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Author: Biskup R. Glauert M.
Tags: geschichte allgemeine geschichte befehle
ISBN: 3-402-00541-7
Year: 2004
Text
Die Domkapitel
des Deutschen Ordens
in Preufien und Livland
Herausgegeben von
Radostaw Biskup und
Mario Glauert
Zeitschrift
fur die Geschichte
und Altertumskunde
Ermlands
HISTORISCHER VEREIN
FUR ERMLAND e.V.
Gegrundet 1856
Sitz Munster i. W.
Beiheft 17
Die Domkapitel
des Deutschen Ordens
in Preufien und Livland
Herausgegeben von Radosiaw Biskup und Mario Glauert
ASCHENDORFF MUNSTER
Gedruckt mit Unterstiitzung der Historischen Kommission fiir ost- und westpreuflische
Landesforschung und der Stiftung Nordostdeutsches Kulturwerk fiir die
Stiftung Ostpreuflen.
Abbildungen auf dem Umschlag (von oben nach unten):
Siegel der Domkapitel von Kulm (1303), Pomesanien (1321), Samland (1360), Kurland
(1290) und Riga (1302). Entnommen aus: Rainer Kahsnitz, Die mittelalterlichen Siegel der
Domkapitel im Deutschordensland Preuflen. In: ZGAE 47 (1994) S. 13-53,
Abb. 1, 10, 12, 15 und 16.
© 2004 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Munster
Das Werk ist urheberrechtlich geschiitzt. Die dadurch begriindeten Rechte, insbesondere die der
Ubersetzung, des Nachdrucks, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe
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bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Die Vergiitungsanspriiche des § 54,
Abs. 2, UrhG, werden durch die Verwertungsgesellschaft Wort wahrgenommen.
Satz: Mario Glauert
Druck: Stahringer:Satz.GmbH
Gedruckt auf saurefreiem, alterungsbestandigem Papier@
ISBN 3-402-00541-7
ISSN 0342-3344
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1
Radoslaw Biskup
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter -
Forschungsstand und Perspektiven 5
Andrzej Radziminski
Entstehung, Inkorporation und urspriingliche Ausstattung
des mittelalterlichen Domkapitels in Kulmsee 33
Mario Glauert
Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527).
Eine Zusammenfassung 53
Heinz Schlegelberger
Studien liber die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland
im Mittelalter (Hrsg. v. Radoslaw Biskup) 85
Erwin Hertwich
Das Kurlandische Domkapitel bis 1561. Untersuchungen
liber die personliche Zusammensetzung des Kapitels hinsichtlich
der Herkunft und Laufbahn seiner Bischofe und Domherren
(Hrsg. v. Mario Glauert) 147
Mario Glauert
Die Bindung des Domkapitels von Riga an die Regel
des Deutschen Ordens 269
Vorwort
Der vorliegende Band vereinigt Studien zu den Domkapiteln von Kulm, Sam-
land, Pomesanien, Kurland und Riga - und damit zu alien fiinf preuBischen
und livlandischen Kanonikerkorporationen, die immer oder zeitweise der Regel
des Deutschen Ordens verpflichtet waren. Neben aktuellen Forschungsbeitra-
gen und einer Ubersicht zum Stand der preuBischen und livlandischen Domka-
pitelforschung werden dabei erstmals auch zwei altere Konigsberger Disserta-
tionen herausgegeben, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung aufgrund widriger
Umstande nicht zum Druck gelangen konnten. Im Falle der Arbeit von Heinz
Schlegelberger (iber das Bistum Samland verhinderte 1922 das wirtschaftliche
Chaos der Inflation ein Erscheinen, fur die umfangreiche Studie zur Geschichte
des kurlandischen Domkapitels von Erwin Hertwich machte 1943 der Krieg
eine Publikation unmoglich. Wahrend Schlegelbergers Manuskript durch die
Verbreitung von Kopien in Berlin und Thorn schon lange und regelmaBig fur
wissenschaftliche Untersuchungen herangezogen wurde, ist die Dissertation
von Hertwich iiber Jahrzehnte weitgehend unbekannt geblieben. Der Wunsch,
die beiden Texte einer breiteren wissenschaftlichen Offentlichkeit und Diskus-
sion zur Verfiigung zu stellen, gab den Anlass fur die Herausgabe des vorlie-
genden Sammelbandes.
Als Vorlagen dienten erhaltene maschinenschriftliche Fassungen der beiden
Dissertationen: Ein Exemplar von Schlegelbergers Arbeit befindet sich heute in
der Staatsbibliothek Berlin (Sammelsignatur: Phil. Diss. Konigsberg 1922),
Hertwichs Manuskript liegt in der Bibliothek der Berliner Humboldt-
Universitat (Sammelsignatur: Phil. Diss. Konigsberg 1943).
Fur den Satz wurden - abweichend von den Gepflogenheiten der ZGAE
und ihrer Beihefte — die Eigenheiten in der Zitierweise der Autoren weitgehend
beibehalten und lediglich behutsame Vereinheitlichungen in der Schreibung
und Zeichensetzung vorgenommen. Erganzungen oder Korrekturen haben die
Herausgeber in <Klammern> gesetzt. Die Umbriiche der Vorlage wurden
durch die urspriinglichen Seitenzahlen in <Klammern> ausgewiesen. Die sei-
tenweise Zahlung der FuBnoten im Text von Schlegelberger wurde durch eine
durchgehende ersetzt, die urspriingliche aber in <Klammern> erganzt. Zudem
wurde der Text durch Absatze untergliedert.
2
Radoslaw Biskup / Mario Glauert
Die Berliner Manuskripte der beiden Dissertationen enthalten zahlreiche
handschriftliche Korrekturen der Autoren, die hier beriicksichtigt und eingear-
beitet wurden. Einfache Tippfehler wurden in beiden Texten stillschweigend
korrigiert. Sachliche Fehler und falsche Angaben, etwa auch fehlerhafte Litera-
turverweise oder irrige Lesungen der Quellen, wurden jedoch belassen, da sie
von der Forschung mitunter bereits aufgegriffen wurden, und allenfalls in
<Klammern> korrigiert. In beiden Texten konnte es nicht darum gehen, inzwi-
schen (iberholte Angaben, Meinungen oder auch politisch-weltanschaulich
Formulierungen durch einen umfassenden Anmerkungsapparat zu korrigieren,
zu kommentieren oder auf den heutigen - moglicherweise bald wieder veralte-
ten - Forschungsstand zu bringen. Fur das Bistum Samland sind in Berlin und
Thorn zwei umfangreiche Arbeiten in Vorbereitung, die Schlegelbergers „Stu¬
died an vielen Stellen weiterfuhren werden. Fur das Bistum und Domkapitel
von Kurland steht eine jiingere Untersuchung hingegen noch aus.
Der vorliegende Band formuliert somit fur viele Bereiche ein Resiimee der
alteren und jiingeren Forschungen, ohne eine letztgiiltige Bilanz, einen SchluB-
strich ziehen zu wollen. Die in den Literaturverzeichnissen und FuBnoten ge-
botenen Bibliographien mogen hilfreiche Hinweise, manche Texte provozie-
rende Anregungen fiir kiinftige Untersuchungen sein. Fragestellungen und
Themen kann die Sammlung nicht vorgeben, gleichwohl werden in ihren Bei-
tragen manche Liicken erkennbar und viele Defizite ausdriicklich formuliert.
Die Untersuchung der Binnen- und Amterstruktur einzelner Deutschor-
denskapitel wird mangels normativer und statuarischer Quellen wohl weiterhin
nur bruchstiickhaft und mit erganzendem Blick auf die anderen Kapitel zu
betreiben sein. Sie ist dennoch unverzichtbar und trotz der vorgelegten und in
Vorbereitung befindlichen Studien sicherlich noch nicht abgeschlossen. Auch
ein Vergleich mit den besser dokumentierten Verhaltnissen im Bistum Erm-
land, dessen Domkapitel als einziges in PreuBen nicht an die Regel des Deut-
schen Ordens gebunden war, konnte hier wohl noch weitere Aufschliisse brin¬
gen.
Kaum weniger schwierig als die Ermitdung der Binnenstruktur diirfte die
Erstellung prosopographisch auswertbarer Biogramme fur alle in den preuBi-
schen und livlandischen Kapiteln versammelten Priesterbriider des Deutschen
Ordens sein. Zwar erscheint es fraglich, ob das von K. Scholz schon vor iiber
dreiBig Jahren formulierte Ziel einer „umfassenden Untersuchung der Ordens-
Vorwort
3
priesterschaft in sozial- und verfassungsrechtlicher Hinsicht"1 angesichts der oft
sparlichen Namensinformationen je zu erreichen sein wird, doch kann ein
dichter werdendes Raster von Lebenslaufen, Karrieren und familiaren Ver-
flechtungen jener Deutschordensbriider, die vielfach aus dem Lande selbst
kamen, vielleicht ganz neue Einblicke eroffnen in die sozialen, wirtschaftlichen
und kulturellen Netzwerke der preuBischen und livlandischen Stadte und Land-
schaften und in jene Mechanismen von Verwandtschaft, Freundschaft, Klientel
und Patronage, denen fur das Ordensland bislang wenig Aufmerksamkeit ge-
schenkt wurde.
Weiterhin wird man der zweifellos noch nicht befriedigend geklarten Frage
nach der verfassungsrechtlichen Stellung der Korporationen als Landesherren,
Domkapitel und Priesterkonvente des Deutschen Ordens innerhalb der kirchli-
chen und weltlichen Herrschaftsstruktur PreuBens und Livlands nachzugehen
haben. Der Hinweis auf Stiftungsurkunden und papstliche Privilegien geniigt
hier nicht. Die Betrachtung der Praxis und Gewohnheit, wie sie etwa in der
reichen nichturkundlichen Uberlieferung des Ordensbriefarchivs oder der
Hochmeisterregistranten ihren Niederschlag gefunden hat, diirfte weitere Auf-
schliisse bringen iiber das so schwer faBbare, gleichwohl zentrale Gemenge aus
Kompetenzausiibung, EinfluBwahrung und Herrschaftsabgrenzung, welches
das Verhaltnis der regulierten Domkapitel zur Ordensfiihrung und nicht zuletzt
auch zu ihren Bischofen oder zu den Biirgergemeinden der Kathedralstadte
bestimmte.
Die Erganzung und Fortfuhrung der Urkundenbiicher fur die preuBischen
Bistiimer — verbunden mit einer Aufarbeitung der archivalischen Uberlieferung
- scheint dafur eine wichtige, vielleicht unabdingbare Voraussetzung zu sein.
Ohne zuverlassige Editionen wird die Forschung stets gezwungen sein, das
Material fur ihre Fragestellungen vorab im Archiv selbst aufzubereiten, - ein
Aufwand, der bei aller Entdeckerfreude ein ziigiges Weiterkommen erschwert
und einer breiteren wissenschaftlichen Beschaftigung mit der mittelalterlichen
Kirchengeschichte PreuBens im Wege steht, die sich nicht mit der Beschran-
kung ihrer Perspektiven und dem Wiederkauen iiberkommener Deutungen
zufrieden geben will.
Alle diese strukturellen, prosopographischen, verfassungsrechtlichen und
quellenkundlichen Untersuchungen soil ten aber nur die Vorarbeit sein fur den
Schritt liber die Grenzen des Ordenslandes hinaus. Der ohne Zweifel zutref-
1 Klaus SCHOI.Z, Beitrage zur Personengeschichte des Deutschen Ordens in der ersten Halfte
des 14. Jahrhunderts. Untersuchungen zur Herkunft livlandischer und preufiischer
Deutschordensbriider. Phil. Diss. Munster 1969, o. O. 1971, S. 376.
4
Radoslaw Biskup / Mario Glauert
fende Verweis auf die diirftige Uberlieferung zur Struktur der Deutschordens-
kapitel in PreuBen und Livland wird die kiinftige Forschung nicht der Aufgabe
entheben, sie mit den weit besser dokumentierten und untersuchten Domkapi-
teln im Reich oder in Polen zu vergleichen. Erst diese Gegeniiberstellung wird
es ermoglichen, die postulierte Eigentiimlichkeit und den spezifischen Charak-
ter dieser Priesterbriiderkonvente innerhalb der europaischen Stifts- und Dom-
kapitelslandschaft zu erweisen und die differenzierenden Merkmale einer
„Prussia sacra“ herauszuarbeiten.
Die Herausgeber danken A. Radziminski fur seinen Beitrag iiber das Kulmer
Domkapitel, der den Band abzurunden half, und V. Kinle fiir ihre Mitwirkung
bei der Erfassung der Texte.
Der Historische Verein fiir Ermland hat den Band dankenswerterweise in
die Reihe seiner Beihefte aufgenommen. Der Historischen Kommission fiir
ost- und westpreuBische Landes forschung und der Stiftung OstpreuBen gilt
unser Dank fiir die finanzielle Unterstiitzung bei den Druckkosten.
Toruri und Berlin, im Herbst 2004
Radoslaw Biskup und Mario Glauert
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter -
Forschungsstand und Perspektiven
Radoslaw Biskup
Untersuchungen (iber Domkapitel haben eine lange Tradition.1 Die letzten
zehn Jahre des 20. Jahrhunderts brachten eine erneute Belebung sowohl in
verfassungsrechtlicher als auch sozialgeschichtlicher Hinsicht. Zahlreiche zu-
sammenfassende Studien2 zeigen indes, dass die preuBischen und livlandischen
Domkapitel in der Zeit der Deutschordensherrschaft bislang nicht geniigend
beriicksichtigt oder (iberhaupt nicht zum Gegenstand der Forschung wurden.3
1 Leo SANTIFALLER, Das Trientner Domkapitel in seiner personlichen Zusammensetzung im
spaten Mittelalter (Mitte 14. Jahrhundert bis 1500). Aus dem NachlaB hrsg. und mit einer
Einl. vers, von Klaus BRANDSTATTER (VEROFFENTLICHUNGEN DES S0DTIROLER LAN-
DESARCHIVS, Bd. 9). Bozen 2000, S. 29-30, sieht den Anfang der Domkapitelhistoriographie
im Werk von Eusebius CONRADUS, De dignitate canonicorum regularium deque ipsorum et
monachorum differentia. Romae 1481. Vgl. den Forschungsiiberblick bei Rudolf HOLBACH,
Zu Ergebnissen und Perspektiven neuerer Forschung zu spatmittelalterlichen deutschen
Domkapiteln. In: RHEINISCHE ViERTELjAHRSBLATTER 56 (1992) S. 148-180, der die preuBi-
schen und livlandischen Domkapitel jedoch nicht erwahnt.
2 Andrzej RADZIMINSKI, Die Geistlichkeit der mittelalterlichen Dom- und Kollegiatkapitel in
Polen - Stand und Perspektiven der Forschung. In: QUAESTIONES MEDII Aevi NOVAE 2
(1997) S. 45-59; DERS., Od katalogu duchownych do komputerowej „kolektywnej biografii“.
Uwagi о dawnych i wspolczesnych kierunkach i tendencjach w badaniach sredniowiecznych i
nowozytnych kapitul katedralnych w historiografii niemieckiej [Vom Klerikerkatalog zur
computergerechten „Kollektivbiographie”. Anmerkungen zu alten und neuen Richtungen
und Tendenzen in der Forschung zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Domkapiteln in der
deutschen Geschichtsschreibung]. In: ROCZNIKI HlSTORYCZNE 60 (1994) S. 173-184; DERS.,
Badania nad strukturami koscielnymi i duchowienstwem w Polsce sredniowiecznej. Zarys
problematyki [Untersuchungen zu kirchlichen Strukturen und zur Geistlichkeit in Polen im
Mittelalter. Grundriss der Problematik]. In: Pytania о sredniowiecze. Potrzeby i perspektywy
polskiej mediewistyki [Fragen nach dem Mittelalter. Forschungsbedarf und Perspektiven der
polnischen Mediavistik]. Hrsg. v. Wojciech FALKOWSKI. Warszawa 2001, S. 67-98; Jozef
SZYMANSKJ, Badania kanonikatu swieckiego w Polsce wczesnego sredniowiecza
[Untersuchungen zum weltlichen Kanonikat in Polen im friihen Mittelalter]. In: Kosciol-
kultura-spoleczenstwo. Studia z dziejow sredniowiecza i czasow nowozytnych [Kirche-
Kultur-Gesellschaft. Studien zur Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit]. Hrsg. v. S.
BYLINA u.a. Warszawa 2000, S. 103-106.
3 Marian BlSKUP, Stan i potrzeby badan nad panstwem krzyzackim w Prusach (w. XIII-pocz-
3tek XVI) [Forschungsstand und Forschungsbedarf fur den Deutschordensstaat in PreuBen
6
Radoslaw Biskup
Diese Einschatzung mag indes nicht die Ergebnisse in Frage stellen, die vor
allem deutsche und in den letzten Jahrzehnten auch polnische Historiker in
diesem Bereich erzielt haben. Am Anfang eines Bandes, der sich den preuBi-
schen und livlandischen Deutschordens-Domkapiteln annimmt, erscheint es
notwendig, sich einen Uberblick fiber die verschiedenen Arbeiten und Studien
zu verschaffen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit unterschiedlichem
methodischen Herangehen betrieben wurden, und dabei sowohl die vorherr-
schenden Tendenzen und Interessen zu betrachten als auch ein Resiimee des
Forschungsstandes zu geben.
Gerade die letzte Frage nach dem Forschungstand bringt allerdings Schwie-
rigkeiten, da den Historikern bislang nur wenige Arbeiten fur einen solchen
Uberblick zur Geschichtsschreibung iiber die preuBischen und livlandischen
Domkapitel zur Verfugung stehen. Untersuchungen zu einzelnen Aspekten
ihrer Geschichte und Struktur bilden einen kleinen Teil innerhalb der umfang-
reichen Deutschordenshistoriographie. Aufgabe diese Einleitung wird es daher
nicht nur sein, diese wenigen Arbeiten zu besprechen, sondern auch auf die
Gesamtdarstellungen und Einzelstudien hinzuweisen, die mehr am Rande
wichtige Ergebnisse fur die Domkapitelforschung enthalten.
Gegenstand der vorliegenden Ubersicht sind die Untersuchungen zu den
preuBischen (Kulm, Ermland, Pomesanien und Samland) und livlandischen
(Riga, Kurland, Dorpat, Osel-Wiek, Reval) Domkapiteln im Mittelalter. Die hier
zu betrachtenden Bistiimer bildeten die Kirchenprovinz Riga, mit Ausnahme
Revals, das zum Erzbistum Lund gehorte.4 AuBerdem darf nicht vergessen
werden, dass die Domkapitel von Kulm, Pomesanien, Samland, Kurland und
Riga — die meiste Zeit iiber — Priesterbriiderkonvente des Deutschen Ordens
waren. Die Besonderheit der in Livland herrschenden Verhaltnisse hat die an-
dersardge rechtliche Stellung der erwahnten Domkapitel beeinflusst.5
(13. bis Anfang 16. Jh.)]. In: ZAPISKI HlSTORYCZNE 41 (1976) S. 21-50; Andrzej RADZ1-
MINSKI, Stan i potrzeby badan nad biskupstwami panstwa krzyzackiego w Prusach [For-
schungsstand und Forschungsbedarf fur die Bistiimer im Deutschordensstaat Preuften]. In:
Historiograficzna prognoza 2000. Stan i potrzeby badan nad dziejami regionow kujawsko-
pomorskiego i s^siednich [Historiographische Prognose 2000. Forschungsstand und For¬
schungsbedarf zur Geschichte der kujawisch-pommerellischen und der benachbarten Regio-
nen]. Hrsg. v. Maksymilian Grzkgorz. Bydgoszcz 2000, S. 91-108.
4 R. Hassei.BLATT, Die Metropolitanverbindung Revals mit Lund. In: MlTFEILUNGEN AUS DER
Livlandischen Geschichte 14 (1890) S. 461-466.
5 Friedrich BENNINGHOVEN, Der Orden der Schwertbriider. Fratres Milicie Christi de Livonia.
Koln 1965; Jan KOSTRZAK, Narodziny ogolnoinflanckich zgromadzeri stanowych od XIII do
polowy XVI wieku [Geburt der livlandischen Standetage vom 13. bis zur Mitte des 16.
Jahrhunderts]. (ROCZNIKI TOWARZYSTWA NAUKOWEGO w Toruniu, 82/1). Warszawa,
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 7
Die Geschichtsschreibung zu den Domkapiteln im Deutschordensland ent-
wickelte und entwickelt sich weiterhin auf verschiedenen Gebieten mit unter-
schiedlicher Intensitat. Ihre Anfange hangen mit der ab Mitte des 19. Jahrhun-
derts aufgenommenen Editionstatigkeit deutscher Archivare und Historiker
zusammen.6 Man muss hier auch die breitenwirksame Tatigkeit der Konigsber-
ger Vorreiter der modernen Historiographie im 18. Jahrhundert erwahnen, die
in Zeitschriften („Acta Borussica”7 und „Erleutertes Preussen”8) Urkunden aus
dem 13. Jahrhundert oder Denkmaler der Geschichtsschreibung (z. B. die No-
tizen von Kaspar Platner) herausgaben, die erst in spateren Zeiten eine hoheren
wissenschaftlichen Anspriichen geniigende Editions form bekamen. Einen
zweiten Impuls gab das wachsende Interesse an den europaischen Domkapiteln
insgesamt, in dessen Rahmen man auch die ersten Studien iiber die preuBischen
Domkapitel (vor allem in Ermland und Kulm) um die Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert beobachten kann.
Schon bevor die ersten Quelleneditionen erschienen, hatten einige Wissen-
schaftler, die meistens in den Archiven an Quellenmaterialien aus der
Poznan, Torun 1985; Marian BlSKUP, Uformowanie si^ duchownych wladztw terytorialnych
w sredniowiecznych Inflantach i ich granice panstwowe [Bildung der geistlichen
Landesherrschaften und ihrer staatlichen Grenzen in Livland im Mittelalter]. In: Inflanty w
sredniowieczu. Wladztwa zakonu krzyzackiego i biskupow [Livland im Mittelalter. Landes¬
herrschaften des Deutschen Ordens und der Bischofe]. Hrsg. v. Marian BlSKUP. Torun 2002,
S. 9-16.
6 Stefan KwiATKOWSKI, Zrodla do dziejow Zakonu Niemieckiego w Prusach, Rzeszy i Inflan¬
tach [Quellen zur Geschichte des Deutschen Ordens in PreuBen, im Reich und in Livland].
In: Stan badan i potrzeby edycji zrodlowych dla historii Pomorza i innych krajow poludnio-
wej strefy baltyckiej [Forschungsstand und Forschungsbedarf der Quelleneditionen fur die
Geschichte Pommerns und der anderen Staaten im Siiden des Ostseeraums]. Hrsg. v. Marian
BlSKUP. Torun 1995, S. 9-29; Jurgen SARNOWSKY, Die Quellen zur Geschichte des Deut-
sche’n Ordens in PreuBen. In: Edition deutschsprachiger Quellen aus dem Ostseeraum (14.-
16. Jahrhundert). Hrsg. v. Matthias Thumser, Janusz TANDECKI und Dieter HECKMANN.
Torun 2001, S. 171-200.
7 Acta Borussica, ecclesiastica, civilia, literaria oder Sorgfaltige Sammlung allerhand zur Ge¬
schichte des Landes Preussen gehoriger Nachrichten, Urkunden, Schriften und Documente.
3 Bde., Konigsberg-Leipzig, 1730-32. Jeder Band enthalt sechs Hefte (Stiicke), in denen u. a.
die Urkunden iiber die Anfange des Deutschen Ordens in Preufien ediert wurden. Den
Schwerpunkt bildet allerdings die Geschichte des Herzogtums PreuBen in der ersten Halfte
des 16. Jahrhunderts.
8 Erleutertes PreuBen oder Auserlesene Anmerckungen iiber verschiedene zur preuBischen
Kirchen-, Civil- und Gelehrten-Historie gehorige besondere Dinge. Hrsg. v. Michael Ll-
LIENTHAL. 5 Bde., Konigsberg 1724-42. Die Gliederung ist ahnlich wie in den Acta Borussi¬
ca; hauptsachlich finden sich Aufsatze und Editionen zur Ausbreitung der Reformation in
PreuBen zu Zeit Herzog Albrechts von Hohenzollern.
8
Radoslaw Biskup
Deutschordenszeit arbeiteten,9 den Versuch unternommen, die Geschichte der
preuBischen Bistumer und Domkapitel im Uberblick zu behandeln bzw. aus-
gewahlte Probleme in Einzelstudien zu analysieren. Solche Initiativen zur preu¬
Bischen Kirchengeschichte gingen im 19. Jahrhundert nicht zuletzt von den
Historikern der Universitat Konigsberg aus: Das 500jahrige Jubilaum des
Dombaus in Konigsberg wurde mit einer zweibandigen Arbeit des Theologie-
professors August Rudolf Gebser10 (geschichtlicher Teil) und des Kunstge-
schichtsprofessors Ernst August Hagen11 (kunstgeschichtlicher Teil) gefeiert. A.
R. Gebser hat in seiner umfangreichen Arbeit auf Grundlage des ihm bekann-
ten Quellenmaterials, das in seinen Anmerkungen zahlreich zitiert wird, die
Geschichte des Domes und der Kanonikerkorporation dargestellt und die Ver-
haltnisse des Domkapitels chronologisch im Rahmen der Geschichte des
Deutschordenslandes PreuBen geschildert. Bis heute bleibt diese Arbeit die
einzige Monographie zum samlandischen Domkapitel.
Aus der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts stammt auch der Artikel von
Theodor Kallmeyer, der sich den haufigen Habitsveranderungen im Rigaer
Domkapitel widmet.12 An dieser Stelle kann man aber auch die monumentale
„Geschichte PreuBens“ von Johannes Voigt nicht unbeachtet lassen, die schon
heute als Historiographiedenkmal gilt und chronologisch die wesentlichsten
Momente in der Geschichte der preuBischen Domkapitel beschreibt.13
Diese Studien waren die ersten, in denen die Domherrenkorporationen als
separate Institutionen behandelt werden. Der Beginn genauerer Untersuchun-
gen hatte seine Ursache in zwei geschichtswissenschaftlichen Entwicklungen:
9 Uber die Entstehung der XX. Hauptabteilung (HA) des Geheimen Staatsarchivs PreuBischer
Kulturbesitz zu Berlin, des historischen Staatsarchivs Konigsberg, welche die archivalische
Uberlieferung zur Geschichte PreuBens und Livlands in der Zeit des Deutschen Ordens ent-
halt, vgl. Bernhart JAHNIG, Die Bestande des historischen Staatsarchivs Konigsberg als
Quelle zur Bevolkerungs- und Siedlungsgeschichte des PreuBenlandes. In: Aus der Arbeit des
geheimen Staatsarchivs PreuBischer Kulturbesitz. Hrsg. v. Jurgen KLOOSTERHUIS. Berlin
1996, S. 273-297.
10 August Rudolf GEBSER, Geschichte der Domkirche, mit einer Einleitung iiber die Eroberung
der Landschaft Samland durch den Deutschen Orden und die Bildung des Samlandischen
Bisthums. Konigsberg 1833.
11 Ernst August HAGEN, Beschreibung der Domkirche zu Konigsberg und der in ihr enthalte-
nen Kunstwercke, mit einer Einleitung iiber die Kunst des deutschen Ordens in PreuBen,
vornamlich iiber den altesten Kirchenbau im Samlande. Konigsberg 1833.
12 Theodor KALLMEYER, Geschichte der Habits-Veranderungen des Rigischen Domcapitels
nebst Untersuchungen iiber streitige Gegenstande in derselben mit urkundlichen Beilagen.
In: MlTTEILUNGEN AUS DEM GEBIET DER GESCHICHTE LlV-, EST- UND KURLANDS 2 (1841)
S. 199-340.
13 Johannes VOIGT, Geschichte Preussens von den altesten Zeiten bis zum Untergange der
Herrschaft des Deutschen Ordens. 9 Bde. Konigsberg 1827-1839.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 9
Der erste Grund lag in der zunehmenden Editionstatigkeit der deutschen Ge-
schichtswissenschaftler begriindet. Erst mit dem Erscheinen der Urkundenbii-
cher fur die einzelnen Bistiimer (fur Ermland ab 1860, fur Kulm ab 1884, fur
Pomesanien ab 1885, fur Samland ab 1891)14 standen gesicherte Grundlagen
fur Recherchen iiber die kirchlichen Strukturen in PreuBen und Livland zur
Verfiigung. Der zweite Grund war in der Entwicklung der Forschungsmetho-
den begriindet, die verfassungsrechtliche und sozialgeschichtliche (prosopogra-
phische) Untersuchungen zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses riick-
ten. In der ersten Halfte des 20. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Disserta-
tionen, die sich den europaischen Domkapiteln widmeten. In diese Entwick¬
lung sind auch die Monographien von Bruno Pottel15 iiber das ermlandische
Domkapitel, von Johannes Hoelge16 iiber das Kulmer Domkapitel und von
Erwin Hertwich17 iiber das kurlandische Domkapitel einzureihen. Erst 60 Jahre
nach der Arbeit von Erwin Hertwich entstand die Untersuchung von Mario
Glauert.18 Diese vier Monographien, die noch ausfiihrlicher besprochen wer-
den, bilden die Basis fiir die Forschungen iiber die mittelalterlichen Domkapitel
in PreuBen und Livland.
Die Vorstellung der preuBischen und livlandischen Domkapitelhistoriogra-
phie soil mit den Uberblicksdarstellungen begonnen werden, deren Ergebnisse
die Grundlage fiir die Untersuchungen iiber die preuBischen und — im geringe-
ren Grade — auch fiir die livlandischen Domkapitel bilden. Die erste Darstel-
lung ist das auBerordentlich ausfiihrliche, in vielen Aspekten bis heute giiltige
Werk von Paul Reh, das die komplizierten Beziehungen zwischen dem Deut-
14 Die Quelleneditionen fiir die einzelnen Bistiimer besprechen Andrzej RADZIMINSKI, Bis-
kupstwa panstwa krzyzackiego w Prusach XIII-XV wieku. Z dziejow organizacji koscielnej i
duchowienstwa [Die Bistiimer des Ordensstaates PreuBen im 13.-15. Jahrhundert]. Toruri
1999, S. 7-17, und KwiATKOWSKI (wie Anm. 6).
15 Bruno POTTEL, Das Domkapitel von Ermland im Mittelalter. Ein Beitrag zur Verfassungs-
und Verwaltungsgeschichte der deutschen Domkapitel, insbesondere der des deutschen Or¬
densstaates in PreuBen. Leipzig 1911.
16 Johannes HOELGE, Das Culmer Domkapitel zu Culmsee im Mittelalter. In: MlTTEILUNGEN
DER I.ITERARISCHEN GESELI^CHAFr MASOVIA 18 (1913) S. 134-161 und 19 (1914) S. 116-
148.
17 Erwin Hertwich, Das Kurlandische Domkapitel bis 1561. Untersuchungen iiber die per-
sonliche Zusammensetzung des Kapitels hinsichtlich der Herkunft und Laufbahn seiner Bi-
schofe und Domherren. Phil. Diss. Konigsberg [1943] (masch.). Abdruck im vorliegenden
Band.
18 Mario GLAUERT, Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527). (PRUSSIA SACRA, 1). Torun
2003. Vgl. die Zusammenfassung im vorliegenden Band.
schen Orden und den preuBischen Bistiimern im 13. Jahrhundert behandelt.19
Der Autor befasst sich mit den zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen
den Ordensrittern und der Geistlichkeit der in der zweiten Halfte des 13. Jahr-
hunderts entstehenden Bistiimer. In Bezug auf die Domkapitel behandelt er die
Frage der Inkorporation des Kulmer, des pomesanischen und des samlandi-
schen Domkapitels, erganzt um die ahnlichen Entwicklungen in der Diozese
Kurland. Reh schildert zudem eingehend die rechtlichen Konsequenzen, die
sich aus der Tatsache ergaben, dass den Kanonikern dieser Bistiimer die
Deutschordensregel aufgezwungen wurde.
Mit einer anderen Problematik beschaftigt sich Hans Schmauch in seiner
umfangreichen Abhandlung20, welche die Besetzung der preuBischen Diozesen
bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts untersucht. Im ersten Teil schildert er in
chronologischer Reihenfolge die Umstande der einzelnen Bischofswahlen in
den jeweiligen Bistiimern, die er mit vielen biographischen Informationen iiber
die gewahlten Bischofe erganzt. Den zweiten Teil bildet eine Analyse der Fak-
toren, welche die Besetzung der bischoflichen Amter beeinflussten. Die Rolle
der Domkapitel behandelt Schmauch sowohl auf der rein politischen Ebene als
auch auf der Ebene der kirchenrechtlichen Normen (das Recht der Bischofs-
wahl, Formen der Wahl etc.).
Besonders wertvoll ist die Erganzung des Hauptteils um Beobachtungen zu
den vergleichbaren Verhaltnissen in den livlandischen Diozesen des 14. Jahr¬
hunderts. Dabei zeigt sich, dass nicht nur der Deutsche Orden eigene Kandi-
daten fur die Bischofsstiihle aufstellte, sondern dass sich im Falle des Bistums
Reval auch die danischen Konige ahnlicher Druckmittel bedienten. Schmauchs
Nachtrag kann als Erganzung zur alteren Untersuchung von Fritz Schonebohm
betrachtet werden, der die Umstande der Bistumsbesetzungen in den livlandi¬
schen Diozesen bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts und die Rolle der Dom¬
kapitel in diesen Prozessen naher beleuchtete.21
In der neueren Historiographie hat Brigitte Poschmann einen gelungenen
Versuch unternommen, die gesamten Beziehungen zwischen dem Deutschen
19 Paul Reh, Das Verhaltnis des deutschen Ordens zu den preuBischen Bischofen im 13. Jahr¬
hundert. In: Zeitschrift des Westpreussischen Geschichtsvereins 31 (1896) S. 37-151.
20 Hans SCHMAUCH, Die Besetzung der Bistiimer im Deutschordensstaate (bis zum Jahre 1410).
In: Zeitschrift for die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 20 (1917-1919) S.
643-752 und 21 (1920-1923), S. 1-102.
21 Fritz SCHONEBOHM, Die Besetzung der livlandischen Bistiimer bis zum Anfang des 14.
Jahrhunderts. In: MlTTEILUNGEN AUS DER LIVLANDISCHEN GESCHICHTE 20 (1910) S. 295-
365.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 11
Orden und den preuBischen Bistiimern zu beschreiben.22 Das Hauptthema der
Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der Stellung und der Rolle der vier preu¬
Bischen Diozesen im Deutschordensland in den Jahren 1243-1525 sowie ihre
(verfassungs-)rechtliche Lage. Dabei werden sowohl das AusmaB als auch die
Form der Abhangigkeit von der Ordens fuhrung beriicksichtigt. Aus diesem
Grunde grenzt Poschmann in ihren Untersuchungen die drei inkorporierten
Bistumer von der Diozese Ermland ab, die eine groBere Autonomie bewahren
konnte.
In der polnischen Geschichtsschreibung hat Marian Dygo die Genese der
Inkorporationspolitik des Ordens wahrend der Herausbildung von staatlichen
Strukturen auf den gerade eroberten preuBischen Territorien in der Mitte des
13. Jahrhunderts dargestellt.23 Auch Andrzej Radzimiriski befasst sich in seinen
Untersuchungen mit dieser Problematik.24 Seine Arbeit beinhaltet eine Samm-
lung von verschiedenen Aspekten in Bezug auf das Funktionieren der Bistiimer
und Domkapitel und lasst sich als eine Zusammenfassung der bisherigen Un¬
tersuchungen betrachten, auf die in den oben erwahnten Uberblicksdarstellun-
gen eingegangen wird, sowie als deren Erganzung auf der Grundlage der bishe¬
rigen Ergebnisse der deutschen und polnischen Historiographie. Da das Spek-
trum der Arbeit auBerordentlich breit ist, wird im Folgenden noch mehrfach
auf diese Untersuchung zu verweisen sein.
Im Falle Livlands gibt es leider keine so groBe Auswahl an Abhandlungen,
die sich mit kirchlichen Institutionen befassen. Als einzige Gesamtdarstellungen
gelten weiterhin die Arbeiten von Leonid Arbusow, in denen die Domkapitel
indes nur kurz zur Sprache kommen.25 Die in den letzten Jahrzehnten vorge-
brachten Forderungen nach einer Vertiefung der Recherchen liber die Ge-
schichte des Deutschen Ordens in Livland26 haben in dem Sammelwerk „Liv-
22 Brigitte POSCHMANN, Bistiimer und Deutscher Orden in PreuBen 1243-1525. Untersuchung
zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des Ordenslandes. Phil. Diss. Munster 1960. In:
ZEITSCHRIFT FUR DIE GESCHICHTE UND ALTERTUMSKUNDE ERMLANDS 30 (1966) S. 227-356.
Vgl. auch die Rezension v. Marian BlSKUP. In: ZAPISKI HlSTORYCZNE 28 (1962) S. 643-647.
23 Marian Dygo, Studia nad pocz^tkami wladztwa zakonu niemieckiego w Prusach (1226-1259)
[Studien iiber die Anfange der Deutschordensherrschaft in PreuBen (1229-1259)], Warszawa
1992. Vgl. von deutscher Seite auch Marc LOwener, Die Einrichtung von Verwaltungs-
strukturen in PreuBen durch den Deutschen Orden bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts
(Deutsches Historisches Institut Warschau. Queixen und Studien, Bd. 7). Wiesba¬
den 1998.
24 Radziminski (wie Anm. 14).
25 Leonid ARBUSOW, GrundriB der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands. Riga 1908; DERS., Die
Ein fuhrung der Reformation in Liv-, Est- und Kurland. Leipzig 1921.
Vgl. Anm. 5.
26
12
Radoslaw Biskup
land im Mittelalter“27 Widerhall gefunden. Fur unsere Fragestellung sind dieje-
nigen Abschnitte wesentlich, welche die Entstehung der Landesherrschaften
und der kirchlichen Strukturen in Livland und Esdand schildern.28
Neben den Arbeiten, deren Ziel es war, die gesamten kirchlichen Verhalt-
nisse im Ordensland zu schildern, erschienen seit der Mitte des 19. Jahrhun-
derts Darstellungen einzelner Diozesen, in denen der Verwaltung und Verfas-
sung der Domkapitel allerdings zumeist weniger Platz gewidmet wurde. Am
ausfuhrlichsten wird das Bistum Ermland behandelt, dessen Geschichte schon
Mitte des 19. Jahrhunderts in einer zweibandigen Synthese von Karol Emilian
Sieniawski erfasst wurde.29 Seine Darlegung beinhaltet viele Informationen liber
das Domkapitel, u. a. Pralatenverzeichnisse. Zu den neueren, das Domkapitel
als kirchliche Institution darstellenden Monographien liber diese Diozese geho-
ren die Arbeiten von Wojciech K^trzynski30, Viktor Rohrich31, Boguslaw Les-
nodorski32, Gerhard Matern33, Jan Oblgk34 und Alojzy Szorc35. Die Geschichte
der Diozese Pomesanien wird in zwei Darstellungen behandelt. Die erste Dar¬
legung ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Monographie von Hermann
Cramer36, in der allerdings sowohl die Themen als auch die Quellen nur selektiv
27 Inflanty w sredniowieczu (wie Anm. 5).
28 Marian BlSKUP, Uformowanie si? duchownych wladztw terytorialnych w sredniowiecznych
Inflantach i ich granice panstwowe. In: Inflanty (wie Anm. 5), S. 9-16; Andrzej RADZIMINSKI,
Podzialy koscielne Inflant z Estonia [Kirchliche Teilungen in Livland und Estland]. In: In¬
flanty (wie Anm. 5), S. 17-42. Vgl. auch DERS., Wladztwa koscielne w Prusach i Inflantach.
Studium porownawcze [Kirchliche Herrschaft in Preuften und Livland. Eine vergleichende
Studie]. In: Prusy i Inflanty mi?dzy sredniowieczem a nowozytnosci^. Panstwo - spo-
leczenstwo - kultura [Preuften und Livland zwischen Mittelalter und Neuzeit. Staat - Gesell-
schaft - Kultur.]. Hrsg. v. Boguslaw DybaS und Dariusz MAKILLA. Torun 2003, S. 17-28.
29 Karol Emilian SIENIAWSKI, Biskupstwo warmihskie, jego zalozenie i rozwoj na ziemi pruskiej
[Das Bistum Ermland, seine Griindung und Entwicklung in Preuflen]. 2 Bde. Poznan 1878.
30 Wojciech KljTRZYNSKI, Biskupstwo warmihskie [Das Bistum Ermland]. Warszawa 1906.
31 Viktor ROHRICH, Geschichte des Fiirstbisthums Ermland. Braunsberg 1925. Der Verfasser
schildert die Geschichte in der Abfolge der Pontifikate der ermlandischen Bischofe.
32 Boguslaw LESNODORSKI, Dominium warmihskie (1243-1569) [Das ermlandische Dominium
(1243-1569)]. Poznan 1948, legt die verfassungsrechtlichen Aspekte des Kapitels dar.
33 Gerhard Matern, Die kirchlichen Verhaltnisse in Ermland wahrend des spaten Mittelalters.
Paderborn 1953, bietet die Ergebnisse sozialer Untersuchung zu den verschiedenen Klerus-
gruppen der Diozese.
34 Jan Oblak, Historia diecezji warmihskiej [Geschichte der Diozese Ermland]. Olsztyn 1959.
35 Alojzy SZORC, Historia diecezji warmihskiej 1243-1973 [Geschichte der Diozese Ermland
1243-1973]. In: Rocznik Diecezji Warmihskiej. Jg. 1974, S. 24-30; Ders., Dzieje diecezji
warmihskiej (1243-1991) [Geschichte der Diozese Ermland (1243-1991)]. Olsztyn 1991.
36 Hermann CRAMER, Geschichte des vormaligen Bisthums Pomesanien. In: ZEITSCHRIFT DES
Historischen Vereins for den Regierungsbezirk Marienwerder 11-13 (1884). Paral¬
lel zu dieser Darstellung entstand das von Cramer bearbeitete, aber erst nach seinem Tod er-
schienene Urkundenbuch zur Geschichte des vormaligen Bisthums Pomesanien. In:
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 13
erfasst werden. Eine neuere Sichtweise, die allerdings ebenfalls fragmentarisch
bis popularisierend erscheint, geben die Darstellungen von Jan Wisniewski.37
Die Verfassung des Bistums Kulm zur Zeit des Deutschen Ordens wurde
sehr ausfiihrlich in der Arbeit von Gottfried Froelich besprochen.38 Von Be-
deutung ist hier nicht zuletzt die Darstellung der Verhaltnisse zwischen dem
Domklerus und dem Deutschen Orden in Bezug auf die Besetzung des Bi-
schofsstuhles. Einige Darstellungen zur Geschichte der Diozese Kulm, die in
der Zwischenkriegszeit und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind,
tragen nur wenig zur Geschichte, Verfassung und zum Personenbestand des
Kulmer Domkapitels bei, da sie der Neuzeit viel Platz einraumen und viele
wesentliche Aspekte der mittelalterlichen Bistumsverfassung nicht beriicksichti-
gen (Tadeusz Glemma, Pawel Czaplewski, Romuald Frydrychowicz, Alfons
Mankowski, Paul Panske;39 Antoni Liedtke40). Die Darstellung von Marian
Biskup kommt auch nicht liber friihere Feststellungen hinaus und behandelt
das Domkapitel lediglich am Rande.41 Erwahnenswert ist an dieser Stelle ein
Band, der das Ergebnis einer Tagung liber die Geschichte der Kulmer Diozese
im 750. Jahr ihres Bestehens ist.42 Fur die Erforschung der Bistumsgeschichte
im Mittelalter ist daraus vor allem die Skizze von Stefan Kwiatkowski von Be-
Zeitschrifi- des Historischen Vereins for den Regierungsbezirk Marienwerder
15-18 (1885-87) [mit fortlaufender Seiten- und Nummernzahlung], das allerdings zahlreiche
Fehler enthalt und schon den zeitgenossischen editorischen Anforderungen nicht zu geniigen
vermochte.
37 Jan WISNIEWSKI, Dzieje diecezji pomezanskiej (do 1360 r.) [Geschichte der Diozese Pome-
sanien (bis 1360)]. Elbl^g 1993; DERS., Zarys dziejow diecezji pomezanskiej (1243-1525-1821)
[Grundriss der Geschichte der Diozese Pomesanien (1243-1525-1821). In: STUDIA
Pelplinskje 21-22 (1990-1991) S. 113-216; DERS., Pomezania. Z dziejow koscielnych
[Pomesanien. Aus der Kirchengeschichte]. Elbl^g 1996.
38 Gottfried FROELICH, Das Bistum Kulm und der Deutsche Orden. Ein Beitrag zur Verfas-
sungsgeschichte des Deutsch-Ordensstaates. In: ZEITSCHRIFF DES WESTPREUSSISCHEN
gesChichtsvereins 27 (1889) S. 1-99.
39 Diecezja Chelmiriska, zarys historyczno-statystyczny [Die Diozese Kulm. Ein geschichtlich-
statisdscher Grundriss]. Bearb. v. Pawel CZAPLEWSKI, Romuald FRYDRYCHOWICZ, Tadeusz
Glemma, Alfons Mankowski, Paul Pankse. Pelplin 1928; Tadeusz Glemma, Dzieje die¬
cezji chelminskiej [Geschichte der Diozese Kulm]. In: POLSKIE POMORZE. Bd. 2. Torun
1931, S. 183-210.
40 Antoni Liedtke, Zarys dziejow diecezji chelminskiej [Grundriss der Diozese Kulm]. In:
Nasza Przeszlosc 34 (1971) S. 59-116.
41 Marian BiSKUP, Dzieje diecezji chelminskiej (1243-1992) [Geschichte der Diozese Kulm
(1243-1992)]. In: Diecezja torunska. Historia i terazniejszosc [Die Diozese Thorn. Geschichte
und Gegenwart]. Bd. 1. Torun 1994, S. 31-49.
42 Z dziejow diecezji chelminskiej 1243-1993. Materialy konferencji naukowej w Toruniu 6 XI
1993 r. [Aus der Geschichte der Diozese Kulm 1243-1993. Materialien einer Tagung in
Thorn am 6.11.1993]. Hrsg. v. Marian BlSKUP. Torun 1994.
14
Radoslaw Biskup
deutung, welche die Verhaltnisse zwischen den einzelnen kirchlichen Institutio-
nen und dem Orden behandelt.43
Im Vergleich zu diesen drei Bistumern ist die Geschichtsschreibung der Di¬
ozese Samland besonders arm an wissenschaftlichen Untersuchungen, was auf
das fehlende Interesse der Forscher zuruckzufuhren ist. Die einzige, die Verfas-
sung des samlandischen Bistums schildernde Monographie ist die Dissertation
von Heinz Schlegelberger.44 45 Der Wert dieser Arbeit beruht vor allem darauf,
dass sie in einer Zeit erschienen ist, als es an griindlichen Analysen zur Bi-
stumsgeschichte fehlte. Einer der Abschnitte legt die Stiftung, Verfassung und
rechtliche Lage des Kollegiums der samlandischen Kanoniker dar. Es wird die
Herausbildung der einzelnen Pralaturen im Laufe des 14. Jahrhunderts be-
schrieben, was den Verfasser zu der Feststellung bringt, dass das Amt des
Kantors in diesem Domkapitel nicht exisdert hat. Schlegelberger erlautert die
Rechte, insbesondere das Recht und die Formen der Bischofswahl, und Pflich-
ten des Domkapitels. Wenn man die Tatsache beriicksichtigt, dass das „Urkun-
denbuch des Bisthums Samland<<45 nur die in den Jahren 1243-1387 ausgestell-
ten Urkunden beinhaltet, erscheinen die bis zum Jahre 1525 reichenden Ver-
zeichnisse der Bischofe und Pralaten als besonders wertvoll. Ihr Mangel besteht
allerdings darin, dass lediglich die Jahre der Amtsfuhrung angegeben werden,
was sich angesichts der jahrlichen Neuwahl der Amtsinhaber, die sich aus der
Deutschordensregel ergab, fur die Untersuchung der Kanonikertatigkeit im
Rahmen der Korporadon als nicht ausreichend erweist. Obwohl die Arbeit von
Heinz Schlegelberger vieler Erganzungen bedarf, ist sie von zentraler Bedeu-
tung und bleibt zumindest fur das 15. Jahrhundert die einzige Monographie zur
Diozese Samland und dem dortigen Domkapitel.
Zu den der Verfassung einer gesamten Diozese gewidmeten Darstellungen
gehort auch die Arbeit von Axel von Gernet, welche die kirchlichen Strukturen
des Bistums Dorpat zum Gegenstand hat.46 Hier wird auf die Fragen der Stif¬
tung des Domkapitels Dorpat, seine Regeln, Pflichten, Rechte und die Zahl der
Pralaten und Kanoniker eingegangen. Gernet nennt die bestehenden Pralaturen
(Propst, Dekan, Scholaster, Kustos und Kantor) und gibt ein bis zum Ende des
43 Stefan Kwiatkowski, Stosunek zakonu krzyzackiego do diecezji chelminskiej [Das
Verhaltnis des Deutschen Ordens zur Diozese Kulm]. In: Z dziejow (wie Anm. 42), S. 7-20.
44 Heinz SCHLEGELBERGER, Studien iiber die Verwaltungsorganisation des Bisthums Samland
im Mittelalter. Phil. Diss. masch. Konigsberg 1922. Abdruck im vorliegenden Band.
45 Urkundenbuch des Bisthums Samland. Hrsg. v. Carl Peter WOELKY und Heinz MCNDTHAL.
Leipzig 1891.
46 Axel von Gernet, Verfassungsgeschichte des Bisthums Dorpat bis zur Ausbildung der
Landstande. Reval 1896, S. 43-69.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter
15
15. Jahrhunderts reichendes Verzeichnis der Amtsinhaber. Von hohem Wert
sind besonders die Untersuchungen liber die standische Herkunft der Dorpater
Kanoniker. Uberdies wird Fragen zum Besitz, zu den einzelnen Prabenden
sowie zur Aufnahme von neuen Mitgliedern in die Korporation viel Aufmerk-
samkeit geschenkt. Gernet erortert auch die Prinzipien der Bischofswahl im
Domkapitel mit Blick auf die kirchenrechtlichen Normen und die Rolle papstli-
cher Provisionen. Die Monographie von Gernet umfasst damit erstmalig ein
breites Spektrum sowohl verfassungsrechtlicher als auch sozialer Fragestellun-
gen im Kontext der Tatigkeit eines Kanonikerkollegiums.
Bei der Besprechung der Gesamtdarstellungen darf die Geschichte des Bi¬
stums Osel von Nicolaus Busch nicht vergessen werden.47 Seine Untersuchun¬
gen reichen bis zum Jahre 1337, d. h. bis zum Tode des Bischofs Jakob I.
(1322-1337). Das Domkapitel von Osel-Wiek steht allerdings im Hintergrund
der Tatigkeit der dortigen Bischofe, deren Pontifikate die einzelnen Arbeitska-
pitel bilden. Die Untersuchung von Philipp Schwartz zum Bistum Kurland ist
auf das 13. Jahrhundert beschrankt, bezieht aber auch die Stiftung des Domka-
pitels ein.48
Im 19. Jahrhundert entstand noch keine Monographie, die sich ausschlieB-
lich mit einer der neun hier besprochenen Kanonikerkorporationen befasste.
Eine Ausnahme bildet lediglich ein kurzer Aufsatz von Constantin Mettig liber
die Verfassung des Rigaer Domkapitels.49 Eine der sich damals abzeichnenden
Tendenzen, die man als Ansatzpunkt fur weitere sozialgeschichtliche Untersu¬
chungen iiber die preuBischen und livlandischen Domherrenkollegien betrach-
ten kann, war die Aufstellung von Katalogen der den Domkapiteln angehoren-
den Personen. Die Richtung hatte bereits Johannes Voigt mit seinem „Namens-
Codex der Deutschen Ordens-Beamten“ vorgezeichnet.50
47 Nicolaus BUSCH, Geschichte des Bistums Osel bis zur Mitte des vierzehnten Jahrhunderts.
In: Nachgelassene Schriften von Nicolaus Busch. Hrsg. v. Leonid ARBUSOW. Bd.l. Riga
1934.
48 Philipp SCHWARTZ, Kurland im 13. Jahrhundert. Leipzig 1875.
49 Constantin Methg, Zur Verfassungsgeschichte des Rigaschen Domcapitels. In: MlT-
TKII.UNGEN AUS DEM GEBIETE DER GESCHICHTE LlV-, EST- UND KURLANDS 12 (1880) S.
509-537. Mettig hat seine Ergebnisse dreiBig Jahre spater noch einmal aufgegriffen: Ders.,
Bemerkungen zur Geschichte des Rigaschen Domkapitels. In: SlTZUNGSBERICHTE DER
Gesellschaft fur Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen
Russlands. Jg. 1911. Riga 1913, S. 386-402.
50 Johannes VOIGT, Namens-Codex der Deutschen Ordens-Beamten, Hochmeister, Landmei-
ster, Groftgebietiger, Komthure, Vogte, Pfleger, Hochmeister-Kompane, Kreuzfahrer und
Soldner-Hauptleute in Preuften. Konigsberg 1833.
16
Radoslaw Biskup
Pralatenverzeichnisse des ermlandischen Domkapitels fertigte 1866 Anton
Eichhorn an.51 Die Listen sind in Form von Biogrammen angelegt, welche die
Herkunft und Laufbahn der die einzelnen Pralaturen innehabenden Personen
enthalten. Fur Livland stellte Phillip Schwartz die Rigaer Erzbischofe und die
livlandischen Bischofe zusammen.52 Hilfreich sind diese Verzeichnisse vor al-
lem fur die Erforschung der friiheren Tatigkeiten der Erzbischofe und Bischofe
wahrend ihrer Zeit im Domkapitel. Uberdies fiigte Schwartz den Biogrammen
Urkunden bei, die von den einzelnen in den Zusammenstellungen beriicksich-
tigten Bischofen und Erzbischofen ausgestellt wurden, was nicht nur Einblicke
in deren Wirken gewahrt, sondern in vielen Fallen auch Licht auf die Ablaufe
innerhalb des Domkapitels wirft. Die Arbeit von Schwartz wurde verifiziert
und in bedeutendem Grad erganzt von Leonid Arbusow53, dessen monumen-
tale Arbeit aus zwei Teilen besteht. Den ersten Teil bildet ein alphabetisches
Verzeichnis der vom 12. bis zum 16. Jahrhundert in Livland tatigen Geistlichen,
deren Herkunft und Laufbahn in knappen Biogrammen dargelegt wird. Der
zweite Teil bietet Zusammenstellungen der Geistlichen fur die einzelnen kirch-
lichen Institutionen, zu denen natiirlich auch die Domkapitel gehoren.
Die Tendenz zur Aufstellung von Pralaten- und Kanonikerlisten setzte sich
auch in der ersten Halfte des 20. Jahrhundert fort, wie die durch Alfons Man-
kowski fur das Kulmer Domkapitel angefertigten biographischen Zusammen¬
stellungen zeigen, deren Wert heute aber sehr bezweifelt wird.54 Untersuchun-
gen zum Personenbestand der preuBischen und livlandischen Domkapitel, de¬
ren Ergebnisse biographische Verzeichnisse bilden, wurden aber auch wahrend
der letzten funfzig Jahre durchgefuhrt. Informationen iiber die Domherrenkar-
rieren einzelner Geistlicher in den preuBischen Domkapiteln liefern die Le-
benslaufe der „AltpreuBischen Biographie“.55 Als brauchbar erweist sich auch
51 Anton ElCHHORN, Die Pralaten des ermlandischen Domkapitels. In: ZEITSCHRIFI' FUR DIE
Geschichte und Altertumskunde Ermlands 3 (1866) S. 305-397 und 529-643.
52 Phillip SCHWARTZ, Chronologie der Ordensmeister iiber Livland, der Erzbischofe von Riga
und der Bischofe von Leal, Oesel-Wiek, Reval und Dorpat. In: EST- UND LlVLANDISCHE
Brieflade. Bd. 3. Riga 1879.
53 Leonid ARBUSOW, Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12. bis ins 16. Jahrhundert. In:
JAHRBUCH FOR Genealogie, Heraldik und Sphragistik Jg. 1900, S. 33-80; Jg. 1902, S.
39-134; Jg. 1911-1913, S. 1-432.
54 Alfons MANKOWSKI, Pralaci i kanonicy katedralni chelmiriscy od zalozenia kapituly do
naszych Czasow [Die Pralaten und Kanoniker des Kulmer Domkapitels von seiner Griindung
bis zur Gegenwart]. In: ROCZNIKI TOWARZYSTWA NAUKOWEGO W TORUNIU 33-34 (1926-
1927) S. 1-109 und 287-416.
55 Altpreuftische Biographie. 5 Bde. Hrsg. v. Christian KROLLMANN, Kurt FORSTREUTER, Fritz
Gause u. a. Konigsberg, spater Marburg/Lahn 1941-2000.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 17
das in den letzten Jahren herausgegebene biographische Lexikon des ermlandi-
schen Domkapitels56 sowie die ins „Biographische Lexikon Pommerellens“
aufgenommenen Biogramme der Geistlichen, die als Mitglieder des Domklerus
nachweisbar sind.57 Viele wertvolle Informationen iiber die preuBischen Bi¬
schofe, die aus dem Domkapitel hervorgegangen sind, enthalten die biographi-
schen Lexika der Bischofe des Deutschen Reiches, die von Erwin Gatz heraus-
gegeben wurden.58
Die Verzeichnisse der Pralaten und Kanoniker ermoglichen heute Recher-
chen iiber die geographische und standische Herkunft sowie die Ausbildung der
Domkapitelmitglieder. Bereits Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter-
suchte Hermann von Bruiningk auf der Grundlage von Arbusows Kurzbiogra-
phien die Mitglieder livlandischen Domkapitel.59 Zu den gelungenen Versuchen
einer Auswertung gehort der Artikel von Teresa Borawska, der sich den Biir-
gern aus Danzig im ermlandischen Domkapitel des Mittelalters widmet.60 Die
Darstellung zeigt nicht nur den statistischen Anteil von Danziger Biirgern im
Frauenburger Domkapitel, sondern auch den Nepotismus der Familien- und
Geschlechterkreise beim Antritt von Kapitelstellen. Ahnliche Forschungen
fiihrte Krzysztof Mikulski bei den Vertretern des Thorner Patriziats in den
Domkapiteln von Ermland und Kulm durch, bei denen er Faktoren wie eine
Protektion durch Verwandte, die Universitatsausbildung usw. beriicksichtigte.61
Allgemeine Bemerkungen iiber die Tatigkeit der Vertreter des preuBischen
Biirgertums in den Strukturen des Ordenslandes, und somit folglich auch in
56 Slownik biograficzny Kapituly Warmiriskiej [Biographisches Lexikon des ermlandischen
Domkapitels]. Bearb. v. Teresa BORAWSKA, Marian BORZYSZKOWSKI, Andrzej KOPICZKO
und Julian WojTKOWSKI. Olsztyn 1996.
57 Slownik biograficzny Pomorza Nadwislariskiego [Biographisches Lexikon Pommerellens]. 4
Bde. Anhange I und II. Hrsg. v. Stanislaw GlERSZEWSKI und Zbigniew Nowak. Gdansk
1992-2002.
58 Die Bischofe des Heiligen Romischen Reiches 1448-1648. Ein biographisches Lexikon. Hrsg.
v. Erwin GATZ. Berlin 1996; Die Bischofe des Heiligen Romischen Reiches 1198 bis 1448.
Ein biographisches Lexikon. Hrsg. v. Erwin Gatz. Berlin 2001.
59 Hermann von BRUININGK, Die Geburtsstandverhaltnisse in den livlandischen Domkapiteln
und Klostern. In: SlTZUNGSBERICHTE DER GESELLSCHAFT FOR GESCHICHTE UND AL-
TERTUMSKUNDE DER OSTSEEPROVINZEN RUSSLANDS. Jg. 1908. Riga 1909, S. 72-90.
60 Teresa BORAWSKA, Gdariszczanie w kapitule warmihskiej w XIII-XV1 wieku [Danziger
Burger im Domkapitel von Ermland im 13.-16. Jahrhundert]. In: Duchowieristwo kapitulne
w Polsce sredniowiecznej i wczesnonowozytnej [Der Domklerus in Polen im Mittelalter und
in der friihen Neuzeit]. Hrsg. v. Andrzej RADZIMINSKI. Torun 2000, S. 117-133.
61 Krzysztof MlKULSKI, Mieszczanie torunscy w kapitule warmihskiej i chelminskiej [Thorner
Burger in den Domkapiteln von Ermland und Kulm]. In: Duchowienstwo (wie Anm. 60), S.
101-116.
18
Radoslaw Biskup
den Domkapiteln, gab Janusz Tandecki in einem Aufsatz.62 Einen Platz fur sich
nehmen die Biographien von Bischofen der einzelnen Diozesen und Biographi-
en von Domgeistlichen ein, in denen sich haufig auch Bemerkungen fiber die
Domkollegien finden (u.a. von Karl Herquet63, Max Perlbach64, Wolfgang Du-
dzus65, Franz Fleischer66, Alfons Mankowski67, Christian Krollmann68, Bernhart
Jahnig69, Hartmut Boockmann70, Elfriede Kelm71 usw.).
Untersuchungen iiber die preuBischen und livlandischen Domkapitel, in de¬
nen die Domkapitel vor allem als Landesherren und Trager der kirchlichen
Gewalt auf dem Gebiet der Diozese betrachtet werden, lassen sich seit der
Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert finden. Die Veroffentlichungen sind ge-
pragt von Vorstellungen jener Zeit, als man die Domkapitel als Institutionen
mit offentlich-rechtlichen Charakter, als Korporationen mit einer regionalen
Eigenart, mit einem besonderen Status gegeniiber anderen Reprasentanten der
Landesherrschaft und mit einer eigenartigen Binnenstruktur wahrnahm. Fiir
PreuBen und Livland hat diese Forschungsrichtung zu der Entstehung der we-
nigen Domkapitelmonographien gefuhrt, welche die Tendenzen der europai-
schen Historiographie insgesamt widerspiegeln.
62 Janusz TANDECKI, Obywatele miast pruskich w zakonie krzyzackim [Burger aus preuBischen
Stadten im Deutschen Orden]. In: Zakon krzyzacki a spoleczenstwo panstwa w Prusach [Der
Deutsche Orden und die Gesellschaft seines preuBischen Staates]. Hrsg. v. Zenon Hubert
Nowak. Torun 1995, S. 35-50.
63 Karl HERQUET, Kristan von Miihlhausen, Bischof von Samland (1276-1295). Halle 1874.
64 Max PERLBACH, Christian von Miihlhausen, der zweite Bischof von Samland (1276-1295). In:
Nkue Mitteilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschungen 13
(1874) S. 372-392.
65 Wolfgang M. P. W. DUDZUS, Paulus von Watt, Kanzler des Hochmeisters Friedrich von
Sachsen und 18. Bischof von Samland. StraBburg 1939.
66 Franz FLEISCHER, Heinrich IV. Heilsberg von Vogelsang, Bischof von Ermland (1401-1415).
In: Zeitschrifi' fOr die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 12 (1899) S. 1-
134; DERS., Heinrich III. Sorbom, Bischof von Ermland (1373-1401). In: PASTORALBLATT
fur die DiOzese Ermland 25 (1893) S. 80-86 und 91-97.
67 Alfons MANKOWSKI, Jan Clare z Torunia, biskup sambijski (1319-1344) [Johann Clare aus
Thorn, Bischof von Samland (1319-1344)]. In: ZAPISKI TOWARZYSTWA NAUKOWEGO w
Toruniu 9 (1933) S. 81-89.
68 Christian KROLLMANN, Heinrich von Schaumberg, Bischof von Samland (1414-1416). In:
Altpreussische Monatsschrift 40 (1903) S. 121-146.
69 Bernhart JAHNIG, Zur Personlichkeit des Dorpater Bischofs Dietrich Damerau. In:
BeitrAge zur Geschichte Westpreussens 6 (1980) S. 5-22; ders., Andreas Pfaffendorf
ОТ. Pfairrer der Altstadt Thorn (1425-1433). In: BEITRAGE ZUR GESCHICHTE WEST-
PRRUSSKNS 7 (1981) S. 161-187.
70 Hartmut BOOCKMANN, Laurentius Blumenau. Furstlicher Rat - Jurist - Humanist (ca. 1415-
1484). Gottingen, Berlin, Frankfurt 1965.
71 Elfriede Kelm, Johannes IV. Bischof von Pomesanien 1480-1501. Eine Darstellung aus dem
Grenzlandkampf vor viereinhalb Jahrhunderten. Konigsberg (Pr.) 1939.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter
19
Die Arbeiten beschaftigen sich also vornehmlich mit solchen Fragestellun-
gen, die fur das Verstandnis der Verfassungs- und Verwaltungsstrukturen von
Domkapiteln wesentlich waren: die Anzahl, die Rechte und Pflichten der
Domherren, die Pralaturen, die Kapitelstellen und andere in dem Kapitel beste-
hende Amter, die rechtliche Stellung gegeniiber anderen Landesherrn (z. B.
gegeniiber dem Bischof, dem Orden oder Erzbischof von Riga) sowie Fragen,
welche die Landesherrschaft des Domkapitels betreffen - in Bezug auf Besitz,
Verwaltung der Giiter, Einkiinfte usw. Auf diese Verfassungs fragen gehen so-
wohl Bruno Pottel72 in seiner Dissertation iiber das Domkapitel von Ermland
im Mittelalter als auch Johannes Hoelge73 in seiner Arbeit iiber das Kulmer
Domkapitel ein. Pottel verifiziert in gewissem Grade die von Anton Eichhorn
angefertigten Pralatenverzeichnisse. Er beschrankt sich jedoch auf die Angabe
der Jahresdaten und der Amtsinhaber, ohne den Versuch einer sozialen Ein-
ordnung zu wagen. Das Problem der Verfassung des Kulmer Domkapitels nach
1466 wirft Alfons Mankowski in seiner Arbeit auf.74 Seine Feststellungen wur-
den nur in geringem MaB durch die spatere Historiographie erganzt, die den
verfassungsrechtlichen Fragen am Ende des Mittelalters und in der Neuzeit
oder ausgewahlten Aspekten dieser Problematik mehr Aufmerksamkeit
schenkt.
Die Monographien, die seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entstan-
den, betrachteten die Domkapitel nicht nur als kirchliche Institutionen, sondern
auch als Wirkungsfeld einer bestimmten sozialen Gruppe. Diese neue Sichtwei-
se verdankt die Wissenschaft der Arbeit von Leo Santifaller iiber das Domka¬
pitel von Brixen, welche die altere Tendenz der verfassungsrechtlichen For-
schung mit neuen prosopographischen Methoden verband.75 Unter den Dar-
stellungen iiber die preuBischen und livlandischen Domkapitel befinden sich
lediglich zwei derartige Studien. Die erste ist die Dissertation von Erwin Hert-
wich iiber das kurlandische Domkapitel, die den Zeitraum von der Stiftung bis
zum Jahr 1561, d. h. bis zur Sakularisierung Livlands, umfasst.76 Sie besteht aus
zwei Teilen, einem verfassungsrechtlichen und einem sozialgeschichtlichen. Fiir
die Forschung an der oben behandelten Geschichtsschreibung sind die Ab-
72 PO'rrEL (wie Anm. 15).
Hoei.ge (wie Anm. 16).
74 Alfons MANKOWSKI, Kapitula katedralna cheimiriska od roku 1466 do 1821 [Das Kulmer
Domkapitel von 1466 bis 1821]. In: Zapiskj TOWARZYSTWA NAUKOWEGO W TORUNIU 5
(1920), S. 74-99, 105-120 und 124-129.
75 Leo SANTIFALLER, Das Brixener Domkapitel in seiner personlichen Zusammensetzung im
Mittelalter. 2 Bde. Innsbruck 1924-1925.
Her iwich (wie Anm. 17).
76
20
Radoslaw Biskup
schnitte von grundsatzlicher Bedeutung, die auf Fragen nach der geographi-
schen und sozialen Herkunft der Domherren, ihrer Ausbildung, ihrer wissen-
schaftlichen und literarischen Tatigkeit sowie ihrer Tatigkeit vor dem Antritt
der Kapitelstelle eingehen. Ein Abschnitt der Arbeit befasst sich mit den Vor-
aussetzungen (eheliche Geburt, Alter, entsprechende Weihen usw.), die ein
Bewerber dem kanonischen Recht gemaB erfullen musste. Auch Ausnahmen
von der vorgeschriebenen Norm werden dargestellt. Der die Verfassung betref-
fende Teil behandelt vor allem die Anzahl der Domherrenstellen und die dort
existierenden Pralaturen, obwohl auch Tabellen mit Informationen iiber die
Amtsinhaber (hauptsachlich Propst und Dekan) sowie Tabellen, die Auskunft
iiber das Auftreten der Kanoniker in den Quellen bis 1561 geben, viel Platz
einnehmen. Leider verzichtet Hertwich auf die Beschreibung der materiellen
und wirtschaftlichen Grundlagen fur die Tatigkeit des kurlandischen Domka-
pitels. Fur die Forschung zum Domkapitelklerus in Livland ist dies die erste
und zugleich einzige Arbeit aus der ersten Halfte des 20. Jahrhunderts, die sich
auf die Methoden der durch die deutsche Historiographie erarbeiteten proso-
pographischen Untersuchungsmethoden stiitzt.
In letzter Zeit wurde nur ein Domkapitel ausfuhrlich dargestellt. Die sehr
umfangreiche Darlegung des pomesanischen Domkapitels von Mario Glauert77
befasst sich eingehend mit dem Problem der Domkapitelverfassung, die durch
die Deutschordensregel gepragt wurde. Aus dieser Perspektive werden u. a. die
Besetzung der Pralaturen und die sich aus der Bindung des Domkapitels an die
Deutschordensregel ergebenden Konsequenzen geschildert. Bemerkenswert ist
die gegen bisherige Feststellungen vertretende Meinung zur tatsachlichen Be¬
deutung der „Inkorp oration" fur das Funktionieren der Deutschordensdomka-
pitel. Glauert weist darauf hin, dass in den Stiftungsurkunden kein Einfluss des
Ordens auf die Verwaltung der weltlichen, materiellen Giiter des Kapitels er-
wahnt wird. Der Einfluss des Ordens auf die Besetzung der Pralaturen und
anderen Domkapitelamter lasse sich auch nicht eindeutig feststellen. Ein zen-
traler Teil der Abhandlung ist die prosopographische Untersuchung78, die Fra¬
gen der geographischen und standischen Herkunft sowie der Ausbildung und
77 Glaukrt (wie Anm. 18).
78 Methodische Probleme solcher Untersuchungen hat Glauert in einem gesonderten Artikel
besprochen: Mario GLAUERT, Vorbemerkungen zu einer Prosopographie der Priesterbriider
des Deutschen Ordens in PreuBen. In: Kirchengeschichtliche Probleme des PreuBenlandes
aus Mittelalter und friiher Neuzeit (TAGUNGSBERICHTE DER HlSTORISCHEN KOMMISSION
FUR OST- UND WESTPREUSSISCHE LANDESFORSCHUNG. Bd. 16). Hrsg. V. Bemhart JAHNIG.
Marburg 2001, S. 103-130.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 21
damit die Rekonstruktion der Karrieren von Domkapitelmitgliedern - in den
Fallen, wo dies moglich ist - umfasst. In einem weiteren Schritt analysiert der
Autor das Domkapitel im Hinblick auf seinen Besitz und seine Giiterverwal-
tung. Den letzten Teil bilden vier Kanonikerverzeichnisse, von denen das
wichtigste die Biogramme der 150 in den Quellen nachweisbaren pomesani-
schen Domherren enthalt. Die Arbeit bestatigt die Besonderheit der
Deutschordensdomkapitel und bildet einen Teil der preuBischen Deutschor-
densforschung, obwohl sie mit Methoden gefiihrt wird, die durch die europai-
sche Domkapitelshistoriographie erarbeitet wurden.79
Zu den kleineren, die Verfassung betreffenden Darstellungen gehort ein
Artikel von Henryk Zins, der sich dem ermlandischen Domkapitel um die
Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert widmet.80 Zins erganzt nicht die Ergeb-
nisse von Bruno Pottel im Hinblick auf die Struktur des Kapitels, seine Arbeit
untersucht vielmehr mit einem sozialgeschichtlichen Ansatz das Milieu des
ermlandischen Domkapitels in den ersten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhun-
derts. Der Verfasser verweist auf die Dominanz der Vertreter des Danziger und
Thorner Patriziates, auf das Phanomen des Nepotismus (am Beispiel der Fami-
lie Ferber), auf die Herkunft und das intellektuelle Niveau der Domherren. Die
Arbeit beschlieBen Biogramme von 32 Kanonikern, die dem Domkapitel in den
Jahren 1512-1537 angehorten.
Die Feststellungen von Henryk Zins erganzt Teresa Borawska in dem oben
erwahnten Artikel.81 Die Struktur des samlandischen Domkapitels hat Ra-
doslaw Biskup dargestellt.82 Die Arbeit stiitzt sich leider ausschlieBlich auf ge-
drucktes Quellenmaterial, was ihren Rahmen auf die Zeit bis zum Ende des 14.
Jahrhunderts beschrankt.
Es hat sich gezeigt, dass bislang nur vier der hier beriicksichtigten neun
Domkapitel im Hinblick auf ihre Verfassung griindlicher untersucht wurden.
Andere Domkapitel wurden lediglich in Beitragen behandelt, die nur ausge-
wahlte Aspekte dieses umfangreichen Gebiets analysieren. Einige Bereiche
scheinen dabei besonders ,privilegiert’ zu sein. Dies betrifft hauptsachlich die
79 Gerhard FOUQUET, Das Speyerer Domkapitel im spaten Mittelalter (ca. 1350-1540). Adlige
Freundschaft, Furstliche Patronage und Papstliche Klientel. 2 Bde. Mainz 1987.
80 Henryk ZINS, Kapitula fromborska w czasach Mikotaja Kopernika [Das Frauenburger Dom¬
kapitel zu Zeiten von Nicolaus Copernicus]. In: KOMUNIKAIT MAZURSKO-WARMINSKIK 63
(1959) S. 399-434.
81 Vgl. Anm. 60.
82 Radoslaw BISKUP, Pocz^tki, organizacja i uposazenie sambijskiej kapituly katedralnej w
sredniowieczu (XIII-XIV w.) [Anfange, Verfassung und Besitz des samlandischen Domka¬
pitels im Mittelalter (13.-14. Jh.)]. In: S'l'UDlA Elblaskie 2 (2000) S. 21-59.
22
Radosiaw Biskup
rechtliche Stellung der Domkapitel im Deutschordensland. Neben den schon
erwahnten Arbeiten von Paul Reh und Brigitte Poschmann nimmt der umfang-
reiche Artikel von Paul Girgensohn einen wichtigen Platz ein, der sich der In-
korporationspolitik des Deutschen Ordens gegeniiber den livlandischen Dom-
kapiteln in der zweiten Halfte des 14. Jahrhunderts widmet.83 Von Bedeutung
ist hier u. a. die Frage der vom Orden angewandten Methoden, um die Auto-
nomie der nicht inkorporierten livlandischen Kapitel einzuschranken.
In der polnischen Historiographie hat sich Karol Gorski zum ersten Mai
wissenschaftlich mit der Inkorporationsfrage am Beispiel des Kulmer Domka-
pitels beschaftigt.84 Gorski bezeichnet hier die Deutschordensdomkapitel als
„die einzigen Konvente des Ordensklerus in PreuBen“. Zu den neueren Arbei¬
ten, die ausschlieBlich das Problem der Inkorporation behandeln, gehoren die
Aufsatze von Andrzej Radziminski, die hinsichtlich der Mechanismen der Or-
denspolitik gegeniiber den livlandischen Domkapiteln auf den Feststellungen
von Girgensohn beruhen.85 Radziminski schildert die ,,Praktizierung“ des Be-
griffs „Inkorporation4* im Rechtswesen der Zeit und beschreibt die Art und
Weise, wie die Domkapitel von Kulm, Pomesanien und Samland von der Or¬
dens fuhrung iibernommen wurden. An anderer Stelle wird eine eingehende
Analyse der drei erhaltenen Stiftungsurkunden des Kulmer Domkapitels durch-
gefuhrt, um sie der Urkunde aus dem Jahre 1264 iiber die Inkorporation des
83 Paul GIRGENSOHN, Die Inkorporationspolitik des Deutschen Ordens in Livland 1387-1397.
In: MllTEILUNGEN AUS DEM GEBIETE DER GESCHICHTE LlV-, EST- UND KURLANDS 20
(1910) S. 1-86.
84 Karol GORSKI, Kapitula chelminska w czasach krzyzackich [Das Kulmer Domkapitel in der
Deutschordenszeit]. In: Studia i szkice z dziejow panstwa krzyzackiego [Studien und Skizzen
aus der Geschichte des Deutschordensstaates]. Olsztyn 1986, S. 115-123. Zuerst erschienen
in deutsch: Das Kulmer Domkapitel in den Zeiten des Deutschen Ordens. Zur Bedeutung
der Priester im Deutschen Orden. In: Die geistlichen Ritterorden Europas. Hrsg. von Josef
Fleckenstein und Manfred Hellmann (VortrAge und Forschungen, Bd. 26).
Sigmaringen 1980, S. 329-337.
85 Andrzej R\DZIMINSKI, Z dziejow ksztahowania i organizacji kapitul krzyzackich. Inkor-
poracje pruskich kapitul katedralnych do zakonu krzyzackiego [Zur Geschichte der Ausbil-
dung und des Aufbaus der Deutschordenskapitel. Inkorporationen der preuBischen Domka¬
pitel in den Deutschen Orden]. In: Zakon (wie Anm. 62), S. 123-137; DERS., Fundacja i in-
korporacja kapituly katedralnej w Chelmzy oraz zalamanie misji dominikanskiej w Prusach w
polowie XIII w. [Die Stiftung und Inkorporation des Domkapitels in Culmsee und der Zu-
sammenbruch der Dominikanermission in PreuBen in der Mitte des 13. Jh.s]. In: ZAPISKI
HlSTORYCZNE 56 (1991) S. 7-24; DERS., Der Deutsche Orden und die Bischofe und Domka¬
pitel in PreuBen. In: Ritterorden und Kirche im Mittelalter (ORDINES MILITARES. COLLOQUIA
TORUNIENSIA HlSTORICA, Bd. 9). Hrsg. v. Zenon Hubert NOWAK. Toruri 1997, S. 41-60;
DERS., Biskupstwa (wie Anm. 14).
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 23
Kapitels durch den Orden gegeniiberzustellen.86 Uberdies werden Kontrover-
sen um die Besetzung der Pralaturen und der Bistiimer in Livland und in den
inkorporierten preuBischen Bistiimern um die Wende vom 13. zum 14. Jahr-
hundert behandelt.87 Die in dieser Arbeit enthaltenen Feststellungen tragen zur
Erganzung vieler allgemeiner, aus den Uberblicksdarstellungen stammender
Behauptungen bei.
Die Besetzung der preuBischen Bistiimer im 14. Jahrhundert sind auch Ge-
genstand eines Artikels von Mario Glauert. Die dort aufgeworfenen Fragen
beziehen sich hauptsachlich auf die Ordenspolitik, auf Versuche zur Beeinflus-
sung einzelner Domkapitel und auf die Tatigkeit des Ordensprokurators an der
romischen Kurie.88
Vom Standpunkt der Forschung iiber das Verhaltnis der Domkapitel zur
weltlichen Macht erweist sich die Abhandlung von Hans Schmauch als anre-
gend, welche die Beziehungen zwischen dem Domkapitel zu Kulmsee und den
polnischen Konigen nach 1466 behandelt.89 Schmauch analysiert das Verhalten
des Kulmer Domkapitels in seiner neuen rechtlichen Lage nach den geopoliti-
schen Veranderungen des Dreizehnjahrigen Krieges. Das Problem wird auch
von Karol Gorski in einem kurzen Aufsatz iiber das ermlandische Domkapitel
um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert aufgegriffen.90
Unter den Arbeiten, die sich mit den Beziehungen zwischen dem Domka-
pitelklerus und dem Deutschen Orden befassen, befinden sich auch Artikel,
welche die Feststellungen von Paul Reh, Gottfried Froelich, Hans Schmauch
oder Paul Girgensohn an konkreten Beispielen illustrieren. Franz Rediger legt
in seiner Dissertation den Konflikt zwischen dem samlandischen Bischof Jo¬
hann Clare, dem Domkapitel und dem Deutschen Orden dar, in dem die Frage
86 Vgl. auch den Beitrag von Andrzej Rad/IMINSKI im vorliegenden Band.
87 Rad/IMINSKI, Biskupstwa (wie Anm. 14), S. 58-88.
88 Mario GLAUERT, Die Bischofswahlen in den altpreuBischen Bistiimern Kulm, Pomesanien,
Ermland und Samland im 14. Jahrhundert. In: ROMISCHE QUARTALSCHRIPT fur CHRISTLICHE
Altertumskunde und Kirchengeschichte 94 (1999) S. 82-130. Der Artikel von Jan
Wisniewski, Elekcje biskupow pomezariskich w sredniowieczu [Die Bischofswahlen in Po¬
mesanien im Mittelalter]. In: Studia WARMINSKIE 38 (2001) S. 97-116, wiederholt nur altere
Ergebnisse.
89 Hans SCHMAUCH, Das Bistum Culm und das Nominationsrecht der polnischen Konige. In:
Zeitschrht des Westpreussischen Geschichtsvereins 71 (1934) S. 115-149.
90 Karol Gorski, Zagadnienie wpiywow leodyjskich w kapitule warminskiej w XV i XVI wieku
[Die Frage der leodischen Einfliisse im ermlandischen Domkapitel im 15. und 16. Jahrhun¬
dert]. In: WARMINSKIE WlADOMOSci DlECEZJALNE 16 (1961), Nr. 5, S. 26-31. Dariiber auch
Kazimierz WASIELEWSKl, Czynniki autonomii kapituly warminskiej w sredniowieczu [Die
Faktoren der Autonomie des ermlandischen Domkapitels im Mittelalter]. In: Studia
WARMINSKIE 16 (1979) S. 355-380.
