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Das Buch
Soldaten sind Krieger, die kämpfen und auch töten müssen.
Soldaten leben in einer eigenen Welt. Begriffe wie Tapferkeit, Gehorsam und
Kameradschaft sind für sie so aktuell wie eh und je. Das Bedürfnis nach
authentischen Vorbildern ist groß, das gilt auch für die Bundeswehr. Doch in
welcher Tradition stehen deutsche Soldaten?
Der Autor
Sönke Neitzel, geboren 1968, war nach Lehrtätigkeiten in Mainz, Karlsruhe, Bern
und Saarbrücken Professor für Modern History an der University of Glasgow und
Professor für International History an der London School of Economics (LSE). Seit
2015 hat er den deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für Militärgeschichte/
Kulturgeschichte der Gewalt am Historischen Institut der Universität Potsdam inne.
Zuletzt erschien von ihm und Harald Welzer der Bestseller »Soldaten. Protokolle
vom Kämpfen, Töten und Sterben«, der in 19 Sprachen übersetzt wurde.
Propyläen wurde 1919 durch die Verlegerfamilie Ullstein als
Verlag für hochwertige Editionen gegründet. Der Verlagsname
geht zurück auf den monumentalen Torbau zum heiligen Bezirk
der Athener Akropolis aus dem 5. Jh. v. Chr. Heute steht der
Propyläen-Verlag für anspruchsvolle und fundierte Bücher aus
Geschichte, Zeitgeschichte, Politik und Kultur.
Vom Kaiserreich zur Berliner
Republik – eine
Militärgeschichte
Propyläen
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ISBN: 978-3-8437-2370-1
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020
Karten: Peter Palm, Berlin
Lektorat: Christian Seeger
Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld
E-Book: LVD GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
Über das Buch / Über den Autor
Titel
Impressum
Einleitung
I. Auf dem Weg zur Weltmacht. Das Militär im Kaiserreich
(1871–1918)
Blut und Eisen
Kolonien
Armee
Inneres Gefüge
Tribal cultures
Schikanen
Kriegsplanungen
Weltenbrand
Wie siegen?
Anpassung von Strategie und Taktik
Verbrechen
Fazit
II. Armee der Niederlage. Die Reichswehr in der Weimarer
Republik (1918–1933)
Staat im Staate?
Aus der Niederlage lernen
Sozialstruktur und tribal cultures
Fazit
III. Im Zeichen des Totalen Krieges. Die Wehrmacht im
Dritten Reich (1933–1945)
Auftakt
Wehrgemeinschaft
Selbstgleichschaltung
Kriegsvorbereitung
Operationen
Der Sprung ins Dunkle: Polen
Siegeslauf in Frankreich
Hybris und Nemesis: Der Feldzug gegen die Sowjetunion
Der Kampf gegen die Westmächte 1941–1944
Der letzte Akt: 1944/45
Kohäsion
Opfertum
Tribal cultures
Menschenführung
Primärgruppen
Verbrechen
Polen: Ouvertüre zum Vernichtungskrieg
»Normalkrieg« im Westen 1940/41
Vernichtungskrieg in der Sowjetunion
Signaturen der Gewalt
Fazit
IV. Friedensarmee im Kalten Krieg. Die Bundeswehr der
Bonner Republik (1955–1989)
Eine andere Armee braucht das Land
Das Ringen um die innere Ausrichtung der Streitkräfte
Truppenalltag
Skandale und tribal cultures
Kulturkampf
Der gespielte Krieg I
Von der massive retaliation zur flexible response
Endlich einsatzbereit?
Flexible response – die Lösung der Probleme?
Wehrmacht in neuem Gewande?
Entspannungspolitik und Friedensbewegung
Reformen
Bildungsoffensive
Grenzen der Inneren Führung
Zwischen »Gammeldienst« und Leistungsgrenze
Der gespielte Krieg II
Die beste Wehrpflichtarmee der NATO
Kriegsnah ausbilden
Rückkehr zum Bewegungskrieg
West-östliche Wahrnehmungen
Traditionen
Fazit
V. Außen preußisch – innen sowjetisch. Die Nationale
Volksarmee der DDR (1952–1990)
Volk in Waffen
Armee der Partei
Kriegsplanung und Bündnispolitik
Die beste NSWP-Armee des Warschauer Paktes
Fazit
VI. Zwischen »Friedensdividende« und Auslandseinsatz. Die
Bundeswehr der Berliner Republik (1990 bis heute)
Neue Welt, neue Aufgaben
Armee der Einheit
Eine kleinere Bundeswehr braucht das Land
Erste Kampfeinsätze
Die Schatten der Wehrmacht
Die Bundeswehr in Afghanistan
Verantwortung für den Norden Afghanistans
Die Sicherheitslage verschärft sich
Der Kampf um die Provinz Kunduz 2009
Rückschläge, Erfolge, Abzug – 2010 bis 2014
Tribal cultures
Der Krieg in Afghanistan im politisch-gesellschaftlichen
Diskurs
Afghanistan – eine Bilanz
Die Rückkehr des Kalten Krieges?
Bedingt einsatzbereit
»Die Wehrmacht hat nichts mit der Bundeswehr gemein«
Resümee
Dank
Karten
Bildteil
Anhang
Dienstgrade Wehrmacht und Bundeswehr (Heer)
Militärische Gliederung
Verteidigungshaushalt der Bundesrepublik Deutschland von
1955 bis 1989
Abgeordnete des Reichstags (MdR) sowie des Bundestags
(MdB), die Militärdienst geleistet haben
Anmerkungen
Quellen und Literatur
1. Quellen
2. Literatur
Verzeichnis der Abkürzungen
Bildnachweis
Feedback an den Verlag
Empfehlungen
Einleitung
»Die Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die
Bundeswehr. Einzige Ausnahme sind einige herausragende
Einzeltaten im
Widerstand. […] Das ist eine
Selbstverständlichkeit, die von allen getragen werden muss« –
diese deutlichen Sätze sprach Ursula von der Leyen am 3. Mai
2017. In der Krise um den unter Terrorverdacht stehenden
Oberleutnant Franco Albrecht galt es, rasch klare Worte zu
finden. Jedwede Verdächtigungen, dass der Geist längst
vergangener Tage hinter den Kasernenmauern geduldet würde,
sollten im Keim erstickt werden. Doch wer sich jenseits der
beschwichtigenden Ministerialrhetorik ernsthaft mit den
Streitkräften beschäftigte, konnte die Spuren der
Vergangenheit kaum übersehen. Die Wehrmacht steckte von
Anfang an in der DNA der Bundeswehr, und man kam auch
im 21. Jahrhundert nicht ganz von ihr los. Das musste auch die
Ministerin zur Kenntnis nehmen, als sie mit ihrer Entourage
die Kaserne des Jägerbataillons 291 im elsässischen Illkirch
besuchte, wo Franco Albrecht zuletzt Dienst getan hatte. Für
die Bundeswehr war es peinlich genug, dass er trotz seiner
offensichtlich rechtsextremen Gesinnung nicht vom Dienst
suspendiert worden war. Doch damit nicht genug. Von der
Leyen registrierte empört, dass ein Aufenthaltsraum der
Kaserne mit allerlei Zeichnungen, Sinnsprüchen, Waffen und
Ausrüstungsgegenständen aus den Zeiten der Befreiungskriege
und der Wehrmacht ausgeschmückt war. Mit der lieb
gewordenen Vorstellung vom deutschen Soldaten als global
social worker, der als Retter, Vermittler und Beschützer
weltweit hilft, Konflikte friedlich beizulegen, hatte diese
Raumgestaltung herzlich wenig zu tun. Hier ging es um eine
1
ganz andere Berufsidentität: jene des Kämpfers, der sich in
eine weit zurückreichende Ahnenreihe von Kriegern stellt.
Manche halten diejenigen, die Bilder von heldenhaften
Landsern in ihre Dienstzimmer hängen, schlicht für Nazis. In
der Tat gehen Rechtsradikalismus und Verherrlichung der
Wehrmacht fast immer miteinander einher. Doch zur
Erklärung soldatischer Identitäten trägt dieser Befund wenig
bei. Untersuchungen von Verfassungsschutz und MAD zeigen,
dass vielleicht drei Prozent der Soldaten einem rechtsradikalen
Milieu zuzuordnen sind und damit ungefähr so viele wie in der
Gesamtgesellschaft.1 Weit mehr Bundeswehrsoldaten dürften
die Wehrmacht aber nach wie vor für einen legitimen Teil ihrer
Tradition halten; wohl auch jene, die in Illkirch den Raum
ausschmückten. Das mag man empörend finden, aber warum
ist das überhaupt so?
Verständlicher wird diese Haltung, wenn man das Militär
als eine Welt mit eigenen Werten und Normen versteht, die
zwar von Gesellschaft und Politik mitgeprägt wird, aber doch
einen besonderen sozialen Kosmos bildet. Die reale oder
potenzielle Erfahrung vom Kämpfen, Töten und Sterben
unterscheidet die Streitkräfte fundamental von anderen
gesellschaftlichen Gruppen. Aus der Perspektive des Soldaten
haben Begriffe wie Tapferkeit, Pflichterfüllung und
Kameradschaft eine viel größere Bedeutung als für einen
Versicherungskaufmann oder Parlamentarier. Wer das
Kämpfen in den Mittelpunkt seiner beruflichen Identität stellt,
sucht sich besondere Vorbilder. In der Bundeswehr ist das
zwar nur eine Minderheit, weil viele Soldaten aufgrund ihrer
Tätigkeiten – als Techniker, Seeleute, Fahrer oder
Verwaltungsbeamte – eher zivile Identitäten haben. Aber die
Kämpfer sind keineswegs ausgestorben. Im elsässischen
Illkirch waren sie 2017 offensichtlich noch zu finden. Hier
2
dienten Männer und Frauen, die sich für den archaischeren
Teil des Soldatenberufs entschieden hatten.
Dass sich Soldaten in ihrem Selbstverständnis auf den
Krieg ausrichten und dafür die passenden Vorbilder suchen, ist
eigentlich eine banale Erkenntnis. Die Deutschen aber haben
sich mit ihr nach dem Zweiten Weltkrieg schwergetan. Der
Kulturbruch war so tief, die Verbrechen waren so unfassbar,
die Niederlage auch moralisch so total, dass sich ihr Verhältnis
zum Militär grundlegend änderte. Zu Pazifisten wurden die
meisten zwar nicht, aber Gesellschaft und Politik blickten
kritischer als zuvor auf ihre Soldaten, suchten sie einzuhegen,
ein Stück weit zu zivilisieren und nicht zuletzt von der
Vergangenheit abzugrenzen. Freilich sind Wunschbild und
Realität zweierlei. Alle deutschen Staaten haben versucht,
ihren
jeweiligen
politisch-gesellschaftlichen
Rahmen
möglichst umfassend auf ihre Armeen zu übertragen: das
Kaiserreich ebenso wie die Weimarer Republik, die
Nationalsozialisten ebenso wie die Kommunisten. Das
funktionierte mal mehr, mal weniger gut. Vollständig gelang es
nie, auch nicht in der Bundesrepublik. Dafür waren die
Deutungsangebote, die die Politik für die jeweilige Rolle des
Militärs zu bieten hatte, meist zu abgehoben, zu theoretisch;
sie entsprangen einer Vorstellungswelt, mit der die Soldaten
nicht viel anzufangen wussten. Das Militär blieb immer auch
eine Welt für sich, die über die politischen Brüche hinweg
erstaunlich beständig war. Zu einem tieferen Verständnis der
Streitkräfte wird man nur kommen, wenn man ihre spezifische
Kultur analysiert – jene Normen, Werte, Haltungen und
Überzeugungen, die ihr Denken, Sprechen und Handeln
bestimmen.2 Die internen Debatten über soldatische Tugenden
und Traditionen gehören ebenso dazu wie die Art und Weise,
3
wie über Kriege nachgedacht wird – und wie sie geführt
werden.
Für die Männer und Frauen, die den Aufenthaltsraum im
elsässischen Illkirch gestaltet hatten, waren die ausgestellten
Waffen und Leitsprüche gewiss nicht nur dekorative Artefakte;
sie hatten Bedeutung für ihre soldatische Gegenwart. Doch
was hatte das 2010 aufgestellte Jägerbataillon mit den
Soldaten weit zurückliegender Zeiten zu tun? Gibt es
überhaupt Kontinuitäten im militärischen Denken und
Handeln, die bis tief ins 19. Jahrhundert zurückreichen? Wie
unterscheiden sich die institutionellen Normen und Werte der
monarchischen Kontingentarmeen, der Wehrmacht und der
Bundeswehr? Gab es trotz denkbar unterschiedlicher
Erfahrungen in Krieg und Frieden ähnliche Vorstellungen von
den Pflichten und Aufgaben des Soldaten? Und sollte man
Armeen
nicht
auch
von
ihrem
professionellen
Selbstverständnis her beurteilen? Was haben, so kann man
fragen, ein Leutnant des Kaiserreichs, ein im
Nationalsozialismus sozialisierter junger Wehrmachtoffizier
und ein Zugführer der Task Force Kunduz des Jahres 2010
gemeinsam?
Das vorliegende Buch geht diesen Fragen in einem
Längsschnitt nach. Ausgangspunkt ist das Jahr 1871. Die
militärischen Traditionen deutscher Armeen reichen zwar noch
weiter zurück, zu den preußischen Reformern aus der Zeit der
Napoleonischen Kriege und teilweise noch darüber hinaus.
Doch die große Zäsur in der modernen deutschen
Militärgeschichte stellten zweifellos die Siege in den
Einigungskriegen von 1864, 1866 und 1870/71 dar. Sie waren
nicht nur eine wichtige Voraussetzung für die Gründung des
ersten deutschen Nationalstaats, sondern sie veränderten auch
das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Militär grundlegend.
4
Die bürgerlich-liberale Kritik an den Streitkräften wich einer
schier grenzenlosen Bewunderung. Die Siege gegen Österreich
und Frankreich manifestierten zudem einen German Way of
War: Schnelle, blitzartige und risikoreiche Angriffsoperationen
waren seit 1866 das Merkmal preußisch-deutscher
Kriegführung. In der historischen Forschung wird seit Langem
diskutiert, ob die deutsche Militärkultur auch durch eine
besondere Gewaltkultur gekennzeichnet sei. Isabel Hull,
MacGregor Knox oder Dirk Bönker argumentierten3,
Deutschland habe seine Kriege in den Kolonien und in Europa
von 1870 bis 1918 radikaler und brutaler geführt als die
übrigen europäischen Großmächte. Dadurch seien kulturell tief
verankerte Handlungsmuster entstanden, die später der
Nationalsozialismus zu nutzen verstand. Der Weg nach
Auschwitz begann nach dieser Lesart bereits im Kaiserreich,
etwa mit dem Genozid an den Herero. Das Buch wird die
deutschen Kriegsverbrechen in eigenen Unterkapiteln
behandeln, zur These eines deutschen Sonderwegs eine eigene
Position beziehen und auch aufzeigen, wie Bundeswehr und
NVA mit dem unrühmlichen Erbe der Wehrmacht-Verbrechen
umgegangen sind.
Untersuchungen, die den Kontinuitäten des deutschen Militärs
nachspüren, enden zumeist 1945.4 Der heiße Krieg hat stets
mehr Aufmerksamkeit gefunden als der Kalte. Dadurch
wurden Bundeswehr und NVA in der historischen Forschung
auf eigenartige Weise von ihren Vorläufern abgekoppelt. Die
vorliegende Darstellung reicht hingegen bis zur Gegenwart.
Sollte es so etwas wie eine nationale Militärkultur
Deutschlands wirklich gegeben haben, dann ist zu fragen, was
mit ihr nach 1945 passierte, was von ihr überdauerte, was
geändert oder umgedeutet wurde. Das Trauma zweier
verlorener Weltkriege, die Teilung Deutschlands, die
5
Blockkonfrontation und die atomare Bedrohung formten ganz
neue und höchst komplexe Rahmenbedingungen. Die Welt der
Bundeswehr war eine völlig andere als die ihrer Vorgänger. Sie
musste keine Kesselschlachten schlagen, keine Rückzüge
organisieren, verübte keine Verbrechen. Dafür musste sie mit
einem
rasanten
gesellschaftlichen
Wertewandel5
zurechtkommen und sich fragen lassen, inwieweit sie in Zeiten
der potenziellen atomaren Apokalypse überhaupt noch eine
Existenzberechtigung hatte. Man probte zwar den Ernstfall,
lebte aber im tiefen Frieden. Die Bundeswehr war
gewissermaßen in einer doppelten Ambivalenz gefangen:
Sollte sie vom Krieg oder vom Frieden her gedacht werden,
und sollte sie sich in die lange Tradition deutscher
Militärgeschichte stellen oder nicht? Eigentlich schlossen sich
beide Optionen aus, dementsprechend heftig wurde um sie
gerungen. Um die außenpolitischen Anforderungen des Kalten
Krieges zu erfüllen, lief es in der Praxis notgedrungen auf
einen Kompromiss zwischen militärischer Binnenlogik und
innenpolitischen Vorbehalten hinaus.
Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem vermeintlichen
Ende der Geschichte schien sich das Militär in seiner
klassischen Form überlebt zu haben. Die doppelte Ambivalenz
löste sich auf: Nun ging es nicht mehr darum, sowjetische
Panzerarmeen in der norddeutschen Tiefebene zu stoppen,
sondern in der Rolle des Entwicklungshelfers oder Polizisten
an internationalen Einsätzen teilzunehmen. Auch die Vorbilder
aus alten Tagen schienen ausgedient zu haben. Doch mit den
heftigen Gefechten in Afghanistan in den Jahren 2008 bis
2011 kehrte der Kämpfer zurück ins Selbstbild der Truppe, mit
der Ukrainekrise 2014 dann auch der Kalte Krieger. Und wie
sich nicht zuletzt in Illkirch zeigte, war man die Geister der
Wehrmacht noch nicht losgeworden.
6
Die außen- und innenpolitischen Rahmenbedingungen
Deutschlands veränderten sich in den vergangenen 150 Jahren
mehrfach fundamental. In der Binnenwelt des Militärs gab es
bei allem Wandel aber bemerkenswerte Kontinuitäten, etwa im
grundsätzlichen Verständnis vom Krieg und dem daraus
abgeleiteten Führungsdenken. Es dominierte die Vorstellung,
dass sich der Krieg der Rationalität und damit weitgehend
auch der Planbarkeit entziehe. Nur der gebildete Generalist, so
war man von Moltke d. Ä. bis Beck überzeugt, würde im
Ernstfall als Führer den Anforderungen des Krieges gerecht
werden können, nur er würde militärische Erfolge erzielen, die
es der Politik ermöglichten, als gleichberechtigter Akteur in
der internationalen Staatenordnung zu agieren. An dieser
Auffassung änderte sich auch in der Bundeswehr grundsätzlich
nichts.6 Die Ausbildung von Generalstabsoffizieren zu breit
gebildeten Generalisten folgt bis heute diesem Prinzip. Eine
Stunde null gab es also für die Streitkräfte ebenso wenig wie
für alle anderen Bereiche von Staat und Gesellschaft. Gewiss
war die Bundeswehr keine Wehrmacht in neuem Gewande.
Die Pervertierung des Opfergedankens gab es nicht mehr, auch
keine Weltmachtfantasien und keinen Willen zur totalen
Kriegführung. Krieg war aber auch weiterhin ein Handwerk,
und so veränderte sich im Führungsverständnis wie auf der
untersten taktischen Ebene des Heeres zunächst wenig.
Dieser Befund gilt auch für die Logik der Kohäsion der
Streitkräfte, die amerikanische Soziologen im Zweiten
Weltkrieg als Forschungsfeld entdeckten. Seither ist heftig
darüber gestritten worden, was Soldaten dazu motiviert, ihrem
Handwerk nachzugehen. Heute ist weitgehend unstrittig, dass
mehrere Faktoren zusammenwirken. Da ist zum einen der
Zusammenhalt der sogenannten Primärgruppen – jenes
Personenverbunds, zu dem der engste soziale Kontakt besteht.
7
Im Militär werden damit Einheiten bis zur Größe einer
Kompanie (rund 120 Mann) beschrieben. Die Befragung von
Wehrmachtsoldaten in amerikanischer Gefangenschaft zeigte,
dass der Zusammenhalt auf dieser horizontalen Ebene für die
Motivation eine wichtige Rolle spielte.7 Zusätzlich gestärkt
wurde das Band dieser kleinen Kampfgemeinschaften, wenn
die gleiche soziale oder landsmännische Herkunft bestand oder
es gemeinsame Erfahrungen in Ausbildung und Einsatz gab.
Brachen die Primärgruppen auseinander, etwa durch hohe
Verluste, oder wurden Einheiten so schnell aufgestellt, dass
sich soziale Bindungen erst gar nicht einstellen konnten,
wurde die Bereitschaft zum Kämpfen geschwächt.
Soldaten fochten aber nicht nur für ihre Kameraden. Der
amerikanische Soziologe Charles C. Moskos betonte zu Recht
die Bedeutung des größeren sozialen Systems: Je enger der
Bezug zu Staat, Gesellschaft und zur Institution der
Streitkräfte, desto höher die Bereitschaft, für diese in den
Kampf zu ziehen. Es spielt also eine Rolle, ob man sich mit
dem Staat, dem man dient, identifiziert, ob die Armee als
effizient, die Offiziere als tapfer, ihr Verhalten als gerecht
empfunden werden. Sodann ist der Auftrag, sind Anlass, Ziel
und Erfolgsaussicht des Einsatzes von nicht zu
unterschätzender Bedeutung. Wer glaubt, in einem gerechten
Feldzug zu kämpfen, ist anders motiviert als derjenige, von
dem die politische und militärische Führung verlangen, in
einem offensichtlich sinnlosen oder gar verbrecherischen
Krieg sein Leben zu riskieren.8 Und wer glaubt, den Kampf
siegreich bestehen zu können, kämpft motivierter als
derjenige, der in einer längst verlorenen Schlacht als
Kanonenfutter verheizt wird.
Horizontale und vertikale Ebene bilden im Idealfall ein
festes Kohäsionsgeflecht, das Soldaten auch in schwieriger
8
Lage motiviert, ihren Auftrag zu erfüllen. Über die
Grundstruktur dieses Modells sind sich Soziologen und
Geschichtswissenschaftler weitgehend einig. Unterschiedlich
bewertet wird nach wie vor die Relevanz einzelner Faktoren.9
So hat Omer Bartov argumentiert, dass für Wehrmachtsoldaten
die NS-Ideologie und nicht die Primärgruppen der
ausschlaggebende Motivationsfaktor gewesen sei.10 Etliche
Historiker – darunter auch der Verfasser – haben dem
widersprochen und dafür plädiert, die Bedeutung der
Primärgruppen hervorzuheben und den ideologischen Faktor
nicht überzubewerten.11 Auch im Falle der Bundeswehr lässt
sich trefflich über die Bedeutung einzelner Aspekte dieses
Modells streiten.12 Dass beide Kohäsionsebenen ihre
Bedeutung haben, wird man angesichts der reichhaltigen
internationalen Forschungsergebnisse kaum bestreiten können.
Entscheidend ist, dass sich das Grundprinzip des Modells auf
alle deutschen Armeen übertragen lässt und so interessante
Vergleichsmöglichkeiten eröffnet.
Die Darstellung geht chronologisch vor und nimmt die
Streitkräfte des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des NSRegimes, der Bonner Republik, der DDR und schließlich der
Berliner Republik in eigenen Kapiteln in den Blick. Gut die
Hälfte des Buches handelt von der Zeit nach 1945. Dieser
Zeitabschnitt ist von der Geschichtswissenschaft bislang am
wenigsten bearbeitet worden, obwohl es zu ihm die meisten
Quellen gibt. Bundeswehr und NVA haben aus den
Jahrzehnten des Kalten Krieges mehr Akten hinterlassen, als
ein Mensch in seinem Leben lesen kann. Auch kommende
Generationen dürften also noch genügend Stoff zum Forschen
haben. Für die Zeit nach 1990 ist die Aktenüberlieferung
spärlicher, weil die meisten Dokumente einer 30-jährigen
Schutzfrist unterliegen und der Forschung noch nicht zur
9
Verfügung stehen. Es ist aber möglich, Unterlagen vorzeitig
freigeben zu lassen, und ein guter Geist im
Verteidigungsministerium hat mir die allermeisten meiner
Anträge auf Akteneinsicht dankenswerterweise genehmigt.
Zudem habe ich mit rund 200 Zeitzeugen gesprochen, die mir
viel Erhellendes zur Bundeswehr und zu den
Auslandseinsätzen berichtet haben. Einige von ihnen konnte
ich zitieren, die meisten aber sind noch aktive Soldaten und
wollen lieber anonym bleiben.
Jedes der sechs Kapitel untersucht die jeweiligen
Streitkräfte aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Zu Beginn
werden die von Politik und Zivilgesellschaft gesetzten
Rahmenbedingungen skizziert. In jeder Epoche bildeten
Verfassung,
historische
Erfahrung,
internationale
Machtkonstellationen sowie technische und wirtschaftliche
Entwicklung einen ordnenden und organisierenden
Referenzrahmen. Er bestimmte darüber, welchen Stellenwert
Politik und Gesellschaft den Streitkräften zubilligten, wie viel
Geld für die Rüstung ausgegeben, wer aus welchen Gründen
rekrutiert wurde. Innergesellschaftlich fächerte sich dieser
Referenzrahmen weiter auf; so hatten etwa Sozialdemokraten
schon im Kaiserreich einen anderen Blick auf das Militär als
Mitglieder konservativer Parteien. Gleichwohl gab es eine
epochenspezifische Haltung ihm gegenüber. Wer 1908 oder
1938 oder 1988 seinen Einberufungsbescheid bekam, reagierte
darauf zeitbedingt ganz unterschiedlich. 1988 stellte man sich
geradezu selbstverständlich die Frage, ob man zur
Bundeswehr gehen, Ersatzdienst leisten oder sich die Sache
irgendwie ganz ersparen sollte. 1908 oder 1938 stellte sich
diese Frage nicht. Alle jungen Männer gingen zum Militär; es
war eine Pflicht, die man nicht unbedingt liebte, die zu
erfüllen aber praktisch jeder bereit war.
10
Eine zweite Perspektive widmet sich dem inneren Gefüge
der Streitkräfte. Die höheren Stäbe waren mehr oder minder
intensiv bemüht, dem Primat der Politik Rechnung zu tragen
und die politischen Vorgaben in militärische Verordnungen
und Vorschriften zu übertragen. Bereits die mittleren
Führungsebenen aber folgten eher einer innermilitärischen
Logik und versuchten, allzu störende politische Vorgaben von
der eigenen Profession fernzuhalten. Hier trafen Einflüsse von
außen, althergebrachte Traditionen sowie pragmatische
Anpassungen
an
die
Notwendigkeiten
einer
Massenorganisation in Krieg und Frieden aufeinander. So
entstand ein Referenzrahmen des Militärs, der das
Binnengefüge der Streitkräfte strukturierte und organisierte.
Jeder, der zum ersten Mal eine Kaserne betrat, lernte die
daraus folgenden Regeln schnell und begriff meist nach
wenigen Wochen, wie das System funktionierte. Hier geht es
darum nachzuzeichnen, welches Bild vom Soldaten, seinen
Pflichten und Tugenden die Streitkräfte in den jeweiligen
Epochen entwickelten, was oben angeordnet und unten
ausgeführt wurde. Alle Kapitel thematisieren beispielsweise
das Ausmaß an Drill, Schikane und Missbrauch der Soldaten.
Romane wie »Im Westen nichts Neues« oder »08/15« haben
dem Typus des Schleifers literarischen Ausdruck verliehen. Es
wird danach zu fragen sein, in welchem Maße dieses populäre
Bild der Realität entsprach.
Einen bislang kaum beachteten Teil der Binnenstruktur der
Streitkräfte bilden die verschiedenen Waffengattungen, ab
1955 Truppengattungen genannt. Sie formten einen eigenen
Habitus, schufen eigene Traditionsbilder und Riten, wodurch
die soziale Struktur der Streitkräfte zusätzlich ausdifferenziert
wurde. Mit Einführung der feldgrauen Uniform 1909 waren
die Waffengattungen nur noch durch farblich unterschiedlich
11
gestaltete Schulterstücke, Kragenspiegel und Rangabzeichen
zu erkennen. Seither war die Waffenfarbe zur Abgrenzung und
damit zur Identitätsstiftung von besonderer Bedeutung. Bis
heute ist der Begriff »Fehlfarbe« als Bezeichnung für andere
Truppengattungen jedem Bundeswehrsoldaten geläufig.
Exemplarisch werden hier Infanterie/Jägertruppe und
Kavallerie/Panzertruppe untersucht, die den Kern der
Kampfverbände des Heeres bildeten. Ihre Ausrichtung auf das
Gefecht formte eine Kriegerkultur, die über alle politischgesellschaftlichen Zäsuren hinweg ein hohes Maß an
Kontinuität aufwies, wie zuletzt auch Philipp Münch für die
Bundeswehr
darlegte.13 Wer die Gestaltung des
Aufenthaltsraumes in Illkirch verstehen will, muss hier
ansetzen.
In gewisser Weise ähneln die Truppengattungen den tribal
cultures amerikanischer Ureinwohner, etwa der Apachen oder
Comanchen, deren Untergruppen sich in Lebensweise, Dialekt
und sozialer Zusammensetzung abgrenzten, äußerlich
voneinander unterschieden und miteinander rivalisierten.
Gleichwohl unternahmen sie gemeinsame Kriegszüge und
fühlten sich derselben Gemeinschaft zugehörig.14 In den
europäischen Armeen der Moderne bildeten sich ganz ähnliche
tribal cultures aus.15 Der Begriff tribe ist hier nicht im
wörtlichen Sinne als »Stamm«, sondern sinnbildlich zu
verstehen. Besondere Bedeutung bei der Ausbildung dieser
tribal cultures kam den Regimentern und Bataillonen zu. Hier
wurden sie gelebt und je nach Tradition des Verbandes,
sozialer Zusammensetzung des Offizierkorps und Garnisonsort
weiter ausdifferenziert.16 Für den Zusammenhalt der
Streitkräfte waren diese tribal cultures von herausragender
Bedeutung. Sie verbanden die Primärgruppen mit der
12
Gesamtorganisation,
waren
damit
eine
Transmissionsriemen zwischen »oben« und »unten«.
Art
In einer dritten Perspektive wird die handwerkliche Ebene
des Militärs beleuchtet. Wie dachte man in den Stäben den
Krieg und vor allem: Wie wurde er schlussendlich geführt?
Untersucht werden Strategien und Doktrinen, die Fähigkeit,
neue Konzepte zu entwickeln, aus Erfahrungen zu lernen und
sich den sich wandelnden Rahmenbedingungen in Krieg und
Frieden anzupassen. Schon hierüber hätte man ein eigenes
Buch schreiben können. Um den Rahmen nicht zu sprengen,
beschränkt sich die Darstellung hier auf die wesentlichen
Aspekte, räumt etwa mit alten Mythen über die taktische
Leistungsfähigkeit der Wehrmacht auf und wirft einen
kritischen Blick auf den militärischen Wert der Bundeswehr.
Im Fokus dieses Buches stehen ganz bewusst die
Landstreitkräfte. Zweifelsohne wäre es lohnend gewesen, auch
Luftwaffe und Marine einzubeziehen. Auch hier gab und gibt
es tribal cultures, man denke nur an die habituellen
Unterschiede zwischen Kampffliegern, Transportfliegern und
Angehörigen der Flugabwehrraketentruppe. Was beim Heer
die Fallschirmjäger, waren bei der Marine die
Schnellbootfahrer, denen ein besonders robuster Habitus
nachgesagt wurde. Die Marine der Bundeswehr hatte ihre ganz
eigenen Probleme mit der Tradition. Das reichte vom Umgang
mit den in Nürnberg 1946 verurteilten Großadmiralen Erich
Raeder und Karl Dönitz bis hin zur unlängst diskutierten
Frage, ob in der Aula der Marineschule Flensburg eine Büste
von Admiral Rolf Johannesson stehen darf, der kurz vor
Kriegsende mehrere Todesurteile unterschrieb.
Für
die
Schwerpunktsetzung
der
vorliegenden
Untersuchung spricht gleichwohl, dass das Heer in der
deutschen Militärgeschichte stets die größte und wichtigste
13
Teilstreitkraft war. Hier zeigen sich auch die deutlichsten
Kontinuitätslinien, weil sich das militärische Handwerkszeug
im Vergleich zu den anderen Teilstreitkräften am wenigsten
veränderte. So ist es nicht verwunderlich, dass die in der
Bundesrepublik geführten großen Debatten um Tradition und
Identität der Streitkräfte fast immer vom Heer ausgingen.
Letztlich ging es stets um die Frage, wie es die Bundeswehr
mit dem Kämpfen, Töten und Sterben hielt – eine Frage, die
die Landstreitkräfte im Besonderen betraf. Der Buchtitel
»Deutsche Krieger« beschreibt diese archaische Seite des
Soldatenberufs. Dessen raison d’être, der Krieg, ist
gewissermaßen der Fixpunkt der vorliegenden Untersuchung.
14
I.
Auf dem Weg zur Weltmacht.
Das Militär im Kaiserreich
(1871–1918)
Blut und Eisen
Preußen löste die Deutsche Frage mit seiner Armee. In den
siegreichen Kämpfen gegen Dänemark (1864), Österreich
(1866) und Frankreich (1870/71) entschied es den lange
schwelenden Konflikt um die Gründung eines deutschen
Nationalstaats in der Mitte Europas in seinem Sinne: Am 18.
Januar 1871, kurz vor Beendigung des Krieges gegen
Frankreich, proklamierten die deutschen Fürsten in Versailles
den preußischen König zum Deutschen Kaiser. Nach der
ersten Reichstagswahl vom 3. März 1871 stimmte die neue
Volksvertretung, der Reichstag, mit überwältigender Mehrheit
für die neue Verfassung. Das Deutsche Reich war eine
konstitutionelle Monarchie, ein monarchischer Bund von 25
Mitgliedern, genauer von vier Königreichen, sechs
Großherzogtümern, fünf Herzogtümern, sieben Fürstentümern,
drei freien Städten und dem Reichsland Elsaß-Lothringen. Die
drei Königreiche Sachsen, Bayern und Württemberg behielten
ihre eigenen Armeen, deren Kommandogewalt erst im
Kriegsfall auf den preußischen Kriegsminister überging. Die
Streitkräfte der kleineren Bundesstaaten standen bereits im
Frieden unter preußischem Kommando oder wurden ins
preußische Heer eingegliedert. Zwar waren das sächsische,
bayerische und württembergische Heer auf dem Papier
eigenständig, doch da sich Ausbildung und Ausrüstung überall
an den preußischen Standards ausrichteten, lief es de facto
15
doch auf eine Kaiserliche Armee hinaus. Die 1872 aufgestellte
Kaiserliche Marine war dann von vornherein eine Institution
des Deutschen Reiches und nicht seiner Bundesstaaten.
Der Kaiser hatte gemäß der im April 1871 in Kraft
getretenen Reichsverfassung eine überaus starke Stellung: Er
war die oberste Instanz des Reiches, ernannte den Kanzler, der
nur ihm verpflichtet war. Die Regierung war damit der
parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen, der
Reichstag konnte lediglich über das Budgetrecht Einfluss auf
die Politik nehmen. Auf das direkt dem Kaiser unterstehende
Militär- und Marinekabinett, das alle Personalfragen der
Streitkräfte regelte, und auf die Operationsplanung des
Generalstabs hatten weder das Parlament noch der
Reichskanzler unmittelbaren Zugriff. Hinzu kam, dass sowohl
der Generalstabschef als auch die Kommandierenden Generäle
über das Immediatrecht beim Kaiser verfügten. In der
Reichsverfassung war das Militär somit nicht dem Primat der
Politik, sondern dem Primat der Krone unterworfen.
In der Praxis hing viel vom Geschick und Willen des
Reichskanzlers ab, sich auch in militärischen Fragen beim
Kaiser Gehör zu verschaffen. Der erste Reichskanzler Otto
von Bismarck ließ nie einen Zweifel aufkommen, dass er das
Staatsschiff lenkte. Das galt nicht nur im Frieden. Auch in den
Kriegen 1866 und 1870/71 setzte er sich in allen Streitpunkten
gegen die Militärs durch, weil Wilhelm I. ihm stets folgte.
Später ignorierte er alle Präventivkriegsforderungen der
Generalstabschefs. Unter Wilhelm II. war das Zusammenspiel
komplizierter. Die Außen- und Militärpolitik seit 1890 zeigt
jedoch, dass auch in dieser Zeit die Kanzler die zentralen
Figuren blieben. Alle wichtigen Entscheidungen – etwa die
Flottenpolitik seit 1898 oder die Heeresvermehrungen –
wurden von den Reichskanzlern ausdrücklich gebilligt oder
16
gar von ihnen vorangetrieben.1 Eines der wenigen
Gegenbeispiele ist die Flottennovelle von 1912, die Theobald
von Bethmann Hollweg aussetzen wollte, um einen
englandfreundlicheren Kurs einzuschlagen. Er konnte sich
aber gegen den Leiter des Reichsmarineamtes, Staatssekretär
Alfred von Tirpitz, nicht durchsetzen, da dieser die
Unterstützung des Kaisers hatte. Diese politische Niederlage
blieb jedoch Episode. Der Reichskanzler spielte im Deutschen
Reich zwar nicht de jure, aber de facto die Schlüsselrolle,
zumal Wilhelm II. nach der Daily-Telegraph-Affäre von 1908
zu größerer politischer Zurückhaltung genötigt wurde.
Während der französische Staatspräsident Raymond
Poincaré Überlegungen seines Generalstabs, im Falle eines
Krieges mit Deutschland in das neutrale Belgien
einzumarschieren, schlicht ablehnte, akzeptierte Bethmann
Hollweg ähnliche Planungen seiner Militärs.2 Dass er solchen
Überlegungen nicht Einhalt gebot, lag weniger an der
überbordenden Macht der Militärs als an seiner zögernden
Persönlichkeit. Als versierter Innenpolitiker vertraute er in
militärischen wie in außenpolitischen Fragen, in denen er
wenig bewandert war, dem Rat von Fachleuten. Staatssekretär
Alfred von Kiderlen-Waechter ließ er etwa freie Hand in der
Zweiten Marokkokrise 1911. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs
hätte Bethmann Hollweg angesichts eines wankelmütigen
Kaisers den Angriff auf Belgien verhindern können, wenn er
es denn gewollt hätte.
Im Kaiserreich gab es also trotz des von der Verfassung
vorgegebenen, auf den Kaiser zugeschnittenen Rechtsrahmens
den Primat der Politik. Doch anders als in Frankreich oder
Großbritannien musste die konkrete Ausgestaltung stets aufs
Neue ausgehandelt werden. Das Militär hatte durch den
direkten Zugang zum Kaiser und die beschränkte
17
Zuständigkeit des Parlaments mehr Spielräume als in anderen
Ländern, und diese wirkten sich – wie noch zu zeigen sein
wird – in den Kolonialkriegen besonders verheerend aus. Und
dennoch blieb der Einfluss der Streitkräfte, etwa auf die
Außenpolitik des Reiches, begrenzt. Das zeigte sich gerade
auch in der Julikrise 1914: Den »Sprung ins Dunkle«
beschlossen weder Generalstabschef Helmuth von Moltke
noch Kriegsminister Erich von Falkenhayn, sondern
Reichskanzler Bethmann Hollweg.3
Nicht folgenlos für das Verhältnis von Politik und Militär
blieb die Tatsache, dass sich das Kaiserreich in der politischen
Praxis immer mehr in Richtung parlamentarischer Monarchie
entwickelte. Im Reichstag wuchs der Einfluss der
Sozialdemokratie unaufhaltsam – sie stellte 1912 bereits die
größte Fraktion. Es waren insbesondere die Sozialdemokraten,
aber auch die Linksliberalen, die in den Parlamentsdebatten
das Militär ins Licht der Öffentlichkeit rückten, die internen
Missstände, aber auch die brutale Kriegführung in den
Kolonien scharf kritisierten. Das Parlament konnte zwar weder
den Kriegsminister noch den Generalstabschef entlassen. Aber
diese Debatten erregten große öffentliche Aufmerksamkeit und
erzwangen 1907 gar eine Reichstagswahl. Politische Führung
und Generalität konnten sie also nicht ignorieren, mussten
Stellung beziehen, was mal mehr, mal weniger überzeugend
gelang. Als Reichskanzler Bethmann Hollweg in Loyalität
zum Kaiser die milde Bestrafung übergriffiger preußischer
Soldaten im elsässischen Zabern 1913 im Reichstag
verteidigte, sprach ihm das Parlament mit großer Mehrheit das
Misstrauen aus – ein zuvor undenkbarer Vorgang. Der Kanzler
blieb zwar im Amt, aber der Vorfall verdeutlichte das
Selbstbewusstsein der Abgeordneten, von denen nur noch die
Konservativen in Nibelungentreue Kaiser und Armee zur Seite
18
standen. Angesichts dieser Verhältnisse konnte die
Reichsleitung nur noch mit dem Parlament und nicht gegen
dieses regieren. »In qualitativer Hinsicht«, so urteilt FrankLothar Kroll, »unterschied sich der Deutsche Reichstag der
Vorkriegswelt
jedenfalls
kaum
noch
von
den
Volksvertretungen der meisten anderen konstitutionellen oder
parlamentarisch verfassten Monarchien in Europa.«4
Die SPD stand der Monarchie traditionell ablehnend
gegenüber. Dazu gehörte auch massive Kritik an den
Streitkräften.5 Soldatenmisshandlungen beispielsweise wurden
von den Sozialdemokraten öffentlichkeitswirksam im
Reichstag und in der Presse angeprangert. Doch arrangierte
sich August Bebels Partei im Laufe der Zeit mehr und mehr
mit dem Militär. Ihre eigene Diktion war von Kampfbegriffen
durchsetzt, und sie stand mitnichten den Streitkräften als
solchen fern. Gehorsam, Disziplin und die Erziehung zur
Wehrhaftigkeit wurden durchaus gutgeheißen. Man wollte
aber keine aristokratische Elitetruppe, sondern ein
kriegsbereites Volksheer. Man war gegen Paradedrill, aber
nicht gegen Gefechtsdrill. Der SPD ging es vor allem um die
gesellschaftliche und technische Modernisierung der Armee.
Sie unterstützte daher die allgemeine Wehrpflicht und sah in
einer
demokratischen
Heeresverfassung,
die
Soldatenmisshandlungen
und
eine
spezielle
Militärgerichtsbarkeit ausschloss, die Voraussetzung für
militärische Schlagkraft. Seit der Jahrhundertwende wich die
Fundamentalkritik am preußischen Militär immer mehr einer
Kritik im Detail. So stimmte die SPD 1913 der Finanzierung
der Heeresvorlage zu.6 In den Schlüsselfragen einer
Vergrößerung und Professionalisierung der Armee gingen
bürgerliche Offiziere wie Erich Ludendorff und
sozialdemokratische Reformer wie Eduard Bernstein
19
gewissermaßen eine Allianz ein. Dieser Wandel der SPD
gipfelte in der Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4.
August 1914.
Den Helden des Krieges von 1870/71 konnte im Kaiserreich
niemand entkommen. Noch im kleinsten Dorf gab es ein
Denkmal zu Ehren der Gefallenen. Und dies nicht nur in
Preußen. Überall im Land erzählte man sich stolze
Geschichten über die Schlachten bei Wörth oder Gravelotte.
Der Sedantag war nationaler Feiertag, an dem die
Kriegervereine illustre Aufmärsche veranstalteten und das
siegreiche Volk feierte. Kritische Stimmen waren nirgendwo
zu hören. Selbst Theodor Fontane, der als einziger Zivilist
umfassend über die Kriege von 1864 bis 1871 schrieb, wagte
keinen Widerspruch und verfasste ein für den heutigen Leser
unendlich ermüdendes Heldenepos.7
Das hohe Prestige des Militärs wirkte sich auf viele
Bereiche des gesellschaftlichen und politischen Lebens aus.
Die preußische Hofrangordnung von 1878 legte fest, dass die
Feldmarschälle über dem Ministerpräsidenten standen, die
Generäle über den Staatsministern. Während Offiziere per se
als hoffähig galten, waren zivile Beamte erst ab dem höheren
Dienst zugelassen. Die Uniform war in der Öffentlichkeit hoch
angesehen, und der Militärdienst war auch für das einst so
kritische Bürgertum eine Selbstverständlichkeit. Millionen
Deutsche
waren
in
Kriegervereinen
organisiert.
Kriegsspielzeug für Kinder war populär, ebenso wie der
Matrosenanzug als Ausweis der Flottenbegeisterung. Das
Husarenstück des Schustergesellen Friedrich Wilhelm Voigt,
der sich 1906 als Hauptmann der Garde verkleidet erst einen
Trupp Soldaten unterstellte und dann die Stadtkasse von
Köpenick raubte, belegt den Vorrang des Militärs vor allem
Zivilen eindrucksvoll. Man stelle sich nur vor, heutzutage
20
würde ein Hauptmann des Wachbataillons auf einem Berliner
Bürgeramt erscheinen und am Kassenschalter die Herausgabe
des Bargelds verlangen. Sehr weit würde er mit einem solchen
Ansinnen nicht kommen. Wie sehr militärische Prinzipien von
Gehorsam und Unterordnung die deutsche Zivilgesellschaft im
Kaiserreich vermeintlich prägten, hat Heinrich Mann in
seinem 1914 fertiggestellten Roman »Der Untertan« literarisch
verarbeitet. Sein Protagonist Diederich Heßling gilt vielen bis
heute als meisterhaft beschriebene Verkörperung einer
nationalistischen, antidemokratischen, autoritären und
militärhörigen
Gesellschaft,
die
bereits
den
Nationalsozialismus erahnen ließ.8
Jedoch erscheint das Bild des mit Blut und Eisen
geschmiedeten Obrigkeitsstaates, in dem das Militärische von
der Zivilgesellschaft Besitz ergriffen hat, doch allzu
eindimensional.9 Benjamin Ziemann hat zu Recht angemerkt,
dass wir über die Wahrnehmungswelt der breiten Bevölkerung
noch viel zu wenig wissen. Kaiserreden, Sedanfeiern und
Lehrpläne bieten keine hinreichenden Belege für die
Mentalität von Schülern, Lehrern oder Wehrpflichtigen.10 Man
muss sich somit davor hüten, vom Sender auf den Empfänger
zu schließen, schließlich kann eine Ansprache, die das Militär
verherrlicht, auf ganz unterschiedliche Weise verstanden
werden.
Es gibt Indizien, die die Vorstellung einer Dominanz des
Militärischen in der Zivilgesellschaft des Kaiserreichs
fragwürdig erscheinen lassen. Die Streitkräfte umfassten nie
mehr als ein Prozent der Bevölkerung – im Verhältnis genauso
viel wie in der Bundesrepublik des Kalten Krieges –, und die
Hälfte der wehrpflichtigen Männer wurde überhaupt nicht
eingezogen. Gewiss, die Kriegervereine hatten drei Millionen
Mitglieder11, aber viele Deutsche blieben ohne jede
21
Militärerfahrung. Trotz des Sozialprestiges hatte selbst die
Attraktivität der höheren Soldatenlaufbahn klare Grenzen. So
gelang es dem Heer nie, den Offiziermangel zu beseitigen.
Von 24 000 Posten waren 1913 2000 unbesetzt.12 Die 120 000
Reserveoffiziere zumeist bürgerlicher Herkunft13 wurden
lange als eine Art Transmissionsriemen zur Übertragung
militärischer Werte in die Zivilgesellschaft betrachtet. Was sie
in der Kaserne lernten, gaben sie vermeintlich in
Unternehmen, Behörden, Schulen und Universitäten weiter.
Carola Groppe hat darauf hingewiesen, dass sich in den
Tagebüchern
und
Briefwechseln
deutscher
Industriellenfamilien dafür kaum Belege finden lassen. Es ist
auch fraglich, ob ein Reserveoffizier, der gerade einmal ein
Jahr Wehrdienst leistete und innerhalb von sechs Jahren an
drei mehrwöchigen Übungen teilnehmen musste, sich in
seinem Denken und Handeln einer militärischen Normenwelt
unterwarf.14 Am dezidiert zivilen Habitus scheint die
Militärzeit nicht viel geändert zu haben, zumal die aus dem
Wirtschaftsund
Bildungsbürgertum
stammenden
Reserveoffiziere schon in ihrer Ausbildung weitgehend unter
sich blieben und für sie die gesellschaftlichen Vorzüge des
Dienstes in einem der angesehenen Garde- oder
Kavallerieregimenter zumeist im Vordergrund standen. Mit der
militärfachlichen Qualifikation haben es die Reserveoffiziere
nicht immer besonders ernst genommen. Die Begeisterung für
Uniformen, Paraden und wilde Reiterattacken war gewiss
vorhanden, blieb aber meist auf den Moment beschränkt und
drang nicht in den zivilen Alltag ein. So hielt der Unternehmer
Paul von Cosman seine 1889 als Leutnant der Reserve
abgehaltene Übung für ein »harmloses Kriegsspiel«15 – von
der in den Vorschriften geforderten »immerwährenden
Erhaltung der Kriegstüchtigkeit« war bei ihm wenig zu spüren.
22
Die andere Brücke vom Militär in die Zivilgesellschaft
bildeten die ehemaligen Unteroffiziere, die nach zwölf Jahren
Dienstzeit in der Regel in die mittlere Verwaltungslaufbahn
übernommen wurden. Doch sie stellten keineswegs die
Mehrheit der Beamtenschaft, und es ist nicht hinreichend
untersucht, inwieweit sie ihr neues ziviles Arbeitsumfeld im
Sinne ihrer militärischen Erfahrung prägten oder umgekehrt
von diesem im zivilen Sinne beeinflusst wurden. Einen
weiteren Hinweis, dass das Militärische die gesellschaftlichen
Umgangsformen im Kaiserreich kaum dominiert haben kann,
offenbart die Anstands- und Benimmliteratur der Zeit, die das
Salutieren oder Hackenschlagen vielfach als überflüssig und
unschicklich bezeichnete und alles schneidig Stramme bei der
Begrüßung ausdrücklich vermieden sehen wollte.16 Die These
einer durchgreifenden Militarisierung der Gesellschaft ist also
kaum haltbar.17
Die Streitkräfte wurden vom Bürgertum als ein organischer
Teil der Gesellschaft betrachtet. Militärdienst galt als
Bürgerpflicht. Jeder sollte seinen Beitrag zur Verteidigung von
Staat und Nation leisten, und das fiel den Bürgersöhnen
angesichts der privilegierten Bedingungen als EinjährigFreiwillige offenbar nicht besonders schwer. Sie mussten –
nach Absolvierung einer Eignungsprüfung – nur ein Jahr
Wehrdienst leisten, konnten das Regiment und den Zeitpunkt
ihres Dienstantritts frei wählen und sich am Ende ihrer
Dienstzeit zum Reserveoffizier qualifizieren. Die Kosten für
den Militärdienst mussten sie jedoch selbst tragen. Nur in den
ersten Wochen waren die Einjährigen zusammen mit den
übrigen Mannschaften untergebracht, dann wohnten sie
außerhalb der Kasernen in Privatquartieren. Auch ihre
Grundausbildung erfolgte getrennt von den übrigen Soldaten.
Offizierkorps und Bürgertum rückten näher zusammen als je
23
zuvor, wozu die Vergrößerung, Professionalisierung und
Technisierung der Streitkräfte erheblich beitrugen. Wie im
Militär die Ansicht vorherrschte, die Schule der Nation zu
sein, sah das Bürgertum seine Leitbilder von Professionalität,
Pflichterfüllung und Einsatzfreude im Militär verwirklicht.18
Doch trotz mancher Überschneidung verschmolzen die
Milieus nicht – das Berufsoffizierkorps besaß ebenso einen
eigenen Werte- und Normenkern wie etwa das
Bildungsbürgertum.
Die wachsende Rolle des Bürgertums zeigte sich auch im
rasanten sozialen Wandel in den Streitkräften. Waren 1871
noch 75 Prozent der preußischen Offiziere Adelige, so sank
dieser Anteil bis 1913 auf rund 30 Prozent. In der bayerischen
Armee war er traditionell niedriger, 1913 waren es gerade
einmal neun Prozent. Die Geschichte dieses Wandels ist
bislang meist als grimmiges Rückzugsgefecht adeliger
Hardliner erzählt worden. In der Tat verteidigten diese die
Armee als ihre exklusive Bastion gegen eine soziale Öffnung.
Nur so glaubten sie die unbedingte Treue zum König und die
Zuverlässigkeit im Kampf auch gegen innere Feinde
gewährleisten und damit ihren Standesgenossen ein exklusives
Betätigungsfeld sichern zu können. 1913 bremste der
Kriegsminister sogar die Aufrüstungspläne des Generalstabs,
weil er um die soziale Kohäsion des Offizierkorps fürchtete.
Auf den sozialen Wandel hatten solche Manöver aber keinen
Einfluss, denn die zentrale Richtungsentscheidung war schon
1844 getroffen worden. Seitdem war in Preußen die
gymnasiale Primarreife, also die erfolgreich abgeschlossene
11. Klasse, die Voraussetzung für den Einstieg in die
Offizierslaufbahn.
Es
gab
zwar
allerlei
Ausnahmebestimmungen, und von 1861 bis 1872 war die
Regelung gar suspendiert. Doch die langfristigen Folgen
24
dieses Schrittes lassen sich gar nicht hoch genug bewerten.
Das Militär wurde zum Teil einer Staatselite, zu der nur
diejenigen Zugang erhielten, die entsprechende strenge
Bildungsvoraussetzungen erfüllten.
Über dieses Privileg verfügten Mitte des 19. Jahrhunderts
vor allem Adelige, erst mit der fortschreitenden
Industrialisierung seit den 1880er-Jahren aber auch immer
breitere bürgerliche Schichten. Der Kaiser bestärkte diese
Entwicklung 1890 mit einem Dekret zur gezielten Öffnung des
Offizierkorps für Bürger- und Beamtensöhne.19 Seit der
Jahrhundertwende hatten dann immer mehr Offizieranwärter
sogar das Abitur, also den Abschluss der 13. Klasse
vorzuweisen, 1912 bereits 65 Prozent.20 Zum Vergleich: Nur
zwei Prozent eines Schülerjahrgangs machten 1912 Abitur.21
Wie die anderen Angehörigen des Staatsdienstes gehörten
Offiziere im Kaiserreich also zur Bildungselite. Da diese am
Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr vom Bürgertum
dominiert wurde, veränderte sich dementsprechend die soziale
Struktur des Offizierkorps. Bis dieser Wandel jedoch auch auf
der höchsten Ebene ankam, vergingen noch Jahrzehnte.
General wurde man erst mit 50, also nach rund 30
Dienstjahren. 1880 entstammten 51 Prozent der Leutnante der
preußischen Armee dem Bürgertum, und es dauerte bis 1913,
bis sie die hohen Dienstgrade der Obersten und Generäle
erklommen hatten.22 Der Adel hatte in dieser Periode
statistisch gesehen keine besseren Karrierechancen.23 Leistung
und der Zugang zur Bildung waren somit die entscheidenden
Stellschrauben.
Es gab aber auch die Sorge vor einem Zustrom aus
unerwünschten
Kreisen.
So
gab
es
strenge
Abschottungstendenzen gegen Juden. Bis 1913 hatten die
Armeen des Kaiserreichs keinen einzigen aktiven jüdischen
25
Offizier und nur eine Handvoll Reserveoffiziere, obwohl
Zehntausende Deutsche jüdischen Glaubens als EinjährigFreiwillige dienten. Im Zarenreich war die Lage ähnlich.24 Die
meisten anderen Großmächte, etwa Italien, Frankreich oder
Österreich-Ungarn, hatten jüdische Berufsoffiziere, auch wenn
diese dort ebenfalls Diskriminierungen unterworfen waren.25
Während die Auffüllung aller freien Offizierstellen nicht
gelang, konnte der Mangel an Unteroffizieren seit der
Jahrhundertwende durch bessere Bezahlung und gute
Beförderungsbedingungen behoben werden.26 Bei der
Rekrutierung der Mannschaften gab es – anders als bei
Offizieren und Unteroffizieren – ein Überangebot. Obwohl
sich die Personalstärke der Armee in 40 Friedensjahren von
425 000 Mann 1875 auf 795 000 Mann 1914 beinahe
verdoppelte, wurde nur rund die Hälfte aller jungen Männer
eingezogen. Die Auswahlkriterien konnten entsprechend hoch
angesetzt werden, auf körperliche Gesundheit wurde
besonderer Wert gelegt. Ein überproportionaler Anteil der
Mannschaften kam aus ländlichen Gebieten; unter der
Stadtbevölkerung war der Anteil der Arbeiterschaft
überproportional hoch, besonders unter jenen, die auf dem
Land geboren und aufgewachsen waren.27
Eine gezielte soziale Rekrutierung gab es bei den
Mannschaften nicht. Relevant war vor allem die physische
Qualifikation, obwohl die Militärführung große Sorge vor
einer Unterwanderung durch die Sozialdemokratie hatte und
den Soldaten den Besitz von sozialdemokratischen Schriften
oder den Besuch von politischen Versammlungen verbot. Wie
viele Sympathisanten der SPD es in den Reihen der Soldaten
gab, ist nicht bekannt. Dass sich ihre Zahl erheblich
vermehrte, ist angesichts der vielen Wehrpflichtigen aus dem
Arbeitermilieu naheliegend. Allerdings hatte das keine
26
weitergehenden Folgen. Selbst wenn das Militär bei
Ausständen zur Unterstützung der Polizei ausrückte, etwa als
beim großen Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet 1912 5000
Soldaten nach Dortmund, Hamm und Recklinghausen verlegt
wurden, gab es keine Verbrüderung von Soldaten und
Arbeitern.28 Die Armee blieb ein zuverlässiges Instrument des
Staates. Auch blieben solche Einsätze im Innern die große
Ausnahme.29 Meist reichte die Mobilisierung als Drohkulisse
aus, um einen Ausstand zu beenden. Der Einsatz der
Streitkräfte im Innern war zu jener Zeit in ganz Europa üblich,
wobei er in Deutschland zurückhaltender gehandhabt wurde
als in Frankreich und vor allem in Russland.30
Kolonien
Das Deutsche Reich wurde zwischen 1883 und 1885
Kolonialmacht in Afrika und erwarb vier sogenannte
Schutzgebiete. Um die Jahrhundertwende begannen die
Deutschen,
in
den
riesigen
Territorien
ihren
Herrschaftsanspruch mit aller Macht durchzusetzen. In
Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, und in
Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, Ruanda und
Burundi, kam es zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen
wurden. Für die deutsche Militärgeschichte sind diese
Kolonialkonflikte deshalb relevant, weil die Eskalation der
Gewalt, etwa bei der Niederschlagung des Herero-Aufstands
in Deutsch-Südwestafrika, vor allem von angelsächsischen
Autoren als Beleg für einen »German Way of War«
interpretiert wird – eine entgrenzte Kriegführung, die sich im
Ersten Weltkrieg fortsetzte und in den »Bloodlands« des
Zweiten Weltkriegs ihren Höhepunkt erreichte.31 Im Fokus der
Betrachtung stehen dabei einerseits die Doktrin der schnellen
Vernichtungsschlacht, andererseits die mangelnde Kontrolle
des deutschen Militärs durch die Politik.
27
Als Gouverneur Theodor Leutwein damit scheiterte, dem
Aufstand der Herero durch Verhandlungen Einhalt zu
gebieten, wurde ihm das Kommando über die Schutztruppe
entzogen und im Mai 1904 Generalleutnant Lothar von Trotha
übertragen. Dessen Ernennung an sich war schon ein Skandal,
da sich sowohl Generalstabschef Alfred von Schlieffen als
auch der Reichskanzler gegen ihn ausgesprochen hatten. Für
Personalfragen war aber ausschließlich das dem Kaiser
unterstellte
Militärkabinett
zuständig.
In
DeutschSüdwestafrika angekommen, ging es Trotha um eine rasche
militärische Niederschlagung des Herero-Aufstands. Damit
folgte er der gängigen deutschen Militärdoktrin, einen langen
Krieg durch eine schnelle Vernichtungsschlacht zu vermeiden.
Seit den Erfolgen in den Einigungskriegen war diese Doktrin
geradezu ein Dogma, und ihr folgte auch Trotha. Doch die
Schlacht am Waterberg im August 1904 wurde kein zweites
Sedan. Die Herero konnten aus der Einkesselung entweichen,
und Trotha hoffte nun, sie durch eine rasante Verfolgung
besiegen zu können. Als auch dies nicht gelang und sich die
Überlebenden in die Omaheke-Wüste zurückzogen, schienen
seine Pläne gescheitert. Die Herero würden, so glaubte er, dort
ausharren oder auf alten Handelspfaden nach Botswana
entkommen. Da er in ihnen weiterhin eine Bedrohung sah,
erließ er am 2. Oktober 1904 seinen berüchtigten
Schießbefehl, mit dem er verhindern wollte, dass die Herero in
die deutsche Kolonie zurückkehrten. Auf die männlichen
Herero, so der Befehl, sollte das Feuer eröffnet werden, Frauen
und Kinder sollten mit Schüssen über ihre Köpfe hinweg
zurück in die Wüste getrieben werden.32 Wenn er sie schon
nicht militärisch besiegen konnte, wollte Trotha sie zumindest
aus der Kolonie vertreiben. So wäre das Problem des
Aufstands gelöst und zugleich sein Unvermögen, den Herero
28
auf militärischem Wege beizukommen, geschickt vertuscht
worden.
Von August bis Oktober hatte sich die Kriegführung der
deutschen Truppen durch eine situative Dynamik bereits
massiv radikalisiert. Als Trotha schließlich erkannte, dass die
Herero in der Omaheke-Wüste elendig zugrunde gingen,
unternahm er nichts und überschritt damit endgültig die
Grenze zum Genozid. Die Doktrin der Vernichtungsschlacht
kann diese Eskalation freilich nicht hinreichend erklären.
Wäre die Schlacht am Waterberg so verlaufen, wie Trotha es
gehofft hatte, wäre der Krieg schnell beendet gewesen. Erst als
sich der Erfolg nicht einstellte, begannen die Dinge aus dem
Ruder zu laufen. Zu bedenken ist auch, dass andere Offiziere
wie der entmachtete Gouverneur Leutwein oder Ludwig von
Estorff, einer der Abteilungskommandeure der Schutztruppe,
Trotha für seine radikale Kriegführung scharf kritisierten. Sie
strebten eine Verhandlungslösung an. Estorff gehörte vor
seiner Versetzung nach Südwest immerhin zum erlauchten
Kreis der Offiziere im Großen Generalstab.
Welcher dieser Männer war nun typisch für das deutsche
Militär? Zweifellos war Trotha der entscheidende Faktor für
die Eskalation der Kriegführung, wie Matthias Häussler auf
Grundlage von dessen erstmals vollständig zugänglichen
Tagebüchern kürzlich nachwies.33 Und angesichts von Trothas
Disposition für radikale Lösungen wirkte es sich fatal aus,
dass er nur dem Generalstab unterstellt war. Der Reichskanzler
war freilich nicht ganz aus dem Spiel. Der Gouverneur der
Kolonie unterstand der Kolonialabteilung des Auswärtigen
Amts, das wiederum Kanzler Bernhard von Bülow
verantwortlich war. Insofern hatte dieser durchaus eine
Handhabe, sich in den Gang der Dinge einzumischen. Trotha
vermochte vor Ort zwar Gouverneur Leutwein an den Rand zu
29
drängen34, doch Bülow konnte er auf Dauer nicht ignorieren,
auch wenn der Kaiser ihm versprochen hatte, nur vom
Generalstab Anweisungen zu empfangen. Die verworrenen
Befehlsverhältnisse führten freilich dazu, dass das politische
Berlin erst im Oktober 1904 erfuhr, dass die Kriegführung in
der Kolonie außer Kontrolle geraten war. Der Reichskanzler
erwirkte daraufhin die Aufhebung des Schießbefehls vom 2.
Oktober. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Herero aber
bereits in der Omaheke-Wüste verendet. Bemerkenswert ist,
dass Trotha trotz seiner verheerenden Kriegführung nicht
abgelöst wurde, sondern erst ein Jahr später, im November
1905, ein geordneter Wechsel von Gouverneur und
Schutztruppenkommandeur stattfand. Trotha wurde sogar mit
dem höchsten preußischen Orden ausgezeichnet, dem Pour le
Mérite, dann aber aus dem aktiven Dienst entlassen. Man kann
argumentieren, dass sein Verhalten in Berlin offenbar nicht als
so außergewöhnlich angesehen wurde, dass eine sofortige
Ablösung gerechtfertigt erschien.35 Das mag auch daran
gelegen haben, dass er der Kandidat des Kaisers war, den man
nicht desavouieren wollte.
Es lässt sich gewiss anführen, dass die imperiale
Kriegführung der Europäer stets sehr grausam und die Zahl
genozidaler Verbrechen erheblich war. Man denke nur an die
Ausrottung der tasmanischen Urbevölkerung durch britische
Siedler in den 1830er-Jahren oder an die Indianerkriege in
Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert. Doch will man das
Verbrechen an den Herero einordnen, helfen derart allgemeine
Vergleiche nicht weiter, man muss vielmehr auf ähnlich
gelagerte Kriegszüge zur selben Zeit blicken. Bei der
Niederschlagung des Matabele-Aufstands 1896/97 im heutigen
Simbabwe durch britische Truppen, im Burenkrieg 1899 bis
1902 oder während der französischen Pazifizierung der
30
Elfenbeinküste zwischen 1893 und 1911 kam es zwar zu
exzessiven Gewaltakten. Es gab auch Militärs, die wie Trotha
zu allem fähig waren.36 Es gab aber keine genozidale Gewalt,
und dies ist ein gewichtiger Unterschied. In all diesen
Konflikten ging es darum, den Widerstand des Gegners zu
brechen, ihn aber als Entität zu erhalten. Das lag ganz
entscheidend daran, dass in Frankreich und Großbritannien
sowohl das Kolonialministerium als auch der zivile
Gouverneur vor Ort eine wesentlich stärkere Stellung als in
den deutschen Kolonien hatten und das Militär straff
kontrollierten. Zeitraum, Ziele und Methoden der kolonialen
Kriegführung wurden von den zivilen Instanzen vorgegeben,
die ein eminentes Interesse an der Erhaltung der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Kolonien hatten. Somit
war der letzten Stufe der Gewalteskalation ein Riegel
vorgeschoben. Dieses Sicherungselement gab es auf deutscher
Seite nicht. Die Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt war
schwach
und
mit
der
Stellung
des
britischen
Kolonialministeriums nicht zu vergleichen.
Die Kolonialkriegführung 1904/05 im heutigen Namibia ist
ein prägnantes Beispiel für die besondere Stellung des Militärs
im Deutschen Reich. Indem Kaiser Wilhelm II. die
Bekämpfung des Aufstands in die Hände des Generalstabs in
Berlin legte, war der Politik die Kontrolle über das Geschehen
in der Kolonie in den entscheidenden Wochen entzogen.
Gewiss war die Zivilmacht nicht gleichbedeutend mit einem
Ende der Gewalt. So starben in den zivil kontrollierten
Internierungslagern ab Herbst 1904 Tausende der
überlebenden Herero und Nama. Aber eine solche
Radikalisierung, wie sie Trotha betrieb, wäre unter zivilem
Kommando nicht vorstellbar gewesen.
31
In Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, schlug die
Schutztruppe zur selben Zeit den Maji-Maji-Aufstand nieder.
Dabei kamen sogar noch mehr Menschen ums Leben als bei
der Niederschlagung des Herero-Aufstands. Die Opferzahlen
werden auf bis zu 250 000 geschätzt. Und doch folgte die
Kriegführung hier einer anderen Logik als in DeutschSüdwestafrika. Die zivilen Instanzen wurden hier nie
entmachtet, den Rebellen stand es frei, sich zu ergeben, und an
einer Ausrottung der Bevölkerung hatten die deutschen
Kolonialherren kein Interesse, weil sie diese als Arbeitskräfte
ausbeuten wollten. Einer der wichtigsten Katalysatoren der
Brutalisierung ging zudem nicht von der Metropole – dem
Eingreifen des Generalstabs –, sondern von einer situativen
Anpassung an die Gewaltkultur der Region aus. Die
Aufstandsbekämpfung wurde von einer afrikanischen
Söldnertruppe durchgeführt, die den Kampf nach eigenen
Regeln eines vorkolonialen Raub- und Beutekriegs führte, in
dessen Folge die meisten Opfer verhungerten, weil sie sich
nicht mehr mit Lebensmitteln versorgen konnten. Die
Schweizer Historikerin Tanja Bührer prägte hierfür den
Begriff der »Afrikanisierung« der Gewalt.37
Die deutsche Kolonialkriegführung war gewiss brutal und
grausam. Sie offenbart, dass die Eskalation beziehungsweise
Eindämmung von Gewalt von einem Wechselspiel aus
konstitutionellen Rahmenbedingungen, Dispositionen der men
on the spot, militärischen Doktrinen und vor allem einer
situativen Gewaltdynamik bestimmt wurde. Anders gesagt: Es
gab gewiss nationale Spezifika, doch diese waren immer nur
einer von vielen Faktoren, die über das jeweilige Ausmaß von
Gewalt entschieden. Insofern führt kein direkter Weg von der
Schlacht am Waterberg und Trothas Schießbefehl nach
Auschwitz.
32
Armee
Inneres Gefüge
Das Kaiserreich war ein Land im Wandel, modern und
rückwärtsgewandt zugleich. Was das Militär betrifft, so war
am beständigsten wohl das Selbstbild der Armee als Schule
der Nation, die die Staatsbürger zu Kaisertreue,
Vaterlandsliebe, Gottesfurcht, Gehorsam und Pflichttreue
erzog. Erklärter Gegner der Armee war die Sozialdemokratie,
und die Streitkräfte sahen es nicht zuletzt als ihre Aufgabe an,
den wachsenden Einfluss der SPD einzudämmen. »Wer zu den
Sozialdemokraten desertiert, verschreibt seine Seele dem
Bösen!« Treue müsse auch »gegen Wühler und
Volksverführer« bewiesen werden, hieß es in einem
Kommentar zu den Kriegsartikeln von 1902.38 Die sich seit
Langem vollziehende Metamorphose der SPD von der
Revolutionspartei, die Monarchie und Kapitalismus
abschaffen wollte, zu einer staatstragenden Partei, die eine
eher pragmatische Politik verfolgte, um die gesellschaftlichen
Verhältnisse zu verbessern, wurde von den meisten Militärs
nicht erkannt.
Es gibt keine verlässlichen Angaben zur politischen
Haltung deutscher Soldaten im Kaiserreich, zumal während
des Wehrdienstes das aktive Wahlrecht ruhte. Jedoch ist es
aufgrund der Ergebnisse der Reichstagswahlen mehr als
wahrscheinlich, dass die Zahl der Soldaten mit einer
politischen Affinität zur Sozialdemokratie massiv anstieg. Alle
Maßnahmen, dies zu verhindern – etwa der gezielte Einsatz
von
Militärpfarrern
oder
ein
vaterländischer
Geschichtsunterricht –, scheiterten. In der Praxis interessierten
sich die jungen Rekruten weder sonderlich für christliche
Werte noch für die Heldengeschichten einer hohenzollerischen
33
Meistererzählung. Auch fehlte den meisten jungen Offizieren
die politische und pädagogische Bildung, um eine solche
Erziehungsaufgabe leisten zu können. Als General Hermann
von Eichhorn 1905 im XVIII. Armeekorps in Frankfurt/Main
sozialpolitischen Unterricht abhalten ließ, kritisierten viele
Offiziere einen solchen Versuch der Einflussnahme als von
vornherein wirkungslos und fürchteten, dass redegewandte
Sozialdemokraten unter den Soldaten die Offiziere bloßstellen
könnten. Schließlich verbot der Kaiser im Januar 1910 diese
Form des Unterrichts in den Streitkräften.39 Auch der
Geschichtsunterricht scheint nicht besonders erfolgreich
gewesen zu sein. So hielt der Kommandierende General des II.
Bayerischen Armeekorps im Dezember 1894 fest, der »größte
Teil der Offiziere« halte sich »mehr oder weniger mechanisch
an den toten Buchstaben der verschiedenen für diesen
Unterricht bestehenden Lehrbücher« fest. Man brächte nur an
den Mann, was dieser zur »äußerlichen Erfüllung seiner
Pflichten zu wissen […] hat«.40
In den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs rückte
das Heer zunehmend von der Idee ab, die Schule der Nation zu
sein. Die politischen Erziehungsversuche wurden aufgegeben,
die Ausbildung konzentrierte sich nun ganz auf das
militärische Handwerk. Man hatte erkannt, dass es trotz aller
Bemühungen nicht gelang, einen nennenswerten politischen
Einfluss auf die Rekruten auszuüben. Offensichtlich stellten
sozialdemokratische Soldaten auch keine Gefahr für die
Streitkräfte
dar.
Im
Gegenteil,
sie
waren
oft
überdurchschnittlich gebildet und leistungsfähig.41 Die
Ausbildungsvorschriften wurden liberaler, zielten vor allem
auf ein besseres Miteinander in den Kompanien und rückten
von der übermäßigen Betonung von Drill und Regelwerk ab.
Im Mittelpunkt stand der »kriegerische Geist« der Soldaten, ob
34
diese nun gottesfürchtig und kaisertreu waren oder nicht.42
Dieser Wandel vollzog sich vor allem in den Kompanien und
Bataillonen. Teile der Militärpublizistik und sicher auch
etliche Generäle blieben bei der allzu idealistischen
Vorstellung, durch die Dienstzeit die Liebe zu Gott, Kaiser und
Reich zu fördern oder bereits Irregeleitete wieder auf den
rechten Weg zu führen.43
Versuche, die Werte der Staatsordnung auf die Soldaten zu
übertragen, sind in allen deutschen Wehrpflichtarmeen zu
finden. Im Kaiserreich waren sie wenig erfolgreich.44 Im
Alltag motivierten die Soldaten keine wohlmeinenden
Vorträge und kein Kasernendienst, sondern Sport und
militärisches Handwerk. Der Malergeselle Wilhelm Janeke,
der von 1892 bis 1894 seinen Wehrdienst im sächsischen
Jägerbataillon Nr. 12 ableistete, war immer froh, wenn es ins
Feld hinausging. »Es war mitunter eine wahre Lust, wenn man
an einem duftenden, schönen Sommermorgen singend durch
eine romantische Gegend marschierte, umgeben von
tatkräftiger, gesunder, lachender Jugend, die, von keiner Sorge
bedrückt, sich ihres Lebens freute, die infolge guter
Kameradschaft dennoch manch’ sauren Dienst zu fröhlichem
Spiel gestaltete«, schrieb er in seine Memoiren. Diebisch
freute er sich, dass es ihm auf einer Übung einmal gelang,
einer Ulanenpatrouille die Pferde wegzunehmen, »die wir
jedoch für ein kleines Lösegeld in einem nahen Gasthaus
wieder herausgaben«.45
Seine Kameraden und er wollten Vorgesetzte, die fachliche
Vorbilder waren, sich um die alltäglichen Bedürfnisse
kümmerten und sie nicht mit übertriebenem Formalismus
schikanierten. So hatten die Männer den Ehrgeiz, in der
Ausbildung die beste Inspektion zu sein und ihrem Oberjäger
zur ausgelobten Prämie von 30 Mark zu verhelfen, denn der
35
war »kein schlechter Mensch« und hat »uns nie unnötig
gequält«.46 Und als sie am 23. April 1893 am Geburtstag des
sächsischen Königs zur Parade nach Dresden kommandiert
waren, »galt es unserem Jungführer Leutnant v. B., ein
Mensch von hoher, edler Gesinnung, zu zeigen, daß auch wir
seiner würdig seien. Wir wußten, daß er zum Divisionsgeneral
in einem Verwandtschaftsverhältnis stand. Hierauf bauend
beschlossen wir, beim Vorbeimarsch alles herzugeben, was
Beine und Stiefel vermöchten«, erinnerte sich Janeke.47
In der Theorie der Vorschriften sollte der Militärdienst
Mut,
Tapferkeit,
Ehre,
Wagemut,
Kaltblütigkeit,
Entschlossenheit und Willensstärke vermitteln.48 Inwieweit
dies wirklich erreicht wurde, ist für eine Friedensarmee kaum
zu beantworten, zumal jeder Soldat solche Normen und
Tugenden wohl auch anders interpretierte. Als Wilhelm Janeke
in einer Übung einmal die Führung seiner Gruppe übernehmen
musste und sich in einer schwierigen taktischen Situation
sogleich wagemutig unter Hurra-Gebrüll dem Manöverfeind
entgegenwarf, war das wohl eher seinem Temperament und
seiner Naivität zu verdanken als der Indoktrination seiner
Vorgesetzten. Sein Leutnant kommentierte in »ergötzlichen
Worten« seinen Angriff mit vernichtender Kritik.49
Viele der jungen Männer scheinen sich der militärischen
Welt problemlos angepasst zu haben. Statt über Kaiser,
Religion oder das Verhältnis von Verfassung und Militär
nachzudenken, wollten sie, so Janeke, schlicht »tüchtige
Jäger« sein.50 Zeitgenössische Stimmen stellten die Dienstzeit
als
eine
wichtige
Phase
der
Charakterund
Persönlichkeitsbildung im Übergang von der Jugend zum
Erwachsenenalter heraus. Die körperlichen Belastungen und
das Gefühl der Kameradschaft erfüllten viele mit Stolz. Man
gehörte nun dazu, hatte »gedient«. Freilich gelang es nicht
36
allen, die Belastungen des Militärdienstes ohne Weiteres
wegzustecken. Für manche war diese Zeit die schlimmste ihres
Lebens. Körperliche Schinderei, psychische Demütigung,
Stumpfsinn, Langeweile, aber auch die Herausforderung, mit
Männern unterschiedlicher Schichten auf engstem Raum ohne
Privatsphäre zusammenzuleben51, waren zuweilen geradezu
traumatische Erfahrungen. In den ersten Wochen durften die
Rekruten die Kasernen nicht verlassen. »Wohl waren etliche
unter uns, die diese Freiheitsbehinderung nicht drückte«,
schrieb Janeke über seine ersten Wochen als Wehrpflichtiger
im November 1892. »Andere hingegen empfanden es als
Schmach, fühlten sich als Gefängnisinsassen, und zu letzten
gehörte auch ich.«52
Der kanadische Soziologe Erving Goffman hat solche
Negativerfahrungen in den 1960er-Jahren beschrieben. Er
prägte dafür den Begriff der Totalen Institution. Die
Verhinderung einer individuellen Lebensgestaltung, die
Reduktion auf die neue soziale Rolle, die Disziplinierung
durch Demütigungs- und Entmündigungsrituale führten zur
Abtötung des alten und zum Aufbau eines neuen Ich. Goffman
hatte ursprünglich geschlossene psychiatrische Anstalten
untersucht, zählte zu Totalen Institutionen aber auch
Gefängnisse oder das Militär.53 Etliche Soziologen sind ihm
gefolgt und haben seine Theorie verfeinert und ausgebaut.54
Jedoch ist fraglich, ob der Prozess der Entindividualisierung
hinter
den
Kasernenmauern
in
geradezu
totaler
Wirkungsmächtigkeit stattfand.55 Auf den ersten Blick mochte
dies durch Uniform, Gemeinschaftsunterkunft und genormten
Tagesablauf so erscheinen. Auch das endlose Exerzieren war
im Kaiserreich ganz bewusst darauf ausgerichtet, Gehorsam
und innere Ordnung zu erzwingen.56 Und dennoch konnte die
Institution Militär die Männer wohl nur äußerlich und nur für
37
die ersten Wochen wirklich umfassend beherrschen. Sie
behielten während des Wehrdienstes zweifellos ihre
Persönlichkeit, nahmen in der Zwangsgemeinschaft soziale
Rollen ein, übernahmen vielfältige Aufgaben mit
unterschiedlichem sozialem Prestige – als Hilfsausbilder, MGSchütze oder Gehilfe des Kompaniefeldwebels. Schon die bald
vergebenen Spitznamen für Kameraden und Vorgesetzte ließen
die Individualität stets durchschimmern, und rasch bildete sich
eine soziale Hierarchie auch bei den Mannschaften heraus. Der
Kasernenhof wurde nicht zum Schmelzofen der Identitäten.57
Das belegen auch die ganz unterschiedlichen Deutungen des
Militärdienstes in den kaiserlichen Armeen, wie sie etwa Ute
Frevert herausgearbeitet hat. Gewiss empfanden viele die
ersten Wochen als harten Einschnitt.58 Danach aber waren die
Erfahrungen sehr unterschiedlich – abhängig von der Einheit,
in der man den Dienst leistete, von Kameraden, Vorgesetzten,
aber auch von der eigenen Einstellung zum Militär und der
Kompetenz, sich in einem neuen sozialen Umfeld
zurechtzufinden.
Insbesondere die Lebensrealität der zumeist aus
vermögenden und gebildeten Familien stammenden EinjährigFreiwilligen ist mit dem Begriff der Totalen Institution nicht
treffend beschrieben. Die privilegierten Bedingungen, unter
denen sie ihren Dienst ableisten konnten, verdeutlichen, dass
die Klassenschranken der wilhelminischen Gesellschaft auch
im Militär omnipräsent waren. Richard von Kühlmann, der
spätere deutsche Außenminister, leistete seinen Wehrdienst
1893 als Einjähriger bei den Bamberger Ulanen ab, wo zur
selben Zeit schon etliche nähere und fernere Verwandte als
Offiziere Dienst taten. Die Einheit war eines der drei
vornehmsten Regimenter in Bayern, und der Spitzname »SektUlanen« zielte nicht ganz zu Unrecht auf ein finanziell
38
abgesichertes, ausgiebiges Kasinoleben. Kühlmann bemerkte
in seinen Memoiren gleichwohl, dass die ersten Wochen in der
Armee »nicht leicht« gewesen seien. Die körperliche
Anstrengung und die ungewohnten Eindrücke der
Mannschaftsquartiere blieben ihm im Gedächtnis. Als er dann
ein Zimmer außerhalb der Kaserne bezog und sich an die neue
Umgebung gewöhnt hatte, gehörten Exerzieren, Felddienst
oder Schießen bald zum Alltag, der durch viele Ausritte und
ein gutes Verhältnis zu den Offizieren des Regiments nicht
allzu fordernd war. Kühlmann fühlte sich der Gemeinschaft
des Regiments dann auch zeit seines Lebens verbunden.59 Die
normalen Rekruten leisteten ihren Dienst unter weit weniger
angenehmen Bedingungen. Kühlmanns Militärzeit unterschied
sich zweifellos signifikant von derjenigen Wilhelm Janekes.60
Tribal cultures
Wie das Beispiel Richard von Kühlmanns zeigt, war Militär
nicht gleich Militär. Die militärischen Aufgaben und
Traditionen, die soziale Zusammensetzung und das
Alltagsleben
der
Streitkräfte
wiesen
eine
feine
Binnendifferenzierung auf. Ganz offensichtlich galt dies
zunächst für die beiden großen Teilstreitkräfte Heer und
Marine, die im Kaiserreich auch organisatorisch vollkommen
getrennt waren und eigene Welten darstellten. Aber auch
innerhalb des Heeres bildeten die Waffengattungen von
Infanterie, Kavallerie und Artillerie sowie die Pionier-,
Nachrichten- und Versorgungstruppen eigene Kulturen aus.
Diese Gemeinschaften unterschieden sich in ihren Ritualen,
ihrem Habitus, ihrem Prestige und grenzten sich nach außen
durch eigene Uniformen und Abzeichen voneinander ab. Sie
schworen einen Eid auf ihren Landesfürsten, aber auch auf den
Kaiser, und fühlten sich – über landsmannschaftliche
Unterschiede hinweg – als deutsche Soldaten verbunden.
39
Zugleich bildeten sie eine Art tribal culture, eine
identitätsstiftende Kultur, die in den Regimentern durch
Tradition, soziale Zusammensetzung des Offizierkorps und das
gesellschaftliche
Leben
am
Garnisonsort
weiter
ausdifferenziert wurde.61
Die Infanterie bildete die große Masse des Heeres. Der
Dienst galt als hart und entbehrungsreich, im Alltag wurde auf
das Formale viel Wert gelegt. Die Garnisonen lagen zumeist
außerhalb der größeren Städte. Das soziale Prestige wurde
auch durch die Geschichte der jeweiligen Einheit geprägt. Nur
bei acht preußischen Regimentern reichte die Tradition bis vor
die Niederlage von 1806 zurück. Das älteste war das
Grenadier-Regiment »König Friedrich der Große«, das 1626
aufgestellt worden und im ostpreußischen Rastenburg
stationiert war. Rund die Hälfte der Infanterieeinheiten der
Friedensarmee des Jahres 1914 war in den Befreiungskriegen
der Jahre 1813 bis 1815 oder mit der Heeresreform in den
1860er-Jahren entstanden, konnte sich also auf ruhmreiche
Feldzüge und Schlachten berufen. Die andere Hälfte wurde
nach 1871 gebildet und erlebte ihre Feuertaufe erst 1914.
Das Heer verfügte auf der Ebene der Korps auch über 20
Jägerbataillone als leichte Infanterie zum Kampf in
unwegsamem Gelände. Jägerverbände wie das sächsische
Jägerbataillon Nr. 12, in dem Wilhelm Janeke seinen
Wehrdienst absolvierte, sahen sich traditionell als Elite des
infanteristischen Kampfes und hatten viele Freiwillige aus der
Forstwirtschaft in ihren Reihen. Der Ton galt als weniger
scharf als bei der Infanterie. Die exklusivste Waffengattung
war die Kavallerie. Der Hochadel fand hier sein Refugium62
und konnte das Erbe des Rittertums pflegen. Obwohl es im
Kaiserreich nur noch eine Einheitskavallerie gab, wurden die
alten Bezeichnungen und Uniformen von Kürassieren,
40
Dragonern, Husaren, Ulanen und Jägern zu Pferde
beibehalten. Reitergeist, Wagemut und Entschlussfreudigkeit
galten als wichtige Tugenden. Die Attacke mit Lanze und
Säbel spielte in Ausbildung und Manövern eine große Rolle,
obwohl schon aus der Erfahrung von 1870/71 erkennbar
gewesen war, dass sich diese Art der Kampfführung überlebt
hatte. Der abgesessene Kampf zu Fuß war bei der Kavallerie
aber schon habituell verpönt.
Bei den 107 Kavallerieregimentern gab es sozial große
Unterschiede. So waren bei den 4. Ulanen in Thorn von 27
aktiven Offizieren 19 Landwirtsöhne, von den 39
Reserveoffizieren 30 Landwirte.63 Der Adel war selbst bei der
Kavallerie also nicht überall tonangebend, sondern
konzentrierte sich bei den Regimentern in den
Residenzstädten. Die Selbstrekrutierung wurde dadurch
begünstigt, dass das Offizierkorps eines Regiments per Wahl
selbst darüber bestimmen konnte, wen es in die eigenen
Reihen aufnahm. Ob Adel oder nicht, in der Kavallerie dienten
sehr viel mehr vermögende Offiziere als in der Infanterie. Der
Comment von Männern, die nicht auf eine Karriere beim
Militär angewiesen waren, mag einen Beitrag dazu geleistet
haben, dass der Umgangston moderater und das Formale
weniger stark ausgeprägt war. Dazu trug auch der tägliche
Umgang mit den Pferden bei, wobei die Grenzen zum Sport
vielfach fließend waren. Der erfolgreichste Rennreiter des
Deutschen Reiches war denn auch ein Offizier: Rittmeister
Otto Suermondt. Wenngleich es auch in der Kavallerie einen
Unterschied zwischen Adel und Bürgertum gab, war derjenige
zwischen Arm und Reich wohl noch schärfer. »Dem GardeUlanen-Offizier von Potsdam stand der reiche bürgerliche
Kavallerist von Saarburg näher als der arme adelige Infanterist
von Magdeburg«,64 bemerkte ein Stabsoffizier. Der sozial
41
exklusivste Verband der preußischen Armee war das in Berlin
und Potsdam stationierte Gardekorps.65 Es bestand aus zwei
Infanterie- und einer Kavalleriedivision und verfügte über
moderne Unterstützungseinheiten. Bei manchem Regiment
waren durch die enge Verbundenheit mit dem Haus
Hohenzollern alle Offiziere Adelige.
Die Artillerie zog als technisch dominierte Waffengattung
besonders viele Abiturienten aus dem Bürgertum an. Viele der
bekannten Generäle der Wehrmacht dienten im Kaiserreich bei
der Artillerie, darunter Wilhelm Keitel, Friedrich Fromm,
Franz Halder oder Ludwig Beck. Die Gründe für die Wahl
dieser Waffengattung waren sehr unterschiedlich. Das Reiten
bei der bespannten Artillerie spielte bei denen, die sich den
finanziell aufwendigen Dienst als Offizier in einem
Kavallerieregiment nicht leisten konnten, gewiss eine Rolle.
Bei Ludwig Beck waren wohl die Familientradition und sein
Interesse an Mathematik ausschlaggebend. Der aus einer
angesehenen Wiesbadener Industriellenfamilie stammende
Beck hätte gewiss die Möglichkeit gehabt, in ein
prestigeträchtiges Kavallerieregiment aufgenommen zu
werden. Er wählte aber ein preußisches FeldartillerieRegiment in Straßburg, was Ausdruck seines bürgerlichen
Habitus war.66
Die Pionier-, Nachrichten- und Nachschubtruppen waren in
Militär und Gesellschaft am wenigsten angesehen. Das Militär
bezog Ruhm, Ehre und Anerkennung aus dem Kampf, und in
der Gesellschaft des Kaiserreichs hätte wohl niemand
bezweifelt, dass das Gefecht die eigentliche Bewährungsprobe
des Soldaten war. Die logistische und technische
Unterstützung galt demgegenüber als zweitrangig und machte
auch nur fünf Prozent des Heeres aus.67 Nur wenige Offiziere
dieser Versorgungstruppen schafften den Aufstieg in höhere
42
Positionen außerhalb ihrer Heimatverbände.68 Am untersten
Ende standen die für den Nachschub zuständigen TrainBataillone, die vielfach vernachlässigt wurden und oft das am
wenigsten geeignete Personal zugewiesen bekamen.69
Insgesamt existierten 1914 viel weniger Waffengattungen als
1944 oder 2014. Dafür waren am Vorabend des Ersten
Weltkriegs aber das Sozialprestige und die Tradition der
einzelnen Regimenter viel ausgeprägter als zu späteren Zeiten.
Zumindest in der preußischen Armee waren die
Heldenerzählungen von den Schlachten des Großen
Kurfürsten oder Friedrichs des Großen bis hin zu den
Befreiungs- und Einigungskriegen omnipräsent.70
Schikanen
Bestandteil der tribal cultures der Waffengattungen waren
spezifische Aufnahmerituale, wie sie Wilhelm Janeke 1892 als
Rekrut erlebte. Eines Abends, nach vielleicht vier Wochen
Grundausbildung, der Dienst war zu Ende, die Oberjäger bis
zum Feldwebel hatten nach stiller Übereinkunft das
Kompanierevier verlassen, war es merkwürdig ruhig in der
Freiberger Kaserne. »Plötzlich ertönte ein Hornsignal und
dann ein Marsch, von Signalhörnern geblasen. Die Tür ward
aufgerissen. Herein strömten, unter verwegenen Sprüngen, mit
wüstem Gepolter und wilder Janitscharenmusik, ein halbes
Hundert sonderbar verkleideter Gestalten, die, gleich über
Schemel und Tische hinweg, wie die Katzen die Schränke
erkletterten. Und dann durchbrauste, einem Orkan gleich, ein
entsetzliches,
furchtbares
Getöse
unsere
Stube.
Mundharmonika’s, Signalhörner, große Blechkesseln mit
Deckeln, Kochgeschirre, Signalpfeifen und dicke Knüppel, mit
denen sie gegen die Schränke den Takt schlugen. Ein
Zeremonienmeister rief: ›Ihr sollt heute geloben, daß Ihr es
unseren einstigen Kameraden gleichtun wollt. Bekennet daher,
43
daß Ihr gewillt seid, gute, ehrenvolle Kameradschaft zu
pflegen, daß Ihr gewillt seid, Feigheit, Lug und sonstige
Nichtswürdigkeiten aus Euren Reihen auszumerzen!
Versprecht Ihr dieses? Jawohl! So seid Ihr denn aufgenommen
in den großen Jägerbund, der alle Gaue Deutschlands
umspannt und dem überall Ehre und Achtung gezollt wird! Ein
Horridoh den wackeren Jägern.‹ Aber damit war es nicht
getan. Der Zeremonienmeister verkündete: ›Als äußeres
Zeichen, gleichsam dem Ritterschlag des Mittelalters
entsprechend, werdet Ihr Euch heute der üblichen
Einschärftung zu unterziehen haben. Einen Akt, dem seit
Jahrzehnten, von Euch aufwärts bis zum ältesten Feldwebel,
sich sämtliche Angehörige der Kompanie unterzuordnen
hatten.‹ Der erste Mann wurde aufgerufen und mußte vor
einen Schemel treten. Zwei Mann packten ihn, drückten seinen
Oberkörper herunter, sodaß sein Hinterteil recht prall und
stramm sich spannte. Während er in dieser Stellung einen
Augenblick
erwartungsvoll
verharrte,
sagte
der
Zeremonienmeister: ›Zwei Hiebe!‹ Zweimal klatschte es mit
dem Koppel, und der nächste trat vor. Manche sprangen schon
nach dem ersten Schlag auf, fühlten sich ans Hinterteil und
protestierten lautstark gegen eine solche Mißhandlung. Doch
es nützte ihnen nichts, sie hatten sich nur lächerlich gemacht.
[…] Diese verweichlichten Jünglinge müssen erzogen werden!
Noch einen Hieb, hieß es dann! Danach mußte einer nach dem
anderen noch an einem Salzhering lecken und eine
Geldspende in die ›Opferkasse‹ entrichten, von der sich die
alte Mannschaft Bier und Zigarren gönnte.«
Wilhelm Janeke bekam gar drei »furchtbare« Schläge und
wähnte sich als Opfer eines Racheaktes wegen seiner
vermeintlichen Aufmüpfigkeit. Zwei Tage später erkundigte
sich der Hauptmann, ob die Sache für sie ein Spaß gewesen sei
44
oder sie sich belästigt gefühlt hätten. »Fast die gesamte
Mannschaft hatte den Vorfall jedoch als Spaß aufgefasst.«71
Janeke freilich hatte die Sache nur mit Widerwillen ertragen.
Für ihn zementierte die »Einschärftung« nur die soziale
Hackordnung, unter der er besonders litt. Er gab sich alle
Mühe, ein guter Soldat zu sein, galt bei seinem Kompaniechef
rasch als »bester Rekrut« und zog doch immer wieder alle
Schikanen auf sich, weil er sich nicht stillschweigend
unterordnen wollte. »Ich will anerkennen, daß unsere höheren
Vorgesetzten, die Offiziere, auch in uns Rekruten den
Menschen achteten und für unser vorgeschriebenes
Zuvorkommen stets einen leisen Dank bezeugten. Aber je
weiter nach unten, desto schlimmer wurde es. […] Der
Wäschekammersergeant ließ uns oft zwei bis drei Stunden in
der Kälte stehen, die Oberjäger verlangten ständig
Ehrerbietungen. Da es unter den Rekruten auch wehrhaftere
Naturen gab, artete das auch mal in eine Schlägerei aus. War
die alte Mannschaft dann der Meinung, daß ein Rekrut, ob
seines Frevels, seine volle Bezahlung noch nicht erhalten
habe, dann überfielen sie ihn des Nachts im Bett,
unbekümmert darum, daß etliche von ihnen hinterher in Arrest
wanderten.«72
Die von Wilhelm Janeke überlieferten Schikanen gehörten
zum Alltag in den Kasernen des Kaiserreichs. Die
dokumentierten Misshandlungen reichten von rüden
Beleidigungen bis hin zur Nötigung, den eigenen Kot zu essen.
In extremen Fällen kam es sogar zu Todesfällen. Auf dem
Torpedoboot D 7 wurde 1910 ein Kadett gezwungen, kurz
nach dem Löschen der Feuer in den Kessel zu klettern, um die
Roste abzuklopfen. Er verstarb dabei an einem Hitzschlag. Der
Delinquent wurde gefasst und zu zehn Jahren Zuchthaus
verurteilt.73
Die
Sozialdemokraten
nutzten
solche
45
Missbrauchsfälle
als
willkommene
Anlässe
für
parlamentarische und publizistische Generalangriffe auf die
Armee. Generalität und Regierung versuchten sie stets als
Einzelfälle herunterzuspielen und auf eine funktionstüchtige
Militärjustiz zu verweisen.
Intern mehrten sich am Ende des 19. Jahrhunderts die
Stimmen, die ernsthafte Schritte zur Verminderung der
Schikanen forderten. 1898 führte das preußische
Kriegsministerium eine verbesserte Beschwerde- und
Militärstrafgerichtsordnung ein, und seit den 1890er-Jahren
wurde in einer Flut von Vorschriften, Anordnungen und
Ermahnungen vor der Misshandlung von Untergebenen
gewarnt.74 Die Vorstellung, Disziplin durch »Furcht und
Abschreckung« zu erreichen, verschwand seit der
Jahrhundertwende zusehends aus dem offiziellen Schrifttum.
Der Schleifer wurde als Vorgesetzter missachtet.75 Gehorsam
sollte aus Einsicht geleistet werden, nicht aus brutalem Zwang.
Gewalt entsprach nicht dem seit 1890 propagierten
Offiziersbild. Die Prügelstrafe war daher strikt verboten.76 Die
Ehre der Soldaten sollte nicht verletzt werden. Derlei
Bemühungen scheinen durchaus Wirkung gehabt zu haben.
Zwischen 1903 und 1913 halbierte sich die Zahl der
Verurteilungen wegen Beleidigung oder Misshandlung im
Deutschen Heer und in der Kaiserlichen Marine von 957 auf
511 Fälle nahezu, obwohl die Zahl der Soldaten im selben
Zeitraum um mehr als dreißig Prozent anstieg.77 Freilich
vermitteln diese Zahlen angesichts von zuletzt rund 900 000
Soldaten in Heer und Marine nur ein ungenügendes Bild der
Realität hinter den Kasernenmauern. Die Dunkelziffer dürfte
die Zahl der Misshandlungen, die offiziell zur Verhandlung
kamen, bei Weitem überstiegen haben. Ein weiteres Indiz, dass
die Misshandlungen tatsächlich abnahmen und der
46
Umgangston sich verbesserte, sind jedoch die Stärkung der
praxisorientierten Gefechtsausbildung auf den Übungsplätzen
und die Abschwächung des Kasernenhofdrills seit der
Einführung des neuen Exerzierreglements 1906.78
Doch warum gelang es nicht, die Soldatenmisshandlungen
ganz zu beseitigen? Vier Punkte waren hierfür
ausschlaggebend:
1. Gehorsam und Disziplin, aber auch Gewalt als
Erziehungsmittel waren als gesellschaftliche Normen weithin
akzeptiert. Kinder und Jugendliche durften in Familie und
Schule79 körperlich gezüchtigt werden, ebenso Knechte,
Mägde und Auszubildende. Obwohl im Militär offiziell streng
verboten, wurden Ohrfeigen, Tritte und Schläge von vielen
geduldet und als probates Erziehungsmittel betrachtet.80
2. Etliche Verantwortliche waren mit der Ausbildung der
Rekruten überfordert. Die Kompaniechefs hatten im Frieden
viel Büroarbeit zu leisten und schoben die Dienstaufsicht
gerne auf Unteroffiziere ab. Diesen fehlte es vielfach an
Autorität und charakterlicher Eignung, um die zuweilen wenig
motivierten Wehrpflichtigen auszubilden.
3. Auf dem Kasernenhof gab es nur eine geringe Bindung
von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften. Sie lebten
in voneinander weitgehend abgeschotteten Welten. Anders als
an der Front gab es hier kein wirkliches Gemeinschaftsgefühl
über die Dienstgradgruppen hinweg.
4. Die Möglichkeit, die eigene Machtposition auszunutzen,
war allgegenwärtig, nicht nur für Offiziere und Unteroffiziere
gegenüber den Mannschaften, sondern auch innerhalb der
Mannschaftsdienstgrade, wie es Wilhelm Janeke erlebt hatte.
In den zwei bis drei Jahren Wehrpflichtzeit bildete sich eine
Hierarchie heraus, in der die Alten ganz oben standen und die
47
jungen Rekruten drangsalierten. Die Binnendifferenzierung
konnte sich auch gegen landsmannschaftliche Minderheiten
oder die finanziell besser gestellten bürgerlichen EinjährigFreiwilligen richten. Dieses Phänomen der mit rüden
Methoden durchgesetzten Machtverhältnisse war schicht- und
bildungsunabhängig und kam auch in den elitären
Kadettenanstalten vor.
Schikanen richteten sich vor allem gegen die unterste Stufe der
militärischen Hierarchie, die Mannschaften. Sie konnten in
allen Phasen der Dienstzeit vorkommen und waren nicht auf
bestimmte Einheiten oder Regionen beschränkt. Die häufigste
Form war sicher nicht die rohe Gewaltanwendung, sondern es
waren Urlaubssperre, endloses Strafexerzieren oder unwürdige
Reinigungsarbeiten wie das Polieren des Klosettrohres. Auch
das Erzwingen von Gefälligkeiten aller Art gehörte dazu.
Gleichwohl scheint es sich in besonderem Maße um das
Kasernenhofproblem einer Friedensarmee gehandelt zu
haben.81 An der Front veränderte sich das soziale
Binnengefüge. Dort bildeten Offiziere, Unteroffiziere und
Mannschaften Überlebensgemeinschaften, in denen die
Rangunterschiede zwar nicht verschwanden, sich aber doch
relativierten. Die Vorgesetzten konnten nun weit mehr als auf
dem Kasernenhof durch Fürsorge und Vorbild soziale
Anerkennung gewinnen, was ihnen ihre Führungsrolle
erleichterte. So konnte sich eine Kohäsion herausbilden, die
den Machtmissbrauch einschränkte. Dieses Phänomen war zu
einem gewissen Grad sogar bei der fortgeschrittenen
Kompanieausbildung oder bei den großen Herbstmanövern im
Frieden zu beobachten.82
Schikanen und Missbrauch blieben ein Dauerproblem der
Friedensarmee, sie traten in unterschiedlicher Form in allen
deutschen Armeen auf und tun dies bis zum heutigen Tage.
48
Und bis heute verursachen Berichte darüber mit großer
Zuverlässigkeit öffentlichkeitswirksame Skandale. So auch im
Kaiserreich. 1903 erregte etwa der Roman »Aus einer kleinen
Garnison« die Gemüter, der die Zustände im Train-Bataillon
16 im lothringischen Forbach schilderte. In schillernden
Farben war von der hanebüchenen Ungerechtigkeit von
Vorgesetzten, von Schulden, Ehebruch und Duellen im
Offizierkorps zu lesen. Der Roman avancierte zum
internationalen Bestseller, weil sein Verfasser Oswald Bilse als
aktiver junger Offizier ein Insider war. Der öffentliche Prozess
gegen ihn vor dem Militärgericht in Metz offenbarte, dass er
mit seiner Schilderung wohl kaum übertrieben hatte. Dennoch
wurde er zu sechs Monaten Haft wegen Beleidigung
Vorgesetzter und Ausschluss aus der Armee bestraft. Den
Whistleblower abzuurteilen – das war ein gefundenes Fressen
für eine skandalhungrige Öffentlichkeit. Dass der Roman in
Deutschland verboten wurde, heizte die Affäre nur weiter an
und führte schließlich dazu, dass er in Österreich nachgedruckt
und in großer Zahl ins Reich eingeführt wurde. Bald waren
über 100 000 Exemplare verkauft. Wie bei anderen Skandalen
auch reagierten Krone, Regierung und Militär nach außen mit
Abschottung und Beschwichtigung. Intern griff man aber
durchaus durch. Immerhin wurden sechs von neun Offizieren
der betreffenden Einheit aus der Armee entlassen, und Kaiser
Wilhelm II. forderte in einer internen Anweisung von seinen
Kommandierenden Generälen, mit noch größerem Eifer über
Moral und Disziplin der Truppen zu wachen.83 Häufig jedoch
hatten die Missetäter eher milde Konsequenzen zu
befürchten.84
Die Kommentatoren in der Presse hielten Zustände wie in
Forbach zumeist für bedauerliche Einzelfälle. Man ist daher
geneigt, Reichskanzler Leo von Caprivi recht zu geben, der im
49
Februar 1892 im Reichstag äußerte, dass »solche
Misshandlungen« – damals ging es um die Zustände in der
sächsischen Armee – generell nicht aus der Welt zu schaffen
seien, weil es immer rohe und heftige Menschen gebe.85
Zweifellos verbesserte sich die Behandlung der Soldaten im
weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts erheblich, vor allem,
weil sich die Maßstäbe der akzeptablen Umgangsformen im
Militär verschoben. Eine skandalfreie Armee wird es auf
absehbare Zeit dennoch nicht geben, weil sich das Verständnis
davon, was denn überhaupt eine Schikane sei, über die
Jahrzehnte ebenso veränderte. Die meisten der heutigen
Eingaben an den Wehrbeauftragten wären von einem
Wehrpflichtigen im Kaiserreich wohl überhaupt nicht als
problematisch wahrgenommen worden.
Es gab also epochenspezifische Signaturen von Missbrauch
und auch nationale Besonderheiten. Vor 1918 war das
Phänomen in den Armeen Österreich-Ungarns wohl noch
ausgeprägter
als
im
deutschen
Kaiserreich.
Die
außerordentlich standesbewussten adeligen K.-u.-k.-Offiziere
traten zuweilen wie Feudalherren auf. Die Nationalitätenfrage
und die klassenkämpferische Haltung mancher Arbeiter aus
Wien oder Böhmen verschärften das Problem weiter. Bei den
slawischen Mannschaften hatte sich ein ausgeprägter Hass
gegen deutsche und ungarische Offiziere entwickelt.
Körperstrafen wie das »Anbinden« oder das »Schließen in
Spangen« waren in der K.-u.-k.-Armee bis 1917 erlaubt.86
Und auch in den Streitkräften Frankreichs oder
Großbritanniens ging es im Zeitalter des Imperialismus rau zu.
Ein wichtiger Indikator für das Ausmaß der körperlichen
und seelischen Belastungen während des Militärdienstes sind
die Selbstmordzahlen. Diese waren 1890 in der preußischen
Armee doppelt so hoch wie in der deutschen Gesellschaft. Sie
50
nahmen dann zwar kontinuierlich ab, blieben aber stets höher
als bei Zivilisten. Am höchsten war die Selbstmordrate
generell bei Einjährig-Freiwilligen und Unteroffizieren; in den
Jahren 1903 bis 1908 lag sie bei 76 bzw. 74 von 100 000
Personen. Bei den Mannschaften lag sie mit 32 weniger als
halb so hoch. Während es bei den Rekruten die Belastungen
des Dienstes, die Furcht vor Strafe oder die Schikanen durch
Vorgesetzte und Kameraden waren, die die jungen Männer in
den Tod trieben, waren es bei den Einjährig-Freiwilligen und
den Unteroffizieren eher Ehrenfragen wie ausbleibende
Beförderung, aber auch Verschuldung oder Alkoholexzesse.87
Die Kavallerie wies im Deutschen Reich die höchste
Selbstmordrate aller Waffengattungen auf, obwohl oder gerade
weil sie die sozial exklusivste Teilstreitkraft war. Dies ist ein
Hinweis darauf, dass Schikanen nicht der einzige Grund dafür
waren, sich während des Militärdienstes das Leben zu
nehmen, sondern dass das Ehrverständnis ebenfalls eine große
Rolle spielte. Ein Blick auf das Ausland zeigt, dass die
Selbstmordrate in der österreichisch-ungarischen Armee mit
Abstand am höchsten war, während sie um die
Jahrhundertwende in Frankreich und Großbritannien etwas
niedriger lag als in Deutschland.88 Erstaunlicherweise wies die
zaristische Armee die niedrigste Rate aller Großmächte auf.
Die Missstände in den Streitkräften zerstörten weder die
Kohäsion in der Armee noch die Verbindung von
Zivilgesellschaft und Militär nachhaltig. Dafür war die
Erfahrungswelt von Millionen Deutschen, die das Militär im
Kaiserreich durchliefen, zu heterogen. Sie begegneten
Schleifern und Cholerikern ebenso wie väterlichen
Vorgesetzten oder solchen, die besonders schneidig waren.89
Wilhelm Janeke erlebte in ein und derselben Kompanie einen
wohlwollenden adeligen Leutnant mit menschenfreundlicher
51
Gesinnung, dem die Rekruten nach kurzer Zeit hohe Achtung
zollten, einen Oberjäger mit »absonderlichem Wesen«, einen
Gefreiten, der ein »prächtiger Kerl« war, einen Leutnant, der
so gar nichts Militärisches an sich hatte, einen Hauptmann, der
zum Tyrannen mutierte, und dessen gutmütigen Nachfolger.90
Im Alltag zeigte sich auch, dass das Heer seine Soldaten
keineswegs zu stumpfen Befehlsempfängern, sondern zu
selbstständig denkenden und handelnden Soldaten erziehen
wollte, wie es die Felddienstordnung aus dem Jahr 1908
explizit formulierte.91 Ob das immer gelang, mag dahingestellt
sein, aber der mitdenkende Soldat war zweifellos ein Ideal der
kaiserlichen Streitkräfte, was mancher auch so erlebt haben
dürfte. Viele erkannten aber auch, dass selbst der Drill seinen
Sinn haben konnte. Die Waffe blind zu beherrschen und auf
Befehle automatisch zu handeln, ohne nachdenken zu müssen,
sollte auf dem Schlachtfeld die Überlebenschancen erhöhen92,
aber auch helfen, Angst und Tötungshemmungen zu
überwinden.93
Kriegsplanungen
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Der Pulverdampf der
letzten Schlachten war kaum verzogen, die prunkvollen
Paraden abgehalten, die Kriegsbeute eingebracht, da dachte
der Generalstabschef schon wieder über die Zukunft nach.
Dass Frankreich durch die Niederlage von 1871 nicht
dauerhaft geschwächt war, davon war Helmuth von Moltke
überzeugt. Ein weiterer Krieg der beiden Erbfeinde schien ihm
unvermeidbar. Aber wie sollte in Zeiten des Volkskriegs eine
schnelle Entscheidung erzwungen werden, wie es die deutsche
Doktrin vorsah? Moltke erkannte, dass keine noch so brillant
geschlagene Schlacht in einem großen Krieg Deutschland den
Sieg bringen würde. Der Konflikt könnte nur politisch oder in
einem langen Abnutzungskrieg entschieden werden. Die
52
Bedeutung dieser Erkenntnis war gar nicht hoch genug
einzuschätzen. Doch als er hochbetagt am 14. Mai 1890 im
Reichstag davon sprach, dass der nächste Krieg ein
siebenjähriger oder ein dreißigjähriger werden würde,
verhallten seine düsteren Vorahnungen ungehört.94 Seine
Nachfolger – für kurze Zeit Alfred von Waldersee, dann
Alfred von Schlieffen und schließlich sein Neffe Helmuth von
Moltke d. J. – befassten sich lieber mit der Suche nach dem
vermeintlich perfekten Operationsplan, der das Unmögliche
möglich machen sollte. Getreu dem Motto: Wenn die
Rahmenbedingungen schwieriger werden, dann muss eben
unsere Führungskunst noch besser werden. Doch sie alle
scheiterten daran, ein überzeugendes Konzept für einen
schnellen Sieg zu präsentieren.
Die Großmächte des Industriezeitalters waren nicht mehr
mit einem Schlag in einem kurzen Feldzug zu besiegen, zumal
dem Deutschen Reich seit den 1890er-Jahren ein
Zweifrontenkrieg drohte. Um die Grenzen des Möglichen
einzugestehen, fehlte dem Generalstab das Verständnis für die
finanzielle, ökonomische, personelle und auch außenpolitische
Dimension eines großen Krieges – Bereiche, die nicht ihm,
sondern dem Militärkabinett, dem Kriegsministerium oder
dem Reichskanzler unterstellt waren. Eine politischstrategische Planung des Zukunftskriegs gab es bei keiner
Großmacht und schon gar nicht im Deutschen Reich, wo der
Kaiser diese Aufgabe hätte koordinieren müssen. Der
Austausch von Politik und Militär, etwa von Staatssekretär
Gottlieb von Jagow mit Moltke d. J. im Mai 1914, blieb
Episode und konnte eine Gesamtplanung nicht ersetzen. Selbst
innerhalb des Militärs gab es wenig Koordination. Heer und
Marine lebten in eigenen Welten, und der Generalstab war
53
letztlich nicht
mehr
Planungsbehörde.95
als
eine
kleine
operative
Aus heutiger Sicht erscheint es geradezu fahrlässig, den
Realitäten nicht stärker ins Auge gesehen zu haben. Allerdings
hätte dies von den Militärs nichts weniger gefordert, als der
Politik unmissverständlich mitzuteilen, dass es in einem
europäischen Konflikt keine militärische Lösung geben könne
und folglich alle Erwartungen auf einen schnellen Sieg im
Ernstfall nicht erfüllt werden könnten. Zu einer solchen
Demontage des eigenen Berufsstands war niemand bereit. So
plante der Generalstab weiter den Krieg gegen Frankreich und
Russland, arbeitete an minutiösen Aufmarschplänen, träumte
von der einen Vernichtungsschlacht, die alles entscheiden
würde.96
Eine Ebene tiefer, im Bereich der militärischen Taktik, war
der Lerneffekt deutlich größer. Aufmerksam wurden die
Kriegserfahrungen anderer Mächte studiert, etwa im
Burenkrieg oder im russisch-japanischen Krieg 1904/05, aber
auch die Neuerungen etwa der französischen oder russischen
Armee ausgekundschaftet.97 Dementsprechend wurden
Doktrinen und Vorschriften weiterentwickelt, die Ausbildung
verbessert und neue Waffen eingeführt, allen voran das
Maschinengewehr und die schwere Feldartillerie. Gemäß den
Kriegsplänen des Generalstabs wurde die Taktik des Heeres
ganz auf den Angriff ausgerichtet, »seit jeher die
Hauptkampfweise der Deutschen«, wie es 1909 hieß.98 In
Kenntnis der blutigen Schlachten des Ersten Weltkriegs
erscheint die Betonung der kühnen Tat, der Entschlossenheit
und Kaltblütigkeit, mithin der moralischen Qualitäten des
Infanteristen, der ein wahrer Krieger sein sollte, befremdlich.
Leitsätze wie »Vorwärts auf den Feind, koste es, was es
wolle«99 oder die Anpreisung der todesmutigen Attacken bei
54
Saint-Privat oder Wörth 1870 als historische Vorbilder100
scheinen den Tod Zehntausender geradezu fahrlässig
herbeigeführt zu haben.
Dabei wollten Generalstabschef von Schlieffen und sein
Nachfolger Moltke d. J. Frontalangriffe wie 1870 unbedingt
vermeiden, da sie sehr wohl die Stärke der gegnerischen
Verteidigung erkannten. Sie glaubten, diese überwinden zu
können, wenn man beweglich, flexibel und aggressiv vorging,
die eigenen Kräfte auf die schwachen Punkte des Gegners
konzentrierte und die Infanterie ausreichend durch Artillerie
unterstützte. Die Risiken und Probleme von Frontalangriffen
wurden auch in der Ausbildung junger Offiziere101 klar
benannt. Man war keineswegs blind für neue Erkenntnisse,
und das Exerzierreglement von 1906 war eine Reaktion auf
den russisch-japanischen Krieg. Da alle Kriegsplanungen auf
der Offensive beruhten, lag auch auf der unteren taktischen
Ebene hier der Schwerpunkt. Freilich enthielt das
Exerzierreglement von 1906 auch einen Abschnitt zur
Defensive, der erstaunlich modern und flexibel anmutet.
1917/18 sollte man auf die dort niedergelegten
Verteidigungsvorschriften zurückkommen. Das Problem waren
also weniger mangelnde Erkenntnisse und veraltete Theorie,
sondern die Umsetzung der gültigen Vorschriften in die Praxis
der Ausbildung.102
Ein Frontalangriff auf einen mit Maschinengewehren
bewaffneten Gegner in einer gut ausgebauten Stellung würde
in ein Blutbad ausarten. Das war allen Militärtheoretikern klar.
Doch wie sollte eine ausreichende Flexibilität in der Offensive
in die Köpfe von Subalternoffizieren und Soldaten gelangen,
wenn diese nur die glorreichen Bilder der siegreichen
Attacken aus dem Krieg 1870/71 vor Augen hatten? Ute
Frevert hat auf den Umstand hingewiesen, dass das Töten in
55
der Routine einer Friedensarmee vollkommen ausgeblendet
wurde. Es kam in den Erzählungen von 1870/71 nicht vor,
auch in den Vorschriften nicht. Auch das Sterben wurde eher
verklärt, etwa in den populären Gemälden des Krieges. Im
Mittelpunkt der Erinnerung stand stets der Held. Der Tod war
gewiss gegenwärtig in den vielen Ehrenmalen zum Gedenken
an die Gefallenen, und in den Vorschriften wurde unbedingter
Gehorsam bis in den Tod gefordert.103 Die Vorstellung vom
Krieg aber blieb abstrakt.
Die tatsächliche Waffenwirkung war in den Manövern
kaum darstellbar. Obwohl die Qualität der Übungen seit 1906
deutlich gesteigert werden konnte, dienten sie vor allem den
Stäben dazu, praktische Führungserfahrungen zu sammeln.
Über die blutigen Schlachten der jüngeren Vergangenheit
erfuhren die Soldaten dabei kaum etwas.104 Kriegsgemäßes
Verhalten, insbesondere Improvisation und Flexibilität, konnte
wohl geübt werden, war aber, wie sich zeigen sollte, im
Frieden kaum wirklich zu erlernen. In den Offensiven des
August 1914 wurden Angriffe dann zu hastig, ohne
Aufklärung
und
Artillerievorbereitung
blindlings
durchgeführt, obwohl in der Ausbildung immer wieder davor
gewarnt worden war. Ein großes Problem war zudem die hohe
Anzahl von Reserveoffizieren und -unteroffizieren, die im
Frieden nur unzureichend ausgebildet werden konnten. Im
Krieg mangelte es vielen von ihnen daher an Initiative und
Flexibilität, um die anspruchsvolle Aufgabe etwa der Führung
einer Kompanie auf dem Schlachtfeld zu erfüllen.105
Gesellschaftlich-kulturelle Umstände trugen zu diesen
Defiziten nicht unerheblich bei. Reserveoffiziere rekrutierten
sich aus der Gruppe der Einjährig-Freiwilligen. Doch schon
deren Ausbildung war, gemessen an den Maßstäben der
Kriegstauglichkeit, unzureichend. Ein Jahr war schlicht zu
56
kurz, um den Männern das militärische Handwerkszeug zu
vermitteln, zumal der Dienst nicht allzu hart war und es viele
Annehmlichkeiten und Privilegien gab. Die wenigen
Reserveübungen konnten diese Defizite später kaum
ausgleichen. Andererseits war dieses System ein wichtiger
Bestandteil der engen Beziehungen von Zivilgesellschaft und
Armee. Letztlich war es eine Kompromisslösung zwischen
militärischer Effizienz und gesellschaftlicher Rücksichtnahme,
wie sie in vielen Friedensarmeen zu finden war.
Am wenigsten gelang die Anpassung an die modernen
Verhältnisse bei der Kavallerie. Die Zeit der Reiterattacken
war lange vorbei, aber die Vorstellung, ungeordnete
Infanteriehaufen niederzureiten, war trotz intensiver und
kontroverser Diskussionen in der Militärpublizistik106 nicht
aus den Köpfen mancher Kavallerieoffiziere zu bannen. Die
Reiterei passte sich gleichwohl ein Stück weit an die neuen
Begebenheiten an und leistete in der Aufklärung und beim
Flankenschutz 1914/15 gute Dienste. Doch war sie mit nahezu
100 000 Mann (1913) vollkommen überdimensioniert. Die
tribal culture der Kavallerie stand der Umwandlung in eine
Art berittene Infanterie, die die Pferde nur zum Marsch nutzte,
aber zu Fuß kämpfte, im Wege. Den Kampf zu Pferde in der
überlieferten Form aufzugeben war für die meisten Offiziere
kaum vorstellbar. Zu eng war er mit dem in militärischen wie
gesellschaftlichen Kreisen tief verankerten elitären Habitus
und einer speziellen Werte- und Normenwelt verbunden, die
durchaus einen romantischen Einschlag hatte.107
Der Blick auf die Streitkräfte des Kaiserreichs verdeutlicht die
Herausforderungen
einer
Friedensarmee,
sich
dem
ökonomischen, gesellschaftlichen, sozialen und technischen
Wandel der Zeit anzupassen. 1871 war das Deutsche Reich ein
Agrarland, 1914 hatte es sich in einer globalisierten Welt als
57
Wirtschaftsmacht etabliert, Großbritannien den Rang als
führende Industrienation abgelaufen und wurde nur noch von
den USA übertroffen. Die Welt wandelte sich rasant, und
darauf musste die Armee reagieren – und zwar auf drei
Ebenen: Das höhere Offizierkorps musste erstens über den
Krieg der Zukunft nachdenken, eine Vorstellung von den
Konflikten kommender Jahrzehnte entwickeln und versuchen,
darauf konzeptionell eine Antwort zu finden. Was sollte wie
mit welchen militärischen Mitteln erreicht werden? Welche
Schlussfolgerungen waren aus dem technischen Fortschritt für
das »Denken« des Krieges zu ziehen? Zweitens war
sicherzustellen, dass das, was bei der Generalität gedacht
wurde, auch bei den Soldaten ankam. Gelang es also, die
theoretischen Konzepte in die Praxis umzusetzen? War die
Ausbildung effizient und die Armee kriegstauglich? Waren die
Soldaten bereit, für ihr Land in den Kampf zu ziehen? Wie
stand es um Kohäsion und Moral der Truppe? Und drittens
galt es, sich auf den gesellschaftlichen Wandel einzustellen,
neue Eliten und Schichten in die Armee zu integrieren.
Nimmt man die drei Ebenen gemeinsam in den Blick,
ergibt sich eine durchwachsene Bilanz. Die Streitkräfte des
Kaiserreichs waren gut ausgebildet und modern ausgerüstet,
die Soldaten zumeist motiviert. Die Armee war eine lernende
Organisation, auch wenn sie dabei an ihre Grenzen stieß.108
Sie war ganz auf den großen Krieg in Europa ausgerichtet, und
sie war – trotz aller diesbezüglichen Reden Wilhelms II. –
keine Bürgerkriegstruppe.109 Die Kriegspläne entsprachen
dem »Imperativ der Offensive«110, waren aber zu wenig mit
politischen Konzepten unterlegt. Eine effiziente Koordination
von Staat und Armee gab es nicht, ebenso wenig ein
ganzheitliches Nachdenken über den Krieg, der von der
Generalität im Wesentlichen auf das Schlagen einer perfekten
58
Umfassungsschlacht reduziert wurde. Die Sozialstruktur
befand sich im steten Wandel, und das Offizierkorps der
Armee öffnete sich zunehmend dem Bürgertum. Die feudale
Prägung111 hatte erheblich an Wirkung verloren, war aber im
Alltag
noch
zu
erkennen.
Das
Problem
der
Soldatenmisshandlungen verringerte sich im Laufe der Jahre
zwar, blieb aber virulent.
Weltenbrand
Wie siegen?
Noch bevor der erste Schuss fiel, hatte das Deutsche Reich den
Ersten Weltkrieg diplomatisch verloren. Die Reichsleitung
erwies sich in den letzten Julitagen 1914 als schlechter
Pokerspieler. Was wäre wohl passiert, wenn man nicht zum
Angriff im Westen übergegangen wäre, sondern nach der
Mobilmachung schlicht abgewartet hätte? Doch solche
Optionen wurden in Berlin nicht diskutiert – nicht von der
Politik und nicht von den Militärs. Nachdem 1913 der noch
auf Moltke d. Ä. zurückgehende Ostaufmarschplan fallen
gelassen worden war, gab es nur noch eine Karte, die man im
Ernstfall spielen wollte: der rasche Angriff durch das neutrale
Belgien nach Nordfrankreich, um irgendwo zwischen Nancy
und Paris die französischen Streitkräfte in einer gewaltigen
Schlacht zu zerschlagen. Bismarck hätte eine politisch derart
folgenschwere
Verengung
der
militärischen
Operationsplanung wohl nie akzeptiert. Aber Bethmann
Hollweg war kein Bismarck. Und der Generalstab hatte keinen
Sinn für die diplomatischen Chancen, die eine
Verteidigungsstrategie zweifelsohne geboten hätte. Auch die
Option, einen ermatteten Gegner in einer Gegenoffensive zu
schlagen, fand keinerlei Beachtung. Krieg bedeutete nach dem
damaligen Weltbild Sieg oder Niederlage. Schließlich kannte
59
die Geschichte des 19. Jahrhunderts kein einziges Beispiel,
dass der Verteidiger einen Konflikt gewonnen hätte. Wenn
man schon den Sprung ins Dunkle wagte, dann für die Chance
eines Sieges, um die vermeintliche Einkreisung des Reiches zu
sprengen. Mit der Offensive zwang man dem Gegner das
eigene Handeln auf, konnte darauf hoffen, ihn zu Fehlern zu
veranlassen und so den Sieg zu erzwingen. Heute wissen wir,
dass es trügerische Hoffnungen waren, dass Generalstab und
Reichsleitung dem Denken ihrer Zeit verhaftet blieben. Zu tief
war der Kult der Offensive im deutschen militärischen Denken
verankert. Und richtig ist auch: Alle Großmächte bliesen im
Sommer 1914 blindlings zum Angriff – und alle scheiterten
damit.
Der Vormarsch bis zur Marne, die alliierte Gegenoffensive,
der Wettlauf zum Meer und der Zusammenbruch der letzten
Angriffe im November 1914 bei Ypern sind vielfach erzählt
worden.112 Anders als 1870 war die deutsche militärische
Führung der französischen nicht überlegen. Die
Oberbefehlshaber der deutschen Armeen und Generalstabschef
Moltke waren kein eingespieltes Team. Im Gegenteil: Allerlei
Egoismen schwächten die Umsetzung des Feldzugsplans. Es
zeigte sich einmal mehr, dass es mit der viel gepriesenen
Auftragstaktik so eine Sache war, da die Führer vor Ort in
ihrem Drang nach vorne kaum zu bremsen waren und dabei
offenbar mehr den eigenen Ruhm als das operative
Gesamtkonzept im Kopf hatten. Dieser Befund galt für den
kleinen Leutnant ebenso wie für den General. »Viele Leute
verloren völlig den Kopf«, schrieb Leutnant Hermann Balck
1915 rückblickend über den Kriegsausbruch. »Andere
machten die unmöglichsten Dinge. So stellte sich Oberst
Friedrich Wilhelm zur Lippe als Kommandeur des I. R. 74 an
die Spitze einer Handvoll Leute und versuchte das Fort
60
Boncelles zu stürmen. Ein völlig intaktes und modernes
Panzerfort. Dieser Versuch kostete dem Prinzen das
Leben.«113 Und der bayerische Kronprinz Rupprecht hätte als
Befehlshaber der 6. Armee eigentlich versuchen müssen, die
Franzosen tiefer nach Lothringen hinein und damit in die Falle
zu locken. Stattdessen befahl er seinen Truppen vorzeitig den
Angriff, der nur unnötige Verluste kostete.114
Der kanadische Historiker Holger Herwig ist der Ansicht,
dass selbst bei einem deutschen Sieg an der Marne sich an der
strategischen Gesamtsituation nicht viel geändert hätte. Der
Stellungskrieg hätte dann nur 40 Kilometer weiter südlich
stattgefunden. In der Tat lag ein entscheidender deutscher Sieg
bei der damaligen Konstellation wohl außerhalb des
Möglichen. Dafür war Frankreich militärisch zu stark, hatte
trotz aller Schwierigkeiten aus der Niederlage von 1870/71 zu
viel gelernt und wurde von General Joseph Joffre zu
kompetent geführt.115
Auch auf taktischer Ebene offenbarten sich bald erhebliche
Probleme, und es zeigte sich einmal mehr, dass eine
Friedensarmee nur bedingt auf einen Krieg vorbereitet werden
kann. Ausbildungsdefizite, insbesondere bei den Reservisten,
kosteten viele Opfer. Zu den hohen Verlusten trug auch ganz
erheblich bei, dass die Kommandeure ihre Soldaten auf dem
Vormarsch durch Frankreich permanent zur Eile antrieben.
Bewegung und Geschwindigkeit sollten den Sieg bringen.
Eine
angemessene
Aufklärung
und
ausreichende
Artillerievorbereitung blieben dabei oftmals auf der
Strecke.116 Solche überhasteten Angriffe gab es auch an der
Ostfront. So griff Generaloberst Hermann von François am 18.
August 1914 »in einer Art Hybris, sich als alleiniger Retter
Ostpreußens zu gerieren«117, die russischen Verbände mit
seinem Korps ohne weitere Rücksprache an und stürzte damit
61
die gesamte Verteidigung Ostpreußens in eine schwere Krise.
Bekanntermaßen ging die Sache am Ende glimpflich aus. Der
neue Armeebefehlshaber Paul von Hindenburg und sein
Stabschef Erich Ludendorff vermochten in den letzten
Augusttagen die russischen Armeen auszumanövrieren und
ihnen in der Schlacht von Tannenberg eine empfindliche
Niederlage beizubringen. Im 18. Jahrhundert wäre dies eine
Entscheidungsschlacht gewesen, doch 1914 war damit nur ein
örtlicher Erfolg errungen.
Als Ende 1914 die Kämpfe an der Westfront im
Stellungskrieg erstarrten, waren bereits rund 820 000 deutsche
Soldaten gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten,
davon 18 000 Offiziere.118 Die Munition war verschossen, der
Kriegsplan gescheitert, und niemand wusste, wie es
weitergehen sollte. Den anderen Großmächten erging es kaum
anders – überall waren die hoffnungsvoll erwarteten
Offensiven im Abwehrfeuer zusammengebrochen. Auf
oberster Ebene begann nun ein jahrelanges Tauziehen um die
richtige Strategie zur Beendigung des Krieges. Lag der
militärische Schwerpunkt im Osten oder im Westen? Wie und
mit wem sollte nach einem diplomatischen Ausweg gesucht
werden? Und lohnten sich die diplomatischen Risiken eines
verschärften U-Boot-Krieges? Um diese drei Fragen rang eine
Vielzahl von Kräften in Militär und Politik. Je nach
Konstellation setzte sich mal diese, mal jene Gruppe durch.
Bemerkenswert ist, dass Deutschland schon früh die
diplomatische Karte ins Spiel brachte. Erich von Falkenhayn,
der neue Generalstabschef, erkannte im November 1914, dass
man unmöglich alle Gegner würde besiegen können. Er strebte
einen Separatfrieden mit Russland an, um alle Kräfte auf
Frankreich und Großbritannien richten zu können.119 Erreicht
wurde freilich nichts, und auch spätere Friedensfühler liefen
62
ins Leere. Einerseits, weil die Entente kein Interesse an einer
vorzeitigen Beendigung des Krieges hatte, und andererseits,
weil die deutschen Initiativen allzu zaghaft waren.
In Berlin hatten sich unterdessen die Falken durchgesetzt,
die ganz auf die militärische Karte setzten. Am 9. Januar 1917
wurde die Aufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges
beschlossen.
Die
Marineführung
glaubte,
damit
Großbritannien binnen sechs Monaten in die Knie zwingen zu
können. Dabei war es vollkommen unrealistisch, die englische
Volkswirtschaft in so kurzer Zeit derart zu schädigen, dass
London würde einlenken müssen. Und doch behaupteten
selbst renommierte Volkswirtschaftsprofessoren in ihren
Gutachten für die Admiralität genau das. Kaiser,
Reichskanzler und Auswärtiges Amt hatten sich zwei Jahre
lang immer wieder gegen eine verschärfte Seekriegführung
gestemmt. Das Völkerrecht verbot eine Versenkung von
Handelsschiffen ohne Vorwarnung – vielmehr musste zuvor
die Ladung kontrolliert und die Besatzung in Sicherheit
gebracht werden. Wollte man diese Regeln beachten, war ein
effektiver Seekrieg mit den kleinen U-Booten kaum
durchführbar. Nur wenn alle Schiffe im Blockadegebiet
warnungslos angegriffen und versenkt werden könnten, so
argumentierte die Admiralität, würde der U-Boot-Krieg für
Großbritannien zur tödlichen Gefahr werden. Doch die USA
waren nicht bereit, diese Verletzung der Londoner
Seerechtsdeklaration von 1909 hinzunehmen, und drohten mit
Kriegseintritt.
Die U-Boote waren im strategischen Denken der Obersten
Heeresleitung (OHL) wie auch in Teilen der deutschen
Öffentlichkeit über die Jahre zu einer Art überirdischer
Geheimwaffe avanciert, die – wenn nur aller rechtlichen
Bindungen entledigt und in großer Zahl eingesetzt – den Krieg
63
würde entscheiden können. Diese Eskalation war umso
bizarrer, als die U-Boot-Kommandanten sie gar nicht gefordert
hatten. Im Gegenteil: In ihren Berichten stellten sie klar, dass
sie durchaus in der Lage waren, nach der international
anerkannten Prisenordnung erfolgreich Handelskrieg zu
führen. Doch Admiralität und OHL wollten solche moderaten
Töne nicht hören. Es ging längst nicht mehr um die rationale
Analyse militärischer Taktik, sondern um den Glauben, den
Schlüssel zu einem Siegfrieden in der Hand zu halten. So
beging Deutschland seinen mit Abstand größten strategischen
Fehler und begann am 1. Februar 1917 den uneingeschränkten
U-Boot-Krieg. Im April erklärten die USA, wie vorauszusehen
war, Deutschland den Krieg. Das Ringen war damit
entschieden, woran auch der Zusammenbruch Russlands im
Verlauf des Jahres 1917 nichts mehr änderte. Hätte sich Berlin
anders entschieden, so argumentiert Holger Afflerbach, wäre
das Reich also auf Präsident Wilsons Friedensinitiative im
Dezember 1916 eingegangen und hätte darauf verzichtet, den
Seekrieg zu eskalieren, wäre daraus »mit einiger
Wahrscheinlichkeit
der
Frieden
ohne
Sieg
hervorgegangen«.120
Das Beispiel des U-Boot-Krieges zeigt, wie sich im
Verlauf des Krieges die Gewichte zugunsten des Militärs
verschoben. Die im August 1916 installierte Dritte Oberste
Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff war dennoch
keine Militärdiktatur121, wie vielfach zu lesen ist. Eine solche
Deutung verkennt, dass der Kaiser, der Reichskanzler, das
Auswärtige Amt und selbst der Reichstag 1917/18 keineswegs
aus dem Spiel waren. Wilhelm II. war im Tagesgeschäft
gewiss eine schwache Figur, doch in zentralen Fragen behielt
er sich die Entscheidung vor.122 Man sollte in diesem
Zusammenhang auch daran erinnern, dass die Verfassung nicht
64
geändert wurde. Gleichwohl hatte die OHL einen
Gestaltungsspielraum, wie ihn das Militär in Deutschland nie
zuvor und nie danach besaß. Zwischen 1916 und 1918 war aus
dem Primat der Politik ein Primat des Militärs geworden. Eine
Diktatur war das Reich deswegen aber nicht.
Anpassung von Strategie und Taktik
Die deutsche Armee erlitt im Ersten Weltkrieg horrende
Verluste. Zwei Millionen deutsche Soldaten fielen auf den
Schlachtfeldern. 40 Prozent der Berufsoffiziere, die 1914 ins
Feld gezogen waren, überlebten den Krieg nicht. 1916 gab es
auf Kompanieebene praktisch keinen Offizier der
Vorkriegsarmee mehr. Sie waren entweder gefallen oder in
höhere Positionen aufgerückt. Der Friedensoffizier als
Anführer seiner Männer im Kampf war nirgendwo mehr zu
finden. Reserveoffiziere, erfahrene Unteroffiziere, die zu
Feldwebelleutnants befördert wurden, und junge Leutnants
wie Ernst Jünger oder Hermann Balck füllten die Lücken.
Trotz dieser dramatischen Umwälzung der sozialen
Zusammensetzung der Streitkräfte blieb die deutsche Armee
bis zum Sommer 1918 eine effektive Kampforganisation.
Ungeachtet aller Defizite und Probleme war sie vor allem
erstaunlich lernfähig.123
Im August 1914 war das Heer ganz auf den
Bewegungskrieg und eine minutiös geplante Offensive
ausgerichtet. Damit war es im November 1914 vorbei, quasi
über Nacht fand man sich in einem Stellungskrieg wieder.
Diesen führten die Deutschen 1915 an der Westfront mit
reduzierten Mitteln recht erfolgreich, während der
Schwerpunkt im Osten lag, wo man Russland eine große
Niederlage beibrachte, Polen überrannte, schließlich auch
Serbien besetzte. 1916 war auf taktischer Ebene das Jahr der
Krise, denn erst scheiterten die Angriffe bei Verdun, dann
65
wankten im Sommer die deutschen Verteidigungslinien an der
Somme unter dem unerwartet heftigen Ansturm der Entente.
Jetzt zeigte sich, dass Falkenhayn die taktischen Anpassungen
an die Bedingungen des dritten Kriegsjahres nicht weit genug
vorangetrieben hatte. Schwere Verluste waren die Folge und
auch manche bange Stunde, ob es Briten und Franzosen nicht
doch gelingen würde, die Front zu durchbrechen.
Ludendorff passte die Truppen ab August 1916 besser an
die Bedingungen des industriellen Artilleriekriegs an. Die
Verteidigungslinien bekamen mehr Tiefe. Nun wurden drei
Linien mit jeweils mehreren Grabensystemen angelegt, wobei
die vorderen Stellungen nur dünn besetzt waren und die letzte
Stellung außerhalb der Reichweite der gegnerischen
Geschütze lag. Gelände sollte nicht um jeden Preis gehalten
werden, Ausweichen und rascher Gegenangriff waren das
Gebot der Stunde. Das kaiserliche Heer stellte sich immer
besser auf die Verteidigung ein. Briten und Franzosen rannten
trotz immer größeren Aufwands an Mensch und Material
letztlich erfolglos gegen die deutschen Stellungen an. 1915,
1916, 1917 – immer das gleiche Bild. Auch die Italiener
scheiterten in elf Offensiven an den österreichisch-ungarischen
Stellungen am Isonzo im heutigen Slowenien. Die größte
taktische Herausforderung des Ersten Weltkriegs war somit
der Durchbruch durch ein tief gestaffeltes Grabensystem, das
der Gegner mit vielen Truppen und noch mehr Artillerie
verteidigte. 1917 waren alle kriegführenden Mächte mit ihrem
Latein am Ende. Die Überwindung der Defensive schien trotz
eines schier unbegreiflichen Aufwands schlicht unmöglich zu
sein. Millionen von Toten und endlose Kraterlandschaften
zeugten davon.
Schließlich gelang es dem deutschen Heer, in einer Art
taktischem Bewegungskrieg das Problem zu lösen. Dank einer
66
engen Koordinierung von Infanterie und Artillerie, der
Aufstellung spezieller Sturmtruppen und einer flexibleren
Angriffstaktik erzielten die Deutschen Durchbrüche an
vormals hart umkämpften Frontabschnitten, etwa am Isonzo
im Oktober 1917 und in den Frühjahrsoffensiven von März bis
Juni 1918 an der Westfront.124 Ungelöst blieb der schnelle
Bewegungskrieg, der auf den Durchbruch eigentlich hätte
folgen müssen, doch in einer weitgehend vormotorisierten Zeit
nur schwer zu realisieren war. Lkw, Panzer und
Schlachtflugzeug waren zwar schon erfunden, aber technisch
noch zu unausgereift und in zu geringer Zahl vorhanden, als
dass man schon 1918 die Operationen des Jahres 1940 hätte
führen können. Die Deutschen konnten das am allerwenigsten,
denn sie hatten die Entwicklung des Panzers verschlafen125
und verfügten noch nicht einmal über genügend gut genährte
Pferde, um ihre Artillerie rasch nach vorne zu bewegen. So
konnten sie aus dem Umstand, dass ihnen ein Durchbruch
gelang, keinen kriegsentscheidenden Nutzen ziehen, weil
ihnen die technischen Mittel für operative und strategische
Erfolge fehlten.126 Selbst der Umstand, dass die kaiserliche
Armee das blutige Handwerk des Krieges effizienter ausübte
und ihren Gegnern mehr Verluste zufügte, als sie selber
erlitt127, brachte aufgrund der numerischen Überlegenheit der
Entente keinen entscheidenden Vorteil. So blieben die
erfolgreichen Durchbruchsschlachten Pyrrhussiege, die – wie
im Falle der Frühjahrsoffensive 1918 – rasch die letzten
Reserven des Heeres verbrauchten. Die Alliierten gingen das
Problem der schier unüberwindlichen Defensive schließlich
durch die Weiterentwicklung des Panzers an, der 1918
technisch einigermaßen zuverlässig und in großer Zahl
verfügbar war. Aber auch damit gelang es ihnen nur, das
deutsche Heer langsam zurückzudrängen.
67
Die alte Armee ging auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs
unter. Mit der Mobilisierung von 13 Millionen Männern
entstand eine neue Massenarmee, deren Erfahrungswelt durch
die industriellen Materialschlachten geformt wurde. Die alten
Traditionen aus den Befreiungs- und Einigungskriegen
verschwanden zusehends. Vorbilder waren nun zunehmend
Soldaten aus dem Weltkrieg.128 Eine militärische Elite im
eigentlichen Sinn gab es kaum mehr. Die aktiven
Friedensdivisionen wurden bei der Mobilmachung mit
Reservisten aufgefüllt, erlitten bald horrende Verluste, wurden
immer wieder aufgefrischt, mussten kriegserfahrene Soldaten
an Neuaufstellungen abgeben und unterschieden sich bald
nicht mehr von den Reservedivisionen. Selbst erfahrene und
hochbewährte Regimenter mit einer stolzen Geschichte gingen
im Grabenkrieg zugrunde. Als Leutnant Hermann Balck im
November 1916 wieder bei seinem alten elitären
Jägerbataillon 10 eintraf, das er nach seiner Verwundung im
Dezember 1914 verlassen hatte, kannte er dort praktisch
niemanden mehr.129 In Verdun hatte das Bataillon zuvor
schwere Verluste erlitten.
Gewiss waren nicht alle Soldaten an der Westfront
eingesetzt, und der Krieg im Osten oder auf dem Balkan hatte
einen anderen Charakter, wenngleich die Verluste dort in
manchen Monaten sogar höher waren als im Westen. An der
Ostfront gab es deutlich weniger Artillerieeinsatz und viel
mehr Bewegung der Fronten, wodurch der Krieg wieder »Spaß
machte«, wie Artillerieleutnant Rudolf Herms am 5. Mai 1915
in sein Tagebuch schrieb.130 Es gab Kampfformen, die im
Westen schon lange nicht mehr vorstellbar waren, etwa
Gefechte mit Kosaken, die durch die Front sickerten und
überraschend die Artilleriestellungen angriffen.131 Ebenfalls
1915 zog Hermann Balck westlich Warschaus in die Schlacht.
68
»Dort schoss ich auch meinen ersten Russen«132, notierte er
zufrieden über sein erstes Gefecht. Und im September 1915
konnte er vermelden, dass man von den Russen über den
kleinen Krieg der Patrouillen und Spähtrupps doch schon
einiges gelernt hätte.133 Balck hatte Glück, dass er im April
1918 nur kurz in Flandern eingesetzt war, wo seine Kompanie
beim Sturm auf den Kemmelberg überraschend die feindlichen
Linien durchstieß. Dann wurde er durch eigenes Artilleriefeuer
verwundet und musste nicht erleben, wie seine Männer in den
folgenden Tagen schwere Verluste erlitten.
Die allermeisten deutschen Soldaten hatten nicht so viel
Glück. Die meisten Divisionen des Heeres kämpften eine
erhebliche Zeit in Frankreich oder Belgien, sodass die
Erfahrung der Materialschlachten allgegenwärtig war. Die
Wucht der modernen Artillerie und der Maschinengewehre
führte zu einer zuvor nicht gekannten Verdichtung der Gewalt.
Es war diese konzentrierte Gewalt auf kleinem Raum, die das
millionenfache Kriegserlebnis so entsetzlich machte, nicht die
absolute Zahl der Gefallenen. Die Monate des
Bewegungskriegs an der Westfront – zu Beginn und am Ende
des Krieges – waren die verlustreichsten überhaupt, und doch
wirkten sie auf die Psyche der Soldaten weniger stark als die
langen Monate des Stellungskriegs. Diesen gab es zwar auch
an der Ostfront, etwa auf Gallipoli, an der Saloniki-Front und
am Isonzo. Doch an der Westfront erreichte der
industrialisierte Krieg der Massenheere auf engstem Raum
seinen blutigen Höhepunkt.
Im Stellungskrieg schrumpfte die Erfahrungswelt der
Soldaten auf einige Hundert Meter Grabenlabyrinth
zusammen, auf die Unterstände und Stollen. Das Leben spielte
sich unter der Erde ab. »Der moderne Infanterist ist
Erdarbeiter, Bergmann, Zimmermann«, notierte Ernst Jünger
69
1915 in sein Tagebuch.134 Freilich war die Zeit in der
vordersten Linie begrenzt, 48 Stunden, manchmal sechs,
sieben Tage, je nach Frontabschnitt, dann wurde eine
Ruhestellung bezogen. Hier konnte man zwar wieder aufrecht
gehen, sich waschen und ausschlafen, doch lagen die meisten
dieser Ruhestellungen immer noch in Reichweite der schweren
Artillerie – ganz ungefährlich war es also auch hinter der Front
nicht.
An der Westfront tobten nicht nur alles verschlingende
Materialschlachten. An vielen Abschnitten der Front war es
ruhig.
Gelegentliche
Artillerieduelle
und
Stoßtruppunternehmen ins Niemandsland beherrschten das
Tagesgeschehen.135 Der gegnerische Soldat blieb meist
unsichtbar oder tauchte nur schemenhaft am Horizont auf. In
Nahkämpfen Mann gegen Mann fiel nur ein Prozent der
Soldaten. Ernst Jünger war nach seiner Verwundung in der
Somme-Schlacht entsprechend frustriert über diesen »ewigen
Artilleriekrieg«. Er bekam in zweieinhalb Jahren kaum einen
Gegner zu sehen, obwohl er sich oft an vorderster Front
befand. In seinem Tagebuch beschreibt er geradezu genüsslich,
wie er im März 1917 dann endlich einen Engländer deutlich
im Visier seines Gewehres erblickte und ihn mit einem
»trefflichen« Schuss tötete.136 Einen Gegner zu sehen, ihn
bekämpfen zu können, am besten mit sichtbarem Erfolg, hieß
für einen Moment aus der Ohnmacht herauszutreten, den
Stellungskrieg nicht nur passiv zu erdulden, sondern aktiv den
militärischen Auftrag zu erfüllen. So wird verständlich, dass
Leutnant d. R. Hermann Reinhold im August 1917 die
folgenden Zeilen über seine Erlebnisse in der Schlacht von
Arras an seine Familie schrieb: »[Man] schießt […] mit
jauchzender Freude in lebende Massen junger Menschen
70
hinein, und je mehr blutend zusammenbrechen, desto größer
die Begeisterung.«137
Diese Anpassung an die Logik des Krieges ging
erstaunlich schnell. Sie brauchte nur wenige Wochen. »Die
Franzosen machen auch hin und wieder Angriffe«, schrieb der
Artillerist Rudolf Herms bereits am 25. September 1914 in
sein Tagebuch. »Dann lassen wir sie hübsch herankommen,
und wenn sie recht schön zu fassen sind, so wischen wir sie
mit ein paar Gruppen Schrapnells von der Landkarte. Sehr
saubere Arbeit! Gestern hat unsere 2. Bttr. auf Infanterie
geschossen, in deren vorderster Linie Turkos waren. Bei den
ersten Schrapnells warfen die die Hände hoch, um Gnade
bittend. Na, Gefühlsduselei hat man sich Gott sei Dank
abgewöhnt. Also wurde weitergemetzelt.« Als eine weitere
Welle Franzosen angriff, »hat unsere Infanterie mit ihren
Maschinengewehren reine Arbeit gemacht. So gehört sich das.
Erst ordentlich Schrapnells für die grobe Arbeit und dann
Musketiere und Masch.-Gewehre, um den Rest zu verputzen.
Die nötigen Nerven haben unsere Kerls jetzt auch.«138
Die Kampfkraft einer Division und damit ihre Chance, auf
dem Schlachtfeld Erfolg zu haben, wurden mehr noch als von
der Qualität der Ausbildung oder der Moral der Soldaten von
der Zahl der ihr zugewiesenen Artillerie bestimmt. Der
einzelne Soldat, seine soldatischen Tugenden, all das spielte
vor allem an der Westfront nur eine untergeordnete Rolle.
Immerhin gelang es den Deutschen über den Krieg hinweg,
einen Teil ihres Heeres so aufzufüllen und auszurüsten, dass es
angriffsfähig blieb. 1918 gelang das noch für vielleicht 60
Divisionen, während die übrigen als Stellungseinheiten an
ruhige Abschnitte verlegt wurden. Die US Army bewertete
1917/18 von 251 deutschen Divisionen etwa 40 als »first
class«. Wenngleich die Kriterien für eine solche Bewertung
71
nicht klar sind und gewiss keinen wissenschaftlichen
Standards entsprechen, erhält man zumindest einen Hinweis
auf die qualitative Angleichung deutscher Verbände. In der
ersten Kategorie finden sich nämlich nicht nur die 1.
Gardedivision als »one of the very best German divisions«139,
von der nur wenige Soldaten in Gefangenschaft gingen, oder
die 17. Infanteriedivision, die schon 1866 im Deutschen Krieg
gekämpft hatte. Auch die 1914 aufgestellte 13.
Reservedivision oder die erst 1915 gebildete 50.
Infanteriedivision wurden als »first class« bezeichnet.
Ordensverteilungen liefern einen weiteren Hinweis, dass
die Unterschiede zwischen den Einheiten nicht sehr groß
waren. So bekam an der Westfront keine Division mehr als
acht Pour le Mérite verliehen, die 79. Reservedivision brachte
es auf sieben, die 2. Garde-Infanteriedivision auch nur auf
sechs. Eine ähnliche Verteilung ergibt sich bei dem höchsten
an Unteroffiziere und Mannschaften verliehenen preußischen
Tapferkeitsorden, dem Goldenen Militärverdienstkreuz.140
Gewiss sind auch Orden kein trennscharfes Merkmal für die
Qualität militärischer Einheiten, da die Vergabe nicht nach
objektivierbaren Kriterien erfolgte. Sie sind aber zumindest
ein Indiz, dass eine relativ große Zahl von Verbänden aus Sicht
der höheren Führung recht ähnlich kämpfte.141
Die Zahl der intrinsisch motivierten Soldaten war bei der 1.
Gardedivision gewiss höher als bei einer durchschnittlichen
Landwehrdivision. Aber selbst bei den motiviertesten
Kämpfern machte sich unter den Belastungen des Krieges
dumpfe Niedergeschlagenheit breit. Nach acht Wochen
erbitterter Kämpfe vor Verdun war von der hoffnungsfrohen
Stimmung der sorgfältig zusammengestellten Verbände, die
teilweise aus den ältesten preußischen Divisionen bestanden,
nichts mehr zu spüren. Stabsarzt Dr. Alfred Bauer, der Leiter
72
des Hauptlazaretts bei Verdun, schrieb zwei Monate nach
Beginn des Angriffs am 23. April 1916 in sein Tagebuch:
»Sehr viele Leichtverwundete; manche, denen fast nichts fehlt,
die nur eine Gelegenheit suchen, von der Front fortzukommen.
Die Truppe macht in der Tat einen vollkommen
demoralisierten Eindruck, der doch sehr zu denken giebt;
keine Spur von irgendwelcher Begeisterung oder
Pflichtauffassung mehr. Was für ein Unterschied gegen die
erste Zeit. Der Krieg dauert zu lange. Jetzt giebt es keinen
Drang zur Front mehr, nur durch Zwang halten sie noch aus
und suchen sich ihm auf jede Weise zu entziehen. Simulation,
Selbstverletzungen, angeblich natürlich ohne Absicht, sind an
der Tagesordnung und leider herrscht auch bei vielen
Offizieren gar keine hoffnungsfreudige Stimmung. Wirklich,
das sind keine Krieger mehr, das ist zum großen Teil eine zur
Schlachtbank geführte Herde.«142
Die tribal cultures der alten Armee verloren auf den
Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs an Kontur. Die
Kavallerie verschwand beinahe vollständig von der Bildfläche
und büßte damit auch ihre prominente Stellung in Militär und
Gesellschaft ein. Die meisten Einheiten mussten ab 1916 ihre
Pferde an die Artillerie oder den Nachschub abgeben, wurden
entweder ganz aufgelöst oder zu Kavallerie-SchützenDivisionen für den Kampf zu Fuß umgebildet. Aus der Masse
des Heeres stachen nur wenige Spezialverbände wie das
Alpenkorps – dem auch Hermann Balcks Jägerbataillon Nr. 10
angehörte – oder die 18 Sturmbataillone hervor. Diese
bestanden aus unverheirateten Freiwilligen, die höchstens 25
Jahre alt, besonders gut ausgerüstet und für den Nahkampf im
Stellungskrieg ausgebildet waren. Sie dienten einerseits als
Lehrverbände, die andere Einheiten in der neuen
Angriffstaktik ausbildeten143, kämpften aber auch selber an
73
den Brennpunkten. Sie waren an der speziellen Bewaffnung –
Pistolen, kurze Karabiner, Flammenwerfer und 1918 auch die
ersten Maschinenpistolen – und durch besondere Uniformteile
und Ausrüstungsstücke, etwa die lässig über Kreuz getragenen
Brotbeutel für die Handgranaten oder die Wickelgamaschen,
schon äußerlich zu erkennen. Kleine Trupps von sechs bis acht
Mann sollten die feindlichen Linien infiltrieren, starke
Verteidigungsstellungen
umgehen,
schwache
Grabenstellungen aufrollen und rasch ins Hinterland
vorstoßen.144
Schon im Krieg umwehte die Sturmtruppen der Nimbus
einer verschworenen Kriegergemeinschaft, gar eines neuen
Menschentypus, »ein Mann in höchster Steigerung aller
männlichen Eigenschaften. […] Es ist eine ganz neue Art von
Kriegern. […] In Allem und Jedem für den Kampf gerüstet,
ohne irgendwelche überflüssige Zutat. Und doch umwittert die
Gestalten der Hauch der Romantik, das alte Bild der Ritter
wird in uns wach«, hieß es dazu im November 1917 in der
Berliner Börsen-Zeitung.145 Dieser Mythos wurde nach dem
Krieg weiter kräftig gepflegt.146 Der Begriff der Elite wurde
während des Ersten Weltkriegs nicht gebraucht, er ist eine
spätere Zuschreibung.147 Auch Ernst Jüngers viel zitierte
Adelung der Stoßtruppführer als »Fürsten des Grabens«, als
verwegene Kämpfer des Grabenkrieges mit den »harten,
entschlossenen Gesichtern […], die der Stunde gewachsen
waren«, war erst in seinem 1920 veröffentlichten Roman »In
Stahlgewittern« zu finden. Seine Tagebücher enthalten nichts
dergleichen.148 Der Habitus des Kriegers blieb nicht auf die
wenigen Sturmbataillone begrenzt. Er war bei etlichen
Soldaten der regulären Infanterieeinheiten ohnehin vorhanden.
Aber die neue Infanterietaktik bewirkte zumindest bei den
intrinsisch motivierten Soldaten Veränderungen im Selbstbild,
74
sie konnten jetzt aktiver und selbstständiger auf dem
Schlachtfeld agieren. Allerdings kennen wir vor allem die
späteren literarischen Zuschreibungen, wissen aber kaum
etwas über die zeitgenössischen Reflexionen der
Stoßtruppkämpfer, die im Herbst 1918 andere gewesen sein
mögen als noch ein halbes Jahr zuvor.
Die körperlichen und seelischen Belastungen des
jahrelangen Abnutzungskriegs, die gewaltigen Verluste und
die schlechte Versorgungslage stellten die deutsche Armee vor
enorme Herausforderungen, um die Kampfmoral zu erhalten.
Oberst Albrecht von Thaer schrieb unter dem Eindruck der
Somme-Schlacht im August 1916 an seine Frau: »Jedenfalls
hat der Herrgott unserem Volk so gute Soldaten beschert, wie’s
wohl noch nie gegeben hat. Sie wissen doch alle, daß ein
Korps nach dem anderen erst hier verbluten muß wie eine
Zitrone in der Presse, bis es wieder abreisen darf. Das
dauernde Aushalten in dieser Hölle mit diesem Bewußtsein ist
eine Anforderung ungeheurer Art. Ich glaube kaum, daß ich
mit meinen Nerven für lange ihr gewachsen wäre.«149 Gewiss
kam es vor, dass sich Soldaten im Trommelfeuer der
Materialschlachten ergaben, anstatt weiterzukämpfen. Es
machte sich auch Hass auf Offiziere breit, die im Hinterland
gut versorgt und ohne Gefahren lebten. Anders als in der
französischen oder russischen Armee kam es bei den
deutschen Streitkräften aber nicht zu Meutereien. Es gelang
erstaunlich lange, die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten.150
Die Loyalität zur Nation, vor allem aber zur Einheit und zu
den Kameraden blieb den gesamten Krieg über hoch. Das lag
zum einen daran, dass die Männer eine beachtliche Resilienz
entwickelten und die permanente Lebensgefahr immer wieder
erfolgreich verdrängten.151 Zum anderen gab es eine ganze
Reihe von wirkungsvollen Fürsorgemaßnahmen wie die
75
Feldpost, Urlaub und vor allem ein seit 1916 intensiv
praktiziertes Rotationssystem, sodass die Soldaten nicht zu
lange in der vordersten Linie lagen. Das Fronterlebnis
schweißte die Männer auch mit ihren Unteroffizieren und
Leutnanten zusammen. »Schützengrabensozialismus« wurde
das später ein wenig despektierlich genannt.152 Gewiss blieben
die Standesunterschiede zu den Offizieren bestehen, es gab
auch Schikanen und Missbrauch.153 Aber typisch war eher,
dass sich viele der unteren Offiziersränge durch Leistung und
Fürsorge
unter
denselben
extremen
Bedingungen
auszeichneten und ihnen von der Truppe deshalb gewisse
Privilegien zugestanden wurden.
Dass die hohe Generalität in der Obersten Heeresleitung
oder an der Spitze einer Armee ein anderes Leben führte, war
gemeinhin akzeptiert. Der eigentliche Zorn richtete sich gegen
die Bataillons-, Regiments- und Divisionskommandeure, die
in der vordersten Stellung kaum zu sehen waren und sich mit
ihren Stäben das Leben vermeintlich allzu leicht machten.154
Missgunst und Hass waren wohl auch darin begründet, dass es
in der vordersten Linie bald kaum mehr Offiziere gab, weil sie
aufgrund der hohen Verluste rasch höhere Aufgaben erfüllen
mussten.
Eine
Rotation
von
Stabsoffizieren
in
Frontkommandos gab es kaum, und so haben die meisten von
ihnen in der Tat den vordersten Graben nie gesehen. Hitler
zielte auf dem Höhepunkt seines Streits mit Generalstabschef
Franz Halder genau auf diesen Punkt ab. »Was wollen Sie,
Herr Halder, der Sie nur, auch im ersten Weltkrieg, auf
demselben Drehschemel saßen, mir über die Truppe erzählen«,
brüllte er diesen im September 1942 an. »Sie, der Sie noch
nicht einmal das schwarze Verwundetenabzeichen tragen.«155
Halder wusste der Überlieferung nach darauf nichts zu
antworten und stand den Tränen nahe. Er hatte in der Tat die
76
Kriegsjahre nur in Stäben hinter der Front verbracht und war –
anders als Hitler – auch nie verwundet worden.
Die Ordenspolitik vergrößerte die Distanz zwischen
Frontsoldaten und Etappe noch weiter.156 Die Auszeichnungen
waren wie kaum etwas anderes Ausdruck einer
Klassengesellschaft. Sie wurden vor allem an höhere Offiziere
verliehen, die sich kaum den Gefahren der vordersten Linien
aussetzen mussten. Das Eiserne Kreuz II. Klasse wurde
hingegen so inflationär verliehen, dass es keinen Wert mehr
besaß – rund 5,4 Millionen Mal. Somit erhielten 40 Prozent
aller Soldaten diesen Orden. Höhere Auszeichnungen erhielten
die Mannschaftsdienstgrade kaum. Nur 472 Eiserne Kreuze I.
Klasse gingen bis Sommer 1918 an einfache Soldaten. Und
dabei entschieden allzu oft gute Beziehungen zu den Stäben
im Hinterland über die Verleihung und nicht etwa besondere
Tapferkeit. Auch der Gefreite Adolf Hitler vollbrachte als
Meldegänger keine Heldentaten und hatte die Auszeichnung
mit dem EK I am 4. August 1918 vor allem dem
Regimentsadjutanten zu verdanken, der ihn gut kannte.157
Dass sich die Offiziere mehrheitlich der Gefahr entzogen,
davon konnte keine Rede sein. Die Todesrate der
Reserveoffiziere war mit 15,7 Prozent höher als bei den
einfachen Soldaten (13,3 Prozent), und bei den aktiven
Offizieren war sie mit 24,7 Prozent fast doppelt so hoch.158
Allerdings betraf dies überproportional die unteren
Offiziersränge. Lediglich 63 deutsche Generäle fielen im
Ersten Weltkrieg an der Front, im Zweiten waren es 292.159
Und doch führten die internen Spannungen nicht dazu,
dass die Streitkräfte dysfunktional wurden. Die Gemeinschaft
der Frontkämpfer wurde in der Weimarer Zeit zwar mythisch
überhöht, aber sie war kein Hirngespinst rechter
Propagandisten. Die gemeinsame Fronterfahrung trug in
77
erheblichem Maße zur Kohäsion der deutschen Einheiten bei.
Die große Politik dürfte für den Zusammenhalt keine
wesentliche Rolle gespielt haben, wenngleich sich dies bei
einer Gesamtzahl von 13 Millionen Soldaten empirisch nicht
belegen lässt. Aus der Feldpostbrief-Forschung ist aber
bekannt, dass die Soldaten kaum über Politisches schrieben.160
Die Stimmungsberichte der Divisionen des Heeres zeigen ein
ähnliches Bild. Als Ludendorff am 1. Mai 1917 von den
Truppenteilen Meldungen anforderte, wie die Lage im Innern
Deutschlands und die Kriegsziele gesehen würden, bekam er
zu hören, dass sich »ein grosser Teil der Mannschaften
weitreichenden Gedanken nicht« hingeben würde und die
Kriegsziele vielen »gleichgültig« seien (6. Armee). »Um
Kriegsziele kümmert sich der einfache Mann wenig. Er macht
sich keine Gedanken, wie sich sein Loos nach dem
Friedensschluss gestaltet. […] Er wünscht nur den Frieden,
weil er eben nur an sich, höchstens noch an seine Familie
denkt«, hieß es von der 1. Bayerischen Reservedivision.161
In welchem Ausmaß der soziale und politische Protest in
der Heimat gerade 1918 auch die Truppen an der Westfront
erfasste und damit zum Zusammenbruch beitrug, ist nach wie
vor umstritten. Während Benjamin Ziemann an der These
eines verdeckten Militärstreiks festhält162, wonach sich
Hunderttausende Soldaten in der Etappe herumdrückten und
versuchten, dem Dienst an der Front zu entkommen, ist
Alexander Watson der Ansicht, dass es weder eine politische
Radikalisierung noch einen verdeckten Militärstreik gab. Er
erklärt den Zerfall der Streitkräfte mit der psychischen und
körperlichen Überforderung der Soldaten. Auch die Offiziere
hätten unter den Belastungen gelitten und ihre Truppen
geordnet in die Gefangenschaft geführt. »Human resilience,
not military discipline, had finally reached its limits.«163 Beide
78
Phänomene schließen einander freilich nicht aus, und der
partielle Zusammenbruch des deutschen Eisenbahnnetzes
hinter der Front trug das Seine dazu bei, dass die Soldaten
nicht mehr zu ihren Einheiten kamen.164
Das Ende kam dann ohnehin schnell: Am 8. August 1918
durchbrachen britische und französische Truppen bei Amiens
die deutschen Linien, unterstützt von über 400 Panzern.
Ludendorff sprach vom »schwarzen Tag des deutschen
Heeres«, vor allem, weil sich Teile der deutschen Truppen
widerstandslos gefangen nehmen ließen.165 In den folgenden
hundert Tagen büßte das deutsche Westheer immer mehr an
Kampfkraft ein, auch wenn sich manche Einheiten wieder
erholten.166 Hermann Balck wusste noch Ende September
1918 stolz zu berichten, dass das Jägerregiment 2 den
Engländern »zweifellos weit überlegen« sei und 40 Mann ein
kriegsstarkes englisches Bataillon aus seiner Stellung
geworfen hätten. »Die Stimmung der englischen Truppe wird
in diesem Winter sicher nicht besser, wenn sie in der riesigen
Wüste vor der Hindenburglinie überwintern müssen. Jetzt 20
frische Divisionen und die [rennen] dann den ganzen Kram
über den Haufen, das ist unser aller Ansicht.«167 Doch wenige
Tage nach diesem Eintrag durchbrachen britische Truppen die
Hindenburglinie. Frische Divisionen gab es nicht mehr. Am 9.
November waren von 179 nur noch sieben voll
einsatzbereit.168 Der Krieg war verloren.169
Verbrechen
Am 22. August 1914 erlebte der Arzt des ReserveInfanterieregiments 78, Alfred Bauer, die Kämpfe um das
südbelgische Charleroi. Er notierte in sein Tagebuch: »Nun
befahl der Oberst, welcher zufällig bei unserm Bataillon war,
die methodische Durchsuchung der Häuser, namentlich
solcher, wo ausgehobene Dachpfannen und Schießscharten in
79
den Fensterläden die Anwesenheit von Franktireurs vermuten
ließen. Haus für Haus wurden die Türen mit dem Kolben
eingeschlagen und die Bewohner herausgetrieben; wurde
jemand mit der Waffe oder mit rauchgeschwärzten Händen
gefunden, so wurde er über den Haufen geschossen oder mit
dem Bajonett niedergestochen und das Haus den Flammen
übergeben. Leider wurden die meisten Heckenschützen nicht
erwischt; bis die verschlossene Haustüre unter den
Kolbenstößen zusammengebrochen war, hatten sie längst
durch eine Hintertüre die Flucht ergriffen; man fand dann nur
noch das Gewehr an der Schießscharte und daneben oft die
Patronen sorgfältig aufgeschichtet; daß es sich nicht um
reguläre Truppen handeln konnte, sah man aus der Art der
Gewehre. Schrotflinten, Scheibenbüchsen mit fingerdicken
Bleikugeln waren die Mordinstrumente, mit denen nach uns
geschossen wurde. Es ist ja im höchsten Grade zu bedauern,
daß bei solchen Gelegenheiten die eigentlichen Rädelsführer
meistens nicht erwischt werden und daß dann Unschuldige
dafür büßen müssen. […] Wenn die Leidenschaften und
Urinstinkte erst einmal geweckt sind, wenn die
Menschenbestie erst Blut geleckt hat, dann ist es schwer, ihr
Zügel anzulegen, dann verwischen sich die schmalen Grenzen
zwischen Notwehr und Totschlag.«
Als Bauer einen im Sterben liegenden Dragoner versorgte,
wurde er selbst von einem »Mann in mittleren Jahren, mit dem
typischen dunklen Knebelbart« beschossen. »Ich habe später
eidlich zu Protokoll gegeben, daß es erstens zweifellos ein
Zivilist war, der auf mich schoß, ferner, daß eine
augenscheinliche Verletzung der Genfer Convention vorlag;
der Betreffende mußte, da es sich um eine Entfernung von
höchstens 10–12 Meter handelte, unbedingt sehen, daß ich
mich um einen Verwundeten bemühte, da ich ihm außerdem
80
die linke Seite zuwandte, so war die weiße Armbinde mit dem
roten Kreuz deutlich zu erkennen.«170
Der deutsche Einmarsch in Belgien und Nordfrankreich war
von einer ungeheuren Gewalteskalation begleitet, der vor
allem im August 1914 5000 bis 6500 belgische und
französische Zivilisten zum Opfer fielen. Bauers Zeilen
schildern exemplarisch die Ereignisse aus deutscher Sicht:
Belgische Zivilisten hätten sich illegalerweise am Kampf
gegen die deutschen Truppen beteiligt, die daraufhin mit
exzessiver Gewalt antworteten. Unter Historikern wurde über
die Frage, ob es belgische Franktireurs überhaupt gab oder ob
die Berichte über sie nicht auf Einbildung beruhten, gerade in
jüngster Zeit wieder heftig gestritten. Während die einen
allenfalls wenige Einzelfälle von zivilem Widerstand für
plausibel halten, sehen andere im Widerstand der als Soldaten
kaum zu erkennenden belgischen Garde Civique einen
gewichtigen Grund für die Eskalation.171 Wir wissen nicht, ob
am 22. August 1914 tatsächlich ein belgischer Zivilist danach
trachtete, Alfred Bauer mit einer Schrotflinte zu töten.
Wahrscheinlicher ist, dass es sich um einen Angehörigen der
Garde Civique handelte, den Bauer nicht als solchen erkannte.
Wie auch immer man das Ausmaß der Franktireurs
einschätzt – sicher ist, dass die deutschen Soldaten alles
andere als besonnen reagierten. Offensichtlich waren die
meisten der Ansicht, dass es legitim sei, auf frischer Tat
ertappte Zivilisten augenblicklich niederzuschießen und ihr
Haus
anzustecken.
Ähnlich
wie
das
ReserveInfanterieregiment 78, das in Charleroi seine Feuertaufe
erlebte, verhielten sich viele deutsche Einheiten. Es grassierte
eine regelrechte Partisanenpsychose unter den unerfahrenen
Truppen, die überall Hinterhalte witterten und vielfach mit
brutaler Gewalt antworteten. »Für heute Abend werden
81
weitere Unruhen in Oneux [östlich von Lüttich] befürchtet.
Wir von der Artillerie sind für Niederlegung des Ortes und
Austreibung der Bevölkerung unter Belassung von Geiseln,
wie das bis jetzt von unseren Truppen gehandhabt ist. Leider
ist aber Ortskommandant ein Major vom Rgt. 92, der sich
nicht dazu entschließen kann und sich begnügt hat, die Häuser
niederbrennen zu lassen, aus denen gestern Nacht geschossen
wurde. Unglaubliche Gefühlsduselei«, notierte Leutnant
Rudolf Herms am 10. August 1914 empört in sein Tagebuch.
Als er zwei Wochen später mit seiner Batterie durch Tamines
ritt, sah er den Ort eines deutschen Massakers, Hunderte von
füsilierten und verwundeten Belgiern lagen in dem brennenden
Ort. Außerhalb kamen sie »durch einen Waldhohlweg voll von
deutschen und französischen Leichen, da dort ein erbitterter
Infanteriekampf getobt hatte. Trotz der schrecklichen Anblicke
kann ich nicht sagen, daß ich übermäßig erregt gewesen wäre,
wenngleich ich sonst schon nicht sehen mag, wenn ein Huhn
geschlachtet wird. Die Leichen wirken wie Wachspuppen […]
wie sie so daliegen in den verschiedensten Stellungen.«172
Anders als Bauer reflektierte Herms in seinen Aufzeichnungen
nicht, ob es wirklich gerechtfertigt war, die belgischen
Zivilisten zu töten. Für ihn stand das außer Frage. Der Anblick
ihrer Leichen gehörte zum Krieg dazu wie der von gefallenen
regulären Soldaten. Erst als die Fronten erstarrten, beruhigte
sich die Lage.
Zu ähnlichen Vorfällen kam es im August 1914 auch beim
Einmarsch russischer Truppen nach Ostpreußen, wo 1500
deutsche Zivilisten getötet wurden173, und österreichischungarischer Einheiten nach Serbien, später dann auch in Polen
und Galizien.174 Dass sich diese Gewaltausbrüche zur selben
Zeit in unterschiedlichen Armeen zeigten, lässt das Argument
einer spezifischen deutschen Gewaltkultur nicht sehr plausibel
82
erscheinen. Auch das immer wieder herangezogene Argument,
dass die französischen Franktireurs von 1870/71 eine Art
Traumaerfahrung mit Langzeitwirkung für das deutsche
Militär gewesen seien, die 1914 eine Gewaltdisposition ganz
wesentlich befördert hätte, ist nicht schlüssig.175 Der
Franktireurkrieg 1870/71 war in seiner Dimension viel zu
klein, als dass er die zentralen Erfahrungen des Sieges und der
äußerst blutigen Schlachten der regulären Armeen hätte
überlagern können.176
Das Widerstandsrecht der Zivilbevölkerung war vor 1914
vor
allem
ein
Thema
bei
den
großen
Völkerrechtskonferenzen.177 Da die Deutschen den
kommenden Krieg offensiv zu führen gedachten, also eine
potenzielle Besatzungsmacht waren, wollten sie nur den
Einsatz regulärer Streitkräfte anerkennen und damit zugleich
einen Beitrag zur Einhegung des Krieges leisten. Die kleinen
Staaten vertraten aus nachvollziehbaren Gründen genau die
gegenteilige Auffassung.178 Guerillakriege waren immer weit
brutaler als der Kampf regulärer Armeen gewesen, wie unter
anderem das Beispiel der Napoleonischen Kriege zeigte.
Gängige deutsche Rechtsauffassung war, dass der Widerstand
der Zivilbevölkerung als Kriegsrebellion, Schädigung und
Gefährdung der Besatzungsmacht und Kriegsverrat
aufzufassen sei, wogegen nur die »rücksichtslosesten
Maßregeln« helfen.179 Die vom Generalstab herausgegebene
Schrift »Kriegsbrauch im Landkrieg« bezeichnete 1902 die
Exekution französischer Zivilisten in Bazeilles im September
1870180 als legitim, da diese nicht ausreichend als
Kombattanten
gekennzeichnet
gewesen
seien.
Das
Niederbrennen von Dörfern wurde mit dem Verweis auf ein
ähnliches Verhalten von Napoleon und Wellington als legitime
Reaktion auf zivilen Widerstand betrachtet.181 Es wurde auch
83
von der Möglichkeit gesprochen, Geiseln zu nehmen.
Allerdings gab es in den deutschen Militärvorschriften keine
konkreten Anweisungen, ob und unter welchen Bedingungen
Geiseln erschossen werden durften und wie genau auf
feindliche Freischärler zu reagieren sei.
In diesen Fragen half auch das Völkerrecht nur bedingt
weiter, da bis 1949 diesbezüglich keine Einigung erzielt
werden
konnte.
Immerhin
gestand
die
Haager
Landkriegsordnung von 1899 der Zivilbevölkerung in Artikel
2 ausdrücklich zu, bei Herannahen des Feindes zu den Waffen
zu greifen, wenn sie diese offen führte, unter einem
Kommando stand und ein aus der Ferne erkennbares
Abzeichen trug. Allerdings war nicht geregelt, was zu
passieren hatte, wenn dagegen verstoßen wurde.182 Da es kein
internationales Strafrecht gab, griffen dann die nationalen
Regeln. Wenngleich einschlägige deutsche Handbücher
durchaus Bezug auf die Haager Landkriegsordnung nahmen,
umschifften sie Artikel 2 zumeist. In einem Kommentar zu
den Kriegsartikeln von 1902 – den Berufspflichten deutscher
Soldaten – hält der Autor lediglich fest, dass gegen
Einwohner, die sich am Kampf beteiligen, nur auf
ausdrücklichen Befehl der höheren Führung vorgegangen
werden dürfe und ein solcher Schritt streng begrenzt werden
müsse. Es gab auch ein ausdrückliches Plünderungsverbot.183
Die Regeln und Vorschriften waren allesamt nicht sehr klar,
und wir wissen nicht, was davon überhaupt bis zur
Truppenebene durchdrang.184
Im August 1914 bildete sich in einer Mischung aus
Euphorie, Angst, Frustration und Zeitdruck eine situative
Gewaltdynamik, die sich nur durch das rigorose Einschreiten
der Offiziere hätte eindämmen lassen. Offenbar passierte aber
genau das Gegenteil. Als Orientierung diente nicht die Haager
84
Landkriegsordnung, die den Belgiern ausdrücklich ein
Widerstandsrecht zubilligte, sondern ein Kriegsbrauch, der
genau dies verweigerte. General Ernst von Hoiningen185
ordnete für das Badische Armeekorps beim Wiedereinrücken
in das von den Franzosen geräumte Mülhausen an, dass
»Soldaten [sic!] und Zivilisten, die auch nur den geringsten
Widerstand leisten, sofort zu erschießen sind«.186 Auch
Hermann Balck, der den Vormarsch mit dem Jägerbataillon 10
erlebte, war davon überzeugt, dass ziviler Widerstand sofort
mit dem Tod zu bestrafen sei. Enttäuscht zeigte er sich, als am
10. August in Louveigné ihm verdächtige Zivilisten nur zu
Straßenarbeiten »verknackt« wurden, und zwei Wochen ließ er
später vier vermeintliche Spione kurzerhand exekutieren.187
Die Deutschen waren mit solch rigiden Maßnahmen nicht
allein. Die zaristische Armee war von vornherein entschlossen,
in Ostpreußen ein hartes Besatzungsregime zu etablieren188,
und die österreichisch-ungarische Armee ging 1914 bei ihren
Offensiven gegen Serbien mit großer Radikalität gegen reale
oder vermeintliche Freischärler vor.189 An allen Fronten war
es zu diesem Zeitpunkt Kriegsbrauch, Freischärler zu
exekutieren.190 Das exzessive und wahllose Töten von
Zivilisten on the spot, ohne jedes Gerichtsverfahren, war
freilich auch nach zeitgenössischer Wahrnehmung zweifellos
ein Kriegsverbrechen.
Die Rechtsvorschriften, die örtlichen Kampfbedingungen,
die ethnische und religiöse Konfliktaufladung und vor allem
das Ausmaß des zivilen Widerstands waren in Belgien,
Ostpreußen und Serbien unterschiedlich. Doch alle drei
Invasionsarmeen waren nur zögerlich gewillt, den Exzessen
ihrer Truppen einen Riegel vorzuschieben. Ob sich britische
oder französische Truppen in vergleichbarer Situation ähnlich
verhalten hätten, ist Spekulation. Die britischen Vorschriften
85
waren zumindest deutlich moderater als die deutschen.191 Das
Verhalten der französischen Streitkräfte, die bei der nur
wenige Tage dauernden Besetzung des elsässischen
Mülhausen ebenfalls Zivilisten erschossen und 3000 Frauen,
Kinder und alte Männer deportierten192, deutet darauf hin,
dass sich die Armeen der europäischen Großmächte in
entsprechenden Situationen ähnlich verhielten.
Die
Schreckensnachrichten,
die
Hunderttausende
ostpreußische Flüchtlinge im Deutschen Reich verbreiteten,
und vor allem die Verkündung der völkerrechtswidrigen193
britischen Seeblockade führten schon im Spätsommer 1914 zu
einem weitverbreiteten Gefühl, dass Deutschland sich wie eine
belagerte Festung in einem Existenzkampf um Sein oder
Nichtsein befände. »The blockade did more than any other
action to radicalize the conflict«194, meint der britische
Historiker Alexander Watson. Großbritannien erschien als der
perfideste und gefährlichste Gegner, dem man ohnmächtig
gegenüberstand. Daher verwundert es kaum, dass man
Ziviltote als Kollateralschäden in Kauf nahm, als deutsche
Schlachtkreuzer im November und Dezember 1914 vier Städte
an der britischen Ostküste angriffen, um Teile der britischen
Flotte in eine Falle zu locken. 137 Zivilisten kamen ums
Leben, als die Schiffe mit ihrer Mittelartillerie
Küstenbatterien, Bahnhöfe und Radiostationen beschossen.
Ein nennenswertes militärisches Ergebnis brachte diese
Operation nicht, in Deutschland jubelte man aber, dass nun
auch Großbritannien den Krieg zu spüren bekomme, während
die britische Presse die Deutschen als Mörder von Frauen und
Kindern darstellen konnte.195 In ähnlichem Kontext müssen
auch die Bombenangriffe deutscher Zeppeline auf britische
Städte im Januar 1915 und die Verwendung von Chlorgas im
April 1915 gegen britische Streitkräfte gesehen werden.
86
Im Falle des U-Boot-Krieges ist die Sache noch virulenter.
Reichskanzler Bethmann Hollweg sah sich 1915 von
»weitesten Kreisen in Berlin« und der öffentlichen Meinung
so sehr unter Druck gesetzt, dass er schließlich nachgab, damit
man ihn nicht der Englandfreundlichkeit bezichtigte. Im
Februar 1915 begann die Marine den Handelskrieg gegen die
zivile britische Schifffahrt, die nun ohne Vorwarnung
angegriffen wurde, was gegen das Völkerrecht verstieß.196
Dieser Schritt wurde im September 1915 nach der Versenkung
des britischen Passagierdampfers »Lusitania« zwar wieder
zurückgenommen, aber der Glaube, mit den Unterseebooten
ein Mittel zum »Endsieg«197 in Händen zu halten, war weiten
Teilen der deutschen Öffentlichkeit fortan nicht mehr
auszutreiben. Rechtliche oder moralische Fragen – immerhin
starben durch deutsche U-Boote 28 000 zivile alliierte
Seeleute – spielten dabei kaum eine Rolle. Das Gefühl, sich in
einem nationalen Existenzkampf zu befinden, gegen das
ultimativ Böse und Verschlagene zu kämpfen und keinen
diplomatischen Ausweg zu sehen, öffnete die Büchse der
Pandora.
Andererseits gab es das Moment der Mäßigung, das im
Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite fehlte: Nach Protesten
im In- und Ausland wurden die 60 000 ins Reich
verschleppten
belgischen
Zwangsarbeiter
1917
zurückgeschickt.198 General Erich von Falkenhayn verhinderte
im November 1917 durch Intervention beim osmanischen
Verbündeten ein Pogrom an den palästinensischen Juden, und
nach Gewaltexzessen bei der Aufstandsbekämpfung in der
Ukraine mäßigten sich deutsche Truppen im Kampf gegen die
Bolschewiki 1918, um den Aufstand nicht weiter anzufachen,
nachdem sie noch im Juni desselben Jahres in Taganrog 2000
Gefangene exekutiert hatten.199 Die Besatzungspolitik General
87
Hans von Beselers im polnischen Generalgouvernement war
deutlich milder als jene des Befehlshabers Ost im heutigen
Litauen.200 Aber auch dort war man von den Zuständen der
Jahre 1941/42 unter NS-Herrschaft weit entfernt. Und auf den
schleichenden Zusammenbruch der Kampfmoral im Herbst
1918 reagierte man – anders als im Herbst 1944 und Anfang
1945 – nicht mit Gewalt gegen die eigenen Truppen. 1914–18
wurden 48 Todesurteile gegen eigene Soldaten vollstreckt,
1939–45 waren es 20 000.201
Gemessen am deutsch-französischen Krieg von 1870/71
war die deutsche Kriegführung im Ersten Weltkrieg deutlich
radikaler. Freilich waren die Umstände auch ganz andere.
1914–18 war kein eingehegter kurzer Krieg wie diejenigen des
19. Jahrhunderts, sondern in dem vierjährigen Ringen
entfalteten hochgerüstete Industrienationen ein ungeahntes
Zerstörungspotenzial. Die allseitige Hasspropaganda sprach –
erstmals im Kampf christlicher Nationen gegeneinander – dem
Gegner ab, auf der gleichen zivilisatorischen Stufe zu stehen,
was einen frühen diplomatischen Ausgleich unmöglich
machte. Von der Gewalteruption des Zweiten Weltkriegs war
man jedoch noch weit entfernt.
Vergleicht man die Verbrechen der kriegführenden Mächte,
so fällt auf, dass der Krieg an der Ostfront, wie der Historiker
Peter Lieb feststellte, generell radikaler war als an der
Westfront. Hier wurden mehr Zivilisten getötet und deportiert,
starben vor allem deutlich mehr Kriegsgefangene202, und es
gab mehr Zerstörungen bei Rückzügen. Das Deutsche Reich,
Österreich-Ungarn und Russland haben sich allesamt schwerer
Kriegsverbrechen schuldig gemacht, wobei zumindest bis
1917 die Deutschen einen weniger entgrenzten Krieg führten
als die beiden anderen Großmächte.203 Im Westen war es
genau andersherum. Hier eskalierte das Deutsche Reich
88
stärker als seine Gegner. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass
Frankreich und Großbritannien keine Besatzungsmächte waren
und sich Deutschland in einer ökonomisch ungleich
schlechteren Lage befand. Jörn Leonhard sieht in letzterem
Punkt einen der entscheidenden Gründe, warum britische und
französische Gefangene ab 1916 in Deutschland schlechter
behandelt wurden als deutsche im Gewahrsam der
Westmächte.204 Dort, wo zumindest ansatzweise vergleichbare
Rahmenbedingungen herrschten, weisen die Mechanismen der
Eskalation im Ersten Weltkrieg – mit Ausnahme des
osmanischen Genozids an den Armeniern205 – mehr
Ähnlichkeiten als Unterschiede auf. Guerillapsychosen gab es
vor allem zu Beginn des Krieges überall bei den Offensiven
unerfahrener Truppen; Massensterben von Kriegsgefangenen
gab es überall dort, wo die Verwaltung unterentwickelt und die
Versorgungslage schlecht war. Zur Ermordung von Zivilisten
kam es zumeist dort, wo es reale oder vermeintliche Aufstände
gegen Besatzungsmächte gab.
Fazit
Kaum eine Epoche der deutschen Geschichte präsentierte sich
aus zeitgenössischer wie auch aus heutiger Sicht ambivalenter
als das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1918. Es
verkörperte Rückwärtsgewandtheit und Moderne, Aufbruch
und Stillstand gleichermaßen. Sosehr sich die Gelehrten
darüber einig sind, mit dem Kaiserreich einen besonders
vielschichtigen Forschungsgegenstand vor sich zu haben, so
sehr gehen die Meinungen über das »Zweite Reich«
auseinander. Während etwa Jörg Fisch und Matthew Jefferies
der Ansicht sind206, dass im internationalen Vergleich die
Entwicklung Deutschlands kaum anders verlaufen sei als in
anderen europäischen Staaten, sehen Volker Berghahn oder
Volker Ullrich das Kaiserreich weitaus kritischer und betonen
89
die Besonderheiten: politische Rückständigkeit und
demokratiefeindliche Tendenzen, die dem Dritten Reich den
Weg bereiteten.207 Ambivalent war auch die Rolle des Militärs
im Kaiserreich. Die Siege in den Einigungskriegen ließen die
Kritik der Liberalen verstummen und ebneten einer
Glorifizierung des Militärischen den Weg. Auch die
Sozialdemokraten arrangierten sich zunehmend mit der
Armee. Sie kritisierten aber scharf die Missstände, plädierten
für eine soziale Modernisierung und nutzten dafür geschickt
die Bühne des Reichstags und die vielfältige Presselandschaft.
Verfassungsrechtlich hatten die Streitkräfte eine
Sonderstellung inne. Nur ihr Budget war der
parlamentarischen Kontrolle unterworfen. Ansonsten waren
sie nur dem Kaiser verpflichtet. In der politischen Praxis hing
viel davon ab, ob es dem Reichskanzler gelang, beim Kaiser
das Primat der Politik gegenüber den Militärs durchzusetzen.
Bismarck hat sich die Zügel nie aus der Hand nehmen lassen,
wobei ihm zugutekam, dass Kaiser Wilhelm I. im Zweifel
immer seinem Rat folgte. Der seit 1888 regierende Wilhelm II.
mischte sich stärker in die Politik ein, weshalb die vier
Reichskanzler, die von 1890 bis 1917 im Amt waren, ihren
Einfluss auf das Militär immer wieder mühsam aushandeln
mussten. In welchem Umfang dies gelang, hing sehr von der
jeweiligen Persönlichkeit ab. Reichskanzler von Bülow entglitt
während der Niederschlagung des Herero-Aufstands zeitweise
die Kontrolle, und Bethmann Hollweg konnte sich 1912 in
Fragen der Flottenrüstung nicht gegen Admiral von Tirpitz
durchsetzen. Das darf aber nicht den Blick darauf verstellen,
dass in den großen Entscheidungen von Krieg und Frieden der
Reichskanzler stets den Hut aufhatte. Es war Bethmann
Hollwegs Entscheidung, die Logik des Militärischen zu
akzeptieren, wie sie etwa im deutschen Aufmarschplan von
90
1914 festgelegt war. Er vertraute den Generälen und kümmerte
sich nicht um Alternativen. Der Generalstab aber versäumte es
sträflich, seine Zweifel an den eigenen Möglichkeiten mit der
Politik zu teilen und eine brauchbare Strategie für ein
Krisenszenario zu entwickeln.
Die Auftaktoffensive des August 1914 scheiterte unter
gewaltigen Verlusten. Anders als 1870 erwies sich der
französische Generalstab als den Deutschen überlegen. Im
weiteren Verlauf des Krieges zeigte sich dann aber, dass das
Kaiserreich über eine moderne und vor allem erstaunlich
lernfähige Armee verfügte. Sie lernte im Westen schnell die
Defensive und verteidigte sich erfolgreich gegen die Angriffe
der Briten und Franzosen. An den anderen Fronten blieben die
Deutschen offensiv und schlugen die zaristische, die serbische,
die rumänische und die italienische Armee. Und sie lösten
schließlich sogar das anspruchsvollste militärtaktische
Problem der Zeit: den Durchbruch einer schwer befestigten
Stellungsfront auch im Westen. Außerdem gelang es trotz
hoher Verluste, die Kohäsion und die Schlagkraft der Truppen
vier Jahre lang aufrechtzuerhalten. Auch wenn es etwa
aufgrund der Klassengegensätze zu erheblichen Verwerfungen
in der Truppe und stellenweise geradezu zu Hass auf die
Offiziere kam, gab es keine Meutereien wie etwa in den
französischen oder russischen Streitkräften.
Der Krieg, so resümierte unlängst Holger Afflerbach, war
also keinesfalls von Anfang an entschieden, vielmehr blieb
sein Ausgang offen. Deutschland konnte ihn gegen die
numerische Übermacht der Entente zwar nicht gewinnen, es
bedurfte aber schwerer strategischer Fehlentscheidungen, um
den Krieg letztlich zu verlieren.208 Wäre die Reichsleitung auf
das Friedensangebot des amerikanischen Präsidenten Wilson
vom 22. Januar 1917 eingegangen und hätte sie auf den
91
uneingeschränkten U-Boot-Krieg verzichtet, wäre es wohl auf
ein Remis hinausgelaufen. Doch Berlin entschied sich anders,
und mit dem Kriegseintritt der USA im April 1917 war der
Kampf zugunsten der Entente entschieden. Die Hoffnung der
Obersten Heeresleitung, die Westmächte im Frühjahr 1918
schlagen zu können, noch bevor die amerikanischen Truppen
ihre Kraft entfalten würden, erwies sich als illusorisch. Die
taktische Expertise konnte keinen strategischen Sieg erringen.
Ohne den Ersten hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht
gegeben. Beide Konflikte sind eng miteinander verzahnt. Jene
Politiker und Generäle, die zwischen 1939 und 1945 an den
Schaltstellen der Macht saßen, waren vom Ersten Weltkrieg
und seinen Folgen tief geprägt: Hitler, Stalin, Churchill,
Roosevelt, de Gaulle – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Aber auch bei den ganz normalen Bürgern hatte der
Weltenbrand von 1914–18 tiefe Spuren hinterlassen. Der
Siegeszug der Bolschewiki in Russland, der Aufstieg von
Faschismus und Nationalsozialismus in Italien und
Deutschland waren eine Folge davon. Im Lichte der neuesten
Forschung erscheinen die Unterschiede beider Kriege jedoch
größer als die Gemeinsamkeiten. Der Erste Weltkrieg war ein
Konflikt eigener Logik, in dem es – vereinfacht gesprochen –
eine kategoriale Ähnlichkeit im Denken und Handeln der
Großmächte gab. Das betrifft die Verantwortung für den
Ausbruch des Krieges209 ebenso wie die Kriegsverbrechen
oder die Kriegsziele. Vor allem: Die Monarchen der Jahre
1914 bis 1918 führten einen anderen Krieg als die Diktatoren
der Jahre 1939 bis 1945.
92
II.
Armee der Niederlage. Die
Reichswehr in der Weimarer
Republik (1918–1933)
Staat im Staate?
Am 9. November 1918 brach die alte Ordnung des Deutschen
Reiches wie ein Kartenhaus zusammen. Aber noch war offen,
was stattdessen kommen würde. Wer konnte sich im Ringen
um die Macht in Deutschland durchsetzen: die gemäßigten
Sozialdemokraten, die radikale Linke oder doch die alten
Eliten? Unklar war auch, wie sich die sechs Millionen
Soldaten,
die
nach
den
Bedingungen
des
Waffenstillstandsvertrags in kürzester Zeit demobilisiert
werden mussten, mit den veränderten politischen Realitäten
abfinden würden. In den zerfallenen Vielvölkerreichen
Russland und Österreich-Ungarn tobten blutige Bürgerkriege.
Von dort aus drohten Gewalt und Terror nach Deutschland
überzugreifen. Und auch die äußere Integrität des Staates
schien gefährdet. Am 11. November war der Waffenstillstand
unterschrieben worden, und seit Januar 1919 verhandelten die
Siegermächte in Versailles über einen Friedensvertrag. Wo die
künftigen Grenzen Deutschlands verlaufen würden, war
vollkommen offen. Unterdessen versuchten die neu
entstehenden Staaten Ost- und Südosteuropas mit
Waffengewalt ihren Teil der Beute zu sichern.
In dieser unwägbaren Lage hatten für die Regierung in
Berlin die innere und äußere Sicherheit absolute Priorität. Es
kam darauf an, sich gegen die revolutionsbereite radikale
Linke, aber auch gegen Ansprüche des neuen polnischen
93
Nationalstaates zu verteidigen. Aber wie? Die nur schwach
bewaffnete Polizei war kaum in der Lage, für Ruhe und
Ordnung zu sorgen, und von der einstmals so stolzen Armee
war im Winter 1918/19 nicht mehr viel übrig. Die meisten
Soldaten wollten nur noch nach Hause. Die aus Frankreich
und Belgien zurückkehrenden Einheiten lösten sich meist auf,
sobald sie den Rhein überquert hatten. So kooperierten die
provisorischen, dann die regulären Regierungen der neuen
Republik mit dem, was an bewaffneten Kräften noch
vorhanden war: Reste der Armee, aufgefüllt mit einem
Sammelsurium an Milizverbänden, gemeinhin Freikorps
genannt.1 Daraus bildete sich im März 1919 eine 400 000
Mann starke vorläufige Reichswehr, die dann im März 1921,
nach Inkrafttreten des Versailler Vertrags und der dort
geforderten Truppenreduzierung auf 100 000 Mann, ihre
endgültige Form erhielt.
Der sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav
Noske und der württembergische General Walther Reinhardt
als Chef der Heeresleitung waren sich bewusst, dass sich aus
diesen Kräften kaum eine republikanische Vorzeigearmee
würde aufstellen lassen. Aber sie versuchten zumindest
Streitkräfte zu schaffen, die der Republik pragmatisch-loyal
ergeben waren. Die Chancen dazu waren durchaus vorhanden,
denn die Freikorps waren keineswegs nur die
protofaschistischen Kampfbünde, zu denen sie später gemacht
wurden. 1919 waren viele ihrer rund 400 000 Mitglieder wohl
schlicht aus ökonomischen Gründen bei der Fahne, viele
waren nicht Veteranen des Weltkriegs, sondern Ungediente
und Freiwillige, und es gab auch liberale und
sozialdemokratisch orientierte Milizen und Bürgerwehren.2
Die Regierung versuchte, wenn auch mit überschaubarem
Erfolg, Volkswehren aufzustellen, um den bewaffneten
94
Verbänden eine politisch breitere Basis zu geben. Bis
November 1923 schlugen diese Regierungstruppen zahlreiche
Aufstände von bewaffneten Spartakisten und streikenden
Arbeitern nieder, kämpften in Posen und Oberschlesien gegen
polnische Verbände, im Baltikum auf Bitten Großbritanniens
gegen die Rote Armee und stellten sich schließlich auch gegen
den Hitler-Putsch in München.
Dass es die Republik im November 1923 überhaupt noch
gab, lag auch an der Reichswehr und ihren Helfern. Aber der
Preis war hoch: Insbesondere die Niederschlagung der
Unruhen in Berlin im März 1919, der Münchner Räterepublik
im Mai 1919 und des Ruhraufstands von 1920 artete in
Exzesse der Regierungstruppen aus.3 Tausende Menschen
starben. Das Ausmaß der Gewalt auf beiden Seiten war
allerdings weit geringer als in vielen anderen Ländern Mittelund Osteuropas. 1918/19 fand in Deutschland eine
»demokratisch legitimierte Reform-Revolution« statt, wie
Dieter Langewiesche es unlängst treffend formulierte.4 Diese
»milde Revolution« ermöglichte einen humaneren Übergang
vom Krieg zum Frieden als in den meisten anderen
Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs. Sie war auch deshalb
weniger gewalttätig, weil sie nur in begrenztem Maße in die
gesellschaftlich-wirtschaftlichen Strukturen eingriff. Gerade
im Hinblick auf das konservative Offizierkorps ist dies oft
kritisiert worden. Immerhin schreckten während des KappPutsches im März 1920 Generalstabschef Hans von Seeckt
und andere Generäle davor zurück, die Republik zu
verteidigen. Aus heutiger Sicht war es wohl ein Fehler, dass es
die Regierung in dieser Situation nicht zum Schwur kommen
ließ und den Truppen den Befehl gab, sich der putschenden
Marinebrigade Ehrhardt entgegenzustellen. Dazu hatte
Reinhardt als Oberbefehlshaber des Heeres geraten, und drei
95
Viertel der Reichswehr hätten wohl zur Regierung gestanden.5
Aber es kam anders. Das Kabinett rief einen Generalstreik aus,
der den schlecht vorbereiteten Putsch rasch zu Fall brachte. Er
entfremdete aber auch das Militär weiter von der Republik,
spaltete Arbeiter und Soldaten, zumal der Aufstand im
Ruhrgebiet vollkommen außer Kontrolle geriet und der
folgende Ruhrkampf brutal niedergeschlagen wurde. Gustav
Noske musste zurücktreten, und die SPD verzichtete fortan auf
das Wehrressort. So verständlich dieser Schritt politisch war,
so unglücklich war er rückblickend, da die Sozialdemokratie
damit wichtigen Gestaltungsspielraum aufgab.
Der neue Reichswehrminister Otto Geßler von der
linksliberalen DDP war schwach und nutzte die Möglichkeiten
seines Amtes nie aus.6 Als starker Mann ging von Seeckt als
neuer Chef der Heeresleitung aus der Krise hervor.7 Der
ehemalige Gardeoffizier haderte zeitlebens mit dem Untergang
der Monarchie und der Abschaffung der Wehrpflicht. Er war
gewiss nicht der geeignete Mann, um die Armee mit den
neuen politischen Verhältnissen zu versöhnen. Im Gegenteil:
Er betonte stets die Eigenständigkeit des Militärs, das er aus
den parteipolitischen Kämpfen heraushalten wollte.
Unpolitisch war er keineswegs. Er sah die Weimarer Republik
wohl eher als Übergangsphase bis zur Errichtung eines starken
Präsidialsystems. Putschpläne hegte er indes nicht. Als sich
ihm in der Krise des Winters 1923/24 die Chance bot, eine
Militärdiktatur zu errichten, kämpfte er für die Autorität der
Regierung und gab die ihm übertragene vollziehende Gewalt
im Februar 1924 zurück.8
Die Entfremdung von Reichswehr und Republik war schon
Anfang der 1920er-Jahre unübersehbar. Die Sozialdemokratie
konnte ihre ambivalente Haltung zur Armee nie wirklich
überwinden und ging seit 1920 auch öffentlich erkennbar auf
96
Distanz. Das Militär wiederum fühlte sich von der Republik
nicht ausreichend wertgeschätzt, obwohl man sie doch
verteidigt hatte.9 Zudem lastete man die Folgen des Versailler
Vertrags der Regierung an. Die Auflösung der Freikorps im
Baltikum und der so schmerzlich empfundene Verlust
Westpreußens, Posens und Ostoberschlesiens trafen auf
heftigen Widerstand. Die Reduzierung der Reichswehr auf 100
000 Mann nahm vielen, die nie etwas anderes gelernt hatten,
als Soldat zu sein, ihre wirtschaftliche Existenz. Freilich hatte
die Regierung gar keine andere Wahl, als die Vorgaben der
Alliierten umzusetzen, da sich Deutschland seit dem
Waffenstillstand und der erzwungenen Auslieferung allen
schweren militärischen Geräts nicht mehr verteidigen konnte.
Als im Januar 1923 60 000 französische und belgische
Soldaten das Ruhrgebiet besetzten, um deutsche Reparationen
einzutreiben, wurde hektisch geprüft, ob die Reichswehr einen
befürchteten weiteren Vormarsch dieser Truppen ins Innere
Deutschlands würde aufhalten können. Das Ergebnis war
ernüchternd: Man hatte ihnen nichts entgegenzusetzen.
Die Erfahrung von Niederlage und Revolution war für die
politische Radikalisierung vieler Offiziere weit bedeutender
als der Erste Weltkrieg. Der »Bolschewismus« avancierte
1919/20 zum Feindbild Nr. 1, dem je nach Auslegung
Spartakisten, Kommunisten, Arbeiter, Republikaner oder
Juden zugerechnet wurden. Gemeint war aber auch der äußere
Feind, die sowjetischen Bolschewiki, denen man bei den
Kämpfen im Baltikum gegenübergestanden hatte.10 Bei
manchem war schon der Boden für die spätere Allianz mit
dem Nationalsozialismus bereitet. »Unsere Zeit schreit nach
einem Reformator oder einer neuen Religion«11, meinte der
26-jährige Leutnant Hermann Balck im April 1920. Er war der
festen Überzeugung: »Das Leben ist Kampf und da der Bürger
97
nicht kämpfen will, ist er zum Untergang verurteilt. Die
jugendliche Kraft der Arbeiterschaft, geleitet durch die
Erfahrung
und
Durchbildung
des
altpreussischen
Offizierkorps. Dem gehört die Zukunft.«12 Balck, der im
Zweiten Weltkrieg zu einem der prominentesten NS-Generäle
aufstieg, dürfte mit seiner Vorstellung einer Allianz von
Reichswehr und Industriearbeiterschaft für das Offizierkorps
des Jahres 1920 untypisch gewesen sein. Populärer war gewiss
sein Verdikt, dass man »von der Demokratie los« müsse.13
Doch noch waren die Weichen nicht gestellt, noch gab es
durchaus die Chance, Armee und Republik zu versöhnen.
Das am 1. Januar 1921 erlassene Wehrgesetz hob gleich im
ersten Satz den Bezug der Reichswehr zur Republik hervor.
Die Soldaten legten einen Eid auf die Verfassung ab, die auch
in den Berufspflichten explizit als Bezugspunkt genannt
wurde.14 Reichswehrminister Geßler, der erste Zivilist in
diesem Amt, sprach am 31. Dezember 1923 in seiner
Neujahrsansprache ausdrücklich davon, dass die Reichswehr
der »unerschütterliche Grundstein der verfassungsmäßigen
Ordnung«15 sei. Der Chef der Heeresleitung Wilhelm Heye
drückte sich drei Jahre später ganz ähnlich aus.16 Die
Kontingentheere der Vergangenheit gab es nicht mehr, und mit
dem Reichswehrministerium wurde das Nebeneinander von
Kriegsministerium,
Militärkabinett
und
Generalstab
abgeschafft. Der Primat der Politik war damit eindeutig
gestärkt. Oberster Befehlshaber war der Reichspräsident,
dessen
Anordnungen
der
Gegenzeichnung
des
Reichswehrministers bedurften, der wiederum dem Parlament
verantwortlich war.
Dass man nicht mit allen Traditionen brach, etwa die
Reichskriegsflagge mehr an die Symbolik des Kaiserreichs als
an die der Republik angelehnt war, kann angesichts der
98
politisch-gesellschaftlichen Kontinuitäten im Übergang vom
Kaiserreich zur Weimarer Republik nicht überraschen. Das
kaiserliche Militärstraf-, Diziplinar- und Beschwerderecht
etwa wurde im Februar 1919 in die vorläufige
Reichsverfassung übernommen.17 In den Regimentern blieb es
bei der Wahl von Offizieren, wodurch die untere militärische
Ebene nach wie vor erheblichen Einfluss auf die
Zusammensetzung des Führerkorps hatte.18 Das allgemeine
Vorgesetztenverhältnis und die strengen Ehrvorstellungen19
erstreckten sich auch auf außerdienstliche Belange. Wer zum
Beispiel heiraten wollte, musste wie schon im Kaiserreich um
eine dienstliche Erlaubnis nachsuchen. Das war bei keinem
anderen Staatsdiener so. Der Soldat hatte also noch immer
einen rechtlichen Sonderstatus.20 Auch in Österreich21, in
Ungarn oder 1922 in Italien knüpften die Armeen an die Zeit
vor 1914 an. Einen umfassenden Bruch vollzog zu diesem
Zeitpunkt nur die Rote Armee in der Sowjetunion.
Die Reichswehr war nach dem Willen der Siegermächte nicht
mehr als eine gut bewaffnete Grenzpolizei. Zu ernsthaften
Kriegshandlungen war sie nicht in der Lage. Deutschland
seines militärischen Potenzials zu berauben war das erklärte
Ziel Frankreichs, was nach den Erfahrungen der vergangenen
fünfzig Jahre nicht ganz unverständlich war. Aber niemand
konnte ernsthaft erwarten, dass sich die Deutschen damit
abfinden würden. Das hatte Preußen 1807 in ähnlicher Lage
auch nicht getan und sollte Vichy-Frankreich 1940 ebenfalls
nicht tun. Die restriktiven Bestimmungen des Versailler
Vertrags22 forderten Widerspruch geradezu heraus. Die
Wehrlosigkeit
nicht
hinzunehmen
war
weitgehend
gesellschaftlicher Konsens. Nach dem Kapp-Putsch redeten
vor allem die bürgerlichen Parteien der wechselnden
Regierungskoalitionen einer Wehrhaftmachung das Wort und
99
versuchten so, das nationale Lager mit der Republik zu
versöhnen. Die Ausbildung von Piloten und Panzersoldaten
erfolgte fortan in der Sowjetunion, von der man auch
Artilleriemunition bezog.23 Die Entwicklung von – ebenfalls
verbotenen – U-Booten verlegte man in die Niederlande. Im
Geheimen wurden Mobilmachungspläne ausgearbeitet, die
Aufstellung von Grenzschutzmilizen als eine Art personeller
Reserve vorbereitet und Waffenlager angelegt. Im Untergrund
wurde die sogenannte Schwarze Reichswehr gebildet, sodass
man im Ernstfall auf mehr als die erlaubten 100 000 Mann des
Heeres zurückgreifen konnte. Die Milizen waren dabei fest in
die Strukturen der zivilen und militärischen Behörden in den
östlichen Provinzen des Reiches eingebunden.
Die wechselnden Regierungen trugen diese Maßnahmen
mit, weil sie vor allem gegen erwartete polnische Einfälle
gewappnet sein wollten. Beim Kampf um Oberschlesien 1921
waren diese Bürgerwehren, auch »Grenzschutz Ost« genannt,
das einzige wirksame Mittel, um die Integrität des Reiches zu
verteidigen, weil die reguläre Reichswehr nicht eingreifen
durfte. Daher wollte man auch in Zukunft auf diese Praxis,
neben der legalen Armee bewaffnete Verbände aufzustellen,
nicht verzichten. Das verstieß zwar gegen den Versailler
Vertrag und auch gegen die Weimarer Reichsverfassung. Doch
die Interessen des Staates standen für die Militärs wie auch für
weite Teile des politischen Spektrums über dem Recht. Als die
SPD nach fünf Jahren Opposition, in denen sie zunehmend auf
Distanz zur Reichswehr gegangen war, 1928 wieder in die
Regierung eintrat, schloss sie sich dem breiten
gesellschaftlichen Wehrkonsens an und trug die neue materialund kostenintensive Rüstung mit – etwa den Bau des
Panzerkreuzers A.24 Die Parteipresse allerdings blieb
100
militärkritisch, und zu einer einheitlichen Linie konnte die
Sozialdemokratie nie finden.
Der neue Reichswehrminister Wilhelm Groener versuchte
ab 1928 die Armee stärker an die Republik heranzuführen. Er
wollte auf die gemäßigte politische Linke zugehen, ohne die
nationale Rechte zu verprellen. Mit diesem Versöhnungskurs
wollte er die geplante Aufrüstung innenpolitisch absichern, die
die Reichswehr moderner und leistungsfähiger machen sollte.
Auch außenpolitisch setzte er auf Verständigung und
Verhandlung. Er beendete das Denken in rein operativen
Notwendigkeiten, wie es Seeckt betrieben hatte, und nahm viel
stärker auf das politisch Mögliche Rücksicht. Jetzt wurden
auch die Entscheidungsträger im Parlament umfassender in die
Geheimrüstung einbezogen.25 Diese verstieß nach wie vor
gegen den Versailler Vertrag, war aber nun viel stärker als zu
Beginn der 1920er-Jahre der politischen Kontrolle
unterworfen. Doch der Vernunftrepublikaner Groener kam
letztlich zu spät ins Amt. Die Polarisierung der Parteien war
bereits zu weit fortgeschritten, und auch viele Offiziere
erreichte er mit seinem Ausgleichskurs nicht mehr.26 Die
politische Linke hielt seine Reformbemühungen für
Lippenbekenntnisse, und das nationale Lager warf ihm das
Paktieren mit der verhassten Republik vor. So musste er
scheitern und wurde im Mai 1932 von Kurt von Schleicher aus
dem Amt gedrängt. Dessen Plan einer Zähmung der NSBewegung durch Kooperation sollte bekanntermaßen in einem
Desaster enden.
Jenseits der offiziellen Regierungspolitik war den
Nationalsozialisten auf regionaler Ebene längst ein Einbruch
in die geheimen Grenzschutzverbände gelungen. Die
Weltwirtschaftskrise hatte auch im Osten Deutschlands
verheerende Folgen. Viele Männer hatten nun andere Sorgen
101
als das verdeckte Engagement für die Milizen. Diese waren
nur noch durch den Eintritt von SA-Leuten aufrechtzuerhalten,
die die republikanisch gesinnten Mitglieder allmählich
hinausdrängten. Alle Regierungspräsidenten – auch jene von
der SPD – stimmten darin überein, dass ein von der SA
dominierter Grenzschutz besser sei als gar keiner. Die
konkrete Ausgestaltung der Rekrutierung und Bewaffnung
wurde von den Regionalverwaltungen getragen, denen die
äußere Sicherheit ebenfalls wichtiger war als der
Republikschutz. In gewisser Weise, so Rüdiger Bergien,
entwickelte sich in den Grenzprovinzen ein deep state, der von
der Öffentlichkeit nicht mehr kontrolliert wurde. Hier
paktierten staatliche Akteure mit rechtsradikalen Paramilitärs
und unterhöhlten die Republik.27
Im November 1932 kam es zum Schwur. Der neue
Reichswehrminister von Schleicher versammelte die
Heeresführung zu einem Planspiel in Berlin.28 Kanzler Papen
war es nicht gelungen, eine parlamentarische Mehrheit für
seine Regierung zu finden, sodass alles auf eine Kanzlerschaft
Adolf Hitlers als Führer der mit Abstand stärksten
Reichstagsfraktion hinauslief. Eine der letzten Optionen, um
die Nationalsozialisten von der Macht fernzuhalten, war die
Ausrufung des Ausnahmezustands, die Entmachtung des
Reichstags und damit der Bruch der Verfassung. Schleicher
wollte von den Generälen wissen, ob sie eine Präsidialdiktatur
außerhalb der Verfassung militärisch absichern würden. Ein
Einschreiten gegen die KPD konnten sich diese noch
vorstellen, aber nun ging es um mehr; Schleichers Pläne
würden womöglich auf einen auch von SPD und NSDAP
getragenen Generalstreik hinauslaufen. Dann stünde die
Reichswehr plötzlich gegen siebzig Prozent der Bevölkerung.
Nach den Erfahrungen bei den Kämpfen um das Berliner
102
Stadtschloss im Dezember 1918 und dem dilettantischen
Kapp-Putsch wollte sich die Armeeführung nicht gegen das
Volk stellen. Im Gegenteil: Die von ihr so ersehnte
Wehrhaftmachung Deutschlands verlangte nach dem
Schulterschluss mit weiten Teilen der Bevölkerung. Diese
Massenbasis war aber nur mit der NSDAP zu erreichen.29 Die
allzu pessimistische Einschätzung der Militärs machte alle
Pläne Papens zunichte, gegen den Reichstag zu regieren. Der
Rest der Geschichte ist bekannt: Kurt von Schleicher
übernahm das Kanzleramt, scheiterte aber mit seinen Plänen,
die NS-Bewegung zu spalten. Und als er den Notstand
ausrufen wollte, um so in letzter Minute die NSDAP von der
Macht fernzuhalten, stellte sich Reichspräsident Hindenburg
gegen ihn und ernannte am 30. Januar 1933 Hitler zum
Reichskanzler.30
Scheiterte die Republik also, überspitzt formuliert, an der
Reichswehr, die ein demokratiefeindlicher Staat im Staate war
und im entscheidenden Moment die Republik nicht
verteidigte? Wohl kaum. Der Niedergang der Demokratie
zwischen 1930 und 1932 wurde nicht von sinistren Generälen
orchestriert. Es waren die Wähler, die den Radikalen in den
Parlamenten ihre Stimme gaben. Hinzu kamen die Unfähigkeit
der Parteien zu Kompromissen und nicht zuletzt ein
Reichspräsident, der im Mai 1932 dem Zentrumspolitiker
Heinrich Brüning das Vertrauen entzog. Damit stürzte die
letzte halbwegs stabile Regierung.31 Die Reichswehr hatte
1932 keinen entscheidenden Einfluss auf den Lauf der Dinge.
Man kann ihr vorwerfen, dass sie im November 1932 die
Gefahr eines Massenaufstands überschätzte und dass General
Schleicher allzu naiv seine Ränkespiele betrieb. Entscheidend
war aber, dass Hindenburg – anders als Kanzler Stresemann
1923 – nicht den Notstand ausrief. Hätte er es getan, wäre die
103
Reichswehr wohl noch im Januar 1933 zum Schutz des Staates
aus den Kasernen ausgerückt. Entsprechende Planungen gab
es, sie richteten sich vor allem gegen die von der NSDAP
geführten Landesregierungen.32
Der Begriff »Staat im Staate« ist gleichwohl fest mit der
Reichswehr
verbunden.
Er
fehlt
in
keiner
Fernsehdokumentation, keinem Zeitungsartikel und steht sogar
im aktuellen Traditionserlass der Bundeswehr, obwohl die
Historiker spätestens seit den Forschungen Michael Geyers
aus den 1970er-Jahren von ihm abgerückt sind.33 Er ist im 18.
Jahrhundert erstmals nachzuweisen, war aber zunächst nur
wenig verbreitet. Auch im Kaiserreich war er kaum
gebräuchlich34, wurde zuweilen als Schlagwort gegen alle
möglichen Gruppen verwendet: den Katholizismus, die Juden,
die
Polen,
die
Kirche,
diverse
Parteien,
die
Gewerkschaftsbewegung, den Eisenbahnerverband, die Polizei
und auch die Armee. Im Zusammenhang mit Letzterer
benutzte ihn 1907 Karl Liebknecht.35 Der Begriff etablierte
sich dann 1918–20 in der politischen Linken, um vor einem
konservativen
Militär
zu
warnen,
das
einer
demokratiefeindlichen Werte- und Normenwelt huldige und
eine innenpolitische Gefahr darstelle.36
Doch die Reichswehr war kein Staat im Staate. Dies
anzunehmen verkennt den Charakter des Weimarer Staates. Es
gab viele, die mit der Republik haderten, und die Reichswehr
war mitnichten eine isolierte Gruppe in einem Meer
rechtstreuer Demokraten. Die Koalition aus SPD, DDP und
Zentrum, die für die Verfassung verantwortlich zeichnete,
verlor schon 1920 ihre Mehrheit, und bürgerliche Parteien wie
die DVP und erst recht die ultrakonservative DNVP hatten
andere Vorstellungen vom Staat. Ihr Kandidat – Paul von
Hindenburg – gewann im April 1925 die Präsidentenwahl.
104
Und Ende der 1920er-Jahre war der Rechtsruck auch im
Zentrum unübersehbar, während die linksliberale DDP in der
Bedeutungslosigkeit
versank.
Angefangen
vom
Reichspräsidenten bis hinunter zu den Provinzialverwaltungen
gab es viele Beamte, die sich zwar dem Staat und der Nation
verpflichtet fühlten, der Republik aber abwartend kritisch oder
gar offen ablehnend gegenüberstanden.
Das eher pragmatische Verhältnis der Reichswehr zum
Recht war auch bei zahlreichen Politikern und zivilen
Beamten anzutreffen. Niemand von ihnen sah die Umgehung
des rechtlich bindenden Versailler Vertrags als Problem an. Im
Gegenteil: Der Zentrumsabgeordnete Heinrich Köhler ordnete
als Vorsitzender des Rechnungsunterausschusses des
Reichstags die Finanzierung der Geheimrüstung an. Er war
stolz, »bei der Wiederwehrhaftmachung unseres Volkes«
mitgeholfen zu haben.37 Rüdiger Bergien hat überzeugend
dargelegt, dass diese »Wehrhaftmachung« von weiten Teilen
der Gesellschaft mitgetragen wurde, obwohl sie gegen
geltendes Recht verstieß. Die Interessen der Nation hatten
Vorrang vor der Einhaltung von Verträgen, die nur unter
Zwang abgeschlossen worden waren. Die Reichswehr war also
in guter Gesellschaft.
Viele Deutsche in der Weimarer Republik teilten die Werte
und Normen der Reichswehr, ihre reservierte Haltung
gegenüber der Republik, ihr konservatives Verständnis von
Nation und Staat. So rekrutierten sich die Mitglieder des
»Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten«38, mit 300 000
Mitgliedern eine der großen rechten Sammlungsbewegungen,
die eng mit der Reichswehr kooperierte, zu einem
überproportionalen Teil aus dem mittleren Bürgertum.39
Anders als die NS-Bewegung wollten die Stahlhelmer keinen
Umsturz. Der Staat sollte reformiert, die Republik in ein
105
Präsidialsystem umgewandelt werden. Der Stahlhelm vertrat
allerdings nicht die Mehrheit der Veteranen. Er war nur der
zweitgrößte Wehrverband der Weimarer Republik und
rangierte, was die Mitgliederzahl betrifft, deutlich hinter dem
der SPD nahestehenden Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.40
Die Aufspaltung in politisch ganz unterschiedlich
ausgerichtete Veteranenverbände spiegelte sich auch in den
divergierenden Narrativen über den Weltkrieg. Es gab eine
eher kritisch-distanzierte Richtung41, die die Sinnlosigkeit und
Grausamkeit der Kämpfe anprangerte und vor allem zu Beginn
der Weimarer Republik von einer deutlichen Mehrheit der
Veteranen vertreten wurde. Aber es existierte von Anfang an
auch ein nationalistisch-verklärendes Narrativ. Dessen
Spektrum reichte von der Huldigung des stillen Heldentums
im Erdulden des Stellungskriegs, wie sie für Reichswehr und
Stahlhelm typisch war, bis zur Mystifizierung des Krieges als
Geburtsstätte eines neuen Menschen, wie ihn die NSDAP und
die faschistischen Bewegungen überall in Europa schon bald
hervorbringen würden.42
Die Zahl der Abgeordneten, die in der Armee gedient
hatten, stieg von 22 Prozent 1919 auf knapp 54 Prozent 1932.
Eine höhere Dichte ehemaliger Soldaten im Parlament hat es
zwischen 1871 und 2020 nur in der Adenauerzeit gegeben.
Selbst beim Zentrum und der SPD hatte rund die Hälfte der
Parlamentarier einmal die Uniform getragen, in der DNVP
waren es zwei Drittel, in der NSDAP drei Viertel.43 Auch
1932 saßen jedoch nur 34 ehemalige Offiziere im Reichstag,
davon 19 bei der NSDAP und neun bei der DNVP. Die
meisten
Abgeordneten
hatten
ihre
Militärund
Kriegserfahrungen also als Mannschaften oder Unteroffiziere
gemacht. Der hohe Anteil ehemaliger Soldaten bedeutete
jedoch nicht, dass der Reichstag mehrheitlich die Ansichten
106
der Reichswehr teilte. In KPD und SPD gab es dezidierte
Gegner, die die Reichswehr scharf kritisierten und ihr
reaktionäres Verhalten vorwarfen. Zugleich wurden die
Streitkräfte von den Nationalsozialisten als Söldnertruppe der
verhassten Republik attackiert.
Die Reichswehr war gewiss kein repräsentatives Abbild
der Weimarer Gesellschaft. Sie stand in der Mitte des rechten
politischen Spektrums, wobei es verlässliche empirische
Angaben zur politischen Haltung des Offizierkorps ebenso
wenig gibt wie zu den Mannschaften und Unteroffizieren. Alle
Indizien weisen aber darauf hin, dass zumindest die
Stabsoffiziere am ehesten der DNVP und der DVP
nahestanden. Bei den jüngeren Offizieren gab es
Sympathisanten der extremen Rechten, und die Generäle
wollten Anfang der 1930er-Jahre das von der NSDAP
mobilisierte Potenzial zur Wehrhaftmachung des Staates
nutzen. Dennoch gelang es den Nationalsozialisten bis 1933
nicht, in der Armee in größerem Ausmaß Fuß zu fassen.
Da es 1918/19 einen beinahe nahtlosen Übergang von der
konstitutionellen Monarchie zur Republik gegeben hatte, trifft
zu, was Reichswehrminister Otto Geßler im Rückblick
schrieb: »Woher hätten auf einmal alle die leidenschaftlichen
und überzeugt demokratischen, republikanischen und
womöglich sozialistischen Offiziere kommen sollen!«44 Ein
wirklich republikanisches Führerkorps der Reichswehr stand
in der Tat nicht zur Verfügung. Und doch stellt sich
rückblickend die Frage, ob es die Chance für eine Entwicklung
gegeben hat, die die Reichswehr stärker mit der Republik hätte
versöhnen können. So war das Offizierkorps 1919 noch
keineswegs in sich geschlossen. Es gab restaurative
Militaristen,
pragmatische
Technokraten
und
verfassungsloyale Attentisten. Die zweite Gruppe hatte mit
107
dem Chef der Heeresleitung Walther Reinhardt 1919/20 die
Führung inne. Hans Seeckt gehörte zur dritten Gruppe, die
sich schließlich durchsetzte.45 Obwohl genaue Angaben
fehlen, muss man davon ausgehen, dass in den folgenden
Jahren die politische Geschlossenheit der Reichswehr zunahm.
Dezidierte
Republikaner
sind
zumindest
in
Führungspositionen nicht bekannt. Zwischen 1920 und 1928
fehlten Persönlichkeiten wie Reinhardt und Groener, um die
moderaten Kräfte im Offizierkorps zu stärken und die Armee
in pragmatischer Weise stärker an die Republik zu binden.
Doch selbst wenn dies gelungen wäre, wäre der Lauf der
Geschichte wohl kein anderer gewesen. Die Streitkräfte
folgten den Befehlen ihres Oberbefehlshabers, des
Reichspräsidenten, und der war Ende Januar 1933 willens, mit
der Ernennung Hitlers eine Regierung der nationalen
Sammlung durchzusetzen. Hätte er sich anders entschlossen
und wäre Schleichers Plänen gefolgt, eine vom Militär
abgesicherte Präsidialdiktatur zu errichten, hätte die
Reichswehr dem nicht im Wege gestanden. Das Schicksal des
Reiches hing in diesen Wochen und Monaten also nicht von
der Frage ab, wie republikanisch die Streitkräfte waren,
sondern welche Politik die Staatsführung verfolgte.46
Aus der Niederlage lernen
Die Sicherung des Deutschen Reiches auf absehbare Zeit,
darum sollte es im Ersten Weltkrieg gehen. Doch nichts davon
hatte die Armee erreicht. So war zu fragen, welche
militärfachlichen Schlussfolgerungen sie aus der Niederlage
ziehen würde. Der 1919 eingerichtete Untersuchungsausschuss
des Reichstags zur Klärung der Ursachen des deutschen
Zusammenbruchs trug viel amtliches Material und auch
kritische Gutachten zusammen. Das 1924 gegründete
Reichsarchiv
dominierte
bald
als
eine
Art
108
kriegswissenschaftliche
Abteilung
des
verbotenen
Generalstabs mit seinen Publikationen die offizielle
Geschichtsschreibung über den Ersten Weltkrieg. Im Vergleich
zur Heldengeschichtsschreibung des Kaiserreichs über die
Kriege von 1864 bis 1871 leistete es deutlich mehr
Aufarbeitung und Kritik. Der jüngere Moltke und die von ihm
vermeintlich vergebene Chance auf einen großen Sieg an der
Marne kamen besonders schlecht weg, etwas milder gingen
die Autoren mit Erich von Falkenhayn um, während
Hindenburg und Ludendorff, die Helden der Schlacht bei
Tannenberg, weitgehend sakrosankt waren.47
Um die entscheidenden und schmerzhaften Themen
machten die Veröffentlichungen des Reichsarchivs aber einen
Bogen. Letztlich waren sie Verteidigungsschriften, um die
Leistungen des Militärs positiv herauszustellen. Dies galt
besonders für die handlichen Bände über einzelne Schlachten,
die sich beim Publikum großer Beliebtheit erfreuten.48 Für den
militärischen Fachdiskurs waren diese Arbeiten aber nicht die
einzige Quelle. In den Militärzeitschriften wurden die Gründe
für die Niederlage breiter und kontroverser debattiert.49 Die
Gretchenfrage, ob der moderne Krieg nicht generell vermieden
werden müsse, weil er kein politisches Problem lösen konnte
und es für Deutschland trotz aller taktisch-operativen Finessen
schlicht unmöglich war, gegen eine ressourcenmäßig weit
überlegene Koalition zu gewinnen, wurde allerdings
vermieden. Die Ideen der friedlichen Koexistenz, der
evolutionären Weiterentwicklung des Pariser Friedenssystems
oder der Schiedsgerichtsbarkeit, wie sie sich im Vertrag von
Locarno abzeichneten, kamen bei der Reichswehrführung
nicht an. Wie schon im Kaiserreich war dem Militär nicht
daran gelegen, die Rolle der Streitkräfte als politisches Mittel
infrage zu stellen. Im militärischen Fachdiskurs ging es
109
vielmehr darum, aus Vergangenem so zu lernen, dass man den
nächsten Krieg gewann. Zentraler Referenzpunkt war dabei
stets der Weltkrieg, der frühere Epochen vollständig
überlagerte.50
Eine weitverbreitete Lehre war, dass es nur mit einer
umfassenden Mobilisierung von Militär und Gesellschaft
gelingen
würde,
die
alte
Großmachtstellung
wiederzuerlangen.51 Gewiss teilte nicht jeder die Meinung des
Leiters der Operationsabteilung, Joachim von Stülpnagel, der
einen solchen Schritt nur als Vorstufe zum Weltmachtstatus
ansah. Hans von Seeckt dachte eher an die gewaltsame
Revision des Versailler Vertrages und einen begrenzten
Revanche- und Befreiungskrieg.52 Auf dieser Linie bewegte
sich auch der spätere Befehlshaber des Ersatzheeres Friedrich
Fromm, der 1925 als Major im Reichswehrministerium Dienst
tat. Er sprach zwar von einem Zusammenschluss der
europäischen Kultur gegen den Bolschewismus und einer
deutschen Führerschaft in diesem Kampf.53 Dabei ging es ihm
aber um die Grenzen von 1914 und nicht um Lebensraum in
Hitler’schen Dimensionen.
Angesichts eines gerade einmal zehn Divisionen
umfassenden
Heeres,
das
bis
1927
strengen
Rüstungskontrollen der Siegermächte unterlag, hatten diese
Vorstellungen wenig mit der Realität zu tun. Aber sie
offenbarten die Visionen und Planungen für die mittlere
Zukunft. Dass mit der Reichswehr kein Krieg geführt werden
konnte, war jedem klar. Ohne schwere Artillerie, ohne Panzer,
ohne Luftwaffe und mit einer überdimensionierten Kavallerie
war mit den 100 000 Mann nicht viel anzufangen. Die
geheimen Planungen sahen daher vor, die sieben Infanterieund drei Kavalleriedivisionen als Kader für eine rasche
Verdreifachung des Heeres zu verwenden. Für Seeckt waren
110
die angestrebten 300 000 Mann ein Eliteheer, das im Falle
eines Krieges mit einer Großmacht zwar durch ein Massenheer
ergänzt werden müsste, aber dank seiner Professionalität die
entscheidende Rolle spielen würde. Für die jungen
Generalstabsoffiziere führte die Vorstellung, dass diese – im
Vergleich zu den riesigen Armeen des Weltkriegs – kleine,
hoch spezialisierte Elite einen militärischen Konflikt
entscheiden könnte, in die Irre. Ihrer Meinung nach musste die
Reichswehr in einem Volksheer aufgehen, mit dem dann der
industrialisierte Massenkrieg der Zukunft geführt werden
konnte.54 Doch bald bremste Reichswehrminister Groener ihre
allzu kühnen Vorstellungen und passte die Planungen den
politischen Realitäten an. Die Überlegungen für einen Krieg
im Westen wurden aufgegeben, die Sicherung Ostdeutschlands
in den Mittelpunkt gestellt. Groener koordinierte zudem
Marine und Heer im Sinne einer einheitlichen Kriegführung
und dachte über die Mobilisierung und Versorgung der
Bevölkerung in einem zukünftigen Konflikt nach.55
So unterschiedlich die Konzeptionen für ein Elite- oder
Massenheer waren, so sehr kreisten seit dem Amtsantritt
Seeckts auf operativer Ebene alle Pläne um das »Evangelium
der Beweglichkeit«.56 Die schnelle Einkesselung und
Vernichtung feindlicher Armeen war im Ersten Weltkrieg zwar
nur im August 1914 in Tannenberg gelungen – trotz aller
Erfolge bei späteren Schlachten. In Zukunft sollte aber durch
eine verbesserte Beweglichkeit und Führungsfähigkeit die
Umfassungsschlacht wieder möglich sein, wobei sie Teil von
sowohl offensiven als auch defensiven57 Kriegsszenarien und planungen
war;
auch
Konzeptionen
für
Durchbruchsoperationen wurden entwickelt.58 Befördert
wurde diese Doktrin des Bewegungskriegs einerseits von der
Denktradition des deutschen Generalstabs spätestens seit den
111
Einigungskriegen, andererseits aber auch von der
geopolitischen Lage Deutschlands. So erschien es kaum
vorstellbar, dass man in Zukunft einen statischen
Abnutzungskrieg würde gewinnen können. Einzig Walther
Reinhardt glaubte, dass die bloße Steigerung der Feuerkraft
der Schlüssel zum Erfolg sei. Mit seiner Ablösung im März
1920 war dieser Gedanke aber passé; die Vorschriften,
Ausbildungsprogramme und Planungen liefen alle in Richtung
Bewegungskrieg und Gefecht der verbundenen Waffen.59 Nur
so meinte man die materielle Unterlegenheit ausgleichen zu
können.
So weit die Planungen. Doch wie stand es tatsächlich um
die Leistungsfähigkeit der Reichswehr? War sie wirklich das
sorgfältig ausgebildete Eliteheer? Immerhin war es der
Anspruch, die 76 000 Mannschaften, 19 000 Unteroffiziere
und 4000 Offiziere so zu qualifizieren, dass sie die Aufgaben
der nächsthöheren Führungsebene erfüllen konnten, um im
Ernstfall einen raschen Aufwuchs sicherzustellen.60 Nach
Abflauen der inneren Unruhen konnte sich die Reichswehr
von 1924 an in Ruhe der Ausbildung ihrer Soldaten widmen.
So benötigte ein Offizieranwärter vom Eintritt bis zur
Beförderung zum Leutnant in der Regel vier Jahre – deutlich
länger als in der Kaiserzeit oder auch heute in der
Bundeswehr. Die Reichswehr befasste sich intensiv mit den
taktischen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg und leitete
daraus die Ausbildung möglichst flexibler, eigenständig
führender Offiziere und Unteroffiziere ab.61 Die
Personalauswahl des Heeres wurde seit 1929 durch ein
psychologisches Prüfverfahren mit einem Intelligenz- und
Wissenstest unterstützt, und es gab die Möglichkeit, besonders
qualifizierte Offiziere zum Hochschulstudium freizustellen.62
James Corum ist der Ansicht, dass die Reichswehr das beste
112
militärische Ausbildungssystem der damaligen Zeit
entwickelte.63 Zweifellos brachte das System aus Training in
den Verbänden, Lehrgängen an den Waffenschulen,
regelmäßigen
Manövern
und
Kriegsspielen
die
Leistungsfähigkeit von Truppe und Führung auf ein sehr hohes
Niveau.
Jedoch sollte man nicht übersehen, dass auch die
Reichswehr mit den typischen Problemen einer Friedensarmee
zu kämpfen hatte. Schon im Dezember 1925 kritisierte Seeckt
die »überhandnehmenden bürokratischen Sitten«.64 Auch in
der Berufsarmee gab es einen »lebhaften Führer- und
Mannschaftswechsel« durch Versetzungen, Beförderungen
oder Abgänge. Das Gruppenkommando 2 bilanzierte für das
Jahr 1925, dass der Ausbildungsstand nur in bescheidenem
Maße weiterentwickelt werden konnte. Zudem wurde moniert,
dass die Erfahrungen über die Wirkung feindlichen
Artilleriefeuers schon wieder vergessen waren. Auch die
Schießkunst der eigenen Artillerie bedürfe noch »sehr der
Steigerung«. Die Führer würden das Gefühl für das Gelände
verlieren und seien zu sehr von dem nur im Frieden reichlich
vorhandenen Kartenmaterial verwöhnt. Die Befehlsgebung sei
außerdem zu langsam, die Aufklärung zuweilen spärlich.65
Harsche Kritik gab es auch an der Kavallerie, die sich viel zu
wenig mit der Gefechtsausbildung befasste und die meiste Zeit
mit der Verfeinerung der Reitausbildung verbrachte.66
Schließlich darf nicht vergessen werden, dass die Zahl der
Soldaten mit Kampferfahrung über die Jahre rapide abnahm.
1930 schieden die letzten Mannschaften und Unteroffiziere
aus, die den Ersten Weltkrieg an der Front erlebt hatten.67
Eines der größten Hemmnisse war zweifellos die
Unterfinanzierung, die Zahl und Umfang der Manöver und
selbst die verfügbare Übungsmunition stark einschränkte. Die
113
Veranschaulichung moderner Kriegsmittel wie Panzer und
Flugzeuge konnte entweder gar nicht oder nur provisorisch
geleistet werden, da die Reichswehr über solche Waffen nicht
verfügte. Die vermehrte Rüstung ab Ende der 1920er-Jahre
verbesserte zwar den Ausrüstungsstand erheblich, war aber für
das geplante 300 000-Mann-Heer nicht ausreichend. So gab es
1933 noch erhebliche Lücken und nur für wenige
Großkampftage Munition.68
Trotz dieser schwierigen Umstände blieb der Anspruch
bestehen, die Soldaten im Sinne eines Kaderheeres für die
nächsthöhere Aufgabe zu qualifizieren.69 Das scheint
insbesondere bei den Offizieren auch gelungen zu sein. Bis
weit in den Zweiten Weltkrieg hinein stellten die
Reichswehroffiziere das Rückgrat von Generalität und
Stabsoffizierkorps. Mit Abstrichen galt dies auch für die
Unteroffiziere, die in den 1930er-Jahren zumeist in
Offiziersränge aufrückten. Ein besonders prominentes Beispiel
ist Ludwig Heilmann. Im Februar 1921 trat der 18-jährige
Würzburger in das fränkische Infanterieregiment 21 ein,
durchlief die Unteroffizierslaufbahn und schied am 3. Februar
1933 nach Ablauf seiner Dienstzeit als Feldwebel und
Zugführer aus. Gut ein Jahr später wurde er als Oberleutnant
reaktiviert, diente dann sechs Jahre als Kompaniechef in
verschiedenen
Infanterieeinheiten,
trat
nach
dem
Frankreichfeldzug zur Fallschirmjägertruppe der Luftwaffe
über und machte schließlich 1944 als Regimentskommandeur
und Verteidiger von Monte Cassino von sich reden.70
Heilmann war gewiss kein intellektueller Kopf, war »geistig
durchschnittlich veranlagt«, wie es in seiner Beurteilung hieß.
Er hatte aber das Kriegshandwerk von der Pike auf gelernt und
zeigte sich im Zweiten Weltkrieg aufgrund seiner langjährigen
Erfahrung auch »schwierigsten Lagen« gewachsen. Sein
114
Werdegang mag für einen ehemaligen Feldwebel der
Reichswehr ungewöhnlich sein, zeigt aber, dass deren
Qualifizierungsanspruch eingelöst wurde.
Fraglich ist jedoch, ob es gelang, auch Soldaten aus den
Mannschaftsdienstgraden
zu
»selbständigen
und
selbstbewussten, hingebenden und verantwortungsfreudigen
Führern« zu erziehen.71 Friedrich Fromm stellte 1925 für die
3. Division fest, dass nur etwa 15 bis 25 Prozent diese
Anforderungen erfüllten.72 Einerseits wurde offenbar immer
noch nach den alten Mustern der Wehrpflichtarmee rekrutiert.
Andererseits
war
der
Dienst
insbesondere
als
Mannschaftssoldat in der Reichswehr wohl auch nicht attraktiv
genug. »Persönlichkeiten mit hohen Führerqualitäten an
Charakter und Intelligenz«, so Fromm, »kommen einfach nicht
zu uns trotz vollster Passion für den Soldatenberuf, weil sie
nicht Lust haben: 12 Jahre lang Pferde zu putzen, Treppen zu
scheuern, Kartoffeln zu schälen, Rollkutscher zu spielen, in
dumpfen Massenquartieren zu schlafen, schlecht angezogen
herumzulaufen und dann noch zum Dank nach 12 Jahren ohne
Unterkommen auf der Straße zu liegen.«73
Sozialstruktur und tribal cultures
Im November 1918 umfasste das Offizierkorps des
kaiserlichen Heeres 150 000 Mann. Die allermeisten waren
Reserveoffiziere und verließen nach dem Waffenstillstand die
Armee. 38 000 aber waren Berufsoffiziere74, und es stellte sich
bald die Frage, wer in das auf 4000 Mann begrenzte
Offizierkorps der Reichswehr übernommen werden sollte.
Dazu gab es durchaus unterschiedliche Auffassungen. Seeckt
warf dem Personalamt vor, in erster Linie die bewährten
Frontoffiziere zu berücksichtigen, weil der Generalstab
angeblich unpopulär sei. Er trat dem mit allem Nachdruck
115
entgegen und bestritt im Sommer 1919 in einem Schreiben an
den preußischen Kriegsminister75 den Gegensatz von Frontund Generalstabsoffizieren während des Weltkriegs. Es müsse
auch bedacht werden, was Offiziere »in der schwersten Zeit
zwischen November 1918 und heute geleistet haben«. Es seien
vor allem die Generalstabsoffiziere gewesen, die sich in einer
Zeit der Krise rückhaltlos in den Dienst des Vaterlandes
gestellt hätten, während die Truppenoffiziere »unauffindbar,
beurlaubt, verschwunden« waren. Da die Reichswehr ein
Kaderheer sein sollte, waren für Seeckt die hoch qualifizierten
Generalstabsoffiziere
wichtiger
als
kampferfahrene
Truppenoffiziere, von denen ohnehin knapp die Hälfte erst
während des Krieges Offizier geworden war, weshalb ihnen
der richtige Stallgeruch der Friedensarmee fehlte.
Wenngleich
sich
Kriegsminister
Reinhardt
den
Einlassungen Seeckts prinzipiell anschloss76, blieb die
Personalpolitik
insgesamt
ausgewogen.
Von
4000
Reichswehroffizieren waren schließlich knapp 500 ehemalige
Offiziere, die während des Krieges zumindest zeitweise eine
Generalstabsstelle innegehabt hatten, somit rund zwölf
Prozent.77 Ein Blick in die erhaltenen württembergischen
Akten zeigt, dass man eine Mischung aus Front- und
Stabserfahrungen anstrebte. Es wurden Listen erstellt, welche
Offiziere für die Übernahme in die Reichswehr infrage kamen.
An oberster Stelle der sogenannten Würdigkeitsreihenfolge
der Majore stand mit Theodor Sproesser der ehemalige
Kommandeur des württembergischen Gebirgsbataillons. Mit
Freiherr Seutter von Lötzen folgte ein Generalstabsoffizier
ohne große Truppenerfahrung.78 Auf der Würdigkeitsliste der
Infanteriehauptleute stand der hoch ausgezeichnete und
kampferprobte Erwin Rommel nur an zweiter Stelle hinter
Eugen Hahn, der im Weltkrieg vor allem im Stab der 26.
116
Division tätig gewesen war. Die meisten aufgelisteten
Hauptleute waren keine reinen Troupiers, sondern hatten die
längste Zeit in Adjutanten- oder Stabsfunktionen Dienst getan.
Mit Hauptmann Friedrich Zickwolff war aber auch ein dritter
Offizier des kampferprobten Gebirgsbataillons darunter. In der
Würdigkeitsreihenfolge der Oberleutnante79 stand wieder ein
Generalstabanwärter an erster Stelle, danach folgten aber
erfahrene und in der Regel hoch ausgezeichnete Frontoffiziere
wie Wilhelm Speidel, der zuletzt die Sturmabteilung der 27.
Division geführt hatte. Offenbar wurde darauf geachtet,
Offiziere mit möglichst vielseitiger Erfahrung auszuwählen.
Auffallend ist nämlich, dass die meisten neben ihrer Zeit an
der Front auch Kenntnisse der Stabsarbeit zumindest auf der
unteren Ebene mitbrachten. Speidels Bruder Hans stand
ebenfalls auf der Liste. Der spätere Viersternegeneral der
Bundeswehr war ab 1914 Zugführer und ab August 1916
Bataillonsadjutant gewesen.80
Von jenen Offizieren, die mit dem höchsten preußischen
Orden Pour le Mérite ausgezeichnet worden waren, fanden
rund zehn Prozent ihren Weg in die Reichswehr. Auch von den
wenigen ausgezeichneten Truppenoffizieren des Heeres
wurden nur rund zehn Prozent in die Reichswehr
übernommen: 1924 waren es gerade einmal sechs Hauptleute,
ein Oberleutnant und ein Leutnant81, darunter der
württembergische Hauptmann Erwin Rommel, der preußische
Hauptmann Ernst Busch und der bayerische Oberleutnant
Ferdinand Schörner. Alle drei stiegen später in der Wehrmacht
zum Feldmarschall auf. Diese Zahlen zeigen, dass einige der
erfahrensten Krieger durchaus übernommen, aber bei der
Auswahl nicht unbedingt gezielt bevorzugt wurden. Gleiches
gilt für die Mitglieder der Sturmbataillone. Vom
traditionsreichen brandenburgischen Sturmbataillon Nr. 3
117
waren 1925 noch zwei ehemalige Offiziere und ein
Offizieranwärter in der Reichswehr tätig. Die prominentesten
Köpfe wurden aber nicht übernommen. Major Willy Rohr
etwa, der »Erfinder« der Sturmtruppen, wurde 1921
verabschiedet. Im Offizierkorps der frühen Reichswehr war
also eine große Bandbreite an Lebensläufen und Erfahrungen
vertreten.82 Dabei legte man durchaus Wert darauf, zumindest
einen Kern an fronterfahrenen Kriegern von der alten in die
neue Armee zu überführen. Denn auch von den hoch
ausgezeichneten Unteroffizieren der Garde und der
Sturmbataillone fand ein erklecklicher Anteil den Weg in die
Reichswehr und stieg dort in Offiziersränge auf.83
Eine andere Frage ist, ob auch politische Gründe bei der
Auswahl eine Rolle spielten. So lassen sich prominente
Sozialdemokraten benennen, die Frontoffiziere im Ersten
Weltkrieg waren und entlassen wurden. Julius Leber, später
Reichstagsabgeordneter der SPD und als Widerstandskämpfer
1945 hingerichtet, ist der bekannteste Fall. Es erscheint aber
fraglich, ob man angesichts der zurückhaltenden Übernahme
von Frontoffizieren von einer verpassten Chance der
Demokratisierung der Armee sprechen kann.84 Denn diese
waren nicht per se Republikaner. So musste der Eroberer von
Fort Douaumont und prominente Freikorpskämpfer Cordt von
Brandis aufgrund seiner Beteiligung am Kapp-Putsch
ebenfalls den Hut nehmen. Es hat vielmehr den Anschein, dass
die Übernahme vor allem nach fachlichen Kriterien erfolgte,
wobei persönliche Netzwerke zweifellos eine Rolle spielten.
An jungen Offizieranwärtern musste man zumindest in den
frühen Jahren der Reichswehr jeden einstellen, der verfügbar
war, da die Zahl der Interessenten niedrig blieb. Erst ab 1924
besserte sich die Lage spürbar, sodass nun entsprechend streng
ausgewählt werden konnte.85 Seitdem galt wieder der schon
118
für das Kaiserreich zutreffende Befund, dass der Zugang zur
höheren Soldatenlaufbahn vor allem über Bildung – nun das
Abiturzeugnis86 – geregelt war. Das zeigte sich auch in der
sozialen Zusammensetzung des Offizierkorps. Der Adelsanteil
sank bis 1926 von dreißig auf 20,5 Prozent, stieg aber bis 1932
wieder leicht auf 23,8 Prozent an. Gewiss spielten hier auch
militärspezifische Aspekte eine Rolle, etwa die Unterschiede
in den einzelnen Waffengattungen. So blieb der Anteil des
Adels in der Kavallerie wie auch im diplomatischen Dienst
überproportional hoch.87 Von den 84 000 jüdischen Soldaten,
die im Ersten Weltkrieg kämpften, wurden nur sehr wenige in
die Reichswehr übernommen. Kurz nach Hitlers
Machtübernahme wurden siebzig Soldaten wegen ihrer
jüdischen Abstammung entlassen.88 Die hier im Ersten
Weltkrieg erreichten Integrationsfortschritte wurden also
wieder zurückgedreht. Allerdings gab es auch unter den
insgesamt – von 1919 bis 1933 – 1795 Abgeordneten des
Reichstags nur rund vierzig Parlamentarier jüdischen
Glaubens, von denen sich lediglich 15 offen zum Judentum
bekannten.89
Organisatorisch war die Reichswehr eine vollkommen
neue Armee. Die alten Waffengattungen und damit die tribal
cultures blieben zwar erhalten. Durch die Aufstellung neuer
Infanterie- und Kavalleriedivisionen endeten aber die alten
Regimentstraditionen.
Der
preußische
Kriegsminister
Reinhardt glaubte nicht anders handeln zu können, weil »in
weiten Schichten […] die alte Armee unter Führung ihres
Offizierkorps als Hort der Reaktion angesehen« würde. Das
lasse sich nicht von heute auf morgen ändern, und es sei
»durchaus verständlich, daß die Tradition des kaiserlichen
Deutschlands dem Republikaner eine Gefahr bedeutet«.
Angesichts dieser Lage sei es daher besser, »unter
119
entschiedener Lösung von unserer militärischen Vergangenheit
der jungen Republik ein junges republikanisches Heer zu
schenken«.90
Die organisatorische Transformation von 1919 war
tiefgehender als diejenige von 1807 – als infolge des Friedens
von Tilsit schon einmal die Masse der Verbände aufgelöst
worden war –, aber weniger einschneidend als 1945/55.
Gleichwohl wurden die Verbindungen zur kaiserlichen Armee
nicht vollständig gekappt. So wurden die Traditionen der alten
Regimenter an Kompanien der Reichswehr verliehen, die die
alten Truppenfahnen, teilweise auch Bräuche und Riten
übernahmen.91 Somit war die alte Armee in den Garnisonen
noch präsent – etwa in Erinnerungsräumen, bei Festen und
Paraden.92 Hans von Seeckt förderte diese Präsenz mehr als
Walther Reinhardt. Doch auch er machte in seinem
Traditionserlass vom 24. August 1921 deutlich, dass sich jeder
Soldat in erster Linie als Mitglied seines neuen Truppenteils
fühlen sollte93, und so erscheint es mehr als zweifelhaft, dass
die Tradition der alten Verbände wirklich weiterlebte94, zumal
nur noch wenige Veteranen eine greifbare Verbindung
herzustellen vermochten.
Der bereits erwähnte Richard von Kühlmann hatte 1893
seinen Einjährig-Freiwilligen-Dienst beim 1. UlanenRegiment »Kaiser Wilhelm II.« in Bamberg abgeleistet. In
derselben Kaserne trat 1926 der junge Claus Schenk Graf von
Stauffenberg seinen Militärdienst an. Dort lagen nun Teile des
neu gebildeten Reiter-Regiments 17, dessen 1. Eskadron die
Tradition der Kaiser-Ulanen weiterführte, während die anderen
Eskadronen die Überlieferung der übrigen bayerischen ReiterRegimenter pflegten. Eine historisch gewachsene Identität des
Reiter-Regiments 17 konnte sich so kaum ausbilden. 1928/29
tauschten
die
Eskadronen
auch
noch
die
120
Traditionstruppenteile, wodurch die Künstlichkeit der
Traditionskonstruktion offensichtlich wurde. Graf von
Stauffenberg erlebte gewiss noch eine Militärwelt, die den
Reitergeist hochhielt und vergangene Waffentaten beschwor.
Aber es war doch eine gänzlich andere Welt als diejenige
Kühlmanns von 1893.
Die Verleihung von Traditionen an Kompanien der
Reichswehr diente in der Praxis wohl vor allem dazu, den
Mannschaften Referenzpunkte für ihre soldatische Identität an
die Hand zu geben. Und solange sie nicht selber in den Kampf
zogen, lag der Rückgriff auf die Armeen des Kaiserreichs am
nächsten.95
Eine
weitere
wichtige
Funktion
der
Traditionsverleihung bestand darin, die in Vereinen
organisierten Veteranen in die generationenübergreifende
Kameradschaft des Militärs zu integrieren. Dass diese
Verbindung von altem und neuem Offizierkorps der Nähe zur
Republik nicht gerade förderlich war, liegt auf der Hand.96
Reichswehrminister Groener versuchte dann auch gegen eine
allzu offen gepflegte Monarchieverherrlichung vorzugehen. So
verbot er etwa im März 1928 in Offizierheimen und
Bordmessen das Kaiserhoch, da dies als Demonstration gegen
die Republik gedeutet werden müsse. Auch ordnete er die
Auflösung des in Kiel ansässigen Kaiserlichen Yachtklubs an
und entließ Admiral Wülfing von Ditten, der für den in die
Kritik geratenen Besuch des Prinzen Heinrich auf dem
Kreuzer
»Berlin«
verantwortlich
war.97
Diese
Einwirkungsversuche blieben aber weitgehend erfolglos, weil
die deutliche Hinwendung des Ministers zur Republik für die
Sozialisation weiter Teile des Offizierkorps zu spät kam. Mit
gelegentlichen Truppenbesuchen etwa an der Infanterieschule
in Dresden konnte Groener die Abneigung der Truppe gegen
die Bürogeneräle im Reichswehrministerium nicht beheben.98
121
An der Infanterieschule war auch der schwer kriegsversehrte
Hans-Valentin Hube tätig, Autor eines in der Truppe viel
gelesenen Handbuchs für den Infanteristen. Das Bekenntnis
zur Demokratie fiel darin denkbar schwach aus. Dem
deutschen Soldaten, so Hube, stehe das Vaterland höher als die
jeweilige Staatsform, und in diesem Sinne würde der Eid auf
die Verfassung geleistet. Die Soldaten sollten der Republik wie
das leuchtende Vorbild ihres Reichspräsidenten dienen.99
Die militärische Werte- und Normenwelt der Kaiserzeit
veränderte sich nach 1919 nur wenig. Von Kaisertreue und
Gottesfurcht war zwar nicht mehr die Rede. Aber der
klassische
Kanon
von
Ehre,
Treue,
Gehorsam,
Pflichterfüllung, Mut, Tapferkeit, Kameradschaft und
Vaterlandsliebe wurde in den einschlägigen Vorschriften,
Erlassen und Handbüchern immer wieder beschworen. Seeckt
betonte beispielsweise in einem Erlass zu den Grundlagen der
Erziehung des Heeres: »Wahre Ehre kann ohne Treue bis in
den Tod, unerschütterlichen Mut, feste Entschlossenheit,
selbstverleugnenden Gehorsam, lautere Wahrhaftigkeit,
strenge Verschwiegenheit und ohne aufopfernde Erfüllung
selbst der anscheinend kleinsten Pflichten nicht bestehen.«100
Besonders hob er hervor, dass der Soldat für den Kriegsfall da
sei und sich im Frieden unablässig auf diesen vorbereiten
müsse. Nur eine harte Truppe, die Hunger, Durst und
fehlenden Schlaf ertragen könne, sei einsatzfähig.101 Und
Hans-Valentin Hube schrieb in seinem Handbuch, der
Infanterist müsse alle kriegerischen Mannestugenden des
Körpers, des Geistes und der Seele besitzen. Nur dann werde
er zum wahren Krieger. Mitleid, Weichheit, Parteinahme mit
dem Herzen seien rücksichtslos auszuschalten, wenn das Wohl
des großen Ganzen es erfordere.102 Entsprechend wurde
körperliche Ertüchtigung in der Reichswehr großgeschrieben.
122
Schwimmen, Fechten, Turnen, Leichtathletik waren die
klassischen Sportarten. Auch Jogging, damals Waldlauf
genannt, gab es bereits. Der voll ausgebildeten Truppe wurden
Märsche bei vollem Gepäck von bis zu achtzig Kilometern in
zwei Tagen abverlangt.103
Die Reichswehr war gleichwohl keine Kaiserarmee in
neuem Gewande. Sie prägte vielmehr eine eigene Militärkultur
aus. So institutionalisierte Walther Reinhardt die im November
1918 entstandene Funktion der Vertrauensleute.104 Als
gewählte Vertreter der Mannschaften fungierten diese in allen
Fragen der Disziplin, aber auch des Solds als Vermittler
zwischen Soldaten und Führung. Ihr Einfluss im
Garnisonsalltag ist empirisch kaum zu belegen.105 Man kann
diese neue Funktion aber als Zeichen dafür interpretieren, dass
die Reichswehr nicht einfach dort weitermachen wollte, wo
die kaiserliche Armee 1918 aufgehört hatte. Gerade auch die
Vertrauensleute sollten die Kohäsion der Armee stärken und
deutlich machen, dass die Sorgen der Soldaten ernst
genommen wurden. Sie waren ein Puzzlestein in dem größeren
Prozess der Weiterentwicklung der Menschenführung und der
Förderung der Truppenmoral. So wurde die Führung auch
nicht müde zu betonen, dass Gehorsam und Motivation in der
neuen Armee über Vertrauen und Kameradschaft erreicht
werden müssten. Noch als Generalquartiermeister hatte
Wilhelm Groener bereits im März 1919 betont, dass bei der
Auswahl der Offiziere Verständnis für die Untergebenen zu
berücksichtigen sei.106 Und Seeckt stellte im Januar 1921
heraus, dass durch die gegenseitige Unterstützung von
Vorgesetzten und Untergebenen Fehltritte Einzelner rechtzeitig
verhütet werden müssten.107
Eine weitere Maßnahme zur Festigung der Kohäsion war
die Einreihung von Offizieranwärtern in die Truppe. Während
123
der
ersten
fünfzehn
Monate
mussten
sie
als
Mannschaftsdienstgrade den normalen Dienst mitmachen,
wobei sie allerdings nach wenigen Wochen eine eigene Stube
bekamen, wie der spätere Generalinspekteur der Bundeswehr
Ulrich de Maizière von seiner Ausbildung im
Infanterieregiment 5 in Stettin zu berichten wusste.108
Verbessert wurde auch die Lebensqualität in den Kasernen.
Unteroffiziere erhielten Einzelzimmer, Mannschaften lagen
nur noch mit vier bis acht Mann auf einer Stube. Zudem
erhielten alle Soldaten die gleiche Verpflegung, die
Bevorzugung der Offiziere fiel weitgehend weg. In der
Grundausbildung der Rekruten wurden der Kasernenhofdrill
und die Formalausbildung im Vergleich zum Kaiserreich stark
reduziert; die meiste Zeit wurde auf die Beherrschung und
Handhabung der Waffen verwandt. »Auf formales Exerzieren
ist möglichst wenig Zeit zu verwenden«, hieß es in einer
Anweisung der Heeresleitung vom September 1932.109 Für die
militärische Haltung der Rekruten sei es völlig ausreichend,
wenn diese beim Antreten zum Dienst geübt werde, so ein
Merkblatt des Truppenamtes.110 Gefechtsdrill hingegen wurde
großgeschrieben, und man war bemüht, die Manöver so
kriegsnah wie möglich zu gestalten.111
Auch in der Reichswehr gab es Missbrauch und Schikane.
Im Mai 1925 bemängelte das Truppenamt, dass die
Kompaniechefs ihre Unterführer nicht immer ausreichend im
Griff hätten. Gerade der innere Dienst liege ganz in der Hand
der Unteroffiziere, die ihn »in vielen Fällen nach eigenem
Gutdünken« handhabten. »Unsitten aus der Vorkriegszeit wie
dauernder Gebrauch grober Schimpfworte, kleinliches
Schikanieren der Mannschaften reißen ein.« Die
Verantwortlichen seien vor allem ältere Unteroffiziere, die den
Mannschaften das Leben unnötig schwer machten.112 Hans
124
von Luck berichtete davon, dass er als Offizieranwärter die
Flure und Toiletten seines Kasernenblocks mit Zahnbürsten
reinigen musste, am Wochenende keinen Ausgang erhielt oder
als Mutprobe auf Befehl eine Flasche Rum zu leeren hatte.113
Die soziale Dynamik hierarchisch aufgebauter militärischer
Kleingruppen war in der Reichswehr somit prinzipiell keine
andere als in der kaiserlichen Armee. Und dennoch gab es
auch hier wichtige Veränderungen: Die Zahl der Rekruten war
durch den Versailler Vertrag auf 5000 pro Jahr begrenzt,
während im Kaiserreich jedes Jahr 300 000 eingerückt waren.
In der Reichswehr trafen Unteroffiziere also viel seltener auf
Rekruten. Es gab weniger Fluktuation, somit mehr Zeit, dass
Kompanien und Züge zu einer Einheit zusammenwachsen
konnten. Zumindest nach den offiziellen Zahlen nahmen
Misshandlungen im Vergleich zum Kaiserreich ab: Waren es
1913 noch 64 offiziell verhandelte Fälle pro Jahr und pro 100
000 Soldaten, so fiel diese Zahl zwischen 1922 und 1926 auf
30 bis 44 Misshandlungen, Beleidigungen und sonstige Fälle
vorschriftswidriger Behandlung Untergebener, darunter ein bis
sechs besonders schwere Fälle, die mit Gefängnisstrafen
geahndet wurden.114
Der Chef der Heeresleitung stellte im Dezember 1926 klar,
dass solche Verfehlungen nicht zu dulden seien, und forderte
die Soldaten nachdrücklich zur Beschwerde auf, sollten sie
sich in ihrer Ehre durch Vorgesetzte verletzt fühlen.115
Natürlich konnten solche Anweisungen Misshandlungen nicht
gänzlich abstellen, zumal es auch in der Reichswehr eine
Dunkelziffer gegeben haben muss. Anders als im Kaiserreich
spielten solche Vorkommnisse in der Öffentlichkeit und in den
Reichstagsdebatten aber keine große Rolle. Der spektakulärste
Zwischenfall war dann auch nicht auf Schikane
zurückzuführen. Im März 1925 ertranken bei einer Übung
125
durch die Verkettung unglücklicher Umstände achtzig
Rekruten in der Weser, als sie in Panik eine Fähre zum
Kentern brachten.116
Die Selbstmordrate stieg in der Reichswehr anfangs
kontinuierlich an und erreichte 1924 mit 132 Fällen ihren
Höhepunkt. Sie war damit fast dreimal so hoch wie in der
männlichen Zivilbevölkerung. Danach näherten sich die Werte
immer weiter an, bis die Rate 1930 im Militär nur noch
minimal über der zivilen lag.117 Gründe für die hohe Quote in
den frühen 1920er-Jahren, die auch deutlich höher lag als im
Kaiserreich, dürften eher drohende Entlassungen oder die
allgemeine Unsicherheit angesichts der gesellschaftlichen
Umbrüche gewesen sein als eine strukturelle Misshandlung
von Soldaten.
Fazit
Die Niederlage von 1918 hatte Staat und Gesellschaft schwer
erschüttert. Tausende kamen ums Leben, als in Berlin, im
Ruhrgebiet, in München oder Mitteldeutschland die
Regierungstruppen mit Brachialgewalt gegen Kommunisten,
Sozialrevolutionäre und streikende Arbeiter vorgingen,
nachdem diese zu den Waffen gegriffen hatten. Gewiss war
das Ausmaß der Gewalt in den meisten Verliererstaaten Mittelund Osteuropas ungleich höher als in Deutschland.118 Man
denke nur an den russischen Bürgerkrieg, in dem acht bis zehn
Millionen Menschen starben. Immerhin haben die auf Befehl
der
SPD-geführten
Regierung
und
des
SPDReichswehrministers
Gustav
Noske
einschreitenden
Regierungstruppen dafür gesorgt, dass die schwer gebeutelte
junge Republik nach fünf Jahren ruhigere Fahrwasser
erreichte. Doch das Verhältnis der politischen Linken zum
Militär blieb in der Folge angespannt. Das darf aber nicht
126
darüber hinwegtäuschen, dass es in der Weimarer Gesellschaft
einen breiten Wehrkonsens gab, der die geheime
Mobilisierung von Grenzschutzmilizen im Osten ebenso
ermöglichte wie die geheimen Rüstungsprojekte, etwa mit der
Sowjetunion. Die SPD trug all dies mit, als sie auf Reichs- und
Länderebene in der Regierungsverantwortung stand, und sie
wusste dabei eine Mehrheit der Deutschen hinter sich.
Ein Staat im Staate war die Reichswehr also nicht.
Dauerhaft opponierte eigentlich nur die KPD gegen sie. Und
doch stand die Armee – diplomatisch formuliert – der
Republik distanziert-abwartend gegenüber, nicht anders als
andere Teile der Gesellschaft rechts von der politischen Mitte.
Demokraten im Offiziersrock gab es kaum. Loyal war die
Reichswehr vor allem dem Reichspräsidenten gegenüber, und
von diesem hing wesentlich ab, inwieweit sie zum Schutz der
Republik eingesetzt wurde. Ein Handeln gegen das
Staatsoberhaupt kam für die Streitkräfte nicht infrage, weder
gegen Friedrich Ebert 1923/24 noch gegen Paul von
Hindenburg 1932/33. Als Letzterer den Widerstand gegen die
NSDAP aufgab und Hitler zum Reichskanzler ernannte, war
von der Reichswehr kein Widerstand zu erwarten.
In ihrem Binnenkosmos beschäftigte sich die Reichswehr
intensiv und notgedrungen mit den Erfahrungen des Ersten
Weltkriegs. Auf der strategischen Ebene ging es vor allem um
die Überwindung der engen Grenzen des Versailler Vertrags,
mittelfristig aber auch um die Wiederaufrichtung einer
deutschen Großmachtstellung, auch mit militärischen Mitteln.
Vieles davon waren Gedankenspiele, da Vorstellungen von
einer umfassenden Mobilisierung von Staat und Gesellschaft
für den nächsten Krieg angesichts der strengen Begrenzungen
des Versailler Vertrages allzu theoretisch waren und die
Überlegenheit der potenziellen Gegner allzu drückend schien.
127
Auf operativer Ebene setzte sich die Weiterentwicklung des
Bewegungskriegs zulasten der Feuerkraft durch. In der
taktischen Ausbildung wurden Erfolge erzielt, zumal die
Soldaten wegen fehlender Aufstiegschancen lange auf
denselben Posten verblieben. Die Auslese bei Beförderungen
war streng, weshalb die Reichswehroffiziere und unteroffiziere handwerklich ein exzellentes Niveau aufwiesen.
Doch mit den klassischen Problemen einer Friedensarmee
hatte auch die Reichswehr zu kämpfen, Klagen über zu viel
Bürokratie und eine oftmals nicht mehr kriegsnahe Ausbildung
waren an der Tagesordnung.
128
III.
Im Zeichen des Totalen
Krieges. Die Wehrmacht im
Dritten Reich (1933–1945)
Auftakt
Wehrgemeinschaft
Hitler und die NSDAP mussten von der Bedeutung der
Streitkräfte nicht erst überzeugt werden. Die NS-Bewegung
entstand aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs. Sie war in
ihrem Denken und Handeln ganz auf Kampf und Krieg
ausgerichtet, die ihr eigentlicher Daseinszustand waren. Die
mystifizierte Frontkämpfergemeinschaft war für sie die
Gesellschaftsform der Zukunft und Teil des nationalen
Heilsversprechens.1 So gehörte der Antipazifismus ebenso
zum
Nationalsozialismus
wie
Antibolschewismus,
Antisemitismus,
Antiparlamentarismus
und
Antiindividualismus. Nur vier Tage nach seiner Ernennung
zum Kanzler traf sich Hitler mit der Reichswehrführung und
stellte in einer längeren Rede anlässlich eines Abendessens in
der Dienstwohnung des Chefs der Heeresleitung, Kurt von
Hammerstein-Equord, Eckpunkte seiner innen- und
außenpolitischen Pläne vor. Die Generäle vernahmen, dass die
Streitkräfte von nun an die wichtigste Einrichtung des Staates
seien, dass es eine Verquickung von Heer und SA nicht geben
werde und dass sich die Armee nicht um die Innenpolitik zu
kümmern brauche.2 Auch die Aufrüstung und die
Wiedereinführung der Wehrpflicht kündigte Hitler an. Der
Wehrwille müsse mit allen Mitteln gestärkt werden. All das,
was die Generäle stets gefordert hatten, schien auf dem
129
Wunschzettel des neuen Reichskanzlers zu stehen. So
schlugen sie dankbar in dessen ausgestreckte Hand ein. Das
Projekt der Wehrhaftmachung des Volkes war bis zum
Ausbruch des Zweiten Weltkriegs das wichtigste
Verbindungsglied von NSDAP und Streitkräften.3
Nie zuvor und nie danach wurde das Militär in der
Öffentlichkeit so positiv dargestellt. Das lag zweifellos auch
daran, dass es – anders als im Kaiserreich oder in der
Weimarer Republik – in der Diktatur keine Möglichkeit mehr
gab, offen Kritik zu üben. Die SPD- und KPD-nahe Presse war
schon im Februar 1933 verboten worden. Reguläre
Reichstagssitzungen, im Kaiserreich ein Ort auch des
öffentlichen Spotts über das Militär, gab es seit März 1933
nicht mehr. Der Reichstag trat bis zum Ende des Dritten
Reiches überhaupt nur noch neunzehn Mal zusammen und war
kein Ort kontroverser Debatten mehr. Das Anti-KriegsMuseum des Pazifisten Ernst Friedrich wurde im März 1933
von einem Trupp SA-Männer verwüstet, Friedrich emigrierte
bald darauf nach Belgien. Mit der sukzessiven
Gleichschaltung von Film, Radio und Publizistik wurden
militärkritische Stimmen aus der Öffentlichkeit verdrängt.
Auch vom Buchmarkt verschwand alles Unliebsame. Erich
Maria Remarques Bücher wurden – neben zahlreichen anderen
– alsbald verboten und am 10. Mai 1933 wegen angeblichen
Verrats an den Soldaten des Weltkriegs in aller Öffentlichkeit
verbrannt. Die Verfilmung seines Bestsellers »Im Westen
nichts Neues« wurde ebenso verboten wie der Antikriegsfilm
»Westfront 1918« von Georg Wilhelm Pabst. Dasselbe galt für
die Kunst: Die Bilder von Max Beckmann, George Grosz oder
Otto Dix galten als »gemalte Wehrsabotage« und wurden aus
den Museen entfernt, die Maler mit Malverboten belegt.4 An
die Stelle dieser »undeutschen« Kunst trat die epische
130
Verklärung des Weltkriegs. Dieser sei ein notwendiger
Opfergang gewesen, der die seelische und geistige
Auferstehung des deutschen Volkes im Nationalsozialismus
bewirkt habe. Die NS-Bewegung sei angetreten, den
Schandvertrag von Versailles hinwegzufegen und zu
vollenden, was damals nicht gelungen war. So wurde der
Bogen gespannt von den Schlachtfeldern des Ersten
Weltkriegs über Hitlers Revisionspolitik bis zur Besetzung
Frankreichs 1940, getreu dem Motto: Ihr seid nicht umsonst
gefallen. Was die Veteranen einst begannen, werde nun vom
»Führer« vollendet.5
Die ehemaligen Weltkriegssoldaten genossen im Dritten
Reich eine herausgehobene öffentliche Stellung, etwa freien
Eintritt in öffentlichen Einrichtungen oder Ehrenplätze bei
öffentlichen Veranstaltungen. Der Volkstrauertag wurde 1934
zum Heldengedenktag umgewandelt; Kriegsteilnehmer
erhielten ein Ehrenkreuz, ein gewaltiges Reichskriegsmuseum
auf der Berliner Museumsinsel wurde geplant. Als Sinnbild
des Veteranen galt der Frontkämpfer; als solchen wussten sich
auch führende Nationalsozialisten zu inszenieren. Hitler trug
demonstrativ das Verwundetenabzeichen und das Eiserne
Kreuz I. Klasse als Ausweis seiner Kampferfahrung.6 In der
Großen Kunstaustellung in München waren seit 1937 die
Werke einer NS-konformen Malerei zu sehen, etwa das
Gemälde »Die letzte Handgranate« von Elk Eber, eine
Stilisierung des Kriegers, wie sie auch in zahllosen Büchern,
Zeitschriften und Denkmälern gezeigt wurde. Hans Zöberleins
1931 erschienenes Buch »Der Glaube an Deutschland« wurde
in der NS-Zeit zum hunderttausendfach verkauften
Weltkriegsbestseller, die Verfilmung erreichte 1934 ein
Millionenpublikum. Edwin Erich Dwinger, schon zu Weimarer
Zeiten ein erfolgreicher Schriftsteller, schrieb jetzt NS-
131
konforme Romane, charakterisierte etwa die Mitglieder der
Freikorps als heroische Protofaschisten7, die die nun
gefeierten Werte wie Härte, Kameradschaft, Tapferkeit und
Opfermut bereits vorgelebt hatten.
