um eine klassenlose Lite-
ratur und Kunst zu erzielen (das wird erst in der sozialistischen,
klassenlosen Gesellschaft möglich sein), sondern um der heuch-
lerisch freien, in Wirklichkeit mit der Bourgeoisie verbundenen
Literatur eine wirklich
freie
Literatur
entgegenzustellen,
die
offen mit dem Proletariat verbunden ist.
Das wird eine freie Literatur sein, denn nicht Eigennutz und
Karriere, sondern die Idee des Sozialismus und die Sympathie
für die Werktätigen werden neue und immer neue Kräfte für ihre
Reihen werben.
Das wird eine freie Literatur sein, denn sie wird
nicht der blasierten Heldin dienen, nicht den an Langeweile
und an Verfettung leidenden „oberen Zehntausend‘“, sondern den
Millionen und aber Millionen Werktätigen, die die Blüte des Landes, seine Kraft und seine Zukunft sind. Das wird eine freie Literatur sein, die das letzte Wort des revolutionären Gedankens der
Menschheit befruchten wird mit der Erfahrung und der lebendigen Arbeit des sozialistischen Proletariats, die eine ständige
Wechselwirkung erzeugen wird zwischen der Erfahrung der Ver-
sangenheit (wissenschaftlicher Sozialismus, der die Entwicklung
des Sozialismus aus seinen primitiven, utopischen Formen vollen-
det hat) und der Erfahrung der Gegenwart (der gegenwärtige
Kampf der Genossen Arbeiter).
An die Arbeit nun, Genossen!
Wir haben eine schwere und
neue, aber auch eine große und dankbare Aufgabe vor uns — ein
umfassendes, vielseitiges, vielgestaltiges Literaturwesen zu organlisieren in enger und unlösbarer Verbindung mit der sozialdemo6”
84
Agitation und Propaganda in der Revolution von 1905
kratischen Arbeiterbewegung. Die gesamte sozialdemokratische
Literatur muß Parteiliteratur werden. Sämtliche Zeitungen,
Zeitschriften, Verlagsanstalten usw. müssen sofort die Reorganisationsarbeit in Angriff nehmen, müssen auf einen Zustand
hinarbeiten, wo sie in der einen oder anderen Form aufs engste
mit der einen oder anderen Parteiorganisation verbunden sind.
Erst dann wird die „sozialdemokratische“ Literatur tatsächlich
eine solche werden, erst dann wird sie ihre Pflicht erfüllen
können, erst dann wird sie auch im Rahmen der bürgerlichen
Gesellschaft imstande sein, sich von der Knechtschaft der Bourgeoisie freizumachen und zu verschmelzen mit der Bewegung der
wirklich fortschrittlichen und bis zu Ende revolutionären Klasse.
II
AGITATION UND PROPAGANDAIN
DEN JAHREN DER REAKTION
87
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion“
Der Dezemberaufstand in Moskau bildet den Höhepunkt in der Entwicklung der Revolution. Von da an beginnt die Kurve der revolutionären Bewegung, trotz des heldenmütigen Widerstandes des Proletariats, trotz der
um sich greifenden Agrarbewegung, zu sinken. Im April 1906 wird die erste
Reichsduma einberufen, um nach wenigen Monaten von der Regierung aufgelöst zu werden. Das gleiche Schicksal erwartet die zweite Duma, die im
Februar 1907 zusammentritt. Am 3. Juni 1907 wird sie auseinandergejagt,
ein Teil der Abgeordneten verhaftet. Die Regierung erläßt ein neues Wahlgesetz, das die Rechte der Arbeiter und Bauern beschränkt und die Duma
den Großgrundbesitzern und Kapilalisten ausliefert. Gleichzeitig entsendet
die Regierung Strafexpeditionen, alle revolutionären Organisationen werden
zerschlagen, sozialdemokratische und andere Zeitungen verboten, in ganz
Rußland Judenpogrome veranstaltet.
Es begann eine Zeit schwärzester Reaktion. Sie rief eine Krise innerhalb
der Parteiorganisationen hervor, die in der Desorganisation ihrer Reihen,
in der Desertion der unzuverlässigen kleinbürgerlichen Elemente, in Depressionsstimmungen und im Verlust der revolutionären Perspektive durch
einen Teil der Sozialdemokratie zum Ausdruck kam. So lagen die Dinge,
als die Allrussische Parteikonferenz zusammentrat (1908), die auf Grund
der Analyse der Lage die Aufgaben der Partei für die Periode der Reaktion _.
festlegte. Die Hauptlosungen der Bolschewiki waren der Kampf um die
Partei, die Organisierung und Festigung ihrer Reihen, die Gewinnung breiter Massen für die Vorbereitung zu neuen revolutionären Kämpfen und die
Ausnutzung aller legalen Möglichkeiten für diesen Zweck.
Der Klarlegung dieser Losungen sind die beiden nachfolgenden Aufsätze
gewidmet.
*
Ein Jahr des Zerfalls, ein Jahr der ideologisch-politischen
Zerfahrenheit, ein Jahr der Irrfahrten der Partei liegt hinter
uns. Die Parteiorganisationen haben alle an Mitgliederzahl eingebüßt, einige — und zwar die, deren Zusammensetzung am
wenigsten proletarisch war — sind auseinandergefallen. Die
durch die Revolution geschaffenen halblegalen Parteiinstitutionen flogen immer wieder auf. Es ging so weit, daß für einige
Elemente innerhalb der Partei, die dem Einfluß des Zerfalls
unterlagen, die Frage entstand, ob es notwendig sei, die frühere
Sozialdemokratische Partei aufrechtzuerhalten, ob es notwendig
sei, ihr Werk fortzusetzen, ob es notwendig sei, wieder in die
* Aus dem Artikel: „Auf den Weg‘ vom 28. Januar (10. Februar) 1909.
88
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
-_—— Doku
Illegalität zu gehen, und wie das zu tun sei, — und diese Frage
beantworteten die äußersten Rechten im Sinne der Legalisierung
um jeden Preis, selbst um den eines offenen Verzichts auf das
Parteiprogramm, die Parteitaktik und die Parteiorganisation
(die sogenannte liquidatorische Strömung). Die Krise war zweifellos nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine ideologisch-politische.
Die vor kurzem stattgefundene Allrussische Konferenz der
SDAPR führt die Partei wieder auf den Weg und stellt offenbar
einen Wendepunkt in der Entwicklung der russischen Arbeiterbewegung nach dem Sieg der Konterrevolution dar...
Die marxistische Analyse des gegenwärtigen Wechselverhältnisses der Klassen und der neuen Politik des Zarismus; der Hin-
weis auf das nächste Kampfziel, das sich unsere Partei nach wie
vor setzt; die Beurteilung der Lehren der Revolution in bezug auf
die Richtigkeit der revolutionär-sozialdemokratischen Taktik; die
Klarlegung der Ursachen der Parteikrise und der Hinweis auf
die Rolle des proletarischen Elements der Partei bei der Bekämpfung der Krise; die Entscheidung über die Beziehungen zwischen
illegaler und legaler Organisation; die Anerkennung der Notwendigkeit der Ausnutzung der Dumatrihüne und die Ausarbeitung
genauer Richtlinien für unsere Dumafraktion im Zusammenhang
mit einer offenherzigen Kritik ihrer Fehler — das ist der Hauptinhalt der Konferenzbeschlüsse, die eine vollständige Antwort
geben auf die Frage nach der Wahl eines zielklaren Weges in
gegenwärtiger schwerer Zeit durch die Partei der Arbeiterklasse.
Sehen wir uns diese Antwort recht aufmerksam an.
Das Wechselverhältnis der Klassen — in ihrer politischen
Gruppierung — bleibt das gleiche, wie es für die vergangene
Periode des direkten revolutionären Massenkampfes charakteristisch war. Die ungeheure Mehrheit der Bauernschaft kann
nicht umhin, nach einer solchen Agrarumwälzung zu streben,
die den halbfeudalen Grundbesitz abschaffen würde und die ohne
den Sturz der Zarenherrschaft nicht zu verwirklichen ıst. Der
Triumph der Reaktion lastet besonders schwer auf den
demokratischen Elementen der Bauernschaft, die zu einer
festen Organisation nicht fähig ist. Aber trotz allen Druckes,
trotz der stockreaktionären Duma, trotz der äußersten Unzuverlässigkeit der Trudowiki” ist die revolutionäre Gesinnung der
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion
89
Bauernmassen sogar aus den Debatien in der dritten Duma klar
zu ersehen. Die grundlegende Stellung des Proletariats in bezug
auf die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution in
Rußland bleibt unverändert: die demokratische Bauernschaft zu
führen, sie dem Einfluß der liberalen Bourgeois, der Kadetten-
partei, zu entreißen, die, trotz kleiner Zwistigkeiten über Einzelheiten, ihre Annäherung an die Oktobristen®! weiterbetreibt
und in letzter Zeit bestrebt ist, den Nationalliberalismus ins Leben zu rufen, den Zarismus und die Reaktion durch eine chauvi-
nistische Agitation zu unterstützen. Der Kampf wird nach wie
vor geführt ... . um die vollständige Beseitigung der Monarchie
und die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat
und die revolutionäre Bauernschaft.
Der Absolutismus besteht nach wie vor, er ist der Hauptfeind
des Proletariats und der gesamten Demokratie. Aber es wäre ein
Fehler, zu glauben, daß er der alte geblieben sei. Die Stolypinsche’” „Verfassung“ und die Stolypinsche Agrarpolitik bedeuten eine neue Etappe der Zersetzung des alten, halb patriarchalischen, halb auf Leibeigenschaft beruhenden Zarismus, einen
neuen Schritt auf dem Wege seiner Umwandlung in eine bürgerliche Monarchie. .. Die Eigenart des gegenwärtigen Moments
besteht darin, daß der Absolutismus genötigt war, eine Vertretungskörperschaft für bestimmte Schichten der Bourgeoisie zu
schaffen, genötigt war, zwischen diesen und den Anhängern der
Leibeigenschaft zu lavieren und in der Duma ein Bündnis zwischen diesen Schichten zu organisieren, daß er genötigt war, jede
Hoffnung auf die patriarchalische Gesinnung des Muschik fahren
zu lassen und in den reichen Bauern, die die Dorfgemeinde ruinieren, eine Stütze gegen die Masse der Landbevölkerung zu
suchen.. .
Diese Etappe muß überwunden werden; die neuen Bedingungen des Moments erfordern neue Kampfformen; die Ausnutzung der Dumatribüne wird zu einer unbedingten Notwendigkeit; die langwierige Arbeit der Erziehung und Organisierung
der proletarischen Massen rückt in den Vordergrund; die Kombi-
nierung illegaler und legaler Organisation stellt die Partei vor besondere Aufgaben; die Popularisierung und Klarlegung der Er-
30
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
fahrung der Revolution, die von den Liberalen und den intelligenzlerischen Liquidatoren diskreditiert wird, ist sowohl zu theo-
retischen als zu praktischen Zwecken notwendig.
Aber die tak-
iische Linie der Partei, die es verstehen muß, in den Methoden
und Mitteln des Kampfes den neuen Verhältnissen Rechnung zu
tragen, bleibt unverändert. Die Richtigkeit der revolutionär-sozialdemokratischen Taktik ... . ist bestätigt worden durch die
Erfahrung der Massenkämpfe der Jahre 1905—1907. Die Niederlage der Revolution als Ergebnis dieser ersten Kampagne hat
uicht die Unrichtigkeit der Aufgaben offenbart, nicht den „utopischen‘“ Charakter der nächsten Ziele, nicht die falsche Wahl
der Mittel und Methoden, sondern die ungenügende Vorbereitung
der Kräfte, die ungenügende Tiefe und Breite der revolutionären
Krise... Mögen die Liberalen und die konfus gewordenen Intellektuellen nach dem ersten wirklichen Massengefecht für die
Freiheit den Mut sinken lassen und feige wiederholen: Geht nicht
dorthin, wo ihr schon einmal geschlagen worden seid, beschreitet
nicht mehr diesen verhängnisvollen Weg. Das klassenbewußte
Proletariat wird ihnen antworten: die großen Kämpfe in der Geschichte wurden nur dadurch entschieden, die großen Aufgaben
der Revolutionen nur dadurch gelöst, daß die fortschrittlichenKlassen ihren Ansturm immer wiederholten und, durch die Erfahrungen der Niederlagen gewitzigt, den Sieg errangen. Geschlagene
Armeen pflegen gut zu lernen. Die revolutionären Klassen Rußlands sind bei ihrem ersten Feldzug geschlagen worden, aber die
revolutionäre Lage bleibt die alte.e In neuen Formen und auf
anderem Wege — manchmal viel langsamer, als es uns lieb wäre
— nähert sich die revolutionäre Krise noch einmal, reift von
neuem heran. Die langwierige Arbeit, breitere Massen auf diese
Krise vorzubereiten, vorzubereiten auf ernstere Weise, unter Be-
rücksichtigung höherer und konkreterer Aufgaben, muß von uns
durchgeführt werden, und je erfolgreicher sie durchgeführt wird,
desto sicherer wird im neuen Kampf der Sieg sein. Das russische
Proletariat kann stolz sein darauf, daß 1905 unter seiner Füh-
rung eine Nation von Sklaven zum erstenmal zu einem den Zarismus angreifenden Millionenheer, zu einer Armee der Revolu-
tion geworden ist.
Und dasselbe Proletariat wird jetzt imstande
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion
91
sein, konsequent, standhaft, geduldig die Arbeit der Erziehung
und Vorbereitung neuer Kader einer mächtigen revolutionären
Streitmacht durchzuführen.
Die Ausnutzung der Dumatribüne ist, wie wir bereits erwähnt
haben, ein unerläßlicher Bestandteil dieser Erziehungs- und Bildungsarbeit. . . . Die illegale Partei muß verstehen, muß lernen,
die legale Dumafraktion ausnutzen, muß diese zu einer auf der
Höhe ihrer Aufgaben stehenden Parteiorganisation erziehen. Es
wäre die verfehlteste Taktik, die traurigste Abweichung von der
konsequenten proletarischen Arbeit, die durch die Bedingungen
des gegenwärtigen Moments vorgeschrieben wird, wollte man die
Frage der Abberufung der Fraktion stellen... ... oder auf eine
direkte und offene Kritik ihrer Fehler verzichten. .. Die Resolution erkennt durchaus an, daß die Fraktion auch solche
Fehler gemacht hat, für die nicht sie allein verantwortlich ist
und die vollkommen analog sind den unvermeidlichen Fehlern aller unserer Parteiorganisationen. Aber es gibt auch andere
Fehler — Abweichungen von der politischen Linie der
Partei. Wenn es solche Abweichungen gegeben hat, wenn sie von
einer Organisation ausgegangen sind, die Öffentlich im Namen
der Gesamtpartei auftritt, so war die Partei verpflichtet, klar und
eindeutig zu sagen, daß das Abweichungen gewesen sind. In der
Geschichte der westeuropäischen sozialistischen Parteien hat es
mehrfach Beispiele eines anormalen Verhältnisses der Parlamentsfraktionen zur Partei gegeben; in den romanischen Ländeın ist dieses Verhältnis bis auf den heutigen Tag sehr oft abnorm, die Fraktionen sind nicht genügend mit der Partei verbunden. Wir müssen bei der Schaffung des sozialdemokratischen
Parlamentarismus in Rußland von vornherein anders vorgehen,
von vornherein die Arbeit auf diesem Gebiet geschlossen in An-
griff nehmen, — damit jeder sozialdemokratische Abgeordnete
tatsächlich fühlt, daß die Partei hinter ihm steht, unter seinen
Fehlern leidet, für die Wiedergutmachung seiner Fehler Sorge
trägt, — damit: jeder Parteiarbeiter an der gemeinsamen Dumaarbeit der Partei teilnimmt, aus der sachlichen, marxistischen
Kritik ihrer Schritte lernt, sich verpflichtet fühlt, ihr zu helfen,
danach strebt, daß die spezielle Arbeit der Fraktion mit der ge-
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
92
#
samten Propaganda- und Agitationstätigkeit der Partei koordiniert wird.
Die Frage des Verhältnisses zur Dumafraktion hat eine taktische und eine organisatorische Seite. .. Der gegenwärtige Moment wird, wie wir schon gesagt haben, dadurch charakterisiert,
daß eine gewisse Anzahl von Parteiarbeitern, vornehmlich Intel-
lektuelle, zum Teil aber auch Arbeiter, die Partei verlassen. Die
liquidatorische Strömung stellt die Frage: Sind es die besten,
aktivsten Elemente, die die Partei verlassen und als Tätigkeitsfeld die legalen Organisationen wählen, oder treten aus der Partei nur „schwankende, intelligenzlerische und kleinbürgerliche
Elemente“ aus? Es erübrigt sich, zu sagen, daß die Konferenz,
die das Liquidatorentum entschieden ablehnte und verurteilte,
die Frage im letzteren Sinne beantwortete. Die besten proletarischen Elemente der Partei, die prinzipienfestesten und der So-
zialdemokratie ergebensten Elemente der Intelligenz sind der
SDAPR treu geblieben. Die Austritte aus der Partei bedeuten ihre
Säuberung, ihre Befreiung von den am wenigsten Widerstandsfähigen, den unzuverlässigen Freunden, den Mitläufern, die sich
immer nur vorübergehend dem Proletariat anschließen und sich
aus dem Kleinbürgertum oder aus den „Deklassierten” rekrutieren, d. h. aus Leuten, die aus den Reihen dieser oder jener be-
stimmten Klasse ausgeschieden sind.
Aus dieser Beurteilung des parteiorganisatorischen Prinzips
ergibt sich von selbst auch die Linie der Organisationspolitik...
Ausbau der illegalen Parteiorganisation, Schaffung von Parteizellen auf allen Arbeitsgebieten, in erster Linie Gründung „nur
aus Parteimitgliedern bestehender, wenn auch zahlenmäßig nicht
starker Arbeiterkomitees in jedem Industrieunternehmen’”“, Konzentrierung der leitenden Funktionen in den Händen der Führer
der sozialdemokratischen Bewegung aus der Mitte der Arbeiter
selber, — das ist die Aufgabe des Tages. Und selbstverständlich
muß es die Aufgabe dieser Zellen und Komitees sein, alle halblegalen und nach Möglichkeit auch die legalen Organisationen auszunutzen, „enge Verbindung mit den Massen” aufrechtzuerhal-
ten, der Arbeit eine solche Richtung zu geben, daß die Sozialdemokratie auf alle Bedürfnisse der Massen reagiert. Jede Zelle
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion
93
und jedes Arbeiterkomitee der Partei muß ein „Stützpunkt für
die agitatorische, propagandistische und organisatorische Arbeit
unter den Massen“ werden, d. h. muß unbedingt dorthin gehen,
wohin die Masse geht, und muß bemüht sein, auf Schritt und
Trıtt das Bewußtsein der Masse in die Richtung zum Sozialismus
zu drängen, jede Teilfrage mit den allgemeinen Aufgaben des
Proletariats zu verknüpfen, jedes organisatorische Beginnen in
cine Angelegenheit der
Klassen sammlung zu verwandeln, sich
durch Energie und ideologischen Einfluß (natürlich nicht durch
Amt und Würde) die führende Rolle in allen legalen proletarischen Organisationen zu erkämpfen. Mögen diese Zellen und
Komitees mitunter zahlenmäßig sehr schwach sein, dafür werden
sie durch die Parteitradition und Parteiorganisation, durch ein,
bestimmtes Klassenprogramm miteinander verknüpft sein; und
zwei oder drei in der Partei organisierte Sozialdemokraten werden auf diese Weise imstande sein, sich nicht in der formlosen
legalen Organisation zu verlieren, sondern unter allen Bedinsungen, in allen Verhältnissen, in allen möglichen Lagen ihre
eigene Parteilinie durchzuführen, auf ihre Umgebung im
Geist der Gesamtpartei einzuwirken, statt sich von dieser Umgebung aufsaugen zu lassen.
Massenorganisationen dieser oder jener Art können aufgelöst, legale Gewerkschaften zur Strecke gebracht werden, jedes
legale Beginnen der Arbeiter kann man unter dem Regim der
Konterrevolution an Polizeischikanen scheitern lassen, aber keine
Kraft der Welt wird die Massenkonzentration der Arbeiter in
. einem kapitalistischen Lande beseitigen, und ein solches ist Rußland bereits geworden. So oder anders, legal oder halblegal, offen
oder versteckt wird die Arbeiterklasse den oder jenen Sammelpunkt finden, — immer und überall werden an der Spitze der
Masse klassenbewußte, in der Partei organisierte Sozialdemokraten marschieren, immer und überall werden sie sich zusammenschließen, um auf die Masse im Geiste der Partei einzuwirken.
Und die Sozialdemokratie, die in der offenen Revolution bewiesen hat, daß sie die Partei der Klasse ist, die es verstanden hat,
Millionen sowohl in den Streik als auch in den Aufstand des Jah-
res 1905
und in die Wahlkampagne 1906—1907 zu führen,
wird es auch jetzt verstehen, die Partei der Klasse, die Partei der
Massen zu bleiben, eine Avantgarde zu bleiben, die sich in den
94
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
allerschwersten Zeiten von der Gesamtarmee nicht trennt, sie
wird es verstehen, dieser Armee zu helfen, die schweren Zeiten
zu überwinden, ihre Reihen neu zu schließen, neue und immer
neue Kämpfer vorzubereiten.
. . . Die Partei, die fähig sein wird, ihre Kräfte zu sammeln,
um im Kontakt mit den Massen konsequente Arbeit zu leisten, die
Partei der führenden Klasse, die es verstehen wird, die Avantgarde dieser Klasse zu organisieren, die ihre Kräfte darauf richten wird, um auf jede Erscheinung im Leben des Proletariats im
sozialdemokratischen Sinne einzuwirken, diese Partei wird, mag
kommen was will, siegen..
85
Anläßlich zweier Briefe *
Wir bringen in der vorliegenden Nummer des ‚„Proletarij“
erstens den Brief eines olsowistischen®* Arbeiters, zweitens den
Brief des Genossen Michael Tomski”, eines Arbeiters aus Petersburg...
Beide Autoren erkennen an, daß unsere Partei nicht nur eine
organisatorische, sondern auch eine ideologisch-politische Krise
durchmacht. Das ist eine Tatsache, die zu verheimlichen keinen
Sinn hätte. Man muß sich vielmehr klare Rechenschaft ablegen
über die Ursachen der Krise und über die Mittel zu ihrer Bekämpfung.
Beginnen wir mit dem Petersburger. Aus seinem ganzen
Brief geht deutlich hervor, daß seiner Ansicht nach die Ursachen
der Krise zweifache sind. Einerseits habe der Mangel an sozialdemokratischen Führern, die aus der Arbeiterschaft selber hervorgegangen wären, zur Folge gehabt, daß die fast epidemieartige
Fiucht der Intellektuellen aus der Partei vielerorts den Zerfall der
Organisation bedeutet habe, daß man es nicht verstanden habe,
die infolge der schweren Repressalien, der Apathie und der Erschöpfung der Massen gelichteten Reihen neu zu sammeln und
festzufügen. Andererseits sei nach Meinung des Verfassers in
unserer Propaganda und Agitation die Bedeutung der ‚„Lage“
stark übertrieben worden, d. h., man habe sich zu sehr auf die
Tagesfragen der revolutionären Taktik und nicht auf die Propaganda des Sozialismus, nicht auf die Vertiefung des sozialdemokratischen Bewußtseins des Proletariats konzentriert. ‚Die Arbeiter wurden Revolutionäre, wurden Demokraten, aber nur nicht
Sozialisten“ und, als die allgemein-demokratische, d.h. die bürgerlich-demokratische Bewegung abgeflaut sei, da hätten sie in
sehr großer Zahl die Reihen der Sozialdemokratischen Partei verlassen. Diese Ansicht verbindet der Petersburger Genosse mit
einer scharfen Kritik der „unbegründeten“ „Erfindung“ von Lo* Aus dem Artikel: „Anläßlich zweier Briefe“, „Proletarij“ Nr. 39 vom 13.
(26.) November 1908.
96
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
sungen und mit der Forderung ernsterer propagandistischer
Arbeit.
Wir denken, daß der Verfasser, der gegen ein Extrem kämpft,
manchmal in ein anderes Extrem verfällt, aber im großen und
ganzen steht er zweifellos auf einem durchaus richtigen Standpunkt. Man kann nicht sagen, daß es ein „Vergehen‘ gewesen
sei, um Tagesfragen ‚ganze Kampagnen zu veranstalten“. Das
ist übertrieben. Das bedeutet, angesichts der heutigen Verhältnisse die gestrigen zu vergessen, und im Grunde korrigiert
sich der Verfasser selbst, indem er zugibt, daß „der Augenblick
unmittelbarer Aktionen des Proletariats natürlich eine Frage von
außerordentlicher Natur“ sei. Betrachten wir zwei solcher Aktionen, die ihrer Art und der Zeit ihrer Durchführung nach möglichst weit von einander entfernt liegen: den Boykott der BulyginDuma’ im Herbst 1905 und die Wahlen zur zweiten Duma zu
Beginn des Jahres 1907. War es möglich, daß eine halbwegs
lebendige und lebensfähige proletarische Partei in einer solchen
Zeit ihre Hauptaufmerksamkeit und Hauptagitation nicht auf
die Tageslosungen konzentrierte? War es möglich, daß die Sozialdemokratische Partei, die in diesen beiden Augenblicken die Massen des Proletariats hinter sich hatte, den inneren Kampf nicht
auf Losungen konzentrierte, die das sofortige Verhalten der Massen bestimmten? In die Bulygin-Duma gehen oder sie sabotieren?
An den Wahlen zur zweiten Duma im Block mit den Kadetten
cder gegen die Kadetten teilzunehmen? Es genügt, die Frage
klar zu stellen und sich die Bedingungen jener Zeit in Erinnerung zu rufen, um eine sichere Antwort zu geben. Der erbitterte
Kampf um diese oder jene Losung wurde damals nicht durch
ein „Vergehen der Partei hervorgerufen, nein, er wurde her-
vorgerufen durch die objektive Notwendigkeit eines raschen und
einheitlichen Beschlusses, zu einer Zeit, da die Partei sich vorher
nicht verständigt hatte, da es zwei Taktiken, zwei ideologische
Strömungen in der Partei gab, eine kleinbürgerlich-opportunistische und eine proletarisch-revolutionäre.
Und ebenso darf man die Sache nicht so darstellen, als wäre
zu jener Zeit die Propaganda des Sozialismus, die Verbreitung
marxistischer Kenntnisse unter den Massen vernachlässigt worden. Das wäre eine Unwahrheit. Gerade in jener Periode, 1905
bis 1907, ıst in Rußland eine Unmasse ernster, theoretischer, so-
Anlaßlich zweier Briefe
97
zialdemokratischer Literatur — hauptsächlich Übersetzungen
aus fremden Sprachen — verbreitet worden, die Ihre Früchte
noch zeitigen wird. Wir sollen nicht kleingläubig sein, wir
sollen unsere persönliche Ungeduld nicht den Massen aufdrängen.
Solche Mengen theoretischer Literatur, innerhalb so kurzer
Zeit in die jungfräulichen, vom sozialistischen Buch noch fast unberührten Massen geworfen, können nicht auf einmal verdaut
werden. Die Saat der sozialdemokratischen Schriften ist aber
nicht verloren. Sie ist gesät. Sie wächst. Und sie wird
Früchte zeitigen — vielleicht nicht morgen, nicht übermorgen,
sondern etwas später, wir sind nicht imstande, die objektiven
Bedingungen des Heranreifens einer neuen Krise zu ändern, —
aber sie wird Früchte tragen.
Trotzdem enthält der Grundgedanke des Verfassers eine tiefe
Wahrheit. Diese Wahrheit besteht darin, daß in der bürgerlichdemokratischen Revolution eine gewisse Verflechtung der proletarisch-sozialistischen und kleinbürgerlich-demokratischen (der
opportunistisch-demokratischen wie der revolutionär-demokratischen) Elemente und Tendenzen unvermeidlich
ist.
Die erste Kampagne der bürgerlichen Revolulion in einem sich
kapitalistisch entwickelnden „Bauerlande“ konntenicht vor
sich gehen, ohne daß eine objektive Verschmelzung bestimmter
proletarischer Schichten mit bestimmten kleinbürgerlichen
Schichten in Erscheinung trat. Jetzt machen wir den Prozeß
der unerläßlichen Differenzierung, der Abgrenzung, derneuen
Auslese der wirklichen proletarisch-sozialistischen Elemente
durch, den Prozeß ihrer BefreiungvondenMitläufern, die sich der Bewegung nur angeschlossen haben einerseits
wegen der „zugkräftigen“ Losung oder, anderseits, um gemeinsam mit den Kadetten den Kampf um eine „mit aller Machtvollkommenheit ausgestattete Duma“ zu führen.
In verschiedenem Maße findet diese Differenzierung in beiden
sozialdemokratischen Fraktionen statt. Es ist doch eine Tatsache, daß die Reihen sowohl der Menschewiki als auch der Bol-
schewiki gelichtet sindl Wir sollten das ohne Scheu eingestehen.
Es unterliegt natürlich nicht dem geringsten Zweifel, daß der
linke Flügel von einem solchen Zerfall und einer solchen Demoralisierung, wie sie in den Reihen des rechten Flügels der Partei
zu beobachten sind, verschont geblieben ist. Und das ist kein
M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
7
98
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
Zufall: der Mangel an Prinzipienfestigkeit mußte den Zerfall fördern. Die Ereignisse werden in der Praxis endgültig zeigen,
wo und wieso mehr organisierte Geschlossenheit, proletarische Ergebenheit, marxistische Konsequenz vorhanden sind.
Solche Streitigkeiten werden durch das Leben entschieden und
nicht durch Worte, nicht durch Versprechungen, nicht durch Gelöbnisse. Die Tatsache der Zerfahrenheit und der Schwankungen
ist vorhanden, und diese Tatsache erheischt ihre Erklärung. Die
Erklärung aber kann keine andere sein, als die Notwendigkeit
einer neuenDifferenzierung.
Illustrieren wir unseren Gedanken durch einige kleine Beispiele: durch die Zusammensetzung der „Gefängnisbevölkerung“
(wie die Rechtsbeflissenen zu sagen pflegen), d. h., durch die Zu-
sammensetzung der Leute, die sich aus politischen Gründen im
Gefängnis, in der Verbannung, in der Katorga und in der Emisration befinden. Diese Zusammensetzung ist ja eine wahrheitsgetreue Widerspiegelung der Wirklichkeit von gestern. Kann
aber ein Zweifel darüber bestehen, daß die Zusammensetzung der
„Politischen“, die die mehr oder weniger entfernten Verbannungsorte bevölkern, hinsichtlich der politischen Ansichten und
Stimmungen sehr buntscheckig ist, daß unter ihnen Unklarheit
und Konfusion herrscht? Die Revolution hat so tiefe Schichten
des Volkes zum politischen Leben erweckt, sie hat überall so viele
zufällig in die Bewegung geratene Menschen an die Oberfläche
gebracht, so viele „Augenblickshelden“, so viele Neulinge, daß
das Fehlen jeder geschlossenen Weltanschauung bei sehr vielen
von ihnen absolut unvermeidlich ist. Diese Weltanschauung kann
nicht in wenigen Monaten fieberhafter Erregung erworben werden, — die durchschnittliche „Lebensdauer“ der meisten Revo-
lutionäre der ersten Periode unserer Revolution dürfte aber über
einige Monate nicht hinausgehen. Darum ist eine neue Differenzierung der durch die Revolution aufgewühlten neuen Schichten, neuen Gruppen, neuen Revolutionäre absolut unvermeidlich.
Und diese Differenzierung geht jetzt vor sich. Die Erscheinung
z. B., daß eine ganze Reihe von Menschewiki die Sozialdemokratische Partei totsagen möchten, bedeutet ım Grunde nur, daß
diese ehrbaren Herrschaften sich selbst als Sozialdemokraten
zu Grabe tragen. Wir haben diese Differenzierung nie
und nimmer zu fürchten. Wir müssen sie begrüßen, müssen sie
Anläßlich zweier Briefe
99
unterstützen. Mögen kleinmütige Menschen jammern, mögen sie
schreien: wieder Kampf! wieder innere Reibungen! wieder Polemik! Wir antworten: ohne einen neuen und immer wieder neuen
Kampf ist eine wirklich proletarische, revolutionäre Sozialdemokratie noch nie und nirgends geschaffen worden. Bei uns in Rußland aber vollzieht sich ihr Bildungsprozeß sogar in der jetzigen
schwierigen Zeit und sie wird diesen Prozeß zum Abschluß
bringen. Die Gewähr dafür bietet die gesamte kapitalistische
Entwicklung Rußlands, der Einfluß des internationalen Sozialısmus auf uns, die revolutionäre Tendenz der ersten Kampagne
von 1905 bis 1907.
Im Interesse dieser neuen Differenzierung ist eine intensive
theoretische Arbeit notwendig. Die „Lage“ ist eben in Rußland
dadurch gekennzeichnet, daß die theoretische Arbeit des Marxismus, ihre Vertiefung und Erweiterung nicht von der Stimmung
dieser oder jener Personen, nicht von der Begeisterung einzelner
Gruppen, ja nicht einmal nur von den polizeilichen Praktiken,
durch die viele aus der „Praxis“ ausgeschaltet worden sind, vor-
geschrieben wird, sondern von der objektiven Lage ım Lande.
Wenn die Massen dabei sind, die neue und ungewöhnlich reiche
Erfahrung des unmittelbar revolutionären Kampfes zu verarbeiten, dann wird der theoretische Kampf um die revolutionäre
Weltanschauung, d. h. um den revolutionären Marxismus, zur
Losung des Tages. Darum hat der Petersburger Genosse tausendmal recht, wenn er die Notwendigkeit der Vertiefung der sozialistischen Propaganda, die Notwendigkeit der Durcharbeitung
neuer Tragen, die Notwendigkeit jeglicher Förderung und Ent-
wicklung von Zirkeln betont, die die Arbeiter selber zu wirklichen Sozialdemokraten, zu sozialdemokratischen Führern der
Parteizellen —
Masse heranbilden. Hier ist die Rolle der
bei deren bloßer Erwähnung die Dan und Co.’ epileptische Anfälle kriegen — besonders wichtig, und den den opportunistischen
Intellektuellen so verhaßten „Berufsrevolutionären“ fällt die Aufgabe zu, eine neue dankbare Rolle zu spielen.
Aber Genosse Michael Tomski verfällt auch hier, wo er einen
vollkommen richtigen Gedanken verteidigt, zum Teil ins andere
Extrem. So z. B. hat er nicht recht, wenn er die Erfahrung der
drei Revolutionsjahre, die praktischen Lehren des direkten Massenkampfes, das Fazit der revolutionär-politischen Agitation usw.
*
100
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
aus der Zahl der „ernsten Fragen“ ausschließt. Es ist anzunehmen, daß wir es hier sogar mil einer einfachen Lücke in der
Darlegung des Verfassers zu tun haben bzw. mit einzelnen Fehlern, entstanden durch die Bedingungen der eiligen Arbeit. Diese
Zusammenfassung, diese Bilanz, aulgestellt vor möglichst breiten
Arbeiterkreisen, ist viel wichtiger als die Fragen der „lokalen Gerichte‘, der „örtlichen Selbstverwaltung‘ und ähnlicher ‚Reformen“ im Stolypin-Rußland, von denen die Bürokraten und Liberalen gern zu schwaizen pflegen. Solche „Reformen“ sind angesichts der erzreaklionären Duma und des erzreaktionären Absolutismus unvermeidlich dazu verurteilt, eine Komödie zu bleiben.
Dafür hat Genosse Michael Tomski aber vollkommen recht,
wenn er sich wendet gegen die „Erfindung von Losungen“ im
allgemeinen und gegen solche Losungen, wie „Fort mit der
Duma“ oder „Fort mit der Fraktion“, im besonderen. Er hat
tausendmal recht, wenn er dieser „Konfusion‘ die konsequente
sozialdemokratische Organisations-, Propaganda- und Agitationsarbeit entgegenstellt, die die Sozialdemokratische Partei und ihre
den Opportunisten so verhaßten Traditionen festigt, die Kontinuierlichkeit der Arbeit fördert, den Einfluß dieser Partei, der
früheren Partei, auf die proletarischen Massen erweitert
und festigt ...
101
Über den Otsowismus”
Die Krise, die die Parteiorganisation erfaßt halte, kam zum Ausdruck in
der Entstehung verschiedener Richlungen innerhalb der menschewistischen
und der bolschewislischen Fraktionen.
In der Frage der illegalen Organisation zerfielen die Menschewiki in Liquidatoren, die die Notwendigkeit dieser illegalen Organisation verneinten,
und in „menschewislische Parteiler‘‘ mit Plechanow an der Spitze, die für
die illegale Partei einlraten.
Auch die bolschewistische Fraktion spaltele
sich in mehrere Richlungen: in Olsowisten, in „Goltmacher38“ und die „zen-
trale“ Hauptgruppe mil Lenin an der Spitze. Gegenstand der Meinungsverschiedenheilen mit den Öltsowisten, die auf die Abberufung der Duma-Frak-
tion bestanden, war die Frage der Ausnutzung der legalen Möglichkeiten,
insbesondere der Staalsduma. Der Kampf gegen die Olsowistien war ein
Kampf um die Massenparlei, ein Kampf gegen das Seklierertum und den
Doktrinarismus. Er endete mit dem Sieg der Lenin-Gruppe und dem Ausschluß der besonders unversöhnlichen Anhänger des Duma-Boykolis. Durch
ihre richlige Taktik der Entlarvung der rechlen menschewistischen Liquidatoren und. der „linken“ Olsowisten erreichlen es die Bolschewiki, daß die
Partei inlakt blieb. Dadurch konnten sie die Massen führen und sie für
die neue Revolution vorbereiten.
%
... Die Ötsowisten und ihre abgesägten Nachbeter”” haben
gehört und haben es sich eingeprägt, daß der Bolschewismus den
unmittelbaren Massenkampf, der sogar die Truppen in die Bewegung hineinzieht (d.h. den starrsten Teil der Bevölkerung, der
am wenigsten beweglich, vor der Propaganda am besten geschützt
ist usw.) und der die Kampfaktionen in einen wirklichen Aufstand münden läßt, als die höhere Form der Bewegung betrachtet, die parlamentarische Tätigkeit ohne unmittelbare Massenbewegung dagegen als die niedere Form der Bewegung. Die Otsowisten und ihre Nachbeter vom Schlage Bogdanows haben es gehört und haben es sich eingeprägt, ohne es zu begreifen, und
haben sich darum blamiert. Höher heißt soviel wie recht „farbig‘‘ — meint der Otsowist und mit ihm Genosse Bogdanow —
nun, dann trage ich möglichst dick auf, das wird dann sicherlich
” Aus dem Artikel: „Die Fraktion der Anhänger des Otsowismus und der
Gottmacherei“, Beilage des „Proletarij" Nr. 47—48 vom 11. (24.) September 1909.
102
\,
173
|
Agitation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
am revolutionärsten sein, in die Sache aber tiefer eindringen,
heißt sich dem Teufel verschreiben! ... .
- . . Merkt euch das, o ihr zu Unrecht Abgesägten:
Wenn die Reaktion in der Tat immer drückender und schwärzer wird, wenn die mechanische Kraft dieser Reaktion in der
Tat die Verbindung mit den Massen zerreißt, eine genügend umfassende Arbeit erschwert und die Partei schwächt, gerade dann
wird es zur spezifischen Aufgabe der Partei, sich der parlamentarıschen Kampfwaffe zu bemächtigen; und das, o ihr zu Unrecht
Abgesägten, nicht etwa, weil der parlamentarische Kampf höher
stünde als die anderen Formen des Kampfes; nein, gerade deshalb, weil er niedriger ist als sie, niedriger als z. B. der
Kampf, der sogar die Truppen in die Massenbewegung hineinzieht, der Massenstreiks, Aufstände usw. hervorruft. Wie kann
nun die niedrigste Form des Kampfes zur spezifischen (d. h. den
gegebenen Moment von anderen Momenten unterscheidenden)
Aufgabe der Partei werden? In folgender Weise: je stärker die
ınechanische Kraft der Reaktion und je schwächer die Verbindung mit den Massen, desto mehr tritt in den Vordergrund die
Aufgabe, das Bewußtsein der Massen vorzubereiten (und nicht
die Aufgabe der direkten Aktion), desto mehr tritt in den Vorder-
grund die Ausnutzung dervonderalten Macht ge-
schaffenen Wege für die Propaganda und Agitation (und
nicht der unmittelbare Ansturm der Massen gegen diese alte Re-
sierungsgewalt selbst).
=
Für jeden Marxisten, der sich auch nur einigermaßen vertieft hat in die Weltanschauung von Marx und Engels, für jeden
Sozialdemokraten, der auch nur einigermaßen die Geschichte der
internationalen sozialistischen Bewegung kennt, ist diese Verwandlung einer niederen Kampfform in die spezifische Kampfform eines besonderen historischen Moments durchaus nichts
Erstaunliches. . .
.. . Worin besteht die spezifische Eigenart der Politik und
der Taktik der russischen Sozialdemokraten in diesem Moment’
Wir müssen die illegale Partei aufrechterhalten und festigen —
genau wie vor der Revolution. Wir müssen unbeirrbar die Massen für die neue revolutionäre Krise vorbereiten — genau wie in
Über den Otsowismus
103
den Jahren 1897 bis 1903. Wir müssen die Verbindung zwischen
Partei und Masse in jeder Weise festigen, alle möglichen Arbeiterorganisationen fördern und sie für die Zwecke des Sozialismus
ausnutzen
— genau so wie immer und überall alle sozialdemo-
kratischen Parteien. Die spezifische Eigenart des Momentes besteht eben im Versuch (im mißlungenen Versuch) des alten Absolutismus, die neuen historischen Aufgaben mit Hilfe der Duma
der Oktobristen und Schwarzhundertler zu lösen. Darum besteht
auch die spezifische taktische Aufgabe der Sozialdemokraten in
der Ausnutzung dieser Duma zueigenen Zwecken, zu Zwecken
der Verbreitung der Ideen der Revolution und der Ideen des Sozialismus. Wesentlich ist nicht, ob diese spezifische Aufgabe besonders hoch steht, ob sie weite Perspektiven eröffnet, ob sie
ihrer Bedeutung nach jenen Aufgaben gleichgesetzt oder auch
nur annähernd gleichgesetzt werden kann, wie z. B. in den
Jahren 1905 bis 1906 dem Proletariat gestellt wurden. Nein. We-
sentlich ist vielmehr, daß dies eine Eigenart der Taktik im gegenwärtigen Moment ist, ihr Unterscheidungsmerkmal der vergangenen wie der zukünftigen Periode gegenüber (denn diese zukünftige Periode wird unssicherlich spezifische Aufgaben stellen,
die komplizierter, höher, interessanter sein werden als die Aufgabe der Ausnützung der dritten Duma). Man kann den gegenwärtigen Moment nicht meistern, man kann all die Aufgaben, vor die
die Sozialdemokratische Partei jetzt gestellt wird, nicht bewältigen, ohne diese spezifische Aufgabe des gegenwärtigen Moments erfüllt, ohne die reaktionäre Duma der Schwarzhundertler
und Oktobristen in ein
Werkzeug der sozialdemokratischen
Agitation verwandelt zu haben.
Die otsowistischen Kannegießer schwätzen z. B. den Bolschewiki nach, man müsse die Erfahrungen der Revolution auswerten. Aber sie begreifen nicht, was sie da sagen. Sie begreifen nicht, daß zur Auswertung der Erfahrungen der Revolution
auch die Verteidigung der Ideale, der Aufgaben und der Methoden der Revolution von der
Dumatribüne herab gehört.
Versteht man nicht, durch unsere Parteigenossen, die in diese
Duma gewählt werden können und die in sie gewählt worden
sind, diese Ideale, diese Aufgaben und Methoden von der Dumatribüne herab zu verteidigen, so bedeutet das, daß man es
nicht versteht, den ersten Schritt zur politischen Auswertung
104
Aritation und Propaganda in den Jahren der Reaktion
der Erfahrung der Revolution zu machen (denn es handelt sich
hier natürlich nicht um eine theoretische Auswertung, eine Aus-
wertung in Büchern und Abhandlungen).
Mit diesem ersten
Schritt ist unsere Aufgabe absolut nicht erschöpft. Unvergleichlich wichtiger als der erste werden der zweite und der
dritte Schritt sein, d. h. die Verdichtung der von der Masse bereits
aufgenommenen Erfahrungen zu einem ideologischen Rüstzeug
für die neue historische Aktion. Aber wenn diese otsowistischen
Phrasendrescher selber von einer „zwischen zwei Revolutionen“
stehenden Epoche sprechen, so müßten sie begreifen (wenn sie es
verständen, sozialdemokratisch zu denken und zu urteilen), daß
eine Epoche „zwischen zwei Revolutionen“ eben eine Epoche
ist, die elementare, vorbereitende Aufgaben
auf die Tagesordnung stellt. „Zwischen zwei Revolutionen“ ist die Charakteristik einer labilen, unbestimmten
Lage, wo die alte Regierungsgewalt, nachdem sie sich von der
Unmöglichkeit überzeugt hat, mit Hilfe der alten Mittel allein
zu regieren, den Versuch macht, bei einem Regime, das
im allgemeinen das alte geblieben ist, ein neues Werkzeug zu
gebrauchen. Dieser Versuch ist ein innerlich widerspruchsvoller, unhaltbarer Versuch, durch den der Absolutismus von
neuem, durch den er unweigerlich seinem Zusammenbruch entgegengehl, durch den er uns zu einer Wiederholung der ruhmreichen Epoche und der ruhmreichen Schlachten von 1905
führt. Aber der Absolutismus tut es nicht so, wie in den
Jahren 1897 bis 1903, er treibt das Volk zur Revolution nicht
so, wie vor dem Jahre 1905. Dieses „nicht so” gilt es zu er-
kennen; man muß verstehen, seine Taktik in der Weise zu ändern, daß man allen grundlegenden, allgemeinen, entscheidenden und wichtigsten Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie noch eine, nicht sehr große, aber eine spezifische Auf-
gabe des gegenwärtigen, des neuen Moments hinzufügt: die
Aufgabe der revolutionär-sozialdemokratischen Ausnutzung der
Schwarzhundert-Duma.
... Wenn wir alle unsere Kräfte anspannen, dann werden
wir die Aufgabe der revolutionär-sozialdemokratischen Ausnutzung der dritten Duma lösen (und wir beginnen bereits,
Über den Otsowismus
105
sie zu lösen), wir werden sie lösen, ihr durch die Absägung
gekränkten Ötsowisien und Ultimatisten®, nicht um den
Parlamentarismus auf ein hohes Piedestal zu heben, nicht um
einen „Parlamentarismus um jeden Preis“ zu verkünden, sondern, um nach der Lösung der „zwischen zwei Revolutionen“
stehenden Aufgabe, die dem heutigen „zwischen zwei Revolu-
tionen“ stehenden Moment entspricht, zur Lösung höherer revolutionärer Aufgaben überzugehen, die dem morgigen, höheren,
d. h. revolutionäreren Moment entsprechen werden.