24
Radosiaw Biskup
des Besitzes eine dominante Rolle spielte.91 In einem breiteren Kontext der
Deutschordenspolitik gegeniiber dem Bistum Samland erlautert diesen Streit
Andrzej Radziminski, indem er die gesamten komplizierten Verhaltnisse zwi-
schen dem Orden und den Bistiimern um die Wende vom 13. zum 14. Jahr-
hundert schildert.92 Radosiaw Biskup erortert den Streit zwischen Johann Clare
und dem Deutschen Orden als eine der Etappen zur Herausbildung der Gren-
zen zwischen den Territorien des Bischofs und des Domkapitels von Sam¬
land.93 Die Beziehungen des Kulmer Domklerus zum Deutschen Orden sind
Gegenstand eines kurzen Aufsatzes von Antoni Liedtke, der das Kraftemessen
zwischen Bischof Johann Kropidlo und Hochmeister Konrad von Jungingen
beschreibt.94 Erwahnenswert ist auch die Arbeit von Sophie Meyer, in welcher
der Konflikt zwischen dem samlandischen Bischof Dietrich von Cuba und dem
Hochmeister Heinrich von Richtenberg erortert wird.95
Mit den Stiftungsprozessen der preuBischen Domkapitel befassen sich ver-
haltnismaBig viele Einzelstudien, wahrend diese Griindungsphasen fur die liv-
landischen Domkapitel nicht so zahlreich behandelt werden. Was die inkorpo-
rierten Kapitel anbelangt, so sind ihre Stiftungen in den oben erwahnten Dar-
stellungen, die sich mit der Inkorporationspolitik des Deutschen Ordens be-
schaftigen, eingehend erlautert. Der Artikel von Jan Obl^k, der die Stiftung des
ermlandischen Domkapitels erortert, muss gesondert erwahnt werden.96 Im
Falle der Stiftung des Kulmer Domkapitels sind die erwahnten Artikel von
91 Franz REDIGER, Der Zwist des Bischofs Johannes I. Clare von Samland mit dem Deutschor-
den (1321-1322). Greifswald 1907.
92 Radziminski, Biskupstwa (wie Anm. 14), S. 67-88.
93 Radosiaw BlSKUP, Dzialalnosc osadnicza biskupow i kapituly sambijskiej do konca XIV
wieku. Relacje mi^dzy zakonem krzyzackim a duchowienstwem sambijskim [Die Siedlungsta-
tigkeit der Bischofe und des Domkapitels von Samland bis zum Ende des 14. Jahrhunderts.
Die Verhaltnisse zwischen dem Deutschen Orden und dem samlandischen Klerus]. In:
Zapiski Historyczne 67 (2002) S. 25-59.
94 Antoni LlEDTKE, Biskup chelminski Jan II Kropidlo a wielki mistrz Konrad von Jungingen
(1398-1402) [Der Kulmer Bischof Johann II. Kropidlo und der Hochmeister Konrad von
Jungingen (1398-1402)]. In: MlESIECZNIK DiECEZjI CHELMINSKIEJ 3 (1931) S. 823-830. Vgl.
auch Gert KROEGER, Erzbischof Silvester Stodewescher und sein Kampf mit dem Orden um
die Herrschaft iiber Riga. In: MnTEILUNGEN AUS DER LIVLANDISCHEN GESCHICHTE 2 (1930)
S.147-280.
95 Sophie MEYER, Der Streit des Hochmeisters Heinrich von Richtenberg mit Dietrich Cuba,
Bischof von Samland. In: Al.TPREUSSlSGHE MONATSSCHRIPT 43 (1906) S. 29-84.
96 Jan ОВЕДК, О pocz^tkach kapituly katedralnej na Warmii [Uber die Anfange des ermlandi¬
schen Domkapitels]. In: WARMINSKIE WlADOMOSci DlECEZjALNE 5 (1961) S. 8-25. Der Ar¬
tikel wurde zum 700-jahrigen Jubilaum des ermlandischen Domkapitels verfasst.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter 25
Andrzej Radziminski und Jan Powierski97 von grundsatzlicher Bedeutung. Po-
wierskis Arbeit betrachtet das Problem der Stiftung des Kulmer Domkapitels
im Kontext der Siedlungsprozesse im Bistum in der Mitte des 13. Jahrhunderts.
Im Falle des Domkapitels von Samland taucht die Frage seiner Stiftung in Dar-
stellungen von Max Perlbach98 und Karl Herquet99 auf, die sich dem Bischof
Kristan von Muhlhausen widmen. Fiir die livlandischen Kapitel werden die
Stiftungsprozesse lediglich in einem zusammenfassenden Artikel von Bernhart
Jahnig100 behandelt sowie von Andrzej Radziminski101 im Rahmen der admini-
strativen und kirchlichen Teilungen in Livland.
Eine andere Forschungstendenz, welche die materiellen und wirtschaftli-
chen Grundlagen fur die Tatigkeit der preuBischen und livlandischen Domka¬
pitel in den Blick nimmt, ist die Siedlungsforschung. Bei der Rekonstruktion
der Besitzgrenzen der preuBischen Bischofe und ihrer Kapitel bedienten sich
die Historiker der ausfuhrlichen Darstellung von Max Toeppen, der auf
Grundlage des Urkundenmaterials die Grenzen zwischen den Territorien des
Deutschen Ordens und den Giitern der Bischofe und Kapitel rekonstruierte.102
Hinsichtlich der Forschungsmethode entsprechen den Feststellungen von Max
Toeppen die Darstellungen zu einzelnen Diozesen, wie sie von Johann Martin
Saage,103 Viktor Rohrich104 und Toeppen selbst105 fur die Diozese Ermland, von
97 Jan POWIERSKI, О pocz^tkach miasta Chelmzy i kapituly chetminskiej (chelmzynskiej) [Uber
die Anfange der Stadt Culmsee und des Domkapitels von Culm (Culmsee)]. In: Ojczyzna
blizsza i dalsza. Hrsg. v. Jacek CHROBACZYNSKI, Andrzej JURECZKO und Michal SLIWA.
Krakow 1993, S. 101-123.
98 Perlbach (wie Anm. 64).
99 Karl HERQUET, Magister Heinrich von Kirchberg und die samlandische Pfnindenvertheilung
des Carmen Satiricum. In: NEUE MlTI’EILUNGEN AUS DEM GEBIETE HISTORISCH-
ANTIQUARISCHER FORSCHUNGEN 13 (1874) S. 303-307; DERS. (wie Anm. 63).
100 Vgl. die gute Ubersicht bei Bernhart JAHNIG, Die Verfassung der Domkapitel der Kirchen-
provinz Riga. In: Kirchengeschichtliche Probleme des Preuftenlandes aus Mittelalter und
Fruher Neuzeit. Hrsg. v. Bernhart JAHNIG (TAGUNGSBERICHTE DER HlSTORISCHEN
Kommission F0ROST- und WESTPREUBISCHE Landesforschung, Bd. 16). Marburg 2001, S.
53-72.
101 Andrzej RADZIMINSKI, Podziaty koscielne Inflant z Estonia [Kirchliche Teilungen Livlands
mit Esdand]. In: Inflanty (wie Anm. 5), S. 17-42.
102 Max TOEPPEN, Historisch-comparative Geographic von Preussen, Gotha 1858. Toeppen
schildert hier auch kirchliche Teilungen in der Diozese Kurland.
103 Johann Martin SAAGE, Die Grenzen des ermlandischen Bisthumssprengels seit dem 13.
Jahrhundert. In: ZEITSCHRirr FOR DIE GESCHICHTE UND ALTERTUMSKUNDE EllMLANDS 1
(1860) S. 40-92.
104 Viktor ROHRICH, Die Teilung der Diozese Ermland zwischen dem deutschen Orden und
dem ermlandischen Bischofe. In: ZEITSCHRIFF FUR DIE GESCHICHTE UND ALTERTUMSKUNDE
Ermlands 12 (1899) S. 217-266.
26
Radoslaw Biskup
Josef Bender105 106 fur die Diozese Pomesanien und wiederum von Toeppen107
sowie Karl Emil Gebauer108 fur die Diozese Samland vorgelegt wurden. Cha-
rakteristisch fur diese Arbeiten ist die Rekonstruktion der Grenzen auf der
Grundlage der bekannten Urkunden unter Beriicksichtigung der den Autoren
gegenwartigen geographischen und administrativen Wirklichkeit. Aus diesem
Grund sind diese Arbeiten nur von geringem Nutzen.
Wesentlich mehr Informationen liefern Studien iiber den Verlauf und die
Intensitat der Siedlungstatigkeit in PreuBen - und damit auch auf den Gebieten
der Domkapitel — von Karl Kasiske109 sowie von Heinz Buttkus110 fur das Bi¬
stum Pomesanien, von Paul Siegmund111 fur das Bistum Samland und von
Viktor Rohrich112 fur das Bistum Ermland. Die Arbeiten sind durch die Beson-
derheiten der Kolonisation (ihre Intensitat, die Art der Siedlungsinseln, die
GroBe der Verleihungen und Lasten etc.) bestimmt und bilden die Grundlage
fur detaillierte Untersuchungen, deren Ergebnisse eine genaue Bestimmung der
GroBe der Domkapitelterritorien, der Anzahl der dortigen Siedlungen,* der Be-
sitzverhaltnisse und eventuell der Hohe der Einkiinfte sein konnten. Einen Teil
dieser Problematik erfasst Magdalena Roman in ihrer Darstellung, die das Ge-
biet des Domkapitels von Pomesanien skizziert und die den Kanonikern geho-
renden Siedlungen zusammenstellt.113 Ahnliche Siedlungsverzeichnisse in Form
105 Max TOEPPEN, Die Theilung der Diocese Ermland zwischen dem Deutschen Orden und
dem ermlandischen Bischofe. In: ALTPREUSSISCHE MONATSSCHRIFT 3 (1866), S. 630-648.
106 Josef BENDER, Begrenzung, Eintheilung und Kixchen der ehemaligen Diocese Pomesanien.
In: Zeitschrift fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 2 (1863) S. 178-
191.
107 Max TOEPPEN, Die Theilung der Diocese Samland und die Hypothese iiber Widand. In:
NeuePreussischeProvinzialblAtter 10 (1850) S. 161-192 und 11 (1851) S. 278-282.
108 Karl Emil GEBAUER, Drei Urkunden von 1333, betreffend die Abgrenzung des Ordenslan-
des und des Bishtums in Samland. In: NEUE PREUSSISCHE ProvinzialblA'ITER 11 (1851) S.
284-298 und 360-373.
109 Karl KASISKE, Die Siedlungstatigkeit des Deutschen Ordens im ostlichen PreuBen bis zum
Jahre 1410. Konigsberg 1934.
1,0 Heinz BUTTKUS, Beitrage zur Landschafts- und Siedlungsgeschichte des ehemaligen Bistums
Pomesanien. Berlin 1936.
111 Paul SIEGMUND, Deutsche Siedlungstatigkeit der samlandischen Bischofe und Domkapitel.
In: Alitreussische Forschungen 5 (1928) S. 262-303.
112 Viktor ROHRICH, Die Besiedlung des Ermlandes mit besonderer Beriicksichdgung der Her-
kunft der Siedler. In: ZEITSCHRIFT FUR DIE GESCHICHTE UND ALTERTUMSKUNDE ERMLANDS
22 (1925) S. 256-279; DERS., Die Kolonisadon des Ermlandes. In: ZEITSCHRIFT FUR DIE
Geschichte und Altertumskunde Ermlands 12 (1899) S. 601-724; 13 (1901) S. 325-487,
742-980; 14 (1903) S. 131-355, 611-709; 18 (1913) S. 243-394; 19 (1916) S. 173-306; 20 (1919)
S. 1-227; 21 (1923) S. 277-337, 394-411; 22 (1924) S. 1-38.
1,3 Magdalena ROMAN, Osadnictwo i stosunki wlasnosciowe w Pomezanii biskupiej od korica
XIII do polowy XV w. [Die Siedlung und die Besitzverhaltnisse im bischoflichen Pomesani-
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter
27
von Tabellen sind durch Radoslaw Biskup fur die Diozese Samland angefertigt
worden.114 Wahrend Magdalena Roman die Siedlungsprobleme auf dem Gebiet
des Domkapitels Pomesanien bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts schildert, hat
Radoslaw Biskup die Siedlungen des samlandischen Domkapitels bis zum Ende
des 14- Jahrhundert identifiziert (beide auch mit Karten).
In letzter Zeit wurde der mit den kirchlichen Giitern zusammenhangende
Themenbereich zum Gegenstand von Gesamtdarstellungen. Zu diesen gehoren
die mit vielen Fehlern behaftete Arbeit von Boleslaw Kumor115 und eine Dar-
stellung von Andrzej Radzimihski116, die sich der kirchlichen Teilung und der
Verwaltungsstruktur der preuBischen Bistumer widmet. Fur die livlandischen
Bistumer lassen sich vergleichbare Darstellungen zum Besitz der Domkapitel
kaum anfuhren.
Einen bescheidenen Platz in der Historiographie zu den preuBischen Dom-
kapiteln nehmen Untersuchungen iiber die Bischofs- und Domkanzleien und
uber die Tatigkeit der Kanoniker in der Hochmeisterkanzlei ein. Von alien hier
beriicksichtigten bischoflichen Kanzleien ist nur die samlandische Bischofs-
kanzlei in Form einer ausfuhrlichen analytischen Untersuchung von Erich Wei-
se bearbeitet worden, der eindeutig feststellt, dass nur in Fischhausen eine
hochorganisierte kirchliche Bischofskanzlei existierte und die Domherren ledig-
lich iiber ihr eigenes Siegel verfiigten.117 Seine Feststellungen bestatigte Karol
en seit dem Ausgang des 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts]. In: ZAPISKI HlSTORYCZNE
37 (1972) S. 25-53. Vgl. auch die altere Arbeit von Maria KERNER-ZURALSKA, Materialy do
dziejow osadnictwa Pomezanii (pow. kwidzynski, ilawski, oraz cz?sc grudzi^dzkiego)
[Materialien zur Siedlungsgeschichte Pomesaniens]. In: KOMUNIKATY MAZURSKO-
Warminskie 84 (1964) H. 2, S. 150-167.
1,4 Biskup (wie Anm. 93), passim.
115 Boleslaw KUMOR, Koscielna geografia historyczna diecezji pruskich (1243-1993) [Kirchliche
Geschichtsgeographie der preuBischen Diozesen (1243-1993)]. In: KOMUNIKATY
MAZURSKO-WARMINSKIE 211 (1996), H. 1, S. 29-43. Kritische Besprechung von Marian
Biskup, W sprawie koscielnej geografii historycznej diecezji pruskich [Zur Frage der kirchli¬
chen Geschichtsgeographie der preuBischen Diozesen]. In: KOMUNIKATY MAZURSKO-
Warminskie 216 (1997), H. 2, S. 229-233.
1.6 Radziminski, Biskupstwa (wie Anm. 14), S. 115-135; DERS., Podzialy koscielne [Kirchliche
Teilungen]. In: Panstwo krzyzackie w Prusach XIII-XVI w. podzialy administracyjne i
koscielne [Der Deutschordensstaat in PreuBen im 13.-16. Jh. Kirchliche und administrative
Teilungen]. Hrsg. v. Zenon Hubert Nowak und Roman CzAJA. Torun 2000, S. 67-79.
1.7 Erich Weise, Das Urkundenwesen der Bischofe von Samland. In: ALTPREUSSISCHE
Mon atssch rift 59 (1922) S. 1-48. Vgl. auch Radoslaw BlSKUP, Arengi w XlV-wiecznych
dokumentach biskupow i kapituly sambijskiej [Arengen aus den samlandischen Bischofs- und
Domkapitelurkunden im 14. Jh.]. In: Kancelarie krzyzackie. stan badan i perspektywy
[Deutschordenskanzleien. Forschungsstand und Perspektiven]. Hrsg. v. Janusz TRUPINDA.
Malbork 2002, S. 7-23.
28
Radoslaw Biskup
Gorski.118 Im Rahmen seiner allgemeinen preuBischen Kanzleiforschung hat
Martin Armgart in einem seiner Artikel die Tatigkeit der ermlandischen Dom-
herren in der Hochmeisterkanzlei im 14. Jahrhundert verfolgt, wobei er nicht
zuletzt den Einfluss ihrer Tatigkeit auf ihre Karriere aufzeigte.119 Als besonders
anschauliche Beispiele gelten Johann von MeiBen (Bischof von Ermland 1350-
1355) oder der spatere Deutschordensprokurator an der romischen Kurie Peter
Wormditt. Weitere wertvolle Informationen iiber die Kanoniker der preuBi¬
schen Domkapitel bieten Armgarts prosopographische Untersuchungen zu den
Angehorigen der Hochmeisterkanzlei.120
Unter den Studien zu den von den Domkapiteln ausgestellten Urkunden
muss schlieBlich der Artikel von Rainer Kahsnitz erwahnt werden, der sich mit
den Siegeln der vier preuBischen Kapitel beschaftigt.121 Kahsnitz versucht alle
erhaltenen Domkapitelsiegel zusammenzustellen und unterzieht sei einer ver-
gleichenden ikonographischen Analyse.
Vollig auBer Acht blieb bislang das geistige Leben und das kulturelle Milieu
der preuBischen und livlandischen Domherren. Die Beitrage von Karol Gor¬
ski122 und die Monographic von Stefan Kwiatkowski123 iiber das religiose Klima
in der Diozese Pomesanien sind die einzigen existierenden Darstellungen, be-
handeln diese Themen allerdings nur sehr allgemein und fur die Domkapitel-
mitglieder allenfalls am Rande. Auch liturgische Fragen sind bislang nur in An-
satzen erforscht; einzig die hundert Jahre alte Untersuchung von Hermann von
Bruningk124 gibt hieriiber einige Hinweise, die - fur die Deutschordens-
118 Karol GORSKI, Dyplomatyka krzyzacka [Diplomatik des Deutschen Ordens]. In: Studia i
szkice (wie Anm. 84), S. 124-136.
119 Martin ARMGART, Ermlandische Geistliche in der Hochmeisterkanzlei des 14. Jahrhunderts.
In: Zeitschrift fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 47 (1994), S. 55-
78.
120 Martin ARMGART, Die Handfesten des preuBischen Oberlandes bis 1410 und ihre Aussteller.
Koln 1995. Es gibt einige Besprechungen dieser Arbeit, von denen die Rezension von Mario
Glauert (In: Zeitschrift fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 49
[1999] S. 257-267) die meisten Erganzungen liefert.
121 Rainer KAHSNITZ, Die mittelalterlichen Siegel der Domkapitel im Deutschordensland Preu-
Ben. In: Zeitschrift fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 47 (1994), S.
13-52.
122 Karol G6RSKI, Studia i materialy z dziejow duchowosci [Studien und Materialien zur Ge¬
schichte der Geistlichkeit]. Warszawa 1980, S. 193-224.
123 Stefan1: Kwiatkowski, Klimat religijny w diecezji pomezanskiej u schylku XIV wieku i w
pierwszych dziesi^cioleciach XV wieku [Das religiose Klima in der Diozese Pomesanien am
Ende des 14. und in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts]. Toruri 1990.
124 Hermann von BRUININGK, Messe und kanonisches Stundengebet nach dem Brauche der
Rigaschen Kirche im spateren Mittelalter. (MlTTEiLUNGEN AUS DEM Gebiete DER GE¬
SCHICHTE Liv-, EST- UND KURLANDS. Bd. 19). Riga 1904.
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter
29
Domkapitel - in jiingerer Zeit durch einige Studien von Anette Loffler125 er-
ganzt wurden. Das intellektuelle und religiose Klima im Umfeld von Nicolaus
Copernicus am Anfang des 16. Jahrhunderts hat mit interessanten Ergebnissen
Teresa Borawska untersucht.126 Ihre Arbeit stiitzt sich auf griindliche Recher-
chen in schwedischen, deutschen, italienischen und polnischen Archiven und
versucht vor allem, die ermlandischen Biichersammlungen aus der ersten Halfte
des 16. Jahrhunderts zu rekonstruieren, die infolge der schwedischen Kriege im
17. Jahrhundert in ganz Europa verstreut wurden. Aufschlussreich ist die Arbeit
von Ralph G. Pasler, die sich den mittelalterlichen Biichern und Biichersamm-
lungen in PreuBen widmet.127 Um Erkenntnisse iiber das intellektuelle Leben
der preuBischen Domherren zu gewinnen, ist seine Rekonstruktion der samlan-
dischen Domkapitelbibliothek von groBer Bedeutung. Es lassen sich daraus
zudem viele Informationen iiber den Biicherbesitz einzelner Kanoniker gewin¬
nen. Nicht nur den Biichersammlungen, sondern auch dem Bildungsstand der
Deutschordensbnider insgesamt widmet sich die Arbeit von Arno Mentzel-
Reuters, der auch die Dombibliotheken der preuBischen und livlandischen
Deutschordensdomkapitel in seine Untersuchung einbezieht.128
Den Forschungsstand zum Alltagsleben der Domherren muss man insge¬
samt als ungeniigend beurteilen. Hier kann nur ein Beitrag von Teresa Bo¬
rawska zum ermlandischen Domkapitel erwahnt werden.129
Auch die akademische Ausbildung der (spateren) Domherren an den euro¬
paischen Universitaten wurde bislang - mit Ausnahme des pomesanischen
Domkapitels130 — nicht intensiv untersucht. Die Zusammenstellungen der preu¬
Bischen Studenten von Max Perlbach131 bilden nur eine Grundlage, die man z.
B. durch die Arbeiten von Hartmut Boockmann132 und die systematische
Durchsicht der europaischen Universitatsmatrikel erganzen muss.
125 Vgl. zuletzt Anette LOFFLER, Dominikaner oder Deutscher Orden? - Ein liturgisches Frag¬
ment dokumentiert die Adaption des Ritus. In: PREUSSENLAND 42 (2004) S. 38-43.
126 Teresa BORAWSKA, Zycie umystowe na Warmii w czasach Mikolaja Kopernika [Das geistige
Leben in Ermland zur Zeit des Nicolaus Copernicus]. Toruri 1996.
127 Ralph G. PASLER, Deutschsprachige Sachliteratur im PreuBenland bis 1500. Untersuchungen
zu ihrer Uberlieferung, Koln, Weimar, Wien 2003.
128 Arno Mentzel-Reuters, Arma spiritualia. Bibliotheken, Bucher und Bildung im Deutschen
Orden (BeitrAge zum Buch- und Bibliothekswesen, Bd. 47). Wiesbaden 2003.
12; leresa BORAWSKA, Norm und Wirklichkeit. Zum Alltagsleben ermlandischer Domherren
(13.-16. Jahrhundert). In: Kirchengeschichtliche Probleme (wie Anm. 78), S. 73-102.
130 Glauert (wie Anm. 18).
131 Max Perlbach, Prussia scholastica. Die Ost- und WestpreuBen auf den mittelalterlichen
Universitaten. Braunsberg 1895.
Hartmut BOOCKMANN, Die preuBischen Studenten an den europaischen Universitaten bis
1525. In: Historisch-geographischer Adas des PreuBenlandes. HRSG. v. Hans MORTENSEN
30
Radoslaw Biskup
Bleibt abschlieBend die Frage, welche Perspektiven sich fur die preuBische und
livlandische Domkapitelhistoriographie kiinftig eroffnen konnten.
Die Domkapitel der Priesterbrfider sind lange Zeit eine Randerscheinung
bei den Untersuchungen fiber den Deutschen Orden im Ostseeraum geblieben.
Auf verfassungsrechtlicher Ebene bedient man sich weiterhin der Monographi-
en von Bruno Pottel, Johannes Hoelge oder Heinz Schlegelberger, die aber den
an die gegenwartige Forschung gestellten methodischen Anforderungen nicht
mehr gerecht werden. Die Studien fiber die livlandischen Domkapitel wurden
in der Mitte des 20. Jahrhunderts unterbrochen und bis heute nicht wieder auf-
genommen.
Sicherlich blieben die politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts nicht ohne
Einfluss auf diesen Sachverhalt. Die Veranderung der geopolitischen Lage nach
dem Zweiten Weltkrieg hat die Durchffihrung von Untersuchungen wesentlich
beeintrachtigt. Die vor kurzem vollzogene Erweiterung der Europaischen Uni¬
on bringt so neue Hoffnung auf eine engere Zusammenarbeit der Historiker
des Ostseeraums.133 Dies bezieht sich auch auf die preuBischen Domkapitel in
der zweiten Halfte des 15. und am Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Rolle und
Bedeutung der Domkapitel in jener Zeit, die in ihren Territorien Trager landes-
herrlicher Gewalt waren, wurde — abgesehen vom ermlandischen Domkapitel -
bisher nicht im Einzelnen dargestellt.
Es ist notwendig, ein Forschungsprogramm fiber den livlandischen und
preuBischen Domklerus zu erarbeiten. Bislang hat man sich vor allem mit dem
Episkopat beschaftigt, was ohne Zweifel zu vielen aufschlussreichen Ergebnis-
sen auch fur die Domkapitelsgeschichte geffihrt hat. Man muss aber diese
Analysen um die Geistlichen aus dem Umfeld der Bischofe, die Kaplane, Offi-
ziale, das Kanzlei- und Verwaltungspersonal, die Domvikare etc. erweitern. Die
prosopographischen Untersuchungen fiber bestimmte Gruppen von Geistli¬
chen (pomesanische Domherren - Mario Glauert; Notare und Kaplane der
Hochmeister - Martin Armgart) fiihren zu interessanten Resultaten und zeigen
u.a., Lief. 3, Wiesbaden 1973; DERS., Die Rechtsstudenten des Deutschen Ordens. Studium,
Studien forderung und gelehrter Beruf im spaten Mittelalter. In: Festschrift fur Hermann
Heimpel. Zum 70. Geburtstag am 19. September 1971. Bd. 2. Hrsg. v. den Mitarbeitern des
Max-Planck-Instituts fur Geschichte. Gottingen 1972, S. 313-375.
133 Ein gutes Beispiel dafiir bildet die Zusammenarbeit zwischen dem Max-Planck-Institut fur
Geschichte in Gottingen und der Nikolaus-Kopernikus-Universitat in Toruri. In diesem
Rahmen entstand die neue Reihe „Prussia Sacra“ (nach dem Muster der „Germania Sacra“).
Als erste Arbeit wurde die Dissertation von Mario Glauert iiber das Domkapitel von Po-
mesanien veroffentlicht (vgl. Anm. 18).
PreuBische und livlandische Domkapitel im Mittelalter
31
nicht nur die Eigenheiten solcher kleinen Gruppen, sondern auch die Hand-
lungsmechanismen im Deutschordensland. Aus der Arbeit von Mario Glauert
iiber das Domkapitel von Pomesanien ergibt sich, dass man die Verfassung der
Deutschordenskapitel zuweilen nur durch aufwendige prosopographische Re-
cherchen rekonstruieren kann und dass gnindliche Quellenrecherchen, die auch
die auBerpreuBische Uberlieferung einbeziehen (z. B. Quellen aus der papstli-
chen Kanzlei, die Matrikel der europaischen Universitaten etc.), zu aufschluss-
reichen neuen Ergebnissen fuhren konnen.
Zudem ist es notig, auch die spateren ungedruckten Quellen aus dem 15.
und 16. Jahrhundert heranzuziehen. Diese enthalten nicht nur neue Indizien fur
die Domkapitelproblematik, sondern konnen auch neues Licht auf viele Verfas-
sungs- und Verwaltungsaspekte werfen, die bereits fur das 13. und 14. Jahrhun¬
dert theoretisch untersucht worden sind.
Entstehung, Inkorporation und urspriingliche Ausstattung
des mittelalterlichen Domkapitels in Kulmsee*
Andrzej Radziminski
Nachdem im Gebiet des Deutschordensstaates in PreuBen im Jahre 1243 vier
Diozesen (Kulm, Pomesanien, Samland und Ermland) ins Leben gerufen wor-
den waren, begannen ihre Bischofe allmahlich Domkapitel zu griinden und
auszustatten. AuBer vier kapitularen Korporationen, die bei den Domkirchen in
Kulm, Marienwerder, Frauenburg und Konigsberg tatig waren, wurde lediglich
in der Diozese Ermland ein Stiftskapitel mit Sitz in Guttstadt gestiftet. Die
bisherige Forschung zu den erwahnten Domkapiteln und dem Stiftskapitel in
Guttstadt konzentrierte sich auf zwei grundsatzliche Aspekte, und zwar (1) den
rechtlich-organisatorischen und (2) den sozialen. Die rechtlich-organisatori-
schen Forschungen tendierten zur synthetischen und analytischen Darstellung
der inneren Organisation der Kapitel wie auch zur Analyse der Beziehungen
zwischen ihnen und dem Deutschen Orden.1 Leider laBt der Stand der Ge-
schichtsschreibung in Bezug auf Organisation und Personal des — mich beson-
ders interessierenden - Domkapitels in Kulmsee viel zu wunschen ubrig. Es
liegt hier nur eine stark veraltete Monographic von Johannes Hoelge vor, ent-
standen am Anfang des 20. Jahrhunderts.2 Die Abhandlung reprasentiert, wie
viele damalige Monographien dieser Art, eine Fragestellung, die durch die For¬
schungen des deutschen Historikers Albert Brackmann eingefuhrt wurde. In
Der vorliegende Aufsatz ist eine erweiterte und abgeanderte Fassung der Studie „Fundacja i
inkorporacja kapituly katedralnej w Chelmzy oraz zalamanie misji dominikanskiej w Prusach
w polowie XIII w.“ [Stiftung und Inkorporation des Domkapitels in Kulmsee und der Zu-
sammenbruch der Dominikanermission in PreuBen um die Mitte des 13. Jahrhunderts]. In:
Zapiski Historyczne 56 (1991) H. 2-3, S. 7-24.
Fiir den Forschungsstand zum Thema Domkapitel im Deutschordensstaat in PreuBen und
zum Stiftskapitel in Guttstatt siehe Andrzej RADZIMINSKI, Stan i potrzeby badan nad bis-
kupstwami panstwa krzyzackiego w Prusach [Forschungsstand und -bedarf zu den Bistiimern
des Deutschordensstaates in PreuBen]. In: Historiograficzna prognoza 2000. Stan i potrzeby
badan nad dziejami regionow kujawsko-pomorskiego i s^siednich [Historiographische Pro¬
gnose 2000. Zum Forschungsstand und -bedarf iiber die Geschichte der Region Kujawien-
Pommerellen und ihrer Nachbarregionen]. Hrsg. v. Maksymilan Grzegorz. Bydgoszcz
2000, S. 98-100.
Johannes HOELGE, Das Culmer Domkapitel zu Culmsee im Mittelalter. In: MlTTElLUNGEN
der Literarischen Gesellschaft Masovia 18 (1913) S. 134-161; 19 (1914) S. 116-148.
34
Andrzej Radziminski
seiner Monographic zum Domkapitel in Halberstadt hat Brackmann auf die
Existenz von regionalen Besonderheiten, insbesondere im Bereich der inneren
Organisation dieser Institutionen hingewiesen und damit viele monographische
Untersuchungen zu einzelnen Domkapiteln angeregt.3 Die Darstellung der
inneren Organisation des Kulmseer Domkapitels im Mittelalter erfuhr in spate-
rer Zeit keine erheblichen Erganzungen. Lediglich Karol Gorski widmete ihr
einen kleinen Artikel, in dem er - auf eine deutlich kompilatorische Art und
Weise - vor allem soziale Fragen behandelte.4 ReChtlich-organisatorische
Aspekte wurden dagegen von Alfons Mankowski erforscht, allerdings erst fur
die Jahre 1466-1821, als das Kapitel nicht mehr dem Deutschen Orden ange-
horte.5 Der Verfasser des vorliegenden Beitrags hat selbst mehrere Studien iiber
die Stiftung des Kulmer Kapitels und dessen Inkorporation durch den Deut¬
schen Orden veroffentlicht.6 Prosopographische Forschungen zum Kulmseer
Domkapitel gibt es aber kaum; die biographische Erfassung seiner Pralaten und
Domherren, die Alfons Mankowski in den 1920er Jahren vornahm, hat heute
3 Albert BRACKMANN, Urkundliche Geschichte des Halberstadter Domkapitels im Mittelalter.
Ein Beitrag zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der deutschen Domkapitel. In:
Zeitschrift des Harz-Vereins fur Geschichte und Altertumskunde 32 (1899) S. 1-
147. Mehr zu den Entwicklungen der Domkapitelsforschung in Deutschland in: Andrzej
Radziminski, Od katalogu duchownych do komputerowej „kolektywnej biografii". Uwagi о
dawnych i wspolczesnych kierunkach i tendencjach w badaniach sredniowiecznych i nowo-
zytnych kapitul katedralnych w historiografii niemieckiej [Vom Klerikerkatalog zur compu-
tergerechten ,,KoUektivbiographie“. Anmerkungen zu alten und neuen Richtungen und Ten-
denzen in der Forschung zu den mittelalterlichen und neuzeitlichen Domkapiteln in der
deutschen Geschichtsschreibung]. In: ROCZNIKI HlSTORYCZNE 60 (1994) S. 173-184.
4 Karol G6RSKI, Das Kulmer Domkapitel in den Zeiten des Deutschen Ordens. Zur Bedeu-
tung der Priester im Deutschen Orden. In: Die geistlichen Ritterorden Europas. Hrsg. v. Jo¬
sef Fleckf.nstein und Manfred Hellmann (VortrAge und Forschungen, Bd. 26). Sig-
maringen 1980, S. 329-337; in polnischer Fassung: DERS., Kapitula chelminska w czasach
krzyzackich [Das Kulmer Domkapitel in der Zeit des Deutschen Ordens]. In: DERS., Studia i
szkice z dziejow panstwa i zakonu krzyzackiego [Studien und Skizzen aus der Geschichte des
Deutschen Ordens und des Deutschordensstaates]. Olsztyn 1986, S. 115-121.
5 Alfons MANKOWSKI, Kapitula katedralna chelminska od roku 1466 do 1821 [Das Kulmer
Domkapitel von 1466 bis 1821]. In: ZAPISKI TOWARZYSTWA NAUKOWEGO W TORUNIU 5
(1920) S. 74-99, 105-120,124-129.
6 Andrzej RADZIMINSKI, Fundacja i inkorporacja kapituly katedralnej w Chelmzy oraz zalama-
nie si? misji dominikanskiej w Prusach w potowie XIII w. [Stiftung und Inkorporation des
Domkapitels in Kulmsee und der Zusammenbruch der Dominikanermission in PreuBen um
die Mitte des 13. Jahrhunderts]. In: ZAPISKI HlSTORYCZNE 56 (1991) H. 2-3, S. 7-24; DERS., Z
dziejow ksztaltowania i organizacji kapitul krzyzackich. Inkorporacje pruskich kapitul kate¬
dralnych do zakonu krzyzackiego [Aus der Geschichte der Bildung und Organisation der
Domkapitel des Deutschen Ordens. Die Inkorporationen der preuBischen Domkapitel durch
den Deutschen Orden]. In: Zakon krzyzacki a spoleczeristwo panstwa w Prusach [Der Deut¬
sche Orden und die Gesellschaft des preuBischen Staates]. Hrsg. v. Zenon Hubert NOWAK.
Torun 1995, S. 123-136; DERS., Der Deutsche Orden und die Bischofe und Domkapitel in
PreuBen. In: Ritterorden und Kirche im Mittelalter. Hrsg. v. Zenon Hubert NOWAK
(Ordinesmimtares. ColloquiaTorunensia Historica, Bd. 9). Torun 1997, S. 41-60.
Das Domkapitel in Kulmsee
35
nur noch geringen wissenschaftlichen Wert.7 An dieser Stelle soli noch auf eine
zusammenfassende Arbeit aus dem Bereich der kirchlichen Sphragistik hinge-
wiesen werden, die sich den vier Domkapiteln in PreuBen, darunter auch dem
Kulmer, widmet. Gemeint ist Rainer Kahsnitz’ reich illustrierter Artikel fiber
die Siegel der besagten Korporationen.8
Die Stiftung des Domkapitels in Kulmsee war eine Folge der schon er-
wahnten Bildung der Diozesanstruktur im Gebiet des Kulmer Landes. Sie wur-
de endgiiltig am 28. Juli 1243 vollzogen, als der papstliche Legat Wilhelm von
Modena auf Empfehlung von Papst Innozenz IV. im italienischen Anagni das
Kulmer Land und das gesamte PreuBen in vier Diozesen teilte.9 Der erste Kul¬
mer Bischof, der Dominikaner Heidenreich (1245-1263), wurde zum Organi-
sator und Stifter des Domkapitels in Kulmsee.10
Das Kulmseer Domkapitel, das wie andere kirchliche Institutionen dieser
Art aus einer Gruppe von Pralaten und Kanonikern bestand, spielte eine sehr
wichtige Rolle in der Struktur der Diozese. Neben dem Bischof war es maB-
geblich an der Diozesanverwaltung beteiligt und auch fur die Bischofswahl
zustandig.11 Seine Bedeutung war um so groBer, als es im Gebiet der Kulmer
Diozese kein Stiftskapitel gab. Das Domkapitel in Kulmsee war die erste derar-
tige Korporation, die im Gebiet des Deutschordenslandes in PreuBen gestiftet
und ausgestattet wurde, und zwar durch den damaligen Kulmer Bischof Hei¬
denreich kraft einer Urkunde vom 22. Juli 1251. Es erhielt damals die Augusti-
nerregel, die sich auf die Grundsatze des gemeinsamen Lebens der Domgeist-
lichkeit stutzte, und wurde so zu einer Stiftung von Regularkanonikern. Nach
der Absicht des Kulmer Bischofs sollte die Zahl der Kanoniker mit der Zu-
7 Alfons MANKOWSKI, Pralaci i kanonicy katedralni chelminscy od zalozenia kapituly do
naszych czasow [Die Pralaten und Domherren von Kulm seit der Griindung des Domkapi¬
tels bis zu unserer Zeit]. In: ROCZNIKI TOWARZYSTWA NAUKOWEGO w TORUNIU 33/34
(192.6/27) S. 1-109, 287-416.
8 Rainer KAHSNITZ, Die mittelalterlichen Siegel der Domkapitel im Deutschordensland Preu¬
Ben. In: Zeitschrift fur dim Geschichte und Altertumskunde Ermlands 47 (1994) S.
13-52.
9 PreuBisches Urkundenbuch [weiter im Text: Pr. Urk.]. Bd. 1. Hrsg. v. R[udolf] PHILIPPI, Carl
Peter WOELKY, August SERAPHIM. Konigsberg 1882, Nr. 143; siehe Nr. 142; Andrzej
RADZIMINSKI, Wokol pocz^tkow diecezji chelminskiej [Zu den Anfangen der Kulmer Dio¬
zese]. In: Zapiski Historyczne 61 (1996) H. 2-3, S. 7-19. Siehe auch Roman BODANSKI,
Pocz^tki hierarchii koscielnej w Prusach (1206-1255) [Anfange der kirchlichen Hierarchie in
PreuBen]. In: Studia Warminskie 18 (1981) Tl. 2, S. 286-290, und Marc LOWENER, Die
Einrichtung der Verwaltungsstrukturen in PreuBen durch den Deutschen Orden bis zur
Mitte des 13. Jahrhunderts. Wiesbaden 1998, S. 100-108.
10 Anna Wl&NIEWSKA, Henryk-Heidenryk, pierwszy biskup cheiminski [Heinrich-Heidenrich,
der erste Kulmer Bischof]. Pelplin 1992.
11 Georg von BELOW, Die Entstehung des ausschlieBlichen Wahlrechts der Domkapitel mit
besonderer Riicksicht auf Deutschland. Leipzig 1883, S. 31-34. Siehe auch Allgemeines dazu
bei Phillip SCHNEIDER, Die bischoflichen Domkapitel, ihre Entwicklung und rechtliche Stel-
lung im Organismus der Kirche. Mainz 1885, S. 18 ff. und 150-151.
36
Andrzej Radziminski
nahme der erzielten Einkunfte am Ende auf vierzig steigen. Diese Menge wur-
de jedoch im Mittelalter nie erreicht.12
Es sei hier erwahnt, daB die Augustinerregel, die damals von der Kanoniker-
gemeinschaft des Domes in Kulmsee angenommen wurde, die Kanoniker zur
Armut, zum gemeinsamen Leben und zur Ausiibung des regularen Gottesdien-
stes verpflichtete. Die Regel des Deutschen Ordens stiitzte sich dagegen weit-
gehend auf die dominikanische Regel, die bekanntermaBen sehr viel von der
augustinischen iibernahm und sich lediglich in Einzelheiten unterscheiden
konnte.
Die Entstehung des Kulmseer Kapitels als Ordenskorporation, d. h. als
Gemeinschaft von Regularkanonikern, hat ihre Analogien in der urspningli-
chen, inneren Organisation der Bistumer im sudlichen und ostlichen Teil
Deutschlands. Die Regularkanoniker bildeten Domkapitel z. B. in Salzburg
(1122) und - was besonders wichtig ist - in den ostlichen Reichsbistumern:
Havelberg (1150), Ratzeburg (1158) und Brandenburg (1161).13 Verantwortlich
fur den Charakter dieser Bistumer war, daB das Programm der gregorianischen
Reform, welches die augustinische Regel verbreitete und forderte, sich in diesen
Gebieten erfolgreich durchsetzte und auch in Norditalien, Siidfrankreich und
Spanien (mit Ausnahme Barcelonas) den Sieg davontrug.14 Das Programm einer
Reform des Domklerus im Geiste der augustinischen Regel fand dagegen kei-
nen signifikanten Widerhall in jenen Kanonikerkreisen des mittleren und siidli-
chen Frankreichs, der Niederlande, des westlichen und nordlichen Deutsch¬
lands, die sich weiterhin auf die Aachener Regel stutzten.15
12 Urkundenbuch des Bisthums Culm [weiter im Text: UBC). Bd. 1-2. Bearb. v. Carl Peter
WOELKY. Danzig 1885-1887; hier: Bd. 1, Nr. 29. Die grundlegenden Arbeiten zu diesem
Thema: HOELGE (wie Anm. 2); RADZIMINSKI, Fundacja (wie Anm. 6); Jan POWIERSKI, О
pocz^tkach miasta Chelmzy i kapituly chelminskiej (chetmzynskiej) [Die Anfange der Stadt
Kulmsee und des Kulmer (Kulmseer) Domkapitels]. In: Ojczyzna blizsza i dalsza [Nahere
und weitere Heimat]. Hrsg. v. Jacek CHROBACZYNSKI, Andrzej JURECZKO und Michal SLIWA.
Krakow 1993, S. 101-123.
13 Zum Bistum in Salzburg siehe die Monographic von Stefan WEINFURTER, Salzburger Bi-
stumsreform und Bischofspolitik im 12. Jahrhundert. Koln-Wien 1975 (KOLNER HlSTO-
RISCHE ABHANDLUNGEN, Bd. 24); siehe auch die Stichworte Brandenburg, Havelberg, Ratze¬
burg. In: Lexikon FURTheologie UND Kirche. Bd. 2, Sp. 645; Bd. 5, Sp. 38-39; Bd. 8, Sp.
1008-1009. Freiburg 1958-1963 (die ersten zwei Stichworte bearb. v. B. STASIEWSKl, das
dritte v. Hans-Dietrich Kahl); siehe auch Jerzy KLOCZOWSKI, Vita communis kleru w XI i
XII w. ;[Die Vita communis des Klerus im 11. und 12. Jahrhundert]. In: ROCZNIKI Hu-
MANISTYCZNE 10 (1961) S. 15-21.
14 Ursula VONES-LlEBENSTEIN, Saint-Ruf und Spanien. Studien zur Verbreitung und zum
Wirken der Regularkanoniker von Saint-Ruf in Avignon auf der iberischen Halbinsel (11. und
12. Jahrhundert). Bd. 1-2. Brepols 1996.
15 SCHNEIDER (wie Anm. 11), S. 49-50; Ch. Dereine, Chanoines. In: DlCTIONNAIRH
D’HISTOIRE ET DE GEOGRAPHIE ECCLESIASTIQUES 12, Paris 1953, Sp. 378-381; Albert
HAUCK, Kirchengeschichte Deutschlands. Bd. 5. Tl. 1. Leipzig 1929, S. 189; Jozef SZY-
MANSKI, Krakowski r^kopis reguly akwizgrariskiej z roku ok. 1103 [Die Krakauer Hand-
37
Das Domkapitel in Kulmsee
Es erhebt sich natiirlich die Frage, ob der augustinische Charakter des
Kulmseer Domkapitels eine Folge der immer noch lebendigen Reformtenden-
zen in der Kirche war oder sich schlichtweg aus der dominikanischen Herkunft
des ersten Bischofs Heidenreich ergab? Ich habe oben schon erwahnt, daB die
dominikanische Regel vieles gerade von der augustinischen ubernahm. Beide
Faktoren konnen eine wesentliche Rolle gespielt haben, es scheint allerdings,
daB den dominikanischen Wurzeln des Kapitelstifters eine etwas groBere Be-
deutung zuzuschreiben ist.
Eine wichtige Rolle spielte auch die Tatsache, daB die missionarische Tatig-
keit in PreuBen vor allem von den Vertretern der Orden (auBer dem Deutschen
Orden), von den Zisterziensern, Dominikanern und Franziskanern betrieben
wurde. Es ist daher kaum zu erwarten, daB ein dominikanischer Bischof an
seiner Kathedrale eine Korporation bildet, die aus weltlichen Klerikern besteht.
Dieser Schritt hatte namlich dazu fuhren konnen, daB die Kanoniker die Aa-
chener Regel angenommen und viel reicher hatten ausgestattet werden miissen,
hochstwahrscheinlich von Anfang an in Form von Prabenden mit dem Cha¬
rakter von Benefizien, die eine okonomische Grundlage fur die Tatigkeit von
Geistlichen — Sohnen der lokalen sozialen Elite — dargestellt hatten.
Die Hauptquelle zur Analyse der Stiftung des Kulmseer Domkapitels ist die
von Carl Peter Woelky veroffentlichte Urkunde des Kulmer Bischofs Heiden¬
reich vom 22. Juli 1251, die zur Zeit ihrer Edition in drei auf Pergament ge-
schriebenen, nachtraglich als A, В und C gekennzeichneten Versionen erhalten
geblieben war.16 Wahrend die Dokumente A und В einen identischen Inhalt
aufweisen, enthalt die Version C eine andere Dispositio und eine umgekehrte
Reihenfolge der Zeugen. Der Herausgeber С. P. Woelky glaubt, daB
(a) die Version A zweifelsohne das Original darstellt, auch wenn sie - ahn-
lich wie В und C - kein Siegel, sondern nur seidene rot-gelbe Schnure
besitzt;
(b) die Version В eine frtihe Kopie des Originals ist (Woelky schlieBt nicht
aus, daB es das zweite Exemplar des Originals ist, was wegen des
schlechten Zustands der Urkunde schwer festzustellen war);
schrift der Aachener Regel von ca. 1103]. In: STUDIA ZR6DLOZNAWCZE 11 (1966) S. 48; J.
Goudemet, Le gouvernement de PEglise a Pepoque classique. Paris 1982, S. 181-197; zum
Thema der Bildung und Organisation der Domkapitel in Europa siehe auch Andrzej
Radziminski, Duchowienstwo kapitul katedralnych w Polsce XIV i XV w. na tie
porownawczym. Studium nad rekrutacj^ i drogami awansu [Die Geistlichkeit der Domkapitel
im Polen des 14. und 15. Jahrhunderts im Vergleich. Eine Studie zu Rekrutierung und Auf-
stiegswegen]. Torun 1995, S. 13-81.
16 UBC, Bd. l,Nr. 29.
38 Andrzej Radzimiriski
(c) die Version C verdachtig und demzufolge hochstwahrscheinlich ge-
falscht ist.
Die Argumentation des Herausgebers enthalt als Hauptelemente eine auBere
Kritik der einzelnen Dokumente. Das Dokument A sei das Original, wed in
dem Transsumpt, das am 7. Oktober 1514 vom Generalvikar und ermlandi-
schen Offizial Georg von Delau niedergeschrieben wurde, eine genaue Be-
schreibung des Siegels des Ausstellers, d. h. des Bischofs Heidenreich vorhan-
den ist.17 DaB das transsumierende Dokument sich gerade auf die Version A
beruft, ergebe sich aus der Tatsache, daB in der Promulgationsformel dieser
Version das Wort inspecturis ausgelassen wurde, das auch im Transsumpt uber-
gangen wird. DaB das Wort tatsachlich ausgelassen wurde, sei aus der Version
В bekannt. Dem Dokument C wirft Woelky dagegen vor, es sei nicht sorgfaltig
genug geschrieben worden, die letzten vier Zeilen seien eng zusammengedruckt
und die letzten Worte in die rechte Ecke des Dokuments eingetragen. An den
herabhangenden rot-griinen Seidenschnuren fehlen, nach Meinung des heraus¬
gebers, jegliche Spuren von Wachs. Was die Schrift anbetrifft, so wurde sie vom
Herausgeber auf das 13. Jahrhundert datiert. AuBerdem wurde in der Version C
die Reihenfolge der Zeugen umgekehrt, d. h. zunachst treten die Laien: der
Schulze Gottfried und der Ritter Laurentius, und erst dann die Geistlichen: der
Dominikaner Eckbert und Siegfried, ein Priester des Deutschen Ordens, auf.18
In der Argumentation von Woelky wird jedoch die grundlegende Frage
nicht beantwortet: Warum sollte die Version C eine Falschung sein? Die feh-
lende Antwort erklart sich daraus, daB der Herausgeber es bei einer auBeren
Kritik der Dokumente belassen hat, ohne zu versuchen, ihren Inhalt zu analy-
sieren, insbesondere im Vergleich zur Inkorporationsurkunde des nachsten
Kulmer Bischofs, Friedrich von Hausen (1264).
Die Authentizitat der Stiftungsurkunden ist in der alteren historischen Lite-
ratur zweimal zur Debatte gestellt worden. Zum ersten Mai hat G. Froelich in
einer Arbeit uber die Beziehungen zwischen dem Kulmer Bistum und dem
Deutschen Orden dieser Frage seine Aufmerksamkeit geschenkt. Er hat aller-
dings die Auffassung Woelkys in vollem Umfang bestatigt.19 Erst J. Hoelge, der
Autor der erwahnten rechtlich-organisatorischen Monographic zum Kulmseer
Domkapitel, hat eine - leider nur bruchstuckartige - Analyse des Inhalts der
Urkunden A und C vorgenommen. Auf Grund einer Gegenuberstellung des
17 UBC, Bd. 2, Nr. 803. Georg von Delau bescheinigte und transsumierte damals 14 Urkunden,
die sich auf das Bistum Kulm bezogen.
18 UBC, Bd. l,Nr. 29, S. 19.
19 Gottfried FROELICH, Das Bistum Kulm und der Deutsche Orden. Ein Beitrag zur Verfas-
sungsgeschichte des Deutsch-Ordensstaates. In: ZEITSCHRIFT DES WESTPREUSSISCHEN
Geschichtsvereins 27 (1889) S. 1-99, hier: S. 4, Anm. 4.
Das Domkapitel in Kulmsee
39
ersten Teils der Belehnung des Bischofs Heidenreich fiir das Kulmseer Dom¬
kapitel mit der Inkorporationsurkunde des Bischofs Friedrich von 1264 stellte
er fest, daB letzterer sowohl die Version A als auch die Version C benutzt ha-
ben muB. Das Argument ist nachvollziehbar, weil im Dokument des Bischofs
Friedrich zu lesen steht, er habe die Belehnung gemaB den Beschliissen seines
Vorgangers prout in litteris super hoc confectisplenius vidimus contineri vorgenommen.20
Dies erklart ausgezeichnet, warum Bischof Friedrich in seine Urkunde gewisse
Stellen aus dem Dokument A, andere wiederum aus dem Dokument C uber-
nahm. Es ist schwer vorstellbar, er hatte ein echtes Dokument A und ein fal-
sches Dokument C benutzt.
Hoelge hat die beiden Dokumente jedoch nicht genauer analysiert und da-
her nicht detailliert bestimmt, welche Anderung der Belehnungsumfang von
1264 gegeniiber dem von 1251 erfahren hat. Der Autor bemerkte lediglich, daB
der im Dokument C gezeigte Besiedlungsstand gegeniiber dem im Dokument
A gezeigten ein fruherer ist. Viel wahrscheinlicher ist, daB die Urkunde, in der
das Domkapitel mit bestimmten, noch nicht bewohnten Giitern belehnt wird
(so Dokument C) alter ist als das Dokument, in dem das Bild der Besiedlung
bereits ausgestaltet ist (so Dokument B). Im Dokument A wird auch der Urn-
fang der Belehnung nicht genannt, was Hoelges Meinung nach der Gewohnheit
des Bischofs nicht entsprach. Hingegen wird der Umfang der Belehnung im
Dokument C bestimmt. Die Umstellung der Reihenfolge in der Zeugenliste
fiihrt Hoelge auf einen Irrtum des Kopisten zuriick; er halt namlich die Version
C fur eine Kopie des Originals. Seine SchluBfolgerung ist, das Dokument C sei
das urspriingliche Original gewesen, jetzt als Kopie erhalten, wahrend das Do¬
kument A, ebenfalls ein Original, spater auf Initiative der Kulmseer Kanoniker
entstanden sei, da es ihnen mehr Vorteile brachte.21
Mit dieser Argumentation, insbesondere bezuglich der Existenz von zwei
Originalen, d. h. zwei verschiedenen Stiftungsurkunden, kann man generell
einverstanden sein. Ich glaube dennoch, daB die Version C das Original dar-
stellt. Wie sonst ist die Tatsache zu erklaren, daB am Dokument seidene Schnu-
te herabhangen, wenn nicht damit, daB es zuvor besiegelt war? Dies ist die
einfachste und wohl rationalste Erklarung. J. Hoelge laBt folgende Fragen un-
beachtet bzw. ungeklart:
Warum tragen die Dokumente A und C dasselbe Datum, d. h. den 22. Juli
1251 , wenn das Dokument C mit Sicherheit das friihere ist?
- Was war der wesentliche Unterschied zwischen beiden Dokumenten hin-
sichtlich des Belehnungsumfangs?
20 UBC, Bd.l.Nr. 72.
21 Hoelge (wie Anm. 2), 18 (1913), S. 136-137, Anm. 5.
40 Andrzej Radziminski
- Warum ist die Belehnung zu Gunsten des Domkapitels in beiden Fallen so
betrachtlich?
- Inwieweit stiitzte sich Bischof Friedrich in seinem Dokument vom 1. Fe-
bruar 1264 auf die Versionen A und C und welche Beschliisse, auch wenn
sie sich deutlich auf Bischof Heidenreichs Urkunden berufen, haben mit ih-
nen nichts gemeinsam?
Die obigen Fragen fanden eine mehr oder weniger fundierte Besprechung in
der alten wie der neueren Geschichtsschreibung. Noch vor der Veroffentli-
chung der Stiftungsurkunde wurde das Problem der Ausstattung des Kulmseer
Domkapitels von M. Toeppen aufgegriffen.22 Der Autor berief sich auf das
Transsumpt des Dokuments A. Er machte dabei zwei Fehler, indem er be-
hauptete, (1) daB die Stiftskirche in Briesen 140 Hufen erhalten habe, wahrend
sich die Belehnung auf 130 belief (der Fehler ergab sich aus der Tatsache, daB
die 140 Hufen irrtiimlich in dem 1514 transsumierten Dokument genannt wer-
den) und (2) daB die Ausstattung der kiinftigen Stiftskirche in Boberow
(Bobrowo) nicht bekannt war, was der Wahrheit nicht entspricht, da sie in alien
Versionen der Dokumente genannt wird. L. Weber, der ebenfalls die Ausstat¬
tung des Domkapitels kurz anspricht, laBt deutlich erkennen, daB er allein die
Version A benutzte.23
Spatere Autoren, die sich zu dieser Frage auBerten, haben bereits die von C.
P. Woelky herausgegebenen Dokumente benutzt. Als erster hat S. Kujot ziem-
lich eingehend die Version A der Stiftungsurkunde analysiert. Ihm ist allerdings
eine Unstimmigkeit unterlaufen, als er behauptete, die spatere Stiftskirche in
Boberow habe nicht mehr als 130 Hufen erhalten24. Die Belehnung dieser Kir-
che umfaBte namlich neben den besagten Hufen auch 1000 Scheffel Roggen
und Weizen, was im Dokument deutlich ausgedruckt wird. AuBerdem hat Ku¬
jot fluchtig angemerkt, daB der Kulmer Bischof Heidenreich allein ein Viertel
aller aus dem Kulmer Land in Form von Getreide bezogenen Einkunfte fur
sich behielt.25 Ziemlich detailreich, aber ebenfalls unvollstandig wurde der Stif-
tungsumfang von J. Paradowski in einer Arbeit iiber das Siedlungswesen im
Kulmer Land prasentiert.26 Er stiitzte sich auf die Dokumente A und C, ohne
22 Max TOEPPEN, Historisch-comparative Geographic von Preufien. Gotha 1858, S. 131-152.
23 Lotar WEBER, Preufien vor 500 Jahren in culturhistorischer, statistischer und militarischer
Beziehurig nebst Special-Geographie. Danzig 1878, S. 430.
24 Stanislaw KujOT, Dzieje Prus Krolewskich [Die Geschichte von Koniglich-Preufien]
(Roczniki Towarzystwa Naukowego w Toruniu, 22). Tl. 1. Torun 1915, S. 889. Vgl.
UBC, Bd. 1, Nr. 29.
25 Kujot (wie Anm. 24), S. 889-890.
26 Jozef PARADOWSKI, Osadnictwo w ziemi chelmiriskiej w wiekach srednich [Das Siedlungs¬
wesen im Kulmer Land im Mittelalter] (BADANIA z D'/iejOw Spolecznych I GOSPO-
DARCZYCH, Bd. 28). Lwow 1936, S. 116-117.
Das Domkapitel in Kulmsee
41
das Problem aus diplomatischer Perspektive zu entscheiden. Dennoch hat er als
erster der Autoren, die sich mit dem Belehnungsumfang fur das Kulmseer Ka-
pitel beschaftigten, bemerkt, die Ausstattung sei so umfangreich gewesen, daB
Bischof Heidenreich sich selbst keine Einkiinfte in Form von Getreidezehnten
aus dem Kulmer Land vorbehielt. Es handelt sich dabei um Einkiinfte, die auf
4000 Scheffel Roggen und Weizen geschatzt werden, von denen der Bischof
2000 fur das Kapitel in Kulmsee, die iibrige Halfte dagegen fur die Stiftskirchen
in Briesen und Boberow bestimmte. Die Behauptung, dies seien a lie Einkiinf-
te, die Heidenreich in Form von Getreide bezog, stiitzt sich auf das Dokument
C, in dem erwahnt wird, daB das gesamte Einkommen des Kulmer Bischofs
4000 Scheffel Getreide umfaBte. J. Paradowski konnte jedoch die Griinde fur
eine so betrachtliche Belehnung nicht erklaren.
Von den gegenwartigen Forschern hat sich B. Poschmann bei der Analyse
der militarischen Gewalt der Bischofe liber die Untertanen des Kapitels im
Kulmer Lande auf das Dokument A berufen (die Version C enthalt diesbeziig-
lich identische Beschliisse, die jedoch anders formuliert werden).27 K. Gorski
schrieb zweimal liber die Ausstattung des Domkapitels in Kulmsee, zum ersten
Mai in einer Biographie des Bischofs Heidenrich, in der er sich nur allgemein
dariiber auBert, daB Heidenreich die Halfte seiner Einkiinfte dem Domkapitel
iiberlieB (Version CP), hingegen die Belehnung zu Gunsten der sechs zu griin-
denden Stiftskirchen auBer Acht laBt. Er bemerkt zwar, daB Heidenreich mit
seinen Einkiinften groBziigig umging, ohne allerdings nach der Ursache dieses
Sachverhalts zu fragen.28 Zum zweiten Mai, nun allgemeiner und anscheinend
in einem vollig anderen Geist, greift Gorski das Problem der Ausstattung in
einer Arbeit liber das Kulmseer Kapitel auf, in der er diese schlechthin als be-
scheiden bezeichnet.29 Die Frage der Ausstattung des Kulmseer Kapitels wurde
von mir in einem vor liber zehn Jahren veroffentlichten Aufsatz komplex ana-
lysiert.30 Erganzungen zu den dort vertretenen Ansichten und Interpretationen
finden sich in einem Artikel von J. Powierski.31
Ich habe oben bereits erwahnt, daB sich die Dokumente A und C inhaltlich
praktisch nicht unterscheiden, bis auf die Dispositio, die in jeder Version anders
tst. Die Reihenfolge in der Zeugenliste im Dokument C ist aus der Perspektive
Brigitte POSCHMANN, Bistumer und Deutscher Orden in PreuBen 1243-1525. Untersuchung
’8 ZUf ^er^assun8s" un<^ Verwaltungsgeschichte des Ordenslandes. Munster 1962, S. 48-50.
Karol Gorski, Henryk-Heidenryk, pierwszy biskup chelmiriski [Heinrich-Heidenrich, der
erste Kulmer Bischof]. In: Studia nad historic dominikanow w Polsce 1222-1972 [Studien zur
Geschichte der Dominikaner in Polen 1222-1972]. Hrsg. v. Jerzy KLOCZOWSKJ. Bd. 1. Wars¬
zawa 1975, S. 182-183.
io Kapitula chelmiriska (wie Anm. 4), S. 116.
3° Radziminskj, Fundacja (wie Anm. 6), S. 8-16.
Powierski, о pocz^tkach (wie Anm. 12), S. 101-123.
42
Andrzej Radziminski
mittelalterlicher Praxis nicht richtig: An erster Stelle wurden namlich gewohn-
lich die Geistlichen, gefolgt von Laien, erwahnt. Richtig sind die Zeugen im
Dokument A verzeichnet.32 Ich glaube nicht, daB sich dieses Problem auf einen
Irrtum des Kopisten zuruckfuhren laBt, was von J. Hoelge nahe gelegt wird,33
zumal ich das Dokument C fur das Original halte. Ich bin vielmehr der Ansicht,
daB die Niederschrift der ersten Stiftungsurkunde C kurz nach oder, was noch
wahrscheinlicher ist, noch an dem Tag der Rechtshandlung, d. h. am 22. Juli
1251 erfolgte.
Es ist schon bekannt, daB das Dokument nicht sehr sorgfaltig, ohne durch-
dachte Textverteilung niedergeschrieben wurde. Dies kann auf Eile bzw. auf
einen wenig qualifizierten Schreiber hindeuten, der die Zeugen in einer falschen
Reihenfolge nannte, ohne sich nach den allgemein ublichen Regeln zu rich ten.
Das Dokument A dagegen, ebenfalls ein Original, wurde von dem Kapitel
hochstwahrscheinlich erst mehrere Jahre spater erworben. Es steht namlich
fest, daB am 1. Januar 1255 Bischof Heidenreich und Heinrich, der Prapositus
des Domkapitels, einen Vertrag mit dem preuBischen Landmeister abschlossen,
der das Verhaltnis ihrer Einkunfte im Kulmer Land regelte. Das Dokument
informiert dariiber, daB die vier abgabenfreien Jahre abgelaufen seien und die
Einwohner des Kulmer Landes von diesem Jahr an eine Pflugsteuer in Hohe
von einem Scheffel Roggen und einem Scheffel Weizen zu Gunsten des Kul¬
mer Bistums zu entrichten hatten.34 Am 16. September 1257 kam eine be-
trachtliche Belehnung hinzu, die dem Domkapitel von seiten des kujawischen
Herzogs im Lobauer Land, Kasimir, zuteil wurde.35 Sie bewirkte, daB jenes
Drittel des Lobauer Landes, das infolge der fmheren Vertrage Bischof Heiden¬
reich gehorte,36 um ein weiteres Drittel aus der herzoglichen Belehnung erwei-
tert wurde. Insgesamt vereingte die Kulmer Kirche in ihren Handen zwei Drit¬
tel des Lobauer Landes, das sie schon friiher zu bewirtschaften begann.37
Alle diese Ereignisse konnten dazu beigetragen haben, daB der Umfang der
bischoflichen Stiftung zu Gunsten des Kulmer Domkapitels geandert wurde. In
diesem Zusammenhang fallt es schwer, dem Vorschlag von J. Powierski ein-
32 UBC,Bd. l,Nr. 29.
33 Hoelge (wie Anm. 2), 18 (1913), S. 136-137, Anm. 5.
34 UBC.Bd. l,Nr. 37.
35 UBC, Bd. 1, Nr. 51.
36 Es handelt sich um die Abfindung, die zwischen dem Deutschen Orden und Bischof Christi¬
an unter Vermittlung des Legaten Wilhelm von Modena vereinbart wurde. Ihr zufolge sollten
ein Drittel des umstrittenen Lobauer Landes Christian, zwei Drittel dem Deutschen Orden
zufallen. Es wurde in der Urkunde vom 20. September 1242 angedeutet. Pr. Urk., Bd. 1, Nr.
139.
37 Mit der Urkunde vom 18. Marz 1255 befahl Papst Alexander III. dem Bischof von Pomesa-
nien, er moge dem Kulmer Bischof und dem Kulmer Domkapitel die Lehnsvergabe der im
Kulmer Land gelegenen kirchlichen Gtitern erlauben. UBC, Bd. 1, Nr. 44.
Das Domkapitel in Kulmsee
43
deutig zuzustimmen, demzufolge die Version A der Stiftungsurkunde bereits
um 1253 verfaBt worden sei.38 Die Datierung des Dokuments A auf denselben
22. Juli 1251 deutet, wie ich glaube, wiederum auf die Absicht hin, ihm den
Rang des Originals zu verleihen und somit auf den - miBlungenen - Versuch,
das tatsachlich urspriingliche Dokument C zu eliminieren.
Versuchen wir also den Inhalt beider Dokumente zu analysieren, insbeson-
dere im Zusammenhang der Ausstattung der Domkorporation in Kulmsee, wie
diese im Lichte des Dokuments C und der spateren, im Dokument A vermerk-
ten Anderungen erscheint. Bischof Heidenreich belehnte das Domkapitel mit
der Halfte seiner aus dem Kulmer Lande in Form von Getreide bezogenen
Einkiinfte, allerdings bis zur maximalen Hohe von 4000 MaB. Die Kanoniker
konnten also nicht mehr als 2000 MaB Getreide erhalten. Im Falle einer Minde-
rung der bischoflichen Einkiinfte sollte ihre an den Zehnt gekoppelte Ausstat¬
tung ebenfalls sinken.39 Dariiber hinaus erhielt das Kulmseer Kapitel folgende
Landgliter: das allodium Be lectin (Bielczyny) samt dazugehorigem Dorf, die villa
Baglai (Wrozdawken) mit 22 Hufen, seit dem 16. Jahrhundert Wroclawki ge-
nannt, das nordlichste Gut des Kulmseer Landbesitzes, 50 Hufen zwischen
Heimsoth (Przeczno) und den Giitern Peters de Olauia (das spatere Arnsdorff
aus der Version A des Dokuments, seit dem 16. Jahrhundert Biskupice ge-
nannt), drei Dorfer mit 50 Hufen an dem See Sk^pe (das Hermansdorf des
Dokuments A, poln. Name ,,Sk^pe“), die Pfarrkirche in Kulmsee mit 12 Hufen
in der Stadt zwecks Errichtung eines Fronhofs, die Halfte aller Ertrage aus zwei
Seen in der Nahe von Kulmsee (es handelt sich um den See Clambog40 und
vermutlich um den Kulmsee), d. h. aus der Fischerei sowie aus der Nutzung
von Weiden und Miihlen, die an den von diesen Seen gespeisten Gewassern
gebaut werden sollten. Hinzu kamen noch 500 Hufen im Lobauer Land mit
voller Jurisdiktion, von denen der Bischof lediglich 12 Hufen in Lobau aus-
nahm, um dieses Gebiet der weltlichen Gewalt seines Vogtes zu unterstellen.41
Den geplanten Stiftskirchen iiberlieB Bischof Heidenreich: fur Briesen und
Boberow je 130 Hufen, die iibrigen 2000 MaB Getreide aus den bischoflichen
Einkiinften zu gleichen Teilen und zusatzlich je 100 Hufen im Lobauer Land.
Vier weiteren Stiftskirchen, die im Lobauer Lande geplant waren, iibertrug der
38 PowiERSKI, О pocz^tkach (wie Anm. 12), S. 120.
39 UBC, Bd. 1, Nr. 29. Siehe RADZIMINSKI, Fundacja (wie Anm. 6), S. 14. Vgl. POWIERSKI, О
pocz^tkach (wie Anm. 12), S. 113.
Slownik historyczno-geograficzny ziemi chetmiriskiej w sredniowieczu [Historisch-
geographisches Worterbuch des Kulmer Landes im Mittelalter]. Bearb. v. Krystyna PO-
RI^BSKA, Maksymilian Grzegorz. Hrsg. v. Marian BiSKUF. Wroclaw 1971, S. 22 und 24.
UBC, Bd. 1, Nr. 29 (Addentes eis ad omnia supradicta quingentos mansos in Lubouia, et predicta omnia
cum omni iurisdictione et iure, excepto quod in XII mansis in civitate villico nostro retinemus iudicium secu-
lare).
44
Andrzej Radziminski
Bischof je 500 Hufen, insgesamt also 2000 Hufen. Am Ende merkte der Bi-
schof an, die Propste aller bald zu errichtenden Stiftskirchen mogen die Be-
schliisse des Archidiakons beachten, den er einzusetzen beabsichtige. Ferner
behielt sich der Bischof auch die militarische Gewalt liber die Untertanen des
Domkapitels vor.42
Jetzt seien zum Vergleich die im Dokument A verzeichneten Belehnungen
angefuhrt. Fur die Kanoniker des Domkapitels in Kulmsee blieben 2000 MaB
Getreide aus den zehntbezogenen Einkiinften des Bischofs Heidenreich, die
villa Baglay (das spatere Wroclawki), allerdings ohne Nennung der Hufenzahl,
das allodium Belec^tn samt dazugehorigem Dorf, die Dorfer Arnsdorff (Bisku-
pice) und Hermansdorf (Sk^e) sowie die Pfarrkirche in Kulmsee mit 12 Hu¬
fen. AuBerdem erhielt das Kapitel 600 (und nicht 500 wie zuvor) Hufen im
Lobauer Lande mit voller Jurisdiktion und alien Rechten, diesmal allerdings
ohne AusschluB der bischoflichen Enklave von 12 Hufen. Die geplanten Stifts¬
kirchen in Briesen und Boberow erhielten je 130 Hufen und je 1000 MaB Ge¬
treide aus den zehntbezogenen Einkiinften des Bischofs Heidenreich, ohne daB
die fur beide Kirchen bestimmten je 100 Hufen im Lobauer Land (Dokument
C) erwahnt wurden. Die geplanten vier Stiftskirchen des Lobauer Landes er¬
hielten dagegen, wie im friiheren Dokument, daselbst je 500 Hufen. In dem
Dokument behielt sich der Bischof auBerdem die militarische Gewalt iiber die
Untertanen des Kapitels vor.43
Beide Belehnungen kann man also wie folgt zusammenfassen: Bischof Hei¬
denreich verzichtete auf die Halfte seiner Einkiinfte in Form von Getreide zu
Gunsten des Dorns in Kulmsee und auf die zweite Halfte zu Gunsten der zwei
geplanten Stiftskirchen in Briesen und Boberow, allerdings nur bis zur Hohe
von 4000 MaB. Die Belehnung mit Landgutern ist in beiden Dokumenten (A
und C) unterschiedlich: das Dokument A bezeugt einen fortgeschritteneren
Stand der deutschen Besiedlung; im selben Dokument fehlen, anders als in der
Version C, die Angaben zur GroBe der verliehenen Guter. Im Dokument A
treten, gegenuber der Version C, folgende Anderungen hinsichtlich des Beleh-
nungsumfangs auf: die Belehnung des Domkapitels in Kulmsee mit 500 Hufen
im Lobauer Land im Dokument C, allerdings unter AusschluB der 12 Hufen,
die der bischoflichen Jurisdiktion unterlagen, wurde im Dokument A auf 600
Hufen erhoht, wobei die bischofliche Enklave verschwand; die geplanten sechs
Stiftskirchen erhielten im ersten Dokument (C) 260 Hufen im Kulmer Land
und 2200 Hufen im Lobauer Land, in dem letzteren (A) dagegen ebenfalls 260
Hufen im Kulmer Land, dafiir aber nur 2000 Hufen im Lobauer Land.
42 Ebenda. Siehe RADZIMINSKI, Fundacja (wie Anm. 6), S. 14-15. Vgl. PowiiZRSKl, О pocz^t-
kach (wie Anm. 12), S. 113-118.
43 UBC, Bd. l,Nr. 29.
Das Domkapitel in Kulmsee
45
Insgesamt verzichtete der Kulmer Bischof Heidenreich also auf Einkunfte
[n Form von Getreide bis zu einer Hohe von 4000 MaB sowie auf alle Giiter,
die er im Lobauer Land besaB, ja selbst auf die 12 Hufen, die im Dokument C
seiner Jurisdiktion unterlagen. So groB war das Vermogen, das fur die Ent-
wicklung des Kirchenlebens in der Diozese Kulm bestimmt wurde.44
Es ist aus zwei Gninden wichtig, den Ablauf der Inkorporation des so beschaf-
fenen Domkapitels in Kulmsee durch den Deutschen Orden genau zu rekon-
struieren. Es war namlich der erste Versuch des Ordens, sich in seinem entste-
henden Herrschaftsbereich eine Institution dieser Art unterzuordnen. AuBer-
dem bildete das Kulmseer Inkorporationsmodell ein Vorbtid fur das ahnliche
Vorgehen des Ordens in den Diozesen Pomesanien und Samland.
Entgegen den Annahmen der bisherigen Geschichtsschreibung45 wechselten
die Kanoniker ihre Regel nicht vor dem 29. Juni 1263, also vor dem Tod Bi¬
schof Heidenreichs. Im Dokument des Hochmeisters Konrad von Feuchtwan-
gen vom 14. Mai 1296 steht deutlich geschrieben, daB die Inkorporation auf
Bitte des Bischofs Friedrich, d. h. des nachsten Kulmer Bischofs, Friedrich von
Hausen, erfolgte.46 Auf reine Vermutungen sttitzt sich die von einem Teil der
Historiker formulierte These, die Vorbereitungen zur Inkorporation hatten
bereits zur Zeit des Bischofs Heidenreich begonnen. Die Einwilligung des da-
maligen Vorstehers der Kulmer Diozese sollte wiederum die Einwilligung des
Deutschen Ordens zur Stiftung eines Dominikanerklosters in Thorn im Jahre
1263 nach sich ziehen.47
44 Vgl. PowiERSKI, О pocz^tkach (wie Anm. 12), S. 117.
45 Hans SCHMAUCH, Die Besetzung der Bistiimer im Deutschordensstaate (bis zum Jahre 1410).
In: ZEITSCHRIFl’ fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 20 (1917-1919) S.
643-752 und 21 (1920-1923), S. 1-102, hier: Bd. 21, S. 64, schreibt die Einwilligung zur In¬
korporation des Kulmseer Domkapitels in den Deutschen Orden noch Bischof Heidenreich
zu.
46 UBC, Bd. 1, Nr. 145. Jan PowiERSKI, der Autor des Biogramms Friedrichs von Hausen (In:
Slownik Biograficzny Pomorza NADWI$LANSKIEGO [Biographisches Lexikon Pomme-
rellens]. Bd. 1, S. 441-442) behauptet, daB die Kulmseer Kanoniker, der Annahme der
Deutschordensregel wohl gesinnt, zunachst im Einvernehmen mit dem Hochmeister Fried-
nch zum Bischof wahlten, woraufhin ihr neues Oberhaupt den Wechsel der Regel bestatigte.
Froelich (wie Anm. 19), S. 5; Paul Reh, Das Verhaltnis des Deutschen Ordens zu den
preuBischen Bischofen im 13. Jahrhundert. In: Zf.ITSCHRIPT DES WESTPREUSSISCHEN
Geschichtsvereins 35 (1896), S. 35-161, hier: S. 125-126. In neuerer Literatur Ahnliches zu
diesem Thema z. B. bei: Manfred HELLMANN, Die Verfassungsgrundlagen Livlands und
PreuBens im Mittelalter. In: Ostdeutsche Wissenschaft 3/4 (1956/57) S. 98-99. Siehe auch
Marian Dygo, Studia nad pocz^tkami wladztwa zakonu niemieckiego w Prusach (1226-1259)
[Studien zu den Anfangen der Herrschaft des Deutschen Ordens in PreuBen]. Warszawa
1992, S. 269; Marian BlSKUP, Das Verhaltnis des Deutschen Ordens zu den anderen Orden
in PreuBen. In: Ritterorden und Kirche im Mittelalter. Hrsg. v. Zenon Hubert Nowak
(Ordines militares. Colloquia Torunensia Historica, Bd. 9). Torun 1997, S. 61-79,
bier: S. 65.
46
Andrzej Radziminski
Man sollte jedoch nicht vergessen, daB ein solcher Akt wie eine Inkorpora-
tion nicht allzu lange vorbereitet zu werden brauchte; man muBte nur eine gun-
stige Gelegenheit abpassen. Nach dem Tode des Bischofs Heidenreich genugte
es, daB die Kulmseer Kanoniker vorlaufig die Wahl des Ordensbruders Fried¬
rich von Hausen zum Bischof bewilligten. Eine solche Bewilligung zu errei-
chen, stellte fur den Deutschen Orden angesichts der Gefahr, die mit dem gro-
Ben, 1260 angefangenen Aufstand der Prussen zusammenhing, kein groBes
Problem dar. Ein solcher Eindruck ergibt sich zumindest aus der Provisionsur-
kunde des Papstes Urban IV. vom 16. August 1264, in der es heiBt, die Kano¬
niker hatten unanimiter et concorditer; also ubereinstimmend und einhellig auf
Friedrich als kiinftigen Bischof hingewiesen.48
Im Zusammenhang mit der durch den Orden gefuhrten Politik der vollen-
deten Tatsachen ist es von gewisser Bedeutung, daB die Wahl Friedrichs per
postulationem, also nicht nach der gewohnlichen Prozedur, erfolgte. Die Kanoni¬
ker bedienten sich dieser Form der Bischofswahl, wenn der Kandidat nicht alle
Anforderungen erfullte. In diesem Fall war eine bedingte Wahl moglich, mit
dem Vorbehalt, daB der Erwahlte eine papstliche Provision samt Dispens von
dem vorhandenen Hindernis erhielt. Die Postulation ist also eine Wahl, die mit
einem Dispensgesuch verbunden ist.49 Es ist daher nicht vollig klar, warum
Hans Schmauch bei der Besprechung der Wahl Friedrichs die Ursache fur de-
ren Nichtbestatigung durch den Rigaer Erzbischof Albert II. gerade in der Po¬
stulation sucht. Ausschlaggebend war hier vielmehr die Person des Kandidaten
sowie die Tatsache, daB der Erzbischof die Inkorporation des Domkapitels
(also des Organs, das fur die Bischofswahl zustandig war) durch den Deutschen
Orden nicht bestatigte (die Bestatigung erfolgte erst im Jahre 1274).50 Dabei hat
die Inkorporation des Kulmseer Domkapitels bereits 1264 die bestatigende
Sanktion des papstlichen Legaten Anselmus erhalten.51
Aus der bereits erwahnten Provisionsurkunde vom 16. August 1264 ist da-
gegen bekannt, daB Papst Urban IV. dem erwahnten Rigaer Erzbischof zu-
nachst eine Sonderbewilligung erteilte, damit dieser personlich oder, wenn dies
nicht moglich ware, durch seine Suffragane, Friedrich als Kulmer Bischof ein-
setzte. Da der Erzbischof von Riga keine dahingehenden Schritte unternom-
men hatte, richtete der Hochmeister erneut eine Bitte an den Papst, diesmal um
48 UBC, Bd. 1, Nr. 73 ([...] dilectifilii Canonid ecdesie Culmensis [...] vota sua in dilectumfilium Frideri-
cum de Husen, presbiterum jratrem hospitalis sancte Made Theutonicorum [...] unanimiter et concorditer
direxerunt [...].).
49 Edward RllTNIiR, Prawo koscielne katolickie [Katholisches Kirchenrecht]. Bd. 1-2. Lwow
1907, hier: Bd. 1, S. 296-297. Diese Problematik wird von POWIERSKI, Fryderyk von Hausen
(wie Anm. 46), S. 441, iibersehen.
50 Schmauch (wie Anm. 45), Bd. 21 (1920-1923), S. 64-65, 77.
si UBC, Bd. l,Nr. 71.
47
Das Domkapitel in Kulmsee
die Provision fur Friedrich, die auch erteilt wurde.52 Nachdem Friedrich das
Bischofsamt angetreten hatte, blieb nur noch, eine vermutlich nicht sehr groBe
Gruppe (oder nur deren Mehrheit) zum Wechsel ihrer Regel zu iiberreden
(oder zu zwingen?), was die Aufnahme der Kanoniker (wir wissen jedoch nicht,
Gb es alle waren) in den Deutschen Orden nach sich zog. Der Prokurator des
Deutschen Ordens, der Anfang 1310 die Beschwerde des Rigaer Erzbischofs
Friedrich beantwortete, stellte fest, daB in dem Kulmseer Domkapitel, als dieses
bereits dem Orden unterstand, all die Kanoniker Platz fanden, die ihm noch
vor der Inkorporation angehorten.53 Die Bitte um die Aufnahme der einzelnen
Kanoniker in den Orden wurde selbstverstandlich von Bischof Friedrich an
den Hochmeister gerichtet.54
Der terminus ante quern der Umgestaltung der Kulmseer Korporation zu
einem Ordenskapitel ist der 1. Februar 1264. Von diesem Tag stammen nam-
lich zwei Schliisseldokumente. Das erste wurde vom Legaten Anselmus, dem
ermlandischen Bischof und Ordensgeistlichen ausgestellt, der die Ersetzung der
augustinischen Regel durch die dominikanische bestatigte.55 Das zweite Doku-
ment entstand auf Initiative Friedrichs von Hausen, der im Text als Bischof
von Kulm bezeichnet wird, tatsachlich aber noch nicht im Amt bestatigt war.
Das Dokument wiederholt fast wortlich die narrative Formel aus dem Doku-
ment des Legaten Anselmus: Es erwahnt die Bestatigung des Regelwechsels
durch die Kulmseer Kanoniker, die der Legat vorgenommen hatte, und ver-
ktindet die Belehnung des neuen Kanonikerkollegiums.56
Man kann Karol Gorski Recht geben, der darauf hingewiesen hat, daB
Friedrich von Hausen im oben erwahnten Dokument mit der ihm noch nicht
zustehenden Titulatur als episcopus Culmensis auftritt.57 Erst spater namlich, und
zwar, wie ich oben erwahnt habe, am 16. August 1264 wurde er von Papst Ur¬
ban IV. als Bischof konsekriert.58 Hans Schmauch hat wohl Recht, wenn er die
Ursache dafiir in dem Bestreben sieht, fur die Zukunft Zweifel am rechtlichen
Wert des Dokuments vom 1. Februar 1264 zu verhindern.59
“ UBC, Bd. l,Nr. 73.
