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Author: Abrahams M.
Tags: geschichte allgemeine geschichte forschung historische forschung
ISBN: 3-7643-5941-2
Year: 1999
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Text
AIR
Annals of Improbable Research
ACHTUNG:
Hochexplosives Gemisch
Wirksame Bestandteile:
Naturwissenschaften, Technik, Medizin, Literatur, Kunst. Enthält außerdem 3% biologisch
abbaubares Füllmaterial entsprechend den empfohlenen täglichen akademischen Mindestauf nahm em engen.
Empfohlene Dosis:
Eine Ausgabe alle zwei Monate. Kann mit den Mahlzeiten eingenommen werden. Zusätzliche
Dosen mini-AIH aus dem Internet können einmal monatlich hinzugefügt werden.
WARNUNG:
Inhalt wirkt unerwartet bildend und informativ, insbesondere auf Eltern, die allergisch gegen
Naturwissenschaften, Technik, Literatur oder Kunst sind. Hohes Suchtpotential.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 1997 unter dem
Titel "The Best of Annais of Improbable Research (AIR)" bei
W.H. Freeman and Company, New York and Basingstroke,
USA.
First published in Ihe United States by W.H. Freeman and
Company, New York, New York and Basingstroke.
Copyright © 1998 by Marc Abrahams. All Rights Reserved.
Die Deutsche Bibliothek - ClP-Einheitsaufnähme
Der Einfluß von Erdnußbutter auf die Erdrotation :
Forschungen, die die Welt nicht braucht / Marc Abrahams
(Hrsg.). Aus d. Amerikan. von Gabriele Herbst. - Basel;
Boston ; Berlin : Birkhäuser, 1999
Hinheitssacht.: The best of annals of improbable research
<dt.>
ISBN 3-7643-5941-2
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Hechte, insbesondere die des Nachdrucks, des
Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der
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Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist
grundsätzlich vergütungspfüchtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
© 1999 der deutschsprachigen Ausgabe: Birkhäuser Verlag,
Postfach 133, CH-4010 Basel, Schweiz
Umschlaggestaltung: WSP Design, Heidelberg
Gedruckt auf säurefreiem Papier, hergestellt aus chlorfrei
gehleichtem Zellstoff. TCF ~
Printed in Germany
ISBN 3-7643-5941-2
987654321
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Inhalt
Die mit (*) gekennzeichneten Beiträge beruhen auf Material, das unmittelbar aus der ganz normalen Forschung (und anderer und daher immer korrekter Literatur) stammt. Viele andere Beiträge sind ebenfalls
echt, wir wissen nur nicht welche.
7 Widmung und Dank
Ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte - die Annais of Improbable
Research und der IgNobelpreis
11 Die unwahrscheinliche Geschichte von AIR
16 Grundsteinlegung mit Internet-Barbie
19 Ig, Ig, IgNobel - die etwas andere Auszeichnung
22 Die IgNobelpreisträger
Astronomie, Physik und Fressalien
35 Kinetik der Inaktivierung von Glasgeräten
41 Chaostheorie: Belege für den Schmetterlings effekt
44 Die Top-Quark-Tour von AIR
45 Bericht über den Stand des Schlafforschungsprojekts
46 Ein seltsamer Teilchenbeschleuniger
in der Schweiz
47 Die Aerodynamik von Kartoffelchips
51 Der Einfluß von Erdnußbutter auf die
Erdrotation
53 Mundozentrismus
55 Der Zusammenhang zwischen Tornados und
Trailern
58 Geringe Wahrscheinlichkeit weiterer
Entführungen durch fremde Lebewesen*
60 Planmäßige UFO-Sichtungen
Hochtechnologie und moderner Alltag
63 Das Laser-Raclette
67 Nanotechnologie und die physikalischen
Grenzen der Toastbarkeit
70 Der Möbel-^4irbag - Ein Ausblick auf die
Sicherheitstechnik der Zukunft
71 Projekt AIRhead 2000*
73 Die Pop-Tart-Lötlampe
Physik und Metaphysik
79 Die Quanteninterpretation des Intelligenzquotienten (QI des IQ)
si Der allgegenwärtige Heilige Gral*
85 Der unerforschliche Ratschluß Gottes
Die neue Chemie
89 Äpfel und Birnen: ein Vergleich
91 Die Xerox-Vergrößerungsmikroskopie (XVM)
93 Wissenschaft sinnlich erfahrbar gemacht:
Rubbeln und Riechen
94 Das politisch korrekte Periodensystem der
Elemente
6
Mathematik und Modelle
Biologie und Medizin
97 Das Okamura-Fossüienlabor*
103 Zur taxonomischen Zuordnung von Barncy
110 Die traurige Krabbe aus Südafrika
m Zyklische Schwankungen beim Wachstum von
Gras
112 Fröhliche Hefe
in Ein Mann, eine Frau, eine Hefe*
114 Fadenwürmer und Hieroglyphen
iu. Der Surferin-Pilz
Medizin und Biologie
119 Übertragung von Gonorrhoe durch eine
aufblasbare Puppe*
120 V o n M i l b e n u n d M e n s c h e n *
122 Erfolglose Elektroschockbehandlung eines
Klapperschlangenbisses*
124 Das Micky-Maus-Gen
i2f. Arrivederci, Aroma: eine Analyse des Parfüms
DNA
128 Magischer Pheromoncoupon
124 Fifty Ways to Love Your Liver
130 Die Heilwirkung von Pusten auf kleinere
Verletzungen
133 Fetaler Mann i m Mo nd
134 Das Grabmal des unbekannten Zahnarztes
137 Fortschritte der Forschung zur Künstlichen
Intelligenz
1^8 Die Mathematik von Telefonnummern
140 Der Wert der liebe anhand des Bob-DylanModells
142 Das Paradigrnenparadox
14^ Das Star-Modell der alljährlichen BadeanzugAusgabe
Forschung und Lehre
147 Anleitung für Dozentinnen und Dozenten
148 Tote im Unterricht
ir>o Eine Methode zur Weckung und Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit von Studenten
151 Die Annals of Scientific Education
152 Jugend forscht: Ein Fruchtgummi wurm auf dem
Bürgersteig
153 Die Virtuelle Akademie: Das Jahr 1 - ein Bericht
IM
Wie man einen wissenschaftlichen Aufsatz
schreibt
157 Die wissenschaftliche Gemeinschaft von innen -
Klatsch und Tratsch
158 Besondere Empfehlung des Hauses zur weiteren
Lektüre*
7
Widmung
Alexander Kohn starb
wenige Wochen, bevor
die erste Ausgabe von
AIR erschien. In allem,
was er unternahm, ergriff Alex mit Weisheit,
Freundlichkeit und Humor Partei für die Neugier und den gesunden
Menschenverstand
und
wandte sich als furchtloser und kluger Agent
provocateur gegen die
Ausbreitung von Jargon, Phrasendrescherei
und Selbstbetrug. Morgens war Alex Emeritus für Virologie an der Medizinischen Hochschule von Tel Aviv. Abends war er
Forscher auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte. (Sein Buch False Prophets schildert auf
faszinierende Weise die Aufklärung und die Geschichte des wissenschaftlichen Betrugs. Ein anderes Buch, Fortune and Failure, untersucht die Rolle
des Zufalls in der wissenschaftlichen Forschung.)
Nachts, oft in der Maske von Dr. X. Perry Mental
(ein Pseudonym, das er sich mit Harry Lipkin
teilte), verfaßte Alex einige der ulkigsten und geistreichsten Kommentare, Parodien und Satiren, die
je geschrieben wurden. Alex besaß die Liebe und
Bewunderung vieler Menschen allerorten. Alle, die
seine Werke kennen, und insbesondere diejenigen,
die das Glück hatten, ihn persönlich zu kennen,
vermissen ihn furchtbar.
Dieses Buch ist Alex gewidmet, außerdem meinen Eltern und meiner Schwester Jane sowie meiner Nichte Kate und meinem Neffen Jesse, die beide unwahrscheinlich und unbezähmbar sind.
Dank
AIR würde es ohne die Hilfe vieler außergewöhnlicher Menschen nicht geben, ein paar werden auf
den folgenden Seiten erwähnt. Einige ganz besondere Menschen möchte ich hervorheben, sie verdienen es, gesondert genannt und mit großzügigen
Schokoladeporüonen bedacht zu werden: Sid Abrahams, Stanley Eigen, Mark Dionne, Sip Siperstein,
Nicki Sorel, Jerry Lettvin, Bob Rose, Amy Gorin,
Dudley Herschbach, Bill Lipscomb, Rieh Roberts,
Shelly Glashow, Bob (Smitty) Smith, Deb (Symmetra) Kreuze, Howard Zaharoff, Karen Hopkin, Lynn
und Steve Baum, Len Finegold, Lois Malone, Miriam Bloom, Jim Stoll, Jim Mahoney, Brenda
Twersky, Steve Nadis, Jo Rita Jordan, Roland Sharrillo, Jon Connor, Chris Small, Jerry Lotto, Ariane
Cherbuliez, Gary Dryfoos, Joe Wrinn sowie das
stets produktive, aber nie zu fassende Paar Stephen
Drew und Alice Shirrell Kaswell haben alle oftmals
und in verschiedener Weise Erstaunliches geleistet,
um Wunder zu wirken und Katastrophen zu verhüten. Sollten Sie sich jemals festgefahren haben oder
eine geniale Idee brauchen, dann suchen Sie sich
zwei von ihnen aus und tun Sie alles, um sich ihrer
Hilfe und Gesellschaft zu versichern.
Gute Agenten und Verleger sind rar und müssen
wie ein Schatz gehütet werden. Meine Agentin Regula Noetzle hat sich als genauso überraschend
und zuverlässig erwiesen wie ihr Name. Holly Hodder, meine Lektorin bei W. H. Freeman and Company, ist eine reiche, verläßliche Quelle guter Ideen,
klarer (und zutreffender und nützlicher!) Kritik sowie perfekt dosierter Ermutigung. Danken möchte
ich auch den anderen Mitarbeitern von W. H. Freeman, die für dieses Buch ihr Bestes gaben: Kate
Ahr, Diana Blume, Patrick Farace, Paul Rohloff,
Sheridan Seilers und Susan Wein.
Und an Martin Gardner, der mich auf den Pfad
der Unwiederholbarkeit und Unwahrscheinlichkeit
führte:
Dank der Übersetzerin
Die Übersetzerin dankt:
Manuel Breuning, Darmstadt
Dr. Ernst Guggolz, Mannheim
Dr. Heike Kühn, Boston
Dr. Ingolf Löffler, Steinen
Inge Löwenfeld-Simon, Hamburg
Dr. Thomas Meyer, Boston
Dr. Sabine Schräg, Überlingen
Dr. Armand Simon, Hamburg
Dr. Klemens Skorka, München
Die unwahrscheinliche
Geschichte von AIR
Die Annais of Improbable Research, kurz AIR, sind
alles mögliche - erstens eine Zeitschrift, die Wissenschaft mit Humor betrachtet. Wenn Sie so was
lesen, sind Sie vielleicht versucht, das Buch gleich
in die Ecke zu pfeffern, weil Sie:
aj mit Wissenschaft nichts anfangen können und
das Buch sowieso nicht verstehen würden; oder
b) die Wissenschaft lieben und meinen, daß sie zu
wichtig ist, als daß man sich darüber lustig machen dürfte.
In beiden Fällen mögen Sie recht haben. Doch ich
bezweifle das.
Die Naturwissenschaften liegen Ihnen nicht? Ich
wette, Sie haben nie miterlebt, wie zutiefst menschlich und kurios, faszinierend und schlichtweg schön
sie für die Menschen sind, die sich ihr ganzes Leben
lang damit beschäftigen. Ja, Wissenschaftler und
Mediziner und Professoren sind Menschen und
nicht etwa übermenschliche Genies. Die meisten jedenfalls. Sie werden das Buch nicht verstehen? Ich
wette, das werden Sie doch! Lassen Sie sich nicht
mehr von diesem grandios schlechten Physik- oder
Chemielehrer, den Sie in der siebten Klasse hatten,
ins Bockshorn jagen. Wissenschaft ist nicht das
Pauken blöder Begriffe und fader Fakten. Wissenschaft hat etwas mit Fragenstellen zu tun - je
„dümmer" und einfacher, desto besser - und außerdem mit dem gewitzt und hartnäckig verfolgten
Versuch, vernünftige Antworten zu bekommen.
Wissenschaft ist zu wichtig, um darüber zu lachen? Ha. Wissenschaft ist zu menschlich, zu lustig
und zu wichtig, um nicht darüber zu lachen. Einer
der Herausgeber der Annais wandte sich einmal an
den berühmten, aber stets düster gestimmten
Astronomen Carl Sagan und schlug ihm vor, sich
unserer kleinen, aufmüpfigen Bande anzuschließen. Wie mir die Geschichte berichtet wurde, gab
Sagan unwillig zur Antwort, das, was wir täten, sei
„gefährlich, weil es die Leute dazu bringt, über
Wissenschaftler zu lachen". Ich glaube, Sagan hat
uns mißverstanden. Was wir wollen, ist, die Leute
dazu zu bringen, mit den Wissenschaftlern mitzulachen, wenn sie sich über diese verrückte Welt
und sich selbst amüsieren.
Nicht nur für Wissenschaftler
AIR ist nicht bloß ein Magazin für Humor in der
Wissenschaft, sondern eines generell für Humor.
Etliche Wissenschaftler haben uns erzählt, daß die
Annais die einzige ihrer abonnierten Zeitschriften
ist, die auch ihre Familienangehörigen und Freunde lesen. AIR ist nicht nur billiger, sondern, wie ich
zu behaupten wage, auch anregender, umfassender und sogar interessanter als Leber Magen Darm,
Nachrichten aus Chemie, Technik und Laboratorium oder Vakuum in der Praxis.
AIR deckt praktisch alle vorstellbaren Themen
ab, wenn auch häufig aus einem Blickwinkel, wie
ihn nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Unsere Leser und unsere Autoren kommen aus allen Ecken,
Nischen und Kellerlöchern des Lebens - Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Techniker, Journalisten, Englischdozenten, Schwedischdozenten,
Hebräischdozenten, Deutschdozenten, Chinesischdozenten (Sie haben's erfaßt ... jede Menge Dozenten), Fußball- und Footballspieler, Baseballspieler,
Synchronschwimmer (allerdings lesen diese die Annals meist asynchron), Künstler, Klempner, Dachdecker, Pastoren, Rabbis, Priester, Nonnen und
Auktionatoren.
Denken ist möglich, sogar im
Unterricht
AIR ist auch, ob man es glaubt oder nicht, ein pädagogisches Werkzeug, und das nicht nur auf College- und Universitätsniveau. Mittel- und Oberstu-
12
Behauptung aus einer offiziellen Quelle verdient es,
daß man zumindest einen Moment lang nachdenkt,
bevor man etwas glaubt.
Real existierende Satire
AIR 1:1 (Januar/Februar 1995). Das war die allererste Ausgabe.
fendozenten pflegen AIR-Artike\ zu kopieren und
sie kommentarlos an ihre Studenten zu verteilen.
Spätestens nach drei Minuten platzt der erste heraus: „He, Moment mal. Was ist denn das?" An dieser Stelle setzt das ein, was gute Lehrer lieben und
schlechte fürchten: Die Studenten stellen für den
Rest des Tages, und vielleicht den Rest der Woche,
alle möglichen Fragen. Die Neugier hat ihren großen Auftritt.
Wir von AIR verfolgen durchaus eine ernste Absicht, die weit mehr als nur den regulären Unterricht aufs Korn nimmt. Auf unsere wohlwollendgrößenwahnsinnige Art bemühen wir uns, Menschen allerorten dazu zu verführen, über das, was
ihnen Fernsehen, Zeitschriften- und Zeitungsberichte sowie offizielle Stellen vorsetzen, nachzudenken. Viele der Berichte auch in den angesehensten Zeitungen und Fernsehmagazinen, ob sie nun
mit Wissenschaft zu tun haben oder nicht, sind
rundherum genauso widersinnig und genauso sinnvoll wie all das, was Sie in AIR finden können. Jede
AIR sorgt außerdem - und das voll Stolz - dafür,
daß zahlreiche Unternehmungen, die zu den schillerndsten und beeindruckendsten der Welt zählen,
gebührend dokumentiert werden. Im allgemeinen
besteht etwa die Hälfte des Inhalts jeder Ausgabe
aus ganz regulären Berichten über ganz real existierende Forschungsprojekte und trifft damit eine
Auslese aus den mehr als zehntausend „ernsthaften" Fachzeitschriften, die heute erscheinen. Unsere Leser sehen in uns eine zentrale Clearingstelle
für ihre Lieblingsforschungsberichte und überschütten uns mit einer stetigen Flut von Fotokopien, Faxen und E-Mails. Die echten Beiträge kennzeichnen wir (siehe Inhaltsverzeichnis) und liefern
gewöhnlich ausreichende Informationen mit, so
daß Sie in die Bibliothek gehen und den Originalartikel einsehen können. Jede Ausgabe der Annais
enthält mehrere Rubriken („Afffhead Research Review", „A/flhead Medical Review", „Affihead Legal
Review" usw.), die vollgestopft sind mit solchem
Zeug. Einige Juwelen aus dieser Fülle erscheinen
in diesem Buch unter dem Titel „Besondere Empfehlung des Hauses".
Wie nimmt sich AIR im Vergleich zu anderen
wissenschaftlichen Zeitschriften aus? Der Leser
Avraham Sonenthal beantwortet diese Frage in einem Leserbrief .so: „Sie bezeichnen AIR als ,die
Zeitschrift für aufgeblasene Forschung und Personen ...'. Da befinden Sie sich in guter Gesellschaft.
Das könnte auf praktischjede bestehende Fachzeitschrift zutreffen."
Wohl wahr, doch einen sehr wichtigen Punkt
möchte ich unterstreichen. Eine Forschungsarbeit
kann sowohl a) lustig als auch b) solide Wissenschaft sein. Und sie kann außerdem c) wichtig sein.
Andererseits kann sie auch einfach bloß a) bleiben.
Da und dort und allerort
AIR erscheint sechsmal im Jahr und geht an Leser
in zahlreiche Länder. Auch im Internet sind wir
groß vertreten. Unser kostenloser monatlicher
Newsletter mini-AIR ist vollgestopft mit Leckerbissen, die zu klein oder zu aktuell für die Zeitschrift
sind.
13
Vor kurzem wurde dort das offizielle AffiheadMotto in deutscher Sprache bekanntgegeben, das
da lautet „Luft, Luft, nichts als Luft" und sehr bald
Anlaß zu Zank und Hader gab. Ein Druckfehler,
noch verschlimmert durch die obskure Quelle des
Zitats, erzürnte oder entflammte viele Leser, insbesondere Dr. W—f aus München, der uns freundlicherweise eine 16bändige Ausgabe seiner eigenhändig verfaßten deutschen Grammatik sandte, für
die wir ihm herzlich danken.
Weitere Informationen erhalten Sie, wenn Sie
eine E-Mail an unseren automatischen Informationsdienst „info@improb.com" schicken oder bei
unserer sinnigerweise „HotAffi" betitelten WebSite vorbeischauen: http://www.improb.com oder
http://www.improbable.com. Unsere Postadresse
lautet: AIR, P.O. Box 380853, Cambridge, MA, USA.
Ab und an werden Sie an den unwahrscheinlichsten Stellen auf uns stoßen, etwa in Vorlesungen
und Diashows über unwahrscheinliche Forschungen und über die IgNobelpreise. Die amerikanische
Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft
(AAAS) läßt uns aus irgendeinem Grund im Rahmen ihrer Jahreskonferenz ein eigenes Seminar
über unwahrscheinliche Forschung anbieten.
Sanders Theatre aus hatte Dr. Moi eine großartige
Sicht auf die Weltpremiere des „Lamento del Küchenschabe", einer Minioperette für Mezzosopran
und Nobelpreisträger. Mehr über die IgNobelpreise
erfahren Sie in diesem Kapitel unter „Ig, Ig, IgNobel - die etwas andere Auszeichnung". Im Oktober
1997 fand die Siebente Erste Jährliche IgNobelpreisverleihung statt. Ich hoffe, Sie werden hinfort
Ihre Augen für Personen offenhalten, die IgNobelpreiswürdig sind. Bitte schicken Sie uns Ihre Nominierungen.
Unsere kuriose
nichtreproduzierbare Geschichte
Wir sind ein kurioser Haufen, wie immer man „kurios" auch definiert. Und wir haben eine lange Geschichte.
1955 brütete Alexander Kohn, von Haus aus Virologe, einen wissenschaftlichen Artikel aus, der
Ig, Ig, IgNobel
Und dann gibt es da noch die IgNobelpreise. 1991
rief ich mit der Hilfe nicht weniger Freunde und
Kollegen eine kleine Zeremonie ins Leben, mit der
Leute geehrt wurden, deren Leistungen „nicht wiederholt werden können und sollen". Wir vergaben
zehn Preise. Also eigentlich überreichten vier Träger des echten Nobelpreises (im Gegensatz zum
IgNobelpreisJ, angetan mit Groucho-Marx-Brillen,
die Trophäen. Seither hat sich dieses kleine Ritual
zu einer alljährlich ausverkauften Veranstaltung
im größten Auditorium der Harvard-Universität
ausgewachsen, die von 1200 erstklassigen Exzentrikern besucht und über den öffentlichen Rundfunk, den Fernsehsender C-SPAN und über das Internet übertragen wird. Letztes Jahr flog Dr. Harald Moi, Koautor des medizinischen Fallberichts
„Übertragung von Gonorrhoe durch eine aufblasbare Puppe" auf eigene Kosten von Oslo nach Cambridge, um den IgNobelpreis für Öffentliche Gesundheitspflege persönlich entgegenzunehmen
(vier weitere Preisträger nahmen ihre Preise entweder ebenfalls selbst in Empfang oder schickten
Vertreter). Von seinem Stuhl auf der Bühne des
AIR 2:1 (Janu&r/Februar 1996) war eine Sonderausgabe zur
Fünften Ersten Jährlichen IgNobelpreisverleihung. Das Titelblatt zeigte zwei der fünf Nobelpreisträger beim Vortrag
des Gedichts „DNA und grüne Eier mit Schinken".
14
folgenden Titel trug: „Die Kinetik der Inaktivierung
von Glasgeräten". Darin beschrieb er die verschiedenen Arten und Weisen, auf die Kolben, Reagenzgläser und ähnliches aus dem Labor verschwinden.
In die Kopfzeile des Artikels schrieb Alex „Journal
qfIrreproducibleResults, Band 2, Nummer 1". Bald
danach tat er sich mit dem Physiker Harry Lipkin
zusammen, und die beiden publizierten viele Jahre
lang das Journal von Israel aus. Das Journal wuchs
und gedieh, bis die Flut der Abonnementswünsche
Alex und Harry schier zur Verzweiflung trieb. Die
Leute wollten für so was auch noch bezahlen!
(Anm. d. Ü.: Auf Deutsch erschienen zwei Sammelbände mit dem Titel Journal der unwiederholbaren
Experimente I und //. Frankfurt, Wolfgang Krüger
Verlag, 1986 und 1989, vergriffen.)
Deshalb trafen Alex und Harry eine Übereinkunft mit einem Geschäftsmann, der die Abonnentenverwaltung übernahm, so daß sie sich weiterhin
um die Inhalte kümmern konnten. Dieses Arrangement schuf jedoch Probleme, auf die ich hier nicht
eingehen möchte, von denen Ihnen Harry aber
gerne erzählt, wenn Sie ihn zu einem Kaffee einladen.
Viele Jahre gingen ins Land. Irgendwann hatte
das Journal seine Blütezeit hinter sich und war nur
mehr ein Schatten seiner selbst. 1990 betrat ich
dann die Bühne.
Ich hatte schon seit Jahren so allerlei zu Papier
gebracht und geduldige Freunde damit beglückt,
mich jedoch niemals ernsthaft um eine Veröffentlichung bemüht. Meist trieb ich mich in der Welt der
Software herum, wo ich an Dingen wie der „Kurzweil-Lesemaschine für Blinde" arbeitete oder eine
Firma namens „Weisheitssimulatoren" gründete,
wo wir komplexe kognitive Kenntnisse verschiedener Fachvertreter simulierten. Schließlich schickte
ich ein paar von meinen Artikeln an Martin Gardner, dessen kluge, witzige, mathematisch-naturwissenschaftlich-literarische Kolumne im Scientific
American mir bis zu jenem traurigen Tag Anfang
der achtziger Jahre, an dem Martin in den Ruhestand ging, stets immenses Vergnügen bereitet hat.
Sollten Sie Martins Kolumne niemals zu Gesicht bekommen haben, dann empfehle ich Ihnen dringend, die nächste Buchhandlung aufzusuchen und
sich eines seiner Bücher zu Gemüte zu führen.
Martin gab mir freundlicherweise den Rat, die
Adresse von einem Dings mit dem Titel Journal of
Irreproducible Results herauszuknobeln, für das er
gelegentlich geschrieben hatte, das aber seines
Wissens nicht mehr erschien. Man könnte es trotzdem versuchen, meinte er, denn es gebe keine andere Publikationsmöglichkeit für Humor in der
Wissenschaft.
Ich begab mich also in die Bibliothek (direkt,
nicht über Los), grub tatsächlich eine alte JournalAdresse aus und schickte meinen Packen Artikel ab.
Nicht allzu lange danach rief mich der Verleger des
Journal of Irreproducible Results an und fragte
mich, ob ich nicht Herausgeber des Journals werden wollte. Einige Tage später, nachdem ich ein
Exemplar mit eigenen Augen gesehen hatte, sagte
ich zu.
Als eine der ersten Amtshandlungen schrieb ich
an Alex Kohn, der hocherfreut war, daß sich jemand gefunden hatte, der versuchen wollte, das
Journal wieder zum Leben zu erwecken. Alex wurde mein Mentor, hauptsächlich per Post und später
per F.-Mail, gelegentlich auch über Telefon. Im
Herbst 1991 verbrachten Alex und ich in Woods
Hole fast eine ganze Woche miteinander; in dieser
Zeit erfuhr ich eine Menge. Auch Harry Lipkin
klinkte sich wieder ein, und mit Hilfe der beiden
Gründerväter und aller anderen, die ich dazu überreden konnte, bekam das Journal bald wieder Aufwind. Ich interviewte etliche Nobelpreisträger, von
denen einige sich als Scherzkekse höchsten Grades
entpuppten und ganz wild darauf waren, zu der
rasch anwachsenden Bande dazuzustoßen. Und
1991 rief ich mit Hilfe vieler wunderbarer und
wunderbar exzentrischer Leute die IgNobelpreisverleihung ins Leben.
Vom Journal of Irreproducible
Results zu den Annals of
Improbable Research
Unwahrscheinlicher- und unvorhersagbarerweise
gab es in dem Verlag, dem das Journal gehörte, einen personellen Wechsel, und plötzlich war man
absolut nicht mehr scharf darauf, das Journal weiterlaufen zu lassen. Mehrere Jahre lang bemühten
wir „nichtreproduzierbaren Leute" uns, Überzeugungsarbeit zu leisten, und versuchten sogar, das
Journal zu kaufen und selbst zu verlegen. Schließlich jedoch zeichnete sich glasklar ab, daß es keine
Möglichkeit gab, das Journal in der Form, wie es
Alex und Harry, später ich und alle übrigen Mitarbeiter fast vierzig Jahre lang gestaltet hatten, zu
retten.
15
Also verließen wir Anfang 1994 das Journal und
fingen ganz von vorne an. Die Annals of Improbable
Research wurden geboren. Alex Kohn dachte sich
den neuen Namen aus; auch der alte war seinem
Hirn entsprungen.
Da wir nicht über Mittel, nicht einmal über die
alte Abonnentenliste des Journal verfügten, begannen wir mit den Annais im Internet in einer abgespeckten Version. Seit ein oder zwei Jahren verfaßte ich regelmäßig einen Newsletter und versandte ihn per E-Mail. 1994 initiierte ich einen
neuen Newsletter, mini-AIR. Dieser gewann eine
rasch wachsende Leserschaft und in gewissem Sinn
auch Einfluß. Schließlich verkündete er, daß wir
Subskriptionen für ein demnächst erscheinendes
Druckerzeugnis, die Annais of Improbable Research, annehmen würden. Viele Leute aus allen
Ecken und Enden sandten uns daraufhin Schecks viele auch gute Artikel. Im Januar 1995 erblickte
die erste Ausgabe von AIR das Licht der Welt.
Diejenigen Leser, die uns auf unserer nichtreproduzierbaren - nein, unwahrscheinlichen - Reise
begleitet haben, wissen, daß wir noch mehr Abenteuer erlebt haben. Doch das ist eine andere Geschichte.
Was ist was?
Die meisten Artikel in diesem Buch erblickten zuerst in AIR oder mini-AIR das Tageslicht oder das
Dunkel der Nacht. Einige erschienen, bevor AIR geboren war. Die meisten Beiträge sind mit Daten
versehen, in dem einen oder anderen Sinn dieses
Wortes.
AIR 1:2 (März/April 1995) war eine Sonderausgabe für Lehrer und Dozenten. Sie machte zudem einer nichtsahnenden
Welt Internet-Barbie bekannt.
Grundsteinlegung
mit Internet-Barbie
Dieser Artikel erschien in AIR 1:2 (März/April 1995).
Ende 1994 beschlossen wir, die Geburt der Annais
mit einer Grundsteinlegung zu feiern. Wir wollten
am MIT einen Grundstein mit Zeitdokumenten in
der Erde versenken und schrieben einen Wettbewerb aus, um die Frage zu entscheiden: „Was/Wer
soll in den Grundstein hineinkommen?" Unter den
Vorschlägen waren Ross Perot, Prinz Charles, Newt
Gingrich, Bill Clinton, Elvis, Carl Sagan und, an der
Spitze aller Nennungen, Bill Gates. Alle diese Personen lehnten es jedoch ab, mit dem Grundstein
vergraben zu werden. Dieser Stein ist insofern einzigartig unter allen 1994 versenkten Grundsteinen,
als er NICHTS enthält, das mit 0. J. Simpson zu tun
hat.
Die Gewinner des Wettbewerbs erhielten nichts;
schließlich hatten ihn Luftikusse ausgeschrieben.
Es folgt der Siegervorschlag von Leser Donald
Turnblade:
„Ich schlage vor, ein Symbol in den geplanten
Grundstein einzuschließen, das die Eigenschaften
des Internet verkörpert. Es sollte zum einen die
Vernetzung durch das Internet verkörpern, zum
andern die Tatsache, daß diejenigen, die das Internet bevölkern, Menschen sind, und schließlich den
Charakter der Kommunikation im Internet sowie
den Geist desselben zeigen. Eine halbnackte Barbiepuppe mit Glasfaserkabeln anstelle des Haares
würde die Sache also recht gut treffen."
Was mit dem Grundstein versenkt
wurde
Alle Objekte wurden vor dem Einschließen in die
Kapsel sorgfältig mit einer Müllpresse präpariert.
Folgende Gegenstände sind mit dem Grundstein
vergraben worden:
• ein Strafzettel für falsches Parken
• ein gebrauchter Kaugummi eines Nobelpreisträgers
• eine Tüte Mc Donald's-Fritten
• Madonnas spitzer BH
• Internet-Barbie
• ein Pentium-Chip, montiert auf einer spiritistischen Alphabettafel
• Plakat „Penisse des Tierreichs"
• eine Erinnerung an den kalten Krieg (Pakete
hochradioaktiven Abfalls)
• ein Fläschchen Max Factor 2000 Calorie Mascara (stellvertretend für Projekt AIRhead 2000)
• die erste Ausgabe von AIR
• vier Power Rangers als „Wächter des Grundsteins"
Das AIR-Team entwickelte dieses funktionierende Modell einer Internet-Barbie.
17
Während IQ-Rekordhalterin und
AIR- Kuratoriumsmitglied Marilyn
Vos Savant Suppe ißt, erläutert ihr
Kuratoriumskollege Dr. Thomas Michel seinen „Leitfaden für eine politisch korrekte Kardiologie". Der
AIR-Herausgeber Marc Abrahams
schaut zu. Darüber posiert Bob Hersey als lebendes Bild des Logos von
AIR, des Stinkers. Foto: John Nanian.
• eine Aufstellung der Kosten des Grundsteins
• ein IgNobelpreis von 1994 (ein halbes Gehirn
aus Wachs, montiert auf einem billigen hölzernen Ständer)
• drei Bakterien
• Sternenkarte (keine Karte der Himmelskörper,
sondern der Domizile von Hollywood-Stars und Sternchen)
• eine Dose Spam-Frühstücksfleisch, signiert von
Robin Leach (dem amerikanischen Alfred Biolek, d.U.). Leach sandte zudem auf Band gesprochene Glückwünsche und ein Chili-Rezept.
• eine Kopie von Microsoft Windows
• Marilyn Vos Savants Suppenteller, Löffel und
Serviette
• Haferkleie und ein Laufschuh
• ein Tütchen Trockenmittel
• Potpourri
Beim Graben der Grube stieß man auf einen
Grundstein, der 1914 versenkt worden war. Er
wurde geborgen und geöffnet. Der Inhalt ist im folgenden aufgeführt.
Was in dem Grundstein von 1914
gefunden wurde
• ein Strafzettel für falsches Parken
• ein Brocken (über)reifer Käse
• ein Exemplar des Buches „Und immer wieder
die Zeit", signiert von jemandem namens „AI".
• eine Dose mit abgeschnittenen Barthaaren
• eine Tüte Gummibärchen (noch genauso
schmackhaft und frisch wie am Tag ihrer Herstellung)
• Madame Curies Lippenstift (phosphoreszierend)
• Schrödingers Katze
• eine braune Socke
• eine Rolle mit Voraussagen:
- Verlagswesen: Jeder Geschäftsmann wird sein
persönliches Textbearbeitungsgerät besitzen eine kohlebetriebene 65-PS-Schreibmaschine.
- Politik: 1994 werden unsere Politiker - anders
als heute - weise und gebildete Männer sein.
- Sport: Babe Ruth wird als größter Schlagmann
in die Geschichte der Red Sox eingehen.
- Architektur: Ein chinesisch-amerikanischer Architekt wird vor dem Louvre in Paris eine Glaspyramide bauen.
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- Kommunikation: Es wird ein Weltweites Kommunikationsgewebe geben. Jeder Haushalt wird
seinen eigenen Telegraphen besitzen, und jedes
Kind wird den Morse-Code kennen. Ein automatischer Telegrammbeantworter wird Nachrichten entgegennehmen, wenn die Familie nicht zu
Hause ist.
- Internationale Politik: Eine internationale Liga
Vereinter Nationen wird sicherstellen, daß zwischen allen Ländern Friede und Harmonie herrschen. Der Sitz dieser internationalen Körperschaft wird in Sarajewo sein.
Ig, Ig, IgNobel - die etwas
andere Auszeichnung
Die Nobelpreisträger (von links nach rechts) Sheldon Glashow, Eric Chivian, Dudley Herschbach und Henry Kendall
überreichten die Preise bei der Ersten Jährlichen IgNobelpreisverleihung, die 1991 in einem Hinterzimmer im MIT
stattfand. Foto: Roland Sharrillo.
Die Gesellschaft läßt ihren Bürgern vielfältige Ehrungen zuteil werden - Nobelpreise, Olympische
Medaillen, goldene Tressen, Messingringe, Ehrenabzeichen, Schönheitsköniginnenszepter, Bowlingpokale, Blaue Bänder, Knöllchen. Wenn man sich
weit genug den absteigenden Ast hinunter bewegt,
gelangt man schließlich und endlich zum IgNobelpreis.
IgNobelpreise werden an Personen verliehen,
deren Leistungen „nicht wiederholt werden können
oder sollen". Das Kriterium deckt ein weites Feld.
Seit den Anfängen 1991 vergeben wir jedes Jahr
zehn Preise auf Gebieten, die von Physik über Chemie und Frieden bis zur Kurist reichen. Beiner Zufall ist, daß sich die Gruppe der Gewinner aufteilt
in Personen, deren Errungenschaften (zumindest
im nachhinein betrachtet) wunderlich und wunderbar sind, und in andere Personen, deren Werk vielleicht nicht so wunderbar ist. Viele Gewinner kommen entweder persönlich zu der Verleihungszere-
monie oder senden auf Video- oder Audioband
aufgezeichnete Dankreden. Einer der Geehrten
ging sogar so weit, auf eigene Kosten von Oslo nach
Cambridge zu reisen, um seinen Preis in Empfang
zu nehmen.
Wenn man einen IgNobelpreis bekommt, hat
man allen Grund, den Verleihungsfeierlichkeiten
beizuwohnen. Die Preise werden von echten Nobelpreisträgern (nicht IgNobelpreisträgern) im wahrsten Sinn des Wortes ausgehändigt, und der verschwenderische, sinn- und verstandverwirrende
Festakt findet in der großartigen alten Sanders-Aula der Harvard-Universität statt. Eine begeisterte,
seltsam gewandete, dicht gedrängte Menge überschüttet die neu gekürten Gewinner mit Beifall und
Papierfliegern und bejubelt die Nobelpreisträger,
die gutmütig ihre Hauptrollen in Miniopern, -balletten oder anderen unwahrscheinlichen Darbietungen absolvieren, die manche als Kunst bezeichnen
möchten. Das Ereignis wird live über das Internet
übertragen und auch für die Wissenschaftssendung
des öffentlichen Badios und den Fernsehsender CSPAN aufgezeichnet. Zudem berichten Zeitungen,
Radiosender und Nachrichtenredaktionen des
Fernsehens auf der ganzen Welt sowie die wichtigsten wissenschaftlichen Zeitschriften darüber.
Die erste Zeremonie veranstalteten wir 1991 am
MIT, in einem Raum, in dem 350 Leute Platz hatten. Am Abend des Ereignisses wußten wir nicht,
ob überhaupt jemand auftauchen würde. Wir wurden angenehm überrascht. Vier Nobelpreisträger
kreuzten auf, mit Groucho-Brille auf der Nase und
Fez auf dem Kopf, und die Leute rannten uns Türen
und Fenster ein, um einen Platz als Zuschauer zu
ergattern. Der Festakt lockte jedes Jahr ein größeres Publikum an, 1995 zogen wir daher nach Harvard um, wo im Oktober 1997 die Siebte Erste
Jährliche IgNobelpreisverleihung stattfand.
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Das Zeremoniell setzt sich aus zahlreichen
Punkten zusammen, die von der traditionellen
IgNobel-Willkommen- Willkommen-Ansprache bis
zur nicht minder traditionellen IgNobel-Auf-Wiedersehen-Auf-Wiedersehen-Ansprache
reichen.
Beschrieben wurde es als Mischung aus Oscar-Verleihung, Nobelpreis-Verleihung, einem Drei-Manegen-Zirkus und der alten Broadway-Show Hellzapoppin.
Die Willkommen-Willkommen-Ansprache
Die traditionelle IgNobel-Willkommen-Willkommen-Ansprache hielt Lois Malone. Es folgt eine
vollständige Mitschrift ihrer Rede:
Willkommen, willkommen.
Die IgNobel-Auf- Wiedersehen-Auf- Wiedersehen-Ansprache
Die traditionelle IgNobel-Auf-Wiedersehen-AulWiedersehen-Ansprache hielt Lois Malone. Es
folgt eine vollständige Mitschrift ihrer Rede: Auf
Wiedersehen, auf Wiedersehen.
Der Abend beginnt mit einem feierlichen Einmarsch der offiziellen Publikumsdelegationen. Entsandt werden sie von Gruppen wie den „Juniorwissenschaftlern" (Zweitkläßlern der öffentlichen
Schulen Bostons); der „Harvard-Computergesellschaft", dem „Museum für schlechte Kunst", den
„Rechtsanwälten für und gegen Artenvielfalt", den
„Freunden von Daryl, Daryl, Daryl und Daryl" und
den „Nonextremisten für moderate Veränderung"
(aus Finnland). Der „König und die Königin der
schwedischen Fleischklößchen" geben sich die Ehre und in bester königlich-skandinavischer Tradition den gesamten Abend lang absolut nichts von
sich. Die menschlichen Scheinwerfer, von Kopf bis
Fuß vergoldet, treten auf, um die Szenerie zu erleuchten. Der Majordomus und der Minordomus
wuseln geschäftig umher, wichtige Leute halten die
dreißigsekündigen Heisenbergschen Schärferelationsvorlesungen. Ein glücklicher Losbesitzer oder
eine -besitzerin gewinnt bei der jährlichen Gewinnein-Rendezvous-mit-einem-Nobelpreisträger-Tombola. Gipsabdrücke des linken Fußes von Nobelpreisträgern werden versteigert. Das Publikum
macht sich mit Zwischenrufen bemerkbar und wirft
Papierflieger. Die Leute auf der Bühne schmettern
die Zwischenrufe ab und die Papierflieger zurück.
Und, ach ja, die zehn neuen IgNobelpreisträger
werden bekanntgegeben und halten ihre Dankesrede.
In der ganzen Sache steckt aber ein mehr oder
minder ernster Kern. Der Ig, wie er allgemein genannt wird, zollt der Wissenschaft Lob und Preis,
und er belegt zugleich, daß die Wissenschaftler ihre Arbeit lieben und daß in der Wissenschaft Begeisterung, Menschlichkeit und wunderbare Verschrobenheiten stecken können - und daß es gar
nicht so furchtbar ist, verschrobenen Ideen nachzugehen. Das meiste von dem, was man heute die
großen wissenschaftlichen Entdeckungen nennt,
wurde ausgepfiffen und mit Hohn und Spott überschüttet, als es neu war. Es gab eine Zeit, in der
Ärzte, die forderten, sich vor einer Operation die
Hände zu waschen, als Spinner galten. Dennoch arPublikumsdelegationen ziehen zu Beginn der Fünften
Ersten Jährlichen Verleihung 1995 in die Lowell Lecture Hall der Harvard-Universität ein. Die Katze oben
rechts gehört zur semizufälligen Diashow, die den
ganzen Abend untermalte. Foto: Stephen Powell.
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Eine Frau, als Kuh maskiert, löst ihr Siegerlos der Gewinneem-Rendezvous-mit-einem-Nobelpreisträger-Tombola ein.
Dudley Herschbach, der Preis des Jahres, besteht darauf,
daß sie sich zu ihm auf die Bühne setzt. Foto: Stephen Powell.
beiten heute an den meisten Krankenhäusern Chirurgen, die sich die Hände waschen.
Wenn sie zum ersten Mal vom Ig hören, nehmen
manche Leute fälschlicherweise an, es gehe darum,
schlechte Wissenschaft bloßzustellen, das aber verfehlt weit den Kern der Sache. Viele IgNobelpreiswürdige Arbeiten sind Beispiele für beste Wissenschaft und möglicherweise sogar von großem
Nutzen für die Menschheit. Andere mögen das vielleicht nicht sein - aber schließlich machen wir alle
Fehler. Das IgNobelpreiskomitee möchte keinesfalls den Fehler begehen, Wissenschaftler, deren
Arbeit sich zwar komisch anhört, aber dennoch
Lob und Anerkennung verdient, lächerlich zu machen oder an den Pranger zu stellen. Die IgNobelpreise sollen vielmehr die liebenswerten - ja, und
Die Verleihungszeremonie 1996 wurde durch ein neues IgRitual bereichert. Hier versteigert Lin Calista (Mitte) vom
Auktionshaus „Füllhorn" Gipsabdrücke des linken Fußes
(auf dem Tisch rechts) der Nobelpreisträger Glashow,
Ilerschbach, William Lipscomb und Richard Roberts. Man
beachte den Papierflieger, der sich der Bühne nähert. Die
Auktion führte zum Eklat, weil später gleich zwei Leute behaupteten, den Fuß von Roberts erworben zu haben. Trotz
der dringenden Bitte des IgNobelpreiskomitees, die Anspruchsteller möchten doch „diesen schmerzlichen Fehltritt
berichtigen", fand das Fußfiasko Eingang in das Wall Street
Journal. Foto: Enzo Crivelli/Mark Salza.
auch die vielleicht seltsamen - Seiten allen menschlichen Strebens ins Licht rücken. Wie oben erwähnt, reizt und freut es viele IgNobelpreisgewinner, der Verleihungszeremonie beizuwohnen.
Was ist mit den Geehrten, deren Werke man als
verabscheuungswürdig oder, na ja, eben dumm bezeichnen könnte? Diese Leistungen sprechen für
sich selbst, und das um so beredter, als sie sich unter andere Igwürdige Leistungen einreihen, die Paradebeispiele für Schrulligkeit, Charme und selbstkritischen Humor sind.
Die ganze Ig-Zeremonie ist eine Studie in Gegensätzen und ein Beweis, daß die meisten Dinge im
Leben zu facettenreich und zu mehrdeutig sind,
um sie nach dem ersten Anschein zu beurteilen.
Die IgNobelpreisträger
Es folgt eine Auswahl der IgNobelpreisträger der Jahre 1996 zurück bis 1991, dem Jahr der ersten Zeremo
nie. Auch einige Dankadressen sind abgedruckt.