Über die Wirkung dieser Bücher, Ausstellungen, Bilder
oder Filme sind gesicherte Aussagen nicht möglich. Trotz des
medialen und propagandistischen Feuerwerks wurden die
Deutschen gewiss nicht alle zu mustergültigen Mitgliedern
einer wehrhaften Volksgemeinschaft. Zudem muss die NSkonforme Darstellung von Militär und Krieg ins Verhältnis zur
gesamten Buch-, Film- und Kunstproduktion gesetzt werden.
In der Großen Kunstausstellung in München machten diese
Themen 1938 gerade einmal 1,7 Prozent aus, und der Anteil
wuchs auch im Krieg nicht über gut sieben Prozent hinaus.
Vierzig Prozent der Gemälde zeigten Landschaften im Stile
des 19. Jahrhunderts.8 Gleichwohl war das Regime bemüht,
die Militarisierung des Lebens und die »Wehrhaftigkeit des
Volkes«
möglichst
umfassend
zu
gestalten.
Transmissionsriemen
waren
dabei
neben
den
gleichgeschalteten
Medien
vor
allem
die
Massenorganisationen der Partei. Deren Spanne reichte von
der Hitlerjugend, dem Bund Deutscher Mädel oder der SA
über angeschlossene Verbände wie die Deutsche Arbeitsfront
oder die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt bis zu
betreuten Verbänden wie dem Reichskriegerbund. Eine
wichtige
Rolle
spielte
auch
der
sechsmonatige
Reichsarbeitsdienst, den bis 1940 drei Millionen Männer
durchliefen. Eine Mehrheit zumindest der männlichen
Deutschen war bei Kriegsausbruch in einer dieser
Organisationen
Mitglied.9
Zwar
gab
es
viele
Zwangsmitgliedschaften und auch opportunistische Gründe für
einen Beitritt. Doch die von Partei und NS-Verbänden
132
ausgehende Tendenz zur sozialen Disziplinierung war
unübersehbar.
Militarisierte
Inszenierungen
von
Großveranstaltungen
wie
Parteitagen,
Erntedankfest,
Heldengedenktag und selbst Sportfesten trugen das Ihre zur
Veränderung des Referenzrahmens bei. Der ambivalente
Umgang mit Militär und Krieg in der Weimarer Republik wich
einer gänzlich positiven Darstellung. Dieser Prozess kam nicht
über Nacht und dauerte mehrere Jahre, war bei Kriegsausbruch
aber weitgehend abgeschlossen.
Die Masse der wehrfähigen Bevölkerung machte jedoch
bis 1939 gar keine Militärerfahrung. Die Wehrpflicht wurde
erst im Oktober 1935 eingeführt und dauerte zunächst nur ein
Jahr, ab 1936 dann zwei Jahre. Von den zehn Millionen
Männern der Jahrgänge 1900 bis 1913 hatten 1939 lediglich
770 000 eine dreimonatige Kurzausbildung erhalten, der Rest
war nie Soldat gewesen.10 Die verhaltenen Reaktionen bei
Kriegsbeginn am 1. September 1939 zeigen, dass die deutsche
Bevölkerung trotz aller Propaganda den Krieg keineswegs
herbeiwünschte, auch wenn sie gegenüber NS-Staat und
Militär loyal war. »Net grad laute Begeisterung, aber doch
fühlbar gute Einstellung«, schrieb Oberstleutnant Heinrich
Eberbach nach Verkündung der Mobilmachung über die
Haltung der Bevölkerung.11
Ab September 1939 veränderten sich die Verhältnisse
grundlegend. Durch die schrittweise Massenmobilisierung und
die immer stärkere Ausrichtung der Gesellschaft auf den Krieg
wurden die Deutschen Teil einer Wehrgemeinschaft – ob sie
wollten oder nicht. In Film, Radio, Publizistik und Kunst
spielte das Militär nun eine noch wichtigere Rolle als zuvor,
wobei die Unterhaltung rein quantitativ nach wie vor
dominierte. Die Dominanz des Militärs in der NSWochenschau, die stark ansteigende Produktion von
133
Kriegsfilmen,
Sonderausstellungen,
eine
geradezu
explodierende Produktion einschlägiger Bücher oder
Sammelalben, aber auch das allgegenwärtige Kriegsspielzeug
verstärkten die positive Präsenz der Wehrmacht in der
Öffentlichkeit. Das Bild des heroischen Kämpfers wurde
beschrieben, besungen, gemalt, in Bronze gegossen und auf
Zelluloid gebannt.12 Jagdflieger und U-Boot-Fahrer wurden zu
Heldenfiguren stilisiert, deren Popularität bei den
Jugendlichen mit derjenigen heutiger Fußballstars zu
vergleichen ist. Werner Mölders, Adolf Galland oder Günther
Prien waren »cool« – auch wenn es das Wort im
zeitgenössischen Sprachgebrauch noch nicht gab.
Die Uniform war bald aus dem Straßenbild nicht mehr
wegzudenken. Das Deutsche Reich war von einem dichten
Netz von Kasernen überzogen, in denen Verbände für den
Fronteinsatz ausgebildet wurden. Alle in Deutschland
stationierten Soldaten waren dem Ersatzheer unterstellt, das
zusammen mit dem Feldheer die Landstreitkräfte bildete.
Seine Stärke wuchs von knapp einer Million 1939 auf 2,5
Millionen 1944 an. Hinzu kamen die Fronturlauber und die
vielen Verwundeten sowie Hunderttausende Soldaten der
Luftwaffe, die in der Heimat an den Flakgeschützen,
Scheinwerferbatterien oder Radarstellungen im Kriegseinsatz
standen. Insgesamt dienten rund achtzehn Millionen Männer
und 500 000 Frauen in Wehrmacht und Waffen-SS,
Hundertausende im sogenannten Wehrmachtgefolge wie der
Organisation Todt sowie in der Endphase des Krieges rund
700 000 im Volkssturm.
Die Volksgemeinschaft als Kampfgemeinschaft, als eine
klassenlose Gesellschaft, in der es keinen Dünkel mehr gab, in
der Konfession und soziale Herkunft keine Rolle mehr
spielten, war gewiss ein Wunschbild, das es in der sozialen
134
Realität so nie gab. Sie blieb eine Verheißung, die aber auf
große Teile der Gesellschaft eine mobilisierende Kraft
ausstrahlte.13 Für das Militär war die Idee der
Volksgemeinschaft eines der wichtigsten Verbindungsglieder
zum Nationalsozialismus14, und es war die Wehrmacht, die
diese Idee am konsequentesten verwirklichte. Anders als in der
Zivilgesellschaft war in ihr – wie noch zu zeigen sein wird –
der schnelle Aufstieg wirklich möglich, wenn man sich durch
Leistung bewährte. Dadurch unterschied sich die Wehrmacht
auch von der kaiserlichen Armee, in der es noch starke
Klassenschranken gegeben hatte. So kam es nicht von
ungefähr, dass sie ihren Soldaten als effiziente Organisation
erschien, auf die man stolz sein konnte und der man bis kurz
vor Kriegsende loyal ergeben war. Kritik gab es sehr wohl an
einzelnen Missständen15, aber nicht an der Institution als
solcher.
Selbstgleichschaltung
Die Reichswehr fügte sich geräuschlos in den
nationalsozialistischen Staat ein. Der Chef der Heeresleitung,
Kurt von Hammerstein-Equord, war der einzige prominente
General, der Anfang 1934 seinen Abschied nahm. Alle
anderen waren hoch erfreut über die Chancen, die die
anvisierte nationale Einigung und die Mobilisierung des
Landes zur Wiedererlangung der einstigen Großmachtstellung
boten.16 Hitler selbst hatte das Bild des auf zwei Säulen – NSBewegung und Reichswehr – ruhenden Staates geprägt.17
Damit war den Streitkräften eine herausgehobene Rolle
zugewiesen, die manchen an die glücklichen Tage des
Kaiserreichs erinnerte.18 Reichswehrminister Werner von
Blomberg und sein Stabschef Walter von Reichenau forcierten
mit aller Kraft die Verschmelzung der Armee mit dem neuen
Staat und die Beeinflussung der Soldaten im Sinne der NS-
135
Bewegung. Symbolisch wurde dies im Februar 1934 durch die
Aufnahme des Hakenkreuzes in die Uniform und den
Ausschluss jüdischer Soldaten sowie ein halbes Jahr später
durch den neuen Eid auf Hitler vollzogen. Von Anfang an
verstand es der Diktator geschickt, die Militärführung zu
umgarnen. Die Wertschätzung, die er insbesondere Blomberg
entgegenbrachte, schmeichelte diesem; schließlich hatte es
eine derart ausgeprägte Militärzuneigung eines Kanzlers in der
Geschichte des Deutschen Reiches noch nicht gegeben. So
meinte Reichenau in einer Epoche zu leben, »wie sie seit dem
großen Kurfürsten« nicht mehr da gewesen sei.19
Der
Schulterschluss
mit
Hitler
diente
der
Reichswehrführung auch zur Absicherung der eigenen
Machtposition. Mit der Liquidierung der SA-Führung Ende
Juni 1934 schien diese sichergestellt. Als einzige staatliche
Organisation war die Reichswehr keiner Gleichschaltung
unterworfen. Weder wurden ihr Parteipolitiker vor die Nase
gesetzt, noch mischte sich die Partei anfangs in die inneren
Angelegenheiten ein.20 Die Generäle, allen voran
Reichswehrminister Blomberg, erkannten aber nicht, dass es
dabei nicht bleiben würde, dass das Militär in der Diktatur auf
Dauer keine eigenständige Kraft bilden konnte, sondern sich
bedingungslos würde unterordnen müssen. Allzu lange gab
sich Blomberg der Illusion hin, Einfluss auf Hitler ausüben zu
können.21 Die Vorstellung von den zwei Säulen des Staates
war indes schon in staatsrechtlicher Hinsicht Unsinn. Die
NSDAP war seit Sommer 1933 die einzige Partei in
Deutschland, ihr Führer war Reichskanzler und ab August
1934 in Personalunion auch Reichspräsident. Eine
Besonderheit
war
gewiss,
dass
Blomberg
als
Reichswehrminister im aktiven Militärdienst verblieb.22 Doch
er spielte im ohnehin machtlosen Kabinett keine große Rolle.
136
Unterdessen mühte er sich redlich, die Wehrmacht zu einer
nationalsozialistischen Armee umzuformen.
Der neue Referenzrahmen der Streitkräfte23 war
keineswegs festgefügt und starr, sondern glich eher einer
Vielzahl von Stimmen, die im Detail durchaus
unterschiedliche Akzente setzten. Das lässt sich beispielhaft
anhand der Vorschriften und Publikationen zeigen, die die
Wehrmacht in hohen Auflagen an ihre Soldaten verteilte. Die
Autoren waren nicht nur Generäle, sondern oft auch
Truppenoffiziere, was einmal mehr verdeutlicht, in welchem
Ausmaß das Offizierkorps der Reichswehr die politische
Neuorientierung unterstützte. Die »Berufspflichten des
deutschen Soldaten«, traditionell eines der zentralen
Dokumente, die das Wertefundament der Streitkräfte
festlegten, wurden im Mai 1934 von Hindenburg und
Blomberg neu erlassen. Wie in den älteren Versionen aus der
Weimarer
Republik
war
von
Treue,
Gehorsam,
Kameradschaft, Ehre und Pflichterfüllung zu lesen. Selbst in
der von SPD-Reichswehrminister Noske verantworteten
Fassung von 1919 waren »kühner Mut und unerschütterliche
Tapferkeit« als »Kennzeichen des echten Mannes und die
Quellen des Erfolges«24 genannt worden. Auch die Forderung,
bis zur Opferung des Lebens seine Pflicht zu tun, fand sich
schon in der Weimarer Republik25, die Brandmarkung von
Feigheit als »schimpflich« schon im Kaiserreich.26 Jedoch war
1934 ein neuer Zungenschlag nicht zu übersehen: Der Kampf
stand in dem neuen Pflichtenkatalog in einer Weise im
Vordergrund, wie es in keiner anderen Fassung seit den
Einigungskriegen zu finden gewesen war. Unterstrichen wurde
dies noch dadurch, dass als höchste Soldatentugend nicht etwa
Treue27, sondern »kämpferischer Mut« herausgestellt wurde,
137
der »Härte und Entschlossenheit« erfordere.28 Die beiden
letzteren Begriffe tauchten hier erstmals auf.
Ein weiteres Beispiel für die Veränderung des
Referenzrahmens ist das bereits erwähnte Handbuch »Der
Infanterist« von Hans-Valentin Hube. Es erschien erstmals
1925, wurde in den folgenden Jahren mehrfach aufgelegt und
kam 1935/36 in einer überarbeiteten Neuausgabe heraus. Hube
war neben seinen Truppenkommandos schon in den 1920erJahren mehrfach an der Infanterieschule in Dresden tätig
gewesen; am neuen Standort Döberitz war er seit 1935 für fast
fünf Jahre ihr Kommandeur. Er prägte als Lehrer also jene
Generationen von Offizieren, die im Zweiten Weltkrieg die
Führungsschicht der Kampftruppen stellten. Die Neuausgabe
seines Buches ging weit über ein bloßes Lippenbekenntnis
zum neuen NS-Staat hinaus. In ihr war von »germanischem
Staatswesen«, »germanischem Rasseerbgut« und vom
»Volksheer des Dritten Reiches« die Rede. Als Grund für
einen Krieg wurde die Raumnot genannt. Der Krieger müsse
für die großen Ideen von Vaterland und Rasse sterben, müsse
das letzte Opfer an »Gut, Blut und Leben« bringen, wenn der
»Führer« es verlange. Der Krieg wurde als Stahlbad der
Nation, die Schlacht als prägendstes Ereignis im Mannesleben
herausgestellt.29 Den Vorgesetzten müsse bedingungslos
gehorcht werden. Das war NS-Ideologie reinsten Wassers; alle
diese Passagen fehlten in den Ausgaben von 1925 und 1928.
Interessant ist freilich auch, was nicht verändert wurde. Im
Kapitel »Großkampftage« über ein wohl fiktives
kriegsgeschichtliches Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg
wurde nicht ein Komma hinzugefügt. Geschildert wird der
Kampf einer Kompanie an der Westfront, die im feindlichen
Artilleriefeuer aushielt und große Verluste erlitt. Die Verzagten
begannen zu wanken, aber die Tapferen dachten auch unter
138
widrigsten Bedingungen nicht ans Aufgeben. Sie fanden
Hoffnung in der Kameradschaft, wurden schließlich durch
einen großen Gegenangriff entsetzt und leisteten so einen
wichtigen Beitrag für einen Sieg. Die Moral von der
Geschichte war also: Der Wille triumphiert!30 Eine solche
Betonung
kriegerischen
Geistes
kam
auch
im
Nationalsozialismus gut an und musste nicht verändert
werden.
Friedrich Altrichter, einer der führenden deutschen
Wehrpsychologen seiner Zeit, wirkte von 1929 bis 1933
ebenfalls als Lehrer an der Infanterieschule. 1934 war er
Bataillonskommandeur im berühmten Infanterieregiment 9.
Seine Adjutanten dort waren Henning von Tresckow und Wolf
Graf von Baudissin. 1935 veröffentlichte Altrichter das Buch
»Das Wesen der soldatischen Erziehung«, von dem bis 1943
beachtliche 45 000 Exemplare gedruckt wurden.31 Im
Vergleich zu Hube leistete sein Werk eine analytische und
akademische Reflexion zur Theorie und Praxis soldatischer
Motivation. Es war gemäßigter im Duktus, von Germanentum,
Raumnot und Stahlbädern war hier nichts zu lesen. Aber
letztlich ging es um dasselbe: die Verbindung des Soldaten mit
Staat und Volk, die Ausdruck in der vorbehaltlosen Bejahung
der NS-Weltanschauung finden müsse, damit die Wehrmacht –
ähnlich wie Partei, SS oder SA – zum organischen Teil des
Ganzen werde. Dem Soldaten müsse dieser Zusammenhang
im staatsbürgerlichen Unterricht vermittelt werden, um ihn so
zu einem Kämpfer für die nationalsozialistischen Ideen
auszubilden. Das Verständnis von Volksgemeinschaft,
Antimarxismus und Rassegedanken sei zur Ausbildung der
seelischen Antriebskräfte des Soldaten von großer Bedeutung.
Altrichter erkannte also, dass der militärische Wert einer
Truppe auch davon abhing, wie eng diese mit Nation, Staat
139
und Bevölkerung verbunden war. Und er formulierte diese
Erkenntnis nicht abstrakt, sondern bezog sich immer wieder
explizit auf den NS-Staat und seine Ideologie.
Aus heutiger Sicht befremdet diese bedingungslose
Hingabe an die Diktatur. Die Abschaffung des Rechtsstaats,
Tausende von Morden an Regimegegnern, der Ausschluss der
Juden aus der Volksgemeinschaft – all dies schien nicht von
Bedeutung zu sein. Im Gegenteil, es waren für die allermeisten
Militärs und wohl auch für Altrichter erforderliche
Maßnahmen, um die nationale Einheit herzustellen und die
Streitkräfte zu neuer Größe emporzuheben. In der Literatur ist
viel darüber reflektiert worden, warum das Offizierkorps
dieses Unrecht akzeptierte. Im Referenzrahmen des Militärs
spielte das Recht als ein über allem stehendes Gut freilich eine
eher untergeordnete Rolle. Viel wichtiger war die Schaffung
einer Ordnung, die endlich die Phase der nationalen
Demütigung der 1920er-Jahre beendete und den Aufbau
schlagkräftiger Streitkräfte sicherstellte. Letztlich ging das
Offizierkorps im Krieg wie im Frieden mit Rechtsordnungen
pragmatisch um, je nachdem, welchen Nutzen man aus der
Befolgung, Dehnung oder dem Bruch des Rechts ziehen
konnte. Wichtiger war die Loyalität zu Staatsoberhaupt,
Nation und Volk. Nach Ansicht der meisten Offiziere handelte
Hitler im Interesse des Volkes – wie er das machte, habe die
Militärs nicht zu interessieren.
Nachdem sich die Reichswehr einmal entschlossen hatte,
dem »Führer« und Reichskanzler loyal zu dienen, machte die
Pfadabhängigkeit menschlichen Handelns die Revision dieser
Entscheidung immer unwahrscheinlicher. Nach dem
Ausbleiben von Protesten gegen die Ermordung der
ehemaligen Generäle Kurt von Schleicher und Ferdinand von
Bredow während des sogenannten Röhm-Putsches 1934 rückte
140
eine solche Umkehr vollends in weite Ferne. Freilich lag das
Hauptaugenmerk der Streitkräfte sowieso nicht auf der
Innenpolitik, und die Rechtsbrüche des NS-Systems ließen
sich im militärischen Alltag leicht ignorieren. Der Ausschluss
jüdischer Soldaten aus der Wehrmacht etwa betraf nur siebzig
Personen, da diese schon in der Weimarer Republik nicht
rekrutiert worden waren.32 Der Bruch internationaler Verträge,
etwa die Rheinlandbesetzung im März 1936, wurde nicht
weiter problematisiert, weil die Interessen der Nation schon
seit 1919 höher bewertet wurden als die aus der Niederlage
hervorgegangene Rechtsordnung. Im Sinne des Zwei-SäulenModells lag die Verantwortung für die Innen- und
Außenpolitik bei Hitler und der NSDAP. Die Streitkräfte
hatten sich darum zu kümmern, dass aus dem kleinen Häuflein
der Reichswehr rasch eine schlagkräftige Streitmacht wurde.
Und genau an diesem Punkt setzten Offiziere wie Altrichter
mit ihren Publikationen an. Er sah seine Aufgabe darin, die
Grundlagen für eine mustergültige Kampfgemeinschaft der
Soldaten zu legen. Er betonte die Relevanz von Geist,
Disziplin und handwerklichem Können und skizzierte als
Idealtypus des Offiziers einen umfassend gebildeten,
gerechten und tapferen Führer, der sorgsam auf die
individuellen Stärken und Schwächen der ihm anvertrauten
Soldaten Rücksicht nahm. Altrichters Darlegungen
unterscheiden sich im Grundsatz nicht von heutigen Analysen
zur Kampfkraft und Moral militärischer Einheiten, die –
wenngleich mit völlig anderer politischer Ausrichtung – die
horizontale und vertikale Kohäsion der Truppe herausstellen.33
Dem von Altrichter und auch von Hube skizzierten
Idealbild dürfte kaum je ein Offizier entsprochen haben. In der
Praxis des schnellen Heeresaufbaus der 1930er-Jahre waren
solche Ansprüche erst recht nicht zu realisieren. Wo sollten die
141
hoch qualifizierten Menschenführer, die zugleich gläubige
Nationalsozialisten sein sollten, auch alle herkommen? Zudem
ist zu fragen, welche Wirkung solche Publikationen überhaupt
hatten. Einen Hinweis liefert die Ausgabe von Hubes
Handbuch »Der Infanterist«, die einst dem Fahnenjunker und
späteren Historiker Helmuth Rönnefarth gehörte.34 Die
einzigen Unterstreichungen und Anmerkungen tätigte er
bezeichnenderweise
im
Abschnitt
über
den
Infanteriegefechtsdienst. Man sollte also den Einfluss solcher
Handbücher nicht zu hoch bewerten. Wer das NS-System
ablehnte, konnte die politischen Abschnitte geflissentlich
ignorieren und zu den Praxiskapiteln vorblättern, wie es
Rönnefarth offenbar machte. Wer die soldatische Existenz
hingegen in den politischen Zusammenhang stellen wollte,
fand hier, was er suchte. Die erwähnten Publikationen sind für
den Historiker vor allem ein Beleg dafür, wie sehr die
Streitkräfte als Institution mit dem NS-Staat verschmolzen;
über ihre Wirkung wissen wir aber wenig.
Jenseits des offiziösen Schrifttums hatten die handelnden
Offiziere durchaus eigene Vorstellungen davon, wie »der«
Soldat zu sein habe. Die letzte Verantwortung etwa für den
wöchentlichen nationalpolitischen Unterricht hatte der
Kompaniechef, dem es selbst überlassen blieb, wie er seine
Aufgabe ausfüllte. Im Alltag dürfte dies sehr unterschiedlich
gehandhabt worden sein.35 Vor allem aber: Trotz aller
politischen Treuebekundungen ihrer Führung war die
Wehrmacht in erster Linie eine militärische Organisation, in
der es um die Beherrschung des militärischen Handwerks
ging. So verlangte selbst Blomberg, dass innerhalb der
Streitkräfte einzig und allein die militärische Eignung und
Leistung ausschlaggebend seien. Angehörige von SA und SS
hätten sich unterzuordnen und könnten keinesfalls einen
142
Anspruch auf Sonderbehandlung geltend machen.36 Die
politische Einstellung wurde erst im Herbst 1942 in die
Personalbeurteilung des Heeres und der Kriegsmarine
aufgenommen und blieb auch dann – wie noch zu zeigen sein
wird – weitgehend ohne Einfluss. In den Ausbildungsbefehlen
des württembergischen Generals Hermann Geyer, immerhin
Befehlshaber eines Wehrkreises, findet sich kein Wort zur
Politik oder zur NS-Bewegung. Umso mehr ging es um die
besondere Haltung des Offiziers, der nicht nur selbst, sondern
auch mit Frau und Familie dem Korps verbunden sein müsse.
Geyer hielt fest, dass nicht zu viel Zeit für den Formaldienst
aufgewendet werden dürfe, alles »kleinlich Kommissige«
abzustreifen sei37 und man sich auf »das Kriegsmäßige« zu
konzentrieren habe.38 Es fehlte die zeittypische Diktion der
Härte, ja, Geyer befahl sogar, dass die Rekruten »wenigstens
8, möglichst 9 Stunden Nachtschlaf« haben sollten und der
Dienst nicht in »übermäßiger Hetze« stattzufinden habe.39
Auch Carl Hilpert setzte 1936 als Regimentskommandeur
ganz eigene Akzente. Er beklagte sich vor allem über die
mangelnde geistige Bildung des Offiziernachwuchses. Die
Wehrmacht sei keine Vereinigung, die ausschließlich
Körperkultur betreibe, betonte er. Wer alles Geistige und
Kulturelle ablehne, sei als Offizier nicht geeignet. Er sprach
von einem »ganz unfassbaren Mangel an einfachsten und
bisher selbstverständlichsten Bildungselementen«; die Jugend
interessiere sich nur noch für das, was in der Schule verlangt
oder bewertet werde. »Was soll man z. B. sagen, wenn ein
junger Mann, der in die Oberprima aufsteigt, noch nie
Schillers Wallenstein gelesen hat, ja von ihm überhaupt nichts
weiß? Oder wenn ein anderer, der Offizier werden will, in den
letzten Jahren überhaupt kein Buch über den Weltkrieg gelesen
hat? Nach einem größeren Geschichtswerk fragt man gar
143
nicht, da viele in Geschichte nur ›genügend‹ haben.« Jeder
junge Offizier müsse eine gute Zeitung lesen. »Wer sich hierzu
immer nur schieben oder gar treiben lässt, hat bei uns keinen
Platz.«40
Hube und Altrichter waren nach ihrer Verwendung an der
Infanterieschule Truppenkommandeure und dürften in ihrer
Erziehungsarbeit viel NS-konformer als Hilpert und
insbesondere als Geyer gehandelt haben. Letzterer galt bald als
politisch unzuverlässig, wurde 1939 vorzeitig entlassen, dann
wieder reaktiviert und Ende 1941 erneut verabschiedet.41
Ähnlich erging es Generalleutnant Theodor Groppe, einem
hoch ausgezeichneten Frontoffizier des Ersten Weltkriegs,
dessen Haltung als streng gläubiger Katholik nicht den
Anforderungen »an einen Offizier der nationalsozialistischen
Wehrmacht« entsprach.42 Der neue Oberbefehlshaber des
Heeres, Walther von Brauchitsch, war sich nur allzu bewusst,
dass es im Offizierkorps mit der »Reinheit und Echtheit der
nationalsozialistischen Weltanschauung, in der es sich
eigentlich von niemandem übertreffen lassen« dürfe, nicht
immer zum Besten stand. Im Dezember 1938 bemängelte er,
dass die Erziehung der Offiziere zu einem »einheitlichen
nationalsozialistischen Geiste« immer noch nicht von allen
erkannt sei.43
Wenn schon das Offizierkorps der Wehrmacht überaus
heterogen war und zunächst auch Männer geduldet wurden,
die ganz offensichtlich nicht den politischen Leitlinien
entsprachen, so traf dies wohl noch weit mehr auf die Soldaten
zu. Deren politische Haltung dürfte aber kaum durch Bücher
oder staatspolitischen Unterricht, sondern durch Elternhaus,
Schule und HJ geformt worden sein. Und bei aller Bejahung
der
nationalsozialistischen
Volksgemeinschaft,
dem
überwältigenden Zuspruch zu Hitler und der Freude etwa über
144
den Anschluss Österreichs bedeutete dies nicht, dass alle nun
begeistert zur Fahne rannten. So beklagte sich im April 1938
das in Bayern liegende VII. Armeekorps bitter über die
mangelnde Wehrfreudigkeit der Bevölkerung, die für die
bedenkliche Anzahl von Fahnenflüchtigen mitverantwortlich
sei.44
Jenseits der Propaganda war man also auch fünf Jahre nach
der NS-Machtergreifung noch ein gutes Stück vom
gepriesenen Ideal der nationalsozialistischen Wehrmacht
entfernt. Das betraf auch die Behandlung der Soldaten. Auf
das vertrauensvolle Verhältnis von Offizieren zu ihren
Mannschaften wurde von der obersten Führung viel Wert
gelegt.45 Missbrauch und Schikanen widersprachen dem
vielfach beschworenen Geist des Frontkämpfertums und der
Volksgemeinschaft. Doch im Friedensbetrieb verfielen etliche
Offiziere und Unteroffiziere in ein Verhalten, das man
eigentlich überwunden haben wollte. Unablässig wurde darauf
hingewiesen,
dass
Misshandlungen
und
»törichte
Erziehungsmethoden« zu unterlassen seien, dass es keine
kränkenden Anspielungen auf den Zivilberuf geben dürfe,
sondern die jungen Soldaten mit Takt, Fürsorge und Vertrauen
zum charaktervollen Kämpfer zu erziehen seien. Übertriebener
Drill und eintöniges Exerzieren hätten zu unterbleiben, stellte
das VII. Armeekorps klar.46 Obwohl die Wehrmacht mehr
noch als die kaiserlichen Streitkräfte oder die Reichswehr
versuchte, gegen Beleidigungen und Misshandlungen von
Untergebenen vorzugehen, und ein Divisionskommandeur
schon jeden Versuch einer Misshandlung mit aller Schärfe zu
ahnden drohte47, konnten die Schikanen nicht abgestellt
werden. Unteroffiziere ließen die Rekruten auf die Spinte
klettern, unter Betten kriechen, bei Nichtigkeiten 50
Kniebeugen machen oder jagten sie bei Wind und Wetter um
145
den Kasernenblock. Derlei geschah vor allem in der
Grundausbildung.48
Hinzu kam, dass in großer Eile Verbände aufgestellt und
bald wieder auseinandergerissen wurden, um den Kern neuer
Einheiten zu bilden. So fehlte oft die Zeit, um die Kompanien
und Bataillone zusammenwachsen zu lassen. Unter solchen
Bedingungen blieben die Offiziere und Unteroffiziere ihren
Mannschaften fremd. Zudem fehlte es in den Jahren des
hektischen Heeresaufbaus schlicht an qualifiziertem Personal.
Das Offizierkorps wuchs von gut 4000 Mann 1933 auf 22 600
Ende 1938 an, das Unteroffizierkorps von 20 000 auf 150
000.49 Dabei konnte kaum die gleiche sorgfältige
Persönlichkeitsprüfung an den Tag gelegt werden wie in den
1920er-Jahren. Ungeeignete Vorgesetzte kränkten die
Rekruten und schikanierten sie immer wieder in einer Weise,
die strafrechtlich kaum zu fassen war.50 Allerdings war auch
der Umgang etwa in den Fabriken in den Dreißigerjahren
rau.51 Insofern unterschied sich das Militär wohl nur graduell
von anderen Milieus. Dieser Befund wird durch die Zahl der
Selbstmorde bestätigt, die von 1933 bis 1939 nicht anstieg.
Mit rund 45 Fällen je 100 000 Soldaten lag die Quote genauso
hoch wie 1931/32 und ungefähr gleich hoch wie in der
Zivilgesellschaft. Die Ursachen der Selbstmorde wurden in der
Wehrmacht recht genau erfasst, wobei heute nicht mehr
beurteilt werden kann, wie verlässlich die Kategorisierungen
waren. Selbstmorde wegen Bestrafung, Zurechtweisung durch
Vorgesetzte oder Überdruss am Wehrdienst kamen jeden
Monat vor, stachen aber im Vergleich zu Liebeskummer oder
Schulden nicht hervor.
Ein weiteres Indiz für mögliche Schikanen ist die Zahl der
Unfälle. So beklagte sich der Oberbefehlshaber des Heeres im
Sommer 1935 über zu viele Todesfälle durch Hitzschlag und
146
Ertrinken. Offensichtlich würden die Ausbilder die neuen
Rekruten nicht mit der notwendigen Vorsicht an die
körperlichen Belastungen heranführen.52 Zwar liegen für Juni
und Juli 1935 keine Zahlen vor, aber von August 1935 bis zum
Kriegsausbruch 1939 bewegten sich die tödlichen Unfälle
konstant zwischen 84 und 106 Fällen pro 100 000 Soldaten.
Sie waren damit etwas häufiger als in der Reichswehr, deren
Unfallquote zuletzt bei 76 pro 100 000 Soldaten gelegen
hatte.53 Die meisten Unfälle passierten im Hochsommer. Fälle
von Hitzschlag oder sonstiger Überanstrengung waren aber
eher selten, die Mehrheit der Rekruten kam in den heißen
Monaten durch Ertrinken außerhalb des Dienstes um. Und
bald waren Verkehrsunfälle die häufigste Unfallursache. Eine
Kultur von Schikane und Missbrauch kann aus diesen Zahlen
nicht herausgelesen werden.
Kriegsvorbereitung
So fest der Wille der Militärs war, sich in den neuen Staat
einzufügen und rasch eine schlagkräftige Wehrmacht
aufzubauen, so unklar blieb die Frage, welchem strategischen
Zweck diese eigentlich dienen sollte. Für den
Generalstabschef des Heeres Ludwig Beck ging es vor allem
um die Wiedererlangung der an Polen verlorenen Gebiete,
wobei ihm Hitlers ausufernde Lebensraumideen und
sozialdarwinistisches Denken fremd waren.54 Zudem erschien
Frankreich als der natürliche Gegner beim Aufstieg
Deutschlands zur mitteleuropäischen Großmacht. Jedoch gab
es – anders als vor dem Ersten Weltkrieg – keine Planungen
für einen Angriff auf den westlichen Nachbarn. Aufgrund ihrer
Schwäche plante die Wehrmacht nach Westen hin defensiv
und stellte lediglich Überlegungen an, wie ein französischer
Angriff gekontert werden könnte. Offensiv ausgerichtet war
man hingegen nach Osten. Ab 1935 gab es Planspiele für die
147
Besetzung der Tschechoslowakei und Österreichs, bald sogar
Erwägungen, im Bündnis mit Polen einen Krieg gegen die
Sowjetunion zu führen.55 Luftwaffe und Marine befassten sich
seit Frühjahr 1938 in Studien mit einem möglichen Krieg
gegen Großbritannien. Das alles waren Fingerübungen der
militärischen Stäbe, die auf Anregungen Hitlers zurückgingen,
aber auch eigener Initiative entsprangen. Eine Grand Strategy
gab es jedoch nicht.
Die Kräfte der Wehrmacht waren nach Ansicht aller
militärischen Experten trotz der ungestümen Aufrüstung noch
viel zu schwach, um ernsthaft die Auseinandersetzung mit
einer Großmacht riskieren zu können. Seit 1935 kam es in
außenpolitischen Fragen deshalb zu Differenzen der
Wehrmachtführung mit Hitler. Doch die Zahl derer, die
überhaupt noch wagten, Kritik anzumelden, wurde immer
geringer. Im Februar 1938 hatte Hitler im Nachgang der Krise
um Reichskriegsminister Werner von Blomberg und den
Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch selbst das
Oberkommando über die Wehrmacht übernommen und die
institutionelle Eigenständigkeit des Militärs beendet. Als
halbwegs kritischer Kopf blieb nur noch Ludwig Beck übrig.
Der Besetzung Österreichs im März 1938 hatte er noch
zugestimmt. Auch einen Angriff auf die Tschechoslowakei
befürwortete er prinzipiell, jedoch nicht, wie von Hitler
vorgesehen, im Herbst 1938, da er fest mit dem Eingreifen der
Westmächte rechnete. Das Risiko schien den potenziellen
Erfolg nicht zu lohnen. Als Beck merkte, dass Hitler seine
Warnungen vor einer weiteren Eskalation der Lage ignorierte
und er sich mit seiner militärfachlichen Kritik an einem
Angriff auf die Tschechoslowakei auch bei seinen
Generalskameraden isolierte, trat er im August 1938 zurück.56
Sein Nachfolger, Franz Halder, hielt Kontakt zur
148
Militäropposition um General Erwin von Witzleben, der
erwog, Hitler im Falle eines Angriffsbefehls auszuschalten.
Das auf dem Höhepunkt der sogenannten Sudetenkrise am 29.
September 1938 geschlossene Münchner Abkommen
zwischen Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland
führte in letzter Minute zu einer friedlichen Einigung und zur
Annexion des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich. Der
drohende Krieg fiel vorerst aus, damit waren auch alle
Überlegungen der Opposition Makulatur. Halder war nun
weniger denn je gewillt, sich gegen Hitlers Pläne zu stellen
und sein gerade erworbenes Amt aufs Spiel zu setzen. Er
folgte dem Befehl zum Einmarsch in die Tschechoslowakei
am 15. März 1939 ohne jedes Zögern.57
Das Hauptaugenmerk der Militärführung lag seit 1934
indes nicht auf der Außenpolitik und schon gar nicht auf den
innenpolitischen Veränderungen, sondern war ganz auf die
Organisation einer beispiellosen Aufrüstung fokussiert. Das
Friedensheer umfasste im Januar 1933 sieben Divisionen mit
insgesamt 100 000 Mann; es wurde schrittweise auf 21, nach
Einführung der Wehrpflicht 1935 auf 36, schließlich auf 40
Divisionen erweitert. Zudem war die Mobilmachung von 54
weiteren Divisionen im Kriegsfall vorzubereiten.58 Auch die
neue Spitzengliederung der Wehrmacht war ein viel
diskutiertes Thema, das in einem »Krieg der Denkschriften«
ausgefochten wurde. Die Lösung war ein für den
Nationalsozialismus typischer Kompromiss zwischen einer
einheitlichen Führung im Oberkommando der Wehrmacht
(OKW) einerseits und starken Teilstreitkräften andererseits.59
Das Heer stand in seinem operativen Denken ganz in der
Tradition des preußischen Generalstabs. Militärische Führung
wurde nach wie vor als eine Art Kunst betrachtet, deren Fokus
die perfekt geschlagene Schlacht war, unter weitgehender
149
Ausblendung
der
wirtschaftlichen
und
politischen
Rahmenbedingungen. Seit Ende 1934 wurde mit dem
Entschluss, eine Panzerwaffe aufzubauen, der Weg zur
Kriegführung mit schnellen Truppen eingeschlagen. Der
Aufbau der ersten drei Panzerdivisionen erfolgte ab Oktober
1935. Damit waren die strukturellen Grundlagen für den
Bewegungskrieg gelegt. Allerdings gab es heftige
Diskussionen über die konkrete Ausgestaltung der operativen
Doktrin. So forderte mancher – anders als 1914 –, die Rolle
der Verteidigung nicht außer Acht zu lassen. Die Panzer- und
Angriffsfraktion konnte sich aber mehr und mehr durchsetzen.
Dabei spielte Heinz Guderian eine wichtige, aber keinesfalls
die alleinige Rolle.60
Der Einsatz der neuen Panzerwaffe im operativen
Schwerpunkt und deren Unterstützung durch die Luftwaffe
sollten selbst einen Zweifrontenkrieg schnell zugunsten
Deutschlands entscheiden. Mit der Entwicklung dieser neuen
Art der Kriegführung war die Wehrmacht viel weiter
fortgeschritten als die Armeen der anderen Großmächte. Ob
das im Frieden Konzipierte allerdings im Ernstfall
funktionieren würde, war nicht klar. Die Erfahrungen der
Panzerwaffe im Spanischen Bürgerkrieg waren begrenzt.61
Erst der Einmarsch in Österreich und Tschechien 1938/39 bot
Gelegenheit, wichtige Erkenntnisse in größerem Stil zu
sammeln. Sie offenbarten, dass es in der Führung und
Abstimmung großer beweglicher Verbände noch viel zu tun
gab und der Wehrmacht die Zeit davonlief.
Selten gingen deutsche Streitkräfte so unvorbereitet in
einen Krieg wie 1939. In nur sechs Jahren war aus der kleinen
Reichswehr ein 2,6-Millionen-Heer hervorgegangen. Es war
unmöglich, eine so große Anzahl von Soldaten in so kurzer
Zeit gut auszubilden und auszurüsten. Von den 54 Divisionen,
150
die die Wehrmacht zum Angriff auf Polen aufmarschieren ließ,
bestanden viele aus unerfahrenen oder vergleichsweise alten
Soldaten, die noch mit Maschinengewehren aus dem Ersten
Weltkrieg kämpften. Motorisiert waren überhaupt nur
fünfzehn Divisionen, alle anderen zogen wie zu Kaisers Zeiten
zu Fuß und mit Pferden in die Schlacht. Die Deutschen
konnten zwar die beeindruckende Zahl von 3600 Panzern
aufbieten, aber die meisten davon waren für einen modernen
Krieg zu schwach bewaffnet. Es war also keineswegs gewiss,
ob die Wehrmacht in der Praxis das umsetzen konnte, was ihr
Generalstab am Kartentisch geplant hatte. Und zweifellos war
die polnische Armee ein ernst zu nehmender Gegner. Sie
verfügte über 1,3 Millionen Soldaten und 750 – jedoch
zumeist veraltete – Panzer, und sie hatte 1920/21 im Krieg
gegen die Rote Armee bewiesen, dass sie zu kämpfen
verstand.62 Ein erheblicher Nachteil war jedoch die
geografische
Ausgangslage,
die
einen
deutschen
Zangenangriff sehr erleichterte. Zudem wählte der polnische
Generalstab die denkbar ungünstigste Aufstellung der eigenen
Truppen. Grenznah aufmarschiert, mussten sie eine 1900
Kilometer lange Frontlinie verteidigen. So gab es zu wenig
eigene Reserven, keine klaren Schwerpunktsetzungen und eine
konfuse Mobilmachung.
Die Frage, ob es überhaupt legal war, Polen anzugreifen,
wurde von der nationalkonservativen Militärelite nicht gestellt.
Ihr erschien es legitim; schließlich war das Land seit den
Grenzkämpfen 1919/21 der Feind Nummer eins, und
Bedenken, dass der Angriff das Eingreifen der Westmächte
und damit einen großen Krieg zur Folge haben könnte, wurden
nicht mehr laut.63 Das Vertrauen, dass es Hitler nicht zuletzt
durch den Pakt mit Stalin schon richten werde, war
offensichtlich grenzenlos.64
151
Operationen
Der Sprung ins Dunkle: Polen
In den frühen Morgenstunden des 1. September 1939
überschritten die deutschen Divisionen aus Pommern,
Ostpreußen, Schlesien und der Slowakei die polnische Grenze.
In einer doppelten Zangenoperation sollten die polnischen
Streitkräfte westlich und östlich der Weichsel umfasst und
zerschlagen werden. In heftigen Gefechten durchbrach die
Wehrmacht die polnischen Stellungen. Die motorisierten
Divisionen stießen rasch ins Hinterland vor. Sie weiteten die
taktischen Erfolge aus und rissen so die gesamte gegnerische
Verteidigung ein. Nach wenigen Tagen befanden sich die
polnischen Streitkräfte überall auf dem Rückzug. Am 6.
September fiel Krakau, am 8. September erreichten die ersten
deutschen Panzer die Vororte Warschaus, wurden hier aber
vorerst zurückgeschlagen. Die polnischen Pommern- und
Posen-Armeen versuchten aus der drohenden Umklammerung
in Richtung Osten auszubrechen, überrannten in der Schlacht
an der Bzura Teile einer deutschen Infanteriedivision, machten
1500 Gefangene, blieben dann aber im Feuer rasch
herbeieilender deutscher Reserven stecken. Am 19. September
mussten sich die Reste der beiden Armeen ergeben.
Mittlerweile hatte die Wehrmacht aus Ostpreußen und
Schlesien vorstoßend bei Brest-Litowsk eine zweite Zange
geschlossen. Die Lage Polens wurde zunehmend hoffnungslos,
zumal Großbritannien und Frankreich keinerlei Anstalten
machten, ihr Versprechen einer Entlastungsoffensive im
Westen einzulösen. Dann trat am 17. September auch noch die
Sowjetunion in den Krieg ein, wie im Hitler-Stalin-Pakt
vereinbart, und besetzte in den folgenden Tagen den kaum
verteidigten Osten Polens. In Warschau hielten sich die
Verteidiger unter heftigem deutschem Bombardement noch bis
152
zum 28. September. Die letzten polnischen Soldaten legten am
6. Oktober ihre Waffen nieder.
Einen Tag zuvor bereits hatte Hitler vor dem Belvedere in
Warschau seine Siegesparade abgehalten. Zweifellos hatte er
mit einem Erfolg gerechnet; das Tempo der Operationen kam
dann aber doch überraschend. Der Begriff »Blitzkrieg« machte
die Runde. Später meinten Historiker gar, es habe eine
regelrechte deutsche Blitzkrieg-Strategie gegeben: in schnellen
Feldzügen die europäischen Mächte nacheinander zu schlagen,
um so die Übermacht der Alliierten zu besiegen. Heute weiß
man, dass es 1939 nichts dergleichen gab. Hitler hatte am 1.
September 1939 keinen großen Kriegsplan, weil er gar nicht
mit einem Eingreifen der Westmächte rechnete. Erst nach dem
unerwartet schnellen Sieg über Frankreich im Mai/Juni 1940
begannen Hitler und die Wehrmachtführung über die
unmittelbare Zukunft hinauszudenken. Daher kann man
eigentlich erst ab dem Winter 1940/41 von einem expliziten
Blitzkriegsplan des Deutschen Reiches sprechen, wobei der
Begriff selber in den deutschen Akten nur sehr selten
auftaucht.65
Tatsächlich war der Feldzug gegen Polen ein Blitzkrieg –
im Sinne einer Operationsführung, die auf Schnelligkeit,
Bewegung und die rasche Vernichtung der feindlichen Armeen
setzte.66 Das operative Grundverständnis des deutschen
Militärs hatte sich seit den Einigungskriegen im 19.
Jahrhundert also nur wenig verändert. Mit sechs Panzer- und
neun
motorisierten
Infanteriedivisionen
sowie
der
Unterstützung durch die Luftwaffe waren aber erst jetzt die
technischen Mittel vorhanden, um einen modernen
Bewegungskrieg auch in die Tat umzusetzen. Schon im Ersten
Weltkrieg war eine ähnlich große Umfassungsoperation in
Polen angedacht, angesichts der mangelnden Beweglichkeit
153
der Infanterie aber fallen gelassen worden. Ganze fünfzehn
Divisionen machten 1939 den Unterschied aus. Ohne die
schnellen Verbände hätte die Wehrmacht diesen Feldzug aller
Wahrscheinlichkeit nach zwar auch gewonnen. Er wäre aber
eher wie diejenigen 1915 in Polen oder 1916 in Rumänien
verlaufen, hätte also einige Monate gedauert, deutlich mehr
Verluste gekostet, und wahrscheinlich hätten sich weit mehr
polnische Soldaten der Gefangennahme durch eine Flucht
nach Rumänien entziehen können.
Die Wehrmacht war 1939 als einzige Armee der Welt in
der Lage, einen weiträumigen Bewegungskrieg zu führen; der
Erfolg wirkte überwältigend. »Innerhalb von achtzehn Tagen
hat jene erstaunliche Kampfmaschine, die die deutsche Armee
darstellt, Polen überrannt, seine Armeen vernichtet, seine
Regierung vom polnischen Boden verjagt«, notierte der
amerikanische Journalist William L. Shirer am 21. September
1939 in sein Tagebuch.67 Er hatte seit 1934 kritisch aus Berlin
berichtet. Von der Wehrmacht aber war er offenbar so
beeindruckt, dass er den NS-Propagandaslogan vom »Feldzug
der 18 Tage« auch in die 1941 veröffentlichte Version seines
Tagebuchs übernahm. Das Bild des blitzartigen Sieges einer
schier übermächtigen Armee war bald in aller Munde. Die
Realität sah freilich anders aus.
Trotz aller Erfolge und der mit 10 000 Gefallenen
vergleichsweise geringen Verluste waren die eklatanten
Schwächen einer allzu schnell aufgebauten Friedensarmee
nicht zu übersehen. Die Erfahrungsberichte der Wehrmacht
deckten diese schonungslos auf. Es gab gravierende Mängel
beim raschen Ausnutzen günstiger taktischer Lagen, Probleme
bei der Koordination von Artillerie und Infanterie, zu viel
Sorglosigkeit bei der Sicherung und ein geradezu
»unkriegsmäßiges Verhalten«68 bei der Aufklärung und beim
154
Tarnen. Die mangelnde Ausbildung im Nahkampf und das
ungeschickte Verhalten in Wald- und Ortsgefechten wurden
kritisiert – da seien die Soldaten des »polnischen
Bauernvolkes«69 geschickter als die überwiegend in Städten
aufgewachsenen Deutschen.70 Ein Fünftel der deutschen
Divisionen war erst im August 1939 aus kurzzeitig
ausgebildeten Männern zusammengestellt worden. Dort
machte sich der Mangel an gut ausgebildeten Offizieren und
Unteroffizieren besonders bemerkbar. Nur die wenigen
wirklichen Führerpersönlichkeiten, hieß es in einem
Erfahrungsbericht, hätten dafür gesorgt, dass diese Einheiten
ihre Aufgaben erfüllten.
Die Kritik bezog sich jedoch nicht nur auf die rasch
aufgestellten Mobilmachungsdivisionen der zweiten und
dritten Welle. Selbst über die schon 1934 formierte 21.
Infanteriedivision hieß es, dass der durchschnittliche
Infanterist den körperlichen und seelischen Herausforderungen
nicht gewachsen sei. Auch bei dieser Einheit machten einzelne
Offiziere, Unteroffiziere und wenige Mannschaften den
Unterschied aus71, und auch die Erfolge solcher Einheiten
beruhten weit überproportional auf der Tapferkeit und
Initiative der jungen aktiven Offiziere, war in einem anderen
Erfahrungsbericht zu lesen.72 Sie erlitten dann auch die
höchsten Verluste. Die 24. Infanteriedivision verlor 27,8
Prozent ihrer Offiziere und 13,4 Prozent ihrer Unteroffiziere
und Mannschaften. Viele ältere Stabsoffiziere hatten im
Frieden zwar gute Dienste als Ausbilder geleistet, im Krieg
fehlte es ihnen aber an Schwung und »mitreißendem
Einfluss«. Das VIII. Korps bemerkte, man müsse endlich die
Lehre berücksichtigen, nur erstklassige Leute – »ganze Kerle«
– zur Infanterie einzuziehen. Bei den Reservedivisionen seien
zu viele »zage Naturen und weich aussehende Büro-
155
pp.menschen«. Aber nur ein »ganzer Mann« hätte die Truppe
schnell in der Hand und sei den Herausforderungen des
Kampfes gewachsen.73 Erstaunlich kritisch wurden auch die
HJ und die SA beurteilt. Die jungen Männer wären auf den
Fahrten und in den Jugendheimen zu sehr verwöhnt worden,
hätten nicht gelernt, sich selbst zu helfen und eigenständig zu
handeln.
Selbstkritisch hielten die internen Erfahrungsberichte fest,
dass die deutsche Infanterie des Jahres 1939 insgesamt einen
deutlich schlechteren Angriffsgeist als 1914 oder 1918 gezeigt
habe. Das III. Korps fand dafür auch eine Erklärung: 1914 sei
eine »friedenssatte Truppe« in den Kampf gegangen, die den
Krieg von 1870/71 mehr erahnt hätte, als dass sie davon
wusste. Viele Soldaten des Jahres 1939 hingegen hätten selbst
den jahrelangen »Nervenkampf« im Ersten Weltkrieg erlebt.74
Die Infanterie kämpfe daher nun vorsichtiger, sogar »zu
wenig«. Der Mann »geht zwar vor, aber weiß im feindlichen
Feuer nicht, was er machen soll. Entweder lässt er sich
totschießen, oder verkriecht sich in kleinen Haufen hinter
Deckungen.«75 Der entschlossene Angriff mit lautem Hurra
müsse daher mehr gelehrt werden.76
Im September 1939 zeigte sich wie schon 1914, dass keine
noch so gute Ausbildung eine Wehrpflichtarmee auf die
Herausforderungen des Krieges vorbereiten konnte. Das Töten
und Sterben lässt sich nicht einüben. Die deutschen Soldaten
waren anfangs übernervös, reagierten zuweilen panisch, als sie
zum ersten Mal in Artillerie- oder MG-Feuer gerieten. Wilde
Meldungen über riesige feindliche Truppenverbände
wechselten sich ab mit Hilferufen nach Artillerieunterstützung.
Immer wieder kam es zu heftigem »Angstschießen«,
insbesondere in der Nacht oder in Wäldern.77 »Der verbildete
moderne Mensch« habe »viele, auch für den neuzeitlichen
156
Kampf wertvolle Naturinstinkte verloren«, meinte Walter von
Reichenau schon 1936.78 Ganz unrecht hatte er damit wohl
nicht. Den meisten Männern fiel es schwer, sich im Chaos der
Schlacht zurechtzufinden. Sie waren so sehr von den
ungewohnten Sinneseindrücken und der Angst erfasst, dass sie
das Geschehen um sich herum nur schemenhaft wahrnahmen.
Sie befanden sich im »fog of combat«, wie der amerikanische
Soziologe Randall Collins es nannte.79 Um als Gruppe im
Kampf zu funktionieren und die Waffen überlegt einzusetzen,
war aber ein klarer Blick auf das Geschehen notwendig. Doch
dazu waren allzu viele im Schock der ersten Gefechte kaum in
der Lage. Umso wichtiger waren jene abgebrühten und
kaltblütigen Männer, die trotz Lärms und Todesgefahr die
Übersicht behielten. Sie waren die eigentlichen Dirigenten der
Gewalt, sagten den Kameraden, wann und auf wen sie
schießen sollten, wann sie vorzustürmen und wann in Deckung
zu gehen hatten. Ihnen machte auch das gezielte Töten nichts
aus. Diese violent few waren die Korsettstangen, die in der
Schlacht über das Wohl und Weh einer Kompanie entschieden.
Wurden sie getötet oder waren zu wenige von ihnen
vorhanden, verloren die Einheiten bald ihre Kampfkraft und
gerieten leicht in Panik.
Jedoch erscheint die auch von Randall Collins vertretene
These, dass im Krieg rund 80 Prozent aller Soldaten vor lauter
Angst und Tötungshemmungen ihre Waffen nicht gezielt auf
ihre Gegner abfeuern, allzu undifferenziert und überzogen. Sie
trifft weder auf Polen noch auf die übrigen Kriegsschauplätze
des Zweiten Weltkriegs zu.80 Collins bezieht sich auf die
Untersuchungen S. L. A. Marshalls, eines amerikanischen
Kriegsberichterstatters und Militärhistorikers, der im Zweiten
Weltkrieg nach Gefechten Interviews mit US-Infanteristen
führte.81 Doch er vernachlässigt in seiner Analyse die konkrete
157
Kampfsituation, die Befehlslage, die Infanterietaktik und die
Schießausbildung, die in den Armeen des Zweiten Weltkriegs
sehr unterschiedlich waren. War den Soldaten eingetrichtert
worden, gezielt nur auf einen Gegner zu schießen, oder sollten
sie reichlich in Richtung Feind schießen, um diesen
niederzuhalten und überrennen zu können? Hatte man ihnen in
der Ausbildung wirklich beigebracht, wie sie sich im Gefecht
zu verhalten hatten? Es gibt also zahlreiche Erklärungen dafür,
warum Infanteristen im Gefecht nicht ihre Waffe abfeuerten.
Auch Faktoren wie körperliche Erschöpfung oder mangelnde
Bereitschaft zu kämpfen, etwa weil man den Krieg ohnehin für
verloren hält, können eine Rolle spielen. Im Nachhinein ist das
Zusammenwirken all dieser Faktoren kaum zuverlässig zu
bestimmen. Angst und Unerfahrenheit führen in der Schlacht
wohl eher dazu, dass unkontrolliert alles unter Beschuss
genommen, dass eher zu viel als zu wenig geschossen wird.
Auch kann sich ein Soldat im Chaos des Gefechts ganz
unterschiedlich verhalten, je nach Situation.82 Wer an einem
Tag vor Angst erstarrt, kann am nächsten mit Bedacht einen
Gegner töten. Ein deutscher Infanterist, der in Polen seine
Feuertaufe erlebte und den Krieg bis zum Ende mitmachte,
dürfte so viele höchst widersprüchliche Situationen erlebt
haben, dass sich daraus kaum ein einheitliches Bild formen
lässt.
Dass es trotz der unübersehbaren Probleme der Wehrmacht
in Polen nicht zu schweren Krisen und noch größeren
Verlusten kam, lag aus Sicht deutscher Beobachter vor allem
daran, dass die polnischen Streitkräfte auf höherer Ebene
schlecht geführt wurden und dass Polens Artillerie und
Panzertruppe deutlich unterlegen waren. Auch eine aktivere
polnische Luftwaffe hätte erhebliche Verluste verursachen
können, weil es durch schlechte Marschdisziplin der
158
motorisierten Verbände zu gewaltigen Staus gekommen sei.83
Die deutschen Berichte zeugen immer wieder von großer
Anerkennung des Kampfgeistes und der Tapferkeit der
polnischen Soldaten. Selbst ein Mann wie Ferdinand Schörner
– damals Regimentskommandeur in der 1. Gebirgsdivision –
erkannte dies an. In einem Vortrag vor italienischen Alpini
bemerkte er, dass der Polenfeldzug »kein Spaziergang«
gewesen sei. Schließlich habe seine Division über 1400 Tote
und Verwundete zu beklagen gehabt. Er lobte die Leistungen
der
polnischen
Offiziere
bis
zur
Ebene
der
Regimentskommandeure und betonte die außerordentliche
Tapferkeit der einfachen Soldaten.84
Die Bilanz des Polenfeldzugs war für das deutsche Heer
also gemischt. Die Doktrin des Bewegungskriegs mit
motorisierten Kräften und des Gefechts der verbundenen
Waffen brachte den schnellen Erfolg. Die taktischen
Führungsgrundsätze des Heeres hatten sich bewährt, ebenso
Waffen und Ausrüstung. Die Wehrmacht hatte ihre Feuertaufe
bestanden und wertvolle Kriegserfahrung gesammelt. Die
Truppe hatte nach Meinung der meisten Stäbe trotz aller
Probleme »Vorzügliches« geleistet.85 »Eine Fülle von
kleineren und größeren Heldentaten Einzelner haben den Stolz
und das Selbstvertrauen gehoben.«86 Durch die Strapazen des
Kampfes, der Märsche und des Biwakierens seien die Truppen
»härter« geworden. Die breite Masse der Soldaten erfüllte brav
ihre Pflicht, sehnte sich aber gewiss nicht nach dem Einsatz. In
einem Erfahrungsbericht des XI. Korps heißt es dann auch,
dass zu viel vom Frieden geredet und zu sicher damit
gerechnet werde, dass der Krieg bald beendet sei.87
Siegeslauf in Frankreich
Nach dem Sieg über Polen war der Generalstab des Heeres
ratlos. Frieden mit den Westmächten war nicht in Sicht, doch
159
einen Angriffsplan gegen den Angstgegner Frankreich gab es
auch nicht. Unterdessen drängte Hitler, den Angriff noch vor
Jahresende zu starten. Dagegen lief die militärische Führung
Sturm. Bevor überhaupt daran gedacht werden könnte, so ihr
Argument,
müssten
erst
die
Ausbildungsund
Ausrüstungsmängel beseitigt werden. Das stimmte zwar, aber
dahinter stand, dass die Generalität prinzipiell gegen einen
Angriff auf Frankreich war. Sie hatte die Erfahrungen des
Ersten Weltkriegs nicht vergessen, und der Polenfeldzug hatte
nach ihrer Meinung gezeigt, dass das Heer des Jahres 1939
von der Kampfkraft der Truppen von 1914 noch meilenweit
entfernt war. Wie sollte da ein Sturmlauf gegen die stärkste
Militärmacht Europas gelingen?
»Beschämend ist das schlechte Urteil unserer Generäle
über ihre eigene Truppe«, notierte der Kommandeur des
Schützenregiments 1, der 46-jährige Oberstleutnant Hermann
Balck, in sein Tagebuch. »Im ganzen Polenfeldzug hat es
keinen ernsthaften Rückzug gegeben, kein Versagen der
Führung. Im Vergleich dazu die Panik des XVII. AK bei
Gumbinnen 1914, das Versagen von Truppe und Führung bei
Lüttich, der Nervenzusammenbruch in der Marneschlacht. Im
Herbst 14 war die deutsche Armee fertig, totgesagt,
angriffsunlustig, während jetzt die Truppe tatenfroh ist. All das
ist vergessen.« Nun räche sich, meinte Balck, dass die alte
Armee 20 Jahre lang in »bengalischer Beleuchtung« gesehen
worden sei.88 Die ganze Skepsis drückte sich in den ersten
Plänen des Generalstabs des Heeres aus, die wenig
inspirierend waren und vom Ansatz her an den Schlieffenplan
aus dem Jahr 1906 erinnerten. Doch während Schlieffen
siegesgewiss in einer großen Umfassungsschlacht Frankreich
schlagen wollte, traute der Generalstab des Zweiten Weltkriegs
seinen eigenen Fähigkeiten nicht. Die Planungen sahen
160
lediglich eine Besetzung der neutralen Niederlande und
Belgiens und von Teilen Nordfrankreichs vor, um die
geografische Ausgangslage für den Luft- und Seekrieg gegen
Großbritannien zu verbessern. Mehr sei nicht erreichbar, so
glaubte man. Die Generäle begriffen selbst noch nicht, was
sich soeben in Polen abgespielt hatte – und welche
militärischen Machtmittel sie in Händen hielten.
Erst als Teile des Aufmarschplans durch den Absturz eines
deutschen Verbindungsflugzeugs im Januar 1940 in alliierte
Hände fielen, konnte sich General Erich von Manstein mit
seinem später so bezeichneten Sichelschnittplan bei Hitler und
schließlich auch bei Generalstabschef Halder durchsetzen.
Demnach sollte die Heeresgruppe B genau das machen, womit
die Alliierten wohlweislich rechneten: einen Angriff auf die
Niederlande und Belgien durchführen, während die
Heeresgruppe A mit der Masse der Panzerkräfte durch die
Ardennen vorstieß und so den französischen und britischen
Truppen in den Rücken fiel. Das war ein riskanter Plan, denn
er sah vor, dass motorisierte Divisionen auf kleinen Straßen
die unwegsamen Ardennen durchqueren und nach nur fünf
Tagen bei Sedan die Maas überschreiten mussten. Gelang dies
nicht, wäre die Überraschung dahin, und die Front würde
womöglich wieder im Stellungskrieg erstarren. Falls aber das
Unwahrscheinliche glücken würde, sollten die Panzer sofort
dreihundert Kilometer quer durch feindliches Gebiet mit einer
ungedeckten Flanke bis zum Kanal vorpreschen. Die
Oberbefehlshaber aller drei Heeresgruppen hielten das für ein
irrsinniges Vabanquespiel. Während weite Teile der
Generalität
zauderten,
konnte
der
tatendurstige
Regimentskommandeur Hermann Balck den Angriff gar nicht
erwarten, freute sich, diese Zeit auf der Höhe seiner Kräfte
161
noch erleben zu können, und war im März 1940 überzeugt,
dass es ein »großes Jahr« werden würde.89
In den Morgenstunden des 10. Mai 1940 begann der
Angriff. Die deutschen Panzerdivisionen erkämpften sich am
14. Mai bei Sedan überraschend problemlos den
Maasübergang und erreichten fünf Tage später bei Abbeville
die Kanalküste. Die französische Abwehrfront fiel in sich
zusammen wie ein Kartenhaus. Die Soldaten der schnellen
deutschen Divisionen erlebten den Vormarsch wie im Rausch.
»Nun geht es vorwärts. Der Feind ist weg. Kein Widerstand.
Wir fahren und fahren«, notierte Balck am 16. Mai, als sein
Regiment von der Maas in Richtung Westen vorstieß.
»Zurückgehende französische Formationen moralisch fertig.
Widerstand nur noch ganz vereinzelt.«90 Das Gros der
alliierten Verbände war wie geplant in die Falle getappt und in
Belgien eingeschlossen. Als die deutschen Panzerverbände vor
Dünkirchen angehalten wurden, gelang es den Alliierten noch
in letzter Minute, 338 000 Soldaten über See zu evakuieren.
Am 4. Juni begann die zweite Phase des
Frankreichfeldzugs. Die deutschen Divisionen durchbrachen
nach
schweren
Gefechten
die
französischen
Verteidigungsstellungen an der Somme, worauf es für die
motorisierten Verbände erneut kein Halten mehr gab. Paris fiel
am 14. Juni, Brest in der Bretagne vier Tage später. Am 22.
Juni unterzeichnete die französische Regierung den
Waffenstillstandsvertrag. In nur sechs Wochen waren die
Westmächte von der Wehrmacht in einem beispiellosen
Siegeslauf niedergeworfen worden. 1,9 Millionen Gefangene
und eine unübersehbare Beute an Waffen und
Wirtschaftsgütern waren in deutscher Hand. Frankreich war
reduziert auf den Rumpfstaat von Vichy und seine Kolonien.
Das britische Expeditionskorps war vom Kontinent vertrieben
162
und hatte praktisch seine gesamte Ausrüstung verloren. Die
Wehrmacht verlor 49 000 Gefallene, über 110 000
Verwundete, 1500 Flugzeuge und 700 Panzer. Das waren
durchaus empfindliche Einbußen, wobei die personellen
Verluste etwas höher lagen als im Krieg 1870/71.
Angesichts der vielen Zweifel der obersten Führung war
die Schnelligkeit und Absolutheit dieses Sieges für
Bevölkerung und Soldaten geradezu atemberaubend. Die
Skepsis gegenüber der eigenen Leistungsfähigkeit, die nach
dem Polenfeldzug so deutlich zu spüren war, ging im
Siegestaumel unter. Über die Generalität ergoss sich eine
wahre Flut von Orden und Beförderungen. Nach dem Sieg
über Polen im Oktober 1939 war niemand zum Feldmarschall
befördert worden, im Juli 1940 hingegen gleich zwölf. Eine
kritische Analyse des Feldzugs fand nicht statt. Ein Mantel des
Schweigens deckte sich vor allem über die größten operativen
Probleme. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass sowohl Hitler
als auch die Oberbefehlshaber der Armeen und Heeresgruppen
das Potenzial der schnellen Divisionen nicht verstanden hatten
und auch nervlich dem Risiko der Operation nicht gewachsen
waren. So waren den Panzerdivisionen zu wenige
Vormarschstraßen zugewiesen worden, ein Verkehrschaos in
Eifel und Ardennen war die Folge. Die oberste Führung hatte
auch nicht an die Möglichkeit des raschen Maasübergangs
geglaubt. Als dieser dann doch überraschend schnell erkämpft
worden war, sollten die Panzer auf die nachfolgende Infanterie
warten. Doch General Heinz Guderian setzte sich über die
Befehle hinweg und befahl eigenmächtig den weiteren
Vormarsch. Dieser Ungehorsam war für den schnellen Erfolg
entscheidend, weil so koordinierte Gegenmaßnahmen der
Alliierten verhindert werden konnten und die französische
Verteidigungsfront eingerissen wurde. Die Panzerdivisionen
163
hatten, so meldete Guderian am 17. Mai, trotz überstandener
schwerer Kämpfe und teilweise starker Verluste »einen
gewaltigen Drang nach Vorwärts«.91
Der weitere Angriffsverlauf bis an den Kanal war ganz
vom Spannungsverhältnis zwischen den ungestüm nach vorn
stürmenden Kommandeuren und dem ängstlichen Zögern der
höheren Führungsebene gekennzeichnet. Die Panzergeneräle
kümmerten sich bald nicht mehr um ihre Anweisungen und
glaubten selber zu wissen, was zu tun sei. Guderian wurde
wegen Missachtung von Befehlen sogar kurzzeitig abgesetzt.
Generalmajor Erwin Rommel trieb dieses Verhalten auf die
Spitze. Er führte die 7. Panzerdivision wie ein Stoßtruppführer
immer direkt von vorne, und die übergeordneten Stäbe
wussten zeitweise nicht, wo er überhaupt war.
Bezeichnenderweise hatte Rommel während seines Sturmlaufs
auf den italienischen Monte Matajur im Oktober 1917 genauso
gehandelt.92 Im Mai 1940 waren die selbstständig agierenden
Truppenführer die eigentlichen Sieger. Da ihnen der Erfolg
recht gab, ging der Generalstab stillschweigend darüber
hinweg.93
Das Rivalitätsdenken und die Unfähigkeit der oberen
Führungsebenen, die Dynamik des Bewegungskriegs voll zu
begreifen, waren für die Alliierten Glück im Unglück. Hitler
und die Heeresgruppe A hielten die Panzer am 17. Mai kurz
und dann am 23. Mai für ganze drei Tage an, weil sie Angst
hatten, es mit dem Bewegungskrieg zu weit zu treiben.94 Nur
deshalb gelang es den Alliierten überhaupt, ihre Truppen über
Dünkirchen zu evakuieren. Verwässert wurde der
ursprüngliche Plan Mansteins auch dadurch, dass aus der
Bewegung kein Vorstoß über die Somme hinaus angeordnet
wurde. So gelang es den französischen Streitkräften
vorübergehend, eine neue Abwehrfront an Somme und Aisne
164
aufzubauen. Die Deutschen siegten also nicht wegen, sondern
trotz ihrer höheren Führung. Lediglich Generalstabschef
Halder stand im Mai 1940 ganz hinter dem riskanten Plan und
seiner Ausführung. Aber auch er konnte in die
Operationsführung der Heeresgruppen und Armeen nicht
immer eingreifen. Selbst Infanteriedivisionen beklagten, dass
die übergeordneten Stäbe die Ausnutzung sich bietender
Chancen gezielt unterbinden würden.95
Halder war vor allem gegen Hitlers Eingriffe machtlos.
Freilich hatte er aus gekränkter Eitelkeit selbst dafür gesorgt,
dass der Spiritus Rector des gesamten Feldzugsplans, Erich
von Manstein, im Januar 1940 seinen Posten als Chef des
Stabes der wichtigen Heeresgruppe A verlassen musste und
nun an entscheidender Stelle fehlte. Sein Nachfolger Georg
von Sodenstern hatte keine Erfahrung mit der Führung
schneller Verbände und war mit seiner Aufgabe mental
überfordert. So hätte für die Alliierten alles noch
katastrophaler enden können, wenn die deutsche Führung an
einem Strang gezogen hätte. Doch hatte die Wehrmacht auch
vielfach schlicht Glück, etwa damit, dass sich aufseiten der
Alliierten niemand so recht um die Verteidigung der Ardennen
kümmerte und die belgischen Truppen bei Kriegsbeginn sogar
abgezogen worden waren. Der Vormarsch zur Maas gelang nur
deshalb so schnell, weil dieses Gebiet beinahe feindfrei war.
Dennoch hatte sich die Wehrmacht auf taktischer Ebene den
alliierten Streitkräften als überlegen erwiesen. Vorwärtsdrang,
Initiative und Risikobereitschaft waren die Markenzeichen der
Truppenführer vom Divisionskommandeur bis hinunter zu den
Zugführern, die – so hielt es ein Erfahrungsbericht fest – zum
»frischen Zupacken« erzogen waren.96 Das half, örtliche
Schwierigkeiten zu überwinden, Schwächemomente des
165
Gegners auszunutzen und den Vormarsch in Gang zu halten,
ja, auch das Glück zu erzwingen.
Die Geschwindigkeit des deutschen Angriffs stellte alles
bislang Dagewesene in den Schatten. Die 7. Panzerdivision
brachte es auf eine Tageshöchstleistung von 340 Kilometern.
Auf eine solche Art der Operationsführung waren die
Alliierten nicht vorbereitet. »Wir sind mit einer Armee von
1918 gegen eine deutsche Armee von 1939 in den Krieg
gezogen«, meinte der französische Oberbefehlshaber General
Weygand später treffend.97 Zwar kämpften die französischen
Truppen immer wieder tapfer gegen die Wehrmacht, wovon
nicht zuletzt die hohen deutschen Verluste Zeugnis ablegen,
aber um ihre Moral stand es nicht zum Besten. Nach deutschen
Durchbrüchen schwand der Zusammenhalt der Einheiten
rasch, oftmals entstand Panik, und die führungslosen Männer
ließen sich bald gefangen nehmen. »Der französische Soldat
[war] erheblich schlechter als der polnische«98, notierte das
XIV. Armeekorps. Die britischen Soldaten hingegen wurden
von den Deutschen als »hochwertige Kämpfer« beschrieben,
die körperlich in hervorragender Verfassung waren, zäh und
verbissen fochten und in der Regel erst im Nahkampf
geschlagen wurden.99 Sie machten aber nur etwas mehr als
zehn Prozent der alliierten Truppen aus.
Der folgenschwere Haltebefehl vor Dünkirchen entsprang
der Sorge der Heeresgruppe A vor einer nicht existierenden
Flankenbedrohung und dem Wunsch nach Schonung der arg
strapazierten Panzerverbände. Oft ist darüber spekuliert
worden, was passiert wäre, wenn es diesen Haltebefehl nicht
gegeben
hätte
und
die
Masse
der
britischen
Expeditionsstreitkräfte in deutsche Gefangenschaft geraten
wäre. Nur dann hätte überhaupt die Chance bestanden, dem
strategischen Ziel des Feldzugs – der Ausschaltung
166
Frankreichs und Großbritanniens – näherzukommen. Falls je
die Aussicht auf einen politischen Ausgleich zwischen London
und Berlin bestand, dann in jenen kritischen Maitagen 1940.
Die verheerenden Nachrichten aus Frankreich ließen Teile des
britischen Kabinetts und des Unterhauses zweifeln, ob es Sinn
machte, den Kampf fortzusetzen. Erst nachdem sich das
britische Expeditionskorps ab dem 26. Mai nach Dünkirchen
hatte zurückziehen können und sich abzeichnete, dass eine
Evakuierung möglich war, konnte Premierminister Winston
Churchill seine Widersacher – allen voran Außenminister Lord
Halifax – auf Linie bringen. Was also wäre passiert, wenn es
am 23. Mai keinen Haltebefehl gegeben hätte? Wenn vielleicht
nicht alle, aber doch die meisten der in Frankreich
stationierten britischen Soldaten in deutsche Gefangenschaft
geraten wären? Ob ein solcher Schock ausgereicht hätte, den
gerade erst eingesetzten Churchill zu stürzen und einen
Waffenstillstand mit Deutschland zu schließen, erscheint aus
heutiger Sicht eher fraglich. Lord Halifax war ganz
offensichtlich nicht der Politiker, der entschlossen genug war,
um nach der Macht zu greifen.100
Großbritannien
wäre
zudem
auch
ohne
sein
Expeditionskorps stark genug gewesen, um sich die Deutschen
vom Leibe zu halten. Es wird oft vergessen, dass das britische
Heer im Mai 1940 1,6 Millionen Mann umfasste – nur ein
Viertel davon war in Frankreich eingesetzt. Gewiss waren dies
die besten Truppen, aber wehrlos war England auch ohne seine
Expeditionsstreitkräfte beileibe nicht, zumal es noch auf die
Ressourcen des Empire zurückgreifen konnte. Auch die Royal
Air Force war noch intakt. Weitgehend unbeachtet ist indes
geblieben, dass die Royal Navy während des
Norwegenfeldzugs im April/Mai 1940 nur mit Glück einer
Katastrophe entgangen war. Schon 1939 waren etliche große
167
britische Kriegsschiffe nicht versenkt worden, weil die
deutschen U-Boot-Torpedos nicht funktionierten. Im April und
Mai 1940 erreichte diese Torpedokrise aber ihren Höhepunkt,
als Angriffe auf zwei Schlachtschiffe, 14 Kreuzer und zehn
Zerstörer, die in den norwegischen Fjorden sorglos den
deutschen U-Booten vor die Rohre liefen, scheiterten. Nur die
mangelhafte Erprobung der Torpedos in Friedenszeiten
bewahrte die Royal Navy vor einem Desaster. Zwar hätten
diese Verluste ihr nicht das Rückgrat gebrochen. Sie wären
psychologisch aber ein außerordentlich heftiger Schlag
gewesen und hätten die Lage im Mai 1940 zusätzlich
beeinflusst. Für die Briten hätte also im Frühjahr und Sommer
1940 alles noch schlimmer kommen können. In der bedrängten
Lage tat Churchill das einzig Richtige: Er behielt die Nerven
und war zu Recht davon überzeugt, dass sich Großbritannien
erfolgreich verteidigen konnte.101 Wie sich bald zeigen sollte,
fehlten Deutschland die Mittel, um England in einem Luftund Seekrieg niederzuringen. Und an die Chance einer
erfolgreichen Landungsoperation glaubten selbst die deutschen
Führungsstäbe nicht.102
Im allgemeinen Siegestaumel vermied das Heer eine
grundlegende Auseinandersetzung mit den Problemen des
Westfeldzugs. Das bedeutete aber nicht, dass man lernunwillig
war. Die Heeresführung interessierte sich vor allem für die
taktischen Erfahrungen, und alle Verbände mussten darüber
ausführlich berichten. Insgesamt sah man sich auf dem
richtigen Weg. Die Ausbildung im Generalstab, in
Kriegsakademie und Kriegsschulen hatte sich erneut bewährt.
Jedoch habe man, gaben Fedor von Bock und Hans Günther
von Kluge einschränkend zu bedenken, unter besonders
günstigen Bedingungen gekämpft, die keineswegs als
allgemeingültig für den weiteren Krieg angesehen werden
168
könnten. Die schlechte Kampfmoral der Franzosen, das gute
Wetter,
das
Überraschungsmoment,
die
eigene
Luftüberlegenheit, aber auch das gute französische
Straßennetz seien wichtige Faktoren für den schnellen Erfolg
gewesen. Fehlten diese Voraussetzungen, würden manche
Erfahrungen des Westfeldzugs nicht mehr gelten. Auch das
XVI. Armeekorps hielt eine starke, modern ausgestattete und
ausgebildete Luftwaffe für unerlässlich, um eine Schlacht und
einen Feldzug zu gewinnen.103
Von grundlegenden Mängeln bei der Truppe war – anders
als noch in Polen – diesmal kaum die Rede, auch wenn hier
und da durchaus Kritik geübt wurde. Die soldatische Härte
und der Angriffsgeist der motorisierten Infanteriedivisionen
seien stellenweise unzureichend gewesen, monierte etwa von
Kluge für die 4. Armee. Auch die Ausbildung im Wald- und
Ortskampf sowie bei Nacht sei noch nicht ausreichend.104 Die
Soldaten müssten sich mehr eingraben und besser tarnen,
kritisierte Erwin Rommel.105 Die 6. Armee betonte, dass bei
der Infanterie immer nur wenige gute und tapfere Leute die
Erfolge erringen würden, und auch das nur unter den richtigen
Führern. Das Übrige seien »Füllsel, Bediener rückwärtiger
Waffen, Munitionsträger«.106 Erneut wurde also darauf
hingewiesen, dass die Infanterie die besten Männer brauchte.
An der Artillerie wurde kritisiert, dass sie nicht nur mit der
Panzertruppe, sondern selbst mit der Infanterie oft nicht Schritt
halten könne und zu langsam bei den Stellungswechseln sei;
auch fehle die nötige Tatkraft der Offiziere, die zu selten
unmittelbar von vorne führten und zu oft Planschießen ohne
ausreichende Beobachtung anordneten. Die Bekämpfung der
feindlichen Artillerie sei insbesondere bei den Schnellen
Truppen unzureichend gewesen.107 Der Munitionsaufwand
von rund 88 000 Tonnen war nicht unerheblich und lag fast
169
viermal so hoch wie im Polenfeldzug.108 Zwar hatte die
Artillerie noch ihre Bedeutung, auch wenn die Luftwaffe bei
der Unterstützung der vorauseilenden Panzerspitzen eine
wichtige Rolle spielte. Unübersehbar war aber, dass die
Wehrmacht ihre Akzente auf Bewegung und nicht auf
Feuerkraft setzte.
Die taktischen Erfahrungen des Frankreichfeldzugs wurden
gebündelt, in neuen Richtlinien verarbeitet und im November
1940 an die Truppe ausgegeben. Generalstabschef Halder
stellte die »Kühnheit des Entschlusses« und das
»rücksichtslose
Durchstossen
ohne
Scheu
vor
Flankengefährdung« als die zentralen Erfolgsgaranten
heraus.109 Damit schwor er das Heer auf die Praxis der
schnellen Verbände ein und ging über die eher konventionellen
Lehren von Feuerzusammenfassung, Schwerpunktbildung und
Führen von vorne110 deutlich hinaus. Zögern und Zaudern
sollte es in den entscheidenden Momenten eines Feldzugs
nicht noch einmal geben.
Hitler hatte sich unterdessen nach Osten gewandt und gab
schon am 31. Juli 1940 bekannt, als Nächstes die Sowjetunion
zerschlagen zu wollen – ein aus damaliger Sicht durchaus
konsequenter Schritt: Mit Großbritannien stand ein
ressourcenintensiver und langwieriger Konflikt bevor, der
angesichts der Schwäche der deutschen Kriegsmarine auf die
Schnelle nicht zu gewinnen war. Gelang es hingegen, in einem
schnellen Feldzug die Sowjetunion niederzuwerfen, hätte man
sich nicht nur des ideologischen Erzfeindes entledigt, sondern
die Ressourcen für einen langen Krieg gesichert und eine
gefährliche Flankenbedrohung ausgeschaltet. Weder im Innoch im Ausland glaubte man nach dem Siegeslauf in
Frankreich, dass irgendeine Armee der Welt es mit der
Wehrmacht zu Lande würde aufnehmen können.111 Zum
170
ersten Mal in diesem Krieg dachten Hitler und die
Militärführung nun über den nächsten Feldzug hinaus und
stellten so etwas wie eine Strategie auf: Bis Sommer 1941
sollte ein Teil der deutschen Soldaten wieder in die Fabriken
zurückkehren, um dort die Waffen herzustellen, mit denen sie
dann die Rote Armee vernichten würden. Nach deren
Niederschlagung könnten sie erneut an die Werkbänke
zurückkehren, um die Waffen für den Kampf gegen
Großbritannien und gegebenenfalls die USA zu produzieren.
Dieses Konzept hatte den Vorteil, die vollständige
Mobilisierung der Heimatfront zu vermeiden und die
Belastung der heimischen Bevölkerung so gering wie möglich
zu halten. So konnte man darauf verzichten, bislang
unabkömmlich gestellte Arbeiter dauerhaft als Soldaten
einzuziehen, deutsche Frauen in die Rüstungsfabriken zu
beordern oder gar im großen Stil Zwangsarbeiter ins Reich zu
deportieren.
Hybris und Nemesis: Der Feldzug gegen die
Sowjetunion
I. Das Scheitern der Offensive 1941/42
Die Rote Armee sollte grenznah in gewaltigen
Kesselschlachten vernichtet werden. Anschließend, so die
Planung, würde die Wehrmacht schnell nach Osten bis zu einer
Linie Archangelsk-Astrachan vorstoßen. Der sowjetische Staat
würde unter diesen Schlägen wie ein Kartenhaus
zusammenbrechen, ihm wären alle Kraftquellen genommen,
um dem Deutschen Reich noch einmal gefährlich zu werden.
Wie in Frankreich basierte der Angriff auf dem
Überraschungsmoment und einem riskanten Plan, der alles auf
eine Karte setzte. Denn würde der Feldzug wider Erwarten
länger dauern, musste der Wehrmacht schnell die Luft
ausgehen. Das hatte die Erfahrung in Polen und Frankreich
171
gezeigt. Die Verluste der Panzerdivisionen waren bei ihren
ungestümen
Vorstößen
erheblich
gewesen.
Mannschaftsstärken sanken nach vier Wochen auf fünfzig bis
sechzig Prozent ab. Es gab Schützenregimenter, die schon in
den ersten drei Wochen nahezu vierzig Prozent Verluste
hatten.112 Das Heer war ein Sprinter, für einen Marathonlauf
fehlten alle Voraussetzungen.
Als die Wehrmacht in den Morgenstunden des 22. Juni
1941 die Sowjetunion überfiel, stand sie im Zenit ihres
Könnens und ihrer Kraft. Sie hatte wertvolle Erfahrungen
sammeln können, die Verluste waren gemessen an der
Gesamtstärke von mittlerweile vier Millionen Mann
überschaubar und deutlich geringer als zum selben Zeitpunkt
des Ersten Weltkriegs. Die Ruhepause nach dem
Frankreichfeldzug
war
für
Ausbildung
und
Zusammenwachsen neu aufgestellter Divisionen genutzt
worden. Die Ausrüstung hatte sich weiter verbessert. Die
unbrauchbaren Panzer I waren aussortiert, von den bewährten
Panzern III und IV standen wesentlich mehr zur Verfügung.
Und mit der neuen 5-cm-Pak 38 gab es auch ein
leistungsfähigeres Panzerabwehrgeschütz. Gewiss konnten
nicht alle Divisionen mit neuem Gerät aus deutscher
Produktion ausgestattet werden. Etwa zwanzig Prozent aller
Einheiten waren mit französischen Beutefahrzeugen und waffen
ausgerüstet.
Die
taktischen
Lehren
des
Bewegungskriegs waren zum Allgemeingut von Soldaten und
Führung geworden und würden, so die Hoffnung, alle
eventuellen Defizite ausgleichen. Die Wehrmacht versammelte
mit 3,3 Millionen Mann, 3580 Panzern und 2000 Flugzeugen
eine Streitmacht, die noch größer war als jene im Mai 1940. Es
war in gewisser Weise die deutsche »Grande Armée« – die
größte deutsche Armee, die je zu einem Angriff
172
aufmarschierte. Und niemand zweifelte daran, dass ein
weiterer schneller Siegeslauf bevorstand. Hermann Balck
ärgerte sich, mit seiner 2. Panzerdivision noch in Reserve
gehalten zu werden. »Vielleicht hat es aber doch sein Gutes
und wir kommen noch zum Nachstoss heran, wenn die
anderen fertig sind mit ihrem Material. Kaukasus, Bagdad,
Turkestan wäre auch nicht übel«, schrieb er am 22. Juni 1941
in sein Tagebuch.113
Obwohl die Sowjetunion von vielen Seiten vor dem
Angriff gewarnt worden war, glaubte Stalin nicht an einen
Überfall. Die Überraschung – eine der wichtigsten
Voraussetzungen für den Erfolg eines Angriffs – gelang also.
Wieder stießen die deutschen Panzerverbände tief auf
feindliches Gebiet vor. Eine Kesselschlacht folgte der
nächsten,
die
NS-Wochenschau
kam
mit
ihren
Siegesmeldungen kaum hinterher. Bis Jahresende waren 3,9
Millionen sowjetische Soldaten von der Wehrmacht gefangen
genommen worden. Die Rote Armee des Juni 1941 gab es fünf
Monate später nicht mehr; sie hatte insgesamt 4,5 Millionen
Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen, dazu 20 500
Panzer und 21 000 Flugzeuge verloren.114 Jeder anderen
Streitmacht hätten solche Verluste das Rückgrat gebrochen.
Doch die Sowjetunion besaß eine nicht für möglich gehaltene
Fähigkeit, immer neue Verbände aufzustellen, ihre
Schlüsselindustrien rasch nach Osten zu verlagern und den
Vormarsch der Wehrmacht im Blut der eigenen Leute zu
ersticken. Die Rotarmisten wehrten sich verbissen gegen die
deutschen
Angreifer.
Zwar
gingen
Millionen
in
Gefangenschaft, doch oft erst nach wochenlangen Kämpfen.
Ungewohnt waren für die Deutschen die harten und
verlustreichen Kämpfe in Dörfern und Wäldern. Die
Wehrmacht wich, so hieß es in den Erfahrungsberichten der
173
Roten Armee, dem Nahkampf mit Bajonett und Handgranaten
aus, verließ sich lieber auf ihre moderne Waffentechnik. Daher
schätzten die Sowjets die Kampfkraft der deutschen Infanterie
niedriger ein als im Ersten Weltkrieg. Sie sei oft nicht aktiv
genug und nur von »mittelmäßiger Zähigkeit«. Umso mehr
wurde die Fähigkeit der Wehrmacht gefürchtet, ihre Kräfte auf
einen Schwerpunkt zu konzentrieren, stets die weiche Stelle an
der Front zu suchen und an den Nahtstellen zweier Verbände
ohne
Rücksicht
auf
Flankenbedrohung
schnell
durchzubrechen.115 Diese Einschätzungen bestätigten den
Befund aus dem Polenfeldzug, dass die deutschen Soldaten
den technisierten Bewegungskrieg und den Kampf der
verbundenen Waffen gut beherrschten, eher archaische
Kampfformen aber nicht ihre Stärke waren. Die Rotarmisten,
zumeist
Bauern,
erschienen
den
Deutschen
als
»Naturmenschen von großer Härte und Grausamkeit«; freilich
lernten sie rasch von ihnen, wie man in den Weiten dieses
Landes überlebte und Krieg führte. So wurde in den deutschen
Erfahrungsberichten immer wieder darauf gedrungen, sich
dem Leben in der Natur besser anzupassen und den Kampf
Mann gegen Mann intensiver zu schulen.116
Nach drei Monaten stand die Wehrmacht nicht wie geplant
an der Wolga und am Weißen Meer, sondern erst östlich von
Smolensk und inmitten der Ukraine. Die Verluste waren fast
jeden Monat höher als im gesamten Frankreichfeldzug. Allein
in der ersten Woche fielen 25 000 deutsche Soldaten, im Juli
dann über 63 000. Bis Ende September war eine halbe Million
Mann tot oder verwundet. Langsam, aber sicher ging der
Wehrmacht die Puste aus. Doch ein Ende der Kämpfe war
nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der deutsche Feldzugsplan war
bereits im Herbst 1941 gescheitert, da die Masse der Roten
Armee nicht wie vorgesehen in der ersten Phase vernichtet
174
werden konnte. Außerdem konnte weder die Rüstungsindustrie
die steigenden Materialausfälle ersetzen noch die
Personalbewirtschaftung
die
Menschenverluste.
Die
Wehrmacht siegte sich in Russland zu Tode, was auf deutscher
Seite durchaus erkannt wurde.
Am 6. August nahm Oberst Heinrich Eberbach an einer
Kommandeurbesprechung teil, auf der ein Stabsoffizier der
Heeresgruppe über die größere Lage berichtete. »Ich musste
paar mal schlucken, bis es mir hinunterging«, schrieb
Eberbach an seine Frau. »Dabei ist alles klar, und ich habe
bisher nur die Augen davor zugemacht. Überschrift: der
Nachschub. Wir spüren ja, wie der fehlt. Auch die Bahnen hier
sind ja nicht sehr leistungsfähig, es geht darum nicht mehr so
schnell vorwärts. Wir werden bis zum 15., vielleicht 20. hier
liegen bleiben. Was bleibt dann noch an Zeit? Höchstens 6
Wochen. Was kann man in dieser Zeit noch schaffen?
Petersburg, Moskau, Odessa, höchstens noch Charkow. Wenn
alles gut geht. Und dann ist der Krieg aus? Nein. Der
Bolschewismus wird weiterkämpfen. Der Winter wird ihnen
helfen.« Eberbach hoffte, den Winter mit seiner Brigade in
einer russischen Panzerkaserne in Ruhe zu verbringen und
dann im Frühjahr ’42 wieder einzugreifen. »Was wird das
endgültige Ziel sein? Die Wolga. Und dann denkt der Führer
an eine bewaffnete Ostgrenze, so wie früher die
Deutschordensritter. Die würden dort halten und Jahr für Jahr
ein Stück weiter greifen. Ist ganz schön gedacht. Aber –
Amerika, England, die Heimatfront. Man bereitet den Angriff
auf England vor. Aber mit Entlassung von Soldaten ist es dann
nicht. […] Und wie lange reichen unsere Vorräte? Aber ich seh
ein, dass es anders einfach nicht geht. Ob der Führer das alles
vorausgeahnt? Es sind zu viele Fragen. Aber es handelt sich ja
nur darum zu leben oder zu sterben. Es muss durchgehalten
175
werden. Ein Zusammenbruch Russlands würde freilich sehr
helfen. Aber seit ich hier bin, glaub ich daran nicht mehr.«117
Friedrich Fromm, der Befehlshaber des Ersatzheeres,
wurde seit August 1941 immer skeptischer und äußerte schon
im Oktober 1941, dass der Krieg beendet werden müsse.118
Solch weitreichende Schlussfolgerungen vermochte ein
Kommandeur wie Eberbach nicht zu ziehen. Denn was sollte
die Konsequenz aus diesen bösen Vorahnungen sein? In dem
mit aller Härte ausgetragenen ideologischen Vernichtungskrieg
konnte es nach Ansicht von Eberbach keinen Ausgleich geben.
Und so zerstreute er wie so viele seine Zweifel und hoffte,
dass die Sowjetunion doch noch zusammenbrechen und alles
gut werden würde. Seine Division war dabei, als die
Wehrmacht im Oktober 1941 in der Doppelschlacht von
Wjasma und Brjansk noch einmal über 670 000 Gefangene
machte. Die Rote Armee erreichte nach dieser Niederlage den
Tiefpunkt ihre Leistungsfähigkeit. Der Mannschaftsstand war
auf 2,8 Millionen abgesunken.119 Doch aus sowjetischer Sicht
war das Schlimmste bald überstanden. Neue Reserven konnten
aus dem Fernen Osten herangeführt werden, und die ersten
britischen Panzerlieferungen waren eine willkommene
Hilfe.120
Auf deutscher Seite stellte sich die Frage, ob es nicht
höchste Zeit war, eine Winterstellung anzulegen und den
erschöpften Truppen eine Ruhepause zu gönnen. Hauptmann
Herbert Zetzsche war nach dem langen und verlustreichen
Vormarsch auf Moskau »völlig herunter«, und seine Gedanken
kreisten für einen kurzen Moment um das Unvorstellbare, das
Scheitern des Unternehmens »Barbarossa«: »Hat es im
Weltkrieg oder in einem irgendwann vorhergegangenen Krieg
bei einer Truppe solche Schwierigkeiten gegeben und
trotzdem ist der Sieg davongetragen worden? Man will
176
glauben, aber der müde Mensch ist zu ausgeschöpft, um noch
Energie zum Zusammennehmen zu haben.« Und selbstkritisch
fragte er: »Sind wir zu schlapp, um einen wirklichen Krieg zu
bestehen? Eigentlich kann uns nur noch ein Wunder helfen!«
Um sich sogleich selber zu beruhigen: »Aber warum soll das
Wunder nicht kommen, nachdem es schon so oft auf unserer
Seite war.«121 Wenige Tage später hoffte er, dass man vor
Weihnachten »hier zu einem Abschluss« käme, und hielt seine
Männer am Grab eines Kameraden an, das Letzte zu geben,
bis der Endsieg errungen sei. Zetzsche kam bald darauf mit
verschleppter Ruhr und Gelbsucht in ein Lazarett. Sein
Bataillon wurde aufgelöst, weil kaum noch jemand am Leben
war.
Generalstabschef Halder und der Oberbefehlshaber der
Heeresgruppe Mitte, Fedor von Bock, wollten auf den
erbärmlichen Zustand ihrer Truppen keine Rücksicht nehmen,
sondern in einer letzten Kraftanstrengung zumindest noch
Moskau einnehmen. Nach der Erfahrung von Dünkirchen
sollte es keinen zweiten Haltebefehl, kein Zaudern im
vermeintlich entscheidenden Moment mehr geben. Beide
waren der Realität vollends entrückt, setzen sich gegen die
skeptischen Armeebefehlshaber durch und beraubten sich der
letzten Chance, die völlig ausgelaugte Truppe noch halbwegs
auf den Winter vorzubereiten.122 Anfang Dezember erlahmte
die deutsche Offensive vor den Toren Moskaus; die
sowjetische Gegenoffensive traf die Wehrmacht vollkommen
unvorbereitet. Aufgrund der taktischen Überlegenheit der
deutschen Truppen, ihrer Luftherrschaft und einer mangelnden
Schwerpunktbildung der Roten Armee gelang es zwar, den
»Napoleon-Winter« zu überstehen. Doch bis Ende März 1942
hatten sich die Verluste der Wehrmacht auf über eine Million
Mann summiert. Und obwohl die Rote Armee selbst in der
177
Winteroffensive deutlich höhere Verluste als die Wehrmacht
hatte, versiegte ihre Kraft nicht.123
Hitler hatte sich in der Winterkrise vor Moskau erstmals
massiv in die Operationsführung eingemischt, einen
Haltebefehl gegeben124, den Oberbefehl über das Heer selbst
übernommen und vor allem die allzu widerspenstigen
Panzergeneräle entlassen.125 Er war überzeugt, dass die
Sowjetunion am Ende ihrer Kräfte war und ein weiterer Schlag
den Widerstand endgültig brechen würde. So hoffte er, 1942
das Unternehmen »Barbarossa« abschließen zu können, noch
bevor sich der inzwischen erfolgte Kriegseintritt der USA
bemerkbar machen würde.126 Die Sommeroffensive 1942
zielte durchaus auf einen neuralgischen Punkt der
Sowjetunion: Neunzig Prozent ihres Erdöls kamen aus dem
Kaukasus, wurden von dort über das Kaspische Meer und die
Wolga ins Innere des Landes verschifft. Würde diese
Kraftquelle abgeschnitten, müssten die wehrwirtschaftlichen
Folgen erheblich sein. Doch diesmal verstieß die Wehrmacht
eklatant gegen die eigenen Grundsätze: Die Überraschung
schlug fehl, und die Schwerpunktbildung war weit weniger
klar als etwa im Mai 1940, weil sich Hitler nicht zu einer
riskanten Konzentration aller vorhandenen Kräfte entscheiden
konnte. Zudem blieb die operative Zielsetzung mit den Zielen
Stalingrad und Kaukasus verschwommen und überdehnte die
wenigen verfügbaren Kräfte, zumal nach dem Beginn der
Offensive sogar noch Divisionen abgezogen wurden.
Während sich Hitler zunehmend in der Rolle des Feldherrn
gefiel, enthielt sich Stalin dilettantischer Eingriffe in die
Kriegführung. Zudem hatte die Rote Armee von den
Deutschen gelernt. Sie vermied nun große Kesselschlachten,
sondern zog sich geordnet und schnell zurück. Nur in der
Donsteppe bei Kalatsch gelang den deutschen Truppen im
178
August 1942 noch einmal eine klassische Zangenoperation.
Mit 57 000 Gefangenen war der Erfolg aber vergleichsweise
mager. Die Operationen der Wehrmacht hatten schon jetzt ihre
einstige Wirksamkeit verloren. Der deutsche Angriff
versandete wenige Wochen später in Stalingrad und im
Kaukasus. Und wie 1941 unterschätzte die Generalität auch
diesmal die Rote Armee. Die Einkesselung und Vernichtung
der 6. Armee in Stalingrad zeigte, dass die Sowjets die
Deutschen mittlerweile mit ihren eigenen Methoden schlagen
konnten.127
In den kritischen Tagen des Winters 1942/43 drohte gar der
gesamte Südflügel der Ostfront aus den Angeln gehoben zu
werden. Doch die ganz große Katastrophe konnte noch einmal
abgewendet, mit einer riskant und mutig geführten
Gegenoffensive die Front stabilisiert werden. Die deutschen
Panzerverbände zeigten hier noch einmal ihr ganzes Können.
Und manchem stiegen die eigenen Erfolge schon wieder zu
Kopfe. »Wir sind mit diesen Soldaten nie zu schlagen. Wer
diese völlig hoffnungslosen Situationen durchgestanden hat
und gesehen hat, wie sich die sichere Niederlage in Sieg
verkehren lässt, der wird nie am siegreichen Kriegsende
zweifeln«, notierte Hermann Balck.128 Mit seiner 11.
Panzerdivision gelang es ihm immer wieder, kleinere
sowjetische Verbände einzukreisen und zu zerschlagen. »So
kam es dann zu der geplanten völligen Vernichtung der
Russen. In früheren Zeiten hätte man geschrieben, der
Schwertarm erlahmte vor Morden. Heute ist es prosaischer.
Die Mg. Munition ging zu Ende. Zu Hunderten und Tausenden
lagen die Russen erschlagen auf der Stelle. Geschütz an
Geschütz stand zusammengeschossen oder verlassen im Feld.
Dazu geringe eigene Verluste. Schließlich wurden dann doch
Gefangene gemacht, etwa 1000 Stück. Es war zuviel des
179
Mordens.«129 Die Bilder eines erbarmungslos geführten
Kampfes zeigten selbst für einen alten Krieger wie Balck
Wirkung.
Sie
nährten
aber
auch
das
eigene
Überlegenheitsgefühl, obwohl die Gesamtlage deprimierend
war.
II. In der Defensive 1943/44
Als die Kämpfe im April 1943 abflauten, stellte sich einmal
mehr die Frage, wie es weitergehen sollte. Eine Strategie gab
es schon lange nicht mehr. Niemand hatte eine Vorstellung
davon, wie der Krieg zu einem Ende geführt werden sollte. In
puncto Kräfteverschleiß war die Lage vergleichbar mit dem
Frühjahr 1918, als nach gut dreidreiviertel Jahren zwischen 1,4
und 1,6 Millionen Soldaten gefallen waren.130 Und wie im
März 1918 konnte auch im Sommer 1943 ein nennenswerter
Teil des Heeres noch einmal angriffsbereit gemacht werden.
Hitler und die Generalität besprachen die Möglichkeit, der
Roten Armee die Initiative zu überlassen und die zu
erwartende Offensive mit aufgefrischten Divisionen im
Bewegungskrieg zurückzuschlagen. Doch schließlich setzte
sich die Option durch, selber mit einem regional begrenzten
Angriff auf den Frontbogen bei Kursk den Sowjets eine
Niederlage zuzufügen und damit auch ein politisches Signal zu
setzen. Diesmal hörte Hitler, wie Roman Töppel
herausgearbeitet hat, sehr wohl auf seine militärischen
Ratgeber; den Entschluss zur Offensive trafen er und die
militärische Führung nach intensiven Gesprächen gemeinsam.
Am 5. Juli 1943 trat die Wehrmacht mit 800 000 Mann und
2400 Panzern zum Angriff an. Der deutsche Vormarsch traf
auf abwehrbereite sowjetische Streitkräfte und blieb nach
wenigen Tagen stecken. Um kaum eine Operation des Zweiten
Weltkriegs ranken sich mehr Mythen als um das Unternehmen
»Zitadelle« – so der deutsche Deckname. In der
180
Memoirenliteratur gilt die Operation als Inbegriff von Hitlers
Inkompetenz. Dieser habe die deutschen Panzerdivisionen im
Angriff auf eine gut vorbereitete Verteidigung verheizt. Erst
seit Kurzem liegt eine differenzierte Aufarbeitung der Schlacht
vor131, die deutlich macht, dass die Rote Armee Verluste im
Verhältnis 1 : 4 bis 1 : 6 erlitt. Mehr hätte die Wehrmacht auch
mit einer anderen Taktik nicht erreichen können. Auch mit
dem »Schlagen aus der Nachhand« (Manstein) – einer
beweglich geführten Verteidigung, die zur Gegenoffensive
überging, sobald der gegnerische Angriff seinen
Kulminationspunkt überschritt – wären keine für die
Wehrmacht günstigeren Verlustverhältnisse zu erreichen
gewesen.132 Im Sommer und Herbst 1941 war die Relation
durch die hohen Gefangenenzahlen noch vorteilhafter
gewesen. Doch mittlerweile hatte die Rote Armee viel
dazugelernt und verfügte über große Reserven, sodass an
Kesselschlachten wie zu Beginn des Feldzugs nicht mehr zu
denken war.
Erich von Manstein glaubte freilich weiter an die
Möglichkeit, durch einen defensiv geführten Bewegungskrieg
gegen die Rote Armee ein Remis zu erkämpfen und dabei
große Teile der besetzten Gebiete zu behaupten. Doch diese
Hoffnung erwies sich als trügerisch. Selbst im August 1943,
als die Wehrmacht durch die Auffrischung im Frühjahr noch
vergleichsweise stark war, so viel Munition wie nie zuvor und
nie danach in einem Monat verschoss (250 000 Tonnen), der
Roten Armee gewaltige Verluste zufügte und Tausende ihrer
Panzer zerstörte, musste sie vor der gegnerischen Übermacht
weichen. Am 23. August gaben die deutschen Truppen
Charkow, die viertgrößte sowjetische Stadt, auf. Danach gab
es kein Halten mehr. Von August 1943 bis März 1944 führte
die Rote Armee ununterbrochene Offensiven vor allem gegen
181
den Südflügel der deutschen Ostfront. Ein strategischer
Durchbruch gelang dabei zwar nicht, aber die Wehrmacht
wurde Schritt für Schritt rund tausend Kilometer vom
Donezbecken bis an die rumänische und polnische Grenze
zurückgedrängt. Im täglichen Abwehrkampf zerrann die
Kampfkraft der deutschen Truppen. Die monatlichen
Verlustzahlen waren im Herbst 1943 und Frühjahr 1944 nicht
höher als 1941. Aber die Kontinuität der hohen Ausfälle
raubte der Wehrmacht jede Chance, Luft zu holen und ein
weiteres Mal eine Schlagkraft aufzubauen, die der Roten
Armee auch nur ansatzweise hätte gefährlich werden können.
Es fehlte die Ruhepause, die es nach dem Polen- und
Frankreichfeldzug gegeben hatte.
Inzwischen reagierte die Rote Armee so flexibel, dass
selbst die Vernichtung allzu weit vorgepreschter sowjetischer
Panzerkorps nur noch in Ausnahmefällen gelang. So war im
Februar 1943 die Panzergruppe Popov zwischen Dnjepr und
Dnjestr zerschlagen worden. Im August 1944 wurde nördlich
von Warschau das 4. sowjetische Panzerkorps, das sich zu weit
vorgewagt hatte, durch einen deutschen Gegenangriff
vernichtet. Im Oktober 1944 ereignete sich Ähnliches in
Siebenbürgen133, doch solche Erfolge blieben letztlich
Episode. In keiner dieser Schlachten gelang es der Wehrmacht,
mehr als 20 000 Gefangene zu machen. In einem Krieg der
Massenarmeen waren das nicht mehr als Nadelstiche. Wie sehr
sich die Verhältnisse geändert hatten, zeigte die sowjetische
Offensive auf Kiew im November 1943. Manstein konnte mit
fünf Divisionen und 400 Panzern zwar einen Gegenstoß
führen und Shitomir zurückholen, war aber zu schwach, um
die ukrainische Hauptstadt neuerlich zu erobern oder gar
größere Teile der vorrückenden Roten Armee zu zerschlagen.
182
Fünf deutsche Panzerdivisionen waren 1940 oder 1941
eine gewaltige Streitmacht gewesen; im Herbst 1943 drangen
sie nicht mehr als vierzig Kilometer vor. Die Rote Armee ließ
sich nicht mehr im großen Stil ausmanövrieren und zwang der
Wehrmacht einen Abnutzungskrieg auf, aus dessen Würgegriff
sie sich nicht mehr befreien konnte. Die Kampfkraft selbst der
besten Panzerverbände schmolz dahin wie das Eis in der
Sonne.134 Die Heeresgruppe Süd zählte im Februar 1944
vierzehn Panzer- und zwei Panzergrenadierdivisionen und war
trotzdem nicht in der Lage, die Front zu halten. Allzu viele
Generäle glaubten mit überlegener Führungskunst die
zahlenmäßige Stärke der Roten Armee ausgleichen zu können,
wie es noch im Frühjahr 1943 gelungen war. Keiner von ihnen
befasste sich je mit der wirtschaftlichen Dimension dieses
Ringens oder errechnete, wie hoch die feindlichen Verluste
hätten sein müssen, damit der Roten Armee und nicht der
Wehrmacht die Kräfte schwanden.
In der Memoirenliteratur werden vor allem Hitlers
Starrsinn, sein Halten um jeden Preis für die Niederlagen der
Jahre 1943/44 verantwortlich gemacht. Wenngleich der
Diktator in der Tat manche Fehlentscheidungen zu
verantworten hatte, waren die Dinge in der Realität doch
komplexer. Der Generalstabschef des Heeres und die
Befehlshaber der Heeresgruppen und Armeen waren sich
oftmals uneinig, was zu tun war, zumal der deutsche
Nachrichtendienst meist keine zuverlässigen Aussagen über
die nächste sowjetische Großoffensive treffen konnte.135 Bei
nüchterner Betrachtung sollte man den Einfluss Hitlers nicht
übermäßig hoch gewichten. Selten stellte er sich gegen
Empfehlungen sämtlicher militärischen Ratgeber, und in der
Praxis unterliefen viele Kommandeure die Haltebefehle
183
ohnehin. Den daraus folgenden Tatsachen musste auch Hitler
sich fügen.
Erstaunlich ist, wie optimistisch manche Befehlshaber die
Lage vor Ort immer noch einschätzten. Als Hermann Balck im
November 1943 mit einem Panzerkorps den deutschen
Gegenangriff westlich des Dnjepr führte, notierte er in sein
Tagebuch: »Operativ ging es gut. Namentlich die 1. Pz. Div
griff mit altem stürmischem Schwung an, rannte alles über den
Haufen. […] Ich stoße nun konzentrisch auf Shitomir und
hoffe es bald zu haben. Dann kehrt und auf Kiew. Hoffentlich
wird es die Wende des Feldzuges.«136 Doch dann musste auch
er einräumen, dass »der Russe einen ungeheuer geschickten
Rückzug vollführt hat«.137 Gleichwohl glaubte Balck, dass er
dem Sowjet durch den Gegenangriff die »Grundlagen seiner
Winterschlacht« zerschlagen habe. Doch nur wenige Wochen
später brach eine neue Offensive los und machte seine
Hoffnungen zunichte. Sein geradezu trotziger Glaube, doch
noch siegen zu können, wurde aber selbst dadurch nicht
erschüttert. Im Winter 1943/44 meinte er zu erkennen, dass bei
der Roten Armee der Boden des Fasses sichtbar würde, da ihr
allmählich die Soldaten ausgingen. Was jetzt noch kämpfen
würde, seien »Kinderregimenter«. Am Silvesterabend 1943
schrieb er: »Halten wir jetzt durch, siegen wir.«138 Mansteins
Einschätzung mag nüchterner gewesen sein, aber auch er
wollte nicht wahrhaben, dass die Wehrmacht nicht mehr die
Kraft hatte, die Rote Armee in der Ukraine aufzuhalten.
Gewiss, die Verluste der Sowjets blieben stets deutlich
höher als die der Deutschen. Im Frontalltag gab es daher trotz
der Rückzüge ständig die Erfahrung, dass Angriffe des
Gegners zurückgeschlagen wurden. Dies galt insbesondere für
die Heeresgruppe Nord, die im Stellungskrieg lange Zeit gar
nicht zurückweichen musste, aber auch für die Heeresgruppe
184
Mitte, die bis zum Frühjahr 1944 eine sowjetische
Großoffensive nach der anderen abwehren konnte und sich nur
langsam rund 200 Kilometer zurückzog.139 Das führte zu der
paradoxen Situation, dass sich Teile der Wehrmacht ihr
Überlegenheitsgefühl bewahrten. Insbesondere die sowjetische
Infanterie sei »miserabel«140, hieß es immer wieder. Aber auch
die Taktik der Panzer sei »ganz schlecht«, meinte der 20jährige Leutnant Ferdinand von Senger und Etterlin von der
24. Panzerdivision, der später in der Bundeswehr Karriere
machte und zum NATO-Oberbefehlshaber Mitte aufstieg.
»Wie die Reiterhorden Dschingis-Khans kommen diese
schwarzen Biester aus den Tiefen des Ostens und suchen uns
zu überfluten. […] Sie kommen in Massen angebraust und
werden in Massen, oft tief im Hinterland, wo sie wie blinde
Hühner herumkurven, abgeschossen.«141 Gerade bei den
Panzerdivisionen war die Stimmung auch im Winter 1943/44
noch gut. Sie hatten zwar viele Ausfälle hinzunehmen und
schrumpften auf Kampfgruppen mit nur wenigen Panzern
zusammen. Es blieben aber immer noch genügend Waffen
übrig, um sich erfolgreich zu wehren. Ohnmachtsgefühle gab
es kaum, die eigenen Gegenangriffe hoben die Moral.
»Müde Panjereiter, Infanteristen ohne Waffen, ja ohne
Koppel, schleppen sich mit Sack und Pack nach hinten. Ein
eisiger Wind weht über die Schneefelder, farblos der Himmel.
[…] 1812!«, notierte Senger und Etterlin im Februar 1944 in
sein Tagebuch. Eine sowjetische Großoffensive hatte tiefe
Einbrüche in die deutsche Front erzielt. Der Kommandeur
appellierte an Senger und seine Soldaten, »nicht vom
schlechten Beispiel der Infanterie um uns herum angesteckt zu
werden. Wir sind noch eine gute Truppe«.142 Die Division
ging kurze Zeit später zu mehreren Gegenangriffen über.
Senger schrieb an seine Frau: »Wir haben schwere, aber
185
schöne Tage hinter uns. Sie brachten uns endlich mal wieder
grosse Angriffserfolge. Ihr könnt Euch wohl kaum vorstellen,
was es heisst, einen grossen Angriff erfolgreich zu bestehen.
Nach Monaten der Verteidigung, wo man immer gezwungen
ist, auf den Feind zu warten, um ihn dann im mühsamen
Ringen jeden Fußbreit Boden streitig zu machen, endlich
wieder das Gesetz des Handelns bei uns. Endlich wieder
Bilder wie bei den grossen Vormärschen in der Steppe:
Rasende SPW [Schützenpanzerwagen] mit Schneefontänen
hinter sich, tausende fliehender Russen, wilde Jagd hinterher,
an brennenden LKWs, frisch überfahrenen Geschützen und
Panzerbüchsen vorbei, über Löcher und Bunker immer
vorwärts, alles überfahrend und niederwalzend. […] Es war
ein herrlicher Tag, eine Kavallerie Attacke alten Stils.«143
Senger war bewusst, dass auch seine 24. Panzerdivision »nicht
mehr den Gehalt wie früher« hatte, »aber sie ist doch den
meisten anderen haushoch überlegen«.144
Der junge Leutnant von Senger und Etterlin machte ganz
andere Erfahrungen als der durchschnittliche Infanterist.
Während 1916/17 praktisch alle deutschen Divisionen eine
Zeit lang die Hölle der Materialschlachten erlebten, klafften
die
Erfahrungswelten
der
Wehrmachtverbände
im
Allgemeinen und selbst derjenigen an der Ostfront weit
auseinander. Der gewaltige personelle Aderlass machte sich
vor allem bei den regulären Infanteriedivisionen bemerkbar.
Sie waren schon nach der Winterschlacht 1941/42 nur noch
ein Schatten ihrer selbst, konnten aber – anders als die meisten
Panzerdivisionen – nicht zur Auffrischung herausgezogen
werden. Sie blieben an der Front und mussten sich damit
behelfen, kleinere Einheiten für kürzere Zeit ins Hinterland zu
verlegen und ihnen dort etwas Ruhe zu gönnen. Unter dem
permanenten Ansturm der Roten Armee und der ständigen
186
Überlastung psychischer und körperlicher Kräfte nahm ihre
Kampfkraft rapide ab. Der Ersatz war zu schnell und zu
schlecht ausgebildet145, sodass immer weniger erfahrene
Soldaten übrig blieben. In welcher Lage sich die
Infanterieverbände befanden, macht ein Bericht über den
Kampf um Rschew im Herbst 1942 deutlich. Das II. Bataillon
des Infanterieregiments 18 verlor von August bis Ende
Oktober 1942 740 Mann und wurde damit praktisch
vollständig aufgerieben. Von den Männern, die am 1. August
in die Schlacht gezogen waren, blieben drei Monate später nur
noch 49 übrig. Das Bataillon erhielt im selben Zeitraum zwar
594 Mann Ersatz, die jedoch keinerlei Kampferfahrung hatten
und nicht lange überlebten. Unter den zugewiesenen
Offizieren etwa befanden sich zwei Leutnante des
Bodenpersonals der Luftwaffe, die noch nie im Gefecht
gestanden hatten. Drei Tage nach ihrem Eintreffen an der
Front wurden sie in ihrem ersten Gefecht getötet. Die meisten
Mannschaften waren ehemalige Rüstungsarbeiter mit
siebenwöchiger Ausbildung, die noch nie eine scharfe
Handgranate geworfen hatten.
»Die Leute taten vollauf ihre Pflicht«, schrieb
Bataillonskommandeur Major Stefan-Heinrich Höke, und er
wusste, wovon er sprach. Er war 1924 als Mannschaftssoldat
in das Regiment eingetreten, hatte das Handwerk des
Infanteristen von der Pike auf gelernt und wurde als einer der
wenigen Feldwebel der Reichswehr 1932 Offizier. Er war
längst zu einem Krieger geworden, der wusste, wie man an der
Front überlebt. Umso verzweifelter blickte er auf seine
Soldaten: »Das Fehlen jeglicher Erfahrung im Nahkampf mit
dem Russen, die ungenügende Ausbildung in der Handhabung
der Waffe in der Bewegung, wie an manchen Stellen auch das
Versagen der Unterführer, mußte […] mit ungewöhnlich hohen
187
Verlusten bezahlt werden.« Erfahrene Infanteristen, die auch
schwierigste Situationen meistern konnten, seien kaum mehr
vorhanden. »Die kaum ausgebildeten Ersatzmänner stehen oft
hilflos in dem Haufen der ihn [sic] umgebenden sehr guten
neuzeitlichen Kampfmittel und weiß [sic] sie vielfach nicht zu
gebrauchen. […] Wie wenige Uffz. und Mannschaften können
am MG 34 die verheerende Feuerkraft dieser
Hauptabwehrwaffe ausnutzen!«146 Erst als das Bataillon am
24. Oktober aus der Front gezogen wurde, bekam der
Kommandeur mehrere Wochen Zeit, Gruppen, Züge und
Kompanien neu zu formieren, wieder Ausbildung zu betreiben
und einen halbwegs einsatzfähigen Verband zu bilden. Das
Bataillon kämpfte noch bis März 1943 in Rschew, dann gab
die Wehrmacht die Stadt auf; es folgten monatelange
Abwehrkämpfe im Mittelabschnitt der Ostfront. Kampfkraft
und Zusammenhalt konnten dabei noch einigermaßen gewahrt
werden. Erst im Sommer 1944 wurde es beim Untergang der
Heeresgruppe Mitte vernichtet; dabei fiel am 28. Juni auch
Stefan-Heinrich Höke.
Anderen Einheiten erging es noch schlechter. Das
Grenadierregiment 258 der 112. Infanteriedivision stand seit
Sommer 1943 an den Brennpunkten der Abwehrkämpfe um
den Frontbogen bei Orel. Unter großen Anstrengungen gelang
den deutschen Truppen der Rückzug. Dennoch beurteilte der
Regimentskommandeur die Leistung seiner Männer äußerst
kritisch. Er monierte, dass die Härte deutscher Soldaten in
jeder Beziehung zu wünschen übrig ließ und in keiner Weise
derjenigen von 1914–18 entspreche. »Ich erinnere dabei an die
großen Materialschlachten des ersten Weltkrieges«, schrieb
Hans Viebig, »in denen die Truppen mitunter mehrere Tage
lang ununterbrochen im Trommelfeuer sich befanden, enorme
Verluste hatten und trotzdem den Angreifer abschlug [sic]. Ich
188
habe wiederholt Fälle beobachtet, wo Soldaten des Regiments
mit leichten Verwundungen zurückkamen, ohne dass sie ihre
Waffen mitbrachten.« Viebig empörte sich weiter, dass nach
einem Angriff, »der vielleicht nur eine Stunde gedauert hat«,
die Truppe nicht mehr in der Lage gewesen sei, »das
Zurückfluten der Russen auszunützen«, und dies nur »durch
mangelnde Härte«. Sein äußerstes Missfallen traf die 3.
Kompanie. Mehrere Männer hätten Feigheit vor dem Feind
gezeigt, und der Gefreite Brückmann sei in einem besonders
krassen Fall durch ein Standgericht zum Tode verurteilt
worden. Bis die Kompanie ihre Ehre wiederhergestellt habe,
sei sie von jeder Vergünstigung ausgeschlossen. Und weiter
hieß es: »Gegen jeden Soldaten, der aus Feigheit zurückgeht
oder beim Angriff nicht vorwärtsgeht, lasse ich in Zukunft ein
Standgericht zusammentreten. Solche Zustände kommen beim
Gren. Rgt. 258 in Zukunft nicht noch einmal vor.«147 Ihre
Ehre scheinen die Soldaten des Regiments in den Augen des
Kommandeurs bald wiederhergestellt zu haben. Weitere Kritik
ist zumindest nicht überliefert. Freilich war wenige Wochen
später auch kaum noch jemand am Leben, sodass das
Regiment im November 1943 aufgelöst wurde. Viebig wurde
ein Jahr später in den Vogesen schwer verwundet. Er überlebte
als einer der wenigen seines Regiments den Krieg und starb
1961 im Alter von 64 Jahren.
Der Fall zeigt, dass das Grenadierregiment 258 schon im
Sommer 1943 dem Ansturm der Roten Armee nicht mehr
gewachsen war, und dies, obwohl die Einheit zuvor
monatelang kaum Kämpfe zu bestehen gehabt hatte. Die
Einheiten mussten mit zu wenigen Soldaten zu breite
Frontabschnitte überwachen. Ein General rechnete 1943 aus,
dass ein normaler Landser selbst an einem ruhigen
Frontabschnitt kaum mehr als drei Stunden am Stück schlafen
189
konnte.148 Dringend wurde gefordert, wie im Ersten Weltkrieg
regelmäßiger von der Hauptkampflinie in Bereitschafts- und
Ruhequartiere zu rotieren. Doch gerade zu Zeiten sowjetischer
Offensiven erwies sich das als vollkommen illusorisch. Von
der 126. Infanteriedivision waren die Überlebenden der
Kämpfe im Januar 1944 zu neunzig Prozent lazarettreif, weil
sie wund gelaufene Füße und Erfrierungen ersten und zweiten
Grades hatten. Doch eine Ablösung war nicht möglich, da die
Division es gerade noch auf 921 Mann in den vordersten
Gräben brachte.149
Zudem war unübersehbar, dass die deutschen Verbände
1943 nicht mehr passend ausgerüstet waren. In Gliederung und
Bewaffnung hatte es seit 1918 nur vergleichsweise wenige
Fortschritte gegeben. Vor allem die Feuerkraft war zu
schwach, um gegen die sowjetische Übermacht zu bestehen.
Der Karabiner 98k wurde als »vorsintflutlich« bezeichnet,
seine Ablösung durch das Sturmgewehr dringend gefordert. Es
mangelte an Granatwerfern, Maschinengewehren und
Panzerabwehrwaffen. Die schlechte Waffenausstattung
steigerte die Verluste, wodurch vor allem erfahrene,
»krisenfeste« Unteroffiziere fehlten, jene Krieger also, die den
unerfahrenen Soldaten im Kampf die Angst nahmen und ihnen
sagten, was zu tun war. Major Gerlach von Gaudecker-Zuch
empörte sich im August 1943 darüber, dass dem Ersatz aus der
Heimat
das
Überlegenheitsgefühl
gegenüber
den
Bolschewisten fehle. »Es darf nicht sein, wie man es leider oft
erlebt hat, dass es heißt, die Russen kommen, die Russen
kommen, sondern der Soldat im Loch muss darauf warten und
sich freuen, wenn die Russen kommen, um sie vernichten zu
können.«150
Die Heeresführung erkannte durchaus, dass der Wert
insbesondere der Fußtruppen stark zurückgegangen war,
190
sprach
im
September
1943
gar
von
einem
»Infanterieproblem«, warnte vor einem Niedergang dieser
Waffengattung.151 »Der deutsche Infanterist ist abgekämpft,
apathisch, zahlenmäßig stark geschwächt, mit Führern und
Unterführern dünn besetzt«152, hieß es im Sommer 1943 in
einem Bericht von der Ostfront. Die Männer seien
»eingeschüchtert«.153 Auf einen Kilometer Frontabschnitt
kämen nur noch fünfzig, höchstens hundert Infanteristen. Die
Truppe sei so ausgeblutet, dass ihr das Rückgrat gebrochen
sei, hieß es in einem Bericht aus dem November 1943.154
Doch alle Versuche gegenzusteuern blieben Kosmetik. Die
Rüstungsproduktion erlaubte es trotz neuer Höchststände
nicht, die Divisionen mit den geforderten Waffen auszustatten,
vor allem mit den dringend benötigten Sturmgeschützen155,
um sich der sowjetischen Panzer zu erwehren.
Erfahrene Krieger, die der außerordentlichen nervlichen
Belastung der Kämpfe gewachsen waren, wurden zunehmend
Mangelware. Alle Appelle, die Ausbildung im Ersatzheer
müsse besser und vor allem härter werden, halfen nichts. »Der
in langfristiger Ausbildung zur Härte, Selbständigkeit und
Entschlussfreudigkeit erzogene Einzelkämpfer ist nur noch
selten anzufinden«, schrieb der Kommandierende General des
II. Armeekorps im August 1943.156 Unter dem Druck der
Verluste dauerte die Ausbildung eines Rekruten vom
erstmaligen Betreten der Kaserne bis zum Abmarsch an die
Front oftmals nicht mehr als vier Monate.157 In so kurzer Zeit
konnten beim besten Willen keine Soldaten herangebildet
werden, die ihr Handwerk auch unter größtem Stress
beherrschten. Man behalf sich mit Nachschulungen direkt an
der Front, aber deren Erfolg blieb begrenzt, zumal es bald
auch an Ausbildern mangelte. Oft war der Vorwurf zu hören,
dass die Eliteverbände der Waffen-SS, des Heeres und der
191
Luftwaffe mit Männern »vollgepfropft« seien, die als
Unteroffiziere in der Infanterie fehlten. Wenngleich bei
solchen Vorwürfen immer ein gerüttelt Maß an Neid,
Missgunst und Rivalität zu berücksichtigen ist, erscheinen sie
im Kern stichhaltig. Während es im Ersten Weltkrieg gelang,
die Qualität des Heeres auf einem einigermaßen einheitlichen
Niveau zu halten und einen erheblichen Teil auch zum Angriff
zu befähigen, klaffte die Leistungsfähigkeit der Verbände im
Zweiten Weltkrieg immer weiter auseinander. Eine reguläre
Infanteriedivision des Jahres 1943/44 war – anders als 1917/18
– zum Angriff kaum mehr in der Lage. Relativ wenige
Panzer-, SS- und Fallschirmjägerdivisionen blieben erstklassig
und agierten als Feuerwehr, während die Infanteriedivisionen
weder in gleichem Maße ausgerüstet wurden noch
entsprechenden Personalersatz erhielten. Sie bekamen, was
übrig war, getreu dem Motto: »Infanterie kann jeder.«158
Das Oberkommando des Heeres musste im September
1943 zugeben, dass die Infanterie »außer den größeren
Anstrengungen und der höchsten Wahrscheinlichkeit des
Heldentodes« nichts zu bieten habe.159 Auch Frontzulagen,
Urlaubsbegünstigungen oder die im November 1942 extra für
die Infanterie eingeführte Nahkampfspange vermochten ihr
schlechtes Prestige nicht zu heben. Wie sollte sich die
Infanterie als Königin der Waffen fühlen, bemängelte ein
Regimentskommandeur, wenn sich Waffen-SS
und
Panzerverbände in der Öffentlichkeit als Garden und
Auserwählte präsentierten? »Kaum eine Frau oder Mädel ist
heute noch […] stolz darauf, dass der Mann, Sohn, Freund
oder Bruder gerade bei der Infanterie ist, wohl aber wenn er
Flieger, Panzer- oder SS-Mann ist, wo es die vielen
Ritterkreuze gibt, wo er fliegt oder fährt, aber nicht zu
marschieren braucht«160, bemerkte der Chef einer
192
Ausbildungsabteilung im August 1943. General der Infanterie
Hermann Geyer hatte auf diesen Umstand schon im September
1941 hingewiesen161 und traf den Nagel auf den Kopf, als er
im April 1944 feststellte162, dass mit Eliteverbänden allein
moderne Feldzüge nicht mehr zu führen seien, weil die Gegner
mit Massenheeren kämpften und die Deutschen ausgedehnte
Fronten zu verteidigen hätten.
Die Infanterie war die mit Abstand größte Truppengattung;
sie umfasste im Herbst 1943 immerhin 151 Divisionen,
darunter gewiss noch einige erstklassige Verbände wie die 1.
oder die 21. Division, deren Zahl aber sehr überschaubar
war.163 Ihre nachlassende Kampfkraft blieb auch der Roten
Armee nicht verborgen. So hieß es in einem Erfahrungsbericht
der 1. Ukrainischen Front vom Januar 1944, dass im Vergleich
zu früheren Jahren die unzureichende Ausbildung, gesunkene
Moral und mangelnde Zähigkeit deutscher Fußtruppen
festzustellen seien. Die Infanterie verlasse sich vor allem auf
die Unterstützung von Panzern und Artillerie, ohne die sie nur
unentschlossen agiere und selten angreife.164 Zur permanenten
Überforderung kam verschärfend hinzu, dass die Wehrmacht
mit den ohnehin geringen Ressourcen viel zu leichtfertig
umging. Anders als im Ersten Weltkrieg gab es zu wenig
Rotation der Divisionen zwischen den Hauptkampfzonen und
ruhigeren Frontabschnitten. Die Einheiten wurden vielfach so
lange im Kampf gelassen, bis sie vollkommen ausgeblutet
waren. Schon im Herbst 1943 mussten zahlreiche
Infanteriedivisionen aufgelöst werden, weil sie so
zusammengeschmolzen waren, dass das innere Gefüge
zusammenbrach, die letzten erfahrenen Soldaten gefallen
waren und sich eine Auffrischung nicht mehr lohnte. Den in
der Heimat neu aufgestellten Verbänden fehlten diese Männer.
Offenbar gelang es ohne sie nicht, die im ruhigen Frankreich
193
aufgestellten Divisionen ausreichend auf die Kämpfe an der
Ostfront vorzubereiten. »Ein gegenüber den Ostdivisionen
erstaunlich geringer Kampfwert und erhebliche Verluste waren
die Folge«165, hieß es im Bericht eines Offiziers des
Generalstabs des Heeres.
Görings Weigerung, 250 000 Soldaten der Luftwaffe an
das Heer abzugeben, und seine Entscheidung, diese stattdessen
in 21 Luftwaffenfelddivisionen zum Einsatz zu bringen,
führten 1943 zur Katastrophe. Diese unerfahrenen Verbände
erlitten horrende Verluste, und auch als Göring schließlich im
Herbst 1943 der organisatorischen Überführung ins Heer
zustimmen musste, konnten die grundlegenden Mängel nicht
beseitigt werden. Bei der sowjetischen Offensive vor
Leningrad
Anfang
1944
»versagte«
die
10.
Luftwaffenfelddivision »völlig«.166 Der Verband löste sich im
Kampf geradezu auf, obwohl er – wie es in einem internen
Bericht indigniert hieß – nicht im Schwerpunktabschnitt lag.
Aber auch das Heer betrieb mit seinen Kräften Raubbau, setzte
Verbände oft übereilt und unüberlegt ein und bezahlte dies mit
Verlusten, die man sich nicht leisten konnte. Die Beispiele sind
Legion.167 Einer der bekanntesten Fälle ist der überhastete
Einsatz der aus Frankreich herangeführten 25. Panzerdivision,
die im November 1943 noch während des Ausladens gegen
einen sowjetischen Durchbruch bei Kiew angesetzt wurde.
Innerhalb von nur zwei Wochen fielen 1242 Mann aus, 42
Panzer und 59 Schützenpanzer gingen verloren. Kommandeur
Adolf von Schell hatte keinerlei Osterfahrung und war
erstmalig seit 1918 im Fronteinsatz.168 Er führte unglücklich,
brach körperlich zusammen und wurde bald abgelöst.169
Bereits im Frühjahr 1944 musste die zerschlagene Division
aufgrund der weiterhin hohen Verluste herausgezogen und in
Dänemark neu aufgestellt werden.
194
Der Kampf gegen die Westmächte 1941–1944
Der Bewegungskrieg hatte sich 1940 als das Erfolgsrezept im
Kampf gegen die hochgerüsteten Westmächte erwiesen. Auch
1941 hatten diese den deutschen schnellen Verbänden kaum
etwas entgegenzusetzen. Die Niederringung der griechischen
Streitkräfte, die durch ein 60 000 Mann starkes britisches
Expeditionskorps unterstützt wurden, gelang innerhalb von
drei Wochen. Erneut »siegte unsere Kühnheit, um nicht zu
sagen bodenlose Frechheit«, triumphierte Hermann Balck.170
Das Selbstbewusstsein kannte keine Grenzen. »Unsere Truppe
ist halt einzigartig«, notierte General Vietinghoff.171 Die
Kämpfe gegen die Briten und ihre Commonwealth-Truppen
gingen dann in Nordafrika weiter. Auf diesem
Nebenkriegsschauplatz zeigten sich wie unter einem
Brennglas die Stärken und Schwächen der deutschen
Kriegführung. Der Erfolg der Wehrmacht basierte nicht nur
auf dem raschen Durchbruch und dem Ausmanövrieren des
oftmals allzu schematisch vorgehenden Gegners, sondern auch
auf der Schockwirkung der schnellen Verfolgung, die die
gegnerische Verteidigung alsbald zusammenbrechen ließ. Dem
Gegner wurden in einem schnellen Streich sozusagen Schwert
und Schild aus der Hand gerissen und der Wille genommen
weiterzukämpfen. Die Schlacht ist »mehr ein Totschlagen des
feindlichen Mutes als der feindlichen Krieger«172, schrieb
Clausewitz. Gelang das nicht und dauerte der Kampf länger
an, geriet die Wehrmacht aufgrund ihrer zahlenmäßigen
Unterlegenheit und beschränkten Feuerkraft schnell in eine
schwierige Lage.
Der Kampf in Nordafrika offenbarte, dass alle Kühnheit
und taktische Finesse zum Erfolg nicht ausreichten, wenn der
Feind nach den ersten Schlägen nicht zusammenbrach. Zwar
gelang es Rommel 1941/42 immer wieder, seine Gegner
195
auszutricksen, aber der finale Erfolg blieb dem risikofreudigen
General versagt. Weder glückte die eine große
Vernichtungsschlacht, die den Feldzug mit einem Streich
siegreich beendete, noch gelangen der Durchbruch an den Nil
und damit die Aushebelung der britischen Stellung in
Ägypten. Der ungeduldige Rommel stürmte kurz nach seiner
Ankunft in Tripolis im März 1941 mit den schwachen Kräften
wie von der Leine gelassen los, überrannte die Cyrenaika und
kam wenige Wochen später an der libysch-ägyptischen Grenze
zum Stehen, weil der Handstreich auf die Festung Tobruk
scheiterte. Zum ersten Mal hatte es ein Panzergeneral mit der
Kühnheit zu weit getrieben.173 Im Mai/Juni 1942 manövrierte
die Deutsch-Italienische Panzerarmee die Alliierten erneut aus
und konnte diesmal sogar Tobruk einnehmen. Rommel
preschte sogleich weiter nach Ägypten, um das
Schockmoment auszunutzen, und stand nur zehn Tage später
500 Kilometer östlich an der letzten britischen
Verteidigungslinie vor Alexandria am kleinen Wüstenbahnhof
El Alamein. Doch die Briten behielten – anders als die
Franzosen 1940 – in dieser kritischen Lage die Nerven und
stoppten Rommels erschöpfte Truppen. Das Vabanquespiel
war nicht aufgegangen – auch weil die Deutschen im
entscheidenden Moment die Funksprüche des amerikanischen
Militärattachés Bonner Fellers nicht mehr mitlesen konnten
und damit ihre beste nachrichtendienstliche Quelle verloren. In
der Materialschlacht vor den Toren El Alameins zermürbte der
britische Oberbefehlshaber Montgomery Ende Oktober 1942
die Kraft der Achsenmächte. Und die konnten von Glück
sagen, dass es ihnen in den folgenden Wochen überhaupt
gelang, sich bis nach Tunesien zurückzuziehen.
Im Februar 1943 schien zum letzten Mal ein Hauch von
Blitzkrieg auf. Rommels Truppen gingen zum Gegenangriff
196
über, stießen in vier Tagen über 100 Kilometer bis an die
algerisch-tunesische Grenze vor und fügten am Kasserinpass
den unerfahrenen amerikanischen Truppen Verluste zu, die das
Fünffache der eigenen betrugen. Diese weitgehend vergessene
Operation »Frühlingswind«, an der auch Oberstleutnant Claus
Schenk Graf von Stauffenberg teilnahm, war der letzte
deutsche Angriff auf die Westalliierten, der halbwegs als
Erfolg gewertet werden konnte. Bis Dezember 1944
scheiterten ausnahmslos alle Gegenoffensiven, zumeist nach
nur wenigen Kilometern. Damit war die militärische Lage im
Westen und Süden noch trostloser als im Osten. Dort fand die
letzte große Gegenoffensive, in deren Verlauf Charkow
zurückerobert wurde, zwar auch bereits im Februar 1943 statt.
Aber örtliche Erfolge wie am Kasserinpass gab es im Kampf
gegen die Rote Armee noch bis zum April 1945. Doch warum
verlor die Wehrmacht auf den Kriegsschauplätzen im
Mittelmeerraum und in Frankreich ihre einst so gefürchtete
Angriffsfähigkeit?
Sizilien
Am 13. Mai 1943 kapitulierte die Heeresgruppe Afrika. 250
000 deutsche und italienische Soldaten gingen in
Gefangenschaft. Hitler hatte sich bis zum Schluss beharrlich
geweigert, die Truppen aus Tunesien zu evakuieren. Sein
Starrsinn hatte den Diktator damit um jene Truppen gebracht,
die den Alliierten mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg in
Sizilien hätten entgegentreten können. Nun stand man
sozusagen nackt da. Zwar gab es auf der Insel rund 200 000
italienische Soldaten, die aber bis auf wenige Verbände nicht
für den Fronteinsatz bestimmt waren. Die Wehrmacht kratzte
gerade einmal zwei Divisionen mit gut 27 000 Mann
zusammen.174 Als die Alliierten in den frühen Morgenstunden
des 10. Juli 1943 in der Bucht von Gela und bei Syrakus an
197
Land gingen, trafen sie zunächst auf zweitklassige italienische
Truppen, deren Widerstand schnell gebrochen wurde.175
Jedoch waren die Achsenmächte nicht wehrlos. Im Hinterland
von Gela standen mit der Infanteriedivision »Livorno« und der
Panzerdivision »Hermann Göring« zumindest auf dem Papier
zwei kampfstarke Verbände zur Verfügung. Deren
Gegenangriffe am 10. Juli waren freilich vollkommen
unkoordiniert und endeten in einem Fiasko. Die Division
»Hermann
Göring«
war
eine
Luftwaffeneinheit.
Reichsmarschall Göring hatte früh dafür gesorgt, eigene
Bodentruppen aufzustellen. Neben den als Elitetruppe
geltenden Fallschirmjägern schuf er sich sein eigenes
Regiment, das dann zu einer Division ausgebaut wurde. Sie
hatte zum Teil schon in Tunesien gekämpft, sich durchaus
bewährt und war nun neu aufgestellt worden. In ihren Reihen
gab es im Sommer 1943 aber etliche unqualifizierte Offiziere,
die mit der Führung eines Angriffs vollkommen überfordert
waren. Der Kommandeur des Panzerregiments, Walter Straub,
war im entscheidenden Moment an einem Hexenschuss
erkrankt, sein Stellvertreter wurde bald darauf verwundet.
Auch
der
Kommandeur
des
einzigen
Panzergrenadierregiments war der Lage nicht gewachsen und
wurde bald abgelöst.176
Der deutsche Verbindungsoffizier im italienischen
Armeeoberkommando, Fridolin von Senger und Etterlin, eilte
zur Division und organisierte für den 11. Juli einen neuen
Angriffsversuch. Diesmal wurde ein US-Bataillon überrannt,
und die Lage schien für die Amerikaner kritisch zu sein. Doch
schließlich blieb der Angriff im heftigen Abwehrfeuer stecken.
Die Deutschen hatten 630 Tote und Verwundete zu beklagen,
die Italiener sogar über 2000. Die größte offensive Operation
der Achsenmächte während der Kämpfe um Sizilien war
198
gescheitert. Zum ersten Mal im Zweiten Weltkrieg machten
Kriegsschiffe in einer Landschlacht den entscheidenden
Unterschied. Und dabei handelte es sich keineswegs um eine
riesige Armada: Zwei amerikanische Kreuzer und sechs
Zerstörer gaben an jenem Tag mit ihren 60 Geschützen rund
2300 Schuss ab.177 Hinzu kamen gerade einmal 26 Haubitzen
der US-Feldartillerie178; alliierte Luftunterstützung gab es
nicht. Die deutschen Geschütze traten kaum in
Erscheinung.179
Zweifellos stellte der Angriff auf einen abwehrbereiten
Gegner, der von eigenen Kriegsschiffen unterstützt wird, eine
Herausforderung dar. Doch die Verhältnisse im Juli 1943
waren nicht mit der alliierten Landung in der Normandie ein
Jahr später zu vergleichen. Teile der amerikanischen Truppen
waren unerfahren, und der Einsatz von Artillerie ist im Krieg
allgemein üblich. Vielmehr zeigte sich, dass die Division
»Hermann Göring« den Anforderungen der Kämpfe auf
Sizilien schlicht nicht gewachsen war. Ihr Kommandeur sah
sich dann auch zu harschen Worten genötigt. In einer von den
Amerikanern erbeuteten Mitteilung an die Truppe hieß es: »In
den vergangenen Tagen habe ich die bittere Erfahrung
gemacht, Szenen zu beobachten, die eines deutschen Soldaten
unwürdig sind, insbesondere eines Soldaten der Division
›Hermann Göring‹. Unter hysterischem Gebrüll kamen
Männer ins rückwärtige Gebiet gerannt, weil sie die
Detonation eines einzigen Schusses gehört hatten, der
irgendwo in der Ferne abgefeuert worden war. […] Ich möchte
festhalten, dass nicht nur die jüngeren Soldaten, sondern auch
Unteroffiziere und Feldwebel sich kopfloses Verhalten haben
zuschulden kommen lassen. Panik, Panzerfurcht und die
Verbreitung von Gerüchten sind mit den schärfsten
Maßnahmen zu unterbinden. Feigheit und Rückzug ohne
199
Befehl sind auf der Stelle zu bestrafen, notfalls auch mit
Waffengewalt.
Gegen
solche
Saboteure
des
Befreiungskampfes unserer Nation werde ich die strengsten
kriegsgerichtlichen Maßnahmen anwenden, und ich werde
nicht zögern, in schwerwiegenden Fällen Todesurteile
auszusprechen.«180
200
201
Die Erfahrung mit der Division »Hermann Göring«
offenbarte, dass es keine gute Idee war, unter dem Kommando
der Luftwaffe eine Panzerdivision aufzubauen. Hier
wiederholten sich die Probleme, die schon bei den
Luftwaffenfelddivisionen an der Ostfront zutage traten.181
Doch gegen die Aufstellung militärischer Sonderformationen
durch Göring, den zweiten Mann im Staate, konnte die
Wehrmacht nichts ausrichten. Die Fehlschläge vom 10./11.
Juli waren zudem nicht nur mit der Unerfahrenheit einer
Division zu erklären.182 Die Wehrmacht hatte generell kein
Konzept, wie man auf die gut schießende feindliche Artillerie
reagieren sollte. Auch wäre es notwendig gewesen, sofort alle
irgendwie verfügbaren Kräfte zum schnellen Gegenangriff
zusammenzufassen – auch wenn dies ein Risiko für andere
Frontabschnitte bedeutet hätte. Doch die deutsche Führung
traute sich zunächst nicht, die 15. Panzergrenadierdivision aus
dem Westen Siziliens heranzuziehen; als dies dann doch
geschah, war es für einen Angriff zu spät.183 In nuce war
damit die ganze Problematik der kommenden deutschen
Offensivkriegführung gegen die Westalliierten beschrieben:
keine kühnen Reaktionen auf operativer Ebene, zu langsames
Reagieren, wenn es auf Stunden ankam, Ignorieren der
schlachtentscheidenden Rolle der Artillerie und mangelnde
Ausbildung der eigenen Truppen im taktischen Bereich. Die
202
Schlussfolgerungen des Oberkommandos des Heeres aus dem
Misserfolg blieben freilich blass. Dort meinte man, dass
künftig ein »beherzter« Gegenstoß und die Verbesserung der
Nachtausbildung die Sache schon richten würden.184
Salerno
Nach der Eroberung Siziliens durch die Alliierten erwartete
die Wehrmachtführung weitere Landungen auf den nur
schwach verteidigten Inseln Sardinien und Korsika, in
Kalabrien sowie zwischen Neapel und Salerno. Letztere
Region bot sich für eine große amphibische Operation
geradezu an: Sie lag in Reichweite alliierter Jagdflugzeuge, die
Strände waren für eine Anlandung gut geeignet, und das
Straßennetz erlaubte einen schnellen Vormarsch ins
Hinterland. Als Einheiten der britischen 8. Armee am 3.
September 1943 an der Südspitze des italienischen Stiefels bei
Reggio übersetzten, zogen sich die deutschen Truppen
hinhaltend kämpfend nach Norden zurück. Der Raum NeapelSalerno sollte aber unbedingt gehalten werden, um südlich von
Rom eine stabile Abwehrfront aufzubauen. Mehr schien
angesichts der politischen Lage nicht machbar zu sein. Italiens
Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten wurde am
Abend des 8. September bekannt, woraufhin Hitler die
Operation »Achse« auslöste. Die Wehrmacht bemächtigte sich
umgehend der Kontrolle des Landes und entwaffnete das
Millionenheer italienischer Soldaten.
Zu diesem Zeitpunkt war die Region zwischen Gaeta und
Salerno mit drei deutschen Divisionen vergleichsweise stark
gesichert. Die Luftaufklärung erkannte zudem die
herannahende alliierte Landungsflotte. Am 8. September
deutete alles auf eine Invasion im Golf von Salerno oder im
Golf von Neapel hin. »Die gesamte Landeflotte liegt ausser
Sicht der Küste vor dem Golf von Salerno«, schrieb der
203
Kommandeur des XIV. Panzerkorps am Abend in sein
Tagebuch. »Ich erwarte den Angriff für morgen früh. […] Sie
sollen dann ihren Dämpfer bekommen.«185 Tatsächlich gingen
in den frühen Morgenstunden des 9. September zwei britische
Divisionen im Norden und zwei amerikanische im Süden der
Bucht von Salerno an Land. Die 16. Panzerdivision verteidigte
diesen 45 Kilometer breiten Abschnitt186, und es gab den
ganzen Tag über heftige Kämpfe. Doch der Verband war zu
schwach, um die Anlandung zu verhindern.187 In den
folgenden Tagen zog das Oberkommando der 10. Armee erst
die bei Neapel liegende Division »Hermann Göring«, dann die
aus dem Süden heraneilende 29. Panzergrenadierdivision und
schließlich noch Teile der 26. Panzerdivision sowie der 15.
und 3. Panzergrenadierdivision zusammen.188
Am 13. September starteten die Deutschen einen großen
Gegenangriff, der zunächst gut vorankam. Freudig wurde
sogleich eine Erfolgsmeldung über den Äther geschickt:
»Nach 4-tägiger Abwehrschlacht Feindwiderstand im
Zusammenbrechen. 10. Armee in zügiger Verfolgung auf
breiter Front.«189 Nun komme es darauf an, den Gegner restlos
zu vernichten, zumal die Funkaufklärung schon melde, dass
Salerno geräumt würde. »Damit scheint die Schlacht um
Salerno beendet zu sein«, hieß es reichlich voreilig im
Kriegstagebuch der 10. Armee. Auch General Balck war
optimistisch, glaubte bei weiterem Angriff unbedingt an einen
Erfolg. »Engländer kämpften schlecht.«190 In dem ganzen
Verhalten ihrer Infanterie erkenne man, dass der Krieg bei
ihnen nicht populär sei. Doch schon bald machte sich
Ernüchterung breit. Von einem Sieg konnte keine Rede sein.
Der deutsche Angriff blieb nach wenigen Kilometern im
Artilleriefeuer stecken. Ebenso erging es allen weiteren
Versuchen in den nächsten beiden Tagen, den Brückenkopf
204
noch einzudämmen. Die Alliierten hatten zudem Verstärkung
erhalten, sodass die Krise aus ihrer Sicht schon am 14.
September überstanden war. Vier Tage später brach die
Wehrmacht die Schlacht ab, da die britische 8. Armee aus
Kalabrien aufgeschlossen hatte. Die deutschen Truppen zogen
sich auf die Gustav-Stellung südlich von Rom zurück, die sie
bis Mai 1944 verteidigten.
Warum gelang es der Wehrmacht nicht, die Alliierten
zurück ins Meer zu werfen und ihnen eine empfindliche
Niederlage beizubringen, obwohl bald Kräfte von sechs
schnellen Divisionen versammelt waren? Zwar waren diese
nicht alle voll aufgefüllt und mit allen Teilen verfügbar,
dennoch war die Kampfkraft der Wehrmacht bei Salerno
erheblich. Die deutschen Befehlshaber vor Ort waren fast
ausnahmslos Veteranen der Blitzfeldzüge, hatten britische
Verbände 1940/41 vor sich hergejagt und viel Erfahrung in der
Führung schneller Einheiten auch in kritischen Lagen
gesammelt. Ihre Truppen waren ausgeruht und vielfach
kampferfahren. Als gängige Erklärung für die Niederlage
dienten die alliierte Luftüberlegenheit und vor allem die
gegnerische Schiffsartillerie.191 Beides spielte zweifellos von
Anfang an eine große Rolle, wenngleich die deutsche
Luftwaffe in diesen Tagen alles zur Unterstützung der
deutschen Truppen im Raum Salerno einsetzte, was im
Mittelmeerraum noch zur Verfügung stand. Doch trotz etlicher
Erfolge konnte sie weder den Alliierten die Luftherrschaft
streitig machen noch das Eingreifen der gegnerischen Flotte in
die Landkämpfe verhindern.192 Freilich war die Wirkung der
alliierten Luftstreitkräfte anfangs noch begrenzt, weil deren
Jagdflugzeuge am Rande ihrer Reichweite operierten. Erst als
es nach vier Tagen gelang, im Brückenkopf Flugplätze
205
anzulegen, nahm die Bedeutung von Luftnahunterstützung
zu.193
Viel entscheidender war die Rolle der Schiffsartillerie. Sie
wurde vom ersten Tag an als wesentlicher Grund für das
Scheitern deutscher Gegenangriffe genannt. So schrieb die 16.
Panzerdivision, dass der Artillerieeinsatz des Gegners alle
bisherigen Vorstellungen übertroffen habe.194 Die Alliierten
konnten im Golf von Salerno sieben leichte Kreuzer, zwei
Monitore und rund dreißig Zerstörer zur direkten
Unterstützung
der
britischen
und
amerikanischen
Landetruppen versammeln. Diese stellten mit rund 200 Rohren
mittlerer Artillerie eine beachtliche Feuerkraft dar.195 Im
Vergleich zu den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs
erscheint die Zahl der Geschütze nicht sehr hoch. Doch
Schätzungen zufolge verschossen sie innerhalb von acht Tagen
über 11 000 Tonnen Granaten zur Unterstützung der
Landungstruppen.196 Damit verbrauchte allein die alliierte
Schiffsartillerie vor Salerno knapp 50 Prozent der
Munitionsmenge, die die Wehrmacht im gesamten
Polenfeldzug einsetzte. Hinzu kam noch die reguläre
Landartillerie. In Salerno zeichnete sich also ab, was sich
schon vor El Alamein im Oktober 1942 oder auf Sizilien im
Juli/August 1943 angedeutet hatte: Die Wehrmacht war gegen
die alliierte Feuerkraft weitgehend machtlos.
Interessanterweise sind keine Dokumente überliefert, die
diesen Befund reflektieren; es blieb bei Forderungen an
Luftwaffe und Kriegsmarine, die alliierten Kriegsschiffe
auszuschalten.197 Diese kreuzten in der Bucht von Salerno
ganz dicht unter Land, manchmal weniger als einen Kilometer
von der Küstenlinie entfernt, und wurden offenbar nie
ernsthaft von deutscher Artillerie behelligt. Obwohl schon in
einem Führerbefehl vom 17. August als Schwerpunkt der
206
Landung der Raum Neapel-Salerno erkannt war198, gab es
keinerlei Vorbereitungen, besonders weitreichende Artillerie in
den Raum zu verlegen, um damit die feindlichen Kriegsschiffe
zu bekämpfen.199 Auch Überlegungen, vor allem bei Nacht
anzugreifen, um die Wirkung des feindlichen Artilleriefeuers
zu minimieren, scheint es nicht gegeben zu haben. Allem
Anschein nach machte sich Generalfeldmarschall Albert
Kesselring als Oberbefehlshaber Süd keine Gedanken darüber,
wie eine alliierte Großlandung abzuweisen sei, obwohl seine
Truppen zwei Monate zuvor auf Sizilien vor demselben
Problem gestanden hatten. Ihn beschäftigte vor allem die
Frage, wie angesichts des drohenden Seitenwechsels der
Regierung Badoglio die Kontrolle zumindest über Mittelitalien
gewonnen werden konnte.200 Süditalien glaubte man
angesichts dieser Lage ohnehin nicht halten zu können. Die
Vorbereitungen sahen vielmehr vor, dass sich die südlich von
Rom liegende 10. Armee im hinhaltenden Kampf
zurückziehen und möglichst viel Beutegut nach Norden
abtransportieren sollte.
Bemerkenswerterweise reagierte das vor Ort liegende XIV.
Panzerkorps in den entscheidenden Stunden nur zögerlich,
obwohl sein Kommandeur Hermann Balck geradezu als
Inkarnation deutscher Blitzkriegführung galt. Aufgrund der
schlechten Nachrichtenverbindungen zwischen den deutschen
Stäben kam es einmal mehr darauf an, wie die Kommandeure
vor Ort agierten. Eigentlich waren deren schnelle
Entscheidungen im Sinne der Auftragstaktik und des Führens
von vorne die Stärke der Wehrmacht, hatten oftmals den
Erfolg gebracht. Doch als die alliierten Truppen am 9.
September morgens um 3:30 Uhr den Strand der Bucht von
Salerno betraten, blieb die kühne Reaktion der Verbände des
XIV. Panzerkorps aus: keine schnelle Schwerpunktbildung
207
aller Kräfte, kein Vorwärtsdrängen, keine Führung von vorne,
so wie es die deutsche Doktrin eigentlich bestimmte. Balck lag
zu diesem Zeitpunkt mit gebrochenen Rippen im Krankenbett,
weil sich sein Fieseler Storch zwei Tage zuvor beim Start
überschlagen hatte. Aber offenbar gab es auch keinen Plan, im
Falle einer Landung sofort alle Verbände des Korps an einem
Abschnitt zur Abwehr zu versammeln. Die 16. Panzerdivision
kämpfte bis zum Abend des 11. September weitgehend allein
und verlor deshalb wichtige Verteidigungspositionen. Die
Division »Hermann Göring« lag keine 80 Kilometer entfernt
und die 15. Panzergrenadierdivision auch nur rund 120
Kilometer nördlich. Aber weil in den Köpfen der deutschen
Führungsstäbe
das
Gespenst
weiterer
Landungen
herumgeisterte und in den entscheidenden Stunden Kräfte
zurückgehalten wurden, ging wertvolle Zeit verloren.201 Dabei
spielte Balck eine zentrale Rolle, da er – anders als von der 10.
Armee gewünscht – nicht alle seine Kräfte sofort nach Salerno
warf.202
Hinzu kam, dass die aus dem Süden heraneilende 29.
Panzergrenadierdivision, die schon Tage vor der Landung in
den Raum südlich Salernos befohlen worden war, sechzig
Kilometer vom Schlachtfeld entfernt fast zwei Tage lang mit
leeren Tanks liegen blieb. Der Oberquartiermeister der
Heeresgruppe hatte den Treibstoffbedarf für den Marsch auf
den gebirgigen Straßen falsch berechnet. Hilfe schien in
greifbarer Nähe, da nur wenige Kilometer von den Spitzen der
Division entfernt in der Hafenstadt Sapri eine Tankpeniche mit
250 Tonnen Benzin und Diesel an Bord lag. Doch der Kapitän
versenkte das Schiff, als er irrtümlich annahm, eine alliierte
Landungsflotte nähere sich. Nur mühsam gelang es, Ersatz zu
beschaffen und die Panzergrenadierdivision wieder beweglich
zu machen. Deren Vorhut erreichte erst am 11. September das
208
Gefechtsfeld.203 Und erst zwei Tage später erfolgte ihr
Gegenangriff zusammen mit Teilen der 16. Panzerdivision.
Die 10. Armee behauptete, bei einem früheren Eingreifen wäre
»der Sieg von Salerno sicher gewesen«204, zumal auch das
Eingreifen der Division »Hermann Göring« durch
Betriebsstoffmangel entscheidend aufgehalten worden sei.
Dieses Urteil mag übertrieben sein und war wohl Teil eines
nachträglichen blame game. Aber zweifellos wirft es ein
fragwürdiges Bild auf die Wehrmacht, wenn im
entscheidenden Moment einer Gegenoffensive den
heraneilenden Divisionen das Benzin ausgeht. Man befand
sich ja nicht in den Weiten der Donsteppe, Hunderte Kilometer
von der nächsten Bahnlinie entfernt, sondern in Italien, wo
man sich trotz aller Transportprobleme seit geraumer Zeit
eingerichtet hatte.205
Als die Wehrmacht nach vier Tagen dann endlich zum
Gegenangriff überging, hatte sie ihre Truppen immer noch
nicht an einer Stelle massiert, und die Operation zerfiel
letztlich in Attacken von ein bis zwei Bataillonen mit
Unterstützung von jeweils 20 bis 30 Panzern. An der Ostfront
mochten solche Kampfgruppen Erfolg haben.206 Vor Salerno
aber kam der Angriff nicht nur zu spät, es fehlte ihm auch an
Durchschlagskraft. Vor allem gab es kein Konzept, wie man
dem feindlichen Artilleriefeuer begegnen konnte, dessen
Heftigkeit alle überraschte. Nur eine schnelle Verstärkung der
eigenen Abwehr und ein konzentrischer Nachtangriff 24 oder
spätestens 48 Stunden nach der Landung hätten die Alliierten
wirklich in Schwierigkeiten bringen können. Das bedeutet
freilich auch, dass der Ausgang der Schlacht am Morgen des
9. September noch offen war. Anders als im Juni 1944 in der
Normandie besaßen die Alliierten noch keine so erdrückende
Überlegenheit, dass jeder Widerstand von vornherein
209
hoffnungslos war. Insbesondere die amerikanischen Truppen
hatten nur wenig Kampferfahrung. Die 36. USInfanteriedivision erlebte in Salerno gar ihre Feuertaufe.
Obwohl sie in Überzahl war, setzten ihr die deutschen Truppen
schwer zu. Eines ihrer Regimenter wurde im Kampf um die
kleine Gemeinde Altavilla von einem einzelnen Bataillon der
29. Panzergrenadierdivision zerschlagen. In deutschen Akten
findet sich daher immer wieder der Hinweis, die eigene
Truppe sei der feindlichen Infanterie überlegen.207 Das dürfte
tendenziell durchaus zutreffend gewesen sein. Doch selbst
wenn es einzelnen Kampfgruppen gelang, die Alliierten zu
überrennen, die Lage nach Einschätzung des amerikanischen
Oberbefehlshabers Mark Clark am 13. September »extremely
critical«208 war und es auf dem Höhepunkt der deutschen
Gegenangriffe sogar Vorbereitungen zur Räumung gab,
blieben diese Erfolge doch Episode. Die deutschen Kräfte
waren zu schwach, um die Alliierten ernsthaft zu gefährden.
Auch auf der untersten taktischen Ebene verlief nicht alles
zur Zufriedenheit der deutschen Militärführung. Die
Panzerfahrer seien so unerfahren, dass sie sich rasch festfuhren
und vom Gegner abgeschossen wurden209, hieß es in einem
Bericht. Auch wurde gefordert, die Soldaten müssten im
Gefecht mehr mit Gewehr und MG schießen und dürften die
Abwehr feindlicher Angriffe nicht allein den schweren Waffen
überlassen.210 Balck monierte, dass die Truppe zu jung und
unerfahren sei und es teilweise schlechte Führer gäbe. Die
Soldaten würden kleinere Krisen aus eigener Kraft nicht
überwinden.211 Zudem warf er der 10. Armee vor, nicht straff
und klar geführt und die Schwerpunktbildung auf dem
Gefechtsfeld verpasst zu haben. Freilich trug er daran, wie
bereits erwähnt, ein erhebliches Maß an Mitverantwortung.
210
Noch während der Schlacht begannen die deutschen
Dienststellen, Schuldige für die Niederlage zu identifizieren.
Die Armee beklagte schon früh, dass sie weder eine
Quartiermeisterabteilung habe noch über ausreichende
Nachrichtenmittel verfüge, um ihre Einheiten zu führen.212
Doch dass die Wehrmacht ganz offensichtlich nicht genug
Feuerkraft aufbringen konnte, der Angriff ihrer Truppen vor
allem nicht präzise genug von der eigenen Artillerie
unterstützt wurde, thematisierte man nicht.213 Die oberen
Stäbe reichten die Verantwortung für den gut kaschierten
Misserfolg nach unten durch. Als Sündenbock wurde
schließlich der Kommandeur der 16. Panzerdivision,
Generalmajor Rudolf Sieckenius, ausgemacht. Er wurde am 1.
November von seinem Kommando entbunden, in die
Führerreserve versetzt und erhielt fortan nur noch Kommandos
über eine Infanterie- und schließlich über eine drittklassige
Sicherungsdivision. Am 28. April 1945 fiel er bei den
Kämpfen im Kessel von Halbe südlich von Berlin.214
Offiziell galt die Schlacht von Salerno trotz aller zutage
getretenen Mängel als Erfolg. Die deutschen Truppen waren
nicht abgeschnitten worden, hatten die Alliierten zunächst
zurückgeschlagen und konnten in den folgenden Wochen in
Ruhe eine Verteidigungsfront aufbauen. Balck freute sich, dass
»die Kerle gründlich einen auf die Nase bekommen haben«
und teilweise »recht böse zerpflückt« worden seien.215 Die
deutschen Verluste beliefen sich auf 3500, die der Alliierten
auf 9000 Mann.216 Das Verhältnis von 1 : 2,75 war ein
beachtliches Resultat, da die Wehrmacht meist in Unterzahl
kämpfte und über weniger Artillerie und Luftunterstützung
verfügte. Jedoch: Am Kasserinpass in Tunesien im Februar
1943 hatte das Verhältnis noch 1 : 5 betragen. Die Alliierten
lernten hinzu.
211
Anzio
Nach dem Abbruch der Schlacht von Salerno zog sich die
Wehrmacht auf eine Verteidigungslinie rund 120 Kilometer
südlich von Rom zurück. Hinter den Kulissen tobte
unterdessen ein heftiger Strategiestreit zwischen Briten und
Amerikanern. Während Roosevelt alle Anstrengungen auf die
Landung in der Normandie im Sommer 1944 richtete, war
Churchill vor allem am Mittelmeerraum und einer schnellen
Eroberung Italiens interessiert.217 Er konnte schließlich
durchsetzen, dass Schiffsraum für eine Landung von zunächst
zwei Divisionen 90 Kilometer hinter der deutschen Frontlinie
zur Verfügung gestellt wurde. So sollte die deutsche
Verteidigung ausgehebelt und Rom alsbald eingenommen
werden. Als dann in den Morgenstunden des 22. Januar 1944
alliierte Truppen nördlich und südlich von Anzio an Land
gingen, trafen sie auf keinen Widerstand. Die Deutschen
waren seit fünf Tagen ganz auf die Abwehr der ersten MonteCassino-Offensive konzentriert und von der Landung
vollkommen überrascht.218 Doch der amerikanische
Oberbefehlshaber John P. Lucas nutzte das Momentum nicht.
Er wollte erst einmal den Brückenkopf sichern; ein rascher
Vorstoß auf Rom oder auf die 20 Kilometer entfernten Albaner
Berge erschien ihm zu riskant. Die Wehrmacht hatte also
Glück im Unglück. Die Untätigkeit der Alliierten verschaffte
ihr Zeit, um alle irgendwie verfügbaren Kräfte aus Italien,
Frankreich und Jugoslawien aufzubieten. Nach drei Tagen
waren mehrere deutsche Divisionen vor Ort und verhinderten
die ersten Versuche der Alliierten, den Brückenkopf
auszuweiten.
Anfang Februar begannen die Deutschen ihre
Gegenangriffe. Unter großen Verlusten gelang es zunächst,
einen Frontvorsprung der Briten auszuräumen und diese einige
212
Kilometer zurückzudrängen. Am 16. Februar, also knapp vier
Wochen nach der Landung, startete Operation »Fischfang«.
Ziel dieser groß angelegten Offensive war es, den
Brückenkopf zu spalten und die Alliierten wieder ins Meer
zurückzuwerfen. Was in Salerno nicht geglückt war, sollte nun
mit sorgfältiger Vorbereitung klappen. Die Bedeutung dieser
Operation für das Selbstverständnis der Wehrmacht kann gar
nicht hoch genug bewertet werden. Gewiss, sie fand an einem
Nebenkriegsschauplatz statt, und die Zahl der eingesetzten
Soldaten war niedriger als etwa bei der Kesselschlacht von
Tscherkassy, die zum selben Zeitpunkt an der Ostfront tobte.
Doch der Kampf um Anzio/Nettuno hatte einen hohen
symbolischen Wert: Gelang es nicht, den Brückenkopf zu
beseitigen, würde Rom auf Dauer kaum zu halten sein. Noch
wichtiger war aber, dass Hitler und die Wehrmachtführung
zeigen wollten, wozu ihre Streitkräfte noch fähig waren. Seit
Februar 1943 hatte es im Kampf gegen Briten und Amerikaner
nur Rückzüge gegeben.219 Nun galt es, den Beweis zu
erbringen, dass man sie auch noch besiegen konnte, um damit
zugleich ein wichtiges politisches Signal zu geben.220
Die Gefechte in den ersten 14 Tagen gaben bereits einen
Vorgeschmack auf die Heftigkeit des bevorstehenden
Kampfes, und die Spuren des vierten Kriegsjahres waren
unübersehbar.221 Selbst erfahrene Einheiten wie die 29.
Panzergrenadierdivision, die seit Sizilien dabei war, hatten
viele unzureichend ausgebildete junge Soldaten in ihren
Reihen. »Die meisten haben die Schnauze voll«, bemerkte der
Gefreite Gerhard Schubert. Er war ein Veteran der Division,
war an der Ostfront verwundet worden und kam nun in Italien
wieder an die Front. Er meinte auch, dass die Offiziere zu jung
und nicht mutig genug seien. Gewiss ist diese Stimme nicht
213
repräsentativ, aber sie zeigt doch, dass es um die innere
Struktur selbst alter Einheiten nicht zum Besten stand.222
Allen war bewusst, dass man einen verteidigungsbereiten
Gegner angreifen musste. Hier vor Anzio konnte es keine
Überraschung geben, keine kühnen Manöver von
Panzerverbänden. Die Führung versuchte den Angriff
bestmöglich vorzubereiten. Besonderes Augenmerk wurde
diesmal auf die Artillerieunterstützung gelegt, die so
umfangreich
wie
nie
war.
452
Rohre
waren
zusammengezogen, darunter auch zwei riesige 28-cmEisenbahngeschütze, die zusammen mit etlichen 17-cmBatterien die alliierten Kriegsschiffe vertreiben sollten. Das
Niederhalten der feindlichen Artillerie und die Unterstützung
der eigenen Infanterie wurden sorgsam geplant. Zudem wurde
das Neueste an Waffentechnik aufgeboten, was deutsche
Rüstungsschmieden
zu
bieten
hatten:
ferngelenkte
Sprengpanzer, Sturmpanzer zur Unterstützung der Infanterie,
Panzerjäger vom Typ »Ferdinand« mit ihrer weit reichenden
8,8-cm-Kanone, ferner Tiger- und Panther-Panzer. Und da die
Generäle um die Bedeutung dieses Angriffs wussten,
verschärfte sich auch der Duktus ihrer Befehle. Restloser
persönlicher Einsatz wurde verlangt, unnachgiebiges Vorgehen
gegen Schwächen, Fehler und Versagen.223 Hitler ging noch
einen Schritt weiter, sprach von »fanatischem Willen und
heiligem Hass«, von dem die deutschen Truppen
durchdrungen sein müssten.224 Die Aussichten der Operation
wurden trotz aller Schwierigkeiten von der höheren Führung
günstig, von den Generälen an der Front aber eher kritisch
beurteilt.225
Als die Operation »Fischfang« am Morgen des 16. Februar
um 6:30 Uhr begann, war Albert Kesselring auf den
vorgeschobenen Gefechtsstand der 10. Armee geeilt, um das
214
Aufrollen des Brückenkopfes selbst mitzuerleben. Doch ihm
gefiel nicht, was er sah: Die deutsche Infanterie geriet sogleich
in schweres Artilleriefeuer, erlitt hohe Verluste und konnte
sich nur mühsam vorwärtskämpfen. »Das ganze Gelände nur
ein Blutbad – weiter nichts«, erinnerte sich ein
Oberfeldwebel.226 Zu allem Übel schien auch noch die Sonne,
ganz entgegen der Wettervorhersage. Die alliierte Luftwaffe
griff pausenlos die deutschen Angriffsspitzen an. Der von
tagelangem Regen aufgeweichte Boden machte den Einsatz
von Panzern und allem herbeigeschafften Spezialgerät
unmöglich. Wie im Ersten Weltkrieg kam es nun auf das
Zusammenspiel von Infanterie und Artillerie an. Immerhin
spielte die feindliche Schiffsartillerie – anders als in Salerno –
keine besondere Rolle227, umso mehr dagegen die reguläre
Artillerie der Briten und Amerikaner. Die Deutschen schafften
es trotz hohen Munitionsaufwands nicht, diese tödliche
Bedrohung auszuschalten.228 Schon am dritten Tag mussten
die noch in Reserve gehaltenen 29. Panzergrenadier- und 26.
Panzerdivision eingesetzt werden, um die feindlichen Linien
doch noch zu durchbrechen. Aber auch ihr Einsatz verpuffte.
Der Kontakt zu den beiden am weitesten vorgestoßenen
Bataillonen ging verloren. Draht, Funk, Melder, Offiziere –
niemand kam in dem mörderischen Artilleriefeuer mehr zu
den Männern durch.229 Sie wurden von amerikanischen
Gegenangriffen bald aufgerieben, kaum einer überlebte.
Am 20. Februar brach die Wehrmacht den Angriff ab. Sie
war nur vier Kilometer vorangekommen und hatte nach
offiziellen Angaben 5400 Verluste230 erlitten. Die Alliierten
büßten 3500 Mann ein. Beide Seiten hatten damit seit Beginn
der Landung jeweils knapp 20 000 Mann verloren. Als neun
Tage später weiter östlich ein neuer Angriff von vier
Divisionen befohlen wurde, kam dieser gerade einmal 800
215
Meter voran, obwohl diesmal das schlechte Wetter den Einsatz
der alliierten Luftwaffe verhinderte. Alle Anstrengungen, die
Alliierten ins Meer zurückzuwerfen, waren vergebens
geblieben. Feldmarschall Kesselring war außer sich. Er
glaubte an eine Überschätzung des Feindes durch die Truppe,
meinte gar eine »unverständliche Zurückhaltung« festzustellen
und forderte, dass die Soldaten ihr altes Selbstvertrauen
wiedergewinnen und wie früher »von ungestümem
Vorwärtsdrang« beseelt sein müssten. Er beschimpfte die
örtlichen Befehlshaber, warf ihnen mangelnden Druck und
Defätismus vor.231 Das zeigte freilich nur, wie weit der
Oberbefehlshaber Süd mittlerweile von der Realität entfernt
war.
Generaloberst Mackensen fuhr mit Josef Moll, seinem
Feindnachrichtenoffizier, an die Front. Dieser hielt seine
Eindrücke fest: »Da tat sich nichts mehr. Die Soldaten hockten
in ihren Schützenlöchern und blieben trotz wiederholter
Aufforderung, doch anzugreifen und vorwärts zu gehen,
einfach liegen. Ich war von diesem Eindruck wohl derart
schockiert, dass ich, mich an den Generaloberst wendend,
sagte: ›Wir haben den Krieg endgültig verloren‹. Meinem
Oberbefehlshaber, diesem Hünen von Gestalt, standen Tränen
in den Augen. Er blieb mir seine Antwort schuldig.«232
Mackensen machte nach diesen Eindrücken Kesselring darauf
aufmerksam, dass der junge Ersatz den Kämpfen nicht
gewachsen war, weil er zu schlecht ausgebildet sei und es an
erfahrenen Führern und Unterführern fehle. Die Beseitigung
des Brückenkopfes sei mit diesen Truppen schlicht nicht zu
erreichen.233 Doch für den Moment hatten beide Seiten ihre
Kräfte erschöpft. Es folgte ein zweieinhalbmonatiger
Stellungskrieg, bis die Alliierten im Mai 1944 aus ihrem
Landekopf ausbrachen und wenig später Rom einnahmen.
216
Wie bei Salerno wurde schon während der Schlacht eifrig
protokolliert, warum der Angriff nicht funktionierte, warum
diese oder jene Chance ausgelassen worden sei. Die
Aktennotizen von Heeresgruppe, Armee oder Korps wurden
immer auch mit dem Ziel erstellt, dem jeweils anderen die
Schuld für den Misserfolg zuzuschieben. Richtig ist sicherlich,
dass die Deutschen weniger Munition zur Verfügung hatten als
ihre Gegner, die Luftunterstützung schwach war und das
schwierige Gelände den Einsatz ihrer überlegenen
Panzerwaffe verhinderte. In der Nachkriegsbetrachtung wurde
vor allem Hitler für das Scheitern verantwortlich gemacht.234
Ein genauer Blick in die Akten zeigt jedoch, dass dieser sich
von militärischen Argumenten durchaus überzeugen ließ und
vielmehr in den Streit verschiedener Führungsstäbe eingriff –
was seine Aufgabe als Oberster Befehlshaber war. Die Gründe
für den Misserfolg lagen also tiefer, wie in den Worten
General Mackensens bereits angeklungen war. Das deutsche
Heer war ganz offensichtlich nicht mehr angriffsfähig, konnte
nicht mehr leisten, was man von ihm erwartete.
Für den Stabschef der Heeresgruppe Süd, Siegfried
Westphal, war das Scheitern der Operation »Fischfang« –
glaubt man seiner Nachkriegsdarstellung – ein Wendepunkt,
eine Art »schwarzer Tag des deutschen Heeres«.235 Erich
Ludendorff hatte diese Formulierung für den 8. August 1918
geprägt, als es britischen Panzern gelungen war, die deutschen
Linien zu durchbrechen und Tausende Gefangene zu machen.
Für die Oberste Heeresleitung war das ein Schock gewesen,
weil ihr dämmerte, dass die deutsche Defensive die Fähigkeit
verloren hatte, den alliierten Angriffen zu trotzen. Insofern
hatte Westphals Analogie zum Ersten Weltkrieg in der Tat
etwas für sich. Doch im Unterschied zu damals war die
Wehrmacht im Frühjahr 1944 sehr wohl noch
217
verteidigungsfähig. Wie im August 1918 verlor sie aber den
Glauben an ihre Fähigkeiten. Ganz offensichtlich hatten sich
alle Hoffnungen, die Alliierten doch noch besiegen zu können,
wenn der Angriff nur sorgfältig genug vorbereitet war, als
trügerisch erwiesen. Wie aber wollte man die drohende
alliierte Landung in Frankreich zurückschlagen, gar den Krieg
zu einem glücklichen Ende bringen, wenn man noch nicht
einmal in der Lage war, einen örtlich begrenzten Angriff zum
Erfolg zu führen? Als Westphal am 6. März 1944 auf dem
Obersalzberg über die Lage vor Anzio vortrug, war das
Gewicht seiner Worte Hitler sehr wohl bewusst. Dass die
Infanterie nicht mehr angriffsfähig sei, kam einer
Bankrotterklärung gleich, die der Diktator nicht akzeptieren
wollte.236 Die Schwierigkeiten müssten eben überwunden
werden, hieß es.
Dem Artilleriekrieg von Amerikanern und Briten waren
auch vermeintlich hervorragende deutsche Verbände nicht
gewachsen. In Anzio stand das Lehrregiment der
Infanterieschule Döberitz im Zentrum der Offensive. Trotz
vieler frontbewährter Soldaten in seinen Reihen schlug sein
Angriff nicht durch. Es erlitt hohe Verluste, geriet nach dem
Ausfall vieler Offiziere und Unteroffiziere in Panik und wich
unkontrolliert 500 Meter zurück – damals eine Todsünde. Es
folgte sogar eine offizielle Untersuchung, warum die hohen
Erwartungen nicht erfüllt worden waren. Doch alle Stellen
waren um Beschwichtigung bemüht. Man schob das Versagen
auf die außergewöhnlich schlechten Rahmenbedingungen; die
Ausbildungsgrundsätze der Infanterieschule seien nicht zu
beanstanden.237 Einem weiteren Eliteverband erging es
ähnlich. Das Fallschirmjäger-Lehrbataillon, das am 12.
September 1943 in einer spektakulären Aktion Benito
Mussolini vom Gran Sasso befreit hatte, wurde bereits am
218
ersten Angriffstag »aufgerieben und hatte bald nur noch gut 50
Mann Gefechtsstärke«.238 »Die Alliierten führen Krieg mit der
Artillerie, während wir mit Gewehren und Blut antreten«,
bemerkte ein deutscher Fallschirmjäger, der vor Anzio in
Gefangenschaft geraten war, ernüchtert.239
Am Brückenkopf von Anzio kämpfte auch eines der
prestigeträchtigsten deutschen Regimenter: Das berühmte I. R.
9 aus Potsdam, das die Tradition der kaiserlichen
Gardeverbände
weiterführte,
war
1942
als
Panzergrenadierregiment 9 in die 26. Panzerdivision
eingegliedert worden und beteiligte sich an allen
Angriffsoperationen im Februar 1944. Doch auch diese
Einheit war nach vier Jahren Krieg längst nicht mehr auf dem
alten Leistungsstand. Der im Dezember 1943 eingetroffene
Ersatz war für den in Italien so wichtigen Nachtkampf – zum
Schutz vor alliiertem Artilleriefeuer – gar nicht, in der
Handhabung des MG nur unzureichend geschult. Der
Ausbildungsstand des Regiments fiel – wie bei allen
infanteristischen Einheiten der Division – durch die Verluste
an erfahrenen Offizieren, Unteroffizieren und älteren
Mannschaften im Winter 1943/44 deutlich ab. So haperte es an
der Zusammenarbeit der verschiedenen Waffengattungen im
Angriff.240 Als das Regiment zusammen mit anderen hektisch
an den Brückenkopf geworfenen Teilen der Division am 31.
Januar einen ersten Gegenangriff unternahm, verlief dieser
reichlich chaotisch. Die Armee beklagte sich, dass bei der
Division »nichts klappt«, und selbst ihr 1. Generalstabsoffizier
musste zugeben, dass sie »versagt« habe.241 Der erfahrene
Kommandeur Smilo von Lüttwitz war zu diesem Zeitpunkt auf
dem Weg aus dem Urlaub zurück nach Italien. Sein
Stellvertreter hatte offenbar nicht die Fähigkeit, den übereilten
Angriff zu koordinieren. Wenn schon vermeintliche
219
Eliteverbände242 den Aufgaben nicht gewachsen waren und im
Artilleriefeuer den Zusammenhalt verloren, so galt dies erst
recht für weniger exquisite Einheiten wie die 65. oder die 362.
Infanteriedivision.243
Hitler forderte, dass nach den Fehlschlägen von Anzio der
Kampf nun nach dem Vorbild des letzten Kriegsjahres 1918 zu
führen sei. Es müssten Sturmbataillone ausgebildet und die
Stellungen des Gegners durch stärkste Artillerie zerschlagen
werden. Doch man konnte nicht einfach den Schalter umlegen.
Im Ersten Weltkrieg hatte man mehr als zwei Jahre gebraucht,
um Taktiken der Sturmtruppen zu erlernen und zu
verfeinern.244 Das Pionierbataillon der 26. Panzerdivision war
im Februar 1944 noch nicht einmal in der Lage, Minen zu
räumen oder Brücken zu bauen, weil es keine Unteroffiziere
und Mannschaften gab, die dafür ausreichend geschult waren.
Aufgrund der hohen Verluste hatte das Heer am Vorabend der
Schlacht von Anzio/Nettuno so viel an Substanz verloren, dass
es mehr und mehr an Funktionsfähigkeit einbüßte. In puncto
Ressourcenverschleiß war man auf dem Stand von Oktober
1918 angekommen. Bis einschließlich Januar 1944 hatten die
Deutschen 1,94 Millionen Tote zu beklagen, hinzu kamen rund
500 000 Gefangene und Millionen Verwundete, die noch nicht
genesen waren.245 Dies entsprach in etwa den gesamten
Verlusten des Ersten Weltkriegs.
Dem deutschen Heer fehlte im Februar 1944 schlicht die
handwerkliche Fähigkeit, eine so schwierige Aufgabe wie den
Angriff auf einen abwehrbereiten und exzellent ausgerüsteten
Gegner zu meistern. Und dies galt nicht nur für die Infanterie,
sondern auch für die Artillerie. An der Ostfront war sie die
Stütze der Abwehr sowjetischer Angriffe. Dem Kampf gegen
Briten und Amerikaner war sie aber nicht gewachsen. Die
Westalliierten hatten eine hohe Kunst im Einsatz ihrer
220
Geschütze entwickelt und führten den Feuerkampf mit einem
schier unerschöpflichen Munitionsvorrat. Zudem schoss ihre
Artillerie präziser und arbeitete besser mit der Infanterie
zusammen. Anzio offenbarte die großen Probleme der
Wehrmacht auf diesem Gebiet. Die internen Berichte lesen
sich dann auch wenig schmeichelhaft: Die Artillerieführung
sei nicht straff genug gewesen und müsse viel stärker
zusammengefasst werden, es werde zu viel nach Plan und zu
wenig auf erkannte Ziele geschossen, die Feuerleitung durch
Funk sei »völlig unbekannt«, es fehle an Tornisterfunkgeräten,
die Ausbildung der Funker sei schlecht, die der
vorgeschobenen Beobachter müsse verbessert werden246, hieß
es im Bericht eines Divisionskommandeurs. Zudem kam es
vor Anzio zu Unstimmigkeiten über die Frage, ob denn vor
allem die feindliche Artillerie niedergehalten oder die eigene
Infanterie unterstützt werden sollte. Der örtliche
Artillerieführer,
der
immerhin
Kommandeur
der
traditionsreichen Artillerieschule in Jüterbog gewesen war,
verlor gar den Überblick über die verfügbaren
Munitionsbestände.247
Von der Bewegung zur Feuerkraft
Die Wehrmacht hatte den Artilleriekrieg verlernt. Das Wissen
um diesen entscheidenden Teil des Stellungskriegs, den das
deutsche Militär im Ersten Weltkrieg bis zur Perfektion
beherrschte, war wohl schon in der Zwischenkriegszeit
verloren gegangen. Seeckt hatte ganz auf den Bewegungskrieg
gesetzt, und schwere Artillerie war der Reichswehr ohnehin
verboten gewesen. Spätestens mit dem Frankreichfeldzug
1940 hatten sich Operationen mit motorisierten Verbänden und
taktischer Luftunterstützung als das Erfolgsrezept etabliert. Es
ging nun nicht mehr um Feuerkraft, sondern um Schnelligkeit.
Der Nimbus der Siege der Jahre 1939 bis 1941 wirkte so lange
221
nach, dass eine Anpassung an die Gegebenheiten der zweiten
Kriegshälfte zu langsam und nicht systematisch genug
erfolgte. Das galt für die übergeordnete Doktrin ebenso wie für
eine Neuausrichtung der Taktik. Auch im Rüstungsbereich
versuchte man weiterhin, quantitative Nachteile durch die
Qualität der eigenen Waffen auszugleichen.
Gerade an der alles dominierenden Ostfront schienen die
Gesetze des Bewegungskriegs weiterhin gültig zu sein, weil
auch die Rote Armee dieser Doktrin verhaftet war und sie
Gelegenheit zu lokalen Gegenangriffen bot. Doch der Krieg
gegen die Westalliierten war anders. Das hatte sich schon im
Oktober 1942 vor El Alamein angekündigt. Briten und
Amerikaner strebten nicht nach der großen Kesselschlacht,
den schnellen, kühnen Vorstößen, sondern suchten wie 1914–
18 die Deutschen im Stellungskrieg zu zermürben. Das mochte
anachronistisch erscheinen, und günstige Gelegenheiten, der
Wehrmacht vernichtende Niederlagen zu bereiten, wurden
dutzendweise vertan. Insbesondere die Briten scheuten das
Risiko und suchten mit zunehmender Dauer des Krieges die
eigenen Verluste so klein wie möglich zu halten. Aber sie
beherrschten den Artilleriekrieg, und dem hatten die
Deutschen nur wenig entgegenzusetzen.
Die Wehrmachtführung hat den Wandel des Landkriegs
erst spät reflektiert. Anders als im Ersten Weltkrieg war sie
nicht in der Lage, neue Anforderungen frühzeitig zu
antizipieren und sich dann darauf einzustellen. So blieben die
Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen des alliierten
Artillerieeinsatzes blass. Eine wirklich neue Konzeption für
den Kampf in der zweiten Kriegshälfte wurde nicht erarbeitet.
Das Lernen ging nicht über die Erstellung kleinteiliger
Erfahrungsberichte hinaus, deren analytische Tiefe gering
war.248 Im Sommer 1943 wurden bei den Armeen
222
Sturmbataillone aufgestellt, die aber mit denen des Ersten
Weltkriegs nur den Namen gemein hatten. Anders als jene
hatten sie keine spürbaren Auswirkungen auf den
Ausbildungsstand und die Kampftechnik der Truppe. Nach der
bitteren
Erfahrung
von
Anzio
erkannte
der
Wehrmachtführungsstab zwar, dass etwas geschehen
musste.249 Aber weder die Nachtausbildung der Infanterie
noch die Bekämpfung der feindlichen Artillerie wurden
konzeptionell vorangebracht. Ein nebensächlich erscheinendes
Detail sagt viel über die mangelnde Lernfähigkeit der
Wehrmacht aus: Deutsche Berichte bemerkten immer wieder,
dass die Alliierten in großer Zahl Nebelmunition verschossen
und insbesondere die Briten diese denkbar einfache und sehr
wirkungsvolle Taktik nutzten, um die eigenen Truppen vor
feindlichen Beobachtern und damit vor gezieltem
Artilleriefeuer zu schützen. Auf deutscher Seite wurden solche
Methoden nicht genutzt und entwickelt. Einen Nachfolger
Georg Bruchmüllers, jenes legendären Obersts, der 1916/17
das deutsche Artillerieschießverfahren revolutionierte250, gab
es in der Wehrmacht nicht.
Man
mag
einwenden,
dass
die
alliierte
Materialüberlegenheit
und
die
schwierigen
Nachschubverbindungen etwa in Italien den Ausgang der
Kämpfe ohnehin entschieden hätten.251 Das ist richtig, doch
bleibt bemerkenswert, dass die Wehrmacht als Organisation
auf einer höheren Ebene nur begrenzt lernfähig war. Einen
Wissens- und Erfahrungstransfer von der Front in Italien nach
Frankreich scheint es nicht gegeben zu haben. So kann es nicht
verwundern, dass sich im Juni 1944 in der Normandie alle
Rückschläge aus Italien potenziert wiederholten. Der so
ungestüme Panzergeneral Rommel sah als Einziger klar, dass
man 1944 anders Krieg führen musste als 1940. Die Zeit der
223
großen Panzervorstöße war vorbei, weshalb er alle schnellen
Divisionen an der Küste versammeln wollte. Doch der
Oberbefehlshaber West, Gerd von Rundstedt, der schon 1940
die Zeichen der Zeit nicht erkannt hatte, versagte auch diesmal
und glaubte, wie zu besten Blitzkriegszeiten den angelandeten
Gegner in einer großen Kesselschlacht vernichten zu können.
Hitler entschied sich als Oberbefehlshaber für einen
Kompromiss zwischen der Konzeption Rommels und
derjenigen Rundstedts, und so nahm das Unheil seinen Lauf.
Der letzte Akt: 1944/45
Seit Herbst 1943 nahm die Leistungsfähigkeit der Wehrmacht
mit rasanter Geschwindigkeit ab. Entsprechend stiegen die
Verluste in astronomische Höhen: Von Januar 1944 bis Mai
1945 fielen rund zwei Drittel aller deutschen Soldaten. Nach
außen wurde dieser Verfall zunächst dadurch verdeckt, dass
die deutschen Truppen überall tief in Feindesland standen und
in der ersten Jahreshälfte 1944 in der Defensive zunächst noch
recht erfolgreich kämpften. Die alliierte Landung in
Frankreich war mit großer Spannung erwartet worden, und die
deutschen Militärs rechneten sich eine gute Chance aus, sie
abzuschlagen. Doch als die Alliierten am Morgen des 6. Juni
1944 in der Normandie an Land gingen, stießen sie nur an
zwei von fünf Landungsabschnitten auf heftigen Widerstand.
Die deutsche Führungsebene gab an diesem Tag kein gutes
Bild ab. Peter Lieb spricht gar von »Pleiten, Pech und
Pannen«.252 Das betraf die unklare Führungsorganisation
ebenso wie denkbar unterschiedliche Vorstellungen darüber,
wie die Invasion abgewehrt werden sollte. Die 21.
Panzerdivision konnte sich am frühen Morgen nicht zu einem
geballten Schlag gegen die britischen Fallschirmjäger
durchringen und führte dann am Abend des »längsten Tages«,
wie der D-Day von den Amerikanern genannt wurde, einen
224
reichlich unkoordinierten Gegenangriff aus, der scheiterte. An
den Strandabschnitten Omaha und Juno konnten die wenigen
Hundert deutschen Verteidiger Amerikaner und Kanadier bis
zum Mittag aufhalten. Doch sie bekamen zu wenig
Verstärkung, und der Einsatz der in Reserve gehaltenen
Kampfgruppe Meyer geriet zum Fiasko. Auch der
Gegenangriff des Fallschirmjägerregiments 6 endete in einem
Desaster. Dieser gut ausgebildete und ausgeruhte Eliteverband
unter der Führung von Oberstleutnant August Freiherr von der
Heydte verzettelte sich bei dem Versuch, den Utah Beach
abzuriegeln. Sein I. Bataillon lief in den Hinterhalt einiger
Dutzend amerikanischer Fallschirmjäger und wurde
vollständig aufgerieben.253
Sehr bald aber fingen sich die deutschen Stäbe und
Verbände und lieferten den Alliierten einen blutigen
Abnutzungskampf. Dabei erlitten diese ebenso hohe Verluste
wie die Wehrmacht – bis Ende Juli rund 120 000 Soldaten.254
In der Verteidigung kämpften die deutschen Truppen hier also
zumeist geschickt, wobei ihnen die allzu schematische und
risikoarme alliierte Vorgehensweise entgegenkam. Die
geplante deutsche Gegenoffensive am 9. Juni aber wurde
schon im Ansatz von der britischen Artillerie zerschlagen. Und
auch in den folgenden Wochen gelang es nur noch, den Briten
in einem größeren Gegenangriff die heftig umkämpfte Höhe
112 bei Caen zu entreißen. Alle Planungen, die alliierten
Frontlinien zu durchbrechen, gar den Brückenkopf zu spalten
und bis ans Meer vorzustoßen, blieben Makulatur. Und dass
obwohl in der Normandie im Juli 1944 die besten Divisionen
versammelt waren, die Wehrmacht und Waffen-SS noch ins
Feld führen konnten, darunter neun Panzer- und
Panzergrenadierdivisionen. Eine solche Streitmacht hatte der
Heeresgruppe Mitte 1941 den Weg bis nach Smolensk
225
freigekämpft. Drei Jahre später reichte diese Kraft nur noch
für einen fünf Kilometer tiefen Vorstoß auf eine örtliche
Anhöhe. Der Ausgang des ungleichen Kampfes war also –
anders als in Salerno – von vornherein klar. Fraglich war nur,
wann die Alliierten die deutsche Front durchbrechen würden
und ob es der Wehrmacht dann noch gelingen würde, sich
geordnet zurückzuziehen.
Die deutschen Kampftruppen gaben in der Normandie ein
denkbar widersprüchliches Bild ab. Mal leisteten Einheiten
kaum Widerstand und gingen rasch in Gefangenschaft, mal
lieferte sich – wie am 13. Juni im Kampf um den kleinen Ort
Bréville nördlich von Caen – ein ganz gewöhnliches
Infanteriebataillon mit den britischen Angreifern einen so
erbitterten Nahkampf, dass Freund und Feind praktisch
ausgelöscht wurden.255 Und während das elitäre
Fallschirmjägerregiment 6 am ersten Tag der Landung denkbar
ungeschickt agierte und hohe Verluste erlitt, gelang
Oberfeldwebel Alexander Uhlig am 23. Juli ein für die
Normandieschlacht einmaliger Coup: Er führte eine vielleicht
noch dreißig Mann starke Kompanie desselben Regiments zu
einem Gegenangriff und nahm 265 in Panik geratene GIs
gefangen. Diese Episode sollte für die Tradition der
Fallschirmjägertruppe in der Bundeswehr im Übrigen noch
eine gewisse Rolle spielen. Ein entsprechender Kunstdruck
mit der Unterschrift des erst 2008 verstorbenen Uhlig war weit
verbreitet und wurde noch 2017 im Offizierskasino einer
Bundeswehrkaserne gesichtet. Nicht erwähnt wurde dabei
freilich, dass Uhlig nur wenige Tage nach seinem
Husarenstück in Gefangenschaft geriet.
Für den Ausgang der Kämpfe in der Normandie spielten
solche Episoden keine Rolle mehr. Ende Juli war die Kraft der
Deutschen erschöpft, die Verteidigungslinien zerbrachen,
226
Amerikaner und Briten stießen in die Weiten Frankreichs vor
und befreiten rasch den Großteil des Landes. Am 25. August
rückten sie in Paris ein, am 11. September erreichten sie die
deutsche Grenze. Die Rote Armee hatte unterdessen die
Heeresgruppe Mitte zerschlagen und stand vor den Toren
Ostpreußens. Die Verluste der Deutschen erreichten bislang
unvorstellbare Dimensionen: Knapp 350 000 deutsche
Soldaten starben allein im August 1944. Damit fielen in
diesem einen Monat etwa so viele Männer wie im ganzen Jahr
1941.256 An allen Fronten war die Wehrmacht auf dem teils
fluchtartigen Rückzug, es spielten sich apokalyptische Szenen
ab, in der Panik der Niederlage schien es kein Halten mehr zu
geben. Die Moral der Soldaten war auf einem Tiefpunkt
angekommen.257 »Es geht zu Ende mit uns«,258 stellte
Hauptmann Alexander Hartdegen fest. Gezeichnet vom
hoffnungslosen Kampf gegen die erdrückende Übermacht,
ging es vielen Landsern nur noch darum, das nackte Leben zu
retten. Unmittelbar nach ihrer Gefangennahme standen sie
noch ganz unter dem Eindruck der Niederlage. Es war die
Rede von »total zerschlagenen Divisionen«,259 »irrsinnigen
Befehlen«, davon, dass »die Leute da oben« wahnsinnig
geworden seien und es nun rapide bergab gehe.260
Oberfeldwebel Blank meinte, dass alles »in den Arsch
gehauen« sei.261 »Das ganze West-Heer ist fertig. Es ist
Schluss«, waren sich die beiden Majore Beck und Viebig Ende
August 1944 einig.262
Eine unbändige Wut entlud sich über die oberste Führung
der Wehrmacht. Von den »Vollidioten«263 und »dummen
Arschlöchern« wie Dönitz oder Rundstedt war die Rede, von
dem »Schwein« Kluge, den man an die Wand stellen solle.264
Selbst einem so kriegserfahrenen und regimetreuen General
wie Heinrich Eberbach hatten die Kämpfe in der Normandie
227
»den Boden ausgeschlagen«. Seine Hoffnungen auf eine
Kriegswende waren dahin. »Ich kann nur sagen, dass die
ganze Sache hoffnungslos ist«,265 meinte er im September
1944. Und Konteradmiral Hans-Udo von Tresckow sah einen
Monat später eine »Götterdämmerung mit Pauken und
Trompeten« heraufziehen.266 Eine vernünftige Regierung
würde jetzt Schluss machen, waren sich Beck und Viebig
einig.
Doch in der Logik des NS-Staates konnte es keine
Kapitulation, sondern nur den Kampf bis in den Tod geben.
Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 brachte
auch in der Wehrmacht niemand mehr den Mut und die Kraft
auf, sich gegen das Regime zu stellen. Mit brachialer Gewalt
stellte die Wehrmachtführung die Disziplin der Truppen
wieder her und brachte den alliierten Vormarsch mit letzter
Kraft an den Reichsgrenzen zum Stehen. Generalleutnant
Erwin Menny schrieb im Spätherbst 1944 in sein Tagebuch:
»Als die Front im Westen zusammenbrach, als Frankreich und
Belgien in wenigen Wochen verlorengingen, da glaubten wir
alle, dass das Ende des Krieges nahe wäre. Unter dem
Eindruck der furchtbaren Kesselschlachten in Frankreich
hielten wir einen längeren Widerstand am Westwall nicht mehr
für möglich. Es ist anders gekommen, denn ein Wunder
geschah. Jetzt lebt die Hoffnung auf einen möglichen Sieg
wieder auf.«267 Die Westalliierten hatten die Chance, den
Krieg noch 1944 zu beenden, nicht genutzt. Sie ließen bei der
Kesselschlacht von Falaise insbesondere die Stäbe der
deutschen Truppen entkommen, landeten am 15. August in
Südfrankreich, als diese Operation schon längst keinen Sinn
mehr machte, und schwächten unnötig den Vormarsch in
Italien. Sie schafften es nicht, den Zugang zur Schelde rasch
zu öffnen, um den unzerstört eroberten Welthafen Antwerpen
228
nutzen zu können. So fehlte es am nötigen Nachschub, um die
Offensive weiter voranzutreiben, und die Kämpfe flauten im
November 1944 ab.268
Trotz der hohen Verluste gab es in der Wehrmacht immer
noch genügend intrinsisch motivierte Soldaten, die ähnlich wie
Erwin Menny wieder Hoffnung schöpften und sich fieberhaft
bemühten, die Atempause zu nutzen und wieder Ordnung in
das Chaos zu bringen. Sie planten, verwalteten und
optimierten die Kriegführung wie eh und je. So reiste der 29jährige Major Eike Middeldorf – er wird uns später noch als
Bundeswehrgeneral begegnen – im November 1944 zur
Heeresgruppe B an die Westfront. Als Referent zur
Auswertung taktischer Kriegserfahrungen im Oberkommando
des Heeres sollte er ergründen, warum alle deutschen
Gegenangriffe im Raum Aachen und Arnheim gescheitert
waren. Schlechtes Wetter hatte das Eingreifen der alliierten
Luftwaffe
verhindert,
Artillerie-,
Infanterieund
Panzerverbände waren denen des Gegners zahlenmäßig sogar
überlegen gewesen. Middeldorfs Befund war ernüchternd:
»Der Stand der Ausbildung hat bei fast allen Divisionen einen
derartigen Tiefstand erreicht, dass der Amerikaner uns […]
hierin
überlegen
ist.«
Die
rasch
aufgestellten
Volksgrenadierdivisionen seien überhastet in den Einsatz
geworfen worden und hätten kaum Zeit gehabt, als Verband
zusammenzufinden. Viele Soldaten seien von Luftwaffe und
Marine zum Heer abgestellt worden und hätten nur eine kurze
Grundausbildung absolviert. Die Folge seien hohe Verluste
»besten Menschenmaterials«, von 2000–4000 Mann je
Volksgrenadierdivision. Manche Divisionen seien regelrecht
»verheizt« worden. Angriffe würden daher nur noch gegen
inneren Widerstand vorgetragen und abgebrochen, sobald die
Offiziere ausfielen. In der Abwehr sei der Kampfwille aber
229
noch über dem »des Amerikaners«. Probleme gebe es auch bei
der höheren Führung, die den Verbänden unsinnige Befehle
geben würde, ohne auf den Zustand der Truppe und die
örtlichen Bedingungen Rücksicht zu nehmen. Die hohen
Verluste hätten zu einer regelrechten Vertrauenskrise geführt.
Middeldorfs Bericht gipfelte in der Feststellung, dass
Gegenangriffe von Verbänden größer als Divisionsstärke
keinen Erfolg mehr haben könnten.269
Die Zeilen des jungen Majors waren eine denkbar
realistische Beschreibung des Zustands des Heeres und eine
kaum getarnte Bankrotterklärung. Da die Einstellung der
Kämpfe im Denken der Wehrmacht keine Option war, solange
die politische Führung dies nicht anordnete, ging es in der
Logik des Verwaltungsapparates einfach weiter. Eine Vielzahl
von Merkblättern und Anweisungen zur Verbesserung der
Ausbildung wurde verfasst. Feldmarschall Model war bemüht,
als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Lehrgängen das
handwerkliche Können der Truppe zu schulen – ganz so, wie
man es seit 1943 in Kampfpausen immer wieder versucht
hatte. Während Middeldorf größere Angriffsoperationen
ausgeschlossen hatte, befahl Hitler vier Wochen später die seit
Langem geplante Offensive in den Ardennen. Die höhere
Führung war zwar dagegen, fügte sich aber und versuchte, die
Aufgabe so gut es ging zu erfüllen.
Die Alliierten wurden von dem Angriff von zunächst 200
000 deutschen Soldaten und 600 Panzern vollkommen
überrascht. Auch deshalb konnten diese bis zu 80 Kilometer
vorstoßen, sogar die 106. US-Infanteriedivision einkesseln und
vernichten. 8000 amerikanische Soldaten gingen in
Gefangenschaft. Sieht man von der Schlacht um Bataan auf
den Philippinen im April 1942 ab, war dies die größte
Niederlage der US Army im Zweiten Weltkrieg. Doch Hitler
230
hatte sich den ganz großen Coup erhofft, glaubte gar, den
Erfolg von 1940 wiederholen und die Alliierten im Norden
Belgiens abschneiden zu können. Das war nicht nur aufgrund
des knappen Benzins, der raschen Reaktion der Alliierten und
ihrer Luftüberlegenheit, sondern auch aufgrund der
mangelnden Qualität der deutschen Truppen reine Fantasterei.
Vor allem die Waffen-SS-Verbände und die vielen
Volksgrenadierdivisionen
waren
den
handwerklichen
Anforderungen einer komplexen Angriffsoperation nicht
gewachsen. Die Ardennenoffensive brach unter großen
Verlusten nach einer Woche zusammen270, und der
Verwaltungsapparat der Wehrmacht ging sogleich daran, neue
notdürftig ausgebildete Soldaten an die Front zu schicken und
neue
Merkblätter
und
Ausbildungsrichtlinien
zu
produzieren.271
Trotz der nicht zu übersehenden Auflösungserscheinungen
blieb die Wehrmacht bis kurz vor Kriegsende eine halbwegs
intakte Institution.272 Das höhere Offizierkorps erhielt ihre
Strukturen auch nach den größten Niederlagen aufrecht und
sah für sich keine Möglichkeit, dem Wahnsinn ein Ende zu
bereiten – mochte die Gesamtlage auch noch so hoffnungslos,
mochten die Befehle noch so unsinnig sein. So prononciert
etwa der junge Major Middeldorf seinen Bericht im November
1944 auch verfasst hatte – er war ein kleines, aber wichtiges
Rädchen im Oberkommando des Heeres, das bis Mai 1945
reibungslos funktionierte. An der Front stellte sich die
Wehrmacht den alliierten Angriffen weiterhin in den Weg,
obwohl sie ihnen kaum noch etwas entgegenzusetzen hatte. Im
Januar 1945 zerschlug die Rote Armee die deutsche Ostfront
und stieß binnen vierzehn Tagen von der Weichsel an die Oder
vor. Es war der verlustreichste Monat des ganzen Krieges:
Rund 450 000 deutsche Soldaten fielen. Zum Vergleich: Die
231
Vereinigten Staaten verloren im gesamten Zweiten Weltkrieg
an allen Fronten 410 000 Soldaten.
Angesichts dieser Zahlen kann man nur noch von einer
»Kriegführung des Irrationalen«273 sprechen. Warum die
Deutschen weiterkämpften, obwohl es dafür keinerlei
militärische Grundlage mehr gab, lässt sich kaum auf eine
griffige
Formel
bringen.274
Vielmehr
sind
die
Mehrdimensionalität
der
»Endkämpfe«
und
das
Ineinandergreifen verschiedener Ebenen zu berücksichtigen.
Von zentraler Bedeutung sind zunächst die denkbar
umfassende Bündelung aller staatlichen Macht in der Person
des »Führers« und das enge Loyalitätsverhältnis zu einer
kleinen Riege von Partei- und Militärführern, die es Hitler
ermöglichte, seinen Willen zum Untergang Realität werden zu
lassen. Die Mitglieder des engsten Kreises – Himmler,
Goebbels, Göring und Speer – arbeiteten bis zum Ende
fieberhaft dem Diktator zu und sorgten dafür, dass in ihrem
Befehlsbereich alles in Reih und Glied in die Katastrophe
marschierte. Mit der Ernennung Heinrich Himmlers zum
Befehlshaber des Ersatzheeres und aller militärischen
Dienststellen im Reich, der Ausdehnung des SSRüstungsimperiums,
der
Schaffung
von
Reichsverteidigungskommissaren und dem massiven Ausbau
der Waffen-SS griff Hitler tief in den militärischen Bereich
ein.
Die Generalität war nach dem 20. Juli ohnehin gefügig wie
nie und stand in der Radikalität ihrer Maßnahmen der NSDAP
in nichts nach. Auch die NS-Parteikader auf regionaler und
lokaler Ebene hatten die Brücken hinter sich längst
abgebrochen. Sie konnten ihre Autorität meist bewahren und
geboten noch im kleinsten Dorf über Leben und Tod. Hitler
und seinem Regime kam auch zugute, dass der Staat bis zum
232
Schluss funktionierte, Verwaltung und Bürokratie ihre Arbeit
versahen, als sei nichts geschehen. Die Osterpost wurde
ebenso zugestellt wie die Einberufungsbefehle. Noch am 15.
April 1945 wurde die Saison der Gauliga Hamburg durch
einen 4 : 3 - Sieg des SC St. Pauli über den SC Victoria
Hamburg ordnungsgemäß beendet. Dass die Macht des NSStaats nach dem 20. Juli 1944 einen neuen Höhepunkt
erreichte, hatte mit der Ideologisierung der breiten
Bevölkerung nur wenig zu tun. Im Gegenteil: Die Partei und
zunehmend auch Hitler selbst waren unbeliebter denn je, und
die nationalsozialistische Volksgemeinschaft begann sich in
den letzten Kriegsmonaten aufzulösen. Übereinstimmung mit
dem Regime gab es bei den meisten nur noch durch den
Wunsch, die Heimat zu verteidigen – vor allem gegen die
herannahende Rote Armee. Der NS-Staat war 1944/45 nicht
wegen des Rückhalts in der Bevölkerung mächtiger denn je,
sondern weil der Einfluss der Partei krakenartig auf praktisch
alle Lebensbereiche der Gesellschaft ausgedehnt wurde. Der
beinahe totalen Mobilisierung und Militarisierung konnte sich
angesichts der allgegenwärtigen Terrormaßnahmen kaum
jemand entziehen. So war etwa der Volkssturm, so geringen
militärischen Wert er letztlich hatte, für die Partei ein überaus
wirkungsvolles Instrument, um die gesellschaftliche Kontrolle
massiv zu erhöhen.275
Was die militärische Perspektive betrifft, kamen die letzten
Monate des Krieges einer Katastrophe apokalyptischen
Ausmaßes gleich, vor allem in Hinblick auf die Hekatomben
an Menschenleben, die dieses Ringen noch forderte. Das galt
nicht nur für die Deutschen, sondern insbesondere auch für die
Rote Armee. Deren Verluste waren mit knapp 800 000
Toten276 in den vier Kriegsmonaten 1945 zwar niedriger als
die der Wehrmacht, überstiegen aber jene der Westalliierten
233
um das Zehnfache. Von der einst so erfolgreichen taktischen
Finesse der Wehrmacht oder gar der Kultur des
Bewegungskriegs
war
nicht
mehr
viel
übrig.
Zusammengewürfelte Verbände fochten mit untauglichen
Mitteln einen aussichtslosen Kampf, der vielfach mehr einem
Schlachtfest als einer militärischen Operation glich. Hier und
da gab es noch vereinzelte Gegenangriffe, die in der NSWochenschau wie Großoffensiven gefeiert wurden. Die
Rückeroberung des schlesischen Lauban am 9. März 1945 war
so ein Fall. Doch als am 26. April 1945 in der letzten
deutschen Panzeroperation Bautzen eingenommen und
mehrere sowjetische und polnische Divisionen zerschlagen
wurden277, gab es keine Wochenschau mehr. In der
Verteidigung galt es nun schon als großer Erfolg, dass die seit
Langem vorbereitete sowjetische Offensive an den Seelower
Höhen für zwei Tage aufgehalten werden konnte. Am Lauf der
Dinge
konnte
dieses
letzte
Aufblitzen
einstigen
handwerklichen Könnens nichts mehr ändern.
Die Abwehrkämpfe des Jahres 1945 waren in jeder
Hinsicht die schwärzeste Stunde der Wehrmacht. Die
Skrupellosigkeit gegenüber den eigenen Soldaten und der
eigenen
Bevölkerung,
mit
der
NS-Regime
und
Wehrmachtführung bis zuletzt Hand in Hand vorgingen, war
kaum mehr zu überbieten.278 Umso bemerkenswerter ist es,
welch geringen Stellenwert diese Schlüsselphase des Krieges
im kollektiven Gedächtnis des Militärs zu Zeiten der
Bundeswehr haben sollte, wie noch zu zeigen sein wird.
234
Kohäsion
Die Wehrmacht erlitt im Zweiten Weltkrieg mehr als doppelt
so hohe Verluste wie die kaiserlichen Truppen im Ersten, und
doch brach sie im Innern nicht zusammen. Während des
Krieges verschmolzen die Streitkräfte mit Staat, Gesellschaft
und Militärführung zu einem festen Amalgam. Diese vertikale
Kohäsion wurde gestärkt durch die tribal cultures der
Waffengattungen
sowie
eine
Leistungskultur
und
Menschenführung, die Härte und Fürsorge miteinander
verbanden. Die Soldaten nahmen die Wehrmacht als eine
effiziente Organisation wahr, der sie loyal ergeben waren,
selbst wenn sie den Nationalsozialismus ablehnten. Auf der
horizontalen Ebene gelang es bis zum Herbst 1944, den
Zusammenhalt
der
Primärgruppen
weitgehend
aufrechtzuerhalten. So bildete sich eine extrem belastbare
Struktur heraus, die selbst nach schweren Niederlagen wieder
zu flicken war und nur in den allergrößten Krisenmomenten
zerfiel.
Für die Armee war dabei von Vorteil, dass es nicht zu einer
völligen Verschmelzung mit dem NS-Staat kam und sie keine
feldgraue Waffen-SS wurde. Es blieben genügend Nischen für
all jene, die ein anderes Verständnis von Nation, Volk und
Staat hatten als die NS-Eliten. So gelang es der Wehrmacht,
mehr als siebzehn Millionen Männer unterschiedlichster
politischer, sozialer und selbst nationaler Herkunft zu
integrieren, darunter 1,3 Millionen Österreicher, 500 000
Polen, Hunderttausende Männer aus Südtirol, dem Elsass und
Luxemburg, nicht zu vergessen die Volksdeutschen aus
Osteuropa. Millionen Wehrmachtsoldaten stammten aus
sozialdemokratischen, kommunistischen oder tief katholischen
Milieus, die dem Nationalsozialismus wie dem Militär
235
eigentlich
ablehnend
oder
zumindest
reserviert
gegenüberstanden. Die wenigsten von ihnen trugen die
Uniform freiwillig. Sie waren keine intrinsisch motivierten
Supersoldaten, erfüllten aber loyal die ihnen anvertrauten
Aufgaben. Zusammen mit den Hunderttausenden von NSGläubigen bildeten sie einen Verbund, der seinen
Zusammenhalt nicht durch Vorträge über Rassenideologie
oder Lebensraum erhielt, sondern durch gemeinsame
Vorstellungen
von
Vaterland,
Pflichterfüllung
und
Soldatentum. Tapfer sollte man sein, als Vorgesetzter gerecht
und fürsorglich, als Untergebener treu und loyal. Vor allem
ging es darum, die zugewiesene Aufgabe gut zu erfüllen, ganz
gleich, ob als Divisionskommandeur, Kompaniechef oder MGSchütze. Wer dies tat, stieg im System auf, wer den
Anforderungen nicht gerecht wurde, musste mit Ablösung
oder ausbleibender Beförderung rechnen. Gewiss verstanden
es manche, sich politisch lieb Kind zu machen und so ihre
Karriere zu befördern. Das ändert aber nichts an dem Befund,
dass in der Binnenlogik der Institution Wehrmacht vor allem
militärisches Können zählte.
Dieses Können wurde angespornt durch ein ausgefeiltes
System von Auszeichnungen, Tätigkeitsabzeichen und
Ärmelbändern, deren Bedeutung jeder Schuljunge kannte und
die auch die Besonderheiten der tribal cultures
berücksichtigten. Wer in vorderster Linie sein Leben riskierte,
wurde also mit reichlich Anerkennung belohnt. In geschickter
Weise wurde so das gewünschte Verhalten, sich an der Front
zu bewähren, gefördert. Erstmals in der deutschen Geschichte
gab es keine Vorrechte für Offiziere. Alle Orden konnten nach
halbwegs nachvollziehbaren Kriterien prinzipiell von allen
erworben werden. Jedoch wurden sie zurückhaltend verliehen:
236
Selbst den am häufigsten verliehenen Orden, das Eiserne
Kreuz II. Klasse, erhielten »nur« 15 Prozent aller Soldaten.
Wie gut dieses System wirkte, zeigt eine Episode vom Juni
1942 aus Norwegen. Besatzungsmitglieder der deutschen
Kreuzer und Schlachtschiffe beschwerten sich, dass sie zu viel
im Hafen lagen. Sie hätten so keine Chance auf entsprechende
Auszeichnungen, während die U-Boot-Fahrer regelmäßig
»raus« fuhren und schnell das U-Boot-Kriegsabzeichen
erwarben, das sie in der Heimat als Frontkämpfer auswies.279
Die
heimlich
abgehörten
Gespräche
deutscher
Kriegsgefangener belegen, wie wichtig Orden für sie waren.
Die Männer debattierten endlos darüber, wer, warum und
wann welche Auszeichnung bekommen oder auch nicht
bekommen hatte.280 Gewiss ging es dabei nicht immer gerecht
zu, zumal sich die Kriterien im Verlauf des Krieges mehrfach
änderten.281 Dennoch wurde das von der politischen und
militärischen Führung geschaffene Anreizsystem – anders als
im Ersten Weltkrieg – insgesamt als gerecht und fair bewertet.
Ein Blick auf die Verleihungspraxis zeigt, dass die
Betonung der Tapferkeit kein leeres Gerede war. Von den 4505
an Heeresangehörige verliehenen Ritterkreuzen gingen 210 an
Mannschaften,
880
an
Unteroffiziere,
1862
an
Subalternoffiziere, 1553 an Stabsoffiziere inklusive
Generäle.282 Zug- und Kompanieführer machten, ganz anders
als beim Pour le Mérite des Ersten Weltkriegs, somit die
größte Gruppe der Ordensträger aus; der Anteil der
Verleihungen an Mannschaften betrug immerhin fünf Prozent.
2124 Orden gingen allein an Infanteristen der verschiedenen
Dienstgrade, nur 82 an Offiziere in höherer Führungsfunktion.
Bezeichnend ist auch, dass die vierte und höchste Stufe des
Ritterkreuzes,
das
Goldene
Eichenlaub,
laut
Stiftungsbestimmungen nur zwölfmal an bewährte
237
Einzelkämpfer vergeben werden sollte. Tatsächlich wurde die
Auszeichnung nur einmal verliehen: an den Stukapiloten
Hans-Ulrich Rudel. Und bei allem offiziellen Gerede von
Opfermut wurde das Ritterkreuz nur in sieben Prozent der
Fälle posthum vergeben. Die Ausgezeichneten waren keine
Fanatisierten, die sich mit einem feindlichen Panzer in die Luft
sprengten, sondern Kämpfer und Truppenführer, die Erfolge
vorzuweisen hatten. Die Vergabe erfolgte nicht primär nach
ideologischen, sondern nach genuin militärischen Kriterien.
In dieser militärischen Leistungsgesellschaft kämpften
Soldaten mit den unterschiedlichsten politischen Haltungen
nebeneinander: Fritz Eschmann war 1909 geboren, stammte
aus einer Arbeiterfamilie und gehörte in der Weimarer
Republik der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Er wurde
1936 Soldat und kämpfte als Infanterist seit dem Polenfeldzug
an vorderster Front. Er war ein tapferer Soldat, stieg bis zum
Hauptmann auf und wurde 1944 mit dem Ritterkreuz
ausgezeichnet. Nach dem Krieg saß er für die SPD im
Bundestag.283 Dass es auf die politische Einstellung nicht
ankam, musste auch der NS-Funktionär Theodor Habicht
erkennen. Er baute in den 1920er-Jahren in Wiesbaden die
NSDAP auf, organisierte im Juli 1934 das Attentat auf den
österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und brachte
es 1939 bis zum Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt.
Interessanterweise meldete er sich trotz seiner NS-Treue nicht
zur Waffen-SS, sondern kämpfte seit 1941 als Chef einer
Infanteriekompanie in der Wehrmacht.284 Dort wurde ihm
schnell klargemacht, dass er sich als militärischer Führer zu
bewähren habe und dass ihm seine Rolle im NS-Staat dabei
wenig half. So dauerte es mit seiner Beförderung zum
Bataillonskommandeur bis zum November 1943.285
238
Wer sich an der Front und insbesondere in Krisen
bewährte, konnte schnell in höhere Führungspositionen
aufrücken, selbst wenn er dem NS-Regime kritisch
gegenüberstand. Wilhelm von Thoma etwa konnte seine
Abneigung gegen das NS-Regime nur schwer unterdrücken
und stieg dennoch binnen neun Jahren vom Hauptmann bis
zum General der Panzertruppen und Kommandeur des
Deutschen Afrikakorps auf – immerhin einer der
prestigeträchtigsten Posten der Wehrmacht. Er war persönlich
tapfer, immer in der vordersten Linie zu finden und hatte sich
als Kommandeur der 20. Panzerdivision in der Winterkrise
1941/42 besonders bewährt. An seiner Seite stand damals sein
Zweiter Generalstabsoffizier Josef Moll, der spätere
Inspekteur des Heeres der Bundeswehr. Moll schrieb am 10.
Dezember 1941 in sein Tagebuch: »Am verheerendsten ist
aber die Lage bei Rusa [westl. von Moskau]. Es scheint alles
verloren zu sein. Das ganze IX. Korps ist in fluchtartiger
Rückwärtsbewegung. Unter Rettung ihres nackten Daseins
lassen sie Pferde, Kfz. und Waffen einfach stehen und laufen
davon. Man spricht von ›Rette sich, wer kann‹. […] Die
Verwundeten werden von verantwortungslosen Offizieren und
Ärzten einfach auf die Straße gesetzt. Da sollen sie sehen, wie
sie weiterkommen. […] Da tritt unser Kommandeur auf. Er ist
weit und breit der einzige, der Mut hat und die Lage retten
kann. […] Da begibt sich der Divisionsstab selbst nach Rusa
in die vorderste Linie. Es hängt jetzt alles davon ab, die
Bewegung zum Stillstand zu bringen, zu halten und zu
schießen, ehe es zu spät ist. Der Eindruck aller
Zurückfliehenden ist einfach verheerend. Tag und Nacht haben
wir alle Hände voll zu tun, um mit schärfsten Mitteln die
Zurückgehenden aufzufangen. […] So gelingt es uns, in 1½
Tagen mit einigen 100 Mann die ganze Front zum Halten zu
bringen und damit die Lage zu retten. Nur dem mutigen und
239
tapferen Vorgehen meines Kommandeurs ist es zu danken,
dass die Katastrophe nicht eintrat.«286
Der britische Historiker Liddell Hart interviewte Thoma
später, als er sich in britischer Gefangenschaft befand, und
beschrieb ihn als einen zähen, aber liebenswürdigen Charakter,
einen Enthusiasten, der den Kampf aus purer Freude liebte. Im
Mittelalter hätte er als fahrender Ritter sein Lebensglück
gefunden.287 Thomas Kameraden wussten um seine politische
Einstellung, schätzten ihn aber aufgrund seiner Tapferkeit und
deckten ihn.288 Ähnliches gilt für Rudolf Schmidt289, der sogar
Befehlshaber einer Panzerarmee wurde. Das im Herbst 1942
auch beim Heer eingeführte Beurteilungskriterium »politische
Haltung« blieb für die Karriere der meisten Soldaten
belanglos. Gewiss durfte man nicht offen Zweifel am
Nationalsozialismus oder an Hitler äußern. Doch ob jemand in
den Personalakten als »Nationalsozialist«, als »guter« oder gar
als »gläubiger Nationalsozialist« bezeichnet wurde, der die
NS-Weltanschauung auf seine Soldaten zu übertragen wusste,
hatte auf die Karriere keinen nachweisbaren Einfluss. Der
Leiter des Personalamts Rudolf Schmundt hielt im Juni 1943
dann auch entnervt fest, die politische Beurteilung werde so
schematisch gehandhabt, dass eine Wertung daraufhin kaum
noch erfolgen könne.290
Die Frontkommandeure hatten in der dezentralen Struktur
der Streitkräfte eine bedeutende Stellung. Für die Beurteilung
der Untergebenen war ihr Urteil maßgeblich und nicht – wie
etwa in der US Army – die Entscheidung einer zentralen
Personalabteilung in der Heimat.291 Damit wurde die Logik
der
Front
ausschlaggebend
für
Beförderungen,
Auszeichnungen und Versetzungen. Offenbar förderten auch
stramm
nationalsozialistisch
eingestellte
Vorgesetzte
Untergebene, deren politische Haltung nicht NS-konform war.
240
General Wilhelm von Thoma und Generaloberst Rudolf
Schmidt hatten gewiss nicht nur dezidierte Anti-Nazis zum
Chef, während sie höhere Ränge erklommen.
In Anbetracht der hohen Verluste wurde das Abitur als
Einstiegsvoraussetzung im Oktober 1942 offiziell aufgehoben
und die Abkehr von der Beförderung nach Anciennität
verkündet.292 Jetzt sollte nur noch die militärische Leistung
zählen. In der zweiten Kriegshälfte verfügten die jungen
Offizieranwärter schon zu zwei Dritteln nicht mehr über eine
abgeschlossene höhere Schulausbildung. Der Anteil der
Arbeitersöhne stieg von fünf Prozent 1937 auf zwanzig
Prozent 1943/44 an.293 Dazu trug bei, dass – anders als im
Ersten Weltkrieg – nun auch sehr viele bewährte
Unteroffiziere zu Offizieren befördert wurden. Der oben
erwähnte Fritz Eschmann war einer von ihnen. Das
Offizierkorps der Wehrmacht entsprach damit immer weniger
einer Bildungs- als einer Kriegerelite. Bewährte Troupiers
konnten nun rasch bis in höchste Ränge befördert werden. Die
Rangstruktur verjüngte sich, aber Fälle wie der 30-jährige
Generalmajor
Erich
Bärenfänger,
der
35-jährige
Generalleutnant Theodor Tolsdorff oder der 37-jährige
Generalmajor Günther Pape, der später in die Bundeswehr
ging, blieben dennoch die Ausnahme. Durch die politisch
gewünschte und aufgrund der hohen Verluste militärisch
notwendige soziale Öffnung war die Wehrmacht auf dem Weg
zur NS-Volksarmee. Dieses Idealbild des Regimes erreichte
sie aber bis 1945 nicht.294
Es ist vermutet worden, dass sich das System der
bildungspolitischen und damit auch der sozialen Öffnung
durchaus positiv auf den Kampfwert der Truppe auswirkte,
weil auf diese Weise kampferfahrene Männer rasch die
Karriereleiter emporkletterten und Kompaniechefs oder
241
Bataillonskommandeure wurden. Doch auf den höheren
Kommandoebenen machte sich der Mangel an einer breiteren
Qualifikation und Bildung vermutlich stärker bemerkbar.
Genauere Studien dazu fehlen, aber der Verfall der
Professionalität und insbesondere der Angriffsfähigkeit dürfte
auch im Qualitätsabfall der im Schnellverfahren ausgebildeten
Stabsoffiziere begründet sein.
Die soziale Öffnung des Offizierkorps, die Beförderung
nach Leistung und die Betonung der Frontbewährung
entsprachen allesamt der NS-Weltanschauung und wurden von
Hitler dezidiert gefördert.295 Das kann kaum überraschen, da
deren Ursprünge – wie oben dargestellt – in der Mystifizierung
der Frontkämpfergemeinschaft des Ersten Weltkriegs lagen.
Dennoch wurde die Wehrmacht von der Truppe nicht als NSOrganisation wahrgenommen, wie die Gespräche von
Tausenden
abgehörter
Soldaten
in
alliierter
Kriegsgefangenschaft zeigen.296 Zu dieser Wahrnehmung trug
bei, dass das militärische Wertesystem von Tapferkeit,
Pflichterfüllung und Härte von einer großen Mehrheit der
Soldaten positiv aufgenommen wurde, auch von denen, die
dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden. Noch
im letzten Kriegsjahr wurde die Wehrmacht als Institution
schichtübergreifend deutlich positiver bewertet als das NSSystem.297 Lediglich der harte Kern der ehemals
sozialistischen oder katholischen Arbeiterbewegung blieb auf
Distanz. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die
allermeisten Deutschen, somit auch die meisten Soldaten, die
Kategorien teilten, mit denen das NS-Regime festlegte, wer
zur Volks- und damit zur Wehrgemeinschaft gehörte und wer
nicht: Juden, Sinti und Roma oder Homosexuelle blieben
ausgeschlossen. Als Bedrohung der Wehrgemeinschaft galten
im Krieg dann auch jene, die den Wehrdienst verweigerten,
242
denen Feigheit und Desertion vorgeworfen wurden. Dass
solches Verhalten mit dem Tod bestraft wurde, stieß auf breite
Akzeptanz. Erst die exzessiven Todesurteile gegen Deserteure
am Kriegsende – das Gros der 20 000 Exekutionen fand
1944/45 statt – führten zu Kritik.298 In ihnen zeigte sich, welch
radikal überzogene Vorstellung der NS-Staat vom
Kämpfertum hatte und dass die Wehrmacht in der drohenden
Niederlage längst mit ihm verschmolzen war.
Opfertum
Krieg, Kampf und Nationalsozialismus waren nicht
voneinander zu trennen.299 Das lässt sich an der Norm des
Opfertums exemplarisch zeigen. Die Bereitschaft zum Opfer
war in der nationalsozialistischen Ideologie ein Selbstzweck.
Entscheidend war nicht wofür, sondern dass ein Opfer
gebracht wurde.300 Als sich Erwin Rommel nach der
Niederlage vor El Alamein am 3. November 1942
zurückziehen wollte, funkte Hitler: »Der stärkere Wille
[werde] über die stärkeren Bataillone« siegen. »Ihrer Truppe
aber können Sie keinen anderen Weg zeigen als den zum Siege
oder zum Tode.« Angesichts der militärischen Lage war das
nichts anderes als die Aufforderung, auf dem Schlachtfeld zu
sterben. Das Kapitulationsverbot der 6. Armee in Stalingrad
war ein ähnlicher Fall. Zwar genehmigte Hitler in späteren
Phasen des Krieges durchaus noch Rückzüge, aber die
Häufigkeit von Befehlen, in denen es nur noch um das Opfer
und nicht mehr um einen wie auch immer gearteten
militärischen Sinn ging, nahm rasant zu.
Dieses zentrale NS-Ideologem sickerte in einem
komplexen und keineswegs gleichförmigen Prozess immer
tiefer in die Wehrmacht ein. Da es zuweilen auch abgelehnt
oder umgedeutet wurde, war der nationalsozialistische
Opfergedanke in ganz unterschiedlicher Weise in den
243
einzelnen Teilen der Streitkräfte präsent – in der Waffen-SS
mehr als im Heer, bei Eliteverbänden mehr als bei
Luftwaffenfelddivisionen, bei den Kleinkampfverbänden der
Marine mehr als bei den Schnellbootfahrern. In den offiziellen
Verlautbarungen aber war er omnipräsent. Die Wehrmacht als
Organisation verdeutlichte durch Handbücher, Vorschriften
und Befehle, aber auch durch Personalbeurteilungen, dass
Sentimentalitäten in der alltäglichen Begegnung mit dem Tod
keinen Platz hatten. So ist nicht überliefert, dass jemals ein
Offizier abgelöst wurde, weil seine Truppe zu hohe Verluste
erlitten hätte. Im Gegenteil, hohe Verluste galten vielfach als
Ausdruck der eigenen Kampfbereitschaft. Selbst ein General
wie Hermann Geyer, der von Hitler aus politischen Gründen
1942 aus der Wehrmacht entlassen wurde, bediente sich dieser
Logik, als sein Korps Ende August 1941 in eine heftige
Gegenoffensive der Roten Armee am Frontbogen von Jelnja
südlich von Smolensk geriet. Als es hieß, eine seiner
Infanteriedivisionen sei »ausgerissen«, setzte Geyer alle Hebel
in Bewegung, um den damals geradezu ungeheuerlichen und
entehrenden Vorwurf auszuräumen. Nur ein Bataillon sei bei
dem sowjetischen Gegenangriff durchbrochen worden, der
Einbruch habe aber wieder beseitigt werden können, wenn
auch mit fremder Hilfe. Dabei hätte er es belassen können,
doch sein entscheidendes Argument, um die Ehre der Division
zu verteidigen, war ein anderes: Seit Feldzugsbeginn habe die
Division über 4000 Verluste gehabt. Es habe also am
»Bluteinsatz« nicht gefehlt.301 Das Opfer erscheint hier
regelrecht als Leistungsnachweis.
Generalmajor Gerhard Graf von Schwerin verklärte das
Opfer geradezu zum schöpferischen Akt. »Aus dem Herzblut
von 2 Millionen Gefallenen des ersten Weltkrieges ist unser
junges, grossdeutsches Vaterland erstanden. Aus den
244
Blutopfern des zweiten Weltkrieges wird seine neue Zukunft
wachsen«, hielt er im März 1943 in einem Divisionsbefehl
zum Heldengedenktag fest.302 Besonders prägnant verstand
die Kriegsmarine ihre Opferbereitschaft herauszustellen,
wodurch sie in Hitlers Gunst immer höher stieg, obwohl ihre
militärische Rolle immer unbedeutender wurde. So erklärte
Großadmiral Karl Dönitz im Oktober 1944 in einer Rede vor
Gauleitern: »Eine Waffe, die zurückgehalten in den Häfen
liegt, stirbt. Daß aber eine Waffe, die unter härtesten
Bedingungen mit größtem Blutzoll kämpft, dass eine solche
Waffe, die einen so harten Kampf besteht und auch beharrlich
durchhält, ohne in ihrer Kampfmoral auch im Geringsten zu
leiden, unsterblich ist und daß aus ihr selbst heraus immer
wieder die neuen Kräfte heranwachsen und entstehen, die zu
einer harten und heldischen Weiterführung des Krieges
erforderlich sind.«303
Die allermeisten Marinesoldaten hätten eine solche Rede
zumindest mit gemischten Gefühlen angehört. Auch sie
wollten überleben. Aber Oberbefehlshaber Dönitz gab vor,
was zu tun und zu lassen war. Und die meisten erfüllten die in
sie gesetzten Erwartungen, insbesondere die U-Boot-Fahrer:
75 Prozent von ihnen starben auf See – die höchste
Verlustquote aller Waffengattungen. An ihrer Loyalität zu
Dönitz änderte das freilich nichts. Die Überlebenden blieben
ihm bis zu seinem Tod 1980 treu verbunden. Allerdings gab es
auch in der Kriegsmarine andere Stimmen: Der Führer der
Schnellboote, Rudolf Petersen, lehnte Dönitz’ Radikalität
strikt ab, ging mit den ihm anvertrauten Soldaten viel
schonender um und wurde im Krieg dreimal gemaßregelt, weil
er seine Verbände nicht risikovoller an den Feind führte.304
Und Hermann Geyer, der im September 1941 den
»Bluteinsatz« als Argument zur Verteidigung der Ehre seiner
245
Infanteriedivision angeführt hatte, bemängelte zur selben Zeit,
dass die Truppe noch »rückständige taktische Anschauungen
und
Gebräuche«
pflegte.
Angriffsgeist,
Initiative,
Unternehmungslust und Energie zu beweisen sei viel zu
kräftezehrend. Die Verluste rechtfertigten seiner Meinung nach
nicht die Erfolge, und durch das unüberlegte Kämpfen fehle es
dann an »geschonter Kraft«, um blitzartig zuzuschlagen. Auch
sei es unsinnig, den Feind frontal anzugreifen, wenn man ihn
umgehen könne. Hier sei eine Änderung von Vorschriften und
Erziehung dringend erforderlich.305 Der nationalsozialistische
Opfergedanke
widersprach
seiner
Vorstellung
von
militärischer Professionalität. Aber er wusste sich dieser
Bilder zu bedienen, um eigene Interessen durchzusetzen.
Die hier zitierten Beispiele verdeutlichen, dass sich die
Generäle und Admirale der Wehrmacht unterschiedlich zum
offiziellen Opfergedanken positionierten. Sie konnten ihn
vorbehaltlos bejahen und verlangen, dass ihm gemäß
gehandelt wurde (Dönitz), ihn ablehnen und für ihren eigenen
Kommandobereich unterbinden (Petersen) oder aber je nach
Bedarf zwischen Zustimmung und Ablehnung wechseln
(Geyer). Opferwilligkeit galt im Übrigen auch für die höchsten
Militärs persönlich. 849 von 3191 Generälen der Wehrmacht
fielen, starben in der Gefangenschaft oder begingen
Selbstmord. Im Ersten Weltkrieg waren es »nur« 166.306 Die
Wahrscheinlichkeit, als General im Krieg ums Leben zu
kommen, war damit statistisch gesehen beinahe genauso hoch
(27 Prozent) wie für alle anderen Soldaten (34 Prozent). Die
Wehrmacht legte großen Wert darauf, dass selbst höhere
Offiziere von vorne führten, sich stets am Brennpunkt des
Geschehens aufhielten und so in der Lage waren, rasch auf
Veränderungen im Schlachtverlauf zu reagieren. Die Offiziere
hatten den Soldaten stets Vorbild zu sein und auch selbst Opfer
246
zu bringen. Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg führten sie ein
nur
wenig
bevorzugtes
Leben,
und
auch
die
Generalstabsoffiziere wurden immer für eine gewisse Zeit an
die Front kommandiert.
Der Wunsch, selbst im Kampf zu stehen, ging so weit, dass
sich der hitzköpfige Feldmarschall Walter von Reichenau im
Juli 1941 bei einem Frontbesuch persönlich an einem
Sturmangriff beteiligte und das Infanteriesturmabzeichen
verliehen bekam.307 Mag dies auch ein Extrembeispiel sein, so
ist unverkennbar, dass sich die Stabsoffiziere der Wehrmacht
weit mehr als diejenigen im Ersten Weltkrieg persönlich der
Gefahr
aussetzten.308
Der
Kommandeur
des
Infanterieregiments 412 bezeichnete es gar als seine schönste
Erinnerung, an der Spitze des I. Bataillons im Sturm
»todesmutig« in die sowjetischen Gräben südlich von
Leningrad eingebrochen zu sein.309 Dass die Stellung wieder
geräumt werden musste, war dabei nicht von Belang.
Entscheidend war die Tat. Er hatte sich mit der
Maschinenpistole in der Hand an der Attacke beteiligt, darauf
kam es an. Hier schwang noch ein beträchtliches Maß an
Schlachtenromantik mit, eine spätestens seit den
Einigungskriegen nachzuweisende Verherrlichung des
Sturmangriffs, wie sie auch in der Literatur des Soldatischen
Nationalismus der Weimarer Republik zu finden war.310
Tribal cultures
Im Kohäsionsgeflecht der Wehrmacht spielten die tribal
cultures der Waffengattungen eine große und bislang kaum
beachtete Rolle. Für die Stabilisierung des Gesamtsystems
waren sie ein wichtiges Bindeglied zwischen vertikaler und
horizontaler Kohäsion. Im Zuge der fortschreitenden
Waffenentwicklung und Technisierung des Militärs entstand in
den
Dreißigerjahren
eine
Vielzahl
von
neuen
247
Truppengattungen. 1935 wurden die »Schnellen Truppen«
aufgestellt, in denen alle Kampfverbände zusammengefasst
waren, die nicht zu Fuß ins Gefecht zogen. Die neuen
Panzerverbände gehörten dazu, auch die Kradschützen und die
motorisierte Infanterie, aus der dann 1942 die
Panzergrenadiertruppe entstand. Kavallerieverbände gab es
zwar noch, sie wurden aber bald zu Panzer- oder
Aufklärungseinheiten umgewandelt.311 Innerhalb der Artillerie
bildete die Sturmartillerie seit 1940 gewissermaßen einen
eigenen sub-tribe, ebenso die Panzerjäger innerhalb der
Panzertruppe. Mit der Einführung von Raketenwerfern – zur
Tarnung Nebelwerfer genannt – entstand 1935/36 eine weitere
Waffengattung, und die Luftwaffe stellte 1936 die
Fallschirmjägertruppe auf. Jeder Truppengattung wurde eine
sogenannte Waffenfarbe zugewiesen, die sich auf
Schulterstücken, Kragen und Ärmeln der Uniformen
wiederfand und als erkennbares Zeichen des tribe fungierte.312
Die Wehrmacht war sehr erfolgreich darin, den neuen
Waffengattungen binnen Kurzem eine eigene Identität zu
geben. Neue Uniformen, Lieder und Rituale trugen dazu
ebenso bei wie der Umstand, dass die neuen tribes
vergleichsweise klein waren und sich so gegenüber der Masse
des Heeres abgrenzen konnten. Im Offizierkorps kannte man
sich und bildete schnell stabile Netzwerke, die bis weit in die
Bundeswehrzeit überdauerten. Entscheidend für die Kohäsion
der Truppe war dann aber der baldige Kriegseinsatz, der die
Verbände zusammenschweißte und schnell eine eigene
Tradition schuf. Rückgriffe auf den Ersten Weltkrieg oder die
Zeit davor verblassten nun rasch.
Weit mehr als die kaiserlichen Streitkräfte tendierte die
Wehrmacht dazu, Eliteverbände aufzustellen, die dann auf
dem Schlachtfeld eine Schlüsselrolle spielten. So begründeten
248
die wenigen gut ausgerüsteten motorisierten Verbände ihren
Nimbus. Die Masse der Infanteriedivisionen, die zu Fuß und
mit Pferdewagen in die Schlacht zogen, war gewiss nicht
minder tapfer. Im alles entscheidenden Bewegungskrieg aber
waren sie Verbände zweiter Klasse, die hinterhermarschierten
und das Werk der schnellen Truppen vollendeten. Die
Herausbildung neuer tribal cultures wurde durch diese
Zweiklassengesellschaft innerhalb der Wehrmacht befördert.
Das gilt insbesondere für die Panzerdivisionen, aber auch für
die Fallschirm- und Gebirgsjäger als Spezialverbände der
Infanterie und schließlich für die Waffen-SS, die dem Heer nur
taktisch unterstand und organisatorisch Teil der SS blieb.
Den Anfang der Panzertruppe bildeten gerade einmal drei
Divisionen, die 1935 teilweise durch die Umwandlung von
Kavallerieverbänden entstanden. Es gab nie mehr als 22
Divisionen gleichzeitig, deren Kern jene knapp zwei Dutzend
Panzerregimenter darstellten, die zwischen 1935 und 1940
aufgestellt wurden. Im Vergleich zur Infanterie, die während
des Krieges über 400 Regimenter zählte, war die Panzertruppe
also ein kleiner und exklusiver Verein. Die meisten ihrer
höheren
Offiziere
entstammten
traditionsreichen
Reiterregimentern und kannten sich oft noch aus dem Ersten
Weltkrieg. Die schwarze Panzeruniform war gemessen an den
damaligen Verhältnissen modisch geschnitten und hob die
Panzersoldaten schon optisch hervor. Der Totenkopf am
Kragenspiegel verwies auf die Abzeichen an den ersten
Kampfwagen aus dem Ersten Weltkrieg – und im Übrigen
nicht auf die Tradition der beiden alten preußischen
Leibhusarenregimenter aus dem 18. Jahrhundert
Teil der Truppenidentität waren auch die Lieder, die seit
1935 entstanden und von denen »Ob’s stürmt oder schneit«
noch heute das bekannteste ist. Es hat eine eingängige Melodie
249
und stellt in idealisierter Form dar, wie man sich den Kampf
der im Aufbau befindlichen Panzertruppe vorstellte.313
Textzeilen, die später in der Bundeswehr für Aufregung
sorgten, wie »Für Deutschland zu sterben ist uns höchste Ehr«
oder »Dann wird uns der Panzer ein ehernes Grab«, waren in
den Dreißigerjahren nicht anstößig und wurden wohl eher als
Selbstverständlichkeiten empfunden. Schon in den Liedern des
Kaiserreichs war davon zu hören, dass der Tod im Feld der
»schönste« sei314, »ewigen Ruhm«315 verspreche, der Tod
»freudig begrüßt« werde316 und man »für des Königs Ehr«317
gerne sterbe. Letzteres war auch in der inoffiziellen
Nationalhymne des Kaiserreichs »Heil dir im Siegerkranz«
besungen worden.318 Fürs Vaterland zu sterben war »höchstes
Heldentum«319, ja »höchste Ehr«.320 Somit stand das
Panzerlied »Ob’s stürmt oder schneit« in einer längeren
Tradition, war aber auch mit der NS-Zeit kompatibel. Anders
als andere Soldatenlieder der Zeit nahm es jedoch weder auf
Hitler noch auf den Nationalsozialismus Bezug321 und konnte
so als Lied der Panzertruppe Teil einer militärisch geprägten
Kultur werden.
Die Symbolkraft von Uniformen, Waffenfarben, Liedern
und Ritualen für die Herausbildung einer tribal culture ist
nicht zu unterschätzen. Ferdinand von Senger und Etterlin, der
als junger Leutnant in der 24. Panzerdivision kämpfte, meinte
im März 1944: »Ärmelstreifen, Div. Abzeichen,
Sonderwaffenfarben, Propagandabetrieb. Das hält eine Truppe
mehr zusammen als alle Disziplin.«322 Die größte formative
Kraft hatte jedoch die soziale Praxis – also der soldatische
Alltag im Krieg wie im Frieden. Aufgrund der starken
Technisierung und der Erfahrung, erst als Speerspitze und
dann als Feuerwehr an den Brennpunkten der Front eingesetzt
zu werden, entwickelte die Panzertruppe ein Selbstverständnis,
250
das sich von der Masse der Infanterie abhob. Ihrer
herausgehobenen Rolle auf dem Schlachtfeld entsprang seit
dem Frankreichfeldzug auch eine besondere Wertschätzung in
der Öffentlichkeit. Der Panzer wurde zum Symbol für die
Technisierung des Krieges, für die Modernität und Dynamik
des deutschen Siegeszugs. In der zweiten Kriegshälfte galt er
trotz aller Niederlagen weiterhin als Symbol für die
Überlegenheit deutscher Technik. Panzergeneräle wie Erwin
Rommel oder Heinz Guderian waren 1940/41 die wohl
populärsten Soldaten des Heeres. In späteren Jahren stellte die
Propaganda dann eher den anonymen Panzermann heraus.323
Gleichwohl erreichten erfolgreiche Panzerkommandanten nie
einen so hohen Bekanntheitsgrad wie Jagdflieger oder U-BootKommandanten, deren mediale Inszenierung schon 1940 einen
ersten Höhepunkt erreichte. Panzermänner wie Michael
Wittmann, Kurt Knispel, Otto Carius oder Hans Strippel
ragten aus der Masse der hochdekorierten jungen
Wehrmachtsoldaten nicht heraus. Einzig Wittmann war einmal
in der Wochenschau zu sehen, kurz bevor er im August 1944
in der Normandie fiel. Seine Popularität war aber ein Produkt
der Nachkriegszeit – worauf noch zurückzukommen sein wird.
Die Fallschirmjägertruppe hatte keinen Vorläufer im Ersten
Weltkrieg. Die Sowjetunion stellte als erstes Land überhaupt
1930 Luftlandetruppen auf, Deutschland folgte 1936. In
Stendal wurden Fallschirmjägereinheiten unter der Ägide der
Luftwaffe gebildet. Die Soldaten wurden aus der preußischen
Landespolizei überstellt, weitere 1200 Mann kamen aus der
SA-Standarte »Feldherrnhalle«, die Wachaufgaben für Partei
und Staat erfüllt hatte und ebenfalls unter Görings Kommando
stand.324 Der erste Kommandeur war Bruno Bräuer. Er hatte
im
Ersten
Weltkrieg
als
Unteroffizier
und
Offiziersstellvertreter gekämpft und war 1920 zur Polizei
251
gewechselt. Die Stendaler Keimzelle hatte somit keinen
genuin militärischen Hintergrund. Das Braunschweiger
Fallschirmjägerbataillon bestand hingegen aus Freiwilligen
des Heeres. Sein erster Kommandeur war Richard Heidrich,
der als sächsischer Infanterieoffizier seit 1914 eine Laufbahn
in der Truppe absolviert hatte und 1919 in die Reichswehr
übernommen worden war. Später war er Taktiklehrer an der
Infanterieschule in Dresden. Heidrich hatte das infanteristische
Handwerk von der Pike auf gelernt und formte in diesem Geist
seine Einheit. 1938 wurden die Braunschweiger und Stendaler
Fallschirmjägerverbände in der 7. Fliegerdivision der
Luftwaffe zusammengefasst. Deren Kommandeur Kurt
Student hatte ebenso wenig Erfahrung mit Landstreitkräften
wie sein Stabschef Heinz Trettner, der in der Bundeswehr bis
zum Generalinspekteur aufstieg.325
Wie schon die Panzertruppe, bekamen auch die
Fallschirmjäger eine eigene Uniform und spezielle Stahlhelme,
die sie schon optisch von anderen Soldaten abhoben. 1936
stiftete Göring das Fallschirmschützenabzeichen, das nach
bestandenem Springerlehrgang verliehen wurde. Damit wurde
schon früh ein sichtbares Zeichen geschaffen, wer die
besonderen Herausforderungen der neuen Truppengattung
gemeistert hatte und wer nicht. Nachdem sich der neue
Verband etabliert hatte, wurden 1938 auch die passenden
Lieder komponiert. »Rot scheint die Sonne« war das
bekannteste, die jungen Fallschirmjäger lernten es spätestens
auf der Springerschule in Stendal.326 Die Popularität des
Liedes rührte aus der zeitgemäßen Beschwörung des
Sprungeinsatzes, des besonderen Mutes und der
Opferbereitschaft. So hieß es in der dritten Strophe: »Klein
unser Häuflein, wild unser Blut/wir fürchten den Feind nicht
und auch nicht den Tod/Wir wissen nur eines, wenn
252
Deutschland in Not/zu kämpfen, zu siegen, zu sterben den
Tod.« Da es eine eigene Tradition noch nicht gab, führte das
Braunschweiger Fallschirm-Infanteriebataillon die Tradition
des Sturmbataillons Nr. 7 der kaiserlichen Armee weiter.
Dieser symbolische Akt war Ausdruck des Wunsches, in der
neuen Truppe einen besonders kämpferischen und elitären
Habitus herauszubilden. In der Praxis spielte diese allzu
konstruierte Verbindung aber keine nennenswerte Rolle.327
Anfangs sah es nicht so aus, als ob die kleine
Fallschirmjägertruppe den Ansprüchen einer Elitetruppe
gerecht werden könnte. Im Polenfeldzug gab es keinen
Sprungeinsatz. Auf Drängen General Students wurden die
Männer hastig und verstreut als Infanterie eingesetzt. Der
Einsatz des III./Fallschirmjägerregiments 1 verlief dabei wenig
vielversprechend. Bei einem Sicherungseinsatz in der Nähe
von Radom kämpfte es reichlich »unkriegsmäßig« gegen
versprengte polnische Einheiten. Zwei der Kompanien wurden
überrannt, die Soldaten liefen panikartig auseinander und
warfen ihre Waffen weg. General Wolfram von Richthofen
notierte in sein Tagebuch: »Die Fallschirmer machen einen
sehr schlechten Eindruck. Sie klauen und plündern alles und
sind sehr undiszipliniert.«328
Die Enttäuschung über die Einsätze als Sicherungstruppe
war bei den Soldaten groß. Einige ließen sich zur Infanterie
versetzen, die Zahl der Freiwilligen nahm deutlich ab. Im
Norwegen- und im Westfeldzug kam es dann zu den ersten
Sprungeinsätzen. Trotz mancher Rückschläge329 spielten die
Verbände bei der Besetzung Skandinaviens und vor allem der
Niederlande eine zentrale Rolle. Besonders spektakulär war
die Ausschaltung des belgischen Sperrforts Eben Emael durch
82 Fallschirmpioniere. Die Operation gilt bis heute als
Prototyp eines Kommandounternehmens; sie wurde von der
253
NS-Propaganda groß herausgestellt und auch in der
Bundeswehr bis weit in die Neunzigerjahre als beispielhaft
gefeiert. Mit diesen Einsätzen hatten sich die Fallschirmjäger
in Militär und Gesellschaft als neue Waffengattung etabliert.
Die Verbände wurden in der Folge zahlenmäßig erweitert, und
im Herbst 1940 wurde die erste vollwertige Division
aufgestellt. Die Eroberung der Insel Kreta im Mai 1941 verlief
aufgrund falscher Planung allerdings nicht wie vorgesehen.330
Die Fallschirmjäger sprangen in einen abwehrbereiten Feind
und erlitten horrende Verluste. Das Grundproblem war, dass
die Alliierten unter- und die eigenen Erfolge des Jahres 1940
überschätzt worden waren. So fehlte es »aufgrund eines
selbstverschuldeten
Blödsinns«331
an
einer
klaren
Schwerpunktsetzung. Nur mit Glück gelang es, die Verteidiger
am Flughafen Maleme im Westen der Insel zu überwältigen,
Gebirgsjäger einzufliegen und Kreta dann rasch zu besetzen.
Im Einsatz zeigten sich teilweise deutliche Unterschiede
zwischen den aus dem Polizeidienst und den aus dem Heer
hervorgegangenen Offizieren. Erstere waren mit der
schwierigen Situation oftmals heillos überfordert und hatten
ihre Truppe nicht ausreichend ausgebildet.332
Die Verluste von Kreta lasteten schwer auf dem gerade erst
erworbenen Nimbus der Fallschirmjägertruppe. Während nach
außen der »Sieg der Kühnsten«333 gefeiert wurde, war man
sich intern sehr wohl darüber im Klaren, was alles
schiefgelaufen war. So wurde vor allem die Ausbildung
deutlich verbessert, und nach dem Vorbild des Heeres wurden
1942 für die Erdkampfverbände der Luftwaffe Schulen für
Unteroffiziere und Offiziere eingeführt. Die mittlerweile
gewonnene Kampferfahrung trug dazu bei, die Grenzen der
Stendaler und Braunschweiger sub-tribes zu verwischen. Die
bis Anfang 1944 aufgestellten vier Fallschirmjägerdivisionen
254
gehörten zu den kampfstärksten infanteristischen Verbänden
der Wehrmacht. Sie zeichneten sich durch eine besonders hohe
Kampfmoral aus, galten als »famose«334 und »kühne«335
Soldaten. Die Verteidigung von Monte Cassino von März bis
Mai 1944 ist das bekannteste, freilich auch mythisch verklärte
Beispiel ihres Könnens. Es gab aber auch andere Einsätze, in
denen sich die Truppe besonders auszeichnete, etwa beim
Kampf der 3. Fallschirmjägerdivision in der Normandie im
Sommer 1944.
Der Führung der Fallschirmjägertruppe um Kurt Student
war es seit 1940 zweifellos gelungen, den Habitus einer Elite
zu schaffen, der von den Soldaten in hohem Maße als
Verpflichtung angenommen wurde. Das wird auch dadurch
belegt,
dass
die
Truppe
überproportional
viele
Tapferkeitsauszeichnungen erhielt.336 Die »Zehn Gebote des
Fallschirmjägers«337 stellten heraus, dass die Männer
Auserwählte der deutschen Armee seien und die Verkörperung
des deutschen Kriegers zu sein hätten. Ihre Aufgabe sei es, den
Kampf zu suchen; die Schlacht sei ihre Erfüllung. Der
Normenkatalog übernahm auch Hitlers Forderung an die
Jugend von 1935, »behende wie ein Windhund, so zäh wie
Leder, so hart wie Kruppstahl« zu sein. Die 1934 von
Hindenburg und Blomberg erlassenen »Pflichten des
deutschen Soldaten« wurden damit für die Fallschirmjäger
noch einmal erheblich verschärft. Und während in den »10
Geboten für die Kriegsführung des deutschen Soldaten« noch
vermerkt war, dass kein Gegner getötet werden dürfe, der sich
ergibt, explizit auch kein Freischärler, hieß es in den
Fallschirmjäger-Geboten, dass »gegen einen Partisanen kein
Pardon« zu gewähren sei.
Die »Zehn Gebote des Fallschirmjägers« sind ein beredeter
Beleg, wie die NS-Ideologie mit ihrer Überhöhung des
255
Kampfes als Wert an sich Einzug in die Truppe hielt. Die
Fallschirmjäger
waren
dafür
zweifellos
besonders
empfänglich, weil solche Richtlinien ihren elitären Status
festigten und zugleich dem Referenzrahmen der NSGesellschaft entsprachen. Die meisten Fallschirmjägeroffiziere
der ersten Stunde, die im Verlauf des Krieges in hohe
Kommandopositionen
aufrückten,
waren
überzeugte
Nationalsozialisten – nicht nur die vielen, die aus der
Landespolizei kamen, sondern auch jene, die sich aus dem
Heer freiwillig gemeldet hatten. Richard Heidrich und
Bernhard Ramcke sind hier nur die prominentesten Beispiele.
Zweifellos gelang es ihnen, die Kultur der Truppe nachhaltig
zu beeinflussen.338 In zahllosen Befehlen wurden
Opferbereitschaft, gläubiger Fanatismus und treue Ergebenheit
zum Führer eingefordert. Die eigene Überlegenheit ergab sich
für Männer wie Heidrich auch daraus, dass er die
Westalliierten für weniger opferbereit hielt; sie seien auf Dauer
schweren Verlusten nicht gewachsen.339 Gewiss entsprach
nicht jeder Soldat dem vorgegebenen Ideal. Die heimlich
abgehörten Gespräche von in Kriegsgefangenschaft geratenen
Fallschirmjägern weisen aber darauf hin, dass die
Ideologisierung dieser Truppe deutlich über derjenigen des
Heeres lag, aber unter derjenigen der Waffen-SS.340
Dass die Fallschirmjäger oftmals unter schwierigsten
Bedingungen besonders tapfer und buchstäblich bis zur letzten
Patrone kämpften, hatte aber auch andere Ursachen.
Ausrüstung, Ausbildung, die körperliche Fitness der im
Schnitt sehr jungen Soldaten, die Erfahrung ihrer Führer und
Unterführer gehörten ebenso dazu wie der verinnerlichte
Korpsgeist und die Verehrung ihrer Generäle als Vaterfiguren.
Und noch etwas kennzeichnete die tribal culture der
Fallschirmjäger: ihre Stilisierung als Rabauken, die sich durch
256
»wilde Kampfeslust«341 auszeichneten und hinter der Front
oder in der Heimat gerne über die Stränge schlugen. Heinz
Jurascheck wusste schon aus dem Jahr 1940 von handfesten
Prügeleien zwischen Fallschirmjägern, den wegen ihrer
weißen Kragenspiegel »weiße Mäuse« genannten Soldaten
vom Regiment »Hermann Göring« und der SS zu berichten.
So ging manche Kneipe zu Bruch.342 Diesen Habitus bewahrte
sich die Truppe den gesamten Krieg über. Die Fallschirmjäger
seien »eine verwilderte Truppe«, schilderte etwa Oberst
Hermann Keßler seine Erfahrungen in der Normandie 1944,
»die sich alles erlauben können, weil jedwede Verfehlung
gedeckt wird – wie bei der SS. [Sie] haben sich benommen
wie die Schweine. Hinten in Avranches haben die die Tresore
der Juweliere mit Hafthohlladungen gesprengt.«343 Schon in
Italien war es zu zahlreichen Fällen von Plünderungen, Raub
und sogar Mord gekommen, sodass Albert Kesselring nach
dem Krieg davon sprach, die Fallschirmjägerdivisionen
würden einer »abweichenden Art von Kriegführung«
zuneigen.344
Die am klarsten konturierte tribal culture der Landstreitkräfte
hatte sicherlich die Waffen-SS. Sie gehörte organisatorisch
nicht zur Wehrmacht und war schon deshalb um einen
besonderen Habitus bemüht. Zwar gab es im Verlauf des
Krieges Annäherungen, doch Himmler wurde nicht müde, ein
eigenes Wertesystem seiner Truppe zu beschwören, in
welchem unbedingte Treue, fanatischer Kampfeswille und
grenzenlose Opferbereitschaft eine zentrale Rolle spielten.
Spezielle Uniformen, eigene Dienstränge, Abzeichen,
Ärmelbänder und Lieder untermauerten diese eigene Kultur,
die zumindest in den Kerndivisionen bis zum Kriegsende
erhalten blieb. Schon früh stand die Waffen-SS in einem
lebhaften Konkurrenzverhältnis zur Wehrmacht.345 Als
257
Reaktion auf die erstarkenden SS-Truppen bauten Heer und
Luftwaffe
dann
1942
mit
den
Divisionen
»Großdeutschland«346 und »Hermann Göring«347 eigene
Sonderverbände auf, die der SS-»Leibstandarte Adolf Hitler«
Konkurrenz machen sollten. Für die Wehrmacht war
zweifellos besonders frustrierend, dass es der Waffen-SS
zunehmend gelang, sich in der Öffentlichkeit als die
maßgebliche Kraft des Landkriegs zu präsentieren. Mit ihren
Artikeln, Bildern und Radiobeiträgen verhalfen die SSPropagandakompanien
der
Waffen-SS
zu
einer
überproportionalen Präsenz in den Medien. So wurden 1943
mehr als 40 Prozent der Zeitungsberichterstattung über die
Ostfront von der Waffen-SS dominiert, obgleich sie zu diesem
Zeitpunkt nur fünf von 120 Divisionen stellte.348 Dieses auch
öffentlich ausgetragene Konkurrenzverhältnis führte an der
Front nicht nur zu kritischen Bemerkungen in
Erfahrungsberichten und Kriegstagebüchern. Zuweilen ging es
auch handfest zu. Als General Hermann Balck im Januar 1944
eine Abordnung von 200 Soldaten der 7. Panzerdivision und
der 1. SS-Panzerdivision »Leibstandarte Adolf Hitler« für
zwei Tage in sein Hauptquartier einlud, wollten die Männer
die Frage, wer die bessere Division sei, kurzerhand mit den
Fäusten klären.349
Schon während des Krieges war vonseiten des Heeres
häufig der Vorwurf zu hören, dass die Waffen-SS dilettantisch
geführt werde, darum sehr hohe Verluste erleide und ihre
Erfolge vor allem ihrer bevorzugten Ausrüstung verdanke. Die
Forschung hat diese Vorwürfe mittlerweile weitgehend
entkräftet. So waren die Verluste nicht signifikant höher als die
des Heeres. Zwar gab es durchaus SS-Divisionen, die
bevorzugt ausgerüstet wurden, das traf aber auch auf einzelne
Einheiten des Heeres und der Luftwaffe zu. Mit der
258
militärischen Professionalität verhielt es sich wohl so wie
beim Heer: Mit zunehmender Kriegserfahrung lernte man
dazu, bis schließlich die Verluste die Qualität der Truppe
massiv absenkten. Die SS-Verbände waren gewiss nicht die
strahlende Elite, als die sie die Propaganda stilisierte, aber
auch nicht die Dilettantentruppe, als die sie in mancher
Heeresakte erschienen.350 Der signifikanteste Unterschied war
wohl, dass SS-Einheiten auch noch in aussichtsloser Lage
weiterkämpften und sich opferten, während die Heeressoldaten
in der Regel irgendwann den Kampf aufgaben.351 Die deutlich
höhere Ideologisierung der Waffen-SS352 ging auch einher mit
einer signifikant höheren Gewaltbereitschaft.353
Menschenführung
Die Loyalität der Soldaten zur Wehrmacht wurde durch eine
ganze Reihe von Maßnahmen besonders gefördert. Zu nennen
sind etwa der regelmäßige Postverkehr, Urlaub und eine gut
ausgebaute Wehrbetreuung bis hin zu Bordellen.354 Für die
Akzeptanz der Institution Wehrmacht war ebenso bedeutend,
dass der soldatische Alltag im Krieg kaum von stupidem
Formaldienst und Kasernenhofdrill, sondern vom Kampf und
von seiner Vorbereitung geprägt war. Das führte etwa dazu,
dass in mancher Division praktisch kein Soldat mehr einen
Präsentiergriff beherrschte, da die Zeit für Wichtigeres genutzt
wurde. Hermann Hoth befahl nach dem Polenfeldzug, für den
Exerzierdienst nicht übermäßig viel Zeit zu verwenden.355
Walther von Brauchitsch verbot das Strafexerzieren schon im
Juli 1940 generell.356 Es komme nicht mehr darauf an, den
Paradesoldaten
auszubilden,
sondern
allenfalls
der
Manneszucht zu genügen und ansonsten den Schwerpunkt auf
die Handhabung der Waffen zu legen. Gefechtsdrill bedeute
nicht, »Exerzierkünsteleien« ins Gelände zu verpflanzen oder
259
den gesunden Menschenverstand totzuschlagen, stellte das
OKH im Januar 1944 fest.357
Solche Bemerkungen lassen darauf schließen, dass die
Wehrmacht – wie die deutschen Armeen vor 1934 auch –
Schikanen nicht hat verhindern können, obwohl diese in
zahllosen Memoranden angeprangert und immer wieder
Verständnis und Aufgeschlossenheit gegenüber den
anvertrauten Männern gefordert wurden.358 Doch der aus dem
Boden gestampften Wehrmacht fehlten die gut ausgebildeten
und menschlich reifen Unteroffiziere. Gerade im Ersatzheer
auf dem heimatlichen Kasernenhof kam es daher häufig zu
Schikanen aller Art, vor allem, wie schon im Kaiserreich,
während der Grundausbildung.359 An der Front ging es anders
zu, und auch hier bemühte sich die Wehrmachtführung, die
Misshandlung Untergebener zu bestrafen. Die Feldgerichte
verurteilten etliche Missetäter zu Gefängnis und
Rangverlust.360 So erging es etwa einem Batterieführer, der im
April 1942 in Russland seine Kanoniere wegen geringfügiger
Vergehen mit drei Stunden Strafexerzieren belegte und sie
dabei so schikanierte, dass sich ein Soldat daraufhin
erschoss.361 Solche Urteile wurden selbst noch kurz vor
Kriegsende erlassen, als sich die Wehrmacht mit Aufrufen
zum fanatischen Endkampf geradezu überschlug.362 Sie
wurden jedoch in den allermeisten Fällen für die Zeit des
Krieges ausgesetzt, weil jeder Mann an der Front gebraucht
wurde. Viele Fälle von Schikanen dürften aber wohl gar nicht
gemeldet worden sein.363
Dennoch: Demütigung und Schikane waren gewiss nicht
die primäre soziale Erfahrung der Landser. Eine effiziente
Kampfgemeinschaft braucht die Loyalität der Untergebenen zu
ihren Führern. Sie lässt sich nicht auf Schikane aufbauen. In
den oftmals chaotischen Kämpfen wäre es für die Soldaten ein
260
Leichtes gewesen, die Befehle eines unliebsamen Offiziers zu
ignorieren, gar ihn zu töten. Solche Fälle kamen vor, blieben
aber Episode. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft gaben
bei einer Umfrage knapp drei Viertel der Soldaten an, dass sie
mit der Behandlung durch ihre Vorgesetzten zufrieden waren.
Etwa zwei Drittel beurteilten die Qualität der Truppenoffiziere
als gut, Unteroffiziere und Feldwebel erhielten sogar
Zustimmungswerte von über 75 Prozent.364 Manch ruppiger
Führungsstil wurde also toleriert, weil er sich kaum von dem
unterschieden haben dürfte, was die Männer aus ihrer
Arbeitswelt kannten. Dies galt auch für das paternalistische
Führungsverständnis der Offiziere, das in der Praxis sehr
unterschiedliche Formen annehmen konnte. Es gab solche, die
von höheren Stellen dafür gerüffelt wurden, dass sie zu viel
von ihrer Truppe verlangten – etwa Hermann Balck365 –,
während anderen vorgeworfen wurde, ihren Männern zu viel
Freiheiten zu lassen.
Die Wehrmacht legte viel Wert auf die Auswahl der
Truppenoffiziere und zögerte nicht mit einer Ablösung, wenn
diese gerade in Krisen die Nerven verloren366 oder keine
vorbildlichen, tapferen Führer waren, die das Vertrauen ihrer
Männer besaßen. Dass ein Vorgesetzter Strenge und Fürsorge
gleichermaßen beweisen musste, galt als selbstverständlich.
Ebenso, dass es eine Distanz zwischen Offizieren auf der
einen, Unteroffizieren und Mannschaften auf der anderen Seite
gab. Dennoch nahmen Mannschaftsdienstgrade zumindest die
Subalternoffiziere durchaus als Kameraden wahr, und an der
emotionalen Bindung vieler höherer Offiziere zu ihrem
Verband und den ihnen unterstellten Männern kann kein
Zweifel bestehen. Oberstleutnant Heinrich Eberbach war das
von ihm aufgestellte Panzerregiment 35 so sehr ans Herz
gewachsen, dass er nur äußerst ungern der Kommandierung
261
zur nächsthöheren Aufgabe folgte. Im Juli 1941 schrieb er an
seine Frau: »Und das Reg, unser Reg jetzt hergeben – Du
weißt, wie ich mit ihm verwachsen bin. Es ist ja wie ein Kind
von mir und einfach unglaublich schwer, nun das alles im
Stich zu lassen.« Die neue Einheit sei ja schön und gut. »Aber
es ist nicht mein Fleisch und Blut, sind nicht meine Offiziere
und nicht meine Gefallenen.«367 Für ihn war der Aufbau
seines Bamberger Regiments das schönste Ereignis seiner
Militärzeit. Die alten Freundschaften im Offizierkorps und die
Anerkennung seiner Soldaten sollten ihn bis ins hohe Alter
begleiten.368
An der Front stellte sich zudem rasch ein von
Pragmatismus geprägtes System ein, das mit den strengen
Friedensvorschriften meist nur noch wenig zu tun hatte. Die
Männer nutzten die Freiräume geschickt aus und passten sich
manchen Lebensgewohnheiten vor Ort an. Bereits im
Spanischen Bürgerkrieg hatte sich das Phänomen der
»Verbuschung«, der kulturellen Assimilation gezeigt, und die
dort eingesetzten Soldaten fanden sich nur schwer wieder in
den heimatlichen Kasernenhof-Verhältnissen zurecht.369
Gewiss war die Bandbreite groß, und es hing sehr von den
jeweiligen Offizieren ab, welche Art von Formalismus sie an
der Front noch aufrechterhielten. Wie schnell sich außerhalb
der eigenen Garnison die Disziplin lockerte, konnte Heinrich
Eberbach schon im August 1939 beobachten. Er lag mit
seinem Regiment seit Wochen in Oberschlesien in Bereitschaft
und wartete auf den Angriffsbefehl auf Polen. »Dieses
Herumliegen ist Gift«, notierte er am 30. August.
»Betrunkene, Wilddieberei, Leichtsinnigkeiten sind die
Folge.«370 Nach dem Polenfeldzug rügte der Oberbefehlshaber
des Heeres die nachlassende Disziplin, das Hinwegsehen über
Gesetz und Befehl. Mit der Tapferkeit allein sei es gerade für
262
den Offizier nicht getan, auch im täglichen Leben müsse er
allen Anfechtungen widerstehen. Vor allem gelte es, die Sitte
des Trinkens nicht wieder einreißen zu lassen.371
Die Wirkung solcher Appelle blieb begrenzt.
Zechgelage372, Trinkzwang373, ein ungehemmter Umgang mit
Frauen in den besetzten Gebieten bis hin zu
Vergewaltigungen374 blieben ständige Begleiter der Truppen.