UBC, Bd. 1, Nr. 161. Mehr dazu bei: Andrzej RADZIMINSKJ, Biskupstwa panstwa krzyzackie-
go w Prusach XIII-XV wieku [Die Bistiimer des Deutschordensstaates in PreuBen im 13.
54 und 14. Jahrhundert]. Torun 1999, S. 67-72.
Siehe unten.
55 UBC, Bd. 1, Nr. 71.
* UBC.Bd.l.Nr.72.
5g Gorski, Henryk-Heidenryk (wie Anm. 28), S. 189-190.
UBC, Bd. 1, Nr. 73. Siehe das Biogramm Friedrichs, bearb. v. Hans SCHMAUCH. In:
AlrPREussiSGHli BlOGRAPHlE. Bd. 1, S. 196; PowiERSKJ, Fryderyk von Hausen (wie Anm
46), S. 441, datiert diese Tatsache auf den 16. August 1263. Das Dokument, das die Konse-
Lration anempfiehlt, wurde allerdings im dritten Jahr des Pontifikats Urbans IV. (pontificatus
59 nostn anno tertio) ausgestellt, das zweifelsohne ins Jahr 1264 fallt.
Schmauch, Besetzung (wie Anm. 45), Bd. 20 (1917-1919), S. 652.
48
Andrzej Radziminski
Schweriich ist dagegen Karol Gorski Recht zu geben, wenn dieser behaup-
tet, daB Anselmus, Bischof von Ermland und papstlicher Legat, mit der Besta-
dgung der Inkorporadonsurkunde seine Kompetenzen iiberschritten habe.60
Einem der Dokumente Papst Urbans IV. ist namlich der Umfang seiner ausge-
dehnten Befugnisse in geistlichen wie weltlichen Angelegenheiten {tarn spirituali-
busy quam temporalibus) in PreuBen, Kurland und Livland zu entnehmen.61 Am
interessantesten ist aber die in diesem Dokument enthaltene Behauptung, die
sich aus den Befugnissen des Legaten ergebenden Aufgaben sollen de consilio
dictorum magistri et fratrum realisiert werden. Erwahnenswert ist auch, daB Ansel¬
mus als papstlicher Legat am 27. Januar 1264 seine bischofliche Urkunde fiber
die Grundung und Ausstattung des ermlandischen Domkapitels in Braunsberg
bestadgte.62
Nun sollen die beiden erwahnten Dokumente vom 1. Februar 1264 etwas
genauer untersucht werden, insbesondere im Hinblick auf die Ursachen, Me-
chanismen und unmittelbaren Konsequenzen, die sich aus der Ubernahme des
Regularkanonikerkollegiums in Kulmsee durch den Deutschen Orden ergaben.
In den bereits besprochenen, fast identisch klingenden erzahlenden Teilen der
Urkunde des Legaten Anselmus und der des Bischofs Friedrich wird die Uber¬
nahme der Regel und der Tracht des Deutschen Ordens durch die Kulmseer
Kanoniker mit erheblichen Verwiistungen und Schaden erklart, die in den
kirchlichen Giitern durch heidnische Prussen angerichtet worden seien.63 Infol-
ge dessen beschlossen die besagten Kanoniker ausgerechnet die Regel und die
Tracht des Deutschen Ordens anzunehmen, allerdings geschah dies, wie es im
Dokument steht, de religiosorum ac discretorum virorum con si Ho.M
60 G6RSKI, Henryk-Heidenryk (wie Anm. 28), S. 189-190.
61 Pr. Urk., Bd. 1, Nr. 147 ([...] per nostras litteras sibi duximus concedendum, ut in predictis Pruscie,
Curonie ac Liuonie partibus super huiusmodi negocio et aliis omnibus tarn spiritualibus quam temporalibus
illud contigentibus tamquam legatus sedis apostolice de consilio dictorum magistri et fratrum agere, disponere,
ordinare, statuere ac precipere [...]).
62 Codex diplomaticus Warmiensis oder Regesten und Urkunden zur Geschichte Ermlands
[weiter im Text: CDW]. Bd. 1. Hrsg. v. Carl Peter WOELKY, Johann Mrtin SAAGE. Mainz
1864, Nr. 48. Siehe Bruno PO'lTEL, Das Domkapitel von Ermland im Mittelalter. Borna-
Leipzig 1911, S. 3; Jan ОВЕДК, О pocz^tkach kapituly katedralnej na Warmii [Uber die An-
fange des Domkapitels von Ermland]. In: WARMINSKJE WlADOMOSCI DlECEZJALNE 16
(1961) Nr. 5, S. 8-25.
63 UBC, Bd. 1, Nr. 72 (Ecclesia Culmensensi propter insultus ac feritatem paganorum in facultatibus suis
grave dispendium patiencie [...]). Es sei auch daran erinnert, daB der Aufstand der Prussen die
Aufgabe der Diozese Ermland durch Bischof Anselmus bewirkte, der ihre Verwaltung dem
damaligen preuBischen Landmeister Hartmut von Grumbach iiberlieB (CDW, Bd. 1, Nr. 41).
Siehe das Biogramm von Anselmus in: Stanislaw ACHRKMCZYK, Roman MARCHWINSKI, Jer¬
zy Przkradzkj, Poczet biskupow warminskich [Vita der ermlandischen Bischofe]. Olsztyn
1994, S. 15, und Hans SCHMAUCH. In: APB, Bd. 1, S. 15.
UBC, Bd. 1, Nr. 71,72.
64
Das Domkapitel in Kulmsee
49
Ich zweifle nicht im geringsten daran, daB sich hinter dieser Formel die
Qeutschordensritter mit ihrem damaligen Hochmeister Anno von Sangerhau-
sen verbergen.65 Die schlechte okonomische Situation der Kulmer Kirche, dar-
unter auch des Domkapitels, die, wie bereits erwahnt, hochstwahrscheinlich auf
die Konsequenzen des 1260 begonnenen groBen Aufstandes der Prussen zu-
Eickzufuhren ist, sowie die standige Bedrohung seitens der heidnischen Stam-
me schlieBen die Berechtigung der Formulierungen in den beiden Dokumenten
nicht aus. Unabhangig davon, ob der Orden den einen oder den anderen Plan
zur Beherrschung der entstehenden kirchlichen Organisation hatte, bildete die
damalige Situation der Kulmer Diozese fur die Ordensritter eine ausgezeichnete
Gelegenheit, sich der Kanoniker ,anzunehmen‘, d. h. sich das Kulmseer Dom¬
kapitel unterzuordnen.
Es scheint deshalb, daB die weiteren Etappen der Umgestaltung des Regu-
larkanonikerkollegiums zu einem Deutschordenskapitel bereits nach dem Tode
des Bischofs Heidenreich eingeleitet wurden und folgendermaBen gegliedert
waren: (1) Zunachst wurde von den Kulmseer Kanonikern auf Initiative (oder
Druck?) des Hochmeisters Anno von Sangerhausen und anderer Mitglieder des
Ordens Friedrich von Hausen zum Kulmer Bischof gewahlt. (2) Daraufhin
beschlossen die Kulmseer Kanoniker, dem Ratschlag, oder vielmehr der Beein-
flussung, wenn nicht schlechthin dem Befehl der Ordensritter folgend, die Er-
setzung der bisherigen Regel und Tracht durch die Regel und Tracht des Deut-
schen Ordens. (3) Ein solcher BeschluB muBte mit der — formalen, aber not-
wendigen - Bitte an den Hochmeister einhergehen, er moge die Kanoniker in
den Orden aufnehmen, die Bischof Friedrich im Namen der Kanonikergemein-
schaft vorlegte, was in dem besagten Dokument des Hochmeisters Konrad von
Feuchtwangen vom 14. Mai 1296 festgehalten wurde.66 (4) All diese Handlun-
gen mussen vor dem 1. Februar 1264 erfolgt sein, an jenem Tage namlich be-
statigte Legat Anselmus den Regelwechsel, wahrend Bischof Friedrich das neue,
schon ordenseigene Domkapitel ausstattete und dessen Mitgliederzahl festlegte.
Bemerkenswert ist, daB auch diese Belehnung auf den Ratschlag (die Anwei-
SUng?) der prominenten Ordensmitglieder erfolgte, vor allem des Hochmeisters
Anno von Sangerhausen und des preuBischen Landmeisters Ludwig von Bal-
dersheim wie auch des damaligen samlandischen Bischofs Heinrich Strittberg.
Es ist selbstverstandlich schwer auszuschlieBen, daB sowohl die Wahl eines
Ordensbruders zum Kulmer Bischof als auch der Regelwechsel unter Zwang
erfolgten, was in den Bestatigungsurkunden hinter dem Euphemismus de religio-
Sorum ac discretorum virorum consilio versteckt wurde. Diese Vermutung ist umso
Siehe die Vermutungen dazu bei SCHMAUCH, Besetzung (wie Anm. 45), Bd. 20 (1917-1919),
66 S' 652‘
UBC, Bd. 1, Nr. 145.
50 Andrzej Radziminski
wahrscheinlicher, als das Motiv der Zwangsinkorporation in spaterer Tradition
mehrmals auftaucht.67
Der Verdacht eines Zwangs kann aber ebensogut im Rahmen einer internen
Rivalitat in Umlauf gesetzt worden sein. Eine solche bestand namlich zwischen
den Geistlichen (darunter auch Geistlichen des Deutschen Ordens), welche die
ebenfalls auf Territorialherrschaft (des Bischofs und des Kapitels) gestiitzte
kirchliche Organisation bildeten, und dem Deutschen Orden (und zwar seinem
ritterlichen Teil), der als Territorialherrscher in den Quellen deutlich erwahnt
wird (z. B. Anfang des 14. Jahrhunderts wie auch in der zweiten Halfte des 15.
Jahrhunderts).68 Das Beispiel des 1290 in den Orden inkorporierten Domkapi-
tels von Kurland zeigt ubrigens, daB die Gefahr eines Regelwechsels seitens der
dortigen Geistlichen, selbst Ordensangehorigen, immer bestand. In einem Do-
kument des kurlandischen Bischofs Edmund von Werth vom 9. Mai 1290 steht
eine bezeichnende Bemerkung, die sich immerhin auf ein Domkapitel bezieht,
das seit Januar des Jahres dem Deutschen Orden angehorte: Si vero, quod absit,
ecclesiam ipsam alienari contingent ab ordine nostro predicto et in extraneos commutata fuerit
seu translata [...].69
Die in der Urkunde des Bischofs Friedrich vom 1. Februar 1264 enthaltenen
Beschliisse, die sich auf die Ausstattung des umgestalteten Kanonikerkollegi-
ums beziehen, kniipfen groBtenteils an die Stiftungsurkunde des Bischofs Hei-
denreich von 1251 an. Von den Landgiitern erhielt das Kapitel die Dorfer
Wrotzlawken, Hermansdorf, Arnsdorff und das allodium Belec^in, die Pfarrkirche
in Kulmsee mit 12 Hufen sowie 600 Hufen im Lobauer Land. Den Kanonikern
wurden 2000 MaB Getreide, also die Halfte der bischoflichen Einkiinfte zuer-
kannt, ferner das Fischereirecht, die Nutzung des Weidelandes und der Miihlen,
soweit diese letzteren an den Gewassern gelegen waren, die sich aus den zwei
Seen bei Kulmsee speisten.70
AbschlieBend seien die rechtlichen Folgen des Regelwechsels durch das Kulm-
seer Domkapitel analysiert. Aus dem Dokument des Legaten Anselmus geht
klar hervor, daB von nun an allein Ordenskleriker zu Kanonikern dieser Korpo-
ration ernannt werden durften; sie erhielten das Recht der Bischofswahl sowie
67 GORSKI, Henryk-Heidenryk (wie Anm. 28), S. 179-194.
68 Radziminski, Biskupstwa (wie Anm. 53), S. 58-87.
69 Pr. Urk., Bd. 1, Nr. 563. Erwin HF.RTW1CH, Das Kurlandische Domkapitel bis 1561. Phil.
Diss. Konigsberg 1943 (in diesem Band).
70 UBC, Bd. 1, Nr. 72. Mehr dazu bei RADZIMINSKI, Fundacja (wie Anm. 6), S. 21-22 und
DKRS., Biskupstwa (wie Anm. 53), S. 40-41.
Das Domkapitel in Kulmsee
51
alle anderen Befugnisse, die solchen Kanonikerkoilegien zustanden.71 Die Ur-
kunde des Bischofs Friedrich setzt wiederum die Mitgliederzahl des neuen Ka-
pitels auf 24 fest, wobei der Vorbehalt gemacht wird, daB der Zunahme der
jCapiteleinkiinfte die VergroBerung ihrer Mitgliederzahl entsprechen solle.72
Die leicht modifizierte Ausstattung des rechtlich so beschriebenen Kapitels
war erst die letzte Etappe der vollstandigen Unterordnung dieser Institution
durch den Deutschen Orden. Johannes Hoelge hat vermutlich Recht mit seiner
Behauptung, die 1264 vorgenommene Neuausstattung des Kulmseer Domka-
pitels sei eine Folge der Tatsache gewesen, daB eine ^Corporation, welche die
Regel des Deutschen Ordens befolgte, kein Recht mehr auf jene Ausstattung
besaB, die sie als augustinisches Domkapitel erhalten hatte.73
Am 5. November 1274 bestatigte Johann von Liinen, Erzbischof von Riga,
den durch das Kulmseer Domkapitel vorgenommenen Regelwechsel, was er
mit einer weiteren Urkunde vom 6. Januar 1284 erneuerte.74 Am 14. Mai 1296
wiederum stellte Hochmeister Konrad von Feuchtwangen das Dokument aus,
das die Inkorporation des Kulmseer Domkapitel durch den Deutschen Orden
bestatigt, die, wie es im Text heiBt, von Hochmeister Anno von Sangerhausen
auf Bitte des Bischofs Friedrich von Hausen vollzogen wurde.75
Als der Kulmer Bischof Heidenreich im Jahre 1251 ein Domkapitel ausgu-
stinischer Regel stiftete, nahm er an, dieses wurde sogar bis zu 40 Kanoniker
zahlen. Als das Kapitel bereits dem Orden inkorporiert worden war, postulierte
Heidenreichs Nachfolger Friedrich von Hausen eine 24-kopfige Zusammenset-
zung. In Wirklichkeit schwankte die Zahl der Kulmer Kanoniker zwischen
zehn und funfzehn. AuBerdem gehorten der Korporation fiinf Pralaten an:
Prapositus, Dekan, Kustos, Kantor und Scholastikus.76 Es ist jedoch anzumer-
ken, daB nach dem nachsten Regelwechsel, der auf Bitten des Kulmer Bischofs
Wincenty Kielbasa von Papst Sixtus IV. in den Jahren 1471-1479 bewilligt
wurde, das Kapitel sich lediglich aus vier Kanonikern zusammensetzte. Diese
Zahl wurde gelegentlich auf fiinf oder sechs erhoht. Fur das Kulmseer Domka¬
pitel war zu dieser Zeit jedoch schon eine vollig andere Epoche angebrochen.77
BBC, Bd. 1, Nr. 71 ([...] perpetuo statuentes, ut in dicta Culmenensi ecclesia fratres clerici ordinis domus
sancte Marie Theutonicorum canonici instituantur sen locentur; dantes sen relinquentes eisdem canonicis jus
70 ehgendi episcopum ac eciam omnia alia iura, que ipsis competunt ex canonicis institutis.).
BBC, Bd. 1, Nr. 72 (canonici dicte ecclesie in conventu suo viginti et quatotur canonicos tenebuntur habere,
et medio tempore augmento redituum augmentum respondeat personarum).
7 Hoelge (wie Anm. 2), Bd. 18 (1913), S. 139.
I BBC, Bd. 1, Nr. 83 und 102.
7r> Bd. 1, Nr. 145.
77 Hoelge (wie Anm. 2), Bd. 18 (1913), S. 144, 153-157.
Mankowski (wie Anm. 5), S. 74-76.
Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527).
Eine Zusammenfassung*
Mario Glauert
1. Literatur, Quellen, Denkmaler
Forschung und Uteratur
Dem Domkapitel von Pomesanien wurde bislang nur geringes wissenschaftli-
ches Interesse zuteil. Seine Geschichte und Struktur wurden allenfalls innerhalb
von Uberblicksdarstellungen zur Entwicklung des pomesanischen Bistums
sowie zur Lokal- und Siedlungsgeschichte des Landes beriicksichdgt oder fan-
den in Untersuchungen fiber die benachbarten preuBischen Domkapitel Be-
achtung. Eine Einzeldarstellung fehlt.
Eine erste knappe Ubersicht iiber die Geschichte des Bistums mit zahlrei-
chen Quelleneditionen gab M. Toppen 1874 aus nachgelassenen „Aufzeich-
nungenu E. Strehlkes heraus.1 1884 erschien in drei Heften der „Zeitschrift des
Historischen Vereins fur den Regierungsbezirk Marienwerderu die bis heute in
weiten Teilen unersetzte Gesamtdarstellung zur „Geschichte des vormaligen
Bisthums Pomesanien44 von H. Cramer, die sich vor allem auf die Stiicke seines
1885-87 erschienenen „Urkundenbuchs zur Geschichte des vormaligen
Bisthums Pomesanien44 stiitzte.2 Die fehlerhaften Drucke lassen eine wissen- ** Der vorliegende Text geht auf die polnische Zusammenfassung meiner Dissertation zurtick:
Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527). (Prussia SACRA. Bd. 1). Torun 2003. Fur den
vorliegenden Abdruck wurde die Darstellung geringfiigig iiberarbeitet und mit einigen Lite-
raturhinweisen versehen. Weitergehende Angaben und Belege konnen der genannten Publi-
kation entnommen werden.
Aufzeichnungen zur Geschichte des Bisthums Pomesanien. Hrsg. v. Ernst STREHLKE und
Max TOPPEN. In: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preuBischen
Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft, Bd. 5. Hrsg. v. Theodor HlRSCH, Max
2 TOppen und Ernst STREHLKE. Leipzig 1874, ND Frankfurt/M. 1965, S. 385-439.
Hermann CRAMER, Geschichte des vormaligen Bisthums Pomesanien. In: ZEITSCHRIFT DES
Historischen Vereins fur den Regierungsbezirk Marienwerder 11-13 (1884) [mit
fortlaufender Seitenzahlung]. Urkundenbuch zur Geschichte des vormaligen Bisthums Po¬
mesanien. Bearb. v. Hermann CRAMER. In: EBD. 15-18 (1885-87) [mit fortlaufender Seiten-
und Nummernzahlung].
54
Mario Glauert
schaftliche Auswertung jedoch kaum zu, so daB bis 1371 die zuverlassigen Ab-
drucke des „PreuBischen Urkundenbuchs“ vorzuziehen sind.3
Besonders nachteilig fur alle Untersuchungen zur Geschichte des Bistums
Pomesanien wirkt sich bis heute die Unvoilstandigkeit von Cramers Sammlung
aus, die sich vornehmlich auf die Handfesten der Stadte, Dorfer und Giiter des
Sdfts beschrankt. Die verstreut in der hochmeisterlichen Registratur iiberlie-
ferte Korrespondenz zwischen den Bischofen und der Ordensleitung, die fur
das 15. und 16. Jahrhundert die bedeutendste Queilengruppe zur Geschichte
des Bistums bildet, steht der Forschung bisher kaum gedruckt zur Verfiigung,
die sich daher auf die Siedlungsentwicklung des Stiftsgebietes konzentriert hat
(R. v. FlanB4, J. K. Kaufmann5, E. Wernicke6, H. Buttkus7, M. Kerner-
Zuralska8, M. Roman9). Auf deutscher Seite fanden nach 1945 vornehmlich das
Leben und Wirken der 1976 heilig gesprochenen Dorothea von Montau Inter-
esse10, wahrend in jiingerer Zeit vor allem die polnische Forschung (St. Kwiat-
kowski11, J. Wisniewski12) eine starkes Bemiihen um eine Aufarbeitung der Bi-
stumsgeschichte zeigt.13
3 PreuBisches Urkundenbuch. Hrsg. v. R[udolf] PHILIPPI, Carl Peter WOELKY, August
Seraphim, Max Hein, Erich Maschke, Hans Koeppen und Klaus Conrad. Bd. 1-6. K6-
nigsberg, spater Marburg 1882-2000; Bd. 1-3/1, ND Aalen 1961.
4 R[einhold] von FLANSS, Beitrage zu einer Beschreibung des Kreises Marienwerder. Ge¬
schichte der Rittergiiter und einiger andern Giiter [Separat-Abzug von Artikeln aus der
ZEITSCHRIFT DES HlSTORISCHEN VHREINS FOR DEN REGIERUNGSBEZIRK MARIENWERDER 7,
10, 14, 19, 20, 21 (1882, 1884-87)]. Marienwerder 1887.
5 [Karl Josef] KAUFMANN, Geschichte des Kreises Rosenberg. Bd. 1: Allgemeines, 1. Teil bis
zum Ende des dreizehnjahrigen Krieges (1466) [mehr nicht erschienen]. Marienwerder 1927.
6 [Erich] WERNICKE, Die Geschichte der Stadt Garnsee und der Dorfer Garnseedorf, Seu-
bersdorf, Gr. Otdau, Zigahnen. Marienwerder 1934. DERS., Kreis Marienwerder. Aus der
Geschichte des Landkreises bis zum 19. Jahrhundert. Posthum hrsg. vom Verein fiir Famili-
enforschung in Ost- und WestpreuBen (SONDERSCHRIFrEN DES VEREINS FUR FAMILI-
ENFORSCHUNG IN OST- UND WESTPREUSSEN, Bd. 42). Hamburg 1979.
7 Heinz Buttkus, Beitrage zur Landschafts- und Siedlungsgeschichte des ehemaligen Bistums
Pomesanien. Teil 1: Vordt. Zustande um 1300 [mehr nicht erschienen]. Phil. Diss. Berlin
1936.
8 Maria KERNER-ZURALSKA, Materialy do dziejow osadnictwa Pomezanii (pow. kwidzynski,
itawski, oraz cz?sc grudzi^dzkiego). In: KOMUNIKATY MAZURSKO-WARMINSKIE 84 (1964) H.
2, S. 150-167.
9 Magdalena ROMAN, Osadnictwo i stosunki wlasnosciowe w Pomezani biskupiej od konca
XIII do polowy XV wieku. In: ZAPISKI HlSTORYCZNE 37 (1972) S. 25-53.
10 Dorothea von Montau. Eine preuBische Heilige des 14. Jahrhunderts. Hrsg. v. Richard
STACHNIK und Anneliese TRILLER. Osnabriick 1976.
11 Stefan KWIATKOWSKI, Klimat religijny w diecezji pomezanskiej u schylku XIV i w
pierwszych dziesi?cioleciach XV wieku (ROCZNIKI TOWARZYSTWA NAUKOWEGO W
Toruniu, Bd. 84/1). Torun 1990.
12 Jan WISNIEWSKI, Dzieje Diecezji Pomezanskiej (do 1360r.). Wydano z okazji 750-lecia ery-
gowania Diecezji Pomezanskiej. Elbl^g 1993. DERS., Pomezania. Z dziejow koscielnych. El-
bl^g 1996. Ders., Sredniowieczne synody pomezanskie. — Dekanat Sztumski (1601-1821).
Das Domkapitel von Pomesanien
55
Im Gegensatz zum pomesanischen Domkapitel sind die Geschichte, die
Organisation und die Mitglieder der Deutschordens-Domkapitel von Kulm,
Samland und Kurland bereits in mehreren Einzelstudien untersucht worden (J.
Hoelge, A. Mankowski, A. Radziminski, H. Schlegelberger, R. Biskup, E. Hert-
wich).14 Eine Gesamtdarstellung zur mittelalterlichen Kirchengeschichte des
Deutschordenslandes PreuBen fehlt bislang, eine kurze Ubersicht hat aber
jiingst A. Radziminski auf der Grundlage seiner zahlreichen alteren Studien
vorgelegt.15
Archiv undQuellen
In den erhaltenen Quellen werden Kanzlei und Archiv des Domkapitels nicht
ausdriicklich erwahnt. Nach der Sakularisierung des Stifts Pomesanien 1527
wurden die Archivalien des aufgelosten Domkapitels in die herzogliche Kanzlei
nach Tapiau bzw. Konigsberg iiberfiihrt. Der heutige OstpreuBische Foliant
14355 stellt vermutlich ein seinerzeit angelegtes Verzeichnis des Bestandes dar.
Die Tapiauer Bestande wurden 1722 nach Konigsberg in die Registratur der
PreuBischen Regierung (ab 1773 OstpreuBische Regierung, ab 1781 Etats-
Ministerium) iiberfiihrt, aus der 1804 als eigenstandige Behorde das „Geheime
Archiv“ hervorging, das spatere Provinzial- bzw. (seit 1867) Staatsarchiv Ko¬
nigsberg (StA Kbg.). Teile der WestpreuBen betreffenden Archivalien, darunter
auch die Urkunden und Amtsbiicher pomesanischer Provenienz, wurden 1903
an das ein Jahr zuvor gegriindete Staatsarchiv Danzig abgegeben, noch vor
Inkrafttreten des Versailler Vertrages aber wieder nach Konigsberg iiberfiihrt.
Die Bestande des Staatsarchivs Konigsberg wurden seit 1943 ausgelagert;
nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelangte ein GroBteil der Archivalien iiber
Goslar 1953 zunachst ins „Staatliche Archivlager“ nach Gottingen und
Elbl^g 1998. DERS., Koscioly i kaplice na terenie bytej diecezji pomezanskiej 1243-1821
(1992). Teil 1 und 2 (ROZPRAWY NAUKOWE wyZszego seminarium duchownego
metropolii warminskiej ,,Hosianum“ w Olsztynie, Bd. 10). Elbl^g 1999.
Vgl. die jiingsten Zusammenfassungen: Mario GLAUERT, „Pomesanien** (Art.). In: Die Bi-
stiimer des Heiligen Romischen Reiches. Von ihren Anfangen bis zur Sakularisation. Hrsg.
von Erwin GATZ unter Mitwirkung von Clemens BRODKORB und Helmut FLACHENECKER.
Freiburg/Br. 2003, S. 566-573. Ders., „Pomesanien, Bf.e von“ (Art.). In: Hofe und Residen-
zen im spatmittelalterlichen Reich. Ein dynastisch-topographisches Handbuch. Teilband 1.
Hrsg. v. Werner PARAVICINI, bearb. v. Jan HlRSCHBlEGEl. und Jorg Wetti^\ueer. (Re-
SIDENZENEORSCHUNG. Bd. 15.1). Ostfildern 2003, S. 596-599.
15 ^gl- ausfiihrlichen Literaturhinweise in den einzelnen Beitragen dieses Bandes.
Andrzej RADZIMINSKI, Biskupstwa panstwa krzyzackiego w Prusach XIII-XV wieku. Z
dziejow organizacji koscielnej i duchowienstwa. Torun 1999.
56
Mario Glauert
1978/79 schlieBlich nach Berlin, wo sie heute als XX. Hauptabteilung (HA)
Teil des Geheimen Staatsarchiv PreuBischer Kulturbesitz (GStA PK) sind.16
Einen geschlossenen archivalischen Bestand zum pomesanischen Domka-
pitel gab es in der Tektonik des historischen Staatsarchivs Konigsberg nicht.
Die Urkunden, Schreiben und Amtsbiicher des Domkapitels wurden zu Beginn
des 19. Jahrhunderts mit den iibrigen Archivalien der Ordenszeit in die Abtei-
lungen „Pergament-Urkunden" (geordnet in Schiebladen [Sch.] und Nummern
[Nr.]), ,,Ordensbriefarchiv“ (OBA) und ,,Ordensfoliantenu (OF) des Provinzial-
bzw. Staatsarchivs Konigsberg eingereiht. Wegen des Verlusts des bischoflichen
Archivs muB die Uberlieferung aus der Registratur des pomesanischen Domka¬
pitels vor allem durch die Korrespondenz, die Wirtschaftsaufzeichnungen und
das iibrige Verwaltungsschriftgut der hochmeisterlichen Registratur erganzt
werden.
Von zentraler Bedeutung fur die Geschichte des Bistums bis zum Beginn
des 15. Jahrhunderts sind die beiden in den Bestanden des ehemaligen Staatsar¬
chivs Konigsberg erhaltenen „Privilegienbiicher" des Bischofs (OF 116) und
des Domkapitels (OF 115) von Pomesanien, in welche die grundlegenden Pri-
vilegien der Kirche und vor allem Abschriften von Handfesten und Vertragen
eingetragen wurden. Der Grundstock des OF 116 wurde etwa 1380/81 durch
Bischof Johann Monch von Pomesanien angelegt, der viele Stiicke durch Er-
lauterungen erganzte. Das Privilegienbuch des Domkapitels, in dem drei Lagen
fehlen, stellte 1409 der Domherr Johann Calis von Rosenberg zusammen.
Vermutlich eine deutsche Ubersetzung der heute nicht mehr vorhandenen
Teile entdeckte der Danziger Archivar J. K. Kaufmann um 1916 im Gutsarchiv
von GroB Bellschwitz und durfte sie unter anderem fur seine „Geschichte des
Kreises Rosenberg" (1927) auswerten. Kurz darauf kam dieses „Privilegienbuch
von GroB Bellschwitz" jedoch abhanden, so daB sein heutiger Verbleib unge-
wiB ist.
Eine Ubersicht liber die Einkiinfte und Besitzverhaltnisse der aus dem po¬
mesanischen Stiftsterritorium nach der Sakularisierung 1527 hervorgegangenen
Amter Riesenburg und Schonberg gibt der um 1531/32 angelegte OstpreuBi-
sche Foliant 132. Die in den Quellen zuweilen erwahnten mittelalterlichen
16 Zur Uberlieferung und den Bestanden des ehemaligen Staatsarchivs Konigsberg vgl. Kurt
FORSTREUTER, Das PreuBische Staatsarchiv in Konigsberg. Ein geschichtlicher Riickblick mit
einer Ubefsicht iiber seine Bestande (VEROFFENTLICHUNGEN DER NIEDERSACHSISCHEN
Archiwerwaltung, Bd. 3). Gottingen 1955. Bernhart JAHNIG, Die Bestande des histori¬
schen Staatsarchivs Konigsberg als Quelle zur Bevolkerungs- und Siedlungsgeschichte des
PreuBenlandes. In: Aus der Arbeit des Geheimen Staatsarchivs PreuBischer Kulturbesitz.
Hrsg. V. Jurgen Kloosterhuis. (VerOffentlichungen aus den Archiven Preussischer
Kui/ruRBEsn-z, Arbeitsberichte, Bd. 1). Berlin 1996, S. 273-297.
Das Domkapitel von Pomesanien
57
2ins- und Wirtschaftsbiicher fiir das pomesanische Stiftsgebiet sind heute
ebenso verloren wie die Gerichts- und Schoffenbiicher der pomesanischen
Stadt- bzw. Provinzialgerichte in Marienwerder, Riesenburg und Rosenberg.
Erhalten blieben annalistische Aufzeichnungen aus den Jahren 1391-1398
{iber verstorbene und neue Kapitelsmitglieder, Giitererwerbungen, Grenzstrei-
tigkeiten und MeBstiftungen, die vermutlich der langjahrige pomesanische
Domdekan Johann Marienwerder niederschrieb. Ein unbekanntes Mitglied des
Domkapitels verfaBte zudem eine kurze Chronik iiber einige Ereignisse des
,,Reiterkrieges“ fur das Jahr 1520.17
Die um 1398 von Bischof Johann Monch von Pomesanien erlassenen Sta¬
tu ten des pomesanischen Domkapitels regeln in 13 Abschnitten die Teilnahme
an den Messen, am Altardienst und den Kapitelsversammlungen und stellen
VerhaltensmaBregeln, Bestimmungen iiber die Wahl neuer Domherren und ihr
Eigentum auf.18 Weitere Quellen, aus denen Aufschliisse iiber die Verfassung
und Amterstruktur des Kapitels zu gewinnen waren, wie Protokolle und Be-
schliisse der Kapitelsversammlungen, lassen sich fur Pomesanien nicht nach-
weisen.
Der heute vermiBte Foliant 1083 der Staats- und Universitatsbibliothek K6-
nigsberg enthielt einen Kalender mit insgesamt 29, von verschiedenen Handen
vorgenommenen Eintragungen, die sich mit zwei Ausnahmen auf das Bistum
Pomesanien beziehen und 1877 durch M. Perlbach als „Necrologium ecclesie
Pomezanienis“ ediert wurden.19 Der Nekrolog wurde regelmaBig nur von etwa
1295 bis etwa 1335 gefuhrt, nennt fur diesen Zeitraum aber wohl alle Mitglieder
des pomesanischen Domkapitels.
Uber den Bestand der Bibliothek des Domkapitels sind nur indirekte Nach-
richten aus den Biicherstiftungen der pomesanischen Bischofe Nikolaus von
Radam (1374) und Johann Ryman (1417) iiberliefert. Ob einzelne Handschrif-
ten oder Drucke aus dem Besitz des Domkapitels spater iiber die bischofliche
oder herzogliche Bibliothek in die Bestande der Staats- und Universitatsbiblio¬
thek Konigsberg gelangten, ist nicht bekannt.
18 ^bdruck in: Aufzeichnungen (wie Anm. 1), S. 430-439.
Edition in: Die Statuten des Deutschen Ordens. Nach dem Original-Exemplar mit sinner-
lauternden Anmerkungen, einigen historisch-diplomatischen Beylagen und einem vollstandi-
gen historisch-ethymologischen Glossarium. Hrsg. v. Ernst HENNING. Konigsberg 1806, S.
Max Perlbach, Deutsch-Ordens Necrologe. In: FORSCHUNGEN ZUR DEUTSCHEN Ge-
schichte 17 (1877), S. 357-371, hier: S. 367-369.
19
58
Mario Glauert
Denkmaler
Aus der baulichen Hinterlassenschaft des pomesanischen Domkapitels treten
dem heutigen Betrachter noch das SchloB und der Dom der ehemaligen Kathe-
dralstadt Marienwerder sowie die Burg Schonberg vor Augen.
Anstelle einer alteren Pfarrkirche wurde wohl noch in der ersten Halfte des
14. Jahrhunderts mit dem Bau eines neuen Domes begonnen, fur den Bischof
Berthold 1342 die Einkiinfte des Dorfes Waltersdorf stiftete. Nach den noch
unveroffentlichten dendrochronologischen Untersuchungen des Dachwerks
durch A. Konieczny diirften die Errichtung des Chores fmhestens 1366, der
Bau des dreischiffigen Langhauses fmhestens 1375 abgeschlossen worden sein.
Trotz einzelner Zerstorungen in den Kriegen des 15. und 16. Jahrhunderts und
einiger spaterer Umbauten zeigt die Kirche, die 1992 zur Konkathedrale des
neuen Bistums Elbl^g erhoben wurde, heute noch im wesentlichen ihren mit-
telalterlichen Bauzustand.20
Die mittelalterliche Ausstattung des Domes mit Altaren und Kapellen laBt
sich nur noch teilweise rekonstmieren. 1342 wird erstmals der dem Bistumspa-
tron, dem Evangelisten Johannes, geweihte Hauptaltar erwahnt. Weitere Altar-
und Vikariestiftungen folgten in den nachsten Jahren (1345 Fronleichnamsaltar,
1347 Organistenstelle, ein St.-Jodocus-Altar wird erstmals 1363 erwahnt), so
daB um 1350 bereits mindestens funf Vikarien bestanden. 1389 nahm Bischof
Johann Monch, der wohl 1380 auch das auBergewohnliche Mosaikbild an der
Siidseite der Kirche stiftete, eine umfangreiche Neuordnung fur sechs Kaplan-
stellen am Dom vor, dessen Neubau zu diesem Zeitpunkt wohl beendet war. In
den Akten des Kanonisationsprozesses Dorotheas von Montau21, die 1394 in
einer Klause am Dom starb, werden die Namen von 12 Geistlichen genannt,
die um 1400 ihren Dienst an den Altaren der Kirche versahen; fur insgesamt
etwa 13 Altare lassen sich aus der archivalischen und inschriftlichen Uberliefe-
mng die mittelalterlichen Patronate nachweisen.
Die weit iiberwiegende Zahl der niederen Geistlichen am Dom scheint aus
dem Ordensland nach Marienwerder gekommen zu sein, wie die iiberlieferten
Herkunftsbezeichnungen und Heimatdiozesen ausweisen. Schwerpunkte waren
20 Zur Architektur, Baugeschichte und Ausstattung des Marienwerder Domes vgl. zuletzt die
umfassende Untersuchung von Liliana KRANTZ-DOMASLOWSKA, Katedra w Kwidzynie.
Torun 1999, die auch die alteren Arbeiten (R. Bergau, M. Toppen, J. Heise und B. Schmid)
einbezieht.
21 Die Akten des Kanonisationsprozesses Dorotheas von Montau von 1394 bis 1521. Hrsg. v.
Richard Stachnik (Forschungen und Quellkn zur Kirchen- und Kulturgeschichte
Ostdeutschlands, Bd. 13). Koln, Wien 1978.
Das Domkapitel von Pomesanien
59
neben Pomesanien selbst das angrenzende Bistum Kulm und das benachbarte
pofnmerellen. Einzelne Vikare lassen sich iiber mehr als zehn Jahre am Dom
nachweisen, fur die meisten bieten die erhaltenen Quellen aber nur wenige
Belege. Hinweise auf ihre Laufbahnen vor Ubernahme der Dompfrimden oder
ihre spateren Karrieren sind kaum zu ermitteln.
Die Stiftung eines Anniversars ist fur den pomesanischen Stiftsritter Niko¬
laus von Kroxen (1395), den Marienwerder Burgermeister Peter Kunzel (1400),
jie Danziger Witwe Dorothea Gotke (1412), den bischoflichen Kammerer
Johann Rote (1425) und die Familie von Salewitz (1435) belegt.
Wohl erst von Bischof Ludeko von Pomesanien (gewahlt 1309) erhielten die
Domherren einen Bezirk im Norden Marienwerders, wo sie mit dem Bau einer
eigenen Burg begannen.22 Mit ihren vier Flugeln (Konventshaus), von denen
der nordliche und westliche nicht mehr erhalten sind, dem in die Niederung
hinausreichenden Dansker und der Vorburg (Karwan) weist sie typische Ele-
mente einer Deutschordensburg auf. Einzelne Raume des Schlosses, das in der
Neuzeit mehrfach umgebaut wurde, lassen sich als Ausstellungsorte von Ur-
kunden oder in anderen schriftlichen Zeugnissen nachweisen (Sommerremter,
Winterremter, in Zellen unterteiltes Dormitorium, Kapitelsaal). Eine besondere
Kapelle war wohl nicht erforderlich, da der spater begonnene Domneubau im
Osten direkt an die Burg angeschlossen wurde. Wo sich die 1363 erwahnte
Kurie des pomesanischen Propstes und die groBe Firmarie des Domkapitels
befanden, ist nicht bekannt.
Aufgrund der raumlichen Distanz zwischen dem Sitz des pomesanischen
Domkapitels im Westen des Stiftsgebietes und der im Osten des Stifts gelege-
nen Tafelgiiter ergab sich fur die Kanoniker wohl schon fruh die Notwendig-
keit, neben der Domburg in Marienwerder auch in ihrem eigenen Territorium
einen Wirtschafts- und Verwaltungsmittelpunkt aufzubauen. Zunachst errich-
tete das Kapitel einen befestigten Wirtschaftshof in der Stadt Rosenberg. Des-
sen Funktion (ibernahm jedoch noch im 14. Jahrhundert die Burg Schonberg,
deren Torhaus laut einer Bauinschrift 1386 unter dem Propst Heinrich von
Skerlin errichtet wurde. Im 15. Jahrhundert ist die Burg mehrfach als Sitz des
pomesanischen Propstes belegt. Ihre mittelalterliche Innengestaltung laBt sich
mfolge haufiger Umbauten seit dem 16. Jahrhundert und eines Brandes 1945
nur n°ch schwer bestimmen.23
2ur Domburg zuletzt den Artikel „Kwidzyn, Zamek kapituly pomezanskiej". In: Ar-
chitektura gotycka w Polsce. Hrsg. v. Teresa MROCZKO und Marian ARSZYNSKl. Warszawa
23 1995,Bd. 2,S. 133 f.
Antoni Romuald CHODYNSKI, Zamek w Szymbarku kolo Ilawy. In: Kwartalnik AR-
( Hitektury i urbanisitki 37 (1992) H. 2, S. 179-194. Joanna Wankowska-Sobiesiak,
60
Mario Glauert
2. Historische Ubersicht
Das Domkapitel wurde 1284/85 von Bischof Albert von Pomesanien ge-
stiftet, der sich infolge der anhaltenden Kampfe mit den einheimischen PruBen
die meiste Zeit seines Pontifikats auBerhalb PreuBens aufhielt. 1284 beauftragte
er daher den Propst des Kulmer Domkapitels und zwei Priesterbriider aus der
Umgebung des preuBischen Landmeisters Konrad von Tierberg, sechs geeig-
nete Deutschordenspriester auszuwahlen, die er 1285 zu ersten Kanonikern
ernannte. Am 27. September 1285 bestatigte Albert in Marienwerder die Stif-
tung und iibertrug dem Kapitel einige Monate spater ein Drittel des Stiftsge-
bietes mit alien landesherrlichen Rechten, das Dorf Hospitale (Baldram) und
das Patronat uber die Domkirche.
Die Griindung des Domkapitels erfolgte unter starkem EinfluB der preuBi¬
schen Ordens fuhrung, die wohl auch den Text der Stiftungsurkunde formu-
lierte. Weite Teile des pomesanischen Stiftsgebietes und die bischofliche Burg
in Marienwerder waren in der Hand der machtigen Vasallenfamilie des Dietrich
Stange. Offenbar nur mit Hilfe des Deutschen Ordens konnten Bischof und
Domkapitel dessen Anrechte 1285 durch umfangreiche Landverschreibungen
abgelten.24
Die genaue Grenzfesdegung von 1294 zwischen dem Ordensanteil der Di-
ozese Pomesanien und dem Stiftsterritorium, das ein Drittel des Bistums ein-
nahm, bildete vermutlich die Grundlage fur die um 1300 erfolgte Teilung des
Stiftsgebietes zwischen Bischof und Domkapitel. Die Domherren erhielten das
bis dahin noch weitgehend unerschlossene und mit groBen Waldflachen be-
deckte Drittel im Osten des Stifts.
Durch die daneben vom Kapitel betriebene Ausweitung seiner Besitzungen
im Norden Marienwerders kam es wegen des Baus einer Miihle in Lamprechts-
dorf zu Auseinandersetzungen mit dem Stiftsvasallen Dietrich Stange, die 1313
auf Druck des Hochmeisters beigelegt wurden. 1362/63 flammten sie unter den
neuen Besitzern der Giiter zwar abermals auf, wurden jedoch wiederum zu
Gunsten der Domherren entschieden.25 Die Konflikte zeigen exemplarisch, wie
Bischof und Domkapitel von Pomesanien ihre anfangs eher schwache Stellung
Zamek w Szymbarku. Budowa, zniszczenie i proba odbudowy. In: OCHRONA ZABYTK6W 46
(1993) S. 287-294.
24 Vgl. Paul Reh, Das Verhaltnis des Deutschen Ordens zu den preuBischen Bischofen im 13.
Jahrhundert. In: ZEITSCHRIFT DES WESTPREUSSISCHEN GESCHICHTSVEREINS 35 (1896) S. 35-
161, hier: S. 127-132.
25 Vgl. Ulrich NlESS, Hochmeister Karl von Trier (1311-1324). Stationen einer Karriere im
Deutschen Orden (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, Bd.
47). Marburg 1992, S. 93-96.
Das Domkapitel von Pomesanien
61
im Stift mit Hilfe der preuBischen Ordensfuhrung im 14. Jahrhundert Schritt
fur Schritt auszubauen vermochten. Die machtigen Vasallenfamilien verloren
zunehmend an EinfluB, wahrend Bischof und Domkapitel parallel zur voran-
schreitenden ErschlieBung und Besiedlung ihrer Landesteile durch Vorwerke
und Dorfgmndungen die finanziellen Moglichkeiten in die Hand bekamen, um
die im 13. Jahrhundert mit Blick auf die notwendige Sicherung des Landes
groBflachig verliehenen Landereien Hufe fur Hufe zuriickzuerwerben.
Die Ausdehnung der Kapitelsbesitzungen in und um Marienwerder fiihrte
wahrend des 14. Jahrhunderts wiederholt auch zu Konflikten zwischen den
Domherren und der Biirgerschaft. Sie waren AnlaB fur die Erneuerung der
Stadthandfeste von 1336 und zwangen den pomesanischen Bischof als
Stadtherrn 1393 und 1399 erneut zur Vermitdung.26
Seine groBte Bedeutung erreichte das Kapitel unter Bischof Johann Monch
(1377-1409), dessen Pontifikat mit Recht als Bliitezeit des Bistums angesehen
wird. Im Chorgestiihl zu Marienwerder fanden einige der bedeutendsten Ge-
lehrten PreuBens Platz, aus deren Reihen die Hochmeister ihre Kaplane und
juristischen Berater berufen konnten. Nicht zuletzt die vom Domkapitel fruh
betriebenen Bemuhungen um die Heiligsprechung Dorotheas von Montau und
der 1404/05 in Marienwerder stattfindende KanonisationsprozeB machten den
Kathedralort der Diozese fur einige Jahre zu einem geistigen und geistlichen
Zentrum des Ordenslandes.27
Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Polen-Litauen zu Beginn des
15. Jahrhunderts leiteten auch fur das Bistum Pomesanien eine Phase des wirt-
schaftlichen Niedergangs ein. Wahrend die Kampfe und Plunderungen nach
der Schlacht von Tannenberg das pomesanische Stiftsgebiet wohl nur wenig in
Mideidenschaft zogen, wurden nach Aussage der (verlorenen) „Schadenbii-
cher“, die der Deutsche Orden spater zu propagandistischen Zwecken zusam-
menstellen lieB, in den 1414 wieder auflebenden Kampfen fast alle Dorfer und
Giiter des Kapitels zerstort.28 Weitere kleinere Verluste brachten die Kriegszuge
der Jahre 1422 und 1433.
Neben den auBenpolitischen Bedrohungen PreuBens verscharften sich im
Laufe des 15. Jahrhunderts die innenpolitischen Konflikte zwischen dem Deut-
A. Putter, Marienwerder im Jahre 1336 und 1393. In: ZEITSCHRIFT DES HlSTORISCHEN
Vereins for den Regierungsbezirk Marienwerder 19 (1885) S. 1-20. Erich Wernicke,
2? ®hrgerzwistigkeiten in Marienwerder. In: Ebd. 67 (1932) S. 1-22 und 68 (1933) S. 1-3.
nneliese TRILLER, Dorothea von Montau und die Stadt Marienwerder. In: BeitrAGE ZUR
28 Geschichte Westpreubens 8 (1983) S. 147-158.
Christian KROLLMy\NN, Bau- und Kunstdenkmaler des Ordenslandes PreuBen in den Scha-
denbiichern (1414/19). Berlin-Grunewald 1919.
62
Mario Glauert
schen Orden und den Stadten und Standen des Landes, die sich 1440 in Ma-
rienwerder zu einem Bund zusammenschlossen. In den 1454 ausbrechenden
Kampfen wurde das Bistum zu einem der Hauptkriegsschauplatze und fuhrte
das pomesanische Stiftsgebiet in eine tiefe okonomische Krise. Bischof und
Domkapitel, die im Juni 1454 zunachst dem polnischen Konig gehuldigt hatten,
wechselten bald darauf wieder auf die Seite des Deutschen Ordens und hatten
hohe Summen fur die Bezahlung der Soldner aufzubringen, deren Kontrolle
den Kriegsparteien aber mehr und mehr aus der Hand glitt. 1460 wurde die
Stadt Marienwerder niedergebrannt.
Durch den 1466 in Thorn geschlossenen Friedensvertrag wurden PreuBen
und das Bistum Pomesanien politisch geteilt. Wahrend das pomesanische Stifts-
territorium und die ostlichen und siidostlichen Teile der Diozese beim Orden
verblieben, gelangten die nordlichen Gebiete um Marienburg (die spateren
Dekanate Marienburg, Stuhm, Christburg, Neuteich und Furstenwerder) unter
die Oberherrschaft der polnischen Krone; Wincenty Kielbasa, der Sekretar des
polnischen Konigs, erhielt als Administrator auf Lebenszeit die Leitung des
Bistums.29
Die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen des Dreizehnjahrigen Krieges
lassen sich noch in den Quellen des 16. Jahrhunderts ablesen. 1468 muBten die
Domherren fur vier Jahre das KapitelsschloB Schonberg und ihr Territorium im
Osten des Stifts dem Obersten Marschall des Deutschen Ordens gegen die
Zusage von regelmaBigen Lebensmittellieferungen iibergeben.
Erst unter den Bischofen Johann IV. (1480-1501)30 und Hiob von Doben-
eck (1502-21) kam es zu einer deutlichen wirtschaftlichen Erholung des Stifts,
die in den Kampfen des 1519 ausbrechenden ,,Reiterkrieges“ jedoch ein jahes
Ende fand.31 Nach einer schweren BeschieBung der Stadt Marienwerder iiber-
gaben die Domherren im Marz 1520 ihre Burg den Truppen des polnischen
Konigs und schworen einen Treueid.
Auch nach dem 1521 in Thorn geschlossenen Waffenstillstand blieben das
KapitelsschloB in Schonberg und die Domburg in Marienwerder unter der
Kontrolle polnischer Hauptleute. Die wirtschaftliche Not zwang die Domher¬
ren, 1522 und 1523 Teile ihres Kirchenschatzes zu verpfanden.
29 Barbara WOLF-DAHM, Der Bischof von Kulm als Administrator von Pomesanien. In:
Westpreussen-Jahrbuch 44 (1994) S. 131-142.
30 Elfriede KELM, Johannes IV. Bischof von Pomesanien 1480-1501. Eine Darstellung aus dem
Grenzlandkampf vor viereinhalb Jahrhunderten. Konigsberg (Pr.) 1938.
31 Vgl. zum Folgenden auch Mario Glauert, Marienwerder und Riesenburg zwischen Reiter-
krieg und Reformation (1520-1525). Das letzte Kapitel aus der Geschichte des Hochstifts
Pomesanien, in: BeitrAge ZUR Geschichte Westpreubens 18 (2002), S. 49-80.
Das Domkapitel von Pomesanien
63
Der 1523 von Hochmeister Albrecht von Brandenburg durchgesetzte neue
Bischof Erhard von QueiB fiihrte Anfang 1525 im Bistum Pomesanien die
Reformation ein.32 Nach der Umwandlung des Ordenslandes in ein weltliches
Herzogtum lieB Albrecht das Territorium des pomesanischen Domkapitels im
Juni 1525 durch einen Amtmann iibernehmen. Die verbliebenen Domherren,
denen eine lebenslange Versorgung zugesagt wurde, versuchten zwar, sich ge-
gen die Sakularisierung ihres Besitzes zu wehren, wurden daraufhin jedoch
voriibergehend vom Herzog inhaftiert. Proteste des polnischen Konigs gegen
das Vorgehen von Herzog und Bischof blieben letztlich ohne Wirkung. Im
Oktober 1527 verzichtete Bischof Erhard auf die weltliche Leitung seines Stifts
und wurde vom Herzog mit dem ehemaligen Kapitelsterritorium belehnt. Die
letzten Kanoniker, fiber deren spateres Schicksal nur vereinzelte Nachrichten
vorliegen, haben das Bistum wohl verlassen oder fanden eine Versorgung am
bischoflichen Hof.
3. Verfassung
Beset^ung der Kanonikate
Fur die Personalstruktur eines Domkapitels sind die Anforderungen, die an die
Qualifikation der Kandidaten gestellt wurden, und die Frage, wer iiber ihre
Aufnahme entscheiden konnte, von grundsatzlicher Bedeutung. Doch leider
sind nur wenige Nachrichten iiber die notwendigen Voraussetzungen, welche
die Kandidaten vor ihrem Eintritt in das pomesanische Domkapitel erfiillen
muBten, und iiber die Hintergriinde der Stellenbesetzungen iiberliefert. Der
Nachweis einer adligen Herkunft war nicht erforderlich. Besondere Bestim-
mungen iiber das Alter und den Weihegrad oder die Forderung nach einer aka-
demischen Ausbildung bestanden vermutlich nicht.
Die wenigen Aufnahmeverfahren, die in den Quellen des 15. und friihen 16.
Jahrhunderts ihren Niederschlag gefunden haben, zeigen zwar deutlich die Ein-
fluBmoglichkeiten, die der preuBischen Ordensfiihmng bei der Besetzung der
Kanonikerstellen in den preuBischen und livlandischen Deutschordens-
Domkapiteln zukamen oder eingeraumt wurden, lassen aber gleichwohl erken-
nen, daB es dem Hochmeister und seinen Gebietigern nicht immer gelang, ih-
ren Wunschkandidaten durchzusetzen.
i2
^gl. zuletzt Eike WOLGAST, Hochstift und Reformation. Studien zur Geschichte der Reichs-
kirche zwischen 1517 und 1648 (BeitrAge zur Geschichte der Reichskirche in der
Neuzeit, Bd. 16). Stuttgart 1995, S. 197-207.
64
Mario Glauert
Die Mitwirkung der Ordensfiihrung war unerlaBlich: Gehorten die Kandi-
daten dem Deutschen Orden bereits als Priesterbriider an oder standen sie als
Weltgeistliche in seinen Diensten, so muBte der Hochmeister ihrer Freistellung
und Versetzung zustimmen. Nahmen Bischof und Domkapitel fur die Beset-
zung einer Domherrenstelle dagegen einen Weltpriester aus ihrer eigenen Um-
gebung in Aussicht, so muBten sie den Hochmeister um dessen Einkleidung in
den Orden bitten. Dabei wurde die entscheidende Frage, ob der Orden die von
den Kapiteln vorgeschlagenen Kleriker tatsachlich ablehnen konnte, indem er
ihnen das Ordenskreuz verweigerte oder ihrer Versetzung nicht zustimmte, das
ganze Mittelalter liber nie endgiiltig geklart. Zumindest in PreuBen scheint man
das Problem durch eine ausgewogene Kandidatenauswahl umgangen zu haben.
Die Bindung an die Deutschordensregel verpflichtete die Domkapitel kei-
neswegs, von der Ordensfiihrung vorgeschlagene Geistliche mit einem Kano-
nikat zu versorgen. Die Domherren wahrten hier ihre Selbstandigkeit und ach-
teten darauf, daB Neuzugange nicht die wirtschaftlichen Moglichkeiten des
Kapitels iiberstiegen. Die Bischofe spielten dabei nicht selten eine Vermitder-
rolle. Zwar konnten sie die Personalwiinsche der Ordensgebietiger nicht gegen
den Willen ihrer Kapitel durchsetzen, doch kam ihnen aufgrund ihres Konfir-
mationsrechtes wohl eine nicht unbedeutende Mitbestimmung bei der Kandi¬
datenauswahl zu.
Die preuBischen und livlandischen Deutschordens-Domkapitel waren durch
ihre Bindung an die Ordensregel bei der Besetzung der Kapitelsstellen zwar auf
die Mitwirkung der Ordensfiihrung angewiesen und damit in gewissem MaBe
auch deren EinfluBnahme ausgesetzt, die Verpflichtung zum Ordenshabit
schiitzte die Kapitel von Kulm, Pomesanien, Samland und Kurland aber zu-
gleich vor der Besetzung ihrer Kanonikate durch papstliche Provisionen. Wah-
rend man in nahezu alien anderen deutschen Domkapiteln und Stiffen seit dem
13. Jahrhundert auf eine groBe Anzahl von Geistlichen stoBt, die ihre Stellen
dank papstlicher Verleihungen erhielten, sind fur die preuBischen und livlandi¬
schen Deutschordens-Domkapitel keine papstlichen Provisionen, Reservatio-
nen oder Expektanzen bekannt, die mit Erfolg durchgesetzt werden konnten.
Mitglieder^ahl
Eine Angabe fiber die Gesamtzahl der pomesanischen Domherren ist zu kei-
nem Zeitpunkt fiberliefert. Der jeweilige Umfang des Kapitels kann daher nur
aus der Anzahl der Kanoniker ermittelt werden, die in einzelnen Quellen, etwa
in den Zeugenreihen von Urkunden, nebeneinander genannt werden oder
nachweislich zur selben Zeit dem Konvent in Marienwerder angehorten.
Das Domkapitel von Pomesanien
65
Insgesamt betrachtet, konnte das Domkapitel seine Mitgliederstarke seit der
Stiftung 1284/85 zwar kontinuierlich ausbauen (1284/85: 6, 1294: 8, 1326: 9,
1329: 10, 1330: 11, 1342: 12, 1375: 13) doch war dies wohl keine gleichmaBige
Entwicklung. Nicht immer wurde der erreichte Personalstand in den folgenden
Jahren beibehalten. Eine feste Anzahl von Domherrenstellen, die beim Tode
ihrer Inhaber umgehend wiederbesetzt wurden, gab es offenbar nur bedingt.
Die Besetzungspraxis war in erster Linie an die finanziellen Moglichkeiten des
Kapitels gebunden, seinen Mitgliedern eine angemessene Versorgung zu ge-
wahrleisten.
Den Umfang von dreizehn Stellen hat das pomesanische Domkapitel bis zu
seiner Auflosung nie uberschritten. Der wirtschaftliche Auf- und Niedergang
des Stifts im Verlauf des 15. Jahrhunderts spiegelt sich deutlich in den schwan-
kenden Mitgliederzahlen wider (1411: 12, 1418: 10; 1428: 8, 1440: 11, 1464: 4,
1468: 6,1490: 7, 16. Jh.: 5-6).
Insgesamt lassen sich von der Stiftung des pomesanischen Domkapitels
1284/85 bis zu seiner Auflosung 1527 aus der erhaltenen Uberlieferung die
Namen von 150 Domherren ermitteln. Angesichts der uber weite Strecken sehr
liickenhaften Quellen sind in dieser Zahl aber gewiB nicht alle Kanoniker er-
faBt, die in den 242 Jahren tatsachlich dem Kapitel angehorten. Eine Schatzung
der wirklichen Mitgliederzahl wird allerdings durch die flexible Besetzungspra¬
xis und die groBen Schwankungen in der Zahl der zu besetzenden Kanonikate
erschwert. Aus den ermittelten Amtszeiten laBt sich die durchschnittliche Zeit-
spanne, die ein Kanoniker im Kapitel nachweisbar ist, auf etwa zehneinhalb
Jahre errechnen. 19 Domherren sind nur mit einem einzigen Beleg im Kapitel
nachweisbar, 26 weitere sind fur weniger als ein Jahr unter den Domherren
bezeugt, 22 Kanoniker gehorten dem Kapitel mehr als 19 Jahre an.
Bindung an die Regel des Deutschen Ordens
Die Bindung der Domkapitel von Kulm, Samland, Pomesanien und Kurland an
die Regel des Deutschen Ordens sicherte der preuBischen und livlandischen
Ordensfuhrung auch in jenen geistlichen Territorien einen entscheidenden
EinfluB, welche die papstlichen Mandate zur Herrschafts- und Landesteilung
zunachst ihrem direkten Zugriff entzogen hatten.33 Fur die Deutschordens-
Andrzej RADZIMINSKJ, Der Deutsche Orden und die Bischofe und Domkapitel in Preuften.
In: Ritterorden und Kirche im Mittelalter. Hrsg. v. Zenon Hubert NOWAK (ORDINES
MILITARES. COLLOQUIA TORUNENSIA HlSTORICA, Bd. 9). Toruri 1997, S. 41-59. Bernhart
JAhnig, Die Verfassung der Domkapitel der Kirchenprovinz Riga. In: Kirchengeschichtliche
Probleme des PreuBenlandes aus Mittelalter und Friiher Neuzeit. Hrsg. v. Bernhart JAHNIG
66
Mario Glauert
Domkapitel entstand dadurch ein eigentiimliches Spannungsverhaltnis zwi-
schen unabhangiger Landesherrschaft auf der einen und Obodienzpflicht ge-
geniiber der Ordensleitung auf der anderen Seite, da die kirchenrechtliche
Form, in der die Kanoniker dem Orden durch die Regulierung der Domkapitel
verbunden waren, in den bischoflichen Stiftungsurkunden nicht eindeutig gere-
gelt wurde und das ganze Mittelalter iiber weitgehend offenblieb. Der Begriff
der ,,Inkorporation“, der in den vom Orden beeinfluBten Urkunden erscheint
und in der Literatur bis heute gebrauchlich ist, beschreibt das Verhaltnis des
pomesanischen Domkapitels zum Deutschen Orden nicht zutreffend, da der
Ordens fuhrung zumindest den Buchstaben der Stiftungsurkunden nach keine
Verfugungsgewalt iiber den weltlichen Besitz der Domkapitel zustand und sie
formell auch kein Mitspracherecht bei der Wahl der Pralaten oder der Bestel-
lung der iibrigen Kapitelsbeamten besaB.34
Die Pflichten und Aufgaben der pomesanischen Domherren waren zu-
nachst durch die Statuten und Gewohnheiten ihres Ordens bestimmt. Den
Klerikern unter den Deutschordensbriidern kam in den Konventen eine gewis-
se geistliche Aufsichtsfunktion zu, ihre zentrale Aufgabe waren die Stundenge-
bete und die Abhaltung des Gottesdienstes.35 In der Leitung, Verwaltung und
Wirtschafts fuhrung der preuBischen Ordenskonvente spielten sie kaum eine
Rolle.
Eine detaillierte Beschreibung der Rechte und Pflichten, die jedem pomesa¬
nischen Domherren durch sein Amt zukamen, ist nicht iiberliefert. Die Statu¬
ten, die vermutlich Bischof Johann Monch um 1400 fur sein Kapitel erlieB,
beschrankten sich auf Einzelfallregelungen und Anweisungen fiir ein angemes-
senes geistliches Leben, stellten aber keinen vollstandigen Katalog von An-
rechten und Verpflichtungen zusammen. Wie in anderen Domkapiteln durften
die Rechte der Kanoniker demnach neben der Bischofswahl vornehmlich einen
Anteil am Kapitelsvermogen, das nicht in einzelne Prabenden aufgeteilt war,
einen Platz im Chor sowie die Teilnahme und das Stimmrecht im Kapitel um-
faBt haben. Neben der Verpflichtung zum Chordienst gehorte die Residenz zu
den wich tigs ten Pflichten der Kanonikern, doch waren Ausnahmen moglich,
(Tagungsberichte der Historischen Kommission fiir ost- und westpreuftische Landesfor-
schung, Bd. 16). Marburg 2001, S. 53-72.
34 Andrzej RADZIMINSKJ, Z dziejow ksztahowania i organizacji kapitul krzyzackich. Inkorpo-
racje pruskich kapitul katedralnych do zakonu krzyzackiego. In: Zakon krzyzacki a spolec-
zenstwo panstwa w Prusach. Hrsg. v. Zenon Hubert NOWAK (ROCZNIKJ TOWARZYSTWA
Naukowego wToruniu, Bd. 86/3) Torun 1995, S. 123-135.
35 VoLGGER, Ewald, Die Priester im Deutschen Orden. In: Der Deutsche Orden in Tirol. Die
Ballei An der Etsch und im Gebirge. Hrsg. v. Heinz Noflatscher (Quellen und Studien
zur Geschichte des Deu ischen Ordens, Bd. 43). Marburg 1991, S. 43-82.
Das Domkapitel von Pomesanien
67
besonders fur die Propste sowie fiir die Domherren, die in den Diensten der
Ordensfuhrung standen.
Bischofswahl
Fiir die Bischofswahlen zwischen der Sdftung des pomesanischen Domkapitels
1284/85 und seiner Auflosung 1527 lassen sich deutlich zwei Phasen unter-
scheiden: Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts konnten die Domherren ihr Wahl-
recht wohl weitgehend selbstandig ausiiben und regelmaBig ein Mitglied des
Kapitels zum Nachfolger auf dem Bischofsstuhl bestimmen. Seit dem Tode
Kaspar Linkes 1463 jedoch vermochten die Kanoniker kaum noch, entschei-
denden EinfluB auf die Auswahl und Erhebung der Kandidaten zu nehmen
oder einen Priesterbruder aus ihren eigenen Reihen durchzusetzen.
Ausfiihrlichere Protokolle sind nur fur die Wahlen von Gerhard Stolpmann
(1417) und Kaspar Linke (1440) erhalten. Eine Wahl performam compromissi wur-
de bevorzugt; Hinweise auf zwiespaltige Wahlen oder Gegenvoten einzelner
Kapitelsmitglieder sind urkundlich fur keine der pomesanischen Bischofserhe-
bungen bezeugt. In den Wahlanzeigen, auf welche sich die haufig als einzige
Quelle erhaltenen papstlichen Provisionsbullen berufen, betonte man statt des-
sen stets die Einmiitigkeit der Entscheidungen - wohl nicht zuletzt, um Erzbi-
schof und Papst keinen Ansatzpunkt fur eine Anfechtung oder Annullierung
der Wahl zu liefern.
Die Erzbischofe von Riga, denen als Metropoliten die Bestatigung aller
preuBischen und livlandischen Elekten zukam, spielten ab 1331 kaum noch eine
Rolle; seit dem Amtsantritt Papst Clemens VI. 1342 bis zum Beginn des Gro-
Ben Schismas 1378 wurden die Bischofsstiihle des Ordenslandes regelmaBig
mittels papstlicher Reservationen durch die Kurie selbst besetzt.36
Insgesamt betrachtet, konnte das pomesanischen Domkapitel sein kanoni-
sches Wahlrecht somit sehr erfolgreich behaupten, auch wenn die Domherren
seit der zweiten Halfte des 15. Jahrhunderts keine Kandidaten mehr aus den
eigenen Reihen aufboten und finanzielle Not, militarische Bedrohung oder
politische Riicksichtnahme sie immer wieder zwangen, ihr kanonisches Wahl¬
recht in das Ermessen der hochmeisterlichen Personalpolitik zu stellen. Die
36 Vgl. auch Hans SCHMAUCH, Die Besetzung der Bistiimer im Deutschordensstaate (bis zum
Jahre 1410). In: Zeitschrift fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 20
(1919) S. 643-752 (Teil 1) und 21 (1923) S. 1-102 (Teil 2). Mario Glauert, Die Bischofs¬
wahlen in den altpreuBischen Bistumern Kulm, Pomesanien, Ermland und Samland im 14.
Jahrhundert. In: ROMISCHE Quartalschrift 94 (1999) S. 82-130. Jan WiSniewski, Elekcje
biskupow pomezanskich w sredniowieczu. In: Studia WARMINSKJE 38 (2001), S. 97-116.
68
Mario Glauert
Entscheidung liber die Kandidatenfrage fiel seit dem Ende des 15. Jahrhunderts
nicht mehr im Kapitelsaal zu Marienwerder, sondern im engen Rat des
Hochmeisters.
Die genaueren Motive, die zur Wahl eines Kandidaten im Marienwerder
Kapitel fiihrten, werden erst aus der dichteren Uberlieferung des spaten 15. und
beginnenden 16. Jahrhunderts deutlicher. In welchem MaBe die Domherren ihr
Wahlrecht schon im 14. Jahrhundert gegen Einwirkungen von auBen, insbe-
sondere gegen eine mogliche EinfluBnahme der preuBischen Ordensfiihrung
auszuiiben vermochten, ist angesichts der diirftigen Quellenlage schwer abzu-
schatzen. Da die Gewahlten die diplomatische und finanzielle Unterstiitzung
des Ordens an der Kurie benotigten und die preuBische Ordensfiihrung ange¬
sichts der Unwagbarkeiten der papstlichen Provisionspraxis auf die Legitimati¬
on ihrer Kandidaten durch eine kanonische Wahl nicht verzichten konnte, war
man wohl auf einen Interessenausgleich angewiesen, der sich letztlich fur beide
Seiten auszahlte. Denn in den meisten Fallen ist es Orden und Domkapitel so
am Ende tatsachlich gelungen, ihre Kandidaten gegen den Widerstand der Erz-
bischofe und trotz papstlicher Reservationen durchzusetzen.
4. Binnenstruktur
Die Amterstruktur des pomesanischen Domkapitels unterschied sich durch die
Vorgaben der Deutschordensregel, der die Kanoniker als Priesterbriider unter-
worfen waren, und durch administrative Ubernahmen aus der preuBischen
Deutschordensverwaltung teilweise erheblich von den Organisationsformen
anderer deutscher Domkapitel des Mittelalters. Aus der zumeist urkundlichen
Uberlieferung lassen sich indes nur wenig Aufschliisse iiber die konkreten Auf-
gaben der einzelnen Amter gewinnen. Der vergleichende Blick auf die ahnlich
strukturierten Domkapitel von Kulm, Samland und Kurland sowie auf die
Verwaltung des preuBischen Deutschordenszweiges kann dieses Defizit nur
bedingt ausgleichen.
Wie in den meisten anderen deutschen Domkapiteln gab es auch im pome¬
sanischen Kapitel eine Reihe von Amtern, deren Inhaber gegeniiber den iibri-
gen Domherren eine herausgehobene Stellung besaBen. Eine genaue Scheidung
zwischen diesen Pralaturen (Propst, Dekan, Kustos, Scholaster, Kantor, viel-
leicht auch noch Hauskomtur und Dompfarrer) und den iibrigen Officia ist in
den preuBischen Deutschordens-Domkapiteln jedoch schwierig. Ihre Rangfolge
festigte sich zwar im Laufe des 14. Jahrhunderts, doch finden sich noch zu
Beginn des 15. Jahrhunderts zahlreiche Varianten fur die Stellung der weniger
bedeutsamen Amter (z. B. Kantor, Scholaster, Dompfarrer), die offenbar nicht
Das Domkapitel von Pomesanien
69
durch die Anciennitat bestimmt war. Mitunter verwalteten einzelne Domherren
zwei Amter in Personalunion, von denen eines jedoch gewohnlich der bischof-
lichen Verwaltung angehorte.
Wahrend in den iibrigen deutschen Domkapiteln die Pralaturen gewohnlich
auf Lebenszeit oder bis zum Aufstieg in eine hohere Stelle besetzt wurden,
schrieb die Regel des Deutschen Ordens, der die pomesanischen Kanoniker als
Priesterbriider unterworfen waren, die jahrliche Neuwahl aller Amtsinhaber
vor. Ein Bericht des Hochmeisters iiber den Ablauf solcher Kapitelswahlen ist
aus dem Jahr 1395 erhalten.
Zwar findet man in den maBgeblichen Pralaturen des Kapitels vielfach iiber
Jahre hinweg dieselben Amtsinhaber, doch besonders die niederen Kapi-
telsamter wurden haufig neu besetzt. Dies fiihrte dazu, dab ein wiederholter
Auf- und Abstieg der Domherren innerhalb der Kapitelshierarchie moglich
war. Der EinfluB AuBenstehender auf die Pralatenwahlen in den preuBischen
Deutschordens-Domkapiteln ist aus den erhaltenen Quellen schwer abzuschat-
zen.
Die oberste Pralatur des pomesanischen Domkapitels und zugleich die ein-
zige, die bereits Bischof Albert bei der Stiftung des Kapitels vorgesehen hatte,
war die des Propstes, dessen Wahl am Anfang der jahrlichen Amterneubeset-
zungen stand. Dem Propst kam die Leitung des Konvents und die oberste Auf-
sicht iiber alle Mitglieder zu, allerdings lassen sich auch in Pomesanien Ansatze
dafiir erkennen, daB das Amt aus der Kapitelsorganisation hinaustrat.
Ein Dekan ist seit 1291 im pomesanischen Domkapitel belegt; wie der
Propst fiihrte auch er ein eigenes Amtssiegel. Die allmahliche Aufwertung des
Amtes im Laufe des 14. Jahrhunderts hing wohl nicht zuletzt mit der VergroBe-
ning der Domherrenzahl zusammen, denn dem Dekan kam vor allem die Lei¬
tung der inneren Angelegenheiten des Konvents zu.
Ein Kustos ist im pomesanischen Domkapitel erst seit 1321 belegt; in den
Zeugenreihen und (seit 1372) in der Intitulatio tritt er an dritter Stelle hinter
Propst und Dekan auf. Er diirfte vor allem mit der Verwaltung und Instand-
haltung des Kircheninventars und der zum Gottesdienst notwendigen Gerate,
vermutlich auch mit der Leitung der Kanzlei betraut gewesen sein.
Der Scholaster erscheint seit 1321 im pomesanischen Domkapitel; als Mit-
aussteller der Kapitelsurkunden tritt er erstmals 1396 hinter Propst, Dekan und
Kustos und vor dem Kantor auf. Er diirfte die Aufsicht iiber die Domschule
gefiihrt haben, deren Unterricht jedoch einem eigens bes tell ten rector scolarum
hbertragen war.
70
Mario Glauert
Ein Kantor ist im pomesanischen Kapitel erstmals 1288 belegt. Obgleich
das Amt damit nach der Propstei die alteste nachweisbare Pralatur ist, hat es
offensichtlich schon bald an Bedeutung verloren. Zwischen 1293 und 1321 sind
keine Inhaber bekannt. GemaB seiner Amtsbezeichnung diirfte der Kantor vor
allem fur die Leitung des Chorgesanges zustandig gewesen sein.
Der Pfarrer am Dom zu Marienwerder wurde vermutlich regelmaBig aus
dem Kreis der Domherren bestellt, nachdem Bischof Albert dem Kapitel 1285
das Patronatsrecht fiber die zur Kathedrale erhobene Stadtpfarrkirche zuge-
sprochen hatte, auch wenn der Titel erst seit 1333 im Kapitel belegt ist.
Das Amt des Hauskomturs (vicecommendator) war eine Eigentiimlichkeit der
preuBischen Deutschordens-Domkapitel und wurde wohl aus der Konventsor-
ganisation des Deutschen Ordens ubernommen. In Pomesanien gehorte das
Amt anfangs wohl zum Deutschordenskonvent, der seinen Sitz in der Burg des
Bischofs im Siiden der Stadt Marienwerder hatte und zeitweise bis zu sieben
Ritterbriider umfaBte. Ihm oblag wohl auch die Einziehung der Abgaben und
Zinsen aus den Kapitelsgiitern. Das Amt des Hauskomturs auf der bischofli-
chen Burg zu Riesenburg wurde wohl nur zeitweise mit einem Domherren
besetzt. 1376 erscheint unter den Kanonikern zudem ein Hauskomtur fur den
Hof des Kapitels in der Stadt Rosenberg; 1389 wird ein magnus vicecommendator
fur das KapitelsschloB in Schonberg genannt.
Uber den Aufgabenbereich des Seniors, der 1504/05 im pomesanischen
Kapitel belegt ist, sind keine Hinweise iiberliefert. Haufig iibernahmen Dom¬
herren das Amt des Kellermeisters; 1376 wird ein Kanoniker als Steinmeister
bezeichnet.
Fur einzelne Pralaturen und Officia des pomesanischen Domkapitels wur-
den mitunter Stellvertreter ernannt. Besonders ein Propststatthalter bzw. Vize-
propst ist wiederholt im pomesanischen Domkapitel erwahnt.
Von den Amtern der bischoflichen Verwaltung wurde neben den bischofli-
chen Hauskomturen in Marienwerder und Riesenburg vor allem die Funktion
des Offizials haufig (bis 1371 wohl ausschlieBlich) aus den Reihen der Domher¬
ren besetzten. Fur die Zeit einer Sedisvakanz infolge von Tod, Abwesenheit
oder Amtsunfahigkeit eines Bischofs konnte ein Domherr als Generalvikar
oder Bistumsadministrator die Leitung der Diozese iibernehmen. Als Kaplane
oder Kanzler der pomesanischen Bischofe sind amtierende Domherren dage-
gen nicht nachweisbar.
Das Domkapitel von Pomesanien
71
5. Die Domherren
Wahrend die Ritterbriider des Deutschen Ordens in PreuBen schon mehrfach
und bis in die jiingere Zeit hinein zum Thema umfangreicher prosopographi-
scher Untersuchungen geworden sind37, wurden vergleichbare Arbeiten fiber
die Priesterbriider bis heute nicht vorgelegt. Umfangreichere prosopographi-
sche Zusammenstellungen, die eine systematische und aussagekraftige Analyse
der geographischen und sozialen Zusammensetzung der preuBischen und liv¬
landischen Deutschordenspriesterschaft erlauben wurden, sind bisher kaum
erstellt worden.38 Die Ermitdung biographischer Angaben aus den Quellen, die
Bestimmung der Namensformen und die Zusammenstellung der Einzelbelege
zu Biographien sind mit einigen Uberlieferungsproblemen und methodischen
Schwierigkeiten verbunden. Die Liickenhaftigkeit der Quelleniiberlieferung, die
variierende Schreibung der Namen, fehlende oder wechselnde Beinamen und
Titel, der regelmaBige Amterwechsel sowie Probleme der Datierung (besonders
bei der Verwendung des Weihnachtsstils) bedingen, daB die ohnehin ungleich-
gewichtige und diirftige Datenbasis fur eine prosopographische Analyse der
hier erstellten Biographien bisweilen recht unsicher ist. Daher ist die (statisti-
sche) Tragfahigkeit der einzelnen Aussagen und Ergebnisse stets kritisch abzu-
wagen.39
37 Klaus SCHOLZ, Beitrage zur Personengeschichte des Deutschen Ordens in der ersten Halfte
des 14. Jahrhunderts. Untersuchungen zur Herkunft livlandischer und preuBischer
Deutschordensbriider. Phil. Diss. Munster 1969, o. O. 1971. Dieter WojTECKl, Studien zur
Personengeschichte des Deutschen Ordens im 13. Jahrhundert (QUELLEN UND STUDIEN ZUR
Geschichte DES OSTLICHEN EUROPA, Bd. 3). Wiesbaden 1971. Sonja NEITMANN, Von der
Grafschaft Mark nach Livland. Ritterbriider aus Westfalen im livlandischen Deutschen Or-
den (VerOffentlichungen aus den Archiven Preussischer Kulturbesitz, Beiheft 3).
Koln, Weimar, Wien 1993. Ritterbriider im livlandischen Zweig des Deutschen Ordens.
Hrsg. v. Lutz FENSKE und Klaus MlLITZER (QUELLEN UND STUDIEN ZUR BALTISCHEN
Geschichte, Bd. 12). Koln, Weimar, Wien 1993.
38 Hinzuweisen ware allenfalls auf Alfons MANKOWSKI, Pralaci i kanonicy katedralni chelmin-
scy od zalozenia kapituly do naszych czasow. In: ROCZNIKI TOWARZYSTWA NAUKOWEGO W
Toruniu 33 (1926) S. 1-109 und 34 (1927) S. 285-424; Sonderdruck, Torun 1928. Ferner fur
Livland: Leonid ARBUSOW [d. A.], Die im Deutschen Orden in Livland vertretenen Ge-
schlechter. In: Jahrbuch FOR Genealogie, Heraldik UND SPHRAGISTIK [o. Bd.](Jg. 1899),
Mitau 1901, S. 27-136. Ders., Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12. bis ins 16. Jahrhun¬
dert. In: Ebd., [o. Bd.] (Jg. 1900), Mitau 1901, S. 33-80; (Jg. 1901), Mitau 1902, S. 1-160; (Jg.
39 1902), Mitau 1904, S. 39-134; (Jg.) 1911-13, Mitau 1914, S. 1-432.
Zu den methodischen Problemen siehe: Mario GLAUERT, Vorbemerkungen zu einer Proso-
pographie der Priesterbriider des Deutschen Ordens in PreuBen. In: Kirchengeschichtliche
Probleme des PreuBenlandes aus Mittelalter und Friiher Neuzeit. Hrsg. v. Bernhart JAHNIG
(TAGUNGSBERICHTE DER HlSTORJSCHEN KOMMISSION FOR OST- UND WESTPREUSSISCHE
Landesforschung, Bd. 16). Marburg 2001, S. 103-130.
72
Mario Glauert
Geographische Herkunft
Trotz dieser insgesamt unbefriedigenden Ergebnisse und des Fehlens detail-
lierter Studien hat sich inzwischen die Auffassung durchgesetzt, dab der Orden
seine Priesterbriider im Gegensatz zu den Ritterbriidern vornehmlich aus dem
einheimischen Klerus des Ordenslandes rekrutierte, worauf die mitunter als
Beinamen iiberlieferten Herkunftsbezeichnungen hindeuten.40 Auch die Her-
kunftsbezeichnungen der im pomesanischen Domkapitel versammelten
Deutschordenspriester verweisen zwar mehrheitlich auf preuBische Stadte,
Dorfer, Giiter und Ordenskonvente, doch ist die Deutung dieser Angaben sehr
schwierig. Ein solcher Beiname kann den Geburtsort des Domherren angeben
oder anzeigen, daB er einer dorthin eingewanderten Familie entstammt. Er
konnte zuvor die Pfarrstelle des Ortes oder ein anderes geistliches Amt beklei-
det haben oder er konnte dem ortlichen Deutschordenskonvent angehort ha-
ben, sei es bereits als Priesterbruder oder als weltgeistlicher Kaplan. Aus, den
geographischen Beinamen allein laBt sich somit die Abkunft der Klerikerbriider
aus einheimischen Familie nicht verlaBlich begriinden. Besonders in der friihen
Phase der intensiven deutschen Besiedlung des Landes im Ausgang des 13. und
in der ersten Halfte des 14. Jahrhunderts diirften fur eine iiberwiegend im Lan-
de selbst rekrutierte Ordenspriesterschaft die personellen Ressourcen gefehlt
haben.
Nur fur 36 der 150 nachweisbaren pomesanischen Kanoniker kann mit eini-
ger Wahrscheinlichkeit ihre geographische Herkunft ermittelt werden. Von
ihnen kamen 32 aus PreuBen: sechs aus Stadten des pomesanischen Stiftsterri-
toriums und fiinf aus Stadten des iibrigen Bistumsgebietes. Die iibrigen 21
Domherren mit nachweislich einheimischer Herkunft verteilen sich auf die
angrenzenden Territorien, das Kulmer Land (11), Danzig (5) und Ermland (4).
Die gangige These, daB der Deutsche Orden seine Priesterbriider vornehmlich
im Lande selbst rekrutierte, laBt sich aufgrund dieser Ergebnisse weder bestati-
gen noch widerlegen.