Biologie
Anders Baerheim und Hogne Sandvik von der Universität Bergen, Norwegen, für ihre geschmackvolle und schmackhafte Arbeit „Wirkung von Bier,
Knoblauch und saurer Sahne auf den Appetit von
Blutegeln".
Medizin
Das Publikum bereitet den lgNobelpreisträgern von 1995
den gewohnt artigen Hmpfang. Foto: Stephen Powell.
James Johnston von R. J, Reynolds, Joseph Taddeo
von U.S. Tobacco, Andrew Tisch von Lorillard, William Campbell von Philip Morris und der verstorbene Thomas E. Sandefur Jr., Vorstandsvorsitzender von Brown and Williamsson Tobacco, für ihre
nicht zu erschütternde, vor dem amerikanischen
Kongreß bezeugte Erkenntnis, daß Nikotin nicht
süchtig macht.
Literatur
IgNobelpreisträger 1996
Die Herausgeber der Zeitschrift Social Text dafür,
daß sie eifrig Forschungsarbeiten publizierten, die
sie nicht verstanden, die der Autor als sinnlos bezeichnete und in denen behauptet wurde, daß die
Realität nicht existiert.
Physik
Wirtschaftswissenschaften
Robert Matthews von der englischen Aston-Universität für seine Studien zu Murphys Gesetz und insbesondere für den Beweis, daß Toast immer auf die
gebutterte Seite fällt.
Dr. Robert J. Genco von der Universität Buffalo für
seine Entdeckung, daß „finanzielle Belastung ... ein
Risikoindikator für schwere Parodontose" ist.
Chemie
George Globe von der Purdue-Universität für seinen atemberaubenden Weltrekord beim Anzünden
eines Gartengrills - drei Sekunden mit Holzkohle
und flüssigem Sauerstoff.
Frieden
Jacques Chirac, französischer Präsident, dafür,
daß er des 50. Jahrestages von Hiroshima mit
Atombombentests im Pazifik gedachte.
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Öffentliche Gesundheitspflege
Ellen Kleist aus Nuuk, Grönland, und Harald Moi
aus Oslo, Norwegen, für ihren beherzigenswerten
medizinischen Fallbericht „Übertragung von Gonorrhoe durch eine aufblasbare Puppe".
Biodiversität
Chonosuke Okamura vom Okamura-Fossilienlabor
in Nagoya, Japan, für die Entdeckung der Fossilien
von Dinosauriern, Pferden, Drachen, Prinzessinnen
und mehr als hundert anderen ausgestorbenen
„Mini-Spezies", allesamt kleiner als 0,025 Millimeter.
Kunst
Don Featherstone aus Finchburg, Massachusetts,
für seine ornamental revolutionäre Erfindung, den
Plastikflamingo.
DANKADRESSE
Don Featherstone, IgNobelpreis für Kunst 1996
Ich möchte allen für diese großartige Auszeichnung
danken. Die meisten Künstler sterben, bevor irgend
jemandem auffällt, daß sie etwas geleistet haben.
Ich habe das Glück, daß Sie nicht so lange gewartet
haben. Ich freue mich, hier zu sein, und weiß es
wirklich sehr zu schätzen. Vielen Dank.
DANKADRESSE
Robert Matthews, IgNobelpreis für Physik 1996
Vielen Dank für diesen Preis. Der Beweis, daß Murphys Gesetz - was schiefgehen kann, geht schief in die Struktur des Universums eingebaut ist, hat
mir, einem der pessimistischsten Menschen auf der
Erde, viel Vergnügen bereitet. Dieser IgNobelpreis
auch. Meine Arbeit hat natürlich auch eine ernsthaftere Seite, ich kann mich nur nicht entsinnen
welche. Ach ja, jetzt fällt's mir ein. Ich sollte mehr
dafür kriegen.
DANKADRESSE
Dr. Harald Moi, IgNobelpreis für Öffentliche
Gesundheitspflege 1996
Dr. Moi reiste auf eigene Kosten aus Oslo nach Harvard, um an der Zeremonie teilzunehmen. Am fol-
Der IgNobelpreisträger für Kunst 1996, Don Featherstone,
der Erfinder des rosa Plastikflamigos, hält im Sanders Theatre von Harvard seine Dankesrede. Featherstone wurde begleitet von seiner Frau. Die Featherstones waren gleichartig
in Hellrosa gekleidet. Der Preisträger des Jahres 1992 in der
Sparte Kunst, Jim Knowlton, Schöpfer des klassischen Anatomieplakats „Penisse des Tierreiches", sitzt unmittelbar
hinter den Featherstones. Der Entomologiepreisträger von
1994, Robert Lopez (Ohrmilben), schaut zu, wie Konsul Terje Korsnes mit dem Preis spielt, den er im Namen von Anders
Baerheim und Hogne Sandvik entgegengenommen hatte.
Man beachte den Flamingohals, der links vom Podium zu sehen ist, sowie die über den Boden verstreuten Papierflieger.
Foto: Stephen Powell.
Hiner der IgNobelpreisträger für öffentliche Gesundheitspflege von 1996, Harald Moi, bei seiner Dankadresse. Dr.
Moi reiste auf eigene Kosten von Oslo nach Cambridge, um
den Preis für seinen Bericht „Übertragung von Gonorrhoe
durch eine aufblasbare Puppe" entgegenzunehmen. Foto:
Stephen Powell.
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genden Tag hielt er an der Medizinischen Hochschule von Harvard einen eher fachbezogenen und
viel ausführlicheren Vortrag über seine Arbeit.
Meine Damen und Herren, ich fühle mich geehrt
und freue mich, den berühmten IgNobelpreis entgegennehmen zu dürfen. Ich glaube aber, ich sollte
mich nicht zu geehrt fühlen, denn dieser Art Forschung könnte leicht die Luft ausgehen.
Das größte Problem bei diesem Fall bestand in
der zwingend notwendigen Information und Behandlung der Partnerin. In der Literatur ließ sich
nichts über die Pharmakokinetik von Antibiotika in
Puppen finden. Was blieb also anderes übrig, als
zur Spritze zu greifen und beherzt zuzustechen?
dene Früchte, Gemüse und andere Lebensmittel,
eine Edelsteinsäge, ein gefrorener Schweineschwanz, ein Zinnbecher, ein Bierglas und die bemerkenswerte Kollektion eines Patienten, bestehend aus einer Brille, einem Kofferschlüssel, einem Tabaksbeutel und einer Illustrierten.
Wirtschaftswissenschaften
Zu gleichen Teilen an Nick Leeson und seine Vorgesetzten von der Barings-Bank und an Robert Citron
aus Orange County, Kalifornien, die mit Hilfe der
Derivatenrechnung bewiesen, daß jede Finanzinstitution ihre Grenzen hat.
IgNobelpreis 1995
Frieden
Physik
Das Parlament von Taiwan für den Beweis, daß es
Politikern mehr bringt, einander zu schlagen, zu
treten und übers Ohr zu hauen, als Kriege gegen
andere Länder vom Zaun zu brechen.
D. M. R. Georget, R. Parker und A. C. Smith vom Institut für Lebensmittelforschung in Norwich, Großbritannien, für ihre knallharte Analyse matschiger
Frühstücksflocken, veröffentlicht in einem Bericht
mit dem Titel „Eine Untersuchung der Wirkung des
Wassergehaltes auf das Verdichtungsverhalten von
Frühstücksflocken".
Chemie
Bijan Pakzad aus Beverly Hills für seine Duftkreation „DNA", die keinerlei Desoxyribonukleinsäure
enthält und in einem Tripelhelixflakon abgefüllt ist.
Psychologie
Shigeru Watanabe, Junko Sakamoto und Masumi
Wakita von der Keio-Universität für ihren erfolgreichen Versuch, Tauben darauf zu dressieren, zwischen den Bildern Picassos und Monets zu unterscheiden.
Medizin
Marcia E. Buebel, David S. Shannahoff-Khalsa und
Michael R. Boyle für ihre anregende Studie mit der
Überschrift „Die Wirkung künstlich eingeschränkter, unilateraler Einatmung durch die Nase auf die
Kognititon".
Literatur
David B. Busch und James R. Starling aus Madison,
Wisconsin, für ihren tiefschürfenden Forschungsbericht „Rektale Fremdkörper: Falldarstellungen
und ein umfassender Überblick über die Weltliteratur." Erwähnt werden neben anderen Gegenständen: sieben Glühbirnen, ein Wetzstein, zwei Blitzgeräte, eine Stahlfeder, eine Schnupftabaksdose,
eine Öldose mit Stopfen aus Kartoffel, elf verschie-
Bei der Verleihungsfeier von 1995 kredenzen die Nicola
Hawkins Dancers den fünf Nobelpreisträgern eine Überraschung - dampfend heißen Luak-Kaffee, gebrüht aus Kaffeebohnen, die von Luaks gefressen und ausgeschieden wurden. Luaks {Palmenroller) sind luchsartige, in Indonesien
heimische Tiere. Foto: Alexandra Murphy.
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Erdbeben von schwänz schlagenden Katfischen
ausgelöst werden.
Chemie
Bob Glasgow, Senator von Texas, weiser Verfasser
vernünftiger Verordnungen, für seine Unterstützung des 1989 erlassenen Gesetzes zur Drogenbekämpfung, das den Kauf von Bechergläsern, Kolben, Reagenzgläsern und anderen Laborglasgeräten ohne eine offizielle Genehmigung unter Strafe
stellt.
Biologie
Herschbach (links, sich nach einem Eimer bückend), Glashow, Murray und Lipscomb probieren Luak-Kaffee. Roberts
(hier nicht abgebildet) genoß ihn ebenfalls. Foto: Jeff Pietrantoni.
W. Brian Sweeney, Brian Kräfte-Jacobs, Jeffrey W.
Britton und Wayne Hansen für ihre bahnbrechende
Studie „Der verstopfte Soldat: Prävalenz unter stationierten U.S.Truppen" und insbesondere für ihre
numerische Analyse der Stuhlgangshäufigkeit.
Ernährung
Medizin
John Martinez von J. Martinez & Company in Atlanta für Luak-Kaffee, den teuersten Kaffee der Welt.
Er besteht aus Kaffeebohnen, die vom Palmenroller
(in der Landesprache luak), einem luchsähnlichen
Tier, das in Indonesion beheimatet ist, gefressen
und wieder ausgeschieden werden.
Dieser Preis wird geteilt und an zwei Empfänger
verliehen. Erstens an den Patienten X, ehemals Angehöriger der U.S. Marines, der von seinem Haustier, einer Klapperschlange, gebissen worden war
und sich ohne Furcht und Tadel für den Einsatz der
Elektroschocktherapie entschied - auf eigenes Verlangen wurden die Zündkabel eines Autos an seiner Oberlippe befestigt und der Motor fünf Minuten
lang mit 3000 U/min laufen gelassen. Zweitens an
Dr. Richard C. Dart von der Rocky-Mountain-Vergiftungsnotrufzentrale und an Dr. Richard A. Gustafson vom Zentrum für Gesundheitswissenschaften der Universität von Arizona, die den Patienten
X schließlich auf herkömmliche Art behandelten,
für ihren fundierten Bericht „Erfolglose Elektroschockbehandlung eines Klapperschlangenbisses",
der die Erfahrungen von X mit dieser Therapie wiedergab.
Öffentliche Gesundheitspflege
Martha Kold Bakkevig von Sintef Unimed in Trondheim, Norwegen, und Ruth Nielson von der Technischen Universität von Dänemark für ihre erschöpfende Studie „Wirkung nasser Unterwäsche auf die
Thermoregulation und das thermische Wohlbefinden bei Kälte".
Zahnheilkunde
Robert H. Beaumont aus Shore View, Minnesota,
für seine einschneidende Studie „Patientenpräferenz für gewachste und ungewachste Zahnseide."
IgNobelpreisträger 1994
Physik
Der japanische Meteorologendienst für seine sich
über sieben Jahre erstreckende Untersuchung, ob
Literatur
L. Ron Hubbard, fanatischer Verfasser von Sciencefiction und Gründungsvater von Scientology, für
sein bombiges Buch der Bücher Dianetik, das sich
als höchst profitabel für die Menschheit oder zumindest für einen Teil davon erwiesen hat.
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Wirtschaftswissenschaften
Jan Pablo Davila aus Chile, unermüdlicher Futures-Händler und ehemals Angestellter der staatlichen Firma Codelco, dafür, daß er seinen Computer
anwies, zu „kaufen", als er „verkaufen" meinte, sowie für den nachfolgenden Versuch, die Verluste
durch immer unprofitablere Geschäfte wettzumachen; letztere summierten sich schließlich zu 0,5
Prozent des Bruttosozialprodukts von Chile. Davilas
gnadenlose Leistung schlug sich in einer neuen
Wortschöpfung seiner Landsleute nieder: „davilar",
was soviel bedeutet wie „etwas sauber an die Wand
fahren".
Frieden
John Hagelin von der Maharishi-Universität und
dem Institut für Wissenschaft, Technologie und öffentliche Politik, Verbreiter friedlicher Ideen, für
seine experimentell gewonnene Schlußfolgerung,
daß viertausend geübte Meditierende einen 18prozentigen Rückgang der Gewaltverbrechen in Washington, D.C., herbeiführten.
Mathematik
Die Southern Baptist Church of Alabama, mathematischer Messer der Moral, für ihre Berechnungen (in Bezirken), wie viele Bürger Alabamas in die
Hölle kommen werden, wenn sie nicht bereuen.
Entomologie
Robert A. Lopez aus Westport im Staat New York,
wagemutiger Veterinär und Freund aller Kreatur,
ob groß oder klein, für sein mehrfach wiederholtes
Experiment, bei dem er Ohrmilben von Katzen in
sein eigenes Ohr einführte und die Ergebnisse akribisch beobachtete und analysierte.
Psychologie
Lee Kuan Yew, ehemaliger Premierminister von
Singapur, Praktiker der Psychologie der negativen
Verstärkung, für seine dreißigjährigen Studien zur
Wirkung von Bestrafung bei drei Millionen Bürgern
von Singapur, wenn sie spucken, Kaugummi kauen
oder Tauben füttern.
Dr. Richard Dart, Kopreisträger des IgNobelpreises für Medizin 1994. Dart und ein Kollege behandelten den Patienten
X, der von seiner Schlange gebissen worden war und sich einen Elektroschock hatte versetzen lassen, auf konventionelle Weise.
DANKADRESSE
Dr. Richard Dart, Leiter der Rocky-MountainVergiftungsnotruf zentrale, IgNobelpreisfür
Medizin 1994
Ich war ganz erschlagen, daß ich diesen Preis erhalten sollte, allerdings nicht ganz so erschlagen
wie unser Patient.
DANKADRESSE
Terje Korsnes, norwegischer Honorarkonsul in
Massachusetts, IgNobelpreisfür Mathematik 1994
Korsnes nahm den Preis im Namen des Preisträgers, der Southern Raptist Church of Alabama, sowie im Namen der Einwohner von Hell in Norwegen
in seine Obhut.
Ich bin gebeten worden, heute abend hierher zu
kommen und diesen Preis für die Einwohner von
Hell („Hölle") in Norwegen entgegenzunehmen. Erfreut haben wir vernommen, daß so viele Bürger
des großen Staates Alabama an diesen Ort kommen
werden. Wir haben dort auch einen besonderen
Platz für Sie alle reserviert.
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Ich habe ein paar von den Tierchen dabei und
möchte sie an das Publikum weitergeben. Haben
Sie vielen Dank.
IgNobelpreisträger 1993
Physik
Louis Kervran aus Frankreich, ausgemachter
Adept der Alchemie, für seine Schlußfolgerung,
daß das Calcium in Eierschalen durch kalte Fusion
entsteht.
Chemie
James Campbell und Gaines Campbell aus Lookout
Mountain, Tennessee, ruchlose Riechstoffverteiler,
für die Erfindung des Duftstreifens - das anrüchige
Verfahren, Parfümproben auf Illustriertenseiten
aufzubringen.
Biologie
Paul Williams Jr. vom Staatlichen Gesundheitsamt
Oregon und Kenneth W. Newell vom Tropenmedizinischen Institut Liverpool, draufgängerische biolo-
Der Autor von Und immer wieder die Zeit und MIT-Astronom
Alan Lightman zollt dem Literatur-lgNobelpreisträger 1994
Ron L. Hubbard Tribut. Entgegen allen Hrwartungen erschien Hubbard nicht auf der Bühne. Während Lightman
Hubbards Werdegang beschrieb, schwebte eine aus Ballons
verfertigte Figur unbekannten Ursprungs auf die Bühne und
kreiste träge über dem Podium. Der Ballon wurde zerstört,
bevor er Schaden anrichten konnte.
DANKADRESSE
Dr. Robert Lopez, IgNobelpreis für Entomologie
1994
Die schulmeisterliche Milbe geht mir auf den Geist,
sie krabbelt nur sinnlos herum und beißt.
Vollends zum Biest wird sie um den Abend herum,
Am Trommelfell macht sie ein Mordsgebrumm.
Dort kratzt und beißt sie dann ad infinitum.
Hiner der IgNobelpreisträger für Medizin 1993, Dr. James
Nolan, nahm eine zwölfstündige Autofahrt auf sich, um seinen Beitrag zu dem klinischen Bericht „Akutversorgung des
im Reißverschluß eingeklemmten Penis" zu erläutern. Nach
Nolans Vortrag erhob sich das mit 1200 Zuschauern bis auf
den letzten Platz gefüllte Auditorium und brachte ihm ein
Ständchen dar - eine modifizierte Version des Titels von Michael Jackson „We Are the World". Foto: Roland Sharillo.
28
gische Detektive, für ihre aufsehenerregende Studie „Salmonellenausscheidung bei umherreisenden
Schweinen".
Medizin
James F. Nolan, Thomas J. Stillwell und John P.
Sands Jr., mildtätige Medizinmänner, für ihren peniblen Projektbericht „Akutversorgung des im
Reißverschluß eingeklemmten Penis".
Literatur
Gemeinsam an E. Topol, R. Califf, F. Van de Werf,
P. W. Armstrong und ihre 972 Koautoren für einen
medizinischen Artikel, der hundertmal so viele Autoren hat wie Seiten.
Wirtschaftswissenschaften
Ravi Batra von der Southern Methodist University,
pfiffiger Volkswirtschaftler und Autor der Bestseller The Great Depression of 1990 (17,95 Dollar)
und Surviving the Great Depression of 1990 (18,95
Dollar) für den Verkauf so vieler Exemplare seiner
Bücher, daß er ganz allein einen weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruch verhinderte.
Frieden
Die philippinische Tochtergesellschaft von PepsiCola, Zulieferer zuckersüßer Hoffnungen und
Träume, für ein Preisausschreiben, das den Gewinner zum Millionär machen sollte. Leider wurde anschließend eine falsche Gewinnzahl bekanntgegeben, wodurch Pepsi-Cola eine Zusammenrottung
von achthunderttausend bis zum Siedepunkt erhitzter Gewinnanwärter auslöste und zum ersten
Mal in der Geschichte des Landes viele verfeindete
Parteien zusammenbrachte.
Mathematik
Robert Faid aus Greenville, South Carolina, scharfsichtiger und solider Sachwalter der Statistik, für
die Berechnung der exakten Wahrscheinlichkeit
(8 606 091751882:1), daß Michael Gorbatschow
der Antichrist ist.
Visionäre Technik
Der Preis geht zu gleichen Teilen an Jay Schiffman
aus Farmington Hills, Michigan, Top-Erfinder von
AutoVision, einem Projektionsgerät, das es erlaubt,
gleichzeitig Auto zu fahren und fernzusehen, und
den Gesetzgeber von Michigan für die einschlägige
gesetzliche Zulassung.
Psychologie
John Mack von der Medizinischen Hochschule von
Harvard und David Jacobs von der Temple-Universität, geistige Visionäre, gewinnen den IgNobelpreis für ihren Kurz-Schluß, daß Menschen, die
glauben, von Außerirdischen entführt worden zu
sein, dies wahrscheinlich auch erlebt haben - und
insbesondere für ihre Schlußfolgerung, daß „der
Zweck der Verschleppung in der Produktion von
Nachkommen besteht".
DANKADRESSE
Dr. James Nolan, IgNobelpreis für Medizin 1993
Ich wünschte, meine Mutter wäre hier, um zu sehen, wie ich diesen Preis entgegennehme. Meine
Kollegen und ich hätten nicht im Traum gedacht,
daß dieser simple Artikel soviel Aufmerksamkeit
auf sich ziehen würde. Ich wollte nur meine Generation vor Penisverletzungen bewahren. Ihre Anerkennung hier und heute abend hat mich stimuliert,
die Forschungen auf dem Gebiet der Zipfelzipperlein weiter zutreiben. Meine Kollegen und ich am
Marinehospital in San Diego (wo wir die Arbeit
durchführten) sowie eine konkurrierende Gruppe
an der Universität von Kalifornien haben bereits
mehr Licht in die Versorgung von Menschenbissen
in den Penis gebracht - für die Marine aufgrund
der bevorstehenden Veränderungen, die die gegenwärtige Verwaltung angekündigt hat, ein ganz aktuelles Thema. Und da ich mich zur Zeit beruflich
verändere und im ländlichen Amerika als Urologe
niederlassen will, hoffen meine Kollegen und ich an
der Guthrie-Klinik, die Inzidenz und Signifikanz
urologischer, durch Nutztiere bedingter Traumen
weiter aufklären zu können.
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Yvette Bassa, die Erfinderin des hellblauen Wackelpuddings, nimmt den
Chemiepreis 1992 entgegen. Bassas
Arbeitgeber, Kraft General Foods,
flog sie und 20 ihrer Kollegen im firmeneigenen Jet zu der Verleihung.
Mehrere andere Mitglieder des Entwicklungsteams stehen hier rechts
hinter dem Nobelpreisträger Sheldon Glashow (mit der weißen Mütze)
und den der Zeremonie beiwohnenden Hohheiten, der Schwedischen
Fleischklößchenkönigin und ihrem
König.
DANKADRESSE
Kevin Stelling, Vizejustizminister des Staates
Massachusetts, IgNobelpreis für Psychologie 1993
Steiling nahm den Preis im Namen von John Mach
und David Jacobs entgegen.
Ich heiße Kevin Steiling. Ich bin stellvertretender Justizminister des Staates Massachusetts. Kidnapping ist nach Bundesrecht eine Straftat. Es ist
auch nach den Gesetzen des Staates Massachusetts
eine kriminelle Handlung. Vergangenes Jahr gab
es Hunderte von Entführungsfällen oder Entführungsversuchen. An keinem waren fremde Lebewesen von anderen Planeten beteiligt. Ich danke
Ihnen.
Nach der Feier rief der Assistent von John Mack
das IgNobelpreiskomitee an und bat darum, Dr.
Mack zur Verleihung im nächsten Jahr einzuladen,
dort eine Rede zu halten. Im folgenden Jahr wurden umfangreiche Vorbereitungen getroffen, doch
im letzten Moment sagte Dr. Mack noch ab. Bei dieser zweiten Zeremonie gab das IgNobelpreiskomitee bekannt, es sei „enttäuscht und gekränkt, vor
allem aber besorgt".
IgNobelpreis 1992
Physik
David Chorley und Doug Bower, Nestoren der Niedrigenergiephysik, für ihre zirkulären Beiträge zur
Feldtheorie auf der Grundlage der geometrischen
Destruktion englischen Getreides.
Chemie
Yvette Bassa, Konstrukteurin quietschbunter Kolloide, für ihre Rolle bei der Errungenschaft, die der
Chemie unseres Jahrhunderts die Krone aufsetzt,
nämlich der Synthese hellblauen Wackelpuddings.
DANKADRESSE
Yvette Bassa, Kraft General Foods,
IgNobelpreisträgerinfür Chemie 1992
Es beschämt mich, dieser Ehre teilhaftig zu werden. Meine Arbeit ist doch lediglich der Schlußstein
eines immensen Berges wissenschaftlicher Forschung, die im Lauf der letzten paar Jahrhunderte
geleistet wurde.
Biologie
Dr. Cecil Jacobson, verschwenderischer Samenspender und großzügiger Gründervater der Samenbank, für die Erfindung einer einfachen, einhändigen Methode zur Qualitätskontrolle.
Medizin
F. Kanda, E. Yagi, M. Fukuda, K. Nakajima, T. Ohta
und 0. Nakata vom Shisedo-Forschungszentrum in
Yokohama für ihre Pionierarbeit „Die Aufklärung
von für Fußgeruch verantwortlichen chemischen
Verbindungen" und insbesondere für ihre geniale
Schlußfolgerung, daß Menschen, die glauben, an
30
Käsefüßen zu leiden, wirklich welche haben, und
Menschen, die es nicht glauben, keine haben.
Literatur
Yuri Struchkov, nicht aufzuhaltender Autor vom Institut für organische Chemie in Moskau, für die 948
wissenschaftlichen Aufsätze, die er in den Jahren
1981 bis 1990 veröffentlichte; im Durchschnitt also
mehr als einen alle 3,9 Tage.
Frieden
Daryl Gates, ehemaliger Polzeichef von Los Angeles, für seine einzigartig zwingenden Methoden,
Menschen zusammenzubringen.
Ernährung
Die Konsumenten des Frühstücksfleisches Spam,
furchtlose Verzehrer dubioser Doseninhalte, für 54
Jahre wahlloser Verdauung.
Ein offizielles Zwischenrulicommando geleitet das Publikum
durch den heiteren intellektuellen Diskurs.
Archäologie
Eclaireurs de France, die protestantischen Pfadfinder, blitzsaubere Beseitiger von Grafitti, dafür, daß
sie die uralten Malereien von den Wänden der Höhle Meyrieres in der Nähe des französischen Dorfes
Brunquiel wegschrubbten.
Kunst
Dieser Preis geht zu gleichen Teilen an Jim Knowlton, moderner Renaissancemensch, für sein klassisches Anatomieplakat „Penisse des Tierreiches"
und an die Nationale Kunststiftung der Vereinigten
Staaten, weil sie Mr. Knowlton ermutigte, seine Arbeit in Form eines Aufklappbuches fortzuführen.
IgNobelpreis 1991
Physik
(1) Thomas Kyle, Entdecker von Atomen und origineller Gelehrter, für seine Entdeckung des schwersten Atoms im Universum, des Administratiums.
Chemie
Jacques Benveniste, produktiver Proselytenmacher
und couragierter Korrespondent von Nature, für
seine nachhaltige Entdeckung, daß Wasser - H2O eine intelligente Flüssigkeit ist, und dafür, daß er
für sich selbst zufriedenstellend nachwies, daß
Wasser sich Ereignisse noch „merkt", lange nachdem alle Spuren von ihnen verschwunden sind.
1
Bei der ersten IgNobelpreisverleihung im Jahr 1991 gingen
drei der sieben Preise an Personen, deren Existenz möglicherweise fiktiv, vorgespiegelt oder ungeklärt war. Die anderen Preisträger dieses Jahres - und alle Preisträger der
folgenden Jahre - waren und sind durch und durch echt.
31
Biologie
Frieden
Robert Klark Graham, Selektor der Samen und
Verherrlicher der Fortpflanzung, für seine wegweisende Einrichtung des Repository for Germinal
Choice (etwa: Qualitätskeimzellendepot), einer Samenbank, die ausschließlich Spenden von Nobelpreisträgern und Olympiasiegern entgegennimmt.
Edward Teller, Vater der Wasserstoffbombe und
erster Verfechter des Krieg-der-Sterne-Waffensystems, für seine lebenslangen Bemühungen, die
Bedeutung von Frieden, wie wir sie kennen, zu verändern.
Medizin
Alan Kligerman, Erfinder der enterologischen Erlösung, Besieger der Blähung und Schöpfer des Nahrungsergänzungspräparats Beano, für seine Pionierarbeit an Anti-Flatulenz-Mitteln, die Völlegefühl, Blähungen, Unbehagen und Peinlichkeiten
verhindern.
Literatur
Erich von Däniken, visionärer Erzähler und Verfasser von Erinnerungen an die Zukunft, für die Theorie, daß die menschliche Zivilisation vor Urzeiten
von Astronauten aus dem Weltall beeinflußt wurde.
Wirtschaftswissenschaften
Michael Milken, Wall-Street-Titan und Erfinder des
Junk-Bond, dem die Welt zu Dank verpflichtet ist.
KOMMENTAR VON LINUS PAULING,
N OBELPREIS FÜR C HEMIE 1954,
F RIEDENSNOBELPREIS 1962 UND
GRÜNDUNGSMITGLIED VON AIR:
Ich fände es gut, [Edward] Teller einen zweiten
IgNobelpreis zu verleihen, denn dann käme er ins
Guiness Buch der Rekorde als derjenige Mensch,
der die meisten IgNobelpreise bekommen hat.
Interdisziplinäre Forschung
(•) Josiah Carberry von der Brown-Universität,
kühner Erkunder und eklektischer Einsammler
von Wissen, für seine Pionierarbeiten auf dem Gebiet der Psychokeramik, der Erforschung des
Sprungs in der Schüssel.
Pädagogik
J. Danforth Quayle, ehemaliger Vizepräsident, Verzehrer von Zeit und Verdränger von Raum, kenntnisreicher Kommentator, dafür, daß er besser als
jeder andere die Notwendigkeit der Förderung des
naturwissenschaftlichen Unterrichts bewiesen hat.
Kinetik der Inaktivierung von
Glasgeräten
von Alexander Kohn
Diesen bahn- und glasbrechenden Artikel verfaßte Alex Kohn im Jahre 1955. Er füllte die gesamte erste
Ausgabe des Journal of Irreproducible Results (diese erste Ausgabe trug natürlich die Bezeichnung „Band
II, Nummer 1", und der Artikel bezieht sich auf Beiträge im nichtexistenten Band I), das Alex und Harry Lipkin gemeinsam herausgaben. 39 Jahre später gründeten Alex und ich mit Hilfe von Harry und dem Rest der
mittlerweile beachtlichen Truppe die Annais of Improbable Research. Alex verstarb Ende 1994, wenige Wochen bevor die erste Ausgabe von AIR an die Abonnenten verschickt wurde. Der Nachdruck dieses Artikels
erfolgt mit Genehmigung von Chana Kohn. Die Literaturangaben am Ende entsprechen exakt denen der Originalversion.
Einführung
Seit den Zeiten der Phönizier sind etliche der eigentümlichen Eigenschaften von Glas bekannt; eine
dieser Eigenschaften ist die hohe Zerbrechlichkeit
von Glasprodukten. Obwohl über andere Eigenschaften dieser Substanz,12 über Produktionsmethodeni-4 und Gebrauchsweisen6'7 viel geschrieben
wurde, hat man ihre Zerbrechlichkeit sehr selten
erwähnt. So offensichtliche Verfahren zur Erzeugung von Glasscherben, wie sie berühmte historische Persönlichkeiten anwandten8, oder die Sitte,
geleerte Trinkgläser über die Schulter hinter sich
zu werfen9, sind umfassend belegt und werden in
diesem Beitrag nicht behandelt.
Eine sorgfältige Prüfung der Situation in bezug
auf die Verfügbarkeit und die Pflege der Glasgeräte
in verschiedenen wissenschaftlichen Labors ergab,
daß dieses Thema einer neuerlichen Betrachtung
und systematischeren Erforschung bedarf. Es ist
Gegenstand des vorliegenden Beitrags.
Materialien und Methoden
Glasgeräte
Glas definieren wir als ein chemisches Produkt, das
unterschiedliche Anteile von CaO, NaSiO3, A12O3,
ZnO sowie Oxidationsprodukte anderer Metalle
enthält.1011 Da sich dieser Beitrag vorwiegend mit
den physikalischen Eigenschaften von Glas be-
schäftigt, wird keine chemische Klassifikation dieser Substanzen vorgenommen. Sehr viel größere
Bedeutung besaß in diesem Forschungsprojekt die
Form, in der Glas auftritt. Folgende Endprodukte
wurden verwendet: Petrischalen, Reagenzgläser,
Pipetten, Erlenmeyer-Kolben, Flaschen und Kolben
verschiedener Volumina und Formen, Bechergläser sowie Spezialgeräte wie Destillierkolben und
Kühler, Verbindungsstücke, Dewar-Thermoineter,
Spritzen usw. Man sollte zudem unterscheiden zwischen Produkten aus technischem Glas, Boraxglas
und Pyrex. Diese Definition ist wichtig, denn wo die
Unterschiede zwischen diesen Glasarten nicht berücksichtigt wurden, führten die Versuche, zwei
solche unterschiedliche Glasarten mit Hilfe einer
Sauerstoffflamme zusammenzufügen, zu katastrophalen Ergebnissen.
Sollen Glasgefäße der direkten Einwirkung einer offenen Flamme ausgesetzt werden, ist die
Kenntnis der verwendeten Glasart von höchster
Bedeutung.
Halbwertszeit
Die Schwundrate von Glas läßt sich durch einen
der Nuklearchemie entlehnten Begriff definieren:
Halbwertszeit. Darunter versteht man die Zeitspanne, nach der sich die Zahl gebrauchsfähiger
Glasgeräte einer bestimmten Art auf die Hälfte reduziert hat. Bevor diese Untersuchung in Angriff
36
genommen wurde, ging man im allgemeinen von
der Annahme aus, daß die durchschnittliche Halbwertszeit von Glasprodukten in der Größenordnung
von fünf bis zehn Wochen liegt.
Inaktivierungsmethoden
Diese lassen sich summarisch einteilen in:
A. Mechanische Methoden. Diese Methoden lassen
sich wiederum unterteilen wie folgt:
1. Schockinaktivierung
2. Vibrationsinaktivierung
3. Belastungs- und Druckinaktivierung
4. Gravitationsinaktivierung
Letztere Methode ist die am häufigsten verwendete; sie kann in zwei Varianten eingesetzt werden:
mit normalem Gravitationsfeld und mit Zentrifuge.
B. Die thermische Inaktivierung läßt sich in vier
Kategorien einteilen:
1. Direkte Einwirkung einer Sauerstoff- oder
Wasserstoffflamme
2. Einwirkung eines Bunsenbrenners, mit oder
ohne Schutz durch ein Asbestnetz
3. Autoklav
4. Sterilisator/Laborofen
C. Die chemische Inaktivierung ist von recht untergeordeter Bedeutung, man sollte jedoch die Verwendung konzentrierter KOH- oder NaOH-Lösungen und Flußsäure erwähnen.
D. Vorsätzliche Zerstörung.
Schließlich gibt es noch ein Verfahren, das oben
nicht aufgeführt wurde und eine Kombination aller
drei Methoden - A, B, und C - darstellt, nämlich die
thermochemisch-explosive, die im allgemeinen unvorhergesehen erfolgt.
Ergebnisse und Diskussion
Die Untersuchung des Themas „Inaktivierung von
Glasgeräten" ergab Hinweise darauf, daß die effizientesten und meistverwendeten der verschiedenen
Methoden die thermischen und die mechanischen
sind, in letzterer Gruppe wiederum diejenigen, die
auf dem Gravitationseffekt gründen. Die normale
gravitationsbedingte Inaktivierung erfolgt, wenn
das fragliche Glasgerät absichtlich oder unabsichtlich in der Luft über einem Betonboden oder auch
einer hölzernen Tischplatte in der Schwebe gehalten wird und dann jegliche Unterstützung von unten oder oben plötzlich zurückgezogen wird. Berichtet wurden auch bemerkenswerte akustische
und verbalinjurische Effekte („Fluchen") bei Personen, die ein Tablett mit nennenswerten Mengen
von Glasgeräten trugen und stolperten. Kürzlich
konnten mit der einfachen Gravitationsmethode
bei Flaschen oder Gefäßen mit biologischen Färbemitteln12 oder mit Chromschwefelsäure auch
Spritzeffekte nachgewiesen werden.
Die in Zentrifugen künstlich erhöhte Gravitation
läßt sich sehr gut zur Inaktivierung von Zentrifugengläsern nutzen. Es sollten jedoch zwei Erfordernisse streng beachtet werden, um die gewünschten
Effekte zu erzielen. Zum einen muß alle Sorgfalt
darauf verwandt werden, zwischen den beiden einander gegenüberliegenden Bechern ein Ungleichgewicht herzustellen. Ist dieses gewährleistet, besiegelt eine Kombination aus Vibration und Gravitation das Schicksal des Glases - in den meisten Fällen
desjenigen, das die Substanz enthält, die durch Zentrifugieren gereinigt werden sollte. Mehrere Labors
berichteten, daß die verantwortlichen Laboranten,
unter deren Händen diese Inaktivierung eintrat, in
den meisten Fällen die zu zentrifugierende Substanz durch Filtrieren der Dispersion mit den Glasfragmenten wiederzugewinnen vermochten.
Die andere Voraussetzung besteht darin, daß in
die Becher ein Röhrchen eingeführt wird, das ein
wenig länger ist als der für das Röhrchen vorgesehene Raum in der Zentrifuge. Diese Bedingung bezieht sich nur auf Zentrifugen mit Ausschwingrotor
und besteht in aller Regel für Zentrifugen mit Festwinkelrotor nicht.
Belastungs- und Druckmethoden werden im Zusammenhang mit Kolben, Flaschen und Spritzen in
einem eigenen Absatz behandelt.
Rotem1 '* hat gezeigt, daß das Evakuieren von 1bis-2-Liter-Erlenmeyer-Kolben auf einen Druck
von etwa 1 mm Quecksilbersäule zur sogenannten
Implosion führt. Es handelt sich hier um einen reinen Druckeffekt.
Thermische Inaktivierung
Wie oben aufgeführt, gibt es mehrere Varianten
dieser Methode, und ihre Wirkungen auf Glasgeräte werden unter jeweils eigenen Überschriften beschrieben. Eine Methode jedoch, die äußerst selten
verwendet wird, soll hier dargestellt werden: Sie
wurde jüngst von Fendrich und Nir entwickelt, und
da bislang noch kein offiziell veröffentlichter Bericht darüber erschienen ist, beschreiben wir sie
hier in aller Ausführlichkeit. Etwa fünfzig PyrexReagenzgläser 16x180 mm werden sorgfältig gereinigt und getrocknet; man versieht sie oben mit
einem Deckel aus Stanniol und legt die Gläser
waagrecht in eine große, rechteckige Pyrex-Schale.
37
Dann schiebt man das Ganze in einen Laborofen,
der auf 300°C eingestellt wird. Anschließend verstellt man den Temperaturregler geringfügig und
läßt die Reagenzgläser über Nacht in dem Ofen.
Am nächsten Morgen öffnet man den Ofen und findet eine sauber zusammengeschmolzene Glasmasse vor. Wie sich zeigt, ist die Temperatur auf
800° angestiegen.
Hinsichtlich der Inaktivierung durch Autoklavieren haben mehrere Forscher festgestellt, daß sich
mit flachen Gefäßen, wie sie normalerweise zur
Kultur von Bakterien verwendet werden, befriedigende Resultate erzielen lassen. Von je 10 Gefäßen,
die in den Autoklaven gestellt werden, lassen sich 1
bis 3 mit Sprüngen oder zuweilen sogar gänzlich in
Scherben herausnehmen.
Eine originelle Methode zur Kolbenzerstörung,
die sowohl auf mechanischer Belastung als auch
auf thermischer Interaktion beruht, probierte I.
Hertman14 in unserem Labor aus.
Er füllte die Gefäße bis zum Rand mit Wasser
von Raumtemperatur, verschloß sie mit einem
Schraubdeckel und stellte sie für verschiedene
Zeitspannen in das Gefrierfach eines Kühlschranks.
Nur in seltenen Fällen ließ sich die Flasche unzerbrochen herausnehmen. Dieses Experiment beweist sehr schön die thermische Ausdehnung von
Wasser bei 0°C.
Thermochemische Explosivmethoden wurden
an diesem Institut zum ersten Mal 1955 angewandt.15 Eine Suspension eines Antigens in Aceton
wurde in das Glasgefäß eines Waring-Mixers gegeben und das Gerät durch Drücken des elektrischen
Schalters in Gang gesetzt. Der resultierende Funke
ließ sowohl die Mischung als auch das Gefäß explodieren, und die Flamme, die sich über die Wand
und den Tisch ausbreitete, soll sogar die Augenbrauen eines der Forscher erfaßt haben.
Sh. Miller16 wollte sich mit derart simplen Methoden zur Initiierung thermochemischer Reaktionen nicht zufriedengeben. Er destillierte Acetonlösung in vacuo auf einer elektrischen Heizplatte und
benötigte nach der Implosion des Destillierkolbens
eine längere medizinische Behandlung.
Pipetten
Pipetten lassen sich hauptsächlich mit der Gravitationsmethode inaktivieren. Um ein gravitationsbedingtes Zerbrechen herbeizuführen, legt man die
Pipetten in ihrem Röhrchen so auf die Tischplatte,
daß der resultierende Winkel größer ist als 20° (Abbildung 1), wobei die Öffnung des Zylinders zur
Abbildung 1: Wirkung von Gravitation auf Pipetten.
Tischkante zeigt. Dies bewirkt eine beschleunigte
Bewegung der Pipetten, die auf dem Boden ihr
niedrigstes Energieniveau erreichen.17 Die Zahl
der Pipetten, die man später auf dem Boden findet,
ist im allgemeinen erheblich höher als die ursprüngliche Zahl im Gläschen.
Die Einführung der Pipetten in Desinfektionsbehälter führt selten zur Inaktivierung, doch die Massenmethode von Zelda et al.18 zum schnellen
Transfer von Pipetten aus dem Gläschen in den
Ausguß erzielte erstaunliche Ergebnisse.
Wie Kellner19 über die Photoreaktivierung ultravioletter Mikroorganismen durch sichtbares
Licht berichtet, gab es Versuche, ein ähnliches
Prinzip auf inaktivierte Pipetten anzuwenden. Man
tut dies nur in Fällen, wo der Schaden an der Pipette irreparabel ist und nicht mehr als 10% der Gesamtlänge betrifft. Zuerst ritzt man das beschädigte Ende mit einem Glasschneider an und trennt
es ab. Die Reaktivierung erfolgt thermisch in einer
Sauerstoffflamme. Wenn die Beschädigung an dem
Ende ohne Einteilung erfolgte, ist das wiederhergestellte Produkt genausogut wie ein neues. Es gab
auch Versuche, Pipetten wiederherzustellen, die an
dem mit der Einteilung versehenen Ende zerstört
waren. Dies erforderte Nachgravieren, und die
Endprodukte konnten als Mutanten vom KimbellTyp gelten. Die Genauigkeit der wiederhergestellten Pipette war nicht immer zufriedenstellend.
Petrischalen
Die Inaktivierungsrate von Petrischalen ist wahrscheinlich die höchste von allen Glasgefäßarten.
Den Grund für diese hohe Rate muß man in dem
38
Abbildung 2: Umgang mit Petrischalen.
Tempo suchen, mit dem Petrischalen von allen
Restmaterialien, etwa verschiedenen Agar-Nährböden, gereinigt werden. Die hohe Turnover-Rate
von Petrischalen in Labors stellt hohe Anforderungen an den Arbeitseinsatz des Reinigungspersonals. Unter diesem Druck steigert sich die Geschwindigkeit des Reinigungsprozesses bis zu
einem Punkt, an dem die Finger der Reinigungskräfte schlüpfrig werden; in den Abfalleimern läßt
sich dann eine reiche Ernte von Petrischalenscherben finden.
Eine andere Methode zur Anihilisation von Petrischalen wendet man in Fällen an, in denen der
Deckel der Kupferdose klemmt, in der die Schalen
normalerweise aufbewahrt werden. Wenn man
nun gewaltsam an dem Deckel zerrt, springt er unversehens so plötzlich auf, daß die Schalen herausfliegen und ihr niedrigstes Energieniveau auf dem
Boden einnehmen (Abbildung 2).
Erlenmeyer-Kolben und Bechergläser
Diese Art von Glasgeräten wird kontinuierlich
durch thermische Prozesse inaktiviert. Eine der gebräuchlichsten Methoden besteht darin, einen Kolben mit einem Agar-Nährmedium über offener
Flamme zu erhitzen und den Raum für eine Zeitspanne zu verlassen, die zwei Minuten länger ist
als nötig, um das Medium zu schmelzen (oder ohne
jemand anderen zu bitten, den Kolben im Auge zu
behalten). An einem bestimmten Punkt des
Schmelzvorgangs bilden die sich entwickelnden
Gase einen Schaum, der schlagartig hochschießt
und sich freie Bahn verschafft, indem er den Stop-
fen vor sich her schiebt. In einem derart kritischen
Moment ergreift die verantwortliche Person gewöhnlich den Kolbenhals mit bloßer Hand, so daß
der Kolben, bevor er die Tischplatte sicher zu erreichen vermag, mitten in der Luft sich selbst überlassen wird. Hier greift dann die Schwerkraft an und
führt das oben beschriebene Resultat herbei. In bestimmten Fällen gelangt man zum selben Ergebnis,
wenn man den heißen Kolben in kaltes Wasser fallen läßt; der Kolbenhals verbleibt dann in der Hand
des Experimentators, während der Rest zu guter
Letzt gekühlt wird. Zwar unterscheidet sich die
Haltemethode für Bechergläser geringfügig von der
für Kolben, doch das Verfahren führt auch hier zu
den gleichen Endergebnissen wie oben beschrieben.