Der Oberbefehlshaber des Heeres empörte sich bald darüber,
dass mit Prostituierten Orgien gefeiert worden seien und dass
Geschlechtskrankheiten gerade in Frankreich zu einem ernsten
Problem
für
die
Einsatzbereitschaft
etwa
von
Marineverbänden geworden waren.375 Das Einkaufen in
jüdischen Geschäften oder der Umgang mit Juden wurden
ebenfalls scharf gerügt.376 In der Sowjetunion beklagte sich
die 9. Armee schon nach drei Wochen über die vielen wilden
Plünderungen.377 Die Männer tauchten in eine Welt ein, die
mit den geordneten Verhältnissen in Deutschland immer
weniger zu tun hatte. »Mit jeder Woche rückt die Heimat
ferner und werden die Erinnerungen an zu Hause schwächer.
Der Dreck, der Schlamm, die schlechten Wege, alles sind wir
gewohnt, und damit ist alles selbstverständlich. Immer seltener
schweifen die Gedanken nach Deutschland. Immer weniger
beschäftigt man sich mit Urlaub, dem Kriegsende und anderen
Wunschgebilden. Man muß ganz in der rauen Wirklichkeit
bleiben, wenn man dem Krieg treu bleiben will«, schrieb
Herbert Zetzsche im Oktober 1941 in sein Tagebuch.378
Der »Osttroupier« war bald schon an seinem Äußeren zu
erkennen. Oberst von Lüttwitz fiel selbst auf, in welch
»schäbiger Kleidung« er als Regimentskommandeur
herumlief. Als im Februar 1942, mitten in der schlimmsten
Krise, Generalmajor Hans-Georg von Zanthier als
Befehlshaber einer Feldkommandantur wie aus dem Ei gepellt
263
»im nagelneuen Generalsrock« bei ihm im Gefechtsstand
erschien, meinte Lüttwitz nur, dass er sich in diesem Aufzug
nicht in der vordersten Linie blicken lassen dürfe.379 Etliche
Generäle waren mit den lockeren Sitten und Gebräuchen der
Truppe
weniger
nachsichtig
als
Lüttwitz.
Dem
Oberbefehlshaber der 4. Armee, Gotthard Heinrici, missfiel im
November 1943, dass seine Soldaten mit offenen Mänteln,
offenen Kragen, bunten Tüchern, ohne Koppel und Waffen
umherliefen. Russinnen würden in den Fahrerhäusern sitzen,
Soldaten sich nachts verbotenerweise in den Häusern der
Einheimischen aufhalten und auf Märkten Marketenderwaren
und andere Gegenstände verschachern.380
Bei der 320. Infanteriedivision am Südabschnitt der
Ostfront waren im April 1944 kurz hinter der Front die
Verhältnisse zum Leidwesen des Divisionskommandeurs noch
schlimmer: »Soweit überhaupt noch Ehrbezeigungen gemacht
werden, wird hierzu oft kaum die Pfeife aus dem Mund
genommen oder gar aufrechte Haltung eingenommen. Häufig
besteht die einzige Notiz, die ein Soldat von seinem
Vorgesetzten nimmt, darin, daß er ihn mit den Händen in der
Manteltasche und offenem Rock und Mantel dumm anglotzt.
[…] An den Straßenrändern ziehen einzelne Soldaten in
kleinen Trupps oder ungeordneten Haufen entlang. Einige
schleichen an Krückstöcken wie 80jährige Panjes, andere
tragen eine zigeunerhaft verwahrloste Uniform. Manche tragen
ihr Gewehr mit der Mündung nach unten, wie es allgemein nur
vom November 1918 her in übelster Erinnerung geblieben
ist.«381 Freilich kommandierte Generalleutnant Fritz Becker
die kampferprobte Division schon seit September 1942, und
doch war es ihm nicht gelungen, die Auswüchse der
Truppenkultur
abzustellen.
Die
Regimentsund
Bataillonskommandeure duldeten solches Verhalten offenbar.
264
Das Laissez-faire war sicherlich im Hinterland ausgeprägter,
aber durchaus auch bei der Fronttruppe zu beobachten. Gerade
die jungen Soldaten wollten sich durch eine betont lässige
Haltung den alten Veteranen im Habitus anpassen.382 Und
offensichtlich lockerten sich auch bei den Offizieren die
Sitten. »Der Führer der 3. Kp. – Leutnant, in Zivil Förster –
zieht während einer dienstlichen Unterredung einen Dolch aus
der Hosentasche und treibt Manicüre!«, hielt sein neuer
Bataillonskommandeur Theodor Habicht entsetzt in seinem
Tagebuch fest. Er stellte derlei Ungeheuerlichkeiten sofort ab
und erwies sich als ein geradezu ordnungsfanatischer Offizier.
Sein Vorgänger hatte legerere Umgangsformen toleriert.383
Der überwiegend pragmatische Umgang mit der formalen
Disziplin war ein wichtiger Puzzlestein in der Ausbildung
einer stabilen vertikalen Kohäsion. Die Soldaten vertrauten
ihren Offizieren, weil diese sie zumeist nicht schikanierten und
weil für alle dieselben Regeln der Frontgemeinschaft galten.
Hass auf Offiziere, wie es ihn teilweise im Ersten Weltkrieg
gegeben hatte, war in der Wehrmacht äußerst selten zu
beobachten.
Primärgruppen
Die Kohäsion der Primärgruppen, also der kleinen
Kampfgemeinschaften der Kompanien, Züge und Gruppen,
war für die Durchhaltefähigkeit der Wehrmacht von zentraler
Bedeutung.384 Daher bemühte man sich, durch eine möglichst
einheitliche landsmannschaftliche Zusammensetzung der
Verbände und die Zuführung von genesenen Verwundeten zu
ihren alten Einheiten diese Primärgruppen möglichst intakt zu
halten. Das gelang nicht immer und wurde gerade in
Krisenzeiten bei der Aufstellung von Alarmverbänden oder bei
Neuaufstellungen missachtet. Doch wie Christoph Rass
gezeigt hat, gelang es der Wehrmacht trotz hoher Verluste bis
265
Herbst 1944, den Zusammenhalt der Primärgruppen
weitgehend aufrechtzuerhalten. Jede Kompanie scharte sich
um eine Kerngruppe erfahrener Obergefreiter und
Unteroffiziere, die zumeist schon Jahre bei den Männern
waren, den Ersatz in die Gruppe einführten, den Neuen in den
schwersten Stunden des Kampfes sagten, was sie zu tun
hatten.385
Die Primärgruppen waren sozialer Zufluchtsort und
Familienersatz, boten Geselligkeit und Geborgenheit. In
diesem Rahmen spielte sich Kameradschaft ab, stand man sich
bei und half einander, den Krieg zu überstehen. Politische
Fragen und NS-Ideologie spielten auf dieser Ebene kaum eine
Rolle. Die abgehörten Gespräche deutscher Gefangener
zeigen, dass gegenseitige Sympathie, Einsatz für die
Gemeinschaft und militärische Kompetenz die »Währungen«
der Primärgruppen waren. Das bedeutete zugleich, dass sie
dysfunktional wurden, wenn sich die meist zufällig
zusammengewürfelten Männer nicht vertrugen, es Egoismen
gab oder Gruppenmitglieder ihre militärische Aufgabe nicht
erfüllten. Die kleinen Kampfgemeinschaften waren immer
auch von Gruppendruck, sozialer Kontrolle, von Zank, Streit
und Cliquenbildung geprägt. Kameradschaft war durchaus
eine Medaille mit zwei Seiten.386 Gewiss sollte man nicht
späteren Verklärungen aufsitzen, aber der emotionale Bezug
der Soldaten zu ihrem »Haufen« ist in den Quellen vielfach
belegt. So auch bei Willy Peter Reese, der froh war, nach einer
Verwundung »endlich wieder bei meiner alten Kp.« zu sein.387
Im Überlebenskampf an der Front gaben sie ihm Halt:
»Gestern waren heftige Gefechte und vom Trommelfeuer
haben wir unseren Teil abbekommen. Ich habe sehr gute
Kameraden und bin ruhig.«388
266
Wenngleich die innere Struktur der Wehrmacht aufgrund
ihrer hohen vertikalen und horizontalen Kohäsion
außerordentlich widerstandsfähig war, stieß auch diese
Belastbarkeit durch die enormen Verluste, die Rückzüge und
Niederlagen an ihre Grenzen. Die für die Wehrmacht so
typische landsmannschaftliche Rekrutierung der Divisionen
ließ sich vielfach nicht mehr aufrechterhalten; ebenso brachen
die solide Ausbildung und Qualifizierung zusammen. Dieser
Verfall des sozialen Gerüsts geschah nicht über Nacht. Es gab
neben Krisen auch Erholungsphasen, aber seit Herbst 1943
wies der Gesamttrend nach unten. Es ist kein Zufall, dass im
November 1943 der Nationalsozialistische Führungsoffizier
eingeführt wurde, der – ähnlich wie 1917 der vaterländische
Unterricht – durch seine Schulungsarbeit die sich
verschlechternde Moral der Truppen stabilisieren sollte, getreu
dem Motto: Ein Nationalsozialist opfert sich und gibt den
Kampf nicht verloren. Je schlechter die Kriegslage, desto
intensiver wurde die NS-Ideologie als Heilsbringer
beschworen.389 Die Truppenführer hatten sie ihren Soldaten
einzuimpfen. »Jeder Führer hat seiner Truppe vorzuleben,
vorzuglauben und, wenn es sein muß, vorzusterben«390, hieß
es in einer internen Verlautbarung vom August 1944. Noch
nachdrücklicher als zuvor wurden nun Fanatismus und Hass
auf den Feind beschworen.391 Die Wirkung solcher Appelle
blieb begrenzt, und auch der nach dem 20. Juli 1944
eingeführte Deutsche Gruß als offenes Bekenntnis zum
Nationalsozialismus war nicht jedermanns Sache.392
Spätestens seit August 1944 ließ die Bereitschaft der
einfachen Landser, sich für Führer und Vaterland totschießen
zu lassen, merklich nach. Das zeigte sich insbesondere an
ihrem mangelnden Willen anzugreifen. Hauptmann Werner
Otto bemerkte dazu am 1. Januar 1945: »Der deutsche Soldat
267
ist ja auch nicht mehr gut. Der greift ja nicht mehr an. Den
kriegen sie nicht mehr zum Angreifen. Kommt nicht aus den
Löchern raus. Steht auf, schießt und legt sich wieder hin […]
Die haben derartig die Schnauze voll. Er verteidigt noch, das
ist alles. Er greift nicht an. Es ist nicht so, dass er Befehle
verweigert, aber er geht vor, bleibt dann liegen, er will einfach
nicht mehr.«393 General Edwin von Rothkirch und Trach
nannte dieses Verhalten im März 1945 einen »stummen
Streik« der Soldaten394, während sich andere Generäle über
das »feige Zurückgehen«, über Selbstverstümmelungen oder
die ständig steigende Zahl von Gefangennahmen empörten.395
Es blieb nicht bei Unmutsäußerungen und Appellen; im
letzten Kriegsjahr stieg die Gewalt gegen die eigenen Soldaten
exponentiell an. Vermeintliche Feiglinge waren nun quasi
vogelfrei.396 Es gab Generäle wie Ferdinand Schörner, der
zahllose kampfunwillige Soldaten kurzerhand aufhängen ließ,
oder Hermann Balck, der nun das tat, was man seiner Ansicht
nach im September 1918 versäumt hatte: gegen alle, die nicht
kämpfen wollten, mit schärfsten Mitteln einzuschreiten.397
Schon
im
November
1944
hatte
er
einen
Artilleriekommandeur kurzerhand erschießen lassen, weil
dieser betrunken in seinem Gefechtsstand aufgefunden worden
war. Und noch im April 1945 ließ er an der österreichischungarischen
Grenze
hart
gegen
»Drückeberger«
durchgreifen.398 Im Chaos des Rückzugs sollte die Ordnung
bewahrt, sollte vor allem bis zur letzten Patrone gekämpft
werden.
An der Ostfront führten die Angst vor sowjetischer
Gefangenschaft und die Fanatisierung der Offiziere vielfach
zur Kapitulationsverweigerung. So befahl SS-General Karl
Pfeffer-Wildenbruch am Ende der Kämpfe um Budapest den
überlebenden Soldaten am 11. Februar 1945 den Ausbruch.
268
Von 20 000 Mann kamen 18 000 in einem infernalischen
Gemetzel binnen Stunden zu Tode.399 Pfeffer-Wildenbruch
zog es vor, sich einen Tag später den sowjetischen Truppen zu
ergeben.400 Derlei Verhalten gab es an der Westfront nicht.
Wenngleich manche Stadt zäh verteidigt wurde, gab es hier
einige wenige Offiziere wie Oberst Wilhelm Zierenberg oder
Generalmajor
Friedrich
Stemmermann,
die
als
Kampfkommandanten
von
Wiesbaden
respektive
Frankfurt/Main ihre Spielräume so ausnutzten, dass
amerikanische Truppen beide Städte beinahe kampflos
besetzen konnten.401 Sie wandelten dabei auf einem schmalen
Grat: Wagten sie sich zu früh aus der Deckung, drohte die
Todesstrafe.402 Kämpften sie bis zur letzten Patrone, drohte
der Tod an der Front. Gewiss spielte das eigene Überleben als
Motiv ihres Handelns eine entscheidende Rolle. Doch
zumindest bei den Offizieren, die nicht aus der Kampftruppe
kamen
oder
dem
Nationalsozialismus
reserviert
gegenüberstanden, gab der Wunsch, kaum ausgebildete
Soldaten nicht sinnlos zu opfern oder die Zerstörung von
Städten kurz vor Kriegsende zu vermeiden, den Ausschlag.
Für die meisten Stabsoffiziere stand jedoch außer Frage, dass
man als Soldat den Kampf auch in auswegloser Lage nicht
verweigern durfte und die Schlacht zumindest annehmen
musste. Als Generalleutnant Hans Schaefer im Dezember
1944 in der Gefangenschaft von Mitarbeitern des USGeheimdienstes gefragt wurde, warum die Wehrmacht den
hoffnungslosen Kampf nicht aufgeben würde, antwortete er:
»Ich würde lieber heute als morgen Frieden haben, aber Sie
können doch einen Offizier nicht dazu bringen, dass er einfach
sagt, wir verabreden mit den Amerikanern: ›Ihr greift an, wir
schießen nicht‹.«403
Verbrechen
269
Polen: Ouvertüre zum Vernichtungskrieg
Die von der Wehrmacht in Polen begangenen Verbrechen
lassen eine spezifische Gewaltkultur erkennen, die von vier
miteinander verflochtenen Einflussfaktoren geformt wurde.
Als Erstes ist hier der Referenzrahmen des NS-Staates zu
nennen. Als Hitler im März 1939 den Befehl gab, den Angriff
auf Polen vorzubereiten, ließ er keinen Zweifel daran, dass
dort ein radikaler Krieg zu führen war, der das Land als
Machtfaktor ausschalten sollte.404 Bei den Planungen blieb
zwar noch viel im Ungefähren, aber nicht zuletzt die
Aufstellung von Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes der
SS und die Betonung des »Volkstumskampfes« deuteten das
Kommende bereits an. Der größte Verbrechenskomplex waren
dann auch die Morde der fünf Einsatzgruppen, die der
Wehrmacht unterstellt waren. Sie begannen im September
1939 damit, die polnische Führungsschicht zu liquidieren, und
töteten bis Frühjahr 1940 über 60 000 Polen, darunter 7000
polnische Juden.405 Zudem formulierte Hitler während der
Kämpfe immer wieder seine Erwartungen an das Heer, mit
»schärfsten Mitteln« etwa gegen Sabotage und Aufstände
vorzugehen.406 Vor diesem Hintergrund müssen die Befehle
des Oberkommandos des Heeres gesehen werden, das sich
diesen Vorgaben anzupassen suchte.
Als zweiter Einflussfaktor kam in Polen die
Organisationskultur der Wehrmacht zum Tragen. Deren
Vorschriften, Handbücher und Dienstanweisungen standen in
einer längeren Tradition preußischer Streitkräfte. Schon im
Kaiserreich hielt die Mehrheit der maßgebenden Militärs
zivilen Widerstand für illegitim.407 Die im Juni 1939 erlassene
Dienstanweisung für die Einheiten des Kriegsheeres folgte
dieser Auffassung. Zwar waren damit keinesfalls alle
Rechtsnormen aufgehoben, die Besetzten nicht zu Freiwild
270
erklärt. Aufgegriffene Freischärler durften nicht einfach
erschossen, sondern mussten bei der Division abgeliefert und
vor ein ordentliches Kriegsgericht gestellt werden408;
Todesurteile waren vom Divisionskommandeur zu bestätigen.
Auch waren Kriegsgefangene nach den Regeln der Genfer
Konvention von 1929 zu behandeln. Doch bereits vor Beginn
des
Polenfeldzugs
schienen
etliche
Kommandeure
entschlossen, sich nicht an diese Rechtsnormen zu halten,
zumal Hitler sie zur »größten Härte« anhielt.409 So ließ
General Erich Hoepner, der spätere Widerstandskämpfer, seine
Truppen Ende August 1939 wissen, dass angesichts des zu
erwartenden Auftretens von polnischen Freischärlern
»schärfste Massnahmen« aller Führer »am Platze« seien. Ziel
des Verbandes sei die »erbarmungslose Vernichtung des
Feindes«; im Kampf gegen einen hinterhältigen und
grausamen Gegner, der Milde nur missverstehe, könne es
keine Gnade geben.410 Selbst ein Mann wie Johannes
Blaskowitz, der wenige Monate später bei Hitler gegen die
Ermordung polnischer Zivilisten protestierte, erließ wenige
Tage nach Kriegsbeginn am 4. September einen geharnischten
Befehl, wonach »Meuchelmörder und Freischärler« ebenso zu
erschießen seien wie Zivilisten, bei denen Waffen gefunden
würden oder die sich in Häusern aufhielten, aus denen auf
deutsche Truppen geschossen würde. Auf den Schuldbeweis
könne verzichtet werden.411
Im gleichen Kontext muss auch der Rachebefehl General
Walther von Brauchitschs vom 16. September 1939 gesehen
werden. In einem Rundschreiben an die Armeen zitierte er
einen Oberkriegsgerichtsrat mit erschütternden Details über
die Ermordung von Volksdeutschen in Bromberg.412 Die an
diesen Schandtaten beteiligten polnischen Truppen seien nun
westlich Warschau eingeschlossen, und deren Verhalten sei, so
271
Brauchitsch, den gegen sie angesetzten deutschen Truppen
bekannt zu geben. »Ein solcher Feind ist jeder Niedertracht
fähig und verdient keine Schonung«, hieß es in dem
Schreiben. Solche Anweisungen waren auf den ersten Blick
mit dem geltenden Rechtsrahmen nicht vereinbar. In den »10
Geboten für die Kriegsführung des deutschen Soldaten«, die
jeder Landser in seinem Soldbuch trug, hieß es etwa: »Der
deutsche Soldat kämpft ritterlich. […] Grausamkeiten sind
seiner unwürdig«, »Es darf kein Gegner getötet werden, der
sich ergibt, auch nicht der Freischärler und der Spion«, oder:
»Kriegsgefangene dürfen nicht mißhandelt oder beleidigt
werden.« Doch man hatte vorsorglich eine Hintertür
eingebaut. Es hieß dort nämlich auch: »Vergeltungsmaßregeln
sind nur auf Befehl der höheren Truppenführung zulässig.«413
Und entsprechend waren die Befehle von Blaskowitz und
Brauchitsch zu lesen. Nach dem Polenfeldzug passte das
Oberkommando des Heeres die Vorschriften für den Umgang
mit Freischärlern sogleich der bereits geübten exzessiven
Praxis an. Diese seien nun generell im Kampf oder auf der
Flucht zu erschießen; falls sie doch gefangen genommen
würden, seien sie wie Verbrecher zu behandeln und in einem
vereinfachten Verfahren von den Regimentern abzuurteilen.414
Wie die Rechtsvorschriften, Rundschreiben und Befehle
tatsächlich umgesetzt wurden, hing drittens von der
Disposition der Soldaten vor Ort ab. Hauptmann Happach,
Kommandeur des II. Bataillons des Infanterieregiments 48,
erhielt Brauchitschs Rachebefehl vom 16. September und gab
daraufhin die Weisung, keine Gefangenen zu machen. Jeder
Zug erhielt eine Ausführung der Anordnung.415 Jedoch lag die
Einheit zu diesem Zeitpunkt gar nicht den genannten
polnischen Verbänden gegenüber, sondern kämpfte in einem
ganz anderen Abschnitt östlich der Weichsel vor dem
272
Warschauer Stadtteil Praga. Happach hätte den Befehl einfach
zu den Akten legen können. Doch er hielt sich nicht lange mit
Interpretationen auf und ordnete am 22. September an,
polnische Soldaten, die sich ergeben wollten, zu erschießen.
Ob es in diesem Fall wirklich noch zu Gefangenentötungen
kam, wissen wir nicht, da das Bataillon bereits zwei Tage
später aus der Front abgezogen wurde. Jedenfalls nutzte
Happach seinen Spielraum bei der Befehlsgebung nicht im
Sinne der Eindämmung von Gewalt.416
Offensichtlich hatte sich das Koordinatensystem von
legitimer und illegitimer, von angemessener und exzessiver
Gewaltanwendung seit dem Ersten Weltkrieg erheblich
verschoben. Die massive Verschlechterung des deutschpolnischen Verhältnisses nach dem Ersten Weltkrieg hatte zu
einer Radikalisierung der antipolnischen Stimmung im
Deutschen Reich geführt, vor allem seit dem Frühjahr 1939.
Daran hatte die NS-Propaganda gewiss ihren Anteil, aber –
und das ist entscheidend – sie fiel bei den Soldaten auf
fruchtbaren Boden. Nur so ist zu erklären, warum allein im
September und Oktober 1939 rund 20 000 Polen außerhalb
von Kampfhandlungen in Racheakten für vermeintliche oder
reale Attacken aus dem Hinterhalt oder die Ermordung von
Volksdeutschen sowie in zahlreichen Fällen von Lynchjustiz
getötet wurden.417 Die Täter waren neben den Soldaten auch
Angehörige des SD, der SS oder volksdeutscher Milizen.
In der Zahl enthalten sind rund 3000 polnische Gefangene,
die die Wehrmacht in den rund fünf Wochen andauernden
Kämpfen tötete.418 Wut und Rachegefühle angesichts der
eigenen Verluste oder vermeintlicher Missetaten des Gegners
waren dabei die Motive – ein von der NS-Propaganda
geschürtes kulturell-rassistisches Überlegenheitsgefühl kam
hinzu. Die Gemengelage wird am Beispiel des
273
Panzerregiments 35 deutlich, das am 19. September eine
eingeschlossene Kampfgruppe der eigenen Division
freikämpfte. Der 43-jährige Oberstleutnant Heinrich Eberbach
schrieb an seine Frau: »Deutsche Gefangene werden befreit.
Polen hatten sie ganze Nacht in einem Tümpel stehen lassen
bis zum Bauch im Wasser, paar erschossen, einem
Geschlechtsteil abgeschnitten. Denn so sind die Polen. Viele
haben Dum-Dum Geschosse. Die werden an die Wand gestellt.
Masse ist stur und roh, mehr Vieh wie Mensch.«419 Eberbach
hätte als Regimentskommandeur die Ermordung der
Gefangenen verhindern können. Die Verwendung von DumDum-Geschossen war völkerrechtlich seit der Haager
Landkriegsordnung zwar geächtet, aber eine Vorschrift,
wonach der Besitz mit dem Tode bestraft werden konnte, gab
es nicht. Eberbach sah dies gleichwohl als gerechte Strafe an.
Seiner Meinung nach waren die Polen ohnehin »gemein und
hinterlistig. Nur mit Härte kommt man bei ihnen durch«.420
Indem er das Verbrechen guthieß, schuf er einen Raum, in dem
sich Wut und Rache, aber auch schiere Lust an Gewalt Bahn
brechen konnten.
Auch der Ausschluss der Juden aus der deutschen
Volksgemeinschaft seit 1933 hatte seine Wirkung auf die
Soldaten nicht verfehlt. Eberbach beispielsweise sprach nach
dem Einmarsch in Polen wiederholt von »widerlichen«,
»schauerlichen«
Juden,
von
»widerwärtigem
Untermenschentum« und »Judengeschmeiss«. Hinzu kamen
die grenzenlose Verehrung Hitlers, die Überzeugung, er sei ein
»Tausendsassa«, der es »schon recht machen« werde.
Eberbach und der Stab des Panzerregiments 35 hörten am 19.
September 1939 todmüde in der Kälte stehend Hitlers Rede in
Danzig. Einen Tag später berichtete er an seine Frau: »Jeder
verstehts und jeder glaubt. Und unser Sieg-Heil am Schluss
274
und unser Singen des Deutschl. und H. Wessel Liedes, beides
spontan aus dem Augenblick, ist voll Ergriffenheit. Es war wie
ein Dank, auch an Gott.«421
Gewiss war nicht jeder Regimentskommandeur so
antisemitisch und führergläubig wie Heinrich Eberbach. Seine
Haltung scheint aber typischer gewesen zu sein als jene von
Theodor Graf von Sponeck, der in einem Erfahrungsbericht
schrieb: »Schießen auf wehrlose Einwohner ohne Waffe ist
gemeiner Mord.«422 Oder von Rudolf Hofmann, 1.
Generalstabsoffizier des XIII. Armeekorps, der ebenfalls in
einem Erfahrungsbericht beklagte, dass selbst Offiziere über
die Rechtsverhältnisse im Feindgebiet, über das Verhalten
gegenüber Freischärlern und Spionen sowie über die
Behandlung von Gefangenen nicht orientiert seien. Diese
Unkenntnis der Truppe führe zu Vergeltungsmaßnahmen, die
zumeist völlig Unbeteiligte träfen und nur Nachteile brächten.
Auch die Heranziehung einer SD-Einsatzgruppe in den
Korpsbereich sah Hofmann kritisch. Und er mahnte an, dass
bei der Verpflegung aus dem Lande auch auf die Ernährung
der Zivilbevölkerung Rücksicht zu nehmen sei.423 Die
kritischen Töne, die Sponeck und Hofmann anschlugen,
blieben Ausnahmen. In Eberbachs Aufzeichnungen jedenfalls
werden weder die Haager Landkriegsordnung noch die Genfer
Konvention, auch nicht die Kriegssonderstrafrechtsverordnung
vom 26. August 1939 erwähnt. Wir wissen nicht, ob er sie
kannte; in seinen Reflexionen über den Krieg spielten sie
zumindest keine Rolle. Doch trotz aller Ideologisierung gab es
in seiner Disposition zur Gewalt Grenzen: Die Ermordung von
Gefangenen blieb nach allem, was wir wissen, in seiner
Einheit die Ausnahme. Mehrfach äußerte er Mitleid mit
polnischen Frauen und Kindern424, sprach sogar mit
Hochachtung von polnischen Soldaten, die sich tapfer
275
schlugen und auch in aussichtsloser Lage keine Opfer
scheuten, insbesondere von General Juliusz Rómmel, dem
Verteidiger Warschaus. Ihr Kampfesmut imponierte
Eberbach.425
Die Wehrmacht hatte zweifelsohne eine ausgeprägte
Affinität zur Gewalt, auch wenn nicht ständig und überall
Gefangene erschossen und Zivilisten ermordet wurden. Dazu
bedurfte es in der Regel eines Auslösers, einer spezifischen
Situation. Damit ist der vierte und letzte Einflussfaktor für die
besondere Gewaltkultur der Wehrmacht genannt. Die meisten
Menschen sind in der Lage, zu quälen oder gar zu töten, wenn
bestimmte Parameter gegeben sind. Das Töten fällt leichter,
wenn es aus der Distanz erfolgt, von einer Autorität gefordert
wird oder wenn der Täter sein Opfer als legitimes Ziel
ansieht.426 Aber auch schmerzliche Verluste konnten schnell
Momente herbeiführen, in denen die Gewalt eskalierte. So
schrieb Eberbach über die Kämpfe am 3. September 1939:
»Nun hat Stenglein den Wald erreicht und räumt auf. Ich fahr
zu ihm, wir unterhalten uns, ich geb Befehl, da bricht er
zusammen. Wir sehen M. G., das ihn beschossen, und
schiessen es tot und überfahren es. Von da ab Kampf ohne
Gnade.«427 Die Verwundung seines Abteilungskommandeurs
in unmittelbarer Nähe hatte in Eberbach Wut ausgelöst; die
Soldaten, die das polnische Maschinengewehr bedienten,
wurden umgehend »totgeschossen«, mit dem Panzer
niedergewalzt. Aus den Zeilen, die er einen Tag später
niederschrieb, ist die Erregung noch deutlich zu spüren.
Kampf ohne Gnade – keine Gefangenen also.
Der Krieg hielt viele ungewohnte Sinneseindrücke bereit:
neue Geräusche und Gerüche, das Leben in unbekanntem
Gelände unter freiem Himmel, die Begegnung mit Menschen,
deren Sprache und Kultur man nicht verstand. Erfahrene
276
Krieger konnten das alles lesen und deuten, wussten, was im
Moment der Gefahr zu tun war. Neulinge reagierten auf die
Unsicherheit oft mit Gewalt, die ihnen Halt gab, die Angst
vertrieb und Ordnung im Chaos schuf. Die Reaktion auf reale
oder eingebildete Franktireure war ein klassischer Fall, wie
das Situative geradezu übermächtig wird. Die Soldaten
standen im September 1939 zum ersten Mal im Gefecht; bald
hielten sie jeden feindlichen Schuss für einen heimtückischen
Freischärlerangriff. Sie antworteten mit zügelloser Gewalt,
brannten wahllos Häuser nieder und ermordeten Tausende
Einwohner. Zwar gab es durchaus polnische Zivilisten, die
sich am bewaffneten Widerstand gegen die Wehrmacht
beteiligten428, was nicht nur nach deutschem Kriegsrecht
illegal war und mit dem Tode bestraft werden konnte.429 Doch
hielten sich die deutschen Truppen kaum an die
entsprechenden Regularien, die immer ein ordentliches
Kriegsgerichtsverfahren vorsahen.430 Im Gegenteil, das
»scharfe Durchgreifen« schien den Soldaten recht zu geben,
denn die »Franktireursache« habe fast ganz aufgehört431, wie
Eberbach am 18. September 1939 an seine Frau schrieb.
Zudem gab es denkbar widersprüchliche Befehle, die
einerseits strikte Disziplin, andererseits aber Härte gegen
jedwede Form von Widerstand einforderten.
Siebzehn Wehrmachtsoldaten wurden im September und
Oktober 1939 wegen Plünderung zum Tode verurteilt, wohl
einige Tausend wegen Disziplinlosigkeiten belangt.432 Hitler
sorgte dafür, dass eine eigene SS-Gerichtsbarkeit aufgebaut
wurde, weil er nicht wollte, dass Wehrmachtgerichte Männer
der Waffen-SS aburteilten.433 Auch auf die Proteste von
Generaloberst
Johannes
Blaskowitz
gegen
die
Besatzungspolitik reagierte er abwehrend.434 Dieser wurde
nicht mehr befördert und musste sich mit drittrangigen
277
Aufgaben begnügen. Im Offizierkorps verstand man sehr
wohl, wohin die Reise ging, und passte sich an. Widerspruch
bekam der eigenen Karriere nicht. Viele hielten zudem
radikales Gewalthandeln für der Situation und dem Gegner
angemessen, weshalb wohl auch später eine grundlegende
Kritik an der Vernichtungspolitik in der Sowjetunion
unterblieb. Die Bemerkungen von Blaskowitz, Hofmann und
Sponeck zeigen jedoch, dass es die traditionellen Denkmuster
vom fairen Kampf 1939 durchaus noch gab.435
Der
Referenzrahmen
des
NS-Staates,
die
Organisationskultur der Wehrmacht, die Disposition der
Soldaten und die situative Lage bestimmten ganz wesentlich,
welche Gewalttaten verübt wurden und wie über sie
geschrieben, gesprochen und gedacht wurde. Diese
Verbindung von Tat und Diskurs lässt sich als Gewaltkultur
bezeichnen, die konstituierend war für das, was im Krieg als
legitim erachtet wurde und was nicht. Nicht alle Soldaten
werden der gleichen Meinung gewesen sein; aber jeder Soldat
war ein Rädchen im hochgradig arbeitsteiligen Gesamtgefüge,
trug mit seinem Verhalten zur vorherrschenden Gewaltkultur
bei. Doch trotz der erschreckenden Anzahl von Verbrechen
tobte 1939 in Polen noch kein Vernichtungskrieg wie ab Juni
1941 in der Sowjetunion. Noch gab es keine systematische
Ermordung von Gefangenen. Selbst die jüdischen Soldaten
überlebten zumeist die Zeit in deutscher Gefangenschaft.436
Die Einsatzgruppen führten noch keinen Holocaust durch. Die
polnischen Juden standen 1939 noch nicht im Fokus der
Mordtaten. Auch wurden die Soldaten der Wehrmacht noch
nicht durch verbrecherische, schon vor dem Feldzug erlassene
Befehle zu Gewalthandlungen angehalten, die die
Bestimmungen des Völkerrechts von vornherein außer Kraft
setzten. Der Krieg in Polen war aber, wie Jan Behrends
278
festgestellt hat, eine Art Ouvertüre zum Vernichtungskrieg.
Viele der späteren Organisations- und Verhaltensmuster waren
hier schon angelegt.437
»Normalkrieg« im Westen 1940/41
Heinz Ersfeld erlebte seine Feuertaufe in Norwegen. Am 12.
April 1940 ging es per Flugzeug von Hamburg nach Oslo.
Sein Bataillon traf nach drei Tagen zum ersten Mal auf
norwegische Truppen. Als die Männer über eine Landstraße
vorrückten, »bekommen [wir] einen heftigen Feuerüberfall«,
schrieb er in sein Notizbuch. Nach kurzer Zeit war das erste
Gefecht überstanden, die Norweger rückten ab. Ähnlich
verliefen auch die nächsten Tage. Norwegische Truppen
leisteten an Straßensperren Widerstand, zogen sich nach meist
kurzen Scharmützeln zurück, und der Schlagabtausch begann
einige Kilometer weiter von Neuem. Die ersten Männer aus
Ersfelds Kompanie fielen gleich am 12. April, aber die
Verluste blieben im Vergleich zu anderen Kriegsschauplätzen
noch überschaubar.438 Neun Tage später wurde frühmorgens
ein größerer Angriff auf eine Straßensperre westlich des
kleinen Dorfes Tobru, 100 Kilometer nördlich von Oslo,
durchgeführt. Nach kurzem Kampf gelang es, den
gegnerischen Truppen »schwerste Verluste« zuzufügen; 150
Gefangene wurden gemacht. Kurz darauf tobten in dem Dorf
Häuserkämpfe. Gegen Mittag zogen sich die Norweger
schließlich zurück. Ersfeld schrieb in sein Tagebuch: »Bei den
Gefangenen befanden sich etwa 60 Zivilisten. Auf Anordnung
des Batls.Kdr. werden 6 Zivilisten, die sich nachweislich bei
dem Häuserkampf in Tobru beteiligt haben, als Freischärler
angesprochen und kurz vor Gjövik erschossen.«439
Ersfeld kommentierte die Erschießung nicht weiter – sie
erschien ihm wohl ebenso normal wie das Knattern der
Maschinengewehre oder der Tod von Kameraden. Freischärler
279
werden erschossen, Kriegsalltag eben. Seine Einheit – das
Infanterieregiment 236 – hatte vor April 1940 keine Erfahrung
mit Freischärlern gemacht, da sie seit September 1939 in der
Eifel gelegen hatte. In seinen Zeilen ist dennoch keinerlei
Aufregung zu spüren. Das Gefecht war siegreich verlaufen,
und die Feuertaufe lag schon eine Woche zurück. Doch warum
wurden die sechs Zivilisten dann überhaupt noch am selben
Tag füsiliert? Die für diesen Fall gültige Anordnung
Brauchitschs vom 4. November 1939 hatte gefordert,
Freischärler unverzüglich mit dem Tod zu bestrafen, und dafür
ein Ad-hoc-Feldurteil vorgesehen.440 Nach geltenden
deutschen Bestimmungen war die Tötung der sechs Zivilisten
somit
zulässig,
wenn
sie
auf
Anordnung
des
Regimentskommandeurs durchgeführt worden wäre. Dies
scheint aber nicht der Fall gewesen zu sein. Zudem wurde
Artikel 2 der Haager Landkriegsordnung gänzlich ignoriert,
der der Bevölkerung eines angegriffenen Landes ausdrücklich
das Widerstandsrecht zubilligte, wenn sie die Waffen offen
trug und eine rudimentäre Kennzeichnung vornahm. Über die
Prüfung solcher Sachverhalte und die Wahrung der
Verhältnismäßigkeit war die Wehrmacht nach einem guten
halben Jahr Krieg aber schon hinweg. Offensichtlich waren
vor Ort alle davon überzeugt, dass es hier ums Prinzip ging
und ziviler Widerstand auch in Norwegen augenblicklich mit
der Todesstrafe zu ahnden sei.
Gleichwohl blieb das Ausmaß deutscher Kriegsverbrechen
nicht nur in Norwegen, sondern auch in Frankreich, dem
nächsten Angriffsziel der Wehrmacht, im Vergleich zum
Polenfeldzug begrenzt. Es gab keine Befehle, die noch vor
Beginn des Feldzugs zu rigoroser Härte aufriefen, keine
Flugblätter, die – wie im Falle Polens – Hass auf den Gegner
schürten. Die allermeisten Divisionen wurden bei den
280
Kampfhandlungen nicht von Panik erfasst, da sie inzwischen
Kampferfahrung gesammelt hatten. Außerdem ergaben sich
die französischen Soldaten oftmals nach kurzem Gefecht. So
kam es in der Regel erst gar nicht zu Situationen, die Exzesse
hätten auslösen können. Dennoch kamen sie vor. So
erschossen Wehrmachtsoldaten am 27. Mai 1940 westlich von
Gent 86 belgische, einen Tag später südlich von Lille 114
französische Zivilisten.441 Die betreffenden Einheiten standen
zum ersten Mal im Gefecht, glaubten sich von Freischärlern
angegriffen und töteten dann wahllos. Die SS-Division
»Totenkopf« erschoss Ende Mai mehr als 180 französische
Zivilisten. SS-Verbände waren auch für die Hinrichtung
britischer Kriegsgefangener verantwortlich. Hunderte, wenn
nicht gar über 1000 französische Kolonialsoldaten wurden
zudem von Einheiten der Waffen-SS, aber auch von
Wehrmachtverbänden ermordet.442 Die NS-Rassenideologie
dürfte die Bereitschaft zu solchen Gewalttaten erhöht haben.
In den sechs Wochen des Frankreichfeldzugs kam es also sehr
wohl zu Kriegsverbrechen. Ihr Ausmaß blieb aber hinter dem
des Jahres 1914 zurück, als die deutschen Truppen sich in
einem Franktireurkrieg wähnten und im gleichen Zeitraum
über 5000 Zivilisten töteten.
Vernichtungskrieg in der Sowjetunion
Den Rubikon zum Vernichtungskrieg überschritten die
Deutschen mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941.
Es ist mittlerweile gut erforscht, wie Hitler die Wehrmacht auf
diesen Vernichtungsfeldzug einschwor, wie die Generalität den
Willen des Diktators entgegennahm und die exzessive Gewalt
zur eigenen Sache machte, wie sie entweder selbst die
Initiative ergriff oder willig Hitlers Anordnungen ausführte.
Christian Hartmann hat acht Verbrechenskomplexe benannt,
die den Vernichtungskrieg charakterisierten, wobei er
281
Völkermord,
Kriegsgefangene,
Partisanenkrieg
und
Ausbeutung eher dem Hinterland, Kommissarbefehl,
Zivilbevölkerung, Kriegführung und Rückzug eher dem
Frontbereich zuordnet.443 Dabei war die Wehrmacht meistens
der Haupttäter, manchmal Unterstützer, selten nur Zuschauer;
die Grenzen waren fließend. So wurde der Holocaust vor
allem von den Einsatzgruppen der SS und ihren lokalen
Helfern durchgeführt. Die Wehrmacht unterstützte ihn vor
allem logistisch und brachte selbst etwa 50 000 Juden um.444
Das größte Verbrechen der Wehrmacht war der
Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen. Zwischen 2,5
und 3,3 Millionen von ihnen (44–58 Prozent) kamen in
deutschem Gewahrsam ums Leben.445 Damit ist diese
Opfergruppe in etwa so groß wie diejenige der ermordeten
sowjetischen Juden. Der zweite große Verbrechenskomplex
der Armee war die Tötung von bis zu 500 000 Zivilisten im
Zuge der Partisanenbekämpfung. Und die Liste der weiteren
Verbrechen ist lang: Die Wehrmacht exekutierte Tausende
Politkommissare. Sie war auch für die Tötung Tausender
psychisch Kranker verantwortlich. Sodann wurden die
besetzten Gebiete wirtschaftlich extensiv ausgebeutet, sodass
rund zwei Millionen Einwohner verhungerten, wobei die
Belagerung Leningrads hier besonders heraussticht.446
An der Ostfront erreichte das Ausmaß der deutschen
Verbrechen seinen Höhepunkt. Das heißt nicht, dass dort
immer und überall Mord und Totschlag herrschten. Neben
Phasen der Eskalation gab es auch solche der Deeskalation.
Die Deutschen konnten sich auf eine breite Kollaboration
stützen, deren Umfang und Motive je nach Ort und Zeit sehr
unterschiedlich waren. Etwa eine Million sowjetische Bürger
schloss sich der Wehrmacht als sogenannte Hilfswillige an,
arbeitete als Lkw-Fahrer, Köche oder Pferdepfleger.447 Viele
282
sahen dies schlicht als die einzige Möglichkeit an, dem
Hunger zu entkommen und zu überleben, andere wurden von
ihrer Ablehnung des Kommunismus getrieben. Jürgen Kilian
hat darauf hingewiesen, dass die Wehrmacht sich zeitweise
durchaus um die einheimische Bevölkerung bemühte, Schulen
teilweise wieder öffnete oder ein bescheidenes Kulturleben
zuließ.448 Auch den Zusammenhang von Aktion und Reaktion
gilt es zu beachten. Nicht zufällig eskalierte die Gewalt
insbesondere in Weißrussland zu einem Zeitpunkt, als die
Partisanen immer mehr zu einer Bedrohung der
Versorgungswege wurden. Wo es keine Partisanen gab, blieb
es, zumindest im Hinterland, meist ruhig.449 Insgesamt aber
war die Disposition zur Gewalt an der Ostfront stets
außerordentlich hoch, und es bedurfte oft nur geringfügiger
Anlässe, um sie zum Ausbruch kommen zu lassen.
Auch wenn man die Gewalteskalation früherer Epochen
nicht aus dem Blick verlieren sollte, stellte der Krieg in der
Sowjetunion zumindest für die europäische Geschichte einen
Höhepunkt dar. Auf deutscher Seite kamen mehrere sich
gegenseitig verstärkende Faktoren zusammen: Hitler und die
NS-Führung standen zu Beginn des Russlandfeldzugs im Zenit
ihrer Popularität und waren aus rasseideologischen Gründen
entschlossen, sich über alle völkerrechtlichen Vereinbarungen
hinwegzusetzen. Das Militär als Institution bildete keinen
Gegenpol, sondern erwies sich als williger Diener des NSStaats.
Die
Wehrmachtführung
wirkte
wie
ein
Transmissionsriemen und gab den Gedanken des
Vernichtungskriegs in Form von Befehlen, Regularien und
Leitlinien an das Millionenheer weiter. Viele Offiziere und
Mannschaften waren schon aus dem Polenfeldzug an Gewalt
gegen Zivilisten gewöhnt. Sie war für sie nichts
Außergewöhnliches
mehr.
So
konnte
der
283
Gerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, der die sowjetischen
Zivilisten praktisch für vogelfrei erklärte, auf fruchtbaren
Boden fallen. Die Überzeugung, zu den »unerhörtesten
scharfen Mitteln«450 greifen zu müssen, um die rückwärtigen
Gebiete zu sichern, war im Ostheer Allgemeingut. Von Juni
1941 bis Februar 1942 wurden allein im Hinterland der
Heeresgruppe Mitte 80 000 Menschen exekutiert, die man für
Partisanen und ihre Helfer hielt. Der größte Teil der
Hingerichteten waren wohl unbeteiligte Männer, Frauen und
Kinder sowie versprengte Rotarmisten.451 Zudem ging die
Wehrmacht bei ihren Rückzügen und der millionenfachen
Deportation der Zivilbevölkerung extrem rücksichtslos vor.452
Wehrmacht und SS-Verbände waren zweifellos die
wichtigsten Akteure im Vernichtungskrieg, aber nicht die
einzigen. Zur Gewalteskalation trug erheblich bei, dass auch
die Sowjets den Krieg mit großer Brutalität führten, sowohl
gegenüber den deutschen Invasoren als auch gegenüber der
eigenen Bevölkerung und den eigenen Soldaten.453 Zudem
war auch die Sowjetunion Besatzungsmacht. Schon 1939/40
hatte sie in Ostpolen eine Herrschaft etabliert, der
Zehntausende zum Opfer fielen.454 Jedoch gab es einen
zentralen Unterschied: Die UdSSR wollte in Ostpolen eine
Sowjetrepublik errichten. Die Einwohner erhielten die
sowjetische Staatsbürgerschaft, waren zumindest formell
gleichberechtigt und sollten zu Kommunisten umerzogen
werden. Die gesellschaftliche Umgestaltung erfolgte hier nicht
prinzipiell anders als in den übrigen Teilen des
Sowjetimperiums. Die Bevölkerung hatte also die Chance zu
überleben, wenn sie sich in das neue System einfügte und
nicht zu den erklärten Klassenfeinden gehörte. Das Deutsche
Reich hingegen wollte eine Herrschaft der Herrenrasse
etablieren; die polnische Bevölkerung erhielt keinerlei Rechte,
284
ihr standen mit wenigen Ausnahmen nur Tod und Ausbeutung
bevor.455
Ein weiterer Faktor der Gewalteskalation waren
Bürgerkriege, die im Schatten des deutschen Ostfeldzugs
geführt wurden, etwa jener im Westen der Ukraine, wo sich
sowjetische Partisanen, polnische Heimatarmee und
ukrainische Nationalisten einen blutigen Kampf lieferten.456
Timothy Snyder prägte dafür den Begriff der Bloodlands, die
sich von Polen bis zur Ukraine erstreckten.457 Die
Massengewalt in Osteuropa war allerdings zeitlich wie
räumlich sehr unterschiedlich verteilt und auch in ihrer
Typologie sehr verschieden. Man wird kaum sinnvoll
argumentieren können, dass sich von Polen bis zur Ukraine ein
einziger Gewaltraum erstreckte.458 Dennoch: Viele Orte und
Regionen Osteuropas verwandelten sich zeitweise geradezu in
Todeszonen.
Die Verbrechen von Wehrmacht und SS werden aufgrund ihrer
Monstrosität in Öffentlichkeit und Wissenschaft gemeinhin als
das Kernstück des Krieges in der Sowjetunion gesehen. Aus
einer solchen Perspektive geraten die eigentlichen
Kampfhandlungen schnell aus dem Blick. Auch in Snyders
Konzept der Bloodlands fallen sie aus der Betrachtung heraus.
Doch wenn man das massenhafte Sterben auf den
Schlachtfeldern ausblendet, versteht man die zeitgenössische
Wahrnehmung und die spätere Erinnerung nicht. Im deutschsowjetischen Krieg kamen rund zehn Millionen sowjetische
und etwa vier Millionen deutsche Soldaten an der Front ums
Leben. Wie viele Zivilisten durch direkte Kriegshandlungen –
Artilleriefeuer oder Bombenangriffe – getötet wurden, lässt
sich nicht mehr rekonstruieren; eine hohe sechsstellige Zahl ist
aber zu vermuten. In jedem Fall fanden in der
Hauptkampflinie weit mehr Menschen den Tod als in den
285
Gefangenenlagern oder bei den Massenerschießungen. Für die
zehn Millionen deutschen Soldaten, die in der Sowjetunion
eingesetzt waren, stand die Gewalterfahrung an der Front im
Zentrum ihres Kriegserlebnisses, zumal 85 Prozent von ihnen
in der Gefechtszone kämpften. Und auch die rückwärtigen
Dienste waren immer wieder in Kämpfe verwickelt, wenn die
Fronten in Bewegung gerieten. Sicherungsverbände, die
zunächst im Hinterland eingesetzt waren, fanden sich etwa in
der Winterkrise 1941/42 schnell in der Hauptkampflinie
wieder. Ein durchschnittlicher Soldat sah deutlich mehr eigene
Kameraden auf die grausamste Art und Weise sterben als
sowjetische Zivilisten. Auch der massenhafte Tod von
Rotarmisten – durch Artilleriegeschosse zerfetzt, von Kugeln
durchsiebt oder von Panzern niedergewalzt – verfehlte seinen
Eindruck nicht.459
Die soldatische Erfahrung war in kaum vorstellbarer Weise
geprägt von körperlicher und geistiger Erschöpfung durch die
Kämpfe und endlosen Märsche. Schlafmangel, Hitze, Kälte,
Dreck, Durst, Hunger und Läuse machten den Männern neben
der allgegenwärtigen Todesgefahr zu schaffen. »Wie wird man
sich nur vorkommen, wenn es mal Frieden gibt. Ein Bett, ein
Bad, ein Spaziergang im Walde ohne Schießerei u. was es alles
geben soll? Das sind oft unsere Träume«, schrieb Smilo
Freiherr von Lüttwitz im Oktober 1941 an seine Frau.460 Und
Willy Peter Reese schrieb: »Wir wollen sterben, um endlich
einmal schlafen und vergessen zu können. […] Vergessen,
alles vergessen, um Mensch zu bleiben. Vor Elend und
Einsamkeit wünsche ich mir oft den Untergang der Welt.«461
Um all das irgendwie aus- und durchzuhalten, die zugewiesene
Aufgabe ordentlich auszuführen und zu überleben, war der
Zusammenhalt in der Gruppe, aber auch die Integration in die
Institution Wehrmacht von größter Bedeutung. Gemeinsam
286
würde man alles durchstehen. Überleben, Essen, Schlafen. Die
Gedanken kreisten darum, ob der Chef fähig oder unfähig, ob
er tapfer oder feige war. Man sinnierte über das
Handwerkszeug des Krieges, über Waffen, Panzer und
Flugzeuge. Man schimpfte über den schlechten Nachschub,
die zu geringen eigenen Kräfte. Manche Überlegung richtete
sich auch auf Beförderungen, Lob und Auszeichnungen. Vom
Gegner wurden am ehesten die tapfer und verbissen
kämpfenden sowjetischen Soldaten beachtet. Mancher
fürchtete sie, mancher verachtete sie, mancher erkannte rasch,
dass von ihnen zu lernen war, wie man in diesem
»verfluchten«462 Land kämpfen und überleben konnte. Dass
im unerbittlichen Kampf oft keine Gefangenen gemacht, dass
Kommissare erschossen wurden, war dabei kaum eine Notiz
wert. So war es eben.
Aus solchen Perzeptionsmustern folgte, dass viele der
Kriegsverbrechen von den Beteiligten marginalisiert wurden.
Was aus den Zivilisten in den brennenden Dörfern wurde, war
meist nur ein flüchtiger Gedanke. Hauptmann Herbert
Zetzsche, der als Kompaniechef einer Infanterieeinheit den
Vormarsch auf Moskau mitmachte, streifte in seinen
Tagebuchnotizen das Thema nur ein einziges Mal: »Es kam
mir heute besonders zum Bewusstsein, wie sehr wir zu
Landsknechten geworden sind. Hart und skrupellos sind wir,
in vielem wie die Raubritter vor ein paar hundert Jahren.
Alles, was wir brauchen, nehmen wir mit. Brot, Pferde,
Hühner, Wagen, Kühe, Kartoffeln, das wird irgendwo geholt
und kein Vorgesetzter fragt mehr, woher das Zeug kommt. Wir
müssen oft dem Bauern die letzte Kuh nehmen […].
Menschlichkeit und Mitleid haben keinen Platz mehr im
Herzen derer, die zum letzten Kampf mit dem Bolschewismus
angetreten sind. Wir oder sie – so lautet die Parole.«463
287
Aufkommende Zweifel am eigenen Tun ließen sich mit
Verweisen auf das Fehlverhalten Einzelner, auf Befehle und
vor allem auf die Umstände verdrängen. Die Briefe Heinrich
Eberbachs an seine Frau sind ein besonders eindrückliches
Beispiel für den Primat des Kampfes. Er war mittlerweile zum
Oberst befördert worden, aber an seiner Aufgabe hatte sich
nichts geändert, und er zog mit seinem Panzerregiment 35 in
die Schlacht. Er erlebte die verlustreichen Kämpfe unmittelbar
mit, lag im Dreck, schlief kauernd im Panzer, hörte, wie die
Geschosse sowjetischer Panzerabwehrgeschütze krachend auf
den Stahlplatten seines Kampffahrzeugs einschlugen, ging
zuweilen mit der Pistole in der Hand selber im Graben vor. Er
tötete feindliche Soldaten und sah, wie seine Männer getötet
wurden. Eberbach war mit 46 Jahren wieder ganz und gar
Krieger. Und zwar so sehr, dass er fürchtete, sich zu Hause
nicht mehr zurechtzufinden. In seinen Briefen werden die
emotionalen Belastungen erkennbar, denen er sich manchmal
kaum gewachsen sah. Dann ist von der Sorge um seine
Männer die Rede, von denen er wie von einer zweiten Familie
schrieb. Verluste trafen ihn hart, und er musste sich zwingen,
seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Er schrieb davon,
dass seine Soldaten »auch ein bisl hart sind durch das tägl.
abknallen von Gefangenen.464 Weil sie aus dem Hinterhalt
schossen. Vor allem Mongolen. Sie sterben gelassen. Den
jungen Soldätlein fällts manchmal schwer sie umzulegen.
Aber es lohnt sich, wenn man die blutenden Kameraden sieht.
[…] Kommissare werden auch immer gleich umgelegt.«465
Für Eberbach gehörte das zu diesem Krieg dazu. Er zweifelte
1941 keinen Moment daran, dass es sich um einen gerechten
Kampf gegen den Bolschewismus handelte, ja einen
Kreuzzug, der bis in den Kaukasus, den Orient, bis in die
Weiten östlich der Wolga geführt werden musste. Das
Massensterben der Gefangenen oder das Hinmorden der Juden
288
erwähnte er mit keiner Silbe. Darüber sprach er erst, als er im
August 1944 in britische Gefangenschaft geraten war. Aber
auch dann standen die Verbrechen nicht im Mittelpunkt seiner
Reflexionen, die sich eher um die Beendigung des Krieges und
den demokratischen Neuaufbau Deutschlands drehten.466
Aus der Perspektive einfacher Soldaten ergibt sich ein
ähnlicher Befund. Selbst bei einem so reflektierten Menschen
und aufmerksamen Beobachter wie dem Gefreiten Willy Peter
Reese, ein Büchernarr, der jede freie Minute mit dem
Schreiben von Gedichten, Prosa und Briefen verbrachte,
spielten die Verbrechen nur eine untergeordnete Rolle.467 Er
sah zwar sowjetische Kriegsgefangene völlig zerlumpt an
seiner Einheit vorbeiziehen und machte sich Gedanken, was
aus ihnen werden sollte. Er war dabei, als die Kameraden
russische Frauen misshandelten, den Bauern die letzte Kuh
raubten und beim Rückzug die Dörfer in Flammen aufgehen
ließen468, und das alles ließ ihn nicht kalt. Seine Zeilen
beschreiben aber nicht den tatsächlichen Charakter des
Vernichtungskriegs, wie wir ihn heute erfassen. Sie handeln
von Verbrechen, wie sie in vielen großen Kriegen vorkommen,
und hätten genauso gut 1812 oder 1915 geschrieben worden
sein können.
Stärker als das schlechte Gewissen, Unrechtes zu tun,
waren die Eindrücke von den Kämpfen an der Front. Es waren
diese Erlebnisse, die Reese sich »selber seltsam fremd« fühlen
ließen.469 Immer wieder schrieb er von den apokalyptischen
Seiten des Krieges und einer geradezu unheimlichen,
magischen Anziehungskraft des Todes; dass er seiner Dämonie
erliege, zuweilen sogar stolz auf das gefährliche Leben sei und
auf das, was er zu ertragen hatte.470 »Die Leichen der ersten
beiden russ. Wellen decken schon den Schnee. Aber ich bin
ganz ruhig geworden, seit es endlich so weit ist. Das Gefecht
289
ist wie ein Aufatmen, eine Erlösung. Ich fühle wohl die
Bedrohung, zugleich aber ein gehobenes Daseinsgefühl, das
Bewusstsein zu leben und leben zu müssen. Es ist fast Pathos,
eine duldende Leidenschaftlichkeit. Ich sehe alles
übersachlich, überscharf, genau – Eine Pause ist eingetreten,
unheimlich, beängstigend nach dem grauenhaften Lärm. Die
anderen schlafen wie gefällt. Ich aber kann nicht vergessen.
Draußen ist der Schnee nicht mehr weiß: er ist von einer
schwarzen, grauen, braunen Kruste überzogen, von
Pulverschleim, Erde und Staub. Und Blut. […] Einen Toten,
der Volltreffer erhalten hatte, kratzten wir von der
Grabenwand, wickelten den Haufen Fleisch und Gedärm in
eine Zeltbahn – es ging. Aber jetzt würgt mich der Ekel. Alles
ist wie eine unauslöschliche Vision – Es wäre vielleicht besser,
verzweifelt zu sein.«471 In Reeses Aufzeichnungen lässt sich
nachvollziehen, wie er sich als Intellektueller gegen die
übermächtigen Eindrücke des Krieges wehrt, ihnen dann aber
erliegt: »Töten und Sterben, Gefahr und Kampf sind die
einzigen Realitäten und man muß Soldat sein, Innen und
Außen, um darin leben zu können«, schrieb er am 10.
November 1943 an seinen Freund Pitt.472
Die These Thomas Kühnes, wonach es im Dritten Reich
eine Vergemeinschaftung durch Verbrechen – vor allem durch
den Holocaust – gegeben habe, diese also sozial integrierend
gewirkt hätten, erscheint somit wenig überzeugend. Der
Massenmord, so Kühne, habe der Volksgemeinschaft des NSStaats ein Identitätsgefühl sui generis gegeben. Dem Regime
sei es gelungen, gesellschaftliche Spaltungen durch die
Vergemeinschaftung qua Verbrechen zu überwinden. Gewiss
gibt es Beispiele dafür, dass sich Verbände, etwa die
Einsatzgruppen, durch den Akt des Verbrechens in einer
Kultur des Mitmachens als Gemeinschaft konstituierten und
290
festigten. Doch eine Vergemeinschaftung der gesamten
deutschen Gesellschaft durch den Holocaust erscheint schon
deshalb fraglich, weil die unmittelbare Tätergruppe zu klein
und die Kenntnis der Shoa bei vielen Deutschen trotz aller
verfügbaren Informationen zu diffus und zu fragmentiert
war.473 Was die Wehrmachtsoldaten betrifft, so wurden sie
durch den sozialen Akt des Kämpfens in einer
Massenorganisation zusammengeschweißt.474 Im Zentrum
ihrer Wahrnehmung standen die eigenen Entbehrungen, das
Töten und Sterben in der Hauptkampflinie. Verbrechen oder
Übertretungen zivilgesellschaftlicher Normen konnten
sicherlich Teil dieser Gruppenkohäsion sein. Ihre Bedeutung
darf aber nicht zu hoch gewichtet werden, schon weil viele
dieser Verbrechen als vermeintliche Kriegsnotwendigkeit
marginalisiert wurden.
Signaturen der Gewalt
Die außerordentlich hohe Bereitschaft zur Gewalt gegen
Gefangene oder Zivilisten war zweifellos eine der Signaturen
der deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Sie war je
nach Kriegsschauplatz unterschiedlich stark ausgeprägt. Auf
dem Balkan kam die deutsche Kriegführung jener in der
Sowjetunion recht nahe. Die Besetzung Griechenlands und
Jugoslawiens im April 1941 war eine Notoperation aus
militärstrategischen und bündnispolitischen Gründen.475 Man
wollte die Gebiete mit möglichst geringem Aufwand
verwalten, da sich bereits alle Aufmerksamkeit auf die
Sowjetunion richtete. Weite Teile der beiden Länder wurden
von Bündnispartnern kontrolliert, vor allem von den Italienern,
aber auch von Bulgaren und Ungarn. Den serbischen Aufstand
schlug die Wehrmacht im Herbst 1941 mit brachialer Gewalt
nieder, erschoss über 20 000 Zivilisten als Geiseln, darunter
fast alle männlichen serbischen Juden.476 Das brutale
291
Vorgehen hatte aus deutscher Sicht Erfolg, weil die serbische
Widerstandsbewegung den Kampf gegen die Wehrmacht
aufgab, um nicht noch mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung
zu riskieren. Danach blieb es in Serbien bis 1944 im Vergleich
zu anderen Landesteilen eher ruhig.477
Im übrigen Jugoslawien eskalierte jedoch bald der
ethnisch-religiös aufgeladene Bürgerkrieg zwischen der mit
den Achsenmächten verbündeten kroatischen Ustascha, den
serbischen Tschetniks und vor allem den kommunistischen
Partisanen Titos, wobei sich die Ustascha mit genozidalen
Verbrechen an der serbischen Zivilbevölkerung hervortat.478
Die Besatzungstruppen Italiens, Bulgariens und Deutschlands
waren mit unterschiedlichen Interessen und Methoden in den
Konflikt involviert. Die Italiener gingen außer in Slowenien
deutlich weniger radikal vor als die Deutschen, denen es vor
allem um die ökonomische Ausbeutung des Landes, die
Sicherheit der Verkehrswege nach Griechenland und der
Küsten ging, wobei ihnen jedes Mittel recht war. Wehrmacht
und SS machten vor allem auf dem Boden des heutigen
Kroatiens und Bosniens immer wieder durch grausame
Massaker von sich reden. Die Zahl der Opfer ist exakt nicht
mehr zu bestimmen. Schätzungen zufolge kamen in
Jugoslawien rund 300 000 Zivilisten durch Verbrechen der
Besatzungsmächte ums Leben.479 Auch für Griechenland, wo
spätestens ab Frühjahr 1943 ähnliche Verhältnisse herrschten
wie auf dem übrigen Balkan, ist eine genaue Zahl schwer zu
nennen. Im dortigen Partisanenkrieg kamen mindestens 35 000
Zivilisten und Guerillakämpfer zu Tode.480
In Italien und Frankreich war das Ausmaß der Gewalt
deutlich geringer, weil der zivile Widerstand wesentlich
schwächer war und die NS-Rassenideologie hier eine
geringere Rolle spielte als in Jugoslawien und vor allem als in
292
der Sowjetunion oder in Polen. In Frankreich begann die
Wehrmacht zwar schon 1941, auf Attentate der Résistance mit
Geiselerschießungen zu reagieren, das Ausmaß der Gewalt
war aber im Vergleich zu anderen Fronten noch gering. So gab
es dort nur drei Monate lang, von Juni bis August 1944, einen
groß angelegten Partisanenkrieg, auf den die Deutschen
allerdings mit Brachialgewalt reagierten. Insgesamt fielen der
deutschen Partisanenbekämpfung etwa 13 000–16 000
Franzosen zum Opfer, darunter, wie Peter Lieb aufgezeigt hat,
4000–5000 unbeteiligte Zivilisten. Weitere 61 000 Männer
wurden
aus
politischen
Gründen
oder
wegen
Widerstandshandlungen in deutsche Konzentrationslager
deportiert, wo etwa vierzig Prozent von ihnen umkamen.481
Mit Frankreich vergleichbar war die deutsche
Besatzungsherrschaft in Nord- und Mittelitalien, die von
September 1943 bis Mai 1945 dauerte. Ihr fielen etwa 10 000
Zivilisten zum Opfer, wie Carlo Gentile ermittelt hat; 30 000
Partisanen starben im Kampf oder wurden als Gefangene
exekutiert. Ebenso viele Italiener wurden auf faschistischer
Seite in Kämpfen oder bei Gewalttaten der Partisanen
getötet.482 Wie in Frankreich zeigte sich auch hier, wie
wirkungsmächtig jeweils konkrete Situationen und die
Disposition spezieller Verbände waren. Die meisten
Verbrechen wurden von Fronttruppen auf dem Rückzug oder
bei Operationen unmittelbar hinter der Front verübt, wenn es
galt, eine vermeintliche Bedrohung für die eigenen Einheiten
auszuschalten. Die 16. SS-Division »Reichsführer-SS« und die
Fallschirm-Panzerdivision »Hermann Göring« der Luftwaffe
gingen dabei besonders grausam vor. Allein diese beiden
Verbände ermordeten vierzig Prozent aller während des
italienischen Partisanenkriegs getöteten Zivilisten; sie waren
zudem die einzigen in Italien eingesetzten Einheiten, die auch
293
Frauen und Kinder umbrachten. Während etwa die 20.
Luftwaffenfelddivision
auf
die
Tötung
ihres
Divisionskommandeurs Wilhelm Crisolli durch die Resistenza
im September 1944 gar nicht reagierte, brachte die SSDivision »Reichsführer-SS« zur selben Zeit in derselben
Gegend binnen weniger Wochen über 2000 Zivilisten um.483
Freilich muss es auch in der Luftwaffenfelddivision gläubige
Nationalsozialisten gegeben haben, zumal ihre Mannschaften
aus jungen Jahrgängen der HJ-Generation rekrutiert wurden.
Auch hatten etliche ihrer Offiziere und Unteroffiziere zuvor an
der Ostfront gekämpft. Und dennoch formten sie eine Kultur,
die sich deutlich von derjenigen der Waffen-SS-Verbände
unterschied und in der Gewalt nicht die einzige Reaktion auf
den Guerillakrieg war.484
In Frankreich wurden von den zehn größten
Kriegsverbrechen deutscher Streitkräfte sieben von der
Waffen-SS begangen.485 Es ist unübersehbar, dass Waffen-SSVerbände in der Regel eine weit höhere Disposition zur
Gewalt besaßen als eine durchschnittliche Wehrmachtdivision.
Trotz aller Radikalisierung der Wehrmacht blieben die
Unterschiede zwischen Heer und Waffen-SS bis Kriegsende
sichtbar. Doch wenngleich der Grad an Gewalt in Frankreich
und Italien weit geringer war als in der Sowjetunion oder auf
dem Balkan, waren es immer noch Tausende von Zivilisten,
die die Wehrmacht auch hier umbrachte.
Die Soldaten der Wehrmacht neigten im Zweiten Weltkrieg
also viel eher zu radikalen Gewaltmaßnahmen als die
kaiserlichen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg. Das Element der
Mäßigung gab es kaum noch. Zwar wurde etwa der
Kommissarbefehl im Frühjahr 1942 aus taktischen
Erwägungen ausgesetzt, und 1943/44 gab es immer wieder
Befehle, die die Kriegführung zeitweise abzumildern
294
gedachten.486 Doch der Pfad der Gewalt wurde im Zweiten
Weltkrieg nie wirklich verlassen. Die Radikalität der
Kriegführung gehörte somit ebenso zur Signatur der
Wehrmacht wie der Bewegungskrieg, die Auftragstaktik oder
das Führen von vorne. Das zeigte sich auch gegenüber den
eigenen Soldaten. Im Ersten Weltkrieg wurden 48 deutsche
Soldaten wegen Fahnenflucht, Feigheit vor dem Feind,
Plünderung und ähnlicher Delikte füsiliert. Diese Zahl wurde
schon im ersten Kriegsjahr 1940 überschritten, bis Kriegsende
waren es 18 000 bis 22 000.487
Die Tötung von Gefangenen
Die Verbrechen der Wehrmacht sind mittlerweile gut
untersucht. In den letzten Jahren hat sich die Forschung
vermehrt bemüht, diese in den Kontext der Gewaltgeschichte
der Moderne zu stellen.488 Zur Einordnung der Gewaltkultur
der Wehrmacht eignet sich exemplarisch die Behandlung von
Kriegsgefangenen. Dieser Komplex ist intensiv erforscht489; er
war völkerrechtlich früher und genauer normiert als andere
Bereiche der Kriegführung490 und lässt sich daher besonders
gut vergleichen. Mit dem Aufkommen der Massenheere im
Verlauf des 19. Jahrhunderts waren alle kriegführenden
Mächte mit dem Problem konfrontiert, Hunderttausende von
Gefangenen zu versorgen. 1870/71 wurden 300 000 Franzosen
in deutschen Lagern vergleichsweise gut behandelt, nur
wenige kamen ums Leben.491 Im Ersten Weltkrieg waren
Russland und Österreich-Ungarn mit der Unterbringung und
Verpflegung von Hunderttausenden von Gefangenen heillos
überfordert.
Die
Sterberaten
waren
durch
Fleckfieberepidemien und Mangelernährung erheblich. In
russischen Lagern überlebte ein Viertel der Insassen nicht, in
österreichisch-ungarischen Lagern gar dreißig Prozent, in
deutschen fünf Prozent.492
295
Im polnisch-sowjetischen Krieg von 1920/21 starben 15
bis 25 Prozent der Gefangenen in den Lagern493, im Zweiten
Weltkrieg kamen 27 Prozent der alliierten Soldaten in
japanischer Gefangenschaft aufgrund von Unterernährung,
Seuchen und Misshandlungen um. Noch schlimmer erging es
den Angehörigen der chinesischen Streitkräfte, die sich den
Japanern ergaben. Die allermeisten wurden noch in der Nähe
des Gefechtsfelds getötet, der Rest in Zwangsarbeit verbracht,
wo die Todesrate sehr hoch war. Während in der Sowjetunion
anfangs wohl die meisten deutschen Gefangenen umgebracht
wurden, stieg ihre Überlebenschance im weiteren
Kriegsverlauf erheblich. Die Zahl der Toten ist bis heute
unklar. 360 000 lassen sich sicher nachweisen, es könnte aber
auch eine Million gewesen sein.494
Das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen in
den Lagern der Wehrmacht war somit kein singuläres
Phänomen. Die quantitative Dimension, die außerordentlich
hohe Todesrate von 43 bis 58 Prozent und die Intentionalität
der Tötungen – etwa 80 000 Gefangene wurden in
Gaskammern hingerichtet – stellen jedoch ein ganz eigenes
Gewaltniveau dar, das nur noch mit der Behandlung
gefangener chinesischer Soldaten durch die Japaner 1937–45
erreicht wurde.495 Die sowjetischen Soldaten erlitten von allen
Gefangenen in deutschem Gewahrsam das bei Weitem
schlimmste Schicksal. Auch wenn die Soldaten anderer
Nationalitäten sehr unterschiedlich behandelt wurden,
bewegten sich ihre Todesraten auf einem vollkommen anderen
Niveau. Sie lagen zwischen einem (Briten) und vier Prozent
(Polen).496
Soldaten starben aber nicht nur durch Hunger und Seuchen
in den Gefangenenlagern; viele wurden auf dem Schlachtfeld
kurzerhand niedergemacht, obwohl sie sich ergeben wollten.
296
Solche Fälle bewegten sich rechtlich in einer Grauzone, da
nicht immer klar war, ob der Kampf beendet war und das
Töten feindlicher Kombattanten damit zum Verbrechen wurde.
Offensichtlich war es gefährlich, in der Hitze des Gefechts zu
kapitulieren, wenn die emotionale Anspannung manche
Kurzschlussreaktion hervorrufen konnte. Oftmals dauerte es
eine Zeit lang, bis der Tötungsrausch abgeklungen war und der
Gegner gefahrlos die Waffen strecken konnte. Manche
Soldaten wurden auch ermordet, kurz nachdem sie in
Gefangenschaft geraten waren. Es hing sehr von der konkreten
Situation ab, ob Gnade gewährt wurde. Dabei spielte auch eine
Rolle, ob sich die Soldaten in großen Verbänden ergaben oder
in kleinen Gruppen, die häufiger das Ziel von Gewalt waren.
Schon aus dem Ersten Weltkrieg ist belegt, wie Deutsche,
Briten, Kanadier oder Franzosen ohne Pardon kämpften.
Gefangene wurden erschossen, weil ihr Abtransport zu lästig
oder gefährlich erschien, weil man Rache nehmen wollte oder
weil es manchen Soldaten schlicht Spaß machte zu töten.497
Im Zweiten Weltkrieg war das Phänomen der
Gefangenentötung an allen Fronten und in allen Armeen
präsent. Doch das Ausmaß unterschied sich erheblich, und die
Verhältnisse in der Sowjetunion stechen erneut deutlich
heraus. Schon wenige Tage nach dem deutschen Überfall
waren die »ungezählten am Vormarschweg liegenden
[sowjetischen] Soldatenleichen […], die ohne Waffen und mit
erhobenen Händen eindeutig durch Kopfschüsse aus nächster
Nähe erledigt worden sind«, ein alltäglicher Anblick.498 Das
war nicht allein eine Folge der Ideologisierung und der
zahllosen Befehle, die die deutschen Soldaten zu
rücksichtsloser Härte anhielten. Vielmehr führte der Umstand,
dass die Rotarmisten in ihrem verzweifelten Abwehrkampf
den Deutschen große Verluste zufügten und ihrerseits deutsche
297
Gefangene ermordeten und gelegentlich auch verstümmelten,
rasch dazu, dass auf beiden Seiten die Gewalt eskalierte und
kein Pardon gegeben wurde.499 Dennoch gab es auch im
deutschen Ostheer noch ein Bewusstsein von Recht und
Unrecht.
So
verurteilte
ein
Feldgericht
einen
Bataillonskommandeur zu zwei Jahren Gefängnis und
Rangverlust, weil er, ohne selber bedroht zu sein, mehrere
russische Gefangene getötet hatte. Seine Rechtfertigung, dass
sein Bruder von Partisanen getötet worden war, schlug bei den
Richtern offenbar nicht wesentlich zu Buche. Doch Hitler ließ
dieses Urteil aufheben, weil es »vitalen Naturen« nicht zum
Vorwurf gemacht werden könne, wenn sie gegenüber »dem
bolschewistischen Weltfeind« alle Gebote der Menschlichkeit
fahren ließen.500 Mit solchen Anordnungen suchte die NSFührung immer wieder die Soldaten zu radikalisieren und
jeden humanitären Impuls im Keim zu ersticken. Die
Schlussfolgerungen für die Truppe lagen auf der Hand:
Niemand wurde wegen Mordes an sowjetischen Gefangenen
belangt, diese waren praktisch vogelfrei.501
Der andere Hotspot der Tötung von Gefangenen auf oder
unmittelbar hinter dem Schlachtfeld war China. Es gab wohl
keinen anderen Kriegsschauplatz, auf dem so viele Soldaten
die Kapitulation verweigerten und an Ort und Stelle
umgebracht wurden.502 Auch im Ringen von Japanern und
Amerikanern um die Inselwelt des Pazifiks ging es äußerst
brutal zu. Dass sich bis Ende 1944 nur 12 000 japanische
Soldaten in amerikanischem Gewahrsam befanden, lag nicht
nur daran, dass die Männer des Tennos buchstäblich bis zur
letzten Patrone kämpften. Die amerikanischen Truppen töteten
auch unzählige Japaner, die sich ergeben wollten. Ihre von
Rassismus und Rachegelüsten angetriebene »The only good
Jap is a dead Jap«-Mentalität trug erheblich zur Eskalation der
298
Gewalt im Pazifik bei.503 Ein amerikanischer IntelligenceOffizier sprach sogar von einer »U. S. Marine policy of
extermination«.504
Wie die Wehrmacht zwischen europäischen und
»asiatischen« Gegnern unterschied, verhielt sich auch die US
Army in Europa anders als auf dem asiatischen
Kriegsschauplatz. Die Deutschen wurden – anders als die
Japaner – als kulturell gleichrangige Gegner betrachtet.
Umfragen ergaben, dass nur fünf bis neun Prozent der
amerikanischen GIs »really wanted to kill a German
soldier«.505 Die meisten achteten die Wehrmachtsoldaten,
zollten ihnen als tapfere Gegner Respekt. Allerdings darf man
sich über die Kriegführung der amerikanischen Streitkräfte in
Westeuropa keiner Illusion hingeben.506 Das Töten von
Gefangenen wurde in spezifischen Situationen durchaus als
legitim angesehen. Ein ungeschriebenes Gesetz des
amerikanischen combat ethos507 lautete: »Surrender without
fighting and all is well, but you don’t fight and kill some of
our people and then surrender.«508 Wer als deutscher Landser
den Gegner bekämpfte, konnte also nicht immer auf Gnade
hoffen, wenn er die Waffen niederlegte. Ed Laughlin, der mit
der 82. US Airborne Division in Europa kämpfte, erinnerte
sich: »Wir bemerkten einen deutschen Soldaten, der an einem
Ast aufgeknüpft worden war. Es war ein vorgeschobener
Artilleriebeobachter, der Artillerie- und Mörserfeuer auf uns
gelenkt hatte. Er hatte versucht, sich zu ergeben, wurde aber
wegen der Tötung und Verstümmelung unserer Soldaten am
eigenen Gürtel aufgehängt.«509
Ein bevorzugtes Ziel amerikanischer Gewalt waren
Soldaten der Waffen-SS, die als ideologischer Gegner, aber
auch aufgrund ihrer fanatischen Kampfesweise weit mehr als
die normalen Heeresverbände den Hass der US-Truppen auf
299
sich zogen. Dass von ihnen nur relativ wenige in alliierte
Gefangenschaft gerieten, lag – ähnlich wie bei den japanischen
Truppen – nicht nur an ihrer Entschlossenheit, bis zum Letzten
zu kämpfen, sondern auch daran, dass die Alliierten sie häufig
on the spot umbrachten.510 Als den Amerikanern während der
Ardennenoffensive bekannt wurde, dass Teile der SS-Division
»Leibstandarte Adolf Hitler« bei Malmedy 74 GIs getötet
hatten, erteilte General Omar Bradley mündlich den Befehl, in
der nächsten Zeit keine Gefangenen der SS zu machen. Wie
viele Männer diesem Racheakt zum Opfer fielen, lässt sich
nicht mehr ermitteln; wahrscheinlich waren es viele Hundert.
Die US-Truppen sahen den Befehl als Freibrief, jedweden
deutschen Gefangenen umzubringen.511
Eine der ergiebigsten Quellen zu Gefangenentötungen sind
die Memoiren von US-Veteranen. In ihnen wird bis heute so
freimütig über das Töten geschrieben wie in kaum einem
anderen Land der Welt.512 So brüstete sich einst auch Ernest
Hemingway, eigenhändig einen Offizier der Waffen-SS
umgebracht zu haben.513 Gewalt gegen Gefangene war in der
amerikanischen Gesellschaft offenbar nicht so geächtet, dass
man sie verheimlichen musste. Auch zeitgenössische USAkten bestätigen den Eindruck aus der Memoirenliteratur, dass
Gefangene der US Army einem hohen Risiko ausgesetzt
waren, noch auf dem Schlachtfeld exekutiert zu werden. In
einem Bericht der 4. US-Infanteriedivision über die Landung
am Utah Beach in der Normandie wurde über die GIs notiert:
»Viele von ihnen schrieen wie Indianer, als sie ins Wasser
sprangen. Tatsächlich hatten sich einige wie Indianerkrieger
aufgeputzt, ihr Haar im Irokesenschnitt, die Gesichter mit
Farbe beschmiert. Als das 3. Bn des 22. [Regiments] kurz vor
Mittag seine erste Befestigung erobert hatte, mit 100
Gefangenen, wollten die Männer die Gefangenen
300
niederschießen. Sie waren so begierig, Deutsche zu töten, und
ihr Tötungsimpuls, als sie ihre ersten lebenden Krauts sahen,
war so stark, dass Col. Teague auf einen MG-Stand klettern
musste, um zu seinen Männern zu sprechen und sie über den
Umgang mit Gefangenen aufzuklären.«514
Ein vergleichbarer Bericht aus den Reihen der britischen
Streitkräfte ist nicht bekannt. Es wäre für Soldaten des
Vereinigten Königreichs wohl auch unvorstellbar gewesen,
sich mit entsprechender Haartracht und Körperbemalung in die
Schlacht zu stürzen. Die bislang verfügbaren Quellen lassen
vermuten, dass die US-Streitkräfte auf dem westlichen
Kriegsschauplatz mehr deutsche Kriegsgefangene getötet
haben als etwa die britischen Verbände. Genaue Zahlen sind
ebenso wenig bekannt wie die Frage, ob sich bestimmte
Einheiten besonders hervorgetan haben.515 Auffallend ist
gleichwohl, dass in britischen Memoiren oder internen
Berichten nichts über Kriegsverbrechen zu erfahren ist. Das
bedeutet nicht notwendigerweise, dass britische Soldaten keine
begingen, doch scheint ihre kulturelle Prägung eine andere
gewesen zu sein. Auch in deutschen Akten und Memoiren
über die Kämpfe gegen US-Truppen finden sich kaum
Hinweise auf den Drang, Gefangene zu töten. Gleichwohl kam
es auch bei den Gegnern im Westen durchaus zu
Gefangenentötungen durch die Wehrmacht.516
Das Beispiel der Gefangenentötung auf dem Schlachtfeld
zeigt, wie sich Soldaten unterschiedlicher Militärkulturen in
vergleichbaren Situationen verhielten. Nach bisherigem
Forschungsstand scheint sich auf den verschiedenen
Kriegsschauplätzen rasch ein von beiden Seiten getragener
Kriegsbrauch herausgebildet zu haben. Während die
Wehrmacht im Osten unter den Bedingungen eines besonders
zähen und brutalen Kampfgeschehens Gefangene oftmals
301
kurzerhand erschoss, tat sie das im Westen in der Regel nicht.
Gleiches gilt für die Amerikaner, die im Pazifik wesentlich
brutaler vorgingen als in Europa. Die Ausnahme scheint die
britische Armee gewesen zu sein, die weder im Pazifik noch in
Europa an die Gewalteskalation anderer kriegführender
Mächte heranreichte.517
Fazit
Professionell und verbrecherisch – so könnte man das
weitläufige Urteil über die Wehrmacht zusammenfassen.
Gerade in der englischsprachigen Literatur werden diese
beiden Seiten der Medaille beleuchtet und Kontinuitäten zu
früheren deutschen Armeen herausgestellt – die Wehrmacht
gewissermaßen als Endpunkt eines deutschen Sonderwegs, der
mit den Einigungskriegen begann und im Zusammenbruch
1945 endete.
Gewiss baute die Wehrmacht auf Vorläufern auf,
unterschied sich aber auch signifikant von diesen.
Kontinuitäten gab es etwa in der Vorstellung von der
Illegitimität
des
zivilen
Widerstands,
der
mit
Geiselerschießungen zu beantworten war, oder von der
Legitimität der Politik der verbrannten Erde. Doch die Gewalt
gegen Zivilisten oder Kriegsgefangene, die Beteiligung am
Holocaust und nicht zuletzt die Gewalt gegen die eigenen
Soldaten stellten eine neue Dimension dar, die das im Ersten
Weltkrieg Vorstellbare weit überstieg. So kam es nicht von
ungefähr, dass ehemalige kaiserliche Besatzungsoffiziere, die
1914–18 in Polen eingesetzt waren, im Zweiten Weltkrieg als
unbrauchbar galten, weil sie einst ihre Aufgabe nicht radikal
genug ausgeführt hatten.518 Und 1914–18 gab es trotz aller
Gewalteskalation etwas, das es 1939–45 nicht gab: ein
Moment der Mäßigung, die Erkenntnis, zu weit gegangen zu
302
sein und die Gewalt begrenzen zu sollen. 1939–45 ging es
allein um die Entgrenzung der Gewalt, und die Wehrmacht
war einer der Katalysatoren dieser Entwicklung. Zwar gab es
durchaus noch den »europäischen Normalkrieg«519, vor allem
im Kampf gegen die Westmächte oder im Krieg zur See, und
die Deutschen waren nicht die Einzigen, die Kriegsverbrechen
begingen. Der Makel der entgrenzten, verbrecherischen
Kriegführung aber blieb, und er wog schwer.
Neben den Verbrechen war die militärische Professionalität
ein Kennzeichen der Wehrmacht. Trotz ihrer totalen
Niederlage 1945 wirkte der Nimbus ihres Siegeslaufs von
1939 bis 1942 lange nach, und noch heute gilt sie vielen als
Inbegriff der Exzellenz im militärischen Handwerk. Der
britische Militärschriftsteller Max Hastings schrieb gar von der
»finest fighting army of the war«.520 Diesen Befund gilt es
indes zu differenzieren: In der ersten Kriegshälfte war die
Wehrmacht allen Gegnern überlegen, überrannte ganz Europa
und konnte nur durch eigene Hybris und einen nicht für
möglich gehaltenen Widerstandswillen der Sowjetunion
gestoppt werden. Bis Herbst 1942 war sie die einzige Armee
der Welt, die den Bewegungskrieg mit Panzern und
motorisierten Verbänden beherrschte. Das kam nicht von
ungefähr: Schnelligkeit, Auftragstaktik, Führen von vorne und
das Gefecht der verbundenen Waffen gehörten seit den
Einigungskriegen zur Signatur deutschen militärischen
Denkens. Nun hatte das Deutsche Reich die technischen Mittel
zur Verfügung, diese Prinzipien auch in die Tat umzusetzen.
Dabei hatte die Wehrmacht durchaus mit Problemen zu
kämpfen; vieles klappte nicht so wie am Kartentisch erdacht,
zumal die Armee nach dem Machtantritt des NS-Regimes in
nur wenigen Jahren aus dem Boden gestampft werden musste.
So war man über den schnellen Sieg in Polen selbst
303
überrascht. Das OKH wertete die Erfahrungen sorgfältig aus
und glaubte nicht, den Erfolg gegen Frankreich wiederholen
zu können. Nachdem dies durch eine Mischung aus Glück,
Können und haarsträubenden Fehlentscheidungen der Gegner
dennoch gelang, schien es keine Grenzen mehr zu geben.
Als die Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel,
stand sie im Zenit ihres Könnens. Doch trotz des rasanten
Vormarschs gelang es ihr nicht, das riesige Land wie
vorgesehen niederzuwerfen. Die Feldzüge in Polen und
Frankreich basierten auf der Schockwirkung der
Auftakterfolge, die dem Gegner nicht nur hohe Verluste
zufügten, sondern auch seine Widerstandskraft brachen. Dies
gelang in der Sowjetunion nicht, die trotz schwerer
Niederlagen entschlossen weiterkämpfte. Damit war die
deutsche Strategie am Ende, der Feldzugsplan schon im Herbst
1941 gescheitert.
Taktisch schaltete die Wehrmacht schnell von der
Offensive auf die Defensive um und zeigte schon im Winter
1941/42, dass sie auch in der Verteidigung geschickt kämpfen
und die gegnerischen Angriffe stoppen konnte. Doch ab
Sommer 1943 zwang die Rote Armee den Deutschen ihren
Krieg auf und drängte sie mit ihrer schieren Masse und
Feuerkraft Schritt für Schritt zurück. Die quantitativen
Dimensionen hatten sich verschoben. Fünf bis sechs deutsche
Panzerdivisionen waren 1941 noch eine Furcht einflößende
Streitmacht gewesen, 1943/44 reichten sie gerade noch für
örtliche Gegenangriffe aus. Im Abnutzungskrieg ging dem
Deutschen Reich langsam, aber sicher die Puste aus. Bereits
im Herbst 1943 sank die Kampfkraft der Infanterieverbände
stark ab. Es gelang nicht mehr, die deutschen Divisionen mit
ausreichend Feuerkraft auszustatten und den Personalersatz
hinreichend auszubilden. Die Qualität der vielen schlecht
304
ausgerüsteten und abgekämpften Infanteriedivisionen und der
wenigen gut ausgestatteten Panzerdivisionen klaffte immer
weiter auseinander.
Obwohl die Wehrmacht mit ihrem offensiven Latein schon
im Sommer 1943 am Ende war, gelang es ihr an der Ostfront
immer wieder, örtlich erfolgreiche Gegenstöße zu führen und
sowjetische Verbände zu zerschlagen. Im Kampf gegen die
Westmächte zeigte sich der Verfall der Professionalität viel
deutlicher. Alle deutschen Gegenangriffe in Italien scheiterten
und brachten die Alliierten nicht in Bedrängnis. Dabei zeigte
sich, dass die Wehrmacht den Artilleriekrieg verlernt hatte,
den die Deutschen im Ersten Weltkrieg noch so souverän
beherrscht hatten. In der Einbindung der Artillerie in das
Gefecht der verbundenen Waffen war sie ihren Gegnern
ebenso unterlegen wie in der Bekämpfung der feindlichen
Geschütze. Auch zeigten sich schon ab Sommer 1943
deutliche Ausbildungsmängel in schwierigen Gefechtslagen,
nicht nur bei der Truppe, sondern auch bei den Stäben.
Markenzeichen der Wehrmacht waren ihre Risikobereitschaft
und die Fähigkeit gewesen, auf unvorhersehbare Lagen schnell
zu reagieren. Doch beim Versuch, die alliierten Landungen auf
Sizilien und im Golf von Salerno abzuwehren, zögerte man zu
lange und versäumte einen mutigen Gegenschlag. Eigene
Fehler und Zögerlichkeiten wurden auf dem Schlachtfeld nun
unnachgiebig bestraft. Ein Lernprozess, wie der enormen
alliierten Feuerkraft zu begegnen sei, war nicht zu erkennen.
Die meisten Generäle verharrten in dem Glauben, die
Wehrmacht könnte wie in alten Tagen die Westalliierten
überrennen. Sie wollten in ihrem Gefühl der Überlegenheit
nicht wahrhaben, dass ihnen Amerikaner und Briten ihren
Krieg aufdrängten und nicht umgekehrt. Dabei brachten sich
die Westalliierten durch ihr bewusst risikoarmes Vorgehen
305
immer wieder selbst um die Chance, der Wehrmacht
vernichtende Niederlagen beizubringen, wodurch es den
Deutschen oft gelang, die Front zu stabilisieren. Dass die
Wehrmacht trotz der alliierten Materialüberlegenheit etwa in
der Normandieschlacht im Juni/Juli 1944 keine höheren
Verluste als der Gegner erlitt, förderte bei vielen Offizieren
den Glauben, im soldatischen Handwerk nach wie vor
überlegen zu sein. Doch die gescheiterten Gegenoffensiven
gaben ein anderes Bild ab und offenbarten, wie geschickt und
tapfer sich die Alliierten schlugen, wenn sie einmal in die
Defensive gerieten. Die Vorstellung, die besseren Soldaten
gehabt zu haben, hielt sich gleichwohl bis weit in die
Nachkriegszeit und gehört zu den langlebigsten Mythen der
deutschen Militärgeschichte.
Die großen Probleme, sich auf die Bedingungen der
zweiten Kriegshälfte einzustellen, betrafen nicht nur das Heer,
sondern auch die Nachrichtendienste, die Luftwaffe und die
Marine. Sie waren ein generelles Merkmal der Wehrmacht.
Die deutschen Nachrichtendienste hatten in der ersten
Kriegshälfte den Streitkräften gute Dienste geleistet und mit
der Entzifferung der britischen Handelsschiffscodes oder des
Funkverkehrs des amerikanischen Militärattachés in Kairo
viele Erfolge erst möglich gemacht. Sie scheiterten jedoch an
der größten intellektuellen Herausforderung des Krieges: dem
Einbruch in die maschinellen Funkentschlüsselungsgeräte und
der systematischen Wissensproduktion aus den Aussagen von
Kriegsgefangenen. In beiden Bereichen entwickelten sich die
Briten im Verlauf des Krieges zu Meistern ihres Faches,
während die Deutschen bald vollkommen im Dunkeln
tappten.521 So kämpfte die Wehrmacht in materiell
unterlegener Position, ohne dem Gegner in die Karten schauen
zu können. Sie wurde nicht nur von der Landung der Alliierten
306
in Anzio im Januar 1944 überrascht, sondern auch von deren
Offensive bei Monte Cassino im Mai 1944, und wenig später
ermöglichte ein völliger intelligence blackout, dass die größte
Armada der Weltgeschichte unerkannt über den Kanal
dampfen und am Morgen des 6. Juni 1944 vor der Küste der
Normandie auftauchen konnte. Ähnlich erging es den
Deutschen seit Sommer 1943 zumeist an der Ostfront.522
Die Luftwaffe sollte gemäß der in den 1930er-Jahren
entwickelten Doktrin im künftigen Krieg eine eigenständige
Rolle spielen. Von zentraler Bedeutung war dabei der Bomber,
gegen den es vermeintlich kaum Abwehrmöglichkeiten gab
und der das entscheidende Instrument zur Erringung der
Luftherrschaft sein sollte. Jagdflugzeuge spielten in der
Vorkriegsplanung nur eine untergeordnete Rolle. Diese
Doktrin schien sich im Polen- und Frankreichfeldzug zu
bestätigen. Die Luftwaffe glaubte, mit ihren Bombern die
gegnerischen Fliegerstreitkräfte in den ersten Tagen am Boden
vernichtet zu haben. Doch das war ein Trugschluss. Dass man
dennoch die Luftüberlegenheit hatte erringen können, lag eher
an der Desorganisation von Polen und Franzosen. Auch in der
Luftschlacht um England gelang es nicht, die gegnerische
Luftwaffe am Boden zu vernichten. Das Versagen der
deutschen Doktrin lag angesichts der Widerstandsfähigkeit des
britischen Fighter Command und der hohen eigenen Verluste
auf der Hand. Das Instrument zur Erringung der Luftherrschaft
war also nicht der Bomber, sondern der Jäger. Die Deutschen
erkannten dies aber nicht rechtzeitig und versuchten, das
Problem fortan durch die Entwicklung überlegener Technik in
den Griff zu bekommen. Doch angesichts des technischen
Kopf-an-Kopf-Rennens der hochindustrialisierten Großmächte
war es illusorisch, ein Flugzeug zu entwickeln, mit dem sich
auf längere Zeit ein entscheidender Vorteil erzielen ließ.
307
Großbritannien, die USA und Deutschland konstruierten
zumindest im Bereich der Jagdflugzeuge ähnlich
leistungsstarke
Typen.
Zudem
überschätzte
die
Luftwaffenführung den Stellenwert der Technik: Im
Luftkampf waren Taktik und fliegerisches Können des Piloten
oftmals entscheidender als die Frage, in welchem Flugzeugtyp
er saß.523 Noch entscheidender war die materielle Quantität,
bei der die Deutschen immer mehr ins Hintertreffen gerieten.
Erst unter dem Eindruck der totalen Niederlage trafen sie im
Mai/Juni 1944 die grundlegende Richtungsentscheidung,
fortan nur noch Jagdflugzeuge zu bauen. Viel zu lange hatte
man an der ressourcenfressenden Bomberwaffe festgehalten.
Ein markantes Beispiel ist der Bau von über 1100 Bombern
des Typs He 177, in denen Material und Arbeitsstunden von je
acht Jagdflugzeugen Me 109 steckten. Wegen des zu langen
Festhaltens am Bomber verlor die Luftwaffe in der zweiten
Kriegshälfte jede Möglichkeit, sich zumindest noch örtlich die
Luftüberlegenheit zu erkämpfen.
Die Marine war zur Adaption an die Verhältnisse der
zweiten Kriegshälfte zwar in der Lage, aber auch sie erkannte
die Zeichen der Zeit zu spät. Als Karl Dönitz im Januar 1943
ihr Oberbefehlshaber wurde, ließ er die gesamte maritime
Kriegführung und Rüstung auf den U-Boot-Krieg und den
Kampf im Küstenvorfeld umstellen. Es folgte die Entwicklung
eines neuen, revolutionär leistungsfähigen U-Boot-Typs, der
vor Kriegsende aber nicht mehr in nennenswerter Zahl zum
Einsatz kam. So konsequent diese Fokussierung war, so
bezeichnend ist, dass Dönitz und sein Stab sie erst dann
vornahmen, als die hohen Verluste sie im Mai 1943 zwangen,
die Schlacht im Nordatlantik abzubrechen. Bereits seit April
1941 waren die deutschen U-Boote der alliierten Abwehr
ausgewichen, hatten sich in den Weiten des Atlantiks immer
308
neue Jagdgründe gesucht, um unter möglichst geringem
Aufwand zu Erfolgen zu kommen. Dass man dem Gegner aber
nicht auf ewig davonlaufen konnte, sondern in der Lage
bleiben musste, auch gegen gut gesicherte Geleitzüge zu
operieren, um strategisch wichtigen Schiffsraum zu versenken,
wurde von der Kriegsmarine nicht erkannt. So erfolgte der
Bau der neuen U-Boote zu spät, um sich auf den Kriegsverlauf
noch auswirken zu können.524
Ob die Alliierten prinzipiell lernfähiger waren als die
Deutschen, mag man mit Fug und Recht bezweifeln. Das
starre Festhalten an der irrigen Erwartung, das Deutsche Reich
durch Flächenbombardements zur Kapitulation zu zwingen, ist
wohl das bekannteste Beispiel der institutionellen Weigerung,
einen einmal eingeschlagenen Weg zu ändern.525 Jedoch
waren die Alliierten aufgrund ihrer anfänglichen
Unterlegenheit erheblichem Druck ausgesetzt, Reformen
einzuleiten, die sich dann ab 1943 auszahlten. Beachtlich war
insbesondere die Lernkurve der Roten Armee, der mit der
Einkesselung und Vernichtung der 6. Armee bereits im Januar
1943 etwas gelang, was die Westalliierten erst im April 1945
schafften. Jedoch bezahlte sie ihre Erfolge mit horrenden
Verlusten und schaffte es bis Kriegsende nicht, schonender mit
ihren menschlichen Ressourcen umzugehen.
Dass die Wehrmacht trotz der verheerenden Niederlagen
des Sommers 1944 überhaupt noch existierte und fast ein Jahr
lang weiterkämpfen konnte, bleibt bemerkenswert. Hier zeigte
sich einmal mehr, dass sie – bedingt durch die enge
Verbindung von NS-Staat, Gesellschaft und Streitkräften – ein
extrem widerstandsfähiges Kohäsionsgeflecht besaß. Es gab
gewissermaßen kein civil-military gap. Die Menschenführung,
die Ausbildung, das Auszeichnungssystem, das Personalwesen
mit seiner Beförderung nach Leistung – alles war darauf
309
ausgerichtet, eine möglichst hohe Effizienz im Kampf zu
erzielen. Und darin war dieses System zweifellos auch
erfolgreich. Die Wehrmacht integrierte Millionen von
Männern, die aus den unterschiedlichsten Milieus stammten,
unterschiedlichste politische Überzeugungen hatten und
beileibe nicht alle stramme Krieger waren. Sie dienten aber
der Institution bis ins Frühjahr 1945 hinein loyal. Keine
deutsche Armee zuvor oder danach konnte ein vergleichbar
festes Kohäsionsgeflecht aufweisen. Es war die Voraussetzung
dafür, dass es überhaupt zu den irrsinnigen Endkämpfen
1944/45 kommen konnte.
Noch erstaunlicher ist, dass trotz der nicht abreißenden
Abfolge von Niederlagen und der Unfähigkeit, wieder offensiv
zu werden, der Glaube an die eigene Überlegenheit erhalten
blieb. Viele Soldaten waren noch im Sommer 1944 felsenfest
davon überzeugt, bei einem Sieg über die Alliierten in der
Normandie den Krieg gewinnen zu können. Dieser
unerschütterliche Glaube war vor allem bei intrinsisch
motivierten Männern zu beobachten, die bislang erfolgreich
gekämpft hatten und deren Verbundenheit mit dem
Nationalsozialismus dazu beitrug, die Einsicht in die
unvermeidliche Niederlage zu versperren. Hermann Balck
gehörte zu ihnen ebenso wie Heinrich Eberbach.526
Die Wehrmacht war eine Armee der Extreme. Ihr
verbrecherischer Charakter war ohne Beispiel in der deutschen
Militärgeschichte, ebenso waren es ihre Erfolge und
Niederlagen. Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai
1945 hörte sie auf zu bestehen. Die Alliierten schienen gewillt,
den Deutschen ihren Militarismus, oder was sie dafür hielten,
auszutreiben. In den Nürnberger Prozessen, namentlich im
Verfahren gegen die »Südost-Generäle« und gegen das OKW,
zogen sie die führenden Wehrmachtgeneräle zur
310
Verantwortung, in den Spruchkammerverfahren wurden
bekannte Kriegsverbrecher belastet. Doch die Politik der
Verdammung hielt zumindest in den Westzonen nicht lange an.
Die Vereinigten Staaten waren bald mehr daran interessiert,
von der Wehrmacht zu lernen, wie man gegen die Rote Armee
kämpfte. Im aufkommenden Kalten Krieg war der Nimbus
einstiger Siege ein Türöffner auf dem Weg zur
Wiedererlangung der Souveränität.
311
IV.
Friedensarmee im Kalten Krieg.
Die Bundeswehr der Bonner
Republik (1955–1989)
Eine andere Armee braucht das Land
Der Aufbau von Streitkräften war einer der Hebel, mit denen
die Bundesrepublik die Integration in die westliche
Staatengemeinschaft
und
die
Wiedererlangung
der
Souveränität würde erreichen können. Das war auch dem
eingefleischten Zivilisten Konrad Adenauer bei seinem
Amtsantritt als Bundeskanzler im September 1949 klar. Gut
vier Jahre nach Kriegsende klangen solche Überlegungen zwar
noch allzu utopisch. Doch der beginnende Kalte Krieg, der im
Juni 1950 mit dem Ausbruch des Koreakrieges einen ersten
Höhepunkt erreichte, veränderte die politische Großwetterlage
entscheidend zugunsten Bonns. Ganz Westeuropa schien auf
einmal von der sowjetischen Expansionspolitik bedroht zu
sein. An eine konventionelle Verteidigung des Kontinents war
angesichts der gewaltigen militärischen Übermacht der
UdSSR nicht zu denken. Die russischen Panzer würde man
wohl erst an den Pyrenäen aufhalten können, orakelten
militärische Fachleute. Im August 1949 hatten die USA zudem
das Atomwaffenmonopol verloren. Eine Stärkung der
konventionellen Verteidigungsfähigkeit war unabdingbar, um
im Ernstfall nicht vor ein fait accompli gestellt zu werden.
Die junge Bundesrepublik musste somit in die
Verteidigung Westeuropas eingebunden werden: aus
geostrategischen Gründen, aber vor allem, weil deutsche
Soldaten einen wesentlichen Beitrag im Kampf gegen die
312
Sowjetunion würden leisten können. Der Russlandkrieg war
insbesondere bei den amerikanischen Militärs nicht vergessen,
und sie bedienten sich gerne des operativen Know-hows
ehemaliger Wehrmachtgeneräle, nach deren Rolle im NSSystem sie kaum mehr fragten. Und Adenauer war angesichts
der außenpolitischen Chancen, die er in der Aufstellung
deutscher Streitkräfte sah, weniger denn je gewillt, auf die
ablehnenden Stimmen zur Wiederbewaffnung zu hören.
Deutsche Divisionen gegen staatliche Souveränität – das war
der Deal. Nachdem die Franzosen den von ihnen
eingebrachten
Vorschlag
einer
Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft selbst zu Fall gebracht hatten,
wurde die Bundesrepublik im Mai 1955 in die NATO
aufgenommen und erlangte einen Teil ihrer Souveränität
zurück. Damit war sechs Jahre nach Gründung des Staates
über den militärischen Hebel ein zentrales Ziel Adenauers
erreicht. Das zweite große Ziel, die Wiedervereinigung, war
unterdessen in weite Ferne gerückt und die Teilung
Deutschlands auf unabsehbare Zeit zementiert.
Der Handlungsspielraum des jungen westdeutschen Staates
war freilich sehr begrenzt. Der Takt der Weltpolitik wurde von
Washington und Moskau vorgegeben. Bonn konnte nur
versuchen, durch Verlässlichkeit in günstigen Momenten
eigene Akzente zu setzen. 1955 musste die Bundesrepublik
zunächst darangehen, ihren Teil der Vereinbarung einzulösen:
Innerhalb von nur drei Jahren sollte eine Streitmacht von
zwölf Divisionen mit 500 000 Soldaten aufgestellt werden.
Adenauer drängte aufs Tempo, um rasch ein außenpolitisch
verwertbares Faustpfand in der Hand zu haben. Die neu zu
gründende Bundeswehr war die Eintrittskarte in den
transatlantischen Sicherheitspakt. Doch das Parlament pochte
auf seinen verfassungsmäßigen Kontrollanspruch und lehnte
313
es ab, die notwendige Gesetzgebung im Hauruckverfahren
durch die Instanzen zu peitschen. So war nicht das im Juni
1955 gegründete Bundesministerium für Verteidigung,
sondern der Ausschuss für Fragen der europäischen Sicherheit
des Bundestages – der spätere Verteidigungsausschuss – der
eigentliche Taktgeber.1
Als am 12. November 1955 die ersten 6000 Freiwilligen
eingestellt wurden, war der rechtliche Rahmen wegen der
intensiven parlamentarischen Debatten noch gar nicht fertig.
Soldaten- und Wehrpflichtgesetz traten erst zwischen April
und Juli 1956 in Kraft. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten
im Detail zogen Exekutive und Legislative in dieser Phase an
einem Strang.2 Beide, Regierung und Parlament, wollten den
Primat der Politik sichern, den Oberbefehl in zivile Hand
legen, eine umfassende Kontrolle der Streitkräfte durch den
Bundestag einführen. Dieser hatte nicht nur das Budgetrecht,
sondern konnte sich in einem speziellen, im Grundgesetz
verankerten Ausschuss mit allen Fragen der Streitkräfte
befassen. Auch im Verteidigungsministerium sollte das
Militärische dem Zivilen untergeordnet werden. Es gab keinen
Generalstab, und der Generalinspekteur als höchster Soldat
war nicht nur dem zivilen Staatssekretär, sondern auch dem
höchsten zivilen Ministerialbeamten nachgeordnet. Der
Rüstungsbereich war als Teil der zivilen Wehrverwaltung dem
Zugriff der Generäle entzogen. Auf eine Militärgerichtsbarkeit
hatte man bewusst verzichtet, es gab zivil geführte
Truppendienstgerichte.3 Das Soldatengesetz legte fest, dass
schon Brigadegeneräle ohne Angabe von Gründen in den
vorzeitigen Ruhestand versetzt werden konnten. Bei zivilen
Beamten war dies erst ab der Ministerialdirektorenebene, also
zwei Stufen höher, möglich.
314
Im Soldatengesetz waren alle Sonderrechte von Soldaten
abgeschafft. Fortan hatten sie dieselben Rechte und Pflichten
wie alle anderen Bürger und wurden auf die Werte und
Normen der freiheitlich-demokratischen Ordnung des
Grundgesetzes verpflichtet. Von Gehorsam, Kameradschaft
und Pflichterfüllung war zwar auch die Rede. Der Duktus des
im Gesetz enthaltenen Pflichtenkatalogs unterschied sich aber
erheblich von den Kriegsartikeln des Jahres 1902 oder den
Berufspflichten des Soldaten der Jahre 1919 bis 1934. Ehre
und Mut, Kämpfer- und Opfertum kamen nicht mehr vor,
Treue und Tapferkeit standen nicht mehr im Zentrum der
Werteordnung. Während in früheren Dekaden die
Angehörigen
der
Streitkräfte
vor
allem
zum
aufopferungsvollen Kampf verpflichtet wurden, fehlte dem
Soldatengesetz von 1956 dieses Pathos. Der Begriff des
Vaterlandes war im ursprünglichen Textentwurf für die
Eidesformel enthalten, wurde auf Vorschlag des SPDAbgeordneten Hans Merten aber gestrichen. In der
endgültigen Eidesformel hieß es dann, dass die Soldaten der
Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit
des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen hätten. Damit
wurde der Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik für
das geteilte Land reklamiert.4
Das
Soldatengesetz
sah
ferner
eine
neue
Wehrbeschwerdeordnung,
die
Wiedereinführung
des
Vertrauensmannes, die Gründung des Bundeswehrverbandes
als Interessenvertretung der Soldaten und das nach
schwedischem Vorbild geschaffene Amt des Wehrbeauftragten
des Bundestages vor. Damit waren die Bürgerrechte der
Soldaten institutionell so umfassend abgesichert wie nie zuvor.
Die Botschaft war klar: Von den so geschaffenen
Organisationsstrukturen sollte ein kraftvolles Signal ausgehen,
315
um die Kritiker der Wiederbewaffnung zu besänftigen. Die
militärische Funktionstüchtigkeit war dabei allenfalls von
sekundärer Bedeutung. Sie musste gewiss gewährleistet sein,
weil die Streitkräfte nur dann außenpolitisches Gewicht hatten.
In ihrem Rechts-, Werte- und Normenrahmen aber war die
Bundeswehr vor allem als ein innenpolitisches Projekt
konzipiert.
Ein grundlegender Neuanfang wurde wenige Jahre nach
Kriegsende nicht nur von der SPD als größter
Oppositionspartei eingefordert. Weite Teile der CDU und
selbst der militärfreundlichen FDP sahen dies im Prinzip
ähnlich. Niemand wusste, ob diejenigen, die einst für Führer
und Reich gekämpft hatten, auch der Bundesrepublik loyal
dienen würden. Die schon zu Weimarer Zeiten verbreitete
Befürchtung, dass sich die Armee zu einem »Staat im Staate«
entwickeln könnte, war allenthalben zu spüren. Freilich
basierte diese Formel nicht auf einer abgewogenen Analyse,
sondern war eher eine Art Exkulpation der Politik. Gewiss
hatte das Militär gehörigen Anteil an den Katastrophen der
Weltkriege. Aber es waren der Reichskanzler und der Kaiser,
die 1914 die Weichen zum Sprung ins Dunkle gestellt hatten,
und der Primat der Politik war nie so umfassend durchgesetzt
worden wie in der NS-Zeit. Die Frage, ob es in der Weimarer
Republik einen »Staat im Staate« im engeren Sinne überhaupt
gegeben hatte, wurde ernsthaft nicht gestellt. Das Schlagwort
eignete sich einfach zu gut, um sich von der Vergangenheit
abzugrenzen und einer militärkritischen Öffentlichkeit
glaubhaft zu vermitteln, dass nun alles besser werden würde.
Der Gegensatz zur NS-Zeit, als alles Militärische hymnisch
verklärt wurde, konnte größer nicht sein. Nach Krieg,
Verbrechen, Zerstörung, Flucht, Vertreibung, Teilung und
Besetzung hatten die meisten Deutschen vom Militär die Nase
316
voll. Umfragen zeigen die Skepsis. Fünf Jahre nach
Kriegsende konnte sich eine deutliche Mehrheit, zeitweise
über drei Viertel, einen Dienst an der Waffe nicht mehr
vorstellen – weder für sich noch für die Angehörigen. Seit
1950 verschaffte sich die Ohne-mich-Bewegung mit ihrer
strikten Ablehnung der Wiederbewaffnung Gehör. Der aus
Protest
gegen
Adenauers
Wiederbewaffnungspläne
zurückgetretene Innenminister Gustav Heinemann und der
evangelische Theologe Martin Niemöller waren prominente
Wortführer der Kritik. In der Öffentlichkeit gab es zuweilen
hochemotionale Diskussionen. Adenauers Sicherheitsberater
Theodor Blank wurde bei Auftritten mehrfach ausgebuht und
mit Eiern beworfen. Allerdings verdichtete sich die Kritik
nicht zu einer wirkungsvollen politischen Opposition. Die
sozialdemokratischen, evangelischen und gewerkschaftlichen
Milieus waren in sich zu sehr gespalten. Manche waren gegen
die Wiederbewaffnung, weil damit die Einheit der Nation aufs
Spiel gesetzt werde oder weil die Bundesrepublik im Bündnis
nicht gleichberechtigt war. Andere waren aus pazifistischen
Gründen dagegen, empfanden tiefe Gewissensnöte. Und
wieder andere hielten sie angesichts der Bedrohung durch die
Sowjetunion oder aus bündnispolitischen Gründen für
unverzichtbar.
Auch
darf
man
von
den
öffentlichkeitswirksamen
Veranstaltungen
der
Bewaffnungsgegner nicht auf die Meinung der gesamten
Bevölkerung schließen. Die Deutschen wollten zwar selber
keine Uniform mehr tragen. Aber die prinzipielle Zustimmung
zur Aufstellung westdeutscher Streitkräfte war stets größer als
die Ablehnung.5 Trotz der traumatischen Erfahrungen des
Zweiten Weltkriegs waren die Westdeutschen keineswegs ein
Volk von Pazifisten. Die Stimmungslage war weniger
militärfeindlich, als es zeitweise schien, und schlug sich vor
allem nicht in den Wahlergebnissen nieder. Adenauers
317
Christdemokraten gewannen sowohl die Bundestagswahl von
1953 als auch die von 1957, letztere sogar mit absoluter
Mehrheit. Das belegt die Zustimmung zu deren konsequenter
Politik der Westbindung mit dem Kernstück der
Wiederbewaffnung.
Trotz aller Vorbehalte gegenüber der militärischen
Vergangenheit stand der Rückgriff auf die alten
Wehrmachteliten nie ernsthaft infrage. Adenauer war klar, dass
die Streitkräfte der Bundesrepublik zumindest so professionell
sein mussten, dass sie international ernst genommen wurden.
Überzeugte Demokraten mit höherem Dienstgrad, die nicht in
der Wehrmacht gedient hatten, gab es kaum, und die wenigen
waren mittlerweile zu alt. »Ich glaube, 20-jährige Generäle
nimmt mir die NATO nicht ab«, soll Adenauer auf die Frage
geantwortet haben, ob Hitlers Generäle auch die seinen
wären.6 Im Personalgutachterausschuss wurden aber all jene
einer besonderen Überprüfung unterzogen, die vom
Dienstgrad Oberst aufwärts eingestellt werden sollten. Den
allzu Belasteten blieb der Weg in die Bundeswehr versperrt.
Von 553 Bewerbungen für die höheren Dienstposten wurden
indes 85 Prozent angenommen. Zudem wurden 45
dienstgradniedrigere Offiziere der Waffen-SS eingestellt, auf
die man aus fachlichen Gründen glaubte nicht verzichten zu
können.7 Sie konnten allerdings nur Oberst werden, waren von
den höheren Führungsposten also ausgeschlossen.8
Die DDR ging einen anderen Weg. Sie griff zwar anfangs
auch auf Wehrmachtoffiziere und -generäle zurück, entließ
diese aber bis Ende der 1950er-Jahre wieder.9 Die Abkehr von
den alten militärischen Eliten war in Ostdeutschland also viel
schärfer. Der Preis dafür war, dass die höhere Führung der
Nationalen Volksarmee (NVA) bis in die 1970er-Jahre hinein
zumeist in Uniform gesteckte Politiker ohne große militärische
318
Kenntnisse waren. Die Bundeswehr gewann durch den
Rückgriff auf die alten Eliten zweifellos schneller militärische
Relevanz und damit außenpolitisches Gewicht.10
Auch wenn Bonn also einen neuen rechtlichen und
normativen Rahmen für die Streitkräfte schuf, wurde der
vollständige Bruch mit der Vergangenheit vermieden. 1951
und 1952 gab Adenauer Ehrenerklärungen für die ehemaligen
Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS ab. Dafür
mussten sie sich verpflichten, die Werte und die Politik der
Bundesrepublik und auch die hehren Motive der Attentäter
vom 20. Juli anzuerkennen. Diese Ehrenerklärungen und das
Bemühen um die Freilassung der noch in alliierter Haft
befindlichen Offiziere mögen aus heutiger Sicht verstören. Sie
waren aber wichtige Schachzüge, um die ehemaligen
Berufssoldaten in den neuen Staat zu integrieren und die
Fehler der Weimarer Republik zu vermeiden. Die alte Identität
konnte so in eine neue überführt werden, wie der Historiker
Agilolf Keßelring bemerkte.11 Die wenigen, die diesen Schritt
nicht vollziehen mochten und von ihrer nationalsozialistischen
Identität nicht lassen wollten, wie etwa Sepp Dietrich, HansUlrich Rudel oder Bernhard Ramcke, konnten nun leicht als
Extremisten ausgeschlossen werden.
Die Bundesregierung wählte in der damaligen
innenpolitischen Lage einen geschickten Kompromiss.
Schließlich waren die Wehrmachtveteranen schon aufgrund
ihrer schieren Zahl in der jungen Republik überall präsent. Sie
saßen in den Parlamenten und Ministerien, den Firmen und
Verbänden, waren Ärzte, Anwälte und Journalisten.12 Neun
Millionen Bundesbürger hatten selbst in der Wehrmacht
gekämpft, Millionen waren für die Rüstungsindustrie tätig
gewesen oder hatten dem sogenannten Wehrmachtgefolge,
etwa der Organisation Todt, angehört. Nimmt man die
319
Familienangehörigen mit in den Blick, so waren die deutsche
Gesellschaft
und
ihre
Institutionen
von
der
Wehrmachtvergangenheit nicht zu trennen. Gewiss waren die
individuellen Erfahrungen in Krieg und Militär denkbar
unterschiedlich. Viele hatten den Zwangsdienst gehasst,
andere hatten einen sozialen Aufstieg erlebt und sprachen von
der besten Zeit ihres Lebens. Eine Ächtung der Wehrmacht
gab es nicht, das wäre letztlich auf eine Selbstverleugnung der
Bevölkerung hinausgelaufen. Vielmehr versuchte sich die
Mehrheit der Deutschen mit ihrer jüngsten Vergangenheit zu
versöhnen.
Jörg Echternkamp hat zu Recht argumentiert, dass die
verbrecherische Dimension des Krieges ein offenes Geheimnis
war und man in dieser Phase nicht von einer »SelbstViktimisierung« der Deutschen sprechen kann. So kamen bei
den Versuchen, sich gegen Vorwürfe aus dem In- und Ausland
zu verteidigen, stets Verbrechen und Unrecht ans Tageslicht.13
Zudem legten Historiker und Politikwissenschaftler wie
Martin Broszat, Andreas Hillgruber und Karl-Dietrich Bracher
in den Sechzigerjahren kritische Studien zur NS-Politik und
zur Wehrmacht vor.14 Es gab intensive Debatten um den 20.
Juli, und seit Gründung der Bundesrepublik verurteilten auch
deutsche Gerichte vor allem Mitglieder der SS, die an der
Shoah beteiligt waren: so etwa im Sobibor-Prozess 1950, im
Ulmer Einsatzgruppen-Prozess 1958 und in den drei
Frankfurter Auschwitz-Prozessen von 1963 bis 1968. Die
Wehrmacht allerdings blieb von der deutschen Justiz
weitgehend verschont. Die 1958 eingerichtete Zentrale Stelle
zur Aufklärung von NS-Verbrechen bekam erst 1965 die
Zuständigkeit auch für die Wehrmacht.15 Zuvor waren
gleichwohl ein gutes Dutzend Generäle angeklagt und zumeist
auch verurteilt worden, die während der Endkämpfe deutsche
320
Soldaten hatten exekutieren lassen.16 Die allermeisten schwer
belasteten Täter der NS-Organisationen und der Wehrmacht
kamen indes ungeschoren davon.17 Von den Prozessen und der
breiten Presseberichterstattung ging aber ein wichtiges
Zeichen der Abgrenzung von den NS-Verbrechen aus, das
breite gesellschaftliche Zustimmung fand. 1958 waren 54
Prozent der Deutschen für eine Fortsetzung der
Strafverfolgung von NS-Tätern.18
Die
Veteranenorganisation
der
Waffen-SS,
die
Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG), konnte zwar
vielfältige politische Kontakte aufbauen. Adenauer hatte ja
versichert, dass seine Ehrenerklärung auch für die Soldaten der
Waffen-SS gelte, soweit sie tapfer gekämpft hätten. Selbst
SPD-Politiker wie Helmut Schmidt äußerten aus eigenem
Erleben oder politischem Kalkül manch Schmeichelhaftes
über die Waffen-SS. Und doch scheiterte die HIAG letztlich
damit, ihre Veteranen als ganz normale Soldaten anerkennen
zu lassen. Es kam nicht von ungefähr, dass Günter Grass oder
Horst Tappert ihre SS-Zugehörigkeit ein Leben lang
verheimlichten. Und in der Bundeswehr wollte man die
Waffen-SS-Veteranen mit wenigen Ausnahmen auch nicht
haben.19
Die Ächtung der SS als Organisation, aber auch einzelner
besonders fanatischer Wehrmachtgeneräle wie Ferdinand
Schörner, war zweifellos eine unhistorische Reduktion von
Verantwortung und Schuld. Als Verkörperung des Bösen
waren diese aber nützliche Antipoden, von denen sich die
politisch durchaus diverse Gesellschaft abgrenzen konnte, um
das Narrativ vom tapferen Soldaten hochzuhalten, der in
einem sinnlos gewordenen Krieg missbraucht wurde. Darin
konnten sich beinahe alle wiederfinden. Schließlich hatten
auch
diejenigen,
die
dem
NS-Regime
kritisch
321
gegenüberstanden, weitergekämpft und geglaubt, ihre
soldatische Pflicht erfüllen zu müssen. Und viele waren stolz
auf ihre soldatischen Leistungen. Für Eberhard Wildermuth,
den ersten Bundesbauminister im Kabinett Adenauer, der
1949/50
zugleich
auch
als
eine
Art
Schattenverteidigungsminister fungierte20, war es von großer
Bedeutung, erst dann verwundet in Gefangenschaft gegangen
zu sein, als britische Panzer im September 1944 seinen
Gefechtsstand
umstellten.21
Der
1890
geborene
Reserveoffizier
stammte
aus
einem
linksliberalen,
republikanischen Umfeld und gehörte zum weiteren Kreis der
Verschwörer des 20. Juli. Er stand politisch viel weiter links
als die meisten ehemaligen Berufsoffiziere, mit denen er über
den Aufbau eines westdeutschen Verteidigungsbeitrags in
Kontakt stand. Und er war sich bewusst, welche Verbrechen
auch von der Wehrmacht zwischen 1939 und 1945 verübt
worden waren.22 Doch nun ging es um den Wiederaufbau von
Staat und Gesellschaft. Die Frage der persönlichen Schuld
dürften sich in der Übergangszeit von Gefangenschaft und
Heimkehr zwar manche gestellt haben. Mit dem Beginn eines
neuen Lebensabschnitts in der Bundesrepublik konnten allzu
tiefgehende Reflexionen über die Vergangenheit aber nur
stören, zumal auch Wildermuth in Jugoslawien in
Kriegsverbrechen verwickelt gewesen war. So wollten auch
Adolf Heusinger und Hans Speidel ganz bewusst keine
intensiveren Diskussionen über die Rolle der Generalität im
Zweiten Weltkrieg, um die Wiederbewaffnung nicht zu
gefährden.23
Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen der am
Zweiten Weltkrieg beteiligten Länder legte man sich die
Vergangenheit so zurecht, dass das Erlebte mit den
Nachkriegsgegebenheiten in Einklang gebracht und den durch
322
den Krieg tief erschütterten Gesellschaften eine positive
Identität gegeben werden konnte.24 Dieser Prozess verlief in
demokratischen Ländern konflikt- und facettenreicher als in
Diktaturen. Aber ein allzu eindimensionaler Blick auf die
eigene Vergangenheit war eben nicht nur in Jugoslawien oder
der DDR zu beobachten, sondern auch in Frankreich und
Italien, wo die Erzählungen von der Nation im Widerstand
sich zum langlebigen Meisternarrativ entwickelten. Was die
frühe Bundesrepublik betrifft, so kann dieser komplexe
Prozess, sich die Vergangenheit zurechtzulegen, hier nicht im
Einzelnen nachgezeichnet werden.25 Er äußerte sich auf
vielfältige Weise in Öffentlichkeit, Politik und Gesellschaft; in
Gedenkstätten ebenso wie in Presseberichten oder
Fernsehproduktionen, in Veteranenorganisationen und ihren
Postillen ebenso wie in Bundestagsdebatten oder im
Familiengespräch.
Exemplarisch lassen sich die gesellschaftliche Haltung zur
Wehrmacht und das öffentlich Sagbare am Erfolg zweier
Bestsellerautoren verdeutlichen. Hans Hellmut Kirst
veröffentlichte 1954 die Romantrilogie 08/15, die sich über
zwei Millionen Mal verkaufte, in 24 Sprachen übersetzt und
sogleich mit überwältigendem Erfolg verfilmt wurde.26 Die
Bücher wurden als kraftvolles Plädoyer gegen den
Militarismus und den menschenverachtenden Kommiss der
Wehrmacht wahrgenommen. Der Film endete mit der
Aufforderung, dass »nie wieder die Diktatur des 08/15-Geistes
in deutschen Kasernen herrschen« solle. In einer
Meinungsumfrage des Allensbacher Instituts äußerten dann
auch sechzig Prozent der Befragten, dass die Ausbildung beim
Militär im Vergleich zu früher geändert werden sollte. Danach
gefragt, was denn geändert werden müsste, blieben die
323
meisten unkonkret. Erstaunlicherweise sagten nur 20 bis 25
Prozent, dass der Kasernenhofton verschwinden solle.27
Aus heutiger Sicht ist die Trilogie von Kirst freilich eher
eine Verharmlosung des Krieges. Denn neben den Schikanen
auf dem Kasernenhof und feigen Etappenoffizieren zeigt sie
vor allem die Kameradschaft der Soldaten an der Front,
beschreibt tapfere Krieger und fürsorgliche Offiziere und im
letzten Teil die SS als Blitzableiter für das Böse. Im Film
geriet die Darstellung der Charaktere noch holzschnittartiger.
Der Bundesregierung kam der Roman inmitten der
Wiederbewaffnungsdebatte sehr ungelegen. Der Verband
deutscher Soldaten empfand die Ausführungen Kirsts als
unflätige Kritik am Militär, zumal die Romane auch mit
reichlich schlüpfrigen Szenen gespickt waren. Die Diskussion
wurde von einer Fehde zwischen dem Autor und Franz Josef
Strauß, damals Bundesminister für besondere Aufgaben,
angeheizt, deren persönliche Antipathie noch aus den letzten
Kriegstagen herrührte. Dabei wurde auch mit Boykottaufrufen
und gegenseitigen Klagen nicht gespart, was dem
Verkaufserfolg nur zuträglich gewesen sein dürfte.28 Die
öffentliche Debatte um die Romane verdeckte freilich, dass
Kirsts Narrativ die Institution der Wehrmacht nur
oberflächlich angriff. Gewiss, Drill und Schikane wurden
geradezu genüsslich ausgebreitet. Der außerordentliche Erfolg
der Trilogie ist aber vor allem damit zu erklären, dass sich die
ehemaligen Wehrmachtsoldaten und ihre Angehörigen nach
der Lektüre als Opfer der NS-Kriegführung fühlen konnten.
Nur an ganz wenigen Stellen deutete Kirst die verbrecherische
Dimension des Krieges so an, dass der kundige Leser wusste,
was gemeint war.29 Mehr als versteckte Hinweise auf den
Vernichtungskrieg war seinerzeit nicht opportun.
324
Den zweiten wirkungsmächtigen Referenzpunkt im
Diskurs über die Wehrmacht setzte seinerzeit Paul Schmidt
alias Paul Carell. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer war
während des Krieges Pressechef von Außenminister Joachim
von Ribbentrop gewesen und etablierte sich nach 1945 unter
dem Pseudonym Carell als erfolgreicher Schriftsteller und
Journalist.30 Seit 1952 schrieb er in der Publikumszeitschrift
Kristall Artikelserien über den Feldzug in Nordafrika, die
alliierte Landung in der Normandie und den Krieg in der
Sowjetunion. Zwischen 1958 und 1966 wurden daraus
mehrere Bücher, die rasch Millionenauflagen erreichten und
weltweit Verbreitung fanden. In seinen flüssig geschriebenen
Werken konstruierte Carell das Bild einer taktisch-operativ
überlegenen deutschen Armee, die vor allem am
Dilettantismus Hitlers gescheitert sei. Von Verbrechen und
Vernichtungskrieg war hier ebenso wenig die Rede wie von
der Katastrophe des letzten Kriegsjahres, als das NS-Regime
und seine Militärführung in einem widersinnig gewordenen
Kampf Millionen Soldaten opferten. Er sprach damit jene
Leser an, deren Identität an ein positives Bild der Wehrmacht
gebunden blieb.
Man mag heute über Carells Werke die Nase rümpfen.
Seine wortgewaltige Beschwörung der handwerklichen
Exzellenz der Wehrmacht war freilich ein wichtiges
Bindemittel zwischen Militär und Gesellschaft.31 Die
Deutschen erschienen als die besten Soldaten der Welt, die den
Krieg zweifelsohne gewonnen hätten, wären die Alliierten
nicht mit einer geradezu unfairen Materialüberlegenheit
angetreten und hätte sich Hitler nicht immer wieder
eingemischt. Eine solche Erzählung wurde dankbar
aufgenommen; anders als die Dolchstoßlegende nach dem
Ersten Weltkrieg, wonach die Heimat dem unbesiegten Heer in
325
den Rücken gefallen sei, hatte sie keine politische Konnotation
und spaltete die Deutschen nicht. Im Gegenteil, sie einte sie
über Parteigrenzen, Klassen und Dienstränge hinweg. Das
Ausblenden aller negativen Aspekte des Kriegsgeschehens
und der Fokus auf eine Heldenerzählung waren wichtige
Hebel zur Integration der Wehrmachtveteranen in die
Gesellschaft und den neuen Staat – nicht zuletzt in die neuen
Streitkräfte. Sie trugen dazu bei, Wunden zu heilen und
rechtsradikale Parteien in die politische Bedeutungslosigkeit
abzudrängen. Selbst ehemals stramme Nationalsozialisten
konnten so von FDP, CDU und CSU integriert und an die
junge Republik herangeführt werden.
Carells Narrativ wurde in zahllosen Publikationen und
Memoirenwerken übernommen. Das lag freilich auch an den
geschickt gewählten Themen, über die er schrieb: Mit dem
ritterlichen Kampf in der Wüste, den harten Gefechten in der
Normandie und den Schlachten in den Weiten der Sowjetunion
ließen sich militärische Exzellenz und Opferbereitschaft gut
verknüpfen. Und dies in einer Weise, die auch im Ausland
weitgehend positiv aufgenommen wurde. Freudig druckten
einschlägige Zeitungen eine angeblich aus Israel stammende
Umfrage unter 1000 Militärspezialisten, derzufolge die
deutsche Armee im Ersten und Zweiten Weltkrieg die beste
der Welt gewesen sei.32 Mit seinen Büchern unterstützte Carell
auch die Tendenz britischer und amerikanischer Autoren, die
Wehrmacht zu einer quasi überirdischen Superarmee
hochzuschreiben, um den eigenen Sieg nur noch strahlender
erscheinen zu lassen. Nicht zufällig haben sich britische
Autoren früh des Feldmarschalls Erwin Rommel
angenommen.33 Da die Akten der Wehrmacht erst in den
1970er-Jahren von den Alliierten an die Bundesrepublik
zurückgegeben wurden, waren die deutschen Historiker noch
326
nicht so weit, Carells Narrativ etwas Grundlegendes
entgegenzuhalten. Das Bemerkenswerte ist freilich nicht, dass
dessen Deutungsangebote so populär waren. Viel
überraschender ist, dass sich der Mythos von der
handwerklichen Exzellenz der Wehrmacht so lange halten und
etwa in Computerspielen bis ins 21. Jahrhundert überdauern
konnte. Auf diesen Befund wird noch zurückzukommen sein.
Die Bücher von Kirst und Carell steckten ab, was
öffentlich über die Wehrmacht sagbar war. Sie waren damit
Ausdruck eines gesellschaftlichen Referenzrahmens, an dem
sich die Bundeswehr zu orientieren hatte: Schleifer und
Endsiegfanatiker durfte es nicht mehr geben. Die Armee sollte
demokratischer und auch ein Stück weit ziviler werden. Doch
am Bild des vorbildlichen deutschen Soldaten, der nur seine
Pflicht getan hatte, wurde noch nicht gerüttelt. Es galt nach
wie vor als Muster, an das angeknüpft werden konnte.34 In
gewisser Weise schloss die Gesellschaft mit ihrer Armee einen
Vertrag: Wir akzeptieren euch Wehrmachtveteranen in der
Bundeswehr, verteidigen euch gegen Vorwürfe aus dem Inund Ausland. Dafür fügt ihr euch schweigend in die neue
Ordnung ein, akzeptiert die Republik und habt politisch nichts
zu melden. Und solange es keine Skandale gibt, mischen wir
uns nicht in eure inneren Angelegenheiten ein.
Sobald die Bundeswehr gegen diesen Gesellschaftsvertrag
verstieß, bekam sie massiven Gegenwind zu spüren. Als 1957
fünfzehn Rekruten beim Durchwaten der Iller ertranken oder
1963 ein Soldat in Nagold beim Dauerlauf tot
zusammenbrach, galten die Streitkräfte sogleich wieder
öffentlich als Schleiferarmee à la 08/15.35 Und als der
Wehrbeauftragte des Bundestages Hellmuth Heye in der
Illustrierten Quick 1964 seiner Sorge Ausdruck gab, dass sich
die Bundeswehr zu einem »Staat im Staate« entwickeln
327
könnte, war die öffentliche Aufregung erneut groß. Die
Streitkräfte schienen wieder einmal den vorgegebenen
Rahmen zu verletzen.36 Allerdings waren diese Skandale nur
kurze Aufreger37, weil die Bundeswehrführung entweder
sogleich scharf reagierte oder – wie im Fall Heyes – das
Verteidigungsministerium sich derlei fundamentale Kritik
verbat und Heye seinen Rücktritt einreichte.
Weit höher schlugen die Wogen in der Frage der
Atombewaffnung. Das Misstrauen des linksliberalen
intellektuellen Milieus und der parlamentarischen Opposition
gegenüber den nuklearen Verteidigungsplanungen von
Bundesregierung und Teilen der Generalität gipfelte in einem
Spiegel-Artikel vom 10. Oktober 1962 unter dem Titel
»Bedingt abwehrbereit«. Das Hamburger Leitmedium hatte
sich schon lange auf Verteidigungsminister Strauß
eingeschossen, unterstellte ihm nun einmal mehr den Griff
nach deutschen Atomwaffen und warf ihm Versagen beim
Aufbau der konventionellen Schlagkraft der Bundeswehr vor.
Sein Generalangriff galt zugleich Straußens Ambitionen auf
die
Nachfolge
Adenauers.
Bundesregierung
und
Bundesanwaltschaft warfen dem Blatt Landesverrat vor,
durchsuchten die Redaktionsräume und nahmen Herausgeber
Rudolf Augstein und mehrere Redakteure fest. Dies wurde als
massiver Angriff auf die Pressefreiheit gewertet und
provozierte einen wütenden Proteststurm. In der Fragestunde
des Bundestages verwickelte sich Strauß in Widersprüche und
musste nach Protesten der mitregierenden FDP am 19.
November 1962 zurücktreten.38
Nur selten stand die Bundeswehr so im Rampenlicht wie in
der sogenannten Spiegel-Affäre, einem der spektakulärsten
politischen Skandale der frühen Bundesrepublik. Doch schon
im Bundestagswahlkampf 1963 spielte der Vorfall keine
328
besondere Rolle mehr. Alle im Parlament vertretenen Parteien
bekannten sich zur Bundeswehr.39 Auch in der Gesellschaft
schien die neue Armee akzeptiert zu sein. Eine überwiegende
Mehrheit fühlte sich von der Sowjetunion bedroht, und nur
wenige junge Männer machten von dem Recht Gebrauch, den
Wehrdienst aus Gewissensgründen zu verweigern. Das lag
nicht nur an dem langwierigen Anerkennungsprozess. Noch
war es gesellschaftlicher Konsens, dass man dem Staat zu
»dienen«
hatte.
So
folgten
99
Prozent
dem
Einberufungsbescheid.40 Das begann sich erst ab 1966
langsam zu ändern. Die Verweigerungszahlen stiegen nun
moderat, ab 1968 dann sprunghaft an. Der seit 1970 so
bezeichnete Zivildienst erhielt fortan immer größeren Zulauf.
Doch wenn auch die relativen Veränderungen beachtlich
waren, blieben die absoluten Zahlen überschaubar: Von den
Männern des Jahrgangs 1950, die 1969 zum Wehrdienst
gemustert wurden, stellten nur fünf Prozent einen Antrag auf
Kriegsdienstverweigerung.
Und doch war unübersehbar, dass der zunehmende
materielle Wohlstand, das steigende Bildungsniveau, die neuen
Möglichkeiten der Massenkommunikation und die wachsende
Mobilität in den westlichen Industriegesellschaften tief
greifende kulturelle Veränderungen nach sich zogen. Der
Soziologe Helmut Klages argumentierte, dass es um 1968 eine
signifikante Verschiebung von Pflicht- und Akzeptanzwerten
zu Freiheits- und Selbstentfaltungswerten gegeben habe.41
Mittlerweile sehen Historiker diesen Wertewandel als einen
langfristigen Prozess, der schon in den 1950er-Jahren – und
teilweise noch viel früher – einsetzte. Er verlief sowohl im
internationalen Vergleich als auch in den verschiedenen
Bereichen wie Familie, Arbeit, Bildung, Jugendkultur,
Frauenbild
oder
Sexualmoral
zeitlich
durchaus
329
unterschiedlich. Die »Vorstellungen des Wünschenswerten«,
um die Definition von Clyde Kluckhohn aufzugreifen42,
veränderten sich auch im Bereich des Militärs nicht erst 1968,
sondern schon seit dem 19. Jahrhundert immer wieder. Doch
war dieser Wandel nach 1871 eher evolutionär; es gab eine
breite gesellschaftliche Akzeptanz des Militärs, und die Pflicht
zum Gehorsam bis hin zur Opferung des eigenen Lebens für
das Vaterland wurde nicht infrage gestellt.
Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs hatte diesen
Grundkonsens zweifellos gelockert, aber noch nicht aufgelöst.
In Umfragen rangierten Mut, Tapferkeit und soldatische
Fähigkeiten schon Anfang der 1950er-Jahre zwar weit hinter
Werten wie Fleiß, Tüchtigkeit und Strebsamkeit. Aber dies
änderte nichts daran, dass die Westdeutschen die Existenz
einer Institution akzeptierten, für die die erstgenannten
Tugenden eine zentrale Bedeutung hatten. Erst die
Jugendrebellion stellte diese ab Mitte der 1960er-Jahre infrage.
Nie zuvor hatten das Bildungsbürgertum und die Mittelschicht
in solcher Weise gegen das Militär Front gemacht. Bislang
waren sie immer Unterstützer der Streitkräfte gewesen, was
seit dem Kaiserreich insbesondere für die Studenten galt. Nun
setzte die Kritik an den Wurzeln der bürgerlichen
Leistungsgesellschaft an. Das Streben nach einer
antiautoritären, enthierarchisierten Gesellschaft war das
Gegenteil von allem, wofür das Militär und damit auch die
Bundeswehr standen.
Auch wenn sich die Proteste vor allem gegen die SpringerPresse, den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze und die NSVergangenheit der Elterngeneration richteten, gerieten
schließlich auch die Streitkräfte ins Fadenkreuz der
Außerparlamentarischen Opposition (APO). Für die Neue
Linke war die Bundeswehr ein »Repressions- und
330
Manipulationsapparat«
zur
Herrschaftssicherung
pseudoliberaler, faschistoider Eliten, was nicht zuletzt die
1968 verabschiedeten Notstandsgesetze vermeintlich unter
Beweis stellten, die das staatliche Handeln in Krieg und
Krisen sicherstellen sollten. Als Endziel schwebten der APO
die Auflösung der Bundeswehr und der Austritt der
Bundesrepublik aus der NATO vor.43 Sie rief dazu auf, dass
möglichst viele Wehrpflichtige nach ihrer Grundausbildung
den Wehrdienst verweigerten, um den Streitkräften maximalen
Schaden zuzufügen. Anderen wurde empfohlen, in der Armee
zu bleiben und das System von innen auszuhöhlen. Diese
Strategie schien zunächst durchaus erfolgreich zu sein. So
waren 1968 zwanzig Prozent aller Kriegsdienstverweigerer
Wehrpflichtige, die bereits Dienst taten, was die Bundeswehr
besonders schmerzte. Vor den Kasernen kam es zu neunzig
Flugblattaktionen und 24 Demonstrationen.44 Doch derlei
Aktivitäten ebbten bald ab, als die APO im Herbst 1968 ihren
Höhepunkt überschritten hatte und in Grüppchen
verschiedenster Couleur auseinanderfiel.
Die Ideen der Protestbewegung waren damit aber nicht aus
der Welt. Sie veränderten in einem langen Prozess die Kultur
des Landes und fanden in abgeschwächter Form Widerhall im
parteipolitischen Raum, vor allem in der SPD und bei den
Jusos. Diese schleichende Veränderung des gesellschaftlichen
Referenzrahmens war für die Bundeswehr viel bedrohlicher
als die medienwirksamen Protestaktionen, die gemeinhin mit
dem Mythos »1968« verbunden werden.45 Denn für den
Anstieg der Verweigerungszahlen war weniger die Agitation
der APO als der evolutionäre Wertewandel verantwortlich.46
Für
einen
wachsenden
Teil
insbesondere
der
bildungsbürgerlichen Jugend schien der Zivildienst sinnvoller
331
und mit ihrer Lebenswelt eher vereinbar zu sein als die
fünfzehn Monate Dienst hinter der Kasernenmauer.47
Die Generalität war über diese Entwicklung sehr besorgt,
weil die Streitkräfte auf einen ständigen Zustrom neuer
Soldaten angewiesen waren, um ihre Einsatzbereitschaft
sicherzustellen. Je unpopulärer das Militär bei jüngeren
Menschen war, desto schwieriger war es, den notwendigen
Nachwuchs zu rekrutieren, zumal in Zeiten der
Vollbeschäftigung niemand aus wirtschaftlichen Gründen
gezwungen war, sein Brot bei den Streitkräften zu verdienen.
Keiner konnte damals die Dynamik der Entwicklung
voraussagen, und mancher General fragte kritisch, wie
kampffähig und -willig die Wehrpflichtigen überhaupt noch
waren.
Regierung und Parlament standen auch während der
Studentenproteste hinter den Streitkräften.48 Aber niemand
durfte erwarten, dass in Zeiten der beginnenden
Entspannungspolitik von Kampf- oder gar Kriegsfähigkeit
gesprochen wurde. Frieden, Bildung, Besoldungs- und
Lohnstrukturen waren die Themen, die für die SPD nach ihrer
Machtübernahme 1969 im Bereich der Sicherheitspolitik im
Vordergrund standen.49 Neue Töne waren auch vom höchsten
Verfassungsorgan zu vernehmen. Bundespräsident Gustav
Heinemann, der einst vehement gegen die Wiederbewaffnung
gekämpft hatte und dessen emotionale Distanz zum Militär
unübersehbar war, meinte etwa, dass die Bundeswehr
grundsätzlich bereit sein müsse, sich um einer besseren
politischen Lösung willen infrage stellen zu lassen.50 Das war
kein Plädoyer zur Abschaffung der Armee, wurde von vielen
Berufssoldaten aber genau so verstanden. Sie zeigten sich
enttäuscht, dass alle Appelle, etwa gegen militärfeindliche
»Agitation« an den Schulen vorzugehen und zumindest den
332
Jugendoffizieren den Zugang zu ermöglichen, ungehört
verhallten. Die Regeln waren klar: Nicht die Gesellschaft oder
die Politik hatten auf die Streitkräfte zuzugehen, sondern diese
mussten sich den neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten
anpassen. Die innenpolitische Dimension der Bundeswehr
wurde in diesen Tagen einmal mehr deutlich. Sie hatte nur
dann eine Existenzberechtigung, wenn sie sich bereit zeigte,
mit der Zeit zu gehen. Verteidigungsminister Helmut Schmidt
initiierte daher ein Reformprogramm, das von der Einführung
von
Haarnetzen
bis
zur
Gründung
von
Bundeswehruniversitäten reichte. Diese Themen beherrschten
die öffentliche Wahrnehmung ungleich mehr als die
militärische Leistungsfähigkeit, auf die die Generalität fixiert
war.
Der Sturm, der 1968 durchs Land fegte, hat das zivilmilitärische Verhältnis gewiss belastet, aber nicht zerstört. Die
geschilderten Veränderungen waren Teil eines schon länger
andauernden Wandels, über den auch innerhalb der
Bundeswehr heftig diskutiert wurde und der dort keinesfalls
nur auf taube Ohren stieß.
Das Ringen um die innere Ausrichtung der
Streitkräfte
Auch den Gründervätern der Bundeswehr, der scherzhaft als
»Heilige Drei Könige« bezeichneten Gruppe um die
ehemaligen Wehrmachtgeneräle Adolf Heusinger, Hans
Speidel und Hermann Foertsch, war von Anfang an klar, dass
es beim Aufbau der neuen Streitkräfte nicht nur um
Ausrüstung, Strukturen und Doktrinen gehen konnte. Schon in
ihrem ersten Besprechungsplan vom 5. Januar 1950, der die
grundsätzlichen Fragen der Wiederbewaffnung skizzierte,
machten sie deutlich, dass auch das Innenleben neu zu
333
gestalten sei.51 Adenauers militärischer Expertenrat aus
fünfzehn ehemaligen Wehrmachtoffizieren, der sich dann im
Oktober 1950 im Kloster Himmerod in der Eifel traf, hielt gar
fest, dass im Bereich des inneren Gefüges »grundlegend
Neues« zu schaffen sei. Die künftigen Soldaten sollten die
demokratische Staats- und Lebensform bejahen, keine
Sonderrechte mehr haben und ihr Handeln stets an der
Wahrung der Menschenwürde ausrichten. Durch eine neue
Straf- und Beschwerdeordnung und die Möglichkeit zur
politischen Teilhabe sollten sie mehr Rechte erhalten. Wörtlich
hieß es in der Himmeroder Denkschrift allerdings auch, dass
»den Erfahrungen und Gefühlen des deutschen Volkes« und
dem »wahren deutschen Soldatentum Rechnung zu tragen«
sei.52 Niemand der Anwesenden wollte eine Kopie der
Wehrmacht, aber die Formulierungen ließen doch offen, wie
viel Veränderung nötig, nützlich und möglich sein würde.
Der radikalste Vertreter eines Wandels war der 43-jährige
Wolf von Baudissin – in Himmerod einer der Jüngsten und
Dienstgradniedrigsten. Er hatte als junger Stabsoffizier im
Frankreichfeldzug kurz Kampferfahrung gesammelt, war
schon am 3. April 1941 in Nordafrika den Briten in die Hände
gefallen und hatte die folgenden sechs Jahre in Australien in
Gefangenschaft verbracht.53 Er war daher ungleich weniger
von Krieg und Tod geprägt als die meisten anderen Offiziere
der Aufbaugeneration, konnte somit unbelasteter und damit
auch radikaler über den Neuaufbau nachdenken. Zudem war er
intellektueller und viel weniger an einen militärischen Habitus
gebunden als die anderen Führungskräfte. In seinem
Verständnis sollte der Soldat ein freier demokratischer
Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten sein, der seine
Motivation nicht mehr aus der Loyalität zum Vaterland, zu
einem Monarchen oder Führer zog. Vielmehr sollte der
334
Staatsbürger in Uniform54 durch den Geist des freiheitlichen
Rechtsstaats motiviert werden, der auch in die Armee Einzug
halten sollte. Militärisches Handeln sollte fortan also von
demokratischer Gesinnung geleitet sein. Dies zu gewährleisten
war die Aufgabe der Inneren Führung. Sie sollte die
Identifikation mit den Werten und Normen von Gesellschaft,
Staat und Streitkräften sicherstellen, den Bezug zum
rechtmäßigen politischen Willen von Parlament und Regierung
verdeutlichen, die Erziehung zur Kooperation fördern und
Gehorsam aus Einsicht bewirken. Da das Nationalgefühl der
Deutschen durch Teilung, Niederlage und Verbrechen
verwundet blieb, bot sich der Verfassungsstaat für Baudissin
als eine Art Ersatzvaterland an. Er nahm damit den
Verfassungspatriotismus vorweg, der als Begriff erst 1970
vom Politikwissenschaftler Dolf Sternberger geprägt und
fünfzehn Jahre später vom Philosophen Jürgen Habermas als
unbedingte Alternative zu einem deutschen Nationalgefühl
etabliert wurde.55 Freilich war das gesamtdeutsche Denken in
der westdeutschen Bevölkerung im Allgemeinen und bei den
Soldaten im Besonderen wohl noch bis weit in die
Sechzigerjahre dominant. Erst seit den Siebzigerjahren
etablierte sich allmählich ein Patriotismus, der sich auf die
Verfassung der Bundesrepublik bezog. Baudissin war seiner
Zeit also weit voraus. Für ihn konnte es nur einen möglichst
vollständigen Bruch mit dem Alten geben.56 Doch damit stand
er weitgehend allein. Im Herbst 1950 war somit nicht
abzusehen, wie sich das Innenleben der künftigen Streitkräfte
entwickeln würde, und noch weniger, dass die Innere Führung
und der Staatsbürger in Uniform einmal die Markenzeichen
der Bundeswehr werden würden.
Bis 1958 blieb Baudissin als Referats- und
Unterabteilungsleiter für die Innere Führung zuständig, bevor
335
er ein Truppenkommando übernahm und seine Karriere dann
bei der NATO fortsetzte. Freilich war er nur ein Rädchen im
großen Getriebe erst des Amts Blank, dann des
Bundesministeriums für Verteidigung, und es musste sich
zeigen, welche Rolle die anderen Kräfte, angefangen vom
Minister bis hinunter zu den Referenten, spielen würden.
Unstrittig war, dass es eine enge Verbindung von Militär und
Gesellschaft anzustreben galt. Die Verhältnisse der Weimarer
Republik galten allenthalben als abschreckendes Beispiel.
Diesmal durfte an der vorbehaltlosen Anerkennung von
Demokratie und Rechtsstaat kein Weg vorbeiführen. Auch in
der Forderung nach einer Neustrukturierung der Bildung, etwa
durch den Aufbau einer Wehrakademie, waren sich die
wichtigsten
Entscheidungsträger
einig.
Meinungsverschiedenheiten zeichneten sich jedoch schon früh
bei der Frage ab, wie Militär und Gesellschaft verzahnt und
wie die Soldaten motiviert werden sollten, in einem drohenden
Atomkrieg die Bundesrepublik zu verteidigen.
Baudissin zweifelte daran, dass die jungen Männer schon
als fertige, hochmotivierte und pflichtbewusste Staatsbürger in
die Streitkräfte eintreten würden und nur noch das militärische
Handwerk erlernen mussten. Er war überzeugt, dass in dem
ideologischen Konflikt zwischen liberaler Demokratie und
Kommunismus nur derjenige Soldat die Freiheit verteidigen
würde, der diese auch in der Armee erlebe. Ein Pluralismus
der Auffassungen, die Achtung der individuellen
Persönlichkeit, Chancen zur Mitgestaltung sowie die
konsequente Minimierung von Fremdbestimmung würden ihm
verdeutlichen, wofür es im »Weltbürgerkrieg« der Systeme zu
kämpfen gelte. Nur der politische Soldat würde sich im
Systemkonflikt bewähren.57 Die Bundeswehr sollte von der
demokratischen Zivilgesellschaft geprägt werden und nicht
336
mehr umgekehrt als Schule der Nation das Militärische auf das
Zivile übertragen.58 Daher lag Baudissins Fokus darauf, die
innere Struktur der Bundeswehr so zu gestalten, dass es für die
Wehrpflichtigen im Übergang vom Zivilleben zum
Militärdienst möglichst wenige Brüche gab. Ihm waren alle
Formen des klassischen soldatischen Habitus zuwider. Der
Soldat, meinte er in seiner Abschiedsrede aus dem
Ministerium im Juni 1958, müsse aus seiner konservativen und
reaktionären Umhegung befreit werden, weil er durch sie in
Gegensatz zu all dem geraten sei, was das Leben ausmache:
die moderne Kunst, die Philosophie, aber auch liberale,
demokratische und sozialistische Weltanschauungen bis hin
zur alles verändernden Technik.
Das Militär habe, so Baudissin weiter, in der Vergangenheit
ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit gehabt, was etwa zu
Beginn des Zweiten Weltkriegs erhebliche Verluste verursacht
habe.59 Das gängige Leitbild der Bewährung des Soldaten im
Krieg hatte für ihn ausgedient. Vielmehr sollte sich der Soldat
für die Minimierung und Neutralisierung militärischer Gewalt
einsetzen, den Krieg verhindern und sich im Frieden
bewähren.60 Für Baudissin stand außer Frage, dass das Militär
die Zivilgesellschaft weitgehend kopieren musste. Soldaten
seien nichts anderes als Angehörige des Öffentlichen Dienstes,
sagte er später einmal61, und die Bundeswehr sei nur ein
notwendiges Übel.62 Er bestritt nicht, dass es
Inkompatibilitäten von Krieg und Frieden gab, doch er sah
diese als geringer an als viele andere seiner Mitstreiter. Auf die
Frage, ob Soldaten nicht als Kämpfer ausgebildet werden
müssten, um für den Krieg gewappnet zu sein, antwortete er,
dass die Gesellschaft im Ernstfall mit einer Umschichtung der
Wertehierarchie reagieren würde. Die Bürger würden dann
schon zusammenrücken und kämpfen.63
337
Heinz Karst64 war seit 1951 ein enger Mitarbeiter
Baudissins, zeitweise gar sein Stellvertreter. Beide zerstritten
sich fünf Jahre später aus persönlichen Gründen, aber auch,
weil Karst die Dinge aus einem anderen Blickwinkel
betrachtete. Er hatte – anders als Baudissin – in Polen und der
Sowjetunion an der Front gekämpft, war schwer verwundet
worden. Diese Erlebnisse prägten ihn zweifellos tief. Beide
fochten intellektuell auf gleicher Höhe, und beide publizierten
viel über ihre Ideen.65 Karst war kein Gegner der Inneren
Führung, sondern ein Kritiker ihrer Entwicklung. Die Armee
war seiner Meinung nach nicht primär dazu da, die jungen
Männer politisch zu formen. Dies sei Aufgabe der
Gesellschaft, von der er sich einen kämpferischen
Selbstbehauptungswillen und eine feste Solidarität mit den
Streitkräften erwartete. Der Bürger sollte schon beim Eintritt
in die Bundeswehr den Willen mitbringen, Freiheit, Recht und
Menschenwürde zu dienen und dafür, wenn nötig, sein Leben
hinzugeben. Aufgabe der Bundeswehr sei es dann, aus den
jungen Männern harte Kämpfer zu formen, die siegen wollten.
Nur so könne die Politik einen potenziellen Feind abschrecken
und den Krieg verhindern.
Karst trat für eine strenge christlich-patriotische Werteund Normenordnung ein. Wahrhaftigkeit, Tapferkeit,
Verzichtbereitschaft, Treue in der Bindung, Herzlichkeit des
Gefühls, Achtung vor der Menschenwürde, Vertrauen zum
Mitmenschen waren für ihn ebenso wie Disziplin, Autorität
und Gehorsam unverzichtbare Grundlagen, um Volk und Staat
zu verteidigen. Das Innenleben der Bundeswehr sollte – anders
als bei Baudissin – nicht auf Demokratieerfahrung, Frieden
und Kriegsverhinderung fokussiert sein, sondern auf das
Bestehen im Kampf. Obwohl auch er Schikanen strikt
ablehnte66, seine Bindung an die Republik außer Zweifel
338
stand, er die Widerständler des 20. Juli gegenüber den übrigen
Wehrmachtsoldaten heraushob67, die nationalsozialistische
Überhöhung des Opfertums vehement ablehnte, einem hohen
Bildungsideal das Wort redete, gar für die Einheit Europas
plädierte, war sein Referenzpunkt also ein anderer als der von
Baudissin. Überspitzt formuliert dachte der eine vom Krieg
und der andere vom Frieden her. So unterstrich Karst immer
auch die Eigengesetzlichkeiten des Soldatenberufs.68 Er war
davon überzeugt, dass sich bei allen Parallelen und
Verflechtungen die Lebenswelten von Zivil- und
Militärgesellschaft nie vollständig angleichen ließen, wenn das
Militär seine Funktionalität behalten sollte. Diese
Unterschiede müssten akzeptiert werden.69 Soldatsein sei ein
Beruf sui generis, der seine eigenen Regeln brauche.70 Für
Karst war der Soldat immer der potenzielle Kämpfer im Krieg,
und dies bedinge andere, extremere Herausforderungen für
Motivation und Legitimation als bei einem Angestellten des
Öffentlichen Dienstes. 1957 schrieb er, dass der Aufbau der
Bundeswehr wenig lohne, wenn sie nicht den Willen habe,
jede einzelne Division so zu disziplinieren und auszubilden,
dass sie es mit drei sibirischen Garde-Schützendivisionen
aufnehmen könne.71 Wenngleich auch Baudissin eine
schlagkräftige Armee wollte, hätte er solche Worte kaum
gewählt. Beide markierten mit ihren unterschiedlichen
Auffassungen das Spannungsfeld zwischen Bürger und
Krieger, um das in der Bundeswehr hinter den Kulissen bis
heute gerungen wird.72
Der Streit um die innere Ausrichtung der Bundeswehr ist früh
als Konflikt von Traditionalisten und Reformern apostrophiert
worden. Dieses Begriffspaar wurde schon in den 1950erJahren von den eher liberalen Offizieren geprägt.73 Die
Literatur hat dieses Deutungsschema von Gut und Böse
339
zumeist unkritisch übernommen, obwohl schon früh auf die
Problematik dieser Dichotomie hingewiesen wurde. Dass sich
die Protagonisten damals die Begriffe an den Kopf warfen,
mag angesichts des bis ins Persönliche reichenden Streits um
Macht und Deutungshoheit nicht überraschen. Sie heute zu
verwenden führt indes nicht allzu weit. Offiziere wie Karst
wollten keine Rückkehr zur Wehrmacht und auch nicht zur
Reichswehr, sodass man sie am ehesten als Konservative74
bezeichnen kann. Und man muss noch einen Schritt weiter
gehen: Der auch öffentlich ausgetragene Streit zwischen
Baudissin und Karst verdeckte, dass es in der
Auseinandersetzung um die innere Ausrichtung der
Bundeswehr keine festgefügten Lager gab75, vielmehr etliche
Schattierungen und eine im besten Sinne pluralistische
Meinungsvielfalt. Die Positionen waren vielfach auch von
institutionellen Erwägungen und persönlichen Motiven
beeinflusst, und sie blieben über die Zeit nicht immer konstant.
Die vollständige Umsetzung von Baudissins Plänen war
angesichts der Rahmenbedingungen in Politik, Gesellschaft
und Militär unrealistisch, so verständlich der Ruf nach einem
Neuanfang auch war. Sie basierten letztlich auf einer
idealistischen Vorstellung von der Motivation von Soldaten.
Die Wehrpflichtigen der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre
wollten gewiss gut behandelt werden. Sie waren wohl auch
kritischer und prinzipiell weniger militärfreundlich als ihre
Vorgänger in der Wehrmacht. Die Annahme jedoch, dass nur
solche Soldaten eine militärische Konfrontation mit dem
Ostblock bestehen könnten, die in den Streitkräften
Pluralismus und die Achtung des Individuums erlebten, war
allzu praxisfern, weil beides in einer Armee notgedrungen
immer eingeschränkter war als im Zivilleben. Eine Studie aus
dem Jahr 1964 zeigt, dass zwar 59 Prozent der
340
Wehrpflichtigen über zu viel Kasernenhofdrill klagten und 51
Prozent angaben, dass es »Schleifer« in der Bundeswehr gebe.
Aber nur fünf Prozent hielten die Ausbildung für zu hart, und
69 Prozent erinnerten sich gern an ihre Zeit beim »Bund«.76
Eine andere Studie fragte danach, was die Wehrpflichtigen am
meisten an der Bundeswehr störe. Verdienstausfall und die
Trennung von Zuhause rangierten dabei klar vor dem
Befehlston.77 Die oftmals rüden Umgangsformen störten die
Mehrheit zweifellos, aber sie standen zugleich einer positiven
Gesamtbilanz des Wehrdienstes nicht im Wege. Das mag auch
daran gelegen haben, dass viele junge Männer an robuste
Sitten und Gebräuche gewohnt waren, weil sie diese auch in
ihrer Lehrzeit oder in der Familie erlebten.78
Baudissins
Vorstellungen
bildeten
eine
Art
bildungsbürgerliches Avantgardekonzept, das nur sehr bedingt
den gesellschaftlichen Realitäten der frühen Bundesrepublik
entsprach. Die Bundeswehr konnte kaum liberaler als jene
Gesellschaft sein, in die sie sich integrieren sollte.79 Der
Verfassungspatriotismus
war
für
die
allermeisten
Wehrpflichtigen zu abstrakt gedacht. Sie unterschieden sich
wohl nur graduell und nicht prinzipiell von dem
Handwerksgesellen Wilhelm Janeke, den wir im ersten Kapitel
kennengelernt haben und der 1892 eingerückt war.80 Wie
ehedem ging es vor allem darum, anständig behandelt zu
werden und ansonsten seine Aufgaben gut zu erfüllen. Zu
allen Zeiten ist die Bedeutung der Identifikation der Soldaten
mit dem jeweiligen politischen System für ihre Motivation
wohl überschätzt worden. Weder waren 1914 alle Soldaten
kaisertreu, noch waren 1939 alle Nationalsozialisten. Und
1958 war die Haltung der meisten Wehrpflichtigen zum
Grundgesetz eher indifferent. Trotzdem leisteten die ersten
Generationen von Wehrpflichtigen – wie noch zu zeigen sein
341
wird – durchaus motiviert ihren Dienst, wenn dieser
abwechslungsreich, fordernd und sinnvoll gestaltet war. Der
Stolz auf das Geleistete und die Kameradschaft in der eigenen
Einheit waren auch entscheidend für die Verpflichtung als
Zeitsoldat.81 Die Binnenkohäsion der Primärgruppen, aber
auch die Akzeptanz des Militärs und die Loyalität zum
Vaterland scheinen also – wie zu Zeiten des Kaiserreiches oder
der Wehrmacht – für die Motivation der Bundeswehrsoldaten
eine wichtigere Rolle gespielt zu haben als die Identifikation
mit dem politischen System der Bundesrepublik.82 Diesen
Faktor hat Baudissin in seinen Überlegungen zur Inneren
Führung jedoch kaum berücksichtigt.
Ein weiterer Irrglaube war, dass der moderne Atomkrieg
einen völlig neuen Soldaten erfordere. Die Zerstörungskraft
der neuen Waffen, so die Annahme, führe zu aufgelockerten
Gefechtsgliederungen, die Vollmotorisierung aller Verbände zu
einem schnelleren Ablauf des Kampfes, und aufgrund der
steigenden Technisierung der Truppen gebe es immer mehr
Spezialisten, mit denen die Vorgesetzten in partnerschaftlicher
Kooperation verkehren müssten, weil sie selber gar nicht mehr
über das gesamte Fachwissen verfügten.83 Diese
Argumentation erschien auf den ersten Blick plausibel und
wurde in der Bundeswehr vielfach zur Abgrenzung von der
Wehrmacht herangezogen. Zutreffend war sie freilich
allenfalls für die Luftwaffe. Für die mit völlig veraltetem Gerät
ausgerüstete Marine hingegen galt sie bis weit in die 1970erJahre gewiss nicht. Auch unterschieden sich die Dynamik der
Gefechtsführung und die Waffentechnik einer Panzerdivision
des Jahres 1944 kaum von Baudissins Panzergrenadierbrigade
4, die er von 1958 bis 1961 führte. Und das Heer übertraf –
wie noch zu zeigen sein wird – die Kampfkraft der schnellen
Einheiten der Wehrmacht wohl erst am Ende der 1960er-Jahre
342
signifikant. Gewiss wäre ein Atomkrieg in Zeiten der massive
retaliation etwas anderes gewesen als der Kampf an der
Ostfront. Aber im Denken der Truppe kam der nukleare
Schlagabtausch kaum vor, weil er schlicht unvorstellbar war.
Baudissin verkannte zudem die soziale Realität in der
Wehrmacht, wenn er glaubte, dass dort immer nur stramm
gehorcht wurde.84 Für ihn konnte der Leibeigene nicht
plötzlich zum selbstständigen Denken angeregt werden.85 Mit
solchen Aussagen stellte er das Selbstverständnis Tausender
ehemaliger Wehrmachtveteranen infrage, für die es ein
Leichtes war, ihm vorzuwerfen, dass er nur den Kasernenhof
kennengelernt und von der Frontrealität im Zweiten Weltkrieg
keine Ahnung hatte. Es war ja gerade Teil der preußischdeutschen Militärkultur, dass die Soldaten zum Mitdenken und
zur Übernahme von Verantwortung erzogen werden sollten.
Gewiss mag dies nicht immer umgesetzt worden sein. Es war
aber doch vielfach gelebte Realität.
Heinz Karst glaubte nicht daran, dass die Gesellschaft im
Ernstfall einfach den Schalter umlegen könnte. Er war davon
überzeugt, dass man nicht über Nacht zum Soldaten wurde.
Deshalb zählte für ihn, sich im Frieden so gut es ging auf den
Krieg vorzubereiten, das soldatische Handwerk zu lernen, sich
aber auch an die Härten zu gewöhnen, soweit dies überhaupt
möglich war. Er erfasste die Anforderungen des scharfen
Einsatzes zweifellos klarer. Freilich musste die Bundeswehr
nie die Probe aufs Exempel bestehen, und sie hätte ihre
Abschreckungsrolle gewiss auch dann erfüllt, wenn Baudissins
Konzept vollständig umgesetzt worden wäre. Karsts
Vorstellung krankte daran, dass er zu sehr von einem
Idealzustand zivil-militärischer Beziehungen ausging, der mit
den Realitäten nur wenig gemein hatte. Eine hohe
Wehrbereitschaft und die gesellschaftliche Anerkennung der
343
Streitkräfte waren aus Sicht der Militärs gewiss
wünschenswert. Doch konnte man kaum erwarten, dass die
Gesellschaft sich nach der Logik der Armee ausrichtete. Das
hatte es in Friedenszeiten nie gegeben – nicht einmal zu Zeiten
der Hochrüstung in den 1930er-Jahren. Die Westdeutschen
begriffen sich in ihrer Mehrheit schlicht nicht als
Verteidigungsgemeinschaft, trotz der ständigen Bedrohung im
Kalten Krieg.86 Es herrschte eher ein kollektiver Fatalismus,
und das Kabinett setzte aus guten Gründen andere Prioritäten,
die mit der Lebensrealität der Bevölkerung mehr zu tun hatten
als die Vorbereitung auf einen Atomkrieg. Ebenso gehörte es
zur Konstitution einer liberalen Gesellschaft, dass es eine
kritische Öffentlichkeit gab, in der die Streitkräfte vielfach
hämisch
kritisiert
wurden.
Und
auch
die
Kriegsdienstverweigerung gehörte bald zur sozialen Realität
der Republik. Karst war von solcherlei Freiheiten genervt und
hielt sie für schädlich. Auch seine hohen Ansprüche an
Bildung, Ethos und Motivation der Soldaten waren in der
Praxis kaum einzulösen. Während Baudissin den
konservativen Teil von Armee und Gesellschaft ausblendete,
tat Karst dasselbe mit den linksliberalen Strömungen, was
gerade bei den Wehrpflichtigen und den jungen Offizieren zu
Problemen führen musste. Potenziell bestand bei seinem
Modell die Gefahr, in einen Kulturpessimismus zu verfallen,
nur die Armee als den Hort der wahren Werte anzusehen und
sich damit in eine Welt zurückzuziehen, in der die sich
verändernde Mehrheitsgesellschaft kaum mehr vorkam.
Die Grundlagendokumente zur Inneren Führung aus den
1950er-Jahren waren dann ein Kompromiss beider Positionen.
So war 1955 in der programmatischen Schrift »Vom künftigen
deutschen
Soldaten«,
herausgegeben
vom
Verteidigungsministerium, vom »unerschrockenen, harten
344
Einzelkämpfer« die Rede, der aus Liebe zu Vaterland, Heimat
und Demokratie der totalitären Welt entgegentrete. Zu lesen
war von striktem Gehorsam und Pflichttreue, aber eben auch
von der Würde des Menschen, der Rechtsstaatlichkeit und dem
Auftrag, dass das Militär den Krieg zu verhindern habe. Die
Verherrlichung des Soldatentodes fand sich ebenso wenig wie
irgendeine Form der Privilegierung gegenüber Zivilisten.87 In
einem ähnlich ambivalenten Duktus war das 1957 publizierte
»Handbuch Innere Führung« gehalten.88
Man mag mit Fug und Recht bezweifeln, ob damit schon
»grundlegend Neues« geschaffen wurde, wie es die
Himmeroder Denkschrift fünf Jahre zuvor als Auftrag
formuliert hatte. Eine Neuausrichtung im Vergleich zur
Wehrmacht war aber unübersehbar, und dies nicht nur durch
die Bezüge zu Recht, Freiheit und Menschenwürde. Auch von
kühnem Angriffsgeist, unerbittlicher Härte und ähnlich
martialischen Wendungen war in den Gesetzen, Handbüchern
und Vorschriften nicht mehr die Rede. Der Krieg war nicht
mehr der alleinige Maßstab, wenngleich die kämpferischen
Eigenschaften des Bürgers nach wie vor betont wurden.89
Offensichtlich ging es mehr darum, den Referenzrahmen
evolutionär weiterzuentwickeln. Die potenziellen Gegensätze
zwischen den Rechten des freien Bürgers und den Pflichten
des harten Kämpfers fielen angesichts des damals weitgehend
konservativen Staats- und Gesellschaftsverständnisses noch
nicht ins Gewicht. Baudissin musste froh sein, dass das klare
Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaat sowie die deutliche
Ausweitung der Freiheiten des Soldaten – nicht zuletzt seines
aktiven und passiven Wahlrechts – in zahlreichen neuen
Gesetzen und Verordnungen verankert wurden. Für weiter
gehende Reformen gab es anfangs weder in den
Regierungsparteien noch im Verteidigungsministerium die
345
notwendige
Unterstützung.
Der
Vorsitzende
des
Verteidigungsausschusses Richard Jäger, die Minister Theodor
Blank und Franz Josef Strauß, Staatssekretär Josef Rust, aber
auch einflussreiche Generäle wie Hans Speidel standen
Baudissins Konzepten kritisch gegenüber. Selbst seinem
Förderer Generalinspekteur Adolf Heusinger gingen sie
letztlich zu weit. Eigentlich wollte niemand das innere Gefüge
der Streitkräfte auf den Kopf stellen; lieber wollte man an
Bewährtes anknüpfen und es mehr oder minder behutsam
weiterentwickeln.90 In der Wehrmacht hatte es durchaus
Aspekte gegeben, die mit dem neuen Programm kompatibel
waren. Sie war mitnichten nur auf strikte Unterordnung
ausgerichtet, sondern legte Wert auf Fürsorge, Einsicht zum
Gehorsam und Aufrechterhaltung der Soldatenwürde.91 Ihr
paternalistischer Führungsstil dürfte zudem ganz dem
Gesellschaftsbild der Gründergeneration der Bundeswehr
entsprochen haben.
Als sich die Bundesregierung dazu entschloss, für den Aufbau
der
Bundeswehr
in
umfassendem
Maße
auf
Wehrmachtveteranen zurückzugreifen, war ein evolutionärer
Prozess vorgezeichnet. Man konnte erwarten, dass diese sich
stillschweigend und loyal in die Demokratie einfügten, auch
die zivile Kontrolle akzeptierten92, aber kaum, dass sie die
Armee in eine freiheitliche Erlebniswelt verwandelten. Die
Taktgeber
des
militärischen
Wiederaufbaus
im
Verteidigungsministerium waren von ihren Kriegserfahrungen
tief geprägt. Manche hatten noch die Materialschlachten des
Ersten Weltkriegs erlebt, die meisten aber das Sterben an den
Fronten des Zweiten. Sie dachten die Bundeswehr vom Krieg
her. Das galt gerade auch für Generalinspekteur Heusinger, der
hinsichtlich des Soldatenberufs erklärte: »Wer lernen muß,
Gewalt anzuwenden bis zum Töten, übt keinen Beruf ›wie
346
jeder andere‹ aus.« Es sei auch nicht Aufgabe des Soldaten,
den Krieg zu verhindern, sondern sich so gut als möglich auf
diesen vorzubereiten. Heusinger war es ein Graus, dass unter
dem »Staatsbürger in Uniform« in der Öffentlichkeit lediglich
die Pflege eines schutzbedürftigen demokratischen
Musterbürgers verstanden werde, nicht aber auch die
Erziehung und Ausbildung eines entschlossenen Kämpfers für
die unbarmherzigsten aller bisherigen Kriegsformen. Seiner
Meinung nach musste die Innere Führung entideologisiert und
als militärische Aufgabe betrachtet werden. Er betonte die
wesensmäßigen Eigengesetzlichkeiten des Soldatenberufs,
sprach in seinen Reden von kriegsnaher Ausbildung,
Kriegstüchtigkeit und dem Aufbau von Schlagkraft. Heusinger
forderte von seinen Kommandeuren, ein »opferwilliges,
verzichtbereites Soldatentum« zu erziehen. Das verlange
Unabhängigkeit von »zivilisatorischen Errungenschaften und
Bequemlichkeiten«93. Der Primat des Zivilen habe auf den
Geist der Bundeswehr eine bedenkliche Auswirkung. Die
Armee könne nicht die Aufgabe von Kirchen, Elternhaus,
Schulen und Gewerkschaften übernehmen und die geistigen
wie moralischen Grundlagen der wehrpflichtigen Jugend
formen. Dabei käme auch der tüchtigste Truppenführer an
seine Grenzen und empfinde die ständige Überforderung mit
Bitterkeit. Der gesicherte geistige Boden und die öffentliche
Anerkennung sei für die Schlagkraft der Bundeswehr ein
unerlässliches Fundament.
Die Anerkennung von Recht, Freiheit und Menschenwürde
stand für die Gründergeneration der Bundeswehr außer Frage.
Sie genossen jedoch keinen Vorrang, sondern waren für die
allermeisten angesichts der Bedrohung aus dem Osten
gleichrangig mit den rein militärischen Aufgaben. Der
Inspekteur des Heeres Hans Röttiger wies darauf hin, dass die
347
ernste und systematische Auseinandersetzung mit politischen
Fragen keineswegs eine überflüssige Spielerei sei. Die
Soldaten
sollten
»leidenschaftliche
Verfechter
des
Widerstandswillens der freien Welt« sein. Nur ein guter
Kämpfer im heißen Krieg sein zu wollen sei zu wenig, hielt er
1958 fest.94 Freilich ging es ihm dabei nicht vorrangig um die
Herausbildung kritischer Geister oder um den möglichst
weitgehenden Abbau überkommener Umgangsformen, wie es
Baudissin vorschwebte. Röttiger war wie Heusinger und viele
andere glühender Antikommunist, hatte mit Sorge die
Niederschlagung der Aufstände in der DDR und in Ungarn
verfolgt. Sie alle sahen sich dem alten Feind gegenüber. Und
dabei waren sie nicht allein. In der westdeutschen Gesellschaft
und nicht zuletzt in der oppositionellen SPD gab es seit der
Berlin-Blockade von 1948/49 eine dezidiert antisowjetische
Haltung.95
Auch im Bereich der Tradition ging es nicht um den
radikalen Bruch mit der Vergangenheit, sondern um
pragmatische Kompromisse.96 Eine völlige Abkehr von der
Wehrmacht stand angesichts der Vergangenheit der führenden
Offiziere nie zur Debatte. Heusinger hatte 1960 in einer Rede
formuliert, dass sowohl die Erfordernisse der Zeit als auch
»Überzeitliches das Antlitz des Soldaten« prägten.97 Und im
ersten Traditionserlass von 1965 war von Dankbarkeit und
Ehrfurcht vor den Leistungen und Leiden der Vergangenheit
die Rede, von soldatischen Leistungen und menschlichen
Bewährungen, von gewissenhafter Pflichterfüllung um des
Auftrags willen. Jeder wusste, was damit gemeint war, auch
wenn der Begriff Wehrmacht kein einziges Mal auftauchte.
Aber auch der Widerstand aus Verantwortung fand seinen
Platz, sodass der 20. Juli im offiziellen Traditionsbild fest
verankert wurde. Hart war darum gerungen worden, wie jene,
348
die dem Eid auf Hitler bis zur letzten Minute gefolgt waren,
und die wenigen, die ihr Gewissen über den Eid gestellt
hatten, unter einen Hut zu bekommen waren und ob die
Bedeutung des 20. Juli über die Tapferkeit an der Front gestellt
werden sollte oder nicht.
Das Ergebnis war ein Sowohl-als-auch. Es gab
diesbezüglich wohl nur graduelle Differenzen zwischen Karst,
Heusinger, Kielmansegg, Speidel oder auch de Maizière.
Niemand von ihnen war für den vollständigen Bruch mit der
Wehrmacht. Ein Traditionserlass, wie wir ihn heute haben, war
damals unvorstellbar. Es ging um eine möglichst breite
Integration der Veteranen aus dem letzten Krieg, und man
kann mit Recht kritisch fragen, ob überhaupt jemand
ausgeschlossen blieb. Bernhard Ramcke beispielsweise galt
aufgrund seiner demonstrativen Nähe zum NS-Regime, aus
der er keinen Hehl machte, eigentlich als Persona non grata.
Dennoch entsandte Verteidigungsminister Schröder 1968 ein
Ehrengeleit der Bundeswehr an das Grab des
Fallschirmjägergenerals. Generalinspekteur Ulrich de Maizière
hatte zwei Jahre zuvor zusammen mit Generaloberst a. D. Kurt
Student das Ehrenmal der Fallschirmjäger in Altenstadt
eingeweiht, welches an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs
erinnerte. Ausdrücklich bezog sich de Maizière dabei auf
Einsatzbereitschaft, Mannesmut und Korpsgeist der
Fallschirmjäger der Wehrmacht, an die es in der Bundeswehr
anzuknüpfen gelte.98 Ramcke und Student waren einst
gläubige Nationalsozialisten, hatten beide nur geringe
militärische
Führungsfähigkeiten
und
trugen
die
Verantwortung für Kriegsverbrechen ihrer Einheiten.99 Schon
in den 1960er-Jahren waren beide umstritten, wurden von den
Fallschirmjägerveteranen aber hochverehrt. Eine konsequente
Abgrenzung der Bundeswehr gab es zu diesem Zeitpunkt nur
349
zu Hitlers ehemaligem Durchhaltemarschall Ferdinand
Schörner und zur Waffen-SS. Als Sepp Dietrich,
Generaloberst der Waffen-SS, im April 1966 auf dem
Ludwigsburger Neuen Friedhof beigesetzt wurde, nahmen
zwar 5000 zumeist ehemalige Kameraden an der Trauerfeier
teil, die Bundeswehr blieb der Zeremonie aber fern.100
In ihrem Verhältnis zur Wehrmacht werden die Dilemmata
einer an sich reformfreundlichen Gründergeneration vielleicht
am deutlichsten. Heusinger, Speidel, de Maizière und
Kielmansegg akzeptierten den zurückhaltenden Habitus des
Militärs und die geradezu zivile Anmutung der ersten
Uniformen. Bis 1965 verzichteten sie auf Truppenfahnen und
anderes Brauchtum. Die Verklärung der Wehrmacht und damit
der eigenen Geschichte war aber fester Bestandteil der von
ihnen geprägten Bundeswehrkultur. Niemand sollte sich von
den Soldaten des Zweiten Weltkriegs distanzieren, »die tapfer
und ehrenvoll die Waffen führten gegen die bolschewistische
Gefahr«101. Mit lupenreiner Weste war kaum jemand von der
Gründergeneration aus dem Krieg gekommen. Über
Kriegsverbrechen wurde offiziell nicht gesprochen. Es gab
zwar manche Andeutungen, aber mehr musste und sollte dazu
nicht gesagt werden.102
Auch der Fortbestand der Kameradschaft aus dem Krieg
zahlte sich aus. So machte Karl Wilhelm Thilo, ehemaliger Ia
der 1. Gebirgsdivision, trotz seiner Verstrickung in
Kriegsverbrechen auf dem Balkan in der Bundeswehr
Karriere.103 Ulrich de Maizière kannte ihn noch aus seiner Zeit
im Oberkommando des Heeres. Baudissin sah diesen Umgang
mit der Vergangenheit gewiss kritischer. So war ihm etwa
Oberst Bern Oskar von Baer ein Dorn im Auge. Dieser hatte
als Kommandeur der 1. Luftlandedivision für den 20. Mai
1957 den Befehl erteilt, an den Jahrestag der Landung
350
deutscher Fallschirmjäger auf Kreta 1941 zu erinnern und in
Ehrfurcht ihres opferreichen Kampfes zu gedenken. In
Zusammenarbeit mit dem Chef der Personalabteilung des
Ministeriums gelang es Baudissin, Baer zum Stellvertreter
herabzustufen.104 Dessen weiteren Aufstieg konnte er aber
nicht verhindern. Baer gehörte wie Thilo zu einem alten OKHNetzwerk, war im Zweiten Weltkrieg hoch ausgezeichnet
worden, hatte in Stalingrad gekämpft und im September 1943
den Gegenstoß der 16. Panzerdivision bei Salerno befehligt. In
seiner Zeit als Ia der Division »Hermann Göring« war er im
Sommer 1944 in Italien mit Massakern an der
Zivilbevölkerung in Verbindung gekommen.105 Er nahm 1968
aufgrund gesundheitlicher Probleme als Generalmajor seinen
Abschied.
Truppenalltag
In Gesetzen, Vorschriften und Erlassen wird das
Wünschenswerte ausgedrückt. Die Realität in der Truppe war
freilich zu allen Zeiten eine andere. Seit jeher hat ein Großteil
der Soldaten auf allzu fordernde Vorgaben, sich an einer
politischen Ordnung auszurichten, ablehnend reagiert, so auch
in der Bundeswehr. Die Seminare an der Schule für Innere
Führung wurden als »NSFO-Lehrgänge«, die Innere Führung
als »Inneres Gewürge« verspottet. Reibungsverluste bei der
Kommunikation mit den unteren Ebenen waren kaum zu
vermeiden, zumal die Verlautbarungen des Ministeriums
zuweilen mehr auf die Politik als auf die Truppe zielten.106
Unterschiedliche Auffassungen an der Spitze der Streitkräfte
machten die Umsetzung nicht leichter.107 Wenn etwa im
Handbuch für Innere Führung 1957 davon die Rede war, dass
in diesem Konzept nur das fortgeführt werde, was man schon
immer gemacht habe108, war das eine Einladung, die Dinge
nach Gutdünken auszulegen. Und in der Tat gab es Offiziere,
351
die mit dem neuen Duktus wenig anfangen konnten. So wurde
dem ersten Inspekteur des Bundesgrenzschutzes Gerhard
Matzky nachgesagt, eine besonders konservative Haltung zu
pflegen. Matzky wurde 1956 in die Bundeswehr übernommen
und schied vier Jahre später altersbedingt aus. 1894 geboren,
wurde er 1912 im schlesischen Oppeln Soldat. In seiner
Abschiedsrede bemerkte er, dass von den »vorwiegend
rational eingestellten Leitbild-Malern« nicht viel zu halten sei.
Den versammelten Soldaten gab er vielmehr den Rat, dem
geistigen Gehalt des Preußentums auch in der Bundeswehr den
ihm gebührenden Platz zu erhalten. Schließlich sei es das
»echt-innerlich empfundene Pathos«, das dem Soldatenberuf
gegenüber allen zivilen Berufen seine besondere Weihe
gebe.109
Konservatismus
und
mangelnde
Bildung
der
Wehrmachtveteranen werden in der Literatur als Ursache für
die Widerstände gegen die Innere Führung angeführt. Nur
vierzig Prozent der rund 13 000 kriegsgedienten Offiziere110
der Bundeswehr konnten das Abitur vorweisen. Und nur die
wenigsten hatten eine gründliche Friedensausbildung
durchlaufen, etliche waren aufgrund ihrer Frontbewährung aus
dem Unteroffizierstand zu Offizieren befördert worden. Sie
wussten wohl, wie man an der Front überlebte, aber die
Gestaltung des militärischen Friedensdienstes gemäß den
Werten und Normen des Grundgesetzes sei ihnen fremd
geblieben, heißt es. Sie hätten daher auf das zurückgegriffen,
was sie von früher kannten: Schikane und übertriebener
Drill.111 Eine solche Interpretation ist freilich allzu
schematisch. Die Innere Führung hatte im Bereich der
Menschenführung ihre Wurzeln in Erziehungskonzepten der
1920er- und 1930er-Jahre. Für viele Veteranen dürften Teile
der Neuausrichtung daher so revolutionär nicht gewesen sein.
352
Sachverstand, Vertrauen, Willen zum gemeinsamen Handeln
und Gehorsam aus Einsicht, das gab es auch schon in der
Wehrmacht. Hermann Büschleb betonte etwa, dass die Innere
Führung nur ein neuer Begriff für eine Vielzahl von Aufgaben
sei, die nun nachdrücklicher gestellt würden.112 Seine Befehle
zur Menschenführung, die er 1967 als Brigadekommandeur
erließ und in denen von der Achtung vor der Ehre des Mannes
und vom Kampf gegen Misshandlungen ebenso die Rede war
wie von »rücksichtsloser Härte«, waren zu 95 Prozent mit dem
identisch, was man 1942 im Heer zum selben Komplex lesen
konnte.113
Die ehemaligen Wehrmachtoffiziere interpretierten die
Innere Führung im Sinne einer Kontinuität im Umgang mit
den Untergebenen. Inwieweit sie erfassten, dass sie mehr sein
sollte als eine gute Menschenführung, mag dahingestellt sein.
Auffallend ist gleichwohl, dass die Akzeptanz des Begriffs114
bei Veteranen mit höheren Dienstgraden besonders hoch war.
Nach einer Studie aus dem Jahr 1964 bewerteten drei Viertel
aller Stabsoffiziere – die praktisch alle aus der Wehrmacht
stammten – die Innere Führung positiv. Am größten war die
Ablehnung bei den Unteroffizieren auf Zeit, von denen keiner
mehr aus der Wehrmacht stammte. 48 Prozent von ihnen
meinten, dass die Innere Führung die Kampfkraft erheblich
mindere.115 Je niedriger der Rang, desto näher war man in der
Regel mit dem Alltag in der Truppe befasst und als desto
lästiger, realitätsferner und unverständlicher empfand man die
Innere Führung. So sahen es Kriegsgediente und auch solche
Soldaten, die in den Fünfzigerjahren zur Bundeswehr kamen
und zuvor keine Uniform getragen hatten.116 Dass selbst
jüngeren Abiturienten das Grundgesetz noch »nicht ins Blut
übergegangen« war117, wird anhand der Nagold-Affäre noch
zu zeigen sein.
353
Zweifellos gab es auch kriegsgediente Offiziere, die sich
nicht in der Bundeswehr zurechtfanden, mit ihren Aufgaben in
der Friedensarmee überfordert waren und von neuen
Umgangsformen nichts wissen wollten. Wie etwa Hauptmann
Robert Lübke118, der im Krieg wegen seiner Tapferkeit vom
Unteroffizier zum Offizier aufgestiegen war. Ein großer,
mächtiger Mann mit stechend blauen Augen und stark
geröteten Wangen119, der seinen Soldaten ein gerechter, aber
auch strenger Vater sein wollte. »Seine cholerische
Rücksichtslosigkeit war gepaart mit einer verschmitzten
Bauernschläue und einem ebenso geraden wie unbeugsamen
Naturell.« Lübke fiel dreimal durch die Stabsoffizierprüfung,
blieb dann bis zu seinem frühen Tod 1965 Hauptmann und
Chef der Ausbildungskompanie 14/2 in Hessisch-Lichtenau.
Ecke Demandt120 lernte ihn während seiner beiden Dienstjahre
in dieser Einheit kennen und mit ihm andere kriegsgediente
Troupiers. Bei allen individuellen Unterschieden hätten sie, so
Demandt, zwei unverrückbare Marken auf ihrer inneren
Werteskala gehabt: den Tod und den Hunger. Dies hatte zur
Folge, dass »sie in vielen Dingen wesentlich großzügiger
waren als alle späteren, in anderen hart und unduldsam bis zur
Manie. Beschimpfungen und alle Arten der Selbstjustiz waren,
wenn überhaupt, Kavaliersdelikte, wer aber auch nur einmal
vergaß, seine scharf geladene Waffe zu sichern, hatte die
strengsten Disziplinarmaßnahmen zu gewärtigen. Kurz, Stil
und Methode waren viel härter, dadurch jedoch in gewisser
Weise authentischer. Die Freiheit des Einzelnen war größer,
aber auch die Gefahr, in ihr umzukommen, und sei es
seelisch.«121
Lübke hätte mit seinen Umgangsformen – durch zügellose
Wutausbrüche brachte er selbst alte Unteroffiziere zum
Weinen – freilich schon gegen die Vorschriften der Wehrmacht
354
verstoßen. Man darf vermuten, dass ihm der Begriff der
Inneren Führung als Teufelszeug galt – so er ihn überhaupt
kannte. Und doch bemerkte Ecke Demandt: »Keiner von uns
kam auf den Gedanken, hier etwas hinterfragen zu wollen oder
gar seine Würde verletzt zu fühlen. Das lag jenseits unseres
Denkens und Empfindens – zumindest die Soldaten, die mit
mir im gleichen Zug Rekruten waren.«122 Vieles von dem, was
heute als Menschenschinderei gelten würde, wurde in den
frühen Sechzigerjahren noch schlicht als gegeben akzeptiert.
Eine Umfrage aus dem Jahr 1964 ergab, dass sich nur ein bis
zwei Prozent der Zeitsoldaten und Wehrpflichtigen
entwürdigend, rund sechs Prozent herablassend behandelt
fühlten.123 Wenn die Gruppen- und Zugführer es verstanden,
gemeinschaftsstiftende
Erlebnisse
zu
schaffen,
die
Wehrpflichtigen nach subjektivem Empfinden fair und
menschlich zu behandeln, ihren Erlebnishunger, die
Abenteuerlust, das Naturerleben und nicht zuletzt die
Kameradschaft124 anzusprechen, war die Erfahrung oft sehr
positiv. Dann waren die jungen Männer auch bereit, große
Strapazen auf sich zu nehmen.
Ecke Demandt etwa berichtet in seinen Erinnerungen in
höchsten Tönen von Stabsunteroffizier Lehmann und dessen
Infanteriegefechtsausbildung: »Bis zu meinem Tode werde ich
es nicht verlernen, das MG 42 in Stellung zu bringen.
Zielauffassung,
2–3
kurze
Feuerstöße,
Deckung,
Stellungswechsel und wieder von vorn. Wir übten das, als
ginge es um die Weltmeisterschaft im MG-Schießen. Nie
waren wir ihm gut genug und wahrlich, wir haben uns
geschunden, es ihm gleich zu tun. Da sprang er mitten im
Anschlag der Waffe dazwischen, fegte den Schützen zur Seite
und überprüfte, ob auch richtig über Kimme und Korn gezielt
wurde, oder er rannte auf die Feindseite, warf sich in Deckung,
355
befahl uns, ihn ins Visier zu nehmen, wenn er auftauchte, und
kontrollierte mit Fernglas und Stoppuhr, wie lange wir
brauchten, ihn aufzufassen und den ersten Feuerstoß mit
Manövermunition auf ihn abzugeben. Wie hat er uns gehetzt,
bei den nahezu wöchentlichen, nächtlichen Alarmübungen:
Blaulicht im Zimmer, Alarmstuhl, Waffe im Spind, MG in der
Waffenkammer empfangen, hinaus in die Nacht, 2 km weit so
schnell die Füße tragen in unsere vorbereiteten Stellungslöcher
am Ostrand des Walbergs. Am Ende des Atems und der Kraft,
schweißtriefend in den oft halb mit Regenwasser angefüllten
Kampfständen und dann stundenlanges, regungsloses Warten
in Kälte und Nässe auf einen Feind, der nicht kam. Es gab
Augenblicke, in denen wünschte ich mir den Feind herbei,
allein, damit diesen Alarmübungen durch sein Erscheinen ein
Ende gesetzt werde.«125 Und doch machte er stets mit, eiferte
seinem Zugführer Lehmann nach, den er noch Jahrzehnte
später als Vorbild bezeichnete.
Unteroffizier Lehmann gelang es, seine Männer für den
Dienst in der Bundeswehr zu motivieren. Es ist eher
unwahrscheinlich, dass er sich je mit den Prinzipien der
Inneren Führung auseinandergesetzt hat. Die wenigsten taten
es und wandten lieber Methoden an, die ihnen schlüssig
erschienen – ob sie nun mit den Vorschriften vereinbar waren
oder nicht. Solange sie dabei gewisse Grundregeln beachteten,
wurde das auch geduldet. Die Alltagsprobleme der frühen
Bundeswehr waren viel zu überwältigend, als dass dem
Bereich des inneren Gefüges größere Aufmerksamkeit
geschenkt wurde. Es stellte sich nämlich als vollkommen
illusionär heraus, innerhalb der versprochenen drei Jahre zwölf
Divisionen aufzustellen. Wenngleich Verteidigungsminister
Strauß bald realistischere Planungen vorlegte, machte der
Kanzler doch erheblichen Druck, weil nur eine schnell
356
aufwachsende Bundeswehr außenpolitisches Gewicht hatte.
Die als bedrohlich empfundene Sicherheitslage –
Ungarnaufstand, zweite Berlinkrise, Kuba – tat ein Übriges,
um auf zügiges Wachstum zu drängen. Das politische Ziel war
1965 endlich erreicht: Die 12. Panzerdivision konnte als letzter
Großverband der NATO assigniert werden. Bonn hatte damit
seine Zusage erfüllt.
Der Preis der Eile war hoch. Die Armee musste
buchstäblich aus dem Nichts wiederaufgebaut werden.
Anfangs fehlte es an allem: Die Bereitstellung von Material
und Personal kam nur langsam voran, die Unterbringung war
katastrophal. In den alten Kasernen saßen inzwischen die
Alliierten
oder
zivile
Verwaltungsbehörden.
Auch
Schießbahnen und Truppenübungsplätze mussten neu
eingerichtet werden. Es fehlte an Munition, Ausrüstung,
oftmals an den banalsten Gebrauchsgegenständen. Die ersten
Uniformen und Stahlhelme erwiesen sich bald als unpraktisch
und wenig alltagstauglich.126 Da mehr Wehrpflichtige zur
Verfügung standen, als gebraucht wurden, entschied ab 1959
ein Losverfahren über die Einberufung, was viel Unmut
verursachte. Mancher kaum Taugliche wurde Soldat, während
viele intelligente und leistungsfähige junge Männer um den
Dienst herumkamen. Die Kreiswehrersatzämter wiesen den
Verbänden teilweise vollkommen ungeeignete Mannschaften
zu, die den geistigen und körperlichen Anforderungen nicht
gewachsen waren.127 In jeder Einheit, so Carl-Gero von
Ilsemann, gebe es notorische Störenfriede, die durch
Unbotmäßigkeiten, Nachlässigkeiten und Missachtung der
Ausgangsbeschränkung die Nerven ihrer Vorgesetzten
strapazierten und die Disziplin schädigten. »In Zukunft muß es
gelingen, diese schlechten Elemente schneller zu eliminieren,
entweder, indem sie frühzeitig aus der Bundeswehr
357
ausgestoßen werden, oder indem man sie in Sondereinheiten
zusammenfaßt«, notierte er.128
Vor allem aber fehlten ausreichend qualifizierte
Unteroffiziere und Offiziere. Bei den Hauptleuten und
Leutnanten war der Mangel am größten. Deren Aufgaben
mussten oftmals von zu jungen Unteroffizieren erfüllt werden,
die wiederum von kaum qualifizierten Mannschaftssoldaten
ersetzt wurden. Teilweise stand den Bataillonen nur ein Drittel
des notwendigen Führungspersonals zur Verfügung.129 Etliche
Kompanien hatten nur einen einzigen Offizier, der vor allem
mit Verwaltungsarbeiten beschäftigt war und sich nicht um die
Ausbildung seiner Männer kümmern konnte. Es gelang zwar
in den 1960er-Jahren, mehr Offizieranwärter einzustellen, aber
die Zahlen konnten mit der rasanten Heeresvermehrung nicht
Schritt halten. Von 1959 bis 1962 stieg der Umfang der
Landstreitkräfte von rund 125 000 auf 250 000 Mann an, um
in den folgenden drei Jahren auf 275 000 zu wachsen. Die
ständige Neuaufstellung von Verbänden führte zu
Personalfluktuationen und Umgliederungen, sodass es den
wenigen Offizieren kaum möglich war, eine stabile Kohäsion
ihrer Einheiten aufzubauen. »Was heute leider vielerorts zählt,
sind Materialerhaltung und einige Manöverleistungen. So
werden viele Chefs dazu gezwungen, Meister des
Vordergrunds zu sein und die Ausbildung der Kompanie zu
vernachlässigen. Viele resignieren, da sie vollauf damit
beschäftigt sind, den Karren am Laufen zu halten. […] Das
organische Wachsen der Einheit ist oft unmöglich«, schrieb
ein junger Kompaniechef 1963.130 Man springe von einem
Schwerpunkt zum anderen und lasse ersteren dann wieder
völlig außer Acht, weil man alle Kraft braucht, um auf den
dritten überzuspringen, so Oberstleutnant Ernst-Hasse von
Langenn-Steinkeller im Januar 1963. Die Kompaniechefs und
358
Bataillonskommandeure waren hin- und hergerissen zwischen
dem Geforderten und dem Machbaren. Im Alltag hatten sie zu
wählen
»zwischen
formellem
Gehorsam
und
Verantwortungslosigkeit.
Die
dazwischenliegenden
Schleichwege, die weitgehend gegangen und jeweils oben
nicht bemerkt werden, sind ein fauler Kompromiss.«131 Das
Vertrauen in die politische und militärische Führung war
innerhalb der Bundeswehr daher schon früh angeschlagen.132
»Wir wissen und merken nicht«, schrieb Langenn-Steinkeller,
»ob überhaupt, und wenn, ob bis zur letzten Konsequenz
unsere höchste Generalität die unbedingt notwendigen
militärischen Forderungen gegenüber dem Politischen – und
innerhalb
des
Ministeriums
gegenüber
der
Ministerialbürokratie – vertritt. Wir glauben nicht, daß dies
geschieht.«133
Da irrte er freilich. Die Zustandsberichte der 1960er-Jahre
waren voll von drastischen Schilderungen der Probleme in der
Truppe. Wenn man der Heeresgeneralität dieser Zeit eines
nicht vorwerfen kann, dann, dass sie die Dinge schönredete.134
Doch löste das Niederschreiben die Probleme nicht. Gewiss
gab es manche Anpassung, etwa 1962 die Verlängerung der
Wehrdienstzeit von zwölf auf 18 Monate, die Aufstellung von
speziellen Ausbildungskompanien oder die Einrichtung von
zentralen Unteroffizierschulen 1964. Das waren aber Tropfen
auf dem heißen Stein, die sich angesichts der schwierigen
Rahmenbedingungen kaum auswirkten. Langenn-Steinkeller
beklagte: »Zum Trost kann man hören ›All dies weiss man
oben, all dies steht in einem Bericht des Inspekteurs des
Heeres‹. Dies aber ist ein magerer Trost – er entlastet das
eigene Verantwortungsgefühl wenig, wenn man auch oben
weiss, dass wir ein Scheinunternehmen darstellen. Entlasten
tut nur, wenn wir erkennen, dass Entscheidendes getan wird.«
359
Langenn-Steinkeller war 47 Jahre alt und stellvertretender
Kommandeur einer Brigade, als er diese Zeilen niederschrieb.
Im Krieg hatte der hoch ausgezeichnete Kavallerist und
Panzeraufklärer vier Jahre an den Brennpunkten der Ostfront
gekämpft, trug die Nahkampfspange und war viermal
verwundet worden. In der Bundeswehr hatte er verschiedene
Truppenkommandos inne, war aber auch Lehroffizier an der
Schule für Innere Führung. Für ihn war klar, dass eine Armee,
die sich ernst nimmt, sich nur an ihrer voraussichtlichen
Bewährung im Krieg messen lassen musste. Doch der Maßstab
der Bundeswehr sei ihre Unzulänglichkeit. »Für den Gegner
werden wir zum papierenen Drachen.« »Warum geht
eigentlich nicht einmal ein General nach Haus«, fragte er
rhetorisch, »weil er sich gegen die Unzulänglichkeiten
aufbäumt? Wie soll man Verantwortung mit dem
entsprechenden Risiko unten verlangen, wenn es einem nicht
vorgelebt wird? Ist es für einen General nicht leichter, Risiken
auf sich zu nehmen, als für einen Hauptmann oder
Oberstleutnant? Können wir uns noch ernst nehmen – oben
nimmt man uns doch offensichtlich nicht ernst und wie sollen
wir den Uffz und Mann davon überzeugen, daß seine
Diensterfüllung Sinn hat?«135
Es waren Stimmen der Frustration, vom Staat vor eine
unlösbare Aufgabe gestellt worden zu sein. Die
Truppenoffiziere hatten offensichtlich eine ganz andere
Perspektive auf die Dinge als die Bundesregierung und das
Verteidigungsministerium. Für die Politik war der Zweck
erfüllt, sobald eine Einheit der NATO einsatzbereit gemeldet
werden konnte. Die Details interessierten ebenso wenig wie
die Frage, wie kampfkräftig der Verband im Ernstfall wirklich
sein würde. Und auch der Generalinspekteur sah zum
schnellen Aufstellungstempo angesichts der angespannten
360
internationalen Lage keine Alternative. So war im
Truppenalltag für die Offiziere kein Licht am Ende des
Tunnels zu erkennen.
In gewisser Weise ähnelte die Situation derjenigen der
Wehrmacht in den Zeiten der Hochrüstung vor 1939. Beide
Armeen mussten binnen kürzester Zeit eine große Streitmacht
aufbauen und – wenn auch unter ganz unterschiedlichen
Umständen – ihre Soldaten für den Dienst in den Streitkräften
motivieren. Der schnelle Aufwuchs führte in beiden Fällen
dazu, dass es zu wenige und in der Menschenführung schlecht
qualifizierte Unteroffiziere und Offiziere gab, sodass Gewalt
und Missbrauch insbesondere in der Grundausbildung zum
Alltag in beiden Armeen gehörten. Belastbare Zahlen über
Verstöße der Vorgesetzten in der Bundeswehr des Kalten
Krieges sind heute kaum mehr zu ermitteln. In den
Jahresberichten des Wehrbeauftragten sind solche Fälle nur
exemplarisch dokumentiert.136 Die Disziplinarberichte
vermerkten die Zahl der offiziell gemeldeten »besonderen
Vorkommnisse«.
Unter
diesem
Begriff
wurden
Misshandlungen von Untergebenen, aber auch Fahnenflucht,
Sachbeschädigung, Schlägereien und Angriffe auf Vorgesetzte
subsumiert. Die erfassten Fälle der Misshandlung von
Untergebenen waren mit 31 (1964) bei einer Gesamtstärke von
425 000 Mann sehr niedrig137 und weit geringer, als der Wert
der oben zitierten Umfrage (siehe S. 281) vermuten lässt. Das
zeigt, dass es große Hemmschwellen gab, sich zu beschweren,
oder dass die Kompanien bestrebt waren, die Vorfälle intern zu
regeln. Dennoch stiegen die offiziell erfassten Fälle seit
Anfang der 1960er-Jahre an. Bei unerlaubter Abwesenheit und
vor allem bei Tätlichkeiten gegen Vorgesetzte gab es teilweise
hohe
Zuwachsraten.138
Die
Selbstmordrate
hatte
demgegenüber keinen direkten Bezug zu den inneren
361
Zuständen der Streitkräfte. Sie blieb in etwa so hoch wie in der
Zivilgesellschaft. Seit Gründung der Bundeswehr gab es
jährlich knapp zwanzig Fälle pro 100 000 Soldaten; diese Zahl
schwankte bis Anfang der 1980er Jahre kaum. Das Niveau war
somit halb so hoch wie in der Wehrmacht oder der
Reichswehr. Kontinuierlich angestiegen sind hingegen die
Selbsttötungsversuche – von knapp fünfzig pro 100 000
Soldaten im Jahr 1957 über 100 in den Sechzigerjahren bis auf
250 im Jahr 1980.139
Der Anstieg der »besonderen Vorkommnisse« liefert
allerdings einen empirischen Beleg dafür, dass es um die
innere Verfasstheit der Streitkräfte nicht zum Besten stand.140
Das Offizierkorps reagierte auf die tagtäglichen
Überforderungen und die wachsenden Missstände hinsichtlich
Disziplin und Moral der Truppe mit dem Ruf nach mehr Härte,
forderte mehr Rechte sowie eine Absage an allzu locker
empfundene Umgangsformen.141 Im Truppenalltag wurden die
Vorschriften vielfach einseitig streng ausgelegt und die
Wehrpflichtigen zuweilen nach Gutdünken schikaniert.
Manche Ausbilder glaubten wohl wirklich, dass es sich beim
»Maskenball« – dem Wechsel von Kampf-, Ausgeh- und
Sportanzug in größtem Tempo und unter geschrienen
Kommandos – um eine sinnvolle Ausbildung handelte.
Zumindest sie hatten Spaß dabei.142 Es gab aber auch die
andere Seite der Medaille: Aus Unsicherheit, was überhaupt
noch erlaubt war, ließen manche den Dingen ihren Lauf.143
Der Spiegel schilderte 1957 genüsslich eine Köpenickiade des
19-jährigen Grenadiers August Hagemann, der sich allen
freundlich gehaltenen Anweisungen seiner Vorgesetzten
entzog. Der Begriff der »Weichen Welle« wurde damals zum
ersten Mal publizistisch als Synonym für die Innere Führung
verwendet.144 Eine solche Auslegung war gewiss nicht
362
beabsichtigt, weder von Baudissin noch von irgendeinem
anderen.145 Es gibt aber genügend Hinweise, dass die neue
Doktrin jenseits der Verspottung aus Unsicherheit in der Tat zu
einer überängstlichen Zurückhaltung im Truppenalltag führen
konnte.146 So empfanden in einer Umfrage aus dem Jahr 1964
20 Prozent der befragten Wehrpflichtigen die Ausbildung als
zu weich.147
Skandale und tribal cultures
Unter diesen Rahmenbedingungen war der erste Skandal nur
eine Frage der Zeit. Am 3. Juni 1957 ertranken fünfzehn
Rekruten des Luftlandejägerbataillons 19 beim Versuch, die
Hochwasser führende Iller zu durchqueren.148 Das Entsetzen
über das Unglück war groß. Verteidigungsminister Strauß und
etliche Generäle eilten an den Ort des Geschehens.
Divisionskommandeur Bern von Baer durchwatete die Iller in
Badehose, um sich persönlich einen Eindruck von der
Fließgeschwindigkeit zu verschaffen. Die Untersuchung legte
die Verkettung unglücklicher Umstände, das Versagen
einzelner Unterführer und die strukturellen Defizite der frühen
Bundeswehr offen. Die Flussdurchquerung war vom
Bataillonskommandeur Alfred Genz ausdrücklich verboten
worden. Der vielfach ausgezeichnete Fallschirmjäger, der von
allen involvierten Personen wohl die längste Zeit an der Front
verbracht hatte, hielt von solchen Abenteuern nichts. Aber es
fehlte an einer klaren und unmissverständlichen
Befehlsgebung, um die Anordnungen bis auf die unterste
Ebene durchzusetzen. Der 24-jährige Stabsunteroffizier Dieter
Julitz, der an diesem Tag stellvertretend den Zug Rekruten
führte, wusste von der Anordnung des Kommandeurs
wahrscheinlich nichts. In seinem Übereifer, von dem auch
seine Wehrpflichtigen nicht frei waren, meinte Julitz, die
363
Flussdurchquerung anordnen zu sollen, weil man so etwas im
Krieg auch machen müsse.
Das eigentliche Problem der Bundeswehr war, dass die
Posten vom Gruppenführer bis zum Kompaniechef mit
Männern besetzt werden mussten, die für diese Aufgabe nicht
ausreichend geschult waren, um den Tatendrang ihrer
Untergebenen in vernünftige Bahnen zu lenken. Alle am IllerUnglück beteiligten Führer und Unterführer waren eher
unterdurchschnittlich beurteilte Soldaten. Über viele Jahre
sorgfältig ausgebildete Feldwebel fehlten ebenso wie erfahrene
Kompaniechefs. In der Wehrmacht hatte es solche Leute
durchaus gegeben, aber viele von ihnen waren nun entweder
zu alt oder hatten im Zivilleben ein Auskommen gefunden.
Nicht zu unterschätzen war auch der Einfluss amerikanischer
Ausbilder, auf die die Bundeswehr in der Anfangsphase
zurückgreifen musste. Auch Dieter Julitz hatte einen
Dreiwochenkurs
an
der
amerikanischen
Fallschirmspringerschule in Augsburg absolviert und war dort
in einer Weise gedrillt worden, wie es das in der Bundeswehr
eigentlich nicht mehr geben sollte.149
Wenige Jahre später offenbarte ein erneuter Zwischenfall
die strukturellen Defizite, aber auch den bis heute kaum
bekannten Einfluss der Alliierten auf die Ausbildung in der
Bundeswehr. Am 25. Juli 1963 stand für die Rekruten der
Ausbildungskompanie 6/9 im württembergischen Nagold ein
Eingewöhnungsmarsch über fünfzehn Kilometer auf dem
Programm. Die jungen Männer waren erst seit drei Wochen im
Dienst, viele waren der Belastung in der Sommerhitze nicht
gewachsen. Vier brachen bewusstlos zusammen. Gerd
Trimborn erlitt während einer Laufschritteinlage kurz vor dem
Ziel einen Kreislaufkollaps und starb eine Woche später im
Tübinger
Uniklinikum.
Die
gerichtsmedizinische
364
Untersuchung ergab ein Leber- und Nierenleiden, das weder
ihm noch den Ausbildern bekannt gewesen war. Für die
Staatsanwaltschaft lag deshalb kein Verschulden Dritter vor.
Die Überprüfung des Todesfalls deckte freilich skandalöse
Zustände in der Kompanie auf.150 Im Mittelpunkt stand der
27-jährige Kompaniechef Jürgen Schallwig. Er stammte aus
einem bürgerlichen Elternhaus – sein Vater war
Wirtschaftsprüfer – und trat nach dem Abitur an einem
mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium 1956 in
die Bundeswehr ein. Schallwig durchlief zunächst eine
Ausbildung als Panzergrenadier und kam drei Jahre später als
Zugführer zur Fallschirmjägertruppe. Er hatte geduldet, dass
insbesondere die als Hilfsausbilder eingeteilten Gefreiten die
Rekruten nach Gutdünken schikanierten. Sie mussten
Beschimpfungen und Schläge erdulden, aus nichtigen
Anlässen bis zur Erschöpfung Liegestütze machen, durch
Dreckhaufen kriechen und ihre Spinde entleeren. Schallwig
und elf seiner Ausbilder wurden angeklagt und zu Strafen
zwischen sieben Tagen Arrest und neun Monaten Gefängnis
verurteilt.151 Der Kommandierende General Leo Hepp löste
die Kompanie auf, deren Gebaren er als eine Schande für das
ganze II. Korps betrachtete.152
Das Medienecho war noch größer als beim Iller-Unglück,
weil sich der 08/15-Geist, wie er von Hellmut Kirst in seinen
Romanen beschrieben worden war, in Nagold offenbar in
Reinkultur erhalten hatte.153 Sogar der Bundestag befasste sich
mit dem Fall. Die Schlagzeile von den »Schleifern von
Nagold« machte die Runde. Wie ist dieser Fall zu erklären?
Die selbstständige Ausbildungskompanie unterstand dem
stellvertretenden Brigadekommandeur im 25 Kilometer
entfernten Calw. Schallwig konnte relativ ungestört schalten
und walten, da in seiner Kaserne niemand für ihn zuständig
365
war. Er war mit seiner anspruchsvollen Aufgabe allerdings
völlig überfordert und hätte nie Chef der Einheit werden
dürfen. Schon 1959 hatte er sich als Zugführer gegenüber
Rekruten im Ton vergriffen und war durch distanzlose
Kommentare zur NS-Zeit aufgefallen.154 Einen Lehrgang zum
Kompaniechef absolvierte er nicht. Offenbar strebte er die
Führung einer selbstständigen Ausbildungseinheit auch gar
nicht an, sondern wollte viel lieber eine reguläre
Jägerkompanie führen, wo er unter der Anleitung eines
erfahrenen Bataillonskommandeurs gestanden hätte. Seine
Vorgesetzten erkannten die Schwächen Schallwigs nicht,
zeigten sich vielmehr von seinem Tatendrang beeindruckt.
»Hart in seinen Forderungen, ist er auch hart gegen sich
selbst«, hieß es in einer Beurteilung. Mehrfach wurde
angesprochen, dass er sein überschäumendes Temperament in
den Griff bekommen müsse. Doch kein Geringerer als der
Divisionskommandeur attestierte ihm, dass er auf einem guten
Weg sei und Förderung verdiene.155 Dass er sich als Chef der
Ausbildungskompanie 6/9 zu wenig um seine ebenfalls
schlecht qualifizierten Ausbilder kümmerte und zu viel Zeit
mit der ihm ungewohnten Verwaltungsarbeit verbrachte, fiel
offenbar keinem Vorgesetzten auf. Interessant ist freilich, dass
niemand der Beschuldigten Kriegserfahrung hatte.
Mehr noch als die Wehrmacht scheint in diesem Fall die
Kriegerkultur französischer Fallschirmjäger als Vorbild
gedient zu haben, was durch einen Offizieraustausch mit der
französischen Springerschule in Pau und die Nutzung gleicher
Flugzeuge des Typs Noratlas gefördert worden war. Schallwig
erwarb neben dem amerikanischen auch das französische
Fallschirmspringerabzeichen, das in der Truppe als besondere
Auszeichnung galt. Die Härte der französischen Parachutistes
galt als vorbildlich und war durch die Einsätze im Indochina-
366
und Algerienkrieg ohnehin in aller Munde. In der deutschen
Fallschirmjägertruppe wurden mit Begeisterung Jean
Lartéguys Romane Die Zenturionen und Die Prätorianer
gelesen. Sie waren 1961 ins Deutsche übersetzt worden und
glorifizierten die Einsätze in Südostasien und Nordafrika.
Schallwigs Brigadekommandeur, Oberst Gerhart Schirmer,
hatte die Bücher seinem Offizierkorps gar zur Lektüre
empfohlen, wohl auch zur Stimulierung eines Elitedenkens.
Ähnlich populäre Romane über die deutschen Fallschirmjäger
im Zweiten Weltkrieg gab es nicht. Es wurde daher schnell
Usus, dass sich die jungen Offiziere mit »mon Capitaine« oder
»mon Lieutenant« ansprachen. Sie begannen sich mit
Lartéguys Narrativen zu identifizieren, wonach man nur mit
größter persönlicher Härte gegen sich selbst und andere im
Kampf gegen einen gnadenlosen Feind überleben könne.156
Andere Ausbilder der Nagolder Kompanie hatten ihre
Männlichkeits- und Härterituale an der Luftlandeschule im
bayerischen Altenstadt gelernt. Die dortigen Lehrgänge waren
stark von der Kultur amerikanischer Instruktoren geprägt, die
in den Anfangsjahren der Bundeswehr die Fallschirmspringer
ausgebildet hatten. Auf Krafttraining legte man großen Wert.
Für kleine Verfehlungen wurden häufig Liegestütze,
Kniebeugen oder Wechselsprünge angeordnet.157 In der
Fallschirmjägertruppe der Wehrmacht gab es solche Praktiken
nicht. Hier wurde mehr Wert auf Bodenturnen zur Förderung
der Körperbeherrschung gelegt.158 Dass eine militärische
Formation im Dauerlauf ein Lied anstimmte, war ebenfalls
von der US Army übernommen worden. Und gerade die
jungen Soldaten strebten nach Vorbildern und eiferten dem
Nimbus französischer und amerikanischer Eliteeinheiten nach.
Das bedeutet freilich nicht, dass die kriegsgedienten deutschen
Fallschirmjäger auf ihre Einheiten keinen Einfluss hatten.
367
Doch das Singen der alten Lieder oder die Feier des KretaTages am 20. Mai159 änderten nichts daran, dass mittlerweile
eine neue Kultur entstanden war, in der sich französische und
amerikanische
Einflüsse
mit
Wehrmachttraditionen
vermischten.160 Gleichwohl waren letztlich die alten
Fallschirmjägeroffiziere dafür verantwortlich, dass in den
Luftlandeeinheiten der Bundeswehr ein besonders robustes
Klima herrschte. Kollektive Schlägereien mit anderen
Einheiten galten gewissermaßen als gute Sitte.161
Kriegsgediente kannten das Rabaukentum noch aus ihrer
eigenen Vergangenheit und taten offensichtlich wenig, um dies
abzustellen.
Die Vorkommnisse in der Ausbildungskompanie 6/9 waren
keine Einzelfälle. Zwischen 1962 und 1964 wurden in der 1.
Luftlandedivision auch aus anderen Teileinheiten Schikanen
und Missbrauch bekannt. Gewiss gab es auch in anderen
Verbänden ähnliche Fälle162, aber durch die Nagold-Affäre
standen vor allem die Fallschirmjäger im Licht der
Öffentlichkeit. Alle Anordnungen der Kommandeure, die
Dienstaufsicht
zu
verbessern,
den
»Schleifertyp«
auszumerzen, den Rekruten gegenüber Gerechtigkeit walten
zu lassen und die Belastungen nur schrittweise zu steigern163,
fruchteten offenbar nicht viel. Ein Jahr nach den Vorfällen von
Nagold starb erneut ein Rekrut der Division. Der 20-jährige
Anton Deigl erlitt beim Dauerlauf in voller Ausrüstung an
einem heißen Sommertag einen Hitzschlag.164 Anders als
zuvor ging die Division nun gleich an die Presse, leitete eine
staatsanwaltliche Untersuchung ein und versuchte, nichts zu
verheimlichen.165 Ein Medienskandal wurde vermieden, doch
die Skepsis blieb. »Es besteht der Eindruck«, hieß es in einem
internen Vermerk des II. Korps, »daß viele der alten
Fallschirmjäger der früheren Luftwaffe noch nicht geistig im
368
Heer integriert sind«, während die jungen Leutnante in
Anlehnung an die Romane Jean Lartéguys sich von
»verweichlichten« Vorgesetzten und einer schwachen Politik
im Stich gelassen und »geopfert« fühlten, weil die nur auf die
Öffentlichkeit schielten.166
Dass sich die beiden großen öffentlichen Skandale dieser
Anfangsjahre der Bundeswehr auf Vorkommnisse in der 1.
Luftlandedivision bezogen, konnte für diesen Verband nicht
folgenlos bleiben. Die FAZ sah in den Fallschirmjägern
geradezu die Antithese zum Staatsbürger in Uniform und
stellte in den Raum, ob man sie nicht gleich auflösen sollte.167
Ein solcher Schritt stand zwar nicht ernsthaft zur Debatte.
Aber mancher Offizier hätte sich wohl gefreut, wenn man den
Verband lieber früher als später »zum alten Eisen geworfen«
hätte168, zumal der Sprungeinsatz nicht mehr in die
mitteleuropäischen
Kriegsszenarien
passte.169
Die
Luftlandedivision müsse, so hieß es weiter, in den personellen
Blutkreislauf der übrigen Heeresdivisionen eingefügt werden,
damit sie keinen abgekapselten Fremdkörper mehr bilde.170
Das Netzwerk der Wehrmachtveteranen wurde nun
systematisch aufgelöst, Walter Gericke, Kommandeur der
Division, im Frühjahr 1965 in den einstweiligen Ruhestand
versetzt.171 Kein ehemaliger Fallschirmjäger wurde mehr
Kommandeur der Division, und auf der Brigadeebene
schieden 1969 die letzten Kreta-Veteranen aus. Auch in den
folgenden Jahrzehnten vergab man aus Angst vor einer
unerwünscht hemdsärmeligen tribal culture die hohen
Kommandeursposten zumeist an Offiziere aus anderen
Truppengattungen.
Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel stellte sich vor
die Truppe, verurteilte aber auch die mangelnde
Dienstaufsicht, Ungehorsam und einen falsch verstandenen
369
Elitegedanken. Vor allem betonte er, dass für die Soldaten
Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde im Alltag sichtbar
werden müssten.172 In ähnlichem Ton kommentierte auch
Generalinspekteur
Heinz
Trettner,
ein
ehemaliger
Fallschirmjägergeneral der Wehrmacht, den Fall. Geradezu im
Sinne Baudissins meinte er, durch eine gute Ausbildung müsse
erreicht werden, dass der junge Soldat, der noch nicht mit
einem voll ausgereiften staatsbürgerlichen Bewusstsein in die
Streitkräfte eintrete, sich nach achtzehn Monaten Wehrdienst
als vollwertiger Staatsbürger fühle und als Gewandelter den
Uniformrock wieder mit dem Zivilanzug vertausche. Nur ein
so gebildeter und innerlich gereifter Soldat entspräche dem
modernen Bild vom unerschütterlichen Kämpfer für Freiheit
und Recht.173 Auch Heeresinspekteur Alfred Zerbel betonte,
dass die Ausbildung in der Wahrung der Menschenwürde und
im Schutz der Gesundheit ihre Grenzen finde,
Machtmissbrauch
durch
aufmerksame
Dienstaufsicht
verhindert und mehr von der Möglichkeit der Beschwerde
Gebrauch gemacht werden müsse.174 Indem er einen zähen,
naturverbundenen, selbstständigen und kämpferischen
Soldaten verlangte, hatte seine Stellungnahme aber schon
einen anderen Zungenschlag als die des Ministers. Je niedriger
die Hierarchiestufe, desto mehr beschwor der Duktus der
Befehle und Anordnungen die Härte des Kampfes.175 Man
kann sich daher zu Recht fragen, was von des Ministers
Worten eigentlich bei der Truppe ankam. Zumindest hat der
Gedanke, dass der Soldat, der Recht und Freiheit verteidigt,
diese im dienstlichen Alltag erfahren müsse, bis zur NagoldAffäre keinen Eingang in das Schriftgut der 1.
Luftlandedivision gefunden.176 Minister von Hassel verkannte
wohl auch die Beharrungskräfte der tribal cultures, wenn er
meinte, dass es in der Bundeswehr nach neun Jahren keine
370
eigenmächtigen Interpretationen der Inneren Führung mehr
geben dürfe.
Die kulturellen Identitäten der Truppengattungen ließen
sich nicht mit einem Federstreich von oben verändern. Die
Soldaten pflegten Sitten und Gebräuche, für die Waffenstolz
und ein bestimmter Habitus wichtiger waren als Vorgaben aus
dem Ministerium. Regelrechte Stammeskulturen gab es nicht
nur bei den Fallschirmjägern, sondern im Prinzip bei jeder
Truppengattung der Bundeswehr. Alle hatten eigene Riten,
Lieder und Traditionen, wobei diese bei den Kampftruppen
besonders stark ausgeprägt waren. Die Rolle der tribal
cultures für den Zusammenhalt und die Motivation der
Soldaten darf nicht unterschätzt werden. Sie sind elementarer
Bestandteil der Kohäsion, und sie boten gerade in Zeiten
kontroverser gesellschaftlicher Debatten über das Militär ein
Stück Heimat und Identität. Das drückte sich etwa in den
Waffenfarben der Kragenspiegel aus, und manches Abzeichen
aus Wehrmachtzeiten wurde in nur wenig veränderter Form
übernommen – bei den Fallschirmjägern etwa der stürzende
Adler oder bei den Gebirgsjägern das Edelweiß. Bei der
Artillerie und den Pionieren wurde weiterhin die Heilige St.
Barbara als Schutzpatronin verehrt, ein uralter Brauch, der im
deutschen Raum seit dem 18. Jahrhundert nachweisbar ist. Die
allermeisten Lieder aus der Zeit vor 1945, nicht nur, aber auch
solche der Wehrmacht, wurden nach wie vor gesungen. Dies
geschah ganz unabhängig vom ersten offiziellen Liederbuch,
das 1958 vom Verteidigungsministerium herausgegeben wurde
und nach Meinung etlicher Soldaten eher für Pfadfinder oder
Volksschulkinder geeignet war.177 Die ersten Generationen der
Kampftruppen
waren besonders sangesfreudig; sie
schmetterten die alten Gassenhauer, darunter auch das
Fallschirmjägerlied mit dem Refrain »Narvik, Rotterdam,
371
Korinth und das heiße Kreta sind Stätten unserer Siege«.178 Es
ging dabei nicht nur um die eingängige Melodie. Neben dem
Stolz auf vergangene Leistungen, in deren Tradition man sich
sah, spielten auch Emotionen und Habitus eine große Rolle.
Wenn es hieß: »Ja wir greifen immer an, Fallschirmjäger
gehen ran. Sind bereit zu wagen«, dann entsprach das dem
ureigenen Selbstverständnis dieser Truppengattung.
Zum Liedgut der Bundeswehr regten sich schon damals
kritische Stimmen in Politik und Gesellschaft, sodass das
Verteidigungsministerium
1968
Lieder
verbot,
die
Eroberungsgedanken zum Ausdruck brachten, Gefühle der
Verbündeten verletzten, den Krieg verherrlichten oder ein
übertriebenes Pathos pflegten. Da es keinen adäquaten
Ersatz179 gab, wurden die verbotenen Lieder bis weit über das
Ende des Kalten Krieges hinaus gesungen. Mit den
Vorschriften nahm man es dabei nicht so genau. Während die
Wehrmacht den Gesang als Instrument zur Formung der tribal
cultures bewusst genutzt hatte, scheute die Bundeswehr davor
zurück. Die Mischung aus Ignoranz, Skepsis und zuweilen
auch erstaunlicher Toleranz spiegelte freilich ihre ganze
Zerrissenheit wider, die in allen Fragen der Identitätsbildung
bis heute anzutreffen ist.
Während man auf unterster Ebene in vielfältiger Weise an
die Wehrmacht anknüpfte, gab es keine offizielle Übernahme
von Verbandstraditionen. So hatte die 1. Panzerdivision der
Bundeswehr mit derjenigen der Wehrmacht nur die
Bezeichnung gemein. Ansonsten gab es weder bei der
landsmannschaftlichen Zusammensetzung noch bei den
Abzeichen
oder
Wahlsprüchen
irgendwelche
Anknüpfungspunkte. Anders als in der Reichswehr führten die
Bundeswehreinheiten keine Tradition aufgelöster Verbände
der alten Armeen fort. Es gab aber Patenschaften mit
372
Veteranenorganisationen, die meist durch denselben Standort
begründet waren. Der Charakter solcher Verbindungen hing
sehr von den persönlichen Initiativen vor Ort ab. In manchen
Kasernen gab es gar keine Kontakte zu Veteranen, in anderen
sehr intensive. Die Kameradschaftsvereine richteten mit
Erinnerungsstücken Traditionsräume, zuweilen gar kleine
Garnisonsmuseen ein. Diese Praxis diente der Verbindung
über die Generationen hinweg und auch der Integration der
ehemaligen Wehrmachtsoldaten in die Gesellschaft.
Eng waren solche Beziehungen bei der 1. Gebirgsdivision
der Bundeswehr, die wie der gleichnamige Verband der
Wehrmacht aus Oberbayern rekrutiert wurde, dieselben
Kasernen nutzte und etliche alte Kämpfer in ihren Reihen
hatte. Dies war allerdings eine Besonderheit, denn die
Division repräsentierte die gesamte Truppengattung. In den
meisten anderen Fällen entwickelten sich nicht die Divisionen,
Brigaden oder Bataillone, sondern die Schulen zu Orten der
Identitäts- und Traditionsbildung. 1961 wurde etwa an der
Panzertruppenschule im niedersächsischen Munster ein
Ehrenhain für die Panzerverbände der Wehrmacht eingeweiht,
aber auch an die preußischen Kavalleriegeneräle Seydlitz und
Zieten erinnert und so eine Brücke bis ins 18. Jahrhundert
geschlagen. Munster ist bis heute der Ort, an dem sich die
tribal culture der Panzertruppe mit ihrer spezifischen
Mischung von Altem und Neuem am besten studieren lässt.
Gleiches kann man für die Infanterieschule im fränkischen
Hammelburg oder die Luftlandeschule im oberbayerischen
Altenstadt sagen.
Die
Herausbildung
von
tribal
cultures
der
Truppengattungen wurde von der obersten Führung weder
aktiv gefördert noch gebremst, sondern eher toleriert. General
Leo Hepp löste zwar die Kompanie Schallwigs erbost auf und
373
bemerkte 1964, dass sich in Erziehung und Ausbildung
Verfahren eingebürgert hätten, die mit den Grundsätzen und
Befehlen der Bundeswehr nicht vereinbar seien. Doch diese
fielen ja nicht vom Himmel und waren ihm zuvor offenbar
nicht aufgefallen. Hepp war seit Oktober 1961
Kommandierender General des II. Korps. Ohne seine
Zustimmung wurde bei den Luftlandeeinheiten keine wichtige
Personalentscheidung getroffen. Noch im April 1962 hatte er
die Erziehung des Offizierkorps durch den damaligen
Divisionskommandeur Hans Kroh ausdrücklich gelobt.180
Entweder
wusste
Hepp
nicht,
was
in
seinem
Kommandobereich geschah, oder – was wahrscheinlicher ist –
er ließ den ihm unterstellten Offizieren bei der Ausbildung
freie Hand, solange der Verband bei Einsatzbereitschaft und
Gefechtsfähigkeit weit überdurchschnittliche Leistungen
zeigte. Hepps Verhalten steht beispielhaft für die obere
Führung der Bundeswehr. Solange niemand Aufsehen erregte,
interessierte man sich mehr für die Aufstellung neuer
Verbände, zumal die meisten Generäle an manch markigem
Lied oder robustem Habitus nichts Verwerfliches finden
konnten.
Das Iller-Unglück und die Nagold-Affäre schwächten die
Position der Bundeswehr in der Politik und in der
Öffentlichkeit, weil diese Vorfälle genau das zu bestätigen
schienen, was die Kritiker schon immer befürchtet hatten. Der
Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmuth Heye, goss weiter
Öl ins Feuer, als er im Juni 1964 in einer dreiteiligen
Artikelserie in der Illustrierten Quick die Missstände in der
Bundeswehr scharf angriff.181 »Der Trend zum Staat im Staate
ist unverkennbar. […] Für die Bundeswehr ist es fünf Minuten
vor zwölf«, schrieb Heye und: »Wir Reformer stehen in einem
Kampf um Sein oder Nichtsein der Inneren Führung.« Und im
374
Hinblick auf die jungen Offiziere und Unteroffiziere, die ihre
Soldaten misshandelten, fragte er rhetorisch: »Sind sie die
Massus von morgen?«182 Damit spielte er auf den
französischen Fallschirmjägergeneral Jacques Massu an, der
1958 wesentlichen Anteil am Sturz der IV. Republik gehabt
hatte und dem Putschpläne nachgesagt worden waren.183 Heye
wusste genau, welche Assoziationen er wecken musste, um
Aufsehen zu erregen, und zündete eine »publizistische
Atombombe«184. Da er auch noch Verteidigungsminister von
Hassel persönlich angriff, driftete die Diskussion rasch ins
Emotionale und Politische ab. Die regierende CDU, der
Minister, sein Staatssekretär, aber auch der Generalinspekteur
verteidigten sich geschlossen gegen die Vorwürfe Heyes. Sie
warfen ihm insbesondere die Form der Veröffentlichung vor.
Die oppositionelle SPD nahm die Vorlage dankbar auf und
griff die Regierung scharf an. Heye stand zwischen allen
Stühlen, war bald isoliert und trat im Oktober 1964 von
seinem Amt zurück.
Die Befürchtung, dass die Bundeswehr auf dem Weg sei,
ein Staat im Staate zu werden, war Unsinn. Aber Heye hatte
recht mit seiner Bemerkung, dass Missbrauch und Schikane
zugenommen hatten.185 Und gewiss gab es genügend
Offiziere, die die einschlägigen Handbücher und Weisungen
nicht lasen und selber zu wissen meinten, wie man eine
kriegsbereite Truppe ausbildet. Ebenso richtig war, dass ein
Gutteil der Offiziere und Unteroffiziere die Grundsätze der
Inneren Führung als selbstverständlich erachtete und zu
verwirklichen suchte, wie Heye festhielt. Die Artikelserie war
Ausdruck seiner Frustration, als Wehrbeauftragter vom
Parlament nicht ernst genommen zu werden. Selbst auf die in
seinem offiziellen Jahresbericht mit »großem Ernst«
vorgetragenen Hinweise, dass es politische Kräfte gebe, die
375
die Verwirklichung der Inneren Führung bekämpfen würden,
war keine Reaktion erfolgt. Heye verkannte aber, dass er mit
seinem Frontalangriff auf den Minister, die konservativen
Kräfte in der CDU/CSU und einen Teil des Offizierkorps in
seiner Fraktion auf Granit beißen musste. Es war zweifellos
ein mühsamer Weg, das neue Amt des Wehrbeauftragten in der
politischen Kultur der Bundesrepublik zu verankern. Mit
einem sachlicheren Artikel hätte er wahrscheinlich mehr
erreicht.
Verteidigungsminister von Hassel setzte unterdessen seinen
Kurs gemäßigter Reformen fort. Die von der Generalität
gewünschte Verschärfung der Disziplinarbefugnisse kam
nicht, auch nicht die von Heinz Trettner angestrebte Änderung
der Spitzengliederung, die dem Generalinspekteur mehr
Einfluss im Ministerium beschert hätte. Er wollte sich nicht
damit abfinden, dass er in der internen Rangfolge noch hinter
den zivilen Abteilungsleitern stand. Als die Zulassung von
Gewerkschaften in den Kasernen von Staatssekretär Karl
Gumbel an Trettner vorbei angeordnet wurde, trat dieser – und
mit ihm sein Schulkamerad Generalmajor Günther Pape – aus
Protest zurück.
In jenen Zeiten aufgewühlter Diskussionen und Debatten um
die Ausrichtung der Bundeswehr gab es eigentlich nur einen
einzigen Fall, in dem sich die Militärs auf ganzer Linie gegen
die Politik durchsetzen konnten: die Starfighter-Affäre. Die
Luftwaffe bekam die Handhabung dieses hochgezüchteten
Überschalljägers nicht in den Griff, und die Unfallzahlen
nahmen dramatische Ausmaße an. Allein 1965 stürzten 27
Maschinen ab, 17 Piloten kamen dabei ums Leben.186 Ohne
die nötigen umfassenden Befugnisse zur Finanzierung,
Wartung und zum Betrieb des anspruchsvollen Flugzeugs und
im Gefühl, zu wenig politische Rückendeckung zu haben,
376
nahm Luftwaffeninspekteur Werner Panitzki 1966 seinen
Hut.187 Sein energischer Nachfolger Johannes Steinhoff stellte
dem Minister Bedingungen und musste zwei Mal mit Rücktritt
drohen, um nicht im Kompetenzchaos zwischen
Zivilverwaltung und Militär aufgerieben zu werden. Er bekam
schließlich alle Vollmachten, hebelte den Vorrang der zivilen
Abteilungen im Ministerium aus, zog alle Verantwortung an
sich und konnte so die Krise überwinden.188 Der schwer
kriegsversehrte General war ein Beispiel dafür, dass sich auch
Wehrmachtoffiziere wandeln und den neuen Gegebenheiten
anpassen
konnten.
Er
stand
für
moderne
Managementmethoden, ein modernes Menschenbild, eine
konsequente Internationalisierung der Truppenkultur und galt
als Mann der Zukunft.189 Damit war er auch für eine kritische
Öffentlichkeit tragbar. Er war bis heute der einzige Inspekteur,
der die Übernahme seines Amtes an Bedingungen knüpfen
konnte und es schaffte, sich gegen den Primat des Zivilen im
Ministerium durchzusetzen. Das gelang ihm freilich nur, weil
der Minister unter massivem öffentlichem Druck stand, die
Starfighter-Krise zu lösen. An den Machtverhältnissen im
Ministerium veränderte sich dauerhaft nichts, zumal Steinhoff
1971 zur NATO weiterzog und dort Vorsitzender des
Militärausschusses wurde.
Kulturkampf
Das Heer stand zur selben Zeit ebenfalls vor großen
Problemen, wobei es um sein Kriegsgerät noch am besten
stand. 1966 war der neue Leopard-Panzer ausgeliefert worden,
der sich rasch bewährte. Die eigentliche Herausforderung war
der gesellschaftliche Wertewandel, der das Heer am heftigsten
traf. Die größte und am wenigsten technisierte Teilstreitkraft
hatte den niedrigsten Anteil an Freiwilligen. Die Zahl der
Kriegsdienstverweigerer stieg spürbar an, die Agitation der
377
Studentenbewegung gegen die Bundeswehr nahm ab 1967
erheblich zu. Junge Männer schienen immer weniger bereit,
die Entbehrungen des Militärdienstes auf sich zu nehmen. Es
kam vor, dass Wehrpflichtige sich zwanzig Mal unerlaubt von
der Truppe entfernten und von ein paar Tagen in der warmen
Arrestzelle vollkommen unbeeindruckt zeigten. Die Zahl der
Freiwilligen fiel auf einen historischen Tiefstand, sodass sich
auch die Zahl der länger dienenden Mannschaften,
Unteroffiziere und vor allem jüngeren Offiziere auf einem
dramatisch niedrigen Niveau bewegte.190 Stellten 1967 nur
rund sechzig Offizieranwärter einen Antrag, als Soldat auf Zeit
entlassen zu werden, waren es 1968 schon 543.191
Der als intellektuell und abgeklärt geltende Generalmajor
Ernst Ferber befand sich als Kommandeur der 2. Division mit
dem Einzugsraum Marburg und Frankfurt im Zentrum der
Jugendproteste. Er schrieb in einem Brandbrief, dass die Zahl
der Verweigerungen nur die Spitze des Eisbergs sei und es ein
Vielfaches an Soldaten gebe, die ähnlich gesinnt seien. Die
Truppe allein könne dem nicht mehr Einhalt gebieten. »Wir
brauchen bewußte und kritische Staatsbürger, aber solche, die
bereit sind, für ihren Staat Opfer zu bringen.«192 Im
Führungsstab des Heeres liefen alarmierende Meldungen ein.
Das innere Gefüge sei in einem labilen Zustand. Die 12.
Panzerdivision sprach von einer »gesteuerten Zersetzung« der
Bundeswehr, forderte entschiedene Maßnahmen der Politik,
sonst könne die Frage, »wofür wir dienen«, nicht mehr
überzeugend beantwortet werden.193 »Bald wird, wenn dies so
weitergeht, die Bundeswehr immer weniger Truppe und immer
mehr eine gallertartige Soldateska ohne Vertrauen zum Staat
und mit wenig Vertrauen zu den Vorgesetzten, die an ihre
Karriere denken und denen das Schicksal der Truppe im Kern
gleichgültig ist«, notierte Oberst Friedrich Beermann im März
378
1968 in sein Tagebuch.194 Der Kommandeur der
Artillerieschule Idar-Oberstein, Ulrich Boes, sprach gar davon,
dass die Bundeswehr staatsbürgerliche Klippschüler
aufnehme, die nicht dienen, sondern verdienen wollten und die
den demokratischen Freiheitsbegriff als Bindungslosigkeit des
Individuums begriffen. »In diesem Zustand, kaum an eine
andere Autorität gewöhnt, als an die der roten Ampel, der
gebührenpflichtigen Verwarnung oder des Kraftfahrprüfers,
wird solcher ›Staatsbürger‹ Soldat und Vorschriften ausgesetzt,
die auf Selbstdisziplin und Selbstverantwortung aufgebaut
sind, die ihm ein Übermaß an Freiheit lassen, wo er durch
strenge Regelung gerade des Inneren Dienstes Halt und
Sicherheit benötigt und z. T. auch erwartet.«195
Im westfälischen Ahlen hatte Oberstleutnant Welge
Anfang 1969 die Aufgabe, im Ausbildungszentrum des
Territorialheeres eine Kompanie Reservisten zu schulen. Keine
leichte Aufgabe, wie sich bald herausstellte. Das
Abholkommando traf auf dem Bahnhof Hamm auf rund
fünfzig zum Teil stark angetrunkene Männer. Diese empfingen
die Soldaten mit wilden »Achtung«-Rufen, grölten »Die Fahne
hoch«, pinkelten auf den Bahnhofsvorplatz, pöbelten Frauen
an und beschimpften den Busfahrer als Militarist. Nur mit
Mühe gelang es, am ersten Tag die Reservisten einzukleiden
und zu bewaffnen. Welge und seinen Ausbildern schallten
beim ersten Antreten Gejohle und Zwischenrufe entgegen:
»Hier sieht es aus wie im KZ« oder »Nazimethoden«. Manche
Offiziere wurden mit »Herr Lametta« angesprochen.
Offensichtlich waren nur die wenigsten aus Einsicht in die
Notwendigkeit des militärischen Dienstes bei der Sache, wie
es in einem Bericht hieß. »Wenn man bedenkt, daß alle
Reservisten bereits eine 12- oder 18-monatige militärische
Ausbildung und Erziehung erhalten haben«, so Welge, »klingt
379
es wie Hohn, wenn man im Soldatengesetz die einschlägigen
Paragraphen oder gar Absätze im Handbuch Innere Führung
nachliest.« Kaum jemand hatte Lust, den dort festgelegten
Pflichten nachzukommen. Neben den materiellen Nachteilen
waren nach Welges Ansicht reine Bequemlichkeit und die
Ablehnung jeder Autorität für die Haltung der Reservisten
verantwortlich. »Worte, Diskussionen und Sonntagsreden
werden die […] Einstellung nicht ändern können. Wenn nicht
alle verantwortlichen staatlichen Stellen und Politiker einschl.
dem Deutschen Bundestag, dem Herrn Wehrbeauftragten und
der Bundesregierung bald geeignete Maßnahmen ergreifen, ist
im Verteidigungsfall (sprich: Krieg, mit allen sich daraus
ergebenden Konsequenzen) ein Einsatz dieser Soldaten kaum
denkbar.«196 Welge hatte bereits zwei Monate zuvor gemeldet,
dass es nicht verwundern dürfe, wenn Vorgesetzte bei
rüpelhaftem Benehmen der Reservisten die Nerven verlieren.
Man könne angesichts der Situation nur mit Mühe Zorn,
Grimm, Wut, Scham und auch Verachtung unterdrücken.
Welge selber soll an dem geschilderten Tag »weiß wie eine
Kalkwand« gewesen sein und hatte nach eigener Aussage nur
mit äußerster Beherrschung »Schlimmeres« verhindern
können. Wenn nicht bald Taten der Verfassungsorgane
erfolgten, blieben nur noch Resignation oder die NPD, »wie
ein nicht unerheblicher Teil aller Dienstgrade äußert«.197
Angesichts solcher Berichte verwundert es nicht, dass der
im Oktober 1968 ins Amt gekommene neue Heeresinspekteur
Albert Schnez ernste Zweifel hatte, ob das Heer seinen
Auftrag noch durchführen könne, zumal zu allem Übel noch
chronische Personalprobleme hinzukamen, die zu einem
»nicht ausreichenden Ausbildungsstand« geführt hätten. Er
sprach von »Auflösungserscheinungen«198 und meinte, dass
seit Bestehen der Bundeswehr ihr Zustand noch nie so kritisch
380
gewesen
sei
wie
zur
Jahreswende
1968/69.199
Generalinspekteur Ulrich de Maizière wollte sich dem
»bemerkenswert negativen Urteil« von Schnez nicht
anschließen; er meinte, dass die Landstreitkräfte zumindest
»bedingt einsatzbereit« seien. Beruhigend konnte aber auch
das nicht sein.
Die Debatte über die massiven Disziplin- und
Nachwuchsprobleme der Bundeswehr wurde durch den
Wahlkampf 1969 weiter angeheizt. Nachdem die NPD bereits
in sechs Landtagen saß, war nun ihr Einzug in den Bundestag
zu befürchten. Die Polarisierung der Gesellschaft zwischen
APO und Rechtsradikalen blieb auch in den Streitkräften nicht
ohne Folgen. Sorgenvoll wurde beobachtet, dass zahlreiche
Offiziere Mitglied der NPD geworden waren, sie im
Wahlkampf unterstützten oder sich als deren Kandidaten
aufstellen ließen. Die prominentesten Fälle waren
Fallschirmjägeroberst Gerhart Schirmer, Kapitän zur See Ernst
Thomsen und Oberst Walter Kopp.200 Insgesamt hatten sich 33
Soldaten, darunter 23 Offiziere, bei der Bundestagswahl für
die NPD aufstellen lassen, immerhin ein Drittel aller Soldaten,
die für eine der antretenden Parteien kandidierten.201
Friedrich Beermann war zu diesem Zeitpunkt der einzige
aktive General mit SPD-Parteibuch. Die politische
Entwicklung in den Streitkräften machte ihm große Sorgen.
Die jüngeren Offiziere, so Beermann, fühlten sich angesichts
der drückenden Probleme von ihren Vorgesetzten und den
politischen Parteien im Stich gelassen. Es sei besser, sie ließen
mit ihrer NPD-Kandidatur Dampf ab und äußerten ihre Kritik
im parlamentarischen Rahmen, als dass sie im Geheimen
konspirierten.202 Durch die radikale Studentenbewegung
dämmere an den Universitäten ein »schrecklich inhumanes
Zeitalter« herauf.203 Die Bundeswehr werde von APO und
381
SDS unterwandert. Beermann glaubte, dass ein Drittel der
Reserveoffiziere die DDR für einen besseren Staat hielten, und
fragte sich, ob bald die Abiturienten in den Streitkräften
meuterten.204 Würden die Massenmedien die APO wie bisher
unterstützen, »so wird der Drang in dem Offizierkorps, den
Staat zu stürzen«, nicht ausbleiben.205 Beermann ließ die
Angst vor einer »griechischen Lösung« nicht los206, womit er
auf die Machtübernahme der Militärjunta in Athen im April
1967 anspielte. Über solche Ideen wurde in der Bundeswehr
unter Kameraden offen geredet. Der G3 der 3. Panzerdivision,
der »sehr begabte« Major i. G. Karl-Heinz Prange, sprach im
Stab offen von »Umsturz« – als Reaktion auf die Aufrufe des
Studentenführers Rudi Dutschke zur subversiven Tätigkeit in
der Bundeswehr. Wenige Monate später war Beermann in
einem Stab in Mönchengladbach tätig, wo noch deutlicher
gesprochen wurde. Oberstleutnant Dr. jur. Schroeder –
Beermann zufolge »ein Nazi reinen Wassers«207 – meinte im
Kasinogespräch, dass man in die APO hineinschießen solle. Er
lobte die Waffen-SS als Vorkämpfer Europas und wetterte
gegen die Demokratie, die unfähig sei, einen wehrhaften Staat
zu gründen. Und andere Offiziere äußerten: »In Griechenland
hat das Militär das Volk vor dem Bolschewismus gerettet.«208
Während Beermann für jüngere Offiziere wie Prange noch
Verständnis aufbrachte, weil ihr Abdriften letztlich nur eine
Reaktion auf die Probleme der Bundeswehr und das
mangelnde Wissen über den Nationalsozialismus sei,
betrachtete er die Führungsebene kritisch. Die beiden 1968 an
die Spitze des Heeres berufenen Generäle Hellmut Grashey209
und Albert Schnez210 hielt er zwar organisatorisch für
außerordentlich befähigt, politisch aber für eine Gefahr.
Schnez sei in der Substanz ein Faschist211, Grashey
mentalitätsmäßig
eine
Mischung
aus
Nazi
und
382
Reichswehroffizier.212 Im Februar 1969 notierte er gar in sein
Tagebuch: »Wer wird ihn [den Militärputsch] durchführen?
Karst? Grashey? Schnez?«213 Diese Urteile waren gewiss
heillos übertrieben. Sie lassen sich aus Beermanns großer
Distanz zum konservativen Offizierkorps erklären. Er hatte
nach dem Krieg Jura studiert und promoviert, wurde dann
einer der wichtigsten wehrpolitischen Berater der SPD, bevor
er 1959 wieder in die Streitkräfte eintrat. Dort blieb er als
enger Vertrauter Baudissins aufgrund seiner parteipolitischen
Bindung,
aber
auch
aufgrund
seiner
dezidiert
wehrmachtkritischen Haltung eher isoliert.
Grashey hielt am 19. März 1969 an der Führungsakademie
eine Rede zur Lage der Bundeswehr. Zur Inneren Führung
vertrat er die Ansicht, dass es den kooperativen Führungsstil
schon immer gegeben habe und »das ganze Konzept der
Inneren Führung nur als neu verkauft wurde, um die SPD für
die Wiederbewaffnung zu gewinnen. Aber jetzt könnte man
doch endlich die Maske vom Gesicht nehmen und sagen: ›Ja,
bitte, es war ja schon immer da‹. Und alle unnötigen
Auswüchse dieses ganzen theoretischen Gebildes, die könnte
man endlich mal kappen.«214 An dieser Stelle vermerkte das
Protokoll »starken Beifall«. Grashey drückte offenbar das aus,
was viele Zuhörer dachten, und stellte damit vor seinen
Generalstabsoffizieren infrage, dass die Innere Führung etwas
grundlegend Neues sei. Das war nicht vollkommen falsch,
reduzierte das Konzept aber zu sehr auf die Menschenführung
und blendete aus, dass es vor allem um die Übertragung von
Werten und Normen des Grundgesetzes in die Streitkräfte
ging. Zudem war es schlicht Unsinn, dass die Innere Führung
nur eingeführt wurde, um die Zustimmung der SPD zu
gewinnen.
383
Während sich der Generalinspekteur Grashey zur Brust
nahm, versuchte die Regierung vergeblich, die Rede
herunterzuspielen. Die Presse bekam Wind davon, und die
Empörung war entsprechend groß. Innerhalb des Offizierkorps
war es jedoch zu einer breiten Solidarisierung mit Grashey
gekommen, weshalb es der Verteidigungsausschuss aus Sorge,
der NPD noch mehr Wähler zuzutreiben, bei einer Rüge
beließ. Beermann fühlte sich freilich in seinen schlimmsten
Befürchtungen bestätigt.215 Für ihn war die Behandlung der
Grashey-Affäre symptomatisch für das »feige« Vorgehen der
Politik, die vor der »Reaktion« zurückweiche.216 Sein
Versuch, die Gewerkschaften gegen Grashey aufzuwiegeln,
schlug fehl.217 Dieser wurde nach der Ernennung des neuen
Verteidigungsministers Helmut Schmidt zum Jahresende 1969
in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Die Sorge vor einem
Militärputsch ließ Beermann – übrigens ebenso wie Baudissin
– aber auch nach dem Wahlsieg der SPD nicht los. Wenn es so
weit sei, sehe er sich mit diesem »Zelle an Zelle« sitzen oder
gar von fanatisierten Marineoffizieren liquidiert.218
Wolf Graf von Baudissin war nach seiner Pensionierung
1968 in die SPD eingetreten und nahm nun auch öffentlich
dezidiert gegen die konservativen Strömungen im
Offizierkorps Stellung. In einem Fernsehinterview äußerte er
im Mai 1968, dass sich die Bundeswehr sehr wohl zu einem
Staat im Staate entwickeln könne. Außerdem bekundete er,
Offiziere seien »politisch zurückgeblieben«, wenn sie sich
durch den Satz provoziert fühlten, dass die Bundeswehr ein
notwendiges
Übel
sei.
Allen
bisherigen
Verteidigungsministern warf Baudissin Mangel an eindeutiger
Führung vor.219 Eine Mitgliedschaft im SDS war für ihn kein
Grund, junge Offiziere aus der Armee auszuschließen.
Schließlich wandte er sich dezidiert gegen die Fixierung der
384
Streitkräfte auf den Kampf. Selbst Artur Weber, der auf seinen
Vorschlag einst der erste Leiter der Schule für Innere Führung
geworden war, wurde es nun zu viel. Er rückte von Baudissin
ab und veröffentlichte im September 1969 zehn offene Briefe
gegen dessen Positionen, was der Polarisierung im
Offizierkorps weitere Nahrung gab.220
Während heftig über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
der
Bundeswehr
gestritten
wurde221,
musste
Verteidigungsminister Gerhard Schröder daran gelegen sein,
konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Im Mai 1969 gab er eine
Analyse über die innere Lage des Heeres in Auftrag, und
Generalinspekteur Ulrich de Maizière ließ prüfen, ob und
welche Vorschriften und Gesetze geändert werden müssten,
um der desolaten Lage Herr zu werden. Diesem Auftrag kam
ein Memorandum mit einer schonungslosen Analyse nach, das
als Schnez-Studie bekannt wurde.222 Das Heer könne in einer
zunehmend wehrfeindlichen Gesellschaft, die teilweise offen
gegen die Streitkräfte agitiere, mit eigenen Mitteln die
Verteidigungsfähigkeit des Landes nicht mehr garantieren,
hieß es dort. Die Wehrdienstverweigerung und die sinkende
Zahl von Freiwilligen gefährdeten den Personalbestand, der
mangelnde Rückhalt in der Politik schwäche die Moral der
Truppe. Das Papier verglich den inneren Zustand der
Bundeswehr mit dem der französischen Armee im Jahr 1940.
Sosehr man den Staat und die im Grundgesetz verankerten
Prinzipien von Freiheit, Recht und Menschenwürde bejahe,
den Primat der Politik und die parlamentarische Kontrolle
anerkenne, müsse gleichwohl eine Reform an »Haupt und
Gliedern, an Bundeswehr und Gesellschaft«223 gefordert
werden. Im Kern schlug die Studie vor, die
Wehrdienstverweigerung
zu
erschweren,
Beschwerdemöglichkeiten der Soldaten einzuschränken, den
385
Vorgesetzten mehr Rechte zu geben und Politik wie
Gesellschaft zu einem stärkeren Bekenntnis zum
Verteidigungsauftrag zu bewegen. Dies sollte durch
Anpassungen
der
Wehrdisziplinarordnung,
des
Soldatengesetzes und des Gesetzes für den Wehrbeauftragten
erreicht werden. Schnez forderte gar, das Grundgesetz zu
ändern,
um
die
Gewissensfreiheit
bei
der
Wehrdienstverweigerung einzuschränken und den Auftrag der
Streitkräfte deutlicher zu formulieren.
Die Schnez-Studie war eine Kollektivarbeit und fasste die
Meinung der Spitze der Landstreitkräfte prägnant zusammen.
Sechs Autoren verfassten je ein Kapitel.224 Dann wurde die
Studie den Kommandierenden Generälen der drei Korps
vorgelegt225, und auch fünf Kompaniechefs kommentierten
sie, darunter Helge Schulenburg, der als Sprecher der
Hauptleute von Unna ein Jahr später noch von sich hören
lassen sollte. Erhalten haben sich auch die Kommentare des
Amtschefs des Truppenamtes, Generalleutnant Hubert
Sonneck, und seines Stabschefs, Brigadegeneral Jürgen
Wittmann, der insbesondere die politischen Forderungen
abmildern wollte, damit aber nicht durchdrang.226 Im ersten
Entwurf gab es einen noch deutlicheren Bezug zu den Werten
und Normen des Grundgesetzes. Die Forderung nach einer
Reform an Haupt und Gliedern war bereits enthalten, doch der
provokante Zusatz »an Bundeswehr und Gesellschaft«, der
den politischen Charakter des Appells unterstrich, fehlte. Wer
diese Worte später hineinredigierte, ist nicht mehr feststellbar.
Generalinspekteur de Maizière war mit dem Papier
zufrieden; es enthalte erwägenswerte Überlegungen und viele
auch von ihm vertretene Gedanken und Forderungen, sei in
einigen Punkten aber zu pessimistisch. Auch Staatssekretär
Karl-Günther von Hase – ehemals Berufsoffizier, Major der
386
Wehrmacht und Ritterkreuzträger – war der Ansicht, dass die
Studie ein klarer, stringenter Diskussionsbeitrag sei.227
Zunächst verschwand das als geheim eingestufte Dokument in
den ministeriellen Schubladen, doch Anfang Dezember 1969
wurden Teile davon an die Süddeutsche Zeitung
weitergegeben.228 Als schließlich Bundestagsabgeordnete
Einblick verlangten, gab das Ministerium die Studie frei.229
Verteidigungsminister Schmidt nahm die Autoren ausdrücklich
in Schutz. Wenn die Führung des Heeres zu rückhaltloser
Stellungnahme aufgefordert werde, dürfe man sich über das
Ergebnis nicht wundern.230 Doch diese Klarstellung konnte
die Kritik nicht bändigen. Bald fegte ein Sturm der Entrüstung
durch die Republik, und die Medien demontierten das Papier
genüsslich. Von einem »abstrusen Gedanken-Panorama«231
war die Rede, Schnez erinnere an Ludendorff232, sein Rücktritt
und auch der von Karst wurden gefordert.233 Es wurde vor
Ewiggestrigen, Generalen mit Nazi-Mentalität und
Kommissmethoden gewarnt. Für manchen Kritiker der
Bundeswehr war damit der Beweis erbracht, dass die Militärs
nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um die
Demokratie
abzuschaffen.234
Schmidt
und
seine
Staatssekretäre hielten sich mit Äußerungen bewusst
zurück.235 Einerseits war ihnen die Demontage durch die
Presse recht, weil so die konservativen Generäle in einer
Weise in die Schranken verwiesen wurden, wie das
Ministerium es kaum tun konnte, ohne einen kollektiven
Rücktritt befürchten zu müssen. Andererseits konnte Schmidt
kaum alle Verantwortlichen vor die Tür setzen, ohne das
Vertrauen der Generalität zu verlieren. So sah er sich
wiederum Angriffen ausgesetzt, er würde nicht hart genug
durchgreifen.
387
Die
Schnez-Studie
versetzte
viele
Leser
in
Schnappatmung, da sie die Bundeswehr vor allem als ein
innenpolitisches Projekt verstanden. In dieser Perspektive war
das Maß aller Dinge die geräuschlose Integration in die
Gesellschaft. Mit ihren Vorschlägen hatten sich die
Heeresgeneräle politisch geäußert und damit für
Kommentatoren insbesondere aus dem linken politischen
Spektrum ihre Befugnisse überschritten. Die Studie entsprang
freilich einer militärischen Logik. Betrachtet man sie aus der
Perspektive der als dramatisch schlecht wahrgenommenen
Kriegsfähigkeit der Bundeswehr, kann man sie auch als einen
ungewöhnlich ehrlichen Beitrag für eine offene Debatte
innerhalb der Streitkräfte werten. Der militärische Rat wurde
in schonungsloser Deutlichkeit an die politische Leitung
herangetragen. Schnez trat gewissermaßen als Sprecher breiter
Teile der Kampftruppe auf und vertrat gegen massive
öffentliche Kritik seine Haltung. Gewiss stand er nicht für die
Bundeswehr insgesamt. In der Luftwaffe und in der Marine
gab es andere Problemlagen, und man äußerte sich dort viel
zurückhaltender.236 Bemerkenswert ist freilich, dass
Generalinspekteur de Maizière die Studie weitergab und
Schnez, seinen Jahrgangskameraden aus den Tagen der
Infanterieschule, nicht dazu aufforderte, sie zu entschärfen.
Jedem der Mitwirkenden musste klar sein, dass kein
Minister und vor allem kein Parlament sich auf einen solchen
Maßnahmenkatalog einlassen würde. Warum dann solch
weitgehende Forderungen? Die sechs Bearbeiter dachten die
Bundeswehr vom Krieg her. Aus ihrer Sicht standen
Demokratie, Partnerschaft und kooperativer Führungsstil nicht
im Widerspruch zu den Streitkräften als potenzielle Kampf-,
Schicksals- und Notgemeinschaft. Unverändert war für sie der
Geist der Kameradschaft, den sie in etlichen Kampfbataillonen
388
und -kompanien des letzten Krieges erlebt hatten, Vorbild für
die Gestaltung des militärischen Lebens. Aus ihrer Perspektive
war die Kohäsion der Primärgruppen für die soldatischen
Leistungen wichtiger als staatsbürgerliche Einsicht. Soziale
Anerkennung und den Drang nach Erlebnissen, Spannung und
Abenteuer sahen die Autoren als zentrale Motivationskraft für
Soldaten.237 Damit brachten sie zum Ausdruck, was viele in
der Kampftruppe von den Kompaniechefs bis zu den
Kommandierenden Generälen dachten.238 Insofern war die
Schnez-Studie die kulminierte Reaktion einer konservativen
Erfahrungs- und Wertegemeinschaft auf den gesellschaftlichen
Wertewandel, den mancher als Anfang vom Untergang des
Abendlandes betrachtete und deshalb zu grundlegenden
Maßnahmen riet. Interessanterweise rieten die amerikanischen
Militärs trotz der langmähnigen deutschen Wehrpflichtigen,
die in der NATO als »German Hair Force« verspottet wurden,
Albert Schnez zur Gelassenheit.239
Aus heutiger Sicht kann man über die politische Naivität
etlicher Aussagen der Studie nur den Kopf schütteln. In einer
pluralistischen Gesellschaft konnte die Regierung von den
Medien nicht verlangen, den Verteidigungsauftrag der
Streitkräfte zu verdeutlichen. Die Forderung, »historisch
falsche Schilderungen der soldatischen Vergangenheit durch
die Publizistik durch das Informations- und Pressezentrum
unter
Heranziehung
des
Militärgeschichtlichen
Forschungsamtes
rasch
und
unmissverständlich
richtigzustellen«240, war abwegig. Die Generalität war am
allerwenigsten in der Lage zu definieren, was historisch richtig
war, weigerte sie sich doch, ihrer eigenen Verantwortung für
Verbrechen und militärische Misserfolge ins Auge zu
blicken.241 Das Militärgeschichtliche Forschungsamt hatte
sich zudem der wissenschaftlichen Grundlagenforschung
389
verschrieben, nicht der Korrektur eines wie auch immer
gearteten Bildes des deutschen Soldaten. Ebenso wäre die
Rolle des Wehrbeauftragten konterkariert worden, wenn der
Disziplinarvorgesetzte von einer Eingabe hätte unterrichtet
werden müssen. Politisch naiv war vor allem der Duktus, der
den Kritikern der konservativen Generäle in die Hände spielte.
Bis heute wird vor allem die Forderung nach einer Änderung
von Gesellschaft und Bundeswehr an Haupt und Gliedern
kritisiert. Solche Vorschläge standen den Militärs in der
Bundesrepublik nicht zu. Die Studie enthielt gleichwohl
zahlreiche sinnvolle Vorschläge vor allem zur Verbesserung
der Disziplin, um die desolaten Zustände zu beenden und die
Armee wieder kriegsfähiger zu machen. Diese mögen uns
heute übertrieben erscheinen. Doch sie hielten zumeist nur
fest, was viele Truppenoffiziere schon lange gefordert hatten.
Das Bekanntwerden der Schnez-Studie löste eine große
Debatte nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb
der Bundeswehr aus.242 Schließlich ging es im Grunde um das
große Thema der zivil-militärischen Beziehungen und um die
Frage, was den Soldatenberuf im Kern ausmacht.
Brigadegeneral Beermann bewertete die Studie erstaunlich
wohlwollend, obwohl er die Autoren in seinem Tagebuch als
Teil einer kommenden Militärjunta bezeichnet hatte. Doch
auch er war im Krieg Soldat gewesen, wusste, wie die Truppe
dachte, und machte sich angesichts des desolaten moralischen
Zustands der Streitkräfte Sorgen. Einen Tag vor Weihnachten
1969 traf er sich mit dem 38-jährigen Major Prange, der einst
einer seiner Stabsoffiziere gewesen war und nun ein Bataillon
führte. Obwohl sie politisch unterschiedlicher Auffassung
waren, schätzte er den offenen, ehrlichen, gegen die
Gleichgültigkeit rebellierenden Charakter Pranges. Über die
Begegnung schrieb er in sein Tagebuch: »Der Traum dieser
390
jungen Pragmatiker: Endlich eine Armee, die funktioniert wie
die Reichswehr oder die Nationale Volksarmee. Macht’s der
Schmidt, wird sich dies für die SPD auszahlen, schafft er es
nicht, kommt der Ruf nach dem starken Mann. Ich glaube, so
denkt wohl im Querschnitt der größte Teil des
Kommandeursbestands der jüngeren Generation, während die
älteren – abgestumpft – die Karre laufen lassen und auf ihre
baldige Pensionierung warten. Am widerlichsten ist ihm die
Schicht der Gummilöwen, die vielleicht an Stelle von Schnez
und Karst treten könnten und die schon in ihren Startlöchern
warteten, meint Prange.«243
Als Beermann im Spiegel die »sehr scharfen Angriffe
Rudolf Augsteins« auf den von ihm »ganz und gar nicht
geschätzten Schnez« las, war er hin- und hergerissen. Gewiss
sei es heute nicht mehr möglich, den Soldaten zu sagen, wie
süß und ehrenhaft es sei, für das Vaterland zu sterben. Aber
»die Armee nur als Abschreckungselement – so lehrt die
Baudissinsche Schule – läßt die Soldaten letztlich fragen,
wozu die ganze Ausbildung? Ich soll abschrecken ist
zweifellos nicht genügend und nicht simpel genug, um dies
einer Panzerbesatzung geschweige denn einer Infanteriegruppe
beizubringen und bei ihnen den für alle Soldaten notwendigen
Geist der Selbstaufgabe im Ernstfall zu erzeugen. Die Wurzel
der Bundeswehrmisere, die Schnez so ausführlich, wenn auch
im traditionellen Denkstil schildert, liegt in der Tat daran, daß
die Empfindungen und Gefühle der Großstadtgesellschaft
insbesondere den Soldaten zu einem überflüssigen Wesen
gemacht haben.«244 Beermann schämte sich fast, dass er als
Sozialdemokrat diese Zeilen in sein Tagebuch schrieb. »In
meinen Gefühlen und Empfindungen kann ich wohl den
preußischen Offizier nie ganz ablegen.«245 Bedrückt über den
Zustand der Armee, meinte er in schwermütiger Stimmung am
391
Silvesterabend 1969 zu seiner Lebenspartnerin, »daß wohl
eines Tages die Sowjets hier alles mehr oder weniger kampflos
überrollen werden«246.
Freilich blickten längst nicht alle so trüb in die Zukunft.247
Der neue stellvertretende Inspekteur des Heeres, Ernst Ferber,
sah sehr klar die Probleme, vor denen das Heer stand,
insbesondere den dramatischen Offiziersmangel. Er betonte
aber auch, dass sich die Lage 1969 gebessert habe. Zwar
würden die älteren und mittleren Jahrgänge das Anliegen der
Schnez-Studie stützen, und auch viele Jüngere würden so
denken. Die Hamburger Leutnante aber seien im Strudel der
Meinungen zu gefährlichen Fehlschlüssen gekommen.248 Er
spielte damit auf acht junge Leutnante an, die am 18.
Dezember 1969 im Rahmen eines Seminars der Hamburger
Heeresoffizierschule II Baudissins Buch »Soldaten für den
Frieden« behandelt hatten und bald »Leutnante 70« genannt
wurden. Für eine Podiumsdiskussion mit dem Autor
formulierten sie neun Thesen. Nach der Veranstaltung wurden
diese als Flugzettel in der Bundeswehr verteilt und gelangten
bald an die Öffentlichkeit.249 Sie lehnten ein besonderes Ethos
des Offizierberufs ebenso ab wie die Verpflichtung auf
Traditionen, die nur aus »epigonaler Reproduktion« bestanden.
Sie verlangten, dass das Verhalten jedes Vorgesetzten von den
Untergebenen grundsätzlich infrage gestellt werden könne.
Von Kampf, Krieg, Härte und Strenge war nicht die Rede,
dafür von der Gestaltung des Friedens und der Mündigkeit der
Untergebenen. An den drei Heeresoffizierschulen und der
Kampftruppenschule in Munster wurde über die Thesen
diskutiert. Das Meinungsbild war zwischen Zustimmung und
Ablehnung in etwa ausgeglichen. Man erarbeitete
Formulierungsvorschläge, die gemäßigter daherkamen.250 Der
kritisch-liberale Grundton aber blieb erhalten. Die Leutnante
392
70 sahen sich bewusst als Gegenpol zu den Autoren
Schnez-Studie im Allgemeinen und zu Heinz Karst
Besonderen. Ihre Thesen waren eine Steilvorlage für
Presse, schien sich doch nun auch in der Bundeswehr
heftiger Generationenkonflikt anzubahnen.
der
im
die
ein
Doch damit nicht genug: Im Mai 1970 stellten dreizehn
Wehrpflichtige ihre Thesen »Soldat 70« der Presse vor. Sie
wurden von der Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Soldaten
unterstützt, deren Ziel es war, die Proteste der
Studentenbewegung in die Streitkräfte zu tragen und diese
damit zu schwächen.251 Die meisten waren Mitglieder der
DKP und des SDS; dementsprechend wetterten sie gegen
Schmidt als reaktionären Minister der Generale, de Maizière
als ehemaligen Oberstleutnant der »Naziwehrmacht« und
dagegen, dass »alte und neue Nazis« in der Bundeswehr
»frech und offen« Propaganda machten. Sie forderten den
Austritt aus der NATO, ein Ende der »Hetze gegen die
Sowjetunion, gegen die DDR und alle anderen sozialistischen
Länder«, die Senkung der Truppenstärke um die Hälfte und
eine völlige Entmilitarisierung und Abrüstung. Damit war für
de Maizière das Maß voll. Die Verbreitung der Schrift wurde
verboten, da sie die Institution Bundeswehr grundsätzlich
infrage stellte. Die Aktionen der »Soldat 70«-Gruppe fanden
in den Streitkräften keinen größeren Anklang, weil sie allzu
offensichtlich von linksradikalen Ideen beeinflusst waren. Die
Leutnante 70 hingegen wollten die Streitkräfte nicht
abschaffen, sondern liberalisieren. Sie sahen sich als Teil des
gesellschaftlichen Wertewandels, dem sich die Bundeswehr
nicht verschließen könne. Politisch standen sie zumeist der
SPD nahe.252 Die meisten von ihnen dienten später nicht in
den Kampftruppen.253 Sie verkörperten die neue
sozialdemokratische Seite des Offizierkorps, das traditionell
393
eher den konservativen Parteien zuneigte. Sie bildeten wohl
keine Mehrheit254, waren aber Symbol einer neuen Zeit, in der
im Offizierkorps der Fokus auf Krieg und Kampf nachließ.