Wertet man die iiberlieferten Herkunftsbezeichnungen allgemeiner als Hin-
weise auf friihere Aufenthaltsorte, so wird deutlich, daB das Einzugsgebiet des
pomesanischen Domkapitels vornehmlich auf das Bistum Pomesanien selbst
und seine unmittelbare Umgebung konzentriert war. Die personellen Ver-
flechtungen zum Kulmer Land waren dabei bedeutend enger als nach Ermland
40 Karol G6RSKI, Das Kulmer Domkapitel in den Zeiten des Deutschen Ordens. Zur Bedeu-
tung der Priester im Deutschen Orden. In: Die geistlichen Ritterorden Europas. Hrsg. v. Jo¬
sef Fleckenstein und Manfred Hellmann (VortrAge und Forschungf.n, Bd. 26). Sig-
maringen 1980, S. 329-337. Polnisch: Kapitula chelminska w czasach krzyzackich. In: DERS.,
Studia i szkice z dziejow panstwa i zakonu krzyzazackiego. Olsztyn 1986, S. 115-121.
73
Das Domkapitel von Pomesanien
und Pommerellen, wo jedoch Danzig (mit fiinf Domherren) eine wichtige Rolle
spielte. Das fernere preuBische Niederland ist kaum vertreten, nur zwei Her-
kunftsbezeichnungen weisen nach Konigsberg. Eine Verschiebung der Ein-
zugsschwerpunkte nach der Teilung des Bistums und des Ordenslandes infolge
des Zweiten Thorner Friedens 1466 laBt sich nicht beobachten.
Familiare und standische Herkunft
Der Klarung der standisch-sozialen Herkunft der pomesanischen Domherren
und dem Aufzeigen ihrer familiaren Traditionen und Verflechtungen mit der
Gesellschaft des Ordenslandes stehen ahnliche Schwierigkeiten der Uberliefe-
rung im Wege wie der Ermitdung ihrer geographischen Herkunft. Fur die klei-
neren Stadte und fur die spate Ordenszeit setzen die mangelhafte ErschlieBung
der Quellen oder ihr Verlust weitergehenden Untersuchungen enge Grenzen.41
Die zu erlangenden biographischen Angaben erlauben nur in Ausnahmefallen
eine so gesicherte familiare Zuordnung, daB eine standische Einstufung der
Kanoniker moglich ist.
VerlaBliche Hinweise auf die standischen Herkunft lassen sich nur fur jeden
fiinften der 150 pomesanischen Domherren beibringen. 25 Kanoniker ent-
stammten vermutlich einer biirgerlichen Familie, fiinf konnen Ritterfamilien
zugeordnet werden. Von den Domherren biirgerlicher Herkunft ist fur fiinf
eine Verwandtschaft zu einer Familie der stadtischen Oberschicht nachweisbar,
deren Mitglieder unter den Ratsleuten der jeweiligen Stadte zu finden sind.
Auffallig ist, daB sich keine Mitglieder der im pomesanischen Stiftsgebiet ansas-
sigen Vasallenfamilien im Domkapitel nachweisen lassen.
Das biirgerliche Element war offenbar weitaus starker als bei den Ritterbrii-
dern des Ordens; ob jedoch die Starke Dominanz der Domherren biirgerlicher
Herkunft gegeniiber den Angehorigen ritterbiirtiger Familien (25:5) ein annahe-
tungsweise realistisches Bild liefert, muB angesichts des geringen Anteils der
standisch einzuordnenden Domherren an der Gesamtzahl der Kapitelsmitglie-
der offenbleiben.
Familiare Traditionen, das Weitergeben einzelner Kanonikate innerhalb ei-
nes bestimmten Familienkreises oder die bevorzugte Aufnahme von Verwand-
Theodor Penners, Untersuchungen iiber die Herkunft der Stadtbewohner im Deutsch-
Ordensland PreuBen bis in die Zeit um 1400 [Teil 1] (DEUTSCHLAND UND DER OSTEN.
Quellen und Forschungen zur Geschichte ihrer Beziehungen, Bd. 16). Leipzig
1942. Dazu: Ders., Namensverzeichnis [zu den Untersuchungen iiber die Herkunft der
Stadtbewohner im Deutschordensland PreuBen]. Ungedrucktes Manuskript im GStA PK,
XX. Hauptabteilung, Handschriften, Nr. 6.
74
Mario Glauert
ten amtierender Kanoniker sind in den Quellen nicht zu fassen. Kein Familien-
name laBt sich zweimal im pomesanischen Domkapitel nachweisen. Selbst die
zumeist aus PreuBen stammenden Bischofe scheinen keine Versuche unter-
nommen zu haben, Kleriker ihrer Familien mit Stellen im Kapitel zu versorgen.
Man kann nur vermuten, daB die geringe okonomische Attraktivitat der pome¬
sanischen Kanonikate und vor allem die Notwendigkeit, vor dem Eintritt in das
Kapitel die Aufnahme in den Deutschen Orden zu erreichen, Grtinde fur die
fehlende Herausbildung solcher Netzwerke und Personenverbande waren.
Bildungsverhaltnisse
Fundierte Untersuchungen fiber das Bildungsniveau in den preuBischen
Deutschordens-Domkapiteln wie der preuBischen Deutschordenspriester ins-
gesamt stehen noch aus, obgleich haufig - zu Unrecht — betont wird, daB ihnen
in den Kanzleien und in der Verwaltung des Ordens eine entscheidende Rolle
zugekommen sei.42 Vereinzelte Zeugnisse fiber den Bildungsstand der preuBi¬
schen Deutschordenspriester vermitteln ein widersprfichliches Bild.
Die Statuten des Ordens setzten dem gelehrten Eifer der Ritter- und Prie-
sterbrfider Schranken und sollten wohl die wissenschaftlichen den militarischen
Bedfirfnissen unterordnen.43 Gleichwohl hat der Deutsche Orden den Wert
gebildeter Priesterbrfider zu schatzen gewuBt und einzelne Studenten, bevor-
zugt Juristen, seit dem 14. Jahrhundert durch die Vergabe von Pfarrpfrfinden
und im 15. Jahrhundert auch durch Stipendien gefordert, doch traten die mei-
sten erst im Verlauf oder nach Ende ihrer akademischen Ausbildung in den
Orden ein.44
Von den 150 pomesanischen Domherren laBt sich fur jeden sechsten (25)
ein Universitatsbesuch nachweisen oder wahrscheinlich machen. Bevorzugte
42 Dies erweist die Untersuchung von Martin ARMGART, Die Handfesten des preuBischen
Oberlandes bis 1410 und ihre Aussteller. Diplomatische und prosopographische Untersu¬
chungen zur Kanzleigeschichte des Deutschen Ordens in PreuBen (VEROFFENTLICHUNGEN
AUS DEN Archiven Preussischer Kulturbesitz, Beiheft, 2). Koln, Weimar, Wien 1995, S.
124 f., 190-199.
43 Hans-Dietrich KAHL, Zur kulturellen Stellung der Deutschordensritter in PreuBen. In: Die
Rolle der Ritterorden in der mittelalterlichen Kultur. Hrsg. v. Zenon Hubert NOWAK
(Ordines militares. Colloquia Torunensia Historica, Bd. 3). Torun 1985, S. 37-63,
hier: S. 46-48.
44 Hartmut BOOCKMANN, Die Rechtsstudenten des Deutschen Ordens. In: Festschrift fur
Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag. Hrsg. v. den Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts
fiir Geschichte (VerOffentlichungen des Max-Planck-Instituts fur Geschichte, Bd.
36/2). Bd. 2. Gottingen 1972, S. 313-375.
Das Domkapitel von Pomesanien
75
Studienorte waren Prag und (ab 1409) Leipzig.45 Bis auf den spateren pomesa¬
nischen Bischof Johann Ryman, der als einziger den akademischen Grad eines
Doktors erwarb, besuchten alle Kanoniker die Universitat vor ihrer Aufnahme
in das Kapitel. Auffallig ist die Konzentratdon der Akademiker im pomesani-
schen Domkapitel in den Jahrzehnten um 1400: Unter den zwolf Kanonikern,
die 1411 in Marienwerder die Synodalstatuten des neuen Bischofs Johann Ry¬
man bezeugten, waren mindestens sieben ehemalige Prager Studenten.
iMujbahnen
Nur fur wenige pomesanische Domherren, vornehmlich die spateren Bischofe,
erlaubt die erhaltene Uberlieferung eine Rekonstruktion ihrer Lebenslaufe und
Karrieren. Fur die Mehrzahl sind kaum Nachrichten iiber ihre Tatigkeiten und
Amter vor ihrem Eintritt in das Marienwerder Kapitel zu ermitteln.
Aus den Biographien der pomesanischen Domherren und den vereinzelten
Hinweisen, die fur die iibrigen Deutschordens-Domkapitel fiber die Aufnahme
neuer Kanoniker iiberliefert sind, ergeben sich eine ganze Reihe von Amtern,
welche die Domherren vor ihrem Eintritt in das Kapitel durchlaufen konnten.
Die Pfarrgeistlichkeit des Ordenslandes und die Priesterbriider der preuBischen
Deutschordenskonvente diirften zwar den groBten Anted der neuen Kapitels-
mitglieder gestellt haben, doch laBt sich die Aufnahme von Klerikern aus diesen
beiden Gruppen nur selten zweifelsfrei nachweisen.
Noch weitgehend unerforscht ist ein moglicher Personalaustausch zwischen
den preuBischen Deutschordens-Domkapiteln; die Biographien der pomesani¬
schen Kanoniker lassen aufgrund von auffalligen Namensubereinstimmungen
mehrere solcher Wechsel vermuten.
Besser dokumentiert sind die personellen Verflechtungen und Verbindun-
gen des pomesanischen Domkapitels mit der preuBischen Deutschordensfiih-
ning. Fur gut jeden zehnten der 150 Kanoniker laBt sich nachweisen oder
wahrscheinlich machen, daB er vor oder wahrend seiner Zeit am Dom zu Ma-
nenwerder in den Diensten des Ordens stand. Ob sich daraus jedoch neben der
geographischen auch eine besondere personelle ,,Nahe“ zwischen dem pome¬
sanischen Domkapitel in Marienwerder und der Marienburger Ordensfuhrung
herauslesen laBt, wie sie in der Literatur bisweilen postuliert wurde, ist fraglich.
Ein ahnlicher Personalaustausch laBt sich auch mit den iibrigen preuBischen
Eeutschordens-Domkapiteln beobachten, und die meiste Zeit verlief der
Max Perj.BACH, Prussia scholastica. Die Ost- und WestpreuBen auf den mittelalterlichen
Lniversitaten (Monumenta Historiae Warmiensis, Bd. 4. - Bibliotheca Warmiensis,
Bn. 2). Braunsberg 1895.
76
Mario Glauert
Wechsel des Personals nur in eine Richtung: Die Ordensfuhrung konnte im 14.
Jahrhundert eine Reihe ihrer Priesterbriider, Kaplane und Leibarzte nach oder
noch wahrend ihrer Dienstzeit mit einer Stelle im pomesanischen Domkapitel
versorgen. Lediglich in den neunziger Jahren des 14. Jahrhunderts kehrte sich
dieser Transfer kurzzeitdg um, als die Hochmeister Konrad von Wallenrode und
Konrad von Jungingen 1393 den Dompropst Johann Ryman und 1395 den
Domherrn Nikolaus Holland als Juristen bzw. Kaplan an ihren Hof beriefen.
Diese beiden Falle blieben jedoch eine Ausnahme. Im 15. Jahrhundert lassen
sich solche Personalwechsel kaum mehr aufzeigen.
Fur die meisten pomesanischen Domherren war die Aufnahme in das Ma-
rienwerder Kapitel wohl der Hohe- und zugleich der Endpunkt ihrer Karriere,
so dab ihre Biographien auch nur bedingt reprasentativ fur Lebenslaufe der
preuBischen Deutschordenspriester insgesamt sind. Nur ein Kanoniker iiber-
nahm wahrend seiner Zeit im Kapitel ein weiteres geistliches Amt (Nikolaus
Holland, Pfarrer an St. Nikolai in Elbing). Kein Domherr reichte am papstli-
chen Hof Suppliken um zusatzliche oder besser dotierte Benefizien ein oder
erwarb Pfriinden sine сига an anderen geistlichen Einrichtungen PreuBens oder
im Reich.
6. Verwaltung
An der Spitze der weltlichen Verwaltung stand in alien geistlichen Landesherr-
schaften des Ordenslandes ein Vogt. In Pomesanien hat das Domkapitel offen-
sichtlich erst nach der Aufteilung des Stiftsgebietes einen eigenen Vogt bestellt;
der erste Amtsinhaber ist 1312 nachweisbar. Bis dahin diirfte der bischofliche
Vogt, der erstmals 1287 bezeugt ist, fur die administrativen Belange im gesam-
ten Strift zustandig gewesen sein. Ob vom Kapitel regelmaBig ein eigener Vogt
eingesetzt wurde, ist wegen der liickenhaften Uberlieferung besonders im 15.
Jahrhundert nicht mit GewiBheit zu bestimmen. Nach 1492 ist in Pomesanien
kein Kapitelsvogt mehr nachweisbar. Fast alle Vogte des Kapitels gehorten als
Ritterbriider dem Deutschen Orden an, dessen Mitwirkung daher bei der Beru-
fung und Absetzung erforderlich war. Ausnahmen waren der erste Amtsinha¬
ber, Albert, der zugleich Schulze eines von ihm gegriindeten Dorfes war, und
der pomesanische Ritter Ramschel von Kroxen, mit dessen Berufung das Ka¬
pitel moglicherweise auf die wachsenden standischen Spannungen im Land
reagierte.
Aufgabe der Vogte waren die Leitung der weltlichen Stdftsverwaltung, die
Ausiibung der hoheren Gerichtsbarkeit sowie die Einziehung von Abgaben und
Das Domkapitel von Pomesanien
77
Gefallen. Die militarische Fiihrung des pomesanischen Stiftsaufgebotes ist nur
fiir den Bischofsvogt bezeugt.
In den Urkunden des pomesanischen Domkapitels wird bisweilen deutlich
zwischen den Kaplanen am Dom und dem Kaplan der Kanoniker unterschie-
den, so daB es berechtigt erscheint, den Kapitelskaplan aus dem geistlichen
personal der Domherren hervorzuheben, auch wenn die Ahnlichkeit in der
Terminologie nicht immer eine zweifelsfreie Abgrenzung erlaubt. Namentdich
sind jedoch nur fiinf pomesanische Kapitelskaplane bekannt, was moglicher-
weise darauf hindeutet, daB das Amt nicht durchgangig besetzt wurde.
Anders als der Bischof scheint das Domkapitel von Pomesanien nicht uber
ein festes Kanzleipersonal verfugt zu haben. Schreiber werden unter den Zeu-
gen der Kapitelsurkunden nie genannt. Man kann vermuten, daB einer der zahl-
reichen Vikare und Kaplane am Dom oder einer der Domherren selbst mit
dem Verfassen der Urkunden beauftragt wurde, da dem Kapitel eine Reihe
(ehemaliger) offentlicher Notare angehorte. Fur die Anfertigung von Notariats-
instrumenten und beglaubigten Urkundenabschriften griffen der Propst und die
Domherren jedoch immer auf die Dienste auBenstehender offentlicher Notare
zuriick. Lediglich 1478 und 1489 ist ein Schreiber des pomesanischen Propstes
belegt.
In den Urkunden des Domkapitels erscheinen im 14. und zu Beginn des 15.
Jahrhunderts zahlreiche Ritterbriider des Deutschen Ordens, die Hausamter
(Karwansherr, Kiichenmeister, Schmiedemeister) im Marienwerder Konvent
der Domherren innehatten oder als Pfleger fur die Verwaltung von Vorwerken
des Kapitels zustandig waren. Die Burg des Domkapitels gewann so zwischen-
zeitlich den Charakter eines gemischten Priester- und Ritterbruderkonvents, der
in seiner zahlenmaBigen Zusammensetzung an Ordenshauser im Reich erin-
nert, in PreuBen jedoch einzigartig gewesen sein diirfte.
Fur das iibrige Dienst- und Verwaltungspersonal des Domkapitels sind nur
vereinzelte Nachrichten iiberliefert, die keinen Uberblick liber die Hofhaltung
und Wirtschaftsfiihrung auf den Burgen in Marienwerder und Schonberg erlau-
ben.
7. Landesherrschaft
Begriindung
Die landesherrlichen Rechte des pomesanischen und der iibrigen preuBischen
Domkapitel fuBten auf den papstlichen Besdmmungen liber die Errichtung und
Ausstattung der Bistiimer im Ordensland von 1234 und 1243, in denen den
78
Mario Glauert
Bischofen ein Drittel der neu errichteten Diozesen mit alien Einkiinften und
Rechten vorbehalten wurden.46 Mit der Aufteilung der Stiftsgebiete zwischen
den Bischofen und ihren neu gegriindeten Domkapiteln erwarben auch die
Domherren in ihren Territorien eine formal uneingeschrankte Landeshoheit,
deren Bestandteile Bischof Albert von Pomesanien 1286 in der Dotationsur-
kunde seines Kapitels aufzahlte.
Mit dem Deutschen Orden, den vier Bischofen und ihren vier Domkapiteln
gab es damit in PreuBen seit Beginn des 14. Jahrhunderts neun, zumindest for¬
mal gleichgestellte Landesherren. Durch die Bindung von drei Domkapiteln an
die Regel des Deutschen Ordens, in deren Folge auch die von den Kapiteln
gewahlten Bischofe gewohnlich Pries terbriider des Ordens waren, schrankten
Praxis und Gewohnheit der Herrschaftsausiibung und Herrschaftsabgrenzung
diese Gleichrangigkeit zwar erheblich ein, doch wurden die landesherrlichen
Rechte der Bischofe und Domkapitel keineswegs vollig aufgehoben.47
Allerdings ist es aufgrund der sparlichen Uberlieferung schwierig, die Rolle
und Bedeutung der Domkapitel im Kreis der preuBischen Landesherren einzu-
schatzen, wenn man nicht schon den geringeren Niederschlag, den das nach
auBen gerichtete Auftreten der Kanoniker als Landesherren in der hochmei-
sterlichen Uberlieferung gefunden hat, als Zeichen dafiir werten will, daB sie in
ihrer Bedeutung fur die Leitung des gesamten Ordenslandes noch hinter den
Bischofen zuriickstanden. Besonders in den Bereichen der Landesherrschaft,
die iiber die Stiftsgrenzen hinaus Bedeutung erlangten, bei der Landesgesetzge-
bung und der Wehrhoheit, ist fiir alle preuBischen Deutschordens-Domkapitel
eine deutliche Einschrankung ihrer landesherrlichen Rechte zu beobachten,
welche die Kapitel hinter dem Orden und den preuBischen Bischofen gleich-
sam zu ,Landesherren dritter Klasse* machte.
Territorium
Ausdruck der 1286 von Bischof Albert von Pomesanien ausfuhrlich aufgezahl-
ten Rechte und Besitzungen sind die zahlreichen Handfesten und Privilegien,
46 Marc LOWENER, Die Einrichtung von Verwaltungsstrukturen in PreuBen durch den Deut¬
schen Orden bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts (DEUTSCHES HlSTORISCHES INSTITUT
Warschau. Queixen und Studien, Bd. 7). Wiesbaden 1998, S. 85-89.
47 Brigitte POSCHMANN, Bistiimer und Deutscher Orden in PreuBen 1243-1525. Untersuchung
zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des Ordenslandes. Phil. Diss. Munster 1960. In:
Zeitschrift fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 30 (1966) S. 227-356.
Andrzej RADZIMINSKI, Die Kirche im Deutschordensland PreuBen in den Jahren 1243-1525:
Innere Struktur und Beziehungen zu den Landesherrn. In: Das Reich und Polen. Unter Mit-
wirkung v. Alexander PATSCHOVSKY hrsg. v. Thomas WUNSCH. (VortrAge UND FOR-
SCHUNGEN. Bd. 59). Ostfildern 2003, S. 215-241.
Das Domkapitel von Pomesanien
79
die das pomesanische Domkapitel seit 1312 fiir die Dorfer und Grundbesitzer
seines Territoriums sowie die Bewohner der Stadt Rosenberg ausstellte. Die
Teilung des pomesanischen Stiftsgebietes zwischen Bischof und Domkapitel,
bei der die Kanoniker den ostlichen Teil des Stifts mit einem geschlossenen
Territorium von etwa 340 Quadratkilometern erhielten, diirfte um das Jahr
1300 (zwischen 1294 und 1302) erfolgt sein, doch ist eine schriftliche Festle-
gung des genauen Grenzverlaufs bis zur Sakularisierung des Stifts wohl nie
erfolgt.
Insgesamt umfaBte das Territorium des Domkapitels im Osten des pomesa¬
nischen Stiftsgebietes eine Flache von etwa 340 Quadratkilometern. Die pome¬
sanischen Domherren verfiigten damit im Gegensatz zu den Domkapiteln von
Kulm, Ermland und Samland fiber einen geschlossenen Territorialbesitz, der
nicht durch eine Aufteilung auf verschiedene Landstriche des Bistums zersplit-
tert war.48 Nachteilig fur die Versorgung und Verwaltung wirkte sich indes die
raumliche Trennung von Giiterbesitz und Residenzort aus, den die Kanoniker
im Verlauf des 14. Jahrhunderts durch den Erwerb einer Reihe von Landereien
und Dorfern im bischoflichen Teil des Stifts und durch die Errichtung des
Schlosses Schonberg auszugleichen suchten.
Gerichtshoheit
Im Rahmen der Dotierung seines Domkapitels iibertrug Bischof Albert den
Domherren im Januar 1286 fur ihr kiinftiges Territorium das groBe und kleine
Gericht und jegliche Jurisdiktion. Fiir die deutschen Zinsdorfer ihres Territori¬
ums iibertrugen die Domherren die Entscheidung strittiger Falle 1315 dem
Schoffengericht der Stadt Rosenberg, das unter Teilnahme des Kapitelsvogtes
tagen und sich bei schwieriger und zweifelhafter Rechtslage nach Marienwerder
wenden sollte, dessen Gericht auch fur die iibrigen Stadte des pomesanischen
Stiftsgebietes die Funktion eines Oberhofes hatte.
Die genaue Kompetenzabgrenzung zwischen den stadtischen Gerichten in
Rosenberg und Marienwerder und dem standisch besetzten Riesenburger Land-
oder Provinzialgericht, das wohl fur die iibergeordneten Belange des gesamten
Stifts zustandig war und dessen Vorsitz die pomesanischen Bischofe regelmaBig
an einen der einfluBreichsten Vasallen Stifts verliehen, wird aus den erhaltenen
Quellen nicht ganz deutlich.49 Die Mehrzahl der iiberlieferten Rechtsstreitig-
8 Radziminski (wie Anm. 15), S. 116-119.
49 p _ ' *
rritz GAUSE, Geschichte der Landgerichte des Ordenslandes PreuBen. In: ALTPREUSSISCHH
Forschungen 3 (1926) S. 5-69. DERS., Organisation und Kompetenz der Landgerichte des
80
Mario Glauert
keiten, die Bischof und Domkapitel von Pomesanien mit den Bewohnern ihres
Stiftsgebietes austrugen, scheinen ohnehin nicht von den Gerichten des Landes
entschieden, sondern durch Vermitdung von Schiedsrichtern beigelegt worden
zu sein. Wegen des Verlusts aller mittelalterlichen Gerichts- und Schoffenbii-
cher des pomesanischen Stiftsgebietes ist die Tatigkeit des Riesenburger Land-
gerichts und des Marienwerder bzw. Rosenberger Stadtgerichts nur bei wenigen
Grundstiicksverkaufen dokumentiert.
Eingriffe des Deutschen Ordens in die Gerichtshoheit der preuBischen Bi¬
stumer lassen sich bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts nicht nachweisen, doch
sind Vertreter des Ordens haufig als Schlichter belegt. Wahrend die Erzbischo-
fe von Riga als zustandige Metropoliten wohl ebenfalls nie EinfluB auf gericht-
liche Entscheidungen in den preuBischen Bistiimern nahmen, wurden einzelne
Streitfalle der Bischofe und Domkapitel mit ihren Stiftsuntertanen an den Papst
bzw. die Konzile von Konstanz und Basel getragen. Eine Anderung bei den
Gerichtsbefugnissen der geistlichen Landesherren brachte erst die Einrichtung
des Quatember- oder Hofgerichts in Konigsberg 1506, das als oberste Beru-
fungs- und Zentralinstanz von alien Untertanen des Ordenslandes gegen die
Urteile der Untergerichte angerufen werden konnte, doch wurden dort bis 1525
wohl nur wenige Rechtsfalle aus den preuBischen Bistiimern verhandelt.50
'Landesgesetygebung
Noch diirftiger als im Bereich der Rechtsprechung sind die Nachrichten iiber
die Landesgesetzgebung des pomesanischen Domkapitels. Das Recht, eigen-
standig iiber die Gesetze und Ordnungen seines Landesteiles zu befinden, ist
dem Domkapitel in der bischoflichen Bestatigungsurkunde von 1286 zwar
nicht ausdriicklich zugesprochen worden, ergab sich aber wohl aus den umfas-
senden Eigentums- und Verfiigungsrechten der Kanoniker iiber alle Einkiinfte
und pertinencia ihres Territoriums, einschlieBlich des Zoll- und Miinzrechts, die
denen des Bischofs entsprechen sollten.
Der Deutsche Orden hat sich bereits im 14. Jahrhundert bemiiht, eine ein-
heitliche Gesetzgebung fur ganz PreuBen zu erreichen. Zwar wird in Quellen
iiber einzelne Gesetzgebungsverfahren die Beteiligung der ,,Pralaten“ hervor-
gehoben, doch bleibt zumeist unklar, ob an den Beratungen neben den Lan-
desbischofen, deren Mitwirkung wohl unabdingbar war, auch Vertreter der
Ordenslandes Preussen. In: ALTPREUSSISCHE MONATSSCHRIFT 59 (1922) S. 115-156 u. 209-
246.
50 Hermann FlSCHER, Das Quatember- oder Hofgericht zu Konigsberg (1506-1525). In:
ALTPREUSSISCHE FORSCHUNGEN 1 (1924) S. 41-69.
Das Domkapitel von Pomesanien
81
Domkapitel teilnahmen. Es muB daher offenbleiben, in welchem MaBe die
pomesanischen Bischofe vor ihrer Zustimmung oder Ablehnung auch den
Konsens oder zumindest den Rat ihrer Kanoniker einholten. Eigenstandige
Landesordnungen, die von einem der vier preuBischen Domkapitel ausgingen
oder in ihrer Geltung auf ihr Territorium beschrankt waren, sind aus dem Mit-
telalter nur vom ermlandischen Domkapitel bekannt.
Wie in der iibrigen Gesetzgebung war der Deutsche Orden auch bei lan-
desweiten Steuer- und Abgabenforderungen, die als auBerordentliche Ge-
schoBleistungen von den Standen des Landes bewilligt werden muBten, auf die
Mitwirkung und Zustimmung der Bischofe und Domkapitel angewiesen; die
Beteiligung der preuBischen Domherren ist jedoch nur in wenigen Fallen aus-
driicklich erwahnt.
Wehrhoheit
Die Urkunden liber die Stiftung und Dotierung des pomesanischen Domkapi-
tels enthalten keine Regelungen fur die Verteidigung des Landes. Die pomesa¬
nischen Kapitelsvogte sind nie als Fiihrer eines domkapitularischen Heeresauf-
gebotes bezeugt, so daB offenbleiben muB, ob — wie in den Bistiimern Kulm
und Ermland — auch in Pomesanien Wehrhoheit und militarische Entscheidun-
gen weitgehend in den Handen der Bischofe bzw. ihrer Vogte lagen.
Die militarische Schutzfunktion des Deutschen Ordens fur die preuBischen
Bistiimer war bereits in der Circumscriptionsbulle von 1243 verankert und
wurde als Grund genannt, dem Orden zwei Drittel der Diozesangebiete zuzu-
sprechen. Die Teilungsvertrage zwischen den ersten preuBischen Bischofen
und dem Orden griffen diese Argumentation zwar auf, doch implizierte die
Schutzfunktion flir die Bistiimer keinen rechtlichen Anspruch des Ordens, liber
die Heeresaufgebote der Stiftsgebiete nach Belieben verfligen zu konnen. Auch
auf militarischem Gebiet waren die geistlichen Landesherren formal unabhan-
gig. Eine Umstrukturierung des gesamten preuBischen Wehrwesens, die die alte
Trennung von Ordens- und Stiftsterritorien relativierte, brachte eine 1507 erlas-
sene Kriegsordnung, in deren neue Wehrbezirkseinteilung auch das pomesani-
sche Stiftsgebiet einbezogen wurde.
Kirchenpatronate
dem Deutschen Orden so kam auch den preuBischen Bischofen und
^omkapiteln als Landesherren das Patronatsrecht und damit die Besetzung
82
Mario Glauert
aller Pfarrkirchen ihres Territoriums zu.51 Die Handfesten, die Bischof und
Domkapitel von Pomesanien den Grundbesitzern, Stadten oder Dorfgemein-
den des Stiftsgebietes ausstellten, enthielten zwar vielfach die Erlaubnis zur
Errichtung einer Kirche, die Besetzung der Pfarrstelle blieb jedoch fast immer
in den Handen der beiden Landesherren. Grundherrliche Kirchengriindungen
lassen sich nur im bischoflichen Territorium nachweisen. Das Patronatsrecht
fur alle 13 landlichen Pfarreien im Kapitelsterritorium und die Pfarrkirche der
Stadt Rosenberg blieb wahrend des gesamten Mittelalters bei den Domherren.
Neben dem Dom in Marienwerder, fur den Bischof Albert dem Kapitel das ius
patronatus bei der Dotierung 1286 zugesprochen hatte, besaBen die Kanoniker
das Patronat dariiber hinaus auch fur zwei Pfarrkirchen im bischoflichen Teil
des Stiffs (Brakau und Russenau).
Die pomesanischen Bischofe erwarben wahrend des gesamten Mittelalters
keine Patronatsrechte im Territorium des Domkapitels. Bischof Arnold von
Pomesanien scheiterte 1347/48 bei seinen Versuchen, mit Hilfe der Kurie Ein-
fluB auf die Besetzung der domkapitularischen Patronatskirchen zu gewinnen.
8. Besitz
Gestiitzt auf die schon friih in Editionen zuganglichen Handfesten, bildete die
Siedlungsentwicklung des pomesanischen Stiftsgebietes bisher den Schwer-
punkt der wissenschaftlichen Beschaftigung mit der Geschichte des Bistums.
Dariiber hinausgehende wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen sind auf-
grund der Quellenlage nur sehr begrenzt moglich, da die Zinsregister des
Domkapitels und des Bischofs nicht erhalten sind und durch den Verlust der
friihen stadtischen Uberlieferung sowie der Gerichts- und Schoffenbiicher des
Stiffs keine Ersatziiberlieferungen zur Verfugung stehen.
Uber den Stand der Besiedlung, der schon vor dem Einsetzen der groBen
Kolonialisierung Anfang des 14. Jahrhunderts im spateren Domkapitels territo¬
rium im Osten des pomesanischen Stiftsgebietes erreicht war, sind kaum Nach-
richten iiberliefert. Das Gebiet war wohl groBtenteils unerschlossen und mit
Wald bedeckt.52 Im Laufe des 14. Jahrhunderts griindeten die Domherren hier
51 Wilhelm v. BRUNNECK, Beitrage zur Geschichte des Kirchenrechts in den deutschen Koloni-
sationslanden. Heft 1: Zur Geschichte des Kirchenpatronats in Ost- und WestpreuBen. Ber¬
lin 1902, S. 2-27. Gerhard MATERN, Die kirchlichen Verhaltnisse in Ermland wahrend des
spaten Mittelalters. Paderborn 1953, S. 121-146.
52 Walther BAYREUTHER, Die Oberflachengestalt von Pomesanien und ihre Abhangigkeit vom
geologischen Aufbau. Phil. Diss. Konigsberg 1913.
Das Domkapitel von Pomesanien
83
neben der Stadt Rosenberg, die 1315 eine neue Handfeste erhielt, 21 deutsche
und fiinf pruBische Dorfer.
Im Gegensatz zu den pomesanischen Bischofen vergab das Domkapitel in
seinem Anteil am Stiftsgebiet im 14. Jahrhundert kaum Landereien als Freien-
oder Rittergiiter. Einzige Ausnahme waren die Giiter Faulen und Michelau,
deren Verleihung in die Anfangszeit der domkapitularischen Kolonisation des
ostlichen Stiftsgebietes fallt.
Da die Domherren in Marienwerder auBerhalb ihres eigenen Territoriums
residierten, ergab sich fur sie die Notwendigkeit, eine befestigte Anlage fur die
Verwaltung und Verteidigung ihrer Landereien im Osten des pomesanischen
Stiftsgebietes zu errichten. Zunachst wurde in Rosenberg, der einzigen Stadt im
Kapitelsterritorium, ein befestigter Wirtschaftshof angelegt, bevor dessen
Funktion das um 1380 erbaute SchloB Schonberg iibernahm. Schon in der Er-
neuerung der Rosenberger Handfeste von 1315 hatten sich die Kanoniker die
Nutzung eines freien Gelandes im Siidwesten der Stadt vorbehalten und dort
einen heute nicht mehr erhaltenen Wohnturm mit einem nach Norden vorgela-
gerten Hof errichtet. Neben diesem Wirtschaftshof, der bis zur Sakularisierung
in Betrieb war, legten die Domherren zunachst wohl keine weiteren Vorwerke
in ihrem Teil des Stiftsgebietes an. Erst 1391-93 erwarb das Kapitel sudostlich
von Rosenberg das Gut Faulen, das im Dreizehnjahrigen Krieg (1454-66) zer-
stort wurde.
Im Verlauf des 14. Jahrhunderts konnte das Domkapitel auch im bischofli-
chen Teil des pomesanischen Stiftsgebietes eine Reihe von Landereien und
Dorfern erwerben. Auf einem trockengelegten Gebiet der Weichselniederung
im Siidwesten des Stifts, von dem die Kanoniker 1334 gemaB den Regelungen
der Landesteilung ein Drittel zugesprochen bekamen, griindeten sie das Dorf
Russenau, das Vorwerk Aue und das Gartnerdorf Kanitzken.53
Weitere Besitzungen konnten die Domherren im 14. Jahrhundert vor allem
im Norden und Osten ihrer Residenzstadt Marienwerder erwerben, wo ihnen
Bischof Albert bereits bei der Stiftung 1286 das Dorf Hospitale (spater Mer-
gental bzw. Baldram) zugewiesen hatte. Eine breitere Verbindung zwischen
diesem Allodialbesitz und dem weiter westlich gelegenen Marien-See (Mareese),
den die Domherren 1302 vom Deutschen Orden erhielten, vermochte das Ka¬
pitel gegen Ende des 14. Jahrhunderts mit der Errichtung des Vorwerkes
Lantzk zu schaffen, um dessen Nutzung es aber wiederholt zu Streitigkeiten mit
der Stadt Marienwerder kam. Hinzu kamen die Dorfer Gorken (1373) und
53 Max TOPPEN, Die Niederung bei Marienwerder. In: ALTPREUSSISCHE MONATSSCHRIFT 10
(1873) S. 217-253.
84
Mario Glauert
Walthersdorf, dessen Einkiinfte Bischof Berthold von Pomesanien 1342 fur die
ungeniigend ausgestattete fabrica des neuen Domes gestiftet hatte. 1396 erwar-
ben die Domherren schlieBlich die Dorfer Lamprechtsdorf und Brakau von
den Ritterfamilien von Tiefenau bzw. von Heimsode, so daB das Kapitel gegen
Ende des 14. Jahrhunderts im Norden und Os ten der Marienwerder Domburg
entlang des Flusses Liebe einen beachtlichen geschlossenen Giiterkomplex
besaB. Die pomesanischen Bischofe haben bis zum Ende des Mittelalters keine
Giiter im domkapitularischen Teil des Landes erworben.
Studien iiber die Verwaltungsorganisation
des Bistums Samland im Mittelalter
Heinz Schlegelberger
Phil. Diss. Konigsberg 1922. Herausgegeben von Radoslaw Biskup
<S. 1>
Handschriftliche Quellen
Ordensbriefarchiv im Staatsarchiv zu Konigsberg.
Ordensfolianten daselbst.
Originalurkunden daselbst.
OstpreuBische Folianten daselbst.
Gedruckte Quellen
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Mittelalter, Wernigerode 1898.
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Liv-, Est- und Kurland, Reval 1874.
DERS., F. G., etc. Liv- Est- und Kurlandisches Urkundenbuch, Reval — Riga
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CRAMER, Geschichte des vormaligen Bistums Pomesanien, Marienwerder 1885.
FLEISCHER, Die Servitienzahlungen der vier preuBischen Bis turner bis 1424, in:
Zeitschrift fur die Geschichte und Altertumskunde Ermlands, Bd. XV.
1904/05.
GEBSER und HAGEN, Geschichte der Domkirche zu Konigsberg und des Bi¬
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HAUCK, Kirchengeschichte Deutschlands, Leipzig 1904.
Herquet, Kristan von Miihlhausen, Halle 1874.
i-^ERS., Nachtrage zur Geschichte des Bischofs Kristan von Samland, Altpreu-
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HINSCHIUS, P., Katholisches Kirchenrecht. Berlin 1869.
JACOBSON, Geschichte der Quellen des katholischen Kirchenrechts in den
Provinzen PreuBen und Posen, Bd. I. Konigsberg/Pr. 1837.
86
Heinz Schlegelberger
KOLBERG, PreuBisches Formelbuch des 15. Jahrhunderts, Zeitschrift fur die
Geschichte und Altertumskunde Ermlands. Bd. IX. 1887.
<S. 2>
LABEND, Jura Prutenorum, Konigsberg/Pr. 1866.
LOHMEYER, Geschichte von Ost- und WestpreuBen, Gotha 1880.
MECKELBURG, A., Chronik des Johannes Freiburg, Neue PreuBische Provin-
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SCHMAUCH, H., Die Besetzung der Bistiimer im Deutschordensstaat (bis 1410),
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SCHNEIDER, Ph., Die Entwicklung der bischoflichen Domkapitel, Mainz 1882.
TOEPPEN, M., Akten der Stande PreuBens unter der Herrschaft des Deutschen
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DERS., M,. und HlRSCH und STREHLKE, Scriptores rerum Prussicarum, Leipzig
1861 ff.
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DERS., J., Namenskodex der Ordensbeamten, Konigsberg 1843.
<S. 3>
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WEBER, L., PreuBen vor 500 Jahren, Danzig 1878.
WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte der Deutschen Kirche im Mittelalter,
Berlin 1913.
WOLKY, Urkundenbuch des Bistums Kulm, Kulm 1884 ff.
WOLKY-MENDTHAL, Urkundenbuch des Bistums Samland, Konigsberg 1891
ff.
Abkiirzungen
IC.U.B.
L.U.B.
Mon. hist. Warm
Kulmer Urkundenbuch
Livlandisches Urkundenbuch
Monumenta historiae Warmiensis
Die Verwalmngsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
87
Ord. Briefarch.
Ord. Fol.
Orig. Schiebl.
Ostpr. Fol.
pr. d. Bist. Sam.
S.S. rer. Pruss.
St. A.
S.U.B
U. B. d. Std. Kgb.
Ordensbriefarchiv
Ordensfoliant
Original Schieblade
OstpreuBischer Foliant
Privilegien des Bistums Samland
Scrip tores rerum Prussicarum
Akten der Standetage
Samlandisches Urkundenbuch
Urkundenbuch der Stadt Konigsberg
<S. 4>
Inhalt
I.
Einleitung
S. 5
II.
Die geistliche Verwaltung der Diozese
S. 9
a) Die Befugnisse des Bischofs
S. 9
b) Das Offizialat
S. 12
c) Andere Beamte
S. 13
d) Das Domkapitel
S. 15
III.
Die weltliche Verwaltung
S. 25
a) des bischoflichen Territoriums
S. 26
1) Die Zentralverwaltung
S. 29
Der Vogt
S. 29
Die iibrigen Hofbeamten
S. 36
2) Die Lokalverwaltung
b) Die weltliche Verwaltung des Gebiets des
S. 45
Domkapitels
S. 51
IV.
Die Kanzlei #
S. 55
V.
Die Mitwirkung des Ordens bei der Verwaltung
S. 56
VI.
Anhang
S. 64
1) Liste der Bischofe
S. 64
2) Fiinf Listen der Domherren
S. 67
a) Die Propste
S. 67
b) Die Dekane
S. 70
c) Die Offiziale
S. 72
d) Die Kiister
S. 73
e) Die Scholastiker
S. 74
3) Zwei Listen der Bischofsvogte
S. 75
88
Heinz Schlegelberger
a) Die Bischofsvogte
S. 75
b) Die Kumpane
S. 78
Sechs Listen der iibrigen Zentral- und der
wichtigsten Lokalbeamten
S. 79
a) Die Karvansherren
S. 79
b) Die Kiichenmeister
S. 79
c) Die Hauskompture
S. 80
d) Die Hausmeister und Hofmarschalle
S. 81
e) Die Pfleger von Georgenburg
S. 81
f) Die Pfleger von Salau
S. 81
Der Eid des Bischofs
S. 82
Der Eid der Domherren
S. 83
Beschreibung der Siegel
S. 84
a) der einzelnen Bischofe
S. 84
b) des Kapitels
S. 89
c) des Propstes
S. 90
d) des Offizials
S. 90
d) des Vikariats
S. 91
Die Verwaltungsorganisation des .Bistums Samland im Mittelalter 89
<S. 5>
I. Einleitung
Die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Verwaltung des Bistums
Samland versprach insofern Aussicht auf Erfolg, als iiber die Verwaltung dieses
jungsten der preuBischen Bistumer bisher nichts Zusammenhangendes und
Erschopfendes erschienen war. Das mir zur Verfugung stehende Material
schien auf den ersten Blick sehr umfangreich zu sein, und so bestand die be-
rechtigte Hoffnung, alle in Betracht kommenden Fragen erschopfend behan-
deln zu konnen. Doch bald ergab sich leider das Gegenteil. Die beiden Archive,
das des Bischofs und das des Kapitels, hatte man in der Reformationszeit den
Flammen iiberantwortet, und das iibrige Material - Samlandisches Urkunden-
buch, Originalurkunden, Ordensbriefarchiv, Ordens- und OstpreuBische Foli-
anten im hiesigen Staatsarchiv, die alle vollkommen ausgenutzt wurden - bezog
sich leider fast ausschlieBlich auf Verleihungen der Bischofe und des Domka-
pitels von Samland und erwahnte zwar eine Menge bischoflicher Beamten, iiber
deren Befugnisse und Pflichten sich aber zum allergroBten Teil nur verhaltnis-
maBig wenig oder nichts ermitteln lieB. Daher muBten, wenn auch mit groBer
Vorsicht, die entsprechenden Beamten der drei iibrigen Bistiimer, hauptsach-
lich des benachbarten Ermlands, und des Ordens herangezogen werden.
Begonnen habe ich meine Arbeit mit dem Jahre 1254, obwohl die Griin-
dung <S. 6> des Bistums bereits 1243 erfolgte, denn das Land muBte damals
erst erobert werden, die beiden ersten Bischofe kamen uberhaupt nicht in ihr
Bistum und daher kann man von einer, wenn auch noch nicht geregelten Ver¬
waltung erst mit dem Beginn des Episkopats Heinrichs von Strittberg sprechen,
einer Verwaltung, die dann im Laufe der Zeit immer vollkommener wurde. -
Da es sich in dieser Arbeit um die Verwaltung zweier sich in ihrer Ausdehnung
nicht deckenden Gebiete, der Gesamtdiozese und des bischoflichen Territori-
ums handelt, scheint es von Nutzen zu sein, zunachst die Grenzen dieser Ge-
biets in groBen Umrissen anzugeben. Die Grenzen der Gesamtdiozese waren
folgende: im Wes ten die Ostsee, im Norden die Memel und im Siiden der Pre¬
gel. Im Osten grenzte die Diozese an das Gebiet der Litauer.1 Von dieser Ge¬
samtdiozese wurde das eigentliche Samland in drei Teile geteilt2, von denen der
ermlandische Bischof ein Drittel erhielt. Dieses Drittel hangt nicht zusammen,
i
2
Vgl. S.U.B., Nr. 1: De non conversa autem terra diocesi iam dicte limitavimus quartam diocesum, sicut
claudit mare salsum ab occidente et flumen Memele ab aquilone et a meridie flumen Pregore, versus orientem
usque ad terminos Letvinorum, ita quod predict a flumina communia sint diocesibusque ip sis flu minibus ter-
minantur.
Vgl. S.U.B., Nr. 58.
90
Heinz Schlegelberger
sondern zerfiel in zwei Hauptteile,3 deren Grenzen im Jahre 1331 genau be-
stimmt wurden.4 Der westliche Hauptteil umfaBte die Kammeramter Medenau,
Rinau und den Distrikt Fischhausen. Die Grenze dieses Teils im Osten begann
am Frischen Haff5 und lief von hier nach <S. 7> Norden, zusammenfallend
mit der Grenze der heutigen Kirchspiele Medenau und Cumehnen, bis zum
Orte Drabenow (Klein Drabenau). Von hier aus ging sie zunachst in westlicher,
dann in nordwestlicher Richtung bis zur Ostsee und fiel ungefahr mit der
Grenze des heutigen Kirchspiels Pobethen zusammen.6 An der Westkiiste des
Samlands besaB der Orden ein kleines Gebiet, das Kammeramt, heutige Kirch-
spiel Germau, das an die bischoflichen Kammeramter Rinau, Medenau und
Fischhausen grenzte.7 Im Siiden stieB das bischofliche Kammeramt Fischhau¬
sen an das Ordenskammeramt Lochstadt. Diese Grenze entspricht im wesentli-
chen der, die die heutigen Kirchspiele Fischhausen und Lochstadt von einander
trennt.8
Der zweite Hauptteil des bischoflichen Territoriums umfaBte die Kammer¬
amter Quednau, Laptau und Powunden.9 Die westliche Grenze dieses Teils
begann an der Grenze des Stadtgebiets von Konigsberg10 und reichte bis ans
Kurische Haff, im groBen und ganzen der Grenzlinie der heutigen gleichnami-
gen Kirchspiele folgend.11 Die ostliche Grenze dieses Gebiets begann beim
Bache Aukopte, d. h. bei seiner Mundung ins Kurische Haff, stieg an ihm eine
Strecke aufwarts, um dann ungefahr <S. 8> gleich mit der Grenzlinie der heu¬
tigen Kirchspiele Powunden, Laptau und Neuhausen nach Siiden bis Arnau
und von da in westlicher Richtung zum Pregel zu verlaufen.12 Im Jahre 1352
erfolgte dann die Teilung des ebenfalls zur Diozese Samland gehorigen Gebie-
tes von Nadrauen13. Die siidliche Grenze des dem Bischof hier zugefallenen
Drittels bildete der Pregel von Insterburg abwarts bis etwas westlich der Auer-
miindung, im Osten die Inster aufwarts bis zum breiten Stein, im Norden die
3 Vgl. Toeppen, Hist.- komp. Geogr., S. 133.
4 Vgl. S.U.B., Nr. 270.
5 Vgl. Toeppen, S. 142.
6 <1> Vgl. Toeppen, S. 142 f.
7 <2> Vgl. ibidem, S. 144.
8 <3> Vgl. ibidem, S. 145.
9 <4> Vgl. ibidem, S. 145 und S.U.B., Nr. 270, S. 190 ff.
i° <5> Vgl. S.U.B., Nr. 270, S. 190: Incipiendo a duobuspalis stantibus iuxta viam, qua itur de Kunigis-
berg, quorum unus est granicia civium.
11 <6> Vgl. Toeppen, S. 146.
12 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 270, S. 192: Deinde adpalum circumfossum, stantem in loco, quo rivulum Au-
copte ... influit mare Curonicum. Deinde eundem rivulum ascendendo ... Deinde directe ad palum circumfos¬
sum, stantes circa via, qua itur de Kunigisberg ad Amow. Deinde ad aquam Pregol ad palum circum fossum.
13 <2> Vgl. ibidem, Nr. 404.
Die Verwalmngsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 91
jylarschallgrenze vom breiten Stein nach Westen, im Westen endlich eine nicht
mehr genau festzustellende Linie vom westlichen Endpunkt der Marschalls-
grenze, der Marschallstanne, nach Siiden bis in die Nahe der Auermiindung.14
JSfach dieser zweiten Teilung erhob die samlandische Kirche gelegentlich noch
ihre Anspniche auf ein Drittel der beiden Nehrungen, des kurischen Haffs, der
Landstriche an der Miindung der Memel und der Landschaften ostlich von
Nadrauen bis zu den Grenzen der Litauer. Es ist aber zu keiner weiteren Tei¬
lung gekommen. Nur in betreffs des kurischen Haffs, welches bis dahin von
beiden Teilen gemeinschaftlich benutzt war, wurde 1366 <S. 9> ein Vertrag
geschlossen, nach welchem die Kirche das Recht der Fischerei in dem siidli-
chen Teile desselben bis zu der Linie von dem Berg Kropstein auf der Nehrung
bis zu dem nicht naher bekannt breiten Stein erhielt“.15
II. Die geistliche Verwaltung der Diozese
Bei der Verwaltung eines Bistums haben wir seit der Entstehung der Landes-
herrlichkeit der geistlichen Fiirsten von der geistlichen der Diozese die weltliche
des Territoriums zu unterscheiden. Die geistlichen Befugnisse und Pflichten der
Bischofe waren in den einzelnen Diozesen im wesentlichen dieselben. Vorhan-
dene Abweichungen im samlandischen Sprengel sollen im Einzelnen im Nach-
stehenden erlautert werden.
a) Die Befugnisse des Bischofs
Die geistlichen Befugnisse eines Bischofs16 innerhalb seiner Diozese zerfielen in
potestas ordinis, potestas magisterii und potestas iurisdictionis. Die potestas ordinis verlieh
ihm das Recht, in seiner Diozese die Sakramente zu verwalten und alle iibrigen
heiligen Handlungen vorzunehmen. Die potestas magisterii machte ihm die Aus-
iibung de$ Lehramtes zur <S. 10> Pflicht. Endlich gab ihm der Besitz der Re-
gierungsgewalt iiber seinen Sprengel das Recht, Gesetze zu erlassen, fremde
Geistliche in den Diozesanklerus aufzunehmen, die Diozesansynoden einzube-
rufen, die einzelnen Amter zu besetzen und endlich die geistliche Gerichtsbar-
keit auszuiiben. Im Laufe der Zeit nahm aber die gesamte kirchliche Verwal-
tungsorganisation ein anderes Geprage an. Der Bischof wurde immer abhangi-
8er von seinem Domkapitel, wodurch sein Verordnungsrecht ziemlich be-
15 <^> Vgl. ibidem, Nr. 404, Note.
,6 <1:> vgl- Toeppen, S. 148.
<2> Vgl. Hauck IV, S. 3 ff.; V/l, S. 130 ff. Hinschius II, S. 83 ff. und Werminghoff, S.
135-143.
92
Heinz Schlegelberger
schrankt wurde. Die geistliche Seelsorge der Gemeinde der Kathedralkirche
iibte im 13. Jahrhundert meist ein Mitglied des Domkapitels, der Kustos, aus,
wie denn iiberhaupt in alien Zweigen der bischoflichen Verwaltung Gehilfen
angestellt waren. So lagen die Verhaltnisse in der Organisation der kirchlichen
Verwaltung, als das Bistum Samland im Jahre 1243 gegriindet wurde.
Bei genauer Untersuchung der Befugnisse der samlandischen Bischofe er-
gibt sich, daB sie vollkommen den im kanonischen Rechte festgelegten entspra-
chen. Zunachst standen dem Bischof die geistlichen Rechte auch in den zwei
Ordensdritteln zu.17 Der Orden prasentierte dem Bischof die Geistlichen, wor-
auf dieser sie dann investierte.18 Im Falle <S. 11> der Erledigung durfte der
Bischof nicht die Pfarramter im Ordensgebiet besetzen.19 Die wichtigsten heili-
gen Handlungen, z. B. die Investitur der Geistlichen, auch im Bischofsdrittel,
vollzog der Bischof selbst20 oder im Falle einer Sedisvakanz der Stellvertreter,
wobei dieser der Zustimmung des Kapitels bedurfte.21 Hinsichtlich der Ver¬
waltung der Sakramente ist festzustellen, daB auch Priester sie ausiiben konn-
ten, aber nur mit Erlaubnis derer, die vom Bischof die сига animarum erhalten
hatten.22 Das Lehramt iibte der Bischof nicht mehr selbst aus, sondern uberlieB
es einem Mitglied des Kapitels, dem Scholastikus, auf den ich noch im Ab-
schnitt iiber das Domkapitel zu sprechen komme. Die wichtigste Befugnis des
Bischofs war wohl die Ausiibung der geistlichen Regierungsgewalt. Kirchenge-
setze23, Statu ten24 und Verordnungen25 wurden von ihm erlassen, Laien-26 und
Klerikersynoden27 einberufen und von ihm selbst oder von seinen Beauftragten
geleitet28. Weiteres hat sich iiber die bischoflichen Befugnisse im Samlande
nicht ermitteln lassen.
17 <1> Vgl. K.U.B., Nr. 9.
18 <2> L.U.B. VI, Reg. 314 und S.U.B., Nr. 39: ... per annulum nostrum de eadem ecclesia canonice
investivimus, conferentes sibi in ea regimen spiritualium et curam animarum ...
19 <1> L.U.B. VI, Reg. 375b.
20 <2> KOLBERG, S. 289, Nr. 2. Bruder Michael stellt ein Zeugnis aus, daB Job. S. de A. clericus
per nos ad omnes minores ordines geweiht sei.
21 <3> Vgl. KOLBERG, S. 301, Nr.37: FraterN. administrator eccl. S. investiert de consensu capituli.
22 <4> Vgl. ibidem, S. 325, Nr. 9.
23 <5> Vgl. Ord. Briefarch., 1471, Schiebl. IXIII, Nr. 47 und JACOBSON, Bd. I, S. 96.
24 <6> Vgl. ibidem, S. 97.
25 <7> Vgl. ibidem, S. 83 und KOLBERG, S. 293, Nr. 9 und 11, S. 295, Nr. 18-20; S. 298, Nr. 25
und S. 300, Nr. 33 und 34.
26 <8> Vgl. ibidem, S. 296, Nr. 23 und S. 299, Nr. 27.
27 <9> Vgl. ibidem, S. 295/96, Nr. 21-23 und S. 299, Nr. 28 und 31.
28 <10 (auf S. 12)> Vgl. ibidem, S. 296. Nr. 23: ... synodum laicalemper dominum decanum eccl. Samb.
intendentes celebrare und S. 299 Nr. 27: Laiensynode soli per dominum officialem abgehalten wer-
den.
Die Verwaltungsorgaaisation des Bistums Samland im Mittelalter
<S. 12>
b) Das Offiyalat29
Qie geistliche Gerichtsbarkeit nicht nur im Bischofsdrittel30, sondern auch im
Ordensgebiet31 wurde vom Offizial ausgeiibt. Ob dieser Beamte von Anfang an
zum Beamtenkorper der samlandischen Verwaltung gehorte, ob die Jurisdiktion
anfangs, wie in den andern Bistiimern32, ein anderer vom Bischof eingesetzter
Beamter, ein Archidiakon ausiibte, ist nicht mehr zu ermitteln gewesen. Nur
soviel steht fest, daB der Offizial erst 131833 urkundlich erwahnt wird und
gleich bei diesem ersten Male in der Zeugenreihe als Domherr aufgefuhrt ist.
Mitglied des Domkapitels ist der Offizial auch stets gewesen. Nur zweimal
scheint eine Ausnahme gemacht worden zu sein. Das erste Mai ist es ein Pfar-
rer zu Dirschau34, der dieses Amt verwaltet, und das andere Mai35 bittet der
Bischof Nikolaus I. den Hochmeister, dem Pfarrer von Schievelbein mitzutei-
len, daB er augenblicklich keinen Offizial habe und ihn fur dieses Amt anneh-
men wolle.
<S. 13>
c) Andere Beamte
Welche Befugnisse die beiden nur einmal erwahnten bischoflichen Beamten36,
der Vikariatsrichter und der perpetuus ecclesie vicarius, gehabt haben, lieB sich nicht
mehr feststellen, auch nicht die Zeit der Entstehung dieser Amter. Nur soviel
ist sicher, daB der Richter der Untergebene des Vikars war. Er war befugt,
durch die Pfarrer ruckstandige Abgaben der Bewohner einziehen zu lassen und
besaB sicher auch vollziehende Strafgewalt. Ebenso wie er37 gehorte wahr-
scheinlich auch der Vikar dem Domkapitel an.
Endlich seien noch die Prokuratoren der Bischofe erwahnt, die nicht eigent-
lich Beamte, sondern fur bestimmte Zwecke beauftragte Rechtsvertreter der
Bischofe waren. Als solche sind zu nennen: zunachst die beiden Vogte Hein-
9 <l> vgi. Werminghoff, S. 158 f.
3° <2> Vgl. S.U.B., Nr. 226.
<3> Vgl. Lohmeyer, S. 175.
зз <4> Vgl. v. Bunge, S. 173.
<5> Vgl. S.U.B., Nr. 219: domino Petro officiali et ... canonicis ibidem und demgegeniiber V.
Bunge, s. 25.
,5 <6> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 27
3<, <7> V8L °rd- Briefarch., 3.X.1452, Schiebl. LXXVII/a,4.
37 <1> Kolberg, S. 301, Nr. 41 und L.U.B. II, Nr. 852
<2> KOLBERG, S. 301, Nr. 41: ]oh. N. cedes. S. canonims und Vikariatsrichter.
94
Heinz Schlegelberger
richs von Strittberg38; dann die beiden Vertreter der samlandischen Kirche in
ihrer Beschwerde gegen den Orden39. Auch das Kapitel hatte Prokuratoren.40
Ferner wurden die Vertreter und Sachwalter der Elekten Prokuratoren <S. 14>
genannt.41 Endlich hatten auch die Bischofe Prokuratoren und zwar zum Ver-
kehr mit der Kurie.42 Durch sie bezahlten die Bischofe ihre Servitien in Rom43.
Diese Servitien zerfielen in servitia communia und servitia minuta. Erstere waren
feststehend und betrugen fur das Bistum Samland 800 Goldgulden. Sie hieBen
deshalb servitia communia, weil sie zwischen der papstlichen Kammer und dem
Kardinalskollegium geteilt wurden. Fiir die servitia minuta bestand keine Taxe,
sondern sie wurden in jedem Falle neu berechnet. Jeder Bischof hatte bei seiner
Konfirmation auBer dem servitium commune noch fiinf servitia minuta zu zahlen.
Die Prokuratoren waren in vier Fallen Domherren44, in sechs Kleriker45, in drei
Prokuratoren des Ordens in Rom46 und in einem Falle ein florentinischer Ban-
kier.47 48<S. 15>
d) Das DomkapiteM
Der nach dem Bischof wichtigste Faktor der geistlichen Verwaltung war, wie in
alien Bistiimern, so auch hier in Samland, das Domkapitel, das von Bischof
Kristan im Jahre 128549 gestiftet wurde, aber zunachst nur dem Namen nach
existierte. Denn die Domherren waren alle in Thiiringen begiitert50 und sind
weder jemals nach dem Bistum gekommen, noch haben sie etwas fur die sam-
landische Kirche getan. DaB dies Kapitel eigentlich nur auf dem Papier stand,
38 <3> Vergl. S. <Seitenzahl fehlt in der Vorlage.>
39 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 227: ... constituimus nostros veros et legitimos procuratorem fratrem Jobannem
prepositum et fratrem Petrum canonicum.
40 <5> Vgl. ibidem, Nr. 266:... Jacobo tunc procurator ...
41 <1> Vgl. L.U.B. II., Nr. 852.
42 <2> Vgl. Fleischer, S. 749-756.
43 <3> Vgl. ibidem, S. 723/24.
44 <4> Vgl. FLEISCHER, S. 749, Nr. 3: per fratrem Henricum canonicum S. procuratorem suum ...; ibi¬
dem, Nr. 6: per dominum Albertum Alardi de Bartensten canonicum S. procuratorem suum\ ibidem, Nr.
7: per manus domini Jobannis Pedis canonici Warmiensis ...; ibidem, Nr. 9: ... per manus venerabilis do-
mini Jobannis de Fedis, canonici Witennensis.
45 <5> Vgl. ibidem, Nr. 3, 5, 8, 13, 14 und 17.
46 <6> Vgl. ibidem, Nr. 10-12.
47 <7> Vgl. ibidem, Nr. 15.
48 <1> Vgl. Hauck V/l, S. 185 ff. HINSCHIUS II, S. 59 ff., S. 228 ff. und S. 615 ff. und
Werminghoff, S. 143-150.
49 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 139.
50 <3> Vgl. Herquet, S. 31 ff.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 95
beweist schon der Umstand, daB bei seiner Umwandlung im Jahre 129451 voll-
standig neue Domherren vom Bischof ernannt wurden52.
Das Domkapitel erhielt 1285 die gleichen Rechte, wie sie alien Kapiteln
nach kanonischem Rechte zustanden53. Von Anfang an war das Kapitel dem
Orden inkorporiert,54 d. h. seine Mitglieder muBten Briider des Deutschen Or-
dens sein. Eine VergroBerung <S. 16> des Kapitels durfte nur mit Zustim-
mung des Bischofs und des Kapitels erfolgen,55 und zwar wurden die neu zu
wahlenden Mitglieder stets aus dem Orden mit Zustimmung des Landmei-
sters56, an dessen Stelle spater der Hochmeister trat, genommen. Die Visitatio-
nen lieB der Hochmeister vornehmen.57 Alle diese Bestimmungen wurden in
der Urkunde von 1294 wiederholt,58 worauf im Jahre 1296 die Bestatigung des
Kapitels durch den Hochmeister Konrad von Feuchtwangen erfolgte.59 Bereits
1294 hatte Erzbischof Johannes von Riga seine Bestatigung erteilt,60 die sein
Nachfolger Isarnus 1302 erneuerte.61
<S. 17> Nach der Umgestaltungsurkunde von 1294 setzte sich das Kapitel
aus zwei Pralaturen62, dem Propst und dem Dekan, und vier Domherren zu-
51 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 164.
52 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 139: Sybotho, prepositus; Reinfridus decanus; Cortradus Albus, Henricus de
Hohen; Godeschalkus Tbeodericus. S.U.B., Nr. 164: Theodericusprepositus; Theodericus de Friburc, deca¬
nus; Gerwicus Westeval: Hydericus Staggo; Hydenricus; Johannes de Torun.
53 <6> Vgl. ibidem, Nr. 139: ... dando predictis canonicis ius canonieplenarie ordinandi et faciendi omnia,,
quae canonicis cuiuslibet ecclesie cathedralis conpetunt secundum canonica instituta, ipsosque in quasi posses¬
sionem predicte nostre ecclesie Sambiensis inducimus et investimus.
54 <7> Vgl. ibidem: ... viros religiosos Fratros hospitalis sancte Marie Theutonicorum Jerosolimitani\ und
ibidem, Nr. 164: ... non aliunde sed solum exfratribus clericis ordinis nostri assumendi.
55 <1> Vgl. ibidem, Nr. 139: Preterum, si numerum canonicorum ecclesie nostre augere decrevimus hoc tarn
de nostro quam capituli nostri consilio peragatur.
56 <2> Vgl. ibidem: ita quod personam eligendam vel personas degremio dicti ordinis de consensu et licencia
Magistri Pruscie communiter assumamus.
57 <3> Vgl. ibidem: ceterum cum magister sepedicti ordinisgeneralis visitatores mittere decreverit in Prusciam,
frater sacerdotes, qui juerit in visitacione, assumpto sibi socio fratre sacerdote dicti ordinis, predictos canonicos
secundum constituciones regule et consuetudinem ordinis predicti potent visitare.
58 <4> Vgl. ibidem, Nr. 164.
<5> Vgl. ibidem, Nr. 181: quod nos eccl. S. nuper nostra auctoritate et nomine ad instanciam venerabilis
in Christo patris domini Cristani eiusdem ecclesie episcopi felicis memorie, ordini nostro incorporatam, favore
et graciam, sicut tenemur, prosequi cupientes, dilectorum in Christo fratrum ordinis nostri sacerdotum seu
dencorum eisudem ecclesie canonicorum, tarn presencium quam futurorum postulacionem, eleccionem ac insti-
tucionem nostro ac succesorum nostrorum nomine approbamus, innovamus ac ... in nomine domini conjirma-
mus.
<6> Vgl. S.U.B., Nr. 164: Accendente ad hoc voluntate et consensu reverendi patris domini Johannis
^ Rigensis archiepiscopi, nostri metropolitan.
<7> Vgl. S.U.B., Nr. 203: igitur institucionem et constitucionempredictas confirmamus.
<1> Vgl. S.U.B., Nr. 164: ... sex canonias instituimus et prebendas, ita quod quatuor sint canonie et
prebende simplices et in duabus aliis sint prelati, scilicet prepositus et decanus.
96
Heinz Schlegelberger
sammen. Spater traten in dieser Sechszahl oft Schwankungen ein. Um 133063
scheint die Zahl auf acht erhoht worden zu sein, und von 1352 ab sind wieder-
holt neun64, einmal sogar zehn Domherren65 erwahnt. Diese Zahl ist allem An-
schein nach nicht iiberschritten worden. Die ofters erwahnten Kaplane des
Bischofs und der Domherren66 scheinen in enger Beziehung zum Kapitel ge-
standen zu haben, wenn sie auch wohl nicht Mitglieder desselben waren. Erste-
res geht mit Sicherheit daraus hervor, daB die Kaplane bei dem ProzeB gegen
die ungehorsamen Domherren vom Jahre 1517 mit dem Kapitel zusammen aus
der Gemeinschaft der Kirche ausgestoBen wurden und mit diesem zusammen
den Hochmeister baten, sie wieder aufzunehmen67.
In seiner ganzen Einrichtung folgte das Kapitel dem <S. 18> Vorbilde des
kulmischen68. Als Sitz war dem Kapitel zunachst die bischofliche Residenz
Schonewik (Fischhausen) angewiesen,69 aber seit der Erbauung der Kathedrale
in Konigsberg residierte es wohl hier70. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts saB es
in Neuhausen71 und erhielt dann 1525 vom Hochmeister Salau als Wohnsitz
angewiesen72.
In seiner Gesamtheit hatte das Kapitel folgende Befugnisse: zunachst die
Wahl des Bischofs. Diese ist vom Kapitel immer ausgeiibt worden73, wenn auch
mitunter der Papst sich die Besetzung des samlandischen Stuhles reserviert
hat74. Die Kandidaten <S. 19> des Kapitels sind wohl immer vom Papst besta-
63 <2> Vgl. ibidem, Nr. 266.
64 <3> Vgl. ibidem, Nr. 404, 468 und 469.
65 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 665.
66 <5> Kaplane des Bischofs: S.U.B., Nr. 58, 73, 75, 84, 187, 211, 212, 224, 235, 238-244, 246,
248, 249, 344 et passim. Kaplane des Domkapitels: ibidem, Nr. 413, 414, 416, 479-481, 483,
505, 510, 512-514, 526 und 528. Der erste bischofliche Kaplan ist schon vor Stiftung des Ka¬
pitels nachzuweisen (S.U.B., Nr. 58, 73, 75 und 84).
67 <6> Vgl. Ord. Briefarch., 1517, Schiebl. LXVII,21: Dompropst, Dekan, Kapitel und Kapla¬
ne bitten den Hochmeister, sie in Gnaden und in die Gemeinschaft der Kirche aufzunehmen.
68 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 164: Certis eisdem ut premisimus redditibus assignatis, cum plenitudine iuris
canonicatus et prebendas statuentes et eisdem presentibus indulgentes, ut quandocumque vel quocienscumque
unum ex predictis canonicum aut prelatum cedere vel decedere contingentsuperstites providendi ipsi ecclesie de
alio prelato vel canonico, fratre tamen ordinis nostri iuxta morem et consuetudinem, quam servat in talibus
Culmensis ecclesia nostri ordinis ... und servato more et consuetudine predicte Culmensi ecclesie. Ebenso
ibidem, Nr. 181.
69 <2> Vgl. ibidem, Nr. 164: in castro Schonewik, in quo ecclesiam et sedem nostram cathedralem.
70 <3> Vgl. ibidem, Nr. 200.
71 <4> Vgl. Ord. Fol. Nr. 34, S. 128.
72 <5> Vgl. Ord. Fol. Nr. 47, S. 121.
73 <6> Vgl. S.U.B., Nr. 214. Ord. Briefarch., 26.11.1470, Schiebl. LXVII,58 und SCHMAUCH.
74 <7> Vgl. S.U.B., Nr. 358: ... nos cupientes eidem ecclesie cum earn vacare contingerat, per apostolice sedis
providentiamydoneam personam presidere, provisionem ipsius ecclesia ea vice ordinationi et dispositioni nostre
duximus specialiter reservandum ...; und ibidem, Nr. 457.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 97
tigt worden mit Ausnahme der Wahl von 147075, wo an Stelle des vorgeschla-
genen Propstes Michael Schonwald der Ordensprokurator Dietrich von Cuba
gewahlt und bestatigt wurde. Der neue Bischof Dietrich II. hat dann unterm 9.
April 1470 dem Hochmeister die Griinde mitgeteilt, weshalb der Kandidat des
Kapitels nicht bestatigt wurde76.
Die Wahl eines Bischofs ging folgendermaBen vor sich: Gewahlt wurde per
viam et formam scrutiniP7: Drei Skrutatoren wurden bestimmt, die die Vollmacht
erhielten, heimlich die iibrigen Domherren nach ihrer Meinung zu fragen. Wer
von den vorgeschlagenen Kandidaten die meisten Stimmen erhielt, war ge¬
wahlt. In einer Schrift, die den Hergang und das Ergebnis der Wahl mitteilte,
bat dann das Kapitel den Erzbischof von Riga um Bestatigung der Wahl. Eine
Wahlordnung aus der Zeit um 147078 gibt drei Arten an, einen Bischof zu
wahlen: entweder per viam scrutinii oder compromissi oder inspirationis.
AuBer dem Recht der Bischofswahl besaB das Kapitel das Patronat iiber die
Pfarrkirche, d. h. die altstadtische Kirche zu Konigsberg79, verliehen im Jahre
1296 vom Hochmeister Konrad von <S. 20> Feuchtwangen. Dieses Recht
bestatigte Bischof Johannes I. im Jahre 132080 mit dem Bemerken, daB das
Kapitel frei iiber die Einkiinfte und die Verwaltung der Kirche verfugen solle,
daB aber der dortige Pfarrer vom Bischof gepriift und investiert werden miisse.
Wahrscheinlich besaB das Kapitel auch das Patronat iiber die Domkirche, das
ihm nach kanonischen Rechte zustand. Ferner unterstand die Domschule der
Aufsicht des Kapitels,81 und auBerdem <S. 21 > war es befugt, einen geeigneten
75 <1> Vgl. Gebser und Hagen, S. 202 f.
76 <2> Vgl. L.U.B. 11, Nr. 724: Brief des Bischofs Dietrich II. an den Hochmeister Heinrich
von Richtenberg. Das samlandische Kapitel durfte gar nicht wahlen, da es gebannt war.
77 <3> Vgl. S.U.B.,Nr. 214.
78 <4> Vgl. Briefarch., um 1470, Schiebl. LXVII,1: Entwurf iiber die Modalitaten fiir die Wahl
des samlandischen Bischofs.
79 <5 (auf S. 20)> Vergl. S.U.B., Nr. <178>: dedimus et contulimus eisdem Sambiensis ecclesie canonicis
pure et simpliciter propter deum ius patronatus ecclesie parrochialis in Kunigesberc cum pleno iure tenendum,
et libere ac perpetuo possidendum, nihil nobis vel fratribus iurisdictionis in eo reservantes, sed in eos et eccle-
stam suam dicti iuris patronatus dominium transferentes.
80 <1 > Vgl. S.U.B., Nr. 223: Nos... prefatam ecclesiam cuius merum ius obtinentpatronatus, ipsis dominis
de capitulo nostro ac mense eorum cum omnibus suis obvencionibus oblacionibus, redditibusque singulis et
utilitatibus, fructibus necnon acproventibus universis subicimus, coniungimus adicimus, unimus. Auctoritatem
quoque dictam officiandi ecclesiam per unum canonicum de capitulo aut fratrem de collegio, vel regimen ipsius
ecclesie eidem concanonico suo aut confratri ad tempus comittendi donamus eisdem, vel sacerdoti seculariydoneo
conferendi, quern tamen nobis prius ad examinandum et investiendum de hoc ac instituendum suis patentibus
litteris presentabunt; aliterve de dicta ecclesia et regimine ipsius disponendi, faciendi ordinandique, uti ipsorum
voluntati et arbitrio placuerit, vel utilius eis tunc videbitur aut Jructuosius provenire, licenciam damus liberam
et nichilominus plenariam concedimus facultatem.
81 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 282: ... mandantes preposito et capitulo prelibate nostre eccelsie, qui pro tempore
fuerint, quatenus virum ydoneum scolarum et scolarium earundem regimini assumant suisque teneant in ex-
pensis, qui clericos et scolares ibidem possit et debent informare.
98
Heinz Schlegelberger
Lei ter fur die alts tad tische Pfarrschule einzusetzen und nicht geeignete Perso-
nen aus dem Amte zu weisen82. Dabei ist noch zu erwahnen, daB die Schuler
aller bestehenden Schulen83 an den Hauptfesten und hauptsachlich dann, wenn
der Bischof personlich im Dom Messe und Vesper celebrierte, diesen Feiern
beiwohnen sollten84, jedoch so, daB noch eine genugende Anzahl zum Gottes-
dienst in den Pfarrkirchen anwesend war.
Zu den wichtigsten Verordnungen geistlicher Natur muBte das Kapitel seine
Zustimmung geben,85 bedurfte aber seinerseits der bischoflichen bei Verleihun-
gen von Kirchengut.86 Seit dem Jahre 1320 stand das samlandische Kapitel
<S. 22> unter dem Schutze des Papstes und des heiligen Petrus87. Diese Tatsa-
che veranlaBte im Jahre 1517 den Propst, sich und das ganze Kapitel fur ex¬
empt von der bischoflichen Jurisdiktion zu erklaren88.
Wenden wir uns nun den einzelnen Domherren und ihren Befugnissen zu.
An der Spitze des Kapitels stand der Inhaber der ersten Pralatur, der Propst,
der die Geschafte des Kapitels89 leitete. Er und sein Stellvertreter, der nur ein-
mal urkundlich nachweisbare Vicepropst90, waren befugt, die Priester zu be-
stimmen, die bei besonderen Anlassen im Dom die Messe lasen.91 Jeder Dom-
82 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 309: ... Ceterum predictus dominus noster generalis arbitrio ordinavit et statuit,
quod prefati domini, prepositus Sambiensi ecclesie cum suo capitulo, magistrum scole parrochialisydoneum, et
scienti ftcum instituere debeant et eundem, se notore promeruerit, amovere.
83 <2> Vgl. ibidem, Nr. 282. Der Bischof verbot sub excommunicacionis репа die Errichtung oder
die Benutzung anderer Schulen bei den Kirchen der Stadt, in den Vororten und im Weichbil-
de. Trotzdem entstand die altstadtische Pfarrschule wenige Jahre nach diesem Verbot des Bi-
schofs Johannes I., in der Zeit zwischen 1333 und 1339, in welchem Jahre diese Schule zum
ersten Male in den Urkunden erwahnt wird.
84 <3> Vgl. ibidem, Nr. 280: Preterea nos cumpredictis fratribus, nostris canonicis in hoc concordamus, ut
quando episcopus, qui pro tempore fuerit, divina ojjicia personaliter celebrare decreverit} quod extunc scolares
omnium trium civitatum missis et vesperis debeant interesse, ita tamen, ut tot remaneant, quod per presenciam
clericorum in ecclesiis parrochialibus divinum officium decenterperagatur...; und ibidem, Nr. 309: Pueri
eciam omnium scolarum tarnparvi quam magni in festivitatibus ... etprecipue domino episcopo celebrante in-
primis vesperis et missa sequenti racione divini officii maiorem ecclesiam frequentabunt.
85 <4> Vgl. ibidem, Nr. 251: Et nos frater prepositus, totumque capitulum omnia facta, ordinata et
mandata ... approbamus et ratificamus ...; ibidem, Nr. 283: Johannes episcopus, necnon Jacobus prepositus
totumque capitulum ordnen an; ibidem, Nr. 407.
86 <5> Vgl. ibidem, Nr. 257 und 311: consensu, consilio et volunatepatris domini episcopi Johannis.
87 <1> Vgl. ibidem, Nr. 221.
88 <2> Vgl. Ord. Briefarch, 10.V.1517, Schiebl. LXVIIa,15: Der Propst sei der Ansicht, seit-
dem der Papst das Kapitel in seinen Schutz genommen, sei es exempt und nur der papstli-
chen Heiligkeit unterworfen. Diese Aufnahme miisse erfolgen, ex universali pastorali officio sei
der Papst dazu verpflichtet. Zur Exemption gehore jedoch nach des Bischofs Ansicht die
Konfirmierung des Propstes, die nicht erfolgt sei, durch den Papst.
89 <3> Vgl. S.U.B., Nr. 164 und Schneider, S. 87-89.
90 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 510: dominus Nicolaus, viceprepositus.
91 <5> Vgl. ibidem, Nr. 283: ... tres misse votive legi debent per sacerdotem, quern prepositus, qui pro
tempore fuerit aut eius vices gerens ad hoc specialiter ordinabit.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 99
herr muBte dem Propst einen Eid leisten92, der mit dem von den Domherren
dem Bischof zu leistenden93 fast wortlich (ibereinstimmte. Hieraus folgerte
dann spater der Propst Stefan Gerdt, er sei der Obere der Domherren und
befugt, ihnen ihre Amter zu nehmen, welches Recht ihm der Bischof als zu
Unrecht angemaBt absprach.94
Uber die <S. 23> Pflichten und Befugnisse des zweiten Pralaten, des De-
kans, lieB sich nichts ermitteln, jedoch ist mit Sicherheit anzunehmen, daB sie
von den im kanonischen Rechte festgelegten im allgemeinen gar nicht oder nur
wenig abwichen.95 Von den (ibrigen Domherren bekleideten die meisten be-
stimmte Amter mit feststehenden Funktionen. Einer von ihnen war, wie bereits
erwahnt, Offizial. Ein anderer bekleidete das Amt eines Kustos. Dieser Dom-
herr, dessen Befugnisse wohl die gleichen waren, wie die allgemein kirchen-
rechtlich festgelegten96, wird zuerst 1322 urkundlich erwahnt.97 Er erhielt in der
altstadtischen Kirche bei Begrabnissen von Priestern, Rittern oder Pilgern das
ganze MeBopfer, an den sieben Hauptfesten und an Maria Himmelfahrt ein
Drittel und an den Festen der Apostel, Martyrer und Heiligen die Halfte, der
altstadtische Pfarrer 2/3 bezw. 1/2.98 Neben dem Kustos wird einmal auch ein
Sakrista erwahnt.99 Der Scholastikus100 hatte wahrscheinlich die Aufsicht (iber
die Domschule und vielleicht auch (iber das ganze Unterrichtswesen des Bi¬
stums, wie es auch in andern Bistiimern der Fall war.101 Einmal wird in der
Reihe der Domherren ein hospitalarius erwahnt,102 dem wahrscheinlich die
Krankenpflege und <S. 24> die Aufsicht (iber die Konigsberger Hospitaler
oblag. Endlich ist dann noch der magisterfabrice zu erwahnen, der die zu Repa-
92 <6> Vgl. Anhang Nr. 6b: Juramentum novi canonici ad capitulum.
93 <7> Vgl. Anhang Nr. 6a: ]uramentum novi canonici ad episcopum.
94 <8> Vgl. Ord. Briefarch., 10.V.1517, Schiebl. LXVIIa,15. DaB die Domherren, wenn sie
durch den’Bischof in das Stift aufgenommen und konfirmiert sind, auch dem Propst Gehor-
sam schworen, daraus leite dieser das Recht ab sie zu exkommunizieren und zu strafen. Da-
bei solle er bedenken, daB sie zuvor dem Bischof in latori forma geschworen. Auch wisse der
Bischof nicht, wenn der Propst die Domherren aus ihrem Amt zu nehmen Recht und Macht
haben wolle, wo er solches Recht befunden noch gelesen. Der Propst solle nicht vergessen,
daB er nur prepositus annalis momentaneus sei, und daB die Kirche dem Bischof als ihrem ober-
sten Pralaten am meisten zustandig sei und nicht allein dem Propst, wie dieser wohl gedacht
habe.
95 <1> Vgl. Schneider, S. 89-91.
96 <2> Vgl. Schneider, S. 96 f.
97 <3> Vgl. S.U.B., Nr. 231: Jacobus custos.
98 <4> Vgl. ibidem, Nr. 380.
99 <5> Vgl. ibidem, Nr. 314: Hildebrand der Sakrista; und Schnp;ider, S. 96 f.
100 <6> Vgl. S.U.B., Nr. 269: Conradus scholasticus, und SCHNEIDER, S. 98 ff.
101 <7> Vgl. Cramer, S. 52 ff.
102 <8> Vgl. S.U.B., Nr. 285: Petrus de E/bingo, tunc hospitalarius.
100 Heinz Schlegelberger
raturen und ahnlichen Ausgaben besdmmten Einkiinfte der Kirche verwalte-
te.i°3
Der Gottesdienst in der Domkirche und in den wichtigsten Pfarrkirchen, so
in der altstadtischen103 104, der lobenichtschen105 und der auf dem Steindamm106,
wurde von Domherren versehen, wodurch ihr EinfluB und ihre Einkiinfte er-
heblich stiegen. Wiederholt kam es auch vor, daB samlandische Domherren die
Stelle von Kaplanen bei den Hochmeistern bekleideten.107 Andreas Sandberg,
der spatere Bischof von Kulm, war als samlandischer Domherr zugleich
hochmeisterlicher Kanzler und Kaplan108, und der Domherr Johann Hamel war
von 1425-1430 Vikar des Bistums Kurland.109
Was die Siegel anlangt, so fuhrten solche das Kapitel,110 der Propst111 und
der Offizial112. Zum SchluB noch einige Worte iiber die Wahl der Offizianten
des Kapitels, die in alien vier preuBischen Bistiimern dieselbe war.113 Bei der
jahrlich stattfindenden <S. 25> Neubesetzung der einzelnen Amter des Kapi¬
tels iibergab jeder Offiziant dem Bischof seine Siegel. Darauf schritt man zur
Wiederbesetzung der Amter.