Kürzlich fand man im Kühlraum einen Erlenmeyer-Kolben festgeklebt auf einem Labortisch aus
Marmor. Alle Versuche, sowohl chemische als auch
thermische, Tisch und Kolben zu trennen, schlugen
fehl, so daß der Kolben schließlich geopfert und
Stück für Stück mechanisch entfernt werden
mußte.
Ein merkwürdiger additiver Effekt, der zur Inaktivierung von Glas führt, sollte ebenfalls erwähnt
werden: Versucht man, einen Bodensatz aus organischem Material mittels eines Glasstabes vom Boden eines Glasgefäßes zu lösen, so besteht das Ergebnis im allgemeinen in einem Loch im Boden des
Gefäßes, d. h. Glas + Glas = Fehlen von Glas = Loch.
Spritzen
Bekanntlich bestehen Spritzen aus einem Zylinder
und einem Kolben. Bei der Lüer-Spritze, die in diesem Institut verwendet wird, bestehen beide erwähnten Teile aus Glas, so daß wenigstens nicht
die Art von Inaktivierung eintritt, die mit Rekordspritzen häufig vorkommt; bei der Sterilisierung im
Ofen lösen sich Metall- und Glasteile voneinander.
Sehr bedauerlich ist, daß Zylinder und Kolben individuell aufeinander abgestimmt sind; wenn eines
der beiden Teile zerbricht, läßt sich auch das andere nicht mehr gebrauchen.
Spritzen zerbrechen infolge zweier Formen des
Gebrauchs:
a) Durch Liegenlassen der Spritze, ohne sie gründlich zu reinigen. Dies führt letztlich zu einem
hundertprozentigen Festsitzen, so daß sich der
Kolben nicht mehr aus dem Zylinder herausziehen läßt.
b) Durch Prüfen der Dichtigkeit der Spritze, indem
man sie mit einem Finger verschließt, dann den
Kolben herauszieht, um ein Vakuum herzustellen, und darauf den Kolben losläßt; dieses Verfahren führt zu einer sauberen Abtrennung der
vorderen Zylinderpartie. Der Zylinder läßt sich
dann noch als Verbindungsstück für Gummischläuche verwenden.
Sterilisiert man Spritzen in kochendem Wasser, ist
es ratsam, das Bad mehrere Stunden lang unbeaufsichtigt zu lassen. Wird das Bad elektrisch beheizt,
schmelzen durch die zunehmende Hitze nach dem
Verdampfen des Wassers die Lötstellen. An diesem
Punkt ist zu erwarten, daß die zuständige Person
oder sonst jemand zurückkehrt, der von dem Geruch alarmiert wird. Gewöhnlich bereinigt man die
Situation, indem man die ganze Geschichte kühlt,
also kaltes Wasser in das Sterilisiergefäß und über
die Spritzen schüttet. Das Krakeleemuster der Zylinder ist faszinierend anzuschauen.
Spezialinstrumente
Eine sehr originelle Methode zur Inaktivierung des
Warburg-Manometers beschreibt Avi-Dor (persönliche Mitteilung). Der in den USA hergestellte Warburg-Apparat ist so konstruiert, daß er von Personen mit einer Größe von über 1,80 Meter bedient
werden muß. Einige unserer israelischen, weniger
hochgewachsenen Wissenschaftler müssen das mit
dem Manometer verbundene Reaktionsgefäß in
das Wasserbad stellen, während sie diesen Vorgang von unten (statt von oben) beobachten. Infolge des Parallaxenfehlers wird das Reaktionsgefäß
häufig leicht gegen den Rand des Bades gestoßen,
und das Manometer zerbricht. Im allgemeinen geht
an derselben Stelle auch die Kapillare zu Bruch.
Wie Dr. Avi-Dor vermutet, konstruiert der Hersteller das Instrument so, daß die zerbrechlichsten
Teile nicht die billigsten sind.
Glaskugeln
Dieses Glasprodukt besteht aus diskreten Elementen und eignet sich sehr gut zur Inaktivierung;
deren Methoden unterscheiden sich jedoch deutlich von allen bereits beschriebenen. Das Verschwinden von Glaskugeln aus wissenschaftlichen
Labors ähnelt sehr stark der Verdunstung von Lösungsmitteln wie Ether oder Aceton, mit dem Unterschied, daß die Temperatur für die Geschwin-
digkeit, mit der Glaskugeln verschwinden, keine
Rolle spielt.
Eine interessante Beobachtung machten Kohn
und Zelda.20 In der Annahme, daß das Gesetz der
Erhaltung der Masse auch für Glaskugeln gilt,
suchten sie in verschiedenen Bereichen des Instituts nach der fehlenden Fraktion. Einzelne Kugeln
fanden sich unter Arbeitstischen und in Schubladen, doch der einzige Ort, an dem sich Kugeln in
großer Anzahl auftreiben ließen, war der Syphon
eines WCs gegenüber dem Waschraum.
Glasfenster
Zwar gehört dieses Produkt nicht in die Kategorie
„Laborausstattung", doch es soll hier als derjenige
Teil des Labors betrachtet werden, der für den
Lichteinfall sorgt und verhindert, daß der Regen
Reagenzien verdünnt, die auf der Fensterbank aufbewahrt werden.
Den größten Beitrag zur Inaktivierung von Fensterscheiben leisteten Greenberg und Mitarbeiter.21 Sie spezialisierten sich auf Milchglas. Erwähnt werden sollte vielleicht auch, daß die meisten Arbeiten zum Problem der Reaktivierung von
Fensterscheiben ebenfalls von ihnen stammen.
Interessante Experimente führte R. Ben-Gurion22 durch. Bei dem Versuch, eine üppige Pilzflora auf einer marmornen, mit Agarresten bedeckten
Fensterbank zu beseitigen, erhitzte sie den Bewuchs mit der Flamme eines Bunsenbrenners. Die
ungleichmäßige Erwärmung der Fensterscheibe
zwang schließlich den Wartungstrupp, sie durch
eine neue zu ersetzen. Dieselbe Autorin wies zudem nach, daß es möglich ist, die Fensterscheibe
eines Busses durch angemessenen Ellbogendruck
zu inaktivieren.
Kinetik
Berechnungen der Inaktivierungsrate von Glasgeräten erfolgen nach der Formel:
QT = Qo . eKT
wobei Qo = ursprüngliche Menge der Glasgeräte,
QT = Menge nach Zeitraum T und K = exponentielle
Konstante, die erwiesenermaßen mit der Art der
Glasgeräte variiert. Bei Petrischalen betrug K =
0,06, wenn T in Wochen gemessen wird (Abbildung
3).
40
Dank
Der Autor ist Y. Zelda und ihren Mitarbeitern zu
Dank verpflichtet; ohne ihre gewissenhafte Mitarbeit wäre der Umfang dieses Artikels auf den einer
kurzen Notiz geschrumpft.
Der Autor dankt D. Yasky für die Berechnungen,
dem Verwaltungsdirektor des Instituts für die Genehmigung zur Publikation dieses Artikels und sich
selbst für die geniale Idee, ihn zu schreiben.
A NMERKUNGEN
Abbildung 3: Inaktivierung von Petrischalen.
Ein Faktor, den wir als Unsicherheits- oder Mysteriositätsfaktor bezeichnen, bringt jedoch einen
Fehler hinein, so daß die berechnete Inaktivierungsrate nicht der experimentell ermittelten entspricht (Abbildung 3). Diese Diskrepanz tritt insbesondere bei Petrischalen und Kulturgefäßen auf.
Bislang wurde noch keine experimentelle Methode
zur Bestimmung des Mysterioritätsparameters entwickelt.
Man hat darauf hingewiesen, daß die Inaktivierung von Glasgeräten kein physikalischer, sondern
ein chemischer Prozeß sei. Ähnlich wie das Zerbrechen von Diamanten ist das Zerbrechen von Glas
wahrscheinlich auf den Bruch von chemischen Bindungen in großen Molekülen zurückzuführen. Man
sollte daher die kinetische Formel von Arrhenius
V = A. e-E/RF
anwenden, wobei E für die Aktivierungsenergie
und A für den Kollisionsfaktor steht (aus den in diesem Artikel vorgelegten Daten ergibt sich eindeutig, daß in diesem Institut E niedrig und A sehr
hoch ist).
Zusammenfassung
Die erhobenen und dargestellten Daten zur Inaktivierung von Glasgeräten belegen, daß bei der Inaktivierung mehr Faktoren eine Rolle spielen als bislang vermutet. Die verschiedenen Parameter werden berechnet und diskutiert.
1. Silverman, A. Glass Evolution: A factor in science. J.
Chem. Educ.A955,32, 149.
2. Richter, E. M. A. The room of ancient glass. Bull. Metropolitan Museum Arts, 1911.
3. Money, G. W. Properties of Glass, 2. Auflage, New York
(Harcourt, Brace & Co.), 1954, 336.
4. Plinius. Naturalis historia. Venedig (Johannes de Spira)
1469, 36, 26.
6. Mumford, L. Technics and Ciuilisation. Harcourt, Brace
& Co., 1935, 126.
7. Hoverstadt, II. Jena Glass and Its Scientific andIndustrial Application. New York (MacMillan) 1902.
8. Socrates and Xantippe, Review o/Antiquity, 1888, 6, 5.
9. Geheime Berichte über das Bankett im königlichen Palast. Moskau, 1772,15,1.
10. Fitfll, W., Pirani, M., Scheel, K. Glastechnische Tabellen.
Berlin (Springer) 1932.
11. Neri, A. L'arte vetraria. Stameriade giunta, 1612.
12. Segal, 7. EfTicient dispersal of methylene blue from flowmeters [Effizientes Verteilen von Methylenblau aus
Durchflußmessern]. J. Irreprod. Res., 1955,1,25.
13. Rotem, Z. Preparation of autonomous vacuum system
[Herstellung eines autonomen Vakuumsystems]. J. Irreprod. Res., 1955,1,45.
14. Hertman, I. Supply of culd drinking water in summer
[Bereitstellung kalten Trinkwassers im Sommer]. Bull.
Isr. Inst. Biol. Res., August 1954.
15. Unveröffentlichbar.
16. Miller, Sh. Distillation of acetone in vacuo [Vakuumdestillation von Aceton]. J. Irreprod. Res., 1955,1,2.
17. Kohn, A. Improved method of storing sterile pipettes for
use [Eine verbesserte Methode zur Lagerung steriler, gebrauchsfertiger Pipetten]. J. Irreprod. Res., 1955,1, 67.
18. Zelda, Y. et al. Methodes in washing and sterilizing glassware: II Mass-accelerated transfer of pipettes from chromic-sulfuric acid to water [Methoden zum Waschen und
Sterilisieren von Glasgeräten: II. Massenbeschleunigter
Transfer von Pipetten aus Chrom-Schwefelsäure in Wasserj. Unveröffentlichte Ergebnisse.
19. Kellner, M. J. Bact., 1949, 58, 511.
20. Kohn, A., Zelda, Y. Report on the search for glass beads
[Bericht über die Suche nach Glaskugeln]. Bull. Isr. Inst.
Biol. Res., 1955, 1026.
21. Greenberg, Y., Alkuser, Ch., Goldenberg, Sh., Wolf, I. Annual report of maintenance crews [Jahresbericht der
Wartungstrupps]. Bull. Isr. Inst. Biol. Res., 1953,1001.
22. Ben-Gurion, R. Fight against fungi [Kampf gegen Pilze].
Bull. Isr. Inst. Biol. Res., 1953,1003.
Chaostheorie: Belege für den
Schmetterlingseffekt
von D. Inaudi,*X. Colonna deLega,*A. Di Tullio,*, C. Forno,+ P. Jacquot,*
M. Lehmann, * Max Monti, * S. Vurpillot*
* IMAC, Institut de Statique et Structures, Mesure et analyse des deformations et constraintes, Ecole Polytechnique Federale Lausanne
+ Gastprofessor von der Universität London
Dieser Artikel erschien in AIR 1:6 (November/Dezember 1995).
Vorbemerkung: Der für Regen in Paris (Frankreich)
verantwortliche Schmetterling fand sich in Lausanne (Schweiz). Dieser Artikel faßt die experimentellen Resultate zusammen, die zu diesem Ergebnis
führten, und liefert eine ethische und philosophische Diskussion der Probleme, die diese Entdekkung aufwirft.
Hintergrund
Manche Phänomene sind derart komplex, daß sogar winzigste Einflüsse enorme, unvorhersagbare
Konsequenzen haben können. Die Chaostheorie1
besagt bekanntlich, daß ein einziger Flügelschlag
eines Schmetterlings2 zu katastrophalen Auswirkungen in weit entfernten Ländern führen kann.
Verschiedene Fassungen dieses Naturgesetzes beziehen sich auf die Entstehung von Tornados in den
USA, Gewittern in Japan oder Regenfällen in Paris/ Die Frage jedoch, ob sich ähnliche meteorologische Ereignisse in derselben Region auf die Tätigkeit eines einzelnen Insekts zurückführen lassen,
wurde nach Wissen der Autoren noch nie gestellt.
Methode
Abbildung 1: Der für sämtliche Regenfälle in Paris verantwortliche Schmetterling.
Die vorliegende erste Machbarkeitsstudie befaßte
sich mit Regenfällen in Paris. Die Wahl fiel auf
diese Stadt, weil für sie verläßliche meteorologische Daten vorliegen.
Es wurden zehn Schmetterlinge ausgewählt, die
in politisch korrekten Anteilen das Vorkommen
dieser Insekten in der Schweiz repräsentieren. Um
allfälligen Verfälschungen der Ergebnisse vorzubeugen, wurde die Untersuchung als Doppelblindstudie angelegt. Die Schmetterlinge wurden nicht
davon in Kenntnis gesetzt, daß sie an einem wissenschaftlichen Experiment teilnahmen.
42
Jeden Morgen rief einer der Autoren (auf Laborkosten) seine Freundin in Paris an, um sie nach
dem Wetter zu fragen. Zur Gewährleistung eines
zuverlässigen Ergebnisses erstreckten sich die Beobachtungen täglich über mindestens eine Stunde,
während der ununterbrochener telefonischer Kontakt bestand. Zur gleichen Zeit beobachtete ein zufällig ausgewählter Forscher, der den Inhalt des
Telefongesprächs nicht kannte, die Aktivitäten der
Schmetterlinge.
Nachdem sämtliche relevanten Informationen
erhoben waren, wurden die beiden Ergebnisreihen
verglichen.
Wenn in Paris die Sonne schien, wurden die entsprechenden entomologischen Daten aussortiert,
da der für Regen verantwortliche Schmetterling
möglicherweise an sonnigen Tagen aus anderen
Gründen flog. Im Falle von Regenwetter wurde die
Aktivität oder Inaktivität jedes Exemplars zum
Zweck weiterer Analysen aufgezeichnet.
Die Studie lief so lange, bis die erste Telefonrechnung in unserer Abrechnungsstelle eintraf. Es
gelang, Resultate für eine Zeitspanne von 54 Tagen
zu erheben, von denen 16 regnerisch waren.
Experimentelle Ergebnisse
Tabelle 1 faßt die Beobachtungen der Schmetterlingsaktivitäten in Lausanne während 16 Regentagen in Paris zusammen. Diese Ergebnisse zeigen
eine eindeutige Korrelation zwischen der Aktivität
von Schmetterling J. L. (siehe Abbildung 1) und
Niederschlägen in Paris. Die Schmetterlinge Curt
und Mr. X zeigten vielversprechende Aktivitätsmuster, vermochten es jedoch nicht, zuverlässig und
durchgängig Regenfälle zu induzieren. Das Exemplar Max zeigte keine feststellbare, mit Regen korrelierte Form von Aktivität.
Da die Wahrscheinlichkeit, daß ein Schmetterling zum richtigen Zeitpunkt während aller 16 Tage
aktiv war, nur 1 : 2 = 65536 beträgt, ergibt sich
zwingend, daß tatsächlich ein Insekt in Lausanne
sämtliche Regenfälle in Paris erzeugt.
Es war allerdings mit unseren begrenzten Ressourcen nicht möglich, mit Gewißheit zu ermitteln,
ob die anderen teilnehmenden Schmetterlinge für
das Wetter anderer Weltregionen verantwortlich
waren. Die Autoren fordern alle Leser auf, die Aktivitätsmuster der anderen Schmetterlinge mit den
Wetteraufzeichnungen ihrer Heimatländer abzugleichen und uns über allfällige Korrelationen zu
unterrichten.
Diskussion
Die meteorologischen Implikationen dieser Entdekkung sind natürlich sehr interessant, doch müssen
ihre sämtlichen ethischen, soziologischen und kommerziellen Konsequenzen berücksichtigt werden.
Bestimmte Fragen rücken hier in den Vordergrund. Erstens: Wäre es möglich, das Wetter in Paris zu steuern, indem man die Schmetterlinge in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt (und sich dabei
auf die Nadeltheorie beruft)? Falls ja, dann könnte
der Besitzer dieses Insekts großen Einfluß in politischen Kreisen erlangen (beispielsweise behaupten
manche Beobachter, daß linksorientierte Wähler
an Regentagen eher zur Wahl gehen). Das kommerzielle Potential einer solchen Entdeckung wäre
beträchtlich. Es wäre möglich, einen sonnigen Tag
für besondere Gelegenheiten zu verkaufen, etwa
für eine Hochzeit in hohen und höchsten Kreisen,
für das Tennisfinale im Stadion Roland Garros oder
für die Wagenwäsche von Herrn Du Pont.
Auch ethische und philosophische Fragen stellen sich. Muß der Schmetterling J. L. als schädlich
betrachtet und daher beseitigt werden, oder bildet
er einen unentbehrlichen Bestandteil des Ökosystems Paris? Was geschähe, wenn er plötzlich und
gewaltsam zu Tode gebracht würde? Die Autoren
vermochten bezüglich dieser Frage keine Einigkeit
zu erzielen. Manche brachten das Argument vor,
daß, wenn ein simpler Flügelschlag schon schweren Niederschlag in Paris bewirkt, der gewaltsame
Tod des Schmetterlings eine Katastrophe riesigen
Ausmaßes hervorrufen könnte. Andere glauben,
daß die Seele des Insekts einfach in ein anderes
Exemplar wandern würde. Die letzte Theorie wird
von den experimentellen Daten gestützt: Nach dem
Tod von Schmetterling Curt läßt sich offensichtlich
ein Aktivitätstransfer auf Schmetterling Ray beobachten. Ray könnte daher die Reinkarnation von
Curt sein.
Eingedenk der möglichen Verheerungen, die
unsere Arbeit herausfordern könnte, haben wir
eine Ethikkommission gebildet, um das meteorologisch aktive Insekt gegen jede Form von Manipulation durch einzelne sowie politische, militärische,
religiöse oder Sportorganisationen zu schützen.
Schlußfolgerungen
Es gibt eindeutige, experimentell gewonnene Belege für den sogenannten Schmetterlingseffekt. Der
Schmetterling, der für Regenfälle in Paris verant-
wortlich ist, wurde in Lausanne, Schweiz, gefunden. Die Irrtumswahrscheinlichkeit dieses Ergebnisses liegt unter 0,1%. Die Konsequenzen dieser
Entdeckung lohnen weitere Forschungsarbeiten.
Die Autoren sind Mutter Natur zu Dank verpflichtet, weil sie ihnen die Möglichkeit zur Untersuchung solch interessanter Phänomene eröffnete.
Dieses Forschungsprojekt wurde unfreiwillig gesponsert von der Schweizer Telecom. Die Autoren
möchten den Einwohnern von Paris ihr tiefes Be-
dauern für die am 10. Mai herbeigeführten schweren Regenfälle aussprechen, als das Foto (hier als
Abbildung 1 bezeichnet) aufgenommen wurde.
LITERATUR
1. Chaos Theory Journal, sämtliche Bände, sämtliche Ausgaben, sämtliche Seiten.
2. Entdeckung einer neuen fliegenden Spezies. Zeitschrift
für angewandte Entomologie, 3. Stein, 1238 v. Chr.
3. Time Atlas ofthe World, Ausgabe 1995.
Tabelle 1
Tabelle 1: Aktivität der einzelnen Schmetterlinge an jedem der 16 Regentage in Paris. Die Insekten erhielten Pseudonyme (zum
Schutz der Privatsphäre). Ein „X" bedeutet eine beliebige Form von Aktivität (z.B. Flügelschlagen). 2 bedeutet „wahrscheinlich
tot". 3 bedeutet „mit Sicherheit tot".
Die Top-Quark-Tour von AIR
Dieser Beitrag erschien 1995 in mini-AIR, dem über Internet verbreiteten Newsletter.
Ein kräftiges Hipp-Hipp-Hurra den Physikern vom
Beschleuniger am Fermilab! Sie haben 1995 das
flüchtigste der Elementarteilchen, das Top-Quark,
nachgewiesen. AIR plant, die gesamte Kollektion
von Top-Quarks vom Fermilab zu erwerben und öffentlich auszustellen. Eine Wanderausstellung wird
in allen Metropolen der Welt zu sehen sein. Die genauen Termine der Top-Quark-Tour werden bekanntgegeben, sobald einige unwesentliche technische Probleme gelöst sind, etwa die Konservierung
und Befestigung der Ausstellungsexemplare.
Neues von der Top-Quark-Tour
Unsere Ausstellung der Top-Quarks und ihrer
Freunde hat weltweit eingeschlagen. Mit großer
Freude geben wir hiermit bekannt, daß wir die Ein-
trittspreise aufgrund des unerwart hohen Zulaufs
senken konnten. Lassen auch Sie sich von dem Gedanken faszinieren, daß die Top-Quarks vor Ihren
Augen - in den meisten Fällen sogar, bevor Sie Ihren Platz einnehmen können - zerfallen. Jeder Besitzer einer Eintrittskarte erhält einen Gutschein
für vierzig Millionen (!) (kosten-)freie Elektronen,
paradoxerweise ausgegeben von unserem geschätzten Erwin, dem Kater (ja, hier ist der Haken).
Ein überarbeiteter Plan der übrigen Tourtermine
wird bekanntgegeben, sobald wir die Lieferung
Formalin-Plasma mit neuer Rezeptur erhalten haben, mit deren Hilfe es uns gelingen wird (das verspricht uns der Hersteller hoch und heilig), die Ausstellungsexemplare zu konservieren und zu fixieren.
Bericht über den Stand des
Schlafforschungsprojekts
von Yuska-Marie Paskevitch
Forschungsgruppe 1
Forschungsgruppe 4
KD schläft mit RM.
RM schläft mit PL
PI schläft mit RK.
RK schläft mit WB.
WB schläft mit GG.
GG schläft mit FP.
FP schläft mit KD.
DS weiht gerade einen neuen graduierten
Studenten ein.
Forschungsgruppe 7
FL probiert Haarfärbemittel aus.
Forschungsgruppe 7
Forschungsgruppe 3
TDF berichtet von einer Serie enttäuschender
Ergebnisse. Sie sucht nach einem verbesserten
experimentellen Design.
KD bekam die Forschungsgelder gestrichen
und schläft mit niemandem mehr.
Diese Ergebnisse wurden aus mehreren Ausgaben von AIR zusammengestellt.
Ein seltsamer
Teilchenbeschleuniger in der
Schweiz
Dieses Photo zierte die Titelseite von AIR 1:3 (Mai/Juni 1995).
Diese Photographie fand sich in einer Abstellkam- Rückseite stand die Zahl „1952" geschrieben. Man
mer des CERN, einer Forschungseinrichtung für hält die Vorrichtung für einen veralteten TeilchenHochenergiephysik bei Genf, Schweiz. Auf der
beschleuniger. Foto: Robert Richard Smith.
!■
Die Aerodynamik von
Kartoffelchips
von Scott Sandford, JimRoss, Joe Sacco und Nathaniel Hellerstein
Aerochip-Institut, Mountain View, Kalifornien
Dieser Artikel erschien in AIR 1:1 (Januar/Februar 1995).
Verbreitet besteht die Überzeugung, daß man einen Kartoffelchip nicht werfen könne. Den Autoren
schien es jedoch, daß die Aerodynamik von Kartoffelchips stark von der Reynoldszahl abhängt.1 Daher ist der Gehalt der Behauptung, man könne einen Kartoffelchip nicht werfen, solange in Zweifel
zu ziehen, bis Versuche mit Groß ausführ un gen und
bei realen Fluggeschwindigkeiten durchgeführt
wurden. Das übliche Verfahren, aerodynamische
Versuche mit Modellen im Windkanal durchzuführen, wurde als zu schwierig erachtet, denn es erhob sich die naheliegende Frage nach der geometrischen Ähnlichkeit, die jede Art einer Modellkonstruktion aufwirft. Insbesondere die korrekte
Salzverteilung, Oberflächenrauheit und Kantenform hätten sich bei einem Modellkartoffelchip nur
unter großen Schwierigkeiten nachbilden lassen.
Aus diesem Grund entschlossen wir uns zu einer
Serie rigoroser Windkanaltests an echten Chips.
Da wir Versuche mit Großausführungen als absolut notwendig erachteten, führten wir sie in einem Windkanal mit einem Meßstreckenquerschnitt
von 24x36 Metern durch. Die benutzte Anlage verfügt über zwei Meßstrecken; der Luftstrom in beiden wird von einem einzigen Gebläse mit sechs
Ventilatoren von je zwölf Metern Durchmesser erzeugt (Gesamtleistung 136 000 PS). Das Bauprinzip
der Anlage zeigt Abbildung 1. Die Auswahl der für
einen bestimmten Versuch aktivierten Meßstrecke
erfolgt, indem man die in der Abbildung dargestellten Umlenkgitter 3, 4, 6 und 7 entsprechend einstellt. So kann man eine Meßstrecke mit einem
Querschnitt von 24x36 und von 12x24 Metern benutzen. Für diesen bestimmten Versuch verwendeAbbildung 1: Zoichnung der Versuchsanla-
48
Tabelle 1: Chipssorten und Durchschnittsgewichte
ten wir einen neuartigen, selten benutzten Modus,
hier als offener Lagerraummodus bezeichnet, bei
dem der Windkanal so konfiguriert wurde, daß die
Luft die 12x24-m-Strecke durchströmte, während
wir die 24x36-m-Meßstrecke benutzten. Da diese
Tests während der Mittagspause der Autoren stattfanden, wurden auch die seitlichen Zugangstüren
zur Meßstrecke offen gelassen. Die Qualität der
Luftströmung war bei dieser Konfiguration ausgezeichnet und das Wetter hinreichend günstig, so
daß praktisch keine Turbulenzen (und null Geschwindigkeit) in der Meßstrecke auftraten.
Ausgehend von der Annahme, daß die aerodynamischen Eigenschaften von Kartoffelchips stark
von deren Form, Größe, Gewicht usw. abhängen,
testeten wir eine Anzahl unterschiedlicher Chipssorten (siehe Tabelle 1 und Abbildung 2): Um formbedingte Effekte von gewichtsbedingten zu trennen, untersuchten wir mehrere Sorten Chips des
Herstellers Pringles, da sie im allgemeinen dieselbe
Form haben, während sich ihr Gewicht und ihre
Zusammensetzung unterscheiden. Außerdem verglichen wir die Testergebnisse von frischen und
von alten Chips jeder Sorte, um zu prüfen, ob die
Frische eine Rolle spielt. Die Tests gingen folgendermaßen vonstatten: Mehrere Chips von jeder
Sorte wurden mittels JSSW2-Verfahren aus einer
Höhe von vier Metern abgeworfen. Vor dem Werfen
einer neuen Chipssorte prüfte der Chipsstarter1 die
nicht überlagerten Chips auf Frische; seine Kommentare wurden protokolliert.4 Dann wurde die
Strecke, die der Chip zurücklegte, bevor er auf dem
Boden des Windkanals aufschlug, gemessen und
ebenfalls protokolliert. Die Zahl der geworfenen
Chips jeder Sorte reichte zwar kaum aus, um signifikante Ergebnisse zu erzielen, hing jedoch gewöhnlich von der Zeitspanne ab, nach der dem
Chipsstarter die zu testende Sorte Chips zum Hals
heraushing.
Nach Abschluß aller Versuche mit einzelnen
Chips führten wir einen weiteren Test durch, der
Abbildung 2: Die verschiedenen im Rahmen der Studie untersuchten Chipssorten.
Abbildung 3: Die neuartige Methode der Autoren zur Datenreduktion. Das Foto wurde im Windkanal von Moffat Field
aufgenommen.
49
Abbildung 4: Daten, die belegen, daß man einen Kartoffelchip werfen kann, nur nicht sehr weit.
Weite bei frischen Chips [m]
klären sollte, ob ein enger „Formationsflug" zu einer signifikanten Reduktion des Strömungswiderstands führt. Wie sich zeigte, war dies der Fall, was
umfassend auch durch die Beobachtung erhärtet
wurde, daß wir eine Tüte (oder eine Dose) Chips
viel weiter werfen konnten als einen einzelnen
Chip. Nach Abschluß des letzten Chipflugtests wurden die Daten reduziert (Abbildung 3) und in die
nächste Mülltonne geworfen. Die Abbildungen 4, 5
und 6 fassen die Ergebnisse unserer Untersuchungen zusammen. Abbildung 4 beweist, daß der Satz
„Man kann einen Kartoffelchip nicht werfen" falsch
ist. Einen Kartoffelchip kann man sehr wohl werfen, nur nicht sehr weit. Darüber hinaus ist die
Strecke, die man ihn werfen kann, weitgehend unabhängig vom Gewicht des Chips, seiner Sorte oder
seiner Form. Aus Abbildung 5 geht hervor, daß alte
Pringles-Chips tendenziell weiter fliegen als frische
Pringles-Chips, doch diese Schlußfolgerung ist statistisch nicht signifikant. Vielleicht fliegen die alten
Chips weiter, weil sie mehr Wasserdampf absorbiert haben und daher schwerer sind.'' Wir weisen
darauf hin, daß auf Pringles Com Chips das Gegenteil zutrifft, und zwar statistisch signifikant. Wir
verstehen das auch nicht, doch da wir schließlich
der Frage nachgehen, ob es möglich ist, Kartoffelchips - und nicht Tortillachips! - zu werfen, verfolgten wir diesen Punkt nicht weiter. Abbildung 6
schließlich zeigt den Zusammenhang von Flugnum-
Abbildung 5: Beleg für die Vermutung, daß alte PringlesKartoffelchips weiter fliegen als frische. Der Effekt ist jedoch
nicht statistisch signifikant.
Abbildung 6: Detaillierte Zusammenfassung der in dieser
Untersuchung erhobenen Daten.
50
mer und Wurfweite und gibt einen Überblick über
die gesamte Testserie mit allen Chipssorten. Die
Abbildung ist beigefügt, um den Leser davon zu
überzeugen, daß bei sämtlichen Versuchen einheitliche Methoden verwendet wurden. Die horizontal
verlaufende Gerade ist eine lineare Approximation
an die Daten mit der Steigung null, was belegt, daß
konstante JSSW-Techniken verwendet wurden. Die
gekrümmte Linie ist ein Polynom dritter Ordnung
und zeigt an, daß mit der Zeit auf seilen des Chipsstarters eine Verbesserung, gefolgt von rascher
Verschlechterung, eintrat (was ebenfalls mit konsistenten JSSW-Techniken übereinstimmt).
So führt unsere Untersuchung der These „Man
kann einen Kartoffelchip nicht werfen" zu folgenden Schlußfolgerungen:
• Man kann einen Kartoffelchip werfen, nur nicht
sehr weit.
• Die zurückgelegte Flugstrecke ist weitgehend
unabhängig von Gewicht, Form oder Frische des
Chips.
• Kartoffelchips fliegen in Formation beträchtlich
weiter, vermutlich weil ein derartiger Flug den
Strömungswiderstand insgesamt reduziert.
• Wir mögen keine Pringles Original Ridges Chips.
Für unser Empfinden schmecken sie verbrannt.
• Ruffles Light Choice sind leicht, wiegen aber immer noch mehr als der durchschnittliche Chip in
einem Laura Scudders Twin Pack (siehe Tabelle
1).
Hersteller von Kartoffelchips und Kurzstreckenflugzeugen sollten diese Ergebnisse nur auf eigene
Gefahr ignorieren.
Technische Bemerkung
Diejenigen, die weitere Experimente in dieser Richtung anstellen möchten, seien daraufhingewiesen,
daß es bei Verwendung eines Windkanals wichtig
ist, die Kartoffelchips da fallen zu lassen, wo sie gerade wollen.
A NMERKUNGEN
1. Oder vielleicht nicht. Die Reynoldszahl ist ein dimensionsloser Koeffizient, der als Kennzahl für Strömungsvorgänge dient; sie spielt eine grundlegende Rolle bei allen viskosen Flüssigkeiten. Hs ist darüber hinaus schwierig, sie in einfachen Worten zu erklären.
2. Joe-Sacco-Standard-Wurf. Der JSSW verlieh allen Chips
eine einheitliche Flugenergie, indem er gewährleistete,
daß jeder einzelne Chip mit jeweils der optimalen Wurftechnik geworfen wurde, d.h. keine zwei Würfe waren
gleich.
3. JoeSacco.
4. Beispielsweise „knusprig und seh markhaft", „mmmmm",
„besser als Ruffles Light" usw. (Der Chipsstarter weigerte sich, den Geschmack der überlagerten Chips zu
prüfen.)
5. Eine Vermutung, die in direktem Gegensatz zu der
Schlußfolgerung aus Abbildung 4 steht.
Der Einfluß von Erdnußbutter
auf die Erdrotation
Dieser Artikel erschien 1993.
Vorbemerkung des Herausgebers: Mit der Publikation dieses Artikels weichen wir von unserer seit langem bestehenden
Gepflogenheit hinsichtlich der Koautorenschaft ab. Früher wiesen wir jeden Artikel zurück, der mehr als zehn Koautoren
aufführte. Viele unserer Autoren haben daraufhin vermerkt, daß wissenschaftliche Zeitschriften für manche Fachgebiete,
insbesondere die Hochenergiephysik und die klinisch-medizinische Forschung, regelmäßig Artikel veröffentlichen, die
einhundert oder mehr Koautoren verzeichnen. Dementsprechend heben wir hiermit die Einschränkung auf.
von Dr. George August, Dr. Anita Balliro, Dr. Pier Barnaba, Dr. Anne Battis, Dr. Constantine Battis, Dr. John
Battis, Dr. Nathaniel Baum, Dr. S. Becket, Dr. A. G. Bell, Dr. Olaf R. Benzinger, Dr. Moe Berg,
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Delamere, Dr. R. C. De Bodo, Dr. P. deMan, Dr. Arthur Derfall, Dr. Helen Diver, Dr. Edward Doctoroff,
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Hardy, Dr. Gary Hartpence, Dr. Edward Haskeil, Dr. S. J. Hawkins, Dr. Kevin Hegg, Dr. Lilly N. Hellman,
Dr. G. A. Herbst, Dr. Robert A. Hertz, Dr. Louise D. Hicks, Dr. Lyndon Holmes, Dr. Mycroft Holmes,
Dr. 0. W. Holmes, Dr. Tardis Hoo, Dr. J. E. Hoover, Dr. E. A. Horton, Dr. Lawrence Howard, Dr. Moe
Howard, Dr. Ginger Hsu, Dr. David Hubbs, Dr. Loretta Huttlinger, Dr. Stanley Hwang, Dr. Harnet Kasden,
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Moran, Dr. Charles Morgan, Dr. Stephen Mosher, Dr. Lisa Mullins, Dr. M. Murphy, Dr. Sarah Natale, Dr. Ned
Newton, Dr. R. M. Nixon, Dr. Grover Norquist, Dr. Ngai Ng, Dr. Kevin O'Malley, Dr. Joel Orloff, Dr. C. ParkerBowles, Dr. Frank Patterson, Dr. John Pesky, Dr. Peter Pienar, Dr. Margaret Pinette, Dr. Philip Ravino,
Dr. Celia Reber, Dr. M. Reich-Ranizky, Dr. Bertrand Roger, Dr. Frederick Rogers, Dr. Dexter Rosenbloom,
Dr. George H. Ruth, Dr. Kathleen Rutherford, Dr. Robert Ryder, Dr. George Scheinman, Dr. Aimee Semple,
52
Dr. William Shoemaker, Dr. Joseph Slavsky, Dr. Olivia Smith, Dr. Simon Silver, Dr. G. Simmel-Konsalik,
Dr. Orentahl J. Simpson, Dr. Jeffrey Spaulding, Dr. Richard Starkey, Dr. David Alan Steele, Dr. Y. Struchkov,
Dr. Quentin Sullivan, Dr. Ann Sussman, Dr. Cornelia P. Suttner, Dr. Ezra Tamsky, Dr. Kumiko Terazawa,
Dr. Marge Thatcher, Dr. Mark Theissen, Dr. Marilyn Tucker, Dr. Christina Turner, Dr. Tina Turner,
Dr. Brenda C. W. Twersky, Dr. Frederick A. von Stade, Dr. F. Skiddy von Stade, Dr. Bartha Vanation,
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Dr. 0. T. 0. Waalkes, Dr. Paul Waggoner, Dr. Teresa Wallace, Dr. Thomas Waller, Dr. J. Ward, Dr. med. John
H. Watson, Dr. Michael Weddle, Dr. Michael Weinberg, Dr. Lawrence Welk, Dr. Kevin White, Dr. Andrew
Williams, Dr. John Williams, Dr. Theodore Williams, Dr. William Williams, Dr. Eileen Wynn, Dr. Chin-chin
Yeh und Dr. Ethel Youngman
Soweit wir ermessen können,
hat Erdnußbutter keinen Einfluß auf die Erdrotation.
Mundozentrismus
von George Englebretsen
Philosophische Fakultät, Bishop's Universität, Lennoxville, Quebec
Dieser Artikel erschien in AIR 2:2 (März/April 1996).
1992 wurde das Nationale Komitee zur Förderung
des Mundozentrismus gegründet, um all denen
eine Stimme zu verleihen, die der Überzeugung anhängen, daß Mutter Erde eine zentralere Stellung
in der Weltordnung verdient. 1994 ernannte das
Komitee mich zum Leiter einer Expertengruppe
aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachgebieten. Dieses Team sollte ein Forschungsprojekt in
Angriff nehmen, das zum Ziel hatte, ein für allemal
zu beweisen, daß die Erde der Mittelpunkt des Universums ist.
Foto: NASA Goddard-Labor für Atmosphärenforschung.
Interne Auseinandersetzungen
Unsere Arbeit wurde beeinträchtigt durch ein erbittertes Hauen und Stechen innerhalb der Gruppe.
Allerdings war dies bei einem Forschungsteam, das
sich aus Astronomen, Soziologen und einem Dichter zusammensetzt, zwar bedauerlich, aber zu erwarten. Trotzdem gelang es uns, schlüssig nachzuweisen, daß sich Kopernikus geirrt hat und die Erde in der Tat im Zentrum des Universums steht. Die
Kopernikanische Revolution und die nachfolgende
Wissenschaftsgeschichte in der westlichen Welt haben uns einen grausamen Streich gespielt, der von
zynischen, gefühllosen Wissenschaftlern und ihren
Handlangern immer weiter getrieben wird.
Ein gutes Gefühl ist eine gute
Strategie, und das ist gut
Soziale und politische Erwägungen (der Dichter
war betrunken, und die beiden Astronomen arbeiten nur nachts) veranlaßten die Überbleibsel unseres Teams zu der Schlußfolgerung, daß die Übernahme des Mundozentrismus als offizielle Position
der Regierung der Vereinigten Staaten sich vorteil-
haft auf die Wirtschaft und das Bildungswesen auswirken würde. Ersteres folgt aus der sofortigen
Auflösung der NASA, was der Vergeudung von Ressourcen im Wert von Milliarden Dollar ein Ende
machen würde und somit eine Riesenersparnis
brächte. Der zweite und vielleicht bedeutendere Effekt bestünde darin, daß die amerikanischen Studenten den Ausländern um eine Nasenlänge voraus
wären, was Mathematik und Naturwissenschaften
angeht.
Wir können beweisen, daß die im Vergleich mit
Studenten anderer Länder schwächeren Leistungen der amerikanischen Studenten in den naturwissenschaftlichen Fächern zum Großteil der Tatsache zuzuschreiben sind, daß die Naturwissenschaftler in Forschung und Lehre die Erde - ihr
Zuhause - weit vom Zentrum aller Dinge weggerückt und den Studenten damit ein geringes Selbstwertgefühl eingeflößt haben. Wir vermögen jetzt
folgendes schlüssig nachzuweisen: Wenn die Studenten ihr Zuhause gut finden, dann finden sie
auch sich selbst gut. Und wenn sie sich selbst gut
finden, haben sie mehr Interesse am Lernen. Wenn
54
unsere Welt im Mittelpunkt des Universums steht,
dann auch wir. Was für ein gutes Gefühl.
Astronomen neigen zu irrigen
Ansichten
Einer der Astronomen in unserer Gruppe behauptete doch allen Ernstes, wir seien gar keine Wissenschaftler. (Beide Astronomen waren schlichtweg
hochnäsig; schließlich strecken sie ihre Nasen die
ganze Zeit hoch in die Luft.) Er verlangte, wir sollten zumindest versuchen, eine große Vielzahl
astronomischer Periodizitäten (oder ähnlichen Hokuspokus) zu erklären, ohne in die alte Epizyklentheorie der mittelalterlichen geozentrischen Astronomie zurückzufallen. Wir konnten ihn schließlich
davon überzeugen, daß sich keiner mehr um den
Rest des Universums scheren wird, wenn erst alle
Amerikaner sich und die Erde gut finden.
Der Zusamenhang zwischen
Tornados und Trailern
von Frank Wu
Universität von Wisconsin, Madison, Wisconsin
Dieser Artikel erschien in AIR 1:4 (Juli/August 1995).
Manche amerikanischen Bundesstaaten haben
stärker unter Tornados und Hurrikans zu leiden
als andere. So soll nach Ansicht führender Meteorologen beispielsweise Kansas deshalb so häufig
von Tornados heimgesucht werden, weil der Verlauf der Rocky Mountains, die weite, ebene Prärielandschaft und die vorherrschende Windrichtung
zusammenwirken und so ihre Entstehung fördern.1
Die Experten irren. Ihre Analyse ist unvollständig
und berücksichtigt nicht die verbreitete Vorstellung, daß Tornados einfach am häufigsten in den
Bundesstaaten auftreten, in denen es viele Großwohnwagen, sogenannte Trailer oder Mobile
Homes, gibt2 (siehe Abbildung 1). Im folgenden versuche ich, die Richtigkeit dieser und anderer gängi-
Abbildung 1: Ein mobiler Anblick einer Siedlung aus Mobile
Homes. Foto mit freundlicher Genehmigung des F. Wu Mobile Home Archive.
ger Ansichten über Tornados nachzuweisen und,
falls möglich, mit Zahlen zu belegen.
Methode
Ein Vergleich verschiedener Bundesstaaten hinsichtlich der Zahl von Tornados und Hurrikans3 sowie der Verkaufszahlen von Mobile Homes4 wurde
durchgeführt.
Tornados und Trailer
Die Datensätze über Wohnwagen und Wirbelstürme wurden auf die Fläche der jeweiligen Staaten umgerechnet.5 Die Ergebnisse sind in den Tabellen 1 und 2 nachzulesen. Tornados und Hurrikans treten in der Tat am häufigsten in Staaten mit
zahlreichen Mobile Homes auf. So rangieren acht
Staaten sowohl hinsichtlich dieser transportablen
Behausungen als auch hinsichtlich Tornados unter
den ersten elf. Darüber hinaus nimmt Florida den
Spitzenplatz bei Wirbelstürmen und den dritten
Platz bei mobilen Fertigunterkünften ein. Indiana
erreicht Platz zwei bei Tornados und Platz eins
bei Trailern. Unklar ist allerdings, welche zusätzlichen Auswirkungen die Indianapolis 500 auf die
atmosphärischen Bedingungen haben. Dieses Ereignis, bei dem Automobile in einem kleinen Oval
Runde auf Runde mit hoher Geschwindigkeit zurücklegen, fällt mit dem Beginn der jährlichen Tornadosaison zusammen.
56
Tabelle 1
Verkaufte Mobile Homes pro Quadratkilometer. In diesen
Staaten konzentriert sich der Absatz, gemessen in je 1000
Dollar pro Quadratkilometer. Die Daten sollen aus dem Jahr
1982 stammen. Einzelheiten können in einem der unter „Literatur" aufgeführten Werke enthalten sein. Die Richtigkeit
wird weder in Anspruch genommen noch unterstellt.