Auch
in
der
Generalität
bahnte
sich
ein
Generationswechsel an. 1969/70 wurden in einer großen
Pensionierungswelle nicht weniger als 54 Generäle in den
vorzeitigen Ruhestand geschickt.255 Dies galt – und gilt noch
heute – als Befreiungsschlag von Minister Helmut Schmidt,
der auf diese Weise die konservativen Unruhestifter vor die
Tür gesetzt habe. Doch eine solche Argumentation greift zu
kurz. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen256, hatte die
Pensionierungswelle keinen politischen Hintergrund. Sie
entsprach vielmehr dem Wunsch, die Pyramide der
Stabsoffiziere zu verjüngen und mehr Zug in den Kamin der
Personalpolitik zu bringen.257 So traf es selbst den ersten SPDGeneral Friedrich Beermann, der 1952 den Begriff des
»Staatsbürgers in Uniform« geprägt hatte. Er wurde Ende
1969 im Alter von 57 Jahren frühpensioniert. Beermann fühlte
sich »wie ein räudiger Hund von seiner Stelle verjagt«, aber
auch ein Brief an seinen Förderer Schmidt änderte nichts
mehr.258 Nur Inspekteur Schnez – den Baudissin für einen
»Krebsschaden«259 hielt – konnte sich halten und ging erst
1971 mit dem Erreichen der regulären Altersgrenze von
sechzig Jahren in Pension.260 Die neu in die Spitzenpositionen
aufrückenden Generäle waren zumindest etwas jünger als ihre
Vorgänger. Vor allem aber waren sie spürbar weniger zum
Protest bereit und fügten sich widerspruchslos in die
vorgegebene Ordnung.
Verteidigungsminister Schmidt nahm im Frühjahr 1970
eine kritische Bestandsaufnahme der Bundeswehr vor und
veranstaltete zahlreiche Regionaltagungen, Diskussionsrunden
und Konferenzen. Die Ergebnisse gingen in das Weißbuch
394
1970 ein, in dem ein zufriedenstellendes Bild vom Zustand der
Bundeswehr gezeichnet wurde. Die Kampfkraft sei trotz aller
Mängel befriedigend; viele Verbesserungen in der Versorgung,
der Wohnungssituation und der Besoldung wurden
angekündigt. Aus Sicht der politischen Führung mochte sich
die Lage nach dem Tiefpunkt von 1968 tatsächlich etwas
entspannt haben. Doch viele Verbesserungen kamen bei der
Truppe noch nicht an und brauchten Zeit. Entsprechend
enttäuscht waren die Soldaten.261 So änderte sich an der
Überlastung des Rahmenpersonals zunächst kaum etwas.
Wochenarbeitszeiten von über 60 Stunden waren die Regel.262
Verstöße gegen die Disziplin nahmen in den meisten Einheiten
sogar zu. »Der junge Soldat versucht sich in verstärktem Maße
der soldatischen Ordnung zu entziehen, und viele Vorgesetzte
sind im Durchsetzen dieser Ordnung unsicher geworden«,
beobachtete der Kommandeur der 11. Panzergrenadierdivision
Hans-Heinrich Klein. Autoritätsfeindlichkeit, militärisches
Desinteresse
und
die
mangelnde Einsicht vieler
Wehrpflichtiger, aber auch der Mangel an qualifizierten
Offizieren und Unteroffizieren hätten Erziehung und Bildung
erheblich erschwert. »So steht z. B. der Erfolg im
staatsbürgerlichen Unterricht in keinem angemessenen
Verhältnis zum Aufwand. Diese Entwicklung hängt mit den
Tendenzen im öffentlichen Bildungswesen zusammen. Die
Truppe ist außerstande, ihr mit eigenen Mitteln Einhalt zu
gebieten.«263 Das übergeordnete I. Korps gab zu Protokoll,
dass die Aufgabe der Kompaniechefs, die ihnen anvertrauten
Staatsbürger zu einsatzwilligen, tüchtigen Soldaten zu
erziehen, wie es die Vorschriften verlangten, immer
schwieriger werde.264 Das lag freilich auch daran, dass im
Alltag die politische Schulung meist aus nur einer
Wochenstunde zur Tagespolitik oder zur Verfassung bestand,
womit beim besten Willen keine verteidigungsbereiten und
395
staatsbewussten Soldaten zu formen waren. Die Truppe war
mit der Aufgabe, ihren Angehörigen die Notwendigkeit des
Verteidigungsbeitrags zu vermitteln, überfordert. Die meisten
Offiziere hielten anderes für wichtiger und hatten wohl auch
mehr Interesse am Waffenhandwerk.265
In der Praxis war man also keineswegs über den Berg. Nur
wenige Truppenkommandeure bewerteten die Lage vorsichtig
positiv.266 Der Kommandeur der 7. Panzergrenadierdivision,
Generalmajor Eike Middeldorf, war der pessimistischste von
allen. Als ausgewiesener Taktikfachmann war er ganz auf die
Kampffähigkeit seines Verbandes fixiert, um die es seiner
Meinung nach nicht zum Besten stand. Die permanente
Überforderung durch zu wenig Personal, die unsicheren
Laufbahnaussichten, das Gefühl, mit der schlechten Disziplin
weitgehend alleingelassen zu werden, parteipolitische
Meinungsverschiedenheiten und das prinzipielle Infragestellen
der Sinnhaftigkeit der Bundeswehr führten zu Enttäuschung,
Resignation
und
Verbitterung
im
Offizierund
Unteroffizierkorps, hielt er in seinem Zustandsbericht fest.267
Ähnlich wie Graf Baudissin die jungen Leutnante an der
Heeresoffizierschule angeregt hatte, ihre Ansichten zu Papier
zu bringen, forderte auch Middeldorf im November 1970 25
seiner Kompaniechefs auf, ihre Kritik niederzuschreiben.
Ungewöhnlich war, dass hier ein Divisionskommandeur unter
Umgehung des Dienstweges mehrfach direkt mit seinen
Hauptleuten diskutierte.268
Die Männer stellten heraus, dass sie allesamt Kinder der
Bundesrepublik seien, aber endlich die Ausrichtung der
Streitkräfte auf die »Erfordernisse der militärischen
Einsatzbereitschaft und Schlagkraft« erwarten würden. Dazu
gehörten – wie schon in der Schnez-Studie – die Klärung und
Verschärfung des Disziplinarrechts, ein klares Bekenntnis von
396
Staat und Gesellschaft zur Verteidigung, die Beseitigung von
überbordender Bürokratie und ein Ende der permanenten
Überforderung der Truppe, die wider besseres Wissen geduldet
werde. Der politischen Führung wurde vorgeworfen, die
Gefahr aus dem Ostblock bewusst herunterzuspielen, die
Kampfkraft der Bundeswehr zu vernachlässigen und gar keine
effektive Ausbildung zu wollen. Scharf wandten sie sich gegen
die Politisierung der Armee.269 Mit ihrer teilweise drastischen
Kritik an der Verteidigungsbereitschaft waren die Hauptleute
nicht allein. Sie drückten nur in ungeschminkter und zuweilen
rüder Form aus, was zu diesem Zeitpunkt viele in der
Bundeswehr, aber auch in der Bevölkerung dachten.270
Generalinspekteur de Maizière kam im Januar 1971 nach
Augustdorf, um mit den Hauptleuten zu sprechen. Bei allem
Verständnis für Überforderungen und Ausbildungsmängel
suchte er die politischen Vorwürfe zu zerstreuen. Doch die
jungen Offiziere ließen sich nicht besänftigen. Ihr Vertrauen
zur höchsten Führung war offenbar zerstört, und entsprechend
offensiv vertraten sie ihre Haltung. Die Debatte bewegte sich
für den Generalinspekteur am Rande des Zumutbaren.271
Oberleutnant Happach forderte gar den Rücktritt der
militärischen Führung, die sich einer klaren Stellungnahme
verweigere.272 De Maizière warb dafür, die gesellschaftlichen
Veränderungen als Hauptgrund für die aktuellen Probleme zu
sehen. Doch seine Kritiker vermissten ein klares Bekenntnis
zur Verbesserung der Lage und hatten das Gefühl, ihr Protest
werde wegmoderiert. Ihr Sprecher, Hauptmann Helge
Schulenburg,
verlangte
sogar,
ihre
Thesen
dem
Verteidigungsminister und dem Verteidigungsausschuss
vorzulegen. Die vorgesetzten Stellen bemühten sich daraufhin
tatsächlich, ein Gespräch mit Minister Schmidt zu vermitteln.
Doch alle Versuche, die Hauptleute bis dahin zum Stillhalten
397
zu bewegen, scheiterten. Selbst Generalmajor Middeldorf273,
der den Protest zweifellos angestachelt hatte, gelang es nicht,
den Deckel auf dem Topf zu halten. Als Schmidt sich
weigerte, eine Delegation der Hauptleute kurzfristig zu
empfangen, reichten sie ihre Denkschrift an die Westfälischen
Nachrichten weiter, die am 19. März 1971 den ersten Artikel
zum Thema veröffentlichten.274 Es folgte eine Welle von
Presse- und Fernsehberichten. Die Hauptleute wurden vom
Spiegel interviewt, der daraus sogar eine Titelgeschichte
machte.275
Mehr Aufmerksamkeit ging nicht. Es gab reißerische
Reportagen, aber auch manch ausgewogene, kluge
Darstellung.276 Die Aktion galt als Affront für die politische
und militärische Führung, doch man nahm sie zum Anlass, um
die Probleme der Bundeswehr zu thematisieren und zuweilen
auch anzuprangern. Schmidt sah sich eine Woche später im
Bundestag gezwungen, eine Erklärung zur Sicherheitspolitik
abzugeben, und wies jede Kritik zurück. Die CDU-Opposition
ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Sicherheitspolitik
der Regierung anzugreifen. Die Sorgen der Kompaniechefs
und die vermeintlich desolaten Zustände in der Bundeswehr
wurden genutzt, um den Verteidigungsminister zu
attackieren.277 Freilich war die SPD für die Lage kaum
verantwortlich zu machen, da sie erst seit sechzehn Monaten
die Verantwortung trug. Schmidt war gleichwohl verärgert,
sich wegen ein paar undisziplinierter Hauptleute im Bundestag
Versagen vorhalten lassen zu müssen. Drei Tage nach dem
Showdown im Plenarsaal wusch er den Generälen auf einer
Kommandeurbesprechung den Kopf und spielte den Ball
zurück an die hohen Offiziere: Wie es denn sein könne, dass
Hauptleute glaubten, die Führung sei an einer effizienten
Ausbildung nicht interessiert oder würde die Bedrohung aus
398
dem Osten kleinreden – und dies angesichts eindeutiger
Aussagen im Weißbuch?278 Er zerpflückte die meisten Punkte
der Hauptleute von Unna als maßlos übertrieben und
polemisch. »Die Jungen« hätten ja seine Sympathie, aber man
müsse sich schon fragen, ob sie geistig klar genug geführt
würden. Sichtlich genervt vom entstandenen Rummel erklärte
Schmidt, dass es nun darauf ankomme, nicht
herumzukritisieren, sondern konstruktiv Vorschläge zu
machen, wie und was verbessert werden könne. Seine
Ansprache war eine Machtdemonstration, zumal er den Text
an die Presse gab.279 Damals dürfte auch der letzte General
verstanden haben, dass dieser Minister die Bundeswehr am
kurzen Zügel führte.
Der Protest war gleichwohl auf die oberste Ebene gelangt,
was dazu beigetragen haben mag, dass die Regierung einen
Brief von Bundeskanzler Willy Brandt an die
Ministerpräsidentenkonferenz der Länder veröffentlichte.280
Schon im November 1970 hatte Brandt gefordert, mehr für die
Anerkennung der Bundeswehr etwa in den Schulen zu tun. So
begegnete das Kabinett öffentlich den Anschuldigungen, die
sowohl in der Schnez-Studie als auch bei den Hauptleuten von
Unna eine Rolle spielten, dass die politische Führung sich
nicht ausreichend hinter den Verteidigungsauftrag stellen
würde.
Manchem General fiel es schwer, auf die zuweilen
polemische Kritik der Hauptleute gelassen zu reagieren.
General Hans Hinrichs etwa empörte sich: »Es mag als chic
gelten, zorniger Hauptmann zu sein. Dafür sollte man sich
aber zunächst durch Geist und Leistung qualifizieren.«281
Freilich bestand an der fachlichen Qualifikation der
Kompaniechefs kein Zweifel. Diese Offiziere waren ein
tragendes Element der Bundeswehr.282 Sie hatten sich im Ton
399
vergriffen, aber sie sprachen einem nicht unerheblichen Teil
der Kampftruppe aus der Seele.283 Deshalb gingen die oberen
Führungsebenen in ihren öffentlichen und internen
Stellungnahmen meist recht pfleglich mit den Hauptleuten von
Unna um.284 Sie wurden weder strafrechtlich noch disziplinar
belangt.285
Zweifellos gab es in der regierenden SPD
Entspannungspolitiker, die keine große Bedrohung aus dem
Osten mehr erkannten. Man denke nur an Egon Bahrs Pläne
einer neutralisierten mitteleuropäischen Sicherheitszone. Und
es gab auch in den Medien Stimmen, die prinzipiell gegen die
Bundeswehr eingestellt waren und sich über jedweden
soldatischen Habitus lustig machten. Doch solche Meinungen
waren in einer pluralistischen Gesellschaft legitim, ja
konstitutiv. Dass die Führung wider besseres Wissen die
permanente Überforderung der Truppe duldete, war sicherlich
zu kurz gegriffen. Derlei Probleme waren in den internen
Berichten wiederholt dargelegt worden und sind bis zum
Inspekteur des Heeres gelangt. »Die Kp/Bttr Chefs tragen
infolge der angespannten Personallage die Hauptlast. Die
Stützung dieser jungen, zumeist idealistischen und engagierten
Offiziere ist dringend geboten, um sie vor einem Absinken in
Resignation oder Radikalismus zu bewahren«, hieß es etwa im
Zustandsbericht des Heeres vom 2. März 1971.286 Auf der
Ebene des Generalinspekteurs wurden die Probleme allerdings
sehr viel weniger drastisch formuliert, wie in dem von Ulrich
de Maizière im Juni 1971 erlassenen Zustandsbericht der
Bundeswehr nachzulesen ist.287 Hätte der als renitent geltende
Wortführer der Hauptleute von Unna, Helge Schulenburg,
diese Zeilen gelesen, er hätte sich in seinem Urteil über de
Maizière wohl bestätigt gefühlt.288 Aus der Perspektive des
Generalinspekteurs mochte manches Problem in der Tat
400
weniger dramatisch erscheinen als aus jener eines
Kompaniechefs. Für die Bundeswehr aber kam es darauf an,
diese Wahrnehmungsdifferenz möglichst klein zu halten und
den Kontakt zur Truppe nicht zu verlieren.
Helmut
Schmidt
reagierte
geschickt
auf
die
Herausforderung. Er setzte drei große Tagungen mit
Hauptleuten und Kompaniechefs an, die im April, Mai und
Juni 1971 in Koblenz, Neubiberg bei München und Hamburg
stattfanden. Niemand konnte ihm vorwerfen, dass er sich der
offenen Kritik nicht stellen würde. Der Protest wurde dort im
Chor der unterschiedlichen Meinungen, Appelle und
Kommentare wirkungsvoll zerredet und lief sich schließlich
tot.289 Auf den Tagungen herrschte – anders als in der Schule
in Hamburg290 oder im Kasino in Unna – kein sich selbst
verstärkendes, sondern ein sich gegenseitig bremsendes
Meinungsklima. Schmidt war auch der richtige Mann, um die
Veranstaltungen mit Bravour zu bestehen. Seine
sicherheitspolitische Expertise war unbestritten, und jeder
wusste, dass er im Krieg auch Frontoffizier gewesen war.291 Er
brachte seine rhetorische und intellektuelle Kraft zur Geltung
und erreichte, dass es keine Solidarisierungswelle mit den
Hauptleuten von Unna gab. Damit war der Höhepunkt der
vierjährigen Debatte überschritten. Die Lage in den
Kompanien war zwar nicht wirklich besser geworden, aber die
öffentliche Debatte hatte gezeigt, dass die politische und
militärische Führung daran arbeitete, die Zustände zumindest
mittelfristig zu ändern. Bald wurden allzu große
Unsinnigkeiten, etwa die Einführung eines Haarnetzes,
rückgängig gemacht.
Die intensiven und emotionalen Debatten der Jahre 1968
bis 1971 zeigten, wie sehr der gesellschaftliche Umbruch auf
die Streitkräfte abfärbte. Ebenso wie andere staatliche
401
Institutionen, allen voran die Universitäten, durchlief die
Bundeswehr
in
jener
Zeit
einen
schmerzhaften
Selbstfindungsprozess. Sie musste alte Gewissheiten infrage
stellen und sich neu kalibrieren, ohne ihren Kernauftrag aus
dem Blick zu verlieren. Wahrscheinlich verlief dieser Prozess
in
der
Bundeswehr
noch
konfliktreicher
und
spannungsgeladener, weil sie in einer doppelten Ambivalenz
gefangen war. Die innen- und außenpolitischen Erfordernisse
sowie die militärische Logik bedingten, dass die Armee
zugleich vom Frieden und vom Krieg her gedacht werden
musste. Das führte einerseits zur Abgrenzung von der
Vergangenheit, andererseits aber auch zur Anknüpfung an
diese, ja zuweilen auch zu ihrer Verklärung. Die Konflikte
waren dabei vorprogrammiert. Da diese Ambivalenzen nicht
aufzulösen waren, ging es darum, sich mit ihnen bestmöglich
zu arrangieren und den Zusammenhalt der Gesamtorganisation
zu wahren. Dass dies eine beachtliche Herausforderung war,
hatten die ersten fünfzehn Jahre der Bundeswehr deutlich
gezeigt. Erstens war der Habitus der Streitkräfte heterogener
denn je. Vereinfacht gesprochen, trat der Prototyp des
Verteidigungsbeamten neben den des Kämpfers. Wenngleich
es zwischen beiden Polen zahlreiche Grautöne gab, waren die
unterschiedlichen Kulturen klar erkennbar, nicht zuletzt durch
ein unterschiedliches Berufs- und Traditionsverständnis. Beide
Typen hatte es schon immer gegeben. Doch über Hunderte von
Jahren war der Krieger – neben den »Halbgöttern« des
Generalstabs292 – das Leitbild gewesen. Jetzt aber ließ ihn die
rasant fortschreitende Technisierung der Bundeswehr schon
zahlenmäßig in den Hintergrund treten. Waren in der
Wehrmacht noch 85 Prozent Kämpfer, waren es in der
Bundeswehr 1964 angeblich nur noch 29 Prozent.293 Die
unterschiedlichen Kulturen waren gewissermaßen ein Abbild
des breiten Aufgabenspektrums einer Friedensarmee – von den
402
Schulen, der Territorialverwaltung, den NATO-Stäben bis hin
zur Kampftruppe. In der Praxis blieb die Herausforderung, auf
der horizontalen Ebene eine stabile Binnenkohäsion zu
wahren.
Zweitens wiesen die Debatten auf eine wachsende
Diskrepanz auf der vertikalen Ebene hin, also zwischen der
Truppe und der militärischen und politischen Führung. Der
Vorwurf der Hauptleute von Unna, dass die hohen Offiziere
sich dem Zeitgeist anpassten und nur politische Rücksichten
nehmen würden, um die eigene Karriere nicht zu gefährden,
war gewiss übertrieben. Diejenigen, die solche Vorwürfe
äußerten, hatten keinen Einblick in das Tun der obersten
militärischen Führung und vor allem in deren begrenzte
Spielräume. Die Auseinandersetzungen zeigen aber, dass es
unter
den
politischen
und
gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen der damaligen Bundesrepublik eine
Herausforderung
war,
»oben«
und
»unten«
zusammenzuhalten.
Drittens zeigte sich aber auch, dass sich in der Bundeswehr
eine bemerkenswert offene Diskussionskultur entwickelt hatte.
Es war möglich, selbst höchste Dienstgrade zu kritisieren und
grundlegende Regeln infrage zu stellen, ohne Nachteile in der
eigenen Karriere befürchten zu müssen.294 Es gab auch eine
Vielzahl von Fachzeitschriften, in denen interessierte Soldaten,
Reservisten und Bürger ihre Meinungen zum Thema
austauschen konnten.295 Letztlich ging die Bundeswehr aus
den heftigen Konflikten gestärkt hervor, weil sie sich nicht
auseinanderdividieren ließ.296 Das zeigte sich auch darin, dass
sie gegen politischen Radikalismus weitgehend immun blieb.
Die NPD erhielt bei der Bundestagswahl 1969 von Soldaten
prozentual nicht mehr Stimmen als von Zivilisten. Das
Wahlverhalten von Angehörigen der Streitkräfte war
403
unauffällig. Offiziere tendierten mehrheitlich zur CDU/CSU,
Unteroffiziere zunehmend zur SPD.297 Freilich gab es auch
weiterhin Soldaten in den rechtsextremen Splitterparteien,
deren Zahl aber den niedrigen dreistelligen Bereich wohl nie
überstieg.298 Die Volksparteien schafften es offenbar, auch
stramm konservative Soldaten weiter an sich zu binden.
Allerdings kam es unabhängig von der Parteimitgliedschaft
weiterhin zu rechtsradikalen und antisemitischen Vorfällen.
Aussprüche wie »Mit dem dreckigen Gewehr können Sie nicht
einmal mehr einen Juden erschießen«299 kamen durchaus vor.
Es hing stark von den Vorgesetzten ab, ob in solchen Fällen
disziplinarisch eingeschritten wurde. Viele Entgleisungen
dürften geduldet beziehungsweise im »vordisziplinaren«
Raum intern gemaßregelt worden sein.
404
Der gespielte Krieg I
Von der massive retaliation zur flexible response
Die Bundeswehr hatte eine öffentliche und eine geheime Seite.
Alles, was mit dem inneren Gefüge zu tun hatte, wurde breit
und gerne debattiert: die Stellung der Soldaten zur
Demokratie, ihre Tradition oder ihre Motivation. In den
großen Bundeswehrskandalen ging es im Kern um diese
Fragen. Über die eigentliche Aufgabe der Streitkräfte, die
Androhung und Anwendung militärischer Gewalt, erfuhr die
Öffentlichkeit nur wenig. Die allermeisten Strategiepapiere
und alle Zustandsberichte der Bundeswehr blieben geheim.
Was die Generalität für den Ernstfall im Detail plante, blieb
ebenso im Dunkeln wie die Frage, ob die Bundeswehr ihre
Aufgaben überhaupt hätte erfüllen können. Über Jahrzehnte
investierte die Bundesrepublik im Durchschnitt 3,6 Prozent
des BIP in ihre Streitkräfte. Von 1955 bis 1989 waren das –
gemessen am heutigen Geldwert – rund 625 Milliarden
Euro.300 Aber was wurde dadurch eigentlich erreicht? War die
Bundeswehr ihren Aufträgen gewachsen, trug sie also ihren
Teil zur Abschreckung bei? Oder war sie bloß ein Instrument
der politischen Willensbekundung, ohne ernsthaften
militärischen Wert?
1952 führte die NATO die Strategie der massive retaliation
ein, die auf der abschreckenden Wirkung des überlegenen
amerikanischen Nuklearwaffenarsenals basierte. Lokal
begrenzten Angriffen sollte konventionell begegnet werden.
Griff der Gegner aber mit Großverbänden an, musste er mit
einem umfassenden Atomschlag rechnen. Die Aufgabe der
Bundeswehr war es, den konventionellen »Schild« so zu
stärken, dass es im Ernstfall überhaupt genügend Zeit gab,
damit das atomare »Schwert« der Amerikaner zuschlagen
405
konnte. Besondere Rücksicht auf den neuen Allianzpartner
wurde in den Kriegsplanungen dabei nicht genommen. Als die
NATO im Juni 1955 den Atomkrieg in Deutschland übte,
errechnete sie, dass im Ernstfall 345 Atomsprengköpfe 1,7
Millionen Menschen töten und 3,5 Millionen verletzen
würden.301 Westdeutschland war also nicht mehr als eine
Pufferzone, in der sich die Bundeswehr mit zweitklassiger
amerikanischer Ausrüstung302 verschleißen würde. Eine
sinnvolle Strategie konnte dies aus deutscher Sicht kaum
sein.303
Albert Schnez war 1960 der erste deutsche Offizier, der
Einblick in die Einsatzpläne für die amerikanischen
Nuklearwaffen
bekam.
Entsetzt
schrieb
er
an
Verteidigungsminister Franz Josef Strauß: »Teile der
Bundeswehr mochten zwar den extensiven atomaren
Schlagabtausch der ersten Tage eines europäischen
Atomkriegs überstehen und zusammen mit den verbliebenen
NATO-Verbündeten anschließend einen fraglichen Sieg
erringen; dazu hätte man aber letztlich das der Zerstörung
preisgegeben, was man eigentlich verteidigen wollte.«304 Der
Aufbau eines Zivilschutzes für den Fall eines Atomkriegs
wurde von den deutschen Behörden gar nicht erst in Angriff
genommen, weil er nicht finanzierbar war und der
Bevölkerung aus nachvollziehbaren Gründen das Verständnis
für eine Strategie des Untergangs fehlte. Die Bundesrepublik
stand vor der Quadratur des Kreises: Der extensive
Nukleareinsatz musste im Verteidigungsfall unbedingt
vermieden werden, um das eigene Land nicht binnen weniger
Tage in eine atomare Wüste zu verwandeln. Auf der anderen
Seite musste die Schwelle zum Einsatz von Atomwaffen
niedrig gehalten werden, um den Ostblock wirkungsvoll von
einem Angriff abzuschrecken. »Der Verzicht auf eine starke
406
konventionelle Komponente machte den defensiven Charakter
der Strategie aus. Sie vermied die endlosen Materialschlachten
vergangener Tage, freilich um den Preis, im Ernstfall kollektiv
unterzugehen«305, brachte es der Historiker Dieter Krüger auf
den Punkt.
Die Bundeswehr und die deutsche Sicherheitspolitik waren
häufig Gegenstand von Titelgeschichten des »Spiegel«. Die
hier gezeigte Auswahl reicht von der Ausgabe, die 1962 die
»Spiegel«-Affäre ins Rollen brachte (links oben), bis zur
Ausgabe über die »Hauptleute von Unna«, 1971 (unten
rechts).
407
408
Die Bundeswehrführung musste die NATO-Planungen
notgedrungen akzeptieren, da sie im Bündnis noch kein
Gewicht hatte. Die konventionelle Kampfkraft der neu
aufgestellten Verbände war noch so überschaubar, dass ein
Angreifer ohnehin nur mit Atomwaffen aufgehalten werden
konnte. 1960 sprach man in internen Papieren davon, dass nur
die Hälfte des Heeres allenfalls für »zeitlich begrenzte
Abwehraufgaben bedingt geeignet sei«. Bescheidener konnte
man es im offiziellen Duktus kaum ausdrücken. Von den zwölf
Divisionen des Heeres befand sich 1960 eine in Aufstellung,
sechs hatten nur einen geringen und fünf einen mittelmäßigen
Kampfwert.306 Munition war nur für wenige Tage vorhanden,
und die Ausbildung litt unter dem eklatanten Mangel an länger
dienenden Soldaten und an der kurzen Wehrdienstzeit von
zwölf Monaten. Auch die Ausrüstung mit veralteten
amerikanischen Panzern und technisch wenig ausgereiften
Schützenpanzern trug nicht gerade zur Steigerung der
Kampfkraft bei. Die Kampfaufträge stünden daher »in keinem
Verhältnis zu Zustand und Möglichkeiten«. Um gegenüber den
Verbündeten zumindest den Eindruck von halbwegs
leistungsfähigen Verbänden zu erwecken, bekamen Einheiten,
die an NATO-Übungen teilnahmen, Personal und Material aus
409
anderen Verbänden zugewiesen. Und trotzdem sah es oft
düster aus. Im Februar 1960 nahmen zum ersten Mal zwei
deutsche Brigaden an einem Wintermanöver der US-Armee
teil. Das Zusammenspiel von Panzer und Grenadieren
funktionierte schlecht, die Offiziere zeigten zu wenig
Initiative. Das Panzerbataillon 54 hatte rund 100 kaum
ausgebildete Soldaten in seinen Reihen und konnte froh sein,
dass die ungeübten Fahrer keine Unfälle verursachten. Ein
kriegserfahrener Oberst meinte zu diesen Zuständen, dass es
keinen Sinn mache, mit solchen Soldaten in ein Manöver zu
fahren, »wenn nicht bewusst der Zustand einer Truppe wie
etwa im Jahre 1944 angestrebt wird«307. Die internationalen
Pressebeobachter waren indes zufrieden und ließen sich allzu
leicht etwas vorgaukeln. Die New York Times schrieb gar, dass
»die Saat der vergangenen militärischen Größe wieder
aufgehe«308.
Der Zwang, Jahr für Jahr Theater zu spielen, belastete die
Offiziere indes stark.309 Der 30-jährige Oberleutnant Siegfried
Storbeck schrieb 1963 erbittert über die Lage in seinem
Panzerbataillon: »Unsere Manöver: Viel zu groß. Meine
Richtschützen schlafen im Turm – kein General ist je in den
Turm hinter die Optik geklettert, um sich vom Richtschützen
sein Ziel zeigen zu lassen. […] Um nicht aufzufallen, werden
die paar Besten gerade immer da ins Blickfeld gerückt, wo
man hinguckt.« Und weiter: »Die Schwierigkeiten werden
immer größer, unsere Armee wird schlechter, wenn man nicht
einsieht, daß wenig aber besser im Ernstfall mehr bedeuten als
viel und schlecht! Primitive Forderungen werden nicht erfüllt.
Meine Panzer stehen draußen, Tag und Nacht, es gibt keine
Hallen, dafür einen Segen von Broschüren über allen
möglichen Nonsens, der gelehrt werden soll.« Storbeck wollte
zu einer Armee gehören, die »gut ist«.310 Neben der
410
schlechten Ausrüstung und dem Personalmangel fehlte es
manchem Offizier auch an der nötigen Haltung. Nicht alle
waren so motiviert wie Siegfried Storbeck. Manche fühlten
sich im Büro wohler als bei ihren Männern im Gelände. Das
Gebot der körperlichen Härte werde vielfach nicht beachtet,
meinte Generalmajor Artur Weber. »Unmäßige Leibesfülle
behindert die Beweglichkeit bei der Führung, unförmige,
fettleibige Soldaten strömen kein Vertrauen aus auf Menschen,
die wir verteidigen sollen.« Zwar könne man Führungsqualität
nicht nach der Taillenweite bemessen und von einem 50jährigen Oberstleutnant oder 45-jährigen Stabsfeldwebel keine
»Pagenfigur« erwarten. Nötig seien aber »Kompaniechefs und
Zugführer, die in krisenhafter Lage selbst einen Stoßtrupp
führen können, und Bataillonskommandeure, die beim
Gegenstoß mit der Reservekompanie in den Feind einbrechen
können«.311
Die westdeutsche Armee hatte den sowjetischen Truppen
wenig entgegenzusetzen. Gleichwohl träumte die aus dem
Oberkommando des Heeres stammende Gründergeneration
davon, bei einem Angriff des Ostblocks gar selber offensiv zu
werden, den Gegner in einer weiträumigen Kesselschlacht zu
vernichten und dabei tief auf das Gebiet der DDR
vorzustoßen.312 Doch in der Realität hätte nur der massive
Einsatz von Atomwaffen die sowjetische Armee aufhalten
können; ein solcher war daher das übliche Szenario für NATOÜbungen.313 Auch Graf von Baudissin spielte bei einer Übung
seiner Panzergrenadierbrigade 4 reichlich Atomsprengköpfe
ein: »Der Feind setzte bei Angriffsbeginn zahlreiche ASprK
vorwiegend niedriger KT-Werte, besonders gegen eigene Art
Stellungen und Pz Ansammlungen ein. Eigene Führung
bekämpfte mit ASprK bis 50 KT den Übersetzverkehr bei
Boizenburg und Lauenburg«314, hieß es in der Lage seines
411
Manövers »Raubkammer«. Über die Folgen des ausgedehnten
Einsatzes von Atomwaffen schien sich kaum jemand
Gedanken zu machen. Die Soldaten nahmen diese Lagen nicht
ernst, weil die Manöverleitung sie nicht mit den Problemen
des Atomkriegs konfrontierte. So erschienen die
Nuklearwaffen nur als eine Art erweiterte Artillerie.315
1958 erhielt das deutsche Heer von den Amerikanern
nuklear bestückte Kurzstreckenraketen und schwere Artillerie,
die amerikanische Atomgranaten verschießen konnte. Der
Hauptschlag sollte indes von der Luftwaffe geführt werden.
Dazu standen 1961 bereits acht Jagdbomberstaffeln bereit316,
die – zusammen mit den Alliierten – den Angriff der Sowjets
spätestens an der Rhein-Linie im Feuer der Nuklearwaffen
verglühen lassen sollten.317 Zu dieser Zeit begann bereits die
Ausrüstung mit dem Hochleistungsflugzeug Starfighter, das in
den kommenden Jahren das Rückgrat der atomaren
Abschreckung der Bundeswehr bildete. Die Luftwaffe war in
der Phase der massive retaliation also die wichtigste
Teilstreitkraft der jungen Bundeswehr.318 Spöttisch meinte
deren Inspekteur, dass man das Heer nur noch zur Bewachung
der Flughäfen benötige. Die Planungen sahen in der Tat eine
sehr defensive Rolle der noch schwachen Landstreitkräfte vor,
die nur noch als eine Art Stolperdraht fungierten.
Die Vorstellung, in einem schnell eskalierenden
Nuklearkrieg weite Teile der eigenen Bevölkerung
auszulöschen und die Menschheit insgesamt dem Untergang
preiszugeben, erschien vielen Generälen allerdings als
widersinnig. Die Zahl der Kritiker nahm seit Anfang der
1960er-Jahre parallel zu ähnlichen Bedenken in den USA zu.
Dabei bildeten sich ungewöhnliche Allianzen: Graf von
Baudissin und Generalinspekteur Heinz Trettner – die in
Habitus, Traditionsbild und soldatischem Rollenverständnis
412
kaum unterschiedlicher hätten sein können – sprachen sich
beide für eine Kriegführung aus, die Szenarien der subversiven
Kampfführung und des konventionellen Gefechts, den
begrenzten ebenso wie den globalen Atomkrieg
berücksichtigte.319
Dabei
spielten
gewiss
auch
Wunschvorstellungen eine Rolle. Man wollte dem Heer wieder
mehr Gewicht geben und die Verteidigung schon an der Elbe
aufnehmen, um das eigene Land nicht zum Schlachtfeld
werden zu lassen.
Die Bundeswehr war somit Teil eines neuen Denkens in
der NATO, das in den Strategiewechsel zur flexible response
mündete. Diese wurde zwar erst 1968 offiziell implementiert,
hatte aber seit dem Amtsantritt John F. Kennedys 1961
zunehmend das operative Denken der westlichen Allianz
bestimmt.320 Doch auch die neue Ausrichtung konnte das
strategische Dilemma der Bundesrepublik nicht lösen, im
Gegenteil: Einen sowjetischen Großangriff nicht mehr
automatisch mit einem strategischen Nuklearschlag zu
beantworten hieß im Klartext, dass Washington den Krieg
zunächst auf Europa begrenzen würde, um ein Übergreifen auf
das Territorium der Vereinigten Staaten zu verhindern. Für die
Bundesrepublik kam es in einem solchen »begrenzten Krieg«
darauf an zu verhindern, dass Raum für Zeit geopfert wurde.
Eine zu zögerliche Verteidigung hätte nämlich dazu führen
können, dass die Sowjetunion Teile Westdeutschlands eroberte
und eine atomare Antwort der NATO ausblieb, weil man Zeit
für eine politische Konfliktlösung gewinnen wollte. Am Ende,
so die Befürchtung von General Schnez, wäre das auf eine
Teilung der Bundesrepublik hinausgelaufen, die wir »als freier
Staat nicht mehr überstehen«.321
Um ein solches Szenario zu verhindern, musste die
Bundeswehr die Abwehrschlacht direkt an der Grenze
413
aufnehmen, den Warschauer Pakt östlich der Weser stoppen
und dann zum raschen Gegenangriff übergehen, um den Feind
wieder zurückzuwerfen.322 Dabei sollten möglichst keine
taktischen Atomwaffen eingesetzt werden. Generalinspekteur
de Maizière meinte 1969 zu seinen Offizieren: »Stellen Sie
sich einmal einen Kampf in Mitteleuropa vor, in dem diese
7000 Atomkörper wirklich gezündet würden. Die Folgen
können nicht in unserem Interesse liegen.«323 In den
Manövern der Bundeswehr spielte der Einsatz von taktischen
Atomwaffen seit 1967 nur noch eine untergeordnete Rolle und
war nicht mehr Teil der Routine.324 Die Freigabe von
Nuklearsprengköpfen, führte de Maizière seinen Generälen
vor Augen, sei eine Entscheidung von höchster politischer
Bedeutung, die einer qualitativen Veränderung des Krieges
gleichkomme. Eine solche Demonstration wäre immer auch
mit einer politischen Erklärung der NATO verbunden, um den
Konflikt einzudämmen. Es sei unverhältnismäßig, 25 oder 40
Atomköpfe einzusetzen, bloß um 36 oder 48 Stunden Zeit zu
gewinnen. Umgekehrt dürfe deren Einsatz aber auch nicht erst
erfolgen, wenn alle konventionellen Mittel aufgebraucht seien.
Die Regeln für den Einsatz von Atomsprengköpfen wurden
seit 1966 in der Nuclear Planning Group der NATO auf
höchster politischer Ebene besprochen. Über diesen Hebel
versuchte Bonn, die nuklearen Einsatzpläne der NATO den
eigenen Interessen anzupassen.325
Endlich einsatzbereit?
Die Überlegungen waren klar: Je stärker die konventionelle
Kampfkraft der Bundeswehr war, desto eher würde man in
einem Verteidigungsfall auf Atomwaffen verzichten können.
Doch wie stand es Ende der Sechzigerjahre um die Kampfkraft
der Bundeswehr, die immerhin 40 Prozent der Landstreitkräfte
der NATO in Mitteleuropa stellte? Mittlerweile waren alle
414
zwölf Divisionen des Feldheeres aufgestellt. Sie waren zum
Großteil schon mit dem modernen Panzer Leopard 1, neuer
Artillerie und verbesserten Fernmeldegeräten ausgerüstet.
Knapp 3700 Kampfpanzer, 1100 Jagdpanzer326, 4550
Schützenpanzer und knapp 1000 Geschütze stellten einen
beachtlichen Kampfwert dar. 80 bis 85 Prozent des Großgeräts
waren ständig einsatzbereit327, und die Hälfte der Verbände
wurde von der NATO intern als »gut« bewertet. In den Depots
lagerte
ausreichend
Munition
für
zwei
Wochen
»Großkampf«.328 Seit 1967 führte die Bundeswehr jährlich
eine große Korpsgefechtsübung mit Zehntausenden Soldaten
durch, um ihren Leistungsstand zu evaluieren, sich aber auch
vor der Öffentlichkeit, den Alliierten und den offiziellen (und
inoffiziellen) Beobachtern aus dem Warschauer Pakt zu
präsentieren. Die Manöver zeigten, dass sie eine ernst zu
nehmende Streitmacht geworden war. Ihre Generäle konnten
große Truppenmassen führen, die Ausrüstung war
überwiegend modern, die Soldaten waren zumindest während
der Übungen motiviert. Der britische Botschafter in Bonn
schrieb 1969 ans Foreign Office: »Die Einschätzung des
letzten Jahres, dass die Bundeswehr trotz ihrer
Schwierigkeiten und Mängel ein gutes Bild abgeben wird,
wenn es ums Kämpfen geht, kann mit wachsender Zuversicht
bestätigt werden; es besteht kein Zweifel, dass die
dringlichsten Probleme mit Nachdruck und Einfallsreichtum
angegangen werden.«329 Auch der Schweizer General Georg
Züblin, der 1967 an der Übung Hermelin II teilnahm, war trotz
mancher Kritikpunkte von der deutschen »Panzerei«
begeistert.330
Die Friedensstärke war mittlerweile auf 475 000 Mann
angewachsen. Im Verteidigungsfall würden 700 000
Reservisten dazukommen. Zu deren Einberufung brauchte
415
man
freilich
Zeit.
Auch
die
Panzerund
Panzergrenadierdivisionen des Feldheeres bestanden zu einem
knappen Drittel aus Reserveverbänden und waren aus dem
Stand nicht voll einsatzbereit. Noch schlimmer sah es im
Territorialheer aus, das die Versorgung sicherstellen und die
rückwärtigen
Gebiete
gegen
Sabotageakte
und
Luftlandeverbände schützen sollte. Es bestand zu 80 Prozent
aus Reserveverbänden. Einem Überraschungsangriff war die
Bundeswehr also in keinem Fall gewachsen. Manches
Bataillon der Kampftruppen an der deutsch-deutschen Grenze
hatte gar kein eigenes Depot und musste die scharfe Munition
erst von weither heranschaffen. So hätte es in etlichen Fällen
bis zu vierzig Stunden gedauert, bis die Panzer ihren Marsch
in Richtung Front beginnen konnten. Zudem: Die NATO hatte
in ihrem Emergency Defence Plan genau festgelegt, wo die
deutschen Verbände ihre Verteidigungsräume beziehen sollten.
Doch diese lagen teilweise in erheblicher Entfernung von den
Kasernen. Man hätte zwischen 15 und 60 Stunden benötigt,
um sie zu erreichen.331 Die Versorgungstruppen brauchten
ohnehin zehn bis vierzehn Tage, um voll einsatzbereit zu sein,
weil auch sie meist aus Reservisten bestanden.332 Ohne diese
Mobilisierungszeit wäre dem Heer nach 72 Stunden die
Munition ausgegangen. Und die Luftwaffe war in der
konventionellen Rolle zu schwach, um den Landstreitkräften
mit ihrem Einsatz Zeit zu erkaufen.333 Albert Schnez meinte
freilich, dass die Sowjetunion im Falle eines Angriffs auf die
NATO nach möglichst hoher Überlegenheit streben und man
ihre umfangreichen Vorbereitungen daher mit Sicherheit
erkennen würde. Jedoch sei fraglich, ob die politische Führung
rechtzeitig Konsequenzen aus einer Spannungszeit ziehen
werde.
416
Doch die Generalität sorgte sich nicht nur um eine
rechtzeitige Mobilmachung. Brigadegeneral Hermann
Büschleb war generell der Ansicht, dass Regierung und
Parlament nicht den Willen hatten, den Auftrag der Streitkräfte
im Frieden und im Krieg erfüllbar zu machen. »Das Heer trägt
diesen Makel schon über 10 Jahre mit sich herum. Das darf
aus staatspolitischer Verantwortung heraus nicht so bleiben.«
In der Tat waren die Probleme vielfältig: Die Zusammenarbeit
mit der Luftwaffe sei bislang kaum geübt worden, und die
Bundeswehr habe den Schutz gegen feindliche Tiefflieger
»völlig vernachlässigt«.334 Das Fernmeldewesen sei
unmodern, die technische Führungsfähigkeit der Stäbe stehe
auf einem Tiefpunkt.335 Die Befehlsgebung sei zuweilen
schwach, es werde zu viel palavert und nicht klar genug
angewiesen.336 Es fehle der konventionellen Artillerie an
Feuerkraft, es gebe zu wenig Infanterie337, und einem ABCAngriff sei die Bundeswehr nicht gewachsen.338 Die ärztliche
Versorgung der Soldaten sei so ungenügend, dass man schon
raune, die Generäle müssten sich im Kriegsfall weigern, einen
Schießbefehl auszuführen.339 Zudem habe der Kampfgeist
nachgelassen, hieß es im Februar 1969 im Zustandsbericht des
Heeres.340 Dies betreffe insbesondere die Wehrpflichtigen, die
den Dienst meist als Zeitverschwendung betrachteten und
deren Ausbildungsstand große Lücken aufweise. Die
Gefechts- und Verbandsausbildung sei trotz aller
Anstrengungen und Fortschritte nicht ausreichend, weil etwa
50 Prozent der Offiziere und Unteroffiziere fehlten. Zudem
gebe es nur »katastrophale« Trainingsmöglichkeiten im freien
Gelände, und die Truppenübungsplätze seien zu klein.341 Der
Gefechtswert der Truppe sei so weit gesunken, dass sie im
Ernstfall ihren Auftrag nicht oder nicht voll erfüllen könne.342
417
Die Bundeswehr war 15 Jahre nach ihrer Gründung
nominell zwar nahezu vollständig aufgestellt. Sie litt aber
unter den üblichen Problemen einer Friedensarmee: Effizient
war eine vollmotorisierte Streitmacht nur, wenn Artillerie,
Panzer, Grenadiere und auch die Luftwaffe wie die Rädchen in
einem Uhrwerk ineinandergriffen. In ihrer Doktrin war
Geschwindigkeit Trumpf. Nur wer in Bewegung war, würde
dem feindlichen Feuer, gar atomaren Einschlägen entgehen
können. Dazu musste aber der Informationsfluss von den
Stäben bis zum letzten Panzer funktionieren, Entschlüsse
mussten schnell und mutig gefasst, Lagen rasch erkannt
werden. Zudem mussten ein 22-jähriger Zugführer ebenso wie
ein 58-jähriger General Gespür für die jeweiligen taktischen
Lagen haben. Und die Soldaten mussten ihre Waffen und
Geräte routiniert bedienen können. Dies zu erreichen war
enorm anspruchsvoll, zumal in der Bundeswehr eine ständige
Personalfluktuation herrschte. Wehrpflichtige kamen und
gingen, die meisten Unteroffiziere schieden schon nach zwei
oder vier Jahren wieder aus. Die erste Generation erfahrener
Feldwebel hatte die Bundeswehr nach zwölf Jahren Dienstzeit
schon wieder verlassen und riss eine empfindliche Lücke. Die
Offiziere durchliefen nach einem eng getakteten Plan ihre
Laufbahn. Wenn in der Kampftruppe jemand vier Jahre auf
seiner Position blieb, war dies schon außergewöhnlich lange.
So verwundert es kaum, dass das Getriebe der Bundeswehr
zwar lief, aber reichlich knirschte. Vieles konnte ohnehin nicht
im Hörsaal, sondern nur im Feld, bei Manövern geübt werden.
Zwar wurde im großen und kleinen Rahmen häufig trainiert.
Der Truppe wurde auch »viel gutes Wollen«343 attestiert. Aber
die kriegsnahe Ausbildung stieß im Frieden doch an ihre
Grenzen. Die Waffenwirkung war nicht realistisch darstellbar,
das hatten schon die kaiserliche Armee und die Wehrmacht
bitter lernen müssen. Wie sollte man auch einen Atomschlag
418
spielen? Selbst der Effekt herkömmlicher Waffen war nur
ansatzweise vermittelbar, sodass den Soldaten etwa das
Verständnis für die Wirkung der Artillerie fehlte. Während der
Manöver winkten Soldaten den mit großem Gedonner
heranjagenden Tieffliegern fröhlich zu, anstatt in Deckung zu
gehen. »Luftangriffe sind keine zivilen Flugtage«, meinte ein
General dazu sarkastisch.344
In solchen Situationen zeigten sich einmal mehr die
Naivität und Bequemlichkeit, mit denen es jede Friedensarmee
zu tun hat. Niemand verspürte allzu große Lust, sich öfter als
notwendig einzugraben, bei einer Rast Sicherungen
aufzustellen und sich ständig zu tarnen. All das machte Arbeit,
war mühsam und lästig – zumal, wenn man in den hektischen
Manövertagen kaum geschlafen hatte. Und da in einer Übung
– anders als im Krieg – die meisten Nachlässigkeiten
ungestraft blieben, führten sich viele Soldaten eher auf wie
interessierte Beobachter eines militärischen Schauspiels denn
als Kämpfer, die den Ernstfall trainieren.345 Den
kriegsgedienten älteren Offizieren standen deswegen zuweilen
die Haare zu Berge. Der selbstbewusste Satz der Jägertruppen
»Im Wald bin ich König« könne doch mit einer einzigen
»Konfiguration von Napalm-Bomben ad absurdum geführt
werden«346, meinte etwa der Inspizient der Infanterie, Alfred
Ritz. Offiziere wie er wiesen immer wieder darauf hin, dass es
auf Sorgfalt auch bei Kleinigkeiten ankam. Alles andere
»kostet Blut«347. Doch trotz aller Passion, die viele Soldaten
auch in den gesellschaftlich turbulenten Sechzigerjahren
zeigten, wies ihr handwerkliches Können erhebliche Lücken
auf. Stete Aufklärung, der Blick für das Gelände, die
Zusammenarbeit der Waffengattungen – bei all diesen
grundlegenden Aufgaben zeigten sich die typischen Mängel
einer Wehrpflichtarmee im Frieden.348
419
Er sei erschrocken, schrieb Heinz Günther Guderian, wie
viele Fehler beim Schießen gemacht würden. »Unsere
Besatzungen sind nicht eingespielt. Sie sind zu langsam, ihnen
ist der Gebrauch der Richtmittel, der Entfernungsmesser, die
richtige Munitionswahl, das Zusammenspiel zwischen
Kommandanten und Richtschützen nicht in Fleisch und Blut
übergegangen. Es fehlt den Truppenoffizieren an Routine und
am Drill der Besatzungen. Es wird geschludert und man freut
sich, wenn es knallt, genau wie früher beim Gewehr- oder
MG-Schützen, der sinnlos in die Luft ballert, ohne Visier
gestellt zu haben oder zu zielen. Wir dulden diese
Schlamperei.«349 Guderian wusste, wovon er sprach. An der
Seite von Heinrich Eberbach hatte er in Polen und Frankreich
als junger Panzeroffizier gekämpft und 1944 als
Generalstabsoffizier einer Panzerdivision in der Normandie
die alliierte Luftüberlegenheit erlebt. In der Bundeswehr war
er zuletzt General der Kampftruppen. Auch die
Personalplanung wurde kritisiert: »Kommandeurstellen dürfen
nicht als ›Karriereschleusen‹ in einer Laufbahnplanung
gesehen werden. Ausbildung und Schulung des Führerkorps
müssen
von
ihrer
sterilen,
akademischen
und
theorieverhafteten Art zurückfinden zur Praxis, zur Natur und
zu dem wahren Soldatenhandwerk eines militärischen Führers,
das mit steigender Verantwortung auch hohe geistige
Forderungen stellt.«350 Zuweilen haperte es sogar bei der
Auftragstaktik und dem Führen von vorne, mithin beim
Heiligtum handwerklichen Selbstverständnisses der deutschen
Armeen seit den Einigungskriegen.351 Hätte die Bundeswehr
am Ende der Sechzigerjahre wirklich kämpfen müssen, wäre
ihr wohl eine bittere Lektion erteilt worden.
1969 stufte die NATO die Fähigkeiten der Bundeswehr für
den Ernstfall nur als »limited, although close to moderate«
420
ein.352 Das Urteil deutscher Generäle war noch kritischer. Die
Streitkräfte seien im Hinblick auf den Auftrag »für das Volk
und für Europa noch torsohaft«, schrieb Hermann Büschleb
zur selben Zeit.353 Neidisch blickte man auf die israelische
Armee, die 1967 im Sechstagekrieg eindrucksvoll unter
Beweis gestellt hatte, was sie konnte. Die Israelis seien die
neuen Preußen, raunte man sich zu, und das Gerücht machte
die Runde, ein amerikanischer General habe behauptet, die
israelische Armee könne die ganze Bundeswehr
»unangespitzt« in den Boden rammen.354 Selbst der
zurückhaltende Generalinspekteur Ulrich de Maizière musste
einräumen, dass das Heer nur »bedingt einsatzbereit« war.355
Die Führung des Heeres registrierte die Probleme sehr
genau. Manöver wurden detailliert ausgewertet, die
Inspizienten der Waffengattungen besuchten emsig die
Truppen und schilderten schonungslos die Lage. Auf
Kommandeurtagungen besprach die Generalität, wie
nachgebessert werden konnte. Das alles floss in die
Jahresausbildungsweisung des Heeresinspekteurs ein. So
ordnete man für 1970 vermehrte Übungen auf Kompanie- und
Bataillonsebene
an,
um
die
Verbände
stärker
zusammenzuschweißen.356 Solche gezielten Maßnahmen
zeigten kurzfristig durchaus Wirkung, ohne allerdings die
strukturellen Probleme zu lösen. Freilich waren die
Landstreitkräfte der meisten in Mitteleuropa stationierten
NATO-Partner in einer ähnlichen Lage. Die Verbände der
britischen Berufsarmee wurden insgesamt ebenso bewertet wie
die deutschen, die niederländischen und belgischen
Wehrpflichtarmeen
noch
schlechter.
Nur
die
Leistungsfähigkeit der US-Kräfte bekam mit dem Prädikat
»high« die mit Abstand beste Note der NATO.357
Flexible response – die Lösung der Probleme?
421
Während das Heer fieberhaft versuchte, an Kampfkraft zu
gewinnen, um einen konventionellen Degen zu schaffen und
dadurch den Einsatz des atomaren Schwertes zu vermeiden,
wehrte sich die Luftwaffe mit Händen und Füßen gegen die
neue Strategie der flexible response. Es ging dabei auch um
die privilegierte Stellung als primus inter pares, die sie bis
dahin genossen hatte. Doch seit Mitte der 1960er-Jahre musste
sie sich zähneknirschend in die neue Aufgabe fügen. Die
Luftstreitkräfte mussten nun stärker als zuvor die ungeliebte
Rolle der Heeresunterstützung übernehmen und sollten im
Ernstfall auch feindliche Flugzeuge am Boden zerstören. Der
technisch anspruchsvolle Starfighter war jedoch als
herkömmlicher Jagdbomber denkbar ungeeignet, zumal nur
Bomben zur Verfügung standen, wie sie noch im Zweiten
Weltkrieg verwendet worden waren. Die zu erwartenden
Verluste waren so hoch, dass die Geschwader nach wenigen
Tagen vollständig aufgerieben worden wären. Ersatz hätte es
kaum gegeben, dafür war die Ausbildung der Piloten viel zu
aufwendig. Die Luftwaffe würde im Ernstfall mit dem
kämpfen müssen, was sie hatte. Deshalb bestand die Sorge,
nicht mehr genügend Kräfte für den nuklearen Gegenschlag
zur Verfügung zu haben.358 Eine entscheidende Stärkung des
Heeres war von der Luftwaffe also nicht zu erwarten. Sie
gelang aber auch deshalb nicht, weil die Alliierten ihre
Streitkräfte in Europa reduzierten und dadurch den Gewinn an
Kampfkraft durch die Bundeswehr teilweise wieder
zunichtemachten.359
Auch wenn die Bundesrepublik immerhin erwirkt hatte,
dass die NATO die Verteidigungslinie vom Rhein an die Elbe
vorschob, war jedermann klar, dass nach wie vor nur unter
Einsatz taktischer Atomwaffen ein Ansturm des Warschauer
Paktes aufzuhalten war.360 Das hätte für Mitteleuropa und
422
insbesondere für Deutschland nichts anderes als die totale
Vernichtung bedeutet. Die Sprengkraft der damaligen
taktischen Nuklearwaffen übertraf jene der Hiroshima-Bombe
deutlich. Friedrich Beermann war 1968 als deutscher
Bevollmächtigter im Bereich der Northern Army Group
Central Europe für die Sicherung des rückwärtigen Gebiets,
die Fernmelde-, Pionier- und Sanitätsunterstützung in
Norddeutschland zuständig. Im August 1968 bekam er
Einblick in den neuen Emergency Defence Plan der NATO.
Wenn dieser ausgeführt werde, so notierte er in sein Tagebuch,
würde die »Bundesrepublik alsbald in eine Schutthalde
verwandelt«361. Ein knappes Jahr später hörte er einen »recht
interessanten« Vortrag des Oberbefehlshabers der NATOStreitkräfte in Mitteleuropa, General Jürgen Bennecke. »Er
nimmt neben den klassischen 3 Vorstößen (Richtung Ruhr,
Frankfurt und weiter südlich) jetzt auch einen durch die
Norddeutsche Tiefebene Richtung Amsterdam und, unter
Neutralitätsverletzung Österreichs, in den süddeutschen Raum
[an]. Naiv – aber mit heller H. J.-Quex-Stimme vorgetragen
war seine Schilderung über Atomeinsatz pp. Als ob die
Truppen dann noch imstande wären zu kämpfen, oder ob es
dann noch einen Sinn hätte zu kämpfen. Aber dies
auszusprechen grenzt wohl an Vaterlandsverrat.«362
Die »barbarischen Aussichten« von Verseuchungen und
abnormen Mitteln, »die die Menschen auf Generationen
gefährden, sind keine Kriegsmittel mehr, deren Verwendung
durch irgendeinen Zweck geheiligt werden könnte«, meinte
Beermann. Doch er haderte selber mit dieser Erkenntnis.
»Dann also lieber ›rot‹ als ›tot‹? Nun, das wäre die
Selbstaufgabe! Aber ich frage, ob nicht die moralische
Vorbereitung auch eines Partisanenkrieges die bessere Lösung
sei. Man läßt die Armee des Gegners herein und begrüßt ihn
423
dann an allen Enden, so wie die Algerier es getan haben?
Immerhin würde dann […] eine Lösung gefunden, die
zwischen Auslöschung großer Bevölkerungsmassen und
Eingestehen der Niederlage liegt.« Bei einem äußerst brutalen
Gegner sei diese Alternative aber nicht sehr verlockend, und
als Abschreckung wirke eine derartige Konzeption nicht.363
Der General versuchte, seine Zweifel gegenüber seinem
Stab zu verbergen, und blieb während eines Manövers bei der
offiziellen Haltung, dass durch militärische Tüchtigkeit und
Abwehrbereitschaft in allen Disziplinen die Abschreckung
aufrechtzuerhalten sei. Für ihn gehörte aber auch die
konventionelle Kampfbereitschaft dazu. Tatsächlich glaubte er
in seiner tiefen Skepsis, dass eine »weitgehend zersetzte
Bundeswehr« die Sowjets geradezu einladen würde, eines
Tages alles mehr oder weniger kampflos zu überrollen.364
Während der Niederschlagung des Prager Frühlings im August
1968 wurde er von einer großen Nervosität gepackt. Da er die
Lage nicht überblickte, befürchtete Beermann, dass die
Sowjets durch Truppenverstärkungen nun mit rund vierzig
Divisionen aus dem Stand angreifen könnten. »Wir haben
nichts gemacht, weder die Belgier noch die Niederländer
herangeführt, noch durch Einziehung von Reservisten – wie
drüben – die Truppe auf Kriegsstärke gebracht. Es kann eine
Riesenpleite geben, falls sie antreten.«365
Maßnahmen zur Mobilmachung hatte die Bundesregierung
freilich bewusst nicht ergriffen, um die Sowjetunion nicht zu
provozieren. Es gab aber Ausgangssperren am Wochenende,
und manch einer geriet in helle Aufregung. Carl-Gero von
Ilsemann hatte Mühe, die aufgescheuchten Troupiers seiner
Panzergrenadierbrigade 1 wieder einzufangen. »Meine
Panzerpionierkompanie konnte ich gerade noch daran hindern,
nach einer nächtlichen Alarmübung feldmarschmäßig zu
424
einem Demonstrations-Mot-Marsch durch Süd-Niedersachsen
auszurücken und dabei womöglich unseren letzten Sprit zu
verbrauchen. In einem Standort wollte man gemeinsame
Streifen mit dem BGS einsetzen. Die Sanitätskompanie ließ
alles Gepäck verladen, wodurch vor allem die Kranken im
San-Bereich in Aufregung versetzt wurden. Sie warteten wohl
schon auf die am Fenster auftauchenden Russen.«366 Doch
damit nicht genug. Am ersten Wochenende nach dem
sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei hatte
Ilsemann alle Hände voll zu tun, »um meine Kameraden
abzubremsen, damit die vordersten Teile der Brigade nicht in
ungestümem Angriffsschwung die Zonengrenze überschritten.
Wenn von oben befohlen wird, einige Maßnahmen in den
Alarmkalendern zu überprüfen, dann fangen die Bataillone an
zu packen«.367 Der Kommandierende General des in Bayern
stationierten II. Korps sah die Lage ebenfalls als sehr ernst an
und hielt »Übertritte von tschechischen Truppenteilen über die
Grenze und Eingreifen des Russen zum Gewinnen von
Faustpfändern für durchaus möglich«. Karl Wilhelm Thilo
konnte von seinen Generalskollegen zwar bald wieder beruhigt
werden. Auch den obersten Spitzen der NATO war früh
bewusst, dass kein Angriff zu befürchten war. Aber jedem war
klar geworden, dass man rasch an die eigenen Grenzen
gestoßen wäre, wenn es eine Offensive des Warschauer Paktes
gegen die Bundeswehr gegeben hätte.368
Heeresinspekteur
Albert
Schnez
wie
auch
Verteidigungsminister Helmut Schmidt beurteilten die neue
Strategie der flexible response skeptisch, da sie das
Abschreckungspotenzial insgesamt eher verminderte und die
Wahrscheinlichkeit eines sowjetischen Angriffs ihrer Meinung
nach erhöhte.369 Dass sich die USA für Westdeutschland
wirklich in einen globalen Atomkrieg und damit in die
425
Selbstvernichtung stürzen würden, wurde in Bonn bezweifelt.
Doch gab es zum Vertrauen in die Abschreckungswirkung der
amerikanischen Atomwaffen keine Alternative, denn
Deutschland hatte keinen Zugriff auf Kernwaffen und blieb
trotz
aller
Anstrengungen
konventionell
schwach.
Bundeskanzler Adenauer hatte zeitweise auf eine europäische
Atomstreitmacht gesetzt, um unabhängig von den
Amerikanern über ein eigenes Abschreckungspotenzial zu
verfügen. Doch diese Pläne scheiterten am Widerstand Charles
de Gaulles, der in den 1960er-Jahren im nationalen Alleingang
eine französische Atomstreitmacht, die »Force de frappe«
aufgebaut hatte. Immerhin erreichten die kleineren NATOStaaten und die Bundesrepublik durch massiven Druck, dass
die USA ihre Truppenstärke in Europa nicht reduzierten und
die atomaren Sprengköpfe sogar von 2500 auf 7200
aufstockten. Damit schien eine wirkungsvolle Abschreckung
sichergestellt.370
Dass das Militär im Ernstfall das eigene Land nicht würde
schützen können, galt für die Bundeswehr der Sechzigerjahre
ebenso wie für die hoffnungslos unterlegene Reichswehr der
Zwanzigerjahre. Doch wurde mit dem drohenden Atomkrieg
die Sinnfrage des Militärs ungleich drastischer gestellt als in
allen anderen Friedensepochen zuvor. Gewiss konnte man
argumentieren, dass ein Krieg gar nicht mehr geführt werden
konnte. Doch was sollte für die Streitkräfte die Konsequenz
daraus sein? An eine konventionelle Abrüstung dachte in der
Politik niemand wirklich, weder in Deutschland noch
anderswo. Im Gegenteil: Aufrüstung erschien als eine
Möglichkeit, um die Handlungsoptionen im Krisenfall zu
erweitern. Und niemand konnte die Absichten des Warschauer
Paktes mit letzter Sicherheit vorhersagen. Heute wissen wir,
dass die Sowjetunion keineswegs der sicherheitspolitische
426
Hasardeur war, der nur auf eine günstige Gelegenheit wartete,
seine Panzerarmeen auf den Westen loszulassen. Die großen
Krisen von Berlin 1948/49 bis Prag 1968 verdeutlichen dies.
Aber die enorme militärische Stärke Moskaus war nicht
wegzudiskutieren. Generalinspekteur Friedrich Foertsch war
während der Berlinkrise 1961 überzeugt, dass die Sowjetunion
nach wie vor die Weltrevolution anstrebe und sich Europa
einverleiben wolle. Für ihn standen gewissermaßen »die
Türken vor Wien«371. Es schien also ratsam, sich auf ein
breites
Spektrum
an
möglichen
Kriegsszenarien
vorzubereiten.372
Wehrmacht in neuem Gewande?
In den Divisionen und Brigaden des Heeres vermied man es,
den Sinn des eigenen Tuns allzu sehr infrage zu stellen, und
konzentrierte sich lieber auf das, was man selber beeinflussen
konnte: die Leistungsfähigkeit der konventionellen
Kampftruppen. Man vergrub sich in der heimeligen Welt der
tribal cultures. Hier war man unter sich, sprach die gleiche
Sprache, hatte ähnliche Ziele und Vorstellungen.
Überlegungen zur Abschreckung und zur Verhinderung des
Krieges überließ man getrost den Politikern, um sich derweil
auf das militärische Handwerk zu konzentrieren. Auf dieser
Ebene hatte sich im Vergleich zur Wehrmacht am wenigsten
verändert. Ganz gleich, ob in den Führungsstäben der große
oder kleine Atomkrieg als das wahrscheinlichste
Konfliktszenario angenommen wurde oder der große oder
begrenzte konventionelle Schlagabtausch, auf der unteren
Ebene übte das Heer den schnellen Bewegungskrieg mit
gepanzerten Verbänden. Den Zahn der eigenen Offensive in
die DDR hatte die NATO der Bundeswehr bald gezogen373,
aber es blieb deren Aufgabe, mit weit unterlegenen Kräften
gegen die sowjetische Armee anzutreten. Und dies war
427
letztlich genau das, was die allermeisten Führungskräfte der
Bundeswehr als junge Offiziere im Zweiten Weltkrieg auch
gemacht hatten.
Obgleich die Sowjets bekanntermaßen den Krieg
gewonnen hatten, kultivierten die deutschen Veteranen ein
erstaunliches Überlegenheitsgefühl, das sich aus dem Stolz
speiste, einst alle Armeen Europas geschlagen zu haben.374
Generalmajor Artur Weber suchte diesen Stolz 1961 auf seine
12. Panzerdivision zu übertragen: »Die Sowjets werden uns
zahlenmäßig stets überlegen sein. Unsere Führung auf dem
Schlachtfeld wird aber überlegen bleiben, wenn wir unsere
Auftragstaktik pflegen u. den selbständig handelnden Führer u.
Unterführer kultivieren. Dieser Führungskunst ist es zu
danken, daß im 2. Weltkrieg 5 ½ Millionen sowjetische
Soldaten – Soldaten der angeblich unbesiegbaren Sowjetarmee
– vor uns als Gefangene die Hände hochgehoben haben!
Darum geht es!«375 Weber echauffierte sich über einen
Leutnant, der während eines Manövers mit seinen Soldaten in
einen Ort »eingebrochen« war. Als dieser seinem
ungeduldigen Vorgesetzten erklärte, dass er auf einen neuen
Auftrag warte, wurde das Gespräch »einseitig hart«. Solche
Trägheit dürfe es in seiner Division nicht geben!
»Weichendem Feind wird unverzüglich nachgestoßen. Von
kühnen Leuten sind oft gerade in Augenblicken des Erfolges
Ritterkreuze allein mit flinken Beinen u. guten Lungen zu
gewinnen.« Und Weber erklärte weiter: »Es geht natürlich
nicht um Ritterkreuze, sondern darum, Blut zu sparen.« Bei
forschem Zupacken würden einem »Erfolge in den Schoß
fallen, die wenige Stunden später schwere Opfer kosten«.376
Die Nachricht an seine Offiziere war klar: Es galt, den
Führungstraditionen treu zu bleiben. Seine Soldaten sollten
wissen: »Vom Iwan lassen wir uns doch nicht
428
fertigmachen.«377 Der gut ausgebildete deutsche Soldat sei
den Sowjets auch bei Dunkelheit gewachsen und überlegen –
das müsse man den Wehrpflichtigen unbedingt vermitteln. Es
gelte in Not und Gefahr anständig zu »stehen«, »wie es
deutsche Soldaten eh und je getan haben«.378 Und natürlich
müsse man »härter als der Gegner« sein.379
Weber kannte den Krieg von der Ostfront 1942. Als Erster
Generalstabsoffizier erst einer Jäger- und dann einer
Infanteriedivision hatte er den Vormarsch in den Kaukasus und
dann die harten Kämpfe südlich von Stalingrad erlebt. Ende
Januar 1943 war er mit den Überlebenden der 6. Armee in
Gefangenschaft gegangen und als einer der wenigen 1950
zurückgekehrt. Seine Großspurigkeit gegenüber der
sowjetischen Armee diente dazu, das Selbstbewusstsein der
eigenen Männer zu stärken. Ganz erfolglos scheinen solche
Töne der kriegsgedienten Vorgesetzten nicht gewesen zu sein.
Immerhin
meinten
60
Prozent
der
ehemaligen
Bundeswehrangehörigen 1964 in einer Umfrage, dass die
Bundeswehr einen sowjetischen Angriff abwehren könne.380
Diese Haltung basierte auf der auch in Wehrmachtakten immer
wieder anzutreffenden Vorstellung, dass man »dem Russen«
überlegen sei. Doch wie konnte ein solcher Glaube in den
1960er-Jahren immer noch in den Köpfen herumspuken?
Schließlich war die Wehrmacht in Stalingrad eingekesselt und
vernichtet worden. Am Beispiel von Artur Weber lässt sich
verdeutlichen, wie bruchstückhaft der Wissenstransfer von der
Wehrmacht zur Bundeswehr war und wie selektiv die Realität
der Front vermittelt wurde.
Eine systematische Auswertung von Erfahrungen aus dem
Zweiten Weltkrieg gab es in der Bundeswehr nicht.
Generalinspekteur Adolf Heusinger riet 1959 schlicht dazu,
jene Studien zu lesen, die ehemalige deutsche Stabsoffiziere
429
für die Historical Division der US Army geschrieben
hatten.381 Doch diese waren naturgemäß einseitig, weil die
Verantwortlichen von einst kaum die Richtigen waren, um das
eigene Denken und Handeln kritisch aufzuarbeiten. So ging es
in den Ausführungen eher darum, ein positives Bild von der
Leistungsfähigkeit des Heeres im Allgemeinen und der
eigenen Person im Besonderen zu zeichnen.382 Da das 1957
gegründete Militärgeschichtliche Forschungsamt es dezidiert
ablehnte, sich mit anwendungsorientierten Analysen zu
befassen, und zudem sich die Wehrmachtakten noch in der
Hand der Alliierten befanden, erfolgte der Wissenstransfer vor
allem über jene Wehrmachtveteranen, die in der Bundeswehr
Karriere machten und bis in die Generalsränge aufstiegen.
Doch was hatten die Führungskräfte der Bundeswehr
eigentlich im Zweiten Weltkrieg erlebt? Wodurch waren sie
geprägt? Schon ein exemplarischer Blick auf die Biografien
der Kommandeure des Heeres in den Jahren 1969/70 weist auf
einen interessanten Befund hin: Ihre Fronterfahrung hatten
diese meist als junge Zugführer und Kompaniechefs in der
Zeit der deutschen Siege errungen; danach durchliefen sie
dann den spöttisch »Schnellbleiche« genannten, verkürzten
dreimonatigen Generalstabslehrgang und wurden in
Stabsfunktionen im Oberkommando des Heeres, in Korps oder
Divisionen verwendet. Unter den 15 Kommandierenden
Generälen und Divisionskommandeuren der Zeit 1969/70 gab
es überhaupt nur zwei, die in der Wehrmacht keine
Generalstabsausbildung durchlaufen hatten und ausschließlich
in Truppenkommandos verwendet worden waren.383 Und nur
einer von ihnen hatte sich auch 1944/45 inmitten des
Schlamassels befunden: Werner Ebeling erlebte den
Zusammenbruch
der
Ostfront
als
32-jähriger
Regimentskommandeur in der 58. Infanteriedivision in
430
Ostpreußen. Er war hoch ausgezeichnet und hatte 1361 Tage
an der Front gestanden, von 1411 überhaupt möglichen.384
Gewiss hatten auch Offiziere in den Stäben Niederlagen und
Rückzüge erlebt und dem Tod ins Auge gesehen. Aber ihre
Perspektive war doch eine andere als die der Fronttruppen. Sie
publizierten nach dem Krieg dann auch über Taktik und
Operation385, während Ebeling das Buch »Kämpfen und
Durchkommen. Der Einzelkämpfer – kriegsnahe Ausbildung
für das Verhalten abseits der Truppe« schrieb und Romane
verfasste, in denen er seine Erlebnisse vom Kämpfen und
Töten verarbeitete.386
Es lohnt sich daher, all jene Wehrmachtveteranen einmal
genauer zu betrachten, die in der Bundeswehr in den
Generalsrang aufstiegen und damit diese Institution in
besonderer Weise prägten. Diese Gruppe umfasste beim Heer
466 Personen.387 29 Bundeswehrgeneräle der Jahrgänge 1894
bis 1900 hatten im Zweiten Weltkrieg nicht mehr an der Front
gekämpft, sondern waren zuvor schon in höhere
Stabsfunktionen vor allem beim OKH aufgerückt. Auch die
179 Männer der Jahrgänge 1901 bis 1914 waren vor allem in
Stabsfunktionen eingesetzt gewesen. Die Hälfte von ihnen
hatte ihre Kampferfahrungen in der Phase der Blitzsiege
gemacht, und nur rund zehn Prozent waren 1943/45 noch in
Frontkommandos, zumeist als Regimentskommandeure
eingesetzt. Und selbst bei der Jahrgangskohorte 1915–1920
erlebte nur ein Fünftel die Zeit ab 1943 bei den Kampftruppen.
Viele andere befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon in
Schulen und anderen rückwärtigen Verwendungen oder
kurierten in Lazaretten ihre Verwundungen aus. Rund die
Hälfte jener Offiziere, die ab 1943 noch Frontkommandos
innehatten, waren zudem Angehörige von Panzer- und
Panzergrenadierverbänden. Sie erhielten den besten
431
Nachwuchs, waren oft noch gut ausgestattet und hatten daher
immer wieder auch Erfolgserlebnisse. Nur ein Drittel diente in
Infanterieeinheiten, und dann zumeist bei den wenigen
erstklassigen Divisionen dieser Truppengattung. Von den 54
späteren Bundeswehrgenerälen, die zumindest zeitweise den
Krieg in Italien erlebt hatten, waren nur neun in Funktionen
vom Bataillonskommandeur abwärts tätig gewesen. Ein
ähnliches Bild ergibt sich für die Schlacht in der Normandie.
Von der Ohnmacht eines schlecht ausgerüsteten
Infanterieverbandes
hatten
die
meisten
späteren
Bundeswehrgeneräle
keine
Vorstellung.
Echte
»Frontschweine«, also Männer, die viele Jahre in
unmittelbarer Nähe der Hauptkampflinie überlebt hatten, gab
es unter den 466 kriegsgedienten Heeresgenerälen gerade
einmal zwölf. Den Zusammenbruch 1945 erlebte im
vordersten Graben nur ein signifikanter Teil der Jahrgänge ab
1921, die erst im Verlauf der Siebzigerjahre in die höchsten
Verwendungen der Bundeswehr aufrückten. Zu diesem
Zeitpunkt war die Kultur der Bundeswehr längst gefestigt.
Die militärische Führungsspitze verfügte also nicht über
ein halbwegs repräsentatives Kriegserlebnis. Das hatte eine
ganze Reihe von Gründen: In der Bundeswehr gab es ein gut
funktionierendes Netzwerk der Generalstabslehrgänge des
Heeres. Man kannte sich, half einander in die höchsten Posten
und schloss diejenigen aus, die nicht den richtigen Stallgeruch
hatten.388 Zudem hatten viele Frontoffiziere die Apokalypse
des letzten Kriegsjahres nicht überlebt. Und jene, die noch
einmal davongekommen waren, hatten vom Militär oftmals
genug und strebten nach einer zivilen Karriere. Die
desaströsen Niederlagen der zweiten Kriegshälfte waren also
nur abgefedert in den Führungsetagen der Bundeswehr
präsent. Die Doktrin vom Bewegungskrieg, die sich in der
432
ersten Kriegshälfte so bewährt hatte, konnte ungebrochen
implementiert werden. Dass die Wehrmacht den Artilleriekrieg
verlernte, dass Bewegung gegen Feuerkraft nichts ausrichten
konnte, dass das Heer es versäumte, seine Taktik an die neuen
Rahmenbedingungen anzupassen, dass es um die
Führungsfähigkeiten
der
schnell
ausgebildeten
Generalstabsoffiziere oft nicht zum Besten stand – eine
nüchterne Betrachtung all dieser Erfahrungen aus der zweiten
Kriegshälfte fehlte in der Bundeswehr weitgehend. Ein gutes
Beispiel dafür ist Josef Moll, von 1965 bis 1968 Inspekteur
des Heeres. Als Dritter Generalstabsoffizier der 14. Armee
erlebte er 1944, gewissermaßen als Beobachter vom
vorgeschobenen Armeegefechtsstand, den Artilleriekrieg am
Brückenkopf von Anzio. Er schrieb darüber eindrücklich an
seine Frau.389 Von ihm sind aber keine Initiativen bekannt,
über die Grenzen der operativen Führungskunst der
Wehrmacht und die Vernachlässigung der Artillerie
nachzudenken. Und dies, obwohl er bereits während des
Krieges ein kritischer Geist war.
Die Niederlagen der Jahre 1943/45 hatten zumindest bei
denen, die in der Bundeswehr in höhere Positionen aufrückten,
ihr in der ersten Kriegshälfte gewonnenes Selbstvertrauen
nicht grundlegend erschüttert. Zugespitzt formuliert, kam die
Bundeswehrgeneralität nicht über das Narrativ von Paul Carell
hinaus, der die letzte Kriegsphase ausblendete und seine Leser
mit allzu bitteren Schlussfolgerungen verschonte. Fridolin von
Senger und Etterlin war einer der wenigen ehemaligen hohen
Wehrmachtoffiziere mit Einfluss, die schon 1951 vor falschen
Schlüssen aus der Vergangenheit warnten: »Die von der
deutschen Generalität vielfach vertretene […] Theorie, dass
der kräftemäßig verlorene Krieg durch Rückzüge und
Wiedererlangung der Bewegungsfreiheit noch hätte gewonnen
433
werden können, gehört in das Gebiet der Verkennung des
wahren Wesens moderner Kriege, der Selbstüberschätzung
und damit auch der gefährlichen Legendenbildung, als daraus
falsche Schlüsse in Bezug auf die Aussichten, einen
einfallenden Ostgegner mit unterlegenen Kräften abzuwehren,
gezogen werden könnten.«390 Senger hatte – für einen
Wehrmachtgeneral ungewöhnlich – vor dem Ersten Weltkrieg
in Freiburg und Oxford Jura studiert, war 1950 an der
Abfassung der Himmeroder Denkschrift beteiligt, Mitglied im
Personalgutachterausschuss und im Beirat für Innere Führung.
Für den aktiven Dienst war er aber zu alt, er starb schon 1963.
Seine Mahnung ging im Chor der verklärenden Stimmen unter.
Das operative Geschäft versahen in der Bundeswehr andere.
Der Glaube an die operativ-taktische Überlegenheit
gehörte fest zur Identität der Bundeswehr; er bezog sich aber
nicht nur auf die Wehrmacht, sondern reichte zumindest bis ins
19. Jahrhundert und das Führungsdenken seit 1866 zurück.
Dieses Selbstverständnis des Heeres war schon 1960 im ersten
großen Manöver »Wintershield« mit der US Army zu
erkennen. Die deutschen Offiziere mokierten sich über die
»sehr starre« amerikanische Befehlstaktik, die der Truppe bis
zum Bataillon alles haarklein vorschreibe und so jede
Initiative unterdrücke. Die Bundeswehr war sichtlich stolz auf
ihre Tradition der Auftragstaktik und unverändert dem Ideal
einer beweglichen Kampfführung verpflichtet.391 Zu diesem
Zeitpunkt sahen die Planungen der NATO vor, die
Bundeswehrverbände wie an einer Perlenschnur an der
innerdeutschen Grenze aufmarschieren zu lassen, um in den
Verteidigungsstellungen einen sowjetischen Angriff möglichst
lange aufzuhalten. Für das große Operieren fehlten noch die
Kräfte. Aber im Kleinen ging es um die alte Doktrin der
beweglichen Kampfführung mit gepanzerten Verbänden. In
434
der Ausbildung lag schon 1961 der Schwerpunkt auf dem
Gegenangriff. Intern wurde bezeichnenderweise von
»Vorwärtsverteidigung« gesprochen. Und je mehr Divisionen
das Heer aufstellte, je mehr sich die NATO-Strategie hin zur
flexible response entwickelte, desto mehr Gewicht bekam das
Operieren in größeren Räumen und in größerem Maßstab.
Ulrich de Maizière stellte 1967 das frühzeitige Anpacken
des Gegners heraus, forderte ein hohes Maß an Mobilität,
Flexibilität und Wendigkeit. Mit der gesteigerten Feuerkraft
müsse nun weitläufiger operiert und über den Emergency
Defence Plan der NATO hinausgedacht werden.392 Initiative
und Beweglichkeit seien die Grundvoraussetzungen für den
Erfolg im Kampf gegen eine Übermacht. »Daher lege ich
hierauf einen besonderen Nachdruck.«393 Indem de Maizière
in diesem Zusammenhang auch von der »Kunst der
Kriegführung« sprach, stellte er sich bewusst in die Tradition
von Clausewitz und Moltke d. Älteren und der von ihnen
systematisierten Vorstellung, das Chaos der Schlacht ließe sich
nur in einem geradezu schöpferischen Akt des Feldherrn
beherrschen.394 Der Inspekteur des Heeres Albert Schnez
verdeutlichte, wie im Ernstfall gekämpft werden sollte: ein
kurzes Verzögerungsgefecht an der Grenze, dann rasch in eine
hart geführte Abwehr. Als schwierigste Frage galt, wann »der
große, kühne, kräftige Gegenangriff« zu führen war. Auch
Schnez ging es um die militärische »Kunst«, den
Kulminationspunkt einer Schlacht zu erfühlen.395 Und
Generalleutnant Gerd Niepold, Leiter der Übung »Großer
Rösselsprung«, in der 1969 zwischen Rhein, Weserbergland
und Vogelsberg 60 000 Soldaten munter hin und her
manövriert wurden, meinte: »Die Kriegskunst scheint mir
doch nicht so fürchterlich veränderlich.« Schließlich sei alles
schon mal da gewesen: »Im Kaisermanöver 1907 findet sich
435
schon der Rote Riegel nördlich Warburg und ein ähnlich
gelagerter Angriff der Blauen Kräfte.«396 Dass sich die
höheren Stabsoffiziere in einer langen Tradition preußischdeutschen Generalstabsdenkens sahen und ihre eigene Prägung
auf der Kriegsakademie nicht verhehlten, liegt auf der Hand.
Deshalb lehnte de Maizière auch ein rein defensives Konzept,
wie es SPD-Staatssekretär Karl Wilhelm Berkhan im Hinblick
auf die Brandt’sche Entspannungspolitik forderte, entschieden
ab; es blieb bei kosmetischen Zugeständnissen. Die Doktrin
der Vorwärtsverteidigung wurde in Vorneverteidigung
umbenannt, das klang weniger aggressiv. Und bei der Übung
»Gutes Omen« verzichtete man 1971 darauf, dass die rote
Manöverpartei den Warschauer Pakt darstellte.397
Auch unter dem Damoklesschwert eines zumindest mit
taktischen Nuklearwaffen geführten Krieges blieb die
überlieferte Führungskultur der Landstreitkräfte erhalten. Alle
Vorschriften beruhten auf der Vorstellung von Auftragstaktik,
dem Gefecht der verbundenen Waffen und der beweglichen
Kriegführung mechanisierter Heeresverbände, eine Tradition,
die sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.398
Gewiss wurden die Vorschriften und Verfahrensweisen im
Detail weiterentwickelt und an die neuen Waffen angepasst.
Doch die finanziellen Grenzen der konventionellen Rüstung
engten den Spielraum so ein, dass das Heer geradezu auf den
alten Gedanken gestoßen wurde, die zahlenmäßige
Unterlegenheit durch Schnelligkeit und überlegene
Führungskunst zu kompensieren. Dies schien auch im Kalten
Krieg das Gebot der Stunde, wollte man eine militärische
Alternative zur Drohung mit dem kollektiven nuklearen
Untergang aufzeigen.
Da sich das Verständnis vom Kriege nicht grundlegend
geändert hatte, knüpfte auch die Vorstellung vom Wesen des
436
Soldaten an lange Traditionslinien an. Der Begriff der Härte
tauchte bis 1970 noch oft in den Akten auf.399 »Nur ein zu
äußerster Härte erzogener, gut disziplinierter Soldat, der vom
Willen zum Erfolg beseelt ist und durch Rückschläge nicht
entmutigt wird«, könne den Anforderungen eines modernen
Krieges gerecht werden. So war es in der »Konzeption des
Heeres« von 1969 nachzulesen, einem der wichtigsten
Grundlagendokumente der Streitkräfte.400 Erfreut wurde bei
der Übung »Hermelin II« bemerkt, dass die Führer nach zwei
bis drei Tagen eine Entschlossenheit bewiesen, die im Kriege
stets erste Erfordernis sei. Sie hätten ihre abwägende,
unsichere Haltung abgelegt, die der tägliche Dienst mit einer
Vielzahl von Vorschriften, Bestimmungen, Erlassen,
Richtlinien, Weisungen und Befehlen in fataler Weise fördere.
Eifrig, pflichtbewusst und gehorsam habe der Soldat zu
sein.401 Auch der Einklang zwischen Führer und Truppe habe
sich auf den Übungen erfreulicherweise eingestellt. Dieser
habe einst die hohe Schlagkraft der Wehrmacht bis zu deren
Kapitulation entscheidend bestimmt.402 Begrüßenswert sei
auch der Stolz der Soldaten auf die neuen Leopard-Panzer,
»einem
rein
deutschen
Erzeugnis.
[…]
Dieses
Selbstbewusstsein ist ein erfreuliches Zeichen. Es war einst die
Triebfeder für die großen Erfolge der deutschen
Panzertruppe.«403
Während in Fragen der Menschenführung mancher
General durchaus darum kämpfte, »alte Zöpfe« und den
»Unsinn« vergangener Tage abzustreifen, bestand am Kern des
Selbstverständnisses kein Zweifel. »Mein Ziel ist es, aus
diesem Großverband ein Korps zu machen, das im Gefecht
bestehen kann. Alle anderen Dinge treten zurück«, stellte Otto
Uechtritz als Kommandierender General des I. Korps im
Oktober 1968 klar.404 Generalmajor Heinz Günther Guderian
437
sah
dieses
Grundverständnis
angegriffen.
Das
Selbstverständnis der Kampftruppen werde »von den
Modernen und denen, die es sein wollen, von den
Schwarmgeistern in den eigenen Reihen, erst recht von der
Umwelt in Frage gestellt«. Es gebe in einer Armee die
unterschiedlichsten Soldatentypen – Spezialisten, Manager,
Druckknopfkrieger, technische Funktionäre. Doch die
Kampftruppen seien nicht an diesen Maßstäben zu messen. Ihr
Kernauftrag sei nun einmal das Gefecht Panzer gegen Panzer
und Mann gegen Mann, und das erfordere den Führer,
Erzieher und Ausbilder, der junge Menschen zu
»kampfgewillten und kampffähigen Soldaten« mache. Dieser
Auftrag des Heeres werde, so Guderian, immer mehr zerredet.
Die Folge sei, dass die Gefechtsausbildung leide und die
Kampftruppen den schlechtesten Ersatz des ganzen Heeres
bekämen. Sie seien aber kein notwendiges Übel und kein
Anachronismus, sondern der Kern des ganzen Unternehmens.
Und weil dies so war, blieb die mythisch verklärte Wehrmacht
der Referenzpunkt. So schrieb Werner Krieger, ein
kampferprobter Oberst, der seinem Namen im Zweiten
Weltkrieg alle Ehre gemacht hatte, 1969 über die Haltung
seiner Soldaten während einer Übung: »Die Wehrmacht hätte
kein besseres Bild abgegeben als die 11. PzGrenDiv in diesen
Tagen.«405
Entspannungspolitik und Friedensbewegung
Der 21. Oktober 1969 war für die SPD der Anfang einer neuen
Zeitrechnung. Erstmals seit 1930 war wieder ein
Sozialdemokrat Kanzler, und Willy Brandt formulierte in
seiner Regierungserklärung den Anspruch einer neuen Ära des
demokratischen Aufbruchs. Inwieweit das Jahr 1969 wirklich
eine Zäsur war, gar eine zweite Gründung der Bundesrepublik,
wird von Historikern unterschiedlich bewertet.406 Unstrittig
438
ist, dass die neue Regierung in vielen Bereichen Reformen
voranbrachte, die zuweilen Anstöße aus der Zeit der Großen
Koalition aufnahmen, aber auch eigene Akzente setzten. Das
gilt insbesondere für die Außenpolitik. Die Verträge mit
Moskau, Warschau, Prag und schließlich Ostberlin, in denen
die Bundesregierung die Oder-Neiße-Linie als deutschpolnische Grenze und die DDR als Staat anerkannte, stellten
das Verhältnis zum Ostblock auf eine neue Grundlage. Man
habe auf nichts verzichtet, was nicht ohnehin verloren war,
erklärte Brandt. Doch den Status quo zu akzeptieren und die
Wiedervereinigung von der politischen Agenda zu streichen
stellte einen gewaltigen Schritt dar, der innenpolitisch hoch
umstritten war. Das Viermächteabkommen über Berlin 1972
und der Beitritt beider deutscher Staaten zur UNO 1973 waren
weitere Schritte zur Entspannungspolitik, die 1975 mit der
Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki ihren
Höhepunkt erreichte.407
Die
Supermächte
hatten
unterdessen
Abrüstungsverhandlungen begonnen. Mit der Begrenzung der
Abwehrraketen (ABM-Vertrag 1972) und dem Einfrieren der
Aufrüstung mit strategischen Atomwaffen (SALT I 1972)
erzielten sie einen ersten großen Erfolg. Gewiss waren damit
die
Systemunterschiede
und
die
prinzipielle
Blockkonfrontation nicht aufgehoben. Auf beiden Seiten war
freilich der Wille deutlich erkennbar, in friedlicher Koexistenz
zu leben. Taktgeber der großen Politik waren Washington und
Moskau, aber Bonn hatte mit seinen innen- wie außenpolitisch
misstrauisch beäugten Initiativen zur globalen Entspannung
erheblich beigetragen. Die Bundeswehr wurde dadurch
keineswegs überflüssig, zumal niemand an eine konventionelle
Abrüstung dachte. Im Gegenteil: Der Verteidigungshaushalt
wuchs zwischen 1971 und 1974 zwischen 2,5 und 7,5 Prozent.
439
Die neue Regierung investierte also viel Geld in die
Streitkräfte. Diese erreichten nun die schon 1955 geplante
Stärke von 495 000 Mann, und es wurden erhebliche Mittel in
die Modernisierung von Waffen und Gerät gesteckt. Diese
Anstrengungen waren auch ein Signal in Richtung NATO,
dass man trotz Ostpolitik weiter als zuverlässiger Partner zur
westlichen Allianz stand.
Das innenpolitische Signal war nicht weniger deutlich: Die
Bundeswehr sollte am gesellschaftlichen Fortschritt teilhaben:
an der Bildungsreform, an mehr demokratischer
Mitbestimmung und an der Ausweitung des Sozialstaats. Das
Verteidigungsministerium wurde nach den Vorstellungen
Helmut Schmidts umorganisiert. Mit Theo Sommer berief er
einen promovierten Historiker und Journalisten als Chef des
neuen Planungsstabes. Die Gründung der beiden Hochschulen
der Bundeswehr und die Anhebung der Besoldung waren klare
politische Signale. Diese Reformen waren bitter nötig, denn
wenn es nicht gelang, die Bundeswehr zu einem attraktiven
Arbeitgeber zu machen, würde den Streitkräften irgendwann
der Nachwuchs an länger dienenden Soldaten ausgehen. Die
Nachwuchsprobleme gerade bei den Offizieren waren bei
Amtsübernahme der neuen Regierung enorm, und sie hielten –
wie in den anderen westlichen Industrieländern – noch bis
Mitte der Siebzigerjahre an. Dann erst drehte sich der Wind.
Die Verkürzung der Wehrpflicht von achtzehn auf fünfzehn
Monate ab Januar 1973 war ebenfalls ein deutliches
innenpolitisches Signal. Die NATO-Forderung wurde damit
unterschritten, was viele führende Militärs kritisch sahen.
Doch im Vergleich mit den Bündnispartnern stand die
Bundeswehr noch gut da; so dauerte die Wehrpflicht in
Frankreich nur zwölf Monate, in Belgien nur neun. Ein
wichtiger Punkt war allerdings, dass durch die verkürzte
440
Wehrpflicht mehr junge Männer eingezogen werden konnten.
Und durch den Ausbau des Zivildienstes wurden nun alle
halbwegs Tauglichen tatsächlich zum Dienst herangezogen.
Damit bekam man das Problem der Wehrgerechtigkeit, das in
den Sechzigerjahren für viel Unmut gesorgt und unter dem
schon das Kaiserreich gelitten hatte, endlich in den Griff.
Auch die Sozialstruktur des Offizierkorps veränderte sich.
Dies war jedoch kein Ergebnis einer gezielten politischen
Steuerung durch die Sozialdemokratie wie bislang vermutet
wurde. Vielmehr ergab sie sich durch den verbesserten Zugang
zur Bildung: Breitere Kreise der Bevölkerung legten das
Abitur ab und erwarben damit die Qualifikation zur
Offizierslaufbahn.408 Unter den SPD-Verteidigungsministern
der Jahre 1969 bis 1982 – Helmut Schmidt, Georg Leber und
Hans Apel – gab es nun auch mehr Generäle mit SPDParteibuch. Aber im engeren Sinne politische Beförderungen
waren die Ausnahme, und die meisten hohen Offiziere blieben
eher CDU-nah. Geradezu revolutionär war freilich, dass mit
Karl Schnell 1977 erstmals in der Bundesrepublik ein General
beamteter Staatssekretär wurde.409 Gegen diese Entscheidung
gab es erhebliche politische Widerstände. Der auch bei den
Soldaten beliebte ehemalige Gewerkschafter Georg Leber aber
hatte keine Berührungsängste. Sein Nachfolger Hans Apel war
da schon zögerlicher. Er war der erste ungediente
Verteidigungsminister der deutschen Geschichte, und seine
habituelle Distanz zum Militär war allenthalben spürbar.410
Nach den bewegten Sechzigerjahren waren die Siebziger für
die Bundeswehr eine eher ruhige Zeit ohne viele Affären. Sie
verschwand zwar nicht aus den Debatten, hatte aber doch
einen nachrangigen Stellenwert. Lediglich der Besuch des
einstigen Fliegerhelden und offen rechtsextremen Hans-Ulrich
Rudel in einer badischen Kaserne erregte 1976 die
441
Öffentlichkeit und führte zum Rücktritt von zwei Generälen.
Ansonsten fügte sich die Bundeswehrführung in den ihr
vorgegebenen Rahmen. Auch außenpolitisch darf ihr Gewicht
nicht zu hoch veranschlagt werden. Sie spielte in den großen
internationalen Verhandlungen keine Rolle. Der nuklearen
Bedrohung hatte sie nichts entgegenzusetzen, und selbst im
konventionellen Bereich stand sie dem potenziellen Gegner
geradezu hilflos gegenüber. Nach drei Tagen Kampf würden in
Westdeutschland die Lichter ausgehen – davon waren alle
Experten überzeugt.
Die Bundeswehr war also Teil des Pflichtprogramms. Die
Kür – das, was wirklich zählte – war die Entspannungspolitik.
Dieser Kurs entsprach nicht nur außenpolitischer Vernunft,
sondern auch einem gesellschaftlichen Klima, das ältere
Strömungen wie den Kampf gegen die Wiederbewaffnung und
die atomare Aufrüstung der Fünfzigerjahre, vor allem aber den
Aufbruch der 68er-Bewegung aufnahm. Egon Bahr,
außenpolitischer Berater Willy Brandts, träumte von einem
mitteleuropäischen Sicherheitssystem, in dem die BeneluxStaaten, die Bundesrepublik, die DDR, die ČSSR und Polen
die Gegensätze von Kapitalismus und Kommunismus
überwinden und gemeinsam eine Art demokratischen
Sozialismus entwickeln sollten.411 Durchsetzbar waren solche
Projekte gewiss nicht. Sie zeigen aber, dass selbst Teile des
politischen Establishments in der Sowjetunion keine
Bedrohung mehr, sondern einen Partner sahen. Als mit Helmut
Schmidt ein Realpolitiker ins Kanzleramt einzog,
verschwanden diese Ideen dort vorerst.412 Auch ihm war zwar
an der Fortsetzung der Entspannungspolitik gelegen, aber er
machte sich keine Illusionen über die Bedrohung, die nach wie
vor von der Sowjetunion ausging.
442
Als Moskau sein Arsenal an Mittelstreckenraketen
modernisierte und ab 1976 SS-20-Raketen stationierte, war
Schmidt alarmiert, weil er das atomare Gleichgewicht und die
Abschreckung als wichtigste Garanten der Sicherheit
betrachtete, die mit den neuen Raketen in eine gefährliche
Schieflage zu geraten schienen. Die SS 20 bedrohten nur
Europa, nicht die USA. Würde es durch Verhandlungen nicht
gelingen, diese Waffen abzurüsten, werde auch das westliche
Bündnis nachrüsten müssen, verdeutlichte er in seiner
berühmten Londoner Rede im Juli 1977. Schmidt wollte damit
auch verhindern, dass Europa sicherheitspolitisch von
Amerika abgekoppelt wurde. Einen auf Europa begrenzten
Atomkrieg wollte er von vornherein unmöglich machen. Nur
wenn Moskau selber von Mittelstreckenraketen bedroht wäre,
so die Überlegung, ginge von den SS 20 keine Bedrohung
mehr aus. Zwei Jahre später vereinbarten die Außenminister
der NATO den sogenannten Doppelbeschluss. Ihm zufolge
sollten
amerikanische
Pershing-2-Raketen
und
Marschflugkörper in der Bundesrepublik, Italien, den
Niederlanden und Großbritannien stationiert werden, falls es
nicht gelang, in Verhandlungen die Sowjetunion dazu zu
bringen, ihre SS 20 abzuziehen.
Kanzler Schmidt erwies sich als verlässlicher Partner der
Allianz – gegen einen immer stärkeren Widerstand aus der
eigenen Partei, die in puncto Sicherheitspolitik stetig nach
links gewandert war.413 Auf dem Berliner Bundesparteitag im
Dezember 1979 hatten die Delegierten Schmidt noch gestützt,
aber bald wurde die Kritik immer lauter. Als 1981 300 000
Menschen in Bonn gegen die Nachrüstung demonstrierten,
waren auch fünfzig SPD-Bundestagsabgeordnete dabei.
Schmidt verlor rasant an Rückhalt. Zu seinem Sturz im
Oktober 1982 trug die sicherheitspolitische Entfremdung vom
443
Koalitionspartner – die FDP befürwortete die Nachrüstung –
wesentlich bei. Einmal in der Opposition, konnten die
kritischen Stimmen in der Sozialdemokratie nicht mehr
gebannt werden. Bei der großen Demonstration im Bonner
Hofgarten im Oktober 1983 marschierte auch der SPDVorsitzende Willy Brandt mit, und Oskar Lafontaine forderte
nicht weniger als den Austritt aus der militärischen Integration
der NATO.414 Auf dem Kölner Parteitag im November 1983
war Schmidt in einer geradezu gespenstischen Weise isoliert.
Nur noch dreizehn Delegierte votierten zusammen mit ihm für
die Stationierung der amerikanischen Raketen, 386 dagegen.
Der Protest gegen die atomare Nachrüstung vereinte
Milieus ganz unterschiedlicher Art: neben Sozialdemokraten
und Gewerkschaften vor allem christliche Gruppen aus der
evangelischen Kirche, Anarchisten, Kommunisten, freie
Intellektuelle und Umweltaktivisten. Hunderttausende
beteiligten sich an Massendemonstrationen in Hamburg, Bonn,
Bochum
und
Berlin,
die
auch
Ausdruck
von
Modernitätsskepsis, Zukunftsängsten und einer neuen
Protestkultur waren. Hinzu kam eine dezidiert kritische Sicht
auf die deutsche Geschichte. Da von deutschem Boden zwei
Weltkriege ausgegangen waren, habe das Land eine besondere
Verpflichtung, sich für den Frieden einzusetzen.415 Das
Ordnungssystem des Kalten Krieges mit seinem Schema von
Gut und Böse, Schwarz und Weiß überzeugte diese Menschen
nicht mehr.416 Sie wollten die Entspannungspolitik der
Siebzigerjahre fortsetzen und einen Weg aus der
Blockkonfrontation finden. Hochgerüstete Streitkräfte
erzeugten für sie keine Sicherheit. Im Gegenteil: Das Konzept
der Abschreckung erschien als ein unverantwortliches Spiel
mit dem Feuer, das die Welt in den nuklearen Abgrund zu
stürzen drohte. Der NATO-Doppelbeschluss von 1979 wirkte
444
da wie ein Fanal zum Widerstand – und dies nicht nur in der
Bundesrepublik.
Die Friedensbewegung war ein transnationales Phänomen
des Westens und erfasste in deutlich abgemilderter Form sogar
die andere Seite des Eisernen Vorhangs. Da beide
Supermächte den Globus ohnehin mehrfach hätten vernichten
können, erschien eine Nachrüstung von Mittelstreckenraketen
unnötig und unsinnig. Das Misstrauen gegenüber den
Vereinigten Staaten und den Militärs schürte Ängste, in den
Stäben der NATO würde womöglich kühl mit der Möglichkeit
eines Atomkriegs gespielt. Entsprechende Äußerungen
manches Pentagon-Strategen gossen Öl ins Feuer. Diffuse
Untergangsängste spiegelten sich in Filmen wie »The Day
After« oder »War Games« wider. Viele Friedensaktivisten
bezweifelten, dass die Sowjetunion aggressive Absichten
haben könnte. Aus ihrer Sicht war das bis an die Zähne
bewaffnete Land rein defensiv ausgerichtet. Und so
protestierte man gegen die amerikanische Intervention in
Nicaragua417, nicht aber gegen die Besetzung Afghanistans
durch die Sowjets oder die Ausrufung des Kriegsrechts in
Polen.
Der Krefelder Appell vom November 1980 forderte von
der Bundesregierung, die Zustimmung zur Stationierung
amerikanischer Mittelstreckenraketen zurückzuziehen, den
»selbstmörderischen Rüstungswettlauf« zu beenden und sich
für eine alternative Sicherheitspolitik einzusetzen. Bis 1983
unterschrieben ihn vier Millionen Bürger. Sie wussten nicht,
dass er unter maßgeblichem Einfluss der SED zustande
gekommen war, die über die von ihr finanzierte Deutsche
Friedens-Union
eine
antiamerikanische
Stoßrichtung
durchsetzen konnte. Hinweise auf die sowjetischen SS 20
enthielt der Appell nicht. Freilich waren die vier Millionen
445
Unterzeichner mehrheitlich keine Kommunisten, wie Frank
Bösch betont hat.418 Sie waren zweifellos ehrlich um Frieden
und Abrüstung bemüht. Selbst die Handlanger der DDR
konnten die so heterogene Friedensbewegung nicht wie eine
Marionette steuern. Gleichwohl spielte die ostdeutsche
Subversionsarbeit eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Geschickt verstärkte sie die Tendenz einer allzu einseitigen
Kritik an den Vereinigten Staaten und der NATO. Aus heutiger
Sicht ist bemerkenswert, dass die Existenz des größten
Militärpotenzials, das je in der Menschheitsgeschichte
mobilisiert wurde – nämlich dasjenige des Warschauer Paktes
–, in den Debatten der Friedensbewegten kaum eine Rolle
spielte. Gewiss gab es auch Stimmen, die von der Sowjetunion
Schritte zur Abrüstung einforderten. Sie waren im Diskurs
aber kaum vernehmlich.419
Kanzler Helmut Kohl war ohnehin entschlossen, einen
proamerikanischen Kurs zu steuern, und hielt an der
Nachrüstung fest – auch, als es im Oktober 1983 in Bonn zur
größten Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik
kam und 500 000 Menschen gegen die Stationierung der USMittelstreckenraketen auf die Straße gingen. Das war Wasser
auf die Mühlen Moskaus, wo man – nach allem, was wir
wissen – zwar keine militärischen Angriffspläne hegte, aber
politisch auf die Spaltung des Westens und die
Zurückdrängung des amerikanischen Einflusses hinarbeitete.
Für Kohl waren die Protagonisten der damaligen
Friedensbewegung
»schlicht
und
einfach
Vaterlandsverräter«420. Damit meinte er wohl nicht nur jene,
die nachweislich im Sold Erich Mielkes standen, sondern auch
jene Teile von SPD und Grünen, die mit der Idee eines
Vaterlandes, das es gegen die kommunistische Diktatur zu
schützen galt, nichts mehr anfangen konnten. Kohl gewann die
446
Bundestagswahl von 1983 deutlich gegen den SPDKandidaten Hans-Jochen Vogel. Dafür gab es viele Gründe,
aber ganz offensichtlich bestand die westdeutsche
Bevölkerung nicht nur aus Friedensaktivisten. Eine Mehrheit
war vom Ordnungssystem des Kalten Krieges durchaus noch
überzeugt.421
Im November 1983 begann die Stationierung
amerikanischer Pershing-2-Raketen in Baden-Württemberg.
Die Massendemonstrationen hielten an, auch wenn die
Teilnehmerzahlen
nun
rapide
abnahmen.
Die
Friedensbewegung hatte ihren Zenit überschritten. Bis heute
wird darüber gestritten, welche Langzeitwirkung sie hatte.
Manche sehen sie als Vorkämpfer der Zäsur von 1989/91, da
dank ihrer Existenz Gorbatschow von der Friedfertigkeit des
Westens überzeugt werden konnte. Allerdings erscheint es
plausibler, den Rüstungsanstrengungen der NATO, dem
Doppelbeschluss und den öffentlichkeitswirksamen Plänen zur
Raketenabwehr im Weltraum (SDI) einen weit größeren
Einfluss auf den Zusammenbruch der Sowjetunion
zuzumessen.422 Die NATO zwang den Kreml in eine
Hochrüstung, der er wirtschaftlich nicht gewachsen war. Und
auch der INF-Vertrag, in dem die beiden Supermächte 1987
die Verschrottung ihrer Mittelstreckenraketen vereinbarten,
wäre kaum zustande gekommen, wenn die Vereinigten Staaten
1983 auf die Stationierung verzichtet hätten. Schmidt und
Kohl wiesen also den richtigen Weg. Wirkungslos war die
Friedensbewegung dennoch nicht. Sie hatte innenpolitisch und
innergesellschaftlich erhebliche Folgen, was sich nicht zuletzt
in der anhaltend kritischen Haltung zur Bundeswehr zeigte.423
Um die westdeutschen Streitkräfte ging es in den erregten
Debatten der frühen 1980er-Jahre allerdings nur indirekt.
Dominierendes Thema der Außen- und Sicherheitspolitik
447
waren die Atomwaffen der Supermächte. Durch die
fundamentale Kritik am Prinzip der Abschreckung, die
Forderung nach allgemeiner Abrüstung und die pazifistische
Kritik am Militär geriet dann aber auch die Bundeswehr ins
Visier der Friedensbewegung. Forderungen nach ihrer
Abschaffung, zumindest aber nach ihrer weiteren
Demokratisierung und Zivilisierung machten die Runde.424
Als die Bundeswehr zum 25. Jahrestag des NATO-Beitritts im
Mai 1980 ein öffentliches Gelöbnis mit 1200 Rekruten im
Bremer Weser-Stadion veranstaltete, protestierten 10 000
Demonstranten lautstark und zunächst friedlich. Doch die
Situation eskalierte bald, und das beschauliche Bremen erlebte
eine Straßenschlacht, wie es sie dort noch nie gegeben hatte.
Molotow-Cocktails und Steine flogen in Richtung Polizei, und
einige Hundert Protestler versuchten, das Weser-Stadion zu
stürmen, was nur mit Mühe verhindert werden konnte. Der
Bundespräsident wurde per Helikopter eingeflogen, da der
Landweg zu unsicher schien. Das Gelöbnis konnte dann wie
geplant durchgeführt werden. Verletzt wurden 257 Polizisten,
drei Soldaten und mindestens 50 Demonstranten. Die meisten
hatten friedlich protestieren wollen, aber die Organisatoren
waren keineswegs pazifistisch orientiert. Die von der DDR
finanzierten DKP-nahen Friedensgruppen sowie Autonome
und Maoisten wollten die Bundeswehr und die NATO
insgesamt in Misskredit bringen. Das gelang zwar nicht, aber
der militante Protest war dennoch ein Erfolg: In den nächsten
zehn Jahren wurden Gelöbnisse nur noch hinter
Kasernenmauern durchgeführt, obwohl zwei Drittel der
Westdeutschen mit der öffentlichen Form des Rituals
einverstanden waren.425 Auf die Bundeswehr wirkte dieser
Rückzug wie eine barsche Zurückweisung. »Sind wir Soldaten
die Trottel der Nation? Wollen die überhaupt verteidigt
werden?«, fragten sich etliche Soldaten, und auch, ob dies
448
noch das Land sei, für das sie einmal die Uniform angezogen
hatten.426
Die Krawalle von Bremen waren nur die Spitze des
Eisbergs. »Der Beitrag der Streitkräfte zur Sicherung des
äußeren Friedens in Freiheit wurde im öffentlichen
Bewusstsein zunehmend weniger anerkannt«, schrieb
Generalinspekteur Jürgen Brandt 1981 frustriert. »Damit nahm
auch die Einsicht in die Notwendigkeit von Streitkräften ab.
Zudem wirkten die veränderte Einstellung zu Autorität und
Pflicht sowie der Rückgang formaler Ordnungsprinzipien in
der Gesellschaft sich auch in den Streitkräften aus und
erhöhten innere Vorbehalte zusätzlich.«427 Die Umfragen
zeigten jedoch ein ambivalentes Bild. Hohe Zustimmungsraten
erhielt die Bundeswehr als Institution. Rund drei Viertel der
Befragten meinten, ihre Existenz sei sehr wichtig oder wichtig,
nur gut sechs Prozent hielten sie für gefährlich oder
überflüssig.428 Immerhin meinten 57 Prozent, dass sich die
Bundesrepublik militärisch gegen einen Angriff wehren sollte.
Falls dabei auch Atomwaffen eingesetzt werden würden,
waren zwei Drittel allerdings dagegen. Anders sah es bei der
Frage aus, selber Militärdienst zu leisten. 54 Prozent der
befragten jungen Männer zwischen 18 und 24 Jahren sagten,
sie würden das nur ungern tun, lediglich sechs Prozent gaben
1980 an, gerne Soldat sein zu wollen. Hinzu kam, dass man
den Streitkräften nicht viel zutraute. 1980 glaubte nur ein
Drittel der Bevölkerung, dass die Bundeswehr in der Lage sei,
das eigene Land zu verteidigen.429
Der Sieg Helmut Kohls bei der Bundestagswahl 1983
änderte an diesem Befund nichts grundsätzlich. Die von Kohl
angekündigte, von linker Seite befürchtete und von
Konservativen gerade auch aus der Kriegsgeneration
erwartete430
»geistig-moralische
Wende«
blieb
im
449
Wesentlichen aus. Mehr noch als beim Regierungswechsel von
1969
dominierte
die
Kontinuität
zumindest
der
gesellschaftlichen Haltungen. Das Gros der Bundesbürger hielt
die Bundeswehr weiter für eine wichtige staatliche Institution,
aber die Skepsis gegenüber dem Militärdienst blieb bestehen,
zumal ab 1984 das Gefühl rapide abnahm, von der
Sowjetunion bedroht zu werden.431 Der Zivildienst hatte sich
längst zu einer weithin akzeptierten Ersatzlösung für all jene
entwickelt, denen eine zivile Tätigkeit sinnvoller erschien als
der Dienst an der Waffe. Im Übrigen nahm auch die Zahl der
Bundestagsabgeordneten rapide ab, die selbst Militärdienst
geleistet hatten – sei es bei der Wehrmacht oder der
Bundeswehr. 1969 war mit rund 64 Prozent ein Allzeithoch
seit 1919 erreicht. 1982 gab nur noch ein knappes Drittel der
männlichen Parlamentarier an, einmal Uniform getragen zu
haben.432
In den heftigen Debatten, die rund um den 40. Jahrestag
des Kriegsendes geführt wurden, ausgelöst durch den Besuch
des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem
deutschen Soldatenfriedhof in Bitburg am 5. Mai und die Rede
Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985, war das Verhältnis
der Bundeswehr zur Wehrmacht kein Thema. Die Grünen als
die in dieser Hinsicht aktivste Oppositionspartei stellten ihre
erste Kleine Anfrage zu diesem geschichtspolitischen Kontext
erst im Juni 1987 im Bundestag; Anlass war das vom
Heeresamt herausgegebene Buch Kriegsnah ausbilden433, das
an Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg anknüpfte.
Ansonsten konzentrierten sie ihre parlamentarische
Kontrollfunktion in puncto Bundeswehr ganz auf Fragen des
Atomwaffeneinsatzes,
der
Manöver
und
der
Kriegsplanungen.434
450
Reformen
Bildungsoffensive
Die Bundeswehr wurde von Anfang an in das innenpolitische
Reformprogramm der sozialliberalen Regierung einbezogen.
Überall im Land entstanden neue Universitäten, und im
Oktober 1973 erhielten auch die Streitkräfte in Hamburg und
München ihre eigenen Hochschulen. Das Studium war für alle
jungen Offiziere nun verpflichtend.435 Auch für die
Unteroffiziere wurden die Weiterbildungsmöglichkeiten
deutlich erweitert. Neu war die Möglichkeit, in der Dienstzeit
die
Meisterausbildung
in
einem
Handwerksberuf
abzuschließen. So mauserte sich die Bundeswehr allmählich
zu einer attraktiven Weiterbildungsinstanz, die vielen Soldaten
den sozialen Aufstieg ermöglichte und den Zeitsoldaten nach
dem Ausscheiden die Eingliederung in die zivile Berufswelt
erleichterte. Öffentliche Debatten um die Innere Führung gab
es nun nicht mehr. Es gab keine zweite Heye-Affäre, keine
neue Schnez-Studie, keinen Aufstand der Hauptleute. Doch
unter der Oberfläche rumorte es noch. Etliche Offiziere waren
mit dem Kurs der sozialliberalen Regierung alles andere als
einverstanden. Sie befürchteten das Abdriften in eine
sozialistische Gesellschaft und eine lebensbedrohliche
Gefährdung des eigenen Staates durch die Ostpolitik436, und
sie kritisierten den SPD-Vordenker Egon Bahr und die Jusos –
was in weiten Teilen des konservativen Lagers zu dieser Zeit
üblich war. Generalmajor Richard Reichenberger, der wenige
Jahre später zum stellvertretenden Inspekteur des Heeres
aufstieg, sah 1973 »zu viele Kräfte am Werk, die entweder von
Utopia kommen oder nach Utopia wollen und damit
zielgerichtet den Neutralismus anstreben. Mir schwant
Schlimmes!«437 Von den »Nichtskönnern von Bahr über
451
Brandt bis Baudissin«438 war die Rede. Manch einer
befürchtete, dass das Heer Zug um Zug in eine sozialistische
Truppe umgewandelt werden sollte, deren Schlagkraft kaum
noch interessiere.439
Hermann Büschleb hatte es im Frühjahr 1971 geschafft, die
Verhältnisse in der 7. Panzergrenadierdivision in Unna zu
beruhigen, deren Hauptleute den öffentlichen Aufstand
geprobt hatten. Den gesellschaftlichen Wertewandel und die
gewollte Ausrichtung der Streitkräfte auf den Frieden sah er
gleichwohl skeptisch. »Die Soldaten sind nur noch
Funktionsträger im Frieden.«440 Sie seien »materiell
verseucht, lustlos, ohne Ideale«.441 Es fehle in der Ausbildung
an »tatsächlicher Härte, Gewöhnung an Durchstehen von
Anstrengungen,
Panikabwehr,
Selbstdisziplinierung,
körperlicher Haltung«.442 Allenthalben waren Klagen über den
Wandel im Offizierkorps zu hören, das sich nach Ansicht
jener, die im »alten Geist« der Aufbauzeit den Dienst
versahen, zu sehr auf den Frieden einstellte.443
Dazu passte die Kritik an den Hochschulen der
Bundeswehr. Schier endlos hatte man in den Sechzigern über
mehr Bildung diskutiert. Selbst konservative Denker wie
Heinz Karst waren der Ansicht, dass die Streitkräfte mit der
Akademisierung der Gesellschaft Schritt halten mussten.
Freilich gab es die Sorge, sich damit die Zustände an den
zivilen Universitäten in die Streitkräfte zu holen oder die
jungen Offiziere zu truppenfern zu erziehen.444 Solche
Befürchtungen gab es beileibe nicht nur in den Kampftruppen
des Heeres.445 Aber dort war die Kritik besonders scharf, weil
nun alle Offiziere studieren mussten, selbst wenn sie es gar
nicht wollten. Der erfahrene Troupier drohe auszusterben, hieß
es. Der junge Fallschirmjäger-Oberleutnant Fritz Zwicknagel
prophezeite, dass Nichtakademiker im Heer keine
452
entscheidenden Positionen mehr einnehmen würden und die
Kunst der Führung brotlos werden würde.446
So weit kam es indes nicht, da die ersten studierten
Offiziere447 erst nach dem Ende des Kalten Krieges in höhere
Führungspositionen aufrückten. Eine Mehrheit von ihnen hatte
das Studium sowieso befürwortet. An den Hochschulen in
Hamburg und München bildeten sich rasch drei Gruppen: Die
einen wollten Berufsoffizier werden und sahen das Studium
als eine gute Möglichkeit, ihre Bildung zu verbessern und in
übergeordneten Zusammenhängen zu denken. Der Fokus der
zweiten Gruppe war ganz auf den späteren Zivilberuf
ausgerichtet. Diese Männer waren oftmals nur deshalb in die
Bundeswehr eingetreten, um den Numerus clausus zu
umgehen und mit Gehalt studieren zu können. Sie hatten eine
hohe Studienmotivation, strebten nach einer möglichst guten
Diplomnote und interessierten sich wenig für die Rolle als
Soldat. Die dritte Gruppe identifizierte sich mit dem Militär;
das Studium war für sie eine Art Lehrgang, der zu absolvieren
war, bevor man endlich Aufgaben in der Truppe übernehmen
konnte. Das Selbstverständnis dieser drei Gruppen klaffte weit
auseinander. Während die einen zuweilen eine Militarisierung
des Studiums kritisierten, klagten die anderen über einen
Mangel an Soldatentum.448 Hinzu kamen Spannungen
zwischen dem Lehrpersonal und den Studenten, weil manche
der jungen Offiziere sich dem betont militärkritischen Duktus
mancher Dozenten nicht beugen wollten.
Werner von Scheven, ein kluger und besonnener Offizier,
der sich immer wieder in Stabsfunktionen mit der Inneren
Führung befasste, blickte trotz aller Vorteile der
Bildungsoffensive mit Sorge auf die Entwicklung der
Hochschulen der Bundeswehr: »Mehr als nur einzelne
Professoren der einschlägigen Fachbereiche nehmen ihre
453
Aufgabe
mit emanzipatorisch-gesellschaftsverändernden
Ambitionen wahr, die den soldatischen Erziehungszielen
entgegengerichtet sind.« Pluralität in der Erziehung sei schön
und gut, führe aber auch zum Verlust an beruflichem Konsens,
an
Homogenität
im
Wertebewusstsein
und
im
Führungsverständnis. Gemeinsame Grundüberzeugungen, so
Scheven, hätten funktionale Bedeutung für den Krieg, auf den
man sich vorzubereiten habe. Es sei daher bedenklich, wenn
sich die militärspezifische Berufskultur auflöse und stattdessen
Bürokratismus
und
Technokratisierung
zwangsläufig
zunähmen.449 Auch Hans-Dieter Bastian, ein Bonner
Religionspädagoge, der intensiv über die Bundeswehr
forschte, äußerte sich 1984 deprimiert über einen Besuch an
der Hochschule in Hamburg. Es gebe kaum militärische
Inhalte im Lehrprogramm, da die Professoren der Erziehungsund Gesellschaftswissenschaften diesen Stoff geradezu empört
ablehnten. »Sieht man im Bild des Offiziers den Führer,
Erzieher und Ausbilder, dann kann die Studienphase in
Hamburg nur als kontraproduktiv bezeichnet werden«450,
resümierte er.
Die Bundeswehrhochschulen waren zivil-militärische
Zwitterwesen, in denen sich das spannungsreiche Verhältnis
von Gesellschaft und Militär wie in einem Brennglas bündelte.
Sie sollten eine freie akademische Ausbildung bieten, ohne
dabei den Status ihrer Studenten als Offiziere aus den Augen
zu verlieren. Doch die vielfach dezidiert militärkritischen
Dozenten hatten ganz andere Vorstellungen von der Lehre als
viele Offiziere inner- und außerhalb der Universität. Sie
befürchteten stets, dass die Militärs die Grundlagen der
akademischen Ausbildung schleifen würden. Es gab sogar die
Sorge, dass Offiziere mit Hochschulstudium nach ihrer
Bundeswehrzeit in hohe Positionen in der Wirtschaft und
454
Verwaltung aufrücken könnten. Wer konnte schon sagen, ob
sich auf diese Weise nicht Verhaltensweisen der Streitkräfte
auf die Zivilgesellschaft übertrugen, sich gar Netzwerke
ehemaliger Offiziere in Firmen und Behörden bildeten?451 Zu
Anfang gab es also zahlreiche Vorbehalte. Die
Akademisierung der Offiziersausbildung brauchte Zeit, um
sich durchzusetzen. Aber sie war zweifellos eine wichtige
Errungenschaft und wurde schließlich in den Streitkräften
akzeptiert. An der Dreiteilung der Studentenschaft hat sich
indes bis heute nichts geändert.452
Grenzen der Inneren Führung
Die Reaktionen auf die Einführung des Bundeswehrstudiums
zeigten, dass mit dem Abflauen der großen öffentlichen
Skandale die innere Zerrissenheit des Offizierkorps
keineswegs überwunden war. Das betraf auch die Haltung zur
Inneren Führung. Einer ihrer Protagonisten war Carl-Gero von
Ilsemann. Er war ein außerordentlich kluger und reflektierter
Zeitgenosse, avancierte 1969 zum Pressesprecher Helmut
Schmidts und stieg bis zum Kommandierenden General auf.
Begonnen hatte er seine Karriere im Referat Graf von
Baudissins. Das Thema der Inneren Führung hatte ihn auch in
seinen Truppenverwendungen immer besonders interessiert.
Sein Buch über die »Bundeswehr in der Demokratie« war ein
kräftiges Plädoyer für die Praxistauglichkeit dieses
Konzepts.453
Die Wirkung solcher Publikationen blieb – ähnlich wie bei
entsprechenden Vorschriften – jedoch begrenzt. Während im
Heer jeder mit der Auftragstaktik oder dem Führen von vorne
etwas anfangen konnte, blieb der Begriff der Inneren Führung
schwammig. Die meisten verstanden darunter lediglich den
vernünftigen Umgang mit den Soldaten. Selbst der zivile
Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium,
455
Walter Stützle, sah das so. Er hielt das Konzept für ein
zeitloses Denkmodell. Konkret anwendbar sei nur die
zeitgemäße Menschenführung.454 Freilich ging die Idee der
Inneren Führung weit darüber hinaus. Sie sollte die
Identifikation mit den Werten und Normen von Gesellschaft,
Staat und Streitkräften sicherstellen und den Bezug zum
rechtmäßigen politischen Willen von Parlament und Regierung
verdeutlichen. Doch dieser Anspruch blieb für den
Truppenalltag zu abstrakt. Das Konzept verkam zur »puren
Theologie«455, war vielfach nicht mehr als eine
»Beschwörungsformel«456, und seine Dogmatisierung führe zu
bloßen Lippenbekenntnissen, so war zu hören. Das lag auch
daran, dass die Innere Führung durch eine Vielzahl von
Vorschriften bis ins Kleinste reglementiert wurde. Diese
Kodifizierung erlaubte zwar Kontrolle. Aber eine
demokratische Gesinnung im Geiste des freiheitlichdemokratischen Rechtsstaates457 ließ sich kaum vorschreiben.
Sie war nur in einem steten Prozess zu erreichen. Dazu
brauchte es Freiräume, vor allem die Möglichkeit, die Dinge
auch unterschiedlich zu interpretieren. Doch die Regelwut
stand dem im Wege. Dafür wusste jedermann, was in die
Zustandsberichte geschrieben werden musste: Überall war
vom kooperativen Führungsstil die Rede, was immer der
einzelne Offizier darunter verstehen mochte. In jedem Fall
klang es gut, und »oben« wollte man es so hören.
Im militärischen Verwaltungsalltag wurde unter Innerer
Führung ein Bündel von »weichen Themen« subsumiert, etwa
das
Disziplinarund
Beschwerdewesen,
die
Kriegsdienstverweigerung und die Politische Bildung. In die
Militärische Führungslehre war sie nicht integriert, sondern
wurde
als
Fremdkörper
angesehen.
Nur
wenige
Kommandeure, die sich persönlich für das Thema
456
interessierten, füllten das sterile Konzept mit Leben. Das
bedeutet freilich nicht, dass die Soldaten keine Demokraten
waren. Für viele wurde schlicht zu viel Aufhebens um derlei
Konzepte gemacht. Manches kam ihnen wie eine weltfremde
Heilslehre vor, über die sich hinter vorgehaltener Hand
beißender Spott ergoss. Über die Seminare am Zentrum für
Innere Führung schrieb ein Oberstleutnant, der es immerhin
bis zum Kommandeur eines Panzeraufklärungsbataillons und
Referenten im Führungsstab der Streitkräfte brachte: »Tage
der ritualisierten Hilflosigkeit, Gebetsmühlen, tonnenweise
guter Wille, heilige Einfalt. Der Kaiser aber bleibt nackt,
unerbittlich nackt. Sie mögen so viel Papier bedrucken, wie sie
wollen. Und doch ist all das nichts als der traurige Reflex der
gebrochenen Identität des deutschen Volkes – der krampfhaft
klägliche Versuch der politischen Entschuldigung für die
Existenz der Armee.«458
Ein fester Bestandteil der Inneren Führung war das
Konzept des Staatsbürgers in Uniform, des mündigen Bürgers,
der aus innerer Überzeugung seinen Dienst in den Streitkräften
leisten sollte. Die Wehrpflichtigen traten indes nicht aus
staatsbürgerlicher Einsicht in die Armee ein, sondern schlicht,
weil sie es mussten.459 In der Schule hatten sie nichts von den
hehren Konzepten der Bundeswehr gehört. Das gültige
Leitbild
vom
Staatsbürger
werde
von
keinem
Erziehungsinstitut und keiner Jugendorganisation mehr geteilt,
stellte von Ilsemann fest. Die meisten Vertreter von Kirche,
Bildung und Jugendarbeit würden ein Bild des Konsumbürgers
mit beschränkter Haftung vermitteln, der sich selbst
verwirklicht.
Der
Staat
werde
dabei
auf
ein
Dienstleistungsunternehmen reduziert.460 »Idee und Tradition
der allgemeinen Wehrpflicht haben in diesem Land bald keine
tragfähige
Grundlage
mehr.
Wir
leben
von
457
Selbstverständlichkeiten, die keine mehr sind«461, schrieb
Werner von Scheven 1983. Diese Worte waren in ihrer
Absolutheit gewiss überspitzt, trafen aber den Trend der Zeit.
Die Zahl der Wehrdienstverweigerer stieg kontinuierlich. 52
Prozent der Abiturienten entschieden sich ohnehin für den
Zivildienst. In gewisser Weise entwickelte sich die
Bundeswehr trotz Wehrpflicht zu einer Freiwilligenarmee.462
Es war abzusehen, dass sich Ende der Achtzigerjahre die Lage
dramatisch zuspitzen würde, wenn die geburtenschwachen
Jahrgänge eingezogen werden würden.
Aus Sicht der Bundeswehr musste also dringend etwas
unternommen werden. Es gab allerlei Werbemaßnahmen, um
das Image der Streitkräfte zu verbessern, etwa die
Finanzierung einschlägiger Publikationen. Ein besonders
anschauliches Beispiel ist »Das große Buch der Bundeswehr«
aus der Feder von Oberstleutnant Hans von Gottberg.463 Beim
Schulbuchverlag Ensslin & Laiblin464 erschienen, erzählte es
für ein jüngeres Publikum die deutsche Militärgeschichte von
den Germanen bis zur Bundeswehr als bruchlose Abfolge von
Abenteuergeschichten. Etliche Beschreibungen von Waffen
und Kriegsgerät galten einer technikbegeisterten Leserschaft.
Das Buch lieferte ein haarsträubend schöngefärbtes Narrativ
über die Wehrmacht, den Krieg an sich und die
Leistungsfähigkeit der Bundeswehr. Der Leser konnte sich
eigentlich nur begeistert zur Fahne melden – so vermutlich die
Erwartung. Leider wissen wir über die Wirkung dieser und
etlicher ähnlicher Publikationen nichts Genaues. Den
gesellschaftlichen Trend konnten sie gewiss nicht aufhalten,
und es ist zu vermuten, dass derlei Schriften ohnehin nur von
denen gelesen wurden, die schon eine positive Einstellung
zum Militär hatten.465 Ergänzend zu seinen publizistischen
Maßnahmen versuchte das Verteidigungsministerium, die
458
Bildungspolitik der Länder über die Kontaktgruppe der
Kultusministerkonferenz in die Pflicht zu nehmen. Dort
verlautbarte ein Offizier, dass die Erziehung zum Dienen der
originäre Auftrag der Schule sei. Die Streitkräfte würden
erwarten, dass die Schule ihre Schüler zu staatsbejahenden
Bürgern erzieht, zu Treue, Gehorsam und Mut, zu Männern,
die zur Kameradschaft fähig seien.466 Doch solche
Vorstellungen gingen an den gesellschaftlichen Realitäten
vollkommen vorbei.
So musste die Bundeswehr notgedrungen versuchen, mit
eigenen Mitteln das nachzuholen, was Staat und Gesellschaft
nicht leisten konnten und wollten. In- und außerhalb des
Unterrichtsraums galt es insbesondere die Wehrpflichtigen
davon zu überzeugen, dass es sich lohne, die freiheitlichdemokratische Grundordnung zu verteidigen. Es ging nicht
mehr um Begriffe wie Vaterland oder Heimat, der
Verfassungspatriotismus sollte es nun richten. Doch die Idee,
dass die jungen Wehrpflichtigen die Streitkräfte als eine
demokratische Institution erlebten, die ihre Liebe zum
politischen System weckte, war von vornherein eine
realitätsferne Kopfgeburt. Für dienstältere Berufssoldaten
mochte dies funktionieren, weil sie eine hohe Loyalität zu
Staat und Armee entwickelt hatten. Aber wie sollten in einer
militärischen Organisation Freiheit und Mitsprache für
Wehrpflichtige erlebbar gemacht werden, wie es die Theorie
der Inneren Führung vorsah? Selbst wenn die Vorgesetzten mit
ihren Untergebenen als Team arbeiteten – wie etwa auf den
Schiffen und Booten der Marine –, war der Unterschied zur
Zivilgesellschaft nicht aufzulösen.
Der Kommandeur des Zentrums für Innere Führung,
Werner Lange, beklagte 1980, selbst die Zeitsoldaten würden
ihre Motivation kaum aus der Überzeugung ziehen, dass der
459
demokratische Staat erhaltens- und schützenswert sei.
Relevant sei vielmehr die Aussicht auf einen festen
Arbeitsplatz, ein gesichertes Einkommen und eine gute, auch
im zivilen Leben nützliche Ausbildung. Für Lange war die
fehlende sittliche oder politische Motivation eine Art geistige
Niederlage, die eine militärische nach sich ziehen würde. Er
fühlte sich gar an den französischen Antikriegsslogan Mourir
pour Dantzig?467 vom Mai 1939 erinnert. Alle materiellen
Rüstungsanstrengungen seien wertlos, wenn den Männern
nicht klar sei, wofür sie eigentlich Soldat seien.468
Wundern konnte man sich über diese Einschätzung
angesichts der kritischen gesellschaftlichen Debatten freilich
nicht. Die Streitkräfte waren schlicht nicht in der Lage,
staatsbürgerliches Pflichtbewusstsein und sicherheitspolitische
Bildung zu vermitteln, wenn sich Schule und Elternhaus dafür
nicht oder nur noch am Rande interessierten. Zwar wurde die
Stundenzahl für die Politische Bildung während des 15monatigen Grundwehrdienstes immer weiter erhöht, doch die
Gruppen- und Zugführer, mit denen die Wehrpflichtigen vor
allem zu tun hatten, waren mit der Aufgabe der Sinnstiftung
zumeist heillos überfordert.469 Wie sollten junge
Unteroffiziere, die selbst kaum länger als ein Jahr die Uniform
trugen, vermitteln, dass es sich lohne, die Demokratie zu
verteidigen? Selbst die Kompaniechefs waren oft nicht
ausreichend qualifiziert, um einen guten staatsbürgerlichen
Unterricht zu geben.470 In der Praxis fiel der Unterricht über
die »weichen« Themen oft aus oder wurde auf den
Freitagmittag gelegt, wenn die Aufmerksamkeit ohnehin mehr
dem Wochenende galt. Mehrere Studien belegten, dass es der
Bundeswehr trotz aller Bemühungen nicht gelang, den
Wehrpflichtigen den Sinn ihres Dienstes begreiflich zu
machen.471 Kluge Köpfe erkannten dann auch, dass die
460
Ausbildungsziele für die Politische Bildung der Mannschaften
zu hoch gesteckt waren und ein Scheitern vorprogrammiert
war.472
Freilich war es schon dem Kaiserreich nicht gelungen,
seine Soldaten politisch zu erziehen und ihnen Gottesfurcht
und Kaisertreue beizubringen. Erinnert sei nur daran, dass der
staatspolitische Unterricht 1910 aufgegeben wurde. Der NSStaat hatte seine Soldaten gewiss stärker politisiert, aber auch
ihm gelang es nicht, aus der Wehrmacht die gewünschte NSVolksarmee zu machen. Von allen hier untersuchten Beispielen
betrieb die NVA den größten Aufwand der politischen
Einflussnahme, aber selbst sie schaffte es nicht, die
Wehrpflichtigen zu treuen Sozialisten zu erziehen, worauf
noch einzugehen sein wird.
Die größere Bedeutung dürften die Politische Bildung und
die Innere Führung für die Außendarstellung gehabt haben. Sie
galten als Beleg für den Bruch mit der Vergangenheit, für
moderne, zukunftsgewandte Streitkräfte, und sie waren
geradezu ein Markenzeichen473 für die Demokratisierung der
Bundeswehr. Begreift man diese auch und gerade als ein
innenpolitisches Projekt, das seine Legitimation nicht zuletzt
aus seiner Demokratiefähigkeit zog, wird deutlich, wie wichtig
dieses Image für die Bundeswehr war, nicht zuletzt, um sie vor
Kritikern aus Politik und Gesellschaft zu schützen. Für die
Bündnispartner spielte diese demonstrativ herausgestellte
Demokratisierung übrigens keine Rolle, dort war man eher an
den harten Fähigkeiten interessiert. Zumindest der britische
Militärattaché machte sich über die neuen Konzepte lustig und
meinte ironisch: »›Demokratisch‹ – dies ist vermutlich das am
meisten strapazierte Adjektiv in ihrer Sprache.« Und: »Der
einzige Zweifel, ob das Konzept des ›Staatsbürgers in
Uniform‹ wirklich funktioniert, rührt von den endlos
461
wiederholten Versicherungen in den oberen Etagen, dass es
das tut.«474
Zwischen »Gammeldienst« und Leistungsgrenze
Wenn es schon nicht gelang, den Wehrpflichtigen den
gewünschten Verfassungspatriotismus zu vermitteln, musste
die Bundeswehr wenigstens versuchen, diese durch eine
interessante und abwechslungsreiche militärische Tätigkeit zu
motivieren und so an die Institution zu binden. Dabei gab es
durchaus Erfolge zu vermelden. So wurde zeitweise die Hälfte
aller
Offiziersbewerber
unter
den
Wehrpflichtigen
geworben.475 Allerdings blieben solche Rekrutierungszahlen
gemessen an der Gesamtzahl der Einberufenen doch eher
niedrig und dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der
Bundeswehr schwerfiel, bei der Dienstgestaltung ihren
eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Dabei war der Alltag
hinter den Kasernenmauern kaum auf einen Nenner zu
bringen: Eine Panzerkompanie des Heeres, ein Zerstörer der
Marine oder eine Flugabwehreinheit der Luftwaffe waren ganz
unterschiedliche Kosmen mit eigenen Sitten und Gebräuchen.
Am beliebtesten war ohnehin die Luftwaffe, hier meldeten
sich die meisten Freiwilligen.
Am schlechtesten sah es beim Heer aus, wo man am
ehesten einen rauen Umgangston und einen langweiligen
Dienst vermutete, wobei wiederum zwischen Offizieren,
Unteroffizieren und Mannschaften zu unterscheiden ist. Die
Offiziere waren umso zufriedener, je mehr Verantwortung und
Freiraum sie hatten. Dies galt vor allem für die
Bataillonskommandeure. Viele Veteranen erinnern ihr
Kommando über rund 800 Mann, viele Fahrzeuge und Panzer
als ihre beste Zeit in den Streitkräften.476 In dieser Position
hatten sie noch viel Kontakt zu den Soldaten, waren nah an
rein militärischen Aufgaben, und der Gestaltungsspielraum
462
war vergleichsweise groß. Bei höheren Kommandos verlor
man schnell die Bodenhaftung und war zunehmend mit
Schreibtischarbeit befasst, auf den Ebenen darunter wurden
die Spielräume massiv eingeschränkt. Kompaniechefs klagten
etwa über die zu hohe Aufgabendichte. Obwohl sie sechzig
und mehr Stunden arbeiteten, hatten sie oftmals zu wenig Zeit
für ihre Soldaten, was sich negativ auf die Stimmung
auswirkte. Zudem gab es in der Bundeswehr seit den
Siebzigerjahren einen Beförderungsstau. Die unorganische
Altersstruktur rührte noch von den Aufbaujahren her, als
überproportional viele Männer der Jahrgänge 1936 bis 1944
als junge Offizieranwärter eingestellt worden waren. Diese
Schieflage betraf nun vor allem die Kompaniechefs. Die
Konkurrenz unter den Hauptleuten war daher besonders groß
und führte dazu, dass sie möglichst viele messbare Leistungen
vorzeigen wollten. So wurden mit viel Aufwand Statistiken
etwa über den Klarstand des geradezu zu Tode gepflegten
Materials erstellt.
Etlichen Vorgesetzten fehlten der Wille und die Fantasie
bei der Dienstgestaltung477, aber auch der Mut und die
Bereitschaft, gerade den Mannschaften eigenverantwortliche
Tätigkeiten zu übertragen. Klagen über Gammelei,
permanente Unterforderung durch einen monotonen
technischen Dienst oder nicht endende Reinigungsarbeiten
waren allgegenwärtig.478 Viele Wehrpflichtige im Heer fühlten
sich weder als Mensch noch als Staatsbürger angesprochen.479
Sechzig Prozent meinten 1982 gar, sie würden wie unmündige
Kinder behandelt.480 Im Gefechtsdienst würde ihnen
beigebracht, als Milan-Schützen selbstständig Entscheidungen
zu treffen, doch man traue ihnen nicht zu, allein in den Keller
zu gehen, um Wäsche zu tauschen.481 Die Erhebungen zur
Stimmungslage ergaben in den Siebziger- und Achtzigerjahren
463
immer wieder dasselbe Bild: Die Wehrpflichtigen taten sich
schwerer mit der Eingliederung in die militärische Welt als in
den Fünfziger- und Sechzigerjahren und reagierten
empfindlicher auf die Trennung von zu Hause, die
Einschränkung gewohnter Umgangsformen, den rauen Ton.482
Man wollte heimatnah und möglichst berufsnah eingesetzt und
sinnvoll beschäftigt werden, einen Beitrag leisten und sich
nicht in einer öden Beschäftigungstherapie wiederfinden. Viele
Soldaten beklagten sich darüber, dass die Vorgesetzten oft
hilflos auf die Vorschriften verwiesen und nicht erklären
konnten, warum etwas so und nicht anders gemacht werden
musste. Ein Kompaniefeldwebel, der immer nur drohte, nach
Fehlern suchte und nie lobte, konnte seine Soldaten kaum für
die Bundeswehr begeistern. Etliche Rekruten meinten, dass sie
auch ohne das ständige Gebrüll das Verlangte tun würden.483
Zweifellos hatten die Wehrpflichtigen ganz andere
Vorstellungen von einem angemessenen Umgangston als
manche Vorgesetzte, die an einer kraftvollen Standpauke
nichts Schlimmes finden konnten.
Und doch war unverkennbar, dass sich die Sitten und
Gebräuche auch im Heer liberalisiert hatten. Choleriker und
Schreihälse waren eher die Ausnahme als die Regel, und der
Umgangston war zumeist umgänglicher geworden. Im Bereich
der Menschenführung hat die Innere Führung zweifellos ihre
größte Wirkung entfaltet. Freilich gab es auch in den
Achtzigerjahren noch immer Kompaniefeldwebel, die die
Erziehung
nach
ganz
eigenen
Vorstellungen
im
vordisziplinaren Raum durchführten. So ist von einer Einheit
überliefert, dass Untergebene, die etwas angestellt hatten, in
den Keller zitiert und dort mit Ohrfeigen bestraft wurden.
Mancher Rekrut bekam auch noch eine Abreibung mit der
Kopfbedeckung seines Zugführers, wenn er sich beim Laden
464
seines Gewehrs ungeschickt angestellt hatte. In anderen
Einheiten wurden renitente Soldaten dadurch bestraft, dass sie
vor dem Kompaniegebäude in der sogenannten Dackelgarage,
dem Zweimannzelt ohne Boden, schlafen mussten. Beim
Stubendurchgang die Kleiderstangen aus dem Spind
herauszunehmen und die Innenflächen durchzupusten, um auf
Putzversäumnisse hinzuweisen, kam auch in den
Achtzigerjahren noch vor.484
Im Vergleich zum Kaiserreich und zu den Erlebnissen
eines Wilhelm Janeke war das Spektrum der Schikanen aber
kleiner und harmloser geworden. Davon weiß sein Urenkel
Niels Janeke zu berichten.485 Er wurde am 1. Juli 1981 im
Pionierbataillon I in Holzminden Soldat, 90 Jahre nach seinem
Urgroßvater. Und doch ähnelten sich die ersten Eindrücke: der
Praxisschock, das ungewohnte Aufstehen um fünf Uhr
morgens, nur Kaltwasser in den Waschräumen, Geschrei,
Hektik und Gebrüll, das endlose Wechseln der Uniform unter
Zeitdruck, Gefreite, die mangelnde Kompetenz mit Lautstärke
wettmachten und die Mannschaften drangsalierten, unablässig
Liegestütze machen ließen und um den Kompanieblock jagten.
Die Spinde wurden zwar nicht mehr umgeschmissen, aber
doch alle Sachen herausgeworfen, wenn ein Ausbilder
unzufrieden war. Ausgang gab es, wie 1892, in der ersten Zeit
am Wochenende nicht.
Niels Janeke fühlte sich anders als sein Urgroßvater aber
nicht wie im Gefängnis. Zu ausgefüllt waren die Tage, zu
erschöpft sank man abends ins Bett. Am besten gefiel ihm die
spannend
angelegte
Gefechtsausbildung:
Eine
Art
Landserromantik machte sich breit. Streife und Patrouille zu
laufen, nachts Hinterhalte zu legen, ein erstes Mal als
Gruppenführer eingeteilt zu werden, das machte ihm ebenso
Spaß wie seinem Urgroßvater, der freudig berichtete, wie er
465
einer Dragonerpatrouille einmal die Pferde entwendet hatte.
Und auch 1981 gab es gute Vorgesetzte. Als solche galten wie
eh und je Unteroffiziere, die menschlich zugewandt,
kompetent und handwerklich gut waren. »Beispielgebend«
waren nur einige wenige, meint Niels Janeke rückblickend.
Die
jungen
Pioniere
hielten
als
eine
Art
Schicksalsgemeinschaft zusammen, halfen sich, die Strapazen
zu überstehen. Auch die Erfahrung der Kameradschaft war
etwas Positives. Allerdings: Wie vor 100 Jahren gab es den
»Heiligen Geist«, eine Art Kollektivbestrafung. Wer aus der
Reihe tanzte, die Gemeinschaft allzu sehr belastete, Mist
baute, der wurde nachts zwangsweise geduscht. Prügel gab es
1981 nicht mehr. Niels Janeke spricht heute abgeklärt über
seine Grundausbildung: »Es ging auch darum, körperlich und
psychisch abgehärtet zu werden, Dinge auszuhalten,
wegzustecken. Es war eine ganz gute Schule für mich und die
anderen, und niemand ist wirklich zusammengebrochen. Wir
wurden leidensfähig und haben trotzdem im Pionierhandwerk
das gelernt, was wir lernen sollten.«486 Freilich war er
Offizieranwärter, wusste also, dass er bald aufsteigen und Teil
des Systems werden würde. Seine Motivation war eine andere
als die eines Wehrpflichtigen.
Werner von Scheven stellte in seiner Rolle als Beauftragter für
Erziehung und Ausbildung 1985 eine permanente
Motivationskrise, Interessenlosigkeit, Apathie und Schlaffheit
bei vielen Wehrpflichtigen fest.487 46 Prozent von ihnen
erschien der Militärdienst schlicht als vertane Zeit.488 Sie
arrangierten sich von Montag bis Freitag so gut es ging mit der
Bundeswehr, um am Wochenende in das Leben
zurückzukehren, das sie fünf Tage zuvor verlassen hatten. Ein
soldatisches Selbstverständnis konnte sich unter diesen
Umständen nicht entwickeln. Jeden Freitag nach Dienstschluss
466
leerten sich die Kasernen in Windeseile, und alles begab sich
auf die »NATO-Rallye«489. Die ganze Frustration über den
Dienst entlud sich jeden Sonntagabend in den Zügen, die rund
230 000 Wehrpflichtige zurück in ihre Garnisonen brachten.
Wenn um 21:20 Uhr der D-Zug aus Darmstadt in den
Frankfurter Hauptbahnhof einfuhr, um die nächste Ladung
Soldaten aufzunehmen, die er im Norden Hessens wieder
ausspuckte, erzitterte die Luft vom Gejohle und von den
Gesängen. Wehe dem zivilen Reisenden, der einfach nur nach
Kassel fahren wollte und sich unversehens mit fünf
Panzerpionieren in einem Abteil wiederfand. Die Bundeswehr
spielte solche Zustände in ihren offiziellen Verlautbarungen
stets herunter.490 Anders klangen die Feldjägerberichte. Im
Verwaltungsduktus wurden erhebliches Grölen und Lärmen,
Belästigung von Mitreisenden, Hinauswerfen leerer Flaschen,
Beschmutzung von Sitzbänken und Abteilen, Beschädigung
und Zerstörung von Türen und Fenstern vermerkt.491 Auch ein
wohlmeinender Beobachter konnte bei solchen Szenen nicht
den Eindruck haben, dass hier hoch motivierte junge Männer
freudig den Kasernen entgegenstrebten, um willig und brav
ihren Dienst zu versehen. Es verwundert daher kaum, dass
viele Soldaten am Ende ihrer Dienstzeit negativer über die
Bundeswehr dachten als am Anfang.492
Und dennoch waren die Wehrpflichtigen erstaunlich
leistungswillig, wenn sie gefordert wurden. Sie konnten bis
zur Erschöpfung marschieren, ohne Schlaf auskommen, Nässe
und Kälte ertragen. In der Grundausbildung sah es nach
Überwindung der ersten Anpassungsschwierigkeiten mit der
Motivation daher noch am besten aus. Im Alltag der
Stammeinheiten nahm der Spannungsbogen aber meist rapide
ab und konnte oft nur in den Manövern wiederaufgebaut
werden. Auch viele Unteroffiziere und Offiziere hatten es sich
467
im Kasernenalltag bequem gemacht und vermieden allzu
große Anstrengungen. Selbst in Kampfkompanien gab es
Chefs mit beeindruckender Körperfülle, die sich beim
Gefechtsdienst die Schuhe nicht schmutzig machten und nie
beim Sport zu sehen waren. Motivierend wirkte das kaum.
Dies
galt
noch
viel
mehr
für
die
vielen
Unterstützungseinheiten.
Dort
war
das
soldatische
Selbstverständnis zuweilen bis zur Unkenntlichkeit
verwässert. Wer den geruhsamen Alltag in einer
Instandsetzungskompanie erlebte, bekam einen Eindruck
davon, wie viele Verteidigungsbeamte es in den Streitkräften
gab. Gewiss erfüllten sie den fachlichen Kernauftrag, etwa die
Reparatur von Lastwagen und Panzern. Alles darüber
Hinausgehende ließ sich aber leicht umgehen. Die
Kompaniebesichtigungen mutierten zu gut gemachter
Schauspielerei, die militärische Leistungsfähigkeit eher
vorgaukelte, als dass sie tatsächlich vorhanden gewesen wäre.
Und alle machten mit: der Oberst und Kommandeur der
Brigadeeinheiten, der Major als Kompaniechef, die Zugführer
und die Soldaten. Der Oberst konnte zufrieden melden, dass in
seinen Einheiten alles zum Besten stand, und die Kompanie
hatte ein Jahr Ruhe. Wundern konnte sich der Sehende
darüber, dass auch jene das Goldene Leistungsabzeichen
trugen, die selten auf dem Sportplatz und noch seltener auf
dem Schießstand gesichtet wurden. Und beim obligatorischen
Fünfkilometerlauf joggten die Soldaten einfach eine Runde
weniger und erreichten so alle in den geforderten 23 Minuten
das Ziel. Der Zugführer konnte daraufhin stolz eine
Erfolgsmeldung abgeben. In vielen Einheiten hatte sich längst
ein System etabliert, die geforderten Normen geschickt zu
erfüllen und es sich ansonsten in der überbürokratisierten
Armee bequem zu machen. Mit der immer wieder verlangten
abwechslungsreichen und fordernden Gestaltung des Dienstes
468
hatte all das wenig zu tun. Mit der von der Generalität
geforderten Kriegstüchtigkeit noch viel weniger.
Viele Wehrpflichtige entwickelten eine beachtliche
Findigkeit, sich bei der erstbesten Gelegenheit »abzuseilen«,
um allen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Andere
kamen »völlig unbedarft, mit nichts als dem HSV im Kopf«493
in den Kasernen an. Eine wirkliche Notwendigkeit,
kampftüchtig zu werden, war vielen Soldaten auch nicht recht
einsichtig. Der Ernstfall war für die meisten nur als atomarer
Weltuntergang vorstellbar. So fehlte vielen der Glaube an die
Erfüllbarkeit des eigenen Auftrags.494 Wenn man eine
Überlebenszeit von nur sieben Minuten hatte, wie allgemein
zu hören war, warum sollte man sich im Hier und Jetzt das
Leben schwer machen? Wenn es wirklich losgehen sollte,
würde man eh nicht lange überleben. Gewiss konnte mancher
Brigade- und Bataillonskommandeur vor Selbstbewusstsein
kaum laufen und meinte, die Sowjetarmee quasi im Alleingang
besiegen zu können. Noch heute geraten manche Zeitzeugen
ins Schwärmen, wie professionell die Bundeswehr des Kalten
Krieges gewesen sei und was man – im Vergleich zu heute –
doch alles bewegt habe. Bei den Wehrpflichtigen dachten viele
aber anders. Der Spruch »Wir können nur so lange kämpfen,
bis eine richtige Armee kommt« dürfte ihre Stimmungslage
zutreffender beschrieben haben als die meisten Äußerungen
zur Inneren Führung in den Zustandsberichten.495
Selbstverständlich trifft dieses Urteil nicht auf alle
Einheiten zu, und das Heer bestand keineswegs nur aus
demoralisierten Bürosoldaten. Die Bundeswehr als Institution
funktionierte auch in ihrem militärischen Auftrag. Die Panzer
waren einsatzbereit, und die Wehrpflichtigen konnten mit
ihnen fahren und schießen. Auch gab es Unterschiede
zwischen Garnisonen mit ländlichen und großstädtischen
469
Einzugsgebieten. Die Bandbreite der Leistungsfähigkeit und willigkeit war sicher groß, und ein guter Kompaniechef konnte
seine Wehrpflichtigen durchaus motivieren und zu einer
selbstbewussten Einheit formen. So bedankte sich der Gefreite
Jörg
Ottersbach
1985
bei
dem
Chef
seiner
Panzeraufklärungskompanie »für das erfolgreiche NichtPraktizieren des Gammeldienstes, das Kennenlernen der
eigenen Leistungsgrenze und des eigenen Verhaltens bei
besonderen
Belastungen«.496
Es
gab
selbst
Nachschubeinheiten, die jeden Morgen zum Joggen
ausrückten, auch noch die verrücktesten Schießübungen
absolvierten und kraftvoll eigens komponierte Lieder
schmetterten. Dies ändert aber nichts an dem grundlegenden
Befund, dass die Stimmung in der Truppe insgesamt weit
negativer war als offiziell zugegeben. Aus der Sicht eines
Bataillonskommandeurs verrichteten die meisten Soldaten
»brav« ihren Dienst.497 Was die »braven« Männer wirklich
dachten, war den Kommandeuren nicht immer geläufig. Und
selbst wenn sie es ahnten, gaben sie schon aus Eigeninteresse
keinen ehrlichen Bericht über Geist, Moral und Haltung des
Verbandes
ab,
sondern
schönten
die
offiziellen
Zustandsmeldungen.498 Selbst die Inspizienten konnten sich
allenfalls ein flüchtiges Bild davon machen, wie gut eine
Kompanie schoss, wie oft sie zu Nachtübungen ausrückte und
ob die Feldwebel die Vorschriften aufsagen konnten. Kaum
einer von ihnen vermochte aber tatsächlich die Stimmung und
Moral der Mannschaften zu erfassen. So meinten etliche
Kommandeure, dass sich ihre Soldaten nur wenig für die
Friedensbewegung interessierten. Das Gegenteil war freilich
oft der Fall.499 Die Welt der Gefreiten blieb den höheren
Offizieren verschlossen. »Häufig sehen sie die tatsächliche
Stimmungslage in den Einheiten erst, wenn eigene Söhne
ihnen im Originalton darüber berichten.«500
470
Allerdings war die Bundeswehrführung weder blind noch
ignorant. Als Anfang der Achtzigerjahre immer mehr
Presseberichte
über
Aufnahmerituale,
Mangel
an
Kameradschaft und gar Misshandlung von Wehrpflichtigen
publiziert wurden, befragte man rund 2800 Vertrauensmänner
von Mannschaften und Unteroffizieren. Dabei kam heraus,
dass es in knapp der Hälfte der Einheiten eine ausgeprägte
soziale Hierarchie gab, in der die dienstälteren Mannschaften
ungeliebte Dienste wie das Revierreinigen auf die »Neuen«
abwälzten. Spitznamen wie Jungfuchs, Rotarsch oder Koffer
waren allgemein üblich. Die Hälfte der Befragten gab an, dass
es manchmal zu entwürdigenden Behandlungen durch
Unteroffiziere oder ältere Mannschaften käme. In knapp einem
Drittel der Einheiten kam es zu regelrechten Schikanen, vor
allem durch gewaltsames Duschen, aber auch durch Prügel.
Knapp ein Drittel sagte, dass es bei Fehlverhalten zuweilen zu
Selbstjustiz
komme.
Betroffen
waren
Außenseiter,
Überkonforme und Einzelgänger. Insgesamt wurde die
Kameradschaft nur von einem guten Drittel als gut bezeichnet.
Vorgesetzte wurden bei Zwischenfällen nicht eingeschaltet,
auch die Vertrauensleute nur in der Hälfte der Fälle. Von
Aufnahmeriten berichteten vor allem die Unteroffiziere;
dreißig Prozent von ihnen sagten, dass es in ihrer Einheit so
etwas gäbe.501 Die Befragung zeigte auch die Nachteile der
1973 eingeführten quartalsweisen Auffüllung der Verbände,
die dazu führte, dass die älteren Mannschaften eine höhere
soziale Stellung einnahmen und ihre jüngeren Kameraden
unter Druck setzen konnten. Wenn eine Kompanie während
des gesamten Wehrdienstes zusammenblieb, wie das ab Juli
1982 wieder der Fall war, konnten sich solche Hierarchien erst
gar nicht bilden.
471
Neben solchen Befragungen gab es noch andere
Instrumente, um sich ein halbwegs realistisches Bild von der
Stimmung der Truppe zu machen. Das Amt des Beauftragten
für Erziehung und Ausbildung des Generalinspekteurs (BEA)
war 1970 von Helmut Schmidt just zu diesem Zweck ins
Leben gerufen worden. Der Beauftragte reiste das ganze Jahr
von Kaserne zu Kaserne, sprach ungezwungen mit allen
Dienstgraden und sammelte Eindrücke vom General bis zum
Gefreiten. Seine Berichte waren eine wichtige Ergänzung
derjenigen des Wehrbeauftragten des Bundestages und der
offiziellen Zustands- und Inspektionsmeldungen. Sie ließen an
Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und waren daher ein
vor der Öffentlichkeit streng gehütetes Geheimnis. Sie
verschwanden aber nicht in irgendeiner Schublade, sondern
wurden in der Regel im Militärischen Führungsrat besprochen.
Die oberste Spitze der Bundeswehr versuchte, auf die Berichte
über schlechte Stimmung und Unzufriedenheit etwa mit einer
besseren Freizeitgestaltung, einer Aufwertung der politischen
Bildung und der gezielten Schulung von Vorgesetzten in der
Menschenführung zu reagieren. Ende der Achtzigerjahre
schien sich zumindest der Umgangston in den Einheiten des
Heeres verbessert zu haben.502 Aber auch der Rückgang der
Meldungen über besondere Vorkommnisse deutete an, dass
sich die Zustände in den Kasernen aufhellten. Darunter fielen
sowohl Verfehlungen der Soldaten, etwa Fahnenflucht,
Diebstahl oder tätliche Angriffe auf Vorgesetzte, als auch
Misshandlungen Untergebener.
Gewiss waren diese Zahlen keine exakte Abbildung der
Realität, da die meisten Verfehlungen nach wie vor im
vordisziplinaren Raum geregelt wurden. Interessant ist jedoch
der Trend: Seit 1960 stiegen die Zahlen kontinuierlich an,
erreichten 1973 ihren Höhepunkt, um danach bei nur geringen
472
Schwankungen
stetig
zurückzugehen.
Die
Disziplinarmaßnahmen nahmen allein in den zehn Jahren von
1977 bis 1986 um mehr als die Hälfte ab (1977: 67 029, 1986:
27 688).503 Die gemeldete Zahl von Misshandlungen durch
Vorgesetzte erscheint angesichts einer Armee von 500 000
Soldaten überraschend niedrig. So wurden von 1976 bis 1986
jährlich nur durchschnittlich 42 Fälle gemeldet. Die Tendenz
war auch hier fallend. 1986 vermerkte die Statistik mit 25
Fällen den niedrigsten Wert seit 1960.504 Liest man die
Berichte des Wehrbeauftragten des Bundestages, muss die
Dunkelziffer freilich erheblich höher gewesen sein. Täter
waren fast ausschließlich Unteroffiziere, die vielfach unter
Alkoholeinfluss standen. Interessanterweise erschienen
Vorgesetzte in der Statistik häufiger als Opfer tätlicher
Angriffe ihrer Untergebenen als umgekehrt. Keinen
nennenswerten Bezug zur Bundeswehr scheinen die
Selbstmordfälle gehabt zu haben. Die Quote lag mit 15 bis 20
Fällen pro 100 000 Soldaten halb so hoch wie in der
Zivilgesellschaft.505 Die Gründe lagen – soweit bekannt – fast
ausschließlich im privaten Umfeld.
Die Statistiken zeigten also in die richtige Richtung und
waren zumindest ein Indikator, dass die Maßnahmen zur
Verbesserung des inneren Gefüges nicht wirkungslos waren.
Spektakuläre Fälle wie das Iller-Unglück 1957 oder die
Nagold-Affäre 1963 wiederholten sich nicht. Dennoch war
zumindest der Beauftragte für Erziehung und Ausbildung nicht
zufrieden. 1987 bemerkte er, dass das »positive
Leistungspotential bei Mannschaften und Unteroffizieren
durch Mängel in der Führung (Geringschätzung, Gängelung,
Nichtbeteiligung etc.)« zu wenig genutzt werde.506
Währenddessen nahm die Bürokratisierung durch die
unreflektierte Übernahme von Maßnahmen aus der Wirtschaft
473
eher noch zu. So sollte nun der »Manager in Uniform«
Sicherheit produzieren und sich dabei an Kosten-NutzenBerechnungen messen lassen. Alles Mögliche und
Unmögliche wurde erfasst, berechnet und bewertet. Alles
sollte
überprüfbar
und
dokumentiert
sein.
Die
Zustandsmeldungen wurden immer länger, bis sie bald nicht
mehr handhabbar waren.507 »Selbst ein Loch in der Feldhose
eines Soldaten verlange eine schriftliche Stellungnahme«,
beklagte ein Kommandeur.508 Schon die Beschaffung einer
einfachen Zange war ein Verwaltungsakt der höheren Art,
sodass jeder, der bei gesundem Verstand war, nur den Kopf
schütteln konnte.509 Die Forderungen nach weniger
Reglement, Perfektion und Schriftverkehr, auch nach weniger
Versetzungen510, um die Kräfte auf die zentralen Bereiche von
Ausbildung und Erziehung konzentrieren zu können, waren
eigentlich uralt. Doch die Diskrepanz von Auftrag und Mitteln
blieb bis zum Ende des Kalten Krieges bestehen. Die
Bundeswehr war ein Supertanker, der seinen Kurs nur sehr
langsam veränderte.
Der gespielte Krieg II
Die beste Wehrpflichtarmee der NATO
Die strategische Ausrichtung der westlichen Allianz
veränderte sich nach Einführung der flexible response bis zum
Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Die Leitidee war stets,
den Warschauer Pakt sowohl mit atomaren als auch mit
konventionellen Streitkräften abzuschrecken. Die Bundeswehr
hatte immerhin erreichen können, dass die Verteidigungslinie
der Allianz an die deutsch-deutsche Grenze vorverlegt worden
war. In den Siebzigerjahren rang man darum, gemeinsam mit
den Alliierten auch tatsächlich am »Vorderen Rand der
Verteidigung«, dem VRV, eine wirkungsvolle Abwehr
474
aufzubauen, um möglichst viel vom Territorium der
Bundesrepublik zu schützen. Schon aus bündnispolitischen
Gründen sah das operative Konzept daher vor, dass die
westdeutschen Divisionen mit gutem Beispiel vorangehen und
im Falle einer Mobilmachung rasch an den VRV vorrücken,
sich dort eingraben und verbissen verteidigen sollten. So
wollte man Niederländer, Belgier und Briten aus ihren zumeist
weit im Westen Deutschlands liegenden Garnisonen an die
Front ziehen. Dem Warschauer Pakt sollte auf diese Weise
deutlich gemacht werden, dass er bei einem Angriff auf die
Bundesrepublik sofort auf den Widerstand ihrer
Bündnispartner stoßen würde. Das Konzept entsprach zwar
nicht der deutschen Tradition eines freien und beweglichen
Operierens, erschien aus politischen Gründen aber sinnvoll.
Dem entsprach auch die neue Heeresstruktur 3, die aus zwei
Panzergrenadierverbänden Jägerdivisionen machte, die sich in
den waldreichen Mittelgebirgen Hessens und Bayerns
verschanzen sollten.
475
476
477
Viel wichtiger als die Doktrin, mit der man den Gegner
abschrecken und im Ernstfall in den Krieg ziehen wollte, war
die Frage, ob die Bundeswehr überhaupt fähig war zu
kämpfen. Gewiss war bis Ende der Sechzigerjahre viel erreicht
worden, wenn man bedenkt, dass die Streitkräfte praktisch aus
dem Nichts aufgebaut worden waren. Aber mit
Zustandsbeschreibungen wie »bedingt abwehrbereit« konnte
man sich kaum zufriedengeben. Ziel musste es sein, ein so
großes Potenzial aufzubauen, dass ein großer Angriff des
Warschauer Paktes mit rein konventionellen Mitteln mit einer
gewissen Aussicht auf Erfolg grenznah zurückgeschlagen
werden konnte.511 Doch von diesem Ziel war man noch in der
ersten Hälfte der Siebzigerjahre weit entfernt. Mit dem
Einmarsch in die Tschechoslowakei waren sowjetische
478
Divisionen 1968 bis an den Bayerischen Wald vorgerückt und
hatten damit ihre Ausgangsposition deutlich verbessert. Das
größte Problem war nach wie vor die Dauer der
Mobilmachung. Während die Truppen des Warschauer Paktes
aus der DDR und der ČSSR praktisch ohne Vorwarnzeit
antreten konnten, brauchten selbst die an der Grenze
dislozierten Brigaden der Bundeswehr sechs bis zwölf
Stunden,
um
kampfbereit
zu
sein.
Einem
Überraschungsangriff war man nicht gewachsen. Auch der
Einsatzwert der verbündeten Landstreitkräfte der NATO war
ohne Vorwarnzeit »sehr gering«512. Bundeskanzler Brandt
schrieb dem obersten Heeresgeneral ins Stammbuch, dass er
alles tun solle, um so lange wie möglich zu verteidigen und
einen schnellen Zusammenbruch unbedingt zu vermeiden.513
In einer Bundeswehrstudie aus dem Jahr 1972 hieß es aber,
dass man noch nicht einmal in der Lage sei, der Regierung im
Verteidigungsfall ausreichend Zeit für die Entschlussfassung
zum Einsatz von Atomwaffen zu erkämpfen. Die deutschen
Truppen würden einen Angriff nur etwa zwei bis drei Tage
lang unter erheblichen Verlusten und beträchtlicher
Raumaufgabe auffangen können. »Sie sind dann nicht mehr
imstande, den Feind zur Bildung von A-Zielen zu zwingen
oder den eigenen A-Einsatz auszunutzen.«514 Nach einer
Modellrechnung brauchte die NATO fünfzig Divisionen, um
einen Angriff des Warschauer Paktes grenznah und ohne
Einsatz von Atomwaffen aufzuhalten.515 Es gab aber nur 24,
darunter die zwölf deutschen. Und kein Land der westlichen
Allianz war gewillt, seine Landstreitkräfte in der
Bundesrepublik zu verdoppeln. Auf dem Höhepunkt der
Entspannungspolitik war ein Angriff auch kaum
wahrscheinlich, und eine Hochrüstung war weder
gesellschaftlich durchsetzbar noch angesichts der ersten
479
Ölkrise finanzierbar. Die Bundeswehr konnte nur versuchen,
im Rahmen des Gegebenen ihre Schlagkraft schrittweise zu
verbessern.516
1973 hatte die israelische Armee im Jom-Kippur-Krieg
gezeigt, dass sie dank westlicher Waffentechnik und besserer
Ausbildung die zahlenmäßig überlegenen und mit modernem
sowjetischem Kriegsgerät ausgerüsteten Streitkräfte der
arabischen Staaten besiegen konnte.517 Zwar war die Situation
im Nahen Osten nicht ohne Weiteres auf Mitteleuropa
übertragbar, und die sowjetischen Divisionen besaßen eine
wesentlich höhere Kampfkraft als die ägyptischen oder
syrischen. Aber der Weg in die Zukunft war damit klar
gewiesen: Die westliche Allianz musste versuchen, im
beginnenden
Zeitalter
der
Mikroelektronik
einen
technologischen Quantensprung zu machen und den
ökonomisch unterlegenen Warschauer Pakt abzuhängen. Der
Kampfpanzer Leopard 2, der Flakpanzer Gepard, die
Panzerabwehrraketen TOW und Milan oder der Jagdbomber
Tornado waren die bekanntesten von vielen Waffensystemen
einer neuen Generation, die in den 1970er- und frühen 1980erJahren eingeführt wurden.518
Die Aussicht auf das moderne Gerät ließ manchen General
optimistischer in die Zukunft blicken. Ernst Ferber, der
deutsche NATO-Oberbefehlshaber Mitte, meinte 1974, dass
man die sowjetische Kampfkraft nicht überschätzen solle. »We
should be more self-confident, and even more important we
should encourage the troops under our command.«519 Trotz
aller Probleme habe man etliche qualitative Vorteile, und es
gebe nun eine bessere Chance, die Verteidigungsschlacht
»over a certain period« erfolgreich zu führen.520 Zu dem etwas
optimistischeren Blick passte auch, dass man in einem
entscheidenden Bereich die Perzeption den Fähigkeiten
480
anpasste: Die Mobilisierung der eigenen Streitkräfte war früh
als Achillesferse erkannt worden. Nun hieß es, der Warschauer
Pakt könne gar nicht aus dem Stand antreten. 1973 glaubte
man, mit einer Warnzeit von wenigstens drei Tagen rechnen zu
können.521 Für einen Großangriff mit den Zielen Rhein und
Ostseeausgänge würden die Sowjets sogar acht bis zehn Tage
Vorbereitung benötigen, meinte Verteidigungsminister Georg
Leber.522 Ein Überraschungsangriff sei zwar theoretisch
möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich.523 Solche
Einschätzungen beruhigten die Gemüter, und niemand schien
mehr fürchten zu müssen, an einem Samstagmorgen plötzlich
von sowjetischen Soldaten geweckt zu werden.
Mitte der Siebzigerjahre erreichte die Bundeswehr einen
ersten Höhepunkt ihrer Kampfkraft. Endlich war die stets
geplante Personalstärke von 495 000 Mann erreicht, die Zahl
der Kampfbrigaden im Heer von 33 auf 36 erhöht worden. Der
Bestand von knapp 3700 schweren Panzern war erheblich
modernisiert worden. So gab es nun 2385 Leopard 1, und
unter den 4770 Schützenpanzern waren 2100 moderne Marder.
Die nach wie vor überschaubare Zahl von 1200
Artilleriegeschützen war durch gut 200 Raketenwerfer
verstärkt worden.524 Die drängendsten Personalprobleme
waren weitgehend gelöst. Die Lage bei den Offizieren war
durch die hohe Bewerberzahl gut, und der Bestand an
Unteroffizieren hatte mit achtzig Prozent vom Soll seine
bislang höchste Quote erreicht.525 Zudem gab es inzwischen
einen Stamm erfahrener Zugführer und Kompaniechefs. Die
Brigadekommandeure waren zum Teil noch kampferprobte
Wehrmachtveteranen.526
Die
Ausrüstung
war
im
internationalen Vergleich modern, die Ausbildungsverfahren
eingespielt. Es war gewiss kein Zufall, dass 1973 erstmals seit
zehn Jahren wieder ein deutsches Team die Canadian Army
481
Trophy gewann, ein prestigeträchtiger Schießwettbewerb von
Panzern aus allen NATO-Armeen, die in der Bundesrepublik
stationiert waren.527
Während der großen Korpsgefechtsübungen waren Mitte
der Siebzigerjahre meist lobende Töne zu hören. Die Truppe
habe eine hohe Leistungsfähigkeit bewiesen und sich als
motiviert, einsatzwillig und diszipliniert präsentiert. Auch auf
den ewigen Problemfeldern wie der Aufklärung, der Tarnung
oder der Flugabwehr habe man einen Schritt nach vorn
gemacht.528 Die Einsatzbereitschaft wurde in der
zurückhaltenden Sprache der Zustandsberichte erstmals als
»befriedigend« bewertet, und man glaubte, dass das Heer bei
rechtzeitiger Mobilmachung auch konventionell seine
Aufträge »zunächst erfüllen« könne.529 Auch die Luftwaffe
hatte durch eine Reihe von substanziellen Maßnahmen ihre
Kampfkraft erheblich verbessert und wurde teilweise mit
»gut« bewertet. Einzig bei der Marine sah es wegen veralteter
Schiffe noch düster aus.530 Aber alles in allem trug die
Bundeswehr erheblich dazu bei, dass die Allianz ihre
Kampfkraft in Mitteleuropa als »satisfactory« einschätzte und
davon ausging, nach ausreichender Vorwarnzeit rund eine
Woche lang erfolgreich kämpfen zu können.531 Der britische
Militärattaché meinte 1976: »Speaking in a strictly military
sense, the [German] Army is probably the best NATO
conscript Army.«532
Natürlich gab es auch weiterhin Probleme. Doch an
welchem Maßstab konnte man die Truppen überhaupt messen?
Keine Wehrpflichtarmee war im Frieden je perfekt ausgerüstet
und ausgebildet gewesen, nicht die kaiserliche Armee und
schon gar nicht die Wehrmacht. In einer so großen,
hochtechnisierten Organisation drückte es immer an der einen
oder anderen Stelle. Und so blieb es nicht aus, dass gerade in
482
den großen Manövern immer noch Schwächen zutage traten.
Die Beweglichkeit und Feuerkraft der Panzer werde nicht voll
ausgenutzt, der Wille zur wendigen und entschlossenen
Führung des Kampfes sei nicht fest genug, hieß es etwa 1976
in einer internen Beurteilung.533 Es fehle an Vorwärtsdrang,
und die Verteidigung sei zu statisch. Freilich war es schwer, all
das auf den beengten Standortübungsplätzen zu lernen.534
Auch waren die Panzerbesatzungen meist nicht lange genug
beisammen, um wirklich zu einer Kampfgemeinschaft
zusammenzuwachsen und vor allem die technischen
Möglichkeiten ihrer Waffen voll ausreizen zu können. Zu
ändern war das kaum, denn durch Lehrgänge, Beförderungen
und vor allem die »verwürfelte Auffüllung« der
Wehrpflichtigen gab es ständig Bewegung im Personalkörper.
Während früher eine Kompanie die gesamte Wehrdienstzeit
zusammenblieb und so ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln
und ihren Ausbildungsstand stetig steigern konnte, wurden seit
1973 neue Soldaten quartalsweise eingestellt und entlassen.
Auf diese Weise wollte man die Sollstärke einer Kompanie
stabil halten. Zuvor war diese durch Abkommandierungen
oder Lehrgänge vor allem im letzten Quartal stets gesunken.
Jetzt aber gab es in den Kompanien viermal im Jahr ein
Kommen und Gehen, die horizontale Kohäsion der
Primärgruppen wurde geschwächt, und alle Soldaten hatten
einen unterschiedlichen Ausbildungsstand. Außerdem musste
das Großgerät geschont werden, um es für den Ernstfall
einsatzbereit zu halten. So durften Leopard-Panzer nicht mehr
als 1000 Kilometer pro Jahr fahren. Simulatoren gab es zur
damaligen Zeit noch nicht. Immerhin gelang es nach langen
Verhandlungen, einen Teil der Gefechtsausbildung ins Ausland
zu verlegen, wo es viel bessere Übungsbedingungen gab. Seit
1974 trainierte das Heer im kanadischen Shilo in der Provinz
Manitoba, einem Gelände, das mit 400 Quadratkilometern
483
zehnmal so groß war wie die verfügbaren Plätze in
Deutschland. Es ähnelte der norddeutschen Tiefebene, und
hier konnten Verbände bis zur Größe eines Bataillons im
scharfen Schuss üben.
Doch selbst ein realistisch angelegtes Gefechtsmanöver
kann der Wirklichkeit des Krieges niemals entsprechen. An
diese Diskrepanz erinnerten kriegsgediente Offiziere ihre
Soldaten mitunter in drastischen Worten. So zum Beispiel
Franz Pöschl, Jahrgang 1917, der die Abschlussbesprechung
des großen Herbstmanövers 1977 mit folgenden Worten
begann: »Es werden wieder Erinnerungen wach an Zeiten, in
denen der Tod in seiner grausigsten, diabolischsten
Erscheinungsform unser Gefährte war. Mit allen Fasern
unseres Herzens hingen wir am Leben und wußten doch, daß
uns der Tod bereits an die Hand gefaßt hatte. Wir stellten uns
gegen den Menschen und vernichteten ihn, um dem Tod zu
wehren, und wir fühlten doch, daß wir den Tod damit nicht
getroffen hatten. Er ließ die Maschinenwelt der Vernichtung
weiter in allen Variationen spielen: konstruiert, gebannt,
bedient und gerichtet von einer Armee technisch geschulter
Intelligenz. Und er siedelte uns an in einer Zone der
vollkommen organisierten Vernichtung. Wie könnte ich auch
die Augenblicke vergessen, da wir zerrissene Gliedmaßen mit
dem Taschenmesser von dem noch lebenden Körper trennten,
ein unentwirrbares Gemisch von Fleisch und Stoff auf die
Zeltbahn hoben. Selbst den rauhesten und abgebrühtesten
Frontsoldaten trieb es Tränen der Verzweiflung in die Augen,
wenn plötzlich Kameraden, mit denen man eben noch
gesprochen hatte, als zerfetzte Leichenmassen irgendwo im
Geäst der verstümmelten Bäume hingen. Endlos wäre das
grausige Bild auszumalen, ohne auch nur mit einem Ton von
der Wahrheit abzuweichen. Wer darf von Standhaftigkeiten
484
reden, der dieses Gesicht des Krieges nicht wirklich selbst
erlebt hat?«535 Pöschl war als Kommandierender General der
Bundeswehr eine ungewöhnliche Erscheinung, weil er nie eine
Generalstabsausbildung besucht und als Gebirgsjäger im Krieg
fast ausschließlich an der Front gestanden hatte. Es war diese
existenzielle Erfahrung des Tötens und Sterbens, die die
Älteren kritisch auf das Können der Jüngeren blicken und sie
ermahnen ließ, besser zu werden und auf Kleinigkeiten zu
achten, die im Ernstfall über Leben und Tod entschieden.
Am schärfsten urteilten zu dieser Zeit die Inspizienten der
Waffengattungen über den Zustand der Truppen. Sie waren
qua Amt gehalten, Missstände aufzudecken, und sie waren
allesamt erfahrene Troupiers, die 1944/45 in der Phase der
höchsten Verluste an der Front gekämpft hatten. Sie hatten
unmittelbar erlebt, was es bedeutet, mit einer unzureichend
ausgebildeten Truppe in den Kampf zu ziehen. Unter ihnen
galt Horst Zobel als ein besonders kritischer Geist.536 Er hatte
ab 1939 alle Feldzüge mitgemacht und noch im Frühjahr 1945
vor Küstrin und an den Seelower Höhen gekämpft. Als
Inspizient der Panzertruppe war für ihn maßgeblich, ob die
Truppe ihre Waffen so beherrschte, dass sie bereits am ersten
Tag einer bewaffneten Auseinandersetzung ein Gefecht bei
Tag und Nacht bestehen konnte.537 Dieses Ziel wurde trotz
aller Fortschritte Mitte der Siebzigerjahre nur bedingt erreicht.
Die Schießleistungen waren durchwachsen, und die
Kommandeure führten nicht mehr so selbstverständlich und
souverän von vorne, wie das eigentlich verlangt wurde. Zwar
war der Leistungsstand in den Verbänden insgesamt gestiegen,
und es gab auch handwerklich exzellente Offiziere. In summa
fehlte es aber an Praxiserfahrung, um mit den von Clausewitz
so bezeichneten Friktionen des Krieges fertigzuwerden.538
485
Trotz aller Übungen blieb die Bundeswehr eine
Friedensarmee, die den Krieg nicht wirklich abbilden konnte.
Auch etliche hohe Generäle, die noch im Zweiten
Weltkrieg gekämpft hatten, schütteten Wasser in den Wein. Sie
waren der Meinung, dass die Ausbildung noch besser werden
müsse, »wenn wir mit qualitativ überlegenen Waffen eine
zahlenmäßige Unterlegenheit ausgleichen und unserer
Führungskunst zum Erfolg verhelfen wollen«539. Im Klartext
bedeutete dies, dass die Möglichkeiten einer Verteidigung
ohne Atomwaffen nach wie vor eher pessimistisch beurteilt
wurden. In ihrem strategischen Leitkonzept hielt die
Bundeswehr 1973 sogar fest, dass die Allianz »nie« mit
konventionellen Kräften einen Angriff in Mitteleuropa würde
aufhalten können.540 Auch der an sich optimistische Ernst
Ferber musste zugestehen, dass das Risiko, nach kurzer Zeit
Nuklearwaffen einsetzen zu müssen, nach wie vor »hoch« sei.
1975 kursierten in der NATO Planspiele, die das filmreife
Szenario
eines
erfolgreichen
sowjetischen
Überraschungsangriffs auf die Bundesrepublik skizzierten,
durch den zwei Drittel des Landes binnen weniger Tage
überrollt wurden.541 Gewiss dienten solche Horrorszenarien
immer auch dazu, die Mitgliedstaaten zu mehr
Rüstungsanstrengungen
zu
veranlassen.
Doch
im
Verteidigungsministerium in Bonn gab es durchaus Offiziere,
die trotz einer etwas diplomatischeren Sprache letztlich in das
gleiche Horn stießen: Die qualitativen Vorteile würden die
zahlenmäßige Unterlegenheit zwar abschwächen, aber nicht
ausgleichen. Die Verteidigung gegen eine groß angelegte
Aggression sei nur unter günstigen Umständen für eine
begrenzte Zeit zu führen. Unter diesen Bedingungen sei es
kaum möglich, verlorenen Raum zurückzugewinnen.
486
Insgesamt seien die Erfolgsaussichten der Abwehr eines
Angriffs in Mitteleuropa sehr gering.542
1980 hieß es in einer Lagebeurteilung, dass das deutsche
Heer um 230 000 Mann vermehrt werden müsste, um einen
Angreifer in der Nähe der Grenze zu stoppen und verlorenes
Gelände wieder einzunehmen. Mit den vorhandenen Kräften
sei das schlicht unmöglich. Die ersten Verstärkungen aus den
USA bräuchten trotz aller Vorbereitungen mindestens fünf
Tage, um auf dem Schlachtfeld einzutreffen, und dies werde
auch nur den amerikanischen Truppen in Süddeutschland
helfen.543 Nachdem sich die Franzosen 1966 aus den
militärischen Strukturen der NATO zurückgezogen hatten, war
ihr Einsatz nicht mehr in vorderster Front geplant; man
erhoffte sich ihre Unterstützung lediglich beim Auffangen
zurückweichender deutscher Truppen. Doch wie und wann der
französische Staatspräsident seine Truppen und vor allem
Nuklearwaffen einsetzen wollte, blieb unklar.544 Auch im
Führungsstab des Heeres kam man 1980 zu einer
ernüchternden Einschätzung der Lage: Man werde unter
Aufgabe von rund einem Drittel des Bundesgebiets, hoher
Verluste der Truppe und der Zivilbevölkerung den
Zusammenhang der Verteidigung zu halten versuchen. Die
Ballungsräume um Hamburg und München würden sehr früh
unmittelbar bedroht sein. Spätestens mit dem Eingreifen der
Kräfte der sowjetischen 2. Strategischen Staffel sei eine Krise
zu erwarten. Ein Angriff des Warschauer Paktes könne mit
konventionellen Mitteln nur verzögert, aber nicht abgewehrt
werden.545 Die NATO urteilte sogar noch pessimistischer.546
Zu diesem Zeitpunkt war die stete Aufwärtsentwicklung
der Kampfkraft der Bundeswehr zum Stehen gekommen, und
der Trend hatte sich umgekehrt. Die Probleme in der
Ausbildung hatten sich deutlich verschärft. Das Heer sei nur
487
»noch ausreichend« befähigt, seinen Auftrag im
Verteidigungsfall zu erfüllen, hieß es 1979 in einem
Zustandsbericht.547
Es
leide
unter
»teilweise
unbefriedigendem
Führungskönnen,
sinkendem
Ausbildungsstand,
unzureichenden
Stellenbesetzungen,
Mängel in der sanitätsdienstlichen Versorgung, zu geringer
Munitionsbevorratung, ungenügenden Aufklärungsmitteln und
Ersatzteilmängeln«.548 Im I. Korps wurde 1981 ein Tiefpunkt
erreicht und der Ausbildungsstand teilweise sogar mit
»mangelhaft« bewertet, was auch daran lag, dass viele
Übungen aus Finanzknappheit abgesagt werden mussten.549
Das 1973 eingeführte verpflichtende Studium an den
Bundeswehrhochschulen war ein wichtiges Investment in die
Bildung der jungen Offiziere, die nach nur fünfzehn Monaten
militärischer Ausbildung in ein dreijähriges Studium
wechselten. Dadurch fehlte es ihnen aber in den ersten
Verwendungen als Zugführer oder bald darauf als
Kompaniechef an praktischer Erfahrung. Das neue
Bildungskonzept sah außerdem so viele Lehrgänge vor, dass
die Hälfte der Offiziere sich ständig auf Weiterbildungen
befand und in ihren Einheiten fehlte.550 Das Wissen über den
Ablauf von Kampfhandlungen nahm nicht nur bei den jungen
Offizieren
immer
mehr
ab.551
Selbst
den
Panzerkommandanten
wurden
mangelnde
taktische
Grundfähigkeiten attestiert.552 Die Schießausbildung der
Panzertruppe, hieß es im Zustandsbericht Heer von 1981,
reiche nicht aus, um wirklich kriegsfähig zu werden; es fehle
am »guten, alten Gefechtsexerzieren«, damit die jungen Führer
die Abläufe automatisieren könnten. Die tragenden Kräfte im
täglichen Dienst seien die erfahrenen Feldwebel, von denen es
aber zu wenige gebe.553 Die Leistungsfähigkeit der Truppe
ruhe auf den Bataillonskommandeuren, denen »beachtliches
Können und vorbildliche Haltung« attestiert wurde. Auch die
488
wenigen älteren, nichtstudierten Kompaniechefs wurden
herausgestellt.554 Aber auch sie konnten nicht verhindern, dass
der Ausbildungsstand insgesamt als unbefriedigend galt.555
Der Inspizient der Panzertruppe bemerkte 1983, dass sie
im 27. Jahr ihres Bestehens trotz Zulaufs an modernem Gerät
insgesamt nicht schlagkräftiger geworden sei, und machte
dafür vor allem eine fehlerhafte Personalführung und
Ausbildungsstruktur verantwortlich.556 Die Panzertruppe
erhielt nur die Note »ausreichend«, die Panzerjägertruppe und
die Panzerspähtruppe wurden mit »mangelhaft« beurteilt.557
Bei der Artillerie sah es etwas besser aus, doch auch hier gab
es Bedenken. Eine Vorstellung von der eigenen Kampfkraft
fehle völlig, und das Feuer der gegnerischen Artillerie werde
unterschätzt. Geeignete Munition zur Bekämpfung gepanzerter
Fahrzeuge, die siebzig Prozent der zu erwartenden Ziele
ausmachten, sei nicht vorhanden. Ob die deutsche Artillerie
der zahlenmäßigen Überlegenheit der Ostblockstaaten durch
wendigere Führung gewachsen sei, erschien dem Inspizienten
zudem fraglich.558
Damit stand man in den Kampftruppen teilweise wieder
vor ähnlichen Problemen wie in den Sechzigerjahren. In ihren
negativen Auswirkungen hatte sich die Kultur der
Friedensarmee aber eher noch verschärft. Im Alltag, so schrieb
der Inspizient der Panzertruppe, würde jedes Detail
reglementiert, und Auftragstaktik sei vielfach nur noch ein
Lippenbekenntnis, »weil bloßer Befehlsvollzug des brütenden
Nachdenkens enthebt und Kritik des Befehlenden
ausschließt«.559 Mit Sorge dachte Kurt von Schweinitz daran,
wie seine Soldaten sich wohl in einem Krieg schlagen würden.
Als Kommandeur einer Panzerbrigade befürchtete er, dass die
Führer und Unterführer gar nicht mehr in der Lage seien,
selbstständig zu handeln, und bezweifelte, dass sie den
489
»Anforderungen der Stunde« gewachsen wären. Schweinitz
forderte, »den technokratischen Trend, die philisterhafte
Engigkeit und den staatlichen Indifferentismus« zu
überwinden.560 Selbst in der Kampftruppe war also
unübersehbar, dass sich das Gros der Soldaten an den vielfach
gemächlichen Friedensbetrieb angepasst hatte. Vom
Jobdenken war die Rede, von allzu viel Bequemlichkeit. »Wo
Soldaten nicht geführt, sondern organisiert, verwaltet oder gar
nur zum eigenen Fortkommen benutzt werden, ist der
Zusammenhalt des militärischen Verbandes gefährdet«, war
auf einer Bundeswehrtagung zu vernehmen.561 Der Krieg
werde nicht nur von Politikern, sondern auch von etlichen
Soldaten lediglich als abstraktes Phänomen gedacht.562 Mit
der langen Friedenszeit nahm auch die Bürokratisierung
unaufhaltsam zu. Die Vorschriften wurden immer
umfangreicher, im Heeresamt wurde zuweilen zehn Jahre lang
über sie beraten. Der Kontroll-, Prüf- und Inspektionswahn
führte zu einer Überlastung gerade der Führer und Unterführer.
Es gab kaum mehr Handlungsspielräume, und der Alltag war
nur durch selektiven Gehorsam zu bewältigen, da man alle
Anforderungen sowieso nicht erfüllen konnte.563
Kriegsnah ausbilden
Die Bundeswehrführung hatte die Probleme erkannt und unter
der Leitung des ehemaligen Generalinspekteurs Ulrich de
Maizière eine Kommission zur Untersuchung der
»Führungsfähigkeit
und
Entscheidungsverantwortung«
eingesetzt. In deren Abschlussbericht hieß es 1979, dass die
Vorbereitung auf den Kampf nicht mehr überall das
vordringliche Ziel der Ausbildung sei. Man versuche,
Führungsaufgaben
vordergründig
mit
formalen
organisatorischen Mitteln zu lösen, wesentliche Elemente der
Menschenführung seien in den Hintergrund getreten.564
490
Generalinspekteur Jürgen Brandt nahm den Ball auf und
versuchte 1980, neue Akzente zu setzen. In seiner Weisung für
Ausbildung, Erziehung und Bildung in den Streitkräften ging
es nur am Rande um Innere Führung und eine politische
Bildung, die die Grundwerte als verteidigungswürdige Güter
»erkenn- und erlebbar machen« sollte.565 Im Mittelpunkt stand
die Rückbesinnung auf das Kämpfen. Der lange
Friedensdienst, so Brandt, verleite dazu, intellektuelle
Fähigkeiten überzubewerten. Im Gefecht wiege der Charakter
schwerer als der Verstand. Pflichtbewusstsein, Disziplin,
Entschlossenheit, Härte, Kameradschaft, Vertrauen müssten
die Haltung jedes Einzelnen bestimmen; die Vorgesetzten
müssten diese Tugenden vorleben. Wichtig sei auch Disziplin:
Schlaffes
Auftreten,
uneinheitlicher
Anzug
und
Ungenauigkeiten aller Art würden oft kritiklos hingenommen
oder als Zeichen für eine unverkrampfte Haltung gewertet.
Brandt wollte dies nicht länger dulden und verlangte, scharf
gegen jede Missachtung militärischer Formen vorzugehen. Die
Disziplin sei der Grundpfeiler des Militärs. Auch verlangte er,
den Männern Vorbilder beispielhaften Soldatentums
nahezubringen, um ihnen Orientierungshilfe zu geben –
darunter verstand er neben der Aufbaugeneration der
Bundeswehr auch Beispiele aus der Wehrmacht.566
Die Kriegserfahrung der Briten im Falklandkrieg 1982
beförderte die Kritik am Zustand der Bundeswehr. Die
britischen Offiziere hätten mit Fantasie und »aggressivem
Mut« das Gesetz des Handelns an sich gerissen und immer
wieder flexibel auf unerwartete Situationen reagiert. »Sind wir
dazu noch fähig?«, fragte eine deutsche Auswertung des
Krieges rhetorisch. Die hohe Leistungsfähigkeit der britischen
Soldaten zeige, dass die eigene Sportausbildung kaum
ausreiche, um die körperlichen Belastungen eines Krieges zu
491
bestehen.567 Auch die Erkenntnis, dass sich »die
entscheidenden soldatischen Tugenden« in der kleinen Gruppe
entwickeln, sei auf den Falkland-Inseln eindrucksvoll bestätigt
worden.568 Das Zentrum für Innere Führung hielt fest: »Für
den Durchhalte- und Leistungswillen im Gefecht war die
Geborgenheit
in
der
Kampfgemeinschaft
[…]
ausschlaggebend. Jede militärische Ausbildung muß diese
Erkenntnisse bereits im Frieden berücksichtigen.«569 Gewiss
hatten auf den Falkland-Inseln die besten Infanterieverbände
der Briten gekämpft. Diese bestanden allesamt aus
Berufssoldaten
mit
ausgeprägtem
soldatischem
Selbstverständnis und hohem Berufsethos. Der Vergleich mit
diesen Einheiten offenbarte der Bundeswehr, wie weit sie mit
ihren Wehrpflichtverbänden in der Praxis von der
Kriegstauglichkeit entfernt war.
Die britischen Kriegserfahrungen auf den Falkland-Inseln
schienen die Initiative Jürgen Brandts nur zu bestätigen. Sie
blieb auch deswegen nicht ohne Folgen, weil der neue
Verteidigungsminister Manfred Wörner bald ins gleiche Horn
stieß.570 So kam es nicht von ungefähr, dass das Heeresamt
1985 das Buch »Kriegsnah ausbilden« herausgab.571 Nach
dem Ausscheiden der Kriegsgeneration sollte es den jungen
Soldaten dabei helfen, »von der Disco auf das Gefechtsfeld
umzudenken«572. Wegen der Bezüge zur Wehrmacht erregte
das Buch in der Öffentlichkeit bald Aufsehen.573 Werner von
Scheven dachte als Kommandeur freilich genauso und ordnete
für seine Panzerbrigade 15 an, durch »Literatur, Befragungen,
Filmauswertungen usw. eine realistische Vorstellung vom
Gefechtserlebnis zu entwickeln«. Er forderte in der
Ausbildung mehr Drill, mehr Schießausbildung, mehr
Schanzen, mehr Disziplin und die Förderung der Initiative. Er
verwies gar auf Lawrence von Arabien, der in seinen
492
Memoiren die Haltung der »prachtvollen« deutschen Soldaten
im Asienkorps gelobt habe.574
Die Konzentration auf die Gefechtsausbildung zeigte im
Verlauf der Achtzigerjahre langsam Wirkung. Zumindest in
den Augen der oberen Führung war diese nun wieder
befriedigend. Das lag auch an etlichen organisatorischen
Verbesserungen der neuen Heeresstruktur 4, die mehr und
kleinere Kampfverbände schuf, wodurch die Offiziersdichte
erhöht wurde. Außerdem wurden die Einheiten der
Kampftruppen seit Juli 1982 wieder kompanieweise mit
Rekruten aufgefüllt, sodass diese binnen 15 Monaten zu einer
engen Gemeinschaft zusammenwachsen konnten.575 Zu
Kommandanten von Kampf- und Schützenpanzern wurden
nun erfahrene Feldwebel ernannt und nicht mehr nur junge
Unteroffiziere, die mit der Vielzahl der modernen Waffen oft
überfordert waren.576
In der Ausrüstung machte das Heer wohl den größten
Schritt nach vorne. Im Bereich der elektronischen
Kampfführung, der Luftverteidigung und der Infrastruktur
verbesserte sich die Lage erheblich. Neue Panzer,
Hubschrauber und Minen, von denen in den Siebzigerjahren
nur gesprochen wurde, waren inzwischen verfügbar und
verstärkten
die
Abwehrfähigkeit
der
Bundeswehr
entscheidend. Der hochmobile und nachtkampffähige
Kampfpanzer Leopard 2 wurde ausgeliefert und war der ganze
Stolz des Heeres. Mit dem Tornado stand ab 1980 auch ein
sehr leistungsfähiger Jagdbomber zur Verfügung. Rund 250
000 Tonnen Munition lagerten in den Depots, mit denen man
zumindest die ersten zehn Tage eines Großkampfes
auszukommen glaubte.577 Die Sowjetunion nahm die
technologische Aufrüstung der NATO schon früh mit Sorge
zur Kenntnis. In Moskau befürchtete man, die konventionelle
493
Überlegenheit und den Anschluss in der Mikroelektronik zu
verlieren. Eine Reaktion darauf war die Modernisierung des
Arsenals an nuklearen Mittelstreckenraketen durch die SS
20.578
Rückkehr zum Bewegungskrieg
Die Einführung einer breiten Palette an konventionellen
Hightech-Waffen der ersten Generation und die Bemühungen
um eine bessere Ausbildung wurden in die Entwicklung einer
neuen Doktrin der Beweglichkeit eingebettet. Nachdem die
Vereinigten Staaten ein Jahrzehnt lang ganz auf den Krieg in
Vietnam fokussiert gewesen waren, wandten sie sich nun
wieder der Lage in Zentraleuropa zu. Hier standen die USTruppen nicht Guerillakämpfern gegenüber, sondern den bis
an die Zähne bewaffneten Panzerarmeen des Ostblocks. Man
versuchte, die Rückschläge in Ostasien zu analysieren und
einen Weg für einen erfolgversprechenden Kampf gegen den
Warschauer Pakt in Mitteleuropa zu finden. Geradezu obsessiv
studierten die Amerikaner nun den Bewegungskrieg der
Wehrmacht; die bis heute zu beobachtende tiefe Bewunderung
für deren handwerkliche Fähigkeiten hatte hier einen ihrer
Ursprünge. Ein wichtiger publizistischer Wegbereiter dieses
Lernens vom ehemaligen Feind war der israelische Historiker
Martin van Creveld579. Sein Buch »Kampfkraft« entstand
1979/80 zunächst als Studie für das Pentagon und wird bis
heute breit rezipiert. Creveld verwies darin auf Defizite in der
amerikanischen Führungsstruktur, die zu starr und unflexibel
sei, um mit Krisenlagen fertigzuwerden.580 Im Vergleich dazu
sei die Wehrmacht eine dezentrale Organisation gewesen, die
den Truppenführern viel Entscheidungsfreiheit gelassen habe.
Im Mai 1980 lud das US Army War College gar den 86jährigen Hermann Balck und dessen einstigen Chef des Stabes
Friedrich Wilhelm von Mellenthin zu einem viertägigen
494
Symposium nach Pennsylvania ein. Sie wurden dort als »two
of the world’s most distinguished living commanders of forces
in battle« begrüßt, und man hörte ihnen aufmerksam zu. Der in
Südafrika lebende Mellenthin hatte auch auf Englisch über
seine Kriegserfahrungen geschrieben und so den
zurückgezogen lebenden Balck erst bekannt gemacht. Dass
dieser wegen Kriegsverbrechen 1948 von einem deutschen
und 1950 von einem französischen Gericht verurteilt worden
war, störte nicht weiter. Nun sollten die beiden ehemaligen
Wehrmachtgeneräle
den
Amerikanern
ihr
Können
präsentieren. In einem Kriegsspiel wurde ihnen das
Kommando über die 3. US-Panzerdivision übertragen.
Zusammen mit der 4. US-Infanteriedivision, die vom
Befehlshaber des US Army Training and Doctrine Command,
General Glenn Kay Otis, geführt wurde, sollte das Fulda
Gap581 gegen die sowjetische Armee verteidigt werden. Balck
und Mellenthin setzten in ihrem Plan ganz auf Risiko, wollten
die sowjetischen Streitkräfte vor Fulda abwehren und nördlich
der Stadt tief in die Bundesrepublik vorstoßen lassen, um
ihnen danach in die Flanke zu fallen. US-General Otis löste
seine Aufgabe mit weniger Geländeverlust. Aber auch er
wollte Teile des Frontabschnitts zäh verteidigen, um an
anderer Stelle nachzugeben und dort zum Gegenangriff
anzusetzen. Den amerikanischen Offizieren schien der
gewagte Ansatz von Balck bedenkenswert: »In the hands of
average commanders, it would probably be a disaster. In the
hands of a Balck, working with a von Mellenthin, it is an
option with distinguished historical precedent.«582 Raum zum
Manövrieren war nach Auffassung der NATO in Mittelhessen
jedoch nicht vorhanden. Die amerikanischen Offiziere
lauschten den Ausführungen der deutschen Veteranen
gleichwohl aufmerksam.
495
Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, dass die hochbetagten
Männer von führenden amerikanischen Militärs als Fachleute
akzeptiert wurden. Doch was hatten die sowjetischen
Streitkräfte der Achtzigerjahre mit der sowjetischen
Streitkräfte des Zweiten Weltkriegs zu tun? Balck und
Mellenthin argumentierten, dass sich die Kultur der Roten
Armee nicht grundsätzlich verändert haben könne. Diese
würden auf überraschende Störungen ihres geplanten
Angriffsverlaufs daher noch immer sehr empfindlich reagieren
– ihren Zuhörern schien das plausibel zu sein. Beide waren der
Auffassung, dass die westlichen Soldaten ihren sowjetischen
Gegnern in puncto Initiative und Reaktionsschnelligkeit
überlegen seien. Das schmeichelte zweifellos ihren
amerikanischen Gesprächspartnern, und man war sich einig,
dass die Analyse der beiden Wehrmachtveteranen aufmerksam
geprüft und durchdacht werden müsse. General George S.
Blanchard,
soeben
pensionierter
Kommandeur
des
amerikanischen Heeres in Europa, war nach dem Kriegsspiel
denn auch der Ansicht, dass die deutsche Auftragstaktik
»deserved emphasis in U. S. training«.583
Man kann sich fragen, was ein 86-jähriger ehemaliger
Wehrmachtgeneral davon wissen konnte, wie 1980 das Fulda
Gap zu verteidigen war. So abwegig es auf den ersten Blick
erscheint: Bei dem Treffen in Pennsylvania ging es den
Amerikanern darum, Grundlegendes über Handwerk und
Führungskunst des Panzerkriegs zu lernen. Balck und
Mellenthin hatten ihr militärisches Können im Kampf gegen
die Rote Armee zweifellos bewiesen. Ihr Erfahrungsschatz
erschien der US Army wertvoll. Kein Amerikaner hatte je
gegen Sowjets gekämpft, und in der Führung von
Panzerverbänden bestanden nach eigener Ansicht erhebliche
Defizite. Das Kriegsspiel am Army War College und die
496
Untersuchung van Crevelds flossen in ein größeres
Studienprogramm ein, an dessen Ende die neue AirLandBattle-Doktrin stand. Sie verband wesentliche Merkmale der
deutschen
Kriegführung
des
Zweiten
Weltkriegs
(Beweglichkeit,
Initiative)
und
der
US-Streitkräfte
(Feuerkraft) mit den technischen Möglichkeiten der 1980erJahre. In beweglicher Kampfführung sollten hochmobile
Panzerdivisionen
in
Verbindung
mit
intensiver
Luftunterstützung den Angriff der 1. Strategischen Staffel des
Warschauer Paktes zurückwerfen. Zugleich sollte durch
massive
Luftangriffe
auf
Verkehrswege
und
Truppenansammlungen in der DDR, Polen und Weißrussland
die 2. Strategische Staffel noch im Anmarsch zerschlagen
werden.584 Man schöpfte neue Zuversicht und glaubte,
angesichts der vermeintlichen taktischen Inflexibilität der
sowjetischen Streitkräfte und ihrer technischen Unterlegenheit
erstmals auch konventionell gegen die Russen erfolgreich sein
zu können. Selbst die Briten erlernten nun den maneuvre
warfare, an dessen Durchführung sie im Zweiten Weltkrieg
kläglich gescheitert waren und der ihnen auch im Kalten Krieg
bis dahin habituell ungewohnt blieb.585
Auch die Bundeswehr war Teil des neuen Trends zum
operativen Denken.586 Die beiden deutschen Generäle
Ferdinand von Senger und Etterlin und vor allem HansHenning von Sandrart gaben dem Heer neue Impulse und
wollten sich von dem General Defence Plan der NATO lösen,
den sie als zu starr empfanden. Sie forderten, über die ersten
Verteidigungsgefechte
hinauszudenken
und
die
Gegenoffensive in einer operativen Dimension zu planen, auch
große
Risiken
einzugehen,
um
die
Initiative
wiederzugewinnen.587 Es ging ihnen darum, die Defensive
stärker als Ganzes zu denken, örtlich Schwerpunkte zu bilden,
497
Kräfte frei zu verschieben, die geplanten Verteidigungsräume
des ersten Gefechts zu vergrößern und nicht als starre
Festungslinie zu denken.588 Es ging auch um die
Rückgewinnung der Initiative mit einer »aggressiven,
beweglichen Operationsführung im Raum«. »Schöpferische
Führungskunst […] war einst die Stärke des deutschen Heeres
und seines Generalstabs. Sie muß es bleiben und dort, wo sie
verlorengegangen ist, muß sie es wieder werden«, erklärte
Sandrart auf der Übung »Trutzige Sachsen« 1985.589 Er war
durchaus für das »standhafte Halten« der grenznahen
Verteidigungsräume. Sein Hauptaugenmerk aber lag stärker als
bei den Vorgängern auf dem überraschenden Gegenangriff, der
mit schnellem, wuchtigem Stoß den Feind vernichten sollte.
»Die Verteidigung braucht das blitzende Schwert des Angriffs.
Dies hat uns im großen operativen Maße Manstein zum letzten
Mal 1943 durch die berühmte Rochade bei der Heeresgruppe
Süd vorexerziert«590, stellte er 1986 heraus.
Die Truppenführung als Kunst, dieser klassische Eckpfeiler
des German Way of War, war aus dem Denken der
Heeresführung nie ganz verschwunden591 und kam in den
Planungen der obersten Generalität nun wieder stärker zur
Geltung.592 Das Rad wurde dabei nicht neu erfunden, im
Gegenteil: Es wurde an alte Vorbilder angeknüpft. Sandrarts
Vorgaben erinnerten an die Truppenvorschriften eines Hans
von Seeckt oder Ludwig Beck aus der Reichswehrzeit. Diese
Akzentverschiebung war zunächst nur »Generals talk«, und
nur die höheren Stäbe und einige ausgewählte Offiziere waren
darin involviert.593 Erst mit der neuen Operativen Leitlinie für
das Deutsche Heer von 1987 wurde das Prinzip des flexiblen
Operierens in einem offiziellen Papier niedergelegt.594 Als
Sandrart 1987 zum NATO-Oberbefehlshaber Mitte ernannt
wurde, war er endlich in der Position, auch die konkrete
498
Operationsplanung für den Ernstfall zu flexibilisieren.595 Die
unteren Ebenen, also die Bataillone und Brigaden, wurden von
dieser Debatte übrigens nicht näher berührt. Schließlich wurde
hier seit den Sechzigerjahren der schnelle und flexible Kampf
gepanzerter Verbände als »Kern des Heeres«596 geübt.
Interessanterweise behandelte die Bundeswehr die
Artillerie ähnlich wie die Wehrmacht eher stiefmütterlich. Die
Bekämpfung der feindlichen Geschütze war eine der großen
Schwächen der Jahre 1943/44 gewesen. Sie schien auch in den
1980er-Jahren angesichts der geringen Rohrzahl und des
geringen Vorrats an Munition nur in engen Grenzen
möglich.597 Die Vernachlässigung der artilleristischen
Feuerkraft war neben dem »Dogma der Beweglichkeit«598
eine erstaunliche historische Kontinuität, und dies obwohl
etliche Generalinspekteure und selbst Henning von Sandrart
von Haus aus Artilleristen waren. Allerdings zeichnete sich
auch hier ab Mitte der Achtzigerjahre durch eine verbesserte
Organisation, die Einführung moderner Munitionsarten und
neuer Raketenwerfer eine Trendwende ab.
Das Vertrauen in die »Kriegstüchtigkeit« des Heeres, die
Fähigkeit, »Freiheit und Recht unserer Völker« zu verteidigen
und damit den Warschauer Pakt abzuschrecken, wurden Mitte
der Achtzigerjahre spürbar größer.599 Die Bundeswehr gewann
an Selbstbewusstsein. Offen wurde nun davon gesprochen,
dass die Truppen an ihre eigenen Möglichkeiten glauben und
mit Stolz auf ihre Leistungen blicken sollten.600 Unter
gewissen Umständen traute man sich nun zu, es auch mit der
2. Strategischen Staffel der sowjetischen Streitkräfte
aufzunehmen. Allerdings waren die Lagebeurteilungen der
Generalität auch jetzt keinesfalls euphorisch. Eine gewisse
Skepsis, ob man einen konventionellen Großangriff aufhalten
konnte, blieb bestehen, und dies wohl auch, weil trotz vieler
499
Verbesserungen in der Ausbildung die klassischen Probleme
einer Friedensarmee nicht beseitigt werden konnten.601 Die
besten Aussichten rechnete man sich noch bei den in
Nordhessen liegenden Verbänden aus. In der norddeutschen
Tiefebene und in Süddeutschland sei die Verteidigung nur
zeitlich begrenzt erfüllbar. Dort bliebe das Problem, dass
einem Angriff durch Österreich hindurch keine ausreichenden
Kräfte entgegengesetzt werden könnten, hieß es im
Zustandsbericht Heer von 1986.602 Selbst wenn es gelänge,
den ersten Ansturm der in der DDR und der ČSSR liegenden
Verbände aufzuhalten, habe man es bald mit der 2.
Strategischen Staffel des Warschauer Paktes zu tun. Und die
könne nur abgewehrt werden, wenn es die NATOLuftstreitkräften schafften, die Überlegenheit zu erkämpfen
und die Heranführung der sowjetischen Reserven zu stören.
Zudem hing dann alles davon ab, ob es den Amerikanern
gelingen würde, ausreichende Verstärkungen über den Atlantik
zu fliegen, und ob sich die gesamte französische 1. Armee am
Abwehrkampf beteiligte. Henning von Sandrart schien der
Sache selbst nicht ganz zu trauen.603 Der Zwang zur nuklearen
Eskalation sei keineswegs gebannt, meinte er. Darüber hinaus
erschien fraglich, ob ein konventioneller Krieg auf deutschem
Boden überhaupt führbar war. Die Auffassung, dass er
ähnliche Verwüstungen zur Folge hätte wie ein Atomkrieg,
war weitverbreitet und wurde auch von Generalinspekteur
Wolfgang Altenburg geteilt. Truppenführer dachten teilweise
anders und plädierten eher gegen mentale Vorbehalte.604 Aber
auch für sie dürften solche Planungen vor allem
Gedankenspiele gewesen sein. Die gesteigerte konventionelle
Kampfkraft war vor allem ein Mittel der Abschreckung – um
einen Krieg zu verhindern und nicht, um ihn zu führen.
West-östliche Wahrnehmungen
500
Die Abschreckung, für die über Jahrzehnte ein gigantischer
Aufwand getrieben wurde, war nach Ansicht der Bonner
Hardthöhe bitter notwendig. Die Bundeswehr nahm die
Sowjetunion stets als einen aggressiven Staat wahr, der eine
»weltumspannende ideologische, politische und militärische
Dominanz« anstrebte.605 Moskau war nie vom offiziellen Ziel
der Weltrevolution abgerückt, und die Streitkräfte des
Warschauer Paktes waren zum Angriff aufmarschiert. Sie
hatten eine beeindruckende Einsatzbereitschaft, und die NATO
bewertete ihre Kampfkraft als hoch. Selbst als die Sowjetunion
1985 ihre Doktrin von Angriff auf Verteidigung umstellte und
dem Land im Rüstungswettlauf mit der NATO die Luft
ausging606, traute man dem Wandel nicht recht.607 Die
Bundeswehrführung glaubte zwar nicht daran, dass Moskau es
auf einen globalen Atomkrieg anlegen würde, aber man wollte
dies auch nicht vollkommen ausschließen. Außerdem waren in
der NATO viele Warnungen im Umlauf, dass der Ostblock
zum Angriff übergehen könnte, sollte die Allianz in ihrer
Entschlossenheit zur Abschreckung nachlassen.608 Manche
hielten eine regional begrenzte Aktion oder eine konventionell
geführte Offensive für denkbar. Über die konkreten
sowjetischen Absichten wusste man während des Kalten
Krieges im Westen aber nichts. Der BND zählte zwar
zuverlässig die Panzer des Ostblocks und klärte über
Truppenverschiebungen auf.609 Er konnte aber weder Leonid
Breschnew noch Juri Andropow in die Karten schauen. Einen
Meisterspion im Kreml hatte die NATO nicht.
Doch was wissen wir heute über die Angriffsplanungen des
Warschauer Paktes? Gab es je die Intention, in einem
günstigen Moment bis an den Rhein oder gar an den Atlantik
vorzustoßen und Westeuropa in die kommunistische
Hemisphäre zu integrieren? Immerhin stieß man nach der
501
Wiedervereinigung in der DDR auf generalstabsmäßige
Vorbereitungen für einen Angriff auf die Bundesrepublik. Die
Blücher-Orden waren schon geprägt, das Besatzungsgeld
gedruckt und die Landkarten bereitgestellt. War das alles nur
ein Pokerspiel, in dem man mit militärischen Drohgebärden
politische und wirtschaftliche Vorteile im Ringen der Systeme
erkaufen wollte?610
Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs wollte die
Sowjetunion unbedingt vermeiden, einen künftigen Krieg auf
eigenem Territorium auszutragen. Geschützt durch ein Glacis
von Vasallenstaaten, galt es den Kampf offensiv auf das Gebiet
des Gegners zu tragen. Dies entsprach der sowjetischen
Militärdoktrin der Dreißigerjahre mit ihrer Betonung der
Offensive. Dementsprechend bereitete der sowjetische
Generalstab Angriffspläne vor. In den Sechziger- und
Siebzigerjahren plante man tatsächlich, mit sechzig
sowjetischen Divisionen und weiteren sechzig der
Verbündeten unter massivem Einsatz von Nuklearwaffen
Westeuropa in einer Art Blitzkrieg in zwei Wochen zu
überrollen. Für eine Besetzung der Bundesrepublik wurden
dabei fünf bis sieben Tage veranschlagt. Die Möglichkeit eines
rein konventionellen Angriffs scheint man erwogen, aber
verworfen zu haben.611 Ende der Siebzigerjahre wurden die
Prognosen über die Erfolgsaussichten der eigenen Offensive
gegen die Bundesrepublik zurückhaltender, da man die
verbesserte Technologie der NATO sehr ernst nahm. Mehr als
100 bis 150 Kilometer würde man in den ersten fünf Tagen
nicht vorankommen, hieß es nun.612
Ob eine solche Operation als originäre Aggression oder –
so die offizielle Lesart – als Reaktion auf eine vermutete
Bedrohung durch die NATO geplant wurde, ist angesichts
verschlossener russischer Archive nicht zu beantworten. Wie
502
im Westen gab es auch in der Sowjetunion in den
verschiedenen
Phasen
des
Kalten
Krieges
sehr
unterschiedliche Auffassungen über die Ziele und Formen
einer offenen Konfrontation der Blöcke. Generalstabschef
Nikolai V. Ogarkov sprach sich 1977 beispielsweise für die
Strategie eines Nuklearkriegs aus, den er durchaus für
gewinnbar hielt. Leonid Breschnew lehnte eine solche Option
vier Jahre später ab.613
Ausgehend von den bislang zugänglichen Quellen muss
man die Sicherheitspolitik der Sowjetunion in Europa gewiss
defensiver betrachten, als dies zur Zeit des Kalten Krieges
getan wurde. Zweifellos strebte Moskau nach einer
Ausdehnung seines Einflusses, etwa in Afrika; dabei mögen
auch Vorstellungen vom Sieg des Kommunismus in der
Blockkonfrontation eine Rolle gespielt haben. Aber ein großer
Krieg scheint für die Generationen der sowjetischen
Staatsführer der Nachkriegszeit keine Option gewesen zu sein.
Die Stationierung der SS 20 war eine Reaktion auf eine
angenommene konventionelle Überlegenheit der NATO und
aus sowjetischer Sicht somit defensiv.614 Auch die Invasion in
Afghanistan war kein Auftakt zum Marsch an den Indischen
Ozean, wie im Westen vielfach gemutmaßt. Die sowjetischen
Militärs haben, wie wir heute wissen, vor der Intervention
gewarnt. Dass das Politbüro nach längerem Zögern schließlich
aus Angst vor einem Übergriff des militanten Islam auf den
Süden des eigenen Landes und einem Festsetzen der CIA in
Afghanistan agierte, ist von der Auslandsaufklärung der
Bundeswehr nicht erkannt worden.615 Diese betonte, eher
noch als der BND, das Bild der gefährlichen Sowjetunion.
Wenngleich keine Hasspropaganda verbreitet wurde, war das
Feindbild doch klar. Dass man dabei die Intentionen Moskaus
wohl zu offensiv bewertete, war für eine militärische
503
Institution nicht überraschend, deren Aufgabe es war, das
Land zu schützen und sich auf alle Eventualitäten
vorzubereiten.
Und welchen Eindruck machte die Bundeswehr auf ihre
Gegner? Trug ihre Leistungsbereitschaft dazu bei, den
Warschauer Pakt abzuschrecken und damit den Frieden zu
sichern? Oder nahm man in Moskau und anderswo im
Ostblock nur die amerikanischen Atomraketen ernst und hielt
die westdeutsche Armee für eine Feierabendtruppe ohne
großen Kampfwert? Beantworten lässt sich dies bislang nur
für die DDR. Die politische Ebene Ostberlins nahm die
Bundeswehr als Teil eines aggressiven Bündnisses wahr616,
das den eigenen Staat bedrohte. Die Militäraufklärung der
NVA berichtete hingegen in beachtenswerter Nüchternheit
über die Manöver, die Ausrichtung und die Fähigkeiten der
Bundeswehr und ihrer Bündnispartner. In den Analysen wurde
zumindest zwischen den Zeilen deutlich, dass die NATO
defensiv aufgestellt war und keinesfalls einen Überfall auf den
Warschauer Pakt plante.617 Zwar enthielten die Berichte
immer auch die obligatorischen politischen Referenzen,
wonach die Manöver die aggressiven Absichten des »BRDImperialismus« und dessen Streben nach Stabilisierung der
imperialistischen Machtverhältnisse belegten. Die Bundeswehr
würde
ihre
Soldaten
auf
den
»Kurs
der
Aggressionsvorbereitungen des Bonner Staates« einschwören,
hieß es an anderer Stelle. Solche Bemerkungen waren aber
auffallend selten, und konkrete Mutmaßungen über einen
bevorstehenden Angriff auf die DDR wurden nicht angestellt.
Über
die
großen
Schwächen,
die
in
den
bundeswehrinternen Papieren so ausführlich diskutiert
wurden, findet sich in den Akten der NVA interessanterweise
nur wenig, insbesondere nicht zu den Defiziten in der
504
Ausbildung und bei der Motivation.618 Die militärische
Auslandsaufklärung der DDR bewertete die Kampfkraft der
Bundeswehr somit höher, als diese es selber tat.619
Insbesondere der technische Qualitätssprung bei den
Panzerabwehrwaffen wurde Anfang der 1980er-Jahre bei der
NVA mit Sorge wahrgenommen, und man schloss daraus, dass
die Kampfkraft der westdeutschen Divisionen um 30 bis 50
Prozent gestiegen sei.620 Die Akten des sowjetischen
Militärgeheimdienstes GRU stehen der Forschung leider nicht
zur Verfügung. Blickt man aber durch die Brille der NVA auf
die westdeutschen Streitkräfte, so haben diese ihren Auftrag
zur Abschreckung zweifellos erfüllt.
Traditionen
Die Strategie der NATO ebenso wie die konkreten
Operationsplanungen wurden im Verlauf des Kalten Krieges
modifiziert. Während es auf der oberen militärischen Ebene
also durchaus Veränderungen gab, immer wieder angepasst,
abgestimmt und neu justiert wurde, herrschte auf der unteren
Ebene, bei den Brigaden, Bataillonen und Kompanien, eher
Kontinuität im Denken vor. Hier, auf der taktischen Ebene,
dominierte eine Vorstellung vom Bewegungskrieg, die sich in
ihren Grundzügen seit dem Kaiserreich erstaunlich wenig
verändert hatte. Gefordert wurden ein dynamisch drängender
und wendig entschlossener Führungsstil, Vorwärtsdrang, das
Streben nach Initiative, Siegeswillen, zielstrebiges,
zupackendes Handeln ins Ungewisse, Einfallsreichtum, das
Führen von vorne und schließlich Pflicht- und Einsatzfreude.
Der Gardeleutnant des Jahres 1908, der Sturmtruppenführer
1917, der Panzeroffizier 1941 – sie alle hätten sich in dieser
Beschreibung wiedergefunden. Dabei entspricht sie
keineswegs einem allgemeingültigen Soldatenbild. Mut zum
Risiko, rasche Initiative und Beweglichkeit waren Aspekte, die
505
zumindest in dieser Ausprägung weder bei Franzosen noch bei
Amerikanern oder Briten zu finden waren. Bei allen
habituellen und politischen Unterschieden gab es im
Offizierkorps der Kampftruppen des Heeres vom Kaiserreich
bis zur Bundeswehr im Kalten Krieg eine bemerkenswert
große Schnittmenge im professionellen Selbstverständnis.
Diese Kontinuität ermöglichte auch die kameradschaftliche
Verbindung zwischen Generationen von Soldaten, weil sich
auf der handwerklichen Ebene etwa eines Grenadierbataillons
nur wenig geändert hatte. Generalleutnant Werner Lange
bilanzierte 1984 anlässlich des Manövers »Flinker Igel«, man
habe nichts von dem verlernt, was den deutschen Offizier und
Unteroffizier »schon immer« ausgezeichnet habe.621
Die im Kalten Krieg vorherrschende Auffassung vom
militärischen Handwerk legte den Brückenschlag zur
Wehrmacht, aber auch zur Reichswehr und zu den Armeen
Preußens und des Kaiserreiches nahe. Ganz im Sinne des
Gründungskompromisses der Bundeswehr und unterstrichen
durch den ersten Traditionserlass 1965 galten soldatische
»Tüchtigkeit und Kampfentschlossenheit« daher explizit als
traditionswürdig. Soldatisches Können spielte bei der
Namensgebung von Kasernen eine deutlich größere Rolle als
etwa der Widerstand gegen den Nationalsozialismus.622 Daran
änderte sich auch unter der SPD-Regierung grundsätzlich
nichts.623 So wurden 1970 nach dem Panzerjäger Diedrich
Lilienthal, 1975 nach dem Jagdflieger Hans-Joachim Marseille
und 1977 nach den Panzergenerälen Oswald Lutz und
Adelbert Schulz Kasernen benannt. Gewiss war es den meisten
Soldaten eher gleichgültig, wie ihre Standorte hießen. In der
Namensgebung spiegelte sich eher die Haltung der höheren
Offiziere wider, von denen die Vorschläge kamen und für
deren Selbstbild historische Vorbilder von Bedeutung waren.
506
Sie waren es auch, die die tribal cultures konstituierten und
das Traditionsbild formten.
Mustergültig lässt sich dies bei der Neugründung der
Jägertruppe im Jahr 1973 nachvollziehen. Diese auf den Ortsund Waldkampf spezialisierten Infanterieverbände hatte es in
der Bundeswehr zuvor nur im Territorialheer gegeben. Es
waren Verbände, die im Ernstfall mobilgemacht werden
sollten, im Frieden aber nur aus wenigen Mann
Rahmenpersonal bestanden. Nun glaubte man aber im aktiven
Friedensheer eine kampfstarke Jägertruppe aufbauen zu
müssen, die sich in den waldreichen Gebieten Nordhessens
und Bayerns eingraben und gegen die Rote Armee verteidigen
sollte.624 Mit viel Pathos wurden Bezüge zu den Jägertruppen
von 1813, 1870/71 und des Ersten Weltkriegs hergestellt. Die
Jägerverbände durften als eine der ersten Einheiten der
Bundeswehr das Barett mit dem goldenen Truppenabzeichen
tragen, das flächendeckend erst 1982 eingeführt wurde.625
Zudem pflegten sie – wie schon zur Kaiserzeit – ein
weidmännisches Brauchtum. Die Jagdhornbläser gehörten zu
jedem offiziellen Anlass dazu, und auch der eigene
Schlachtruf »Horrido Joho!« stellte die Verbindung zu alten
Zeiten her. Der Zweite Weltkrieg war in diesem Fall
unterrepräsentiert, da die Jägertruppe in der Wehrmacht keine
große Rolle gespielt hatte.
Anfang der Achtzigerjahre blieben nach erneuten
Umstrukturierungen nur zwei neu aufgestellte aktive
Jägerbataillone übrig, die sich sogleich daranmachten, die
kulturelle Identität der Truppengattung weiterzutragen. Das
Jägerbataillon 66 in Wentorf bei Hamburg stellte sich in die
Tradition der berühmten Lützower Jäger aus den
Befreiungskriegen, also jener Truppe, auf deren Uniform die
schwarz-rot-goldene Bundesflagge zurückgeht. In der Kaserne
507
des Jägerbataillons 67 in der Nähe von Itzehoe zeigten
Wandzeichnungen die Ahnenreihe der Jägertruppe von der
Zeit Friedrichs des Großen über die Befreiungskriege bis zur
Gegenwart. Das Bataillon übernahm die Tradition des
kaiserlichen Reservejägerbataillons 18 aus Lauenburg. Man
webte dessen Fahne nach, die fortan im Kasino hing und
während der Rekrutengelöbnisse mitgeführt wurde. Veteranen
aus dem Bataillon gab es zwar keine mehr, aber kundige
Referenten des Deutschen Jägerbundes e. V. wussten die
Truppe über Tradition und Brauchtum zu unterrichten. Das
Beispiel zeigt, dass es durchaus ohne die Wehrmacht ging,
wenn andere Bezüge näherlagen. Doch die Jägertruppe war
eine Ausnahme, und das 19. Jahrhundert spielte im Heer
insgesamt nur eine untergeordnete Rolle.
Dass auch der Bezug zum Ersten Weltkrieg seine Tücken
hatte, bekam 1976 die Luftwaffe zu spüren. Sie hatte Anfang
der Sechzigerjahre drei Geschwader nach den Fliegerassen
Oswald Boelcke, Max Immelmann und Manfred von
Richthofen benannt. Dies hatte allerdings auch schon die
Wehrmacht getan, weshalb deren Veteranenverbände Kontakte
zu den Bundeswehrgeschwadern pflegten. 1976 veranstaltete
das Aufklärungsgeschwader »Immelmann« der Bundeswehr
auf seinem Fliegerhorst Bremgarten bei Freiburg ein Treffen
mit den Veteranen des gleichnamigen Stukageschwaders.
Eingeladen war auch Hans-Ulrich Rudel. Der »ewige Nazi«626
war von 1941 bis 1945 in diesem Verband geflogen; er war
schon zu Kriegszeiten eine Legende gewesen und trug als
Einziger den höchsten Tapferkeitsorden der Wehrmacht. Aus
seiner engen Bindung zum Nationalsozialismus hatte er vor,
aber auch nach 1945 kein Hehl gemacht. Seit den 1950erJahren bewegte er sich in rechtsextremen Kreisen. Für die
Protagonisten des Treffens, darunter der nicht kriegsgediente
508
Geschwaderkommodore, aber auch der CDU-Obmann des
Verteidigungsausschusses Manfred Wörner, zählte nur Rudels
herausragende Tapferkeit als Wert an sich. Die
sozialdemokratische Leitung des Ministeriums nahm das
Erscheinen
Rudels
in
der
Bundeswehrkaserne
zähneknirschend hin. Die Sache weitete sich dann zum
Skandal aus, weil zwei hohe Luftwaffengeneräle nach dem
Treffen in einem Pressegespräch die Einladung Rudels in
einem kruden Vergleich damit rechtfertigten, dass mit Herbert
Wehner schließlich auch ein ehemaliger Kommunist im
Bundestag sitze.627
Eine aufgeregte öffentliche Diskussion über das
Geschichtsverständnis der Streitkräfte war die Folge. Es
wurden Stimmen laut, die die Tradition der Bundeswehr auf
die Zeit nach 1945 beschränken wollten. Diese Position war
allerdings selbst in der SPD umstritten.628 Als 1980 der Große
Zapfenstreich in Bremen zur Zielscheibe öffentlicher Proteste
wurde und sich die Stimmen mehrten, mit dem Vergangenen
zu brechen, reagierte Verteidigungsminister Hans Apel. Im
September 1982 trat der neue Traditionserlass in Kraft.629
Dieser hob die Bindung der Bundeswehr an das Grundgesetz
hervor und betonte deren Eigentradition. Über die Wehrmacht
hieß es, sie sei in den Nationalsozialismus »teils schuldhaft
verstrickt« gewesen, »teils schuldlos missbraucht« worden;
jedenfalls könne »ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich
keine Tradition begründen«. Als traditionswürdig wurden vor
allem solche Zeugnisse, Haltungen und Erfahrungen
bezeichnet, »die als ethische und rechtsstaatliche, freiheitliche
und demokratische Traditionen auch für unsere Zeit
beispielhaft und erinnerungswürdig sind«. Damit war eine
deutliche Distanz zur Wehrmacht hergestellt, ohne die
Verbindung ganz zu kappen. Gewissenhafter Gehorsam, treue
509
Pflichterfüllung, Kameradschaft und der Wille zum Kampf
wurden weiterhin als traditionswürdig eingestuft.
Viele Einzelheiten der verbrecherischen Kriegführung der
Wehrmacht waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt –
aber an der Dimension der Verbrechen konnte schon damals
kein Zweifel bestehen. Solche Erkenntnisse sickerten aber nur
sehr langsam in die Bundeswehr ein. Der neue Traditionserlass
war in seiner Sprache zurückhaltend und verharmloste den
aktiven Part der Wehrmacht eher noch. Mithilfe des neuen
Begriffs des militärischen Brauchtums sowie des Verweises
auf die Nutzung soldatischer Erfahrungen in der Ausbildung
tat man so, als hätte die Zeit vor 1945 mit der Tradition der
Bundeswehr nichts zu tun. Freilich klärte der Erlass nicht, wie
konkret mit dem Erbe der Wehrmacht umzugehen sei und wo
die roten Linien zu ziehen waren. Mit dieser diffizilen
Aufgabe sollten sich die Kommandeure herumschlagen, das
Ministerium war aus dem Schneider. Eine fundierte
Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Traditionen für
die Truppe fand nicht statt; noch weniger wurde gefragt,
warum diejenigen, die sich dafür interessierten, zumeist bei
der Wehrmacht landeten. Für die Klärung dieser Fragen hatte
man offenbar weder Interesse noch Zeit. Der Erlass wurde in
so großer Hektik geschrieben, dass man sogar den Bezug zum
20. Juli 1944 vergaß. Letztlich zielte das Dokument auf den
politischen Raum ab. Das Bedürfnis der Truppe nach Vor- und
Leitbildern spielte keine Rolle.
Der neue Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU)
war mit dem Erlass, den ihm sein SPD-Vorgänger in letzter
Minute ins Nest gelegt hatte, ohnehin unzufrieden und ordnete
sogleich eine Überarbeitung an. Nunmehr sollten die
militärische Erfahrung in ganzer historischer Breite
berücksichtigt, die traditionswürdigen Haltungen und Taten
510
Einzelner von der Institution der Wehrmacht getrennt, der
Widerstand hervorgehoben und das Gedenken an die Opfer der
Weltkriege herausgestellt werden.630 Eine Kommission
erarbeitete mehrere Entwürfe, die aber zwischen Militärischem
Führungsrat, dem Beirat Innere Führung und dem
Ministerbüro so lange hin und her geschoben wurden, bis die
Sache Ende 1985 im Sande verlief. Hinter verschlossenen
Türen wurde um das richtige Maß von Distanz und Nähe zu
den Wehrmachtsoldaten gestritten. Der Kommandeur des
Zentrums Innere Führung, Adalbert von der Recke, war der
Meinung, dass man die Wehrmacht nicht pauschal aus der
Tradition verbannen könne, weil die Soldaten des Zweiten
Weltkriegs
für
das
Selbstverständnis
vieler
Bundeswehrsoldaten
wesentlich
seien
und
ebenso
dazugehörten wie der Widerstand und die Geschichte seit
1955. Dietrich Genschel, Stabsabteilungsleiter für Innere
Führung, war ganz anderer Meinung. Er merkte kritisch an,
was denn die Bundeswehr mit Leuten wie »Reichenau,
Manstein, Jodl, Keitel …« verbinde.631 Freilich war auch im
Militärischen Führungsrat keine Einigung darüber zu erzielen,
wie die Verantwortung der Wehrmacht für Kriegsverbrechen
von der »Haltung und Leistung« jener Verbände und Soldaten
getrennt werden konnte, die »ehrenhaft gekämpft haben«.632
Das Ringen um die Textentwürfe führte zumindest dazu,
dass fortan deutlicher zwischen der Wehrmacht als Institution
und den einzelnen Soldaten differenziert wurde. Handwerklich
aber war das Heer derart eng mit der Wehrmacht verwoben,
bezog sich so sehr auf Führungslehre, Vorschriften und
zumindest Teile des Wertekanons, dass die Jahre 1935 bis
1945 aus der gelebten Tradition nicht wegzudenken waren.
Ähnlich dachte auch Minister Wörner. Im März 1983
verabschiedete er den Inspekteur der Luftwaffe, Friedrich
511
Obleser, mit folgenden Worten in den Ruhestand: »Ihre
Tapferkeit und Ihre soldatische Leistung im Zweiten Weltkrieg
wurden mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Sie gehörten zu
den Idolen meiner Kindheit. Sie haben für Ihr Vaterland
gekämpft und sind von einem verbrecherischen Regime
schmählich getäuscht worden.«633 Der Minister machte seine
Haltung immer wieder deutlich, etwa 1985 beim Treffen des
Bundes der Fallschirmjäger oder im Juli 1987 am
Gebirgsjägerdenkmal auf dem Hohen Brendten.634 Auch der
Inspekteur des Heeres, Hans-Henning von Sandrart, schloss
1984 in einer Rede am Ehrenmal des Heeres in Koblenz »die
tapferen Soldaten der Kriege« in die Tradition des Heeres
dezidiert mit ein.635 Im selben Jahr nahm Sandrart an den
Feierlichkeiten zum 40. Todestag Erwin Rommels teil und
würdigte dessen soldatische Tugenden und militärische
Fähigkeiten: den Oberleutnant, der 1917 den Monte Matajur
erstürmte, den Autor des Buches »Infanterie greift an«, den
erfolgreichen Panzerkommandanten in Frankreich und
Nordafrika. »Er bleibt im Herzen und im Sinn der deutschen
Soldaten«, so Sandrart.636
In der Panzertruppenschule in Munster wurde zu dieser
Zeit ein 350-jähriges Traditionsverständnis gepflegt, in dem
die Wehrmacht einen prominenten Platz einnahm. In jedem
Hörsaal war der Weg einer Panzerdivision im Zweiten
Weltkrieg mit Wanddarstellungen nachgezeichnet, und es gab
sogar eine kleine Ausstellung über SS-Hauptsturmführer
Michael
Wittmann,
dem
angeblich
erfolgreichsten
Panzerkommandanten des Zweiten Weltkriegs. Dieses Beispiel
zeigt vielleicht am klarsten, wie man auf unterer Ebene
zwischen Institution und Person, zwischen Handwerk und
politischem
System
unterschied.
Tapferkeit
und
Kameradschaft wurden von vielen Soldaten unverändert als
512
soldatische Tugenden betrachtet, die nicht erst durch eine
ethische, rechtsstaatliche oder demokratische Zielsetzung
traditionsfähig wurden.637 In Munster schien daher auch
niemand auf den Gedanken zu kommen, dass Wittmann als
Vorbild ungeeignet sein könnte, weil er seit 1936 Mitglied der
späteren Waffen-SS war und die längste Zeit in der SSDivision »Leibstandarte Adolf Hitler« gedient hatte.
Zweifellos war er ein erfolgreicher Panzerkommandant, doch
gab es andere, die nicht der Waffen-SS angehört hatten und –
wie etwa der weitgehend unbekannte Kurt Knispel – noch
erfolgreicher gewesen waren. Wittmann war so populär, weil
alle Welt Paul Carells Bestseller »Sie kommen« gelesen hatte,
in dem Wittmanns Husarentat im Kampf um die französische
Ortschaft Villers-Bocage im Juni 1944 in den buntesten
Farben ausgemalt wurde.
Das Beispiel zeigt, wie stark in der Truppe das Bedürfnis
nach historischen Vorbildern vorhanden war, mit denen man
sich als Panzerkommandant, Zugführer oder Kompaniechef
identifizieren konnte – mit Kämpfern also, die das vorgelebt
hatten, wofür man selbst ausgebildet wurde. Gewiss dachten
nicht alle Soldaten so. Den meisten Wehrpflichtigen war die
Traditionsfrage vollkommen gleichgültig oder sie empfanden
sie eher als störend.638 85 Prozent der Offiziere und 61 Prozent
der Unteroffizier glaubten aber nicht, dass die Rolle des
Militärs im Nationalsozialismus einer Traditionsbildung
entgegenstand, wie eine Studie aus dem Jahr 1985 zeigte. Und
die überwiegende Mehrheit der Zeit- und Berufssoldaten
wollte lieber mehr Tradition als weniger, meinte, »dass andere
Nationen nicht solche seelischen Blähungen haben wie
wir«.639 Vor allem beispielhaftes Verhalten aus den
Weltkriegen
sollte
herausgestellt
werden.640
Die
bundeswehreigenen Traditionen spielten demgegenüber nur
513
eine untergeordnete Rolle; nur ein knappes Drittel hatte die
entsprechende Frage überhaupt beantwortet.641
In den Achtzigerjahren zogen das CDU-geführte
Verteidigungsministerium und ein Großteil des Offizierkorps
des Heeres in Traditionsfragen an einem Strang. Die Kritik am
Buch »Kriegsnah ausbilden« durch die Grünen wurde ebenso
abgeschmettert642 wie jene an dem aus Wehrmachtzeiten
stammenden Panzerlied »Ob’s stürmt oder schneit«. 1984
hatte sich der Panzerschütze Franz Schober geweigert, das
Lied zu singen, da der »Hitler-Faschismus den Interessen der
Reichen diente, so dass das Singen eine Verhöhnung der Toten
des 2. Weltkrieges« bedeute. Das Truppendienstgericht wies
seine mehrfachen Beschwerden jedoch ab. Auch in Koblenz
weigerte sich ein Wehrdienstleistender einzustimmen und
wurde wegen Ungehorsams zu einer Arreststrafe verurteilt.
Davon bekam die lokale Presse Wind, und der Vorfall landete
im Fernsehen. Den Wehrbeauftragten erreichten daraufhin
etliche Eingaben, worauf er anregte, die Teile des Lieds zu
überprüfen, in denen vom Vorstoß »tief in die feindlichen
Reihen« die Rede war (2. Strophe) und der Panzer als
»ehernes Grab« (4. Strophe) bezeichnet wurde. Solche Texte
seien mit dem Verteidigungsauftrag einer Friedensarmee nicht
zu vereinbaren.
Das Lied war 1958 in einer abgeschwächten Form in das
Liederbuch der Bundeswehr aufgenommen worden. Die
ursprüngliche dritte Strophe, die das Sterben für Deutschland
als höchste Ehre besang, wurde schon damals gestrichen. Die
übrigen Strophen erfreuten sich aber weiter großer Beliebtheit.
Werner von Scheven, in dessen Brigade einer der Protestler
Dienst tat, meinte dazu: »Vom Panzerlied hängt nicht das
Wohl und Wehe der deutschen Panzertruppe ab, schon gar
nicht von der 4. Strophe. Es ist jedoch festzustellen, dass es bis
514
heute eines der am meisten freiwillig gesungenen und
bekanntesten Soldatenlieder im Heer ist. […] Gerade die 4.
Strophe wird immer wieder gesungen. Dies ist aber keine
Heldenverehrung. Analogien sind im deutschen Volks- und
Fahrtenliederbestand reichlich zu finden. Eine Streichung der
4. Strophe ist kein Verlust, kann aber eher das Gegenteil der
Absicht bewirken.«643 Andere Generäle wurden noch
deutlicher. Rasch bildete sich eine Gruppe, die vom Inspekteur
des Heeres über den Kommandeur des II. Korps und der 10.
Panzerdivision bis zum General der Kampftruppen reichte.
Letzterer schrieb, das Lied entspreche der Mentalität der
Panzertruppe und der gültigen Forderung, schnell und
erfolgreich zu kämpfen. »Die 4. Strophe stellt dar, daß der Tod
den Panzersoldaten eben im Panzer treffen kann. […] Dies
wird in einem Kriege auch so sein.« Es gehe nicht um die
Verherrlichung des Soldatentodes, sondern um die
Beschreibung einer realen Situation.644 Minister Wörner
schloss sich den Argumenten an. Doch als das neue
Liederbuch dann in zweiter Auflage erschien und 1991 in den
Druck ging645, war schon eine neue Zeit angebrochen. Die 4.
Strophe, die die Generalität in den Achtzigern noch mit Verve
verteidigt hatte, wurde bei dieser Gelegenheit gestrichen, in
der Truppe aber weiterhin gesungen.646
Fazit
Die Blockkonfrontation, die Teilung Deutschlands, die
atomare Bedrohung und die Erfahrung von zwei verlorenen
Weltkriegen formten ganz neue und höchst ambivalente
Rahmenbedingungen für den Aufbau der Bundeswehr. Das
westdeutsche Militär war gewissermaßen mit einer doppelten
Ambivalenz konfrontiert: Sollte die Bundeswehr vom Krieg
oder vom Frieden her gedacht werden, und war es opportun
oder nicht, sich in die Tradition einer langen Militärgeschichte
515
zu stellen? Die jeweiligen Alternativen schlossen sich im
Grunde aus, dementsprechend heftig wurde darum gerungen.
In der Praxis lief der Entscheidungsprozess auf einen
Kompromiss zwischen militärischer Binnenlogik und
innenpolitischen Vorbehalten hinaus, um die außenpolitischen
Anforderungen zu erfüllen.
Außenpolitisches Projekt
Das Versprechen, gegen erhebliche innenpolitische
Widerstände eine Armee aufzubauen, war ein kraftvolles
politisches Signal an Frankreich, Großbritannien und vor
allem die Vereinigten Staaten. Ab Mitte der Sechzigerjahre
wurden die vollmundigen Zusicherungen der Fünfzigerjahre
dann auch eingelöst, und spätestens jetzt war die Allianz in
Europa ohne die Bundeswehr nicht mehr zu denken. Bonns
Streitkräfte waren weit mehr als nur Hilfstruppen. Sie waren
zwar beinahe vollständig der NATO assigniert, aber strukturell
so eigenständig und militärisch so relevant, dass die
Bundeswehr auch politisch Gewicht hatte. So trug sie dazu
bei, dass die Bundesrepublik international mehr Einfluss
bekam und seit den Sechzigerjahren auch die Strategie der
Allianz mitbestimmte. Das Militär war für das deutschamerikanische Verhältnis zweifellos einer der wichtigsten
Pfeiler. Angesichts der von den USA kritisch beäugten
Ostpolitik und der gesellschaftlichen Proteste gegen die
Nachrüstung war die Bundeswehr das überzeugendste Zeichen
von Bündnistreue und Verlässlichkeit. Ihre Existenz und
Effizienz boten überhaupt erst die Voraussetzung, die alliierten
Truppen in der Bundesrepublik zu halten, sie gar bis an die
innerdeutsche Grenze vorrücken zu lassen, um der
Sowjetunion zu signalisieren, dass sie im Falle eines Angriffs
auf Deutschland gegen das westliche Bündnis insgesamt
würde kämpfen müssen. Der Marburger Historiker Eckart
516
Conze stellte seine Geschichte der Bundesrepublik unter die
Überschrift »Die Suche nach Sicherheit«. In diesem Sinne war
die Bundeswehr Teil der Staatsräson.
Militärisches Projekt
Um außenpolitische Wirkung zu erzielen, musste die
Bundeswehr eine leistungsfähige Armee sein. Zumindest
musste sie als solche wahrgenommen werden. Diese Aufgabe
wurde voll erfüllt. Trotz aller Kritik sind die westdeutschen
Streitkräfte von den Alliierten ernst genommen worden. Der
britische Militärattaché in Bonn schrieb 1980: »The
Bundeswehr is in the top ranks of the West’s armed forces.«
Im Krieg werde sie »hard and effectively« kämpfen.647 Die
Zustandsberichte der Bundeswehr waren hingegen weit
kritischer als die der Alliierten und – soweit wir wissen –
selbst der Gegner. Das Heer kam in der internen Bewertung
nie über den Zustand »befriedigend« hinaus, die Luftwaffe
immerhin zeitweise auf »gut«. Weit schlechter sah es bis Mitte
der Siebzigerjahre bei der Marine aus, die nur über
hoffnungslos veraltetes Gerät verfügte und der sowjetischen
Ostseeflotte in keiner Weise gewachsen war. Die
Zustandsmeldungen zeigen, dass die Bundeswehr in der Zeit
des Kalten Krieges nie so leistungsfähig war, wie sie
eigentlich sein wollte.
Doch trotz aller Defizite war die Bundeswehr eine lernende
Organisation – man denke nur an die vier zwischen 1955 und
1990 erlassenen Heeresstrukturen, die Reformen des
Ausbildungswesens oder den Übergang von »verwürfelter« zu
kompanieweiser Auffüllung der Truppe. Mit großer Energie
wurde versucht, die Dinge besser zu machen, optimale
Strukturen aufzubauen. Es gab ein ausgefeiltes Berichtswesen
und ein bemerkenswertes Maß an Offenheit und
Kritikfähigkeit. Schonungslos war man bemüht, Probleme und
517
Schwächen
aufzudecken
und
dann
mit
neuen
Ausbildungsschwerpunkten abzustellen. Dabei stieß man
immer wieder an die Grenzen dessen, was in Friedenszeiten
umsetzbar war. Die Übungsmöglichkeiten, die Finanzmittel,
aber auch die Führungsfähigkeit junger Vorgesetzter blieben
limitiert.
Anders als amerikanische, britische, französische oder
italienische Soldaten, die immer wieder kämpfen mussten oder
sich zumindest mit großem Engagement an gefährlichen
Missionen beteiligten, pflügte die Bundeswehr allenfalls durch
die Lüneburger Heide. In den anderen Armeen der NATO
erzeugte der Ernstfall Druck, förderte die Ausrichtung auf den
Kernauftrag. In der Bundeswehr nahm der gefühlte Druck,
vielleicht wirklich einmal kämpfen zu müssen, stetig ab, je
länger der Kalte Krieg dauerte. Daher gab es kaum Zwang zu
pragmatischem Handeln, keine Niederlagen, aus denen man
lernen konnte, keine Siege, die neues Selbstbewusstsein
schufen.
Mangels eigener Kampferfahrungen blieb insbesondere das
Heer im militärischen Handwerk auf seine Vorgänger bezogen
und erbte von ihnen die Betonung des schnellen
Bewegungskriegs, der eine lange Tradition in der preußischdeutschen Militärgeschichte hatte, zwischen 1939 und 1942
aber seinen Höhepunkt erlebte. Dass die Wehrmacht mit ihrer
Fixierung auf die Bewegung und ihrer Missachtung der
(artilleristischen) Feuerkraft ab Sommer 1943 mit ihrem
Latein auch im taktischen Bereich am Ende war, wurde in der
Bundeswehr jedoch nicht reflektiert. Ein Grund dafür dürfte
die Kriegserfahrung jener Spitzenmilitärs gewesen sein, die
bis in die Siebzigerjahre die Schlüsselstellen besetzten. Eine
überproportional hohe Anzahl von ihnen kam aus dem
Generalstabsdienst, wo die alten Führungstraditionen gepflegt
518
wurden, und hatte die Zeit der katastrophalen Niederlagen
zumeist nicht an der Front verbracht.
Die teilweise enge personelle Verbindung zur Wehrmacht
wurde im Kalten Krieg auch deshalb geduldet, weil die
Bundeswehr in politisch-strategischer Hinsicht eine
vollkommen andere Armee war. Niemand wollte mehr einen
Angriffskrieg führen, um verlorene Gebiete zurückzuholen,
wie es selbst der Generalstabschef und spätere
Widerstandskämpfer Ludwig Beck in den Dreißigerjahren
nicht ausschließen mochte. Wie sehr sich die Deutschen und
ihre Streitkräfte gewandelt hatten, brachte 1961 der britische
Luftwaffenattaché J. N. Tomes auf den Punkt: »People ask
whether the leopard can change his spots. The answer is that
there has been a mutation in Germany and the animal is
different from what he was before.«648
Unter dem Damoklesschwert des Atomkriegs beherrschten
im Großen sowieso ganz andere Fragen das militärische
Denken. Die zentrale Frage war, ob Kriege überhaupt noch
führbar waren. Zu Zeiten der massive retaliation gewiss nicht,
zu Zeiten der flexible response war dies zumindest theoretisch
denkbar. Den Verantwortlichen der Bundeswehr war aber
bewusst, dass selbst ein konventioneller Krieg das eigene Land
zerstören würde. Erstmals in der deutschen Geschichte ging es
also nicht darum, nach günstigen Rahmenbedingungen für den
Kampf zu suchen, sondern ihn um jeden Preis zu vermeiden.
Dies blieb für den Habitus der Streitkräfte nicht ohne Folgen.
Der Frieden war der Ernstfall, Krieg war im Zeitalter des
atomaren Overkills schlicht nicht vorstellbar. In der Truppe
redete man zwar noch Mitte der Achtzigerjahre kraftvoll der
Kriegsfähigkeit das Wort, um den Gegner abzuschrecken.
Aber selbst innerhalb der Armee empfanden viele ein solches
Gebaren als unangebracht, manche gar als reaktionär. Mit
519
einer Mischung aus Anerkennung und Neid blickten jene, die
sich dem militärischen Auftrag auch emotional verpflichtet
fühlten, auf andere Armeen: auf deren ungebrochenes
Selbstverständnis, deren soldatischen Habitus, auch deren
Respekt vor den deutschen militärischen Leistungen der
Vergangenheit.649
Innenpolitisches Projekt
Die Armee wurde in der Bundesrepublik von Anfang an mit
großem Misstrauen beäugt. Zwar war nie eine Mehrheit gegen
die Wiederbewaffnung, aber nach der Erfahrung von Krieg
und Verbrechen stand vielen Deutschen nicht der Sinn nach
Streitkräften. Deren Image war vor allem bei der politischen
Linken denkbar negativ. Seit den Erfahrungen der Weimarer
Republik wurden Soldaten als potenzielle Gefahr für die
Demokratie gesehen. Wenn es also wieder Streitkräfte geben
sollte, mussten diese umfassend eingehegt werden: durch
Regierung und Parlament, aber auch durch eine Struktur, in
der
Zivilbeamte
Schlüsselstellungen
im
Verteidigungsministerium bekleideten und über Personal und
Rüstung wachten. Die Militärs hatten im Staat nichts zu
melden, sollten am besten schweigend ihre Arbeit tun. Und sie
hatten eine Bringschuld, mussten unter Beweis stellen, dass sie
der Republik loyal dienten. Es reichte nicht, die Rekruten zu
guten Soldaten auszubilden wie in den meisten anderen
NATO-Staaten. Sie mussten auch zu überzeugten
Staatsbürgern und Demokraten erzogen werden. Und je
weniger Schauergeschichten die ehemaligen Wehrpflichtigen
erzählten, desto eher konnte man dem militärkritischen Teil
der Gesellschaft vermitteln, dass die Bundeswehr nicht nur
eine Armee für die Demokratie, sondern gar ein Hort der
Demokratie war.
520
Freilich waren die Rahmenbedingungen zur Erfüllung
dieses doppelten Zieles viel ungünstiger als in anderen
Ländern. In der Bundesrepublik waren signifikant weniger
Bürger gewillt, mit der Waffe in der Hand die Demokratie zu
verteidigen. Hinzu kam, dass in den Siebziger- und
Achtzigerjahren der Sinn der Friedenssicherung mit
militärischen Mitteln überhaupt angezweifelt wurde. Beide
Aspekte wurden durch den gesellschaftlichen Wertewandel
befördert, der es von vornherein erschwerte, junge Rekruten in
einer auf Befehl und Gehorsam beruhenden Organisation zu
treuen Verteidigern der Republik zu erziehen. An diesem
Anspruch musste die Bundeswehr dann auch scheitern. Vieles,
was demonstrativ nach außen getragen oder in
Zustandsberichten
gemeldet
wurde,
war
schlicht
Schönfärberei.
In den ersten 15 Jahren der Bundeswehr war das zivilmilitärische Verhältnis angespannt. Etliche öffentliche
Skandale säten Misstrauen und nährten den Verdacht, dass mit
den Streitkräften etwas nicht stimmte. Umgekehrt war auch
die Bundeswehr mit den Verhältnissen in Gesellschaft und
Politik unzufrieden, die es aus ihrer Sicht unmöglich machten,
ihren Auftrag zu erfüllen. Gerade das Heer war von der
wachsenden Skepsis gegenüber allem Militärischen betroffen,
und man konnte 1968/69 in der Tat bezweifeln, ob es
verteidigungsbereit war. Zu diesem Schluss musste man
zumindest kommen, wenn man die Bundeswehr vom Krieg
her dachte und einem robusten Soldatentum das Wort redete.
Freilich gab es nicht nur zwischen den Streitkräften und dem
linksliberalen Milieu Spannungen. Auch innerhalb der
Bundeswehr gab es ganz unterschiedliche Berufsauffassungen,
die quer durch die Teilstreitkräfte und Generationen gingen,
521
wie der Konflikt um die Leutnante 70 und die Hauptleute von
Unna zeigte.
Ab Anfang der Siebzigerjahre kam die Bundeswehr dann
mehr und mehr zur Ruhe. Öffentliche Affären gab es jetzt
praktisch nicht mehr. Das lag weniger daran, dass es keine
Diskrepanzen zwischen Gesellschaft und Militär mehr gab,
sondern eher an einer vorsichtigeren Kommunikation der
Streitkräfte. Man zog sich in die Welt der tribal cultures
zurück, regelte die Dinge nach eigenen Vorstellungen. Die
Streitkräfte wussten nun, wie sie mit dem Staat und der
öffentlichen
Meinung
möglichst
skandalfrei
zu
kommunizieren hatten. Und selbst wenn es Fehltritte gab, die
an die Presse oder das Fernsehen gelangten, wusste man
geschickt zu deeskalieren. Um die Konzepte der Inneren
Führung und des Staatsbürgers in Uniform wurde nicht mehr
gerungen. Die Streithähne Baudissin und Karst waren im
Ruhestand und fanden keine Nachahmer. Gewiss war etwa die
Personallage inzwischen besser als 1968, sodass es objektiv
weniger zu klagen gab. Es kam aber auch eine andere
Spitzengeneralität ins Amt, die nicht unbedingt weniger
konservativ war, aber doch geländegängiger im politischen
Raum agierte. Dadurch erreichte man, dass die Armee
weitgehend in Ruhe gelassen wurde und in den Kasernen
ihrem militärischen Handwerk nachgehen konnte.
In den Siebzigerjahren wurde das Militär durch den
gesellschaftlichen Wandel bunter und sozial heterogener. Und
es wurde auch sozialdemokratischer: Mehr Generäle traten in
die SPD ein, vor allem das Unteroffizierkorps wählte nun
mehrheitlich links. Freilich: Im militärischen Alltag spielte
Parteipolitik kaum eine Rolle. Wichtiger war, ob jemand die
Streitkräfte vom Frieden oder vom Krieg her dachte. Ersteres
war der Gesellschaft eher vermittelbar, und viele Soldaten
522
entwickelten eine Identität, die mit dem Krieger wenig, mit
dem Verteidigungsbeamten aber umso mehr zu tun hatte. Ab
etwa 1980 setzte eine Gegenbewegung ein, um die militärische
Leistungsfähigkeit der Bundeswehr wieder zu stärken. Dass
die Streitkräfte nun wieder stärker vom Krieg her gedacht
wurden, blieb aber im Wesentlichen eine militärinterne
Angelegenheit und wurde in der Öffentlichkeit kaum
wahrgenommen, zumal es auf der Linie der neuen schwarzgelben Regierung lag.
Die Kampftruppen blieben naturgemäß am stärksten auf
den Krieg ausgerichtet, und besonders beim Heer war der
Bezug zur Zeit vor 1945 nach wie vor stark ausgeprägt. Hier
hatte sich im militärischen Handwerk – anders als etwa bei der
Luftwaffe – am wenigsten verändert. Gesellschaftlich wurde
diese Ausrichtung in der Anfangszeit der Bundeswehr noch
nicht sonderlich skandalisiert. Die Wehrmachtveteranen waren
zu dieser Zeit nicht nur in den Streitkräften noch vertreten,
sondern auch in allen anderen Bereichen der Gesellschaft von
der Politik über die Wirtschaft bis zu den Universitäten.
Wenngleich die Bundeswehr in ihrem Traditionsbild
Vergangenem anhing, war sie eine Armee, die voll in die
Demokratie integriert war und alle Spielregeln loyal befolgte.
Und jenseits aller Debatten um Begriff und Inhalt
funktionierte die Innere Führung in einem Kernbereich: Im
Umgang von Vorgesetzten mit ihren Untergebenen machte die
Bundeswehr zweifellos erhebliche Fortschritte. Missbrauch
und Schikane konnten zwar nie vollkommen abgestellt
werden, aber seit den frühen Siebzigerjahren nahmen die
Disziplinarvergehen stetig ab, und die Umgangsformen
liberalisierten sich.
523
V.
Außen preußisch – innen
sowjetisch. Die Nationale
Volksarmee der DDR (1952–
1990)
Volk in Waffen
Der Aufbau des Sozialismus im Osten des geteilten
Deutschlands musste auch mit militärischen Mitteln gesichert
werden. Daran bestand für die Führung der SED kein Zweifel.
Bereits 1948 wurden militärisch bewaffnete Einheiten der
Polizei aufgestellt1, die den Schutz des Regimes in einem
möglichen Bürgerkrieg sicherstellen sollten. Die Verteidigung
gegen die Westmächte übernahmen die Streitkräfte der
Sowjetunion, die rund eine halbe Million Soldaten in
Ostdeutschland stationierte. Mit der Aufstellung einer
regulären ostdeutschen Armee zögerte Stalin auch noch nach
Gründung der DDR im Oktober 1949. Sicherheitspolitische
Vorbehalte, wie sie etwa Frankreich gegen deutsche Soldaten
in der Bundesrepublik hegte, hatte er zwar nicht. Schließlich
war in Ostberlin ein kommunistischer Staat etabliert worden,
den Moskau fest im Griff hatte und der konsequent mit den
deutschen Militärtraditionen brach. Eine DDR-Armee hätte
aber bei den diplomatischen Manövern auf der internationalen
Bühne zu diesem Zeitpunkt nur gestört. Denn der sowjetische
Diktator wollte sich die Option offenhalten, eine Westbindung
der Bundesrepublik zu verhindern. So schlug er in seiner Note
vom März 1952 vor, ein neutrales vereinigtes Deutschland zu
schaffen. Ob der Vorstoß wirklich ernst gemeint war, ob er ein
verklausulierter Versuch war, Deutschland als Ganzes in den
524
Ostblock zu integrieren, oder ob Stalin mit seiner Note nur
Amerikanern, Briten und Franzosen die Schuld an der Teilung
Deutschlands zuschieben wollte, ist unter Historikern nach wie
vor umstritten.2 Nach einem ergebnislosen Notenwechsel war
den vier Siegermächten dann endgültig klar, dass die längst
vollzogene Teilung des von ihnen besetzten Landes nicht mehr
rückgängig zu machen war. Erst jetzt ging die Sowjetunion
konsequent daran, die DDR zu bewaffnen3, wie es zuvor
schon in den Volksdemokratien Polens, Ungarns und der
Tschechoslowakei geschehen war.4
Ab Juli 1952 stellte die DDR eine Kasernierte Volkspolizei
auf. Damit begann de facto der Aufbau einer Armee, auch
wenn sie aus politischen Gründen noch nicht so heißen durfte.
Sie unterstand dem Innenministerium und umfasste zunächst
50 000 Mann. Die Kosten für die nun folgende Aufrüstung
waren erheblich und eine zusätzliche Belastung für die von
Kriegszerstörungen und Demontage schwer gezeichnete
ostdeutsche Wirtschaft. Sie trug zur Krise der DDRVolkswirtschaft bei5, die schließlich in den Volksaufstand vom
17. Juni 1953 mündete. Kasernierte Volkspolizei und
Staatssicherheit erwiesen sich schnell als zu schwach, um den
Protest Hunderttausender unter Kontrolle zu bekommen, die
nicht nur eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation,
sondern auch freie Wahlen forderten. Die Rote Armee musste
eingreifen und schlug die Proteste blutig nieder.6 Dieser
Volksaufstand wurde zum Trauma für die DDR-Führung. Die
Revolte war von Arbeitern ausgegangen, was in der Logik des
Regimes nicht sein konnte, weil der sozialistische Staat
vorgeblich die Interessen der Arbeiter und Bauern
repräsentierte. Nach offizieller Lesart konnte der Aufstand also
nur durch »Konterrevolutionäre« aus dem Westen verursacht
worden sein, gegen die es sich fortan besser zu schützen galt.
525
Die bewaffneten Sicherheitsorgane wurden reformiert und
weiter ausgebaut. Im Januar 1956 schließlich wurde die
mittlerweile etwa 120 000 Mann zählende Kasernierte
Volkspolizei in die Nationale Volksarmee (NVA)
umgewandelt.
Die offizielle Gründung von Streitkräften war für die DDR
– wie auch für die Bundesrepublik – ein Zeichen eigener
Souveränität und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur
angestrebten völkerrechtlichen Anerkennung. Es galt, das
SED-Regime nach innen abzusichern und das außenpolitische
Gewicht Ostberlins zu mehren.7 Der möglichst rasche Aufbau
einer schlagkräftigen Bündnisarmee sollte einen Beitrag dazu
leisten, sich »den Freunden« – wie die Sowjetunion in der
DDR-Alltagssprache genannt wurde – als sozialistischer
Musterschüler zu empfehlen. Im Vergleich zu den anderen
Ostblockstaaten hinkte die DDR in ihrer militärischen
Entwicklung jedoch hinterher. Diese hatten schon während des
Zweiten Weltkriegs über Truppen verfügt, die an der Seite der
Roten Armee gekämpft hatten8 und als Kern für die neuen
sozialistischen Armeen dienten.
In
der
Öffentlichkeit
wurde
die
ostdeutsche
Sicherheitspolitik stets als Reaktion auf westliche Maßnahmen
dargestellt. So wurde die NVA drei Monate nach der
Bundeswehr offiziell aufgestellt, und die DDR trat auch erst
im Januar 1956 dem Warschauer Pakt bei, acht Monate
nachdem die Bundesrepublik Mitglied der NATO geworden
war. Die Gründung einer Armee entsprach indes einer
Eigenlogik; sie war nach der Teilung Deutschlands und der
Verschärfung des Kalten Krieges aus Sicht der Sowjetunion
wie auch der DDR-Führung folgerichtig. Moskau wie auch
Ostberlin fühlten sich im Systemkonflikt mit dem
»Imperialismus« permanent existenziell bedroht.9 Zudem
526
diente die Armee bis zum Bau der Berliner Mauer im August
1961 der Herrschaftssicherung nach innen. Erst danach
konzentrierte sie sich ganz auf ihre militärischen Aufgaben
und überließ die innere Sicherheit der Bereitschaftspolizei, den
bewaffneten Kampfgruppen der Volkseigenen Betriebe und
den Grenztruppen, die formal indes auch der NVA angehörten.
Die Bevölkerung der DDR war leidgeprüft vom letzten
Krieg und stand, nicht anders als die Bundesdeutschen, der
Aufstellung von Streitkräften mit gemischten Gefühlen
gegenüber. Die Stimmungsberichte der SED zeigen, dass es
mit der Popularität des Militärs nicht allzu weit her war.10
Auch deshalb baute die DDR als einziger Ostblockstaat eine
Freiwilligenarmee auf und führte zunächst keine Wehrpflicht
ein. Die SED-Führung befürchtete, dass sich die Rekruten dem
Wehrdienst durch Flucht nach Westberlin entziehen könnten
und der fortwährende Exodus aus dem Land noch weiter
anschwellen würde. Die Zahl der Freiwilligen belegt die
Zurückhaltung gegenüber der neuen Armee: Bis Ende 1956
meldeten sich nur 7300 junge Männer zum Dienst in der NVA.
Diese bestand also fast ausschließlich aus ehemaligen
Angehörigen der Kasernierten Volkspolizei.11
Nach dem Mauerbau wurde 1962 dann doch die
Wehrpflicht eingeführt, alle tauglichen jungen Männer wurden
nun eingezogen. Ein Recht auf Verweigerung gab es nicht.
Doch auf Druck der Kirchen – sie spielten bei der Artikulation
einer kritischen Haltung zu den Streitkräften in der
sozialistischen Diktatur eine herausgehobene Rolle – wurde
1964 die Möglichkeit geschaffen, einen waffenlosen
Wehrdienst als sogenannter Bausoldat abzuleisten. Dieser
Dienst war mit erheblich erschwerten Bedingungen und
Schikanen verknüpft, weshalb sich nur wenige für ihn
entschieden. Während insgesamt mehr als 2,5 Millionen DDR-
527
Bürger Wehrdienst leisteten, gab es bis 1990 nur etwa 15 000
Bausoldaten.12 So hart deren Los auch war, die Möglichkeit
eines waffenlosen Dienstes gab es nirgendwo sonst im
Ostblock.
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren entschlossen sich
viele Hundert Soldaten vor allem aus politischen Gründen zur
Flucht in den Westen. Auf dem Höhepunkt im Jahr 1953
desertierten 1940 Männer, 1962 waren es trotz Mauerbaus
immer noch 564. Prominentester Flüchtling, weil einer der
ranghöchsten, war Oberstleutnant und Regimentskommandeur
Martin
Löffler,
der
im
September
1962
die
Grenzbefestigungen überwand.13 Daraufhin wurden die
Sicherheitsmaßnahmen rigoros verschärft, sodass die Zahl der
Fahnenflüchtigen auf 75 im Jahr 1968 fiel.14 Fahnenflucht gab
es übrigens auch in die andere Richtung, wenngleich in weit
geringerer Zahl.15
Gekämpft wurde in der DDR immer und überall.16 Das
Kämpferische steckte der sozialistischen Gesellschaft
sowjetischer Prägung gewissermaßen in den Genen, und die
Militarisierung erfasste alle Ebenen, vom Kindergarten über
Sport, Schule, Hochschule, Betriebe bis zur Freizeit.17 Allen
voran galt dies für die Jugendorganisation FDJ und die
paramilitärische Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die
die Begeisterung für technisierte Sportarten wie Fliegen oder
Tauchen geschickt zur Werbung für die Streitkräfte zu nutzen
verstand. Der 1. Mai war in der Propagandarhetorik ein
»Kampftag« für den Frieden, und 1979 wurden Soldaten zur
Hilfestellung
bei
der
Schneekatastrophe
in
den
»Winterkampf«18 geschickt. Die DDR war eine der am
stärksten militarisierten Gesellschaften in Friedenszeiten.19
Bereits in den Sechzigerjahren hatten zwei Drittel der
528
Wehrpflichtigen eine vormilitärische Ausbildung durchlaufen,
ein Drittel war Mitglied der GST.
Für viele war daher die militärische Umgebung kein
Neuland mehr, als sie in den Kasernen ihren Wehrdienst
antraten. Zudem passte sich mit der politischen und
wirtschaftlichen Konsolidierung der DDR in den
Sechzigerjahren die weit überwiegende Mehrheit der jungen
Männer an die gegebenen Umstände an. In einer Umfrage
unter 1600 ehemaligen Wehrdienstleistenden bei der
Volksmarine erklärten 1971 drei Viertel der Befragten, die
Erfahrung des Armeedienstes würde sich positiv auf ihr
weiteres Leben auswirken. Lediglich zwölf Prozent hielten
den Wehrdienst für verlorene Zeit.20 Das war im Vergleich zur
Bundeswehr ein gutes Ergebnis, wobei über die
Zuverlässigkeit der Statistik nichts bekannt ist und im Heer die
Befragung möglicherweise anders ausgefallen wäre. Die
Umfrage zeigt gleichwohl, dass sich die internationalen
Jugendproteste von 1968 – anders als in der Bundesrepublik –
kaum auf die Wehrbereitschaft der DDR-Jugend auswirkten.21
Die NVA war gewiss nicht die beliebteste Institution des
Staates, aber von einer generellen Ablehnung kann keine Rede
sein. In einer großen Umfrage des ostdeutschen Instituts für
Meinungsforschung aus dem Jahr 1977 gaben bis zu drei
Viertel der DDR-Bürger an, dass sich in den Erzählungen von
Freunden und Bekannten über die Wehrdienstzeit Positives
und Negatives in etwa die Waage hielten oder gar das Positive
dominiere.22
Die Militarisierung der Gesellschaft sollte dafür sorgen,
nicht nur die NVA, sondern den überdimensionierten
Sicherheitsapparat insgesamt hinreichend mit Nachwuchs zu
versorgen. Noch wichtiger war jedoch die damit
einhergehende Kontrolle und Disziplinierung der Gesellschaft
529
im Sinne des Sozialismus. »Die Militarisierung diente nicht
dem Militär, sondern dem Machtausbau der Partei«23,
formulierte der Historiker Heiner Bröckermann. Auch wenn
diese These den Sachverhalt zuspitzt, trifft sie den Nagel auf
den
Kopf.