IV
DIE AGITATION IN DER PERIODE DES
AUFSCHWUNGES DER ARBEITERBEWEGUNG
109
Aus der Resolution der „Sommerkonferenz“ des Zentralkomitees derSDAPR mit den Parteifunktionären 1913*
Ende 1909 begann die russische Industrie die Stillstandsperiode zu überwinden. Die Ursache hierfür war einerseils die gule Ernie von 1909/10,
anderseits
die
Zersetzung
der Obschischina
(Dorfgemeinde),
wodurch
die Entstehung einer wirtschaftlich starken Bauernschaft und die Entwicklung des Binnenmarktes gefördert wurde. Auf der Grundlage der Belebung
der Industrie macht sich auch ein Aufschwung der Arbeilerbewegung bemerkbar, es brechen Streiks aus, das soziale und politische Leben beginnt
wieder stärker zu pulsieren. Die Jahre der Reaklion werden abgelöst von
einem neuen Ansteigen der revolutionären Welle. Die Niederschießung der
Arbeiter in den Lena-Gruben (1912) vollendete den Übergang des Proletarials von revolutionären Slimmungen zu einer neuen revolutionären Offensive. Die neue Lage stellte die Parleien vor die Nolwendigkeil, ihre Taktik festzulegen. Die Bolschewiki, die in der Zeit der Reaklion die Ansicht
vertreten halten, daß die Frage der Revolution von der Tagesordnung nicht
abgesetzt, sondern nur verschoben sei, stelllen zur Zeit des neuen Aufschwunges drei Hauptlosungen auf: demokratische Republik, Enleignung
des Großgrundbesitzes, Achislundenlag und als Vorausselzung hierfür Sturz
des Zarismus. Die Menschewiki dagegen, die die Frage der Revolulion von der
Tagesordnung abgeselzt hatlen, hielten nur den Kampf um Teilforderungen
für notwendig, d.h. sie stellten ein Programm von Reformen, ein Programm
des friedlichen Hineinwachsens in die konstilutionelle Monarchie auf, Das
Vorhandensein unversöhnlicher Gegensätze führle 1912 zur endgültigen
Spaltung zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki.
$
1. Die Lage im Lande verschärft sich immer mehr. Die
Herrschaft der reaktionären Gutsherren ruft selbst unter den
gemäßigtesten Bevölkerungsschichten eine immer größere Unzufriedenheit hervor. Der auch nur einigermaßen realen poli-
tischen Freiheit in Rußland steht nach wie vor die Zarenmonarchie hindernd im Wege, die sich jeder ernsten Reform
gegenüber feindlich verhält, die nur die Macht und das Einkommen der Großgrundbesitzer schützt und besonders brutal
jede Lebensäußerung der Arbeiterbewegung unterdrückt.
2. Die Arbeiterklasse ist nach wie vor die Führerin im revolutionären Kampfe um die gesamtnationale Befreiung. Die
Entwicklung der revolutionären Massenstreiks schreitet vor-
110
Die Agitation in d. Periode d. Aufschwunges d. Arbeiterbewegung
wärts. Der wirkliche Kampf der Vortrupps der Arbeiterklasse
geht unter revolutionären Losungen vor sich.
Die wirtschaftliche Massenbewegung, die oft mit den elementarsten Forderungen beginnt, verschmilzt — auf Grund der gesamten Kampflage — immer mehr mit der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse.
Es ist Aufgabe der fortschrittlichen Arbeiter, durch ihre Agitations- und Aufklärungsarbeit den Zusammenschluß des Proletarlats unter revolutionären Losungen zu beschleunigen.
Nur unter dieser Bedingung werden die fortgeschrittenen Arbeiter ihre Aufgabe erfüllen, die Land- und Stadtdemokratie
aufrütteln.
3. Der Kampf der Arbeiterklasse, der unter revolutionären
Losungen vor sich geht, hat einen Teil der Industriellen und die
liberal-oktobristische Bourgeoisie gezwungen, sich nachdrücklich für die Notwendigkeit von Reformen im allgemeinen und
einer zurechtgestutzten Koalitionsfreiheit im besonderen zu
interessieren. Die Bourgeoisie, die sich einerseits fieberhaft in
Unternehmerverbände organisiert, Versicherung gegen Streiks
einführt und von der Regierung systematische Repressalien
gegen die Arbeiterbewegung fordert, empfiehlt anderseits den
Arbeitern, auf revolutionäre Forderungen zu verzichten und sich
statt dessen mit einer konstitutionellen Teilreform, mit dem
Schein einer Koalitionsfreiheit zu begnügen. Die Arbeiterklasse
muß alle Schwankungen der Regierung und alle Meinungsverschiedenheiten zwischen der Bourgeoisie und dem reaktionären Lager ausnutzen, um ihren Ansturm sowohl auf dem
Gebiet des wirtschaftlichen als auf dem Gebiet des politischen
Kampfes zu stärken. Um aber die Lage erfolgreich auszunutzen,
muß eben die Arbeiterklasse auf dem Boden der ungeschmälerten
revolutionären Losungen bleiben.
4, In Anbetracht dieser allgemeinen Lage besteht die Aufgabe der Sozialdemokratie darin, nach wie vor eine breite
revolutionäre Agitationsarbeit unter den Massen für den Sturz
der Monarchie und für die demokratische Republik zu entfalten. Es ist notwendig, an lebendigen Beispielen der Wirklichkeit unablässig die Schädlichkeit des Reformismus aufzuzeigen, d. h. die Schädlichkeit der Taktik, die statt revolutio-
Aus der Resolution der Sommerkonferenz der SDAPR
111
närer Losungen die Forderung von Teilreformen in den Mittelpunkt schiebt.
5. In ihrer Agitation für die Koalitionsfreiheit und für Teilreformen im allgemeinen geraten die Liquidatoren auf den liberalen Weg. In Wirklichkeit lehnen sie die revolutionäre Agitation unter den Massen ab, sie predigen in ihren Organen direkt,
daß die Losungen der „demokratischen Republik“ und der
„Enteignung des Grund und Bodens“ nicht als Gegenstand der
Agitation unter den Massen dienen können. Die Koalitionsfreiheit stellen sie als allumfassende Losung der Epoche hın, ın
Wirklichkeit ersetzen sie durch sie die revolutionären Forderungen von 1905.
6. Die Konferenz,
die vor der schädlichen reformistischen
Agitation der Liquidatoren warnt, erinnert daran, daß die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands schon längst die Forderung der Koalitionsfreiheit, der Rede- und Pressefreiheit usw.
in ihr Minimalprogramm aufgenommen und diese Forderungen
in einen engen Zusammenhang mit dem revolutionären Kampf
um die Niederwerfung der Zarenmonarchie gestellt hat. Die
Konferenz billigt die Resolution der Januar-Konferenz von
1912, in der es heißt: „Die Konferenz fordert alle Sozialdemokraten auf, die Arbeiter aufzuklären über die Notwendigkeit der
Koalitionsfreiheit für das Proletariat, wobei es notwendig ist, diese
Forderung stets in eine untrennbare Verbindung mit unseren
allgemeinen politischen Forderungen und der revolutionären
Agitation unter den Massen zu bringen.“ Die Hauptlosungen der
Epoche bleiben nach wie vor: 1. Demokratische Republik, 2. Enteignung des Groß grundbesitzes, 3. Achtstundentag.
V
AGITATION UND PROPAGANDAIN
DER PERIODE DES IMPERIALISTISCHEN
KRIEGES
M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
3
115
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben
der Sozialdemokratie*
Der imperialistische Krieg war für die internationale Sozialdemokratie
eine historische Prüfung. Diese Prüfung bestand sie nicht. Die meisten
Parteien und die meisten Führer der Zweiten Internationale riefen zur
Teilnahme am Kriege und zur Verteidigung des „Vaterlandes“ auf. Die
Zweite Internationale fiel auseinander. Bei den russischen Sozialdemokraten
rief der Krieg keine neuen Gruppierungen hervor. Die Menschewiki traten
für die Vaterlandsverteidigung ein und erwiesen sich als Gefangene der Bourgeoisie und des Chauvinismus. Nur ein Teil von ihnen schwankte hin
und her und neigle mehr zum Internationalismus hin. Die Bolschewiki
waren der Fahne des internationalen Sozialismus treu geblieben und stellten
die Losung auf: Umwandlung des imperialistischen Kriegesin den Bürgerkrieg. „Gegen den Strom“ schwimmend, milten
in einem Meer von Sozialchauvinismus und Sozialopporlunismus propagierten die Bolschewiki, mit Lenin an der Spitze, ihre weltgeschichtliche
Losung des gewaltsamen Sturzes des Imperialismus, die durch die Okiloberrevolution des Jahres 1917 ins Leben umgesetzt wurde. Wir bringen hier
als Musterbeispiel der bolschewistischen Propaganda einen Auszug aus der
Broschüre „Sozialismus und Krieg“, die schon während des Krieges auch
in deutscher und französischer Sprache veröffentlicht wurde.
Die Stellung der Sozialisten zu Kriegen
Die Sozialisten haben Kriege zwischen Völkern stets als Barbarei und Bestialität verurteilt. Jedoch ist unsere Stellung zum
Krieg eine prinzipiell andere als die der bürgerlichen Pazifisten
(der Anhänger und Prediger des Friedens) und der Anarchisten.
Von den ersten unterscheiden wir uns dadurch, daß wir den unvermeidlichen Zusammenhang zwischen den Kriegen und dem
Klassenkampf innerhalb des Landes begreifen, daß wir die Unmöglichkeit verstehen, den Krieg abzuschaffen, ohne die Klassen
abgeschafft und den Sozialismus errichtet zu haben, ferner dadurch, daß wir die Berechtigung, die Fortschrittlichkeit und die
Notwendigkeit der Bürgerkriege anerkennen, d. h. der Kriege der
unterdrückten Klasse gegen die unterdrückende, der Sklaven
gegen die Sklavenhalter, der leibeigenen Bauern gegen die Grund* Aus der Broschüre „Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR
zum Krieg)“, verfaßt gemeinsam von Lenin und Sinowjew im August 1915.
$*r
116
Agilation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges
herren, der Lohnarbeiter gegen die Bourgeoisie. Von den Pazifisten wie von den Anarchisten unterscheiden wir Marxisten uns
dadurch, daß wir eine geschichtliche (auf den dialektischen Materialismus von Marx beruhende) Analyse jedes Krieges im einzelnen für notwendig halten. In der Geschichte hat es mehrfach
Kriege gegeben, die trotz aller Schrecken und aller Barbarei, trotz
allen Elends und aller Qualen, die in jedem Krieg unausbleiblich
sind, fortschrittlich waren, d. h. die Entwicklung der Menschheit
förderten, indem sie dazu beitrugen, besonders schädliche und
reaktionäre Einrichtungen (z. B. den Absolutismus oder die Leibeigenschaft), die barbarischsten Despotien Europas (die türkische
und russische) zu untergraben. Darum müssen die historischen
Besonderheiten gerade des jetzigen Krieges untersucht werden.
Diehistorischen Typen der Kriegeder Neuzeit
Durch die Große Französische Revolution wurde eine neue
Epoche in der Geschichte der Menschheit eingeleitet. Seither
und bis zur Pariser Kommune, von 1789 bis 1871, gab es als
einen Typ des Krieges Kriege bürgerlich-fortschrittlichen, natıonal-befreienden Charakters. Mit anderen Worten, der Hauptinhalt und die historische Bedeutung dieser Kriege war der Sturz
des Absolutismus und des Feudalismus, ihre Unterminierung,
das Abschütteln des fremdländischen Jochs. Darum waren dies
fortschrittliche Kriege, und alle ehrlichen, revolutionären Demo-
kraten, ebenso wie alle Sozialisten sympathisierten beisolchen
Kriegen stets mit jener Partei (d. h. mit jener Bourgeoisie), die
die Zertrümmerung bzw. die Untergrabung der gefährlichen
Grundfesten des Feudalismus, des Absolutismus und der Unterdrückung fremder Völker förderte. Die Revolutionskriege Frankreichs z. B. enthielten Elemente des Raubes und der Eroberung
fremder Länder durch die Franzosen, das Ändert aber nichts an
dem historischen Grundcharakter dieser Kriege, die den Feudalismus und den Absolutismus im ganzen alten, despotischen Europa erschütterten und zerstörten. Im deutsch-französischen
Krieg wurde Frankreich durch Deutschland ausgeraubt, das
ändert aber nichts an der historischen Bedeulung dieses Krieges,
der die vielen Millionen des deutschen Volkes von feudaler Zersplitterung und von der Unterdrückung durch zwei Despoten, den
russischen Zaren und Napoleon III., befreite.
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie
117
Der Unterschied zwischen Angriffs- und
Verteidigungskrieg
Die Epoche 1789—1871 hinterließ tiefe Spuren und revolutionäre Erinnerungen. Solange der Feudalismus und der Absolutismus nicht gestürzt waren und das fremdländische Joch nicht
gebrochen war, konnte von der Entfaltung des proletarischen
Kampfes für den Sozialismus auch nicht die Rede sein. Wenn
die Sozialisten von der Berechtigung des „Verteidigungs‘krieges
in bezug auf die Kriege einer solchen Epoche sprachen, so
hatten sie eben stets diese Ziele im Auge, die auf eine Revolution
gegen das Mittelalter und die Leibeigenschaft hinausliefen. Unter
„Verteidigungs“
krieg haben die Sozialisten stets einen in diesem
Sinne „gerechten“ Krieg verstanden (W, Liebknecht hat einmal eben diesen Ausspruch gebraucht).
NurindiesemSinnehabendieSozialistendie
Berechtigung, die Fortschrittlichkeit, die Gebzw.
rechtigkeitder „Vaterlandsverteidigung”
des „Verteidigungs“krieges anerkannt, nurin
diesem Sinne tun siees auch heute Wenn z.B.
morgen Marokkoan Frankreich den Krieg erklärte,Indienan England, Persien oder China
an Rußland usw, dann wären das „gerechte“
Kriege „Verteidigungs“kriege unabhängig da-
von, wer zuerst angegriffen hätte, und jeder Sozialist wäre für
den Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten
Staaten über die unterdrückenden, versklavenden, räuberischen
„Groß’mächte.
Man stelle sich aber vor, daß ein Sklavenhalter, der 100 Skla-
ven besitzt, gegen einen Sklavenhalter, der 200 Sklaven besitzt.
um eine „gerechtere‘“ Neuverteilung der Sklaven Krieg führt. Es
ıst klar, daß in diesem Fall die Anwendung des Begriffes „Ver-
teidigungs‘ krieg oder „Vaterlandsverteidigung“ eine geschichtliche Fälschung und praktisch ein Betrug des einfachen Volkes,
des Kleinbürgertums, der grauen Masse durch geschickte Sklavenhalter bedeuten würde. Gerade in dieser Weise werden aber die
Völker mit Hilfe der „nationalen“ Ideologie und des Begriffs
der Vaterlandsverteidigung von der heutigen, imperialistischen
118
Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges
Bourgeoisie in diesem Krieg betrogen, einem Krieg, der geführt
wird zwischen Sklavenhaltern für die Festigung und Verschärfung der Sklaverei.
Der gegenwärtige Krieg
istein imperialistischer Krieg
Fast alle geben zu, daß der jetzige Krieg ein imperialistischer
ist, jedoch wird meist dieser Begriff entstellt oder nur auf eine
der Parteien angewandt, oder es wird doch die Möglichkeit unterschoben, daß dieser Krieg eine bürgerlich-fortschrittliche, national-befreiende Bedeutung hätte. Der Imperialismus ist die höchste
Entwicklungsstufe des Kapitalismus, die erst im XX. Jahrhundert
erreicht worden ist. Dem Kapitalismus ist es in den alten Nationalstaaten, ohne deren Gründung er den Feudalismus nicht hätte
stürzen können, zu eng geworden. Der Kapitalismus hat die Konzentration so stark entwickelt, daß die Syndikate, die Trusts, die
Verbände der kapitalistischen Milliardäre ganze Industriezweige
an sich gerissen haben und fast die gesamte Erdkugel unter
diesen „Herrschern des Kapitals“ aufgeteilt worden ist, sei es in
Form von Kolonien, sei es mit Hilfe der Fesselung fremder Länder durch tausenderlei Fäden finanzieller Ausbeutung. Der Freihandel und die freie Konkurrenz sind ersetzt worden durch das
Streben nach Monopolen, nach Ännexionen von Gebieten zwecks
Kapitalanlage, Rohstoffausfuhr usw. Aus einem Befreier der
Nationen, wie es der Kapitalismus im Kampf gegen den Feudalismus war, Ist der imperialistische Kapitalismus zum größten Unterdrücker der Nationen geworden. Aus dem fortschrittlichen
Kapitalismus ist ein reaktionärer geworden, er hat die Produktiv-
kräfte auf eine so hohe Entwicklungsstufe gebracht, daß der
Menschheit eins von beiden bevorsteht: entweder zum Sozialismus
überzugehen oder aber Jahre und Jahrzehnte hindurch den bewaffneten Kampf der ‚großen“ Mächte um die künstliche Aufrechterhaltung des Kapitalismus mit Hilfe von Kolonien, Monopolen, Privilegien und nationaler Unterdrückung jeder Art über
sich ergehen zu lassen.
Was ıst Sozialehauvinismus?
Sozialchauvinismus ist die Verfechtung der Idee der „Vater-
landsverteidigung“ in diesem Kriege. Aus dieser Idee ergibt sich
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie
119
a
ferner der Veerzicht auf den Klassenkampf während des Krieges,
die Bewilligung von Kriegskrediten und dergl. In der Praxis
treiben die Sozialchauvinisten eine antiproletarische, bürgerliche
Politik, weil sie in der Praxis nicht für „Vaterlandsverteidigung“
im Sinne des Kampfes gegen fremdiändisches Joch eintreten, sondern für das ‚Recht‘ der einen oder der anderen ‚„Groß“mächte,
die Kolonien zu plündern und fremde Völker zu unterdrücken. Die
Sozialchauvinisten machen sich den bürgerlichen Betrug am Volke
zu eigen, der Krieg werde geführt um die Verteidigung der Freiheit
und der Existenz der Nationen, und schlagen sich somit auf die
Seite der Bourgeoisie gegen das Proletariat. Zu den Sozialchau-
vinisten gehören sowohl jene, die die Regierungen und die Bourgeoisie einer der kriegführenden Mächtegruppierungen rechtfertigen und beschönigen, als auch jene, die wie Kautsky den
Sozialisten aller kriegführenden Mächte das Recht zuerkennen,
„ihr Vaterland zu verteidigen“. Der Sozialchauvinismus, der in
Wirklichkeit die Verteidigung der Privilegien, der Vorteile, der
Raubzüge und Gewalttaten der „eigenen“ (oder überhaupt
jeder) imperialistischen Bourgeoisie ist, bedeutet einen ausgesprochenen Verrat an allen sozialistischen Überzeugungen und
an dem Beschluß des Internationalen Sozialistischen Kongresses
in Basel.
Der Zusammenbruch der UI. Internationale
Die Sozialisten der ganzen Welt haben im Jahre 1912 in
Basel feierlich erklärt, daß sie den kommenden europäischen
Krieg als ein ‚„verbrecherisches“ und erzreaktionäres Werk aller
Regierungen betrachten, ein Werk, das den Untergang des Kapitalisımus beschleunigen müsse, indem es unvermeidlich die Revolution gegen ihn auslöse. Der Krieg kam, die Krise brach aus. Statt
der revolutionären Taktik schlugen die meisten sozialdemokratischen Parteien eine reaktionäre ein, indem sie sich auf die Seite
ihrer Regierungen und ihrer Bourgeoisie stellten. Dieser Verrat
am Sozialismus bedeutet den Zusammenbruch der II. Internationale (1889-1914)... .
120
Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges
Der Sozialchauvinismusistdervollendete
OÖOpportunismus
Während der ganzen Epoche der II. Internationale ging über-
all in den sozialdemokratischen Parteien ein Kampf zwischen
dem revolutionären und dem opportunistischen Flügel vor sich.
In einer Reihe von Ländern führte dieser Kampf zur Spaltung
(England, Italien, Holland, Bulgarien). Kein Marxist hat je daran
gezweifelt, daß der Opportunismus der Ausdruck der bürgerlichen
Politik in der Arbeiterbewegung ist, der Ausdruck der Interessen
des Kleinbürgertums und des Bündnisses einer geringen Minderheit verbürgerlichter Arbeiter mit „ihrer“ Bourgeoisie gegen die
Interessen der proletarischen Masse, der Masse der Unterdrückten.
Die objektiven Bedingungen zu Ende des 19. Jahrhunderts
ließen den Opportunismus besonders üppig in die Halme schieBen, indem sie dazu führten, daß aus der Ausnutzung der bürgerlichen Legalität eine sklavische Anbetung dieser Legalität wurde,
daß eine dünne Schicht von Bürokraten und Aristokraten innerhalb der Arbeiterklasse entstand und viele kleinbürgerliche „Mitläufer‘“ in die Reihen der sozialdemokratischen Parteien strömten.
Der Krieg hat die Entwicklung beschleunigt und den Opportunismus in Sozialchauvinismus, das geheime Bündnis der Opportunisten mit der Bourgeoisie in ein offenes Bündnis verwandelt.
Die Militärbehörden haben dabei überall den Kriegszustand proklamiert und der Arbeitermasse einen Maulkorb umgehängt, während die alten Führer der Arbeiterklasse fast vollzählig zur Bourgeoisie übergelaufen sind.
Die ökonomische Grundlage des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und dieselbe: die Interessen einer dünnen
Schicht privilegierter Arbeiter und des Kleinbürgertums, die ihre
Sonderstellung, ihr „Recht“ auf einige Brocken jener Profite ver-
teidigen, die sich „ihre“ nationale Bourgeoisie durch die Plünderung fremder Nationen, durch die Vorteile ihrer Großmachtstellung usw. verschafft.
Der ideell-politische Inhalt des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und derselbe: Klassengemeinschaft statt
Klassenkampf, Verzicht auf revolutionäre Kampfmittel, Unterstützung der „eigenen‘ Regierung in ihrer schwierigen Lage statt
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie
121
Ausnutzung dieser Schwierigkeiten im Interesse der Revolution.
Wenn man alle europäischen Länder als Ganzes betrachtet, wenn
man sich nicht auf einzelne Personen (und seien es auch die
maßgebendsten) konzentriert, dann ergibt sich, daß eben die
opportunistische
Strömung zur Hauptstütze des Sozialchauvinismus geworden ist, während aus dem Lager der Revolutionäre
fast überall ein mehr oder weniger konsequenter Protest gegen
ihn laut wird. Wenn man z. B. die Gruppierung der Richtungen
auf dem Stuttgarter Internationalen Sozialistenkongreß im Jahre
1907 betrachtet, so ergibt es sich, daß der internationale Marxis-
mus gegen, der internationale Opportunismus aber schon damals
für den Imperialismus war.
Einheitmitden OÖpportunistenbedeutetBündnis der Arbeiter mit der „eigenen“ nationalen
BourgeoisieundSpaltungderinternationalen
revolutionären Ärbeiterklasse
In der vergangenen Periode, vor dem Kriege, galt zwar der
Opportunismus nicht selten als „Abweichung“, als „Extrem“,
wurde aber dennoch. als ein legitimer Bestandteil der sozialdemokratischen Partei betrachtet. Der Krieg hat gezeigt, daß dies
künftig nicht mehr möglich ist. Der Opportunismus ist zur ‚vollen Reife“ gelangt, er hat seine Rolle als Emissär der Bourgeoisie
in der Arbeiterbewegung bis zu Ende geführt. Die Einheit mit
den Opportunisten ist zur ausgesprochenen Heuchelei geworden,
wofür die deutsche sozialdemokratische Partei ein Beispiel bietet.
In allen wichtigen Fällen (z. B. bei der Abstimmung am 4.
August) kommen die Opportunisten mit ihrem Ultimatum, das sie
mit Hilfe ihrer weit verzweigten Beziehungen zur Bourgeoisie, mit
Hilfe ihre Mehrheit in den Gewerkschaftsvorständen usw. durchsetzen. Einheit mit den Opportunisten bedeutet jetzt in der
Praxis Unterordnung der Arbeiterklasse unter ihre „nationale“
Bourgeoisie, Bündnis mit dieser zur Unterdrückung fremder VÖölker und zum Kampf für Großmachtprivilegien, bedeutet Spaltung des revolutionären Proletariats aller Länder.
Mag in einzelnen Fällen der Kampf gegen die in vielen Organisationen herrschenden Opportunisten noch so schwer, der Prozeß der Säuberung der Arbeiterparteien von ÖOpportunisten in
122
Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges
einzelnen Ländern noch so eigenartig sein, dieser Prozeß ist unvermeidlich und fruchtbar. Der reformistische Sozialismus stirbt
ab; der wiedererstehende Sozialismus „wird revolutionär, unversöhnlich, rebellisch sein . . .“
Der „Kautskyanismus”
Kautsky, die größte Autorität der II. Internationale, ist das
im höchsten Maße typische und krasse Beispiel dafür, wie das
Lippenbekenntnis zum Marxismus in Wirklichkeit zur Verwandlung des Marxismus in „Struvismus“ oder in „Brentanismus*”“
führt. Wir sehen das auch am Beispiel Plechanows. Durch offenkundige Sophismen treibt man dem Marxismus seine revolutionäre
lebendige Seele aus; man erkennt im Marxismus alles an,
außer der revolutionären Kampfmittel, ihrer Propaganda und
Vorbereitung, der Erziehung der Massen eben in dieser Richtung.
Ideenlos wird durch Kautsky der Grundgedanke des Sozialchauvinismus, die Anerkennung der Vaterlandsverteidigung in diesem
Kriege,
„ausgesöhnt“
mit
einer
diplomatischen
Paradekon-
zession an die Linke in Form von Stimmenthaltung bei der Abstimmung über die Kredite, in Form eines Lippenbekenntnisses
zur Opposition usw. Kautsky, der im Jahre 1909 ein ganzes Buch
über die herannahende Epoche der Revolutionen und über den
Zusammenhang zwischen Krieg und Revolution geschrieben hat,
Kautsky, der im Jahre 1912 das Baseler Manifest über die revo-
lutionäre Ausnutzung des künftigen Krieges unterzeichnet hat, ist
jetzt in jeder Weise bemüht, den Sozialchauvinismus zu rechtfertigen und zu beschönigen, und schlägt sich, gleich Plechanow,
zur Bourgeoisie, um jeden Gedanken an die Revolution, jeden
Schritt zum unmittelbar revolutionären Kampf zu verhöhnen.
Die Arbeiterklasse kann ihre revolutionäre Weltmission nicht
erfüllen, ohne einen erbarmungslosen Krieg zu führen gegen
dieses Renegatentum, diese Charakterlosigkeit, diese Liebedienerei
vor dem Opportunismus, diese beispiellose theoretische Verflachung des Marxismus. Der Kautskyanismus ist nichts Zufälliges, es ist ein soziales Produkt der Widersprüche innerhalb
der II. Internationale, das Produkt einer Vereinigung der Treue
zum Marxismus in Worten mit der Unterwerfung unter den Opportunismus in der Tat...
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie
123
Die Losung der Marxistenist die Losung
der revolutionären Sozialdemokratie
Der Krieg hat zweifellos eine sehr akute Krise hervorgerufen
und das Elend der Massen unglaublich gesteigert. Der reaktionäre Charakter dieses Krieges, die schamlose Lüge der Bourgeoisie
aller Länder, die ihre Raubziele mit ‚nationaler‘ Ideologie
bemäntelt, all das muß auf dem Boden der objektiv-revolutionären Situation revolutionäre Stimmungen in den Massen auslösen.
Unsere Pflicht ist es, dazu beizutragen, daß diese Stimmungen
bewußt werden, sie zu vertiefen und ihnen Form zu geben. Diese
Aufgabe wird richtig zum Ausdruck gebracht einzig und allein
durch die Losung der Umwandlung des imperialistischen Krieges
in den Bürgerkrieg, und
jeder konsequente Klassenkampf wäh-
rend des Krieges, jede ernsthaft durchgeführte Taktik der „Mas-
senaktionen“ führt unvermeidlich dazu. Man kann nicht wissen,
ob die machtvolle revolutionäre Bewegung im Zusammenhang
mit dem ersten oder dem zweiten imperialistischen Krieg der
Großmächte auflodern wird, ob es während des Krieges oder nach
dem Kriege dazu kommen wird, jedenfalls ist es unsere unbedingte Pflicht, systematisch und beharrlich eben in dieser Richtung zu arbeiten.
Das Baseler Manifest beruft sich ausdrücklich auf das Beispiel
der Pariser Kommune, d.h. auf ein Beispiel der Umwandlung des
Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg. Vor einem halben
Jahrhundert war das Proletariat zu schwach, die objektiven Voraussetzungen für den Sozialismus waren noch nicht reif, ein Zu-
sammenwirken und Ineinandergreifen der revolutionären Bewegungen aller kriegführenden Länder konnte es nicht geben, die Berauschung eines Teiles der Pariser Arbeiter an der „nationalen Ideologie‘ (der Tradition von 1792) war eine — von Marx frühzeitig
festgestellte — kleinbürgerliche Schwäche und eine der Ursachen
des Zusammenbruchs der Kommune. In dem halben Jahrhundert
sind die Bedingungen, die die damalige Revolution schwächten,
in Wegfall gekommen, und heute ist es für einen Sozialisten
unverzeihlich, sich mit dem Verzicht auf eine Tätigkeit gerade im
Sinne der Pariser Kommunarden abzufinden.
124
Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges
Das Beispiel
der Verbrüderungin den Schützengräben
Die bürgerlichen Zeitungen aller kriegführenden Länder haben Beispiele der Verbrüderung zwischen den Soldaten der kriegführenden Nationen selbst in den Schützengräben angeführt. Die
drakonischen Erlasse der Militärbehörden (Deutschlands, Englands) gegen solche Verbrüderung haben bewiesen, daß die Re-
gierungen und die Bourgeoisie ihr eine ernste Bedeutung beimessen. Wenn trotz der uneingeschränkten Herrschaft des Opportunismus in den Spitzen der sozialdemokratischen Parteien Westeuropas, trotz der Unterstützung des Sozialchauvinismus durch
die gesamte sozialdemokratische Presse, durch alle Autoritäten
der II. Internationale Fälle von Verbrüderung möglich waren,
so zeigt uns das, wie es sehr wohl möglich wäre, den jetzigen
verbrecherischen, reaktionären, von Sklavenhaltern geführten
Krieg abzukürzen und eine revolutionäre internationale Bewegung zu organisieren, wenn eine systematische Arbeit in dieser
Richtung geführt würde, und sei es auch nur von den linken
Sozialisten aller kriegführenden Länder.
Die Bedeutung derillegalen Organisation
. . .„ Ohne darauf zu verzichten, in jedem Fall und unter allen
Umständen jede geringste legale Möglichkeit für die Organisierung der Massen und die Propagierung des Sozialismus auszunützen, müssen die sozialdemokratischen Parteien mit der Anbetung der Legalität Schluß machen. „Schießt zuerst, Ihr Herren
Bourgeois, schrieb Engels, indem er eben auf den Bürgerkrieg
anspielte und die Notwendigkeit, daß wir die Legalität verletzen,
nachdem sie von der Bourgeoisie verletzt worden ist. Die
Krise hat gezeigt, daß die Bourgeoisie die Legalität in allen, selbst
in den freiesten Ländern verletzt und daß man die Massen nicht
zur Revolution führen kann, ohne eine illegale Organisation für
die Propaganda, die Diskussion, die Erwägung, die Vorbereitung
der revolutionären Kampfmittel zu schaffen. Was z. B. in Deutschland Ehrliches von den Sozialisten getan wird, geschieht
gegen den niederträchtigen Opportunismus und den heuchler!ischen „Kautskyanismus“ und geschieht eben illegal. In England
wird man für gedruckte Aufrufe gegen die Rekrutierung ins
Zuchthaus gesteckt.
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie
125
Die Ablehnung illegaler Propagandamethoden und ihre Verhöhnung in der legalen Presse als vereinbar betrachten mit der
Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei — ist Verrat am
Sozialismus.
Über die Niederlage der „eigenen“ Regierung
im imperialistischen Krieg
Die Verfechter des Sieges der eigenen Regierung im jetzigen
Krieg wie auch die Verteidiger der Losung „weder Sieg noch
Niederlage“ stehen in gleicher Weise auf dem Standpunkt des
Sozialchauvinismus. Die revolutionäre Klasse muß in einem
reaktionären Krieg die Niederlage ihrer Regierung wünschen, sie
muß den Zusammenhang erkennen zwischen den militärischen
Mißerfolgen dieser Regierung und ihrem leichteren Sturz. Nur
ein Bourgeois, der daran glaubt, daß der von den Regierungen
begonnene Krieg unbedingt als ein Krieg der Regierungen enden
werde, und der dies wünscht, kann den Gedanken ‚‚lächerlich‘“
oder „unsinnig“ finden, daß die Sozialisten aller kriegführenden Länder die Niederlage aller „eigenen“ Regierungen für
wünschenswert erklären sollen. Im Gegenteil, eine solche Handlungsweise würde den verborgenen Gedanken eines jeden klassenbewußten Arbeiters entsprechen und auf der Linie unserer Tätigkeit liegen, die auf die Umwandlung des impenalistischen Krieges in den Bürgerkrieg gerichtet ist.
Zweifellos hat die ernste Agitation eines Teiles der englischen,
deutschen und russischen Sozialisten gegen den Krieg die ‚„militä-
rische Stoßkraft‘“ der betreffenden Regierung „geschwächt“, aber
diese Agitation war ein Verdienst der Sozialisten. Die Sozialisten
müssen den Massen klarmachen, daß es für sie außer der revolutionären Niederwerfung ihrer „eigenen“ Regierungen keine
Rettung gibt und daß die Schwierigkeiten dieser Regierungen im
jetzigen Krieg eben zu diesem Zweck ausgenuzt werden müssen.
Über den Pazifismus und die Friedenslosung
Friedensfreundliche Stimmung in den Massen ist häufig der
Ausdruck für den Entstehungsprozeß des Protestes, der Empörung
und der Einsicht in den reaktionären Charakter des Krieges. Diese
Stimmung auszunutzen, ist Pflicht aller Sozialdemokraten. Sie
126
Agitation u. Propaganda in d. Periode d. imperialistischen Krieges
werden an jeder Bewegung und an jeder Demonstration, die auf
diesem Boden entstehen, den tätigsten Anteil nehmen, sie werden
aber das Volk nicht betrügen, indem sie den Gedanken zulassen,
daß zwischen den jetzigen Regierungen und den herrschenden
Klassen, ohne eine revolutionäre Bewegung, ein
Frieden ohne
Annexionen, ohne Unterdrückung von Völkern, ohne Raub, ohne
Keime neuer Kriege möglich sei. Ein solcher Betrug am Volke
würde nur der Geheimdiplomatie der kriegführenden Regierungen
und ihren konterrevolutionären Plänen zunutze kommen. Wer
einen dauerhaften und demokratischen Frieden will, muß für den
Bürgerkrieg, gegen die Regierungen und gegen die Bourgeoisie sein.
Über das Selbstbestimmungsrecht der Völker
Der meistverbreitete Betrug, den die Bourgeoisie in diesem
Krieg gegenüber dem Volke anwendet, ist die Verhüllung ihrer
Raubziele durch die Ideologie der „Völkerbefreiung‘“. Die Engländer versprechen Belgien die Freiheit, die Deutschen — Polen
usw. In Wirklichkeit ist es, wie wir gesehen haben, ein Krieg,
den die Unterdrücker der meisten Völker der Welt für die Festigung und Erweiterung dieser Unterdrückung führen.
Die Sozialisten können ihr großes Ziel nicht erreichen, wenn
sie nicht gegen jede Unterdrückung von Nationen kämpfen. Darum müssen sie unbedingt verlangen, daß die sozialdemokratischen
Parteien derunterdrückenden Länder (besonders der sogenannten „Groß‘“mächte) das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationen anerkennen, und zwar im politischen Sinne
des Wortes, d.h. als Recht auf politische Loslösung. Ein Sozialist,
der einer Nation angehört, die eine Großmachtstellung einnimmt
bzw. über Kolonien verfügt, und der nicht für dieses Recht eintritt, ist ein Chauvinist.
Die Verteidigung dieses Rechtes fördert nicht nur nicht die Bildung von Kleinstaaten, sie führt vielmehr dazu, daß sich in einer
freieren, hemmungsloseren und darum breiteren und allumfassenderen Weise große Staatswesen und Staatenbünde herausbilden,
die für die Massen vorteilhafter sind und der wirtschaftlichen
Entwicklung besser entsprechen.
Die Sozialisten der unterdrückten Völker müssen ihrer-
seits vorbehaltlos für die vollständige (darunter auch die organi-
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie
127
satorische) Einheit der Arbeiter der unterdrückten und der
unterdrückenden Nationen kämpfen. Die Idee der rechtlichen
Absonderung der Nationen von einander (die sogenannte „nationale Kulturautonomie“ Bauers und Renners“) ist eine reaktionäre
Idee.
Der Imperialismus ist die Epoche der wachsenden ÜUnter-
drückung der Nationen der ganzen Welt durch ein Häuflein von
„Groß“mächten, und darum ist der Kampf für die internationale
sozialistische Revolution gegen den Imperialismus unmöglich
olıne die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker.
„Ein Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst eman- /
zipieren‘‘ (Marx und Engels). Ein Proletariat, das sich auch nur |
mit der geringsten Vergewaltigung anderer Nationen durch
„seine“ Nation abfindet, kann nicht sozialistisch sein.
28
AGITATION UND PROPAGANDA
ZWISCHENDERFEBRUAR- UNDDER
OKTOBERREVOLUTION
M.B.8, Lenin: Agitation u. Propaganda
131
Der Zeitabschnitt 1905—1917 war in Rußland die Periode der außerordentlichen Entwicklung des Finanzkapitals und des Imperialismus. Auf
Grund dieser Entwicklung trat Rußland endgültig in die Reihe der imperialistischen Länder ein und wurde automatisch in den Krieg von 1914 hineingezogen. Im Jahre 1914 hatten sich die Kräfte, die den halbfeudal-kapitalistischen Wirtschaftsrahmen Rußlands sprengen mußten, von der Niederlage von
1905 bereits erholt. Der imperialistische Weltkrieg hatle eine Zeitlang die
revolutionäre Bewegung in Rußland aufhalten können. Aber er hatte in der
kapitalistischen Weltwirtschaft Änderungen hervorgerufen, die im Jahre
1917 die Möglichkeit schufen, die Frage der Vollendung der bürgerlichen
Revolution in Rußland und die ihres Übergehens in die sozialistische Revolution nicht nur im russischen, sondern im internationalen Maßstabe zu
stellen. Die Februarrevolution des Jahres 1917 war der erste Schritt hierzu.
Innerhalb von wenigen Tagen stürzte das Petrograder Proletariat und die
von ihm geführte Bauernarmee den Absolutismus und ließ die Bourgeoisie
an die Macht gelangen. Eine bürgerliche Provisorische Regierung wurde
eingesetzt. Neben ihr entstanden und wirkten als eine Nebenregierung die
Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputiertenräte, so daß eine Art von Doppelherrschaft entstand. Am 4. April aus der Emigration zurückgekehrt, verfaßte Lenin seine berühmten Thesen, in denen er die Aufgaben der bolschewistischen Partei in Zusammenhang mit der entstandenen Lage klarlegte.
Die Hauptlosung der Bolschewiki war die Ergreifung der Macht durch das
Proletariat und die arme Bauernschaft, repräsentiert durch die Arbeiter-,
Soldaten- und Bauerndeputiertenräte. Dieser Übergang sollte mit Hilfe
einer Reihe von Maßnalımen geschehen, die der konkreten Wirklichkeit
genau entsprechen mußten. Unter den konkreten Bedingungen waren aber
die Hauptaufgaben folgende: der Kampf um den Einfluß innerhalb der
Sowjets, die Befreiung der Massen vom Einfluß der kleinbürgerlichen Parteien, die Loslösung hauptsächlich der Bauernmassen von der Bourgeoisie
und die Gründung eines starken Arbeiter- und Bauernblocks zur Eroberung
der politischen Macht. Die allgemeinen Aufgaben des revolutionären Pro-
letariats und der bolschewistischen Partei finden ihre Formulierung in der
nachstehenden Broschüre, die Lenin für die Propaganda unter den breiten
Massen der Arbeiter und Bauern schrieb.
2
Das Nachstehende ist ein Versuch, zunächst die wesentlichsten, dann aber auch die weniger wesentlichen Fragen und Antworten zu formulieren, die die gegenwärtige politische Lage
Rußlands und ihre Bewertung durch die verschiedenen Parteien
kennzeichnen.
* Veröffentlicht im Juli’ 1917 als besondere Broschüre,
#
u
Die politischen Parteien in Rußland und die Aufgaben
des Proletariats”
132
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
FragenundAntworten
1. Welches sind die Hauptgruppen der politischen Parteien
in Rußland?
A. (rechts von den K.-D.) Parteien und Gruppen rechts von
den Kadetten.
B. (K.-D.)
Konstitutionell-Demokratische Partei (Kadetten,
Partei der Volksfreiheit) und ihr nahestehende Gruppen.
C. (S.-D. und S.-R.) Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre
und ihnen nahestehende Gruppen.
D. („Bolschewiki“) Die Partei, die sch Kommunistische Partei nennen sollte und sich zur Zeit „Sozialde-
mokratische Arbeiterpartei Rußlands, vereinigt durch das Zentralkomitee“ nennt oder für gewöhnlich „Bolschewiki”.
2. Welche Klassen vertreten diese Parteien? Den Standpunkt welcher Klasse bringen sie zum Ausdruck?
A. (rechts von den K.-D.) Den der feudalen Grundherren
und der rückständigen Schichten der Bourgeoisie (Kapitalisten).
B. (K.-D.) Den der Gesamt-Bourgeoisie, d. h. der Kapitalistenklasse und der verbürgerlichten, d. h. zu Kapitalisten gewordenen Grundbesitzer.
C. (S.-D. und S--R.) Den der Kleinbesitzer, der Klein- und
Mittelbauern, des Kleinbürgertums und auch eines Teiles der Arbeiterschaft, der dem Einfluß der Bourgeoisie erlegen ist.
D. („Bolschewiki“) Den der klassenhewußten Proletarier,
der Lohnarbeiter und des ärmeren Teiles der Bauernschaft, der
sich ihnen angeschlossen hat (Halbproletarier).
3. Wie stellen sie sich zum Sozialismus?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt feindlich,
da er die Profite der Kapitalisten und Grundherren bedroht.
G. (S.-D. und S.-R.) Für den Sozialismus, es ist aber verfrüht, an ihn zu denken und sofortige praktische Schritte zu
seiner Verwirklichung zu tın.
D. (,„Bolschewiki“) Für den Sozialismus. Die Arbeiterusw. Deputiertenräte müssen sofort die praktisch möglichen
Schritte zur Verwirklichung des Sozialismus tun*.
* Was für Schritte das sind, darüber siehe die Fragen 20 und 22.
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats
133
4. Welche Staatsordnung erstreben sie gegenwärtig?
A. (rechts von den K.-D.) Konstitutionelle Monarchie, Allmacht der Beamten und der Polizei.
B. (K.-D.) Bürgerliche parlamentarische Republik, d. h.
Festigung der Kapitalistenherrschaft unter Beibehaltung des
alten Beamtentums und der Polizei.
C. (S.-D. und S.-R.) Bürgerliche parlamentarische Republik
mit Reformen für die Arbeiter und Bauern.
D. („Bolschewiki“)
Republik
der Arbeiter-, Soldaten-,
Bauern- usw. Deputiertenräte. Abschaffung des stehenden Heeres und der Polizei, dafür Bewaffnung des gesamten Volkes;
nicht nur Wählbarkeit, sondern auch Absetzbarkeit der Beamten, ihre Entlohnung nicht über den Lohn eines qualifizierten
Arbeiters.
5. Wie stellen sie sich zur Wiederaufrichtung der RomanowMonarchie?
A. (rechts von den K.-D.)
Sind dafür, handeln aber aus
Furcht vor dem Volke heimlich und vorsichtig.
B. (K.-D.) Waren, als die Gutschkow eine Macht schienen,
dafür, den Bruder bzw. den Sohn Nikolaus’ auf den Thron zu
setzen; sie sind dagegen, seitdem das Volk eine Macht zu sein
scheint.
C. (S.-D. und S.-R.), D. („Bolschewiki“) Unbedingt gegen
jede Wiederaufrichtung der Monarchie.
6. Wie stellen sie sich zur Machtergreifung?
sie Ordnung, was Anarchie?
Was nennen
A. (rechts von den K.-D.) Ergreift der Zar oder ein braver
General die Macht, so ist das Gottes Wille, ist das Ordnung. Alles
andere ist Anarchie.
B. (K.-D.) Ergreifen die Kapitalisten, sei es auch mit Gewalt, die Macht, so ist das Ordnung. Die Macht gegen die Kapitalisten zu ergreifen, wäre Anarchie.
C. (S.-D. und S.-R.) Ergreifen die Arbeiter-, Soldaten- usw.
Deputiertenräte allein die gesamte Macht, dann droht Anarchie.
Mögen die Kapitalisten einstweilen die. Macht behalten, und die
134
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte — die „Kontaktkommission”,
D. („Bolschewiki“) Die ganze Macht ausschließlich in die
Hände der Arbeiter-, Soldaten-, Bauern- und Landarbeiterusw. Deputiertenräte. Die gesamte Propaganda, Agitation und
Organisation von Millionen und aber Millionen Menschen sofort auf dieses Ziel einstellen*.
7. Soll man die Provisorische Regierung unterslützen?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt, denn sie ist
die im gegenwärtigen Augenblick einzig mögliche Regierung, die
die Interessen der Kapitalisten schützt.
C. (S.-D. und S.-R.) Ja. jedoch unter der Bedingung, daß
sie die Vereinbarung mit dem Arbeiter- und Soldatendeputiertenrat einhält und die Sitzungen der „Kontaktkommission“ besucht.
D. („Bolschewiki“) Nein; mögen die Kapitalisten sie unterstützen. Wir müssen das ganze Volk vorbereiten zur alleinigen und uneingeschränkten Herrschaft der Arbeiter-, Soldatenusw. Deputiertenräle.
8. Für Alleinherrschaft oder für Doppelherrschaft?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Für die Alleinherrschaft der Kapitalisten und Grundherren.
C.
(S.-D. und S.-R.)
Für die Doppelherrschaft:
„Kon-
trolle“‘ der Provisorischen Regierung durch die Ärbeiter- und
Soldatendeputiertenräte.. — Darüber nachzudenken, ob Kontrolle ohne Macht wirksam, ist schädlich.