Irrelevanz von Großstädten
So eindeutig der Zusammenhang zwischen dem Bestand an Trailer-Siedlungen und dem Auftreten
von Tornados auch sein mag, er ist nicht hundertprozentig. Um diese Unvollständigkeit zu erklären,
analysierte ich einen weiteren verbreiteten Volksglauben,8 nämlich daß in Staaten mit vielen Großstädten weniger Tornados wüten - angeblich brechen die Hochhäuser die Kraft des Windes. Um
diese Hypothese zu testen, teilte ich die ländliche
Fläche jedes Staates5 durch die Zahl seiner Großstädte (Städte mit mehr als 250 000 Einwohnern siehe Quelle 5); siehe Tabelle 2. Das Auftreten von
Tornados scheint tatsächlich sowohl von der Zahl
der Mobile Homes als auch vom Fehlen großer
Städte abzuhängen. Kansas beispielsweise mit seinen satten 211860 Quadratkilometern ländlichen
Gebiets rückt vom neunten Platz der Trailer-Liste
auf den dritten der Tornado-Liste. Nebraska mit
seinen 201 240 Quadratkilometern ländlichen Gebiets springt von Platz 16 der Trailer-Liste auf die
sechste Position der Tornado-Liste. Im Gegensatz
dazu liegen in Kalifornien viele Großstädte (nur
50 500 Quadratkilometer liegen zwischen ihnen),
und der Staat wird sehr selten von Tornados heimgesucht (0,1 Tornado/10 000 Quadratkilometer).
Natürlich gleicht Kalifornien dieses Wirbelsturmdefizit durch einen stolzen Erdbebenüberschuß
aus.
Tabelle 2
Das Auftreten von schweren Stürmen im Vergleich zur Fläche ländlicher Gebiete. Diese amerikanischen Staaten weisen die höchste Zahl von Tornados und Hurrikans pro Quadratkilometer auf. Die Sturmzahlen sind mehr oder weniger
Durchschnittswerte für die Jahre 1953-1990. Die Landfläche wurde in Einheiten von 1000 Quadratkilometern und als
Durchschnittswert der Jahre 1987-1995 bestimmt. Einzelheiten können in Genauigkeit oder Interessantheitsgrad variieren.
Seltsamerweise jedoch haben einige ländliche
Flächenstaaten wie Alaska, Montana und Wyoming
sehr wenige Tornados aufzuweisen. Darin könnte
sich entweder das Fehlen von Trailer-Siedlungen potentiellen Zielen von Tornados - oder die Abwesenheit von Tornadojägern niederschlagen; vielleicht gibt es aber auch eine andere Erklärung.
Tornados und Camcorderverkauf
Bereichert wurde die Tornadokunde jüngst um die
Hypothese, daß die steigenden Verkaufszahlen von
Videokameras auf irgendeine Weise die Zahl der
Tornados in die Höhe treiben,9 als ob die Tornados
für Filmaufnahmen „posieren" wollten. Um diese
zunächst etwas weit hergeholte Vorstellung zu prüfen, verglich ich die Absatzzahlen von Camcordern10 mit dem Auftreten von Tornados in jüngster
Vergangenheit und stellte zu meiner Überraschung
fest, daß tatsächlich ein direkter Zusammenhang
besteht (siehe Abbildung 2, hier allerdings weggelassen).
57
Ausweichliche Schlußfolgerungen
1. Mit echten Statistiken läßt sich praktisch jedes
Märchen über Tornados belegen.
2. Sollte sich eine dieser Ideen als richtig erweisen,
empfehle ich Ihnen, sofern Sie unter die Bauherren gehen wollen, Ihr Haus stabil und in der
Nähe einer Stadt, weit entfernt von Trailern und
hinter einem großen Felsen zu bauen und niemals jemanden mit einer Videokamera in die
Nahe zu lassen.
LITERATUR
1. New York Times, 28. April 1991, S. 22.
2. Siehe: Cecil Adams. The Straight Dope. Isthmus (Madison, Wisconsin), 14. Januar 1994, S. 30.
3. Storm Data, Band 32, Nummer 12 (Dezember 1990), National Climatic Data Center, Asheville, N. C, S. 1-12. Es
wurden nur Staaten berücksichtigt, für die entsprechende Daten über Mobile Homes vorliegen.
4. 1987 Census of Manufacturers, Industry Series, Wood
Buildings and Mobile Homes, Industries 2451 and 2452,
Dept. of Commerce, Bureau of the Census, S. 24D-10.
Leider waren einige Staaten nicht in dieses publizierte
Datenmaterial einbezogen.
5. World Almanac and Book of Facts (1991), New York
(Pharos Books), S. 619-643.
6. Aufgrund einvernehmlichen Beschlusses gestrichen.
7. Aus nicht angeführten Gründen gestrichen.
8. Cecil Adams, a.a.O.
9. The Capital Times (Madison, Wisconsin), 7. Juli 1994,
S. 3A.
lO.Annual Statistical and Marketing Reports. Dealerscope
Merchandising, Mai 1994, S. 33; März 1992, S. 27.
11. Storm Data, Bd. 34, Nr. 12, Dezember 1992, S. 92.
12. Unendlich.
13. Wisconsin ist bekannt für seinen Käse.
Geringe Wahrscheinlichkeit
weiterer Entführungen durch
fremde Lebewesen
von LeonardX. Finegold
Physikalische Fakultät, Drexel-Universität, Philadelphia, Pennsylvania
Dieser Artikel erschien in AIR 1:2 (März/April 1995).
Sie haben guten Grund, sich vor einer Entführung
durch fremde Lebewesen zu fürchten.1 Jacobs2 berichtet übor eine Reihe von ihm durchgeführter,
detaillierter Interviews während hypnoseinduzierter Regression, in der sich die Probanden an ihre
Vergangenheit erinnern. Die Probanden behaupten, von fremden Lebewesen in UFOs (Unidentifizierten Flugobjekten) entführt worden zu sein.
Eine numerische Analyse der Geburtsdaten der
Probanden zeigt, daß nur vor 1970 geborene Menschen entführt werden. Daher darf man mit einiger
Sicherheit mutmaßen, daß die Wahrscheinlichkeit
weiterer Entführungen durch fremde Lebewesen
sehr gering ist, vielleicht sogar gegen null geht.
Datenanalyse
Jacobs gibt eine wunderbar einfache und elegante
Antwort auf die Frage, warum die angeblich Entführten so ähnliche Schilderungen abgaben: Sie
wurden tatsächlich von fremden Lebewesen aus
UFOs entführt.3 Eine Liste der Entführten mit ihren
Geburtsjahren enthält Anhang B, S. 326 von Jacobs' Buch.
Das nebenstehende Diagramm zeigt die Anzahl
der Entführten in Abhängigkeit von ihren Geburtsjahren in Fünfjahresabschnitten (die Bezeichnung
„1965" in dem Diagramm umfaßt also den Zeitraum 1965-1969 usw.)
Zahl der Entführton pro Halbjahrzehnt (senkrechte Achse).
Die waagrechte Achse verzeichnet die Geburtsjahre der Entführten.
59
Einige technische Bemerkungen
Die Sitzungen mit hypnotischer Regression begannen 1985, und das Buch erschien 1992, so daß die
Sitzungen über einen Zeitraum von etwa sechs Jahren stattfanden. Manche Entführte hatten zum
Zeitpunkt der Verschleppung noch nicht einmal
das Teenageralter erreicht; einer war erst sechs
Jahre alt. Der Zeitraum der Erhebung ist gegenüber der Spanne der angegebenen Geburtsjahre 35 Jahre - so kurz, daß die Häufigkeit null für Entführungen nach 1969 realistisch ist. Leider scheint
Jacobs die Originale der Archivzeitschriften, in denen die Arbeit zuerst veröffentlicht wurde, nicht
anzuführen; in meinem Exemplar von Jacobs' Buch
zumindest fehlt anscheinend der Index.
Als bedeutsam soll hier festgehalten werden,
daß die Entführungen nach einem Gipfelpunkt bei
den Geburtsjahrgängen 1930-1965 für die Geburtsjahrgänge nach 1969 auf null zurückgehen.
In der untersuchten Gruppe haben also, aus welchen Gründen auch immer, die Verschleppungen
von Personen, die nach 1969 geboren wurden, aufgehört.4 Da die Bevölkerung der USA während dieser Zeit fast exponentiell zunahm, sank die Zahl
der Entführungen pro 100 000 Menschen noch
schneller, als es aus obigem Diagramm hervorgeht.
Schlußfolgerung
Wir dürfen also aus dem Gesagten ohne weiteres
ableiten, daß die Gefahr weiterer Entführungen
durch UFOs Gott sei Dank der Vergangenheit angehört.5
ANMERKUNGEN
1. Eine Analyse der einschlägigen Rechtsfragen findet sich
in der ,^1/flhead Legal Review" in dieser Ausgabe von
AIR. Um Ihnen einen Anreiz zu geben, das Haus zu verlassen und sich auf den Weg in die Bibliothek zu machen,
wurde dieser Bericht nicht in das vorliegende Buch aufgenommen.
2. D. M. Jacobs. Secret Life: Firsthand Accounts o/UFOAbductions, New York (Simon & Schuster), 1992. Der Autor
vertritt in seinem Buch die These, daß die fremden Lebewesen die Entführten zeitweise in UFOs verschleppen,
um sie zu sexuellen Reproduktionsprozessen zu verwenden. Das Buch enthält ein Vorwort von John Mack. (Diese
Arbeit brachte den Drs. Jacobs und Mack 1993 den verdienten IgNobelpreis für Psychologie ein.) Jacobs lehrt
an der Temple-Universität, Mack an der Medizinischen
Hochschule von Harvard.
3. Betont werden sollte hier, daß „fremde Lebewesen" nicht
einfach „Nichtamerikaner", „Nichtfranzosen" oder was
auch immer bedeutet, sondern „Außerirdische". Die Diskussion bezieht sich daher nicht auf gut dokumentierte
Entführungen durch Fremde aus anderen Ländern.
4. Die These des Buches2 lautet, daß die fremden Lebewesen die Entführten zeitweise in UFOs verschleppen, um
sie zu sexuellen Reproduktionsprozessen zu verwenden.
Zufällig arbeitete ich während der Erstellung des Condon
Reports mit Edward Condon (erwähnt in [2]) zusammen
und wurde zu der UFO-Studie hinzugezogen (als für benachbarte Disziplinen aufgeschlossener Festkörperphysiker). Ich kann mit Fug und Recht behaupten, daß mir
Jacobs' Buch sehr vieles über Außerirdische und UFOs
vermittelte, was ich zuvor nicht wußte, ja von dem ich
nicht einmal den blassesten Schimmer hatte.
5. Von mir persönlich kann ich glücklicherweise und sehr
zu meiner Erleichterung sagen, daß mich die Gnade der
späten Geburt in eine Gruppe mit null Hntführungsrisiko
einordnet.
Planmäßige UFO-Sichtungen
Diese Liste erschien in AIR 2:2 (März/April 1996).
Das Laser-Raclette
von A. Zryd, T. Liechti undJ. D. Wagniere
Centre de Traitement des Materiaux par Laser, Departement des Materiaux,
Ecole Polytechnique Federale Lausanne
CH-1015 Lausanne, Schweiz
Dieser Artikel erschien in AIR 1:3 (Mai/Juni 1995).
Als „Raclette" bezeichnet man ein archaisches Gericht aus den Schweizer Alpen, das aus geschmolzenem Hartkäse besteht. Es unterscheidet sich von
dem bekannten Käsefondue durch seine Zubereitungsweise: nur die obere Schicht des gesamten
Käsestücks wird geschmolzen, indem man es der
Einwirkung einer Wärmequelle aussetzt. Das geschmolzene Innere des Käsestücks wird auf einen
Teller geschabt und nebst Kartoffeln und trockenem Weißwein verzehrt. Der Vorgang laßt sich solange wiederholen, wie kalter Käse vorhanden ist.
Zu den üblicherweise eingesetzten Wärmequellen
zählen das Holzfeuer1 und seit einiger Zeit auch die
Nutzung des Joule-Effekts, die Erzeugung von Wärme durch elektrischen Strom.2 Ersteres Verfahren
ist mit der Schwierigkeit verbunden, daß es in der
modernen Welt nicht immer praktikabel ist. Beide
herkömmlichen Methoden erfordern die Injektion
von Pfeffer per Hand, was den gesamten Prozeß
verlangsamt. Der vorliegende Artikel beschreibt
ein neuartiges Verfahren, das beide Nachteile vermeidet, indem es Geräte nutzt, die in den meisten
modernen Labors vorhanden sind.
Versuchsaufbau
Als zu prüfende Probe wurde ein handelsüblicher
Schweizer Raclette-Käse ausgewählt; zur Injektion
diente gemahlener schwarzer Pfeffer. Der Strahl
eines 1,5 Kilowatt starken C02-Dauerstrichlasers
wurde so eingestellt, daß nur die oberste Schicht
des Käses schmolz. Der Käselaib wurde unter dem
ortsfesten Strahl auf einen computergesteuerten XY-Tisch gestellt. Den Versuchsaufbau zeigt Abbildung 1. Die Verfahrensparameter führt Tabelle 1
auf.
Abbildung 1: Vorrichtung für ein Laser-Rarlette. Der Käse
ist im unteren Teil des Bildes zu sehen (halbmondförmig).
Der Laserstrahl kommt von oben durch das optische System.
Der dünne, von außen in das Bild hineinragende Schlauch
führt das Schutzgas heran, das die Linsen vor Pfefferpartikeln schützt. Im Hintergrund der Abzug, der Rauch und Geruch absaugt.
64
Tabelle 1
Der Pfeffer wurde mit Hilfe eines Pulverbeschichtungsverfahrens aufgebracht, das an anderer Stelle beschrieben ist.'^ Zu diesem Zweck diente
ein Twin IOC Pulverförderer von Plasma-Tech mit
Argon als Trägergas. Die Wirkung der Partikelgrößenverteilung des Pfeffers wurde untersucht. Wie
sich zeigte, beeinflußt Pfeffer mit einer Korngröße
unter dreißig Mikrometer das Fließvermögen des
Pulvers aufgrund elektrostatischer Aufladung negativ. Die besten Resultate hinsichtlich Aufbringung und Geschmack ergaben sich bei einer Partikelgröße zwischen vierzig und hundert Mikrometern (Abbildung 2).
nötig; dabei war das „hutförmige" Intensitätsprofil
des Laserstrahls zu berücksichtigen.
Für ein gutes Raclette muß der Käse in einer
Schichtdicke von 1-3 mm auf circa 100°C erhitzt
werden (auf keinen Fall über 180°C, weil er sonst
kalziniert). Da die gesamte auftreffende Energie in
einer wenige Mikrometer dicken Schicht absorbiert
wird und Käse eine geringe Wärmeleitfähigkeit
hat, ist die Energiedichte (Leistungsdichte multipliziert mit der Wechselwirkungszeit) begrenzt. Daher muß die Leistungsdichte auf Werte reduziert
werden, wie sie für konventionelle elektrische
Heizgeräte typisch sind.
Aus diesem Grund verbietet sich die stärkste
verfügbare Laserleistung. Wenn man den Käse mit
einem CCVLaser (mit einer Wellenlänge von 10,6
Mikron) erhitzt, erhält man ähnliche Ergebnisse
wie beim Erhitzen mittels des Joule-Effekts (bei
dem in der Regel vorwiegend Infrarotstrahlung
eine Rolle spielt). Um jedoch eine Laserleistung von
1,5 kW zu erreichen, ist ein Energieaufwand von
15 kW nötig. Dies setzt den energetischen Wirkungsgrad des Laser-Raclette-Verfahrens stark
herab.
Verfahrenskarten
Die Erhitzungs- und Schmelzvorgänge wurden von
anderen Forschern mit Hilfe eines anderweitig publizierten Modells finiter Differenzen simuliert.4
Die Ergebnisse zeigt Abbildung 3.
Die berechnete Form stimmt bemerkenswert
gut mit unseren experimentellen Ergebnissen
überein. Wir erstellten daher eine VerfahrenskarÄbbildung 2: Analyse des gemahlenen Pfeffers: Geschmack
und Fließfähigkeit vs. Partikelgröße.
Ergebnisse und Diskussion
Effizienz
Aufgrund der Kreisform des Strahls und der begrenzten Brennfleckgröße ließ sich die rechteckige
Gesamtoberfläche des Käses nicht auf einmal bestrahlen. Daher war ein Abrastern der Oberfläche
Abbildung 3: Numerische Simulation mit finiten Differenzen
der Form der Käseprobe während der Bestrahlung. Wie ersichtlich, verformt sich die Käseprobe aufgrund der temperaturbedingten Kriechdehnung beträchtlich.
65
Abbildung 5: Ergebnisse des Blindversuchs zur Prüfung von
Geschmack und Qualität dos Laser-Raclettes.
Abbildung 4: Verfahrenskarte für herkömmlichen Schweizer
Raclette-Käse. Sie zeigt das optimale Fenster für die Raclette-Zubereitung, wobei die Iso-Gästezahl-Linien die besten Parameter für eine bestimmte Anzahl Gäste angeben.
Ähnliche Karten lassen sich für andere Käsesorten und Laser mit anderen Wellenlängen erstellen.
te, aus der sich die wesentlichen Laserparameter
leicht ablesen lassen. Dazu gehören vor allem die
Anzahl der verköstigten Personen und die Art des
Käses. Ein Beispiel für eine solche Karte zeigt Abbildung 4.
Machbarkeit und Qualitätskontrolle
Mit den oben erwähnten Verfahrensparametern
kann man, wenn auch etwas langsam, 23 Testpersonen auf zufriedenstellende Weise Raclette servieren, außerdem läßt sich mit dieser neuen Methode
sehr leicht die sogenannte „religieuse" gewinnen die knusprig gebackene Käserinde, die Experten
für das beste am Raclette halten, die aber auch am
schwierigsten herzustellen ist.
Um die Qualität eines Laser-Raclettes mit der eines herkömmlichen Raclettes zu vergleichen, wurde ein ßlindtest durchgeführt. Die Ergebnisse dieses Tests sind in Abbildung 5 dargestellt. Sie sprechen zugunsten des Laser-Verfahrens. Der
Qualitätsunterschied geht zum Teil auf die automatische Verteilung der Pfefferpartikel zurück, was
eine weitaus gleichmäßigere Schicht und daher ei-
nen gleichbleibenderen Geschmack bedingt, als er
sich mit den anderen Methoden erzielen läßt.
Erwähnen muß man darüber hinaus, daß dieses
Verfahren, ähnlich wie das Schmelzen mittels
Joule-Effekt, gegenüber Holzfeuer einen Vorteil
aufweist: Die Entstehung von Rauch, der sich als
karzinogen erwiesen hat,5 wird vermieden.
S chlußfolger ung
Diese neuartige Zubereitungsmethode für Raclette
erzielt ermutigende und schmackhafte Resultate.
Es handelt sich um eine interessante praktische
Anwendung des Lasers, die dem Schweizer Käse
und der Schweizer Laserindustrie neue Märkte erschließen könnte. Noch bedeutsamer ist, daß sie
neue Möglichkeiten eröffnet, Laserspezialisten
oder Fachleute für Oberflächenbearbeitung so auszubilden, daß sie unter widrigen Bedingungen, etwa Alkoholdämpfen, zu arbeiten vermögen.
Dank
Unser Dank gilt allen Teilnehmern an dem Blindversuch, insbesondere Dr. Lang für sein tatkräftiges Interesse an dieser Studie. Sie wurde als Teil
des Entwicklungsprogramms für die Alpenregion
durchgeführt. Die finanzielle Unterstützung wird
dankend gewürdigt.
66
Bibliographie
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International Journal of Mountain Mediane, Bd. 234,
1994, S. 1-54.
Nanotechnologie und die
physikalischen Grenzen der
Toastbarkeit
von Jim Cser
Labor für Angewandte Frühstückskunde, Hillsboro, Oregon
Dieser Artikel erschien in AIR 1:3 (Mai/Juni 1995).
Prätentiöse Präliminarien
Einige technische Errungenschaften (z.B. die Moulinette, das Achtspurtonband, der Fiat Panda) wirkten sich nur minimal auf die Gesellschaft aus, während andere (z.B. elektrische Gitarren, Post-it-Notizzettel, Smarties) einen weitaus größeren Einfluß
zeigten. Ab und an setzt sich eine nützliche technische Erfindung durch und verändert vor unseren
Augen die globale Zivilisation (siehe untenstehende
Tabelle).
Gerade jetzt stehen wir wieder an einer solchen
Schwelle: Die nanotechnische Revolution dämmert
herauf. Sie befaßt sich mit dem Bau von Maschinen, die wirklich äußerst winzig sind. Und wie bei
jeder echten Revolution hat niemand auch nur die
leiseste Ahnung, was sich da eigentlich abspielt.
Zwar wurden verschiedene Arten von Nanoappara-
turen konzipiert, allerdings meist nur zu dem
Zweck, Leute auf Parties zu beeindrucken, doch
selbst dann erzielten sie nur bescheidene Erfolge.
Jedenfalls (insbesondere in diesem Fall) ist Reden Silber. Es ist an der Zeit, daß die Nanotechnologie ihren praktischen Nutzen unter Beweis stellt.
Und dabei liegt auf der Hand, daß nichts nützlicher
ist als neue, verbesserte Haushaltsgeräte. Zu diesem Zweck nahm ich das höchste denkbare Wagnis
in Angriff: ein Unternehmen, das die Grenzen des
Geistes, des Wagemuts und der finanziellen Ausstattung meiner Abteilung eigentlich sprengt. Ich
entschloß mich, den kleinsten Toaster der Welt zu
entwickeln.
Pseudowissenschaftliches
Brimborium
Welche Vorteile hätten Nanotoaster gegenüber der
herkömmlichen makroskopischen Toastertechnik?
Erstens ergäbe sich eine wesentliche Platzersparnis auf der Küchenarbeitsfläche. Während zweitens die aufgenommene Wärme proportional zur
Toastfläche zu- beziehungsweise abnimmt, verhält
sich der Energieeintrag pro Volumeneinheit Brot
umgekehrt proportional zu den Abmessungen des
Brotes. Kleinere und dünnere Toastscheiben bedeuten also wirtschaftlicheres Toasten. Da schließlich die Dimensionen von Nanotoastern kleiner sind
als die Wellenlängen des sichtbaren Lichts, besteht
keine Gefahr mehr, daß die Hersteller Toaster in
68
„Croutonen" zu bezeichnen. Es ist zu hoffen, daß
Quantentoaster den „Krümeln", den Abfallprodukten von Toast, die auf makroskopischer Ebene so
viel Unbehagen bereiten, ein Ende machen.
Fragwürdige experimentelle
Methoden
Ein vom Autor hergestellter Nanotoastor. 56 000fache Vergrößerung. Foto: Stephon Drew.
diesen fürchterlichen Farben wie Avocado auf den
Markt bringen.
Bevor wir jedoch den kleinsten Toaster der Welt
konstruieren können, müssen wir erst Einigkeit
darüber erzielen, was ein Toaster eigentlich tut.
Die einfache Antwort lautet, daß ein Toaster Toast
herstellt. Genauer gesagt führt ein Toaster einem
quadratischen, flachen Stück Brot (Kantenlängen
etwa 10x10x1 cm) Wärme zu, bis das Brot braun
und knusprig ist. Ein Brötchen aufbacken zu können, ohne es mit der Gabel aus einem Ofen holen
zu müssen, wäre ein großer Zusatznutzen, liegt jedoch wahrscheinlich jenseits der Möglichkeiten jeder vorstellbaren zukünftigen Toast-Technologie.
Toasties und Pop-Tarts1 - toastbare salzige und süße Snacks - sollten entsprechend angepaßt werden, jedoch nicht vorrangig, da sie von vorneherein
so fabriziert werden können, daß sie beim Benchmark-Test von Toastern derart hervorragend abschneiden, daß dagegen die Ergebnisse aller anderen Toastvorgänge buchstäblich verblassen.
Ein philosophischer Aspekt, der nicht übersehen
werden sollte, liegt darin, daß die Herstellung des
kleinsten Toasters der Welt die Existenz der kleinsten Toastscheibe der Welt impliziert. Das kleinste
Quantum Brot, das sich noch schneiden und toasten laßt, muß erst noch experimentell bestimmt
werden. Beim Übergang zur Quantenphysik stoßen
wir zwangsläufig auf die kleinstmöglichen Toastpartikel, die der Autor sich hier nicht scheut als
Kaum überraschen dürfte, daß die Werkzeuge zur
Herstellung und Prüfung von Nanogeräten fast genauso spekulativ sind wie die Nanoapparate selbst.
Glücklicherweise hatte der Autor kurzzeitig (und
als niemand hinschaute) Zugang zu einem experimentellen Virtuellen Tachyonenstrom-Nanoplastik-System (VTSN) auf dem neuesten Stand der
Technik.2 Den Angaben des Herstellers zufolge
kann das VTSN kleinste Materiemengen unterhalb
der Nachweisgrenze bearbeiten, wobei es sich auf
das physikalische Prinzip „Vertraue mir" stützt.
Der erste Versuch mit dem VTSN-System - Herstellung einer herkömmlichen, makroskopischen
Scheibe Toast - war leicht durchzuführen. Ich hielt
eine Scheibe Brot über die Netzanschlüsse an der
Hinterwand des Systems. Der nächste Schritt bestand darin, das VTSN-System mit einigen Gramm
Büroklammern zu laden, die entsprechenden
Knöpfe zu drücken und das Beste zu hoffen.
Nach zehnminütigem lautem Knirschen und
Krachen kam das System quietschend zum Stilstand und stieß eine kleine weiße Rauchwolke aus,
Drei Scheiben Nanotoast. 56000fache Vergrößerung. Foto:
Stephen Drew.
69
das Indiz für eine erfolgreiche Nanotoasterfabrikation.
Die Brotscheiben in der Größenordnung von Nanometern, die für die Toasterprobeläufe nötig waren, konnte ich angenehmerweise über eine Versandfirma für wissenschaftlichen Bäckereibedarf
beziehen. Ich entschied mich für eine Scheibengröße von fünfzig Nanometer pro Seite, da die kleineren Größen vorübergehend ausgegangen waren.
Sowohl Toast als auch Toaster wurden in einen
kleinen Kolben gegeben und geschüttelt (nicht gerührt). Dem lag die Theorie zugrunde, daß die
Brotscheibchen eine natürliche Affinität zu den ihnen entsprechenden Toasterrezeptoren zeigen
würden.
In der Schlußphase des Experiments, dem eigentlichen Nanotoasten, wurde der Kolben für kurze Zeit auf eine Heizplatte gestellt. Unter der Annahme, daß die Heizplatte in etwa dieselbe Wärmemenge erzeugte wie ein gewöhnlicher Toaster, und
auf der Grundlage des im vorigen Abschnitt beschriebenen Umrechnungsverfahrens wurde eine
Toastzeit in einer Größenordnung von hundert Nanosekunden berechnet (mehrere große Tassen Kaffee sorgten für die nötigen Reflexe zur Entfernung
des Kolbens). Da keine Andeutung des charakteristischen Geruchs nach verbranntem Toast wahrzunehmen war, durfte ich davon ausgehen, daß ich
das Experiment nicht rundweg als Fehlschlag einzuschätzen hatte.
Unlogische Schlußfolgerungen
Aufgrund der nanoskopischen Dimensionen des
Toasts machte es die Unschärferelation unmöglich,
genau festzustellen, wie „fertig" der Toast war. In
ähnlicher Weise erwies es sich als schwierig, zu erkennen, ob überhaupt irgend etwas von Belang geschehen war. Wir müssen uns jedoch im klaren
darüber sein, daß eine kleine, aber endliche Wahrscheinlichkeit besteht, daß in diesem Versuchsaufbau tatsächlich ein Toastvorgang erfolgte.
Was läßt sich daraus für die Zukunft der Nanotechnologie ableiten? Gegenwärtig sind die Meinungen gespalten: Das eine Lager sieht in der Nanotechnologie den großen Trend der Zukunft, das
andere nur einen großen Schwindel. Die unausweichliche Schlußfolgerung aus meinen Forschungen lautet, daß die Nanotechnologie sowohl der
große Trend der Zukunft als auch ein großer
Schwindel ist. Diese glückliche Vermählung von
unbegrenzter Zukunftshoffnung und von natürlicherweise uneindeutigen Ergebnissen dürfte auf
Jahre hinaus genügend Zündstoff für die Wissenschaftsmaschinerie liefern.
A NMERKUNGEN
1. Siehe dazu auch „Die Pop-Tart-LÖllampe", S. 73-75.
2. Der Hersteller DEI Industries hat das System zwischenzeitlich wegen „Kausalitätsverletzungen" zurückgerufen,
die vermutlich von einer Reihe geplatzer Schecks erzeugt
wurden.
Der Möbel-AIRbag Ein Ausblick auf die Sicherheitstechnik der Zukunft
von Stephen Drew, AIR-Redaktion
Dieser Beitrag erschien 1992.
Es geschieht tagtäglich. Jemand sitzt auf einem
Stuhl und lehnt sich zu weit hintenüber. Der Stuhl
kippt um. Schwere Kopfverletzungen sind die Folge.
Die herkömmliche Schutzvorkehrung besteht im
Tragen eines Sturzhelms (siehe Abbildung 1). Dieses Verfahren stößt jedoch bei den Verbrauchern
auf wenig Gegenliebe - und diese Tatsache hatte
die Geburtsstunde des Möbel-/l//?bags zur Folge.
Die Airbag-Technologie wurde ursprünglich zum
Schutz von Autofahrern bei Kollisionen entwickelt.
Gegenwärtig arbeitet man an Airbags für Stühle,
Sofas und andere häusliche Einrichtungsgegenstände.
Die Kombination aus Stuhl und Airbag soll vor
Verletzungen schützen, die eintreten können, wenn
eine Person seitlich wegrollt, nachdem sie hintenübergekippt ist. Diese Gefahr ist bei Sofas natürlich
kein großes Problem, sie ist jedoch bei den meisten
Stühlen gegeben. Wie sich erwies, reicht ein Airbag
pro Stuhl nicht aus. Mindestens zwei sind nötig, um
zu verhindern, daß der Stuhl auf die Seite rollt.
Eine Ausstattung mit drei Airbags verhindert das
seitliche Wegrollen zuverlässig, könnte sich jedoch
von der Wirtschaftlichkeit her verbieten - die Herstellungskosten schnellen dadurch in die Höhe. Experimente mit zwei großen, nicht zu stramm aufgeblasenen Airbags erbrachten vielversprechende
Ergebnisse (siehe Abbildung 2}.
Abbildung 1: Ein Sturz ohne Airbags: Die Probandin trägt einen Sturzhelm gegen Kopfverletzungen und schlägt nach
dem Umkippen des Stuhls mit dem Kopf auf den Boden auf.
Abbildung 2: Ein Sturz mit Airbags. Die sofort entfalteten
Airbags bewahren die Probandin vor Kopfverletzungen, obwohl sie keinen Helm trägt.
Projekt AIRhead 2000
zusammengestellt von Grigor Beifrey, ^4//?-Redaktion
Die Fundstücke stammen aus diversen Ausgaben von AIR und mini-AIR.
Da das Jahr 2000 rasch1 näherrückt, fördern viele2
Organisationen aus Wissenschaft, Medizin, Technik, Justiz, Erziehungswesen, Verwaltung und
Marketing Forschungsprojekte, die die Zahl 2000
in ihrem Namen tragen. Seit 1994 führen wir eine
Liste solcher Studien, Projekte und Produkte, zu
der unsere Leser in aller Welt fleißig beisteuern.
Täglich erhalten wir zwischen fünf und hundert
Einsendungen. Häufig berichten die Einsender,
daß es sie nervt - nervt und fasziniert zugleich -,
wie viele Personen und Organisationen sich für clever halten, wenn sie die magische Zahl benutzen.
Vier Dinge gaben den Anstoß zu diesem Projekt:
1. das Projekt Education 2000 in Großbritannien,
2. die Initiative Goals 2000 des amerikanischen
Bildungsministeriums,
3. der Kloreiniger Flushes 2000,
4. Lever 2000 Seife, mit der sich laut Angaben des
Herstellers die 2000 Körperteile eines Menschen reinigen lassen. A Dies stellt eine bedeutende wissenschaftliche Entdeckung dar - nämlich daß der Körper exakt 2000 Teile hat.
Das ,4//?head-Projekt 2000 (das wir nach Belieben
auch als Projekt AIRhead 2000 bezeichnen) bemüht
sich stets um weitere Ergänzung der Liste. Wenn Sie
echte Produkte einsenden, dann bitte nichts, was
bereits benutzt und/oder verdaut wurde.
Es folgt eine winzige Stichprobe aus der Sammlung des Projekts /1/flhead 2000.
Objekt Nr. 9 (eingereicht von Steven Weller):
Bassomatic 2000, ein Angelgerät.
Objekt Nr. 9221-K7 (eingereicht von Kenneth A.
McVearry):
Salmon 2000 (Lachs 2000), eine „Fischinitiative"
des Bezirks Onondaga, Staat New York.
Objekt Nr. 5818 (eingereicht von Dudley A. Horque):
SCIENCE 2000 (Wissenschaft 2000), Veranstaltung der australischen Laborgerätehersteller in
Verbindung mit dem Weinzentrum von Victoria.
Objekt Nr. 3280 (eingereicht von Daniel Rosenberg):
Buns of Steel 2000 (Pobacken aus Stahl 2000), ein
Gymnastikvideo.
Objekt Nr. 32-01 (Aus der Dennis Geller Collection):
Gluma 2000, ein Zahnfüllungsmaterial, das mit Pekafil, einem Universaldentinbindeharz, verwendet wird.
Abbildung 1: 2000 Calorie Mascara von Max Factor International ist Objekt Nr. 3628 der Sammlung des Projekts AIRhead 2000. Dieses Exemplar wurde eingesandt von Deb
Kreuze. Foto: Alice Shirrell Kaswell.
72
Abbildung 2: BOB 2000, „die Kreditkarte, die Ihre Rechnungen bezahlt", ist Objekt Nr. 0394 der Projekt-4/tfhead-2000Sammlung. Sie wird ausgegeben von der First National Bank
von Johannesburg, Südafrika. Das Exemplar wurde eingesandt von Lynne Murphy von der Fakultät für Linguistik,
Witwatersrand-Universität.
Objekt Nr. 6402-AB-4 (eingereicht von Alison, dem
offenbar kein Nachname eigen ist):
Europahalle 2000, ein Stand auf dem halbjährlich
stattfindenden Urfahrner Markt, auf dem es neben österreichischer Volksmusik Bier und
Hähnchen gibt.
Objekt Nr. 50388 (eingereicht von Robert Coontz):
Teapot 2000 (Teekanne 2000) „Teapot 2000 wurde eigens vom Tea Council in Auftrag gegeben
und bietet eine völlig neue Art des reinen Teegenusses. Durch ansprechende Gestaltung und
durchdachte Form ermöglicht es Ihnen Teapot
2000 auf einzigartige Weise, Tee in genau der
von Ihnen gewünschten Stärke zu genießen..."
Objekt Nr. 1085-86:
Domesday 2000 (Reichsgrundbuch 2000), ein Datenbanknetzwerk, das Nutzung, Wert, Eigentümer und Grenzen von Ländereien in Großbritannien verzeichnet.
Objekt Nr. LATX-0 (eingereicht von Arnos Shapir):
Condomat 2000, ein Netz von Kondomautomaten
in Israel.
Objekt Nr. 86-K (eingereicht von Jussi Karlgren):
Kista 2000 (Sarg 2000), ein Sarg in modernem Design, aus weißlackierter Faserplatte mit leichten
Hartholzzierleisten. Ausgeschlagen mit Baumwolle. Hergestellt von Fredahls in Aastorp,
Schweden.
Abbildung 3: Arizona Geruchloser Knoblauch 2000 ist Objekt Nr. 21907 der Projekt-Afflhead-Sammlung. Dieses
Exemplar wurde eingesandt von Paul Jewell aus Adelaide,
Australien. Foto: Stephen Drew.
ANMERKUNGEN
1. Mit einer Geschwindigkeit von annähernd einem Jahr
pro Jahr.
2. Ca. 2000.
3. Der Hersteller behauptete dies ursprünglich in seiner
Werbung, unterließ es jedoch aus Gründen, die zu untersuchen wir Sie ermuntern.
Die Pop-Tart-Lötlampe
von Patrick R. Michaud
Texas A&M-Universität, College of Science and Technology, Corpus Christi,
Texas
Dieser Artikel wurde dem Verlag für die deutsche Ausgabe freundlicherweise von Patrick R. Michaud zur
Verfügung gestellt.
Überblick
Pop-Tarts mit Erdbeergeschmack1 lassen sich zur
Herstellung billiger verbrennungstechnischer Geräte wie Lötlampen verwenden. Wenn so ein toastbares Törtchen im Toaster steckenbleibt, entzündet es sich irgendwann und geht in 25 bis 45 Zentimeter hohe Flammen auf.
Einleitung
Vergangenes Jahr schrieb der bekannte Zeitungskolumnist Dave Barry, daß man die Erdbeer-PopTarts von Kellogg (EPT) dazu bringen kann, sich
„wie in einer Lötlampe" zu entzünden, wenn man
sie zu lange im Toaster läßt. Mit dieser Beobachtung erschließt sich ein völlig neues Gebiet, das
man in Anlehnung an „Infotainment" als „Food-otainment" bezeichnen könnte und das nähere Erforschung verlangt. Die vorhegende Arbeit beschreibt unsere unabhängigen Untersuchungen
und Erfahrungen mit der Verbrennungstechnik auf
EPT-Basis.
Material
Zur EPT-Verbrennungstechnik sind nur zwei Dinge
nötig; ein (hoffentlich preiswerter) Toaster und einige Erdbeer-Pop-Tarts (Abbildung 1). Für diese
Studie verwendeten die Autoren Kellogg's Strawberry Pop Tarts with Real Smucker's Fruit. EPTs
1
Anm.d.Ü.: Die in Deutschland auf dem Markt befindlichen
„Toasties" gibt es (bislang) nur in pikanten Geschmacksnoten. Die Frage, ob sich auch Käse-Schinken-Toasties in der
geschilderten Weise verwenden lassen, bliebe empirisch zu
prüfen.
sind mit und ohne Zuckerguß erhältlich, in diesem
Experiment kamen nichtglasierte Törtchen zum
Einsatz.
Zusätzlich zu den Grundmaterialien mußten für
unser Experiment noch einige sicherheitsrelevante
Aspekte geklärt werden. Zum ersten war ein passender Ort erforderlich, um das Experiment durchzuführen; nach einhelliger Meinung schied die Küche als geeigneter Raum zur Entzündung von EPTs
aus. Schließlich entschieden wir uns für die Garageneinfahrt des Autors. Zum zweiten mußte eine
angemessene Vorrichtung zum Löschen der EPTs
zur Hand sein; ein wissenschaftlicher Assistent
brachte zu diesem Zweck etwas Backpulver mit.
Vorbereitung des Experiments
Sowohl der Toaster als auch die EPTs waren für
dieses Experiment entsprechend vorzubereiten.
Damit sichergestellt war, daß dem EPT ausreichend Hitze zugeführt wurde, um die Verbrennung
in Gang zu setzen, wurde der Toaster auf höchste
Stufe eingestellt und die Drucktaste mittels Klebeband in der „Unten"-Position fixiert. Ein EPT wurde
der Schachtel und der Schutzfolie entnommen und
sorgfältig in den Schlitz des Toasters eingeführt
(Abbildung 2).
Abbildung 1:
Toaster und Erdbeer-Pop-Tarts.
74
Sodann wurden Toaster und EPT in die
Garageneinfahrt transportiert und die Stromzufuhr
mittels eines Verlängerungskabels sichergestellt.
Nun waren wir bereit, mit dem Experiment zu beginnen.
Verlauf des Experiments und
Beobachtungen
Der Stecker des Toasters wurde eingesteckt. Zuerst
lief ein normaler „Toasf'zyklus ab (etwa sechzig
Sekunden), währenddessen das EPT mehr als
knusprig buk (da der Toaster auf stärkste Stufe eingestellt war). Jetzt konnten wir deutlich einen Geruch von verbranntem EPT wahrnehmen. Dann
versuchte der Toaster, das EPT auszustoßen, was
jedoch durch das Klebeband verhindert wurde.
Darauf begann der Toaster rasselnde und brummende Geräusche von sich zu geben, weil er das
EPT nicht auszuwerfen vermochte.
An diesem Punkt stieg in den Forschern die Befürchtung auf, der Lärm des Toasters könnte die
Nachbarn aufwecken und unnötige Aufmerksamkeit erregen. Wir kamen jedoch zu dem Schluß,
daß uns jetzt schon zuviel an dem Experiment lag
und daß die Nachbarn im Namen der Wissenschaft
ruhig ein wenig Schlaf opfern konnten.
Bald darauf quoll dichter Rauch aus dem Toaster. Die Forscher bemerkten, daß einige Nachbarn
Neugierde zu zeigen begannen, doch das Experiment nahm unaufhaltsam seinen Lauf. Etwa vierzig
Sekunden später züngelten kleine Flammen aus
dem Toaster. Sie wurden immer kräftiger und höher, bis sie eine Maximalhöhe von etwa 45 Zentimeter ab Oberkante Toaster erreichten. Abbildung
4 zeigt einige Photos der von dem EPT emittierten
Flammen in zeitlicher Abfolge.
Abbildung 2:
Vorbereitung von Toaster und EPT.
Als die Flammen ihre Maximalhöhe erreichten,
brachen die Brummgeräusche des Toasters abrupt
ab. Wir vermuten, daß das Feuer an diesem Punkt
den Toaster kurzgeschlossen hatte. Der Stecker
des Toasters wurde rasch aus der Steckdose gezogen, um möglichen Schaden vom Haus des Autors
abzuwenden. Zu diesem Zeitpunkt erkannten die
Forscher außerdem, daß durch die Hitze das Klebeband unbeabsichtigt schmelzen und der Toaster
das brennende EPT plötzlich herauskatapultieren
könnte. Leider geschah dies nicht. Die Flammen
züngelten noch mehrere Minuten lang weiter.
Nun erhob sich die leise Sorge, daß die Flammen
beträchtliche Zeit brauchen würden, um von selbst
zu verlöschen. Wir versicherten uns daher der Hilfe
des zögerlichen Assistenten, der Backpulver auf die
Flammen streuen sollte. Das Zögern war jedoch
verständlich angesichts der im vorigen Absatz beschriebenen Möglichkeit eines vorzeitigen Ausstoßes des EPT. Das Backpulver erstickte die Flammen rasch, führte jedoch zu noch größerer Rauchentwicklung (Abbildung 5 a).
Nach dem Löschen der Flammen waren die Forscher mit einem unerwarteten Problem konfrontiert: Was tun mit dem Toaster (der nun seinen
Geist aufgegeben hatte) und dem verbrauchten
EPT? Es stellte sich rasch heraus, daß der Toaster
nicht ins Haus des Autors zurückgebracht werden
konnte, nicht nur weil weiterhin Feuergefahr bestand, sondern auch wegen des Geruchs nach verbrannten Erdbeeeren. Zudem war der Toaster immer noch zu heiß zum Anfassen, was den Einsatz
eines herumliegenden Gartenschlauchs zur Kühlung erforderlich machte. Abbildung 5b illustriert
diesen Schritt. Schließlich beschlossen die Forscher, den Toaster einfach an den Rinnstein zu
stellen, damit die Entsorgungsexperten ihn am
nächsten Morgen mitnehmen konnten (Abbildung 6).
Abbildung 3:
Zur Verbrennung
von EPT vorbereiteter Toaster.
75
Abbildung 5 a + b:
Löschen des EPT.
Abbildung 4:
Fotoserie von flammenschlagendem EPT in zeitlicher Abfolge.
Zusammenfassung und
Empfehlungen
Zusammenfassend kann man sagen, daß das
scharfe Toasten des EPT eine Flamme von beachtlicher Größe hervorrief. Der Effekt war zwar nicht
so ausgeprägt wie von den Forschern erhofft, aber
doch zufriedenstellend. Nach Angaben des Assistenten variierte die Farbe der erzeugten Flamme.
Wir vermuten, daß sich mit tiefgefrorenen EPTs
noch größere Feuergarben hervorrufen lassen.
Weitere Forschung auf diesem Gebiet ist garantiert.
Wir hatten den Wunsch, das Experiment mit
den verbliebenen fünf EPTs zu replizieren, konnten
Abbildung 6:
Toasterentsorgung.
ihn jedoch nicht umsetzen, weil uns keine zu diesem Zweck geeigneten Toaster mehr zur Verfügung standen. Für die Zukunft empfehlen wir dem
Handel, Toaster im Sechserpack anzubieten, um
den Bedarf dieser wichtigen EPT-Forschungen zu
decken. Die übrigen EPTs wurden daher im Lauf
der nächsten Tage bei privaten, undokumentierten
Konsumptionsexperimenten verbraucht.
Dank
Besonderer Dank gilt Jennifer „Svetlana" Reckard
für ihre Vorschläge und das Korrekturlesen dieser
Arbeit.
Die Quanteninterpretation des
Intelligenzquotienten (QI des IQ)
von Dudley Herschbach
Nobelpreisträger für Chemie 1986
Chemische Fakultät, Harvard-Universität
Dieser Artikel erschien in AIR 1:1 Uanuar/Februar 1995}.