Eine
der
wichtigsten
ideologischen
Sozialisationsinstanzen der kontinuierlichen Indoktrinierung
vom Kindergarten bis zum Studium war der Wehrdienst
selbst.24 Zumindest war die militärische Führung der Ansicht,
dass die politische Gesinnung umso gefestigter werde, je
länger die jungen Männer bei der NVA dienten. Für diese
Ansicht spricht, dass der Grad der SED-Mitgliedschaft der
Wehrpflichtigen in der Armee erheblich zunahm. Auch
systemkonforme Antworten bei Umfragen nahmen während
des Militärdienstes deutlich zu. Allerdings hielt dieser Effekt
nicht lange an und war wohl eher auf Konformitätsdruck als
auf echte Überzeugung zurückzuführen.25 So waren die
Gründe für einen Parteieintritt vielschichtig und dürften in
hohem Maße pragmatischer Art gewesen sein, um im späteren
beruflichen Werdegang keine Nachteile zu gewärtigen. In der
Forschung herrscht Einigkeit, dass der Effekt der
sozialistischen Dauerindoktrination auch im Wehrdienst weit
hinter den Erwartungen von Partei- und Armeeführung
zurückblieb.
Der NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 über die
Stationierung neuer Atomraketen auf westdeutschem Boden
förderte Anfang der Achtzigerjahre das Gefühl der DDRBevölkerung, bedroht zu sein, und erhöhte zugleich die
Akzeptanz der NVA. Andererseits rückte nun eine
Alterskohorte ins wehrpflichtige Alter, die dem Staat eher
distanziert gegenüberstand und die Flucht ins Private suchte.26
Auch der 1978 eingeführte Wehrunterricht für die höheren
Schulklassen vermochte diese Generation kaum für die
530
Streitkräfte zu begeistern.27 Da der Wehrdienst aber
unumgänglich war, gehörte er zum festen Bestandteil der
Lebensplanung junger Männer. Man arrangierte sich mit dem
Unvermeidbaren und versuchte, die achtzehn Monate
möglichst unbeschadet zu überstehen.
Kritische Töne zu Militär und Aufrüstung kamen ab Ende
der Siebzigerjahre von der langsam entstehenden
Friedensbewegung, die eng mit der evangelischen Kirche
verbunden war. Der Kreis der Kritiker bestand im Kern aus
ehemaligen Bausoldaten28 wie dem populären Pfarrer Rainer
Eppelmann, der durch eine Ironie des Schicksals der letzte
Verteidigungsminister der DDR werden sollte. Forderungen
nach Umbenennung des Faches Wehrkunde in Friedenskunde
wurden laut. »Militärische Propaganda und Werbung« sollten
ebenso ein Ende haben wie die »Verherrlichung des SoldatSeins«.29 Ende der Siebzigerjahre waren rund 20 Prozent der
DDR-Bevölkerung der Meinung, dass die Bundesrepublik eine
aufrichtige Politik der Entspannung betreibe. Das war
angesichts der staatlichen Propaganda gegen den
»westdeutschen Imperialismus und Militarismus« zweifellos
ein hoher Wert, bedeutete aber auch, dass 80 Prozent der
gegenteiligen Meinung waren.30 Systemgefährdend war die
ostdeutsche Friedensbewegung also noch nicht.
Ein spürbarer Rückgang der Zustimmung zum Militär war
erst ab Mitte der Achtzigerjahre zu beobachten. Die Politische
Hauptverwaltung der NVA kam im Juni 1983 zu einem
besorgten Befund: »Die Skepsis der Jungen gegenüber jeder
Art des Wehrdienstes wächst. Die Wehrbereitschaft lässt
spürbar nach. Die NVA hat ein geringes Ansehen in der
Bevölkerung.«31 Mit dem Amtsantritt Michail Gorbatschows
1985 und der von ihm eingeleiteten Abrüstungs- und
Entspannungspolitik
war
die
Notwendigkeit
einer
531
hochgerüsteten Armee zum Zweck des Friedenserhalts immer
weniger nachvollziehbar. Allerdings äußerten selbst 1989 noch
52 Prozent der wehrdienstleistenden Soldaten, dass sie bereit
seien, sich für die Politik der SED einzusetzen. Und 74
Prozent fühlten sich mit der DDR als Vaterland verbunden.
Angesichts des unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs
des SED-Regimes waren das erstaunlich hohe Zahlen.32
Armee der Partei
Die NVA war Teil der Herrschaftssicherung der SED nach
außen, aber auch nach innen. Alle militärischen
Grundsatzentscheidungen wurden daher vom jeweils starken
Mann der Partei getroffen, 1950 bis 1971 von Walter Ulbricht,
dann von Erich Honecker als Generalsekretär des
Zentralkomitees der SED.33 Staatspräsident Wilhelm Pieck
und der Vorsitzende des Ministerrats hatten keine
nennenswerte Macht im Staat und blieben daher auch für das
Militär ohne Einfluss. Der Minister für Nationale
Verteidigung, Armeegeneral Heinz Hoffmann, war Mitglied
im mächtigen Politbüro der SED, dem eigentlichen
Machtzentrum der DDR.34 Er sah sich zwar durchaus als
Interessenvertreter der NVA, der er von 1961 bis 1985
vorstand. Am Primat der Politik, präziser gesagt der SED,
änderte das aber nichts. Berührungsängste mit aktiven
Generälen in politischen Funktionen hatte man in der DDR –
anders als in den westlichen Staaten – nicht. Doch Hoffmann
war ohnehin mehr Politiker als Soldat. Wie seine Genossen in
der Staatsführung war er bereits in der Weimarer Republik in
die KPD eingetreten, hatte sich seit 1935 im sowjetischen Exil
befunden und während des Spanischen Bürgerkriegs in den
Internationalen Brigaden aufseiten der Republikaner
gekämpft. In der Sowjetunion wirkte er unter anderem als
Lehrer an einer Antifaschistischen Frontschule für deutsche
532
Kriegsgefangene. Er hatte also den gleichen Stallgeruch wie
die anderen Spitzenpolitiker der DDR.
Auch für die Besetzung anderer Schlüsselpositionen im
Ministerium für Nationale Verteidigung und in der NVA war
die politische Zuverlässigkeit wichtiger als militärische
Fachkenntnis. Es ging in erster Linie darum, ideologisch
gefestigte, dem Regime loyal dienende Streitkräfte
aufzubauen. Wie notwendig das war, hatte nicht zuletzt der
Ungarnaufstand von 1956 gezeigt, bei dem sich die ungarische
Volksarmee auf die Seite der Aufständischen geschlagen hatte.
Daher ging die DDR bei der Personalrekrutierung einen
anderen Weg als die Bundesrepublik. Unter 17 600 Offizieren
der NVA befanden sich im Jahr 1956 nur knapp 500 ehemalige
Offiziere der Wehrmacht. Die meisten von diesen waren
zwischen 1945 und 1950 in die Sicherheitskräfte eingetreten,
waren also gewissermaßen schon Veteranen des jungen
sozialistischen
Staates.35
Nur
vier
ehemalige
Wehrmachtgeneräle
wurden
übernommen,
darunter
Generalleutnant Vincenz Müller, der 1944 in sowjetische
Gefangenschaft geraten war und als Chef des Hauptstabes so
etwas wie der Generalstabschef der NVA wurde36, und
Generalmajor Arno von Lenski, ein Kavallerieoffizier, der als
Kommandeur der 24. Panzerdivision in Stalingrad von der
Roten Armee gefangen genommen worden war. Als
Panzerexperte leistete er der jungen sozialistischen Armee
wertvolle Dienste. Doch bereits 1958 waren alle höheren
Offiziere der Wehrmacht wieder aus der Volksarmee entlassen
worden. Nach dem Ungarnaufstand war das Misstrauen gegen
diese Männer zu groß. Es blieben die Hauptleute, Leutnante
und vor allem Unteroffiziere, die zumeist schon in
sowjetischer Gefangenschaft radikal mit ihrer Vergangenheit
gebrochen und sich dem 1943 von den Sowjets gegründeten
533
Nationalkomitee Freies Deutschland angeschlossen hatten. Sie
verschrieben sich ganz dem neuen System und machten
teilweise eine steile Karriere in der NVA. Eine Übertragung
von Teilen der Wehrmachtkultur auf die Armee der DDR gab
es daher nicht.37
Der stramm sozialistischen Ausrichtung der Streitkräfte
entsprach der klare Bruch mit der militärischen Vergangenheit.
Die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Wehrmacht blieb
der NVA somit erspart. Ihre Tradition orientierte sich an den
Matrosen der Novemberrevolution 1918, den Mitgliedern der
Roten Ruhrarmee 1920, den kommunistischen Kämpfern der
Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, an
Kommunisten, die in NS-Konzentrationslagern ums Leben
gekommen waren, und an den Mitgliedern des
Nationalkomitees Freies Deutschland. Aus früheren Epochen
galten die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts, die preußischen
Reformer, insbesondere Scharnhorst, sowie die badischen
Soldaten der Revolution von 1848/49 als traditionswürdig. Sie
entsprachen mehr oder minder der marxistisch-leninistischen
Lehre des gesellschaftlichen Fortschritts und des Kampfes der
Unterdrückten gegen eine feudale Obrigkeit.38 Nach diesen
Vorbildern wurden Kasernen benannt, aber auch Ehrennamen
für Divisionen, Regimenter und Bataillone vergeben.
Eine Anknüpfung an die Krieger der Wehrmacht war in der
DDR offiziell somit nicht möglich.39 Inoffiziell gab es solche
Bezüge aber durchaus. Das beste Beispiel ist der Roman »Die
Stunde der toten Augen« von Harry Thürk. 1957
veröffentlicht,
beschrieb
er
die
Erlebnisse
einer
Aufklärungseinheit deutscher Fallschirmjäger an der Ostfront
im Winter 1944/45. Der Roman trug autobiografische Züge
und wurde kurz nach seinem Erscheinen wegen »pronazistischer« Tendenzen auf den Index gesetzt. Dadurch
534
wurde er aber nur noch populärer. Die wenigen in Umlauf
befindlichen Exemplare wurden bis in die Achtzigerjahre von
Hand zu Hand weitergereicht. Das Buch genoss bei der
Aufklärungstruppe und bei den Fallschirmjägern der NVA
einen geradezu »bibelartigen«40 Status. Obwohl als
Antikriegsroman deklariert, lasen es die Soldaten vor allem
wegen der realistisch anmutenden Kampfszenen. Der Roman
besaß auch deshalb Kultstatus, weil er sich nicht in den
üblichen ideologischen Phrasen von der heldenhaften Roten
Armee,
von NS-Verbrechen
und
kommunistischen
Überläufern erging, sondern vom blutigen Handwerk des
Frontkämpfers erzählte. Offensichtlich war es genau das, was
die Soldaten lesen wollten. Dass die Romanfiguren gegen die
Rote Armee kämpften, war dabei nebensächlich. Die
Geschichte hätte genauso gut an der Westfront spielen können.
Thürk, vom Spiegel als »Konsalik des Ostens« betitelt, schrieb
nach seinem erfolgreichen Debüt linientreue Romane über
Krieg, Spionage und Kriminalfälle und avancierte zum
erfolgreichsten Schriftsteller der DDR. In der NVA aber
erreichte keines seine Bücher eine solche Popularität wie »Die
Stunde der toten Augen«. Der Roman wurde 1994 erfolgreich
wieder aufgelegt und stand sogar auf der ostdeutschen
Bestsellerliste des Neuen Deutschland.41
Harry Thürks Roman war eine der wenigen Möglichkeiten
in der DDR, weitgehend ideologiefrei vom Kämpfen, Töten
und Sterben der Wehrmacht zu lesen. Offiziell war dieses
Kapitel der deutschen Militärgeschichte tabu. Der einzige
Bereich, in dem die NVA unumwunden an die Wehrmacht
anknüpfte, war ausgerechnet die Uniformierung. Schaftstiefel,
Reithosen, Kragenspiegel, Schulterstücke und die Übernahme
des 1945 nicht mehr eingeführten neuen Wehrmachtstahlhelms
verliehen den sozialistischen Soldaten das Erscheinungsbild
535
von »roten Preußen«. Stechschritt und Paraden unterstrichen
diesen Eindruck noch. Die SED wollte sich damit einerseits
von
der
Bundeswehr
mit ihrem
amerikanischen
Uniformschnitt abgrenzen, andererseits zumindest äußerlich
an ein nationales Erbe anknüpfen und so eher konservativ
gesinnte Bürger für die sozialistische Armee gewinnen.
Moskau hatte explizit zu diesem Schritt ermutigt. Nachdem
sich die Uniformen der Kasernierten Volkspolizei stark an
sowjetische Vorbilder angelehnt hatten, sollten die NVASoldaten wie Deutsche und nicht wie Rotarmisten aussehen.
Dass Uniformen und Brauchtum an die Wehrmacht erinnerten,
wurde von vielen Soldaten und Bürgern allerdings kritisch
gesehen.42
Bezüge zur Wehrmacht gab es auch bei den Waffenfarben.
Das Weiß der Infanterie, das Rosa der Panzertruppe, das Gelb
für die Nachrichtenverbände und das Schwarz der Pioniere
waren schon vor 1945 eingeführt worden. Und wie eh und je
waren diese Farben weithin sichtbare Zeichen der jeweiligen
tribal culture. Der junge Infanterist Udo Beßer wusste, dass er
angetrunkene Offizierschüler anderer Waffenfarben meiden
musste: »Der Verbündete des (weißen) ›Muckers‹ war der
(rosa) Panzermann und seine Gegner waren die (schwarzen)
Pioniere und die (gelben) Nachrichtensoldaten«, die sich für
etwas Besonderes hielten. Die Rivalitäten schlugen zuweilen
in Gewalt um, wobei es gute Sitte war, sich nicht mit Soldaten
der eigenen Waffenfarbe zu prügeln.43
Von Anfang an bemühte sich die NVA, die tribal cultures
neu zu prägen. So veränderte man die Zuordnung zu den
Waffenfarben, legte etwa Aufklärer und motorisierte
Schützentruppen zusammen und reduzierte auch die Zahl der
Waffengattungen. Das in der Bundeswehr so populäre
Panzerlied »Ob’s stürmt oder schneit« wurde in der NVA nicht
536
gesungen. Stattdessen wurde »Spaniens Himmel« angestimmt,
eines der populärsten Lieder der DDR über den Spanischen
Bürgerkrieg. Mit neuen Emblemen und Auszeichnungen
wurde versucht, eine neue Truppenkultur zu schaffen; es gab
Leistungsabzeichen, eine Schützenschnur in drei Klassen und
die Militärsportabzeichen. Für die tribal cultures waren die
Klassifizierungsspangen von großer Bedeutung, weil diese in
drei Stufen für vorbildliche Leistungen innerhalb der
Waffengattungen, also etwa an Angehörige der Panzertruppe,
vergeben wurden. Eine Besonderheit war, dass auch
Truppeneinheiten hohe Auszeichnungen erhalten konnten,
etwa den Karl-Marx-Orden als höchste zivile und den
Scharnhorst-Orden als höchste militärische Auszeichnung. So
sollte Stolz auf gemeinsam Erreichtes gefördert werden. Auch
den sozialistischen Wettbewerben kam große Bedeutung zu.
Jedes Jahr wurden die beste Einheit und der beste Truppenteil
gekürt, die beispielsweise besondere Schieß-, Marsch- oder
Manöverleistungen gezeigt hatten oder deren Ausrüstung und
Unterkünfte in besonders gutem Zustand waren. Dem Sieger
winkten Abzeichen und Geldprämien. Die Auszeichnungen
wurden an der Truppenfahne mit einer Ehrenschleife vermerkt.
Gewiss waren – wie in der Bundeswehr auch – den meisten
Wehrpflichtigen Auszeichnungen und Fahnen reichlich egal.
Auch konnten sie mit den KPD-Funktionären und
Widerstandskämpfern, nach denen ihre Einheiten und
Kasernen benannt waren, zumindest als militärische Vorbilder
wenig anfangen. Selbst die Kämpfer des Spanischen
Bürgerkriegs oder die sowjetischen Sieger des Zweiten
Weltkriegs taugten dafür nur bedingt. Es fehlten Kriegshelden,
wie sie in allen anderen Armeen kultiviert wurden:
erfolgreiche
Panzerkommandanten,
Jagdflieger
oder
Infanteristen, mit denen sich die Soldaten identifizieren
537
konnten. Viel aktiver als die Bundeswehr bemühte sich die
ostdeutsche Armee daher um die Herausbildung einer eigenen
Tradition. Sie glich den Mangel geschickt durch die gezielte
Herausstellung der eigenen Leistungsfähigkeit und der eigenen
Geschichte aus. So gelang es ihr, eine Identität zu schaffen, in
der die Bezüge zur Zeit vor 1945 für die Soldaten kaum eine
Rolle spielten.
Gleichwohl war selbst die NVA nicht frei von
Rechtsextremismus, der sich in antisemitischen Äußerungen,
dem Singen von NS-Liedern oder Hakenkreuzschmierereien
äußerte. Wie für alle Missstände machte die Armeeführung
dafür »die gesteigerte ideologische Diversion und subversive
Tätigkeit des Feindes sowie die zunehmende Faschisierung in
der BRD« verantwortlich44 und reagierte hilflos mit noch
mehr »Rotlichtbestrahlung«45, wie die ideologische Schulung
im Truppenjargon hieß. Doch die tiefere Ursache für rechte
Gesinnung scheint nicht ein Mangel, sondern ein Überfluss an
Ideologisierung gewesen zu sein. Rechtsextremismus war in
dieser Lesart die maximale Provokation gegenüber der
herrschenden Lehre.46
Wenngleich die NVA preußisch aussah, war sie im Innern
durch und durch sowjetisch. Zum Zweck der Kontrolle schuf
die SED eine politische Parallelstruktur in den Streitkräften.
Es gab Parteigruppen in den Verbänden, und auf jeder
Kommandoebene wurden Politoffiziere installiert.47 Sie waren
für die ideologische Schulung zuständig und übten eine
Kontrollfunktion aus. In den ersten Jahren führte diese
Doppelspitze von militärischer und politischer Führung zu
erheblichen Rivalitäten. Diese wurden schließlich dadurch
behoben, dass die Kommandeure als militärische Fachleute die
uneingeschränkte Kommandogewalt erhielten. So sollte die
Professionalität der Streitkräfte sichergestellt werden. Doch da
538
die Politstellvertreter dem nächsthöheren SED-Organ
unterstanden, blieb es dabei, dass die Partei über einen eigenen
Kontroll- und Meldeweg in den Streitkräften verfügte.
Außerdem baute die Staatssicherheit ein Netz von
hauptamtlichen und informellen Mitarbeitern in der NVA auf,
sodass es eine doppelte Überwachung gab.48
Die Trennung von Kommandeuren und Politstellvertretern
war nicht allzu strikt. Letztere waren ebenfalls Offiziere,
wenngleich ihre fachliche Qualifikation geringer war.49 Ihre
Arbeit half jenseits der Kontrollfunktion zweifellos auch, den
Alltag der Soldaten erträglicher zu gestalten. Sie organisierten
Sport- und Freizeitveranstaltungen für die Männer, die wegen
der ständigen Gefechtsbereitschaft die Kasernen kaum
verlassen konnten. Zudem waren die NVA-Offiziere seit den
späten Sechzigerjahren zu weit über 90 Prozent Mitglied der
SED, und schon auf der mittleren Führungsebene gab es im
Selbstverständnis der Kommandeure keine Trennung von
Partei und Armee. Ihrer Berufsauffassung gemäß konnten sie
beide Rollen in sich vereinigen.50 Auf der Ebene darunter
dominierten trotz Parteimitgliedschaft eher die militärische
Logik und ein professionelles Selbstverständnis, das weniger
stark durch ideologische Einflüsse bestimmt war. Die
politische Arbeit war für die unteren Offiziersränge oftmals
notwendiges Übel und keine Herzensangelegenheit.51
Garant einer zuverlässigen Parteiarmee war für die NVAFührung eine im Vergleich zu anderen deutschen Armeen
grundlegend andere Sozialstruktur. Anfangs rekrutierte sich
das höhere Offizierkorps zu einem hohen Anteil aus den
politischen Kadern des Staatsapparats. Diese stammten vor
allem aus der Arbeiterschaft und verfügten meist nur über
einen niedrigen Bildungsabschluss. 1956 hatten gut 80 Prozent
der Offiziere maximal acht Jahre Schulbildung absolviert.
539
1973 lag dieser Wert immer noch bei rund siebzig Prozent.52
Die NVA brach also mit der preußisch-deutschen Tradition der
Elitenrekrutierung, mit dem Abitur als Voraussetzung für den
gesellschaftlichen Aufstieg.53 Damit löste sie das Versprechen
der Chancengleichheit auch für bildungsferne Teile der
Gesellschaft ein.54 Doch der allmähliche Wandel der DDR zu
einer Dienstleistungsgesellschaft und die damit verbundene
Bildungsexplosion führten seit den Siebzigerjahren dazu, dass
immer mehr Abiturienten auch in den Streitkräften Einzug
hielten. Zudem wurden 1971 die Offiziershochschulen
gegründet. Die Akademisierung machte auch vor der NVA
nicht halt. In den Achtzigerjahren hatten dann bereits drei
Viertel der Offizieranwärter eine höhere Schulbildung.55
Jedoch wurde nach wie vor Wert darauf gelegt, einen
möglichst hohen Anteil der militärischen Führer aus dem
Milieu der Arbeiterschaft zu rekrutieren, wobei man diesen
Begriff immer breiter auslegte. Nimmt man den Beruf des
Vaters als Anhaltspunkt, stammten 1956 knapp drei Viertel der
Offiziere aus der Arbeiterklasse. 1989 war dieser Wert auf 59
Prozent gesunken.56 Über die Jahre näherte sich die soziale
Zusammensetzung des Offizierkorps derjenigen der SEDMitgliedschaft an. Das kam nicht von ungefähr, denn die
Bereitschaft, in die Streitkräfte einzutreten, war in diesem
Milieu überdurchschnittlich hoch.57
Im Vergleich zu den anderen deutschen Armeen des 20.
Jahrhunderts hatte die NVA ein weit überdimensioniertes
Offizierkorps; auch in diesem Punkt orientierte sie sich an der
sowjetischen Armee. 1956 betrug der Anteil der Offiziere an
der Personalstärke der Streitkräfte zwanzig Prozent; bis 1989
stieg er auf 24 Prozent. Zum Vergleich: Die kaiserliche Armee
kam mit drei Prozent aus, die Reichswehr mit vier, die
Bundeswehr mit sieben bis neun Prozent.58 Den enormen
540
Bedarf an Offizieren zu decken war eine große
Herausforderung, da die NVA mit den anderen
Sicherheitsbehörden konkurrierte und zivile Berufe deutlich
attraktivere Arbeitsbedingungen boten.59 So fehlten 1973 5500
Offiziere oder 14 Prozent des Bedarfs. Um die Reihen
aufzufüllen, wurde vermehrt auf gut qualifizierte
Unteroffiziere zurückgegriffen. Deren Aufstiegschancen
waren so gut wie nie zuvor und nie danach in der deutschen
Militärgeschichte. Das bedeutete jedoch, dass dem
Unteroffizierkorps viele fähige Köpfe verloren gingen und die
weniger Qualifizierten als Berufsunteroffiziere in der Truppe
blieben. Da es zu wenige Interessenten für diese Laufbahn gab
– Anfang der Siebzigerjahre war ein Drittel der Stellen nicht
besetzt60 –, musste praktisch jeder Bewerber eingestellt
werden61, obwohl 1975 vierzig Prozent nicht den
Anforderungen entsprachen.62 Es war ein Teufelskreis, der bis
zum Ende der NVA nicht durchbrochen werden konnte.
Der Unteroffiziersstand hatte ein denkbar schlechtes
Ansehen, wozu auch die Lebensbedingungen während der
dreijährigen Dienstzeit beitrugen. Anders als Berufsoffiziere
und -unteroffiziere waren die Unteroffiziere auf Zeit in den
Kasernen untergebracht und durften nicht in privaten
Quartieren wohnen.63 Aufgrund ihres jungen Alters von 18 bis
21 Jahren waren die Männer sowohl mit der Menschenführung
als auch mit den technischen Aufgaben häufig überfordert. Der
Dienstrang verlieh ihnen zwar eine gewisse Amtsautorität, die
aber nicht ausreichte, um von den Wehrpflichtigen
vorbehaltlos als Vorgesetzter anerkannt zu werden. In der
Praxis führte dies entweder zu einer unerwünschten Kumpanei
mit den Wehrpflichtigen oder zu übertriebener Härte im
Ausbildungsbetrieb.64 Immerhin verfügten die Unteroffiziere
auf Zeit im Gegensatz zu den Berufsunteroffizieren über eine
541
breitere Qualifikation und Bildung. Die Verpflichtung zu drei
Jahren Dienst erleichterte in der DDR vieles. Daher gingen
zahlreiche Abiturienten diesen Weg, etwa um zum begehrten
Studium zugelassen zu werden.
Auf diese Weise entstand eine Trennlinie in der Hierarchie:
Die Berufsoffiziere und -unteroffiziere zeichneten sich durch
eine hohe Identifikation mit der Armee und vor allem auch mit
der Partei aus.65 Bei den Unteroffizieren auf Zeit und den
Wehrpflichtigen waren eher eine passive Anpassung, eine
eingeschränkte Loyalität zur Armee und insbesondere eine
Distanz zur omnipräsenten Ideologisierung festzustellen. Der
Bundesnachrichtendienst urteilte im Jahr 1969 nahezu
punktgenau, dass 100 Prozent der Offiziere, 60 Prozent der
Unteroffiziere und 13 Prozent der Mannschaften
Parteimitglied seien.66 »Während die Uffz. trotz
Parteimitgliedschaft politisch farblos und die Mannschaften
uninteressiert bis ablehnend waren, fand das Regime im
OffzKorps starken Rückhalt.«67 Dieser Befund wird durch
NVA-interne Umfragen bestätigt.68
Angesichts des großen Aufwands bei der ideologischen
Schulung war das eine ernüchternde Bilanz. Zweimal pro
Woche gab es je zwei Stunden politische Erziehung, der sich
niemand entziehen konnte, wenn er sich nicht dem Verdacht
der
Unzuverlässigkeit
aussetzen
wollte.
Die
gebetsmühlenartige Wiederkehr von Allgemeinplätzen der
sozialistischen Ideologie vermochte jedoch kaum jemanden zu
begeistern. Immerhin konnte die NVA vermelden, dass 1964
rund die Hälfte der Wehrpflichtigen zum Ende ihrer Dienstzeit
der Meinung war, dass der Bundeswehrsoldat ihr Feind sei.69
Mehr aber auch nicht. Die ideologische Schulung besaß oft
nur noch rituellen Charakter, zumal – wie überall in der DDR
– Theorie und Praxis auseinanderklafften. Frank Hagemann
542
urteilt, dass das gesellschaftspolitische Erziehungsprojekt der
SED, die NVA als weltanschauliche Schule der Nation
aufzubauen, bereits Ende der 1960er-Jahre gescheitert war.70
Die unbeabsichtigte Wirkung des politischen Unterrichts
bestand vor allem darin, die allermeisten Armeeangehörigen in
politische Lethargie zu versetzen.71
Die Mängel in der ideologischen Schulung wurden zumeist
mit der Diversion des Klassenfeindes erklärt und mit noch
mehr politischem Unterricht beantwortet. Radikale
Hasspropaganda gegen die Bundesrepublik und immer neue
ideologische Offensiven erreichten gewiss die überzeugten
Kommunisten, trugen bei politischen Mitläufern aber eher
dazu bei, dass die SED ihre Glaubwürdigkeit verlor. Parteiund Armeeführung waren gewissermaßen in einem
ideologisch genährten Autismus gefangen, der den Blick für
die tatsächlichen Probleme des inneren Gefüges verstellte.72
Die ideologischen Scheuklappen wirkten sich nicht nur auf die
politische Schulung aus, sondern waren ein generelles
Problem für die Menschenführung in der NVA. Offiziere und
Unteroffiziere erhielten eine Ausbildung, die auf zeitgemäße
Vermittlungskompetenzen wenig Wert legte. Das Äußern einer
eigenen Meinung war nicht vorgesehen und wurde eher als
unzulässige Abweichung vom richtigen Kurs gedeutet denn als
wünschenswerte Beteiligung an einem Gedankenaustausch.
Für den Dienst in der Truppe war neben der allgegenwärtigen
Ideologisierung die permanente Gefechtsbereitschaft der NVA
ein prägendes Merkmal. 85 Prozent der Soldaten hatten
ständig in der Kaserne zu sein. Waffen und Ausrüstung waren
immer einsatzbereit. Aus militärischer Perspektive hatte dies
den Vorteil, dass die Streitkräfte von einem Moment auf den
anderen in die Schlacht ziehen konnten. Das ging einher mit
der Lehre vom marxistisch-leninistischen Kämpfer, der mehr
543
leiste, eine höhere Pflichtauffassung habe, größere Härten
ertrage und gründlicher auf den Krieg vorbereitet sei als der
bürgerliche »Söldling«73 der »imperialistischen BRD-Armee«,
die das wiederzugewinnen trachte, was die Wehrmacht
verloren hatte.74 Ein Indikator für die Härte der Ausbildung
war die Zahl der tödlichen Unfälle. Diese war mit weit über
100 pro Jahr etwa doppelt so hoch wie in der westdeutschen
Armee.75
Für einen Wehrpflichtigen war die NVA somit weit mehr
als die Bundeswehr eine totale Institution.76 Während der 18
Monate Dienstzeit gab es nur wenige Tage Urlaub, der
Kontakt zu Freunden und Verwandten war in der Regel nur per
Post möglich. Private Freiräume gab es kaum. Der
Wehrpflichtige Eckhard Ullrich schrieb 1971/72 in Briefen an
seine Freundin und seine Eltern, dass ihm das Leben in der
Kaserne »ohne all das, was ich früher hatte, konnte und
durfte«, so entsetzlich schwerfalle. Er fühle sich »für
anderthalb Jahre gefangen«, tagtäglich von Strafe bedroht.
Immer wieder schrieb er von Schleifern und dem schlechten
Essen.77 Es gab aber auch »prima« Gruppenführer und
Zugführer, die »nicht zu wüst« waren.78 Vor allem aber lassen
seine Briefe Stolz erkennen, Herausforderungen gemeistert
oder militärische Aufgaben gut bewältigt zu haben. Große
Manöver schienen Ullrich Spaß zu machen, eine willkommene
Unterbrechung des eintönigen Kasernendienstes. Die »wüste
Platzpatronenschlacht« irgendwo zwischen Magdeburg und
Potsdam war »das einzig Vernünftige«.79 Und auch in der
NVA, so ist zu lesen, begann sich der Ton nach der
Grundausbildung zu lockern.80
In der Schilderung des ersten Schocks in der Kaserne, des
Bemühens, Strafen zu entgehen und zugewiesene Aufgaben
korrekt zu erledigen, der Ignoranz gegenüber dem politischen
544
Unterricht, aber auch in der Bandbreite des Alltags von
größten körperlichen Anstrengungen über exzessiven
Alkoholkonsum bis hin zur Gammelei unterscheiden sich die
Briefe Ullrichs nicht prinzipiell von den Erfahrungen der
Wehrpflichtigen in der Bundeswehr. In gewisser Weise
erinnern sie sogar an Wilhelm Janekes Dienstzeit im
Kaiserreich. Willkürlich verordnete Liegestütze, Rennen um
den Kompanieblock, kleinliche Stubenkontrollen, das
Ausräumen des Spinds, endlose Wachdienste waren
Erfahrungen, die junge Soldaten in allen deutschen Armeen
machten. Ebenso das Herbeisehnen des Wehrdienstendes und
das Fehlen jedweder Reflexion über den Sinn des Ganzen.
Und doch waren die Lebensumstände für einen
Wehrpflichtigen der NVA im Jahre 1971 zweifellos rauer als
in der Bundeswehr zur selben Zeit. Haarnetze gab es in der
sozialistischen Armee nicht und auch keine Freizeit am
Wochenende.
Der Historiker Rüdiger Wenzke argumentiert, dass die
Wehrpflichtigen der NVA keinen Hass auf den Klassenfeind,
sondern auf ihre Offiziere gehabt hätten.81 Ob dieses Urteil
wirklich zutrifft, ist empirisch kaum zu belegen. Zweifellos
war die Bandbreite an Offizierspersönlichkeiten in der NVA
groß und ließ sich nicht auf verbohrte sozialistische
Kommissköpfe reduzieren. Viele verstanden es durchaus, ihre
Soldaten für den Dienst zu begeistern, und begegneten ihnen
mit »gepflegten Umgangsformen«.82 Und nicht alle
Wehrpflichtigen empfanden ihren Dienst als negativ. Es gab
auch positive Erfahrungen von Kameradschaft83 und
Waffenstolz, wenngleich solche Erlebnisse für viele nicht im
Vordergrund standen. Und wenn es auch Pflichtbewusstsein,
Leistungsbereitschaft und Loyalität gegenüber der als
Vaterland betrachteten DDR84 gab, so ist nicht zu übersehen,
545
dass
der
allzu
strenge
Dienst,
die
harschen
Lebensbedingungen
und
die
Indoktrinierung
die
Verbundenheit mit der Institution NVA schwächten.
Neben diesen Rissen auf der vertikalen Ebene gab es auch
Probleme bei der horizontalen Kohäsionsbildung. Unter den
Wehrpflichtigen bildete sich rasch ein Hierarchieverhältnis
heraus, basierend auf der Länge der absolvierten Dienstzeit.
Die Entlassungskandidaten (EK) des letzten Diensthalbjahres
herrschten über die »Neuen«. Diese waren Schikanen aller Art
ausgesetzt und mussten den dienstälteren Mannschaften
unangenehme
Dienste
und
Pflichten
abnehmen.
Gewalttätigkeiten und Erniedrigungen waren an der
Tagesordnung.85 Ähnliche Vorkommnisse hat es in allen
deutschen Armeen gegeben, und teilweise wurden sogar
dieselben Begriffe verwendet: Als »Koffer« und »Rotärsche«
wurden auch in der NVA die Neulinge bezeichnet, als »Vize«
jene im vorletzten Diensthalbjahr. Die Hierarchisierung
scheint in der NVA aber besonders ausgeprägt gewesen zu sein
und existierte in abgeschwächter Form sogar bei den
Unteroffizieren auf Zeit.86 Das lag einerseits am System der
halbjährlichen Einberufungen, das automatisch zu einer
Hierarchie im Sozialgefüge der Mannschaften führte.
Andererseits
wurden
Disziplin,
Gehorsam
und
Leistungsbereitschaft in der NVA besonders strikt
eingefordert, wodurch der Druck auf die Mannschaftssoldaten
besonders groß war. Im »Ratgeber für den Soldaten« war noch
1981 von »bedingungsloser Unterordnung unter den Willen
des Vorgesetzten« die Rede.87 Zudem war auch die soziale
Abgrenzung von Stabsoffizieren, Subalternoffizieren und
Unteroffizieren mit und ohne Portepee stark ausgeprägt. So
verwundert es kaum, dass es auch bei den Mannschaften zu
einer starken Binnendifferenzierung kam.
546
Alle Appelle der vorgesetzten Dienststellen, diesen
Missständen entgegenzuwirken, blieben erfolglos. Da sich
mehr als 80 Prozent der jüngeren Offiziere überlastet fühlten
und die langen Dienstzeiten beklagten88, duldeten sie das EKSystem im Sinne einer Herrschaftsstabilisierung, zumal es
gewährleistete, dass von den Neuen niemand aus der Reihe
tanzte. Zur Aufrechterhaltung der hohen Gefechtsbereitschaft
waren sie auf das Wissen und Können der erfahrenen
Mannschaften angewiesen. Die NVA-Führung kritisierte, dass
insbesondere die jüngeren Unteroffiziere und Offiziere die
Auswüchse der EK-Bewegung entweder bagatellisieren und
als »dumme Jungenstreiche« abtun oder aber mit
Kollektivstrafen überreagieren würden.89 Das EK-System
hätte sich freilich nur abschaffen lassen, wenn die NVA von
der halbjährlichen Einberufung der Wehrpflichtigen abgerückt
wäre. Doch Pläne, die Verbände kompanieweise aufzufüllen,
gab es nicht. So blieb nur übrig, die größten Missetäter von
Militärgerichten aburteilen zu lassen. Immerhin gab es in der
NVA ein Beschwerderecht, und mehr als 2000 Eingaben pro
Jahr betrafen den Bereich der Menschenführung.90 Die
Kommandeure wussten also über die Missstände in ihren
Einheiten Bescheid.91
Auf die Selbstmordrate scheint die EK-Bewegung keinen
Einfluss gehabt zu haben. Wie in der Bundeswehr bewegte sie
sich auch in der NVA seit den Siebzigerjahren zwischen 18
und 25 Suiziden pro 100 000 Soldaten und lag damit niedriger
als in der jeweiligen Zivilgesellschaft.92
Vom angestrebten Ideal »sozialistischer Beziehungen« der
Soldaten untereinander war man in der Praxis weit entfernt.
Einheitliches Handeln und enge Verbundenheit in der
Gemeinschaft sowie die Einbeziehung des Kollektivs in
Fragen der Leitung und Planung blieben vielfach marxistisch-
547
leninistische Theorie.93 Eine Untersuchung aus dem Jahr 1973
offenbarte, dass mehr als die Hälfte der Wehrpflichtigen das
Niveau der »sozialistischen Beziehungen« für niedrig oder
sehr niedrig befand und nur jeder Zehnte für hoch oder sehr
hoch.94 Und 1981 gab gut die Hälfte der Befragten an, nur das
Nötigste zu tun und vor allem nicht auffallen zu wollen.95
Allerdings war das System immer noch so effizient, dass die
Mannschaftssoldaten loyal ihren Dienst taten. Auf den
Manövern zeigten sie gute Leistungen, sodass der NVA
sowohl von der Sowjetunion als auch von der NATO ein hoher
Kampfwert zugesprochen wurde. Im Übrigen waren die
inneren Zustände in der NVA deutlich besser als bei den
sowjetischen Streitkräften. Das dürfte manchem NVASoldaten
durch
die
gemeinsamen
Übungen
und
Freundschaftsbesuche deutlich geworden sein.96
Kriegsplanung und Bündnispolitik
Die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten glaubten im Kalten
Krieg Mächten gegenüberzustehen, die aufgrund ihres
aggressiven Imperialismus friedensunfähig seien.97 Sie gingen
daher stets von der Angriffsabsicht der NATO aus. Ein Krieg
der beiden Systeme war nach dieser Lesart nahezu
unausweichlich; die Frage war nur, wann und wie er geführt
werden würde. In jedem Fall galt es, ständig auf alles
vorbereitet zu sein. Für die Sowjetunion waren der deutsche
Überraschungsangriff vom 22. Juni 1941 und der
darauffolgende lange Krieg auf eigenem Territorium eine
traumatische Erfahrung. So etwas durfte sich auf keinen Fall
wiederholen. In der Chruschtschow-Ära strebte die UdSSR
zunächst nach nuklearer Parität mit den Vereinigten Staaten.
Die Strategischen Raketentruppen waren in den Fünfzigerund frühen Sechzigerjahren daher die wichtigste Teilstreitkraft
der Sowjetarmee. Im sowjetischen Kriegsbild, dem sich alle
548
Mitglieder des Warschauer Paktes anzupassen hatten, wäre ein
Schlagabtausch mit der NATO rasch in einen globalen
Atomkrieg gemündet. Die konventionelle Kriegführung spielte
in den Planungen Moskaus in dieser Zeit keine Rolle.
Infolge der Kubakrise von 1962, die die Welt zumindest in
der Wahrnehmung der Teilnehmer an den Rand des Supergaus
geführt hatte, wandelte sich die Strategie sowohl der
westlichen als auch der östlichen Allianz. Tatsächlich hatte der
sowjetische Generalstab schon länger eine Flexibilisierung der
Kriegsplanungen gefordert; nun fand er Gehör. Die
konventionellen Truppen erhielten mehr Gewicht, und seit
Ende der 1960er-Jahre fanden unterschiedliche Szenarien,
vom globalen Atomkrieg bis zum örtlich begrenzten
konventionellen Krieg, Eingang in die Planungen. Diese sahen
vor, einen Angriff der NATO innerhalb kürzester Zeit mit den
Truppen der 1. Strategischen Staffel auf dem Territorium der
DDR zum Stehen zu bringen, um dann zusammen mit den
Verbänden der 2. Strategischen Staffel zum Gegenangriff
überzugehen und den Gegner auf seinem Gebiet zu schlagen.
In einem Blitzkrieg sollte die Rote Armee rasch an den Rhein
und dann weiter nach Amsterdam, Brüssel und Paris
vorstoßen. Je nach Szenario sollte dabei eine unterschiedliche
Zahl von Atomwaffen eingesetzt werden, etwa um eine
Bresche für die Panzerverbände zu schlagen. In den Planungen
und Manövern deutete sich zunehmend eine Präferenz für den
konventionellen Krieg an. Zeitweise glaubte man sogar, durch
einen schnellen Vormarsch den Kernwaffeneinsatz der NATO
unterlaufen oder zumindest unwahrscheinlich machen zu
können. Die sowjetischen Panzerarmeen sollten in enger
Zusammenarbeit mit Marine und Luftwaffe – amphibische
Operationen, Luftlandungen und massive taktische
549
Luftunterstützung waren geplant – die in der Bundesrepublik
stationierten NATO-Verbände rasch überrollen.98
Die Konventionalisierung der Kriegsplanungen seit den
Sechzigerjahren brachte die verbündeten Streitkräfte – NichtSowjetische Warschauer Pakt-Armeen (NSWP) genannt – ins
Spiel. Insbesondere Polen, die DDR und die Tschechoslowakei
erhielten nun mehr Gewicht, wenn auch nicht mehr
Mitsprache.99 Die Bündnispartner der Sowjetunion stellten
bald rund ein Drittel aller Divisionen des Warschauer Paktes in
Europa und knapp die Hälfte aller Divisionen der 1.
Strategischen Staffel.100 Die meisten NSWP-Armeen wurden
Mitte der 1960er-Jahre dem Bündnis assigniert; erst dadurch
wurde die östliche Allianz auf operativer Ebene mit Leben
erfüllt. Seit dieser Zeit nahm auch die Zahl von Großmanövern
der Paktarmeen zu. Nach gut zehn Jahren intensiver Übung
war gegen Ende der Siebzigerjahre die Bündniskriegführung
bis ins Detail eingespielt.101
Der Gefechtswert der konventionellen Streitkräfte des
Warschauer Paktes erhöhte sich zeitgleich durch umfangreiche
Rüstungsprogramme. Das betraf einerseits die Modernisierung
der Waffensysteme, aber auch die Zahl der Geschütze und
Raketenwerfer, der Panzer und Fahrzeuge stieg erheblich,
außerdem wurden gewaltige Munitionsvorräte angelegt. Die
konventionelle Feuerkraft konnte so deutlich erhöht werden
und war jener der NATO bald um mehr als das Doppelte
überlegen.102 Zwar blieb ein Qualitätsunterschied zwischen
der Sowjetarmee und ihren Bündnispartnern bestehen; das
neueste Gerät erhielt stets die Gruppe der sowjetischen
Streitkräfte in der DDR. Dennoch waren die Verbündeten
durchaus modern ausgerüstet und für die NATO ernst zu
nehmende Gegner.
550
Das größere Gewicht der NSWP-Streitkräfte ließ sich auch
daran ablesen, dass sie nun höhere Kommandoposten
erhielten. Die polnische Volksarmee bekam eine Front
(Heeresgruppe) unter eigener Führung zugewiesen und sollte
im Kriegsfall an der nördlichen Flanke einen Angriff der
NATO abweisen und dann in Richtung Hamburg-Bremen
sowie Hamburg-Jütland vorstoßen.103 Für die NVA waren
zunächst
nur
zweitrangige
Sicherungsfunktionen
vorgesehen.104 Ihre Divisionen wären im Kriegsfall auf die
sowjetischen Armeen aufgeteilt worden.105 Erst im Verlauf der
Siebzigerjahre tauchten in den Planspielen zwei NVA-Korps,
dann zwei NVA-Armeen auf, die sogleich immer wichtigere
Aufgaben
zu
erfüllen
hatten.
So
sahen
die
Operationsplanungen Anfang der 1980er-Jahre vor, die 5.
NVA-Armee im Kriegsfall an vorderster Front den Stoß
südlich von Hamburg durch die norddeutsche Tiefebene bis an
die niederländische Grenze führen zu lassen.106 Dieser
Aufgabe entsprach seit 1978 dann auch die Einführung der
modernen T-72-Panzer in der NVA.107
Wenngleich die NVA ihre Kampfkraft erheblich steigerte,
sie sich geradezu zu einer sozialistischen Musterarmee
mauserte und in den operativen Planungen eine wachsende
Rolle spielte, blieb ihr politisches Gewicht in der Allianz
begrenzt. Und dies, obwohl die DDR-Regierung erheblichen
finanziellen Aufwand trieb, um ihr Staatsgebiet zur
logistischen Operationsbasis für den nächsten Krieg
auszubauen. Vor allem Rumänien, aber auch Polen erstritten
sich größere militärische Eigenständigkeit und vertraten ihre
Interessen gegenüber der Sowjetunion selbstbewusster als die
DDR.108 Gewiss, Rumänien lag an der Peripherie der
Blockkonfrontation und wurde daher von Moskau am längeren
Zügel geführt. Und die polnische Volksarmee war weit größer
551
als die NVA und hatte schon deshalb mehr Gewicht. Sie besaß
einen eigenen Generalstab, der auch unabhängig von Moskau
plante.109 In Polen gab es eine Generalstabsakademie, an der
sogar sowjetische Offiziere studierten. Aufgrund des
historischen Antagonismus beider Länder, der nach wie vor
virulent war, und der Schlüsselrolle Polens als
Durchgangsland für die sowjetischen Truppen in der DDR,
ging Moskau mit seinem westlichen Nachbarn behutsam um
und ließ ab den Sechzigerjahren eine gewisse Nationalisierung
der polnischen Streitkräfte zu.110 Eine zu enge Kontrolle hätte
die Kohäsion des Bündnisses geschwächt. Deshalb schickte
die Sowjetunion auch keine Truppen, als die Proteste der
Gewerkschaft Solidarność 1980 die Herrschaft der polnischen
KP bedrohten. General Wojciech Jaruzelski verhängte den
Ausnahmezustand, löste die Probleme mit massiven
Repressionen aus eigener Kraft und hielt so die sowjetischen
Panzer draußen.
Gewiss vermochte weder Polen noch ein anderer
Satellitenstaat die grundsätzlichen Machtverhältnisse im
Warschauer Pakt zu verschieben. In einem Geheimvertrag von
1980 verpflichteten sich alle NSWP-Länder außer Rumänien,
ihre Streitkräfte im Kriegsfall direkt dem sowjetischen
Generalstab zu unterstellen.111 Dieser blieb also das
entscheidende Machtzentrum des Bündnisses und nicht das
Vereinte Oberkommando, das als gemeinsamer Generalstab
eher eine koordinierende Funktion ausübte – und ebenfalls
stets von einem sowjetischen General geführt wurde.112 Auch
der Oberkommandierende der dem Warschauer Pakt
assignierten Streitkräfte war immer ein sowjetischer
Marschall.
Die DDR entsandte zunächst nur einen Verbindungsoffizier
in das Vereinte Kommando. Mit der Budapester Reform des
552
Bündnisses erhielten die kleineren Staaten 1969 mehr
Mitspracherechte und stellten fortan je einen Stellvertretenden
Stabschef. Auf den unteren Ebenen dienten rund zwei Dutzend
NVA-Offiziere im Vereinten Kommando. Ihr Einfluss blieb
aber überschaubar, und eine ostdeutsche Handschrift im
Bereich der Kriegsplanungen war nicht zu erkennen. Zeigten
sich Ansätze einer DDR-Doktrin, schob Moskau sofort einen
Riegel vor.113 Zudem wachten auch nach 1969 sechs bis acht
sowjetische Militärberater in den höheren Stäben, den
Divisionen und Raketenbrigaden darüber, dass die
sowjetischen Pläne umgesetzt wurden.114 Das bedeutete nicht,
dass die Generalität der NVA keine eigenen Vorstellungen
hatte, wie der kommende Krieg zu führen war. Auf taktischer
Ebene und in der Ausbildung gab es durchaus einen
ostdeutschen footprint. Zudem legte die Operationsabteilung
der 5. NVA-Armee in den frühen Achtzigerjahren in
sowjetischem Auftrag auch selbst ausgearbeitete Pläne für die
Kampfführung vor.115 Doch zweifellos wären im Ernstfall alle
wesentlichen Anweisungen vom sowjetischen Generalstab
gekommen.
Bislang sind keine Überlegungen Moskaus bekannt
geworden, von sich aus einen Angriff auf die westliche Allianz
zu führen, etwa um Westeuropa in den sowjetischen
Machtbereich einzugliedern. In den bekannten Planspielen
wurde stets ein Angriff der NATO angenommen, wobei man
teilweise davon ausging, dass es zu tiefen Einbrüchen in das
Gebiet der DDR kommen würde.116 In den großen Manövern
wurden aber nicht Verzögerung und Gegenangriff geübt, wie
es bei einer beweglichen Verteidigungstaktik zu erwarten
gewesen wäre. Vielmehr ging es in den Übungsszenarien
zumeist darum, eine zur Verteidigung vorbereitete
Stellungslinie des Gegners zu durchbrechen, was eher für das
553
Einüben eines Präventivangriffs auf die Bundesrepublik
sprach.117 Gewiss lässt sich nicht unmittelbar von Manövern
auf Operationspläne schließen. Ohne Einblick in die
sowjetischen Generalstabsakten bleibt weiter unklar, mit
welchen Kriegsszenarien man in Moskau in den verschiedenen
Phasen des Kalten Krieges wirklich rechnete. Da der
»imperialistische« Westen per se als »immer aggressiver«
bewertet wurde, wäre ein Angriff auf die NATO in der Logik
des kommunistischen Systems zu rechtfertigen gewesen.118
Den Befehl dazu hätte aber nur der sowjetische Staats- und
Parteichef geben können. Nach derzeitigem Kenntnisstand
hatten weder Chruschtschow noch Breschnew derartige
Absichten. Doch erst in den Achtzigerjahren spielte die
Verteidigung der DDR in den Planungen eine größere Rolle.
Seit 1983 wurden längere Defensivphasen eingeübt, bevor
man zum Gegenangriff überging. Ab 1987 ging der
Warschauer Pakt unter dem Einfluss der wachsenden
ökonomischen Probleme und der Entspannungspolitik Michail
Gorbatschows dann zu einer reinen Verteidigungsdoktrin über.
Ein NATO-Angriff sollte nun in der Tiefe des Territoriums der
DDR zum Stehen gebracht werden.119
Im Vergleich zur DDR hatte die Bundesrepublik auf den
verschiedenen politischen und militärischen Ebenen deutlich
mehr Einfluss auf die Verteidigungsplanungen ihrer Allianz.
Dreimal stellte Westdeutschland im Kalten Krieg den
Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses, sprach in der
Nuclear Planning Group mit, besetzte auf allen militärischen
Entscheidungsebenen
wichtige
Posten.
Mit
dem
Oberbefehlshaber über die NATO-Streitkräfte in Mitteleuropa
verfügte Bonn zudem über eine zentrale Position für die
Operationsplanung. Die föderale NATO-Struktur war aus
politischer Hinsicht ein Vorteil für die Bundesrepublik. Sie
554
ermöglichte, das militärische Gewicht der Bundeswehr in
sicherheitspolitischen Einfluss umzumünzen. Doch aus rein
militärischer Sicht hatte der Warschauer Pakt den Vorteil auf
seiner Seite. Hier lag alles in einer Hand, es gab keine
mühsamen Abstimmungsprozesse und viel geringere
Unterschiede in den Militärkulturen. Die Armeen des
Ostblocks waren deutlich stärker sowjetisiert als jene der
NATO amerikanisiert. Das westliche Bündnis stand zwar stets
unter dem Oberkommando eines US-Generals, und es gab
auch gemeinsame Technikstandards. Doch im Vergleich zum
Warschauer Pakt hatten die NATO-Mitgliedsländer ein
Vielfaches
an
unterschiedlichem
Gerät,
und
die
Generalstabsausbildungen, Doktrinen und Führungskulturen
unterschieden sich teilweise erheblich voneinander. Hinzu
kam, dass mit Frankreich ein wichtiger Bündnispartner nicht
in die militärische Struktur integriert war, die NATO also nicht
sicher wusste, wie sich Paris im Ernstfall verhalten würde. Die
an der deutsch-deutschen Grenze stationierten Korps aus fünf
verschiedenen Nationen waren außerdem relativ autonom, und
im Kriegsfall bestand die Gefahr, dass sie mehr für sich als im
Verbund kämpften. Erst in den Achtzigerjahren wuchs die
NATO in Mitteleuropa in der Operationsführung wirklich
zusammen.120 Der Warschauer Pakt hatte diesen Punkt
deutlich früher erreicht.
So vorteilhaft die Strukturen des Warschauer Paktes für die
Sowjetunion waren, sosehr schränkten sie die Spielräume ihrer
Bündnispartner ein. Das galt in besonderem Maße für die
DDR. Den strikten Vorgaben aus Moskau entsprechend, folgte
die NVA dem sowjetischen Kriegsbild und damit auch dem
sowjetischen Modell der Offizierausbildung. Diesem lag die
Vorstellung zugrunde, dass das Gefecht mit modernen
Methoden berechnet werden konnte, der Krieg gewissermaßen
555
ein Handwerk sei. Der Generalstabsoffizier war demnach ein
Spezialist, der seinem Oberbefehlshaber zuarbeitete; die
operativen
Entscheidungen
traf
dieser
alleine.
Dementsprechend ging es in der NVA nicht darum,
Stabsoffiziere zu Generalisten auszubilden, die zwischen
politischen und militärischen Verwendungen im In- und
Ausland hin und her wechselten. Die allermeisten NVAGeneräle hatten nie Verwendungen außerhalb der DDR und
daher kaum Gelegenheit, fachliche Breite zu entwickeln. Das
traf auch für die höhere Generalität zu. Einblick in die
politisch-strategische Gesamtplanung hatten im Grunde
genommen nur drei Personen: der Minister für Nationale
Verteidigung, der Chef des Hauptstabes und der Chef der
Abteilung Operativ des Hauptstabes.121
Für die höheren Positionen der NVA standen, wie bereits
erwähnt, in den Anfangsjahren keine Militärexperten zur
Verfügung, da diese nur aus der Wehrmacht hätten stammen
können und die DDR-Führung politische Zuverlässigkeit
höher gewichtete als fachliches Know-how. Die ersten beiden
Generalskohorten waren daher fachlich und intellektuell nur
bedingt für ihre militärischen Aufgaben qualifiziert.122 Das
änderte sich erst, als jene Generation, die um 1960 in die
Streitkräfte eingetreten war, in den 1980er-Jahren in höhere
Verwendungen aufrückte. Sie war das Produkt eines
Professionalisierungsprozesses des Offizierkorps, der –
durchaus bürgerlich und im Widerspruch zur herrschenden
Klassenlehre – auf Bildung und Leistung beruhte. Dank seiner
verfügten die NVA-Offiziere zunehmend über eine hohe
Expertise auf ihrem jeweiligen militärfachlichen Gebiet, etwa
der Panzertruppe oder der Artillerie. In dieser Fachkenntnis
waren sie ihren bundesdeutschen Pendants vermutlich sogar
überlegen, da die Bundeswehr an der von Clausewitz und
556
Moltke stammenden Führungslehre festhielt, wonach der
Krieg nicht berechenbar sei und nur der »geniale« Geist eines
hochgebildeten Generalisten das Chaos der Schlacht
beherrschen
könne.
In
diesem
Verständnis
war
Truppenführung eine Kunst und kein Handwerk.
Dementsprechend breit war die dreißigjährige Karriere eines
Bundeswehroffiziers angelegt, bevor er General wurde. Die
westdeutschen Generalisten lernten in ihrer Laufbahn zwar
viele Tätigkeitsbereiche kennen, beherrschten im Vergleich zu
den ostdeutschen Spezialisten aber möglicherweise keinen
richtig. Welches System – das der NVA oder das der
Bundeswehr – eine höhere Leistungsfähigkeit der Streitkräfte
im Kriegsfall garantierte, ist im Wesentlichen eine
Glaubensfrage. Die Probe aufs Exempel fand glücklicherweise
nie statt.
Keine der deutschen Armeen wurde während des Kalten
Krieges je im scharfen Gefecht eingesetzt. Dies gilt auch für
die NVA, von der zu lesen war, sie würde ihre Soldaten etwa
in den Bürgerkrieg nach Angola schicken. Doch die
sensationellen Meldungen über »Honeckers Afrika-Korps«
waren allesamt Zeitungsenten. Die DDR wollte sich nicht in
die Konflikte in Afrika, Mittelamerika oder Asien
hineinziehen lassen. Es blieb bei der Entsendung einer
Handvoll von Beratern und einem Transportflugzeug nach
Mosambique in den Achtzigerjahren. Sehr aktiv war man
hingegen bei Waffen- und Ausrüstungslieferungen an die
sozialistischen Bruderländer von Nicaragua über Ägypten,
Syrien bis nach Äthiopien. Zudem wurden rund 3000
ausländische Militärs aus 19 verschiedenen Ländern von
Vietnam bis Chile in der DDR ausgebildet.123
Die beste NSWP-Armee des Warschauer
Paktes
557
Die Sowjetunion wollte mit der Aufstellung der NVA rasch
eine sozialistische Bündnisarmee mit hohem Kampfwert am
Westrand ihres Einflussgebiets zur Verfügung zu haben. Doch
die Umwandlung der Kasernierten Volkspolizei (KVP) in
schlagkräftige Streitkräfte brauchte erhebliche Zeit. Die
geringsten Schwierigkeiten bereitete die organisatorische
Neugliederung. Auch die Personalübernahme verlief im
Wesentlichen unproblematisch, wenn man einmal von den 500
Offizieren der KVP absieht, die es ablehnten, in der NVA
Dienst zu tun.124 Problematischer war das Ausbildungsniveau
der Truppe, das lange Zeit schlecht blieb. Auch die von der
Sowjetunion zur Verfügung gestellte Ausrüstung war
drittklassig, weil heillos veraltet. Ein Großteil des Geräts
stammte noch aus dem Zweiten Weltkrieg und war von der
Sowjetarmee ausgemustert worden.125
Nach Einführung der Wehrpflicht erreichte die NVA im
Verlauf der Sechzigerjahre ihre Sollstärke von knapp 170 000
Mann. Das Heer bestand nach sowjetischem Vorbild aus zwei
Panzer- und vier motorisierten Schützendivisionen, die
zusammen mit etlichen Unterstützungseinheiten rund 110 000
Mann zählten. Im Mobilmachungsfall wären fünf weitere
Divisionen hinzugekommen, deren Material in Depots
eingelagert war. 1965 verfügte die NVA mit 1600 Panzern und
700 Geschützen über eine beachtliche Feuerkraft, die
gemessen an ihrer Mannschaftsstärke doppelt so hoch war wie
die der Bundeswehr.126 Schon Anfang der Sechzigerjahre war
sie so aufgestellt, dass sie an großen Manövern des
Warschauer Pakts teilnehmen konnte.127
In der Bundeswehr nahm man die NVA bald als
schlagkräftige Armee wahr. 1965 hieß es in einer offiziellen
Beurteilung: »Die NVA-Landstreitkräfte sind eine mit
modernsten Waffen ausgerüstete und nach neuzeitlichen
558
Grundsätzen geführte Teilstreitkraft, die im Rahmen der ersten
strategischen Staffel des Warschauer Paktes eingesetzt werden
kann.« Das Offizierkorps sei für seine Aufgabe qualifiziert
und politisch sehr zuverlässig. Die Unteroffiziere auf Zeit
hingegen würden gemessen am Anspruch der NVA noch
erhebliche Mängel in fachlicher und politischer Hinsicht
aufweisen. Bei den Mannschaften sei der angestrebte Typus
des »sozialistischen Kämpfers« noch sehr selten, mindestens
70 Prozent der Wehrpflichtigen hätten politische Vorbehalte.
Aber auch bei ihnen sei ein wachsender Waffenstolz
feststellbar. Die NVA verfüge somit über einen »guten bis
ausreichenden inneren Kampfwert« für die Anfangsphase
eines Krieges. Sie könne prinzipiell gegen jeden Gegner
eingesetzt werden. Bei einem Einsatz gegen die Bundeswehr,
so glaubte man in Bonn, könne es aber zu Krisen kommen.
»Harter, zügiger Einsatz in vorderer Linie, der keine Zeit zum
Nachdenken läßt, und möglichst beiderseitige Einrahmung
durch sowjetische Truppen werden wahrscheinlich die besten
Leistungen garantieren.«128
Die NVA selbst überprüfte in einem engmaschigen
Evaluationsverfahren ständig die Leistungsfähigkeit ihrer
Truppen und konnte in den Sechzigerjahren ein stetig
ansteigendes Niveau feststellen. Die meisten Divisionen
wurden nun als »gefechtsbereit« gemeldet. Allerdings erfüllten
nicht alle Verbände die Erwartungen. So wurde die
Gefechtsausbildung der 4. Mot. Schützendivision 1967 in
einem harschen Bericht als »ungenügend«, die Division als
nicht gefechtsbereit eingestuft. Der Karriere des
Kommandeurs Joachim Goldbach schadete dieses Urteil nicht.
Er stieg bis zum stellvertretenden Verteidigungsminister auf.
Fünf Jahre später hatte sich die Erfurter Division dann auf ein
559
»befriedigend« hochgearbeitet, und Ende der Siebzigerjahre
erhielt sie das Prädikat »gut«.129
Ab den frühen Siebzigerjahren wurde die Ausrüstung der
ostdeutschen Landstreitkräfte grundlegend modernisiert. Die
alten T-34-Panzer wurden aussortiert, die Artilleriebewaffnung
wurde verdoppelt.130 Der zweite Modernisierungsschub
erfolgte Ende der Siebziger- und Anfang der
Achtzigerjahre.131 Wenngleich die NVA nicht die
allerneuesten sowjetischen Waffen erhielt, war sie nun modern
ausgerüstet. Eine Rüstungsindustrie für Großgerät gab es in
der DDR nicht – auch nicht für den Lizenznachbau, wie es
etwa in Polen oder der Tschechoslowakei der Fall war. Art und
Umfang der Waffenlieferungen aus der Sowjetunion hingen
somit davon ab, welche Technik Moskau für die DDR freigab,
aber auch, welche Anschaffungen sich Ostberlin finanziell
überhaupt leisten konnte. Die Wünsche Moskaus nach
Waffenkäufen konnte die DDR bereits in den Siebzigerjahren
nicht mehr voll erfüllen, obwohl sie bis zu acht Prozent ihres
BIP für die Streitkräfte aufwendete.132
1979 urteilte der Bundesnachrichtendienst über die NVA:
»Unter den im westlichen Vorfeld stehenden Kampfdivisionen
sind neben den sowjetischen die NVA-Großverbände die
kampfkräftigsten.«133 Der Ausbildungsstand wurde als sehr
gut bezeichnet, der hohe Anteil der Nachtübungen, die harten
Anforderungen und die eingehende ideologische Schulung
wurden herausgestellt. Die Kampfkraft wurde höher als die der
anderen NSWP-Armeen eingeschätzt. An diesem Urteil
änderte sich auch in den folgenden Jahren nichts.134 Der BND
bewertete die NVA damit positiver, als sie dies selbst zu tun
pflegte. Deren offizielle Berichte waren zwar in einem
grundsätzlich positiven Duktus gehalten und betonten stets,
dass die politisch-ideologische Schulung die Erhöhung der
560
Kampfkraft gewährleiste. In der internen Evaluation kamen
aber immer auch Defizite in der Gefechtsausbildung zur
Sprache, die der BND so nicht erkannte.135 So ergab im
Herbst 1983 eine Umfrage der Politischen Hauptverwaltung in
der Truppe: »Zwei Drittel der Soldaten und drei Fünftel der
Unteroffiziere haben Zweifel, ob sie mit ihrem
Ausbildungsstand im modernen Gefecht bestehen können.
Offiziere schätzen den Ausbildungsstand – gemessen an den
Anforderungen des Gefechts – ähnlich ein.«136
Aufgrund der zunehmenden ökonomischen Probleme der
DDR
litt
ab
Anfang
der
Achtzigerjahre
die
Gefechtsbereitschaft spürbar. Rund 10 000 Soldaten mussten
zum ständigen Arbeitseinsatz in die Betriebe geschickt
werden. Das führte zu höheren Belastungen der verbleibenden
Männer, aber auch zur Frustration etlicher Wehrpflichtiger, die
aus ihren angestammten Betrieben in die NVA eingezogen
wurden. Dort fehlten sie, nur um an anderer Stelle in der
Wirtschaft eingesetzt zu werden.137 Wie in der Bundeswehr
kam nun hinzu, dass die geburtenschwächeren Jahrgänge zur
Einberufung anstanden und es an Wehrpflichtigen mangelte.
Zunächst wurde dies mit dem vermehrten Einsatz von
Reservisten ausgeglichen138, doch 1988 führte kein Weg mehr
daran vorbei, die NVA um 10 000 Mann zu reduzieren und
sechs Panzerregimenter aufzulösen. Propagandistisch wurde
dieser Schritt als einseitige Abrüstung und bereitwillige
Maßnahme für den Frieden verkauft. In den Jahren vor der
Wiedervereinigung ließ die Kampfkraft der NVA somit
spürbar nach, zumal sich auch die Loyalität der Mannschaften
und Unteroffiziere verschlechterte. Die Zahl der Straftaten
nahm zu139, und es gab wachsende Probleme bei der
Nachwuchsgewinnung.140
Fazit
561
Die Nationale Volksarmee unterschied sich von allen anderen
deutschen Armeen. Sie grenzte sich in umfassender Weise von
der deutschen Militärkultur ab. Anders als die Reichswehr, die
Wehrmacht oder die Bundeswehr übernahm sie von ihren
Vorgängern wenig und orientierte sich ganz an der
Sowjetarmee. Ihre Offiziere waren fast ausnahmslos
Parteimitglieder, und das Ausmaß der zumindest auf dem
Papier erreichten Ideologisierung war beispiellos. Dennoch
war die NVA keine Parteiorganisation. Sie verfolgte durchaus
institutionelle Eigeninteressen, und der Erfolg der
»Rotlichtbestrahlung« blieb zumindest bei den Unteroffizieren
auf Zeit und den Wehrpflichtigen begrenzt. Auf dieser unteren
Ebene war man mehr am militärischen Handwerk und an
erträglichen Lebensbedingungen interessiert. Im Vergleich zu
den anderen Staaten des Warschauer Paktes betrieb die DDR
den mit Abstand größten Aufwand, um den Anspruch an die
Armee, politische Schule der Nation zu sein, umzusetzen.
Die DDR zeigte, dass es möglich war, Streitkräfte auch
ohne überkommene Traditionen und weitgehend ohne die Elite
der Vorgängerarmee, in diesem Fall der Wehrmacht,
aufzubauen. Angetreten mit dem Anspruch, eine Arbeiter- und
Bauernarmee für den sozialistischen Staat zu bilden, hob die
NVA
die
seit
dem 19.
Jahrhundert geltenden
Bildungsschranken für das Offizierkorps auf und veränderte
insbesondere
in
der
Anfangszeit
dessen
soziale
Zusammensetzung erheblich. Die Zahl der Offiziere war mit
bis zu einem Viertel des Gesamtbestands sehr hoch, was zur
Folge hatte, dass Unteroffiziere keine Führungsaufgaben
übernahmen. Wenngleich sowohl die Bundeswehr als auch die
NVA lange Zeit Schwierigkeiten hatten, qualifizierte Offiziere
und vor allem Unteroffiziere zu finden, war die militärische
Qualifikation des höheren Offizierkorps der NVA zunächst
562
deutlich schlechter als diejenige der Bundeswehr. Die strikte
politische Ausrichtung bei der Personalauswahl wurde mit
fehlender militärischer Professionalität und einer im Vergleich
zur Bundeswehr schwächeren Kampfkraft erkauft. Dieser
Nachteil wurde aber bis zum Ende der Sechzigerjahre
ausgeglichen, zumal die Jugendproteste von 1968 in der DDR
kaum Auswirkungen hatten. Zumindest im offiziellen Diskurs
gab es keine zivil-militärische Diskrepanz, Staat und Armee
waren auf einer Linie. Hitzige Debatten über das
Traditionsbild der Truppe oder das Selbstbild des Soldaten,
wie sie in der Bundeswehr geführt wurden, gab es ebenso
wenig wie die Forderung, dass der Frieden der Ernstfall sei
und die Kriegsbereitschaft nicht im Vordergrund zu stehen
habe. Auch eine Schnez-Studie oder Hauptleute von Unna gab
es in der NVA nicht. Das Bild des sozialistischen Kämpfers141,
der »wachsam und gefechtsbereit«142 sein Kriegshandwerk
»meisterhaft« beherrscht und so den Frieden sichert, war
weitgehend unbestritten.
Die militärische Professionalität der ostdeutschen Armee,
ihre Ausrichtung auf den Kampf und ihre Gefechtsbereitschaft
waren zweifellos bemerkenswert. Die NVA konnte wesentlich
schneller mobilmachen als die Bundeswehr. Doch angesichts
der Defensivstrategie der NATO, der westlichen
Entspannungspolitik und der an den Wochenenden leeren
Bundeswehrkasernen gab es eigentlich keinen Grund, über
Jahrzehnte
eine
so
hohe
Gefechtsbereitschaft
aufrechtzuerhalten. Man schwächte sich dadurch selbst, weil
zu wenige Ressourcen für die Verbesserung der Lebens- und
Arbeitsbedingungen der Soldaten übrig blieben. Vor allem
aber konnte sich die DDR angesichts ihrer begrenzten
ökonomischen Spielräume eine modern ausgerüstete und
allzeit kampfbereite Armee gar nicht leisten. Das Bemühen,
563
auch auf militärischem Gebiet ein Musterschüler Moskaus zu
sein, trug am Ende nicht zum Schutz des Sozialismus bei,
sondern zu seinem Zusammenbruch.
Die DDR schlug mit ihrer sozialistischen Armee einen
Sonderweg in der deutschen Militärgeschichte ein, nicht nur in
politischer Hinsicht, sondern auch hinsichtlich ihrer ganz
eigenen militärischen Kultur. Deshalb führte nach der
Wiedervereinigung auch kein Weg von der NVA zur
Bundeswehr, ebenso wenig wie ein Weg von früheren
deutschen Armeen zur NVA geführt hatte. Das handwerkliche
Können, der Waffendrill, die vorbildliche Kampfbereitschaft
der NVA wurden weniger denn je benötigt. Die Welt war 1990
eine andere geworden. Der Krieger hatte scheinbar endgültig
ausgedient.
564
VI.
Zwischen »Friedensdividende«
und Auslandseinsatz. Die
Bundeswehr der Berliner
Republik (1990 bis heute)
Neue Welt, neue Aufgaben
1990 hatte die Bundesrepublik das im Grundgesetz
vorgegebene Ziel der Wiedervereinigung in Frieden und
Freiheit erreicht. Was würde nun kommen? Neue
Großmachtgelüste? Allen – insbesondere britischen und
französischen – Befürchtungen zum Trotz stand weder den
Deutschen noch ihrer Regierung der Sinn nach einem
Paradigmenwechsel.
Vielmehr
hatten
sich
die
außenpolitischen Konstanten der Bonner Republik tief in die
westdeutsche Mentalität eingegraben: Man wollte keine neuen
weltpolitischen Engagements, sondern die Fortsetzung der
alten Politik. Nach der deutschen sollte nun die europäische
Einigung vollzogen werden – und Helmut Kohl wies mit
seiner Einwilligung in eine Europäische Währungsunion nach
französischen Vorstellungen über die Verträge von Maastricht
(1992) und Amsterdam (1997) den Weg in die Zukunft. Mit
der Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung
würde Europa einer politischen Union ein erhebliches Stück
näherkommen. Kohl war davon überzeugt, dass es nur durch
die konsequente Einbindung in supranationale Strukturen
gelingen würde, die tiefe Skepsis der Nachbarn gegenüber
dem wiedervereinigten Deutschland zu zerstreuen.1
565
Während mit der Europapolitik und der Westbindung also
der bereits lange zuvor eingeschlagene Weg fortgesetzt wurde,
stand man im Bereich der Sicherheitspolitik vor ganz neuen
Herausforderungen. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag war vereinbart
worden, Deutschland massiv abzurüsten. Bundeswehr und
NVA verfügten im März 1991 zusammen über 600 000
Soldaten; diese sollten in den kommenden vier Jahren auf 370
000 Mann reduziert werden. Der Bundeswehr stand ein
weitreichender Umbau bevor, Verbände im Westen mussten
aufgelöst, die Organisationsstrukturen auf den Osten
ausgedehnt werden. Zudem galt es, die riesigen Waffen- und
Munitionsdepots der NVA zu sichern und Schritt für Schritt
abzubauen. Und nicht zuletzt standen noch über 300 000
sowjetische Soldaten auf dem Territorium der ehemaligen
DDR, deren Abzug bis 1994 zu begleiten war und deren
Hinterlassenschaft beseitigt werden musste.
Man hatte also genug mit sich selbst zu tun. Doch quasi
über Nacht sah sich die Bundesrepublik dem Drängen vor
allem der Vereinigten Staaten ausgesetzt, sich nun – als voll
souveräne Nation – auch außerhalb des eigenen Staatsgebietes
militärisch zu engagieren. Als der Irak im August 1990
Kuwait annektierte, fand sich unter der Führung Washingtons
rasch ein Militärbündnis von 34 Staaten zusammen, um – von
der UNO legitimiert – die Souveränität des kleinen Golfstaates
wiederherzustellen. Kanzler Kohl lavierte geschickt und
konnte eine Teilnahme der Bundeswehr am Irakkrieg 1991
noch verhindern, ohne außenpolitisch allzu viel Porzellan zu
zerschlagen. Die Bundesrepublik kaufte sich – wie übrigens
auch Japan – frei und übernahm mit knapp siebzehn
Milliarden Mark rund ein Fünftel der Kosten des Krieges.
Nach dem Ende der Kampfhandlungen beteiligte sie sich an
der Räumung von Seeminen im Persischen Golf.
566
Kohl war in dieser Zeit ganz auf die Vollendung der
Wiedervereinigung fokussiert. Die Sowjetunion hatte den
Zwei-plus-Vier-Vertrag noch nicht ratifiziert, sodass
außenpolitische Zurückhaltung geboten schien; und am 2.
Dezember 1990 standen die ersten gesamtdeutschen Wahlen
an. Es wäre einem Vabanquespiel gleichgekommen, in dieser
Situation etwa eine Panzerbrigade, die im Wesentlichen aus
Wehrpflichtigen bestanden hätte, an den Golf zu verlegen. Ob
das Grundgesetz den Einsatz deutscher Streitkräfte außerhalb
des NATO-Gebietes überhaupt erlaubte, war hoch umstritten
und noch nicht geklärt. Außerdem äußerte sich eine deutliche
Mehrheit der Deutschen kritisch zur Beteiligung deutscher
Soldaten
am
zweiten
Golfkrieg,
der
einen
zivilgesellschaftlichen Aufschrei (»Kein Blut für Öl«)
auslöste.
Die Proteste, die schon bei der Verlegung von achtzehn
altersschwachen Alpha-Jets zum Schutz des NATO-Partners
Türkei gegen mögliche irakische Angriffe aufflammten,
zeigten, wie schwer sich nach dem Ende des Kalten Krieges
nicht nur Teile der Gesellschaft mit der sich anbahnenden
neuen Rolle taten, sondern auch die Bundeswehr. Etliche
Offiziere quittierten angesichts der bevorstehenden Verlegung
ihren Dienst. Gewiss waren dies Einzelfälle. Gleichwohl
stellte sich Anfang der 1990er-Jahre die übergeordnete Frage,
welche Rolle das wiedervereinigte Deutschland fortan in der
NATO spielen würde und welche Aufgaben dabei die
Streitkräfte übernehmen sollten. Eine Mehrheit der
Bevölkerung war nach wie vor der Ansicht, dass die
Bundeswehr eine notwendige Institution sei, die zur
Landesverteidigung gebraucht wurde. Doch eine relative
Mehrheit war 1991 der Meinung, dass die Wehrpflicht
abgeschafft werden sollte. Die meisten konnten sich nur
567
langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass sich ihr Land an
UN-Friedensmissionen beteiligen sollte.2 Das Ende des Kalten
Krieges und der Blockkonfrontation beflügelte vielmehr die
Vision von einer friedlichen Welt ohne militärische Konflikte
und der Verbreitung von Frieden, Freiheit und Wohlstand.
Dass die Welt nicht friedlich war, dass es auch in den
Neunzigerjahren zahlreiche bewaffnete Konflikte, gar
Genozide gab, versuchten viele Deutsche zu ignorieren.
Das wiedervereinigte Land musste erst mühsam die Rolle
finden, die es in der internationalen Sicherheitspolitik spielen
wollte. Auslandseinsätze der Bundeswehr hatte es bislang nur
als humanitäre Katastrophenhilfe gegeben – etwa 1960 in
Marokko. Die Bitte, sich 1964 in Zypern an der
Blauhelmmission der Vereinten Nationen zu beteiligen, hatte
die Bundesregierung abgelehnt. Erst im August 1989 rückte
sie von dieser Linie ab und schickte mit zehn Beamten des
Bundesgrenzschutzes erstmals uniformierte Kräfte in einen
Auslandseinsatz – als Teil einer UN-Mission zur
Sicherstellung
freier
Wahlen
in
Namibia.
Die
Koalitionsregierung aus CDU/CSU und FDP war der Ansicht,
dass man unter dem Schirm der Vereinten Nationen auch
Soldaten ins Ausland entsenden könne. Als die UNO in dem
vom Bürgerkrieg zerrütteten Kambodscha die Verwaltung
übernahm, stellte die Bundeswehr 1992/93 rund 150
Sanitätssoldaten für den Betrieb eines Feldlazaretts zur
Verfügung. Die Grünen waren zu diesem Zeitpunkt noch
gegen jedwede Beteiligung an Blauhelmmissionen, die SPD
stimmte diesen 1992 im Zuge einer außenpolitischen
Neupositionierung, der sogenannten Petersberger Wende, zu.
Bundeskanzler Kohl wollte das deutsche Engagement
Schritt für Schritt ausdehnen und dadurch mit der Zeit die
Bevölkerung an die neuen Gegebenheiten gewöhnen. So
568
folgten 1992 die Beteiligung an der Seeüberwachung in der
Adria zur Durchsetzung von Wirtschaftssanktionen und eines
Waffenembargos gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und
1993/94 im Rahmen der UN-Operation UNOSOM II die
Entsendung von 1700 Soldaten nach Somalia, wo die
Deutschen von ihrem Lager im Norden des Landes aus
logistische und ärztliche Unterstützung leisteten. Die
Beteiligung der Bundesrepublik an solchen Missionen der
internationalen Staatengemeinschaft war das Ergebnis eines
komplexen Aushandlungsprozesses zwischen der deutschen
UN-Vertretung in New York, dem Auswärtigen Amt, dem
Kanzleramt und dem Verteidigungsministerium. Es ging dabei
in erster Linie um die Frage, ob und wie das außenpolitische
Gewicht Deutschlands durch eine begrenzte Beteiligung
gestärkt werden könne. Um die tatsächliche Lösung von
humanitären Problemen etwa in Somalia ging es weit weniger.
An anderen UN-Missionen, beispielsweise in Mosambik,
beteiligte sich die Bundesrepublik nicht, obgleich sie aus
humanitärer Perspektive ähnlich dringend waren.3
In den Fraktionen von SPD und FDP gab es zunehmend
Zweifel, ob solche Einsätze überhaupt mit dem Grundgesetz
vereinbar waren. Die Abgeordneten empörte außerdem die
fehlende Beteiligung des Parlaments, weshalb sie beim
Bundesverfassungsgericht Klage einreichten. Am 12. Juli
1994 entschied dieses in einem wegweisenden Urteil im
Wesentlichen im Sinne der CDU/CSU. Die Obersten Richter
stellten fest, dass sich die Bundesrepublik im Rahmen von
»Systemen kollektiver Sicherheit« wie NATO und UN an
militärischen Einsätzen auch außerhalb des Bündnisgebietes
(out of area) beteiligen könne. Der Bundestag müsse aber mit
einfacher Mehrheit zustimmen. Wie notwendig die Klärung
dieser rechtlichen Fragen war, wurde im April 1994 nur zu
569
deutlich. In Ruanda eskalierte die Gewalt und mündete in
einen Genozid an der Bevölkerungsminderheit der Tutsi.
Sieben Mitarbeiter und vier Familienangehörige der
Deutschen Welle waren in ihrem Sendegebäude in der im
Chaos versinkenden Hauptstadt Kigali von Hutu-Milizen
eingeschlossen. Die Bundesregierung stand der Lage
einigermaßen hilflos gegenüber. Aufgrund der ungeklärten
Rechtslage und wegen angeblich nicht vorhandener Kräfte
zögerte sie einzugreifen.4 Schließlich mussten belgische
Fallschirmjäger einschreiten und die Betroffenen außer Landes
bringen. Wenngleich die Belgier ohnehin vor Ort waren, hatte
sich die Bundesrepublik blamiert, weil sie noch nicht einmal
in der Lage war, im Ernstfall ihre Staatsangehörigen im
Ausland zu schützen.
Nach dem spektakulären Scheitern der Mission in Somalia
– bei der »Schlacht um Mogadischu« im Oktober 1993 starben
achtzehn US-Soldaten – hatten die westlichen Staaten, allen
voran die USA, jedes Interesse verloren, sich mit
Bodentruppen in Bürgerkriegen zu engagieren. So sah die
Welt dem Morden in Ruanda tatenlos zu. Im Fokus der
Europäer stand zu diesem Zeitpunkt ohnehin der Zerfall des
Vielvölkerstaates Jugoslawien vor ihrer Haustür. Die Kämpfe
in Slowenien endeten 1991 rasch, aber in Kroatien und in
Bosnien-Herzegowina entbrannte ein blutiger Bürgerkrieg. Die
Volksgruppen der Serben, Kroaten und Muslime gingen in
wechselnden Konstellationen mit größter Brutalität
aufeinander los, und es sah zunächst so aus, als würde der
serbisch dominierte jugoslawische Reststaat mit militärischer
Gewalt Teile Kroatiens und weite Gebiete BosnienHerzegowinas unter seine Kontrolle bringen können.5 Die
westliche Staatengemeinschaft reagierte auf den plötzlichen
Ausbruch der Gewalt weitgehend ratlos, schien die Krise doch
570
so gar nicht in die Zeit der friedlichen Revolutionen und des
demokratischen Aufbruchs zu passen. Die Vereinten Nationen
stellten zwar 1992 eine mehrere Zehntausend Mann starke
Schutztruppe auf (UNPROFOR), die sich aber bald als
zahnloser Tiger entpuppte, weil sie nicht das Mandat hatte,
Frieden zu erzwingen.
Sanktionen, Waffenembargos oder Flugverbotszonen
vermochten die Bürgerkriegsparteien, allen voran die
bosnischen Serben, wenig zu beeindrucken. Zwar gab es
einzelne Luftangriffe, um die UN-Friedenstruppen zu
beschützen. Doch im Gegenzug nahmen serbische Milizen
Hunderte von UN-Soldaten als Geiseln gefangen und drohten,
sie zu exekutieren. Niemand war bereit, mit massiveren
militärischen Mitteln zu intervenieren, am allerwenigsten die
Deutschen. Angesichts der Verbrechen der Wehrmacht auf
dem Balkan während des Zweiten Weltkriegs kam ein
Kampfeinsatz
deutscher
Soldaten
für
keine
der
Regierungsparteien infrage. Die Bundesregierung wollte um
jeden Preis vermeiden, in Europa alte Ängste zu wecken,
indem man mit dem Säbel rasselte. Die Gewalt erreichte mit
der Ermordung von 8000 muslimischen Männern und Jungen
in der UN-Schutzzone Srebrenica im Juli 1995 einen traurigen
Höhepunkt. Das niederländische Blauhelmbataillon hatte dem
Treiben der Milizen des bosnisch-serbischen Generals Ratko
Mladić tatenlos zugesehen. Srebrenica stand sinnbildlich für
das Versagen der Europäer, den blutigen Bürgerkrieg vor ihrer
Haustür zu beenden. Weder waren die 400 Niederländer
ausreichend ausgerüstet, um der serbischen Übermacht
standzuhalten, noch erhielten sie die angeforderte
Luftunterstützung, weil man um das Leben der UN-Geiseln
fürchtete.6 Freilich fehlte es dem holländischen Kommandeur
Thomas Karremans auch an der Bereitschaft, aus einer
571
moralischen Verpflichtung heraus für das Leben der
muslimischen Zivilisten zu kämpfen. Immerhin waren die
Niederländer
nicht
wehrlos,
verfügten
über
Maschinengewehre und Mörser. Mutig und tapfer waren in
diesem
Fall
aber
weder
die
niederländischen
Blauhelmsoldaten noch die Politiker in Brüssel, Paris oder
Berlin, die sie in diese Lage gebracht hatten.7
Als am 28. August 1995 durch serbischen Mörserbeschuss
auf dem Markale-Platz in Sarajevo 37 Zivilisten starben und
das Fernsehen die schrecklichen Bilder verbreitete8, war für
US-Präsident Bill Clinton das Maß voll. Die Vereinigten
Staaten nahmen nun das Heft in die Hand. Sie setzten bei der
UNO und ihren zumeist zögerlichen europäischen
Bündnispartnern eine härtere Gangart durch. Eine dreiwöchige
Luftoffensive der NATO (Operation Deliberate Force) und
militärische Erfolge der Kroaten in der Krajina erzwangen
einen Waffenstillstand, der im November 1995 in den
Friedensvertrag von Dayton mündete. Dieser beendete den
Bürgerkrieg und schuf ein unabhängiges BosnienHerzegowina, das fortan aus einem serbischen und einem
kroatisch-muslimischen Teil bestand. Zur Überwachung und
Sicherung des Friedens beauftragten die Vereinten Nationen
die NATO mit der Entsendung einer Implementation Force
(IFOR), die nach einem Jahr in eine Stabilisation Force
(SFOR) umgewandelt wurde.
Die Bundesrepublik war von der Eskalation der Gewalt in
Jugoslawien ebenso überrascht worden wie andere
europäische Nationen. Hinter den Kulissen wirkte die
Bundesregierung an den diplomatischen Lösungsversuchen
unterdessen eifrig mit. Um auf der politischen Bühne Einfluss
auszuüben, war man nun durchaus bereit, sich in engen
Grenzen auch mit Soldaten zu engagieren. Im Juni 1995
572
beschloss der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU und
FDP die Beteiligung an der multinationalen Eingreiftruppe.
Vierzehn deutsche Tornado-Flugzeuge kamen in der Operation
Deliberate Force zum Einsatz, feuerten dabei aber keinen
Schuss ab. Sanitäter verstärkten in den letzten Monaten noch
die UNPROFOR.
573
574
Schließlich engagierte man sich bei der IFOR- und der
folgenden SFOR-Mission so umfassend wie noch nie. Deren
60 000 Soldaten sollten den Waffenstillstand überwachen, den
Abzug der schweren Waffen kontrollieren und beim
Wiederaufbau helfen. Die Bundesrepublik stellte rund 2600
Mann. Darunter waren auch erstmals Kampftruppen, die aber
nur als show of force gedacht waren. Die IFOR-Truppen
inspizierten über 800 Orte, machten 2500 Kilometer verminte
Straßen passierbar und reparierten mehr als sechzig Brücken.9
Peacekeeping war das Wort der Stunde, und die Bundeswehr
schien mit der Beteiligung an der SFOR ihre neue Rolle
gefunden zu haben: Absicherung von freien Wahlen, Aufbau
von staatlichen Strukturen, Befriedung der Konfliktparteien.
Dies war kein Kampfeinsatz, in dem Krieger kämpfen, töten
und sterben mussten, sondern eine Art rustikaler Polizeieinsatz
mit Aufbaufunktion. Das Ganze war weitgehend friedlich und
schien zudem Sinn zu machen. Aber ganz ungefährlich war
der Einsatz auch nicht, allein schon wegen der vielen
Landminen.
Eine Mehrheit der Deutschen unterstützte mittlerweile
solche Missionen.10 Die Zahl derjenigen, die generell gegen
den Einsatz von Bundeswehrsoldaten außerhalb des NATOGebietes waren, lag 1996 nur noch bei 18 Prozent. Die
Gesellschaft konnte sich mit der neuen Rolle des Militärs also
575
arrangieren, selbst die Wähler der Grünen. Allerdings waren in
den neuen Bundesländern wesentlich mehr Menschen gegen
internationale Einsätze der Bundeswehr als im Westen. Die
Ost-West-Spaltung war deutlich (32 zu 14 Prozent ablehnende
Stimmen)11 und nahm erst zu Beginn der 2000er-Jahre spürbar
ab.
Der Vertrag von Dayton hatte 1995 zwar den Konflikt in
Bosnien befriedet. Über den Kosovo konnte jedoch keine
Einigung erzielt werden, sodass Ende der Neunzigerjahre ein
neuer gewaltsamer Konflikt ausbrach.12 80 Prozent der
Bevölkerung des Kosovo waren Albaner, und seit dem Zerfall
des Vielvölkerstaates Jugoslawien strebten sie ebenfalls nach
Unabhängigkeit. Serbien versuchte genau dies zu verhindern,
weil es das Gebiet als uralten Bestandteil des eigenen Landes
betrachtete. Der gewaltfreie Widerstand der Kosovaren gegen
die serbische Vorherrschaft wurde seit 1998 zunehmend von
gezielten Angriffen der Befreiungsarmee des Kosovo (UCK)
auf die serbische Polizei abgelöst. Bei der UCK handelte sich
um einen losen Verbund von Familienclans, der auch von
Washington zunächst als terroristische Organisation eingestuft
wurde – auch weil er sich vor allem aus der organisierten
Kriminalität finanzierte. Belgrad ließ sich von den Aktionen
der UCK freilich zu zügelloser Gewalt gegen Zivilisten
hinreißen, sodass die Lage bald eskalierte. Fernsehbilder von
getöteten Frauen und Kindern sowie die beginnende Flucht
von Kosovaren aus ihrer Heimat setzten die internationale
Gemeinschaft bald unter Druck. Ein neues Bosnien sollte
unbedingt verhindert werden.
Die Außenminister der USA, Russlands, Frankreichs,
Großbritannien und Deutschlands suchten in der sogenannten
Kontaktgruppe händeringend nach einer diplomatischen
Lösung, doch die Konfliktparteien hielten sich nicht an
576
Abmachungen oder Versprechungen. Es musste also eine
wirksame Drohkulisse her, die schon in Bosnien die Lösung
gebracht hatte. Doch Moskau stand diesmal auf der Seite
Belgrads und wollte keinen Präzedenzfall für die Einmischung
der NATO in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten
schaffen, zumal man befürchtete, dass das Bündnis dann
womöglich auch in den Konflikten in Tschetschenien,
Georgien oder der Ukraine intervenieren könnte. Der Weg zu
einem UN-Mandat war damit blockiert. Allerdings strebten die
USA zu diesem Zeitpunkt sowieso eine Lösung ohne die
Vereinten Nationen an, da man sich von Russland nichts
vorschreiben lassen wollte. Die Europäer aber wollten
unbedingt ein Mandat der UN, auch weil sie so am ehesten
ihre Interessen durchsetzen konnten. Sie hatten im
Sicherheitsrat zwei ständige Sitze, und Deutschland wurde bei
Involvierung der Vereinten Nationen als Vermittler für
Russland gebraucht. Andererseits waren die europäischen
NATO-Staaten nicht in der Lage, ohne die USA eine
glaubhafte militärische Drohkulisse aufzubauen, um einen
Frieden im Kosovo zu erzwingen. Zu wichtig waren die
amerikanischen Satelliten, Tankflugzeuge und lasergesteuerten
Bomben. Die immer noch beachtliche militärische Streitmacht
Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands – zusammen
immerhin rund eine Million Soldaten und mehr als 1000
Jagdbomber, Jäger und Aufklärungsflugzeuge – war ohne die
Vereinigten Staaten offenbar nicht viel wert. So akzeptierte
man zähneknirschend ein Vorgehen ohne UN-Mandat, weil
Washington gedroht hatte, sich sonst aus der Konfliktlösung
zurückzuziehen.
Das Auswärtige Amt hatte die Drohung mit militärischen
Mitteln
mit
Nachdruck
vorangetrieben,
um
den
jugoslawischen Präsidenten Milošević zum Einlenken zu
577
bewegen. Warnungen deutscher Generäle, man müsse die
Drohung dann auch wahr machen, um glaubwürdig zu bleiben,
verpufften ungehört – schließlich rechnete man fest damit,
dass Milošević spätestens mit Beginn einer Luftoffensive
einlenken würde. Im Oktober 1998 standen alle Zeichen auf
Sturm. Sollte es nicht gelingen, Belgrad in letzter Minute zur
Räson zu rufen, würde die NATO ohne UN-Mandat mit
Luftangriffen beginnen. In Deutschland stand der
Machtwechsel von Bundeskanzler Kohl zu Schröder bevor.
Die scheidende und die designierte Bundesregierung
entschieden gemeinsam, vierzehn Tornados in einen
möglichen Kampfeinsatz zu schicken. Gerhard Schröder und
der neue Außenminister Joschka Fischer mussten erkennen,
dass die Dinge schon zu weit vorangeschritten waren, um ohne
massiven
politischen
Schaden
aus
der
Sache
herauszukommen. Wollte sich Berlin in der NATO nicht
vollständig isolieren, musste man nun mitziehen. Im Februar
1999 scheiterten die letzten Verhandlungen auf der Konferenz
von Rambouillet, wo man Jugoslawien die Pistole auf die
Brust gesetzt hatte. Da die Europäer uneins waren, die Serben
und Kosovaren sich keinen Millimeter aufeinander
zubewegten und Russland um jeden Preis ein UN-Mandat
verhindern wollte, konnten die Vereinigten Staaten aus einer
Position der Stärke ihre harte Gangart durchsetzen.
Am 24. März 1999 begann die Operation Allied Force, an
der sich 14 NATO-Staaten beteiligten.13 Anders als vier Jahre
zuvor setzten deutsche Tornados nun ihre Waffen auch ein und
beschossen mit ihren Raketen serbische Radarstellungen. Es
handelte sich um nichts weniger als den ersten offiziellen
Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit dem Zweiten
Weltkrieg.14 Anders als erwartet lenkte Milošević aber nicht
ein, und die Angriffe zeigten weit weniger Wirkung als
578
erhofft. Es gelang vor allem nicht, die serbische
Luftverteidigung auszuschalten. Die NATO-Maschinen
mussten deswegen in großer Höhe fliegen und von einer
großen Zahl von Flugzeugen zur Bekämpfung der serbischen
Radar- und Raketenstellungen begleitet werden. Dies minderte
die Effektivität der Operation weiter, weshalb die NATOStaaten innenpolitisch rasch unter Druck gerieten.
Milošević wollte unterdessen Tatsachen schaffen, die UCK
zerschlagen und den Kosovo wieder fest unter serbische
Kontrolle bringen. Bei den Kämpfen wurde keine Rücksicht
auf die Zivilbevölkerung genommen, und immer mehr
Kosovaren flohen vor der Gewalt. Bis Ende Mai verließen 850
000 ihre Heimat. 140 000 Flüchtlinge kamen allein nach
Deutschland. Die Allianz weitete die Luftangriffe zunehmend
aus und bombardierte bald Ziele in ganz Jugoslawien. Dabei
starben rund 500 Zivilisten. Erschütternde Fernsehbilder toter
Frauen und Kinder wirkten nachhaltig auf die öffentliche
Meinung. Insbesondere Joschka Fischer geriet auf dem
Parteitag der Grünen im Mai 1999 in große, gar körperliche
Bedrängnis. Von einem Farbbeutel getroffen, der sein
Trommelfell zerriss, musste er seine ganze Autorität in die
Waagschale werfen, um die Grünen in der Koalition zu halten.
In der aufgeheizten Stimmung gelang es ihm durch eine
fulminante Rede, die Mehrheit des Parteitags auf seine Seite
zu bringen. Man habe sich der Mahnung »Nie wieder
Auschwitz« verschrieben und könne als Partei daher nun nicht
abseitsstehen. Der Holocaust und die historische
Verantwortung Deutschlands waren die zentralen Argumente,
sich an dem Krieg zu beteiligen. Freilich ging es im Kosovo
nicht um die Verhinderung eines Völkermords – dieser drohte
zu keinem Zeitpunkt. Vor der Luftoffensive waren maximal
300 Zivilisten von serbischen Polizeikräften getötet worden,
579
während der Luftschläge noch einmal gut 1000.15 Doch
wusste niemand, welches Ausmaß die Gewalt noch annehmen
würde, da die Luftoffensive kein schnelles Ende des Krieges
bewirkte.
Das Versagen der westlichen Staatengemeinschaft hatte das
Massaker von Srebrenica und den Genozid in Ruanda möglich
gemacht. Dass Fischer nun die stärksten moralischen
Argumente bemühte, galt aber vor allem dem Ziel, die rotgrüne
Koalition
auf
Kurs
zu
halten.
Auch
Verteidigungsminister Rudolf Scharping meinte in die
Trickkiste greifen zu müssen und behauptete auf einer
Pressekonferenz, es gebe einen serbischen Plan zur
systematischen
Vertreibung
der
albanischstämmigen
Zivilbevölkerung. Den sogenannten Hufeisenplan gab es nicht,
wohl aber eine von zahlreichen Verbrechen begleitete
Vertreibungspolitik. Scharping stand unter so großem
Rechtfertigungszwang, dass er sich zu unvorsichtigen
Äußerungen hatte hinreißen lassen. Auch ein von ihm
erwähntes Konzentrationslager in Priština existierte nicht.
Bilder von getöteten Serben gab es im deutschen Fernsehen
übrigens nicht zu sehen. Die Rollen von Gut und Böse waren
für den Westen klar verteilt. Heute schätzt man, dass die UCK
rund 1000 serbische Zivilisten tötete.16
Berlin hatte allen Grund, sich mit ganzer Kraft für eine
baldige Beendigung des Konflikts einzusetzen. Denn: Sollten
die Luftangriffe nicht das gewünschte Ergebnis bringen, war
die Allianz entschlossen, in den Kosovo einzumarschieren. Für
diesen Plan B waren von der NATO auch 16 000 deutsche
Soldaten eingeplant.17 Ein solches Szenario musste unbedingt
verhindert werden, da die rot-grüne Regierungskoalition den
Einsatz von Bodentruppen nicht überstanden hätte.
Außenminister Fischer hatte dann wesentlichen Anteil daran,
580
einen Ausweg zu finden. Er brachte die G8 als
Verhandlungsforum ins Spiel, um Russland wieder
einzubinden. Am 20. Mai 1999 signalisierte Milošević
schließlich die Bereitschaft zu verhandeln. Man einigte sich
darauf, die serbischen Soldaten aus dem Kosovo abzuziehen,
eine internationale Militärpräsenz unter UN-Mandat
zuzulassen, den Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Heimat zu
ermöglichen und die Arbeit internationaler Hilfsorganisationen
sicherzustellen. Am 10. Juni schwiegen die Waffen. Zwei Tage
später rückte die schwer bewaffnete KFOR mit 50 000 Mann
ein, darunter auch die von der Bundeswehr geführte
multinationale Brigade Süd mit 6000 Soldaten. Der Kosovo
war damit unter das Protektorat der Vereinten Nationen
gestellt.
Die Aufgaben der mandatierten Truppen ähnelten jenen der
SFOR. Fortan ging es darum, die beiden verfeindeten
Volksgruppen auseinanderzuhalten und den Aufbau staatlicher
Strukturen zu unterstützen. Die Bundesregierung konnte eine
positive Bilanz ihres Engagements im Kosovo-Krieg ziehen.
Man hatte die Bündnissolidarität gewahrt, an einer politischen
Lösung mitgearbeitet und zuletzt bei der Beilegung des
Konflikts sogar eine entscheidende Rolle gespielt. Das war nur
möglich, weil Deutschland bereit gewesen war, sich an der
Luftoffensive zu beteiligen. Die Luftwaffe flog zwar nur vier
Prozent aller Einsätze. Das reichte aber aus, um politischen
Einfluss auszuüben, zumal der Anteil von Briten und
Franzosen auch nicht höher war.18
Nach Srebrenica und Ruanda war die deutsche
Bevölkerung mittlerweile bereit, auch diese militärische
Beteiligung zu unterstützen. In einer Umfrage lehnte nur ein
knappes Drittel der Befragten die NATO-Luftangriffe ab.19
Die Skepsis gegenüber der Bundeswehr und der Wehrpflicht,
581
die zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung noch überwogen
hatte, war einer deutlichen Zustimmung gewichen. Freilich
hatte es bei den deutschen Einsätzen keine eigenen Verluste
gegeben. Zudem: Die Tornados bekämpften serbische
Luftverteidigungsstellungen, und ihre Luft-Boden-Raketen
wurden von deren Radarabstrahlung ins Ziel gelenkt. Die
Gefahr von Kollateralschäden war damit praktisch gleich null.
Schreckliche Bilder, wie etwa die von den Folgen
fehlgeleiteter amerikanischer Bomben, blieben aus.
Für die Bundeswehr brachten die internationalen Krisen der
Neunzigerjahre eine neue Legitimierung ihrer Existenz. Sie
hatte außenpolitisches Gewicht gewonnen und konnte mit den
vorhandenen Fähigkeiten einen wenn auch kleinen Beitrag zu
den Einsätzen von UNO und NATO leisten. Unübersehbar war
freilich, dass ganz andere Streitkräfte gebraucht wurden, als
sie 1990 vorhanden waren. Nicht mehr der Kampf der
verbundenen Waffen war gefordert, sondern eher
Polizeimaßnahmen, bei denen es immerhin hilfreich sein
konnte, aus einer 20-mm-Kanone ein paar Warnschüsse
abzugeben. Mit den Szenarien des Kalten Krieges hatte das
alles aber nichts mehr zu tun. Kohl soll Generalinspekteur
Hartmut Bagger bei dessen letztem Kanzlerbriefing 1998
angefahren haben: »Hören Sie endlich mit Ihrem Geschwätz
von der Landes- und Bündnisverteidigung auf. Das war vor
zwanzig Jahren.«20 Ein neues Soldatenbild schien der neuen
Zeit angemessener: der miles protector, der rettet, schützt und
hilft und mit der Truppe von einst nur noch wenig gemein
hatte. Dass der Kosovo-Einsatz sehr schnell in einen rustikalen
Bodenkrieg hätte umschlagen können, bei dem man mit
bewaffneten social workers nicht weit gekommen wäre, wurde
dabei gern verdrängt.21
582
Der Neustart der deutschen Sicherheitspolitik ging einher
mit einer gesellschaftlichen Selbstvergewisserung über die
Rolle der Berliner Republik. Die Angst vor einem
möglicherweise aufkeimenden Nationalismus drückte sich
auch in einer kritischen Auseinandersetzung mit der
nationalsozialistischen Vergangenheit aus. Die lebhaften und
zuweilen hoch emotionalen Diskussionen um die Gestaltung
der Neuen Wache, die Errichtung eines Holocaust-Mahnmals
in Berlin oder Daniel Goldhagens Buch »Hitlers willige
Vollstrecker« zeigten, dass eine neue Phase der Erinnerung an
den Nationalsozialismus eingesetzt hatte.22 Für die
Bundeswehr besonders relevant war die 1995 eröffnete
Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« des Hamburger
Instituts für Sozialforschung (HIS). Sie zeigte mit der
Ermordung der serbischen Juden durch die Wehrmacht, dem
Vormarsch der 6. Armee durch den Süden der Sowjetunion
und der Besatzungspolitik in Weißrussland extreme Beispiele
der Beteiligung deutscher Soldaten am NS-Vernichtungskrieg
in den Jahren 1941–44. Damit war die Frage nach der
Verantwortung der »gewöhnlichen Deutschen« für die
Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gestellt. Die historische
Forschung hatte die Dimension der Untaten längst
herausgearbeitet, und dass die öffentliche Meinung noch 1995
von der »Lüge« einer »sauberen Wehrmacht« bestimmt
gewesen sei – wie es im ersten Ausstellungskatalog hieß –,
darf
bezweifelt
werden.
Allerdings
waren
die
Forschungsergebnisse der Historiker noch nicht Allgemeingut,
und es gab immer noch viele Bundesbürger, die nicht
wahrhaben wollten, dass die Wehrmacht eben keine ganz
normale Armee gewesen war. Der verantwortliche Kurator
Hannes Heer überzeichnete seinerseits die Rolle der siebzehn
Millionen Wehrmachtsoldaten, was zu heftigen Kontroversen
vor allem zwischen den Generationen führte. 1999 wurde die
583
Ausstellung wegen des unbekümmerten Gebrauchs von
Fotoquellen und eines verlorenen Prozesses gegen den
Historiker Rolf-Dieter Müller geschlossen. 2001 eröffnete eine
zweite, weit differenziertere und mit mehr wissenschaftlichem
Fachverstand erarbeitete Ausstellung, die aber weit weniger
Zuschauer anzog. Wirkungsmächtiger blieb somit die erste,
und die hoch emotionalen Debatten übten einen nachhaltigen
Einfluss auf die öffentliche Meinung und das kulturelle
Gedächtnis der Deutschen aus23 – und blieben auch für die
Tradition der Bundeswehr nicht ohne Folgen.24
Die
Ausstellung
des
HIS
war
sicher
der
wirkungsmächtigste Katalysator zur Neubewertung der
Wehrmacht. Sie verstärkte freilich nur das, was in Forschung
und Teilen der Öffentlichkeit ohnehin schon diskutiert wurde.
So tobte in Füssen seit 1988 eine Debatte um die
Umbenennung der Eduard-Dietl-Kaserne, die dann im
November 1995 erfolgte – noch bevor die öffentliche
Diskussion um die Wehrmachtausstellung richtig hochkochte.
Von 1987 bis 1994 hatte es allein sechs Kleine Anfragen der
Grünen und der PDS im Bundestag zur Traditionspflege der
Bundeswehr gegeben. Verteidigungsminister Volker Rühe
stellte 1996 nachdrücklich klar, dass die Wehrmacht als
Organisation des Dritten Reiches kein Teil der Tradition sein
könne, da sie in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt
gewesen sei. Der einzelne Soldat könne aber sehr wohl
traditionsbildend sein, womit er vor allem die Männer des 20.
Juli, aber auch die »vielen Soldaten im Einsatz an der Front«
meinte.25 Das war zwar nichts grundlegend Neues, aber der
1942 geborene Rühe brachte doch eine andere Tonalität in die
Debatte als der acht Jahre ältere Manfred Wörner, der 1994
nach schwerer Krankheit gestorben war. Rühe war nie Soldat
gewesen und hatte zweifellos eine größere Distanz zum
584
Militär als Wörner. Hinzu kam, dass die letzten
Wehrmachtveteranen in den Neunzigerjahren aus den
einflussreichen Positionen in Gesellschaft und Politik
ausschieden. Die sechs letzten Bundestagsabgeordneten, die
im Zweiten Weltkrieg noch Soldat gewesen waren, beendeten
1998 ihre parlamentarische Laufbahn, darunter auch Alfred
Dregger, der konservative Wortführer der CDU.26
Die Akzeptanz einer neuen Rolle der Streitkräfte darf nicht
darüber hinwegtäuschen, dass das Militär an sich zumindest
von einer politisch und kulturell einflussreichen Elite nach wie
vor sehr kritisch gesehen wurde. Die Jusos forderten 1995 wie
eh und je eine Entmilitarisierung des Staatswesens und damit
auch die Abschaffung der Bundeswehr.27 Die öffentlichen
Gelöbnisse zu deren vierzigjährigem Bestehen wurden von
den Grünen, aber auch von der SPD scharf kritisiert, und
Rudolf Scharping blieb als Oppositionsführer demonstrativ
dem Großen Zapfenstreich am 26. Oktober 1995 im Bonner
Hofgarten fern.28
Die Neuausrichtung der deutschen Sicherheitspolitik und
die kritische Sicht auf die Wehrmacht lösten in den
Neunzigerjahren die doppelte Ambivalenz der Streitkräfte
zumindest auf der gesellschaftlich-politischen Ebene
weitgehend auf: Ob man die Bundewehr vom Krieg oder vom
Frieden her zu denken habe, ob sie an die Vergangenheit
anschließen sollte oder nicht, schien nun klar und eindeutig
beantwortet: weg von der Vergangenheit und hin zum
friedlichen Peacekeeping. 51 Prozent der Deutschen meinten,
dass sich die Streitkräfte ganz auf die Gegenwart ausrichten
sollten.29 Und die neuen Aufgaben der Bundeswehr schienen
dies ja nur zu bestätigen. Die Lebenswelt eines SFORSoldaten hatte mit der eines Landsers der Wehrmacht nichts
mehr zu tun.
585
Armee der Einheit
Der Wandel hatte sich schon angekündigt. Ein flüchtiger Blick
auf die sinkenden Geburtenzahlen verdeutlichte, dass die
Bundeswehr in den Neunzigerjahren ein massives
Personalproblem bekommen würde. Die Zahl der
Wehrpflichtigen musste dramatisch zurückgehen, selbst wenn
sie – wie am 1. Juni 1989 eingeführt – statt fünfzehn nun
achtzehn Monate Dienst tun sollten. Hinzu kamen die globalen
politischen
Veränderungen
und
die
Rüstungskontrollverhandlungen in Wien, die auch von Bonn
klare Schritte verlangten. Mitte Dezember 1989 beschloss die
Bonner Regierung, die Stärke der Streitkräfte um gut 70 000
auf 425 000 Mann zu reduzieren. Die Divisionen und
Brigaden des Heeres sollten alle erhalten bleiben, aber stärker
als bislang gekadert, also im Ernstfall mit Reservisten
aufgefüllt werden.30 Dass es also einen Umbruch geben
würde, war auf der Hardthöhe jedermann klar. Aber niemand
konnte ahnen, dass es für die Bundeswehr in den folgenden 25
Jahren permanent abwärtsgehen und sie am Ende nur noch ein
Schatten ihrer selbst sein würde.
Die Wiedervereinigung machte alle Zukunftspläne zur
Makulatur. Die Streitkräfte mussten einerseits erheblich
reduziert, die Wehrstrukturen andererseits auf die neuen
Länder ausgedehnt werden. Die NVA hörte mit dem Ende der
DDR auf zu bestehen. Ihre Truppenteile wurden von
Kommandeuren der Bundeswehr übernommen, die meisten bis
Jahresende 1990 aufgelöst. Es gab aber auch Einheiten, aus
denen neue Verbände des Heeres und der Luftwaffe gebildet
wurden. Die Berufs- und Zeitsoldaten der NVA wurden
zunächst bis Jahresende vorläufig im Dienst belassen und
hatten nach einer Eignungsprüfung die Möglichkeit, zunächst
für zwei Jahre in der »Armee der Einheit« zu bleiben. Viele
586
schieden aber aus freien Stücken aus, weil für sie aus
persönlichen
oder
politischen
Gründen
die
Weiterverpflichtung keine Option war. Für die übrigen standen
die Chancen auf dauerhafte Übernahme nicht schlecht. Etwa
die Hälfte derjenigen, die sich bewarben, wurde angestellt.
Von den am 3. Oktober 1990 verbliebenen 51 000 Berufs- und
Zeitsoldaten wurden schließlich knapp 11 000 in die
Bundeswehr übernommen. Allerdings nahm ihre Zahl in den
kommenden Jahren durch Pensionierungen stetig ab. 2001
waren es noch 700031, 2020 sind es nur noch wenige Hundert.
Von 2300 Berufsoffizieren, die aus der NVA übernommen
wurden, brachten es bislang nur zwei bis zum
Brigadegeneral.32 Gert Gawellek und Thomas Seifert sind
unter den aktuell rund 200 Generälen und Admiralen die
einzigen ehemaligen Soldaten der ostdeutschen Armee.
Die Reste der NVA wurden in die in den neuen
Bundesländern
neu
aufgestellte
13.
und
14.
Panzergrenadierdivision überführt. Beide Verbände hatten von
Anfang an eine dezidiert ostdeutsche Identität. Sie waren in
den alten Kasernen stationiert, ihre Wehrpflichtigen und die
allermeisten der Zeitsoldaten kamen aus der Region. Ein Jahr
nach der Wiedervereinigung umfassten die Truppen in den
neuen Ländern noch 41 000 Mann. Davon stammten nur 2100,
also gut fünf Prozent, aus dem Westen.33 Viele Einheiten
hatten lediglich neue Bataillonskommandeure und zwei bis
drei neue Offiziere und Feldwebel. Die Kompaniechefs und
Zugführer kamen alle aus der NVA. Es war ein
Zusammenprall der Kulturen, und die wechselseitige
Fremdheit war offensichtlich.34 Wie im Brennglas zeigte sich,
dass Armee nicht gleich Armee war, dass die innere Logik der
deutschen Streitkräfte in Ost und West vollkommen
unterschiedlich gewesen war. Die aus dem Grundgesetz
587
abgeleiteten Vorschriften, die Leitideen der Inneren Führung
und des Staatsbürgers in Uniform, waren im Osten unbekannt.
Anfangs fehlte auch das Personal, um den dringend
notwendigen Unterricht über die neuen Rechtsvorschriften
abzuhalten. Werner von Scheven schrieb im Oktober 1991:
»Wir können in Kürze eine Askari-Armee im Osten
Deutschlands hinstellen«, aber das Heer in den neuen Ländern
»mit überzeugten Staatsbürgern in Uniform auszustatten ist
eine Führungsaufgabe mit langem Atem«35.
Der Zusammenbruch der sozialistischen Ordnung hatte
viele ratlose Menschen hinterlassen, und keiner wusste so
recht, wie es weitergehen sollte. Verbände wurden aufgelöst,
andere aufgestellt, die Unterkünfte waren marode, und die
Kommunikationsleitungen in den Westen mussten erst
aufgebaut werden. Viele Kräfte wurden zur Bewachung der
riesigen Waffen- und Munitionsdepots, der Materiallager und
Fahrzeughallen benötigt.36 Die Hälfte der Wehrpflichtigen
schob langweilige Wachdienste. Anfangs gab es kaum
Gefechtsausbildung, weil die neuen Waffen aus dem Westen
fehlten. Die Motivation war gering, und noch vorhandene
Wehrdienstleistende hatten kein Vertrauen in die ehemaligen
NVA-Vorgesetzten. Das seien »alte Stalinisten, die früher
SED-hörig waren und jetzt vor Selbstmitleid zerflössen«37,
hieß es. Die westliche Generalität hielt solche Urteile für
übertrieben38 und würdigte das redliche Bemühen, sich den
neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Aber das brauchte
Zeit. Die Vermittlung der Inneren Führung blieb in der
chaotischen Situation zu Beginn der 1990er-Jahre Stückwerk.
Die Bewältigung des täglichen Dienstes war dringender.39 Im
Vordergrund stand die militärische Ausbildung der
Mannschaften. Wie die ehemaligen Wehrmachtsoldaten in den
Fünfzigerjahren waren auch die ehemaligen NVA-Offiziere
588
unsicher, was unter Innerer Führung konkret zu verstehen war.
Die zweiwöchigen Schnellkurse konnten nicht mehr als ein
Anfang sein. Problematisch war auch, dass es ein
Unteroffizierkorps, wie man es im Westen kannte, in der NVA
nicht gegeben hatte.40 Daher fehlte es auf der mittleren Ebene
an Führungsverantwortung, Einstellung und Ausbildung. Die
Bundeswehr unternahm gleichwohl große Anstrengungen, die
NVA-Offiziere und -Unteroffiziere mit den neuen Realitäten
vertraut zu machen. Bis Ende 1991 hatten schon rund 5000
Mann ein Praktikum bei einem Truppenteil im Westen
absolviert,
um
in
die
Führungsaufgaben
und
Verwaltungsabläufe eingewiesen zu werden. Mehr als 3000
durchliefen
an
den
Schulen
der
Bundeswehr
Ergänzungslehrgänge.41 Bis 1993 hatte man so alle
ehemaligen NVA-Soldaten zumindest theoretisch auf den
Stand der Dinge gebracht.
Die regionale Durchmischung der Bundeswehr begann
schon 1991, als Wehrpflichtige aus den neuen Ländern ihren
Dienst in Kasernen in der alten Bundesrepublik ableisteten
oder ehemalige NVA-Offiziere in die alten Länder versetzt
wurden. Die Streitkräfte wurden ostdeutscher, und selbst bei
den Gebirgsjägern im Allgäu war neben Bayerisch bald auch
Sächsisch zu hören. 1996 leisteten gut 30 000 Soldaten42 aus
den neuen Ländern ihren Dienst im Westen. Umgekehrt waren
knapp 10 00043 aus dem Westen in die neuen Bundesländer
versetzt worden. Anders gewendet: 1996 kamen 27 Prozent
aller in den neuen Ländern dienenden Soldaten aus dem
Westen, in den alten Bundesländern aber nur neun Prozent aus
dem Osten.44 Eine stärkere Angleichung der regionalen
Zusammensetzung gab es auch in den kommenden Jahren
nicht. Das Panzergrenadierbataillon 411 im vorpommerschen
Viereck setzte sich 2019 zu rund 90 Prozent aus Ostdeutschen
589
zusammen.
Beim
Aufklärungsbataillon
8
im
niederbayerischen Freyung war es genau umgekehrt: 85
Prozent der Soldaten kamen aus den alten und fünfzehn
Prozent aus den neuen Ländern. Standorte, die näher an der
ehemaligen innerdeutschen Grenze lagen, haben einen stärker
gemischten Personalbestand. So kamen 2019 von den Soldaten
des Panzergrenadierbataillons 401 aus Hagenow im Westen
Mecklenburgs mehr als ein Viertel aus dem Westen, davon
besonders viele aus Schleswig-Holstein.45 Dreißig Jahre nach
der Wiedervereinigung rekrutierten die Kampftruppen des
Heeres ihre Soldaten also vor allem regional – wie es uralte
deutsche Militärtradition war. Allerdings stammten die
Kommandeure der ostdeutschen Verbände weiterhin fast
ausschließlich aus dem Westen. Von den sechs
Bataillonskommandeuren der Panzergrenadierbrigade 41
»Mecklenburg-Vorpommern« waren 2019 alle in den alten
Ländern geboren worden.46
Das Verteidigungsministerium wollte erst gar keine
Diskussion um Ost- und Westdeutsche zulassen, sondern sich
rasch als Vorreiter der Einheit präsentieren. Bereits im Mai
1996 vermeldete man stolz, dass die Bildung der Armee der
Einheit vollzogen sei. »Es wird in der Bundeswehr kein
Unterschied mehr gemacht, ob ein Soldat aus der ehemaligen
NVA übernommen wurde oder ob er ein Soldat aus den alten
Bundesländern ist. Die Bundeswehr war, bezogen auf die
Integration der Menschen […] Vorreiter vor allen Bereichen
aus dem öffentlichen Bereich.«47 Die Realität freilich sah
anders aus, wie eine Befragung von west- und ostdeutschen
Offizieren zeigte. Die Integration sei bislang »erst begrenzt
gelöst«, hieß es im Juli 1995. Wie sollte es angesichts der
Rahmenbedingungen auch anders sein? Der Befehlshaber des
Bundeswehrkommandos Ost, Jörg Schönbohm, hatte zwar die
590
Losung ausgegeben, dass »die Bundeswehr nicht als Sieger zu
Besiegten, sondern als Deutsche zu Deutschen komme«.
Dennoch fühlten sich viele ehemalige NVA-Soldaten auch
fünf Jahre nach der Wiedervereinigung als Soldaten zweiter
Klasse. Dazu trugen die Besoldungsunterschiede, die
Rückstufung um mindestens einen Dienstgrad und die häufige
Nichtanerkennung von Diplomen und Zertifikaten wesentlich
bei.48 Und die langsam wachsende Sicherheit im Umgang mit
der neuen Situation war bezeichnenderweise eher der
Rückbesinnung auf die eigene Herkunft zu verdanken als dem
Gewinn einer neuen Identität. Man hatte vergeblich gehofft, in
die Armee der Einheit auch etwas Eigenes, etwas »Gutes«
einbringen zu können, etwa die eigenen Erfahrungen bei der
Gefechtsausbildung.
Im Übrigen sahen die Soldaten aus dem Osten mehr
Berührungspunkte der beiden Armeen als diejenigen aus dem
Westen. Einig war man sich, dass am ehesten das militärische
Handwerk eine Gemeinsamkeit sei, an die angeknüpft werden
könnte, und die ostdeutsche Gefechtsausbildung galt auch bei
»West-Soldaten« als vorbildlich.49 Allerdings ist nicht
bekannt, dass irgendein substanzieller Aspekt der NVA
Eingang in Bundeswehrvorschriften gefunden hätte.50 Die
Selbst- und Fremdbilder bewegten sich also aufeinander zu,
aber die Unterschiede waren auch fünf Jahre nach der Einheit
noch erheblich. Die Umfrage aus dem Jahr 1995 stellte fest,
dass bis zur völligen Angleichung noch rund acht bis zehn
Jahre benötigt würden. Spätere Studien liegen nicht vor, aber
alle Indizien deuten darauf hin, dass diese Schätzung
realistisch war und dass erst in den frühen 2000er-Jahren die
normative Kraft des Faktischen die NVA-Prägungen
verblassen ließ. Dazu dürften auch die gemeinsamen
591
Auslandseinsätze beigetragen haben, zumal die Soldaten dann
auch gleichen Sold erhielten.
Während der Anteil ehemaliger NVA-Soldaten in der
Bundeswehr bald nur noch einer homöopathischen Dosis
entsprach, rückten Zehntausende in Ostdeutschland geborene
Soldaten nach. 2001 kamen dreißig Prozent der freiwilligen
Bewerber aus den neuen Ländern51, die zu diesem Zeitpunkt
nur 18 Prozent der Bevölkerung stellten. Da die
Annahmequote im Westen wie im Osten gleich war, wurde die
Bundeswehr insgesamt also ostdeutscher. Auf den ersten Blick
ist dies verwunderlich, denn die Umfragen zeigen, dass die
Ostdeutschen eine kritischere Haltung zur Bundeswehr, zur
NATO, zu den USA und zu den Auslandseinsätzen hatten.52
Zu erklären sind die Zahlen gewiss auch mit ökonomischen
Gründen, denn die Bundeswehr hatte ihre Standorte oftmals in
strukturschwachen Regionen und war dort ein wichtiger
Arbeitgeber. Und doch stellt sich die Frage, ob Teile der
ostdeutschen Bevölkerung nicht ein entkrampfteres Verhältnis
zum Militär hatten und sich auch deswegen überproportional
häufig zum Wehrdienst meldeten. In der DDR gab es kein
1968, eine kleinere Friedensbewegung und auch eine
schwächere Ausprägung der »Kultur des Regenbogens«
(Rödder), dafür aber eine viel stärkere Militarisierung des
Alltags als in der Bundesrepublik. Dem Militär als Institution
dürften somit viele Ostdeutsche unaufgeregter begegnet sein
als die meisten Westdeutschen.
Eine kleinere Bundeswehr braucht das Land
Die Armee der Einheit war nicht nur eine Herausforderung für
die ehemaligen NVA-Soldaten. Auch die Bundeswehr des
Kalten Krieges verschwand in einem langen, schleichenden
Prozess. Die anstehenden Reformen waren so umfassend, dass
eigentlich alles anders wurde: die Strukturen, die Aufgaben,
592
die Ausrüstung und nicht zuletzt der Personalkörper, denn seit
2001 waren erstmals auch Frauen für alle Laufbahnen
zugelassen.53
Die erste Zäsur war der Zwei-plus-Vier-Vertrag, der einen
Abbau der Bundeswehr auch in den alten Ländern um ein
Drittel von 495 000 auf 325 000 Mann festschrieb. Sechs von
zwölf Divisionen wurden bis 1994 aufgelöst, zahlreiche
Standorte geschlossen. Die umfassende Ausbildungshilfe für
den Osten reduzierte die Einsatzbereitschaft der Verbände im
Westen spürbar. Als geschlossene Großverbände waren sie
nicht mehr einsatzbereit54, aber darum ging es auch gar nicht
mehr. Alles war im Fluss, eine Strukturreform jagte die
nächste: Der Heeresstruktur 5 von 1990 folgte drei Jahre
später die Nachsteuerung 5N, 1997 dann »Neues Heer«. 2002
folgte die Struktur »Heer der Zukunft«, später dann »Heer
2011«. Anders als die Reformen in der Zeit des Kalten
Krieges, die an den Standorten und an der Substanz der
Landstreitkräfte nichts veränderten, sondern diese nur neu
gliederten, waren diese fünf Reformen viel durchgreifender,
denn es ging mit der Sollstärke permanent abwärts.55 Die im
Zwei-plus-Vier-Vertrag ausgehandelten 370 000 Mann waren
vier Jahre später schon wieder Makulatur. 1994 hieß es, die
Bundeswehr solle bis zum Jahr 2000 auf 250 000 Mann
abgebaut werden, und bald war auch diese Zahl nicht mehr zu
halten. Die Streitkräfte hatten angesichts dieser Lage im
Kabinett keine Priorität, und die anstehenden Aufgaben
glaubte man auch mit weniger Soldaten erfüllen zu können.
Übrig blieb am Ende eine Sollstärke von 170 000 Mann. Dem
Heer blieben noch drei Divisionen mit acht Brigaden. Die
Wehrpflicht wurde 1996 von zwölf auf zehn Monate reduziert,
2002 auf neun, 2009 auf sechs und 2011 ganz ausgesetzt.
593
Deutschland war von Freunden umgeben, so das
allgemeine Empfinden in der Nachwendezeit. Das Schlagwort
von der »Friedensdividende« machte die Runde. Der Anteil
des Verteidigungsbudgets am Gesamthaushalt wurde halbiert,
er sank von rund 20 Prozent zu Zeiten des Kalten Krieges auf
rund zehn Prozent. Auch real sanken die Militärausgaben im
ersten Nachwendejahrzehnt Jahr für Jahr. Die Bundeswehr
stand vor der paradoxen Situation, mit weniger Soldaten und
viel weniger Geld alles können zu sollen: Blauhelmeinsätze in
fernen Gefilden, die Verteidigung des eigenen Landes, aber
auch des NATO-Gebietes an dessen Flanken. Von logistischer
Unterstützung bis zum Großkampf sollte alles leistbar sein.
Allerdings konnte niemand den Streitkräften sagen, auf welche
Art von Einsätzen sie sich konkret vorbereiten sollten und wie
lange diese dauern würden. Die Bundeswehr wollte von der
Politik Planungssicherheit, genaue Vorgaben, nach denen man
sich ausrichten konnte. Die Beschaffung neuer Ausrüstung
und Waffen dauerte Jahrzehnte, da konnte man schwerlich auf
Sicht fahren. Doch Antworten auf diese Fragen konnte in den
Neunzigerjahren in einer in Bewegung geratenen Weltordnung
niemand geben. Also musste die Hardthöhe selbst sehen, wie
sie zurechtkam.
Das dramatisch sinkende Budget zwang dazu, sich auf das
Vordringliche zu konzentrieren: die Sanierung der Kasernen
im Osten etwa, dann vor allem die Auslandseinsätze mit ganz
neuen Anforderungen. Es begann damit, dass es keine
Wüstenuniformen gab. Es gab auch keine Satelliten zur
Aufklärung
oder
zur
Langstreckenkommunikation.
Luftbetankungsfähigkeiten gab es nicht und auch keine
Transportflugzeuge großer Reichweite und Nutzlast. Trotz der
Verkleinerung musste also eigentlich viel Geld in die
Modernisierung und Fähigkeitserweiterung der Streitkräfte
594
investiert werden. Gleichzeitig waren die Fixkosten erheblich.
Sozial verträgliche Übergangsregelungen und steigende
Personalkosten, um den Dienst attraktiver zu machen, wollten
finanziert sein. Und dann waren da die teuren Prestigeprojekte
wie der »Eurofighter«, die noch aus dem Kalten Krieg
stammten, Milliarden verschlangen und auch deshalb nicht
gestoppt wurden, um Verteidigungsminister Volker Rühe nicht
zu beschädigen.56
So musste improvisiert werden: Die Landstreitkräfte
wurden in Krisenreaktionskräfte und Hauptverteidigungskräfte
geteilt. Auch wenn man eine enge Verzahnung beider Bereiche
anstrebte, wurden letztere zugunsten der Einsatzverbände
immer
mehr
ausgeschlachtet.
Die
Gebirgsund
Fallschirmjäger, die Heeres- und Transportflieger oder die
Fregattengeschwader der Marine standen nun hoch im Kurs.
Auch Sanitäter, Pioniere und Logistiker wurden mehr denn je
gebraucht, weil ihre Fähigkeiten international geschätzt
wurden und sie sich auch innenpolitisch gut verkaufen ließen.
Bei der Artillerie, der Panzertruppe und der Heeresflugabwehr
wurde hingegen gespart. Große Übungen wie einst im Kalten
Krieg fanden nicht mehr statt, und selbst im kleinen Rahmen
nahm die Manövertätigkeit stark ab. Die Einbußen an
Führungsfähigkeit waren »beträchtlich«57. Selbst bei der
Handhabung von Waffen und Gerät waren die Probleme nicht
zu
übersehen.58
In
etlichen
Einheiten
der
Hauptverteidigungskräfte stand nur so wenig Munition zur
Verfügung, dass man zusehends an der Ernsthaftigkeit der
Ausbildung zweifelte. Viele fragten sich, ob es unter solchen
Bedingungen noch sinnvoll war, Dienst in den Streitkräften zu
tun. Das Heer meldete schon 1993, dass es keinen
ausreichenden Ausbildungsstand mehr halten könne. Zudem
fehlte es überall an moderner Informations- und
595
Kommunikationstechnik. Der Inspekteur des Heeres wollte
zwar – ganz in deutscher Führungstradition – die »Kernzelle
des
Heeres«,
die
Kompanien,
von
unnötigem
Verwaltungsballast
befreien
und
ihnen
größere
Handlungsfreiheit geben. In der Praxis war jedoch meist das
Gegenteil der Fall. Manchen Einheiten war durch die
Überbürokratisierung und die ständigen Eingriffe von oben
eine hinreichende Ausbildung ihrer Männer kaum mehr
möglich.59 Der Luftwaffe ging es nicht viel besser. Deutsche
Kampfpiloten flogen so wenig, dass sie weit hinter den
geforderten NATO-Standards zurückblieben. Zudem waren die
F-4 Phantom-Jagdflugzeuge und ihre Waffensysteme
hoffnungslos überaltert.60 Auch die Marine sollte mehr
Aufgaben mit weniger Schiffen erfüllen. Sie meldete Defizite
bei der Fähigkeit zur U-Boot-Jagd und hatte für einen
Kampfeinsatz zu wenige Raketen.61
Die ständigen Reformen führten zu manchem Chaos und
lösten große Unsicherheit aus. Der Wehrbeauftragte sprach
von »Frust« und »innerer Kündigung«62. Karrieren waren
nicht mehr planbar, man wusste nicht, ob es klug war, sich an
diesem oder jenem Standort mit der Familie niederzulassen. In
den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung war die
Bundeswehr zudem zu einem Gutteil mit sich selbst
beschäftigt. Regelungen zur Frühpensionierung, die Frage
nach der Übernahme als Berufsunteroffizier oder die Folgen
von Standortschließungen beschäftigten viele Soldaten mehr
als alles andere. Aber es gab auch Erfolgsmeldungen: Durch
die Einführung computergestützter Gefechtsübungszentren
konnte wesentlich realitätsnäher trainiert werden. Manchem
Panzerkommandanten dämmerte es nun, wie dilettantisch man
im Kalten Krieg zuweilen geübt hatte.
596
Mitte der Neunzigerjahre war der erste Umbau der
Bundeswehr abgeschlossen, sodass sich die Verhältnisse
allmählich konsolidierten und die Truppe wieder »Tritt«
fasste.63 Die Einheiten übten nun wieder intensiv und
steigerten nach Ansicht des Heeresführungskommandos das
taktische wie operative Können.64 Die Verbände wuchsen
zusammen, die Verwendungsdauer von Kompaniechefs und
Bataillonskommandeuren wurde länger.65 Vor allem wirkten
sich die ersten Auslandseinsätze positiv auf das
Selbstbewusstsein etlicher Verbände aus und führten zu einem
deutlichen Motivationsschub.66 »Die Leistungsbereitschaft der
Truppe ist hoch. Selbstbewusstsein, Zusammenhalt und auch
Stolz auf das eigene Können sind gewachsen«, hieß es im
Zustandsbericht 1997.67 Nach einer Phase der Ungewissheit
zeigte sich immer deutlicher, dass die Bundeswehr doch noch
gebraucht wurde. Vor allem erfüllte sie nun Aufgaben, die
gesellschaftliche Anerkennung fanden. In Somalia, Bosnien
und dem Kosovo waren die Männer mit großem Engagement
dabei.68 Das galt auch für die Wehrpflichtigen und
Reservisten. Hinzu kam der Hilfseinsatz beim OderHochwasser 1997, der sich sehr positiv auf das öffentliche
Ansehen der Streitkräfte auswirkte.
Die Einsätze in Bosnien und dem Kosovo zeigten, dass das
Zeitalter der schweren Waffen durchaus noch nicht vorbei war.
Generalinspekteur Klaus Naumann hatte 1992 den
enttäuschten Panzeroffizieren noch zugerufen, dass es in
Zukunft nicht darum ginge, »an einer Operation Desert Storm
Nr. 2 und Nr. 3« teilzunehmen.69 Freilich stand im KosovoKonflikt genau das zur Debatte. Der Angriff der NATO war
schon geplant: der Hauptstoß dreier amerikanischer
Divisionen, der Flankenangriff europäischer Verbände,
darunter zwei deutsche Brigaden. Bei einer etwas anderen
597
außen- wie innenpolitischen Konstellation hätten sich deutsche
Soldaten schnell in einem veritablen Bodenkrieg wiederfinden
können. Glücklicherweise kam es dazu nicht. Doch dass es
auch in der neuen Zeit für den Soldaten darauf ankam,
kämpfen zu können – daran bestand für die Generalität nie ein
Zweifel. Den Begriff der »kriegsnahen« Ausbildung hatte man
zwar schon 1990 durch die milder klingende Formulierung
»einsatznah« ersetzt.70 Am Kern des soldatischen Auftrags
hielt man aber fest. Von »harter, fordernder und gefechtsnaher
Ausbildung« sprach General Naumann 1992.71 Er kritisierte
gar, dass der ernste Hintergrund des Berufes in den
Friedensjahren des Kalten Krieges zu sehr aus dem Blick
geraten sei, dass die Bundeswehr »ein bißchen Speck oder
Rost« angesetzt habe, dass man mit der Erstarrung in Routine
brechen müsse. Und: »Wer die letzte Konsequenz seines
Berufes nicht bejaht, wird die Bundeswehr verlassen
müssen.«72 Naumann hob hervor, dass Offiziere und
Unteroffiziere neben der Aufgabe als Führer, Ausbilder und
Erzieher ihrer Soldaten eben auch Kämpfer seien. Das müsse
die Grundlage aller drei Teilstreitkräfte sein.73 Er verlangte
eine stärkere Betonung soldatischer Tugenden und
militärischer Fertigkeiten. Auch von der Rückbesinnung auf
formale Disziplin, Drill und körperliche Leistungsfähigkeit
war die Rede.74
Solche Worte wurden freilich je nach tribal culture mal
ernsthafter und mal gelassener aufgenommen. Während des
Somalia-Einsatzes war das gut zu erkennen. Die
Fallschirmjäger sorgten im Lager von Belet Huen für die
Sicherheit und waren schon am Haarschnitt, an ihrer
durchtrainierten Figur und ihrer Sprache zu erkennen. Sie
entsprachen dem Bild des Kriegers und verstanden sich auch
so. Die anderen, die Nachschieber, Fernmelder und
598
Instandsetzer, verspotteten die Fallschirmjäger als »Fallobst«
oder »Aufklatscher« und ernteten umgekehrt ob ihres zuweilen
arg zivilen Habitus verächtliche Blicke und Kommentare.75
Der deutsche Unterstützungsverband baute Straßen und
Schulen, behandelte einheimische Kranke und bohrte
Brunnen. Mit Krieg hatte das alles nicht viel zu tun – das
Verteidigungsministerium hatte sich bewusst eine Region
ausgesucht, in der es keine Kämpfe rivalisierender Clans gab.
Ein einziger Vorfall ereignete sich: Im Januar 1994 erschoss
ein deutscher Wachsoldat einen Somali, der versucht hatte, ins
Lager einzudringen.76 Ansonsten blieb es bei den Deutschen
ruhig. Während die belgischen, italienischen und kanadischen
UN-Soldaten in schwere Völkerrechtsvergehen verwickelt
waren, benahmen sich die Deutschen beinahe vorbildlich.77
Der eine oder andere rauchte einen Joint zu viel, das war es
dann aber auch.
Erste Kampfeinsätze
Es vergingen noch einige Jahre, bis deutsche Soldaten zum
ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ihre Waffen wieder im
Kampf einsetzen mussten. Weitgehend unbekannt ist, dass
inoffiziell schon seit 1991 rund 200–300 Bundeswehrsoldaten
als Freiwillige im jugoslawischen Bürgerkrieg kämpften.
Insbesondere aus den Garnisonen in Süddeutschland fuhren
viele Männer auf ein verlängertes Wochenende oder im Urlaub
an die Front, um Kampferfahrung zu sammeln. Das war zwar
illegal, wurde von den Vorgesetzten in vielen Fällen aber
gedeckt, da man die Eigeninitiative als wertvolle Bereicherung
der Gefechtsausbildung betrachtete. Etliche deutsche Soldaten,
die auf kroatischer Seite mitkämpften, waren Fallschirmjäger,
manche waren vor ihrer Bundeswehrzeit bei der
Fremdenlegion gewesen. Abenteuer- und Kriegergeist standen
599
wohl im Mittelpunkt dieser Reisen an die Front, andere
wollten den bedrängten Kroaten zu Hilfe eilen.78
Offiziell feuerte die Bundeswehr im März 1997 ihre ersten
Schüsse ab. Als zu diesem Zeitpunkt die staatliche Ordnung in
Albanien zusammenbrach, schickte die Bundesregierung in
einer Ad-hoc-Aktion sechs Hubschrauber aus Bosnien nach
Tirana (Operation »Libelle«), um deutsche Staatsbürger
auszufliegen. Zum Schutz waren Panzergrenadiere mit dabei.
Die Helikopter gerieten beim Anflug unter Beschuss von
Handwaffen; der vorderste erhielt einen Treffer, der zwar
keinen Schaden anrichtete, aber im Innenraum deutlich zu
hören war und der Besatzung einen gehörigen Schreck
einjagte. Nach der Landung sicherten die Infanteristen den
Platz. Während eine große Menschentraube in die
Hubschrauber drängte, näherten sich plötzlich zwei gepanzerte
Fahrzeuge wild feuernd den Deutschen. Oberst Henning
Glawatz zog kurzerhand seine Pistole und drückte ab. Gedacht
war das als allgemeiner Feuerbefehl. Doch nichts geschah.
»Schräg hinter mir«, erinnerte sich Glawatz später, »lag der
MG-Schütze. Er war im Anschlag und zielte auf eines der
Fahrzeuge, schoss aber nicht. Brüllend gab ich Zielansprache:
›Geradeaus, 80 Meter, weißes Kfz in Querfahrt, Feuer!‹ Immer
noch nichts. ›Schieß doch, Junge, schieß!‹ Da schoss er
endlich. Schlagartig eröffneten jetzt alle Sicherungskräfte das
Feuer.«79
Die deutschen Soldaten gaben rund 250 Schuss ab, und
nach einer halben Stunde war der letzte Hubschrauber wieder
in der Luft. Mit an Bord 104 Zivilisten, darunter 21 Deutsche
und einige Albaner, die sich unerlaubterweise mit
hineingedrängelt hatten.80 Die Aktion war noch einmal
glimpflich ausgegangen, und erst später wurde bekannt, wie
viel Glück man gehabt hatte. Beim Überfliegen der
600
montenegrinischen Küste überraschte der Verband nämlich
eine serbische Flugabwehrstellung, die über die Aktion nicht
informiert war. Sie glaubte zunächst Feinde vor sich zu haben,
weil die Maschinen aus Kroatien anflogen. »Fortunately the
SFOR markings were clearly visible, and weapons remained
tight. One can only speculate how close we came to a serious
incident«, hieß es in einem SFOR-Bericht.81 Die Bundeswehr
hatte gezeigt, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen
einen Auftrag rasch und schnell erfüllen konnte. Die Bilder
vom
triumphalen
Empfang
des
zurückkehrenden
Einsatzverbandes flimmerten über die Fernsehschirme. Von
»Feuertaufe« war die Rede, die Bild-Zeitung schrieb gar von
»Helden«, und Oberst Glawatz wurde fortan der »Löwe von
Tirana« genannt.
Die Operation »Libelle« blieb der spektakulärste öffentlich
bekannte Einsatz deutscher SFOR-Soldaten in Bosnien. Das
bedeutet nicht, dass die alle vier bis sechs Monate
wechselnden Kontingente bei der Kontrolle des
Friedensvertrags von Dayton keine anspruchsvollen Aufgaben
zu erfüllen hatten. Anfangs war die Lage im Land noch
unsicher. Vor allem die vielen Minen waren eine ständige
Gefahr. Mehrere britische SFOR-Soldaten und etliche
Zivilisten fielen ihnen zum Opfer. Es kam auch vor, dass
deutsche Feldjäger Heckenschützen stellten und mit Schüssen
vertrieben. Die Aufregung um solche Vorfälle war enorm und
mündete stets in einen Papierkrieg. Die betreffenden Soldaten
zogen es zuweilen vor, manche Ungeschicklichkeit kreativ zu
entschärfen. So wurden zwei französische SFOR-Soldaten von
detonierender Munition leicht verletzt. In der offiziellen
Meldung war dann von einer explodierten italienischen
Kaffeemaschine die Rede. Dass ukrainische SFOR-Soldaten
ihren Sprit an serbische Milizen verhökerten, wurde auf den
601
höheren Ebenen ebenfalls geflissentlich übersehen, um keine
diplomatischen Verwicklungen zu riskieren.
So konnte der Schein gewahrt werden, um den es Minister
Rühe ging: Der Einsatz sollte harmonisch, vor allem aber
friedlich verlaufen. Schließlich hatte er Generalinspekteur
Naumann gerüffelt, der öffentlich von einem Kriegseinsatz
gesprochen hatte. Die Truppe ging mit den Wünschen des
Ministers pragmatisch um. Man trat zuweilen bestimmt auf,
um illegale Checkpoints aufzulösen oder die Einlagerung
schwerer Waffen der serbischen und muslimischen
Konfliktparteien in den Depots zu kontrollieren. Die Soldaten
waren
sich
durchaus
bewusst,
dass
sie
keine
Entwicklungshelfer waren, sondern dass es um einen
militärischen Auftrag ging. Die Spuren von Krieg, Tod und
Zerstörung waren in der Region auch kaum zu übersehen: bis
auf die Grundmauern zerstörte Dörfer, gesprengte Brücken,
Geschosseinschläge in den Hauswänden. Und mancher
ehemalige Gastarbeiter wusste in gutem Deutsch von den
Schrecken der Massaker zu berichten. Die Bundeswehr war
auf alle Eventualitäten vorbereitet: Verstärkungskräfte wurden
bereitgehalten, die rasch nach Bosnien verlegt werden
konnten, falls dort die Lage eskalierte. Sicherheitshalber hatte
man etwa den Bahntransport eines Panzerbataillons durch
Ungarn bis nach Sarajevo vorbereitet.82
Umso missgestimmter waren viele Soldaten über die
Einsatzregeln, die zwischen Krieg und Frieden nicht klar
unterschieden. Einerseits mussten in bestimmten Gebieten die
sackschweren Bristol-Schutzwesten getragen werden, selbst
wenn die Truppe die Gegend als ruhig einschätzte.
Andererseits war das Feldlager in Rajlovac anfangs so
schlecht gesichert, dass selbst einige Kinder durch die SDrahtrollen hindurchschlüpften, einen Container aufbrachen
602
und mit ihrer Beute – einem Kassettenrekorder und einer
Palette Bier – ungesehen entkamen. Einzelne Soldaten zogen
es daher vor, unerlaubterweise ihre geladene Pistole mit in den
Schlafsack
zu
nehmen.
Gleichzeitig
uferte
die
Militärbürokratie aus. Das Heeresführungskommando
schreckte nicht davor zurück, sich nachts um drei Uhr
telefonisch nach dem Zustand eines Hydraulikschlauches des
Minenräumpanzers Keiler zu erkundigen. Über kleinste
Vorfälle mussten ausführliche Meldungen geschrieben werden.
Vor allem brach hektisches Treiben aus, wenn die Aktivitäten
der SFOR zu Presseschlagzeilen führten. In gewisser Weise
war es die Aufregung des Debütanten, die Angst auch der
Politik, dass es Tote und Verwundete geben und so die fragile
politische Zustimmung für solche Missionen verloren gehen
könnte.
Allen Unkenrufen zum Trotz entspannte sich die
Sicherheitslage vor Ort zusehends. 2002 sprachen Soldaten gar
von einer Ferienlagerstimmung in Rajlovac.83 Der Einsatz
hatte offensichtlich wenig mit den Worst-Case-Szenarien der
Ausbildung zu tun, und etliche Soldaten fühlten sich im
Vergleich zu anderen Missionen unterfordert. Im deutschen
Feldlager werde man »dick und fett«, meinte ein Soldat. Im
Außenlager in Filipovici ging es rustikaler zu. Dort fühlten
sich die Männer und Frauen wie »echte Soldaten«, hatten ein
größeres Selbstbewusstsein und mehr Waffenstolz.84 Über die
notorischen Drückeberger, die es verstanden, jedem
Auslandseinsatz aus dem Weg zu gehen, hieß es: »Jeder
Soldat, der in Deutschland Dienst leistet und in Spanien oder
in der Türkei Urlaub macht, kann zumindest auch auf dem
Balkan eingesetzt werden.«85 Allerdings darf man die
kritischen Stimmen auch nicht überbewerten. Die deutschen
Soldaten sahen, wie sich im Einsatzgebiet über die Zeit
603
manches zum Positiven wendete. Und von der Bevölkerung
bekamen sie zu hören: »Wenn ihr weg seid, dann geht es
wieder los.«86 Das motivierte.
Der SFOR-Einsatz war ein Meilenstein in der Geschichte
der Bundeswehr. Erstmals gingen auch Kampftruppen in den
Auslandseinsatz. Und wenngleich sie nicht in eine Schlacht
zogen, leisteten sie gerade in der Anfangsphase mit ihren
schweren Waffen einen wichtigen Beitrag, den internationalen
Verträgen Nachdruck zu verleihen und in BosnienHerzegowina den Frieden zu sichern. Das Kommando
Spezialkräfte (KSK) erlebte hier im Übrigen seine Feuertaufe
und nahm 1998 die ersten Kriegsverbrecher fest. Der Einsatz
trug zum Ansehen der Bundeswehr innerhalb der NATO bei.
Noch wichtiger war der Luftwaffeneinsatz über dem Kosovo
im Frühjahr 1999. Deutsche Tornados feuerten über 280
Raketen ab. Erstmals mussten deutsche Soldaten verkraften,
im Kampf getötet zu haben.87 Obwohl politisch heftig über
diesen Einsatz gestritten wurde, bekam die Öffentlichkeit vom
kämpferischen Teil der Mission nichts mit. Es gab keine
Aufnahmen einschlagender deutscher Raketen oder toter
serbischer Soldaten. Vielmehr beherrschten startende und
landende Tornados und ein freundlich-sympathischer
Geschwaderkommodore, der zuweilen vor die Kameras trat,
das Bild.
Am Boden fielen am 13. Juni 1999 Schüsse: An einem
Checkpoint im kosovarischen Prizren eröffneten deutsche
KFOR-Soldaten das Feuer auf zwei serbische Paramilitärs, die
mit einem Lada eine Sperre durchbrachen. Leutnant David
Ferk und sechs weitere Soldaten durchsiebten mit 400 Schuss
das Auto. Die beiden Insassen starben. »Bloody Sunday«
wurde der Tag später genannt. Eine gerichtliche Untersuchung
konnte keine Verfehlung feststellen. Im Gegenteil: Der
604
Befehlshaber des Heeresführungskommandos, Generalleutnant
Rüdiger Drews, war geradezu froh über den Schusswechsel.
Endlich sei der Knoten geplatzt; der Zugführer habe von sich
aus und mit dem Willen, sein Ziel zu treffen, das Feuer
eröffnet. Auch wenn das Gefecht chaotische Züge
angenommen habe, sei doch erfreulich, dass die Soldaten
selbstständig, »gegen ihre Sozialisation als verwöhnte
Individuen und Konsumenten« gehandelt hätten. Schließlich
seien sie bis dahin immer davon ausgegangen, dass für die
unappetitlichen Aufgaben ein anderer zuständig sei, so
Drews.88 Rustikale Worte, die deutlich machen, dass
zumindest die Führung des Heeres an dem potenziell
gewaltsamen Tun ihres Berufes keinen Zweifel hatte und die
Soldaten darauf vorbereitet wissen wollte. Bei den
Fallschirmjägern, den Grenadieren oder den Panzermännern
gehörte der Kampf ohnehin zu ihrem Selbstverständnis,
obwohl es in den Neunzigern nichts wirklich zu kämpfen gab.
Deshalb gab es häufig Klagen, dass es in der Ausbildung zu
wenig Gefechtsdienst gebe, zu wenig Sport getrieben werde89
und die ideellen Werte des Soldatenberufs zu kurz kämen.90
Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung hatte die Bundeswehr
ein gutes Stück Weg zurückgelegt. Die NVA war abgewickelt,
die Wehrstruktur auf die neuen Länder ausgedehnt, die
Personalstärke auf rund 300 000 Mann reduziert worden. Die
Umgangsformen hatten sich weiter liberalisiert, das
geschlossene Führen zum Essen beispielsweise wurde
abgeschafft, die Regeln im Innendienst wurden gelockert.91
Schikanen und Missbrauch kamen nur noch selten vor. Man
hatte im Rahmen von UNO und NATO von der humanitären
Hilfeleistung über das Peacekeeping bis zum Kampfeinsatz
eine breite Palette von Operationen erfolgreich durchgeführt.
Die Bundeswehr war schlanker und flexibler geworden. Sie
605
mehrte
damit
das
außenpolitische
Gewicht
der
Bundesrepublik. Für das Kanzleramt und das Auswärtige Amt
war sie vor allem ein wirkungsvolles Instrument, um
Bündnissolidarität zu beweisen und den deutschen Einfluss in
den großen internationalen Organisationen zu wahren. Jedoch
waren Auftrag und Mittel bei den Streitkräften wie auf Kante
genäht und drohten, in dramatischer Geschwindigkeit
auseinanderzudriften. Die Armee brauchte dringend Zeit zur
weiteren Konsolidierung, und es war vor allem mehr Geld
notwendig, um auch in Zukunft die wachsenden
Verpflichtungen
erfüllen
zu
können.
Doch
die
Bundesregierung wollte das Budget nicht erhöhen, glaubte
andererseits aber aufgrund von außenpolitischen Zwängen bei
Auslandseinsätzen nicht abseits stehen zu können.
Immerhin sprachen die Spitzenmilitärs eine deutliche
Sprache und hielten mit ihrer Lageeinschätzung nicht hinterm
Berg. Man müsse perspektivisch zwei mittlere und mehrere
kleinere Operationen durchführen können, sei aber bereits jetzt
in sechs mittleren und kleineren Missionen gebunden, hieß es
in dem offiziellen Zustandsbericht von 2001. »Damit ist die
Grenze der strukturellen und personellen Belastbarkeit
erreicht, bei Spezialisten zum Teil bereits überschritten.« Es
komme zu ersten Ermüdungserscheinungen und sinkender
Bereitschaft, das hohe Tempo der Reformen mitzugehen. Die
Belastungen für die einzelnen Soldaten seien enorm und
dürften nicht überhandnehmen, um die Berufszufriedenheit
nicht zu gefährden. Die Verlängerung der Einsatzdauer in
Auslandsoperationen von vier auf sechs Monate werde von
achtzig Prozent der Verbände abgelehnt.92 Die vorgesehenen
24 Monate zur Regeneration und Vorbereitung könnten bei
Hubschrauberpiloten, Pionieren oder Elektronikern schon
nicht mehr eingehalten werden.
606
Bereits um die Jahrtausendwende war die Bundeswehr
spürbar überlastet, und die Stimmung rauschte in den Keller.
Die überbordende Bürokratie, eine teilweise desolate
Materiallage, der »museumsreife Bürostandard« und leere
Versprechen zur Steigerung der Attraktivität des
Soldatenberufs
führten
zu
einem
zunehmenden
Vertrauensverlust.93 Die Truppe begegnete der politischen
Leitung mit starken Vorbehalten94 und stand auch nicht mehr
geschlossen hinter der militärischen Führung. »Die Innere
Lage der Streitkräfte ist angespannt«, notierte Dieter Löchel,
Beauftragter für Erziehung und Ausbildung.95 Die
Zurückhaltung der Generalität werde »unverhohlen kritisiert«,
und man verstehe nicht, warum der militärische Sachverstand
nicht sichtbarer in den politischen Entscheidungsprozess
eingebracht werde. Es müssten eben auch mal Aufträge
abgelehnt werden. Hinzu komme, dass die Vorgesetzten die
Aufträge oft nicht mehr erklären könnten und die Ruhe zur
politischen Bildung fehle, die angesichts des stetig
wachsenden Aufgabenspektrums dringender sei denn je. Wozu
die Einsätze gut seien, welche soldatische Identität man habe,
welche Vorbilder und Traditionen gelten sollten – mit solchen
Fragen würden die Soldaten vielfach allein gelassen. »Auf
Fragen erhält man keine substantiellen Antworten, sondern nur
noch ›politisches Gelaber‹.«96 Die Einführung des
neunmonatigen Wehrdienstes 2002 wurde vielfach mit
Kopfschütteln zur Kenntnis genommen, da die jungen
Rekruten aufgrund ihrer kurzen Dienstzeit kaum mehr
sinnvolle Arbeiten verrichten könnten und nur noch als
»Handlanger« einsetzbar seien. Zudem herrsche der Eindruck,
dass bald nur noch »der Bodensatz der Gesellschaft«
Wehrdienst leiste. Zuweilen bekamen selbst die
Fallschirmjäger nur noch bedingt tauglich Gemusterte
zugewiesen.97
607
Gewiss hatte die Bundeswehr seit 1990 viel erreicht, aber
nun drohte die ganze Sache zu kippen. In einem unter
Verschluss zu haltenden Non-Paper ohne Briefkopf wandte
sich Gert Gudera, der Inspekteur des Heeres, im Jahre 2001
direkt an den obersten Soldaten Harald Kujat und wies auf die
Konsequenzen der Finanzplanung hin. Man könne die
Ausrüstung einer verstärkten Division für eine große
Operation zur Bündnisverteidigung nur unter großen taktischoperativen Risiken sicherstellen und gefährde so die
Verpflichtung gegenüber der NATO. Auch im Bereich der
Einsätze gebe es erhebliche Fähigkeitslücken. Im IT-System
des Heeres seien eklatante Defizite festgestellt worden, der
unabdingbare Schritt zur Digitalisierung sei nicht einmal
ansatzweise erreicht. Kein Großverband könne mehr schnell
ablaufende, weiträumige Operationen im Gefecht der
verbundenen Waffen führen. »Selbst die derzeit laufenden,
räumlich zumeist statischen Einsätze sind nur aufgrund
umfangreicher Beschaffungsmaßnahmen handelsüblicher
Informationstechnik leistbar.« Auch die logistische
Durchhaltefähigkeit
und
die
Sicherstellung
eines
bestmöglichen Schutzes der Soldaten im Einsatz »können
nicht angemessen rasch, beziehungsweise nur in Ansätzen,
erfolgen«. Gudera warnte eindringlich, dass die seit Jahren
anwachsende Unterfinanzierung zu schweren und nur mühsam
zu behebenden Schäden in allen Bereichen und zu einem
weiteren Substanzverlust im Heer führen werde. Das dürfe
»vor dem Hintergrund der Glaubhaftigkeit unseres
Verteidigungsbeitrages nach innen und außen sowie der
Verantwortung für unsere Soldaten nicht hingenommen
werden«98.
Eine Antwort des Generalinspekteurs auf dieses Schreiben
ist nicht überliefert. In seinem Zustandsbericht 2001 ließ er die
608
Probleme nicht unerwähnt, beschrieb sie aber viel weniger
drastisch und legte den Schwerpunkt angesichts knapper
Mittel auf die anstehenden Auslandseinsätze.99 Das war zehn
Jahre nach der Wiedervereinigung das inoffizielle Ende der
Bündnisverteidigung. Öffentlich sprach darüber niemand, aber
intern konnte man zusehen, wie die Kernfähigkeiten der
Streitkräfte eine nach der anderen verloren gingen. Die Marine
war bald nicht mehr in der Lage, den klassischen Seekrieg zu
führen, und der Luftwaffe gingen allmählich die erfahrenen
Piloten aus.100 Freilich: Die sicherheitspolitische Lage war
entspannt, ein Krieg nicht in Sicht. Nichts schien dagegen zu
sprechen, die dringlichen Wünsche der Militärs auf die lange
Bank zu schieben.
Bemerkenswert ist, dass diese grundlegenden Fragen nicht
intensiver diskutiert wurden. Im Jahr 2000 stellte das
Verteidigungsministerium
die
meisten
militärischen
Fachzeitschriften wie etwa die Truppenpraxis ein und beraubte
sich so selbst der Möglichkeit einer kritischen
Meinungsbildung. Die Herausforderungen wurden immer
größer, die verfügbaren Mittel immer geringer, und die
Bundeswehrführung fügte sich schweigend. Gewiss wurde
intern manch kritisches Papier erstellt, aber eine klare Ansage,
dass
bestimmte
Aufträge
unter
den
gegebenen
Rahmenbedingungen nicht zu erfüllen waren, blieb die große
Ausnahme. Der letzte Generalinspekteur, der sich getraut
hatte, dem Minister sogar öffentlich zu widersprechen, war
Klaus Naumann. So jemand werde ihm nie wieder ins Haus
kommen, soll Volker Rühe über ihn gesagt haben. Naumann
wird beinahe unisono als herausragende Persönlichkeit unter
den Generalinspekteuren genannt, weil er deutlich seine
Meinung sagte und sein Wort in der Politik Gewicht hatte.
Man muss freilich relativieren, dass öffentlich geäußerte Kritik
609
keine Messlatte für die Generalität war. Selbst das alte
Schlachtross Heinz Trettner, der 1966 als einziger
Viersternegeneral in der Geschichte der Bundeswehr
zurücktrat, hätte öffentlich niemals gegen seinen Minister
gesprochen und ein solches Verhalten als illoyal abgelehnt.
Und auch er hatte politisch notwendig erscheinende Schritte
wie die allzu überstürzte Aufstellung von Divisionen vertreten,
über die in der Truppe nur der Kopf geschüttelt wurde.
Das eigentliche Problem war der interne Diskurs: wie
Generäle in die Truppe hineinwirkten, wie sie sprachen, ob sie
offen über Probleme redeten, ihre Zwänge erklärten. Darum
stand es schon in den Sechzigerjahren nicht sonderlich gut.
Später gab es zumeist genügend Geld, und der Zustand der
Streitkräfte verbesserte sich zusehends. Das machte es leichter,
Führungsverantwortung
zu
tragen.
Doch
in
den
Neunzigerjahren ging es darum, den Mangel zu verwalten.
Und obwohl manch kritisches Wort etwa der Inspekteure fiel,
schien die Generalität den Kontakt zu ihren Soldaten
zusehends zu verlieren. In der Tat besaßen manche
Spitzenmilitärs die besondere Begabung, an der Truppe
vorbeizureden. Am Vorabend des Afghanistan-Einsatzes stand
es daher nicht gut um das innere Gefüge der Bundeswehr: zu
viele Aufträge, zu wenig Mittel, der absehbare weitere Abbau,
bittere Rivalität der Teilstreitkräfte bei der Verteilung des
Geldes und die fortschreitende Schwächung der vertikalen
Kohäsion. Den Vorbildcharakter nahmen viele Soldaten ihrer
militärischen Führung nicht mehr ab. Vermisst wurden vor
allem kantige Persönlichkeiten, die gegenüber der Politik
vernehmbar auch einmal Nein sagten.101
Die Schatten der Wehrmacht
Im Kalten Krieg hatten sowohl die ehemaligen
Wehrmachtoffiziere als auch die Ausrichtung der Streitkräfte
610
auf den Kampf dafür gesorgt, dass der Zweite Weltkrieg – und
teilweise auch der Erste – nicht aus dem kollektiven
Gedächtnis des Militärs verschwand. Zwar thematisierten hohe
Vorgesetzte gerade in den Achtzigerjahren auch die dunklen
Seiten der NS-Zeit und hoben hervor, dass Soldaten nicht nur
missbraucht worden waren, sondern sich auch schuldig
gemacht hatten. Aber der tapfere Landser taugte noch immer
als Vorbild. In den Fluren, in den Kasinos, in den
Traditionsecken, in den Liedern, in den Namen der Kasernen
und nicht zuletzt in der Handreichung des Heeresamtes
»Kriegsnah ausbilden« – die Wehrmacht war überall präsent.
In den Neunzigerjahren geriet mit den gesellschaftlichen
Debatten
über
die
NS-Vergangenheit
auch
das
Traditionsverständnis der Bundeswehr zunehmend in die
Schlagzeilen. Stein des Anstoßes waren zunächst die
Kasernen. 42 von ihnen waren noch 1992 nach Soldaten der
Wehrmacht benannt, 41 nach Soldaten des Ersten Weltkriegs.
Die umstrittenen Namenspatrone waren für Politiker etwa von
Bündnis 90/Die Grünen ein gern genutzter Hebel, um die
Bundeswehr als Institution in Misskredit zu bringen. Doch
während man Vorwürfe aus dem linken politischen Lager
gewohnt war, kritisierte mit Brigadegeneral Winfried Vogel
auch ein hoher aktiver Offizier das Traditionsbild. Rasch
entbrannte in den Fachzeitschriften der Streitkräfte ein
wütender Streit über die Frage, wie man es mit der Wehrmacht
halten sollte.102 Dass sie als Institution keine Tradition
begründen konnte, darin waren sich die meisten Protagonisten
einig. Es ging um die Frage, ob es einen klaren Schnitt geben
und die Wehrmacht ganz aus der Tradition der Bundeswehr
verschwinden sollte – oder eben nicht. Werner von Scheven,
Kommandeur der Führungsakademie, wollte keine pauschale
Ausgrenzung von Wehrmachtsoldaten aus der Tradition der
611
Streitkräfte. Soldaten und Truppenteile, die ihre Ehre und
Unbescholtenheit widrigen Befehlen und Umständen zum
Trotz bewahrt hätten, seien für die Bundeswehr durchaus
überlieferungswürdig.103 Dies war cum grano salis auch die
Haltung von Minister Rühe und Generalinspekteur Naumann.
In der Debatte um die Umbenennung von Kasernen gingen
die Begriffe wild durcheinander: Geschichte und Tradition
sowie Überlieferung, Anerkennung, Achtung und Respekt
militärischer
Leistungen
wurden
nicht
sauber
auseinandergehalten. Dass eine grundlegende Klärung
anstand, lag eigentlich auf der Hand, zumal die Kasernen ja
nur Teil eines größeren Problems waren. 1992 empfahl auch
der Petitionsausschuss des Bundestages eine Umbenennung
zumindest der Liegenschaften in Füssen und Mittenwald.
Männer wie die Gebirgsjägergeneräle Eduard Dietl und
Ludwig Kübler waren offensichtlich keine brauchbaren
Namenspatrone. Auch wenn damals noch keine
wissenschaftlichen Biografien vorlagen, war ihre stramme NSHaltung bekannt und insbesondere bei Kübler auch die
Verantwortung für Kriegsverbrechen in der Sowjetunion und
auf dem Balkan.104 Die militärischen Leistungen der beiden
Männer waren nicht so herausragend, dass sich eine
Benennung dennoch aufgedrängt hätte. Letztlich waren es ihre
Rolle beim Aufbau der Gebirgsjägertruppe der Wehrmacht
und eine tiefe Verwurzelung im südbayerischen Milieu, die
auch die Politik zunächst an Dietl und Kübler festhalten ließ.
Verteidigungsminister Rühe wurde von der CSULandesgruppe und etlichen Lokalpolitikern bedrängt, dem
öffentlichen Druck nicht nachzugeben, und lenkte erst ein, als
das Thema den bevorstehenden Einsatz deutscher Soldaten in
Bosnien zu belasten drohte. Im November 1995 wurden die
beiden Kasernen in Allgäu- und Karwendel-Kaserne
612
umbenannt – harmloser ging es kaum. Eigentlich hätte es
nahegelegen, nun alle Namen zu überprüfen, eine klare
Haltung zu entwickeln und diese dann auch selbstbewusst zu
vertreten. Doch das Verteidigungsministerium fürchtete eine
generelle Debatte, meinte, ein bisschen Nachgeben sei die
klügste Taktik, vergab so jede Gestaltungsmöglichkeit und ließ
sich von den Kritikern treiben.
1992 sollte in der neuen Zentralen Dienstvorschrift zur
Inneren Führung eigentlich ein Abschnitt zur Traditionsfrage
enthalten sein. Der Entwurf stellte zwar keinen völligen Bruch
mit der NS-Vergangenheit dar, war aber das Kritischste, was
zu diesem Thema auf der Hardthöhe bis dahin zu Papier
gebracht worden war. Doch im Ministerium regten sich
Bedenken, und zugleich stellte sich die Frage, wie man es
dann mit der NVA halten sollte. Kurz nach der
Wiedervereinigung schien dieses Eisen noch zu heiß. So gab
es keine Ausführungen zur Nationalen Volksarmee, und auch
der Abschnitt über die Wehrmacht wurde schließlich nicht
aufgenommen, was öffentlich bekannt wurde105 und dem
neuen
Minister
Rühe
einen
Tadel
des
Verteidigungsausschusses einbrachte.106
Das Thema verschwand auch in den folgenden Jahren nicht
von der Agenda und köchelte im Hintergrund weiter. Dem
Wehrbeauftragten fielen 1995 zwei Fallschirmjägereinheiten
auf, in denen unverhohlen an die Wehrmacht erinnert wurde.
Eine der beiden war die Luftlandepionierkompanie 260 in
Saarlouis. Deren Chef wurde unter anderem wegen dieser
Vorfälle abgelöst und durch Niels Janeke ersetzt. Als dieser
das Kommando übernahm, waren die Wände schon alle weiß
gestrichen. Über die 35-jährige Geschichte der Kompanie, die
Teil des NATO-Eingreifverbandes Allied Mobile Force war
und unzählige internationale Übungen mitgemacht hatte, war
613
nichts zu sehen: kein Wandgemälde, keine Fotos, keine Lieder,
keine Leitsprüche. Bis dahin war die Traditionspflege der
Einheit ganz auf die Fallschirmjägertruppe der Wehrmacht
ausgerichtet gewesen. Eben Emael, das belgische Sperrfort,
das im Mai 1940 von Fallschirmpionieren im Handstreich
erobert worden war, oder die Einnahme Kretas im Mai 1941
besaßen für die Fallschirmjäger mythische Bedeutung. Die
Bundeswehrgeschichte schien demgegenüber geradezu
langweilig. Kein Kampf, keine Bewährung im Extremen,
keine Siege. Der Verband war eine verschworene
Gemeinschaft, die sich über den Kampf, Sport und das
Fallschirmspringen definierte. Der Zusammenhalt der
Unteroffiziere und Offiziere hatte sich nicht zuletzt in
unzähligen Trinkgelagen gefestigt. Die Kompanie unterstand
dem stellvertretenden Brigadekommandeur Reinhard Günzel,
der später in den Verdacht einer zu großen Nähe zu
rechtsradikalem Gedankengut geriet und aus der Bundeswehr
entlassen wurde. Offenbar hatte er die Verhältnisse lange Zeit
geduldet.
Inwieweit die Luftlandepionierkompanie 260 für die
Fallschirmjägertruppe repräsentativ war, ist schwer zu
beurteilen. In jeder Einheit waren die Dinge anders gelagert.
Die Wehrpflichtigen einer Fallschirmjägerkompanie in Calw
waren in den frühen 1990er-Jahren politisch denkbar
ungefestigt. Die meisten waren zwar liberal oder konservativ
geprägt, doch gab es auch einige Linksradikale und PDSWähler, vor allem aber etliche Rechtsextreme. Zahlenmäßig
waren sie zwar in der Minderheit, führten aber das große Wort.
Da wurde der Holocaust geleugnet, wurden antisemitische
Parolen verbreitet, wurde die erste Strophe der Nationalhymne
gesungen. Die unreflektierte Traditionspflege (Wandbemalung
vom Luftlandeunternehmen auf Kreta 1941, Wehrmachtlieder)
614
bot den politisch orientierungslosen Soldaten keinesfalls
demokratischen Halt. Die Grenzen zwischen naivem
Nationalismus und offenem Rechtsextremismus waren
fließend. Der Kompaniechef schaute zumeist weg. Doch als
einer seiner Zugführer zu einer Übung in SS-Tarnuniform
erschien, wurde es auch ihm zu viel: Vor der angetretenen
Kompanie rüffelte er den Übeltäter. Gleichwohl hatte er die
Einheit nicht im Griff. Das Gerede der Soldaten sei oft nur
»blödsinniges Gelaber« gewesen, erinnert sich ein Zeitzeuge,
Sprücheklopferei, um cool zu sein. Aber bei vielen, gerade
auch bei etlichen Ostdeutschen, war es Ausdruck
rechtsextremer Überzeugungen. Es kam wohl nicht von
ungefähr, dass ein Zugführer davor warnte, DVU, NPD oder
so einen »Scheiß« zu wählen.107
Etwas anders stellte sich die Lage bei einer
Fallschirmjägereinheit im norddeutschen Wildeshausen bei
Bremen dar. Auch dort gab es vereinzelt Mannschaften, die
betrunken auf dem Marktplatz »Heil Hitler« brüllten, sich
einen SA-Mann mit Hakenkreuzfahne auf den Unterarm
tätowieren
ließen
oder
einem
türkischstämmigen
Wehrpflichtigen mit schwarzer Schuhcreme ein Hakenkreuz
auf die Wange malten. Doch der Kompaniechef ging dagegen
vor, verhörte seine Soldaten und zog disziplinarische
Konsequenzen. Einige erhielten einen strengen Verweis,
andere wurden aus der Bundeswehr ausgeschlossen.108
Rechtsradikalismus sollte es in der Truppe nicht geben.
Allerdings wurde in dem Bataillon eine von großem Pathos
getragene Kämpferkultur gepflegt. Für manche Soldaten
verschwammen
da
die
Grenzen
von
geduldeter
Traditionsbildung und politischem Radikalismus. Ähnlich wie
in Calw hatte sich Anfang der Neunzigerjahre auch in
Wildeshausen die Zusammensetzung der Truppe verändert. Es
615
waren nun viele Ostdeutsche in den Reihen der Kompanien,
von denen manche eine spürbar andere Sozialisation
mitbrachten. Das Fallschirmjägerbataillon 272 war erst 1971
aufgestellt worden, eine Bundeswehrtradition hatte sich nicht
gebildet. In den Kompaniegebäuden hing kein einziges Bild
von einem NATO-Herbstmanöver. Stattdessen wurde auch hier
die Luftlandung auf Kreta in Wandmalereien als Heldenepos
dargestellt. Von den alten Wehrmachtliedern wurden ganz
selbstverständlich alle Strophen gesungen. Findige Landser
hatten diese in das Liederbuch der Bundeswehr eingeklebt, um
kein Aufsehen zu erregen. Und der Spruch »Klagt nicht,
kämpft«, dessen Ursprung in der Wehrmacht liegen soll, war
in der Fallschirmjägertruppe ohnehin der »Renner«.109
Mancher Soldat trug stolz das Abzeichen des Bundes der
Fallschirmjäger e. V. an seinem Barett, weil es wie das
Fallschirmschützenabzeichen der Wehrmacht aussah – nur
ohne Hakenkreuz. In Wildeshausen hatte man sich in den
Habitus einer militärischen Elite hineingesteigert und pflegte
den Glauben, das beste Infanteriebataillon der Bundeswehr zu
sein. Man legte Wert darauf, die Dinge anders zu machen.
Beim »Stillgestanden« wurden – wie bis 1945 – die Finger
lang gelassen und beim »Rührt Euch« die Arme hinter dem
Rücken gekreuzt, wie es etwa bei französischen
Fallschirmjägern Sitte war. Gewissermaßen als Markenzeichen
galt es, dass die Kompanien in wüste Kneipenschlägereien mit
anderen Truppenteilen verwickelt waren.
Ähnlich wie in Saarlouis oder Calw war man stolz auf die
Vorväter. Wenn die »alten Adler« von Kreta berichteten,
lauschten viele Männer andächtig und bekamen geradezu
leuchtende Augen. Die Veteranen hatten das erlebt, was man
nur aus der Theorie kannte: Sie hatten im Feuer gestanden,
konnten berichten, wie es war, wenn man am Fallschirm
616
hängend einen Steckschuss bekam und sich anschließend die
Beinschlagader abbinden musste. Sie hatten das Chaos der
Schlacht erlebt, die Angst und die Aufregung. Niemand nahm
Anstoß daran, dass die militärische Leistung und das politische
System nicht aufeinander bezogen wurden. Auch die
studierten Kompaniechefs nicht, im Gegenteil: Sie wollten
selbst Krieger sein, wollten das Pathos, die Mythen, die
Leitbilder. Trotz Abitur und Hochschulabschluss lasen die
Offiziere nicht Brecht oder Clausewitz, sondern Rommels
»Infanterie greift an« oder »Der letzte Befehl ist heilig«110
über die Erlebnisse eines Fallschirmjägers im Zweiten
Weltkrieg. Es ging nicht um eine differenzierte
Auseinandersetzung mit der Geschichte der Wehrmacht,
sondern darum, sich diese passgenau zurechtzulegen, um
Motivation für das eigene Tun zu gewinnen. Im Kalten Krieg
hatten die Operationspläne vorgesehen, das Bataillon an den
Brennpunkt der Schlacht in der norddeutschen Tiefebene zu
werfen, und hinter vorgehaltener Hand unkte man, dass man
dort wohl nur geringe Überlebenschancen gehabt hätte.
Deshalb war Kreta so ein wichtiges Vorbild: schwere Verluste,
eine unmögliche Aufgabe, die Überlegenheit des Gegners –
und trotz allem siegen. Die Wildeshausener Fallschirmjäger
glaubten im Ernstfall vor eine ähnliche Herausforderung
gestellt zu werden. In dieser Logik unterschieden sie sich nicht
von italienischen oder französischen Fallschirmjägern. Anfang
der Neunzigerjahre verharrte das Bataillon noch immer in
diesem Zustand, war noch nicht in der neuen Zeit
angekommen. Das Retten, Schützen und Helfen der ersten
Auslandseinsätze wurde nicht ernst genommen.
Die Wildeshausener Kompanie gelangte ebenso wie die
aus Saarlouis in den Bericht des Wehrbeauftragten, weil ein
Oberfähnrich 1994 nach Abschluss der Grundausbildung die
617
»Zehn Gebote des Fallschirmjägers« von 1942 an seine
Rekruten verteilt hatte. Er hatte diese einst im
Mannschaftsheim der Luftlandeschule in Altenstadt erworben
und offenbar nicht weiter über die Hintergründe nachgedacht.
Diese Gebote waren ein beredter Beleg, wie im Zweiten
Weltkrieg die NS-Ideologie mit der ihr eigenen Überhöhung
des Kampfes als Wert an sich, aber auch die politische
Radikalisierung Einzug in die Truppe gehalten hatte.111 Über
die Eltern eines Rekruten bekam der Wehrbeauftragte von der
Sache Wind, es gab eine Untersuchung. Die alten Lieder
wurden nun verboten, die Wandbilder übermalt. Wenngleich
die Truppe und ihre Offiziere trotzig reagierten und manches
Spottlied dichteten, nahm die Sensibilität im Umgang mit der
Wehrmacht nun spürbar zu.
Die Vorfälle in Wildeshausen und Saarlouis schlugen nur
deshalb keine höheren Wellen, weil der Wehrbeauftragte nur
von mangelnder politischer Sensibilität und Unkenntnis der
Vorschriften sprach.112 Die Verhältnisse in Calw scheinen
hingegen gar nicht bekannt geworden zu sein. Gleichwohl
stieg die Zahl der offiziell gemeldeten Vorfälle mit
Rechtsextremisten deutlich an. Anfangs machte man noch die
schwierigen Bedingungen in den neuen Bundesländern dafür
verantwortlich.113 Aber daran allein konnte es kaum liegen.
Wurden in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung noch
50 bis 60 Delikte pro Jahr gemeldet, waren es 1997 schon
mehr als 200 und 1998 gar 319. Jeder einzelne Fall schürte
den alten Generalverdacht, dass die Bundeswehr eine
ewiggestrige Organisation und eine potenzielle Gefahr für die
Demokratie sei. Der öffentliche Druck nahm erheblich zu,
nachdem der Spiegel herausgefunden hatte, dass der mehrfach
verurteilte Rechtsextremist Manfred Roeder zu einem Vortrag
an der Führungsakademie eingeladen worden war. Fast
618
gleichzeitig berichtete der Stern über Feiern an der
Luftlandeschule im oberbayerischen Altenstadt, wo
betrunkene Unteroffiziere den »Deutschen Gruß« gezeigt
hatten.114 An zwei anderen Standorten waren Videos einer
allzu schikanösen Ausbildung für die Auslandseinsätze
aufgetaucht, und in Detmold kam es zu ausländerfeindlichen
Übergriffen von Soldaten. Die Opposition ließ einen
Untersuchungsausschuss einrichten, der im Mai 1998 seinen
Abschlussbericht vorlegte. Er konnte zwar keine
rechtsextremen Netzwerke und keine Unterwanderung der
Streitkräfte feststellen, zeigte sich aber unzufrieden über die
Präventionsmaßnahmen
gegen
Extremismus.
Die
Abgeordneten hielten fest, dass in über 90 Prozent der
bekannten Fälle Wehrpflichtige die Missetäter waren, die
zumeist am Anfang ihrer Dienstzeit außerhalb der Kasernen
Propagandadelikte begingen. Offiziere waren praktisch gar
nicht, Unteroffiziere kaum beteiligt.115
Rechtsradikalismus war in den Neunzigerjahren ein
Problem der gesamten deutschen Gesellschaft. Die tödlichen
Anschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln
und Solingen stehen beispielhaft dafür. Durch die Wehrpflicht
übertrug sich das Phänomen auf die Bundeswehr. Die Zahl der
vom MAD eindeutig als rechtsradikal Identifizierten
überschritt allerdings nie den zweistelligen Bereich.116 Nimmt
man jene hinzu, die mit rechtsradikalem Gedankengut
sympathisierten, so lag die Zahl gewiss höher, blieb in der
Masse der 300 000 Soldaten aber eine verschwindend kleine
Minderheit. Da die Bundeswehr nach wie vor eine konservativ
geprägte Organisation war117, kann es nicht verwundern, dass
Rechtsradikale eine gewisse Nähe zu ihr verspürten. Die Frage
war, ob Männer, die außerhalb der Verfassungsordnung
standen, von bestimmten tribal cultures angezogen wurden.
619
Die üblichen Verdächtigen waren dabei die Fallschirmjäger.
Doch solange es keine zuverlässigen Angaben über die
identifizierten Rechtsextremen in der Bundeswehr und ihren
Einheiten gibt, wird sich diese Frage nicht sicher klären lassen.
Einerseits gab es auch Vorfälle bei der Luftwaffe und der
Marine. Und auch beim Heer waren keinesfalls nur die
Luftlandeverbände betroffen. Andererseits meinte selbst der
Kommandeur der Luftlandeschule in Altenstadt, Oberst
Friedrich Jeschonnek, »daß die Fallschirmjägertruppe
anscheinend rechtsradikale Kräfte anziehe«118. Der
Elitehabitus, das intensive Gefechtstraining und die gefühlte
Nähe zur Wehrmacht scheinen dies in der Tat befördert zu
haben. Freilich: Aussuchen konnten sich die Bataillone und
Kompanien
nicht,
wer
zu
ihnen
kam.
Die
Kreiswehrersatzämter wiesen die jungen Wehrpflichtigen den
Verbänden zu, und ihre Auswahl scheint nicht immer glücklich
gewesen zu sein.
Die Bundeswehr musste reagieren.119 Staatssekretär Peter
Wichert hatte schon den Entwurf für einen Erlass auf seinem
Schreibtisch, der jeden Soldaten verpflichten sollte, einmal im
Jahr eine Erklärung zu unterschreiben, dass er auf dem Boden
der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Als
Generalinspekteur Bagger davon erfuhr, opponierte er
entschieden.
Er
betrachtete
dies
als
massive
Misstrauensbekundung, schließlich hatten die Soldaten bereits
einen Eid geleistet. Bagger rief die Inspekteure zusammen und
drohte mit Rücktritt, sollte der Erlass verabschiedet werden.
Die Runde stärkte Bagger in seltener Einmütigkeit den
Rücken. Er telefonierte daraufhin mit Minister Rühe – beide
kannten sich aus Hamburger Zeiten gut –, doch der zeigte sich
zunächst uneinsichtig. »Sie können gar nicht zurücktreten«,
hielt er ihm entgegen. Weil alle Inspekteure hinter Bagger
620
standen, konnte dieser sich aber letztlich durchsetzen, und
Rühe ließ die Vorlage im Papierkorb verschwinden.120
Niemand erfuhr von dem Vorfall, und einen Treueerlass hat es
in der Bundeswehr bis heute nicht gegeben.
In diesen aufgewühlten Tagen wurde auch überlegt, die
Fallschirmjägertruppe aufzulösen, weil sie sich uneinsichtig
zeigte und die Angelegenheit nach eigenem Gusto regeln
wollte. Zur selben Zeit gab es bei einigen NATO-Partnern
durchaus ähnliche Vorgänge. Die Kanadier lösten 1995 ihr
Fallschirmjägerregiment auf, nachdem bekannt geworden war,
dass die Truppe in Somalia gefoltert hatte. Und auch die
italienische Fallschirmjägerbrigade »Folgore« stand in dem
Ruf, politisch rechtslastig und in ihrem Traditionsbild ganz
dem Zweiten Weltkrieg verhaftet zu sein – was für die
deutschen Fallschirmjäger Kreta bedeutete, war für die
italienischen die Schlacht von El Alamein im Oktober 1942.
Hinzu kamen in den Neunzigern Verbrechen in Somalia und
Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen.121 Im Vergleich dazu
waren die Vorwürfe in Deutschland weniger gravierend, zumal
sich die Fallschirmjäger in Somalia vorschriftsmäßig verhalten
hatten. Nach intensiven Debatten in der Führungsebene des
Verteidigungsministeriums entschloss sich Minister Scharping
Ende der Neunzigerjahre gegen eine Auflösung der Truppe.
Gleichwohl sollte der Rechtsradikalismus in der
Bundeswehr
wirksam
bekämpft
werden.
Ein
Maßnahmenkatalog wurde erstellt und die Truppe mit
Unterstützung des MAD stärker aufgeklärt. Dabei gingen die
Offiziere – zumindest nach den Aussagen des Beauftragten für
Erziehung und Ausbildung – mit großem Engagement ans
Werk und bekannten sich zu ihrer Verantwortung, dem
Extremismus keinen Raum zu geben.122 Bildungsarbeit erhielt
nun wieder mehr Aufmerksamkeit. Eine interne Erhebung
621
hatte nämlich ergeben, dass von vierzig Truppenteilen nur acht
die Politische Bildung weisungsgemäß durchführten.123 In den
Zeiten
der
Umbrüche
und
außergewöhnlichen
Arbeitsbelastungen war diese als Erstes gestrichen worden.
Die politische und militärische Leitung statuierte zudem
öffentlichkeitswirksame Exempel, entließ oder versetzte
beliebte Offiziere, in deren Einheiten es zu Vorfällen
gekommen war. Manche Soldaten empfanden diese
Maßnahmen als ungerecht und vorschnell. Ein Hauptfeldwebel
der Luftlandeschule in Altenstadt meinte: »Keiner hat sich vor
die Fallschirmjägertruppe gestellt und gesagt, ›was passiert ist,
wird aufgeklärt, aber viele Fallschirmjäger leisten einen guten
Dienst‹.« An der Schule sei eine völlig unsachliche Hysterie
ausgebrochen, von einem »großen Bildersturm« war die Rede.
»Sogar die Lehrsammlung, die bereits abgenommen war, wird
in vorauseilendem Gehorsam umgestaltet.« Und ein anderer
Feldwebel kommentierte: »Unsere Schulführung hat auf die
Vorfälle reagiert, aber es hagelt Befehle, das ist unvorstellbar.
Sogar während der kurzen Fahrt zum Flugplatz soll im Bus
politische Bildung durchgeführt werden, da frage ich mich, ob
das sinnvoll ist.«124 Dies zeigte, wie schwer es war,
offensichtliche Missstände abzustellen, ausreichend deutliche
Signale in Richtung Politik und Gesellschaft zu senden und
zugleich das innere Gefüge nicht zu beschädigen. Der
Inspekteur des Heeres hatte zwar die Parole ausgegeben,
»behutsam« nachzusteuern und auf gar keinen Fall eine
»Bilderstürmerei« abzuhalten. Doch genau dies war vielerorts
offenbar der Fall125, und die Folgen waren absehbar. »Das
Vertrauen in die politische Leitung blieb […] nachhaltig
gestört«126, stellte der Beauftragte für Erziehung und
Ausbildung kritisch fest.
622
Da Rechtsextremismus immer auch mit der Verherrlichung
der NS-Zeit einherging, geriet bei der öffentlichen und
parlamentarischen Aufarbeitung der geschilderten Vorfälle das
Traditionsverständnis der Bundeswehr automatisch mit ins
Visier. Der Fall in Wildeshausen verdeutlicht, dass die Grenze
zwischen Kriegerpathos und Rechtsradikalismus fließend sein
konnte und es eines Kompaniechefs bedurfte, der klare
Grenzen zog und auch nicht davor zurückschreckte, das
Truppengericht einzuschalten. Dies war zweifellos nicht
überall
gegeben.
Allerdings
gab
es
auch
Fallschirmjägerverbände, in denen der Zweite Weltkrieg und
die NS-Zeit kaum präsent waren.127 Viele Wehrpflichtige
dürften sich ohnehin nur wenig dafür interessiert haben,
welche Gemälde und Sprüche an den Wänden hingen und wo
der Ursprung von Liedern oder Schlachtrufen lag. Sie nahmen
diese als gegeben hin, waren zuweilen auch genervt, wenn
Kameraden von den Heldentaten der Vergangenheit
schwadronierten. Der zunehmend kritischere gesellschaftliche
Diskurs über die Wehrmacht und der Mangel an politischer
Unterstützung für Traditionslinien, die in die Zeit vor 1945
reichten, hätten ein Nachdenken über Traditionsarbeit in den
Verbänden allerdings längst notwendig gemacht.128 Doch
»Oberverdachtsschöpfer«129 standen bei der Truppe nicht hoch
im Kurs, und die Überprüfung des Traditionserlasses nahm
zuweilen tatsächlich skurrile Formen an. So war dem
Beauftragten für Erziehung und Ausbildung Anfang der
Neunzigerjahre vorsorglich eine Dienstlupe ausgehändigt
worden, um bei seinen Besuchen das ordnungsgemäße
Abkleben der Hakenkreuze auf alten Uniformen überprüfen zu
können.130 Eine sinnvolle Strategie für den Umgang mit der
Wehrmacht-Vergangenheit sah sicher anders aus.
623
Unter wachsendem politischem Druck musste das Heer im
Dezember 1997 damit beginnen, sich systematischer mit dem
Problem zu befassen. Zunächst stellte man fest, wie es um die
Traditionsräume in den Kasernen bestellt war. Das meiste war
dort gedankenlos zusammengewürfelt und stammte oft noch
von alten Truppenkameradschaften der Wehrmacht, die sich in
den Kasernen getroffen hatten. Die Sammlungen wurden nun
rasch entrümpelt und vielfach auch ganz aufgelöst.131 Dann
wurden 39 Bataillone der Panzertruppe über ihre Wünsche zur
künftigen Traditionsarbeit befragt. Dabei zeigte sich, dass die
Truppe offen für eine Fokussierung auf die Geschichte der
Bundeswehr war. Sie erwartete aber auch, dass
»traditionswürdige Elemente aus Wehrmacht und NVA«
benannt würden und keine Epoche der deutschen
Militärgeschichte ausgegrenzt werden sollte.132 Man wünschte
sich außerdem Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der
Vorgesetzten vor Ort, keinen Aktionismus, und man hoffte auf
eine gestraffte Handreichung in übersichtlicher und
verständlicher Form. Die neue Führung der Luftlandeschule in
Altenstadt meinte, dass man Bräuche und Traditionen
behutsam und schrittweise auf die Zeit nach 1945 ausrichten
müsse, aber aussagekräftige Beispiele für Tapferkeit aus dem
Zweiten Weltkrieg unbedingt erhalten sollte.133 Die meisten
dieser Wünsche wurden mit dem neuen »Leitfaden
Traditionspflege«134 vom Juni 1999 aber verfehlt. Er war ein
dickleibiges Monstrum, ein politisches Dokument, mit dem
das leidige Thema aus der politischen Schusslinie gebracht
werden sollte.
Der Leitfaden schrieb vor, dass sich die Truppe in der
Traditionspflege vor allem auf die Geschichte der Bundeswehr
seit 1955 beziehen sollte: auf die Prinzipien der Armee im
Bündnis, die Friedenssicherung durch Abschreckung, die
624
Tradition des Rettens und Helfens. Historisch galten die
preußischen Reformer und der Widerstand gegen Hitler als
akzeptabel. Dagegen war selbstverständlich nichts zu sagen,
und alle diese Punkte standen der Armee der Republik gut zu
Gesicht. Das Kämpfen hatte man damit aber aus dem
offiziellen Traditionsbild des Heeres herausgestrichen, und
dies ausgerechnet auf Anordnung von Helmut Willmann, jenes
»Tiger-Willi« genannten Generals mit grobem Charme, der so
großen Wert auf martialische Auftritte, Härte und Sport legte.
Aus Sicht der Kampftruppe fehlte gewissermaßen der Kern
der Sache. Im Leitfaden hieß es zwar, beispielhafte Leistungen
von Soldaten oder Truppenteilen aus allen Epochen der
Militärgeschichte könnten zur Traditionsbildung herangezogen
werden, wenn Menschenwürde und Menschenrechte gewahrt
blieben. Was dies aber konkret bedeutete, was erlaubt war und
was nicht, blieb unklar, und im weiteren Verlauf des
Dokuments wurde insbesondere um das Thema Wehrmacht
ein großer Bogen gemacht.135 Der Vorschlag einer
Arbeitsgruppe, stärker Vorbilder aus dem Ersten Weltkrieg
oder den Kriegen aus dem 19. Jahrhundert heranzuziehen, um
die kontaminierte Zeit von 1939 bis 1945 zu umschiffen,
wurde nicht weiter verfolgt.136 Der gordische Knoten war also
nicht zerschlagen, und die grundlegende Frage stand immer
noch im Raum: Wie sollte eine Armee, die noch nie gekämpft
hatte, insbesondere für ihre Kampftruppen eine lebendige
Tradition schaffen, ohne auf historische Vorbilder
zurückzugreifen?
Und eine weitere Frage drängte sich bei der Lektüre auf:
Warum war es vierzig Jahre nach Gründung der Bundeswehr
überhaupt notwendig, so dezidiert auf die Eigentradition
hinzuweisen? Warum hatte sich diese in vier Jahrzehnten nicht
längst herausgebildet und war in Fleisch und Blut
625
übergegangen? Trotz mancher Ansätze hatte die Bundeswehr
spektakulär darin versagt, sich eine eigene Tradition zu
schaffen. Es gab kaum eigene Lieder, die auch gern gesungen
wurden, keine wirklich prestigeträchtigen Auszeichnungen,
dafür aber eine Bürokratie, die mit jeder neuen Strukturreform
viel von dem bislang Gewachsenen zerschlug. Wahrscheinlich
gab es kaum eine Armee auf der Welt, die so viel von einer
eigenen Tradition sprach und im Alltag so wenig Sinn dafür
aufbrachte. Und so wurden alle 20 Jahre die gleichen Säue
durchs Dorf getrieben. 2017 folgte dann die nächste Runde der
Suche nach der Eigentradition.
Immerhin: Das Thema war erst mal abgeräumt, und die
Wogen glätteten sich wieder. Die Aufmerksamkeit der
militärischen Führung galt nun der nächsten Strukturreform,
und für den Leitfaden zur Traditionspflege interessierten sich
nur noch wenige. In der Panzertruppenschule Munster hatte
man deshalb Spielraum für eine kreative Anpassung: Die
chronikartigen
Wandzeichnungen
vom
Weg
der
Panzerdivisionen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg
verschwanden nicht etwa, sondern wurden um den Bezug zu
Werten
und
Normen
ergänzt,
die
man
für
überlieferungswürdig hielt. Der Grafik von der 4.
Panzerdivision, in der einst Heinrich Eberbach gekämpft hatte,
wurde beispielsweise die Parole »Durchhalten und
Pflichterfüllung« hinzugefügt. Zur 24. Panzerdivision, der der
ehemalige NATO-Oberbefehlshaber Mitte Ferdinand von
Senger und Etterlin als junger Leutnant angehört hatte, hieß
es: »Selbständiges Handeln im Sinne der Auftragstaktik«. Und
zur 26. Panzerdivision, die einst in Anzio eingesetzt war:
»Kampfmoral«137. In Munster blieb die Wehrmacht also auch
nach dem neuen Leitfaden sehr präsent, auch wenn die
Entwicklung der gepanzerten Truppen der Bundeswehr nun
626
breiter dargestellt wurde. Die Darstellungen in den Hörsälen
wurden dann erst 2007 abgehängt. Auch in der Debatte um die
Kasernennamen tat sich erst mal wenig. Das meiste erledigte
sich durch die Auflösung von Standorten von selbst. Eine
klare Haltung und eigene Kriterien zum weiteren Vorgehen
gab es nicht. Man glaubte wohl die Sache aussitzen zu können.
Mit dieser Haltung war die Bundeswehr nicht gut beraten. Sie
spielte ihren Kritikern die Bälle zu, die sich solche
Steilvorlagen nicht entgehen ließen. Die Unentschlossenheit
der Führung lag wohl auch daran, dass zumindest die Älteren
alles ganz gut unter einen Hut bekamen: das Bekenntnis zur
Verfassung, die Motivation, Deutschland zu dienen, aber eben
auch, in der langen Tradition der eigenen Truppengattung zu
stehen.
627
Die Bundeswehr in Afghanistan
Der 11. September 2001 schuf eine vollkommen neue
sicherheitspolitische Lage. Schnell verurteilte die UNO die
Terroranschläge und erklärte es für legitim, gegen zukünftige
terroristische Bedrohungen vorzugehen. Erstmals in ihrer
Geschichte aktivierte die NATO den Bündnisfall. Berlin war
sofort bereit, die amerikanisch geführte Operation Enduring
Freedom (OEF) zu unterstützen, mit der man vom westlichen
Indischen Ozean über Afghanistan bis zu den Philippinen den
internationalen Terrorismus bekämpfen wollte. Deutschland
beteiligte sich mit bis zu 3900 Mann und sandte damit ein
kräftiges Signal der Bündnissolidarität. Die Hauptlast musste
zunächst die Marine schultern, die im Arabischen Meer
patrouillierte. Außerdem entsandte man ABC-Abwehrsoldaten
und Sanitäter nach Kuwait. Der Schwerpunkt des
amerikanischen Engagements lag freilich in Afghanistan, wo
der Drahtzieher der Terroranschläge, Osama bin Laden,
Unterschlupf gefunden hatte. Das radikalislamistische Regime
der Taliban138 weigerte sich, diesen auszuliefern, worauf sich
die USA mit dessen Gegnern, der sogenannten Nordallianz,
verbündeten und dieser den Weg nach Kabul freibombten. Die
Herrschaft der Taliban brach im Hagel amerikanischer
Bomben und Raketen zusammen wie ein Kartenhaus. Im
Dezember 2001 schien das Land weitgehend befreit. Die
Anführer der Radikalislamisten waren größtenteils nach
Pakistan geflohen, die überlebenden Kämpfer untergetaucht.
Der US-Verteidigungsminister war zufrieden – er hatte dem
Anschein nach bewiesen, dass man einen asymmetrischen
Krieg schnell und billig mit Special Forces, der Luftwaffe und
einheimischen Warlords gewinnen konnte. Am Wiederaufbau
des zerstörten Landes war er nicht interessiert, dies sollte die
Aufgabe der Bündnispartner sein.
628
Es folgte die erste internationale Afghanistan-Konferenz
auf dem Petersberg bei Bonn. Schon der Konferenzort
verdeutlichte die maßgebliche Rolle, die Deutschland zu
diesem Zeitpunkt auf der sicherheitspolitischen Bühne spielte.
Vertreter der Nordallianz und der wichtigsten afghanischen
Exilgruppen – die Taliban waren nicht vertreten – vereinbarten
unter
Vermittlung
der
ständigen
Mitglieder
des
Sicherheitsrates und der Bundesrepublik einen Fahrplan zum
Aufbau eines demokratischen Staatswesens mit einer
Interimsverwaltung unter dem Paschtunen Hamid Karzai. Eine
Internationale Schutztruppe (ISAF) unter UN-Mandat sollte
das erneute Aufflammen von Konflikten verhindern.
Schließlich war die Ausarbeitung einer Verfassung
vorgesehen, danach sollten Wahlen stattfinden. Auf einer
Folgekonferenz in Tokio im Januar 2002 sagte die
internationale Staatengemeinschaft 4,5 Milliarden Dollar
Aufbauhilfen für die nächsten fünf Jahre zu. Auch die Mithilfe
beim Aufbau staatlicher Organisationen wurde geregelt. Die
USA erhielten die Verantwortung für die Armee, Italien für die
Justiz und Deutschland für die Polizei.
In Berlin war man außerordentlich zufrieden mit den
Ergebnissen. Nach Meinung des Auswärtigen Amtes hatte das
Land gute Chancen, den Bürgerkrieg zu überwinden.
Allerdings war Konsens, dass die afghanischen Akteure diese
Chance auch nutzen mussten, um »die zerstörerischen
Verhaltensweisen
der
Vergangenheit
dauerhaft
zu
überwinden«139. Ob die Afghanen wirklich bereit waren, ihre
ethnischen und radikal-religiösen Identitäten ein Stück weit
aufzugeben und sich für die Welt und eine nachbarschaftliche
Zusammenarbeit zu öffnen, musste sich zeigen. Nach zwei
Jahrzehnten des Krieges schienen sie – zumindest aus Sicht
westlicher Diplomaten – offener denn je für einen Weg in die
629
Moderne. Allerdings waren Anfang 2002 im Süden und Osten
des Landes noch 4–5000 Taliban und untergetauchte
ausländische al-Qaida-Kämpfer aktiv. Marodierende Banden,
Überfälle bis hin zu Guerillaoperationen sowie hartnäckig von
Söldner-Milizen verteidigte Widerstandsräume prägten die
unübersichtliche Lage. Das Auswärtige Amt war sich bewusst,
dass Afghanistan noch auf Jahre hinaus Hilfe benötigen
würde. Doch in diesem »Great Game« um Zentralasien sollten
die Einsätze nicht zu niedrig sein. Es stand zu viel auf dem
Spiel, meinte ein Diplomat.140
Die internationale Staatengemeinschaft wollte am
Hindukusch genauso state building betreiben wie auf dem
Balkan: Aufbau eines Zentralstaates nach einem Top-downProzess, von einer internationalen Schutztruppe abgesichert.
Allerdings blieb der Einsatz zunächst auf Kabul begrenzt.
Wegen der Größe Afghanistans stand eine militärische Präsenz
im ganzen Land – so wie in Bosnien-Herzegowina oder im
Kosovo – auf der Petersberger Konferenz nie zur Debatte. Der
Aufbau der afghanischen Polizei und Armee kam aber nur
schleppend voran. In den Provinzen entstand ein
Machtvakuum, das die Taliban nutzten, um sich bald wieder in
ihren angestammten Gebieten im Süden des Landes
festzusetzen.
Seit
Anfang
Dezember
2001
hatte
es
beim
Fallschirmjägerbataillon 313 in Varel bei Bremen Gerüchte
über eine Verlegung an den Hindukusch gegeben. Manche
Soldaten
mussten
sich
sechsmal
von
ihren
Familienangehörigen verabschieden. Am 1. Januar 2002
landeten die ersten deutschen Offiziere in dunkler Nacht als
Vorauskommando in Kabul.141 Unter ihnen auch Niels Janeke,
der
mittlerweile
als
Oberstleutnant
im
Einsatzführungskommando in Potsdam Dienst tat. Er wunderte
630
sich, dass eine Heerschar von Journalisten den Soldaten am
Kabuler Flughafen auflauerte und der Mission die Anmutung
einer Manövervorführung verlieh. Zwei Wochen später folgten
die Fallschirmjäger aus Varel. Sie schlugen ihr Lager – das
Camp Warehouse – in einem Industriegebiet im Osten Kabuls
auf, das direkt an der Hauptverbindungsstraße nach Pakistan
lag. Als Teil der Kabul Multinational Brigade gingen die
deutschen Soldaten auf Patrouille, um Präsenz zu zeigen,
reparierten die Infrastruktur, entschärften Munition, und die
Sanitäter versorgten gelegentlich auch die einheimische
Bevölkerung. Die Lage war entspannt, und die Soldaten
fuhren mit ihren ungepanzerten Jeeps ohne Helm durch die
Stadt. Ein längerer Aufenthalt am Hindukusch war zunächst
nicht vorgesehen. Die Bundeswehr hatte genug mit dem
Einsatz auf dem Balkan und den andauernden inneren
Reformen zu tun. Nach sechs Monaten wollte man bis auf ein
symbolisches Kontingent wieder abziehen.
Die Amerikaner machten unterdessen unter dem OEFMandat Jagd auf die Taliban, wurden schon bald als Besatzer
wahrgenommen und avancierten gewissermaßen zu den neuen
Russen Afghanistans, wie ein deutscher General 2002
sorgenvoll feststellte. Die Deutschen hingegen waren mit
ihrem wenig martialischen Auftreten beliebt. Sie pochten stets
darauf, dass es bei ISAF um Schutz und nicht um Besatzung
ging, und grenzten sich demonstrativ vom rustikalen Ansatz
der Amerikaner ab. Einen Erfolg konnte es eigentlich nur
geben, wenn man beide Missionen – OEF der Amerikaner und
ISAF der UN bzw. ab 2003 der NATO – zusammendachte.
Doch die beteiligten Staaten verfolgten mit ihrem Engagement
ganz eigene Interessen, die nur bedingt etwas mit der Lage in
Afghanistan zu tun hatten. Deutschland wollte mit der
Entsendung von Soldaten Bündnissolidarität zeigen und sich
631
zugleich auf einen Einsatz beschränken, der innenpolitisch
vermittelbar war. Was vor Ort wirklich gebraucht wurde, um
den Aufbau eines Staates zu sichern, kam in dieser Logik nicht
vor.142 Die Offiziere sollten selbst sehen, wie sie die wenig
konkreten Aufträge zur Aufrechterhaltung der Sicherheit
durchführten. Sie wussten über die Binnenverhältnisse der
afghanischen Gesellschaft nur wenig, und die kulturellen und
sprachlichen Barrieren waren enorm.143 Etlichen Soldaten war
ohnehin nicht klar, was sie in dem Land sollten. Ein
Stabsfeldwebel der Fallschirmjäger aus Varel meinte: »Ich
akzeptiere, dass wir in den Einsatz müssen, aber manchmal
fragt man sich schon, was wir mit Afghanistan am Hut haben.
Erst bomben die Amerikaner alles kaputt, und andere müssen
dann die Drecksarbeit machen. Und gegen wen wir kämpfen,
ist mir auch nicht klar. Ich befürchte, dass sich das noch
ausweiten wird, und keiner sagt irgendwann ›Stopp‹. Die
Politiker sollten einfach mal die Füße stillhalten.«144
Verantwortung für den Norden Afghanistans
Aus Sicht Berlins schien der Einsatz indes nach Plan zu
verlaufen. Deutschland leistete wie auf dem Balkan seinen
Beitrag, war hinter den USA und Großbritannien drittgrößter
Truppensteller und mehrte so seinen politischen Einfluss im
Bündnis. Auch mit dem Petersberger Prozess ging es voran.
Die neue afghanische Präsidialverfassung wurde im Januar
2004 verabschiedet, und im Oktober desselben Jahres fanden
erste Wahlen statt, die das Mandat von Übergangspräsident
Hamid Karzai bestätigten. Weite Teile des Landes waren
ruhig. Schon im Vorjahr hatten die UN – auch auf Initiative
des Auswärtigen Amts – beschlossen, die ISAF-Mission in die
Fläche auszudehnen, um den Aufbau staatlicher Strukturen
nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in den Provinzen zu
unterstützen. Nachdem sich die Bundesrepublik 2002/03
632
demonstrativ aus dem Irakkrieg herausgehalten hatte und die
transatlantischen Beziehungen dadurch einen Tiefpunkt
erreichten, war Kanzler Schröder nun bemüht, ein Zeichen der
Solidarität zu setzen. Doch er musste der US-Regierung das
deutsche Engagement förmlich aufdrängen. In Washington
wollte man die ISAF eigentlich auf Kabul beschränkt sehen,
um im Land unter dem OEF-Mandat weiter ungestört die
Taliban bekämpfen zu können. Schließlich stimmte die USRegierung zu, da sie immer mehr Kräfte in den Irak verlegen
musste und eine Entlastung in Afghanistan daher
wünschenswert erschien. Im Oktober 2003 übernahm die
Bundeswehr ein US-Lager in Kunduz im Norden des Landes.
Die Gegend wurde bewusst gewählt, um einem Kampfeinsatz
möglichst aus dem Weg zu gehen.145
633
634
Wenngleich sich nach über zehn Jahren Erfahrung mit
Auslandseinsätzen in der taktisch-technischen Abwicklung
mittlerweile eine gewisse Routine eingespielt hatte,
hinterfragten etliche Soldaten die Sinnhaftigkeit solcher
Missionen. »Vor allem älteren Soldaten geht es dabei weniger
um die militärische Dimension, als vielmehr um die politische
Zielsetzung der jeweiligen Einsätze und ihre erfolgreiche
Realisierung im Rahmen eines Gesamtkonzeptes«, hieß es
2004 im Jahresbericht des Beauftragten für Erziehung und
Ausbildung. Damit war vor allem die Operation in
Afghanistan gemeint, wo den Soldaten die Fortschritte allzu
gering erschienen. Enttäuscht zeigten sie sich, wenn selbst
Mitglieder des Verteidigungsausschusses des Bundestags nur
mit allgemeinen Floskeln wie »Wir haben da ureigenste
Interessen« auf die Fragen der Offiziere antworteten.146
Brigadegeneral Walter Spindler, der 2004 die Deutsch-
635
Französische Brigade in Kabul führte, war geradezu verblüfft
von der Ahnungslosigkeit mancher Abgeordneter, die ihn
unbelastet von jeglichem Wissen über die ISAF-Mission in der
afghanischen Hauptstadt aufsuchten.147 Für die Offiziere war
das frustrierend. In keiner Rede eines Politikers durfte das
Stichwort von der Parlamentsarmee fehlen. Doch viele
Parlamentarier selbst aus dem zuständigen Fachausschuss
waren nicht imstande, den Auftrag klar zu formulieren. »Bei
Auslandsreisen werden durch die Politik in Ermangelung von
Gesamtkonzepten und anderen Lösungsansätzen Soldaten als
›Kompensation‹ angeboten«148, so der Eindruck bei manchem
vor Ort.
Offenkundig gab es auch im vierten Jahr der ISAF-Mission
ein Strategiedefizit, das die Soldaten vermehrt spürten. Im
Rückblick wird deutlich, dass die internationale
Staatengemeinschaft der Kultur und Geschichte Afghanistans
viel zu wenig Rechnung trug. Aus heutiger Sicht ist
zweifelhaft, ob sich der Balkan-Ansatz einer Staatenbildung
von oben überhaupt auf Afghanistan übertragen ließ. Das Land
war viel zu zerstritten und gespalten, als dass ein solcher
Prozess wirklich hätte funktionieren können. Allzu vielen
Warlords, Clanchefs und Provinzfürsten war die Idee der
Loyalität zu einem Staat und seinen Rechtsprinzipien fremd,
auch wenn sie nichts mit den Taliban gemein hatten. Die
Herrschaft der Radikalislamisten war zwar in den meisten
Regionen zusammengebrochen, sie waren aber noch nicht
endgültig geschlagen. Zudem verfügten sie in Pakistan über
Rückzugsorte und Rekrutierungsgebiete und konnten so in
ihren traditionellen Hochburgen im Süden und Osten
Afghanistans den Kampf fortsetzen. Es muss Spekulation
bleiben, ob zu diesem frühen Zeitpunkt eine Einbindung der
Taliban möglich gewesen wäre. Aber ohne zumindest den
636
Versuch unternommen zu haben, sie im Moment ihrer größten
Schwäche in die Aufbaupläne der ISAF-Mission einzubinden,
stand der Stabilisierungsprozess von vornherein auf einem
wackligen Fundament.
Es war ohnehin schon eine enorme Herausforderung,
effektive staatliche Strukturen und nicht zuletzt Armee und
Polizei in einem Land aufzubauen, in dem über siebzig
Prozent der Bevölkerung Analphabeten waren.149 2001 hatte
es noch geheißen, dass die internationale Gemeinschaft das
Land mit erheblichen Geldmitteln unterstützen würde, wenn
die Bereitschaft der Afghanen zum Frieden zu erkennen sei.
Auf der Petersberger Konferenz war dieser Wille bei den dort
versammelten Exil-Gruppen auch vorhanden. Aber die
Realität im Land war eine andere. Und als die ISAF-Nationen
einmal vor Ort waren, fehlte eine Exit-Strategie für den Fall,
dass es mit dem Friedenswillen der Afghanen doch nicht so
weit her war. Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, mit
welchem Brustton der Überzeugung die NATO sich seit 2003
in einer so schwierigen Mission engagierte und dabei das
durchaus vorhandene Expertenwissen über das Land
weitgehend ignorierte.
Obwohl auch das politische Berlin der Ansicht war, dass es
sich vor allem um eine Wiederaufbaumission handelte, war die
Bundeswehr von Anfang an der wichtigste deutsche Akteur im
Land. Das Innenministerium unterstützte 2002 mit gerade
einmal sechzehn Polizisten die Aufstellung der afghanischen
Nationalpolizei.150 Die Zahl der Beamten blieb bis Mitte 2009
deutlich unter 100 und war angesichts der vollmundigen
Verpflichtung, beim Aufbau der afghanischen Polizei
Leitnation sein zu wollen, lächerlich gering. Auch das
Engagement
des
Auswärtigen
Amts
sowie
des
Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
637
Entwicklung (BMZ) blieb angesichts der Größe der Aufgabe
bescheiden. Obwohl die Politik stets den zivilen Charakter der
Operation unterstrich, überließ man das Feld weitgehend dem
Verteidigungsministerium. Es war allerdings auch das einzige
Ressort, das sofort eine größere Zahl an Personal an den
Hindukusch verlegen konnte. Die Zivilmacht Deutschland
hatte ihre zivilen Ressourcen zur Krisenbewältigung
offensichtlich schlecht entwickelt. Und noch schlimmer: Es
gab noch nicht einmal ein strategisches Konzept aus dem
Kanzleramt, welche Ziele auf welchem Weg erreicht werden
sollten. Lediglich Bündnissolidarität zu beweisen und so den
Einfluss der Bundesrepublik zu unterstreichen war keine
Strategie für den Einsatz in Afghanistan. Diese wurde jenseits
schwammiger Formulierungen im Übrigen auch nicht im
Bundestag eingefordert. Die Parlamentarier begnügten sich im
Wesentlichen mit der Kontrolle der operativen Bedingungen
und projizierten je nach politischer Ausrichtung ganz eigene
Erwartungen in das deutsche Engagement.
Das Kanzleramt versäumte es zudem, für eine klare
Missionsstruktur zu sorgen, sodass niemand auf deutscher
Seite die Gesamtverantwortung trug. Angesichts der
mangelnden Koordination einer Vielzahl staatlicher Akteure,
zu denen bald noch ein bunter Strauß von Hilfsorganisationen
hinzukam, konnte es auch keine Einigkeit etwa bei der
Vergabe von Aufbauprojekten geben. Erst 2006 stellte das
Verteidigungsministerium in einem Weißbuch das Konzept der
»vernetzten Sicherheit« vor.151 Darin hieß es, dass »zivile
Krisenprävention,
Konfliktlösung
und
Friedenskonsolidierung« von einem alle Bundesministerien
umfassenden Ressortkreis umgesetzt würden. Das klang in der
Theorie sinnvoll, doch in der Praxis war eine Koordinierung
zwischen
dem
von
der
CDU
geführten
638
Verteidigungsministerium und dem von der FDP geführten
Auswärtigen Amt schon deshalb schwierig, weil die
Bundesregierung keine ressortübergreifende Diskussion über
eine Afghanistan-Strategie führte. Ein klärendes Wort der
neuen Kanzlerin Angela Merkel gab es nicht, auch keine
Festlegung auf gemeinsam zu erreichende Ziele.152
Ein großer diplomatischer Erfolg war es dann aber, dass
die NATO auf ihrem Gipfel in Bukarest 2008 den vernetzten
Ansatz übernahm.153 Auf diese Weise wurden der
Militäreinsatz der Amerikaner und der State-building-Ansatz
der UNO erstmals zu einem gemeinsamen Konzept
zusammengeführt. Vor Ort in Afghanistan haperte es freilich
mit der Umsetzung. Die Soldaten, Diplomaten und
Entwicklungshelfer bemühten sich redlich, ihren Auftrag so
gut wie möglich zu erfüllen. Tatsächlich gab es mit den
Provincial Reconstruction Teams (PRT) auch eine
vielversprechende Struktur. Die PRTs hatten einen
militärischen und einen zivilen Leiter und sollten
ressortübergreifende Aufbauarbeit in den afghanischen
Provinzen leisten. Sie wurden zwischen 2004 und 2006 im
ganzen Land aufgebaut, wobei das PRT Kunduz das größte
war.154
Die deutschen Soldaten trafen im Januar 2004 in Kunduz
ein. Das Personal reichte freilich noch nicht einmal dazu aus,
ein Lagebild zu erstellen. Die Bundeswehr war in den ersten
Jahren vor allem mit Selbstorganisation und Selbstschutz
befasst und vermied es daher, in die örtlichen Strukturen
einzugreifen. Die Kooperation mit den anderen Ressorts blieb
überschaubar, da diese im Raum Kunduz personell kaum
präsent waren, was die Idee der PRTs ad absurdum führte.
2006 waren gerade einmal zehn zivile Mitarbeiter der
einschlägigen Ministerien vor Ort, aber 450 Soldaten. Das
639
BMZ stellte überhaupt erst im Juni 2008 einen Repräsentanten
ab. Hinzu kamen Probleme mit der Unterordnung der zivilen
Teile des PRT unter das militärisch geführte ISAFHauptquartier, der etwa die Mitarbeiter des Auswärtigen Amts
nicht ohne Weiteres Folge leisten wollten.155
Angesichts der schwachen Kräfte handelte es sich um
wenig mehr als Symbolpolitik. Man hoffte im politischen
Berlin wohl, dass sich in Afghanistan alles irgendwie von
selbst regeln werde. Die ursprünglich gestellte Aufgabe –
Aufbau demokratischer Strukturen und Unterstützung guter
Regierungsfähigkeit der Region – war von der Bundeswehr
allein schlicht nicht zu erfüllen. Ohne die »notwendigen
Kenntnisse und Fähigkeiten«156 war sie mit einer im Grunde
unlösbaren Aufgabe konfrontiert, zumal die anderen Ressorts
nur von 2010 bis 2012 die notwendigen Mittel zur Verfügung
stellten. Die Politik ließ die Kommandeure des PRT Kunduz
letztlich mit einem unrealistischen Mandat allein. Ihnen blieb
daher kaum mehr übrig, als zu improvisieren.
2006 übernahm die Bundeswehr die Verantwortung für den
ganzen Norden Afghanistans, eine Region knapp halb so groß
wie die Bundesrepublik, in der etwa 6,7 Millionen Menschen
lebten. Aus politischer Perspektive war dies zweifellos ein
wichtiger Schritt, weil man so die Rolle als eine der
Leitnationen des ISAF-Einsatzes unterstrich. Das Kommando
im vergleichsweise ruhigen Norden zu übernehmen war
zugleich ein Argument, sich den immer lauter werdenden
Forderungen zu entziehen, Truppen in den heftig umkämpften
Süden abzustellen. In Berlin fürchtete man nichts mehr als das
Hineingleiten in einen Krieg. Demonstrativ wurde daher der
beachtliche Umfang der deutschen Mission herausgestellt und
gleichzeitig allen Hilferufen der Allianzpartner nach
Truppenverstärkungen eine Absage erteilt. Dafür nahm die
640
Regierung in Kauf, dass die Kommentare der Alliierten immer
garstiger wurden. »Es sei höchste Zeit, dass die Deutschen ihre
Schlafplätze verließen und lernten, Taliban zu töten«, meinten
kanadische Offiziere. Die Verbündeten wollten am liebsten
»ein deutsches Grenadier-Bataillon in Kandahār sehen«157.
Gleichwohl stellte Berlin lediglich sechs Tornado-Aufklärer
zur Verfügung. Genau entgegengesetzt verhielten sich die
Niederländer. Sie übergaben ihr im deutschen Einsatzgebiet
gelegenes PRT in der Provinz Baghlan 2006 an die Ungarn,
verlegten ihre Truppen ins Regionalkommando Süd und zogen
an der Seite von Briten und Kanadiern in die Schlacht. Dabei
ging es wohl auch darum, die Scharte von Srebrenica
auszuwetzen. Seitdem war das holländische Militär immer
wieder mit dem Vorwurf der Feigheit konfrontiert worden.
Nun wollten die Niederländer beweisen, dass sie kämpfen
konnten.
Die Bundeswehr hatte unterdessen das Hauptquartier des
Regional Command North158 in Masar-e Sharif aufgeschlagen.
Bis zu achtzehn weitere Nationen stellten in dieser Region
kleinere Truppenteile, vor allem Norweger, Schweden und
Ungarn. Die Deutschen konzentrierten sich ganz auf ihre neue
Aufgabe, zogen aus Kabul ab und überließen Camp
Warehouse den Franzosen. Neben Masar-e Sharif bauten sie
2007 noch ein PRT in Faizābād im Nordosten auf. Im Zentrum
der Aufmerksamkeit lag aber die Region um Kunduz,
Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, eines der fruchtbarsten
und wirtschaftlich wichtigsten Gebiete des Landes. Die
Bevölkerung zerfiel in viele Stammesgruppen, Sippen und
Clans, bestehend aus Paschtunen, Tadschiken, Usbeken,
Turkmenen und Hazara, sodass eine gemeinsame afghanische
Identität kaum entwickelt war. Die Taliban bestanden im Kern
aus Paschtunen159, die im Norden des Landes eine Minderheit
641
waren, im Raum Kunduz aber die Mehrheit der Bevölkerung
stellten. Bei Weitem nicht alle Paschtunen waren Unterstützer
der Taliban, diese fanden hier aber den größten Rückhalt – vor
allem bei solchen Clanführern, die sich von der
innerafghanischen Machtverteilung ausgeschlossen sahen.
Neben den Taliban gab es noch etliche andere Gruppen, die
gegen die Regierung in Kabul kämpften – etwa die Hizb-i
Islami Gulbuddin (HIG), die älteste islamistische Partei
Afghanistans. Eine weitere wichtige Widerstandsgruppe war
die Islamische Bewegung Usbekistan (IBU), in deren Reihen
Usbeken, Tadschiken, Turkmenen und Tschetschenen fochten.
Die Bundeswehr sprach in ihrem Schriftverkehr daher bald
nicht nur von Taliban, sondern zutreffender von Insurgents –
Aufständischen.
Als die Alliierten 2006 ein deutsches Engagement im hart
umkämpften Süden forderten, waren auch der Norden und vor
allem die Provinz Kunduz schon nicht mehr ruhig, und die
wenigen Kräfte der Bundeswehr wurden hier dringend
gebraucht. Es gab jeden Monat Anschläge mit selbst
gebastelten Sprengkörpern, von Selbstmordattentätern und
auch durch Beschuss mit Handfeuerwaffen oder
Panzerfäusten. Die Bundeswehr ging von vier bis fünf
bewaffneten Insurgent-Gruppen mit je drei bis acht Mann aus
und wusste, dass diese mit den Taliban in Südafghanistan und
in Pakistan in Kontakt standen. Man hatte also mit nicht mehr
als zwanzig bis dreißig Männern zu tun, die vor allem in der
Gegend um Kunduz Unruhe verbreiteten und jederzeit blutige
Anschläge verüben konnten. So überstand eine deutsche
Patrouille nur mit Glück am 27. Juni 2006 den Anschlag eines
Selbstmordattentäters, bei dem zwei afghanische Zivilisten
umkamen. Einen Tag später wurden Bundeswehrsoldaten
beschossen und drei von ihnen leicht verletzt. Die Deutschen
642
reagierten auf diese Vorfälle sehr empfindlich, igelten sich in
ihrem Lager ein und waren fortan nur noch mit gepanzerten
Fahrzeugen unterwegs. Nach dem Anschlag dauerte es sechs
Wochen, bis sich wieder eine Fußpatrouille aus dem Feldlager
wagte. Die Taliban konnten also mit relativ geringem
Aufwand den Bewegungsspielraum der Bundeswehr massiv
einschränken.
Den Amerikanern war diese Haltung zu passiv. Freilich
war bald auch den Verantwortlichen auf deutscher Seite klar,
dass der Auftrag des PRT nur mit einem aktiveren Vorgehen
erfüllt werden konnte. Vom Feldlager aus ließ sich das nicht
bewerkstelligen. Es war unumgänglich, möglichst viel in der
Region präsent zu sein. Das ISAF-Hauptquartier in Kabul
drängte darauf, »härter zuzuschlagen«, und auch der deutsche
Kommandeur des Regional Command North sah die
Hauptaufgabe der Soldaten in Kunduz nach den Anschlägen in
der Bekämpfung der Opposing Militant Forces (OMT). »Ich
weiß nicht, wie und mit welchen Mitteln das geschehen soll.
Das PRT ist dazu kaum in der Lage. Sollen unsere Soldaten in
die Dörfer gehen und Taliban suchen und erledigen? Hier
bleiben wir auf Reaktion beschränkt, die allerdings massiv und
aggressiv sein sollte. Nur wenn wir der Bevölkerung
Sicherheit und Recht garantieren, können wir die Strukturen
aufbrechen, in denen sich OMT und Taliban so geschützt
bewegen können«, schrieb ein deutscher Stabsoffizier des PRT
Kunduz im August 2006 in sein Tagebuch.160 Sicherheit und
Recht zu garantieren war allerdings leichter gesagt als getan.
Es erschien schon als ein Ding der Unmöglichkeit, die vielen
lokalen Milizen zu entwaffnen. Die meisten verhielten sich
zwar neutral, waren weder für noch gegen die Regierung,
verfolgten aber ihre eigenen Interessen, vor allem im
Drogenhandel. Sie händigten allenfalls alte Waffen aus, ließen
643
sich aber ihre Kampffähigkeit nicht nehmen. »Das
Einsammeln von Waffen ist in diesem Land ohnehin
vergebliche Liebesmühe. Nicht die Waffen, die Köpfe sind das
Problem«161, so der erwähnte Stabsoffizier.
Das komplexe Beziehungsgeflecht der Stammesfürsten
und Clanchefs war für die Deutschen nur schwer zu
durchschauen. Und selbst wenn dies durch das militärische
Nachrichtenwesen und den BND gelang, blieb die Frage »Was
tun?« immer noch nicht gelöst. Man hatte es zuweilen mit
Polizeichefs zu tun, die Kinder entführten und illegale
Checkpoints errichteten, um Geld einzutreiben; mit
Gouverneuren, von denen es hieß, sie hätten in ihrem Palast
Leute erschießen und eine Ehefrau blenden lassen. Es konnte
auch passieren, dass Milizenführer, die auf der Target List von
ISAF und OEF standen, putzmunter auf offiziellen Empfängen
inmitten der High Society von Kunduz erschienen. Deutsche
Offiziere mussten dann nicht nur dem Gouverneur, Polizeichef
oder Bürgermeister zuprosten, sondern auch obskuren
Lokalfürsten, die den deutschen Soldaten Hinterhalte legen
ließen, aber auch unliebsame Talibangruppen an den
afghanischen Geheimdienst NDS verrieten. Die Sache war
zuweilen so skurril, meinte ein deutscher Stabsoffizier, dass
sie wegen des mitunter spielerischen Umgangs mit Risiko,
Kampf und Gefahr schon wieder etwas Faszinierendes hatte.
US Special Forces nahmen 2006 etwa Amir Gul gefangen,
einen ehemaligen Taliban, der sich im letzten Moment auf die
Seite der Regierung gestellt hatte, aber immer noch in
Anschläge verwickelt war. Auf Veranlassung von Präsident
Hamid Karzai wurde er sogleich wieder freigelassen und
spielte auch in den Folgejahren eine höchst zwiespältige Rolle.
Wie sollten tragfähige Regierungs- und Sicherheitsstrukturen
aufgebaut werden, fragte man sich im PRT Kunduz, wenn der
644
Präsident und seine Minister in Kabul nach westlichen
Maßstäben zutiefst korrupt waren und sich ihre Macht zu
sichern suchten, indem sie den lokalen Machthabern ihre
Pfründe ließen?
Weder
die
Bundeswehr
noch
die
zivilen
Hilfsorganisationen konnten solche Netzwerke aufbrechen.
Demokratische Strukturen zu schaffen – als Ziel der Mission
wurde dies in schön bebilderten PowerPoint-Briefings stets
genannt – war angesichts dieser Lage illusorisch. Gleichwohl
versuchten die Soldaten, bis in die entlegensten Gebiete der
Region vorzudringen. Manche Dörfer hatten seit Jahren keinen
Besuch eines Regierungsbeamten erhalten. Die Bundeswehr
baute in diesen Gegenden beispielsweise Schulzelte auf und
verteilte Unterrichtsmaterialien. Doch das war »noch nicht
einmal der Tropfen auf dem heißen Stein«. Damit die
Menschen Vertrauen in ihren Staat bekamen, musste letztlich
die Regierungsfähigkeit der afghanischen Behörden verbessert
werden. »Wie im Mittelalter müssten sie ständig umherreisen
und zu den Leuten gehen, da die Leute so schwer zu den
Behörden kommen«162, heißt es im Tagebuch des
Stabsoffiziers aus Kunduz. Doch wie sollte man eine
Verwaltung aufbauen, wenn zumeist die Bereitschaft fehlte,
solche westlichen Strukturen überhaupt anzunehmen? Die
Bundeswehr war trotz der zahlreichen Projekte, die sie
unterstützte, mit ihren Aufträgen vollkommen überfordert.
Manche Patrouillen wurden heftig mit Steinen attackiert, denn
längst nicht überall waren Schulzelte willkommen. »Was auch
immer die Bevölkerung denken mag, uns vertrauen tut sie
nicht«, notierte der Stabsoffizier im Juli 2006.163
Dabei wurde von vielen verschiedenen Stellen viel
Aufwand mit dem zivilen Wiederaufbau betrieben: Zwischen
2004 und 2006 flossen über 49,5 Millionen US-Dollar
645
Entwicklungshilfe in den Norden Afghanistans. Deutschland
finanzierte davon 39 Millionen. Das PRT Kunduz hatte 2006
3,6 Millionen Euro für Projekte der zivil-militärischen
Zusammenarbeit zur Verfügung. Wasseraufbereitung, der Bau
von Straßen und Schulen gingen voran. Auch die Wirtschaft
schien langsam in Schwung zu kommen.164 Eine
beeindruckende Zahl von Nichtregierungsorganisationen war
vor Ort, allen voran die Welthungerhilfe und die Deutsche
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Freilich
hatten die zivilen Akteure ebenso ihre selbstreferenzielle
Logik wie die Bundeswehr. So bekam ein Entwicklungsberater
des BMZ mitgeteilt: »Sie sollen nicht helfen, sondern
›Projekte‹
beginnen!«165
Es
ging
oftmals
um
»Leuchtturmvorhaben«, die zu Hause gut vorzeigbar waren,
und nicht um die meist viel wirkungsvolleren kleinen Hilfen,
die sich aber schlechter vermarkten ließen. So konnte es
vorkommen, dass man eine Schule baute und mit modernen
Computern ausstattete, dann aber feststellen musste, dass die
notwendige Stromversorgung fehlte. »Anstatt mit Tafeln zu
arbeiten, muss auf Teufel komm raus die ›Zukunft‹ aufgebaut
werden. […] Profilierungssüchte, wo man hinschaut«166,
klagte ein Stabsfeldwebel. Gewiss waren manche Clanchefs
erfreut über die bessere Infrastruktur, die ihnen die Deutschen
bescherten.167 Doch nicht wenige betrachteten die ISAF und
die internationalen Organisationen als eine Art nie
versiegenden Geldautomaten. »Wir müssen diese Leute
förmlich dazu zwingen, für ihre Stadt etwas zu tun.
Hauptsache ihr Säckel ist und bleibt gefüllt. […] Unglaubliche
Ignoranz gegenüber dem Notwendigen sowie dem
Machbaren«168, beklagte das ein Soldat, der in Masar-e Sharif
im Bereich der zivil-militärischen Zusammenarbeit tätig war.
Als im Juni 2008 ein ungarischer Soldat ums Leben kam,
notierte er in sein Tagebuch: »Die Totenglocke läutete und ließ
646
Nachdenklichkeit aufkommen. Dazu ein heißer Wüstenwind,
sonst Stille. In diesen Momenten frage ich mich wofür. Ich bin
nicht mehr überzeugt, dass wir jemals hier den nachhaltigen
Erfolg haben werden, den unsere Politik versucht in der
Heimat zu suggerieren. Was nützt es, den einfachen Menschen
auf dem Lande zu helfen, und wir paktieren mit zwielichtigen
Gouverneuren und suggerieren eine heile Welt. […] Eine so
große Geldvernichtungsmaschinerie habe ich noch nicht
erlebt.«169
Letztlich standen die Deutschen vor denselben Problemen
wie viele Entwicklungshelfer in afrikanischen Ländern, wo
sich mit Millionen von Euro vielerorts die schlimmste Not
lindern ließ, sich die Mentalitäten aber nur sehr langsam
veränderten, der Aufbau eines funktionierenden Staatswesens
nur schleppend vorankam und der Rückfall in Krieg und
Gewalt immer möglich war.170
Die Sicherheitslage verschärft sich
Die Entwicklungsprojekte brauchten ein sicheres Umfeld. Der
Kommandeur des PRT Kunduz, Oberst Gerhardt Brandstetter,
schickte also Tag und Nacht Patrouillen aus. Zuweilen führte
er regelrechte Operationen durch und schickte fünf Trupps
gleichzeitig los. Es galt, mögliche Angreifer abzuschrecken
und zu stören. Er hatte für diese Aufgabe insgesamt 450
Soldaten zur Verfügung. Davon waren allerdings nur gut 120
als Infanteristen, Feldjäger und Berater der afghanischen
Armee einsetzbar. Der Rest war mit Versorgungs-,
Verwaltungs- und Aufklärungsaufgaben im Lager befasst. Die
Bundeswehr operierte oft allein, manchmal aber auch
zusammen mit den »vormodernen Kriegern«171 der
afghanischen Armee (ANA) und der Polizei (ANP).
647
Gelegentlich wurden die deutschen Patrouillen kurz
beschossen. Man erwiderte dann das Feuer, aber die
Aufständischen wichen sofort aus und waren rasch über alle
Berge. Über deren Verluste gab es meist nur Gerüchte. Ein
frustrierendes Geschäft, Erfolgserlebnisse waren rar. »Wäre
schön, einen erwischt zu haben, muß man doch sagen«172,
notierte ein Stabsoffizier im November 2006 nach einem
Gefecht in sein Tagebuch. Immerhin hob der afghanische
Geheimdienst zuweilen Waffenlager und Sprengstofffallen
aus, und die Polizei nahm auch mal einen Verdächtigen fest.
Doch was die afghanischen Behörden unternahmen und
warum, blieb den Deutschen meist verborgen. Unklar war oft
auch, ob sich die Dinge wirklich so zugetragen hatten, wie es
etwa vom afghanischen Geheimdienst (NDS) berichtet wurde.
An die entscheidenden Hintermänner kam man ohnehin nicht
heran. Das PRT wusste wohl, dass unter den 250 000
Flüchtlingen, die aus den Südprovinzen und aus Pakistan
allmählich in den Norden zurückkehrten, auch etliche Taliban
waren. Diese verstanden es, unter den vielen arbeits- und
perspektivlosen Rückkehrern Kämpfer zu rekrutieren. Und
beim PRT reichten die Kenntnisse nicht aus, um den Aufbau
neuer Widerstandszellen zu verhindern. Ein grundlegendes
Problem war gewiss auch, dass von den deutschen Offizieren
niemand die Landessprachen beherrschte. Und längst nicht
alle Englisch-Dari-Dolmetscher, auf die man daher dringend
angewiesen war, übersetzten gut, manche galten sogar als
Sicherheitsrisiko. Zudem war die Einsatzdauer der Stäbe mit
vier bis sechs Monaten eigentlich zu kurz. Bis sich ein
Kommandeur eingearbeitet und zu den lokalen Größen
Vertrauen aufgebaut hatte, war die Zeit beinahe schon wieder
vorbei.173 Die zivilen Leiter der PRTs aus dem Auswärtigen
Amt waren mindestens ein, maximal zwei Jahre vor Ort. Eine
solche Dauer hielt die Bundeswehr nicht für zumutbar. Mit
648
jedem Kontingentwechsel ging Wissen verloren, in gewisser
Weise musste jedes Mal das Rad neu erfunden werden. Über
die zivil-militärische Zusammenarbeit im Raum Masar-e
Sharif schrieb ein Stabsfeldwebel im Mai 2008 in sein
Tagebuch: »Wir wissen hier rein gar nichts. Und das seit über
6 Jahren. Es gibt keine Kontinuität in der CJ9 [zivilmilitärischen Zusammen-] Arbeit. Datenbänke nicht
vorhanden. Rudimentäre Exceltabellen, kaum auf dem
neuesten Stand, doppelt und dreifach abgespeichert. Wir sind
nicht in der Lage, Prognosen abzugeben.«174
In der Operationsführung und dem militärischen
Nachrichtenwesen war es oftmals ähnlich. Zur mangelnden
Kontinuität trug auch bei, dass sich die Kompetenzen der
Kommandeure und ihrer Offiziere erheblich unterschieden.
Neben
ausgesprochenen
Troupiers
und
erfahrenen
Generalstäblern wurden auch Offiziere eingesetzt, die eher aus
sachfernen Verwendungen kamen und mit der Führung
multinationaler Verbände in einem so komplexen Umfeld
heillos überfordert waren. Vor allem verwundert es, dass nur
die Soldaten im Bereich des militärischen Nachrichtendienstes
Sprachunterricht erhielten, nicht aber die Kommandeure der
PRTs. Und selbst den Interkulturellen Einsatzberatern wurde
das an sich unerlässliche Studium einer Landessprache oft
verweigert.
Neben dem unzureichenden Wissen um Land und Leute
stand sich die Bundeswehr mit ihrer Auslegung der ISAF
Rules of Engagement zuweilen selbst im Weg.175 Diese sahen
etwa vor, dass die internationalen Truppen Aufständische
festnehmen konnten. Da es sich nicht um einen Staatenkrieg
handelte, galten sie nicht als Kriegsgefangene, sondern als
Häftlinge, für deren Behandlung es selbstverständlich
ebenfalls Regeln gab. Allerdings galten diese als
649
undurchdringlicher Dschungel, weshalb das deutsche
Einsatzführungskommando die Weisung erteilte, nicht
selbstständig und allein Aufständische zu ergreifen, sondern
nur zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften oder den
Amerikanern. Entscheidend war, dass die Person niemals
ausschließlich in deutscher Hand war, sodass Deutschland
nicht zur Gewahrsamsmacht mit allen rechtlichen Folgen
wurde. Brachten die Amerikaner einen verwundeten
Gefangenen ins PRT zur medizinischen Versorgung, dann
musste ein Amerikaner die gesamte Zeit beim Gefangenen
bleiben, damit nicht der Eindruck entstehen konnte, der
Gewahrsam wäre auf die Deutschen übergegangen.176 Man
wollte sich also ganz und gar auf die Wiederaufbauarbeit
konzentrieren und jede Involvierung in die Konflikte
vermeiden. Doch wie sollte die Bundeswehr für Sicherheit
sorgen, wie es der Auftrag vorschrieb, wenn sie identifizierte
Taliban nicht dingfest machen durfte? Sinnvoll war das kaum,
und vor Ort wurde dann auch mal weggeschaut, wenn die
deutschen Verbindungsteams177 der afghanischen Armee bei
einer Festnahme dabei waren. Auch die deutschen Weisungen,
keine offensiven Aktionen durchzuführen, begrenzten die
Operationen des PRT erheblich. »Hoffentlich wissen die
Taliban das nicht«, unkte ein Offizier und meinte, dass wir
»verlogen operieren« und noch »weit […] von einer echten
Einsatzarmee entfernt sind«.178
Trotz aller Schwierigkeiten waren die offiziellen
Lageberichte 2006 noch recht hoffnungsvoll. Als etwa die
Obleute des Verteidigungsausschusses zu Besuch kamen, gab
sich das PRT Kunduz überzeugt, seinen Auftrag erfüllen zu
können. Die Soldaten würden sich mit ihrem Auftrag
identifizieren, und die Materialausstattung sei gut. Dies war
gewiss nicht falsch, aber private Aufzeichnungen
650
dokumentieren deutliche Zweifel. Ein Stabsoffizier fragte sich:
»Können wir hier mit vielleicht 40 000 Soldaten in
Afghanistan, was die Amerikaner im Irak mit 130 000
Soldaten nicht schafften? Umso länger man über unsere
Möglichkeiten, die Fähigkeiten der Gegner und die Lage
nachdenkt, umso mehr drängt sich der Eindruck auf, daß die
Verbesserung von Regierungs- und Verwaltungstätigkeit der
Schlüssel ist. Kann man das mit den jetzigen Leuten? Gibt es
überhaupt eine Alternative?«179 Man wusste, dass man mit
den verfügbaren Mitteln die Aktivitäten der Aufständischen
nicht beenden, sondern nur erschweren konnte. »Nichts ist
gelöst oder entschieden«180, notierte ein Stabsoffizier in
Kunduz im September 2006 in sein Tagebuch. Immerhin
konnte die Führung des PRT zufrieden sein, dass die Zahl der
Anschläge im zweiten Halbjahr 2006 deutlich niedriger war
als in den sechs Monaten davor. Und doch waren sich sowohl
das PRT in Kunduz als auch das Einsatzführungskommando in
Potsdam sehr bewusst, dass sich die Lage im Norden
Afghanistans im Vergleich zu den Vorjahren grundlegend
verschlechtert
hatte.181
Dies
wurde
auch
dem
Generalinspekteur gemeldet, versickerte aber offenbar im
politischen Raum. Die Äußerungen des Verteidigungsministers
blieben von realitätsfernem Optimismus gekennzeichnet.
Die Hoffnungen auf eine grundlegende Verbesserung der
Lage erfüllten sich nicht. Im Gegenteil: 2007 waren die
Taliban aktiver denn je. Ein Selbstmordattentäter tötete am 19.
Mai auf dem Markt von Kunduz drei deutsche Soldaten, die
gerade zum Einkaufen in die Stadt gefahren waren. Seit
September 2007 wurde das Feldlager mit alten sowjetischen
Raketen beschossen. Die waren zwar nicht sehr zielgenau, und
manche explodierten nicht.182 Aber die Bedrohung war
erheblich, und es schien nur eine Frage der Zeit, bis es zu den
651
ersten Verlusten kommen würde. Zunächst ertrug die
Bundeswehr den Beschuss geradezu stoisch und blieb
weitgehend passiv; das Feldlager wurde in eine Art Festung
verwandelt, Bunker wurden errichtet, um die Soldaten zu
schützen. Doch diese wollten den Gegenschlag. »Spätestens
nach dem zweiten Bunkeralarm entwickelt auch der größte
Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste
Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist
der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag«183, schrieb ein
Soldat nach Hause. Allerdings war es technisch nicht möglich,
die Abschussstellen exakt zu orten, sodass die Angreifer mit
den vorhandenen Mörsern nicht bekämpft werden konnten,
ohne Zivilisten in Gefahr zu bringen. Immerhin erhielt das
PRT Kunduz Verstärkung, und die nächtlichen Fußpatrouillen
der Fallschirmjäger konnten den Raketenbeschuss deutlich
verringern. Aber einen der Übeltäter dingfest zu machen
gelang nicht. Es durfte auch nur auf diejenigen Afghanen das
Feuer eröffnet werden, von denen eine direkte Bedrohung
ausging. Machte sich ein Taliban oder ein einfacher Bauer
nach dem Abschuss einer dieser 107-mm-Raketen auf den
Weg zurück in sein Dorf, durfte man ihn nicht mehr
behelligen.
Dieses bizzare Vorgehen war das Ergebnis der deutschen
Vorbehalte gegenüber den ISAF Rules of Engagement. Die
Rechtsberater des Verteidigungsministeriums interpretierten
den Einsatz in Afghanistan nämlich nicht als bewaffneten
Konflikt und orientierten sich daher am deutschen
Polizeirecht. Demnach durfte auf Fliehende nicht das Feuer
eröffnet und Waffengewalt nur nach einem Warnruf
angewandt werden. Die deutsche Interpretation der
Einsatzregeln wurde auf einer mehrseitigen Taschenkarte
zusammengefasst.
Allerdings
waren
die
dortigen
652
Erläuterungen doppeldeutig abgefasst. Einerseits wurde den
eigenen Truppen größtmögliche Zurückhaltung auferlegt.
Andererseits gab es Formulierungen, die eher im Sinne der
Verbündeten zu lesen waren, die die aktive Bekämpfung des
Gegners für selbstverständlich hielten.184
Im Verteidigungsministerium gab es zu dieser Zeit
unterschiedliche Auffassungen vom Charakter des deutschen
Afghanistan-Einsatzes.
Generalinspekteur
Wolfgang
Schneiderhan wollte um jeden Preis den Schein der
Peacekeeping-Operation aufrechterhalten: keine schweren
Waffen, kein offensives Operieren, sondern konsequente
Beschränkung auf die Aufbauhilfe. Wenn man von dieser
Linie abweiche, würde man in einen gewaltsamen Konflikt
hineingezogen, den man nicht gewinnen könne und der die
innenpolitische Unterstützung kosten werde. Es gab aber auch
andere Stimmen, etwa von Heeresinspekteur Hans-Otto
Budde, der dafür plädierte, endlich die Lage vor Ort
anzuerkennen und die Taliban offensiver und aggressiver zu
bekämpfen. Die Meinungsverschiedenheiten gingen quer
durch die politischen Lager, bei den Zivilisten wie den
Offizieren. Im Kern ging es wieder einmal darum, ob man die
Streitkräfte vom Frieden oder vom Krieg her dachte.
Schneiderhan, SPD-nah und intellektueller Feingeist, hatte für
den militärischen Habitus vieler Offiziere nicht viel übrig. Im
kleinen Kreis nannte er Hans-Otto Budde auch mal »den
Fahnenjunker«. Budde war konservativ und ein in der Wolle
gefärbter Wildeshausener Fallschirmjäger. Vor seinem
Amtsantritt als Inspekteur des Heeres hatte er in einem
Interview mit der Welt erklärt: »Wir brauchen den archaischen
Kämpfer und den, der den High-Tech-Krieg führen kann.«185
Budde dachte die Streitkräfte auch vom Kampf her,
während Schneiderhan den Geist des politischen Berlins
653
verkörperte. Minister Franz Josef Jung hielt sich in dieser
Lage an den Generalinspekteur. Beide trennte zwar das
Parteibuch, aber der unsichere Minister dachte strikt in
Hierarchien. Er führte keine Vieraugengespräche mit den
Inspekteuren oder seinen Stabsabteilungsleitern, sodass
Schneiderhan aus einer starken Stellung heraus den
Informationsfluss zum Minister dosieren konnte und die
Hilferufe von der Front spätestens in seinem Büro
versandeten. Jung hatte zweifellos ein Herz für die Soldaten
und nahm deren Sorgen ernst. Er wollte Kanzlerin Merkel
keinen Ärger machen und hielt daher am Narrativ der
»friedlichen Entwicklung« fest. Er hätte aber auch nicht das
Gewicht gehabt, sich im Kabinett und gegen den
Generalinspekteur für einen Politikwechsel in Afghanistan
einzusetzen.186 Dies hätte vorausgesetzt, im Sinne des
Weißbuchs alle involvierten Ministerien zu deutlich größerem
Engagement und engerer Zusammenarbeit zu veranlassen
sowie die militärische Lage anzuerkennen.
Am Hindukusch konnten Soldaten allein die Wende gewiss
nicht bringen. Die Möglichkeiten der Deutschen, das
eigentliche Problem, nämlich die Herrschaftskonflikte
verfeindeter Clan- und Milizenführer im Norden Afghanistans,
zu lösen und über politischen oder wirtschaftlichen Druck
etwa einen Ausgleich zwischen Taliban-Kommandeuren und
Provinzgouverneur Mohammed Omar herbeizuführen, waren
sehr begrenzt. So scheiterte selbst Außenminister FrankWalter Steinmeier damit, bei der Regierung in Kabul Omars
Ablösung zu erreichen. Ohne zusätzliche Soldaten konnten die
Deutschen vor Ort erst recht nichts ausrichten, weil sie sich
über kurz oder lang gar nicht mehr bewegen konnten und
damit auch das restliche Vertrauen der Bevölkerung verloren.
654
Doch das Verteidigungsministerium blieb passiv und lief
fortan der Entwicklung hinterher.
Das bekamen auch die Norweger zu spüren, die die Quick
Reaction Force (QRF) des Regional Command North stellten,
also jene schnelle Eingreiftruppe, die dorthin geschickt wurde,
wo es brenzlig war. Als die Truppe im Mai 2008 gegen
Taliban im Distrikt Ghormach im äußersten Nordwesten
vorging (Operation Karez), wurde die in Aussicht gestellte
Unterstützung durch deutsche Soldaten aus fadenscheinigen
Gründen wieder abgeblasen. Es hieß, man könne die Grenze
zum italienischen Regional Command West nicht
überschreiten, weil dies durch das deutsche Mandat nicht
gedeckt sei.187 Die deutschen Soldaten in Masar-e Sharif
kamen sich wie Drückeberger vor. Sie wollten zusammen mit
den Norwegern einen militärischen Beitrag zur Bekämpfung
der Taliban leisten. Erhebliche Frustrationen waren die Folge.
Ein Stabsfeldwebel schrieb: »Wofür haben wir jahrelang
Luftlandungen im Kompanie- oder Bataillonsrahmen geübt,
unterstützt mit Kampfhubschraubern? Für was? Wenn wer hier
in den Bergen überhaupt eine Chance hat, dann Gebirgsjäger.
Wenn nicht wir, wer dann? Aber wo sind sie, die Jäger?
Weggespart, wegentschieden, totgeredet. Alles im Arsch!
Politik ist nur noch ein Scheiß.«188 Und weiter: »Ein
unglaublicher Gesichtsverlust, den wir hier miterleben
müssen. […] Wir sind alle enttäuscht. Sogar die
Hilfsorganisationen […] sind ›angepisst‹. Aber die Leute, die
so was entscheiden, achten nur auf ihre Wähler,
opportunistische Hunde. Ich finde für dieses Desaster keine
Worte.«189
Die Norweger begannen die Operation dann allein und
setzten auch Gebirgsjäger ein, die in dem Gelände zu kämpfen
wussten. Zwei Tage nach Beginn des Unternehmens gab
655
Minister Jung dann doch die Erlaubnis, zumindest sechzig
deutsche Sanitäter und Fernmelder zur Unterstützung zu
entsenden. Da war der Schaden aber schon angerichtet. Zu
diesem Possenspiel passte, dass dem Kommando Spezialkräfte
(KSK) der Bundeswehr im März 2008 ein viel gesuchter
Taliban-Kommandeur bei einem Zugriff entkam, weil es nicht
auf ihn schießen durfte. »The Krauts are allowing the most
dangerous people to get away and are in the process increasing
the danger for the Afghans and for all foreign forces here«,
kommentierte ein britischer Offizier aus dem ISAFHauptquartier in Kabul empört.190
Immerhin hob der Bundestag die Obergrenze des
deutschen ISAF-Kontingents im August 2008 von 3500 auf
4500 Mann an. Doch eine ehrliche Lageanalyse der
Regierung, die hätte offenlegen müssen, was mit den
vorhandenen Kräften überhaupt zu erreichen war, erfolgte
immer noch nicht. Das PRT Kunduz erhielt in Folge der
Mandatserhöhung eine Verstärkung von dreißig Infanteristen –
ein Tropfen auf den heißen Stein. Im November 2008
vermerkte Oberst Rainer Buske, dass »die vorhandenen Kräfte
[in Kunduz] nur ausreichen, um auf niedrigem Niveau in
einem eng begrenzten Raum den Gegner zu unterdrücken. Sie
reichen nicht, um nachhaltig die Lage zu verbessern und
zugleich Wirkung und Effekte in entlegenen Räumen zu
erzielen. Dies führt zum Verlust des Lagebildes über Akteure,
Kräfte und Raum.«191 Ein verheerendes Urteil über die
eigenen Möglichkeiten!
Um die zivile Komponente des deutschen Engagements
stand es nicht viel besser. Gewiss hatte die Bundesregierung
immer wieder die Ernsthaftigkeit des comprehensive
approach, des umfassenden Ansatzes, betont. Im Mai 2008
hatten alle relevanten Ministerien sogar ein gemeinsames
656
Afghanistan-Konzept vorgelegt. Es gab sich selbstzufrieden192
und verschwieg die grundlegenden Probleme mit der
korrupten Zentralregierung. Außerdem redete das Dokument
die Sicherheitslage schön und ließ die Probleme
unbeantwortet, die sich aus dem allzu passiven Verhalten der
Bundeswehr ergaben.193 Die nationalen Vorbehalte schlossen
offensive militärische Maßnahmen eigentlich aus, aber genau
das war die Aufgabe der Quick Reaction Force, die die
Deutschen im Juli 2008 widerwillig von den Norwegern
übernehmen mussten. Der offenkundige Widerspruch wurde
unter den Teppich gekehrt. Immerhin stieg die
Bundesregierung nun endlich massiv in die Mission am
Hindukusch ein und kündigte an, von 2009 bis 2014 über 420
Millionen Euro an Wiederaufbauhilfe zu investieren.194
Die Aufwendungen des Innenministeriums für die
grundlegend wichtige afghanische Polizei blieben hingegen
überschaubar. Die vielen schönen Worte konnten nicht darüber
hinwegtäuschen, dass es in der Praxis noch immer keine
konzertierte Strategie der Ministerien gab. Auswärtiges Amt
und BMZ setzten Personal und Finanzen nach wie vor nach
ihren jeweils eigenen Vorstellungen ein.195 Das Stufenmodell
der gängigen amerikanischen Counterinsurgency-Doktrin
(COIN), das zwar nie offizielle deutsche Doktrin wurde196,
aber an das sich viele deutsche Kommandeure anlehnten,
konnte somit immer noch nicht umgesetzt werden. Es sah vor,
zuerst aufzuklären (shape), dann ein Gebiet freizukämpfen
(clear), dieses anschließend zu halten (hold) und schließlich
dort Wiederaufbau (build) zu betreiben. Zum »Hold« war die
afghanische Armee nicht bereit und die Polizei zu schwach.
Und für das »Build« fehlte ein koordinierter Ansatz ziviler
Organisationen. Die Bundeswehr musste sich vor allem auf
»Shape« beschränken. Selbst das »Clear« war angesichts der
657
überschaubaren Mittel und der strikt ausgelegten Einsatzregeln
nur begrenzt möglich. Mit gerade einmal vier Infanteriezügen
und den rund 120 Mann, die das PRT Kunduz für Operationen
zur Verfügung hatte, war nicht viel zu erreichen.197
Als der Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei mit den
Obleuten des Verteidigungsausschusses im Oktober 2008 zum
wiederholten Male Afghanistan besuchte, ließen die Soldaten
in Kunduz ihrer Frustration freien Lauf. Eindringlich und
einhellig wurde die Sinnfrage gestellt. Es fehle an Klarheit,
hielt Nachtwei anschließend fest, »warum wir hier sind.
Unsere Auftraggeber müssen das plausibel machen. Wir
nehmen nicht wahr, was wir schaffen. Wir sehen nicht, dass
unsere Einsätze nachhaltig sind. Wir haben ganz, ganz selten
Erfolgserlebnisse.«198 Einen Insurgenten habe man noch nie
erwischt. Und wenn mutmaßliche Attentäter oder Drahtzieher
doch mal gefasst würden, seien Verurteilungen die Ausnahme
und baldige Freilassungen wegen der Korruption und
Vetternwirtschaft die Regel. Die Soldaten fühlten sich von der
Politik allein gelassen. Gefragt wurde auch nach einer
Abzugsperspektive. Nachtwei, den ein Offizier in seinem
Tagebuch als »klugen, klarsichtigen, nachdenklichen
Mann«199 beschrieb, musste erkennen, dass die offiziellen
Begründungen für den Einsatz, Terrorismus-Bekämpfung und
Stabilisierung des Landes, für die Soldaten nur noch leere
Worthülsen waren. »Als wir nach einigen Stunden
auseinandergehen, hat es einiges an Verständigung und
Klärung zwischen uns PolitikerInnen und den Soldaten
gegeben. Es bleibt aber die alarmierende Erkenntnis, wie groß
offenbar inzwischen die Kluft zwischen den Soldaten +
Offizieren vor Ort und der politischen + militärischen Führung
ist. Diese scheint ›Gehorsam aus Einsicht‹, wie es die Innere
Führung gebietet, ausgesprochen schwer zu machen. Man ist
658
auf dem Weg, den Kampf um die Köpfe und Herzen in den
eigenen Reihen zu verlieren«, bilanzierte Nachtwei nach
seiner Rückkehr.200
Abgeordnete hatten naturgemäß einen anderen Blick auf
Afghanistan als die Soldaten. Sie bekamen auf ihren Reisen
erfolgreiche zivile Aufbauprojekte vorgeführt, sahen, dass es
in diesem Bereich voranging: beim Bau eines großen
Umspannwerkes,
bei
der
Verbesserung
des
Trinkwassersystems,
bei
der
Gründung
von
Lehrerbildungsstätten, in der Polizeiausbildung für Frauen und
bei der Vergabe von Mikrokrediten. All das bekam kaum ein
Soldat zu sehen. Doch die Maßnahmen hatten eben nicht dazu
geführt, dass sich die Sicherheitslage verbesserte. Im
Gegenteil, sie verschlechterte sich zusehends, und die Soldaten
standen ihrer Aufgabe vor Ort ohnmächtig gegenüber. Zudem
erhielt Kunduz 2008 bei der Bewertung von ISAF durch die
Bevölkerung
das
zweitschlechteste
Ergebnis
aller
afghanischen Provinzen.201
Und
dies
trotz
aller
unbestreitbaren Fortschritte bei Infrastruktur, Bildung und
Wirtschaft. Oberst Rainer Buske war als Kommandeur des
PRT Kunduz wie kaum ein zweiter Soldat in den
Wiederaufbau involviert. Er hielt ungezählte Reden, sprach oft
mit den lokalen Eliten. »All die wunderbaren Dinge, die man
sich im Auswärtigen Amt und im Bundesministerium für
wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit auf die
Fahnen geschrieben hatte, wurden mit Pomp und Getöse
zelebriert und eröffnet. Wirklich geholfen haben sie genauso
wenig wie das berühmte Key Leader Engagement [Treffen mit
den lokalen Würdenträgern]. Es waren dies alles Maßnahmen
mit kurzem Effekt. Sie wurden von den Afghanen bereitwillig
konsumiert. Sie machen sich in jeder Statistik und in der
Regierungserklärung […] gut.« Sie änderten aber nichts daran,
659
dass die Afghanen jederzeit bereit waren, zur Gegenseite
überzulaufen, weil die ISAF nur unzureichend Schutz vor den
Taliban bieten konnte, so Buske.202
Der Kampf um die Provinz Kunduz 2009
Georg Klein war im April 2008 zum ersten Mal in Kunduz. Er
begleitete
damals
den
Kommandeur
des
Heeresführungskommandos. Die warnenden Berichte der
Offiziere vor Ort waren ihm irgendwie übertrieben
vorgekommen. Im Nachhinein, sagt Klein heute, war es der
klassische Gegensatz von Front und Heimat: »Wir wollten
einfach nicht glauben, was sie uns berichteten, und haben sie
doch etwas von oben herab behandelt.«203 Nur wenige Monate
später erhielt Klein die Nachricht, dass er bald selbst an den
Hindukusch geschickt werden würde. Am 5. April 2009
übernahm er das Kommando über das PRT Kunduz. Der Tag
und die folgende Nacht gaben ihm einen Vorgeschmack auf
das Kommende: Raketen schlugen im Lager ein, es gab die
ersten Kämpfe, ein amerikanisches Flugzeug wurde zur
Unterstützung gerufen, donnerte aber nur demonstrativ im
Tiefflug über das Gefechtsfeld, um abzuschrecken. Die Lage
am Boden war unübersichtlich, zivile Opfer waren nicht
auszuschließen. Kleins Stellvertreter, Oberstleutnant Robert
Graf, meinte prophetisch: »Herr Oberst, Sie werden in Ihrer
Zeit hier noch [Bomben] werfen.«204 Die Lage im Raum
Kunduz sah nicht gut aus. Das PRT befand sich im
Rundumschutz, und der Einsatz in der Fläche schien kaum
möglich.205 »Insgesamt eher Belagerung statt Stabilisierung.
Das hier ist COIN! Und wir brauchen mehr Kräfte«206,
notierte ein Stabsoffizier über die Lage.
Drei Wochen später waren mehrere Patrouillen
nordwestlich von Kunduz zur Gesprächsaufklärung unterwegs,
wollten sich zeigen und fragen, wie man den Dorfbewohnern
660
helfen könnte. Die afghanischen Sicherheitskräfte hatten
einige Tage vorher hier operiert und gemeldet, das Gebiet sei
sicher. Doch dem war nicht so: Rund sechzig Talibankämpfer
legten einen komplexen Hinterhalt auf mehreren 100 Metern
und nahmen die deutschen Soldaten auf der Rückfahrt unter
Beschuss. Der 21-jährige Hauptgefreite Sergej Motz wurde
getötet, als das Geschoss einer Panzerfaust sein Fahrzeug traf.
Er war der erste deutsche Soldat, der seit dem Zweiten
Weltkrieg bei einem Feuergefecht fiel. Und er war
Russlanddeutscher. Sein Vater Viktor hatte einst als
sowjetischer Soldat in Afghanistan gekämpft. Motz starb um
19:10 Uhr207, das Gefecht dauerte noch Stunden. Vier weitere
Soldaten wurden verwundet. Die Männer mussten sich
einigeln und konnten erst am nächsten Tag entsetzt werden.
Der Tod von Sergej Motz war für seine Kameraden ein
schwerer Schlag. Dabei hatten sie noch Glück im Unglück. In
dem gut angelegten Hinterhalt hätte es noch viel schlimmer
kommen können. Schuldgefühle führten dazu, dass man sich
wechselseitig Vorwürfe machte. Die Soldaten des
württembergischen Jägerbataillons 292, die draußen gegen die
Taliban kämpften, fremdelten mit den Männern in der
Operationszentrale, die vom thüringischen Panzerbataillon 393
gestellt wurden. Man kannte sich nicht, hatte im Vorfeld des
Einsatzes nie zusammen geübt und war noch nicht zu einer
Gemeinschaft zusammengewachsen. Durch kluge und
behutsame Führung gelang es Georg Klein, diesen Riss rasch
zu kitten und die Kohäsion seiner Truppe so zu stärken, dass
sie alle weiteren Herausforderungen gut durchstand.208 Die
obersten Offiziere im Lager spürten den großen Druck der
Verantwortung, als sich im Moment der Krise alle Blicke auf
sie richteten. »Grundfrage: Wie geht es weiter, da sich die
661
Sicherheitslage weiter verschlechtert«, notierte einer von ihnen
in diesen kritischen Tagen.209
Die Angriffe der Aufständischen waren nun komplexer,
nicht mehr nur kurze Feuerüberfälle. Es wurden raffinierte
Hinterhalte gelegt, deren Ziel es war, die deutschen Patrouillen
zu vernichten.210 Das PRT Kunduz ließ seinen Soldaten nun
mehr Handlungsspielraum, gestattete einer Kompanie, nachts
nach einem Feuerüberfall nachzustoßen. Für die Männer war
das befreiend, weil sie selber die Initiative ergreifen konnten
und sich nicht auf den Straßen wie »Moorhühner« beschießen
lassen mussten. Allzu forsche Offiziere, die es zu sehr darauf
anlegten, ein Feuergefecht zu provozieren, wurden aber zur
Vorsicht gemahnt. Die Sicherheit der Soldaten stand immer
obenan.211 Desperados waren die Kommandeure der PRTs
nicht – am allerwenigsten Klein.
Die Taliban hatten sich unterdessen durch ausländische
Freiwillige verstärkt, traten aggressiver auf und stellten sich
zum Gefecht. Es gab nun praktisch jede Woche Kämpfe.
Damit setzte auch eine Eskalation militärischer Gewalt ein.
Am 15. Juni 2009 fuhr eine Patrouille der Afghanischen
Nationalarmee (ANA) zusammen mit einem belgischen und
amerikanischen Mentoring Team ins Zweistromland – ein
Gebiet nördlich von Kunduz, das zu diesem Zeitpunkt von
Aufständischen beherrscht wurde. Das PRT Kunduz hatte
ausdrücklich davor gewarnt, aber die afghanischen Offiziere
ließen sich von den Deutschen wenig sagen. Auf dem
Rückweg geriet die ANA-Patrouille in einen Hinterhalt und
musste sich einigeln. Die Munition ging bald zur Neige, und
die Belgier baten in höchster Not um Unterstützung. Das PRT
schickte eine Kompanie der eigenen Soldaten zum
Gegenangriff und befahl zum ersten Mal einen scharfen
Einsatz aus der Luft. Ein amerikanisches Erdkampfflugzeug
662
AC-10 Thunderbolt beschoss mit seinen Bordkanonen und
Raketen die Aufständischen »heftig«.212 So wurde in letzter
Minute Schlimmeres verhindert. »Ohne unsere Kräfte wären
die ANA-Soldaten und die OMLT wohl aufgerieben worden«,
hielt ein deutscher Offizier fest, der damals vor Ort war. Ihm
war bewusst, dass nun eine Schwelle überschritten war.
»Haben wir gestern unsere Unschuld verloren und ist das PRT
Konzept am Ende?«, notierte er am Tag danach.213
Die Provincial Reconstruction Teams sollten Wiederaufbau
betreiben, demokratische Strukturen und Good Governance
fördern. Vom Einsatz einer tödlichen Waffe wie der
Thunderbolt, die ursprünglich einmal dafür entwickelt worden
war, sowjetische Panzerarmeen im Fulda Gap aufzuhalten, war
nie die Rede gewesen. Das Regional Command North forderte
vom PRT Kunduz, es möge aus der Umklammerung
ausbrechen und gezielt gegen die Spitzen der Aufständischen
vorgehen.214 Aber die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse
reichten dafür nicht aus. Das KSK nahm 2009 zwar auch
Talibanführer fest, aber im Raum Kunduz war dies noch nicht
gelungen. Klein und seine Offiziere waren sich darüber im
Klaren, dass es nur eine politische Lösung des Konflikts geben
konnte.215 Doch die lag außerhalb ihrer Möglichkeiten, zumal
sie noch nicht einmal den Kommandeuren der afghanischen
Sicherheitskräfte glaubten trauen zu können.
Dem PRT Kunduz blieb nichts anderes übrig, als zu
versuchen, mit seinen bescheidenden Kräften wenigstens die
Aufständischen in Schach zu halten und so gut es ging die
örtliche 2. Brigade der afghanischen Armee zu unterstützen.
Das war schwierig genug, denn man durfte die ANA nur
beraten, ihr aber keine Befehle geben. Und aus deutscher Sicht
war deren Vorgehen allzu dilettantisch. Die Afghanen griffen
oft ohne jede Koordination an, gerieten in Hinterhalte und
663
erlitten vermeidbare Verluste. Es gab zwar das erfahrene
belgische Mentoring Team, aber auch dessen Einfluss war
begrenzt, zumal der örtliche afghanische Kommandeur unter
hohem Druck des Gouverneurs in Kunduz und der Regierung
in Kabul stand. Die Führung des PRT Kunduz war aber nicht
gewillt, sich in halsbrecherische Aktionen hineinziehen zu
lassen und dabei die Sicherheit der eigenen Soldaten zu
riskieren.216 Man versuchte daher mit Engelsgeduld, das
gemeinsame Vorgehen abzustimmen, auf eine sorgfältige
Planung der Operationen zu drängen und so das Risiko zu
minimieren. Das Verhältnis blieb jedoch schwierig, weil die
Afghanen den Deutschen unablässig mangelnde Unterstützung
vorwarfen. Der Gouverneur beschwerte sich sogar in Kabul
über Klein.217
Der 23. Juni 2009 war wieder ein »sehr schlimmer
Tag«218. Eine deutsche Patrouille sicherte eine Operation des
KSK und geriet auf dem Rückweg ins Lager südwestlich von
Kunduz in einen Hinterhalt. Ein Transportpanzer Fuchs wich
dem Feuer aus, überschlug sich und stürzte in einen
Wassergraben. Vier Mann konnten sich mit Mühe aus dem
Fahrzeug retten, drei ertranken. Die Bergung zog sich über
Stunden
hin.
»Bange
Stunden
mit
weiteren
Hinterhaltdrohungen im Raum Polizeistation. Heute die
Stimmung im Lager und bei mir am Boden«, notierte ein
Offizier.219 Auf der Trauerfeier sprach Oberst Klein offene
und nachdenkliche Worte: »Ich fühle mit Entsetzen, Trauer
und Schmerz für unsere Kameraden. Ich fühle mich für ihren
Tod mitverantwortlich. Ich bitte Gott um Vergebung, dass es
mir nicht möglich war, ihr Leben zu erhalten. Ich bitte Gott
um Frieden für sie und Kraft für uns alle.«220 Trotz der
Vielzahl von Gefechten war der Tod von Kameraden niemals
eine Routineangelegenheit. Jeder Kommandeur wollte seine
664
Männer und Frauen unversehrt nach Hause bringen. Und das
PRT Kunduz hatte nun schon vier Tote und zahlreiche
Verwundete zu beklagen. Wie viele Männer würden in dem
Einsatz noch umkommen? Der einzige Hoffnungsschimmer
war in diesem Moment, dass das Lager seit siebzig Tagen
nicht von Raketen beschossen worden war.
Der Krieg ging unterdessen in einer Mischung aus
Zurückhaltung und Forcierung weiter. General Stanley
McChrystal, der neue amerikanische ISAF-Kommandeur,
änderte im Sommer 2009 die taktische Direktive, um Opfer in
der afghanischen Bevölkerung zu vermeiden und dafür die
»hearts and minds« zu gewinnen.221 Zugleich drängte er die
Deutschen aber, offensiver und aggressiver gegen die
Insurgents vorzugehen. Ähnlich widersprüchliche Signale
bekam das PRT Kunduz von deutscher Seite: Der
Verteidigungsminister und der Generalinspekteur mahnten zur
Vorsicht, und auch das Einsatzführungskommando in Potsdam
wollte kein allzu hohes Risiko eingehen, während das der
ISAF unterstehende Regional Command North auf offensivere
Einsätze drängte. Auch die Afghanen wollten, dass die
Bundewehr mehr kämpfte. Klein war in einer undankbaren
Sandwichposition. Operierte er vorsichtig, setzte er sich
Vorwürfen aus, zu passiv zu sein. Operierte er forscher und
gab es dabei womöglich Verluste, war der Protest aus dem
BMVg vorprogrammiert. Das PRT versuchte in dieser Lage
einen Kurs der Mitte zu steuern, Auftrag und Risiko in ein
vernünftiges Verhältnis zu setzen.