D. („Bolschewiki“)
Für die Alleinherrschaft der Arbeiter-,
Soldaten-, Bauern- usw. Deputiertenräte im ganzen Lande, von
unten bis oben.
9. Soll die Konstituierende Versammlung einberufen werden?
A. (rechts von den K.-D.) Nein; sie könnte den Grundherren
schaden. — Die Bauern könnten am Ende in der Konstituieren* Anarchie nennt man die Ablehnung jeglicher Staatsmacht, der Arbeiterund Soldaten-Deputiertenrat ist aber auch eine Staatsmacht.
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats
135
den Versammlung beschließen, den Grundherren den ganzen
Boden wegzunehmen.
B. (K.-D.) Ja, aber keinen Termin festsetzen. Möglichst
lange Beratungen mit den Juristen und Professoren; hat doch
schon Bebel gesagt, daß die Juristen die schlimmsten Reaktionäre der Welt sind, und zweitens lehrt die Erfahrung aller Revolutionen, daß die Freiheit des Volkes verloren ist, wenn man
sie Professoren anvertraut.
C. (S.-R. und S.-D.) Ja, und möglichst schnell. Man muß
den Termin festsetzen; wir haben schon zweihundertmal in der
Kontaktkommission darüber gesprochen und werden es morgen
zum zweihunderterstenmal endgültig tun.
. D. („Bolschewiki“) Ja, und möglichst schnell. Aber die Ga-
rantie für ihren Erfolg und überhaupt ihre Einberufung ist
allein: Zunahme der Zahl und Kraft der Arbeiter-, Soldaten-
und Bauern- usw. Deputiertenräte; Organisierung und Bewaffnung der Ärbeitermassen — das ist die einzige Garantie.
10. Braucht der Staat eine Polizei des üblichen Typus und
ein stehendes Heer?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Dringend und unbedingt,
denn sie sind die einzig sichere Garantie der Kapitalistenherrschaft und nötigenfalls erleichtern sie — wie die Erfahrung
aller Länder zeigt — die Rückkehr von der Republik zur Monarchie außerordentlich.
GC. (S.-D. und S.-R.) Einerseits sind sie vielleicht nicht notwendig. Anderseits, sind so radikale Veränderungen nicht ver-
früht? Übrigens werden wir das in der Kontaktkommission
besprechen.
D. („Bolschewiki“)
Absolut unnötig. Sofort und unbedingt
das gesamte Volk bewaffnen, seine Verschmelzung mit der Miliz
und der Armee durchführen. Die Kapitalisten haben den Arbeitern die Tage, an denen diese in der Miliz Dienst tun, zu be-
zahlen.
11. Braucht der Staat ein Beamtentum des üblichen Typus?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt ja. Das Beamtentum ist zu neun Zehntel versippt mit den Grundherren und
136
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
Kapitalisten. Es muß eine privilegierte, praktisch unabsetzbare
Gruppe bleiben.
C. (S.-D. und S.-R.) Es ist nicht angebracht, diese Frage sofort aufzurollen (eine Frage, die von der Pariser Kommune
praktisch gestellt wurde).
D. („Bolschewiki“) Absolut unnötig. Notwendig ist nicht
nur die Wählbarkeit aller Beamten wie aller Deputierten, sondern auch ihre jederzeitige Absetzbarkeit. Ihre Bezahlung nicht
über den Lohn eines qualifizierten Arbeiters. Ihre (allmähliche)
Ersetzung durch die allgemeine Volksmiliz und ihre Abteilungen.
12. Sollen die Offiziere von den Soldaten gewählt werden?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Nein, das schädigt die
Grundherren und die Kapitalisten. Falls man mit den Soldaten
anders nicht fertig wird, muß man ihnen diese Reform einstweilen zugestehen, sie aber möglichst rasch wieder zurücknehmen.
C. (S.-D. und S.-R.) Ja.
D. („Bolschewiki“)
Nicht nur wählen muß man sie, son-
dern jeder Schritt eines Offiziers oder Generals muß durch besondere, von den Soldaten gewählte Vertrauensleute kontrolliert
werden.
13. Ist das eigenmächtige Absetzen der Vorgesetzten durch
die Soldaten nützlich?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt schädlich.
Gutschkow hat es bereits verboten, er hat bereits Gewalt angedroht. Man muß Gutschkow unterstützen.
GC. (S.-D. und S.-R.)
man
sie
zuerst
Es ist nützlich, unklar bleibt nur, soll
absetzen
und
dann
zur
Kontaktkommission
gehen, oder umgekehrt.
D. („Bolschewiki“) Es ist in jeder Beziehung nützlich und
notwendig. Nur gewählten Vorgesetzten gehorchen die Soldaten,
nur diese achten sie.
14. Für den jetzigen Krieg oder gegen ihn?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Unbedingt dafür, weil
er den Kapitalisten unerhört große Gewinne einbringt und ihre
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats
137
Herrschaft durch Entzweiung und Verhetzung der Arbeiter zu
festigen verspricht. Die Arbeiter kann man beschwindeln, indem man den Krieg einen Verteidigungskrieg nennt, dessen Ziel
eigentlich der Sturz Wilhelms sei.
C. (S.-D. und S.-R.) Wir sind überhaupt gegen den imperialiıstischen Krieg, sind aber bereit, uns betrügen zu lassen und die
Unterstützung des von der imperialistischen Regierung Gutschkow-Miljukow u. Co. geführten imperialistischen Krieges „revolutionäre Landesverteidigung‘ zu nennen.
D. („Bolschewiki“)
Unbedingt gegen den imperialistischen
Krieg überhaupt; gegen alle bürgerlichen Regierungen, die ihn
führen; auch gegen unsere Provisorische Regierung; unbedingt
gegen die „revolutionäre Landesverteidigung‘“ in Rußland.
15. Für oder gegen die vom Zaren mit England, Frankreich
usw. geschlossenen internationalen Raubverträge (über die Erdrosselung Persiens, die Aufteilung Chinas, der Türkei, Österreichs usw.)?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Bedingungslos dafür.
Dabei darf man diese Verträge nicht veröffentlichen, sowohl
weil das englisch-französische imperialistische Kapital und seine
Regierungen es nicht erlauben, als auch deswegen, weil das
russische Kapital seine schmutzigen Machenschaften nicht vor
der ganzen Öffentlichkeit aufdecken kann.
C. (S.-D. und S.-R.) Dagegen, wir hoffen aber noch, daß
man mit Hilfe der Kontaktkommission und durch eine Reihe
von „Kampagnen“ unter den Massen auf die Kapitalistenregierung „einwirken“ kann.
D. („Bolschewiki“)
Dagegen.
Die ganze Aufgabe besteht
darin, den Massen klarzumachen, daß es ganz aussichtslos ist,
von kapitalistischen Regierungen irgend etwas in dieser Beziehung zu erwarten, und daß die Macht unbedingt auf das
Proletariat und die arme Bauernschaft übergehen muß.
16. Für oder gegen Annexionen?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Handelt es sich um Annexionen deutscher Kapitalisten und ihres räuberischen Führers
Wilhelm, so sind wir dagegen. Handelt es sich um Annexionen
138
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
englischer Kapitalisten, so sind wir nicht dagegen, denn es sind
„unsere“ Verbündeten. Handelt es sich um Annexionen unserer
Kapitalisten, die die vom Zaren versklavten Völker mit Gewalt
innerhalb der russischen Grenzen festhalten, so sind wir
bezeichnen das nicht als Annexionen.
C. (S.-D. und S.-R.)
dafür,
Gegen Annexionen; wir hoffen aber
noch, daß man auch von der Kapitalistenregierung die „Zusage“
erhalten wird, sie werde auf sie verzichten.
D. („Bolschewiki“)
Gegen Annexionen; alle Versprechungen
der kapitalistischen Regierung, auf Ännexionen zu verzichten,
sind nichts als Betrug. Ihn zu entlarven, gibt es nur ein Mittel:
die Befreiung der Völker fordern, die von den eigenen Kapitalisten unterdrückt werden.
17. Für oder gegen die „Freiheitsanleihe‘?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.)
Unbedingt dafür,
denn sie erleichtert die Fortführung des imperialistischen Krieges, d. h. des Krieges um die Frage, welche Kapitalistengruppe die Welt beherrschen soll.
C. (S.-D. und S.-R)
Dafür, denn die falsche Position der
„Tevolutionären Vaterlandsverteidigung‘ verurteilt uns zu diesem offenkundigen Abweichen vom Internationalismus.
D. („Bolschewiki“) Dagegen; denn der Krieg bleibt ein imperialistischer Krieg, er wird geführt von Kapitalisten im Bunde
mit Kapitalisten, im Interesse von Kapitalisten.
18. Dafür oder dagegen, daß die kapitalistischen Regierungen
der Welt den Friedenswillen der Völker kundtun?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Dafür, denn die Erfahrung der französischen republikanischen Sozialchauvinisten
hat klar und deutlich die Möglichkeit gezeigt, auf diese Weise
das Volk zu betrügen: sagen kann man, was man will, in Wirklichkeit aber werden wir die Beute, die wir den Deutschen geraubt haben
(ihre Kolonien), behalten und ihnen abnehmen,
was diese Räuber geraubt haben.
C. (S.-D. und S.-R.) Dafür, denn wir halten überhaupt
noch an vielen unbegründeten Hoffnungen fest, die die Kleinhourgeoisie auf die Kapitalisten setzt.
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats
139
D. („Bolschewiki“) Dagegen, denn die klassenbewußten Ar-
beiter hegen keinerlei Hoffnungen in bezug auf die Kapitalisten, und unsere Aufgabe ist, den Massen klarzumachen, wie
unbegründet diese Hoffnungen sind.
19. Soll man alle Monarchen überhaupt stürzen?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.)
Nein, den englischen,
den italienischen und überhaupt die verbündeten Monarchen
braucht man nicht zu stürzen, man muß nur den deutschen, den
österreichischen, den türkischen und den bulgarischen Monarchen stürzen, denn der Sieg über sie wird unsere Profite verzehnfachen.
C. (S.-D. und S.-R.) Man muß eine „Reihenfolge“ festsetzen
und beginnen unbedingt mit dem Sturz Wilhelms; mit den verbündeten Monarchen kann man wohl noch warten.
D. („Bolschewiki“) Eine Reihenfolge für die Revolution
kann man nicht festsetzen. Man muß nur den Revolutionären
der Tat helfen und in allen Ländern ohne Ausnahme alle
Monarchen stürzen.
20. Sollen die Bauern sofort den gesamten qgutsherrlichen
Boden nehmen?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Auf keinen Fall. Man
muß die Konstituierende Versammlung abwarten. Schingarjow®” hat bereits auseinandergesetzt: wenn die Kapitalisten dem
Zaren die Macht entreißen, so ist das eine große und ruhmreiche Revolution, wenn aber die Bauern den Grundherren das
Land wegnehmen, so ist das Faustrecht.
Wir brauchen paritä-
tische Schiedskommissionen aus Grundherren und Bauern, mit
Beamten als Vorsitzende, d. h. denselben Kapitalisten und
Grundherren.
C. (S.-D. und S.-R.) Es ist besser, die Bauern warten die
Konstituierende Versammlung ab.
D. („Bolschewiki“) Man muß den ganzen Boden sofort nehmen; hierbei die strengste Ordnung sichern durch die Bauerndeputiertenräte. Die Produktion von Getreide und Fleisch muß
gesteigert werden: die Soldaten müssen besser ernährt werden.
Beschädigung des Viehs, der Geräte usw. ist absolut unzulässig.
140
Agitalion und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
21. Kann man sich begnügen allein mit den Bauerndeputiertenräten, die über den gesamten Grund und Boden und über
sämtliche Dorfangelegenheiten überhaupt verfügen sollen?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Die Grundherren und
Kapitalisten sind überhaupt gegen die ausschließliche und alleinige Herrschaft der Bauerndeputiertenräte in den Dörfern. Wenn
diese Räte aber schon nicht zu vermeiden sind, ist es natürlich
besser, man beschränkt sich auf sie, denn die reichen Bauern
sind gleichfalls Kapitalisten.
C. (S.-D. und S.-R.) Vorläufig kann man sich wohl auf sie
beschränken, obgleich die S.-D. „im Prinzip“ die Notwendig-
keit einer besonderen Organisation
Lohnarbeiter nicht leugnen.
der
landwirtschaftlichen
D. („Bolschewiki“) Man kann sich nicht beschränken auf
dıe allgemeinen Bauerndeputiertenräte allein, denn die reichen
Bauern sind ebenfalls Kapitalisten, die stets geneigt sein werden,
die Landarbeiter, die Tagelöhner und die armen Bauern zu übervorteilen oder zu betrügen. Man muß sofort besondere Organisationen schaffen für diese letztgenannten Kategorien der ländlichen Bevölkerung, sowohl innerhalb der Bauerndeputiertenräte
als auch in Gestalt besonderer Deputiertenräte der landwirtschaftlichen Arbeiter.
22. Soll das Volk die größten und mächtigsten, die monopolistischen Organisationen der Kapitalisten, die Banken, die Unternehmersyndikate usw., in seine Hand nehmen?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Auf keinen Fall, denn
das kann den Grundherren und Kapitalisten schädlich sein.
C. IS.-D. und S.-R.) Allgemein gesprochen sind wir für den
Übergang solcher Organisationen in die Hände des gesamten
Volkes, augenblicklich aber ist es noch zu früh, daran zu denken
und es vorzubereiten.
D. („Bolschewiki“) Man muß die Deputiertenräte der Arbeiter, der Bankangestellten usw. sofort vorbereiten, damit sie die praktisch möglichen und absolut durchführbaren
Schritte tun — zunächst zur Verschmelzung sämtlicher Banken
zu einer einzigen Nationalbank, sodann zur Kontrolle der Ban-
ken und Syndikate durch die Arbeiterdeputiertenräte, später zu
Die Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats
141
ihrer Nationalisierung, d. h. ihrer Übereignung an das gesamte
Volk.
23. Welche sozialistische Internationale, die das brüderliche
Bündnis zwischen den Arbeitern aller Länder durchführt und
verwirklicht, brauchen jetzt die Völker?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.) Allgemein gesprochen,
ist jede sozialistische Internationale für die Kapitalisten und
Grundherren schädlich und gefährlich, wenn sich aber der
deutsche Plechanow, d. h. Scheidemann, und der russische
Scheidemann, d. h. Plechanow, zusammenfinden und verstän-
digen, wenn sie aneinander Spuren sozialistischen Gewissens
entdecken, dann müssen wir Kapitalisten wohl eine solche
Internationale solcher Sozialisten, die sich auf die Seite
ihrer Regierungen stellen, begrüßen.
C. (S.-D. und S.-R.)
Nötig ist eine sozialistische Internatio-
nale, die alle vereinigt: sowohl die Scheidemänner und die
Plechanows als auch die Leute vom „Zentrum“, d. h. die zwischen Sozialchauvinismus und Internationalismus hin und her
Schwankenden. Je größer der Brei, um so größer die „Einheit“;
es lebe die große sozialistische Einheit!
D. (‚‚Bolschewiki“)
Die Völker brauchen nur eine solche
Internationale, die wirklich revolutionäre Arbeiter vereinigt,
fähig, dem schrecklichen und verbrecherischen Völkergemetzel
ein Ende zu machen, die Menschheit vom Joche des Kapitals zu
erlösen. Nur Menschen (Gruppen, Parteien usw.), wie der im
Zuchthaus sitzende deutsche Sozialist Karl Liebknecht, nur
Menschen, die rücksichtslos gegen die eigene Regierung, die
eigene Bourgeoisie, die eigenen Sozialchauvinisten, die
eigenen Zentristen kämpfen, nur sie können und sie müssen
unverzüglich die Internationale bilden, die die Völker brauchen.
24. Ist es notwendig, die Verbrüderung zwischen den Soldaten der kriegführenden Länder an der Front zu fördern?
A. (rechts von den K.-D.), B. (K.-D.)
Nein, das schädigt die
Interessen der Grundherren und Kapitalisten, da es die Befreiung
der Menschheit von ihrem Joche beschleunigen kann.
C. (S.-D. und S.-R.) Ja. Das ist nützlich. Doch sind wir
142
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
ie
nicht alle fest davon überzeugt, daß man mit dieser Unterstützung der Verbrüderung sofort in allen kriegführenden Ländern beginnen soll.
D. („Bolschewiki“) Ja. Das ist nützlich und notwendige.
Es ist unbedingt notwendig, sofort in allen kriegführenden Ländern die Versuche der Verbrüderung der Soldaten beider
kriegführenden Gruppen zu fördern.
25. Welche Fahnenfarbe entspräche der Natur und dem
Charakter der verschiedenen politischen Parteien?
A. (rechts von den K.-D.)
Schwarz, denn sie sind echte
Schwarzhundertleute.
B. (K.-D.) Gelb, denn das ist das internationale Banner
jener, die dem Kapital auf Gedeih und Verderb dienen.
C. (S.-D. und S.-R.)
Rosa, denn ihre ganze Politik ist wie
eine rosafarbene Limonade.
D. („Bolschewiki“)
Rot, denn das ist die Fahne der prole-
tarischen Weltrevolution.
*
Diese Broschüre wurde geschrieben Anfang April 1917. Auf
die Frage, ob sie nicht jetzt, nach dem 6. Mai 1917, nach der
Bildung der „neuen“ Koalitionsregierung, veraltet sei, möchte
ich antworten:
Nein, denn eigentlich ist die Kontaktkommission nicht verschwunden, sie ist nur in ein anderes Zimmer übergesiedelt, und
zwar zusammen mit den Herren Ministern. Der Umzug der
Tschernow und Zeretelli® in ein anderes Zimmer hat ihre Politik und die Politik ihrer Parteien nicht geändert.
143
Bauern und Arbeiter“
In Nummer 88 der „Nachrichten des Allrussischen Rates der
Bauerndeputierten®“ vom 19. August ist ein außerordentlich
interessanter Artikel abgedruckt, der eines der grundlegenden
Dokumente für jeden Parteipropagandisten und Parteiagitator
werden sollte, der mit der Bauernschaft zu tun hat, für jeden
klassenbewußten Arbeiter, der sich aufs Dorf hinausbegibt oder
mit ihm Fühlung hat.
Dieser Artikel ist eine „Musterinstruktion, zusammengestellt
auf Grund von 242 Instruktionen, die von den Deputierten zum
ersten Allrussischen Bauerndeputierten-Kongreß in Petersburg
1917 aus der Provinz mitgebracht wurden“.
Es wäre äußerst wünschenswert, wenn der Rat der Bauern-
deputierten möglichst eingehende Angaben über alle diese Instruktionen veröffentlichte (falls es absolut unmöglich sein
sollte, sie alle vollständig abzudrucken, was natürlich das beste
wäre). Besonders notwendig ist z. B. ein vollständiges Verzeichnis der Gouvernements, der Kreise und Amtsbezirke mit dem
Hinweis, wie viele Instruktionen aus jeder Gegend eingegangen,
wann sie zusammengestellt bzw. übergeben worden sind, eine
Analyse wenigstens der grundlegenden Forderungen, damit man
ersehen könnte, ob sich je nach der Gegend in einzelnen Punkten Unterschiede geltend machen.
mit
individuellem Landbesitz
schaft,
Ob sich, sagen wir, Bezirke
und Bezirke
mit Feldgemein-
großrussische Bezirke und nichtrussische,
zentral ge-
legene Bezirke und Randbezirke, Bezirke, die die Leibeigenschaft
nicht gekannt haben und dergl. — ob sie sich in ihrer Stellungnahme zur Abschaffung des Eigentumsrechtes auf das gesamte
Bauernland, zur periodischen Neuaufteilung des Bodens, zur
Nichtzulassung von Lohnarbeit, zur Enteignung des Inventars
und des Viehs der Grundherren usw. usf. von einander unterscheiden? Das wissenschaftliche Studium des ungewöhnlich
wertvollen Materials der Bauerninstruktionen ist ohne derartige
* Rabotschij‘“ Nr. 6 vom 29. August 1917.
144
Agıtation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
eingehende Angaben unmöglich. Wir Marxisten müssen aber
mit allen Kräften bestrebt sein, die unserer Politik zugrunde
liegenden Tatsachen wissenschaftlich zu erfassen.
Da besseres Material nicht vorliegt, bleibt die Sammelinstruktion (wie wir die „Musterinstruktion“ nennen wollen), solange nicht eine faktische Unrichtigkeit in ihr nachgewiesen ist, ein In seiner Art einzig dastehendes Material, das,
wir wiederholen es, unbedingt in den Händen eines jeden Mitgliedes unserer Partei sein muß.
Der erste Teil der Sammelinstruktion ist allgemeinen politischen Thesen gewidmet, Forderungen der politischen Demokra-
tie; der zweite Teil behandelt die Bodenfrage. (Wir wollen hoffen, daß der Allrussische Rat der Bauerndeputierten oder ein anderes Organ eine Sammlung der Instruktionen und Resolutionen
der Bauern zur Kriegsfrage vornehmen wird.) Beim ersten Punkt
wollen wir jetztnicht eingehend verweilen, sondern heben nur zwei
Punkte hervor. In Paragraph 6 wird die Wählbarkeit aller beamteten Personen gefordert; in Paragraph 11 die Abschaffung
des stehenden Heeres nach Beendigung des Krieges. Diese
Punkte lassen das politische Programm der Bauern dem Prosramm der Partei der Bolschewiki am nächsten stehend erscheinen. Gestützt auf diese Punkte müssen wir bei unserer ganzen
Propaganda und Agitation den Hinweis machen und den Beweis
liefern, daß die menschewistischen und sozialrevolutionären Führer Verräter nicht nur am Sozialismus, sondern auch an der De-
mokratie sind, da sie sich z. B. in Kronstadt gegen den Willen
der Bevölkerung, gegen die Prinzipien der Demokratie, im Interesse der Kapitalisten für den Posten eines von der Regierung
zubestätigenden Kommissars einsetzten, also für ein nicht
ausschließlich wählbares Amt. Die sozialrevolutionären und
ınenschewistischen Führer kämpfen in den Bezirksverordnetenversammlungen von Petersburg und in anderen lokalen Selbstverwaltungsorganen entgegen den demokratischen Prinzipien
gegen die bolschewistische Forderung, unverzüglich mit der
Einführung einer Arbeitermiliz zu beginnen als Übergang zur
späteren Volksmiliz.
Die Landforderungen der Bauernschaft bestehen nach der
Sammelinstruktion vor allem in der entschädigungslosen Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden jeder Art, ein-
Bauern und Arbeiter
145
schließlich des Bauernlandes; in der Übergabe der Ländereien
mit hochkultivierten Wirtschaftsbetrieben an den Staat oder die
Dorfgemeinden; in der Konfiskation des ganzen lebenden und
toten Inventars der gesamten beschlagnahmten Ländereien (die
landarmen Bauern ausgenommen) und seiner Übergabe an den
Staat oder die Dorfgemeinden; in der Nichtzulassung von Lohnarbeit; in der ausgleichenden Verteilung des Landes unter die
Werktätigen mit periodischen Neuverteilungen usw. Als Maßregeln der Übergangszeit bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung fordern die Bauern den unverzüglichen Erlaß von Gesetzen, die den Kauf und Verkauf von
Grund und Boden verbieten, die Abschaffung der Gesetze über
das Ausscheiden aus der Dorfgemeinde, über die Otruba”® usw.,
über den Schutz der Forste, der Fischerei und sonstiger Erwerbszweige und dgl., über die Abschaffung der langfristigen
und die Revision der kurzfristigen Pachtverträge usw.
Ein kurzes Überlegen genügt, um zu sehen, wie ganz unmöglich die Verwirklichung dieser Forderungen im Bunde
mit den Kapitalisten ist, ohne den völligen Bruch mit ihnen,
ohne den entschlossensten und schonungslosesten Kampf gegen
die Kapitalistenklasse, ohne den Sturz ihrer Herrschaft.
Darin besteht eben der Selbstbetrug der Sozialrevolutionäre
und ihr Betrug an der Bauernschaft, daß sie die Auffassung zu-
lassen und verbreiten, als seien derartige Umgestaltungen
ohne den Sturz der Kapitalistenherrschaft möglich, ohne den
Übergang der gesamten Staatsmacht an das Proletariat, ohne
daß die ärmere Bauernschaft die enischiedensten, revolutionären
Maßnahmen der proletarischen Staatsmacht gegen die Kapitalisten unterstützt. Darin liegt eben die Bedeutung des sich herausbildenden linken Flügels der ‚„Sozialrevolutionäre“, daß er
den Beweis liefert für die zunehmende Erkenntnis dieses Betruges innerhalb dieser Partei selbst.
In der Tat, die Konfiskation des gesamten privaten Landbesitzes bedeutet die Konfiskation von hunderten Millionen Kapital der Banken, denen diese Ländereien größtenteils verpfändet sind. Ist eine solche Maßnahme denkbar, ohne daß die
revolutionäre Klasse durch revolutionäre Maßnahmen den Widerstand der Kapitalisten bricht? Hierbei handelt es sich um
das am meisten zentralisierte Kapital, das Bankkapital, das
M. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
10
146
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
durch Milliarden von Fäden mit allen wichtigsten Zentren der
kapitalistischen Wirtschaft des Riesenlandes verknüpft ist und
das nur durch die nicht minder zentralisierte Macht des städtischen Proletariats besiegt werden kann.
Nehmen wir weiter die Übergabe der technisch hochstehenden landwirtschaftlichen Betriebe an den Staat. Liegt es nicht
auf der Hand, daß der ‚Staat‘, der imstande ist, diese Betriebe
zu übernehmen und sie wirklich zugunsten der Werktätigen und
nicht der Bürokraten und Kapitalisten zu bewirtschaften, ein
proletarischer, revolutionärer Staat sein muß?
Die Konfiskation von Gestüten usw., ferner die Konfiskation
des gesamten lebenden und toten Inventars, das sind nicht nur
weiter gigantische Schläge gegen das Privateigentum an den
FProduktionsmitteln. Es sind Schritte zum Sozialismus, denn der
Übergang des Inventars ‚in die ausschließliche NutznieBung des Staates oder der Dorfgemeinde“ bedingt sozialistischen
Großbetrieb in der Landwirtschaft oder mindestens sozialistische
Kontrolle über die vereinigten kleinen Wirtschaften, sozialistische Regulierung ihrer Wirtschaft.
Und die „Nichtzulassung‘‘ der Lohnarbeit? Das ist eine leere
Phrase, ein hilfloser, unbewußt frommer Wunsch der an die
Wand gedrückten Kleineigentümer, die nicht sehen, daß die
ganze kapitalistische Industrie beim Fehlen einer Reservearmee
von Lohnarbeitern auf dem Lande stillstehen würde, — daß es
unmöglich ist, die Lohnarbeit auf dem Dorfe „nicht zuzulassen“,
wenn man sie in der Stadt zuläßt, — schließlich, daß die „Nichtzulassung‘‘ der Lohnarbeit nichts anderes bedeutet als einen
Schritt zum Sozialismus.
Hier sind wir nun zu der Kernfrage des Verhältnisses zwischen
Arbeitern und Bauern gelangt.
Seit über zwanzig Jahren besteht in Rußland eine sozialdemokratische Massenbewegung der Arbeiter (wenn man von
den großen Streiks des Jahres 1896 rechnet’*). Durch diese ganze
Zeitspanne, durch zwei große Revolutionen, geht wie ein
roter Faden durch die ganze politische Geschichte Rußlands
die Frage: soll die Arbeiterklasse die Bauern vorwärts zum
Sozialismus führen, oder soll der liberale Bourgeois sie zurückzerren zur Aussöhnung mit dem Kapitalismus.
Der opportunistische Flügel der Sozialdemokratie argumen-
Bauern und Arbeiter
147
tiert die ganze Zeit nach folgender hochweiser Formel: weil die
Sozialrevolutionäre
Kleinbürger
kleinbürgerlich-utopische Ansicht
sind,
verwerfen
über den
„wir“
Sozialismus
ihre
im
Namen der bürgerlichen Ablehnung des Sozialismus. Der
Marxismus wird glücklich durch den Struvismus’”? ersetzi und
der Menschewismus sinkt herab zur Rolle eines Lakaien der Kadetten, der die Bauern mit der Herrschaft der Bourgeoisie „aus-
zusöhnen“ sucht ...
Die revolutionäre Sozialdemokratie, die auf die Kritik der
kleinbürgerlichen Illusionen der Sozialrevolutionäre nie verzichtet hat, die einen Block mit ihnen nie anders gebildet
hat als gegen die Kadetten, kämpft die ganze Zeit darum, die
Bauern dem Einfluß der Kadetten zu entreißen, und setzt
der kleinbürgerlich-utopistischen Auffassung vom Sozialismus
nicht die liberale Aussöhnung mit dem Kapitalismus entgegen,
sondern den revolutionär-proletarischen Weg zum Sozialismus.
Jetzt, wo der Krieg die Entwicklung ungewöhnlich beschleunigt, die Krisis des Kapitalismus unglaublich verschärft und die
Völker vor die unverzügliche Wahl gestellt hat: Untergang oder
sofortige entschlossene Schritte zum Sozialismus, — jetzt tritt
der ganze abgrundtiefe Unterschied zwischen dem halbliberalen
Menschewismus und dem revolutionär-proletarischen Bolschewismus anschaulich, praktisch zutage, als eine Frage der Aktion
von vielen Millionen Bauern.
Söhnt euch mit der Herrschaft des Kapitals aus, denn für
den Sozialismus sind „wir“ noch nicht reif, sagen den Bauern
die Menschewiki, wobei sie unter anderem die konkrete Frage,
ob man die durch den Krieg geschlagenen Wunden ohne entscheidende Schritte zum Sozialismus heilen kann, durch die
abstrakte Frage nach dem „Sozialismus“ überhaupt ersetzen.
Söhnt euch mit dem Kapitalismus aus, denn
die Sozialrevolutionäre sind kleinbürgerliche Utopisten, sagen den Bauern die
Menschewiki und unterstützen zusammen mit den Sozialrevolutionären die Kadettenregierung.
Die Sozialrevolutionäre aber schlagen sich an die Brust und
versichern den Bauern, sie seien gegen jeden Frieden mit den
Kapitalisten, sie hätten nie die russische Revolution als eine bürgerliche Revolution betrachtet, — und schließen deshalb
einen Block gerade mit den opportunistischen Sozialdemo10°
148
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
kraten, unterstützen gerade eine bürgerliche Regierung ... Die
Sozialrevolutionäre unterschreiben jedes noch so revolutionäre
Programm der Bauernschaft, — um es nicht durchzuführen, um
es auf die lange Bank zu schieben, um die Bauern durch gänzlich leere Versprechungen hinters Licht zu führen, während sie
sich in Wirklichkeit monatelang um eine „Verständigung“ mit
den Kadetten im Koalitionsministerium bemühen.
Dieser himmelschreiende, praktische, direkte, greifbare Ver-
rat der Sozialrevolutionäre an den Interessen der Bauernschaft
ändert die Lage von Grund auf. Diese Veränderung gilt es in
Betracht zu ziehen. Man kann nicht einfach wie früher gegen
die Sozialrevolutionäre agitieren, wie wir es 1902—1903 und
1905—1907 getan haben. Man kann sich nicht auf theoretisclie
Entlarvung der kleinbürgerlichen Illusionen von der „sSozialisierung des Bodens“, der „ausgleichenden Bodennutzung“, der
„Nichtzulassung der Lohnarbeit“ usw. beschränken.
Damals standen wir am Vorabend der bürgerlichen Revolution bzw. in der unvollendeten bürgerlichen Revolution, und die
sanze Aufgabe bestand darin, sie vor allem bis zum Sturz der
Monarchie vorwärtszutreiben.
Jetzt ist die Monarchie gestürzt. Die bürgerliche Revolution
ist soweit abgeschlossen, als Rußland eine demokratische Republik mit einer Regierung aus Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionären geworden ist. Und der Krieg hat uns in drei
Jahren um etwa dreißig Jahre vorwärts gebracht, er hat in
Europa die allgemeine Arbeitsdienstpflicht und die zwangsmäßige Syndizierung der Betriebe geschaffen, er hat die fortgeschrittensten Länder zu Hungersnot und unerhörtem Ruin ge-
bracht und Schritte zum Sozialismus erzwungen.
Nur das Proletariat und die Bauernschaft können die Monarchie stürzen. — das war die grundlegende, dem damaligen
Zeitpunkt entsprechende Definition unserer Klassenpolitik. Und
diese Definition war richtig. Der Februar und März 1917 haben
dies ein übriges Mal bestätigt.
Nur das Proletariat, das die ärmste Bauernschaft (das Halbproletariat, wie es in unserem Programm heißt) führt, kann dem
Krieg durch einen demokratischen Frieden ein Ende machen,
die durch den Krieg geschlagenen Wunden heilen und die
ersten, unbedingt notwendig und
unaufschiebbar gewor-
Bauern und Arbeiter
149
denen Schritte zum Sozialismus tun — so lautet die -Definition
unserer Klassenpolitik jetzt.
Daraus folgt die Schlußfolgerung: das Schwergewicht unserer
Propaganda und Agitation gegen die Sozialrevolutionäre muß
auf ihren Verrat an den Bauern verlegt werden. Sie vertreten
nicht die Masse der armen Bauern, sondern die Minderheit der
wohlhabenden Eigentümer. Sie führen die Bauern nicht zu
einem Bündnis mit den Arbeitern, sondern zu einem Bündnis
mit den Kapitalisten, das heißt zur Unterwerfung unter sie. Sie
haben die Interessen der werktätigen und ausgebeuteten Masse
verkauft für Ministerposten, für den Block mit den Menschewiki
und den Kadetten.
Durch den Krieg in ihrem Gang beschleunigt, ist die Geschichte so weit vorwärts geschritten, daß die alten Formeln sich
mit neuem Inhalt gefüllt haben. „Nichtzulassung der Lohnarbeit“, das bedeutete früher lediglich: eine leere Phrase
kleinbürgerlicher Intellektueller. Jetzt bedeutet dies in der Praxis
etwas anderes: Millionen armer Bauern sagen in den 242 Instruktionen, daß sie zur Abschaffung der Lohnarbeit schreiten
wollen, aber nicht wissen, wie es zu bewerkstelligen ist. Wir wissen, wie es zu bewerkstelligen ist. Wir wissen, daß man es nur
im Bunde mit den Arbeitern erreichen kann, unter ihrer Führung, gegen die Kapilalisten und nicht durch „Verständigung“
mit den Kapitalisten.
Dahin muß sich jetzt die Grundlinie unserer Propaganda und
Agitation gegen die Sozialrevolutionäre, die Grundlinie unserer
Reden an die Bauernschaft verschieben.
Die sozialrevolutionäre Parteı hat euch
verraten,
Genossen
Bauern. Sie hat die Hütten verraten und sich auf die Seite der
Paläste geschlagen — wenn auch nicht der Paläste des Monarchen, so doch der Paläste, wo die Kadetten, die schlimmsten
Feinde der Revolution — der Bauernrevolution ganz besonders —
in einer Regierung mit den Tschernow, Pjeschechonow, Awksentjew’? sitzen.
Nur das revolutionäre Proletariat, nur die Avantgarde, die es
vereinigt, die Partei der Bolschewiki, kann in der Tat jenes
Programm der armen Bauernschaft, das in den 242 Instruk-
tionen entwickelt ist, verwirklichen. Denn das revolutionäre
Proletariat schreitet tatsächlich auf dem einzig richtigen
150
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
Wege zur Abschaffung der Lohnarbeit — durch den Sturz des
Kapitals und nicht durch ein Verbot, einen Tagelöhner zu
dingen, nicht durch die ‚„Nichtzulassung‘ der Lohnarbeit.
Das
revolutionäre Proletariat schreitet tatsächlich zur Konfiskation des Grund und Bodens, des Inventars, der landwirtschaft-
lichen Industriebetriebe — dazu, was die Bauern wollen und
was die Sozialrevolutionäre ihnen nicht geben können.
So muß sich jetzt die Grundlinie der Reden des Arbeiters an
den Bauern ändern. Wir Arbeiter können und werden euch
geben, was die arme Bauernschaft will und sucht, ohne es immer zu wissen, wo und wie sie es suchen soll. Wir Arbeiter verteidigen gegen die Kapitalisten unsere Interessen und
gleichzeitig die Interessen der gewaltigen Mehrheit der Bauern,
während die Sozialrevolutionäre ein Bündnis mit den Kapitalisten schließen und diese Interessen verraten.
.
Wir wollen den Leser daran erinnern, was Engels kurz vor
seinem Tode über die Bauernfrage sagte. Engels betonte, daß
die Sozialisten nicht daran dächten, die Kleinbauern zu expropriieren, daß nur die
Macht des Beispiels ihnen die Vorzüge der maschinellen sozialistischen Bewirtschaftung des Grund
und Bodens klarmachen würde.
Der Krieg hat jetzt Rußland praktisch vor eine Frage gerade
dieser Art gestellt. Das Inventar ist knapp. Man muß es beschlagnahmen, ohne die technisch hochstehenden Wirtschaftsbetriebe zu ‚teilen‘.
Die Bauern fangen an, dies zu begreifen. Die Not hat sie
dazu gezwungen. Der Krieg hat sie dazu gezwungen, denn Inventar ist nicht zu beschaffen. Man muß sparsam mit ihm umgehen. Landwirtschaftlicher Großbetrieb aber heißt ersparte Arbeit an Inventar wie an vielem anderen.
Für sich wollen die Bauern die Kleinwirtschaft beibehalten,
wollen sie ausgleichend normieren und periodisch von neuem
ausgleichen ... Gut. Deshalb wird kein einziger vernünftiger
Sozialist mit der armen Bauernschaft in Konflikt geraten. Ist
der Grund und Boden konfisziert, das heißt die Herrschaft
der Banken untergraben, ist das Inventar konfisziert, das
heißt die Herrschaft des Kapitals untergraben — dann wird
Bauern und Arbeiter
151
sich beiderHerrschaftdesProletariatsim Zen-
trum, beim Übergang der politischen Macht an das Proletariat alles andere
vonselbst
ergeben, als Resultat der „Macht
des Beispiels“, diktiert durch die Praxis selbst.
Der Übergang der politischen Macht an das Proletariat, das
ist der Kern der Sache.
Damit wird alles Wesentliche, Grund-
legende, Wichtige im Programm der 242 Instruktionen durchführbar. Das Leben selbst wird zeigen, mit welchen Veränderungen diese Durchführung vor sich gehen wird. Das ist
nebensächlich. Wir sind keine Doktrinäre. Unser Teil ist nicht
das Dogma, sondern die Anleitung zum Handeln.
Wir erheben keinen Anspruch darauf, daß Marx oder die
Marxisten den Weg zum Sozialismus In allen _seinen_ konkreten _
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„Einzelheiten. kennen. Das istUnsinn. Wir kennen die Richtung
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dieses Weges, wir wissen, welche Klassenkräfte auf diesem Weg
führen, konkret, praktisch wird es aber erst die
Erfahrung
der Millionen, wenn sie ans Werk schreiten, zeigen.
Habt Vertrauen zu den Arbeitern, Genossen Bauern, zerreißt
das Bündnis mit den Kapitalisten! Nur im engen Bund mit deu
Arbeitern könnt ihr die praktische Durchführung des Prosramms der 242 Instruktionen beginnen. Im Bunde mit den Kapitalisten, unter der Führung der Sozialrevolutionäre, werdet ihr
nie auch
nur einen einzigen entschlossenen, entscheidenden Schritt im Sinne dieses Programms erleben.
Wenn ihr aber im Bunde mit den städtischen Arbeitern, in
schonungslosem Kampf gegen das Kapital das Programm der 242
Instruktionen zu verwirklichen beginnt, dann wird die ganze
Welt euch und uns zu Hilfe kommen, dann ist der Erfolg dieses
Programms — nicht in seiner jetzigen Formulierung, aber im
Wesen — gesichert. Dann ist das Ende der Herrschaft des Kapitals und der Lohnsklaverei gekommen. Dann beginnt das
Reich des Sozialismus, das Reich des Friedens, das Reich der
Werktätigen.
152
Asitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktoher
;
Über die Losung „Alle Macht den Räten““
Die Politik der Provisorischen Regierung, die auf die Fortselzung des
Krieges, auf die Aufschiebung jeder Reform gerichtet war, halte die Unzufriedenheit unter den breiten Massen der Arbeiter, Bauern und Soldaten
aufs höchste gesteigert. Diese Unzufriedenheit fand ihren Ausdruck in der
bewaffneten Erhebung des Petrograder Proletariats und einer Reihe in der
Hauptstadt stalionierter Truppenteile am 3./4. Juli 1917 unter der Losung
„Alle Macht den Räten“. Die Aktion endete aber mit einem Mißerfolg. Die
Ursache hierfür war in der kleinbürgerlichen Zusammensetzung der Sowjets zu suchen, die, mit Menschewiki und Sozialrevolulionären an ihrer
Spitze, die Niederwerfung der revolutionären Erhebung förderten. Die
Machtpositionen der Bourgeoisie wurden nach den Julilagen ungeheuer
gefestigt. Mit Hilfe der kleinbürgerlichen Parteien wurden die Bolschewiki
durch die Bourgeoisie in die Illegalität getrieben, die bolschewistische Presse
wurde verboten. Die neue Lage, die konterrevolutionäre Rolle der kleinbürgerlichen Sowjets, zwang Lenin und die Bolschewiki, die Losung „Alle
Macht den Räten‘“ wieder zurückzunehmen und eine andere Losung „Nieder
mit der Diktatur des Imperialismus” aufzustellen. Der Klarlegung der neuen
Taktik ist der nachstehende Aufsatz gewidmet.
*k
Nur allzu oft pflegt es vorzukommen, daß bei einer jähen
Wendung der Geschichte selbst die fortgeschrittenen Parteien
eine längere oder kürzere Zeit hindurch sich mit der neuen Lage
nicht vertraut machen können, daß sie die Losungen wieder-
holen, die gestern richtig waren, heute aber jeden Sinn verloren
haben, verloren haben ebenso „plötzlich“ wie die jähe Wendung
der Geschichte eingetreten ist.
Etwas Ähnliches kann sich anscheinend auch mit der Losung
des Überganges der ganzen Macht auf die Räte wiederholen.
Diese Losung war richtig für die nun endgültig abgeschlossene
Periode unserer Revolution, sagen wir, die Zeit vom 27. Februar bis zum 4. Juli. Es ist klar, daß diese Losung jetzt nicht
mehr richtig ist. Ohne das begriffen zu haben, kann man von
den dringenden Fragen der Jetztzeit nichts begreifen. Jede einzelne Losung muß aus der Gesamtheit der Besonderheiten einer
bestimmten politischen Lage abgeleitet werden. Die politische
Lage in Rußland ist aber jetzt, nach dem 4. Juli, grundverschie* Aus dem Artikel „Zu den Losungen“, Juli 1917.
Über die Losung „Alle Macht den Räten“
153
den von der Lage, wie wir sie vom 27. Februar bis zum 4. Juli
hatten.
Damals, in dieser nunmehr vergangenen Periode der Revolution, gab es im Staate eine sogenannte „Doppelherrschaft“, die
sowohl materiell als auch formell den unbestimmten, vorüber-
gehenden Zustand der Staatsgewalt zum Ausdruck brachte. Wir
wollen nicht vergessen, daß die Machtfrage die Kardinalfrage
jeder Revolution ist.
Damals befand sich die Staatsmacht in einem schwankenden
Zustand.
In ihr teilten sich, auf Grund eines freiwilligen Über-
einkommens, die Provisorische Regierung und die Sowjets. Die
Sowjets waren Delegationen freier, d. h. keiner äußeren Gewalt
unterliegender und bewaffneter Arbeiter- und Soldatenmassen.
Die Waffen in den Händen des Volkes, das Fehlen einer äußeren
auf das Volk angewandten Gewalt — das war das Wesen der
Sache. Das eröffnete und sicherte einen friedlichen Entwicklungsweg der ganzen Revolution. Die Losung: „Übergang der
ganzen Macht auf die Räte“ war die Losung des nächsten Schrittes, eines unmittelbar zu verwirklichenden Schrittes auf diesem
friedlichen Entwicklungswege, Es war die Losung der fried-
lichen Entwicklung der Revolution, einer Entwicklung, die in der
Zeit vom 27. Februar bis zum 4. Juli möglich war und natürlich
am wünschenswertesien ist, die aber jetzt absolut unmöglich geworden ist.
|
Allem Anschein nach sind sich nicht alle Anhänger der
Losung des „Überganges der ganzen Macht an die Räte“ genügend klar darüber, daß dies eine Losung der friedlichen Vorwärtsentwicklung der Revolution war. Der friedlichen nicht
allein in dem Sinne, daß niemand, keine einzige Klasse, keine
ernsthafte Kraft sich damals (vom 27. Februar bis zum 4. Juli)
dem Übergang der Macht auf die Räte hätte widersetzen und
ihn verhindern können. Das ist noch nicht alles. Eine friedliche Entwicklung wäre damals selbst in der Hinsicht möglich
gewesen, daß der Kampf der Klassen und Parteieninnerhalb
der Räte damals — bei rechtzeitigem Übergang der ganzen Fülle
der Staatsgewalt auf die Räte — sich am friedlichsten und
schmerzlosesten hätte gestalten können.
Auch diese Seite der Frage wird noch zu wenig beachtet.
Ihrer Klassenzusammensetzung nach waren die Räte die Organe
154
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
der Arbeiter- und Bauernbewegung, die fertige Form ihrer Diktatlur. Hätten sie über die ganze Macht verfügt, so wäre der
Hauptmangel der kleinbürgerlichen Schichten, ihre Hauptsünde,
die Vertrauensseligkeit gegenüber den Kapitalisten, in der
Praxis überwunden, durch das Schicksal ihrer eigenen Maßnahmen Lügen gestraft worden. Die Ablösung der an der Macht
stehenden Klassen und Parteien hätte sich innerhalb der Sowjets, auf dem Boden ihrer Allein- und Allherrschaft, friedlich ab-
spielen können; die Verbindung aller Sowjetparteien mit den
Massen hätte fest und ungeschwächt bleiben können. Man darf
keinen Augenblick außer acht lassen, daß nur diese engste und
ungehindert sich verbreitende und vertiefende Verbindung der
Sowjetparteien mit den Massen dazu hätte verhelfen können, die
Illusionen des kleinbürgerlichen Paktierens mit der Bourgeoisie
friedlich zu überwinden. Der Übergang der Macht an die Räte
hätte an und für sich an den Beziehungen zwischen den Klassen
nichts geändert und auch nichts ändern können; der kleinbürgerliche Charakter der Bauernschaft wäre derselbe geblieben. Aber
er hätte einen rechtzeitigen großen Schritt zur Loslösung der
Bauern von der Bourgeoisie, zu ihrer Annäherung und späteren
Vereinigung mit den Arbeitern bedeutet.