Die Interpretation von IQ-Werten ist seit achtzig
Jahren umstritten.1 Zudem fehlen jegliche Erklärungen für einige verblüffende Beobachtungen,
beispielsweise für die jüngste Entdeckung,2 daß
Musik von Mozart den IQ vorübergehend signifikant um fast zehn Punkte erhöht. Ich skizziere im
folgenden eine neue Interpretation, die auf der
Quantenphysik fußt, die „QI des IQ".
Meine grundlegende Hypothese lautet, daß Intelligenz ein Phänomen ist, das auf die schwingenden Moleküle in unserem Gehirn zurückgeht. Es
gibt dort eine Vielzahl verschiedener Moleküle, so
daß anzunehmen ist, daß unser Gehirn mit einem
breiten Frequenzspektrum oszilliert. Aus Gründen
der Einfachheit übernehme ich jedoch die Approximation, die Einstein in seinem berühmten Aufsatz
von 1907 über die spezifische Wärmekapazität von
Festkörpern'5 anwandte. Diese beschreibt den resultierenden Effekt durch einen einzigen harmonischen Oszillator. Die Schwingungsfrequenz F ist
proportional der Quadratwurzel aus dem Verhältnis K/M, wobei die Konstante K für die Steifheit des
schwingenden Gewebes (von hohlköpfig bis holzköpfig) und M für die effektive Masse (Erbsenhirn
bis Einsteinorgan} stehen. Für die vorliegende qualitative Diskussion soll der IQ als direkt proportional zur Schwingungsamplitude gelten, wenn auch
die genaue Beziehung experimentell bestimmt
werden müßte.
Abbildung 1 zeigt die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Amplitude für die drei niedrigsten erlaubten Quantenzustände eines Oszillators, bezeichnet mit den Quantenzahlen n = 0, 1, 2. Sowohl
die Positionen als auch die Zahl der Schwingungsmaxima unterscheiden sich bei diesen drei Vertei-
Abbildung 1: Wahrscheinlichkeitsverteilungen für die drei
niedrigsten Quantenzustände eines harmonischen Oszillators (n = 0, 1, 2). Die gestrichelte Parabel gibt den Bereich
der von der klassischen Mechanik erlaubten Bewegung an;
die grauen Flächen zeigen die durch den Quantentunneleffekt zugänglichen Bereiche. Die senkrechte Achse gibt die
Energie in Vielfachen von hF an, wobei h das Plancksche
Wirkungsquantum und F die Oszillatorfrequenz ist. Die
waagrechte Achse gibt die Schwingungsamplitude an. Der
QI des IQ zufolge entspricht der Halbierungspunkt der horizontalen Achse {Amplitude null) einem IQ = 100; positive
und negative Ausschläge (Fxpansion oder Kontraktion des
Oszillators) sind angegeben in Vielfachen der Standardabweichung, die 15 IQ-Einheiten beträgt.
80
lungen deutlich. Die relativen Besetzungsdichten
der verschiedenen Zustände hängen von dem Verhältnis F/T ab, wobei T eine effektive Temperatur
ist, die von Wechselwirkungen mit der Umwelt bestimmt wird.
Wenn T im Vergleich zu F genügend gering ist,
bleiben die meisten der schwingenden Moleküle im
niedrigsten Energiezustand n = 0, dem Grundzustand. Die Wahrscheinlichkeitsverteilung seiner
Schwingungsamplitude weist in der Tat exakt dieselbe Glockenform auf wie die IQ-Verteilungskurve.
Nach der herkömmlichen IQ-Skala entspricht ihr
Gipfelpunkt IQ = 100. Werte, die eine Standardabweichung höher oder tiefer liegen, IQ = 115 beziehungsweise 85, entsprechen der maximalen und
minimalen Schwingungsamplitude innerhalb des
Bereichs, den die klassische Mechanik zuläßt (innerhalb der gestrichelten Parabel). Amplituden
jenseits dieser Region sind zwar im klassischen Bereich verboten, in der Quantenmechanik jedoch erlaubt, allerdings mit rasch abfallender Wahrscheinlichkeit. Dies ist eine Folge des berühmten
„Tunneleffekts", aufgrund dessen Quantenteilchen
an Orten auftauchen, die sie mit der ihnen eigenen
Energie eigentlich gar nicht erreichen könnten. Im
Grundzustand liegt die Gesamtwahrscheinlichkeit,
einen IQ über 115 zu erreichen, bei etwa 16%. Für
IQs über 150, üblicherweise die Region des „Genialen", beträgt die Gesamtwahrscheinlichkeit nur
0,04% - das entspricht nur 400 Menschen auf eine
Million.
Glücklicherweise liegt in einer derartigen „Tunneleffekterhöhung" nicht der einzige Weg zu hohen
IQs. Ist die Temperatur relativ zur charakteristischen Frequenz hoch genug, kann das schwingende Gehirn möglicherweise öfter in angeregte Zustände springen, als wenn es im Grundzustand verharrt. Wie Abbildung 1 zeigt, verschieben sich die
Maxima der Wahrscheinlichkeitsverteilungen zu
größeren Amplituden. Die klassisch erlaubte Region wird zudem viel breiter als im Grundzustand,
und zwar um den Faktor der Quadratwurzel aus 2n
+ 1. Aufgrund dieses Faktors allein würde ein
Grundzustands-IQ von 115 in einem angeregten
Zustand mit n = 5 auf 150 erhöht. Dies spricht dafür, daß „Temperaturerhöhung" genauso wie der
Tunneleffekt bei der menschlichen Intelligenz eine
zentrale Rolle spielen muß.
Trotz der Schwingungen in den angeregten Zuständen weist die Summe der Wahrscheinlichkeitsverteilungen - wobei jeder Zustand mit seinem Besetzungsgrad gewichtet ist - in der Tat wieder dieselbe Glockenform wie im Grundzustand auf. Die
resultierende Verteilung ist jedoch breiter, worin
sich die temperaturabhängige Besetzungsdichte
der angeregten Zustände widerspiegelt.
Die direkten und indirekten Implikationen dieser QI des IQ sind unmittelbar einleuchtend, selbst
für jemanden weit unterhalb des Durchschnitts.
Ich nenne hier nur einige:
1. Die Bedeutung des Verhältnisses F/T zieht
den Schlußstrich unter die alte Kontroverse um
Vererbung oder Umwelt. Bei einem Menschen, der
als Holzkopf (K groß) oder als geistiges Leichtgewicht (M klein) geboren wird, ist die Frequenz F
groß, daher die Schwingungsamplitude klein. Dennoch kann ein hinreichend hohes T, das sich durch
eine „heiße" intellektuelle Umwelt ergibt, immer
noch für ein günstiges F/T-Verhältnis sorgen.
2. Zwar steigt bei Menschen, die intellektuelle
Anregung erfahren, der IQ deutlich, doch läßt sich
dies auch aus einem nichtangeregten Zustand heraus erzielen. Dies ähnelt dem Anschieben eines
Kindes auf einer Schaukel; eine große Amplitude
läßt sich entweder durch einen kräftigen Schubs
oder durch sanfte Stupser zum richtigen Zeitpunkt
erzielen. Die bislang rätselhafte Wirkung von Mozarts Musik beruht sicherlich auf solch sanften Resonanzstupsern.
3. Da jeder Oszillator sowohl kontrahiert als
auch expandiert, zeigen sowohl der Tunnel- als
auch der Temperatureffekt eine stark verringernde
Wirkung auf den IQ. Dies erklärt unmittelbar ein
verbreitet zu beobachtendes Phänomen (das von
Psychologen, die nichts von Quantendynamik verstehen, schändlicherweise ignoriert wird), nämlich
die Tatsache, daß schlaue Leute oft Dummheiten
machen.
LITERATUR
1. R. J. Herrnstein, C. Murray. The Bell Curve, New York
(The Free Press), 1994.
2. F. H. Rauscher, G. I.. Shaw, K. N. Ky. Music and Spatial
Task Performance. Nature, Bd. 365,1993, S. 611.
3. A. Einstein. Annalen der Physik, Bd. 22, Nr. 180,1907.
Der allgegenwärtige
Heilige Gral
von Steve Nadis
Cambridge, Massachusetts
Erschienen in AIR 2:2 (März/April 1996).
Der Ausdruck „Heiliger Gral" ist in der wissenschaftlichen Literatur nahezu allgegenwärtig (beispielsweise der „Heilige Gral der Haarersatztherapie" oder der „Heilige Gral der Hochenergiemetaphysik"). Beeindruckt von der offensichtlichen
Bedeutung dieser Formel, machte ich mich daran,
alle Erwähnungen des Terminus in den aktuellen
Periodika herauszusuchen und dann seine Bedeutung aus „kontextuellen" und/oder „anderen" Hinweisen abzuleiten.
Der erste Schritt
Im ersten Schritt suchte ich die Stadtbibliothek auf,
um im Karteikartenkatalog nachzusehen. Leider
existierte dieser „Katalog" nicht mehr. „Ist alles
computerisiert", erklärte die Bibliothekarin June,
an die ich mich aus den Zeiten, als ich noch Bücher
las, undeutlich erinnerte. Sie führte mich zu einer
Maschine namens „InfoTrac". Dort klärte mich
June über die Fähigkeiten dieses elektronischen
Faktenhubers auf und tippte dann die Worte „Heiliger Gral" ein. Die Kiste blieb einen Augenblick lang
stumm, dann leuchtete auf dem Bildschirm auf:
„737 Treffer". Sie fragte: „Möchten Sie die Suche
eingrenzen?" Ich erwiderte: „Im Gegenteil, mit allen Mitteln ausweiten!" InfoTrac jedoch vermochte
nicht mehr als die oben erwähnten 737 „Treffer"
zutage zu fördern. Also ließ ich mir das ausdrucken
- ein notwendiger, wenn auch zäher Vorgang, der
Anhaltspunkte für die Suche
nach dem Heiligen Gral.
Montage: Stephen Drew.
82
mich um 738 Vierteldollar ärmer machte, 737 für
die Kopien plus einen für einen Fehldruck.
Kabelfernseh-, Kardiologie- und
Kraftfahrzeug-Grale
Die 737 in der „aktuellen" Zeitschriftenliteratur gefundenen Belegstellen sind so interessant wie aufschlußreich und wurden in einer ausführlichen Tabelle zusammengefaßt. Statt diese Tabelle in ihrer
Gesamtheit aufzuführen, greife ich lediglich einige
Höhepunkte heraus. So fand sich beispielsweise
der „Heilige Gral des Kabelfernsehens", und dieser
steht offensichtlich für „video on demand, die Möglichkeit, einen Film zu bestellen und ihn so abzuspielen, als ob er sich in Ihrem Videorecorder befände, ihn also zu unterbrechen, zurück- und vorzuspulen ..."1 Der „langgesuchte Heilige Gral der
Werkstoffkundler" dagegen besteht aus einem neuen synthetischen Material (noch nicht synthetisiert), das „härter ist als Diamant".2 Ein Kardiologe
an der Medizinischen Hochschule von Harvard bot
eine knallharte Definition, die beträchtlich weicher
als Diamant war: „Der Heilige Gral bei den Einzeltests ist einer, der mir alles sagt, was ich wissen
will."211 Keine geringere Zeitschrift als der Scientific
American behauptete, daß der Heilige Gral im Gegenteil eine Batterie sei, mit der „ein Auto mit einer
Ladung 300 Meilen weit sicher fahren" könne.3
Diese Behauptung steht im Widerspruch zu einer
früheren Aussage in eben demselben Publikationsorgan, wonach dieser schwer faßbare Gral nichts
anderes ist als das Higgs-Boson, ein Partikel, dessen Eigenart man am besten mit dem Schleier der
christlichen Nächstenliebe verhüllt.44a
Wellen, heiße und kalte, und ein
himmlischer Gral
Die Physik ist natürlich ein fast grenzenloses Beich
der Grale. Den Spitznamen „H.G." verpaßte man
wahlweise der „universellen Theorie" (alias TOE,
Theory Of Everything),5 den Gravitationswellen,6
dem „Bose-Einstein-Kondensat",6a dem Zerfall des
Protons in geladene Teilchen6b und der sich selbst
erhaltenden heißen oder kalten Kernfusion, über
oder unter dem Labortisch7'89 - einer Leistung, die
von Thermodynamikern ebenfalls als „Heiliger Gral
der Energie" bezeichnet wurde.10 Es gibt einige
subtile Unterscheidungen, von denen der Uneinge-
weihte vielleicht nichts weiß. Das Top-Quark beispielsweise ist nicht der hochgeschätzte H.G., sondern vielmehr der „Große Weiße Wal der Physik".11 Und die „ultimative Theorie für Alles"
(UTOE), die an Stelle der bloßen „Theorie für Alles"
tritt, ist das „Goldene Vlies", nicht aber der Heilige
Gral.12
Die Kosmologie ist ein weiteres Gebiet, auf dem
es bei jeder Gelegenheit von Grälen wimmelt. Für
einige ihrer Vertreter stellt die Bestimmung der
Hubble-Konstante (und infolgedessen des Alters
des Universums) den H.G. des Fachs dar.13 Andere
wenden den Ausdruck auf die Entdeckung der „Urfalten" im Gewebe der Raumzeit an, wohingegen
wieder andere letztere als „die Handschrift Gottes"
und/oder das „fehlende Glied" bezeichnen und den
Titel „Heiliger Gral" lieber weniger erhabenen Angelegenheiten vorbehalten sehen möchten.141516
Man sollte aber auch hervorheben, daß der „Fingerabdruck Gottes" und die „Handschrift Gottes" in
keinem wie auch immer gearteten Zusammenhang
mit dem „Finger Gottes" stehen.17
Intelligente Grale, langlebige Grale
Besonders erwähnt werden sollten zudem die
Künstliche Intelligenz18*1 und die „Unsterblichkeit",
welche an nicht weniger als sieben Stellen (eine
Zahl, auf die wir gleich zurückkommen werden) als
„Heiliger Gral der Langlebigkeit" bezeichnet
wird.18b
Was sollen wir also anfangen mit dieser „chimärenhaften Entität", dem „Heiligen Gral" - ein Ausdruck, der in einer so schwindelerregenden Vielzahl von Verkettungen mit diversen Umständen
und Kontexten verwendet wird? Nach einer systematischen Durchmusterung der Daten gelangte ich
zu mehreren umfassenden Schlußfolgerungen. Erstens ist es praktisch unmöglich, eine einzige, unumstößliche Bedeutung für diesen Begriff abzuleiten. Der „Heilige Gral", so scheint es, besitzt die eigentümliche Eigenschaft, für viele Menschen
vieles, wenn nicht sogar für alle Menschen alles zu
bedeuten. Dieser chamäleonhafte Charakter läßt
ihn in der Tat zu einem sehr scheuen Wild werden.
Gral in einer Garage
Die Verwirrung in diesem Zusammenhang wurde
neuerdings - statt geklärt - noch zusätzlich vertieft
durch Berichte in den Massenmedien, wonach der
83
mystische Gral „ein für allemal" gefunden sei. Ein
britischer Exzentriker behauptete, im Speicher seines Vetters Ginger auf eine Platte gestoßen zu sein,
die „unzweifelhaft der fragliche Gral" sei. Ein anderer Möchtegern-Archäologe stöberte bei einem
Trödler einen Pokal auf- in Wirklichkeit eine Rugby-Trophäe -, der eine „deutliche Ähnlichkeit" mit
dem Gral der Grale haben sollte.180
Ein Hinweis aus dem Videoladen
Alles in allem stand ich vor einem verblüffenden
Mysterium. Wenn sich mir auch nur eine Chance
eröffnen sollte, dieses Rätsel zu lösen, brauchte ich
zum mindesten eine neue Perspektive - einen neuen Zugangsweg. Da die Stadtbibliothek mir nicht
weiter von Nutzen war, betrat ich einen anderen
wissenschaftlichen Schauplatz - den nächsten größeren Videoladen. In der dortigen Datenbank fand
ich einen Hinweis auf einen Film „Monty Python
and the Holy Grail" (deutsch Die Ritter der Kokosnuß, d.U.), in dem sich möglicherweise der Schlüssel zu diesem äonenalten Geheimnis verbarg. Leider war der Film bereits verkauft.
Nichtsdestotrotz gelang es mir, wichtige Information aus dem Kassierer des Ladens herauszubringen, der sich zu meinem Erstaunen als einfallsreicher, wenn auch nicht besonders gescheiter junger Mann erwies. Er hatte den Film „schon vor
ziemlich langer Zeit, aber echt"19 gesehen, meinte
sich aber zu erinnern, daß es darin um die Suche
nach „irgendeinem religiösen Gegenstand" ging.
Damit dürften wir, in einer ersten Annäherung, der
Bedeutung des schwer faßbaren Grals so nahe wie
gegenwärtig möglich kommen - er ist „irgendein
religiöser Gegenstand".
Etwas völlig anderes
An diesem entscheidenden Punkt wollte ich gerade
meine Untersuchung abschließen, als ich eine Zufallsbegegnung mit einer Stammkundin des Videoladens hatte - einer jungen Frau, die während des
gesamten Gesprächs geduldig gewartet hatte, in
der Hoffnung, den Musik- und Tanzfilm „Swing
Kids", der in Nazi-Deutschland spielt, bezahlen zu
können. Diese Informantin {nennen wir sie um der
Vertraulichkeit willen „Frau X") lieferte mir folgende Information, für deren Wahrheitsgehalt ich allerdings nicht bürgen kann. In dem „Schlangenfilm" (Python?), so behauptete sie, spiele ein gewis-
ser John Cleese mit, dessen Name sich auf das
englische Wort „keys" (Schlüssel) reimt. Diese Bemerkung ließ mich aufhorchen, weil sie möglicherweise bedeutungsvoll war. Und was noch wichtiger
war, eben dieser „J. C." war am 7. Tag des 7. Monats in dem und dem Jahr „A.D." geboren (das genaue Datum spielt keine besondere Rolle). Ein Muster schälte sich heraus, eine überraschende Aneinanderreihung von „7ern" fast Schlag auf Schlag.
Diese „7" ist zufällig auch die Zahl der Tage der
normalen Woche (von Schaltjahren abgesehen).
Obendrein ist dies zufällig mehr oder weniger genau die Zahl von Tagen, plus/minus, in denen unser
gütiger Herr die Erde schuf und alles, was darauf
ist, einschließlich des mysteriösen Grals. Künftige
Forscher täten gut daran, diesem Zusammenhang
weiter nachzugehen.20
ANMERKUNGEN
1.
2.
2a.
3.
4.
4a.
5.
6.
6a.
6b.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
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84
17. A. Dyer. A New Map of the Universe. Astronomy, April
1993, S. 44.
18a. Peter J. Howe. School for Robots. Boston Globe, 20. Oktober 1995, S. 29-36.
18b. Der fleißige Forscher wird diese Belegstellen problemlos auftreiben.
18c. ibid.
19. Eine unbestimmte Zeitspanne, im allgemeinen länger
als ein Jahr.
20. Ich kann und werde beim Heiligen Gral beschwören,
daß alles hier Mitgeteilte der Wahrheit entspricht.
Diese Art persönlicher Garantie macht meines Erachtens weitere Belege nicht nur überflüssig, sondern ganz
und gar unnötig.
Der unerforschliche Ratschluß
Gottes
von Alice Shirrell Kaswell und Stephen Drew, AIR-Redaktion
Bei vielen Menschen sträuben sich die Nackenhaare, wenn behauptet wird, daß die Religion die Wissenschaft voranbringen könne oder die Wissenschaft Teil der Religion sei. Wir werden im folgenden beweisen, daß sowohl die Religion als auch die
Wissenschaft von einer Annäherung profitieren.
Im Lauf der letzten zehn Jahre gab es Anzeichen
faszinierender Berührungspunkte zwischen Wissenschaft und Religion. Das Buch Eine kurze Geschichte der Zeit des Physikers Stephen Hawking
wurde ein Bestseller, weitgehend aufgrund der
suggestiven Kraft seines Schlußsatzes:
„Wenn wir die Antwort auf diese Frage fänden,
wäre das der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft - denn dann würden wir Gottes Plan
kennen."
Das Buch The God Particle (dt: Das schöpferische Teilchen) des Physikers Leon Lederman
schlug sich ebenfalls beachtlich. Nach Meinung vie-
ler Verlagsleute spielte der Inhalt des Buches, so
gut er auch sein mag, eine unerhebliche Rolle - die
Wirkung lag im Titel. Uns ist zu Ohren gekommen,
daß Lederman das Buch urspünglich The Goddam
Particle [Das gottverdammte Teilchen] nennen
wollte, sich jedoch den hellsichtigeren Wünschen
seines Verlegers beugte.
In dem Buch, das Sie gerade lesen, geht es um
Wissenschaft. Es ist ein interessantes Buch, vielleicht ein wichtiges Buch. Bei unserem begrenzten
Verständnis des Universums können wir als Menschen nicht wissen, wer dieses Buch lesen wird.
Vielleicht kauft Gott ein Exemplar oder ein in Anbetung ergebener Bewunderer schickt ihm eines. Die
wichtige Frage lautet: Wird dieses Buch das Wohlgefallen Gottes erregen? Wenn wir die Antwort auf
diese Frage fänden, wäre das der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft - denn dann
würden wir Gottes Plan kennen.
Äpfel und Birnen: ein Vergleich
von Scott A. Sandford
NASA/Ames-Forschungszentrum, Moffett Field, Kalifornien
Dieser Artikel erschien in AIR 1:3 (Mai/Juni 1995).
Wir alle haben schon Diskussionen (oder Debatten)
miterlebt, in denen einer der Kontrahenten versucht, ein Argument dadurch zu erläutern oder zu
stärken, daß er den fraglichen Diskussionsgegenstand mit einem anderen Gegenstand oder einer Situation vergleicht, die dem Publikum oder dem
Gegner vertrauter sind. Dieser Kniff beschwört in
vielen Fällen umgehend den Protestruf herauf:
„Aber das heißt Äpfel mit Birnen vergleichen!" Im
allgemeinen sieht man darin den Todesstoß für die
Analogie, denn meist glaubt man, daß sich Äpfel
und Birnen nicht vergleichen lassen.
Doch nachdem ich jüngst zur Zielscheibe genau
dieser Anschuldigung wurde, fiel mir auf, daß es in
mehrfacher Hinsicht problematisch ist, Analogien
mit dem Äpfel-Birnen-Argument zurückweisen zu
wollen.
Erstens steckt in der Behauptung, etwas werde
wie Äpfel und Birnen verglichen, selbst eine Art
Analogie. Eine Analogie mit dem Vorwurf zu verunglimpfen, sie vergleiche Äpfel mit Birnen, heißt an
und für sich schon, Äpfel mit Birnen zu verglei-
Abbildung 2: Vergleichende Darstellung der Infrarotspektren eines Granny-Smith-Apfels und einer Williams-ChristBirne im Meßbereich von 4000-400 cm"1 (2,5-25 um).
chen. Und noch schwerer wiegt, daß es nicht
schwierig ist zu beweisen, daß Äpfel und Birnen
sich in der Tat vergleichen lassen (siehe Abbildung
1).
Material und Methoden
Abbildung 1: Ein Granny-Smith-Apfel und eine WilliamsChrist-Birne
Abbildung 2 zeigt eine vergleichende Darstellung
der Infrarotspektren eines Granny-Smith-Apfels
und einer Williams-Christ-Birne im Meßbereich
von 4000-400 cm"1 (2,5-25 um).
Beiden Proben wurde durch sanftes, mehrtägiges Trocknen bei niedriger Temperatur in einem
90
Trockenschrank das Wasser entzogen. Die so vorbereiteten trockenen Proben wurden mit Kaliumbromid vermischt und zwei Minuten lang in einer
kleinen Kugelmühle gemahlen. Je einhundert Milligramm der beiden resultierenden Pulversorten
wurden zu einem runden Pellet mit einem Durchmesser von einem Zentimeter und einer Dicke von
etwa einem Millimeter gepreßt. Die Spektren wurden mit einem FTIR-Spektrometer Nicolet 740 mit
einer Auflösung von 1 cm"1 aufgenommen.
Schlußfolgerungen
Diese Vergleichsmessung war nicht nur leicht
durchzuführen, sondern aus den Kurven geht auch
eindeutig hervor, daß Äpfel und Birnen einander
sehr ähnlich sind.
Es scheint daher so, daß der Vorwurf, man vergleiche Äpfel mit Birnen, nicht mehr als stichhaltig
betrachtet werden kann. Dies ist eine durchaus
verblüffende Erkenntnis. Man darf sich darauf gefaßt machen, daß sie einschneidende Auswirkungen auf die Strategien haben wird, die künftig in
Debatten und Diskussionen zum Einsatz kommen.
Persönliche Anmerkung
Ich zumindest beabsichtige, stets eine Kopie von
Abbildung 2 mit mir herumzutragen: wenn jemand
mir das nächste Mal vorwirft, ich vergleiche Äpfel
mit Birnen, so kann ich sie dieser Person vor die
Nase halten und sagen: „Nein - das heißt, Äpfel mit
Birnen vergleichen!" Das sollte allen Nörglern ein
für allemal den Mund stopfen.
Die Xerox-VergrößerungsMikroskopie (XVM)
von David P. Cann und Phillip Pruna
Labor für Werkstofforschung, Staatliche Universität von Pennsylvania,
University Park, Pennsylvania
Dieser Artikel erschien inAIR 1:2 (März/April 1995).
Ein revolutionäres neues Mikroskopierverfahren
erlaubt es, mit handelsüblichen Kopierern subatomare Auflösungen zu erreichen. Früher bemühte man sich mittels eingeführter Verfahren wie
etwa der Transmissions-Elektronen-Mikroskopie
(TEM) oder der Atomic-force-Mikroskopie (AFM)
um eine hohe Auflösung. Es war ein regelrecht revolutionäres Umdenken nötig, um die von diesen
archaischen Methoden gesetzten Grenzen zu
durchbrechen. Die Autoren stellen hiermit die Xerox-VergrÖßerungs-Mikroskopie (XVM) vor, ein
Verfahren, das der hochauflösenden Mikroskopie
ein neues, faszinierendes Betätigungsfeld erschließen wird (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Laboranten beim Xerox-Vcrgrößerungs-Mikroskopieren mit handelsüblichem Kopierer.
Abbildung 2: Flußdiagramm des experimentellen XVM-Verfahrens.
92
Abbildung 3: XV-Mikroskopische Aufnahme von BaTiO:j,
15392fache Vergrößerung.
Abbildung 4: XV-Mikroskopische Aufnahme eines Deuteriumatoms.
Beschreibung des Verfahrens
Ultrahochauflösende XVM: Bilder
atomaren Wasserstoffs
Dieses Verfahren hat eine Reihe gewichtiger Vorteile. Zuerst und vor allem ist es extrem einfach anzuwenden. Abbildung 2 stellt das Verfahren in
Form eines Flußdiagramms dar. Da in den meisten
Labors bereits Kopierer vorhanden sind, bringt das
neue Verfahren keine zusätzlichen Kosten mit sich.
Bei den meisten Kopierern entstehen nur Kosten
von etwa neun Pfennig pro Seite, was signifikant
unter den gegenwärtigen Betriebskosten eines
TEM oder RTM liegt.
Es ist ferner keinerlei Probenvorbereitung vonnöten. Abbildung 3 zeigt eine XV-Mikroskopische
Aufnahme von ferroelektrischem Bariumtitanat
(BaTiO3J in 15392facher Vergrößerung. Diese Aufnahme von BaTiOs in Pulverform wurde angefertigt
mit einem Xerox-Kopierer der Reihe 1090 im Betriebsmodus Sortieren/Heften. Die größtmögliche
Vergrößerung des Xerox 1090 beträgt 155 %, so
daß 22 Vergrößerungsschritte nötig waren, um
eine 15392fache Vergrößerung ( 1.5522 = 15392)
zu erzielen.
Durch 48maliges Vergrößern ließ sich bei Proben
von deuteriertem Ammoniumhydrogenphosphat
(NH4H2PO4) eine unglaubliche, 1367481fache Vergrößerung erzielen. Zum ersten Mal konnte ein einzelnes Deuteriumatom abgebildet werden (siehe
Abbildung 4). Zu sehen ist auch ein bemerkenswerter Beleg für die Heisenbergsche Unschärferelation; man sieht die quantenmechanisch bedingte Unscharfe des Kerns und des Elektrons.
Schlußfolgerungen/Zukünftige
Arbeiten
XVM mit Sortieren/Heften
Eine einfache, kosteneffektive hochauflösende
Technik wurde vorgestellt. Weitere, gegenwärtig
laufende Arbeiten lassen sich zwei Bereichen zuordnen. Zum einen untersuchen Theoretiker die
Möglichkeit, röntgenstrukturanalytische Daten aus
den XVM-Bildern zu gewinnen. Zum anderen versuchen unsere experimentell arbeitenden Kollegen, den Atomkern mit XVM zu untersuchen und
die Existenz von Quarks nachzuweisen.
Die fortgeschritteneren XVM-Instrumente bieten
zuweilen die Option Sortieren/Heften. Dies ist eine
leistungsfähige Zusatzfunktion, die nach Wissen
der Autoren keine Parallele bei den anderen hochauflösenden bildgebenden Verfahren besitzt.
1.
2.
3.
4.
N ACHWEISE
Isaac Newton, Opticks, 1704.
Xerox 1090Handbuch.
Mongolisches Patent Nummer 4,1993.
Persönliches Gespräch mit Dr. Clive A. Randall.
Wissenschaft sinnlich erfahrbar
gemacht: Rubbeln und Riechen
Für Chemiestudenten in den ersten und mittleren Semestern
von LaDuc Foment, AIR-Redaktion
Dieser Artikel erschien 1993.
Dieses spezielle Arbeitsblatt wurde hergestellt unter Verwendung der von 3M entwickelten Mikroverkapselung.
Das politisch korrekte
Periodensystem der Elemente
von Robert Rose
MIT, Abteilung Werkstoffkunde, Cambridge, Massachusetts
Dieser Artikel erschien 1993.
Um die Gesundheit und das Wohlergehen der Allgemeinheit zu schützen, müssen wir alle Quellen
von toxischen Stoffen, Umweltschadstoffen und Radioaktivität beseitigen. Isotope und künstliche Elemente sollten nicht geduldet werden, ebensowenig
Treibhausgase oder Ursachen von Bluthochdruck.
NB: Es sind keinerlei Isotopen erlaubt.
T- toxisches Element
U- Umweltsch ad Stoff
5 - sexistische Nomenklatur
B - gefährliches Element, blutdrucksteigernd
G - Quelle für Treibhausgas
Sexistische Nomenklatur hat in der modernen Gesellschaft keinen Platz.
Allen diesen Ansprüchen kann man gerecht
werden, wenn man die unten dargestellte Revision
am Periodensystem der Elemente vornimmt.
//-Halogene nicht erlaubt, siehe alles oben
R - radioaktive Elemente nicht erlaubt
K- künstliche Elemente, nicht ohne vorherige Zulassung erlaubt
* - Steuerzuschläge auf diese Elemente
Das Okamura-Fossilienlabor
von Earle E. Spamer
Akademie der Naturwissenschaften, Philadelphia, Pennsylvania
Chonosuke Okamura erhielt den IgNobelpreis für Biodiversität 1996. Die folgende Würdigung von Okamuras Werk erschien in AIR 1:4 (Juli/August 1994).
Der Autor Earle Spamer hat es sich zur Aufgabe gemacht, Okamuras Werk einer sicherlich bald ehrfürchtig
bewundernden Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Spamer stellte im Rahmen der IgNobelpreisverleihung 1996 eine Kurzfassung dieser Arbeit vor.
Lebt und arbeitet Chonosuke Okamura noch? Wir
wissen es nicht, fürchten aber das Schlimmste.
Denn Earle Spamer hat jüngst eine drei Jahre währende Suche nach Okamura ergebnislos abgebrochen. Wie auch immer, die vielen kleinen Beiträge
dieses Mannes zum Wissen der Menschheit werden
ewig weiterleben.
In den Ruhmeshallen der Wissenschaft prangen
die Abbilder genialer Geister - hochragende Ehrenmale für die Früchte der Geisteskraft, Erinnerung
an das Werk von einzelnen, das die Weltsicht der
Menschheit verändert hat. Jede wissenschaftliche
Disziplin vermag mit ihrem eigenen Pantheon unsterblicher Geistesheroen aufzuwarten, die die
Flamme der Liebe zur Wissenschaft weitertragen.
Leider gibt es andere, deren Werk zu ihren Lebzeiten nicht ausreichend gewürdigt oder kaum wahrgenommen wird.
In Nagoya in Japan wurden die siebziger und
achtziger Jahre dieses Jahrhunderts Zeugen der
Entdeckung und Erforschung der bemerkenswertesten, doch leider überhaupt nicht zur Kenntnis
genommenen Wirbeltierfossilien. Der Forscherdrang eines einzigen Mannes, Chonosuke Okamura, bewirkte nichts Geringeres als eine Erschütternug der Paläontologie, Anthropologie und Archäologie bis in ihre Grundfesten. In sorgfältig
dokumentierten Berichten hat Okamura die ersten
Anfänge der Evolution der Wirbeltiere und den Beginn der Zivilisation bis in das frühe Paläozoikum
zurückverschoben, da er die ältesten Vorfahren
der modernen Wirbeltiere, also auch des Menschen
entdeckte.
Okamura führte seine Studien allesamt an den
paläozoischen Kalksteinformationen Japans durch.
Nach dem Schneiden, Schleifen und Polieren seiner
Proben untersuchte Okamura die nunmehr glatten
Oberflächen mit dem Mikroskop und konnte so eine
Vielfalt sehr kleinformatiger Fossilien dokumentieren. Über seine ersten Untersuchungen referierte
er bei Versammlungen der Paläontologischen Gesellschaft Japans (PGJ). Seine Ergebnisse veröffentlichte er im ersten Band der Reihe Original Report
of the Okamura Fossil Laboratory (OROFL); darin
beschreibt er fossile Wirbellose und Algen, deren
Alter vom Ordivizium bis zum Tertiär reicht. Er
stellt fest, daß die Evolution dieser Organismen
rasch voranschritt, so daß diese sich sogar schon
während des Erdaltertums modernen Formen annäherten.
Die Reihe OROFL erscheint in Englisch mit japanischen Zusammenfassungen und ist reich illustriert mit mikroskopischen Aufnahmen, manche
in Farbe. Neue fossile taxonomische Gruppen werden eindrucksvoll beschrieben und die entsprechenden Fossilien bis ins einzelne illustriert.
Daß die wissenschaftliche Gemeinschaft keine
Notiz von Okamuras Entdeckungen nahm, liegt
nicht daran, daß diese durch andere Belege entkräftet worden wären, sondern viel eher an der begrenzten Verbreitung der OROFL. Da Okamuras
Befunde nicht in der „Mainstream"- oder „anerkannten" Literatur bekanntgegeben waren, wurden sie genau von den Forschern übersehen, die
von diesen neuen Fossilienfunden profitiert hätten.
Daher fällt seinen Nachfolgern die Aufgabe zu,
98
gel Archaeopteryx lithographica und schließt: „Der
hypothetische Vorfahr Archaeopteryx muß nunmehr ausgetauscht werden gegen die echten Vögel
wie Archaeoanas und andere; jener dürfte lediglich
zu den mit Flughäuten versehenen Reptilien Pterosauria gehören."2
So stürzt Okamura mit einem einzigen Satz eines der bekanntesten Fossilien von seinem Podest
und belegt die direkte Abstammung der modernen
Vögel nicht von Archaeopteryx, also nicht von den
Dinosauriern, sondern von Vögeln zwergenhafter
Größe, die ihren modernen Gegenstücken aber in
allen anderen Aspekten stark ähnelten.
Eine so bemerkenswerte Entdeckung wie die
der Silurente, von der sich eine direkte biologische
Linie zur modernen Vogelwelt ziehen läßt, wäre für
einen gewöhnlichen Wissenschaftler die Krone seines Lebenswerkes. Doch Okamura setzt seine Beobachtungen und Entdeckungen fort. In OROFL 14,
in einem Artikel von 182 Seiten und mehr als 1000
Mikroskopaufnahmen, führt er den Nachweis für
den Ursprung der Wirbeltiere.
Der Ursprung des Lebens
Abbildung 1: Oben: Mikroskopaufnahme der Silur-Miniente
Archaeoanas japonica (OROFL 13, Tafel 31).
Unten: Okamuras Zeichnung davon.
Okamuras Resultate erneut und in Medien mit größerer Leserschaft zu verbreiten.
Federvieh
Bis Mitte der siebziger Jahre beschränkte Okamura
seine Studien auf versteinerte Wirbellose und Algen. Dann hielt Okamura auf der Konferenz der
PGJ am 18. Juni 1977 einen Vortrag - zwei Monate
später veröffentlicht in OROFL 13 - über die neue
Spezies Archaeoanas japonica, eine Ente aus den
silurischen Formationen des Kitagami-Gebirges.
Ihre Ähnlichkeit mit modernen Enten ist unbestreitbar. Seine Zeichnung (Abbildung 1) zeigt das
Exemplar eindeutig „in einem Krampfzustand aufgrund des Schocks, im Silur lebendig begraben
worden zu sein".1 Das Exemplar mißt nur 9,2 mm,
ein klarer Beweis für die Abstammung moderner
Formen von winzigen Vorfahren.
Okamura vergleicht Archaeoanas japonica mit
dem berühmten versteinerten jurazeitlichen Urvo-
In OROFL 14 berichtet Okamura, er habe „sehr
viele Stücke schwarzen Kalksteins vom NagaiwaBerg in Higoroichicho bei der Stadt Ofunado in der
Präfektur Iware gesammelt. Geschliffene Exemplare wurden mit dem Mikroskop untersucht, und wie
sich herausstellte, gehörten die gefundenen Fossilien hauptsächlich zu 92 Arten landlebender, kaum
aber mariner Wirbeltiere, insbesondere [fanden
sich] viele versteinerte Menschen sowie Wasserund Landpflanzen, gemischt mit alten kontinentalen paläozoischen Fossilien: ... allesamt aus einer
Periode vom Kambrium bis zum Silur."3
Er fährt fort: „All diese Lebewesen waren nicht
größer als 1,0 bis 5,0 Millimeter, und dennoch [entsprichtl jedes einer identischen neuzeitlichen Spezies."4 Er beschreibt Minifische, Minireptilien, Miniamphibien, Minivögel, Minisäugetiere und Minipflanzen.
Okamura gibt sich nicht mit der erstaunlichen
Entdeckung von Minimännern und Minifrauen zufrieden, sondern enthüllt auch, daß er Gruppen von
„Urminimenschen" entdeckt habe, deren Körper
Drachenleibern ähneln. Er erklärt darüber hinaus,
daß er über Exemplare verfüge, die „eine kontinuierliche und systematische Metamorphose des Urminimenschen"5 belegen.
99
Abbildung 3: Mikroskopaufnahme eines Minibrontosaurus
Brnntosaurus excelsus minilorientalus (OROFL 14, Tafel 38,
Abbildung g).
Abbildung 2: Titelseite von OROFL 14.
Okamura faßt seinen Geniestreich in einem einzigen Satz zusammen: „Der alte Nagaiwa war die
Wiege aller Geschöpfe auf der Erde."6
Löwen, Tiger und Bären
Die meisten der von Okamura beschriebenen Formen werden als neue Arten und Unterarten moderner Gattungen und Arten bezeichnet; die Ähnlichkeiten springen förmlich ins Auge, beispielsweise
beim Miniluchs {Lynx lynx minilorientalis), beim
Minigorilla {Gorilla gorilla minilorientalis), beim
Minikamel (Camelus dromedarius minilorientalus),
beim Minieisbär (Thalarctos maritimus minilorientalus) und beim Minihaushund (Canis familiaris
minilorientalis), dessen „Merkmale denen eines
Bernhardiners [sie] ähnelten, der jedoch in der
Länge nur 0,5 Millimeter maß".7
Okamura hat außerdem die Vorformen ausgestorbener Spezies entdeckt, beispielsweise einen
Minipterodactylus (Pterodactylus speetabilis minilorientalus) und den immerwährenden Liebling der
Kinder, den Minibrontosaurus (Brontosaurus excelsus minilorientalus) (Abbildung 3).
In den meisten seiner Beschreibungen verbindet
Okamura die Überzeugungskraft wissenschaftlicher Deduktion mit einfühlsamer Beobachtung. So
stellt er in seiner Beschreibung von Lynx lynx minilorientalis fest:
„Manche wirken angstvoll in ihrem Wüten gegen einen plötzlichen Aufruhr der Natur, während
andere gleichgültig sind oder sogar den Kopf auf
die Brust gesenkt und jeden Widerstandsgeist aufgegeben haben. Dies sind Spuren psychischer Vorgänge, an denen sich die Höhe der Intelligenzentwicklung ablesen läßt."8
Hierin erkennen wir einzigartige und erhellende
Einsichten nicht nur auf paläontologischem Gebiet,
sondern auch für die wissenschaftliche Debatte um
die Rolle von Umwelt beziehungsweise Vererbung
in der Evolution der Intelligenz.
Für einige Fossilien, zu denen es keine modernen Gegenstücke gibt, wurden neue Arten geschaffen. In einem Fall jedoch, wo Okamura mit einem
völlig neuen Reptil konfrontiert ist, gelangt er zu einer noch viel bemerkenswerteren Erkenntnis, die
uns seine Neigung zur Deduktion deutlich illustriert.
100
Die Grenze zwischen Hexerei und
Forschung
Okamura brach zu Feldstudien auf und drang tief
in die Berge der Präfektur Gifii ein, um mehr über
den Yokozuchi in Erfahrung zu bringen, „ein unbekanntes Lebewesen, an das lange nicht gerührt
worden war". Er befragte Straßenarbeiter und ältere Ortsansässige über dieses Geschöpf, und man
wies ihn auf ein Buch hin, die Geschichte des Dorfes
Tokuyama, „veröffentlicht am 27. Mai 1973 von T.
Neo, dem Vorsteher des Dorfes Tokuyama".9 Okamura zitiert aus Seite 77 von Neos Buch: „Hier lebt
eine seltene Giftschlange namens Yokozuchi, die in
keinem Buch abgebildet ist." Neos Buch enthält
eine grobe Umrißzeichnung, die Okamura wiedergibt.10
Gestützt auf diese Quelle, beschreibt und benennt Okamura die zurückgezogen lebende
Schlange Yokozuchius yokozuchius und die silurische Minischlange Y. y. minilorientalis.
Besonders bemerkenswert ist, daß Okamura
eine bislang nicht beschriebene moderne Spezies
zu entdecken vermag, indem er zunächst ihren annähernd 420 Millionen Jahre alten fossilen Vorfahr
identifiziert. Dies könnte eine Möglichkeit eröffnen,
das Rätsel um angebliche Fabelwesen wie den himalayischen Yeti oder den Bigfoot des amerikanischen Nordwestens zu lösen.
Zu diesem Zweck dringt Okamura zur wissenschaftlichen Beschreibung von Drachen vor; er benennt die Gruppe (Draconae) und teilt sie in 18
neue Gattungen ein. Zudem beschreibt er die Lebensgewohnheiten und die Physiologie der Drachen. Besonders hervorzuheben ist, daß Drachen
häufig getarnt sind. Die Ähnlichkeit der seilförmigen Tarnung (Abbildung 4) mit der Schale von Fo-
Abbildung 4: Mikroskopaufnahme der „SeilforirT-Tarnung
von Drachen (OROFL 14, Tafel 55, Abbildung 55e).
raminiferen verlangt zweifellos nach einer Überprüfung der Untersuchungen dieser biostratigraphisch wichtigen Fossilien. Ähnlich werden
Paläobotaniker sowie Wirbeltierpaläontologen
Okamuras Entdeckung des winzigen fossilen Baumes Lepidodendron minilorientoanulus, dessen
Ähnlichkeit mit der inneren Struktur von Korallen
Revisionen in diesen Fachgebieten erzwingen
könnte, Beachtung schenken müssen.