Der Propst wurde auf zweierlei Art gewahlt, performam scrutinii oder compro-
missi. Die erste Wahl ging folgendermaBen vor sich. Der Bischof mit einem
oder zwei „Erforschern" (scrutatores) fragte heimlich alle Domherren einzeln
aus, wen sie zum neuen Propste wiinschten. Dann wurden die Stimmen ge-
sammelt, und wer die meisten auf sich vereinigt hatte, wurde Propst. Darauf
forderte der Bischof den neuen Propst auf, einen Dekan ,,auszutreiben“. War
dies geschehen, so fragte der Bischof, ob jemand einen andern Dekan „austrei-
be“. Geschah dies nicht, dann wurden alle Domherren gefragt, ob sie mit dieser
Wahl einverstanden waren. Erhob sich kein Widerspruch gegen die Wahl, dann
103 Vgl. L.U.B. IX, Nr. 831: Johann Rothenburg, magisterfabrice und Domherr zu Samland; und
Brackmann, S. 107-109.
km <2> Vgl. S.U.B., Nr. 178; und Meckelburg, S. 68f.
105 <3> Vgl. Ord. Briefarch., 1517, Schiebl LXVIIa,25.
Ю6 <4> Vgl. Meckelburg, S. 70.
107 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 328, 329, 331, und 334: Dominus Henricus Sambiensis ecclesie canonicus,
capellanus nosier, und ibidem, Nr. 465: her Nikolaus des Homeysters kapelan.
108 <6> K.U.B., Nr. 624 und 625. Andresa Saniberg, canonicus sambiensis capellanus et supremus cancel-
larius des Hochmeister?.
i°9 <7> Vgl. L.U.B. IX, Nr. 289, 361, 472, 486 und 487; und VIII, Nr. 168. Johann Hamel,
Domherr zu Samland und Vikar der kurlandischen Kirche.
1.0 <8> Vgl. Anhang Nr. 7b.
1.1 <9> Vgl. ibidem, Nr. 7c.
112 <10> Vgl. ibidem, Nr.7d.
113 <11> Vgl. L.U.B. IV, Reg. 1684.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter Ю1
erhielt der betreffende Domherr das Dekanatssiegel.114 Darauf wurden in glei-
cher Weise Kustos, Scholastikus, Kantor115 und Pfarrer auf ein Jahr gewahlt.
Ohne triftigen Grund und ohne Zustimmung des Kapitels konnte der Bischof
die Offizianten ihres Amtes nicht entsetzen. Alle sonstigen, dem Kapitel zuste-
henden Amter besetzte der Propst zusammen mit dem Kapitel ohne Mitwir-
kung des Bischofs.
Die zweite Art der Propstwahl war die forma compromissi: Der Bischof be-
stimmte mit dem Kapitel drei Domherren, die die Vollmacht erhielten, den
Propst zu wahlen. Derjenige, auf den ihre Wahl fiel, wurde Propst. Der Offici¬
al116 ist in dieser <S. 26> Wahlordnung gar nicht erwahnt. Aus dieser Tatsache
scheint hervorzugehen, daB der Bischof aus der Mitte der Domherren einen
zum Offizial bestimmte, der dann wahrscheinlich vom Kapitel bestatigt werden
muBte.
III. Die weltliche Verwaltung
a) <Die mltliche Verwaltung> des bischof lichen Territoriums
Bevor ich mich nun den Organen der weltlichen Verwaltung des Bischofsge-
biets zuwende, will ich einige Bemerkungen (iber die Befugnisse des Bischofs
als Landsherr vorausschicken. Nach der Urkunde vom Jahre 1243 sollten von
der Gesamtdiozese Samland der Orden zwei und der Bischof ein Drittel erhal-
ten117, und diese Teilung wurde im Jahre 1258 durchgefuhrt.118 In seinem Drit¬
tel war der Bischof vom Orden vollkommen unabhangiger Landesherr. Ihm
allein waren Land und Leute untertan. Er vergab Lehen, wozu er sich die
papstliche Erlaubnis eingeholt hatte,119 bestimmte die zu leistenden Lehnsdien-
ste und Abgaben120, verlieh Vorrechte121 und sorgte fur gesetzmaBige und ge-
114 <1> Hat sich im Bistum Samland nicht nachweisen lassen. In Pomesanien ist es erwahnt.
Vgl. Cramer, S. 53 f.
115 <2> Wird im Bistum Samland nie erwahnt.
116 <3> Uber die Befugnisse des Offizials in andern Bistumern, vgl. Mon. hist. Warm. II/1, S.
318 f.
117 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 1: Das bischofliche Drittel soli bestimmt werden 1) durch Vereinbarung
beider Teile oder 2) durch Vertrauensmanner oder Schiedsrichter oder 3) durch Teilung die
der Orden vornimmt, wonach dann der Bischof einen wahlt oder sich durchs Los zuteilen
laflt.
118 <2> Vgl. ibidem, Nr. 58: Im Samland wurde das Bischofsdrittel auf die letzte Art bestimmt.
П9 <3> Vgl. ibidem, Nr. 71: Cum itaque tu pro defensione partium earundem tibi prout asserts plures
necessarii sint fideles, nos devotionis tue precibus inclinati, presentium tibi auctoritate concedimus, ut in bonis
episcopatus tui aliqua feuda statuere ac de illis tot ex eisdem fidelibus infeudare valeas quot necessitati par¬
tium earundem videris expedire.
120 <4> Vgi S.U.B., Orig. Schiebl. und Ostpr. Fol.
121 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 289.
102
Heinz Schlegelberger
ordnete Verhaltnisse im Lande. Seine Einkiinfte zog er <S. 27> anfangs aus
dem gesamten Bischofsdrittel, und zwar bestanden sie aus Zehnten, Zins und
Strafgebiihren.
Mit der Stiftung des Domkapitels anderten sich die Verhaltnisse in mancher
Hinsicht. Das Kapitel wurde eine mitberatende und mitbestimmende Verwal-
tungsbehorde. Der Bischof durfte, abgesehen von einigen Ausnahmen122, ohne
Zustimmung und Genehmigung des Kapitels123 in seinem Gebiet keine Befrei-
ungen von Zinszahlungen und Diensten, keine Bevorrechtigungeri und Neu-
verleihungen vornehmen. Ferner muBten die vom Bischof ausgestellten Ur-
kunden das Siegel des Domkapitels tragen. Es kam vor, daB Verleihungsurkun-
den, die ohne Zustimmung und Besiegelung des Kapitels ausgestellt waren, fur
ungiiltig erklart wurden und daher erneuert werden muBten.124 Ebenso bedurf-
ten Vertrage, die der Bischof mit dem Orden schloB, der Zustimmung des Ka¬
pitels125. Einmal126 findet sich die Notiz „Mit Rat und Vollbort des Kapitels und
der Getreuen des Kammeramts Thierenberg". Daraus geht hervor, daB der
Consens der Bewohner der <S. 28> Kammeramter, wahrscheinlich nur der
angeseheneren, der Kammerer, Schulzen usw., eingeholt zu werden pflegte. Ob
das ein Gewohnheitsrecht war, laBt sich nicht mehr sagen. Streitigkeiten zwi-
schen einzelnen Lehnsleuten (iber ihren Landbesitz schlichtete der Bischof
selbst,127 gewohnlich an Ort und Stelle nach Besprechung mit den daselbst
wohnenden Lehnsleuten.128
Was nun noch die Siegel der Bischofsurkunden anlangt129, unterscheiden wir
das groBe, sigillum magnum oder maius und das kleine, sigillum minus oder secretum.
Das erste diente zur Besiegelung von Handfesten, Privilegien und wichtigen
122 <1> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 9,13,14, 52, 63-66, 68.
123 <2> Vgl. S.U.B., von Nr. 180 ab.
124 <3> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 181: Bischof Michael erneuert 1437 eine Verschreibung fur
den Neffen des H. Seefeld mit wohlbedachtem Rat und ganzen Vollbort des Kapitels. Die
erste war ane vorlibunge und vollbort des Kapitels erfolgt, daher ungiiltig; ibidem, S. 190-192:
Verschreibungs Dietrichs II. fiir Geidau (1472). Dorf Geidau hat von seinem Vorfahren
Heinrich eine Handfeste nur mit dem Bischofssiegel gehabt. Sie wird daher mit Zustimmung
des Kapitels und unter Anhangung beider Siegel (wie auch oben) erneuert.
125 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 183, 184 und 404.
126 <5> Vgl. Pr. d. Bist! Sami. A, S. 21/22: Verschreibung Johanns II. 1422.
127 <1 > Vgl. S.U.B., Nr. 402: nos discordias ipsorum sopire volentes.
128 <Vorlage: S. 28, Anm. 2> Vgl. S.U.B., Nr. 300: ... Nos intendentes reform a tioni altricationis huius-
modi et futuris altricationibus, quan turn in nobis est, precavere volentes ideoque, ut reformatio ipsa salubrem
sortiretur effectum, Powunden propria venimus in persona ibique feodales nostros et Шит populum illius
iurisdictionis una cum dictis partibus ad nostram mandavimus presentiam evocari.
129 <3> Vgl. Anhang Nr. 7a.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
Urkunden130, das zweite wahrscheinlich fur minder wichtige131. Meistens ist
aber nur angegeben, daB das bischofliche Siegel an die Urkunde gehangt ist,
ohne nahere Angabe, um welches der beiden Bischofssiegel es sich handelt132.
<S. 29>
Die Zentralverwaltung
<Der Vogt>
Das bischofliche Territorium wurde sehr lange wohl von zwei Zentren aus
verwaltet, und zwar von Fischhausen aus, wo der Bischof mit seinen Hofbe-
amten residierte, und von Powunden, wo der Vogt saB.133 Erst vom 16. Jahr-
hundert ab ist dieser Vogt dauernd in Fischhausen nachzuweisen134.
Sehen wir uns einmal den fur die weltliche Verwaltung wichtigsten Beamten
naher an. Er ist der alteste in den Urkunden erwahnte weltliche Beamte des
Bischofs. Bereits 1255 taucht er in den Urkunden auf mit dem Titel eines
Sachwalters oder Prokurators135 in terra Sambiensi. Der zweite namhafte Vogt
fuhrt neben diesem Titel schon den eines advocatus136, der dann, deutsch Voyt
oder Vogt, beibehalten wird. Nur unter Bischof Michael Junge fuhren die Vogte
vorubergehend den Titel ,,Anwalt“137.
Was nun die drei ersten Vogte anlangt, so waren sie wohl nur Stellvertreter
der Bischofe wahrend ihrer Abwesenheit, d. h. eine voriibergehende Erschei-
nung in der Verwaltungsorganisation. Die beiden ersten Prokuratoren oder
Vogte waren bevollmachtigte Vertreter des Bischofs Heinrich I. <S. 30> und
wenigstens der zweite von ihnen konnte im Namen des Bischofs Land verlei-
hen sowie Dienste und Abgaben festsetzen138, aber bei alien Amtshandlungen
130 <Vorlage: S. 28, Anm. 4> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 23, 35 und 48; und Pr. d. Bist.
Sami. A, S. 23r, 82r, 83, 86r, 88r, 143r et passim.
131 <5> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 61r, 65-66r, 81r, 108r, lllr.
132 <6> Vgl. S.U.B., passim; Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 38, 41 und 55; Pr. d. Bist. Sami. A, S.
65/66, 108r, lllr et passim. Weshalb die genaue Angabe des Siegels bei dieser ziemlich gro-
ften Anzahl von Urkunden fortgelassen worden ist, konnte nicht festgestellt werden.
133 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 241: ... ad curiam nostram Powunden advocate, qui nunc est, vet quipro tempore
fuerit...; ibidem, Nr. 255 und 348.
134 <2> Vgl. Ord. Fol. Nr. 23, S. 107 und 191, Nr. 24a, S. 191 und Nr. 33, S. 121.
135 <3> Vgl. S.U.B., Nr. 48: ... quas per Jratrem Volpertum, procuratorem nostrum in terra Sambiensi,
persolvi volumus...; ibidem, Nr. 52: ...fratre Volperto, procurator nostro ...; ibidem, Nr. 53: ... etjratri
Volperto, nostroprocuratori...; einmal fuhrt er auch den Titel advocatur, ibidem, Nr. 51.
136 <4> Vgl ibidem, Nr. 73: et dictus Piscis, advocatu s...\ ibidem, Nr. 74: et Piscis, advocatus...; einmal
auch procurator, ibidem, Nr. 76: et Piscis, procurator.
137 <5> Vgl. Pr. d. Bist. Sami., S. 109 und 110: „so oft sie von unsern Anwalten geheiBen wer-
den“.
138 <1> Vgl. S.U.B.,Nr. 73, 75 und 76.
104
Heinz Schlegelberger
war er an den Beirat des Ordens gebunden139 und muBte, da er kein eigenes
Siegel fiihrte, seine Urkunde mit dem des Komturs von Konigsberg siegeln140.
Seine Verleihungen bedurften, wie auch die der spateren Vogte, der Bestatigung
durch den Bischof.141 Der Dritte, Vogt Bischof Kristans, fiihrte bereits ein
Siegel142, war aber bei seinen Verleihungen ebenfalls an den Rat und die Zu-
stimmung eines Ordensbeamten, des Vogtes von Samland,143 gebunden.144
Interessant ist es, festzustellen, daft Bischof Kristan nach Stiftung des Dom-
kapitels nicht einen weltlichen Vogt, sondern den Propst zu seinem bevoll-
machtigten Vertreter ernannte145 und daB bei Verleihungen des Ordens im
Bischofsgebiet der Propst seine Zustimmung geben muBte146, wahrend vorher
<S. 31> der Orden einmal eine Verleihungsurkunde ausgestellt hatte, ohne
iiberhaupt den Bischofsvogt zu erwahnen147.
Etwa seit 1297148 sind die Vogte eine bleibende Einrichtung. Sie werden aus
den Reihen der Ordensritter genommen und nur sozusagen zur Diensdeistung
am bischoflichen Hofe beurlaubt, konnen daher jederzeit vom Land- und spa-
ter vom Hochmeister fur Verwaltungsposten im Ordensgebiet verwandt wer¬
den. Natiirlich muB in solchem Falle der Orden einen Ersatzmann stellen149.
Zu derselben Zeit, da das Amt des Vogtes ein dauerndes wird, taucht neben
ihm auch das eines socius oder ,,Kumpanen“ auf150, das mit Unterbrechungen
139 <2> Vgl. ibidem, Nr. 73: ... nee non de consilio ... commendatoris in Kunigsberg et Jratrum ...; ibidem,
Nr. 75.
140 <3> Vgl. ibidem, Nr. 73:... sigillo commendatorispredicti confirmatam.../ ibidem Nr. 75:... presentem
litteram dedi sigillo commendatoris in Konigesberg roboratam, quia propriam non habebam.
hi <4> Vgi S.U.B., Nr. 82: Factum procurators nostre ecclesie in rebus temporalibus ad defensionem et
conservationem neophitorum in Sambia partibus, quasdam possesiones ad dictam ecclesiam nostram pertinen-
tes quibus dam personis de fratrum domus sancte Marie Theutonicorum consilio in feodum secundum deum et
rationaliter concedendo, approbamus, ratijicamus et presentibus confirmamus.
142 <5> Vgl. ibidem, Nr. 161: In cuius rei testimonium sigillum nostrum presentibus est appensum.
143 <6> Vogte von Samland gab es von 1258-1428; Vgl. S.U.B., Nr. 58 und Ord. Briefarch.,
9.X. 1428, Schiebl. IV,56.
144 <7> Vgl. S.U.B., Nr. 161: necnon ex consensu ac consilio ... advocati Sambie...
145 <8> Vgl. ibidem, Nr. 180.
146 <Vorlage: S. 30, Anm. 9> Vgl. ibidem, Nr. 180.
147 <1> Vgl. S.U.B.,Nr. 170.
148 <2> Vgl. ibidem, Nr. 186: Volradus advocatus noster.
149 <Vorlage: S. 31, Anm. 3> Vgl. ibidem, Nr. 204: jrater Volx, commendator in Kagnithen\ ibidem,
Nr. 208; Ord. Fol. Nr.33, S. 121: Hans von Thungen, Vogt zu Fischhausen, zum Pfleger von
Lochstadt verordnet. Gleichzeitig ein Nachfolger ernannt; ibidem, Nr. 24a, S. 445: Adrian
von Waiblingen zum Miihlmeister ernannt. Ebenfalls ein Nachfolger ernannt. Vgl. hieriiber
noch ibidem, Nr. 27, S. 25.
>50 <4> Vgl. S.U.B.,Nr. 187.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter Ю5
bis zum Jahre 1385 nachzuweisen ist.151 Der Grund fiir die Entstehung dieses
Amtes ist vielleicht darin zu suchen, daB mit Eintritt einer geordneten Verwal-
tung die Geschafte von einem Vogte nicht mehr bewaltigt werden konnten. Es
ist leider nicht mehr ersichtlich, ob die Kumpane den Vogten gleichgestellt oder
ihnen untergeben waren. Nur aus der Tatsache, daB mehrere Kumpane erst
nach ihrer Amtszeit Vogte wurden152, kann man vielleicht darauf schlieBen, daB
sie Untergebene der Vogte waren.
Die Befugnisse der Vogte waren mannigfacher Art und wurden mit der Zeit
immer umfangreicher. Eine genaue Fixierung aller Befugnisse und Einkiinfte
des Vogtes gibt <S. 32> die wohl aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stam-
mende „Ordnung des Kirchenvoyts auf Samland“.153 Der Vogt war der oberste
weltliche Richter im Bischofs-154 und wahrscheinlich auch im Kapitelsgebiet
und war als solcher im Besitz der hohern Gerichtsbarkeit155. Die Entscheidung
bei Kriminalfallen stand ihm wohl auch zu.156 StraBengerichtsbarkeit157, Juris-
diktion (iber die PreuBen158 und (iberhaupt das Gericht (iber alle bischoflichen
Untertanen iibte er aus159 und war verpflichtet, nur gerechte Urteile zu fallen.160
Bei den Gerichtsverhandlungen, die der Bischof personlich leitete161, war er
zugegen, ebenso beim gesetzten Ding162 und beim gemeinen Landding163 und
die hier ausgestellten Urkunden wurden von ihm besiegelt.164 Einmal vergab er
auch den Besitz eines Landfliichtigen an andere bischofliche Untertanen
<S. 33> und setzte die Strafe fiir die Landflucht fest.165 Ob das eine dauernde
151 <5> Die Kumpane fehlen: 1321-1325 (S.U.B, Nr. 225-240), 1344-1349 (S.U.B., Nr. 345-382)
und 1369-1381 (S.U.B., Nr. 494-516). Die andern Unterbrechungen umfassen hochstens je 1-
2 Jahre und sind daher nicht beriicksichtigt. Vgl. Anhang Nr. 3b.
152 <6> Philipp von Bolant, Heinrich von Wolfsdorf, Johann von Bohmen, Johann von Lon-
stein, Ullrich von Gusau. Vgl. Anhang Nr. 3a und b.
153 <1> Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 75.
154 <2> Vgl. auch Mon. hist. Warm. II/l, S. 321 ff.
155 <3> Vgl. BUNGE, S. 6 Anmerkung 12.
156 <4> Vgl. BUNGE, S. 34, Anmerkung 130.
157 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 191: Expicimus etiam omnespublicas stratas seu alias quaslibet vias, ut, quidquid
in biis iudicio dignum commissum fuerit, a nostris advocatis iudicetur...; ibidem, Nr. 208.
158 <Vorlage: S. 32, Anm. 6> Vgl. ibidem, Nr. 244: Die Jurisdiktion die Preusen verbleibt dem
Bischofsvogt; Nr. 236: ... Pruthenis dum taxat exceptis, quorum excessus iudicandos nostris et succeso-
rum nostrorum advocatispenitus reservamur, und Nr. 286.
159 <7> Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 75.
160 <8> Vgl. ibidem.
161 <9> Vgl. S.U.B, Nr. 300 und Pr. d. Bist. Sami. A, S. 72/73.
162 <10> Vgl. ibidem, S. 72/73.
163 <11> Vgl. ibidem, S. 116.
164 <12> Vgl. ibidem. Da das Vogtsiegel nicht erhalten ist, lieB sich nicht feststellen, ob es ein
Amts- oder Familiensiegel war. Vgl. hieriiber BUNGE, S. 38.
165 <1> Vgl. S.U.B, Nr. 353: ... etprofugusfactus ipsos uncos duobus annis incultos reliquit, nec censum nec
servitium de ip sis exsolvit. Advocatus quoque delevit de tabulis triginta m areas, quas pro iudicio tenebatur.
106
Heinz Schlegelberger
Befugnis des Vogtes war, bleibt dahingestellt. Die schiedsrichterliche Entschei-
dung bei Streitigkeiten iibte er mitunter auch aus166, doch bedurfte das hierbei
von ihm gefallte Urteil der Bestatigung durch den Bischof.167 Die Gerichtsbu-
Ben wurden ordnungsgemaB von ihm registriert und vorgerechnet.168 In Abwe-
senheit des Bischofs konnte er Verleihungen vornehmen169, ebenso Tausch von
Landereien170, und durfte Verschreibungen erteilen, die aber stets der Bischof
bestatigen muBte171. Das zu verleihende Land wurde anfangs vom Vogte ver-
messen,172 spater von einem besondern Landmesser173. Bei Verkaufen von
Land zwischen den einzelnen Bewohnern oder an den Bischof und das Kapitel
stellte der Vogt eine Urkunde aus, die er besiegelte, oder der Verkaufer tat es
und legte dann dem Vogt die Urkunde zur Besiegelung vor.174
Ferner unterstand dem Vogt das Bauwesen im Stift.175 Er muBte bei Zeiten
die baufalligen Hauser ausbessern lassen, Vorrat an Baumaterialien besorgen
und zu diesem Zweck auf ordnungsmaBiges Brennen von Kalk und <S. 34>
Ziegeln sehen. Weiterhin bekleidete er das Amt, das der Orden als Muhl-
meisteramt in seiner Verwaltung fuhrte.176 Er hatte fur geniigenden Vorrat an
Miihlsteinen und Schleusen zu sorgen und notigenfalls Ausbesserungen vor¬
nehmen zu lassen. Dann muBte er darauf achten, daB die Muller, die verpflich-
tet waren, fur ihn, so oft er es verlangte, ohne Mahlnetze zu mahlen177, keine
ungebiihrliche Bezahlung furs Mahlen nehmen178.
Was das Kriegswesen anlangt, so muBte der Vogt die Lehnsleute des Stifts
zu Kriegsfahrten, Landwehr und Burgenbau aufrufen.179 Man kann, wenn auch
nicht mit Sicherheit, annehmen, daB der Vogt, ebenso wie in andern Bistii-
Item idem S. de quodam furto sibi objecto non se expurgavit, ut debeat, unde advocatus dictos uncos quattuor
villanis... colendos commisitpro decimis et servicio inde solvendis.
166 <2> Vgl. ibidem, Nr. 371 und dazu Nr. 300 und 402.
167 <3> Vgl. ibidem, Nr. 382.
168 <4> Ygi Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 75.
169 <5> Ygi ibidem, Nr. 355.
170 <6> Vgl. S.U.B., Nr. 224.
171 <7> Vgl. ibidem, Nr. 224 und 363.
172 <8> Vgl. ibidem, Nr. 195,198, 219, 238, 241, 264, und 345.
173 <9> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A., S. 186/87. Verschreibung des Bischofs Nikolaus I. an seinen
Landmesser Hans Fordemen (1447).
174 <10> Vgl. S.U.B., Nr. 266 und 473.
175 <11> Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 75.
176 <Vorlage: S. 34, Anm! 1> Vgl. ibidem.
177 <2> Ygl. S.U.B., Nr. 210: ... advocato nostro pro necessitate sua sine mulctro molere tenebuntur ...;
ibidem, Nr. 317 und 348.
178 <3> Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 75.
179 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 195, 198, 238-240 et passim; und Pr. d. Bist. Sami. A, S. 76: quandoque a
nostris advocatis fueri aut requisiti oder quotienscumque a nobis aut nostro nomine fueri aut requisiti.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
mem180, die Kriegsmannschaft des Bistums unter dem bischoflichen Banner ins
Feld zum Ordensheere fiihrte181. Ferner hatte der Vogt die Aufsicht iiber das
Heilige-Geist-Hospital zu Konigsberg182, erhielt von dem Pries ter - wahr-
scheinlich war dieser der aufsichtfuhrende Geistliche daselbst - das Geld, das er
fur die Notdurft der armen Bewohner des Hospitals verwenden sollte, und
muBte jahrlich iiber diese Auslagen Rechnung legen. Dann hatte er dafiir zu
sorgen, daB das Tor des Fischhausener Schlosses bei Zeiten geoffnet und ge-
schlossen wurde183. Endlich zog der <S. 35> Vogt die Abgaben und Gefalle
aus dem Stift ein und beglich damit die Ausgaben, doch geschah das wohl erst
in spaterer Zeit184.
Uber all diesen Pflichten durfte er aber seine Hauptaufgabe nicht vergessen,
namlich die Wahrung und Festigung des Stifts185. Uberall sollte er darauf sehen,
das Beste zu tun und Schaden zu verhiiten und jedermann mit Rat und Tat zur
Seite stehen. Die Abgaben der Lehnsleute wurden dem Vogt nach SchloB
Powunden186, auBer welchem er noch ein Gehoft beim SchloB Ziegenberg be-
saB187, spater wohl nach Fischhausen geliefert188.
Als Lohn fur alle seine Miihen erhielt der Vogt jahrlich189 60 Mk. als Sold
und 18 Mk. fur Kleidung, ferner 10 Mk. vom Domkapitel. Fiir sein leibliches
Wohl war in der Weise gesorgt, daB er alle 4 Wochen eine Tonne Bier und
jedes Quartal eine Tonne Met aus dem bischoflichen Keller erhielt. Einer der
Vogte bezog auBerdem als besondere Gnade des Hochmeisters aus dem Or-
denskammeramte Rastenburg 73 Mk. jahrliche Einnahmen190. Zur Erledigung
der schriftlichen Geschafte stand dem Vogte ein Schreiber zur Seite191, <S. 36>
den Verkehr mit den PreuBen vermittelte der Dolmetscher oder Tolke192. In
wie groBem Ansehen das Vogtamt stand, geht schon daraus hervor, daB sein
180 <5> Vgl. Cramer, S. 53.
181 <6> Vgl. Ord. Briefarch., 28.III.1472, Schiebl. LIVa,35.
182 <7> Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 75.
183 <8> Vgl. ibidem.
184 <1> Zu dieser Ansicht bin ich deshalb gekommen, weil vor 1528 keine Nachricht dariiber
erhalten ist. Diese einzige Quelle stammt aus dem Briefarchiv, undatiert aus dem Jahre 1522
und ist uberschrieben: Was Herr Hans von Kittlits, Vogt zu Fischhausen, an Zinsen und
Auflagen aus den Stift Samland im 22. Jahre empfangen hat.
185 <2> Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr.75.
186 <3> Vgl. S.U.B., Nr. 241: ... octo modios siliginis ad curiam nostram Powunden advocate nostro ... pro
pensione annua,; ibidem, Nr. 255 und Nr. 348.
187 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 211:... circa castrum nostrum dictum Cygenberch et curiam advocati nostri ibidem.
188 <5> Vgl. S. 22 <Vorlage: S. 29>.
189 <6> Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 75.
190 <7> Vgl. Orig. Schiebl. XXIII, Nr. 22.
191 <8> Vgl. S.U.B., Nr. 324 und Pr. d. Bist. Sami. A, S. 3/4.
192 <1> Vgl. S.U.B, Nr. 322, 337 und 390.
108
Heinz Schlegelberger
Inhaber einmal sogar mit zwei Frauenburger Domherren in wichdger Mission
nach Livland geschickt wurde193. Die Vogte waren, wie bereits friiher erwahnt,
Briider des Ordens, nur einer, Remboto von Geidau scheint PreuBe gewesen zu
sein194.
In spaterer Zeit hat der Bischof allem Anschein nach in Fischhausen ein
Hofgericht gehabt. Welches jedoch die Befugnisse des nur einmal erwahnten
Hofrichters195 waren, ob er vielleicht die Gerichtsbarkeit iiber die Hofleute des
Bischofs ausiibte und in welcher Beziehung er zum Vogte stand, laBt sich nicht
mehr feststellen.
Die iibrigen Hofbeamten
Uber sie ist nicht viel zu ermitteln gewesen. Ich will nun diese einzelnen Be¬
am ten in der Reihenfolge auffiihren, in der sie in der Zentralverwaltung auftau-
chen, und so weit es mir moglich ist, angeben, wie lange jedes Amt bestand und
welche Befugnisse und Einkiinfte sein Inhaber besaB. An erster Stelle nenne ich
den Kiichenmeister, der zum ersten Male 1297 erwahnt wird, <S. 37> und
zwar gleichzeidg bekleidet mit dem Amt eines Kellermeisters196. Dieses Amt
hatte nicht, wie verschiedene andere der weltlichen Verwaltung, ein Mitglied
des Domkapitels, sondern ein Ordensritter inne197; es198 199 ist noch im Jahre
1490i" nachzuweisen. Der nachste Hofbeamte war der Karvansherr, magister
carvani oder carvanorum, der zuerst 1301 auftaucht und bis 1366 in der Zentral¬
verwaltung nachzuweisen ist200. Er war ebenfalls Ordensritter. Da sich iiber
seine Befugnisse nichts ermitteln lieB, habe ich das Bistum Ermland zum Ver-
gleich herangezogen201. Wenn man auch die dort angegebenen Befugnisse nicht
ohne weiteres auf Samland beziehen kann, so werden sie doch hier ahnlich
gewesen sein wie dort. Der Karvansherr fiihrte die Aufsicht iiber das Riisthaus,
die Schirrkammer, worin alles aufbewahrt wurde, was zur Ausriistung eines
193 <2> Vgl. Ord. Briefarch., 1.111.1449, Schiebl. LII,35, und L.U.B. X, Nr.553, 555 und 567.
194 <3> Vgl. S.U.B, Nr. 199, 208, 209 und 211.
195 <4> Ygi Ore1. Fol. Nr. 24a, S. 35. Hier wird Lorens Talau, Hofrichter zu Fischhausen er¬
wahnt.
196 <l> Vgl. S.U.B., Nr. 187: ... magister coquine et cellarii.
197 <2> Vgl. ibidem.
198 <3> Vgl. auch Mon. hist. Warm. II/l, S. 328/9: Item nonus officiates est magister coquine, cuius
offiaum est respicere famulos coquine seu coquos, quod bene disponent ea quas debent decoqui. Item quod ha¬
beas respectum ad omnia. utensilia et subtellectilia, quae spectant ad coquinam, quod sint bene et munde, or-
nato et purgate. Item habeat certam custodiam ad vidua Ha quae sibi presentantur, cames, pullos, porces, au-
cas, cunctas, oves et boves et venatica, quas sibi offeruntur sub fideli custodia, ne emuli et fures sui eum de-
fraudent. Item suum est videre de ovibus et bovibus, qui sunt procurati pro coquina.
199 <4> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 459 und 532.
200 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 199, 209, 211, 212, 235, 377, 432, 470, 474 und 483.
201 <6> Vgl. Mon. hist. Warm. 1/1, S. 534.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter Ю9
Kriegers, wie Waffen, Pferde, Reitzeug usw., und zur Landwirtschaft, wie Ak-
kergerate, gehorte. Der folgende Beamte, ebenfalls Ordensritter, war der mag-
ster nemorum, der Waldmeister202, der wohl anhlich wie in Ermland203 die Auf-
sicht iiber die <S. 38> bischoflichen Waldungen fiihrte. Vielleicht hatte er dar-
auf zu sehen, daB das Holz, das nur der Bischof mit Zustimmung des Kapitels
zur Nutzung vergeben konnte204, ordnungsmaBig geholzt wurde und daB die
Bienenbeute aus den bischoflichen Waldern ungeschmalert dem Hofe zuge-
fiihrt wurde. Spater hatte dann wohl der Vogt205 iiber die richtige Holzung zu
wachen. Weiterhin ist dann auch ein magisterpiscaturas, ein Fischmeister, nach-
zuweisen206. Dieses Amt bekleidete ein Domherr207. Der Bischof allein konnte
das Fischereiregal verleihen208, wobei einmal das Anraten des Fischmeisters
erwahnt wird209. Die Versorgung des bischoflichen Tisches mit Fischen210 und
wohl auch die Aufsicht daniber, daB die Fischereigerate in Ordnung waren211,
gehorten zu den Befugnissen dieses Beamten.
Ein besonders wichtiges Mitglied der Zentralverwaltung scheint der Haus-
komtur gewesen zu sein, der dauernd Mitglied des Domkapitels war212. Er wird
zum ersten Male 1368 erwahnt213 und ist noch 1520 als bischoflicher <S. 39>
Hofbeamter nachzuweisen214, welchen Zweig der Verwaltung dieser Haus-
komtur bekleidete, ist nicht mehr ersichtlich. Vielleicht aber hatte er dieselben
Rechte und Pflichten wie die Hauskomture im Ordensgebiet215. Neben dem
202 <7> Vgl. S.U.B., Nr. 432: Walterus, magister nemorum.
203 <8> Vgl. Mon. hist. Warm. II/l, S. 330/331.
204 <i> Vgl. S.U.B., Nr. 439, 442, 464, 493, 497, 516, 521 et passim.
205 <2> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 110: Verschreibung Bischof Michales an Nikolaus Talau. Er
erhalt die Holzung im Walde zu Wosegau zu eigenem Gebrauch „jedoch mit Wissen unserer
Anwalden.”
206 <з> Vgl. S.U.B., Nr. 484. Johanne de Brandenburc magistropiscature nostre... (1366).
207 <4> Ygi ibidem und Pr. d. Bist. Sami. A, S. 79/80 sowie Org. Schiebl. XXII, Nr. 18.
208 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 531, 538, 539.
209 <6> Vgl Pr. d. Bist. Sami. A, S. 79/80.
210 <7> Vgl. S.U.B., Nr. 484: ... Tali sub condicione ut luceos ... nobis seu magistro piscature nostre ...
vendere teneantur.
2,1 <8> Vgl. Mon. hist. Warm. II/l, S. 330.
2*2 <9> Vgl. S.U.B., Nr. 486-488, 497, 505, 531, 536. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 37, 49, 56, 62-
66; ibidem XXIX, Nr. 15, 18, 37, 62 und 73. Pr. d. Bist. Sami. A, passim und MENDTHAL, Nr.
114 und 120.
2.3 <10> Vgl. S.U.B., Nr. 486: ...frater Johannes Brandenburg nostri castri vicecommendator.
2.4 <Vorlage: S. 39, Anm. 1> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 68: Balthasar MeiBner Hauskom-
tur.
2.5 <2> Vgl. Voigt, Geschichte PreuBens, Bd. 6, S. 472 f. Der Hauskomtur war im Range der
nachste nach dem Komtur und in Abwesenheit desselben fiir alles verantwortlich. Nur ein-
zelne Amtsgeschafte des Komturs, wie Einziehung der Gerichtsfalle, landliche Verschreibun-
gen etc., iiberlieB er diesem selbst. Der Hauskomtur fiihrte im Ordenshause die eigentliche
innere Verwaltung, er war gleichsam der eigentliche Hauswirt. Unter seiner besondern Auf-
по
Heinz Schlegelberger
Titel vicecommendator findet sich auch einmal der vicedominus216, neben dem des
Hauskomturs der des Unterkomturs217. Ob der nur einmal erwahnte Pfleger
von Fischhausen218 mit dem Hauskomtur identisch ist, vermag ich nicht nach-
zuweisen. Nur eine Eigenschaft haben beide gemeinsam, namlich die, daB sie
Mitglieder des Domkapitels sind. Mitunter bekleidete der Hauskomtur das Amt
des Offizials,219 einmal auch das eines Schreibers220, war also zu dieser Zeit
wohl Leiter <S. 40> der bischoflichen Kanzlei. Zur Erledigung der schriftli-
chen Geschafte hatte der Hauskomtur einen Schreiber221.
Erst im Ausgang des Mittelalters stoBt man noch auf zwei Beamte der Zen-
tralverwaltung, den Hausmeister222 und den Hofmarschall223, ohne aber die
leiseste Andeutung dariiber zu finden, welche Zweige der Verwaltung diesen
Beamten iibertragen waren. Ebenso laBt sich nicht sagen, ob der Hausmeister
ein Untergebener oder im Range Gleichgestellter des Hauskomturs war. Viel-
leicht ist er identisch mit dem im Bistum Pomesanien vorhandenen Hofmeister,
der dort zur Verwaltung der bischoflichen Tafelgiiter herangezogen wurde.224'
Vom Hofmarschall, auch kurz Marschall genannt ist nichts weiter zu sagen, als
daB er einmal bei der Festsetzung der Grenzen des Stifts und des Amts Griin-
hof fungiert225 und das zweite Mai nur als Zeuge vorkommt226. Im Bistum
Ermland ist dieses Amt ebenfalls nachzuweisen227.
sicht standen alle Vorrate und Bestande des Hauses. Gleichzeitig war der Hauskomtur {vice¬
commendator deutet darauf bin, daB er urspriinglich nur der Vertreter des Komturs war) der
unmittelbare Vorgesetzte aller Hausbeamten, des Kiichenmeisters, Fischmeisters, Waldmei-
sters etc.
2,6 <3> Vgl. S.U.B., Nr. 536: ... Fratre Johanne Grunhayn vicedomino nostro ...
217 <4> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 425: Jakob unser undercomptor.
2.8 <5> Vgl. S. U.B., Nr. 355: ... de consilio ac voluntate domini Bartholomei, eiusdem ecclesie canonici ac
provisoris domus Fischhusen...
2.9 <6> Vgl Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 65 und 66.
220 <7> Vgl. ibidem, Nr. 56.
221 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 505. ... Petrus Wormedyt des huskompthurs schriber...
222 <2> Vgl Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 584. Orig. Schiebl. XXVII, Nr. 68 und ibidem, XXIX, Nr.
87.
223 <3> Vgl. Ord. Fol. Nr. 36, S. 163 und Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 68.
224 <4> Vgl. Cramer, S. 53.
225 <5> Vgl. Ord. Fol. Nr. 36, S. 163.
226 <6> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 68.
227 <7> Vgl. Mon. hist. Warm. II/l, S. 328/29. Octavus officiatus est marscalcus. Officium suum est,
subordinare mensas et curias dispositione famulorum, primo antecedere dopes et fercula, que debent proponi
domino ordinario et,a coquo debet conspicere credentiam dapium; post depositionem dapium ad mensam do¬
mini debet similiter conpicere credentiam auctoritatis et dare dapifero. Officium conspicere credentiam de potu,
qui domino proponitur. Item officium deponere et omare scutellas et omnes mensas. Item officium conspicere
omnes servos, qui deserviunt domio gratioso pro equis et curribus suis. Item officium disponere stabula iuxta
profectum equorum. Item habeat respectum ad stabulatorios, quomodo equos mundant, aquant, pascant et
noctumo tempore de strabo provideant et disponant certis temporibis et horis. Item officium disponere equos
pro familiaribus, quocumque fuerint missi. Item pro litteri feris equos disponere iuxta conditionem, similiter et
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter HI
Zum SchluB mochte ich noch <S. 41> einige Worte fiber die ja auch zu den
Zentralbeamten gehorenden bischoflichen Stellvertreter und Statthalter sagen.
Uber die ersten, die Vogte der Bischofe Heinrich und Kristan, sowie fiber den
Propst Dietrich habe ich bereits gesprochen228. Es ist wohl mit Sicherheit an-
zunehmen, daB in alien Fallen, wo der Bischof bei Behinderung oder Abwesen-
heit keinen besondern Vertreter ernannte, sondern die Verwaltungsgeschafte
dem Vogt fiberlieB229, das Kapitel zusammen mit diesem das Bistum verwaltete
oder auch von sich selbst aus einen Statthalter ernannte, was einmal urkundlich
bezeugt ist230. Zweimal sind auch Statthalter des Bistums bei Sedisvakanz des
bischoflichen Stuhles erwahnt231.
Nur ein einziges Mai findet sich eine genaue Angabe der Befugnisse der
Statthalter. Es handelt sich um die Zeit der Abwesenheit des Bischofs Dietrich
von Cuba in Rom (1470/71). Wahrend dieser Zeit sollten der Propst Michael
Schonwald, der Dekan und der Hauskomtur und Sekretar Johann Jucus als
Vikare und Generaloffiziale in weltlichen und geistlichen <S. 42> Angelegen-
heiten die Verwaltung des Bistums ausfiben232. Sie sollten die weltlichen Beam-
ten des Bistums ernennen und in ihre Amter einsetzen sowie die nach alter
Gewohnheit von ihnen zu leistenden Eide entgegennehmen233. Ferner hatten
pro capellanis domini, quando opus erit. Item officium ad suscipiendum, procurandum avertam pro curia do-
mini et equorum, ad exponendum et conservandum etc.
228 <1> Vgl. s. 21-23 <Vorlage: S. 29/30>.
229 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 224.
23° <з> Vgi Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 595. Bruder Thomas, Domherr der Kirche zu Samland und
vom Kapitel eingesetzter Statthalter derselben (1506).
231 <4> Vgl. KOLBERG, Nr. 35, S. 300: FraterN. administrator ecclesie Sambiensis ...; ibidem, Nr. 37,
S. 301. FraterN. de S.S. ac eiusdem ecclesie vacante sede eppli administratorgeneralis...
232 <i> Vgl. Orig. Schiebl. LII, Nr. 131, gerichtet an an den Propst: ...facimus constituimus, creamus
et solemniter ordinamus et deputamus nostrum in spiritualibus et temporalibus vicarium et officialem genera-
lem necnon procuratorem, actoremy factorem negotiorumque infra scriptorum gestorem ac provisorem et nunti-
um specialem et generalem ...; ibidem, Nr. 132, gerichtet an die beiden andern Generaloffiziale,
den Dekan und den Sekretar Johann Jucus.
233 <2> Vgl. ibidem: castellanus quoque drossetos, advocates, amptmannos, scultetosf restores vasallos et
quoscumque oficiales in quibuscumque civitatibusy oppidis castris villis terns et locis ad nos et dictam nostram
ecclesiam spectantibus deputandis et instituendi ac destituendi ab iis et eorum quolibet iuxta terrae consuetu-
dinem homagia et debitaefidelitatis aliaque iuramenta consueta recipiendi...
Als Beamte sind gennant:
1. Die Kastellane. Sie waren wahrscheinlich Beamte auf den einzelnen bischoflichen Schlos-
sern.
2. Die Droste. Interessant ist es festzustellen, daB diese noch nur im Westen Deutschlands
vorkommende Beamntenkategorie sich auch hier im Samland findet (AuBerdem noch in
Riga. Vgl. L.U.B. XII, Nr. 805 [1471]).
3. Die Vogte. Die Urkunde spricht von advocati. Daraus scheint hervorzugehen, daB es ent-
weder wie friiher zwei bischofliche Vogte gab oder daB die groBeren Orte einen eignen
Vogt (etwa Stadtvogt) hatten.
4. Die Amdeute. Vielleicht waren sie identisch mit den Kammerern.
112
Heinz Schlegelberger
sie darauf zu sehen, daB der Landbesitz der Kirche in seinem <S. 43> vollen
Umfange erhalten blieb, und zu versuchen, alles entfremdete Gut der Kirche
wiederzugewinnen234. Alle Abgaben sollten sie einziehen und zum Besten der
Kirche verwalten235, ferner die Jurisdiktion iiber die geistlichen und weltlichen
Beamten ausiiben und letztere, wenn sie sich im Amte vergingen, davon entfer-
nen236. Weiterhin lag ihnen die Zusammenrufung der gesamten Geistlichkeit
des Bistums zu den von ihnen festzusetzenden Generalsynoden ob, an denen
sie die neuen, von ihnen erlassenen Verordnungen verkiinden sollten.237 Dann
gehorte <S. 44> es zu ihren Pflichten, Visitationen in den Kapellen, Kirchen,
Klostern und an andern geistlichen Orten sowie in den Stadten und Dorfern
abzuhalten und etwaige Schaden daselbst abzustellen238. Gegen Rebellen solle
riicksichtslos mit Exkommunikation und geistlichem Interdikt vorgegangen
und im Notfalle der weltliche Arm angerufen, reuigen Siindern aber Absolution
erteilt werden. Ihnen wurde anheimgegeben, Austritt aus Benefizien und Am-
tern sowie Ubertritt in andere zu gewahren, Wahlen und Bewerbungen um
Amter zu bestatigen und zu billigen.239 240 Die beiden Urkunden, eine an den
Propst, die zweite an die beiden andern Domherren — der Schreiber und spatere
5. Die Schulzen.
6. Die Biirgermeister und
7. die nicht mehr zu den eigendichen Beamten gehorenden Vasallen.
234 <]> Vgl. ibidem: ... possesionem corporalem, realem et actualem dicte ecclesie Sambiensis cum omnibus
iuribus, pertinentiis, possesionibus} honoribus et oneribus ad eandem spectantibus et pertinentibus capiendi
intrandi, nanciscendi, adipiscendi, manutenendi et contumandi; terras autem, castra, villas et alia quacumque
bona et possesiones ad mensam nostram sped antes, quae alienata, distrada seu deperdita fuerint aut nobis in
commisione ceciderint, petendi, recuperandi, reducendi, redimendi, recipiendi, manutenendi et defendendi.
235 <2> Eructus, reditus, proventus, decimas, census, provisiones et alia quaecumque bona nobis ratione dicte
nostre ecclesie debitos et debita aut debendos in futurum et defenda, exigendi, immovendi, levandi, recipiendi et
ad usum et commodum nostrum custodiendi et conservandi.
236 <3> Advocates, procurators, notarios, scribas et censores deputandi et instituendi ac eos eorum quern libet
iuxta eorum dimerita destituendi, privandi, corrigendi et mulctandi. Excessus, delicta, crimina et defectus quo-
rumcumque nostrorum et dicte nostre ecclesie subditorum tarn ecclesiasticorum et ipsosque propter excessus etc.
ad tempus suspendendi.
237 <4> Capitulum necnon omnes et singulos abbatos, prelatos, presbiteros, clericos et benejiciatos ad synodos
generates, quotiens opus fuerit, convocandi et ipsos synodos indicendi et statuendi, ordinationes, statuta - ipsis
indicendi, publicandi...
238 <]> Ecclesiam Sambiensem quascumque alias ecclesias, monasteria, cape lias et alia loca ecclesiastica, civi-
tates et dioceses et eorum personas in capite et membris visitandi et eorum defectus reformandi, corrigendi et in
melius emendandi.
239 <2> Kfbellos excommunicandi, aggravandi, reaggravandi, ecclesiasticum interdictum ponendi et brachium
seculare, ubt opus fuerit, invocandi, quascumque personas a summus censuris et penis huiusmodi, si veniam
petiverunt, absolvendi, penam salutarem pro modo culpe iniungendi et interdictum ecclesiasticum relaxandi.
240 <3> Ac quibuscunque personis ecclesiasticis tarn simplicibus quam curatis, dum et quando ab eorum bene
ficiis et officiis certis de causis eas urgentibus abire seu recedere optaverint, licenciam dandi ect. Electiones seu
postulationes quarumcunque personarum ad dignitates et officia, factas et Jiendas, quae ad nos consuetudine
vel de iure pertinent, conjirmandi et approbandi.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 113
Hauskomtur Johann Jucus war wohl auch Mitglied des Domkapitels — stimmen
fast wortlich iiberein. Eine eigentumliche Bestimmung ist dann noch fur Jo¬
hann Jucus getroffen241. <S. 45> Er sollte das Recht haben, dem Dekan sein
Amt zu nehmen, wenn es ihm notig erscheine, d. h. wohl, wenn der Dekan
nicht zum Besten des Bistums seine Statthalterschaft ausiibe. In einem solchen
Falle solle der Schreiber die Geschafte entweder allein oder mit Stellvertretern
des Dekans fiihren, ohne aber die Zustimmung des Dekans oder eines andern
hierzu einholen zu miissen.242 War der Dekan nun zufallig abwesend oder war
er tatsachlich wegen irgend eines Vergehens von Jucus seines Amtes als Statt-
halter entsetzt worden, genug, in der einen der beiden uns erhaltenen Ver-
schreibungen sind nur der Propst und Jucus als Statthalter erwahnt. Man
konnte nun wohl annehmen, daB nur immer zwei der Statthalter Verleihungen
usw. vorzunehmen brauchten. Diese Ansicht wird aber allem Anschein nach
wiederlegt durch die andere Urkunde, in der der Propst allein eine Verschrei-
bung erteilt243. Die Urkunden dieser Statthalter sind mit dem Vikariatsamtsiegel
versehen244.
Die Lokalverwaltung
Die beiden das Bischofsdrittel hier im Samlande bildenden Hauptteile waren in
fiinf Kammeramter245 geteilt, von denen drei, Rinau, Medenau und <S. 46>
Fischhausen, im westlichen, und die beiden andern, Powunden und Laptau, im
ostlichen Teile lagen246. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts etwa trat an die Stelle
des Kammeramtes Rinau das zu Thierenberg247, dessen Grenzen mit denen des
erstern nicht genau ubereinstimmen248. Nach der Teilung von Nadrauen zwi-
241 <4> Volumus tamen et tibi damus facultatem prefatum dominum decanum turn collegam, si tibi id
videbitur expediri, revocandi ac mandatum et auctoritatem sibifactam et attributam, ab eo auferendi.
242 <1> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 104.
243 <2> Vgl. pr. d. Bist. Sami. A, S. 119.
244 <3> Vgl. Anhang, Nr. 7c.
245 <4> p)je Kammeramter fiihren meist den lateinischen Namen cameratus-. Vgl. S.U.B., Nr. 270:
cameratus Mednow, Rynow, Powunden, Lobe tow, ibidem, Nr. 355: cameratus Rinow, ibidem, Nr. 371:
cameratus Powunden. Daneben findet sich auch die Bezeichnung districts’. ibidem, Nr. 233: in di¬
strict nostro, Lobethow, ibidem, Nr. 270: dividit districtum pertinentem ad Vischhusin\ ibidem, Nr.
376: in nostro district versus acrum campum. Endlich ist auch die Bezeichnung territorium ge-
brauchlich, hauptsachlich fur Medenau, Nr. 326, 338, 343 und 344; daneben auch fur
Powunden, Nr. 521.
246 <1> Vgl. S. 4 u. <statt: S. 7>.
247 <2> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 11: Johann Gildmeister Kammerer zu Thierenberg
(1407). Erste Erwahnung dieses Kammeramts.
248 <3> Vgl. Toeppen,S. 218.
114
Heinz Schlegelberger
schen dem Orden und dem Bischof von Samland wurde wahrscheinlich das
Kammeramt Georgenburg gegriindet249.
An der Spitze jedes dieser Kammeramter stand der camerarius, der Kamme-
rer.250 Diese Beamten waren meistens PreuBen251, da man fur solche Posten
wohl deshalb Eingeborene wahlte, weil diese mit den Sitten und Gebrauchen
ihrer Stammesgenossen vertraut waren. Sie zogen die Abgaben der bischofli-
chen Untertanen in den von ihnen verwalteten Am tern ein252, fiihrten wohl
auch die Aufsicht iiber die bischoflichen Tafelguter253 und besaBen bei den
preuBischen Gerichten bestimmte Funktionen254. AuBerdem waren sie im Be-
sitze weitgehender Polizeigewalt255. Diebstahle und Korperverletzungen, wie
Verwundungen und solche mit todlichem Ausgang muBten vom Geschadigten
oder seinen Hinterbliebenen im Beisein unbescholtener Manner vor dem
Kammerer bewiesen werden, damit eine gerichtliche Verfolgung der Tater statt-
finden konnte256. Der Kammerer durfte Verbrecher auch in <S. 47> fremden
Wohnungen und Hofen festnehmen257. Wer ihn an seiner Amtsausiibung mit
Erfolg hinderte, machte sich strafbar, und zwar verfiel er den Tode. Verwun-
dete oder totete dagegen der Kammerer jemand bei der Verhaftung aus Not-
wehr, so wurde er nicht bestraft258. Ferner hatte er das Recht zu pfanden259.
Wenn der Kammerer von jemand eines unehrenhaften oder sogar des Todes
schuldigen Vergehens, z. B. der Verheimlichung von Geldstrafen, angeklagt
wurde, und wenn der Anklager nicht imstande war, seine Angaben geniigend zu
beweisen, so verfiel er als Denunziant der Todesstrafe260.
Als Entschadigung fur ihre Dienste erhielten die Kammerer wahrend ihrer
Amtszeit oder auch erst nach derselben Landbesitz, oft unter sehr vorteilhaften
Bedingungen261. Sie waren zum Kriegsdienst verpflichtet262, konnten aber da-
249 <4> Ygi 3 <Seitenzahl fehlt in der Vorlage.>
250 <5> Einen Kammerer zu Fischhausen konnte ich nicht nachweisen.
251 <6 (auf S. 47)> Vgl. S.U.B., Nr. 161: Mentuo et Sangite, camerarii nostri\ ibidem, 236: Angolt,
Kammerer in Rinau; ibidem, Nr. 454: Senkete, camerarius nosterin Ryu owe...
252 <7 (auf S. 47)> Vgl. TOEPPEN, S. 165.
253 <8 (auf S. 47)> Vgl. Cramer, S. 53.
254 <9 (auf S. 47)> Vgl. Toeppen, S. 165.
255 <10 (auf S. 47)> Vgl. S.U.B., Nr. 257: eo eciam addito, quod camerarii nostri nullam in dictis bonis ac
hominibus residentibus in ipsis impignorandi habeantpotestatem ..., und Ord. Fol. Nr. 28, S. 91.
256 <11 (auf S. 47) > Vgl. Lab AND, § 1-4, 7, 58, 96,103 und 122.
257 <1> Vgl. ibidem, § 36.
258 <2> Vgl. ibidem, § 100.
259 <3> Vgl. ibidem, § 38.
260 <4> Vgl. ibidem, §101.
261 <5> Vgl. S.U.B., Nr.161: ... libere ab omni onere decimarum et rusticalium operum seu laborumperpetuo
possidendos...; ibidem, Nr. 239, 296, 304, 325, 386, 422, 454 und 460.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 115
von befreit werden262 263. Ihr Wergeld war dasselbe, wie das der bischoflichen
Lehnsleute, namlich 30 Mk.264, wurde aber meistens <S. 48> auf 60 M. festge-
setzt265. Endlich iibten die Kammerer noch die groBe und kleine Gerichtsbar-
keit iiber ihr Gesinde aus266 267.
Der oberste Verwaltungsbeamte in den Dorfern war der Schulze, lateinisch
scultetus1^1. Dieses Amt wurde in neu gegrundeten Dorfern meist dem Lokator
iibertragen268. Das Vorhandensein von mehreren Schulzen in einem Dorfe ist
belegt269. Der Schulze iibte die Gerichtsbarkeit im Dorfe aus und erhielt ein
Drittel der Einnahmen aus den groBen und kleinen Gerichten270. Sein Amt
konnte er mit Zusdmmung des Bischofs271 oder des Kapitels verkaufen. An
Land erhielt der Schulze 2 1/3 bis 3 Freihufen272, mitunter auch noch einige
zinspflichtige273.
Die einzige Stadt im Bischofsgebiet war Fischhausen. Sie wurde von Bischof
Siegfried 1299 gegnindet274 und zuerst von Schulzen verwaltet275. Seit Anfang
des 15. <S. 49> Jahrhunderts finden wir dann an der Spitze der Stadtverwal-
tung den Biirgermeister276, neben dem einmal auch sein Kumpan erwahnt
wird277. Ohne Frage hat es aber auBer diesen Organen der Stadtverwaltung
auch, analog zu den Ordensstadten, einen Rat gegeben, wenn dieser auch nir-
gends urkundlich belegt werden konnte.
262 <6> Vgl. ibidem, Nr.161: cum Pruthenicalibus amis consuetis tenebuntur ecclesie predicte fideliter
deservire ...; ibidem, Nr. 239, 296, 325, 340 etc.
263 <7> Vgl. ibidem, Nr. 460: ... de quibus libet expeditionibus libera et absoluta...
264 <8> Vgl. ibidem, Nr. 304: Angolts Wergeld: 30 Mk.
265 <i> Vgl. ibidem, Nr. 422: Petrus erhalt ein Wergeld von 60 Mk.; ibidem, Nr. 386: S. erhalt
ius maius Pruthenicale, d. J. ein Wergeld von 60 Mk.; ibidem, Nr. 454.
266 <2> Vgl. ibidem, Nr. 161 und 422.
267 <3> Vgl. Lohmeyer, S. 175.
268 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 245, 256 und 429.
269 <5> Vgl. ibidem, Nr. 429.
270 <6> Vgl. ibidem, Nr. 225: Ubertragung des Schulzenamtes zu Quednau durch das Domka-
pitel an Katharina.
271 <7> Vgl. ibidem, Nr. 245, 256, 429, 466 und 467; ibidem Nr. 220 und 225.
272 <8> Vgl. ibidem, Nr. 242: Zwei zinsfreie Hu fen; ibidem, Nr. 243: dui mansi cum dimidio liberi
...; ibidem, Nr. 245: tres mansi liberi...; ibidem, Nr. 256: cum tribus mansis liberis ...; ibidem, Nr.
286: drei Freihufen; ibidem, Nr. 320, 467, 425 (fiinf Freihufen) und 466 (zehn Freihufen). In
den beiden letzten Fallen sind zwei Schulzen vorhanden, daher die grofle Zahl der Freihufen.
273 <9> Vgl. ibidem, Nr. 242: zwei Zinshufen.
274 <10> Vgl. ibidem, Nr. 190.
275 <11> Vgl. ibidem, Nr. 190, 191 und 208.
276 <Vorlage: S. 49, Anm. 1> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 33 und 37 sowie Pr. d. Bist. Sami.
A, S. 160.
277 <2> Vgl. ibidem, S. 160: Marquard, Biirgermeister zu Fischhausen, Nikolaus, sein Kumpan;
ibidem, S. 178: Fenselaw, proconsul in Fischhausen; das ist die lateinische Bezeichnung des
Kumpans. Vgl. noch S.U.B., Nr. 504.
116
Heinz Schlegelberger
Zum SchluB ist noch einiges iiber die Verwaltung des Kammeramtes Geor-
genburg zu sagen. Der Kammerer daselbst wird erst im Jahre 1429 und nur
dieses eine Mai urkundlich erwahnt278. Dagegen finden wir schon 1354 einen
Pfleger von Georgenburg279, und da bis 1429 nie von einem Kammeramt dieses
Namens die Rede ist, kann man wohl annehmen, dab hier urspriinglich ein
Pflegeramt bestand. Die Befugnisse dieses Beamten der Lokalverwaltung sind
nirgends auch nur gestreift, sie haben aber wohl im groBen und ganzen mit
denen der Pfleger im Ordensgebiet ubereingestimmt280. Lange Zeit ist <S. 50>
von diesem Beamten keine Rede, bis er endlich 1429 wieder auftaucht und zwar
mit dem Titel Burggraf von Georgenburg,281 als welcher er noch 1523 nachzu-
weisen ist.282
Uber seine Befugnisse ist folgendes festzustellen gewesen. Er zog die Abga-
ben, hauptsachlich die in natura zu liefernden, ein, vergab Land zur Lokation
und als Lehen und bestimmte Dienste und Abgaben, bedurfte aber fur alle
seine Amtshandlungen der Bestatigung durch den BischoP83. Das Haus Geor¬
genburg besaB den Fischereiertrag aus dem alten Pregel284, der wohl auch dem
Burggrafen geliefert werden muBte. Neben diesem Titel finden sich noch zwei
andere, einmal ,,Kastellan<<285 und das zweite Mai „Hauptmann von Georgen-
burg“286. Der erste ist bestimmt identisch mit dem des Burggrafen287. Bei dem
andern konnte man meinen, sein Inhaber sei ein nur zur Kriegszeit eingesetzter
Fiihrer der wehrhaften Mannschaft des Amtes oder auch nur der SchloBbesat-
zung gewesen. Da aber die Leute, die um Georgenburg wohnten, ihm ebenso
wie dem Burggrafen zu Diensten und Abgaben verpflichtet waren288, ist wohl
anzunehmen, daB auch diese <S. 51> beiden Titel ein und dasselbe Amt be-
zeichneten. Neben dem Burggrafen finden wir dann noch einmal einen Amt-
278 <3> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118., S. 593/94: Hensell, Kammerer daselbst (sc. in Georgenburg).
279 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 429 und 431: ... Henrico Styre, provisore castri nostri Gurgenberg...
280 <5> Vgl. VoiGT, Namenscodex, S. XVI: Die Pfleger, deren Amtsnamen wir schon in der
ersten Zeit der Eroberung PreuBens finden, hatten in vielen Verhaltnissen ihrer Stellung
manches mit den Ordensvogten und Komturen gemeinsam. Sie saBen als Verwalter kleinerer
Distrikte auf Burgen und hatten in ihrem Amtsbezirk auch die Aufsicht und Leitung des
Kriegswesens. Vgl. noch TOEPPEN, S. 164.
281 <1> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 593/94.
282 <2> Vgl. ibidem, Nr. 124, S. 526/27.
283 <3> Vgl. ibidem, Nr. 118, S. 585.
284 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 531: ... ausgenommen die Fischerei im Alten Pregel, dessen Ertrage
dem bischoflichen Tische und dem Hause Georgenburg vorbehalten bleiben.
285 <5> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. B, S. 103/4.
286 <6> Vgl. Ord. Briefarch., 22.IX.1461, Schiebl. LXXXII,105.
287 <7> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. B, S. 103/4 und Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 535: Andreas Jackun,
Kastellan bzw. Burggraf zu Georgenburg.
288 <g> Vgl. Ord. Briefarch., 22.IX.1461, Schiebl. LXXXII,105.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 117
mann von Georgenburg289, der ebenfalls zur Einziehung von Abgaben befugt
war.
b) Die mltliche Verwaltung des Territoriums des Domkapitels
Dieses Gebiet wurde in ahnlicher Weise verwaltet wie das des Bischofs. An der
Spitze der Verwaltung stand ein Vogt. Dieser wird jedoch nur einmal er-
wahnt290, und daraus sowie auch aus der Tatsache, daB in den Urkunden des
Kapitels nur der Bischofsvogt als Zeuge vorkommt291, geht meines Erachtens
hervor, daB das Vogtamt beim Kapitel kein dauerndes war und beide Gebiete,
daB des Bischofs und das des Kapitels, an der Spitze ihrer Verwaltung nur ei-
nen Vogt, namlich den bischoflichen, hatten.
Das Territorium des Kapitels bestand aus zwei Kammeramtern, Quednau
im Samland und Salau in Nadrauen, von denen das erstere im ostlichen
Hauptteil des Bischofsdrittels im Samland lag. Es wurde begrenzt: im Westen
von den Ordenskammeramtern Wargen und Rudau, im Norden von den bi¬
schoflichen Amtern Powunden und Laptau, im Osten vom Ordenskammeramt
Schaken und im Siiden von einer Linie, die etwa eine halbe Meile nordlich des
Pregels verlieP92. Das Kammeramt Salau <S. 52> umfaBte das westliche Drittel
des bischoflichen Gebiets in Nadrauen. Die Ostgrenze dieses Amtes bildete
eine Linie, die von der Marschallsgrenze, und zwar eine Meile ostlich der Mar-
schallstanne in siidlicher Richtung iiber Wirtkallen zum Pregel lief293. Uber die
Westgrenze sowie die beiden Grenzen im Siiden und Norden habe ich bereits
gesprochen294, es eriibrigt sich also, die Angaben zu wiederholen.
In seinen beiden Kammeramtern war das Kapitel vollkommen selbstandig
und verfugte daher auch iiber alle einem Landesherrn zustehende Rechte. Es
iibte die Gerichtsbarkeit aus295, verlieh Land zu Lehen296, bestimmte Dienste
und Abgaben297, erteilte Vorrechte298 und verlieh das Recht der Wald-, Weide-
und Fischereinutzung299.
289 <1> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 582 und S. 54, Anm. 1, 4.
290 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 396: Bruder Nicolaus Pechwinkil, der Domherren Vogit.
291 <3> Vgl. ibidem, Nr. 219, 292, 312, 314, 416, 423 et passim.
<4> Vgl S.U.B., Nr. 270 und 272 sowie TOEPPEN, S. 145-147.
293 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 415: primo incipiendo agranicia marschalci, ubt, stat abies, indeprocedendum est
ad unum mtliare versus latum lapidem usque ad quercum, ab hac directe.
294 <2> Vgl. S. 6.
295 <3> Vgl. S.U.B, Nr. 414 und 422.
2% <4> Vgl. ibidem, Nr. 219, 250, 268, 269, 284, 285, 292, 298, 301 et passim.
297 <5> Vgl. ibidem, Nr. 219, 284, 301, 416, 470, 507, 528 et passim.
298 <6> Vgl. ibidem, Nr. 332 und 511.
299 <7> Vgl. ibidem, Nr. 285, 301, 357, 414, 416-420, 466, 468, 470, 479 et passim.
118
Heinz Schlegelberger
Dem Kapitel gehorte, wie schon erwahnt, im Samland das Kammeramt
Quednau. Urspriinglich als Polka aufgefuhrt300 301, erscheint es zuerst 1331 mit der
Bezeichnung cameratusm. An der Spitze stand hier <S. 53> wie auch im Bi-
schofsgebiet ein Kammerer, wohl mit denselben Funktionen wie dort,302 der
urkundlich zum ersten Male 1334 nachweisbar ist303. An Stelle des Amtes
Quednau trat spater Neuhausen304. Der Kammerer daselbst ist 1483 erwahnt305.
Das zweite Amt des Kapitels, Salau in Nadrauen, ist seit 1361 nachzuweisen
und hatte ebenso wie Quednau einen Kammerer an der Spitze306. Der Zins und
die sonstigen Abgaben der Einwohner dieses Amtes wurden auf dem SchloBe
Salau entrichtet307, das von einem Schaffer oder Pfleger verwaltet wurde308.
Anfangs war dieser Beamte Ordensbruder309. Seit 1395 etwa gleichzeitig Mit-
glied des samlandischen Domkapitels310. Uber seine Befugnisse aus friiherer
Zeit ist nichts festzustellen gewesen, dagegen gibt eine aus dem Jahre 1524
stammende Instruktion fur den Pfleger zu Salau manche Aufklarung311. Er
muBte die Zinsen einziehen und verwalten sowie den Honig sammeln und zur
Haushaltung verwenden. Zur Herstellung von Wagen durfte er kein Eschen-
holz benutzen, da dieses dem Kapitel vorbehalten war. Das von alters her zum
<S. 54> Hause Salau gehorende Land sollte er ,,gebrauchen“, d. h. wohl, be-
bauen und seine Ertrage zum Unterhalt der SchloBbewohner verwenden. End-
lich sollte er die Handmiihle erneuern und sie sowie die Kornmiihle, die Teiche
und Fischereien ausnutzen. Um den Pflichten dieses Amtes nachkommen zu
konnen, wurde er von seinen Domherrnpflichten in Konigsberg entbunden.
Der SchluB dieser Instruktion enthalt den Befehl, das Amt derart zu verwalten
,,daB der Orden und das Kapitel in Zukunft nur Besserung und keinen Schaden
davon haben“, und die Warnung, „wenn er es nicht tue, solle er bestraft wer-
den.“
300 <8> Vgl. ibidem, Nr. 200: ... totam et integrant polcam, id est terram nuncupatam Quedenau ...; und
Nr. 203: totampolcam diet am Quedenowe.
301 <9> Vgl. ibidem, Nr. 270 und 272: cameratus Quedenow.
3°2 <l> Vgl. s. <Seitenzahl fehlt in der Vorlage.>
303 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 285: Kammerer Johannes in Quednaund
304 <3> Vgl. Weber, S. 516.
305 <4> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 69.
306 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 466 und 467: Heinrich Pernow, Kammerer zu Salow.
307 <6> Vgl. ibidem, Nr. 500: ... ein jahrlicher Zins ... ist auf dem Schlosse Salau zu entrichten.
308 <7> Vgl. ibidem, Nr. 466: Mychel schejfir unsis Husis c%u Salav, Nr. 470: Walterus provisor castri
Salow.
309 <8> Vgl. ibidem.
3,0 <9> Vgl. Mendthal, Nr. 120.
311 <10> Vgl. Ord. Fol. Nr. 46, S. 211 f.
Die Verwaltungsorganisation des. Bistums Samland im Mittelalter
AuBer den beiden Kammeramtern Quednau und Salau besaB das Kapitel im
Bischofsgebiet als zum Landbesitz der Kathedrale gehorig die Dorfer Moditte,
Sonnigkeit, Schmiedehnen und Gunthenen.312 In Konigsberg gehorten ihm
zwei Hofe in der Altstadt, verliehen vom Landmeister Konrad Sack im Jahre
1304313, ferner der Grund und Boden, auf dem die Bischofswohnung, die der
Domherren und ein Kornspeicher standen314. Endlich verfugte es noch liber 3
Dorfer im bischoflichen Kammeramt Powunden315, die ihm Bischof Bartholo-
maus verlieh. Wie die Verwaltung dieser Besitzungen geregelt war, ob sie durch
den Kammerer von Quednau, durch besondere Beamte oder durch Mitglieder
des Kapitels erfolgte, ist nirgends nachzuweisen.
An Einnahmen und Rechten besaB <S. 55> das Kapitel die von SchloB
Powunden und Umgegend eingehenden GerichtsbuBen316. Ferner die Fi-
schereigerechtigkeit in einem Teil des alten Pregels317, in der Auer318 und im
Frischen Haff319. Die Verschreibungen, Verleihungen usw., die der Propst aus-
stellte, bedurften der Zustimmung des Kapitels320. Alle Urkunden, waren mit
dem Kapitel321 oder mit dem Propsteisiegel322 versehen, die wichtigern Inhalts
mit beiden.323
Von Beamten des Kapitels sei dann zum SchluB noch der Kumpan ge-
nannt324, liber den sich aber nichts ermitteln lieB.
IV. Die Kanzlei
Uber die so wichtige Organisation der Kanzlei des Bistums Samland ist bereits
frliher gearbeitet worden325. Ich kann mich also darauf beschranken, einen alles
3,2 <1> Vgl. S.U.B., Nr. 200: ... et duas villas, unam dictam Mauditten, alteram Sjnike, preterea in polca,
quae dicitur Bilden, duas villas, videlicet Smiden et Gudeynis.
313 <2> Vgl. ibidem, Nr. 207: transferimus duas curias ...; diese lagen neben dem Heiligen-Geist-
Hospital.
314 <3> Vgl. ibdem, Nr. 459.
315 <4> Vgl. ibidem, Nr. 495: damus capitulo tres villas, in cameratu Powunden situatas...
316 <1> Vgl. S.U.B.,Nr. 293.
317 <2> Vgl. ibidem, Nr. 466, 467 und 500.
3,8 <3> Vgl. ibidem, Nr. 467 und 500.
319 <4> Vgl. ibidem, Nr. 495: concedimus ei (sc. capitulo) ius etplenam et liberam in parte maris mentis
ad ecclesiam et episcopatum Sambiensem spectantis cum duobus retibus simul cum piscatoribus mense nostre
quandocumque piscandifacultatem.
320 <5> Vgl. S.U.B., Nr. 312 und Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 41.
321 <6> Vgl. S.U.B., Nr. 314, 449, 466, 467, 505, 511.
322 <7> Vgl. ibidem, Nr. 356 und Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 41.
323 <8> Vgl. S.U.B., Nr. 219 und 225.
324 <9> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 89 und 90 vom 1 .II. bzw. 26.III.1525: Georg Glintsch
Propst, Albert Deutschmann, Dekan, Johann von Biberteich, Kumpan.
325 <10> Vgl. WEISE, Das Urkundenwesen der Bischofe von Samland, Konigsberg 1920.
120
Heinz Schlegelberger
Wesentliche zusammenfassenden Auszug aus dieser Arbeit zu geben. Die erste
Zeit des Bistums, unter Heinrich von Strittberg, bietet ein sehr trauriges Bild.
Das Land befand sich fast dauernd in Aufruhr und war vollkommen unkulti-
viert. Aus diesem Grunde bot es fur den Bischof weder einen sichern Aufent-
haltsort noch die Moglichkeit, geniigende Einkiinfte aus dem Territorium zu
ziehen. Es ist deshalb <S. 56> nicht verwunderlich, daB man in dieser ersten
Zeit, wo von einer geordneten Verwaltung kaum die Rede ist, auf keine Kanzlei
stoBt. DaB diese tatsachlich fehlt, beweist der Umstand, daB die Handschrift
der einzelnen Urkunden ganzlich verschieden ist.
Bei den beiden Nachfolgern Heinrichs von Strittberg ist eine Kanzlei gleich-
falls nicht festzustellen, aber am Ende der Regierung Siegfrieds von Regenstein
tauchen zwei Schreiber auf326, ohne daB man mit Sicherheit behaupten kann, sie
waren bischofliche Schreiber gewesen. Etwa seit 1320 ist dann eine Kanzlei
vorhanden, in der samtliche Urkunden mit wenigen Ausnahmen hergestellt
wurden. Die Kanzleigeschafte leitete meist nur ein Beamter. Einen Unterschied
zwischen Notar und Schreiber gab es nicht, da keine Rangverschiedenheit da-
mit verbunden war. Der erste bischofliche Notar, der urkundlich belegt ist, war
Dietrich von Wanger, bis 1320. Von da bis 1325 ist keine bestimmte Notarper-
sonlichkeit festzustellen. 1325 bis 1348 war Johannes won Thierenberg327 Notar,
der wohl am meisten die Kanzlei ausgebaut hat. Unter ihm ist eine groBe Sorg-
falt in der auBern Ausfuhrung und Einheitlichkeit im Formular festzustellen.
<S. 57> Er war zugleich Ingrossator der bischoflichen Urkunden328. Seine
bedeutendste Leistung bestand in der Neuregelung des Registerwesens.
1337 bis 1339 finden sich zwei andere Schreiber, Arnold329, gleichzeitig nota-
rius publicus, und Johannes.330 Auf Johannes von Thierenberg folgte Johannes
Crymczow331, der ebenfalls notariuspublicus war332. Seine beiden Nachfolger sind
nicht namentlich bekannt. Der letztere von ihnen blieb auch noch unter Bi¬
schof Bartholomaus. Seit dem Beginn seines Episkopats ist als zweiter Notar
Dietrich von Fischhausen nachzuweisen333, neben ihm bis zu Tode des Bi-
schofs Andreas Morung334. Bischof Dietrich I. hatte zum Notar Philipp Grelle,
der auch unter Heinrich II. im Amte blieb. Neben ihm kommt auch der ur-
326 <1 > Vgl. S.U.B., Nr. 208. Albertus Scriber...; ibidem, Nr. 209: Mathias Scriptor...
327 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 235-376.
328 <1 > Vgl. ibidem, Nr. 256: ... presentempaginamper Jobanem, notarium nostrum, conscriptam.
329 <2> Vgl. ibidem, Nr. 300-307.
330 <3> Vgl. ibidem, Nr. 300-311.
331 <4> Vgl. ibidem, Nr. 376-395.
332 <5> Vgl. Codex Warmiensis, Nr. 631.
333 <6> Vgl. S.U.B., Nr. 475.
334 <7> Vgl. ibidem, Nr. 492 und 493.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 121
spriingliche notarius publicus Werner von Kreutzburg vor. Heinrich III. hatte
zwei Notare, Johann Bucking und Nikolaus Becker. Bei Heinrich IV. finden wir
nur einen Notar, Lampertus de Vico, bei Johannes II. drei, namlich Simon
Kolberg, Nikolaus Kirpiner und Nikolaus Sameland. Michael Junge beschaf-
tigte auBer Simon Kolberg noch zwei Notare, Jakob Mathis und Johannes
Sculteti oder Werneri, Nikolaus I. von Schoneck deren vier, einen unbekannten
sowie Johannes Leonis, Stanislaus Franke von Rekowitz und <S. 58> Lauren-
tius Bernhardi. Unter Dietrich II. von Cuba sind zwei unbekannte Notare fest-
zustellen335. Wahrend seiner Regierung war die Kanzlei keine personliche, da sie
im Samland blieb, als der Bischof im Rom war. Johannes Rehwinkel, der seine
Kanzlei in der Diozese iiberall mitnahm, nie aber liber die Grenze, hatte zwei
Notare, Jakob Streubichen, zugleich Notar des Kapitels — dies ist das einzige
Beispiel einer gleichzeitigen Tatigkeit im Dienste des Bischofs und des Kapitels
- und Andreas Cristan, Nikolaus II. Kreuder nur einen, Georg Bock. Gunther
von Biinau, unter dem der neue Titel Sekretar aufkommt336, beschaftigte zwei
Schreiber, Hermann von Landwust und Silvester Rudiger, und der letzte Bi¬
schof, Georg von Polentz, hatte ebenfalls zwei in seinem Dienste, Georg Meys-
sel und Anselm Wennynger. Das Kapitel fuhrte wahrscheinlich ebenfalls eine
eigene Kanzlei337. Sehr viele dieser Notare waren oder wurden Mitglieder des
samlandischen Kapitels338.
<S. 59>
V. Die Mitwirkung des Ordens bei der Verwaltung
Ein interessantes Kapitel ist endlich die Mitwirkung des Ordens bei der Ver¬
waltung des Bistums Samland. Nach der Teilung der Gesamtdiozese fuhr der
Orden ruhig fort, Land im Bischofsdrittel zu verleihen339, und Bischof Siegfried
und das samlandische Domkapitel muBten alle seine Verleihungen um des
Friedens willen bestatigen340. Doch bereits 25 Jahre spater erhoben Bischof
Johannes I. und sein Kapitel gegen die der samlandischen Kirche an Besitzun-
335 <1> Vgl. dazu GEBSER und HAGEN, S. 202 und Orig. Schiebl. LII, Nr. 132.
336 <2> Nach meiner Ansicht ist dieser Titel nicht neu, denn bereits unter Dietrich II. tragt ihn
ein bischoflicher Schreiber (Orig. Schiebl. LII, Nr. 132: Johanni]ucus de Ghysen, clerico Treverensis
diocesis, secretario nostro etc.). Seit Gunther von Biinau findet sich dieser Titel dann dauernd in
den Urkunden.
337 <3> Vgl. Stadtarchiv hier, Bd. 26, Nr. 63 vom 15.VI.1445. Johannes, Schreiber des Kapitels.
338 <4> Johann Bucking 1415 Propst; Simon Kolberg, 1443-44 Propst, ferner Dekan Kustos
und Dompfarrer; Stanislaus Franke von Rekowitz, Domherr; Laurentius Bernhardi, Domherr
und Hauskomtur, Jakob Streubichen, Hauskomtur und Propst, Georg Bock, Domherr.
339 <1> Vgl. S.U.B.,Nr. 170 und 180.
340 <2> Vgl. ibidem, Nr. 185. Uber das Verhaltnis des Ordens zum Bistum Samland vgl. Reh.
122
Heinz Schlegelberger
gen und Rechten vom Orden zugefugten Schadigungen Einspruch und erklar-
ten, die mit Gewalt erpreBten Schenkungen, Verleihungen usw. fur ungiiltig
und nichtig341. Der Orden muBte zur Abstellung der Beschwerden einen Ver-
trag schlieBen, durch den der Kirche Genugtuung verschafft wurde342.
Die weitere Geschichte des Bistums Samland weist wiederholt Eingriffe des
Ordens in die landesherrlichen Rechte des Bischofs auf. Einmal sollte der Vogt
Wachtdienst tun, wogegen jedoch der Bischof energischen Einspruch erhob343.
Dann wurden durch Ordensbeamte bischofliche Untertanen gezwungen, im
Ordensgebiet zu arbeiten344, und einmal baten sogar die beiden als Statthalter
des Bistums eingesetzten Vettern <S. 60> des Bischof Gunther von Biinau den
Hochmeister, sich aller Eingriffe in die bischoflichen Gerichte zu enthalten345.
Gunther von Biinau hatte fur die Zeit seiner Abwesenheit, wie bereits er-
wahnt, seine beiden Vettern Heinrich und Gunther zu Statthaltern in Bistum
ernannt. Gunther fiihrte die Geschafte bald darauf allein, da sein Bruder nach
Sachsen zuriickkehrte. Nun sandte der Hochmeister den Oberkumpan des
Ordens, Friedrich von Heydeck, nach Fischhausen346, um den Statthalter
Gunther mitteilen zu lassen, daB er ihn als bischoflichen Bevollmachtigten
nicht anerkenne. Der Hochmeister sehe, daB „das Stift Samland, so doch dem
loblichen Orden mit regierender Herrschaft zugetan und verwandt sei, zur Zeit
und in Abwesen des ehrwiirdigen Bischofs und Kirchenpralaten viel mehr
durch weltliche Verwalter wan durch des Ordens Person regieret werde, wel¬
ches ihm weiterzugestatten und nachzugeben nicht leidlich.“ Damit nun weder
dem Hochmeister noch dem Orden und dem „Prelaten der Kirche in seiner
Abwesen ihrer Obrigkeit und Jurisdiktion kiinftig Nachteiliges daraus erfolgen
und erwachsen“ mochte, sei der Hochmeister „in kraft seiner Obrigkeit und
Regierung verursacht, damit durch solche, miBbrauchende Herrschaft und Re-
gierung der Obrigkeit allenthalten nichts entzogen, entfremdet noch <S. 61>
verauBert“ werde und habe es „auch in reifem Rat befunden und fur gut ange-
sehen, daB aus obgezeigten Ursachen wohl von Noten sei, alle Utensilia, so bei
der Kirchen, desgleichen, was der Herr Bischof zu seiner Haushaltung in sei-
nem Hause hat zuriickgelassen, Gold, Kleinod etc. neben andern, durch die
341 <3> Vgl. S.U.B., Nr. 226-228 und Rediger.
342 <4> Vgl. S.U.B.,Nr. 231.
343 <5> Vgl. Ord. Briefarch., 27.1.1458, Schiebl. LXVII,21: Es sei noch nie vorgekommen, daB
ein Kirchenvogt Wachtdienst getan habe, den man jetzt von ihm verlange.
344 <6> Vgl. ibidem, 22.IX.1461, Schiebl. LXXXII,175.
345 <l> Vgl. Ord. Briefarch., 17.VII.1517, Schiebl. LXVIIa,12.
346 <2> Vgl. Ord. Fol. Nr. 40, S. 1095 ff.: Instruction, was auf Samland soli ausgericht werden.