So hätte es sein können, wenn die Macht rechtzeitig an die
Sowjets übergegangen wäre. Das wäre für das Volk am leichtesten, am vorteilhaftesten gewesen. Ein solcher Weg wäre der
schmerzloseste gewesen, und daher mußte man für ihn aufs tatkräftigste kämpfen. Aber jetzt ist dieser Kampf, der Kampf für
den rechtzeitigen Übergang der Macht an die Sowjets, zu Ende.
Der friedliche Entwicklungsweg ist unmöglich gemacht.
Ein
nicht friedlicher, ein sehr schmerzvoller Weg ist betreten worden.
Der Umschwung vom 4. Juli besteht ja eben darin, daß die
objektive Lage mit diesem Tage eine jähe Änderung erfahren
hat. Die Labilität der Macht hat aufgehört, an entscheidender
Stelle ist die Macht in die Hände der Konterrevolution übergesangen. Die Entwicklung der Parteien auf dem Boden des Paktierens der kleinbürgerlichen Parteien der Sozialrevolutionäre
und Menschewiki mit den konterrevolutionären Kadetten hat
dazu geführt, daß diese beiden kleinbürgerlichen Parteien sich
als faktische Teilhaber und Helfershelfer des konterrevolutionären Henkerregimes erwiesen haben. Die unbewußte Ver-
Über die Losung „Alle Macht den Räten“
155
trauensseligkeit der Kleinbürger den Kapitalisten gegenüber hat
die Kleinbürger durch die Logik des Parteikampfes zur bewußten Unterstützung der Konterrevolutionäre geführt. Der Entwicklungszyklus der Beziehungen zwischen den Parteien ist geschlossen. Am 27. Februar fanden sich alle Klassen gegen die
Monarchie. Nach dem 4. Juli hat die konterrevolutionäre Bourgeoisie, Hand in Hand mit den Monarchisten und den SchwarzHundert-Leuten, die kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre und
Menschewiki, die sie zum Teil eingeschüchtert hatte, an sich ge-
kettet und die faktische Staatsgewalt in die Hände von Cavaignacs’*
gelegt, in die Hände einer Militärkamarilla, die die Unbotmäßigen an der Front erschießt, die bolschewistischen Organisationen in Petersburg zertrümmert.
Die Losung: „Übergang der Macht auf die Räte‘ würde
jetzt wie eine Donquichotterie oder wie Hohn klingen. Diese
Losung wäre objektiv eine Irreführung des Volkes, eine Erweckung der Illusion im Volke, als ob auch jetzt noch der
Wunsch der Sowjets, die Macht zu übernehmen, bzw. ein dahingehender Beschluß der Sowjets genügte, damit sich die Sowjets
tatsächlich in Besitz der Macht setzen, als ob es im Sowjet noch
Parteien gäbe, die sich nicht besudelt hätten mit den den Henkern erwiesenen Helfersdiensten, als ob man das Geschehene ungeschehen machen könnte ...
Das Wesen der Dinge besteht darin, daß die Macht jetzt nicht
mehr auf friedliichem Wege erobert werden kann. Man kann sie
nur erringen, nachdem man in entscheidendem Kampfe jene besiegt hat, die die tatsächlichen Träger der Macht in diesem Moment sind, nämlich die Militärkamarilla, die Cavaignacs, die sich
auf die nach Petersburg gebrachten reaktionären Truppenteile,
auf die Kadetten und die Monarchisten stützen.
Das Wesen der Sache besteht darin, daß diese neuen Träger
der Staatsgewalt nur von den revolutionären Massen des Volkes
besiegt werden können. Damit sich diese Massen in Bewegung
setzen, müssen sie nicht nur vom Proletariat geführt werden, sie
müssen auch den Parleien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Sache der Revolution verraten haben, den
Rücken kehren ...
Die Kardinalfrage der Revolution ist die Frage der Macht, sag-
156
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
ten wir. Man muß hinzufügen: gerade die Revolutionen zeigen
uns auf Schritt und Tritt eine Verdunkelung der Frage, wo die
tatsächliche Macht ist, zeigen uns, daß die
formale
und
die
reale Macht sich nicht zu decken brauchen. Gerade hierin besteht
eine der wichtigsten Eigenarten einer jeden revolutionären Periode. Im März und April 1917 war es ungewiß, ob sich die
reale Macht in Händen der Regierung oder in Händen der Sowjets
befand.
Jetzt ist es von besonderer Wichtigkeit, daß die klassenbewußten Arbeiter nüchtern die Kardinalfrage der Revolution erwägen: in wessen Händen liegt jetzt die Macht im Staate? Man
überlege, welches die materiellen Erscheinungsformen dieser
Macht sind, man nehme nicht Phrasen für die Tat hin, und die
Antwort wird nicht schwer fallen.
Der Staat, das sind vor allem Abteilungen Bewaffneter mit
materiellen Anhängseln, wie Gefängnisse usw. — schrieb Friedrich Engels. Jetzt sind es Offiziersschüler und reaktionäre Kosaken, die speziell nach Petersburg gebracht worden sind; es
sind dieselben, die Kamenew’”° und die anderen hinter Schloß
und Riegel halten, die die Zeitung „Prawda‘ verboten, die Arbeiter und einen bestimmten Teil der Soldaten entwaffnet haben.
die einen anderen Teil der Soldaten erschießen. Diese Henker
sind die reale Staatsmacht ...
Das Volk muß vor allem und dringender als alles die Wahrheit erfahren, muß wissen, in wessen Händen in Wirklichkeit
die Staatsmacht liegt. Man muß dem Volke die ganze Wahrheit
sagen: die Macht liegt in den Händen einer Militärclique von
Cavaignacs
(Kerenski,
einige Generale,
Offiziere usw.), die
unterstützt wird von der Bourgeoisie als Klasse, mit der Partei
der Kadetten und mit all den Monarchisten an der Spitze, die
durch alle erzreaktionären Zeitungen ihre Geschäfte betreiben...
Diese Macht muß gestürzt werden. Sonst ist alles Reden
über den Kampf gegen die Konterrevolution leeres Gerede,
„selbstbetrug und Volksbetrug“ ....
Die ganze Agitation unter dem Volke muß so neugestaltet
werden, daß in ihr die konkreten Erfahrungen eben der jetzigen
Revolution und insbesondere der Julitage berücksichtigt werden,
d. h. daß die Agitation den eigentlichen Volksfeind, die Militär-
Über die Losung „Alle Macht den Räten“
157
clique, die Kadetten und die Schwarze Hundert, an den
Pranger stellt, und daß jene kleinbürgerlichen Parteien, die
Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Rolle
der Helfershelfer der Henker spielten und auch jetzt noch spielen, klar und deutlich entlarvt werden.
Die ganze Agitation unter dem Volke muß so neugestaltet
werden, daß die absolute Hoffnungslosigkeit der Landzuteilung
an die Bauern, bevor die Macht der Militärclique nicht gestürzt
ist, bevor die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki nicht entlarvt sind und das Vertrauen des Volkes zu diesen
Parteien nicht zerstört ist, klar wird. In „normalen“ Verhältnissen der kapitalistischen Entwicklung wäre das ein sehr langwieriger und schwieriger Prozeß gewesen, aber sowohl der Krieg
als der ökonomische Zusammenbruch werden die Entwicklung
ungeheuer beschleunigen. Das sind „Beschleunigungskräfte“,
die einen Monat oder gar eine Woche einem Jahr gleichmachen
können.
Gegen das oben Gesagte dürften zwei Einwände gemacht
werden: erstens ermutige man, wenn man jetzt vom Endkampf
rede, isolierte Aktionen, die nur der Konterrevolution zunutze
kämen, zweitens:
der Sturz der Konterrevolution würde trotz-
dem den Übergang der Macht in die Hände der Sowjets bedeuten.
Auf den ersten Einwand erwidern wir: die Arbeiter Rußlands
sind bereits klassenbewußt genug, um sich nicht in einem für sie
offensichtlich ungünstigen Augenblick provozieren zu lassen. Daß
eine sofortige Aktion eine Vorschubleistung für die Konterrevokıtion bedeuten würde, ist zweifellos richtig. Daß der Entscheidungskampf erst möglich wird, wenn die Revolution von neuem
die breitesten Massen erfaßt, ist ebenso unbestreithar. Aber es genügt nicht, vom Aufstieg, von einer Hochflut der Revolution, von
der Hilfe der westeuropäischen Arbeiter usw. im allgemeinen zu
reden, wir müssen aus unserer Vergangenheit eine bestimmte
Schlußfolgerung ziehen, wir müssen gerade unsere Erfahrungen
verwerten. Aus diesen Erfahrungen wird sich aber eben die
Losung des entscheidenden Kampfes gegen die Konterrevolution,
die die Macht an sich gerissen hat, ergeben.
Der zweite Einwand läuft ebenfalls darauf hinaus, daß man
158
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
——
konkrete Wahrheiten durch allzu allgemeine Betrachtungen ersetzt. Der Sturz der bürgerlichen Konterrevolution kann durch
niemand anderen, durch keine andere Macht herbeigeführt werden als durch das revolutionäre Proletariat. Gerade das revolutionäre Proletariat muß nach den Erfahrungen des Juli 1917
selbständig die Staatsgewalt in seine Hände nehmen — sonst
kann es keinen Sieg der Revolution geben. Die Macht in
den Händen des Proletariats, die Unterstützung des Proletariats
durch das ärmste Bauerntum oder die Halbproletarier — das ist
der einzige Ausweg, und wir sagten bereits, durch welche Umstände diese Entwicklung außerordentlich beschleunigt werden
kann.
Räte können und müssen in dieser neuen Revolution entstehen, aber nicht die jetzigen Räte, nicht die Organe des Paktierens mit der Bourgeoisie, sondern Organe des revolutionären
Kampfes gegen sie. Daß wir auch dann für den Aufbau des ganzen Staates nach dem Rätesystem eintreten werden, trifft zu. Das
ist nicht eine Frage der Räte im allgemeinen, sondern eine Frage
des Kampfes gegen die gegebene Konterrevolution und den
Verrat dergegebenen Räte.
Die Verwechslung des Konkreten mit dem Abstrakten gehört
zu den Hauptsünden, zu den gefährlichsten Sünden während der
Revolution. Die bestehenden Räte haben ihre Prüfung nicht bestanden, sie haben vollkommen Schiffbruch erlitten, weil die Sozialrevolutionäre und Menschewiki in ihnen die Oberhand hatten.
Augenblicklich gleichen diese Räte einer Hammelherde, die zur
Schlachtbank geführt wird und, das Beil vor den Augen, kläglich blökt. Die Räte sind jetzt machtlos und ohnmächtig angesichts der siegenden bzw. siegreichen Gegenrevolution. Die Losung der Übergabe der Macht an die Räte kann aufgefaßt werden als
„einfache“ Aufforderung
zur Übernahme
der
Macht
durch die bestehenden Räte, und das sagen, dazu aufrufen, würde
heißen, das Volk irreführen. Es gibt nichts Gefährlicheres als
den Betrug.
Der Entwicklungszyklus des Klassen- und Parteikampfes in
Rußland vom 27. Februar bis zum 4. Juli ist geschlossen. Es beginnt ein neuer Zyklus, an dem nicht die alten Klassen, nicht die
alten Parteien, nicht die alten Räte teilnehmen werden, sondern
solche, die im Feuer des Kampfes erneuert, gestählt, geschult.
Über die Losung „Alle Macht den Räten“
159
durch den Verlauf des Kampfes umgeformt worden sind. Man
soll nicht rückwärts, sondern vorwärts schauen. Man darf nicht
mit den alten, sondern man muß mit den neuen, nach dem Julı
entstandenen Klassen- und Parteikategorien operieren. Man muß
am Anfang des neuen Kreislaufes von der siegreichen bürger-
lichen Konterrevolution ausgehen, die gesiegt hat, weil die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki mit ihr paktierten, und
die nur durch das revolutionäre Proletariat besiegt werden
kann...
160
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
N
Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen”
Die Kompromißpolitik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die
Aufschiebung der sozialen Reformen, die Gefahr der bürgerlichen Diktatur,
— all das revolutionierte die Massen sehr rasch und beschleunigte ihre
Befreiung vom Einfluß der kleinbürgerlichen Parteien. Die Sowjelwahlen
vom Seplember ergaben (vor allem in Petrograd und \loskau) eine bolschewistische Mehrheit. Ein Umschwung in der Slimmung der Massen
trat klar zutage. Diese Tatsache veranlaßte Lenin, wieder die Losung
aufzustellen:
„Alle Macht den Räten“.
In der nunmehr entstandenen Si-
tuation bedeutele diese Losung den Aufstand, denn ein friedlicher Weg
der Entwicklung der Revolution war ausgeschlossen. Die Parlei begann,
sich auf die Eroberung der Macht durch den bewaffneten Aufsland vorzubereiten. Am 16. Oktober wurde das revolutionäre Mililärkomilee orga-
nisiert, am 25. begann der Aufstand, der zum Sturz der Bourgeoisie und
zur Aufrichtung der Sowjetmacht führte.
Nachdem die Bolschewiki in den Arbeiter- und SoldatenDeputierten-Räten beider Hauptstädte die Mehrheit erhalten haben, können und müssen sie die Staatsgewalt in ihre Hände nehmen.
Sie können es, denn die aktive Mehrheit der revolutionären
Elemente des Volkes beider Hauptstädte ist groß genug, um die
Massen mit sich zu reißen, den Widerstand des Gegners zu
brechen, ihn zu schlagen, die Macht zu erobern und sie zu behaupten. Denn wenn die Bolschewiki sofort einen demokralischen Frieden vorschlagen, den Grund und Boden sofort den
Bauern übergeben, die demokratischen Einrichtungen und Freiheiten, die Kerenski zerireien und zerschlagen hat, wiederherstellen, dann werden sie eine Regierung bilden, die niemand
zu stürzen imstande sein wird.
Die Mehrheit des Volkes ist für uns. Das hat der lange und
schwere Weg vom 6. Mai bis zum 31. August und bis zum 12.
September’”® gezeigt: die Mehrheit in den Sowjets der Hauptstädte ist das Resultat der Entwicklung des Volkesnachunserer Seite hin. Die Schwankungen der Sozialrevolutionäre
* Brief an das Zentralkomitee, das Petrograder Komitee und das Mos‚kauer Komitee der SDAPR (Bolschewiki), geschrieben im September 1917.
Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen
161
und Menschewiki, das Erstarken der Internationalisten in ihrer
Mitte beweisen das gleiche.
Die Demokratische Konferenz” vertritt
nicht die Mehrheit
des revolutionären Volkes, sondern nur diekompromißlerischen kleinbürgerlichen Oberschichten.
Man darf sich durch Wahlziffern nicht irreführen lassen, nicht
um Wahlen handelt es sich; man vergleiche die Stadtdumawahlen
in Petersburg und Moskau und die Sowjetwahlen”. Man vergleiche die Wahlen in Moskau und den Moskauer Streik vom
12. August””: das sind objektive Angaben über die Mehrheit der
revolutionären Elemente, die die Massen führen.
Die Demokratische Konferenz betrügt die Bauernschaft, sie
gibt ihr weder Frieden noch Grund und Boden.
Nur die bolschewistische Regierung wird die Bauernschaft
zufriedenstellen.
#
Warum müssen die Bolschewiki gerade jetzt die Macht
ergreifen?
Weil
die
bevorstehende
Übergabe
Petersburgs®’
unsere
Chancen hundertfach verschlechtern wird.
Die Übergabe Petersburgs aber zu verhindern, wo an der
Spitze der Armee Kerenski und Co. stehen, dazu sind wir nicht
imstande.
Auch auf die Konstituante darf man nicht länger ‚‚warten‘“,
denn durch die Übergabe Petersburgs können Kerenski und Co.
sie jederzeit vereiteln. Nur unsere Partei kann, nachdem
sie die Macht erobert hat, die Einberufung der Konstituante
sichern, und sie wird, sobald sie die Macht ergriffen hat, die
anderen Parteien der Verzögerung anklagen und den Beweis für
diese Anklage erbringen.
Ein Separatfrieden zwischen den englischen und den deutschen Imperialisten muß verhindert werden, er kann es nur,
wenn man rasch handelt.
Das Volk ist der Schwankungen der Menschewiki und der
Sozialrevolutionäre müde. Nur unser Sieg in den Hauptstädten
wird die Bauern mit uns reißen.
#
M,.B.8, Lenin: Agitation u. Propaganda
j
11
162
Agitation und Propaganda vom Februar bis zum Oktober
Es handelt sich nicht um den „Tag“ des Aufstandes, nicht
um den „Augenblick“ des Aufstandes im engeren Sinne. Das
wird durch die gemeinsame Stimme derer entschieden werden, die mit den Arbeitern und Soldaten, den Massen, im
Kontakt stehen.
Es handelt sich darum, daß unsere Partei jetzt auf der Demokratischen Konferenz faktisch einen eigenen Parteitag
abhält, und dieser Parteitag muß (ob er will oder nicht, er muß)
überdasSchicksalderRevolution entscheiden.
Es handelt sich darum, der Partei ihre Aufgabe klarzumachen: auf die Tagesordnung ist zu setzen: bewaffneter
Aufstandin Petersburg und Moskau (mit Umgegend), Erobe-
rung der Macht, Sturz der Regierung. Es ist zu überlegen, wie
man dafür agitieren soll, ohne in der Presse diese Worte zu gebrauchen.
Man muß sich an die Worte von Marx „der Aufstand
isteine Kunst“ erinnern und über sie nachdenken.
%
Die ‚formale‘ Mehrheit der Bolschewiki abzuwarten, wäre
naiv: keine Revolution kann darauf warten. Auch die Kerenski
und Konsorten warten nicht, sondern bereiten die Übergabe
Petersburgs vor. Gerade infolge der erbärmlichen Schwankungen
der „Demokratischen Konferenz‘ muß die Geduld der Arbeiter
in Petersburg und Moskau reißen, und sie wird reißen. Die Geschichte wird uns nicht verzeihen, wenn wir jetzt die Macht
nicht ergreifen.
Es gibt keinen Apparat? Der Apparat ist da: der Sowjet und
die demokratischen Organisationen. Die internationale Lage
spricht gerade jetz,
am Vorabend des Separatfriedens
zwischen England und Deutschland, für uns. Jetzt den Völkern
den Frieden vorschlagen — heißt siegen.
Es gilt, die Macht gleichzeitig in Moskau wie in Petersburg
zu ergreifen (es ist ohne Belang, wer beginnt; vielleicht kann
sogar Moskau den Anfang machen), wir werden unbedingt
undohne Zweifelsiegen.
vl
AGITATION UND PROPAGANDA
IN DER PERIODE DER DIKTATUR
DES PROLETARIATS
11*
165
Der Kampf an der Kulturfront*
Der Übergang der Macht in die Hände des Proletariats, das Resultat
der Okioberrevolution von 1917, stellte die Arbeiterklasse vor eine neue, nicht
weniger schwierige Aufgabe: die der Festigung des Sieges. Es mußte einerseits ein mililärischer Kampf gegen die nationale und internationale
Bourgeoisie geführt werden, andererseits der neue proletarische Staat in
den von der Bourgeoisie geerblen Verhältnissen des wirtschaftlichen Zerfalls und des ungeheuren kulturellen Rückstandes aufgebaut werden. Diese
Aufgaben konnten nur gelöst werden, wenn die in den breiten Massen
der Arbeiter und Bauern schlummernden schöpferischen Energien von
ihren Jahrhunderte alten Fesseln der Unwissenheit und des Aberglaubens
befreit wurden. Endgültig erkämpft ist nach Lenins Meinung das, was
die Massen klar erkannt, was sie sich zu eigen gemacht haben. Darum
legte Lenin dem kulturellen Aufstieg der Massen eine entscheidende Bedeutung bei. Es kann jedoch keinen kulturellen Aufstieg außerhalb der
Klassenpolitik geben — das ist die Losung, die der Bolschewismus den
„ewigen Wahrheiten“ der bürgerlichen Kultur und der bürgerlichen
Schule entgegengestellt hat. In der Periode der proletarischen Diktatur
sind drei Aufgaben der Agitation und Propaganda nach Lenins Meinung
ganz besonders wichtig: erstens, die Hebung des politischen Klassenbewußtseins, des kulturellen Niveaus der Massen; zweitens, die Förderung
des wirtschaftlichen Aufbaues des Landes — was in der Periode der
Liquidierung der Kriegsfronten von besonderer Wichtigkeit ist; drittens,
der Kampf für eine neue, gesunde kommunistische Lebensführung, für
die proletarische Solidarität, für die Ausrottung der spießbürgerlichen
Sitten und Gewohnheiten. Die Methoden der Durchführung dieser Aufgaben müssen konkret und praktisch sein und die Selbsttätigkeit der
Massen berücksichligen.
Die unten angeführten Auszüge aus Aufsätzen und Reden Lenins
geben eine Vorstellung von der Rolle, dem Inhalt, der Bedeutung, den
Methoden der Agitation und Propaganda an der Kulturfront, dieser ‚dritten
Front“ des siegreichen Proletariats des Sowjetslaates.
er
Ein Teil des Kampfes, den wir jetzt führen, ist die Volksaufklärung. Der Heuchelei und Verlogenheit können wir die volle
und offene Wahrheit entgegenstellen. Der Krieg hat anschaulich
gezeigt, was der „Mehrheitswille‘“ ist, hinter dem die Bourgeoisie
sich zu verbergen suchte, der Krieg hat gezeigt, daß es ein Häuflein von Plutokraten ist, das in seinem eigenen Interesse die Völker in den Krieg hineinhetzt. Der Glaube, daß die bürgerliche
Demokratie der Mehrheit diene, ist jetzt endgültig verschwunden.
* Aus der Rede auf dem Allrussischen Kongreß für Aufklärungsarbeit
im August 1918.
166
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
Unsere Verfassung, unsere Sowjets, die für Europa etwas Neues
waren, uns aber noch aus der Erfahrung der Revolution des
Jahres 1905 bekannt sind, liefern das beste agitatorische und
propagandistische Argument, das die ganze Verlogenheit und
Heuchelei des Demokratismus enthüllt. Wir haben offen die
Herrschaft der Werktätigen und Ausgebeuteten proklamiert, —
darin liegt unsere Kraft, das ist die Quelle unserer Unabhängigkeit. Auf dem Gebiete der Volksbildung finden wir denselben
Zustand: Je höher das kulturelle Niveau des bürgerlichen Staats,
um so raffinierter waren seine lügenhaften Behauptungen,
daß die Schule außerhalb der Politik stehe und der Gesellschaft
in ihrer Gesamtheit diene. In Wirklichkeit war die Schule vollf
Ü ständig in ein Werkzeug der Klassenherrschaft der Bourgeoisie verwandelt, sie war vollkommen durchdrungen von bürgerlichem
Kastengeist, sie verfolgte das Ziel, den Kapitalisten diensteifrige
Lakaien und tüchtige Arbeiter zu liefern. Der Krieg hat gezeigt,
wie die Wunder der modernen Technik als Mittel zur Ausrottung
von Millionen von Arbeitern und zur unerhörten Bereicherung der
kapitalistischen Kriegsgewinnler dienen... Wir haben die Lügen
der Bourgeoisie entlarvt und ihnen die Wahrheit entgegengestellt.
Wir sagen: Unsere Arbeit auf dem Gebiet des Schulwesens giit
gleicherweise dem Kampf um die Niederwerfung der Bourgeoisie.
5
Wir erklären offen, daß eine Schule außerhalb des Lebens, außer-
halb der Politik — Lüge und Heuchelei ist. Was war die Sabotage, die die gebildetsten Vertreter der alten bürgerlichen Kultur gegen uns proklamierten? Die Sabotage hat anschaulicher als
irgendein Agitator, als all unsere Reden und Tausende von Broschüren gezeigt, daß diese Leute das Wissen als ihr Monopol
betrachten und es in ein Werkzeug ihrer Herrschaft über die
Massen verwandeln. Sie haben ihre Bildung ausgenutzt, um die
Sache des sozialistischen Aufbaus zu sabotieren, sie sind offen
gegen die werktätigen Massen aufgetreten.
Im revolutionären Kampf haben die russischen Arbeiter und
Bauern ihre endgültige Erziehung erhalten. Sie haben sich davon überzeugt, daß einzig und allein unsere Gesellschaftsordnung
ihnen die wirkliche Herrschaft sichert, sie haben eingesehen, daß
jetzt die Staatsgewalt den Arbeitern und Dorfarmen voll und
Der Kampf an der Kulturfront
167
eanz zur Seite steht, damit sie den Widerstand der Kulaken, der
Grundherren und der Kapitalisten endgültig brechen können.
Die Werktätigen streben nach Wissen, denn sie brauchen es
zu ihrem Sieg. Neun Zehntel der werktätigen Massen haben besriffen, daß das Wissen ein Mittel in ihrem Befreiungskampf ist,
daß ihre Mißerfolge sich aus dem Mangel an Bildung erklären
und daß es jetzt von ihnen selbst abhängt, die Bildung tatsächlich jedermann zugänglich zu machen. Der Triumph unserer
Sache wird dadurch gewährleistet, daß die Massen selbst an den
Aufbau des neuen sozialistischen Rußlands herangegangen sind.
Sie lernen an der eigenen Erfahrung, an den eigenen Mißerfolgen
und Fehlern, sie sehen, wie notwendig die Bildung für die siegreiche Beendigung ihres Kampfes ist. Trotz des scheinbaren Zusammenbruches vieler Institutionen und des Frohlockens der
sabotierenden Intelligenz sehen wir, daß die Erfahrung des
Kampfes die Massen gelehrt hat, selbst ihr Schicksal in die Hand
zu nehmen. Alles, was nicht nur in Worten, sondern in der Tat
mit dem Volke sympathisiert, der beste Teil der Lehrerschaft,
wird uns zu Hilfe kommen, — und das ist eine sichere Gewähr
dafür, daß die Sache des Sozialismus siegen wird.
168
Agilation und Propaganda in der Periode der Diktatur
Über den Charakter unserer Zeitungen*
Viel zu viel Platz nimmt politische Agitation über alte Themen
ein — politisches Wortgerassel. Viel zu wenig Platz wird dem
Aufbau des neuen Lebens eingeräumt, — Tatsachen und immer
neuen Tatsachen, die darauf Bezug haben.
Warum sollte man nicht statt 200—400 Zeilen 20 oder 10
Zeilen dazu verwenden, von so einfachen, allgemein bekannten,
klaren, von der Masse bereits in hohem Maße erfaßten Erscheinungen zu reden, wie der niederträchtige Verrat der Menschewiki,
der Lakaien der Bourgeoisie, wie die englisch-japanische Invasion, die die Wiederherstellung der geheiligten Rechte des Kapitals bezweckt, wie das Zähnefletschen der amerikanischen Milliardäre gegenüber Deutschland usw. usf. Reden muß man darüber, jede Tatsache auf diesem Gebiet vermerken, das muß man,
aber man braucht keine Artikel darüber zu schreiben, keine Betrachtungen darüber zu wiederholen, man soll vielmehr in wenigen Zeilen, im „Telegrammstil“, die neuen Erscheinungen der
alten, bereits bekannten, bereits erkannten Politik brandmarken.
Die bürgerliche Presse hat in der „guten alten bürgerlichen
Zeit“ das „Allerheiligste‘ — die innere Lage in den privaten
Fabriken, privaten Betrieben — nie berührt. Diese Gewohnheit
enisprach den Interessen der Bourgeoisie. Wir müssen damit
radikal brechen. Wir haben damit nicht gebrochen. Der Typus
der Zeitungen hat sich bei uns noch nicht so geändert, wie er in
einer Gesellschaft, die vom Kapitalismus zum Sozialismus übergeht, sich hätte ändern sollen.
Weniger Politik. Die Politik ist vollkommen ‚„klargelegt‘“ und
auf den Kampf zweier Lager reduziert, den des aufständischen
Proletariats und den eines Häufleins kapitalistischer Sklavenhalter (mit ihrer ganzen Sippe, die Menschewiki u. a. mitinbe-
griffen).
Von dieser Politik, ich wiederhole es, kann und soll
man reden, aber recht kurz.
Mehr Wirtschaft. Aber Wirtschaft nicht im Sinne ‚„allgerm
Tu
—
* ‚Prawda‘“ vom 20. September 1918.
Über den Charakter unserer Zeitungen
169
rm.
meiner‘ Erörterungen, gelehrter Abhandlungen, nicht im Sinne
von Intellektuellenplänen und ähnlichem Gewäsch, das leider
nur zu oft eben nichts als Gewäsch ist.
Nein, wir brauchen
Wirtschaft im Sinne des Sammelns, der sorgfältigen Prüfung
und des Studiums von Tatsachen des wirklichen Aufbaus des
neuen Lebens. Haben die großen Fabriken, die landwirtschaftlichen Kommunen, die Komitees der Dorfarmut*”, die lokalen
Volkswirtschaftsräte beim Aufbau der neuen Wirtschaft wirkliche Erfolge zu verzeichnen? Welches sind diese Erfolge? Sind
sie erwiesen? ‚Haben „wir es hier eht_mit Lufischlössern, mit
ee ge
ir un
in Gang gebracht“, „der. Plan ist-aufgestellt“, „wir.
setzen.Kräfte
in Bewegung‘„Jetzt.garantieren
wir“, „eine Besserung ist zweier
a ah
En Den
fellos vorhanden“ ‚u.a. abenteuerliche Projekte, auf die „wir“
a
nr
üns so gut verstehen)? Wodurch sind die Erfolge erreicht worden?
Die schwarze Liste der rückständigen Fabriken, die nach
der Nationalisierung Musterbeispiele für Zerfahrenheit, Zerfall,
Schmutz, Banditentum und Müßiggang geblieben sind, wo ist sie?
Sie existiert nicht. Solche Fabriken gibt es aber. Wir verstehen
es nicht, unsere Pflicht zu erfüllen, wenn wir keinen Krieg gegen
diese „Hüter der Traditionen des Kapitalismus“ führen. Wir sind
keine Kommunisten, sondern Waschlappen, solange wir stillschweigend
solche Fabriken
dulden.
Wir
ver-
stehen nicht, den Klassenkampf in den Zeitungen
zu führen, wie es die Bourgeoisie getan hat. Denkt daran, wie
ausgezeichnet sie es verstand, in der Presse eine Hetze gegen
ihre Klassenfeinde zu betreiben, wie sie sie mit Spott und Hohn
überhäufte, wie sie bemüht war, sie zu vernichten. Und wir?
Besteht denn der Kampf in der Übergangszeit vom Kapitalismus
zum Sozialismus nicht darin, daß die Interessen der Arbeiter geschützt werden gegenüber jenen Häuflein, Gruppen, Schichten
von Arbeitern, die hartnäckig an den Traditionen, den Gewohnheiten des Kapitalismus festhalten und den Sowjetstaat so behandeln, wie sie den alten Staat behandelten: ‚ihm‘ möglichst
wenig und möglich schlechte Arbeit liefern, von „ihm“ möglichst
viel zu ergattern suchen. Gibt es denn wenig solcher Lumpen,
z. B. unter den Setzern der Sowjetdruckereien, unter
den Arbeitern der Ssormow- und Putilow-Werke usw.? Wieviele
170
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
von ihnen haben wir ertappt, wieviele entlarvt, wieviele an den
Pranger gestellt?
Die Presse schweigt darüber. Schreibt sie aber darüber,
dann tut sie es in einer „amtlichen“, bürokratischen
Weise, nicht wie eine revolutionäre Presse, nicht wie ein Werk-
zeug der Diktatur einer Klasse, die durch ihre Taten beweist, daß
der Widerstand der Kapitalisten und der MüBiggänger, die an den
kapitalistischen Gewohnheiten festhalten, mit eiserner Hand gebrochen werden wird.
Ebenso steht es mit dem Krieg. Treiben wir etwa die feigen
und fahrlässigen Heerführer zu Paaren, haben wir schon die
Truppenteile, die nichts taugen, vor ganz Rußland an den
Pranger gestellt? Haben wir eine genügende Anzahl schlechter
Vorbilder am Kragen gepackt, die wegen ihrer Untauglichkeit,
Fahrlässigkeit, wegen zu späten Eingreifens usw. mit großen
Krach aus der Armee entfernt werden mußten? Wir führen keinen sachlichen, rücksichtslosen, wahrhaft revolutionären Krieg
gegen die konkreten Träger des Übels. Zu wenig erziehen
wirdie Massen durchlebendige, konkrete Beispiele und Vorbilder auf allen Gebieten des Lebens, — das
aber ist die Hauptaufgabe der Presse während der Zeit des Überganges vom Kapitalismus zum Kommunismus. Wir sind nicht
aufmerksam genug, es gibt bei uns zu wenig Publizität der gesellschaftlichen Kritik, zu wenig Bekämpfungdes Untauglichen, zu wenig Ermahnung, am Beispiel des Guten zu lernen.
Weniger politisches Wortgerassel. Weniger intelligenzlerische
Betrachtungen.
Näher ans Leben. Mehr Aufmerksamkeit
für die Tatsache, daß die Arbeiter- und Bauernmasse in ihrer
täglichen Arbeit in der Tat etwas Neues aufbaut. Gründlicher
prüfen, was an dem Neuen kommıunistisch ist.
171
Aus der Rede über das Parteiprogramm auf dem
8. Parteitag der KPR*
... Gegen den Bürokratismus bis zu Ende, bis zum vollstän-
digen Sieg zu kämpfen ist nur möglich, wenn die gesamte Bevölkerung an der Verwaltungsarbeit teilnehmen wird. In den
meisten Republiken wäre das nicht nur unmöglich, sondern auch
sesetzwidrig. In den besten bürgerlichen Republiken, mögen sie
noch so demokratisch sein, bestehen Tausende von gesetzlichen
Bestimmungen, die Jdie Beteiligung der Werktätigen an der Verwaltungsarbeit verhindern. Bei uns gibt es solche Hindernisse
nicht mehr, dennoch konnten wir es bisher nicht erreichen, daß
die werktätigen Massen an der Verwaltung teilnahmen. Außer
dem Gesetz gibt es ein kulturelles Niveau, das keinem Gesetz
unterworfen ist. Dank diesem niedrigen kulturellen Niveau sind
die Sowjets, die ihrem Programm nach Organe der Verwaltung
durch die Werktätigen darstellen, in Wirklichkeit Verwaltungsorgane für die Werktätigen, Organe der Verwaltung durch die
fortgeschrittenste Schicht des Proletariats, aber nicht durch die
werktätigen Massen.
Hier steht eine Aufgabe vor uns, die nicht anders als durch
langwierige Erziehung gelöst werden kann. Augenblicklich ist
diese Aufgabe unermeßlich schwierig, da, wie ich bereits mehrfach darauf hingewiesen habe, die Arbeiterschicht, die die Ver-
waltung ausübt, außerordentlich dünn ist. Wir brauchen Hilfe.
Alles zeugt dafür, daß eine solche Reserve innerhalb des Landes
heranwächst. Der ungeheure Wissensdurst und der gewaltige
Erfolg der Erziehungsarbeit, der in den meisten Fällen außerhalb der Schule erzielt wird, der Riesenerfolg der Bildungsarbeit
unter den werktätigen Massen unterliegt keinem Zweifel. Dieser
Erfolg kann in keinen Schulrahmen gespannt werden, aber er ist
ungeheuer groß. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß in nächster
Zukunft eine starke Reserve zu uns stoßen und die allzu er*® Sitzung vom 19. März 1919.
172
Agilation und Propaganda in der Periode der Diktatur
schöpften Vertreter der dünnen Schicht des Proletariats ablösen
wird. Augenblicklich ist aber unsere Lage in dieser Hinsicht
außerordentlich schwierig. Die Bürokratie ist besiegt. Die Ausbeuter sind beseitigt. Aber das kulturelle Niveau ist noch nicht
gehoben, und darum sitzen die Bürokraten auf ihren alten
Plätzen. Die Bürokratie kann nur verdrängt werden, wenn das
Proletariat und die Bauernschaft in einem viel größeren Umfang
organisiert werden als bisher und wenn gleichzeitig die Maßnahmen zur Heranziehung der Arbeiter zur Verwaltungsarbeit
wirklich durchgeführt werden... .
173
Rede auf der Konferenz der Sektionen für
politische Aufklärung“
... Das Wichtigste ist die Frage des Verhältnisses der Bildungsarbeit zu unserer Politik. Nirgends in unserer Bildungsarbeit können wir den alten Standpunkt des apolitischen Cha- )
rakters der Bildung beibehalten, nirgends können wir die Bildungsarbeit anders als im Zusammenhang mit der Politik durchführen.
Dieser Standpunkt herrschte und herrscht auch jetzt noch in
der bürgerlichen Gesellschaft. Die Bezeichnung: ‚apolitische“ \
oder „unpolitische‘ Bildung ist eine Heuchelei der Bourgeoisie,
ist nichts anderes als einelrreführung der Massen. Die Bourgeoisie,
die in allen jetzt noch bürgerlichen Ländern herrscht, befleißigt
sich eben einer solchen Irreführung der Massen.
In allen bürgerlichen Staaten ist die Verbindung zwischen
dem politischen Apparat und dem Bildungswesen besonders
innig, wenn auch die bürgerliche Gesellschaft dies nicht offen
zugeben kann. In Wirklichkeit bearbeitet diese Gesellschaft die
Massen durch die Kirche, durch die gesamte Institution des Privateigentums.
Unsere Hauptaufgabe besteht u. a. darin, der bürgerlichen
Wahrheit unsere Wahrheit entgegenzusetzen und ihre Anerkennung zu erzwingen.
Der Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft zur Politik
des Proletariats ist sehr schwierig, um so mehr, als die Bour-
geoisie unaufhörlich mit Hilfe ihres gesamten Propaganda- und
Agitationsapparats usw. uns verleumdet. Sie ist bemüht, die wichtige Rolle der Diktatur des Proletariats, ihre erzieherische Aufgabe, die in Rußland, wo das Proletariat die Minderheit der Be-
völkerung darstellt, besonders wichtig ist, zu verwischen. Und
doch muß diese Aufgabe in den Vordergrund gerückt werden.
Von der Diktatur des Proletariats könnte keine Rede sein, wenn
* Sitzung vom 3. November 1920.
für politische Aufklärung“, Nr. 1.
„Bulletin der Allrussischen Beratung
174
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
das Proletariat nicht einen hohen Bewußtseinsgrad, eine große
Diszipliniertheit, eine große Ergebenheit im Kampfe gegen die
Bourgeoisie entwickelte, d. h. jene Gesamtheit von Eigenschaften,
die man in den Vordergrund stellen muß, wenn man den vollständigen Sieg des Proletariats über seinen Erbfeind will.
Wir stehen nicht auf dem utopistischen Standpunkt, die
werktätigen Massen seien für die sozialistische Gesellschaft vorbereitet. Wir wissen auf Grund genauer Feststellungen aus der
ganzen Geschichte des proletarischen Sozialismus, daß dem nicht
so ist, daß nur die Großindustrie, die Streikkämpfe, die politische
Örganisiertheit die Vorbereitung zum Sozialismus bilden können.
Um den Sieg zu erringen, um die sozialistische Umwälzung
zu verwirklichen, muß das Proletariat zur solidarischen Aktion,
zur Niederwerfung der Ausbeuter fähig sein. Und jetzt sehen
wir, daß das Proletariat alle notwendigen Fähigkeiten erworben
hat und sie in die Tat umsetzte, als es seine Macht aufrichtete.
Das müßte die Hauptaufgabe der Kommunistischen Partei
als der Avantgarde im Kampfe sein, ihre Aufgabe muß die Unterstützung der Erziehungs- und Bildungsarbeit unter den werklätigen Massen sein, um die alten Gewohnheiten, die alten Sitten
zu überwinden, die uns von der alten Gesellschaftsordnung als
Erbe hinterlassen worden sind, die Gewohnheiten aus der Zeit
des Privateigentums, von denen die Massen durchdrungen sind...
Wir erleben den historischen Moment des Kampfes gegen die
Weltbourgeoisie, die unvergleichlich stärker ist als wir. In einem
solchen Moment müssen wir den revolutionären Aufbau verteidigen, gegen die Bourgeoisie kämpfen auf militärischem und noch
mehr auf geistigem Wege, auf dem Wege der Erziehung, um die
Gewohnheiten, Sitten, Überzeugungen, die die Arbeiterklasse im
Laufe vieler Jahrzehnte im Kampf um die politische Freiheit erworben hat, die Gesamtheit dieser Gewohnheiten, Sitten und Ideen
zum Mittel der Erziehung aller Werktätigen zu machen. Man muß
dasBewußtsein entwickeln, daß es unzulässig ist, abseits von jenem
proletarischen Kampfe zu stehen,
der jetzt immer mehr alle
kapitalistischen Länder der Welt ohne Ausnahme erfaßt, daß es
unzulässig ist, abseits von der ganzen internationalen Politik
zu stehen. Vereinigung aller mächtigen kapitalistischen Länder
der Welt gegen Sowjetrußland, — das ist die wirkliche Basis
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung
175
der jetzigen internationalen Politik. Und es muß anerkannt
werden, daß hiervon das Schicksal von hunderten Millionen
Werktätiger in den kapitalistischen Ländern abhängt. Gibt es
doch in diesem Moment keinen Winkel auf der Erde, der nicht
einer Handvoll kapitalistischer Länder untergeordnet wäre.
Auf diese Weise nimmt die Lage eine solche Form an, daß es
notwendig wird: entweder sich abseits vom jetzigen Kampfe
zu stellen und dadurch den vollständigen Mangel an Klassenbewußtsein zu bekunden, wie es jene beschränkten Leute tun, die
abseits von der Revolution und vom Krieg geblieben sind und die
den ganzen Betrug, den die Bourgeosie an den Massen verübt,
nicht sehen, die nicht sehen, daß die Bourgeoisie bewußt diese
Massen in ihrer Unwissenheit beläßt, — oder am Kampf für die
Diktatur des Proletariats teilzunehmen.
Von diesem Kampf des Proletariats sprechen wir vollkommen
offen, und jeder Mensch muß sich entweder auf diese, unsere
Seite oder auf die andere Seite stellen. Alle Versuche, sich weder
für die eine noch für die andere zu entscheiden, enden mit einem
Zusammenbruch und einem Skandal.
Wenn wir die zahlreichen Überbleibsel des Kerenski-Systems,
der Sozialrevolutionäre, der Sozialdemokratie betrachten, die
durch die Judenitsch, Koltschak, Petljura, Machno®? usw. verkörpert werden, dann werden wir an den verschiedenen Orten Ruß-
lands einer solchen Mannigfaltigkeit der Formen und Schattierungen gewahr, daß wir behaupten können, in bezug auf Widerstandsfähigkeit es mit wem immer aufnehmen zu können; und
wenn wir nach Westeuropa hinschauen, so sehen wir, daß sich
dort genau das wiederholt, was bei uns war, daß sich dort unsere
Geschichte wiederholt. Fast überall sehen wir neben der Bourgeoisie Elemente der Kerenskiade. In einer ganzen Reihe von
Staaten, besonders in Deutschland, haben sie die Oberhand.
Überall kann dieselbe Erscheinung beobachtet werden: die Unmöglichkeit eines Mittelweges und die klare Erkenntnis — ent-
weder die weiße Diktatur (auf sie bereitet sich die Bourgeoisie
in allen Ländern Westeuropas vor, indem sie gegen uns rüstet)
oder die Diktatur des Proletariats. Wir haben das so scharf
und tief empfunden, daß es überflüssig wäre, hier über die russischen Kommunisten länger zu sprechen. Es ergibt sich hier nur
eine Schlußfolgerung, die allen Ausführungen und Konstruktio-
176
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
nen, die mit der Zentrale für politische Aufklärung in Verbindung stehen, zugrunde gelegt werden muß. Vor allem muß für
die Arbeit dieses Organs die Vorherrschaft die Politik der Kom-
munistischen Partei offen als maßgebend anerkannt werden.
Eine andere Form kennen wir nicht, und eine andere Form hat
bisher noch kein einziges Land hervorgebracht. Die Partei kann
mehr oder weniger den Interessen ihrer Klasse entsprechen, sie
erfährt diese oder jene Änderung oder Verbesserung, eine
bessere Form aber kennen wir noch nicht, und der ganze Kampf
in Sowjetrußland, das drei Jahre lang dem Ansturm des Weltimperialismus standgehalten hat, hängt damit zusammen, dab
die Partei sich vollkommen bewußt die Aufgabe stellt, dem Proletariat bei der Erfüllung seiner Funktion als Erzieher, Organisator und Führer, jener Funktion, ohne die der Zerfall des Kapitalismus unmöglich ist, behilflich zu sein. Die werktätigen
Massen, die Massen der Bauern und Arbeiter, müssen die alten
intelligenzlerischen Gewohnheiten überwinden und sich für den
Aufbau des Kommunismus neu erziehen — sonst kann man
das Werk des Aufbaus nicht inı Angriff nehmen. Unsere ganze
Erfahrung zeigt. daß das eine bitterernste Sache ist, und darum
müssen wir die Anerkennung der führenden Rolle der Partei
stets im Auge behalten, wir dürfen sie bei der Erörterung der
Frage unserer Tätigkeit und des organisatorischen Aufbaus nicht
außer acht lassen ...
Wir müssen uns die Erkenntnis vor Augen halten, daß die
ganze rechtliche und faktische Verfassung der Sowjetrepublik
darauf basiert, daß die Partei alles
nach
einem einheitlichen
Prinzip regelt, festsetzt und aufbaut, damit die mit dem Proletariat verbundenen kommunistischen Elemente dieses Proletariat
mit ihrem Geist restlos durchdringen, es führen, es befreien
können vom bürgerlichen Betrug, den auszurotten wir uns so
lange bemühen. Das Volkskommissariat für Bildungswesen hat
einen langen Kampf führen müssen, lange Zeit hindurch kämpfte
die Lehrerorganisation gegen die sozialistische Umwälzung. Dieser Kampf kam zum Ausdruck in einer direkten Sabotage und
in hartnäckig fortlebenden bürgerlichen Vorurteilen, und wir
müssen langsam, Schritt für Schritt die kommunistische Position
für die Zentrale für politische Aufklärung erringen, die die
außerhalb des Rahmens der Schule liegende Bildungsarbeit leitet,
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung
177
EEE
Fr
sich mit dieser Art der Bildung und Aufklärung der Massen befaßt. Besonders aktuell ist die Aufgabe, die führende Rolle der
Partei in Einklang zu bringen mit dem ungeheuren Apparat, —
mit der eine halbe Million zählenden Armee des Lehrpersonals,
das jetzt im Dienst des Arbeiters steht, sich diesen Apparat unterzuordnen, ihn mit dem eigenen Geiste zu durchdringen, mit. der
eigenen Initiative zu erfüllen. Die Bildungsarbeiter, das Lehrpersonal, waren im Geiste der bürgerlichen Vorurteile und Gewohnheiten erzogen, in einem dem Proletariat feindlichen Geiste; sie
waren mit dem Proletariat in keiner Weise verbunden. Jetzt
müssen wir eine neue Armee von Pädagogen und Lehrern heranbilden, die mit der Partei und ihren Ideen eng verbunden, die
von ihrem Geiste durchdrungen sein muß, die die Arbeitermassen
an sich heranziehen, sie mit dem Geist des Kommunismus erfüllen, in ihnen das Interesse für das Werk der Kommunisten
wecken muß.