Immerhin wurden im Juli 2009 die Taschenkarten
angepasst, die jeder Soldat bei sich trug. Diese fassten auf
einer DIN-A4-Seite die neue deutsche Interpretation der ISAFEinsatzregeln zusammen. Man erlaubte nun auch offensive
Aktionen gegen die Aufständischen und nicht mehr nur die
665
Abwehr eines unmittelbaren Angriffs.222 Der Bundesregierung
fiel dieser Schritt hin zu einer aktiveren Gefechtsführung
überaus schwer, er war Teil eines quälend langsamen
Prozesses, sich den Realitäten zu stellen. Dazu gehörten auf
symbolischer Ebene auch die Stiftung der Tapferkeitsmedaille
(2008) und die Errichtung eines Ehrenmals für die ums Leben
gekommenen Bundeswehrangehörigen (2009). Letzteres
wurde gegen teilweise erbitterten Widerstand innerhalb und
außerhalb des Verteidigungsministeriums durchgesetzt.223 Im
Juni 2009 sagte Minister Jung dann erstmals, dass man sich in
einem Kampfeinsatz befinde, im Oktober sprach er erstmals
von »Gefallenen«.224
Gewiss war die Lage im Norden Afghanistans auch im
Sommer 2009 viel ruhiger als im hart umkämpften Süden und
Osten des Landes. Aber eine ehrliche, offene
Auseinandersetzung mit der Situation vermied das politische
Berlin trotz Änderung der Taschenkarte und symbolpolitischer
Zugeständnisse nach wie vor. Die Gründe lagen auf der Hand:
Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan war bei der deutschen
Bevölkerung unbeliebt. In einer Umfrage vom Juli 2009
sprachen sich 69 Prozent der Befragten dafür aus, die
deutschen Truppen zurückzuholen.225 Man verstand Sinn und
Zweck nicht und glaubte kaum, dass die »deutsche Sicherheit
am
Hindukusch
verteidigt«
werde,
wie
SPDVerteidigungsminister Peter Struck einst provokant formuliert
hatte. Kanzlerin Merkel hatte den Einsatz von ihrem
Vorgänger geerbt, und Sicherheitspolitik stand nicht im
Zentrum ihres Interesses. Franz Josef Jung wiederum gelang
es nicht, der Bevölkerung den strategischen Sinn des Einsatzes
zu erklären. Wie der Teufel das Weihwasser scheuten er und
seine Kabinettskollegen den Begriff »Krieg«. Das hatte
einerseits juristische Gründe: Völkerrechtlich umschreibt der
666
Begriff Krieg den Konflikt zweier Staaten, und das passte auf
die Vorgänge in Afghanistan offensichtlich nicht. Andererseits
war die Haltung der Regierung psychologisch bedingt. Bei
dem Schlagwort Krieg dachten die Deutschen an Stalingrad
und Auschwitz, an massenhaften Tod und vor allem an
Verbrechen. Diese Assoziationen wollte man unbedingt
vermeiden, um die erneute Verlängerung des ISAF-Mandats
durch den Bundestag nicht zu gefährden. Auch wollte sich die
CDU/CSU angesichts kommender Wahlen nicht als
Kriegspartei verunglimpfen lassen.
Die Soldaten empfanden den Eiertanz um das K-Wort als
Begriffsklauberei, reagierten mit Unverständnis, dass allzu
lange von »getöteten« Soldaten und nicht von »Gefallenen«
die Rede war. Für sie herrschte in Kunduz Krieg.226 Doch die
Logik der Kampftruppen war mit dem Selbstbild der Republik
nicht vereinbar. Daher hatte sich das Verteidigungsministerium
auch lange gegen die Verlegung schwerer Waffen nach
Afghanistan gewehrt. Erst unter dem Druck der Ereignisse
gaben der Minister und der Generalinspekteur nach und
verlegten 2006 eine Handvoll Schützenpanzer und 2008 auch
Mörser an den Hindukusch. 2010 folgten Panzerhaubitzen und
2013 sogar Kampfhubschrauber. Anders als die Kanadier
verzichtete man aber auf Kampfpanzer, wobei sich die
deutschen Offiziere selbst nicht einig waren, ob man diese
angesichts der Geländeverhältnisse in ihrem Gebiet überhaupt
sinnvoll einsetzen konnte. Die Debatte darüber lief schon seit
2002.227
In Kunduz war die vordringlichste Aufgabe, die örtliche
Sicherheitslage so zu stabilisieren, dass am 20. August 2009
die afghanische Präsidentschaftswahl durchgeführt werden
konnte. Für die westliche Allianz wäre es einer
Bankrotterklärung gleichgekommen, wenn der Wahlgang
667
aufgrund der schlechten Sicherheitslage hätte verschoben
werden müssen. Die Bundeswehr unterstützte daher mit allen
verfügbaren Kräften die Operation Oqab (Adler), bei der mehr
als 800 afghanische Soldaten versuchten, die Aufständischen
zumindest vorübergehend aus dem Raum Kunduz zu
vertreiben. Gleich zu Beginn der Operation, am 19. Juli, gab
es heftige Kämpfe. Die ANA hatte mehrere Tote und
Verwundete zu verzeichnen, und zum ersten Mal setzten die
deutschen Schützenpanzer Marder ihre 20-mm-Kanonen
ein228, schossen auch die 120-mm-Mörser scharf. Zudem
gaben die Deutschen erstmals einer US-Predator-Drohne den
Feuerbefehl. Deren Hellfire-Raketen töteten bis zu zwanzig
Taliban. Doch der afghanischen Armee reichte das alles nicht.
Oberst Abdul Wakil, der örtliche Brigadekommandeur, warf
der Bundeswehr immer noch Zögerlichkeit und mangelnde
Unterstützung vor. Von den abenteuerlichen Absichten der
afghanischen Armee, die Deutschen gegen einen zur
Verteidigung vorbereiteten Feind anrennen zu lassen, wollte
die PRT-Führung verständlicherweise nichts wissen. Empört
notierte ein Offizier im Eifer des Moments in sein Tagebuch,
Oberst Wakil sei ein »ahnungsloser Idiot«. Und: »Ist es dieses
Land wirklich wert?«229 Über ein Security Meeting notierte er:
»Längliche Vorstellung, wo überall Feind sei: eigentlich
überall. Keine Priorisierung, keine Vorschläge. Danach
dreieinhalb Stunden wilde Diskussion über mögliche kleine
und große Operationen, ohne dass ein Wort über verfügbare
Kräfte fällt. Großer Blick an uns und dann die Forderung, wir
sollten endlich heftig bombardieren.«230
Immerhin konnten die Präsidentschaftswahlen im Raum
Kunduz einigermaßen geordnet über die Bühne gebracht
werden. Präsident Karzai wurde im Amt bestätigt, aber es
hatte massiven Wahlbetrug gegeben. Vom einstigen Ziel der
668
ISAF, belastbare demokratische Strukturen aufzubauen und
Good Governance zu fördern, war man im achten Jahr des
Einsatzes weiter entfernt denn je. Und obwohl die Taliban im
Kampf gegen die afghanische Armee und die Bundeswehr
nicht unerhebliche Verluste erlitten, erlahmte ihre Kraft nicht.
Sie erhielten einen nicht versiegenden Nachschub an
Kämpfern aus dem Süden des Landes und aus Pakistan.
Freilich: Gemessen an der Bevölkerungszahl war die Zahl der
aktiven Insurgents gering. Im ganzen Norden waren es wohl
nie mehr als 2000 – verteilt auf eine Region knapp halb so
groß wie die Bundesrepublik. In der Region um Kunduz waren
es vielleicht 600. Ihnen kam zugute, dass es keine einheitliche
Strategie der afghanischen Armee, der Polizei und des
Geheimdienstes sowie der ISAF gab und sie in den Provinzen
rund um Kunduz sichere Rückzugsorte fanden, von denen aus
sie jederzeit zuschlagen konnten.
Der Kommandeur des Regional Command North,
Brigadegeneral Jörg Vollmer, stand vor dem klassischen
Dilemma, das die Aufstandsbekämpfung mit sich bringt:
Einerseits mussten zivile Opfer vermieden werden, weil sonst
jeder Rückhalt in der einheimischen Bevölkerung verloren
ging, zumal die Mehrheit der Menschen in der Provinz
Kunduz vom Krieg genug hatte und nur in Frieden leben
wollte. Andererseits musste man zeigen, dass man in der Lage
war, für Sicherheit zu sorgen. Die Aufbauhelfer sollten sich
frei bewegen können, ohne ständig Anschläge befürchten zu
müssen. Nur so konnte das Vertrauen in die staatlichen
Instanzen wachsen. Vollmer wusste, dass die afghanischen
Polizeikräfte dringend verstärkt werden mussten, damit der
noch schwache Staat in der Fläche präsenter sein und in den
von den Deutschen freigekämpften Gebieten dauerhaft für
Sicherheit sorgen konnte. Doch darum stand es schlecht. 2008
669
hatte die afghanische Regierung gar Polizisten abgezogen und
in den heiß umkämpften Süden verlegt. Vollmer forderte daher
2500 zusätzliche afghanische Polizisten. Diese sollten notfalls
von den Deutschen bezahlt werden, da es Kabul offenbar am
nötigen Willen und an den Finanzmitteln fehlte.231 Doch der
Vorschlag wurde von der Bundesregierung lapidar
beiseitegewischt. Immerhin konnte das Partnering, also die
Ausbildung und der gemeinsame Einsatz mit der afghanischen
Armee, intensiviert werden. Und die Bundeswehr verstärkte
ihre Kräfte, operierte nun mit drei Kompanien, um örtlich ihre
Gegner in die Defensive zu drängen. Dabei wurde erstmals
auch die Panzerabwehrrakete Milan gegen Stellungen der
Taliban eingesetzt, und ein amerikanischer B-1-Bomber warf
500-Pfund-Bomben ab.232
Von April bis September 2009 hatte es im Raum Kunduz
87 Sicherheitszwischenfälle gegeben233, wie es im
Bundeswehrdeutsch hieß. Dabei wurde das gesamte
verfügbare Waffenarsenal eingesetzt, und man glaubte etwa
120 Aufständische getötet zu haben. Manches ging schief,
Patrouillen verfuhren sich, und zuweilen schossen ANA und
Bundeswehr
versehentlich
aufeinander,
wobei
es
glücklicherweise keine Verluste gab. Das gehörte zum Chaos
des Krieges dazu, trotz allen Hightechs, mit dem man
ausgerüstet war. Insgesamt hatte die Bundeswehr aber große
Professionalität bewiesen. Fünf Feldwebel bekamen sogar die
Tapferkeitsmedaille verliehen. Die Führung des PRT Kunduz
lobte die große Ernsthaftigkeit bei den Befehlsausgaben und
hob hervor, dass alle an einem Strang gezogen hatten, die
Infanteristen ebenso wie die Instandsetzung, die oft nächtelang
durcharbeitete,
um
die
beschädigten
Fahrzeuge
wiederherzustellen. Die Kommandeure sahen die Anstrengung
in den Gesichtern ihrer Soldaten, wenn die Patrouillen ins
670
Lager zurückkehrten, bemerkten auch die Angst mancher, die
in laufende Gefechte geschickt wurden und wussten, dass sie
um ihr Leben würden kämpfen müssen. Allmählich hatte sich
das ganze Lager an den Krieg gewöhnt. Bald schreckte
niemand mehr auf, wenn irgendwo geschossen wurde. Der
Kampf, der Beschuss, die Lebensgefahr gehörten zum
Alltag.234
Am 3. September operieren nordwestlich, nördlich und östlich
von Kunduz alle verfügbaren Kräfte des PRT. Zurück bleibt
nur die Schutzkompanie, um das Lager zu sichern. Dort hat
man kein gutes Gefühl dabei, sich so zu verzetteln, muss aber
den Befehlen gehorchen. »Hoffentlich geht das alles gut!«,
notiert ein Offizier in sein Tagebuch.235 Eine Kompanie gerät
bald in einen Hinterhalt. Es gibt vier Schwerverwundete,
sieben Fahrzeuge werden beschädigt, eines brennt nach
Treffern von Panzerfäusten aus.236 In der Operationszentrale
stehen die Männer in den Abendstunden unter dem Eindruck
der Meldungen über die Kämpfe und der Sorge, die Soldaten
am nächsten Tag heil ins Lager zurückzuholen. Da trifft die
Nachricht ein, dass zwei Tanklaster entführt worden sind, die
sich auf einer Sandbank im Kunduz-Fluss festgefahren haben.
Erst verfolgt man das Geschehen mit Drohnen, doch bald
bricht die Aufklärung ab. Um 00:15 Uhr entdeckt ein
amerikanischer B-1-Bomber die beiden Sattelzüge. Auf den
Bildern der Luftüberwachung sieht Georg Klein, wie
Menschen offenbar Benzin abzapfen und auf Pick-ups
verladen. Er befürchtet, dass es den Taliban gelingen könnte,
die Laster wieder flottzumachen. Erst wenige Tage zuvor war
in Kandahar mit einem Tanklaster ein Attentat im
Stadtzentrum verübt worden, wobei 47 Menschen starben.
Kleins Männer dringen darauf, die Fahrzeuge aus der Luft
zu zerstören. Ein Informant am Boden, so heißt es später, gibt
671
die Nachricht durch, dass nur Taliban auf der Sandbank
versammelt seien. Klein wartet. Die B-1 muss aus Spritmangel
bald abdrehen. Erneut wird Luftunterstützung angefordert. Um
01:08 Uhr erscheinen zwei amerikanische F-15-Jagdbomber
und kreisen über der Furt. Klein muss sich entscheiden.
Weitere Luftunterstützung steht nicht zur Verfügung. Befiehlt
er keinen Bombenabwurf, könnte es den Aufständischen
womöglich gelingen, die Tanklaster flottzumachen und
irgendwo zu verstecken. Später wird man ihn fragen, warum er
seine Schutzkompanie nicht rausgeschickt habe, um die Lage
zu klären. Doch es ist stockdunkle Nacht. Die Furt ist zwar nur
sieben Kilometer entfernt, aber schwer zu erreichen, das
Gelände ist unübersichtlich, gilt als »Indianerland«. Bei einem
Bombenangriff gibt es kein Risiko für die eigenen Männer,
und die Gefahr von zivilen Opfern scheint auch nicht gegeben.
Das Ziel liegt auf einer Sandbank mitten im Fluss, das nächste
Dorf ist knapp einen Kilometer entfernt. Der ideale Ort für
einen Luftschlag, denkt Klein.237 Er nutzt seinen
Handlungsspielraum maximal aus. In den Rules of
Engagement und den Standard Operation Procedures der ISAF
sind die Regeln für den Bombenabwurf nicht eindeutig
beschrieben. Man kann sie so auslegen, dass ein solcher nicht
nur bei direktem Feindkontakt (troops in contact), sondern
auch bei akuter Bedrohung, einem imminent threat, erfolgen
kann. Darauf beruft sich Klein.238 Um 01:49 Uhr befiehlt er
den Angriff. Die US-Piloten werfen daraufhin zwei 227 kg
schwere lasergesteuerte Bomben ab, die ihr Ziel punktgenau
treffen.
Wie viele Menschen bei dem Angriff starben, ist bis heute
umstritten. Die Flugzeuge meldeten 56 Tote und vierzehn
Flüchtende. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe, der ein
Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen eröffnet
672
hatte, sprach in seinem abschließenden Bericht davon, dass
»insgesamt von etwa 50 Toten und Verletzten auszugehen ist.
Ein Abgleich der Namen auf den vorhandenen Listen ergibt
zudem, dass sich nur ungefähr 50 Personen durchgängig
wiederfinden.«239 Entschädigungen wurden für 91 Tote und
elf Schwerverletzte gezahlt.240 Wer von den Getöteten zu den
Taliban gehörte, ließ sich nicht mehr ermitteln. Die
Auswertung des Generalbundesanwalts sprach von zwei
namentlich bekannten Talibanführern, Kämpfern, aber auch
Zivilisten aus den umliegenden Dörfern. Letztere waren von
den Aufständischen aufgefordert worden, Benzin abzuzapfen.
Die Liste der Afghan Human Rights Commission verzeichnete
gar 22 Kinder unter 15 Jahren.
Die Reaktionen der offiziellen afghanischen Stellen auf
den Luftschlag waren positiv.241 Der Gouverneur von Kunduz
beispielsweise, Mohammed Omar, hatte immer wieder Härte
und Entschlossenheit von den Deutschen gefordert. Jetzt
endlich, so hieß es, habe die Bundeswehr etwas gemacht. Der
amerikanische ISAF-Kommandeur General McChrystal
hingegen ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, die
Deutschen, die die Amerikaner für ihr robustes Vorgehen
immer kritisiert hatten, vorzuführen. Am 5. September
besuchte er den Ort des Geschehens, sprach von schweren
Fehlern, die nicht hätten passieren dürfen. Damit war die
Affäre in der Welt. Das Informationsmanagement des
Verteidigungsministeriums war unglücklich, die Presse spießte
widersprüchliche Angaben genüsslich auf. Der Spiegel schrieb
später von einem »deutschen Verbrechen«.242 Zahlen von bis
zu 142 toten Zivilisten machten die Runde. Bald ging es nur
noch um die Frage: Wer ist schuld? Alle Blicke richteten sich
auf Oberst Klein. Aber auch der Kommandeur des Regional
Command North, Jörg Vollmer, der Befehlshaber des
673
Einsatzführungskommandos,
Rainer
Glatz,
der
Generalinspekteur und der Minister mussten sich kritischen
Fragen stellen. Minister Jung trat im November zurück und
übernahm die politische Verantwortung für die unklare
Kommunikation.
Es
folgten
ein
parlamentarischer
Untersuchungsausschuss243 und besagte Ermittlungen des
Generalbundesanwalts. Klein wurde von allen Vorwürfen
freigesprochen.244 Eine der entscheidenden Fragen war, ob er
wusste, dass sich auf der Sandbank nicht nur Taliban, sondern
auch Zivilisten, darunter Kinder, befanden. Er verneinte das
entschieden, ebenso wie alle Zeugen dieser Nacht, und das
Gegenteil konnte nicht bewiesen werden. Die kritischen
Stimmen wiesen darauf hin, Klein habe damit rechnen
müssen, dass Zivilisten vor Ort waren; auch hätten die
festgefahrenen Tanklaster keine Gefahr für das deutsche Lager
dargestellt, weshalb der Bombenangriff nicht angemessen
gewesen sei.245 Doch letztlich war der Vorfall ein tragischer
Irrtum, wie er trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nie
ausgeschlossen werden kann. In Deutschland aber tat man sich
schwer, dieser Realität des Krieges ins Auge zu sehen. Im
Untersuchungsausschuss wichen die Parlamentarier der
eigentlich entscheidenden Frage aus, was der Vorfall über den
Charakter der Bundeswehrmission aussagte, die sie selbst
beschlossen hatten. Noch im April 2009 hätte Klein den
Bombenabwurf gewiss nicht angeordnet. Doch nach fünf
Monaten Krieg erschien ihm dieser Befehl in der spezifischen
Situation der Nacht des 3./4. September angemessen.
Ende September 2009 übernahm Oberst Kai Rohrschneider
in Kunduz das Kommando. Seine Stabsoffiziere und er waren
zu Beginn wenig hoffnungsvoll. Die Mitarbeiter der
internationalen Hilfsorganisationen verließen die Stadt nicht
674
mehr, weil die Lage auf dem Land zu unsicher war.
Entwicklungshelfer gelangten nur noch per Flugzeug von und
nach Kunduz. So konnte kein Vertrauen in die staatlichen
Instanzen gefördert werden, vom hehren Ziel, demokratische
Strukturen aufzubauen, ganz zu schweigen. Rohrschneider
musste nun alles daransetzen, die Kontrolle über die Provinz
zurückzugewinnen. Doch in seinem Stab war man sich
unschlüssig, wie es gelingen sollte, die Aufständischen aus der
Provinz Kunduz herauszudrängen. »Die Afghanen wünschen
mehr Härte, aber wie soll das geschehen, gerade nach dem
Luftangriff? Wenn wir über einen Hinterhalt informiert
werden, sollen wir trotzdem hinfahren und versuchen, die
Initiative zu gewinnen? Eine taktisch ebenso schwierige Frage
wie ein ethisches Dilemma«246, notierte einer der Offiziere in
sein Tagebuch. Nach wie vor war die Lage undurchsichtig:
»Unklare Fronten, wechselnde Positionen und individuelles
Streben nach Vorteilen und allgegenwärtige Unaufrichtigkeit
kennzeichnen die Lage. […] Die Bevölkerung verbleibt passiv,
hat kein Vertrauen zu irgendwem«247, bemerkte er weiter. Man
wusste, dass der langjährige Gouverneur der Provinz Kunduz,
Mohammed Omar, Beziehungen zum organisierten
Verbrechen und zu den Aufständischen hatte. Er war ein
bedeutender lokaler Machthaber, der eine sehr persönliche
Agenda verfolgte. Maßnahmen gegen die Talibanstrukturen
verzögerte, verriet oder verhinderte er.
Der Luftschlag von Kunduz hatte den Insurgents offenbar
nicht unerhebliche Verluste zugefügt. Spezialkräfte der
Amerikaner setzten die Islamisten in den Wochen danach
erheblich unter Druck, töteten unter anderem einen ihrer
höchsten Anführer. Abgehörte Telefonate zeigten, dass sie in
Angst vor den nächtlichen Zugriffen lebten. Dann nahmen
östlich von Kunduz lokale Milizen die Sache selbst in die
675
Hand und erhoben sich gegen die Taliban, töteten oder
vertrieben ihre Anführer – eine durchaus zweischneidige
Situation, zumindest aus Sicht der legalistisch denkenden
Deutschen. Das staatliche Sicherheitsmonopol wurde so
untergraben, denn mit ein- bis zweitausend Mann waren die
Milizen stärker als die afghanische Armee und Polizei.248
Aber für den Moment hatten sie den Taliban einen schweren
Schlag versetzt.
Die lokalen Eliten der Region Kunduz glaubten im Herbst
2009 an einen Wandel, hofften auf die Rückkehr der
Sicherheit. Das ISAF-Hauptquartier in Kabul und das
Regional Command North drängten die Bundeswehr zu
aktiverem Vorgehen, sprachen von »angreifen«, »offensiv«
und »gewinnen«. Doch in Berlin sah man das ganz anders.
Generalinspekteur Schneiderhan mahnte zur Vorsicht, zur
Vermeidung aller unnötigen Risiken. Dass mancher deutsche
Offizier eher in den Kategorien der amerikanischen
Counterinsurgency Strategy dachte, behagte ihm gar nicht. So
befand sich das PRT Kunduz nach wie vor in einer
Sandwichposition. Einer der Offiziere notierte: »Angreifen
werden wir nicht. Es wäre auch taktisch Unsinn.« Dahinter
stand die Einschätzung, dass ein Vorstoß nur etwas brachte,
wenn man das Gelände auch behaupten konnte. Sich nach
einer Schießerei wieder ins Lager zurückzuziehen, schien
wenig zielführend, weil die Afghanen das als Niederlage
deuten würden.
Die Aufmerksamkeit der Bundeswehr richtete sich in den
folgenden Monaten ganz auf den problematischen Distrikt
Char Darah westlich von Kunduz. Man wusste zwar, dass das
Dorf Isa Khel einen Hotspot der Taliban beherbergte, war aber
gegen dieses Zentrum der Aufständischen nie konsequent
vorgegangen. Das lag gewiss auch an den afghanischen
676
Sicherheitskräften – Armee, Polizei und Geheimdienst –, die
alle ihre eigenen Ziele verfolgten und es oftmals an
Entschlossenheit fehlen ließen. Eine solche Operation hätte
nur Sinn gemacht, wenn diese dort anschließend die Kontrolle
übernommen hätten. Doch die ANA war dazu nach wie vor
nicht bereit, und die Polizei war für eine dauerhafte Präsenz in
dem Unruhedistrikt viel zu schwach.
So blieb den Deutschen nur eine Politik der kleinen
Schritte. Langsam jedoch gewann die Bundeswehr, die im
Raum Kunduz bald vier Infanteriekompanien einsetzen
konnte, die Kontrolle zumindest über Teile von Char Darah.
Man besetzte das Polizeihauptquartier, dann auch die Höhe
431, führte zahlreiche Gefechte gegen die Aufständischen. Es
gab einige Verwundete, aber keine Toten. Dass man die
Taliban nicht entscheidend schwächen konnte, hatte viele
Ursachen. Die Bundeswehr war nur ein Player von vielen, eine
wirkliche Koordination gab es nicht. Neben den afghanischen
Sicherheitskräften
gehörten
auch
amerikanische
Spezialkräfte249 dazu, die nachts mit wechselndem Erfolg Jagd
auf Taliban machten. Von deren Aktionen wussten die
Deutschen oft nichts und wunderten sich, dass amerikanische
Flugzeuge zu deren Unterstützung massive Angriffe auch auf
Dörfer flogen, wo doch ihr Befehlshaber McChrystal sie nach
der Bombardierung der Tanklaster so gerüffelt hatte. Oft
wurde das PRT Kunduz erst informiert, wenn etwas
schiefging. Als beispielsweise eines der Delta Force Teams in
eine Sprengfalle geriet, musste die Bundeswehr rasch
ausrücken, um vier schwer verwundete Amerikaner und ihr
Fahrzeug mitten im »Indianerland« zu bergen. »Wir sind hier
mittlerweile die Kavallerie, die immer kommt, um zu retten,
wenn alles versagt hat«250, notierte ein Offizier. Zuweilen
gerieten die amerikanischen Elitekrieger sogar mit ihren
677
Verbündeten aneinander. Ein Team der US Special Forces
etwa ignorierte einen Kontrollpunkt deutscher Fallschirmjäger,
pöbelte sie an, bedrohte und bespuckte die Männer, die sich
aber nicht provozieren ließen. Mit anderen Teams arbeitete die
Bundeswehr indes gut zusammen.251
Der Einsatz amerikanischer Spezialkräfte war Teil der USStrategie, um möglichst gezielt die Köpfe des Widerstands
»herauszunehmen«, wie es in der Militärsprache hieß. Die
Bundeswehr war da viel zurückhaltender. Hatten Soldaten des
PRT Kunduz Aufständische gestellt, war ihr vornehmliches
Ziel nicht, diese zu töten oder gefangen zu nehmen. Die
Befehle sahen vielmehr vor, die Taliban zu verdrängen. So
sollte der Bevölkerung gezeigt werden, dass man Herr der
Lage war. Solange die Taliban nicht in selbstmörderischen
Angriffen auf die Deutschen zustürmten, und das taten sie im
Winter 2009/10 nach den blutigen Erfahrungen im Sommer
nicht mehr, waren die Verluste der Aufständischen gering. Ein
typisches Scharmützel ereignete sich am 11. Dezember 2009.
Eine deutsche Fußpatrouille wurde von Aufständischen
beschossen, das Feuer wurde erwidert. Vom Feldlager aus
schossen 120-mm-Mörser mit Leuchtmunition, was
ungefährlich war, aber Eindruck machte. Der »Gegner«, so
wurde gemeldet, wich daraufhin auf drei Motorrädern und in
einem Auto aus. »Ganz im Kleinen ein Erfolg«, hieß es im
Stab. In den ISAF-Einsatzregeln hieß es eigentlich: »Pursue
relentlessly, but protect civilian lives.« Die Anweisung zur
unerbittlichen Verfolgung übernahmen die Deutschen offenbar
nicht. Gewiss war es richtig, die Zivilbevölkerung zu schonen
und Verluste der eigenen Truppen zu vermeiden. Und doch ist
zu fragen, wie eine gewaltgesättigte afghanische Gesellschaft
es wohl wahrnahm, dass sich die Bundeswehr zumeist
ergebnislos mit Aufständischen herumschlug. So war es schon
678
ein außerordentliches Ereignis, als die Deutschen einmal
glaubten, sieben Taliban getötet zu haben. »Das wären recht
starke Verluste, aber bringt nicht wirklich weiter«252, bemerkte
ein Offizier ehrlicherweise. Den Kompaniechefs der Infanterie
war das zu wenig. Sie drängten auf ein aktiveres Vorgehen,
wollten die »Indianerdörfer« einnehmen. Aus ihrer Sicht fehlte
vor allem in Berlin der Wille zum Erfolg.
Doch dem PRT-Kommandeur waren die Hände gebunden.
Es scheiterte schon daran, dass es keine Hubschrauber gab, um
Verwundete schnell auszufliegen oder überraschend in Char
Darah zu erscheinen. Ohne diese Unterstützung waren allzu
aggressive Operationen viel zu riskant. Von der gängigen
COIN-Strategie Shape–Clear–Hold–Build erfüllte man also
nur das Shape, die Identifizierung des Gegners und seiner
Bedrohung. Clear – Säubern – konnte man mit den
verfügbaren Kräften nur sehr bedingt. Schließlich mahnte auch
das Einsatzführungskommando in Potsdam zur Vorsicht. In
Kunduz notierte ein Offizier in sein Tagebuch: »Offensichtlich
treibt alle die Sorge vor irgendwelchen Schlagzeilen in
Deutschland um. So kann man keinen Krieg führen, bei allem
Verständnis für politische Aspekte. Ich glaube auch nicht, daß
man in Potsdam glaubt, einen Krieg zu führen.«253 Nach dem
Bombenangriff auf die beiden Tanklaster war zudem der
Genehmigungsweg der Luftunterstützung so langwierig
geworden, dass man in Kunduz meinte: »Effektiv handeln
kann man so kaum.«254
Und doch war der amerikanische Botschafter in Berlin,
Philip Murphy, mit den deutschen Soldaten zufrieden. Auf
einem Truppenbesuch im Januar 2010 in Afghanistan gewann
er einen positiven Eindruck. Die deutschen Truppen seien
zunehmend »offensive minded«, und die Bundeswehr sei »a
679
far cry from the static, defensively oriented territorial army of
20 years ago«255.
Rückschläge, Erfolge, Abzug – 2010 bis 2014
Im März 2010 nahmen die Taliban-Aktivitäten wieder zu,
Kämpfer und Kommandeure kehrten aus Pakistan in die
Region Kunduz zurück. Die Stadt Kunduz und die großen
Verbindungsstraßen waren zwar einigermaßen sicher, aber ein
großes Problem war nach wie vor der Distrikt Char Darah,
insbesondere dessen südlicher Teil, wo die Bundeswehr
wieder »harte Tage« erlebte. Das PRT Kunduz hatte es also
während des ruhigeren Winterhalbjahres trotz einer
Personalstärke von rund 1000 Mann nicht geschafft, die
Taliban-Kommandeure und ihre vielleicht 100 Gefolgsleute
aus Isa Khel und Umgebung zu vertreiben. Kein deutscher
Soldat hatte je seinen Fuß in den Ort gesetzt, der gerade
einmal fünf Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt
lag.256 Die Kräfte waren zu schwach, um zeitgleich das
Feldlager und den Flughafen zu sichern, die wenigen
Verbindungsstraßen zu kontrollieren und mit Überlegenheit
und vor allem dauerhafter Präsenz gegen die Aufständischen
zu operieren. Die Forderungen nach Hubschraubern, mehr
Pionierfähigkeiten und dem Einsatz weitreichender Artillerie
wurden nicht erfüllt. Selbst das KSK war in Isa Khel ohne
Hubschrauber mit seinem Latein am Ende.
Der Einsatz blieb daher vorsichtig und langsam. Gerade
bei größeren Operationen war der Abstimmungs- und
Bürokratieaufwand enorm. Selbst die taktische Unterstützung
mit 120-mm-Mörsern musste kompliziert beim Regional
Command North genehmigt werden, auch wenn es nur um
einen einzigen Schuss ging. Mit Schnelligkeit und
Auftragstaktik hatte das alles nichts zu tun. So mussten die
Deutschen im Frühjahr 2010 eine sehr nüchterne Bilanz
680
ziehen. Der schwammig formulierte offizielle Auftrag der
ISAF lautete: »Protect the population while extending the
legitimacy and effectiveness of the Government and
decreasing the effectiveness of the insurgent elements.« Die
Bundeswehr hatte sich redlich bemüht, diesen Auftrag
auszuführen. Doch die Ereignisse am Karfreitag 2010 zeigten
ihr schonungslos die Grenzen auf.
Der neue Kommandeur Reinhardt Zudrop hatte am 29.
März 2010 das Kommando in Kunduz übernommen. Vier
Tage später rückte eine frisch nach Afghanistan verlegte
Fallschirmjägerkompanie in den Unruhedistrikt Char Darah
aus. Zwei Wochen zuvor hatte sie sich in der Nähe von Isa
Khel bereits ein mehrstündiges Feuergefecht mit den Taliban
geliefert und dabei ihre Feuertaufe bestanden. Wenige Tage
später gelang es einem Dutzend Soldaten, zu Fuß in den Vorort
der Rebellenhochburg vorzudringen und die Lage aufzuklären.
Am Karfreitag, dem 2. April, rückte dann der Golf-Zug, rund
dreißig Mann, wieder in den Vorort vor und wollte die
Zufahrtsstraße von Sprengfallen räumen, um sich ungehindert
mit Fahrzeugen in Richtung des Dorfes bewegen zu können.
Man wusste, dass mit heftigem Widerstand der Taliban zu
rechnen war, ging das Risiko aber ein. Bei der
Erkundungsmission war schließlich alles gut gegangen. Doch
nun war alles anders. Die Männer gerieten in einen gut
vorbereiteten Hinterhalt. Ein heftiges Feuergefecht entbrannte,
rasch war die ganze Kompanie in Gefahr. »Zeitweise glaubte
ich nicht«, erinnerte sich ein Oberleutnant, »dass wir dort
wieder rauskommen.«257 Stundenlang zogen sich die Kämpfe
hin. Schlimm stand es insbesondere um den exponierten GolfZug. Die Männer verteidigten sich tapfer und zeigten, dass sie
zu kämpfen verstanden. Aber sie hatten drei Gefallene und
sieben Verwundete. Als sich die Soldaten vom Feind lösten,
681
wurde einer ihrer Dingos angesprengt und musste
zurückgelassen werden. Schließlich traf Verstärkung ein, die
Verwundeten wurden von amerikanischen Helikoptern in einer
dramatischen Rettungsaktion ausgeflogen, die Taliban aus der
Luft niedergehalten, sodass sich das Blatt wendete. Alle
Positionen im südlichen Char Darah, die Höhen 431 und 432
sowie das Polizeihauptquartier, konnten zwar gegen
angreifende Taliban gehalten werden. Der Vorstoß in Richtung
Isa Khel aber war gründlich missglückt.258 Die Kompanie
hatte die Taliban unterschätzt. Allerdings gab es zuvor und
auch danach Operationen, die weit risikovoller angelegt waren
und bei denen nichts passierte, Sprengfallen nicht detonierten,
feindliche Geschosse die Soldaten nur ganz knapp verfehlten.
Viele deutsche Einheiten hatten es in Afghanistan nur dem
Zufall zu verdanken, dass sie keine Verluste hatten. An diesem
2. April hatten die Soldaten kein Glück.
Das Karfreitagsgefecht war eine Niederlage, und der Tod
von drei Kameraden wog schwer. Die Aufregung in den
deutschen Medien war dementsprechend groß. Selbst die
Kanzlerin wurde im Einsatzführungskommando in Potsdam
ausführlich über den Vorfall informiert. Vor Ort rauften sich
die Männer bald zusammen, sprachen über die Dienstgrade
hinweg offen über das Erlebte. Sie alle waren Fallschirmjäger,
wollten kämpfen, sich beweisen. Niemand von ihnen wollte
sich verstecken. Die Kohäsion der Primärgruppen blieb intakt,
und nach einer Woche war die Kompanie wieder auf Patrouille
draußen. Während in Deutschland die Skepsis über den Sinn
des Einsatzes wuchs, mahnte die militärische Führung – wie
immer in solchen Fällen – zu größerer Vorsicht und
Zurückhaltung, um nicht noch weitere Verluste zu riskieren.
Besonders gravierend war, dass an jenem Karfreitag
deutsche Panzergrenadiere auf dem Weg zum Schlachtfeld
682
versehentlich ein Fahrzeug der ANA beschossen und sechs
afghanische Soldaten getötet hatten. Die Empörung der
Afghanen war so groß, dass am Abend nur mit Mühe eine
gewaltsame Eskalation verhindert werden konnte. Auch wenn
die Deutschen keine Schuld traf, war der Vertrauensverlust
immens. In den kommenden Monaten lagen die gemeinsamen
Operationen erst mal auf Eis. An ein weiteres Zurückdrängen
der Taliban war so nicht zu denken. Es ging fortan vor allem
darum, zumindest das bislang Erreichte zu halten, zumal sich
südlich von Kunduz im Raum Baghlan ein weiterer
Schwerpunkt der Taliban-Aktivitäten gebildet hatte. Nur zwei
Wochen nach dem Karfreitagsgefecht starben dort vier weitere
deutsche Soldaten.259
Die Bundesregierung stand nun vor einem Dilemma. Sie
hatte eine handfeste militärische Auseinandersetzung immer
vermeiden wollen und sich erfolgreich dagegen gewehrt,
Truppen in den Süden zu schicken. Doch nun war der Krieg
mit Wucht in den Norden gekommen und schien kein Ende zu
nehmen. Sich jetzt aber aus dem Staub zu machen hätte die
Reputation schwer beschädigt, zumal Briten, Kanadier und
Amerikaner viel schwerere Gefechte und ungleich höhere
Verluste zu verkraften hatten – von den dramatischen
Ausfällen bei den afghanischen Sicherheitskräften ganz zu
schweigen.260 Man musste diese Herausforderung annehmen,
wenn man weiter auf der internationalen Bühne mitspielen
wollte.
Präsident Barack Obama hatte die amerikanischen Verbände
auch im Norden Afghanistans massiv verstärken lassen, und
neben den deutschen Kompanien lag ab Sommer 2010 im
Raum Kunduz auch ein amerikanisches Bataillon. Erstmals
standen nun auch US-Kampfhubschrauber zur Verfügung.
Unter dem Druck der Ereignisse beschloss Minister
683
Guttenberg noch im April 2010 während eines Frontbesuchs,
drei Panzerhaubitzen nach Kunduz zu verlegen. Die deutschen
Kräfte wurden neu strukturiert, sogenannte Ausbildungs- und
Schutzbataillone gebildet, die für die gemeinsamen
Operationen mit der afghanischen Armee zuständig waren.
Die Bezeichnung war typisch deutsch und sollte möglichst
harmlos wirken. Vor Ort nannte man sich nach
amerikanischem Sprachgebrauch Task Force Kunduz, was
militärischer klang. Anfang November gelang es endlich,
ausreichende Kräfte zu versammeln und in der Operation
»Halmazag« das südliche Char Darah freizukämpfen. Die
Kämpfe tobten vier Tage lang, und unter dem Druck von
deutschen, amerikanischen, afghanischen und belgischen
Einheiten brach der Widerstand der Taliban zusammen.261
Allerdings konnte der harte Kern von rund 80 Kämpfern
entkommen oder untertauchen.
Ende Dezember 2010 zerschlugen amerikanische und
deutsche Truppen dann auch noch nördlich von Kunduz eine
Talibangruppe, wobei erstmals eine deutsche Kompanie aus
der Luft angelandet wurde. Danach nahm der offene
islamistische Widerstand in der Provinz Kunduz deutlich ab.
Teile der Bevölkerung der Unruhedistrikte schienen froh zu
sein, dass die Aufständischen abzogen. Sie zeigten den
deutschen Soldaten Dutzende von versteckten Sprengfallen.
Nach zwei Jahren heftiger Gefechte konnten sich die
afghanischen Sicherheitskräfte und die Entwicklungshelfer
nun wieder in dem Distrikt bewegen. Selbst in Isa Khel
patrouillierten deutsche Soldaten weitgehend ungehindert.262
Straßen wurden geteert, die Stromversorgung ausgebaut, der
Bau einer neuen Brücke über den Kunduz-Fluss begonnen, die
Ende 2011 fertiggestellt und nach dem in der Nähe gefallenen
deutschen Soldaten Mischa Meier benannt wurde. Dies
684
entsprach nach der gängigen COIN-Doktrin der Phase
»Build«, und die Militärs waren froh, es endlich einmal so
weit gebracht zu haben. Jedoch muss im Rückblick fraglich
erscheinen, ob Straßen- und Brückenbau sowie der Anschluss
mehrerer Dörfer an das Stromnetz die politische Konstellation
in der Region wirklich verändert haben. Die Bevölkerung
nahm solche Verbesserungen gewiss dankbar an, aber sie
akzeptierte deswegen noch lange nicht den afghanischen Staat
und die Regierung in Kabul.263 Mit den taktischen Erfolgen
vor Ort kam man den strategisch-politischen Zielen des
deutschen Engagements jedenfalls nicht näher.264
Die verbliebenen Insurgents wichen dem offenen Gefecht
aus und verzichteten darauf, bestimmte Gebiete unter
Kontrolle zu halten. Ganz ungefährlich war es im Raum
Kunduz aber auch jetzt nicht. Vielmehr sorgten die
Aufständischen durch Sprengfallen weiter für Unsicherheit.
Doch den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten verlegten sie weiter
nach Süden in den Raum Baghlan, durch den der gesamte
Verkehr in Richtung Norden führte. Die Bundeswehr hatte dort
weitere heftige Gefechte zu bestehen265, und es gelang den
Taliban sogar, einen Schützenpanzer Marder zu zerstören,
wobei ein deutscher Soldat ums Leben kam. Aber auch hier
wendete sich das Blatt, und ab Herbst 2011 war auch dieser
Distrikt für afghanische Verhältnisse weitgehend ruhig.
Unterdessen hatte Präsident Obama angekündigt, bis Ende
2014 die amerikanischen Truppen aus Afghanistan
abzuziehen, um den unpopulären Krieg endlich zu beenden.
Den Militärs vor Ort war freilich allzu sehr bewusst, dass ein
Rückzug für die von den Kämpfen schwer mitgenommene
afghanische Armee und Polizei zu früh kam. Zudem spielten
solche Ankündigungen nur den Taliban in die Hände, da diese
nur noch abwarten mussten, bis sich die internationale
685
Staatengemeinschaft zurückzog und der militärische Druck
nachlassen würde. Trotz aller Bekundungen, dass das Land
kein failed state werden dürfe und ein langes Engagement
erforderlich sei, gab es – soweit bekannt – keinerlei
Bemühungen, Obama von den raschen Rückzugsplänen
abzuhalten. Eine eigenständige Strategie hatten die Europäer
nicht. Ihr Einsatz wurde in einem geradezu überwältigenden
Ausmaß von den Vereinigten Staaten dominiert. Gemeinsam
rein und gemeinsam raus, darauf reduzierte sich trotz aller
schönen Worte letztlich auch die deutsche Strategie – und jene
der NATO.
Alles konzentrierte sich nun auf den logistisch enorm
aufwendigen Abzug. Die Bundeswehr hielt sich mit
Operationen zurück, unterstützte aber weiterhin die
afghanische Armee. So war jene Kompanie, die im April 2010
das Karfreitagsgefecht geführt hatte, im Mai 2013 erneut vor
Ort. Isa Khel wurde inzwischen wieder von den Taliban
kontrolliert, und die deutschen Soldaten unterstützten mit
ihren Schützenpanzern und Sanitätern die ANA dabei, das
Dorf einzunehmen, wobei die Afghanen wenig zimperlich
vorgingen. Für die Männer war es ein befriedigendes Gefühl,
am Ort der einstigen Niederlage nun erfolgreich zu
operieren.266
Gefechte wie in Isa Khel waren aber selten geworden.
Bereits im Oktober 2012 hatte man das Feldlager in Faizābād
aufgegeben, im August 2013 folgte der OP North und
schließlich im Oktober das Feldlager in Kunduz. Nur der
größte Stützpunkt in Masar-e Sharif blieb bestehen. Seit 2015
waren dort Soldaten der Nachfolgemission Resolute Support
stationiert, die für die Bundeswehr eine reine
Ausbildungsmission war. Mit Ausnahme der Spezialkräfte
vom KSK blieben die Soldaten im Lager, und es gab auch
686
keine Mentoring Teams mehr, die die Afghanen ins Gefecht
begleiteten. Direkte Unterstützung im Kampf konnten nur
noch die Amerikaner leisten. Aber auch sie vermochten nicht
zu verhindern, dass die Taliban im Oktober 2015 für rund zwei
Wochen die Stadt Kunduz eroberten. Sie zerstörten dabei auch
die Mischa-Meier-Brücke über den Kunduz-Fluss. Das zehn
Millionen Euro teure Prestigeprojekt des deutschen
Wiederaufbaus hatte den Zugang zum Distrikt Char Darah
ermöglicht. Zwar gelang es der afghanischen Armee mit
amerikanischer Unterstützung aus der Luft und am Boden, die
Stadt Kunduz zurückzuerobern. Doch der Vorgang zeigt, wie
fragil die Sicherheitslage ohne die massive Präsenz der ISAFTruppen war. Zwischen den Sicherheitskräften der Regierung
und den Taliban herrschte ein Kräftegleichgewicht, an dessen
Aufrechterhaltung die 16 000 Soldaten der NATO-Mission
Resolute Support einen entscheidenden Anteil hatten. Deren
Abzug begann nach den Friedensverhandlungen zwischen den
USA und den Taliban in Doha im Frühjahr 2020. Es ist höchst
unwahrscheinlich, dass die afghanischen Sicherheitskräfte
allein in der Lage sein werden, den Taliban Paroli zu bieten.
Doch scheint es momentan nicht die Absicht Washingtons zu
sein, alle Truppen vom Hindukusch abzuziehen. So wird es
auf absehbare Zeit wohl weiter ein labiles Gleichgewicht
beider Seiten geben, zumal ein Großteil der Bevölkerung kein
Interesse an einer Rückkehr der Radikalislamisten hat.
Tribal cultures
Der deutsche ISAF-Einsatz dauerte dreizehn Jahre. Die Zeit
der intensiven Kämpfe von 2009 bis 2011 war somit eine
Ausnahmeperiode, und selbst in dieser Zeit war nur eine
Minderheit der deutschen Soldaten in Gefechte verwickelt.
Dennoch: Der Luftschlag von Kunduz, die verwackelten
Bilder der Helmkameras von stundenlangen Gefechten, die
687
Toten und Verwundeten prägen bis heute das Bild dieser
Mission. Wäre es die ganze Zeit so ruhig wie in Bosnien
gewesen, niemand würde heute noch über den ISAF-Einsatz
sprechen. Je mehr Schreckensnachrichten zu vernehmen
waren, desto nachdrücklicher stellte sich die Frage, was die
Bundeswehr am Hindukusch eigentlich zu suchen hatte und ob
der Preis nicht zu hoch sei. Afghanistan brachte den
überwunden geglaubten Krieg zurück ins Bewusstsein der
Bundeswehr. Es ging nicht mehr ums Abschrecken, Planen
und Üben. Der Kampf mit seinen hässlichen Erscheinungen
war nun Wirklichkeit geworden. Aber jene, die ihn im Auftrag
von Regierung und Parlament führten, blieben der
Gesellschaft und auch Teilen der Bundeswehr fremd. Die
Soldaten der Infanterie- und Schutzkompanien, der Quick
Reaction Force, des harten Kerns der Infanterie also, lebten in
der Logik des Krieges, nicht in der des Friedens. Und sie
nahmen den Auftrag des Kampfes an. Sie wollten geradezu ins
Gefecht, »um denen in den Arsch zu treten«, wie es der
Stabsgefreite Johannes Clair ausdrückte.267 Gerade die
Fallschirmjäger kamen besonders »vorgespannt« nach
Kunduz. Sie wollten erleben, wofür sie lange und hart trainiert
hatten. Sich beweisen, den Kick des Adrenalins spüren, die
Anspannung überwinden, die geradezu euphorischen Gefühle
nach der Rückkehr ins Lager auskosten.268 Die Bewährung im
Gefecht war in ihrer Welt das höchste Gut, übrigens auch für
die studierten Kompaniechefs. Manche von ihnen stiegen auf,
gehörten zu den Besten ihres Jahrgangs, besuchten den
exklusiven Generalstabslehrgang. Aber im Rückblick sagen
sie, die Kompanie im Gefecht zu führen sei die intensivste,
herausforderndste und beste Zeit ihrer bisherigen
Bundeswehrlaufbahn gewesen. Das galt für die Mannschaften
und Unteroffiziere erst recht, und nicht nur der harte Kern der
Infanterie dachte so. Auch von anderen Truppenteilen ist
688
überliefert, wie sie nach langem Innendienst »ganz krank«
waren und wie es in ihnen »kribbelte«, wenn sich die anderen
fertig machten, um den Taliban »ordentlich aufs Haupt« zu
schlagen.
Die Infanteriekompanien waren raue Männergesellschaften
– Frauen waren in den Kampfeinheiten nur ganz vereinzelt
eingesetzt –, die sich rasch mit selbst beschaffter Kleidung und
Ausrüstung, lässigen Gesten und Blicken einen eigenen
Habitus schufen. Manche imitierten Riten amerikanischer
Soldaten, die man aus den Vietnam-Filmen kannte, etwa den
eigenen Helm zu beschriften. »I fight for Merkel« – das gab es
bald auch als Patch, den man sich am Ärmel befestigen
konnte. Mancher hatte es lieber martialischer und bevorzugte
ein Totenkopfsymbol. Häufiger zu sehen war das T-Shirt mit
dem alten Fallschirmjägerspruch »Klagt nicht, kämpft«, das in
Masar-e Sharif verkauft wurde und sich auch bei den
Verbündeten großer Beliebtheit erfreute. Ein nicht bekannter
Urheber hatte ein makabres T-Shirt mit dem Motiv der am 4.
September 2009 zerstörten Tanklaster und dem Aufdruck des
siebten Gebots »Du sollst nicht stehlen!« hergestellt. Es wurde
zwar sogleich verboten, machte aber doch die Runde.
Während das Verteidigungsministerium empört reagierte, war
die Reaktion vor Ort gelassener. Auch höhere Offiziere hatten
für diese Art von schwarzem Landserhumor ein gewisses
Verständnis. Unterbunden werden mussten auch die vielen
Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg. Die Afrika-KorpsPalme tauchte bald auf den Fahrzeugen auf, der Aufnäher
»Deutsches Afghanistan-Korps« wurde aus dem Verkehr
gezogen, weil er zu sehr an das Wehrmachtvorbild des
Deutschen Afrika-Korps erinnerte. Manche griffen auf
Metaphern aus der Science-Fiction-Welt zurück. So hießen die
großen deutschen Hubschrauber CH-53 »Nazgul« nach den
689
bösen Schwarzen Reitern in der Verfilmung von Tolkiens
»Herr der Ringe«.269 Wie so häufig war die Führung der
Bundeswehr blind für den Umstand, dass sich die Soldaten
habituell ihrer kriegerischen Umwelt anpassten. Man tat
wenig, um diesen Prozess bewusst zu kanalisieren und aktiv
zu steuern. Meist wurde mit Verboten reagiert, und viele
höhere Offiziere hatten keine Ahnung, was ihre Soldaten
draußen im Feld trugen und welche Musik sie hörten.
Wie immer an der Front lockerten sich auch in Afghanistan
die formalen Umgangsformen. Viele Soldaten trugen ein
Sammelsurium
von
Ausrüstungsund
eigenen
Kleidungsstücken. Nachdem ein Offizier auf der Höhe 431
seine Fallschirmjäger inspiziert hatte, schrieb er in sein
Tagebuch: »Die Truppe sah etwas wild aus, aber war guter
Stimmung.« Er war voll des Lobes für seine Leute, beschrieb
sie als »motiviert« und »leidensfähig«. Sie seien eine
»exzellente Truppe«, die kämpfen »will«. Aber auch die
Panzergrenadiere seien »wirklich feine Jungs, gut ausgebildet
und hoch motiviert«.270 Die Soldaten beschrieben ihn
hingegen als »gesitteten Offizier« mit Empathie für die
Truppe, der manches durchgehen ließ, aber dann klare
Grenzen setzte. Sie achteten ihn wegen seines taktischen
Verständnisses, seiner klaren und durchdachten Führung und
weil er mit draußen war. Die Grundlagen der Kohäsion von
Truppe und Führung hatten sich in den letzten 100 Jahren
nicht verändert.
In ihrer sozialen Zusammensetzung waren vor allem die
Kampftruppen, die in westdeutschen Garnisonen lagen,
denkbar heterogen. Die Verbände rekrutierten sich zumeist aus
Soldaten der Region und waren ein Spiegel der
Einwanderungsgesellschaft. So diente der niedersächsische
Abiturient Johannes Clair bei den Seedorfer Fallschirmjägern
690
neben zahlreichen Russlanddeutschen.271 Andere hatten
serbische, persische, jordanische oder türkische Wurzeln. Die
Russlanddeutschen
waren
in
den
westdeutschen
Kampfeinheiten des Heeres besonders stark vertreten. Es gab
Fallschirmjägerzüge, die zu mehr als einem Drittel aus
Spätaussiedlern aus der Sowjetunion bestanden272, sodass man
dort mit Russisch gut zurechtkam. Sie wurden von ihren
Offizieren als exzellente Soldaten beschrieben: hart, robust,
stoisch, zuweilen auch gewaltaffin. Sie hatten spürbar einen
anderen kulturellen Hintergrund als die Bürgersöhne aus
Düsseldorf, Hamburg oder Stuttgart. Etliche waren wohl in
erster Linie Fallschirmjäger und erst dann Deutsche. Sie hatten
zumeist auch andere Männlichkeitsbilder. Ein DeutschGeorgier, Gebirgsjäger, antwortete auf die Frage, wie er denn
seine »biodeutschen« Kameraden sehe: »Die Bayern sind ok,
aber die anderen sind Weicheier. Und die Deutschen sind nicht
stolz. Ich bin stolz, Feldwebel in dieser Armee zu sein.«273
Zusammengeschweißt wurden sie alle durch die Kohäsion
der tribal cultures und der Primärgruppen sowie durch die
Erfahrung des Krieges. Etliche Kompanien waren schon lange
zusammen, hatten die intensive Einsatzvorbereitung
durchlaufen, wollten sich nun gemeinsam im Gefecht
bewähren. Sie standen die Extremsituationen gemeinsam
durch, wuchsen zu einer engen Kampfgemeinschaft
zusammen.274 Ihnen ging es dann gut, wenn sie nicht passiv
Gewalt erdulden mussten, sondern selbst agieren konnten275,
selbst wenn sie sich damit einem höheren Risiko aussetzten.
Deshalb drängten Zugführer und Kompaniechefs ihre
Kommandeure, aktiver zu werden, auch mal ein Risiko
einzugehen und vor allem härter zuzuschlagen. »Für mich
steht es fest, lieber vor Gericht wegen 10 toter Zivilisten als
nur einmal zu wenig geschossen und deshalb einen
691
Kameraden verloren zu haben. Wenn es der Führung nicht
passt, können sie mich ja wieder nach Hause schicken«,
schrieb ein Soldat in sein Tagebuch.276 Und weiter notierte er:
»Feuergefechte beim Polizeihauptquartier an der Route
›Kamins‹, schon vier Tote auf Seiten der Taliban. Die wurden
von einer Panzerfaust getroffen. Das hat mich so nicht weiter
beunruhigt, da es ja keine Toten auf unserer Seite waren. Die
Aufständischen lassen sich von normaler Munition kaum
beeindrucken. Wir haben gehört, die haben vor
Gewehrmunition keine Angst, weil sie dann noch am Stück
sind. Deswegen hilft es viel mehr, wenn wir sie mit
Sprengmitteln belegen. Wenn sie von einer Granate getroffen
werden und zerfetzt werden, dann müssen danach ihre Freunde
kommen und die ganzen Teile aufsammeln. Denn wenn sie
nicht vollständig begraben werden, haben sie Probleme im
muslimischen Himmel.«277
In dieser Logik des Kampfes glichen diese Soldaten denen
der Wehrmacht oder auch denen der kaiserlichen Armeen des
Ersten Weltkriegs. Die große Rolle der Kameradschaft278, der
nonchalante Umgang mit dem Tod der Feinde, die Abwertung
des Gegners, die ordnende Kraft der Gewalt – diese Formen
der
Kriegerkultur
waren
generationenübergreifend
festzustellen. Ein Offizier notierte in sein Tagebuch: »Wir
waren verdammt aufgekratzt, gleichzeitig aber auch müde und
abgekämpft, und diese ganzen Turbanträger gehen einem mit
der Zeit unheimlich auf die Nerven. Die Männer auf den
Motorrädern mit den AK 47, die ihre Frauen in Burkas
stecken, die Unschuldslämmer, die die RPG im Hof stehen
haben und nur darauf warten, sie auf uns abzufeuern.
Irgendwann auf diesem Ritt über die Piste sprach ich es aus
und A. bestätigte es: ›Ich hätte wirklich Spaß daran, einen von
denen einfach vom Motorrad zu schießen.‹«279 Als das Thema
692
später beiläufig in der Unterhaltung mit einem
Truppenpsychologen aufkam, meinte der nur gelassen: »Is’
normal.«
Besagter Offizier nahm nie an einem Gefecht teil und
konnte daher seine Gewaltfantasien rasch wieder einfangen. In
seinem Tagebuch blieben sie in dieser Deutlichkeit eine
Ausnahme. Bei anderen, die um ihr Leben hatten kämpfen
müssen, waren solche Fantasien viel stärker ausgeprägt. Ein
Soldat, der am Karfreitagsgefecht von Isa Khel teilgenommen
hatte, drückte es so aus: »Man baut einfach einen Hass gegen
die Bevölkerung auf. Das ist natürlich ein Problem, das haben
aber viele. Man möchte am liebsten auch alle normalen
Afghanen ins Jenseits befördern. Das liegt daran, dass man die
einfach nicht unterscheiden kann und dann baut man ein
allgemeines Feindbild auf.« Zweifellos verschoben sich in der
Hitze des Gefechts und vor allem im Guerillakrieg, in dem die
Bevölkerung kaum von den Aufständischen zu unterscheiden
war, die Maßstäbe. »Man hat dann nachher intern gesagt, ich
weiß nicht, ob das von offizieller Seite abgesegnet war, dass
bei solchen Vorfällen Leute mit Telefonen in der Hand zum
Abschuss freigegeben werden. Die informieren den Feind über
unser Vorgehen. Und genauso wird auf schreiende Zivilisten,
die zwischen den Häusern laufen, geschossen. Weil man hat
gesagt, dass bei einem solchen Gefecht kein normaler Zivilist
einfach schreiend hin und her rennt.«280
Die Bundeswehrsoldaten waren Teil eines Gewaltraumes,
ganz gleich, ob sie selbst kämpften oder nicht. Die
Geschichten vom Töten gehörten bald dazu. Sie wurden
eingeflochten in Gespräche über das Essen oder das Wetter –
den Alltag eben. Einen deutschen Offizier hatte es in einen
Außenposten der Schweden verschlagen. Dort entspann sich
ein abendliches Gespräch. In seinem Tagebuch heißt es: »Bei
693
einer Patrouille war ein Gefechtsfahrzeug wegen eines zu spät
erkannten Straßenschadens umgekippt, ohne daß es Verletzte
gegeben hatte. Als sie [die Schweden] das Fahrzeug bergen
wollten, gerieten sie unter Gewehr- und RPG-Beschuß. Sie
erwiderten mit Maschinengewehr. Auf schwedischer Seite
keine Verluste, aber ein Taliban getötet. ›Cut in the middle by
our fire‹, fügte Hauptmann C. hinzu. Ich bemerkte, das sei in
einer solchen Situation sicher ›satisfying‹. ›Yes‹ [sagte er] und
lachte dabei. Die Schweden haben auf manchen ihrer
Fahrzeuge schwere MG 50 lafettiert. Wir genossen abends das
gute Essen und saßen danach noch eine Zeit lang auf der
kleinen Veranda vor dem Haupthaus mit Blick auf zwei
Schuppen, den Generator, die Antenne und einen Wachturm
und
rauchten.
Unter
Tarnnetzen
standen
zwei
Gefechtsfahrzeuge. Ein Soldat fummelte am Motor herum.
Beschauliches Soldatenleben – ein Lageridyll.«281
Der Grünen-Abgeordnete Winfried Nachtwei flog als
Mitglied des Verteidigungsausschusses oft nach Afghanistan
und besuchte dort die deutschen Truppen. Im Juni 2009 erlebte
er deutlich den »soldatischen Grundmechanismus von Kriegen
›entweder wir oder die‹ und den kameradschaftlichen
Zusammenhalt als elementaren Antrieb«. Er sorgte sich, wie
die Soldaten mit den Gefechtserfahrungen umgehen würden:
»Wie werden Staatsbürger in Uniform damit fertig – mit dem
sich einbrennenden Film eines solchen Überlebenskampfes?
Wie bewährt sich jetzt Innere Führung, die Bindung der
Bundeswehr an die Werte des Grundgesetzes?« Um sich
gewissermaßen von seinen Sorgen zu entlasten, schrieb er in
seinen Reisebericht, dass »ein AFG-erfahrener dt. Diplomat in
Kabul
die
›entschlossene
Besonnenheit‹
der
Bundeswehrsoldaten«282 gelobt habe. Dies traf auf die
Offiziere sicherlich zu. Doch die tribal culture der
694
Infanteristen war damit wohl nur verkürzt beschrieben. Ein
ehemaliger Kommandeur der Task Force Kunduz meinte: »Im
Gefecht sind meine Soldaten zuallererst Krieger und können
nur so im Verbund von Herz und Verstand stabil bestehen; erst
wenn es Ruhe gibt, Sinnhaftigkeit und Motivation des eigenen
Handelns zu reflektieren, kann man dem Staatsbürger in
Uniform begegnen, sofern man sich für die Menschen dahinter
interessiert und sie ernst nimmt.«283
Es ist wenig überraschend, dass sich viele der damals
politisch und militärisch Verantwortlichen mit der
Kriegerkultur der Soldaten und den dazugehörenden
Gewaltdiskursen schwertaten. Dabei soll nicht übersehen
werden, dass es die Achtung des Gegners, die besondere
Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung und ein positives
Menschenbild sehr wohl gab284 – und zwar weit mehr als zu
früheren Zeiten. Das lag am viel strikteren Regelwerk der
Bundeswehr, das Gewalt nicht beförderte, sondern zähmte,
und an der im Vergleich zu den Weltkriegen viel geringeren
Dimension der Gefechte und Verluste. Es lag auch an dem
Umstand, dass die Soldaten, selbst wenn sie sich noch so
martialisch in Szene setzten, aus der postheroischen
bundesrepublikanischen Gesellschaft kamen, in der das Töten
und Sterben im Krieg besonders negativ besetzt war. So wären
die Fallschirmjäger gewiss nicht auf die Idee gekommen, mit
entschlossenem »Hurra« todesmutig in die feindlichen
Stellungen einzubrechen, wie es in der Wehrmacht gang und
gäbe war.285
Etliche Bundeswehrsoldaten hatten nach einer Reihe von
Gefechten genug vom Krieg. Niemand wollte in diesem
»Scheißland« sterben. »Ich dachte an Sinn und Sinnlosigkeit
dieses Einsatzes, dachte über die Afghanen nach und über
unseren reichlich gutmenschenhaften Ansatz. Die Afghanen
695
lachen sich wahrscheinlich über uns kaputt, wenn wir
gegangen sind – jedenfalls Verbrecher wie Atta, Daud oder
Dostum.286 Ich glaube, wie die meisten Soldaten will ich in
erster Linie unversehrt nach Hause. Und im Gegensatz zu
[Ernst] Jünger, der Frankreich wohl eigentlich mochte, mag
ich Afghanistan überhaupt nicht, und ich glaube, an meiner
Abneigung wird sich auch nichts mehr ändern. Sterben
ausgerechnet für Afghanistan. Das wäre doch mehr als
ärgerlich«, notierte ein Offizier in sein Tagebuch.287
Hauptmann Wolfgang »Wolle« Schröder wollte auch nicht
für Afghanistan sterben. Aber er war zum Kämpfen nach
Kunduz gekommen, um der Bundeswehr wieder mehr
Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Zwischen ihm und Michael
L., dem Chef der Nachbarkompanie, herrschte eine Art
Wettstreit unter Kameraden, wer die beste Kompanie führte,
wer es besser schaffte, den Gegner möglichst ohne Verluste zu
besiegen. Mancher Soldat sah den Tatendrang »Wolle«
Schröders kritisch. Einige fragten sich, warum sie sich solch
einer Gefahr aussetzen sollten, wenn die 3000 anderen
Soldaten des Kontingents es nicht im gleichen Maße taten.288
Schröders damaliger Bataillonskommandeur jedoch war voll
des Lobes, beschrieb ihn als einen der besten und
kampferfahrensten Kompaniechefs der Bundeswehr. Seine
Einheit leistete durch ihre Initiative zweifellos einen wichtigen
Beitrag, um aktiver zu werden und die Taliban schließlich im
südlichen Char Darah niederzukämpfen. Aber Schröder hatte
auch großes Glück. Viele Gefechte hätten schlimm ausgehen
können.289
Dass Schröder mit seinem ausgeprägten Kampfeswillen
aus der Fallschirmjägertruppe kam, ist keine Überraschung.
Die unterschiedlichen tribal cultures der Truppengattungen
waren in Afghanistan deutlich sichtbar. Die Infanteristen
696
waren zweifellos gleichermaßen tapfer, aber die
Fallschirmjäger betrachteten sich als Elite, galten als
aggressiver als etwa die Gebirgsjäger, die in ihrer zumeist
jovialen bayerischen Art, auch durch die kulturelle Prägung
der Gebirgsausbildung, als zurückhaltender und besonnener
beschrieben werden.
Einen nachhaltigen Eindruck von Schröders Männern
bekam Marcel Bohnert, als er im Oktober 2010 in
Vorbereitung
seines
Einsatzes
als
Chef
einer
Panzergrenadierkompanie mit einigen Kameraden nach
Afghanistan kam. Er konnte zu diesem Zeitpunkt die
Geschichten über die Kämpfe nicht recht glauben und war
durchdrungen von den offiziellen Erklärungen zu den Erfolgen
des Wiederaufbaus und der Unterstützung der afghanischen
Bevölkerung auf ihrem Weg in die Moderne. Auf dem kurzen
Flug von Termez nach Masar-e Sharif war die Stimmung an
Bord des Transall-Transportflugzeugs noch gelöst. Die
Gespräche
drehten
sich
um
Kneipentouren
und
Freizeitangebote im weitläufigen Camp Marmal. Man konnte
fast glauben, man fliege nach Mallorca. Kurze Zeit später ging
es weiter nach Kunduz. Völliger Szenenwechsel: Die Leute an
Bord waren ernst, sprachen davon, in den »Kessel« zu fliegen,
stopften ihre Helme unter die Sitze, um einen Schutz gegen
möglichen Beschuss zu haben. Es fühlte sich ein bisschen so
an, als sei man auf dem Weg nach Stalingrad. Bohnert wurde
rasch klar, dass Kunduz Front war. Am Rand des Lagers
standen die zerschossenen Fahrzeuge, und ein sichtlich
gezeichneter Oberst meinte, er solle sich keinen Illusionen
hingeben, dass er alle seine Soldaten wieder mit nach Hause
bringen würde.
Ein Dingo brachte Bohnert dann ins Polizeihauptquartier
des Distrikts Char Darah, wo »Wolle« Schröders
697
Fallschirmjägerkompanie lag. Bohnert erinnert sich: »Wir
fühlten uns ein bisschen wie Grünschnäbel – mit unseren
frisch angelegten Wüstentarnuniformen blickten wir auf eine
unter den Strapazen des Feldlebens gestählte Truppe, die von
ihrem Besuch sichtlich unbeeindruckt schien. Einige Soldaten
sicherten das Umfeld aus Sandsackstellungen, andere reinigten
ihre Ausrüstung, trainierten mit selbst gebauten Hanteln oder
standen beisammen und sprachen über die Erlebnisse der
letzten Tage. Sie agierten dabei wie im Flow – die Zahnräder
einer
eingeschworenen Gemeinschaft mit eigenem
Kriegerhabitus. Einige wirkten aufgepeitscht, andere
abgekämpft. Aber sie wussten sehr genau, wer sie waren. Sie
waren die, die für den deutschen Staat an vorderster Front die
Drecksarbeit erledigten. Und darauf waren sie verdammt stolz.
Ihre Gesichter wirkten verwegen und ihre Blicke hatten eine
durchdringende Stärke. Viele trugen Bärte. Ihre Haut war
gebräunt von Sonne und Staub. An einigen Helmen waren
Strichlisten mit der Zahl an Gefechten und Sprengfallen
sichtbar.290 Patches mit Totenköpfen oder diabolischen
Smileys signalisierten die Bereitschaft, es mit jedem Gegner
aufzunehmen. In den kahlen Gemäuern seines provisorisch
eingerichteten Gefechtsstandes standen wir mit dem
Kompaniechef vor Luftaufnahmen umkämpfter Ortschaften.
Er berichtete mit einer rhetorischen Klarheit, wie ich sie nicht
kannte: offensive Operationen, Gefechte, Ansprengungen,
Nachsetzen, Verwundete, Bewährung im Kampf – das
Kriegshandwerk war für ihn und seine Einheit Alltag. Dann
besuchten wir einen durch die Fallschirmjäger im Feindgebiet
errichteten Vorposten. Das Leben auf dem zerfurchten Hügel
Höhe 431 erinnerte an die matschigen Schützengräben der
Weltkriege. Maschinengewehrmündungen ragten aus selbst
gebauten Unterständen und Stacheldraht. Zwischen Feldbetten
und eingeschweißten Verpflegungsrationen wehte eine kleine
698
deutsche Flagge, der die Witterung bereits ordentlich zugesetzt
hatte. Ein Hauptfeldwebel berichtete uns von den Gefechten
der Vortage und erklärte auf meine Frage, wie er und seine
Truppe mit den Belastungen ihres Auftrages umgehen würden,
dass es sein Selbstverständnis und das seiner Männer sei,
möglichst weit vorn zu operieren und im Falle eines
Feindkontaktes möglichst nah am Geschehen zu sein. Ich
traute meinen Ohren kaum. Er berichtete von chaotischen
Scharmützeln im unmittelbaren Nahbereich, davon, wie sie im
Eifer des Gefechtes mal eine Handgranate mit einem
Nebeltopf verwechselt hatten, von einer Kalaschnikow, die ein
Aufständischer neben ihnen über eine Mauer hielt und wahllos
in seine Gruppe feuerte, und von der Eintönigkeit, die sich
schnell breitmachte, wenn es mal nicht ›knallte‹. Abseits aller
Beschönigungen und Euphemismen, hier wurde klar, wie es
nicht klarer hätte werden können: Hier waren Krieger am
Werk. Und sie waren in ihrem Element: im Krieg.«291
Mit der Friedenswelt der Bundeswehr daheim hatte dies
wenig zu tun. Bohnert wurde klar, dass er sich Illusionen über
den Charakter der ISAF-Mission gemacht hatte, dass er den
Veteranen nicht zugehört, die Zwischentöne in mancher
Fernsehreportage ignoriert hatte. Er hatte sich in der offiziell
vorgegebenen Welt eingerichtet, in der das Archaische des
Krieges nicht vorkam. Er war ein miles protector, wie er im
Buche stand. Doch im Kunduz des Jahres 2010 wurde der
Staatsbürger zum Krieger. Von den Fallschirmjägern war er
irgendwie auch fasziniert, geradezu stolz, dass es so etwas in
der Bundeswehr noch gab: Männer, die den Kern des
Soldatischen verkörperten, die unter primitiven Bedingungen
und in ständiger Lebensgefahr lebten, als hätte es nie etwas
anderes gegeben. Assoziationen zu längst vergangenen Zeiten
waren allgegenwärtig, auch wenn man über das
699
Offensichtliche nicht sprach. Als Bohnert dann im Juli 2011
selbst mit seiner Kompanie nach Kunduz verlegt wurde, war
er zwar von etlichen Illusionen befreit – aber den Habitus
eines Fallschirmjägers übernahm er nicht. Er war
Panzergrenadier eines stolzen Verbandes: des Lehrbataillons
92, das im April 1956 als eines der ersten der Bundeswehr
aufgestellt worden war. Er blieb seiner tribal culture verhaftet,
in der es im Vergleich zu den Fallschirmjägern
zurückhaltender zuging.
Geprägt durch die Gefechte waren indes nicht nur die
Infanteristen, die im PRT Kunduz nie mehr als dreißig Prozent
der dort stationierten Soldaten stellten. In den Patrouillen
fuhren auch Sanitäter, Instandsetzer, Feldjäger, Aufklärer,
Pioniere mit und gerieten unter Beschuss. Die Mentoring
Teams waren mit den afghanischen Sicherheitskräften im
Einsatz, und auch die Soldaten für die zivil-militärische
Zusammenarbeit gerieten zuweilen in Hinterhalte. Die Zahl
derer, die der Gefahr und der Bedrohung ausgesetzt waren,
war also wesentlich größer als jener harte Kern von Kämpfern.
Für die Soldaten und die Bundeswehr als Institution waren die
Gefechte zweifellos ein außergewöhnliches Merkmal des
Afghanistan-Einsatzes. Deshalb wurde im November 2010
eine »Einsatzmedaille Gefecht« gestiftet. Keine andere
deutsche Armee ist je auf die Idee gekommen, eine solche
Auszeichnung für Soldaten zu schaffen, die – so die
Verleihungsbestimmungen – »mindestens einmal aktiv an
Gefechtshandlungen teilgenommen oder unter hoher
persönlicher Gefährdung terroristische oder militärische
Gewalt erlitten haben«292. In früheren Zeiten galt die
Teilnahme an Kampfhandlungen schlicht als normal. Für eine
Friedensarmee hingegen war ein Gefecht ein herausragendes
Ereignis, das besonders zu würdigen war. Für die Verleihung
700
wurden Gefechte von April 2009 an gewertet. Bis heute
wurden rund 5400 Gefechtsmedaillen an Bundeswehrsoldaten
verliehen.293 Auch wenn man jene hinzuzählt, die vor dem
Stichtag an Kampfhandlungen teilgenommen haben, waren
keine zehn Prozent der deutschen Soldatinnen und Soldaten
am Hindukusch in Kämpfe verwickelt.294 Allerdings gab es
keine
allgemeingültige
Definition,
und
die
Verleihungskriterien für die Medaille wurden sehr weit
ausgelegt, was diese in den Augen vieler Soldaten entwertete.
In gewisser Weise wurde sie ähnlich wahllos verliehen wie das
Eiserne Kreuz im Ersten Weltkrieg, das dadurch ebenfalls
seine Bedeutung verloren hatte.
Wie immer man den Begriff Gefecht definiert: Nur eine
kleine
Minderheit
hat
in
Afghanistan
direkte
Kampfhandlungen erlebt. Doch unabhängig davon, ob man
hinter dem Maschinengewehr lag oder nicht, bewegte man
sich zumindest in Kunduz und Baghlan von 2009 bis 2011 in
einem Gewaltraum, in dem es ständig Tote und Verwundete
gab. Nicht nur die eigenen Leute waren betroffen, sondern
auch die Alliierten und vor allem die Afghanen. Das
Bewusstsein, sich in einem Krieg zu befinden, war
Allgemeingut. Insofern bildete die bald übliche Bezeichnung
von »Draußis« und »Drinnis« die Identitäten nur verkürzt ab.
Es gab Scharfschützen, die zwar ständig draußen den
Insurgents auflauerten, aber nie einen Schusswechsel erlebten.
Und es gab Offiziere, die kaum das Lager verließen, aber auf
den Bildschirmen ständig mit Tod und Gewalt in Berührung
kamen. Ein Mitglied der legendenumwobenen Task Force 47 –
jenes Verbandes, der in Kunduz die deutschen
Spezialoperationen durchführte – schrieb geradezu erfreut in
sein Tagebuch, dass er nach zwei Monaten in Masar-e Sharif
»endlich« mal »raus« dürfe. Viele waren frustriert, über
701
Monate keinen Schritt aus dem Compound tun zu können und
in fensterlosen Containern herumzusitzen. Andere waren froh,
dass sie nicht ins »Indianerland« mussten, und wurden
nachdenklich, wenn die angeschossenen Fahrzeuge
zurückkamen, man die Verwundeten sah und für die
Gefallenen Spalier stand, bevor sie in die Heimat
zurückgeflogen wurden. Manche wurden ängstlicher, je länger
sie im Lager waren. Sie überkam eine geradezu übertriebene
Furcht, wenn sie dann doch einmal auf einem Konvoi
mitgenommen wurden. Die Begriffe »Drinnis« und »Draußis«
beschreiben also zwei Gruppen, die es zu einem gewissen
Grad gab. Hinter der saloppen Formulierung lag die todernste
Unterscheidung, wer der Gefahr ausgesetzt war und wer nicht.
Aber man darf den Gegensatz nicht zu stark konturieren. Die
Übergänge der Aufgabenbereiche waren fließend.295
Eine zentrale Rolle für den Habitus der Soldaten spielten
die höchst unterschiedlichen Binnenkulturen der Camps. In
Masar-e Sharif gab es kaum Kämpfe, das Lager war riesig, der
umfangreiche Stab des Regional Command North lag hier, die
Sanitätszentrale, auch viel Luftwaffe, die für die Transporte
von und nach Afghanistan zuständig war. Das Camp galt als
Etappe, als »Moloch-Raumschiff, wo man sich mit sehr
großem Aufwand um sehr viele Nebensächlichkeiten
kümmert«296. Der Müll wurde sorgfältig getrennt, den
afghanische Arbeiter dann einsammelten, außerhalb des
Lagers wieder zusammenschütteten, nach Brauchbarem
durchsuchten und irgendwo verklappten. Offiziere, die – wie
in Kunduz oder im OP North üblich – ihre geladene Pistole bei
sich trugen, wurden hier zuweilen angeschaut, als kämen sie
von einem anderen Stern. Es gab Betreuungseinrichtungen
aller Art, die in ihrer Fülle so gar nicht zu Land und Leuten
passten. Man konnte Tanzkurse besuchen und in einem gut
702
ausgestatteten Fitnessbereich trainieren. Ein Soldat schrieb
dazu in sein Tagebuch: »Dieses Mazar-e Sharif ist doch immer
wieder merkwürdig. Nun dieser neue Eindruck: 40 Leute, die
sich in einer Halle auf Maschinen quälen. Irgendwo da
draußen ist Afghanistan, Straßen, Dörfer, Einwohner, finden
Operationen statt, wird gekämpft. Schwer vorstellbar, wenn
man auf dem Fahrrad sitzt und nervtötende VIVA-PolenMusik hört.«297
Lähmend wirkten auf viele auch die schiere Größe des
Stabes, die internen Machtkämpfe, die undurchschaubaren
Strukturen. »Bedenkenträger staatlich organisiert und teuer
bezahlt […] Diese Armee ist in den Stäben so verkommen und
verstrickt in Bedenken, dass ein ›Wollen‹ sofort in ein ›Nichtkönnen‹ umschlägt«298, notierte ein Stabsfeldwebel. Die Folge
war, dass mancher aus der zweiten und dritten Reihe einfach
fatalistisch seine Zeit absaß und ungeduldig die verbleibenden
Tage zählte. Kunduz hingegen galt als Front. Dort übte man
selbst mit dem letzten Küchenbullen die Verteidigung des
Camps, falls die Taliban versuchen sollten, das Lager zu
überrennen. Noch rustikaler ging es im 2010 errichteten OP
North bei Baghlan zu. »Das OP North war noch viel
schlammiger als das PRT [in Pol-e Chomri]. Von der Straße
überquert man ein Flüßchen und kommt dann sofort an das
äußere Tor, dann bergauf durch den Bereich der afghanischen
Kräfte. Weiter steil den Berg hinauf, rechts und links
Fahrzeuge aller Art, darunter auch Marder und Bergepanzer.
Die Fahrzeuge stehen teilgedeckt hinter Hescos und
Erdwällen. Auf der Bergkuppe die Stellung der
Panzerhaubitzen. Es gibt nur wenige Container, hauptsächlich
Zelte. Im Kommandeur-Zelt lagen zwei schmutzige Teppiche.
Dagegen ist PEK299 eine Oase. Starke Frontatmosphäre. […]
Die Leute machen hier alle einen sehr entspannten Eindruck,
703
sind anscheinend viel zufriedener als in MeS – trotz
Zeltunterbringung, EPA-Verpflegung, Alkoholverbot und viel
höherer Gefährdung. Oder gerade deswegen«, notierte ein
Offizier in sein Tagebuch.300
Ganz ähnlich war es in den vielen kleinen Außenposten, in
denen deutsche Verbindungsoffiziere und kleine Detachements
mit den verbündeten Ungarn, Norwegern oder Schweden
hausten. Durch das Zusammenleben etablierte sich so etwas
wie ein transnationaler Kriegerhabitus. Man tauschte T-Shirts
und Aufnäher, hörte auf MP3-Playern dieselbe Musik. Am
wildesten ging es bei den amerikanischen Special Forces zu.
Ein deutscher Offizier berichtete 2011 vom US-Außenposten
»Russian Hill« im südlichen Baghlan: »Die Männer trugen
vorzugsweise
Tanktops,
Vollbärte
und
selbst
zusammengestellte Waffen und Ausrüstung. […] Auf den
amerikanischen Gefechtsfahrzeugen stand ›IED-Express‹. Ein
Soldat hatte auf seiner Schutzweste tatsächlich den Aufnäher
›Major League Infidel’301. Die Befehlsausgabe bestand aus
vielen ›Fucks‹ und ›Motherfuckers‹. ›Hold your fucking eyes
open‹ war der letzte Satz. Wir besprachen uns kurz, dann
fuhren wir, eskortiert von den Amis mit einem Polaris-Buggy,
einem Amrap und einem Humvee. An der Mittelstange des
Polaris-Überrollbügels hingen die Gewehrgranaten wie eine
Lampionkette. Auf dem Weg nach L. sahen wir viele
Afghanen mit Kalaschnikows. Rechts und links der Straße
Bewässerungsgräben, ein Flüßchen, teilweise dichte
Vegetation. Keine Wendemöglichkeit. Dort möchte man nicht
angesprengt werden. Dafür schossen die Amis schon mit MG,
da waren wir noch keine Viertelstunde unterwegs. Ich konnte
allerdings keinen Feind ausmachen und registrierte auch
keinen Beschuss. Wir unterbrachen den Marsch nicht.«302
704
Mit der neuen Erfahrung des Kampfes war auch die
Vergangenheit plötzlich wieder präsent. In der Truppe wurde
schon 2007 die Forderung nach der Neustiftung des Eisernen
Kreuzes laut. Eine Petition erhielt immerhin 5000
Unterschriften. Historiker und Soziologen waren darüber
empört – galt ihnen das Eiserne Kreuz doch als Symbol des
deutschen Militarismus und deutscher Verbrechen. Für die
Initiatoren gehörte es hingegen zum Kern des eigenen
Selbstverständnisses, war das Symbol der Freiheitskriege von
1813 und Hoheitszeichen der Bundeswehr – stand also auch
für die bundeswehreigene Tradition. Die wenigen
Ordenskundigen gaben zu Recht zu bedenken, dass der
Tapferkeitsorden sowohl 1870 als auch 1914 und 1939 nur in
einem staatlich erklärten großen Krieg gestiftet worden war.303
Der Konflikt in Afghanistan war mit dem deutschfranzösischen Krieg oder gar den Weltkriegen gewiss nicht
vergleichbar. Aber der Verteidigungsminister wollte den
Wunsch der Truppe nicht ignorieren und stiftete 2008 das
Ehrenkreuz für Tapferkeit als höchste Stufe des Ehrenkreuzes
der Bundeswehr.304 Der neue Orden wurde bis heute nur 29
Mal verliehen.
Der Politik waren die bei der Ordensdebatte wieder
aufkommenden Assoziationen mit dem Zeitalter der
Weltkriege besonders unangenehm, weil man gehofft hatte,
dergleichen überwunden zu haben. Bei manchen Soldaten, die
am Hindukusch eingesetzt waren, schwang der Vergleich mit
den vergangenen Kriegen aber mit. »Heute ist der 115.
Geburtstag meines Großvaters«305, schrieb ein Offizier 2011
in sein Tagebuch. »Was würde er zu all’ dem wohl sagen?
Gegen Somme und Chemin des Dames ist das hier natürlich
ein Witz. Aber Haltung und Verhalten der Soldaten sind
wahrscheinlich sehr ähnlich – abgesehen von official versions
705
natürlich, Erfolgsgeschichten von Wiederaufbau und Hearts
and Minds, die man aber selbst von Stabsoffizieren nur sehr
selten hört.«306 Manche Offiziere lasen die Kriegstagebücher
von Ernst Jünger, die Unteroffiziere eher »Im Auge des
Jägers«, die Memoiren eines österreichischen Scharfschützen
in der Wehrmacht. Gerade bei der Infanterie war der Zweite
Weltkrieg als eine Art Hintergrundrauschen präsent.
Besonders anspruchsvolle Aufgaben wurden schon mal als
»Ritterkreuzauftrag« bezeichnet, und die Erinnerung an die
Großväter diente manchem Kompaniechef dazu, die Männer
an ihre Pflicht als tapfere Soldaten zu erinnern, sie zu
motivieren und ihnen zu helfen, die Angst zu überwinden.
Andere hielten sich an das Verbot von Wehrmachtbezügen und
erinnerten die Männer lieber daran, dass sie einen Eid auf die
Bundesrepublik Deutschland geschworen hatten.
Auch die Gefechte riefen bei manchen Soldaten
Erzählungen über die Schlachten des Zweiten Weltkriegs in
Erinnerung. »Heute kommt mir das so vor wie in den
Berichten alter Kreta-Kämpfer: Eingeschlossen. Ohne
Munition. Ohne Nachschub. Mit dem Rücken zur Wand.
Überall lauert der Feind, über den du Nichts weißt. Als
würden zwischen den Gefechten keine 69 Jahre liegen«307,
schrieb ein Teilnehmer der Kämpfe bei Isa Khel. Dabei ging es
den Soldaten nicht um einen historischen Vergleich der beiden
Konflikte, sondern um die Erfahrungen und Emotionen in
einer Gefechtssituation – und da gab es nicht nur aus Sicht der
Soldaten, sondern auch objektiv Parallelen.308 Wie relevant
solche historischen Bezüge waren, lässt sich empirisch kaum
belegen. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass sie bei den
meisten keine oder nur eine nachgeordnete Rolle spielten. Der
durchschnittliche Afghanistansoldat dachte kaum an Monte
Cassino oder die Somme und las wohl auch keine historischen
706
Bücher. Er dachte an das Hier und Jetzt, an die Bewährung
seiner Kompanie, seines Zuges und seiner Gruppe. Und die
Krieger orientierten sich in der Mehrheit wohl eher am
Habitus amerikanischer Spezialkräfte. Jedoch darf man diese
Bezüge – wie es von offizieller Seite versucht wird – auch
nicht unterschätzen. Sonst wären die Afrika-Korps-Palmen gar
nicht erst als Emblem auf den Fahrzeugen aufgetaucht.309
Kampf, Verwundung und Tod wirkten sich nicht nur auf
jene aus, die im Gefecht standen. Auch die Offiziere in den
Stäben, in den PRT, im RC North oder im Hauptquartier der
ISAF in Kabul waren Teil dieses Krieges. Auf sie wirkte die
Gewalt indirekt, über die hektischen Stimmen an den
Sprechfunkgeräten, die Drohnenbilder, über die dürren
schriftlichen Meldungen von den Gefechten im ganzen Land
und über die Statistiken von »Troops in Contact« (TIC) und
»Improvised Explosive Devices« (IED), nicht zuletzt durch
die Ansprachen, die manche mehrfach vor den Särgen zu
halten hatten. Auf den Kommandeuren lastete die
Verantwortung für Leib und Leben ihrer Soldaten schwer. Sie
lebten immer in dem Bewusstsein, dass ihre Befehle den
Männern und Frauen das Leben kosten konnten. Anders als
die einfachen Landser hatten sie – je nach Dienststellung –
einen Überblick über die Lage in ganz Afghanistan. Sie
wussten, mit welcher Härte die NATO auch nach dem Juli
2009 diesen Krieg führte. Man kann bislang nur spekulieren,
wie deutsche Offiziere mit dem Wissen über exekutierte
Taliban, getötete Zivilisten, versehentlich oder gezielt zerstörte
Dörfer umgingen. Sie sprechen darüber aus nachvollziehbaren
Gründen nicht gern. »Auch wir erzählen nicht alles aus
Afghanistan«, sagte Jörg Vollmer, der zweimal im RC North
das Kommando hatte.310
707
Alles deutet darauf hin, dass es in den Stäben durchaus
unterschiedliche Auffassungen von legitimer und illegitimer
Gewalt gab, auch Meinungsverschiedenheiten über die Rolle
der Amerikaner im Land. Es sind Fälle bekannt, wo deutsche
Stabsoffiziere abgelöst werden mussten, weil sie das Vorgehen
der Amerikaner nicht mit ihren Vorstellungen über den
Charakter des Einsatzes in Einklang bringen konnten. Doch
das dürfte eher die Ausnahme gewesen sein. Wenn bei
Operationen der amerikanischen Spezialkräfte Zivilisten auch
mal im dreistelligen Bereich umkamen, nahm man das hin.
Mancher wunderte sich gewiss, dass darüber nicht gesprochen
wurde. Doch keiner wollte sich mit den Amerikanern anlegen,
von denen die Deutschen in vielerlei Hinsicht abhängig waren.
Im Zweifelsfall waren es ihre Hubschrauber, die deutsche
Verwundete ausflogen, ihre Flugzeuge, die schwer bedrängten
deutschen Soldaten Luftunterstützung gaben. Und wenn USSpezialkräfte nachts Taliban-Kommandeure töteten, brachte
das auch der Bundeswehr mehr Sicherheit. Die Deutschen
waren insgesamt loyale Allianzpartner, die die nächtlichen
Schattenkrieger mit Logistik, mit Absperrungen und auch mit
Sanitätern unterstützten. Kognitive Dissonanzen gab es also
auch bei hohen Offizieren, nicht nur bei einfachen Soldaten.
Und die meisten entwickelten Strategien, um sich davon nicht
allzu sehr beeinträchtigen zu lassen.
Liest man Tagebücher deutscher Soldaten aus Afghanistan,
so fällt auf, wie sehr selbst hoch gebildete Offiziere auf das
Hier und Jetzt konzentriert waren.311 Gedanken über größere
Zusammenhänge oder den Sinn der Mission sind seltene
Einsprengsel in den Aufzeichnungen. Weit mehr Raum
nehmen Schilderungen der dramatischen Bergkulisse des
Marmal-Gebirges, des Hindukusch oder der beeindruckenden
Hubschrauberflüge ein. Ausführlich wird über das Essen
708
geschrieben und über die endlosen Querelen mit der
Bürokratie, aber auch über das engere soziale Umfeld, über
Kameraden und Vorgesetzte – etwa über General K., der
zuweilen die Nerven verlor, durch seine Unsicherheit und
Sprunghaftigkeit
alle
irremachte
und
»wie
im
Führerhauptquartier« seine gefürchteten Monologe hielt.
Fragt man heute Stabsoffiziere, ob sie sich in Afghanistan
über den Sinn des deutschen Engagements unterhalten haben,
ob man abends bei Kerzenschein und Bier im kleinen Kreis
reflektiert hat, welche Erfolgschancen die Mission angesichts
der strategischen Lage überhaupt hatte, erhält man fast immer
die gleiche Antwort: Nein, über die grundlegenden Fragen sei
nicht gesprochen worden. Man habe sich auf den täglichen
Einsatzbetrieb konzentriert. Ständig sei etwas passiert, ein
Problem zu lösen, ein Auftrag zu bewältigen oder in fast schon
obsessiver Detailtiefe nach Potsdam und Berlin zu berichten
gewesen. Ein Oberst bekannte: »Erst Jahre nach meiner Zeit
im RC North habe ich über den strategischen Kontext und am
Ende auch über Sinn und Unsinn des Afghanistan-Einsatzes
nachgedacht.«312 Die Gedanken und Reflexionen von
Hunderten von Stabsoffizieren, die in rund ein Dutzend Jahren
im ISAF-Einsatz standen, lassen sich aus Mangel an Quellen
bislang kaum differenziert beschreiben. Es scheint aber so zu
sein, dass das Prinzip Hoffnung in den Stäben weit verbreitet
war, dass man etwa darauf vertraute, mit dem
Truppenaufwuchs und der großen Kampfkraft der Amerikaner
im Jahre 2010 werde es schon gelingen, die Sicherheitslage so
zu stabilisieren, dass die Afghanen Vertrauen in die
Zentralregierung gewinnen würden.
Dass sich selbst höhere Dienstgrade kaum die Sinnfrage
stellten, ist eine interessante Parallele zu den Egodokumenten
aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach deren Lektüre drängt sich
709
dem heutigen Leser die Frage auf, warum die Offiziere der
Wehrmacht sich der Einsicht in das offensichtliche Scheitern
wie auch in den kriminellen Charakter des Krieges meist
verschlossen haben. Die Pfadabhängigkeit menschlichen
Handelns und der Wunsch, das eigene Tun nicht infrage zu
stellen, scheinen damals wie heute geradezu übermächtig
gewesen zu sein. Und doch gab es damals wie heute
schonungslos ehrliche Reflexionen. So wie der Panzergeneral
Wilhelm Ritter von Thoma den Krieg spätestens seit 1942 für
verloren hielt313, dachten auch in Afghanistan manche
Offiziere sehr kritisch und sehr grundsätzlich über ihren Krieg
nach. »Ich führte heute«, notierte ein Offizier in sein
Tagebuch, »wieder ein längeres Gespräch mit M. [einem
schwedischen Offizier], in dem wir uns gegenseitig
versicherten, daß dieser ganze Krieg zu einem absurden
Theater geworden ist und gar keinen Zweck mehr hat. M.
meinte, er sei in erster Linie wegen des Geldes hier, das er in
Schweden derzeit nicht verdienen könne. Er beabsichtige aber
nicht, noch einmal nach Afghanistan zurückzukehren. Zur
Wiederaufbauhilfe und Entwicklung des Landes sagte er
knapp und treffend: ›I couldn’t care less.‹ Aus dem Munde
eines Intellektuellen mit Bart und Brille und langen Haaren,
wie es in der schwedischen Armee erlaubt ist, mag das
merkwürdig und unerwartet klingen, aber ich konnte ihm nur
beipflichten. Straßen und Brunnen möchten hier alle haben,
aber das hindert niemanden daran, eine Waffe in die Hand zu
nehmen. Das ist den Leuten hier nämlich scheißegal. Sie
hassen uns und sich gegenseitig. Die Gebildeten sind für
unsere Begriffe überwiegend korrupte Verbrecher, die
einfachen Leute schlicht unzivilisiert. Unseren menschlichen
Ansatz verachten die meisten nur, vorausgesetzt, sie verstehen
ihn überhaupt. M. und ich waren uns einig: Man hätte,
710
nachdem man die Taliban 2001 herausgebombt hatte, einfach
Schluß machen sollen.«314
Etliche deutsche Offiziere, die regelmäßigen Kontakt mit
den verschiedenen Warlords, Provinzgouverneuren und
Distrikt-Chiefs
hatten,
waren
offensichtlich
bald
desillusioniert über die Verhältnisse im Land. Man saß mit
Leuten wie Rasul Khan zusammen, der tief in die organisierte
Kriminalität verstrickt war, mit Drogen und Waffen handelte,
von den Deutschen auch mal forderte, die Paschtunen zu
»vernichten«, und dabei zuweilen Hitler zitierte. »[Er] hat
überhaupt keinen Charme, strahlte Rohheit und Primitivität
aus. I. sagte später, wir könnten ihr eine große Freude machen,
wenn wir ihn umlegten«315, notierte ein Offizier nach einer
solchen Begegnung. Khan kam 2013 bei einem
Bombenanschlag ums Leben – eine weit verbreitete
Todesursache für Lokalfürsten jedweder Couleur in
Afghanistan.
Mancher Soldat wunderte sich auch, dass die Bundeswehr
ab 2010 mit den Todfeinden von einst, der radikalislamischen
Hizb-i Islami (HiG), verbündet war, weil diese sich gegen die
Taliban gewendet hatte. Zugleich fürchteten die Deutschen,
dass die in der afghanischen Regierung sitzende islamistische
Dschamiat-Partei Anschläge auf ihre Truppen begehen könnte.
»So verkehrt ist hier die Welt«316, bemerkte ein Offizier.
Angesichts dieser Verhältnisse war selbst bei ehrlich
Bemühten das Verständnis rasch aufgebraucht. Bei etlichen
Soldaten war eine »nicht zu überbietende Geringschätzung«
für die Afghanen unübersehbar. »Kuddel«, »Schmutzfüße«,
»Eself…« waren gängige Bezeichnungen, und mancher
meinte, man solle doch einfach eine Atombombe auf das Land
werfen.
Selbstverständlich
gab
es
auch
die
»Afghanistanversteher«, die durch nichts von ihrem
711
Engagement für Land und Leute abzubringen waren. Aber die
waren zumindest in der Zeit der angespannten Sicherheitslage
eine kleine Minderheit.
Der Krieg in Afghanistan offenbarte etliche Parallelen zum
Zeitalter der Weltkriege. Das betraf vor allem die situative
Wirkung der Gefechte, die Rolle der Primärgruppen und der
tribal cultures, aber auch die Fremdheitsgefühle gegenüber der
einheimischen Kultur, die zuweilen in Verachtung
umschlugen. Und doch waren die Unterschiede größer als die
Ähnlichkeiten.
Am
Hindukusch
kämpften
keine
Wehrmachtsoldaten, und dort tobte auch kein totaler Krieg.
Das Sterben wurde für die Deutschen nicht zur Normalität,
sondern jeder Gefallene blieb ein außergewöhnliches Ereignis.
Obwohl insgesamt in Afghanistan von 2001 bis 2014 wohl
deutlich mehr als 100 000 Menschen umkamen, blieb für die
Deutschen im Norden das Sterben der Gegner oder der
Zivilisten eher abstrakt, als dass man es tatsächlich erlebte.
Der situative Druck auf die Soldaten war also wesentlich
geringer als in den Weltkriegen. Und wenngleich das Leben in
der Heimat trotz Telefon und Internet weit entfernt schien, gab
es doch immer das Bewusstsein, dass man bald in ein
friedliches Leben zurückkehren werde. Viele leisteten den
Dienst auch wegen der hohen Auslandsverwendungszulage
und planten schon die Anschaffung des neuen Autos oder
einer neuen Küche. Vor allem aber war die Kultur der
Bundeswehr von der Begrenzung der Gewalt, nicht von deren
Eskalation geprägt. Verluste waren kein Zeichen von Erfolg,
sondern von Misserfolg. Auch den Heißspornen unter den
Kompaniechefs war bewusst, dass sie zivile Opfer tunlichst
vermeiden mussten. Gefangene Gegner oder gar Zivilisten
kurzerhand an die Wand zu stellen oder Dörfer anzuzünden,
mag in der Fantasie manches Soldaten in unmittelbarer
712
Kampfsituation herumgespukt haben. Dergleichen umzusetzen
lag aber außerhalb jeder Vorstellung. Und so waren selbst
hartgesottene Soldaten des KSK erschüttert, als ihnen
Amerikaner nonchalant davon berichteten, wie sie gefangene
Taliban exekutierten.
Der Krieg in Afghanistan im politischgesellschaftlichen Diskurs
Ein weiterer gewichtiger Unterschied zu vergangenen Zeiten
war das Verhältnis der bundesrepublikanischen Gesellschaft
zum Militär im Allgemeinen und zum Krieg am Hindukusch
im Besonderen. Vor 1945 waren Soldaten Helden, genossen
eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Begriffe wie Pflicht,
Opferbereitschaft
und
Vaterland
waren
fest
im
gesellschaftlichen Wertekanon verankert. In der Gesellschaft
der Bundesrepublik bedeuteten diese Begriffe wenig. Die
Soldaten beklagten sich daher auch über mangelnde
Anerkennung, darüber, dass ihre Lebensrealität daheim nicht
ausreichend gewürdigt werde.317 Während der Heimatdiskurs
in den Weltkriegen gar nicht martialisch genug sein konnte,
war er im 21. Jahrhundert das glatte Gegenteil davon. Der
ungelenke Umgang mit dem Kämpfen und Sterben, die
Verweigerung insbesondere der Politik, das Offensichtliche
beim Namen zu nennen oder auch nur die Einsatzregeln den
Realitäten anzupassen, brauchten viel Vertrauen bei den
Soldaten auf.
Die Praxis der Inneren Führung, auf die man sich so viel
einbildete, erlitt massive Schäden, weil ein Dienen aus
Einsicht kaum möglich war, wenn Regierung, Bundestag und
Militärführung nicht willens waren, realistische Aufgaben und
Ziele zu formulieren, sich stattdessen in Worthülsen flüchteten
und die Soldaten mit einem gefühlten Legitimitätsdefizit in
713
den Einsatz schickten. Verteidigte man am Hindukusch
wirklich die Werte und Normen des Grundgesetzes, während
man zugleich eine korrupte Regierung unterstützte, mit
Kriminellen zusammenarbeitete und deren Drogengeschäfte
absicherte?318 Kabinett und Parlament haben diese Fragen
nicht beantwortet.319 Um überhaupt das Mandat durch das
Parlament zu bringen, musste die Illusion eines
Stabilisierungseinsatzes möglichst lange gewahrt werden, um
auch SPD, FDP und Teilen der Grünen die Zustimmung zu
ermöglichen. Ehrlichkeit und Klarheit hätten das Mandat
gefährdet, das die Bundesregierung zur Demonstration ihrer
Bündnistreue und zur Wahrung ihres internationalen
Einflusses unbedingt aufrechterhalten wollte. Ein Rückzug
kam schon deshalb nicht infrage, weil Deutschland als eines
der fünf regionalverantwortlichen Länder damit die ganze
Mission gefährdet hätte. Der Schaden in der NATO wäre
unkalkulierbar gewesen.
Minister Karl-Theodor zu Guttenberg erlangte gerade
deshalb ungeahnte Popularität bei der Truppe, weil er sich
nach dem Karfreitagsgefecht traute, die Dinge beim Namen zu
nennen, und erstmals von kriegsähnlichen Zuständen in
Afghanistan sprach.320 Er verstand es, auf die Soldaten
zuzugehen, besuchte sie auch auf den Außenposten und hielt
keine nichtssagenden Reden. Zweifellos wusste er sich in
Szene zu setzen, aber er hatte als einer der wenigen Politiker
einen Zugang zu den »Kämpfern«. Doch seine Beliebtheit
änderte nichts daran, dass im April 2010 62 Prozent der
Deutschen für einen Abzug der deutschen Truppen waren.321
Für den Afghanistan-Einsatz stimmten nur noch vierzehn
Prozent.322 Diese hohe Ablehnung war nicht per se mit den
Verlusten zu erklären. Auch eine liberale, wenig kriegerisch
gesinnte Öffentlichkeit kann Verluste akzeptieren, wenn sie
714
deren Sinn versteht.323 Doch die deutsche Politik konnte nie
wirklich überzeugend darlegen, dass die deutsche Sicherheit
am Hindukusch verteidigt werden musste.324
Die militärische Führung hat sich am öffentlichen Diskurs
über Afghanistan nicht prominent beteiligt, weil die politische
und militärische Hausleitung dies nicht wünschte. Gerade nach
Ereignissen wie dem Luftschlag von Kunduz wurden
Maulkörbe verhängt. So erhielt Kai Rohrschneider einen
Rüffel vom Generalinspekteur, als er in einem Presseinterview
im September 2009 Oberst Klein verteidigte.325 Gelegentliche
Wortmeldungen ließ das Ministerium später zwar zu, aber
einen nennenswerten Beitrag zu einem kritischen Diskurs
leisteten die Spitzenmilitärs nicht, das entsprach wohl auch
nicht ihrem Selbstverständnis. Die Realitätsverweigerung trat
auch in der vom Verteidigungsministerium herausgegebenen
Zeitschrift für Innere Führung zutage. Ein kritisches Wort über
den Afghanistan-Einsatz fand sich dort in den Jahren 2001 bis
2011 kaum. Stattdessen wurde ausschließlich von Frieden und
Aufbauarbeit gesprochen.326 Die Militärführung war also Teil
des Problems. Sie übte nicht etwa eine Brückenfunktion
zwischen gesellschaftlich-politischem Diskurs und Truppe aus,
sondern bremste diesen dringend notwendigen Austausch
zumeist noch. So gab es kein relevantes Medium, in dem die
Offiziere sich mit ihren Einsatzerfahrungen auseinandersetzen
konnten. Wie passte es mit den hohen Bildungsidealen der
Bundeswehr zusammen, dass man sich noch nicht einmal
traute, in engerem Rahmen einen kritischen Diskurs
zuzulassen?327
Die viel gescholtenen Medien gingen unbefangener mit
dem Thema Afghanistan um als die politische und militärische
Führung. Sie betrieben – anders als die Parteien im Parlament
– zumeist auch kein ideologisches Schattenboxen, sondern
715
zeigten sich grundsätzlich offen für den Einsatz der
Bundeswehr als Teil deutscher Außenpolitik. Es ging weniger
um das grundsätzliche Für und Wider als um praktische
Aspekte wie die Aufgabenstellung oder die Ausrüstung.328 Die
Soldaten wurden vielfach als Opfer und Leidtragende
beschrieben, wobei der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg
immer mitschwang. Doch ihr Töten und das durch sie
verursachte Leid wurden weitgehend ausgeblendet.329
Zwischen 2009 und 2012 gab es auch eine Vielzahl von
Radio- und Fernsehbeiträgen, die den Krieg am Hindukusch
zum Thema hatten. Selbst der »Tatort« kam nicht daran vorbei
und produzierte mit »Heimatfront« und »Fette Hunde«330 zwei
Folgen zum Thema. Über die Qualität dieser
Abendunterhaltung mag man streiten. Totgeschwiegen wurde
Afghanistan im Fernsehen aber nicht. Vor allem die
zahlreichen Dokumentationen und Reportagen331 zeigten ein
halbwegs realistisches Bild des ISAF-Einsatzes. Die
Journalisten stellten kritische Fragen an die Politik und übten
sich in Solidarität mit den Soldaten, die vor Ort ihr Leben
riskierten. Ein Reporter wie Uli Gack war wegen seiner
differenzierten Berichterstattung bei den Soldaten in
Afghanistan hoch angesehen.
Keiner der damals verantwortlichen Generäle oder
Politiker hat seine Erinnerungen veröffentlicht. Über wenige
zumeist belanglose und zuweilen bemerkenswert unkritische
Aufsätze in Sammelbänden332 geht ihr Beitrag nicht hinaus.
Die Soldaten vom Stabsgefreiten bis zum Oberst waren nicht
so schweigsam. Mittlerweile liegen mehrere Dutzend
Sachbücher aus ihrer Feder vor. Johannes Clair schaffte es mit
seinem Buch »Vier Tage im November« sogar auf die
Bestsellerliste.333 Diese Veröffentlichungen sind höchst
subjektiv und dramatisieren die Lage am Hindukusch
716
zuweilen. Und über allzu delikate Details wird auch hier nicht
gesprochen. Vom »Wegmachen«, »Abknallen«, »Umlegen«
oder »Reinholzen« ist kaum die Rede. Die Autoren verfassten
diese Texte nach ihrer Rückkehr und passten sich dem in
Deutschland öffentlich Sagbaren an.
Während die Generäle schwiegen und sich ein paar
Dutzend Soldaten und Offiziere ihre Erlebnisse von der Seele
schrieben,
reagierten
manche
Geistesund
Sozialwissenschaftler mit großer Sorge auf die Prägungen der
»Generation Afghanistan«. Elmar Wiesendahl glaubte eine
Reduzierung der Bundeswehr auf den Willen zum Kampf und
auf überzeitliches Kämpfertum zu erkennen. Es werde einem
Tugendfundament das Wort geredet, das mit dem
demokratischen und zivilgesellschaftlichen Wertekanon nicht
vereinbar sei. Den miles bellicus würden vom Staatsbürger in
Uniform Welten trennen, da Letzterer von der »tiefen
Überzeugung« geleitet werde, »als Soldat für höchste
demokratische Werte wie Menschenwürde, Freiheit und
Gerechtigkeit einzustehen«. Je mehr sich ein militärisches
Sonderethos herausbilde, desto mehr werde sich die
Bundeswehr von der postherorischen Mehrheitsgesellschaft
entfernen. Politik und militärische Führung müssten daher
verhindern, dass vorgestrige Kriegskonzepte größere
Bedeutung für die Konstruktion soldatischer Berufsidentitäten
gewännen.334 Wiesendahls Ansichten waren Reflexe auf die
seit Aufstellung der Bundeswehr virulente Frage, ob die
Streitkräfte vom Frieden oder vom Krieg her zu denken seien.
Er stand mit seinen Vorstellungen nicht allein. Demnach
sollten Soldaten vor allem Diplomaten, Konstabler und
Streetworker
sein,
die
von
einem
humanitären
Kosmopolitismus angetrieben sein müssten.335 Solche
idealisierten Vorstellungen dürften selbst für die CIMIC-
717
Soldaten, also jene, die in der zivil-militärischen
Zusammenarbeit tätig waren, kaum zugetroffen haben.
Während die einen das Bild einer Landsknechttruppe an
die Wand malten, die eine Gefahr für die Demokratie sei, und
andere die Soldaten zu Entwicklungshelfern umdeuten
wollten, gab es durchaus auch pragmatische Überlegungen
zum Bild vom Soldaten. Diese kämen aus der Mitte der
Gesellschaft, so der Theologe Gottfried Küenzlen, und seien
daher selbstverständlich Mitbürger. Sie müssten sich auch so
begreifen. Ihr zentraler Bezugspunkt sei die Nation, nicht
Europa und nicht der Weltbürger in Uniform. Die »Reallagen«
vor Ort führten zwangsläufig zu einer Wieder- und
Neubesinnung auf soldatische Tugenden. Schließlich sei der
Soldat nicht – zumindest nicht in erster Linie – Sozialarbeiter,
Mediator und Diplomat.336 »Demokratische Krieger« nannte
Andreas Herberg-Rothe die Verbindung von Zivilgesellschaft
und dem aus ihr entspringenden Subsystem Militär, dessen
Selbstverständnis aber in erheblichem Maße durch Kampf und
militärische Werte bestimmt sei.337 Zwischen der Identität als
Kämpfer und derjenigen als überzeugter Staatsbürger bestand
in der Tat kein Gegensatz. Während man in Großbritannien,
Frankreich oder den Niederlanden wohl nicht im Traum darauf
käme, zwischen beiden Rollen einen Widerspruch zu
erkennen, arbeiteten sich insbesondere Teile des linken
politischen Spektrums in Deutschland daran ab. Nachdem die
Hoffnung groß gewesen war, durch die UN-Einsätze der
Neunzigerjahre das Kämpferische des Soldaten endlich in die
Mottenkiste verbannt zu haben, war die Rückkehr des Krieges
in Afghanistan für viele gewiss ein herber Schlag.
Interessant ist gleichwohl, dass die Debatte, wie ein Soldat
zu sein habe, in erheblichem Maße von den Streitkräften selbst
geführt wurde und von dort in den öffentlichen Raum
718
ausstrahlte. Wiesendahl und Küenzlen waren an der
Führungsakademie in Hamburg bzw. an der BundeswehrUniversität in München tätig. Freilich war Küenzlen mit seiner
vermittelnden Position eher eine Ausnahme. Etliche Dozenten
definierten sich vielmehr durch eine maximale Distanz zu den
Streitkräften. Es fiel ihnen erkennbar schwer zu akzeptieren,
dass der Soldatenberuf eben nicht einer wie jeder andere
war338 und dass der Verweis auf den Verfassungspatriotismus
zur Beantwortung der Sinn- und Motivationsfrage ganz
offensichtlich nicht ausreichte.
Aufgrund der weltanschaulichen und habituellen Gräben
war der Dialog zwischen Lehrkörper und Soldaten zuweilen
wenig produktiv. Davon zeugt insbesondere das Buch »Armee
im Aufbruch«339, das jüngere Offiziere der Kampftruppen von
der Universität der Bundeswehr in Hamburg 2014
publizierten. Darin setzten sie sich pointiert mit den für sie
ungelösten Fragen nach soldatischer Identität im 21.
Jahrhundert, Tradition und zivil-militärischen Beziehungen
auseinander. Der Gang an die Öffentlichkeit war als Weckruf
gedacht, eine provokante Aufforderung, sich einer Debatte
über die Lebenswelten von Soldaten im Krieg zu stellen, die
sowohl die militärische Führung als auch die Dozenten der
Universität
offenbar
verweigert
hatten.340
Die
Veröffentlichung fand zunächst kaum Aufmerksamkeit. Erst
als die FAZ den Autoren »geistiges Säbelrasseln« vorwarf,
eine unbotmäßige Kritik an der Gesellschaft erkannte und
zugleich bemängelte, dass »das Militärisch-Soldatische als
eigener Reflexionsgegenstand« in der Lehre der BundeswehrUniversitäten fast gänzlich ausgespart werde341, brach im
Verteidigungsministerium hektisches Treiben aus. Öffentliche
Kritik fürchtete man wie der Teufel das Weihwasser,
schließlich gab es seit 1955 eine ungeschriebene Regel:
719
Soldaten hatten schweigend ihre von der Politik vorgegebene
Rolle zu akzeptieren und vor allem nicht die Gesellschaft oder
die mythisch aufgeladene Innere Führung als Symbol der
Integration des Militärs in den demokratischen Staat zu
kritisieren.342 Gegen diesen Gesellschaftsvertrag hatten die
jungen Offiziere verstoßen und ernteten nun heftigen
Widerspruch, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern gerade
aus der Bundeswehr. Man befürchtete einen Skandal wie 1971
bei den »Hauptleuten von Unna« und ängstigte sich, dass die
ganze Institution in Verruf geraten könnte.
Damals hatte immerhin der Generalinspekteur mit den
Protestlern gesprochen. Nun wurde der nachgeordnete Bereich
bemüht, um die Wogen zu glätten. Es gab etliche
Diskussionsrunden, in denen im Wesentlichen versucht wurde,
den Offizieren wie jungen Bengeln zu erklären, was sie doch
bitte zu denken hätten. Teilnehmer berichten, dass eigentlich
nur der damalige Generalarzt Ulrich Baumgärtner einen Draht
zu ihnen fand. Jan-Philipp Birkhoff, der hart mit der reinen
Lehre der Inneren Führung ins Gericht gegangen war, wurde
besonders scharf kritisiert. Generalleutnant Martin Schelleis
fand es geradezu »bestürzend, dass sich ein lebens- und
dienstunerfahrener Offizier öffentlich zur Inneren Führung
äußert«343. Sogar der MAD schaltete sich ein, fand aber nichts
Bedenkliches an der Gesinnung des jungen Leutnants.344 Viele
Kritiker realisierten nicht, dass Birkhoff eigentlich nur
wiedergab, was in der Schlammzone des OP North 2011 von
vielen gedacht worden war.345 Und dass es vielleicht einen
Grund hatte, warum Soldaten, die dort unter einfachsten
Bedingungen kämpften und ihr Leben aufs Spiel setzten, mit
Politik
und
Gesellschaft
haderten.
Die
Diskussionsveranstaltungen verdeutlichten einmal mehr, dass
zumindest Teile der Generalität die Verbindung zur
720
Kampftruppe schon lange verloren hatten. Immerhin gelang
es, den Druck aus dem Kessel zu nehmen und die
unerwünschte Debatte versanden zu lassen.346
Dass die Bundeswehrführung irgendwelche grundlegenden
Schlussfolgerungen aus dem Gesprächsbedürfnis der
»Leutnante 2014« gezogen hätte, ist nicht bekannt. Im
Gegenteil: Der Inspekteur des Heeres Bruno Kasdorf verbot
im selben Jahr mit dürren Worten die Verwendung der Losung
»Treue um Treue«. Damit setzte er ein deutliches Zeichen der
Entschlossenheit, gegen die in Afghanistan gewachsene
Truppenkultur vorzugehen. Öffentlich bekannt wurde der
Spruch durch Clairs Buch »Vier Tage im November«, das
2012 erschienen war. Es zeigte, dass die Losung von
Fallschirmjägern, die 2010 im Raum Kunduz gekämpft hatten,
gern verwendet wurde, um sich gegenseitiger treuer
Kameradschaft zu versichern.347 Worin aber lag der
Sprengstoff des Spruches? Er entstand offenbar im
Frühnationalismus des 19. Jahrhunderts im Umfeld der
Burschenschaften, blieb in seiner Verwendung aber wenig
spezifisch. Erst zur Zeit des Hochimperialismus und des
Ersten Weltkriegs lässt er sich etwa im Umfeld des
soldatischen Nationalismus und als Ausdruck der
Frontkämpfergemeinschaft häufiger nachweisen.348 Aber auch
die Verwendung durch die SPD ist belegt.349 Im Dritten Reich
war »Treue um Treue« in vielfältiger Form in der Publizistik
gebräuchlich, wenn auch nicht so häufig wie in der Zeit von
1890 bis 1920. Das 1934 gestiftete Ehrenkreuz für
Frontkämpfer wurde in einem Etui verliehen, in das die Worte
eingelassen waren. 1943 war die Losung in der
Fallschirmjägertruppe gebräuchlich, war auf Tellern und
Urkunden zu finden.350
721
Wie verbreitet der Spruch während des Dritten Reiches
war, ist bislang nicht bekannt. Er scheint nie den Stellenwert
vergleichbarer Leitsprüche der SS (»Unsere Ehre heißt
Treue«) oder der Wehrmacht (»Gott mit uns«) gehabt zu
haben, weshalb er in der Bundesrepublik lange als
unverdächtig galt. Gleichwohl war es kein Zufall, dass der
1949 von Kriegsteilnehmern gegründete Bund der
Fallschirmjäger e. V. »Treue um Treue« als Losung übernahm
und bis heute zur Erinnerung an verstorbene Mitglieder
verwendet. Über die ehemaligen Wehrmachtsoldaten fand sie
dann Eingang in die Fallschirmjägertruppe der Bundeswehr,
wurde aber auch außerhalb dieser Truppengattung zuweilen
verwendet, etwa bei Grabreden.351 Selbst der Referatsleiter
Innere Führung, Oberst Werner von Scheven, beschrieb 1979
mit diesen Worten das Loyalitätsverhältnis von Staat und
Staatsbürger.352 Der Spruch gehörte also zum Zeichenvorrat
der Bundeswehr und war Teil der Fallschirmjägerkultur.
Niemand hatte an ihm Anstoß genommen, auch nicht während
der Traditionsdebatten in den Neunzigerjahren. Seine
vermehrte Verwendung in Afghanistan scheint vor allem einen
situativen Kontext gehabt zu haben. Zeitzeugen schließen
dezidiert aus, dass man sich damit in eine Kontinuität mit der
Wehrmacht habe stellen wollen. Es lässt sich freilich kaum
nachweisen, was die Männer in Momenten dachten, als sie
sich »Treue um Treue« zuriefen. Da der Zweite Weltkrieg
gerade bei vielen Fallschirmjägern immer präsent war, ist es
durchaus denkbar, dass sich zumindest einige damit bewusst in
eine historische Kontinuität stellten. Wahrscheinlicher ist, dass
der unmittelbare Kontext der Gefechte in Afghanistan im
Vordergrund stand und man sich vor dem Kampf gegenseitig
seiner Kameradschaft versichern wollte.353
722
Als sich öffentliche Kritik an der Losung regte, musste die
Heeresführung entscheiden, was sie höher gewichtete: die
durchaus gegebene Verbindung zur kontaminierten NS-Zeit
oder den Umstand, dass »Treue um Treue« ein organischer
Teil der Fallschirmjägerkultur der Bundeswehr war und in
Afghanistan eine emotionale Aufladung erfahren hatte. Der
Inspekteur des Heeres entschied sich für die Abschaffung.
Etliche aktive Generäle halten diese Entscheidung bis heute
für falsch – einer hat dies auf einem Traditionsworkshop 2017
im kleinen Kreis sogar der Ministerin gegenüber geäußert.354
Ihnen war bewusst, dass solche Worte in der Kampftruppe
einen hohen emotionalen Wert haben, dass sie Kohäsion
begründen und ein Stück weit für die Kämpfe des Jahres 2010
stehen. Eigentlich war der Spruch eher eine Chance, die oft
geforderte eigenständige Tradition der Bundeswehr zu
begründen und dabei auch die Kampftruppe zu
berücksichtigen. Diese Chance wurde vertan, zumal Kasdorf
keine Alternativen anzubieten hatte. Die Losung war nach dem
Verbot populärer denn je, scheint aber heute nur noch in der
Generation verbreitet zu sein, die in Afghanistan kämpfte.
Afghanistan – eine Bilanz
Die Bundeswehr ist am Hindukusch erwachsen geworden.
Erstmals in ihrer Geschichte war sie damit konfrontiert, den
Krieg nicht nur zu spielen, sondern auch zu führen. Das stellte
die Organisation vor enorme Herausforderungen. Eigentlich
hatte man geglaubt, die quälenden Diskussionen über das
Wesen des Soldaten und die Vergangenheit, die nicht vergehen
wollte, hinter sich gelassen zu haben. Mit den
Friedensmissionen schienen die Streitkräfte eine Aufgabe
gefunden zu haben, die außenpolitisch nützlich und zugleich
gesellschaftlich vermittelbar war. Und die Wehrmacht schien
im Papierkorb der Geschichte entsorgt. Doch dann lief
723
Afghanistan aus dem Ruder, und man musste lernen, mit Tod
und Verwundung umzugehen, auch die psychischen
Langzeitfolgen zu bewältigen. Etwa fünf bis zehn Prozent der
Soldaten erlitten im Einsatz eine Posttraumatische
Belastungsstörung. Doch die allermeisten Frauen und Männer
waren resilient genug, um die Belastungen durchzustehen.355
Die Truppe zeigte sich dem Einsatz in mehrfacher Hinsicht
gewachsen. Sie bewies, dass sie zu kämpfen verstand und die
Taliban zwischen 2009 und 2011 in den wichtigsten Regionen
Nordafghanistans zurückzudrängen vermochte.356 Das
Kriegerhandwerk hatte in den tribal cultures überdauert. Aber
es ging nicht nur darum. Die Bundeswehr bewies durchaus
Verständnis für die politische Dimension der ISAF-Mission
und dachte keineswegs nur in militär-taktischen Kategorien.357
PRT-Kommandeure,
Interkulturelle
Einsatzberater,
Verbindungsoffiziere und die Teams für das Mentoring der
afghanischen Armee oder für die zivil-militärische
Zusammenarbeit waren viel im Land unterwegs, versuchten
sich, so gut es ging, mit den Leuten von der
Entwicklungszusammenarbeit, dem Auswärtigen Amt und
dem Bundesinnenministerium zu koordinieren. Ohne die
Soldaten wären die erheblichen Fortschritte beim Aufbau von
Infrastruktur, Bildung und Wirtschaft nicht möglich gewesen.
Die Bundeswehr hatte bei ihrem Einsatz allerdings nur
wenig Spielraum, bewegte sich in einem von Regierung und
Parlament gesetzten engen Rahmen: Aufgaben, Richtlinien,
Kontingentgrößen bis hin zur Bewaffnung waren politisch
gesetzt und nur in einem langwierigen Prozess zu verändern.
So waren den Kommandeuren vor Ort oft die Hände
gebunden, und sie liefen den Realitäten eigentlich immer
hinterher. Ob die Bundeswehr die Politik immer klar und
nachdrücklich auf die Lage in Afghanistan und damit auf die
724
Notwendigkeit der Anpassung des Mandats an die Realitäten
vor Ort hingewiesen hat, muss bezweifelt werden. Allerdings
lässt sich der Informationsgang von den PRTs über das RC
North, das Einsatzführungskommando, den Generalinspekteur
bis hin zum Minister und schließlich ins Kabinett bisher nicht
genau nachvollziehen. Das eigentliche Nadelöhr scheint wie in
früheren Jahrzehnten der Generalinspekteur gewesen zu sein.
Gleichwohl: Jeder politische Entscheidungsträger, der wissen
wollte, was in Afghanistan los war, konnte sich leicht ein Bild
machen. Selbst die reichlich deskriptiven Unterrichtungen der
Obleute des Verteidigungs- und des Auswärtigen Ausschusses
sprachen zwischen den Zeilen eine unmissverständliche
Sprache.
In gewisser Weise war die militärische Führung ebenso
strategielos wie die Bundesregierung. Und auch auf der
operativen Ebene machte die Bundeswehr Fehler, nutzte
vorhandenes Wissen über das Land zu wenig und stieg zu spät
und zu zaghaft in die Unterstützung der afghanischen Armee
ein.358 Doch wie man es dreht und wendet: Für den Ausgang
der ISAF-Mission war das alles nicht entscheidend.
Entscheidend war der Glaube der internationalen
Gemeinschaft, am Hindukusch einen starken Staat mit einer
sauberen Verwaltung aufbauen zu können. Das aber sollte sich
bald als Illusion erweisen. Eine grundlegende Änderung der
Lage konnte die Bundeswehr unter den gegebenen
Rahmenbedingungen nicht bewirken. Die Truppen hatten
kaum Einfluss auf die regionalen Machtstrukturen und schon
gar nicht auf die kulturellen Prägungen, etwa die traditionell
schwach entwickelte Loyalität zur Regierung in Kabul. Gegen
die Skepsis, die weite Teile der Landbevölkerung der Moderne
entgegenbrachten, war kein Ankommen. Machtstrukturen, von
denen alle profitieren, waren in einem Land mit einer solchen
725
Vielzahl von Loyalitäten kaum zu errichten – schon gar nicht
von christlichen Ausländern, die noch nicht einmal die
Landessprachen verstanden.359
Andererseits lässt sich gewiss sagen, dass zumindest in den
Anfangsjahren die Chance einer Stabilisierung der Lage vertan
wurde, weil man sich zu sehr auf die Stadt Kabul
konzentrierte, zu spät in die Fläche ging und insgesamt zu
wenig in den Wiederaufbau investierte. Vor allem Briten und
Amerikaner setzten im Süden und Osten des Landes anfangs
ausschließlich auf die militärische Karte. So gesehen trägt
auch die Bundesregierung einen nicht unerheblichen Teil der
Verantwortung. Sie stellte viel zu wenig Mittel für den Aufbau
einer afghanischen Polizei zur Verfügung, und die Gelder für
zivile Projekte flossen erst zwischen 2010 und 2012 reichlich.
Heute ist zu fragen, ob beziehungsweise was die deutsche
Politik und die Bundeswehr aus den Erfahrungen in
Afghanistan gelernt haben. In der Tat wurden in den
Ministerien
die
Erfahrungsberichte
studiert,
Ausbildungsweisungen angepasst, im Auswärtigen Amt gar
eine
Abteilung
Krisenprävention,
Stabilisierung,
Konfliktnachsorge unter Leitung des ehemaligen Botschafters
in Kabul gebildet. Ein gewisser Lernerfolg lässt sich in vielen
Ressorts beobachten. Ob das Potenzial immer ausgeschöpft
wurde, darf bezweifelt werden: Wenn man hört, dass
Gefechtsberichte für die Ausbildung nicht frei verfügbar sind,
die
PRT-Kommandeure
noch
nie
zu
einem
Erfahrungsaustausch zusammenkamen, manches Debriefing
allzu knapp ausfiel, dann ist anzunehmen, dass die
Bundeswehr im Lernprozess unter ihren Möglichkeiten
blieb.360 Ob die politischen Ressorts mit einer grundlegend
besseren Bilanz aufwarten können, erscheint ebenfalls
zweifelhaft.
726
Weit bedeutender ist aber der Blick auf das
sicherheitspolitische System insgesamt, also die Interaktion
von Kanzleramt, Verteidigungsministerium, Auswärtigem
Amt, Entwicklungshilfe- und Innenministerium, aber auch
dem Parlament und von nachgeordneten Behörden wie dem
BND. Noch steht die Zeitgeschichte erst ganz am Anfang ihrer
Beschäftigung mit dem deutschen Engagement in Afghanistan.
Momentan könnten diese Fragen wohl nur im Kanzleramt
beantwortet werden, weil es der einzige Ort ist, an dem alle
Stränge zusammenlaufen. Freilich ist dort keinerlei Interesse
zu erkennen, sich mit Fehlern der Vergangenheit zu befassen.
Und so scheint sich in Mali in gewisser Weise alles noch
einmal zu wiederholen. Die Bundeswehr ist 2013 den
Franzosen ähnlich strategielos nach Westafrika gefolgt wie
2001 den Amerikanern an den Hindukusch. Ob das derzeitige
Nebeneinander von fünf Missionen, die von Frankreich, der
UN, der EU (zwei) sowie der Afrikanischen Union getragen
werden, wirklich effizient und zielführend ist, muss bezweifelt
werden. Ähnlich wie in Afghanistan spielt die internationale
Gemeinschaft mittlerweile eine zentrale Rolle für die
Aufrechterhaltung des Staates. Ohne ihr Engagement würde
Mali schnell ein Opfer militanter Extremisten werden. Jedoch
ist es in den vergangenen sieben Jahren nicht gelungen,
nennenswerte Fortschritte im Aufbau eines starken Staates und
einer sauberen Verwaltung zu machen. Die Aufgabe in
Westafrika scheint auf Generationen hin angelegt, und es stellt
sich die Frage, ob die westliche Staatengemeinschaft dazu
bereit ist – insbesondere, wenn sie mehr Todesopfer zu
beklagen hätte. Die einzige wirkliche Lehre, die die
Bundesregierung aus dem Afghanistan-Einsatz gezogen hat,
ist, dass sich Deutschland nie wieder in einen Krieg
hineinziehen lassen darf und man sich deshalb strikt auf eine
727
Ausbildungsmission konzentriert. Aber was macht
Deutschland, wenn die Lage in Mali eskaliert? Kann es sich
auf Dauer dem Drängen Frankreichs nach größerem
militärischem Engagement entziehen? Und wie effizient ist die
Ausbildung von malischen Soldaten, wenn es den deutschen
Soldaten – anders als in Afghanistan – noch nicht einmal
erlaubt ist, mit ihren »Schülern« an die Front zu gehen und sie
dort zu unterstützen? Die Quadratur des Kreises wiederholt
sich: die Bundeswehr aus außenpolitischen Gründen in eine
Auslandsmission zu schicken, deren Aufgaben aber nicht von
den Notwendigkeiten vor Ort, sondern von der Innenpolitik
bestimmen zu lassen. Eine wirkliche Verbesserung für Mali
wird schon aufgrund dieses Strukturfehlers kaum zu erreichen
sein.
Die Rückkehr des Kalten Krieges?
Bedingt einsatzbereit
Im Februar 2014 übernahmen russische Soldaten die Kontrolle
auf der Krim. Nach einem rasch durchgeführten Referendum
annektierte Präsident Putin die Halbinsel, die von 1774 bis
1954 Teil Russlands gewesen und dann der ukrainischen
Sowjetrepublik zugesprochen worden war. Im April 2014
brach im Osten der Ukraine ein Bürgerkrieg zwischen der
ukrainischen Armee und prorussischen Milizen aus, die von
Moskau massiv mit Soldaten und Waffen unterstützt wurden.
Der polnische Präsident sprach von einer russischen Invasion,
und im Baltikum fürchtete man, dass Moskau bestrebt sein
könnte, das alte Sowjetimperium wiederherzustellen. Die
NATO wurde von Putins Schachzug kalt erwischt. Politikern
und Militärs fehlte schlicht die Fantasie, dass die Landes- und
Bündnisverteidigung je wieder auf der Agenda stehen könnte.
Und um die Fähigkeiten dazu stand es schlecht: Die Europäer
728
hatten nach 1990 die Friedensdividende aus den
Abrüstungsvereinbarungen nach Ende des Kalten Krieges
eingestrichen, ihre Verteidigungsausgaben stark gekürzt und
die Streitkräfte nach den Anforderungen der Out-of-areaOperationen umstrukturiert. Deutschland hatte 2001 die
Landes- und Bündnisverteidigung de facto aufgegeben. Die
Bundeswehr war seitdem darauf ausgerichtet, mit einem
Rotationssystem Kontingente aus den unterschiedlichsten
Einheiten für Bosnien, den Kosovo und Afghanistan
bereitzustellen. Die Divisionen und Brigaden waren als
geschlossene Verbände seit Anfang der 2000er-Jahre
überhaupt nicht mehr einsatzbereit. Wofür auch? Im Einsatz
ging es ums Retten, Schützen und Helfen, nicht ums Kämpfen.
Und selbst als es in Afghanistan immer kriegerischer zuging,
war das mit der Bündnisverteidigung nicht zu vergleichen.
Man kämpfte am Hindukusch schließlich nicht gegen eine
russische Panzerarmee, sondern gegen Gruppen von einigen
Dutzend mäßig bewaffneter Tagelöhner und Bauern. Zur
Hochzeit der Gefechte wurden dort 25 Schützenpanzer und
fünf Panzerhaubitzen eingesetzt. In den Kategorien des Kalten
Krieges war das nicht mehr als ein Augenzwinkern.
Die Armeen der Demokratien haben in ihrer Geschichte
immer wieder Phasen radikaler Abrüstung erlebt – man denke
nur an die britischen und amerikanischen Streitkräfte in den
1920er- und 1930er-Jahren. Insofern war die Schrumpfung der
Bundeswehr
in
historischer
Perspektive
nichts
Außergewöhnliches. Bemerkenswert war vielmehr, wie
kurzsichtig sie vorgenommen wurde, denn man beraubte sich
zugleich der Möglichkeit, das Ruder wieder herumzuwerfen.
Die Abschaffung der Wehrpflicht war da noch das kleinste
Übel. Nur Estland, Norwegen, Griechenland und die Türkei
haben sie heute noch. Sie war in Deutschland mit seinen 80
729
Millionen Einwohnern durch die Reduzierung der
Truppenstärke auf 200 000 Soldaten nicht mehr gerecht
anzuwenden. Die Verweigerungs- und Ausmusterungszahlen
hatten längst ein Ausmaß erreicht, das die Wehrpflicht de facto
aussetzte.
Folgenschwerer
waren
die
andauernden
Strukturreformen, die zwischen 2000 und 2011 erheblich dazu
beitrugen, der Armee das Rückgrat zu brechen: Seit der
Jahrtausendwende gab es keine allgemeine Reserve für den
Krisenfall mehr, und die Bundeswehr verlor ihre personelle
Aufwuchsfähigkeit.361
Zudem glaubte man, die schrumpfenden Streitkräfte durch
Zentralisierung besser und billiger führen zu können. Zu den
vormals drei Teilstreitkräften Luftwaffe, Heer und Marine
kamen 2000 zwei sogenannte Organisationsbereiche hinzu: die
Streitkräftebasis
und
das
Sanitätswesen362
mit
Querschnittsaufgaben für die gesamte Bundeswehr. Was sich
auf den ersten Blick sinnvoll anhörte, verkomplizierte in der
Praxis die Verwaltungsabläufe erheblich. Kurze Zeit später
ging die Materialverantwortung für das Großgerät von den
Teilstreitkräften an das Bundesamt für Wehrtechnik und
Beschaffung
über.
Dieses
zivile
Amt
der
Bundeswehrverwaltung war seinen Aufgaben – wie sich
zeigen sollte – nicht gewachsen. Zu allem Übel wurde 2005
die Heeresinstandsetzungslogistik GmbH gegründet. Große
Teile der Wartungsarbeiten, die die Kampfeinheiten bis dahin
selbst durchführten, wurden an diese bundeseigene
Gesellschaft ausgelagert. Hinzu kam, dass die Bundeswehr zu
wenig Geld für die Ersatzteilbeschaffung ausgab, ihre
Lagerbestände plünderte und schließlich die großen Depots
ganz auflöste. Die neue Organisation funktionierte schon im
tiefsten Frieden nicht richtig, wie sich an der anhaltend
niedrigen Einsatzbereitschaft der Fahrzeuge und Flugzeuge
730
zeigte. An einen nationalen Krisen- und Spannungsfall mochte
da niemand denken.
2010 setzte Minister zu Guttenberg eine von Frank-Jürgen
Weise, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit, geleitete
Expertenkommission ein, die Reformvorschläge unterbreiten
sollte. Etliche ihrer Empfehlungen wurden umgesetzt363 und
das Verteidigungsministerium grundlegend umstrukturiert.
Andere Vorschläge verfolgte man nicht, etwa die Bündelung
aller relevanten Rüstungsstellen in einer Agentur für
Beschaffung nach zivilem Vorbild. Hier fehlte der politische
Wille im Kabinett, das Beschaffungswesen jenseits von eher
kosmetischen Veränderungen grundlegend zu reformieren.
Allerdings hatte auch die Kommission nicht den Stein der
Weisen gefunden, und manche ihrer Ideen – wie die
Ausgliederung der Inspekteure aus dem Ministerium –
erwiesen sich als kontraproduktiv. Zudem war sie von der Idee
der Zentralisierung und Anpassung an zivile Strukturmodelle
durchdrungen. Es scheint fraglich, ob dieser Weg für die
militärische Welt immer die beste Lösung ist, weil
Marktmechanismen hier nur bedingt sinnvoll sind. In der
Instandsetzung hat sich das von Weise geforderte Outsourcing
an private Dienstleister eher als fatal erwiesen.
Allen Beteiligten wurde mehr und mehr bewusst, dass die
Rüstung eines der größten Probleme der Bundeswehr war.
Komplexere Waffensysteme kamen fast immer zu spät, waren
zu teuer und brauchten zu lange, um einsatzbereit zu sein. Das
galt selbst für den militärischen Fahrzeugbau, der traditionell
eine deutsche Stärke war. Der Schützenpanzer Puma war in
seinem Entwurf allzu ambitioniert. Als 2010 die ersten
Fahrzeuge ausgeliefert wurden, gab es zahllose Probleme
insbesondere mit der Elektronik. Die volle Einsatzbereitschaft
ist frühestens 2025 zu erwarten. Obendrein fehlen
731
funktionierende Gefechtssimulatoren, sodass sich die
Ausbildung der Besatzungen erheblich verzögert.364 Gewiss
sind nicht alle Rüstungsprojekte so stockend verlaufen. So
gelang es Deutschland wesentlich schneller als etwa
Großbritannien, seine Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen
auszustatten, um sie in Afghanistan vor Sprengstoffanschlägen
zu schützen. Gleichwohl ist die Kampfbereitschaft des Heeres
durch die großen Probleme bei Schützenpanzern und
Hubschraubern im Bereich der Bündnisverteidigung noch auf
Jahre hinaus massiv beeinträchtigt. Die Gründe dafür liegen
neben ineffizienten Strukturen auch darin, dass der eigentliche
Zweck von Rüstungsprojekten – nämlich die rasche
Herstellung alltagstauglichen Kriegsgeräts – oft aus dem Blick
geriet. Innen- wie außenpolitische Faktoren, die Sicherung von
Arbeitsplätzen
oder
die
gewünschte
internationale
Kooperation waren meist wichtiger als die militärische
Funktionstüchtigkeit. Hinzu kamen übertriebene technische
Forderungen der Militärs, deren Machbarkeit von vornherein
fraglich erschien und die die Kosten in die Höhe trieben.
Außerordentlich lange Planungs- und Herstellungszeiten
belasten die Projekte, die kein Ingenieur oder Offizier vom
Anfang bis zum Ende mehr mitverfolgen kann. Die ersten
Planungen für den Kampfhubschrauber Tiger365 stammen aus
den frühen 1980er-Jahren, der Erstflug erfolgte 1991, der
Einsatz
2014.
Die
Bewaffnung
mit
modernen
Panzerabwehrraketen PARS 3 wurde dann endlich zwischen
2015 und 2018 geliefert, weist aber erhebliche technische
Mängel auf.
Die europäische Rüstungsindustrie ist für den Bedarf der
nationalen Armeen zu kleinteilig strukturiert, und es erscheint
unsinnig, dass jedes Land sein Großgerät in eigener Regie
herstellt. Trotzdem gelang es bisher nicht, sich auf höchster
732
politischer Ebene auf eine grundlegende Neustrukturierung zu
einigen. Wenn etwa die Franzosen die Flugzeuge, die
Deutschen die Fahrzeuge und die Niederländer die Schiffe
bauen würden, wären größere Serien und geringere Kosten
denkbar. Aber kein Staat will auf Schlüsselbereiche seiner
Industrie verzichten, zumal die Länder auch ganz eigene
sicherheitspolitische
Interessen
haben
und
somit
unterschiedliche Anforderungen an ihre Rüstungsgüter stellen.
Frankreich denkt an den Einsatz in Westafrika und den Export,
Deutschland
eher
an
schweres
Gerät
für
die
Bündnisverteidigung und eine restriktivere Ausfuhrpolitik
zumindest für schwere Waffen. Frank-Jürgen Weise forderte in
seinem Kommissionsbericht zwar die Angleichung an
europäische Exportrichtlinien – eine wirkliche Annäherung
zwischen Frankreich und Deutschland hat es hier bisher aber
nicht gegeben. Da die großen Länder im Rüstungsbereich
bislang nur zu kosmetischen Zugeständnissen bereit waren,
blieben echte Synergieeffekte aus.
Größere Fortschritte schien es bei der Weiterentwicklung
der Binnenstrukturen zu geben. Thomas de Maizière gliederte
2012 mit dem Dresdner Erlass das Verteidigungsministerium
neu und setzte damit einige Empfehlungen der WeiseKommission um. Die Entscheidungsprozesse wurden aber
nicht merklich gestrafft, eher trat das Gegenteil ein. Bei einer
sinkenden Zahl von Indianern gab es immer noch erstaunlich
viele Häuptlinge. Obwohl sich die Personalstärke der
Bundeswehr seit Ende des Kalten Krieges mehr als halbierte,
stieg die Zahl der Generäle und Admirale sogar an: von 193
auf 211.366 Und weniger denn je gab es klare
Verantwortlichkeiten.
Wohin diffuse Strukturen führen, zeigt am eindrücklichsten
die Misere des Segelschulschiffs Gorch Fock.367 Das
733
Aushängeschild der deutschen Marine liegt seit 2015 und
damit seit über fünf Jahren in der Werft.368 Die Kosten für die
Reparatur sind von zehn auf schätzungsweise 135 Millionen
Euro gestiegen. Die Verantwortung für die Instandhaltung liegt
beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und
Nutzung (BAAINBw).369 Dessen Kalkulationen basierten aber
nicht auf einer genauen Analyse der Schäden, sondern
lediglich auf Erfahrungswerten. Deswegen waren eine
Verlängerung der Liegezeit und eine Kostensteigerung um 30
Prozent intern bereits mit Beginn des Vorhabens eingeplant.
Die detaillierte Planung der Instandhaltung wurde vom
Marinearsenal (MArs) übernommen. Wie im BAAINBw
waren auch hier die koordinierenden Stellen dauerhaft
überlastet, die zugehörigen Werkstätten kaputtgespart.
Beteiligt war auch das Marineunterstützungskommando
(MUKdo). Dieses sollte das MArs mit technischer Expertise
unterstützen, war durch Personaleinsparungen dazu aber kaum
in der Lage.
Die Leistungsbeschreibung, auf deren Grundlage die
Bremer Lürssen-Werft sich für die Reparatur bewarb, wurde
von MUKdo und MArs ohne wirkliche Kenntnis des Zustands
der Gorch Fock erstellt. Viele Mängel wurden erst während
der Reparatur entdeckt, die Kosten explodierten, die
Instandhaltung verzögerte sich. Dies ist besonders vor dem
Hintergrund der fehlenden Ersatz- und Austauschteile
dramatisch. Diese mussten ad hoc für horrende Mehrkosten
und um den Preis deutlicher Verzögerungen von der Industrie
beschafft werden. Das geldgebende BAAINBw hatte in die
konkrete Durchführung aufgrund fehlender Weisungsbefugnis
gegenüber dem MArs keinerlei Einsicht. Die Bewilligung von
zusätzlichen Geldern basierte daher immer nur auf den
Angaben der zuständigen Stelle im MArs. Die Einsatzflottillen
734
der Marine und das Marinekommando waren auf die zügige
Überholung der Gorch Fock dringend angewiesen, weil alle
Seeoffizieranwärter einen obligatorischen Teil ihrer
Ausbildung auf dem Schiff absolvieren sollten. Sie hatten aber
keinen
Einfluss
auf
die
Durchführungsplanung,
Ersatzteilbevorratung oder Personalsituation weder des MArs
noch des BAAINBw, die der Abteilung Ausrüstung im
Ministerium unterstehen. Die Einsatzbereitschaft, für die der
Inspekteur der Marine gegenüber dem Minister eigentlich
verantwortlich ist, lag damit außerhalb seiner Befugnisse. Im
Fall der Gorch Fock musste auch bedacht werden, dass der
emotionale Wert des Schiffes so hoch ist, dass niemand in
blauer Uniform der Abwrackung zugestimmt hätte.
Der Skandal um die Gorch Fock war allerdings kein
Einzelfall: 2018 waren sämtliche deutschen U-Boote in
Reparatur, die Werftliegezeiten der Fregatten und Korvetten
verdoppelten sich regelmäßig. Auch dafür waren die Gründe
systemischer Natur. Abgesehen von fehlenden Ersatz- und
Austauschteilen und überalterten Schiffen war auch der
Instandhaltungsprozess
ein
Sinnbild
für
die
Verantwortungsdiffusion innerhalb der Bundeswehr.
Die nicht endenden Reformen, Transformationen und
Neuausrichtungen führten seit 2000 zu einem immer steileren
Sinkflug der Einsatzbereitschaft. In der klassischen
Landesverteidigung konnten die Streitkräfte noch etliche Jahre
von der Substanz leben, doch um 2013/14 waren sie nur noch
ein Schatten ihrer selbst. Das betraf nicht nur die schlechte
materielle Lage. Die Bundeswehr hatte den »Großkampf«
schlicht verlernt, und nur noch einige wenige Veteranen des
Kalten Krieges erinnerten sich vage an die großen
Herbstmanöver der 1980er-Jahre. Die Heereseinheitliche
Taktische Weiterbildung war längst aufgegeben worden,
735
sodass auch das gemeinsame Verständnis vom Einmaleins des
Landkrieges verloren ging. Kaum noch jemand hatte
Erfahrung damit, wie man einen Großverband im Kampf führt.
2013 gab es ohnehin nur noch drei Heeresdivisionen, von den
einst 36 Brigaden waren noch acht übrig.370 Und schon deren
Gliederung zeigte, dass diese Einheiten längst nicht mehr
dafür gemacht waren, geschlossen zu kämpfen. Es fehlte an
Artillerie und Panzern. Im Vergleich dazu war die
Aufklärungstruppe
durch
die
Auslandseinsätze
überdimensioniert. Die Panzerabwehrfähigkeit der Jägertruppe
war nur gerade ausreichend, die Feuerunterstützung durch
120-mm-Mörser schwach. Vor allem gab es keine
Heeresflugabwehr – man hätte sich im Ernstfall also gar nicht
gegen feindliche Kampfhubschrauber verteidigen können. Und
die Munition reichte gerade einmal für wenige Stunden
intensiven Gefechts.
Zu allem Überfluss verfügte die Deutsche Bahn nur noch
über wenige Schwerlastwagen, um Panzer zu transportieren.
Hätte Russland 2014 die baltischen Staaten angegriffen, was
nach der Krim-Invasion befürchtet wurde, hätten die
Deutschen nur zuschauen können, weil sie ihr
heruntergewirtschaftetes Waffenarsenal noch nicht einmal
dorthin an die Front bekommen hätten. Nun wurde auch dem
Kabinett und den Regierungsparteien klar, dass eine desolate
Bundeswehr
verheerenden
außenpolitischen
Schaden
anrichtete. Da die Finanzlage des Bundes mittlerweile günstig
war, gelang es der damaligen Verteidigungsministerin Ursula
von der Leyen, für ihre »Trendwenden« im Bereich Finanzen,
Material und Personal erheblich mehr Geld zu beschaffen.
Doch am Zustand änderte sich erst mal wenig. Die
Einsatzbereitschaftszahlen in den Bataillonen und Brigaden
waren desaströs und glichen jenen aus dem letzten Kriegsjahr
736
1944. 2016 waren im Durchschnitt in der gesamten
Bundeswehr 132 Leopard-2-Panzer, 222 Schützenpanzer
Marder, 41 Panzerhaubitzen 2000, elf Raketenwerfer Mars,
neun
NH-90
Transporthubschrauber,
neun
Kampfhubschrauber Tiger, 41 Eurofighter und 28 TornadoJagdbomber einsatzbereit.371 Anders gesagt: Von dem wenigen
noch vorhandenen Material war meist deutlich weniger als die
Hälfte verfügbar. Das waren für eine Streitmacht mit 170 000
Soldaten und einem Etat von 34 Milliarden Euro erbärmlich
niedrige Werte.
Wohl niemals in der Geschichte des deutschen Militärs hat die
Generalität den Zerfall der Kampfkraft so schweigend zur
Kenntnis genommen wie in den vergangenen 20 Jahren.
Spricht man hohe Offiziere darauf an, so lautet die Antwort
beinahe unisono, dass die Politik dafür verantwortlich sei und
man dieser selbstverständlich sehr deutlich die Meinung
gesagt habe. Werden wir eines Tages also, wenn die Archive
für die Jahre 2001 bis 2020 geöffnet werden, Stapel von
wütenden Denkschriften und geharnischten Memoranden
finden? Werden wir gar von Rücktrittsgesuchen lesen? Zweifel
sind angebracht, zumal der überschaubare Kreis etwa der
militärischen Abteilungsleiter im Verteidigungsministerium
selbst ein hohes Maß an Verantwortung für die Misere trägt.
Und wer im Glashaus sitzt, wird kaum mit Steinen werfen.
Manche der höheren Offiziere waren sich der Rolle durchaus
bewusst, die sie als Teil des Systems spielten, etwa indem sie
Vorlagen für eine sechsmonatige Wehrpflicht schrieben,
obwohl sie eine so kurze Dauer für unsinnig hielten. Im
Verteidigungsministerium hatte sich offenbar eine Kultur
etabliert, dem antizipierten Wunsch der politischen Leitung
zuzuarbeiten und kritische Stimmen bereits früh zu
unterdrücken. Manche Beobachter meinen, dass sich diese
737
Tendenz in der Zeit von Minister Rühe in den Neunzigerjahren
etabliert habe und während der Amtszeit von der Leyens auf
die Spitze getrieben worden sei. Vieles spricht dafür, wobei
man im Blick behalten sollte, dass Soldaten Laufbahnbeamte
sind, die über die Aussicht auf Beförderung von der Politik
leicht zu disziplinieren sind. Außerdem hat das Soldatengesetz
schon 1955 eine wirkungsmächtige Möglichkeit geschaffen,
das Militär zu zähmen. Bereits ein Brigadegeneral der
Besoldungsstufe B 6 ist ein politischer Beamter, der ohne
Angabe von Gründen in den Ruhestand versetzt werden kann.
Bei Zivilisten greift dieser Vorbehalt erst weit höher, ab der
Abteilungsleiterstufe B 9. Doch unabhängig davon, ob die
Generäle widerständig oder opportunistisch oder beides waren,
bleibt bemerkenswert, dass sich der Niedergang der
Bundeswehr so reibungslos vollziehen konnte.
Ein Grund dafür, dass die Öffentlichkeit wenig von der
Misere mitbekam, lag darin, dass für die Out-of-area-Einsätze
die Kräfte noch ausreichten: In Afghanistan gelang es
schließlich, mehrere Gruppen von jeweils einigen Dutzend
Aufständischen niederzukämpfen. Die Luftwaffe konnte
Aufklärungsflüge über dem Irak durchführen und vor allem –
darum ging es in erster Linie – ein Dutzend Luftbildanalysten
stellen. Man übernahm auch turnusweise die Luftüberwachung
im Baltikum. Dass man nur über lächerlich wenige Luft-LuftRaketen verfügte, fiel dabei nicht weiter auf. Und
selbstverständlich konnte die Marine in bleierner Langeweile
bei der UNIFIL-Mission vor der libanesischen Küste kreuzen.
Offiziell sollten dabei Seegrenzen gesichert und
Waffenschmuggel unterbunden werden, doch de facto
meldeten die Deutschen nur vorbeifahrende Schiffe.372 Dazu
brauchte man eigentlich weder Schnellboote noch Korvetten.
Ein Polizeiboot hätte es auch getan.
738
Als der syrische Diktator Assad im April 2018 erneut
Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzte, stand
plötzlich die Frage im Raum, ob sich die Bundeswehr an
einem militärischen Gegenschlag beteiligen könnte. Die
Marine gab an, in der Lage zu sein, von ihrer UNIFILKorvette vier schwere Flugkörper abzuschießen – dies aber
nicht empfehle, weil niemand wirklich Erfahrung im
Landzielschießen habe und man nicht mit Gewissheit sagen
könne, wo die Raketen einschlagen würden. Das Beispiel
zeigt, wie schnell die Bundeswehr an ihre Grenzen kam, wenn
es nicht um Ausbildungs- oder Aufklärungsmissionen ging.
Aber das Unvermögen hatte auch Vorteile: So konnte
Deutschland bei der NATO stets vorbringen, dass man gern
einen Beitrag leisten würde, aber bei den entscheidenden
Waffensystemen leider nicht up to date sei und sich auf
Ausbildung und Sanität beschränken müsse. Man kann sich
fragen, warum die deutschen Eurofighter-Piloten deutlich
weniger Flugstunden als die britischen hatten und seit Jahren
erheblich unter der NATO-Forderung von 180 Stunden im Jahr
lagen. Wer wäre im Ernstfall wohl zuerst eingesetzt worden,
die Briten oder die Deutschen? Ein Schelm, wer politische
Absicht dahinter vermutet. Auf den Fluren des Kanzleramts,
aber auch des Parlaments schien der unausgesprochene
Konsens zu herrschen, dass Deutschland ein zweites
Afghanistan nie wieder passieren dürfe und man um jeden
Preis zur Politik der Friedensmissionen zurückkehren müsse.
Und solange man nicht kämpft, fällt auch nicht auf, dass
Flugzeuge und Munition fehlen. Die Krim- und die
Ukrainekrise waren jene Momente der Wahrheit, als Berlin
den militärischen Offenbarungseid leisten musste.
Von der Leyens Trendwenden bewegten den Supertanker
Bundeswehr gewiss in die richtige Richtung. Neue Panzer,
739
Schiffe
und
Hubschrauber
wurden
gekauft,
der
Verteidigungshaushalt stieg, auch unter dem Druck der USA,
stark an. Ob es allerdings gelingt, wie geplant bis zum Jahr
2032 drei volle Divisionen, 25 Kampfschiffe, acht U-Boote
und vier Task Forces der Luftwaffe einsatzbereit zu haben, wie
es die Planungen des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr
2018 vorsehen, muss bezweifelt werden. Im Wesentlichen
blieb es bei Ankündigungsrhetorik, die grundlegenden
Strukturprobleme wurden nicht gelöst, allenfalls Verfahren im
Detail verbessert. Und so bemängelte der Wehrbeauftragte
nicht ganz zu Unrecht Jahr für Jahr, dass die Truppe von den
Trendwenden kaum etwas zu spüren bekomme.
»Die Wehrmacht hat nichts mit der Bundeswehr
gemein«
Beim Griff nach dem Verteidigungsressort ging es von der
Leyen – wie manchem Minister zuvor – nicht wirklich um die
Bundeswehr, sondern um die eigene Karriere. Die ganze
Materie war ihr fremd. Sie misstraute den lang gedienten
Spitzenbeamten, setzte etliche von ihnen vor die Tür und
scharte ein eigenes Team von Vertrauten um sich, von denen
jedoch auch niemand etwas vom Militär verstand. Rasch
versuchte sie, auf ihr bekannten Feldern Akzente zu setzen,
sich als Reformerin zu präsentieren. Sie bemühte sich darum,
die Freiwilligenarmee attraktiver zu machen, mehr und besser
qualifizierte Frauen und Männer zu gewinnen. Die Streitkräfte
sollten dafür ein moderneres und zivileres Antlitz erhalten. Die
Ministerin setzte sich für die bessere Vereinbarkeit von
Familie und Beruf ein, für die Förderung von Frauen und
Transgender, für Einzelstuben, sie beschaffte Flachbildschirme
und Uniformen für Schwangere. Als sie 2014 deutsche Schiffe
der UNIFIL-Mission im Hafen von Beirut besuchte, wurden
an Bord hektisch Vorbereitungen für den hohen Besuch
740
getroffen. Gezielt beorderten die Kommandanten alle
verfügbaren Frauen ins »Empfangskomitee«, auch wenn sie
nicht zur Besatzung gehörten. »Der Ministerin wird ein völlig
falsches Bild suggeriert«, schrieb ein Obergefreiter in sein
Tagebuch. »Den Tross an Pressevertretern, den sie hinter sich
herzog, nahmen wir auf unser B-Deck. Ein gackerndes Rudel
Frauen in den Wechseljahren, die für seriöse Blätter wie
›Brigitte‹, ›Bild der Frau‹ oder auch die ›Cosmopolitan‹
schreiben.«373 Kein Minister hatte je einen größeren
Pressetross bei einem Auslandsbesuch dabei. Und es wurde
peinlich darauf geachtet, dass die Ministerin nicht mit einer
Waffe abgebildet wurde.374
Die Soldaten nahmen die sozialen Verbesserungen dankbar
in Anspruch. Aber viele waren der Meinung, dass von der
Leyen die falschen Schwerpunkte setzte. Einzelzimmer,
Flachbildschirme und Europäische Arbeitszeitrichtlinie
klangen gut und machten für Bürosoldaten Sinn. Für die
Kampftruppen aber waren sie kontraproduktiv. »Wir kämpfen
gemeinsam, wir leben gemeinsam – wir brauchen keine
Einzelstuben«, war von einem Infanteristen zu hören. In der
Tat mutete es grotesk an, die Unterkünfte der
Internetgeneration mit Flachbildschirmen auszustatten,
während sich die Soldaten selber neue Splitterschutzwesten
kaufen mussten, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war.
Ähnlich verhielt es sich mit der Einführung der Europäischen
Arbeitszeitrichtlinie. Während des Kalten Krieges wurde die
wöchentliche Dienstzeit in einer Fallschirmjägerkompanie mit
bis zu 69,4 Stunden taxiert. Sollte das trotz immer
komplexerer Einsätze nunmehr anders sein? Konnte man
inklusive aller Überstunden nach 48 Stunden einfach nach
Hause gehen? Ein hochrangiger Kommandeur gestand:
741
»Handwerklich werden wir unter diesen Bedingungen spürbar
schlechter.«
Die Ministerin konnte diese Welt nie verstehen. Während
Guttenberg mit dem Eingeständnis, es herrsche »Krieg« in
Afghanistan, der Truppe aus der Seele sprach, lautete von der
Leyens entscheidender Satz: »Die Bundeswehr hat ein
Haltungsproblem.« Spätestens da riss das Band, zumindest bei
all jenen, die seit Jahren eine heillos unterfinanzierte und von
der Politik unbeachtete Organisation am Laufen hielten.
Anlass der Äußerung war die Festnahme des mutmaßlich
rechtsextremen Oberleutnants Franco Albrecht im April 2017,
der verdächtigt wurde, einen terroristischen Anschlag
vorbereitet zu haben.375 Es war gewiss ein Skandal, dass
dieser trotz einer obskuren Masterarbeit mit eindeutig
rassistischem Inhalt nicht vom MAD überprüft worden war. In
der Bundeswehr gab es, wie der Fall belegte, nach wie vor
Soldaten mit extremistischer Gesinnung. 2017 bearbeitete der
MAD 343 Verdachtsfälle aus dem Bereich des
Rechtsextremismus und 36 aus dem islamistischen Umfeld.376
Die Zahl der schweren Fälle, die zur Entlassung aus dem
Dienst führten, blieb aber weiter sehr niedrig. 2017 waren es
fünf, 2018 achtzehn Soldaten. Wie immer bei solchen
Vorfällen wurde über weitverzweigte Netzwerke in den
Streitkräften, gar eine Schattenarmee gemutmaßt, deren
Existenz der MAD aber verneinte.377 Dass es Extremisten in
der Bundeswehr gab, dass sie auch von Kameraden gedeckt
wurden, etwa weil sie – wie Franco Albrecht – handwerklich
gute Soldaten waren, ist unstrittig. Der Fall musste aufgeklärt
werden, aber zu einem Generalverdacht gegenüber der
gesamten Institution bestand kein Anlass.
Etliche Soldaten fragten sich, warum Generalinspekteur
Volker Wieker sie nicht in Schutz nahm. An der
742
Führungsakademie darauf angesprochen, meinte er, dass er der
Ministerin seine Loyalität versichern wollte. Und genauso trat
er in den folgenden Wochen auf: als Stimme seiner Herrin, die
den Offizieren ordentlich die Leviten las. Damit handelte er
sich den Spitznamen »Lakeitel« ein. Das war gewiss bösartig,
hatte doch Wilhelm Keitel als Chef des Oberkommandos der
Wehrmacht Hitler unterwürfig im Vernichtungskrieg gedient.
Doch wer den Generalinspekteur in jenen Monaten auf
Veranstaltungen erlebte, konnte nachvollziehen, warum es zu
diesem hässlichen Beinamen kam. Wieker hätte zum Helden
seiner Soldaten werden können, wenn er das Rückgrat gehabt
hätte, sich vor sie zu stellen. Doch diesen Mut brachte er nicht
auf. »Weak, Wieker« war als Verballhornung oft zu hören.
Man sah ihn als Repräsentanten einer Generalität, die von den
Soldaten zwar verlangte, im Ernstfall ihr Leben zu opfern,
aber nicht die Charakterstärke besaß, der Ministerin die Stirn
zu bieten. Es gab seinerzeit allerdings das Gerücht, dass die
Inspekteure angesichts der heftigen Vorwürfe von der Leyens
an Rücktritt dachten. Angeblich sollen zwei dafür und zwei
dagegen gewesen sein, sodass die Sache abgeblasen wurde.
Franco Albrecht, der die ganze Aufregung ausgelöst hatte,
tat Dienst in der Leclerc-Kaserne im elsässischen Illkirch.
Nachdem er festgenommen worden war, durchsuchte ein
dreiköpfiger Trupp des Kommandos Heer die Kaserne. Alles
wurde genau unter die Lupe genommen. Im Zimmer von
Oberleutnant Albrecht fand man nichts Verwerfliches, auch
nicht im Bataillonsstab, dem er angehört hatte. Schließlich
wurde man doch noch fündig: Im Aufenthaltsraum für
Unteroffiziere der 2. Kompanie des Jägerbataillons 291 hingen
historische Wandmalereien und Waffen aus der Zeit der
Befreiungskriege sowie des Ersten und Zweiten Weltkriegs.
Albrecht hatte diesen Raum höchstwahrscheinlich nie betreten,
743
aber er eignete sich gut zur Skandalisierung des Falles. Die
Darstellung eines Wehrmachtsoldaten und das Ausstellen eines
Stahlhelms und einer nachgebauten Maschinenpistole der
Wehrmacht verstießen nämlich gegen die Vorschriften, da
dergleichen seit 1999 nur noch zu Bildungszwecken gezeigt
werden durfte. Der Verstoß schien eindeutig zu belegen,
welcher Geist durch diese Kaserne wehte. Zumindest wurde
diese Lesart medienwirksam inszeniert, nachdem die
Ministerin am 3. Mai 2017 in Illkirch verkündet hatte: »Die
Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die
Bundeswehr […] Die Wehrmacht hat nichts mit der
Bundeswehr gemein.« Das war historisch falsch und entsprach
in dieser resoluten Form auch nicht dem geltenden
Traditionserlass. Zudem: Wenn die Ministerin eine
entschlossene Wächterin des Erbes der Bundeswehr hätte sein
wollen, hätte sie gleich nach ihrer Amtsübernahme einen
neuen Traditionserlass erarbeiten lassen können. Vorschläge
dazu gab es seit Langem.378
Niemand, der die Bundeswehr kennt, konnte von der
Gestaltung des Aufenthaltsraumes in Illkirch überrascht sein.
Und niemand im Heer, auch nicht die Generalität, hatte daran
wirklich Anstoß genommen. Solche Räume gehörten nach wie
vor zur Truppenkultur, gerade der Infanterie. Hätte man zur
Einordnung des Gezeigten in die Geschichte der Jägertruppe
Beschriftungen aufgehängt, wäre sogar alles erlassgemäß
gewesen. Doch mit Nachbesserungsvorschlägen mochte sich
jetzt niemand herumschlagen. Wusste Volker Wieker, der die
Ministerin an jenem 3. Mai begleitete, denn nicht, was in den
Kasinos und Aufenthaltsräumen der Truppe hier und da noch
hing? War er in seiner damals siebenjährigen Amtszeit als
Generalinspekteur blind durch die Kasernen gelaufen? Wusste
er nicht, dass »herausragende Einzeltaten aus unserer langen
744
Militärgeschichte« nach wir vor als Teil der Tradition erachtet
wurden379 – also auch die Wehrmacht eine, wenngleich
geringe, Rolle spielte? Wieder einmal ging es der Ministerin
und ihrem Generalinspekteur nicht in erster Linie um die
Belange der Truppe, sondern angesichts der berechtigten
öffentlichen Aufregung um den terrorverdächtigen Franco
Albrecht darum, die Verantwortung von sich zu schieben. So
bauschte von der Leyen die Affäre um den festgenommenen
Oberleutnant zu einem Haltungsproblem der ganzen
Bundeswehr auf, um sich selber als Exorzistin zu inszenieren.
Nach ihrem Interview wurden alle Stuben in den Kasernen
nach Wehrmachtdevotionalien durchsucht. Schnell sollte
vermeldet werden, dass sich nichts Verwerfliches finden lasse,
Illkirch also ein Einzelfall war. Damit der Generalinspekteur
am
10.
Mai
im
Verteidigungsausschuss
ein
Unbedenklichkeitszeugnis ausstellen konnte, drückte man aufs
Tempo. Hinter den Kasernenmauern brach ungeahnte Hektik
aus. Es wurde gemalert und weggeschafft, was auch nur im
Entferntesten historisch aussah. Bloß nicht auffallen, war die
Devise. Kein Kommandeur hatte Lust, sich auf einen Konflikt
mit der politischen und militärischen Leitung über Wandbilder
einzulassen, den er nur verlieren konnte. In vorauseilendem
Gehorsam wurde an der Bundeswehr-Universität in Hamburg
ein Bild von Helmut Schmidt in Wehrmachtuniform
abgehängt. Die Kollateralschäden der Hauruck-Aktion waren
enorm. Das Vertrauen in die politische und militärische
Führung erlitt massiven Schaden. Viele fühlten sich zu
Unrecht unter Generalverdacht gestellt und empfanden die
Durchsuchungen als übergriffig. Denn vieles an gewachsener
Tradition – Bilder, Fahnen und Malereien, mit denen die
Soldaten jahrzehntelang gelebt hatten – wurde gleich mit
entsorgt.
745
Danach waren die Wände weiß. Und was sollte stattdessen
dort hin? Die Bundeswehrführung erinnerte – wieder einmal –
daran, dass es eine gute Idee sei, sich auf die eigenen
Traditionen zu berufen. Das war seit Jahrzehnten gefordert
worden, zuletzt in einem Leitfaden des Heeres aus dem Jahr
1999, doch nur wenig war passiert. Die Ministerin ordnete
schließlich die Neufassung des Traditionserlasses an. Die
Vorgabe war klar: Die Zeit vor 1945 war nicht mehr
traditionswürdig, einzige Ausnahme: der militärische
Widerstand
gegen
den
Nationalsozialismus.
Öffentlichkeitswirksam fanden vier Workshops mit Offizieren
und Experten zur Meinungsbildung statt. Nur die Soldaten
wurden nicht gefragt. Der Generalinspekteur traute sich nicht,
ein repräsentatives Meinungsbild einzuholen. Der Befund
wäre interessant ausgefallen: Umfragen, die einige wenige
Offiziere in Eigeninitiative in ihren Truppenteilen vornahmen,
zeigten, dass zumindest die Infanterie die Wehrmacht nach wie
vor als Teil ihrer Tradition ansah. Sie wurde durchaus kritisch
gesehen, aber es bestand Konsens darüber, dass sie nicht völlig
ausgeklammert werden dürfe. Auf die Frage »Welches sind für
mich soldatische Prinzipien und wer hat sie für mich
verkörpert?« wurden in einer Umfrage 57 Personen genannt,
davon
waren
28
Wehrmachtund
nur
neun
Bundeswehrsoldaten. Eine pauschale Verurteilung und
Distanzierung von Streitkräften, nur weil diese in
»vordemokratischer Zeit« existierten, wurde als überzogen
erachtet. Eine Armee könne sich nicht allein auf die eigene
Tradition berufen, zumal die Infanterie der Bundeswehr im
historischen Vergleich am wenigsten geleistet habe. Überaus
kritisch wurde die militärische Führung gesehen, der man
vorwarf, gegenüber der Politik soldatische Prinzipien nicht
oder nicht ausreichend zu vertreten. Diese Umfrage, die dem
Verfasser vorliegt, wurde zwar in einem kleinen Kreis hoher
746
Generäle des Heeres vorgestellt, aber ihre Ergebnisse wurden
bezeichnenderweise nicht diskutiert. Stattdessen herrschte
Schweigen im Saal, und man ging zur Tagesordnung über. Die
Untersuchung verschwand als Verschlusssache in der
Schublade. Eine ähnliche Befragung, wenn auch in kleinerem
Rahmen, gab es im Stab des deutsch-niederländischen I.
Korps. Selbst in diesem internationalen Umfeld wurde dafür
plädiert, Soldaten der Wehrmacht als Teil der eigenen
Tradition zu betrachten.380
Bei Marine und Luftwaffe waren die Bezüge zur Zeit vor
1945 gewiss schwächer ausgeprägt, aber auch hier bei etlichen
Soldaten und Offizieren durchaus noch nachweisbar.381 Das
heißt nicht, dass die gesamte Bundeswehr an der WehrmachtVergangenheit festhielt. Es kann vielmehr vermutet werden,
dass eine Mehrheit mit der Zeit vor 1945 nichts mehr anfangen
konnte oder wollte. Bei den Kampftruppen des Heeres und vor
allem bei den intrinsisch motivierten Soldaten war die Lage
aber offensichtlich eine andere. Auf die Frage, welcher
Prozentsatz der deutschen Heeresgeneralität für sich
persönlich die Wehrmacht als einen Teil ihrer Tradition
betrachte, antwortete ein Insider: »Wahrscheinlich die Hälfte.«
Solche Angaben sind indes nicht verifizierbar, zumal gerade
hohe Offiziere sich nur hinter vorgehaltener Hand zu diesen
Themen äußern. Sie wissen zu genau, was von ihnen erwartet
wird.
Bedauerlich ist es gleichwohl, dass weder die Bundeswehr
insgesamt noch das Heer im Speziellen die Chance nutzte, sich
ehrlich und offen mit der Traditionsfrage auseinanderzusetzen.
Aber warum eigentlich nicht? Immerhin verteidigte
Generalleutnant Jörg Vollmer Wehrmachtsoldaten gegen allzu
pauschale Kritik. In einer Rede meinte er 2017, dass »die
weitaus größte Zahl deutscher Soldaten […] genauso
747
ehrenhaft, genauso tapfer und genauso pflichtbewusst und treu
wie die Soldaten aller anderen kriegsteilnehmenden Nationen«
gekämpft habe.382 In seiner offiziellen Rolle als Inspekteur des
Heeres war er sich aber nur allzu bewusst, dass die
Traditionsdebatte angesichts der politischen Vorgaben nicht
ergebnisoffen sein konnte. Er sah es als unmöglich an, mit
dem Vorschlag an die politische Führung heranzutreten,
herausragende militärische Leistungen einzelner Soldaten der
Wehrmacht oder der kaiserlichen Armeen als Teil der
Tradition
der
Bundeswehr
anzuerkennen.
Um
Handlungssicherheit zu haben, und darum ging es Vollmer vor
allem, schien es geboten, nur Bezüge zur Zeit nach 1955
zuzulassen.
Der neue Traditionserlass von 2018 geriet nicht zuletzt
aufgrund zahlreicher Interventionen aktiver und ehemaliger
Generäle und Politiker offener als erwartet. Er legte fest, dass
die Tradition in allererster Linie aus der Geschichte der
Bundeswehr selbst zu entnehmen sei. Allerdings ließ man die
Tür für die Zeit vor 1945 einen Spalt weit geöffnet. Die Werte
und Normen des Grundgesetzes seien ja nicht erst 1949
entstanden, wurde argumentiert. Hätten Soldaten vor 1945 im
Sinne dieser Werte gehandelt, könnten sie als Vorbild dienen.
Das gelte vor allem für den militärischen Widerstand gegen
Hitler. Interessant ist, dass die moderne Stabsarbeit, das
Führen von vorne und die Auftragstaktik ausdrücklich als
erinnerungs- und bewahrungswürdig genannt werden. Es
waren Generalstabsoffiziere, die diesen Erlass verantworteten,
und niemand von ihnen hätte gern die Traditionslinien zu
Clausewitz und Moltke d. Ä. gekappt. Gleichwohl: Mit den
Werten und Normen des Grundgesetzes, die ja Grundlage und
Maßstab des Traditionsverständnisses sein sollten, hatte das
nichts zu tun. Wenn sich die Generalstäbler also die moderne
748
Stabsarbeit und ihren Moltke sicherten, hätten dann nicht auch
für die im Erlass dezidiert genannte Bewährung im Gefecht
historische Vorbilder zugelassen werden müssen? Und
könnten dann nicht auch die Truppengattungen spezifische
Errungenschaften aus dem 19. oder 20. Jahrhundert als
erinnerungs- und bewahrungswürdig reklamieren, den viel
beschworenen Reitergeist der Aufklärungstruppe etwa?
Es ist ein Leichtes, auf die Inkonsistenzen des Erlasses
hinzuweisen. Doch wenn man die Tradition der Bundeswehr
nicht erst am 3. Oktober 1990 beginnen lässt, sind
Unebenheiten nicht zu vermeiden, weil die Geschichte vor
1945 so sehr mit der Kultur der Bundeswehr verwoben ist,
dass man nur mit Hilfskonstruktionen zu einem politisch
verträglichen Traditionsbild gelangen kann. Man denke nur an
die teilweise schwer belastete Gründergeneration der
Bundeswehr oder an die zum Teil tief in die
Wehrmachtverbrechen verstrickten Verschwörer des 20. Juli.
Weil es also sowohl tiefe Zäsuren als auch unübersehbare
Verbindungen zur Vergangenheit gibt, soll zwischen
Geschichte, Anerkennung historischer Leistungen, Brauchtum
und Tradition unterschieden werden. Den meisten Soldaten
werden solche feinen Unterschiede fremd bleiben, und selbst
die meisten Generäle werden sie nicht wirklich erklären
können. Offen bleibt, wie in einer Kaserne die Anerkennung
historischer Leistungen konkret aussehen soll. Angesichts
einer Kultur, die in nicht unerheblichem Maße von der Angst
geprägt ist, Fehler zu machen, und angesichts der vielen
Probleme der Bundeswehr haben die Kommandeure anderes
zu tun, als sich hermeneutisch mit der Auslegung des
Traditionserlasses zu befassen. Schlimmer noch: Seit der
Veröffentlichung
der
neuen
»Richtlinien
zum
Traditionsverständnis«, so merkte ein Hauptmann aus einem
749
besonders geschichtsträchtigen Bataillon an, sei die
Unsicherheit weitverbreitet, und anstelle eines souveränen
Umgangs mit der Traditionsfrage herrsche Schweigen.
Kein anderer Staat der Welt hat seine Verfassung zum Maßstab
für die Traditionsarbeit seiner Streitkräfte erhoben und auf
diese Weise faktisch alle früheren Epochen seiner
Militärgeschichte ausgeschlossen. In Österreich ist die
Wehrmacht als Organisation auch nicht traditionswürdig, aber
selbstverständlich sind es die Streitkräfte der Habsburger
Monarchie vor 1918 und die der Ersten Republik. In Italien
sind die Zeit der sogenannten Republik von Salò und
insbesondere faschistische Offiziere tabu, alles andere ist
weitgehend unproblematisch. So wird in der italienischen
Armee wie selbstverständlich der Tag von El Alamein zur
Erinnerung an die Schlacht vor den Toren Alexandrias im Jahr
1942 als Beispiel besonderer Tapferkeit gefeiert. Die
italienische Gesellschaft akzeptiert, dass das Militär eigene
Vorbilder aus der Geschichte definiert. Zudem haben die
italienischen Streitkräfte – unterstützt von der Politik – die
Eigentradition viel stärker gefördert, und die internationalen
Einsätze seit 1982 sind viel stärker in die DNA und vor allem
in das kriegerische Selbstverständnis eingegangen.383 Und
auch in Frankreich käme niemand auf die Idee, die Tradition
der Streitkräfte ausschließlich an der Verfassung der V.
Republik auszurichten. Vielmehr bekennt man sich stolz zu
alten Regimentstraditionen, die bis ins 17. Jahrhundert
zurückreichen und nicht zuletzt in den Einheiten der deutschfranzösischen Brigade besichtigt werden können. In den
Niederlanden wiederum ist man stolz auf seine Seehelden, die
Admirale Maarten Tromp und Michiel de Ruyter aus dem 17.
Jahrhundert – doch haben die etwas mit der aktuellen
Verfassung des Landes zu tun? Alle genannten Staaten sind
750
liberale Demokratien wie die Bundesrepublik, und sie sehen es
nicht als Gefahr an, wenn die Tradition ihrer Militärs in
vordemokratische Zeiten zurückreicht.
Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr
kritisch mit seiner Geschichte auseinandergesetzt. Dabei
wurde Auschwitz mitunter als Folge einer verunglückten
Nationalstaatsentwicklung interpretiert. Die Reichsgründung
am 18. Januar 1871 erscheint in dieser Perspektive als
Ursünde, aus der die Katastrophe des Ersten und Zweiten
Weltkriegs hervorging. Gewiss haben viele Historiker die
These vom deutschen Sonderweg als unzutreffend
zurückgewiesen, zumal dabei ein idealisiertes Bild
Großbritanniens und Frankreichs gezeichnet wurde. Jedoch
wird der Nationalstaat insbesondere in Teilen des linken
politischen Spektrums ebenso kritisch gesehen wie die
Monarchie und das Preußentum. Das gilt besonders für die
Zeit seit der Wiedervereinigung, die den Deutschen zwar eine
ungeteilte Nation zurückbrachte, zugleich aber auch die Angst
vor sich selbst schürte. Anders als andere Armeen hat sich die
Bundeswehr nie besonders intensiv um eine ideelle
Verbindung zur Zeit vor 1918 bemüht. Zwar wurden im Kalten
Krieg etliche Kasernen nach Politikern und Generälen
Preußens oder des Kaiserreichs benannt. Das hatte aber eher
rationale als emotionale Gründe. Die Traditionslinien der
deutschen Armeen wurden zu oft unterbrochen, als dass ein
Rückgriff auf weiter zurückliegende Zeiten wirklich getragen
hätte. Zudem war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg so
dominant, dass die Zeit davor vollkommen verblasste. Sie ist
jenseits des Geschichtsunterrichts heute allenfalls noch in den
tribal cultures der Jagdflieger, der Jägertruppe und der
Heeresaufklärungstruppe nachweisbar.
751
Aus der Zeit vor 1945 bleibt also im Grunde nur der
militärische Widerstand gegen den Nationalsozialismus übrig.
Aus politischer Sicht ist diese Engführung logisch. Dabei wird
aber zu wenig bedacht, dass sich Zivilgesellschaft und Militär
bei allen Interdependenzen eben auch unterscheiden. Die
freiheitlich-demokratische Grundordnung hat andere Wurzeln
als das militärische Selbstverständnis der Truppengattungen.
Deren militärische Vorläufer haben mit dem Hambacher Fest
und der Paulskirche384 nicht viel zu tun. Die Trennung von
politischem Kontext und Eigentradition des militärischen
Handwerks, wie sie gerade in der Kampftruppe noch immer
anzutreffen ist, sollte mit dem neuen Traditionserlass endlich
aufgehoben und die Soldaten ganz auf ein politisches
Traditionsverständnis eingeschworen werden.
Gewiss täte die Bundeswehr gut daran, sich intensiver mit
der eigenen Geschichte seit 1955 zu befassen und daraus das
Traditionswürdige herauszudestillieren. Jedoch stellt sich die
Frage, welchem Selbstbild das dienen soll. Wünschenswert
wäre, alle tribal cultures abzubilden, vom Cyberkrieger bis
zum Kommandosoldaten, um so durch Differenzierung alle zu
integrieren. Seit Afghanistan ist es sogar möglich, den zuvor
fehlenden
Bezug
zum
Kämpfen
in
einen
bundesrepublikanischen
Traditionskanon
aufzunehmen.
Heeresinspekteur Vollmer betonte immerhin in einer Rede,
dass der Kampf der »Wesenskern soldatischen Daseins« sei385,
und 2014 betrachtete sich nahezu jeder zweite deutsche
Offizieranwärter des Heeres auch als Kämpfer.386
Dennoch haben die Streitkräfte auf der institutionellen
Ebene in den letzten zehn Jahren alles getan, um naheliegende
Bezüge zu diesem »Wesenskern« möglichst schnell vergessen
zu machen. Das lässt sich am prägnantesten an der höchsten
Auszeichnung der Bundeswehr verdeutlichen. Zwischen 2009
752
und 2014 erhielten 29 Soldaten das Ehrenkreuz für Tapferkeit,
drei davon posthum. Allerdings blieben die Bemühungen der
Militärführung, die Träger und ihre Verdienste öffentlich zu
würdigen, denkbar bescheiden. Und das, obwohl im neuen
Traditionserlass dem Orden eine »besondere Bedeutung«
zugemessen wird. Die Namen der Ausgezeichneten hängen
lediglich auf einer Tafel im Treppenhaus vor dem Büro des
Heeresinspekteurs im Kommando Heer in Strausberg. Zwar
wurde über den im Karfreitagsgefecht schwer verwundeten
Maik Mutschke in der Presse ausführlich berichtet387, und er
ist auch auf Empfängen im politischen Berlin präsent. Doch
die anderen Träger kennt außerhalb ihres privaten und
beruflichen Umfelds kein Mensch. Ihre Taten sind vergessen.
Das zehnjährige Jubiläum der ersten Verleihung verstrich,
ohne dass der Bundespräsident, die Verteidigungsministerin
oder der Inspekteur des Heeres sich dazu äußerten. Das
Ehrenkreuz für Tapferkeit ist aus dem Bewusstsein der
Bundeswehr weitgehend verschwunden. Doch wer hätte sich
besser als Vorbild für eine Tradition geeignet, die sich
selbstbewusst auf den Kampf bezieht, als die Träger dieser
Auszeichnung? Diese Chance wurde vertan. Der Umgang mit
dem Ehrenkreuz für Tapferkeit zeigt, wie schwer sich die
Bundeswehr mit ihrer Rolle als Kampftruppe tut.388
Die Traditionsdebatte ist nur ein Beispiel dafür, in
welchem Maße Teile der politischen und militärischen
Führung in den vergangenen zehn bis 15 Jahren den Kontakt
zu den Kampftruppen verloren haben. Die neue
Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und
ihre Berater erkannten dieses Problem durchaus. Im Vergleich
zu ihrer Vorgängerin änderte sie die Tonalität spürbar und
versuchte, das zerrüttete Verhältnis von Politik und Militär zu
kitten. Der neue Generalinspekteur Eberhard Zorn bewegte
753
sich in dieselbe Richtung, sprach viel mit Soldaten und galt
bald als sympathisch, truppennah und beliebt. Abzuwarten
bleibt, wie die Bundeswehr unter Zorns Führung die
Möglichkeiten des neuen Traditionserlasses nutzt. Bislang
scheint er das heiße Eisen, wo und wie der Kampf im
Traditionskanon zu verorten ist, eher zurückhaltend
anzufassen. Offenbar drängen vor allem die jüngeren Offiziere
und auch einige wenige einsatzerfahrene Stabsoffiziere im
Verteidigungsministerium darauf, diese Leerstelle zu
schließen. So hat sich Zorn entschlossen, im Jahr 2020 neben
75 Jahren Auschwitz auch zehn Jahre Karfreitagsgefecht zum
Thema der politischen Bildung der Bundeswehr zu machen,
und die Ministerin gab am 2. April einen entsprechenden
Tagesbefehl heraus.389
Es wird auch von den künftigen Einsätzen der Bundeswehr
abhängen, wie sich das Traditionsbild mittelfristig
weiterentwickelt. Bleibt es bei den Ausbildungsmissionen,
wird die Kampferfahrung in Afghanistan bald verblassen. Und
wie geht es mit den historischen Bezügen weiter?
Einzelpersonen oder Waffentaten der Wehrmacht, die ein
erklecklicher Teil der Kampftruppen heute noch als
traditionswürdig ansieht, werden mit der Zeit an Bedeutung
verlieren. Die jungen Soldaten, die heute in die Streitkräfte
eintreten, wachsen in einer anderen Militärkultur auf als in den
1990er-Jahren, als in den Kasernen noch die Bilder von der
Luftlandung auf Kreta hingen.390 Auch ihre militärische
Lebenswelt hat mit Kampfeinsätzen nichts mehr zu tun. Die
Kasernen, die noch die Namen von Soldaten der Wehrmacht
oder des Kaiserreichs tragen, werden bald umbenannt sein.
Und dabei wird es wohl nicht bleiben. Kritiker werden sich als
Nächstes die Männer des 20. Juli und die Gründergeneration
der Bundeswehr vornehmen. Man kann sich mit Recht fragen,
754
wie viel Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes
akzeptabel ist, um noch als Vorbild durchzugehen. Man muss
kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es in 15 oder 20
Jahren wohl keine Tresckow- und keine Heusinger-Kaserne
mehr geben wird, weil jene, die für das Vermächtnis dieser
Männer in Gesellschaft und Politik streiten, immer weniger
werden. Das Verteidigungsministerium jedenfalls hat bislang
noch jede traditionspolitische Haltelinie nach kurzem
Rückzugsgefecht aufgegeben.
755
Resümee
Der Zweite Weltkrieg veränderte alles. Das unbegreifliche
Ausmaß deutscher Verbrechen, Millionen Tote auf den
Schlachtfeldern, ein Kontinent in Trümmern und der Makel
der Niederlage verwandelten das Selbstverständnis der
Deutschen. Begriffe wie Nation, Patriotismus und Vaterland
waren fortan schwer belastet, das Verhältnis zum Militär war
kontaminiert. Jahrhundertelang war der Krieg ein legitimes
Mittel der Politik gewesen; Soldaten waren dazu da, für
staatliche Interessen in die Schlacht zu ziehen. Doch nach
zwei verlorenen Weltkriegen hatten die Deutschen genug.
Seitdem sind die Jahre 1939/45 der Referenzpunkt im Umgang
mit Krieg und Militär.
Im Kaiserreich hatte man die Dinge noch ganz anders
gesehen. Der deutsche Nationalstaat war das Ergebnis von
siegreichen Kriegen gewesen, Heldenerzählungen und
Kriegerdenkmäler waren allgegenwärtig. Das Militär genoss –
wie bei den anderen Großmächten auch – hohes
gesellschaftliches Ansehen. Dennoch war Deutschland
mitnichten ein kriegslüsterner Staat. Auf diplomatischem
Parkett betrieb das Kaiserreich die längste Zeit über viel
Aufwand, um einen großen Konflikt zu vermeiden. Zugleich
aber investierte es viel Geld in die Rüstung, und das Militär
unternahm alles, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein.
Die Heeresleitung dachte darüber nach, wie der nächste Krieg
zu führen sei, führte neue Waffen ein, modernisierte Doktrinen
und Ausbildung. Als sich die politische Lage in Europa in den
1910er-Jahren zuspitzte, war es fatal, dass diejenigen
Generäle, die an der Möglichkeit eines deutschen Sieges
zweifelten, ihre Stimme nicht erhoben, um den großen Krieg
unter allen Umständen zu vermeiden. Verhängnisvoll war vor
756
allem, dass Reichskanzler Bethmann Hollweg als die
entscheidende Figur der deutschen Politik die Logik des
Militärischen akzeptierte und im Juli 1914 den Sprung ins
Dunkle wagte.
Ab August 1914 taten die deutschen Soldaten das, was von
ihnen erwartet wurde: Sie kämpften für Kaiser und Reich, für
die Ehre ihres Regiments, für die Kameraden oder schlicht,
weil sie es mussten. Sie taten es erfolgreicher und
ausdauernder, als die eigene Führung es ihnen zugetraut hatte.
Die kaiserliche Armee war die lernfähigste deutsche
Streitmacht der vergangenen 150 Jahre, und sie löste
schließlich sogar das anspruchsvollste militärtaktische
Problem ihrer Zeit: den Durchbruch einer schwer befestigten
Stellungsfront im Westen. Das hatte seinen Grund: Die
preußisch-deutsche Armee hatte einst das moderne
Generalstabsdenken entwickelt; die Verantwortung der
Unterführer, das Gefecht der verbundenen Waffen, auch das
Risiko spielten bei ihr eine bedeutendere Rolle als bei ihren
Gegnern. Das Spezifische der deutschen Militärkultur bestand
in dieser Zeit vor allem im taktischen Handwerk und in der
Fähigkeit, ein vergleichsweise stabiles Kohäsionsgeflecht von
Truppe und Führung aufzubauen. Doch trotz aller taktischen
Überlegenheit konnte das Deutsche Reich den Krieg gegen die
Übermacht dreier Großmächte nicht gewinnen. Dass es ihn
verlor, lag am mangelnden politisch-strategischen Geschick
der politischen und militärischen Führung – angefangen mit
dem Vabanquespiel der Julikrise 1914 bis hin zur nicht
ergriffenen Chance eines Kompromissfriedens im Januar
1917. Hinzu kam, dass die taktische Professionalität zur
Überbewertung der militärischen Fähigkeiten auf strategischer
Ebene beitrug. Allerdings haben auch andere Großmächte ihre
757
militärischen Möglichkeiten falsch eingeschätzt, man denke
nur an das Zarenreich oder Italien.
Als Beleg für eine besondere deutsche Militärkultur ist auf
die deutschen Kriegsverbrechen verwiesen worden, die in
gewisser Weise den Vernichtungskrieg der Wehrmacht
vorweggenommen hätten. Das Deutsche Reich hat im Ersten
Weltkrieg das Völkerrecht in der Tat auf vielfältige Weise
verletzt. Das begann mit dem Bruch der belgischen Neutralität
und der Tötung von rund 6000 belgischen und französischen
Zivilisten, setzte sich mit der Bombardierung britischer Städte
und der Zerstörung ganzer Landstriche in Frankreich fort und
endete in der Exekution zahlloser Gefangener in der Ukraine
1918. Dennoch: In ihrer Qualität unterschieden sich die
Kriegsverbrechen des Kaiserreichs nicht von denen anderer
Mächte. Das wiederum heißt nicht, dass alle überall gleich
handelten. Großbritannien oder Frankreich waren keine
Besatzungsmächte, auch hatten sie durch den freien Zugang
zum Weltmarkt ökonomisch einen viel längeren Atem als
Deutschland, Österreich-Ungarn oder Russland. Zudem gab es
unterschiedliche Auslegungen des Völkerrechts. So bestritt
Deutschland vor 1914, anders als Russland oder
Großbritannien, die Legitimität eines Widerstandsrechts der
Zivilbevölkerung. Während des Krieges führten dann
militärische Rückschläge, Feindbilder und situative
Überreaktionen zu vergleichbaren Exzessen etwa der
deutschen und russischen Streitkräfte, die wenig von der
kriegsrechtlichen Fachdebatte der Vorkriegszeit erahnen
ließen. Mit Ausnahme des Osmanischen Reichs und dessen
Genozids an den Armeniern zeigte sich im Ersten Weltkrieg
im Gewalthandeln der Großmächte durchaus eine kategoriale
Ähnlichkeit.
758
Die Hypothek der Niederlage lastete schwer auf der jungen
Republik, die 1919 aus den Trümmern des alten Reiches
entstand. Noch traumatischer als der Waffenstillstand vom 11.
November 1918 wirkten die Versailler Friedensbedingungen,
die nicht nur die moralische Kriegsschuld und die Abtrennung
eines Siebtels des Reichsgebiets festschrieben, sondern auch
ein Gefühl der Wehrlosigkeit aufkommen ließen. Die
Reichswehr war nicht mehr als eine bessere Grenzpolizei, die
das geschrumpfte Reich gegen einen militärischen Gegner
nicht schützen konnte. Niemand in Deutschland wollte diesen
Zustand akzeptieren. Das Bedürfnis nach äußerer Sicherheit
führte in der Weimarer Republik daher zu einem breiten
gesellschaftlichen und politischen Wehrkonsens, der die
geheime Mobilisierung von Grenzschutzmilizen im Osten
ebenso ermöglichte wie geheime Rüstungsprojekte, etwa mit
der Sowjetunion. Die Weimarer Parteien trugen all dies mit,
ein Staat im Staate war die Reichswehr daher gewiss nicht.
Aber eine demokratische Vorzeigearmee war sie auch nicht,
und ihr Hadern mit der Republik ist vielfach belegt. Vielen
Bürgern ging es freilich ebenso, nicht zuletzt dem
Staatsoberhaupt, Reichspräsident Paul von Hindenburg. Im
Rückblick erwies es sich als fatal, dass Walther Reinhardt
1920 als Chef der Heeresleitung zurücktrat und dass ein Mann
wie Wilhelm Groener erst 1928 Reichswehrminister wurde.
Beide hätten das Militär zweifellos enger an die Republik
binden können. Doch am Lauf der großen Politik hätte dies
wohl auch nichts geändert. Die Weimarer Republik scheiterte
nicht am Militär, sondern an den Wählern, den Parteien und
ihrem Präsidenten.
Die Wehrmacht, die 1935 aus der Reichswehr hervorging, war
eine Armee der Extreme. Das gilt sowohl für das Ausmaß der
von ihr verübten Verbrechen als auch für den von ihr
759
perfektionierten Bewegungskrieg und ihre Bereitschaft zum
kollektiven Untergang. Der Vernichtungskrieg, den sie im
Osten führte, übertraf alles bisher Dagewesene in der
deutschen Geschichte. Sie bildete mit dem NS-Staat ein
unauflösliches Amalgam und übertrug dessen Radikalität auf
ihre Kriegführung. Ihre Gewaltbereitschaft war präzedenzlos,
das Moment der Mäßigung kam praktisch nicht vor.
Handwerklich hatte die Wehrmacht aus dem Ersten
Weltkrieg viel gelernt, auch wenn ein genauer Blick zeigt, mit
wie vielen Problemen eine Armee zu kämpfen hatte, die in nur
sechs Jahren – zwischen 1933 und 1939 – um das 25-Fache
vergrößert worden war. Viele Soldaten waren ihren Aufgaben
nicht gewachsen, und selbst etliche Generäle waren von der
Geschwindigkeit und dem Risiko des Panzerkriegs
überfordert. Doch trafen sie zunächst auf einen Gegner, der
ihre Schwächen nicht ausnutzte und unter der Schockwirkung
der schnellen Panzervorstöße zusammenbrach. Einen Sieg wie
denjenigen über Frankreich 1940 hatte kein deutsches Heer je
errungen. Die Folge war eine Hybris, die die Wehrmacht nicht
nur den sowjetischen Gegner unterschätzen ließ. Es gelang ihr
auch nicht, sich den gänzlich anderen Bedingungen der
zweiten Kriegshälfte anzupassen: Das Heer setzte weiter auf
das Dogma der Bewegung und erlag der Feuerkraft seiner
Gegner. Am deutlichsten zeigte sich dies beim Kampf gegen
die Westalliierten, etwa 1943/44 in Italien. Wie unter einem
Brennglas offenbarte sich hier, dass die Deutschen den
Artilleriekrieg verlernt hatten, jene Kampfform also, die sie im
Ersten Weltkrieg noch meisterhaft beherrschten. Mehr noch als
die Luftwaffe der Alliierten war es deren Artillerie, die alle
deutschen Versuche im Keim erstickte, die Initiative
zurückzugewinnen. Die Wehrmacht war nicht nur auf
strategischer Ebene seit 1942 ohne Plan, sie stand auch in der
760
taktischen Lernfähigkeit erheblich hinter der kaiserlichen
Armee zurück.
Gelernt hatte man hingegen aus dem Zusammenbruch von
1918, aus den am Ende des Ersten Weltkriegs zutage tretenden
Spannungen zwischen Offizieren und Mannschaften, zwischen
Front und Heimat. Im Zweiten Weltkrieg waren Staat,
Gesellschaft und Armee fester zusammengeschweißt denn je.
Doch trotz ihrer NS-Hörigkeit funktionierte die Wehrmacht
nach einer militärischen Logik, galt das Leistungsprinzip, das
ihr selbst bei den vielen NS-kritischen Soldaten zu hohem
Ansehen verhalf. So gelang es bis zum Herbst 1944 nicht nur,
die Primärgruppen weitgehend intakt zu halten, auch deren
Loyalität zur militärischen Führung war hoch. Die vom NSRegime idealisierte Frontkämpfergemeinschaft war in der
Wehrmacht weitgehend Realität. Keine deutsche Armee besaß
je eine größere horizontale wie vertikale Kohäsion. So war die
Wehrmacht in der Lage, die enormen Verluste zu verkraften
und dennoch nicht auseinanderzubrechen. Freilich hatte dies
fatale Folgen: Da sie selbst nach den verheerenden
Niederlagen des Sommers 1944 nicht zusammenbrach, führte
sie einen Endkampf, dessen Verluste alles Vorstellbare
überstiegen. So wurde sie zum Opfer ihrer selbst.
Die Niederlage von 1945 war total – moralisch und
militärisch. Das Deutsche Reich hatte unvorstellbare
Verbrechen begangen, war geschlagen, besetzt und geteilt.
Was blieb, war der Mythos von der militärischen
Professionalität, der half, Millionen ehemaliger Soldaten in die
Bundesrepublik zu integrieren und etwas zu bewahren, auf das
man glaubte stolz sein zu können. Die Meistererzählung
erfüllte ihren Zweck, und die Veteranen fügten sich
weitgehend reibungslos in die neue Gesellschaft ein. Der Preis
war eine verklärte Sicht auf die Vergangenheit: auf den
761
verbrecherischen Charakter des Krieges ebenso wie auf den
Zerfall der militärischen Professionalität in der zweiten
Kriegshälfte. Etwa fünf Prozent des Wehrmacht-Offizierkorps
traten in den Fünfzigerjahren in die neue Bundeswehr ein.
Gerade die höheren Dienstgrade unter ihnen beförderten diese
Verklärung. Sie waren vor allem durch die Zeit der großen
Siege der Jahre 1939/41 geprägt, als sie als jüngere Offiziere
den kollektiven Rausch der »Blitzkriege« erfahren hatten. Den
Untergang der Wehrmacht 1944/45, den Zerfall der
Professionalität und den Höhepunkt der Verluste im letzten
Kriegsjahr hatten sie in der Regel nicht mehr an der Front,
sondern in Stabsfunktionen in der Heimat oder im Hinterland
erlebt. Dies erklärt, weshalb insbesondere das Heer der
Bundeswehr erstaunlich selbstbewusst auf seine neuen
Alliierten im Westen und die alten Gegner im Osten blickte.
Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Wehrmacht
fand in der Bundeswehr des Kalten Krieges weder im Hinblick
auf das militärische Handwerk noch auf die Kriegsverbrechen
statt.
Die Bundesrepublik stand in Kontinuität zum Deutschen
Reich. Eine Stunde null gab es nirgendwo in der Gesellschaft,
auch nicht beim Militär. Und doch war die Bundeswehr eine
Institution eigener Logik, die einen neuen Rechtsrahmen und
eine neue Struktur erhielt. Weit umfassender als ihre
Vorgänger war sie der zivilen Kontrolle unterworfen. Das
Militär hatte eine Bringschuld, sollte zeigen, dass es nach
Diktatur und Unrecht willens war, eine Armee der Republik zu
werden. Dazu diente die demonstrative Abgrenzung von der
Reichswehr als vermeintlichem »Staat im Staate«. Es galt,
nicht nur eine Armee in der Demokratie, sondern eine Armee
für die Demokratie aufzubauen. So entwickelte man das
Konzept des »Staatsbürgers in Uniform« und die Innere
762
Führung; die Werte und Normen des Grundgesetzes sollten
fortan auch in der Armee gelebt werden. So wollte man
verhindern, dass Gesellschaft und Militär sich in
verschiedenen Welten bewegten. Doch zugleich knüpfte man
an Vergangenes an, etwa die alte Führungskultur, übernahm
Vorschriften der Wehrmacht und sonnte sich im Mythos ihrer
handwerklichen Exzellenz. Es gab also beides: Abgrenzung
von der Vergangenheit und Anknüpfung an diese.
Die Atomwaffen veränderten das Koordinatensystem des
Militärs grundlegend. Langsam, aber sicher dämmerte den
Generälen, dass im nuklearen Zeitalter der Krieg nicht mehr
führbar war. Käme es je zur Konfrontation, dann bliebe nichts
von dem übrig, was man eigentlich schützen wollte. Konnte
der Kampf, den man nunmehr unter allen Umständen
vermeiden musste, überhaupt noch Referenzpunkt der
Streitkräfte sein? War nicht der Frieden der Ernstfall, weil es
nie mehr zum Krieg kommen durfte? Musste die Armee nicht
vor allem daran gemessen werden, wie demokratisch sie
verfasst war, wie sehr sie sich an der Zivilgesellschaft
ausrichtete? Andererseits: Eine abschreckende Wirkung ließ
sich auch im Atomzeitalter nur mit Soldaten entfalten, die im
Ernstfall in der Lage waren, in die Schlacht zu ziehen.
Sollte man die Bundeswehr also vom Krieg oder vom
Frieden her denken? Sollte man an die Vergangenheit
anknüpfen oder sich abgrenzen? Aus dieser doppelten
Ambivalenz ergaben sich heftige Spannungen, Diskussionen
und Streitereien. Das Koordinatensystem der Streitkräfte war
unschärfer, unklarer, widersprüchlicher denn je. In den
hektischen Jahren des Aufbaus war es praktisch unmöglich,
allen Anforderungen gleichzeitig gerecht zu werden: In
Windeseile sollte aus dem Nichts eine Armee von 500 000
Mann aufgestellt werden, um das außenpolitische Gewicht der
763
Bundesrepublik zu mehren. Tapfere und harte Soldaten sollten
es sein, die möglichst ebenso gut kämpfen sollten wie die
mythisch verklärte Wehrmacht. Zugleich sollten sie in
radikaler Abkehr von der Vergangenheit ihre Motivation aus
der Demokratieerfahrung in der Armee ziehen. Nicht mehr
fürs Vaterland sollten sie kämpfen, sondern für die Verfassung.
Umstritten war vor allem, wie weit die Neuausrichtung des
inneren Gefüges gehen sollte. Die Aufbaugeneration der
Bundeswehr zimmerte mit Erlassen und Verordnungen einen
Referenzrahmen, der ein Kompromiss verschiedener
Positionen war und für eine gemäßigte Reform stand. Diese
ausgleichende Vorgehensweise konnte aber nicht verhindern,
dass der Streit auch öffentlich eskalierte. Wolf Graf von
Baudissin und Heinz Karst erschienen dabei als Protagonisten
zweier Lager, die mit den Begriffen »Reformer« und
»Traditionalisten« kaum richtig beschrieben sind und die es in
dieser reinen Form so nie gab.1 Im Kern ging es wieder um die
Frage, ob die Streitkräfte vom Krieg oder vom Frieden her zu
denken waren. In diesem Meinungsstreit wurde der Gegner
möglichst schwarz gezeichnet. So war Karst für viele die
Inkarnation eines reaktionären, für die Demokratie geradezu
gefährlichen Militärs2, während Baudissin für manchen
General die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik
untergrub. Beide Seiten arbeiteten mit Feindbildern, die mit
der Realität wenig zu tun hatten.3
Die Truppe hatte in den ersten Jahren ohnehin andere
Sorgen, als sich mit den Vorschriften zur Inneren Führung
auseinanderzusetzen. Es gab zu wenige Kasernen, es mangelte
an Ausrüstung und fehlte an qualifiziertem Personal. Der von
der Politik durchgepeitschte schnelle Aufbau von zwölf
Divisionen riss die Einheiten immer wieder auseinander.
Stabile Primärgruppen konnten sich auf diese Weise kaum
764
ausbilden. Es gab massive Probleme mit der Disziplin, auch
mit überforderten Vorgesetzten, die entweder alles laufen
ließen oder allzu hart führten. Auch um die vertikale Kohäsion
stand es in diesen Anfangsjahren schlecht. Die Überforderung
der Truppe führte zu massiver Kritik an der militärischen
Führung, die die Probleme, so der Eindruck, nur nach unten
weiterreichte. Tatsächlich jedoch haben Generäle der
Bundeswehr in ihren Zustandsberichten wohl nie so
schonungslos ehrlich über die Sorgen und Nöte ihrer Truppen
geschrieben wie in den Sechzigerjahren. Der Puffer war der
Generalinspekteur, der die forsche Kritik in seinen Berichten
an die Politik meist abmilderte – eine Tendenz, an der sich bis
heute wenig geändert hat.
Der Unmut kulminierte zwischen 1969 und 1971 in der
öffentlichen Diskussion einer pointiert formulierten
Heeresstudie zur Reform der Bundeswehr (Schnez-Studie) und
scharf gefasster Forderungskataloge aus der Truppe (Leutnante
70/Hauptleute von Unna). Während die einen die
Kampffähigkeit der Streitkräfte infrage stellten, fochten die
anderen für deren Liberalisierung. Doch das kluge
Krisenmanagement von Verteidigungsminister Helmut
Schmidt und ein Generationswechsel in der Generalität
glätteten bald die Wogen. Und diejenigen, die dann in den
Siebzigerjahren in Führungspositionen aufrückten, hatten ihre
Lektion gelernt. Sie waren geschmeidiger als ihre zuweilen
knorrigen Vorgänger und verstanden es geschickter, das
politisch gewollte Bild der Truppe zu kommunizieren. Weit
mehr als ihre Vorgänger begriffen sie, dass die Bundeswehr
nicht nur ein außenpolitisches und militärisches, sondern vor
allem ein innenpolitisches Projekt war. Doch sie hatten auch
mit weniger Problemen zu kämpfen: Endlich gab es genug
765
Personal und reichlich modernes Material; die Bundeswehr
konsolidierte sich.
Die Truppenrealität war mit dem nach außen
kommunizierten Bild keineswegs identisch. Zwar beschrieben
die Konzepte des Staatsbürgers in Uniform und der Inneren
Führung einen wünschenswerten Idealzustand des politisch
mündigen Soldaten und standen mitnichten im Gegensatz zu
kampfbereiten Streitkräften. Sie waren aber zu verkopft
gedacht und beschäftigten im Alltag vor allem die
Stabsoffiziere. Die Masse der Soldaten konnte mit ihnen
wenig anfangen. Die Berge wohlmeinender Konzeptpapiere
über die Bundeswehr als demokratische Institution konnten
nichts daran ändern, dass immer weniger junge Männer gewillt
waren, mit der Waffe in der Hand die Demokratie zu
verteidigen. Der Sinn der Friedenssicherung mit militärischen
Mitteln wurde zunehmend angezweifelt, und der durch die
68er-Bewegung beschleunigte gesellschaftliche Wertewandel
erschwerte es, Rekruten in einer auf Befehl und Gehorsam
beruhenden Organisation zu treuen Verteidigern der Republik
zu erziehen. All die Konferenzen, Denkschriften und Studien
zur Verbesserung der Inneren Führung und der politischen
Bildung waren letztlich Ausdruck einer ritualisierten
Hilflosigkeit. Sie dienten mehr der Außendarstellung, als dass
sie intern etwas bewirkt hätten. Motiviert waren die jungen
Wehrpflichtigen vor allem, wenn es etwas Sinnvolles zu tun
gab, wenn der Umgang miteinander zivilisiert war und wenn
es halbwegs gerecht zuging. Daran hatte sich seit 100 Jahren
nichts geändert. Bei der Erziehung des politisch bewussten
Soldaten stieß die Bundeswehr aber ebenso an ihre Grenzen
wie die Kaiserliche Armee, die Wehrmacht oder selbst die
NVA. Die Masse der Soldaten war nicht so
766
verfassungspatriotisch gesinnt, wie es sich die politische und
militärische Führung gewünscht hätten.
Gleichwohl war die Bundeswehr der Republik loyal
ergeben. Eine Gefahr für die Demokratie war sie nie. Dass
dennoch die Wehrmacht als handwerkliches Vorbild teilweise
geradezu verehrt wurde, dass militärisches Handwerk und
politischer Anspruch sorgsam getrennt wurden, empfanden
viele Offiziere nicht als Widerspruch – zumal dies in den
bürgerlich-konservativen Kreisen der Gesellschaft nicht anders
war. Da die militärische Führung keinen Zweifel aufkommen
ließ, dass die Soldaten zum Kampf auszubilden waren, griff
man gern auf Vorbilder zurück, die sich im Gefecht bewährt
hatten – und landete meist bei der Wehrmacht. Das lag auch
daran, dass die NATO-Strategie der flexible response von der
Bundeswehr forderte, im Ernstfall einen Angriff des
Warschauer Pakts möglichst mit konventionellen Mitteln
aufzuhalten. Zähe Verteidigung, kühne Gegenstöße,
Schnelligkeit und Flexibilität – davon war in den Planungen
nun ständig die Rede. In der operativen Führungslehre und im
taktischen Bereich wurde die Militärkultur der Wehrmacht
nahtlos fortgeführt. Der Krieg war vor allem Handwerk, und
zumindest auf der Ebene der Panzerbataillone und
Infanteriekompanien hatte sich zwischen 1944 und 1964 nicht
sonderlich viel verändert.
Doch wie leistungsfähig war die Bundeswehr als
militärische Organisation überhaupt? Die NATO erwartete,
dass die Bundesrepublik schlagkräftige Streitkräfte unterhielt.
Für das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihrer Armee
interessierten sich Amerikaner und Briten nur wenig. Auf den
ersten Blick erfüllte die Bundeswehr die Erwartungen: Sowohl
die Alliierten und als auch die Gegner bewerteten ihre
Kampfkraft als recht hoch. Sie war ein geschätzter
767
Bündnispartner und ein respektierter Gegner. Die internen
Bewertungen fielen hingegen weitaus kritischer aus: Das Heer
kam im gesamten Kalten Krieg nie über ein »befriedigend«
hinaus, die Luftwaffe erreichte immerhin zeitweise ein »gut«.
Weit schlechter sah es bis Mitte der Siebzigerjahre bei der
Marine aus, die nur über hoffnungslos veraltetes Gerät
verfügte und der sowjetischen Ostseeflotte in keiner Weise
gewachsen war.
Die Zustandsmeldungen zeigen, dass die Bundeswehr in
der Zeit des Kalten Krieges nie so leistungsfähig war, wie sie
eigentlich sein wollte. Schwachstellen gab es viele, etwa bei
der Mobilmachung, der Sanitätsversorgung, der Artillerie –
Letzteres im Übrigen eine Parallele zur Wehrmacht. Und
obwohl man sich in einem aufwendigen System ständig
evaluierte, zuweilen schonungslos Probleme und Schwächen
aufdeckte
und
versuchte,
diese
mit
neuen
Ausbildungsschwerpunkten abzustellen, stieß man immer
wieder an die Grenzen dessen, was in Friedenszeiten
erreichbar war. Die Übungsmöglichkeiten, die Finanzmittel,
aber auch die Führungsfähigkeit junger Vorgesetzter blieben
limitiert, die Motivation der Wehrpflichtigen blieb es ebenso.
Trotz aller geharnischten Befehle, Ermahnungen und
Weisungen war kaum zu vermeiden, dass viele es sich in der
Friedensarmee bequem machten und die Bürokratie immer
mehr ausuferte. Der Bundeswehr erging es dabei prinzipiell
nicht anders als anderen Armeen, die über eine lange Zeit
nicht im Einsatz standen. Hinzu kam, dass die Erfahrung des
Zweiten Weltkriegs und die Gefahr eines Atomkriegs ein
gesellschaftliches Klima schufen, das der Ausrichtung auf den
Krieg enge Grenzen setzte.
Einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik ging die
DDR. Sie bewies, dass es möglich war, Streitkräfte auch ohne
768
die Elite der Wehrmacht aufzubauen. Hitzige Debatten über
das Traditionsbild der Truppe oder das Selbstbild der Soldaten
gab es so gut wie gar nicht. Staat und Armee waren auf einer
Linie. Die Offiziere der NVA besaßen fast ausnahmslos das
Parteibuch der SED, und das Ausmaß der zumindest auf dem
Papier erreichten Ideologisierung war beispiellos. Das Bild des
sozialistischen Kämpfers4, der »wachsam und gefechtsbereit«5
sein Kriegshandwerk »meisterhaft« beherrschte und so den
Frieden sicherte, war weitgehend unbestritten, wenngleich die
Realität auch hier anders aussah. Diskussionen wie in der
Bundesrepublik darüber, dass der Frieden der Ernstfall sei,
militärische Konventionen zu entstauben seien und die
Kriegsbereitschaft nicht im Vordergrund stehen solle, kamen
in der DDR praktisch nicht vor. Die NVA wurde als
sozialistische Armee nach sowjetischem Vorbild aufgebaut
und war als solche ein Sonderfall der deutschen
Militärgeschichte. Kulturell waren beide deutsche Armeen so
unterschiedlich, dass nach der Wiedervereinigung kein Weg
von der NVA zur gesamtdeutschen Bundeswehr führte.
Die Welt war 1990 eine andere geworden. Das zweifellos
bemerkenswerte handwerkliche Können, der Waffendrill, die
vorbildliche Kampfbereitschaft der NVA wurden weniger
denn je benötigt. Der Krieger hatte scheinbar endgültig
ausgedient, darauf musste sich nun auch die Bundeswehr
einstellen. Gebraucht wurden nicht mehr Panzer und Artillerie,
sondern Blauhelmsoldaten und Sanitäter. Zwar führte die
Bundeswehr 1999 ihren ersten Kampfeinsatz durch, bekämpfte
mit einem Dutzend Tornados serbische Luftabwehrstellungen
und stellte gar zwei Brigaden für einen möglichen Landkrieg
auf dem Balkan bereit. An der generellen Entwicklung änderte
das aber nichts. Ein militärischer Konflikt in Europa schien
auf absehbare Zeit ausgeschlossen, das Wort von der
769
»Friedensdividende« machte die Runde, und angesichts
klammer Kassen, nicht zuletzt aufgrund der hohen Kosten der
Wiedervereinigung, mussten Prioritäten gesetzt werden.
2001 verabschiedete sich die Bundeswehr, ohne darum
öffentlich viel Aufhebens zu machen, von der Landes- und
Bündnisverteidigung und konzentrierte sich seitdem ganz auf
sogenannte Out-of-area-Einsätze. Mit der AfghanistanMission kam eine neue große Aufgabe hinzu, die nicht, wie
eigentlich geplant, nach sechs Monaten abgeschlossen war.
Aus politischen Gründen drängte Berlin darauf, stets der
drittgrößte Truppensteller am Hindukusch zu sein. Vor Ort
machten die Soldaten das, was sie schon in Bosnien und im
Kosovo getan hatten: bewaffnete Wiederaufbau- und
Entwicklungshilfe leisten und darauf hoffen, dass alles gut
wird. Das kam in der Öffentlichkeit gut an und reichte, um
Deutschlands außenpolitisches Gewicht zu mehren. Endlich,
so schien es, hatten sich Streitkräfte und Gesellschaft versöhnt,
löste sich die doppelte Ambivalenz der Bundeswehr auf. Mehr
denn je wurden die deutschen Streitkräfte vom Frieden her
gedacht. Die Vorstellung vom Soldaten als miles protector, als
Polizist, Streetworker und Streitschlichter, war in der
Gesellschaft und zunehmend auch in der Bundeswehr selbst
populär. Und auch die ewigen Debatten um die Vergangenheit
schienen endlich beendet zu sein: In den Neunzigerjahren
traten jene konservativen Köpfe in Politik, Gesellschaft und
Armee ab, die einst der Anknüpfung an die militärischen
Leistungen der Wehrmacht das Wort geredet hatten. Zudem
schien diese Traditionslinie nach der seit 1995 breit
diskutierten Ausstellung zu den »Verbrechen der Wehrmacht«
mehr denn je obsolet. Nach mehreren Skandalen um
rechtsradikale Vorfälle wurden die Kasernen entrümpelt und
wurde im Heer 1999 ein neuer Leitfaden zur Tradition
770
erlassen, in dem die Wehrmacht nur noch in homöopathischen
Dosen vorkam.
Armee und Gesellschaft der Bundesrepublik waren sich in
ihrer Auffassung vom Zweck der Streitkräfte nie einiger als zu
Beginn des 21. Jahrhunderts. Doch dann passierte, was nach
dem Willen der Politik nie hätte passieren dürfen: Die
Bundeswehr musste kämpfen. Nach Jahren der Ruhe kehrte
der Krieg 2006 in den Norden Afghanistans zurück, wo
Deutschland die Verantwortung trug. Rückzug war keine
Option, der außenpolitische Schaden wäre zu groß gewesen.
Wie auf die neue Lage angemessen zu reagieren war, wusste
niemand zu sagen. Also steckte das politische Berlin den Kopf
in den Sand. Regierung und Parlament wichen den drängenden
Fragen der Soldaten aus: Wofür kämpfen wir? Gegen wen
kämpfen wir? Dürfen wir überhaupt kämpfen? Und wie sollen
wir dauerhaft einen stabilen afghanischen Staat aufbauen?
Kanzlerin, Außenminister und Verteidigungsminister, aber
auch der Generalinspekteur wollten die schlechten
Nachrichten nicht hören, hielten die Illusion aufrecht, dass der
Krieg im Grunde eine Sache der Afghanen sei und sich die
Bundesrepublik irgendwie würde heraushalten können.
Zu Beginn der 2000er-Jahre hatte die Bundeswehr zehn
Jahre Schrumpfkurs und zahllose Reformen hinter sich; die
Schere zwischen Aufträgen und Mitteln war ständig größer
geworden. Trotz aller Übereinstimmung über die Aufgaben
einer Peacekeeping Army stand es schlecht um die vertikale
Kohäsion zwischen der Truppe und der politischen und vor
allem militärischen Führung. Der Afghanistan-Einsatz
verschärfte
diese
Entfremdung,
Minister
und
Generalinspekteur wurden nun kritischer gesehen denn je. Das
Band war gefährlich gespannt. Es fiel schwer, aus Einsicht
gehorsam zu sein, wie es die reine Lehre der Inneren Führung
771
vorsah, wenn man vor allem Floskeln zu hören bekam. Und es
fiel schwer, Vertrauen in die Institution Parlamentsarmee zu
haben, wenn etliche Parlamentarier bei ihren Truppenbesuchen
durch eine geradezu groteske Unwissenheit auffielen und der
Zuschnitt der vom Bundestag beschlossenen Mandate im
krassen Gegensatz zu den militärischen Aufträgen vor Ort
stand.
Dass die Soldaten von einem demokratisch legitimierten
Souverän in den Einsatz geschickt wurden, war
verfassungsrechtlich zwar ein bedeutender Unterschied zu
früheren Tagen. Für den einzelnen Rekruten reichte das als
Motivation aber nicht aus – falls dieser Umstand von den
Männern und Frauen in Uniform überhaupt nennenswert
reflektiert wurde. Sie legten sich den Sinn der Mission
notgedrungen selbst zurecht, um kognitive Dissonanzen erst
gar nicht aufkommen zu lassen. Ihre Bindung zum Staat und
zur Bundeswehr als Institution manifestierte sich vor allem in
den tribal cultures der Truppengattungen, den Primärgruppen
und in dem taktischen Auftrag, den sie erfüllen wollten. Ob
der Einsatz mittel- und langfristig vergebliche Mühe war, ob
es überhaupt wünschenswert war, einer korrupten
Zentralregierung in Kabul und kriminellen Provinzfürsten in
Masar-e Sharif die Macht zu sichern, wurde verdrängt,
umgedeutet oder ignoriert. Niemand wollte das eigene Tun
infrage stellen. In der Logik ihrer Sinnstiftung glichen die
Soldaten der Bundeswehr frappierend denjenigen früherer
Armeen.
Das Besondere am Afghanistan-Einsatz war der dort
herrschende Krieg. Hätten die Bundeswehrsoldaten dort nicht
kämpfen, töten und sterben müssen, wäre die Mission längst
vergessen. Doch die Realitäten vor Ort zwangen die deutsche
Gesellschaft,
sich
mit
unangenehmen
Themen
772
auseinanderzusetzen, etwa der Forderung, die Streitkräfte
wieder vom Krieg her zu denken. Und auch die Vergangenheit
war plötzlich wieder präsent, etwa als gefordert wurde, das
Eiserne Kreuz als Tapferkeitsauszeichnung neu zu stiften.
Unterdessen bewiesen die Jäger aus Donaueschingen, die
Panzergrenadiere aus Bad Salzungen oder die Fallschirmjäger
aus Seedorf, dass die Bundeswehr zu kämpfen verstand. In den
tribal cultures der Kampftruppen hatte das von manchem
Soziologen totgesagte Kriegertum überlebt. Gewiss, der eine
oder andere Infanterist tat sich dann doch schwer, seinen Beruf
in letzter Konsequenz auszuüben, und mancher Offizier tapste
unbeholfen in seiner Schutzweste im Feldlager herum und
gehörte offensichtlich eher an den Schreibtisch. Alles in allem
jedoch beherrschte die Truppe das Handwerk des Krieges und
passte sich schnell den Gegebenheiten vor Ort an. Die
Bundeswehrführung kümmerte sich – wieder einmal – nicht
um die soldatischen Identitäten und Kulturen, sondern
reagierte nur mit Verboten, wenn die Soldaten allzu
demonstrativ ihren Kriegerhabitus zur Schau stellten. So
vergab man die Chance, den Afghanistan-Einsatz gezielt zum
Aufbau einer eigenen Tradition zu nutzen, und belastete
zusätzlich die vertikale Kohäsion der Streitkräfte.
Angesichts der russischen Annexion der Krim und der
Ukrainekrise
2014
musste
die
Bundeswehr
den
Offenbarungseid leisten, zur Bündnisverteidigung nicht mehr
in der Lage zu sein. Die osteuropäischen NATO-Partner
konnten keine ernsthafte Hilfe von ihr erwarten. Sie wurde als
Pannen-Armee zum öffentlichen Gespött, weil ihre Flugzeuge
nicht flogen, ihre Panzer nicht fuhren und ihre U-Boote nicht
tauchten, während die höhere Generalität so tat, als ob sie mit
alldem nichts zu tun habe. Im Mai 2017 kamen dann von der
Leyens Vorwurf, die Bundeswehr habe ein Haltungsproblem,
773
und die Razzien in den Kasernen wegen einer vermeintlich
verirrten Traditionsbildung hinzu. Das seit Jahrzehnten
überstrapazierte Band zwischen Führung und Truppe riss, und
die vertikale Kohäsion erlitt massiven Schaden. Schlimmer
war die Lage in der Geschichte der Bundeswehr wohl nie
zuvor, und man muss schon ans Ende der 1920er-Jahre
zurückgehen, um auf eine vergleichbare Dissonanz im zivilmilitärischen Verhältnis zu stoßen.
Seit dem Tiefpunkt der Jahre 2014–2017 hat sich gewiss
etliches verbessert, vor allem die Finanzausstattung der
Bundeswehr. Bei der Personalgewinnung tritt man freilich auf
der Stelle, und die Probleme bei der Ausrüstung bessern sich
nur langsam. Für den Kampf gegen einen hochgerüsteten
Gegner hat die Bundeswehr nach wie vor noch nicht einmal
genug Munition; sie ist kaum nachtkampffähig, hat zu wenig
Artillerie und keine funktionierende Heeresflugabwehr. Sie ist
in der Rüstungsbeschaffung noch immer zu ineffizient und in
ihrer gesamten Struktur, nicht zuletzt im Ministerium, zu
ineffektiv und verantwortungsschwach. Am strukturellen
Pazifismus der Bundesrepublik6 hat sich also auch in den
letzten Jahren nichts geändert. Als Ziel wurde zwar 2018
festgelegt, die Bundeswehr bis zum Jahr 2031 wieder zu einer
»Vollwert-Armee« zu machen, wie es im Amtsdeutsch heißt,
aber der politische Wille, dies auch umzusetzen, ist nicht
wirklich zu erkennen. Die Zielmarke ist vor allem als
politisches Zugeständnis an die NATO zu verstehen, ähnlich
der
Vereinbarung,
zwei
Prozent
des
BIP
für
Verteidigungsausgaben anzustreben.
Zu Recht kann man fragen, wozu in Zukunft denn drei
Heeresdivisionen, 25 Kampfschiffe und vier Task Forces der
Luftwaffe gebraucht werden, wie es die aktuellen Planungen
vorsehen. Die entscheidende Frage haben Regierung und
774
Parlament nach wie vor nicht ehrlich beantwortet: Wozu
überhaupt Streitkräfte? Sollen sie wirklich fähig sein, intensive
Gefechte gegen einen hochgerüsteten Gegner zu führen? Will
man wirklich demokratische Krieger? Wenn dem so ist, darf
man die Armee nicht nur aus der Perspektive außen- und
innenpolitischer Zweckmäßigkeiten betrachten, sondern muss
sie als militärisches Projekt ernst nehmen. In der
Rüstungspolitik müsste es dann in erster Linie darum gehen,
die Bundeswehr mit brauchbaren Waffen auszurüsten, in der
Ausbildung, die Soldaten wirklich kampffähig zu machen, was
auch die nötige körperliche und mentale Robustheit
voraussetzt. Die Beispiele, die Zweifel an der Ernsthaftigkeit
des Ziels nähren, sind Legion. Die Einführung der
Europäischen Arbeitszeitrichtlinie in den Streitkräften hätte
man in früheren Jahren wohl als Schildbürgerstreich
aufgefasst. Etliche europäische Streitkräfte wenden sie daher
nicht oder nur sehr beschränkt an. Die Bundeswehr aber setzt
sie nur im Einsatzfall aus, und die Ausbildung leidet unter
ihrer Einführung sehr. Auch die Maßstäbe körperlicher
Leistungsfähigkeit wurden massiv herabgesetzt. Im Kalten
Krieg galten Märsche unter 20 Kilometer als »Spaziergang«.
Heute nennt der Wehrbeauftragte des Bundestags in seinem
Jahresbericht 2020 einen Eingewöhnungslauf von 2,5
Kilometern bei 28 Grad Sommerwärme ernsthaft eine
»Tortur« und einen Fall »überzogener Härte«. Bei den NATOAlliierten wird die Bundeswehr wegen der geringen
sportlichen Anforderungen an ihre Rekruten längst verspottet.
Auch die jüngste Debatte über rechtsradikale Umtriebe im
Kommando Spezialkräfte (KSK) regt zu der Frage an, wozu
man eine solche Spezialeinheit überhaupt braucht. Was soll ein
Verband zur Geiselbefreiung, der in 24 Jahren noch nie eine
Geisel befreit hat, weil die Bundesrepublik im Zweifelsfall
775
Lösegeld zahlt? Was soll ein KSK, wenn man ihm über die
längste Zeit seines Afghanistan-Einsatzes die dringend
benötigten Hubschrauber verwehrt? Braucht man wirklich ein
KSK, das World Champion of Training ist? Wäre es da nicht
ehrlicher, man schafft es ab und erklärt, dass die
Bundesrepublik bei robusten Spezialoperationen lieber
Franzosen oder Amerikanern den Vortritt lässt? Was für das
KSK im Kleinen, gilt für die Bundeswehr im Großen: Will die
Bundesregierung wirklich eine Luftwaffe, eine Marine und ein
Heer, die im Verbund mit ihren Bündnispartnern den Kampf
gegen einen hochgerüsteten Gegner führen können? In der
Bundeswehr wird das zweifellos von vielen angestrebt. Die
Alliierten aber bleiben skeptisch. Zu oft hat Deutschland auf
Gipfeln und Konferenzen vollmundig angekündigt, mehr
Verantwortung übernehmen zu wollen, gar »gemeinsam zu
kämpfen«7. Daraus folgte bislang: nichts. Auch beim Kampf
gegen den Islamischen Staat stellte sich Deutschland 2015
wieder ganz hinten an. Während etwa die Niederlande und
Belgien mit ihren F-16 Kampfeinsätze flogen, schickte
Deutschland
als
symbolischen
Beitrag
sechs
Aufklärungsflugzeuge sowie eines für die Luftbetankung.8 Es
ging Berlin also nicht ums »Führen aus der Mitte«, wie die
Verteidigungsministerin es damals genannt hatte, sondern
darum, sich bestmöglich herauszuhalten.
Es wäre gewiss ehrlicher, wenn sich die Bundesrepublik
mit aller Konsequenz zur Rolle als Zivilmacht bekennen
würde. Das entspräche dem Bruch, den der Zweite Weltkrieg
im Verhältnis der Deutschen zum Militär ausgelöst hat und der
auch 75 Jahre später nicht verheilt ist. Steigende Wehretats
wären dann nicht mehr nötig, und die Bundeswehr könnte sich
auf Sanität, Logistik und Cybersicherheit beschränken. Alle
Partner wüssten dann, woran sie wären. Zugleich wäre man
776
die Kampftruppen los und deren ungeliebte tribal cultures
gleich mit. Oder aber man strebt ernsthaft und konsequent
militärische Handlungsfähigkeit an. Dazu würde gehören, die
Architektur der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik einer
kritischen Analyse zu unterziehen und zum Beispiel zu fragen,
warum die Bundesrepublik so strategielos in den AfghanistanKonflikt hineingeschlittert ist und in Mali geradewegs
dieselben Fehler begeht. Zu analysieren wäre nicht nur die
Rolle des Verteidigungsministeriums, sondern auch der vielen
anderen sicherheitspolitischen Akteure: des Kanzleramts, des
Auswärtigen Amts, des BMZ und nicht zuletzt des Parlaments.
Gewiss, im akademischen Elfenbeinturm sind Klarheit und
Ehrlichkeit schnell gefordert. In der politischen Realität sind
jedoch kaum grundlegende Veränderungen zu erwarten. Das
betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch Europa als
Ganzes. Der Kontinent ist sicherheitspolitisch ein Zwerg, der
Russland und vor allem China im militärischen Bereich
ohnmächtig gegenübersteht. Und an ihrer südlichen Flanke, im
großen Krisenbogen von Westafrika über Syrien bis nach
Afghanistan, agieren die europäischen NATO-Staaten und die
EU ineffizient und unkoordiniert. Daran wird sich in Zukunft
wohl wenig ändern. Der sicherheitspolitische Druck ist
schlichtweg nicht groß genug, die Gefahren sind zu abstrakt,
um die zerstrittenen Europäer in der Verteidigungspolitik zu
echten Fortschritten zu bewegen.
Die Bundesrepublik ist gewiss nicht allein verantwortlich
für diese Misere, aber sie ist Teil des Problems. Trotz aller
wohlmeinenden Worte fällt sie als Motor einer europäischen
Verteidigung aus. Auch unter einer neuen Regierung wird es
wohl auf ein Durchwurschteln hinauslaufen. Berlin wird
weiterhin bemüht sein, die außenpolitischen Forderungen von
NATO, UN und EU zu erfüllen, sich zugleich aber aus
777
Kampfeinsätzen um jeden Preis heraushalten, um das heikle
Thema innenpolitisch möglichst klein zu halten. Ob es mit
einem solchen Kurs gelingt, das Vertrauen der Soldaten in die
politische und militärische Führung wiederherzustellen, bleibt
abzuwarten. Zumindest hat sich der aus dem
Verteidigungsministerium vernehmbare Ton gegenüber der
Truppe spürbar verändert. Der Umgang mit den jüngsten
KSK-Skandalen macht das deutlich: Die politisch
Verantwortlichen hören zu, setzen auf die Expertise von
Personen, die die Lage in den Kasernen wirklich beurteilen
können, schrecken zugleich aber nicht vor harten Maßnahmen
zurück, die unmissverständlich klarmachen, dass es gegenüber
Rechtsradikalismus in der Bundeswehr keine Toleranz geben
kann. Vielleicht trägt das dazu bei, die vielen Soldaten, die die
Volksparteien an die AfD verloren haben, zurückzuholen. Man
wird sehen.
778
Dank
Die Idee für dieses Buch entstand in Großbritannien. In vielen
Gesprächen konnte ich hier mit meinen Freunden und
Kollegen erste Ideen zum Thema entwickeln. Aus der
Glasgower Zeit sind vor allem Simon Ball, Peter Jackson und
Phil O’Brien zu nennen, aus Londoner Tagen MacGregor
Knox, Peter Lieb, Simon Trew, Klaus Schmider, Kristina
Spohr, Alexander Watson, Arne Westad und Vlad Zubok.
Felix Römer war mir ein unverwüstlicher Gesprächspartner.
Auf seiner Dachterrasse wurde mit Blick auf das ArsenalStadion manche Nacht durchdiskutiert.
2013 fand eine erste Tagung zum Thema im Rahmen der
Berliner Kolloquien zur Zeitgeschichte des Hamburger
Instituts für Sozialforschung statt, die Bernd und Bettina
Greiner organisierten. Dafür und für die vielen Gespräche als
Berliner Nachbarn schulde ich großen Dank.
An der Universität Potsdam habe ich seit 2015 ideale
Arbeitsbedingungen gefunden. Dem Präsidenten Oliver
Günther danke ich für ein immer offenes Ohr. Von meinen
Kolleginnen und Kollegen möchte ich besonders Manfred
Görtemaker, Monika Fenn, Thomas Brechenmacher und
Dominik Geppert für Rat und Unterstützung danken. An
meinem Lehrstuhl haben Julius Becker, Heiko Brendel (jetzt
Uni Passau), Johannes Fischbach, Heinz Jantzen, Alex Kay,
Bastian Matteo Scianna, Christine Pschicholz und Christian E.
Rieck jeder auf seine Weise dazu beigetragen, dass ich dieses
Buch schreiben konnte. Danke dafür!
Für die stets unkomplizierte Kooperation mit dem Zentrum
für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der
Bundeswehr (ZMSBw) danke ich besonders dem
779
Kommandeur Hans-Hubertus Mack und seinem Nachfolger
Jörg Hillmann sowie dem Leitenden Wissenschaftler Michael
Epkenhans. Mit Heiko Biehl, Christian Hartmann, Dieter
Kollmer, Dieter Krüger, Peter Lieb, Thorsten Loch, Christoph
Nübel, Frank Reichherzer, Christian Stachelbeck, Markus
Pöhlmann und Rüdiger Wenzke konnte ich mich in den letzten
Jahren über viele Aspekte meiner Studie austauschen. Ihnen
allen sei für die Hinweise auf verborgene Literatur und
versteckte Quellen gedankt. Eine besondere Freude war (bzw.
ist) mir die Betreuung von Doktoranden des ZMSBw: Chris
Helmecke, Torsten Knopka, Hans-Peter Kriemann und Dennis
Werberg haben mit ihren Studien wohl mehr zu diesem Buch
beigetragen, als sie ahnen. Dasselbe gilt für meine »zivilen«
Doktoranden an der Universität Potsdam: Julia Dehm,
Konstantin Eckert, Wolfgang Geist, Tim Kucharzewski und
Jens Wehner seien hier genannt. Rüdiger Bergien, Jochen
Böhler, Jürgen Förster, Takuma Melber, Stephan Lehnstaedt,
Clemens Range und Roman Töppel ließen mich an ihrem
stupenden Wissen teilhaben, und ich konnte manchen Aspekt
der Studie mit ihnen vertiefen.
Die längste Zeit meiner Archivrecherchen habe ich im
Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg verbracht. Für die
bestmögliche Unterstützung meiner Arbeit bin ich dem Leiter
Michael Steidel sowie Andreas Kunz, Griseldis Ehrhardt,
Benjamin Lenz und Jan Warßischek zu großem Dank
verpflichtet. Zum ersten Mal arbeitete ich 1986 in diesem
Archiv, und seitdem ist es wahrlich ein anderes Haus
geworden!
Die Universität Potsdam gewährte mir 2019/20 zwei
Freisemester, sodass ich mich in die Einsamkeit BerlinCharlottenburgs zurückziehen konnte, um dieses Buch zu
schreiben. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat
780
dankenswerterweise eine Vertretung finanziert, die Tanja
Bührer vorbildlich durchführte.
Während des Schreibprozesses haben mich Otto Ermakov,
Lisa Marie Freitag, Thomas Martinez und vor allem Kai
Steinhage mit Literatur versorgt und alle Recherchewünsche
erfüllt. Michael Daxner, Niels Janeke, Felix Römer, Bastian
Matteo Scianna und Klaus Schmider haben große Teile des
Manuskriptes gelesen und wiesen mich auf manchen Irrweg
hin. Gundula Bavendamm bin ich zu ganz besonderem Dank
verpflichtet. Sie hat alle meine Ideen und Textentwürfe einer
gewohnt kritischen Prüfung unterzogen.
Ein extra Dank geht an Camillo Dzeladini und sein Team
vom »AIDA« – meinem italienischen Stammrestaurant – für
die immerwährende Gastfreundschaft. Hier fanden über Jahre
nicht nur viele Gespräche mit Kollegen über das Buch,
sondern auch etliche der rund 200 Zeitzeugengespräche statt,
die ich zu diesem Projekt führte. Ganz herzlich danke ich
jenen, die mit mir dabei offen über ihre Sicht der Dinge
sprachen. Nur so konnte es gelingen, hinter die offizielle
Fassade der Bundeswehr zu blicken.
Zuletzt gilt mein Dank Christian Seeger für sein
sorgfältiges Lektorat und Kristin Rotter vom Propyläen-Verlag
für die exzellente Zusammenarbeit.
781
Karten
782
783
784
Bildteil
785
1 Der Wehrpflichtige Wilhelm Janeke als Angehöriger des
sächsischen Jägerbataillons 12, aufgenommen
wahrscheinlich 1892.
786
2 Wilhelm Janeke im Kreis seiner Kameraden auf einem
Manöver, 1893/94.
787
3 Exerzieren und Drill bestimmen bis heute die Vorstellung
von der preußischen Armee. Paradeaufstellung, BerlinLichterfelde, Preußische Hauptkadettenanstalt, 1911.
788
4 Die Landstreitkräfte befassten sich intensiv mit den
Herausforderungen des modernen Krieges. Soldaten des
Infanterie-Regiments »von Boyen« Nr. 41 im
Schützengraben während eines Manövers, vor 1914.
789
5 Bilder der durch Vergeltungsaktionen zerstörten
belgischen Ortschaften wurden 1914 in Deutschland als
Propagandapostkarten verwendet.
790
6 Die Aufnahmen ähneln sich: Zerstörte Häuser an einer
Straße in Johannisburg im südlichen Teil Ostpreußens nach
der Besetzung durch russische Truppen von September
1914 bis Februar 1915.
791
7 Vor allem an der Westfront wurden gigantische Mengen an
Artilleriemunition verschossen. Aufnahme von leeren
britischen Granathülsen in Fricourt, September 1916
während der Schlacht an der Somme.
792
8 Die Zerstörung ganzer Landstriche durch intensives
Artilleriefeuer wurde zum Sinnbild des Ersten Weltkrieges.
Houthem bei Ypern (Belgien) im März 1918.
793
9 Ein deutscher Infanterist neben der Leiche eines
französischen Soldaten in einem Graben in der Nähe von
Fort Vaux bei Verdun, 1916.
794
10 Der neue Krieger: mit Handgranaten reichlich
ausgestatteter Sturmtruppen-Soldat.
795
11 Repräsentanten eines vielschichtigen Verhältnisses von
Staat und Armee: Reichswehrminister Gustav Noske im
Gespräch mit Generalmajor Georg Maerker, 1919.
796
12 Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages durfte
Deutschland keine Panzer mehr besitzen. Die Reichswehr
behalf sich in Manövern mit Attrappen. Aufnahme aus dem
Jahr 1926.
797
13 Oberst Heinrich Eberbach (links) im Gespräch mit
Generaloberst Heinz Guderian, August 1941 in
Westrussland.
798
14 Hermann Balck im Sommer 1943 als Generalleutnant an
der Ostfront.
799
15 Die Wehrmacht beherrschte anfangs den
Bewegungskrieg mit motorisierten Truppen wie keine andere
Armee ihrer Zeit. Deutsche Panzer II und IV auf dem
Vormarsch in der Sowjetunion im Juni 1941.
800
16 In der zweiten Kriegshälfte konnte die Wehrmacht an der
Ostfront nur noch wenige erfolgreiche Gegenstöße
durchführen. Panzer IV im Dezember 1943 in der Ukraine.
801
17 In den ersten sechs Monaten des Unternehmens
»Barbarossa« fielen 300 000 deutsche Soldaten.
Angehörige der 197. Infanteriedivision begraben im
November 1941 80 Kilometer vor Moskau ihre Toten.
802
18 1945 starben 1,2 Millionen deutsche Soldaten – für die
Wehrmacht die mit Abstand blutigste Phase des Zweiten
Weltkrieges. Die Aufnahme entstand in Echternach,
Luxemburg, am 21. Februar 1945.
803
19 Zwei Infanteristen posieren im Januar/Februar 1944 für
die Kamera. Ihre Auszeichnungen weisen sie als
kampferfahrene Landser aus. Über ihr weiteres Schicksal ist
nichts bekannt.
804
20 Angehörige der Aufklärungskompanie des
Fallschirmjägerregiments 6 im Sommer 1944 in der
Normandie. Oberfeldwebel Alexander Uhlig, 2. v. r., war
einer der erfahrenen Krieger dieser Truppe.
805
21 Am 22. Januar 1944 landeten amerikanische und
britische Truppen bei den kleinen Städtchen Anzio und
Nettuno, um die deutsche Verteidigung südlich von Rom
zum Einsturz zu bringen.
806
22 Die Landung glückte ohne große Gegenwehr. Deutsche
Gefangene warten auf ihren Abtransport von einem Strand
bei Anzio, 22. Januar 1944.
807
808
809
23 Bald entbrannten um den Brückenkopf bei Anzio heftige
Kämpfe, und die Wehrmacht versuchte, die Alliierten wieder
ins Meer zu werfen. Diese deutschen Soldaten gerieten im
Februar 1944 in Gefangenschaft.
810
24 Die Wehrmacht versammelte 452 Geschütze um den
Brückenkopf, um die eigenen Truppen zu unterstützen. Im
Bild eine 17-cm-Kanone 18.
811
25 Eingesetzt waren auch zwei 28 cm-K5Eisenbahngeschütze, die aus großer Entfernung den
Landekopf beschossen. Zum Schutz gegen Luftangriffe
versteckte man die Kanonen in einem Tunnel.
812
26 Die deutsche Luftwaffe griff den Landekopf AnzioNettuno unablässig an. Sie konnte zwar den Nachschub
nicht unterbinden, aber zeitweise die alliierten Kriegsschiffe
von der Küste abdrängen.
813
27 In heftigen Kämpfen gelang es deutschen Truppen
Anfang Februar 1944, den kleinen Ort Carroceto
zurückzuerobern. Im Vordergrund eine deutsche
Panzerhaubitze »Grille«.
814
815
816
28 Die Alliierten gewannen den Artilleriekrieg um den
Brückenkopf von Anzio. Das Bild zeigt die beiden Soldaten
Andy Jessie und Sid Butterfield am 5. Februar 1944 inmitten
von leeren Granathülsen.
817
29 Zwischen dem 4. und 6. September 1939 töteten
Einheiten der Wehrmacht mindestens 227 polnische
Zivilisten in Częstochowa. Das Bild zeigt die Festnahme von
Geiseln, die später exekutiert wurden.
818
30 Das größte Verbrechen der Wehrmacht war die Tötung
sowjetischer Kriegsgefangener. Ankunft im Lager
Suchożebry. Im Vordergrund die Leichen der auf dem
Transport Verstorbenen, Anfang 1942.
819
31 Das Panzeraufklärungsbataillon 7 Augustdorf (NordrheinWestfalen) war dem alten Reiterregiment 15 aus Paderborn
eng verbunden. Aufnahme einer Traditionszeremonie aus
dem Jahr 1966.
820
32 Wandgestaltung in einem Hörsaal der
Heeresoffizierschule Hannover, 1965. Grafik und Bilder
beziehen sich auf den Vormarsch der 1. Panzerarmee am
Südflügel der Ostfront, Sommer 1941.
821
33 1969: Die militärische Führung beim neuen
Bundeskanzler: Johannes Steinhoff, Helmut Schmidt, Willy
Brandt, Ulrich de Maizière, Albert Schnez.
822
34 Heiko Möhring war einer der Sprecher der Hauptleute
von Unna, die im März 1971 ihren Unmut über die politische
und militärische Führung öffentlich machten und damit einen
Skandal auslösten.
823
35 und 36 Im Juni 1972 kamen 2500 interessierte Gäste in
den Biwakraum der 4. Kompanie des Panzerbataillons 84
nach Buchholz in der Nordheide. Es gab aber auch Proteste
von zehn Demonstranten, die der Kompaniechef Friedrich
von Senden zu besänftigen suchte.
824
37 Friedrich von Senden zusammen mit seinem
Kompanietruppführer Hauptfeldwebel Falck in seinem
Leopard-1-Panzer auf dem Truppenübungsplatz BergenHohne, Juli 1973.
825
38 90 Jahre nach seinem Urgroßvater Wilhelm Janeke
erlebte Niels Janeke (Mitte) 1981 die Grundausbildung beim
Pionierbataillon I in Holzminden.
826
827
828
39 Zur Anerkennung für vorbildliche Leistungen wurde der
NVA-Soldat Günter Lindhorst im Dezember 1973 »vor der
entfalteten Truppenfahne« fotografiert und ihm eine
entsprechende Urkunde überreicht.
829
40 Truppenparaden waren in der DDR eine wichtige
Gelegenheit, die NVA der Öffentlichkeit zu präsentieren, 7.
Oktober 1981, Karl-Marx-Allee in Berlin.
830
41 Die Bundeswehr rechnete sich anfangs nur geringe
Chancen aus, einen konventionellen Angriff des Warschauer
Paktes aufzuhalten. T-55-Panzer während des Manövers
»Waffenbrüderschaft« im Oktober 1970.
831
42 und 43 Im März 1997 evakuierten deutsche CH-53Hubschrauber mehr als 100 Zivilisten aus der in Gewalt
832
versinkenden albanischen Hauptstadt Tirana.
833
44 Soldaten der 1. Infanteriekompanie erkunden am 19.
März 2010 den Vorort von Isa Khel ohne auf Widerstand zu
stoßen. Blick vom Vorort in Richtung Kreuzung J94/LOC
Little Pluto.
834
45 Der Zufahrtsweg nach Isa Khel, aufgenommen am 19.
März 2010 von der Kreuzung J 94/LOC Little Pluto.
835
46 Zur selben Zeit besetzt die Bundeswehr die Höhen 431
und 432 im südlichen Char Darah. Die Aufnahme entstand
am 26. März 2010.
836
47 Ein Fallschirmjäger patroulliert auf der Westplatte, 25.
März 2010. Beachtlich seine Helmbemalung und der Patch
am rechten Oberarm: »Major League Infidel«, ein Synonym
für den professionellen Kämpfer gegen Islamisten.
837
48 Ruhepause im Polizeihauptquartier, 26. März 2010. Der
Soldat rechts trägt an seiner Kappe das Symbol des
»Punishers«, eines fiktiven Verbrecherjägers aus den
amerikanischen Marvel-Comics.
838
49 Am Karfreitag, den 2. April 2010, geriet die 1.
Infanteriekompanie im Vorort von Isa Khel in einen
Hinterhalt. Das Foto wurde von der Höhe 432 aufgenommen
und zeigt deutsche Kräfte beim Ausweichen.
839
50 2. April 2010: Ein amerikanischer Black-HawkHubschrauber landet neben der Höhe 432 und fliegt einen
Verwundeten aus.
840
51 Trauerfeier für die drei Gefallenen des
Karfreitagsgefechts Nils Bruns, Robert Hartert und Martin
Augustyniak im Feldlager in Kunduz. Die Särge wurden
nach Deutschland überführt.
841
52 Kompanieappell anlässlich der Verabschiedung des GolfZuges aus Kunduz, 19. Juni 2010. Die Soldaten gedachten
nochmals ihrer gefallenen Kameraden. Im Vordergrund
Militärpfarrer Bernd F. Schaller.
842
53 Ein deutscher Soldat an der Panzerabwehrwaffe Milan
auf der Höhe 432. Als die Führungsriege des PRT Kunduz
die Bilder zu sehen bekam, war sie empört über den legeren
Habitus der Männer.
843
54 Oberstabsgefreiter Patrick P., genannt Porno,
aufgenommen in der provisorischen Unterkunft des
Polizeihauptquartiers.
844
55 2011 stellten sich die Taliban im Raum Kunduz nur noch
selten zum Gefecht. Die größte Bedrohung waren
Sprengfallen. 5. August 2011 an der LOC Cherry im
nördlichen Char Darah.
845
56 Am 9. September 2011 fuhr dieser Enok auf der
Westplatte auf ein IED (Improvised Explosive Device). Zwei
Insassen wurden leicht, einer schwer verwundet.
846
847
57 und 58 Humor und Selbstverständnis ihrer
Truppengattung drückten die Soldaten der Task Force
Kunduz auf eigene Weise aus. Die beiden Schnappschüsse
entstanden im März und Oktober 2010 im
Polizeihauptquartier.
848
59 Der als »Bunker« gestaltete Aufenthaltsraum für
Unteroffiziere der 2. Kompanie des Jägerbataillons 291 in
Illkirch.
849
60 Die Aufnahmen lösten im Mai 2017 eine Debatte um das
Traditionsbild der Bundeswehr aus und werden bis heute oft
zur Illustration des Skandals um den terrorverdächtigen
Franco A. verwendet.
850
Anhang
851
Dienstgrade Wehrmacht und Bundeswehr
(Heer)
Mannschaften
Soldat, Schütze, Kanonier etc.
Gefreiter
Obergefreiter
Hauptgefreiter (nur Bundeswehr)
Stabsgefreiter
Oberstabsgefreiter (nur Bundeswehr)
Unteroffiziere
Unteroffizier (Jägertruppe Wehrmacht: Oberjäger)
Stabsunteroffizier
Feldwebel
Oberfeldwebel
Hauptfeldwebel
(in
Funktionsbezeichnung)
der
Wehrmacht
nur
Stabsfeldwebel
Oberstabsfeldwebel (nur Bundeswehr)
Offiziere
Leutnant
Oberleutnant
Hauptmann
Major
Oberstleutnant
852
Oberst
Brigadegeneral (nur Bundeswehr)
Generalmajor
Generalleutnant
General
Generaloberst (nur Wehrmacht und NVA)
Generalfeldmarschall (nur Wehrmacht)
853
Militärische Gliederung
Teileinheiten
Stärke
Führung
Gruppe =
~12 Mann
Unteroffizier
Zug =
~40 Mann (3
Gruppen)
Leutnant/Hauptfeldwebel
~150 Mann (3–4
Züge)
Hauptmann/Major (Bw)
Bataillon
~600 Mann (3–5
Kompanien)
Oberstleutnant
Regiment
2000–3000 Mann (2–
4 Bataillone)
Oberst
Brigade
~5000 Mann (4–5
Bataillone)
Brigadegeneral/Oberst
Division
~12 000– 20 000
Mann (2–4
Regimenter/
Brigaden)
Generalleutant
(Wehrmacht)/Generalmajor (Bw)
Korps
30 000– 80 000 Mann
(mehrere Divisionen)
General (Wehrmacht)/
Generalleutnant (Bw)
Armee
50 000– über 200 000
Mann (mehrere
Korps)
Generaloberst (Wehrmacht)
Heeresgruppe
mehr als 200 000
(mehrere Armeen)
Generaloberst/Generalfeldmarschall
(Wehrmacht)
Einheit
Kompanie
Verbände
Großverbände
854
Verteidigungshaushalt der Bundesrepublik
Deutschland von 1955 bis 1989
Jahr Verteidigungshaushalt
Anteil am
Teil des
1
Bundeshaushalt BIP (in
in Mrd. DM
(in Prozent)2 Prozent)3
Heutiger
Geldwert4
1955
0,05
0,4
4,1
126.000.000,00 €
1956
1,72
12,2
3,6
4.214.000.000,00
€
1957
2,73
16,9
4,1
6.524.700.000,00
€
1958
3,83
22,2
3
8.962.200.000,00
€
1959
4,34
23
4,4
10.068.800.000,00
€
1960
3,81
24,6
4
8.724.900.000,00
€
1961
5,96
27,1
4
13.350.400.000,00
€
1962
7,94
31,1
4,8
17.229.800.000,00
€
1963
9,25
33
5,2
19.517.500.000,00
€
1964
8,94
30,1
4,7
18.416.400.000,00
€
1965
9,08
27,7
4,3
18.160.000.000,00
€
1966
9,22
27
4,2
17.794.600.000,00
€
1967
10,1
26,5
4,3
19.190.000.000,00
€
855
1968
8,83
22,8
3,6
16.512.100.000,00
€
1969
9,75
23,2
3,6
17.940.000.000,00
€
1970
9,93
22,1
3,2
17.675.400.000,00
€
1971
10,96
21,8
3,3
18.522.400.000,00
€
1972
12,42
21,9
3,4
19.872.000.000,00
€
1973
13,69
21,8
3,4
20.398.100.000,00
€
1974
15,28
22,3
3,5
21.239.200.000,00
€
1975
15,98
19,9
3,5
21.093.600.000,00
€
1976
16,56
19,9
3,3
20.865.600.000,00
€
1977
17,15
19,5
3,2
20.923.000.000,00
€
1978
18,1
18,7
3,2
21.539.000.000,00
€
1979
18,99
18,3
3,1
21.648.600.000,00
€
1980
20,13
18,2
3,1
21.740.400.000,00
€
1981
21,77
18,3
3,2
22.205.400.000,00
€
1982
22,69
18,1
3,2
22.009.300.000,00
€
1983
23,9
18,9
3,2
22.466.000.000,00
856
€
1984
24,42
19
3,1
22.222.200.000,00
€
1985
24,99
19
3
22.241.100.000,00
€
1986
25,66
19,2
3
23.094.000.000,00
€
1987
26,12
19
2,9
23.246.800.000,00
€
1988
26,19
18,6
2,8
23.047.200.000,00
€
1989
26,86
18,1
2,7
23.099.600.000,00
€
3,577
%
Ges.: 625,88 Mrd.
€
Ges.: 487,34 Mrd. DM
21,154 %
1 Bayer, Stefan: Der Verteidigungshaushalt – Trendwende bei den
Verteidigungsausgaben? Bpb.de.
https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutscheverteidigungspolitik/249290/vertei
digungsausgaben.
2 Ebenda.
3 Entwicklung der Militärausgaben in Deutschland von 1925 bis 1944 und in der
Bundesrepublik Deutschland von 1950 bis 2015 im Verhältnis zur
gesamtwirtschaftlichen Leistung. (Aktenzeichen WD 4 - 3000 - 025/17).
4 Berechnet wurden die Zahlen mithilfe einer Tabelle der Bundesbank, welche die
Kaufkraftäquivalente vergangener Währungen und Jahre auflistet. Zu finden ist
diese sowie eine Erklärung zum dahinterstehenden Prinzip unter
https://www.bundesbank.de/de/statistiken/konjunktur-und-preise/erzeuger-undverbraucherpreise/kaufkraftvergleiche-historischer-geldbetraege-775308#tar-6.
857
858
Abgeordnete des Reichstags (MdR) sowie des
Bundestags (MdB), die Militärdienst geleistet
haben
Merke:
Die Abgeordneten konnten für die einschlägigen Handbücher
ihre Biografien sowohl während der Weimarer Republik als
auch in der Bundesrepublik größtenteils individuell frei
verfassen. Folglich ist nicht auszuschließen, dass manche
Abgeordnete keine Angaben zu ihrem Militärdienst machten.
Quellen:
Amtliches Handbuch des deutschen Bundestages. 2., 6., 9.,
12., 14., 17., 19. Wahlperiode. Herausgegeben vom
deutschen
Bundestag.
Bearbeitet
von
der
Bundestagsverwaltung. Darmstadt 1953–2019.
Bureau
des
Reichstags
(Hrsg.):
Handbuch
der
verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung.
Biographische Notizen und Bilder. Weimar 1919.
859
Bureau des Reichstags (Hrsg.): Reichstags-Handbuch. II., IV.,
VII. Wahlperiode, Berlin 1924–1933.
860
Anmerkungen
Einleitung
1
Vgl. Naumann, Nicht ganz dicht am rechten Rand. Unter
den 43 775 Bewerbern, welche der zuständige
Militärische Abschirmdienst (MAD) zwischen Juli 2017
und Juni 2019 überprüfte, befanden sich 21 Neonazis und
»Reichsbürger«, zwölf Islamisten, zwei Linksextremisten
sowie mehrere Straftäter und »Gewaltbereite«.
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wegensicherheitsbedenken-bundeswehr-weist-63-bewerber-ab16295296.html. Ausführlich zu den Daten der
Jahresbericht des Militärischen Abschirmdienstes für das
Jahr
2019,
S.
11–17.
https://www.bundeswehr.de/resource/blob/250916/8b3aa
b4ba0ceb87d592b6c74bd569c52/mad-report-2019data.pdf.
2
Zur Definition des Begriffs »Militärkultur« vgl. vom
Hagen, Homo militaris, insb. S. 9, 69. Vgl. auch vom
Hagen/Tomforde, Militärische Kultur; Hull, Absolute
Destruction, S. 93–98. Zuletzt Wong/Gerras, Culture and
Military Organisations.
3
Bönker, German Way of War; Hull, Absolute
Destruction; Hull, Scrap of Paper; Knox, Threshold, S.
101–104.
4
Eine der wenigen Ausnahmen ist Kutz, Deutsche
Soldaten.
5
Mit weiterführender Literatur: Dietz, Wertewandel.
6
Dazu auch Loch, Generale.
861
7
Klassisch dazu Shils/Janowitz, Cohesion. Eine
Ausdifferenzierung der Primärgruppen-Kohäsion im
Vietnamkrieg bietet Kaplan, Army Unit Cohesion. In der
soziologischen Forschung hat sich dafür der Begriff der
social cohesion durchgesetzt.
8
So argumentierte Moskos schon 1968: Moskos,
Eigeninteresse. Für diese Ebene hat die Militärsoziologie
den Begriff der task cohesion geprägt.
9
Einen konzisen Überblick der Forschungsliteratur bietet
Heiko Biehl in diversen Beiträgen: Biehl, Kampfmoral
und Kohäsion; ders., Kampfmoral und Einsatzmotivation;
ders., Einsatzmotivation und Kampfmoral. Vgl. auch
Wong, Why They Fight; MacCoun, Social Cohesion;
King, On Combat Effectiveness, der betont, dass
Ausbildung und Drill für den Zusammenhalt und die
Leistungsfähigkeit der militärischen Primärgruppen
wichtiger seien als die von Janowitz und Shils
herausgestellten persönlichen Beziehungen der Soldaten
untereinander.
10
Bartov, Hitlers Wehrmacht.
11
Neitzel/Welzer, Soldaten. Christoph Rass hat mit einer
empirischen
Studie
nachgewiesen,
dass
die
Primärgruppen der Wehrmacht trotz der hohen Verluste
bis Herbst 1944 im Wesentlichen intakt waren. Er wies
damit Bartovs These vom frühen Zerfall der
Primärgruppen der Wehrmacht und dem daraus
abgeleiteten Argument, dass sie für die Motivation nicht
von herausgehobener Bedeutung gewesen sein können,
zurück. Die Befunde von Rass werden von Overmans,
Verluste, gestützt, sind aber von der Militärsoziologie
bislang nicht beachtet worden.
862
12
Vgl. Neitzel, Der Westen, vs. Biehl, Kämpfer.
13
Münch, Die Bundeswehr in Afghanistan, S. 43, 60–63,
79–84, 208–212.
14
Der Begriff Tribe/Stamm ist in der Ethnografie
umstritten. So gibt es insbesondere unterschiedliche
Auffassungen zur Anwendung der Begriffe nation, tribe,
band oder clan, zumal die soziale Binnenorganisation
etwa der indigenen Völker Nordamerikas sehr
unterschiedlich war und die Begriffe schon im 18. und
19. Jahrhundert nicht trennscharf verwendet wurden. Als
Beispiel für die Organisation der Militärgesellschaften
ausgewählter Stämme siehe Meadows, Kiowa, Apache,
and Comanche Military Societies; Gagnon, Sioux
Indians, S. 104.
15
In der englischsprachigen Forschung ist das Konzept der
tribal cultures bereits erfolgreich angewendet worden.
Vgl. etwa Burke, Army of Tribes.
16
Zur Rolle der Regimenter in der britischen Armee als
imagined communities siehe French, Military Identities.
Allgemein für den deutschen Fall auch: Frevert,
Kasernierte Nation, S. 245–271. Zum neo-tribalism in
heutigen Gesellschaften Maffesoli, Time of the Tribes.
Das Militär im Kaiserreich
1
Stein, Heeresrüstungspolitik.
2
Groß, There was a Schlieffenplan, S. 159.
3
Einen unterschiedlich akzentuierten Literaturüberblick
bieten Epkenhans, Der Erste Weltkrieg, und Neitzel, Der
Erste
Weltkrieg.
Zu
den
unterschiedlichen
Einschätzungen der Rolle des Reichskanzlers vgl. z. B.
863
Förster, Russische Pferde, S. 79; Canis, Die bedrängte
Großmacht, S. 461, 465, 477, 482.
4
Kroll, Geburt der Moderne, S. 48.
5
Der militärkritische Roman aus der Feder von Franz
Adam Beyerlein, Jena oder Sedan?, Berlin 1903, war mit
250 000 Exemplaren eines der am meisten verkauften
Bücher des Kaiserreichs. Neff, Wir wollen keine
Paradetruppe, S. 113.
6
Ebenda.
7
Neitzel, Kriegsbücher.
8
So etwa die Bewertung von Volker Ullrich in einer
Rezension in der Zeit, 24. 7. 2003.
9
Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd, 3, S. 880–
885;
Berg/Hermann,
Industriegesellschaft
und
Kulturkrise, S. 13; Schulte, Die deutsche Armee.
Grundlegend auch Becker, Bilder von Krieg und Nation;
ders., Strammstehen vor der Obrigkeit.
10
Ziemann, Sozialmilitarismus, S. 156.
11
Rohkrämer, Gesinnungsmilitarismus, S. 95–101.
12
Deist, Militär, S. 48 f. Das Verhältnis von Offizieren zu
Unteroffizieren/Mannschaften betrug in der kaiserlichen
Armee damit rund 1 : 33. Dabei blieb es bis 1945. Bei der
Bundeswehr betrug der Anteil 1980 nur noch 1 : 16.
Fachgruppe Führungslehre Heer, Juni 1980, BArch-MA,
N 992/51.
13
So bei Ritter/Kocka, Sozialgeschichte Bd. 2, S. 224;
John, Reserveoffizierkorps, S. 147.
14
Groppe, Kaiserreich, S. 374 f.
864
15
Ebenda, S. 414.
16
Knorring, Militär und Gesellschaft, S. 231.
17
Darauf deuten auch die Befunde einer milieubedingten
Zurückhaltung etwa im ländlichen Raum hin. Vgl.
Ziemann, Front und Heimat, S. 34–54.
18
Becker, Strammstehen vor der Obrigkeit; Mertens, Das
Einjährig-Freiwilligen-Privileg.
19
Epkenhans, Geheimdienst und Propaganda, S. 3.
20
Demeter, Offizierkorps, S. 95. Dabei muss freilich
bedacht werden, dass der Begriff der Primarreife
vielschichtig ist. Der Abschluss der 13. Klasse
berechtigte zum Eintritt in die Offizierslaufbahn unter
Erlass der Fähnrichsprüfung. Der Abschluss der 11.
Klasse – das Zeugnis der Reife für die Unterprima –
berechtigte
ebenfalls
zum
Eintritt
in
die
Offizierslaufbahn, jedoch musste eine Fähnrichsprüfung
absolviert werden. Dies traf für die altsprachlichen
Gymnasien ebenso zu wie für Realgymnasien und
Oberrealschulen. Der Besuch der Kadettenanstalten
entsprach dem Abschluss eines Realgymnasiums. Die
meisten Kadetten gingen mit der 11. Klasse ab und
mussten dann die Fähnrichsprüfung absolvieren, die
Besten eines Jahrgangs blieben bis zur 13. Klasse und
wurden danach direkt als Leutnant in die Armee
übernommen. Für diesen Hinweis danke ich Thorsten
Loch, Potsdam.
21
Titze, Hochschulstudium, S. 169.
22
1913 betrug der Anteil bürgerlicher Obristen und
Generäle dementsprechend 48 Prozent. Demeter,
Offizierkorps, S. 29.
865
23
Hierzu Loch, Deutsche Generale, vor allem S. 561–569.
24
Petrovsky-Shtern, Jews in the Russian Army, S. 131–132.
25
Zu Österreich-Ungarn ausführlich Schmidl, Habsburgs
jüdische Soldaten.
26
Oliver Stein, Heeresrüstungspolitik, S. 72–74.
27
Ebenda, S. 67.
28
Dies alles bei ebenda, S. 57–70.
29
Zu Blutvergießen kam es beim großen Bergarbeiterstreik
1889, als elf Tote und 26 Schwerverletzte zu beklagen
waren. Weber, Gescheiterte Sozialpartnerschaft, S. 30.
Zur Verhängung des militärischen Ausnahmezustands
und zu dem Einsatz des Militärs in Bielefeld im März
1885
vgl.
https://www.bielefeld.de/de/biju/stadtar/rc/rar/01032010.
html?medium=www. Es gab durchaus auch skeptische
Stimmen in der Generalität zum Einsatz im Innern. Vgl.
Neugebauer, Handbuch der preußischen Geschichte, S.
446–450.
30
Der bekannteste Fall des Einsatzes der britischen Armee
im Innern ereignete sich 1910 bei einem
Bergarbeiterstreik im Süden von Wales. Kiernan,
Networks, Mechanisms, and the Police, Kapitel 2.
31
Etwa Hull, Absolute Destruction; Bönker, German Way
of War; Knox, Common Destiny; Knox, Erster Weltkrieg;
Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz; Madley, From
Africa to Auschwitz; Baranowski, Nazi Empire.
32
Die Proklamation Trothas ist vielfach abgedruckt, u. a. in
Häussler, Genozid an den Herero, S. 190 f.
33
Ebenda.
866
34
Lothar von Trotha übernahm im Mai 1904 »nur« das
Kommando über die Schutztruppe. Leutwein blieb bis
August 1905 Gouverneur, bevor das Amt offiziell an
Trotha übertragen wurde.
35
So Häussler, Genozid an den Herero, S. 231.
36
So die Quintessenz der in Arbeit befindlichen
Dissertation von Patrick Walz, Völkermord in Übersee –
Fallstudien kolonialer Genozide im 19. Jahrhundert, der
die deutsche Niederschlagung des Herero-Aufstands, die
britische Bekämpfung des Matabele-Aufstands und die
französische
»Pazifizierung«
der
Elfenbeinküste
vergleicht.
37
Bührer, Kaiserliche Schutztruppe, S. 215, 483. Eine
luzide Übersicht und Bewertung der deutschen
Kolonialkriege auch in Langewiesche, Der gewaltsame
Lehrer, S. 363–400. Hinzuweisen wäre in diesem Kontext
noch auf die Niederschlagung des chinesischen
Boxeraufstands, an dem sich deutsche Truppen
beteiligten. Die dortige Gewalteskalation – die Deutschen
töteten Tausende Chinesen – war jedoch anders gelagert
als in den afrikanischen Kolonien. Vgl. hierzu Schroer,
German Military. Er kritisiert mit seinem Ansatz vor
allem, von einer einheitlichen deutschen Gewaltkultur
auszugehen,
und
betont
weitere
situative
Einflussfaktoren.
38
Schmidt, Kriegsartikel, S. 14, 16.
39
Höhn, Die Armee als Erziehungsschule, S. 424; Stein,
Heeresrüstungspolitik, S. 59–62.
40
Zit. nach Höhn, Die Armee als Erziehungsschule, S. 317.
41
Ebenda, S. 458 f.
867
42
Ebenda, S. 461.
43
Ebenda, S. 446.
44
Das gilt umso mehr für eine politisch erwünschte
Beeinflussung der Zivilgesellschaft. Kuhlemann,
Kaiserreich als Erziehungsstaat.
45
Wilhelm Janeke, Aus meiner Dienstzeit 1892–94 [Berlin
1942], S. 79.
46
Ebenda, S. 42.
47
Ebenda, S. 142.
48
Kriegsartikel bei Absolon, Wehrmacht, Bd. 2, S. 212–
217.
49
Wilhelm Janeke, Aus meiner Dienstzeit 1892–94 [Berlin
1942], S. 53.
50
Ebenda, S. 5.
51
Hierzu hat etliche Stimmen zusammengetragen: Frevert,
Kasernierte Nation, S. 216–245.
52
Wilhelm Janeke, Aus meiner Dienstzeit 1892–94 [Berlin
1942], S. 11.
53
Goffman, Asyle; Apelt, Militärische Sozialisation, S. 431
f. Für eine Diskussion der Anwendbarkeit auf
Bundeswehr und NVA vgl. Müller, Kasernierte
Vergesellschaftung, S. 490.
54
Etwa Foucault, Überwachen und Strafen; Coser, Gierige
Institutionen.
55
Auf diesen Umstand hat schon Klaus-Jürgen Müller,
Generaloberst Ludwig Beck, hingewiesen, siehe dort S.
36.
868
56
Schmidt, Kriegsartikel, S. 66; Felddienst-Ordnung 1908,
S. 14.
57
Auf den Befund, dass Streitkräfte niemals wirklich
»totale Organisationen« seien, hat 2008 schon Peter
Wilson hingewiesen. Wilson, Defining Military Culture,
S. 31.
58
Selbst Generalssohn Hans von Seeckt schrieb hinsichtlich
seines Diensteintritts über die Ungewohntheit des neuen
Lebens. Meier-Welcker, Seeckt, S. 20.
59
Kühlmann, Erinnerungen, S. 47–63.
60
Auf diesen Umstand ist in der Literatur vielfach
hingewiesen worden. Siehe etwa Kroener, Fromm, S. 61.
61
Allgemein auch: Frevert, Kasernierte Nation, S. 245–271.
62
Von 327 Infanterie- und Kavallerieregimentern hatten
1914 acht in den Garnisonen Berlin und Potsdam ein
vollständig adeliges Offizierkorps. Ostertag, Bildung, S.
50.
63
Das Alte Heer, S. 28.
64
Ebenda, S. 29.
65
1880 lag der Adelsanteil des Offizierkorps in den Gardeund Kavallerieverbänden bei 55 %, in der Infanterie bei
35 %. Die geistige Situation der Armee von 1880–1890,
in: BArch-MA, N 690/159.
66
Müller, Beck, S. 35.
67
Zur
quantitativen
Struktur
des
Heeres
vgl.