Die Morgendämmerung des
Menschen
Den größten Ruhmesanspruch kann Okamura gewiß für seine Entdeckung des Minimenschen Homo
sapiens minilorientales11 erheben. In einer erschöpfenden und peniblen anatomischen Diskussion, illustriert mit Hunderten mikroskopischer Aufnahmen (beispielsweise Abbildung 5), beschreibt
er die frühesten Vorfahren des Menschen. „Die
Körperhöhe des Nagaiwa-Minimenschen betrug
nur VMO derjenigen des neuzeitlichen Menschen, er
sah jedoch genauso aus."12 Beschrieben werden
auch die Werkzeuge dieser Minimenschen, darunter „eines der ersten Utensilien aus Metall".13
Paläökologische Aspekte werden in Okamuras
eingehenden Beschreibungen der Minimenschen
nicht übersehen. Es folgen repräsentative Stichproben aus seinen Interpretationen:
„Der Minimensch hatte eine Größe wie eine neuzeitliche Ameise und lebte ab einem gewissen Entwicklungsstadium wahrscheinlich in Höhlen oder
einfachen Behausungen aus Calcitplatten oder
ähnlichem. Außerdem kannte er eine Schrift, die
Herstellung von Zement durch Brennen von Calcit
und die Herstellung von Porzellan."14
„Alle Frauen in Abbildung 70 halten den Mund
geschlossen und leiden offensichtlich Qualen, da
sie lebendig in kochendem Schlamm begraben werden, während die alte Frau in Abbildung 1 den
Mund weit aufgerissen hat und aussieht, als ob sie
den Verstand verloren hätte."15
„Sie hatten eine polytheistische Religion und
stellten zahlreiche Götzenbilder auf."16
Entdeckt werden „die ältesten Frisuren",17
„eine leichtfüßige Nagaiwa-Minifrau, [die] wahrscheinlich schwere Arbeit gewohnt war",18 eine Minifrau, die „eine ranghohe Persönlichkeit gewesen
zu sein scheint"19, und der „Kopf eines Minimannes
im Verdauungstrakt eines Drachens".20
101
Abbildung 5: Mikroskopaufnahme eines Exemplars von Homo sapiens minilorientales, einer Nagaiwa-Minifrau von „etwa 30 Jahren... [, die] eine Art Umhang zu tragen scheint,
auf dem viele kleine Drachen festgeklebt sind, vielleicht ein
Phänomen, das erst nach ihrem Tod eintrat" [OROFL 14, S.
272, Tafel 62).
nem grausamen Drachen ein Opfer darbietet"24,
neben anderen aufschlußreichen Szenen. Dieser
Überblick kann jedoch den Detailreichtum, den
Okamura ausbreitet, nicht einmal im Ansatz angemessen würdigen.
Die Beziehung zwischen Minimenschen und
Drachen scheint nicht von wechselseitigem Nutzen
bestimmt gewesen zu sein, wenn Okamuras Deutungen stimmen.
„Soweit der Autor feststellen konnte, besaßen
die Minimenschen der Urzeit eine hochentwickelte
Intelligenz, aber zu ihrer Verteidigung nur die bloßen Nägel. Selbst wenn sie sich mit Hilfe ihrer freien vorderen Gliedmaßen auf Pfähle flüchteten oder
primitive Metallwaffen benutzten, über die sie
augenscheinlich verfügten, oder einfach behauene
Steine warfen, war es äußerst schwierig, der unersättlichen Gier der zahllosen fleischfressenden
Drachen zu entkommen."25
Die Frühformen der Minimenschen waren
handlos, doch „es hätte keinen Unterschied gemacht, wenn sie eine Hand zur Hand gehabt hätten, um mit den Drachen zu kämpfen, denn sie wären immer noch ohne den geringsten Widerstand
vernichtet worden. Die Drachen hätten sie tödlich
verletzt und ihren Körper zermalmt."26
Dennoch waren Okamuras aufsehenerregende
Beobachtungen nicht gänzlich ohne Gefühl; er
schreibt: „Der Autor wird sein Bestes geben, um
den Geistern der Dahingeschiedenen Trost zu
spenden."27
Implikationen für die Evolution
Die Nagaiwa-Minimenschen waren auch kunstfertige Handwerker, die vielfältige Skulpturen
schufen. „Als ausgereifteste Arbeit" kann man „die
lebensgroße Darstellung einer Frau [betrachten],
die auf dem Hals eines Drachens sitzt" und „gerade
einen Hut aufsetzen könnte". Okamura hält sie „für
eine Art Gottheit", deren „Brüste geschwollen wirken und ein wenig zu hängen scheinen".21
Natürliche Auslese im frühen
Paläozoikum
Die Miniwelt von Nagaiwa war keine Idylle. Okamura zeigt „einen Urminimann und eine Urminifrau, die dicht aneinander gedrängt... einem Drachen die Stirn bieten"22, einen „Drachen, der ein
Mädchen erwürgt"23, und einen „Minimann, der ei-
„Der Autor hat mehr als 93 Arten von Nagaiwa-MiniWirbeltieren entdeckt, von denen jede ein ausgestorbenes oder neuzeitliches Pendant besitzt, und
es gab keine neuen Arten, das heißt, es gab über einen sehr langen Zeitraum keine große Evolution
oder Metamorphose der Wirbeltierkörper"28 [Abbildung 6].
„Der Körper des Menschen hat sich seit dem Silur nicht verändert... abgesehen von einer Zunahme der Körpergröße von 3,5 auf 1700 Millimeter."29
Nachwort
Das Okamura-Fossilienlabor hat allem Anschein
nach seit circa 1987 keine weiteren Arbeiten mehr
herausgebracht. Chonosuke Okamura selbst
102
3. Chonosuke Okamura. Okamura Fossil Laboratory, Nagoya, 1983? [Buch gänzlich in Japanisch; mit Errata für
OROFL \A\.
4. Chonosuke Okamura. New Facts: Homo and All Vertebrata Were Born Simultaneously in the Former Paleozoic
in Japan. Okamura Fossil Laboratory, Nagoya, 1987.
ANMERKUNGEN
Abbildung 6: Stammbaum des Menschen, der die direkte Abstammung vom frühen paläozoischen Minimenschen illustriert und nicht etwa von Vierfüßern, wie bisher angenommen (ükamura 1983?, Tafel 51).
1. OROFL 13, S. 51.
2. S. 50.
3. OROFL 14, S. 174.
4. S. 174.
5. S. 305.
6. S. 339.
7. S. 262.
S.S. 257.
9. S. 226.
10. S. 226.
11. S. 269.
12. S. 271.
13. S. 297.
U.S. 271.
15.S. 289.
16. S. 304.
17. S. 279.
18. Abb. 64b.
19. Abb. 63f.
20. Abb. 65d.
21. S. 301.
22. Abb. 103.
23.Ahb. 65h.
24. Abb. 66.
25. S. 273.
26. S. 273.
27. S. 276.
28. S. 344.
29. S. 272.
ANHANG
scheint sich völlig zurückgezogen zu haben. Sein so
gründliches, detailreiches Werk fiel einfach der
Vergessenheit anheim, ein trauriges Beispiel für
unzulängliche Publizität. Es liegt auf der Hand, daß
erneuerungswillige Kräfte in der Paläontologie und
Anthropologie den übersehenen, überaus gut dokumentierten Nachweisen für Okamuras Miniwirbeltiere angemessen Rechnung tragen müssen. Die
wissenschaftliche Gemeinschaft sollte das Werk
dieses Mannes in das Licht rücken, das es verdient.
A USGEWÄHLTE L ITERATUR
1. Chonosuke Okamura. Archaeoanas japonica. Report of
the Okamura Fossil Laboratory, Nagoya, Okamura Fossil
Laboratory, Nr. 13,1977, S. 157-163, Tafel 31.
2. Chonosuke Okamura. Period of the Far Eastern Minicreatures. Report of the Okamura Fossil Laboratory, Nr.
14, Okamura Fossil Laboratory, Nagoya, 1980, S. 165346, Tafel 32-107.
Die folgenden Institutionen besitzen Exemplare der Reports
ofthe Okamura Fossil Laboratory:
Akademie der Naturwissenschaften (Philadelphia, Pennsylvania)
Bergbauschule von Colorado
Cornell-Universität
Stadtbibliothek Denver
Field-Museum für Naturgeschichte
Harvard-Universität, Museum für vergleichende Zoologie
Staatsuniversität Kent
Pell-Bibliothek für Meereswissenschaften (Narragansett,
Rhode Island)
Smithsonian Institution
U.S. Geological Survey (Reston, Virginia)
Universität von Kalifornien in Los Angeles
Universität von Kalifornien in San Diego
Universität Houston
Universität von Texas in Austin
Universität von Wyoming
Zur taxonomischen Zuordnung
von Barney
Anzeichen für Konvergenz in der Hominidenevolution
von Edward C. Theriot,1,4 Arthur E. Bogan,2,5, Earle E. Spamer3,4
Dieser Artikel erschien in AIR 1:1 (Januar/Februar 1995).
Einführung
Die Evolution der Hominiden ist umstritten. Der
Schwindel mit dem „Piltdown-Menschen" hat dafür
gesorgt, daß man diesem Forschungsgebiet Argwohn entgegenbringt, und der tragische Verlust
der Exemplare des Peking-Menschen hat politische
Verwicklungen ausgelöst. Natürlich sollte man die
leidenschaftlich geführten Auseinandersetzungen
um die Ansichten der Anhänger der Schöpfungslehre über den Aufstieg des Menschen6 nicht übergehen, doch wir sehen uns außerstande, deren Daten mit den unsrigen in Beziehung zu setzen, weshalb wir nur unsere Daten vorstellen.
Das Problem
National Geographie7 zufolge entwickelten sich die
Hominiden anfangs auf dem afrikanischen Kontinent und breiteten sich dann während der letzten
zehn- bis hunderttausend Jahre über die anderen
Kontinente aus. Wie die Anthropologen gegenwärtig glauben, entwickelten sich mehrere Gattungen
und Arten, von denen heute nur noch Homo existiert. Die einzigen Belege, auf die diese Mutmaßungen sich stützen, sind Überreste von Skeletten,
die meist nur als Fragmente erhalten sind. Aus kladistischen Untersuchungen der Merkmale der Knochenbruchstücke schlössen die Wissenschaftler auf
die evolutionären Beziehungen zwischen den verschiedenen Hominiden.
Durch Grabungsfunde und empirische Beobachtungen kamen wir jedoch einer bislang unbekann-
ten Hominidenform auf die Spur, die heute noch
lebt und vermutlich weltweit verbreitet ist. Mit Sicherheit kommt sie in Nordamerika vor, wo wir sie
zum ersten Mal beobachteten. Ihre äußere Morphologie unterscheidet sich stark von der der Hominiden, und aus diesem Grund wurde sie bis
heute übersehen. Ihre Entdeckung wird sich unmittelbar und tiefgreifend auf das Verständnis der
Hominidenevolution auswirken.
Material und Methoden
Im Februar 1994 beobachteten wir im Fernsehen
ein Tier, das dort als Dinosaurier bezeichnet wurde; es hieß Barney.8 Seine Verhaltenscharakteristika ließen vermuten, daß es sich von den diversen
wohldokumentierten Gruppen der Dinosaurierfauna9 unterschied. Selbst wenn man die Möglichkeit
in Betracht zieht, daß einige Dinosaurier in engen
Sozialverbänden lebten und manche vielleicht sogar warmblütig waren, deuteten Barneys Lebhafdigkeit, Kommunikationsfähigkeit und seine Anhänglichkeit zu jugendlichen Exemplaren von Homo auf einen unerkannten Aspekt der Form und
Funktion von Reptilien hin.10
Um die Hypothese zu prüfen, daß Barney ein
von den echten Dinosauriern abstammendes Reptil
ist, nahmen wir eine Feldstudie in Angriff, bei der
wir ein lebendes Exemplar fangen und untersuchen wollten. Dies gelang uns bemerkenswert
leicht, da ein örtliches Einkaufszentrum damit
warb, daß Barney dort auftauchen sollte. In einem
sicheren Bereich bauten wir eine Beobachtungssta-
104
tion auf, die den nächstliegenden Zweck erfüllte,
Barneys äußere physische Merkmale unter kontrollierten Bedingungen zu dokumentieren.
Eine zusätzliche apparative Ausrüstung war
notwendig, um den inneren Körperbau Barneys zu
ergründen. Wir entschieden uns dafür, das Exemplar nicht zu töten, da wir der Überzeugung waren,
dies würde sich negativ auf die begleitende Fauna
(die jugendlichen Exemplare von Homo) auswirken.
Wir entwickelten vorwiegend nichtinvasive Methoden zur Datenerhebung. Um Bilder vom Skelett insgesamt zu gewinnen, bauten wir einen Röntgenapparat mit stark aufgeweitetem Strahl und hängten
unbelichtete Röntgenplatten in der Nähe des Ortes,
an dem Barney sich zeigen sollte, dekorativ an die
Wände; dies fiel weder einem der menschlichen
Probanden noch dem Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums auf. Die durch die Röntgenquelle
bedingten Expositionszeiten waren nur kurz; die
menschlichen Probanden in Barneys Umgebung
dürften unseres Erachtens keiner größeren Gefahr
ausgesetzt gewesen sein als die Einwohner von
Tschernobyl.
Unsere kladistischen Untersuchungen führten
wir anfangs mit den beiden Merkmalsanalyse-Programmen PAUP und MaCLADE durch, stützten uns
dann jedoch ausschließlich auf die mit MaCLADE
erzielten Ergebnisse, weil sie viel schöner ausgedruckt werden.
Beobachtungen
Das von uns beobachtete Exemplar ist 183 cm
groß, hat eine dinosauroide Gestalt, und die Größe
seines Kopfes entspricht etwa einem Drittel der gesamten Körpergröße. Es besitzt zwei Augen auf der
Vorderseite des Kopfes, was für binokulares Sehen
spricht. Es sind keine sichtbaren Gehöröffnungen
vorhanden. Am äußeren Ende der Schnauze sitzen
beiderseits anstelle der Nasenöffnungen zwei Vertiefungen. Der Mund enthält zwei weiche, weiße
Gebilde; eines sitzt am dorsalen Teil der Mundöffnung, das andere am ventralen; sie weisen die
Form und Position von Zahnreihen auf. Der Mittelteil des Rumpfs ist sackartig erweitert. Die Epidermis ist gänzlich mit lila Flaum aus Kunststoff bedeckt, außer am Bauch, wo der Flaum grün ist; auf
dem Hinterteil befinden sich zwei Flecken. Die
Gliedmaßen sind jeweils in zwei Hauptsegmente
gegliedert. Die Vordergliedmaßen sind kurz und
am Ende gabelförmig geteilt; weder Nägel noch
Abbildung 1: Zusammengesetztes Bild von Barney, das die
äußere Morphologie und den Skelettbau zeigt.
Klauen sind vorhanden. Die stämmigen, kurzen
Beine haben breite Füße; jeder Fuß weist drei Nägel oder Klauen auf, besitzt jedoch keine getrennten Zehen. Ein breiter, zylindrischer, sich verjüngender, etwa hundert Zentimeter langer Schwanz
entspringt am Hinterteil; er scheint mit diesem verschmolzen, ohne Muskulatur, auch Willkürbewegungen wurden nicht beobachtet. Barney ist ansonsten äußerlich unauffällig.
Die erstaunlichsten Beobachtungen lieferten
uns die Röntgenaufnahmen von Barney (Abbildung
1). Das Skelett ist nicht etwa das eines Reptils, sondern sowohl in bezug auf die Morphometrie als
auch die Verteilung der osteologischen Elemente
eindeutig hominid. Es ist sogar ununterscheidbar
vom Skelett von Homo. Das Becken ist das eines
Säugetiers; es sind heterodonte Zähne in exakt
dem Zahnschema von Homo vorhanden; an jeder
der Extremitäten finden sich fünf Finger; über das
Steißbein der Wirbelsäule hinaus gibt es keine weiteren Wirbel, so daß der Schwanz nicht vom Skelett
gestützt wird. Jedoch macht Barney das Vorhan-
105
106
Abbildung 3: Ein toter Lachs mit Hominiden. Man beachte,
daß Barney den Hominiden und dorn toten Lachs stärker ähnelt als den Dinosauriern (nicht abgebildet).
densein eines Zöloms, einer Leibeshöhle, das das
Skelett von der Körperwand trennt, Säugetieren
und Reptilien sehr unähnlich.
Analyse
Abbildung 2: Stammbäume, die sich ergeben, wenn man
Barney A) den Menschen (der sparsamste Stammbaum, 29
Stufen), B) den Dinosauriern (32 Stufen) und C) Lachs (31
Stufen) zuordnet.
Die äußere Morphologie von Barney steht einer
Säugetierverwandtschaft entgegen. Evolutionstheoretisch spricht es für einen Selektionsvorteil,
wenn die äußere Gestalt eines Dinosaurierreptils
mit der inneren Struktur und den Fähigkeiten eines
hominiden Säugetiers vereint sind. Diese Ansicht
wird gestützt durch die beobachtete ökologische
Nische und die Verhaltensmerkmale von Barney,
das heißt, durch seine beständige Gemeinschaft
mit jungen Hominiden. Die Gemeinschaft trägt allem Anschein nach Züge einer wechselseitigen Abhängigkeit, und wir wagen die Vermutung, daß
Barney sich in die von halbwüchsigen Hominiden
besetzte Nische hinein entwickelt hat; da diese Hominiden von Natur aus einen sehr geschützten Bereich der hominiden Sozialstruktur besetzen.
107
Abbildung 4: Beispiel für äußere Kenn/eichen von Revierbesitz bei Hominiden.
konnte Barney sein Überleben wirksam sichern, indem er sich in diese Umwelt integrierte.
Doch dies erklärt noch immer nicht die taxonomische Beziehung Barneys zu anderen Wirbeltieren. Zu diesem Zweck verglichen wir verschiedene
physische Merkmalsausprägungen von Barney mit
Abbildung 5: Apparatur zur Messung der Körpertemperatur
von Barney.
denen anderer Säugetiere, Reptilien, Vögel und Fische (Tabelle 1). Die Merkmale wurden aufgrund
ihrer Ähnlichkeiten im gesamten Wirbeltierspektrum gewählt, wir fügten so lange Merkmale hinzu
oder nahmen sie heraus, bis wir die Ergebnisse erhielten, die uns plausibel schienen, und hörten
dann auf. Barney wurde verglichen mit Menschen,
Walen, Vogelbecken- und Echsenbecken-Dinosauriern sowie Vögeln. Als nicht dazugehörige Gruppen in den Kladogrammen wählten wir lebendige
und tote Lachse.
Ausgewählte Merkmale wurden bewertet und
dem MaCLADE-Programm unterzogen. Der erste
Stammbaum, den wir erhielten, war der sparsamste; nach diesem wies Barney die größte Ähnlichkeit mit Menschen auf. Der Baum hat 29 Stufen
(Abbildung 2A). Dann wurde Barney mit den anderen Wirbeltieren in eine Gruppe eingeordnet, um
die Zahl der Stufen festzustellen, die diese Bäume
erzeugten. Da Barney äußere morphometrische Affinitäten zu den bipedalen Vogelbecken-Dinosauriern aufweist, interessierten uns vor allem die Ergebnisse des Stammbaums, in dem wir Barney dieser Gruppe zugewiesen hatten. Dieser weniger
ökonomische Baum enthält 32 Stufen (Abbildung
2B). Schließlich verglichen wir Barney mit den
nicht dazugehörigen Gruppen „lebendige Lachse"
und „tote Lachse". Wir sagten richtig vorher, daß
Barney einem lebendigen Lachs sehr unähnlich
war, stellten jedoch zu unserer Überraschung fest,
daß der Stammbaum, der Barney mit einem toten
Lachs (Abbildung 3) in Verbindung brachte, sparsamer war (31 Schritte, Abbildung 2C), sogar noch
sparsamer als der Stammbaum, der Barney den Dinosauriern zuordnete.
Die bemerkenswerte Ähnlichkeit von Barney
mit totem Lachs unterstreicht ganz klar die nichtreptilienhaften Merkmale. Bei beiden bedeckt eine
Hülle aus Kunststoff die Körperoberfläche, ist ein
Zölom und ein auffälliger oraler Schmuckstreifen
vorhanden, der unabhängig vom Gebiß ist. Bei Barney dient diese Schmuckleiste (siehe Abbildungen
1 und 6) keinem ersichtlichen Zweck. Etwas Vergleichbares gibt es sonst bei Reptilien nicht. Diese
funktionslose Leiste ähnelt dem Farbfleck am
Schwanz des paarungswilligen Lachses. Da jedoch
Barney nicht fortpflanzungsbereit zu sein scheint,
vermuten wir, daß die orale Schmuckleiste eine
Rolle beim Hevierverhalten spielt. Ähnliche äußere
Kennzeichen von Revierbesitz beobachteten wir
auch bei Hominiden (Abbildung 4), was wiederum
108
toten Lachs als selbst den Dinosauriern, zu denen
er angeblich gehört. Wir deuten dies als Konvergenz in der Evolution; der Barney-Vorfahr hat sich
im Verlauf seiner Entwicklung so angepaßt, daß er
in die ökologische Nische eindringen konnte, die
heute juvenile Hominiden besetzen.
Dies wirft bedeutsame Fragen hinsichtlich des
Fossilienbestandes auf. Nur in Ausnahmefällen
bleibt Material fossil erhalten, das nicht vom Skelett stammt. Es ist daher wahrscheinlich, daß das
einzige, was von dem Barney-Tier erhalten bleibt,
sein Skelett ist. Wir stellen demnach die Frage, ob
nicht fossile Überreste bisher falsch interpretiert
worden sind. Die Kriterien, anhand derer die Skelette früher Menschen und ihrer Vorläufer bislang
identifiziert wurden, erlauben keine eindeutige Zuweisung. Wenn das Skelett eines Urmenschen nicht
von dem Barneys zu unterscheiden ist, besteht die
Möglichkeit, daß manche Skelettreste früher Hominiden - „Lucy" beispielsweise - in Wirklichkeit von
einem Barney-Vorfahren stammen.
Schlußfolgerung
Abbildung 6: Ein Exemplar von Praetendosaurus barneyi.
dafür spricht, Barney den Hominiden statt den
Reptilien zuzuordnen.
Das sehr animierte Sozialverhalten, das wir bei
Barney beobachteten, spricht ebenfalls für eine
Verwandtschaft mit den Hominiden. Das Verhalten
deutet auf Warmblütigkeit hin, was wir an dem
Exemplar, das wir untersuchten, nachweisen wollten. Dies erforderte einen zeitweise invasiven Eingriff, den wir vornahmen, als sich das Versuchstier
allein in einem Korridor befand. Es verhielt sich
unkooperativ und verschwand, so daß unsere Messungen von Barneys Körpertemperatur nicht zu einem schlüssigen Ergebnis führten. Wir hegen den
Verdacht, daß wir die Messung aufgrund einer unangemessenen apparativen Ausrüstung nicht erfolgreich zu Ende führen konnten (Abbildung 5).
Evolutionstheoretische
Konsequenzen
Wir haben bewiesen, daß Barney Menschen am
ähnlichsten ist. Dennoch ähnelt er stärker einem
Barney ist kein Dinosaurier. Er ist ein bislang unbekanntes Mitglied der Familie Hominidae, dem wir
den Namen Praetendosaurus barneyi (vom lateinischen praetendo, „ich schütze vor" und saurus,
„Echse") gegeben haben. Fossile Funde sind gegenwärtig nicht bekannt, doch schließen wir aus unseren Daten, daß sie bis ins Frühpaläolithikum zurückreichen dürften. Eine vollständige Neubewertung der Fossilien, die von Vorfahren des
Menschen stammen sollen, ist erforderlich. Das
kulturelle Klischee der Koexistenz von Dinosauriern und Menschen, die das Kino so gerne aufgreift (z.B. in King Kong und Familie Feuerstein),
könnte ebenfalls von einer Neuuntersuchung im
Lichte der an Barney gewonnenen Erkenntnisse
profitieren, da sich aus diesen bedeutende soziologische und anthropologische Schlußfolgerungen
ableiten lassen.
Daß Barney heute an zahlreichen Orten gesichtet werden kann, ist ein sicheres Zeichen für eine
weite Verbreitung des Barney-Tieres, die vielleicht
sogar der Verbreitung des Menschen entspricht.
Eine sichere Identifikation wird möglicherweise
durch morphologische Veränderungen im Verlauf
seines Lebenszyklus erschwert. Es könnte sein, daß
die flauschige Epidermis und das Zölom, das diese
vom Skelett trennt, Merkmale sind, die sich erst mit
109
Eintreten der Geschlechtsreife ausbilden. Die Jugendform drückt sich vielleicht ausschließlich als
unreife Hominidengestalt aus, was sehr schwerwiegende Fragen im Hinblick auf die korrekte Identifikation menschlicher Kinder aufwirft.
ANMERKUNGEN
1. Die Reihenfolge der Autoren wurde durch das Los bestimmt.
2. Die Reihenfolge der Autoren wurde ohne mein Wissen
bestimmt.
3. Die Reihenfolge der Autoren wurde bestimmt von der
letzten Person, die das Manuskript in der Hand hatte.
4. Akademie der Naturwissenschaften, Philadelphia, Pennsylvania.
5. Süßwassermolluskenforschung, Sewell, New Jersey, die
natürlich nichts mit Hominidenevolution zu tun hat.
6. Wir beziehen uns auf die Gattung Homo, doch „Aufstieg
des Homo" zu schreiben, klingt nicht so gut; „Aufstieg
des Menschen" ist weitaus vornehmer.
7. Praktisch jede Ausgabe seit 1888.
8. Öffentliches Fernsehen. Die Sendung „Barney" zeigt das
Tier in einer engen, harmonischen Beziehung zu Kindern. Sie singen und tanzen zusammen und reden über
Gott und die Welt, soweit Gott und die Welt Kinder im
Vorschulalter betreffen. Neuerdings bestehen sie auch
Abenteuer miteinander, wie ein gerade angelaufener
Spielfilm („Barneys großes Abenteuer") belegt. Aus naheliegenden Gründen der Logik muß man annehmen,
daß es mehr als ein Exemplar dieses Tieres gibt.
9. Weishampel, D. B., Dodson, P„ Osmölska, H. (Hrsg.). The
Dinosauria, (University of California Press) 1990.
10. Daß Barney ein Dinosaurier sein könnte, ist als Hypothese annehmbar, auch wenn die Dinosaurier gemeinhin
als ausgestorben gelten. Wir glaubten anfangs, Barney
könnte von Dinosauriern abstammen, genauso wie man
vermutet, daß sich die Vögel von diesen Reptilien herleiten.
Die traurige Krabbe aus
Südafrika
Dieses Bild zierte das Titelblatt von AIR 1:6 (November/Dezember 1995).
Dieses Foto zeigt eine Krabbe {Ovalipes punctatus), Power, Abteilung für Pädiatrie und Kindergesunddie traurig aussieht, gefunden an einem Südafrika- heitspflege, Red Cross Memorial Kinderhospital,
nischen Strand. Es wurde eingereicht von Michael
Rondebosch, Südafrika.
Zyklische Schwankungen beim
Wachstum von Gras
von V. D. Irby undM. S. Irby
Fakultät für Physik und Astronomie, Universität von Kentucky, Lexington,
Kentucky
Dieser Artikel erschien in AIR 1:4 (Juli/August 1995).
Gras zeigt ein zyklisches Wachstumsmuster, das
sich in überraschender Weise von dem aller anderen bekannten Pflanzen abhebt. Im Rahmen dieser
Studie wurden über einen Zeitraum von zehn Wochen täglich die Durchschnittslängen von Grashalmen gemessen. Die Messungen erfolgten mit einer
Schieblehre an einhundert zufällig ausgewählten,
einzelnen Grashalmen auf einer Fläche von drei
auf drei Metern vor einem Wohnblock in Lexington,
Kentucky. Die Messungen wurden mit einer anderen Schieblehre wiederholt, um die Reproduzierbarkeit mit einem anderen Instrument zu gewährleisten. Der Durchschnitt der Meßwerte wurde berechnet, als Meßfehler galt der Quotient aus der
Standardabweichung des Mittelwerts und der Quadratwurzel der durchschnittlich erfaßten Zahl der
Grashalme.
Ergebnisse und Diskussion
Die in dieser Untersuchung gemessenen Durchschnittslängen sind in Abbildung 1 in Abhängigkeit
von der Zeit dargestellt. Was sofort ins Auge sticht,
ist eine periodische Schwankung der durchschnittlichen Graslänge mit einem Zyklus von etwa sieben
bis zehn Tagen. Faszinierend war auch die Beobachtung, daß es ein Minimum der Graslänge oder
eine „Gras-Baseline" von etwa 3,25 Zentimetern
gibt.
Abbildung 1: Experimentelle Messungen der durchschnittlichen Graslänge in Abhängigkeit von der Zeit. Die durchgezogene Linie stellt die gemessenen Werte dar. Dio gestrichelte
Linie entspricht einer berechneten „konstanten Graslänge",
die die beste Approximation an die experimentellen Daten
darstellt.
Da der periodische Zyklus der Graslänge sieben
bis zehn Tage beträgt, kann man schließen, daß
diese in etwa mit der Wochenlänge schwankt. Der
physikalische Mechanismus, der für dieses zyklische Phänomen verantwortlich ist, ist gegenwärtig
noch nicht geklärt.
Fröhliche Hefe
von Marcela A. Valderrama und Jennifer Yang
Biologische Fakultät, Massachusetts Institute of Technology
Dieser Artikel erschien in AIR 2:1 (Januar/April 1996).
Wir geben hiermit die Entdeckung eines neuen
Stammes von S. cerevisiae bekannt, eine phänotypisch „fröhliche" Hefe.
Der Phänotyp trat in Erscheinung, nachdem
S. cerevisiae-Transformanten auf Agarplatten ausplattiert worden waren, die vermutlich „syntheticcomplete-urea" mit Harnstoff enthielten. Die tat-
sächliche Zusammensetzung des Mediums ist nicht
bekannt.
Auf den Platten wuchsen keine Kolonien, doch
die Art und Weise der Ausbreitung ergab diesen
Zellcluster.
Dies stützt unsere Theorie, daß die Biologie die
fröhlichste aller Wissenschaften ist.
Ein Mann, eine Frau, eine Hefe
von Alice Shirrell Kaswell undArsenio Pfist, ^4//?-Redaktion
Dieser Artikel erschien in AIR 1:5 (September/Oktober 1995).
Saccharomyces cerevisiae zeigt nahezu unbegrenzt
vielfältige Aktivitäten. Dies wird vielleicht nirgends
besser illustriert als in dem wissenschaftlichen Artikel „Brotbacken als Quelle einer Vaginalinfektion
mit Saccharomyces cerevisiae: Fallbericht über die
Erkrankung einer Frau und die augenscheinliche
Übertragung auf ihren Partner" von J. D. Wilson, B.
M. Jones und G. R. Kinghorn im Journal ofSexually
Transmitted Diseases, Jan.-März 1988, S. 35-36.
Die Zusammenfassung lautet:
„Wir berichten über den Fall einer Frau, die ihr
Brot selber buk und sich deshalb eine vulvovaginale Infektion mit S. cerevisiae zuzog, einer Hefe,
die bei der Herstellung von Backwaren und in
Brauereien verbreitet zur Anwendung kommt. Ihr
Partner hatte sich ebenfalls angesteckt, und beide
Infektionen erwiesen sich als schwierig zu bekämpfen. Eine orale und topische Behandlung mit Nystatin sowie die Desinfektion der Unterwäsche beider
Patienten bewirkten schließlich die klinische und
mikrobiologische Heilung."
Fadenwürmer und Hieroglyphen
von Mark Benecke
Zoologisches Institut der Universität Köln und Office of Chief Medical
Examiner, New York
Dieser Artikel erschien in AIR 1:2 (März/April 1995).
Die Hieroglyphen wurden nicht von den Ägyptern
erfunden. Dieses Verdienst gebührt vielmehr dem
mikroskopischen Fadenwurm Caenorhabditis elegans. Heute ist dieses bescheidene Geschöpf vor allem deshalb bekannt, weil es in entwicklungsbiologischen und genetischen Untersuchungen eine bedeutende Rolle spielt.12 Im Labor zeigt C. elegans
eine breite Palette von Verhaltensweisen. Meine
Forschungsarbeit weist nach, daß diese Palette
noch viel breiter ist, als wir bislang geahnt hatten.
Schicht Escherichia coli. Die Würmer wurden dann
in eine Phosphatpufferlösung gegeben und in einem zweistufigen Zentrifugierverfahren vorsichtig
konzentriert.3 Danach wurden die Würmer auf einen polylysinbeschichteten Objektträger übertragen, in flüssigem Stickstoff auf -210°C gefroren und
nach dem Auftauen mit einem Interferenzmikroskop mit Nomarski-Optik optisch dargestellt.
Ergebnisse
Die Würmer (Nematoden) wurden in Schalen mit
bakterienbedecktem Agar gezüchtet. Als Hermaphrodit von etwa einem halben Millimeter Länge
vermehrte und ernährte sich C. elegans auf einer
Die Würmer hatten ihre Körper in deutlich unterschiedliche Formen gebogen. Ihre jeweiligen Haltungen hingen dabei von den Umgebungsbedingungen des Zuchtmediums ab.
Das interessanteste Haltungsmuster bildete sich
nach einer längeren Hungerperiode. Je drei Wür-
A
B
Material und Methoden
Abbildung 1: Ägyptische Hieroglyphen (in der hieratischen Schreibweise) sind stilisierte Versionen der Formen, die der mikroskopische I;adenwurm Caenorhabditis elegans bildet. (A) Hier vereinigen sich drei Würmer zu dem Symbol für „Ewigkeit".
(B) Dieses Foto zeigt die entsprechende Hieroglyphe.
115
A
B
Abbildung 2: (A) Hin ausgehungertes Exemplar von taenorhabditis elegans formt das Symbol mit der Bedeutung „erlebe".
(B) Dieses Foto zeigt die entsprechende hieratische Hieroglyphe.
mer lagerten sich zu einer Gruppe zusammen und
bildeten gemeinsam die Hieroglyphe mit der Bedeutung „Ewigkeit" (Abbildung 1A). Zugleich legten sich andere Fadenwürmer zu dem Symbol zusammen, das für die Aufforderung „erlebe" steht
(Abbildung 2A). Zusammengenommen ist die Bedeutung unmißverständlich: „Erlebe die Ewigkeit".
Die Abbildungen 1B und 2B zeigen die entsprechenden Hieroglyphen.
Unter günstigen Lebensbedingungen bildeten
die Würmer ganz andere Formen aus, die den Hieroglyphen für „herrschen", „sich brüsten" und
„schlage die Trommel" ähnelten (ohne Abbildungen).
Diskussion
Bodenlebende Fadenwürmer wie Caenorhabditis
elegans kommen auf der ganzen Welt vor, und das
seit mehr als 500 Millionen Jahren. Unter für sie
ungünstigen Lebensbedingungen bilden sie hieroglyphische Zeichen, die auf Tod und Vergänglichkeit anspielen. Unter guten Bedingungen drücken
die Würmer sich positiv - zuweilen begeistert aus.
Wie wir durch Bertelsmann4 wissen, waren es
die Laryngaer, durch die die Hieroglyphen auf die
alten Ägypter kamen. Die Menschen von Laryngaea
konnten die Fadenwurmbotschaften mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit bloßem
Auge entziffern. Aristoteles bezeugte dies indirekt,5
als er schrieb, daß die Laryngaer die scharfäugisten Menschen auf Erden seien.
Zusammengenommen machen es diese Tatsachen wahrscheinlich, daß die ersten gedruckten
Schriftzeichen von Fadenwürmern in freier Wildbahn entwickelt wurden. Außerdem ist wahrscheinlich, daß sich Champollion der Hilfe von C.
elegans versicherte, als er 1822 den Stein von Rosette entzifferte,6 indem er einfach die Hieroglyphen mit den Formen von Fadenwürmern verglich,
die er unter definierten, kontrollierten Bedingungen züchtete.
Abschließend möchten wir die Aufmerksamkeit
des Lesers auf den vollständigen Hieroglyphentext
lenken, der von hungernden Nematoden gebildet
wird. Sie fordern den Beobachter auf: „Erlebe die
Ewigkeit" - ein Vorschlag, der einigen Reiz ausübt
und dem die meisten Menschen, die in früheren
Zeiten lebten, erlegen sind.78
LITERATUR
1. Lewin, R. A worm at the heart of the genome projeet.
NewScientist, Bd. 25, Nr. 8, S. 38-42.
2. Schierenberg, E. und Cassada, R. Der Nematode Caenorhabditis elegans: Ein entwicklungsbiologischer Modellorganismus. Biologie in unserer Zeit, Bd. 16, Nr. 1, S. 1-7.
3. Brenner, S. The genetics of Caenorhabditis elegans. Genetics, Bd. 77,1974, S. 71-94.
4. Lexikon-Redaktion Bertelsmann, Volkslexikon. Hieratische Schrift, Gütersloh, 1956.
5. Aristoteles. Libelli, qui parua naturalia vulgo appellantur, Paris (Brummenius) 1560.
6. Champollion, J. F. Principes generaux de l'ecriture egyptienne appliguee ä la representation de la langue parlee.
Paris (Institut d'Orient), 1841.
7. Heine, E. W. Wer ermordete Mozart? Wer enthauptete
Haydn? Zürich (Diogenes) 1986.
8. Heine, E. W. Luthers Floh, Zürich (Diogenes), 1990.
Der Surferin-Pilz
Diese Abbildung zierte die Titelseite von AIR 2:2 (März/April 1996), die die alljährliche Badeanzug-Ausgabe
war.
Diese Mikroskop aufnähme zeigt Sporen des Pilzes
Sporothrix flocculosa. Der Pilz wurde auf einem
sterilisierten menschlichen Haar kultiviert. Die
Sporen wurden freigesetzt und formten beim Vertrocknen das unten abgebildete Muster. Eingereicht von Don Pohlman aus Windsor, Ontario.
Übertragung von Gonorrhoe
durch eine aufblasbare Puppe
von E. Kleist
Krankenhaus Nanortalik, Nanortalik, Grönland
und H. Moi
Postfach 1001, Venereaklinikken, 3900 Nuuk, Grönland
Ellen Kleist und Harald Moi erhielten 1996 für diese Zuschrift, die in Genitourinary Medicine, Bd. 69, 1993,
S. 322 erschien, den igNobelpreis für Öffentliche Gesundheitspflege. Der Nachdruck ist autorisiert. Die Literaturangaben entsprechen denen des Originals.
Eine nichtsexuelle Übertragung von Gonorrhoe
kommt offenbar extrem selten vor. So ist nur ein
Fall einer solchen nichtsexuellen Übertragung von
Neisseria gonorrhoeae bei Erwachsenen belegt.1
Betroffen waren zwei Patienten eines Militärhospitals, die ein Urinal gemeinsam benutzten. Erwiesen
ist, daß N. gonorrhoeae in infizierten Absonderungen auf Hand- und Taschentüchern 20 beziehungsweise 24 Stunden überlebt.2 In Kulturen von Toilettenbrillen öffentlicher Toiletten und in Kliniken für
Geschlechtskrankheiten traten keine N. gonorrhoeae in Erscheinung/-4
Der Kapitän eines Fischtrawlers, der drei Monate auf See gewesen war, suchte die Klinik wegen
eines Ausflusses aus der Harnröhre auf. Seine Symptome bestanden seit zwei Wochen. Ein Urethralabstrich ergab die typischen intrazellulären, gramnegativen Diplokokken, eine Kultur war positiv für
JV. gonorrhoeae. Es war keine Frau an Bord gewesen, und der Kapitän verneinte auch homosexuelle
Kontakte; es bestand jedoch kein Zweifel, daß die
Symptome mehr als zwei Monate nach Verlassen
des Hafens eingesetzt hatten.
Nach einigem Zögern rückte er mit der Vorgeschichte heraus. Einige Tage vor dem Einsetzen
seiner Symptome hatte er wegen Problemen mit
der Maschine den Ingenieur in dessen Kabine geweckt. Nachdem dieser die Kabine verlassen hatte,
entdeckte der Kapitän in dessen Bett eine aufblasbare Puppe mit künstlicher Vagina und gab der
Versuchung nach, den „Verkehr" mit der Puppe zu
vollziehen. Seine Beschwerden begannen wenige
Tage nach dieser Episode.
Der Ingenieur wurde untersucht und eine Gonorrhoe wurde diagnostiziert. Ihm war seit der Abfahrt aus dem Hafen ein leichter Ausfluß aus der
Harnröhre aufgefallen, er war jedoch nicht mit Antibiotika behandelt worden. Er gab zu, unmittelbar
bevor der Skipper ihn rief, in die „Vagina" der Puppe ejakuliert und die Puppe danach nicht gewaschen zu haben. Er gab auch zu, einige Tage, bevor
sie in See gestochen waren, in einer anderen Stadt
mit einem Mädchen Verkehr gehabt zu haben. Dieses Mädchen konnte ermittelt werden, doch das Ergebnis ihrer Untersuchung ist nicht bekannt. Unseres Wissens ist bislang noch nie über einen Fall von
Gonokokkenübertragung durch eine aufblasbare
Puppe berichtet worden.
ANMERKUNGEN
1. Neinstein, L. S., Goldenring, J., Carpenter, S. Nonsexual
transmission of sexually transmitted diseases: an infrequent occurrence. Pediatrics, 1984, 74, S. 67-76.
2. Srivastava, A. C. Survivalof gonococciinurethralsecretions with reference to the nonsexual transmission of gonococcal infection. J. Med. MicrobioL, 1980, 13, S. 593596.
3. Gilbaugh, J. H., Juchs, P. C. The gonococcus and the toilct
seat. N. Engl. J. Med., 1979, 301, S. 91-93.
4. Rein, M. F. Nonsexual acquisition of gonococcal infection
(Brief). N. Engl. J. Med., 1979, 301, S. 1347.
Von Milben und Menschen
von Dr. med. vet Robert A. Lopez
Westport, New York
Robert Lopez erhielt 1994 den IgNobelpreis für Entomologie für diesen Brief, der im Journal ofthe American
Veterinary Medicinal Association, Bd. 203, Nr. 5, 1993, S. 606-607, erschien. Der Nachdruck ist autorisiert.
Die Literaturangabe am Ende entspricht der des Originals.
Zwei merkwürdige und miteinander zusammenhängende klinische Fälle veranlaßten mich zu untersuchen, ob die Übertragung der Ohrmilbe Otodectes cynotis auf Menschen möglich ist. Im ersten
Fall brachte eine Klientin in Begleitung ihrer dreijährigen Tochter zwei Katzen mit schwerem Ohrmilbenbefall in die Praxis. Im Untersuchungszimmer klagte die Tochter über Jucken an Brust und
Bauch. Die Mutter gab an, daß die Tochter die Katzen oft längere Zeit wie Puppen herumzutragen
pflegte, und zeigte mir dann die zahlreichen kleinen roten Stichmale, die die Ursache des Juckens
darstellten. Ich empfahl ihr, ihren Kinderarzt aufzusuchen. Nachdem die Katzen von den Ohrmilben
befreit waren, gab sich, wie ich erfuhr, auch bald
der Juckreiz bei der Tochter.
Ein Jahr später brachte dieselbe Kundin eine
schwer von Ohrmilben befallene Katze in die Praxis
und klagte über Stiche an ihren Knöcheln. Die Stiche traten nicht mehr auf, als der Ohrmilbenbefall
der Katze auskuriert war.
Zu diesem Zeitpunkt (1968) ergab das Literaturstudium keinen Hinweis darauf, daß Otodectes cynotis Menschen zu befallen vermag, daher beschloß ich, menschliches Versuchskaninchen zu
spielen.
Ich beschaffte mir Ohrmilben von einer Katze
und vergewisserte mich mit dem Mikroskop, daß es
sich um Otodectes cynotis handelte. Dann befeuchtete ich ein steriles Wattestäbchen mit warmem
Leitungswasser und übertrug etwa ein Gramm
Ohrmilbenexsudat von der Katze in mein linkes
Ohr. Augenblicklich hörte ich Kratzgeräusche,
dann Bewegungsgeräusche, weil die Milben meinen Gehörgang zu erkunden begannen. Bald dar-
auf setzte ein Jucken ein, und alle drei Empfindungen verschmolzen zu einer wilden Kakophonie aus
Lärm und Schmerz, die sich von diesem Zeitpunkt
an - es war 16 Uhr - unaufhaltsam steigerte ... Anfangs glaubte ich, dies würde und könnte nicht sehr
lange dauern. Je weiter jedoch der Abend fortschritt, desto mehr wuchs meine Besorgnis. Der
Juckreiz steigerte sich. Die Geräusche in meinem
Ohr (glücklicherweise hatte ich nur ein Ohr infiziert) wurden lauter, je mehr die Milben sich meinem Trommelfell näherten. Ich empfand Hilflosigkeit. Fühlt sich so ein von Milben befallenes Tier?
Während der nächsten fünf Stunden waren die
Milben äußerst aktiv. Dann ging ihre Aktivität, gemessen an den Kratzgeräuschen und dem Juckreiz,
zurück. Immer noch krabbelte eindeutig etwas tief
in meinem linken Ohr herum, doch das Unbehagen
war erträglich.
Nach dem Zubettgehen um 23 Uhr steigerte sich
die Aktivität der Milben zunehmend, und um Mitternacht waren sie eifrig damit beschäftigt, zu stechen, zu kratzen und umher zukriechen. Um 1 Uhr
waren die Geräusche sehr laut. Eine Stunde danach wurde der Juckreiz sehr intensiv. Nach zwei
Stunden erreichte das Jucken und Kratzen den Höhepunkt. An Schlaf war nicht zu denken. Dann
schienen die Milben plötzlich ihre Nahrungsaufnahme einzustellen. Lärm und Pruritus versiegten,
so daß ein kurzer Schlaf möglich war. Die Milbenaktivität setzte mit leisen Geräuschen und leichtem
Jucken um sieben Uhr wieder ein. Dieses Muster
wiederholte sich - geringe Milbenaktivät tagsüber
mit einem leichten Anstieg am Abend von etwa 18
bis 21 Uhr, und dann starke Aktivität von Mitternacht bis 3 Uhr morgens. Dieses Nahrungsaufnah-
121
memuster war ziemlich regelmäßig und machte
Schlaf, wie dringend erforderlich auch immer, völlig ausgeschlossen.