Da mit den alten Gewohnheiten, Sitten und Ideen gebrochen
werden muß, so steht hier vor der Zentrale für politische Aufklärung, vor allen ihren Mitarbeitern eine Aufgabe von höchster
Bedeutung, der vor allem Rechnung getragen werden muß. Und
in der Tat: wir stehen hier vor dem Dilemma, wie man die Lehrerschaft, die in ihrer Mehrheit noch zu der alten Generation gehört, mit den Parteikommunisten verbinden soll. Diese Frage ist
äußerst schwierig und muß sehr, sehr gründlich durchdacht
werden.
|
|
Überlegen wir uns, wie man so verschiedene Leute organisatorisch zusammenfassen könnte. Für uns kann prinzipiell kein
Zweifel bestehen, daß die Kommunistische Partei die führende
Rolle haben muß. So wird das Ziel der politischen Bildung —
wahrhafte Kommunisten zu erziehen, die fähig sind, die Lüge
und die Vorurteile zu besiegen und den werktätigen Massen zu
helfen, die alte Ordnung zu überwinden und den Staat ohne Ka-
pitalisten, ohne Ausbeuter, ohne Großgrundbesitzer aufzubauen.
Wie ist das zu erreichen? Das ist nur möglich,
sich die ganze Summe von Wissen zu eigen gemacht
L.ehrer von der Bourgeoisie geerbt haben. Sonst
technischen Errungenschaften des Kommunismus
wenn man
hat, die die
wären alle
unmöglich
und jedes Sehnen danach utopisch. Nun entsteht die Frage —
wie soll man diese Arbeitskräfte zusammenfassen, sie, die nicht
M.B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
12
178
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
gewohnt sind, ihre Arbeit in Verbindung mit der Politik zu leisten, mit einer für uns nützlichen Politik insbesondere, d. h. mit
der für den Kommunismus notwendigen Politik?
Das ist, wie
gesagt, eine sehr schwierige Aufgabe. Jedes Parteikomitee muß
jetzt einen jeden Propagandisten, den man gewohnt war, bisher
lediglich als Mitglied eines bestimmten Zirkels einer bestimmten
Organisation anzusehen, von einer anderen Seite werten.
Jeder
von ihnen gehört der Partei an, die regiert, die den ganzen Staat,
den Kampf Sowjetrußlands gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung leitet. Er ist Vertreter der kämpfenden Klasse und der
Partei, die einen gewaltigen Staatsapparat beherrscht und beherrschen muß. Sehr viele erprobte und kampfgestählte Kommunisten,
die sich in den Zeiten der illegalen Arbeit von der besten Seite
gezeigt haben, wollen und können die ganze Bedeutung dieses
Umschwunges, dieses Überganges, der sie aus Agitatoren und
Propagandisten zu Führern von Agitatoren, zu Führern einer
riesigen politischen Organisation macht, nicht verstehen.
Auf sie fällt indes die ganze Last der Arbeit unter dem Lehrpersonal. Man muß sagen, daß Hunderttausende von Lehrern den
Apparat darstellen, der die Arbeit vorwärtstreiben, den Gedanken
wecken, den Kampf gegen die Vorurteile, die noch bis heute in
den Massen vorhanden sind, aufnehmen muß.
Der Druck der
kapitalistischen Kultur, von deren Mängeln die Masse der Lehrer
durchdrungen ist und infolge welcher diese nicht kommunistisch
sein kann, kann jedoch kein Hindernis bilden, diese Lehrer in
den Dienst der politischen Aufklärung zu stellen, zumal ja diese
Lehrer über Kenntnisse verfügen, ohne die wir unser Ziel nicht
erreichen können.
Wir müssen hunderttausende geeignete Menschen in den
Dienst der kommunistischen Bildungsarbeit stellen. Das ist eine
Aufgabe, die bereits gelöst ist an der Front, in unserer Roten
Armee, in die Zehntausende von Vertretern der alten Armee auf-
genommen wurden. Das war ein langwieriger Prozeß, ein Prozeß der Umerziehung, aber schließlich wurde die Aufgabe vollbracht, und bei unserer kulturellen Aufklärungsarbeit müssen wir
diesem Beispiel folgen. Wir brauchen jeden einzelnen Agitator
und Propagandisten, er erfüllt seine Aufgabe, wenn er streng im
Geiste der Partei arbeitet, ohne sich nur auf die Partei zu be-
schränken.
Er muß daran denken, daß es seine Aufgabe ist,
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung
179
Hunderttausende von Lehrern zu leiten, ihr Interesse zu wecken,
die alten bürgerlichen Vorurteile zu überwinden, die Lehrer für
unsere Arbeit zu gewinnen, sie mit dem Bewußtsein der Größe
unserer Arbeit zu erfüllen. Erst, wenn wir zu dieser Arbeit übergehen, wird es uns gelingen, diese Masse, die der Kapitalismus
bisher unterdrückt und uns entfremdet hatte, auf den richtigen
Weg zu führen.
Es ist unsere Aufgabe, den Widerstand der Kapitalisten vollständig zu brechen, und zwar nicht nur den bewaffneten und den
politischen, sondern auch den ideologischen — den am tiefsten
wurzelnden und stärksten Widerstand. Es ist Aufgabe unserer
Bildungsarbeiter, diese Umerziehung der Massen zu vollbringen.
Ihr Interesse, ihr Drang nach Bildung und kommunistischem
Wissen, die wir beobachten, sind uns eine Gewähr dafür, daß wir
auch hier die Sieger sein werden, wenn auch vielleicht nicht so
rasch wie an der Front, vielleicht nach großen Schwierigkeiten,
vielleicht gar nach Niederlagen, aber letzten Endes werden wir
Sieger bleiben.
Zusammenfassend möchte ich hier noch auf eines eingehen:
vielleicht wird der Name: Zentralstelle für politische Aufklärung
nicht richtig verstanden. Soweit hier der Begriff „politisch“ gebraucht wird, ist die Politik das Ausschlaggebende.
Wie aber ist die Politik aufzufassen? Wenn man die Politik
ım alten Sinne versteht, so kann man in einen großen und schweren Fehler verfallen. Die Politik ist ein Kampf zwischen Klassen,
ist die Handlungsweise des Proletariats, das gegen die Weltbourgeoisie für seine Befreiung kämpft. Aber in unserem
Kampf treten zwei Seiten hervor: einerseits die Aufgabe, das
Erbe der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu vernichten, die
von der gesamten Bourgeoisie stets aufs neue unternommenen
Versuche zur Zertrümmerung der Sowjetmacht zunichte zu
machen.
Bisher war es diese Aufgabe, die unsere Aufmerksam-
keit am meisten in Anspruch genommen und uns gehindert hat,
zur anderen Aufgabe — der Aufbauarheit — überzugehen. In
der Vorstellung der bürgerlichen Weltanschauung war die Politik
gleichsam von der Wirtschaft losgelöst. Die Bourgeoisie sagte:
arbeitet, ihr Bauern, um die Existenzmöglichkeit zu haben, arbeitet, ihr Arbeiter, um auf dem Markt alles zu bekommen, was
ihr zum Leben braucht, die Wirtschaftspolitik jedoch ıst Sache
12°
180
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
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eurer Unternehmer. Das aber ist falsch, — die Politik muß Sache
des Volkes, Sache des Proletariats sein. Gerade hier ist es notwendig, zu unterstreichen, daß neun Zehntel unserer Arbeit dem
Kampf gegen die Bourgeoisie gilt. Die Siege über Wrangel”, von
denen wir gestern gelesen haben, und von denen ihr heute und
wahrscheinlich morgen lesen werdet, zeigen, daß ein Stadium
des Kampfes sich seinem Ende nähert, daß wir den Frieden mit
einer ganzen Reihe westlicher Länder erkämpft haben; jeder
Sieg an der militärischen Front aber setzt unsere Kräfte frei für
den inneren Kampf, für die Politik des staatlichen Aufbaues.
Jeder Schritt, der uns dem Sieg über die Weißgardisten.
näher
bringt, verschiebt allmählich den Schwerpunkt des Kampfes in
der Richtung der Wirtschaftspolitik. Die Propaganda vom alten
Typus erläutert den Kommunismus, liefert Beispiele dafür, ‘was
Kommunismus ist. Aber diese alte Propaganda taugt nicht mehr,
da jetzt praktisch gezeigt werden soll, wie der Sozialismus aufzubauen ist. Die ganze Propaganda muß auf der politischen Erfahrung des wirtschaftlichen Aufbaus gegründet sein. Das ist
unsere Hauptaufgabe, und wer dies im alten Sinne des Wortes
auffassen will, der ist hinter der Entwicklung zurückgeblieben
und kann keine Propagandaarbeit unter den Arbeiter- und
Bauernmassen leisten. Unsere Hauptpolitik muß jetzt der wirtschaftliche Aufbau des Staates sein, um ein übriges Pud Getreide
zu ernten, ein übriges Pud Kohle zu produzieren, um zu entscheiden, wie dieses Getreide und diese Kohle am besten zu verwerten
sind, damit niemand hungert. Darin besteht unsere Politik. Und
darauf muß unsere ganze Agitation und Propaganda eingestellt
sein. Wir brauchen weniger Phrasen, da man die Werktätigen
mit Phrasen nicht befriedigen kann. Sobald der Krieg uns die
Möglichkeit gibt, das Schwergewicht nicht mehr auf den Kampf
gegen die Bourgeoisie, den Kampf gegen Wrangel, gegen die
Weißgardisten zu legen, werden wir uns der Wirtschaftspolitik
zuwenden. Hier aber spielt die Agitation, die Propaganda eine
ungeheuer große Rolle.
Jeder Agitator muß ein Staatslenker, ein Führer aller Arbeiter
und Bauern auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus sein.
Er muß ihnen sagen, daß man, um Kommunist zu sein, diese
Broschüre kennen, jenes Buch lesen muß.
Er muß sagen können: So haben wir die Wirtschaft gehoben,
Rede auf der Konferenz für politische Aufklärung
181
sie solider gemacht, sie mehr zur gesellschaftlichen Wirtschaft
gestaltet, die Produktion erweitert, in der Brotfrage Fortschritte
erzielt, die Produkte richtiger verteilt, die Produktion der Kohle
gehoben und die Industrie ohne Kapitalismus und kapitalistischen
Geist wiederhergestellt.
Worin besteht der Kommunismus? Die ganze Propaganda
des Kommunismus muß so aufgebaut sein, daß alles auf die prak-
tische Leitung der staatlichen Aufbauarbeit hinausläuft. Der
Kommunismus muß den Arbeitermassen vertraut, muß ihre
eigene Sache werden. Wir verstehen unsere Sache noch nicht,
wir machen
tausende Fehler.
Wir verhehlen das nicht, aber
die Arbeiter- und Bauernmassen selbst müssen — mit unserer Hilfe, mag unsere Unterstützung auch noch gering und unzureichend sein, — unseren Apparat vervollkommnen und aufs richtige Geleise bringen; er hat aufgehört, für uns Programm, Theorie und Aufgabe zu sein, für uns ist er jetzt unser tägliches faktisches Aufbauwerk.
Am Beispiel dieses Aufbaus, durch die unermüdliche Wiederholung dieses Beispieles werden wir es erreichen, daß wir aus
Kommunisten, die schlecht kommandieren, wirkliche Baumeister
schaffen, vor allem Baumeister unserer Wirtschaft. Wir werden
alles erreichen, was wir brauchen, wir werden alle Hindernisse
überwinden, die von der alten Gesellschaftsordnung zurückgebheben sind und die man nicht auf einmal beseitigen kann. Man
muß die Massen umerziehen,
das aber kann nur durch Agitation
__
Und durch"Propaganda geschehen; es ist notwendig, die Massen
in erster Linie mitdemAufbau
des gemeinsamen wirtschaftlichen
Lebensin enge Verbindung zu bringen. Das muß die hauptsächlichste und wichtigste Aufgabe in der Arbeit eines jeden Agitators
und Propagandisten werden, und wenn er sich dies einprägt,
dann wird der Erfolg seiner Arbeit gesichert sein.
182
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
Aus der Rede auf dem 2. Allrussischen Kongreß der
Sektionen für politische Aufklärung“
. .. Die Sowjetgesetze sind sehr gut, denn sie geben jedermann die Möglichkeit, den Bürokratismus und den Schlendrian
zu bekämpfen, eine Möglichkeit, die in keinem einzigen kapita-
listischen Staat den Arbeitern und Bauern gegeben ist. Wird
aber diese Möglichkeit ausgenutzt? Fast von niemandem. Und
nicht nur die Bauern, auch ein großer Teil der Kommunisten versteht es nicht, die Sowjetgesetze für die Bekämpfung des Schlendrians und des Bürokratismus oder einer so echtrussischen Erscheinung, wie die Korruption, auszunutzen. Was verhindert den
Kampf gegen diese Erscheinung? Unsere Gesetze? Unsere Propaganda? Im Gegenteil! Gesetze gibt es mehr als genug! Warum
also bleiben die Erfolge in diesem Kampf aus? Weil man ihn
nicht auf Propaganda beschränken kann, weil er nur dann Erfolg
haben kann, wenn die Volksmasse selbst ihn unterstützt.
.. . Der Analphabetismus muß bekämpft werden, aber es
genügt nicht, lesen und schreiben zu können.
Es ist eine Kultur
notwendig, die uns lehrt, wie Schlendrian und Korruption zu be-
kämpfen sind. Das ist eine Eiterbeule, die durch keine militärischen Siege und durch keine politischen Umwandlungen aus
der Welt geschafft werden kann. Der Natur der Sache nach
kann dieses Geschwür nicht durch militärische Siege und poli-
tische Umwandlungen beseitigt werden, sondern einzig und allein
durch die Hebung der Kultur...
.. . Die Propaganda gegen die barbarischen Zustände und
solche Übel, wie die Bestechlichkeit, wird von uns und hoffentlich auch von euch betrieben, aber die politische Aufklärungsarbeit ist mit dieser Propaganda nicht erschöpft. Politische Aufklärung heißt — das Volk lehren, wie dieser Kampf zu führen ist,
heißt, den anderen Beispiele zu geben, nicht als Mitglieder von
Exekutivkomitees,
sondern als einfache Bürger,
* Sitzung vom 17. Oktober 1921.
Oktober 192i.
die,
politisch
.„Prawda“ vom 19. 21. und 22.
Rede auf dem 2. Kongreß für politische Aufklärung
_
183
aufgeklärter als andere, es verstehen; nicht nur auf den Schlendrian zu schimpfen, — das ist bei uns weit verbreitet, — sondern
auch zeigen, wie dieses Übel in der Praxis besiegt werden kann.
Das ist eine sehr schwierige Kunst, der man nicht gerecht werden kann ohne allgemeine Hebung der Kultur, ohne daß die
Arbeiter- und Bauernmasse sich mehr Kultur aneignet als heute.
Auf diese Aufgabe der Zentrale für politische Aufklärung möchte
ich die größte Aufmerksamkeit lenken.
- . . Meiner Ansicht nach gibt es drei Hauptfeinde, die sich
jetzt jedermann, was auch seine amtliche Rolle sein mag, entgegenstellen, denen jeder auf dem Gebiet der politischen Aufklärung Tätige begegnet, sofern er Kommunist ist, und das sind die
meisten. Die drei Hauptfeinde, denen sie gegenüberstehen, sind:
der erste Feind — die kommunistische Überheblichkeit, der
zweite Feind — das Analphabetentum, der dritte Feind — die
Korruption.
Die kommunistische Überheblichkeit besteht darin, daß ein
Mensch, der der Kommunistischen Partei angehört und der Parteisäuberung noch entgangen ist, sich einbildet, daß er alle seine
Aufgaben auf dem Wege der kommunistischen Dekretierung
lösen könne. Noch Mitglied der regierenden Partei und Funktionär bestimmter staatlicher Institutionen, bildet er sich ein, da-
durch das Recht zu besitzen, von den Ergebnissen der politischen
Aufklärungsarbeit zu sprechen. Weit gefehlt! Das ist nur kom-
munistische Überheblichkeit.
Lernen, wie politische Aufklä-
rung geführt werden soll — darum handelt es sich. Wir haben
das aber nicht gelernt, und wir haben keine richtige Einstellung
zu dieser Aufgabe.
Was den zweiten Feind, das Analphabetentum, anbetrifft, so
kann ich sagen: solange wir im Lande eine solche Erscheinung
wie das Analphabetentum haben, ist es schwer, von politischer Aufklärung zu sprechen. Das ist keine politische Aufgabe, das ist eine Vorbedingung, ohne die man von Politik nicht
sprechen kann. Der Analphabet steht außerhalb der Politik, er
muß zunächst das ABC lernen. Sonst kann es keine Politik
geben, sonst kann es nur Gerüchte, Klatsch, Märchen, Vorurteile
geben, aber keine Politik.
Und schließlich, wenn es eine solche Erscheinung gibt, wie Bestechung, wenn dies möglich ist, so kann von Politik keine Rede
184
Agitation und. Propaganda in der Periode der Diktatur
sein. Hier gibt es nicht einmal einen Ansatz von Politik, hier
kann keine Politik gemacht werden, denn alle Maßnahmen werden in der Luft hängen bleiben und nicht das geringste Ergebnis zeitigen. Das Gesetz wird nur Unheil stiften, wenn es praktisch angewandt wird in Verhältnissen, in denen Bestechung zulässig und verbreitet ist. Unter solchen Bedingungen kann es
keine Politik geben, es fehlt die Grundbedingung dafür,
um sich mit Politik zu beschäftigen. Um das Volk mit unseren
politischen Aufgaben bekannt zu machen, um den Volksmassen
zu zeigen: „das sind die Aufgaben, deren Durchführung wir er-
streben müssen“ (und das sollten wir tun!), muß man einsehen,
daß es hier erforderlich ist, das kulturelle Niveau der Massen zu
heben. Und dieses bestimmte kulturelle Niveau muß erreicht
werden, sonst können wir unsere Aufgaben nicht erfüllen.
Die Kulturaufgabe kann nicht so rasch gelöst werden wie die
politischen und militärischen Aufgaben. Man muß begreifen, daß
die Bedingungen der Vorwärtsbewegung jetzt nicht die gleichen
sind. In der Epoche der Verschärfung der Krise kann man innerhalb weniger Wochen politisch siegen. Im Krieg kann man
innerhalb weniger Monate siegen, an der Kulturfront aber kann
in so kurzer Zeit kein Sieg errungen werden; es liegt im Wesen der
Sache selbst, daß hier eine längere Frist notwendig ist, und dieser längeren Frist muß man sich anpassen, man muß seine Arbeit berechnen, muß möglichst viel Hartnäckigkeit, Zähigkeit und
System an den Tag legen. Ohne diese Eigenschaften kann man
an die politische Aufklärungsarbeit nicht einmal herangehen. Die
Resultate der politischen Aufklärung können aber nur an der
Hebung der Wirtschaft gemessen werden. Es ist nicht nur notwendig, daß wir das Analphabetentum aus der Welt schaffen,
daß wir die Korruption ausrotten, die auf dem Boden des Analphabetentums wächst, es ist auch notwendig, daß unsere Propa-
ganda, unsere Direktiven, unsere Broschüren vom Volke tatsächlich aufgenommen werden und als Folge davon die Volkswirt|
schaft auf ein höheres Niveau gehoben wird.
Das sind die Aufgaben der politischen Aufklärung, im Zusammenhang mit unserer neuen ökonomischen Politik gesehen,
und ich hoffe, daß wir dank unserem Kongreß auf diesem Gebiete
große Erfolge erzielen werden.
185
lagebuchblätter*
. . . Die Arbeit, die jetzt auf dem Gebiet der Volksbildung geleistet wird, kann, allgemein gesprochen, nicht als zu eng begrenzt bezeichnet werden. Es wird sehr viel dazu getan, um die
alte Lehrerschaft aufzurütteln, sie für die neuen Aufgaben zu gewinnen, ihr Interesse für die neue Art der Behandlung pädagogischer Fragen zu wecken, sie für solche Fragen zu interessieren,
wie die Frage der Religion.
|
Das wichtigste aber unterlassen wir. Wir sorgen nicht, oder
sorgen lange nicht genug dafür, daß der Volkslehrer auf dasjenige Niveau gehoben wird, ohne das von einer Kultur nicht die
Rede sein kann, weder von einer proletarischen noch selbst von
einer bürgerlichen. Man muß von der halbasiatischen Kulturlosigkeit reden, die wir bis jetzt nicht überwunden haben und die
wir ohne ernste Anstrengungen nicht überwinden werden, trotzdem wir die Möglichkeit dazu haben, da ja nirgends die Volksmassen an einer wirklichen Kultur so stark interessiert sind wie
bei uns; nirgends werden die Fragen dieser Kultur so gründlich
und so konsequent gestellt wie bei uns, nirgends, in keinem ein-
zigen Lande, befindet sich die Staatsgewalt in den Händen der
Arbeiterklasse, die in ihrer großen Masse ihren Mangel an, ich
will nicht sagen Kultur, aber Bildung sehr wohl einsieht, nir-
gends ist sie bereit, so große Opfer für die Besserung ihrer Lage
in dieser Hinsicht zu bringen wie bei uns.
Bei uns wird noch zu wenig, viel zu wenig getan, um unseren
ganzen Staatshaushalt in einer Weise umzustellen, daß in erster
Linie den Bedürfnissen der elementarer Volksbildung genüge getan wird. . .
Der Volksschullehrer muß bei uns auf eine Höhe gebracht
werden, auf der er in der bürgerlichen Gesellschaft nie gestanden
hat, nicht steht und nicht stehen kann. Das ist eine Wahrheit,
* „Prawda“ vom 4. Januar 1923.
186
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
die keiner Beweise bedarf. Einen solchen Zustand müssen wir
durch systematische, zähe, hartnäckige Arbeit erstreben — Ärbeit sowohl an der Hebung des geistigen Niveaus des Lehrers als
auch Arbeit an seiner allseitigen Vorbereitung für seine wahrhaft hohe Mission, vor allem aber und nochmals vor allem —
Arbeit an der Hebung seiner materiellen Lage.
Die Arbeit der Organisierung der Volksschullehrer muß in
systematischer Weise verstärkt werden, um sie aus einer Stütze
der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, die sie heute noch in
allen kapitalistischen Ländern ohne Ausnahme sind, zu einer
Stütze der Sowjetordnung zu machen, um durch sie die Bauernschaft vom Bündnis mit der Bourgeoisie abzubringen und sie für
das Bündnis mit dem Proletariat zu gewinnen.
Ich will kurz bemerken, daß hierbei systematische Fahrten
ins Dorf, die übrigens bei uns bereits durchgeführt werden und
die planmäßig organisiert werden müssen, eine besondere Rolle
zu spielen haben.
Es ist nicht schade, für solche Maßnahmen
wie diese Fahrten Geld herzugeben, das nur zu oft zwecklos für
einen Staatsapparat ausgeworfen: wird, der noch fast ganz der
alten historischen Epoche angehört. . .
Das ist die grundlegende politische Frage — das Verhältnis
der Stadt zum Lande, eine Frage, die von entscheidender Bedeu-
tung für unsere ganze Revolution ist. Während der bürgerliche
Staat seine Anstrengungen darauf richtet, die Arbeiter der Städte
abzustumpfen, und diesem Ziel die ganze Literatur anpaßt, die
auf Kosten des Staates, der monarchistischen und der bürgerlichen Parteien verlegt wird, können und müssen wir unsere
Staatsgewalt ausnutzen, um aus dem Stadtarbeiter tatsächlich
einen Träger der kommunistischen Ideen in den Reihen des Dorfproletariats zu machen.
Ich habe „kommunistische“ Ideen gesagt und beeile mich,
einen Vorbehalt zu machen, in der Befürchtung, ein Mißverständ-
nis hervorzurufen oder zu schematisch verstanden zu werden.
Das darf auf keinen Fall so aufgefaßt werden, als müßten wir
sofort rein kommunistische Ideen im engen Sinn aufs Land tra-
gen. Solange bei uns auf dem Lande die materielle Grundlage
Tagebuchblätter
187
für den Kommunismus fehlt, wäre dies, man kann sagen, schädlich, wäre dies, man kann sagen, verhängnisvoll für den Kommunismus.
Nein. Anfangen muß man damit, eine Gemeinschaft zwischen
Stadt und Land herzustellen, ohne sich von vornherein das Ziel
zu setzen, den Kommunismus aufs Land zu verpflanzen. Ein solches Ziel kann nicht sofort erreicht werden. Ein solches Ziel ist
nicht zeitgemäß. Sich ein solches Ziel setzen, hieße der Sache
nicht Nutzen bringen, sondern ihr Abbruch tun.
Eine Gemeinschaft aber zwischen den Arbeitern in der Stadt
und den Werktätigen auf dem Lande herzustellen, jene Form der
Kameradschaftlichkeit zwischen ihnen zu schaffen, die sich leicht
erreichen 13ßt, — das ist unsere Pflicht, das ist eine der Grund-
aufgaben der Arbeiterklasse, die an der Macht steht. Zu diesem
Zweck ist es notwendig, eine Reihe von Vereinigungen (Partei-.
Gewerkschafts-, Privatvereinigungen) der Fabrikarbeiter ins Leben zu rufen, die sich systematisch das Ziel setzen, dem Dorfe
in seiner kulturellen Entwicklung zu helfen.
Wird es nun gelingen, alle Stadtzellen auf die Dorfzellen zu
„verteilen“, damit jede Arbeiterzelle, der eine entsprechende
Zelle im Dorfe „zugeteilt“ ist, sich systematisch um jede Möglichkeit, jeden Weg sorgt, dieses oder jenes kulturelle Bedürfnis ihrer
Mit-Zelle zu befriedigen? Oder wird es gelingen, andere Formen
der Verbindung ausfindig zu machen? Ich beschränke mich hier
darauf, die Frage zu stellen, um die Aufmerksamkeit der Genossen auf sie zu lenken, um auf die Erfahrung Westsibiriens
hinzuweisen .. . und um diese gewaltige kulturelle Aufgabe von
welthistorischer Bedeutung in ihrem ganzen Umfang aufzurollen.
Abgesehen von unserem offiziellen Staatshaushalt
und von
unseren offiziellen Beziehungen tun wir für das Dorf fast gar
nichts. Allerdings nehmen bei uns die kulturellen Beziehungen
zwischen Stadt und Land von selbst und unvermeidlich einen
veränderten Charakter an. Unter der Herrschaft des Kapitalismus
gab die Stadt dem Dorf etwas, was das Dorf politisch, wirtschaft-
lich, moralisch, physisch usw. demoralisierte.
Bei uns beginnt
188
Agitation und Propaganda in der Periode der Diktatur
die Stadt von sich aus dem Dorf das direkte Gegenteil davon zu
geben. Aber all dies geschieht eben aus sich selbst heraus, spontan, und all das kann verstärkt (und späterhin hundertfach verrnehrt) werden, indem man in
diese Arbeit
Zielbewußtsein,
„Planmäßigkeit und System hineinträgt.
Wir werden erst dann vorwärts zu schreiten beginnen (und
werden es dann bestimmt hundertmal schneller tun), wenn wir
uns an die Erforschung dieser Frage machen, wenn wir Arbeitervereinigungen aller Art ins Leben rufen, — gleichzeitig aber
mit allen Mitteln ihre Bürokratisierung verhindern —, um diese
Frage zu stellen, sie zu erörtern und sie in die Tat umzusetzen.
viil
AGITATION UND PROPAGANDA IN DER
KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE
191
Die Dritte Internationale und ihr Plat in der Geschichte*
Die nachfolgenden Auszüge aus Reden und Schriften Lenins, die in
der einen oder anderen Weise Bezug nehmen auf die Agitation und Propaganda des Leitgedankens der Kommunistischen Internationale — der
proletarischen Diktatur, bilden den natürlichen Abschluß dieses
Sammelbandes, denn sie rollen das wichtigste Problem auf, wie die Agi-
tation und Propaganda aus der Sphäre der Ideologie auf den Boden der Wirklichkeit treten muß, damit die Idee zur
MachtwirdunddasBewußtseinderAvantgardesichin
die reale, epochemachendeRevolution der Millionenmassen verwandelt. Es handelt sich hierbei also nicht mehr um
die bloße, sozusageu „ideelle‘“ Aufklärung der Köpfe, sondern vielmehr um
die materielle Bewegung der Arbeitermassen. Aber in diesem Punkt
wird das Problem der leninistischen Agitation und Propaganda zum Problem der Taktik und der Organisation, wobei die politische Klarheit, die
organisatorische Festigkeit und prinzipielle Bewußtheit der Kommunistischen Partei die Durchführung der richtigen Taktik, die Verwirklichung der Schlagworte der Agitation und der Fundamentalsätze der
Propaganda verbürgt. In diesem Zusammenhang weist Lenin nach, wie die
ideologische Spaltung der Arbeiterklasse in Sozialdemokraten und Änarchisten, die vor dem Kriege die Arbeiterbewegung in zwei Lager trennte,
durch die Bewegung der Massen als eine Scheinspaltung aufgehoben, widerlegt wurde. Durch die prolelarische Weltrevolution wurde eine neue
Markierungslinie gezeichnet, die Markierungsliniie — „für oder
gegen die proletarische Diktatur‘ —, an der sich die Geister und mehr noch
die materiellen Interessen der Klassen reinlich scheiden mußten. Insofern
hat die leninistische Agilation und Propaganda eine neue Grundlage, die
des Kampfes um die proletarische Weltdiktatur, erhalten, während jede
andere offen opportunistische oder pseudoradikale Richtung innerhalb der
Arbeiterbewegung selbstverständlich vor allem dieses Prinzip leugnen muß.
Aber damit nmicht genug! Lenin zeigt besonders in seinen Ausführungen
über den Parlamentarismus als eine der Waffen der revolutionären Agitation, daß der Kommunismus, gerade weil er prinzipiell die bürgerliche
Gesellschaft als Ganzes verneint, „auf allen Gebieten das grundsätzlich
Neue“ einführt, das mit den Traditionen der 2. Internationale in radikaler
Weise bricht, Damit aber dieses „Neue“ zum Gemeingut der Massen des
kämpfenden Proletariats und aller Unterdrückten wird, ist es notwendig,
daß diese es selbst „auf eigene Art“, „durch eigene Erfahrungen und Kämpfe
lernen“ und sich so auf die Basis des Ringens um die proletarische Diktatur
stellen. Diese revolutionäre Selbstkritik kann den Massen nicht erspart
bleiben, sie kann durch die Kritik, die die leninistische Agitation und Pro-
paganda an der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft übt, nur beschleunigt
und erleichtert werden. Damit die Agitation und Propaganda des Leninis* „Die Kommunistische Internationale“, Nr. 1, 15. Mai 1919.
192
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
mus zur Aktion der Revolution, zu der realen „Agitation‘“ der Massen wird,
ist es notwendig, daß die kommunistische Avantgarde, als Führerin der
Arbeiterklasse, im engsten Zusammenschluß mit ihr die letzte entscheidende
Schlacht gegen den Klassenfeind schlägt.
Die nachstehenden Materialien stammen aus den Jahren 1919 und 1920.
Sie spiegeln in besonders prägnanter Weise die ganze Schärfe der Leninschen Analyse der Erfahrungen und Perspektiven der ersten Sturmwelle der
proletarischen Weltrevolution wider.
*
Die Imperialisten der Entente-Länder blockieren Rußland, be-
strebt, die Sowjetrepublik, als einen Ansteckungsherd, von der
kapitalistischen Welt abzuschneiden. Diese Leute, die sich mit
dem „Demokratismus‘“ ihrer Institutionen brüsten, sind vom Haß
gegen die Sowjetrepublik derart verblendet, daß sie nicht bemerken, wie sie sich selber lächerlich machen. Man denke bloß: die
am weitesten vorgeschrittenen, am meisten zivilisierten und ‚demokratischen‘“ Länder, bis an die Zähne bewaffnet, in militäri-
scher Beziehung uneingeschränkt die ganze Erde beherrschend,
fürchten wie das Feuer eineideelle Ansteckung, die von einem
zerstörten, hungernden, zurückgebliebenen, ihrer Versicherung
nach sogar halbwilden Lande ausgeht! Schon dieser Widerspruch
allein Öffnet den Arbeitermassen aller Länder die Augen und
trägt dazu bei, die Heuchelei der Imperialisten Clemenceau, Lloyd
George, Wilson®® und ihrer Regierungen zu enthüllen.
Aber nicht nur die Verblendung der Kapitalisten durch ihren
Haß gegen die Sowjets, auch ihre Reibereien untereinander, die
sie antreiben, sich gegenseitig ein Bein zu stellen, kommen uns
zugute. Sie haben sich zu einer regelrechten Verschwörung des
Schweigens zusammengetan, weil sie nichts so fürchten, wie die
Verbreitung von wahren Nachrichten über die Sowjetrepublik im
allgemeinen und das Bekanntwerden ihrer offiziellen Dokumente
im besonderen. Das Hauptorgan der französischen Bourgeoisie,
„Le Temps“, hat freilich eine Meldung über die Gründung der
Dritten Kommunistischen Internationale zu Moskau gebracht.
Wir sprechen hierfür dem Hauptorgan der französischen
Bourgeoisie, diesem Führer des französischen Chauvinismus und
Imperialismus, unseren ergebensten Dank aus. Wir sind bereit,
dem „Temps“ eine feierliche Adresse als Ausdruck unserer Er-
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte
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193
U]
kenntlichkeit dafür zu übersenden, daß diese Zeitung uns so
glücklich und so gewandt hilft.
Daraus, wie der „Temps“ seine Mitteilung auf Grund unseres
Funkspruchs aufmacht, sind mit voller Klarheit die Motive ersichtlich, von denen sich dieses Organ des Geldsacks leiten ließ.
Es wollte Wilson einen Nadelstich versetzen, ihm eins auswischen: da sehen Sie, was das für Leute sind, mit denen Sie
Verhandlungen zulassen!
Die Weisen, die auf Bestellung des
Geldsacks schreiben, bemerken nicht, wie ihr Versuch, Wilson
mit dem Bolschewistenschreck bange zu machen, in den Augen
der Arbeitermassen zur Reklame für die Bolschewiki wird. Noch
einmal: dem Organ der französischen Millionäre unseren ergebensten Dank]!
Die Gründung der Dritten Internationale ist in einer solchen
internationalen Situation vor sich gegangen, daß keine Verbote,
keine kleinlichen und kläglichen Schliche der Entente-Imperialisten oder der Lakaien des Kapitalismus, wie der Scheidemänner
in Deutschland, der Renner in Österreich, verhindern können,
daß die Kunde von dieser Internationale und die Sympathien
für sie in der Arbeiterklasse der ganzen Welt weite Verbreitung
finden. Diese Situation ist von der mit jedem Tage, ja mit jeder
Stunde überall und offenkundig wachsenden proletarischen Revolution geschaffen. Diese Situation ist geschaffen worden von
der Rätebewegung unter den Massen, die bereits eine snlche
Kraft gewonnen hat, daß sie in der Tat international ge
worden ist.
Die Erste Internationale (1864—-1872) legte den Grundstein
der internationalen Organisation der Arbeiter zum Zwecke ihrer
Vorbereitung für den revolutionären Ansturm gegen das Kapital.
Die Zweite Internationale (1889—1914) war die internationale
Organisation der proletarischen Bewegung, deren Wachstum in
die Breite ging, was nicht ohne zeitweilige Senkung des revolutionären Niveaus, nicht ohne ein zeitweiliges Erstarken des
Öpportunismus ablief, der schließlich zum schmählichen Zusam-
menbruch dieser Internationale führte.
|
Die Dritte Internationale entstand faktisch im Jahre 1918, als
der langjährige Prozeß des Kampfes mit dem Opportunismus
und Sozialchauvinismus, besonders während der Kriegszeit, in
M.B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
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13
194
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Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
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einer Reihe von Nationen zur Bildung von kommunistischen Parteien geführt hatte. Formell ist die Dritte Internationale auf
ihrem ersten Kongreß im März 1919 zu Moskau gegründet worden. Und der charakteristischste Zug dieser Internationale, ihre
Berufung, das Vermächtnis des Marxismus zu erfüllen und ins
Leben zu übertragen, die ewigen Ideale des Sozialismus und der
Arbeiterbewegung zu verwirklichen — dieser charakteristischste
Zug der Dritten Internationale trat sofort dadurch in Erscheinung, daß die neue, die dritte „internationale Arbeiterassoziation”
bereits jetzt begann, sich in gewissem Maße mit dem
Bunde der sozialistischen Sowjetrepubliken
zudecken.
Die Erste Internationale legte das Fundament des proletarischen internationalen Kampfes für den Sozialismus.
Die Zweite Internationale war die Epoche der Vorbereitung
des Bodens für eine breite Massen erfassende Ausdehnung der
Bewegung in einer Reihe von Ländern.
Die Dritte Internationale übernahm die Früchte der Arbeit
der Zweiten, beseitigte ihre opportunistischen, sozialchauvinistischen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Auswüchse und begann die Diktatur des Proletariats zuverwirklichen.
Der internationale Bund der Parteien, die die revolutionärste
Bewegung der Welt, die Bewegung des Proletariats zum Sturze
des kapitalistischen Joches, leiten, verfügt jetzt über eine Basis,
wie sie ihrer Festigkeit nach noch nicht dagewesen ist: mehrere
Sowjetrepubliken, die in internationalem Maßstabe die
Diktatur des Proletariats, seinen Sieg über den Kapitalismus in
die Wirklichkeit umsetzen.
Die weltgeschichtliche Bedeutung der Dritten, Kommunistischen Internationale besteht darin, daß sie begonnen hat, die
große Losung Marx’ zu verwirklichen, die Losung, die der jahrhundertelangen Entwicklung des Sozialismus und der Arbeiterbewegung die Bilanz zieht, die Losung, die in dem Begriff Diktatur des Proletariats ihren Ausdruck findet.
Dieses geniale Vorausahnen, diese geniale Theorie wird Wirklichkeit.
Diese lateinischen Worte sind jetzt in alle Volkssprachen des
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte
195
heutigen Europas, ja mehr noch, in alle Sprachen der Welt
übersetzt.
Eine neue Epoche der Weltgeschichte hat begonnen.
Die Menschheit wirft die letzte Form der Sklaverei von sich:
die kapitalistische oder die Lohnsklaverei.
Indem sie sich aus dieser Sklaverei befreit, geht die Menschheit zum erstenmal zu wahrer Freiheit über.
Wie konnte es geschehen, daß das erste Land, das die Dik-
tatur des Proletarials verwirklichte, die Sowjetrepublik organisierie, eines der rückständigsten Länder Europas war? Wir werden uns kaum irren, wenn wir sagen, daß gerade der Widerspruch zwischen der Rückständigkeit Rußlands und seinem
„Sprung“ zur höchsten Form des Demokratismus, über die bürgerliche Demokratie hinweg zur Sowjet- oder proletarischen Demokratie, daß gerade dieser Widerspruch eine der Ursachen war
(neben dem Druck opportunistischer Gewohnheiten und philisterhafter Vorurteile, unter dem die meisten Führer des Sozialismus
standen), die im Westen das Verständnis für die Rolle der Sowjets am meisten erschwerte bzw. verzögerte.
Die Arbeitermassen in der ganzen Welt erfaßten instinktiv
die Bedeutung der Sowjets als Kampforgane des Proletariats und
als Form des proletarischen Staates. Die durch den Opportunismus korrumpierten „Führer“ aber fuhren fort — sie tun es auch
heute —, die bürgerliche Demokratie anzubeten, die sie als ‚die
Demokratie schlechthin‘ bezeichnen.
Ist es verwunderlich, daß die Verwirklichung der Diktatur
des Proletariats zu allererst den „Widerspruch“ zwischen der
Rückständigkeit Rußlands und dem ‚„Überspringen“ der bürgerlichen Demokratie zeigte? Verwunderlich wäre es. wenn die Geschichte uns die Verwirklichung der
neuen Form der Demo-
kratie ohne eine Reihe von Widersprüchen geschenkt hätte.
Jeder Marxist, ja jeder mit der modernen Wissenschaft vertraute Mensch überhaupt würde, wenn man ihm die Frage
stellte: „Ist ein gleichmäßiger oder harmonisch-proportioneller
Übergang der verschiedenen kapitalistischen Länder zur Diktatur des Proletariats wahrscheinlich?‘ zweifelsohne diese Frage
verneinend beantworten. In der Welt des Kapitalismus’ hat es
jemals weder Gleichmäßigkeit noch Harmonie noch Proportion
13*
196
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
gegeben und geben können. Jedes Land hat besonders ausgeprägt bald diese, bald jene Seite, bald diesen, bald jenen Zug oder
Komplex von Eigenschaften des Kapitalismus und der Arbeiterbewegung entwickelt. Der Entwicklungsprozeß war ein ungleichmäßiger.
Als Frankreich seine große bürgerliche Revolution durchmachte und das ganze europäische Festland zu historisch neuem
Leben weckte, stand England an der Spitze einer konterrevolutionären Koalition, obwohl es gleichzeitig kapitalistisch weit mehr
entwickelt war als Frankreich. Die englische Arbeiterbewegung
jener Epoche nimmt indes in genialer Weise vieles vom künftigen Marxismus vorweg.
Als England der Welt die erste breite, wirklich Massen erfassende, politisch ausgeprägte proletarisch-revolutionäre Bewegung
gab, nämlich den Chartismus, gingen auf dem europäischen Festlande meistens schwache bürgerliche Revolutionen vor sich, während in Frankreich der erste große Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie ausbrach. Die Bourgeoisie schlug die verschiedenen nationalen Kolonnen des Proletariats einzeln und in
den verschiedenen Ländern auf verschiedene Art.
England hat das Beispiel eines Landes geliefert, in dem, wie
Engels sagte, das Bürgertum neben einer verbürgerlichten Aristokratie die am meisten verbürgerlichte Oberschicht des Proletariats schuf. Das führende kapitalistische Land erwies sich, was
den revolutionären Kampf des Proletariats betraf, als um mehrere Jahrzehnte zurückgeblieben. Frankreich erschöpfte gleichsam die Kräfte des Proletariats in zwei heldenmütigen Aufständen der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie, in den Jahren 1848
und 1871, die im weltgeschichtlichen Sinne äußerst viel gegeben
haben. Die Hegemonie in der Internationale der Arbeiterbewegung ging hierauf, mit den 70er Jahren des XIX. Jahrhunderts,
als Deutschland ökonomisch hinter England wie hinter Frankreich zurückstand, auf Deutschland über. Als jedoch Deutschland
ökonomisch diese beiden Länder überholt hat, d. h. im zweiten
Jahrzehnt des XX. Jahrhunderts, da steht an der Spitze der für
die ganze Welt vorbildlichen marxistischen Arbeiterpartei
Deutschlands ein Häuflein abgefeimtester Schufte, das denkbar
schmutzigste Gesindel, das sich dem Kapitalismus verkauft hat,
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte
197
von Scheidemann und Noske bis David und Legien, die widerlichsten Henker aus der Arbeiterklasse im Dienste der Monarchie
und der konterrevolutionären Bourgeoisie.
Die Weltgeschichte geht unaufhaltsam der Diktatur des Proletariats entgegen, aber sie geht durchaus keine ebenen, keine
einfachen, keine geraden Wege.
Als Karl Kautsky noch Marxist war und nicht der Renegat
des Marxismus, zu dem er in seiner Eigenschaft als Kämpfer für
die Einheit mit den Scheidemännern und für die bürgerliche Demokratie gegen die Sowjet- oder proletarische Demokratie geworden ist, schrieb er gleich zu Beginn des XX. Jahrhunderts
einen Aufsatz: „Die Slawen und die Revolution“. In diesem Aufsatz setzie er die historischen Bedingungen auseinander, die die
Möglichkeit des Überganges der Hegemonie in der internationalen und revolutionären Bewegung auf die Slawen andeuteten.
Es ist so gekommen. Für eine Zeitlang — selbstverständlich
bloß für eine kurze Zeit — ist die Hegemonie in der revolutionären proletarischen Internationale auf die Russen übergegangen, wie sie in verschiedenen Perioden des XIX. Jahrhunderts die
Engländer, dann die Franzosen, dann die Deutschen inne gehabt
haben.
Ich habe bereits mehr als einmal sagen müssen: im Vergleich
zu den fortgeschrittenen Ländern hatten es die Russen leichter,
die große proletarische Revolution zu beginnen, es wird
ihnen aber schwerer fallen, sie
fortzusetzen und im Sinne
der vollständigen Organisierung der sozialistischen Gesellschaft
zum endgültigen Siege zu führen.
Wir hatten es leichter anzufangen, erstens weil die — für das
Europa des XX. Jahrhunderts — ungewöhnliche politische Rückständigkeit der Zarenmonarchie eine ungewöhnliche Kraft des
revolutionären Ansturms der Massen hervorrief. Zweitens führte
die Rückständigkeit RußBlands zu einer eigenartigen Verflechtung
der proletarischen Revolution gegen die Bourgeoisie mit der
Bauernrevolution gegen die Grundherren. Damit begannen wir
im Oktober 1917, und wir hätten damals nicht so leicht gesiegt,
wenn wir nicht damit begonnen hätten. Marx hatte schon im Jahre
1856 in Bern in bezug auf Preußen auf die Möglichkeit einer eigen-
198
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
artigen Verbindung der .proletarischen Revolution mit dem
Bauernkrieg hingewiesen. Die Bolschewiki verfochten seit Anfang 1905 die Idee der revolutionär-demokratischen Diktatur des
Proletariats und der Bauernschaft. Drittens hatte die Revolution
des Jahres 1905 außerordentlich viel für die politische Aufklärung der Arbeiter- und Bauernmassen getan, sowohl in dem
Sinne, daß ihre Vorhut sich mit dem ‚letzten Wort‘ des Sozialismus im Westen vertraut machte, als auch im Sinne der revo-
lutionären Aktion der Massen. Ohne eine solche „Generalprobe“,
wie die von 1905, wären im Jahre 1917 sowohl die bürgerliche
Februarrevolution, als auch die proletarische Oktoberrevolution
unmöglich gewesen. Viertens gestatteten die geographischen
Verhältnisse Rußland, länger als anderen Ländern dem äußeren
Übergewicht der kapitalistischen, vorgeschrittenen Staaten standzuhalten. Fünftens erleichterte das eigenartige Verhältnis des
Proletariats zur Bauernschaft den Übergang von der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen, erleichterte den Einfluß des
städtischen Proletariats auf die halbproletarischen, armen Schichten der Werktätigen auf dem Lande. Sechstens erleichterten die
lange Schule des Streikkampfes und die Erfahrung der europäischen Massenbewegung der Arbeiter bei der Tiefe und schnellen Zuspitzung der revolutionären Situation die Entstehung einer
so eigenartigen Organisation wie die Sowjets.