Verzeichnis und Befehlung, was der Hochmeister den edlen und geistlichen Herrn Friedrich
von Heydeck Deutsch Ordens Oberkumpan, zu Fischhausen auszurichten befiehlt.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
Geschickte und Verordnete in einem glaubhaftigen Inventarium vorzeichnet
gebraucht werde, damit der Kirchen nichts entzogen, und solche allenthalben
bei dem Stift bis auf Ankunft des Bischofs gebraucht werden soil, wie bisher
geschehen, aller kiinftigen Erbitterung dadurch zuvorkommen, der Kirchen zu
gut und dem Prelaten in Abwesen zum Besten vorgenommen, deshalb der
Hochmeister den geschickten und verordneten geistlichen Herrn befohlen ha-
be, solchs Inventarium vollkommen aufzurichten und zu verzeichnen, und das
solchs mit allem FleiB geschehe, auch dem Bischof eine Copie zugeschickt wer¬
de, damit in diesem Falle niemand verdachtigt gespiiret.“ Dann kommt der
Hochmeister auf den Statthalter Gunther von Biinau zu sprechen. „Nachdem
er in deutscher Zunge einen Statthalter in Abwesen des Bischofs von Samland
anders nicht denn als Vogt deuten kann, der zu aller Zeit mit dem Kreuz be-
kleidet und dem loblichen Orden verwandt soil sein, hatte er auch einen Voyt
deutsch Ordens, der zu diesem Amt genug dienstlich, fiiglich und tauglich, mit
Bischofs Wissen, bevor er das Land verlieB, gen Fischhausen verordnet, daB
itzt nicht von Noten, <S. 62> das Stiftsregiment mit einem Weltlichem zu
bestellen, darauf nochmals sein giitlich Begehr und Sinnen, gemelter von Biinau
woll sich angefangener Regierung und seines Vornehmens weiter zu iiben ent-
halten, nicht daB der Hochmeister ihm seine Einhaltung in Fischhausen ,iiber-
schlaen’ will, aber ihm dasselbe im Stifte Samland nicht gestattet. Sondern er
woll sich weiter dem Befehl eines Statthalters anmessen, und so er sonsten
nicht ander Befehl noch Geschaft in dem Land auszurichten, woll ihm der
Hochmeister wieder hinauszugehen gnadigst vergiinstigt und gestattet haben.“
Dies ist meines Erachtens ein sehr schwerwiegender Eingriff in die Rechte
des Bischofs, denn wenn dieser auch dem Orden unterstand, wenn sein Gebiet
und auch sein Kapitel dem Orden inkorporiert waren, so konnte er doch wohl
in seinem Territorium als Landesherr zum Statthalter ernennen, wen er wollte,
so weit es sich natiirlich mit dem Wohl und Wehe des Ordens vertrug. AuBer-
dem hatte der Bischof von Naumburg aus dem Hochmeister seinerzeit die
Ernennung mitgeteilt347, ohne daB dieser dagegen Einspruch erhoben hatte.
Vieles in der Haltung des Bischofs hatte dieses Vorgehen des Hochmeisters
wohl verursacht. Einmal findet sich namlich eine Bemerkung des Hochmei¬
sters, die vielleicht der Grund fur das Verhalten des obersten Ordensbeamten
63> war348. Dann aber hatte wohl der Hochmeister aus dem ProzeB gegen
die Domherren im Jahre 1517 das Recht zu weiterer Mitwirkung an der Ver-
M1 <1> Vgl. Ord. Briefarch., 7.X.1517, Schiebl. LXVIIa,14.
348 <1> Vgl. Ord. Fol. Nr. 24a, S. 56: Hochmeister an den Bischof: Nachdem ihr urn etUche Male
euem Stift habt besetyen lassen ...
124
Heinz Schlegelberger
waltung des Bistums hergeleitet. Nur ungern hatte ihm damals der Bischof die
Aburteilung der Domherren iibertragen349, und diese selbst hatten, wenn auch
vergeblich, gegen die Einsetzung eines weltlichen Fiirsten zu ihrem Richter
protestiert. Aber schlieBlich waren sie unterlegen, sie hatten in zwolf Artikeln
den Hochmeister und den Orden als ihre Oberen anerkennen, ihnen Gehorsam
versprechen und geloben miissen, gegen sie nichts zu unternehmen. Endlich
hatten sie sich verpflichten miissen, im Bischof nach wie vor ihren Ordinarius
zu sehen350.
349 <2> Vgl. Ord. Briefarch., 10.V.1517, Schiebl. LXVIIa,15:... daft ihr auf unser Kommission unserm
gnadigen Herm, dem Hochmeister, und dem bischof von Pomesan nicht habet gestehn wollen, so moge enthal-
den. Wir verhoffen nicht, daft wir hiermit einige ungebiirtig Befehl getan und wollte Gott, wir denselben nicht
hatten tun diirfen.
35° <з> Vgi ibidem: Der Hochmeister ist kein Laie, sondern ein geistlicher Fiirst, dem er (der
Bischof) den Befehl gegeben, iiber die Domherren zu richten, denn clerici sunt omnes, qui sunt
deo devoti... Vgl. ibidem, 12.VIII.1517, Schiebl. LXVIIa,23a.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 125
<S. 64>
VI. Anhang
1. Liste der Bischofe
Tetward
Johann von Dist
Heinrich von Strittberg
Hermann von Koln
Kristan von Miihlhausen
Siegfried von Regenstein
Johannes I. Clare
Jakob
<S. 65> Bartholomaus de Radam
Dietrich I.
Heinrich II. Kubal
Heinrich III. von Seefeld
Heinrich IV. von Schauenburg
Juni 1251-April 1252351
nach 2.VI.1252 - 18.111.1254352
7.V.1254-Oktober 1274353
1274- 1276354
6.1.1276 - 3.11.1295355
1296 - 15.XI. 13 1 0356
1310- 1344357
1344- 1358358
1358- 1378359
1379- 1386360
1387 - 1395361
1395- 1414362
1414- 1416363
351 <1> Seine Wurde verlieh ihm der Erzbischof von Riga (Vgl. S.U.B., Nr. 10). Der Papst
bestatigte ihn nicht. Seinen Titel behielt er bei (Vgl. ibidem, Nr. 15, 22, 23, 25).
352 <2> Von Papst Innocenz IV. ernannt (Vgl. ibidem, Nr. 5), wird er dann Bischof von Lii-
beck.
353 <3> Er stammte aus Franken und war vorher Bischof von Ermland. 7.V.1254 wurde er
ernannt und starb in Deutschland (Vgl. S.U.B., Nr. 43, 44, 96).
354 <4> Wahrscheinlich nach des vorigen Tode vom Rigaer Erzbischof eingesetzt (Vgl. ibidem,
Nr. 98). Vom folgenden verdrangt, erscheint er 1283 - etwa 1303 als Weihbischof von Koln
(Vgl. ibidem, Nr. 130 und 203/06).
355 <5> Ernannt 6.1.1276 (S.U.B., Nr. 98) geweiht zwischen 6.1. und 27.III.1276. Starb
3.IV.1295 (S.U.B., Nr. 176).
356 <6> Er stammte aus dem Hause der Grafen von Regenstein oder Reinstein im Harz. Ge¬
wahlt und geweiht vor dem 26.IV.1236, gestorben 15.XI.1310 (S.U.B., Nr. 176 und 214).
357 <7> Er stammte aus Thorn und war Mitglied des Domkapitels seit 1294 (S.U.B., Nr. 194).
Am 13.XH.1310 gewahlt, wird er vom Rigaer Erzbischof nicht bestatigt. SchlieBlich wird er
durch Papst Johann XXII. in Avignon 3.XII.1319 geweiht (S.U.B., Nr. 220). Er stirbt
5.V.1344 (S.U.B., Nr. 354).
358 <8> Er gehorte seit 1318 dem Kapitel an (S.U.B., Nr. 219). Seine Familie wohnte im Or-
denslande (S.U.B., Nr. 358). 2.XI.1344 in Avignon geweiht (S.U.B., Nr. 358), starb er
20.1.1358 (S.U.B., Nr. 456).
359 <1> Er gehorte seit 1344 dem Kapitel an (S.U.B., Nr. 355). Er wurde nach dem 20.1.1358
gewahlt und am 7.V. zu Avignon geweiht (S.U.B., Nr. 457). Er starb 5.IX. 1378 (S.U.B., Nr.
509).
360 <2> Er wurde am 6.II.1379 geweiht (Scr. rer. Pruss., Bd. 3, S. 109) und starb 2.1.1386. Viel-
leicht ist er identisch mit dem 1350-1352 erwahnten Domherrn Tylo von Papow (S.U.B., Nr.
388, 396 und 404).
361 <з> Geweiht 13.III.1387 (Scr. rer. Pruss., Bd. 3, S. 149), resignierte er zugunsten des Fol¬
genden (ibidem, S. 199). Er starb 28.VIII.1397 (Vgl. GEBSER und HAGEN, S. 162).
362 <4> Geweiht 25.VII.1395 (Scr. rer. Pruss., Bd. 3, S. 199). Er starb nach dem 12.1.1414 (Vgl.
Gebser und Hagf.n, S. 166 f.).
126
Heinz Schlegelberger
Johannes II. von Salfeld
Michael Junge
Nikolaus I. von Schoneck
<S. 66> Dietrich II. von Cuba
Johannes III. Rehwinkel
Nikolaus II. Kreuder
Paul von Wath
Gunther von Biinau
Georg von Polentz
1416-1425364
1425- 1441365
1442- 1470366
Mai 1470 - August 1474367
1474 - 1497368
1497- 1503369
1503- 1505370
1505- 1518371
1519 - 1525372
<S. 67>
2. Fiinf Listen der Domherren
a) Die Propste
Heinrich von Kirchberg
Sybotho
Dietrich
Petrus
1281373
1285- 1299374
1294- 1300375
1301 - 1302376
363 <5> Er war Domherr zu Wurzburg und wurde am 22.V.1414 geweiht (Vgl. ibidem, S. 173,
Note) gegen den nicht mit Namen genannten Elekten des Kapitels. Starb vor 28.VIII.1416
an der Pest (ibidem, S. 175, Note).
364 <6> Er iibernahm das Episkopat vor dem 30.VIII.1416 und wurde 28.11.1417 geweiht (Scr.
rer. Pruss., Bd. 3, S. 363). Er starb nach 15.IV.1425 (GEBSER und HAGEN, S. 180, Note). Er
war Mitglied des Domkapitels (ibidem, S. 176).
365 <7> \доаг sejt 1418 Domherr (Pr. d. Bist. Sami. A, S. 11). Er starb nach dem 1.XI. 1441
(Gebser, S. 186).
366 <8> War seit 1432 Propst des samlandischen Kapitels (Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 48). Er trat
Anfang Juni 1442 die Regierung an und starb 1470 (Gebser, S. 187, 1. Note und S. 199).
367 <]> Er war Ordensprokurator in Rom und wurde gegen den Elekten des Kapitels Michael
Schonwald vom Papste anerkannt. Wahrscheinlich vor dem 24.VII.1474 im Gefangnis
(Gebser, S. 219).
368 <2> Er war am 24.VII.1474 schon gewahlt (GAMS, Series Episcoporum, S. 209). Er war
Magister, Kaplan des Hochmeisters und Generalprokuartor in Rom (ibidem, S. 220 und
Meyer, S. 58). Er starb 23.11.1497 (Gebser, S. 228 f.).
369 <з> war Domherr, Kanzler und Kaplan des Hochmeisters sowie Prokurator in Rom
(Gebser S. 224 f.). Gewahlt 26.11., geweiht 10.V.1497, starb er 2.VII.1503 (Gebser, S. 228 370 371 372 373 374 375370 <4> Kanzler des Hochmeisters und Propst zu Dorpat. Im Juli 1503 gewahlt, starb er im Juli
1505 (Gebser, S. 229 ff.).
371 <5> Propst zu Merseburg, geweiht im Dezember 1505. Gestorben 14.VII.1518 in Merseburg
(Gebser, S. 237-240).
372 <6> Er stammte aus Sachsen und war vorher Hauskomtur zu Konigsberg. 22.11.1519 noch
Postulierter von Samland, erscheint er bereits 13.III. als Bischof (GEBSER, S. 244 und 252).
30.V.525 trat er das Bistum an Herzog Albrecht ab und starb 28.IV.1550 als erster evangeli-
scher Bischof.
373 <1> Er war doctor decretorum. Bischof Kristan ernannte ihn vor Stiftung eines Kapitels, doch
scheint er sich um die samlandische Kirche nicht gekiimmert zu haben (S.U.B., Nr. 121).
374 <2> Vgl. S.U.B.,Nr. 139.
375 <3> Vgl. ibidem, Nr. 164 und 196.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
127
Gerwinus:
Johannes Clare
Johannes
Gyrtramus (Bertram)
Jakob
Gyrtramus
Jakob
Bartholomaus
<S. 68> Helmicus
Bartholomaus
Helmicus
Pilgerinus
Johannes (de Monte?)
Heinrich
Johannes von Brandenburg
Nicolaus von Bladia
Johann von Heilsberg
Johann Kniittel
Johann von Balga
Johann Kniittel
<S. 69> Albert von Bartenstein
1305377
1310- 1319378
1321 - 1327379
1330- 1331380
1332381
1332- 1333382
1334- 1344383
1350- 1353384
1355 - 1356385
1358386
1360- 1369387
1370388
1374389
1376390
1378391
1379- 1382392
1382 - 1383393
1383394
1383- 1384395
1387396
1388- 1395397
376 <4> Vgi. ibidem, Nr. 198-210. Er ist vorher unter den Domherren nicht erwahnt.
377 <5> Vgl. ibidem, Nr. 205. Wahrscheinlich identisch mit Gerwicus Westeval (ibidem, Nr.
164).
378 <6> Vgl. ibidem, Nr. 164: Johannes de Torun\ und Nr. 219/20.
379 <7> Vgi. ibidem, Nr. 225-257. Vielleicht identisch mit dem friiher erwahnten gleichnamigen
Domherrn (ibidem, Nr. 214).
380 <8> Vgl. ibidem, Nr. 266, 269 und 275.
381 <9> Vgl. ibidem, Nr. 268 und 270.
382 <10> Vgl. ibidem, Nr. 281 und Mon. hist. Warm. 1/1, S. 151.
383 <11> Vgl. S.U.B., Nr. 283-358.
384 <12> Vgl. S.U.B., Nr. 288-424.
385 <l> Vgl. ibidem, Nr. 435-449.
386 <2> Vgl. ibidem, Nr. 457.
387 <з> Vgl. ibidem, Nr. 465-495. War seit 1335 Mitglied des Kapitels (S.U.B., Nr. 286).
388 <4> Vgl. ibidem, Nr. 494.
389 <5> Vgl. ibidem, Nr. 500 und 501. Vielleicht ist er mit dem Domherrn identisch, der 1360-
1371 das Offizialat bekleidete (ibidem, Nr. 460-497).
390 <6> Vgl. ibidem, Nr. 504 und 505. Bereits friiher (1341-1344) wird ein Domherr dieses
Namens erwahnt (S.U.B., Nr. 318, 328, 329, 331, und 345).
391 <7> Er war Mitglied des Kapitels seit 1360 (ibidem, Nr. 460, 507-511).
392 <8> Vgl. ibidem, Nr. 512-525. Ob er identisch war mit dem Vicepropst Nikolaus (Nr. 516),
lasse ich dahingestellt.
393 <9> Vgl. ibidem, Nr. 526, 528 und 529. Er war Mitglied des Domkapitels seit 1381 (ibidem,
Nr. 516).
394 <10> Vgl. ibidem, Nr. 530.
395 <11> Vgl. ibidem, Nr. 531 und 535. Er war Mitglied des Domkapitels seit 1378 (ibidem, Nr.
510).
396 <12> Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 14.
397 <1> Vgl. MENDTHAL, Nr. 114 und 120. Er war seit 1378 Domherr (S.U.B., Nr. 510).
128 Heinz Schlegelberger
Petrus
1402398
Johannes
1403 - 1409399
Johannes Bucking
1415400
Heinrich Meybaum
1419 _ 1421401
Andreas Pfaffendorf
1421 - 1423402
Michael Junge
1424 - 14254<>3
Nikolaus von Schoneck
1432- 1442404
Simon Kolberg
1443 _ I444405
Paul Ryn
1447 _ 1448406
Michael Schonwald
1468- 1471407
Petrus Lezewitz
1472 - 1473*08
Johann Tham
1474*09
Lorenz (Bernhardi?)
1481*ю
Petrus Lezewitz
1483*n
Jakob Streubichen
1489-1504*12
Dietrich Drost
1508*13
<S. 70> Thomas Scheunemann
1513*i*
Jakob Streubichen
1514*15
Stefan Gerdt
1515-1517*16
Georg Glintsch
1523- 1525*!7
b) Die Dekane
Reynfrid
1285- 1293*18
Dietrich von Freiburg
1294-1296*19
Gervinus
1297 - 1300*20
398 <2> Vgl. Orig. Schiebl. XXII, Nr. 25. Domherr seit 1395 (Pr. d. Bist. Sami. A, S. 63).
399 <3> Vgl. pr. d. Bist. Sami. A, S. 161 und Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 31.
400 <4> Vgl. WEISE, S. 17 ff.
401 <5> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 182 und Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 17 und 22.
402 <6> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 18 und 25.
403 <7> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 156.
404 <8> Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 48.
405 <9> Vgl. Weise, S. 17 ff.
404 <10> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, <S.> 120 und TOEPPEN, Stande-Akten, Bd. Ill, S. 19.
407 <11 > Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 49 und XXIX, Nr. 104.
408 <12> Vgl. ibidem, XXIX, Nr. 63 und 64.
409 <13> Vgl. ibidem, LII, Nr. 15.
4,0 <14> Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 427.
411 <15> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 69.
412 <16> Vgl. ibidem, Nr. 70, 77 und 78.
413 <17> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 369.
4,4 <1> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 81.
415 <2> Vgl. ibidem, Nr. 82.
416 <3> Ibidem, Nr. 83 und Ord. Briefarch., 10.V.1517, Schiebl. LXVIIa,15.
4,7 <4> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 88-90.
418 <5> Vgl. S.U.B.,Nr. 139.
•"9 <6> Vgl. S.U.B., Nr. 164,180 und 183-185.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 129
Johannes Clare
1301 - 1305*21
Petrus
13Ю422
Bertram
1318423
Gerwinus
1321 - 1322«4
Petrus
1331*25
Bertram
1334- 1337*26
Johann von Culm
1340*27
Petrus (senior)
1350- 1353*28
Rudiger
1360*29
<S. 71> Hildebrand
1362- 1366 und 1368*30
Petrus (junior)
1367*31
Helmicus
1370*32
Heinrich
1374*зз
Johann von Brandenburg
1376*3*
Nikolaus
1378*35
Johann von Brandenburg
1378- 1382*36
Johann von Heilsberg
00
1
00
Johann Kniittel
1388- 1395*38
Albert von Bartenstein
1402 - 1404*39
Johannes
1409**°
David Lystenau
1419-1420**1
Johann Grotkow
1421*42
Michael Junge
1422**3
420 <7> £)en Titd Dekan fiihrt er nicht, doch scheint er dieses Amt bekleidet zu haben, da er in
dieser Zeit in alien Urkunden hinter dem Propst steht (S.U.B., Nr. 187, 189/190, 191 und
195/96).
421 <8> Vgl ibidem, Nr. 198-208.
422 <9> Ygi ibidem, Nr. 214.
423 <10> Vgl. ibidem, Nr. 219.
424 <11 > Vgl. ibidem, Nr. 225 und 231 /32.
425 <12> Vgl ibidem, Nr. 269, vielleicht mit Petrus senior identisch (S.U.B., Nr. 266).
426 <13> Vgl. ibidem, Nr. 284-298.
427 <14> Vgl. ibidem, Nr. 314.
428 <15> Vgl. ibidem, Nr. 388-424.
429 <16> Vgl. ibidem, Nr. 465.
«о <i> ygi. ibidem, Nr. 468-487.
431 <2> Vgl. ibidem, Nr. 485.
432 <3> Vgl ibidem, Nr. 494.
433 <4> Vgl. ibidem, Nr. 500/501.
434 <5> Vgl. ibidem, Nr. 504.
435 <6> Vgl. ibidem, Nr. 507 und 510.
436 <7> Vgl. ibidem, 512-526.
437 <8> Vgl. ibidem, Nr. 530 und 535 sowie Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 14.
438 <9> Vgl. Mendthal, Nr. 114 und 120.
439 <10> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 25 und 27.
440 <11> Vgl. ibidem, Nr. 31.
441 <12> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 64 und 79.
442 <13> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 22.
443 <14> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 22, 160 und 242.
130
Nikolaus Kaliser
Jodocus
<S. 72> Nikolaus von Wehlau
Simon Kolberg
Nikolaus von Wehlau
Nikolaus Seeburg
Nikolaus Bernwaldt
Nikolaus Blumenau
Johann Tham
Michael Baumgart
Johan Tham
Georg Tapiau
Thomas Schuler
Albert Deutschmann
Thomas Scheunemann
Paul Blumenau
Albert Deutschmann
Petrus
Berthold
Petrus
<S. 73> Zacharias
Gunther
Rudiger
Heinz Schlegelberger
1422 - 1423^44
1427445
1432- 1436446
1437447
1439448
1442449
1448450
1464- 1466451
1481 - 1483452
1485453
1489454
1501 - 1504455
1508- 1509456
1513457
1514- 1515458
1516- 1517459
1516- 1525460
c) Die Officiate
1318- 1322461
1331462
1335 - 1340463
1334464
1347- 1348465
1351466 444 445 446 447 * 449 450 * 452 453 * 455 456 457 458 459 * 461 462 463 464 465444 <15> Vgl. Pr< d< Bist. Sami. A, S. 104 und 107.
445 <16> Vgl. K.U.B. I, S. 433. Wahrscheinlich ist er identisch mit dem Propst Jodocus
Quednau (Vgl. L.U.B. IX, Nr. 130).
446 <1> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 47 und 48.
447 <2> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 181.
“8 <3> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 51 und Pr. d. Bist. Sami. A, S. 27.
449 <4> Vgl. L.U.B. II, Nr. 831.
450 <5> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 12.
«1 <6> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 525.
452 <7> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 69 und 70.
453 <8> Vgl. ibidem, XXVIII, Nr. 56.
«4 <9> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 427.
455 <10> Vgl. Ord. Fol. Nr. 23, S. 269 und Orig. Schiebl. XXIX. Nr. 77/78.
456 <11> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 369 und Ord. Fol. Nr. 28, S. 302.
457 <12> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 81.
458 <13> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 82 und 83.
459 <14> Vgl. Gebser und Hagen, S. 236 ff.
460 <15> Vgl. ibidem, Nr. 88-90.
461 <16> Vgl. S.U.B., Nr. 219-232.
462 <17> Vgl. ibidem, Nr. 269.
463 <18> Vgl. ibidem, Nr. 289-314.
464 <1> Vgl. S.U.B,Nr. 285.
465 <2> Vgl. ibidem, Nr. 373-379.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 131
Johannes de Monte
Johannes de Brandenburg
Heinrich Ast
Nikolaus Lorenz
Heinrich Heybaum
Johann Hamel
David Lystenau
Andreas Langheim
Jakob Jordan
Nikolaus Blumenau
Valentinus
Georg Dunker
Johannes Thies
Andreas Brachwagen
1360 - 1371467
1388^68
1398469
1413470
1418471
1421472
1421 - 1424473
1436- 1439474
1441475
1148 und 1465 - 1468476
1473477
1510478
1511479
1516480
Jakob
Petrus
<S. 74> Hildebrand
Tylo von Papow
Hildebrand
Johannes
Albert (von Bartenstein?)
Wolfram
Jakob 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 * 478 479 480 481 * 483 484 485 486 487 488d) Die Kuster
1322481
1331 - 1334482
1340483
1350484
1352485
1379- 1380486
1387487
1388488
1395 - 1407489
466 <3> Vgl. ibidem, Nr. 392-396.
467 <4> Vgi ibidem, Nr. 460-496.
468 <5> Vgl. Mendthal, Nr. 114.
469 <6> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 172.
470 <7> Vgi. ibidem, S. 77.
471 <8> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 38.
472 <9> vgi. ibidem, XXVIII, Nr. 22 und 24.
473 <10> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 23,104,107,155 und 156.
474 <11> Vgl. ibidem, S. 27-29.
475 <12> Vgl. ibidem, S. 112.
476 <13> Vgl. ibidem, S. 120, Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 49 und Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 525.
477 <14> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 64.
478 <15> Vgl. ibidem, XXVIII, Nr. 65.
479 <16> Vgl. ibidem, Nr. 68.
480 <17> Vgl. Gebser und HAGEN, S. 236 ff.
481 <18> Vgl. S.U.B., Nr. 231.
«2 <19> Vgl. ibidem, Nr. 270-285.
483 <1> Vgl. S.U.B.,Nr. 314.
484 <2> Vgl. ibidem, Nr. 389.
485 <3> Vgl. ibidem, Nr. 402.
486 <4> Vgl. ibidem, Nr. 513 und 514.
487 <5> Vgl. Original Schiebl. XXIX, Nr. 14.
488 <6> vgl. Mendthal, Nr. 114.
132
Heinz Schlegelberger
Nikolaus Seeburg 1432489 490
Simon Kolberg 1439491
Nikoalus Bernwald 1442492
Thomas Heiligenbeil 1448493
Johann Tham 1473494
e) Die Scbolastiker
Conrad
Rudiger
Petrus von Elbing
Nikolaus
1331 - 1334495
1340496
1350- 1365497
1378 - 1379498
<S. 75>
3. a) Liste der Bischofsvdgte
Bei der Aufstellung dieser Liste will ich von der von Voigt in seinem Na-
menscodex verzeichneten ausgehen, die, wie das ja bei so groBen Sammelwer-
ken gewohnlich der Fall ist, manche Fehler aufweist. Ich werde die Namen und
die Amtszeit der Vogte nach dem Namenscodex aufstellen und daneben die
von mir gefundene Amtszeit vermerken.
Volpert
Andreas Fisch
Heinrich von Bolin
Volrad vonLiedlau
Phillip von Bolant
Remboto von Geidau
10.11.1255-14.IV.1257
2.XII.1261 - 7.VI.1262499
30.IX.1288 - 25.III. 1291500
26.III.1297-18.XI.1301501 502
10.1.1303 - 8.111.1309502
26.III.1309
10.11.1255-14.IV.1257
2.XII.1261 - 12.IV.1263
25.III.1291-3.XI.1291 und
26.III
1297 - 18.III.1302
10.1.1303-4.VI.1306
26.III.1309
489 <7> Ygj ibidem, Nr. 120 und Pr. d. Bist. Sami. A, S. 180.
490 <8> Vgl Orig. Schiebl. XXIX. Nr. 47 und 48.
49' <9> Vgl. ibidem Nr. 51.
492 <10> Vgl. L.U.B. IX, Nr. 831.
493 <li> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A., S. 120.
494 <l2> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 64.
495 <13> vgl. S.U.B., Nr. 269-283.
496 <14> Vgl. ibidem, Nr. 314.
497 <15> Vgl. ibidem, Nr. 389-481.
498 <16> Vgl. ibidem, Nr. 510-513. Weitere Inhaber dieses Amtes waren namentlich nicht zu
belegen. Soviel aber steht fest, daB das Amt eines Scholastikers nach 1474 bestand (Orig.
Schiebl. LII, Nr. 15)
499 <1> Vgl. S.U.B,Nr. 82.
500 <2> Vgl. ibidem, Nr. 161.
sot <3> Vgl. ibidem, Nr. 160 und 186-201.
502 <4> Vgl. ibidem, Nr. 209.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 133
Gunther von Arnstein
Volrad
Gunther
Volrad
Heinrich V. Wolfsdorf
Hartung
Dietrich von Schenkenberg
<S. 76> Joh. von Rinkenberg
Joh. von Bohmen
Joh. von Lonstein
Petzold von Kurwitz
Nikolaus von Pechwinkel
Heinrich von Styrer503 504 505 506 * 508 509 * 511
Ulrich von Gusau512
Kuno von Stockheim513
Peter v. d. Becke
Kuno von Stockheim514
Adalbert von GroB515
Dietrich Seefeld
Friedrich von Schonberg516
Andreas von Seckendorf517
Adam von Schauenburg
Albrecht von GroB
Heinrich von Klots518
<S. 77>
8.V.1310
31.VIII.1312- 11.V.1317503
15.V.1318
19.VI.1318-10.1.1326
15. VI.26 - 3.VIII.27504
10. X.1327- 19.X. 13295o5
1.VIII.32-2.1.33
17. XI.33 - 2.XII.35506
5.II.36- 19.1.43507
28. VI.43 - 7.1.48508
30.VI.48 - 11.XI.55509
29. VI.56 - Х1.575Ю
19.11.1360-1.1374
6.III.1381 -30.IX.1383
28.VII.87-21 .XI.88
16. XI.1389- 10. VI.1391
1391 -6.1.1396
18. V. 1398- 1. VIII. 1404
26.VII.07-25.IV.11
28.IV.12-25.VII.1413
18.IV.1417
13.IX.1418
29.III.1418-25.IV.19
8.V.1310
31.VIII.1312-10.1.1326
2.1.27-19.V.27 und
26.XII.1237
1.VIII.32-2.1.33
18.IX.33-2.XII.35
5.II.36 - 24.1.43
27.VI.43 - 7.1.48
29.VI.48 - 9.XI.55
5.V.56 - 17.XI.57
23.1.60- 13.1.74
6.III.81 - 31.XII.83
8.VII.87-21.XI.88
16.XI 1389- 10.VI.1391
1391 - 1.1.1396
18.V.1398 - 1406
26.VII.07.-25.IV.il
22.V.1410
28.IV.12-14.11.1413
18.IV.1417
13.III.1418
503 <5> Vgl. ibidem, Nr. 215-243.
504 <6> Vgl. ibidem, Nr. 246-258.
505 <7> Vgl. ibidem, Nr. 256-259 und 261-269.
506 <1> Vgl. ibidem, Nr.280
so? <2> Vgl. ibidem, Nr. 333.
508 <3> Vgl. ibidem, Nr. 334.
509 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 377-443.
5Ю <5> Vgl. ibidem, Nr. 445-450.
511 <6> Vgl. ibidem, Nr. 460-500.
512 <7> Vgl. ibidem, Nr. 543.
513 <8> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 10-11.
514 <9> Vgl. ibidem, A, S. 66
515 <10> Vgl. ibidem, B,S. 22.
si6 <11> Vgl. ibidem, S. 76-77.
517 <12> Vgl. ibidem, S. 76-77.
sis <13> Vgl. ibidem, A, S. 10-11.
134
Heinz Schlegelberger
Stefan Schymmelau519
Heinrich Marschall
Heinrich von Hauer520
Hermann von Schonenberg521
Heinrich von Richtenberg522
Georg von Kuttenheim523:
Albert von Viny (?)
Heinrich von Richtenberg524
Werner von Oberstoltz
Emmerich von Drahe
Heinrich von Seben
Rudolf von Trippeltskirchen
Andreas Jackun525
Adrian von Waiblingen526
Hans von Thungen527
Mathez von Ehrenberg528
<S. 78>
Eberhard Schenk529
Michael von Drahe 530
Hans von Kittlitz531
30.VI.20 - 21
13. XII.21-19.V.23
1424 - 8.V. 1429
14. VI.1433
26.VIII.34- 13.XII.1435
1.XI. 1436
1436- 15.111.1451
1453 - 10.XI.1461
25.11.1465- 10.XI.72
14.IX.1485
13. XII.89- 18.IV.90
26. VI. 1494- 4.ГV. 1503
14. V.08- 17.1.11
5.XII.1512
22.XII. 1514
1525
4.VI.1420- 1421
19.XII.21 -19.V.23
1424- l.V. 1429
1430- 14.11.1433
26.VII.34-13.XII.35
1435- 1.XI.1436
1437 - 29.V.1440
1453- 10.XI.1461
25.11.1465- 10.XI.72
14.IX.1485
13.XII.89-18.IV.1490
26.V.1492 - 4.IV.1503
28.V.06 - 18.XI.08
18.XI.08-17.1.11
17.1.11-1513
1513-22.XII.1514
1516-11.XII.1522
1522- 1525
si* <1> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 19 und 20.
520 <2> Vgl. pr. d. Bist. Sami. A, S. 72/73.
521 <3> Vgl. Ord. Briefarch. 28.11.1430 und Pr. d. Bist. Sami. A, S. 81.
522 <4> Vgi Orig. Schiebl. XXX, Nr. 43. Er war spater Hochmeister des Ordens.
523 <5> Vgi Ord. Briefarch., 1435 o. S.
524 <6> Vgl. pr. d. Bist. Sami. A, S. 180/81 und Orig. Schiebl. XXX, Nr. 50.
525 <7> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 585.
526 <8> Vgl. Ord. Briefarch., 28.V.1506 und Ord. Fol. Nr. 24a, S. 445.
527 <9> Er wurde bereits im Mai ernannt, aber erst im November in sein Amt eingesetzt.(Vgl.
Ord. Briefarch., 14.V.1508 und Ord. Fol. Nr. 24a, S. 191 und 445).
528 <ю> Vgl. Ord. Fol. Nr. 33, S. 121 und Nr. 35, S. 293.
529 <1> Vgl. Ord. Fol. Nr.36, S. 163 und Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 584.
530 <2> Vgl. Ord. Fol. Nr. 38, S. 362 und Orig. Schiebl. XXIII. Nr. 22.
531 <3> Vgl Ord Briefarch., 11.XII.1522. Aus diesem Brief des samlandischen Bischofs an den
Hochmeister ist zu entnehmen, daB Kittlitz bereits einmal Vogt im Bistum gewesen und
wahrscheinlich an Stelle Michaels v. Drahe, der wieder nach Fischhausen kam, nach Riesen-
burg geschickt war. Vor 1522 habe ich ihn aber im Bistum Samland nicht feststellen konnen.
Michael wird von VOIGT unter den Ordensvogten genannt, obwohl es solche seit 1428 nicht
mehr gab (Vgl. S. 37, Anm. 3). Zu seiner Ansicht ist Voigt wohl durch den Titel „Deutsch
Ordens-Kirchenvoyt” gekommen (Vgl. Ord. Briefarch., Undatiert, Nr. 74).
Die Verwaltungsorganisation des .Bistums Samland im Mittelalter 135
532 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 186-195.
533 <5> Vgl. ibidem, Nr. 198-201.
534 <6> Vgl. ibidem, Nr. 208 und 209.
535 <7> Vgl. ibidem, Nr. 211.
536 <8> Vgl. ibidem, Nr. 212-219.
537 <9> Vgl. ibidem, Nr. 218-224.
538 <10> Vgl. ibidem, Nr. 241-243. Spater Hochmeister.
539 <11 > Vgl. ibidem, Nr. 246-256 und 260.
540 <12> Vgl. ibidem, Nr. 259 und 261-265.
541 <13> Vgl. ibidem, Nr. 274-276.
542 <14> Vgl. ibidem, Nr. 286-293.
543 <]> Vgl. ibidem, Nr. 296.
544 <2> Vgl. ibidem, Nr. 299-314.
545 <3> Vgl. ibidem, Nr. 317-319.
546 <4> Ygj ibidem, Nr. 333.
547 <5> Vgl. ibidem, Nr. 337-343.
548 <6> vgl. ibidem, Nr. 384-455.
549 <7> Vgl. ibidem, Nr. 468-472.
550 <8> Vgl. S.U.B., Nr. 487-493.
551 <9> Vgl. ibidem, Nr. 516-532.
552 <10> Vgl. ibidem, Nr. 533-543.
b) Uste derKumpane
Hildebrand von Rechberg532
Phillip vonBolant533
Bernhard von Hoinsten534
Tzuoich535
Heinrich von Wolfsdorf536
Rudiger von Talheim537
Heinrich Dusemer538
Friedrich von Sentskow539
Otto von Ilburg540
Friedrich von Reynstein541
Johann von Bohmen542
<S. 79> Theodor von Gebese543
Ulrich544
26.III.1297-7.IV.1300
13.X.1301 -8.III.1302
19.VHI.1305-4.VI.1306
26.III.1309
8.V.1310 - 2.XI.1318
19.VI.1318-17.XII.1320
25.VIII.1325- 10.1.1326
2.1.1327 - 10.X.22 und 26.XII.1327
7. XI.1327 und 20.IV.28 - 19.X.29
I. VIII.1332- 2.1.1333
18.III. 1335-2.XII.1335
8. VII.1336
24.VI.1337-22.VIII.1340
II. 1.1341 -26.VIII.1341
24.1.1343
19.VIII.1343-25.IV.1344
26.11.1340- 15.XI.1357
16.III.1362 - 5.III.1363.
1366-25.VIII.1369
6.III.1381 - 1 .XI.1383
14.11.1384-31.XII.1385
Johann von Volmerstein545
Johann von Lonstein546
Albert von Querfurt547
Albert von Querfurt548
Bernhard549
Ulrich von Gusau550
Stefan Strobein551
Albert von Orlemunde552
136
Heinz Schlegelberger
4. Sechs Listen derubrigen Beamten
a) Die Karvansherren
Heinrich von Sleten553 18.XL 1301 - 8.V. 1310
Johannes554 13.V.1325
Michael555 29.VI.1348 - И.XI. 1354 und
10.VIII.1363.
b) Die Kiichenmeister
Heinrich Franke556 25.X.1297
Nikolaus Sonneborn557 1.V.1471
Konrad Almstade558 1489 - 1490
<S. 80>
c) Die Hauskomture
Bartholomaus559
Johann von Brandenburg560
Johannes Griinhayn561
Heinrich von Goluba562
Petrus563
Johann Kristburg564
Jakob Grelle565
Heinrich Passer566
Heinrich Sperling567
Michael Junge568
Andreas Opiller569
Johann Strosberg570
553 < 11 > Vgl.ibidem, Nr. 199-212.
554 <12> Vgl.ibidem, Nr. 235.
555 <13> Vgl. ibidem, Nr. 377, 432-474.
556 <i4> vgl. ibidem, Nr. 187.
557 <15> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 386.
558 <16> Vgl. ibidem, S. 459 und 532.
559 <1 > Vgl. S.U.B., Nr. 355: B. provisor domus Fischhusen.
560 <2> Vgl. ibidem, Nr. 486, 487, 497.
561 <3> Vgl. ibidem Nr. 531 und 536.
562 <4> Vgl Pr. d. Bist. Sami. A, S. 13, 63, 68, 94 und 154.
563 <5> vgl. ibidem, S. 63.
564 <6> Vgl. ibidem, $. 10. und 80.
565 <7> Vgl. Pr. d. Bist. Sami. A, S. 21,150 und 161.
566 <8> Vgl. ibidem, S. 2/3.
567 <9> Vgl ibidem, S. 105.
568 <10> Vgl. ibidem, S. 11.
569 <11> Vgl. ibidem, B, S. 52.
570 <12> Vgl. ibidem, A, S. 155 und 160.
28.VI.1344
16.III.1368 - 17.III.1371
14.X.1383 - 3.X.1371.
1390- 1394
1395
1.1.1396- 17.V.1396
17.11.1399- 15.VIII.1403
20.III. 1412
28.IV.1412
13.III.141.
1420
1.VIII.1421 - 25.V.1422
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
137
Hermann Winter571
Paul Hecht572
Nikolaus Crolle573
Lorenz Bernhardi574
Johann Jucus575
Jakob Streubichen576
Michael Donner577
Jobst578
<S. 81> Gabriel Dresen579
Baltasar Meismer580
Hans Arnold581
Georg Dunker582
Johann Thies583
Albert584
Baltasar Meismer585
30.XI.1427-19.111.1428
29.IX.1439 - 4.X.1439
25.VII.1441 -11.XI.1448
25.XI.1465 - 19.V.1468
28.IV.1471
12.1.1481 -29.IX.1485
1489-1490
1496
18.X.1497
12.III.1503- 17.IX.1508
21.IX. 1509
6.V.1510
17.1.1511 -6.XII.1512
1516-1517
5.III.1520
d) Die Hausmeister und Hofmarschalle
Christof Bonn586
Haubitz587
Georg Biberich588
Wolf von Dobeneck589
21.XII.1514-24.III.1522
1514
5.III. 1520
25. VII. 1523
571 <13> Vgl. ibidem, S. 94 und 163.
572 <14> Vgl. ibidem, S. 29,110 und 175.
573 <15> Vgl. ibidem, S. 112 und 130.
574 <16> Vgl. ibidem, S. 117/118.
575 <17> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 104.
576 <18> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 591 und Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 70.
577 <19> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 459 und 532.
s7» <20> Vgl. ibidem, S. 380.
579 <1> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 73.
580 <2> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 386-388 und Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 63.
581 <3> vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 64.
582 <4> Vgi ibidem, Nr. 65.
583 <5> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 66 und Pr. d. Bist. Sami. B, S. 22.
584 <6> Vgl. Ord. Briefarch., 17.XII.1516 ff, Schiebl. LXVIIa,21.
585 <7> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 68.
586 <8> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 584 und Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 87.
587 <9> vgl. Ord. Fol. Nr. 36, Nr. 163.
588 <ю> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 68.
589 <n> vgi, ostpr. Fol. Nr. 124., S. 527.
138
Heinz Schlegelberger
Heinrich von Styrer590
Georg Kofflow591
Andreas Jackun592
Christof593
Georg Meissel594
e) Die Pfleger etc. von Georgenburg
17.IV.-10.XI.1354
21.IX. 1429
12.1.1481 - 1492
24.VI.1506
22.VI.1523
J) Die Pfleger von Salau
Michael595
Walter596
Albert von Bartenstein597
Simon Kolberg598
<S. 82> Thomas Merten599
Johann Thies (Tiges)600 60113.VII.1361
11.V.1362
20.V. - 25.VII.1395
21 .IX. 1429
10.I-19.IV.1502
29.VII.1515 - 11.11.1517 und 1524
5. Der Eid des Bischofs601
Ego N., ecclesiae Sambiensis vocatus episcopus, promitto in conspectu omni-
potentis dei atque totius ecclesiae, quod ab hac hora inantea fidelis et oboediens
его perpetue beato Petro sanctaeque Rigensi ecclesiae et vobis domino N. dei
gracia eiusdem ecclesiae archiepiscopo vestrisque succesoribus canonice in-
trantibus, prout est a sanctis patribus institutum, et a meis praedecessoribus
observatum, et ecclesiastica atque Romanorum pontificum commendat aucto-
ritas. Non его in consilio aut consensu vel in facto, ut vitam perdatis aut mem-
brum aut capiamini mala captione. Consilium, quod mihi per vos aut per litteras
vel nuntium credituri estis, ad dampnum vestrum me sciente nulli pandam.
590 <12> Vgl. S.U.B., Nr. 429 und 431.
591 <13> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 59.
592 <14> Vgl. ibidem, S. 585 und 591.
593 <15> Vgl. ibidem, S. 595.
594 <16> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 124, S. 527.
595 <17> Vgl. S.U.B.,Nr. 466.
596 <18> Vgl. ibidem, Nr. 470.
597 <19> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 14 und Mendthal, Nr. 114.
598 <20> Vgl. Ostpr. Fol. Nr. 118, S. 594.
599 <1> Vgl. Ord. Fol. Nr. 22, S. 14,15 und 75.
600 <2> Vgl. Ord. Briefarch., 29.VII.1515, Ord. Fol. Nr.37, S. 274; Nr. 39, S. 465 und Nr. 46, S.
211.
601 <3> Dieser dem Rigaer Erzbischof von alien preuftischen Bischofen zu leistende Eid wurde
vom Papst Paul II. 1465 festgesetzt (Vgl. K.U.B. I, Nr. 639).
Die Verwalmngsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
Vocatus ad synodum veniam, nisi impeditus fuero canonica impeditione. Vos,
quoque nuntios vestros ad ecclesiae Rigensis, quos certos cognovero, in eundo,
stando et redeundo honorefice tractabo et suis necessitatibus adiuvabo. Posses-
siones vero ad mensas mei episcopatus pertinentes non vendam nec donabo,
nec ex novo in feudum dabo, vel <S. 83> aliquo modo contra ius vel consue-
tudinem ecclesiae ne ac alienabo, vobis et vestris succesoribus inconsultis. Sic
me deum adiuvet et hac sancta dei evangelia cum sigillo meo praesentibus ap-
penso corroborans supradicta.
6. Der Eid der Domherren602
a) Juramentum novi canonici ad episcopum
Ego fra ter N. ab hac hora inantea vobis, domino meo episcopo aliisque
praelatis meis, qui per nunc sunt sicut pro tempore erunt, oboediens его. Jura
ecclesiae pro posse defendam et secreta capituli non pandam, constitutiones
ecclesiae et consuetudines bonas per vos vel per successores vestros capitu-
lariter institutas servabo, partialitates non tenebo, sed quod utile et honestum
fuerit, ecclesiae procurabo. Sic me deus ordinet et haec sancta evangelia.
b) Juramentum novi canonici ad capitulum
Ego frater N., juro, quod ab hac hora inantea vobis, domino praeposito et
ecclesiae Sambiensi aliisque praelatis meis, qui per nunc sunt sicut pro tempore
fuerunt, oboediens его. Jura ecclesiae pro posse defendam, bona eiusdem,
promovebo, secreta capituli non pandam, constitutiones et consuetudines
bonas ecclesiae servabo, partialitates non tenebo. Sic me deus ordinet et haec
sancta dei evangelia.
<S. 84>.
7. Die Beschreibung der Siegel
a) Der ein^elnen Bischofe
Siegel Bischof Heinrich I.603
Oval, aus gelbem Wachs. Es stellt einen Bischof dar mit einem Buch in der
Linken. Dieses Buch ist aufgeschlagen und zeigt die wohl auf die Bekehrung
der PreuBen beziiglichen Worte: Pax vob(iscum). Auf dem Bischofsgewand, in
602 <1> Vgl. Orig. Schiebl. XII, Nr. 25.
603 <]> Vgl VOSSBERG, S. 18.
140
Heinz Schlegelberger
rundem Schilde, befindet sich das Lamm Gottes mit einer Fahne, darunter
eine langliche Tafel mit der Inschrift JHS (Jesus). Das Siegelfeld ist gegittert
und jedes Viereck mit Stemchen verziert. Die Umschrift lautet: S ..Fratris
Heinrici Di..Gra Sambien ..Epi
Siegel Bischof Hermanns604:
Spitzoval, aus weiBem Wachs. Der Bischof ist sitzend dargestellt, die rechte
Hand erhoben, in der Linken vermutlich eine Kirchenfahne haltend. Die
Umschrift lautet: S.... Herma... Dei Gr..ia Ep mb
Siegel Bischof Kristans605:
Oval. Der Bischof ist sitzend dargestellt mit aufgeschlagenem Evangelien-
buch. Die Umschrift des altern Siegels, dessen er sich bis zum 26.VII.1290
bediente, lautet: S.... Fris Cristani Di Gra... Epi Sambien..., die des spa-
tern: S.... Fratris Cristani Di Gra...Sambien... Ecce ... Epi
Siegel Bischof Siegfrieds606:
Spitzoval, die Figur <S. 85> eines Bischofs mit Inful und Pastorale, die
Rechte zum Segen erhoben, darstellend. Die Umschrift lautet: S.... Fris Si-
fridi... Gra... Sambien... Epi...
Siegel Bischof Johannes I.607:
Spitzoval, aus rotem Wachs. Der Bischof steht im Tabernakel, in der Linken
einen Stab haltend, die Rechte erhoben. Die Umschrift lautet: S.... Fris Johis
Di Gra Epi Sambien .
Sekret Bischof Johannes I.608:
Die Jungfrau Maria sitzt in einer Nische, den Jesusknaben auf dem Arme.
Die Umschrift lautet: Secretum Fris Johis Dei Gra Epi Sambiensis.
Siegel Bischof Jakobs609:
Spitzoval, aus rotem Wachs. Der Bischof sitzt in pontificalibus auf einem
Thronsessel in einem Tabernakel, in der Rechten den Bischofsstab, die Lin-
ke zum Segen erhoben. Darunter das Wappen des Bistums. Schwert und Bi-
604 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 113, Note.
605 <3> Vgl. HERQUET, AltpreuB. Monatsschrift XII, S. 570/71.
606 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 200 und 211, Note.
607 <i> Vgi. ibidem, Nr. 225 und Gebser, Adas, Tafel 7.
608 <2> Vgl. S.U.B., Nr. 315, Note.
609 <3> Vgl. ibidem, Nr. 399, Note.
Die Verwalmngsorganisation des. Bistums Samland im Mittelalter 141
schofsstab gekreuzt in einem Schilde. Die Umschrift lautet: S... Fris Jacobi
Dei Gra Epi Sambien.
Siegel Bischof Bartholomaus610:
Spitzoval, aus rotem Wachs. Der Bischof steht in pontificalibus in einem
Tabernakel, in der Linken den Bischofsstab haltend, die Rechte erhoben.
Die Umschrift lautet: Sigillum Fris Bartolomei Episcop Sambiensis.
Siegel Bischof Dietrichs I.611:
Spitzoval aus rotem <S. 86> Wachs. Der Bischof steht in pontificalibus in
einem gotisch verzierten Tabernakel, den Bischofsstab in der Linken, die
Rechte zum Segen erhoben. Darunter in einem Schild das Bistumswappen.
Die Umschrift lautet: S + Fris + Tilonis + Epi + Ecle + Sambiensis.
Sekret Dietrichs I.612:
In einer gotisch verzierten Nische sitzt die Jungfrau Maria auf einem Thron,
das Jesuskind auf den linken Arme. Unter ihren Fu6en ist ein nach rechts
gewandter, kniender Bischof mit der Mitra sichtbar, die Hande gefaltet. Um¬
schrift: S.Fri Epi Ecce Sambiens.
Siegel Bischof Heinrichs II.613:
Spitzoval, aus roten Wachs. Der Bischof steht in einem Tabernakel, in der
Linken den Bischofsstab. Unter ihm sieht man das Bistumswappen. Die
Umschrift lautet: S. Fris. Hnrici. Epi. Sambiensis.
Siegel Bischof Heinrichs III.614:
Spitzoval, aus rotem Wachs. Es stimmt mit dem vorigen vollkommen uber-
ein. Die Umschrift lautet: S. Fris- Herici - Sefeldi - Epi - Eclie - Sambien¬
sis - Dioc -.
Das Siegel Bischof Heinrichs IV. habe ich nicht ermitteln konnen, das Sekret ist
entzwei. (Vgl. Schiebl. XXVIII, Nr. 14).
610 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 464, Note.
6.1 <5> Vgl. ibidem, Nr. 529, Note.
6.2 <1> Vgl. ibidem, Nr. 530, Note.
6.3 <2> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 15.
6.4 <3> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr.18.
142
Heinz Schlegelberger
Siegel Bischof Johannes II.615:
Spitzoval, aus rotem Wachs. Der Bischof steht in einem Tabernakel, in
<S. 87> in der Linken den Bischofsstab, in der Rechten ein Schwert hal-
tend. Unter ihm ist ein nach rechts gewandter, kniender Bischof sichtbar,
unter diesem das Bistumswappen. Die Umschrift lautet: Sigillum - Di - Jo-
hannis - Episcopi - Sambiensis - ecle.
Sekret Johannes II.616:
Genau wie das Bischof Dietrichs I., nur an Stelle des knienden Bischofs, das
Bistumswappen. Die Umschrift ist folgende: S: Fris : Johis : Epi: Sambien:.
Siegel Bischof Michaels617:
Es stimmt mit dem seines Vorgangers genau uberein. Die Umschrift heiBt:
Sigillum - Fris - Michaelis -Episcopi - Sambiensis - Eccle
Sekret Michaels618:
Dasselbe wie das seines Vorgangers. Die Umschrift lautet: S + Fris + Mi-*
chaelis + Epit + Sambien +.
Siegel Bischof Nikolaus I.619:
Ubereinstimmend mit denen seiner beiden Vorganger. Umschrift: Sigillum
+ Fris + Nicolai + Episcopi + Sambiensis + Eccl.
Sekret Nikolaus I.620:
Genau wie die seiner beiden Vorganger. Umschrift: S + Fris + Nicolai +
Epi + Sambien +.
Das Siegel Bischof Dietrichs II. ist vollkommen verdorben, es konnte also hier
nicht beschrieben werden.
Siegel Bischof Johanns III.621:
Unter einem Thronhimmel <S. 88> steht Maria mit dem Jesusknaben auf
dem Arme. Rechts von ihr, aber kleiner, steht ein Bischof, in der Linken den
Bischofsstab, in der Rechten eine Axt haltend. Links von Maria, ebenfalls
kleiner, steht eine Frauengestalt, wohl die heilige Elisabeth. Unter Maria ist
6i5 <4> Vgl. ibidem, XXVIII, Nr. 23.
6,6 <1> Vgl. ibidem, Nr. 18.
617 <2> Vgl. ibidem, Nr. 29.
618 <з> Vg| ibidem, Nr. 33.
619 <4> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 49.
620 <5> Vgl. ibidem, Nr. 41.
621 <6> Vgl. ibidem, Nr. 55-57.
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter 143
ein nach rechts gewandter, kniender Bischof sichtbar, unter Elisabeth das
Bistumswappen, unter dem Bischof wahrscheinlich das Ordenswappen. Die
Umschrift lautet: Sigillum - Venerabilis - Patris - Domini - Johannis -
Episcopi - Sambiensis.
Sekret Johanns III.622:
In der Mitte steht eine betende Frauengestalt. Rechts und links unter ihr
sieht man zwei Wappen, von denen das rechts das Bistumswappen ist. Zwi-
schen beiden Wappen liest man mit Muhe das Wort: Johannis. Weiter kann
man noch etwa entziffern: Epi + Sambiensis + Eccle +.
Siegel Bischof Nikolaus II.623:
Es ist das Johannes III. mit einigen Anderungen: die drei Gestalten sind
gleich groB. Elisabeth tragt in der Linken ein Schwert, das iiber ihre linke
Schulter gelegt ist. Statt der beiden Wappen und des knienden Bischofs be-
findet sich in der Mitte, unter Maria, ein groBer Schild mit dem Bistums¬
wappen, daruber ein Bischofshut. <S. 89> Die Umschrift lautet: S. Re-
verendi In Chro. Pris. Et. Dni. Nicolai - Kreuder - Epi - Ecclie -Sambien
- Or. -Ste - Marie - Theutonicorum.
Sekret Nikolaus II.624:
In der Mitte befindet sich ein groBes, vierteiliges Wappen, daruber ein Bi¬
schofshut. Von den vier kleinen Wappen dieses groBen zeigen die rechts
oben und links unten das des Bistums. Die Umschrift lautet: S. Fris. Dni -
Nicolai. Epi Sambien.
Das Siegel Pauls von Wath war nicht zu ermitteln.
Siegel Bischof Gunthers625:
Es stimmt genau iiberein mit dem Nikolaus II. Kreuder. Die Umschrift
lautet: Sigillum - Venerabilis - Fris - Dni - Pris - Guntheri - Epi - Ecclesie
- Sambiensis - Or. - Ste - Marie - Theutonicorum.
Sekret Georgs von Polentz626:
Wie das Nikolaus Kreuders. Umschrift: ....ius Dei Et - Aplie - Sedis - Gra
-Episcopus - Sambiensis.
622 <1> Vgl. ibidem, Nr. 54 und 58.
623 <2> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 73.
624 <1> Vgl. ibidem, XXVIII, Nr. 61.
625 <2> Vgl. Orig. Schiebl. XXVIII, Nr. 64 und 65.
626 <3> Vgl. ibidem, Nr. 68.
144
Heinz Schlegelberger
b) Das Siege/ des Domkapite/s621
Rund, aus rotem Wachs. Es stellt die Kronung Marias dar. In einer Laube mit
zwei Giebeln, zwischen denen sich ein Turm mit drei Zinnen erhebt, sitzen auf
einer Bank Jesus mit dem Heiligenschein, in der Linken ein Buch, mit der
Rechten die Krone hinreichend, und Maria, mit <S. 90> dem Heiligenschein
und dem Morgenstern uber den Kopfe, nach der Krone greifend. AuBerhalb
der Laube steht links von Maria eine weibliche Figur, in der linken Hand eine
Palme tragend, mit der Beischrift: S. Elisabet627 628. Zur Rechten von Christus steht
ein Bischof mit Mitra, den Stab in der Rechten haltend, mit der Beischrift:
..Albert Epis629. Im untern Teile des Siegelfeldes ist eine Vertiefung, die durch
ein Kleeblatt an beiden Seiten verziert ist, und darin ist ein mit Mutze bedecktes
Menschenhaupt sichtbar. Die Umschrift lautet: Sigilum . Capitil . . clesie -
Sambien . .
c) Das Siege/ des Propstes630 631Rund, aus rotem Wachs. Es stellt die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben auf
dem Arme in einer Nische dar. Darunter ist eine nach links gewandte kniende
Gestalt sichtbar. Die Umschrift lautet: S. Ppositi. Ecce . Sambiensis.
d) Das Siegel des Offi^fa/s6^
Oval, wohl schon im 15. Jahrhundert gebraucht. <S. 91> Es zeigt im Schild das
Wappen des Bistums Samland: Schwert und Bischofsstab fiber Kreuz gelegt,
dariiber sieht man auf einem Baumzacken einen Vogel, dessen linker Fliigel in
die Hohe gerichtet ist. Die Umschrift lautet: S.... Offizialis + Curie t - t Sam¬
biensis.
627 <4> Vgl. S.U.B., Nr. 292, Note.
628 <]> Vgi Siegel Johanns III. und Nikolaus’ II.
629 <2> Vgl. ibidem.
630 <3> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 41.
631 <4> Vgl. VOSSBERG, S. 19. Uber die Befugnisse des Offizials in andern Bistiimern vgl. Mon.
hist. Warm. II/1, S. 318 ff.: Secundus officialis curie est index in spiritualibus quoad dignitatem sacer-
dotie et clericorum et laicorum in causis spiritualibus. Officium eius est indicia in spiritualibus exercere, videre
de dignitate sacerdotali et laicali et defectus eorum reformando spectantes ad cultum divinum et causas spiritu¬
al audire, deffinire, decidere, iudicare et punire. Item officium suum est stare domino ordinario in divinis
iuxta altare secundum consuetudinem antiquorum. Item suum est disponere synodum laicalem per visitatores
Die Verwaltungsorganisation des Bistums Samland im Mittelalter
e) Das Vikariatssiegefa2
Rund aus rotem Wachs. Es zeigt einen Bischof, im Tabernakel stehend, den
Bischofsstab in der Linken. Die Umschrift ist mit Muhe zu entziffern. Man liest
ungefahr: S. Vicariatus Ecclesie . Sambiensis.
<S. 92>
Lebenslauf
Ich, Heinz Schlegelberger, ev. Konfession, wurde am 21.1.1900 zu Ragnit als
Sohn des Bankbeamten Max Schlegelberger und seiner Gattin Auguste geb.
Pieck geboren. Von Ostern 1906-1913 besuchte ich die Stadtschule zu Ragnit,
alsdann das Kgl. Gymnasium zu Tilsit. Hier machte ich am 18.VI.1918 mein
Kriegsabiturium und wurde zum Heeresdienst eingezogen. Ende Dezember
1918 endassen, begann ich mit dem Sommersemester 1919 mein Studium an
der Albertina zu Konigsberg, und zwar studierte ich Geschichte und neue Spra-
chen. Vorlesungen horte ich bei den Herren Professoren Ach, Brackmann,
Caspar, Goedekemeyer, Hubener, Kaluza, Krauske, Leuze, Pillet, Seraphim und
Spangenberg und den Herren Lektoren Coggin, Graz, Portzehl und Servais.
Fur die ersten Anleitungen zu meiner Arbeit spreche ich an dieser Stelle Herrn
Prof. Spangenberg, fur die in reichem Майе erteilten Ratschlage Herrn Prof.
Seraphim meinen tiefgefuhltesten Dank aus. Ebenso gebuhrt den Herren vom
Staatsarchiv, Geheimrat Karge und Dr. Hein, Dank fur ihre freundliche Unter-
sttitzung.
632
<1> Vgl. Orig. Schiebl. XXIX, Nr. 104.
Das Kurlandische Domkapitel bis 1561.
Untersuchungen uber die
personliche Zusammensetzung des Kapitels
hinsichtlich der Herkunft und Laufbahn
seiner Bischofe und Domherren.
Erwin Hertwich
Phil. Diss. Konigsberg 1943. Herausgegeben von Mario Glauert
<S. 2>
Inhaltsverzeichnis
V orbemerkungen
Seite 4
Verzeichnis der im Text angewandten Abkiirzungen
Seite 9
Verzeichnis der in den Quellenzitaten angewandten
Abkiirzungen
Seite 10
Quellen
A. Ungedruckte
Seite 11
B. Gedruckte
Seite 12
Literatur
Seite 15
1. Historische Ubersicht
Seite 21
Griindung des Bistums und seine Anfange
Seite 21
2. Bischofe (einschlieftlich Bewerber um den Bischofs-
stuhl)
Seite 30
3. Zahl der Kanonikate, Pralaturen
Seite 38
I. Zahl der Kanonikate
Seite 38
II. Die Mitglieder des Kapitels
Seite 43
1. Die Propste
Seite 44
2. Die Dekane
Seite 52
3. Die Domherren
Seite 57
4. Besetzung des Bistums. Eintritt in das Domkapitel
Seite 73
I. Besetzung des Bistums
Seite 73
148
Erwin Hertwich
II. Eintritt in das Domkapitel
1. Besetzung durch den Bischof und sein Ka-
pitel
2. Die Mitwirkung des D.O. bei der Besetzung
3. Die Bedeutung verwandtschaftlicher Bezie-
hungen
4. Papstliche Einfliisse
5. Die Herkunft
I. Ortliche Herkunft
II. Geburtsstand
III. Berufsstand
6. Bildungsverhaltnisse
I. Schulwesen
II. Studium und akademische Grade
III. Wissenschaftliche und literarische Betatigung
IV. Reisen
V. Bischofe und Domherren als Inhaber anderer
Amter
7. Voraussetzungen fur die Aufnahme in das Domkapitel
I. Eheliche Geburt
II. Alter und Weihegrad
III. Residenz
8. Ausscheiden aus dem Domkapitel
Seite 84
Seite 84
Seite 86
Seite 90
Seite 95
Seite 98
Seite 98
Seite 104
Seite 110
Seite 115
Seite 115
Seite 116
Seite 126
Seite 131
Seite 134
Seite 140
Seite 140
Seite 141
Seite 144
Seite 146
Das Kurlandische Domkapitel
149
<S. 4>
V orbemerkungen
Durch die Untersuchungen Aloys Schultes1 und der von seiner Fragestellung
angeregten Kirchenrechtshistoriker ist das Problem der standischen Zusam¬
mensetzung der mittelalterlichen Geistlichkeit fur weite Gebiete Deutschlands
erortert und geklart worden. L. Santifaller2, der selbst von Studien iiber die
personliche Zusammensetzung des Brixener Domkapitels ausgegangen ist, hat
seit seiner Wirksamkeit in Breslau mehrere Arbeiten zur standischen und per¬
sonlichen Zusammensetzung schlesischer geistlicher Institute angeregt und die
vorlaufigen Resultate dieser Untersuchungen in der Zeitschrift der Savignystif-
tung fiir Rechtsgeschichte3 zusammengefaBt4: Seine Arbeit iiber das Brixner
Domkapitel bildet in Anlage und Methodik den Hohepunkt in dieser Entwick-
lung, sie wird Vorbild fiir die neuesten Untersuchungen zur Geschichte deut-
scher Domkapitel5. Speziell mit dem Breslauer Domkapitel und seiner standi-
1 Besonders in seinem Werk: Der Adel und die deutsche Kirche im Mittelalter. Studien zur
Sozial-, Rechts- und Kirchengeschichte. Stuttgart 1910. 2. Aufl. (um einen Nachtrag ver-
mehrt) Stuttgart 1922 (Kirchenrechtliche Abhandlungen. Bd. 63/64.)
2 Das Brixener Domkapitel in seiner personlichen Zusammensetzung im Mittelalter. Innsbruck
1924. (Schlernschriften Bd. 7). Papsturkunden fiir Domkapitel bis auf Alexander III., in:
Festschrift, Albert Brackmann dargebr. (Weimar 1931) S. 81-122. Vgl. auch seine grundsatzli-
chen Ausfuhrungen: Urkundenforschung, Weimar 1937, und Beziehungen zwischen Stande-
wesen und Kirche in Schlesien, in: Z. Sav. f. RG, Kan. Abt. 27 (1938), S. 393-413. Beitrage
zur Geschichte des lateinischen Patriarchats von Konstantinopel (1204-1261), Weimar 1938.
3 Z. Sav. f. RG, Kan. Abt. 58 (1938).
4 Vgl. die Zusammenstellung diesbeziiglicher Arbeiten bei Werminghoff, Verfassungsge-
schichte, S. 144, SANTIFALLER, Brixener Domkapitel, S. 33 ff., BRACKMAN in: HZ 113 (1914),
S. 128-rl 36. Dessen Monographic iiber Halberstadt (1899) gehort mit zu den ersten Untersu¬
chungen, die diese Frage behandelten. Vgl. s. Besprechung verschiedener Domkapitels-
Untersuchungen in: HZ Bd. 113 (1914), S. 128-136. Vgl. ferner die reichen Literaturangaben
bei HlNSCHIUS, Das Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten in Deutschland (Bd. 1-6,
Berlin 1869 ff.), Bd. 2 (1878), S. 49-161, sowie bei SCHNEIDER, Die bischoflichen Domkapi¬
tel, ihre Entwicklung und rechtliche Stellung im Organismus der Kirche, Mainz 1892, 2.
Aufl., S. IX ff.
5 Josef OSWALD, Das Alte Passauer Domkapitel. Seine Entwicklung bis zum 13. Jahrhundert
und sein Wahlkapitulationswesen, in: Miinchener Studien zur historischen Theologie, Heft
10, 1933. Zuletzt Hermann GOHLER, Das Wiener Kollegiat-, nachmals Domkapitel zum HI.
Stephan in seiner personlichen Zusammensetzung in den ersten zwei Jahrhunderten seines
Bestandes. 1365-1554, Phil. Diss. Wien 1932. (Masch.). Vgl. auch die Besprechungen der Ar¬
beiten von Samulski und Oswald durch H. GOHLER in: MlOG 49, 1935, S. 127 ff.
150
Erwin Hertwich
schen Zusammensetzung haben sich Santifallers Schuler Gerhard Schindler6
und Robert Samulski7 befaBt.
<S. 5> Ihnen folgte im Jahre 1938 Ilse Schontag8 mit ihren Untersuchun-
gen iiber das Augsburger Domkapitel im Mittelalter. Santifallers Schule ist noch
die Arbeit Gerhard Zimmermanns9 zu verdanken, der erstmalig der Entwick-
lung eines die Stiirme der Reformation iiberdauernden Domkapitels, des Bres-
lauer Domkapitels von St. Johann, nachging. Die Verquickung sozialer, natio-
naler und konfessioneller Verhaltnisse gibt dieser Arbeit einen fast aktuellen
Reiz. Sie ist, abgesehen von einer noch vor Zimmermann im Jahre 1924 durch
Johannes Heckel10 durchgefuhrten Untersuchung iiber die Entwicklung der
evangelischen preuBischen Dom- und Kollegiatstifter und ihren verfassungs-
rechtlichen Unterbau und neben der Geschichte des Guttstadter Kollegiatstiftes
von A. Birch-Hirschfeld11 der erste Versuch, den zeitlichen Rahmen zu spren-
gen.
Santifallers Methodik habe ich in der Anlage meiner Untersuchungen gleich-
falls zu Grunde gelegt, um zu Ergebnissen auf dem Gebiet der Organisation
und Verfassungsgeschichte des Kurlandischen Domkapitels, des kleinsten
Domstiftes im deutschen Ostraum, zu gelangen.
Zugleich bildet vorliegende Arbeit den Versuch, die Herkunft der Bischofe,
Propste, Dekane und iibrigen Domherren, so weit sie sich aus den zuganglichen
Angaben iiber die Dignitare und Domherren iiberhaupt <S. 6> feststellen las-
sen, aufzuhellen und diese Ergebnisse vergleichend zu ordnen. Erhebliche Be-
deutung ist hierbei den von ihnen besuchten Hochschulen und anderen Bil-
dungsstatten und den dort erworbenen akademischen Graden beizumessen,
wahrend die Nachweisung des Geburtsortes in mancher Hinsicht nur von min-
derer Wichtigkeit zu sein braucht. Besondere Bedeutung kommt endlich den
Bindungen an Organisationen und Gliederungen, in deren Reihen sie standen,
6 Das Breslauer Domkapitel von 1347-1417, Phil. Diss. Breslau 1936.
7 Untersuchungen iiber die personliche Zusammensetzung des Breslauer Domkapitels im
Mittelalter bis zum Tode des Bischofs Nanker (1341), Teil I, Weimar 1940.
8 Untersuchungen iiber die personliche Zusammensetzung des Augsburger Domkapitels im
Mittelalter, Phil. Diss., Breslau 1938.
9 Das Breslauer Domkapitel im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation (1500-1600),
Weimar 1938.
10 Die evangelischpn Dom- und Kollegiatstifter PreuBens, insbesondere Brandenburg, Merse¬
burg, Naumburg, Zeitz, in: Kirchenrechd. Abhandlungen, hrsg. von Ulrich STUTZ, Heft
100/101, 1924.
11 Geschichte des Kollegiatstiftes in Guttstadt (1341-1811), ein Beitrag zur Geschichte des
Ermlandes, in: Z G u. A. Erml. 24, Braunsberg 1931.
Das Kurlandische Domkapitel
151
bevor sie nach Kurland kamen, den Mitstudierenden, Forderern und anderen
beachtenswerten Zeitgenossen zu. Weitere Bedeutung verdienen ihre wissen-
schaftlichen und literarischen Bestrebungen, ihre dienstlichen und privaten
Reisen, ihre politischen Neigungen und Missionen. Eine Aufdeckung dieser
reichen Beziehungen und engen Verbindungen gewahrt uns wertvollen Auf-
schluB iiber diese einzigartigen Personlichkeiten, die Gottesmanner und Kamp-
fer, Politiker und Kolonisatoren in einer Person waren. Gerade wir heutigen
haben voiles Verstandnis fur jene Manner, die zumeist nur auf sich selbst ge-
stellt waren, und die von ihnen iibernommenen Aufgaben und anerkennen mit
Bewunderung ihren entschlossenen Einsatz an der Nordostecke des Reiches.
Damit will die Arbeit Einblick in das politische und personliche, in das geistige
und kulturelle Leben des Domkapitels geben und auf die Beziehungen zur Ost-
kolonisation und zur Geschichte des Deutschen Ritterordens, zur livlandischen
Kirchengeschichte und kirchlichen Rechtsgeschichte hinweisen.
Zeitliche beginnt sie mit der ersten Nachweisung eines in Kurland auftre-
tenden Bischofs (Balduin von Aina, Bischof von Semgallen, im Jahre 1232) und
des Kurlandischen Domkapitels (1236 Feb. 5) und schlieBt mit dem Zusam-
menbruch Alt-Livlands und dem damit verbundenen Ende des Deutschen
Ordens in Livland (1562 Marz 5).
Es ist die Zeit des Kampfes um die deutsche Vorherrschaft, der langsamen
Festigung und des endgiiltigen Erstarkens der politischen und kirchlichen Ver-
haltnisse in Livland-Kurland. Es ist aber damit auch die Zeit der ostdeutschen
Kolonisation, der Hanse, des Deutschen Ritterordens, des Kampfes zwischen
dem Deutschtum und seinen ostlichen Gegnern und die Zeit der schlieBlichen
Auflosung und Niederlage der Deutschen. Mit dem Jahre 1562 war die Ent-
wicklung der alt-livlandischen Kirche und ihrer Domkapitel zu einem gewissen
AbschluB gekommen, der unter den neuen Machthabern eine neue Epoche in
der Geschichte Livland-Kurlands einleitet.
Die ungleichmaBige Verteilung des Stoffes ist wie bei den <S. 7> meisten
ahnlichen Untersuchungen geeignet, in mancher vordringlichen Frage und ihrer
entscheidenden Beantwortung Beschrankung aufzuerlegen. Die Liicke vom
Jahr 1472 bis zum Jahre 1494 im Liv-, Est- und Kurlandischen Urkundenbuch
wie auch die zu anderen Zeitabschnitten vielfach nur recht diirftige Uberliefe-
mng muBten eine fliissige Darstellung beeintrachtigen. Zudem wurde bislang
noch keine ausfuhrliche Geschichte eines der livlandischen Bistiimer geschrie-
ben; damit entfallt eine grundliche Vergleichsmoglichkeit zwischen den Dom-
kapiteln.
152
Erwin Hertwich
Die Ergebnisse der erstaunlich umfassenden liv-, est- und kurlandischen
Forschungen Leonid Arbusows12 werden stets ausgewertet und bilden die
schlechthin unentbehrliche Grundlage vorliegender Arbeit iiberhaupt. Seine
Biographien der livlandischen Geistlichkeit bieten eine Fiille von zuverlassigen
Notizen. Das Urkundenmaterial ist fur die behandelte Zeit bis auf die bereits
erwahnte Liicke im Liv-, Est- und Kurlandischen Urkundenbuch fast ohne
zeitliche Unterbrechung gedruckt oder handschriftlich vorhanden13. Wertvoll
sind hier vor allem neben dem Urkundenbuch die Kurlandischen Giiterchroni-
ken, das Hasenpother Stadtbuch und die verschiedenen Briefladen. Zusammen
mit den iibrigen gedruckten Monumentenwerken und Repertorien papstlicher
Register gaben sie der Arbeit vor allem fur den bibliographischen Teil den zeit-
lichen Rahmen. <S. 8> Manches Handschriftliche (Schirrens Nachlafl und
12 Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12. bis ins 16. Jahrhundert. (Separatdruck aus dem Gen.
Jb. 1900, 1901, 1902), Mitau 1904. Dass. 3. Nachtrag. (Separatdruck aus dem Gen. Jb.
1911/12). Mitau 1913.
13 In der Hauptsache wurden benutzt:
Liv-, Est- und Kurlandisches Urkundenbuch, 2 Abteilungen, hrsg. von Friedrich Georg v.
Bunge, Hermann Hildebrand, Philipp Schwartz, und Leonid Arbusow sen., Reval 1853,
Riga 1905. Kurlandische Giiterchronik nach urkundlichen .Quellen, zusammengestellt und
bearbeitet von Friedrich v. KLOPMANN, Bd. 1 Mitau 1856, Bd. 2 Mitau 1894. Neue kurlandi¬
sche Giiterchroniken 1, bearb. von Eduard FlRCKS, Mitau 1890. Kurlandische Giiterchroni-
ken, N. F. 1, Mitau 1895.
Das Zeugenverhor des Franciscus de Moliano (1312). Quellen zur Geschichte des Deutschen
Ordens, hrsg. von der Gesellschaft fur Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen
RuBlands, bearb. von August SERAPHIM, Konigsberg 1912.
Est- und Livlandische Brieflade, III. Teil. Aus dem NachlaB von Baron Robert von Toll,
hrsg. von Philipp SCHWARTZ, Riga 1879. Archiv fur die Geschichte Liv-, Est- und Curlands,
Reval.
J. Ch. Napiersky, Index corp. hist. dipl. Liv., Est., Cur., 2 Bde., Riga 1833 ff. Repertorium
Germanicum: Regesten aus den papstlichen Archiven zur Geschichte des deutschen Reiches
und seiner Territorien im 14. und 15. Jhdt., 1. Bd.: Pontifikat Eugen IV. (1431-1447), unter
Mitwirkung von J. HALLER, J. KAUFMANN und J. LULVES, bearbeitet von R. ARNOLD, Berlin
1897.
Repertorium Germanicum:
1. Bd. Clemens VII. von Avignon (1378-1394), hrsg. von Emil GOLLER, Berlin 1916.
2. Bd. Urban VI., Bonifaz IX., Innocenz VIII., Gregor XII. (1378-1415), bearb. von
Gerd Tellenbach, Berlin 1933.
3. Bd. Alexander V., Johann XXXIII., Konstanzer Konzil (1409-1417), bearb. von Ulrich
KOhne, Berlin 1935.
4. Bd. Martin V. (1417-1431), bearb. von Karl August FlNK, hrsg. von Deutschen Histo-
rischen Institut in Rom, 1. Lief., Berlin 1941.
Woldemarsche Sammlung im Kurlandischen Landesarchiv, Depot im Staatsarchiv zu Berlin -
Dahlem.
Carl SCHIRREN, Quellen zur Geschichte des Untergangs livl. Selbstandigkeit (entspr. Archiv,
neue Folge, Reval, 11 Bde.).
Das Kurlandische Domkapitel
153
Hildebrands Urkundenabschriften) befmdet sich noch im Archiv zu Riga. Die
Auseinandersetzung mit der bolschewistischen Weltanschauung lieB anderes
wichtiges Quellenmaterial ins Reich in Sicherheit bringen (L. Arbusows sen.
NachlaB in der Sammelstelle in Posen als Depot; Woldemarsche Sammlung im
Kurlandischen Landesarchiv, Depot im Staatsarchiv zu Berlin-Dahlem).
<S. 9>
Verzeichnis der im Text
angewandten Abkiirzungen
adm. =
admittiert
N. n. gt.
=
Name nicht genannt
Bf.
Bischof
Not.
No tar
Bew.
Bewerber
O. Cist.
=
Zisterzienserorden
BU
Bistum
O. Fr. Min.
Franziskanerorden
conf. =
Confirmiert
OM
Ordensmeister
Dek.
Dekan
o.O.
=
ohne Ort
DH
Domherr
O. Praed.
Dominikanerorden
Dioz., D. =
Diozese
o.T.
=
ohne Tag
DK
Domkapitel
P.
Papst
D.O.
Deutscher Orden
post.
postuliert
Ebf.
Erzbischof
Pr.
=z
Propst
EBU
Erzbistum
praes.
=
praesentiert
El.
Elekt
Presb.
=
Presbyter
Br. D.O. =
Bruder Deutschen
prov.
=
providiert
HM
Ordens
Hochmeister
resign.
Schr.
—
resigniert
Schreiber
Kapl.
Kaplan
Sekr.
=
Sekretar
Kirchh. =
Kirchherr
Verw.
Verwalter
Kler.
Kleriker
Vik.
=
Vikar
<S. 10>
Verzeichnis der in den Quellenzitaten angewandten Abkiirzungen
Arbusow,
Geistlichkeit I
dass. II
Beitr.
BL
Arbusow sen., Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12.
bis ins 16. Jahrhundert, Separatdruck aus den Gen. Jb.
1900,1901,1902, Mitau 1904.
3. Nachtrag, Separatdruck aus den Gen. Jb. 1911/12,
Mitau 1913.
Beitrage zur Kunde Est-, Liv- und Kurlands, Reval 1873
ff. und Reval seit 1922.
Baltische Lande, Band 1: Ostbaltische Friihzeit, Leipzig
154
Erwin Hertwich
1939.
Gen. Jb.
Jahrbuch fiir Genealogie, Heraldik und Sphragistik,
hrsg. von der kurlandischen Gesellschaft fiir Literatur
und Kunst, Mitau.
HZ
=
Historische Zeitschrift.
Index
=
J. Ch. NAPIERSKY, Index corporis hist. dipl. Livoniae
etc. (s. Quellenverzeichnis).
Mitt.
Mitteilungen aus der livlandischen Geschichte, hrsg. von
der Gesellschaft fiir Geschichte u. Altertumskunde zu
Riga, seit 1840.
MlOG
—
Mitteilungen des Osterreichischen Instituts fiir Ge-
schichtsforschung
Repert. Germ.
=
Repertorium Germanicum (s. Quellenverzeichnis).
SB Mitau
—
Sitzungsberichte der kurlandischen Gesellschaft fiir
Literatur und Kunst, Mitau seit 1848 (1850).
SB Riga
Sitzungsberichte der Gesellschaft fiir Geschichte und
Altertumskunde der Ostseeprovinzen Russlands, Riga
seit 1873.
UB
=
Liv-, Est- und Kurlandisches Urkundenbuch (s. Quel¬
lenverzeichnis).
Z d. hist. V.
Marienw.
—
Zeitschrift des historischen Vereins fiir den Regierungs-
Bezirk Marienwerder, Marienwerder.
Z G u. A Erml.
—
Zeitschrift fiir die Geschichte und Altertumskunde
Ermlands, Braunsberg.
Z Sav. f. RG.,
Kan. Abt.
—
Zeitschrift der Savigny-Stiftung fiir Rechtsgeschichte,
Kanonistische Abteilung.
<S. 11>
A. Ungedruckte Quellen
ARBUSOW, L., sen., NachlaB,
1. Regesten kurlandischer Giiterurkunden bis 1562. Maschinenschrift in der
Sammelstelle fiir baltisches Kulturgut, Posen, Domherr-Klinkestr. 1.;
2. Sammlung von Urkundenabschriften von 1200 - ca. 1700, handschriftlich
bei L. Arbusow jun. in Posen.
3. Verzeichnis aller Urkunden zur Livlandischen Geschichte bis 1423. Ma-
schinenschrift in der oben genannten Sammelstelle.
BAUER, A., Abschriften kurlandischer Giiterurkunden vom 13.-16. Jahrhun-
dert, in derselben Sammelstelle.
Das Kurlandische Domkapitel
155
Hasenpother Denkelbuch, von 1550 ff. mit samtlichen Privilegien seit dem 14.
Jahrhundert, handschriftliches Original in der Sammelstelle fiir baltisches
Kulturgut, Posen, Domherr-Klinkestr. 1.
Hasenpother Stadtbuch siehe Hasenpother Denkelbuch.
HILDEBRAND, H., Urkundenabschriften nach L. Arbusow sen. fur das Livlan-
dische Urkundenbuch, Archiv Riga.
SCHIRREN, C., Handschriftlicher NachlaB (vom Beginn der livlandischen Ge-
schichte bis etwa zum Ende des 17. Jahrhunderts reichend) im Archiv Riga:
Urkundenabschriften ,,Varia“ I, II aus Stockholm (11,4) aus Kopenhagen
(12,1); Urkundenregesten aus Stockholm I. Ausbeute 1,2; II. Ausbeute 1-10;
aus Kopenhagen 1-7; Exzerpte aus gedruckten Werken 1-5.
Im Text sind nach L. Arbusow sen. diese Abschriften zitiert als Codex Po-
pens., Archiv Kopenhagen; Codex Kopenhagen; Collectanea des Jakob Varus,
Archiv Riga; Kopenhagen Kopialbuch, Archiv Kopenhagen; Konigliche of-
fentliche Bibliothek, St. Petersburg; LlLJEGREN, Diplom. Suecanum 3 [ein
schwedisches gedrucktes Urkundenbuch]; Stockholm, Livland. Conv., Reichs-
archiv Stockholm.