Im Laufe der zweiten Woche, als sich das Muster
der Nahrungsaufnahme fest etabliert hatte, begann
die Milbenaktivität abzuflauen. In der dritten Woche füllte sich der Gehörgang mit Detritus, und ich
verlor das Gehör auf dem linken Ohr. In der vierten
Woche reduzierte sich die Milbenaktivität um 75%,
und nachts konnte ich fühlen, wie Milben über
mein Gesicht krochen. Sie versuchten weder, in
mein rechtes Ohr einzudringen, noch stachen sie
oder verursachten sie Juckreiz an irgendeiner anderen Körperstelle. Am Ende eines Monats konnte
ich keine Milben aktivität mehr hören oder spüren.
Der Pruritus und die Geräusche im Ohr hörten auf.
Allerdings war mein Gehörgang vollständig von Exsudat verstopft. Nun reinigte ich zum ersten Mal
mein Ohr mit warmem Wasser, Wattestäbchen und
Spülungen. Innerhalb einer Woche war sämtlicher
Detritus aus meinem linken Ohr entfernt. In der
sechsten Woche juckte nichts mehr, und ich hörte
normal. Die Genesung erfolgte erstaunlich rasch
und lediglich infolge der Spülungen mit warmem
Wasser.
In der achten Woche beschloß ich, den Versuch
zu wiederholen, um zu überprüfen, ob sich in das
erste Experiment Fehler oder Fehlschlüsse eingeschlichen hatten. Da nun mein linkes Ohr geheilt,
kein Detritus mehr vorhanden und das Gehör normal war, besorgte ich mir wiederum Ohrmilben
von einer anderen Katze und prüfte unter dem Mikroskop, daß es sich wirklich um Otodectes cynotis
handelte, wie beim ersten Versuch. Ich übertrug
eine Probe von ein bis zwei Gramm Exsudat aus
dem Ohr der Katze in mein linkes Ohr wie zuvor.
Wiederum reagierte dieses auf die Milbeninvasion.
Laute Kratzgeräusche, Juckreiz und Schmerz setzten innerhalb weniger Sekunden ein. Dasselbe Muster entwickelte sich: Nahrungsaufnahme am frühen Abend und ausgiebige Nahrungsaufnahme
mitten in der Nacht. In der ersten Woche trat wiederum intensiver Juckreiz auf; in der zweiten Woche ließ die Milbenaktivität nach und hörte am 14.
Tag ganz auf. Das linke Ohr war mit viel weniger
Exsudat gefüllt und mein Gehör nur leicht beeinträchtigt. Spülungen mit warmem Wasser beseitigten den Befall innerhalb von 72 Stunden.
Diese deutliche Symptomreduktion ließ viele
Fragen offen. Hatte sich eine Immunität gebildet?
Waren menschliche Ohren relativ unempfindlich
gegen Otodectes? Ein dritter und letzter Versuchsdurchgang war nötig.
In der elften Woche wiederholte ich das Experiment in derselben Weise wie zuvor an meinem linken Ohr. Innerhalb einiger Minuten setzten der
Juckreiz und die Ohrgeräusche ein, dieses Mal jedoch mit weitaus geringerer Intensität. Sehr wenig
Detritus sammelte sich an, und mein Gehör war
nur teilweise beeinträchtigt. Das Muster der Nahrungsaufnahme blieb gleich. Am Ende des achten
oder neunten Tages hatten die Milben zu stechen
aufgehört; allerdings spürte ich nachts noch, daß
einige von ihnen über mein Gesicht krochen. Wiederum spülte ich das linke Ohr lediglich mit warmem Wasser. Erneut verlief die Heilung rasch, abgesehen von gelegentlichen leichten Juckreizanfällen.
Dieser Rückgang von Dauer und Intensität des
Befalls beziehungsweise die zunehmende Immunität unter ähnlichen experimentellen Bedingungen
wirft einige interessante Fragen auf. Gibt es bei
Säugetieren eine Immunreaktion auf Parasiten,
insbesondere auf Otodectes cynotis? In meiner
mehr als dreißigjährigen Praxis habe ich festgestellt, daß jüngere Katzen unter schwererem Ohrmilbenbefall litten.
Zeigen Ohrmilben ein regelmäßiges Muster der
Nahrungsaufnahme? Falls dem so ist, wären dann
Behandlungen am späten Abend wirksamer? Ich
rate meinen Klienten jedenfalls, die Medikamente
gegen Milben spät am Abend anzuwenden.
Seit meiner ersten Literatursuche fand ich nur
einen Bericht über eine Ohrmilbeninfektion auf natürlichem Wege bei einem Menschen;1 diese Infektion löste einen Tinnitus aus. Ich wüßte nur gerne,
ob die Betroffene dieses Erlebnis genauso ausgekostet hat wie ich.
ANMERKUNG
1. Suetake, M., Yuasa, R., Saijo, S. et al. Canine ear mites
Otodectes cynotis found on both tympanic membranes of
adult woman causing tinnitus. Tohoku Rosat Hosp Proacl
Otolog, Kyoto, 1991, 84, S. 38-42.
Erfolglose Elektroschockbehandlung eines
Klapperschlangenbisses
von Dr. med. Richard C. Dort und Richard A. Gustavson
Westport, New York und
Zentrum für Gesundheitswissenschaften der Universität von Arizona,
Tucson, Arizona
Richard Dart, Richard Gustavson und „Patient X" erhielten 1994 den IgNobelpreis für Medizin für diesen
Bericht, der in den Annais ofEmergency Medicine, Bd. 20, Nr. 6, 1991, S. 659-661 erschien. Der Nachdruck
ist autorisiert. Es handelt sich um eine gekürzte Fassung. Die Literaturangaben entsprechen denen des Originals.
Einleitung
Zur Behandlung von Klapper- und anderen Schlangenbissen soll sich, wie berichtet wurde,1 eine
Elektroschocktherapie unter Anwendung hoher
Spannung und geringer Stromstärke als wirksam
erwiesen haben. Geschildert wurde dieses Vorgehen in einem Brief, der einen dramatischen Rückgang der Schmerzen und der Schwellung bei einem
Fall von Schlangenbiß in einem entlegenen Gebiet
Ecuadors beschreibt. Dem ersten Bericht folgten
mehrere Artikel in medizinischen Fachzeitschriften
und in der allgemeinen Presse,2"5 was dazu führte,
daß diese Vorstellung sich verbreitete und daß
transportable, in Eigenregie zu bedienende Elektroschockgeräte zur Anwendung bei Tieren und
Menschen auf den Markt kamen.6'7
Nur wenige Berichte belegen den Einsatz von
Elektroschocks zur Behandlung von Schlangenbissen bei Menschen. Die Verfechter der Elektroschocktherapie führen zugunsten dieser Behandlungsform anekdotische Berichte an, obwohl die
Methode bei Versuchstieren versagt hat. Wir berichten über einen Fall, der die potentiellen
Gefahren der Methode veranschaulicht und zeigt,
daß sie wirkungslos ist, wenn sie - anstelle einer
Schlangenserumgabe - bei Patienten mit einer Sen-
sibilisierung für Schlangenserum in der Vorgeschichte erfolgt.
Falldarstellung
In die Vergiftungsnotrufzentrale von Arizona wurde ein 28jähriger Mann eingeliefert, der beim Umgang mit seinem Haustier, einer Great-Basin-Klapperschlange {Crotalus viridis lutosus), in der Nähe
der rechten Oberlippe gebissen worden war. Der
Patient war früher bereits 14mal gebissen worden
und hatte nach einer Schlangenseruminjektion einen anaphylaktischen Schock erlitten. Innerhalb
von Minuten nach dem Biß verspürte der Patient
ein Brennen und Anschwellen des Gesichts. Aufgrund eines Artikels über Selbsthilfemaßnahmen
in der Wildnis hatten der Patient und sein Nachbar
Vorkehrungen getroffen, um im Fall eines Schlangenbisses das jeweilige Opfer einer Elektroschocktherapie zu unterziehen. Der Patient legte sich also
neben ein Auto auf den Rücken und ließ sich mit
Hilfe eines Verlängerungskabels ein Zündkabel an
seine Oberlippe klemmen. Der Motor wurde angelassen und etwa fünf Minuten lang wiederholt auf
3000 Umdrehungen gebracht. Der Patient verlor
mit der ersten Entladung das Bewußtsein.
123
Eine Hautempfindlichkeitsprüfung gegen das
Serum {Crotalidae Polyvalent) rief eine große erythematöse Quaddel hervor. Der Patient erhielt vor
der Antiveningabe 200 mg Hydrocortison i.V., 100
mg Diphenhydramin i.v. und 1 g Cefazolin i.v. Das
Antitoxin wurde durch einen zentralen Venenkatheder mit einer Anfangsrate von 24 ml/h gegeben.
Der Patient wurde später ohne Schwierigkeiten
extubiert. Nach viertägigem Krankenhau saufenthalt trat Serumkrankheit auf. Bei der Entlassung
litt der Patient noch an einem Gesichtsödem und einer Gewebsnekrose an der Oberlippe. Er unterzog
sich in der Folge einer plastischen Operation zum
Wiederaufbau der Lippe.
Zusammenfassung
Abbildung 1.
Etwa 15 Minuten später trafen Rettungssanitäter ein, die den Patienten bewußtlos und stuhlinkontinent vorfanden; die erste Überprüfung der Lebenszeichen ergab einen Blutdruck von 100 mm
Hg, einen palpablen Puls von 100 und 20 Atemzüge
pro Minute. Per Hubschrauber brachte man den
Patienten in eine Notfalleinrichtung. Er wurde aggressiv, als während des Transports der Versuch
einer nasotrachealen Intubation unternommen
wurde. Der Blutdruck lag jetzt um die 80.
Beim Eintreffen in der Notfalleinrichtung nach
einer Stunde und vierzig Minuten befand sich der
Patient weiterhin in einem Schockzustand; der
Blutdruck betrug 62 mm Hg, der palpable Puls 120
und die Temperatur 35,4°. Es bestanden ein
schweres Gesichtsödem und Petechien. Der Patient
war gelähmt und wurde wegen der zunehmenden
Schwellung von Gesicht, Hals und Kehlkopf nasotracheal intubiert (Abbildung 1).
Obwohl hochgepriesen zur Behandlung von Grubenottern-, Gliederfüßer- und Hautflüglervergiftungen, gibt es nichts, was die Anwendung von
Elektroschocks stützen würde. Es gibt zwar weiterhin anekdotische Berichte über erfolgreiche Anwendungen im ecuadorianischen Dschungel, sie
bleiben jedoch unveröffentlicht.8 Da sich in Tierversuchen kein Nutzen gezeigt hat, empfiehlt sich
dringend, die Elektroschocktherapie nicht zur Behandlung von Grubenotternbissen in den Vereinigten Staaten einzusetzen.
LITERATUR
1. Guderian, R. H., Mackenzie, C. D., Williams J. F. High vollage shock treatment for snakebite. Lancet, 1986, 2, S.
229.
2. High voltage shock treatment for snakebite. Postgrad.
Med.,1987, 82, S. 250.
3. Herzberg, R. Shocks for snakebites. Outdoor Life, 1987,
Juni.S. 55-77,110.
4. Mueller, L. A shock eure. Outdoor Life, 1998, Juni, S. 6465,110-112.
5. Mueller, L. A shock eure. Outdoor Life, 1998, S. 45-47,
76-78.
6. Schlangenbißsot für Hunde. Master Vaccine Catalog,
Frühling 1988, S. 20.
7. Snake Doctor, Werbebroschüre. Claremore, Oklahoma,
J and K Industries.
8. Hardy, D. L. Appropriate first aid for venemous snakebite
should not come as a shock. Tucson Herpetological Soc.
Newsletter, 1988, 1, S. 12-13.
Das Micky-Maus-Gen
Dieser Beitrag erschien in AIR 1:1 (Januar/Februar 1995).
Dies ist die Aufnahme der gelelektrophoretischen
Auftrennung des sogenannten Micky-Maus-Gens.
Seinen Entdeckern zufolge, von denen das Foto
stammt, codiert das Gen ein neues zytosolisches
Protein, das aus einer dreifachen Anordnung des
acht Aminosäuren umfassenden Sequenzmotifs:
Methionin, Isoleucin-Cystein-Lysin-Glutamat-Tyro-
sin-Methionin-Serin-Glutamat besteht. Eingereicht
von Timothy P. Angelotti und Marco A. Scarpetta
von der Medizinischen Hochschule der Universität
von Michigan in Ann Arbor. Trotz mehrfacher Anfragen wurde dieses Foto nicht als Beweis im Prozeß gegen O. J. Simpson verwendet.
Arrivederci, Aroma:
eine Analyse des Parfüms DNA
von Jon Marks
Anthropologisches Institut, Yale-Universität, New Haven, Connecticut
Dieser Artikel erschien in AIR 1:2 (März/April 1995). Ein Jahr später wurde der Schöpfer des Parfüms DNA
mit dem IgNobelpreis für Chemie geehrt.
Man ist allgemein überzeugt, daß die DNA (engliches Kürzel für Desoxyribonucleinsäure) physiologisch überwiegend als Doppelhelix vorliegt.1 Obwohl man dies nicht mit eigenen Augen sehen
kann,2 hat sich diese Hypothese bei der Untersuchung der Funktion der DNA und ihrer Manipulation im Labor als außerordentlich wertvoll erwiesen.
Allerdings verspürten bisher im Vergleich zum
wissenschaftlichen Interesse an der DNA (und neuerdings auch dem wirtschaftlichen) nur relativ wenige Menschen den Wunsch, nach ihr zu riechen.
Der Publikumserfolg „Jurassic Park" hat das offenbar geändert und jedermanns (natürlich auch
jederfraus) Lieblingsbiomolekül zu neuem Aufschwung bei den Parfümkonsumenten verholfen.
Der Parfümhersteller Bijan in Beverly Hills hat auf
diese Nachfrage reagiert und einen Herrenduft mit
dem Namen „DNA" auf den Markt gebracht.
Der Werbeslogan lautet „Wage alles zu fühlen",
doch der Bezug zur DNA geht daraus nicht hervor.
Es gibt beispielsweise keinen Hinweis darauf, daß
die namensgebende DNA aus Neuronen gewonnen
würde.
Der Geruch des Duftwassers ähnelt kaum dem
von DNA, wie ich zu meiner Erleichterung feststellen konnte; es riecht sogar weitaus besser. Während meiner Recherchen für diesen Artikel entdeckte ich jedoch zufällig auch, daß „Poison" ganz
und gar nicht nach Gift riecht und „Adidas" auch
nicht nach Trainingsanzug. Es gibt keinen Beleg
dafür, daß zur Herstellung dieses Duftes tatsächlich DNA benutzt wird oder daß der Duft seinen Namen indirekt erhalten hat, weil er ein Gebräu aus
Abbildung 1: DNA-Flakon.
den Körperausdünstungen von Laboranten oder
Doktoranden in Molekulargenetiklabors wäre.
Warum also dieser Name? Macht die Molekulargenetik plötzlich derart an, daß bereits die bloße
Erwähnung des Erbmoleküls das andere Geschlecht in erotische Verzückung treiben soll?
126
Abbildung 3: DNA-Modell nach Pauling und Corey, 1953.
Abbildung 2: Die übliche jtf-Form der DNA-Doppelhelix mit
kleiner und großer Furche. Die gestrichelten Linien stehen
für die Basenpaare nach Watson und Crick.
DNA. DNA. DNA. Wirkt es?
Dem Augenschein nach ist es nur der Flakon, der
den Namen verdient. Die blaue Glashelix, in die das
Parfüm abgefüllt wird, läßt tatsächlich sofort an die
DNA denken und ist in der Tat sehr ansprechend
(Abbildung 1). Zwar fehlen die für die übliche oder
^-Form der DNA charakteristischen Furchen, doch
der Flakon entspricht der rechtsdrehenden Helix,
deren Stränge von südwestlicher in nordöstliche
Richtung verlaufen (Abbildung 2).
Von beträchtlichem Interesse ist jedoch die Anzahl der DNA-Stränge, die als Modell für den Flakon dienen. Sie zeigt sich am deutlichsten, wenn
man ihn von oben her betrachtet. Obwohl die meisten Wissenschaftler wie erwähnt mit dem WatsonCrick-Modell der DNA, einer Doppelhelix? arbeiten, ist der Flakon von Bijan eine Tripelhelix aus
drei miteinander verdrillten Strängen. Hier feiert
also offensichtlich ein Modell fröhliche Urständ,
das unmittelbar vor dem Watson-Crick-Modell propagiert wurde, nämlich das dreisträngige DNA-Mo-
dell von Pauling und Corey45 (Abbildung 3). Im
Vergleich zu den vielen Jahrzehnten, die zwischen
Mendels Experimenten und der allgemeinen Anerkennung dieser Ergebnisse verstrichen, verdient
das dreisträngige DNA-Modell vielleicht endlich einen Platz im Pantheon der „Ideen, die ihrer Zeit
voraus waren". Unter den Wissenschaftlern mag es
ein Flop gewesen sein, doch vier Jahrzehnte später
ist es ein Hit bei den Parfümeuren.
Ein Eau de Cologne „DNA" zu nennen, soll vermutlich daran erinnern, welche Macht über die Natur die molekulargenetische Gemeinschaft besitzt.
Benutzen Sie den Duft, und Sie können eine vergleichbare Macht über die Natur des anderen Geschlechts ausüben. Und solange Ihre Partnerin
oder Ihr Partner sich in Molekulargenetik nicht
auskennt und den Flakon nicht eingehender untersucht, könnte es funktionieren. Sonst beginnt sie
oder er vielleicht lediglich zu kichern.
Wir warten gespannt auf den Duft JB. coli", in
der Gewißheit, daß sein natürlicher Geruch sich
verbessern läßt.
127
ANMERKUNGEN
1. Lewin, V. B. Genes, New York (Oxford University Press),
1994
2 Cricentietal Science Bd 245 1989 S 1226
3^ Watson, .1. D. und Crick, F. H.'c. Nature, Bd.' 171, 1953,
c 737
4. Pauling, L. und Corey, R. B. Proceedings ofthe National
Academy of Sciences, Bd. 39,1953, S. 84.
Der Hersteller könnte das Design auch von der seltenen
H-Form der DNA abgeleitet haben (Mirkin et al. Nature,
Bd. 330, 1987, S. 495; Rajagopal und Feigon. Nature, Bd.
339, 1989, S. 637). Dies dürfte jedoch unwahrscheinlich
sein - da die dreisträngige H-Form der DNA nicht ausreichend charakterisiert scheint, um eine Flakonform darauf zu gründen. Außerdem erfordert sie Hoogsteen-Basenpaarungen, was furchtbar blöde klingt.
Dieser Coupon erschien in AIR 1:4 (Juli/August 1995).
Annals of Improbable Research (AIR)
Magischer
Pheromoncoupon
Dieses Stück Papier sorgt dafür, daß Sie anziehend auf andere wirken. Es enthält möglicherweise
chemische LockstpCfe, sogenannte Pheromone, die Sie unwiderstehlich für das andere Geschlecht
machen.
Falten Sie es zusammen und stecken Sie es in die Tasche. Tragen Sie es immer bei sich.
Warnungen
1. Es besteht eine fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit, daß dieser Coupon eher Ihr eigenes als
das andern Geschlecht anlockt.
2. Entflammbar, wenn ate Brennmaterial verwendet
3. Nicht innerlich anwenden.
4. Nicht in Flugzeuge oder andere geschlossene Räume mitnehmen.
5. Nicht aus Flugzeugen oder anderen geschlossenen Räumen entfernen.
6. Nicht per Post verschicken, da das Geschlecht des/r Empfängers/In und daher seine/Ihre Reaktion auf den Coupon nicht rorhersagbar ist.
7. Nicht in Anwesenheit von Insekten des anderen Geschlechts benutzen.
8. Die Herstellung dieses Produkts erfolgte unter Berücksichtigung des Tierschutzes. Jedoch
kann nicht garantiert werden, daß die Verwendung in Anwesenheit von Säugetieren - insbesondere Rindviechern - dem Tierschutz in allen Aspekten Rechnung trägt.
9. Wir übernehmen keine Verantwortung.
10, Einen schönen Tag noch.
Fifty Ways to Love Your Liver
von Jeffrey B. Moran
(Entschuldigung, Paul Simon!)
Dieser Artikel erschien in AIR 1:4 (Juli/August 1995).
This organ's not inside your head, she said to me.
It's in the abdomen, anatomically.
I'd like to help you understand hepatically,
There must be fifty ways to love your liver.
She said, it's really not where food that has been
chewed
Is digested into tiny molecules.
But it makes bile which into the gut is spewed.
There must be fifty ways to love your liver.
Chorus:
You just lay off the smack, Jack.
Eat some more bran, Stan.
Make the right choice, Royce,
Just listen to me.
Cut out the brew, Sue.
Don't want to be yellow, fellow.
Eat your protein, Gene,
And let your liver be.
She said, hepatitis pains your liver so,
It usually comes from viruses, you know,
In contaminated food and used hypos.
There must be fifty ways to love your liver.
She said, remember how cirrhosis makes you bawl.
It comes from drinking too much alcohol.
And I realized that though she had a lot of gall,
There must be fifty ways to love your liver.
Chorus: wie oben.
Die Heilwirkung von Pusten auf
kleinere Verletzungen
von G. L. Hansen
Parapathologisches Institut, Staatsuniversität Minnesota, Minneapolis,
Michigan
Dieser Artikel erschien in AIR 1:5 (September/Oktober 1995}.
Wenn ein Kind sich stößt oder sich eine harmlose
Verletzung zuzieht, vertrauen viele Eltern auf die
althergebrachte Praxis, milde topische Heilmittel
anzuwenden, gefolgt von Handlungen und verbalen
Äußerungen, die das Kind trösten sollen. Häufig erzeugt der oder die Erwachsene durch Spitzen der
Lippen und Ausatmen einen Luftstrom, lenkt ihn
auf die schmerzende Körperstelle des Kindes (bläst
also darauf) und spricht vielleicht auch eine rituelle
Formel, beispielsweise: „Heile, heile, Gänschen, ist
gleich wieder gut." Zwar ist diese Form der Behandlung schon sehr alt und wird von denen, die
sie anwenden, zweifelsohne für wirkungsvoll gehalten, doch unter Klinikern herrschen schwerwiegende Zweifel, ob das Pusten auf eine Verletzung die orale Ventilationstherapie - tatsächlich die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers unterstützt und somit eine medizinisch wirksame Maßnahme bildet.1'2
In diesem Zusammenhang stellen sich verschiedene Fragen. Ist es notwendig, daf3 die Mutter des
Kindes die Behandlung durchführt, oder genügt
der Vater oder ein anderer Blutsverwandter? Wirkt
sich der verbale Trost in irgendeiner Weise aus?
Falls ja, in welcher?
Die Untersuchung der oralen
Ventilationstherapie
Um die Wirksamkeit verschiedener Formen der
oralen Ventilationsbehandlung von Verletzungen
zu prüfen, legten wir die Studie folgendermaßen
Eine Patientin (begleitet von der Bezugsperson) bei einer
Verlaufskontrolluntersuchung eine Woche nach der oralen
Ventilationsbehandlung. Foto: Bruce Petschek.
an: Über einen Zeitraum von 18 Monaten überwachten wir Bereiche, in denen mit hoher Wahrscheinlichkeit pädiatrisch relevante Verletzungen
auftreten konnten. In der Praxis geschieht dies gewöhnlich auf Spielplätzen in der Nähe von Schaukeln und Rutschen, unter Baumhäusern und am
Fuß steiler Hügel, wo Kinder Fahrrad fahren.
Wenn ein Kind sich eine Verletzung zuzog, folgte
ihm ein Forscher oder eine Forscherin nach Hause,
131
und nach Unterzeichnung einer Einverständniserklärung durch einen Elternteil beobachtete er oder
sie den Therapieprozeß und dokumentierte ihn
schriftlich.
Von 24617 Verletzungskandidaten gaben die
Erziehungsberechtigten in 23 Fällen ihr Einverständnis. Etwa die Hälfte der Bezugspersonen
wandte eine Ventilationsbehandlung an, die andere
Hälfte nicht. Dieser Sachverhalt wurde gemeinsam
mit anderen relevanten Umständen vermerkt. In
der Folge wurden täglich Interviews zur Verlaufskontrolle durchgeführt, bis der Heilungsprozeß als
abgeschlossen gelten konnte.
Die Behandlungsperson
In einigen Fällen wurde die Therapie nicht von der
Mutter des Kindes, sondern von einer anderen erwachsenen Bezugsperson angewandt. Die Daten
zeigen, daß in den meisten Fällen die Beziehung
der behandelnden Person zu dem Kind unerheblich
ist.
Tabelle 3. Heilungsgeschwindigkeit und Behandlungsperson
Die wesentlichen Ergebnisse
Aus den Daten geht eindeutig hervor, daß Pusten
tatsächlich hilft. Bei allen Arten von Verletzungen
verkürzt sich durch Anwendung der oralen Ventilationsbehandlung während der Therapie die durchschnittliche Heilungsdauer geringfügiger pädiatrischer Verletzungen um durchschnittlich 5,2 Tage.
Die günstigen Wirkungen der Ventilationstherapie liegen auf der Hand. Die extrem langsame Heilung in der letzten Kategorie in Tabelle 1 ist bemerkenswert; sie bleibt eine unerklärliche Anomalie.
Tabelle 1. Verletzungsklassen
Der Verband
Nach unseren Befunden weist die Art des benutzten Verbandes kaum eine Korrelation zur Heilungsgeschwindigkeit auf. Die verschiedenen angewandten Verbandsmaterialien waren in dieser Hinsicht meist nicht zu unterscheiden.
Tabelle 4. Heilungsgeschwindigkeit und Verbandstyp
Tabelle 2. Heilungsgeschwindigkeit und Verletzungstyp
Zusammenfassung und
Empfehlungen
In den meisten Fällen sorgt Pusten auf eine Wunde
tatsächlich dafür, daß es „gleich wieder gut" wird.
Das gilt für Verletzungen unterschiedlichen Schweregrades. Die Wirkung ist weitgehend unabhängig
von der Person, die die Methode anwendet.
132
In den meisten Fällen spielte der verwendete
Verband kaum eine Rolle, manche Verbandsmittel
wiesen jedoch weitaus schlechtere Heilungsgeschwindigkeiten auf als normal. Wir empfehlen Klinikern, in kritischen Situationen die Verwendung
von Dino-Strips zu vermeiden.
Daß es nützt, auf eine Verletzung zu pusten,
mag angesichts der Tatsache, daß es dafür keinen
erkennbaren physiologischen Mechanismus gibt,
etwas überraschen. Wir haben jedoch nichts gegen
diese uralte Praxis einzuwenden und halten sie für
klinisch wirksam. Dies zumindest ist ein Trost.3
LITERATUR
1. Melvyn Sneath. Heile, heile Gänschen neu betrachtet.
Maledictus, Bd. 47, Juni 1987, S. 3523.
2. Otto Grompus. Übermäßige Sterblichkeit aufgrund von
Pendikulation. Vierteljahrsschrift für Tod und Morbiditat, Januar 1991, S. 23.
3. Points to Ponder. Readers Digest, Juli 1990, S. 153.
Fetaler Mann im Mond
Dieser Beitrag erschien in AIR 1:2 (März/April 1995).
Dieses Ultraschallbild wurde bei einer gynäkologischen Untersuchung in der fünften Schwangerschaftswoche aufgenommen. Der schwarze Bereich
links ist die flüssigkeitsgefüllte Chorionhöhle. Der
kleine weiße Kreis darin ist der Dottersack. Der
weiße Bereich rechts sind die Trophoblastlakunen,
die sich zur Plazenta entwickeln. Der Embryo ist
auf dieser Aufnahme nicht sichtbar, entwickelte
sich jedoch normal, wie andere Aufnahmen zeigten. Photo mit freundlicher Genehmigung von Robert Roger Lebel, Genetics Services, Elmhurst, Illinois.
Das Grabmal des unbekannten
Zahnarztes
von A. J. Tuversen
Dieser Beitrag erschien in AIR 1:2 (März/April 1995).
In dem Weiler Lima in Ohio, am Westufer des Wurzelkanals, stifteten Zahnärzte aus dreißig Nationen
eine Gedenkplakette am Grabmal des unbekannten
Zahnarztes. Die Bedeutung der Zahl auf dem Totempfahl ist, wie der Zahnarzt, unbekannt.
Die Inschrift auf dem Sockel des Mahnmals lautet:
Spülen bitte,
Spülen bitte,
Das tut gar nicht weh.
Mein Leben ist ein Amalgam
Aus einseitigen Gesprächen
Mit Leuten, denen der Mund offen steht,
Deren schweigendes Unbehagen groß ist
Und deren Zähne faul.
Ich höre ihren Schmerz
Ich spüre ihre Karies.1
Ich erkläre ihnen geduldig alles, was ich weiß:
Ich rede auf sie ein,
Ich rede auf sie ein,
Ich rede auf sie ein
Ich rede auf sie ein;
Bis es sich in ihren Kopf bohrt.
ANMERKUNG
1. Zahnfäule.
Die Gedenkplakette am Grabmal des Unbekannten Zahnarztes. Foto: Stanley Rudin.
Fortschritte der Forschung zur
Künstlichen Intelligenz
von Albrecht Grumme, Kl-Institut, Frankfurt
Fritz Schmelzeisen, KI-Klinik, Hamburg
und Helmut Helmke, KI-GmbH, Köln
Dieser Beitrag erschien in AIR 1:3 (Mai/Juni 1995).
Die Mathematik von
Telefonnummern
von Yihren Wu
Hofstra-Universität, Hempstead, New York
Xiaohui Zhong
Universität Detroit Mercy, Detroit, Michigan
Dieser Artikel erschien in AIR 1:5 (September/Oktober 1995).
In diesem Artikel beginnen wir mit der Untersuchung einer Klasse mathematischer Ausdrücke von
der Form
x1x2x3–y0y1y2y3xiyi ∈ {0,1,2,…,9}
Solche Ausdrücke sind in den Vereinigten Staaten
bekannt als die Telefonnummern. Dabei handelt
es sich um die Subtraktion einer vierstelligen Zahl
von einer dreistelligen. Diese Zahlen werden jährlich kompiliert und von den örtlichen TelefongeSeilschaften, die einst mit den Bell Laboratories vereint
waren, publiziert.1
Anders als die anderen wissenschaftlichen Publikationen der Bell Labs, die nicht allgemein zu-
gänglich sind, ist das Telefonbuch weitverbreitet.
Dies mag erklären, wieso keine Publikationskosten
entstehen, wenn man seine Nummer im Telefonbuch zu veröffentlichen wünscht. Möchte man sie
dagegen nicht bekanntgeben, fällt eine Nichtveröffentlichungsgebühr an. Zur Deckung dieser Kosten
stehen weder staatliche noch andere Drittmittel
zur Verfügung, wahrscheinlich um die Publikationsbereitschaft zu fördern.
Unser Ergebnis ist in einer Tabelle enthalten,
die zu umfangreich ist (1000 x 10000), um sie hier
abzudrucken. Einen Auszug zeigt Tabelle 1. Die
vollständige Zahlentafel liefern wir auf Anfrage in
elektronischer Form.
Telefonnummern existieren bekanntlich auch in
einer komplizierteren Form, die gewählt werden
muß, wenn Gespräche über Distanzen von großer
Länge, sogenannte Ferngespräche, geführt werden sollen. In dem Ausdruck enthalten ist eine
Zahl, die den angewählten Bereich definiert. Solche Nummern haben in der Regel die Form:
313-463-1645
Nach Lage der Dinge ist der Ausdruck zweideutig, da die Subtraktion nicht assoziativ ist:
(313 - 463) - 1645 ≠ 313 - (463 - 1645)
Mathematik und Telefonnummern.
Ein Experiment, das wir auf unserem Macintosh-Computer mit eingebautem Rechenprogramm
durchführten, zeigt, daß die linke Seite des Ausdrucks gleich -1895 ist, während die rechte Seite
139
Tabelle 1: Die Telefonnummern*
*Dies ist nur ein Ausschnitt aus der vollständigen
Tabelle.
+1495 ergibt. Dieses Experiment ist aber eigentlich
unnötig, da die Nichtassoziativität der Subtraktion
eine wohlbekannte Tatsache ist.2
Eine gleichwertige, wenn auch weniger gebräuchliche Art und Weise, die Nummer für Ferngespräche auszudrücken, ist die etwas exotischere
Rechenoperation der Multiplikation,
(313)463-1645
In dieser Form wird das Produkt, (313) 463, als
angewählter Bereich interpretiert; 313, der erste
Faktor, heißt Vorwahlnummer. Es ist allerdings
ein Irrtum zu glauben, daß eine Kurve großer Länge immer einen Bereich oder eine Fläche füllt; dies
geschieht nur unter ungewöhnlichen Umständen,
wie Peano festgestellt hat.3 Man könnte argumentieren, daß die Kurve, falls sie geschlossen ist, einen Bereich begrenzt, der durch das Produkt in der
Ferngesprächsnummer bemessen wird.4 Dieses Argument kann nicht ganz zutreffen, da eine Kurve
kleiner Länge ebenfalls eine Fläche begrenzen
kann, wie die folgende Zeichnung zeigt:
Diese komplexen geometrischen Probleme von
Telefonnummern werden wir in einem in Kürze erscheinenden Artikel aufgreifen.5 Wir sind außer-
Fläche, die von einer Kurve
großer Länge begrenzt wird
Fläche, die von einer Kurve
kleiner Länge begrenzt wird
dem im Begriff, eine Tabelle für die Ferngesprächsnummern zu berechnen. Diese Tabelle hat die Dimensionen 1000 x 1000 x 10000.
Dank
Ein Teil dieser Arbeit wurde fertiggestellt, während
einer der Autoren (Y.W.) an der Universität von Detroit weilte; wir möchten X.Z. für ihre Gastfreundschaft danken.
A NMERKUNGEN
1. Vgl. Telefonbuch New York.
2. Persönliches Gespräch mit Johnny, über dessen Fall M.
Kline in seinem Buch Why Johnny Can't Add: The Fallure ofNew Math, New York (St. Martin's Press), 1973 berichtet. Obwohl Johnny nicht zu addieren vermag, kennen er und seine Generation sich doch gut mit mathematischem Jargon wie diesem hier aus.
3. Diese sind bekannt als raumfüllende Kurven oder PeanoKurven nach G. Peano. Sur une courbe qui remplit toute
une aire plane. Mathematical Annais, Nr. 36, 1890, S.
157-160.
4. Eine andere Interpretation dieses Produkts sind die Gebühren. Beobachtungen zufolge kostet das Gespräch gelegentlich nichts, wenn man vor der Ferngesprächsnummer eine „0" vorwählt.
5. In Vorbereitung.
Der Wert der Liebe anhand des
Bob-Dylan-Modells
von Joseph Cliburn
Abteilung für Institutionelle Forschung/Planung, Mississippi Gulf Coast
Community College, Perkinston, Mississippi
Andrew Russ
Physikalische Fakultät, Penn-State-Universität, University Park,
Pennsylvania
Tiny Montgomery
State-Penn-Zentrum für Mathematik und Lasterfahren, University Park,
Pennsylvania
Zele deCork
Altersheim „Schattige Ländereien" und Staatsuniversität Perkinston,
Mississippi
Dieser Artikel erschien in AIR 1:5 (September/Oktober 1995).
Ausgehend von einem Ansatz, den Bob Dylan
[1965a] dargelegt hat, schätzen wir den Wert der
Liebe unter Zuhilfenahme der Algebra des Begehrens [Mottram 1965], vielleicht etwas Analysis,
möglicherweise etwas Geometrie der Unschuld
[Dylan 1965f| und viel Wunschdenken.
Die Grenzen der Liebe
Wir beginnen mit der folgenden Behauptung von
Bob Dylan [1965a]:
(Liebe - 0) / Keine Grenze,
(1)
wobei wir den Ausdruck auf dem Plattenlabel dem
auf der Rückseite des Covers [1965b] vorziehen
und einen Hinweis des Autors aufgreifen, daß es
sich um einen Bruch handelt [1965c],
Wir stellen die Frage beiseite, ob der Gebrauch
einer Formel Dylan hier zum Formalisten macht,
und setzen den Ausdruck gleich X, was vorläufig
unbestimmt bleibt, und erhalten für Liebe:
X = (Liebe - 0) / Keine Grenze.
(2)
Also:
(Keine Grenze) X = Liebe - 0 = Liebe,
(3)
wobei wir von der Tatsache Gebrauch machen, daß
für jedes A gilt A - 0 = A.
Also Liebe = etwas mal „Keine Grenze". Traditionell ist ein Wert, der keine Grenze besitzt, unendlich. Wir erhalten also, daß Liebe unendlich ist,
vorausgesetzt X ist endlich. Wenn X gleich 0, erhalten wir 0 mal unendlich, was nicht definiert ist.
Zeichen der Liebe
Wenn jedoch X negativ ist oder „Weniger als null"
[Costello 1977], erhalten wir das Ergebnis, daß Liebe unendlich negativ ist. Dies ist vielleicht genügend Negativität, die trägt, wenn die eigene
Schwerkraft einen im Stich läßt [Dylan 1965d], und
zieht den Leser wahrscheinlich runter. Wir können
141
(Keine Grenze) negativ sein lassen, und in diesem
Fall wollen wir wohl entweder X und (Keine Grenze) zugleich positiv oder zugleich negativ annehmen.
Allerdings ist außer dem Zeichen X [Dylan
1967a] nichts daran näher bestimmt. Wenn X komplex ist, dann hat es einen Realteil, der sich wie
oben verhält, und einen Imaginärteil, in welchem
Fall (Keine Grenze) mal X ebenfalls komplex ist,
was Liebe sowohl komplex als auch teilweise imaginär macht [Whitfield-Strong 196?]. Dylan selbst ist
diesem Gedanken in späteren Untersuchungen
[1975a, 1975b] gründlich nachgegangen, mit umfangreichen Revisionen [1984, 1974/1993, verschiedene öffentliche Präsentationen seit 1975].
Auf alle Fälle können wir definitiv schließen
[Anderson 1982], daß:
X=X
(4)
Wir fassen daher mit folgenden Beobachtungen
zusammen:
1. Liebe ist unendlich, wenn X endlich ist.
2. Liebe ist nicht definiert, wenn X null ist.
3. Liebe ist unendlich negativ, wenn X negativ ist.
4. Liebe ist imaginär, wenn X imaginär ist.
Fraktale Liebe ist problematisch
Es bleiben einige Fragen dahingehend, ob es angemessen ist, fraktale Mathematik zu benutzen, um
diese Probleme zu lösen, z. B. „Ich akzeptiere
Chaos. Ich bin aber nicht sicher, ob es mich akzeptiert" [Dylan 1965e], Doch wir sollten auch klarstel-
len, daß wir hier nicht die Unendlichkeit auf den
Prüfstand stellen [Dylan 1966]. Liebe ist schließlich
nur ein Wort [Dylan 1967b, Simmel 1973].
LITERATUR
Anderson, L. 1982. Let X = X. Big Science, Burbank (Warner
Brothers),.
Costello, E. 1977. Less Than Zero. My Aim Is True, 2. Aufl.
New York (Columbia).
Dylan, B. 1965a. (Love - 0)/No Limit. Subterranean Homesick Blues, New York (Columbia).
Dylan, B. 1965b. Love - O/No Limit. Subterranean Homesick
Blues, Coverrückseite, New York (Columbia).
Dylan, B. 1965c. Rundfunkinterview.
Dylan, B. 1965d. Just Like Tom Thumb's Blues. Highway 61
Revistted, New York (Columbia).
Dylan, B. 1965e. Plattenhüllennotiz. Highway 61 Revisited,
New York (Columbia).
Dylan, B. 1965f. Tombstone Blues. Highway 61 Revisited,
New York (Columbia).
Dylan, B, 1966. Visions oi'Johanna. Blonde on Blonde, New
York (Columbia).
Dylan, B. 1967a. Sign on the Cross. Writings and Drawings,
New York (Random House).
Dylan, B. 1967b. Love Is Just A Four-Letter-Word. Writings
and Drawings, New York {Random House).
Dylan, B. 1974/1993. Tangled Up In Blue. The Bootleg Series,
Vol. 2, New York (Columbia).
Dylan, B. 1975a. Simple Twist of Fate. Blood On the Tracks,
New York (Columbia).
Dylan, B. 1975b Tangled Up In Blue. Blood On the Tracks,
New York (Columbia).
Dylan, B. 1984. Tangled Up In Blue. Real Live, New York (Columbia).
Mottram, E. 1965. William Burroughs: The Algebra ofNeed.
Simmel, J. M. 1973. Liebe ist nur ein Wort, München (Droemer Knaur).
Whitfield-Strong 196? „Just My Imagination", wie besprochen von R. Stones, 1978, Some Girls, New York (Atlantic).
Das Paradigmenparadox
von Bill Schweber
Analog Devices, Norwood, Massachusetts
Dieser Artikel erschien in AIR 1:2 (Januar/Februar 1995).
Wissenschaftsbeobachter wundern sich über den
plötzlichen Rückgang beim Gebrauch des Substantivs „Paradigma". Im vergangenen Jahr nahm die
Häufigkeit, mit der es in der Literatur auftauchte
(die sogenannte Benutzungshäufigkeit), um 75%
ab. Die Aussichten für das kommende Jahr sind
noch schlimmer: Das Wort ist nahezu verschwunden. Weitere Forschung ist vonnöten, um das Auftauchen/Verschwinden von „Paradigma" seit seinem ersten Erscheinen in einem vielgelesenen
Buch1 grafisch darzustellen.
Zur Erklärung dieser Situation wurden mehrere
Hypothesen unterbreitet, darunter die globale Erwärmung oder andere umweltbedingte Ursachen,
„Verschleiß" und Abnutzung durch übermäßigen
Gebrauch oder die Mode sowie Verwirrung der Benutzer darüber, was „Paradigma" eigentlich bedeutet.
Ein durchdachterer Vorschlag des Instituts für
Astronomische Linguistik lautet, daß der Lebenszyklus eines Wortes dem Lebenszyklus von Sternen
analog ist. Wenn der Gebrauch eines Wortes (oder
Ausdrucks) langsam zunimmt, kann er zu einem
sich selbst unterhaltenden Prozeß werden, und das
Wort geht schließlich in die Alltagssprache ein, was
zu einer sehr langen Lebensdauer führt. Flammt
dagegen der Gebrauch auf wie eine Nova, wird die
Masse an Bedeutungen, die der Ausdruck tragen
muß, zu groß, und er fällt plötzlich in sich selbst zusammen. In schweren Fällen ähnelt er dann einem
Stern, der sich in ein Schwarzes Loch verwandelt
hat und nie mehr gesehen ward.
LITERATUR
1. Thomas S. Kuhn Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt (Suhrkamp), 1967.
Leserbrief
Anmerkung der Redaktion: Leserbriefe stellen die
Meinung der jeweiligen Autoren dar und nicht unbedingt die Meinungen derjenigen, die anderer
Meinung sind.
Warum nahm der Gebrauch des Wortes „Paradigma" 1990 so plötzlich ab, nachdem es drei Jahrzehnte immer häufiger benutzt worden war? Im Gegensatz zu dem, was Schweber, der Autor von „Das
Paradigmenparadox" behauptet, gibt es eine weit
einfachere Erklärung: Es gab einen Paradigmenwechsel.
R. L. Pramalal
Stanford-Universität, PaloAlto, Kalifornien
Erscheinungshäufigkeit des Wortes „Paradigma" in der allgemeinen Literatur.
Das Star-Modell der
alljährlichen BadeanzugAusgabe
Die AIR-Redsktion reist kreuz und quer über den Globus, stets auf der Suche
nach den Schönheiten der Natur. Hier sehen Sie eine ihrer Entdeckungen.
Text von Lelivoldt Bruno, yl//?-Redaktion
Dieser Beitrag erschien in AIR 2:2 (März/April 1996). Aufmerksame Leser werden das schriftliche Werk unseres Modells an anderer Stelle in diesem Buch finden.
Schlank, bärtig, selbstbewußt. Seit mehr als 20 Jahren geht
der Geologe Earle Spamer seiner Neigung zu eingehenden
Feldstudien im Grand Canyon nach. Hier demonstriert Earle
im Little Colorado seine Methode, völlig in seiner Arbeit zu
versinken. Treibsand ist kein Hindernis für seine Bemühungen, das geologische Prinzip des Ruhewinkels zu erforschen,
während desinteressierte Kollegen untätig herumstehen.