Diese Aufzählung ist natürlich nicht vollständig. Aber wir
können uns einstweilen auf sie beschränken.
Die Sowjet- oder proletarische Demokratie entstand in Rußland. Im Vergleich zur Pariser Koınmune war ein zweiter weltgeschichtlicher Schritt getan. Die proletarisch-bäuerliche Sowjetrepublik erwies sich als die erste widerstandsfähige sozialistische
Republik der Welt. Sie kann als ein neuer Staatstypus
schon nicht mehr untergehen. Sie steht schon heute nicht mehr
allein da.
Um zu arbeiten am sozialistischen Aufbau, um diesen Aufbau zu vollenden, ist noch sehr, sehr vieles erforderlich. Die
Sowjetrepubliken in Ländern mit höherer Kultur, mit größerem
Gewicht und Einfluß des Proletariats haben alle Aussichten,
Rußland zu überholen, wenn sie einmal den Weg der Diktatur
des Proletariats einschlagen.
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte
Die bankrott gewordene Zweite
zersetzt sich bei lebendigem Leibe.
eines Lakaien der internationalen
gesprochen gelbe Internationale.
Internationale stirbt
Sie spielt tatsächlich
Bourgeoisie. Sie ist
Ihre bedeutendsten
199
jetzt und
die Rolle
eine ausgeistigen
Führer, wie etwa Kautsky, verherrlichen die
bürgerliche
Demokratie, die sie als „die Demokratie‘ schlechthin oder — was
noch dümmer und noch plumper ist — als die „reine Demokra-
tie“ bezeichnen.
Die bürgerliche Demokratie hat ausgelebt, wie auch die Zweite
Internationale ausgelebt hat, nachdem sie eine historisch notwendige, nützliche Arbeit geleistet, als die Vorbereitung der Arbeitermassen im Rahmen dieser bürgerlichen Demokratie an der Tagesordnung war.
.
Die demokratischste bürgerliche Republik war und konnte niemals etwas anderes sein als eine Maschine zur Unterdrückung
der Werktätigen durch das Kapital, ein Werkzeug der politischen
Macht des Kapitals, die Diktatur der Bourgeoisie. Die demokratische bürgerliche Republik verhieß die Herrschaft der Mehrheit,
proklamierte sie, aber konnte sie doch niemals verwirklichen, solange das Privateigentum am Grund und Boden und an den anderen Produktionsmitteln bestand.
Die „Freiheit“ in der bürgerlich-demokratischen Republik
war in Wirklichkeit die Freiheit für die Reichen. Die Proletarier und die werktätigen Bauern konnten und mußten sie zur
Vorbereitung ihrer Kräfte zum Sturze des Kapitals, zur Überwindung der bürgerlichen Demokratie ausnutzen, aber die Demokratie tatsächlich genießen konnten die Arbeitermassen
unter dem Kapitalismus in der Regel nicht.
|
Zum erstenmal in der Welt hat die Sowjet- oder die prolearische Demokratie eine Demokratie für die Massen, für
die Werktätigen, für die Arbeiter und Kleinbauern geschaffen.
Es hat in der Welt noch niemals eine solche Staatsmacht der
Mehrheit der Bevölkerung, eine solche wirkliche Macht
dieser Mehrheit gegeben wie die Sowjetmacht.
|
Sie unterdrückt die „Freiheit“ der Ausbeuter und ihrer Helfershelfer, sie beraubt sie der „Freiheit, auszubeuten, der ‚,Frei-
200
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
heit“, sich am Hunger zu bereichern, der „Freiheit“ des Kampfes
für die Wiederherstellung der Macht des Kapitals, der „Freiheit“
des Komplotts mit der auswärtigen Bourgeoisie gegen die Arbeiter
und Bauern ım Lande.
Mögen die Kautsky eine solche Freiheit verteidigen. Dazu
muß man ein Renegat des Marxismus, ein Renegat des Sozialismus sein.
In nichts ist der Bankrott der geistigen Führer der Zweiten
Internationale vom Schlage Hilferdings und Kautskys so deutlich
zum Ausdruck gekommen, wie in dem völligen Unvermögen, die
Bedeutung der Sowjet- oder proletarischen Demokratie, ihr Verhältnis zur Pariser Kommune, ihren Platz in der Geschichte,
ihre Notwendigkeit als Förm der Diktatur des Proletariats zu begreifen.
In Nr. 74 der Zeitung „Die Freiheit‘, dem Organ der „unabhängigen“ (lies: philisterhaften, kleinbürgerlichen) deutschen Sozialdemokratie wird am 11. Februar 1919 ein Aufruf „An das
revolutionäre Proletariat Deutschlands‘ veröffentlicht.
Dieser Aufruf ist vom Parteivorstand und der ganzen Fraktion
in der „Nationalversammlung“, der deutschen „Konstituante“,
unterzeichnet.
Er beschuldigt die Scheidemänner der Bestrebung, die Räte
abzuschaffen, und bringt — Spaß beiseite — in Vorschlag, die
Räte mit der Konstituante zu verknüpfen, den Räten gewisse Staatsrechte, einen gewissen Platz in der Verfassung einzuräumen.
Die Diktatur der Bourgeoisie mit der Diktatur des Proletariats versöhnen, sie miteinander vereinigen! Wie einfach das ist!
Welch eine genial-philisterhafte Idee!
Es ist bloß schade, daß unter Kerenski die vereinigten Menschewiki und Sozialrevolutionäre in Rußland, diese kleinbürgerlichen Demokraten, die sich für Sozialisten hielten, diese Idee
bereits erprobt haben.
Wer bei der Lektüre von Marx nicht begriffen hat, daß in
der kapitalistischen Gesellschaft in jedem kritischen Moment, bei
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte
201
jedem ernsten Zusammenstoß der Klassen entweder die Diktatur
der Bourgeoisie oder aber die Diktatur des Proletariats möglich
ist, der hat weder von der ökonomischen noch von der politischen
Lehre Marx’ etwas verstanden.
Aber die genial-philisterhafte Idee der Hilferding, Kautsky
und Co. von der friedlichen Vereinigung der Diktatur der Bourgeoisie mit der Diktatur des Proletariats bedarf einer besonderen
Untersuchung, will man die ökonomischen und politischen
Albernheiten, die in diesem merkwürdigen und komischen Aufruf vom 11. Februar angehäuft sind, erschöpfen. Das muß für
einen anderen Artikel aufgeschoben werden.
202
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
Die Dritte, Kommunistische Internationale*
Genossen, seit der Gründung der Kommunistischen Inter-
nationale ist ein Jahr vergangen. Im Laufe dieses Jahres hat die
Kommunistische Internationale Siege errungen, die wir kaum
hätten erwarten können, ja man darf ruhig sagen, daß niemand
bei der Gründung so ungeheure Erfolge erwartet hat.
In der ersten Zeit der Revolution hegten viele die Hoffnung,
die sozialistische Revolution in Westeuropa werde unmittelbar
nach der Beendigung des imperialistischen Krieges ausbrechen;
denn in einem Moment, wo die Massen bewaffnet waren, konnte
die Revolution mit dem größten Erfolg auch in einigen Ländern
des Westens vor sich gehen. Das hätle so kommen können, wenn
die Spaltung des Proletariats in Westeuropa nicht so tief und der
Verrat der ehemaligen sozialistischen Führer nicht so groß gewesen wäre.
Wir wissen bis zur Stunde noch nicht genau, wie die Demobilmachung verlaufen ist und wie die Liquidierung des Krieges
vor sich geht. Wir wissen z. B. nicht, was in Holland vor sich
gegangen ist, und nur aus einem Artikel, in dem von einer Rede
eines holländischen Kommunisten erzählt wird, aus einem einzigen Artikel — es sind aber viele solcher Artikel geschrieben
worden — habe ich zufällig erfahren, daß in Holland, einen
neutralen Lande, das von dem imperialistischen Krieg weniger
betroffen worden ist, die revolutionäre Bewegung einen solchen
Umfang angenommen hat, daß man bereits zur Bildung von
Räten geschritten ist und Troelstra, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der opportunistischen holländischen Sozialdemokratie,
zugegeben hat, daß die Arbeiter die Macht in ihre Hände hätten
nehmen können’.
Wäre die Internationale nicht in den Händen von Verrätern
gewesen, die sich für die Rettung der Bourgeoisie in kritischen
*Rede vom 6. März 1920 in der feierlichen Sitzung des Moskauer Sowjets
aus Anlaß des Jahrestages der Dritten Internationale.
Die Dritte, Kommunistische Internationale
208
wuhe
Augenblicken einsetzten, dann hätte es unmittelbar nach Kriegsschluß in vielen kriegführenden Ländern und in einigen neultralen Ländern, wo das Volk unter Waffen stand, viele Chancen für
eine rasche Entwicklung der Revolution gegeben, und dann wäre
der Ausgang ein anderer gewesen.
Das ist nicht gelungen. Die Revolution hat nicht so rasch
gesiegt. Und nun muß man jene ganze Entwicklung durchmachen, die wir noch vor der ersten Revolution, vor 1905 beginnen mußten. Denn nur, weil bis zur Revolution von 1917 mehr
als ein Jahrzehnt verflossen war, erwiesen wir uns als fähig, das
Proletariat zu führen.
1905 war sozusagen die Probe der Revolution, und zum Teil
wegen dieses Umstandes gelang es in Rußland, den Augenblick
des Zusammenbruches des imperialistischen Krieges auszunutzen, und die Macht ging in die Hände des Proletariats über.
Dank der geschichtlichen Ereignisse, dank der völligen Fäulnis
des Absolutismus war es uns leicht, die Revolution anzufangen;
aber weil der Anfang leicht war, so war die Fortsetzung der
Revolution in diesem Lande, das allein dastand, um so schwerer.
Wenn wir auf das verflossene Jahr zurückblicken, so müssen
wir sagen: in den anderen Ländern, wo die Arbeiter entwickelter
sind, wo eine größere Industrie besteht, wo die Arbeiter viel zahlreicher sind, ist die Entwicklung der Revolution langsamer vor
sich gegangen. Sie ist unseren Weg gegangen, aber viel langsamer.
Auf diesem Weg schreiten die Arbeiter langsam fort; sie
bahnen den Weg zum Sieg des Proletariats, der zweifellos mit
größerer Sicherheit herannaht als bei uns; denn wirft man einen
Blick auf die Dritte Internationale, so muß man sich über die
Schnelligkeit wundern, mit der sie sich ausgebreitet hat und von
Sieg zu Sieg geschritten ist.
Man sehe nur, wie sich unsere Wortungeheuer, wie z. B.
das Wort ‚„Bolschewismus‘“, in der ganzen Welt verbreiten.
Trotzdem wir uns Kommunistische Partei nennen und „Kommu-
nist‘““ die wissenschaftliche, in Europa allgemein anerkannte Bezeichnung ist, ist sie in den europäischen und in anderen Ländern weniger verbreitet als das Wort „Bolschewik“. Unser russisches Wort „Sowjet” gehört zu den verbreitetsten Wörtern; es
204
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
wird in die anderen Sprachen gar nicht erst übertragen, sondern
überall als russisches gebraucht.
Trotz aller Lügen der bürgerlichen Presse, trotz des tollen
Widerstandes der gesamten Bourgeoisie, — trotz alledem erwies
es sich, daß die Sympathien der Arbeitermassen den Sowjets, der
Sowjetmacht und dem Bolschewismus gehören. Je mehr die
Bourgeoisie zusammenlog, desto mehr trug sie dazu bei, unsere
Erfahrung mit Kerenski in der ganzen Welt zu verbreiten.
Gegen einen Teil der Bolschewiki, die aus Deutschland eingetroffen waren, wurde eine tolle Hetze eröffnet, die man in der ‚‚de-
mokratischen Republik“ auf echt amerikanische Manier organisierte. Und diese Hetze wurde von Kerenski, den Sozialrevolu-
tionären und den Menschewiki nach Kräften unterstützt. Auf
diese Weise brachte man die verschiedenen Schichten des Proletariats in Bewegung, brachte sie auf den Gedanken, daß die Bolschewiki etwas Gutes wollen müssen, wenn man eine solche
Hetze gegen sie eröffnet.
Und wenn man von Zeit zu Zeit kärgliche Nachrichten aus
dem Ausland erhält, wenn man z. B., ohne die Möglichkeit zu
haben, die gesamte Presse zu verfolgen, eine Nummer des reichsten englischen Blaties, der „Times“, zur Hand nimmt und liest,
wie dort bolschewistische Äußerungen zum Beweis dafür angeführt werden. daß die Bolschewiki bereits während des Krieges
den Bürgerkrieg propagiert haben, so kommt man zu dem Schluß,
daß sogar die klügsten Vertreter der Bourgeoisie vollständig den
Kopf verloren haben. Wenn die englische Zeitung auf das Buch
„Gegen den Strom®°“ aufmerksam macht, es den englischen Lesern empfiehlt und Zitate daraus anführt, um zu zeigen, daß die
Bolschewiki zu der allerschlimmsten Sorte von Menschen gehören, weil sie den imperialistischen Krieg als ein Verbrechen
bezeichnen und den Bürgerkrieg predigen, dann gewinnt man die
Überzeugung, daß die gesamte, uns hassende Bourgeoisie uns
unterstützt. Und dafür — unseren verbindlichsten Dank!
Wir besitzen weder in Europa noch in Amerika eine Tagespresse; die Information über unsere Arbeit ist sehr dürftig; unscre Genossen werden aufs grausamste verfolgt. Aber sieht man,
wie die schwerreiche imperialistische Presse der Entente, aus der
Hunderttausende von anderen Blättern ihre Nachrichten schöp-
Die Dritte, Kommunistische Internationale
|
205
—
fen, jedes Gefühl für Maß derart verloren hat, daß sie, um die
Bolschewiki zu treffen, eine Fülle von Zitaten aus den Werken
der Bolschewiki anführt und diese Zitate aus der während des
Krieges erschienenen Literatur hervorkramt, um zu beweisen,
daß wir den Krieg für ein Verbrechen erklärten und danach
strebten, ihn in einen Bürgerkrieg zu verwandeln —, so bedeutet
dies, daß diese überklugen Herren im Begriff sind, genau solche
Dummköpfe zu werden wie unser Kerenski und seine Genossen.
Deshalb können wir die Garantie dafür übernehmen, daß diese
Leute, diese Führer des englischen Imperialismus ihr Werk der
Unterstützung der kommunistischen Revolution gut und gründlich durchführen werden.
Genossen, vor dem Kriege schien es, als ob die Arbeiterbewegung in zwei Hauptteile zerfiel — in Sozialisten und Anarchisten.
Und das schien nicht nur so, sondern war auch wirklich der
Fall. In der langwierigen Epoche bis zum imperialistischen
Krieg und bis zur Revolution hatten wir in der großen Mehrzahl
der europäischen Länder keine objektiv revolutionäre Situation.
Die Aufgabe bestand darin, die mühevolle Tagesarbeit für die
Vorbereitung der Revolution auszunutzen. Die Sozialisten nahmen diese Arbeit in Angriff, die Anarchisten aber hatten kein
Verständnis für diese Aufgabe. Der Krieg schuf eine revolutio-
näre Situation, und diese alte Einteilung erwies sich als überholt.
Einerseits sind die Spitzen des Anarchismus und des Sozialismus
zu Chauvinisten geworden und haben gezeigt, was es heißt, die
eigenen kapitalistischen Räuber gegen andere zu verteidigen, wofür im Kriege Millionen von Menschen hingerafft worden sind.
Andererseits sind in den unteren Schichten der alten Parteien
neue Strömungen entstanden — gegen den Krieg, gegen den Imperialismus, für die soziale Revolution. So ist infolge des Krieges
eine ungeheure Krise entstanden. Sowohl die Anarchisten als
auch die Sozialisten haben sich gespalten. Denn die parlamentariıschen Führer der Sozialisten entpuppten sich als Angehörige
des chauvinistischen Flügels, während unter den Massen eine
stetig wachsende Minderheit sich von ihnen abwandte und auf
die Seite der Revolution überzugehen begann.
Die Arbeiterbewegung in allen Ländern hat also einen neuen
Weg beschritten, nicht den Weg der Anarchisten und Sozialisten,
206
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
sondern den Weg, der zur Diktatur des Proletariats führt. Diese
Spaltung in der ganzen Welt hat noch vor der Gründung der
Dritten Internationale begonnen.
Wenn wir Erfolg gehabt haben, so deshalb, weil wir kamen,
als die Situation revolutionär war und es schon eine Arbeiterbewegung in allen Ländern gab, und deshalb sehen wir jetzt die
Spaltung unter den Sozialisten und Anarchisten. Das führt in
der ganzen Welt dazu, daß die kommunistischen Arbeiter neue
Organisationen schaffen und daß diese Organisationen sich der
Dritten Internationale anschließen. Diese Auffassung ist die einzig
richtige.
Wenn von neuem Meinungsverschiedenheiten auftauchen, z.
B. über die Ausnutzung des Parlamentarismus, so muß man
sagen, daß es nach den Erfahrungen der russischen Revolution
und des Bürgerkrieges, nachdem sich die Gestalt Liebknechts der
ganzen Welt eingeprägt hat und seine Rolle und Bedeutung unter
den Vertretern des Parlamentarismus klar geworden ist, unsinnig
wäre, die revolutionäre Ausnutzung des Parlamentarismus abzulehnen. Den Vertretern der alten Auffassung ist es klar geworden, daß man die Frage des Staates nicht mehr in alter Weise
stellen kann, daß dank der revolutionären Bewegung an die
Stelle der alten, gelehrten Behandlung dieser Frage eine neue,
praktische Fragestellung getreten ist.
Der gesamten vereinigten, zentralisierten Macht der Bourgeoisie muß man die vereinigte, zentralisierte Macht des Proletariats
entgegenstellen. Auf diese Weise hat sich jetzt das Problem des
Staates verschoben und der alte Meinungsstreit seinen Sinn eingebüßt. Statt der alten Einteilung der Arbeiterbewegung haben
wir eine neue bekommen: die Hauptfrage ist jetzt die Stellung
zur Sowjetmacht und zur Diktatur des Proletariats.
Die Sowjetverfassung zeigte anschaulich, was die russische
Itevolution geleistet hat. Auf Grund unserer Erfahrungen und des
Studiums dieser Erfahrungen ist es dahin gekommen, daß alle
Gruppierungen der alten Aufgaben sich auf eine einzige reduzierten: für oder wider die Sowjetmacht? Entweder für die Macht
der Bourgeoisie, für die Demokratie, für jene Normen der Demokratie, die die Gleichheit des Satten und des Hungrigen, des Kapitalisten und des Arbeiters, der Ausbeuter und der Ausgebeute-
Die Dritte, Kommunistische Internationale
207
—
ten bei der Abgabe der Stimmzettel garantieren, aber die kapitalistische Sklaverei verhüllen — oder für die Macht des Proletariats, für die rücksichtslose Unterdrückung der Ausbeuter, für
den Sowjetstaat.
... Europa geht nicht denselben Weg zur Revolution wie wir,
aber Europa macht im wesentlichen genau dasselbe durch. Jedes
Land muß auf seine eigene Weise den inneren Kampf durchführen, den Kampf gegen den eigenen Opportunismus, gegen die
eigenen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die unter anderem
Namen in größerer oder geringerer Stärke in allen Ländern existieren. Und dieser Kampf hat bereits begonnen.
Und eben, weil sie diese Erfahrung selbständig durchmachen,
kann man dafür einstehen, daß der Sieg der kommunistischen
Revolution in allen Ländern unausbleiblich ist. Und je mehr
Schwankungen und Unsicherheit es in den Reihen der Feinde
gibt, die darin zum Ausdruck kommen, daß sie erklären, die Bol-
schewiki seien Verbrecher und man würde niemals mit ihnen
Frieden schließen, — desto besser für uns.
. Der Krieg im XX. Jahrhundert in einem zivilisierten.
Lande zwingt die Regierungen zur Selbstentlarvung. In einem
französischen Blatt sind Dokumente des ehemaligen Kaisers Karl
von Österreich über dessen Friedensangebot vom Jahre 1916 an
Frankreich veröffentlicht worden. Jetzt ist dieses Schreiben verölfentlicht worden, und die Arbeiter richten an den Führer der
Sozialisten, an Albert Thomas, die Frage: „Gehörten Sie nicht
damals zur Regierung, als der Frieden angeboten wurde? Was
haben Sie damals getan?” Als man an Albert Thomas diese
Frage richtete, da hüllte er sich in Schweigen.
Diese Enthüllungen haben erst eben begonnen. Die Volksmassen sind aufgeklärt und können weder in Europa noch in
Amerika die alte Stellung zum Kriege einnehmen. Sie fragen: weshalb hat man 10 Millionen Menschen getötet und 20 Millionen zu
Krüppeln gemacht? Diese Frage stellen, heißt die Massen dazu
zwingen, für die Diktatur des Proletariats einzutreten. Diese Frage
stellen, heißt sie beantworten: 10 Millionen Menschen sind abgeschlachtet und 20 Millionen zu Krüppeln gemacht worden, damit die Frage entschieden werde, wer mehr Profit einstecken
soll, die deutschen oder die englischen Kapitalisten? Das ist die
208
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
Wahrheit, und wie sehr man sie auch verhüllen will, sie bricht
sich Bahn.
Der Zusammenbruch der kapitalistischen Regierungen ist unvermeidlich. Denn alle sehen, daß ein solcher Krieg abermals
kommen muß, wenn die Imperialisten und die Bourgeoisie an der
Macht bleiben. Zwischen Japan und Amerika entstehen neue
Streitigkeiten und Konflikte. Sie sind durch Jahrzehnte der
diplomatischen Geschichte beider Länder vorbereitet. Kriege
sind unvermeidlich, solange Privateigentum besteht.
Ein Krieg
zwischen England, das Kolonien zusammengeraubt hat, und
Frankreich, das benachteiligt zu sein glaubt, ist unvermeidlich.
Niemand weiß, wo und wann er ausbrechen wird, aber alle sehen
und wissen und sprechen davon, daß er unvermeidlich ist und
daß man aufs neue zum Kriege rüstet.
Diese Situation im XX. Jahrhundert in Ländern ohne Analphabeten ist eine Garantie dafür, daß vom alten Reformismus
und Anarchismus keine Rede mehr sein kann. Sie sind durch
den Krieg erledigt worden. Davon zu reden, daß man die kapitalistische Gesellschaft, die hunderte Milliarden von Rubeln für
den Krieg hergegeben hat, umgestalten kann, davon zu reden,
daß man diese Gesellschaft ohne eine revolutionäre Macht, ohne
Gewalt und ohne ungeheure Erschütterungen umgestalten kann,
— so zu reden ist ganz unmöglich! Wer so redet und denkt,
verdient keine Beachtung.
Die Stärke der Kommunistischen Internationale besteht darin,
daß sie sich auf die Lehren. des imperialistischen Weltgemetzels
stützt. Die Richtigkeit ihres Standpunktes wird durch die Erfah-
rungen von Millionen Menschen in jedem Lande immer mehr und
mehr bestätigt und die Bewegung für den Anschluß an die Komnıunistische Internationale ist jetzt hundertmal breiter und tiefer
geworden, als sie bisher war. Sie hat im Laufe eines Jahres zum
vollständigen Zusammenbruch der Zweiten Internationale geführt.
Es gibt in der Welt kein einziges noch so zurückgebliebenes
Land, in dem nicht alle denkenden Arbeiter der Kommunistischen
Internationale beigetreten wären, sich nicht geistig ihr angeschlossen hätten. Das ist eine sichere Bürgschaft für den Sieg
der Kommunistischen Internationale in der ganzen Welt und in
einer nicht allzu fernen Zeit.
Über die „linken“ Kinderkrankheiten*
. . . Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt jetzt, daß in
allen Ländern der wachsende, erstarkende, zum Siege schreitende
Kommunismus in erster Linie den Kampf gegen den eigenen
„Menschewismus“ (in jedem Lande) aufnehmen muß (diese
Phase hat bereits begonnen), d. h. gegen den Opportunismus und
Sozlalchauvinismus, und zweitens — sozusagen als Ergänzung —
den Kampf gegen den „radikalen“ Kommunismus. Der erste Kampf
hat sich in allen Ländern, offenbar ohne jede Ausnahme, als
Kampf der Zweiten (heute bereits tatsächlich toten) und der
. Dritten Internationale entfaltet. Der zweite Kampf ist zu beobachten in Deutschland, in England, in Italien, in Amerika (zumindestens vertritt ein gewisser Teil der „Industriearbeiter der
Welt“ und der anarcho-syndikalistischen Strömungen die Fehler
des „radikalen“ Kommunismus bei fast allgemeiner, fast ungeteilter Anerkennung des Rätesystems) und in Frankreich (die Stellung eines Teils der früheren Syndikalisten zur politischen Partei
und zum Parlamentarismus und dabei wiederum die Anerkennung des Rätesystems), d. h. also zweifellos nicht nur im internationalen, sondern im Weltmaßstab.
Aber indem die Arbeiterbewegung eines jeden Landes überall
eine im Grunde genommen gleichartige Vorbereitungsschule zum
Sieg über die Bourgeoisie durchmacht, vollzieht sie diese Entwicklung auf eigene Weise. Dabei schreiten die großen
fortgeschrittenen kapitalistischen Länder auf diesem Wege viel
schneller vorwärts als der Bolschewismus in Rußland, der
von der Geschichte eine fünfzehnjährige Frist erhalten hatte, um
sich als organisierte politische Strömung auf den Sieg vorzubereiten. Die Dritte Internationale hat in der kurzen Zeit eines Jahres
bereits einen entscheidenden Sieg davongetragen, hat die gelbe,
sozialchauvinistische Zweite Internationale geschlagen, die noch
vor einigen wenigen Monaten unvergleichlich stärker war als die
* Aus der Broschüre „Die Kinderkrankheit des „Radikalismus“ im Kom-
munismus‘, April-Mai 1920 (Kapitel X und Anhang, Kapitel IV).
M.B.8, Lenin: Agitation u. Propaganda
ii
210
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
Kommunistische Internationale, fest und stark zu sein schien
und in jeder Hinsicht, direkt und indirekt, materiell (Minister-
sessel, Pässe, Presse)
bourgeoisie genoß.
und geistig die Unterstützung der Welt-
Alles kommt jetzt darauf an, daß die Kommunisten eines
jeden Landes sowohl die grundsätzlichen Aufgaben des Kampfes
gegen den Opportunismus und den ‚radikalen‘ Doktrinarismus
als auch dtekonkretenBesonderheiten ganz klar einschätzen, die dieser Kampf in jedem einzelnen Lande entsprechend der Eigenart seiner Wirtschaft, Politik und Kultur, seiner
nationalen Zusammensetzung (Irland usw.), seiner Kolonien, sei'ner religiösen Spaltungen usw. usw. annimmt und unvermeidlich
annehmen muß. Überall fühlt man, wie die Unzufriedenheit mit der
Zweiten Internationale immer mehr anwächst, sowohl wegen ihres
Opportunismus als auch wegen ihres Unvermögens oder ihrer
Unfähigkeit, eine wirklich zentralisierte, wirklich führende Organisation zu schaffen, die fähig wäre, die internationale Taktik
des revolutionären Proletariats in seinem Kampfe für die internationale Räterepublik zu lenken. Man muß sich klar darüber
sein, daß ein solches leitendes Zentrum auf keinen Fall die taktischen Kampfregeln schablonenhaft festsetzt, mechanisch ausgleicht und identifiziert. So lange nationale und staatliche Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern bestehen — diese Unterschiede aber werden noch sehr, sehr lange sogar nach der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats in der ganzen Welt bestehen — erfordert die Einheit der internationalen Taktik der kommunistischen Arbeiterbewegung aller Länder nicht die Beseitigung
der Verschiedenartigkeit, nicht die Abschaffung der nationalen
Unterschiede (das wäre im gegebenen Augenblick eine sinnlose
Phantasterei), sondern eine solche Anwendung der grund-
legenden Prinzipien des Kommunismus (Sowjetmacht und
Diktatur des Proletariats), bei der diese Prinzipien in den Ein-
zelheiten richtig variiert und an die nationalen und
national-staatlichen Verschiedenheiten richtig angepaßt werden.
Das spezifisch Nationale in den
konkreten Methoden eines
jeden Landes bei der Lösung der einheitlichen internationalen Aufgabe, beim Sieg über den Opportunismus und den ‚„radikalen‘‘ Doktrinarismus innerhalb der Arbeiterbewegung, beim
Über die „linken“ Kinderkrankheiten
211
Sturz der Bourgeoisie, bei der Errichtung der Sowjetrepublik und
der proletarischen Diktatur zu erforschen, zu studieren, heraus-
zufinden, zu erraten und zu erfassen — das ist die wichtigste Aufgabe aller vorgeschrittenen (und nicht nur der vorgeschrittenen)
Länder im gegenwärtigen historischen Augenblick. Das Wichtigste (natürlich bei weitem noch nicht alles, aber doch das Wichtigste) für die Heranziehung der Vorhut der Arbeiterklasse, für
ihren Übergang auf die Seite der Sowjetmacht gegen den Parlamentarismus, auf die Seite der Diktatur des Proletariats gegen
die bürgerliche Demokratie ist bereits getan. Jetzt muß man alle
Kräfte, alle Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt kon-
zentrieren, der weniger wichtig zu sein scheint, — und es von
einem gewissen Standpunkt auch wirklich ist — der aber dafür
der Lösung der Aufgabe praktisch näher steht, nämlich auf die
Ausfindigmachung der Form des
Überganges zur proletarischen Revolution bzw. des Herantretens an die proletarische Revolution.
Die proletarische Vorhut ist geistig erobert. Das ist die Haupt-
sache. Ohne das kann man nicht einmal den ersten Schritt zum
Siege machen. Aber von hier bis zum Siege ist es noch ziemlich
weit. Mit der Vorhut allein kann man nicht siegen. Die Vorhut
allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze
Klasse, solange die breiten Massen die Avantgarde nicht direkt
unterstützen oder wenigstens eine wohlwollende Neutralität ihr
gegenüber und eine absolute Unfähigkeit, ihren Gegner zu unterstützen, an den Tag gelegt haben — wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die
ganze Klasse, die breiten Massen der Werktätigen und vom
Kapital Geknechteten einen solchen Standpunkt einnehmen —
dazu ist Propaganda und Agitation allein zu wenig. Dazu bedarf
es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen. [Das ist das
srundlegende Gesetz aller großen Revolutionen, das sich jetzt mit
überraschender Kraft und Anschaulichkeit nicht nur in Rußland,
sondern auch in Deutschland bestätigt hat. Nicht nur die auf
niedriger Kulturstufe stelienden, oft des Lesens und Schreibens
unkundigen Massen Rußlands, sondern auch die durchweg des
Lesens und Schreibens kundigen Massen Deutschlands mit ihrer
hohen Kultur mußten an ihrer eigenen Haut die ganze Ohnmacht,
14*
212
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
Charakterlosigkeit, Hilflosigkeit, Lakaienhaftigkeit, Gemeinheit der
Regierung der Ritter der Zweiten Internationale, die ganze Unver-
meidlichkeit der Diktatur der äußersten Reaktionäre (Kornilow”
in Rußland, Kapp und Co. in Deutschland) als einzige Alternative für die Diktatur des Proletariats erfahren, um sich entschie-
den dem Kommunismus zuzuwenden.
Die nächste Aufgabe der klassenbewußten Vorhut der internationalen Arbeiterbewegung, d.h. der kommunistischen Parteien,
Gruppen, Strömungen, besteht darin, die breiten (jetzt meistens
noch schlummernden, apathischen, in althergebrachten Vorstellun-
gen befangenen, konservativen) Massen an diese ihre neue Position
heranzuführen, oder genauer gesagt, nicht nur die
Partei, sondern auch die Massen bei ihrem Übergang zu einer
neuen Position zu leiten. Konnte die erste historische Aufgabe
(die Gewinnung der klassenbewußten Vorhut des Proletariats
für die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats) nicht ohne
einen vollkommenen ideologischen und politischen Sieg über den
Opportunismus und den Sozialchauvinismus gelöst werden, so
kann die zweite, jetzt aktuelle Aufgabe, die Heranführung der
Massen an die neue Position, die den Sieg der Vorhut in der
Revolution zu sichern vermag, — so kann diese aktuelle Aufgabe
nicht ohne die Beseitigung des „radikalen“ Doktrinarismus, ohne
die völlige Überwindung seiner Fehler, ohne die Befreiung von
diesen Fehlern durchgeführt werden.
Solange es sich darum handelt, die Vorhut des Proletariats für
denKommunismus zu gewinnen, solange tritt die Propaganda
an die erste _‚Stelle;_ sogar politische Zirkel mit den ihnen eigenen
. Schwächen sind hier nützlich und zeitigen wertvolle Ergebnisse.
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; Wenn es sich um die praktische Aktion der Massen handelt, um
den Aufmarsch — wenn man so sagen darf — von Millionenarmeen, um die Gruppierung aller Klassenkräfte der gegebenen
Gesellschaft zum letzten und entscheidenden
Kampf, so kann man hier mit propagandistischen Gewohnheiten allein, mit der bloßen Wiederholung der Wahrheiten des
„reinen“ Kommunismus nichts ausrichten. Hier gilt es, nicht bis
Tausend zu zählen, wie das im Grunde genommen der Propagandist einer kleinen Gruppe tut, die noch keine Massen geführt
hat, hier muß man mit Millionen und Dutzenden von Millionen
Über die „linken“ Kinderkrankheiten
|
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213
rechnen. Hier muß man sich nicht nur fragen, ob wir die Vorhut
der revolutionären Klassen überzeugt haben, sondern auch, ob
die historisch wirksamen Kräfte aller Klassen, unbedingt aller.
Klassen der gegebenen Gesellschaft, ohne Ausnahme, so gruppiert
sind, daß die entscheidende Schlacht bereits wirklich herangereift
ist — so daß I.alle uns feindlichen Klassenkräfte genügend in
Verwirrung geraten sind, alle diese Klassen miteinanderin Fehde
liegen, durch den Kampf, der ihre Kräfte übersteigt, genügend
geschwächt sind; 2. alle schwankenden, unsicheren, unbeständigen Zwischengruppen, d. h. das Kleinbürgertum, die kleinbürger-
liche Demokratie zum Unterschied von der Bourgeoisie, vor dem
Volke genügend entlarvt, durch ihren Bankrott in der Praxis genügend hbloßgestellt sind; 3. im Proletariat die Stimmung der
Massen zugunsten der Unterstützung der entschiedensten, kühnsien, revolutionären Aktionen gegen die Bourgeoisie umgeschlagen
ıst und immer mächtiger wird.
Ist das der Fall, dann ist die
Zeit reif für die Revolution, dann ist — wenn wir alle oben erwähnten, kurz charakterisierten Bedingungen richtig eingeschätzt
und den Augenblick richtig gewählt haben — unser Sieg sicher.
Die Streitigkeiten zwischen den Churchill und Lloyd George
(diese politischen Typen gibt es in allen Ländern mit geringen
nationalen Unterschieden) einerseits, zwischen -den Henderson
und Lloyd George®® andererseits sind ganz unwichtig und geringfügig vom Standpunkt des reinen, d. h. abstrakten, zur praktischen politischen Massenaktion noch nicht herangereiften Konimunismus. Aber vom Standpunkt dieser praktischen Aktion der
Massen sind diese Uneinigkeiten äußerst, äußerst wichtig. Sie
in Rechnung zu stellen, den Moment des völligen Ausreifens der
unter diesen „Freunden“ unvermeidlichen Konflikte zu bestimmen, die alle diese „Freunde“ zusammengenommen
schwächen und entkräften — darin besteht die ganze Aufgabe
des Kommunisten, der nicht nur ein bewußter, überzeugter Pro-
pagandist der Ideen, sondern auch ein praktischer Führer der
Massen in der Revolution sein will. Man muß die größte Treue
zur Idee des Kommunismus mit dem Vermögen vereinigen, alle
notwendigen, praktischen Kompromisse einzugehen, zu lavieren,
zu paktieren, im Zickzack vorzugehen, Rückzüge anzutreten und
dgl., um die Ergreifung der politischen Macht durch die Henderson,
214
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
diese Helden der Zweiten Internationale (um nicht die Namen
einzelner Personen, der Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich als Sozialisten bezeichnen, zu nennen) sowie die
Überwindung dieser Macht zu beschleunigen; ihren unvermeid-
lichen Bankrott in der Praxis zu beschleunigen, der die Massen
gerade in unserem Geiste, gerade in der Richtung zum Kommunismus aufklärt; die unvermeidlichen Reibungen, Streitigkeiten,
Konflikte, die völlige Entzweiung zwischen den Henderson, Lloyd
George und Churchill (den Menschewiki und Sozialrevolutionären, den” Kadetten und Monarchisten, den Scheidemännern, der
Bourgeoisie und den Kappleuten usw.‘ zu beschleunigen und den
Augenblick des größten Konflikts zwischen allen diesen „Stützen
des heiligen Privateigentums“ richtig auszuwählen, um durch
einen entschlossenen Angriff des Proletariats sie alle zu schlagen
und die politische Macht zu erobern.
Die Geschichte, insbesondere die Geschichte der Revolutionen,
war stets inhaltsreicher, mannigfaltiger, vielseitiger, lebendiger,
„schlauer“, als die besten Parteien, die klassenbewußtesten ÄAvantgarden der vorgeschrittensten Klassen sich vorstellen. Das ist auch
verständlich, denn die besten Avantgarden bringen das Bewußtsein, den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Zehntausenden zum Ausdruck; die Revolution aber wird in Augenblicken
eines besonderen Aufschwunges und einer besonderen Anspannung aller menschlichen Fähigkeiten durch das Bewußtsein, den
Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Dutzenden Millionen
verwirklicht, die vom schärfsten Klassenkampf angepeitscht werden. Hieraus ergeben sich zwei sehr wichtige praktische Schlußfolgerungen: erstens, daß die revolutionäre Klasse zur Verwirklichung ihre Aufgabe verstehen muß, alle Formen oder Seiten
der gesellschaftlichen Tätigkeit, ohne jede Ausnahme, zu beherr-
schen (wobei sie nach der Eroberung der politischen Macht, mitunter mit großem Risiko, unter ungeheurer Gefahr, das zu Ende
führt, was sie vorher nicht beendet hat); zweitens, daß die revo-
lutionäre Klasse auf die schnellste und plötzlichste Ablösung der
einen Form durch die andere gerüstet sein muß.
Jeder wird zugeben, daß es unvernünftig, ja sogar ein Verbrechen ist, wenn eine Armee sich nicht darauf vorbereitet, alle
Kampfmittel und Kampfmethoden zu beherrschen, über die der
Über die „linken“ Kinderkrankheiten
215
Feind verfügt bzw. verfügen kann. Das gilt für die Politik noch
mehr als für das Kriegswesen. In der Politik ist es noch weniger
möglich, im voraus zu wissen, welches Kampfmittel unter diesen
Umständen anwendbar und vorteilhaft für uns sein wird. Beherrschen wir nicht alle Kampfmittel, so können wir eine gewaltige — mitunter sogar eine entscheidende — Niederlage erleiden, wenn von unserem Willen unabhängige Veränderungen
in der Lage der anderen Klassen eine Form des Kampfes auf die
Tagesordnung setzen, in der wir besonders schwach sind. Beherrschen wir alle Kampfmittel, so siegen wir bestimmt, denn wir
vertreten die Interessen der wirklich fortschrittlichen, wirklich
revolutionären Klasse; so siegen wir, sogar wenn die Umstände
es uns nicht erlauben, die Waffe anzuwenden, die dem Feinde am
gefährlichsten ist und ihm am schnellsten den Todesstoß versetzt.
Unerfahrene Revolutionäre sind oft der Ansicht, legale Kampfmittel scien opportunistisch, weil die Bourgeoisie auf diesem Gebiete die Arbeiter besonders oft (am meisten in ‚‚friedlichen“,
nichtrevolutionären Zeiten) betrogen und übertölpelt hat. Illegale Kampfmittel aber halten sie für revolutionär. Das ist jedoch
nicht richtig. Richtig ist, daß diejenigen Parteien und Führer
opportunistisch und Verräter an der Arbeiterklasse sind, die nicht
verstehen oder nicht wünschen (man sage nicht: ich kann nicht,
man sage lieber: ich will nichtl), illegale Kampfmittel z. B.
unter Verhältnissen anzuwenden, wie während des imperialistischen Krieges von 1914—1918, als die Bourgeoisie der freiesten
demokratischen Länder mit unerhörter Frechheit und Brutalität
die Arbeiter betrog und verbot, die Wahrheit über den räuberischen Charakter des Krieges zu sagen. Aber Revolutionäre, die
es nicht verstehen, die illegalen : Kampfesformen mit allen
legalen zu verknüpfen, sind sehr schlechte Revolutionäre. Es ist
nicht schwer, Revolutionär zu sein, wenn die Revolution bereits
ausgebrochen, bereits entbrannt ist, wenn sich alle und jeder der
Revolution anschließt, aus einfacher Schwärmerei, aus Mode,
mitunter sogar aus Gründen persönlicher Karriere. Das Proletariat hat nachher, nach dem Siege, seine liebe Not, die größte
Mühe, um sich von diesen Pseudorevolutionären zu „befreien“.
Viel schwerer — und viel wertvoller — ist es, ein Revolutionär:
zu sein, wenn die Bedingungen für einen direkten, offenen, wirk- .
216
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
lich revolutionären Kampf der Massen
noch nicht vorhanden
sind, die Interessen der Revolution (propagandistisch, agitatorisch, organisatorisch) in nichtrevolutionären, oft sogar in direkt
reaktionären Institutionen, in einer nicht revolutionären Situa-
tion, unter einer Masse zu verfechten, die unfähig ist, auf einen
Schlag die Notwendigkeit der revolutionären Kampfmethoden zu
begreifen. Den
konkreten Weg der Ereignisse, die die Mas-
sen zum wirklichen, entscheidenden, letzten, großen, revolutionären Kampf heranführt, herauszufinden, herauszufühlen,
richtig zu bestimmen — darin bestebt die Hauptaufgabe des heutigen Kommunismus in Westeuropa und Amerika.
Ein Beispiel: England. Wir können es nicht wissen — und
niemand kann das im voraus bestimmen, wann dort die wirkliche proletarische Revolution entbrennen und welcher Anlaß die breiten, jetzt noch schlummernden Massen am stärksten
aufrütteln, entzünden und zum Kampf vorwärtstreiben wird.
Deshalb sind wir verpflichtet, eine gründliche vorbereitende Arbeit zu leisten, um (wie Plechanow, als er noch Marxist und Revolutionär war, zu sagen liebte) „an allen vier Füßen beschlagen“
zu sein. Es ist möglich, daß eine Parlamentskrise zum „Durchbruch‘“ führen und das „Eis“ brechen wird. Es ist auch möglich,
daß die Krise dazu führen wird, die sich aus den hoffnungslos
verwirrten, sich immer schlimmer entwickelnden und zuspitzenden kolonialen und imperialistischen Gegensätzen ergibt. Möglich ist aber auch ein Drittes usw. usw. Wir sprechen nicht davon, welcher Kampf das Schicksal der proletarischen Revolution
Englands entscheiden wird (diese Frage kann bei keinem
Kommunisten Zweifel erregen, diese Frage ist für uns alle längst
entschieden), wir sprechen von dem Anlaß, der die jetzt noch
schlummernden Massen aufrütteln und bis hart an die Revolution
heranbringen wird. Vergessen wir nicht, daß z. B. in der französischen Bourgeois-Republik, unter Umständen, die international
wie innerpolitisch hundertmal weniger revolutionär waren als
jetzt, ein so „unerwarteter“ und „geringfügiger” Anlaß, wie eine
der unzähligen ehrlosen Manipulationen der reaktionären Militärkaste (der Fall Dreyfuß®®!), genügte, um das Volk bis dicht an
den Bürgerkrieg heranzuführen!
Die Kommunisten in England müssen sowohl die Wahlen
Über die „linken“ Kinderkrankheiten
217
zum Parlament wie alle entscheidenden Wendepunkte in der irischen, der kolonialen, der internationalen imperialistischen Poli-
tik der britischen Regierung wie alle sonstigen Gebiete, Sphären |
und Seiten des gesellschaftlichen Lebens ununterbrochen, unermüdlich, unbeugsam ausnutzen und auf allen diesen Gebieten
auf neue, auf kommunistische Art, nicht im Geiste der Zweiten,
sondern der Dritten Internationale arbeiten. Ich habe hier
weder Zeit noch Raum, um die Methoden der „russischen“, „bolschewistischen“ Beteiligung an den Parlamentswahlen und am
Parlamentskampfe zu beschreiben, ich kann aber den ausländischen Kommunisten versichern, daß das etwas ganz anderes war
als die gewöhnlichen westeuropäischen Wahlkampagnen. Daraus
zieht man oft den Schluß: „Nun ja. das war bei euch in Rußland so, wir aber haben einen anderen Parlamentarismus.“ Das
ist eine falsche Schlußfolgerung. Die Aufgabe der Kommunisten,
der Anhänger der Dritten Internationale in allen Ländern besteht
eben darin, auf der ganzen Linie, auf allen Lebensgebieten die
alte sozialistische, trade-unionistische, syndikalistische, parlamentarische Arbeit in eine neue, kommunistische umzugestal-
ten. Auch bei unseren Wahlen hat es stets über und übergenug
OÖpportunistisches, rein Bürgerliches, Geschäftsmäßiges, Betrügesısch-Kapitalistisches gegeben. Die Kommunisten in Westeuropa
und Amerika müssen es lernen, einen neuen,
ungewöhnlichen
Parlamentarismus zu schaffen, der nichts mit Opportunismus
und Karrierismus zu tun hat. Die Partei.der Kommunisten muß
ihre Losungen ausgeben und wirkliche Proletarier müssen mit
Hilfe der unorganisierten und vollkommen verängstigten armen
Leute Flugblätter verteilen, die Wohnungen der Arbeiter, die
llütten der ländlichen Proletarier und der in abgelegenen Winkeln lebenden Bauern aufsuchen (in Europa gibt es zum Glück
viel weniger abgelegene Winkel als bei uns und in England nur
ganz wenig), müssen in die Kneipen gehen, wo das ganz einfache‘
Volk zu finden ist, müssen in die Verbände, Vereine, zufälligen
Versammlungen des einfachen Volkes eindringen; müssen mit
dem Volke nicht in gelehrter (und nicht allzu „parlamentarischer‘) Sprache reden, dürfen auf keinen Fall Parlamentsman-
daten nachjagen, sondern müssen überall aufrütteln, die Masse
vorwärtstreiben, die Bourgeboisie beim Wort nehmen,
den von der
a
218
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
Bourgeoisie geschaffenen Apparat, die von ihr angesetzten Wahlen, die von Ihr an das ganze Volk gerichteten Aufrufe ausnutzen |
und das Volk mit dem Bolschewismus so bekannt machen, wie
es noch nie zuvor (unter der Herrschaft der Bourgeoisie) außer-
halb der Wahlkampagne möglich war (natürlich abgesehen von
sroßen Streiks, wo ein
solcher Apparat der Massenagitation
bei uns noch intensiver arbeitete). Dies in Westeuropa und
Amerika durchzuführen, ist sehr, sehr schwer, aber es kann und
muß getan werden; denn ohne Arbeit können die Aufgaben des
Kommunismus überhaupt nicht gelöst werden, arbeiten aber muß
man an der Lösung der praktischen Aufgaben, die immer
mannigfaltiger werden, sich immer mehr mit aHen Zweigen des
öffentlichen Lebens verknüpfen, und muß immer mehr und mehr
einen Zweig, ein Gebiet nach dem andern der Bourgeoisie
entreißen.