Woldemarsche Sammlung im Kurlandischen Landesarchiv, Depot im Staatsar-
chiv zu Dahlem bei Berlin.
<S. 12>
B. Gedruckte Quellen
Annales Dunamundenses, in: SS. rer. Pruss. II, Leipzig 1861-63.
Annales Pelplinenses, in: SS. rer. Pruss. I.
Annales Ronneburgenses, in: SS. rer. Pruss. II.
ARBUSOW, L., Romische Arbeitsberichte I-IV LUR/AUL XVII, 1928, XX,
1929, Fil. un. fil. fak. serija 1,3 1929,11,4 1933.
Archiv fiir die Geschichte Liv-, Est- und Curlands, Dorpat und Reval 1842 ff.
BERGER, E., Les Registre d’Innocent IV, Paris 1881/97.
Briefe und Urkunden zur Geschichte Livlands in den Jahren 1858/62, hrsg.
von F. BlENEMANN, 5 Bande, Riga 1865/76.
BOHMER, J. Fr., Regesta Imperii V. Die Regesten des Kaiserreichs unter Phil¬
ipp, Otto IV., Friedrich II., Heinrich (VII.), Conrad IV., Heinrich Raspe,
Wilhelm und Richard, neu hrsg. und erganzt von J. FlCKER und E.
WlNKELMANN, 3 Bde., Innsbruck 1881-1901.
Canonicus Sambiensis, in: SS. rer. Pruss. I.
Chronicon Livoniae des Hermann von Wartberge, in: SS. rer. Pruss. II.
Chronicon terrae Prussiae des Petrus von Dusburg, in: SS. rer. Pruss. I.
156
Erwin Hertwich
DOGIEL, M., Codex diplomaticus, Bd. 5, Pilnae 1759.
Est- und Livlandische Brieflade I, hrsg. von F. G. VON BUNGE und Baron R.
von TOLL, 1856/77, II von E. PABST und Baron R. VON TOLL, 1861/64, III
von Ph. SCHWARTZ, 1879, IV (Siegel und Miinzen) von J. SACHSENDAHL,
Register zu II von P. Th. FALK, 1885.
Heinrici Chronicon Lyvoniae, hrsg. von W. ARNDT, SS. rer. Germ, in us.
schol., Hannover 1874.
HENNES, J. H., Codex diplom. ordinis S. Mariae Theutonicorum, Mainz 1861.
HILDEBRAND, H., Livonica, vornehmlich aus dem 13. Jahrhundert, im Vatica-
nischen Archiv, Riga 1887.
DERS., Das Rigaische Schuldbuch, St. Petersburg 1872.
KARLSSON, К. H., Handlinger rorande Dominikaner-Provinsen Dacia, Stock¬
holm 1901.
Kurlandische Giiterchroniken nach urkundlichen Quellen, zusammengestellt
und bearb. von Friedrich VON KLOPMANN, I. Bd. Mitau 1856, II. Bd. Mitau
1894.
<S. 13>
Neue Kurlandische Giiterchroniken, bearb. von E. VON FlRCKS, 1. Mitau 1890;
Neue Folge, 1. Mitau 1895.
Livlandische Giiterurkunden, 1. hrsg. von H. BUSCH und H. VON BRUININGK,
1903, 2. von H. VON BRUININGK, 1923. Vgl. hierzu den Eigenbericht des
Hrsg., Mitt. 22, Riga 1924.
Liv-, Est- u. Kurlandisches Urkundenbuch
I. Abt. Bd. 1-6, hrsg. von F. G. VON BUNGE, Reval, von Bd. 5 an Riga
1852/73, Bd. 7-9 von H. HILDEBRAND 1881/89, Bd. 10-11 von Ph.
Schwartz 1895/1905, Bd. 12 (bis 1472) von Ph. Schwartz und A. von
BULMERINCQ 1910.
II. Abt. (beginnt mit 1494) Bd. 1, hrsg. von L. ARBUSOW sen., 1900, Bd. 2
von DEMS. 1905, Bd. 3 (bis 1510) von DEMS. 1914.
III. Abt. Akten und Rezesse der livlandischen Standetage, Bd. 1, hrsg. von O.
STAVENHAGEN und L. ARBUSOW sen., 1907/35, Bd. 2 von A. BAUER, be-
gonnen 1934, Bd. 3 von L. ARBUSOW sen., 1910.
HOLLANDER, A., Sachregister zum Liv-, Est- und Kurlandischen Urkunden¬
buch, Bd. 7-9, Riga/Moskau 1900.
VON BUNGE, G., Liv-, Est- und Kurlandische Regesten bis zum Jahre 1300,
Leipzig 1881.
MASCHKE, E., Drei Livonica des 13. Jahrhunderts, in: Hansische Geschichts-
blatter, 58. Jahrgang 1933, Liibeck 1934.
Das Kurlandische Domkapitel
157
Monumenta Germaniae Historiae Epistulae saec. XIII, Tom. II.
NAPIERSKY, J. Ch., Index corporis hist. dipl. Livoniae, Esthoniae, Curoniae, 2
Bde., Riga 1833 ff.
NAPIERSKY, L., Die Erbebiicher der Stadt Riga, 2 Bucher in 1 Bd. 1888.
DERS., Die libri redituum der Stadt Riga, 3 Bucher in 1 Bd., Leipzig 1881.
PERLBACH, M., Preussische Regesten bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts,
Konigsberg 1876.
DERS., Prussia scholastica: Die Ost- und Westpreussen auf den mittelalterlichen
Universitaten, Braunsberg 1895.
Quellen zur Geschichte des Untergangs livlandischer Selbstandigkeit 1558-61
[aus dem schwedischen Reichsarchiv zu Stockholm und dem danischen Ge-
heimen Archiv zu Kopenhagen], hrsg. von C. SCHIRREN, Archiv N. F. I-XI,
1861/85.
<S. 14>
Repertorium Germanicum. Regesten aus den papstlichen Archiven zur Ge¬
schichte des deutschen Reiches und seiner Territorien im XIV. und XV.
Jahrhundert, 1. Band Pontifikat Eugen IV. (1431/47) unter Mitwirkung von J.
HALLER, J. KAUFMANN und J. LULVES, bearb. von R. ARNOLD, Berlin 1897.
Repertorium Germanicum.
1. Band Clemens VII. von Avignon (1378/94), hrsg. von E. GOLLER, Berlin
1916.
2. Band Urban VI., Bonifaz IX., Innozenz VII., Gregor XIII. (1378/1415),
bearb. v. G. TELLENBACH, 1933.
3. Band Alexander V., Johann XXIII., Konstanzer Konzil (1409/17), bearb.
v. U. KUHNE, Berlin 1935.
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Das Kurlandische Domkapitel
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1. Historische Ubersicht
Grundung des Bistums und die Anfange des Domkapitels
Kurland gait schon als unstrittiger Besitz der rigaischen Kirche, als der Mann,
mit weitgehenden Vollmachten ausgeriistet, nach Livland kommt, der zwar
durch seine entschieden hierarchisch gerichteten Bestrebungen fur einige Zeit
der Kolonie in ihrem inneren Gefuge hart zusetzt, zugleich aber auch alle vor-
handenen Krafte fur das wachsende deutsche Staatswesen auf den Plan ruft,
indem er sie zur Abwehr seiner Absichten zwingt: Balduin1, der Zisterzienser-
monch des Klosters Aina2 aus der Diozese Liittich.
Der papstliche Legat in Danemark, Otto, Kardinaldiakon tit. s. Nicolaus in
carcere Tulliano, war vom Papst Gregor IX. beauftragt worden, einen nach
dem Tode des Bischofs Albert von Riga im Jahr 1229 iiber die Ernennung
seines Nachfolgers zwischen dem Erzbischof von Bremen und dem Rigaischen
Domkapitel entstandenen Streit auszugleichen3. Mit der Entscheidung des
Streites betraute Otto seinen Vizelegaten und Ponitentiar Balduin, der im
Herbst 1230 in Livland eintraf, die Verwaltung des Bistums Riga wie ebenso
des vakanten Bistums Osel iibernahm und sich vom Deutschen Orden formell
die papstlichen Provinzen Jerwen und Wierland iibertragen lieB. Weit iiber
seine eigentliche Aufgabe dehnte Balduin seine Tatigkeit aus, indem er ohne
Riicksicht auf die verstandlichen Wiinsche der Livlander einseitig die Absichten
der Kurie zu verwirklichen trachtete und dabei auch seine eigenen Interessen
nicht vergaB.
In einem mit den Kuren beiderseits der Windau abgeschlossenen Vertrage4,
in dem vor allem festgelegt wurde, wer die Taufe der noch heidnischen, aber
zur Unterwerfung durchaus geneigten Kuren vornehmen, wer sie mit Geistli-
chen versehen sollte, unterwarfen sich diese ihm und dem Papste. Andere Ver¬
trage folgten.5 Balduins Wunschbild eines papstlichen Kirchenstaates im Os ten,
1 Uber die Wirksamkeit Balduins von Aina: SCHWARTZ, Kurland, S. 18 ff. SCHONEBOHM,
Livlandische Bistumer, S. 354 ff. CHUDZINSK1, Kurland, S. 9 f. BUNGE, Weihbischofe, S. 39
ff. ARBUSOW, Geschichte, S. 36 ff.
2 Heute: Aulne bei Thuin, siidlich Charleroi, Flandern.
3 Bullen Gregors IX. vom 4. Apr. 1230 und vom 8. Apr. 1231, UB 1, Nr. 108 und Reg. 120b.
4 UBl.Nr. 103.
5 UB 1, Nr. 104-106.
164
Erwin Hertwich
an sich nur die Fortsetzung der Idee Bischof Alberts, kam seiner Verwirkli-
chung naher. Aus alien spricht das Ziel der Griindung eines papstlichen Staates.
<S. 22> Die Rigaische Kirche und die Biirgerschaft der Stadt Riga wandten
sich, fur ihre erworbenen Rechte Gefahr sehend6, gegen ihn, und auch der Or-
den der Schwertbriider7 war nicht bereit, von seinen Anspriichen zuriickzutre-
ten8.
Eine Reise nach Rom tragt Balduin neben anderen wichtigen Vollmachten9
am 28. Januar 1232 die Ernennung zum Bischof von Semgallen10 und am glei-
chen Tag die Erhebung zum Legaten11 in ganz Livland, Finnland und Godand
und am 3. Februar auf Lebenszeit die Verwaltung von Kurland ein.12 Die Er-
richtung eines Bistums lag noch nicht in der Absicht. Moglicherweise wollte
Balduin, wie Schonebohm annimmt, das auf diesem Wege der rigaischen Kir¬
che entrissene Kurland mit dem Bistum Semgallen vereinigen. Obwohl er bei
seiner Riickkehr, trotz seiner in die dortigen Verhaltnisse tief eingreifenden
Machtbefugnisse, mildere Seiten aufzuziehen versuchte, wagte sich der alte
Gegensatz bald wieder hervor, seine Stellung wird unhaltbar, und dem Bischof
von Riga und dem Schwertorden gelingt es, schon nach zwei Jahren bei Gregor
IX. die Entziehung der Legation auszuwirken13. Der Papst entkleidet Balduin
aller Amter, doch lafit er ihn zunachst noch im Besitz von Semgallen und Kur¬
land. Wilhelm, der ehemalige Bischof von Modena, wird Legat als Nachfolger
Balduins14 und soil den diplomatischen MiCgriff wiedergutmachen.
Ein neuerlicher Romaufenthalt in den Jahren 1235/46 versagt Balduin den
erhofften Erfolg15. Er verschwindet aus der livlandischen Geschichte, nachdem
er sein Bistum in die Hande des Papstes zuriickgab.16 17 1237 nennt er sich als
Weihbischof des Erzbischofs von Koln episcopus quondam Semigalliensis'1.
Die weltlichen Krafte, die die junge Kirche zur Mitarbeit <S. 23> benotigt
hatte, gaben nun auch von sich aus der livlandischen Kolonie ihren ausgeprag-
6 Vgl. UBl.Nr. 134.
7 Vgl. BUNGE, Schwertbriider.
8 UB 1, Nr. 105, 106, 120.
9 UB 1, Nr. 115-124 (die papstlichen Bullen und Breven vom 28. Jan. 1232 bis 11. Feb. 1232).
10 Vgl. UBl.Nr. 115, 122.
11 Vgl.UB 1, Nr. 115.
12 UBl.Nr. 119.
13 Gregors IX. Bulle vom 20 Nov. 1234, UB 1, Nr. 132.
14 Vgl. UBl.Nr. 132.
15 Bullen Gregors IX. vom 20. Nov. 1234, UB Reg. Nr. 154a und vom 24. Feb. 1236, UB 1, Nr.
145.
16 Alberichs Chronik, in: Pertz, Mon. Germ. XXIII, S. 940.
17 UB 6 Reg. 173a, S. 8 und Nr. 3168, S. 611.
Das Kurlandische Domkapitel
165
ten, staatlichen Stil und mochten nicht im geringsten daran denken, diese er-
strittene Selbstandigkeit einer unbedingten papstlichen Autoritat zu opfern.
Diese Fehlberechnung brachte Balduins Konstruktion zum Scheitern.
Der neue Legat instituiert noch im Herbst 1234, am 10. September, wohl
gleichzeitig mit dem Bischof Heinrich von Osel, den ersten Bischof von Kur¬
land, Engelbert18. Milde und versohnend, die Gegensatze im Lande ausglei-
chend, fallt sein Schiedsspruch aus.
Seit seiner Griindung hatte sich der Schwertbriiderorden an alien Kampfen
beteiligt. Da der Orden jedoch infolge seiner geringen Zahl nie als Gegenge-
wicht zur livlandischen Kirche sich Geltung zu verschaffen vermochte, ge-
schweige denn das Ubergewicht erhielt, kniipfte der Ordensmeister Polkwin
ungeachtet widerstrebender Meinungen mit dem weit starkeren Deutschen
Orden Verhandlungen an, die schlieBlich nach der vollstandigen Niederlage des
Schwertbriiderordens am 22. September 1236 durch die Litauer und Semgaller
bei Alt-Rehden19 (bei Bauske) zur Inkorporation in den Deutschen Orden
fiihrten. Der Deutsche Orden wurde somit in dieser Not der Erbe der Briider
von der Ritterschaft Christi und der Retter des jungen Deutschtums im fernen
Nordosten. Vom 13. Mai 1237 zu Viterbo ist die Bulle datiert20, die die vollzo-
gene Vereinigung bekanntgibt. Ausdriicklich bestimmt diese Bulle: ... ut ipsi et
ceteri fratres predicti hospitalis sancte Marie theutonicorumy qui pro tempore fuerint in Livo¬
nia, sicut hactenus, sub dioecesanorum et aliorum prelatorum suorum iurisdictione consistant,
non obstantibus indultis memoratis magistro etfratribusprivilegiis libertatis.
<S. 24> Als Nachfolger des Ordens der Schwertbriider betrachtet sich der
Deutsche Orden in Kurland als Lehntrager der Bischofe.21
Die Nachrichten iiber Engelbert sind sehr diirftig. Am 17. September hat
Engelbert die Grenzen der Diozesen Riga, Semgallen einerseits und Kurland
andererseits urkundlich festgelegt22. Nicht ganz Kurland soil zu seiner Diozese
gehoren, sondern nur das Land zwischen der preuBischen Memel und der Win-
dau und das zwischen der Windau und deren NebenfluB, der Abau, einge-
schlossene Gebiet bis nach Semgallen und Litauen hin. Die iibrigen Teile Kur-
18 SCHONEBOHM, Livlandische Bistumer, S. 355 f. nimmt im Gegensatz zu SCHWARTZ, Kur¬
land, S. 42 ff. diese gleichzeitige Ernennung als wahrscheinlich an.
19 Lettisch: Saule oder auch moglicherweise bei Schaulen, weiter sudwestlich, in einer litau-
ischen Landschaft, fand die Entscheidungsschlacht statt.
20 UBl.Nr. 149.
21 BO'ITNER, Schwertbriiderorden, in: Mitt. 11, Verhandlungen zur Inkorporation des Schwer-
briiderordens.
22 UBl.Nr. 153.
166
Erwin Hertwich
lands gelangen zu den Bistiimern Riga und Semgallen. Nach seiner Einsetzung
hatte Bischof Engelbert de censensu dicti domini legati (Wilhelm von Modena) mit
dem Schwertbniderorden einen Vergleich23 abgeschlossen, wonach diesem der
dritte Teil des Gebietes der kurlandischen Diozese zugewiesen wird, dem Bi¬
schof zwei Drittel verbleiben. Es war wie in Livland, und auch hier muB der
Orden im Vasallitatsverhaltnis zum Bischof gestanden haben, wahrend in Kur¬
land im Jahr 124524, der zweiten Eroberung, hinsichtlich des Landbesitzes das
Verhaltnis zwischen beiden Teilen sich umkehrt: Der Orden ist sehr gegen den
Willen der livlandischen Bischofe wie in PreuBen der vorherrschende Teil mit
zwei Drittel Grundbesitz! Zwei Tage nach dieser urkundlichen Fesdegung er-
folgte seine papstliche Bestatigung. Der ehemals zwischen den Schwertbriidern
und Bischof Engelbert abgeschlossene Vertrag wird aufgehoben, desgleichen
werden alle iibrigen etwa anderslautenden Vereinbarungen fur nichtig erklart.
Als schlieBlich gar ein Schiedsgericht beim Papst seitens des Ordens durchge-
setzt wird, in dem als Richter auch Wilhelm von Modena wirkt, wird am 24.
Februar 1251 zu Lyon die Entscheidung zu Gunsten des Ordens gefallt. Der
Bischof muB die Anrechte des Ordens vollauf anerkennen: Zwei Drittel geho-
ren dem Orden, die erzbischofliche Gerichtsbarkeit soil der Metropolit aber
auch hier besitzen. Auch ein Domkapitel entsteht.25
<S. 25> Wie lange dieses erste Bistum Kurland bestanden hat, ist nicht
nachzuweisen, sicher noch gegen Ende des Jahres 1237. Als bestimmt unterge-
gangen erscheint es im Jahr 1242. Im groBen Kurenaufstand stirbt Engelbert
mit seinen Kanonikern26 von der Hand der Kuren. Im Mai 1242 ist er tot 27.
Damit treten zum ersten Mai kurlandische Domherren in Erscheinung, obwohl
in den Urkunden im ersten Band des Urkundenbuches (Nr. 171, 181, 234, 316),
die von Bischof Engelbert handeln und die bald nach seinem Tode abgefaBt
23 Vgl. UB 1, Nr. 171, 181, 224, 234, 316. Der Vertrag selbst ist nicht mehr vorhanden.
24 Urkunde Wilhelms von Modena vom 5. Feb. 1245, UB 1, Nr. 181. Bestatigung durch Inno-
zenz IV. vom 7. Feb. 1245, UB 1, Nr. 182. Schiedsspruch vom 24. Feb. 1251, UB 1, Nr. 218.
25 SS. rer. Pruss. II, S. 34 f. und 36, UB 1, Nr. 181: ... et eodem episopo infidelium manibus interfecto ...
Vgl. Schwartz, Kurland, S. 48 f.
26 In UB 8 Nr. 440, S. 258 Zeugenverhor (3. Zeuge), S. 259 (5. Zeuge) erklaren beide Zeugen
nach Horensagen, dab Bf. Engelbert mit seinen Domherren in villa Degherhoveden getotet
worden sei. Degerhof lag aber nach den Bestimmungen des Jahres 1237 innerhalb der der ri-
gaischen Kirche in Kurland zugewiesenen Gebiete. In einem anderen historischen Denkmal,
den Series episcoporum Curoniae, erscheint ebenfalls die Nachricht, daB der Bf. in Deger-
honedung von den Litauern getotet worden sei. Nach 1431 wurde wohl diese durch Traditi¬
on fortgepflanzte Nachricht der Inschrift unter dem Bilde des Bf. Engelbert hinzugefugt und
von hier in das Bf.-Verzeichnis ubernommen, vgl. SB, Riga 1887, S. 6 ff.
27 UB 1, Nr. 171. Vgl. Schwartz, Kurland, S. 49.
Das Kurlandische Domkapitel
167
sind, von solchen nicht die Rede ist. Nur eine gefalschte Urkunde, die also
nicht weiter in Betracht kommt, erwahnt sie28. Unmoglich ist es nicht, daB der
Bischof ein Kapitel ernannt hat, da auch die semgallische Kirche zur gleichen
Zeit ein Kapitel hat, dieses aber in Riga lebt und von der rigaischen Kirche
versorgt werden muB29. Auch Bischof Engelbert mag mit oder ohne Domher-
ren im Gebiet der Diozese Riga gelebt haben oder er ist vor den aufstandischen
Kuren geflohen, ohne aber seinem Schicksal zu entgehen.
Am 5. Februar 1246 werden zum zweiten Mai Domherren eines Kurlandi-
schen Domkapitels erwahnt. Innozenz IV. erlaubt dem nicht mit Namen ge-
nannten Bischof von Kurland die Aufstellung eines Kapitels30 31 und gesteht ihm
ausdriicklich das Recht der Visitation zu. War schon die Zuteilung von zwei
Gebietsdritteln an den Deutschen Orden vom Jahr 1245 ex gratia sedis apostolicae
und auctoritate domini Рараеъх erfolgt, so gibt die Bestatigung Innozenz IV. vom
Jahr 1246 noch deutlicher die Absicht der Kurie zu erkennen, indem als Mit-
glieder des Kapitels nur Ordenspriester in Frage kommen, die allerdings nicht
dem Meister des Deutschen Ordens sondern dem Bischof unterstellt werden.
Der Deutsche Orden soil sich nicht erkiihnen, die kurlandische Kirche sich zu
unterwerfen, sie ist niemand anderem untertan als dem Papst.
<S. 26> Wenn es in der Bulle des Papstes Alexander IV. vom 19. April
126032 heiBt, daB der Bischof von Kurland noch iiber kein Kapitel verfuge, so
ist dieser scheinbare Widerspruch wohl damit zu erklaren, daB das erste Kapitel
durch ganz besondere Umstande zur Auflosung kam und infolge der schwieri-
gen politischen Verhaltnisse wie wohl auch aus Mangel an Existenzmitteln
nicht mehr ins Leben gerufen wurde. Dasselbe hat mit hoher Wahrscheinlich-
keit auch fur den scheinbaren zweiten Widerspruch Geltung, wenn in der
Griindungsurkunde des Bischofs Edmund von Kurland vom Januar 129033ein
Kapitel aus Deutschordensbriidern gestiftet wird, quod episcopatus noster ecclesie
s. Marie in Curonia usque ad tempora nostra caruit collegio canonicorum. Mit wahr-
scheinlicher Sicherheit ist anzunehmen, daB die Erinnerung an friihere Domka¬
pitel nicht mehr wach gewesen ist. Eine andere Stelle weist demgegeniiber ja
28 UB 1, Nr. 224. Vgl. Schwartz, Kurland, S. 43 f.
29 UBl,Nr. 154.
30 UB 6, Nr. 2729. Von dieser Urkunde hatte KALLMEYER wohl noch keine Kenntnis, da er die
Frage des Kurlandischen DK in seiner kurz vor seinem Tod 1859 veroffentlichten Abhand-
lung „Die Begriindung deutscher Herrschaft“ nicht erortert. Das UB 6 erschien im Jahr 1867.
31 UB 1, Nr. 181. Vgl. Anm. 24.
32 UB 1, Nr. 351: ... episcopo ipsius Curonie nullum adhunc habente capitulum.
33 UBl.Nr. 530.
168
Erwin Hertwich
gerade wieder auf ein bereits einmal in Erscheinung getretenes Kapitel aus-
driicklich hin34.
Kurland wird als Suffraganat dem Metropoliten des ins Leben gerufenen
Erzbistums Riga zugeteilt, die Besetzung des Bistums jedoch behalt sich die
Kurie vor.35 Livland betrachtet sie als Territorium des Papstes.
Der Nachfolger Engelberts, der Predigerbruder Guarnerus (deutsch: Wer¬
ner)36, ein familiaris des Landgrafen Heinrich Raspe von Thiiringen, ist schat-
tenhaft. Zweimal37 verwendet sich der Papst Innozenz IV. fur ihn und mochte
ihn ein drittes Mai schlieBlich zum Bischof von Pomesanien oder Ermland38
ernannt wissen. Es laBt sich nicht mit Sicherheit nachweisen, ob und wann
Kurland zu dieser Zeit einen Bischof erhalt.39
<S. 27> Fur Februar 1248 ist allerdings ein kurlandischer Bischof belegt40,
vermutlich lebte er jedoch auBer Landes41.
Am 3. Marz 1251 wird der Bischof von Semgallen, Heinrich von Liitzel-
burg, nach Aufhebung seines Bistums im Einverstandnis mit dem Erzbischof
zu Riga, mit dessen Kapitel und mit Billigung des Ordensmeisters auf den va-
kanten42 kurlandischen Bischofsstuhl versetzt.
Ein Jahr spater und auch 1253 wird mehrfach ein Propst Hetzelinus (Exze-
linus) genannt43, auch ein Domherr Johannes Hase ist belegt44, doch hat sich
das Kapitel nicht halten konnen. Noch einmal, im Jahr 1254, ist ein Kapitel
nachzuweisen45, und um 126046 werden canonici seculares47 erwahnt.
An die erste Unterwerfung der Kuren und Semgallen in den vierziger Jah-
ren48 des 13. Jahrhunderts hatte sich die zweite Periode der Eroberung Kur-
34 Vgl. Anm. 46
35 Vgl. betreffs der Besetzung des Bistums Kurland auch: KALLMEYER, Begriindung deutscher
Herrschaft in Kurland.
36 SCHONEBOHM, Livl. Bistiimer, S. 358.
37 Vgl. STREHLKE, Aufzeichnungen, SS. rer. Pruss. V, S. 390. M. G. Epist. saec. XIII, Bd. II, S.
137, Nr. 181; Reg. Imp., Bd. II, Nr. 7632.
38 Strehlke, a. a. O.
39 Bunge, Weihbischofe, S. 69 f., Anm. 285.
40 Reg. Imp., Bd. II, Nr. 7950 nach M. G. Ep. saec. XIII, Bd. II, S. 356.
41 UB 6, Reg. 222, S. 12.
42 UBl.Nr. 219.
43 UB 1, Nr. 241,248-50.
44 UB 1, Nr. 253: Her Johan, geheten Hase, unse dumhure.
45 UBl.Nr. 373.
46 SERAPHIM, Zeugenverhor, Z VII, 6: ... quod in ecclesia Curonensi olim fuerunt canonici seculares et
modo sunt ibi canonici de ordine dictorumfratrum... Vgl. UB 2, Sp. 64.
47 Vgl. WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 146.
48 Chudzinskj, Kurland, S. 16 ff.
Das Kurlandische Domkapitel
169
lands, die Einbeziehung Litauens und Samaitens in die Deutschordenspolitik in
den funfziger Jahren des 13. Jahrhunderts gereiht49. Doch die samaitisch-
litauische Nationalpolitik zerstort mit ihren Erfolgen diese Bestrebungen, sie
erschiittert und gefahrdet den Ordensbesitz in Kurland auf das heftigste50. Der
Tag von Durben, der 13. Juli 126051, steht am Ende der Ordenspolitik in Litau-
en und am Anfang eines dritten Geschichtsabschnittes in der Unterwerfung
Kurlands.52
<S. 28> Bischof Heinrich geht sicherlich nach der vernichtenden Niederla-
ge bei Durben auBer Landes, wendet sich, wie schon mehrmals zuvor, nach
Deutschland, und ist fur die nachste Zeit als Weihbischof, seit Anfang des Jah-
res 1263 als Bischof von Chiemsee, tatig53. Der Deutsche Orden setzte beim
Papst einen Deutschordensbruder als neuen Bischof von Kurland durch: Ed¬
mund von Werd (Werth).54 Auch dieser ist zunachst als Weihbischof in West-
und Mitteldeutschland bezeugt (1267-1287)55, und erst Anfang des Jahres 1290
ist seine Anwesenheit im eigenen Bistum nachzuweisen56. Bis zu diesem Jahr
etwa ist die Unterwerfung Kurlands endgiiltig durchgefuhrt worden, Kuren und
Semgaller sind mit eiserner Entschlossenheit unter die Ordensherrschaft ge-
zwungen worden57. Als auBerer Ausdruck dieses endgiiltigen Sieges des
Deutschtums mag der jetzt beginnende Aufbau der deutschen Herrschaftsstel-
lung auch hinsichtlich der deutschen bzw. romisch-kirchlichen Gepflogenheiten
gelten.
Auch das zweite Kurlandische Domkapitel hatte nach der Schlacht bei Dur¬
ben mit groBter Wahrscheinlichkeit sein Ende gefunden. Denn als Bischof
Edmund im Jahr 1290 voriibergehend ins Land kommt, nimmt er im Januar
eine Neugriindung des [dritten] Kapitels vor. Der Bischof stellt sich das Dom¬
kapitel mit Zustimmung des Ordensmeisters zusammen. Dies ist ihm in keinem
anderen Stift, mit Ausnahme des Erzstiftes, doch auch hier erst spat, und als
der Erfolg fast ohne Bedeutung war, trotz mehrmaliger Ansatze dazu, gelun-
gen. Jetzt erst ist die Inkorporation ganz durchgefuhrt. Nur Briider des Deut-
49 Chudzinski, Kurland, S. 27 ff.
50 Chudzinski, Kurland, S. 45 ff.
51 Annal. Dunamund., in: SS. rer. Pruss., Leipzig 1861. Vgl. Reimchronik, Vers 5618-5696 und
Vers 5703-5707, 5709, SS. rer. Pruss. I, S. 537.
52 Chudzinski, Kurland, S. 60 ff., 72 ff.
53 SCHONEBOHM, Livlandische Bistiimer, S. 359.
54 UB 3 Nr. 374a.
55 Bunge, Weihbischofe, S. 74 ff.
56 UB 1, Nr. 530, vom Jan. 1290.
57 Arbusow, Geschichte, S. 45 ff.
170
Erwin Hertwich
schen Ordens, und nur wenn der Ordensmeister ihre Wahl genehmigt, diirfen
das Kurlandische Domkapitel bilden58. Die Wahl besorgen Bischof und
<S. 29> Kapitel in Ubereinstimmung. Hervorgehoben wird besonders, dab
den Domherren alle kanonischen Rechte vorbehalten werden sollen. Hierzu
gehort auch das Recht der Bischofswahl. Sechs Deutschordenspriester, die der
Ordensmeister schon friiher dazu bestimmt hat59, wahlt Edmund fur sein Ka¬
pitel aus, mit dem er in Memel60 residiert. Die anderen Domstifter hatten ein-
schlieBlich Propst und Dekan zwolf Domherren. In Kurland zwingt, wie die
Urkunde besagt, der geringe Territorialbesitz und die durch viele Kriegswirren
herbeigefuhrte Armut des Landes zu dieser einschrankenden SparmaBnahme.61
Da der Deutsche Orden zugleich Priesterorden ist, so ist die Moglichkeit
gegeben, die ihm inkorporierten Bistumer-Bischofsstiihle und Domkapitel mit
Ordensbriidern zu besetzen. Diese Aussicht hat er nunmehr nach PreuBen
bereits im 13. Jahrhundert auch in Kurland verwirklicht. In einer Hand will er
die Machtmittel des ganzen Landes zusammenballen und dem Staat nutzbar
machen.
58 UBl.Nr. 530.
59 Anregung des am 26. Marz 1267 im Kampf gegen die Semgallen gefallenen Meisters Willekin
von Endorp, ein neues Domkapitel zu errichten,... postulates longis retroactis temporibus ab eorum
superiore videlicetfratre Wyllekino, magistropraedicti ordinis in Uvonis..., in: UB 1, Nr. 530.
60 UB 1, Nr. 532 I:... duobus canonicis de Memela, fratribus nostris und UB 1, Nr. 533 Bf. Edmund:...
in domo nostra Memele... Vgl. UB 1, Nr. 531. Vgl. SCHWARTZ, Kurland, S. 96 f. Soldingen kam
nicht in Betracht, da der Bf. nach UB 1, Nr. 373 auf jeden Anspruch verzichtet hatte. Spater
(seit dem 14. Jahrhundert) residierten die Bfe. (bis zum Tod des letzten Bf. von Kurland) in
Pilten, die Domherren in Hasenpoth, das wie die Burgen Amboten und Neuhausen unter
Mithilfe des D.O. erbaut worden war und 1378 vom Kurlandischen DI< Stadtrecht erhielt.
61 Nachdem der D.O. das danische Esdand erworben hatte (1346), umfaBte die neue Kolonie
fiinf deutsche geistliche Territorien:
1. Erzbistum Riga. Der Metropolitangewalt des Ebf. sind die livlandischen (ausgenommen
der zu Reval) und die preuBischen Bfe. unterstellt. In seinem Territorium besitzt er nicht
nur die hochste geistliche, sondern als Markgraf des Reiches auch die weltliche Landes-
hoheit.
2. Bistum Dorpat. Bf. ist Reichsfurst und Landesherr. Sein Territorium besitzt als einziges
keine Ordens-Enklaven.
3. Bistum Kurland. Bf. erhalt erst 1520 die Reichsfiirstenwiirde zugesprochen. Seine Resi-
denz ist Pilten. Kurie rechnet Kurland zu PreuBen.
4. Bistum Osel-Wiek. Bf. ist ebenfalls Reichsfurst und Landesherr.
5. Gebiet des Deutschen Ordens reicht vom Finnischen Meerbusen bis an die litauische
Grenze einschlieBlich Moon und Teilen von Osel und Dago. Residenz des Ordensmei-
sters: Riga, spater Wenden. „Vollig souveran wie in PreuBen war der D.O. nur in Kur¬
land und Jerven. Uberall griff die Diozesangewalt der Bischofe auf Ordensland hiniiber.“
Bf. von Reval, Suffragan des Ebf. von Lund, hat kein weltliches Territorium. Tafelgiiter
gewahrleisteten seinen Lebensunterhalt. Nach WlTTRAM, Geschichte, S. 16 f.
Das Kurlandische Domkapitel
171
<S. 30>
2. Bischofe (einschlieBlich Bewerber um den Bischofsstuhl)1
Fur die Zeit von 1232 bis 1561 sind 21 Bischofe, zwei Verwalter des Bistums
und elf Bewerber um das Bistum nachzuweisen. Der Bischof nennt sich in den
Urkunden /rater N. N., Dei gratia episcopus ecclesiae s. Mariae in Curonia2 oder ..., Dei
gratia episcopus3 Curoniensis ecclesiae oder ... /rater Paulus, Dei et apostolicae sedis gratia
Curonsiensis episcopus. So zuerst Paul I.4
Zum ersten Mai erfahren wir von der Existenz eines Bischofs von Kurland,
Engelbert, im September 1234: Der Legat Wilhelm von Modena instituiert ihn.
Bereits vor ihm hielt sich der Bischof von Semgallen, Balduin von Aina, in
Kurland auf, doch war Kurland zu seiner Zeit noch nicht Bistum. Balduin war
von Gregor IX. zum Legaten von Gotland, Finnland, Estland, Kurland, Sem¬
gallen ernannt worden. Kurland erhielt er zur NutznieBung auf Lebenszeit. Er
gehorte dem Orden der Zisterzienser an und kam aus der Diozese Liittich5.
<S. 31> Engelberts schattenhafter Nachfolger, Guarner (deutsch: Werner),
war Dominikaner6, wahrend Heinrich von Liitzelburg aus dem Franziskaneror-
den kam7. Mit Edmund von Werd begann die nicht mehr abreiBende Reihe der
Priesterbriider D.O.8 Ein einziger von den Bewerbern gehorte nicht dem Deut-
schen Orden an: Augustin Tiergart9. Er fand auch sofort seitens des Ordens die
entsprechende Ablehnung.
<S. 32>
1 Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 296, Liste der Bischofe von Kurland (hinzugefugt wurden
die Verwalter des Bistums und Paulus Watt, dessen Bewerbung vom HM - erfolglos - ange-
regt wurde). Arbusow gibt Hermann Pusch an, statt Georg.
Die beiden ersten Bfe. der verderbten Quelle der Series episcoporum, Ernemordus und
Hermannus, sind ebenso fabelhaft wie der zwischen Heinrich von Liitzelburg und Edmund
von Werd dort willkiirlich eingeschobene Bischof Johannes, dem eine sehr genaue Regie-
rungsdauer von sieben Jahren und vier Tagen gegeben wird. Erst mit dem als dritten Bischof
bezeichneten Engelbert betritt die Series den historischen Boden, jedoch ist auch hier schon
wieder die Angabe iiber seine Regierungszeit falsch.
2 UBl.Nr. 530.
3 UBl.Nr. 531.
4 UB 2, Nr. 657 vom 19. Juli 1317.
s UBl.Nr. 103. Vgl. Кар. 1.
6 SS. rer. Pruss. <V>, S. 390.
7 UBl.Nr. 219.
8 UBl.Nr. 532.
9 UB 11, Nr. 245. Vgl. Кар. 4.1.
172
Erwin Hertwich
Ungefahre
Amtsdau-
er
Name dee
Bischofe
oder Bewer-
bers
eretma-
urkundlich
belegt
vorher
letztmalig
urkundlich
belegt
nachhj^
1232-34
1232-36
Balduin v.
Aina, Ver-
walter, Bf. v.
Semgallen
1232
UB 1, Nr. 119,
120,124. Vgl.
Reg. 139
O. Cist., Legat in
Livland u. angren-
zenden Landern
1234
UB 1, Nr. 132
WeihbfT^
resigniert als
Bf. v. Set*.
gallen;j-i243
als Ebf. v.
Varissa
1234-42
Engelbert
1234 Sep.
UB 8, Nr. 440
1242 Mai
UB 1, Nr. 171,
181,234,316
Erschlagen""
von den
Kuren bei
Degerhoved
/ Tuckum
1245-
46/48/
Guarner
(Werner)
1246 Feb.
5
UB 6, Nr. 2729.
Name nicht
genannt.
O. Praed.
1246 Mai,
1248 Feb. 20
Reg. Inn. IV,
lib. I, ep. 138.
Name nicht
genannt. Mitt.
20, 358.
1251-63
1247-51
Heinrich I.
von
Liitzelburg,
Bf. v. Sem¬
gallen
1251
Marz 3
UB 1, Nr. 219
O. Fr. Min., 1247
Dez. 5,1251 Marz
3
1263 Marz 5
UB 3, Nr. 374a
Weihbf.^f
1273 Okt.3
als Bf. v.
Chiemsee
1263-98
(99)
Edmund von
Werd
1263
Marz 5
UB 3, Nr. 374a
Fr. D.O.
1298 (99)
UB 1, Nr. 589.
Vgl. Nr. 530,
531
Weihbf.; j-
Ende 13.
)ahrhundert
1300-11
Burchard
1300 Apr.
10
UB 1, Nr. 589
Fr. D.O.
1311
UB 6, Reg. 34,
Nr. 731a
resigniert; f
um 1320?
1321?
1322-26
Paul I.
1322
Marz 5
UB 6, Nr. 2779.
Vgl. 2781. Vgl.
EUBEL, Hier.
cath. I, 228
Fr. D.O., DH
Kurland
1326 Juli 12
UB 7, Nr. 126
(Transsumpt
einer Urkunde)
?1329, Name
nicht ge¬
nannt, Reg.
UB 2, Nr.
869 _
1328-31
Johannes I.
1328 Okt.
11
EUBEL, Hier.
cath. I, 228
Fr. D.O., DH
Kurland
Ende1331 /
Anf. 1332
UB 6, Nr. 2796
wohl als Bf. t
<S. 33>
1332-53
Johannes II.
1332
Vgl. UB 6, Nr.
2796
DH Kurland
1353 Juli 5
Brieflade zu
Donden gen.,
jetzt Kurlandi-
sches Landesar-
chiv
vielleicht
noch 1353
Okt 18? Vgl-
UB 2, Nr.
949 -
1354-59
Ludolf
1354
Marz 14
UB 6, Nr. 1853
Props t Kurland
1359
Vgl. Eubel,
Hier. cath. I,
328
f als Bf.
1360-71
Jakob
1360 Jan.
25
UB 6, Nr. 2867
DH Kurland
1371
Vgl. UB 6, Nr.
2900
f als Bf.
1371-98
Otto
1371Juni
8
UB 6, Nr. 2900
DH Kurland
1394
UB 6, Nr. 1358,
3; Reg. 1583
1388 ge-
bannt; t “s
Bf. 1398—^
1399-1404
Rutger von
Briiggenei
1399 Juni
8
EUBEL, Hier.
cath. I, S. 228
DH Kurland
1404
Joachim,
Treftlerbuch, S.
324. Vgl. S. 133
f als Bf-v0'
Okt. 21
1405-24
Gottschalk
Schutte
1405 Jan.
12
EUBEL, Hier.
cath. I, 228
DH Dorpat, Osel
1424 Dez. 7
Vgl. UB 7, Nr.
217
taisBf> j
Kurland.—
Das Kurlandische Domkapitel
173
Ungefahre
Amtsdau-
er
Name dee
Biechofe
oder Bewer-
bere
eretma-
lig
urkundlich
belegt
vorher
letztmalig
urkundlich
belegt
nachher
Elekt 1424
Dietrich
Tanke
[1424
Nov.]
UB 7, Nr. 217:
1425 Dez. 7
Propst, DH Kur¬
land
1426 Jan. 21
UB 7, Nr. 413
bis 1443
(P1446 Feb.
15) als Propst
weiter be-
kannt
1425-30
[33]
Johannes
Hamel,
Verwalter
1425 Mai
25,1430
Marz 15
UB 7, Nr. 289,
UB 8, Nr. 160
DH Samland
1434Jan. 12
UB 8, Nr. 763.
Vgl. 617
Erst 1434 ist
Bf. Johann
III. Tiergart
in Kurland
nachzuweisen
1425-56
Johannes III.
Tiergart
1425 Jan.
19
UB 7, Nr. 235
Oberster Proku-
rator D.O. Rom,
Kandidat auf
Bistum Osel,
Kaplan des HM
1456 Dez. 13
UB 11, Nr. 632
1429-31
Statthalter
(Legat) zu
Spoleto, 1433
Konzil zu
Basel; f als
Bf. (Pilten)
<S. 34>
Bewerber
1439
1453 f.
Augustin
Tiergart
1439 Sep.
6
UB 9, Nr. 497
DH Ermland,
providiert Bistum
Osel, nicht D.O.
1455 um
Mitte Juni
UB 11, Nr. 415
DH Ermland
1457-73
Paul II.
Einwald
1457 Juni
20
UB 11, Nr. 678
Sekretar des OM,
Notar d. Bf. v.
Kurland, prasen-
tiert als Bf. v.
Reval, Koadjutor
Kurland
1473 Juli 9
Index, Nr. 2053
resigniert
1473-1500
Martin
Lewitz
1473 Juli
9
EUBEL, Hier.
cath. II, 156
Schreiber des Bf. v.
Kurland, Kleriker
Kurland, ?DH
Kurland
[1500 Feb. 11]
UB II/l, Nr.
926
f als Bf. Jan.
31 (Pilten)
Elekt 1500
Ambrosius
Korsner
1500 Feb.
13
UB И/1, Nr.
929 f.
DH Kurland,
Dekan Riga,
Propst Kurland
1502 Apr. 27
UB II, Nr. 278
Pfarrer zu
Rastenburg
(Bewerber)
1500
Paul Watt
1500 Feb.
13
UB II/l, Nr.
930
DH Meiflen,
Kanzler des HM,
Propst Dorpat
1505 Marz 5
u. Apr. 16 u.
wahrschein-
lich schon
Ende Marz
Vgl. Thiel, Z
G u. A. Erm¬
land 1, S. 440,
Anm. 12
DH Frauen-
burg /
Samland; f
als Bf. v.
Samland
1500 Mai 4.
Nov. 4
Michael
Schulteti
1500 Mai
5
EUBEL, Hier.
cath. 11,158
DH Ermland,
Samland Kanzler
des HM, Oberster
Prokurator D.O.
Rom, Koadjutor
Kurland
1500 Nov. 4
UB II/l, S. 900,
Zusatz zu
<Nr.> 805, Nr.
1077, Anm. 2
f Nov. 4 (5)
zu Rom,
begraben in
der Kirche
des dortigen
Spitals
Bewerber
1501
Albert
Bischof
1500 Feb.
13
UB II/l, Nr.
930
DH Ermland,
Liibeck, sedis
apostolicae protono-
tarius
1501 Feb. 16
UB II/2, Nr. 38
1511 Pfarrer
zu St. Katha-
rinen Danzig,
1517 bi-
schoflicher
Prokurator
Osel; f 1529
Feb. 20
174
Erwin Hertwich
Ungefahre
Amtsdau-
er
Name dee
Bischofs
oder Bewer-
bere
eretma-
lig
urkundlich
belegt
vorher
letztmalig
urkundlich
belegt
nachh^J^
<S. 35>
Bewerber
1501
Hiob von
Dobeneck
1498 Apr.
6
UB II/l, Nr.
661
Propst und Archi-
diakon in Zschillen
bei Wechselburg /
Sachsen
1501 Sep. 8
UB II/2, Nr.
168a
wild BfT\T "
Pomesanien-
11521 Mai ’
25 als Bf. v
Pomesanien
Bewerber
1501
Wilhelm
Haldenhoff
1494 Juli
1
UB 11/1» Nr.
15
Arzt des HM
1501 Apr. 26
UB П/2, Nr. 86
f1507 -
Bewerber
1501
Johann
(Jakob)
Burchard von
StraBburg
1501 urn
Jan. 10
UB II/2, Nr.
12
Zeremonienmei-
ster d. Papstes
Bewerber
1501
Wilhelm, Abt
von Luxem-
burg
1501 um
Jan. 10
UB II, 2, Nr.
12
Abt zu Luxemburg
1501-23
Heinrich II.
Basedow
1501 Feb.
12
EUBEL, Hier.
cath., nach
Acta consist, d.
Vat. Archivs I,
92
Presbyter Liibeck,
DH Liibeck,
Dorpat
1523 Feb. 23
Kopenhagen
Kopialbuch
3/35, f. 123b
1518 provi¬
diert als Bf. v.
Dorpat; j-
1523 Feb. 23
als Bf. v.
Kurland
(Hasenpoth)
postuliert
1524
Georg Pusch
seit 1521
vom HM als
Bf. in Aussicht
genommen
Oberster Proku-
rator D.O. Rom,
Propst in Rom,
DH MeiBen,
Propst Forchheim
1521
Publ. aus PreuB.
Staatsarchiven.,
Bd. 61, Reg. S.
437
1 1528 als
Propst zu
Forchheim u.
Chorherr zu
Wurzen
1524-40
Hermann
Ronneberg
1524
Marz 2
<Eubel,>
Hier. cath. 3, S.
199, nach Acta
consist. 3 f., 17,
Geh. Archiv
^Copenhagen,
Nr. 95, Kopie
Sekretar, Kanzler
des OM, DH
Riga?, kurlandi-
scher Dekan,
kurlandischer
Subkommendator,
Pfarrer
1539 Feb.,
Okt. 9
Kurland. Gii-
terchroniken, S.
125, Brieflade
zu Puhren
f 1540 als Bf.
1540-60
Johann IV.
von
Miinchhau-
sen
1540 Juli
16
<Eubel,>
Hier. cath. 3, S.
199, nach Acta
consist. 5 f.,
106
DH Verden, Osel,
Minden
1560 Apr.
Vgl. v. BUSSE,
Herzog Magnus
1541 Admi¬
nistrator v.
Osel; f um
1583, begra-
ben Dom i*
Verden -
providiert
1556
Ulrich von
Behr,
Koadjutor
1556
Mitt. 4, S. 462
ff. Vgl. Mitt.
12, S. 295
DH Bremen,
Verden, Minden,
Kurland
1 1585 No*-
13 als Do»'
propst zu
SteUicb^d
1560-83
Magnus,
Herzog von
Holstein
1560
Vgl. v. BUSSE,
Hzg. Magnus.
Vgl.
SCHIEMANN,
Charakterkop-
fe, 79 ff.
Bf. V. Osel
1583
Vgl. v. BUSSE,
Hzg. Magnus.
Vgl.
SCHIEMANN,
Charakterkopfe,
79 ff.
+ Marz l8'"
aufSchlos*
pilten als
,,Bf.“ v-
Kurland
Das Kurlandische Domkapitel
175
<S. 36> Von den 34 nachweislichen Bischofen und Bewerbern gehorten elf
bestimmt und einer wahrscheinlich als Domherren, einer vermutlich als Dekan,
je drei als Propste und als Koadjutoren schon vor ihrer Bischofs- bzw. Bewer-
berzeit dem Kurlandischen Domkapitel an; acht, damn ter zwei Verwalter, ka-
men aus Kapiteln fremder, auch auBerlivlandischer Bis turner. Unter ihnen be-
finden sich drei in Rom tatige Oberste Prokuratoren D.O., je ein Kanzler des
Hoch- und auch des Ordensmeisters, ein Arzt des Hochmeisters und ein weltli-
cher Herrscher.
In keinem Fall ist die Besetzung ohne papstliche Mithilfe erfolgt.10
Drei Bischofe traten in West- und Mitteldeutschland als Weihbischofe auf:
Balduin von Aina nach, Heinrich von Liitzelburg und Edmund von Werd wah-
rend ihrer Bischofszeit.
Eine langere Sedisvakanz ist nach Bischof Burchard11, eine kiirzere nach Jo¬
hannes I.12 festzustellen. Bischof Johann III. (Tiergart), Statthalter (Legat) zu
Spoleto, halt sich als Prokurator D.O. bei der Kurie in Rom auf und ist erst
nach neunjahriger Abwesenheit (1434) in seinem Bistum nachzuweisen. Bis
dahin vertrat ihn im Bischofsamt der samlandische Domherr Johannes Hamel.
Der ehemalige Propst von Forchheim und Prokurator D.O. in Rom13, Georg
Pusch (de Hanis)14, wird spater noch einmal als Chorherr von Wurzen genannt.
An seiner Stelle wurde vom Kapitel Hermann Ronneberg gewahlt. Er war einst
lange Kanzler des Ordensmeisters gewesen, hatte aber seit seiner Erhebung
zum Bischof nicht selten einen besonderen Standpunkt gegeniiber Meister und
Orden vertreten. Wahrend seiner Pfarrerzeit zu Peude, Osel und Wolman (Liv-
land)15 fand er als Unterkommissar des livlandischen Ablasses in Deutschland
Verwendung (1505-1510)16. Bischof Heinrich II. (Basedow) wurde wahrend
10 Vgl. Ubersicht iiber die papstlichen Provisionen: Кар. 4.1.
11 Bunge will ihn schon 1299/1300 auf Bf. Edmund folgen lassen. Vgl. BUNGE, Weihbischofe,
S. 76, Anm. 230. Arbusow sen. bezweifelt die Existenz der bei EuBEL als Bfe. von Kurland
genannten Werner und Johannes, da sie nicht urkundlich belegt sind. Vgl. ARBUSOW, Geist-
lichkeit II, S. 37 ad Burchard.
12 Johannes I., Bf. von Kurland, muB von Johannes II. unterschieden werden. Wie der Ausgang
seines Vorgangers, des Bf. Paul, war, ist noch unbekannt. Nach EUBEL, Hier. cath. I, S. 228,
Anm. ist Johann II. zu trennen: , Johannes obi. se 1328 Okt. 11“ (Repert. Germ. Obi. 6, fol.
26). Vgl. Arbusow, Geistlichkeit II, S. 95 ad Johannes.
13 Eccl. s. Egidii Wratislaw. prepositus. Vgl. weitere Nachrichten KNOD, Deutsche Studenten,
S. 424 und 651, Nr. 2892.
Hainichen bei Freiberg / Sachsen. Seit 1521 vom HM als Bf. von Kurland vorgesehen.
15 UB II/3, Nr. 2178, 8225; UB II/3, Nr. 370.
Sein damaliges Amtssiegel: Brustbild der HI. Jungfrau mit dem Kinde (Rats-Archiv zu Mei-
Ben, Quittung der Diozese Meifien, 3. Aug. 1508).
176
Erwin Hertwich
seiner Amtszeit (1518) als Bischof von Dorpat providiert. Johann IV. (von
Miinchhausen) amtierte zugleich als Administrator des Bistums Osel. Nach
<S. 37> VerauBerung seiner Besitzrechte - wenn von solchen iiberhaupt die
Rede sein konnte - an den Konig von Danemark kehrte er nach Verden zuriick
(1560) und heiratete einige Zeit darauf. Im Dom zu Verden fand er seine Ruhe-
statte17. Zwei Jahre spater ging auch Koadjutor Ulrich von Behr, Dompropst
von Kurland, nach Deutschland zuriick, nachdem er die Verwaltung des Bi¬
stums gegen den erblichen Besitz seiner Propsteiprabende Edwahlen und ande-
rer Giiter dem jungen „Bischof4 Magnus, Herzog von Holstein, abgetreten
hatte.
16 Bischofe schieden durch Tod aus ihrem Amte, darunter der wahrend sei¬
ner Amtszeit gebannte Bischof Otto. Einer von ihnen wurde von den aufstan-
dischen Kuren erschlagen. Johannes III. (Tiergart), Martin Lewitz, Magnus von
Holstein starben in Pilten, wo die Bischofe seit dem 14. Jahrhundert residierten,
Michael Schulteti in Rom18 und Heinrich II. (Basedow) auf dem Schlosse zu
Hasenpoth, der spateren Residenz der Bischofe von Kurland. Heinrich I. von
Liitzelburg wurde als Bischof ins Bistum Chiemsee versetzt und starb dort.
Burchard und Paul II. (Einwald) resignierten. Ambrosius Korsner verzichtete
als Elekt des Kapitels und erhielt vom Hochmeister, der ihm nun sein Wohl-
wollen19 wieder zuwandte, die Pfarre zu Rastenburg zugebilligt. Der Kanzler
des Hochmeisters, Paul Watt, starb als Bischof von Samland und Hiob von
Dobeneck als Bischof von Pomesanien.
17 Meitig, Grabdenkmaler, S. 119-123.
18 Hospitalkirche der Deutschen.
19 UB II/2, Nr. 197. Vgl. UB II/2, Nr. 246.
Das Kurlandische Domkapitel
177
<S. 38>
3. Zahl der Kanonikate. Praiaturen
I. Zahl der Kanonikate
Die ersten urkundlichen, um die Mitte des 13. Jahrhunderts einsetzenden Er-
wahnungen, die uns Einblicke in die damalige Organisation der kurlandischen
Kirche geben, zeigen, daB deren Entwicklung damals noch in ihren Anfangen
stand. Im Jahr 1246 ist erstmalig von einem capitulum die Rede1 und auch ein
Propst wird erwahnt. Am 29. Juli 12522 3 urkundet der Deutschmeister und
Statthalter des Hochmeisters in Livland und Kurland, Eberhard von Seyn, fiber
den Bau einer Burg an dem Orte, wo sich Memel und Dange vereinigen, ... in
qua dvitate aream pro aedificatione maioris ecclesiae et curia sua et canonicorum suorum [des
Bischofs!] et aliis utilitatihus suis liberam eliget episcopus saepedictus*. Am 1. August des
gleichen Jahres urkundet Bischof Heinrich von Kurland iiber dieselbe Uberein-
kunft in wortlicher Ubereinstimmung. Am Anfang des Jahres 12534 erwahnt
nochmals eine Urkunde [des Bischofs Heinrich von Kurland] ... ad aedificandum
ecclesiam nostram maiorem et nostram curiam et curias canonicorum. Auch Emelin us, unse
promst, und von mrtlichen papen: her Johan, geheten Hase, unse dumhure sind fur diese
beiden Jahre belegt5. Fur die Zeit um 1260 wird bezeugt6 7,... quod in ecclesia Curo-
nensi olim fuerunt canonici s ecu lares1, die also nicht aus dem Deutschen Orden her-
vorgegangen waren, wahrend modo sunt ihi canonici de ordine dictorum fratrum, et dixit
ipse testis, quod audivit did idem de tribus ecclesiis cathedralibus in Prusda. Mit Sicherheit
kann jedoch erst ab 1290 gesagt werden, <S. 39> daB die Verfassung des Kur¬
landischen Kapitels derjenigen der preuBischen Bistiimer8 glich. Nachdem das
Kapitel also „anfangs weltlich“9 gewesen war, gehorte es seit der Neugnindung
1 UB 6, Nr. 2729. Innozenz IV. erteilt dem Bf. von Kurland die Erlaubnis zur Visitation seiner
Domherren. Vgl. auch Кар. 1.
2 UB 1, Nr. 236 vom 29. Juli 1252.
3 Es kann nur Memelburg gemeint sein. Vgl. UB 1, Nr. 241.
4 UB 1, Nr. 245 vom 8. Feb. 1253.
5 UB 1, Nr. 241 vom 19. Okt. 1252, Nr. 248 vom 4. Apr. 1253, Nr. 249 vom 5. Apr. 1253, Nr.
250 vom Apr. 1253, Nr. 253 vom 20. Juli 1253. Auf den Widerspruch in der Urkunde Alex¬
anders IV., UB 1, Nr. 351 vom 19. Apr. 1260, wurde in Кар. 1 hingewiesen.
6 Seraphim, Zeugenverhor, Z VII/6, S. 26.
7 WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 146.
8 Culm, Pomesanien, Samland, Ermland waren nicht inkorporiert. Vgl. WERMINGHOFF, Ver¬
fassungsgeschichte, S. 146, Anm. 7; s. u. Anm. 30.
9 So auch Arbusow, Geistlichkeit II, S. 296. Vgl. zumjahr 1253 UB 2, Nr. 253; zum Jahr 1290
UB I, Nr. 530, 533, 534.
178
Erwin Hertwich
vom Jahr 1290 dem Deutschen Orden an. LaBt sich bis hierher die Zahl der
Domherren ebenso wie die der Dignitaten nicht eindeutig bestimmen - nur
eine Dignitat ist belegt, die oben zweimal erwahnte Prapositur so schafft die
bekannte [Neu-]Griindungsurkunde des Bischofs Edmund vom Januar 1290
Klarheit10: Bischof Edmund stiftet mit Genehmigung des Metropoliten (Erzbi-
schof Johann) bei seiner Kathedrale ein Domkapitel aus Briidern des Deut¬
schen Ordens. Sechs Domherren einschlieBlich der beiden Dignitare werden
mit Zustimmung des Ordensmeisters ernannt. Per omnia secundum constitutiones
regulae hospitalis praedicti vivant in communi et omnia sint eis communia, secundum regulas
a s. patribus constitutar, sie erhalten fur sich und ihre Nachfolger samtliche Rech-
te, die die Domherren bei anderen Kapiteln genieBen. Es wird ausdriicklich als
Grund fur diese absichtlich niedrig gehaltene Zahl gesagt, daB es nicht ratsam
sei, mehr Geistliche aufzunehmen, da so viele nicht von den Giitern der Kir-
che, ohne zu darben, unterhalten werden konnen. Mit groBter Wahrscheinlich-
keit ist anzunehmen, daB diese Sechszahl auch von den bisherigen Domkapiteln
nicht iiberschritten wurde. Eher wird das Gegenteil der Fall gewesen sein.
Wenn unsere Kenntnis der kurlandischen Domherren recht liickenhaft und
unvollstandig bleibt, mag dies zu einem Teil mit darauf zuriickzufuhren sein,
daB nicht immer samtliche Kapitelsstellen besetzt waren. So heiBt es im Jahr
1519 im Februar in einem Bericht:11 „einen Dekan hatte die Kirche nicht und
auch keinen einzigen Domherrn“12. In einer von Arbusow dem Jahre 130613
zugeschriebenen <S. 40> Appellation des Erzbischofs Friedrich von Riga er-
klart der Prokurator des Deutschen Ordens, daB die kurlandische Kirche nie
mehr als sechs Domherren gewahlt habe und die fortdauernden Kriegslaufte sie
von ihren Zinseinkiinften nur schlecht bestehen lassen, so sei es immer gewe¬
sen, seit sie der Regel des Deutschen Ordens angehore. In der Berichtszeit nach
1306 ist, soweit festzustellen war, die Zahl der Domherren nirgends noch ein-
mal ausdriicklich angegeben, doch wird man im Prinzip an dieser Zahl festge-
halten haben. Die Zeugenreihen erwahnen lediglich neben den beiden Dignita-
ren gelegentlich einen Domherrn14 und zumeist totumque capitulum ecclesiae Curo-
niensis15. Alle iibrigen livlandischen Domkapitel weisen unter EinschluB der
10 UB 1, Nr. 530 vom Jan. 1290.
11 Inland 1838, Sp. 247 nach dem Hasenpother Stadtbuch.
12 VARUS, Collectanea, fol. 89b (Schirrens NachlaB).
13 UB 2, Reg. 714 vom Juni 1306 o. J. und T.
14 Z. B. UB 2, Nr. 604 vom Feb. 1301.
15 Z. B. UB 2, Nr. 784 vom 8. Sep. 1338, UB 1, Nr. 532 vom 9. Mai 1290, Nr. 533 vom 9. Mai
1290.
Das Kurlandische Domkapitel
179
Dignitaten die Zahl zwolf auf16. Ahnliche Verhaltnisse finden wir auch bei an-
deren deutschen Dom- und Kollegiatskapiteln. die Zwolfzahl und ihre Teile
wurden von alters her ihrer Symbolik wegen gern verwendet.17 Als Prabenden
erhielten die Domherren18 den dritten Teil des ganzen Bistums. Bischof Ed¬
mund schenkte ihnen am 1. Februar 1290 ex libera voluntate medietatem ecclesiae
parochialis s. Johannis evangelistae in civitate Memelborch19.
Bei der in Kurland durch die Armut des Lebens diktierten eingeschrankten
Lebenshaltung schloB sich erklarlicherweise fiir unabsehbare Zeit eine Pfriin-
denhaufung von selbst aus. Als daher mit Beginn der Reformation anderwarts
eine Schrumpfung der Prabendaleinkiinfte einsetzte und in den einzelnen
Domkapiteln Deutschlands <S. 41> Bestrebungen um Verminderung der Zahl
der Prabenden FuB faBten, kann das Kurlandische Kapitel auf solche Verluste
verzichten.
Nach der [Neu-]Griindung des Domstiftes nannten sich dessen Mitglieder
Nos frater A., praepositusy frater B., decanus, totumque capitulum ecclesiae Curoniensis20 21 22 23,
und mit deutschen Worten sprachen sie von unseren heren und broderen A. prarnst,
B. dekan und dat gan^e capitel der kerken to Curlande2X. Der Bischof pflegte von
canonicis nostrae ecclesiae sancte Mariae in Curonia22 und der Ordensmeister von den
honorabilibus et religiosis viris dominis praeposito ac ceteris ecclesiae Curoniensis23 zu spre-
chen.
Die deutsche Bezeichnung ist seit der altesten Zeit allgemein dumhure24,
thumher25 26 27, broder N. N.y turn here, und dat gemeine capitel der tumheren to Curlande2(i,
thumbkyrchen %um Hasenpote27. Das Kapitel selbst nennt in den Urkunden seine
16 Vgl. UB 6, Nr. 2731; UB 9 Nr. 705. Siehe auch ARBUSOW, Geschichte, S. 44.
17 Vgl. SCHNEIDER, Die Entwicklung der bischoflichen DK. Siehe auch BlRCH-HlRSCHFELD,
Geschichte des Kollegiatstifts in Guttstadt, S. 292.
18 GemaB Stiftungsurkunde vom Jan. 1290. Das 3. Drittel als mensa canonicorum (capituli).
Vgl. WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 145.
19 UB 1, Nr. 531. Die 2. Schenkungsurkunde: UB 1, Nr. 539 von 1291 о. T.
20 UB 2, Nr. 784 vom 8. Sep. 1338.
21 UB 2, Nr. 896 vom 28. Feb. 1360.
22 UB 1, Nr. 530 vom Jan. 1290, Nr. 559 vom 10. Apr. 1300.
23 UB 2, Nr. 949 vom 18. Okt. 1353.
24 Z. B. dumhure, UB 1 Nr. 237, 241, 248f., 250.
25 Z. B. VARUS, Collectanea, fol. 89b.
26 UB 2, Nr. 783 vom 8. Sep. 1339.
27 Z. B. VARUS, Collectanea 116, 117a. Hasenpoth seit 17. Marz 1378 Stadtchen mit rigaischem
Recht. Denkelbuch des Rates zu Hasenpoth von 1550 ff. mit samtlichen Privilegien seit dem
14. Jahrhundert, handschriftliches Original in der Sammelstelle fiir baltisches Kulturgut, Po¬
sen, Domherr-Klinkestr. 1. Siehe auch UB 3, Nr. 1131, Verleihung des rigaischen Rechts an
die vom Kurlandischen Domkapitel gegriindete Stadt Hasenpoth.
180
Erwin Hertwich
Mitglieder, ebenso wie haufig der Bischof, als Angehorige des Deutschen Or-
dens fratres. Untereinander bezeichnen sie sich als Mitbriider und thumherm28.
<S. 42> Das Kurlandische Domkapitel wurde nach dem Vorbilde der ko-
lonialen Kapitel von Kulmsee, Pomesanien und Samland, ,,die“ - im Gegensatz
zum Domkapitel von Ermland - „als dem Deutschen Orden inkorporiert be-
zeichnet zu werden pflegten“29 ins Leben gerufen. „Ihre Mitglieder waren zu-
gleich Priesterbriider des Ritterordens und trugen als solche den grauen Mantel,
der in den Ritterkonventen selbst tatigen Priesterbriider/*30 die „Spatgriindun-
gen“ haben sich nicht wie ihre Vorbilder, deren Mitgliederzahlen jeweils erst
nach einer gewissen Entwicklung endgultig festgelegt wurden, organisch ge-
formt31.
<S. 43>
II. Die Mitglieder des Kapitels
An der Spitze der Domherren stehen von Anfang an die Inhaber bestimmter
Wurden und Amter. Ihre Reihenfolge ist vom ersten Auftreten an festgelegt.
Der Dekan hatte nie wie in anderen Kapiteln auch nur zeitweilig eine Vorrang-
stellung inne31a. Das Kurlandische Domkapitel hat, wie es auch seiner be-
schrankten Mitgliederzahl entsprach, immer nur die beiden Dignitaten32 des
Propstes und des Dekans gekannt. Die politischen Verhaltnisse lieBen in Kur¬
land weniger Verwaltungsarbeit als vielmehr durchgreifende kolonisatorische
Betatigung am Platze erscheinen. Die Domherren hatten vordringlichere Auf-
gaben schopferischer Natur zu bewaltigen und muBten daher manche organi-
satorischen Belange beiseite lassen. Hinzu kam noch ihre seelsorgerische und
auch missionarische Tatigkeit. Daher geniigten die beiden vorhandenen Prala-
turen durchaus den Erfordernissen.
Beide Dignitare waren ausgefiillt mit ihrem Aufgabenkreis. Der Propst ver-
trat das Kapitel in der Offentlichkeit und versah die Vermogensverwaltung.
28 Z. B. Hasenpother Stadtbuch, fol. 58 [S. 115].
29 WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 146, Anm. 7. Vgl. HOELGE, Das Kulmer DK zu
Culmsee, S. 14 ff. POTTEL, Das DK von Ermland, S. 5. „Hier wie dort fehlte die vita canoni-
ca“ (WERMINGHOFF a. a. O.).
30 WERMINGHOFF, a. a. O.
31 Vgl. Birch-Hirschfeld, Guttstadt, S. 274.
31a <in der Vorlage Anm. 31 doppelt> Vgl. ZlMMERMANN, Breslauer Domkapitel, S.9.
32 Uber die Begriffsbestimmungen der Pralaturen im Allgemeinen s. WERMINGHOFF, Verfas¬
sungsgeschichte, S. 148.
Das Kurlandische Domkapitel
181
Dem Dekan oblag die Benefizialverwaltung und die Seelsorge des Kapitels. Er
iiberwachte seine Disziplin.
Vielleicht ist hierbei auch die immerhin reichlich spate Griindung des Stiftes
ausschlaggebend33, da die alteren deutschen Kapitel anfangs noch mehrere
andere Dignitare erkennen lassen34. <S. 44> Der Propst wird ebenso wie der
Dekan seit der ersten Zeit des Kapitels bezeugt35. Nur je einmal im gesamten
untersuchten Zeitraum sind die sonst in Kurland nicht iiblichen Titel eines
scholasticus (1323)36 und eines custos (1371)37 bezeugt. Obwohl in der Urkunde
vom 8. Juni 1371 vom Kustos des Kurlandischen Domkapitels die Rede ist,
mochte ich hieraus auf eine sonst nicht belegte Wiirde des Kustos ebensowenig
als auf die eines Scholasters schlieBen. Diese Titel bezogen sich wahrscheinlich
nur auf eine auBerhalb Kurlands liegende friihere Wirksamkeit der beiden
Domherren.
1. Die Propste
Vom Jahr 1246 an, seit der ersten Nachricht fiber ein Domkapitel (iberhaupt
also, tritt uns ein - ungenannter - Propst entgegen; in der Folge erscheint er
ohne Unterbrechung allein oder in Verbindung mit dem Dekan oder mit einem
Domherrn. Er war der Erste seines Kapitels und wurde in Kurland aus dieser
Stellung niemals verdrangt. Auch dann, wenn er einmal nicht residierte38, kam
noch nicht der Dekan zur Stellvertretung, sondern ein ,,Okonom“ versah ver-
tretungsweise seine Aufgaben39. Auch einschrankende Bestimmungen40 fur die
Tatigkeit des Propstes kennt die Geschichte der kurlandischen Kirche nicht.
33 Mit Ausnahme Revals liegt die Griindung der anderen livlandischen Domsrifter am Anfange
des 13. Jahrhunderts. Siehe auch vergleichende Ubersicht iiber die livlandischen Domkapitel,
Кар. 3, Zusammenfassung.
34 Uber die Stellung der Dignitare vgl. SAMULSK1, Diss., S. 14. ZlMMERMANN, Breslauer Dom¬
kapitel, S. 9. Schindler, Diss., S. 19 f. Birch-Hirschfeld, Kollegiatsrift, S. 302 f.
35 UB 6, Nr. 2729.
36 Liljegren, Diplom. Suecan. 3, Nr. 2469.
37 UB 6, Nr. 2900.
38 Z. B. beim Kollegiat Unser Lieben Frau zur Akten Kapelle in Regensburg (SCHMID, Die
Geschichte des Kollegiatstiftes Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle in Regensburg, S. 32),
nach Birch-Hirschfeld, S. 304.
39 Z. B. beim Augsburger DK (Leuze, Das Augsburger DK im Mittelalter, Diss., Tubingen
1908, S. 56); beim Halberstadter DK (BRACKMANN, a. a. O., S. 50); beim MeiBner DK (VON
Brunn, gen. VON KAUFFUNGEN, Das Domkapitel von MeiBen im Mittelalter, MeiBen 1902,
S. 174); beim Gnesener DK (BINDER, Das Domkapitel zu Gnesen, Greifswalder Diss., 1912,
S. 50). Vgl. Birch-Hirschfeld, a. a. O., S. 303 f.
40 Schneider, a. a. O., S. 88.
182
Erwin Hertwich
Wenn anderwarts Gegenteiliges zu beobachten ist, mag der Grund fiir diese
Erscheinung eine Uberbiirdung des Propstes und damit eine Zersplitterung
seiner Arbeitskraft sein, dab er dadurch seinen HaupteinfluB in alien wichtigen
Kapitelsfragen gar nicht mehr geltend machen konnte.
<S. 45> Die Uberlieferung berichtet uns nichts iiber den Aufgabenkreis des
Propstes. Wir konnen nur Entsprechendes ableiten aus den Quellen der ande-
ren ,,inkorporierten“ Kapitel. Mit hoher Wahrscheinlichkeit darf angenommen
werden, daB er als Vermogensverwalter auch die regelmaBige Verteilung der
Einkiinfte an seine Mitbriider vornahm. Als besonderes Vorrecht stand ihm bei
der Auffiihrung der Zeugenreihe die erste Stelle zu. Wie er seine Korperschaft
nach auBen fiihrend vertrat, so hatte er auch den Vorsitz bei der Kapitelver-
sammlung inne. Mit Vorliebe haben sich wie anderwarts auch die kurlandischen
Bischofe fur die Ernennung solcher Priesterbriider, die ihnen nahestanden und
sich in ihrem Dienst besonders bewahrt hatten, eingesetzt.
Fur den bearbeiteten Zeitabschnitt sind 22 Propste41 nachweisbar. Von die-
sen gehorten mit Sicherheit elf bereits vor der Zeit ihrer Propstei dem Domka-
pitel an, sie begegnen uns schon vorher als Dekane oder Domherren oder bei-
des.42 Ambrosius Korsner war Koadjutor Kurlands gewesen, Nikolaus Lem¬
berg, Nikolaus Sprenger und Jakob Varus waren vorher Dekane43. Nikolaus
Lemberg war dabei Vizepropst44, das gleiche Amt versah Nikolaus Kemnitz45,
Jakob Varus ist als stellvertretender Propst belegt46. Sie fuhren diese Amter in
Zeiten, da die Propstei verwaist ist. Heinrich de Havel weilte vor seiner Prop¬
stei als Oberster Prokurator D.O. an der Kurie47; Heinrich Schubbe stand als
Sekretar im Dienst <S. 46> des Ordensmeisters48. Johannes Schnabel war als
rigaischer Kleriker Notar des Erzbischofs von Riga49. Auch Jakob Varus hatte
einmal dieses Amt bekleidet50. Zwei Kapitelsangehorige hatten vor ihren Ka-
41 Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 296 f. Liste der Propste von Kurland.
42 Vgl. die vergleichende Zusammenstellung am SchluG von Кар. 3.
43 Die Nachweise hierfiir werden in den jeweiligen Ubersichten der Propste, Dekane und
Domherren in den Spalten fiir die einzelnen Urkundenbelege gefiihrt. Zur Vermeidung einer
doppelten Nachweisung kann hier auf die Belege verzichtet werden.
44 UB II/2, Nr. 748. In der Titelreihe erscheint zuerst die Wiirde, dann das Amt: Nikolaus
Lem byk, Dekan und Vizepropst und das Kapitel der Kurlandischen Kirche...
45 Unter ihm Verleihung des Rigaischen Stadtrechts an das vom Kurlandischen DK gegriindete
Stadtchen Hasenpoth am 17. Marz 1378.
46 VARUS, Collectanea, fol. 148 f.
47 UB 2, Nr. 783.
48 UB II/3, Nr. 363, 530.
49 Stadtarchiv zu Reval (Hildebrands NachlaG).
50 VARUS, Collectanea, fol. 96b f.
Das Kurlandische Domkapitel
183
nonikaten Predigerstellen in Kurland inne: Nikolaus Sprenger (Kirchherr zu
Talsen)51, Christoffer Sturm (Kirchherr zu Pilten)52; einer stand vorher als No¬
tar im Dienst des Bischofs von Kurland. Alle waren Priesterbriider D.O. bis auf
einen: Wigand Grabow53. Der Orden verharrte hartnackig dem Papst gegen-
iiber bei der Ablehnung der Person Wigand Grabows als Mitglied des Deut-
schen Ordens und trat als zaher Gegner der Ubertragung der Propstei an diesen
auf - mit Erfolg: Der Orden setzte es in diesem Falle durch, da В Martin V. die
bereits erteilte Provision noch im gleichen Jahr zuruckzog, und Wigand Gra¬
bow verzichtete schlieBlich nach erfolgter Ernennung durch den Papst von sich
aus zugunsten des Dietrich Tanke auf die Propstwiirde der kurlandischen Kir-
che.
Wahrend der Sedisvakanz im Fnihjahr 1500 ist das Amt des Okonoms fest-
zustellen. Der ,,alte“ Propst Mathias Schulteti fiihrte die Geschafte der Prop¬
stei5351. Der gleiche Okonom trat auf gelegentlich der vonibergehenden Abwe-
senheit54 des ,,jungen“ Propstes, dem einzigen nachweisbaren Fall der Nichtre-
sidenz eines Propstes55. Abgesehen von Romreisen, die nachdriicklich Bewer-
bungen unterstiitzen sollten, sind weitere Falle von Nichtresidenzen unbekannt.
Zwei von ihnen gehoren nachweisbar dem Adel an: Augustinus von Gethe-
len56 und Ulrich von Behr57. Da es in Livland zu keiner <S. 47> standischen
Exklusivitat kam, wurde ebenso wenig wie der Bischofsstuhl die Dompropstei
standig von adligen Domherren besetzt.
Im Laufe der Zeit wurden neue Amter geschaffen. So tritt uns gegen Ende
der Berichtszeit erstmalig das Amt des cellerarius, des ,,Domkellners“ entgegen:
Augustinus von Gethelen ist als vorsnider des Bischofs von Kurland und Admi¬
51 Brieflade zu Dursuppen, Mitt, von Frh. v. Fircks nach ARBUSOW, Geistlichkeit I, S. 162.
52 Kopenhagen, Livland Nr. 1 (Hildebrands NachlaB).
53 Arbusow, Geistlichkeit I, S. 56, bezeichnet Wigand Grabow im Gegensatz hierzu als Prie-
sterbruder D.O.; jedoch s. u. Кар. 4.II.2.
53a UB II/1, Nr. 938, 944, 1063: Mathias, alter Propst undyconomus der kurlandischen Kirche...
Spater in UB II, 2, Nr. 50 geht betr. Titelfolge wiederum Wurde vor Amt: ... Mathias olde
provest undeyconomus der kercken unde des stichtes tho Curlande, Ambrosius junge provest, Nikolaus, De-
kan... Die Zeugenliste richtet sich nach der Anciennitat: Der ,,alte“ [gewesene] Propst er-
scheint in der Reihe vor dem ,,jungen“ Propst. Der ,,junge“ [bisherige] Propst, Elekt seines
Kapitels, war zur Erlangung seiner Bestatigung als Bf. nach Rom gegangen.
54 Einrichtung seiner Pfarrstelle zu Rastenburg/PreuBen
55 UB II/2, Nr. 197, 246, 252, 277, 278.
56 Stadtarchiv zu Liibeck (Hildebrands NachlaB).
57 Kopenhagen, Livl., fol. 141a (Schirrens NachlaB).
184
Erwin Hertwich
nistrator von Osel, Jakob Varus als sein moesgever belegt58. Beider Aufgabenge-
biete erstrecken sich auf die Tatigkeiten des Kellner- und Speisemeisters. Als
Inhaber von Prabenden sind Augustinus von Gethelen mit der Propsteipraben-
de Edwahlen und Ulrich von Behr belegt, der die Propsteigiiter 1561 von
Magnus von Holstein erhalt.
Bei Wigand Grabow ist die Besetzung durch den Papst nachgewiesen59 60,
ebenso ist Dietrich Tanke ordinaria ... auctoritate provisu№\ bei Ambrosius
Korsner wird dies vermutet; bei Augustinus von Gethelen und Ulrich von Behr
erfolgte die Designierung61 zum Propst nachweislich durch den Bischof Johann
IV. von Miinchhausen, des letzteren Oheim. In jedem Fall, auch bei den nicht
nachgewiesenen Besetzungen hat der Hochmeister, mindestens aber der Or-
densmeister, seinen EinfluB geltend gemacht. Nicht selten mag wohl auch die
erteilte Expektanz auf eine Dignitat von Seiten des Papstes nur die Vorausset-
zung fur eine unmittelbare Erhebung zum Propst durch den Bischof ergeben
haben.62
<S. 48>
ungefah
re Amts-
dauer
Name
dee
Propetee
erstma-
Ug
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
Kg
urkundlich
belegt
nachher
Hetzelinus
1252
UB 1, Nr. 237
1253
UB 1, Nr. 250
Johannes
1290 Mai
9
UB 1, Nr. 533
1290 Mai
10
UB 1, Nr. 534
1290-
1300
Burchard*
1290Jan.
UB 1, Nr.
530. Vj>t. 531
1300
Mitt. 12, 278,
Nr. 9
Bf. v. Kurland
1300-10
Berthold
1300 o.
T.
UB 1, Nr. 587
1310
Feb. 13
UB 3, Nr.
614a. Vgl.
634a
...1338...
Hinricus
de Havel
1338
UB 2, Nr. 783
POberster
Prokurator
Kurie D.O. Rom
Wilhelmus
1349
Aug. 15
UB 2, Reg.
1057
1350
UB 2, Nr. 896
58 11. Okt. 1549, Woldemarsche Sammlung, Berlin-Dahlem XVIII, S. 153 ff. Zu genannten
Amtern (vorsnider; moesgever) vgl. HILDEBRAND, Arbeiten fiir das Urkundenbuch, Riga 1877, S.
52.
59 S. u. Кар. 4.II.2.
60 UB 5, Nr. 2336 vom 25. Aug. 1419.
61 Varus, Collectanea, fol. 147b.
62 Z. B. Werner Zekemet. Vgl. UB 12, Nr. 193. Siehe auch SCHINDLER, Breslauer Domkapitel,
S. 19 u. Anm. 43.
* Kleindruck (unterstrichen im Manuskript) <hier: kursiv>; vgl. die Tafel der Bischofe S. 32 ff-
und die chronologische Zusammenstellung S. 69 ff.
Das Kurlandische Domkapitel
185
ungefah
re Amts-
dauer
Name
dee
Propetes
eretma-
Ug
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
Ug
urkundlich
belegt
nachher
Ludolf
1353 Okt.
18
UB 2, Nr. 949
1354
Mar? 14
UB 6, Nr.
2853
Bf. v. Kurland
1383-92
Nicolaus
Kemnitz
1383Juni
15
UB 3, Reg.
1425
Vizepropst in
Kurland
1392Juni
12, 20
UB 3, Nr.
316. Vgl. 317,
319
1399-
1418
Andreas
de Cur
1399 Mai
7
Lat. A. Dat.
Rep. Germ.;
UB 3, Nr.
1248, 1232
bischoflicher
Notar, DH
Kuland
1419
Aug. 25
UB 5, Nr.
2336
\ als Propst
1419
lVigand
Grabow
providiert
1419
Mdr% 16
UB 11, Nr.
303
KJeriker Dio%
Kurland, DH
Dorpat; nicht D.O.
1419
Apr. 7,
1419
Aug. 25
UB 11,Nr.
308f. Vgl. UB
5, Nr. 2336
resigniert %ugunsten
Dietrich Tankes,
providiert DH
Dorpat, 1431
Vikar Liineburg,
1425 noch DH
genannt
<S. 49>
1418119-
43/46 ?
Dietrich
Тапке
[1418]
1419
Ли*. 25
UB 5, Nr.