Huges/Dinardo, Imperial Germany, S. 84; Ostertag,
Bildung, S. 35.
869
68
Erwin Jaenecke, der als Generaloberst der Wehrmacht
eine Armee an der Ostfront befehligte, war eines der
wenigen Beispiele.
69
Die von Leutnant Oswald Bilse in seinem Roman »Aus
einer kleinen Garnison« geschilderten Verhältnisse im
Train-Bataillon 12 scheinen für Standorte in abgelegenen
Grenzregionen im Wesentlichen zutreffend gewesen zu
sein. Dazu u. a. Das Alte Heer, S. 28.
70
Paul Schmidt greift in seiner Interpretation der
Kriegsartikel immer wieder auf die preußische
Geschichte zurück, etwa S. 125 f. Vgl. Menzel,
Dienstunterricht des deutschen Infanteristen, Jahrgang
1909–10, S. 14–24, sowie die historischen Beispiele für
die Tugenden Mut, Kriegsfertigkeit, Tapferkeit in:
Transfeldt, Dienstunterricht 1914–15, S. 26 ff.
71
Wilhelm Janeke. Aus meiner Dienstzeit 1892–94 [Berlin
1942], S. 26–34.
72
Ebenda, S. 23.
73
Wiedner, Soldatenmisshandlungen, S. 179 f.
74
Schubert, Militärstrafgerichtsordnung. Vgl. Schmidt,
Kriegsartikel, S. 91–95. Zur Kabinettsorder von Wilhelm
II. vom 6. 2. 1890 auch Protokolle des Deutschen
Reichstags, 8. Legislaturperiode, 172. Sitzung, 15. 2.
1892, S. 4208; Salomon, Geheimbefehl.
75
Muth, Command Culture, S. 91–94, 107 f.
76
Die Soldaten Österreich-Ungarns mussten sich noch bis
1868 prügeln lassen. Auch waren Körperstrafen in Form
von »Anbinden« und »Schließen in Spangen« bis in den
Ersten Weltkrieg hinein erlaubt. Hämmerle, Drill. In der
russischen Armee waren Körperstrafen ebenfalls noch
870
zulässig. Das Auspeitschen wurde in der Royal Navy erst
1879 verboten.
77
Wiedner, Soldatenmisshandlungen, S. 198.
78
Storz, Kriegsbild und Rüstung, S. 115–122. Vgl. auch die
Lebenserinnerungen Otto Hörsings, zit. in: Elsbach,
Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, S. 128.
79
Um 1900 gab es im Kaiserreich eine intensive öffentliche
Debatte über Körperstrafen, die zumindest zu einer
gewissen Abmilderung führte. Das Züchtigungsrecht im
Unterricht wurde eingeschränkt, jenes des Dienstherrn
gegenüber dem Gesinde abgeschafft. Allerdings blieb die
Gewalt in der Schule allgegenwärtig und wurde erst 1973
endgültig verboten. In Preußen blieben Körperstrafen
gegenüber Mägden und Knechten bis 1919 erlaubt.
Lehrlinge durften in Deutschland bis 1951 geschlagen
werden. Elder, Right to Beat a Child. Vgl. auch Bach,
Züchtigung;
Rademacher,
Züchtigung;
Wöller,
Schulzucht.
80
Für eine deutlich höhere gesellschaftliche Akzeptanz der
Gewalt im Kaiserreich im Vergleich etwa zur
Bundesrepublik spricht auch, dass im Kaiserreich beinahe
dreimal so viele schwere Fälle von Körperverletzung zur
gerichtlichen Verurteilung gebracht wurden als leichte. In
der Bundesrepublik ist das Verhältnis genau umgekehrt.
Kriminalstatistik für das Jahr 1885; Polizeiliche
Kriminalstatistik, Bundesrepublik Deutschland, Jahrbuch
2017.
81
Schikanen aller Art sind in vielen Memoiren deutscher
Soldaten überliefert. Vgl. etwa Smilo Freiherr von
Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen, 1914, S. 4, BArch-MA, N
10/9.
871
82
Frevert, Kasernierte Nation, S. 227, und Watson,
Enduring the Great War; Wilhelm Janeke, Aus meiner
Dienstzeit 1892–94 [Berlin 1942], S. 65.
83
Bilse, Aus einer kleinen Garnison, Wien 1904; Barr, Was
lehrt der »Fall Bilse«; Stein, Bilse-Skandal; Reissmüller,
Aus einer kleinen Garnison.
84
Dies war auch der Fall, als Leutnant Henning von
Brüsewitz im Oktober 1896 in Karlsruhe einen Mann mit
dem Säbel tötete, um nach einer Lappalie seine Ehre
wiederherzustellen. Brüsewitz wurde zu einer Haftstrafe
von drei Jahren und 20 Tagen verurteilt, die er nur zur
Hälfte absitzen musste. Borgstedt, Der Fall Brüsewitz.
85
Protokolle
des
Deutschen
Reichstags,
8.
Legislaturperiode, 172. Sitzung, 15. 2. 1892, S. 4209.
Ähnlich äußerte sich auch Reichskanzler Bernhard von
Bülow und verwies darauf, dass man von den
Verfehlungen Einzelner nicht auf die ganze Organisation
schließen dürfe. An August Bebel gerichtet sagte er:
»Auch in Ihren Reihen [gibt] es rohe, nichtsnutzige,
gemeine, schwache Menschen«, und betonte weiter, dass
Missstände »mit der größten Strenge bestraft werden
sollen«. Protokolle des Deutschen Reichstags, 11.
Legislaturperiode, 4. Sitzung, 10. 12. 1903, S. 54 f. Siehe
auch Wiedner, Soldatenmisshandlungen, S. 166.
86
Hämmerle, Drill; Egger, Disziplinierung in der k. u. k.
Armee.
87
Füllkrug, Selbstmord; Gruner, Selbstmord, S. 1–36; Kirn,
Soldatenleben in Württemberg, S. 212–229.
88
Füllkrug, Selbstmord, S. 87–92. Vgl. auch Estorff,
Selbstmorde.
872
89
Einige
Charakterisierungen
unterschiedlicher
Offizierstypen in: Groener, Lebenserinnerungen, S. 42 f.
90
Wilhelm Janeke, Aus meiner Dienstzeit 1892–94 [Berlin
1942], S. 6 f., 47, 61 f.
91
Felddienst-Ordnung 1908, S. 14.
92
Treiber/Steinert,
Fabrikation
Menschen, S. 107.
93
Unter Verwendung der klassischen englischsprachigen
Literatur Strachan, Ausbildung, Kampfgeist.
94
Protokolle
des
Deutschen
Reichstags,
8.
Legislaturperiode 1890/92, 6. Sitzung, 14. 5. 1890, S. 76.
95
Hierzu ausführlich Groß, Mythos und Wirklichkeit, S.
29–102, insb. S. 59.
96
Müller, Kriegsbild. Vgl. auch Groß, Schlieffenplan.
97
Hierzu Grawe, Feindaufklärung.
98
Menzel, Dienstunterricht des deutschen Infanteristen,
1909–10. Hier wird in verklärender Form eine Frage
angeschnitten, die zumindest die englischsprachige
militärhistorische Forschung bejaht: eine aus der
wirtschaftlichen
Unterlegenheit
erwachsene
Offensivkultur, um mit schnellen, überraschenden
Vorstößen die Kriegsdauer zu begrenzen. Freilich gibt es
hierfür auch Gegenbeispiele, wenn man etwa an die
zurückhaltende Rolle Preußens 1806/07 oder auch
während des Krimkriegs denkt. Citino, German Way of
War. Zur Zeit des Kaiserreichs dachten beinahe alle
Mittel- und Großmächte in den Kategorien der
militärischen Offensive.
des
zuverlässigen
873
99
Felddienst-Ordnung 1908, S. 9, 13, 16. Menzel,
Dienstunterricht des deutschen Infanteristen, 1909–10, S.
148. Turnen und Fechten sollten zur Förderung des
Wagemuts beitragen.
100 Schmidt, Kriegsartikel 1902, S. 43 f.; Ostertag, Bildung,
S. 259.
101 Huges, Imperial Germany, S. 134–136, 162. Steven D.
Jackman interpretiert die taktische Ausbildung des
Heeres grundlegend anders, und zwar als ein starres
Beharren
konservativer
Eliten
in
unflexiblen
Massenangriffen, die dann zu den schweren Verlusten des
Ersten Weltkriegs geführt hätten. Jackman, Shoulder to
Shoulder. Dagegen Pöhlmann, Das unentdeckte Land.
102 Zur Weiterentwicklung der Landkriegstaktik vor 1914
und zu den dabei gelegten Grundlagen für das Lernen im
Ersten Weltkrieg Raths, Massensturm.
103 Schmidt, Kriegsartikel 1902, S. 65 f.; Transfeldt,
Dienstunterricht 1916/17, S. 145.
104 Zur eher unterschätzten Qualität der Militärmanöver im
Kaiserreich Hughes, Imperial Germany, S. 99–102.
105 Ebenda, S. 355–359. Vgl. Wild von Hohenborn an seine
Frau, 24. 9. 1914, über die schweren Verluste seiner 30.
Infanteriedivision, in: Hohenborn, Briefe, S. 23.
106 Markus Pöhlmann hat nachgewiesen, dass es innerhalb
der Kavallerie eine intensive Fachdebatte über deren
Rolle in einem zukünftigen Krieg gab. Pöhlmann, Das
unentdeckte Land, S. 73–82.
107 Storz, Kriegsbild, S. 269–284.
108 So das Fazit von Pöhlmann, Das unentdeckte Land.
874
109 Stein, Heeresrüstungspolitik, S. 81–89. Einsätze zur
Unterstützung der Polizei blieben die große Ausnahme,
und die zivilen Behörden versuchten wegen der
schlechten Erfahrung bei der Kooperation solche
Operationen zu vermeiden. In Frankreich führte die
bessere Kooperation hingegen zu mehr Militäreinsätzen
im Innern. Johansen, Patterns of Elite Co-operation.
110 Storz, Kriegsbild und Rüstung, S. 371.
111 Ritter/Kocka, Deutsche Sozialgeschichte, S. 221.
112 Zuletzt Herwig, Marne 1914.
113 Tagebuch Hermann Balck, Bd. 1, S. 6, BArch-MA, N
647/1.
114 Afflerbach, Auf Messers Schneide, S. 58 f.
115 Vgl. Greenhalgh, French Army and the First World War,
S. 37–69.
116 Hughes, Imperial Germany, S. 355–359. Zum Tatendrang
und zur allzu ungelenken Art, das erste Gefecht zu
führen, vgl. die Schilderung der Schlacht von Lagarde am
11. 8. 1914 durch Theodor Groppe, Tagebuch 1914/15,
BArch-MA, N 739–255, S. 4–22.
117 Zimmermann, Tannenberg 1914, S. 357.
118 Der Weltkrieg 1914–1918, Bd. 6, S. 427. So hohe
Verluste gab es erst wieder ab März 1918. Sanitätsbericht
1914–1918, S. 143.
119 Afflerbach, Falkenhayn, S. 198–210.
120 Afflerbach, Auf Messers Schneide, S. 292.
121 Ebenda, S. 363, 421. Dagegen Nebelin, Ludendorff; Pyta,
Hindenburg, S. 244–323.
875
122 Epkenhans, Der Erste Weltkrieg, S. 81.
123 Siehe auch Stachelbeck, Taktisches Lernen im deutschen
Heer; Stachelbeck, Militärische Effektivität; Foley,
Learning War’s Lessons.
124 Dass es trotz der unbestritten erfolgreichen
Angriffsverfahren noch allerhand Probleme gab, zeigt das
Tagebuch von Rudolf Herms, der mit einer
Infanteriebegleitbatterie
den
Angriff
der
20.
Infanteriedivision im März 1918 in vorderster Linie
mitmachte. Vgl. Tagebuch Herms, 20. 3., 21. 3. 1918,
BArch-MA, N 473/7.
125 Pöhlmann, Panzer, S. 117–130.
126 Die zeitgenössischen Hoffnungen waren natürlich andere.
Hauptmann Heinrich von Vietinghoff beschrieb diese als
Adjutant bei der OHL im März 1918 eindringlich:
»Unsere Truppe in einer Stimmung wie im August 1914,
auch dasselbe Bild, alles voll vorwärtsziehender
Kolonnen, große Biwacks usw.; kurz, der volle
Bewegungskrieg. Wer hätte das nochmal im Westen für
möglich gehalten.« Tagebuch, 26. 3. 1918, BArch-MA, N
574/2.
127 Etwa Ferguson, Der falsche Krieg, S. 283.
128 Transfeldt, Dienstunterricht 1916/17, S. 9–12.
129 Tagebuch Balck, 16. 11. 1916, BArch-MA, N 647/3.
130 Tagebuch Herms, 5. 5. 1915, BArch-MA, N 473/6.
131 Einen guten Eindruck von den Patrouillengefechten
deutscher Kavallerie bietet das Tagebuch des Leutnants
Eberhard Freiherr von Senden. Ders., Der Erste Weltkrieg
1914–1918, S. 60–165.
876
132 Tagebuch Balck, 1915, S. 4, BArch-MA, N 647/2.
133 Ebenda, 22. 9. 1915, S. 44, BArch-MA, N 647/2.
134 Ernst Jünger, Tagebuch, 23. 10. 1915, S. 55. Wie anders
ein Dragoner an der Ostfront den Krieg erlebte, zeigen
die Erinnerungen von Smilo Freiherr von Lüttwitz, Soldat
in 4 Armeen, BA/MA, N 10/9.
135 Diesen Aspekt betont Ashworth, Trench Warfare.
136 Ernst Jünger, Tagebuch, 6. 3. 1917, S. 222. Ganz ähnlich
formulierte Hermann Balck seine Erfolge. Freudig
vermerkte er, wie er am 27. 9. 1914 17 französische
Alpenjäger mit wohlgezieltem Feuer »umlegte«.
Tagebuch Balck 1914, S. 38; Tagebuch 1915, S. 4.
BArch-MA, N 647/1, 2. Benjamin Ziemann wies darauf
hin, dass zumindest für Jünger das Töten immer mit einer
Zweckrationalität – dem Sieg über den Gegner –
verbunden blieb und keinen autotelischen Charakter
hatte, also um seiner selbst willen erfolgte. Vgl. Ziemann,
Gewalt im Ersten Weltkrieg, S. 63–90.
137 Zirlewagen, Kriegsbriefe, S. 110.
138 Tagebuch Rudolf Herms, 25. 9. 1914, BArch-MA, N
473/5.
139 Histories of Two Hundred and Fifty-One Divisions of the
German Army which Participated in the War (1914–
1918), S. 20.
140 Weit
über
90
Prozent
der
Goldenen
Militärdienstverdienstkreuze wurden erst 1918 verliehen.
Soldaten aus 685 Einheiten erhielten diesen Orden. Nur
21 Einheiten (3 %) erhielten zehn bis 19 Kreuze; von
diesen stachen »alte« Regimenter heraus, die vor 1914
aufgestellt worden waren, darunter auch fünf
877
Garderegimenter. Geile, Das Preußische Goldene MilitärVerdienst-Kreuz.
141 Zur Qualität deutscher Divisionen vgl. Organisation und
Verwendung gemischter Verbände von verschiedenem
Kampfwert im Weltkriege, 21. 12. 1934, BArch-MA, N
221/12.
142 Tagebuch Alfred Bauer, 23. 4. 1916.
143 Zum vierwöchigen Lehrgang beim Sturmbataillon 11 an
der Ostfront im Sommer 1917 vgl. Tagebuch Alwin
Lyding, BArch-MA, N 382/1, S. 16. In Italien gab es weit
mehr Sturmbataillone als im Deutschen Reich, Morisi,
Hell in the Trenches.
144 Gudmundsson, Stormtroop Tactic.
145 Berliner Börsen-Zeitung, 4. November 1917.
146 Etwa Schauwecker, Im Todesrachen, S. 282 f.
147 Etwa bei Ristow, Sturmgrenadiere, S. 14.
148 Die Textstelle bezieht sich auf die Schlacht von Cambrai
im November 1917. Vgl. Jünger, In Stahlgewittern,
Historisch-kritische Ausgabe, S. 484 f.; Jünger,
Tagebuch, S. 351 f.
149 Zit. nach Afflerbach, Auf Messers Schneide, S. 218.
150 Material zu Missbrauch, Schikanen, Offiziershass und der
1918
schwindenden
Moral
bietet
»Soziale
Heeresmißstände als Mitursache des deutschen
Zusammenbruches von 1918«, in: Die Ursachen des
Deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918, Bd. 11.
151 Hierzu ausführlich Watson, Enduring the Great War.
152 Richhardt, Auswahl und Ausbildung, S. 18.
878
153 Solche Fälle wurden nach wie vor im Reichstag
debattiert, wenngleich der Ton im Vergleich zur
Vorkriegszeit gemäßigter war. Vgl. Protokolle des
Deutschen Reichstags, 13. Legislaturperiode, 31. Sitzung,
17. 1. 1916, S. 691 f., 41. Sitzung, 7. 4. 1916, S. 910 f.;
73. Sitzung, 3. 11. 1916, S. 2047; 100. Sitzung, 4. 5.
1917, S. 3050 f.; 173. Sitzung, 12. 6. 1918, S. 5430. Es
wurden dabei auch Stimmen laut, dass körperliche
Misshandlungen im Vergleich zu früher weniger
geworden seien. 60. Sitzung, 6. 6. 1916, S. 1555; 72.
Sitzung, 2. 11. 1916, S. 2007; 100. Sitzung, 4. 5. 1917, S.
3047.
154 So etwa der Tagebucheintrag des Artilleristen
Oberleutnant Rudolf Herms: »Na, daß unsere Inf. nichts
mehr ausrichten kann, das sieht jeder Blinde, nur die
Herren der Division natürlich nicht, die das ja von da
hinten gar nicht beurteilen können. Und vorn läßt sich
von den Herren mit dem r.[oten] Streifen natürlich keiner
sehen, weil es ja hier ungemütlich ist. Aber nachher,
wenn die Pour le Mérite in die Gegend geschmissen
werden, dann halten sie alle die Hälse hin.« Die Kritik
richtete sich gegen Otto von Trautmann, Kommandeur
der 20. Infanteriedivision. Tagebuch Herms, 24. 3. 1918,
BArch-MA, N 473/8.
155 Hartmann, Halder, S. 331.
156 Rudolf Herms schrieb als Leutnant der 20. Division sogar
ein Spottgedicht auf die »Etappenschweine«, das er beim
Kladderadatsch einreichte, das zu seinem großen
Bedauern aber nicht abgedruckt wurde. Tagebuch Herms,
13. 5. 1915, BArch-MA, N 473/6. Zu seiner Kritik an
unberechtigten Ordensverleihungen an Kommandeure
und ihre Schreiber, die sich keiner Gefahr aussetzten,
879
bzw. zur willkürlichen Verteilung vgl. etwa Tagebuch
Herms, 14. 3., 29. 9. 1916, BArch-MA, N 473/7.
157 Weber, Hitlers erster Krieg, S. 285 f.
158 Gutachten des Sachverständigen Reichsarchivrat
Volkmann: Soziale Heeresmißstände als Mitursache des
deutschen Zusammenbruches von 1918, in: Die Ursachen
des Deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918, Bd. 11,
2. Halbband, S. 35.
159 Zahlen nach Folttmann, Opfergang der Generale, S. 19;
Ehrenrangliste des ehemaligen Deutschen Heeres, S. XII.
160 Dazu auch die Berichte der Feldpostprüfstellen. Vgl. z. B.
Leiter Aufklärungsstelle beim A. O. K. 2, Nr. 253/geh.,
20. 10. 1917: »Auch diese Briefdurchsicht führt zu dem
Ergebnis, daß nur ein ganz geringer Bruchteil der Leute
an politischen Dingen Interesse hat«, sowie
Postüberwachungsstelle 40, 15. 9. 1917, beides Bay
HStA HGr. Kronprinz Rupprecht 477.
161 I No. 3482/110 geh., 10. 5. 17, BayHStA/Abt IV, AOK 6
vorl. Nr. 449. Einschränkend muss man feststellen, dass
diese Berichte nur die Sicht des Divisionsstabes
wiedergeben. Inwieweit diese wirklich die Stimmung
ihrer Soldaten erfassten, muss zumindest offenbleiben.
162 Vgl. Ziemann, Gewalt im Ersten Weltkrieg, S. 134–155.
163 Watson, Enduring the Great War, S. 235.
164 Der Weltkrieg 1914–1918, Bd. 14, S. 617–619, 640–643;
Viereck, Das Heideregiment, S. 628. Auf diesen Aspekt
wies mich Alistair McCluskey, Sandhurst, hin.
165 Ludendorff, Kriegserinnerungen, S. 547 f.
880
166 Auf diesen Umstand weist Jonathan Boff, Morale Maze,
hin. Hauptmann Heinrich von Vietinghoff notierte am 1.
10. 1918, dass sich die Truppe »vortrefflich« schlage.
Tagebuch, 1. 10. 1918, BArch-MA, N 574/2.
167 Tagebuch Balck, o. D. (vor dem 25. 9. 1918), BArchMA, N 647/5, S. 24 f.
168 Epkenhans, Die deutsche Armee, S. 144.
169 Zeitgenössisch sahen dies viele Soldaten durchaus anders
und glaubten daran, dass bei einem Weiterkämpfen
bessere Friedensbedingungen hätten erzielt werden
können. Krumeich, Die unbewältigte Niederlage, S. 106–
130.
170 Tagebuch Bauer, 22. 8. 1914, S. 48–51.
171 Klassisch Horn/Kramer, German Atrocities 1914.
Dagegen Keller, Schuldfragen. Afflerbach spricht von
einem regelrechten Partisanenkrieg, Auf Messers
Schneide, S. 48. Eine konzise und luzide
Zusammenfassung der Debatte bietet Markus Pöhlmann,
Habent sua fata libelli. Zur Auseinandersetzung um das
Buch »German Atrocities 1914« siehe: Portal
Militärgeschichte, 16. November 2017, http://portalmilitaergeschichte.de/http%3A//portalmilitaergeschichte.de/poehlmann_habent (letzter Zugriff
21. 3. 2019).
172 Tagebuch Rudolf Herms, 22. 8. 1914, BArch-MA, N
473/5. Seine Eintragungen aus dem August 1914 geben
einen guten Einblick in die Guerillapsychose deutscher
Truppen dieser Tage.
173 Watson, Russian Atrocities. Vgl. auch entsprechende
Tagebucheinträge bei Senden, Der Erste Weltkrieg, S. 63
881
f., 78.
174 Überegger, Verbrannte Erde, S. 267–274; Überegger,
Kampfdynamiken.
175 Hinweise auf die Debatte im Militär-Wochenblatt finden
sich in Potempa, Perzeption des Kleinen Krieges, S. 38–
40.
176 Eine quellengesättigte Studie zum Franktireurkrieg
1870/71 und seiner Nachwirkung im deutschen und
französischen Diskurs 1871–1914 liegt noch nicht vor.
Eine luzide Zusammenfassung des Forschungsstandes
bietet Scianna, Predisposition to brutality; Epkenhans,
1870/71, S. 96–101.
177 Peter Holquist arbeitet an einer großen Studie zum
Thema Imperial Russia and the Development of the Law
of War, in der auch dieser Aspekt der
Kriegsvölkerrechtsentwicklung in den Jahrzehnten vor
dem Ersten Weltkrieg abgehandelt wird. Vgl. seinen
Vortrag »The Laws of War and their Russian Origin« am
13. 2. 2019 an der American Academy, Berlin.
178 Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht, S. 27–138.
179 Kriegsetappen-Ordnung von März 1914, S. 68.
180 Im Kampf um Bazeilles in der Nähe von Sedan wurden
39 Zivilisten getötet oder verwundet. Scianna,
Predisposition to brutality, S. 968.
181 Kriegsbrauch im Landkrieg, S. 6 f., 31, 50 f. Zur
vermeintlichen Legitimität der Erschießungen von
Bazeilles vgl. auch: Das Völkerrecht im Landkriege von
Wolfgang Bleel, Hauptmann und Kompagniechef im
Füsilierregiment Graaf Roon (Ostpreußisches) Nr. 33. In:
Militärwochenblatt 86 (1901) Nr. 70; Sp 1847.
882
182 Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht, S. 85.
183 Schmidt, Kriegsartikel von 1902, S. 96 f.
184 Auch in Transfeldt, Dienstunterricht 1914/15, ist von
Verhaltensregeln gegen Franktireure nicht die Rede.
185 Hierzu Watson, Ring of Steel, S. 131.
186 Herwig, Marne 1914, S. 80.
187 Tagebuch Balck, 1914, S. 35, vgl. S. 5, 7, 10 sowie die
Schilderung der Eroberung von Tournay, S. 15 f., BArchMA, N 647/1. In seinen Memoiren war Balck der
Ansicht, dass ein Franktireurkrieg an einzelnen Stellen
stattgefunden habe, aber das meiste doch auf Einbildung
beruhte. Die Erschießung von vier Zivilisten am 26. 9.
1914 in Flaucourt stellt er als Ergebnis eines
Standgerichts dar, das er im Tagebuch nicht erwähnt.
Dort heißt es, dass »ich am Vormittag 4 Spione hatte
erschiessen lassen«. Vgl. Balck, Ordnung im Chaos, S. 37
f.
188 Peter Holquist argumentiert, dass sich die drei
Besatzungsregime des Zarenreichs in Ostpreußen,
Galizien und Anatolien in ihrer Radikalität deutlich
unterschieden haben. In Galizien war dieses nach seiner
Einschätzung am härtesten. Vgl. Holquist, Forms of
Violence; ders., Role of Personality.
189 Vgl. Endnote 174.
190 Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht, S. 86 f.
191 Im britischen Manual of Military Law, hier 1914, hieß es:
»Insurrections necessarily justifies the civil power in
using the necessary degree of force for their suppression«
(S. 223). Aber zugleich: »The difficulty is to ascertain
what is the necessary degree of force, and the danger of
883
making a mistake in the matter is serious, as any excess
in the use of force constitutes a crime« (S. 223). Weiter:
»The existence of an armed insurrection would justify the
use of any degree of force necessary effectually to meet
and cope with the insurrection« (S. 224). Einen deutschbritischen Vergleich der Aufstandsbekämpfung bietet:
Lieb, Surpressing insurgencies.
192 Watson, Ring of Steel, S. 124 f. Vgl. auch Pöhlmann,
Kriegsverbrechen von 1914.
193 Laut Londoner Seerechtsdeklaration durfte eine Blockade
nur erklärt werden, wenn sie effektiv durchzuführen war.
Da die Briten aber nicht direkt vor den deutschen Häfen
kreuzten, sondern weit entfernt in der nördlichen Nordsee
den Überseeverkehr abzuschneiden gedachten, galt dies
im rechtlichen Sinne nicht als Blockade. Die Briten
konnten gleichwohl Kontrabande auf dem Weg nach
Deutschland beschlagnahmen. Allerdings zählten dazu
nur kriegswichtige Güter, nicht Nahrungsmittel. Zudem
war es untersagt, den Handelsverkehr der Neutralen zu
behelligen. Am 11. 3. 1915 unterbanden die Briten auch
diesen und hoben die Londoner Seerechtsdeklaration
praktisch auf. Dazu: Offer, Blockade of Germany.
194 Watson, Ring of Steel, S. 232.
195 Witt/McDermott, Scarborough Bombardment.
196 Spindler, Handelskrieg mit U-Booten, Bd. 1, S. 80;
Schröder, U-Boote, S. 80 f., S. 111 ff. Das Deutsche
Reich führte von Februar bis September 1915 und von
Februar bis Mai 1916 einen U-Boot-Krieg gegen
britische
Handelsschiffe
ohne
Beachtung
der
Prisenordnung. Ab dem 1. Februar 1917 richtete sich der
U-Boot-Krieg zum ersten Mal auch gegen die neutrale
884
Schifffahrt, weshalb man von einem uneingeschränkten
Seekrieg sprechen kann.
197 Vgl. die Broschüre: Bachmeister, U-Bootkrieg als Weg
zum Endsieg.
198 Der Generalgouverneur von Belgien, Generaloberst
Moritz von Bissing, hatte von vornherein gegen diese
Verschleppung protestiert, weil sie gegen die Haager
Landkriegsordnung verstieß. Afflerbach, Auf Messers
Schneide, S. 252.
199 Ausführlich zur Aufstandsbekämpfung in der Ukraine
1918 und zum Lernprozess deutscher wie auch
österreich-ungarischer Truppen: Dornik, Ukraine, insb. S.
226–232, 247 f.; Lieb, Krieg im Osten, insb. S. 486–488.
200 Lehnstaedt,
Imperiale
Polenpolitik;
Stempin,
Generalgouvernement. Zum weiteren Kontext auch
Westerhoff, Zwangsarbeit.
201 1914–18 wurden in den USA 10, in Frankreich rund 600,
in Großbritannien 346, in Italien mindestens 750, in
Österreich-Ungarn
mindestens
737
Todesurteile
vollstreckt. Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 716.
202 Einen guten Überblick bietet Oltmer, Kriegsgefangene.
203 So die Schlussfolgerungen von Lieb, Krieg im Osten.
204 Leonhard, Büchse der Pandora, S. 645. Eine spezifisch
deutsche Gewaltkultur erkennt darin hingegen Jones,
Violence against Prisoners of War. Hinzuweisen ist an
dieser Stelle auch auf die Tötung von Gefangenen an der
Front, die auf beiden Seiten offenbar in vergleichbarem
Maße vorkam. Benjamin Ziemann ist der Ansicht, dass
diese eher situativ bedingt war und lediglich in
Ausnahmefällen geschah. Ziemann, Gewalt im Ersten
885
Weltkrieg S. 72 f. Er widerspricht damit Ferguson, Pity of
War. Plausibel scheint, dass gerade zu Beginn des Krieges
unter dem Eindruck der Propaganda und der nationalen
Aufwallung etliche französische Gefangene aufgrund
ihrer Hautfarbe erschossen wurden. Der Bataillonsarzt
Lorenz Treplin etwa schrieb am 5. 10. 1914 an seine
Frau, dass »bei verschiedenen Regimentern […] schon
Parole [ist] keinen Schwarzen gefangen zu nehmen,
sondern alle zu erschlagen, so geschieht es auch. […]
Man wird zum Raubtier im Krieg.« Tagebuch Lorenz
Treplin, 5. 10. 1914, S. 103. Vgl. auch Jones, Imperial
Captivities, S. 183. Es gibt etliche Belege, dass auch
nicht-koloniale Gefangene getötet wurden. Tagebuch
Otto Borggraefe, 15. 4. 1915 [BfZ Stuttgart] beschreibt
etwa, wie eigene Verwundete von französischen Soldaten
ermordet und als Rache 150–160 Gefangene mit dem
Gewehrkolben erschlagen wurden. Zur Ermordung
deutscher Gefangener durch französische Zouaves vgl.
Housman, War letters, S. 76 f. Zur Brutalisierung
englischer Soldaten vgl. ebenda, S. 241.
205 Hosfeld, Tod in der Wüste; Hosfeld/Pschichholz, Das
Deutsche Reich.
206 Fisch, Europa; Jefferies, German Empire.
207 Berghahn, Kaiserreich; Ullrich, Kaiserreich. Siehe auch
sein Essay: Kraftgefühl und Zukunftsangst. Zu den
unterschiedlichen Akzentuierungen der Geschichte des
Kaiserreichs siehe auch die beiden Sammelbände
Müller/Torp,
Kaiserreich
in
der
Kontroverse;
Heidenreich/Neitzel, Kaiserreich.
208 Afflerbach, Auf Messers Schneide, S. 513.
886
209 Das war das zentrale Argument von Christopher Clark,
Schlafwandler.
Die Reichswehr in der Weimarer Republik
1
Keller, Wehrmacht,
Regierungstruppen.
plädiert
für
den
Begriff
2
Dazu auch Sprenger, Landsknechte, S. 49–54, 109–112.
Vgl. auch Bergien, Soldaten.
3
Allzu pointiert dazu Jones, Anfang.
4
Langewiesche, Der gewaltsame Lehrer, insb. S. 245.
5
So Peter Keller. Die Einschätzung wird von Elsbach,
Reichsbanner, geteilt, siehe dort S. 63. Vgl. auch Hürter,
Hitlers Heerführer, S. 93.
6
Möllers, Geßler.
7
Noch immer grundlegend Meier-Welcker, Seeckt.
8
Siehe Jürgen Försters Rezension von: Peter Keller: »Die
Wehrmacht der Deutschen Republik ist die Reichswehr«.
Die deutsche Armee 1918–1921, Paderborn: Ferdinand
Schöningh 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 1 [15. 01.
2015], http://www.sehepunkte.de/2015/01/25745.html.
9
Vgl. etwa Meier-Welcker, Seeckt, S. 543. Vgl. dazu auch
die Tagebuchnotizen von Heinrich Vietinghoff-Scheel,
der 1919 als Hauptmann im Reichswehrministerium und
im Großen Generalstab Dienst tat, insb. 15. 5., 27. 6., 9.
9. 1919, BArch-MA, N 574/2.
10
Hürter, Hitlers Heerführer, S. 86–96. Auch Ernst Jünger
kam nicht als Protofaschist aus dem Ersten Weltkrieg
zurück, sondern radikalisierte sich erst in den Jahren
unmittelbar danach. Ziemann, Gewalt im Ersten
887
Weltkrieg, S. 63–90. Zu einem ähnlichen Befund für
Hitler vgl. Weber, Hitlers erster Krieg.
11
Tagebuch Balck, Brief an Harrius, Herne, 13. 4. 1920,
BArch-MA, N 647/6.
12
Tagebuch Balck, 15. 3. 1920, BArch-MA, N 647/6.
13
Ebenda.
14
In Artikel 1 hieß es, der Soldat müsse eifrig bemüht sein,
das Vaterland und seine Verfassung zu schützen.
Heeresverordnungsblatt 4 (1922), S. 24. Auch abgedruckt
in Heinemann, Rechtsgeschichte S. 139.
15
Abgedruckt in Heeresverordnungsblatt 5 (1923) 67, S.
649.
16
Er sagte u. a.: »Unserem der Reichsverfassung geleisteten
Eide unerschütterlich treu, dem ganzen deutschen Volke
gehörig, keiner Partei dienend, so treten wir mit blankem
Ehrenschild als scharfes, zuverlässiges Instrument des
Staates in das neue Jahr.« Heeresverordnungsblatt 8
(1926) 29, S. 135. Hindenburg und Groener betonten in
ihrer Neujahrsansprache vom 30. Dezember 1931
nochmals die Treue zur beschworenen Verfassung und
den
Gehorsam
der
gesetzmäßigen
Gewalten.
Heeresverordnungsblatt 13 (1931) 36, S. 243.
17
Heinemann, Rechtsgeschichte, S. 61.
18
Dass der Versuch der SPD, die Einstellung einer von
zivilen Parlamentskommissaren überwachten zentralen
Werbestelle zu überlassen, scheiterte, kann kaum
verwundern. Eine solche Einrichtung gibt es bis heute
nicht. Die Offizierprüfzentrale in Köln wird von der
Bundeswehr selbstständig geführt und unterliegt keiner
888
besonderen parlamentarischen Kontrolle. Vgl. Hürten,
Offizierkorps, S. 237 f.
19
Vgl. Wahrung der Ehrenhaftigkeit in der Armee,
Reichswehrministerium, 15. 5. 1926, BArch-MA, N
447/20.
20
Allerdings sollte man nicht der Versuchung erliegen, die
Reichswehr an den Maßstäben der Bundeswehr zu
messen, weil dies den Blick auf das damals Neue
verstellt. So etwa Heinemann, Rechtsgeschichte, der die
Reichswehr als paralegalen Staat im Staate bewertet.
21
Immer noch maßgeblich Jedlicka, Ein Heer im Schatten
der Parteien.
22
Literatur zur Diskussion um den Versailler Vertrag,
zuletzt Leonhard, Der überforderte Frieden.
23
In der Sowjetunion wurden rund 120 Piloten, 100
Beobachter und 30 Panzersoldaten ausgebildet. Zeidler,
Reichswehr und Rote Armee.
24
Vgl. dazu Hürter, Groener, S. 54–77.
25
Ebenda.
26
Kroener, Fromm, S. 175.
27
Bergien, Die bellizistische Republik.
28
Hierzu Pyta, Vorbereitungen.
29
Kroener, Fromm, S. 199.
30
Ausführlich zu den Ereignissen von November 1932 bis
Januar 1933 Pyta, Hindenburg, S. 743–788.
31
So argumentiert Hürter, »Vor lauter Taktik schlapp«, S.
478 f.
32
Dazu Pyta, Vorbereitungen.
889
33
Vgl. etwa Geyer, Aufrüstung oder Sicherheit. Zur
Würdigung auch der frühen Schriften Geyers vgl.
Naumann, Militär.
34
In der gesamten sozialdemokratischen Presse lässt er sich
zwischen 1879 und 1914 in Bezug auf das Militär in zehn
Artikeln nachweisen: Die neue Welt, 18. 10. 1879, S. 32;
Berliner Volksblatt, 24. 6. 1890, S. 6; Vorwärts, 29. 9.
1891, S. 1; Vorwärts, 23. 10. 1902, S. 1; Vorwärts, 16. 8.
1908, S. 2, Vorwärts, 19. 4. 1913, S. 5; Vorwärts, 20. 4.
1913, S. 7; Vorwärts, 3. 12. 1913, S. 1; Vorwärts, 26. 1.
1914, S. 2; Vorwärts, 24. 4. 1914, S. 2. 1908 wird der
Begriff erstmals gegen die Militärgerichtsbarkeit ins Feld
geführt.
35
So zumindest Stargardt, Militarism, S. 153.
36
In der SPD/USPD-Presse ist er zwischen Oktober 1918
und Mai 1920 elfmal nachzuweisen: Vorwärts, 15. 10.
1918, S. 2; Vorwärts, 23. 10. 1918, S. 4; Mitteilungsblatt
des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine
Berlins, 3. 11. 1918, S. 6; Freiheit, 9. 12. 1918, S. 3;
Freiheit, 5. 4. 1919, S. 2; Freiheit, 20. 4. 1919, S. 2;
Freiheit, 15. 5. 1919, S. 2; Vorwärts, 15. 9. 1919, S. 2;
Freiheit, 16. 4. 1920; Vorwärts, 20. 5. 1920, S. 2;
Freiheit, 26. 5. 1920, S. 2.
37 Kroener, Fromm, S. 182.
38 Dazu Werberg, Tempo 114.
39 Ebenda, S. 135–148.
40 Elsbach, Reichsbanner.
41 Siehe Ziemann, Veteranen der Republik.
42 Mit weiterer Literatur Werberg, Tempo 114, S. 88–106.
Vgl. auch als typisches Beispiel der Erzählung über den
890
Ersten Weltkrieg im Schrifttum für die Truppe das
Kapitel »Großkampf« im Handbuch »Der Infanterist«
von Hube, das in den Auflagen von 1925 und 1928
unverändert blieb. Darin gab es auch eine kurze
chronologische, vergleichsweise sachliche Abhandlung
des Ersten Weltkriegs, in der die eigenen Erfolge
herausgestrichen, aber auch die riesigen eigenen Verluste
und die Erschöpfung »des Vaterlandes« nicht
verschwiegen wurden. Die Dolchstoßlegende wurde hier
allenfalls angedeutet. Hube, Der Infanterist, 1928, S. 153
f.
43
Eigene Auswertung anhand der Reichstags-Handbücher
von 1919, 1924, 1928 und 1933. Die Auswertung kann
nur die Angaben der Abgeordneten erfassen, denen
Angaben zu ihrem Lebenslauf freigestellt waren.
Inwieweit diese wirklich korrekt waren, lässt sich heute
nicht mehr sagen.
44
Geßler, Reichswehrpolitik, S. 135.
45
Keller, Wehrmacht, S. 173.
46
Selbst das republikanische Reichsbanner Schwarz-RotGold ging nicht gewaltsam gegen die »Machtergreifung«
vor, weil man sich keine Erfolgschancen ausrechnete.
Elsbach, Reichsbanner, S. 527 f.
47
Zu dieser Diskussion mit weiterer Literatur auch Groß,
Mythos und Wirklichkeit, S. 146–149.
48
Pöhlmann, Kriegsgeschichte.
49
Haller, Militärzeitschriften, S. 497. Allgemein zum
Diskurs in den Militärzeitschriften siehe auch Sencer,
Fear and Loathing. Es gab in der übrigen Publizistik
891
durchaus auch Kritik an Erich Ludendorff. Siehe etwa
Corum, Roots of Blitzkrieg, S. 4 f.
50
Leitfaden für den Unterricht, S. 93–147. Vgl. auch MeierWelcker, Der Weg zum Offizier, S. 164.
51
Kroener, Fromm, S. 115.
52
Ebenda, S. 155. Zu den Gedanken Stülpnagels vgl. auch
seine Korrespondenz mit Hermann Geyer aus dem Jahr
1925, in: BArch-MA, N 221/40.
53
Kroener, Fromm, S. 165.
54
Ebenda, S. 153–173; Hürter, Reichswehr in der Republik,
S. 123.
55
Kroener, Fromm, S. 178.
56
Groß, Mythos und Wirklichkeit, S. 158.
57
Hierzu Strohn, German Army.
58
Vgl. Schäfer, Militärstrategie, S. 154–156. Zur taktischen
Vielschichtigkeit des militärischen Denkens am Beispiel
von Werner von Blomberg siehe auch Schäfer, Blomberg,
S. 34 f.
59
Vgl. Groß, Mythos und Wirklichkeit, S. 149–165; Citino,
German Way of War, S. 241–244; Meier-Welcker, Seeckt,
S. 529.
60
Corum, Roots of Blitzkrieg, S. 47, 76 f.
61
Ebenda, S. 37 f.
62
Driftmann, Grundzüge, S. 119 f., 136 f.
63
Corum, Roots of Blitzkrieg, S. 94, 204.
64
Eichler, Kommunikatives Verhalten in der Reichswehr, S.
136.
892
65
Gruppenkommando 2, Ia Nr. 79/719/25 geh., 12. 11.
1925; Gruppenkommando 1, Jahresbericht über die
größeren Truppenübungen 1925, 14. 11. 1925, BArchMA, RH 12-2/100.
66
Eine geharnischte Kritik an den Verhältnissen verfasste
am 3. 12. 1927 Oberleutnant Smilo Freiherr von Lüttwitz,
der den Ersten Weltkrieg als Kavallerist erlebt hatte. Das
Dokument ist abgedruckt in: Ders. Soldat in 4 Armeen,
1962/63, BArch-MA, N 10/9. Bemerkenswert ist, dass
Lüttwitz trotz dieser scharfen Kritik keine Nachteile im
weiteren Karriereverlauf hatte.
67
Reiniecke, Reichsheer, S. 18. Vgl. auch Dieckhoff, 3.
Infanterie-Division, S. 9.
68
Kroener, Fromm, S. 191.
69
Corum, Roots of Blitzkrieg, S. 69.
70
Der Lebenslauf ist abgedruckt in Neitzel, Abgehört, S.
448 f.
71
Die Grundlagen der Erziehung des Heeres, 1. 1. 1921,
abgedruckt in: Heeresverordnungsblatt 2 (1920) 79, S.
1041.
72
Driftmann schreibt hingegen, dass das Bildungsniveau
von Unteroffizieren und Mannschaften in der Reichswehr
höher gewesen sei als vor 1914. Driftmann, Grundzüge,
S. 116; Wohlfeil/Dollinger, Die Reichswehr, S. 122, 127.
73
Zit. nach Kroener, Fromm, S. 164. Zweifel äußerte auch
US-Militärattaché Oberst Arthur L. Conger, der von 1924
bis 1928 in Deutschland war. Citino, Path to Blitzkrieg, S.
140. Smilo Freiherr von Lüttwitz meinte rückblickend,
dass es durchaus gelang, Obergefreite zu Gruppenführern
auszubilden, wenn man es schaffte, sie aus ihrer »wohl
893
erworbenen Routine und manchmal auch Lethargie zu
reißen«. Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen, BArch-MA, N 109, S. 80.
74
Richhardt, Auswahl und Ausbildung, S. 17; Hürten,
Offizierkorps, S. 233, nennt 34 000.
75
General von Seeckt an den preußischen Kriegsminister,
29. 8. 1919, Handakten Reinhardt HStAS, M 660–034
Bü16. Vgl. auch das Schreiben Seeckts vom 18. 10. 1919,
BArch-MA, N 247/81.
76
Er notierte auf dem Schreiben: »Ich teile die obigen
Auffassungen über die Leistungen des Generalstabes
ebenso vollständig, wie ich nicht bezweifele, dass der
Chef des Personalamtes sie gleichfalls teilt. Die eingangs
erwähnten Redensarten können wohl nur durch
Überregung ganz entstellte Äußerungen darstellen.« Zur
Organisation der Personalauswahl vgl. das Schreiben des
Personalamts I 907/12.19 P. A., 10. 10. 1919 HStAS, M
365 Bü 11.
77
Ehren-Rangliste des ehemaligen Deutschen Heeres, S.
XV.
78
Würdigkeitsreihenfolge Infanterie, in: HStAS, M 365
Bü16.
79
Ebenda.
80
Vgl. Krüger, Hans Speidel.
81
Eigene Auswertung nach Rangliste des Deutschen
Reichsheeres 1924 und Zweng, Pour le Mérite.
82
Adolf Reinicke gliedert das Offizierkorps in fünf
verschiedene Teile: 1. die älteren, vor 1914 in der
Friedenszeit ausgebildeten Offiziere vom Hauptmann bis
zum Generaloberst; 2. die jüngeren, während des
894
Weltkriegs
eingetretenen
Kriegsoffiziere
ohne
Kriegsschulausbildung; 3. die seit 1919 zu Offizieren
beförderten Feldwebel; 4. die ab 1926 zu Offizieren
Beförderten; 5. die Hochschuloffiziere. Reinicke,
Reichsheer, S. 304. Zu den 102 Reichswehroffizieren, die
zum Studium freigestellt wurden, auch Molt, Wehrmacht,
S. 482.
83
Eine
Stichprobe
der
Träger
des
Goldenen
Militärverdienstkreuzes
der
Garde
und
der
Sturmbataillone Nr. 3 und 5 zeigt, dass mit hoher
Wahrscheinlichkeit mindestens 34 von 143 Trägern 1932
in der Reichswehr Offizier wurden.
84
So etwa Richhardt, Auswahl und Ausbildung, S. 19.
85
Jedes Jahr durften nach den Bedingungen des Versailler
Vertrags nur maximal 200 neue Offizieranwärter
eingestellt werden. Ulrich de Maizière berichtet in seinen
Memoiren, dass er 1929 als einer von drei unter 60
Bewerbern für das 5. Infanterieregiment ausgewählt
wurde; de Maizière, In der Pflicht, S. 22. 1929 stellte das
Heer bei 1600 Bewerbern 189 Anwärter ein. Richhardt,
Auswahl und Ausbildung, S. 22; Meier-Welcker, Der
Weg zum Offizier, S. 149.
86
Detailliert zum Zugang und Auswahlprozedere der
Offizieranwärter Meier-Welcker, Der Weg zum Offizier.
87
Demeter, Offizierkorps, S. 60; Loch, Deutsche Generale,
S. 565.
88
Walle, Deutsche jüdische Soldaten, S. 28; Berger,
Kaiserreich, S. 118 f.
89
Zahlen
nach:
https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/7/je
895
ws-in-weimar-reichstag.html (Abruf am 9. 8. 2019).
90
Denkschrift über Aufstellung einer Reichswehr, o. D.,
HStAS, M 660/034 Bü 16.
91
Generalmajor Fritz von Loßberg konnte sich mit seinem
Vorschlag, den Einheiten der Reichswehr auch Namen zu
geben, die auf eine Einheit des alten Heeres, ruhmreiche
Offiziere oder Schlachten hinweisen sollten, nicht
durchsetzen. Reichswehrgruppenkommando 2, Ia
1000/664 A1, 30. 9. 1919, BArch-MA, N 247/81.
92
Vgl. etwa die Schilderung über das Offizierkasino des 7.
Reiterregiments in Breslau bei Mellenthin, Schach dem
Schicksal, S. 37.
93
Zit. nach Ottmer, Tradition, S. 229. Vgl. auch Demeter,
Pflege der Traditionen.
94
Dieckhoff, 3. Infanterie-Division, S. 9.
95
Zur Kritik an dieser Tradition durch den SPDAbgeordneten Franz Künstler im Reichstag siehe etwa:
Reichstagsprotokolle, 1. Wahlperiode 1920, 275. Sitzung,
11. 12. 1922, S. 9259.
96
Dazu auch Ottmer, Tradition, S. 239–241. Für ein
regionales Beispiel: Friedrich, Offizierkameradschaft in
Marburg. Über die Kritik an den Regimentsvereinen und
ihren Feiern im Reichstag vgl. Reichstagsprotokolle, 1.
Wahlperiode 1920, 245. Sitzung, 6. 7. 1922, S. 8334.
97
Hürter, Groener, S. 202.
98
Ebenda, S. 234 f.
99
Hube, Der Infanterist, 21928, S. 23 f. So ist auch die
Textstelle auf S. 59 zu verstehen, in der der Verfasser
verklausuliert ausdrückt, dass die Reichswehr im Notfall
896
sowohl gegen kommunistische als auch gegen
rechtsradikale Aufstände vorgehen würde. Der
Bezugspunkt der Loyalität bleibe der Fahneneid, mit dem
der Verfassung und den Vorgesetzten Treue geschworen
wurde. Ein Beleg, dass dieses Handbuch zumindest von
den jungen Offizieren auch angeschafft wurde, findet sich
in Meier-Welcker, Der Weg zum Offizier, S. 150.
100 Reichswehrministerium, Chef der Heeresleitung, Nr.
1240/20, 1. 1. 1921, in: Heeresverordnungsblatt 2 (1920)
79, S. 1041.
101 Ebenda. Dazu auch Driftmann, Grundzüge, S. 154–158.
102 Hube, Der Infanterist, 21928, S. 20 f.
103 Heeresleitung, Nr. 700/27 geh. T 4 Ia/II, 1. 9. 1927;
Richtlinien für Leibesübungen, Nr. 1220/28 Geh. T Ia v.
18. 12. 1928; Ausbildungsanweisungen Nr. 900/29, geh.
T 4 Ia v. 1. 12. 1929, BArch-MA, RH 12-2/97. In der
Grundausbildung lagen die Marschleistungen nicht höher
als 25 Kilometer. Vgl. Richtlinien für die Ausbildung in
den Ergänzungsbataillonen, Ch H. L. T A Nr. 2300/34 g
T 4 Ic v. 31. 10. 1934, BArch-MA, RH 12-2/66.
104 Mulligan, Restoring Trust.
105 Das Amt der Vertrauensleute blieb die ganze Zeit der
Weimarer Republik bestehen, wurde im September 1933
abgeschafft, in der Bundeswehr dann wieder eingeführt.
Das Militärwochenblatt forderte die Erziehung jedes
einzelnen Mannes zum selbstständigen Handeln und zum
denkenden Gehorsam. Die Autoren erkannten freilich
selbst, dass die Erziehung zum modernen Soldaten
ungeheuer schwierig war und dass zwischen dem
geforderten absoluten Gehorsam und dem selbstständigen
897
Kämpfen
ein
Widerspruch
Militärzeitschriften, S. 434.
bestehe.
Haller,
106 Zit. nach Hürten, Offizierkorps, S. 234.
107 Die Grundlagen für die Erziehung des Heeres, 1. 1. 1921,
abgedruckt in: Heeresverordnungsblatt 2 (1920) 79, S.
1041.
108 de Maizière, In der Pflicht, S. 25. Siehe auch MeierWelcker, Der Weg zum Offizier, S. 171.
109 Der Chef der Heeresleitung T. A. Nr. 660/32 g. T 4 Id,
15. 9. 1932, BArch-MA, RH 12-2/66.
110 Merkblatt über Erfahrungen mit der zweimonatigen
Ausbildung, Anlage 11 zu TA Nr. 660/32 g. T4 Id v. 15.
9. 1932, BArch-MA, RH 12-2/66.
111 Vgl. Auszug aus den Bemerkungen des Chefs der
Heeresleitung vom 1. 4. 1927, BArch-MA, N 447/46. Die
Auszüge wurden 1960 vom General der Kampftruppen
Oskar Munzel als immer noch brauchbar an die
Truppenschulen der Bundeswehr verteilt.
112 Reichswehrministerium, Truppenamt, T 2 Nr. 19.25/T 2
II. GKdos, 8. 5. 1925, BArch-MA, RH 12-1/13. Dazu
auch Meier-Welcker, Der Weg zum Offizier, S. 151.
113 Luck, Mit Rommel an der Front, S. 24. Ähnlich
Mellenthin, Schach dem Schicksal, S. 35.
114 Eine summarische Übersicht befindet sich in BArch-MA,
RH 1/6.
115 Chef der Heeresleitung, Nr. 573/1226, 1. 12. 1926,
BArch-MA, RH 1/6.
116 Der Fall wird geschildert im Spiegel anlässlich des IllerUnglücks
von
1957.
898
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41757689.html
(letzter Zugriff 18. 4. 2019).
117 Zahlen nach BArch-MA, RH 12-23/127 und den
publizierten Sanitätsberichten über das Reichsheer 1921–
1926.
118 Gerwarth, Die Besiegten.
899
Die Wehrmacht im Dritten Reich
1
Bialas, Moralische Ordnungen, S. 237 ff.; Echternkamp,
Im Kampf, insb. S. 6–17.
2
Leicht
zugänglich
in:
https://www.1000dokumente.de/index.html?
c=dokument_de&dokument=0109_hrw&object=translati
on&l=de.
3
Förster, Geistige Kriegführung, S. 469 ff.
4
Schmidt, Maler an der Front, S. 636.
5
Ausführlich und facettenreich dazu:
Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg.
6
Hitler war als Meldegänger eines Regimentsstabes
freilich kein Frontkämpfer im eigentlichen Sinne. Vgl.
Weber, Hitlers erster Krieg.
7
Sprenger, Landsknechte, insb. S. 35–39.
8
Zahlen nach Schmidt, Maler an der Front, S. 638.
9
Nolzen, NSDAP, S. 102 f.
10
Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 38.
11
Heinrich Eberbach an seine Frau, 27. 8. 1939, BArchMA, N 860/8. Eberbachs Regiment kämpfte im Rahmen
der 4. Panzerdivision. Hierzu differenziert Hartmann,
Wehrmacht.
12
Ehrke-Rotermund, Wehrmacht als Gegenstand der
Literatur.
Zu
den
anderen
Medien
vgl.
Heidenreich/Neitzel, Medien im Nationalsozialismus.
13
Das Konzept der Volksgemeinschaft und seine Wirkung
auf die NS-Gesellschaft haben in den letzten Jahren
großes Interesse in der Forschung gefunden. Zuletzt:
Krumeich,
900
Gessner, Volksgemeinschaft; Wildt, Ambivalenz des
Volkes, S. 23–113; Schmiechen-Ackermann, Ort der
Volksgemeinschaft; Bavaj, Nationalsozialismus, S. 75,
134; Danker/Schwabe, NS-Volksgemeinschaft. Siehe
auch: Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 684–
690, 771–794. Eine konzise Zusammenfassung der
Kontroversen bei Echternkamp, Das Dritte Reich, S.
169–175. Zur Rolle der Wehrmacht in diesem Konzept
vgl. insbesondere Rass, Volksgemeinschaft als
Wehrgemeinschaft.
14
Diesen Nexus betont am Beispiel der Marine: Hillmann,
Kriegsmarine, insb. S. 33, 73 f.
15
Boberach, Meldungen aus dem Reich, Bd. 16, März
1944, S. 6437–6445.
16
Die Berichte über die positive Haltung zu Hitler sind
Legion. Für ein weniger bekanntes Beispiel vgl. das
Tagebuch des Obersten Heinrich von Vietinghoff-Scheel,
Eintrag Juli 1933, August 1934, 22. Juni 1935, BArchMA, N 574/2.
17
Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 22.
18
Müller, Beck, S. 100–111.
19
Zit. nach Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 27.
20
Jürgen Förster hat darauf hingewiesen, dass die
Berufspflichten des deutschen Soldaten von 1934 keinen
Schutz des Reiches nach innen kannten – anders als in
der Fassung vom 9. 5. 1930. Förster, Wehrmacht im NSStaat, S. 21.
21
Schäfer, Blomberg, S. 103–156.
22
Dazu Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 19–42.
901
23
Ausführlich hierzu Förster, Geistige Kriegführung, S.
484–505.
24
Leitsätze für den Unterricht über Berufspflichten der
Wehrmacht, Berlin, 15. 11. 1919, Heeresverordnungsblatt
1. Jahrgang, 18. 11. 1919, Nr. 31, S. 378.
25
Etwa Berufspflichten des deutschen Soldaten, Berlin, 23.
5. 1930, Artikel 3.
26
Schmidt, Kriegsartikel, S. 51.
27
Mut steht in den von Wilhelm II. erlassenen
Kriegsartikeln »nur« an dritter Stelle. Vgl. Schmidt,
Kriegsartikel, S. 9. Vgl. Hube, Der Infanterist, jeweils in
der Ausgabe von 1928 und 1935/36, S. 48/40.
28
Die Pflichten des deutschen Soldaten, Nr. 3, Berlin, 25. 5.
1934.
29
Hube, Der Infanterist, 1935/36, S. 26–28, 39.
30
Ebenda, S. 72–101. Hube selbst wurde im September
1914 in Frankreich schwer verwundet und verlor seinen
linken Arm. Er kehrte aber an die Front zurück und erlitt
als Bataillonsadjutant bei der Abwehr eines englischen
Panzerangriffs im April 1918 eine schwere
Gasverletzung.
31
Altrichter, Erziehung, hier S. 9–23, 39–40, 50, 55–57, 77
f.
32
Nach
der
Anwendung
des
Gesetzes
zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums auf Soldaten
kam es 1934 zu folgenden Entlassungen: Sieben Offiziere
aus dem Heer, drei aus der Marine, acht Offizieranwärter
aus dem Heer, vier aus der Marine, 13 Unteroffiziere aus
dem Heer, drei aus der Marine, 28 Mannschaften aus dem
Heer, vier aus der Marine, also insgesamt 70 Männer. Es
902
kam wohl in späteren Jahren zu weiteren Entlassungen
aufgrund jüdischer Abstammung, dazu gibt es aber keine
Zahlen. Messerschmidt, Juden im preußischen Heer, S.
128; Rigg, Jüdische Soldaten, S. 119–132.
33
Vgl. dazu in der Einleitung S. 17 mit weiterer Literatur.
34
Rönnefahrth kaufte sich sein Exemplar, als er
Fahnenjunker in der 7./I. R. 28 war. Nach dem Krieg war
er Historiker. Teile seines Büchernachlasses hat Bernhard
Kroener
für
die
Bibliothek
des
Lehrstuhls
Militärgeschichte an der Universität Potsdam gesichert.
35
Förster, Geistige Kriegführung, S. 490 f.
36
Reichskriegsminister, Nr. 2115/35 gJIa, 4. 12. 1935,
BArch-MA, N 221/12.
37
Generalkommando V. Armeekorps, Abt. Ia/op, 18. 3.
1936, BArch-MA, N 221/12.
38
Generalkommando V. Armeekorps, Abt. Ia/34e, 16. 10.
1936, BArch-MA, N 221/12. Geyer wusste, wovon er
sprach, war er doch einer der führenden Taktiker des
Ersten Weltkriegs und Autor des 1918 vom Großen
Generalstab herausgegebenen Handbuchs »Der Angriff
im Stellungskrieg«.
39
Generalkommando V. Armeekorps, Abt. Ia Az. 34e, 19.
1. 1938, BArch-MA, N 221/12.
40
Brief des Kommandeurs Infanterie-Regiment 35, Carl
Hilpert, an die Direktoren des Human. Gymnasiums und
der Oberrealschule Tübingen, des Realgymnasiums
Reutlingen und den Bannführer Hauff, 11. 4. 1936,
BArch-MA, N 221/12. Eine Antwort ist nicht überliefert.
Anders als Geyer, der politisch in Ungnade fiel und Ende
1941 entlassen wurde, stieg Hilpert noch bis zum
903
Generaloberst und Oberbefehlshaber der Heeresgruppe
Kurland auf. Generaloberst Walter Model warf ihm im
Januar 1943 vor, er sei zu seinen Soldaten »bis zur
Grenze des Tragbaren wohlwollend«. Auch später wurde
bemängelt, dass es ihm schwerfalle, die notwendige Härte
aufzubringen. BArch-MA, Pers 6/29986 sowie Pers
6/194.
41
In der Winterkrise vor Moskau geriet er mit
Generaloberst Erich Hoepner so sehr in Streit, dass er in
die Führerreserve versetzt und schließlich entlassen
wurde. Hitler lehnte seine Bemühungen um
Wiederverwendung
strikt
ab.
Ausführliche
Schriftwechsel dazu in BArch-MA, N 221/22, 245. Zur
Entlassung 1939 vgl. N 221/4. Geyer gehörte wohl auch
in der Weimarer Republik zu den moderaten Offizieren
und überwarf sich mit dem am Kapp-Putsch beteiligten
Max Bauer. Vgl. Bauer an Geyer, 1. 3. 1927, BArch-MA,
N 221/41.
42
Oberkommando des Heeres Nr. 147/V 42 PA 2 (Ia), 3. 5.
1942. BArch-MA, N 739/54. In dieser Akte befindet sich
auch umfangreicher Schriftverkehr über seine Proteste u.
a. gegen eine Anordnung Himmlers an seine SS-Männer,
um jeden Preis Kinder zu zeugen. Sein Tagebuch aus den
Jahren 1939/40 in: BArch-MA, N 739/58. Seine
Versetzung in die Führerreserve am 1. 2. 1940
kommentierte er mit den Worten: »So bin ich zum Opfer
geworden, weil ich für die Ehre der deutschen Frau
gekämpft habe.« Vgl. zuletzt: Gräßler, Groppe.
43
Der Oberbefehlshaber des Heeres Nr. 7600/38 PA (2) Ia,
18. 12. 1938, CAMO 500/12480/56. Heinrich von
Vietinghoff-Scheel meinte im Juni 1935 dann auch, dass
außer Blomberg und Reichenau die übrigen höheren
904
Führer »beim Einbau der Wehrmacht in Hitlers Staat«
viele Hemmungen überwinden müssten. Tagebuch, 22. 6.
1935, BArch-MA, N 574/2. Diese Einschätzung ist
gewiss übertrieben, belegt aber, dass nicht alle mit dem
gleichen Elan wie Blomberg ans Werk gingen.
44
Der Kommandierende General des VII. Armeekorps, 25.
4. 1938, BArch-MA, RH 53-7/68.
45
Dazu demnächst Eckert, Menschenführung.
46
Generalkommando VII. Armeekorps, 25. 8. 1936, BArchMA, RH 53-7/38.
47
So Eugen Ritter von Schobert als Kommandeur der 33.
Infanteriedivision, 30. 11. 1937, BArch-MA, RH
37/2375. Für diesen Hinweis danke ich Konstantin
Eckert.
48
Ausführlich dazu demnächst Eckert, Menschenführung.
49
Kroener, Personelle Ressourcen, S. 732 f.
50
Der Kommandierende General des VII. Armeekorps, 25.
4. 1938, BArch-MA, RH 53-7/68.
51
Dazu Schneider, Unterm Hakenkreuz.
52
Der Oberbefehlshaber des Heeres, GenSt, 4. 7. 1935,
BArch-MA, RH 12-23/1616.
53
Zusammenstellung nach BArch-MA, RH 12-23/1233, RH
2/1011, RH 12-12/127, RW 6/537. Für diese Hinweise
danke ich Konstantin Eckert.
54
Müller, Beck, S. 182–185.
55
Groß, Operatives Denken, S. 186–189, Müller, Feind
steht im Osten.
56
Müller, Beck, S. 334–364.
905
57
Hartmann, Halder, S. 99–122.
58
Grundlegend noch immer Deist, Aufrüstung.
59
Groß, Operatives Denken, S. 189–194.
60
Ausführlich zur Entwicklung der Rolle des Panzers vgl.
Pöhlmann, Der Panzer, S. 210–275.
61
»Die
taktischen
Erfahrungen
des
Spanischen
Bürgerkrieges lassen sich auf den Kampf neuzeitlich
organisierter, ausgebildeter und geführter grosser Heere
nur sehr bedingt und mit erheblichen Einschränkungen
übertragen.« Bericht über die Beteiligung des deutschen
Heeres am Spanischen Bürgerkrieg, S. 12. Zur Erfahrung
mit dem Einsatz des deutschen Panzers I, S. 24–26.
CAMO 500/12451/535.
62
Vgl. Zaloga/Madej, The Polish Campaign, S. 40–44;
Lehnstaedt, Der vergessene Sieg. Nichts Neues bringt
Moorhourse, First to Fight.
63
Hartmann, Halder, S. 122–141, 399 f.
64
Zur Perspektive der unteren Truppenebene vgl. z. B.
Eberbach an seine Frau, 23. 8., 27. 8., 29. 8. 1939,
BArch-MA, N 860/8.
65
Eines der wenigen Beispiele ist der Gefechtsbericht des
LI. Armeekorps über seinen Einsatz gegen Jugoslawien
im April 1941, wo vom »Blitzfeldzug« gesprochen wird.
CAMO 500/12474/713, Bl. 12.
66
Hierzu auch Groß, Mythos, S. 203–208.
67
Shirer, Berliner Tagebuch, S. 209.
68
Erfahrungsbericht BArch-MA, RH 24-11/7, S. 82. Vgl.
auch Murray, German Response.
906
69
Generalkommando VIII. AK, Abt. Ia Nr. 251/39 geh.,
Erfahrungsbericht über den Feldzug in Polen, September
1939, S. 3, BArch-MA, RH 24-8/15.
70
OKH Gen St. H. Qu I/Aus.Abt. Ia, 15. 10. 1939, CAMO
500/12480/60; Generalkommando I. AK, IA Nr. 177/39
geh., 23. 10. 1939, CAMO 500/12474/9, Bl. 3–15; 11.
Division, Abt. Ia Nr. 81/39 geh., 17. 10. 1939, CAMO
500/12474/9, Bl. 16–21; Reiter-Regiment 1, 4. 10. 1939,
CAMO 500/12474/9, Bl. 55–59.
71
GenKdo XXI. AK Ia Nr. 121/39 geh., 8. 10. 1939,
CAMO 500/12474/303, Bl. 8.
72
So Erfahrungsbericht 24. Division Ia, 12. 10. 1939,
BArch-MA, RH 24-13/19, S. 2. Auch: Korpskommando
XIII Ia Nr. 100/39 Kurzer Erfahrungsbericht und
Zustandsbericht, BArch-MA, RH 24-13/20, S. 6.
73
Kdo 61. Division Abt. Ia Nr. 65/39 g., 6. 10. 1939,
CAMO 500/12474/9, Bl. 21–30, hier S. 29.
74
Erfahrungsbericht III. Korps, BArch-MA, RH 24-3/7, S.
39 f.; Erfahrungsbericht XI. Korps, BArch-MA, RH 2411/7, S. 56 f. Eine Zusammenstellung der Urteile über
den Angriffsgeist der Infanterie findet sich in: BArchMA, RH 11 I/44.
75
Infanterieregiment 311 Ia, Kurzer Erfahrungsbericht 4.
10. 1939, CAMO 500/12474/9, Bl. 42.
76
Korpskommando XV. AK Abt. Ia Nr. 1/39 geh., 3. 10.
1939, Erfahrungsbericht, BArch-MA, RH 21-3/4, S. 2.
77
Etwa 217. Inf.Div Nr. 185/39 geh., 5. 10. 1939, CAMO
500/12474/9, Bl. 38–41.
78
Generalkommando VII. Armeekorps, 25. 8. 1936, BArchMA, RH 53-7/38.
907
79
Collins, Dynamik der Gewalt, S. 605–619. Siehe auch
Römer, Narzisstische Volksgemeinschaft, S. 231, der das
Phänomen anschaulich anhand der Kompanie Theodor
Habichts schildert.
80
Collins, Dynamik der Gewalt, S. 70–89.
81
S. L. A. Marshall, Men against fire, 1947. Eine
militärhistorisch sehr kenntnisreiche Kritik an Marshalls
Thesen bietet z. B. Engen, Canadians under Fire.
82
Darauf weist Collins auch hin. Er scheint mir aber vor
allem den Faktor Tötungshemmung überzubewerten und
verlässt sich in seiner Analyse auf eine allzu schmale
Literatur- und Datenbasis. Vgl. dazu auch die luzide
Quellenkritik von Mann, Angst.
83
Korpskommando XV. AK Abt. Ia Nr. 1/39 geh., 3. 10.
1939, Erfahrungsbericht, Anlage 1, BArch-MA, RH 213/4.
84
Rede undatiert, IWM, EDS AL 2831/1. Für diesen
Hinweis danke ich Bastian Matteo Scianna. Zu den
Verlusten der 1. Gebirgsdivision und der Bewertung der
polnischen Truppen vgl. Korpskommando XVIII, Abt. Ic,
CAMO 500/12474/270, Bl. 38–40.
85
Generalkommando VIII. AK, Abt. Ia Nr. 251/39 geh.,
Erfahrungsbericht über den Feldzug in Polen, September
1939, S. 3, BArch-MA, RH 24-8/15.
86
Erfahrungsbericht 24. Division Ia, 12. 10. 1939, S. 9,
BArch-MA, RH 24-13/19.
87
Friedrich Olbricht, der als Kommandeur der 24.
Infanteriedivision den Polenfeldzug erlebte, schrieb am
20. 9. 1939 in sein Tagebuch: »Gestern Abend hörten wir
die Rede des Führers aus Danzig. Es gab hier welche, die
908
glaubten, mit dem Riesenerfolg in Polen sei der Krieg zu
Ende.« BArch-MA, N 325/1.
88
Tagebuch Hermann Balck, 8. 1. 1940, BArch-MA, N
647/7, S. 5.
89
Ebenda, 19. 2., 26. 2., 25. 3. 1940, BArch-MA, N 647/7.
Ähnlich optimistisch war auch General Heinrich
Vietinghoff-Scheel, Kommandierender General des XIII.
Armeekorps. »Nun glaube ich auch an Sieg in diesem
Jahre – der Führer ist der Gegenseite zu ungeheuer
überlegen!!!« Tagebuch, 9. 4. 1940, BArch-MA, N 574/2.
90
Ebenda, 16. 5., 18. 5. 1940.
91
Tagesmeldung 17. 5. 1940 an Gruppe Kleist, CAMO
500/12474/297, Bl. 13.
92
Lieb, Wüstenfuchs, S. 95.
93
Dazu Sigg, Unterführer, S. 231–250.
94
Zum Gegensatz der Heeresgruppe A/Hitler auf der einen
und dem Panzerkorps Guderian/Kleist auf der anderen
Seite siehe Frieser, Blitzkrieglegende, S. 363–376. Er
verschweigt dabei allerdings, dass keineswegs alle
Panzerdivisionen den Haltebefehl enttäuscht zur Kenntnis
nahmen. Im KTB der Dünkirchen am nächsten liegenden
1. Panzerdivision ist eher Erleichterung zu spüren, und es
wird am 24. 5. darauf hingewiesen, dass die Division nur
noch »mit 1/3 ihrer Kampfkraft einsatzfähig war«.
CAMO 500/12478/39, Bl. 39. Das Schützenregiment 1
unter Oberstleutnant Balck ging am 24. 5. um 16 Uhr
ohne große Verluste über die Aa. Er notierte in sein
Tagebuch: »Feind völlig zerschlagen« und »die
Aufklärung stieg schon bis Bourgbourgville durch«. Im
Rückblick auf diese Tage schrieb er am 17. 12. 1940
909
angesichts britischer Erfolge in Nordafrika: »Letzten
Endes ist alles eine Folge, dass wir bei Dünkirchen die
Engländer nicht restlos schlugen. Hätten wir da ihr
Expeditionskorps restlos vernichtet, hätten sie vielleicht
beigedreht. Der Übergang nach England wäre im Bereich
des Möglichen gelegen und die Truppen für eine
Offensive gegen Italien hätten ihnen gefehlt. Als ich
Bourgbourg genommen hatte, war der Weg frei. Niemand
hinderte uns bis Dünkirchen vorzustossen.« Tagebuch
Balck, 24. 5. 1940, BArch-MA, N 647/7, S. 20; 17. 12.
1940, BArch-MA, N 647/8, S. 3 f.
95
Erfahrungsbericht 19.
500/12474/192, Bl. 3.
Infanteriedivision,
CAMO
96
Ebenda, S. 55.
97
Zit. nach Frieser, Blitzkrieglegende, S. 441.
98
Generalkommando XIV. AK Abt Ia Nr. 475/40 geh., 28.
7. 1940, CAMO 500/12472/19, Bl. 31.
99
Generalkommando IV. AK, Abteilung Ic, 30. 7. 1940,
CAMO 500/12480/38.
100 Kershaw, Wendepunkte, S. 25–76. Allerdings hätte wohl
auch Lord Halifax keinen Diktatfrieden angenommen.
Vgl. Roberts, The Holy Fox, S. 297.
101 Oder zumindest in Zukunft unter besseren Bedingungen
Frieden schließen konnte. Dazu auch Roberts, Churchill,
S. 542–552.
102 Hierzu Schenk, Operation Sealion.
103 Generalkommando XVI. AK, Ia Nr. 210/40 geh., BArchMA, RH 21-4/527 sowie Heeresgruppe B Ia Nr. 4483/40
gKods, 24. 9. 1940, Anlage A, S. 1, , CAMO
500/12454/58.
910
104 AOK 4 Ia Nr. 3756/40 gKdos, 18. 8. 1940, CAMO
500/12472/171, Bl. 2–14.
105 Auch 7. Panzer-Division Abt. Ia Nr. 440/40 geh., 14. 7.
1940, BArch-MA, RH 21-4/550.
106 Armeeoberkommando 6, Nr. 3104/40 geh., 12. 8. 1940,
CAMO 500/12472/289, Bl. 34.
107 Artillerie-Regiment 103, Ia Anlage 1 zu Gen.Kdo. XVI.
AK Ia Nr. 210/40, 3. 7. 1940, BArch-MA, RH 21-4/527;
Bemerkungen des Generals der Art. Brand,
Kriegserfahrungen der Artillerie während des Feldzuges
im Westen (1939/40), BArch-MA, N 389/v. 4.
108 Donat, Munitionsverbrauch, S. 23. Im Polenfeldzug
wurden in 35 Tagen 24 000 Tonnen Munition
verschossen. Für den Vergleich zum Ersten Weltkrieg
ebenda, Anlage 18. Im Polenfeldzug soll die Wehrmacht
800 000 Schuss Artilleriemunition verbraucht haben. In
dem fünftägigen Vorbereitungsfeuer zur Schlacht an der
Somme 1916 soll die französische und britische Artillerie
2,5 Millionen Granaten verschossen haben. Foley,
Learning War Lessons.
109 Oberkommando des Heeres GenStdH AusbAbt Ia Nr.
2400/40 g, 20. 11. 1940, CAMO 500/12451/165.
110 Heeresgruppe B Ia Nr. 4483/40 gKdos, 24. 9. 1940,
CAMO 500/12454/58.
111 Dazu auch Kahn, Russia.
112 Die relativen Verluste der Divisionen lagen in einer
ähnlichen Größenordnung wie im Polenfeldzug. So verlor
die 4. Panzerdivision bis zum 30. 5. 1940 1332 Mann an
Toten, Verwundeten und Vermissten, somit elf Prozent
ihrer Soldaten. Die Offiziersverluste lagen bei 23 Prozent,
911
das Schützenregiment 33 büßte gar 39 Prozent seiner
Soldaten ein. Am 8. Juni hatte die 4. Panzerdivision noch
57 Prozent ihrer Fahrzeuge einsatzbereit. Alles BArchMA, RH 21-4/527.
113 Tagebuch Balck, 22. 6. 1941, BArch-MA, N 647/8, S. 26.
114 Mawdsley, Thunder, S. 86 f., 116 f.; Kriwoschejew, Grif
sekretnosti snjat, S. 143, 357, 359. Die Wehrmacht gab
deutlich höhere Verluste der Roten Armee an.,
115 Opisanie boevych dejstvij protivnika i našich častej za
oktjabr’, nojabr’ 1941 goda v polose dejstvija 286 sd
[Beschreibung der Kampfhandlungen des Gegners und
unserer Truppenteile für Oktober und November 1941 im
Bereich der 286. SD] vom 6. 12. 1941, CAMO
410/10222/63,
Bl.
1,
https://pamyatnaroda.ru/documents/view/?id=120269506 (Abruf vom 8.
7. 2019); Summirovannyj material po učetu opyta boev i
operacij s germanskim fašismom [Zusammengefasstes
Material zur Erfassung der Erfahrungen aus den Kämpfen
und Operationen gegen den deutschen Faschismus] vom
2. 12. 1941, CAMO 1253/0000001/0169, Bl. 4 f., 8,
https://pamyat-naroda.ru/documents/view/?
id=451682315 (Abruf vom 8. 7. 2019); Svodka ob opyte
boevych dejstvij 42sk [Zusammenstellung der
Kampferfahrungen des 42. SK] vom 22. 7. 1941, CAMO
11222/1/6,
Bl.
3,
https://pamyatnaroda.ru/documents/view/?id=455760532 (Abruf vom 8.
7. 2019); Iz opyta voennych dejstvij ustanovleny
sledjuščie priemy i sposoby vedenija ognja boja
germanskimi vojskami [Aus der Kampferfahrung sind
folgende Methoden und Arten der Feuerführung der
deutschen Truppen im Kampf festzustellen] vom 28. 10.
1941, CAMO 1110/0000001/0010, Bl. 1, https://pamyat-
912
naroda.ru/documents/view/?id=454126841 (Abruf vom 8.
7. 2019). Für diese Hinweise danke ich Otto Ermakov,
Potsdam.
116 Oberkommando des Heeres GenSt. d. H. Nr. 500/42 geh.,
1. 3. 1942, Hinweise für die Ausbildung der Infanterie
auf Grund der Erfahrungen des Ostfeldzuges, BArchMA, RH 11-1/70. Vgl. auch Hauptmann Schott, Rgt.
Adjutant I. R. (mot) 51, 14. 5. 1942, Auf was kommt es
in Rußland an?, BArch-MA, RH 68/4. Vgl. auch die
Reflexion Generalmajor Artur Webers, »Wie sollen wir
auf Grund unserer Kriegserfahrungen den sowjetischen
Soldaten
und
die
Sowjetarmee
unseren
kriegsunerfahrenen Soldaten in der Bundeswehr
darstellen«, 4. 12. 61, BArch-MA, N 666/27.
117 Heinrich Eberbach an seine Frau, 7. 8. 1941, BArch-MA,
N 860/10. Eberbachs Regiment kämpfte im Rahmen der
4. Panzerdivision. Hierzu differenziert Hartmann,
Wehrmacht.
118 Kroener, Fromm, S. 411.
119 Hill, Red Army, S. 300.
120 Glanz, The impact of intelligence.
121 Tagebuch Herbert Zetzsche, 31. 10. 1941, 1. 11. 1941, in:
BArch-MA, N 221/49.
122 Hürter, Oberbefehlshaber, S. 302–318.
123 David Stahel sprach davon, dass die Winterschlacht
1941/42 keine deutsche Niederlage gewesen sei, weil der
Feldzug längst zu einem Abnutzungskrieg geworden war.
Die Verluste der Roten Armee waren im Dezember 1941
und Januar 1942 sechsmal höher als jene der Wehrmacht,
913
deren Ausfälle wiederum niedriger als im Juli 1941
waren. Stahel, Retreat from Moscow.
124 Welche Relevanz der Haltebefehl vom 11. 12. 1941 für
die Abwehr der sowjetischen Winteroffensive hatte, ist
umstritten. Zuletzt argumentierte David Stahel, dass die
Truppe den Befehl mit Deckung des Oberbefehlshabers
der Heeresgruppe Mitte, Günther von Kluge, vielfach
unterlaufen habe und ihm so den destruktiven Charakter
nahm. Stahel, Retreat from Moscow, S. 435.
125 Hürter, Oberbefehlshaber, S. 330–350.
126 Pyta, Hitler, S. 403 f.
127 Hill, Red Army, S. 402–428.
128 Tagebuch Hermann Balck, 28. 12. 1942, BArch-MA, N
647/9.
129 Ebenda, 30. 1. 1943, BArch-MA, N 647/9.
130 Bis Juni 1943 starben 1,42 Millionen Wehrmachtsoldaten.
Overmans, Deutsche militärische Verluste, S. 239; eigene
Auswertung nach Sanitätsbericht über das Deutsche Heer
1914–1918.
131 Vor allem Töppel, Kursk.
132 Im Februar und März 1943, zum Zeitpunkt der großen
Gegenangriffe, verlor das Heer 114 396 Mann an Toten,
im Juli und August 1943 130 429. Overmans, Deutsche
militärische Verluste, S. 278.
133 Schönherr, Rückzugskämpfe, S. 839 f.
134 Eindrücklich der Zustandsbericht der Schnellen Verbände
bei der HGr. Süd, 29. 2. 1944, BArch-MA, RH 10/54.
914
135 Ein Beispiel von vielen ist die Unfähigkeit, die
sowjetische Winteroffensive in der Ukraine ab dem 24.
12. 1943 vorauszusagen. Vgl. Fremde Heere Ost, Kurze
Beurteilung
der
Feindlage,
23.
12.
1943
http://wwwii.germandocsinrussia.org/de/nodes/1170akte-358-okh-abteilung-fremde-heere-ost-referat-i-kurzebeurteilung-der-feindlage-an-derostf#page/325/mode/inspect/zoom/4 (letzter Zugriff 7. 5.
2019). Allerdings sind andere Offensiven durchaus
vorhergesagt worden, so der sowjetische Vorstoß auf
Kiew ab Anfang November 1943. Siehe die
Feindlagebeurteilungen von Fremde Heere Ost vom 30.
10.–2. 11. 1943 in CAMO 500/12451/358.
136 Tagebuch Hermann Balck, 16. 11. 1943, BArch-MA, N
647/11, S. 19. Heinz Guderian meinte, dass die deutschen
Panzerdivisionen bei sachgemäßem Einsatz die ernste
Lage zu deutschen Gunsten wenden könnten. Die von
ihm angeregte Konzentration der fünf aufgefrischten
Panzerdivisionen auf den Raum Kiew konnte aber so
nicht ausgeführt werden. Zweifellos überschätzte er deren
Möglichkeiten im Kampf gegen die Rote Armee, selbst
wenn sie geschlossen zum Einsatz gekommen wären.
Generalinspekteur der Panzertruppen Nr. 1830/43 gKdos,
9. 11. 1943, CAMO 500/12451/453. Ein Mann wie Smilo
Freiherr von Lüttwitz, der zu diesem Zeitpunkt als
Kommandeur der 26. Panzerdivision in Italien kämpfte,
schätzte die Lage viel realistischer ein: »Die ganze Lage
sehe ich sehr ernst an. […] Das Erschreckende sind die
großen Verluste, die uns entsetzlich treffen. Und dazu die
schwe. Fliegerangriffe in der Heimat. Das geht ja alles
auf die Dauer nicht so weiter, weil sonst die Substanz
erheblich gefährdet oder zerrüttet wird. […] Mir wäre der
915
Frieden lieber.« 11. 10., 16. 10. 1943, in: Lüttwitz, Soldat
in 4 Armeen, BArch-MA, N 10/9, S. 215.
137 Tagebuch Hermann Balck, 23. 11. 1943, BArch-MA, N
647/11, S. 22.
138 Ebenda, 30. 12. 1943, BArch-MA, N 647/11, S. 36 f., 31.
12. 1943, S. 37. In seiner Personalbeurteilung vom 6. 4.
1944 hieß es dann auch, dass er »manchmal zu
übertrieben günstiger Lagebeurteilung« neigte. Ansonsten
galt er als »überragender«, »bestbewährter« Panzerführer,
der von der nationalsozialistischen Idee durchdrungen sei.
BArch-MA, Pers 6/73. Ähnlich optimistisch dachte der
Oberbefehlshaber der 10. Armee in Italien, Heinrich von
Vietinghoff-Scheel, über die Zukunft nach. Er glaubte,
die Entscheidungsschlachten im Westen und Osten
würden 1944 gemeistert werden und dann die Aussicht
auf einen tragbaren Frieden bringen. Tagebuch,
Weihnachten 1943, BArch-MA, N 574/2.
139 Frieser, Rückschlag, S. 297–338.
140 Ausführungen Generalleutnant Merker (Kdr. 35. ID) über
das Infanterie-Problem sowie Ausbildungsabteilung Chef
Nr. 3175/43 g, 8. 8. 1943 beide BArch-MA, RH 11 1/44.
Vgl. auch (…) Division, Kommandeur Nr. 969/43 g., 7.
4. 1943, CAMO 500/12478/80, Bl. 1.
141 Ferdinand von Senger und Etterlin an Ebba v. Keudell, 8.
12. 1943.
142 Tagebuch Ferdinand von Senger und Etterlin, 11. 2. 1944.
143 Ferdinand von Senger und Etterlin an Ebba v. Keudell,
23. 2. 1944. Sehr ähnlich sein Tagebucheintrag vom 20.
2. 1944.
916
144 Ebenda, 5. 3. 1944. Ferdinand von Senger und Etterlin
(1923–1987) trat 1956 in die Bundeswehr ein und stieg
bis zum NATO-Oberbefehlshaber Mitte auf. Während er
den Generalstabslehrgang an der Führungsakademie
besuchte und G3 der Panzerlehrbrigade 9 in Munster war,
verfasste er die Divisionsgeschichte der 24.
Panzerdivision, die stark von seinen persönlichen
Erlebnissen geprägt war und das Bild eines handwerklich
exzellenten Verbandes zeichnete. Senger und Etterlin, Die
24. Panzerdivision.
145 Smilo Freiherr von Lüttwitz bemerkte schon im März
1942,
dass
der
eingetroffene
Ersatz
seines
Schützenregiments 12 »nicht zu kämpfen verstand,
sondern vielfach ausriß!« 10. 3. 1942, in: Lüttwitz, Soldat
in 4 Armeen, BArch-MA, N 10/9, S. 165.
146 Einsatz- und Zustandsbericht des II./IR 18, 12. 10. 1942,
CAMO 500/12454/6.
147 Grenadier-Regiment 258, Erfahrungen aus den Kämpfen
der letzten Tage, 1. 8. 1943, CAMO 500/12480/38. Das
übergeordnete Korps lobte zumindest die Kampfleistung
der 112. Division, die in »unbeugsamer Tapferkeit bis
hinunter zum letzten Grenadier dem Feinde die Stirn
geboten«
habe.
Generalkommando
LIII.
AK,
Korpstagesbefehl 27. 7. 1943, CAMO 500/12477/614.
148 Oberkommando des Heeres, GenStH/AusAbt (Ia), 12. 2.
1944, BArch-MA, RH 11 I/44.
149 Reisebericht über die Reise zum L. AK vom 3. 2.–6. 2.
1944, 7. 2. 1944, BArch-MA, RH 11 II/2.
150 II./Pz Gren Rgt .33, 26. 8. 1943, BArch-MA, N 460/15.
Gaudecker schonte sich selber nicht, wurde mehrfach
verwundet; 1944 wurden ihm das Ritterkreuz und die
917
Nahkampfspange in Silber verliehen. Er trat 1956 als
Oberst in die Bundeswehr ein und führte von 1959 bis
1962 die Panzerbrigade 15. Interessanterweise wurde er
nie befördert und ging 1967 als Oberst in den Ruhestand.
BArch-MA Pers 1/4190.
151 Vgl. Akten zur Hebung der Kampfkraft der Infanterie von
Juli 1943 bis April 1944 in: BArch-MA, RH 11 I/44. Hier
insb. General der Infanterie b. Chef Gen St d H, 24. 9.
1943. Eine Sammlung von Rückschlägen bei
Infanterieeinheiten findet sich in: OKH GenSt. d.
H./Aus.Abt. II, 7. 4. 1944, CAMO 500/12480/29.
152 Bericht über die Ostfrontreise des Kommandeurs der
Sturmgeschütz Ers. u. Ausb. Abt. 200 vom 30. 8. 1943
bis 22. 9. 1943, BArch-MA, RH 10/58.
153 Reisebericht über die Reise zu L. AK vom 3. 2.–6. 2.
1944, 7. 2. 1944, BArch-MA, RH 11 II/2.
154 Auszug Bericht Burmeister, 29. 11. 1943, BArch-MA,
RH 10/54, S. 5.
155 Major i. G. Ferber, GenSt.H/Org, 17. 8. 1943, Bericht
über die Reise zur HGr. Süd vom 12.–16. 8. 1943,
BArch-MA, RH 10/54.
156 Der Kommandierende General II. Armeekorps Ia, Nr.
701/43 gKdos, 14. 8. 1943, BArch-MA, RH 11 I/44.
157 Vgl. z. B. Zustandsbericht Division »Hermann Göring«,
1. 12. 1943, 1. 1. 1944, BArch-MA, RL 32/27.
158 Grenadier-Regiment 81, Abt. Ia Nr. 61/43, 16. 7. 1943,
BArch-MA, RH 11 I/44.
159 Organisationsabteilung (I) 8100/43 g, 23. 9. 1943, sowie
Operationsabteilung IS/A, 13. 9. 1943. Vortragsnotiz
Zusammenfassung der bisher eingegangenen Meldungen
918
gemäß Grundlegendem Befehl Nr. 15, BArch-MA, RH 11
I/44.
160 Ausbildungsabteilung Chef Nr. 3175/43 g, 8. 8. 1943,
BArch-MA, RH 11 I/44.
161 Generalkommando IX. AK, Abt. Ia Nr. 1759/41 geh., 18.
9. 1941, BArch-MA, N 221/21.
162 Der General der Infanterie, Chef des Stabes, Was
geschieht zur Hebung der Kampfkraft der Infanterie und
wie kann der Truppenführer hierzu beitragen?, April
1944, BArch-MA, RH 11 I/44.
163 Soldaten beider Verbände wurden ungewöhnlich viele
hohe Auszeichnungen verliehen, so 46 bzw. 49
Ritterkreuze.
https://www.axishistory.com/books/150germany-heer/heer-divisionen/3250-knights-crossholders-of-1-infanterie-division;
https://www.axishistory.com/books/150-germanyheer/heer-divisionen/3300-knights-cross-holders-of-21infanterie-division.
164 Kratkaja svodka obobščennogo opyta boevyh dejstvij
vojsk I-go Ukrainskogo fronta za janvar’ 1944 goda
[Kurze Zusammenstellung der Erfahrungen der
Kampfhandlungen der Truppen der 1. Ukrainischen Front
für Januar 1944] vom 13. 2. 1944, CAMO, Fond 236,
Opis’ 2673, Delo 1319, S. 9, 11–12, https://pamyatnaroda.ru/documents/view/?id=151024300. Für diesen
Hinweis danke ich Otto Ermakov, Potsdam.
165 Major i. G. Ferber, GenSt.H/Org, 17. 8. 1943, Bericht
über die Reise zur HGr. Süd vom 12.–16. 8. 1943,
BArch-MA, RH 10/54.
919
166 Reisebericht über die Reise zum L. AK vom 3. 2.–6. 2.
1944, 7. 2. 1944, BArch-MA, RH 11 II/2. Zu den
Luftwaffenfelddivisionen auch Oberst Hans Kroh, in
SRM 922, 28. 9. 1944., TNA, WO 208/4139 sowie
Römer/Döring, Alfred Andersch desertiert, S. 25–144.
167 Etwa der Gegenangriff der 5. Panzerdivision bei Orel, 13.
7. 1943. Töppel, Kursk, S. 181 f., oder der Gegenangriff
der 20. Panzerdivision Ende Juni 1944 bei Bobruisk,
Hinze, Zusammenbruch, S. 136 f., 142 f.
168 Auszug aus Bericht Major i. G. Burmeister über die Reise
zur 4. Panzerarmee v. 24.–27. 11. 1943, BArch-MA, RH
10/54.
169 Tagebuch Hermann Balck, 16. 11. 1943, BArch-MA, N
547/11. Vgl. BArch-MA, Pers 6/300737.
170 Tagebuch Hermann Balck, 8. 4. 1941, BArch-MA, N
647/8.
171 Stichworte aus Briefen aus dem serbischen Feldzug,
BArch-MA, N 574/2.
172 Clausewitz, Vom Kriege, Zweites Buch, Elftes Kapitel, S.
251.
173 Historiker gehen heute davon aus, dass Rommel die
Besetzung Ägyptens wohl gelungen wäre, hätte er im
März 1941 auf das Eintreffen seiner zweiten Division
gewartet. Dazu Schmider, Crossroads of Lost
Opportunities. Zu den überhasteten Angriffen auf Tobruk
im April/Mai 1941 vgl. Kirchheim, Die Angriffsgruppe
Kirchheim am 30.IV. und 1.V.1941 beim Angriff auf
Tobruk. Kritische Untersuchung der Ursachen des
Scheiterns des Angriffs, Historical Division 1948 (D350). Vgl. auch Kirchheim, Der Vormarsch der
920
italienischen Division Brescia im April 1941 auf Tobruk,
1947.
174 8. 7. 1943. KTB DVB b. ital. AOK 6, BArch-MA, RH
31-XV/1.
175 Zum 10. 7. 1943 aus amerikanischer Sicht Blumenson,
Sicily, S. 147–162.
176 Stellungnahme des Verb.Offz. ital. AOK 6 zu den
Gefechtsberichten der PzDiv. Hermann Göring, BArchMA, N 241/73.
177 Morison, Sicily, S. 113.
178 Blumenson, Sicily, S. 160.
179 Vgl. auch den äußerst kritischen Bericht des
Kommandeurs des Artillerieregiments der Division
»Hermann Göring«, übersetzt ins Englische und
abgedruckt im US Intelligence Bulletin, Vol. II., No. 3,
November
1943,
http://www.lonesentry.com/articles/artillerypositions/inde
x.html. Im KTB des Panzerregiments wird der Fehlschlag
geschickt kaschiert. 11. 7. 1943, BArch-MA, RL 32/115.
Vgl. auch das KTB I. Abteilung PzRegiment HG, BArchMA, RL 32/117. Die Verluste der Abteilung waren mit
vier Toten und 18 Verwundeten sowie sieben
abgeschossenen Panzern überschaubar. Besonders knapp
wird der Angriff im ansonsten eher weitschweifig
geführten KTB der II. Abteilung geschildert. 11. 7. 1943,
BArch-MA, RL 32/118.
180 US Intelligence Bulletin, Vol. II., No. 3, November 1943,
http://www.lonesentry.com/articles/artillerypositions/inde
x.html. Zum herausgehobenen Ethos der Division vgl.
921
Divisions-Befehl Nr. 1, 27. 10. 1942, BArch-MA, RL
32/22.
181 Der Zustandsbericht vom November 1943 bemerkte dann
auch, dass es sich ungünstig auswirke, dass ein Großteil
der
Offiziere
Luftwaffenoffiziere
ohne
jede
Kampferfahrung seien. Meldung 1. 11. 1943, BArch-MA,
RL 32/27.
182 Das Panzerregiment war in Frankreich im Januar 1943
aufgestellt worden und hatte wegen des allgemeinen
Betriebsstoffmangels bis zur Verlegung nach Italien im
Mai 1943 nur eine Regiments- und zwei
Abteilungsübungen absolvieren können. 80 bis 90
Prozent des Personals hatten noch nie im Kampf
gestanden. KTB II. Abteilung, Eintrag 21. 4.–10. 5. 1943,
BArch-MA, RL 32/118.
183 10. 7. 1943. KTB DVB b. ital. AOK 6, BArch-MA, RH
31-XV/1. Vgl. auch BArch-MA, ZA 1/1321, S. 22.
184 Oberkommando des Heeres Gen. St. d. H. Aus.Abt. II,
12. 9. 1943, CAMO 500/12480/29. Vgl. auch KTB
OKW, Bd. 3, 13. 7. 1943, S. 777.
185 Tagebuch Hermann Balck, 8. 9. 1943, BArch-MA, N
647/10.
186 Die beste aus den Quellen gearbeitete Darstellung zur
Schlacht von Salerno aus deutscher Sicht ist immer noch
Schröder, Italiens Kriegsaustritt 1943, S. 293–301.
187 16. Panzer-Division Abt. Ia Nr. 692/43 geh., 16. 9. 1943,
Erfahrungsbericht über Feindlandung, in: KTB 10.
Armee, Anlagen, BArch-MA, RH 20-10/56. Vgl. Die
Schlacht von Salerno 8. bis 18. 9. 1943, PanzergrenadierRegiment 64, BArch-MA, RH 82/102 sowie RH 82/97.
922
188 Die Alliierten bezifferten die Kampfkraft der vor Salerno
versammelten Verbände auf ihrem Höhepunkt mit knapp
unterhalb vier Divisionen mit rund 150 Panzern. The
German Defence of the Gulf of Salerno, TNA, WO
204/7608, S. 8. Zum Einsatz der Division »Hermann
Göring« recht aufschlussreich das KTB II./PzGrenRgt 1,
BArch-MA, RL 32/124, sowie RL 32/88.
189 KTB 10. Armee, 13. 9. 1943, BArch-MA, RH 20-10/54,
S. 43; Funkspruch 13. 9. 1943, BArch-MA, RH 20-10/56.
190 KTB 10. Armee, 13. 9. 1943, BArch-MA, RH 20-10/54,
S. 41.
191 Etwa Tagebuch Hermann Balck, 18. 9. 1943, BArch-MA,
N 647/10.
192 Vgl. Gundelach, Luftwaffe im Mittelmeer, S. 674–681;
Blumenson, Salerno to Cassino, S. 106. Das Eingreifen
der Luftwaffe war zweifellos umfangreicher als in
Sizilien oder Anzio. Versenkt werden konnten aber nur
ein Kreuzer, vier Transporter und sieben Landungsboote.
Eine Reihe weiterer Schiffe, darunter das Schlachtschiff
Warspite,
wurden
schwer
beschädigt.
Zur
zeitgenössischen deutschen Sicht auch das publizierte
Kriegstagebuch der Seekriegsleitung, Teil A, Bd. 49, 8.
9.–16. 9. 1943, und vor allem das Tagebuch Wolfram von
Richthofens, 8. 9.–15. 9. 1943, BArch-MA, N 671/11.
193 Vgl. Extract from an unofficial Report on the Landings at
Salerno and Nettuno/Anzio, 25. 2. 1944, TNA, WO
204/7606, S. 2 f.
194 Erfahrungsbericht 16. Panzerdivision, BArch-MA, RH
20-10/56. Zur Rolle der feindlichen Schiffsartillerie, die
die
Seekriegsleitung
bemerkenswert
unbeteiligt
923
wahrnahm, vgl. KTB Skl Teil A, Bd. 49, 16. 9. 1943, S.
335, 337.
195 Dabei handelte es sich um vier 38-cm-, 70 15-cm- und
120 12,7-cm-Geschütze.
196 Morison, Sicily, S. 280. 11 000 Tonnen waren das
Äquivalent
von
72
000
Schuss
10,5-cmFeldartilleriemunition.
197 In den Akten findet sich nur ein Hinweis, dass gezielt
künstlicher Nebel zum Schutz vor der feindlichen
Artillerie
eingesetzt
werden
sollte.
ArmeeOberkommando 10 Abt. 1a B. B.Nr. 732/43 geheim, 12.
9. 1943, BArch-MA, RH 20-10/56.
198 Hitler befahl am 17. 8. eine Schwerpunktbildung im
Raum Neapel-Salerno und ordnete an, dass dorthin drei
Divisionen zu verlegen seien. Vermerk über Besprechung
beim Führer am 17. 8. 1943 abends, in KTB 10. Armee,
Anlagen, BArch-MA, RM 20–10/55.
199 Hermann Balck erwähnt eine 17-cm-Batterie, die aber
nur 60 Schuss gehabt hätte. Balck, Ordnung ins Chaos, S.
457. Vgl. auch KTB PzArt Regiment Hermann Göring,
12. 9. 1943, BArch-MA, RL 32/122.
200 Dazu auch Tagebuch Richthofen, 8.–10. 9. 1943, BArchMA, N 671/11, S. 324–335.
201 KTB 10. Armee, 10. 9. 1943, S. 36, BArch-MA, RM 20–
10/55, und auch Tagebuch Hermann Balck, 9. 9. 1943,
BArch-MA, N 647/10. Kesselring und Balck rechneten
mit der Möglichkeit einer weiteren alliierten Landung in
der Volturno-Mündung nördlich von Neapel und fielen
damit auf eine alliierte Scheinoperation herein. Dies war
ein Grund, warum sie ihre Kräfte nicht sofort auf Salerno
924
konzentrierten. Tagebuch Balck 9. 9. 1943, BArch-MA,
N 647/10; Funkspruch OB Süd ans XIV. PzKorps, 10. 9.
1943, BArch-MA, RH 24-14/81.
202 Die 10. Armee wies am 9. 9. um 8:00 Uhr das XIV. Pz
Korps zu »rücksichtsloser Zusammenfassung aller Kräfte
zur Schlacht von Salerno« an. BArch-MA, RH 20-10/55.
203 Die 29. Panzergrenadierdivision wurde nach der
britischen Landung in Kalabrien immer schneller nach
Norden gezogen, und der OB Süd gab am 8. 9. den
Befehl, Teile der Division in den Raum Polla-Lagonegro
vorzuziehen. KTB 10. Armee, 8. 9. 1943, BArch-MA,
RH 20-10/54. Vgl. auch: Der Feldzug in Italien, I. Teil, S.
206 f., BArch-MA, ZA 1-2300. Zum Problem der
Betriebsstoffversorgung vgl. KTB LXXVI. Pz
Korps/Qu.-Abt., insb. 8. 9. 1943, S. 31, BArch-MA, RH
24-76/17, sowie Anlagenband RH 24-76/18. Im KTB des
Marinekommandos Italien finden sich dazu keine
Angaben, BArch-MA, RM 36/61, 62.
204 Besprechung bei O. B. Süd/F. A. am 11. 9. 1943, 12. 9.
1943, KTB 10. Armee, Anlagen, BArch-MA, RH 2010/55; Rückblick auf die ersten drei Tage der Schlacht
von Salerno, 12. 9.(1943), KTB 10. Armee, Anlagen,
BArch-MA, RH 20-10/55.
205 Zur Betriebsstofflage des XIV. Panzerkorps vgl.
Vortragsnotiz O. Qu am 7. 9. 1943, Versorgungslage 9. 9.
1943, BArch-MA, RH 24-14/211.
206 Balck verwies nach dem Krieg auf den Vorteil kleinerer,
beweglicher Verbände und zog als Beleg den Kampf
seiner 11. Panzerdivision 1942/43 in Südrussland heran.
Dort hatte er mit vielleicht 25 Panzern ständig
bewegliche Gegenangriffe gefahren und so die 5.
925
Panzerarmee der Sowjets gestoppt. Vgl. BArch-MA,
MSG 2/2662.
207 Meldung XIV. AK, 12. 9. 1943, KTB 10. Armee,
Anlagen, BArch-MA, RH 20-10/55.
208 Blumenson, Salerno, S. 115.
209 Das bezieht sich auf die 16. Panzerdivision. Rückblick
auf die ersten drei Tage der Schlacht bei Salerno, 12. 9.
(1943), BArch-MA, RH 20-10/56.
210 Der Oberbefehlshaber Süd, Führungsabteilung Ia, 21. 10.
1943, BArch-MA, RH 19-X/11.
211 Tagebuch Hermann Balck, 16. 9. 1943, BArch-MA, N
647/10. Das traf wohl vor allem auf die Division
»Hermann Göring« zu. In deren Zustandsbericht über den
September 1943 heißt es, dass sich bei den
PzGrenadieren »das geringe Können der jungen Offiziere
und Unteroffiziere« besonders bemerkbar machte.
Meldung 1. 10. 1943, BA/RL 32/27. Teile der 26.
Panzerdivision griffen am 16. 9. in die Kämpfe ein, und
ihr Kommandeur Smilo Freiherr von Lüttwitz meinte in
einem Brief an seine Frau, dass sich die Truppe nach
Überwindung des ersten Schocks gut geschlagen habe.
Lüttwitz, 18. 9. 1943, in: Soldat in 4 Armeen, BArchMA, N 10/9, S. 213. In einer Nachkriegsdarstellung hieß
es, dass die Division bei Salerno noch nicht kampferprobt
und ihr Artillerieregiment noch nicht eingespielt gewesen
sei. Der Misserfolg hätte zu einem Absinken der
Kampfmoral geführt, was sich noch lange ausgewirkt
habe. Die Kämpfe der 26. Pz Division in Italien, BArchMA, N 10/3, S. 14.
212 KTB 10. Armee, 22. 8. 1943, 9. 9. 1943, BArch-MA, RH
20-10/54, S. 9, 34. Feldmarschall Wolfram von
926
Richthofen warf der 10. Armee schon am 11. 9. 1943
»mangelnde Energie« vor und glaubte, dass es bei
entsprechendem Willen noch möglich sei, »die AngloAmerikaner« entscheidend zu schlagen. Eine Vorstellung
von den Verhältnissen vor Ort hatte er nicht. Sein
Beharren auf dem Willen ist ein typischer Beleg für seine
nationalsozialistische Haltung. Tagebuch Wolfram
Freiherr von Richthofen, 11. 9. 1943, BArch-MA, N
671/11, S. 334 f.
213 In den Gefechtsberichten des Panzergrenadierregiments
64, das seit dem 9. September mit die Hauptlast der
Kämpfe zu tragen hatte, wird der Einsatz der eigenen
Artillerie kaum erwähnt und nur wenig reflektiert. Vgl.
die Berichte in BArch-MA, RH 82/97.
214 Der Oberbefehlshaber der 10. Armee meinte bei
Sieckenius »Rückwärtsgeist« festzustellen und notierte in
seiner Beurteilung: »Zweifellos war die Lage b. s. (…)
schwierig. Es fehlt ihm aber die Fähigk., schwungvoll, in
kühnem Entschluß s. Div. fest zuzufassen u. i. schnellem
Zupacken günstige Kampflagen auszunutzen.« BArchMA, Pers 6/300637. Freilich hat die 10. Armee selbst
nicht so gehandelt. Albert Kesselring, sein Stabschef
Siegfried Westphal und Hermann Balck präsentieren in
ihren Memoiren die Ansicht, dass die Aufteilung der
deutschen Truppen in Italien auf zwei Heeresgruppen –
eine nördliche unter Rommels und eine südliche unter
Kesselrings Kommando – ein Fehler gewesen sei. Die
beiden schnellen Divisionen, die in Oberitalien
zurückgehalten wurden, hätten am 13. oder 14. 9. von
Mantua aus eintreffen und die Lage wenden können.
Jedoch verkennen die drei Generäle dabei, dass beide
Divisionen wegen der Entwaffnung des italienischen
927
Heeres kaum so schnell in Salerno vor Ort hätten sein
können. Zudem ist fraglich, ob mehr Truppen angesichts
des alliierten Artilleriefeuers die Lage hätten wenden
können. Alle drei weichen vielmehr ihren eigenen
Fehlentscheidungen aus. Vgl. Der Feldzug in Italien,
BA/MA, ZA 1/2300, S. 321; Kesselring, Soldat bis zum
letzten Tag, S. 257; Westphal, Heer in Fesseln, S. 237 f.;
Balck, Ordnung im Chaos, S. 459. Der Kommandeur der
Division »Hermann Göring« sah in einer Ausarbeitung
aus dem Jahr 1947 von vornherein keine Chance, gegen
die feindliche Übermacht bestehen zu können. Defizite
der eigenen Führung erwähnt er nicht. BArch-MA, MSG
2/13110.
215 Tagebuch Hermann Balck, 18. 9. 1943, BArch-MA, N
647/10.
216 Blumenson, Salerno, S. 144. Die 10. Armee feierte in
einem Tagesbefehl die Schlacht von Salerno als Sieg,
wohl vor allem, um ihre Soldaten aufzumuntern.
Armeetagesbefehl, 18. 9. 1943, BArch-MA, RH 2010/56. Auch der Oberbefehlshaber, Heinrich von
Vietinghoff-Scheel, meinte in seinem Tagebuch, dass
seine Armee ihre Aufgabe voll erfüllt habe, und war
stolz, mit der Beförderung zum Generaloberst »den 3.
Stern« erhalten zu haben. Eine kritische Reflexion der
Probleme bei Salerno blieb vollständig aus.
Tagebuchnotizen Weihnachten 1943, BArch-MA, N
574/2.
217 Dazu Ball, The Bitter Sea, S. 251–255.
218 KTB Skl, Teil A, 22. 1. 1944, S. 395. Generell zur
Schlacht um Anzio/Nettuno: KTB OKW Bd. 4, 1944–45,
Teilband I, S. 121–172; Schreiber, Das Ende, S. 1147–
928
1149; Blumenson, Sizilien, S. 352–365, 385–396, 419–
432; Ben Arie, Die Schlacht bei Monte Cassino, S. 78–
225; Vego, Allied Landing at Anzio-Nettuno. Zum
vielfach kritisierten amerikanischen Oberbefehlshaber
John P. Lucas, der am 22. 2. 1944 abgelöst wurde, Ossad,
Major General John P. Lucas at Anzio.
219 Wenn man einmal von der Rückeroberung der Inseln
Leros, Samos und Kos im Oktober und November 1943
absieht.
220 KTB OKW, Bd. 4,1944–45, Teil 1, S. 141, 149.
221 Zum ersten Kampfeinsatz der 715. Infanteriedivision und
zu den Vorwürfen der 3. Panzergrenadierdivision
hinsichtlich der Probleme dieser Division beim Kampf
um Aprilia vgl. BArch-MA, RH 26-715/15. Der
Kommandeur
der
715.
Division,
Hans-Georg
Hildebrandt, stand unter erheblichem Erfolgsdruck. Er
war nach einer recht strammen Karriere in Tunesien als
Kommandeur der 21. Panzerdivision wegen mangelnder
fachlicher und menschlicher Leistungen abgelöst worden
und hatte am 5. 1. 1944 das Kommando über die 715.
Division bekommen. Letztlich konnte er auch hier nicht
überzeugen und wurde im September 1944 zur Erholung
seiner angegriffenen Gesundheit und starken Nervosität
abgelöst. Seine umfangreiche Personalakte in BArchMA, Pers 6/625.
222 NARA, RG 165, Entry 179, Box 544.
223 Gen.-Kdo LXXVI. Pz Korps, 11. 2. 1944, BArch-MA,
RH 24-76/11.
224 KTB OKW, Bd. 4, 1944–45, S. 134.
929
225 Ebenda, S. 156. Der Oberbefehlshaber der 14. Armee,
Eberhard von Mackensen, war »wie gewöhnlich,
außerordentlich
trieblos,
stumpfsinnig
und
pessimistisch«, notierte Richthofen in sein Tagebuch.
Freilich war der Kommandierende General des I.
Fallschirmkorps, General Alfred Schlemm, wohl
derselben Ansicht, traute sich aber nicht, offen seinen
Pessimismus zuzugeben. »Klagte sehr über Güte der
Truppen in der Verteidigung und im Angriff«, Tagebuch
Wolfram von Richthofen, 1. 2. und 2. 2. 1944, BArchMA, N 671/12. Der Ic der 14. Armee, Josef Moll, der in
der Bundeswehr zum Inspekteur des Heeres aufstieg, war
hingegen optimistisch. Josef Moll, Erinnerungen, o. J., S.
83, Privatarchiv Moll.
226 SRM 493, 17. 3. 1944, TNA, WO 208/4138.
227 Morison, Sicily, S. 350, 358 f., 364. In den ersten Tagen
waren die deutschen Luftangriffe während der
Dämmerung und Nachtstunden so erfolgreich, dass die
Schiffe gezwungen waren, sich von der Küste abzusetzen.
Vgl. Gundelach, Die deutsche Luftwaffe im Mittelmeer,
S. 761–790.
228 So hieß es in einem britischen Erfahrungsbericht, dass
»the enemy CB [counter-battery fire] has NOT been very
effective«. Lessons on the Action of 3 Inf Bde 30 Jan – 4
Feb 44, TNA, WO 204/7576.
229 KTB 76. Korps, 20. 2. 1944, BArch-MA, RH 24-76/9.
Vgl. auch Einsatz der 29. Panzergrenadierdivision
während des deutschen Gegenangriffes zur Beseitigung
des Landekopfes Anzio-Nettuno im Februar 1944,
BArch-MA, ZA 1/1489, S. 9; Panzergrenadierregiment
15 (mot), 20. 2. 1944, Meldung über Lage I. und III.
930
Bataillon am 19. 2. 1944; Stellungnahme der Division,
21. 2. 1944, beides BArch-MA, RH 20-14/26.
230 16.–20. 2. 1944: 5389 Verluste. Tagesmeldung 14. Armee
vom 21. 2. 1944, BArch-MA, RH 20-14/28. Die Verluste
der abgeschnittenen Bataillone III./und I./GR 15. waren
in diesen Zahlen wohl nicht enthalten. Die
Gesamtverluste dürften eher in der Größenordnung 6000
gelegen haben.
231 Josef Moll, Erinnerungen, o. J., S. 84, Privatarchiv Moll.
232 Ebenda. In den Briefen an seine Frau schrieb Moll
weniger deutlich, erwähnte, dass »seit 1940/41 vieles
anders geworden« sei, und »mit dem Befehlen allein ist
gar nichts getan«. Er lobte die »Festigkeit« der mittleren
Führung,
sprach
davon,
dass
ihnen
»große
Enttäuschungen« nicht erspart blieben. »Ich selbst kann
und will es oft nicht glauben.« Josef Moll an seine Frau,
3. 2. 1944, 20. 2. 1944, 28. 2. 1944, Privatarchiv Moll.
233 Oberbefehlshaber 14. Armee Nr. 1122/44 gKdos, 1. 3.
1944; Ia Nr. 1133/44 gKdos, 1. 3. 1944, beides BArchMA, RH 20-14/26. »Das Fehl an erfahrenen Führern und
Unterführern kann durch die vorhandene Begeisterung
der jungen Freiwilligen nicht ersetzt werden. Besonders
bei Rückschlägen fehlt die feste Führung.«
Zustandsbericht Division Hermann Göring, 1. 3. 1944,
BArch-MA, RL 32/27.
234 Klassisch zu Salerno: Kesselring, Soldat bis zum letzten
Tag, S. 253. Im Falle Anzios übernahm er aber für den
viel kritisierten Angriffsplan eine Mitverantwortung,
ebenda, S. 272 f. Zur Kritik siehe Stimpel,
Fallschirmtruppe, Einsätze auf Kriegsschauplätzen im
931
Süden, S. 349–357. Zu Anzio mit klassischer Kritik auch:
Staiger, Anzio-Nettuno, S. 98.
235 Der Feldzug in Italien, I. Teil, BArch-MA, ZA 1/2300, S.
454. Westphal wiederholte diese Aussage in seinen
Memoiren: Westphal, Erinnerungen, S. 251 f.
236 KTB OKW, Bd. 4: 1944–45, S. 167. Vgl. auch die
Schilderung in Westphal, Erinnerungen, S. 252 f., und
ders., Heer in Fesseln, S. 246 f.
237 FS AOK 14 Ia Nr. 801/44, BArch-MA, RH 20-14/26;
Chef des Generalstabes der 14. Armee, Abt Ia Nr.
2383/44, 18. 3. 1944, BArch-MA, RH 20-14/27. Zur
Kritik am Infanterie-Lehrregiment auch Kesselring,
Soldat bis zum letzten Tag, S. 273; Tagebuch Wolfram
von Richthofen, 16. 2. 1944, BArch-MA, N 671/12, S.
47.
238 Tagesmeldung des AOK 14 vom 16. 2. 1944;
Tagesmeldung der 14. Armee vom 21. 2. 1944, BArchMA, RH 20-14/28. Wenige Tage zuvor hatte eine Einheit
des Bataillons noch mehrere Hundert US-Ranger
gefangen genommen. Kommandeur war Major Harry
Herrmann, der für seine Leistungen am 5. 4. 1944 im
Wehrmachtbericht genannt wurde. Er wurde als Oberst in
die Bundeswehr übernommen, hier stellvertretender
Kommandeur
der
1.
Luftlandedivision,
dann
Kommandeur der Luftlandeschule in Altenstadt. Er
wurde nicht mehr befördert und 1967 im Alter von 58
Jahren in den Ruhestand versetzt. Vgl. BArch-MA, Pers
1/79531, Pers 6/182578. In der Verbandsgeschichte wird
auf die außerordentlich hohen Verluste des Bataillons
nicht
weiter
eingegangen.
Bliss/Bosshammer,
Fallschirmjäger-Lehr-Regiment, 1983, S. 10 f., 21992, S.
932
162 f. Im Geleitwort schrieb Harry Herrmann: »Zu
zeigen, dass wir deutsche Fallschirmjäger tapfer und
ehrenhaft für unser Vaterland gekämpft und gelitten
haben. Treue um Treue.«
239 Special Report CSDIC AFHQ No. 105, 6 Mar 1944,
TNA, WO 208/5508.
240 Zustandsbericht 26. Panzerdivision, 1. 1. 1944, 1. 2.
1944,
1.
3.
1944
http://www.lexikon-derwehrmacht.de/Gliederungen/Panzerdivisionen/26PDR.htm. Vgl. Zustandsberichte der Division Hermann
Göring vom 1. 12. 1943, 1. 1. 1944, 1. 2. 1944, BArchMA, RL 32/27, sowie die Klage über den mangelnden
Ausbildungsstand der Truppe, vorgetragen von einem
Dutzend Offizieren bei Hitler über die Kampfverhältnisse
bei Anzio. Das Argument, dass die deutsche Artillerie
gegen die Sonne geschossen habe, erscheint aus heutiger
Sicht wenig stichhaltig. KTB OKW, Bd. 4, 1944–45, S.
169.
241 KTB 14. Armee, 1. 2. 1944, BArch-MA, RH 20-14/24;
Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen, BArch-MA, N 10/9, S.
229; Die Kämpfe der 26. Pz Division in Italien, BArchMA, N 10/3, S. 36–43.
242 Albert Kesselring hat die 26. Panzerdivision wohl
mehrfach so bezeichnet. Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen,
BArch-MA, N 10/9, S. 224.
243 Erich Duensing, Einsatz an der Nettunofront – Februar
1944, Angriff der 362. Infanterie-Division, BArch-MA,
ZA
1/1542,
sowie
eine
Schilderung
des
Divisionskommandeurs Heinrich Greiner aus dem Jahr
1967, BArch-MA, N 542/19. Die Division hatte 1500
Verluste. Solche Ausfälle in so kurzer Zeit kamen auch
933
im Frankreichfeldzug 1940 durchaus vor, hatten aber
keine vergleichbar negativen Folgen für die Moral der
Truppe. Einen guten Einblick in die Kämpfe der 65.
Infanteriedivision bieten die Tagebuchnotizen des 1.
Ordonnanzoffiziers im Divisionsstab Heinrich Greeven,
BArch-MA, RH 26-65/16.
244 KTB General der Artillerie, 16. 3. 1944, BArch-MA, RH
11 II/1; KTB OKW 1944–45, S. 170. Vgl. FS AOK 14, Ia
Nr. 1364/44, 17. 3. 1944, BArch-MA, RH 20-14/27. Die
Armee hatte schon Anfang März mit der Ausbildung von
zumeist einer Sturmkompanie in dreiwöchigen
Lehrgängen begonnen. LXXVI. Pz Korps Ia Nr. 443/44,
3. 3. 1944, BArch-MA, RH 20-14/27. Zu den
unrealistischen Forderungen des OKW, den Krieg wie
1918 zu führen: BArch-MA, RH 20-14/27. Selbst die
Briten meinten: »Much of the technique of 1914–18 had
to be revived.« Lessons of the Italian Campaign, Nov,
1944, TNA, WO 204/7610.
245 Overmans, Verluste, S. 239.
246 Aktennotiz Nettuno, 13. 4. 1944, Generalleutnant Jahn,
BArch-MA, RH 11-II/2. Der Kommandeur der 715.
Infanteriedivision
meinte,
dass
sein
Artilleriekommandeur nicht in der Lage sei, sein
Regiment zu führen. Hildebrandt, Kdr. 715. ID (mot), 22.
2. 1944, BArch-MA, RH 26-715/15; ein ähnlich
negatives
Zeugnis
stellte
er
einem
seiner
Abteilungskommandeure aus. 715. Infanterie-Division
(mot), 17. 4. 1944, BArch-MA, RH 26-715/19.
247 Generalleutnant Curt Jahn war von März 1939 bis
Oktober 1940 Kommandeur der Artillerieschule und vor
Anzio der Höhere Artilleriekommandeur der 14. Armee.
934
Zur Kritik am Artillerieeinsatz siehe: Der Feldzug in
Italien, BArch-Ma, ZA 1/2300, S. 451. Die
Nachkriegserklärungen zum Einsatz der Artillerie bei
Anzio siehe Walter Kühn, Die Artillerie bei Anzio,
Barch-MA, ZA 1/1507. Unklar sind die Verschusszahlen.
Im KTB OKW heißt es: »16.–23. 2. eigener: 22 000,
Feind: 23 000. 29. 2. im Angriffsbereich 23 000 ungefähr
so viel auch der Feind. Feindl. Abwehr von
Ablenkungsangriff an Ostfront am Mussolini-Kanal mit
60 000 Schuss.« KTB OKW, Bd. 4: 1944–45, S. 165.
248 Vgl.
etwa
den
Erfahrungsbericht
der
29.
Panzergrenadierdivision über die Kämpfe auf Sizilien
und in Salerno, BArch-MA, RH 11 I/27.
249 Vgl. KTB OKW, Bd. 4: 1944–45, S. 175 f.
250 Schon im Frankreichfeldzug war bemängelt worden, dass
der Truppe die Übung im Einsatz mit künstlichem Nebel
fehle, der sich aber überall, wo er eingesetzt wurde, voll
bewährt und die Verluste verringert habe. OKH, Nr.
2400/40, Taktische Erfahrungen im Westfeldzug, 20. 11.
1940, S. 9, BArch-MA, RH 21-4/550.
251 Aufgrund
der
vielen
Luftangriffe
auf
die
Eisenbahnverbindungen in Italien und der anschließenden
Streckensperrungen gelang es der Wehrmacht im Winter
1943/44 nicht, einen größeren Vorrat an Munition
anzulegen. Im Dezember 1943 verschossen die deutschen
Truppen 11 325 Tonnen Munition, während 11 700
Tonnen zugeführt werden konnten. Beurteilung der
Versorgungslage
im
Bereich
der
Aussenstelle
OKH/GenQu Italien, 13. 1. 1944, BArch-MA, RH 3/135.
Andererseits entspannte sich die Verkehrslage im
Februar, sodass im März 1944 schon drei
935
Munitionsausstattungen bei den Einheiten vorhanden
waren. KTB OKW, Bd. 4: 1944–45, S. 168. Vgl. auch
Ernst Eggert, Der Feldzug in Italien. Die Versorgung,
Mannheim
1948,
sowie
Versorgung
und
Versorgungsführung von der Landung bei Anzio-Nettuno
bis zum Beginn der alliierten Mai-Offensive 1944,
BArch-MA, MSG 2/7283.
252 Lieb, Unternehmen Overlord, S. 84.
253 Dazu
Stimpel, Fallschirmtruppe, Einsätze auf
Kriegsschauplätzen im Osten und Westen, S. 166–171.
Der amerikanische Gefechtsbericht findet sich in 101st
A/B Div Cotentin Peninsula 6 Ju-10 Jun 44, NARA, RG
407, Box 19067 (270: 62/09/03).
254 Lieb, Konventioneller Krieg, S. 437.
255 Vgl.
https://www.dday-overlord.com/en/battle-ofnormandy/cities/breville-les-monts.
256 357 000 1941 zu 348 960 im August 1944. Overmans,
Verluste, S. 239.
257 Für die Westfront vgl. Neitzel/Welzer, Soldaten, S. 262 f.
Für die Ostfront vgl. etwa Generalkommando X.
Armeekorps IIa Nr. 872/44 geh., 6. 8. 1944, CAMO
500/12480/29. Das Dokument spricht vom Versagen der
Infanterie, die im Bereich des Armeekorps
Auflösungserscheinungen gezeigt hätte, die es mit
Stumpf und Stiel auszurotten gelte. Die Vollstreckung
von zwei Todesurteilen gegen zwei Infanteristen, die
ohne Befehl ihre Stellung verlassen hatten, wurde vom X.
Armeekorps den unterstellten Einheiten bekannt gegeben.
258 SRM 742, 3. 8. 1944, TNA, WO 208/4138; Hartdegen
war Offizier im Stab der Panzerlehrdivision.
936
259 Alfred Ibach, 15. 9. 1944, NARA, RG 165, Entry 179,
Box 544.
260 SRM 808, 21. 8. 1944, TNA, WO 208/4138, Hauptmann
Löchel.
261 SRM 771, 1. 8. 1944,
Oberfeldwebel Blank.
TNA,
WO
208/4138,
262 SRM 817, 23. 8. 1944, TNA, WO 208/4139, Beck.
263 SRM 875, 29. 8. 1944, TNA, WO 208/4139, Viebig.
264 SRM 763 7. 8. 1944, Leutnant Freiwald; SRM 758, 4. 8.
1944, Hartdegen; SRM 747, 3. 8. 1944, dito; SRM 838,
25. 8. 1944, Feldwebel Helldorf, TNA, WO 208/4138,
4139.
265 Neitzel, Abgehört, S. 137.
266 Ebenda, S. 146.
267 Ebenda, S. 45.
268 Neitzel, Kampf.
269 OKH GenSt. d. H. Ausb. Abt. (II), 12. 11. 1944, Bericht
über die Reise zur Heeresgruppe B, BArch-MA, RH 11I/28.
270 Die Deutschen hatten mit 67.000 Mann etwas geringere
Verluste als die Alliierten (75.000). Vogel, Kriegführung,
S. 632.
271 Ausbildungsabteilung, Nr. 200/45, Ausbildungshinweise
Nr. 35 (West), 13. 1. 1945, CAMO 500/12451/195. Als
Beispiele für die Ostfront vgl. Erfahrungen aus der 2.
Abwehrschlacht in Kurland, 2. 12. 1944, CAMO
500/12480/271, Bl. 39–43.
937
272 Vgl. als Beispiel den Gefechtsbericht der 78. VolksSturmdivision für die Zeit vom 15. 1. –15. 2. 1945, 2. 3.
1945 (Archiv Verfasser), der deutlich macht, dass trotz
des chaotischen Rückzugs die Division als Einheit
erhalten blieb und der Berichterstatter sich stetig
bemühte, die Fehler der oberen Führung und die gute
Haltung der Division herauszustellen. Im Duktus
unterscheidet sich der Bericht nicht von unzähligen
anderen, die in den vorherigen Kriegsjahren verfasst
wurden.
273 Kunz, Wehrmacht und Niederlage, S. 63.
274 Hierzu Kershaw, Das Ende; Kunz, Wehrmacht und
Niederlage; Zimmermann, Pflicht zum Untergang; Keller,
Volksgemeinschaft am Ende.
275 Yelton, Hitler’s Volkssturm.
276 Laut offiziellen Angaben von Krivošeev verloren die
sowjetischen Streitkräfte im 1. und 2. Quartal des Jahres
1945 557 643 Tote im Kampf, 148 028 verstarben in
Lazaretten, 26 509 starben an Krankheiten und Unfällen,
68 637 wurden vermisst oder gerieten in Gefangenschaft.
Ein Großteil von diesen dürfte umgekommen sein.
Insgesamt sind es also 800 817 Mann »unersetzbare
Verluste«. Krivošeev, Grigorij u. a. (Red.): Velikaja
Otečestvennaja bez grifa sekretnosti. Kniga poter’ [Der
Große
Vaterländische
Krieg,
ohne
Geheimhaltungsvermerk. Buch der Verluste], Moskau
2010, S. 60. Für diesen Hinweis danke ich Otto Ermakov.
277 In Bautzen wurden das 7. Mechanisierte Gardekorps und
die 254. Schützendivision schwer angeschlagen. Im
weiteren Verlauf der Kämpfe erlitten auch polnische
Verbände der 2. Polnischen Armee erhebliche Verluste.
938
Allerdings erlahmte die Kraft der deutschen
Gegenoffensive in der Oberlausitz nach der
Rückeroberung von Bautzen rasch. Berndt, Kämpfe.
Einige Fakten über die polnische Sicht in: Doman’ski,
1945.
278 Willems, Violence in Defeat.
279 Vgl. Neitzel/Welzer, Soldaten, S. 80 f.
280 Ebenda, S. 346–354.
281 Man sollte daher eher zurückhaltend sein, den
militärischen Wert einer Einheit nach der Zahl der
verliehenen Auszeichnungen zu bemessen. Töppel,
Ritterkreuz.
282 Eine
genaue
Statistik
ist
abrufbar
unter
http://www.ritterkreuztraeger-193945.de/Sonstiges/Statistiken/Statistiken-Startseite.htm.
283 Vierhaus/Herbst, Biographisches Handbuch, S. 191 f.
284 Warum prominente Mitglieder der NSDAP und der SS
ihren Militärdienst eher in der Wehrmacht versahen, ist
bislang nicht genau erforscht. Bekannt ist etwa der Fall
des
promovierten
Juristen,
Parteianwalts
und
Hauptsturmführers der SS Heinz Reinefarth, der 1939 als
Schütze der Reserve ins Heer eingezogen wurde und im
Frankreichfeldzug als Unteroffizier das Ritterkreuz
verliehen bekam. Er schied Mitte 1942 aufgrund
schwerer Erfrierungen als Leutnant der Reserve aus der
Wehrmacht aus, trat dann in die Waffen-SS ein, stieg dort
rasch zum Gruppenführer (Generalleutnant) auf und
schlug mit brutaler Gewalt den Warschauer Aufstand
nieder. Marti, Der Fall Reinefarth. Von den 250 000
Vorkriegsmitgliedern der SS standen im Januar 1940 185
939
000 unter Waffen, wovon eine knappe Mehrheit in der
Wehrmacht
diente.
Zahlenangaben
nach:
Der
Reichsführer-SS, 30. 1. 1940, BArch-MA, N 739/54.
285 Ausführlich
hierzu:
Römer,
Die
Volksgemeinschaft, insb. S. 151–163.
narzisstische
286 Tagebuch Josef Moll, 10. 12. 1941. Privatbesitz.
287 Liddell Hart, Deutsche Generäle, S. 79.
288 Vgl. Neitzel, Abgehört, insb. S. 29–36. Wie sich in einer
deutschen Division eine Kultur etablieren konnte, in der
es möglich war, dass ein Kompaniechef »abfällige
Äußerungen über die Partei und den Nationalsozialismus
machte und sich seiner Bekanntschaft mit Schriftstellern
aus Emigrantenkreisen rühmte«, dies letztlich sogar vom
Divisionskommandeur gedeckt wurde und erst durch die
Beschwerden eines renitenten Leutnants aufflog, zeigt die
Akte Oberkommando des Heeres, Heerespersonalamt Nr.
5700/43 geh. Ag P2/Chefgr., 27. 4. 1943, S. 3, CAMO
500/12480/29.
289 Helmecke, Ein »anderer« Oberbefehlshaber?
290 Schmundt, Tätigkeitsbericht 24./25. 6. 1943, S. 75.
291 Zur US Army vgl. Zimmerli, Offizier oder Manager.
292 Inwieweit die strukturellen Veränderungen vor allem eine
Reaktion auf die großen Verluste oder primär
ideologischer Natur waren, ist umstritten. Vgl. dazu
Knox, 1 October 1942, versus Kroener, Weg.
293 Loch, Deutsche Generale, S. 182.
294 Richard, Auswahl und Ausbildung, S. 149 f.; Kroener,
Weg. Zur politischen Schulung Förster, Geistige
Kriegführung.
940
295 Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 93–129.
296 Briten und Amerikaner belauschten in den Jahren 1939
bis 1945 rund 14 000 deutsche Gefangene in
Speziallagern.
Sie
erstellten
umfangreiche
Wortprotokolle. Zu dem Quellenmaterial und den daraus
gewonnenen Erkenntnissen siehe Neitzel, Abgehört;
Neitzel/Welzer, Soldaten; Gudehus/Neitzel/Welzer, Der
Führer; Römer, Kameraden.
297 Römer, Volksgemeinschaft in der Wehrmacht, S. 62–68.
298 Neitzel/Welzer, Soldaten, S. 337–341.
299 Stahel, Wehrmacht.
300 Vgl. Herzog, Scheitelpunkt, insb. S. 34 f. Gewiss war
schon in früheren Kriegen von der Opferbereitschaft der
Soldaten die Rede. 1916 hieß es in einem Handbuch für
den Dienstunterricht: »Gib dein Leben, wenn es sein
muss, stolz und getreu dem Vaterlande hin«. Transfeldt,
Dienstunterricht 1916/17, S. 190. Jetzt aber hatte das
Opfer als solches eine neue Qualität.
301 Briefwechsel von Geyer, Kluge und Boltenstein vom 5.
9., 6. 9. und 15. 9. 1941, in: BArch-MA, N 221/21.
302 16. Infanteriedivision (mot), 14. 3. 1943, Divisionsbefehl
zum Heldengedenktag 1943, CAMO 500/12480/315. In
ganz ähnlichem Duktus die Ansprache von Heinrich
Eberbach
an
sein
Panzerregiment
35
zum
Heldengedenktag 1941, in: BArch-MA, N 860/24. Zu
Schwerin auch die Biografie von Quadflieg.
303 Zit. nach Neitzel, Bedeutungswandel, S. 256. Darin auch
weitere Beispiele dieser Art.
304 Frank/Rath, Rudolf Petersen.
941
305 Generalkommando IX. AK, Abt. Ia Nr. 1561/41, 21. 7.
1941, 1759/41, 18. 9. 1941, BArch-MA, N 221/21. Zur
sozialen Praxis des Frontalangriffs und der Kritik daran
vgl. auch Römer, Die narzisstische Volksgemeinschaft, S.
189–194.
306 Zahlen nach Folttmann/Müller-Witten, Opfergang, S. 19.
Die Zahlen der an der Front gefallenen Generäle betrug
1914/18: 63, 1939/45: 292. In den Zahlen sind zur
besseren Vergleichbarkeit die Generäle der Waffen-SS
und Polizei nicht enthalten.
307 Simms, Reichenau, S. 438.
308 So bemängelte Hauptmann Heinrich von Vietinghoff
während der Frühjahrsoffensive 1918, dass der Brigadeund Divisionskommandeur in einer solchen Lage zu
Pferde nach vorn und nicht nach hinten in den Unterstand
gehöre. Tagebuch, 9. 4. 1918 sowie 13. 4. 1918, BArchMA, N 574/2. Smilo Freiherr von Lüttwitz kam sich
geradezu »erbärmlich« vor, im Frühjahr 1943 mit seiner
Division in Frankreich stationiert zu sein, während sich
alle anderen mit den Russen herumschlugen. Lüttwitz,
Soldat in 4 Armeen, 12. 4. 1943, BArch-MA, N 10/9, S.
199. Lüttwitz war einer jener Kommandeure, die das
Führen von vorne wörtlich nahmen.
309 Infanterie-Regiment
500/12480/325.
412,
21.
10.
1942,
CAMO
310 Hierzu auch Römer, Die narzisstische Volksgemeinschaft,
S. 189–198. Dies Verherrlichung des Sturmangriffs war
freilich nichts genuin Deutsches und lässt sich in vielen
Ländern nach dem Ersten Weltkrieg nachweisen.
311 Im Herbst 1941 wurde die 1. Kavalleriedivision zur 24.
Panzerdivision umgebildet; damit verschwand vorerst der
942
letzte selbstständige große Kavallerieverband aus der
Wehrmacht. Erst im Sommer 1943 wurde mit dem
Kavallerieregiment Mitte unter Major Georg von
Boeselager ein neuer selbstständiger Reiterverband
gebildet. In der Waffen-SS gab es zwei Reiterregimenter,
die zunächst zu einer Brigade und ab Herbst 1942 zur 8.
SS. Kavalleriedivison »Florian Geyer« ausgebaut
wurden.
312 Gab es in der Wehrmacht 18 Farben, waren es in der
Reichswehr nur elf.
313 Eberhard
Frommann
meint
in
dem
Lied
nationalsozialistischen Aggressionsgeist zu erkennen,
verkennt dabei aber, dass der Angriff nichts genuin
Nationalsozialistisches war. Er gehörte spätestens seit
Mitte des 19. Jahrhunderts zur (preußisch-)deutschen
Militärkultur und lässt sich in ähnlicher Form auch in
anderen Ländern wiederfinden. Frommann, Lieder der
NS-Zeit, S. 125. In der Panzertruppe gab es andere
Lieder, in denen die Verbindung zum NS-Gedankengut
weit stärker war. So etwa »Kameraden, es rasseln die
Ketten«, worin von Walhall die Rede war, davon, dass die
Soldaten für den Führer bis ans Ende der Welt ziehen und
dass man kein Pardon kenne. Dies war auch das
Regimentslied des Panzerregiments 35 von Heinrich
Eberbach. In seinem Nachlass finden sich einige
abschwächende Überarbeitungen des Liedes, wobei nicht
klar ist, ob diese zeitgenössisch sind. BArch-MA, N
860/24.
314 »Kein schöner Tod ist in der Welt«; »Auf, auf zum
Kampf«, in: Soldatenlied, S. 12, 161.
943
315 »Brüder, Brüder, jetzt geht’s in den Krieg«, in: ebenda, S.
23; »Stolzenfels am Rhein«, zit. nach Meier, Das
deutsche Soldatenlied, S. 31.
316 »Auf, Bruder, laßt uns fröhlich singen«; »Das schönste
Leben auf der Welt«; »Die Preußen stürmen«, in:
Soldatenlied, S. 13, 31, 42.
317 »Ein Grenadier auf dem Dorfplatz stand«, in: ebenda, S.
59.
318 »Kämpfen und bluten gern, Für Thron und Reich«.
319 »Zu Champigny im Felde« (württembergisches
Kriegerlied, das sich auf die Schlacht von Champigny
1870 bezieht), in: Soldatenlied, S. 285.
320 Vgl. Elbers, Soldatenlied, S. 244.
321 Siehe vergleichend Frommann, Lieder der NS-Zeit, S.
97–110.
322 Tagebuch Ferdinand von Senger und Etterlin, 5. 3. 1944.
323 Pöhlmann, Panzer, S. 513.
324 Siemens, Sturmabteilung, S. 341. Die SA suchte den
Erfolg der Fallschirmjäger in Holland und Belgien 1940
für sich propagandistisch auszuschlachten und meinte,
dass 90 Prozent der Soldaten aus der SA stammten, was
völlig übertrieben war. Die 1200 Mann der SA-Standarte
»Feldherrnhalle«
waren
auch
keine
an
die
Straßenschlachten der frühen Dreißigerjahre gewöhnten
»alten Kämpfer«, sondern zumeist junge Männer, die
nach 1933 in die SA eingetreten waren.
325 Er gehörte von 1925 bis 1932 einem württembergischen
Reiterregiment an, wo u. a. Hermann Balck sein
Vorgesetzter war, wechselte dann aber zur Fliegerei.
944
326 Erinnerungen von Heinz Jurascheck, MS, S. 9 (Kopie
Archiv Verfasser). Das Lied erfreute sich im Krieg großer
Beliebtheit und wurde selbst noch vor dem letzten
Sprungeinsatz im Dezember 1944 während der
Ardennenoffensive gesungen. »Die Leute waren von
einer ungeheuren Freude« und sangen »in der ersten Zeit
in der Maschine« das Fallschirmjägerlied »Rot scheint
die Sonne«, so ihr Kommandeur Friedrich August
Freiherr von der Heydte, SRGG 1131, 26. 2. 1945, S. 11,
TNA, WO 208/4170.
327 Ristow, Sturmgrenadiere, S. 15. Warum das FallschirmInfanteriebataillon des Heeres ausgerechnet die Tradition
des 1916 aufgestellten Sturmbataillons Nr. 7 aufnahm, ist
nicht bekannt. Der ehemalige Kommandeur der »Stürmer
7«, Hans Friedrichs, war als Generalmajor der
Reichswehr 1929 pensioniert worden und ab 1934
Oberbürgermeister von Potsdam. Dort war Richard
Heidrich seit 1935 an der Kriegsschule tätig. Beide waren
überzeugte Nationalsozialisten, sodass ein Kontakt nicht
unwahrscheinlich ist.
328 Tagebuch Wolfram von Richthofen, BArch-MA, N 671/4,
S. 35. Vgl. auch S. 37–41.
329 Der Einsatz einer Kompanie Fallschirmjäger im
mittelnorwegischen Dombås geriet zum Desaster. Ebenso
missglückte die Eroberung Den Haags am 10. 5. 1940
unter schweren Verlusten.
330 Richthofen notierte vier Tage vor Angriffsbeginn in
seinem Tagebuch: »Ich habe den Eindruck, dass der
ganze Laden Student unglaublich kriegsfremd und
unwendig ist. Habe daher Sorge für Gelingen.« Tagebuch
945
Wolfram von Richthofen, 16. 5. 1941, BArch-MA, N
671/7.
331 Ebenda, 20. 5. 1941, BArch-MA, N 671/7.
332 Dies gilt zumindest für Oberst Bruno Bräuer,
Kommandeur des Fallschirmjägerregiments 1. Vgl. Ernst
Mössinger, Ein kritischer Bericht über den Einsatz der
deutschen Fallschirmtruppe auf der Mittelmeer-Insel
Kreta vom 20.–29. 5. 1941 im Abschnitt Iraklion-Ost aus
der Sicht des ehem. I. Bataillon/FallschirmjägerRegiment 1, o. O. 1987, sowie Nachträgliche Bewertung
der takt. Einsatzplanung von Kreta [Vortrag vermutlich
von Ernst Mössinger, o. D.], BArch-MA, BW 57/736.
Richthofen notierte am 26. 5. 1941 über eine Meldung
der 5. Gebirgsdivision ȟber Erdlage und Zustand der
Truppe« in sein Tagebuch: »Fallschirmtruppen sehr
nieder, Verluste, Offiziersverluste, ganz durcheinander
und sehr undiszipliniert. Im Erdkampf nicht ausgebildet.
Bestätigung meines bisherigen Eindrucks.« Weder in dem
vorläufigen Erfahrungsbericht noch im abschließenden
Gefechtsbericht des IX. Fliegerkorps, beide vom 11. 6.
1941, wird zu diesen kritischen Stimmen Stellung
genommen. BArch-MA, RL 33/98, –/116. Die offiziellen
Unterlagen der 5. Gebirgsdivision nehmen zur
Kampfkraft der Fallschirmjäger und der Planung der
Operation nicht Stellung. Gefechtsbericht über den
Einsatz der 5. Gebirgs-Division auf Kreta, Mai 1941,
BArch-MA, RH 28-5/88; Kriegstagebuch der 5.
Gebirgsdivision Mai 1941 in: BArch-MA, RH 28-5/1.
333 So der Titel eines von
herausgegebenen Bildbandes.
Kurt
Student
1942
946
334 So Smilo Freiherr von Lüttwitz über das II./FJR 1 am 6.
12. 1943, Lütwitz, Soldat in 4 Armeen, BArch-MA, N
10/9, S. 223.
335 Tagebuchnotizen Heinrich Greeven, BArch-MA, RH 2665/16, S. 22.
336 86 Angehörige der 1. Fallschirmjägerdivision bekamen
das Ritterkreuz verliehen und führten damit die Rangliste
aller Wehrmachtdivisionen an.
337 Abgedruckt in Stimpel, Fallschirmtruppe, Innenansichten,
S. 256.
338 So meinten die Briten, dass die gefangenen Offiziere der
3. Fallschirmjägerdivision fast ausschließlich überzeugte
Nationalsozialisten seien. Corps Intelligence Summary,
No. 56, 8. 9. 1944, TNA, WO 171/287.
339 1. FschJgDiv/Kdr, Denkschrift über Gliederung,
Bewaffnung
und
Ausrüstung
einer
Fallschirmjägerdivision sowie über die Grundsätze der
Gefechtsführung
im
Rahmen
einer
Fallschirmjägerdivision, 11. 9. 1944, BArch-MA, RH 11
I/24.
340 Das gilt in jedem Fall für die ersten vier Kerndivisionen
der Fallschirmjägertruppe, die bis Ende 1943 aufgestellt
wurden. Vgl. Müllers, Elite. Zumindest für die
Fallschirmpanzerdivision »Hermann Göring« ist belegt,
dass sie zu den Geburtstagen Hitlers und Görings sowie
zum 30. Januar eine Feierstunde abhielten. KTB
II./PzRegiment HG, BArch-MA, RL 32/118.
341 So die Textzeile des Liedes »Auf, Fallschirmjäger tretet
an«, Stimpel, Fallschirmtruppe, Innenansichten, S. 67.
947
342 Erinnerungen von Heinz Jurascheck, MS, S. 17–19
(Kopie Archiv Verfasser).
343 SRGG 971, 9. 8. 1944, TNA, WO 208/4168.
344 Zit. nach: Petter, Massengesellschaft, S. 363. Vgl. auch
Oberbefehlshaber der 10. Armee, Ia/IIa Nr. 218/43 geh.,
28. 8. 1943, BArch-MA, RH 24-14/211.
345 Zu den frühen Zwischenfällen von Wehrmacht und SS
vgl.: Der Reichskriegsminister, Az 1 n 56 11 J(Ia), 25. 1.
1938, BArch-MA, RH 53-7/68.
346 In
aller
Ausführlichkeit
Großdeutschland.
unlängst:
Tewes,
347 Wie sehr die Division erst eine eigene Identität
entwickeln musste, belegen die Notizen im Tagebuch der
II. Abteilung des ab November 1942 aufgestellten
Panzerregiments. Es ist von Spannungen zwischen
»blauen« (= Luftwaffe) und »schwarzen« (=
Panzertruppe/Heer) Männern die Rede. »Während die
Angehörigen der Luftwaffe im allgemeinen als frisches,
bestes Menschenmaterial zu bezeichnen sind, kommen
die Leute vom Heer aus allen möglichen Pz-ers.
Abteilungen Deutschlands. Es handelt sich also häufig
um kriegsmüde, teils körperlich, teils geistig schwache
Männer.« Dem Regimentskommandeur, einem erfahrenen
Panzermann des Heeres, war sehr bewusst, dass man die
Männer nicht über Nacht zu einem »festen, stolzen und
einsatzbereiten Regiment« zusammenschweißen konnte.
Er appellierte aber an seine Soldaten, dass der
Ärmelstreifen sie verpflichte, dass es eine besondere Ehre
sei, den Namen des Reichsmarschalls zu tragen, und dass
sie einer Elitetruppe angehörten. KTB II./PzRegiment
Nov. 42-April 43; 28. 1. 1943, BArch-MA, RL 32/118.
948
348 Lehnhardt, Die Waffen-SS.
349 Tagebuch Hermann Balck, 20. 1. 1944, BArch-MA, N
647/12.
350 Dazu demnächst Chris Helmecke, Waffen-SS im
Fronteinsatz. Kriegführung und militärischer Wert der
SS-Panzer-Divisionen 1939–1945, Diss. phil. Uni
Potsdam. Bremm, Waffen-SS, scheint im Lichte der
Forschungen Helmeckes in seiner sehr kritischen Haltung
zum militärischen Wert der SS-Divisionen eher über das
Ziel hinauszuschießen.
351 So Lieb, Konventioneller Krieg.
352 Dazu anhand der Abhörprotokolle Neitzel/Welzer,
Soldaten, S. 361–390 Carl-Gero von Ilsemann schrieb
über eine Frontreise zu den SS-Divisionen 1943:
»Entsetzt waren wir von den Unterhaltungen, in denen
übelste und brutalste Judenwitze zur Tagesordnung
gehörten.« Ilsemann an Ekkehard Asbeck, 10. 12. 1983,
BArch-MA, N 736-29.
353 So der Befund für den Kriegsschauplatz in Frankreich
(Lieb, Konventioneller Krieg) und Italien (Gentile,
Wehrmacht). Zur Frage, inwieweit die 7. SS-Division
»Prinz Eugen« auf dem Balkan brutaler vorging als die
Wehrmachtdivisionen, siehe: Casagrande, SS-Division
»Prinz Eugen«; Schmider, Vernichtungskrieg. Für den
sowjetischen Kriegsschauplatz gibt es aufgrund der
schlechten Quellenlage zu wenig gesicherte Erkenntnisse
zu den Kriegsverbrechen der SS-Divisionen, um einen
Vergleich mit Wehrmachtdivisionen vorzunehmen.
354 Vgl.
Packheiser,
Truppenbetreuung.
Heimaturlaub;
Vossler,
949
355 Korpskommando XV. AK, Ia 4. 10. 1939, BArch-MA,
RH 21-3/4.
356 Der Oberbefehlshaber des Heeres, 11. 7. 1940, CAMO
500/12480/56. Vgl. auch Armee Oberkommando 6, Ia Nr.
3104/40 geh, 10. 8. 1940, CAMO 500/12472/289, Bl. 2.
Es gab aber auch andere Stimmen dazu: Feldmarschall
Fedor von Bock meinte, dass Drill ein gerade für den
deutschen Soldaten durch nichts zu ersetzendes Mittel
innerer und äußerer Erziehung sei. Bock war einer der
ältesten Generäle des Heeres, 1880 geboren und 1898 als
Fähnrich in das 5. Garde-Regiment eingetreten.
Heeresgruppe B Ia Nr. 4483/40 gKdos, 24. 9. 1940,
CAMO 500/12454/58.
357 Anlage zu OKH/GenStdH/AusAbt (Ia) Nr. 340/44 g v.
23. 1. 1944, Ausbildungsplan für Unterführeranwärter (6Wochen-Lehrgang), CAMO 500/12466/65.
358 Etwa in: Der Oberbefehlshaber des Heeres, Nr. 5343/39
PA (2) Gr. I/Ia, 25. 10. 1939. CAMO 500/12451, Akte
160; ders., PA (2) Ia Az 14 Nr. 6190/42, 22. 5. 1942,
CAMO 500/12480/56.
359 Vgl. z. B. Kießling, Versäumter Widerspruch, S. 14–18.
360 Beispiele finden sich in: Der Oberbefehlshaber des
Heeres, Nr. 6650/39 PA (2) Gr. I/Ia, 18. 12. 1939. CAMO
500/12480/59.
361 Der Offizier wurde zu zwei Jahren und sechs Monaten
Gefängnis sowie Rangverlust verurteilt. Oberkommando
des Heeres, Heerespersonalamt, Nr. 5700/43 geh. Ag
P2/Chefgr., 27. 4. 1943, S. 7, CAMO 500/12480/29.
362 Noch am 1. 2. 1945 wurde Leutnant Joachim Brüll vom
Gericht der Wehrmachtkommandantur Berlin zu drei
950
Wochen geschärftem Stubenarrest verurteilt, weil er
Anfang Januar die Männer seines Pak-Zuges während
einer Übung dazu gezwungen hatte, als Mutprobe von
einem 2,48 m hohen Bunker zu springen. Mindestens
zwei Soldaten verletzten sich dabei, einer davon mit
einem Mittelfußbruch. Für diesen Hinweis danke ich
Konstantin Eckert.
363 Ausführlich dazu demnächst Eckert, Menschenführung in
der Wehrmacht.
364 Römer, Volksgemeinschaft in der Wehrmacht, S. 67.
365 Eine farbige Beschreibung des Führungsstils von
Hermann Balck in: Mago/Rosenboom, Theodor
Poretschkin, S. 180–183. Nach dem Frankreichfeldzug
wurde
Balck
durchaus
für
seine
überharte
Menschenführung kritisiert. So hieß es: »Starke,
eigenwillige Persönlichkeit, hart gegen sich u. s.
Untergebenen, denen er das Letzte abzufordern versteht.
In seiner Härte fehlt es ihm bisweilen an Herz für seine
Untergebenen. Sein Regiment empfand diesen Mangel
schmerzlich, bei aller Achtung vor seinem Können u.
persönl. Einsatz. Führt s. Rgt. vor d. Feinde mit bes.
Schneid u. sicherem Führerinstinkt u. nie erlahmendem
Vorwärtsdrang. […] Neigt dazu, bisweilen zu
selbstbewusst zu sein. Sein erzieherischer Einfluß auf das
Offz. Korps für das Verhalten außer Dienst u. i. der
Öffentlichkeit ist unzureichend.« Beurteilung 11. 2. 1941,
BArch-MA Pers 6/73.
366 So wurde Heinz Karst – er wird uns in seiner Rolle in der
Bundeswehr noch beschäftigen – als Kommandeur der
Aufklärungsabteilung 120 im April 1944 abgesetzt, weil
er »aussergewöhnlich kritischen Lagen […] aus Mangel
951
an innerer Seelenstärke« nicht immer gewachsen sei. 20.
Panz.Gren.Div., Ausserterminliche Beurteilung über
Hauptmann Karst, Kdr. Panz.Aufkl.Abt.120, 21. 4. 1944,
Personalakte, NARA.
367 Heinrich Eberbach an seine Frau, 9. 7. 1941, BArch-MA,
N 860/10. Ähnlich Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen, BArchMA, N 10/9, S. 161, 163.
368 Siehe auch sein Rundbrief Nr. 2 zu Weihnachten 1939 an
die Regimentsangehörigen, BArch-MA, N 860/24.
Römer sieht im Paternalismus etwa eines Theodor
Habichts und Kameradschaft einen Gegensatz, den ich
viel weniger stark akzentuieren würde. Römer,
Narzissistische Volksgemeinschaft, S. 179.
369 Oberkommando des Heeres Gen St. H. Nr. 130/39 gKdos
30. 7. 1939, Bericht über die Beteiligung des deutschen
Heeres am spanischen Bürgerkrieg, S. 40. CAMO
500/12451/535.
370 Heinrich Eberbach an seine Frau, 30. 8. 1939, BArchMA, N 860/8.
371 Der Oberbefehlshaber des Heeres Nr. 6650/39 PA (2) Gr.
I/Ia, 18. 12. 1939. CAMO 500/12480/59; Anlage 3,
ObdH/GenStdH/OQu I, Nr. 500/40g g v. 7. 10. 1940,
CAMO 500/12451/160.
372 Oberbefehlshaber des Heeres, Nr. 133/40, PA (2) Ia, 27.
2. 1940.
373 Oberbefehlshaber des Heeres, Nr. 2460/40 PA (2) Gr. I/Ia,
6. 4. 1940.
374 Oberbefehlshaber des Heeres, Heereswesen-Abt i. G./PA
Ic, 31. 8. 1940.
952
375 Disziplinarbericht 8. Z-Flottille, 1. 7. 1942–1. 9. 1943,
BArch-MA, RM 58/39.
376 Oberbefehlshaber des Heeres, Heereswesen-Abt i. G./PA
Ic, 31. 8. 1940; Oberkommando des Heeres,
Heerespersonalamt, Nr. 5700/43 geh. Ag P2/Chefgr., 27.
4. 1943, S. 4, CAMO 500/12480/29.
377 Der Oberbefehlshaber der 9. Armee, 17. 7. 1941, CAMO
500/12480/59.
378 Tagebuch Hauptmann Zetzsche, 25. 10. 1941, BArchMA, N 221/49.
379 Smilo Freiherr von Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen, 18. 2.
1942, BArch-MA, N 10/9, S. 163.
380 Der Oberbefehlshaber der 4. Armee, 19. 11. 1943. Betr.
Verstösse gegen die Disziplin und Manneszucht, CAMO
500/12451/434.
381 370. Inf.-Division Kommandeur, 1. 4. 1944, CAMO
500/12477/906, Bl. 1.
382 25. Panzergrenadierdivision, Ia Nr. 527/44 geh., 25. 4.
1944, CAMO 500/12480/56.
383 Römer, Narzissistische Volksgemeinschaft, S. 224.
384 Smilo Freiherr von Lüttwitz hat in der USKriegsgefangenschaft 1946 die Frage nach dem Grund
für die vergleichsweise hohe Moral der Truppe vor allem
mit der horizontalen Kohäsion beantwortet. Für seine
zeittypische Gewichtung einzelner Faktoren vgl. BArchMA, N 10/7. Lüttwitz war einer der älteren Generäle, die
noch in die Bundeswehr übernommen und 1960
pensioniert wurden. Die beiden amerikanischen
Soziologen Edward A. Shils und Morris Janowitz stießen
in ihren Befragungen deutscher Kriegsgefangener auf die
953
zentrale Bedeutung der Primärgruppen und relativierten
damit die Rolle der Ideologie. Dieser Befund wurde
später in vielen Studien weiter ausdifferenziert. Vgl.
Shils/Janowitz, Cohesion and Disintegration. Zum Thema
ausführlich
auch
Römer,
Kameraden;
Kühne,
Kameradschaft.
385 Rass, Sozialprofil, insb. S. 723–737.
386 Thomas Kühne betont in seiner Studie die Funktion der
Sozialkontrolle der Kameradschaft und ihre nachträgliche
Mystifizierung. Kühne, Kameradschaft.
387 Briefe an die Eltern, 22. 10. 1942, Nachlass Reese.
388 Ebenda, 17. 12. 1942, Nachlass Reese. Allerdings war
auch Willy Peter Reese dem Anpassungsdruck der
Gruppe ausgesetzt. In seinem Gedicht »Kameraden«
zeichnet er eher ein kritisches Bild der Kameradschaft,
was gewiss auch daran lag, dass er trotz aller
Schicksalsgemeinschaft als Büchernarr den meisten
anderen Soldaten fremd blieb.
389 Vgl. z. B. 10. 12. 1943 und 15. 1. 1944, CAMO
500/12466/65.Vgl. z. B. Heeresschule für Btl-Abt.Führer
Antwerpen Abt Ia/34 Nr. 11244. CAMO 500/12480/56.
Zum Gesamtkomplex Förster, Geistige Kriegführung.
390 81. Inf.Division, Abt. NS-Führung, 12. 8. 1944, CAMO
500/12480/291. Interessanterweise war selbst Ludwig
Beck vor dem Krieg der Überzeugung, dass seelische und
moralische Faktoren letztlich über einen Krieg
entscheiden, Müller, Beck, S. 227.
391 Etwa in Heeresschule für Btl-Abt.Führer Antwerpen Abt
Ia/34 Nr. 11244. CAMO 500/12480/56.
954
392 So beklagte die Wehrmachtstreifengruppe beim ArmeeOberkommando 6, dass es an der Form, wie der Deutsche
Gruß geleistet werde, noch sehr viel zu beanstanden gebe.
9. 11. 1944, CAMO 500/12480/145.
393 Werner Otto im heimlich aufgezeichneten Gespräch mit
Franz-Josef Friemel, 1. 1. 1945. Zit. nach Römer,
Kameraden, S. 208 f.
394 Neitzel, Abgehört, S. 189.
395 101. Jägerdivision, 21. 11. 1944, CAMO 500/12454/271,
6. Panzerdivision Ia Nr. 1304/1944 geh., 3. 12. 1944,
CAMO 500/12480/271.
396 Gruppe Nord (früher Gruppe Henze), CAMO
500/12480/38. Zum Terror gegen die eigenen Truppen
vgl. Kunz, Wehrmacht, S. 260–265; Zimmermann, Pflicht
zum Untergang, S. 139–165, Kershaw, Das Ende, S. 301–
348.
397 Tagebuch Hermann Balck, September 1918, BArch-MA,
N 647/5, S. 24.
398 Ebenda, 5. 4. 1945, BArch-MA, N 647/13.
399 Ungvary, Battle for Budapest, S. 172, 211, 326.
400 Budapest war auch für die Verhältnisse an der Ostfront
ein Extrembeispiel. Kapitulationsverweigerung und
selbstmörderische Ausbruchsversuche gab es 1945 immer
wieder, so beispielsweise in Posen oder in Berlin.
401 Vgl. dazu Fügen, »Bis zum letzten Mann«.
402 Bekannte Beispiele sind Josef von Gadolla,
Kampfkommandant von Gotha, der am 5. 4. 1945
hingerichtet wurde, oder der Kommandant der Brücke
von Remagen, Major Johann Scheller.
955
403 Zit. nach Neitzel, Abgehört, S. 172.
404 Rossino, Hitler strikes Poland, S. 1.
405 Lehnstaedt/Böhler, Einsatzgruppen, S. 7; Pohl,
Verfolgung und Massenmord, S. 49; Rossino, Hitler
strikes Poland, S. 234; Mallmann/Böhler/Matthäus,
Einsatzgruppen in Polen, S. 87 f.
406 Krausnick/Wilhelm, Truppe des Weltanschauungskrieges,
S. 57.
407 Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht, S. 81 f.
408 H. Dv. G.2, Dienstanweisung für die Einheiten des
Kriegsheeres v. 29. 6. 1939, Berlin 1939, S. 48. Siehe
auch das 3. Gebot in »10 Gebote für die Kriegsführung
des deutschen Soldaten«.
409 Zur Rede Hitlers am 22. 8. 1939 vgl. Hürter, Heerführer,
S. 158 f. Zu den Kriegsverbrechen der Wehrmacht in
Polen vgl. ebenda, S. 177–187.
410 CAMO 500/12474/239, S. 4–7.
411 Zit. nach Toppe, Militär und Völkerrecht, S. 298.
412 Im September 1939 sind 4000–5000 Volksdeutsche von
Polen ermordet worden, rund 400 von ihnen am 4. 9.
1939 in Bromberg. Krzoska, »Bromberger Blutsonntag«.
413 Die »10 Gebote für die Kriegsführung des deutschen
Soldaten« sind leicht im Internet zugänglich. Etwa:
https://ic.pics.livejournal.com/blagin_anton/33716210/57
880/57880_original.jpg Siehe auch: Toppe, Militär und
Kriegsvölkerrecht, S. 269 f.
414 Der Oberbefehlshaber des Heeres, Az 453 Gen Qu (III)
Gen St H Nr. 5962/39, 4. 11. 1939, CAMO
500/12472/591.
956
415 II./I. R. 48, 22. 9. 1939, Dokument im Privatarchiv des
Verfassers. Publiziert in: Neitzel, Zeitalter der Weltkriege,
S. 36.
416 Die Regimentsgeschichte weist wenig überraschend auf
diesen Befehl nicht hin und zitiert das Bataillons-KTB
mit der Notiz, dass am 23. 9. 1939 Überläufer vom II.
Bataillon gefangen genommen wurden. Michaelis,
Infanterie-Regiment 48, S. 103 f.
417 Pohl, Herrschaft der Wehrmacht, S. 51 f.
418 Böhler, Auftakt, S. 241.
419 Heinrich Eberbach an seine Frau, 20. 9. 1939, BArchMA, N 860/8. Die Verwendung von sogenannten DumDum-Geschossen – Projektile ohne Spitze, die im
menschlichen
Körper
besonders
verheerende
Verwundungen hervorrufen – war laut Art. 23 der HLKO
verboten. Wie der Gebrauch zu ahnden war, ist dort nicht
geregelt und scheint hier nach Gutdünken vorgenommen
worden zu sein.
420 Heinrich Eberbach an seine Frau, 20. 9. 1939, BArchMA, N 860/8.
421 Ebenda. Ähnlich hymnische Äußerungen über »die
geniale Politik des Führers« finden sich im Tagebuch des
Kommandeurs der 5. Panzerdivision, Heinrich von
Vietinghoff-Scheel, 17. 5. 1939, 24. 8. 1939, 25. 10.
1939, 9. 4. 1940, BArch-MA, N 574/2.
422 Erfahrungen aus der Schlacht am Lysa Gora, 13. 9. 1939,
BArch-MA, RH 21-3/4.
423 Korpskommando XIII Ia Nr. 100/39, Kurzer
Erfahrungsbericht und Zustandsbericht, BArch-MA, RH
24-13/20. Den Bericht hat wohl Rudolf Hoffmann
957
geschrieben – unterschrieben hat ihn der Befehlshaber
General Maximilian von Weichs. Zu den Verbrechen des
XIII. Korps in Polen vgl. Rossino, Hitler strikes Poland,
S. 164–169.
424 Heinrich Eberbach an seine Frau, 20. 9. 1939, BArchMA, N 860/8.
425 Die deutschen Akten, Briefe und Tagebücher sprechen
immer wieder mit großer Anerkennung von der
Tapferkeit der polnischen Soldaten. Das XV. Armeekorps
hielt im Oktober 1939 sogar fest, dass Vaterlandsliebe
und beispielhafte Haltung des polnischen Soldaten den
eigenen Männern als Vorbild zu vermitteln seien.
Tagebuch Friedrich Olbricht, 21. 9. 1939, S. 3; 30. 9.
1939, S. 5, BArch-MA, N 325/1; Korpskommando XV.
AK, Abt. Ia, 4. 10. 1939, BArch-MA, RH 21-3/4.
426 Zu den Gehorsamsexperimenten Stanley Milgrams vgl.
Blass, Obedience.
427 Heinrich Eberbach an seine Frau, 4. 9. 1939, BArch-MA,
N 860/8.
428 So zumindest Rossino, Hitler strikes Poland, S. 153 f.,
176.
429 Es gab international durchaus unterschiedliche
Auffassungen, wie mit Freischärlern zu verfahren sei. Bis
1949 scheint es aber eher Rechtsbrauch gewesen zu sein,
diese nach einem Kriegsgerichtsverfahren zu exekutieren.
Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht, S. 85–88.
430 Es gab wohl auch Fälle, in denen ein Feldgericht
einberufen wurde. Friedrich Olbricht notierte in seinem
Tagebuch, dass nach einem Gefecht ein »Mann mit
deutschem Koppel und deutschen Patronen aufgegriffen«
958
wurde. »Das Feldgericht hatte ihn zum Tode verurteilt.
Ich habe es bestätigt.« Tagebuch Friedrich Olbricht, 12.
9. 1939, BArch-MA, N 325/1.
431 Heinrich Eberbach an seine Frau, 18. 9. 1939, BArchMA, N 860/8.
432 Rossino, Hitler strikes Poland, S. 176. Eberbach ließ in
seinem Regiment sieben Soldaten wegen Marodierens,
Entfernens von der Truppe und Feigheit vor ein
Kriegsgericht stellen. Sie wurden zu Strafen zwischen
drei und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Heinrich
Eberbach an seine Frau, 4. 10. 1939, BArch-MA, N
860/8. Vgl. auch Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht, S.
356–364.
433 Ebenda, S. 343–347. Die versuchte Verurteilung eines
Obermusikmeisters der Leibstandarte durch ein
Feldgericht der 29. Infanteriedivision wird auch
beschrieben in: Smilo Freiherr von Lüttwitz, Soldat in 4
Armeen, BArch-MA, N 10/9, S. 108 f.
434 Krausnick, Hitlers Einsatzgruppen, S. 79–84. Vgl. auch
Clark, Blaskowitz.
435 Vgl. auch die Hinweise bei Mallmann/Böhler/Matthäus,
Einsatzgruppen, S. 88.
436 Overmans, Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen
Reiches, insb. S. 748 f.
437 Jan C. Behrends, Rezension zu: Böhler, Auftakt zum
Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939.
Frankfurt am Main 2006, in: H-Soz-Kult, 17. 10. 2006,
www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8061.
438 Das gesamte Bataillon verlor bei seinem NorwegenEinsatz 23 Tote und 84 Verwundete.
959
439 Kriegstagebuch des Uffz. Heinz Ersfeld der 8./I. R. 236
vom 10. 4. 1940–30. 6. 1940, Eintrag 21. 4. 1940, Archiv
Verfasser.
440 Es ist heute nicht mehr zu klären, ob die Bestätigung des
Regimentskommandeurs noch eingeholt wurde. Die
Gerichtsakten der Division sind nicht erhalten. Ersfeld
erwähnt nur die Anordnung des Bataillonskommandeurs,
der hier offenbar als Gerichtsherr fungierte. Vgl. auch
Auszug
aus
dem
Merkblatt
für
den
Regimentskommandeur
als
Gerichtsherrn
(Standgerichtliches Verfahren), o.
D., CAMO
500/12451/434. In diesem Merkblatt wird nochmals
darauf hingewiesen, dass der Regimentskommandeur
nach dem Motto »Schnelle Justiz – gute Justiz« verfahren
solle. Für Standgerichtsurteile waren aber immer der
Regimentskommandeur
oder
die
Kommandeure
selbstständiger Bataillone verantwortlich, keineswegs die
Ebene darunter. Vgl. auch Toppe, Militär und
Kriegsvölkerrecht, S. 301, Fn. 81.
441 Lieb, Konventioneller Krieg, S. 15–18.
442 Scheck, »They are just Savages«.
443 Hartmann, Verbrecherischer Krieg.
444 Eine genaue Zahl der von der Wehrmacht exekutierten
Juden liegt nicht vor. 50 000 ist eine Schätzung von Alex
Kay. Sie umfasst u. a. die von der Wehrmacht 1941/42
getöteten 6000 männlichen Juden in Serbien und die
mehr als 10 000 Juden in Weißrussland, die die 707.
Infanteriedivision umbrachte. Diese Division war gewiss
ein Extremfall, aber auch andere Wehrmachtverbände
haben Juden ermordet, u. a. die 286. und 454.
Sicherungsdivision sowie die 339., 62., 25. und 72.
960
Infanteriedivision. Zur deutschen Besatzungsherrschaft in
Europa mit weiteren Zahlen demnächst: Kay, Empire of
Destruction. Von den 2,4 Millionen in der Sowjetunion
ermordeten Juden starben 450 000–500 000 »unter
Hoheit der Wehrmacht«, wie Dieter Pohl festhält, also in
einem Gebiet unter Militärverwaltung, in dem die
Einsatzgruppen des SD eng mit der Wehrmacht
zusammenarbeiteten. Pohl, Herrschaft der Wehrmacht, S.
281.
445 Die
Zahlen
diskutiert
Kriegsgefangenenpolitik, S. 820–825.
Overmans,
446 Mit weiterer Literatur Pohl, Herrschaft; Kay, Empire of
Destruction.
447 Zahlen auch in Müller, An der Seite, S. 244; Müller,
Wehrmacht, S. 85.
448 Kilian, Wehrmacht und Besatzungsherrschaft, S. 336–
347; Rutherford, Combat, S. 380 f.
449 Hill, War behind the Eastern Front.
450 So General Ludwig Crüwell am 14. 2. 1943. Crüwell
erlebte
die
Anfangsphase
des
Unternehmens
»Barbarossa« als Kommandeur der 11. Panzerdivision
mit. Neitzel, Abgehört, S. 229.
451 Hürter, Oberbefehlshaber, S. 438.
452 Kilian,
Wehrmacht,
Partisanenkrieg
und
Rückzugsverbrechen. Vgl. auch demnächst Christian
Stein, Die deutschen Rückzüge an der Ostfront des 2.
Weltkriegs 1941–45, Diss. phil Uni Freiburg; Rass,
Osarichi.
453 Für das Beispiel Leningrad siehe Reid, Blockada. Die
Zahl der exekutierten Fahnenflüchtigen ist in der
961
Literatur umstritten. Es kursieren Zahlen von bis zu 150
000 Exekutierten. Jochen Hellbeck bezweifelt die für
Stalingrad genannte Zahl von 13 500 und setzt eine
niedrige vierstellige Zahl an. Hellbeck, StalingradProtokolle, S. 24, 75. Er weist darauf hin, dass allein in
den ersten dreieinhalb Monaten des Krieges der NKWD
10 201 Rotarmisten wegen des Vorwurfs, sie seien
Deserteure, hinrichtete. Über die Gesamtzahl herrscht
weiter Unsicherheit, Reese, Stalin’s Soldiers, S. 170–175;
Weiner, Soviet System. Generell zum Charakter des
stalinistischen Krieges, Baberowski, Verbrannte Erde, S.
395–452.
454 Als deutschsprachige Übersicht mit weiterer Literatur
Wierzbicki, Elitenwechsel.
455 Vgl. Brakel, Baranowice, insb. S. 381–387.
456 Lowe, Der wilde Kontinent, S. 266–286.
457 Snyder, Bloodlands.
458 Vgl. ebenda und die Kritik an diesem Ansatz von
Zarusky, Bloodlands.
459 Die Berichte über Wellen angreifender Rotarmisten, die
vom deutschen Feuer niedergestreckt werden, sind
Legion. »Neulich griff uns 1 russ. Div. an […] Trotz
wahnsinniger Verluste kamen sie immer wieder. Sie sind
von der Kultur, die den Menschen weich macht, noch
nicht beleckt. […] Ein furchtbares Volk, das uns noch viel
zu schaffen machen wird. Ihr Kampfwert ist seit dem
Weltkrieg stark gestiegen. Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen,
1962/63, BArch-MA, N 10/9, S. 160 (29. 1. 1942).
460 Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen, 1962/63. BArch-MA, N
10/9, S. 142. In dieser Version seiner Erinnerungen sind
962
die Briefe an seine Frau während des Russlandkriegs
abgedruckt.
461 Briefe an Pitt, 24. 1., 15. 2. 1942, Nachlass Reese.
462 Tagebuch Zetzsche, 21. 10. 1941, BArch-MA, N 221/49.
463 Tagebuch Zetzsche, 24. 10. 1941, BArch-MA, N 221/49.
Auch der Gefreite Willy Peter Reese schrieb häufiger
über das Leben auf dem Lande und welche Not dies bei
der Bevölkerung verursachte. Vgl. Die russische Passion,
Okt. 41, Brief an die Eltern, 25. 11. 1941, Nachlass
Reese.
464 In der Abschrift wurde versucht, diese Passage mit dem
Kugelschreiber unleserlich zu machen.
465 Heinrich Eberbach an seine Frau, 18. 7. 1941, BArchMA, N 860/10. Interessant ist ein Vergleich mit den
Briefen von Smilo Freiherr von Lüttwitz an seine Frau
zur selben Zeit. Lüttwitz war Kommandeur des
Schützenregiments 12 und kämpfte Seite an Seite mit
Eberbachs Panzerregiment 35. Die großen Strapazen des
Kampfes, Schmerz und Trauer über den Tod guter
Kameraden finden sich hier ebenso wie die Hoffnung,
»mit den Russen fertig« zu werden. Die Darstellung
jedweder Form irregulärer Gewalt fehlt allerdings. Im
Gegenteil: Er schildert, wie er eine verwundete
sowjetische Panzersoldatin vor dem »begreiflichen Zorn
unserer Männer« rettet, beim Rückzug vor Moskau
entgegen dem geltenden Befehl keine verbrannte Erde
zurücklässt und der Kommandeur der Nachbardivision,
Karl Freiherr von Thüngen, einen Bericht über die
»Gefangenenbehandlung« verfasst, »dem ich sehr
zustimme. Er ist wie ich für eine anständige Behandlung
u. ritterliche Kriegführung«. Diese Hinweise müssen
963
nicht
falsch
sein,
können
aber
auch
der
Zusammenstellung aus den Jahren 1962/63 geschuldet
sein. Lüttwitz, Soldat in 4 Armeen, BArch-MA, N 10/9,
S. 140, 164. Thüngen war in den 20. Juli 1944 verstrickt
und wurde am 24. Oktober 1944 hingerichtet.
466 Dazu Neitzel, Abgehört, S. 45 f., 137–143.
467 Während eines Fronturlaubs stellte er aus Exzerpten
seiner Briefe und Gedichte einen Roman zusammen, den
Stefan Schmitz 2004 veröffentlichte: Reese, Mir selber
seltsam fremd. Dieser Text wird von der Forschung viel
zu häufig wie ein Tagebuch und nicht wie ein Roman
wahrgenommen.
468 Briefe an die Eltern, 25. 9., 26. 9. 1943, Nachlass Reese.
469 Briefe an die Eltern, 23. 11. 1941, Nachlass Reese.
Derselbe Befund ergibt sich auch aus einer Sammlung
von 37 Gedichten mit dem Titel »Der Grosse Krieg
1941–1944«, die Reese selbst aus vielen Hundert vom
ihm verfassten Texten auswählte und auf einem
Fronturlaub abtippte. Nur in zwei von 37 kommen
dezidiert Kriegsverbrechen vor. Eines handelt von der
Tötung eines Kriegsgefangenen, eines von der
Ermordung eines Bauern.
470 Briefe an Pitt, 24. 3. 1942, Briefe an die Eltern, 20. 1.
1943, 20. 8. 1943, Nachlass Reese.
471 Briefe an Pitt, 17. 12. 1942, Nachlass Reese. Vgl. auch
Briefe an die Eltern, 17. 12. 1942. Die Romanversion
dieser Stelle in Reese, Mir selber seltsam fremd, S. 130–
132.
472 Briefe an Pitt, 10. 11. 1943, Nachlass Reese.
964
473 Kühne,
Belonging
and
Genocide.
Dem
Forschungsproblem des Wissens der Deutschen vom
Holocaust widmen sich aus unterschiedlicher Richtung
Longerich, Die Deutschen; Dörner, Die Deutschen;
Bajohr/Pohl, Holocaust. Vgl. dazu die luzide Rezension
von
Michael
Wildt:
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-10354.
Eine gute Zusammenfassung bietet Brakel, Holocaust, S.
167–174.
474 Vgl. Römer, Narzisstische Volksgemeinschaft, S. 228 f.
475 Vogel, Das Eingreifen Deutschlands.
476 Ausführlich dazu Manoscheck, »Serbien ist judenfrei«.
477 Schmider, Partisanenkrieg, S. 422–521.
478 Korb, Ustascha.
479 Schmider, Der jugoslawische Kriegsschauplatz, S. 1070–
1081.
480 Umbreit, Deutsche Herrschaft, S. 37 spricht für die Phase
von März 1943 bis Oktober 1944 von 21 000 durch die
Besatzungsmächte Getöteten. Vgl. auch Hondros,
Occupation, S. 162. Die Zeit ab März 1943 war
zweifellos
die
Hochphase
der
deutschen
Partisanenbekämpfung, diejenige der italienischen
Besatzungsmacht lag allerdings davor. Vgl. dazu
Santarelli, Muted Violence, insb. S. 290. Mazower, Inside
Hitler’s Greece, nennt keine Gesamtzahlen. Zu den
Opfern der Partisanenbekämpfung kommen etwa 60 000
griechische Juden und 140 000–250 000 Hungertote.
Mazower,
Inside
Hitler’s
Greece,
S.
41;
Gildea/Wieviorka/Warring,
Surviving
Hitler
and
Mussolini, S. 2, 23, 209.
965
481 Lieb, Konventioneller Krieg, S. 412 f.
482 Gentile, Wehrmacht und Waffen, S. 14 f. Zu erwähnen
sind auch die 40 000–50 000 italienischen Soldaten, die
in deutscher Gefangenschaft starben; dies entsprach einer
Todesrate von sechs bis sieben Prozent. Overmans,
Kriegsgefangenenpolitik, S. 836.
483 Zwei Tage nach dem Partisanenüberfall auf Wilhelm
Crisolli wurden aus der Ortschaft, aus der die
Guerillakämpfer stammten, 40 Zivilisten als Geiseln
genommen, kurze Zeit später aber freigelassen. Medicus,
In den Augen meines Großvaters, S. 208. Der Autor, ein
Enkel Crisollis, hat sich in diesem Buch ausführlich mit
seinem Großvater auseinandergesetzt. Vgl. auch Gentile,
Wehrmacht und Waffen-SS, S. 201–337.
484 Das
wohl
berühmteste
Mitglied
der
20.
Luftwaffenfelddivision war Alfred Andersch, der spätere
Mitbegründer der Gruppe 47. Die Einheit wird
ausführlich beschrieben in: Römer/Döring/Seubert,
Alfred Andersch, S. 107–145.
485 Lieb, Konventioneller Krieg, insb. S. 505–515, 574–579.
Dagegen
Meyer,
Besetzung,
der
eher
die
Gemeinsamkeiten der Radikalität an West- und Ostfront
betont.
486 Römer, Kommissarbefehl, S. 535.
487 Messerschmidt, Wehrmachtjustiz, S. 453.
488 Einige Historiker haben die nationalsozialistische
Besatzungspolitik und die Aufstandsbekämpfung der
Wehrmacht in einer weiteren Perspektive als extreme
Form des europäischen Kolonialismus interpretiert. Eine
Reflexion darüber mit weiteren Literaturangaben bei
966
Römer, Die narzisstische Volksgemeinschaft, S. 255–267.
Es gibt einen Disput in der neueren Forschung über das
Ausmaß der Ähnlichkeiten zwischen der deutschen und
italienischen Aufstandsbekämpfung in Europa. Die
Ähnlichkeiten unterstreicht z. B. Osti Guerrazzi: Cultures
of Total Annihilation. Vgl. auch Rodogno, European
Empire. Die Unterschiede betonen Scianna, Italian War,
S. 238–261; Agarossi/Giusti, Una guerra a parte; Fonzi,
Italian Occupation.
489 Generell zum Thema, Overmans, Kriegsgefangenschaft.
490 Das reicht vom Lieber Code 1863 über die Haager
Landkriegsordnung von 1907 bis zur Genfer Konvention
1929.
491 Epkenhans, 1870/71, S. 88.
492 Facettenreich dazu Oltmer, Kriegsgefangene.
493 Lehnstaedt, Der vergessene Sieg, S. 150–152.
494 Overmans, Schicksal;
Verluste, S. 284–292.
ders.,
Deutsche
militärische
495 Die Besonderheit war, dass die Japaner sich seit 1937
offiziell nicht im Krieg mit China betrachteten und es
deshalb
auch
keine
offiziellen
chinesischen
Kriegsgefangenen gab. Gefangene Soldaten wurden
entweder sofort getötet oder in die Zwangsarbeit
verschleppt, wo die Todesrate sehr hoch war. Melber,
Widerstand und Kollaboration, S. 338–359; Mitter,
China’s War, S. 138 f.
496 Overmans, Kriegsgefangenenpolitik.
497 Zur Tötung von Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg
vgl. Feltman, Tolerance; Cook, Politics of Surrender.
Dagegen Ziemann, Gewalt, S. 71–78. Folgende Sätze aus
967
Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« finden sich häufig
zitiert: »Der Kämpfer, dem während des Anlaufs ein
blutiger Schleier vor den Augen wallte, will nicht
gefangennehmen; er will töten.« Jünger, In
Stahlgewittern, S. 269. Dieser Passus ist in allen
Versionen des Werkes seit 1920 enthalten. Vgl. Jünger, In
Stahlgewittern, S. 536. In seinen Tagebüchern wurde der
Umstand der Gefangenenerschießungen in the heat of the
battle nicht ganz so direkt, in der Quintessenz aber
ähnlich formuliert: »Allerdings muss man auch Leuten,
die auf 5 m Entfernung beschossen sind, nicht
übelnehmen, wenn sie auch ihrerseits auf die Vernichtung
ihres Gegners erpicht sind.« Jünger, Kriegstagebuch, S.
382.
498 Zit. nach Römer, »Seid hart und unerbittlich …«, S. 319.
Hier auch die weitere Literatur und der Verweis auf eine
Vielzahl von Quellen.
499 Das bedeutet nicht, dass immer und überall Gefangene
gleich erschossen wurden. Die Gewaltspirale konnte auch
wieder abklingen, und feindliche Soldaten konnten auf
beiden Seiten gut behandelt werden. Während die Jahre
1941/42 gut untersucht sind, weiß man über die Zeit von
1943/45 nur wenig. Insofern sind Aussagen über die
gesamte Dauer des deutsch-sowjetischen Krieges hinweg
schwierig. Nach bisherigem Kenntnisstand scheint das
Ausmaß der Gewalt in der Anfangsphase besonders hoch
gewesen zu sein. Vgl. ebenda.
500 Oberkommando des Heeres, Heerespersonalamt, Nr.
5700/43 geh. Ag P2/Chefgr., 27. 4. 1943, S. 3, CAMO
500/12480/29. Über einen ähnlich gelagerten Fall
berichtete Wilhelm von Thoma in der Gefangenschaft,
Neitzel, Abgehört, S. 258–260.
968
501 Für einen Vergleich zu den Kriegsverbrechen der Italiener
an der Ostfront siehe Scianna, Italian War, S. 238–261.
502 Vgl. auch Straus, The Anguish of Surrender.
503 McManus, The Deadly Brotherhood, S. 171–181.
504 Zit. nach Melber, Alliierte Studien, S. 420. Hier auch
weitere Verweise auf Literatur und Quellen. Das
einschlägigste
Werk
zu
den
amerikanischen
Kriegsverbrechen im Pazifik ist noch immer Dower, War
without Mercy.
505 McManus, The Deadly Brotherhood, S. 183.
506 Bourke, History of Killing, S. 172.
507 Harris, American Soldiers, S. VII. Hier auch eine konzise
Zusammenfassung der Literatur zum Thema.
508 McManus, The Deadly Brotherhood, S. 192.
509 Ebenda, S. 193. Weitere Beispiele dieser Art S. 193–196.
Vgl. auch WW 2 Operation Report 82nd Airborne
Division, Combat Interviews, Folder 170, NARA, RG
407, Box 19058; NARA WW II Operation Reports,1st
Lieut. John E. Cunnigham, 79th Division, RG 407, Box
19182.
510 Eine genaue Zahl solcher Exekutionen lässt sich nicht
mehr bestimmen. Dass die Soldaten der Waffen-SS in
vielen Fällen von westalliierten Soldaten erschossen
wurden, ist in der Forschung vielfach belegt. Vgl. z. B.
Lieb, Konventioneller Krieg, S. 164–169.
511 So berichtete Sergeant Max Cohen von der 11. USPanzerdivision, dass er zwischen dem 27. und 31. 12.
1944 in vier Fällen mitangesehen habe, wie jeweils 10 bis
20 deutsche Landser »machine-gunned« wurden. NARA,
969
RG 498, Box 51, USFET SGS, Technical Intelligence
Report, 16 June 1945. Eine ernsthafte Verfolgung dieser
Verbrechen fand nicht statt. Vgl. Report on Results of
Investigation into Mistreatment of Prisoners of War by U.
S. Forces, 31 December 1945, NARA, RG 498, Box 51.
Vgl. auch Lieb, Konventioneller Krieg, S. 175. Beevor,
Ardennes 1944, insb. S. 249, 296 f., 364; McManus, The
Deadly Brotherhood, S. 194; Pogue, Pogue’s War, S. 297
f. Zu einem relativ gut untersuchten Fall auf Sizilien vgl.
Weingartner, Massacre of Biscari.
512 Etwa Ward/Burns, The War, S. 236 f., 266, 331 f. Weitere
Hinweise bei Lieb, Eskalation, S. 346–349 und Harris,
American Soldiers.
513 Lieb, Eskalation, S. 350.
514 Combat Interviews 4th Inf Division, Utah beach to
Cherbourg 6–30 June 1944, NARA, RG 407, Box 19029.
Für den Hinweis auf die zitierten NARA-Akten in den
Endnoten 509, 511 und 514 danke ich Timothy Mulligan.
515 Es gibt zumindest Hinweise in diese Richtung, etwa
durch die 45. US. Infanteriedivision in Nordafrika und
Sizilien oder amerikanische Fallschirmjägerverbände in
der Normandie.
516 Lieb, Konventioneller Krieg, S. 170–173.
517 So zumindest die ersten Forschungsergebnisse von Alex
Kay, Military culture of violence of the British Army
1914–1945.
518 Lehnstaedt, Imperiale Polenpolitik, S. 372 f., 393–397,
400.
519 Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 842.
970
520 Zit. nach Förster, Dynamics of the Volksgemeinschaft, S.
181.
521 Dazu Neitzel, National Cultures.
522 Vgl. ausführlich dazu Pahl, Fremde Heere Ost. Schon bei
den Landungen in Sizilien, Salerno und Anzio tappte das
Amt Ausland/Abwehr völlig im Dunkeln. In den beiden
ersten Fällen war man aber durch die Luftaufklärung
vorgewarnt. Gundlach, Luftwaffe im Mittelmeer, S. 620,
671.
523 Wenn man die Standardjagdflugzeuge heranzieht. Hierzu
ausführlich Wehner, Technikkultur.
524 Zum Hintergrund: Schulze-Wegener, KriegsmarineRüstung; Blair, U-Boot-Krieg; Rahn, Seekrieg im
Atlantik, ders., Die Deutsche Seekriegführung.
525 Bell, Britische Feindaufklärung, S 258–337.
526 Salewski, Abwehr der Invasion; vgl. Tagebuch Balck, 6.
6. 1944, BArch-MA, N 647/12.
971
Die Bundeswehr der Bonner Republik
1
Das Amt Blank/BMVg war mit der Erarbeitung der
zahlreichen Gesetze für die neuen Streitkräfte aufgrund
mangelnder Kapazitäten überfordert, sodass der
Ausschuss für Fragen der europäischen Sicherheit schon
aus diesem Grund umfangreich beteiligt war. Hinzu kam
das Bestreben, sich als neu eingerichteter Ausschuss in
der Parlamentsarbeit zu etablieren. Zweifellos waren die
Anfangsjahre
die
bedeutendste
Zeit
des
Verteidigungsausschusses. Vgl. dazu demnächst Geist,
Verteidigungsausschuss.
Zum
Gesamtkomplex
ausführlich: Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik.
2
Die SPD hat zwischen 1953 und 1957 zwar elf von 15
Wehrvorlagen im Bundestag abgelehnt, sich aber im
Verteidigungsausschuss sehr konstruktiv an der
Gestaltung des Rechtsrahmens beteiligt. Vgl. Waldmann,
Soldat im Staat, S. 105.
3
Die Truppendienstgerichte gehörten zur zivilen
Verwaltungsgerichtsbarkeit.
Nur
die
Wehrdisziplinaranwälte
waren
Angehörige
der
Bundeswehr. Dau, Berufsbild.
4
Zur Entstehung der Eidesformel, die wortgleich ist mit
den Grundpflichten des Soldaten im Soldatengesetz, siehe
Lange, Der Fahneneid, S. 191–223, insb. S. 215. In der
Republik Österreich gab es nach dem Wehrgesetz von
1955 »nur« ein Gelöbnis, keinen Eid. Darin gelobten die
Soldaten, ihr »Vaterland, die Republik Österreich, und
sein Volk zu schützen«.
5
Zahlen nach Jacobsen, Die Rolle der öffentlichen
Meinung, S. 66. Zum Gesamtkomplex ausführlich
Volkmann,
Die
innenpolitische
Dimension
972
Adenauerscher Sicherheitspolitik. Vgl. auch Jahrbuch der
öffentlichen Meinung, 1947/55, S. 348–355.
6
Ob dieser Ausspruch wirklich je gefallen ist, konnte
bislang nicht nachgewiesen werden. Zur Überlieferung
der Anekdote siehe Loch, Deutsche Generale, S. 204,
Fußnote 321.
7
Zu den 45 Offizieren kamen 316 ehemalige
Unteroffiziere und 205 ehemalige Mannschaften der
Waffen-SS hinzu, insgesamt also 566 Personen.
Waldman, Soldat im Staat, S. 64. Zahlen auch in: BArchMA, BW 2/32291.
8
Es gab allerdings Ausnahmen: Günter Baer war
Untersturmführer der SS-Division Leibstandarte Adolf
Hitler. Er stieg in der Bundeswehr bis zum
stellvertretenden Kommandeur der 1. Panzerdivision auf.
Untersturmführer Gerhard Deckert wurde in der
Bundeswehr Generalmajor. Alfred Kenziora war ab März
1943 als Panzerkommandant und Zugführer in der SSDivision »Das Reich« eingesetzt und kommandierte in
der
Bundeswehr
als
Brigadegeneral
die
Heimatschutzbrigade 53. Generalmajor Dr. Michael
Schwab war im Krieg Oberfähnrich der Waffen-SS.
Ein Sonderfall ist Generalleutnant Werner Lange, der als
Volkssturmmann 1945 der SS-Division »Wallonie«
angegliedert wurde und damit nominell als Angehöriger
der Waffen-SS galt. Range, Kriegsgedient, S. 47, 106,
256, 299, 477.
9
Niemetz, Das feldgraue Erbe, insb. S. 175 f.
10
Einen dritten Weg ging Österreich: Hier durfte niemand
in Uniform dienen, der den Dienstrang eines Obersten
973
oder höher in der Wehrmacht innegehabt hatte. Scianna,
Rebuilding.
11
Keßelring, Die Organisation Gehlen, S. 221–223.
Ausführlich dazu auch Manig, Politik der Ehre.
12
Prominente Beispiele sind: Klaus von Bismarck als
Intendant des WDR, Erich Mende (MdB), Henri Nannen,
Rudolf Augstein, Helmut Schmidt und Franz Josef
Strauß.
13
Echternkamp, Soldaten im Nachkrieg, S. 326.
14
Ebenda, S. 422 f.
15
Vgl. Birn, Wehrmacht.
16
Searle, Wehrmacht Generals, S. 231–289.
17
Die juristische Befassung mit NS-Verbrechern in der
frühen Bundesrepublik ist gut aufgearbeitet. Vgl. etwa
Greve, Umgang; ders.,Täter oder Gehilfen; Jasch/Kaiser,
Holocaust vor deutschen Gerichten; Fröhlich, Ulmer
Einsatzgruppen-Prozess.
18
Weinke, Bleiben die Mörder unter uns, S. 266.
19
Wilke, Veteranen der Waffen-SS.
20
Keßelring/Loch, Himmerod war nicht der Anfang.
21
Neitzel, Abgehört, S. 83.
22
Ebenda, S. 57, 270–272, 283 f., 300–303, 308 f.
23
Searle, Wehrmacht Generals, S. 282.
24
Zum Gesamtkomplex Bauerkämper, Das umstrittene
Gedächtnis.
25
Vgl. dazu Echternkamp, Soldaten im Nachkrieg.
974
26
Agazzi/Schütz, Handbuch Nachkriegsliteratur, S. 182–
185.
27
Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947–1955, S. 376.
28
Vgl. Der Spiegel 16 (1954), S. 37–40; 21 (1954), S. 30 f.
29
Etwa Kirst, 08/15, S. 578 f., 600.
30
Benz, Ribbentrops Pressechef.
31
Hierzu auch Echternkamp, Soldat im Nachkrieg, S. 324;
Schreiner, Die besten Soldaten der Welt, S. 2.
32
Die Erhebung wurde in der deutschen Publizistik seit
1958 mehrfach abgedruckt. Eine entsprechende
Publikation scheint es aber nicht gegeben zu haben. Siehe
»Der deutsche Soldat am höchsten bewertet«, in: Der
deutsche Soldat, 22 (1958) 7, S. 207 f. Vgl. Karst an
militärgeschichtliche Abteilung des israelischen Heeres,
6. 11. 1964, BArch-MA, N 690/33.
33
Dazu Ball, Alamein.
34
Die Kriegsfilme festigten diese Eckpunkte. Neben der
Verfilmung von 08/15 ist hier vor allem Bernhard Wickis
Film »Die Brücke« (1959) zu nennen, der die
Sinnlosigkeit der Endkämpfe im April 1945 darstellt.
Demgegenüber zeigten Filme wie »Die grünen Teufel
von Monte Cassino« (1958), »Kapitänleutnant Günther
Prien« und der »Stern von Afrika« (1957/58) den Krieg
als Tragödie, in der gleichwohl tapfer und erfolgreich
gekämpft wurde. Vgl. auch Hugo, Kino und kollektives
Gedächtnis; Stiglegger, Hunde, wollt ihr ewig leben.
35
Zur Presseberichterstattung vgl. Schaurer, Härte muß
sein.
975
36
Pamela E. Sweet zeigt, dass es während der Heye-Affäre
neben der publizistischen Aufregung einen breiten
Diskurs der Bevölkerung gab. Dieser schwankte
zwischen der Ablehnung zu harter und zu weicher
Ausbildungsmethoden hin und her. Mancher fühlte sich
nicht
vom
Militär,
sondern
von
einer
Wohlstandsgesellschaft bedroht, die keine richtigen
Soldaten hervorbringen würde. Sweet, Neither Too Hard,
nor Too Soft.
37
Der Verteidigungsausschuss wurde zwischen 1956 und
1990
elfmal
als
parlamentarischer
Untersuchungsausschuss eingesetzt, allerdings weder bei
der Iller- noch bei der Nagold- oder der Heye-Affäre.
Geist, Verteidigungsausschuss, S. 252–257.
38
Vgl. Doerry/Janssen, Spiegel-Affäre. Vgl. insbesondere
Conze, Griff nach der Bombe? Zur Rolle von Strauß als
Verteidigungsminister vgl. Möller, Franz Josef Strauß, S.
243–283.
39
In der Düsseldorfer Erklärung von 1965 hieß es auf S. 1,
dass der Bundeswehr »unser Vertrauen gehört«. Die SPD
sprach im Wahlprogramm 1965 auf S. 6 davon, dass
»unsere Landesverteidigung wirksamer gemacht und für
unsere Soldaten besser gesorgt werden« müsse. Im
Parteiprogramm der CDU von 1969 wurde sogar die
Stärkung des »Wehrwillens« gefordert.
40
Der Kommandeur der 4. Panzergrenadierdivision meinte
1961 allerdings, dass viele Wehrpflichtige trotzdem nicht
recht wussten, wofür sie dienten. Lehrgänge für
Abiturienten, 18. 3. 1961, BArch-MA, N 666/26. Vgl.
auch Bernhard, Zivildienst, S. 51–58, 417–419.
976
41
Klages, Wertorientierungen im Wandel; Inglehart, Silent
Revolution. Auf den Wandel militärischer Werte in der
Gesellschaft wird meist nur kurz hingewiesen, er wurde
aber bislang nicht systematisch erforscht. Vgl. etwa
Seifert, Militär, S. 35–48. Als neueste zusammenfassende
Studie zum Wertewandel siehe Dietz/Neumaier/Rödder,
Gab es den Wertewandel?
42
Kluckhohn, Values, S. 395.
43
Bernhard, Zivildienst, S. 123 f.
44
Ders., S. 116–135, hier 132. Der SDS hatte sich in den
1950er-Jahren lautstark an den Protesten gegen die
Wiederbewaffnung und die Bewaffnung der Bundeswehr
mit taktischen Nuklearwaffen beteiligt. In der Zeit von
1964 bis zur Selbstauflösung 1970 stand die Bundeswehr
aber nicht im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit,
sondern die Antikriegshaltung richtete sich vor allem
gegen die US-Streitkräfte. Neben dem Vietnamkrieg mag
das auch daran gelegen haben, dass in den Zentren des
Studentenprotests, Berlin und Frankfurt, keine
Bundeswehrverbände
stationiert
waren.
Fichter/Lönnendonker, Kleine Geschichte des SDS.
45
Vgl. auch Gassert, Schwierigkeiten.
46
Bernhard, Zivildienst, S. 209–217.
47
Ebenda.
48
Ebenda, S. 150.
49
Vgl. Wahlprogramm SPD, 1972, S. 12.
50
Gustav Heinemann im Gespräch mit Reinhard Appel, in:
Stuttgarter Zeitung, 8. 3. 1969, dazu auch: Die
Ungeliebte Armee, in: Die Zeit, 21. 3. 1969.
977
https://www.zeit.de/1969/12/die-ungeliebtearmee/komplettansicht
51
Denkschrift 5. 1. 1950, Besprechungsplan, abgedruckt in:
Nübel, Dokumente, Dok. 12. Generell zum Thema auch
Schlaffer, Schleifer a. D.
52
Auszüge der Himmeroder Denkschrift sind abgedruckt in
Nübel, Dokumente, Dok. 15.
53
Vgl. Förster, Baudissin. Baudissin, so berichtet es
zumindest sein ehemaliger Adjutant Helge Hansen, hat
unter seiner fehlenden Fronterfahrung durchaus gelitten
und wurde von den kampferprobten ersten Alterskohorten
der jungen Bundeswehr schon aus diesem Grund nicht
recht ernst genommen. Interview Helge Hansen, 26. 2.
2020.
54
Der Begriff wurde offenbar vom SPD-Wehrexperten
Friedrich Beermann 1952 geprägt und dann ein Jahr
später von Baudissin übernommen. Zimmermann, Ulrich
de Maizière, S. 182 f.
55
Dazu auch unlängst Hoeres, Geschichte der FAZ, S. 228–
230.
56
Vgl. sein Vortrag auf dem International Symposium on
Armed Forces and Society, München, 10. 8. 1978, in dem
er rückblickend seine Tätigkeit für die Innere Führung
reflektierte. BArch-MA, N 736/26.
57
Dieser Gedanke ist für Baudissin gewiss zentral. Auch in
seinem wegweisenden Aufsatz zum Kriegsbild von 1962
schrieb er: »Es fällt ihm heute eine paradoxe Aufgabe zu;
um bewahren zu können, muß er seine feste
Entschlossenheit bekunden, jeden Aggressor mit sich in
die totale Zerstörung zu reißen. Diese Leistung kann nur
978
von Menschen vollbracht werden, für die Freiheit, Recht
und
Menschenwürde
unaufgebbare
Lebensvoraussetzungen sind.« Baudissin, Soldaten für
den Frieden, S. 70.
58
Vgl. auch Bormann, Erziehung in der Bundeswehr, S.
461.
59
Abschiedsansprache in Bonn am 30. 6. 1958, BArch-MA,
N 666/35.
60
Die Schriften zu Baudissins Werk sind Legion. Eine
ausführliche Analyse unter breiter Einbeziehung der
einschlägigen Archivquellen bietet Frank Nägler, Der
gewollte Soldat, hier S. 65. Vgl. auch den wesentlich auf
Baudissin zurückgehenden Bericht der Arbeitsgruppe I
des Ausschusses für Fragen der europäischen Sicherheit
zur soldatischen Ordnung vom 14. Oktober 1954, BArchMA, BW 2/31512, sowie Thoß, Der Bundestagsausschuss
für Verteidigung.
61
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 39. So auch der
Politikwissenschaftler Thomas Ellwein, der die Reform
der Bildungsarbeit in den Streitkräften maßgeblich
prägte: »Mit der Differenzierung der Funktionen verliert
man
allmählich
aber
auch
die
definitive
Unterscheidbarkeit zu anderen Berufen.« Zit. nach
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 267.
62
Ein Begriff, gegen den sich der zweite Generalinspekteur,
Friedrich Foertsch, ausdrücklich verwahrte. Ansprache
des Generalinspekteurs auf der Kommandeurtagung in
Stuttgart am 8. 6. 61, S. 5. BArch-MA, N 690/53.
63
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 182–184.
979
64
Heinz Karst (1914–2002). Karst kämpfte im Polenfeldzug
als Zugführer bei der Infanterie, wurde hier schwer
verwundet. In seiner Beurteilung hieß es dazu: »Zu einem
gesunden Draufgängertum gesellte sich das sichere
Gefühl für die Schonung seiner Leute.« Wieder genesen,
war er im Krieg gegen die Sowjetunion als
Kompaniechef, später als Bataillonskommandeur einer
Panzeraufklärungseinheit eingesetzt. Er erlebte von
September 1941 bis Juli 1942 den Vormarsch, von
Dezember 1943 bis April 1944 die Abwehrkämpfe bei
der
10.
Panzerdivision
und
der
20.
Panzergrenadierdivision. Im April 1944 wurde er in die
Heimat versetzt, weil er, obgleich »vorbildlich tapfer«,
sich nach Ansicht seines Divisionskommandeurs den
besonders kritischen Lagen nicht immer gewachsen
zeigte. Dieser sprach gar von »Versagen«, weil er sich zu
Katastrophenmeldungen hinreißen lasse. Näheres ist zu
den Vorwürfen nicht bekannt. Die politische Haltung
wurde beurteilt mit: »In seiner nationalsozialistischen
Haltung bedingungslos und treu.« Beurteilung 20. 2.
1943. Gleichlautend auch in Beurteilung 24. 9. 1943.
Personalakte [NARA]. Karsts Fronterfahrung war typisch
für die hohen Bundeswehroffiziere seiner Alterskohorte,
weil er stets in besonders gut ausgerüsteten Verbänden
diente und den totalen Zusammenbruch seit Sommer
1944 nicht mehr an der Front erlebte. Er war zu diesem
Zeitpunkt als Ausbilder im Ersatzheer eingesetzt. Vgl.
auch Range, Kriegsgedient, S. 251 f.
65
Am bekanntesten war das Buch »Das Bild des Soldaten«,
das 1969 in einer neu bearbeiteten 3. Auflage erschien.
Das Buch wurde in der 1. Auflage auch von der
Bundeswehr angekauft und breit rezipiert. Karst selbst
980
sprach von 120 Rezensionen im In- und Ausland, von
denen 118 positiv gewesen sein sollen. Er erhielt auch
Zuspruch
von
der
hohen
Generalität.
Der
Kommandierende General des III. Korps, Heinz Gaedcke,
schrieb ihm etwa, er habe einen vernünftigen Mittelweg
zwischen mancher überspitzten Theorie aus der
Gründungszeit der Bundeswehr einerseits und der
Wirklichkeit in der Truppe andererseits gefunden.
Gaedcke an Karst, 29. 9. 1964, BArch-MA, N 690/33.
Die Korrespondenz zum Ankauf und zur Verteilung bis
auf Kompanieebene in N 690/99.
Im selben Jahr wurden Schriften von Wolf Graf Baudissin
unter dem Titel »Soldat für den Frieden« publiziert.
66
Als er in seiner Eigenschaft als General des
Erziehungswesens von einem Wehrpflichtigen der
Ausbildungskompanie 2/I erfuhr, dass es nur »Druck und
Strafe« in der Ausbildung gäbe und die Rekruten 500
Meter im Laufschritt zurücklegen müssten, wenn es mit
dem Singen nicht klappte, bat er den stellvertretenden
Kommandierenden General des I. Korps, Generalmajor
Ernst Philipp, der Sache nachzugehen und sie abzustellen.
»So sehr ich für eine strenge Disziplin und klare
soldatische Haltung eintrete, so scheint mir doch
erforderlich, daß wir dem Kommiß dort entgegentreten,
wo er auftaucht. Immer wieder erlebe ich, daß
unerfahrene Unteroffiziere in alte Methoden zurückfallen,
die schon bei der Wehrmacht unter guten Offizieren
abgelehnt wurden.« Karst an Philipp, 15. 9. 1969, Philipp
an Karst, 22. 9. 1969, BArch-MA, N 690/115.
67
Karst schrieb 1965 über die Männer des 20. Juli und jene,
die an der Front ihre Pflicht getan hatten: »In der Wertung
dieser beiden Personenkreise habe ich unmissverständlich
981
zum Ausdruck gebracht, daß mir ein Stauffenberg oder
ein Generaloberst Beck vorbildlicher erscheinen, selbst
wenn sie scheiterten, als die anderen, zu denen auch ich
zählte.« Er schrieb weiterhin, dass »wir bei aller Härte
der Ausbildung und Entschiedenheit der soldatischen
Auffassung den politisch bewussten Soldaten heranbilden
müssen. Hier stimme ich dem Programm des
Staatsbürgers in Uniform besonders zu.« Karst an
Brigadegeneral Guderian, 13. 9. 1965, BArch-MA, N
447/49. Der Brief befindet sich auch im Nachlass Karst
unter N 690/32. Vgl. auch den von Karst verfassten
Sprechzettel für eine Rede des Generalinspekteurs
Heusinger »Tradition und innere Führung«, 9. 10. 1959,
BArch-MA, BW 2/17812. Als Maßstäbe für die Tradition
hielt er in dem Entwurf fest: a) Die Werte unserer
freiheitlichen Grundordnung, b) Die Forderungen des
Krieges. Vgl. auch verschiedene Redeentwürfe aus der
Feder von Heinz Karst aus seiner Zeit an der Schule für
Innere Führung aus dem Jahr 1960, BArch-MA, BW
2/17812.
68
Als Generalinspekteur Friedrich Foertsch 1961 auf der
Kommandeurtagung bemerkte, dass der Vorgesetzte
ständig mit seinen Untergebenen in einer Gemeinschaft
zusammenlebe, die eigenen Gesetzen unterliege, notierte
Karst an den Rand: »Bravo!« BArch-MA, N 690/53.
69
»Er ist ja genau mein Ansatz, der anders ist als der des
Grafen Baudissin. Er meint, je mehr wir uns dem zivilen
Leben anpassen, desto mehr werden wir im Volk
anerkannt. Ich bin anderer Meinung und vertrete die
Auffassung, je mehr wir disziplinierte und feste Soldaten
sind, desto mehr Anerkennung werden wir finden.« Karst
an Oberst Buchhorn, 8. 9. 1969, BArch-MA, N 690/115.
982
Vgl. auch Karsts Stellungnahme zu Baudissins Buch
»Soldat für den Frieden« in einem Schreiben an den Chef
des Truppenamtes, 5. 1. 1970, BArch-MA, N 690/116.
70
Darunter verstand er aber keinen Fremdenlegionär oder
»Nur-Soldaten«, sondern einen Staatsbürger, der »ganzer
Soldat« sei. Karst an Peter von Schubert, 14. 11. 1969,
BArch-MA, N 690/116. Karst hat seine Gedanken
ausführlich in dem Buch »Das Bild des Soldaten«
niedergeschrieben.
71
Karst,
Gedanken
über
Erfahrungen
meines
Truppenkommandos, 1. 10. 1957, BArch-MA, BW
2/17812, S. 4. Prägnanten Ausdruck findet seine
Vorstellung einer auf den Krieg bezogenen soldatischen
Männerwelt in: Vortragsmanuskript 28. 1. 1960, S. 26 f.,
BArch-MA, N 690/73.
72
Die unterschiedliche Haltung der beiden Protagonisten
drückte sich auf den ersten Blick auch darin aus, dass
Baudissin 1968 in die SPD und Karst 1969 in die CDU
eintrat. Freilich war dieser Streit im Kern kein
parteipolitischer.
73
Zunächst ist von Reformern und Reaktionären die Rede,
wobei de Maizière ausdrücklich betonte, dass es sich
nicht um einen Gegensatz handele. Vgl. de Maizière,
Persönliche Gedanken zu der Auseinandersetzung
zwischen »Reformern« und »Reaktionären«, 8.
November 1952, BArch-MA, N 673/75. Baudissin
verwendete auch die Bezeichnung »die Gestrigen«, die
auf die »Freiheitlichen« treffen würden. Schlaffer, Der
Wehrbeauftragte, S. 169, Fn. 235. In der Literatur wurde
die Dichotomie von Reformern und Traditionalisten
unisono übernommen und teilweise stark überzeichnet.
983
Vgl. z. B. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte
1949–1990, S. 305 f.
74
Ich folge der Definition von Andreas Rödder: »Der
Traditionalist will, dass alles so bleibt, wie es ist, der
Reaktionär möchte das Rad zurückdrehen, während der
Konservative
vor
rigorosem
Dogmatismus
zurückschreckt und den Wandel eher langsam als schnell
gestalten
möchte.«
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/konservativwas-ist-das-andreas-roedder-im-interview15570489.html. So auch der Vorschlag von Simon,
Integration der Bundeswehr, S. 28. Karst, aber auch
Generalinspekteur Trettner und selbst dessen Nachfolger
de Maizière haben die Zuschreibungen von
Traditionalisten und Reformern strikt abgelehnt. Vor
allem wies Karst immer darauf hin, dass »alle
entscheidenden […] Erlasse und Befehle, Vorschriften
und Richtlinien auf diesem Gebiet von mir verfasst sind –
nicht von Baudissin«. Vgl. z. B. Karst an P. J. Wintern,
11. 11. 1964; Karst an Hans Edgar Jahn, 24. 10. 1964,
BArch-MA, N 690/99. Es gab gewiss weit radikalere
Stimmen als jene von Karst, solche, die alle Neuerungen
ablehnten und Traditionalisten im eigentlichen Wortsinn
waren. Sie hatten auf die Neuausrichtung aber keinen
Einfluss und waren vor allem in der Publizistik zu finden.
Vgl. z. B. Carell, Ernstfall Krieg; Simon, Integration der
Bundeswehr, S. 56–60. In der wirkungsmächtigen
Debatte der beiden amerikanischen Soziologen Samuel
Huntington und Morris Jannowitz über die zivilmilitärischen Beziehungen stand Karst eher auf der Seite
von Jannowitz, der auf die Notwendigkeit der
Verflechtung beider Sphären verwies. Die Position von
984
Huntington, wonach Militär und Gesellschaft möglichst
getrennt sein sollten, damit die Streitkräfte ihre
Funktionalität nicht verlieren, hielt er für übertrieben.
75
So fällt es schwer, ein eindeutiges Baudissin-Lager von
nennenswerter Größe auszumachen. Dazu kann man
Friedrich Beermann, Bernd Freytag von Loringhoven und
Carl-Gero von Ilsemann zählen, der freilich auch
kollegial mit Karst korrespondierte.
76
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 240 f.; Weltz, Wie
steht es um die Bundeswehr, S. 119, 121, 134. Andere
Studien befragten kleinere Panels und stellten die Fragen
etwas anders, sodass die Ergebnisse erwartungsgemäß
abwichen. Im Mai 1965 meinten etwa 61 Prozent in einer
vom Institut für Demoskopie durchgeführten Befragung,
dass es in der Grundausbildung körperlich nicht sehr
anstrengend zugehe, nur acht Prozent meinten, es sei
anstrengend oder sehr anstrengend gewesen. 20 Prozent
waren der Ansicht, es hätte härter zugehen können.
Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1965/67, S. 306.
77
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 300 f.
78
Vgl.
dazu
https://www1.wdr.de/stichtag/stichtagzuechtigungsrecht-abschaffung-100.html
79
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 329.
80
Vgl. z. B. die Schilderung der Grundausbildung im
Sommer/Herbst
1962
in
der
Oldenburger
Hindenburgkaserne, in: Fritz J. Krüger, »Im Gleichschritt
Marsch«. Wehrdienst in Oldenburg, 1962–1964, S. 4–21,
DTA 3394-5.
81
Z. B.: Inspizient der Infanterie und Panzerabwehr aller
Truppen, Abschlußbericht, S. 3, 25. 3. 1966, S. 25 in:
985
BArch-MA, N 666/42.
82
Hierzu auch die Studie BArch-MA, BW 2/7893 zur
inneren Situation der Bunderswehr, in: Nägler, Der
gewollte Soldat, S. 461 f. Vgl. auch OTL i. G. Dr.
Oetting, Vortrag: Der Zerfall des Inneren Gefüges des
US-Heeres im Vietnamkrieg, Füak, 7. 7. 1980, BArchMA, N 992/51.
83
So klassisch mit Hinweis auf die Literatur Simon,
Integration der Bundeswehr, S. 34.
84
Ebenda, S. 35.
85
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 36.
86
So gab die Regierung die Planung des Zivilschutzes als
nicht finanzierbar früh auf. Nur wenige Schaltzentralen
wie der Regierungsbunker in Ahrweiler wurden
geschützt. Ausführlich zum Thema Diebel, Atomkrieg.
87
Vom künftigen deutschen Soldaten, S. 7, 21, 24, 58–60.
88
Dazu Nägler, Der gewollte Soldat, S. 265–268. Das
Handbuch erschien in drei Auflagen, zuletzt 1965. Noch
in der 2. Auflage hieß es, dass die Innere Führung nichts
anders sei als Menschenführung. Die habe immer die
Schlagkraft der Truppe im Blick, nur sei der Weg, dies zu
erreichen, heute ein anderer als früher. Handbuch Innere
Führung 21960, S. 17.
89
Vgl. Nägler, Der gewollte Soldat, S. 214.
90
Vgl. auch Echternkamp, Soldat im Nachkrieg, S. 360 f.
Auch die 1966 erlassene zentrale Dienstvorschrift zur
Geistigen Rüstung war ein Kompromiss zwischen
verschiedenen Positionen. Freie Staatsbürger, so hieß es,
sollten zu einsatzwilligen, tüchtigen Soldaten erzogen
werden. Der Kampfwert sollte auch von der im Dienst
986
erlebten freiheitlichen Ordnung bestimmt werden. Es
blieb aber bei der Vorstellung, dass der Bürger von der
Gesellschaft zu seinen Pflichten erzogen werden müsse.
Die Vorschrift entsprach insofern ganz der Linie des 1966
inthronisierten Generalinspekteurs Ulrich de Maizière. Er
war ein Verfechter der Inneren Führung, betonte aber ihre
Bedeutung für die Erziehung zum Kampf. Nägler, Der
gewollte Soldat, S. 479; Simon, Integration der
Bundeswehr, S. 73.
91
Ausführlich dazu demnächst Konstantin Eckert,
Menschenführung in der Wehrmacht, Diss. phil.
Universität Potsdam, voraussichtlich 2021.
92
Wobei sich schon früh Unmut über die »Vorherrschaft der
Beamten über die Offiziere« entwickelte, die aber, wenn
auch murrend, akzeptiert wurde. Generalinspekteur Heinz
Trettner und Generalleutnant Günter Pape waren bald
nicht mehr bereit, dies zu akzeptieren, und traten 1966
zurück. Vgl. auch die Ausführungen von Heinz Günther
Guderian zu der Thematik, 20. 9. 1966, BArch-MA, N
999/111.
93
Der Generalinspekteur der Bundeswehr an den Minister,
11. 10. 1960; Sprechzettel für den Generalinspekteur für
die Kommandeurtagung in Kiel (11. – 13. 7. 1960),
BArch-MA, BW 2/17812; Ansprache des Herrn
Generalinspekteurs der Bundeswehr anlässlich des
fünfjährigen Bestehens der Schule für Innere Führung am
1. Oktober 1961, BArch-MA, N 736/25. Vgl. auch
Mayer, Heusinger, S. 510–522. Heusinger hat auf Karsts
Rat offenbar viel gegeben und blieb mit ihm auch nach
seiner Pensionierung in Kontakt. Im September 1964
erbat er sich für eine Podiumsdiskussion von ihm einige
Stichpunkte und wünschte ihm, dass er in seiner Brigade
987
die Innere Führung im »richtigen Sinne« handhaben
könne. Heusinger an Karst, 24. 9. 1964, BArch-MA, N
690/99.
94
Kommandeurbrief Nr. 9, 9. 4. 1958. Vgl. auch den
Kommandeurbrief Nr. 23, 24. 7. 1962 von
Generalleutnant Alfred Zerbel, in dem er angesichts der
Desinformationskampagnen der DDR einer geistigen
Widerstandskraft das Wort redet. BArch-MA, BH 73/611; Ansprache von Oberst Köstlin zur Eröffnung der
6. Generalsbesprechung an der Schule Bw I. F. am 30. 5.
1960, in der er betonte, dass die geistige Rüstung der
Truppe neben der militärischen Aufstellung ein
vordringliches Anliegen sei. BArch-MA, BW 2/17812.
95
Vgl. Jahrbuch öffentliche Meinung 1947/55, S. 331 f.
96
Das Referenzwerk hierzu ist noch immer Abenheim,
Bundeswehr und Tradition.
97
Rede des Generalinspekteurs vor dem VDS, Schule der
Bundeswehr für Innere Führung, 19. 5. 1960, S. 3,
BArch-MA, BW 2/17812. Heusinger verwies darauf, dass
Bundespräsident Heuss am 12. 3. 1959 davon gesprochen
hatte, dass die Kräfte des soldatischen Wesens im
Elementaren durch die Jahrhunderte die gleichen
geblieben seien.
98
Nordmann, Trauer- und Gedenkkultur der Bundeswehr,
S. 436. Student selber sprach davon, »daß es der Geist
war, der diese Opfer sinnvoll gemacht hat, der Geist der
Vaterlandsliebe und Opferbereitschaft der Jugend, der in
der heutigen Zeit so selten geworden ist«. Deutlicher
waren die militärischen NS-Werte kaum auszudrücken.
Gedenkrede Generaloberst a. D. Student bei der
988
Einweihung des Fallschirmjäger-Ehrenmals am 9. 9.
1966, in: BArch-MA, N 842/26.
99
Roth, Student. Zu Ramcke liegt keine Biografie vor.
100 Bundeswehrsoldaten war die Teilnahme an der
Beisetzung Ferdinand Schörners 1973 untersagt, ebenso
an derjenigen von Karl Dönitz (1980) und Hans-Ulrich
Rudel (1982). Bei Hasso von Manteuffel (1978) war sie
erlaubt, obwohl dieser 1959 wegen Totschlags zu 18
Monaten Haft verurteilt worden war. Zum Begräbnis
Manteuffels siehe die Aktennotiz Fü S I 4, 5. 10. 1978,
in: BArch-MA, BH 1/10953.
101 Rede des Generalinspekteurs vor dem VDS, Schule der
Bundeswehr für Innere Führung, 19. 5. 1960, S. 7,
BArch-MA, BW 2/17812. Die Konstruktion einer
Geschichte der Wehrmacht, die für die Tradition der
Bundeswehr verdaubar war, wird in vielen Reden der
1960er-Jahre deutlich. Ein besonders gutes Beispiel
liefern die Ansprachen von Heinz Günther Guderian in
seiner Zeit als Kommandeur der Panzerbrigade 14 in den
Jahren 1963 bis 1966, BArch-MA, N 999/90, sowie die
Reden, die er als Bataillonskommandeur 1958/59 hielt,
BArch-MA, N 999/100. Er erlebte den Polen- und
Russlandkrieg teilweise als Adjutant von Heinrich
Eberbach, den wir im Wehrmachtkapitel kennengelernt
haben, und war 1945 Ia der 116. Panzerdivision. In der
Bundeswehr stieg er bis zum Generalmajor auf.
102 Artur Weber, der erste Kommandeur der Schule für
Innere Führung, meinte etwa, dass »das Ansehen des
Soldaten durch manche Ereignisse unserer jüngsten
Vergangenheit beeinträchtigt worden ist«. Leserbrief
Weber an die Zeitschrift Kristall, 25. 11. 61, BArch-MA,
989
N 666/27. Er ließ diesen Aspekt zumindest im offiziellen
Schriftverkehr aber nicht näher an sich heran. Dass die
Bundeswehr noch nicht in das Vertrauen der Bevölkerung
eingebettet sei, erklärte er sich 1962 mit dem
»Missbrauch des Opferwillens unseres Volkes durch die
unfähige politische [NS-]Führung, dem Unfug der
Reeducation, den Wirkungen von gewissenlosen
Geschichtsfälschern im In- und Ausland sowie den
negativen Wirkungen, die von bezahlten Verrätern täglich
ausgehen«. Ansprache an Offiziere der 12. Panzer-Div.
am 2. 4. 1962, BArch-MA, N 666/27.
103 Thilo war als Ia von Anfang 1943 bis Oktober 1944
während der gesamten Einsatzzeit auf dem Balkan
mitverantwortlich für die zahlreichen Kriegsverbrechen
der Division, hier vor allem für die Erschießung von
Geiseln in Montenegro und Serbien. Siehe Meyer,
Blutiges Edelweiss; Schmider, Partisanenkrieg, S. 282.
Allerdings liegen bislang zu wenige Quellen vor, um das
Zusammenspiel des Kommandeurs mit seinen
Stabsoffizieren genauer darzustellen und so auch seine
persönliche Schuld näher bestimmen zu können. Die
DDR lancierte 1968 Vorwürfe gegen Thilo, gegen den
dann ein Herr Rynar Anzeige erstattete. Das Landgericht
Stuttgart stellte ein Ermittlungsverfahren bald ein. Thilo
bemerkte, dass Oberstaatsanwalt Dr. Schneider und
dessen
Vorgesetzter
–
beide
ehemalige
Wehrmachtsoldaten – »außerordentlich wohlwollend«
gewesen seien. Dem Gericht war die ganze Dimension
der Verbrechen der 1. Gebirgsdivision damals aber noch
nicht bekannt. Der umfangreiche Vorgang befindet sich in
BArch-MA, BH 1/9950. Vgl. insb. Thilo an Schnez, 10.
2. 1970.
990
Umfangreiches Material zu den Vorwürfen um die
geplante Ernennung von Albert Schnez zum NATOOberbefehlshaber Landstreitkräfte Mitte auch in BArchBA 1/22108. Brigadegeneral Hans Hoeffner protestierte
gegen die Ernennung von Schnez zum Inspekteur Heer
und gab sein Bundesverdienstkreuz zurück. Der Vorgang
befindet sich in BArch-MA, BW 1/22106.
104 Nägler, Vom gewollten Soldaten, S. 115.
105 Baer wurde am 1. Juni 1944 Ia der Division »Hermann
Göring«, die unmittelbar danach zwei große
Kriegsverbrechen beging: in Civitella am 29. 6. und in
Cavrigilia vom 4. bis 11. 7. 1944. Zum Kontext Gentile,
Wehrmacht, S. 148–170. Seine Verantwortung für die
Verbrechen ist unklar. Mitteilung von Carlo Gentile 29. 6.
2020.
106 So Günter Kießling, der selber in der Aufbauzeit im
Referat Innere Führung arbeitete. Kießling, Versäumter
Widerspruch, S. 158 f.
107 Allzu unbedachte Äußerungen von Politikern trugen das
Ihre zur Verunsicherung über die eingeschlagene
Richtung bei. Als am 18. Juni 1969 kein geringerer als
Bundeskanzler Kiesinger davon sprach, dass die
Bundeswehr die Schule der Nation sei, widersprach er
damit allen Grundsatzdokumenten zur Inneren Führung.
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 105. Die
vollständige Rede findet sich in BArch-MA, BH 87/197a.
108 Simon, Integration der Bundeswehr, S. 107.
109 Matzky war sich sehr bewusst, dass seine Ablehnung
»angeblich reformerischer, politisch freilich recht
attraktiver Ideen« ihm den Ruf eines reaktionären
991
Revanchisten eingebracht hatte. Er beendete seine Rede
dann auch mit der Formel, die einst auf den
Koppelschlössern der preußischen Armee und der
Wehrmacht stand: »Gott mit uns«. Abschiedsrede des
Kommandierenden Generals am 26. 2. 1960, insb. S. 6,
BArch-MA, BH 7-1/35. Vgl. auch Nägler, Der gewollte
Soldat, S. 82. Für ähnliche Stimmen vgl. z. B. der Brief
des Korpspionierführers 1, Oberst Buchhorn, an Heinz
Karst, 7. 7. 1969, BArch-MA, N 690/115.
110 Nägler, Der gewollte Soldat, S. 306 f.
111 In der Literatur wird dieser Vorwurf stereotyp wiederholt,
obwohl dazu bislang keine Studie vorliegt. So hielt Ulrich
Simon das Schrubben des Flurs mit der Zahnbürste, das
Klettern auf die Spinde u. Ä. für besonders »üble
Methoden aus der Wehrmachtzeit«. Solche Schikanen
waren freilich älter; sie kamen bereits im Kaiserreich vor
und waren offenbar auch in anderen Armeen üblich.
Simon, Integration der Bundeswehr, S. 234, 240.
112 Menschliche Führungsprobleme – Erziehung junger
Soldaten heute und morgen, 27. 10. 1960, BArch-MA, N
596-15. Vgl. auch Vortrag Jugend heute – aus der Sicht
der Bundeswehr (1968), BArch-MA, N 596/21. Seine
streng antikommunistische Haltung wird deutlich in einer
Rede zum zehnjährigen Bestehen der Panzerbrigade 15,
BArch-MA, N 596/17. Er betonte die Vorbildfunktion des
20. Juli als Mut zum Widerstand, Panzerbrigade 15,
Tagesbefehl zum 20. Juli 1944, 12. 7. 1967, BArch-MA,
N 596/13.
113 Vgl. etwa Büschleb, »Was kann und muss der Offizier für
das körperliche und seelische Wohlbefinden seiner
Truppe tun?« [1967] N 596/13 und Chef H.Rüst u. B. E.,
992
Chef d. Ausbildungswesens im Ersatzheer Stab/Ia Nr.
231/42 geh. v. 22. 10. 1942, BArch-MA, RH 53-17/104.
114 Der
überwiegenden
Mehrheit
der
Bundeswehrangehörigen – ganz gleich, ob mit oder ohne
Wehrmachtvergangenheit – behagte die Bezeichnung
»Staatsbürger in Uniform« freilich nicht. Sie
bezeichneten sich schlicht als Soldat. Sie glaubten auch,
dass die Innere Führung den Verhältnissen in der Praxis
angepasst werden müsste, und nahmen sie als eine Form
der guten Menschenführung wahr.
115 Zit. nach Nägler, Der gewollte Soldat, S. 462 f. Vgl. auch
Fü B I 4, Vorbericht über die Auswertung der Befragung
»Zur inneren Situation in der Bundeswehr vor
Kommandierenden Generalen«, 8. Juni 1965, BArchMA, N 842/18. Sie argumentierte, dass menschliche
Reife und die Kriegserfahrung zu einer positiven
Bewertung führen würden. Die Rolle beider Faktoren
kann freilich kaum trennscharf bewertet werden. Da 73
Prozent der Generäle, aber nur 45 Prozent der
Stabsoffiziere meinten, dass die Innere Führung die
Kampfkraft nicht beeinflusse, scheint der Dienstgrad
doch relevant für die Beurteilung zu sein.
116 So auch das Urteil von Oberstleutnant Carl-Gero v.
Ilsemann in seinem Brief an Generalmajor Artur Weber,
27. 12. 1963, BArch-MA, N 666/69.
117 Auszug aus dem Brief eines Obtl. und KpOffz vom
Oktober 1964, BArch-MA, N 736/47.
118 Robert
Lübke
(1915–1965).
Allgemein:
Hammerich/Schlaffer, Militärische Aufbaugeneration.
119 Ecke Demandt, Soldat in Deutschland. Anekdoten und
Reflexionen, Meckenheim 1988/89, DTA 4008-1, S. 7.
993
120 Ecke Demandt (1942–2020) diente von 1963 bis 1965 als
Soldat auf Zeit in der Bundeswehr, absolvierte
anschließend ein Jurastudium und trat 1975 wieder in die
Armee ein. Er stieg bis zum Oberstleutnant und
Kommandeur eines Panzeraufklärungsbataillons auf, war
Referent im Führungsstab der Streitkräfte und wechselte
1992 als Referatsleiter zum Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge. Zuletzt war er als Leiter der für Hessen
zuständigen Asylbehörde in Gießen tätig. Der
Althistoriker Alexander Demandt ist sein Bruder.
121 Ecke Demandt, Soldat in Deutschland, DTA 4008-1, S.
11.
122 Ebenda, S. 9.
123 Fü B I 4, Vorbericht über die Auswertung der Befragung
»Zur inneren Situation in der Bundeswehr vor
Kommandierenden Generalen«, 8. 6. 1965, S. 7, BArchMA, N 842/18.
124 Aufzeichnungen Ilsemann, N 736/25.
125 Ecke Demandt, Soldat in Deutschland, DTA 4008-1, S.
14.
126 Heinz Karst, Gedanken über Erfahrungen meines
Truppenkommandos, 1. 10. 1957, S. 12, BArch-MA, BW
2/17812.
127 Oberst i. G. Heinz Günther Koch und Oberstleutnant
Ilsemann, 16. 12. 1964; Brief an Carl-Gero Ilsemann vom
28. 8. 1963 BArch-MA, N 736/47.
128 Carl-Gero von Ilsemann, Beitrag zur Ministerrede in
Koblenz, 13. 5. 1963, BArch-MA, N 726/26.
129 Diesen Zusammenhang arbeitet Frank Nägler anhand der
Zustandsberichte der Bundeswehr gut heraus. Nägler, Der
994
gewollte Soldat, S. 350–394.
130 Brief an Carl-Gero Ilsemann vom 28. 8. 1963, BArchMA, N 736/47.
131 Ebenda.
132 Militärischer Zustandsbericht 1960, S. 6 der Anlage 2 zu
Fü B IV 1, BArch-MA, BW 2/2456.
133 Oberstleutnant v. Langenn-Steinkeller, Entwurf zu einer
Stellungnahme über das Innere Gefüge der Bundeswehr,
15. 1. 1963, BArch-MA, N 736/47.
134 Vgl. z. B. die Zustandsberichte der Bundeswehr für das
Jahr 1963 in: BArch-MA, BW 2/3110.
135 Oberstleutnant v. Langenn-Steinkeller, Entwurf zu einer
Stellungnahme über das Innere Gefüge der Bundeswehr,
15. 1. 1963, BArch-MA, N 736/47.
136 Simon, Integration der Bundeswehr, S. 235–238. Patrick
Bernhard weist auf weitere Fälle in Immendingen 1964
und Sonthofen 1967 hin. Bernhard, Zivildienst, S. 56.
137 Jahresbericht Besondere Vorkommnisse 1964, S. 8,
BArch-MA, BW 2/15213.
138 Die aus den Disziplinarberichten erhobenen Zahlen nach
Nägler, Der gewollte Soldat, S. 391 f.
139 Suizidgefährdung: Früherkennung und Vorbeugung,
Anlage 1, BArch-MA, BW 2/32278. Zwischen 1962 und
1971 lag die Quote bei 15,1 bis 19 pro zehntausend
Soldaten. Sterbefälle bei Soldaten der Bundeswehr 1962
bis 1971, BArch-MA, BW 2/10621; Anzahl der
Selbsttötungen und Selbsttötungsversuche bei Soldaten
der Bundeswehr, BArch-MA, BH 1/16006.
995
140 Vgl. dazu auch die Rede des KG III. Korps (Heinz
Gaedcke) zur Einweihung des Rüstzeitheimes
Karrenberg/Hunsrück am 19. 9. 1963, BArch-MA, N
999/61.
141 Nägler, Der gewollte Soldat, S. 463. Aber immerhin kam
1958 ein Erlass zu Erzieherischen Maßnahmen heraus.
Die Anweisungen der 11. PzGrenDiv dazu in BArch-MA,
N 690/99, S. 8.
142 Für die Sicht eines Gefreiten (UA), der als Hilfsausbilder
fungierte,
vgl.
Sticht,
Erlebnisse
eines
Bundeswehrsoldaten, S. 44.
143 Dass gerade die jungen Offiziere entweder zu streng oder
zu gleichgültig auf Disziplinlosigkeiten reagierten, wurde
noch 1964 beklagt. Vgl. Zustandsbericht Bundeswehr
1964, S. 7 f., BArch-MA, BW 1/599330.
144 Weiche Welle, Der Spiegel, 31. 7. 1957, S. 25 f. Vgl.
auch Schilderungen eines allzu laxen Umgangs von
Unteroffizieren mit ihren Mannschaften in einem Brief
des Gefreiten Jochen von Arnim an Oberst Karst, 13. 10.
1964, BArch-MA, N 690/99.
145 Hierzu Hammerich, Kerniger Kommiss. Vgl. auch
Kießling, Versäumter Widerspruch, S. 166–170. »Graf
Baudissin führte in unserer Division eine Brigade. Dort
herrschte ein schlimmes Regiment. Er wollte beweisen,
dass die Innere Führung nichts mit Weichlichkeit zu tun
hatte, und verlangte die größte Härte von seinen Soldaten.
Da er ständig in Beweisnot war, mussten die Soldaten
dort etwas ertragen, was mit Sicherheit nicht unbedingt
etwas mit moderner Menschenführung zu tun hatte.«
Erich Hinkel, Zwölfender der ersten Stunde.
Erinnerungen an meine Bundeswehrzeit 1957–1959,
996
Ingelheim 2008, DTA 1717, S. 24, 30. Eine umfassende
Analyse von Baudissins Wirken als Kommandeur der
Panzergrenadierbrigade 4 liegt noch nicht vor. Es war
sein einziges Truppenkommando in der Bundeswehr und
würde sich daher sehr für eine Untersuchung zur
Umsetzung der Inneren Führung eignen. Vor allem wäre
zu prüfen, ob ihm die Erziehung zum »Freiseinwollen
und Freiseinkönnen« gelang und er ein Höchstmaß an
Freiheit, Recht und Menschenwürde bot, wie er es 1958
als Ziel formulierte. Abschiedsansprache in Bonn am 30.
6. 1958, BArch-MA, N 666/35. Seine Vorgesetzten
erkannten in ihm weniger den begabten Truppenführer als
den talentierten Generalstabsoffizier, dem es – so seine
Beurteilung aus dem Jahr 1961 – »nicht ganz gelungen
sei, einen wirklichen Kontakt zur Truppe zu finden«.
Dieses Urteil verhinderte dann auch die weitere
Verwendung als Kommandeur. Zit. nach Loch, Deutsche
Generale, S. 461.
146 Major Heinz Karst, Bericht über Truppenbesuche und
Lehrgänge in den Monaten Januar und Februar 1957, 7.
3. 1957; Horst Bitch, Gelnhausen 5. 10. 1959. Karst hielt
die Innere Führung im Übrigen nicht für eine »Weiche
Welle«. Vgl. Heinz Karst, Gedanken über Erfahrungen
meines Truppenkommandos, 1. 10. 1957, alles BArchMA, BW 2/17812. Der spätere Generalinspekteur HansPeter Kirchbach trat 1960 in die Bundeswehr ein und
erinnert sich an einen Wehrmachtveteranen als
Kompaniechef, den er eher als zu milde beschrieb.
Interview mit Hans-Peter Kirchbach, Potsdam, 10. 12.
2018.
147 Die Bundeswehr im Urteil der Reservisten, Februar 1965,
Tabelle 48, BArch-MA, BW 2/7893. In einer anderen
997
Umfrage für den Stern waren sogar 41 Prozent der
Befragten der Reservisten der Meinung, dass die
Ausbildung zu weich gewesen sei. Weltz, Wie steht es um
die Bundeswehr, S. 121.
148 Ausführlich geschildert in Nägler, Der gewollte Soldat,
und Schlaffer, Schleifer a. D., S. 647–651.
149 Vgl. Der Tod von Kempten, Der Spiegel, 12. 6. 1957
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41757689.html.
Schlaffer, Schleifer a. D., S. 647–651.
150 Inspekteur des Heeres, TgNr. 944/63, 5. 12. 1963;
Zwischeninformation über die Vorkommnisse in Nagold,
BArch-MA, BH 7-2/754; Zusammenfassender Bericht
des Untersuchungsführers in dem disziplinargerichtlichen
Verfahren gegen Oberleutnant Jürgen Schallwig, BArchMA, BH 7-2/756; Der Bundesminister der Verteidigung,
Die Vorfälle in der Ausbildungskompanie 6/9 in Nagold,
31. 1. 1964, BArch-MA, BH 8-9/311.
151 Schallwig saß zwei Monate der Strafe ab, der Rest wurde
zur Bewährung ausgesetzt. Er verließ die Bundeswehr,
wanderte in die USA aus und wurde Verkaufsleiter bei
Mercedes-Benz. Er lebt heute in Indianapolis.
152 Tagesbefehl II. Korps, 29. Oktober 1963, BArch-MA, BH
7-2/753.
153 Etliche Presseartikel sind zusammengefasst in der Akte
BArch, BH 8-9/311.
154 Vgl. dazu auch Ernst-August Frede, Erinnerungen, 2003,
S. 60 f., DTA 4311-1.
155 Erst nach den Nagolder Vorfällen wurden seine
Beurteilungen schlechter, das Gesamturteil sackte von
»gut« auf »ausreichend«. Der Kommandeur der 1.
998
Luftlandedivision, Walter Gericke, ergänzte: »Wenn es
gelingt, Oberleutnant Schallwig davon zu überzeugen,
daß seine Vorstellungen von einem deutschen
Fallschirmjäger falsch sind, und er in der
Menschenführung an Reife gewinnt, kann aus ihm ein
brauchbarer
Truppenoffizier
werden.«
Zusammenfassender Bericht des Untersuchungsführers in
dem
disziplinargerichtlichen
Verfahren
gegen
Oberleutnant Jürgen Schallwig, S. 49, BArch-MA, BH 72/756.
156 Notiz für den Herrn Kommandierenden General, G1 II.
Korps, 2. 12. 1963, BArch-MA, BH 7-2/754. Die
kritische Notiz wurde von Oberstleutnant Rudolf
Reichenberger verfasst. Er war im Krieg Panzeroffizier,
absolvierte nach der Gefangenschaft ein Studium der
Germanistik und Literaturwissenschaft, arbeitete danach
als Journalist und trat 1956 in die Bundeswehr ein. Nach
seiner Verwendung als G1 des II. Korps war er Referent
für Innere Führung im BMVg und stieg später bis zum
Generalleutnant und stellvertretenden Inspekteur des
Heeres auf.
157 Notiz für den Herrn Kommandierenden General, G1 II.
Korps, 2. 12. 1963, BArch-MA, BH 7-2/754.
158 Interessanterweise ordnete der Divisionskommandeur das
Turnen an, drang damit aber offenbar nicht durch. 1.
Luftlandedivision G LL Az: 33-45-16-01, 23. 10. 1961,
Anlage 1, S. 2. BArch-MA, BH 7-2/755.
159 Am 20. Mai 1941 begann die deutsche Eroberung Kretas
(»Operation Merkur«). Dabei erlitten die Fallschirmjäger
hohe Verluste. 1957 war Oberst Bern von Baer auf
Anraten Baudissins von der Personalabteilung des BMVg
999
für seinen Befehl zur Feier des Kreta-Tages gerügt und
auf
die
Position
des
stellvertretenden
Divisionskommandeurs heruntergestuft worden. Nägler,
Der gewollte Soldat, S. 115. Der neue Kommandeur Hans
Kroh erließ freilich ein Jahr später einen ganz ähnlichen
Tagesbefehl, in dem dazu aufgefordert wurde, der Treue
und Pflichterfüllung der damaligen Fallschirmjäger
nachzueifern. Dieses Mal nahm offenbar niemand
Anstoß. 1. Luftlandedivision, Divisionsbefehl 25/58, 13.
5. 1958, BArch-MA, BH 8-9/32. Der Kreta-Tag war bis
weit in die 1990er-Jahre ein inoffizieller Gedenktag in der
Luftlandetruppe der Bundeswehr.
160 Die Veteranen waren offenbar unterschiedlicher Ansicht
über die Ausbildungsmethoden der Franzosen und
Amerikaner. Generalmajor Hans Kroh, Kommandeur der
1. Luftlandedivision, stand ihnen kritisch gegenüber und
will sich in dieser Frage mit seinem alten
Fallschirmjägerkameraden
Walter
Gericke,
dem
Kommandeur der Luftlandeschule in Altenstadt,
überworfen haben. Offenbar war es zwischen Korps,
Division, Schule und Truppenamt zu Differenzen um die
Ausbildungsmethoden
gekommen.
Vgl.
Zusammenfassender Bericht des Untersuchungsführers in
dem
disziplinargerichtlichen
Verfahren
gegen
Oberleutnant Jürgen Schallwig, S. 15–33. BArch-MA,
BH 7-2/756.
161 In Ellwangen geriet das Luftlande-Jägerbataillon 106
schon 1956 mit Soldaten anderer Verbände aneinander.
Sticht, Erlebnisse eines Bundeswehrsoldaten, S. 11.
Solche Schlägereien kamen allerdings nicht nur bei der
Luftlandetruppe vor. Kantinenprügeleien zwischen
1000
Soldaten unterschiedlicher Waffenfarben sind vielfach
überliefert.
162 Einen Fall, in dem ein Rekrut von Ausbildern mit
Kolbenstößen bei einem Marsch vorangetrieben und der
vor Gericht verhandelt wurde, schildert Sicht, Erlebnisse
eines Bundeswehrsoldaten, S. 50.
163 1. Luftlandedivision, 7. 8. 1963, Dienstaufsicht über
Ausbildungseinheiten, BArch-MA, BH 7-2/754.
164 Vgl. dazu Besondere Vorfälle bei der 1. LLDivision
(1962–1964), BArch-MA, BH 7-2/755.
165 In Nagold hatte man »so ungefähr alles falsch gemacht,
was man falsch machen kann, von den unterbliebenen
BV-Meldungen, über die Öffentlichkeitsarbeit bis zur
disziplinaren Seite, ganz abgesehen von der Inneren
Führung«, schrieb Carl-Gero Ilsemann an Heinz Karst,
BArch-MA, N 736-47, 13. 12. 1963. Daraus schien man
nun gelernt zu haben. Vgl. z. B. Fallschirmjäger hier und
da,
Der
Spiegel
31/1964,
S.
22
f.
https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/461
74252.
166 Vgl. Anmerkung 156 sowie Beurteilung Walter Gericke
durch Leo Hepp, 12. 3. 1964, BArch-MA, Pers 1/12636.
167 Adalbert Weinstein, »Soll man die FallschirmjägerDivision auflösen?, FAZ, 22. 2. 1964. Helmut Liebeskind,
damals Major i. G. in Calw und später Oberst und
Kommandeur einer Luftlandebrigade, wandte sich in
einem Leserbrief gegen den Weinstein-Artikel. Für die
ganze Bundeswehr gebe es, so Liebeskind, dieselben
Erziehungsgrundsätze. Keine Legionärstruppen, FAZ, 3.
3. 1964.
1001
168 Entwurf für einen Brief an die FAZ als Kommentar zum
Artikel Weinsteins. März 1964. BArch-MA, N 736/47.
169 Selbst der Haudegen Oberst Schirmer bemerkte in den
Anhörungen vor Gericht, dass er während des Krieges
viereinhalb Jahre an der Front gekämpft, aber nur
viereinhalb Minuten an einem Fallschirm gehangen hätte.
Man müsse nun, so hieß es auf übergeordneter Ebene,
eine vernünftige Relation zwischen »Träumen und
Wirklichkeit« herstellen. Schließlich seien in den
modernen Gefechtsszenarien die Einsatzmöglichkeiten
im Sprung äußerst beschränkt. Diese zweifellos
zutreffende Sichtweise verkannte jedoch die enorme
Bedeutung der Springerei für das Selbstverständnis der
Truppe. Sie war weniger im praktischen Sinne relevant,
auch wenn in den Großübungen des Kalten Krieges
zuweilen Massenabsprünge bei Nacht vorkamen. Sie
hatte aber einen geradezu konstituierenden Charakter für
die tribal culture der Luftlandeverbände. Bis heute hat
sich daran nichts geändert.
170 Notiz für den Herrn Kommandierenden General, G1 II.
Korps, 2. Dezember 1963, BArch-MA, BH 7-2/754.
171 Die Kultur der 1. Luftlandedivision wurde in den ersten
zehn Jahren in hohem Maße von einem Netzwerk von
Wehrmachtveteranen bestimmt, die sich alle aus der
Anfangszeit der Fallschirmjägertruppe her kannten. Hier
sind vor allem Heinz Trettner, Hans Kroh und Walter
Gericke zu nennen. Die Einstellung Krohs war auch dem
Urteil von Gerhard Schacht zu verdanken, der 1956 im
Amt Blank als Referent für das Luftlandewesen tätig und
ein Veteran von Eben Emael und Kreta war. Dass Kroh
»lose Verbindungen zu rechtsradikalen Kreisen in
Niedersachsen« hielt, solle man ihm nicht zu sehr zu
1002
seinen Ungunsten auslegen, so Schacht. Auch nicht, dass
er sich 1953 gegen die Wiederbewaffnung ausgesprochen
habe. Seine fachlichen Qualifikationen würden eindeutig
für ihn sprechen. Heinz Trettner wurde als Gutachter
angefragt und befürwortete Krohs Einstellung
erwartungsgemäß. Personalakte Hans Kroh, BArch-MA,
Pers 1/103926.
172 Z. B. in Schlussansprache des Bundesministers der
Verteidigung, Kai-Uwe von Hassel, bei der
Unteroffiziertagung 30. 1. 1964, S. 8, BArch-MA, BH 89/311.
173 Auszüge der Rede Trettners auf der Unteroffiziertagung
Bad Godesberg, Ende Januar 1964, in: 3. Panzerdivision,
Kommandeur, 3. 2. 1964, BArch-MA, BH 11/161. Diese
Textstelle darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen,
dass Trettner ein Gegner von Baudissins Gesamtkonzept
war. Für ihn war die Innere Führung prinzipiell ein
zeitloses Konzept, den Soldaten davon zu überzeugen, für
eine gute Sache zu kämpfen. Er zog die Linien bis zu den
Zeiten Friedrichs des Großen und meinte, dass praktische
Innere Führung älter sei als das Nationalgefühl.
Angewandt auf die heutige Zeit käme es darauf an, für
Freiheit und Recht zu kämpfen. Er war strikt gegen allzu
theoretische, realitätsferne Appelle und forderte dazu auf,
die Innere Führung aus dem Geist der Front zu verstehen.
»Lesen Sie darum Erlebnisberichte aus dem Krieg! Er
lehrt Sie, im Soldaten den Menschen zu sehen, ihn zu
achten, ihm zu vertrauen und um sein Vertrauen zu
werben. Das sollen Sie nicht erst im Kampf lernen,
sondern
bereits
im
Frieden
üben.«
Rede
Generalinspekteur
bei
Arbeitstagung
Hauptleute/Leutnante am 4. u. 5. 6. 1964, in:
1003
Kommandeur-Hinweis Nr. 27, 3. Panzerdivision, 18. 9.
1964, BArch-MA, BH 11/161. Gegen Trettners
Ernennung zum Generalinspekteur hatte es insbesondere
von Hans-Adolf Jacobsen in seiner Eigenschaft als
Mitglied des Beirats Innere Führung Widerstände
gegeben,
da
er ihn
für einen verbohrten
Antibolschewisten hielt, der noch in den Vorstellungen
des Dritten Reiches verhaftet sei. Korrespondenz dazu in
BArch-MA, N 842/9.
174 Inspekteur des Heeres, 5. 12. 1963, Zwischeninformation
über die Vorkommnisse in Nagold, BArch-MA, BH 72/754; Der Bundesminister der Verteidigung, 31. 1. 1964,
Die Vorfälle in der Ausbildungskompanie 6/9 in Nagold.,
hier S. 13 f., BArch-MA, BH 7-2/755.
175 Ähnlich war auch der Duktus beim stellvertretenden
Inspekteur des Heeres, Karl-Wilhelm Thilo. In einem
Artikel zu den Vorkommnissen von Nagold erwähnte er
zwar die Würde des freien Menschen, der die Ausbildung
Rechnung tragen müsse, und wandte sich scharf gegen
Schikane und Misshandlung. Aber die zentrale Rolle
spielte die Forderung nach Härte, wie sie sich in den
Schlachten des letzten Krieges gezeigt habe. Der Soldat
müsse durch das Vorleben des Vorgesetzten zum
freiwilligen Gehorchen gebracht werden. Die Vorstellung,
dass dies durch Verfassungspatriotismus zu erreichen sei,
taucht bei ihm nicht auf. Thilo, Verantwortung des
Gewissens.
176 Exemplarisch sei auf den Jahresausbildungsbefehl der
Fallschirmjägerbrigade 25 für das Jahr 1963 hingewiesen.
Ziel der Ausbildung sei es, den Verband nicht nur zum
Widerstand unter Inkaufnahme hoher Verluste zu
befähigen, sondern auch Gefechtserfolge zu erzielen. Bei
1004
der Führer- und Unterführerausbildung käme es
besonders auf Gehorsam und peinliche Pflichterfüllung,
Selbstständigkeit und Beweglichkeit im Denken an. Alle
14 Tage solle ein Vortrags- und Diskussionsabend
veranstaltet werden, bei dem etwa über die Innere
Führung, Führung und Technik, die Auseinandersetzung
mit dem Kommunismus oder die Kriegsgeschichte zu
sprechen sei. Der Befehl ist ein Beispiel dafür, dass die
Brigade ausschließlich auf die Gefechtsausbildung
konzentriert war. Der Kommandeur, Hans-Gotthard
Pestke, war ein hoch ausgezeichneter ehemaliger
Infanterieoffizier der Wehrmacht.
177 Gekühltes Hinterteil, Der Spiegel, 29. 7. 1959.
178 Weisung BMVg Fü S I 5, 12. 7. 1968, in: II. Korps 26. 7.
1968, BArch-MA, BH 8-12/49.
179 Ein Beispiel für ein neu komponiertes Lied, das freilich
nicht den Nerv der Truppe traf und selten gesungen
wurde, ist: »Wir sind die Grenadiere der Bundeswehr«,
1960. Auch im österreichischen Bundesheer wurden noch
lange
Wehrmachtlieder
gesungen.
Mitte
der
Achtzigerjahre setzte hier ein Reformprozess ein, bis
1994 die letzten alten Lieder verboten wurden. Scianna,
Militär. Zum »Liederskandal« bei der Panzerbrigade 28,
als
Soldaten
dabei
erwischt
wurden,
das
Panzergrenadierlied aus der NS-Zeit zu singen, Helmut
Groß, Falsche Töne, Die Zeit, 26. 8. 1977,
https://www.zeit.de/1977/36/falschetoene/komplettansicht.
180 Beurteilung Hans Kroh durch Leo Hepp, 11. 4. 1962,
BArch-MA, Pers 1/12641. Warum dieser zum 1. 10. 1962
in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, geht aus der
1005
Personalakte nicht hervor. BArch-MA, Pers 1/103962.
Der Personalreferent sprach von Überlegungen und
Gründen, die ihn »zwingen«, § 50 Soldatengesetz
anzuwenden.
181 Zur Heye-Affäre auch Schlaffer, Wehrbeauftragter, S.
168–180.
182 Die Artikel sind mit ergänzendem Material veröffentlicht
in dem Band »In Sorge um die Bundeswehr«, München
1964. Die Zitate S. 12, 67, 58.
183 Pikanterweise wurde dieser 1966 Oberbefehlshaber der
französischen Streitkräfte in Deutschland.
184 So Heye in einem Brief an Helmut Schmidt, zit. nach
Schlaffer, Wehrbeauftragter, S. 172.
185 Jahresbericht des Wehrbeauftragten 1963, S. 10.
https://www.bundestag.de/parlament/wehrbeauftragter.
Die Gesamtzahl der Eingaben ging relativ zur Stärke der
Truppe freilich eher zurück. Die absoluten Zahlen
betrugen 1960: 5190; 1961: 3555; 1962: 5537, 1963:
5402, 1964: 4699.
186 Eine Statistik aller Starfighter-Abstürze findet sich in:
https://web.archive.org/web/20120426020426;
http://billy.hhvkluftwaffe.buecher.officelive.com/Starfighterunfaelle.aspx.
Von insgesamt 916F 104 Starfightern gab es 269
Abstürze in 24 Jahren (1962 bis 1986 = rd. 30 %). Dazu
im Vergleich der Tornado 369/46 (14 %), Phantom
263/34 (13 %).
187 Zimmermann, Führungskrise in der Bundeswehr.
188 Die Gründe für die Abstürze waren vielfältig: Neben
technischen Problemen des Flugzeugs gab es einen
1006
Mangel an Mechanikern und Abstellhallen. Vor allem
flogen die Piloten zu wenig, um sich auf das neue, hoch
anspruchsvolle Flugzeug einzustellen. Steinhoff konnte
durch eine Reihe von Maßnahmen die Unfallzahlen
deutlich senken, wenngleich es bis in die Siebzigerjahre
bei wenigstens zehn Abstürzen pro Jahr blieb. Dies wurde
aber schon als Erfolg gewertet.
189 Möllers, Ringen um Kompetenzen; Birk, Steinhoff.
190 Der Mangel an jungen Offizieren und ihre Überforderung
wurden in dieser Zeit im offiziellen und inoffiziellen
Schriftverkehr intensiv debattiert. Vgl. z. B. Oberst CarlGero von Ilsemann an Oberst i. G. van Beuningen, 2. 10.
1968, an General de Maizière, 21. 10. 1968, BArch-MA,
N 736/18.
191 General des Erziehungs- und Bildungswesens im Heer,
12. 3. 1969, BArch-MA, N 690/116. Ausführliche
Auseinandersetzung über die Ablehnung des Staates
durch junge Soldaten, hier Fahnenjunker, die entlassen
werden wollen (Teil 2a, S. 16.). Die meisten
Fahnenjunker, die ein Entlassungsgesuch schrieben,
stammten aus der Nachschub- und Instandsetzungstruppe,
die wenigsten von den Fallschirmjägern und Pionieren.
Im Bereich der technischen Truppen scheint zu diesem
Zeitpunkt die Verdienstmöglichkeit zur Finanzierung des
späteren Studiums das Hauptmotiv zu Verpflichtung als
OA gewesen zu sein. Auswertung der Lebensläufe des
29. Fhj-Lehrganges, Lehrgruppe D, Fernmeldeschule des
Heeres, 30. 1. 1969, BArch-MA, N 690/116.
192 2.
Panzergrenadierdivision,
2.
4.
1968,
Kriegsdienstverweigerungsanträge von Soldaten im
Bereich der 2. PzGrenDiv., BArch-MA, N 651/18.
1007
193 Militärischer Zustandsbericht 12. PzDiv, 27. 12. 1968,
BArch-MA, BH 8-12/21.
194 Tagebuch Beermann, 16. 3. 1968, BArch-MA, N
597/168, S. 17.
195 »Wie ich es sehe« vom Leiter der Artillerieschule IdarOberstein, Brigadegeneral Ulrich Boes, BArch-MA, N
596/21.
196 Ausbildungszentrum TV 33/1, 6. 2. 1969, S. 4, BArchMA N 596/21. Vgl. weiterhin die Schilderung des
späteren Generalinspekteurs Jürgen Brandt über die
Zustände in der Panzergrenadierbrigade 7. Er sprach vom
Entsetzen über den Verlust an Disziplin und davon, dass
die Unteroffiziere in beängstigender Weise zermürbt
seien. Die Offiziere würden jenseits der Befehle,
Vorschriften und Verordnungen aus einem instinktiven
Gefühl für das Notwendige die Armee einigermaßen
intakt halten. Brandt an Karst, 27. 11. 1969, BArch-MA,
N 690/116. Das Problem der Ohnmacht der Führer bei
Gehorsamsverweigerungen, aber auch das Vorhandensein
von zu viel Kommiss beklagte Helmut Schröder, der G1
des III. Korps, in seinen Gedanken zur Verbesserung der
Offizierslage. Die Bundeswehr allein, so Schröder, könne
sich nicht helfen und sei auf die Unterstützung der Politik
angewiesen, 4. 12. 1969, BArch-MA, MSG 239-372/1.
197 Ebenda. Ähnliche Probleme hatte es im Dezember 1968
bei der großen Reserveübung »Blauer Wacholder«
gegeben, als erstmals die Aufstellung von drei
Feldersatzbataillonen einer Panzergrenadierdivision geübt
werden sollte. Die Presse berichtete genüsslich darüber,
dass »etwa 40 Prozent der Reservisten so lange tankten,
bis sie die Farbe ihrer Manöver-Partei schon vor dem
1008
Einrücken erreicht hatten«. Walcholder extra blau, Der
Spiegel, 51/1968; »Die Truppe war zu blau«, Bild, 11. 12.
1968.
198 Tagebuch Beermann, 14. 3. 68, BArch-MA, N 597/168,
S. 17.
199 Militärischer Zustandsbericht des Heeres, 10. 2. 1969,
BArch-MA, BW 2/3130, S. 2.
200 Fraktionssitzung CDU/CSU, 12. 2. 1969, S. 8.
file:///Users/sonkeneitzel/Downloads/cducsu-05wp-196902-12(2).pdf.
Zu
Thomsen
auch:
https://www.zeit.de/1969/12/die-ungeliebtearmee/komplettansicht. Zur NPD und Bundeswehr
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45465458.html;
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45522358.html.
201 Puzicha, Soldat und Politik, S. 25, 59.
202 Tagebuch Beermann 9. 4., 18. 4. 1969, BArch-MA, N
597/172, S. 9, 15.
203 Ebenda, 3. 11. 1968, BArch-MA, N 597/170, S. 22; 15. 7.
1970, /175, S. 16.
204 Ebenda, 3. 4. 1969, BArch-MA, N 597/172, S. 5.
205 Ebenda, 31. 8. 1968, BArch-MA, N 597/168, S. 50.
206 Ebenda, 5. 3., 14. 3., 16. 3. 1968, BArch-MA, N 597/168,
S. 14–17.
207 Beermann war als Deutscher Bevollmächtigter im
Bereich der Northern Army Group Central Europe in
Mönchengladbach für die Territorialverteidigung im
nördlichen Deutschland zuständig. Der Stab wurde im
Juli 1969 in das Territorialkommando Nord umgegliedert.
1009
208 Tagebuch Beermann 5. 11. 1968, BArch-MA, N 597/170,
S. 23; 7. 2. 1969, /171, S. 16.
209 Biografien über Grashey und Schnez liegen leider nicht
vor. Die Personalakten können nur erste Hinweise geben.
Hellmut
Grashey
(1914–1990)
wurde
im
Frankreichfeldzug schwer verwundet, absolvierte nach
der Genesung die Generalstabsausbildung, war im OKH
und schließlich als Ia in einer Jägereinheit von Sommer
1943 bis Sommer 1944 an der Ostfront eingesetzt. Über
seine politische Haltung hieß es in der Personalakte nur:
»Steht auf dem Boden der nationalsozialistischen
Weltanschauung.« Beurteilung 1. 3. 1943, Personalakte
[NARA]. Nach dem damaligen Beurteilungsschema war
dies die niedrigste Kategorie.
210 Albert Schnez (1991–2007) war im Krieg vor allem in
Stabsfunktionen im Transportwesen eingesetzt. Er erlebte
als Regimentsadjutant und O1 einer Infanteriedivision im
Polen- und Frankreichfeldzug nur kurze Fronteinsätze.
Von Februar 1943 bis Mai 1944 war er als Ia einer
Panzergreandierdivision an der Ostfront eingesetzt, führte
vertretungsweise für einen Monat ein Regiment. Er
wurde als ein »sehr guter kristenfester Gen. St.Offizier«
beurteilt, »der mit Sinn für die Wirklichkeit sehr viel
Verständnis für die Truppe verbindet«. Zur politischen
Haltung hieß es: »Überzeugter Nationalsozialist, der sein
Gedankengut auf andere zu übertragen vermag.« Und:
»Ausgesprochene nationalsozialistische Überzeugung
und entsprechende Haltung.« Beurteilung vom 1. 3. 1943,
1. 3. 1944 [NARA]. Inwieweit sich Grashey und Schnez
in ihrer politischen Haltung während des Krieges wirklich
unterschieden, wie dies die Beurteilungen nahelegen, ist
bislang nicht bekannt.
1010
211 Tagebuch Beermann 16. 6. 1969, BArch-MA, N 597/173,
S. 33.
212 Ebenda, 21. 4. 1969, BArch-MA, N 597/172, S. 18.
213 Ebenda, 7. 2. 1969, BArch-MA, N 597/171, S. 16.
214 Umfangreiches Material dazu im Nachlass von Ulrich de
Maizière; hier findet sich auch eine Tonbandabschrift der
Rede Grasheys. BArch-MA, N 673/70.
215 Er hatte zusammen mit Grashey 1959/60 in Fort
Leavenworth die amerikanische Generalstabsausbildung
durchlaufen, und die beiden waren schon damals
aneinandergeraten. Tagebuch Beermann 13. 7. 1959, 6. 8.
1959, 26. 8. 1960, 3. 10. 1959 BArch-MA, N 597/155, S.
18 f., 36, 38, 48 sowie 16. 11. 1968, /170, S. 25; 23. 6.
1969, /173, S. 38.
Grashey war 1956 als ehemaliger Oberstleutnant i. G.
wieder in die Bundeswehr eingestiegen. Zuvor war er
pikanterweise Chef des Stabes der Annahmeorganisation
der Bundeswehr. Er selbst musste sich offenbar nie einem
Prüfgespräch unterziehen. Seine politische Haltung war
in den diversen Beurteilungen seiner Bundeswehrzeit nie
Thema. In den Beurteilungen aus der Wehrmachtzeit
wurde eine NS-Haltung nicht in besonderer Weise betont.
Er wurde als eine der erfreulichsten Erscheinungen im
Offizierkorps gelobt. Herausgestellt wurde auch, dass er
zu jenen Offizieren gehöre, »die durch ihre Bildung und
ihr
Bestreben,
sich
weiterzubilden
und
zu
vervollkommnen, zur Elite des Volkes gezählt werden
können. Bei aller Verwurzelung aufgeschlossen und
modern denkend.« Der sprachbegabte Grashey galt als
»weltoffen, grosszügig, ritterlich«, 22. 3. 1957, 30. 9.
1967. Lediglich Generalleutnant Josef Moll war in seiner
1011
Beurteilung am 28. 11. 1967 erkennbar zurückhaltend,
sprach davon, dass Grashey zu einer Generation gehöre,
»die sich nicht schlecht präsentiert« und sicher ein »recht
leistungsfähiger« General sei. BArch-MA, Pers 1/30087.
Leider ist der Nachlass Grashey im Militärarchiv in
Freiburg erst ab 2021 für die Benutzung freigegeben.
216 Tagebuch Beermann 27. 4. 1969, BArch-MA, N 597/172,
S. 21.
217 Ebenda, S. 23.
218 Ebenda, 18. 6. 1967, /165, S. 60; 24. 5. 1969, /173, S. 15.
Die Angst vor der Marine geht auf seine Glücksburger
Rede von 1958 zurück, in der er Max Reichpietsch als
vorbildhafter als Erich Raeder und Karl Dönitz
bezeichnet hatte und dafür scharf angegriffen wurde. Als
er 1959 in die Bundeswehr eintrat, wurde er von
Heusinger
persönlich
auf
diese
Äußerungen
angesprochen.
219 Beermann sah es genauso und hielt diese gar für
»schwarz-weiß-rot« – also letztlich für kaiserlichkonservativ. Tagebuch Beermann 17. 4. 1969, BArchMA, N 597/172, S. 16.
220 Vgl. z. B. die Sendung »Zu Protokoll«, in der Günter
Gaus am 18. 5. 1969 Graf Baudissin interviewte. Das
Sendemanuskript findet sich in BArch-MA, N 666/22.
Zehn offene Briefe an Generalleutnant a. D. Graf von
Baudissin, Köln, 1. 9. 1969, BArch-MA, N 999/99.
Weber erhielt etwa 100 positive und drei negative
Rückmeldungen. Positiv aufgenommen etwa von Georg
Juraschek vom Beirat Innere Führung (Juraschek an
Weber, 7. 10. 1969, BArch-MA, N 666/42), den
Generälen Niepold, Uechtritz, von Plato, Sonneck,
1012
Gerber, Herrmann Schönfeld, Klaus Schubert. Oberst
Werner Krieger in seinem Brief an Karst, 15. 9. 1969.
BArch-MA, N 690/116. Oberst Lothar Domröse 8. 9.
1969, BArch-MA, N 666/22. Vgl. auch die Reflexionen
Webers und Pfuhlsteins über Baudissins Kriegserlebnisse,
BArch-MA, N 666/22. Die Akte enthält auch zahlreiche
positive Reaktionen aus der Truppe auf Webers zehn
Briefe.
221 Ein wichtiger Akteur war dabei Heinz Karst. Eine
Zusammenstellung von Presseartikeln von und über ihn
findet sich in BArch-MA, BW 1/22102.
222 Gedanken zur Verbesserung des Inneren Gefüges des
Heeres, in der Fassung vom Juni 1969, BArch-MA, BH
1/771; Fassung vom 14. 5. 1969, BArch-MA, N 690/61.
Vgl. auch Zimmermann, de Maizière, S. 392.
Die Studie geht zurück auf eine Besprechung der
Inspekteure und Kommandierenden Generale am 20. 5.
1969
in
Oldenburg
anlässlich
der
dortigen
Kommandeurtagung, auf der offen und kritisch über die
Probleme des Inneren Gefüges gesprochen wurde.
Generalleutnant Niepold meinte hier etwa, eine Armee
sei mit solchen Gesetzen nicht funktionsfähig. General de
Maizière stellte klar, dass die Innere Führung nicht
gescheitert sei, sondern nur der geänderten
gesellschaftlichen und innenpolitischen Situation
angepasst werden müsse. Wie diese Anpassung nach
Meinung der Führungsspitze des Heeres aussehen sollte,
beschrieb einige Wochen später die Schnez-Studie.
StabsOffz beim GenInsp TgbNr. Fü S 1840/69 geh., 24.
6. 1969, S. 4, BArch-MA, BW 2/8669.
1013
223 Gedanken zur Verbesserung der inneren Ordnung des
Heeres, Juni 1969 (Schnez-Studie), S. 67, BArch-MA,
BH 1/771.
224 Die Brigadegeneräle Horst Hildebrandt, Ernst Paulsen,
Wolfgang Schall, Alfred Ritz, Günther-Joachim Rothe
und Heinz Karst. Letzterer wurde bald von der Presse als
Autor vermutet, was aber nicht stimmt. Karst war
zweifelsohne der Intellektuellste der konservativen
Generäle dieser Zeit, der viele Aspekte der Studie bereits
zuvor schon einmal geäußert hatte. Vgl. z. B. sein
Schreiben an General a. D. Heinz Trettner vom 13. 2.
1968, dem eine sechsseitige Skizze über die Missstände
der Bundeswehr beilag. Hier verglich er die Zustände mit
jenen der französischen Armee 1940. BArch-MA, N
842/18 oder auch »Aktuelle Fragen der soldatischen
Erziehung«,
Vorträge
gehalten
anlässlich
der
Schulkommandeurtagung am 27. 3. 1968 im Truppenamt
des Heeres, BArch-MA, N 690/60. Freilich wurde sein
Vorschlag zur Präambel der Studie, in der er als
Referenzpunkte das verfassungskonforme Einstehen für
die freiheitliche Grundordnung und die strikte Wahrung
von Recht und Menschenwürde benannte, so nicht
aufgenommen. Heinz Karst an Brigadegeneral Schall, 29.
4. 1969, BArch-MA, N 690/115. Zu Karsts Version zur
Entstehung der Studie vgl. Simon, Integration, S. 66.
225 Deren Kommentare zur Studie sind bislang nicht
überliefert.
Dass
sie
mit
dem
Grundtenor
übereinstimmten, erscheint aber unstrittig. In einer
Ansprache zum 20-jährigen Bestehen der NATO am 4. 5.
1969 verwies der Kommandierende General des I. Korps,
Otto Uechtritz, auf die beiden »irdischen Bezugspunkte«
des Soldaten, nämlich »den Staat, in dem wir dienen, und
1014
den Krieg, für den wir bereit sein müssen«. Er ließ an der
Einbindung in die freiheitliche Rechtsordnung und an der
Inneren Führung keinen Zweifel, kritisierte aber, dass der
zweite Bezugspunkt gedankenlos außer Acht gelassen
werde. »Es ist das Bereitsein für die eigentliche
soldatische Aufgabe – den Kampf. Denn nichts Anderes
kann die Aufgabe des Soldaten sein.« BArch-MA, N
596/21. Uechtritz, der scherzhaft auch der »Eiserne Otto«
genannt wurde, meinte, dass die Probleme des
mangelnden Zusammenhalts der Truppe und ihrer
schlechten Disziplin nach damaliger Rechtslage nicht
oder nur unbefriedigend gelöst werden könnten. Uechtritz
erwähnt hier mehrere Fälle, in denen der Gehorsam
gegenüber renitenten Soldaten nicht durchgesetzt werden
konnte. I. Korps, 26. 9. 1969, BH 7-1/1117. Vgl. auch
seine Äußerungen in: Offizierbesprechung, 24. 2. 1970,
BArch-MA, N 596/21.