In demselben England muß man die Arbeit der Propaganda,
‚Agitation, Organisation im Heere und unter den unterdrückten,
nicht gleichberechtigilen Nationalitäten des „eigenen“ Staates
(Irland, die Kolonien) ebenfalls auf neue Art (nicht sozialistisch,
sondern kommunistisch, nicht reformistisch, sondern revolutio-
när) anpacken. Denn auf allen diesen Gebieten des öffentlichen
Lebens häuft sich in der Epoche des Imperialismus, insbesondere
jetzt, nach dem Kriege, der die Völker erschöpft hat und ihnen
rasch die Augen für die Wahrheit öffnet (weil nämlich viele
Millionen Menschen getötet und verstümmelt worden sind, nur
um die Frage zu entscheiden, ob die englischen oder die deut-
schen Räuber mehr länder plündern sollen) — auf allen diesen
Gebieten häuft sich der Zündstoff und es entstehen besonders
viel Anlässe zu Konflikten, Krisen und zur Verschärfung des
Klassenkampfes. Wir wissen nicht und können nicht wissen,
welcher Funke — unter der Unmenge von Funken, die jetzt in
allen Ländern unter dem Einfluß der ökonomischen und politischen Weltkrise umherfliegen — imstande sein wird, den Brand
zu entzünden, d. h. die Massen aufzurütteln, und wir sind des-
halb verpflichtet, mit unseren neuen, kommunistischen Grundsätzen an die „Bearbeitung“ aller und jeder, sogar der ältesten,
muffigsten, anscheinend hoffnungslosen Gebiete zu gehen, denn
sonst werden wir nicht auf der Höhe der Aufgaben stehen, wer-
Über die „linken“ Kinderkrankheiten
219
den nicht allseitig sein, werden nicht alle Waffenarten beherrschen, werden weder zum Siege über die Bourgeoisie (die alle
Gebiete des Öffentlichen Lebens auf bürgerliche Art organisiert,
jetzt aber desorganisiert hat) noch auf die bevorstehende kommunistische Umgestaltung des gesamten Lebens nach diesem
Siege vorbereitet sein...
*
.. . Nicht nur auf parlamentarischem, sondern auf allen
Gebieten mu ß der Kommunismus etwas grundsätzlich ‚„Neues“
in seine Tätigkeit hineintragen (ohne langwierige, hart-
näckige Arbeit wird er das nicht tun können), das in
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paganda, Agitation und Organisation. Ohne einen journalistischen Apparat kann keine einzige Massenbewegung in einem
halbwegs zivilisierten_Lande auskommen. „Und keinerlei Gezeter
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schüren, Flugblätter leisten die notwendige Arbeit der Pro-
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radıkaler Weise mit den Traditionen der Zweiten Internationale
bricht (bei gleichzeitiger Erhaltung und Entwicklung dessen, was
die Zweite Internationale Gutes geleistet hat).
|
gegen die „Führer“, keinerlei Schwüre, die Massen vom Einfluß
der Führer rein zu halten, können uns von der Notwendigkeit
befreien, Überläufer aus der bürgerlichen Intelligenz_für_diese,
Arbeit zu "benutzen, können uns von der bürgerlich-demokratischen Atmosphäre des Privateigentums befreien, in der diese
Arbeit unter dem Kapitalismus geleistet werden muß. Sogar zwei|
und ein halbes Jahr nach dem Sturze der Bourgeoisie, nach der
Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat sehen
wir diese Atmosphäre, diese Massenerscheinung (Bauern und
Handwerker) bürgerlich-demokratischer Eigentumsverhältnisse.
Der Parlamentarismus ist eine Form der Arbeit, die Journalistik — eine andere. Der Inhalt beider kann und muß kommunistisch sein, wenn auf diesem wie jenem Gebiet wirklich
Kommunisten, wirklich Mitglieder einer proletarischen Massenpartei tätig sind. Aber auf diesem wie jenem Gebiet — und auf
jedem beliebigen Arbeitsgebiet unter dem Kapita-
liimus und beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus
— kann man nicht jenen Schwierigkeiten, jenen eigenartigen
Aufgaben ausweichen, die das Proletariat überwinden, die es
220
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
lösen muß, um in seinem eigenen Interesse die Überläufer aus
dem Bürgertum auszunutzen, die bügerlich-intellektuellen Vor'urteile und Einflüsse zu besiegen und den Widerstand der klein‘bürgerlichen Umgebung zu schwächen (später aber diese Umgebung vollkommen umzugestalten).
|
Haben wir denn nicht vor denı Kriege 1914—1918 in allen
Ländern eine Unmenge von Beispielen dafür gesehen, wie sehr
„radikal“ Anarchisten, Syndikalisten u. a. den Parlamentarismus in Grund und Boden donnerten, die bürgerlich ausgearteten
sozialistischen Parlamentarier verspotteten usw. usw. — aber
selbst
vermittels der Journalistik,
vermittels der Arbeit
in den Syndikaten (Gewerkschaften) dieselbe bürgerliche Karriere machten? Sind denn die Beispiele der Herren Jouhaux und
Merrheim”, um nur Frankreich anzuführen, nicht typisch?
Darin besteht eben die Kinderei der „Ablehnung“ der Betet-
ligung am Parlament, daß man auf eine so „einfache‘, „leichte“,
angeblich revolutionäre Weise die schwierige Aufgabe des
Kampfes gegen die bürgerlich-demokratischen Einflüsse innerhalb der Arbeiterbewegung zu ‚lösen‘ glaubt, in Wirklichkeit
aber vor dem eigenen Schatten davonläuft, die Augen vor den
Schwierigkeiten schließt und mit bloßen Worten darüber hinwegzukommen sucht. Schamlosester Karrierismus, Ausnutzung
der Parlamentsposten durch die Bourgeoisie, schreiende reformistische Entstellung der Arbeit im Parlament, abgeschmackle
kleinbürgerliche Routine — das alles sind ohne Zweifel die gewöhnlichen, überwiegenden, charakteristischen Züge, die der Kapitalismus überall, nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb
der Arbeiterbewegung erzeugt. Aber der Kapitalismus und die
von ihm geschaffenen bürgerlichen Verhältnisse (die sogar nach
dem Sturz der Bourgeoisie nur sehr langsam verschwinden, denn
die Bourgeoisie schöpft immer wieder neue Kräfte aus der
Bauernschaft), erzeugen durchweg auf allen Arbeits- und Lebensgebieten im Grunde genommen den gleichen, sich durch ganz
geringe formelle Varianten unterscheidenden bürgerlichen Kar-
rierismus, Chauvinismus, die gleiche kleinbürgerliche Plattheit
USW. USw.
Ihr kommt euch selber „schrecklich revolutionär‘“ vor, liebe
Boykottisten und Antiparlamentarier, aber in Wirklichkeit habt
Über die „linken“ Kinderkrankheiten
221
ihr von den verhältnismäßig kleinen Schwierigkeiten des Kampfes gegen die bürgerlichen Einflüsse innerhalb der Arbeiterbewe-
gung
Angst bekommen, während euer Sieg, d. h. der Sturz
der Bourgeoisie und die Eroberung der politischen Macht durch
das Proletariat dieselben Schwierigkeiten in noch größerem,
unendlich größerem Umfange schaffen wird. Ihr habt wie Kinder vor einer kleinen Schwierigkeit Angst bekommen, vor der
ihr heute steht, und begreift nicht, daß ihr morgen, übermorgen
werdet lernen müssen, dieselben Schwierigkeiten in unermeßlich
srößerem Umfange zu überwinden.
Unter der Sowjetmacht werden in eure und unsere proletarische Partei noch mehr Überläufer aus der bürgerlichen Intellisenz hineinschlüpfen. Sie werden in die Sowjets, in die Gerichte
und in die Verwaltung hineinschlüpfen; denn man kann den
Kommunismus nur mit dem Menschenmaterial aufbauen, das der
Kapitalismus geschaffen hat; denn man kann die bürgerliche Intelligenz nicht fortjagen und beseitigen, sondern muß sie besiegen, ummodeln, umwandeln, umbilden — ebenso wie man in
langwierigen Kämpfen auf dem Boden der Diktatur des Prole-
tariats auch die Proletarier umbilden muß, die sich von ihren
eigenen kleinbürgerlichen Vorurteilen nicht auf einmal, nicht
durch ein Wunder, nicht auf Geheiß der Mutter Gottes, nicht
auf Grund einer Losung, einer Resolution, eines Dekrets befreien
können, sondern nur in langwierigen und schweren Kämpfen_der
Massen gegen die Massenerscheinung des kleinbürgerlichen Einflusses._| Unter der Sowjetmacht erstehen vor uns die gleichen
Aufgaben, über die der Antiparlamentarier jetzt so stolz, so hoch-
mütig, so leichtfertig, so kindisch mit einer Handbewegung hinweggeht — es erstehen vor uns dieselben Aufgabeninnerhalb der Sowjetverwaltung, innerhalb der Sowjetinstitution der
„Rechtsbeistände“ (wir haben in Rußland mit Recht die bür-
gerliche Advokatur zerstört — aber unter dem Deckmantel der
„Rechtsbeistände‘“ lebt sie wieder auf”). Unter den Sowjetingenieuren, den Sowjetpädagogen, den privilegierten, d. h. qualifiziertesten, am besten gestellten Arbeiternin den Sowjetfabriken beobachten wir durchweg ein ständiges Wiederaufleben
aller negativen Züge, die dem bürgerlichen Parlamentarismus
222
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
eigen sind, und nur durch wiederholte, unermüdliche, langwierige, hartnäckige Kämpfe, durch proletarische Organisiertheit
und Disziplin werden wir dieses Übels allmählich Herr.
Natürlich, unter der Herrschaft der Bourgeoisie ist es sehr
„schwer“, die bürgerlichen Gewohnheiten in der eigenen Partei,
d. h. in der Arbeiterpartei zu besiegen; schwer ist es, die gewöhn-
lichen, durch bürgerliche Vorurteile hoffnungslos verdorbenen
parlamentarischen Führer aus der Partei zu vertreiben; „schwer“
ist es, eine bestimmte, absolut notwendige (wenn auch beschränkte) Zahl von Überläufern aus der Bourgeoisie der Disziplin zu unterwerfen; „schwer“ ist es, eine der Arbeiterklasse
durchaus würdige kommunistische Fraktion im bürgerlichen
Parlament zu schaffen; „schwer“ ist es, zu erreichen, daß die
kommunistischen Parlamentarier nicht mit bürgerlich-parlamentarischem Kinderspiel die Zeit vertändeln, sondern die dringende
Arbeit der Propaganda, Agitation und Organisation der Massen
durchführen. All das ist ungeheuer „schwer“. Es war in Rußland schwer und ist noch unvergleichlich schwerer in Westeuropa
und Amerika, wo die Bourgeoisie, wo die bürgerlich-demokratischen Traditionen und dergleichen bedeutend stärker sind.
Aber alle diese „Schwierigkeiten“ sind geradezu kinderleicht
im Vergleich mit den Aufgaben ganz derselben Art, die
das Proletariat sowieso unvermeidlich lösen muß, sowohl um zu
siegen als auch während der proletarischen Revolution als auch
nach der Machtergreifung durch das Proletariat. Im Vergleich
mit diesen, wahrhaft gigantischen Aufgaben, wo man unter
der Diktatur des Proletariats Millionen von Bauern und Kleinproduzenten, hunderttausende Angestellte, Beamte, bürgerliche
Intellektuelle umwandeln und alle dem proletarischen Staat und
der proletarischen Führung unterwerfen muß, wo man unter
ihnen die bürgerlichen Gewohnheiten und Traditionen besiegen
muß — im Vergleich mit diesen, gigantischen Aufgaben ist es
eine kinderleichte Sache, unter der Herrschaft der Bourgeoisie im
bürgerlichen Parlament eine wirkliche kommunistische Fraktion
einer wirklich proletarischen Partei zu schaffen.
Wenn die „radikalen“, antiparlamentarischen Genossen es
nicht einmal lernen, eine solche kleine Schwierigkeit jetzt zu
überwinden, so kann man mit Gewißheit sagen, daß sie entweder
Über die „linken“ Kinderkrankheiten
223
nicht imstande sein werden, die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen, nicht imstande sein werden, sich in großzügiger
Weise die bürgerlichen Intellektuellen und die bürgerlichen Institutionen unterzuordnen und sie umzuwandeln, oder aber das
alles in großer Eile
werden lernen müssen, wodurch sie der
Sache des Proletariats großen Schaden zufügen, wobei sie mehr
Fehler begehen, mehr Schwächen und Unfähigkeit als gewöhn-
lich an den Tag legen werden usw. usw.
Solange die Bourgeoisie nicht gestürzt ist und ferner die
Kleinwirtschaft und die Kleinproduktion von Waren nicht vollkommen verschwunden sind, werden bürgerliche Umgebung,
Eigentümergewohnheiten und kleinbürgerliche Traditionen die
proletarische Arbeit innerhalb und außerhalb der proletarischen
Bewegung schädigen; nicht allein auf dem Gebiet der parlamentarischen Tätigkeit, sondern unvermeidlich auch auf allen Gebieten der Öffentlichen Tätigkeit, auf allen kulturellen und
politischen Gebieten. Und ein überaus schwerer Fehler, der uns
später unbedingt teuer zu stehen kommen würde, wäre der Ver-
such, sich vor einer der „unangenehmen“ Aufgaben oder
Schwierigkeiten auf einem bestimmten Arbeitsgebiete zu drücken,
sie abzuschütteln. Man muß es lernen, alle Arbeitsgebiete ohne
Ausnahme zu beherrschen, alle Schwierigkeiten und alle bürgerlichen Methoden, Traditionen und Gewohnheiten überall zu be-
siegen. Eine andere Fragestellung wäre nicht ernst zu nehmen.
wäre einfach eine Kinderei.
224
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
Über die internationale Lage und die Hauptaufgaben
der Kommunistischen Internationale”
... Genossen! Wir kommen jetzt zur Frage der revolutionären Krise als der Grundlage unseres revolutionären Handelns.
Und hier müssen wir vor allem zwei verbreitete Irrtümer hervorheben. Einerseits stellen die bürgerlichen Ökonomen diese Krise
einfach als „Störung“ hin, wie der elegante Ausdruck der Eng-
länder lautet. Andererseits versuchen zuweilen Revolutionäre,
den Beweis zu führen, daß es absolut keinen Ausweg aus der
Krise gibt.
Das ist ein Irrtum. Absolut aussichtslose Lagen gibt es nicht.
Die Bourgeoisie benimmt sich wie ein frech gewordener Räuber,
der den Kopf verloren hat, macht eine Dummheit nach der anderen, verschärft die Lage und beschleunigt ihren Untergang.
Das ist alles richtig. Aber man kann nicht ‚beweisen‘, daß es
für die Bourgeoisie absolut keine Möglichkeit gebe, irgendeine
Minderheit der Ausgebeuteten durch irgend welche kleinen Zugeständnisse einzuschläfern, irgendeine Bewegung oder einen
Aufstand irgendeines Teils der Unterdrückten und Ausgebeuteten
niederzuschlagen. Wollte man von vornherein versuchen, die
„absolute“ Ausweglosigkeit zu „beweisen“, so wäre das leere Pedanterie oder ein Spiel mit Begriffen und Worten. Einen wirklichen ‚Beweis‘ dafür oder für ähnliche Fälle kann nur die Pra-
xis liefern. Die bürgerliche Ordnung in der ganzen Welt macht
eine ungeheure revolutionäre Krise durch. Wir müssen jetzt
durch die Praxis der revolutionären Parteien „beweisen“, daß sie
genügend Selbstbewußtsein, Organisiertheit und Fähigkeit besitzen, um diese Krise für den Erfolg, für den Sieg der Revolution
auszunutzen.
Um uns auf eine solche „Beweisführung‘““ vorzubereiten, dazu
sind wir hauptsächlich auf diesem Kongreß der Kommunistischen
Internationale zusammengekommen.
* Aus dem Referat auf dem 2, Weltkongreß der Komintern (19. Juli 1920).
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 225
Als Beispiel dafür, wie stark noch der Opportunismus in den
Parteien ist, die der Kommunistischen Internationale beitreten
wollen, wie weit noch die Arbeit mancher Parteien von der Vor-
bereitung der revolutionären Klasse auf die Ausnutzung der revolutionären Krise entfernt ist, möchte ich den Führer der englischen „Unabhängigen Arbeiterpartei“, Ramsay Macdonald, anführen. In seinem Buche „Parlament und Revolution“, das gerade die Grundfragen behandelt, die gegenwärtig auch uns beschäftigen, beschreibt Macdonald die Lage der Dinge ungefähr
im Geiste der bürgerlichen Pazifisten. Er erkennt an, daß eine
revolutionäre Krise vorhanden ist, daß die revolutionäre Stimmung wächst, daß die Arbeitermassen mit der Sowjetmacht und
der Diktatur des Proletariats sympathisieren (er spricht hier von
England!), daß die Diktatur des Proletariats besser ist als die
gegenwärtige Diktatur der englischen Bourgeoisie.
Aber Macdonald bleibt eben vom Scheitel bis zur Sohle der
bürgerliche Pazifist und Opportunist, der Kleinbürger, der von
einer klassenlosen Regierung träumt. Macdonald erkennt den
Klassenkampf als ein ‚„deskriptives Faktum‘ an, genau so wie
alle Lügner, Sophisten und Pedanten der Bourgeoisie. Macdonald
geht stillschweigend vorbei an den Erfahrungen Kerenskis, der
Menschewiki und der Sozialrevolutionäre in Rußland, den gleichartigen Erfahrungen in Ungarn, Deutschland usw. bei der Bildung einer „demokratischen“, angeblich klassenlosen Regierung.
Macdonald schläfert seine Partei und die Arbeiter, die das Un-
glück haben, diesen Bourgeois für einen Sozialisten und diesen
Philister für einen Führer zu halten, mit folgenden Worten ein:
„Wir wissen, daß das (d. h. die revolutionäre Krise, die revolu-
tionäre Gärung) vorübergehen und sich wieder einrenken wird.“
Der Krieg habe eben unvermeidlich eine Krise hervorgerufen,
nach dem Kriege aber werde sich, wenn auch nicht auf einmal,
„alles wieder einrenken“.
- Und so schreibt ein Mensch, der an der Spitze einer Partei
steht, die der Kommunistischen Internationale beitreten will. Wir
haben hier eine in bezug auf Offenherzigkeit seltene und deshalb
um so wertvollere Enthüllung dessen, was man nicht weniger oft
bei den Spitzen der sozialistischen Parteien Frankreichs und der
USPD beobachten kann, nämlich: nicht nur Unvermögen, sonM. B. 8, Lenin: Agitation u. Propaganda
15
226
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
dern auch
Unlust, die revolutionäre Krise im revolutionären
Sinne auszunutzen, oder mit anderen Worten: Unvermögen und
Unlust, die Partei und die Klasse in wirklich revolutionärer
Weise auf die Diktatur des Proletamats vorzubereiten.
Dies ist das Grundübel sehr vieler Parteien, die jetzt der Zweiten Internationale den Rücken kehren. Gerade deshalb will ıch vor
allen Dingen auf die Thesen eingehen, die ich dem Kongreß vorgelegt habe, um die Aufgaben der Vorbereitung auf die Diktatur
des Proletariats möglichst konkret und exakt zu bestimmen.
Noch ein Beispiel. Unlängst wurde ein neues Buch gegen den
Bolschewismus veröffentlicht. Derartige Bücher erscheinen jetzt
in Europa und Amerika in ungeheurer Anzahl. Und je mehr
Bücher gegen den Bolschewismus erscheinen, desto stärker und
rascher wächst unter den Massen die Sympathie für ihn. Ich
meine das Buch Otto Bauers „Bolschewismus oder Sozialdemokratie‘‘? Hier wird den Deutschen anschaulich gezeigt, was die
Menschewiki sind, deren schmähliche Rolle in der russischen Revolution den Arbeitern aller Länder genügend bekannt ist. Otto
Bauer hat ein durch und durch menschewistisches Pamphlet geliefert, obwohl er seine Sympathie für den Menschewismus zu
verbergen sucht. In Europa und Amerika muß man jetzt genaue
Kenntnisse über das Wesen des Menschewismus verbreiten, denn
das ist der Gattungsname für alle angeblich sozialistischen,
sozialdemokratischen und sonstigen Richtungen, die dem Bolschewismus feindlich gegenüberstehen. Für uns Russen wäre es
langweilig, den Europäern zu beschreiben, was Menschewismus
ist. Otto Bauer hat das in seinem Buche praktisch gezeigt, und
wir danken im voraus allen bürgerlichen und opportunistischen
Verlegern, die es herausgeben und in verschiedene Sprachen
übersetzen lassen werden. Das Buch Bauers ist eine nützliche,
wenn auch eigenartige Ergänzung zu den Lehrbüchern des Konımunismus. Man nehme einen beliebigen Paragraphen, eine beliebige Betrachtung Otto Bauers und zeige, worin hier der Menschewismus besteht, wo hier die Wurzeln der Auffassungen liegen, die zur Praxis der Verräter am Sozialismus, der F'reunde
Kerenskis, Scheidemanns usw. führen. Das wäre eine Aufgabe,
die man mit Nutzen und Erfolg bei „Examina“ stellen könnte,
um festzustellen, ob jemand den Kommunismus sich zu eigen
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 227
gemacht hat. Wenn man diese Aufgabe nicht lösen kann, so ist
man noch kein Kommunist, und dann ist besser, noch nicht in
die Kommunistische Partei einzutreten.
(Beifall.)
Otto Bauer hat in ausgezeichneter Weise das ganze Wesen der
Ansichten des internationalen Opportunismus in einem einzigen
Satz ausgedrückt, wofür wir ihm, wenn wir in Wien frei verfügen Könnten, noch bei Lebzeiten ein Denkmal setzen müßten.
Die Anwendung von Gewalt im Klassenkampfe wäre in der heutigen Demokratie — erklärt O. Bauer — ‚eine Vergewaltigung
der sozialen Kräftefaktoren“.
Man wird wahrscheinlich finden, daß das seltsam und unverständlich klingt? Das ist ein Beispiel dafür, was man aus dem
Marxismus gemacht hat, bis zu welcher Abgeschmacktheit und
Verteidigung der Ausbeuter man die revolutionärste Theorie entstellen kann. Es bedarf der deutschen Abart des Spießertums,
um die ‚Theorie‘ zu erhalten, daß die „sozialen Kräftefaktoren“
sich zusammensetzen aus — zahlenmäßiger Stärke, Organisiertheit, Rolle im Produktions- und Distributionsprozeß, Aktivität
und Bildung. Wenn der Knecht auf dem Lande, der Arbeiter in
der Stadt einen revolutionären Gewaltakt gegen den Grundherrn
und Kapitalisten begehen, so ist das keineswegs Diktatur des Pro-
letariats, keineswegs ein Gewaltakt gegen die Ausbeuter und Unterdrücker des Volkes. Keine Spur! Das ist — eine „Vergewal-
tigung der sozialen Kräftefaktoren“.
Vielleicht ist mein Beispiel etwas humoristisch ausgefallen.
Aber es liegt nun einmal an der Natur des heutigen Opportunismus, daß sein Kampf gegen den Bolschewismus sich in Humoristik verwandelt. Die Hineinziehung der Arbeiterklasse und aller
ihrer denkenden Elemente in den Kampf des internationalen
Menschewismus (der Macdonald, O. Bauer und Co.) gegen den
Bolschewismus — das ist die nützlichste und dringendste Aufgabe für Europa und Amerika.
Hier müssen wir die Frage stellen: wodurch erklärt sich die
Stärke dieser Richtungen in Europa, und weshalb ist dieser
Opportunismus in Westeuropa stärker als bei uns? Nun, , weil
die fortgeschrittenen Länder auf Kosten einer Milliarde unterdrückter Menschen ihre Kultur geschaffen haben, weil die Kapitalisten dieser Länder viel mehr an Profit erhalten als sie
15°
223
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
durch die Auspowerung der Arbeiter ihres eigenen Landes erzielen können.
Vor dem Kriege schätzte man, daß die drei reichsten Länder
— England, Frankreich und Deutschland — allein infolge ihres
Kapitalexports, abgesehen von anderen Einkünften, 8—10 Milliarden Francs Einnahmen im Jahre hatten.
Es ist klar, daß man von dieser hübschen Summe sogar eine
halbe Milliarde für alle möglichen Bestechungen den Arbeiterführern, der Arbeiteraristokratie hinwerfen kann.
Das ganze
läuft eben auf Bestechung hinaus. Es geschieht auf den allerverschiedensten Wegen: durch Hebung der Kultur in den größten
Zentren, durch Schaffung von Bildungsanstalten, durch Schaffung von tausenden Posten für die Führer der Genossenschaften,
der Gewerkschaften und der Parlamentsfraktionen. Das ist überall der Fall, wo moderne, zivilisierte, kapitalistische Verhältnisse
bestehen. Und diese Milliarden an Überprofiten bilden die wirtschaftliche Grundlage des Opportunismus innerhalb der Arbeiterbewegung. Wir haben in Amerika, in England, in Frankreich
eine unvergleichlich stärkere Hartnäckigkeit der opportunistischen Führer, der Oberschicht der Arbeiterklasse, der Arbeiteraristokratie. Sie leisten der kommunistischen Bewegung stärkeren Widerstand. Deshalb müssen wir darauf gefaßt sein, daß die
Befreiung der europäischen und amerikanischen Arbeiterparteien
von dieser Krankheit unter größeren Schwierigkeiten vor sich
gehen wird als bei uns. Wir wissen, daß seit der Gründung der
Dritten Internationale bei der Heilung dieser Krankheit gewaltige
Erfolge erzielt worden sind, aber bis zu dem entscheidenden Endpunkt sind wir noch nicht gekommen. Die Säuberung der Arbeiterparteien, der revolutionären Parteien des Proletariats in der
ganzen Welt vom bürgerlichen Einfluß, von den Opportunisten
in ihren eigenen Reihen ist noch lange nicht beendet. '
Ich will nicht darauf eingehen, wie wir das konkret durchfülıren müssen. Das kann man in meinen bereits veröffentlichten Thesen finden. Meine Aufgabe besteht darin, auf die tiefen
wirtschaftlichen Ursachen dieser Erscheinung hinzuweisen. Diese
Krankheit hat sich hingezogen, und ihre Heilung dauert länger,
als die Optimisten hofften. Der Opportunismus ist unser Hauptfeind. Der Opportunismus der Oberschicht der Arbeiterklasse ist
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 229
kein proletarischer, sondern bürgerlicher Sozialismus. Die Praxis
hat bewiesen, daß die Führer der Arbeiterbewegung, die der op-
portunistischen Richtung angehören, bessere Verteidiger
Bourgeoisie sind als die Bourgeois selbst. Wenn sie nicht
Führung der Arbeiter in ihrer Hand hätten, so könnte sich
Bourgeoisie nicht behaupten. Das beweist nicht nur die
schichte des Kerenski-Regimes in Rußland,
das beweist auch
der
die
die
Gedie
demokratische Republik Deutschland mit ihrer sozialdemokrati-
schen Regierung; das beweisen Jie Beziehungen Albert Thomas’
zu seiner bürgerlichen Regierung. Das beweist die analoge Erfahrung in England und in den Vereinigten Staaten. Hier haben
wir unseren Hauptfeind, und diesen Feind müssen wir besiegen.
Wir müssen den Kongreß mit dem festen Entschluß verlassen,
diesen Kampf in allen Parteien zu Ende zu führen. Das ist die
Hauptaufgabe.
Im Vergleich damit ist die Korrektur der „Fehler“ der „linken“ Strömung innerhalb des Kommunismus eine leichte Aufgabe. In einer ganzen Reihe von Ländern beobachten wir die Erscheinung des Antiparlamenlarismus, der eigentlich nicht so sehr
von kleinbürgerlichen Elementen mitgebracht worden ist als
vielmehr von einigen Vortrupps des Proletariats unterstützt wird
aus Haß gegen den alten Parlamentarismus, aus berechtigter, begründeter, notwendiger Erbitterung gegen das Verhalten der parlamentarischen Führer in England, Frankreich, Italien und in
allen Ländern. Die Kommunistische Internationale muß Direktiven darüber erteilen, man muß die Genossen mit der russischen
Erfahrung, mit der Rolle einer wirklich proletarischen politischen Partei näher bekannt machen. Unsere Arbeit wird in der
Lösung dieser Aufgabe bestehen. Und der Kampf gegen diese
Fehler, gegen diese Mängel der proletarischen Bewegung wird
tausendmal leichter sein als der Kampf gegen jene Bourgeoisie,
die unter der Maske der Reformisten den alten Parteien der
Zweiten Internationale angehört und ihre gesamte Arbeit nicht
im proletarischen, sondern im bürgerlichen Geiste führt.
Genossen! Zum Schluß möchte ich noch auf einen Punkt hinweisen. Der Vorsitzende hat davon gesprochen, daß der Kongreß
den Namen eines Weltkongresses verdient. Ich glaube, daß er
Recht hat, insbesondere deswegen, weil sich unter uns nicht
230
Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
ir
ih
EEE
wenige Vertreter der revolutionären Bewegung der kolonialen,
rückständigen Länder befinden. Das ist nur ein bescheidener An-
fang, aber wichtig ist, daß der Anfang gemacht worden ist. Der
Zusammenschluß der revolutionären Proletarier der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder mit den revolutionären Massen
jener Länder, in denen es kein oder fast kein Proletariat gibt,
mit den unterdrückten Massen der östlichen Kolonialländer, —
diesen Zusammenschluß haben wir auf dem gegenwärligen Kongreß. Unsere Pflicht ist es — und ich bin überzeugt, daß wir
das tun werden —, diesen Zusammenschluß zu festigen. Der
Weltimperialismus muß fallen, sobald der revolutionäre Ansturm
der ausgebeuteten und unterdrückten Arbeiter innerhalb eines
jeden Landes nach Überwindung des Widerstandes der kleinbür-
gerlichen Elemente und des Einflusses der kleinen Oberschicht
der Arbeiteraristokratie sich mit dem revolutionären Ansturm
von hunderten Millionen Menschen vereinigt, die bisher außerhalb der Geschichte standen und nur als ihr Objekt betrachtet
wurden.
Der imperialistische Krieg hat der Revolution geholfen. Die
Bourgeoisie zog aus den Kolonien, aus den rückständigen Ländern, aus den fernsten Gegenden Soldaten zur Teilnahme an diesem imperialistischen Krieg heran. Die englische Bourgeoisie
redete den indischen Soldaten ein, daß es die Pflicht der indischen Bauern sei, Großbritannien gegen Deutschland zu verteidigen. Die französische Bourgeoisie redete den Soldaten aus den
französischen Kolonien ein, daß es die Pflicht der Neger sei,
Frankreich zu verteidigen. Und man lehrte sie den Gebrauch der
Waffen. Das sind außerordentlich nützliche Kenntnisse, und wir
müßten dafür der Bourgeoisie unseren tiefsten Dank aussprechen
— den Dank aller russischen Arbeiter und Bauern und insbesondere den Dank der russischen Roten Armee. Der imperialistische
Krieg hat die abhängigen Völker in die Weltgeschichte hineingerissen. Und eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht jetzt darin,
darüber nachzudenken, wie wir den Grundstein zur Organisation
einer Sowjetbewegung in den nichtkapitalistischen Ländern legen
müssen. Sowjets sind auch dort möglich: sie werden allerdings
keine Arbeitersowjets, sondern Bauernsowjets oder Sowjets der
Werktätigen sein.
Über die intern. Lage und die Hauptaufgaben der Komm. Internationale 231
Zn
... Wir sehen den Beginn einer Rätebewegung im ganzen
Osten, in ganz Asien, unter allen Kolonialvölkern.
Der Gedanke, daß der Ausgebeutete sich gegen den Ausbeuter
empören und Sowjets bilden muß, ist nicht allzu schwer zu begreifen. Nach unseren Erfahrungen, die wir in den zweieinhalb
Jahren Sowjetrepublik in Rußland, nach dem I. Kongreß der
kommunistischen Internationale gewonnen haben, wird dieser
Gedanke hunderten Millionen unterdrückter und ausgebeuteter
Massen in der ganzen Welt verständlich. Und wenn wir jetzt in
Rußland nicht selten gezwungen sind, Kompromisse zu schließen und abzuwarten, weil wir schwächer sind als die internatio-
nalen Imperialisten, so wissen wir doch, daß wir die Interessen
von 1% Milliarden Menschen verteidigen. Uns stehen noch jene
Hindernisse, jene Vorurteile, jene Unwissenheit im Wege, die von
Stunde zu Stunde schwinden. Je weiter sich die Dinge entwickeln, desto mehr werden wir in der Tat zu Repräsentanten
und Verteidigern von 70 Prozent der Bevölkerung der Erde —
dieser Massen der Werktätigen und Ausgebeuteten. Wir können
mit Stolz sagen: auf dem ersten Kongreß waren wir eigentlich
nur Propagandisten. Wir entwickelten nur die Grundideen vor
dem Proletariat der ganzen Welt. Wir gaben nur die Losung
zum Kampfe aus, wir fragten nur: wo sind die Leute, die fähig
sind, diesen Weg zu beschreiten? Jetzt marschiert überall der
Vortrupp des Proletariats mit uns. Überall gibt es proletarische
Armeen, obwohl sie mitunter schlecht organisiert sind und der
Reorganisation bedürfen. Wenn unsere ausländischen Genossen
uns helfen werden, jetzt eine einheitliche Armee zu schaffen, so
werden keine Mängel uns hindern können, unser Werk zu voll-
bringen. Und dieses Werk ist die proletarische Weltrevolution,
die Schaffung einer internationalen Räterepublik.
233
Anmerkungen
ı Der erste Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands
(SDAPR) wurde im März 1898 in Minsk abgehalten. Es nahmen teil Dele-
gierie der Gruppe „Rabotschaja Gaseta“ („Arbeiterzeitung‘), des jüdischen
„Bund“, des Pelersburger, Moskauer, Jekaterinoslawer, Kiewer „Kampfbundes
zur Befreiung der Arbeiterklasse“ und des Kiewer „Arbeiterkomitees“.
2 Narodnikitum — aus dem russischen Wort „Narod“ (Volk) abgeleitet, „Volkstümlertum‘; Narodniki („Volkslümler‘) — ursprünglich die
russischen revolutionären Inlellekiuellen, die Anfang der siebziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts das Elternhaus und die gewohnte Umgebung verließen
und „ins Volk“ gingen, um als Handwerker, Tagelöhner usw. unter dem
Volke zu leben und dort die revolulionären Ideen zu verbreiten; später allgemein die Anhänger der auf diesem Boden entstandenen anlimarxislischen,
kleinbürgerlich-revolutionären Ideologie, des sogenannten „Narodnitschestwo‘“;
die Sozialrevolutionäre, die Volkssozialisten und andere Gruppen und Grüppchen dieses Schlages gehören dieser Richtung an. Die Richtung artete in
der Folge zur offenen Konterrevolulion aus.
3 Gemeint sind die Standpunkte der Sozialdemokraten, der Narodniki
und der Parlei des Volksrechts.
Die
Partei des Volksrechts
(„Narodnoje Prawo“) war eine Partei der kleinbürgerlichen Intellektuellen und Beamten. Sie wurde im Jahre
1893 von M.A.Natanson, V.Tschernow u.a: gegründet. N.K. Michailowski
und WI. Korolenko standen der Partei nahe. Die Volksrechtler verzichteten
auf den Kampf für den Sozialismus und sahen ihre Aufgabe, „die Aringendste
Aufgabe“, in der rückhaltlosen Vereinigung aller oppositionellen und revolutionären Kräfte zum Kampf gegen den Absolutismus und für politische Freiheit. Der Partei war es noch gelungen, ihr Manifest und die Broschüre von
A. Bogdanowilsch „Die dringendste Frage“ herauszubringen; schon im April
1894 wurde sie von der Regierung vernichtet.
* Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse — recvolutionäre proletarische Organisation in Petersburg, entstand 1894 als Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei. Solche Verbände bestanden auch in
mehreren russischen Provinzslädten. Der Petersburger Kampfbund entwickelte
sich unter dem starken Einfluß Lenins aus einem sozialdemokratischen ProFagandistenzirkel, der unter dem Namen „Zentrale Gruppe zur Leitung der
Arbeiterbewegung“ tälig war. Besonders lebhaft wurde die Tätigkeit des
Kampfbundes, nachdem Lenin ins Ausland gegangen war, wo er mit der
Gruppe „Befreiung der Arbeiter“ in Verbindung trat und den Transport revolutionärer Literalur organisierte. In der Nacht zum 9. Dezember 1895 wurde
der Kampfbund zerschlagen, seine hervorragendsten Führer (darunter auch
Lenin) verhaftet und verbannt, worauf die Tätigkeit des Kampfbundes einschlief. Formell löste er sich 1903 auf dem 2. Parteitag der SDAPR auf.
5 .„Kustari“, die in der ländlichen Hausindustrie Beschäftigten.
6 „Volkspolitik“ Alexanders II. {nicht, wie im Text irrtümlicherweise angegeben, Alexanders IIl.) — die Reformen der Jahre 186164:
Agrarreform durch Aufhebung der Leibeigenschaft, Justizreform nach westeuropäischem Muster, Errichtung der Semstwos (s. Anm. 7).
)
Li
234
Anmerkungen
"Die Semstwos (Landschaften) waren lokale Selbstverwaltungsorgane, eine Art Provinziallandiage. Unter dem Druck der tiefgehenden revolutionären Gärung im Lande infolge der militärischen Niederlagen des
Krimkrieges (1853—1856) sah sich die zaristische Regierung zu einer Reihe
von Reformen gezwungen. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im
Jahre 1861 erfolgte 1864 in den 34 inneren Gouvernements die Errichtung der
Semstwos. Die Regierung sorgte natürlich dafür, daß in diesen Selbstverwaltungskörperschaften dem Adel das Übergewicht gesichert blieb. Die
Semsiwos hatten für die lokalen wirtschaftlichen Interessen und Bedürfnisse
der Bevölkerung zu sorgen (Wegebau, Volksbildung, Heilwesen, Wohlfahrtseinrichtungen usw.). So sehr die Semstwos von dem grundbesitzenden Adel
beherrscht wurden, so trieb sie doch die nähere Berührung mit der Bevöl-
kerung immer wieder in eine oppositionelle Stellung zu dem absolutistischen
Regime. Die Semstwos wurden so zu Stützpunkten der bürgerlich-liberalen
konstitutionellen Bewegung, gegen die die zaristische Regierung immer wieder
mit rigorosen Mitteln vorging.
8sSyndikalismus — vorwiegend in den romanischen Ländern vorhandene Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung. Der Syndikalismus verneint den politischen Kampf der
Arbeiterklasse,
die
Notwendigkeit einer
politischen Partei des Proletariats, die Beteiligung am Parlament und
die Eroberung der politischen Macht für die Verwirklichung des Sozialismus. Die einzige und ausreichende Form der Klassenorganisation sehen die
Syndikalisten in den Gewerkschaften und betrachten den Generalstreik als
das Mittel zum Sturz des Kapitalismus und zur Aufrichtung des Sozialismus.
Wie die gesamte Arbeiterklasse spaltete sich während des Weltkrieges auch
der Syndikalismus in zwei Richtungen, eine opportunistische und kompromißlerische (die französischen Syndikalisten unter Jouhaux, die sich in nichts
von den Sozialverrätern unterscheiden) und eine revolutionäre, die wiederunı
in zwei Gruppen zerfiel. Die eine näherte sich dem Kommunismus und der
revolutionären Gewerkschaftsbewegung (z. B. in Spanien und Frankreich),
die andere, die pseudorevolutionäre Gruppe, begann einen heftigen Kampf
gegen die Rote Gewerkschaftsinternationale, die Komintern, die Sowjetdiktatur und gründete eine eigene, sogenannte Berliner Internationale, die eine
unbedeutende Anzahl deutscher, südamerikanischer und anderer Syndikalisten umfaßt.
Trade Unionismus — gewerkschaftliche Bewegung, die ihre Auf-
sabe nicht in der Verwirklichung sozialistischer Ziele sieht, sondern lediglich
in der Wahrung der Interessen der Arbeiter im Rahmen der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung, die sie als unerschütterlich anerkennen. Die Ideologie
des Trade Unionismus ist in Wirklichkeit keine proletarische Ideologie, sondern eine Ideologie des bürgerlichen Reformertums. Die Grundzüge des Trade
Unionismus sind: enger Zunfigeist, äußerste Zersplitterung der Organisation,
Aussöhnung mit dem kapitalistischen System. Der alte Trade Unionismus
verwirft das Mittel des Kampfes und glaubt diesen durch Verträge, Vereinbarungen usw. ersetzen zu können. Bis vor kurzem leugnete der Trade Unio-
nismus die Notwendigkeit eines selbständigen politischen Kampfes und einer
politischen Partei der Arbeiterklasse. In England entstanden, erreichte der
Trade Unionismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Bereits in den achtziger Jahren beginnt aber in England selbst, Hand
in Hand mit dem Erstarken der sozialistischen Elemente in der Arbeiterbewegung, die Entwicklung eines neuen, mehr oder weniger revolutionären Trade
Anmerkungen
235
ui
Unionismus. Die Ideologie des alten Trade Unionismus ist heute in den Gewerkschaften — nicht nur in England allein — noch sehr stark. Sie ist die
offizielle Ideologie der großen Mehrheit der reformistischen Führer und Gewerkschaftsbeamten, während die
Masse der Gewerkschaflsmitglieder sich
nach links, zur revolutionären Gewerkschaftsbewegung hin, entwickelt.
®»
Martynow — einer der Redakteure
neunziger Jahren ein prominenter Vertreter
bei der Spaltung der Sozialdemokratischen
den Menschewiki an. Während des Krieges
glied der KPR.
Der
„Auslandsbund
des „Rabotscheje Djelo‘“, in den
des Ökonomismus, schloß sıch
Arbeiterpartei Rußlands (1903)
Internationalist, seit 1920 Mit-
russischer
Sozialdemokraten“
wurde 1895 gegründet und begann bald zum Ökonomismus hinzuneigen. Auf
der 1900 in der Schweiz abgehaltenen Bundeskonferenz trat die revolutionäre
Minderheit endgültig aus dem Bund aus und bildete die „Russische Revolutionäre Organisation Sozialdemokrat“, an deren Spitze Plechanow stand. Die
Mehrheit behielt den alten Namen bei. Die Bedeutung des Bundes im Auslande wie in Rußland ging immer mehr zurück, und auf dem 2, Parteitag
der SDAPR (1903) wurde der Bund für aufgelöst erklärt.
i1 Titel eines in der Zeitschrift „Rabotscheje Djelo“ erschienenen Artikels.
2?
,Semskij Natschalnik“ (,„Landschaftshauptmann“ oder „Bezirkshauptmann“)
dieses Amt wurde 1890 eingeführt. Die „Semskije Na-
ischalniki“, in der Regel adlige Grundbesitzer, führten die Polizeiaufsicht über
die Bauerngemeinden und hatten auch richterliche Befugnisse. Sie galten als
Symbol der gegen die Arbeiter und Bauern gerichteten Unterdrückungspolitik
der Zarenregierung.
13 Sektierer — Angehörige christlicher Sekten, wurden wegen Abkehr von der orihodoxen Staatskirche und wegen oppositionellen Verhaltens
gegen den Absolutismus von der Zarenregierung verfolgt.
14 Studenten, die einer revolutionären Betätigung überführt bzw. verdächtigt wurden, pflegte die Regierung oft zur Strafe in den Soldatenrock zu
stecken und in die entlegenste Provinz zu verschicken.
15 Stadientheorie — Theorie der Ökonomisten, wonach der Kampf
des Proletariats verschiedene aufeinanderfolgende Stadien durchlaufen muß:
erst rein wirtschaftlicher Kampf; wenn das Proletariat auf dem
Boden des wirtschaftlichen Kampfes genügend Erfahrung gesammelt hat,
darf zur politischen Agitation geschritten werden usw.
18 Das Ehepaar Webb — die bekannten Verfasser eines grundlegenden
Werkes über die Geschichte des englischen Trade Unionismus. 1924 bekleidete
Sidney Webb den Posten des Handelsministers in der „Arbeiterregierung“
Macdonalds.
17 Bernstein, Eduard — revisionistischer Theoretiker der deutschen
Sozialdemokratie. Begann in den achtziger Jahren unter Leitung von Engels
seine Tätigkeit als revolutionärer Marxist, wandte sich gegen Ende der neunziger Jahre vom Marxismus ab. In seinem bekannten Werk „Die Voraussetzung des Sozialismus“ (1899) unternahm Bernstein eine Revision der
Marxschen Lehre, daher auch der Name „Revisionist“. Der geschichtliche
Prozeß führe nicht zu einer Zuspitzung des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat, sondern zu einer Abschwächung desselben, die Haupt-
Anmerkungen
236
—_
BE
U
aufgabe der Arbeiterklasse sei nicht Kampf für den Sozialismus, sondern
Kampf um Reformen, es seı möglich, den Sozialismus allmählich, durch parlamentarischen Kampf zu erreichen. Bernstein wurde zum ideologischen Führer des Opportunismus in allen Parteien der Zweiten Internationale, auch in
der russischen Sozialdemokratie.
18 Plechanow, Georgi) Valentinowitsch — Begründer des russischen
Marxismus, schuf im Jahre 1893 die erste russische sozialdemokratische Organisalion „Gruppe der Befreiung der Arbeit“. 1901 trat P. der Redaktion des
von Lenin gegründeten sozialdemokratischen Blattes „Iskra“ bei, das sich die
Aufgabe gestellt hatte, die damals ziemlich stark vertretene Richtung des
Ökonomismus zu bekämpfen und eine zenlralisierte revolutionäre Partei zu
schaffen. Nach der Spaltung auf dem 2. Parteitag der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei Rußlands (1903) schloß sich P, nach einigem Zögern den Menschewiki an. Während des Krieges nahm er eine äußerst sozialpatriolische
Stellung ein. Zur Zeit des Okioberumsturzes 1918 trat P. besonders energisch
gegen Lenin, die Bolschewiki und die bolschewistische Revolution auf. P.
war einer der typischstien und einflußreichsten Führer der Zweiten Internationale. In seinen philosophischen Arbeiten war er orthodoxer Marxist. Lenin
empfahl Plechanows philosophische Arbeiten als ein „obligatorisches Lehrbuch
des Kommunismus“, P. starb im Mai 1918.
|
1 Lomonossow — russischer Dichter und Gelehrter des 18. Jahrhunderts, der „Vater der russischen Literatur“. Hier ironische Bezeichnung
Martynows als „Lomonossow‘ des Okonomismus.