„Ich versperre den steigenden Fluten den Weg und erwarte,
auf diese Weise meine endgültige Studie in sieben Jahren
abschließen zu können", brüstet sich Earle. „Das ist wahrhaft tiefschürfende Forschung."
Anleitung für Dozentinnen
und Dozenten
Diese Anleitung erscheint in jeder Ausgabe von AIR.
DREI VON FÜNF DOZENTEN STIMMEN FOLGENDER AUSSAGE ZU:
Neugier ist gefährlich,
insbesondere bei Studenten.
Wenn Sie zu den beiden anderen Dozentinnen/Dozenten gehören, könnend//? und mini-AIR in Ihrer Hand zu leistungsfähigen Unterrichtswerkzeugen werden. Wählen Sie Ihren Lieblingsartikel
aus und verteilen Sie ihn an Ihre Studenten. Die Methode ist einfach. Der Wissenschaftler/die Wissenschaftlerin denkt, daß unter allen Menschen ausgerechnet er/sie (oder was auch immer) eine
neue Erkenntnis darüber gewonnen hat, was die Welt im Innersten zusammenhält. Also:
• Hat der/die Wissenschaftler/in recht? Und was bedeutet überhaupt „recht haben"?
• Fällt Ihnen wenigstens eine alternative Erklärung ein, die genauso gut oder besser funktioniert?
• Prüfte das angewandte Verfahren wirklich, wirklich und wahrhaftig, unzweifelhaft, ganz und
gar das, was der Autor glaubte zu prüfen?
• Ist der Forscher ohne Rücksicht auf sich selbst durch und durch ehrlich, was die Erklärungskraft seiner Vorstellungen betrifft, oder könnte er Wunschdenken zum Opfer gefallen sein?
Junge Leute sind von Natur aus gute Forscher. Sorgen Sie dafür,
daß sie es bleiben.
Tote im Unterricht
von Stephen Rushen
Penn-State-Universität, State-College, Pennsylvania
Dieser Artikel erschien in AIR 1:2 (März/April 1995).
Der Frage, wann eine Person aufhört zu lernen, ist
beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet worden.
Viele vertreten die Ansicht, daß Menschen ihr Leben lang lernen, andere behaupten, daß das Lernen schon in frühem Alter abgeschlossen sei und
daß jegliches „Lernen" nach diesem Zeitpunkt einfach in der Abwandlung bereits erworbenen Wissens für neue Situationen bestünde. Viele CollegeLehrer glauben, daß das Lernen bei den meisten
Menschen irgendwann vor dem Eintritt ins College
aufhört, was die zweite Ansicht weiter erhärtet.
Zum Zwecke meiner Untersuchung schlug ich
mich auf die Seite der ersten Ansicht und nahm zu
einem frühmorgens stattfindenden Erstsemesterseminar in Volkswirtschaftslehre mit dreißig lebendigen Teilnehmern noch fünfzehn tote Studenten
hinzu. Dann beobachtete ich die Auswirkungen
dieser Maßnahme. Nach einem vollen Semester gewissenhafter Forschungsarbeit schälten sich die
folgenden Beobachtungen als festhaltenswert heraus. (Tabelle 1 führt die RIP-Koeffizienten1 auf.)
Teilnahme am Unterricht
Im Durchschnitt schwänzten die toten Studenten
weniger oft als die lebendigen, insbesondere an
warmen, sonnigen Tagen. Die toten Studenten fehlten eigentich nie, kamen immer pünktlich und gingen nie vorzeitig (sie blieben sogar oft länger und
beklagten sich niemals, wenn ich überzog). Im Gegensatz dazu fehlten ihre lebendigen Kommilitonen
weitaus öfter, kamen häufig zu spät und gingen zuweilen früher.
Verhalten
Im Durchschnitt störten die toten Studenten weniger als die lebendigen. Tote Studenten unterbrechen den Dozenten seltener, benehmen sich seltener respektlos, machen weniger Lärm und stellen
weniger irrelevante Fragen als ihre lebendigen
Kommilitonen.
Mitarbeit
Tabelle 1: Maß der „Relativen Individuellen Partizipation"
Es gab keinen erkennbaren Unterschied zwischen
den Leistungen der lebendigen und der toten Studenten bei Gruppendiskussionen, Beantwortung
von Fragen des Dozenten oder Problemlösungen an
der Tafel.
Prüfungsleistung
Dies war offenbar der Schwachpunkt der toten Studenten. Im Durchschnitt lagen ihre Werte 30 bis 40
Punkte unter dem Klassendurchschnitt. Dies wirkte
sich gravierend auf die Notenverteilung aus, da es
die Noten aller lebendigen Studenten auf B+ oder
besser anhob.
149
Schlußfolgerung
Nach Meinung des Autors gebührt toten Studenten
eindeutig ein Platz im Seminarraum. Ihr zuverlässiger Unterrichtsbesuch und ihr vorbildliches Verhalten sprechen deutlich für ihren Lernwillen. In
drei der beschriebenen Bereiche erwiesen sie sich
ihren lebendigen Altersgenossen als ebenbürtig,
wenn nicht gar überlegen. Sie schnitten zwar in
Prüfungen schlechter ab als diese, doch kann das
allein nicht als mangelnder Lernwille ausgelegt
werden. Die schlechteren Noten könnten auf ein
niedrigeres Selbstwertgefühl hindeuten oder auf
mangelndes Verständnis der allgemeinen Prüfungsabläufe seitens der Studenten. Nach Ansicht
des Autors liegt der Schlüssel zur Überwindung
dieser Schwierigkeit zukünftig in einer „gesamtergebnisorientierten" Bewertung; sie dürfte die
wahre Begabung aller Studenten, ob lebhaft oder
nicht, besser erfassen.
A NMERKUNG
1. Die RIP-Koeffizienten für Teilnahme und Prüfungsnoten
wurden durch die direkte Umrechnung der Leistungen in
diesen beiden Kategorien in Prozentwerte festgelegt. In
die Koeffizienten für Mitarbeit und Verhalten gingen sowohl quantitative als auch qualitative Maße dieser Leistungen ein. Werte von 1,00 entsprechen 100 Prozent
oder einer perfekten Leistung, 0,00 entspricht 0 Prozent
oder der schlechtestmöglichen Leistung.
Eine Methode zur Weckung
und Aufrechterhaltung der
Aufmerksamkeit von Studenten
von Dennis McClain-Furmanski
College für Gesundheitswissenschaften, Old-Dominion-Universität, Norfolk,
Virginia
Dieser Artikel erschien in AIR 1:2 (März/April 1995).
Die Aufmerksamkeit von Studenten zu wecken und
wachzuhalten, insbesondere wenn das Semester
weiter fortgeschritten ist, stellt stets ein Problem
dar. Ich unterbreite meinen Kollegen hiermit die
folgende Methode, mit der ich mir schon im ersten
Augenblick des Unterrichts die volle Aufmerksamkeit sichere und zu jeder beliebigen Zeit des Jahres
wiedergewinne.
Kaufen Sie sich eine Zuckerstange, auf dem
Jahrmarkt oder im Supermarkt vor den Kassen, wo
die Ständer mit der Quengelware stehen. Die Stange muß rein weiß sein, sie darf nicht farbig sein
und keine Streifen haben. Am ersten Unterrichtstag brechen Sie ein Stückchen ab, wickeln das Zellophan ab und betreten den Raum, wobei Sie dieses
Stück in ihrer Hand verborgen halten. Gehen Sie
schnurstracks zur Tafel und nehmen Sie ein Stück
Kreide in die Hand. Schreiben Sie damit Ihren Namen an die Tafel und tauschen Sie danach die Kreide heimlich gegen das Zuckerwerk aus. So gerü-
stet, drehen Sie sich um und fassen die Studenten
scharf ins Auge. Nun stecken Sie sich, während Sie
ihnen bedeutungsschwer und konzentriert ins Gesicht schauen, das Stück Zuckerstange in den Mund
und zerbeißen es. Je lauter, desto besser.
In den nächsten paar Minuten dämmert es dem
Auditorium, daß Sie gerade die Kreide gegessen
haben. Während sich die Erkenntnis auf den Gesichtern abzumalen beginnt, können Sie feststellen,
wie schnell von Begriff die einzelnen Studenten in
dieser Truppe sind. Sie können die Grimassen aber
auch nur zu Ihrem eigenen Vergnügen beobachten.
Im weiteren Verlauf des Semesters können Sie,
wenn die Aufmerksamkeit abflaut, ab und zu mitten im Satz innehalten, zur Tafel schreiten, sich ein
Stück Kreide schnappen und es mehrere Sekunden
lang genau betrachten. Die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Studenten ist Ihnen dann wieder sicher.
Die Annals ofScientific
Education
von Prof. Rebecca German
Biologische Fakultät, Universität Cincinnati, Cincinnati, Ohio
Vorbemerkung: Diese quasi-regelmäßige Kolumne in der Internet-Ausgabe von AIR bietet ein Forum für all
die Schnurren und Schrullen, die so kennzeichnend für das Geistesleben sind und die gerade Bildungsfachleuten (früher als Lehrer bezeichnet) so häufig widerfahren.
„Plagiate sind unmöglich"
An einer größeren Universität (gibt es eigentlich
andere?) sollten Studenten als Hausaufgabe einen
Aufsatz schreiben, der als Übung in „kritischem
Denken" gedacht war. Leider reichten mehrere
Studenten Texte ein, in denen sich Unredlichkeit in
der Frage des geistigen Eigentums in unterschiedlichen Ausprägungen niederschlug. Das reichte von
identischen Aufsätzen (bis auf die Namen der Verfasser) bis zu solchen, in denen dieselben Sätze,
nur umgestellt, verwendet worden waren. Zwei
Studentinnen, die bemerkenswert ähnliche Arbeiten abgaben, reichten Beschwerde gegen die Professoren ein, die ihnen Betrug vorwarfen. Bei einer
Anhörung vor dem Schlichtungsausschuß schälte
sich heraus, daß eine der Studentinnen den Aufsatz
verfaßt und ihn an die andere weitergereicht hatte.
Die Studentin, die zugab, vom Aufsatz ihrer Freundin abgeschrieben zu haben, äußerte die Überzeugung, nichts Verwerfliches getan zu haben. Sie erklärte dem Ausschuß, sie habe sich trotz der identischen Sätze in beiden Aufsätzen das Original
lediglich „angeschaut". Da sich der Ausschuß weigerte, ihr diese Geschichte so einfach abzunehmen,
stand sie schließlich empört auf und sagte: „Ich bin
nur zwei Personen Rechenschaft schuldig: mir
selbst und meinem Gott, und wir beide wissen, daß
ich recht habe." Da murmelte einer der Professoren hinter vorgehaltener Hand: „Ein Jammer, daß
jetzt nur eine der beiden hier anwesend ist, um
auszusagen."
Jugend forscht:
Ein Fruchtgummiwurm auf dem
Bürgersteig
von Kate Eppers, zwölf Jahre
Marblehaed Public Charter School, Marblehead, Massachusetts
Jesse Eppers, zehn Jahre
Horace Man School, Salem, Massachusetts
Dieser Artikel erschien in AIR 2:4 (Juli/August 1996).
Wir beschlossen, ein Experiment mit Fruchtgummiwürmern durchzuführen. Wir wollten herausfinden, wie viele Leute sich trauen, auf einen Gummiwurm zu treten, wie viele es vermeiden, wie viele
drauftreten, wenn sie nicht wissen, daß er daliegt,
und wie viele einfach so danebentreten.
Methode
Auf einem Ausflug nach North Conway in New
Hampshire kauften wir eine Tüte Gummiwürmer
„extra fruchtig". Wir setzten uns auf eine Bank und
warfen einen Wurm mitten auf den Bürgersteig.
Wir guckten dabei unbeteiligt und taten so, als hätten wir keine Ahnung, woher der Gummiwurm
kam.
Ergebnisse
Erwachsene und Kinder gingen vorüber und traten
gelegentlich auf den Wurm. Manche Leute sahen
ihn und schauten ihn verwundert an. Ein Junge im
Rollstuhl fuhr mitten über ihn weg, ohne ihn zu sehen. Wir versuchten, nicht zu lachen. Drei junge
Mädchen gingen an ihm vorbei. Das mittlere starrte
nach unten, als sie vorüberging. Sie machte „huch"
und sprang darüber. Dann lachte sie und sagte:
„He, ich hab' gedacht, der wäre echt."
Abbildung 1: Ein Fruchtgummiwurm auf dem Bürgersteig.
Schlußfolgerung
Am Ende unseres Experiments kamen wir zu der
Schlußfolgerung, daß drei von fünf Menschen auf
einen Gummiwurm, der auf den Bürgersteig geworfen wird, zufällig drauftreten.
Die Virtuelle Akademie:
Das Jahr 1 - ein Bericht
von Anne Pamsum Hufnagle-Chang
Viktor Asa Gupta-Duffy
Abteilung für kognitive Verwaltung, Milhouse College, Whittier, Kalifornien
Dieser Artikel erschien 1993.
Die Virtuelle Akademie ist ein virtuelles Realitätsprojekt, das viele kostspielige Aspekte der heutigen
Universitäten ersetzen soll.1 Dieser Bericht faßt das
erste vollständige Jahr ihres Bestehens kurz zusammen.
Der Ausdruck „virtuelle Realität" bezieht sich
auf den Einsatz von Computern zur Simulation von
Objekten und Aktivitäten, die in der Natur oder in
der Phantasie vorkommen. Im Projekt Virtuelle
Akademie existieren Studenten, Professoren, Laborausstattung, Seminarräume, Büros und Wohnheime nur im Rechner.
16 Universitäten in sieben Ländern ersetzten ihren gesamten oder einen Teil ihres herkömmlichen
Betriebs durch das System Virtuelle Akademie.
Eine 17. Universität zog sich wegen Imkompatibilitätsproblemen aus dem Projekt zurück.
Jede Universität legt ihre Systemparameter Zulassungs- und Einstellungsgepflogenheiten, Notenstaffelung usw. - in Übereinstimmung mit den
jeweiligen nationalen und anderen Verwaltungsvorschriften selbst fest.
Ergebnisüberblick
Alle Seminar-, Forschungs- und Wohngruppen an
den 16 Universitäten wurden automatisch nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Alter ausbalanciert, um ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft zu gewährleisten.
Die allgemeinen Betriebskosten der Universitäten reduzierten sich um durchschnittlich 38%. Die
Lohn- und Gehaltskosten sanken um 54%, was der
Verkleinerung des Lehrkörpers und des sonstigen
Personals entsprach. Die Studentenzahl ging um
83% zurück.
Der computergenerierte Seminarraum des Projekts Virtuelle
Akademie wird ununterbrochen benutzt. In diesem virtuellen Unterrichtsraum werden gleichzeitig 223 virtuelle Seminare mit mehr als 600 virtuellen Studenten an 16 Universitäten abgehalten. Foto: Alicia Ducovney-Lightpole.
Der vielleicht größte nachgewiesene Nutzen lag
darin, daß die numerischen Kenndaten jeder Universität im voraus bestimmt werden konnten, statt
daß sie im nachhinein ermittelt und erklärt werden
mußten. Dies brachte eine signifikante Reduktion
von Verwaltungskosten und -aufwand.
A NMERKUNG
1. Das Projekt wird finanziert vom Netzwerk Virtuelle Universität, einem Konsortium von 91 Universitäten und 12
gemeinnützigen im Bildungswesen tätigen Stiftungen. 16
Universitäten nahmen an dem Versuchsbetrieb im Jahr
1 teil. Weitere 42 Universitäten werden in Jahr 2 online
gehen. Die verbleibenden Universitäten sollen planmäßig
im Jahr 3 den Betrieb aufnehmen. Eine vollständige Mitgliederliste enthält die NVU-Publikation Nr. 146 Mitgliedsorganisationen des Netzwerks Virtuelle Universität. Berkeley (Höllentor-Verlag), 1996.
Wie man einen
wissenschaftlichen Aufsatz
schreibt
von E. Robert Schulman
Charlottesville, Virginia
Dieser Artikel erschien in AIR 2:5 (September/Oktober 1996).
Zusammenfassung
Wir (was bedeutet ich) stellen Betrachtungen über
den Prozeß des wissenschaftlichen Publizierens an,
die (was bedeutet welche) wichtig sind und gerade
rechtzeitig kommen, insofern als (was bedeutet
weil) ich nie eine andere Stelle kriegen werde,
wenn ich nicht bald mehr Aufsätze veröffentliche.
Diese Betrachtungen fügen sich ein in die Theorie,
daß es schwierig ist, gute wissenschaftliche Forschung zu betreiben, gute wissenschaftliche Artikel
zu schreiben und genügend Publikationen vorweisen zu können, um eine gute Stelle zu bekommen.
Einleitung
Wissenschaftliche Aufsätze (z. B. Schulman 1988,
Schulman und Fomalont 1992, Schulman, Bregman und Roberts 1994, Schulman und Bregman
1995, Schulman 1996) stellen eine wichtige, jedoch
kaum verstandene Publikationsmethode dar. Sie
sind wichtig, weil Wissenschaftler ohne sie kein
Geld vom Staat oder von der Universität kriegen.
Sie werden kaum verstanden, weil sie nicht sehr
gut geschrieben sind, siehe beispielsweise Schulman 1995 und ausgewählte Literatur angaben dort.
Ein ausgezeichnetes Beispiel für dieses Phänomen
liefern die meisten Einleitungen, die angeblich den
Leser in das Thema einführen sollen, so daß der
Aufsatz auch für den Leser verständlich ist, der
noch nicht auf dem jeweiligen Gebiet gearbeitet
hat. Der wahre Zweck von Einleitungen besteht natürlich darin, die eigenen Arbeiten (z. B. Schulman
et al. 1993a), die Arbeiten des eigenen Beraters
(z. B. Bregman, Schulman und Tomisaka 1995), die
Arbeiten des Ehepartners (z. B. Cox, Schulman und
Bregman 1993), die Arbeiten eines Freundes vom
College (z. B. Taylor, Morris und Schulman 1993)
oder sogar die Arbeit von jemandem, den man
überhaupt nicht kennt, sofern nur der eigene Name
über dem Artikel steht (z. B. Richmond et al. 1994),
zu zitieren. Man achte darauf, sich beim Zitieren
nicht auf begutachtete Fachzeitschriftenartikel zu
beschränken (z. B. Collura et al. 1994), sondern
auch Konferenzberichte (z. B. Schulman et al.
1993b) und andere veröffentlichte oder unveröffentlichte Arbeiten (z. B. Schulman 1990) anzuführen. Am Ende der Einleitung muß man den Aufsatz
zusammenfassen, indem man die Abschnittsüberschriften herunterbetet. In diesem Aufsatz besprechen wir die wissenschaftliche Forschung (Abschnitt 2), das wissenschftliche Schreiben (Abschnitt 3) sowie das wissenschaftliche Publizieren
(Abschnitt 4) und ziehen einige Schlußfolgerungen
(Abschnitt 5).
Wissenschaftliche Forschung
Der Zweck von Wissenschaft besteht darin, gegen
Bezahlung allerlei lustige Sachen zu machen, wenn
man nicht gut genug im Programmieren ist, um
Computerspiele schreiben zu können und damit
155
seinen Lebensunterhalt zu verdienen (Schulman et
al. 1991). Dem Namen nach hat Wissenschaft mit
neuen Erkenntnissen über die Welt zu tun, doch
das ist im Grunde keine notwendige Voraussetzung. Was wirklich nötig ist, sind Forschungsgelder. Um solche Forschungsgelder zu bekommen,
muß in Ihrem Antrag stehen, daß Sie eine unglaublich grundlegende Entdeckung machen werden.
Die geldgebende Institution muß zudem glauben,
daß Sie der oder die Beste sind, um gerade dieses
Forschungsprojekt durchzuführen. Deshalb sollten
Sie sich selbst sowohl bald (Schulman 1994) als
auch oft (Schulman et al. 1993c) zitieren. Verweisen Sie nach Belieben auf andere Aufsätze (z. B.
Blakeslee et al. 1993, Levine et al. 1993), sofern Sie
auf der Autorenliste stehen. Wenn Sie die beantragten Mittel dann bewilligt bekommen, sackt Ihre
Universität, Firma oder Behörde sofort 30% bis
70% davon ein, um das Gebäude zu heizen, den Internet-Zugang zu bezahlen und große Yachten anzuschaffen. Jetzt ist der Zeitpunkt für die eigentliche Forschung gekommen. Sie werden rasch herausfinden, daß a) Ihr Projekt nicht so einfach ist,
wie sie gedacht haben, und b) Sie es nicht schaffen,
das Problem zu lösen. Ungeachtet dessen - und das
ist ganz wichtig - müssen sie auf jeden Fall publizieren (Schulman und Bregman 1994).
Wissenschaftliches Schreiben
Sie haben sich jahrelang mit einem Projekt beschäftigt und endlich festgestellt, daß Sie das Problem nicht lösen können, das Sie lösen wollten.
Nichtsdestoweniger ist es Ihre Pflicht, die wissenschaftliche Gemeinschaft über Ihre Forschungen
zu unterrichten (Schulman et al. 1993d). Halten Sie
sich vor Augen, daß negative Ergebnisse genauso
wichtig sein können wie positive, und ebenso, daß
Sie, wenn Sie nicht genügend veröffentlichen, Ihren
Platz in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nie
behaupten werden. Wenn Sie einen wissenschaftlichen Artikel schreiben, dann ist das wichtigste,
was Sie beachten müssen, möglichst nie das Wort
„welcher" zu benutzen. Verwenden Sie mindestens
50% Ihrer Zeit (also zwölf Stunden pro Tag) auf das
Layout des Aufsätze, damit alle Tabellen auch
hübsch aussehen (Schulman und Bregman 1992).
Wissenschaftliches Publizieren
Sie haben den Artikel nun geschrieben, und jetzt ist
es Zeit, ihn einer Fachzeitschrift einzureichen. Der
Redakteur wird denjenigen Gutachter wählen, dem
Ihr Aufsatz am meisten auf die Zehen tritt, denn
dann wird wenigstens dieser Gutachter ihn lesen
und sein Gutachten noch innerhalb der Lebensspanne des Redakteurs abliefern (Schulman, Cox
und Williams 1993). Gutachter, denen beides egal
ist, neigen dazu, Manuskripte unter einem Stapel
Papier liegenzulassen, der so lange wächst, bis der
Boden durchbricht und die 27 graduierten Englisch-Studenten, die sich das Büro darunter teilen,
erschlägt. Denken Sie stets daran, daß jeder wissenschaftliche Aufsatz schwerwiegende Fehler enthält. Wenn Ihre Irrtümer nicht vor der Veröffentlichung entdeckt werden, müssen Sie irgendwann
einen korrigierenden Nachtrag schreiben, in dem
Sie erklären a) wie und warum Sie Mist gebaut haben und b) daß Sie, obwohl Ihre experimentellen
Ergebnisse jetzt völlig anders aussehen, Ihre
Schlußfolgerungen nicht ändern müssen. Solche
Nachträge können Ihrer Karriere förderlich sein.
Sie sind leicht zu schreiben, und üblicherweise
werden sie genauso zitiert wie richtige Aufsätze,
was den oberflächlichen Leser (und vielleicht den
Science Citation Index) zu der Meinung veranlaßt,
Sie hätten mehr Aufsätze veröffentlicht, als es tatsächlich der Fall ist (Schulman et al. 1994).
Schlußfolgerungen
Der Abschnitt „Schlußfolgerungen" ist sehr einfach
zu schreiben: Sie brauchen bloß Ihre Zusammenfassung zu nehmen und das Tempus von Präsens
zu Präteritum zu verändern. Es gilt als guter Ton,
lediglich in der Zusammenfassung und im Schlußteü mindestens eine relevante Theorie zu erwähnen. Damit brauchen Sie nicht zu erklären, warum
Ihr Experiment mit der Theorie übereinstimmt
(oder nicht), Sie müssen nur behaupten, daß dies
der Fall ist (oder nicht).
Wir (was bedeutet ich) stellten Betrachtungen
über den Prozeß des wissenschaftlichen Publizierens an, die (was bedeutet welche) wichtig sind und
gerade rechtzeitig kommen, insofern als (was be-
156
deutet weil) ich nie eine andere Stelle kriegen werde, wenn ich nicht bald mehr Aufsätze veröffentliche. Diese Betrachtungen fügten sich ein in die
Theorie, daß es schwierig ist, gute wissenschaftliche Forschung zu betreiben, gute wissenschaftliche
Artikel zu schreiben und genügend Publikationen
vorweisen zu können, um eine gute Stelle zu bekommen.
LITERATUR
Blakeslee, J., Tonry, J., Williams, G. V. und Schulman, E.,
1993, 2. Aug., Minor Planet Circular. 22357.
Bregman, J. N., Schulman, E. undTomisaka, K., 1995, AstrophysicalJournal, 439, 155.
Collura, A., Reale, F., Schulman, E. und Bregman, J.N.,
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Cox, C.V., Schulman, E. und Bregman, J.N., 1993, NASA Conference Publication 3190,106.
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1467.
Richmond, M. W., Treffers, R. R., Filippenko, A. V., Paik, Y.,
Leibundgut, B., Schulman, E. und Cox, C. V., 1994, AstronomicalJournal, 107,1022.
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Schulman, E., 1990, Diplomarbeit, UCLA.
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Schulman, E., Bregman, J. N., Collura, A., Reale, F. und Peres, C, 1993a,AstrophysicalJournal, 418, L67.
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Petre, R. (Hrsg.). The Soft X-Ray Cosmos, New York
(American Institute of Physics) 345.
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Schulman, F., Bregman, J.N., Roberts, M.S. und Brinks, E.,
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1401.
Schulman, E., Bregman, J. N., Roberts, M. S. und Brinks, E.,
1993c, NASA Conference Publications 3190, 201.
Schulman, E., Bregman, J. N., Roberts, M. S. und Brinks, E.,
1993d, Astronomische Gesellschaft Abstracts Serie 8,
141.
Schulman, E., Cox, C. V. und Williams, G. V., 1993, 4. Juni,
Minor Planet Circular, 22185.
Schulman, E. und Fomalont, E. B., 1992, Astronomical Journa/,103, 1138.
Taylor, G. B., Morris, M. und Schulman, E., 1993, Astronomical Journal, 106,1978.
Die wissenschaftliche
Gemeinschaft von innen Klatsch und Tratsch
zusammengestellt aus verschiedenen AIR-Ausgaben
von Stephen Drew, Aff?-Redaktion
Enthält 100% Tratsch aus Konzentrat
Hochfliegender Müll
Die NASA-Verwaltung, die zu um so größerer Kreativität aufläuft, je mehr ihr Budget zusammengestrichen wird, hat eine neue Methode ersonnen,
um Geld aufzutreiben. Sie verfügt über einen nahezu vollständigen Katalog der mehr als 10 000 Stükke Weltraumschrott, die auf Erdumlaufbahnen im
All kreisen. Gegen eine Gebühr von 150 Dollar
(„Wir haben diese Zahl gewählt, weil sie angemessen klingt", erklärte uns ein Beamter) kann sich jede Privatperson ein Stück Schrott als Eigentum
überschreiben lassen. Gegen einen Zusatzbetrag
zeichnen Beobachtungssatelliten der NASA dessen
feurigen Wiedereintritt in die Atmosphäre auf Video auf. Eine weitere Gebühr wird erhoben, wenn
eventuelle Reste aufgespürt, geborgen und dem
Besitzer frei Haus geliefert werden sollen. Eine
vollständige Preisliste wird nächsten Monat herausgegeben.
Schwer zu schlucken
Ein dicker Bauch kann Vorteile haben. Christer
Brönmark und Jeffrey Miner von der Universität
Lund fanden heraus, daß europäische Karpfen einen vergrößerten Mittelteil entwickeln, wenn sie
mehrere Monate mit Hechten zusammengelebt haben. Die Karpfen werden so dick, daß sie nicht
mehr in das Maul des Raubfisches passen. Gegenwärtig werden mehrere Studien in Angriff genommen, die klären sollen, inwieweit dies auf Menschen übertragbar ist. Die künftigen Untersuchungen sind insofern ungewöhnlich, als sie von einem
Konsortium deutscher Brauereien finanziert wer-
den (einschlägige Informationen in Science, 20. November 1993).
Die Grenzen des Wachstums
Die Erdbevölkerung wächst jährlich um etwa hundert Millionen Menschen. Nun behaupten einige
Ökonomen, daß „mit jedem Mund, den es zu stopfen gilt, ein zusätzliches Paar Hände vorhanden ist,
das dafür sorgen kann, daß der Mund gestopft
wird". Ein neues Experiment soll diese Hypothese
testen. Nach dem Vorbild des Experiments „Biosphere" soll in der Wüste von Arizona eine PopuSphere, ein hermetisch abgeschlossener Bau aus
Plexiglas, errichtet werden. Die Versuchsphase beginnt mit einer statistisch fast ausreichenden Menge von 200 Personen, allesamt im zeugungs- und
gebärfähigen Alter und mit strikter, religiös begründeter Ablehnung jeglicher Verhütung. Die Versuchsleiter werden die Probanden im nächsten
Sommer in die PopuSphere einschließen und die
Bevölkerung zwanzig Jahre später zählen.
Dementi
Das US-Verteidigungsministerium will gegen einen
demnächst erscheinenden Bericht der Wirtschaftswissenschaftlerin Darlene Irons von der PlastonUniversität vorgehen, wonach 42% der für die Strategische Verteidigungsinitiative (gemeinhin als
„Krieg der Sterne "-Raketenabwehrsystem bezeichnet) bereitgestellten Geldmittel für die Entwicklung
von Videospielen verwendet worden seien.
Besondere Empfehlung des
Hauses zur weiteren Lektüre
zusammengestellt aus verschiedenen 4//?-Ausgaben
von Stephen Drew und Katherine Lee, ,4//?-Redaktion
Wissenschaftliche Leckerbissen, die einen Gang in die Bibliothek verdienen1
Ergebnisse, die haften bleiben
„Deterministisches Chaos in der Fehlerfortpflanzung: Zur Dynamik des Abziehens von Klebestreifen" [Deterministic Chaos in Failure Dynamics...],
von Daniel C. Hong und Su Yue, Physical Review
Letters, Bd. 74, 1995, S. 254-257. (Wir danken
Claude Dion für den Hinweis auf diesen und auf
den nächsten Artikel.)
Blatt im Wind
„Verhalten fallenden Papiers" [Behavior of a Falling Paper], von Yoshihiro Tanabe und Kunihiko
Kaneko, Physical Review Letters, Bd. 73, Nr. 10,
1994,S. 1372-1375.
Keine Hitzköpfe
„Das Kühlvermögen des Taubenkopfes" [The cooling power of the pigeon head], von Robert St. Laurent und Jacques Larochelle, Journal of Experimental Biology, Bd. 194, 1994, S. 329-339. (Wir
danken Zen FaulkesfÜr den Hinweis auf diesen Artikel.)
Besser geht's nicht
„Die Korrektur des Unkorrigierbaren" [Correcting
the incorrigiblel, von G. von Hilsheimer, W. Philpott, W. Buckley und S. C. Klotz, American Labora-
1
Zum leichteren Aufspüren sind dio gekürzten Originaltitel
hinzugefügt, d.U.
tory, Bd. 107, 1977. (Wir danken Kevin Devine für
den Hinweis auf diesen Artikel.)
Brisantes Bad
„Künstliche Kugelblitze" [Laboratory-Produced
Ball Lightning] von Robert K. Golka Jr., Journal of
Geophysical Research, Bd. 99, Nr. D5, 20. Mai
1994, S. 679-681. (Wir danken Dahv Klinerfür den
Hinweis auf diesen Artikel.) Dieser Artikel beschreibt die Versuche des Autors, in seiner häuslichen Umgebung Kugelblitze zu erzeugen. Er schloß
dazu einen Trafo mit 150 000 Watt Leistung und
10 000 Ampere mittels einer wassergefüllten Badewanne kurz. Die entstehenden Feuerbälle
„knistern und zischen und gleiten über die Wasseroberfläche... Ich sah einige unregelmäßig geformte
Feuerbälle sich in die Luft erheben... Diese leuchtenden Feuerbälle tanzen manchmal schnurstracks
aus der Wanne auf den Boden."
Dunkel im Licht
„Die Verwendung von Bohnerwachs zur Fixierung
von Gewebsschnitten für die Lichtmikroskopie"
[Use of Floor Polish...] von K. M. Imel, Microscopy
today, Ausgabe Nr. 95-1, 1995. (Wir danken Gail
Celio für den Hinweis auf diesen Artikel.) Ein Auszug aus dem Bericht: „Im Lauf der Jahre wurde
eine Reihe von Methoden zur Fixierung von Gewebsschnitten auf Objektträger beschrieben. Dieser Artikel stellt ein neuartiges Fixiermedium vor,
das preiswert und jederzeit im nächsten Supermarkt zu beschaffen ist - Bohnerwachs. Bohnerwachs wies bei manchen Geweben einen viel geringeren Grad von Veränderungen des Gewebsbildes
159
auf als die bisher in unserem Labor verwendeten
Medien einschließlich Permount® (Fisher Chemical,
Fair Lawn, New Jersey) und dreißigprozentiger
Saccharose in destilliertem H20."
Seekranke Seebewohner
„Die Wahrnehmung von Sprachlauten, aufgenommen im Uterus eines trächtigen Schafes" [The perception of speech sounds...] von Scott K. Griffiths,
W. S. Brown Jr., Kenneth J. Gerhardt, Robert M.
Abrams und Richard J. Morris, Journal oftheAcoustical Society of America, Bd. 96, Nr. 4, Oktober
1994. (Wir danken Lucy Horwitz für den Hinweis
auf diesen Artikel.)
„Kinetose bei Amphibien" [Motion sickness in amphibians] von Richard J. Wassersug, Akemi IzumiKurotani, Masamichi Yamashita und Tomio Naitoh,
Behavioral and Neural Biology, Bd. 60, 1993, S.
42-51. Ein Auszug aus der Zusammenfassung:
„Wir untersuchten die Frage, ob es Amphibien
beim Fliegen schlecht werden kann, und setzten
dazu Frösche (Anura) und Salamander {Urodela)
auf einem Parabelflug den entsprechenden Reizbedingungen aus. Die Tiere wurden vor dem Flug gefüttert. Wenn sich danach Erbrochenes in ihrem
Behälter fand, wurde dies als Anzeichen für kinetosebedingte Emesis gewertet."
Mißglückter Rinderbraten
Tropisches Trauma
Geblöktes Blabla
„Fremdkörperbedingte Endometritis bei einer
Kuh" von A. Boos und D. Ahlers, Deutsche tierärztliche Wochenschrift, September 1994, S. 341-380.
(Wir danken R. S. Youngquist für den Hinweis auf
diesen Artikel.) Die Autoren berichten, daß sie sich
Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke einer Kuh
vom örtlichen Schlachthof beschafften und daß die
Befunde post mortem für eine subakute bis chronische Endometritis sprachen, hervorgerufen durch
ein Feuerzeug, das sich im Uterus fand.
Milch und Haar
„Der Zusammenhang zwischen Kopfhaar wirb ein
und Melkstandseitenpräferenz" [The relationsship
between facial hair whorls...] von M. Tanner et al.,
Abstract Nr. 797 aus Journal of Dairy Science, Bd.
77, Abstracts der Jahreskonferenz 1994. (Wir danken C. Robert Campbell für den Hinweis auf diesen
Artikel.)
Ein großer Sprung für die Froschheit
„Verhalten des japanischen Baumfrosches bei Mikrogravitation" [Behavior of Japanese tree frog...]
von A. Izumi-Kurotani, M. Yamashita, Y. Kawasaki,
T. Kurotani, Y. Mogami, M. Okuno, T. Akiyama, A.
Oketa, A. Shiraishi und K. Ueda, Biological Sciences
in Space, Bd. 5, 1991, S. 185-189.
„Verletzungen durch herabfallende Kokosnüsse"
[Injuries Due to Falling Coconuts] von Peter Bars,
The Journal of Trauma, Bd. 24, Nr. 11, 1984, S.
990-991. (Wir danken James Barone für den Hinweis auf diesen Artikel.) Ein Auszug aus der Zusammenfassung: „Eine Durchsicht der traumabedingten Hinlieferungen in das Bezirkskrankenhaus
Alotau, Provinz Milne Bay, in einem Zeitraum von
vier Jahren ergab, daß 2,5% dieser Patienten von
einer herabfallenden Kokosnuß getroffen worden
waren. Da fruchttragende Kokosnußpalmen eine
Höhe von 24 bis 35 Meter haben und eine Kokosnuß inklusive ihrer faserigen Hülle ein bis vier Kilo
wiegen kann, sind Schläge auf den Kopf mit einer
Kraft von über einer Tonne möglich."
Versüßte Geburt
„Eine prospektive Studie des Nettogewichts von
Pralinenpräsenten postpartum: Korrelation mit
dem Geburtsgewicht" [A Prospeetive Study of Postpartum Candy Gift...] Obstetrics and Gynecology,
Bd. 82, 1993, S. 156-158. (Wir danken Stephan
Rössner für den Hinweis auf diesen Artikel.) Die
Autoren befragten für ihre Datenerhebung Hebammen; diese gaben das Gewicht der Pralinenschachteln an, die sie von dankbaren Eltern erhalten hatten, sowie das Geburtsgewicht des jeweiligen Kindes. Es fand sich keine Korrelation.
160
Hinein ins digitale Zeitalter
Chirurgische Chuzpe
„Die digital gewonnene Stuhlprobe" [The Digitally
Obtained Stool Sample] (ohne Autorenangabe),
Emergency Medicine, Bd. 25, Nr. 16, Dezember
1993, S. 42. (Wir danken Gauri Bhide für den Hinweis auf diesen Artikel.)
„Der Bauchreißverschluß: eine chirurgische Überraschung" [The Abdominal Zipper...] von V. Martinez-Ibanez, J. Lloret und J. Boix-Ochoa, Chirurgia
Pediatrica, Bd. 5, Nr. 3, Juli 1992, S. 182-183. Bemerkenswerterweise ging der AIR-Mitbegründer
Alexander Kohn 1958 als erster mit der scherzhaft
gemeinten Idee eines Bauchreißverschlusses in die
Literatur ein.
Psychiatrisch bedeutsame Reaktionen
auf Blutegel
„Psychiatrisch bedeutsame Reaktionen auf Blutegel" [Psychiatrie reactions to leeches] von W. A.
James, R. L. Frierson und S. B. Lippmann, Psychosomatics, Bd. 34, 1993, S. 83-85. In einem Teil dieser Untersuchung erhielt der Patient die Anweisung, er solle „die Blutegel benennen, um dadurch
Stärke zu gewinnen." (Wir danken Kerry Chamberlain für den Hinweis auf diesen Artikel.) Die
Diskussion gibt Empfehlungen für die Praxis:
„Während der Anfangsphasen der Blutegeltherapie
empfinden manche Patienten möglicherweise verstärkte Angst. Manchmal können Erscheinungen
wie Erregung, Feindseligkeit und Mißtrauen das
Einsetzen ernster emotionaler Störungen ankündigen... Dies könnte von Bedeutung sein, da der zusätzliche Streß der Blutegelanwendungen unter
Umständen eine Depression mit Hoffnungslosigkeit
und suizidalem Denken verschlimmert."
Denk' vorm Getränk!
„Milch und Denkstörungen" [Milk and thought disorder] von W. M. Bowerman, Journal ofOrthomolecular Psychiatry, 1980, Bd. 9, S. 263. (Wir danken
Kevin Devinefür den Hinweis auf diesen Artikel.)
Absorbierend
„Supersaugfähige Windel kann Verwirrung verursachen" [Super effective diaper...] von A. Lavin, Pediatrics, Bd. 78, Nr. 6, 1986, S. 1173-1174. (Wir
danken Gary Park für den Hinweis auf diesen Artikel.)
Der Gipfel
„Urin- und Plasmaproteine bei Männern in 5400 m
Höhe" [Urine and plasma proteins...] von D. Rennie,
R. Freyser, G, Gray und C. Houston, Journal of Applied Physiology, Bd. 31,1972, S. 369-373.
Die Ausnahme von der Regel
„Könnten Schaufensterpuppen menstruieren?"
[Could mannequins menstruate?] von Minna Rintala und Pertti Mustajoki, British Medical Journal,
19.-26. Dez. 1992, Bd. 305, S. 1575-1576. (Wir
danken Doug Lindsey für den Hinweis auf diesen
Artikel.) Die Autorinnen erklären: „Schaufensterpuppen in Modegeschäften können beeinflussen,
was Frauen als Idealgewicht wahrnehmen. Wir beobachteten die Veränderungen der Figur von Kleiderpuppen im Laufe der Zeit und untersuchten, ob
Frauen mit einer solchen Figur ausreichend Körperfett besäßen, um zu menstruieren... Eine Frau
mit der Figur einer modernen Schaufensterpuppe
würde wahrscheinlich nicht menstruieren."
Einstürzende Neubauten
„Zusammenbrechende Toiletten in Glasgow" [The
collapse of toilets...] von J. P. Wyatt, G. W.
McNaughton und W. M. Tullet, Scottish Medical
Journal Bd. 38, 1993, S. 185. (Wir danken Vidya
Rajanfür den Hinweis auf diesen Artikel.) Ein Auszug aus der Einleitung: „Wir beschreiben drei Patienten, die sich in einem Zeitraum von sechs Monaten mit Verletzungen vorstellten, die sie sich auf
einer Toilette zugezogen hatten, welche unvermittelt unter ihnen zusammenbrach."
Natürliche Stromerzeugung
„Elektrizität aus der Toilettenschüssel" [Electricity
Out of the Toilet Bowl] von B. Miller, Search, Bd.
25, Nr. 8, 1994, S. 246. (Wir danken Paul Rattray
für den Hinweis auf diesen und den nächsten Artikel.)
161
Output
„Krankenhaustoilettenanlagen - eine Bestandsaufnahme" [A Survey of Hospital Toilet Facilities] von
A. F. Travers, E. Burns et al., British Medical Journal, Bd. 304, Nr. 6831, 1992, S. 878-879.
Input
Konferenz über die Verbesserung der Eigenschaften von Hülsenfrüchten, veranstaltet im Marriott
University Place, East Lansing, Michigan, am 25.28. Oktober 1995. (Wir danken Bob Clark für den
Hinweis auf diesen Artikel.)
Der springende Punkt
„Wirkung von oral aufgenommenem Sperma auf
die Fruchtbarkeit der Ratte" [Effect of ingested
sperm...] von R. A. Allardyce, Journal of Experimental Mediane, Bd. 159, 1984, S. 1548-1553.
(Wir danken Barbara Piacente für den Hinweis auf
diesen Artikel.)
„Die Kopulation als möglicher Mechanismus zur
Aufrechterhaltung der Monogamie bei Stachelschweinen, Hystrix indica" [Copulation as a possible mechanism...] von Z. Sever und H. Mendelssohn, Animal Behavior, Bd. 36, Nr. 5, 1988, S.
1541-1542. (Wir danken Wendy Cooper für den
Hinweis auf diesen Artikel.)
Neuro-urinäre Kartierung
Sichere Sitzgelegenheit
„Kartierung der Gehirnaktivität während der Miktion" [Mapping of the Brain Acitvity...], Vortrag von
Bertil Blök von der Universität Groningen auf der
Jahreskonferenz der Gesellschaft für Neurowissenschaften im November 1995. (Wir danken John
Travis für den Hinweis auf diesen Beitrag.) Ein
Handzettel beschrieb (unter anderem) eine Schwierigkeit, die die Forscher, äh, handhaben mußten:
„Eine erste Aufnahme des Gehirns wurde vor dem
Wasserlassen hergestellt, als die Männer eine gefüllte Blase hatten. Eine zweite wurde aufgenommen, wenn die Blase entleert worden war. Neun
der 14 Freiwilligen gelang es, unter diesen künstlichen und schwierigen Umständen zu urinieren."
„Der Gonokokkus und die Toilettenbrille" [The Gonococcus and the toilet seat] von James H. Gilbaugh
Jr. und Peter C. Fuchs, The New England Journal of
Mediane, Bd. 301, Nr. 2, 1979, S. 91-93. (Wir danken J. E. Charlton für den Hinweis auf diesen Artikel.) Ein Auszug aus dem Artikel: „Fest steht, daß
sich auf Toilettenbrillen, die mit eitrigen, gonokokkenhaltigen Absonderungen kontaminiert sind,
mehrere Stunden lang lebensfähige Erreger nachweisen lassen. Doch [wir haben festgestellt, daß]
kontaminiertes Toilettenpapier als unmittelbare
Quelle ein größeres Potential besitzt als Toilettenbrillen."2
Erbsenzähler
„Ergänzende Untersuchungen zur Flatometrie"
[Further studies in flatometry] von D. Fan, J. Tomlin und C. L. A. Leakey, Arbeitsunterlage für eine
1
Bezug auf diesen Artikel nehmen auch Moi, H. und Kleist.
E. in ihrem hier abgedruckten Beitrag: „Übertragung von
Gonorrhoe durch eine aufblasbare Puppe."