226 Wittmann legte den Schwerpunkt seiner Kritik auf die
Maßnahmen innerhalb des Heeres und weniger auf die
Änderung gesellschaftlicher, politischer oder rechtlicher
Rahmenbedingungen. Freilich war die Frage, inwieweit
diese Rahmenbedingungen geändert werden müssten,
wohl
die
ursprüngliche
Denkaufgabe
von
Verteidigungsminister Schröder. Stellungnahme zu den
»Gedanken zur Verbesserung des Inneren Gefüges des
Heeres« von Jürgen Wittmann, 3. 6. 1969. BArch-MA, N
690/60.
227 Marschner, Schnez-Studie.
228 Generale rufen nach Zensur, SZ, 3. 12. 1969.
229 Anlage zu Fü H IV 3 vom 15. 12. 1969, BArch-MA, BH
1/771; Gefühl und Herz, Der Spiegel, 50/1969. Vgl. auch
1015
Im
Rückspiegel,
Kampftruppen
(Zeitschrift
herausgegeben vom Arbeitskreis der Kampftruppen)
1/70, S. 1–3.
230 Mitteilungen an die Presse, 4. Vollsitzung des 4. Beirats
für Fragen der Inneren Führung, 18. 12. 1969, BArchMA, BW 1/22108. Vgl. auch Niederschrift über die
Besprechung des Bundesministers der Verteidigung mit
den Kommandierenden Generalen am 8. 1. 1970, ebenda.
231 Nach altem Brauch, Der Spiegel, 1/1970.
232 WDR-Sendung vom 23. 12. 1969, NDR-Sendung vom
27. 12. 1969, Text in BArch-MA, BW 1/22106.
233 FR, 10. 1. 1970.
234 Eine Zusammenstellung der Presseberichterstattung
findet sich in: Der Bundesminister der Verteidigung FüS
VII 1 – Az 01-60-01, 21. 1. 1970, in: BArch-MA, N
651/19. Dort ist auch der Text der NDR-Sendung
Panorama vom 26. 1. 1970 abgedruckt. Vgl. auch BArchMA, BW 1/22106.
235 Schmidt meinte zu den Generälen, dass in der Studie
vieles »diskussionswürdig, manches aber auch sehr
diskussionsbedürftig«
sei.
Er
kritisierte
die
Formulierungen zum Geschichtsbewusstsein als »völlig
abwegig«, warnte vor dem Verlangen der militärischen
Führung nach Anpassung der Gesellschaft an das Militär,
stellte aber auch fest, dass er keine Zweifel an der
Loyalität der Generäle zu Rechtsstaat und Demokratie
habe. Gerade auf den letzteren Punkt legten sie großen
Wert. Die Niederschrift über Besprechung des
Bundesministers
der
Verteidigung
mit
den
Kommandierenden Generalen am 8. 1. 1970, 13. 1. 1970,
BArch-MA, BW 1/22108.
1016
236 BArch-MA, N 673/71, hierin auch die Antworten der
Inspekteure der Teilstreitkräfte.
237 Inspekteur des Heeres, Gedanken zur Inneren Führung,
Mai 1969, BArch-MA, BW 1/22108.
238 So wies die 12. Panzerdivision 1969 darauf hin, dass es
angesichts von Wehrungerechtigkeit und antimilitärischer
Propaganda
zwar
immer
schwerer
sei,
den
Wehrpflichtigen den Sinn ihres Dienstes klarzumachen.
Doch bei Übungen sei die Masse »vielleicht aus einem
Erlebnisund
Abenteuertrieb«
voll
engagiert.
Militärischer Zustandsbericht 12. Panzerdivision, 23. 12.
69, S. 17, BArch-MA, BH 8-12/21.
239 Brief von General James H. Polk OB 7. Armee an
Schnez, 26. 1. 1970, in: BArch-MA, N 651/19. Die
amerikanische Botschaft in Bonn kommentierte: »Clearly
they [the army leadership] are not reactionaries in any
serious political sense of the term. The problem, as this
affair makes clear, is not that they are political foxes but
that they are babes in the woods.« Problems of the
Bundeswehr – The Generals, 2. 1. 1970, NARA, RG 59,
Entry 1613, Box 1737.
240 Gedanken zur Verbesserung des Inneren Gefüges des
Heeres (Schnez-Studie), S. 42, 50, BArch-MA, BH
1/771.
241 Vgl. z. B. den vielsagenden Tagebucheintrag von
Generalinspekteur Ulrich de Maizière anlässlich seines
Besuches bei Franz Halder zu dessen 85. Geburtstag, 30.
6. 1969, BArch-MA, N 673/288.
242 Ende 1969 veröffentlichte Oberst i. G. Friedrich Doepner
sein Buch »Bundeswehr und Armeereform«, in dem er
1017
noch weit über die Schnez-Studie hinausging. Vgl. auch
Zimmermann, de Maizière, S. 179.
243 Tagebuch Beermann 23. 12. 1969, BArch-MA, N
597/174, S. 21 f.
244 Ebenda, 6. 1. 1970, S. 26 f.
245 Beermann wiederholte diese Gedanken sogar bei einem
Abendessen bei Baudissin am 8. 2. 1970. »Sagte ihm, daß
ich die Folgerichtigkeit seiner Militärtheorie bewundere,
ihr aber im Kern nicht zu folgen vermag. Die
Bundeswehr sei kein Industriebetrieb – und dem
Gruppenführer der Infanterie könnte man nicht sagen,
daß er nur zur Abschreckung da sei.« Tagebuch
Beermann 10. 2. 1970, BArch-MA, N 597/174, S. 33.
246 Tagebuch Beermann 1. 1. 1970, BArch-MA, N 597/174,
S. 25.
247 Der Vorgänger von Schnez, Josef Moll, der das Heer bis
März 1968 führte, war im Ton zweifelsohne moderater.
Er verteidigte den Eintritt von drei Generälen in die ÖTV
und trat mit der Abschaffung des Zapfenstreichs, des
Weckens durch den UvD u. Ä. für die Lockerung von
althergebrachten Regelungen ein, die für Konservative
nicht verhandelbar waren. Ansprache bei HOS am 3. 3.
1967, BArch-MA, N 447/31; Josef Moll, Erinnerungen,
S. 170–177, 189–191, Privatarchiv Moll. Eine Biografie
Molls liegt bislang nicht vor.
Einer der Liberalen war Generalmajor Wolfgang Köstlin,
stellv. KG III. Korps. Zimmermann, de Maizière, S. 393
f. Auch Carl-Gero von Ilsemann stand auf dieser Seite. Er
war zu diesem Zeitpunkt Kommandeur der
Panzergrenadierbrigade 1 und wurde 1969/71 Sprecher
Helmut Schmidts. Er kannte Karst noch aus der Zeit in
1018
der Schule für Innere Führung. Er leugnete die
Anforderungen des Kampfes in keiner Weise, setzte
zumindest in der öffentlichen Rede aber nun seine
Akzente stärker auf die Rechte als auf die Pflichten des
Soldaten. Vgl. z. B. seine Vereidigungsansprache,
Hildesheim, 12. 12. 1968, in: BArch-MA, N 736/3. Unter
den Brigadekommandeuren dürfte er 1968 aber eine
Ausnahme gewesen sein.
248 Vermerk des stellv. Inspekteurs des Heeres zum
Zustandsbericht, o. D. (wohl Anfang 1970), BArch-MA,
N 651/47.
249 Am 25. 1. 1970 wurde dazu sogar eine Pressekonferenz
abgehalten. Bemerkenswert ist, dass der Kommandeur
der Schule der Sache seinen Lauf ließ und ein solches
Vorhaben nicht etwa unterband. Brigadegeneral Hermann
Wulf war in der Wehrmacht ein hoch ausgezeichneter
Infanterieoffizier, der die Goldene Nahkampfspange und
das Eichenlaub trug. Er wurde nach dem Krieg Arzt und
trat 1956 wieder in die Bundeswehr ein. Für sein
tolerantes Verhalten wurde er vom Chef des
Truppenamtes gerüffelt. Sonneck an Wulf, 26. 1. 1970,
BArch-MA, N 690/58.
250 Stellungnahme von Arbeitsgruppen der HOS I, II, III und
der KpfTrS II zu den Thesen der »Leutnante 70«, BArchMA, BW 1/25440.
251 Soldat 70. Wehrpflichtige melden sich zu Wort. BArchMA, BH 7-1/1143.
252 Walter Zuckerer (*1947) machte noch in der Hamburger
SPD Karriere und war 2002 bis 2004 ihr
Fraktionsvorsitzender.
1019
253 Die Werdegänge der acht Leutnante 70 sind im Detail
nicht überliefert, ihre Personalakten sind noch gesperrt.
Keiner von ihnen wurde General, zumindest vier
erreichten den Rang Oberst: Hans Ehlert, Hans-Eberhard
von Steinaecker, Jochen Burgemeister und Anton
Uthemann. Die drei letzteren durchliefen auch die
Generalstabsausbildung. Dankward Freiherr von Funck
durchlief als Einziger eine klassische Laufbahn in der
Kampftruppe, die er ebenfalls als Oberstleutnant
beendete.
254 Konteradmiral Carl-Heinz Birnbacher, stellv. Flottenchef,
meinte, dass die jungen Marineoffiziere die Leutnante der
HOS II keineswegs als stellvertretend und typisch für
ihren Jahrgang empfunden hätten. »Sie hätten die Thesen
vom Tisch gewischt.« Schnez meinte hingegen, dass die
Thesen von den Leutnanten im Heer weitgehend
gebilligt, von den Hauptleuten aber abgelehnt würden.
Stabsoffz. beim GenIsnp, den 13. 2. 1970, Niederschrift
über die KG-Besprechung am 11. 2. 1970, S. 9. BArchMA, BW 2/8669.
255 Einzelne unzufriedene konservative Offiziere verließen
aus eigenem Entschluss die Streitkräfte. Vgl. das
Entlassungsgesuch des 38-jährigen Konrad Freiherr von
Zedlitz und Neukirch, der als Major i. G. 1969 ausschied
in: BArch-MA, N 690/116.
256 Lediglich
die
vorzeitige
Pensionierung
des
stellvertretenden Inspekteurs des Heeres, Helmut
Grashey, war letztlich politisch bedingt. Zu Grasheys
Schilderung der Vorgänge, die zu seinem vorzeitigen
Abschied führten, siehe die Darstellung aus dessen Feder
im Januar 1970, in: BArch-MA, N 651/19.
1020
257 Loch, Deutsche Generale, S. 490–500. Dieses Motiv hat
Helmut Schmidt auch offiziell immer verwendet, es ist
ihm aber nicht abgenommen worden. Viele Generäle
kränkte ihre vorzeitige Verabschiedung. Generalleutnant
Karl-Wilhelm Thilos ließ sich in der Folge zu einem
Interview in der Schwäbischen Zeitung vom 3. 6. 1970
hinreißen. Da er um seine vorzeitige Pensionierung
wusste, nahm er kein Blatt vor den Mund und sparte nicht
an
kaum
verklausulierter
Kritik
am
Verteidigungsminister, dem Rüstungsstand und den
inneren Zuständen. Dies trug ihm nicht nur einen
schweren Rüffel von Helmut Schmidt, sondern auch von
Albert Schnez ein, sodass er zusagen musste, sich bis
zum
Ruhestand
mit
öffentlichen
Äußerungen
zurückzuhalten. Das Interview und etliche Briefwechsel
dazu finden sich in: BArch-MA, BH 1/9950.
258 Tagebuch Beermann 23. 6. 69, BArch-MA, N 597-173, S.
38. Beermann schlug im Übrigen Baudissin 1969 als
Kandidat für die Bundespräsidentenwahl und als
Staatssekretär im Verteidigungsministerium vor. Er
notierte, dieser habe sehr darunter gelitten, dass Schmidt
ihn nicht auf den Posten des Generalinspekteurs berief.
Tagebuch Beermann 24. 6. 1968, BARch-MA N 597-168,
S. 22; 9. 4. 1969, N 597/172, S. 8; 3. 10. 1969, N 597174, S. 1. Gleiches berichtet Baudissins ehemaliger
Adjutant Helge Hansen. Interview Hansen, 26. 2. 2020.
259 Tagebuch Beermann 10. 2. 1970, BArch-MA, N 597/174,
S. 33.
260 Viel ist darüber spekuliert worden, warum Schmidt den
Spiritus Rector des konservativen Protests nicht vor die
Tür setzte. Jenseits der politischen Differenzen stimmte
zwischen beiden die Chemie, und Schmidt hatte eine
1021
hohe Meinung von Schnez. Zeitzeugeninterview Henning
von Ondarza, 26. 2. 2020. Ondarza war in diesen Jahren
Adjutant von Schnez. Beermann schrieb am 27. 4. 1969
in sein Tagebuch, Schmidt sei »ja stets für Schnez
gewesen«. BArch-MA, N 597/172, S. 23. Die
Wertschätzung des Ministers für den energischen
Heeresorganisator wird auch in der Abschiedsrede für
Schnez deutlich. Rede des Bundesministers der
Verteidigung zur Verabschiedung von GenLt Schnez am
24. 9. 1971, BArch-MA, N 651/17. Vgl. auch Loch,
Deutsche Generale, S. 196.
261 Der Bezug zu den Ankündigungen im Weißbuch 1970
findet sich insbesondere im Zustandsbericht der
Panzerlehrbrigade 9, 6. 11. 1970, S. 7 f., BArch-MA, BH
7-1/487.
262 Als Beispiel vgl. die genaue Aufgliederung der
Wochenarbeitszeit von Unteroffizier Peter Otto Müller
vom 30. 3 bis 26. 9. 1970 (62,1 Std/Woche),
Zustandsbericht Panzerlehrbrigade 9, 6. 11. 1970, BArchMA, BH 7-1/487.
263 Zustandsbericht 11. Panzergrenadierdivision 22. 12.
1970, S. 4 f., BArch-MA, BH 7-1/487.
264 Zustandsbericht des Heeres 1970, 12. 3. 1971, S. 17,
BArch-MA, BW 2/4870. Es gibt zahlreiche weitere
Berichte über die massiven Probleme bei der Disziplin,
der Leistungsbereitschaft und dem Selbstverständnis als
Soldat in dieser Zeit, die – so der Korpsartillerieführer 1 –
die Grenzen des Tragbaren überschritten. Vgl.
beispielsweise den Kommandeurbrief Nr. 5, I. Korps, 30.
6. 1971, BArch-MA, BH 7-1/905; Günter Kießling,
Versäumter Widerspruch, S. 269 f.
1022
Der stellv. Kommandeur der 5. Panzerdivision schrieb zur
Personallage: »Gute Kommandeure, ordentliche Chefs (z.
T. noch unerfahren), kritische Situation bei den
Leutnants, oft sehr gute Feldwebel, Absacken bei den
Unteroffizieren, darunter etliches zusammengefegtes
Kroppzeug, was uns nach Weggang der ordentlichen
Feldwebel belasten wird.« Aus dem Bereich der
Abiturienten könne nur ganz schwer Nachwuchs
gewonnen werden, »weil wir alle nach der negativen
Vorarbeit von Schule, Eltern, Verbänden erst mal
umfunktionieren« müssten. Heinz-Georg Lemm an Karst,
26. 11. 1969, BArch-MA, N 690/116.
265 Kriegsdienstverweigerung aus der Sicht eines Beisitzers
im Prüfungsausschuss (Hellmuh Dettinger), 13. 1. 1970,
Zustandsbericht II. Korps 1969, S. 61–67, BArch-MA,
BH 1/24648.
266 So etwa Horst Hildebrandt, Kommandeur der 1.
Panzerdivision, der von einer »noch ausreichenden
Offizier- und Unteroffizierlage« sprach und trotz der
steigenden Zahl von Disziplinverstößen glaubte, den
Einsatzauftrag seines Verbandes im Ernstfall erfüllen zu
können.
Militärischer
Zustandsbericht
1.
Panzergrenadierdivision, 28. 12. 1970. Deutlich kritischer
war Generalmajor Horst Ohrloff. Er sah verschiedene
gesellschaftliche und politische Institutionen in der
Verantwortung
für
das
Ausbleiben
des
Offiziernachwuchses. In: Militärischer Zustandsbericht 3.
Panzerdivision, 22. 12. 1970, S. 3, 9, 27. Der
Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9, Gottfried Ewert,
war ebenfalls eher kritisch und beklagte, dass die Hälfte
aller
Wehrpflichtigen
einen
zu
niedrigen
Intelligenzquotienten hätte, um die anspruchsvollen
1023
Aufgaben eines Panzergrenadiers im Schützenpanzer zu
erfüllen, Zustandsbericht Panzerlehrbrigade 9, 6. 11.
1970, S. 6, BArch-MA, BH 7-1/487. Eher kritisch zum
Zustand des inneren Gefüges auch der Zustandsbericht
der 6. Panzergrenadierdivision, 17. 12. 1970, BArch-MA,
BH 7-1/487.
267 Militärischer
Zustandsbericht
der
7.
Panzergrenadierdivision, 21. 12. 1970, S. 12, 15–17, 31–
34, 42 f. BArch-MA, BH 7-1/487. Vgl. auch 7.
Panzergrenadierdivision, 19. 3. 1971, Vorschläge zur
Konsolidierung des Heeres, BArch-MA, BH 7-1/1123.
268 Weitere Details der Entstehung und des weiteren Verlaufs
bis zur Veröffentlichung am 19. 3. 1971 bietet: Zeitlicher
Ablauf
der
Aktion
der
Hauptleute
7.
Panzergrenadierdivision, BArch-MA, BH 7-1/1123,
sowie eine Reflexion von Hermann Büschleb, der am 8.
4. 1971 von dem entlassenen Eike Middeldorf die 7.
Division übernehmen musste: »Aktion der Unnaer
Hauptleute 1971«, in: BArch-MA, N 596/55.
269 Niederschrift der Ergebnisse einer Arbeitstagung von
Hauptleuten (KpChefs) 7. PzGrenDiv im Dezember
1970. Sie ist vielfach überliefert, etwa in BH 8-7/200. Mit
den Kommentaren des neuen Divisionskommandeurs
Herrmann Büschleb in: BArch-MA, N 596/55.
270 In einer Meinungsumfrage vom April 1971 meinten 30
Prozent der Befragten (39 Prozent der Männer), dass in
letzter Zeit die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr
nachgelassen habe. Jahrbuch der öffentlichen Meinung,
1968/73, Allensbach 1974, S. 501.
271 Tagebuch de Maizière 12. 1. 1971, BArch-MA, N
673/290.
1024
272 De Maizière meinte, dass ein Rücktritt nur infrage käme,
»wenn es sich für die Streitkräfte lohne«. Vermerk über
den Besuch des GenInsp Bw bei der PzBrig 21 in
Augustdorf am 12. 1. 1971, den 13. 1. 1971, S. 5, BArchMA, BW 1/22107.
273 Middeldorf stürzte in der wesentlich von ihm selbst
angestoßenen Affäre. Als mit dem Gang an die
Öffentlichkeit auch er als Kommandeur in die Kritik
geriet, distanzierte er sich ein Stück weit von den
Hauptleuten und bot konkrete Verbesserungsvorschläge
an, um die Kritik in konstruktivere Bahnen zu lenken.
7. Panzergrenadierdivision, 19. 3. 1971, Vorschläge zur
Konsolidierung des Heeres, BArch-MA, BH 7-1/1123.
Als er Ende März damit rechnen musste, bei Minister
Schmidt in Misskredit geraten zu sein, nahm er Kontakt
mit
dem
Stern
auf
und
versprach
eine
Enthüllungsgeschichte. Für das Interview wurden 100
000 Mark Honorar gefordert. Henri Nannen ließ sich
diese Vorlage nicht entgehen und machte das
unmoralische Angebot Anfang April publik. Middeldorf
wurde daraufhin sofort in den einstweiligen Ruhestand
versetzt. Zeitgenössische Quellen Middeldorfs zu diesem
Vorgang liegen der Forschung nicht vor. Ein Auszug
seiner unveröffentlichten Memoiren ist in der Akte N
596-55 überliefert. Sie sind im Wesentlichen eine
Entlastungsschrift, ohne weitere Details zum Gegenstand
beizutragen.
274 Offiziere greifen die Führung an: »Die Zustände sind
unerträglich«, Westfälische Nachrichten, S. 1.
Inwieweit der pensionierte Heinz Karst auf die
Hauptleute einwirkte, ist aus den Quellen nicht klar zu
1025
ersehen. Er hat die Niederschrift der Hauptleute Anfang
März zusammen mit 75 anderen Empfängern erhalten.
Notiz, I. Korps, Chef des Stabes, 8. 3. 1971, BArch-MA,
N 596/55. Karst verteidigte die Hauptleute in einem
Artikel der Bild-Zeitung vom 2. 4. 1971.
275 Zum Kampf muss erzogen werden, Der Spiegel, 5. 4.
1971.
276 Ausgewogen etwa der Leitartikel in der FAZ vom 8. 4.
1971: Keine Krise der Armee. Eine Zusammenstellung
der Presseveröffentlichungen in BArch-MA, BH 71/1123 und N 596/22.
277 Bulletin des Presse- und Informationsamts der
Bundesregierung, 27. 3. 1971 Nr. 47/S. 473–485, sowie
die Debatte nach der Regierungserklärung, in: BArchMA, N 596/55.
278 Weißbuch 1970, S. 19–20 enthält einen Kräftevergleich,
der die Überlegenheit des Warschauer Paktes herausstellt.
279 Mitteilungen an die Presse IP-Stab, den 2. April 1971,
BArch-MA, N 596/55.
280 Bulletin des Presse- und Informationsamts der
Bundesregierung, 27. 3. 1971 Nr. 47/S. 487 f., in: BArchMA, N 596/55.
281 Rundbrief an alle Kommandeure, einschließlich
Bataillon, o. D., in: BArch-MA, N 596/55.
282 Vgl. z. B. Einzelbericht des BEBGenInsp vom 10. April
1971, in: Beauftragter Erziehung und Ausbildung des
Generalinspekteurs, Chronik, S. 17–19.
283 Zwei Tage nach dem Gespräch mit dem
Generalinspekteur zog der Kommandierende General des
I. Korps 20 Kompaniechefs aus dem ganzen Korps
1026
zusammen, die die Thesen der Hauptleute von Unna
diskutierten. Dabei wurden insbesondere die Personalund
Disziplinprobleme
sowie
die
mangelnde
Wehrwilligkeit thematisiert. Die These von der
Politisierung der Armee fand keine Mehrheit, und es
wurde angeregt, das Papier der Hauptleute von Unna in
den Formulierungen abzuschwächen, um so an
Sachlichkeit zu gewinnen. Protokoll über Tagung mit
Kompaniechefs am 14. 1. 1971, BArch-MA, N 596/55.
Oberst Joachim Neumann stimmte den Hauptleuten im
Wesentlichen zu. Er war ein hoch ausgezeichneter
Artillerist des Zweiten Weltkriegs und Kamerad Heinrich
Eberbachs in der 4. Panzerdivision. Er sprach von einem
rapide gewachsenen Vertrauensschwund der Offiziere zur
obersten militärischen und politischen Führung. »Ich
halte
das
für
irreparabel.
Wenigstens
der
Generalinspekteur ist unerträglich geworden und muß
weg.« Neumann an Büschleb, 14. 4. 1971, BArch-MA, N
596/25. Obwohl Günter Kießling einst ein Mitarbeiter
Baudissins im Referat Innere Führung war, neigte er – zu
diesem Zeitpunkt Kommandeur der Panzerbrigade 15 –
eher zu den Hauptleuten von Unna als zu den Leutnanten
70. Kießling, Versäumter Widerspruch, S. 270 f.
284 So z. B.: Der Generalinspekteur der Bundeswehr, 6. 4.
1971, Information für Kommandeure 3/71, BArch-MA,
BH 7-1/1123, in der er den Vorgang um die Hauptleute
den Kommandeuren der Bundeswehr bekannt gab. Er
rügte den Gang an die Öffentlichkeit, forderte aber auch,
die Bedingungen für die Kompaniechefs erträglicher zu
gestalten und »zu einer realistischen Beurteilung der Lage
und Aufgaben der Streitkräfte« beizutragen. Kritik kam
etwa von Brigadegeneral Ilsemann bei einem Vortrag vor
1027
der SPD Bremen: »Wer Disziplin einfordert, muss sie
auch wahren.« Ebenda.
285 Die dienstrechtliche Beurteilung in einem Vermerk vom
22. 3. 1971, BArch-MA, BH 7-1/1123.
286 Zustandsbericht des Heeres 1970, 2. 3. 1971, S. 22,
BArch-MA, BH 1/7188.
287 Zustandsbericht der Bundeswehr, 23. 6. 1971, BArchMA, BW 2/4870.
288 Helge Schulenburg veränderte in diesen Monaten seine
Überzeugung nicht. Er schrieb Ende Mai 1971 einen
Artikel für den Münchner Merkur, der aber auf Anraten
IP-Stab nicht gedruckt wurde. Vorgang in BARch-MA,
BW 1/27589.
289 Auf der ersten Tagung waren auch einige der Unnaer
Hauptleute anwesend. Wortprotokoll von der Tagung des
Bundesministers der Verteidigung mit Hauptleuten und
Kompaniechefs am 30. 4. 1971 in Koblenz. Etliche
Presseartikel zur ersten Tagung in Koblenz in: BArchMA, BH 7-1/1123.
290 Der Amtschef des Truppenamtes, Generalleutnant
Sonneck, sprach von einem »Hamburger Klima
(Universität, Graf Baudissin, auch Spiegel)«. Die
Unterschiede zu den anderen Schulen in Hannover und
München seien deutlich. Sonneck an Karst, 30. 1. 1970,
BArch-MA, N 690/58.
291 Dazu Pamperrien, Helmut Schmidt und der Scheißkrieg.
292 Der Ausspruch stammt von Otto von Bismarck, dem das
Prestige Helmut von Moltkes zuwider war. Etwa
Görtemaker, Bismarck und Moltke, S. 489.
1028
293 Mosen, Militärsoziologie, S. 24. 71 Prozent der
Bundeswehrangehörigen übten Funktionen aus, die
insgesamt 250 verschiedenen Zivilberufen entsprachen.
Angaben zur Wehrmacht bei Hartmann, Verbrecherischer
Krieg, S. 9, der u. a. auf die Erhebungen von Creveld,
Kampfkraft, S. 69 ff. verweist.
294 Von den 25 Hauptleuten von Unna wurden im Verlauf
ihrer Karrieren einer Brigadegeneral und zwei Oberst.
Von den Leutnanten 70 wurden drei Oberst. Aus beiden
Gruppen verließen einige die Bundeswehr nach zwölf
Jahren. Heiko Möhring (1940–2004), einer der Sprecher
der Hauptleute von Unna, schrieb 1972 rückblickend,
dass die Erfahrungen mit der Denkschrift »für uns alle«
niederschmetternd gewesen seien, da sich nichts ändern
werde. Am Ende des Weges werde der »opportunistische
Verteidigungsbeamte« stehen, und der »sich selbst
verantwortliche Soldat als Kämpfer […] ist zur
belächelten Randfigur innerhalb wie außerhalb der
Kasernen geworden«. Möhring an Karst, 22. 11. 1972,
BArch-MA, N 690/36. Möhrings Vater fiel 1942 als
Mitglied der Waffen-SS in Russland. Heiko war der Vater
der Schauspieler Wotan und Sönke Möhring.
295 Es gab einen ganzen Strauß von militärischen
Fachzeitschriften, etwa Information für die Truppe,
Soldat und Technik, Truppenpraxis, Wehrkunde,
Wehrwissenschaftliche
Rundschau,
aber
auch
Kampftruppen. Die Schnez-Studie, die Thesen der
Leutnante 70 und der Hauptleute von Unna wurden in
diesen Organen breit diskutiert. Die Zeitschrift
Kampftruppen war dabei das Organ der Konservativen.
Die Schnez-Studie wurde hier ebenso verteidigt wie im
Kern die Kritik der Hauptleute von Unna, deren
1029
politische Vorwürfe allerdings missbilligt wurden. Die
Leutnante 70 wurden hingegen scharf kritisiert. Vgl.
insbesondere die Hefte 1/70, 2/71, 3/71. In den
Kampftruppen konnte freier diskutiert werden, während
die Truppenpraxis ganz vom BMVg abhing und dort
»keine Zeile veröffentlicht werden [kann], die nicht
vorher im Ministerium überprüft und genehmigt worden
ist«. Schriftleiter Truppenpraxis Frithjof Heyse an CarlGero von Ilsemann, 22. 8. 1969, BArch-MA, N 736/18.
296 So interpretierte das auch die US-Botschaft, die
ausführlich über die Debatte in der Bundesrepublik nach
Washington berichtete. Die Probleme der Bundeswehr
seien im Hinblick auf die zivil-militärischen Beziehungen
nicht größer als die anderer westlicher Armeen. Die
Botschaft betrachtete die Diskussion um die Hauptleute
von Unna als »healthy development which reinforces the
post-war bipartisan German conception of ›the nation as
the school of the army‹ and not vice versa«.
German Soldiers, 4. 5. 1971, S. 4; NARA RG 59, Entry
1613, Box 1736. Ähnliche Bewertungen auch in:
Bundeswehr Discipline and the New Inspector General,
6. 6. 1972, NARA, RG 59, Entry 1613, Box 1737.
Political Appraisal of the German Armed Forces, 18. 5.
1965, S. 1; Report for 1965 of the Bundestag Defense
Commissioner, 19. 7. 1966, S. 1, NARA, RG 59, Entry
1631, Box 1644.
297 So das Ergebnis von Puzchia/Fooken/Feser, Soldat und
Politik. Immerhin fanden die Autoren heraus, dass der
typische NPD-Wähler im Bereich der Unteroffiziere ein
nicht wehrmachtgedienter Feldwebel war, für den sich
seine beruflichen Erwartungen nicht erfüllt hatten, der
1030
glaubte, dass die Bundeswehr mit der Demokratie nicht
zu vereinbaren sei, und der die Prinzipien der Inneren
Führung ablehnte. Ebenda, S. 59.
298 Hammerich, Der Militärische Abschirmdienst, S. 376–
378.
299 Truppenamt, 28. 7. 1966, BArch-MA, BH 2-795/8223.
300 Eigene Erhebung.
301 Reichenberger, Der gedachte Krieg, S. 180 f.
302 Zur US-Ausrüstungs- und Ausbildungshilfe der jungen
Bundeswehr Trauschweizer, Learning with an Ally.
303 Erst 1961 sprach die Bundeswehr davon, dass das
»Bündnisdenken« allmählich dem »Besatzungsdenken«
der NATO-Befehlshaber gewichen sei. Oberst i. G.
Siebert, 5. 7. 1961, BArch-MA, BW 2/20098.
304 Schreiben
Brigadegeneral
Schnez
an
Verteidigungsminister Strauß, 16. 8. 1960, zit. nach Thoß,
NATO-Strategie, S. 740.
305 Krüger, Schlachtfeld Bundesrepublik, S. 178. Dazu auch:
Stichwortprotokoll über Schlussbesprechung »Planspiel
Generalinspekteur an der Füak Bw 16. 2. 62«, BArchMA, BW 2-3408/50066.
306 Zustandsmeldung Heer, 1. 12. 60, Beurteilung des
Kampfwertes nach der NATO-Klassifizierung, S. 26 f.,
BArch-MA, BW 2/2456.
307 1967 Inspizient Infanterie, BArch-MA, BH 2-467. Es
handelt sich um Oberst Alfred Ritz, einen erfahrenen
Krieger, der seit 1935 immer nur Infanterist und
Frontsoldat gewesen war. Er kämpfte ohne Ausnahme im
Schützenregiment 1 der 1. Panzerdivision, u. a. in
1031
Frankreich unter dem Kommando von Hermann Balck,
und war 1944/45 dessen letzter Kommandeur.
308 New York Times, 12. 2. 1960. Die Ausgabe ist leicht
zugänglich in: BArch-MA, BH 2-2059.
309 Zustandsmeldung Heer, 1. 12. 60, S. 8, BArch-MA, BW
2/2456.
310 Auszug aus einem Brief von Siegfried Storbeck an CarlGero von Ilsemann (wohl vom Dezember 1962 oder
Januar 1963), BArch-MA, N 736/47. Storbeck war 1956
einer von Ilsemanns besten Fahnenjunkern und stieg in
der Bundeswehr noch bis zum stellvertretenden
Generalinspekteur auf.
311 Ansprache an Offiziere usw. der (12. Panzer-)Div in
Hammelburg, Tauberbischofsheim und Walldürn am 2. 4.
1962, BArch-MA, N 666/27. Zur Klage über die
schlechte körperliche Verfassung der Soldaten siehe auch
Zustandsmeldung Bundeswehr 1964, S. 18, BArch-MA,
BW 1/599330.
312 Dazu Reichenberger, Der gedachte Krieg, S. 226–236;
Groß, Mythos, S. 297. Die Studie befindet sich in BArchMA, BH 1/9487. Interessant ist, dass auch der Inspekteur
der
Marine,
Admiral
Ruge,
die
offensive
Vorwärtsverteidigung des Heeres unterstützte.
313 Ausführlich dazu Thoß, NATO-Strategie,
Hoffenaar/Krüger, Blueprints for Battle.
und
314 Zur Erinnerung: Die Hiroshima-Bombe hatte eine
Sprengkraft von 20 KT. Lage Raubkammer, Februar
1960, BArch-MA, BH 9-4/86. Baudissins Tagebuch
enthält wenige Reflexionen zu der Übung und gar keine
zum
gespielten
Atomwaffeneinsatz.
Auch
als
1032
Brigadekommandeur trieben ihn vor allem Themen der
Inneren Führung und – aufgrund seiner guten Vernetzung
– der Personalpolitik um. Er sah sich aber damals schon
als ein Beargwöhnter. Selbstbewusst meinte er, dass in
seiner Brigade ein einmaliger Geist herrsche und es einen
erstaunlich guten Ausbildungsstand gebe. Einträge über
die operative Dimension gibt es zumindest in dieser Zeit
nur wenige, etwa 22. 2., 4. 3.–9. 3., 10. 3. 1960. Aber
auch diese gehen kaum über das Tagesgeschäft hinaus.
Wie in der Ausbildung der Gegensatz von Frieden und
Krieg, Atomkrieg und konventionellem Krieg gelöst
werden sollte, reflektierte er zumindest an dieser Stelle
nicht. Tagebuch Baudissin Januar und Februar 1960,
BArch-MA, N 717/14. Eine erste Bewertung des Wirkens
Baudissins als Brigadekommandeur enthält Hammerich,
Kerniger Komiss, S. 132–134. Eine umfassende
Aufarbeitung steht noch aus.
315 General der Kampftruppen, Reisebericht 2/61, 23. 2.
1961, BArch-MA, BH 1/597.
316 Zustandsmeldung Luftwaffe 1. 11. 1961, BArch-MA,
BW 2/2458.
317 Dazu mit weiterer Literatur Reichenberger, Der gedachte
Krieg, S. 231–267.
318 Die Bundesrepublik stellte 1968 mit 108 StrikeFlugzeugen (von 768), 86 Pershing, Sergeant, Honest
John-Raketen (von 194) und 68 203-mm-Haubitzen (von
256) hinter den USA das zweitgrößte Kontingent
taktischer Nuklearwaffenträger für die NATO-Streitkräfte
in Mitteleuropa. Beurteilung der strategischen
Lageentwicklung der Bundesrepublik Deutschland bis
1033
Mitte der 70er Jahre, 14. 6. 1968, S. 6 zu Anhang 4,
BArch-MA, BW 2/20165.
319 Reichenberger, Der gedachte Krieg, S. 271–76, 290–296.
320 Ebenda, S. 277–331. Vgl. auch Strategische
Auffassungen in der NATO und der deutsche Standpunkt,
Anlage zu Fü B III 1 III 8 Tg Nr. 5951/64, BArch-MA,
BW 2/50030.
321 Schlussbesprechung des Inspekteurs des Heeres anläßlich
der Bundeswehrplanung in Köln am 4./5. 3. 1969, S. 13,
BArch-MA, BW2/8526.
322 Zu Überlegungen zur Verteidigung der norddeutschen
Tiefebene vgl. I. Korps, Stabsrahmenübung »Frischer
Wind 74«, Operationsbefehl Nr. 1 für die Verteidigung im
Norddeutschen Tiefland, BArch-MA, BH 7-1/495.
323 Abschlussbemerkungen des Generalinspekteurs der
Bundeswehr zur Übung »Hermelin II«, BArch-MA, BW
2/8526.
324 Den Wandel bemerkten auch die Schweizer
Generalstabsoffiziere, die zum Austausch in die
Bundesrepublik geschickt wurden. Major i. G. Frank
Seethaler hielt sich 1959/60 an der Führungsakademie
auf, Alfred Ernst im November 1966 bei der 11.
Panzergrenadierdivision in Oldenburg. Olsansky,
Schweizerische Innenansichten.
325 Lutsch, Westbindung, S. 345–432. Vgl. auch Beurteilung
der strategischen Lageentwicklung der Bundesrepublik
Deutschland bis Mitte der 70er Jahre, 14. 6. 1968, S. 31,
BArch-MA, BW 2/20165.
326 Zahlen für 1968 nach: Bestandsmeldung Großgerät,
BArch-MA, BH 1/22208, 22209.
1034
327 Militärischer Zustandsbericht der Bundeswehr 1968, S.
31, BArch-MA, BW 1/599333.
328 Nach NATO-Vorgaben waren das 30 Kampftage.
329 Cover letter, 25. 3. 1970, TNA, FCO 33/1061; Defence
Attaché Report 1967, Begleitbrief 25. 7. 1968, TNA,
FCO 33/171, S. 5.
330 Olsansky, Schweizerische Innenansichten. Die Schweizer
Offiziere, die während des Kalten Krieges Lehrgänge
oder Übungen der Bundeswehr beobachteten, waren nicht
unkritisch, hatten cum grano salis aber einen positiven
Eindruck von der Kampfkraft des Heeres. Vgl. auch
Seethaler, »Kecker Spatz«.
331 Saceur’s Combat Effectiveness Report 1969, Part II, Seite
G-IV-5. NATO-Archiv, Brüssel.
332 Zustandsbericht Bundeswehr 1967, S. 54, BArch-MA,
BW 1/599333.
333 Im Falle eines Überraschungsangriffs wurde der
Einsatzwert der Luftwaffe im Vergleich zu den anderen
Teilstreitkräften
vom
Generalinspekteur
»am
günstigsten« eingeschätzt. Den 18 Jagdbomberstaffeln
der Luftwaffe fehlte es aber an moderner
Abwurfmunition, um das Heer wirkungsvoll zu
unterstützen. Man vermutete, dass bei konventionellen
Einsätzen der Kampfwert der Luftwaffe durch hohe
Verluste rasch abgesunken wäre. Die eigentliche
Schlagkraft erhielt sie durch die Fähigkeit, taktische
Atombomben abzuwerfen. Deren Einsatz wollte man aus
politischen Gründen aber tunlichst vermeiden.
Zustandsbericht Bundeswehr 1969, S. 37, BArch-MA,
BW 2/4869. Vgl. auch Lemke u. a., Die Luftwaffe 1950
bis 1970, S. 479–484.
1035
334 Aktenvermerk
über
die
Besprechung
der
Kommandierenden Generale im BmVtdg mit InspdH,
Generalinspekteur und Minister am 2. 9. 1968, S. 2,
BArch-MA, N 596/21.
335 Die Gefechtsstandtechnik sei im Wesentlichen auf dem
Stand des Zweiten Weltkrieges und die modernen
Führungsmittel würden von den Truppenführern nicht
beherrscht. Erfahrungsbericht Gefechtsübung »Gutes
Omen«, S. 23, BArch-MA, BH 7-2/286; Erstauswertung
der
Erfahrungsberichte
der
Inspizienten
der
Truppen-/Waffengattungen und der Beobachter des FüH
über die Übung »Gutes Omen« vom 19.–24. 9. 1971,
BArch-MA, BH 1/916a, S. 9–11.
336 Brigadegeneral
Guderian,
Besprechungspunkte
Inspekteur, 19. 9. 1968, BArch-MA, N 999/64.
337 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1969, S. 25,
BArch-MA, BW 2/4869.
338 Militärischer Zustandsbericht des I. Korps 1969, S. 19, 39
f., BArch-MA, BH 1/24648.
339 Tagebuch Beermann, 6. 11. 1968, BArch-MA, N
597/170, S. 24. Zur Lage der Sanitätsversorgung vgl. den
Erfahrungsbericht zur Übung Fallex 66 und Fallex 68 in
BH 2-1121/8252. Demnach wurde 1966 eine verheerende
Lage in der Sanitätsversorgung selbst im Falle einer
ausschließlich konventionellen Kriegführung attestiert.
1968 attestierte man, dass sich die Lage deutlich
gebessert habe. Die Reservelazarettorganisation konnte
im Ernstfall über 33 000 Betten aufnahmebereit machen.
Freilich fehlte es auch 1968 an weiblichem Personal für
die Hospitäler.
1036
340 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1968, S. 17,
BArch-MA, BW 1/599333.
341 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1970, Anlage 1,
S. 2, BArch-MA, BW 2/4870; Brigadegeneral Hermann
Büschleb, Chef des Stabes I. Korps, Der Stand der
Streitkräfte 1969, S. 5, BArch-MA, N 597/21.
342 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1968, S. 19,
BArch-MA, BW 1/599333.
343 General der Kampftruppen, Bericht über die Übung
»Grosser Rösselsprung«, S. 10, BArch-MA, N 802/255;
vgl. auch 1968 »Schwarzer Löwe«, N 999/64, S. 6.
General der Kampftruppen, Zusammengefasster Bericht
für das Jahr 1972.
344 Schlussbesprechung des Inspekteurs des Heeres zur
Übung »Schwarzer Löwe« des II. Korps, S. 5, BArchMA N 999/64. Vgl. Abschlussbesprechung des
Inspekteurs des Heeres der Herbstübung »Schwarzer
Löwe« am 21. 09. 1968 in Münsingen, S. 4 f., BArchMA, BH 7-2/18, S. 5; Inspizient der Heeresflugabwehr,
Erstauswertung Übung »Gutes Omen« (1971), BArchMA, BH 1/916a.
345 So der Inspizient Panzertruppe 1967 als Kommentar zum
Manöver »Hermelin II«, 14. 11. 1967, S. 9, BArch-MA,
N 802/255.
346 Erstauswertung der Erfahrungsberichte der Inspizienten
der Truppen-/Waffengattungen und der Beobachter des
FüH über die Übung »Gutes Omen« vom 19.–24. 9.
1971, S. 5, BArch-MA, BH 1/916a.
347 General der Kampftruppen, Zusammengefasster Bericht
für das Jahr 1972, BArch-MA, N 999/97, S. 3, 18.
1037
348 Vgl. z. B. General der Kampftruppen, Erfahrungsbericht
»Gutes Omen«, BArch-MA, BH 1/916a.
349 Vortrag
Heinz
Günther
Guderian
auf
der
Kommandeurtagung 1968, BArch-MA, N 802/255, S. 5.
350 Oberstleutnant Weidemann, Truppenamt, 15. 10. 1968,
Führungsverfahren und Gefechtsstandtechnik während
der Übung des II. (GE) Korps »Schwarzer Löwe« vom
15.–19. 9. 1969, S. 12, BArch-MA, N 447/46.
Auch
Erfahrungsbericht
III.
Korps
Rösselsprung«, S. 7, BArch-MA, BH 7-3/14.
»Grosser
351 Schlussbesprechung
für
die
Übung
Rösselsprung« am 13. 2. 1969, S. 10 f., 21.
»Grosser
352 In der Sprache der NATO meinte dies serious bzw. major
deficiencies. Saceur’s Combat Effectiveness Report 1969,
Part II, Seite G-IV-6. NATO-Archiv, Brüssel. Die
amerikanische Botschaft urteilte zum selben Zeitpunkt
milder: »American military observers have a generally
high regard for the Bundeswehr’s fitness and combat
potential. It is by far the strongest NATO force on the
continent.« Allerdings sei die Artillerieunterstützung der
deutschen Korps schwach, es gebe zu wenige junge
Offiziere und Unteroffiziere, die materiellen Reserven für
einen Krieg seien ungenügend und ebenso das
Mobilmachungssystem. Status of Reorganization of the
FRG Armed Forces, 16. 4. 1968, S. 7, NARA, RG 59,
Entry 1613, Box 1546.
353 Brigadegeneral Hermann Büschleb, Chef des Stabes I.
Korps, Der Stand der Streitkräfte 1969, S. 8, BArch-MA,
N 597/21.
1038
354 Bruno C. Kuss an den Deutschen Logistischen
Bevollmächtigten in Frankreich, 10. 12. 1968, BArchMA, N 690/115.
355 Militärischer Zustandsbericht der Bundeswehr 1968, S.
32, BArch-MA, BW 1/599333.
356 Jahresausbildungsweisung des Inspekteurs des Heeres für
das Jahr 1970, 5. 9. 1969, BArch-MA, BW 1/26046.
357 Saceur’s Combat Effectiveness Report 1969, Part II, Seite
G-XII-5; G-XIII-5, NATO-Archiv, Brüssel. Das
Bewertungsschema lautet: Full, High, Moderate, Limited.
Die Verteidigungsfähigkeit der Heeresgruppe Center
wurde nur als »limited« bewertet. Saceur’s Combat
Effectiveness Report 1969, Part I, Seite X_I-4. NATOArchiv, Brüssel.
358 Dies machte Inspekteur Kammhuber schon 1959 deutlich.
Stellungnahme des Inspekteurs der Luftwaffe zu den
»Gedanken zur weiteren Entwicklung strategischer Pläne
und ihre Auswirkung auf die Aufstellungsplanungen der
Bundeswehr«, 16. 10. 1959, insb. S. 17 f. BArch-MA,
BH 1/9487. Auch Reichenberger, Der gedachte Krieg, S.
288 f. Dazu auch Krüger/Lemke, Konzeption und Aufbau
der Luftwaffe. Zuletzt Schreiber, Luftwaffe und ihre
Doktrin, insb. S. 87–92.
359 1964 wurde über das AA die Überlegung an das BMVg
herangetragen, zwei türkische Divisionen in die
Bundesrepublik zu verlegen. Die deutschen Militärs
lehnten das vehement ab, da die Eingliederung in einen
deutschen Korpsverband erhebliche sprachliche und
»psychologische Probleme« nach sich ziehen würde. »Ein
Großverband mit 15 000 Soldaten fremder Nationalität
(mohammedanischen Lebensgewohnheiten) dürfte im
1039
deutschen Bereich zu Unzuträglichkeiten führen.« Fü B
III 1, 7. 3. 1964, BArch-MA, BW 2/50052.
360 So der Inspekteur des Heeres Martin Moll, in:
Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1967, S. 29,
BArch-MA, BW 1/599333. Ähnlich sein Nachfolger
Albert Schnez, in: Aktenvermerk über die Besprechung
der Kommandierenden Generale im BMVtdg mit InspdH,
Generalinspekteur und Minister am 2. 9. 1968, S. 3,
BArch-MA, N 596-21. Das II. Korps in Süddeutschland
sprach 1971 davon, dass ein allgemeiner konventioneller
Angriff nur abgewehrt werden könne, wenn »ein
frühzeitiger selektiver Einsatz von ASprK und ADM
möglich ist«. Militärischer Zustandsbericht des Heeres
1970, Anlage, S. 3, BArch-MA BW 2/4870; Militärischer
Zustandsbericht II. Korps 1971, S. 69, BArch-MA, BH 72/248. Vgl. auch Hammerich, Die Verteidigung der
bayerischen Alpen. Die eigene Truppe stand den
Auswirkungen feindlicher ABC-Angriffe praktisch
schutzlos gegenüber, da es zu wenig Ausrüstung und zu
wenige Übungen gab. Militärischer Zustandsbericht
Bundeswehr 1968 S. 20, BArch-MA, BW 1/599333.
361 Tagebuch Beermann, 20. 8. 1968, BArch-MA, N
597/168, S. 40.
362 Ebenda, 20. 5. 1969, BArch-MA, N 597/173, S. 5.
363 Ebenda, 10. 9. 1968, 25. 10. 1968, BArch-MA, N
597/170.
364 Ebenda, 17. 2. 1969, 1. 1. 1970, BArch-MA, N 597/171,
S. 1; /174, S. 25.
365 Ebenda, 28. 8. 1968, BArch-MA, N 597/168, S. 46.
1040
366 Ilsemann an de Maizière, 26. 8. 1968, BArch-MA, N
736/18.
367 Ilsemann an Moll, 4. 9. 1968, BArch-MA, N 736/18.
368 Aktenvermerk
über
die
Besprechung
der
Kommandierenden Generale im BMVtdg mit InspdH,
Generalinspekteur und Minister am 2. 9. 1968, BArchMA, N 596/21. Siehe auch Thilo, Die Tschechenkrise.
369 »Heute Befehlshabertagung mit Referat von Schnez über
zukünftige Heeresstruktur. Größte Gefahr nach seiner
Ansicht: Krieg unterhalb der atomaren Schwelle. Dieser
sei nunmehr möglich, nachdem das Konzept der massive
retaliation fallengelassen worden war. Man merkt ihm an,
wie schwer es ihm fiel, sich den Boden dieser Realitäten
zu stellen. […] Eine sehr dynamische Kraft. Er machte
auf mich – ich muss es zugeben – einen recht guten
Eindruck.« Tagebuch Beermann, 8. 2. 1969, BArch-MA,
N 597/171, S. 17.
370 Lutsch, Westbindung oder Gleichgewicht, S. 96–213. Zu
den Plänen von Franz Josef Strauß zu einer kleineren,
aber atomar bewaffneten Bundeswehr Heuser, European
Dream.
371 Überblick militärpolitische Lage. Ansprache General
Foertsch vor KG u. Div. Kdr., 31. 10. 1961, BArch-MA,
N 666/27. Die Sichtweise, dass die UdSSR auf die
Errichtung einer kommunistischen Welt durch die
Besetzung des Territoriums ihrer Gegner hinarbeite,
findet sich auch in: Oberst i. G. G. Fintelmann, Fü H II 2,
den 7. 1. 1965, Schwächen der Struktur und Taktik der
sowjetischen Landstreitkräfte, BArch-MA, BH 1/30140.
372 Bericht über SHAPEX 68, in: Ergebnisprotokoll der
Inspizientenbesprechung am 10. 6. 1968, BH 2/8221.
1041
373 Der einzige bekannte Beleg, dass eine Gegenoffensive
noch bis auf das Territorium des Gegners geplant wurde,
ist die sogenannte Führerreise der Heeresgeneralität 1968.
»Dabei überschritt der eingeteilte Armeeführer im
Verlauf eines erfolgreichen Gegenangriffs die Grenze zur
CSSR und schnitt dabei einen in das eigene Gebiet
hereinragenden Geländezipfel von einem Gesamtumfang
von etwa 60 qkm ab. Dies führte darüberhinaus zu einer
Frontbegradigung von mindestens 8–10 km Einsparung.
Zudem gab es der politischen Führung ein nicht
unwesentliches Faustpfand in die Hand.« Josef Moll,
Erinnerungen, S. 213, Privatarchiv Moll.
374 So Artur Weber in seiner Kommandeurbesprechung am 3.
7. 1961, BArch-MA, N 666/26.
375 Schlussbesprechung der Übung PzGrenBrig 35 26.–28.
10. 1961 durch DivKdr, BArch-MA, N 666/27.
376 Ebenda.
377 12.
Panzerdivision
Kommandeur,
Vermeintliche
Überlegenheit des sowj. Soldaten im Kampf bei
Dunkelheit 12. 4. 1961, BArch-MA, N 666/26.
378 Ansprache Kdr 12. PzDiv bei Kaserneneinweihung
Tauberbischofsheim am 23. 9. 1961, BArch-MA, N
666/27.
379 Kdr.Besprechung [12. Panzerdivision] 13. 11. 1961, S. 7,
ebenda.
380 Weltz, Wie steht es um die Bundeswehr?, S. 116.
381 Generalinspekteur der Bundeswehr, 22. 5. 1958, BArchMA, BW 2/3949. Um zu erfahren, was die Väter im
letzten Krieg geleistet haben, empfahl Artur Weber als
Inspekteur
der
Kampftruppen
1961,
den
1042
Bundeswehrsoldaten die Wochenschauen aus dem Krieg
zu zeigen und »ungeeignete Stellen« (NS-Propaganda)
herauszuschneiden. Inspektion der Kampftruppen, den
14. 12. 1961, BArch-MA, N 447/46.
382 Wegner, Erschriebene Siege; Howell, Von den Besiegten
lernen; Searle, Wehrmacht Generals; Mallett, Hitler’s
Generals in America. Freilich darf man den historischen
Quellenwert dieser Studien auch nicht ganz negieren.
Aufgrund des Mangels an anderer Überlieferung sind sie
oft das Beste, was zur Verfügung steht. Zudem liefern sie
durchaus auch kritische Einsichten. Vgl. etwa das Kapitel
über Anzio in diesem Buch.
383 Für den Stichtag 1. 1. 1970 sind dies Franz Pöschl und
Werner Ebeling. Hinzu kommt noch Heinz-Georg Lemm,
der im September 1970 die 5. Panzerdivision übernahm.
Lemm war ebenfalls ein ausgesprochener Troupier, diente
den ganzen Krieg über im Infanterieregiment 27 und
durchlief alle Positionen bis zum Regimentskommandeur.
Er war hochausgezeichnet, 1945 mit 25 Jahren der
jüngste Oberst des Heeres und geriet am 28. 2. 1945 in
Gefangenschaft. In der Bundeswehr stieg er bis zum
Generalleutnant auf. Range, Kriegsgedient, S. 305 f. Zu
Lemm und seinem Bataillon an der Ostfront auch:
Römer, Volksgemeinschaft.
384 Die Vergangenheit ist allgegenwärtig, Hamburger
Abendblatt,
8.
2.
2000.
https://www.abendblatt.de/archiv/2000/article204200015/
Die-Vergangenheit-ist-allgegenwaertig.html.
Letzter
Abruf 7. 11. 2019.
385 Beispielsweise Middeldorf, Führung und Gefecht;
Niepold, Mittlere Ostfront; ders., Panzeroperationen.
1043
386 Ebeling gehörte während des gesamten Krieges der im
August 1939 aufgestellten 58. Infanteriedivision an. In
seinen
Romanen
ging
es
vor
allem
um
zwischenmenschliche Konstellationen. Äußerst plastisch
geschilderte Kampfszenen, in denen reichlich Blut fließt,
kommen allerdings häufig vor. Vgl. z. B. »Nicolas oder
Asyl im Niemandsland« (1998) und »Links vom Koma«
(1999).
387 Detailliert dazu: Santosha Julian Terasa, Die
Kriegserfahrung der Heeresgeneralität der Bundeswehr.
Eine quantitative Untersuchung. Bachelorarbeit Uni
Potsdam 2020.
388 Von den 208 Bundeswehrgenerälen der Jahrgänge 1894
bis 1914 hatten 112 eine Dienstzeit im OKH.
389 Josef Moll an seine Frau, 20. 2., 23. 2., 28. 2. 44,
Privatarchiv Moll.
390 Liaison Activities with Italian Sixth Army, 1. 11. 1951,
Der Kampf um Sizilien, S. 84 f., BArch-MA, ZA 1/1321.
391 FüB (Z) Nr. 120/60, 9. 3. 1960, Vorlage für den
Bundeskanzler »Auftragstaktik, Befehlstaktik«, BArchMA, BH 2-2059; Inspektion der Kampftruppen,
Stellungnahme zum Erfahrungsbericht über die
Teilnahme des PzBtl 54 an der Übung »Winter Shield II«,
13. 4. 1961, BArch-MA, N 447/46.
392 Schlussansprache des Herrn Generalinspekteurs, General
de Maizière anlässlich der Planübung »Orakel« am 22. 3.
1967 im Truppenamt Köln, S. 8, BArch-MA, BW 2/8692.
Vgl. auch Konzeption des Heeres, 30. 5. 1969,
insbesondere S. 123 f., BArch-MA, BW 2/1120;
Erfahrungsbericht
zur
Gefechtsübung
»Grosser
1044
Rösselsprung«, 19. 12. 1969, S. 9 f., BArch, BH 7-3/14,
S. 10.
393 Schlussbesprechung der Winterübung »Panthersprung«
durch den Herrn Kommandierenden General III. Korps
am 18. 1. 1967, S. 8, BArch-MA, BH 7-3-/515.
394 Ebenda, S. 13. Ausführlich dazu zuletzt Loch, Deutsche
Generale, S. 309–352.
395 Konzeption der Bundeswehr 1969, insb. S. 125, BArchMA, BW 2/1120.
396 Schlussbesprechung
für
die
Übung
»Grosser
Rösselsprung« am 13. 9. 1969, S. 31, BArch-MA, BH 73/813.
397 Eindrücke von der Div-GefÜbung »Gutes Omen« des II.
(GE) Korps 1971, BArch-MA, BH 7-2/842.
398 Helmut Hammerich hat darauf hingewiesen, dass es in
den von Briten, Belgiern, Niederländern und
Amerikanern national geführten Korps durchaus
unterschiedliche Vorstellungen davon gab, wie die
Defensive zu führen war. Insbesondere die Briten
betrachteten Norddeutschland wohl immer als eine Art
von Verteidigungszone und waren wenig geneigt, die
Masse ihrer Kräfte im Kampf an der deutsch-deutschen
Grenze
zu
verschleißen.
Der
deutsche
Verteidigungsattaché in London meinte noch 1982, dass
die Briten »defensive-minded« seien, zu wenig
Angriffsgeist
entwickeln
und
das
britische
Verteidigungskonzept den Anschein einer beweglich
geführten Ausweichoperation habe. Vgl. Jahresbericht
des Verteidigungsattachés London 1981, 2. 2. 1982, S.
26, BArch-MA, BW 4/1386; Jahresbericht 1982
(gekürzte Fassung), 9. 2. 1983, S. 14, BArch-MA, BW
1045
4/1397; Hammerich, Halten am VRV, S. 104. Zur
Führungskultur des Heeres vgl. Groß, Geschichte
operativen Denkens, S. 302–306; Reichenberger, Der
gedachte Krieg, S. 255–258; 345 f.; Werner Scheven, Die
Truppenführung. Zur Geschichte ihrer Vorschrift und zur
Entwicklung ihrer Struktur von 1933 bis 1962, Hamburg
1969, BArch-MA, N 992/79; Hartmut Foertsch,
Entwicklung militärischer Führungsgrundsätze des
deutschen Heeres im Zeitraum 1921–34, Hamburg 1968,
BArch-MA, N 992/100.
399 Etwa durch Johann Adolf Graf von Kielmansegg, der
Härteübungen zur Gewöhnung an das Leben im Felde
einforderte. Ausbildungshinweis, 5. Panzerdivision, 31.
12. 1959, BArch-MA, N 596/15.
400 Konzeption des Heeres, 30. 5. 1969, S. 134, 156, BArchMA, BW 2/1120.
401 7. Panzergrenadierdivision, Übungsauswertung der
Winterübung »Panthersprung«, 20. 2. 1967, BArch-MA,
BH 7-3/516.
402 Panzeraufklärungslehrbataillon 11, Erfahrungsbericht zur
Übung »Hermelin II«, 15. 11. 1967, S. 12 f., BArch-MA,
BH 7-1/28.
403 Oskar Munzel als General der Panzertruppen zu
»Hermelin II«, S. 7, BArch-MA, N 447/56.
404 Beiwohnen des KG an Übung »Otter« vom 25.–27. 10.
1968, BArch-MA, N 596/21.
405 Werner Krieger an Heinz Karst, 15. 9. 1969, BArch-MA,
N 690/116.
406 Kersting/Reulecke/Thamer,
Bundesrepublik, S. 35.
Aufbrüche;
Rödder,
Die
1046
407 Loth, Die Rettung der Welt, S. 151–186.
408 So eines der zentralen Argumente von Loch, Deutsche
Generale. Er widerspricht damit der gängigen Forschung,
die vor allem einen konservativen Sozialprotektionismus
am Werk sah. Vgl. z. B. Bald, Offizier; Bald, Militär und
Gesellschaft, S. 92–99.
409 Karl Schnell war von 1977 bis 1980 Staatssekretär. Nach
ihm haben nur zwei weitere Generäle diesen hohen
politischen Posten ausgeübt: Jörg Schönbohm von 1992
bis 1996 und aktuell Benedikt Zimmer, der seit 2018 den
Posten des Rüstungsstaatssekretärs innehat.
410 Apel, Abstieg, etwa S. 29–32, 45–47.
411 Rödder, Die Bundesrepublik, S. 37.
412 Zuletzt hierzu: Spohr, Weltkanzler.
413 Zum weiteren sicherheitspolitischen Kontext Lutsch,
Westbindung oder Gleichgewicht, S. 587–750.
414 Hansen, Abschied vom Kalten Krieg, S. 68 f.
415 Ebenda, S. 79, Fn. 237.
416 So das zentrale Argument von Hansen, Abschied vom
Kalten Krieg.
417 Bösch, Zeitenwende, S. 260. Einen differenzierten Blick
auf die Haltung der Friedensbewegung zur USA bietet
Gassert, Viel Lärm um Nichts, insb. S. 195 f.
418 Bösch, Zeitenwende, S. 259.
419 Heidemeyer, NATO-Doppelbeschluss. Zur Debatte um
die Stasi-Unterwanderung der Friedensbewegung Wettig,
Sowjetunion versus Nehring/Ziemann, Führen alle Wege
nach
Moskau?
Zur
Vorstellung
der
SPD-
1047
Nachrüstungsgegner, dass die Sowjetunion ein Opfer der
US-Politik sei, Hansen, Abschied vom Kalten Krieg, Fn.
261.
420 Kohl-Interview
2003.
http://www.blogsgesang.de/2015/04/02/helmut-kohlwird-85-vermaechtnis-eines-machtmenschen/.
421 Schon 1980 hatten 75 Prozent nicht geglaubt, dass eine
abgerüstete Bundeswehr die Sowjetunion friedensbereiter
machen würde. FüS I 4 Aktennotiz zu aktuellen
Umfragen, 3. 7. 1981, BArch-MA, BW 2/16001.
422 Vlad Zubok, A Failed Empire.
423 Als Überblick siehe auch Geiger, Vergeblicher Protest.
424 I. Korps G1 Jugendoffizier, Tätigkeitsbericht 1973,
BArch-MA, N 596/27.
425 So Manfred Wörner in einem Vortrag am 11. 12. 1980 in
Bonn, in: BArch-MA, N 842/35.
426 Oberstleutnant Arnulf Heimbach, Kdr. San-Btl. 3,
Kritische Gedanken eines Bataillonskommandeurs zu den
neuen Traditions-Richtlinien, 6. 1. 1983, BArch-MA, BW
2/32288. Zu den negativen Folgen der Abrüstungsdebatte
für die Stimmung unter den Offizieren der Bundeswehr
siehe auch den Jahresbericht 1983 des BEA, S. 21 f.,
BArch-MA, BW 1/236556.
427 Militärischer Zustandsbericht Bundeswehr 1980, S. 54,
BArch-MA, BW 2/49316.
428 Zahlen zitiert in: Vortrag Werner Scheven, »Jugend,
Gesellschaft und Staatsbürger in Uniform«, 22. 6. 1981,
S. 11, BArch-MA, N 992/51. Vgl. auch Jahrbuch für
Demoskopie 1984–1992, S. 1050.
1048
429 BArch-MA, N 992/51, S. 17. Die Zahlen schwanken
zwischen 36 und 28 % ja, man kann; 47–36 %
zweifelhaft, 13/14 Prozent nein, 4–21 % ohne Angabe.
In: N 992/51. Auch Jahrbuch für Demoskopie 1978 1983,
S. 628.
430 So der Präsident des Rings Deutscher Soldatenverbände
e. V.: Genermalmajor a. D. Horst Niemack, BArch-MA,
BW 2/32291. Dazu Hoeres, Tendenzwende, insb. S. 106,
109.
431 Vgl. dazu Jahrbuch für Demoskopie 1984–1993, S. 1047
f., 1079. Interessant ist der Hinweis, dass in der
Bundesrepublik, in Italien und Japan als den
Verliererstaaten des Zweiten Weltkriegs die Bereitschaft,
notfalls das eigene Land militärisch zu verteidigen,
deutlich schwächer ausgeprägt war als bei den
Siegermächten oder auch in Spanien.
432 Eigene Auswertung.
433 21. 6. 1987, Kleine Anfrage Petra Kelly,
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/11/005/1100526.pdf.
434 Bald/Sahner/Zimmer, Parlamentarische Kontrolle, S.
248–261.
435 Diese Aussage muss präzisiert werden: Vorgeschrieben
war das Studium für Offiziere, die sich auf 12 Jahre
verpflichteten und die die Masse des Offizierkorps
ausmachten. Das Studium war in der Regel auch
Voraussetzung für die Übernahme als Berufsoffizier nach
zwölf Dienstjahren. Es gab aber auch Offiziere, die sich
auf kürzere Zeit verpflichteten und für die das Studium
nicht vorgeschrieben war.
1049
436 Etliche Beispiele in der Korrespondenz von Heinz Karst,
N 690/36. Vgl. auch Karst an Reichenberger, 13. 5. 1974,
BArch-MA, N 690/106.
437 Reichenberger an Karst, 11. 1. 1973, BArch-MA, N
690/36. Vgl. auch der Briefwechsel von Hermann
Büschleb und Friedrich Löser, wobei Ersterer
pessimistisch und Letzterer mit Vertrauen auf die Politik
Georg Lebers blickte, 26. 4., 1. 5. 1973, BArch-MA, N
596/27.
438 So Hasso von Benda am 6. 7. 1973 an Heinz Karst,
BArch-MA, N 690/36.
439 Heinz Karst an Artur Weber, 6. 7. 1978, BArch-MA, N
690/113.
440 Aktennotiz April/Mai 1973, BArch-MA, N 596/27.
441 Kp ChefTagung, S. 10, BArch-MA, N 596/27.
442 Bemerkungen zur Analyse des Sachstandes der Inneren
Führung v. 17. 4. 1973, Stellv. KG, I. Korps, 1. 8. 1973;
vgl. auch die Notiz zu einer von ihm geleiteten KpChefTagung Nov/Dez 1973, BArch-MA, N 596/27.
443 Marinefliegerdivision, Memorandum zum Leistungs- und
Qualitätsabfall des Offz.Korps mit Vorschlag zur
Verbesserung, 31. 1. 1973, BA/MA N 995/7; Stellv.
Kommandeur der 1. Gebirgsdivision an Oskar Munzel,
10. 3. 1981, BArch-MA, N 447/73.
444 Heinz Karst an Günter Kießling, 20. 7. 1973, BArch-MA,
N 690/36.
445 Vgl. etwa der Kommandeur des Fernmelderegiments 34,
Oberst F. König, an Heinz Karst, 20. 10. 1972, BArchMA, N 690/36.
1050
446 Fritz Zwicknagel an Heinz Karst, 15. 10. 1973, BArchMA, N 690/106.
447 Abgesehen von den wenigen Offizieren, die vor ihrem
Eintritt in die Bundeswehr zwischen 1945 und 1955
studiert hatten.
448 Hochschule der Bundeswehr Hamburg – Leiter
Studentenbereich,
29.
8.
1978;
Lagebericht
Studentenbereich HSBw München, 4. 8. 1978, BArchMA, BW 2/13936.
449 Oberst Werner von Scheven, Innere Führung 1982,
Aktuelle Probleme und Absichten, Dezember 1981,
BArch-MA, N 447/35.
450 Ministerbesprechung am 3. 5. 1984, Vortrag Prof. Dr.
Bastian, S. 4, BArch-MA, BW 2/22234.
451 Dazu Joop, Militär und Gesellschaft, insb. S. 171–182.
452 Klein/Krisel, Berufsbild des Offiziers, S. 13 f.
453 Ilsemann, Bundeswehr in der Demokratie. Das Buch ist
das Ergebnis einer umfassenden Beschäftigung mit dem
Thema. Zahlreiche Reden und Vorarbeiten etwa in
BArch-MA, N 736-3.
454 Planungsstab [Kritische Überlegungen zur Inneren
Führung], 11. 5. 1978, S. 5, BArch-MA, N 992/50.
455 Nina Grunenberg, Vor Gold schweigen die Silberlinge,
in:
Die
Zeit,
13.
5.
1977,
https://www.zeit.de/1977/21/vor-gold-schweigen-diesilberlinge/komplettansicht.
456 Vortrag Werner von Scheven, »Grundsätze der Inneren
Führung«, 23. 10. 1979, S. 1, BArch-MA, N 992/50.
457 Simon, Integration der Bundeswehr, S. 145.
1051
458 Ecke Demandt, Soldat in Deutschland, DTA 4008-1, S.
91.
459 Bald, Militär und Gesellschaft, S. 131.
460 Werner von Scheven, Die Innere Führung der Bw vor
neuen Herausforderungen, April 1984, S. 11, BArch-MA,
N 992/55.
461 Werner von Scheven an Carl-Gero von Ilsemann, 22. 12.
1983, N 736/22; Carl Gero von Ilsemann, Vortrag vor der
Abteilung IV des Heeresamtes am 8. 12. 1981, BArchMA, N 726/26.
462 Heinz Karst an Carl-Gero von Ilsemann, o. D. [1983],
BArch-MA, N 736/30.
463 Hans von Gottberg (1923–1987) kämpfte in der
Wehrmacht und studierte nach der Kriegsgefangenschaft
Geschichte und Germanistik. 1956 trat er in die
Bundeswehr ein und stieg dort bis zum Oberst auf. Er
schrieb schon während seiner Dienstzeit etliche Jugendund Abenteuerbücher.
464 Gottberg, Das große Buch der Bundeswehr. Vgl. ders.,
Das große Buch der Soldaten, Reutlingen 1981.
465 Zu den offiziellen Werbekampagnen siehe Loch, Gesicht.
466 Karl Zimmer, Erziehung zum Dienen: Verbesserung der
Voraussetzung zum soldatischen Dienen. Vortrag gehalten
auf der 7. Sitzung der Kontaktkommission KMK/BMVg,
27. 8. 1980, BArch-MA, BW 2/22147.
467 Der Ausspruch »Sterben für Danzig« wurde von Marcel
Déat in einem Artikel für die Zeitung L’Oeuvre am 4.
Mai 1939 geprägt. Er drückte damit die Skepsis aus, dass
es nicht lohne, nur für den von Hitler geforderten
Anschluss der Freien Stadt Danzig an das Deutsche Reich
1052
in den Krieg zu ziehen. Déat war ein rechtsextremer
Politiker. Er gründete 1941 die französische
Freiwilligenlegion für den Kampf gegen den
Bolschewismus, die dann im Rahmen der Wehrmacht an
der Ostfront kämpfte. Sein Artikel war schon damals
hoch umstritten.
468 Werner Lange, »Die Motivation des Modernen Soldaten,
Innere Führung in der Bw«, Anlage 4 zum BMVG Fü H I
3, 7. 2. 1980, BArch-MA, BH 1/12745.
469 Zur Organisation der politischen Bildung vgl. Befehl für
die Politische Bildung in der 5. Panzerdivision im Jahre
1981, 22.1.21980, BArch-MA, BH 8-5/71.
470 Dieses Problem wurde von Werner von Scheven klar
erkannt: Innere Führung 1981. Bestandsaufnahme und
Ausblick, Dezember 1980, S. 10, BArch-MA, N 447/50.
471 Werner von Scheven, Vortrag am 23. 10. 1980 an der
FüAkBw, S. 20, BArch-MA, N 992/51.
472 Etwa
Brigadegeneral
Dietrich
Genschel.
Vgl.
BEAGenInsp, Jahresbericht 1983, S. 26, BArch-MA BW
1/236556.
473 So auch Helmut Schmidt am 20. 4. 1980 in Köln. 1980 N
992/51, Teil 2, S. 27.
474 Annual Report on the Federal German Armed Forces for
1976. TNA, FCO 33/3192.
475 1984 war die Vorgabe des Führungsstabes des Heeres,
dass die Längerdienenden zu 40 Prozent durch
Freiwilligenmeldungen und zu 60 Prozent durch die
Werbung aus der Truppe gedeckt werden sollten. Im III.
Korps wurde dies 1984 mit 43,5 zu 56,5 Prozent zum
1053
ersten Mal fast erreicht. Militärischer Zustandsbericht III.
Korps, S. 16, BArch-MA, BH 7-3/780a.
476 Etwa Ernst-August Frede über seine Zeit als
Kommandeur des Panzerbataillons 83 in Lüneburg 1971–
1974, in: ders., Erinnerungen, S. 94, DTA 4311-1.
477 Werner von Scheven, Die Innere Führung der Bw vor
neuen Herausforderungen, April 1984, S. 11, BArch-MA,
N 992/55.
478 Werner von Scheven, Vortrag G1/A1 Tagung der
Bundeswehr in München, Herausforderungen an die
Innere Führung, November 1985, BArch-MA, BH
1/22109.
479 Werner von Scheven, Vortrag anlässlich der G1/A1
Tagung an der SanAkBw München vom 4.–6. 11. 1985,
BArch-MA, BH 1/22109.
480 Bastian, Wehrpflichtig in der Bundeswehr, S. 14.
481 BEA GenInsp, 9. 7. 1987, Abschlussbericht des
BEAGenInsp, S. 5, BArch-MA, BW 2/24122.
482 Jahresbericht BEA 1977/78, 20. 3. 1979, BArch-MA,
BW 2/15386, S. 5–8. Stimmen dazu hat auch gesammelt:
Bastian, Wehrpflichtig in der Bundeswehr.
483 Beobachtungsbesuche 8/81 und 9/81 des BEAGenInsp
bei der Luftlande- und Lufttransportschule Altenstadt am
24. 2. 1981, S. 17, BArch-MA, BW 2/15384. Vgl. auch
Jahresbericht 1983 des BEAGenInsp, S. 4–12, BArchMA, BW 1/236556.
484 Beobachtungsbesuche 8/81 und 9/81 des BEAGenInsp
bei der Luftlande- und Lufttransportschule Altenstadt am
24. 2. 1981, S. 17, BArch-MA, BW 2/15384.
1054
485 Interview Niels Janeke, 3. 1. 2020. Janeke durchlief die
Offizierlaufbahn und ist heute Oberst i. G. und Chef des
Stabes der NATO-Mission in Moskau.
486 Ebenda.
487 Werner von Scheven, Die Innere Führung der Bw vor
neuen Herausforderungen, April 1984, S. 12, BArch-MA,
N 992/55.
488 Bastian, Wehrpflichtig in der Bundeswehr, S. 12.
489 Werner von Scheven, Zur Lagefeststellung »Disziplin in
den Streitkräften«, Vortrag am 8. 10. 1980, S. 13, BArchMA, N 992/41.
490 Die Studie und Unterlagen zur Pressekonferenz in:
BArch-MA, BW 2/32544.
491 Auszug aus einem Feldjägerbericht Februar 1981, BArchMA, BW 2/16001.
492 25 Prozent zu 37 Prozent. Werner Scheven, Einstellungen
und Erwartungen Junger Soldaten, Vortrag auf der 29.
Kommandeurtagung am 3. 6. 1987, BArch-MA, N
992/72.
493 So ein Offizier im Jahresbericht 1983 des Beauftragten
für Erziehung und Ausbildung beim Generalinspekteur
der Bundeswehr, S. 21, BArch-MA, BW 1/236556.
494 Ministerbesprechung am 3. 5. 1984, Vortrag von Prof. Dr.
Bastian, S. 7, BArch-MA, BW 2/22234.
495 Zu den Zustandsberichten auf unterer Ebene die
selbständigen
Kompanien
und
Bataillone
der
Panzerbrigade 29, in: BARch-MA, BH 9-29/329. Vgl.
auch Auszüge aus Protokollen der Beobachtungsbesuche
1055
des BEAGenInsp 1. 1.–30. 6. 1982, S. 128, BArch-MA,
BW 2/15385.
496 Jörg Ottersbach an Erich Vad, 26. 9. 1985, privat.
497 Dirk Heeren berichtete, wie in seinem Bataillon drei vom
Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW)
eingeschleuste Soldaten vermeintlich den Auftrag hatten,
unter juristischer Anleitung eines vom KBW finanzierten
Rechtsanwalts aus Hannover das innere Gefüge des
Bataillons zu stören. Sie hielten dann folgende
Institutionen in Atem: 3. Kp, PzGrenBtl. 11,
PzBGrenBrig 1, 1. PGD, I. Korps, BMVG,
Bundeskanzleramt,
Wehrbeauftragter,
Truppendienstgericht Nord, Amtsgericht Gifhorn,
Landgericht Hildesheim. Dirk Heeren, Truppenpraxis
heute – Erfahrungen aus der Sicht eines
Bataillonskommandeurs, Februar 1981, BArch-MA, BH
7-3/877.
498 Werner von Scheven, Zur Lagefeststellung »Disziplin in
den Streitkräften«, Vortrag 8. 10. 1980, S. 17, BArchMA, N 992/41; G1 5. PzDiv, o. D. [1980], Betr.
Lagefeststellung Disziplin, BArch-MA, N 992/51. Zur
Schilderung
des
Stumpfsinns
eines
Unteroffizierlehrgangs in München Franz Morawitz an
Carl-Gero von Ilsemann, 20. 8. 1982, BArch-MA, N
736/31.
499 Jahresbericht 1983 des BEAGEnInsp, S. 24, BArch-MA,
BW 1/236656.
500 Jahresbericht 1988 des BEAGenInsp, S. 16, BArch-MA,
BW 2/24122.
501 Fü H I 3, Schikanen unter Mannschaften, Februar 1981,
BArch-MA, BW 2/22147. Die Binnenkultur wird treffend
1056
beschrieben bei Ganser, Technokraten in Uniform, S. 59–
63, 86–88.
502 Jahresbericht 1988 des BEAGenInsp, S. 5, BArch-MA,
BW 2/24122.
503 Jahresbericht 1986 Soldatische Ordnung, S. 9, BArchMA, BW 2/25066.
504 Jahresbericht Besondere Vorkommnisse 1978, S. 25–27,
BArch-MA, BW 2/15216, S. 33; Jahresbericht
Soldatische Ordnung 1986, S. 21, BArch-MA, BW
2/25066, S. 21.
505 Führungshilfe für Kommandeure. Suizidgefährdung:
Früherkennung und Vorbeugung, Anlage 1 [Statistik der
Suizide von 1960 bis 1984], BArch-MA, BW 2/32278.
506 Abschlussbericht des BEA GenInsp, 9. 7. 1987, S. 23,
BArch-MA, BW 2/24122.
507 Der Generalinspekteur ordnete 1987 sogar an, dass der
Zustandsbericht der Bundeswehr fortan nur noch alle
zwei Jahre in voller Länge zu erstellen sei. Hatte dieser
1965 noch 70 Seiten umfasst, war er 1987 auf 496 Seiten
angewachsen. Er wurde aufgrund der politischen Lage
dann für das Jahr 1989 nicht mehr angefertigt.
Zum Bürokratismus der Bundeswehr in den
Siebzigerjahren vgl. auch Ganser, Technokraten in
Uniform, insb. S. 22–35.
508 BEA GenInsp, 11. 12. 1986, Das Verhältnis von Auftrag
zu Mitteln, S. 12, BArch-MA, BW 1/15982.
509 Einen solchen Akt beschreibt ein Unteroffizier eines
Transportbataillons in: BEAGenInsp, Auszüge aus
Protokollen der Beobachtungsbesuche 1. 1. 1982–30. 6.
1982, S. 161–163, BArch-MA, BW 2/15385.
1057
510 So Werner von Scheven auf der 29. Kommandeurtagung
1987, BArch-MA, N 992/43.
511 Zu den konkreten Operationsplanungen vgl. etwa einen
Auszug aus dem GDP CENTAG, in: Übungsunterlage für
die Übungspartei III. (GE) Korps, 22. 5. 1975, BArchMA, BH 2/893. Es gab durchaus unterschiedliche
Vorstellungen darüber, ob eine mit konventionellen
Mitteln vorgetragene Großoffensive oder eine eher
begrenzte, überraschende Faustpfand-Aktion des
Warschauer Paktes wahrscheinlicher wäre. Die deutschen
Stäbe gingen in den 1960er-Jahren eher von Letzterem
aus und wechselten dann im Verlauf der 1970er-Jahre
mehrheitlich zu ersterer Annahme. Beurteilung der Lage
des Heeres, 1. 12. 1971, S. 2, BArch-MA, BW 2/6976;
Militärstrategische Beurteilung der Lage der Bundeswehr
Stand: 1. August 1973, Fü S III 2, 10. 5. 1974, S. 98,
BArch-MA, BW 2/6976.
512 Stabsstudie über die Hauptverbündeten der NATO im
Bereich AFCENT, 23. 3. 1973, S. 95, BArch-MA, BW
2/8342.
513 Vortrag Ernst Ferber vor Minister Leber, 22. 2. 1973,
BArch-MA, N 651/17.
514 Operative Modellsituation der Landstreitkräfte in der
BRD, Fü H 111, 10. 7. 1972, S. 6, BArch-MA, BW
2/8342; Kurzfassung Studie Contingencies, 1973, S. 4,
BArch-MA, BW 2/6617-50021. Eine kritische
Bestandsaufnahme der politischen und militärischen Lage
der NATO durch den Chef des Stabes des I. Korps,
Hermann Büschleb, 27. 12. 1972 & Kritische
Bemerkungen nach HOSTAGE 1972, BArch-MA, N
596/26; Beurteilung der Lage des Heeres, 1. 12. 1971, S.
1058
53, BArch-MA, BW 2/6976, Militärstrategische
Lagebeurteilung
des
Heeres,
Grundsätzliche
Folgerungen, 28. 12. 1972, S. 68, BArch-MA, BW
2/6976.
515 Nach einer NATO-Berechnung aus dem Jahre 1973
fehlten beim AFCENT 45 % der Landstreitkräfte, 20 %
der Luftstreitkräfte und 15 % der Seestreitkräfte, um
einen Angriff mit konventionellen Mitteln aufzuhalten.
ACE Force Proposals 1973–78 SHAPE 1240.5/20-23/563/71, zit. in: Generalinspekteur TgNr. Fü S 20/73 str.
geh, 21. 3. 1973, BArch-MA, BW 2/8342.
516 Dazu die Militärstrategische Konzeption der Bundeswehr
1973, BArch-MA, BW 2/8342, Fü S III 2, 20. 3. 1973, S.
1 f.
517 Erfahrungen aus dem vierten Nahost-Krieg, Anlage C
TgbNr. FüS 4791/73, geh. v. 21. 12. 1973; Zur
Auswertung des Krieges vgl. Memorandum for Admiral
Zimmermann, Initial Observations Mideast Conflict, 5
Dec 1973, BArch-MA, BW 2/8721; Die Lehren aus dem
4. Nahostkrieg und die daraus zu ziehenden
Konsequenzen für die Planung der Bundeswehr, BArchMA, BW 2/27501.
518 Dazu Kollmer, Nun siegt mal schön; ders.
Rüstungsinterventionismus. Vgl. auch Reichenberger,
Der gedachte Krieg, S. 352–361.
519 Working Paper »Hostage 74«, S. 7, 9, BArch-MA, N
651/55.
520 Ebenda, S. 23, sowie Besuch von United States Secretary
of Defence James R. Schlesinger im HQ AFCENT am
18. 4. 1974, BArch-MA, N 651/55. Seine ausführliche
Lageanalyse für das Jahr 1974 in: BArch-MA, N 596/56,
1059
hier S. 87. Bemerkenswerterweise gab es in den NATOStäben auch Mitte der 1970er-Jahre noch immer
unterschiedliche Vorstellungen vom Einsatz taktischer
Nuklearwaffen. Reichenberger, Der gedachte Krieg, S.
361. Etliche Dokumente dazu: Etwa Militärstrategische
Konzeption der Bundeswehr 1973, S. 17, 20, BArch-MA,
BW 2/8342. General Ernst Ferber hielt es 1974 als
NATO-Oberbefehlshaber Mitte noch für notwendig,
darauf hinzuweisen, dass »tactical nuclear weapons
should not be considered as the use of an extremly
effective artillery«. Working Paper »Hostage«, S. 7, 9,
BArch-MA, N 651/55; Principles of Employment of
Nuclear Weapons within Strategy of Flexible Response,
BArch-MA, N 651/56.
521 Militärstrategische Konzeption der Bundeswehr 1973, S.
15, BArch-MA, BW 2/8342.
522 Nach Reichenberger, Der gedachte Krieg, S. 355 f.
523 Principles of Employment of Nuclear Weapons within
Strategy of Flexible Response, S. 10, BArch-MA, N
651/56.
524 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1975, BArchMA, BW 2/9328, S. 15; Militärischer Zustandsbericht des
Heeres 1976, S. 83a-c, BArch-MA, BW 2/9329;
Arbeitsentwurf für die Entwicklung militärstrategischer
Zielvorgaben, 31. 5. 1977, S. 41, 46, 87, BArch-MA, BW
2/50029.
525 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1975, BArchMA, BW 2/9328, S. 1; Zusammenfassende
Stellungnahme zu den zusammenfassenden Berichten
über die Inspizierungstätigkeit der Inspizienten und
Offiziere im Heeresamt mit Inspizierungsaufgaben 1. 1.
1060
1976–31. 10. 1976, 6. 1. 1977, S. 4, BArch-MA, BH
2/4508.
526 Etwa Richard von Rosen (1922–2015), Kdr der PzBrig
21, oder Horst Scheibert (1918–2010), Kdr der
PzGrenBrig 13 in Wetzlar.
527 Es gab eine ganze Reihe solcher NATO-Wettbewerbe, in
denen die Bundeswehrmannschaften seit den 1970erJahren gut abschnitten. Freilich bereiteten sich die Teams
darauf besonders vor, sodass dies kaum Rückschlüsse auf
die durchschnittliche Leistung der Kampftruppe erlaubt.
Vgl. FüHI 5 Leistungsfähigkeit des Heeres bei
militärischen
Wettkämpfen
mit
internationaler
Beteiligung, 5. 3. 1981, BArch-MA, BW 2/16001.
528 Schneller Wechsel 1974, Erfahrungsbericht, 15. 12. 1974,
insb. S. 49, 58, 81 f., BArch-MA 7-3/454; Grossübung
des Heeres 1975 Erfahrungsbericht, insb., S. 1, 5, BArchMA, BH 7-2/267; Militärische Abschlussbesprechung der
Herbstübung des Heeres 1975 »Grosse Rochade«, 20. 9.
1975, insb. S. 43, BArch-MA, BH 7-2/371.
529 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1975, BArchMA, BW 2/9328, S. 15, 122–124.
530 Militärischer Zustandsbericht der Luftwaffe 1975, S. 72;
Militärischer Zustandsbericht der Marine 1975, S. 27,
BArch-MA, BW 2/9328.
531 NATO Combat Efficiency Report 1974, C-1-4; 1976, C1-6, NATO-Archiv Brüssel.
532 Annual Report on the Federal German Armed Forces for
1976. TNA, FCO 33/3192.
533 Etwa I. Korps KG, Kommandeurmitteilung Nr. 11,
Oktober 1976, BArch-MA, BH 7-1/905.
1061
534 Erfahrungsbericht Grosser Bär 1976, S. 43, BArch-MA,
BH 7-1/531.
535 Schlussbesprechung der Heeresübung 77 »Standhafte
Chatten, 16. 9. 1977, in: BArch-MA 7-3/539a. Sieben
Jahre später zitierte der Kommandierende General des II.
Korps, Werner Lange, Pöschels Worte in seiner eigenen
Schlussbesprechung des Großmanövers »Flinker Igel«
1984, BArch-MA, BH 7-2/822, S. 2.
536 Inspizienten Infanterie waren zu diesem Zeitpunkt
Brigadegeneral Werner Krieger und Oberst Günther
Viezenz. Beide waren kampferprobte Infanteristen. Einer
der kritischsten Berichte über die Korpsübung »Großer
Bär« kam vom General der Kampftruppen, Generalmajor
Fritz Birnstiel, ebenfalls ein kriegserfahrener Troupier,
der im Januar 1945 an der Ostfront in sowjetische
Kriegsgefangenschaft geriet. Heeresamt, General der
Kampftruppen, 10. 9. 1976, Beobachtungspunkte
Korpsübung »Großer Bär«, BArch-MA, BH 1/2459.
537 Inspizient der Panzertruppe, Zusammengefaßter Bericht
über die Inspizierungen von Truppenteilen der
Panzer-/Panzeraufklärungstruppe in der Zeit vom 1. Ok.
1974 bis 30. März 1975, S. 23, BArch-MA, BH 9-29/158.
538 Darauf verweist dezidiert der Kommandierende General
Helmut Schönefeld in: Erfahrungsbericht Grosse
Rochade (1975), Teil A Bewertung durch den Leitenden,
S. 4, BArch-MA, BH 7-2/267.
539 So Hans Heinrich Klein in: Erfahrungsbericht Grosser
Bär 1976, S. 6, BArch-MA, BH 7-1/531. Auch
Generalinspekteur Jürgen Brandt in seiner Weisung für
Ausbildung, Erziehung und Bildung in den Streitkräften
1062
im Jahre 1980, 14. 8. 1979, S. 3, BArch-MA, BW
2/22147.
540 Militärstrategische Konzeption der Bundeswehr 1973, S.
20 f., BArch-MA, BW 2/8342.
541 Extract from the »Annual Defense Department Report«,
Section on »General Purpose Forces«, dated 5 February
1975, issued by Secretary of Defense Schlesinger to
Congress, BArch-MA, N 651/55.
In romanhafter Form verarbeitete der ehemalige
Kommandeur der britischen Rheinarmee Sir John Hackett
1978 ein vergleichsweise realistisch anmutendes Szenario
eines großen Krieges in Mitteleuropa, der nach
anfänglichen Rückschlägen mit einem Sieg der NATO
endet. Hackett, Welt in Flammen.
542 Arbeitsentwurf für die Entwicklung militärstrategischer
Zielvorgaben, 31. 5. 1977, S. 16, 41, 46, 87, BArch-MA,
BW 2-12436/50029.
543 Seit 1969 übten die amerikanischen Streitkräfte in jedem
Herbst in großem Stil die Verlegung von Truppen nach
Europa (REFORGER = Return Forces to Germany). Im
Falle eines großen Krieges sollten die Soldaten von drei
US-Divisionen und vier weiteren Brigaden sowie eine
kanadische Division per Flugzeug und Schiff in die
Bundesrepublik gebracht werden und ihr dort
eingelagertes Material übernehmen. Zwei weitere USDivisionen hatten ihre Depots in den Niederlanden und
Belgien.
544 Da sich Frankreich 1966 aus den militärischen Strukturen
der NATO zurückgezogen hatte, war es auch nicht
Mitglied der Nuclear Planning Group der Allianz, in der
die Einsatzszenarien der Atomwaffen abgesprochen
1063
wurden. Vermerk über einen Besuch bei dem
Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte in
Deutschland am 25. 6. 1974 in Baden-Baden, BArchMA, BW 2/8721. Zur Kooperation mit den Franzosen
und den schwierigen Absprachen vgl. z. B. für die Jahre
1972/73, BW 2/50019.
545 Beurteilung der Lage der NATO-Landstreitkräfte und des
deutschen Heeres in der Mitte der 1980er Jahre, 30. 6.
1980, BArch-MA, BH 1/12766.
546 NATO Combat Efficiency Report 1980, D-1-16, NATOArchiv Brüssel.
547 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1979, S. 10,
BArch-MA, BW 2/12297.
548 Ebenda. Auf den Schlussbesprechungen der großen
Korpsgefechtsübungen
wurde
traditionell
nicht
grundlegend kritisiert. Freilich war unübersehbar, dass
der Duktus spürbar kritischer war als etwa in der Mitte
der 1980er-Jahre. Vgl. z. B. Abschlussbemerkungen des
Inspekteurs des Heeres bei der Abschlußbesprechung
anläßlich der Korpsgefechtsübung »Harte Faust« am 21.
9. 1979, BArch-MA, BH 7-2/692a. Dagegen:
Erfahrungsbericht 10. Panzerdivision »Flinker Igel«,
1984, S. 23, BArch-MA, BH 7-2/808.
549 Dazu Entwurf eines Vortrags zum Besuch von MdB
Löber u. a. am 26. 2. 1982, BArch-MA, BH 7-1/943.
550 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1980, S. 18,
BArch-MA, BW 2/49317. Die Offizierausbildung wurde
1985 umgestellt. Fortan wurden die Offiziere drei Jahre
ausgebildet, bevor sie an die Bundeswehruniversitäten
wechselten, um mehr militärische Kenntnisse zu
erwerben. Seit 2006 wurde die Zeit vor dem Studium
1064
wieder auf 15 Monate reduziert. Einen konzisen
Überblick
bietet:
Christian
Westphal,
Die
Offizierausbildung im deutschen Heer, in: Der
Panzergrenadier 2/2013, S. 13–19.
551 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1981, S. 64,
BArch-MA, BW 2/49323.
552 Inspizient Panzertruppe, Jahresbericht 1979, S. 7, BArchMA, BH 2-4517. Panzerkommandanten hatten bis zu
diesem Zeitpunkt den Rang eines Unteroffiziers.
553 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1981, S. 65,
BArch-MA, BW 2/49323.
554 Jahresbericht Inspizient Panzertruppe 1981/82, BArchMA, BH 8-9/391.
555 Etwa: Zusammenfassung der Berichte über die
Inspizierungstätigkeit der Inspizienten, Offiziere mit
Inspizierungsaufgaben und Geräteinspizienten, 1. 7.
1980–31. 3. 1981, S. 16, BArch-MA, BH 9-26/77.
556 Ebenda, S. 17; Militärischer Zustandsbericht des Heeres
1981, S. 72, BArch-MA, BW 2/49323.
557 Jahresbericht Inspizient der Panzertruppe 1982/83, S. 2 f.,
6, 8–10, 13 f. Mit teilweise noch drastischerer Tendenz
der Jahresbericht Inspizient der Panzergrenadiertruppe
1982/83, S. 1–5. Mit einem etwas besseren Fazit der
Jahresbericht Inspizient der Jägertruppe 1982/83, wobei
insbesondere
die
Fallschirmjägertruppe
positiv
herausstach, S. 6, 11. Alles BArch-MA, BH 8-9/392.
558 Der Inspizient der Artillerie hielt fest, dass zu wenig
geschossen werde. Teilweise sei eine Scheu, »sogar
Angst« im Umgang mit großkalibriger Munition
festzustellen. Bei 45 Schuss pro Geschütz und Jahr
1065
könnten die Ausbildungsziele nicht erreicht werden. Er
forderte eine Steigerung auf 65 Schuss. Jahresbericht
Inspizient Artillerie 1982/83, 31. 3. 1983, S. 6, 10,
BArch-MA, BH 1/5803. Die Problemlagen waren Ende
der
1970er-Jahre
ähnlich.
Zusammenfassende
Stellungnahme
zu
den
Berichten
über
die
Inspizierungstätigkeit der Inspizienten und Offiziere im
Heeresamt mit Inspizierungsaufgaben, Berichtszeitraum
1. 11. 1978–31. 10. 1979, BArch-MA, BH 2/4517. Eine
knappe, aber denkbar negative Zusammenfassung der
Lage des Heeres auch in Generalleutnant a. D. HeinzGeorg Lemm an Carl-Gero von Ilsemann, 19. 2. 1982,
BArch-MA, N 736/31.
559 Jahresbericht 1978 Inspizient Panzertruppe, 9. 11. 1978,
S. 18, BArch-MA, BH 9-26/20. Der Verfasser des
Berichts war Hans Velde, im Krieg zuletzt als
Hauptsturmführer Ordonanzoffizier des IV. SSPanzerkorps in Ungarn eingesetzt. Im selben Tenor: Chef
des Stabes 11. Panzergrenadierdivision an Carl-Gero von
Ilsemann, 21. 12. 1982, BArch-MA, N 736/22.
560 Vortrag Kommandeur PzGrenBrig 13 bei der Grossen
Kommandeurbesprechung am 7. 3. 1979, BArch-MA,
BH 7-3/877.
561 Führungsverhaltung und Menschenführung im Heer,
Vortrag G1 12. Panzerdivision auf der G1/A1 Tagung der
Bundeswehr 1983, BArch-MA, BH 7-2/878.
562 Werner von Scheven an Fritz Mauk, 10. 4. 1981, BArchMA, N 992/51.
563 Dirk Heeren, Truppenpraxis heute – Erfahrungen aus der
Sicht eines Bataillonskommandeurs, Februar 1981,
BArch-MA, BH 7-3/877.
1066
564 Bericht der Kommission des Bundesministers der
Verteidigung zur Stärkung der Führungsfähigkeit und
Entscheidungsverantwortung in der Bundeswehr, Bonn
1979, S. 12, 24–26.
565 Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Weisung für
Ausbildung, Erziehung und Bildung in den Streitkräften
im Jahre 1980, 14. 8. 1980, BArch-MA, BW 2/22147.
566 Jürgen Brandt hatte 1943/44 über ein Jahr als Infanterist
an der Ostfront gekämpft und war der letzte
Generalinspekteur, der im Zweiten Weltkrieg regulär
Soldat geworden war. Er war ein Duzfreund Helmut
Schmidts, stand der SPD nahe, hatte aber auch ein
vertrauensvolles Verhältnis zu Heinz Karst, der ihn als
junger Stabsoffizier gefördert hatte.
567 Bernd Hospach, German Army Liaison Officer Royal
School of Militay Engineering, Der Falklandkrieg,
November 1982, S. 24. Vgl. auch FüS I 4,
Menschenführung im Gefecht, 26. 11. 1982, BArch-MA,
BW 18/366; sowie die Akten in BArch-MA, BW 18/381.
568 Bernd Hospach, German Army Liaison Officer Royal
School of Militay Engineering, Der Falklandkrieg,
November 1982, S. 12, BW 18/366.
569 Zentrum Innere Führung DOK-Stelle, 14. 4. 1983,
BArch-MA, BW 18/381. Vgl. auch: Heeresamt,
Abteilung II, 4. 8. 1983, Auswertung des FalklandKrieges für Ausbildung und Erziehung im Heer, BArchMA, BH 7-2/990.
570 Ergebnisprotokoll über 2. Besprechung »Innere Lage der
Bundeswehr«, 13. 6. 1984, BArch-MA, BW 2/22234, S.
5.
1067
571 Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller
Truppen, Köln 1985. Der Autor war Oberstleutnant Elser
vom
Heeresamt,
unter
Verantwortung
von
Generalleutnant Werner Schäfer als Amtschef. Schäfer
kämpfte seit August 1944 als Infanterist an der Westfront.
In
der
Bundeswehr
hatte
er
vor
allem
Truppenverwendungen bei der Panzergrenadiertruppe.
Sachstandsbericht Fü H I 5, 11. 6. 1987, BArch-MA, BW
2/33481. 1. Auflage 1985 12 000 Exemplare, 2. Auflage
1986 25 000.
572 Werner von Scheven, Die Innere Führung der Bw vor
neuen Herausforderungen, April 1984, S. 4, BArch-MA,
N 992/55.
573 Fragestunde des Bundestages, MdB Stiegler, 29. 10.
1984. Vgl. BH 7-3/877; Kennzeichen D, 28. 7. 1987; Kl.
Anfrage der Grünen (Petra Kelly) zu Kriegsnah
ausbilden, 4. 6. 1987, BArch-MA, BW 2/33481.
Besonders polemisch: »Im Aufblitzen des Abwehrfeuers,
IG-Metall-Zeitung v. 15. 5. 87, S. 11.
574 Werner von Scheven, Die Innere Führung der Bw vor
neuen Herausforderungen, April 1984, S. 7, BArch-MA,
N 992/55.
575 Unterlagen zur kompanieweisen Auffüllung in: BArchMA, BW 2/16001.
576 Die Offiziere mussten nun eine dreijährige
Truppenausbildung durchlaufen, bevor sie ins Studium
geschickt wurden, und erhielten dadurch mehr
Praxiserfahrung, was sich aber erst Anfang der
Neunzigerjahre auswirken sollte.
577 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1985, S. 132,
BArch-MA, BW 2/49305.
1068
578 Vgl. beispielsweise Mastny, Imaging War, S. 35.
579 Creveld, Kampfkraft. Nach dem Vietnamkrieg gab es
eine Vielzahl von Büchern, die das Scheitern der US
Army untersuchten. Gabriel/Savage, Crisis in Command,
analysiert etwa den Verfall der Einsatzbereitschaft der US
Army seit 1969 durch die vielen Fälle von Fahnenflucht,
Vorgesetztenmord, Meuterei und Drogenmissbrauch. Die
Literatur ist auch vom SOWI der Bundeswehr
kommentiert worden: »Kohäsion und Desintegration im
amerikanischen Heer – Anmerkungen zu einer Studie, 15.
9. 1978«. Darin wurden die Bedeutung der Inneren
Führung und die Überzeugung zur Verteidigung der
Demokratie als Teil der »Combat Motivation« verteidigt.
Vgl. auch Nöbel, Verhalten von Soldaten im Gefecht.
580 Dies ist auch das Kernargument von Zimmerli, Offizier
oder Manager.
581 Das sogenannte Fulda Gap bezeichnet ein Gebiet an der
deutsch-deutschen Grenze, das geografisch besonders
günstig für einen raschen Vorstoß von Thüringen nach
Frankfurt/Main war. Die NATO erwartete hier einen
Angriffsschwerpunkt des Warschauer Paktes.
582 General Balck and von Mellenthin on Tactics:
Implications for NATO Military Doctrine, December 19,
1980, BArch-MA, MSG 2/2662.
583 Ebenda.
584 Mit weiteren Literaturangaben Trauschweizer, Learning
with an Ally. Vgl. auch Douglas W. Skinner, AirLand
Battle Doctrine, Professional Paper 463, September 1988.
https://apps.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a202888.pdf;
Strachan, Conventional Defence.
1069
585 Bagnall, Concepts of land/air operations; Kiszley, The
British Army; McInnes, BAOR in the 1980s.
Vgl. auch die Studie von Major General P D Reid,
Paralysis Warfare, September 1981, in der er bewusst aus
der deutschen Abwehrtaktik an der Ostfront 1943/44 und
der erfolgreichen Abwehr der alliierten Offensive
Goodwood im Juli 1944 Schlüsse für die Abwehr eines
sowjetischen Angriffs in den 1990er-Jahren zog. In:
BArch-MA, MSG 239/375. Der neue Trend führte zu
einer erheblichen Annäherung der Konzeptionen der in
der Bundesrepublik stationierten NATO-Armeen, und
erstmals schienen die nationalen Korps den zukünftigen
Krieg gemeinsam zu planen. Dass die Alliierten in ihrer
Operationsführung zunehmend an einem Strang zogen,
wurde auf den großen Manövern deutlich, in denen
Verbände der niederländischen, amerikanischen und
britischen Alliierten deutschen Truppen unterstellt waren
und deren Operationsführung besonders positiv bewertet
wurde. Erfahrungsbericht zur Heeresübung 1985
»Trutzige Sachsen«, 26. 3. 1986, S. 27, 31, 33, 37,
BArch-MA, BH 7-1/997.
586 Einen guten Überblick der Entwicklung der
Operationsplanungen der NATO in Mitteleuropa bietet
Hammerich, Halten am VRV. Die Bundeswehr übte in
den 1970er-Jahren das Halten der an der deutschdeutschen Grenze gelegenen Verteidigungsräume. Man
trainierte »zähes Verteidigen« insbesondere von operativ
wichtigem Schlüsselgelände, die Verzögerung und dann
den Gegenangriff mit Verbänden bis zur Divisionsstärke.
Man erkannte durchaus, dass der General Defence Plan
das schöpferische Denken einschränkte. Mit der 1973
herausgegebenen Vorschrift zur Truppenführung (TF 73)
1070
scheint ein technokratischerer Geist in das Heer
eingezogen zu sein. In den Vorgängerversionen aus den
Jahren 1933 oder 1962 wurde Führung als eine Kunst,
eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende
freie, schöpferische Tätigkeit bezeichnet. In der TF 73
war nicht mehr von Führung, sondern von einem
Führungsvorgang die Rede. Allerdings versuchte man
sich in dem gegebenen Rahmen durchaus eine geistige
Flexibilität bei der Operationsführung zu erhalten. Der
Inspekteur des Heeres, Horst Hildebrandt, verwies 1976
etwa auf die französische Armee des Jahres 1940, die
sich einseitig auf die Unüberwindbarkeit der Maginotlinie
festgelegt und neue Formen des Krieges verkannt habe.
Dies dürfe der Bundeswehr nicht passieren. »Wir
bedürfen also geistiger Beweglichkeit und innerer
Freiheit.« Abschlussbesprechung Grosser Bär durch
Inspekteur des Heeres am 11. 9. 1976, S. 2, BArch-MA,
BH 1/2459.
587 Reichenberger, Der gedachte Krieg, S. 408 f. Vgl. auch
Barras, Great Cold War, S. 269–276. Die Betonung des
Risikos durch Generalleutnant Karl Erich Diedrichs in:
Schlußbesprechung Heeresübung »Fränkischer Schild«,
26. 9. 1986, S. 39, BArch-MA, BH 1/14111.
588 Dieser Meinung war offenbar auch Manfred Wörner, der
1982
auf
der
Kommandeurtagung
sagte:
»Vorneverteidigung
schließt
Beweglichkeit
und
Ausnutzen des Raumes ein. Ein Maginotdenken wäre
verhängnisvoll.« Rede Manfred Wörner, S. 17, BArchMA, BW 2/32289. Damit setzte er andere Akzente als der
Kommandierende General des II. Korps, Werner Lange,
der im Manöver »Flinker Igel« üben ließ, wie sich
Truppen dem Feind »entgegenwerfen«, um so viel Raum
1071
und Bevölkerung wie möglich zu schützen.
Schlussbesprechung »Flinker Igel« 1984, S. 6–8, BArchMA, BH 7-2/822.
589 Bemerkungen des Inspekteurs des Heeres zur
Heeresübung 1985 »Trutzige Sachsen«, S. 5, 8, BArchMA, BH 1/1401. Vgl. auch Erfahrungsbericht zur
Heeresübung 1985 »Trutzige Sachsen«, 26. 3. 1986, S. 1,
9, BArch-MA, BH 7-1/997.
590 Bemerkungen des Inspekteurs des Heeres zur
Heeresübung 1986 »Fränkischer Schild«, 18. 11. 1986, S.
4–6, BArch-MA, BH 1/14111.
591 Letztlich hing es auch von den Persönlichkeiten ab, ob sie
sich
in
eine
längere
Tradition
deutschen
Generalstabsdenken stellten oder eher andere Akzente
setzten. Semantisch ähnlich wie Hans-Henning von
Sandrart war etwa Horst Hildebrandt, der von 1973 bis
1979 Inspekteur des Heeres war. Vgl. etwa seine
Abschlussbesprechung der Korpsübung »Blaue Donau«
22. 9. 1978, S. 80–83, BArch-MA, BH 7-2/396
592 Weisung zu Führung, Erziehung und Ausbildung, 18. 7.
1985, BArch-MA, BH 1/15981.
593 Darauf verweist auch Brugmann, Heeresmanöver, S. 23.
594 Nübel, Dokumente, Dok. 180. Vgl. auch Brand, 50 Jahre
Panzertruppe, S. 43.
595 So wurde etwa geplant, Divisionen des III. Korps aus
ihren Gefechtsstreifen herauszulösen und in die Flanke
eines sowjetischen Angriffs auf das Fulda Gap antreten
zu lassen oder aus ihnen in Süddeutschland eine
Heeresgruppenreserve zu bilden. Solche Planungen auf
operativer Ebene hatte es zuvor nicht gegeben. Helge
1072
Hansen, Die strategischen und operativen Überlegungen
der NATO für Mitteleuropa seit den späten 1970er
Jahren, unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, S. 8;
Zeitzeugeninterview Helge Hansen, 26. 2. 2020.
596 Bemerkungen des Inspekteurs des Heeres zur
Heeresübung 1986 »Fränkischer Schild«, 18. 11. 1986, S.
17, BArch-MA, BH 1/14111.
597 BMVG, FüS III 6/Fü S II 3, 2. 6. 1980, Operative
Gesamtdarstellung Mitteleuropa, S. 25 B., BArch-MA,
BH 1/12766. Vgl. auch Korpsgefechtsübung Sankt Georg
[1980],
Erfahrungsbericht,
S.
B-8-1
f.;
Schlussbesprechung, S. 17, BArch-MA, BH 9-27/253.
Verfügte die deutsche Armee 1914 über sechs und 1918
über 11,5 Geschütze pro 1000 Soldaten, waren es 1986
gerade einmal vier. Die sowjetischen Streitkräfte hatten
mit 16,7 Rohren pro 1000 Soldaten eine deutliche
Artillerieüberlegenheit. Bailey, Field Artillery, S. 493;
Poppe, Kräfteverhältnis, S. 271–274.
598 Groß, Dogma der Beweglichkeit. Eine Steigerung der
Kampfkraft der Artillerie erfolgte Ende der 1980er-Jahre
mit der Einführung von 158 Mehrfachraketenwerfern
MARS. Sie verschossen Anti-Panzerminen und konnten
in kurzer Zeit große Geländeabschnitte sperren.
599 Bemerkungen des Inspekteurs des Heeres zur
Heeresübung 1985 »Trutzige Sachsen«, BArch-MA, BH
1/1401; Erfahrungsbericht zur Heeresübung 1985
»Trutzige Sachsen«, 26. 3. 1986, S. 2–6, 111–117,
BArch-MA, BH 7-1/997; Bemerkungen des Inspekteurs
des Heeres zur Heeresübung 1986 »Fränkischer Schild«,
18. 11. 1986, S. 20 f., BArch-MA, BH 1/14111;
Erfahrungsbericht Heeresübung 1986 »Fränkischer
1073
Schild«, 5. 3. 1987, S. 106, BArch-MA, BH 7-3/823;
General der Kampftruppen, Heeresübung 1986
»Fränkischer Schild« Erfahrungsbericht, S. 41 f., BArchMA, BH 7-3-897. Der zuletzt genannte Bericht muss
freilich im Kontext des üblichen kritischen Duktus des
Generals der Kampftruppen gesehen werden. Ihm ging es
vor allem darum, Schwächen aufzudecken, die in
künftigen Ausbildungsprogrammen abgestellt werden
sollten.
600 Schlussbesprechung [Korpsgefechtsübung Flinkel Igel
1984], S. 8, 56, BArch-MA, BH 7-2/822.
601 Werner von Scheven trug die anhaltenden Probleme bei
der kriegsnahen Ausbildung und der Inneren Führung
ungeschminkt auf der 28. Kommandeurtagung der
Bundeswehr im Dezember 1985 vor. Redemanuskript in
BArch-MA, N 992/56. Vgl. ferner: Werner von Scheven,
Vortrag
G1/A1
Tagung
der
Bundeswehr,
»Herausforderungen an die Innere Führung«, November
1985, insb. S. 3, BArch-MA, BH 1/22109. Vgl. auch
Scheven, Praxis der Ausbildung.
602 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1986, S. 31 f.
BArch-MA, BW 2/49311.
603 Militärischer Zustandsbericht des Heeres 1985, S. 25,
BArch-MA, BW 2/49305. In den Beurteilungen der Zeit
gibt es freilich durchaus Nuancierungen. 1980 hielt der
Führungsstab der Streitkräfte es zumindest für möglich,
die konventionelle Verteidigung für wenige Wochen
durchzuhalten. BMVG, FüS III 6/Fü S II 3, 2. 6. 1980,
Operative Gesamtdarstellung Mitteleuropa, S. 25 B,
BArch-MA, BH 1/12766. Die Studie umfasst auch einen
ausführlichen Kräftevergleich. Interessant ist, dass es
1074
demnach keinen großen Unterschied zu machen schien,
ob man vier oder 15 Tage Vorwarnzeit haben würde, da
die sowjetischen Kräfte eher schneller als die eigenen
Verstärkungen aus den USA und Großbritannien
aufwachsen
würden.
Vgl.
auch:
Hammerich,
Operationsplanungen der NATO.
604 Reichenberger, Der geplante Krieg, S. 388–390; Christian
Millotat, Operative Überlegungen für das Heer in der
gegenwärtigen Sicherheitslage, Manuskript April 1995,
BArch-MA, BH 1/30107.
605 G 2/A2 Bericht Ost, 4. 2. 1980, BArch-MA, BW
2/19430; Fü S II 3, Die Entwicklung der Bedrohung in
den 90er Jahren, 24. 6. 1981, insb. S. 14, BArch-MA,
BW 2/19426.
606 Vgl. u. a. Barras, Great Cold War, S. 275 f.; Zubok, A
Failed Empire, insb. S. 303–335.
607 Vgl. z. B. G2/A2 Bericht Ost, Zur gegenwärtigen Lage in
den sowjetischen Streitkräften – Inhalte und Bedeutung
der Umgestaltung, 25. 11. 1987, BArch-MA, BWD
1/979.
608 Vgl. z. B. Final Decision on MC 161/72. A Report by the
Military Committee on Soviet Bloc Strength and
Capabilities, June 1972, S. 47, 51, 54, 113, BArch-MA,
BW 2/50072.
609 Jahresberichte des BND in BArch-Ko, B 206. Vgl. auch
die Rede des GI »Die Bedrohung durch den Sowjetblock.
Grundlage
und
Beurteilung«
auf
der
12.
Kommandeurtagung 1966, BArch-MA, BW 2/35147.
610 Im letzteren Sinne urteilte die Auslandsaufklärung. In
dem G-2 Jahresbericht 1973 heißt es etwa, dass die
1075
Gefahr wachse, »dass der Sowjetblock durch Pression mit
Hilfe überlegener Waffen den Ländern des westlichen
Bündnisses seine Politik diktieren kann«. G2/A2
Lageübersicht, Jahresrückblick 1973, BArch-MA BW
2/8289.
611 Vgl. Uhl, Die 8. Garde-Armee; Uhl, Storming on to Paris;
Lautsch,
Die
NVA-Operationsplanung
für
Norddeutschland.
612 Lunak, War Plans, S. 90.
613 Bluth, Bundeswehr und NATO, S. 119.
614 Somit gibt die neuere Forschung Generalmajor Gert
Bastian recht, der als Kommandeur der 12.
Panzerdivision eine aggressive Absicht der sowjetischen
Raketenstationierung in einem öffentlichen Vortrag
bezweifelt hatte. In der Bundeswehr brach daraufhin ein
Donnerwetter los. Ihm wurden Interviews fortan
verboten, und es erschien geradezu ungehörig, dass ein
General den Charakter der Sowjetunion nicht als
aggressiv bewertete. Bastian brach 1980 mit den
Streitkräften, weil er den NATO-Doppelbeschluss nicht
mittragen konnte, und wurde eine Gallionsfigur der
Friedensbewegung. Nübel, Dokumente, Dok. 138.
615 Vgl. FüS II 3, 29. 1. 1980, Erste Lehren aus der sowj.
Intervention in Afghanistan aus militärpolitischer Sicht,
BArch-MA, BW 2/19430. Der BND war in seinen
Analysen ausgewogener und zurückhaltender. Als
Motivation der Afghanistan-Intervention stellte er
defensive Motive stärker in den Vordergrund und
beschränkte sich – soweit wir das anhand der bereits
freigegebenen Quellen sagen können – vor allem auf die
Aufklärung des Militärpotenzials des Warschauer Paktes,
1076
ohne sich näher über die Intentionen Moskaus
auszulassen. So zumindest der Duktus der Jahresberichte
Ost, die im Bundesarchiv Koblenz einsehbar sind. Zu
Afghanistan vgl. Militärischer Lagebericht Ost.
Jahresabschlussbericht 1980, S. 28, BA/Ko, B 206/154.
Zur sowjetischen Invasion in Afghanistan vgl. etwa
Zubok, Failed Empire, S. 259–264.
616 Vgl. z. B. Referat des Stellvertreters des Ministers und
Chef des Hauptstabes vor den Militärattachés der NVA
zum Thema »Die Haupttendenzen der gegenwärtigen
NATO-Militärpolitik und die Hauptaufgaben der
Militärattachés der NVA, März 1975; Referat des Chefs
der Verwaltung Aufklärung vor den Militärattachés der
DDR, Zur militärpolitischen und militärstrategischen
Lage – die Aggressionsbereitschaft der NATO, BArchMA, DVW 1/94499.
617 Information über die Truppenübung »Schwarzer Löwe«
des II. westdeutschen Armeekorps (15. 9.–20. 9. 1968), S.
16, BArch-MA; DVW 1/25737d. Bericht über Anlage,
Verlauf und wichtige Ergebnisse der Truppenübung
»Großer Bär« des I. Armeekorps der BRDLandstreitkräfte (6. 9. bis 10. 9. 1976), BArch-MA, DVW
1/94038; Information über Anlage, Verlauf und
Ergebnisse der Truppenübung »Scharfe Klinge« des II.
Armeekorps der BRD-Landstreitkräfte, S. 19, BArchMA, DVW 1/94144; Information über einige Fragen der
Ausbildung der BRD-Landstreitkräfte im Jahre 1978, S.
3, BArch-MA, DVW 1/94089; Zustand der Streitkräfte
der NATO und Frankreichs und deren voraussichtliche
Entwicklung im Jahre 1982, S. 41 f., BArch-MA, DVW
1/94443. Vgl. auch Schunke, Feindbild, S. 172–175.
1077
618 Vgl. z. B. Zustand der Streitkräfte der NATO und
Frankreichs und deren voraussichtliche Entwicklung im
Jahre 1982 bis 1984, BArch-MA, DVW 1/94443–94445;
Ergebnisse der operativen und Gefechtsausbildung der
Streitkräfte der NATO im Jahre 1983, BArch-MA, DVW
1/94388.
619 Für die 1960er-Jahre vgl. Hofenaar, East German Military
Intelligence. Neben der Militäraufklärung der NVA
befasste sich auch die HVA der Stasi mit der
Bundeswehr. Dazu Giesecke, East German Espionage,
insb. S. 404 f., 411–415.
620 Die wachsenden Möglichkeiten der NATO-Streitkräfte
zur Panzerbekämpfung und Schlussfolgerungen für die
NVA, BArch-MA, DVW 1/94465; Zustand der
Streitkräfte der NATO und Frankreichs und deren
voraussichtliche Entwicklung im Jahre 1982, BArch-MA,
DVW 1/94443. Vgl. auch Nübel, Dokumente, Dok. 134.
621 Schlussbesprechung [Korpsgefechtsübung »Flinker Igel«
1984], S. 56, BArch-MA, BH 7-2/603.
622 Interessanterweise waren dabei Bezüge zu den Jahren
1914/18 häufiger als zur Wehrmacht. Rink, Bundeswehr,
S. 105. Eine Liste von Kasernennamen findet sich in
Knab, Falsche Glorie, S. 145–155.
623 1979 waren von mehr als 400 Kasernen 210 nach
Personen benannt, davon 85 aus der Zeit vor 1870, 75 aus
den Jahren 1870–1933, 42 aus der Zeit des
Nationalsozialismus und acht aus der Zeit nach 1945.
Möllers, Traditions-Konstrukte, S. 152 f., 159.
624 Im Rahmen der Heeresstruktur III wurden die 2. und 4.
Panzergrenadierdivision zu Jägerdivisionen umgebildet;
1078
die 6. Panzergrenadierdivision erhielt 1981 zwei aktive
Jägerbataillone.
625 Im April 1971 wurde für die Truppengattungen der
Panzer-, Fallschirmjäger- und Jägertruppe das Barett als
Kopfbedeckung eingeführt.
626 Oberstleutnant Christian Millotat an Carl-Gero von
Ilsemann, 13. 11. 1983, BArch-MA, N 736/31.
627 Ausführlich dazu Schilling, Rudel-Affäre.
628 Der Planungsstab des BMVg hatte von einer Änderung
des Traditionserlasses zunächst abgeraten, und auch
Minister Apel war zurückhaltend. Schriftwechsel dazu in:
BArch-MA, BW 2/19416. Abenheim, Bundeswehr und
Tradition, S. 194–211.
629 Zuvor
war
überlegt
worden,
lediglich
die
Ausführungsbestimmungen des alten Erlasses zu
erneuern. Hierfür wurde im November 1980 ein erster
Entwurf vorgelegt. Dieser befindet sich in: BArch-MA,
BW 2/32286.
630 »Wir sollen die Forderungen mehrerer rechter
Organisationen sowie des Gen. a. D. Dr. Wagemann
berücksichtigen«, beklagte sich der Referatsleiter Innere
Führung Oberst Werner Scheven. »Ein merkwürdiges
Unternehmen, wenn man bedenkt, dass selbst General Dr.
Uhle-Wettler mit dem Apel-Erlaß leben könnte.« Werner
Scheven an Carl-Gero von Ilsemann, 22. 12. 1983,
BArch-MA, N 736/22. Franz Uhle-Wettler war in der
Bundeswehr als eigenwilliger und konservativer
Charakterkopf bekannt, der nicht davor zurückschreckte,
seine Meinung zu äußern. Nach seiner Pensionierung
1987 machte er in den Neunzigerjahren als
revisionistischer Militärpublizist von sich reden.
1079
631 Vgl. Adalbert von der Recke an Dietrich Genschel, 20. 8.
1984, BArch-MA, BW 2/32293.
632 Diverse Textentwürfe »Tradition in der Bundeswehr«,
zuletzt aus dem August 1985 in: BArch-MA, BW
2/32294.
633 Ansprache des Bundesministers der Verteidigung Dr.
Manfred Wörner anlässlich der Verabschiedung des
Generalinspekteurs der Bundeswehr General Jürgen
Brandt
und
des
Inspekteurs
der
Luftwaffe,
Generalleutnant Friedrich Obleser, am 30. 3. 1983, S. 8,
BArch-MA, BW 2/32290. Friedrich Obleser hatte als
Jagdflieger 1943/44 120 Luftsiege errungen.
634 Das Redemanuskript befindet sich in: BArch-MA, BH
1/16031. Am 7. 7. 1987 sprach Wörner auch vor dem
Gebirgsjägerdenkmal auf dem Hohen Brendten.
635 Manuskript der Ansprache des Inspekteurs des Heeres
Generalleutnant Hans-Henning von Sandrart am
Ehrenmal des Deutschen Heeres am Volkstrauertag, 16.
11. 1984, BArch-MA, BH 1/16031. Die gehaltene
Fassung befindet sich in BArch-MA, BH 1/16018. In
beiden Versionen ist das Zitat enthalten.
636 Das Redemanuskript befindet sich in BArch-MA, BH
1/16031.
637 Arnulf Heimbach, Kommandeur Sanitätsbataillon 3,
Kritische Gedanken eines Bataillonskommandeurs zu den
neuen Traditions-Richtlinien, 6. 1. 1983, BArch-MA, BW
2/32288.
638 Kern/Klein, Tradition, S. 105, 115. Vgl. z. B.
Beobachtungsbesuch 2/81 des BEAGenInsp beim
1080
Panzergrenadierbataillon 212, 2. 2. 1981, BArch-MA,
BW 2/15384.
639 So ein Unteroffizier einer Stabskompanie einer
Panzergrenadierdivision, in: Blumenlese von Zitaten aus
Beobachtungsbesuchen des BEAGenInsp, September
1981, BArch-MA, BW 2/19253.
640 Diese Kategorie erhielt mit 66 % Zustimmung die
höchsten Werte. Die Aufstellung von Volksheeren nach
den preußischen Heeresreformen 1813/14 erhielt nur 37
% Zustimmung. Lucia Kern, Auffassungen zur
militärischen Tradition in der Bevölkerung und in der
Bundeswehr. Vorbericht zur Grundauszählung der
Bevölkerungsumfrage, S. 24, BArch-MA, BW 2/15605.
641 Kern/Klein, Tradition, S. 141. Heer, Luftwaffe und
Marine unterschieden sich in ihrem generellen
Traditionsverständnis kaum. Und wenig überraschend
bewerteten Fallschirmjäger und Jagdflieger Traditionen
weit positiver als alle anderen Truppengattungen.
642 Kleine Anfrage Petra Kelly 1987. Das Werk ist 1997
durch das Buch »Einsatznah ausbilden. Hilfen für den
Gefechtsdienst aller Truppen« ersetzt worden.
643 Alles in Akte BArch-MA, BH 7-2/946.
644 Generalmajor Storbeck, 13. 4. 1984 an Werner Lange, in:
BArch-MA, BH 7-2/946. Darin ist der Vorgang um das
Panzerlied ausführlich dokumentiert.
645 Kameraden singt! Liederbuch der Bundeswehr, Bonn
1991. Vgl. Hell klingen unsere Lieder. Liederbuch der
Bundeswehr, Bonn 1975.
646 Die 4. Strophe fand sich noch 2005 etwa im Liederbuch
der Panzergrenadierbrigade 41 »Wir im Nordosten«.
1081
647 Sir Oliver Wright to Lord Carrington, 19 February 1980,
TNA, FCO 33/4431; Sir Oliver Wright to Lord
Carrington, 19 February 1981, TNA, FCO 33/4873.
648 Annual Report on the Federal German Air Force 1961,
31st December 1961, TNA, FO 371/163660.
649 Material dazu in: BArch, BH 1/15982. Vgl. auch Oberst i.
G. Speidel, Heeresattaché London, Einzelbericht 35/1984
(H): El Alamein Reunion 1984; ders., Einzelbericht 31/84
(H), Kriegsgeschichte am Staff College Camberley,
BArch-MA, BW 4/1317.
1082
Die Nationale Volksarmee der DDR
1
Nübel, Dokumente, Dok. 9.
2
Wettig, Stalin-Note; Loth, Sowjetunion und die deutsche
Frage.
3
Thoß, Volksarmee schaffen; Diedrich/Wenzke, Getarnte
Armee.
4
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 32.
5
Ebenda, S. 36.
6
Diedrich, Waffen gegen das Volk; Knabe, 17. Juni 1953.
7
Dazu gehörte auch die Militärhilfe an afrikanische und
arabische Staaten. Sie war ein wichtiges Mittel der
Außenpolitik und wurde gezielt zur Förderung der
diplomatischen Anerkennung der DDR eingesetzt.
Storkmann, Geheime Solidarität.
8
Polen und die Tschechoslowakei hatten neben Verbänden
in den Reihen der Westmächte auch kommunistische
Streitkräfte an der Seite der Roten Armee. In Jugoslawien
setzte sich im Bürgerkrieg die kommunistische
Partisanenbewegung durch, die seit 1944 den Status einer
regulären Armee hatte. Auch Bulgarien und Rumänien
kämpften mit ihren Armeen nach ihrem Seitenwechsel
1944 an der Seite der Roten Armee. Die Aufstellung der
NVA ähnelte aus militärischer Sicht am ehesten jener der
ungarischen Volksarmee.
9
Zur militärischen Perzeption der Bundeswehr und der
NATO aus ostdeutscher Sicht vgl. Schunke, Feindbild
und Beurteilung des Gegners in der NVA; Vom Sinn des
Soldatseins, S. 23–25, 50.
1083
10
Nübel, Dokumente,
Soldaten, S. 55.
Dok.
38;
Wenzke,
Ulbrichts
11
Ebenda, S. 126–128.
12
Ebenda, S. 322, 336–341; Wenzke, Staatsfeinde in
Uniform,
S.
162–172.
Ausführlich:
Eisenfeld/Schicketanz, Bausoldaten.
13
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 492 f., 76.
14
BND-Jahresbericht 1968, S. 25 f., BArch-Ko, B 206/130.
Vgl. auch Nübel, Dokumente, Dok. 68. Zwischen 1967
und 1989 versuchten insgesamt 1970 Angehörige der
NVA und der Grenztruppen, in den Westen zu fliehen,
603 glückte dies.
15
Von 1956 bis Mitte 1960 gab es laut Spiegel 161
Fahnenflüchtige der Bundeswehr in die DDR.
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43066402.html.
1967 flohen 71 Bundeswehrsoldaten in die DDR, 1970
waren es noch 17. In den späteren Siebziger- und in den
Achtzigerjahren bewegte sich die Zahl im niedrigen
einstelligen Bereich. Mehr Soldaten setzten sich ins
»sonstige Ausland« ab, um Wehrdienst oder Strafe zu
entgehen (1967: 145, 1970: 158, 1977: 62, 1981: 13).
Besondere Vorkommnisse 1968, BArch-MA, BW
2/15214; 1971, BW 2/15214; 1978, BW 2/15216; 1982,
BW 2/15217.
16
Bröckermann, Landesverteidigung, S. 420.
17
Vgl. die Übersicht in Wenzke, Staatsfeinde in Uniform, S.
395.
18
Poller, 4. Motorisierte Schützendivision, S. 146.
19
Diedrich, DDR zwischen den Blöcken, S. 60.
1084
20
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 326–328.
21
https://www.bpb.de/apuz/26246/die-versaeumte-revoltedie-ddr-und-das-jahr-1968?p=all; Wolle, DDR 1968.
22
Gewiss muss man mit solchen Statistiken vorsichtig
umgehen. Der Umstand, dass rund ein Drittel der
Befragten keine Antwort gaben, wird von Matthias Rogg
als stiller Widerspruch gewertet. Doch wird man kaum
sicher bestimmen können, warum die Befragten keine
Antworten gaben. Eine Aussage über ihre Haltung bleibt
letztlich Spekulation. Rogg, Armee und Gesellschaft, S.
541–543.
23
Bröckermann, Landesverteidigung, S. 872.
24
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 328.
25
Rogg, Armee und Gesellschaft, S. 539 f.
26
Bröckermann, Landesverteidigung, S. 424.
27
Ebenda, S. 434–459.
28
Vgl. auch Wenzke, Staatsfeinde in Uniform, S. 387–393.
29
Nübel, Dokumente, Dok. 160.
30
Bröckermann, Landesverteidigung, S. 471.
31
Zit. nach Rogg, Armee des Volkes, S. 544.
32
Zahlen nach ebenda, S. 551.
33
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 76.
34
Ebenda, S. 256–258.
35
Ebenda, S. 102, 141.
36
Lapp, Müller.
37
Niemetz, Das feldgraue Erbe; Lapp, Die zweite Chance;
Nübel, Dokumente, Dok. 47.
1085
38
Zander, Bundeswehr und Nationale Volksarmee, S. 133–
136, 169 f.; Angelow, Geschichtsschreibung und
Traditionspflege. Zu den Traditionsanordnungen in der
NVA vgl. Zander, Bundeswehr und Nationale
Volksarmee, S. 157–160.
39
Zum Antisemitismus in der NVA vgl. Wenzke, Ulbrichts
Soldaten, S. 367.
40
Krug, Fallschirmjäger der NVA, S. 9.
41
Der Konsalik des Ostens, Der Spiegel, 17. 7. 1995
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9202441.html.
42 Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 45 ff., 84 ff.
43 Beßer, Vom Soldatsein, S. 19; Interview mit einem
ehemaligen Oberleutnant der NVA, 8. 6. 2020.
44 Nübel, Dokumente, Dok. 131; Wenzke, Staatsfeinde in
Uniform, S. 193 f., 304–308.
45 Neumann, Sprache der Soldaten, S. 157.
46 Waibel, Die braune Saat.
47 Löffler, Soldat der NVA, S. 63.
48 Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 257.
49 Ebenda, S. 145. Aus der Sicht eines Politstellvertreters
bei der KVP und der 1. Mot. Schützendivision 1952 bis
1957: Hasemann, Soldat in der DDR, S. 128–130, 144,
150–153, 169 f. Der Text dokumentiert wohl unfreiwillig
die
intellektuelle
Überforderung
eines
Landarbeitersohnes bei der politischen Arbeit.
50 Dazu auch Löffler, Soldat der NVA.
51 Hagemann, Parteiherrschaft, S. 234 ff.
52 Bröckermann, Landesverteidigung, S. 395.
1086
53
Auch Loch, Deutsche Generale, S. 291–297.
54
Ebenda, S. 260.
55
Bröckermann, Landesverteidigung, S. 395; Fingerle,
Waffen in Arbeiterhand? Die Rekrutierung des
Offizierkorps der NVA und ihrer Vorläufer, S. 400.
56
Übersichtlich zusammengefasst sind die Zahlen in
Gebauer, Die Nationale Volksarmee, S. 301.
57
Fingerle, Waffen in Arbeiterhand?, S. 376. Ab Ende der
Siebzigerjahre stammten über zwei Drittel der
Offiziersschüler aus Elternhäusern, in denen es
mindestens eine SED-Mitgliedschaft gab. Zum Vergleich:
Im Mai 1989 waren rund 16 Prozent der DDR-Bürger
über 18 Jahre Mitglied der SED.
58
Berechnung für das Jahr 1984 nach Zustandsbericht
Bundeswehr 1970, 1984, BW 2/4870, BW2/49187.
Zahlen für die NVA und die Grenztruppen für das Jahr
1971: Müller, Tausend Tage bei der Asche, S. 36; Loch,
Deutsche Generale, S. 75, 78.
59
Fingerle, Waffen in Arbeiterhand?, S. 371.
60
Angabe für 1973. Bröckermann, Landesverteidigung, S.
395.
61
Müller, Tausend Tage bei der Asche, S. 16.
62
Ebenda, S. 34.
63
Rogg, Armee des Volkes, S. 291.
64
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 452–457.
65
Was nicht ausschließt, dass es auch in dieser Gruppe
Kritik und mangelnde Berufszufriedenheit gab.
1087
Differenziert dazu Rogg, Armee und Gesellschaft, S.
553–564.
66
1986 waren 96,3 Prozent der Offiziere und 56,9 Prozent
der Unteroffiziere Mitglied der SED. Gebauer, Die
Nationale Volksarmee, S. 303.
67
BND
Militärischer
Lagebericht
Ost,
Jahresabschlussbericht 1969, S. 13, BArch-Ko B
206/132.
68
Zu einer Umfrage aus dem Jahr 1973 vgl. Rogg, Armee
und Gesellschaft, S. 347.
69
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 569 f.; Rogg, Armee und
Gesellschaft, S. 534–537.
70
Hagemann, Parteiherrschaft, S. 238.
71
Müller, Tausend Tage bei der Asche, S. 386.
72
Hagemann, Parteiherrschaft, S. 205.
73
Vom Sinn des Soldatseins, S. 50.
74
Ebenda, S. 57, 73. Vgl. Bartsch, Bundeswehr und NVA,
S. 87.
75
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 526. In der mehr als
doppelt so großen Bundeswehr lag die Zahl der tödlichen
Unfälle zwischen 105 (1969) und 31 (1982/86) pro Jahr.
Eigene
Auswertung
auf
Grundlage
der
Disziplinarberichte der Bundeswehr, 1967–1986, BArchMA, BW 2-15214-15217, 25066.
76
Müller, EK-Bewegung.
77
Ullrich, Kulturschock NVA, S. 21.
78
Ebenda, S. 25.
79
Ebenda, S. 46.
1088
80
Ebenda, S. 40.
81
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 20.
82
So Udo Beßer über seine Erfahrungen 1971 in einem
mot. Schützenregiment der 9. Panzerdivision in Eggesin.
Beßer, Vom Soldatsein, S. 36.
83
1981 erinnerten sich zwei Drittel der befragten
Wehrpflichtigen positiv an die Kameradschaft. Rogg,
Armee des Volkes, S. 342.
84
Müller, Tausend Tage bei der Asche, S. 387 f. Müller
ordnet die Unteroffiziere auf Zeit in die Kategorie der
Macher ein, die 25 Prozent der Bevölkerung stellten,
später verantwortliche Positionen einnahmen und neben
einem positiven Verhältnis zur DDR auch ein solches
zum Sozialismus hatten.
85
Müller, EK-Bewegung. Vgl. die Schilderung der
Verhältnisse im Pionierbataillon 7 der 7. Panzerdivision
1987, in: Nübel, Dokumente, Dok. 181.
86
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 463–473.
87
Vom Sinn des Soldatseins, S. 67. Dies wurde vom
»blinden Gehorsam« abgegrenzt, weil »unser« Gehorsam
Teil des sozialistischen Verantwortungsbewusstseins, also
eine bewusste Unterordnung unter die Interessen der
Gesellschaft sei.
88
Hagemann, Parteiherrschaft, S. 200.
89
Ein entsprechender Bericht aus dem Bereich der 1. mot.
Schützendivision für das Jahr 1967 ist zitiert in Froh, Die
1. MSD der NVA, S. 181 f.
90
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 239, 455.
91
Rogg, Armee und Gesellschaft, S. 337–341.
1089
92
Zu den Zahlen ebenda, S. 363.
93
Wörterbuch der Marxistisch-Leninistischen Soziologie,
S. 348; Vom Sinn des Soldatseins, S. 19.
94
Hagemann, Parteiherrschaft, S. 199. Zur mangelnden
politischen Erziehungsarbeit insbesondere wegen der
ungenügenden Bildung der Bataillonskommandeure und
Kompaniechefs in der 1. mot. Schützendivision im
Sommer 1963 vgl. Froh, Die 1. MSD der NVA, S. 133 f.
95
Rogg, Armee und Gesellschaft, S. 335.
96
Maklak, Dedovshchina.
97
So das Vorwort von Armeegeneral Hoffmann in: Vom
Sinn des Soldatseins, S. 9, 47.
98
Zu den Manövern und Kriegsplanungen vgl. Bange,
Sicherheit und Staat, S. 301–419.
99
Umbach, Das rote Bündnis, S. 178 f. Zur wenig
beachteten Rolle der Tschechoslowakei vgl. Bange,
Bündnistreue, insb. S. 63–79.
100 Ebenda, S. 263 f.
101 Ebenda, S. 242.
102 Zahlen Umbach, Das rote Bündnis, S. 247–249. Vgl.
auch Poppe, Kräfteverhältnis. Allein die sowjetischen
Truppen in der DDR verfügten über rund eine Million
Tonnen Munition. Naumann, NVA, S. 342.
103 Parczkowski, Die Polnische Volksarmee, S. 123–127.
104 Loch, Deutsche Generale, S. 377–383.
105 Ebenda, S. 100.
106 Bange, Sicherheit und Staat, S. 310–317.
1090
107 Deren Zahl war mit 385 allerdings begrenzt und machte
nur knapp 14 Prozent der Kampfpanzer der NVA aus. Die
Masse war mit den veralteten T-55 ausgerüstet. Poppe,
Kräfteverhältnis, S. 280.
108 Allerdings nahm auch die DDR keineswegs alle
Anordnungen Moskaus kommentarlos hin. Die
Einführung einer Defensivdoktrin 1987 und die damit
verbundene
Aufgabe
der
konsequenten
Vorneverteidigung führten zu erheblichen Protesten
seitens des Chefs des NVA-Hauptstabes beim
sowjetischen Generalstabschef. Bange, Sicherheit und
Staat, S. 318.
109 Ebenda, insb. S. 314 f.
110 Vgl. auch Boysen,
Internationalismus.
Zwischen
Nationalismus
und
111 Umbach, Das rote Bündnis, S. 259 f.
112 Ebenda, S. 40–42.
113 Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 300 f.; Bröckermann,
Landesverteidigung, S. 220. Dagegen argumentieren
ehemalige NVA-Offiziere, sehr wohl eigenständig
gedacht und einen Beitrag zur Weiterentwicklung des
militärischen Denkens des Ostblocks geleistet zu haben.
Deim, Strategisches, operatives und taktisches Denken, S.
121. Dieser Beitrag weist darauf hin, dass die operative
sowjetische Führungslehre von der NVA übernommen
worden sei – nicht als Siegertribut, sondern weil diese
einen sehr hohen Entwicklungsstand gehabt hätte. S. 140;
Wünsche, Sowjetische Militärdoktrin – DDRMilitärdoktrin, S. 113–121.
1091
114 Minow, NVA, S. 291–301; Streletz, Nationaler
Verteidigungsrat.
Aus
der
Sicht
eines
Divisionskommandeurs der NVA: Löffler, Soldat der
NVA, S. 225 f. Aus sowjetischer Sicht: Gribkow,
Warschauer Pakt, S. 57 f. Für diese Hinweise danke ich
Rüdiger Wenzke, Potsdam. Sowjetische Militärberater
gab es auch in den anderen Warschauer-Pakt-Armeen.
115 Lautsch, Kriegsschauplatz Deutschland, S. 93–138.
116 Nübel, Dokumente, Dok. 135.
117 Basler, Das operative Denken der NVA, S. 197.
Ausführlich zu den Manövern der NVA Bange, Sicherheit
und Staat, S. 301–464. Die NVA übte auf Divisionsebene
durchaus
auch
die
Verteidigung
und
das
Begegnungsgefecht, wenngleich dies nicht im
Mittelpunkt der Manövertätigkeit stand. So etwa die 1.
mot. Schützendivision in der Divisionsübung 1967. Froh,
Die 1. MSD der NVA, S. 166.
118 Diese Deutung hält sich bis heute bei ostdeutschen
Autoren. So etwa bei Markus/Rudolph, Schlachtfeld
Deutschland, S. 98, für die eine skrupellose Anwendung
militärischer Gewalt eine Prädisposition amerikanischer
Außenpolitik war und ist. Die sowjetischen Ängste vor
einem Angriff der NATO seien für sie daher
nachvollziehbar.
119 Zu den Operationsplanungen vgl. Wenzke, Streitkräfte,
insb. S. 97–127, und Lautsch, Kriegsschauplatz
Deutschland, S. 133–154.
120 Umbach, Das rote Bündnis, S. 236 f., 283.
121 Wenzke, Sozialistische Waffenbrüder, S. 90; Loch,
Deutsche Generale, S. 295 f.
1092
122 Die höchsten Offiziere der KVP wurden 1955 für zwei
Jahre zur Generalstabsausbildung nach Moskau
geschickt. Damit erhielten Männer wie Hoffmann und
Keßler zwar eine erste fundierte militärische Ausbildung.
Aus fachlicher Sicht blieben sie aber in Uniform
gesteckte Politiker. Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 101–
113.
123 Ausführlich dazu Storkmann, Geheime Solidarität.
124 Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 49.
125 Ebenda, S. 269–275.
126 Bis 1985 erhöhte sich dieser Trend noch. Poppe,
Kräfteverhältnis, S. 279–281.
127 Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 350–352.
128 Der innere Kampfwert der Nationalen Volksarmee.
Handbuch
mit
Grundlagen
und
Beurteilung,
abgeschlossen am 1. 9. 1965, BArch-MA, BW 2/3413, S.
K 6 f., K 10. Vgl. auch G2/A2 Lageübersicht,
Jahresrückblick 1972, Bonn, 16. 1. 1973, S. 6, BArchMA, BW 2/8289, S. 6.
129 Poller, Die Geschichte der 4. Motorisierten
Schützendivision, S. 131, 139, 143. Vgl. exemplarisch
Froh, Die 1. MSD der NVA, der einen guten Überblick
der Überprüfungen dieser Division gibt. Sie erhielt trotz
mancher Probleme in den Teileinheiten 1967 die
Gesamtbewertung »gut«. Ebenda, S. 171.
130 Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 687.
131 Bröckermann, Landesverteidigung, S. 376 ff., 580 ff.
132
https://www.bundestag.de/resource/blob/586200/fdff2641
1093
d7f70f0d96a99089ef6fb8f2/WD-2-163-18-pdf-data.pdf;
Diedrich, Die DDR zwischen den Blöcken, S. 78;
Wenzke, Ulbrichts Soldaten, S. 8.
133 BND Jahresbericht Ost 1979, S. 27, 45, BArch-Ko, B
206/152.
134 So hieß es 1981, dass die NVA-Landstreitkräfte den
»höchsten Einsatzwert« der NSWP-Armeen hätten. BND
Lagebericht Ost 1981, S. 26, BArch-Ko, B 206/156.
135 Nübel, Dokumente, Dok. 143.
136 Zit. nach Rogg, Armee des Volkes, S. 324.
137 Ebenda, S. 449–497, insb. S. 495. Ein anschauliches
Beispiel für die Truppenebene schildert Froh, Die 1.
MSD der NVA, S. 303.
138 Bröckermann, Landesverteidigung, S. 575.
139 Froh, Die 1. MSD der NVA, S. 312.
140 Fingerle, Waffen in Arbeiterhand?, S. 342–347.
141 Schon die KVP-Zeitung aus den 1950er-Jahren hieß Der
Kämpfer.
142 So die Losung zum Ausbildungsjahr 1978/79 zum 30.
Jahrestag der DDR. Poller, Die Geschichte der 4.
Motorisierten Schützendivision, S. 143.
Die Bundeswehr der Berliner Republik
1
Zu Kohl siehe Schwarz, Kohl. Zur deutschen
Außenpolitik in den 1990er-Jahren siehe Bierling,
Vormacht wider Willen. Zur deutschen Sicherheitspolitik
in den 1990er-Jahren vor allem Meiers, Zu neuen Ufern.
Allgemein: Bredow, Sicherheit; Böckenförde/Gareis,
1094
Deutsche
Sicherheitspolitik;
Heitmann-Kroning,
Deutsche Sicherheitspolitik, S. 85–120.
2
Jahrbuch für Demoskopie 1984–1992, S. 1048, 1050,
1052, 1058.
3
Vgl. Torsten Konopka, Deutsche Blauhelme auf dem
afrikanischen Kontinent – von Namibia über Somalia bis
nach Ruanda. Politische, gesellschaftliche und
militärische Dimensionen der deutschen Beteiligung an
Missionen der Vereinten Nationen auf dem afrikanischen
Kontinent Anfang der 1990er-Jahre. In Arbeit befindliche
Disseration, Uni Potsdam.
4
Die Bundeswehr hatte für solche Fälle in jeder
Luftlandebrigade eine Kommandokompanie gebildet.
Inwieweit diese wirklich einsatzbereit waren, ist bis heute
umstritten.
5
Woodward, Balkan Tragedy.
6
Vgl. dazu auch: https://www.theguardian.com/uknews/2019/dec/31/papers-reveal-anglo-french-distrustbefore-srebrenica-massacre
7
Eine der wenigen Gegenbeispiele lieferten dänische
Truppen während der Operation Bollebank am 29. 4.
1994, als dänische Leopard-1-Panzer sich gegen
bosnisch-serbische Truppen zur Wehr setzten und das
Feuer eröffneten. Die Details der Operation sind nach wie
vor umstritten, vor allem auch die Rolle der dänischen
Kommandeure. Gleichwohl ist dies einer der wenigen
Fälle, in denen UN-Truppen erfolgreich Widerstand
leisteten. https://milhist.dk/operation-bollebank/
8
In internationaler Perspektive: Sobel/Shiraev, Bosnia
Crisis.
1095
9
Keßelring, Von UNPROFOR zu EUFOR Althea, S. 59.
10
Johnston, German Public Opinion. Vgl. auch Klein,
Akzeptanz der Bundeswehr.
11
Jahrbuch für Demoskopie 1993–1997, S. 1143.
12
Zusammenfassend dazu Kriemann, Kosovokrieg. Die
Vorgeschichte
beleuchtet
ausführlich
ders.,
Hineingerutscht?
13
Eine konzise Übersicht bietet Kriemann, Kosovokrieg.
An älterer Literatur vor allem Daalder/O’Hanlon,
Winning Ugly.
14
Das KSK hatte 1998 seine ersten Einsätze zur Festnahme
von
Kriegsverbrechern,
wobei
es
auch
zu
Schusswechseln kam.
15
Die Zahlen nach Kriemann, Hineingerutscht?, S. 217,
313, 453, 488.
16
Die Masse der Opfer war offenbar nach dem Einmarsch
der KFOR in den Kosovo zu beklagen. Die Verknüpfung
der aktuellen Sicherheitspolitik mit dem Holocaust war
im Übrigen kein rein deutsches Unterfangen. Am 27.
Januar 2000 versammelten sich die Staats- und
Regierungschefs des Europarates in Stockholm und
»versicherten in einer beinahe sakral anmutenden
Zeremonie«, für alle Zeit gegen Genozid, Gewalt und
Diskriminierung zu kämpfen – und legitimierten so noch
einmal nachträglich ihren Krieg gegen Serbien.
Conze, Suche nach Sicherheit, S. 844.
17
Kriemann, Kosovokrieg, S. 114.
18
Ebenda, S. 61.
19
Jahrbuch für Demoskopie 1998–2002, S. 989.
1096
20
Zeitzeugeninterview mit General Hartmut Bagger, 17. 11.
2018.
21
Der Begriff des miles protector wurde 1992 vom
Schweizer General Gustav Däniker eingeführt und erfreut
sich im sicherheitspolitischen Fachdiskurs großer
Beliebtheit. Vgl. z. B. Hartmann/Walther, Soldat in einer
Welt im Wandel, S. 127–129.
22 Conze, Suche nach Sicherheit, S. 843–849.
23 Ulrich, Eine Ausstellung; Hartmann/Hürter/Jureit,
Verbrechen der Wehrmacht; Mulligan, Wehrmacht
exhibition.
24 Vgl. die erste Ausgabe des Ausstellungskatalogs, in dem
es hieß: »Die Legendenbildung der Nachkriegszeit setzte
diese Politik nur fort. Daß dies – zum Beispiel in der
Traditionspflege der Bundeswehr – auch heute noch
geschieht, ist ein bestürzender Gedanke, der über die
Ausstellung hinausweist.« Dieser Punkt war Gegenstand
eines Prozesses von Jan Philipp Reemtsma gegen den
Potsdamer Historiker Rolf-Dieter Müller vor dem
Hamburger Oberlandesgericht. Vgl. auch Müller, Die
Wehrmacht, S. 20.
25 Abenheim/Hartmann, Tradition, S. 65.
26 Diese waren neben Alfred Dregger, Heinrich Graf von
Einsiedel (PDS), Hans-Dietrich Genscher (FDP), Dionys
Jobst (CSU), Otto Graf Lambsdorff (FDP) und Gerhard
Stoltenberg (CDU). Hans Gottfried Bernrath (SPD) war
schon in der Mitte der 13. Legislaturperiode 1994
ausgeschieden.
27 Vgl. FAZ, 27. 10. 1995, S. 2.
28 Steuten, Der große Zapfenstreich, S. 22.
1097
29
Jahrbuch für Demoskopie 1998–2002, S. 981.
30
Hans Schueler, Konzept des Mangels, Die Zeit, 4. 3. 1988
https://www.zeit.de/1988/10/konzept-des-mangels
31
Digutsch, Die NVA und die Armee der Einheit, S. 472.
Ausführlich auch ders., Das Ende der Nationalen
Volksarmee. Eine konzise Zusammenfassung auch bei
Leonhard, Armee der Einheit.
32
Zu ergänzen ist noch Erika Franke, die als Ärztin der
Volkspolizei als Oberfeldarzt in die Bundeswehr
übernommen wurde, hier bis zum Generalstabsarzt (=
Generalmajor) aufstieg und 2016 pensioniert wurde.
33
Korps- und Territorialkommando Ost, 28. 10. 1991,
Beilage 1, BArch-MA, BH 1/15800.
34
Vgl. den Vortrag von Brigadegeneral Hans-Peter von
Kirchbach, Zusammenwachsen der deutschen Streitkräfte
aus der Sicht eines Offiziers aus den alten Bundesländern,
und von Reinhard Panian für die Sicht eines Offiziers der
ehemaligen NVA auf der Kommandeurtagung am 29. 4.
1991 in Leipzig. BArch-MA, BH 1/15799. Dazu auch
Schönbohm, Zwei Armeen und ein Vaterland.
35
Korps und Territorialkommando Ost an Inspekteur Heer,
10. 10. 1991, BArch-MA, BH 1/15800.
36
5020 Kettenfahrzeuge, 6590 gepanzerte Radfahrzeuge, 65
200
ungepanzerte
Radfahrzeuge,
2660
Artilleriewaffensysteme, 220 000 Tonnen Munition, 160
000 Tonnen Einzelverbrauchsgüter. Korps und
Territorialkommando Ost, 28. 10. 91, S. 14, BArch-MA,
BH 2/15800. Gunnar Digutsch, Die NVA und die Armee
der Einheit, S. 473, nennt höhere Zahlen.
1098
37
Beauftragter
Erziehung
und
Ausbildung
Generalinspekteurs, Chronik, S. 127.
38
Vortrag BEA vor Führungskreis Heer in Potsdam, 4. 2.
1992, BArch-MA, BH 1/15800.
39
Korps und Territorialkommando Ost, 28. 10. 91, S. 2,
BArch-MA, BH 1/15800. So auch Erfahrungsbericht,
Ausbildungsteam Pionierregiment 2, 12. 12. 1990. Kopie
im Archiv des Verfassers.
40
Ausführlich dazu Müller, Tausend Tage bei der Asche.
41
FüH I 1, Sprechzettel Sts Dr. Wichert, Integration der
ehem. NVA aus Sicht des Heeres, 4. 10. 1991, BArchMA, BH 1/15800.
42
1600 Offiziere, 5500 Unteroffiziere und 23 000
Mannschaften.
43
2000 Offiziere,
Mannschaften.
44
Wenn man die Stärke der Bundeswehr mit 370 000 Mann
annimmt, wovon 35 000 im Osten stationiert waren.
45
Erhebung der regionalen Herkunft der Bataillone der
Panzergrenadierbrigade 41. Im Archiv des Verfassers.
Der Befund war bei Teilen der Panzergrenadierbrigade 37
ähnlich. Vom Panzerbataillon 393 im thüringischen Bad
Frankenhausen stammten rund 20 Prozent aus den alten
Ländern.
46
Dieser Befund lässt sich noch fortsetzen: 2020 wurden
alle sechs Aufklärungsbataillone des Heeres von
Westdeutschen kommandiert.
47
Sachstandsbericht
an
den
Unterausschuss
»Streitkräftefragen in den neuen Bundesländern« des
4000
Unteroffiziere
und
des
3600
1099
Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages,
10. 5. 1996, BArch-MA, BW 2/31689.
48
Die NVA hatte ein deutlich größeres Offizierkorps als die
Bundeswehr, die für dieselben Aufgaben meist Offiziere
mit niedrigeren Dienstgraden einsetzte.
49
Udo Conrad, Probleme der Integration von Soldaten der
ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR in die
Bundeswehr. Ergebnisse der zweiten Befragung 1995 im
Bereich
Wehrbereichskommando
VIII/14.Panzergrenadierdivision, S. 16 f., Berlin, Juli
1995, BArch-MA, BW 2/31689.
50
Es blieb bei wenigen semantischen Anpassungen. So
kommt der heute ubiquitär gebrauchte Begriff der
»Sicherstellung« (»die Aufklärung ist sicherzustellen«)
aus der NVA. Für diesen Hinweis danke ich Robert Graf,
Gardelegen.
51
Gunnar Digutsch, Die NVA und die Armee der Einheit,
S. 472.
52
Jahrbuch Öffentliche Meinung Allensbach 1993–1997, S.
1123–1126, 1134, 1136.
53
Frauen waren zunächst überhaupt nicht in der
Bundeswehr zugelassen. Verteidigungsminister Leber
öffnete dann 1975 die Laufbahn des Militärmusikdienstes
sowie der Sanitätsoffiziere für Frauen, Rupert Scholz
1991 auch die Laufbahn für Sanitätsunteroffiziere. 1996
bewarb sich Tanja Kreil als Soldatin und klagte vor dem
Europäischen Gerichtshof gegen ihre Ablehnung. Dieser
entschied im Jahr 2000, dass das Verbot gegen den
Gleichbehandlungsgrundsatz verstoße. Daraufhin wurden
alle Laufbahnen für den freiwilligen Dienst von Frauen
zugelassen. 1975 dienten 5, 1990 275, 2000 4564 und
1100
2019 rund 22 594 Frauen in der Bundeswehr, somit rund
12 Prozent der Gesamtstärke. Vgl. Kümmel, Truppenbild
mit Dame;
Kümmel,
Halb zog man sie;
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74843/umfrag
e/soldatinnen-in-der-bundeswehr/
54
Führungsmeldung 1992 vom 12. 7. 1993, BArch-MA,
BH 1/29650.
55
Dies war eine gesamteuropäische Tendenz. Vgl.
Vlachová/Caforio, The European Military; Kernic,
European Armed Forces.
56
Ausführlich dazu: Raabe, Bedingt einsatzbereit, S. 149–
240.
57
Fü H III 5 Beitrag zur bewertenden Stellungnahme
Führungsmeldung Heer 1993, 3. 2. 1994, BArch-MA, BH
1/29650.
58
Führungsmeldung über den Zustand der Streitkräfte für
das Jahr 1993, S. 3, BArch-MA/BH 1/29650.
59
Panzerbrigade 14, Verbesserung der Inneren Lage im
Heer, 3. 3. 1994. Quelle: Kopie im Archiv des Verfassers.
60
Führungsmeldung über den Zustand der Streitkräfte für
das Jahr 1994, 2. 6. 1995, S. 8, BArch-MA, BH 1/29650.
61
Dazu auch Führungsmeldung Marine 1997, S. 12, BArchMA, BW 2/38674.
62
Jahresbericht des Wehrbeauftragten 1992, 23. 03. 1993,
S.
6,
https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/12/046/1204600.pdf
63
Generalinspekteur an Minister, 27. 5. 1998,
Führungsmeldung Zustand Streitkräfte für das Jahr 1997,
BArch-MA, BW 2/38674.
1101
64
Befehlshaber Heeresführungskommando an Inspekteur
Heer, 3. 1. 1997, BArch-MA, BH 1/29650.
65
Führungsmeldung über den Zustand des Heeres 1996, 21.
2. 1997, S. 7, 9, BArch-MA, BH 1/29650.
66
Generalinspekteur der Bundeswehr, 29. 4. 1996,
Führungsmeldung über den Zustand der Streitkräfte 1995,
BArch-MA, BW 1/29650.
67
Führungsmeldung über den Zustand der Streitkräfte für
das Jahr 1997, S. 2, BArch-MA, BW 2/38674.
68
Es gibt eine Vielzahl von Erinnerungsberichten über den
IFOR-, SFOR- und KFOR-Einsatz. Vgl. z. B. Reinhardt,
KFOR, sowie die Schilderung von Walter Jertz und
Friedrich Riechmann zu Bosnien und von Klaus
Olshausen zum Kosovo in: Bremm/Mack/Rink,
Entschieden für Frieden, S. 565–614.
69
Klaus Naumann auf der Kommandeurtagung in Leipzig,
14. 5. 1992, Tonbandmitschnitt Band 48, S. 1, BArchMA, BW 2/19453.
70
BMVg, 8. 8. 1990, BArch-MA, BH 2/4504. Der Begriff
»kriegsnah« wurde aber in der Truppe noch
weiterverwendet. Vgl. z. B. Jahresausbildungsbefehl der
Panzerbrigade 21, 28. 11. 1991. Für den Hinweis danke
ich Dr. Erich Vad.
71
So
Klaus
Naumann
in
seiner
Rede
zur
Standortbestimmung der Bundeswehr am 12. 5. 1992 auf
der Kommandeurtagung in Leipzig, S. 30 f. BArch-MA,
BW 2/19453.
72
Für einige wenige war selbst der
Blauhelmsoldat
eine
unzumutbare
Einsatz als
Vorstellung.
1102
Führungsmeldung über den Zustand des Heeres 1993, S.
4, BArch-MA, BH 1/29650.
73
Schlussbemerkungen Generalinspekteur Klaus Naumann,
33. Kdr Tagung in Leipzig, 14. 5. 1992, S. 8, BArch-MA,
BW 2/19453. Vgl. auch: Konzeptionelle Überlegungen
zum Einsatz von Truppenteilen des Heeres im Rahmen
des ARRC an den Flanken des Bündnisgebietes, Fü H I 4,
29. 11. 1991, BArch-MA, BH 7-3/889.
74
Führungsstab des Heeres, Stabsabteilung I Fü H I 3, 28.
7. 1992, BArch-MA, BH 1/24832.
75
Vgl. Dirk Kurbjuweit, Lacky zieht in den Krieg, in: Die
Zeit,
3.
September
1993,
https://www.zeit.de/1993/36/lacky-zieht-in-denkrieg/komplettansicht
76
Vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine
Anfrage des Abgeordneten Konrad Weiß (Berlin) und der
Gruppe Bündnis 90/Die Grünen, 12/6989, 8. 3. 1994,
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/12/069/1206989.pdf
77
Das kanadische Fallschirmjägerregiment wurde daraufhin
aufgelöst. Razack, Dark Threats. Zu den Vorwürfen
gegen belgische und italienische Soldaten siehe auch
https://www.economist.com/international/1997/07/03/goo
d-intentions-turned-to-shame.
78
Dazu ausführlich Julia Dehm, Zur (militärischen)
Gewaltkultur
von
Kriegsfreiwilligen
in
den
Jugoslawienkriegen der 1990er-Jahre, in Arbeit
befindliche Dissertation, Uni Potsdam.
79
Glawatz, Schieß doch, Junge, schieß!
80
Die Zahlen nach der offiziellen Truppeninformation von
SFOR. In der Literatur schwanken die Angaben etwas.
1103
Vgl. Rink, Operation Libelle.
81
So abgedruckt in dem privaten Tagebuch eines
Stabsoffiziers des 1. SFOR-Kontingents, das dem
Verfasser vorliegt.
82
Das Wissen der deutschen Soldaten über Land und Leute
war
übrigens
eher
bescheiden.
Begleitende
Weiterbildungen fehlten völlig. Der Wegweiser zur
Geschichte Bosnien-Herzegowinas vom MGFA kam erst
2007 heraus. Die historische Forschung hatte sich bis
dahin mit dem Partisanenkrieg der Wehrmacht in
Jugoslawien während des Zweiten Weltkriegs kaum
befasst. Die erste umfassende Studie zum Thema war
2002 Schmider, Partisanenkrieg in Jugoslawien.
83
BEA GenIsp., Beobachtungsbesuch 22/03 und 23/03
beim 6. Deutschen Einsatzkontingent SFOR in
Rajlovac/Außenlager Filipovici sowie beim Deutschen
Anteil HQ SFOR in Butmir und HQ MNB SE in Mostar
vom 31.3.–3. 4. 2003, BArch-MA, BH 1/29656.
84
Ebenda, S. 14.
85
Jahresbericht BEAGenInsp 2004, S. 11, BArch-MA, BW
2/47760.
86
BEA GenIsp., Beobachtungsbesuch 12/02 beim
Dt.EinsKtgt SFOR/MND SE in Bosnien und
Herzegowina vom 17. bis 21. 03. 2002, S. 3, BArch-MA,
BH 1/29655.
87
Am 21. Januar 1994 tötete ein deutscher Fallschirmjäger
einen Somalier, der versucht hatte, nachts ins deutsche
Feldlager in Belet Huen einzudringen. Das Verfahren
gegen den Soldaten wurde eingestellt. Zu dem Vorfall die
Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage, 8.
1104
3.
1994.
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/12/069/1206989.pdf
88
Drews, Erfahrungen und Erkenntnisse. Einen teilweise
ähnlichen Duktus hatte im September 1990 schon Werner
von Scheven, als er von »zivilisationsverwöhnter
Generation« bei den Soldaten sprach. Werner von
Scheven, Bundeswehr im Umbruch. Perspektiven für die
90er Jahre, September 1990, S. 24, BArch-MA, N
992/74.
89
BEA-Bericht 18/01 Panzertruppenschule
BArch-MA, BH 1/29652.
90
BEA
Beobachtungsbesuch
66/01
beim
Fallschirmjägerbataillon 261 in Lebach, 21. 11. 2001,
BArch-MA, BH 1/29652.
91
Jahresbericht
Wehrbeauftragter
1991,
S.
7;
https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/12/022/1202200.pdf
92
Fü/Z Zusammenfassung und BEA Jahresbericht 2000, 25.
6. 2001. BArch-MA, BW 1/29653.
93
Ebenda.
94
Die Teilnehmer des Kompaniecheflehrgangs an der
Panzertruppenschule Munster hätten, so wurde gemeldet,
das Vertrauen in die politische Führung verloren. BEA
Bericht 18/01, Vermerk Fü H/Z, 22. 6. 2001, BArch-MA,
BH 1/29652.
95
BEA Jahresbericht 2001, BArch-MA, BH 1/29652.
96
Ebenda, S. 4, 18.
97
Ebenda, S. 28.
98
Inspekteur Heer an Generalinspekteur o. D. [2001],
BArch-MA, BH 1/29626.
Munster,
1105
99
Führungsmeldung über den Zustand der Streitkräfte für
das Berichtsjahr 2001, S. 32 f., BArch-MA, BW 2/38674.
100 Zudem gab es Ausrüstungsprobleme vor allem bei den
veralteten Jagdflugzeugen. Immerhin wurde Ende 2001
eine erste Staffel Tornado mit lasergesteuerten Bomben
der NATO assigniert. Führungsmeldung der Luftwaffe
2001, S. 3 f., BArch-MA, BW 2/38674.
101 BEAGenInsp Jahresbericht 2004, S. 17, BArch-MA, BW
2/47760.
102 Hierzu ausführlich Marnetté, Der Soldat als Kämpfer.
103 Werner von Scheven sagte zum 40. Jahrestag des
Kriegsausbruchs am 1. 9. 1989: »Wo Soldaten und
Truppenteile
im
Bewusstsein
einer
notvollen
Pflichterfüllung gegenüber ihrem Vaterland tapfer und
nach Kriegsrecht kämpften, sind sie nach wie vor
traditionswürdig.« BArch-MA, N 992/73.
104 Heinemann, Eduard Dietl. Die Studie von Roland
Kaltenegger zu Ludwig Kübler genügt wissenschaftlichen
Ansprüchen nicht.
105 Jahresbericht des Wehrbeauftragten 1994, S. 13.
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/007/1300700.pdf
106 Entwurf in BArch-MA, BH 1/29180.
107 Zeitzeugeninterview mit einem Wehrpflichtigen aus
dieser Einheit am 3. 2. 2020. Diese Aussagen wurden von
zwei weiteren damaligen Wehrpflichtigen in dieser
Kompanie ergänzt und bestätigt.
108 Zeitzeugeninterview
mit
einem
ehemaligen
Kompaniechef der Fallschirmjägertruppe, 31. 1. 2020.
Die Bundeswehr verhandelte Fälle einer NS-verklärenden
Geschichtsauffassung auch gerichtlich. Genauere Details
1106
liegen dazu aber nicht vor. Exemplarisch sei auf das
Verfahren gegen einen Oberfeldwebel der Panzertruppe
verwiesen, der erst vom Truppengericht Nord zum
Verlust eines Dienstgrades, in der Berufung vom
Bundesverwaltungsgericht lediglich zu drei Jahren
Beförderungssperre verurteilt wurde. Vorgang in BArchMA, BH 1/29182.
109 Major Heinz Hangs, Schulstab S 1, Lagefeststellung
Handhabung der Traditionspflege, Altenstadt, 17. 4.
1998, BArch-MA, BH 1-29179.
110 Zeitzeugeninterview
mit
einem
ehemaligen
Kompaniechef der Fallschirmjägertruppe, 31. 1. 2020.
111 So war davon die Rede, dem Partisanen kein Pardon zu
geben, was schon im Zweiten Weltkrieg gegen das
Völkerrecht verstieß. Vgl. Kapitel 3 in diesem Buch, S.
205 f.
112 Jahresbericht des Wehrbeauftragten 1994, S. 12 f.
https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/007/1300700.pdf
113 Führungsmeldung über den Zustand des Heeres 1992, S.
4, BArch-MA, BH 1/29650.
114 Rechtsradikale in der Bundeswehr – Die braune
Kumpanei, in: Stern, 10. 12. 1997.
115 Der Abschlussbericht vom 18. 6. 1998 ist abrufbar unter:
https://dipbt.bundestag.de/doc/btd/13/110/1311005.pdf
Vgl. zudem: Führungsmeldung über den Zustand des
Heeres 1997, 13. 2. 1998, S. 1; Zustand Luftwaffe 1997,
S. 2; Zustand Marine, S. 1, BArch-MA, BW 2/38674.
116 Abschlussbericht Untersuchungsausschuss, S. 22,
https://dipbt.bundestag.de/doc/btd/13/110/1311005.pdf
1107
117 Eine Studie über die Studenten der BundeswehrUniversitäten stellte im Oktober 1997 fest, dass 75
Prozent
einer
christlich-konservativen
Position
nahestanden. 6,2 Prozent der Studierenden wurden als
»national-konservativ« eingestuft. Zitiert in Paul Schäfer,
Dossier Nr. 28, Bundeswehr und Rechtsextremismus, S.
5.
https://www.wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?
dossierID=054
Vgl. auch Gareis/Kozielski/Kratschmar, Rechtsextreme
Orientierungen in Deutschland und ihre Folgen für die
Bundeswehr. Die Studie konnte ebenfalls keine
rechtsextremistische Unterwanderung der Streitkräfte
feststellen. Sie arbeitete heraus, dass junge Männer, die
eine sehr positive Einstellung zur Bundeswehr hatten, auf
einer
Nationalismusskala
–
nicht
auf
der
Fremdenfeindlichkeitsskala – deutlich erhöhte, wenn
auch keine extremen Werte aufwiesen.
118 Beobachtungsbesuch
28/98
bei
Luftlande/Lufttransportschule Altenstadt am 22./23. 04.
98, S. 2, BArch-MA, BW 2/31927. Jeschonnek richtete
die Lehrsammlung stärker auf die Geschichte der
Bundeswehr aus, schaffte den Appell zum Kreta-Tag ab,
versuchte in einer Abendveranstaltung einer Verklärung
der Eroberung Kretas entgegenzuwirken und gründete
eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Traditionspflege und
den Straßennamen in der Kaserne befasste. Als er 1998
zögerte, einen nach Generaloberst Kurt Student
benannten
Lehrsaal
umzubenennen,
wurde
er
abkommandiert.
Aussagen
vor
dem
Untersuchungsausschuss
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/110/1311005.asc
1108
119 Führungsmeldung Zustand Streitkräfte für das Jahr 1997,
27. 5. 1998, S. 3, BArch-MA, BW 2/38674.
120 Zeitzeugeninterview Hartmut Bagger, 17. 11. 2018.
121 Einen guten kurzen Überblick bietet La Folgore, brigata
d’élite tra scandali e medaglie d’oro’, La Repubblica, 19.
08.
1999.
https://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblic
a/1999/08/19/la-folgore-brigata-elite-tra-scandali.html.
Für diesen Hinweis danke ich Bastian Matteo Scianna,
Uni Potsdam.
122 Dazu der Auszug aus dem Jahresbericht 1998 des BEA
vom 5. 2. 1999, in: Beauftragter Erziehung und
Ausbildung des Generalinspekteurs. Chronik, S. 140–
145.
123 Ebenda, S. 133 f.
124 Beide Stimmen in Beobachtungsbesuch 28/98 bei
Luftlande/Lufttransportschule Altenstadt am 22./23. 04.
1999, S. 6 f., BArch-MA, BW 2/31927.
125 Vortrag Tradition im Heer vom 27. 3. 1998, Folie 2,
BArch-MA, BH 1/29179.
126 Beauftragter
Erziehung
und
Ausbildung
Generalinspekteurs. Chronik, S. 134.
des
127 Zeitzeugeninterview mit Friedrich Schacht, 26. 4. 2018,
der 1987/88 beim FschJgBtl 273 in Iserlohn seinen
Wehrdienst absolvierte. Das Nachbarbataillon 271 wurde
zu dieser Zeit von Max Klaar geführt, der über einen
Verein Spendengelder gesammelt und einen Nachbau des
Potsdamer Glockenspiels in der Iserlohner Kaserne
errichtet hatte. Über Klaars öffentlich gehaltenen Reden
zur
Übergabe
des
Glockenspiels
war
der
1109
Kommandierende General des II. Korps wegen des
überzogen propreußischen und antisowjetischen Duktus
so ungehalten, dass er den Kommandeur der 1.
Luftlandedivision anwies, auf Klaar »erzieherisch
einzuwirken«. Der Vorgang findet sich in BArch-MA,
BH 1/16030.
128 Eine Aufarbeitung etwa der Fallschirmjägertruppe der
Wehrmacht erfolgte erst durch die Bände von HansMartin Stimpel und Karl-Heinz Golla, die von 1998 bis
2006 publiziert wurden. Es ist das umfassendste und
kritischste
Werk
zum
Thema,
genügt
aber
wissenschaftlichen Ansprüchen nicht immer.
129 So
Flottillenadmiral
Klaus-Dieter
Sievert,
Beauftragter
Erziehung
und
Ausbildung
Generalinspekteurs. Chronik, S. 123.
in:
des
130 Ebenda.
131 Im Heer gab es 268 Traditionsräume, von denen 98
ausschließlich Verbänden der Bundeswehr gewidmet
waren. 14 thematisierten die Bundeswehrgeschichte gar
nicht, 156 sowohl die Bundeswehrgeschichte als auch die
Zeit davor. Vortrag Tradition im Heer vom 27. 3. 1998,
Folie 2. Vgl. auch Kommandeur Heeresschulen,
Bestandsaufnahme Traditionspflege Heeresschulen, 22. 4.
1998,
BArch-MA, BH
1/29179.
Vgl.
auch
Traditionspflege im Heer, Lagefeststellung, 25. 6. 1998,
die
insbesondere
die
Verbindungen
zu
Traditionsverbänden aufzeigt. BArch-MA, BH 1/29180.
Dabei wurde auch festgestellt, dass ein Offizieranwärter
innerhalb seiner zweijährigen Ausbildung 86 Stunden
Wehr- und Militärgeschichtsunterricht erhielt. Für
1110
Unteroffiziere waren im Verlauf von 20 Dienstjahren nur
30 Stunden vorgesehen.
132 Traditionspflege im Heer, Lagefeststellung, 25. 6. 1998,
hier Erwartungen an den Leitfaden. BArch-MA, BH
1/29180.
133 Major Heinz Hangs, Schulstab S 1, Lagefeststellung
Handhabung der Traditionspflege, Altenstadt, 17. 4.
1998, BArch-MA, BH 1/29179.
134 https://docplayer.org/59660545-Traditionspflege-imheer.html.
Der Leitfaden war das Ergebnis einer Arbeitsgruppe
»Handhabung der Traditionspflege im Heer«, die im
März 1998 einberufen worden war. Umfangreiches
Material hierzu in BArch-MA, BH 1/29179. Die
Vorabversion des Leitfadens findet sich in BArch-MA,
BH 1/29183.
135 Statement des Generalinspekteurs der Bundeswehr
Hartmut Bagger, 22. 4. 1998, S. 2 f., BArch-MA, BH
1/29179.
136 Generalinspekteur
Hartmut
Bagger
hatte
im
Untersuchungsausschuss
des
Bundestages
zum
Rechtsextremismus noch die soldatischen Tugenden
früherer deutscher Armeen verteidigt. Vgl. BArch-MA,
BH 1/29179, S. 69.
137 Traditionshörsäle im Bereich Lehrgruppe »B«, Stand 10.
2. 98, BArch-MA, BH 1/29179.
138 Rashid, Taliban. Ein konziser Überblick der Taliban im
gesellschaftlichen Kontext Afghanistans u. a. Münch,
Bundeswehr, S. 137–151. Zum Krieg in Afghanistan Roy,
War and Society.
1111
139 Zeitzeugeninterview mit Christoph Müller, 2001/02
Sonderbeauftragter Afghanistan des AA, 26. 10. 2015.
140 Ebenda, 5. 1. 2018, 8. 6. 2018.
141 https://www.welt.de/print-welt/article366352/DeutscheSoldaten-erkunden-Kabul.html
142 Diesen Punkt hat bislang am klarsten herausgearbeitet:
Münch, Die Bundeswehr in Afghanistan, S. 177–180.
143 Zur mangelnden Nutzung der durchaus vorhandenen
Afghanistan-Expertise vgl. Schetter, The unknown
knowns.
144 BEAGenInsp,
Beobachtungsbesuch
03/02
beim
Fallschirmjägerbataillon 313 in Varel am 28./29. 01.
2002, S. 6, BArch-MA, BH 1/29635. Umfragen aus dem
Mai 2004 zeigen dann aber hohe Zustimmungsraten der
Soldaten des 5. ISAF-Kontingents zum Einsatz am
Hindukusch. Biehl/Keller, Hohe Identifikation und
nüchterner Blick. Als Erinnerungsbericht aus der
Perspektive eines Stabsunteroffiziers: Wohlgethan,
Endstation Kabul.
145 Sangar, Historical Experience, S.
Bundeswehr in Afghanistan, S. 171 f.
205;
Münch,
146 BEAGenInsp Jahresbericht 2004, S. 22, BArch-MA, BW
2/47760.
147 Generalmajor Walter Spindler in: SWR1 Leute Night, 30.
5.
2012,
https://www.youtube.com/watch?
v=43U32Lic0nk. Ähnlich Buske, Afghanistan, S. 63 f.
148 BEAGenInsp Jahresbericht 2004, S. 22, BArch-MA, BW
2/47760.
1112
149 Im Human Development Index der UN stand Afghanistan
2002 auf Platz 173 von 177 statistisch erfassten Ländern.
Afghanistan. National Human Development Report 2004
http://hdr.undp.org/sites/default/files/afghanistan_2004_e
n.pdf, PDF-S. 44.
150 Pritzl, Polizei-Engagement in Afghanistan, S. 49. Vgl.
auch Naumann, Der blinde Spiegel, S. 113–123.
151 Weißbuch 2006.
152 Naumann, Der blinde Spiegel, S. 66–73, 77–82.
153 Schlie, Lehren aus dem Afghanistaneinsatz, S. 391.
154 Es gab 28 PRTs in Afghanistan, die von 15 Nationen
nach teilweise sehr unterschiedlichen Vorstellungen
geführt wurden. So war in den deutschen PRTs der
militärische Anteil sehr hoch, während die Türkei einen
gänzlich zivilen Ansatz wählte. Vgl. Dreist, Provincial
Reconstruction Teams.
155 Hierzu Chiari, Die Bundeswehr als Zauberlehrling.
156 Ebenda, S. 350. Vgl. auch ders. A New Model Army, ins.
S. 155. Vgl. auch Naumann, Der blinde Spiegel, S. 98–
113. Die Perspektive des AA und des BMZ ist in der
bisherigen Forschung deutlich unterrepräsentiert. Zu
ersten Ansätzen vgl. z. B. Ewertz, Zivile
Einsatzerfahrung im PRT Kunduz. Es gibt in der
Forschung den Vorwurf, dass sich die Bundeswehr in
Afghanistan zumindest ab 2008 zu sehr auf das Kämpfen
konzentriert und sich zu wenig mit historischen
Erfahrungen
sowie
aktuellen
Doktrinen
zur
Aufstandsbekämpfung befasst habe. Diese Feststellung
scheint in dieser Form verkürzt zu sein. In den vom
1113
Verfasser eingesehenen privaten und dienstlichen
Unterlagen des PRT Kunduz wurde sehr wohl die
Aufbaudimension mitreflektiert. Die Frage war freilich,
welche Mittel das PRT zur Verfügung hatte, um der
zivilen Dimension des Einsatzes gerecht zu werden.
Zudem gab es für den nicht-militärischen Teil einen
zivilen Leiter des PRT; dieser scheint sich – je nach
personeller Konstellation – eng mit dem militärischen
Leiter des PRT abgesprochen zu haben. Auch gab es noch
nicht einmal auf Seiten der EZ-Gemeinde einen
koordinierten Ansatz zur Herstellung von good
governance. Sicher richtig ist die Feststellung, dass sich
das Verteidigungsministerium mit Händen und Füßen
dagegen sträubte, die historischen COIN-Erfahrungen
von Deutschen, Franzosen und Briten zu reflektieren.
Man war nicht willens, eine eigene COIN-Richtlinie zu
erarbeiten. Das Projekt kam über Vorarbeiten nicht
hinaus. Rid/Zapfe, Mission Command without a Mission,
S. 199 f. Vgl. auch Sangar, Historical Experience, S.
203–236.
157 Das Afghanistan-Abenteuer, Der Spiegel, 20. 11. 2006.
158 Die ISAF hatte Afghanistan in die Regionalkommandos
Nord
(Deutschland),
West
(Italien),
Süd
(Niederlande/UK), Ost (USA) unterteilt, die jeweils vier
bis 13 PRTs führten. Hinzu kam noch das
Regionalkommando Capital (Frankreich) in Kabul. Sie
unterstanden dem Hauptquartier von ISAF in Kabul, das
wiederum dem NATO-Hauptquartier im niederländischen
Brunssum – Allied Joint Force Command unterstand.
159 Giustozzi, Taliban at War.
160 Tagebuch eines Stabsoffiziers (I), 1. 8. 2006.
1114
161 Ebenda, 26. 9. 2006.
162 Ebenda, 21. 9. 2006.
163 Ebenda, 31. 7. 2006.
164 Die Zahlen stammen aus nicht-öffentlichen militärischen
Quellen, die ich einsehen konnte. Die kumulierten
Ausgaben aller staatlichen Stellen in der Bundesrepublik
zur Unterstützung Afghanistans, inklusive der deutschen
Mittel, die über internationale Organisationen flossen,
waren weit höher. Sie betrugen von 2004 bis 2006 292,35
Millionen US-Dollar.
https://stats.oecd.org/qwids/#?
x=2&y=6&f=3:51,4:1,1:10,5:3,7:1&q=3:51+4:1+1:2,25,
9,10,23,24+5:3+7:1+2:2+6:2001,2002,2003,2004,2005,2
006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,20
16,2017,2018
165 Tagebuch eines Stabsfeldwebels, 12. 3. 2008.
166 Ebenda, 30. 5. 2008.
167 Vgl. auch den Bericht der Reise nach Afghanistan von
MdB Winfried Nachtwei vom 10.–14. Oktober 2006.
http://nachtwei.de/index.php?
module=articles&func=display&catid=81&aid=440&the
me=print
168 Tagebuch eines Stabsfeldwebels, 7. 6. 2008.
169 Ebenda, 11. 6. 2008.
170 Zur
generellen
Problematik
vgl.
Stockmann/Menzel/Nuscheler, Entwicklungspolitik, S.
13–18, 404–409. Zu den Problemen der EZ-Arbeit in
Afghanistan vgl. Thomas Ruttig, Zu wenig, reichlich spät
– Stabilisierungsmaßnahmen in Afghanistan zwischen
1115
Terrorismusund
Aufstandsbekämpfung.
https://m.bpb.de/apuz/32733/zu-wenig-reichlich-spaetstabilisierungsmassnahmen-in-afghanistan-zwischenterrorismus-und-aufstandsbekaempfung; Roland Paris,
Afghanistan: What Went Wrong?, in: Perspectives on
Politcs 11 (2013) 2, S. 538–548. Der »Review der
Evaluierungsarbeit
zur
deutschen
Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan« (DEval
2014) hält aufgrund der schlechten Evaluationslage
fest:.«Es könnten daher kaum Aussagen darüber gemacht
werden, in welchem Maße die übergeordneten Ziele der
deutschen EZ in Afghanistan erreicht wurden.« S. VIII.
171 Tagebuch eines Stabsoffiziers (I), 26. 07. 2006.
172 Ebenda, 18. 11. 2006. Der Eintrag bezieht sich auf das
Gerücht eines gegnerischen Verwundeten.
173 100 Jahre vorher mussten sich deutsche Offiziere
übrigens mindestens fünf Jahre für den Dienst in den
Kolonien verpflichten. Jene, die nach Ostafrika gingen,
mussten Suaheli lernen. Bührer, Schutztruppe, S. 115–
117, 119–121, 128; Münch, Die Bundeswehr in
Afghanistan, S. 205, 220, 229, 248, 281.
174 Tagebuch eines Stabsfeldwebels, 7. 4. 2008.
175 Dazu auch Münch, Die Bundeswehr in Afghanistan, S.
283–296.
176 Zeitzeugeninterview mit einem Stabsoffizier, 10. 4. 2020.
177 Offiziell: Operational Mentoring and Liasion Teams,
OMLT.
178 Tagebuch eines Stabsoffiziers (I), 12. 09. 2006. Das
deutsche Kommando Spezialkräfte wurde erst 2007 in
den Norden Afghanistans verlegt. Es operierte dann unter
1116
ISAF-Mandat und war auch an Festnahmen von
Talibanfunktionären beteiligt, etwa im September 2010
von Maulawi Roshan.
179 Tagebuch eines Stabsoffiziers (I), 29. 9. 2006.
180 Ebenda, 11. 9. 2006.
181 Eine Grafik zur Zahl der Feindkontakte und Verluste der
Bundeswehr in Afghanistan bei Seiffert, 22. Kontingent,
S. 48.
182 Gemeint ist die ungelenkte Rakete BM-1 mit rund acht
Kilometer Reichweite. Von September 2007 bis Oktober
2008 wurden 80 Raketen auf das Lager abgeschossen.
183 Zit. nach Münch, Bundeswehr in Afghanistan, S. 290.
184 Zu der Logik der Rules of Engagement vgl. ebenda, S.
269–275.
185 Wolfgang Winkel, Die Bundeswehr braucht archaische
Kämpfer, Welt am Sonntag, 29. 2. 2004.
https://www.welt.de/printwams/article107173/Bundeswehr-braucht-archaischeKaempfer.html
186 Vgl. die pointierte Charakterisierung Franz Josef Jungs
als Verteidigungsminister: Markus Feldenkirchen, Out of
Erbach,
Der
Spiegel,
12.
11.
2007,
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-53621794.html
187 Das Hauptquartier der ISAF in Kabul legte den
Schwerpunkt der Operationen von März bis Oktober
2008 auf den Süden Afghanistans, sodass die Kräfte des
italienisch geführten Regional Command (RC) West an
der Grenze zum RC Süd gebunden waren, um das
Ausweichen von Aufständischen in ihren Bereich zu
unterdrücken. Der COMISAF hatte am 23. 2. 2008 wohl
1117
ohne
Rücksprache
mit
dem
deutschen
Verteidigungsministerium angeordnet, zur Entlastung des
RC West den kritischen Distrikt Ghormach zeitlich
begrenzt dem RC North zuzuordnen. Generalinspekteur
Schneiderhan wies dies strikt zurück, weil er eine
schleichende
Ausdehnung
des
deutschen
Verantwortungsbereichs befürchtete. Er konnte sich damit
aber nicht gegen die ISAF durchsetzen. Im Mai 2008 war
die Frage, inwieweit neben der norwegischen QRF auch
deutsche Truppen an Operationen in Ghormach beteiligt
werden konnten. Die Vorgaben des Bundestagsmandats
konnte man unterschiedlich auslegen. »Zeitlich und im
Umfang begrenzte Maßnahmen« schienen durchaus
möglich. Im Mai 2008 entschied sich Minister Jung wohl
auch auf Anraten des Generalinspekteurs für eine enge
Auslegung. Die unruhige Lage in dem Distrikt spielte
dabei offenbar keine Rolle. Vielmehr ging es darum, sich
mehr Verantwortung und riskante Operationen möglichst
vom Hals zu halten. Etliche Dokumente des
Verteidigungsministeriums zu dem Vorgang liegen dem
Verfasser vor. Vgl. zudem: Official Norwegian Reports
NOU 2016:8, A Good Ally: Norway in Afghanistan
2001–2014,
S.
137
f.
https://www.regjeringen.no/contentassets/09faceca099c4
b8bac85ca8495e12d2d/engb/pdfs/nou201620160008000engpdfs.pdf
188 Tagebuch eines Stabsfeldwebels, 10. 4. 2008.
189 Ebenda, 29. 4. 2008.
190 German Special Forces in Afghanistan let Taliban
Commander Escape, in: Der Spiegel, 19. 5. 2008.
https://www.spiegel.de/international/world/not-licensedto-kill-german-special-forces-in-afghanistan-let-taliban-
1118
commander-escape-a-554033.html Zum Einsatz des KSK
vgl. Lauenroth, Spezialkräfte.
191 Zit. nach Chiari, Die Bundeswehr als Zauberlehrling, S.
339.
192 So Winfried Nachtwei, Viele Lichtblicke bei immer mehr
Düsternis,
15.
9.
2008,
S.
5,
http://nachtwei.de/downloads/bericht/sommer2008_reiseb
ericht-afgh_nachtwei
193 Das
Afghanistan-Konzept
September 2008.
der
Bundesregierung,
194 Die Summe wurde auf der Pariser AfghanistanKonferenz zugesagt und sogar deutlich übertroffen, wenn
man die Zahlungen aller Ministerien, der Bundesländer
sowie
die
über
internationale
Organisationen
ausgezahlten Summen addiert. Die Gesamtsumme
deutscher Wiederaufbauhilfe in den Jahren 2001 bis 2014
beläuft sich auf knapp vier Milliarden US-Dollar. In den
Jahren 2008 bis 2010 wurden 1,1 Milliarden gezahlt.
Zahlen nach: ttps://stats.oecd.org/Nimmt man den
Afghanistankonflikt insgesamt in den Blick, betrug das
Verhältnis von zivilen und militärischen Mitteln nie mehr
als 30 : 70. In einer Aufbaumission sollte es gemäß der
reinen Lehre genau andersherum sein. Krause,
Afghanistaneinsätze der Bundeswehr, S. 161 f. Zur
deutschen
Afghanistanhilfe
auch:
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/19/042/1904231.pdf
195 So zumindest die Kritik von Rainer Buske, Kunduz, S.
206 f.; Chiari, Die Bundeswehr als Zauberlehrling, S.
340. Zur mangelnden Koordination der Schlüsselressorts
auch Naumann, Der blinde Spiegel, S. 66–73. Winfried
Nachtwei wurde vor Ort hingegen gesagt, dass die
1119
Zusammenarbeit von Bundeswehr, Auswärtigem Amt
und Bundesinnenministerium exzellent sei. So Nachtwei,
Viele Lichtblicke bei immer mehr Düsternis, 15. 9. 2008,
S.
30.
http://nachtwei.de/downloads/bericht/sommer2008_reiseb
ericht-afgh_nachtwei
196 Münch, Bundeswehr in Afghanistan, S. 293 f. Auch
Noetzel/Scheer, Counter what?
197 Insgesamt war das PRT Kunduz im Mai 2008 rund 800
Mann stark. Von der Mandatserhöhung im Sommer 2008
von 3500 auf 4500 Mann erhielt das PRT Kunduz gerade
einmal einen Zug Fallschirmjäger von rd. 40 Mann.
Seitdem waren sieben Züge Infanterie vorhanden, von
denen aber drei vor allem zum Schutz des Lagers
eingesetzt wurden. Buske, Kunduz, S. 61.
198 Vor der ISAF-Mandatsentscheidung. Jüngste Eindrücke
aus Kabul, Mazar-e Sharif und Kunduz, 5. 10. 2008
http://nachtwei.de/index.php?
module=articles&func=display&catid=11&aid=754
199 Tagebuch eines Stabsoffiziers (I), 14. 10. 2006.
200 Vor der ISAF-Mandatsentscheidung. Jüngste Eindrücke
aus Kabul, Mazar-e Sahrif und Kundz, 5. 10. 2008
http://nachtwei.de/index.php?
module=articles&func=display&catid=11&aid=754
201 Winfried Nachtwei, Viele Lichtblicke bei immer mehr
Düsternis,
15.
9.
2008,
S.
17,
http://nachtwei.de/downloads/bericht/sommer2008_reiseb
ericht-afgh_nachtwei
202 Buske, Kunduz, S. 130.
203 Zeitzeugeninterview Georg Klein, 15. 3. 2019.
1120
204 Zeitzeugeninterview Robert Graf, 2. 7. 2020.
205 Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 21. 4. 2009.
206 Ebenda, 17. 4. 2009.
207 Eine eindrückliche Beschreibung des Gefechts, in dem
Motz fiel in: Lars Gaede, Das ist Krieg, Sergej, Krieg!,
https://taz.de/!377809/, und die Schilderung von Jörn
Deigner,
2009
Zugführer
von
Motz
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/heer/mensch
en-im-heer/afghanistan-ein-tag-der-alles-veraenderte
208 Wie gefährlich ein solcher Vertrauensverlust sein konnte,
zeigen die Vorfälle beim 17. ISAF-Kontingent im
Sommer 2008. Nach dem Tod des Fallschirmjägers
Mischa Meier bei einem IED-Anschlag war das
Verhältnis der Truppe zu ihrem Kommandeur Oberst
Christian Meier irreparabel zerstört. Meier wurde nach
nur acht Wochen abgelöst. Eine meinungsstarke
Schilderung der Lage, wonach sich das PRT Kunduz in
einer Art Schockstarre befunden habe, findet sich in
Buske, Kunduz, S. 150–163. Meier blieb der einzige
PRT-Kommandeur, der vorzeitig abgelöst wurde.
209 Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 3. 5. 2009.
210 Vgl. dazu die zweifellos geglätteten, aber gleichwohl
instruktiven Erlebnisberichte von Hans-Christoph
Grohmann, Führen im Einsatz und im Gefecht –
Erfahrungen als Kommandeur der Quick Reaction Force
(QRF) in Nordafghanistan, und Jan Hecht, Afghanistan
mit
vollem
Einsatz.
Erfahrungen
eines
Panzergrenadierzugführers, in: Glatz/Tophoven, Am
Hindukusch – und weiter?, S. 93–106, 107–138; sowie
das Kapitel Kunduz in: Mit der Panzergrenadierbrigade
37 »Freistaat Sachsen« im Einsatz. April 2009 bis März
1121
2010. Erlebnisse von Soldaten im Einsatzjahr der
Brigade, S. 87–125. Vgl. auch Schulze, Einsatz prägt, S.
230 f.
211 Damit entsprach das PRT Kunduz den Direktiven des
BMVg. Vgl. BMVg – LtrEinsFüStab – Az. 31-70-00 vom
08. 05. 2009 »Jahresweisung 2009 zur Ausplanung und
für den Einsatz DEU Kräfte im Rahmen der Beteiligung
an der NATO Operation ISAF«.
212 Eine Grafik über die von der Bundeswehr angeforderte
Luftunterstützung in Münch, Bundeswehr in Afghanistan,
S. 303.
213 Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 16. 6. 2009.
214 Ebenda, 17. 7. 2009.
215 Zeitzeugeninterview Georg Klein, 15. 3. 2019.
216 Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 17. 4., 23. 4. 2009.
217 Ebenda, 7. 6., 23. 6. 2009.
218 Ebenda, 24. 6. 2009.
219 Ebenda, 24. 6. 2009.
220 Traueransprache, Manuskript im Archiv des Verfassers.
221 Die Tactical Directive vom 6. 7. 2009 und die Tactical
Driving Guidance vom 10. 8. 2009 sahen vor, dem Schutz
der Zivilbevölkerung bei den Operationen Vorrang
einzuräumen.
Nachzulesen
in:
https://www.nato.int/isaf/docu/official_texts/Tactical_Dir
ective_090706.pdf sowie Reports on Progress Toward
Security and Stability in Afghanistan, Washington 2010,
S. 43.
1122
222 Zu den Details siehe Münch, Bundeswehr in Afghanistan,
S. 295 f.
223 Dazu Endlich, Bundeswehr-Ehrenmal.
224 Rid/Zapfle, Mission Command without a Mission, S. 197.
225
https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend714.ht
ml
sowie
Heitmann-Kroning,
Deutsche
Sicherheitspolitik, S. 251.
226 Allerdings machten sich viele Soldaten nicht klar, dass es
in einem Krieg keine Auslandsverwendungszulage und
keine zeitlich limitierten Einsatzkontingente gab. Es ging
in der Debatte also vor allem um die Anerkennung, dass
man sich in einem Kampfeinsatz befand.
227 Selbst die beiden Panzeroffiziere Georg Klein und Kai
Rohrschneider, die nacheinander das PRT Kunduz
führten, waren in dieser Sache unterschiedlicher
Meinung. Rohrschneider war ein vehementer Befürworter
des Panzereinsatzes, Klein war dagegen. Einsatz als PRTKommandeur in Kunduz, in: Schwarzes Barett 43 (2010),
https://www.panzertruppe.com/files/pztr/_pdf/das_schwar
ze_barett/band_5/nr_43_4_pzooffz_in_afg_heft43.pdf;
Zeitzeugeninterview Georg Klein, 15. 3. 2019. Die Frage,
ob man statt »leicht« mit Infanterie »schwer« mit Panzern
nach Afghanistan gehen sollte, wurde schon 2002 im
Einsatzführungskommando
vom
damaligen
J5,
Oberstleutnant Wolfgang Geist, untersucht und abwegig
beschieden.
Der
Befehlshaber
des
Einsatzführungskommandos,
Generalleutnant
Riechmann, übernahm diesen Rat und plädierte für eine
»leichte« Ausstattung. Zeitzeugeninterviews Wolfgang
Geist, 4. 12. 2019; Niels Janeke, 3. 1. 2020.
1123
228 Bereits im Sommer 2006 wurde über die Verlegung von
Schützenpanzern »Marder« nach Kunduz nachgedacht.
Aufgrund der schlechten Wege, der noch nicht
vorhandenen Logistik und der noch nicht eskalierten
Lage wurden diese dann Ende des Jahres nach Masar-e
Sharif geflogen. Es hatte eine Kontroverse zwischen
Generalinspekteur Schneiderhan und dem Inspekteur des
Heeres, Hans-Otto Budde, gegeben, ob solche
Kettenfahrzeuge bei einem Stabilisierungseinsatz
Verwendung finden sollten. Die Ansicht Buddes, dass die
Verlegung auch eine Rückversicherungsmaßnahme für
die Truppe sei, die psychologisch hilfreich wäre, setzte
sich schließlich durch. Der »Marder« hat sich in
Afghanistan sehr bewährt – trotz der anfänglichen
Skepsis seitens des Generalinspekteurs. Vgl. auch
Grohmann, Führen im Einsatz und im Gefecht.
229 Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 25. 7. 2009.
230 Ebenda, 17. 8. 2009.
231 Winfried Nachtwei, Sicherheitsvorfälle in der Region
Afghanistan-Nord 2006 bis April 2010, S. 12 f.,
http://nachtwei.de/downloads/bericht/201004_sicherheitslage-afgh.pdf; vgl. Stephan Löwenstein,
2500
Polizisten
für
Kundus
gefordert,
https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afghanistan2500-polizisten-fuer-kundus-gefordert-1858815.html;
vgl. auch Vollmer, Erfahrungen. Angesichts des sehr
ereignisreichen Jahres 2009 fällt dieser Beitrag vor allem
dadurch auf, was nicht gesagt wird. Der Sammelband
zeigt einmal mehr, dass Publikationen aktiver Generäle
meist Teil eines weitgehend unkritischen offiziellen
1124
Diskurses sind. Zweifellos hätte Jörg Vollmer zu
Afghanistan sehr viel mehr zu sagen.
232 Der erste Milan-Schuss erfolgte am 18. 8. 2009, der
Bombenabwurf durch einen B-1-Bomber auf die Straße
Little Pluto am 27. 8. 2009.
233 Acht ISAF-Soldaten waren gefallen (vier Deutsche), 21
verwundet worden (20 Deutsche). Zudem fielen 19
afghanische Sicherheitskräfte, 52 wurden verwundet.
Pressestatement
GenIsp.
zum
COMISAFUntersuchungsbericht
am
29.
10.
2009.
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/CD07400/Dokume
nte/Dokument%20051.pdf
234 Zeitzeugeninterview Robert Graf, 2. 7. 2020.
235 Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 2. 9. 2009.
236 Die Meldung zum Gefecht findet sich unter:
https://wardiary.wikileaks.org/id/7EB6ECC3-1517-911CC58A34A814F8DA23/
Der
Generalbundesanwalt
sprach
in
seinem
Untersuchungsbericht von fünf Schwerverwundeten. Der
Generalbundesanwalt
beim
Bundesgerichtshof,
Ermittlungsverfahren gegen Oberst Klein und
Hauptfeldwebel Wilhelm wegen des Verdachts einer
Strafbarkeit nach dem VStGB und anderer Delikte,
Karlsruhe,
den
16.
4.
2010,
S.
13.
https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/CD07400/Dokum
ente/Dokument%20052.pdf
237 So auch seine Meldung am 5. September an den
Generalinspekteur.
Vgl.
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/CD07400/Dokume
nte/Dokument%20063.pdf
1125
238 Die ISAF erkannte selbst diese Schwachstelle in ihrem
Regelwerk und änderte dieses bereits fünf Tage später.
Der ISAF-Untersuchungsbericht ist noch als geheim
eingestuft und nicht frei verfügbar. Dem Verfasser lag
aber eine achtseitige Auswertung des Berichts durch das
BMVg vor. Darin heißt es: »Die derzeit gültigen ISAF
ROEs mit Blick auf den Einsatz von Luftstreitkräften
enthalten zum Teil unterschiedliche und unscharfe
Vorgaben und sind nur schwer handhabbar, da sie der
Komplexität einer solchen Situation nicht gerecht
werden. Erschwert wurde die Situation durch
unterschiedliche
Interpretationen
aus
jeweiliger
nationaler Sicht.« Die Entscheidung zum Waffeneinsatz
sei daher nachvollziehbar gewesen, so der BMVgBericht. Die Verifizierung der Anwesenheit der
Aufständischen durch lediglich eine HUMINT-Quelle
erfülle zwar die Minimalanforderungen, sei eigentlich
aber nicht ausreichend. Allerdings hielt das BMVg fest,
dass bei einer Abwägung zwischen Einhalten der »COM
ISAF Intent« und dem aktiven oder passiven Schutz
deutscher Soldaten von deutschen Kommandeuren
erwartet wird, »dass sie die nationalen Vorgaben
umsetzen«. Vgl. zudem die erste rechtliche Bewertung
des Rechtsberaters des RC North vom 4. 9. 2009, in der
auch
auf
die
ROEs
eingegangen
wird.
https://wikileaks.xuchao.org/de-isaf-cas-kunduzsep09.pdf.
Ferner:
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/CD07400/Dokume
nte/Dokument%20061.pdf. Zudem wurde der Vorwurf
gemacht, dass das Anfordern der beiden F-15 nicht
regelkonform gewesen sei, da kein TIC = Feindkontakt
vorgelegen habe. Dies ist zwar richtig, aber in den
Ermittlungsunterlagen
wurde
festgehalten,
allen
1126
Beteiligten – auch den Piloten – sei bewusst gewesen,
dass keine deutschen Truppen im Gefecht standen. Das
lag daran, dass es bis dahin übliche Praxis war, über eine
»TIC-Meldung« Luftunterstützung anzufordern, um
zumindest ein Aufklärungsbild zu erhalten, ganz gleich,
ob ein Feindkontakt vorlag oder nicht. Das PRT Kunduz
hat auch vorher so agiert und ebenso andere ISAFNationen. Der britische Leiter des »Inition Action
Teams«, der die Bombardierung der beiden Tanklaster
untersuchte, sprach offen von einem »Kavaliersdelikt«
und dem Bedarf, die unscharfen Regeln anzupassen.
239 Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof,
Ermittlungsverfahren gegen Oberst Klein und
Hauptfeldwebel Wilhelm wegen des Verdachts einer
Strafbarkeit nach dem VStGB und anderer Delikte,
Karlsruhe, den 16. 4. 2010, S. 40.
240 Die Afghan Human Rights Commission stellte eine
Namensliste von 102 Toten auf. Sie findet sich unter:
http://cryptome.org/2012/01/0095.pdf. Das Auswärtige
Amt hat sich immer gegen die Zahlung von
Entschädigungen an Kriegsopfer gewandt. Man
deklarierte die Zahlungen als Aufbauhilfen, um keine
Präzedenzfälle zu schaffen, und stellte wohl 5000 Dollar
pro Person zur Verfügung. Der Provinzgouverneur und
die Regierung in Kabul waren offenbar gegen die
Zahlungen, die dann aber auf Druck aus Berlin vor
Ablauf des Jahrestages getätigt wurden. Vgl. auch
https://www.stern.de/politik/ausland/tanklaster-angriff-inafghanistan-entschaedigung-fuer-die-kundus-opfer-steht3114382.html
241 Vgl. auch Gesprächsprotokoll Feldjägerführer, 9. 9. 2009,
mit
Vertretern
des
Provinzrates
Kunduz.
1127
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/CD07400/Dokume
nte/Dokument%20080.pdf
242 Ein deutsches Verbrechen, Der Spiegel, 5/2010, S. 35–57.
243 http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/074/1707400.pdf.
Die verschiedenen Untersuchungsberichte zu diesem
Vorfall – insbesondere jener der ISAF – sind noch als
geheim eingestuft und der Öffentlichkeit nicht
zugänglich. Der ISAF-Bericht lag aber dem Spiegel vor.
244
http://www.generalbundesanwalt.de/docs/einstellungsver
merk20100416offen.pdf
Georg Klein fiel zumindest offiziell nicht in Ungnade,
wurde später befördert und ist heute Brigadegeneral im
Kommando der Streitkräftebasis in Bonn.
245 Ein deutsches Verbrechen, Der Spiegel, 5/2010, S. 35–57.
Es gab in den Medien zahlreiche Stimmen, die das
Handeln Georg Kleins kritisch bewerteten. Zuletzt
beispielsweise:
https://www.deutschlandfunk.de/geschichte-aktuellluftangriff-vor-10-jahren-verhinderte.724.de.html?
dram:article_id=457813. Der Anwalt Karim Popal und
die MdB der Linkspartei Christine Buchholz fordern nach
wie vor von der Bundesregierung die Anerkennung des
Bombardements als Kriegsverbrechen und die offizielle
Entschädigung
der
Opfer.
https://www.neuesdeutschland.de/artikel/1125307.oberst-georg-klein-vielpolitik-viele-luegen.html
sowie
https://www.youtube.com/watch?v=nFbIhvdlJBs.
246 Tagebuch eines Stabsoffiziers (III), 23. 9. 2009.
247 Ebenda, 13./14. 5. 2009.
1128
248 Die ANP verfügte im Raum Kunduz zu dieser Zeit über
1200, die ANA über 650 Mann.
249 Hier sind einerseits die sogenannten Operation
Detachements Alpha (ODA) zu nennen, die mit den
afghanischen Sicherheitskräften zusammenarbeiteten,
und die Spezialkräfte der Task Force 373 und 3–10, die in
rein
amerikanischen
Operationen
versuchten,
Talibankommandeure zu töten. Sie operierten nicht vom
PRT Kunduz, sondern von einem Compound in der Nähe
aus.
https://www.spiegel.de/politik/ausland/task-force373-die-dreckigste-seite-des-krieges-a-708507.html
https://www.derwesten.de/politik/us-task-force-leutesind-ein-killerkommando-id3891661.html
250 Tagebuch eines Stabsoffiziers (III), 25. 2. 2009.
251 Dazu auch Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 20. 5. 2009.
252 Tagebuch eines Stabsoffiziers (III), 18. 3. 2010.
253 Ebenda, 24. 1. 2010. Im Verlauf seiner Einsatzzeit
veränderte sich die Sprache dieses Offiziers durchaus.
Sprach er am Ende davon, dass die Truppe »siegen«
wolle, verwendete er zu Beginn seiner Zeit in Kunduz
solche Begriffe nicht.
254 Ebenda, 16. 3. 2010.
255 Murphy an Commander in Chief US Army Europe, 1.
Februar
2010.
http://wikileaks.org/plusd/cables/10BERLIN138_a.html
256 Am 17. 2. 2010 war eine Infanteriekompanie auf den
»Rand von Isa Khel vorgegangen, beim Antreten des
Rückmarsches angegriffen worden und hatte drei
Leichtverwundete zu beklagen«. Sie brachte »das
1129
feindliche Feuer zum Schweigen«. Tagebuch eines
Stabsoffiziers (III), 18. 2. 2010.
257 Interview mit einem im Karfreitagsgefecht eingesetzten
Oberleutnant, 29. 5. 2020.
258 Zum Karfreitagsgefecht siehe Helmecke, Gefallen und
verwundet im Kampf; Schröder, Isa Khel; Seliger,
Sterben für Kabul, S. 151–158. Aus Sicht von drei
Soldaten:
https://www.ndr.de/nachrichten/info/sendungen/podcast4
574.html
Eine aktenbasierte Darstellung des Karfreitagsgefechts
gibt es bislang nicht. Die Zeitzeugen widersprechen sich
in einigen zentralen Punkten, etwa was den Auftrag der
Kompanie an diesem Tag anbelangt. Soldaten aus dem
Stab des PRT Kunduz berichten zudem von einer
unzureichenden Planung, was den Einsatz von Reserven,
die Verfügbarkeit von Drohnen, Munition und
MEDEVAC anbelangt, und sprechen von Chaos in der
Führung. Dies wird von den Offizieren der Kompanie wie
auch von der Leitung des PRT bestritten. Der Verfasser
konnte einige Dokumente einsehen, die den Eindruck von
Chaos oder Fehlverhalten im Gefecht nicht bestätigen.
Ein taktisches Problem war zweifellos, dass der Golf-Zug
zur Mittagszeit des 2. 4. eine abgestürzte
Nahbereichsdrohne bergen wollte, dadurch weiter
vorstieß als geplant, sich so überdehnte und die eigene
Feuerüberlegenheit damit einschränkte. Damit stand die
Kompanie weiter auseinandergezogen als beim Gefecht
am 15. 3. Ein weiterer wesentlicher Unterschied war, dass
zwei Wochen zuvor vier Kompanien in einer größer
angelegten Operation im Char Darah eingesetzt waren
und die Aufständischen damit weit stärker unter Druck
1130
setzten als am 2. 4., als zunächst nur eine Kompanie in
Richtung Isa Khel vorging.
Interview Reinhard Zudrop, 10. 3. 2020; Interview mit
einem vor Ort eingesetzten Fallschirmjägeroffizier, 18. 3.
2020.
259 Vgl. Seliger, Sterben für Kabul, S. 162–170; Andritzky,
2./QRF 5.
260 ANA und ANP sollen von 2001 bis Oktober 2009 5500
Mann an Toten verloren haben. Im Jahr 2009 werden für
die ANA 282 und für die ANP 646 Tote angegeben. Ian
S. Livingston, Michael O’Hanlon, Afghanistan Index.
25th5.2017, S. 12. https://www.brookings.edu/wpcontent/uploads/2016/07/21csi_20170525_afghanistan_in
dex.pdf
Vgl. auch Marco Overhaus/Michael Paul, Der Aufbau der
nationalen afghanischen Sicherheitskräfte. Stand und
Perspektiven der Transition nach dem Nato-Gipfel in
Chicago,
SWP-Studie
2012.
https://www.swpberlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2012_S17
_ovs_pau.pdf
261 Dazu die Beiträge von Hauptmann W. [Wolfgang
Schröder], Christian von Blumröder, Karsten Gay und
Oliver
Henkel
in:
Brinkmann/Hoppe/Schröder,
Feindkontakt. Für den Einsatz in der 2. Jahreshälfte 2010
aus Sicht eines Fallschirmjägers: Clair, Vier Tage im
November. Philipp Münch bewertet die Operation
Halmazag kritischer, als ich es tun würde. Er kritisiert,
dass die Bundeswehr nicht auf die eigentlich relevanten
Personennetzwerke gezielt habe, sondern auf einen
taktischen Raumgewinn. Das ist gewiss richtig, es stellt
sich nur die Frage, ob der Kommandeur der Task Force
1131
Kunduz angesichts der schlechten Nachrichtenlage dazu
überhaupt die notwendigen Einsichten hatte. Angesichts
der politischen, militärischen und geografischen
Rahmenbedingungen erscheint mir die Operation sinnvoll
gewesen zu sein. Münch, Bundeswehr in Afghanistan, S.
299.
262 Vgl. Fritz/Staigis/Weber, Counterinsurgency; Bohnert,
German Mechanized Infantry, wo der Einsatz von August
2011 bis Januar 2012 im Raum Kunduz beschrieben wird.
Sowie: Neil Shea, Ready to fight: German soldier’s
Afghan mission shifts from reconstruction and training to
engaging enemy, in: stars & stripes, 8 January 2012.
263 Auf das Problem, dass Sicherheit, Entwicklung und
Governance nicht in einem einfachen Wechselverhältnis
standen, wie dies die Schlüsseldokumente der ISAF und
der Bundesregierung postulierten, verweist u. a.
Naumann, Der blinde Spiegel, S. 36–42.
264 Diese Dimension wurde in den Reflexionen der
Bundeswehroffiziere zum Thema bislang kaum
thematisiert. Vgl. z. B. Blumröder, Shape, Clear, Hold,
Build. Zur Kritik an dem COIN-Konzept auch mit
weiterer Literatur Naumann, Der blinde Spiegel, S. 83–
97.
265 Vgl. den kurzen Artikel des Kommandeurs der dabei
wesentlich beteiligten QRF-5 Sembritzki, Kampfmoral.
266 Die Kompanie bestand zu rund 70 Prozent aus
Teilnehmern des Karfreitagsgefechts. Vgl. Seiffert, 22.
Kontingent, S. 9.
267 Johannes Clair, Vier Tage im November, S. 29, 127.
1132
268 Vgl. dazu etwa Hauptmann W. [Wolfgang Schröder],
Drei Jahreszeiten, S. 59.
269 Zum Kriegerhabitus Münch, Die Bundeswehr in
Afghanistan, S. 208–213. Es gab aber auch
geschmacklosere Aufnäher, wie »Schweinefleisch
essender Kreuzritter«. Herlinde Koelbl, »Ich habe mich
nur auf meine Atmung konzentriert. Solange ich atme,
lebe ich noch«, in: ZEITmagazin Nr. 49/2011.
https://www.zeit.de/2011/49/Afghanistan-SoldatReichardt/komplettansicht
Im Übrigen war bei anderen Nationen eine ähnliche
Tendenz festzustellen. So malten sich italienische
Soldaten ebenfalls die Afrika-Korps-Palme auf ihr
Fahrzeug, und tschechische Soldaten verzierten ihren
Stahlhelm gar mit den Insignien von Waffen-SSDivisionen.
https://espresso.repubblica.it/foto/2008/01/31/galleria/batt
aglione-rommel1.59762#1https://www.rt.com/news/czech-commanderresigns-nazi/
270 Tagebuch eines Stabsoffiziers (III), 4. 11. 2009.
271 Datenmaterial zur Zahl der Russlanddeutschen in der
Bundeswehr und vor allem zu ihrer Verteilung auf die
Truppengattungen liegt bislang nicht vor. Kümmel/Biehl,
Die ›anderen‹ Soldaten, S. 31–41. In der umfassenden
Studie des ZMSBw zum 22. Kontingent war die Herkunft
nicht Teil der Untersuchung. Allgemein: Ferdinand-Storb,
Russlanddeutsche in der Bundesrepublik.
272 Statistische Angaben über die einzelnen Verbände liegen
nicht vor. Einige exemplarische Zahlen zeigen zumindest
eine Tendenz: Nach der Erhebung eines ehemaligen
1133
Fallschirmjägerkompaniechefs über zwei seiner Züge aus
dem Einsatz 2009 bestand Zug 1 aus 33 Soldaten, davon
waren 13 in der ehemaligen UdSSR geboren. Zug 2
bestand aus 34 Mann, davon acht oder neun aus der
ehemaligen UdSSR. 2018 scheint die Zahl der
Russlanddeutschen in der Fallschirmjägertruppe auf rund
zehn Prozent abgenommen zu haben. Diese dürften damit
aber immer noch überrepräsentiert sein. Das
Aufklärungsbataillon 8 in Freyung hatte 2019 von 407
Soldaten 26 mit Migrationshintergrund (6,4 %), davon
kamen 19 aus der ehemaligen UdSSR, vier aus Polen,
einer aus dem Kosovo, einer aus Bulgarien und einer aus
Rumänien. Das Panzerpionierbataillon 803 aus dem
brandenburgischen Havelberg hatte 2019 gerade einmal
2,4 Prozent nicht in Deutschland geborene Soldaten in
seinen Reihen. Beim Panzerbataillon 393 in Bad
Frankenhausen waren es mit 1,5 Prozent noch weniger.
273 Interview mit einem Feldwebel der Gebirgsjägertruppe,
26. 10. 2018.
274 Die Motivation der Soldaten speiste sich keineswegs nur
aus der horizontalen Ebene der Primärgruppen. Auch die
vertikale Ebene spielte eine Rolle. Die meisten Soldaten
hielten die Bundeswehr für eine Organisation, für die es
sich zu kämpfen lohnte. Und niemand wollte in einem
sinnlosen Einsatz sein Leben riskieren. Also legten sich
die Soldaten den Sinn der Mission mehr oder weniger
passend zurecht. Vgl. Seiffert, 22. Kontingent, S. 125.
Die deutsche Militärsoziologie betont die task cohesion –
den als sinnvoll eingeschätzten Auftrag – in besonderem
Maße und zieht dies als Beleg für die Bedeutung der
Inneren Führung heran. Biehl, Kampfmoral und
1134
Einsatzmotivation, S. 300. Vgl. auch Biehl, Kämpfer auf
dem Vormarsch.
275 83 Prozent der gefechtserfahrenen Soldaten einer
repräsentativen Stichprobe des 22. ISAF-Kontingents
gaben im Einsatz an, dass ihr Auftrag häufiger mit
Waffengewalt durchgesetzt werden sollte. 69 Prozent der
Soldaten ohne Gefechtserfahrung beantworteten die
Frage zustimmend. Seiffert, Generation Einsatz, S. 90.
Siehe auch Münch, Die Bundeswehr in Afghanistan, S.
307-312.
276 Tagebuch 8. 4. 2010. Der Tagebuchschreiber ist anonym.
https://www.derwesten.de/incoming/tagebuch-einesdeutschen-in-afghanistan-id3869265.html
277 https://www.derwesten.de/incoming/die-taliban-sitzenuns-direkt-im-nacken-id3884003.html
Derlei gewaltgesättigte Schilderungen findet man in den
einschlägigen Veröffentlichungen deutscher Soldaten aus
Afghanistan nicht. Vgl. dagegen den geradezu harmlosen
Duktus in: Baumann u. a., Feldpostbriefe deutscher
Soldaten aus Afghanistan.
278 Für das 22. Kontingent ist nach einer Befragung drei
Jahre nach dem Einsatz die Kameradschaft das mit
Abstand am meisten genannte Attribut. Seiffert, 22.
Kontingent, S. 125.
279 Tagebuch eines Offiziers, 2011.
280 Zit. nach Hansen, Friedensalltag, S. 271 f. Nach einer
Befragung des 22. Kontingents waren 26 Prozent der
Angehörigen mit Gefechtserfahrung zur Erfüllung des
Auftrags auch bereit, die Gefährdung von Zivilisten
hinzunehmen. Inwieweit man diesen Faktor mit
1135
nachträglichen Befragungen wirklich abbilden kann,
erscheint allerdings zweifelhaft, da die situativen
Faktoren im Gefecht so kaum zu erfassen sind. Seiffert,
22. Kontingent, S. 282.
281 Tagebuch eines Offiziers, 2011.
282 http://nachtwei.de/index.php?
module=articles&func=display&catid=11&aid=886
283 Mitteilung an den Verfasser, 10. 6. 2020.
284 Vgl. auch den Bericht der Kommission zur Untersuchung
des
Einsatzes
des
G36-Sturmgewehres
in
Gefechtssituationen, Berlin 2015, S. 49, und
Glatz/Bach/Sauer, Schützen, Retten, Kämpfen, S. 50 f.
Der Band ist ein gutes Beispiel für eine offiziöse
Publikation, in der in vielen Beiträgen eine idealisierte
Sicht auf den ISAF-Einsatz präsentiert wird. Blickt man
in private Tagebücher, zeigt sich ein anderes Bild.
285 In der britischen Armee hatte der entschlossene
Sturmangriff hingegen eine lange Tradition und wurde in
Ausnahmefällen selbst noch in Afghanistan praktiziert.
So wurde Hauptgefreiter Sean Jones ausgezeichnet, als er
im Oktober 2011 mit seinen Männern einen
Bajonettangriff über 80 Meter freies Gelände durchführte,
um sich aus einem Hinterhalt zu befreien. Es hieß über
ihn: »He epitomised the best qualities of the British
infantry: gritty determination, controlled aggression,
tactical cunning and complete disregard for his own
safety.«
https://www.bbc.com/news/uk-englandshropshire-19755107
https://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/afghan
istan/9571522/Soldier-who-led-Afghanistan-bayonetcharge-into-hail-of-bullets-honoured.html.
1136
286 Atta Mohammad Noor (Gouverneur der Balkh-Provinz
mit der Hauptstadt Masar-e Sharif), Mohammed Daud
Daud (Polizeichef Nordafghanistan; er kam am 28. 5.
2011 bei einem Bombenanschlag der Taliban ums
Leben), Abdul Raschid Dostum, ein usbekischstämmiger
Milizenführer.
287 Tagebuch eines Offiziers, 2011. Zur Verdrängung des
Todes Hansen, Friedensalltag. S. 268–270.
288 Dazu Schröder, Drei Jahreszeiten, S. 43 f.; Interview
Johannes Clair, 23. 8. 2014.
289 Wolfgang Schröder schloss nach seiner Zeit in
Afghanistan als einer der Jahrgangsbesten den
Generalstabslehrgang ab, wurde dann im BMVg
verwendet und kommandiert seit September 2017 als
Oberstleutnant i. G. das Jägerbataillon 1 in
Schwarzenborn.
290 Vgl. http://photobw.info/identifiziert-1928.
291 Marcel Bohnert an den Verfasser, 5. 3. 2020.
292 Ehrenzeichen, S. 22. Eine ähnliche Auszeichnung gibt es
mit der Infantry Combat Badge aber in der US Army. In
der Wehrmacht wurde das Infanteriesturmabzeichen
verliehen, das ungleich höhere Anforderungen als die
Gefechtsmedaille stellte: Es wurde verliehen für die
Teilnahme an drei Sturmangriffen an drei verschiedenen
Kampftagen, wenn die Soldaten mit der Waffe in der
Hand in die vorderste Linie des Gegners einbrachen. Im
Kaiserreich gab es einen entsprechenden Orden nicht.
293 Ehrenzeichen, S. 37.
294 Vom 22. Kontingent haben 53 Prozent selbst feindlichen
Beschuss erlebt, 28 Prozent hatten selbst aktiv an einem
1137
Schusswechsel teilgenommen. Bei denen, die in
Außenposten stationiert waren, lag die Zahl bei 70
Prozent. 29 Prozent haben sogar den Tod von Zivilisten
erlebt. Vgl. Seiffert, 22. Kontingent, S. 7, 83, 90.
295 Die empirische Untersuchung des 22. ISAF-Kontingents
belegt die Wahrnehmungs- und Deutungsunterschiede
von Soldaten, die sich außerhalb des Lagers aufhielten,
und solchen in Stabs- und Versorgungsfunktionen in
vielerlei
Hinsicht,
wenngleich
diese
teilweise
überschaubar sind. Vgl. z. B. Seiffert, 22. Kontingent.
296 Tagebuch eines Offiziers, 2011.
297 Ebenda.
298 Tagebuch eines Stabsfeldwebels, 21. 3. 2008, 22. 3. 2008.
299 Pol-e Chomri, PRT der Ungarn.
300 Tagebuch eines Offiziers, 2011.
301 Der Patch bezieht sich auf die amerikanische BaseballLiga (Major League Baseball) sowie auf das
Computerspiel »Infidel« aus den 1980er-Jahren und steht
symbolisch für einen professionellen und gleichsam
islamophobischen Kämpfer.
302 Tagebuch eines Offiziers, 2011. Zum OP North und den
Special
Forces
auf
»Russian
Hill«
auch
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81302977.html
303 Die Kolonialkrieger des Kaiserreichs etwa erhielten keine
Eisernen Kreuze, sondern die monarchischen Hausorden
wie den preußischen Pour le Mérite oder die
Kolonialgedenkmünzen.
304 Denkbar wäre auch gewesen, eine militärische
Sonderstufe des Bundesverdienstkreuzes zu schaffen, um
1138
dem Orden gesellschaftlich eine höhere Aufmerksamkeit
zu verleihen. Diesen Weg wollte Bundespräsident Horst
Köhler offenbar nicht gehen.
305 Tagebuch eines Offiziers, 2011.
306 Ebenda.
307 Anonymer Teilnehmer der Kämpfe bei Isa Khel, zit. nach
Hansen, Friedensalltag, S. 263.
308 Dazu auch ebenda.
309 Ein an die Afrika-Korps-Palme angelehntes Wappen
führte seit 1959 auch das Panzerbataillon 33, das heutige
Panzergrenadierbataillon 33. Der Legende nach kam es
zu diesem Wappen, weil die ersten Kompaniechefs im
Afrika-Korps gedient hatten. Vgl. https://freundeskreispanzerbataillon33.de/
310 Impulsvortrag Inspekteur des Heeres anlässlich des
Workshops »Tradition und Identität. Welche Tradition
benötigt die Bundeswehr?«, 11. September 2017 in
Koblenz, S. 7. Vollmer war 2009 und 2013/14
Kommandeur des RC North.
311 Aus der Perspektive des Fallschirmjägerbataillons 313:
Mann, German Warriors.
312 Mitteilung an den Verfasser, 1. 7. 2020.
313 Dazu ausführlich Neitzel, Abgehört, S. 29–43.
314 Tagebuch eines Offiziers, 2011. Vom 22. Kontingent
gaben drei Jahre nach dem Einsatz 45 Prozent der
Befragten den politischen Entschluss zum Einsatz als
falsch an oder waren doch skeptisch. 55 Prozent hielten
ihn für richtig. Seiffert, 22. Kontingent, S. 267. Generell
1139
gilt, dass Soldaten mit Gefechtserfahrung skeptischer
waren als solche ohne. Ebenda, S. 273.
315 Tagebuch eines Offiziers, 2011.
316 Ebenda.
317 Soziologen weisen in ihren Bevölkerungsumfragen stets
nach, dass die Streitkräfte ein hohes Ansehen genießen.
Die Klagen über mangelnde Anerkennung der Soldaten
sind allerdings Legion. Bundespräsident Horst Köhler
sprach in diesem Zusammenhang vom »freundlichen
Desinteresse« der Gesellschaft, Verteidigungsminister
Thomas de Maizière davon, dass Soldaten nach
Anerkennung »gieren« würden. Die Diskrepanz zwischen
»gemessener« und »gefühlter« Anerkennung ist
offensichtlich
erheblich.
http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/
Horst-Koehler/Reden/2005/10/20051010_Rede.html.
https://www.zeit.de/politik/deutschland/201302/bundeswehr-maziere-wertschaetzung.
318 Kaum ein Bundespräsident vergaß, die Soldatinnen und
Soldaten auf ihr werteorientiertes Handeln im Sinne des
Verfassungspatriotismus hinzuweisen. Johannes Rau und
Horst Köhler benutzten neben der Werteorientierung auch
den Begriff des Vaterlandes. Die reale Welt des
Bundeswehreinsatzes in Afghanistan mit all seinen
Widersprüchen vermochten sie nicht in Worte zu fassen.
Vgl. z. B. Johannes Rau, 29. 12. 2002; Horst Köhler, 21.
5. 2010; Christian Wulff, 20. 7. 2011; Frank-Walter
Steinmeier, 13. 7. 2017. www.bundespraesident.de.
319 Dazu auch Bohnert, Innere Führung auf dem Prüfstand.
Nur 18 Prozent der Soldaten des 22. Einsatzkontingents
waren 2013 noch der Meinung, dass die deutsche Politik
1140
hinter der Arbeit der Bundeswehr in Afghanistan stehe,
nur 10 Prozent fühlten sich von der Politik wertgeschätzt.
Bei Soldaten mit Gefechtserfahrung lag der Wert noch
niedriger (sieben Prozent). Ähnlich niedrige Werte gibt es
für die Wertschätzung durch die Gesellschaft. Seiffert, 22.
Kontingent, S. 267, 289 f. Befunde ähnlicher Art
Bake/Meyer, German Bundeswehr. Die massiven
Legitimationsprobleme des ISAF-Einsatzes vermochte
Peter Buchner vom Zentrum für Innere Führung nicht zu
erkennen und delegierte die Aufgabe, der Mission Sinn
abzugewinnen, letztlich an die Kompaniechefs weiter.
Buchner,
Baudissins
Legitimationsvorstellungen,
insbesondere S. 27.
320 https://www.spiegel.de/politik/ausland/tabu-bruchguttenberg-spricht-von-krieg-in-afghanistan-a687235.html.
321 Forsa
Umfrage,
https://www.welt.de/politik/deutschland/article7174424/6
2-Prozent-der-Deutschen-fuer-Afghanistan-Abzug.html
Vgl.
auch
Heitmann-Kroning,
Deutsche
Sicherheitspolitik, S. 251.
322 Zahl für September 2008, in: Allensbach Jahrbücher für
Demoskopie 2003–2009, S. 321. Siehe auch Fiebig, Die
Deutschen und ihr Einsatz. Zum internationalen Vergleich
siehe Biehl, United we stand.
323 Naumann, Der blinde Spiegel, S. 48 f. Zu einem
ähnlichen Befund für die Niederlande kam Beatrice de
Graaf, Fighting vs Reconstructing, S. 255 f.
324 Zum Gesamtkomplex auch Heitmann-Kroning, Deutsche
Sicherheitspolitik.
1141
325 »Gewaltige
psychische
Anspannung«,
Volkszeitung, 24. 9. 2009, S. 2.
Leipziger
326 Vgl. Neitzel, Bundeswehr.
327 Bis 1942 war das Militär-Wochenblatt die wichtigste
Fachzeitschrift für das Militär, seit 1955 avancierte die
Truppenpraxis dazu, die aber im Jahr 2000 eingestellt
wurde.
Vgl.
auch
Pöhlmann,
Militärische
Fachzeitschriften der Bundeswehr; ders., Deutsche
Militärfachzeitschriften.
328 Ahrens, Humanität, S. 152.
329 Herzog u. a., Von friedlichen Aufbauhelfern, S. 161.
330 2011 und 2012.
331 »Die Afghanistan-Lüge«, von Mathis Feldhoff, Uli Gack,
Andreas Huppert, ZDF 2010; »Unser Krieg«, von
Michael Renz, ZDF 2011; »Am Rande des Krieges. Mit
der schnellen Eingreiftruppe der Bundeswehr in
Afghanistan«, von Günther Henel, ARD 2009; »Auf
verlorenem Posten – Der Kampf um Afghanistan«, von
Marc Perkins, Phil Rees, ZDF 2009; »An vordersten
Fronten – Kriegsalltag in Afghanistan«, SWR 2010.
332 Etwa: Wieker, Afghanistan. Der Initiative von
Generalleutnant a. D. Rainer Glatz ist es u. a. zu
verdanken, dass das ZMSBw mittlerweile Zugang zu den
Akten des Afghanistan-Einsatzes erhalten hat und von
dieser Seite neue quellengesättigte Studien zu erwarten
sind.
333 Daneben: Wohlgethan, Endstation Kabul; ders.,
Operation Kundus. Mein zweiter Einsatz in Afghanistan;
Gross, Ein schöner Tag zum Sterben; dies., Das ist auch
1142
euer Krieg; Brinkmann/Hoppe/Schröder, Feindkontakt;
Brinkmann/Hoppe, Generation Einsatz; Buske, Kunduz.
334 Beispielsweise Wiesendahl, Athen oder Sparta; ders.,
Bundeswehr; ders., Zurück zum Krieger; HerbergRothe/Thiele, Vom Staatsbürger in Uniform; DörflerDierken, Identitätspolitik der Bundeswehr, S. 147 ff. Vgl.
auch Daxner/Mann, Veteranen.
335 Kümmel, Das soldatische Subjekt; Haltiner/Kümmel,
Hybridisierung des Soldaten.
336 Küenzlen, Kämpfer in postheroischer Zeit.
337 Herberg-Rothe, Demokratische Krieger.
338 Was freilich selbst Bundespräsident Frank-Walter
Steinmeier in seiner Rede im Camp Marmal am 13. 7.
2017
festhielt.
https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/
Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2017/07/170713-AFGMasar-i-Scharif.html.
339 Bohnert/Reitstetter,
Armee
im
Aufbruch.
Zur
Entstehungsgeschichte
vgl.
https://www.panzertruppe.com/detailansicht/armee-imaufbruch.html
Bereits ein Jahr zuvor publizierten drei junge Leutnante
der Bundeswehr-Universität München ein ähnliches
Buch, das wegen seines wissenschaftlichen Duktus aber
keine Aufmerksamkeit fand. Böcker/Kempf/Springer,
Soldatentum.
340 Jan Hecht etwa stellte sich bei einer Rede in Münster
dezidiert als »Kämpfer« vor, der »das Privileg hatte,
einen Panzergrenadierzug über einen langen Zeitraum,
auch im Einsatz und im Gefecht in Afghanistan zu
1143
führen«. Dass es sich bei ihm trotz der Kampferfahrung
nicht um ein »Spartaner« handelte, zeigt sich darin, dass
er etwa dezidiert darauf verwies, dass »der Schutz der
Bevölkerung immer unser höchstes Ziel« gewesen sei.
Manuskript Rede »Liebesmahl 1 GE/NL Corps,
Afghanistan mit vollem Einsatz«, 27. 9. 2011.
341 https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-undlehre/bundeswehrstudenten-rechnen-mit-deroeffentlichkeit-ab-13445907.html?
printPagedArticle=true#pageIndex_2.
342 Dass 78 Prozent der Mannschaftssoldaten und 60 Prozent
der Unteroffiziere keine oder wenig Kenntnis von der
Vorschrift für Innere Führung hatten, zeigt, dass diese
Kenntnis offenbar nicht essenziell war, um die Aufgaben
zu erfüllen und trotzdem nicht zu einer Gefahr für die
Demokratie zu werden. Zit. nach Bohnert, Innere
Führung, S. 89.
343 Martin Schelleis, Offizier als Staatsbürger, in Loyal
2/2015, S. 17.
344 Ein ausführliches Radiointerview mit ihm findet sich
unter:
https://www.ndr.de/nachrichten/info/BirkhoffInnere-Fuehrung-ist-zu-komplex,audio268894.html
Birkhoff hat – wie die Hauptleute von Unna und die
Leutnante 70 – anscheinend keine Nachteile in seiner
beruflichen Laufbahn erlitten und dient heute als
Hauptmann im militärischen Nachrichtenwesen.
345 Er bezog sich in seinem Beitrag vor allem auf die
Berichte von Unteroffizieren seines im OP North
eingesetzten Panzergrenadierbataillons.
346 Eine Zusammenfassung und Replik auf die Debatte in
Marcel Bohnert, Armee im Aufbruch. Zum anhaltenden
1144
Diskurs um das Buch der Leutnante 2014, Hamburg
2016,
siehe:
https://www.researchgate.net/publication/313876513.
347 Clair, Vier Tage im November, S. 100, 128, 208.
348 Dies legt zumindest eine Suche im Google Books Ngram
Viewer nahe.
Die in Bundeswehrkreisen häufig kolportierte Verbindung
zum mittelalterlichen Lehnswesen, gewissermaßen als
Ausdruck des Verhältnisses von Lehnsherr und
Lehnsnehmer, ist aus historischen Quellen nicht
nachzuweisen. Die Losung »Treue um Treue« oder
»Treue gegen Treue« scheint weder im Mittelalter noch
in der Frühen Neuzeit gebräuchlich gewesen zu sein.
349 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Görlitz,
Stuttgart 1921, S. 328.
350 Stimpel, Fallschirmjägertruppe, 2009, S. 259 f.
351 So 1954 durch den späteren Generalmajor Oskar Munzel
am Grabe von Heinz Guderian. »Wir halten ihm die
Treue, wie er sie uns gehalten hat. Treue um Treue.«
BArch-MA, N 447/46, S. 6.
352 Werner von Scheven, Politische Bildung in der
Bundeswehr, 31. 1. 1979, S. 6, BArch-MA, N 992/50.
353 So argumentiert überzeugend Bindewald, Der Kampf ist
die Klammer?, S. 48–69.
354 Etliche ehemalige Generäle haben Kasdorf für seine
Entscheidung deutlich kritisiert, so etwa sein Vorgänger
im Amt, Hans-Otto Budde. Dazu: http://www.ehrenmalheer.de/tiki-index.php?page=Nachrichten06c
1145
355 Dazu kritisch: Timmermann-Levanas, Die reden – wir
sterben. Entsprechende Literaturhinweise in: Seiffert, 22.
Kontingent, S. 139. Einen kurzen Überblick bietet:
Biesold, Seelisch verwundet. Beim 22. ISAF-Kontingent,
das von März bis Oktober 2010 im Einsatz war, befanden
sich nach der Studie von Anja Seiffert drei Jahre nach
dem Einsatz noch 10 Prozent in ärztlicher oder
psychologischer Behandlung. Bei den Gefechtserfahrenen
lag die Quote bei 15 Prozent. Seiffert, 22. Kontingent, S.
15, 109, 115, 142. Bislang noch nicht veröffentlicht war
die grundlegende Studie Heß/Seiffert/Steinbrecher,
Einsatz und Trauma.
356 Sangar, Historical Experience, S. 230–233.
357 Ebenda, S. 228.
358 Im Januar 2010 hatte die Bundeswehr gerade mal 280
Mentoren für die ANA beschäftigt und sollte die Zahl auf
amerikanischen Druck auf 1400 erhöhen. Murphy an
Commander in Chief US Army Europe, 1. Februar 2010.
http://wikileaks.org/plusd/cables/10BERLIN138_a.html
Das Mentoring für die afghanischen Spezialkräfte durch
das KSK begann erst 2010.
359 Vgl. Kilcullen, Counterinsurgency; Farrell, Unwinnable;
Bolger, Why we lost; Münch, Die Bundeswehr in
Afghanistan, S. 246-266.
360 Wirklich beurteilen kann man dies erst nach Freigabe der
Akten. Bislang gibt es darüber eher Mutmaßungen. So
auch bei Dyson, Organisational Learning, Kapitel 6–9,
dessen Buch aber immerhin auf einem breiten
Interviewpanel beruht.
361 Sachstand zur Aufwuchsfähigkeit der Bundeswehr im
Kalten Krieg, in der Nachwendezeit und nach Aussetzung
1146
der Wehrpflicht. Wissenschaftliche Dienste Deutscher
Bundestag WD 2-3000-032/18.
362 2017 kam noch der Cyber- und Informationsraum als
neuer Organisationsbereich hinzu.
363 Bericht der Strukturkommission der Bundeswehr Oktober
2010. Vom Einsatz her denken. Konzentration,
Flexibilität, Effizienz, S. 34. https://www.roderichkiesewetter.de/fileadmin/Service/Dokumente/20101026weise-kommisionsbericht.pdf.
364
https://www.bundesrechnungshof.de/de/veroeffentlichung
en/produkte/bemerkungenjahresberichte/jahresberichte/2019/einzelplanbezogenepruefungsergebnisse/bmvg/18.
365 Zum Kampfhubschrauber
einsatzbereit, S. 286–350.
»Tiger«
Raabe,
Bedingt
366 http://www.bundeswehr-journal.de/2019/das-problemsteckt-in-der-aufgeblaehten-kaste-der-generaele/.
Die Höchstzahl der Bundeswehrgeneräle im Kalten Krieg
wird für das Jahr 1985 mit 206 angegeben. Loch,
Generale, S.74.
367 Die Gorch Fock II ist seit 1958 im Dienst der Deutschen
Marine. Nahezu alle Offizieranwärter der Marine
absolvierten vor 2015 eine Ausbildungsfahrt auf dem
Segelschulschiff.
368 Moderne
Tanker
und
Frachter
haben
eine
durchschnittliche Werftliegezeit von unter sieben Tagen.
369 Das BAAINBw ist der Nachfolger des Bundesamtes für
Wehrtechnik und Beschaffung. Mit der Zentralisierung
der Bundeswehr ist die Nutzungsverantwortung und
1147
damit die Planung der Bedarfe von den Teilstreitkräften
auf das BAAINBw übergegangen. Seit seiner Gründung
kämpft das BAAINBw mit einer dauerhaften
Personalunterdeckung.
370 Das Territorialheer, von dem in den Achtzigerjahren zwei
Brigaden ins Feldheer übernommen wurden, war schon
bis 1993 aufgelöst worden.
371 Bericht des Bundesministeriums der Verteidigung zur
materiellen Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme
der Bundeswehr, November 2016.
372 Tagebuch eines Obergefreiten, der 2014 auf einem SBoot am UNIFIL-Einsatz teilnahm. Diverse Eintragungen
im März und April 2014.
373 Ebenda, 24. 4. 2014. Vgl. auch Demmer/Goffart, Ursula
von der Leyen, S. 196 f.
374 Ebenda, S. 188 f.
375 Das Oberlandesgericht Frankfurt hatte den Verdacht der
Vorbereitung
einer
schweren
staatsgefährdenden
Gewalttat als nicht hinreichend belegt angesehen, worauf
die Bundesanwaltschaft Beschwerde einlegte und vom
Bundesgerichtshof im November 2019 Recht bekam. Das
OLG Frankfurt muss nun einen Prozess gegen Franco
Albrecht
durchführen.
https://www.sueddeutsche.de/politik/franco-a-prozessterrorverdacht-bundesgerichtshof-1.4688315.
376 Jahresbericht Wehrbeauftragter 2017, S.
Jahresbericht Wehrbeauftragter 2018, S. 57.
18
f.;
377 https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/202001/rechtsextremismus-bundeswehr-militaergeheimdienstkommando-spezialkraefte.
1148
Die Zahl der überführten Extremisten blieb 2019 im
niedrigen zweistelligen Bereich: acht Rechtsextreme, vier
Reichsbürger, zwei Islamisten wurden überführt.
378 Vgl. dazu Birk/Heinemann/Lange, Tradition für die
Bundeswehr.
379 Vgl.
z.
B.
Leutnantsbuch
Offizieranwärterjahrgangs, 2011, S. 356.
des
81.
380 Tradition und Identifikation im Heer. Ergebnisse I. D/N
Corps. Die Studie liegt dem Verfasser vor.
381 Die Luftwaffe führte 2018 eine Umfrage zum
Traditionsbild durch, die sich auf immerhin 970
Rückläufer stützen konnte. Die Frage nach der
Wehrmacht oder ihren Vorläufern spielte in dem
Fragebogen allerdings keine Rolle. So wäre denkbar
gewesen, dezidiert nach der Traditionswürdigkeit der
Geschwadernamen
»Immelmann«,
»Richthofen«,
»Boelcke« und »Mölders« zu fragen. Die Anlage der
Studie und die knappe Veröffentlichung erinnern an
einige dem Verfasser vorliegende Studien des Heeres zum
Traditionsverständnis
etlicher
Verbände
und
Organisationsbereiche, die politisch unerwünschte
Ergebnisse von vornherein ausschließen sollten. Benkert,
Traditionsverständnis aus Sicht der Truppe.
382 Impulsvortrag des Inspekteurs des Heeres anlässlich des
Workshops »Tradition und Identität. Welche Tradition
benötigt die Bundeswehr?«, 11. September 2017 in
Koblenz, S. 6. Vollmer hatte sich schon 2013 in
Afghanistan in einer kleineren Runde gegenüber seinem
Vorgänger Bruno Kasdorf in ähnlicher Weise geäußert,
wie aus Teilnehmerkreisen zu erfahren war.
1149
383 Scianna, Italienisches Heer und Österreichisches
Bundesheer; ders., The Italian War, S. 78, 268–269, 290;
ders., A Blueprint for Successful Peacekeeping?
384 Mit Ausnahme der Marine, denn 1848 wurde von der
Nationalversammlung die erste deutsche Reichsflotte
gegründet.
385 Jörg Vollmer, Die Essenz der Dinge, in: Die Bundeswehr,
Juli 2017, S. 27; Impulsvortrag des Inspekteurs des
Heeres anlässlich des Workshops »Tradition und
Identität. Welche Tradition benötigt die Bundeswehr?«,
11. September 2017 in Koblenz, S. 10. Siehe auch sein
Vorgänger Generalleutnant Freers in; Leutnantsbuch des
81. Offizieranwärterjahrgangs des Heeres, S. 7. Sangar,
Bundeswehr, S. 128–133.
386 Kayss, Identity, S. 83 f., vgl. auch S. 114–120. Ganz
anders sieht es Heiko Biehl, für den sich in der
Bundeswehr nur »einige Soldaten« am Kämpferideal
orientieren. Biehl, Kämpfer auf dem Vormarsch, S. 67.
387 Exzellent porträtiert in der Stern-Reportage von Jan
Christoph
Wiechmann,
Drei
Krieger
https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/dreikrieger-von-jan-christoph-wiechmann-6827354.html.
388 In diese Richtung argumentiert auch Mirko Bindewald,
der in seiner Studie feststellt, dass die Kampferfahrung in
Afghanistan cum grano salis nur eine untergeordnete
Rolle in der Traditionsarbeit der Bundeswehr spielt.
Bindewald, Der Kampf ist die Klammer?, insb. S. 69–75.
389
https://augengeradeaus.net/2020/04/verteidigungsminister
in-erinnert-an-karfreitagsgefecht-2010-bereit-das-eigeneleben-einzusetzen/.
1150
390 Kayss, Identity, S. 156.
Resümee
1
In einer Mittlerposition ließe sich etwa Brigadegeneral
Eberhard Wagemann einordnen, der den umstrittenen
Eike
Middeldorf
als
Kommandeur
der
7.
Panzergrenadierdivision in Unna ablöste. Er hatte
Grashey bei dessen Rede vor der Führungsakademie im
März 1969 deutlich widersprochen. Im Dezember 1970
warb er dafür, Verständnis für die Skepsis gegenüber dem
Militär zu haben, und wertete dies als politische
Mündigkeit. Den von jungen Menschen herbeigeführten
Wertewandel sah er als »Zeichen unserer Welt«. Vgl.
Eberhard Wagemann, Verteidigungsbereitschaft und
Zeitgeist, Dezember 1970, BArch-MA, N 736/27.
Wagemann wurde wegen seines Führungsstils an der
Führungsakademie
und
kritischer
öffentlicher
Äußerungen über Minister Leber 1977 vorzeitig
entlassen. Später wurde er von Minister Wörner als
konservative
Stimme
zur
Überarbeitung
des
Traditionserlasses herangezogen. Zustimmung erhielt
Heinz Karst vor allem aus den Kampftruppen.
Unterstützende Stimmen sind auch vom Historiker
Walther Hubatsch, dem Religionswissenschaftler Julius
Schoeps, dem späteren Generalmajor Hanno Graf
Kielmansegg und dem späteren Generalinspekteur Jürgen
Brandt überliefert. »Viele Offiziere bemühten sich, dem
von Ihnen gezeigten Weg des Soldatentums zu folgen«,
schrieb Klaus-Dieter Krause an Karst, 29. 11. 1969,
BArch-MA, N 690/116.
2
Friedrich Beermann hielt ihn für einen gefährlichen
Demagogen und unterstellte ihm, dass er sich zum
»ideologischen Führer der Bundeswehr« entwickeln
1151
werde
und
diese
von
einer
»tödlichen
Befreiungsideologie beherrscht werde, die uns zum 3.
Mal, aber endgültig ins Verberben reißt«. Anlass der
Befürchtung,
dass
Karst
einen
Krieg
zur
Wiedergewinnung der verlorenen Ostgebiete vom Zaun
brechen würde, war ein Denkmal in dessen Lüneburger
Aufklärungsbataillon, das die Wappen der Ostprovinzen
zierte. Vgl. Tagebuch Beermann, 26. 8. 1960 sowie 18. 9.
1960, BArch-MA, N 597/96, S. 35–39.
3
Vgl. insbesondere Wessling, »Die Generalität auf dem
Wege nach Athen? Karst meinte, mit dieser Publikation
sei die Diskussion nicht mehr weit vom Niveau des
»Stürmers« entfernt. Heinz Karst an Oberstleutnant
Gerhardt, 2. 9. 1969, BArch-MA, N 690/115.
4
Schon die KVP-Zeitung aus den 1950er-Jahren hieß »Der
Kämpfer«.
5
So die Losung zum Ausbildungsjahr 1978/79 anlässlich
des 30. Jahrestags der DDR. Poller, Die Geschichte der 4.
Motorisierten Schützendivision, S. 143.
6
Die Formulierung geht auf Joseph Verbovsky zurück, der
an der Universität der Bundeswehr München und der
Universität Potsdam an einer Dissertation zum deutschen
strukturellen Pazifismus arbeitet.
7
https://www.hardthoehenkurier.de/index.php/allenachrichten/270-rede-der-bundesministerin-derverteidigung-dr-ursula-von-der-leyen-anlaesslich-der-51muenchner-sicherheitskonferenz.
8
Neitzel/Scianna, Deutsches Krisenmanagement, S. 51.
1152
Quellen und Literatur
1. Quellen
Bayerisches Hauptstaatsarchiv/Kriegsarchiv, München
(BayHStA)
Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht
Armeeoberkommando 6
Bibliothek für Zeitgeschichte, Stuttgart (BfZ)
Tagebuch Otto Borggräfe
Bundesarchiv, Koblenz (BArch-Ko)
B 206
Bundesnachrichtendienst
Bundesarchiv/Militärarchiv, Freiburg (BArch-MA)
BH 1
Bundesministerium
der
Führungsstab des Heeres
BH 2
Heeresamt
BH 7
Korps
BH 8
Divisionen
BH 9
Brigaden
BH 11
Formationen der Infanterie
BW 1
Bundesministerium der Verteidigung – Leitung,
zentrale Stäbe, zivile Abteilungen
BW 2
Bundesministerium
Generalinspekteur
Streitkräfte
BW 4
Militärattachéstäbe
der
und
Verteidigung
Verteidigung
Führungsstab
–
–
der
1153
BW 18
Zentrum für
Bundeswehr
BW 57
Bund der Fallschirmjäger e. V.
BWD 1
Bundesministerium
Amtsdrucksachen
DVW 1
Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR
ZA 1
Operational History (German) Section der
Historical Division der US-Army/Studiengruppe
Wehrmachtführung und Heer
Pers 1/4190
Analysen
und
der
Studien
der
Verteidigung
–
Gerlach von Gaudecker-Zuch
Pers 1-12636, -103926 Hans Kroh
Pers 1/12636
Walter Gericke
Pers 1/30087
Hellmut Grashey
Pers 1/79531, 182578
Harry Herrmann
Pers 6/194, 29986
Carl Hilpert
Pers 6/625
Hans-Georg Hildebrandt
Pers 6/73, -300737
Hermann Balck
Pers 6-300637
Rudolf Sieckenius
MSG 2
Sachthematische und biografische Sammlung zur
deutschen Militärgeschichte
MSG 239
Sachthematische und biografische Sammlung zur
Geschichte der Bundeswehr
N 10
Smilo Freiherr von Lüttwitz
N 221
Hermann Geyer
N 247
Hans von Seeckt
N 325
Friedrich Olbricht
1154
N 382
Alwin Lyding
N 389
Ulrich Dinkelaker
N 447
Oskar Munzel
N 460
Gerlach von Gaudecker
N 473
Rudolf Herms
N 542
Heinrich Greiner
N 574
Heinrich von Vietinghoff
N 596
Hermann Büschleb
N 597
Friedrich Beermann
N 647
Hermann Balck
N 651
Ernst Ferber
N 666
Artur Weber
N 673
Ulrich de Maizière
N 690
Heinz Karst
N 717
Wolf Graf von Baudissin
N 726
Kurt Gerber
N 736
Carl-Gero von Ilsemann
N 739
Theodor Groppe
N 802
Familiennachlass Guderian
N 842
Heinz Trettner
N 860
Heinrich Eberbach
N 992
Werner von Scheven
N 995
Joachim-Albrecht von Holleuffer
N 999
Heinz Günther Guderian
1155
RH 1
Heeresleitung/Oberkommando des Heeres (OKH)
RH 2
OKH, Generalstab des Heeres
RH 3
OKH, Generalquartiermeister
RH 10
OKH, Generalinspekteur der Panzertruppen
RH 11-I
OKH, General der Infanterie
RH 11-II
OKH, General der Artillerie
RH 12-12
Abteilung Kraftfahrwesen des Heeres
RH 12-23
Heeressanitätsinspektion/Chef
Wehrmachtsanitätswesens
RH 19-X
Oberbefehlshaber Süd
RH 20
Armeeoberkommandos
RH 21
Panzerarmeeoberkommandos
RH 24
Generalkommandos
RH 26
Infanteriedivisionen
RH 28
Gebirgsdivisionen
des
RH 31-XV Verbindungsstab der deutschen Wehrmacht beim
italienischen Armeeoberkommando 6
RH 37
Verbände und Einheiten der Infanterie des Heeres
RH 53
Wehrkreiskommandos
RH 68
Chef des Ausbildungswesens im Ersatzheer
RH 82
Verbände und Einheiten der Panzergrenadiere des
Heeres
RL 32
Fallschirm-Panzerkorps »Hermann Göring«
RL 33
Verbände und Einheiten der Fallschirmtruppe der
Luftwaffe
1156
RM 36
Deutsches Marinekommando Italien
RW 58
Zerstörerflottillen der Kriegsmarine
RW 6
OKW/Allgemeines Wehrmachtamt
Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der
Sowjetunion (CAMO)
Zusammengefasstes Material zur Erfassung von Erfahrung
von Kämpfen und Operationen gegen den deutschen
Faschismus
Fond 410, 1110, 1253, 11222
Bestand 500
Deutsche Dokumente in Archiven der
Russischen Föderation
Findbuch 12451 Oberkommando des Heeres
Findbuch 12454 Heeresgruppe B
Findbuch 12466 Panzerarmeen
Findbuch 12472 AOK 1–10
Findbuch 12474 Armeekorps
Findbuch 12477 Infanterie- und Sicherungsdivisionen der
Wehrmacht, 1934–1945
Findbuch 12478 Panzerdivisionen
Findbuch 12480 Beutedokumente
Militäraufklärung
der
sowjetischen
Deutsches Tagebucharchiv, Emmendingen (DTA)
Ecke Demandt, Soldat in Deutschland. Anekdoten und
Reflexionen, Meckenheim 1988/89, DTA 4008-1
Ernst-August Frede, Erinnerungen, DTA 4311-1
1157
Fritz J. Krüger, »Im Gleichschritt Marsch«. Wehrdienst in
Oldenburg, 1962–1964, DTA 3394-5
Erich Hinkel, Zwölfender der ersten Stunde. Erinnerungen an
meine Bundeswehrzeit 1957–1959, Ingelheim 2008, DTA
1717
Imperial War Museum, London (IWM)
Rede Ferdinand Schörner, o. D., EDS AL 2831
The National Archives, London (TNA)
FCO 33
Foreign Office, Western European Department
FO 371
Foreign Office, Political Departments: General
Correspondence from 1906–1966
WO 171
War Office: Allied Expeditionary Force, North
West Europe, Second World War
WO 204
Military Headquarters Papers: Allied Forces
Headquarters (Italy)
WO 208
Directorate of Military Intelligence
National Archives, College Park, Maryland (NARA)
RG 59
Department of State
RG 339
Federal Election Commission
RG 407
Adjutant General’s Office
RG 498
Headquarters, European Theater of Operations,
Army (World War II)
Personalakten Hellmut Grashey, Heinz Karst, Albert Schnez
NATO-Archiv, Brüssel
Saceur’s Combat Effectiveness Reports, 1951–1981
1158
Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv
Stuttgart (HStAS)
M 365
Württembergischer Landeskommandant
M 660
Militärischer Nachlass Walther Reinhardt
Private Quellen
Tagebuch von Dr. Alfred Bauer, 1914–1918
Tagebuch von Heinz Ersfeld, 1940
Erinnerungen von Josef Moll, o. D.
Tagebuch von Josef Moll, 1941
Nachlass Willy Peter Reese, 1941–1944
Tagebuch von Ferdinand von Senger und Etterlin, 1942, 1944
Tagebuch von Lorenz Treplin, 1915
Tagebuch eines Stabsoffiziers des 1. SFOR-Kontingents, 1997
Tagebuch eines Stabsoffiziers (I), 2006
Tagebuch eines Stabsfeldwebels, 2008
Tagebuch eines Stabsoffiziers (II), 2009
Tagebuch eines Stabsoffiziers (III), 2009, 2010
Tagebuch eines Offiziers, 2011
Tagebuch eines Mitglieds der Task Force 47, 2013
Tagebuch eines Obergefreiten der Marine, 2014
Zeitzeugeninterviews
Hartmut Bagger, 1996–1999
Bundeswehr, 17. 11. 2018
Generalinspekteur
Johannes
Clair,
2010
Stabsgefreiter
Fallschirmjägerkompanie, 23. 8. 2014
in
der
einer
1159
Wolfgang
Geist,
2002
Oberstleutnant
Einsatzführungskommando, 4. 12. 2019
im
Robert Graf, 2009 Oberstleutnant und stellv. Kommandeur des
PRT Kunduz, 2. 7. 2020
Helge Hansen, 1965 Adjutant von Wolf Graf von Baudissin,
26. 2. 2020
Niels Janeke, 1996 Chef der Luftlandepionierkompanie 260, 3.
1. 2020
Hans-Peter von Kirchbach, 1960 in die Bundeswehr
eingetreten, 1998/2000 Generalinspekteur der Bundeswehr,
10. 12. 2018
Georg Klein, 2009 Oberst und Kommandeur des PRT Kunduz,
15. 3. 2019
Christoph Müller, 2001/02 Sonderbeauftragter Afghanistan
des AA, 26. 10. 2015, 5. 1. 2018, 8. 6. 2018
Henning von Ondarza, 1968/70 Adjutant von Hellmut Grashey
und Albert Schnez, 26. 2. 2020
Kai Rohrschneider, 2009 Oberst und Kommandeur des PRT
Kunduz, 19. 2. 2020
Friedrich Schacht, 1987/88 Wehrpflichtiger des FschJgtBtl.
273 Iserlohn, 26. 4. 2018
Reinhardt Zudrop, 2010 Oberst und Kommandeur des PRT
Kunduz, 10. 3. 2020
mit einem Feldwebel der Gebirgsjägertruppe, 26. 10. 2018
mit
einem
ehemaligen
Kompaniechef
Fallschirmjägertruppe, 31. 1. 2020
der
mit
einem
ehemaligen
Wehrpflichtigen
Fallschirmjägertruppe, 3. 2. 2020
der
1160
mit
einem
im
Karfreitagsgefecht
Fallschirmjägeroffizier 18. 3. 2020
eingesetzten
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Der Herbstfeldzug 1914. Der Abschluß der Operationen im
Westen und im Osten, Berlin 1929; Bd. 14: Die
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Verzeichnis der Abkürzungen
Ia 1. Generalstabsoffizier (Operationen)
Ib 2. Generalstabsoffizier (Nachschub)
Ic 3. Generalstabsoffizier (Feindlage)
Id 4. Generalstabsoffizier (Ausbildung)
A Armee
AA Auswärtige Amt
ABC Atomare/Biologische/Chemische (-Waffen)
ABM Anti-Ballistic Missile
ADM Atomic Demolition Munitions (Atomminen)
A-Einsatz Atomwaffeneinsatz
AfD Alternative für Deutschland
AFG Afghanistan
AK Avtomat Kalashnikova
ANA Afghan National Army
ANP Afghan National Police
ARRC Allied Rapid Reaction Corps
ASprK Atomsprengköpfe
AFCENT Allied Forces Central Europe
AFHQ Allied Forces Headquarters (im Mittelmeerraum)
AFNORTH Allied Forces Northern Europe
A. K. Armeekorps
A. O. K./AOK Armeeoberkommando
APO Außerparlamentarische Opposition
1251
ASprK Atomsprengkörper
Aug. August
A-Ziel Atomwaffenziel
BAINBw Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik
und Nutzung der Bundeswehr
BArch-Ko Bundesarchiv, Koblenz
BArch-MA Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg
Batls.Kdr. Bataillons-Kommandeur
BayHStA Bayerisches Hauptstaatsarchiv
BE Belgian
BEBGenInsp Beauftragter für Erziehung und Bildung beim
Generalinspekteur der Bundeswehr
BEA Amt des Beauftragten für Erziehung und Ausbildung des
Generalinspekteurs
BEAGenInsp Beauftragter für Erziehung und Ausbildung
beim Generalinspekteur der Bundeswehr
BGS Bundesgrenzschutz
BIP Bruttoinlandsprodukt
BND Bundesnachrichtendienst
BMVg/BMVtg Bundesministerium der Verteidigung
BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung
Bn. Bataillon (englisch)
BR/Brit. British
Bttr. Batterie
1252
CAMO Zentralarchiv des russischen
Verteidigungsministeriums
Can.-Korps Canadian Korps
CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands
CENTAG Central Army Group
CIA Central Intelligence Agency
CIMIC Civil Military Cooperation
CJ9 ISAF-Stabsabteilung für die zivil-militärische
Zusammenarbeit
COIN Counterinsurgency
Col. Colonel
COMISAF Commander of ISAF
CSDIC Combined Services Detailed Interrogation Centre
CSU Christlich-Soziale Union
ČSSR Čekoslovenska Socialisticka Republika
(Tschechoslowakische Sozialistische Republik)
DDP Deutsche Demokratische Partei
DEU/Deutschl. Deutschland
Dez. Dezember
DIN Deutsches Institut für Normung
Div. Division
DKP Deutsche Kommunistische Partei
DNA Deoxyribonucleic Acid
DNVP Deutschnationale Volkspartei
DTA Deutsches Tagebucharchiv
1253
Dt.EinsKtgt Deutsches Einsatzkontingent
DVB Deutscher Verbindungsstab
DVP Deutsche Volkspartei
DVU Deutsche Volksunion
d. R. der Reserve
einschl. einschließlich
EK Entlassungskandidaten
EPA Einmann-Packung
EZ Entwicklungszusammenarbeit
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
FDJ Freie Deutsche Jugend
FDP Freie Demokratische Partei
Feb. Februar
FR French
Franz. Französisch
FS Fernschreiben
Fü H Führungsstab Heer
FschJgBtl Fallschirmjägerbataillon
FschJgDiv Fallschirmjägerdivision
GenLt Generalleutnant
G1 Generalstabsoffizier für Personalangelegenheiten
G2 Generalstabsoffizier für militärische Sicherheit und
Nachrichtenwesen
G3 Generalstabsoffizier für Führung, Organisation,
Ausbildung
1254
G8 Gruppe der Acht
GBR Großbritannien
GdA Garde-Armee
GdP/GdPA Garde-Panzerarmee
GE German
g./Geh. Geheim
GenKdo Generalkommando
GenQu Generalquartiermeister
Gen. St. Generalstab
GI Government issue/Bezeichnung für einen einfachen
Soldaten in der US-amerikanischen Armee
gKdos geheime Kommandosache
Gren. Rgt./GR Grenadier-Regiment
GRU Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (sowjetischer
Militärgeheimdienst)
GSSD Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland
GST Gesellschaft für Sport und Technik
GTZ Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit
He Heinkel (Deutscher Flugzeughersteller)
H.Dv. Heeresdienstvorschrift
H.Gr. Heeresgruppe
HIAG Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der
Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS
HIG Hizb-i Islami Gulbuddin
HIS Hamburger Institut für Sozialforschung
1255
HJ Hitlerjugend
HLKO Haager Landkriegsordnung
HStAS Hauptstaatsarchiv Stuttgart
HUMINT Human Intelligence
IBU Islamische Bewegung Usbekistan
i. G. im Generalstab
IED Improvised Explosive Device
IFOR Implementation Force
INF Intermediate Range Nuclear Forces
Inf.-Brig. Infanterie-Brigade
Inf.-Div. Infanterie-Division
InspdH Inspekteur des Heeres
I. R. Infanterie Regiment
ISAF International Security Assistance Force
ITA Italy
Italien. Italienisch
Jan. Januar
Jusos Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und
Jungsozialisten in der SPD
Kdr. Kommandeur
KFOR Kosovo Force
Kfz. Kraftfahrzeug
KG Kommandierender General
KBW Kommunistischer Bund Westdeutschland
Km Kilometer
1256
Kp. Kompanie
KP Kommunistische Partei (Polen)
KPD Kommunistische Partei Deutschlands
Kps. Korps
KSK Kommando Spezialkräfte
KSZE Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa
K.-u.-k. Kaiserlich und königlich
KT-Wert Kilotonnen
KTB Kriegstagebuch
KVP Kasernierte Volkspolizei
KZ Konzentrationslager
LOC Line of Communication (größere Straße)
LKW Lastkraftwagen
MAD Militärischer Abschirmdienst
Masch.-Gewehre Maschinen-Gewehre
MAD Militärischer Abschirmdienst
Mars Marinearsenal
MdB Mitglied des Bundestags
MdR Mitglied des Reichstags
Me Messerschmitt (Deutscher Flugzeughersteller)
MEDEVAC Medical Evacuation
MeS Masar-e Sharif
Mg./MG Maschinengewehr
MND Mulit National Division
1257
Mot. Motorisiert
MSD motorisierte Schützendivision
MUKdo Marineunterstützungskommando
MND SE Multinational Division South East
N North
NARA National Archives, College Park, USA
NATO North Atlantic Treaty Organization
NDS National Directorate of Security (Afghanistan)
NKWD Narodnyj kommissariat wnutrennich del (sowjetischer
Inlandsgeheimdienst)
NL Netherland
Nördl. Nördlich
NORTHAG Northern Army Group
NPD Nationaldemokratische Partei Deutschlands
NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
NSFO Nationalsozialistischer Führungsoffizier
NSWP Nicht-Sowjetische Warschauer Pakt-Armee
NVA Nationale Volksarmee
OB Oberbefehlshaber
OEF Operation Enduring Freedom
OffzKorps Offizierkorps
OHL Oberste Heeresleitung
OKH Oberkommando des Heeres
Okt. Oktober
OKW Oberkommando der Wehrmacht
1258
OMLT Operational Mentoring and Liasion Team
OMT Opposing Militant Forces
OP North Beobachtungsposten Nord
ODA Operational Detachement Alpha
O. Z. A.K Operationszone Adriatisches Küstenland
PA Personalamt
PEK Pol-e Chomri
PDS Partei des Demokratischen Sozialismus
PRT Provincial Reconstruction Team
Pz Panzer
PzDiv Panzerdivision
PzGrenDiv Panzer-Grenadier-Division
QRF Quick Reaction Force
RC Regional Command
REFORGER Return Forces to Germany
Reg/Rgt. Regiment
RPG Rutschnoi Protiwotankowy Granatomjot (PanzerabwehrGranatwerfer)
ROE Rules of Engagement
Russ. Russisch
SA Sturmabteilung
SALT Strategic Arms Limitation Talks
San-Bereich Sanitäts-Bereich
SD Sicherheitsdienst des Reichsführers SS
SD Schützendivision
1259
SDI Strategic Defense Initiative
SDS Sozialistischer Deutscher Studentenbund
SE South East
SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (DDR)
Sept. September
SFOR Stabilisation Force
Skl Seekriegsleitung
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands
SPW Schützenpanzerwagen
SS Schutzstaffel
Sts Staatssekretär
SW South West
TIC Troops in Contact
TNA The National Archives, London
TOW Tube Launched Optically Tracked Wire
TUR Turkey
UCK Ushtria Çlirimtare e Kosovës (Befreiungsarmee des
Kosovo)
Uffz. Unteroffiziere
UNIFIL United Nations Interim Force in Lebanon
UN/UNO United Nations Organization
UNOSOM United Nations Operation in Somalia
UNPROFOR United Nations Protection Force
UvD Unteroffizier vom Dienst
VdS Verband deutscher Soldaten
1260
VRD Vorderer Rand der Verteidigung
ZMSBw Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr
1261
Bildnachweis
Abb. 1, 2: Niels Janeke; Abb. 3: Bundesarchiv, Bild 183-R27319; Abb. 4:
Bundesarchiv, Bild 136-B0016; Abb. 5: Interfoto/Friedrich; Abb. 6: bpk; Abb.
7: IWM (Q 1471); Abb. 8: Bundesarchiv, Bild 183-P1013-318; Abb. 9: Getty
Images (Hulton Archive/Freier Fotograf); Abb. 10: Bundesarchiv, Bild 1461972-089-05 A; Abb. 11: Bundesarchiv, Bild Y 1-548-782-72; Abb. 12: SZ
Photo/Süddeutsche Zeitung Photo; Abb. 13: bpk; Abb. 14: Bundesarchiv, Bild
101I-732-0118-03; Abb. 15: Bundesarchiv, Bild 101I-265-0040 A-22 A; Abb.
16: Bundesarchiv, Bild 101I-708-0300-11; Abb. 17: Carl Henrich/Süddeutsche
Zeitung Photo; Abb. 18: picture alliance/AP; Abb. 19: Bundesarchiv, Bild 101I278-0877-18; Abb. 20: Bundesarchiv, Bild 101I-586-2215-11 A; Abb. 21:
Center of Military History: Anzio Beachhead 22 January – 25 May 1944.
Washington D. C. 1990, S. 2; Abb. 22: IWM (NA 11406); Abb. 23: NARA
Washington, D. C.; Abb. 24: Bundesarchiv, Bild 101I-310-0895-13 A; Abb. 25:
Bundesarchiv, Bild 101I-311-0947-14 A; Abb. 26: Getty Images (George
Silk/Kontributor); Abb. 27: ullstein bild; Abb. 28: The National World War II
Museum, New Orleans; Abb. 29: United States Holocaust Memorial Museum,
courtesy of B. Ashley Grimes II; Abb. 30: bpk; Abb. 31: privat; Abb. 32:
Friedrich von Senden; Abb. 33: Bundesarchiv, B 145 Bild-F030710-0026; Abb.
34: privat; Abb. 35–37: Friedrich von Senden; Abb. 38: Niels Janeke; Abb. 39:
Ulrike Lindhorst; Abb. 40: Bundesarchiv, Bild 183-Z1007-011; Abb. 41:
Bundesarchiv, Bild 183-J1014-0025-001; Abb. 42, 43: ullstein bild/AP; Abb.
44–50: privat; Abb. 51: Bundesarchiv, B 145 Bild-00216028; Abb. 52: privat;
Abb. 53, 54: Marcel Mettelsiefen; Abb. 55–58: privat; Abb. 59, 60: Patrick
Seeger/dpa
© DER SPIEGEL 41/1962, 52/1963, 33/1966, 36/1966, 5/1966, 47/1967, 43/1967,
23/1965, 38/1968, 50/1968, 3/1969, 15/1971
© DER SPIEGEL 49/1975, 34/1976, 23/1980, 15/1983, 18/1987, 10/1990
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