2° Kautsky, Karl — deutscher Sozialdemokrat, einer der bedeutendsten
Theoretiker des Marxismus in der Epoche der Zweiten Internationale. Begann
seine wissenschaftliche Tätigkeit unter der unmittelbaren Leitung von Engels. Von
1887 an Redakteur
der wissenschaftlichen
marxistischen Zeitschrift „Neue
Zeit“. Gehörte vor dem Kriege dem linken Flügel des Marxismus an und bekämpfte den Revisionismus. Noch im Jahre 1909 stand K. in seiner Arbeit
„Der Weg zur Macht“ auf dem Boden des revolutionären Marxismus. Zu Beginn des imperialistischen Krieges nahm er eine schwankende Stellung ein
zwischen den Internationalisten und den Vaterlandsverteidigern. Er sank allmählich zum Reformismus hinab und zur Preisgabe seiner früheren orthodoxen Ansichten. Nach der Oktoberrevolution bekämpfte er das Sowjetsystem und verteidigte die Demokratie und den Parlamentarismus.
Lafargue, Paul — einer der Führer der französischen sozialistischen Partei, Gesinnungsgenosse und nächster Mitarbeiter Guesdes; Nationalökonum, Marxanhänger; nalım teil an der Internationale, an der Pariser Kommune, an der spanischen sozialistischen Bewegung; Verfasser einer
Reihe von Artikeln und Büchern, die die marxistischen Ideen popularisieren,
und einer Reihe von Pamphleten, die sich gegen die bürgerliche Ordnung
richten
Bebel, August — der hervorragendste politische Führer und Taktiker
der deutschen Sozialdemokratie und der ganzen Zweiten Internationale. Schuf
zusammen mit W. Liebknecht 1869 in Eisenach die „Sozialdemokratische
Arbeiterpartei“. Bis zu seinem Tode war B. der unbestrittene Führer der
Partei. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens erschien jedoch Bebels revolulio-
näre Energie sehr gedämpft. Aus Angst vor Spaltung der Partei war B. zu
allerlei Konzessionen an den Reformismus bereit und unterstützte die zentri-
Anmerkungen
a
———.
237
—
stische Politik, durch die die Partei alsdann in den Verrat vom 4. August
[914 hinabglitt.
Guesde, Jules — einer der hervorragendsten Vertreter des orthodoxen
Marxismus in Frankreich, gründete Anfang der achlziger Jahre zusammen
mit Paul Lafargue die marxistische „Parti Ouvrier Francais“ (Französische
Arbeiterparlei). Einer der angesehensten Führer der Zweiten Internationale.
In all den Jahren vor dem Kriege führte G. einen ständigen Kampf gegen die
Revisionisten, gegen den „Minislerialismus“ Millerands und Jaur&s’. Nach
Ausbruch des Krieges „lernte er um“ und predigte die „Union Sacr6e‘“ {die
„heilige Einigkeit“ mit der Bourgeoisie). Minister ohne Portefeuille in den
bürgerlichen Regierungen der „Vaterlandsverteidigung‘.
iChwostisten (die Nachhinkenden oder Schwanztaktiker) — Spitz-
name für opportunistische Sozialdemokraten, die die Ansicht vertraten, die
Parteiorganisation des Proletariats müsse der Bewegung des Prolelariats,
den Stadien des elementaren Entwicklungsprozesses der Arbeiterbewegung
nachfolgen. Das Resultat war, daß die „Chwostisten“ immer hilflos den Er-
eijgnissen nachhinkten, von einem Extrem ins andere fielen, in allen Fällen
die Aktion des revolutionären Proletariats und den Glauben an seine Kraft
verflachten, wobei sie immer all dies mit dem Hinweis auf die Selbsttäligkeit des Proletariats zu decken suchten.
22 Katkow, M. N. — Publizist, Vertreter der monarchistischen Reaktion der sechziger bis achtziger Jahre, bekämpfte jedes kleinste Zugeständnis
an den Liberalismus, die Intelligenz, das „radikale Zirkelwesen‘“ sowie alle
Einrichtungen, dıe die Reformen der sechziger Jahre geschaffen halten. K.
und seine Zeilung hatten einen großen Einfluß auf die Kreise der höheren
Bureaukratie und des Adels.
23 Meschtscherski, Fürst — Verleger und Redakteur des reaklionären Organs „Graschdanin“ („Der Bürger“), stand den Hofkreisen nahe
und war einer der Inspiratoren der reaklionären Politik Alexanders III. und
Nikolaus’ 11.
23 Auf dem 2. Parteitag der SDAPR (1903) spaltete sich die Partei in
eine revolutionäre, von Lenin geführte Mehrheit und eine opporlunistische
Minderheit.
Dementsprechend wurden die Lenin-Anhänger „Mchrheiller“
(russisch: Bolschewiki) und die Opportunisten „Minderheitler‘ (russisch:
Menschew:iki) genannt.
25 Gapon — Pope, Führer des „Vereins der russischen Fabrikarbeiter“,
einer Organisation, die von dem Leiter der Geheimpolizei Subatow zu Polizeizwecken geschaffen wurde. Politisch völlig unwissend, wurde Gapon, von
der Massenbewegung gelragen, zu einem Organisator und Führer des 9. (22.)
Januar 1905. Nach dem 9. Januar legte Gapon das geistliche Gewand nieder
und ging nach dem Auslande. Späler wurde nachgewiesen, daß er mit der
Polizei in Beziehungen stand. Er wurde im Frühjahr 1906 von seinen ehemaligen Anhängern getötet.
2
Parvus (A. L. Helphand) — russischer Sozialdemokrat, seit Anfang
der neunziger Jahre in der deutschen Sozialdemokratie lätig, tat sich bei der
Bekämpfung des Reformismus hervor. 1905 nahm er an der russischen Revolution teil, gab in Petersburg, zusammen mit Trotzki, die Zeitung „Rußkaja Gaseta“ („Russische Zeitung“) heraus und entwickelte die „Theorie der
238
Anmerkungen
—
permanenten Revolution“; wurde nach Sibirien verbannt und floh von dort.
Während des Weltkrieges Haupttheoretiker des deutschen Sozialchauvinismus und Kriegslieferant.
27” Jaures, Jean — französischer Politiker, einer der Führer der fran-
zösischen sozialistischen Partei, und ihr größter Redner. Den Marxismus
erkannte er nur mit Vorbehalten an und versuchte ihn mit dem philosophischen Idealismus in Einklang zu bringen. Als 1899 das Ministerium WaldeckRousseau gebildet wurde, in das neben Gallifet (dem „Schlächter der Kom-
mune‘“) auch der Sozialist Millerand aufgenommen wurde, hielt J. die Unterstützung dieses Kabinetts für notwendig und verteidigte den sogenannten
„Ministerialismus“. Über diese Frage, die nicht nur in den Reihen der
französischen Sozialisien, sondern in der gesamten Internationale große Debatten hervorrief, kam es 1904 auf dem Internationalen Sozialistenkongreß
in Amsterdam zwischen J. und Bebel zu scharfen Kontroversen. Im Parlament bekämpfte J. den Militarismus und setzte sich mit großem Eifer für die
deutsch-französische Verständigung ein. Am Tage der Kriegserklärung (31.
Juli 1914) wurde J. von einem Söldling der Kriegspartei erschossen.
28 Sozialrevolutionäre — kleinbürgerliche, sich vorwiegend auf
bestimmte Schichten der Bauernschaft stützende Partei, bis zum Sturz der
Selbstherrschaft sehr radikal
(Anwendung von Terror usw.), im Kriege
sozialpatriolisch. Nach der Oktoberrevolution kämpften die Sozialrevolutionäre aktiv auf der Seite der Konterrevolution.
28 Die Resolution des Internationalen Sozialistenkongresses in Amsterdan lautet:
„Der Kongreß verurteilt auf das entschiedenste die reformistischen Bssirebungen, unsere bisherige bewährte und sieggekrönte, auf dem Klassenkampf beruhende Taktik in dem Sinne zu ändern, daß an Stelle der Eroberung der politischen Macht durch Überwindung unserer Gegner eine Politik
des Entgegenkommens an die bestehende Ordnung der Dinge zu treten habe.
Die Folge einer derarligen revisionistlischen Taktik wäre, daß aus einer
Partei, die auf die möglichst rasche Umwandlung der bestehenden bürger-
lichen in die sozialistische Gesellschaftsordnung hinarbeitet, also im besten
Sinne des Wortes revolutionär ist, eine Partei tritt, die sich mit der Refor-
mierung der bürgerlichen Gesellschaft begnügt.
Daher ist der Kongreß im Gegensatz zu den vorhandenen revisionistischen Bestrebungen der Überzeugung, daß die Klassengegensätze sich nicht
abschwächen, sondern stetig verschärfen, und erklärt:
1. daß die Partei die Verantwortlichkeit ablehnt für die auf der kapitalistischen Produklionsweise beruhenden politischen und wirtschaftlichen Zu-
stände und daß sie deshalb jede Bewilligung von Mitteln verweigert, die geeignet sind, die herrschende Klasse an der Regierung zu erhalten;
2. daß die Sozialdemokratie in Übereinstimmung mit der Resolution
Kauisky auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Paris im Jahre 1900
einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
nicht erstreben kann.
Der Kongreß verurteilt ferner jedes Bestreben, die vorhandenen, stets
wachsenden Klassengegensätze zu verluschen, um eine Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern.“
Anmerkungen
239
>° Anhänger der sozialdemokratischen Zeitung „Wperjod“ („Vorwärts“).
,
2: Oyama — Oberbefehlshaber der japanischen Truppen im russisch|
japanischen Krieg.
Kuropatkin +- russischer Kriegsminister und Oberbefehlshaber,
wurde von den Japanern bei Mukden in zweiwöchiger Schlacht vernichtend
geschlagen.
s2 1789 — der Beginn der Großen Französischen Revolution,
s3> Feuerbach, Ludwig — deutscher Philosoph, Materialist.
‚Das
Denken
ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken.“ Der Mensch
ist das Erzeugnis der Natur, die Religion die phantastische Rückspiegelung
des eigenen menschlichen Wesens. Nicht Gott hat den Menschen, sondern
der Mensch hat Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Feuerbachs Philosophie bildete das Mittelglied zwischen der Hegelschen Philosophie und derjenigen von Marx.
Der Materialismus Vogts, Büchners und Moleschotts, ange-
sehener Naturforscher aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts,
bildet die philosophische Grundlage für die materialistische Geschichtsauffassung.
33a Der „Plan der Semstwo-Kampagne“ wurde von den Menschewiki erdacht. Nach ihrer Ansicht sollte in Anbetracht des Umstandes,
daß überall Gouveınementsversammlungen der liberalen Semstwos stattfanden, die über die Lage in Rußland berieten und an den Zaren Petitionen
richteten, die Arbeiterklasse in diese Versammlungen ihre Vertreter mit dem
Auftrage schicken, den Aristokraten und der liberalen Bourgeoisie mitzutei-
len, daß die Arbeiterklasse ihnen folgen und sie unterstützen würde, falls
sie ihre Petitionskampagne energisch fortsetzten. Dabei legten die Mensche"wiki insbesondere darauf Gewicht, daß die Arbeiter die liberale Bourgeoisie
nicht durch „übertriebene“ proletarische Forderungen abschrecken dürften.
Die Durchführung dieses Planes hätte die Führung der revolutionären Be-
wegung in die Hände der Bourgeoisie gespielt.
33 Aulard — bekannter französischer Historiker, Verfasser des Buches „Die politische Geschichte der französischen Revolution“.
36 Als die „neue Iskra“ wurde in der russischen Parteiliteratur die
„Iskra“ von ihrer 54. Nummer ab genannt, mit der sie in die Hände der
Menschewiki_berging (Tovember 1903 bis Dezember 1905).
ss’"K-adetten-—>Partei des liberalen Bürgertums, entsprach etwa Jer
deutschen Fortschrittspartei.
Ihr offizieller Name hieß: „Konstitutionell-
Demokratische Partei“.
Aus den Anfangsbuchstaben K. D. entstand der
Name „Kadetten“. Die Partei wurde im Oktober 1905 gegründet und bestand einerseits aus liberalen Grundbesitzern, anderseits aus Vertretern der
bürgerlich-demokralischen Intelligenz. Die Hauptpunkte des Programms der |
Kadetten waren: parlamentarische Monarchie, teilweise Enteignung des
Landes der Großgrundbesitzer gegen eine „gerechte Ablösung“, Ver- '
besserung der Lebenslage der Arbeiter, Achtstundentag — nach
Mög-
lichkeit. Die Kadelten kargten (besonders wenn die revolutionäre Weile
aufwärts ging) nicht mit lauten oppositionellen Phrasen, ihre Bestrebungen
waren aber stels nur auf ein Kompromiß mit dem Zarismus gerichtet. Ihr
Führer Miljukow
betonte bei jeder
Gelegenheit, daß sie die „Opposition
240
Anmerkungen
En
m
Seiner Majestät und nicht gegen die Majestät“ sein wollen. Im imperialistischen Weltkrieg waren die Kadetten die lautesten Wortführer der zaristischen imperialistischen Politik. Nach der Februarrevolulion 1917 wurden
sie die führende Regierungspartei und scharten bald alle konterrevolulionären Elemente des Landes um sich. In den darauf folgenden Jahren organisierten sie weiler die Konterrevolution im Innern und die Intervention der
fremden Mächte.
37 Schipow — Vorsitzender der Moskauer Gouvernements-Semstwoverwaltung, führendes Mitglied der gemäßigt-liberalen Semstwobewegung.
Sein Programm verlangte nicht einmal die Einführung gesetzgebender Kör-
perschaften und beschränkte sich lediglich auf die Forderung einer geselzberalenden Kammer.
38 Durnowo — einer der reaktionärsten Vertreter Jes alten Regimss,
Direkior
des Polizeidepartements, Innenminister im Kabinett
Wilte
1905.
-Großgrundbesitzer.
Kiesewetter — Professor der Geschichte, Schüler des bekannten
Historikers Kljutschewski, Mitglied des Zeniralkomitees der Kadettenpartei,
Mitglied der Reichsduma,
Miljukow — Führer der russischen liberalen Bourgeoisie. Professor.
In der Revolution von 1905 Führer der revolutionären Bewegung. Organisator und Haupt der Kadeltenpartei. Während des Weltkrieges leidenschaftlicher Verfechter des „Krieges bis zum siegreichen Ende“. Nach dem Sturz
des Zarismus Minister des Äußern in der Provisorischen Regierung, in welcher Stellung er seine Eroberungspolitik fort;seizte. Während des Bürgerkrieges Inspirator konterrevolulionärer Aktionen gegen Sowjetrußland.
Struve — siche Anm. 72.
Isgojew — Milte der neunziger Jahre Mitarbeiter von marxistischen
‚Zeitschriften, später einer der konservativsten Publizisten der Kadellenparlei.
0° „Bund des russischen Volkes“ — Organisation der „Schwarzen Hundeıt‘“, gegründet 1905 zu dem Zweck, die revolutionäre Bewegung zu
bekämpfen, vereinigte in sich verschiedene soziale Gruppen, in deren Inler-
‚esse die Erhaltung des Absolutismus lag. Die Hauptführer des „Bundes“
rekrutierien sich aus den Reihen der höheren Geistlichkeit und höheren
Bureaukratie, Als Ideologen der Bewegung dienten einige Intellektuelle. Die
Hauptmasse der Mitgliedschaft bildeten: Lumpenprolelarier der großen
Städte, kleinbürgerliche Kaufleute, Polizeiagenten, kleine Beamte, die sich
vor ihrer Obrigkeil in günstigem Licht zeigen wollten.
Das Programm des
„Bundes“ bestand in der Wiederherstellung des unbeschränkien Absolutismus und im Kampf nicht nur gegen die Revolutionäre, sondern auch geyen
die bürgerlichen Liberalen. Die Organisation wurde vom Hof und namentlich vom Zaren persönlich, der Ehrenmitglied des „echt russischen” Bundes
‘war, stark profegiert.
41 Gemeint sind die Mitglieder des Frankfurter Parlaments, d. h. der
-deutschen Nationalversammlung von 1848, die eine Verfassung ausarbeilen
sollte. Die Unentschlossenheit und die Schwäche der bürgerlichen Mehrheit
wurden von den reaktionär-feudalen Kräften ausgenutzt, und die National-
versammlung wurde bald liquidiert, ohne daß sie irgendwelche realen sozial-
‚politischen Ergebnisse gezeiligt hätte.
Anmerkungen
241
2 Am 6. Juni 1905 wurde — unter Führung des Fürsten Trubezkoi —
eine Delegation der liberalen Bourgeois und Gutsbesitzer (Semstwo- und
Städievertreter) beim Zaren vorstellig, um ihm eine patriotische und aller-
untertänigste Petition vorzulegen. „Aus heißer Liebe zum Vaterland“ stellten
die Liberalen „alles Trennende“ zurück und wandten sich „unmittelbar“ an
den „von falschen Ratgebern“ irregeleiteten Zaren mit der Bitte, dieser möge
doch, „solange es noch nicht zu spät ist“, eine „von allen Untertanen gewählte Volksvertretung“ einberufen, die „im Einvernehmen“ mit dem
Zaren über Krieg und Frieden zu entscheiden und, ebenfalls „im Einvernehmen“ mit dem Selbstherrscher, eine „erneuerte Staatsordnung“ zu errichten
hätte.
Vom allgemeinen, direkten und gleichen Wahlrecht wie von einer Siche
rung der Wahlfreiheit war keine Rede.
Die Antwort des Zaren an diese kläglichen „Revolutionäre in weißen
Handschuhen‘“ war denn auch nichtssagend genug.
#3 Dubassow — Admiral,
Moskauer Generalgouverneur,
drücker des Moskauer bewaffneten Aufslandes im Dezember 1905.
Unter-
“a Montagne („Berg“) — kleinbürgerliche radikale Partei mit LedruRollin an der Spitze, bildete die Opposition in der ihrer Mehrheit nach
monarchistischen französischen Nationalversammlung von 1848. Die Partei,
die ein Konglomerat aus städlischem Kleinbürgertum, einem Teil der Baueruschaft und gewissen rückständigen Schichten des Proletariats darstellte, erleichterte durch ihre schwankende, unentschlossene Taktik den Ansturm der
großbürgerlichen Reaktion, durch den Napoleon III. zur Herrschaft gelangte.
#5 „Iswestija“ (Nachrichtenblatt) des Arbeiterdeputiertenrates —
Organ des Petersburger Arbeiterdeputierlenrates, erschien in den Revolutions-
tagen Oktober/Dezember 1905 unter der Redaktion des Exekutivkomitees. Inı
ganzen erschienen 11 Nummern. Das Blatt wurde unter Ignorierung der Zensur in den Druckereien bürgerlicher Zeitungen gedruckt.
# Gutschkow — großer Moskauer Hausbesitzer und Industrieller.
1905 begründete er die Partei „Bund des 17. Oktober“, die die Interessen der
reaktionären Schichten der Großbourgeoisie vertrat. Präsident der dritten
Reichsduna. 1917 Kriegs- und Marineminisier der ersten Provisorischen Re-
gierung.
In den Jahren 1917/1921 unterstützte er die konterrevolutionäre
Bewegung.
4 Der in den Streiktagen im Oktober 1905 spontan entstandene Petersburger Arbeiterdeputiertenrat dekretierte am 19. Oktober 1905 folgendes:
„Durch einen Ukas des Zaren ist in Rußland die ‚Freiheit‘ des Wortes
proklamiert worden, aber die Hauptverwaltung für Presseangelegenheiten ist
beibehalten worden, der Rotstift des Zensors ist geblieben. Davon ausgehend,
daß die Arbeiterklasse, die die ganze oder fast die ganze Last des Kampfes
trägt, auch in der Frage der Pressefreiheit ihr Wort in die Wagschale werfen
muß, und in der Auffassung, daß die Freiheit des gedruckten Wortes durch
die Arbeiter selbst erobert sein will, beschließt der Deputiertenrat: nur
solche
Zeitungen können
erscheinen,
deren
Redakteure das Zensurkomitee ignorieren, keine Nummern
zur Zensur vorlegen, überhaupt ebenso handeln wie
der Deputiertenrat bei der Herausgabe seiner Zeitung. Darum nehmen die
Seizer und die anderen Genossen Arbeiter des Druckereigewerbes, die an den
M. B.8. Lenin: Agitalion u. Propaganda
18
242
Anmerkungen
zz
Erscheinen der Zeitungen beleiligi sind, die Arbeit erst auf, wenn die Redakteure die Pressefreiheit proklamieren und sie auch durchführen. Bis dahin
bleiben die Genossen Arbeiter des Zeitungsfaches im Streik, und der Depulierlenrat wird Wege finden, um den streikenden Genossen Arbeitern ihren
Lohn auszuzahlen.
Zeitungen, die diesem Beschluß zuwiderhandeln, werden
bei den Zeitungshändlern beschlagnahmt und vernichtet werden. Die Druckereien und die Maschinen werden außer Betrieb gesetzt und die Arbeiter, die
dem Beschluß des Deputiertenrates keine Folge leisten, werden boykottiert
werden.“
Daß dieser Beschluß keine leere Drohung blieb, wurde von Gutschkow
auf dem Semstwokongreß im November bestätigt. Die Setzer weigerten sich,
die Deklaration Gutschkows zu seizen, worüber dieser vor dem Kongreß folgende Klage führte:
„Es scheint, daß die neue Verwaltung für Presseangelegenheiten überall
ein Rundschreiben verschickt hat. Da habt ihr nun die Freiheit der Presse!
Es ist dasselbe alte Regime, nur von der Kehrseitel Es bleibt auch nur das
Rezept dieses Regimes übrig: die Presseerzeugnisse im Ausland erscheinen zu
lassen oder eine illegale Druckerei einzurichten.“
#8 ‚„Proletarij‘“ — Zentralorgan der SDAPR, erschien in Genf vom
14. Mai bis 12. November 1905, stellte mit der Möglichkeit legaler sozialdemokratischer Presse in Rußland nach dem Oktober 1905 und mit der Rückkehr
Lenins aus der Emigration sein Erscheinen ein.
OO blomow — Titelheld eines Romans von Gontscharow, ein Charakter, dem es bei aller Befähigung doch an Tatkraft mangelt, um seine Vorsätze zu verwirklichen, und der deshalb seine Kräfte in einem träumerischen
Hinbrüten verkümmern läßt.
6 Trudowiki
(Arbeiterfraktion oder Fraktion der Werktätigen)
-—
bildete sich als Parlamentsfraktion 1906 in der ersten Reichsduma. Der Fraktion schlossen sich an die volkstümlerisch gerichteten Intellektuellen, die
Volkssozialisten und die revolutionär gestimmten Bauernabgeordneten. Die
vereinzelten Abgeordneten der Sozialrevolutionäre, die in der dritten und
vierten Reichsduma keine eigene Fraktion zustandebringen konnten, schlossen sich ebenfalls dieser Fraktion an.
5 Oktobristen — die geläufige Benennung der Anfang Novembe;
1905, im Anschluß an das Zarenmanifest vom 17. (30.) Oktober 1905, in dem
einige verfassungsmäßige Freiheilen versprochen wurden, gegründeten Parlei
unter dem Namen „Verein des 17. Oktober“, Die Oktobristenpartei vertrat die
Interessen der Großbourgeoisie und der Großgrundbesitzer (nach deutschen
Verhältnissen entsprach sie etwa der Deutschen Volkspartei). Während sie
in der ersten und zweiten Reichsduma sehr schwach vertrelen war, gelangle
sie, dank dem Staatsstreich Stolypins vom 3. (16.) Juni 1907, zu großem Einfluß in der dritten Duma, wo sie die entscheidende Rolie spielte. Die Oktobıistenpartei unterstützte vorbehaltlos den Zarismus im Kampf gegen die Revolution; ihr Führer war Gulschkow.
5 Stolypin — zaristischer Premierminister und Minister des Innern
seit 1906, tat sich beim Niederschlagen der Revolution von 1905—-1907 hervor. Er jagte die zweite Reichsduma auseinander und oklroyiertz ein neues
Wahlrecht („Staatsstreich vom 3. Juni 1907“). Seine Agrargesetzgebung (Gesetz vom 9. November 1906) zielte ab auf die Zerstörung der Dorfgemeinde
Anmerkungen
243
und die Schaffung einer wirtschaftlich starken Bauernschicht (Kulaken) als
Stützpunkt der Regierung im Dorfe. Im September 1911 durch ein Attentat
eines Polizeispitzels in Kiew getölel.
53 D.h. — Belriebszellen.
ss Qlsowismus (vom russischen Wort otoswatj — abberufen) —- eine
Richtung unter den Bolschewiki, die die Abberufung der Sozialdemokraten
aus der Reichsduma forderte.
5 Tomski, M. I. — alter Bolschewik, von Beruf Lithograph. Wiederholt verhaftet und verbannt. Nach der Oktoberrevolution Vorsitzender des
Zentralrals der Gewerkschaften (bis 1929).
5 Bulygin-Duma —- so genannt nach dem Minister Bulygin, dessen
Namensunterschrift das Zarendekret über die Einberufung einer geseltzberatenden Vertretungskörperschaft trug (6. August 1905).
Die Bolschewiki beschlossen, dieses auf Grund eines hohen Vermögenszensus gewählte Anhängsel des bürokratischen Staatsrates zu boykottieren,
die Liberalen waren geneigt, sich an den Wahlen zu beteiligen, die Menschewiki schwankten. Der Oktoberstreik von 1905 machle der Bulygin-Duma ein
Ende, die Regierung sah sich gezwungen, die Einberufung einer gescetzsebenden Duma zu versprechen.
5’ Dan — Führer der Menschewiki, seit Mitte der neunziger Jahre in
der russischen sozialdemokratischen Bewegung tätig. Zweimal verbannt. In
den Jahren der Reaktion unterstützle er die Liquidatoren. Während des Krieses gemäßigler „Internationalist“. Nach der Februarrevolution führendes Mitslied des Exekutivkomitees des Petrograder Rates und später des (menschewistisch orientierien) Allrussischen Zentralexekutivkomitees. Trat eifrig für
den Burgfrieden und die Koalition mit der Bourgeoisie ein. Nach der Oktoberrevolufion bekämpfte D. aktiv die Sowjetmacht.
53 Gottmacher“ — so wurden in Rußland Leute genannt, die Gott und
neue Religionsformen suchten. Unter den Sozialdemokraten versuchten Lunatscharski und M. Gorki zu beweisen, daß die moderne proletarische Bewegung
und ihre Ideologie Motive religiösen Charakters enthielten.
59 Gemeint sind die aus der erweiterten Redaktion des „Proleltarij“ entfernten Bogdanow, Krassin u. a.
Bogdanow, A.A.— schloß sich der sozialdemokralischen Bewegung
Anfang der neunziger Jahre an, ging nach der Spaltung mit den Bolschewiki,
Mitglied des Zentralkomitees. Nach der Auseinanderjagung der zweiten Reichsduma bestand er auf den Boykott der Duma und der Abberufung der sozialdemokratischen Dumafraklion. B. versuchte eine linksbolschewistische Fraktion zu schaffen und gab im Auslande — unter Beteiligung von A. Lunatscharski u. a. — die Zeitung „Wperjod“ heraus. B. versuchte auch, ein eigenes
philosophisches System zu schaffen („Empiriomonismus“), das den idealisti-
schen Konstruktionen Machs und Avenarius nahestand (näheres siehe Lenin,
„Materialismus und Empiriokritizismus“, Bd. XIII der Sämtlichen Werke).
1909 wurde B. aus der bolschewistischen Fraktion ausgeschlossen und steht
seitdem außerhalb der Partei.
60 Ultimatistien — eine
Abart
des Otsowismus
(siehe Anm. 54).
16"
244
EU
Anmerkungen
—
Ti
61 Die „Sommerkonferenz‘ fand in der Zeit vom 25. September bis 1. Oktober 1913 in einem galizischen Dorf statt. Es nahmen teil Lenin, Sinowjew,
Kamenew, Krupskaja, Vertreter der polnischen Partei, die bolschewistischen
Duma-Abgeordneten und eine Reihe von Vertretern jokaler Organisationen.
e2 Struve — siehe Anm. 72.
Brentano — Nationalökonom, Universitätsprofessor, Vertreter eines
liberalen Wirtschaftssystems, Freihändler; einer der Gründer des „Vereins
für Sozialpolitik“.
63 1792 stand das revolutionäre Frankreich in schwerem Kampf gegen die
feudalen Nachbarstaaten. Der Krieg verlief zunächst für die Franzosen ungünstig. Infolge der gewaltigen Kraftanstrengungen wandte sich aber das
Kriegsglück.
6 Bauer, Otto — Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Haupt
der sogenannten „austromarxistischen Schule“,
Renner — österreichischer Sozialdemokrat, im Kriege Sozialkompromißler, nach 1918 eine Zeitlang Haupt der österreichischen Regierung.
65 Die Kontaktkommission des Petrograder Arbeiter- und Soldatendepuliertenrates wurde gebildet, um die Beziehungen zur Provisorischen
Regierung aufrecht zu erhalten und um diese zu kontrollieren. Ihr gehörten
an: Skobelew, Steklow, Ssuchanow, Tschcheidse und der Offizier Filippowski
(ein Sozialrevolutionär). Die Kontaktkommission erwies sich als totgeborenes
Kind, ihre Tätigkeit beschränkte sich darauf, daß sie von Zeit zu Zeit ver-
suchte, die Provisorische Regierung zu „überreden“.
686 Die Bildung der Provisorischen Regierung und die Formulierung ihres
Programms erfolgte auf Grund einer Vereinbarung, die am 1. (14.) März zwischen dem Exekutivkomitee des Petrograder Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten und dem Provisorischen Vollzugsausschuß der Reichsduma_ getroffen wurde. Der Petrograder Rat überließ dem Vollzugsausschuß der
Reichsduma die Bildung der Provisorischen Regierung und bestand auf der
Anerkennung eines bestimmien Programms, dessen wichtigste Punkte für ihn
das Verbot der Entfernung der revolutionären Truppen aus Petrograd und
die Einberufung der Konstituante waren.
0 Schingarjow — einer der Führer der Kadettenfraktion der
Reichsduma. In der ersten Provisorischen Regierung war er Landwirtschaftsminister, im zweiten Kabinett Lwow Finanzminister.
#8 Tschernow — einer der Begründer der sozialrevolutionären Partei, deren Führer und Theoretiker. Während des Krieges schwankte er dauernd zwischen Sozialchauvinismus und Internationalismus hin und her. Nach
der Februarrevolulion entschiedener Vaterlandsverteidiger. Als Landwirtschaftsminister in der ersten Koalitionsregierung kämpfte er gegen die revoltierenden Bauern. Januar 1918 Präsident der Konstituante. Nach dem Oktoberumsturz aktiver Förderer aller auf die Wiederherstellung eines bürgerlichen Regimes in Rußland abzielenden Bestrebungen.
Zeretelli — georgischer Sozialdemokrat, Menschewik, Abgeordneter
der zweiten Reichsduma und Führer der damaligen sozialdemokratischen
Fraktion. Nach der Februarrevolution trat Z. mit aller Entschiedenheit für
die Fortsetzung des imperialistischen Krieges und für die Koalition mit der
Anmerkungen
245
Bourgeoisie ein. In der ersten Koalitionsregierung war er Minister für Postund Telegraphenwesen. Führendes Mitglied des ersten (menschewistischen)
Allrussischen Zentralexekutivkomitees.
ee Das „Nachrichtenblatt des Allrussischen Rates der Bauerndeputierten“
war ein sozialrevolutionäres Organ.
”
„Otrub“ (vom russischen Wort: „otrubitj‘“
— abhauen, abtrennen) —
so nannte man den von der Feldgemeinschaft abgetrennten, ausgeschiedenen
und dem Einzelbauer als Privateigentum überlassenen Landanteil.
?1 Die Streikbewegung von 1896 begann (im Mai) mit dem Massenstreik
Petersburger Spinner und Weber (mehr als 30 000 Streikende). Sie forderten
Bezahlung der arbeitsfreien Tage während der Krönungsfeierlichkeiten. Die
Bewegung griff auf Moskau über. Dort traten — mit derselben Forderung -—
die Eisenbahner in den Streik. Der offenkundig politisch gefärbte Streik kam
für die Regierung völlig unerwartet. Die Streiks von 1896 waren der ersle
organisierte Ausdruck der Massenbewegung der Arbeiterschaft.
2 Struve, P. — russischer Publizist, machte viele Wandlungen durch.
Ursprünglich Sozialdemokrat, später Liberaler und Mitglied des Zentralkomitees der Kadettenpartei, nach der Revolution von 1905 Führer des äußersten
rechten Flügels der Liberalen, landete er schließlich beim ultrareaktionären
Nationalismus. Im Bürgerkrieg Minister bei Denikin und später bei Wrangel,
heute einer der Führer der Emigranten und Monarchisten.
73 Pjeschechonow — Führer der „Volkssozialisten“, die zwischen
den Kadetten und den Sozialrevolutionären schwankten und keinen Einfluß
auf die Massen hatten. Minister einer der Koalitionsregierung Kerenskis. Typischer Vertreter der Intellektuellen und der Kleinbürger.
Awksentjew — rechter Sozialrevolutionär. In den Kriegsjahren extremer Sozialchauvinist, Unter Kerenski Minister in einer der Koalitionsregierungen. Nach der Oktoberrevolution einer der Organisatoren der Konterrevolution.
”% Cavaignac — Führer der französischen Regierungstruppen gegen
die Arbeiter im Juni 1848. Nach einer vierlägigen Straßenschlacht, bei der er
mit der größten Grausamkeit vorging, gelang ihm die Niederwerfung der Ar-
beiter.
5Kamenew — alter Bolschewik, wurde während
Petrograd von der Kerenski-Regierung verhaftet.
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Pe 5
.
der Julitage in
78 5. Mai — Bildung der ersten Koalitionsregierung, nachdem der Außenminister Miljukow unter dem Druck der Massen zum Rücktritt gezwungen war.
31. August — Annahme der ersten bolschewistischen Resolution im Petrograder Sowjet.
12. September — Liquidierung des Kornilow-Putsches.
7 Die Demokratische Konferenz wurde von der KerenskiRegierung im September 1917 nach Petersburg einberufen. Einladungen ergingen an Vertreter der „demokratischen“ Semstwos und Städte, Genossenschaften, Verireter einiger Front- und Armeekomitees und GouvernementsSowjets, Vertreter des Zentralexekutivkomitees und der Gewerkschaften. Die
Sowjetdelegation war in der Minderheit. Die Konferenz erklärte sich gegen
246
Anmerkungen
eine Koalition mit den Kadetten, trotzdem organisierle der Minislerpräsident
Kerenski ein neues Koalitionsministerium. Die demokralische Beratung schuf
aus ihrer Mitte den „Rat der Republik“ (Vorparlament), der bis zur Einberufung der Konstituante diese ersetzen sollte. Die bolschewistische Fraktion mit Trotzki an der Spitze verließ das Vorparlament. Die Demokralische
Konferenz genoß keinerlei Autorität im Lande, ihr Ziel — die Stärkung der
Provisorischen Regierung — schlug fehl.
78 Aus den Wahlen zur Pelersburger Stadiduma am 20. August 1917 gingen die Bolschewiki im Vergleich zu den Maiwahlen außerordentlich gestärkt
hervor. Sie erhielten 33 Prozent aller abgegebenen Stimmen (gegenüber 20
Prozent im Mai), der Block der Kompromißler erhielt 44 Prozent (gegenüber
58 Prozent) und die Kadelten 23 Prozent (gegenüber 22 Prozent).
Bei den Wahlen zu den Bezirksdumas in Moskau erhielten die Bolsche-
wiki 52 Prozent aller abgegebenen Stimmen.
”® Der Generalstreik in Moskau vom 12, August wurde unler Führung des
Gewerkschaftsbüros als Protest gegen die von Kerenski einberufene „Staaisberatung‘ durchgeführt. An der „Staatsberatung“ nahmen teil Vertreler bürgerlicher Organisationen, Verlreler der Semsiwos und der Sladiverwaltungen,
Vertreter von Universitäten, Vertreter der Kaufmannschaft und der Indu-
striellen, der Generalität, des Offizierskorps, Vertreter der Kosaken und einiger
Armeekomitees sowie Mitglieder aller vier Reichsdumas wie auch Einzelpersonen (z. B. Plechanow, Kropotkin u. a.). Vertreter der Sowjels waren nicht
zugelassen. Die Sowjets wurden „vertreten“ von einer Delegation des Zentralexekutivkomitees, die aus Menschewiki und Sozialrevolutionären bestand.
Im Namen der wenigen Vertreier der Gewerkschaften verlas Rjasanow eine
bolschewistische Deklaration. Der bürgerlich-militärische Teil der Beratung
benahm sich provozierend gegenüber der ‚sozialistischen Demokratie‘ und
schlug offen den Kurs auf einen konterrevolulionären Umsturz ein.
Trotzdem der menschewistisch-sozialrevolutionäre Moskauer Sowjel gegen
den Streik aufrief, nahm die ganze Moskauer Arbeiterschaft an ihm teil.
80 Im September 1917 wurde Riga von den Deutschen eingenommen. Die
russischen Truppen leisteten energischen Widersland, besonders harlnäckig
kämpften die lettischen Schützenbataillone. Es spricht alles dafür, daß das
Oberkommando den Widerstand der Armee künstlich drosselle, um das revolutionäre Petersburg der Gefahr eines deutschen Angriffes auszusetzen, im
Lande Panik hervorzurufen, einen Druck auf die Menschewiki und Sozialrevolutionäre auszuüben und die Entfernung der revolutionären Truppen-
teile aus Petersburg zu erzwingen.
sı KomiteesderDorfarmut wurden auf Grund eines Dekrets des
Allrussischen Zentralexekutivkomitees im Frühjahr 1918 geschaffen, um die
Differenzierung im Dorfe zu beschleunigen, den Kampf gegen die Kulaken
zu erleichtern, das Getreidemonopol durchzuführen und die proletarische
Diktatur zu stärken. Sie spielten in der Entwicklung der Revolution eine große
Rolle, indem sie die armen und mittleren Schichten des Dorfes von der Un-
terjochung durch die Kulaken befreiten. Im November 1918 wurden die Komitees der Dorfarmut auf Beschluß des 6. Rätekongresses liquidierl und durch
Dorfsowjets ersetzt, die von der gesamten ohne Ausbeulung fremder Arbeitskraft lebenden Bevölkerung gewählt wurden.
Anmerkungen
247
——
>
Judenitisch — General, Führer der weißen Nordwestarınee, leitete
den Vormarsch auf Leningrad.
Koltschak — Admiral der Zarenflotte, Führer der Konterrevolution,
operierle in Sibirien und am Ural, wurde in Irkutsk von den aufständischen
Arbeitern verhaftet und nach Aburteilung durch ein Revolulionstribunal erschossen.
Petljura —
ehemaliger ukrainischer rechter Sozialdemokral,
eine
Zeitlang „Hetmann“ der Ukraine. Nach der Zurückziehung der deutschen
Truppen aus der Ukraine versuchte er, seine Macht wieder herzustellen, wurde
aber durch die Rote Armee und den Volksaufstand hinweggefegt. Organisierte
konterrevolulionären Partisanenkampf und Bandeneinfälle.
Machno — ehemaliger Volksschullehrer, Führer einer anarchistischen
Aufstandsbewegung der ukrainischen Bauernschaft, ging auf die Seite der
Roten Armee über, wandte sich aber bald gegen die Sowjetmacht. Die Machnobewegung wurde im Jahre 1921 liquidiert.
Wrangel — General, als Nachfolger Denikins im Jahre 1920 Oberbefehlshaber der weißgardislischen Truppen im Süden Rußlands, wurde im
Spätherbst 1920 von der Roten Armee vernichtend geschlagen.
$$ Glemenccau — einer der Führer des französischen Imperialismus,
unversöhnlicher Feind des Kommunismus und Sowjetrußlands, ehemaliger
Ministerpräsident der französischen Republik.
Lloyd George — englischer Politiker. Im imperialistischen Krieg zuerst \Munilionsminister,
dann
Kriegsminister, dann
Ministerpräsident, Vor-
sitzender des Kriegsrats mit diktatorischer Gewalt. Wurde Oklober 1922 gestürzt.
Wilson — Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, stellt»
am Ende des imperaalistischen Krieges als Grundlage des Friedensvertrages
die berühmten „14 Punkte“ auf, in denen durch demokratische Phrasen die
imperialistiischen Gelüste der Alliierten bemäntelt wurden.
8
Troelstra — Führer der holländischen sozialdemokratischen Partei und ihrer Parlamentsfraktion. Reformist. Führte innerhalb der Partei
den Kampf gegen den linken Flügel.
85 Lenin und SinowjJew, „Gegen den Strom“, Aufsätze aus bolsche-
wistischen Auslandspublikationen in der Periode des imperialistischen Krieges. Deutsch im Verlag Carl Hoym Nachf, Hamburg-Berlin. Die betreffenden
Aufsätze Lenins sind in den Bänden XVII und XIX der Sämtlichen Werke
enthalten.
% Industrial Workers of the World (IWW) — syndikalislisch orientierte revolulionäre Arbeiterorganisation, wirkt vornehmlich in den
westlichen Staaten Nordamerikas.
87 Kornilow — General, versuchte im September 1917 einen Militärpuisch und einen Marsch gegen Petrogsrad. Konspirierte mit Kerenski, wurde
aber von den Arbeitern vernichtend geschlagen und verhaftet; flüchtete ‚nach
dem Dongebiet, wo er sich an die Spitze der weißen Truppen stellte. Wurde
Anlang 1918 von Roten Garden geschlagen. Fiel im Kampfe.
8 Churchill — konservativer Minister im Kriegskabinett Lloyd Georges, Inspirator der Intervention gegen Sowjetrußland.
248
u
Anmerkungen
Henderson — englischer Gewerkschaftler, einer der rechlesien Führer
der Labour Party, während des Weltkrieges Minister in der Koalitionsregierung Lloyd Georges, im Jahre 1924 Minister des Innern im Kabinett Macd«nald, 1929 Außenminister.
8 Dreyfuß — französischer Offizier, Jude. Im Jahre 1894 vom Kriegsgericht unter der falschen Beschuldigung des Landesverralts zu lebenslänglicher Einzelhaft verurteilt. Die‘ Verurteilung erfolgle unter dem Druck des
Generalstabes, an dessen Spitze‘.Monarchisten, Klerikale und Antisemiten
standen, die daran interessiert waren, dem republikanischen Regime, das den
Juden das Recht gab, Offiziersposten in der französischen Armse zu bekleiden, einen moralischen Schlag zu versetzen. Der Fall Dreyfuß gewann den
Charakter eines Kampfes der Monarchisten gegen die Republikaner. Unter dem
Druck der öffentlichen Meinung wurde Dreyfuß im Jahre 1899 begnadigt.
so» Jouhaux — vor dem Kriege Anarchosyndikalist, wurde in den
Kriegsjahren zum eifrigen Patrioten. Einer der Führer der Amsterdamer
Internationale.
Merrheim — einer der anarchosyndikalistischen Führer der allgemeinen Konföderation der Arbeit in Frankreich (CGT), Gegner des Krieges.
Nach dem Kriege erwies er sich als nicht genügend konsequenter Klassenkämpfer, begann die Kommunistische Internationale zu bekämpfen und glilt
in den Reformismus hinab.
91 Die Einrichtung der „Rechtsbeistände“ wurde 1918 eingeführt an
Stelle der abgeschafften bürgerlichen Advokatur. Die Rechtsbeistände galten
als Sowjetfunktionäre, bekamen ein festes Gehalt und waren verpflichtet, ohne
Entgelt als Verteidiger und Ankläger zu wirken. In Wirklichkeit unterschieden sie sich nicht von den allen Rechtsanwälten, sie bezogen heimlich von
ihren Klienten „Honorare“ und vermieden es nach Möglichkeit, als öffentliche Ankläger aufzutreten. Mit dem Übergang zur Neuen Ökonomischen
Politik wurde die Einrichtung der Rechtsanwälte unter der Kontrolle der
Sowjets wieder hergestellt.
249
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Agitation und Propaganda in der Periode
Vorbereitung der Revolution von 1905
der
Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten .
Womit beginnen?
Tradeunionistische und sozialdemokratische Politik .
II. Agitation und Propaganda in der Revolution
von 1905
Der Beginn der Revolution in Rußland .
Die Losung des bewaffneten Aufstandes .
.
.
2.2...
Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft
.
0
Über konstitutionelle Illusionen . . .
Parteiorganisation und Parteiliteratur
III. Agitation und Propaganda in den Jahren der
Reaktion
Die Aufgaben der Partei in der Periode der Reaktion . . . .
Anläßlich zweier Briefe .
Über
den
.
.
.
2
2
2
2.
ÖOtsowismus
20
25
49
95
58
67
78
87
95
101
IV. Die Agitation in der Periode des Aufschwunges
der Arbeiterbewegung
Aus der Resolution der „Sommerkonferenz“ des Zentralkomitees
der SDAPR mit den Parteifunktionären (1913) . .
‚Agitation und Propaganda in der Periode des
imperialistischen Krieges
Der imperialistische Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie
v1. Agitation und Propaganda zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution
Die politischen Parteien in Rußland und die Aufgaben des Proletariats
Bauern und
.
.
Arbeiter
.
rn
Über die Losung „Alle Macht den Räten“ rn
Die Bolschewiki müssen die Macht ergreifen
vi. Agitation und Propaganda in der Periode der
Diktatur des Proletariats
Der Kampf an der Kulturfront .
en
Über den Charakter unserer Zeitungen
.
.
109
115
131
143
152
160
165
168
Aus der Rede über das Parteiprogramm auf dem 8. Parteitag
der KPR
...
,
Rede auf der Konferenz der Sektionen für politische Aufklärung
Aus der Rede auf dem 2. Allrussischen Kongreß der Sektionen für
politische Aufklärung - - : 2:2 m un m rn
Tagebuchblätter .
171
173
182
185
250
VIII. Agitation und Propaganda in der Kommunistischen Internationale
Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte .
Die Dritte, Kommunistische Internationale
Über die „linken“ Kinderkrankheiten .
Über die internationale Lage und die Hauptaufgaben der Kommunistischen Internationale
Anmerkungen.
PROGRAMM
und ausführlichen Prospekt der Marxistischen Bibliothek liefert jede gute
Buchhandlung, nötigenfalls der Verlag
191
202
209
224
233
п.
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