2336
DH Kurland
1446 Feb.
15
UB 10, Nr.
199
1424 Elekt, о. P.
verweigert
1457-
nach 64
Werner
Zekemet
1457 Jan.
18
UB 11, Nr.
103
DH Osel,
Dorpat, Verden,
Kleriker Kurland
1464 Juli
24
UB 11, Nr.
297
1463 Notar d.
Bf. v. Kurland
1482-93
[96]
Mathias
Schulteti
1482 Juli
1
Index, Nr.
2188
Sekretar d. Bf. v.
Kurland, Kleri¬
ker Ermland,
DH Kurland
[1496]
Index Nr.
2188
1500-07 „alter44
Propst, 1500
auch „Ico-
nomus"
1497-
1502
Ambrosius
Korsner
[1497]
UB 11/1, Nr.
929f.
Dekan Riga,
Koadjutor Kurland
1502
Apr. 27
UB 11/2, Nr.
278
,junger“ Propst,
1500 Elekt,
resigniert in Rom
%ugunsten Michael
Schultetis, Pfarrer
in Rastenburg/ Pr.
1503-vor
1507
Heinrich
Schubbe
1503 Jan.
10
Index, Nr.
2499
1502-09 Sekretar
d. OM
vor 1507
Index, Nr.
2537
1507/08 Kanzler
d. OM
nach
1506 ?
Nicolaus
Lemberg
1505
Marz 30
UB II/2, Nr.
748
Dekan Kurland,
Vizepropst
Kurland
nach
1506 Juli
27
Stockholm,
Livl. Conv.,
20
1513
Nicolaus
Sprenger
1513
Okt. 7
Kopenhagen,
Kopialbuch,
fol. 102a
Kirchherr
Talsen, Kurland,
Dekan Kurland
1515-19
[21?]
Christof-
fer Sturm
1515 Juli
21
Hasenpother
Stadtbuch,
fol. 58 [S.
115]
bischoflicher
Sekretar, Kur-
landischer
Kirchherr Pilten,
Kaplan Pilten,
DH? Kurland
1519
[21?]
Inland 1838,
S. 247 nach
dem Hasen-
poth’schen
Stadtbuch
1525-53
Johannes
Schnabel
1526Juni
Akten u.
Rezesse 3, Nr.
207,210, 239,
268
Schreiber u.
Notar d. Ebf. v.
Riga, Kleriker
Erzdioz. Riga
1553
Varus, Coll.,
fol. 147b
<S. 50>
1553-57
U§6?]_
Augusti¬
nus von
Gethelen
1551
Apr. 30
Varus, Coll.,
fol, 107a,
156a/b, 157a
Kleriker Liine-
burg, DH Riga,
DH Kurland
1557Juni
20
Index, Nr.
3564
Bf. v. Kurland
186
Erwin Hertwich
ungefah
re Amte-
dauer
Name
dee
Propetee
eretma-
hg
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
hg
urkundlich
belegt
nachher
1556
[57?]
Jakob
Varus
1556
Apr. 22
Varus, Coll.,
fol. 148 f.
Sekretar u. Notar
d. Ebf. v. Riga,
Kleriker Dioz.
Liibeck, DH u.
Dekan Kurland
stellvertretender
Propst
1563 verordneter
Regent, lebt
noch 1568/69
[15577]
1558-62
Ulrich von
Behr
[1557?]
1558
Vgl. Mitt 4,
459-81
DH Bremen,
Verden, Minden,
Kurland
1562
Kurldndische
Guterchroniken
2, 120 u. 122
wird Koadjutor
Kurland; f 1585
Nov. 13 %u
Stellichte
<S. 51> Nur von neun Propsten kennen wir den Weihegrad: Priester waren
Nikolaus Sprengler und Christoffer Sturm; unter dem allgemeinen Begriff der
,,Klerikers“ treten Wigand Grabow, Werner Zekemet, Matthias Schulteti, Jo¬
hannes Schnabel, Augustinus von Gethelen, Jakob Varus auf, doch Kleriker
waren sie ja alle. Ulrich von Behr ist als Subdiakon bezeugt.
Zwei Propste standen wahrend ihrer Propstei als Notare in bischoflichen
Diensten. Die Urkunden erwahnen niemals, dab sie zugleich Propste, Dekane
oder Domherren sind. Dafur gibt es zahlreiche Beispiele; einer ist nach seiner
letzten Erwahnung als Propst als Kanzler des Ordensmeisters erwahnt und
belegt. Jakob Varus war wahrend seiner Propstei verordneter Regent des Dom-
stiftes63.
Zwei Propste schieden auf Grund freiwilliger Resignation infolge Erhebung
auf den Bischofsstuhl aus: Burchard und Ludolf. Dietrich Tanke und Ambrosi-
us Korsner wurden vom Kapitel zum Bischof gewahlt, doch vom Papst nicht
bestatigt, obwohl beide ihre Absichten in Rom personlich vertraten; der
Hochmeister bot alle zur Verfiigung stehenden Mittel auf, um gerade Korsners
Einsetzung zu verhindern. Beide, Tanke wie Korsner, verzichteten schlieBlich
auf ihre Anspriiche64. Ulrich von Behr wurde Koadjutor Kurlands und ging
nach Ubernahme der Regierungsgewalt durch Magnus, Herzog von Holstein,
nach Deutschland zuriick. Dort starb er 1585.
Andreas de Cur schied als Propst durch Tod aus. Matthias Schulteti starb als
„alter** Propst. Wigand Grabow resignierte auf Grund der Gegnerschaft des
63 Der Stiftsvogtei.
64 UB II/2, Nr. 935, 944, 945. Als der Propst schlieftlich zum Verzicht auf die Wahl bewogen
wurde, verwendete sich der HM auch wieder fur ihn und bat den OM, ihm sein Wohlwollen
nun wieder zuzuwenden. UB II/2, Nr. 1002 vom 3. Juli 1500.
Das Kurlandische Domkapitel
187
Deutschen Ordens zu seiner Person zugunsten Dietrich Tankes, Johannes
Schnabel resignierte wegen Altersschwache.
Es finden sich eine Reihe hervorragender Personlichkeiten unter den kur-
landischen Propsten dieser Zeit, die in der Bistumsverwaltung eine groBe Rolle
gespielt haben.
Das Siegel der Propstei ist uns zum ersten Male unter Berthold in einer Ur-
kunde vom 17. Februar 1305 iiberliefert65.
<S. 52>
Z Die Dekane
Seit Januar 1290, dem Zeitpunkt der [Neu-]Griindung des Domkapitels, tritt
zugleich mit dem Propst der Dekan auf. Er nimmt in der Folge standig die
zweite Stelle ein und hat niemals, wie anderwarts66, anfanglich die Vorrangstel-
lung gehabt. Wahrend wir liber die vielseitige Tatigkeit des Propstes aus zahlrei-
chen Urkunden Kenntnis empfangen, fehlen uns solche in diesem Umfange fur
den Dekan, zumal, wenn wir von denen absehen, wo er nur mit den iibrigen
hohen Kapitelsbeamten als Zeuge erscheint67. Daraus ist zu schlieBen, daB sich
sein Wirken auf ein Gebiet erstreckt, bei dem eine urkundliche Fesdegung der
Amtshandlung nicht liblich war. Es ist anzunehmen, daB ihm, wie in anderen
Kapiteln, die Leitung der inneren Angelegenheiten, die Oberaufsicht und Ver-
antwortung fur Gottesdienst und Chorgebet und in Stellvertretung des Prop¬
stes68, vielleicht auch aus eigener Machtvollkommenheit, die Disziplinargewalt
iiber die Kanoniker zukam. Bei Vakanz der Prapositur rlickte der Dekan des-
halb auch haufig in diese ein.
Fur die Zeit von 1290-1561 lassen sich 14 Domdekane des kurlandischen
Domstiftes nachweisen69.
Auch die Namen der Dekane dieser Zeit sind nicht liickenlos iiberliefert.
Haufig waren diese wie die Propste im bischoflichen oder Deutschordens-
Dienst hochgekommen, ehe sie ihre Stellung erlangten: Johannes Sobbe war
vorher Oberster Prokurator D.O. in Rom gewesen70. Der Ordensmeister
wiinschte seine Bewerbung um das Bistum Osel. Hermann Ronneberg war
65 Kurlandisches Landesarchiv, Berlin-Dahlem.
66 Schindler, Breslauer Domkapitel, S. 19. SAMULSKl, Breslauer Domkapitel, S. 24.
67 UB 2, Nr. 604, 703, Reg. 925, 100, 784, Reg. 962, 100; UB 1, Nr. 530.
68 UB 3, Nr. 1131; UB II/2, Nr. 748.
69 Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 297, Liste der Dekane.
70 UB 7, Nr. 747, 748, 798, 804, 807.
188
Erwin Hertwich
Sekretar, spater Kanzler des Ordensmeisters gewesen71, Christianus Wulff hatte
als Notar im Dienst des Bischofs von Kurland72, Jakob Varus als erzbischofli-
cher Sekretar in Riga gewirkt73.
<S. 53>
ungefah
re Amte-
dauer
Name
dee
Dekane
eretma-
Bg
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
Ug
urkundlich
belegt
nachher
1290
Theode-
ricus
1290 Jan.
UB 1, Nr. 530.
VgL 531, 533,
534
1301
Heinrich
1301 Jan.
4
UB 2, Nr. 604
1338
Conradus
de Got-
ingen
1338 Sep.
UB 2, Nr. 783
1338?
UB 2, Nr. 784
1349
Wernerus
Johannes
1349
Aug. 5
Codex Po-
pens., fol. 47a,
Cod. Kopen-
hagen, Nr.
385, fol. 164a
•
1350...
Henricus
1350 Feb.
28
UB 2, Nr. 896
1384-
1387...
Bernhar-
dus
Wernere
1384Juni
15
UB 3, Nr.
1425
DH Kurland
1387
Okt.
UB 3, Nr.
1232
...1430...
Nicolaus
Croppin
1430 Mai
1
UB 8, Nr. 201
1434-38
Johannes
Sobbe
1434 Jan.
UB 8, Nr. 763
Oberster Proku-
rator D.O. Rom;
OM wiinschte
seine Bewerbung
als Bf. v. Osel;
DH Riga
1438
Nov. 16
UB 9, Nr. 388
Presbyter Thorn,
1438 Konzil zu
Basel, vor Nov.
Austritt aus
D.O., nach
1446 DH Riga
(UB 10, Nr. 263)
1443-57
[-63?]
Johannes
Gabelow
1443 o.
T.
Brieflade zu
Roloff
1457 Feb.
12 pi463
Apr. 21]
UB 12, Nr.
193, Stock¬
holm Reichs-
archiv, Name
nicht genannt,
Kopialbuch
des OM
<S. 54>
1499-
1506
Nicolaus
Lemberg*
1499 Sep.
UB 2, Nr 864
1506 Juli
27
Stockholm, Livl.
Corn. 20
Vi^epropst v.
Kurland
1507-10
Nicolaus
1507 Juni
UB I/ 3, Nr.
Kirchherr %u Talsen
1510 Juli
UB 11/2, Nr.
Propst von Kurland
71 Brieflade zu Popen (Hildebrands NachlaB).
72 Wien, D.O.-Zentralarchiv, Nr. 2000 (Hildebrands NachlaB).
73 VARUS, Collectanea, fol. 96b f.
* Kleindruck (Unterstrichen im Manuskript) <hier: kursiv>; vgl. die Tafeln der Bischofe S. 32
ff., Propste S. 48 ff. und die chronologische Zusammenstellung S. 69 ff.
Das Kurlandische Domkapitel
189
ungefah
re Amts-
dauer
Name
dee
Dekane
eretma-
Rg
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
lig
urkundlich
belegt
nachher
Sprenger
15
205
29
855
Hermann
Ronneberg
[1521?]
1531 Mai
1
UB 8, Nr. 256
Subkommissar
D.O.f. d. Kreuq-
gungs-Ablafi;
Sekretar, dann
Kun^ler d. OM;
DH Riga; DH
Kurland; in Rom
Notar u. Vi%e-
pfahyraf
Bf. v. Kurland
Chris tia-
nus Wulff
1546 Mai
16
Stockholm,
Originale:
Vogt v.
Kandauan
den OM
Notar d. Bf. v.
Kurland; Kleri-
ker Kammin;
DH Kurland;
Kirchherr zu
Arzahlen /
Kurland
1556 Senior des
Kapitels
1555-63
PU]
Jakob
Varus
1555 Fer.
14
Varus, Coll.,
fol. 116/., 150
f
Sekretar d. Ebf. v.
Riga; No tar dess.;
KJeriker Dio%.
Liibeck; DH
Kurland; „Moesge-
veru d. Bf. v.
Kurland
1571
Hilde¬
brand, Arb.f
Livl. UB, Riga
1814, 19
1556 stellvertreten-
der Propst v.
Kurland, 1563
verordneter Regent
<S. 55> Zwei Dekane sind gleichzeitig mit dem kurlandischen Dekanat in
einfluBreichen Diozesanamtern nachzuweisen. Ofter wurden auch die Dekane
zur Vornahme jurisdiktioneller Handlungen in anderen Bezirken des Bistums
beauftragt, so Johannes Sobbe als Vertrauensmann D.O. im Jahre 1438 auf
dem Konzil zu Basel74 und Jakob Varus als verordneter Regent des Domstif-
tes75. Christian Wulff fuhrte ein Auftrag seines Kapitels und des Hochmeisters
gleicherweise nach Rom76.
Auch unter den Dekanen Kurlands finden wir hervorragende Personlich-
keiten, die in der Bistumsverwaltung eine groBe Rolle gespielt haben. Nikolaus
Sprenger, Hermann Ronneberg, Jakob Varus waren wohl die bedeutendsten
Dekane dieser Epoche.
74 UB <9>, Nr. 388.
75 Vor Dekanat (1536, 1540) Verwendung fur politische Auftrage durch Ebf. von Riga; 1555
wieder in Rom; 1561 als Unterhandler zwischen Propst Ulrich v. Behr und Herzog Magnus v.
Holstein. Vgl. Napiersky, Index, Nr. 3564.
76 Er sollte den Elekten Ambrosius Korsner zum Verzicht auf den Bischofsstuhl bewegen.
Seine delikate Mission hatte vollen Erfolg.
190
Erwin Hertwich
Die Besetzung der Pralatur ist in keinem Fall mit Sicherheit nachzuweisen,
doch diirften hier die papstlichen Provisionen, sofern solche erteilt wurden,
vielfach nur aus formalen Griinden nachgesucht worden sein und werden so
eher papstlichen confirmationes gleichgekommen sein. Bei zwei Erhebungen
zum Dekan ist der EinfluB des Hoch- bzw. Ordensmeisters maBgebend gewe-
sen, bei Johannes Sobbe und Hermann Ronneberg77; in zwei anderen Fallen
verdanken die Dekane ihre Erhebung dem Erzbischof von Riga bzw. dem Bi-
schof von Kurland: bei Jakob Varus und Christian Wulff; bei Nikolaus Spren-
ger ist ebenfalls eine Beteiligung des Bischofs zu erkennen78.
Mehrmals bekleidet der Dekan das Amt des Vizepropstes in voller Vertre-
tung fiir eine vorubergehend verwaiste Propstei: Nikolaus Lemberg, Nikolaus
Kemnitz und Jakob Varus (stellvertretender Propst)79. Nikolaus Kemnitz ver-
leiht in dieser Eigenschaft dem Stadtchen Hasenpoth am 17. Marz 1378 das
Rigaische Stadtrecht.
Von den 14 Dekanen ist nur bei ftinf eine vorherige Zugehorigkeit zum
Domkapitel als Domherr nachweisbar80. Man darf trotzdem <S. 56> anneh-
men, dab die Dechantei im allgemeinen mit Kapitelsmitgliedern besetzt wurde;
denn nur e i n Dekan von den ubrigen neun ist fiir ein fremdes Domstift (Riga)
belegt. Anscheinend war diese Pralatur nicht fortlaufend regelmaBig besetzt81.
Hermann Ronnebergs Dechantei ist nicht vollig gesichert82. Der Weihegrad ist
von keinem Dekan bekannt. Nikolaus Sprenger, Christian Wulff und Jakob
Varus werden mit der Sammelbezeichnung ,,Kleriker“ erwahnt. Adelszugeho-
rigkeit ist fur keinen von ihnen bezeugt.
In keinem Fall konnte einem Dechanten standige Nichtresidenz nachgewie-
sen werden. Hermann Ronneberg schied aus dem Domkapitel aus, weil er den
Bischofsstuhl bestieg83. Johann Sobbe legte das Ordenshabit ganz ab84, ist je-
doch noch fur das Jahr 1446 als Domherr in Riga belegt85. Nikolaus Sprenger
wurde Propst des Kapitels86. Als Senior des Kapitels ist Christian Wulff noch in
77 UB 8, Nr. 763. Geheimes Archiv zu Kopenhagen, Nr. 95.
78 UB II/3, Nr. 205, 253, 408, 419, 436a, 855.
79 UB II/2, Nr. 748; UB II/3, Nr. 1131.
80 Vgl. oben Anm. 42.
81 Vgl. Inland 1838, Sp. 274, nach dem Hasenpother Stadtbuch. JOACHIM, Politik des letzten
HM, 2, Nr. 42. Bericht Dietrichs v. Schonberg.
82 Vgl.UB 8, Nr. 256
83 Transsumpt von 1524 Marz 21, Rom, Geheimes Archiv zu Kopenhagen, Nr. 95.
84 UB 9, Nr. 893, 407, 960.
85 UB 10, Nr. 263.
86 Kopenhagen, Kopialbuch, fol. 102a (Schirrens NachlaB).
Das Kurlandische Domkapitel
191
spaterer Zeit belegt87. Die Zeugenreihen der Urkunden lassen die Namen der
Domherren immer in genau festgelegter Reihenfolge erscheinen: Die Ancien-
nitat ist entscheidend. Der am langsten dem Kapitel angehorende Domherr
steht vor den iibrigen Kanonikern. Es war nicht festzustellen, ob diese Hervor-
hebung des „senior capituli“ sein einziges Sonderrecht bildete.
Ein Dekanensiegel ist nicht nachzuweisen, wahrscheinlich wurde ein solches
nicht gefiihrt.
<S. 57>
3. Die Domherren88
Wir kennen aus der Zeit von 1246-1561 44 Domherren - canonici - des Kur-
landischen Domkapitels. Neun weitere, die in den Besitz einer der beiden
Dignitaten gelangten, hatten Kanonikate auBerhalb Kurlands innegehabt89, zwei
andere, deren Zugehorigkeit zum Domkapitel vermutet werden kann, waren
Kleriker der Diozese Kurland gewesen90.
Das Urkundenmaterial91 ist hinsichtlich der Nachrichten uber die canonici
sprode. Es vermittelt uns wenig Einblick in den Wirkungskreis der einfachen
Domherren, da diese zumeist lediglich unter Namensnennung in den Konsens-
reihen auftreten. In einigen Fallen erfahren wir etwas fiber Herkunft, Bildungs-
grad und friihere Tatigkeit aus solchen Urkunden, die ihre Erhebung in den
Pralatenstand aussprechen oder auch nur erwahnen. Als erster Domherr tritt im
Jahr 1253 in einer Urkunde des Bischofs Heinrich von Kurland fiber die Tei-
lung des unbebauten Kurlands in der Zeugenreihe Johann Hase auf. Die nach-
ste namentliche Erwahnung von Domherren ist fur das von Bischof Edmund
von Werd [neu-Jgegriindete Domkapitel vom Jahr 1290 belegt, daB sich neben
den beiden Dignitaren aus den vier Domherren Johannes de Colonia, Volradus,
Helmoldus und Wynandus zusammensetzt. In der Folgezeit ist eine vollzahlige
Zusammensetzung des Kapitels aus den Urkunden nicht noch einmal zu erse-
hen. Im Jahr 1378 werden gleichzeitig neben dem Vizepropst die drei Domher-
87 Vgl. Mitt. 4, S. 463.
88 Im engeren Sinne. Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 297, Liste der Domherren.
89 Drei von ihnen waren zweifach, einer dreifach bepfriindet.
90 Nikolaus Sprenger zu Talsen, Christoffer Sturm zu Pilten. Letzterer war aufterdem Kaplan in
Pilten.
91 Siehe auch die vergleichende Zusammenstellung mit den entsprechenden urkundlichen
Belegen. Soweit im folgenden keine besonderen Belege angefuhrt werden, konnte zur Ver-
meidung einer doppelten Nachweisung darauf verzichtet werden.
192
Erwin Hertwich
ren Heinricus, Herbordus und Bernhardus Wernere genannt.92 Ebenfalls drei
Domherren sind im Jahr 1515 zu gleicher Zeit nachweisbar: <S. 58-62 Tabel-
le> <S. 63> Johann Ghise Urban Krafft und Jochim Gulowe93.
Drei von ihnen gehorten nachweisbar dem Adel an: Johann von Miinchhau-
sen, Augustinus von Gethelen und Ulrich von Behr94, dazu einer von den
,,Auswartigen“, Heinrich Basedow95. Von Gerhardus de Dron mochte ich
ebenfalls Adelszugehorigkeit annehmen. Er zahlte an Universitatsgebuhren in
Bologna [als Ordensbruder] einen bedeutend groBeren Betrag als andere [biir-
gerliche!] Studenten. In Kurland war er vor dem Studium bereits Prokurator
des Bischofs und bekleidete in Bologna die Wurde eines Prokurators der Deut-
schen Nation96.
Bei den iibrigen Fallen, in denen meist zu dem allein uberlieferten Rufna-
men noch der Name einer Ortlichkeit tritt, darf man nicht auf adlige Abstam-
mung schlieBen, denn das Wortchen „de4* oder ,,von“ war noch durchaus kein
Vorrecht des Adels;97 es ist weniger als Adelspradikat als vielmehr als Her-
kunftsangabe anzusprechen, man setzte es einmal, dann lieB man es wieder
fort98 99. Etwa 9% der canonici kamen demnach aus dem Adel.
Durch papstliche Provisionen sind kurlandische Domherren nie in ihr Amt
gekommen. Das vom Deutschen Orden auch dem Papst gegeniiber in zwei
Fallen mit groBter Scharfe verteidigte Privileg", daB in die zum Orden gehori-
gen Domstifter nur Ordensbruder eingesetzt werden durften, lieB solche Ver-
suche nicht zum Ziel gelangen100.
<S. 64> Sieben Domherren waren vor bzw. noch wahrend ihrer Einsetzung
als Kanoniker Notare und Sekretare des Bischofs von Kurland; einer von ihnen
war vorher Geheimschreiber und dann Sekretar des Ordensmeisters gewesen,
Paul Einwald. Jakob Varus stand als Notar und Sekretar im Dienst des Erzbi-
schofs von Riga. Gerhardus de Dron war Prokurator D.O. in Bologna, Michael
Schulteti Kanzler des Hochmeisters und dann Oberster Prokurator D.O. in
92 AnlaBlich der Verleihung des Rigaischen Stadtrechts an das Stadtchen Hasenpoth, UB 3, Nr.
1131.
93 Hasenpother Stadtbuch, fol. 58, S. 115.
94 S. o. Anm. 56 und 57.
95 Eubel, Hier. cath. 2, S. 158.
96 Transsumpt vom Jahr 1424 (Hildebrands Nachlafl).
97 Z. B. Johannes de Colonia, Johannes de Sabele, Andreas de Cur.
98 UB II/2, Nr. 52i2, 681,930.
99 Fall Augustin Tiergart, s. u. Кар 4.II.2, desgl. Wigand Grabow, ebenda, UB 5, Nr. 2336,
2349.
100 Vgl. Hoelge, Culmer Domkapitel, S. 150.
Das Kurlandische Domkapitel 193
Rom. Christoffer Sturm war vor Besitznahme des Kanonikats Kaplan101 des
Bischofs.
Von funf Domherren kennen wir den Weihegrad. Presbyter waren Johann
de Colonia, Volradus, Helmoldus, Wynandus. Mit der Sammelbezeichnung
,,Kleriker“ werden erwahnt: Wigand Grabow, Martin Lewitz, Mathias Schulteti,
Nikolaus Sprenger, Christoffer Sturm, Augustinus von Gethelen, Christian
Wulff, Jakob Varus; Ulrich von Behr wird als Subdiakon genannt.
Gerhard de Dron trat in spateren Jahren als Kanzler und Sekretar des Or-
densmeisters auf. Johann Pomereningk fand politische Verwendung102. Funf
Domherren nahmen Besitz von der Dechantei: Bernhardus Wernere, Nikolaus
Sprenger [spater Propst], Hermann Ronneberg [spater Bischof], Christian
Wulff, Jakob Varus [spater stellvertretender Propst und 1563 verordneter Re¬
gent]. Ambrosius Korsner besetzte die Dechantei von Riga [spater Propst von
Kurland und Elekt; Pfarrer zu Rastenburg/Pr.]. Sieben Domherren uberspran-
gen die Wurde des Dekanen und wurden zum Propst ernannt: Nikolaus Kem-
nitz, Andreas de Cur, Wigand Grabow [vorubergehend, gehorte nicht dem
Deutschen Orden an!], Michael Schulteti, Christoffer Sturm, Augustinus von
Gethelen, Ulrich Behr [providierter Koadjutor]. Neun gelangten als Kanoniker
auf den Bischofsstuhl: Paul (II.) Einwald (Koadjutor gewesen), Martin Lewitz,
Micael Schulteti (Koadjutor gewesen), Johann (IV.) von Miinchhausen [und
Administrator des Bistums Osel]. Dietrich Tanke war Elekt von Kurland.
<S. 65> Von den nachgewiesenen neun ,,auswartigen“ Kanonikern Kur-
lands wurden drei Bischof von Kurland: Gottschalk Schutte [Dorpat, Osel],
Johannes Hamel [Samland, Verwalter des Bistums]103, Heinrich Basedow [Lu-
beck, Dorpat]; vier bewarben sich um den Bischofsstuhl: Augustinus Tiergart
[Ermland, bekanntlich kein Mitglied des Deutschen Ordens], Paul Watt [Mei-
Ben, Ermland; spater Bischof von Samland], Albert Bischof [Ermland, Lubeck;
spater Pfarrer der St. Katharinenkirche in Danzig], Georg Pusch [MeiBen, po-
stuliert; spater Propst von Forchheim]. Johannes Sobbe [Riga] besetzte die
Dechantei und Werner Zekemet [Dorpat, Osel, Verden] die Propstei der kur-
landischen Kirche.
101 Vgl. WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 154.
102 Gesandter des HM nach Danemark, Schweden.
103 Bis der Bischof von Kurland, Johannes II. (Tiergart), 1434 aus dem Ausland endgiiltig in sein
Bistum zuriickkehrte.
194
Erwin Hertwich
Zweimal treten uns Senioren entgegen: Christian Wulff104, Georgius Lank-
har105.
<S. 58>
ungefahre
Amtsdauer
Name dee
Domherm
erstmalig
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
Ug
urkundlich
belegt
nachher
1246
capitulum
1246 Feb.
5
UB 6, Nr.
2729
1253
Johannes
Hase
1253 Juli
20
UB 1, Nr.
253
1254
capitulum
[1254]
UB 1, Nr.
373
1260
canonici
seculares
[1260]
UB 2, Spalte
64.
Seraphim
Zeugenver-
hor, Z VII,
6
1263
capitulum
des Bf.
Heinrich v.
Kurland
1263
UB 1, Nr.
373
1290
Johannes de
Colonia
1290 Jan.
UB 1, Nr.
530
frater sacerdos
1290 Mai
10
UB 1, Nr.
534
1290
Volradus
1290 Jan.
UB 1, Nr.
530
frater sacerdos
[1290
Feb. 1]
UB 1, Nr.
531. Vgl.
532
1290
Helmoldus
1290 Jan.
UB 1, Nr.
530
frater sacerdos
[1290
Feb. 1]
UB 1, Nr.
531. Vgl.
532
1290
Wynandus
1290 Jan.
UB 1, Nr.
530
frater sacerdos
[1290
Feb. 1]
UB 1, Nr.
531. Vgl.
532
1301
Johannes de
Sabele
1301 Jan.
4
UB 2, Nr.
604
1322
Paulus*
[1322Mar
Z.51
UB 6, Nr
2779
Bf. v. Kurland
<S. 59>
1323
Conradus,
scholasdcus
1323Juni
16
Liljegren,
Diplom.
suecan 3,
Nr. 2469
1326...
Gerhe(a)rdus
de Dron
1326 Juli
12
Konigl.
offend.
Bibliothek,
Transsumpt
v. Jahr 1424
Prokurator d.
deutschen
Nation in
Bologna
1361 Kanzler,
Sekretar d. OM
104 Vgl. oben Кар. 3.II.2.
105 Varus, Collectanea, fol. 150 f.
* Kleindruck (Unterstrichen im Manuskript) <hier kursiv>; vgl. die Tafeln der Bischofe S. 33
ff., Propste, S. 48 ff., Dekane S. 53 ff. und chronologische Zusammenstellung S. 69 ff.
Das Kurlandische Domkapitel
195
ungefahre
Amtsdauer
Name dee
Domherrn
erstmalig
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
li«
urkundlich
belegt
nachher
-1328
Johannes
1328
0kt.11
Eubel,
Hier. cath. 1,
228, Anm.
(Obi. 6, Bl.
26)
[1)32]
Apr. 30
UB 6, Nr.
2796
Bf. v. Kurland
(Johannes I.)
-1332
Johannes
1332 Apr.
30
UB 6, Nr.
2796
Bf. v. Kurland
(Johannes II.)
1338
Johannes
Lange
1338 Sep.
8
UB 2, Nr.
783
-1360
Jakob
1360
UB 6, Nr.
2869
Bf. v. Kurland
-1371
Otto, custos
1371
UB 6, Nr.
2900
Nicolaus
Kemnit^j
Vizepropst
1378
Marz 17
UB 3, Nr.
1131
Propst v. Kurland
Heinricus
1378
Marz 17
UB 3, Nr.
1131
Herbordus
1378
Marz 17
UB 3, Nr.
1131
Bemhardus
Wemere
1378
Marz 17
UB 3, Nr.
1131
Dekan v. Kurland
Andreas de
Cur
1378 Okt.
17
UB 3, Nr.
1248. Vgl
1232
?1383 DH
Kurland, Notar d.
Bf. v. Kurland
Propst v. Kurland
Jakob
1392Juni
12, 20
UB 3, Nr.
1316. Vgl.
1317
1392Juni
12
UB 3, Nr.
1317
<S. 60>
-1399
Rutger v.
Briiggenau
1399Juni
?
Vgl. Eubel,
Hier. cath. 1,
S.228
Bf. v. Kurland
Dietrich
Tanke
[1418]
1419 Aug.
25
UB 5, Nr.
2336
(1419?)
UB 5, Nr.
2349
Elekt v. Kurland
1424
Wigand
Grabow
1419
Marz 3
UB 11, Nr.
303
Kirchherr, Ort
unbekannt, DH
Dorpat; nicht
D.0.1
1431 Jan.
6
UB 8, Nr.
392
vorubergehend
Propst v. Kurland,
1431 Vikar zp
Uineburg
Johann
Grabow
1430 Apr.
12
UB 8, Nr.
186
1430
Aug. 11,
1431 ]an.
UB 8, Nr.
287, UB 8,
Nr. 392
Michael
Pampow
1456
UB 11, Nr.
640
Bf. Paul II.
wiinschte, dafi er
nach Kurland
kdme(alsDH?),
bischoflicher Notar
Paul Einwald
1456 Apr.
6
UB 11, Nr.
530
Geheimschreiber,
dann Sekretdr d.
OM, Notar d. Bf.
v. Kurland
1457
Rig. Kdmme-
reirechnungen
Koadjutor 1456,
Bf. v. Kurland
vor 1470
Martin Lewitz
1497 Jan.
3
UB II/1, Nr.
471
vor 1470 nach
Kurland\ Kleriker
Kurland, Geheim¬
schreiber d. Bf.
Bf. v. Kurland
196
Erwin Hertwich
ungefahre
Amtsdauer
Name dee
Domherm
erstmalig
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
lig
urkundlich
belegt
nachher
Ambrosius
Korsner
1481 Juli
Index, Nr.
2188
1485
SS. rer. Uvl.,
v. 2 796
Dekan Riga,
Propst v. Kurland,
1500 Pfarrer xu
Rastenberg
Michael
Scbulteti
1497 Okt.
31
UB 11/1, Nr.
606
DH Ermland,
DH Samland,
Kanxjerd. HM,
Oberster Prokura-
torD.O. Rom
1500 Juni
10
UB 11/1, Nr.
996
Koadjutor 1497,
Bf. v. Kurland
<S. 61>
Mathias
Schulteti
1500 Feb.
23
UB II/l,
Nr. 938
Sekretar d. Bf. v.
Kurland, Pres¬
byter Ermland,
Propst Kurland
1507 Jan.
17
UB II/3,
Nr. 147
„alter" Propst v.
Kurland
1501-10
Johannes
Pome-
reningk
1501
Marz 16
Kurlandi-
sche Giiter-
chronik
N.F., 1. Teil,
Nr. 50,71.
Vgl. II/2,
Nr. 50
1510
Juni/Juli
UB II/3,
Nr. 419, 555
1503 Gesandter
d. HM (Dane-
mark, Schwe-
den)
Andreas
Wendt
1501
Marz 16
Kurlandi-
sche Giiter-
chronik
N.F., 1. Teil,
Nr. 30 u. 32
1510 Juli
29
UB II/3,
Nr. 8553
Johannes
lodeke
[1506
Marz 291
Index, Nr.
2529
Nicolaus
Sprenger
1500
Brieflade %u
Dursuppen
Kirchherr %u
Talsen / Kurland
Dekan v. Kurland,
spdter Propst v.
Kurland
Johann
Ghise
1515 Juli
21
Hasenpo-
ther Stad-
buch, fol. 58
fS. 1151
Urban
Krafft
1515 Juli
21
Hasenpo-
ther Stadt-
buch, fol. 58
fS. 1151
Jochim
Gulowe
1515 Juli
21
Hasenpo-
ther Stadt-
buch, fol. 58
[S- И51
Christojfer
Sturm
1500
UBII/1,
Register
Kaplan d. Bf. v.
Kurland, Kirchherr
ХИ Pilten
Propst v. Kurland
Hermann
Ronneberg
1524
Marvel
Transsumpt v.
1524 Marx
21, Rom,
Geh. Archil>
Xu Kopenha-
gen
Sekretar, dann
Kanxjerd. OM,
DH Riga, Sub-
kommissar D.O. f.
d. Kreuxigungsab-
lafi
Dekan Kurland?,
spdter Bf. v.
Kurland
<S. 62>
Johann
Wemigke
1526 Juni
15
Mon. Liv. 5,
55
Sekretar d. Bf. v.
Kurland
1527
Marz 25
Reichsarchiv
zu Stock¬
holm
Das Kurlandische Domkapitel
197
ungefahre
Amtsdauer
Name dee
Domherrn
erstmalig
urkundlich
belegt
vorher
letztma-
Kg
urkundlich
belegt
nachher
Johann v.
Miinchhausen
DH Vtrdtn, Ost/,
Minden
1540Juli
16
Eubhl,
Hier. cath. 3,
199 nach Act.
consist. 5, fol.
106
Christianus
Wulff
1533
Mitt. 4, S.
463
Notar d. Bf. v.
Kurland, KJeriker,
Kommissar d.
Kirchherm %u
Arwahien /
Kurland, DH
Kurland
1556
Senior des
Kapitels. Vgl.
Mitt. 4, S.
463
Dekan v. Kurland
Augustinus v.
Getheien
1549 Okt.
Woldemarsche
Sammlung im
Archiv d.
Kurlandischen
Ritterschaft
XXII, S. 153
ff-
KJeriker Liineburg,
Buxtehude, DH
Riga, cellerarius,
vorsniderd. Bf. v.
Kurland
Propst v. Kurland
Georgius
Lanckhar
1531 Apr.
30
VARUS,
Coll., fol.
117a
1560 •
Aug. 8
Orig.
Brieflade zu
Katzdangen
Senior 1556
Jakob Varus
1549 Okt.
11
Woldemarsche
Sammlung im
Archiv d.
Kurlandischen
Ritterschaft
XVII, S.
153 ff.
Sekretar; No tar d.
Ebf v. Riga,
KJeriker Dio%.
Lubeck, „moesge-
veru d. Bf. v.
Kurland
1553
Varus, Coll,
im Archiv d.
Uvlandischen
Ritterschaft,
fol 132a,
148b, 153a
Dekan v. Kurland,
spater stellvertre-
tender Propst,
1563 verordneter
Regent
Ulrich v. Behr
1556
Mitt. 4,471
Subdiakon u. DH
Bremen, Verden,
Minden
Propst v. Kurland,
prov. Koadjutor
<Forts. von S. 65>
Zusammenfassung
Fassen wir die Ergebnisse der Untersuchungen tiber die Dignitaten und die
Kanoniker im engeren Sinne zusammen, so ergibt sich folgendes:
Um die Mitte des 13. Jahrhundert erfahren wir erstmalig von der Existenz
des Kurlandischen Domkapitels. Zunachst treten weltliche Domherren — cano-
nici saeculares - auf. Gleichzeitig erscheint auch der erste Dignitar, der Propst,
und als am Ende des Jahrhunderts das Kapitel, von jetzt ab als dem Deutschen
Orden zugehorig, neugegnindet wird, treten die beiden Dignitare, Propst und
Dekan, neben vier Domherren sofort in Erscheinung. Die Sechszahl wurde nie
uber-, eher ofter unterschritten. Die Organisation der kurlandischen Kirche hat
sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nach dem Vorbild der preuftischen kolonia-
198
Erwin Hertwich
len Griindungen106 eng an die Ordensverwaltung mit all ihren Vorzugen und
mit ihrem im Laufe des 14. Jahrhunderts sich immer mehr ausbildenden cha-
rakteristischen Geprage angelehnt. Anhaltspunkte hieriiber bietet uns die
<S. 66> Quellenlage nur in sparlichen Майе. Immerhin laBt das am Ende des
14. Jahrhunderts festliegende Ergebnis dieser Entwicklung entsprechende
Ruckschlusse zu, und dieses Endergebnis lehrt uns, dab die inkorporierten
Domkapitel eine in wesentlichen Punkten charakteristisch organisierte, von
anderen Kapiteln unterschiedliche Institution darstellen.
Die Rangfolge der Dompralaten blieb ohne Abweichung stets die gleiche: 1.
Propst, 2. Dekan.
Als Besonderheit treten je einmal ein scholasticus und ein custos auf, doch
handelt es sich sicher hier um von ,,auswarts“ mitgebrachte Titel107. Fur den
Anfang des 16. Jahrhunderts ist das Amt des Okonoms als Vertretung fur den
voriibergehend abwesenden Propst nachzuweisen. Zweimal wird als am lang-
sten im Kapitel residierender Domherr ein Senior genannt, dem sicher auch
besondere Ehrenrechte zukamen.
Da Kurland damals Suffraganbistum von Riga war108, durfte ein Vergleich
mit den iibrigen damaligen Domkapiteln der Rigaer Kirchenprovinz am Platz
sein.
<S. 67>
106 Mit Ausnahme des Ermlandischen Domkapitels, das dem Orden, wie erwahnt, nicht inkor-
poriert war.
107 Noch ein besonderer Umstand sei hervorgehoben: In der Urkunde II, Nr. 3 (Aus der Gro-
Ben Iwandenschen (I) Brieflade, Urkunde 3, Goldingen, 21. Dez. 1498) erscheint der [letti-
sche] Dolmetscher (,,tollik“-Tolk) Andreas Noweberger. Es handelt sich um ein Verhor einer
ganzen Reihe von Bauern. Da ein Teil der Ordensbriider nicht aus Livland stammt, ist damit
die Frage geklart, wie sich die Ordensbeamten, besonders bei der Gerichtspflege mit der ein-
heimischen Bevolkerung verstandigten. Nach ARBUSOW, in: Gen. Jb. 1897, S. 62 ff., Mitau
1898.
108 UB 1, Nr. 282, 530; UB 6, Nr. 2779, 374a; Kurlandische Giiterchroniken II, S. 51: „... Otto,
Bischof von Kurland, Suffragan der Rigaischen Kirche
Das Kurlandische Domkapitel
Vergleichende Obersicht zur Zueammensetzung der livlandischen Domkapitel
199
Kurland
шеа 1
Dorpat |
Osel |
Reval
UB 1, Nr. 530
n
UB II/7, Nr. 351
achgewiesen in:
UB 2, Nr. 971; UB
UB 6, Nr. 2731
UB II, Nr. 486
12 canonici
12l^ canonici
9, Nr. 705
12 canonici
12 canonici
12 canonici
praepositus
e i i
praepositus
nschlieBlicl
praepositus
L
praepositus
decanus
decanus
prior (-1374) / deca¬
decanus
decanus
scholasticus
(Pcustos [Otto 1371)
nus (1374-)
thesaurariusllO
scholasticus
scholasticus
(Pscholasticus [Con-
cellerarius
thesaurarius
custos
radus 1323])
scholasticus
cantor
custos
cantor
custos
cellerarius
In die Besetzung der Pralaturen und Domherrenstellen teilten sich anscheinend
Bischof, Kapitel und Ordens- bzw. Hochmeister, da sowohl in bischoflichen als
auch in Ordensdiensten stehende Kleriker und Pries terbriider Domherren und
Dignitare wurden. In jedem Fall aber muBten die Kandidaten Ordensbriider
sein, zumindest hatte ein gewahlter Nichtordensbruder beim Deutschen Orden
die Aufnahme in diesen gemaB der bereits in der Griindungsurkunde festge-
setzten Bedingungen nachzusuchen. Jede Besetzung war von der Zustimmung
des Ordensmeisters abhangig. Dem Bischof stand die Bestatigung des Bewer-
bers zu. Da auch das Kapitel das Ablehnungsrecht hatte, war man auf Ver-
handlungen miteinander angewiesen.
Die Pralaturen wurden in der Regel mit Mitgliedern des Kapitels besetzt. 24
von 44 kurlandischen Domherren, einschlieBlich der beiden mit nicht gesi-
cherter Zugehorigkeit zum Domkapitel, stiegen zur Pralatenwiirde auf, 16 da-
von sind spater als Bischofe von Kurland bzw. Bewerber (2) um das Bistum
nachzuweisen. <S. 68> 52,1% der von Haus aus kurlandischen Kanoniker
wurden demnach Pralaten bzw. Bischofe, 66,6% der Wiirdentrager erreichten
den Bischofsstuhl. Ahnlich lagen die Verhaltnisse bei den (9) ,,auswartigen“
Kanonikern Kurlands: Drei wurden Bischof von Kurland und vier bewarben
sich darum, das sind 77,7%. Zwei der 33 Pralaten gehorten bei Amtserhebung 109109 1209, 1212-1374 [Praemonstratenser-Verfassung des DK]: 12 canonici, ausschlieBlich prae-
positus; vor 1209 und nach 1354 [Augustinerregel]: einschlieBlich praepositus.; nach METTIG,
Zur Verfassungsgeschichte des Rigaschen Domkapitels, in: Mitt. 12, S. 509-537, Riga 1880.
1,0 Gefallige Mitteilung von Arbusow (Posen) nach BRUININGK und BUSCH, Livlandische Gii-
terurkunden 1, 1907, Nr. 371 vom 15. Mai 1456. Vgl. hierzu METTIG, a. a. O., S. 528.
200
Erwin Hertwich
dem Kurlandischen Domkapitel noch nicht an: Werner Zekemet111 und Johan¬
nes Sobbe112. Ein Dignitar schied aus und legte das Habit ab. Er ging nach
Deutschland zuriick.
Hinsichtlich der Standeszugehorigkeit zeigt das Domkapitel im Gegensatz
zu anderen Stiftern eine vollige Gleichwertigkeit von Adel und Biirgertum, ja
ein Uberwiegen des letzteren. Es kam nie dazu, daB der Adel wie anderwarts,
trotz der hohen Bedeutung dieser Pralatur, den ausschlieBlichen Besitz der
Pralaturen in Anspruch nahm. Auch bei der Spitzendignitat war das nicht der
Fall. Slawische Namen kommen nicht vor; seit 1466 dringen polnische Namen
wie in PreuBen so auch in Livland ein.
Die uberwiegende Mehrheit der Pralaten und Domherren setzte sich wah-
rend der gesamten hier behandelten Zeit (1232-1561) in immer steigendem
MaBe aus der einheimischen Bevolkerung zusammen. Es handelt sich um die
Nachkommen der zur Zeit der Aufsegelung ins Land gekommenen Deutschen.
An nachster Stelle stehen dann die PreuBen, die aus dem eigentlichen Ordens-
land heriiberkamen. Die Pralaturen jedoch wurden offensichtlich bevorzugt
von ,,Nichteinheimischen“, also Priesterbriidern, die unmittelbar aus dem
,,Reich“ kamen, besetzt113.
Mit ganz geringfugigen Ausnahmen haben die Mitglieder der beiden Digni-
taten standig residiert. Auch die Domherren haben die Residenz gewahrt. Zeit-
weilig war die Propstei verwaist, und es begegnen uns nur deren Vertreter, die
Vizepropste.114 Der Drang nach kurlandischen Dignitaten und Kanonikaten
scheint ohnehin nicht besonders groB gewesen zu sein. Es gab Zeiten, in denen
Kurland weder einen Dekan noch irgendeinen Domherrn hatte. Mangel an
Existenzmitteln und die zu erwartende Amtslast diirften auf eintragliche Pfriin-
den ausgehenden Kanonikern wenig begehrenswert gewesen sein.
<S. 69>
1,1 DH Dorpait, Osel, Verden.
42 DH Riga.
1,3 Vgl. hieriiber ausfuhrlich Кар. 5.1.
114 Nikolaus Kemnitz, Nikolaus Lemberg.
Das Kurlandische Domkapitel
201
Cbronologiscbe Zusammenstellung aller nacbgewiesenen Biscbofe (und
Bewerber) und Kapitelsmitglieder des Bistums Kurland
Biechofe und
Bewerber
Propste
Dekane
Domherren
Balduin von Semgallen,
Verwalter 1232-34
Engelbert 1234-42
Guarner
1245-46 [48] providiert
Heinrich I. von Liitzelburg
1251-63
Hetzelinus
Johannes Hase
Edmund von Werd
1263-98 (99)
Johannes
Theodericus
Johannes de Colonia
burchhard^ 1 4a
Volradus
Helmoldus
Wynandus
Burchard 1300-1311
Berthold
Henrich
Paulus
Paul I. 1322-26
Johannes de Sabele
Conradus, scholasdcus
Gerhardus de Dron
Johannes
lohannes I. 1328-31
Johannes
johannes II. 1332-53
Hinricus de Havel
Conradus de Gotingen
Johannes Lange
<S. 70>
Wilhelmus
Wemerus Johannes
Ludolf
Henricus
Ludolf 1354-59
Jakob
Jakob 1360-71
Otto, custos
Otto 1371-98
Nicolaus Kernnit?, Viyepropst
Nicolaus Kemnitz
Heinricus
Herbordus
bernhardus Wernere
Bernhardus Wernere
Andreas de Cur
Jakob
Rutger von briiggenei
Rutger v. Briiggenei
1399-1404
Andreas de Cur
(Gottschalk Schutte^
DH Dorpat, Osel
Gottschalk Schutte
1405-24
Wigand Grabow
Dietrich Tanke
Dietrich Tanke
Wigand Grabow,
nichtim D.O.!
Dietrich Тапке, Elekt
1424
Johannes Hamel,
Verwalter 1425-30 [331
Nicolaus Croppin
(Johannes Hamel),
DH Samland
<S. 71> Johannes III.
Tiergart 1425-56
Johann Grabow
114a Kleindruck (Unterstrichen im Manuskript) <hier: kursiv>: Die in mehreren Dignitaten er-
scheinenden Wiirdentrager; die zuletzt erreichte [hochste] Stelle zeigt Normaldruck.
115 Kleindruck (unterstrichen im Manuskript) <hier: kursiv>: Angehorige aufkrkurlandischer
Domkapitel.
202
Erwin Hertwich
Bischofe und
Bewerber
Propste
Dekane
Domherren
(Werner Zekemet), DH
Dorpat, Osel, Verden
Augustin Tiergart, nicht
im D.O.! 1439,1453 f.
(Augustin Tiergart),
providiert im Bistum Osel
Johannes Sobbe
(Augustinus Tiergart),
DH Ermland
Johannes Gabelow
Johannes Sobbe, DH Riga
Michael Sampow
Paul Einwald, Koadjutor
1455-56
Paul II. (Einwald) 1457-73
Wemer Zekemet
Martin Lewit^
Martin Lewitz 1473-1500
Matthias Schulteti,
spater ,,alter“ Propst
Ambrosius Korsner
(Ambrosius Korsner), Dekan
Rtfa
Michael Schulteti,
Koadjutor seit 1497
Ambrosius Korsner,
Junjpr" Propst
Nicolaus Lemberg,
Vizepropst
(Heinrich Basedow),
DH Liibeck, Dorpat
Matthias Schulteti
Ambrosius Korsner
Elekt 1500
Paulus Watt116
Bewerbung angeregt 1500,
spater Bf. v. Samland
(Paulus Watt), Propst Dorpat
(Paulus Watt), DH Meifien
(Bautzen), Frauenburg
Michael Schulteti
1500 Mai 4- 1500 Nov. 4
Albert Bischof
1500-1501
(Albert BischoJ),
DH Ermland und Liibeck
Hiob v. Dobeneck
[1498], 1501, spater Bf.v.
Pomesanien
(Hiob v. Dobeneck), Propst
Zschillen b. Wechselburg /
Sachsen
Wilhelm Haldenhoff,
Bewerber 1501, providiert
<S. 72> Johann (Jakob)
Burchard v. Straftburg,
Bewerber 1501
Wilhelm Abt v. Luxem¬
burg, Bewerber 1501
Heinrich II. Basedow
1501-23
Heinrich Schubbe
Johann Pomereningk
Andreas Wendt
Nicolaus Lemberg
Johannes Jodeke
[Nicolaus Sprenger^ ^,
Kirchherr Talsen / Kurland
Nicolaus Sprenger
Johann Ghise
Nicolaus Sprenger
Urban Krafft
Jochim Gulowe
[Christojfer Sturm],
Kirchherr, Pilten
Hermann Ronneberg
Hermann Ronneberg?
1,6 <Vorlage: 117> Bewerbung angeregt durch den Hochmeister, jedoch fiihrte Paulus Watt
keine Bewerbung durch.
117 <Vorlage: 118> Zugehorigkeit zum Domkapitel als Domherr wird vermutet.
Das Kurlandische Domkapitel
203
Biechofe und
Bewerber
Propste
Dekane
Domherren
Georg Pusch
postuliert 1524
(Georg Pusch),
Propst Forchheim
(Georg Pusch), DH Meifien
Hermann Ronneberg
1424-40
Johannes Schnabel
Johann Wernigko
Johann von Miinchhausen
Johann IV. von
Miinchhausen 1540-60
Augustinus v. Gethelen,
cellerarius („vorsnider')
Augustinus von Gethelen
Christianus Wulff
Christianus Wulff
Georgius Lankhar
Jacobus Varus, „moesgever“
Jacobus Varus,
stellvertretender Propst
Jacobus Varus
Ulrich von Behr
Ulrich von Behr
providiert Koadjutor 1556
Ulrich von Behr
Magnus von Holstein
1560-83
204
Erwin Hertwich
<S. 73>
4. Besetzung des Bistums. Eintritt in das Domkapitel
I. Besetzung des Bistums
Die Geschichte der Bischofswahlen in Livland ist nicht zu vergleichen mit der
im iibrigen Abendland1, wo der Staat anmaBenden Forderungen der Kirche
ablehnend entgegentrat. Hier im Nordosten kam es nicht zu diesen Reibungen,
da das sich formende, werdende Staatswesen seine Geburt kirchlichen Interes-
sen verdankt. So sah auch das 13. Jahrhundert Bischofe und die beiden Ritter-
orden, sowohl Schwertbruder wie auch Deutscher Orden, im gemeinsamen
Kampf mit den unbotmaBigen Einwohnern dieser Gebiete und ihren unruhigen
Nachbarn. Mit Beginn des 14. Jahrhunderts begann der Orden dann den
Kampf um den Machtanspruch uber die Bistumer. Sein politisches Denken
kreiste alleinig um das Ziel der Vereinheitlichung seines Staates.
Hatte ehemals bei der Auswahl des Bischofs das Domkapitel noch einen be-
stimmten EinfluB ausgeiibt, so war von 1200 an weit beachtlicher das Eingrei-
fen der Kurie geworden2. Die Bistiimer PreuBens und das kurlandische wurden
durch die Bulle des Papstes Innozenz IV. vom 9. Januar 12463 der Aufsicht des
Erzbischofs Albert unterstellt, der aber erst seit 1253 seinen Sitz in Riga neh-
men konnte. Bald darauf, am 12. Januar 12544, erklarte Papst Alexander IV. daB
die Verbindung der Metropolitanrechte, die vorher an Alberts Person gekniipft
waren, mit dem Bistum Riga auch fur die Folge Bestand haben sollte. Seitdem
waren die Erzbischofe von Riga wenigstens dem Namen nach Metropoliten der
preuBischen und des kurlandischen Bistums. Denn in der Praxis wurde die
Einwirkung des Metropoliten auf die mit Ordensgeistlichen besetzten Bistiimer
durch den Orden sehr beschrankt.5
<S. 74> In den Dekreten des Laterankonzils vom Jahre 1215 hatte sich der
Papst jedoch bereits vorbehalten, unter gewissen Voraussetzungen von sich aus
die Besetzung der Bischofsstiihle durchzufuhren. Diese Absichten wurden bis
1 Ausfuhrlich dargestellt bei SCHONEBOHM, Livlandische Bistiimer, S. 295 ff.
2 Vgl. SCHULTE, Adel und deutsche Kirche, S. 65.
3 Bulle von 1246 in Act. Bor. II, S. 624, Cod. dipl. Lubec. I, Nr. 228.
4 Bulle von 1254 bei Raynald, Annal. eccl. 1255, Nr. 64, GRUBER, Orig. Livl., S. 1279.
5 Die nicht inkorporierte Kirche von Ermland hat in der Zeit des Ordensstaates dem Ebf. von
Riga die Jurisdiktion in ihrem Diozesanbereich abgeschlagen.
Das Kurlandische Domkapitel
205
zu Beginn des 14. Jahrhunderts weiter entwickelt und fanden schlieBlich ihre
Verwirklichung mit der Aufhebung des bisherigen Wahlrechts der Domkapitel6.
Der erste Bischof von Kurland, Engelbert, wurde vom papstlichen Legaten
Wilhelm von Modena ernannt7. Der bereits anlaBlich der Eingliederung des
Schwertbniderordens in den Deutschen Orden aufgestellte Grundsatz, daB
praefata terra [Livland] ... iuris etproprietatis beati Petri ware8, wurde kiinftighin stets
angewandt und gab dem Papst die Handhabe fur seinen Anspruch auf jede
Bischofsernennung. Auch die nachsten Besetzungen nimmt die Kurie vor: In-
nozenz IV. bemiiht sich zweimal fur Guarner; Heinrich von Liitzelburg ver¬
se tzte er ... cum omni iurisdictione et iure temporali et spirituali 9 nach Kurland, aller-
dings nicht ohne Einwilligung des Metropoliten und seines Kapitels und mit
Zustimmung des Deutschen Ordens.10 In beiden Fallen handelt es sich um
reine Provisionen.
Edmund von Werd wurde unter offensichtlicher Beriicksichtigung11 der
Ordenswiinsche von Urban IV. als Bischof der kurischen Kirche vorgesetzt
und geweiht. Dem Metropoliten muBte er noch <S. 75> auf papstlichen Befehl
nach der Weihe den Treueid leisten. Unter Nikolaus IV. wurde Kurland wahr-
scheinlich vakant. Von Bischof Burchard kann mit einiger GewiBheit ange-
nommen werden, daB seine Wahl und Bestatigung einen ordnungsgemaBen
Verlauf nahmen12. Paul I. wurde ebenfalls kanonisch gewahlt13 und begab sich
nach Rom, um den sich dort aufhaltenden Erzbischof Friedrich von Riga um
die erforderliche Bestatigung zu bitten, die dieser ihm jedoch ausschlug14.
Schonebohm vermutet „unter dem Druck des Papstes, bei dem er mit dem
Deutschen Orden prozessierte“15. Daraufhin providierte Johann XXII. Paul
von Kurland. Bei Johannes I. und II. ist nichts liber die Wahl bekannt. Ludolf
wurde als Propst der kurlandischen Kirche von Innozenz VI. providiert16. Er
starb 1359 als Bischof. Sein Nachfolger Jakob wurde als kurlandischer Dom-
6 KRABBO, Die Besetzung der deutschen Bistiimer unter der Regierung Kaiser Friedrich II., I.
Teil, S. 36 ff., Berlin 1901. Krabbo zahlt die moglichen Falle auf.
7 Vgl. Bunge, Weihbischofe, S. 68, Anm. 285.
8 SS. rer. Pruss. V., S. 390. UB 1, Nr. 149: ... praefata terra, quae iuris et proprietatis beati Petri esse
dinoscitur.
9 UBl,Nr. 219.
10 UB 1, Nr. 219, SchluB.
11 UB3,Nr. 374a.
12 UBl,Nr. 589.
13 UB 6, Nr. 2779.
14 WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 129: cotfirmatio des Erzbischofs.
15 Schonebohm, Bistiimer, S. 365.
16 UB 6, Nr. 2853.
206
Erwin Hertwich
herr vom gleichen Papst providiert17. Gregor XI. providierte den custos Otto
zum Bischof18, dessen Nachfolger, Rutger von Briiggenei, verpflichtete sich
nach seiner Wahl Bonifaz IX. als Bischof19. Als Domherr von Dorpat wurde
der vom Kapitel gewahlte Gottschalk Schutte in den Orden aufgenommen und
am namlichen Tage als Bischof von Kurland bestatigt20. Der Elekt des Kurlan-
dischen Kapitels, Dietrich Tanke, ging wegen seiner Bestatigung nach Rom21,
doch Martin V. providierte den bisherigen Prokurator des Deutschen Ordens
in Rom, Johann Tiergart, zum Bischof22.
<S. 76> Als der Deutsche Orden im Anfang des Jahres 1453 von den Ab-
sichten des alten und kranklichen Bischofs Johann Tiergart erfuhr, seinem Bru-
der Augustin, einem ermlandischen Domherrn, das Bistum zu verschaffen,
verteidigte er scharfstens seine durch die Inkorporation entstandenen Ansprii-
che gegen den Frauenburger Domherrn und seine Verwandten mit Erfolg.23
Auch die Propstei von Osel entging diesem. Der postulierte Bischof und Ad¬
ministrator des Stiftes Kurland, Paul II., verpflichtete sich Calixt III. und resi-
gnierte im Jahre 1473 in Rom24. Im gleichen Jahr verpflichtete sich der Pres¬
byter Martin Lewitz Sixtus IV. als Bischof von Kurland25. Propst Ambrosius
Korsner, von seinem Kapitel zum Bischof gewahlt, verzichtete in Rom zugun-
sten des nachtraglich vom Kapitel postulierten Michael Schulteti. Der Papst
griff nicht auf die alte provisio zuriick, der die confirmatio folgte, sondern an-
erkannte jetzt die postulatio des Kapitels und sprach nunmehr Michael Schul-
tetis admissio aus. Hoch- und Ordensmeister hatten mit alien Mitteln26 die
17 UB 6, Nr. 2867.
18 UB 6, Nr. 2900.
19 Eubel, Hier. cath. I, S. 228.
20 EUBEL, a. a. O.
21 UB7, Nr. 217,415.
22 UB 7, Nr. 235.
23 UB 11, Nr. 245. Zum Folgenden vgl. auch UB 11, Einleitung S. XXIII f. Siehe auch
MASCHKE, Drei Livonica, S. 163 ff.
24 Index, Nr. 2053.
25 Eubel, Hier. cath. II, S. 158, nach dem Vat. Archiv, Obi. 83, S. 28.
26 UB II/2, Nr. 944, S. 158, nach dem Vat. Archiv, Obi. 83, S. 28. Der OM hatte ihm sogar
einen Beauftragten nach Rom nachgesandt, den Sekretar der kurlandischen Kirche und Ka¬
plan des verstorbenen Bischofs Martin Lewitz, Christoffer Sturm, der den Propst zum Ver-
zicht bewegen sollte. Der HM empfahl seinerseits mehreren nicht mehr namhaft gemachten
Kardinalen die Ablehnung des Propstes und dafiir den Ordensoberprokurator. Inzwischen
hatten Okonom, Dekan und Kapitel Kurlands die Wahl ihres Propstes riickgangig gemacht
und auf aUsdriicklichen Wunsch des Hochmeisters Michael Schulteti postuliert. Vgl. UB II/2,
Nr. 938 vom 23. Feb. 1500.
In UB II/2, Nr. 943 bittet der HM den Papst um Konfirmation des Ordensoberprokurators,
den der Papst seinerzeit zum Koadjutor und Nachfolger des verstorbenen Bischofs bereits in
Das Kurlandische Domkapitel
207
Bestatigung dieser ,,untauglichen“ Personlichkeit hintertrieben27 und zunachst
dem <S. 77> Kanzler Paul Watt des Bistums zuwenden wollen28. Die Bewer-
bungen von Wilhelm, Abt von Luxemburg, und Jakob Burchard, dem Zeremo-
nienmeister des Papstes, blieben ohne Erfolg29. Alexander VI. bestatigte die
Postulation Michael Schultetis30. Als dieser im gleichen Jahr starb31, schlugen
die Prasentierungen Hiob von Dobenecks und Wilhelm Haldenhoffs durch den
Hochmeister und entsprechende Bemiihungen bei hohen kirchlichen Wiirden-
tragern fehl32. Alexander VI. lehnte auch Albert Bischof33 <S. 78> ab, der wie
schon im Jahr 1500 wieder Absichten auf das erledigte Bistum hatte, und pro-
vidierte den Presbyter Heinrich Basedow, nobilis, nachdem dieser in Rom dem
Aussicht genommen habe. Zwei Tage spater (UB 2, Nr. 946 vom 27. Feb. 1500) verwendet
sich der HM neben dem oben angefuhrten, an nicht mehr namhaft gemachte Kardinale ge-
richteten Schreiben in einem zweiten fur den Kardinal von Siena [Francesco Piccolomini] be-
stimmten Brief fur seinen Kandidaten.
27 UB II/2, Nr. 935 vom 16. Feb. 1500.
2H UB II/2, Nr. 930 vom 13. Feb. 1500. Der Hochmeister bietet darin seinem Kanzler das
Bistum Kurland an: ... Und so dann solch bischtum durch abgang berurts unsers freundes sich erledigt hot,
sint wirgeneigt, euch solch %w%wfugen und wo euch dasselbte gefellig und a^wnehmen gesinnet weret, widen wir
vleis furwenden, ir dasselbte in besit^ung %werlangen... Falls er dies aber nicht zu tun gesonnen sei,
fordert er ihn auf, die notwendigen Schreiben auszufertigen, urn den Prokurator D.O. in
Rom, Michael Schulteti, die Ernennung zu ermoglichen, unter alien Umstanden solle er die
Absichten des Danzigers [Albert Bischof] auf das Bistum zunichte machen. Paul Watt zeigte
keinerlei Neigung fur den kurlandischen Bischofsstuhl. Er ist spater als Bischof von Samland
nachzuweisen.
29 UB II/2, Nr. 12.
30 In Lib. Confr. b. Marie de Anima, S. Ill, Rom eingetragen: Michael Schulteti decretorum doctor,
procurator ord. Th. et ca. eccl. Samb. Zusatz: et fuit conjirmatus episcopus Curoniensis anno jubilei 1500
die 4 mensis Maii, nach ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 154.
31 UB II/1, S. 900. Gestorben zu Rom 1500 Nov. 4 (5), begraben in der Hospitalkirche der
Deutschen.
32 UB II/2, Nr. 31, 32, 34, 35, 77, 79, 80, 81, 86.
Am 8. Feb. 1501 schlagt der HM den Propst Hiob von Dobeneck als Bischof vor, die Kardi¬
nale s. Eustachii [Francesco Piccolomini von Siena] und s. Praxedis bittet er um ihren ent-
sprechenden EinfluB beim Papst. Am gleichen Tag bittet er den Herzog Georg von Sachsen,
ihm zwei kostbare TrinkgefaBe zu verschaffen, die dem sich um das Bistum Kurland bewer-
benden Propst zu Zschillen mitzugeben seien, um sie den beiden genannten Kardinalen zu
iiberreichen.
Am 17. Apr. 1501 bietet der HM Wilhelm Haldenhoff das Bistum an und sagt zu, die beiden
oben erwahnten Kardinale wieder um ihre Hilfe zu anzugehen. Am 20. Apr. 1501 schreibt er
in diesem Sinne an den Papst und die beiden Kardinale: Antoniotto, Kardinal s. Praxedis, be-
zeichnet der HM bei dieser Gelegenheit als „Protektor des Deutschen Ordens“ und sechs
Tage spater macht er den OM die Mitteilung, daB er dem Papst zwei geeignete Personlich-
keiten prasentiert habe.
UB II/l und II/2.
13
208
Erwin Hertwich
Deutschen Orden beigetreten war34. Die Bestatigung des seit dem Jahr 1521
vom Hochmeister als zukiinftigen Bischof von Kurland in Aussicht genomme-
nen Georg Pusch blieb aus35, dafur wurde der kurlandische Domherr Hermann
Ronneberg von Clemens VII. providiert36. Den Elekten Johann von Munch-
hausen bestatigte Paul III.37; von 1541 ab amtierte der Bischof zugleich als Ad¬
ministrator des Stiftes Osel. Der subdiaconus Ulrich von Behr war im Jahre
1556 zu seinem Koadjutor postuliert und durch Paul IV. providiert worden3».
Er ging im Jahr 1562 nach Deutschland zuriick.
Der neue Machthaber, Herzog Magnus von Holstein, nannte sich „Von
Gottes Gnaden Bischof der Stifte Osell, Wieck undt Churlandt; der St. Ozell,
Wieck undt Churlandt, Administrator des Stiftes Reval; Bischoff der Stieffte
Osel, Wieck, Churlandt und Reval; der Stieffte Osel und Wieck herr, bischoff
zu Churlandt, administrator des stiefftes Reval. Von G. G. Konigk in
Liefflandt, Erbe zu Schleswig usw.; in Liefflandt der Stieffte Osell, Wieck und
Churlandt Herr, administrator des Stiefftes Reval“39 40.
<S. 79>
Obersicht fiber die Formen der Besetzung des Bistums
Name dee
Biechofe
oder Be-
werbers
Provisione-
datum
Anderweitige
erste Erwah-
nung der
Neubeeet-
zung4^
Form der
Neubeset-
zung
Providie-
render
Papst
Amt oder
Tatigkeit des
Providierten
AnlaB bzw.
Supplikant
Balduin v.
Aina
1232 Feb. 3
provisio
Gregor IX.
O. Cist., Legat
Inbesitznahme
Liv- u. Kurlands
durch die Kurie
Engelbert
[1243 Sep.]
Legaten-
Provision
Legat Wil-
helm von
Modena
Ernennung als
erster kurlandi-
scher Bf.
Guarner
(Werner)
1245 Nov.
provisio
Innozenz IV.
O. Praed.
Guns ding d.
Landgrafen
Heinrich [Ras-
pel v. Thuringen
34 UB II/2, Nr. 106, 111. Siehe auch EUBEL, Hier. cath., nach Acta consist, des Vat. Archivs I,
S. 92.
35 Vgl. KNOD, Deutsche Studenten in Bologna, S. 424, Nr. 2892.
36 Kopenhagen, Sammlung Osel und Livland, Nr. 95.
37 DoGIEL 5, Nr. 113, ein Original im herzoglichen Archiv zu Mitau, nach ARBUSOW, Geist-
lichkeit I, S. 120.
38 Vgl. Mitt. 4, S. 462 ff. Siehe auch SCHIEMANN, Mitt. 12, S. 295 f.
39 Nach Mitteilung von Frh. v. Fircks, der diese Zusammenstellung in der Brieflade zu Don-
dangen nach dort befindlichen Originalen ausgearbeitet hat, an 50 Regesten, bei: ARBUSOW,
Geistlichkeit I, S. 75.
40 In den Fallen, in denen das Provisionsdatum unbekannt ist.
Das Kurlandische Domkapitel
209
Name dee
Bischofs
oder Be-
werbers
Provieione-
datum
Anderweitige
erste Erwah-
nung der
Neubeeet-
zung^O
Form der
Neubeset-
zung
Providie-
render
Papst
Amt oder
Tatigkeit des
Providierten
AnlaB bzw.
Supplikant
Heinrich I.
v. Liitzelburg
1246 Dez. 16
provisio,
versetzt
InnozenzIV.
O. Fr. Min., Bf.
v. Semgallen
nepos d. Ebfs.
Siegfried v.
Mainz
Edmund v.
Werd
1263 Marz 5
provisio
Legat An¬
selm / Urban
IV.
Predigerbruder
D.O.
Sedisvakanz
Burchard
vor 1300 Apr.
10
electio,
confirmatio
PBonifaz VI.,
PEbf. v. Riga
Predigerbruder
D.O.
Tod d. Vorgan-
gers
Paul I
1322 Marz 5
(electio),
provisio
Johannes
XXII. (Avi-
gnon)
DH Kurland
Vorganger
resigniert
Johannes I.
1328
Pelectio
Johannes
XXII.
Predigerbruder
D.O.
PTod d.
Vorgangers
Johannes II.
1333 Feb. 12
Pelectio
Johannes
XXII.
DH Kurland
Tod d.
Vorgangers
Ludolf
1354 Marz
14
(Pelectio),
provisio
Innonzenz
VI.
Propst Kurland
Tod d.
Vorgangers
Jakob
1360 Jan. 25
(electio),
provisio
Innozenz VI.
DH Kurland
Tod d.
Vorgangers
<S. 80>
Otto
1371Juni 8
(electio),
provisio
Gregor XI.
DH Kurland
Tod d.
Vorgangers;
1388 im Bann
Rutger v.
Briiggenei
1399Juni 2
electio, confir¬
mation
Bonifaz IX.
[Rom]
DH Kurland
Tod d.
Vorgangers
Gottschalk
Schutte
1405 Jan. 12
electio, confir¬
matio
Innonzenz
VII.
DH Dorpat,
Osel
Tod d.
Vorgangers
Dietrich
Tanke^
1424 Nov.
electio
(Martin V.)43
Propst Kurland
Bf. wurde
Johannes
Tiergart
Johannes IV.
Tiergart
1425 Feb. 28
(electio),
provisio
Martin V.
Oberster Proku-
rator D.O. Rom
Tod d.
Vorgangers
Paul Einwald
1457 Feb. 12
postulatio,
admissio
Calixt III.
Geheimsekretar
d. OM; Koad¬
jutor
Tod d.
Vorgangers
Martin
Lewitz
1473 Juli 9
electio,
confirmatio
Sixtus IV.
Schreiber d. Bf.
v. Kurland, DH
Kurland
Vorganger
resigniert
Ambrosius
Korsner
vor 1500 Feb.
13
elctio
Alexander
W.43
Propst Kurland
Todd.
Vorgangers
Paul Watt
1500 Feb.
praesentatio
beabsicbtigt
Alexander VI.
Kan!(ler der HM
HM will ihn
prdsentieren
Michael
Schulteti
1500 Mai 4
praesentatio,
postulatio,
admissio
Alexander
VI.
Oberster Proku-
rator D.O. Rom
dutch HM
prasentiert
Die papstlichen Provisionsbullen pflegen zumeist auch die Providierten als electus zu be-
4 zeichnen. Nach WERMINGSHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 128, Anm. 7.
^ Kleindruck <hier kursiv>: Bewerber, Koadjutor.
Papst lehnte die Bestatigung ab.
210
Erwin Hertwich
Name dee
Bischofs
oder Be-
werbere
Provisions-
datum
Anderweitige
erste Erwah-
nung der
Neubeset-
zung4^
Form der
Neubeset-
zung
Providie-
render
Papst
Amt oder
Tatigkeit des
Providierten
AnlaB bzw.
Supplikant
Hiob v.
Dobeneck
1501
praesentatio
schlug fehl
Alexander VI.
Propst u. Archi-
diakon
durch HM
prdsentiert
Wilhelm
Haldenhoff
1501
praesentatio
schlug fehl
Alexander VI.
Ar%t d. HM
durch HM
prdsentiert
<S. 81>
Heinrich II.
Basedow
1501 Feb. 12
provisio
Alexander
VI.
DH Lubeck,
Dorpat
Tod d.
Vorgangers bei
der Kurie
Georg Pusch
1524
praesentatio,
postulatio schlug
fehl
Clemens VII.
Oberster
Prokurator D.O.
in Rom
durch HM
prdsentiert
Hermann v.
Ronneberg
1524 Marz 2
(electio),
confirmatio
Clemens VII.
Kanzler d. OM,
Dekan Kurland
Tod d.
Vorgangers
Johannes IV.
v. Miinch-
hausen
1540 Juli 16
electio,
confirmatio
Paul III.
DH Verden,
Minden, Osel
Tod d.
Vorgangers
Ulrich v. Behr
1556
(electio),
provisio,
Koadjutor
Paul IV.
DH Bremen,
Verden, Minden,
Kurland
Koadjutor seines
Oheim des Bf.
Johannes v.
Miinchhausen
Magnus v.
Holstein
1560 Mai 20
Herzog v.
Holstein
„Verkauf* des
Bistums durch
Vorganger
<S. 82> Von 22 Bischofen (einschlieBlich einem Koadjutor) und sechs Bewer-
bern wurden durch die Kurie zehn (einschlieBlich einer Legatenprovision) ohne
Wahlvorgang eingesetzt, das sind 35,7%; drei = 10,7% wurden mit vorausge-
gangener Wahl providiert, drei = 10,7% wurden postuliert (einem davon die
admissio vorenthalten, seine postulatio wurde „verworfen44), sieben (einschlieB¬
lich zweier vermuteter Falle) = 25% nach Wahl bestatigt, zwei = 7,2% erhielten
keine confirmatio, ihre Wahl wurde „vernichtet44, von drei = 10,7% Bewerbern
schlugen die Absichten ganz fehl. Der letzte Bischof, Magnus von Holstein,
bemiihte sich iiberhaupt nicht mehr um Wahl oder Bestatigung.
Bei drei Kandidaten schlug der Papst also die Bestatigung ab und griff zur
Provision, dem Wahlrecht des Kapitels wollte er mit seiner plenitudo potestatis
Abbruch tun44.
Werminghoff, Verfassungsgeschichte, S. 128.
Das Kurlandische Domkapitel
211
Art der Besetzung
Zahl
in %
provisio
10, einschlieBlich 1 Legaten-Provision
35,7
electio, provisio
3
10,7
postulatio, admissio
3, davon 1 abgelehnt
10,7
electio, confirmatio
7 (2 vermutet)
10,7
electio, abgelehnt
2
7,2
praesentatio,
abgelehnt
3
10,7
28
100
Die Providierten stehen bemerkenswerterweise mit 46,4% an der Spitze; es
folgen die Elekten und schlieBlich die Postulierten. Der Hochmeister konnte
wohl zumeist liber seinen Obersten Prokurator in Rom seinen ganzen EinfluB
zur Herbeifuhrung einer positiven Entscheidung fiir einen bestimmten Kandi-
daten geltend machen. Nicht selten bat der Hochmeister anlaBlich solcher
<S. 83> Absichten einfluBreiche Personlichkeiten um ihre entsprechende Un-
terstiitzung in Rom. In jedem Fall lag die letzte Entscheidung jedoch in der
Hand des Papstes, der sich durchaus den Wiinschen des Deutschen Ordens
geneigt zeigte, wenn diese seinen eigenen Absichten entgegenkamen. Der Fall
des Augustin Tiergart lehrt, daB die Kurie triftigen, zur Ablehnung eines Be-
werbers vorgebrachten Griinden des Hochmeisters ihr Ohr nicht zu verschlie-
Ben vermochte45.
Das Reich ist bei der Besetzung des Bistums Kurland wie auch der librigen
livlandischen Bistumer nie maBgeblich beteiligt gewesen. Selbst die Belehnung
der livlandischen Bischofe kann ja doch nur als eine Leistung der Reichskanzlei,
nicht als eine solche des Reiches, angesehen werden. Ohne Reichshilfe wurde
der Nordostkolonie die Deutschheit gegeben. So kam es auch, daB das neue
Gebiet den Niedergang und Verfall der Reichsmacht iiberstehen konnte. An
Stelle des Reiches versteht es der Deutsche Orden als Landesstaat die Bistumer
weitgehend zu beeinflussen. Die Deutschordensmacht hatte ihrer staatlichen
partikularen Selbstandigkeit ohne jeden Halt an eine starke Zentralgewalt nun
auch in Livland immer mehr Gestalt gegeben und gewann an Kraft durch den
Kampf mit dem zweiten ortlichen Gewalthaber, dem Erzbischof von Riga. Wie
auch die anderen Landesstaaten des Deutschen Reiches bemiihte er sich um die
endgiiltige EinfluBnahme in der Auswahl der Bischofe. Als Priesterorden hatte
er die Moglichkeit, die freigewordenen Bistiimer mit Priesterbriidern zu beset-
45
DB 11, Einleitung, S. XXIII f. Vgl. MASCHKE, Livonica, S. 164.
212
Erwin Hertwich
zen. In Kurland hat er genau wie in PreuBen diese Anspriiche bereits im 13.
Jahrhundert verwirklicht.45a
<S. 84>
II. Eintritt in das Domkapitel
1. Beset^ung durch den Bischof und sein Kapitel
Die Quellenlage des 13. und 14. Jahrhunderts laBt hinsichtlich der Dignitats-
verleihung und Kanonikatsbesetzung erkennen, daB bei der Besetzung des
Kurlandischen Domkapitels neben dem Bischof vier Krafte mitwirken46: der
Papst, der Erzbischof von Riga, der Deutsche Orden und das Kapitel selbst.
Propst und Domkapitel stehen sub obedientia sui episcopiy et nullum superiorum ha-
bent\ nisi Romanum pontificem*1. Nur dem Bischof soli das Recht der Visitation
seiner Kanoniker und deren Bestrafung zustehen. Ex quo vero sunt translati de
obedientia magistri hospitalis, betont die Papsturkunde weiter und nimmt die Ka¬
noniker damit ausdriicklich aus der Obedienz des Ordensmeisters heraus. Ein
Jahr vorher, 1245, heiBt es, daB dem Bischof von Kurland trotz der dem Orden
zufallenden zwei Drittel des Gebietes alle Episkopalrechte vorbehalten blei-
ben48, und zwar soil er im Ordensgebiet die geistliche, in seinem Drittel die
geistliche und weltliche Jurisdiktion ausiiben49. Dem Erzbischof wird sowohl in
der Stadt Riga als in seiner ganzen Provinz in der gleichen Urkunde die Metro-
politangerichtsbarkeit zugesprochen. Hierauf nimmt der Deutsche Orden am
Anfang des nachsten Jahrhunderts Bezug, als er auf eine beim Papst vorge-
brachte Appellation50 des Erzbischofs Friedrich von Riga auf die seinerzeitige,
unter Zustimmung des Bischofs von Kurland und seines Kapitels ausgespro-
chene Verfugung des damaligen Erzbischofs hinweist, die kurlandische Kirche
der Ordensregel zu unterstellen51. Der Prokurator des Deutschen Ordens stellt
ausdriicklich fest, daB der Bischof die vom Kapitel gewahlten Domherren be-
45a <Vorlage: 46a> Vgl. SCHONEBOHM, Livlandische Bistiimer, S. 362 ff.
46 Abgesehen von den papsdichen Eingriffen, s. u. Кар. 4.II.4. Uber die papsdichen Provisio-
nen und Reservationen vgl. WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 128 f.; HlNSCHlUS,
Kirchenrecht III, S. 125 ff. stellt deren Geschichte im Einzelnen dar.
47 UB 6, Nr. 2729 vom 5. Feb. 1246.
48 UB 1, Nr. 181 vom 7. Feb. 1245. Vgl. auch UB 3, Nr. 217 vom 21. Feb. 1251.
49 UB 1, Nr. 219 vom 3. Marz 1251.
50 UB 2, Nr. 616 vom 14. Sep. 1305: Beschwerde, daB die in das Stift Kurland vom Deutschen
Orden eingesetzten Ordensbriider nur Bischofe usw. aus den eigenen Reihen (!) wahlten.
51 UB 2, Reg. 714, o. J. und T. (Juni?) 1306 [Dedukdon].
Das Kurlandische Domkapitel
213
statigt und sie absetzen kann. Er sei nach wie vor Suffragan der Metropolitan-
kirche. DaB das Kapitel <S. 85> seine Kandidaten allerdings nur aus den Rei-
hen der Ordensbriider und auch nur mit Genehmigung des Ordensmeisters
nehmen diirfe, iiberliefert uns die mehrmals erwahnte Griindungsurkunde vom
Jahr 129052.
Eine Vielfalt von Wahl- und Ernennungsmoglichkeiten wies das Beset-
zungsverfahren auf52 53. Das Kapitel wahlte aus eigener Machtvollkommenheit
Ordensbriider zu Domherren, die, wie erwahnt, sowohl vom Ordensmeister als
auch vom Bischof bestaugt werden muBten. Eine andere Besetzung durch das
Domkapitel, wie sie in verschiedenen anderen Stiftern erfolgte, ist wahrend der
gesamten behandelten Zeit (1232-1561) in keiner Weise erwahnt54. Handelte es
sich bei dem Kandidaten um einen Sakularkleriker, war Bedingung, daB der
Ordensmeister als Vertreter des Hochmeisters die Aufnahme in den Orden
gestattete. Schlug dieser jedoch die Bitte ab, so erledigte sich der Aufnahmean-
trag von selbst. Dem Prasentationsrecht des Ordensmeisters brauchte anderer-
seits das Kapitel nicht stattzugeben. Weder ist eine Presentation des Metropo-
liten fur das Kurlandische Domkapitel belegt, noch die Ablehnung eines sol-
chen durch den Ordensmeister vorgenommenen Vorschlags. Es ist jedoch als
wahrscheinlich anzunehmen, daB die unter den kurlandischen Kanonikern
nachgewiesenen zwei erzbischoflichen Sekretare durch den EinfluB ihrer Vor-
gesetzten in das Domkapitel gelangten und schlieBlich die Propstei besetzten55.
In Anbetracht der verschiedenarugen Besetzungsformen muBte der Bischof
gegebenenfalls durch Verhandlungen die Lage klaren56.
In neun Fallen brachten kurlandische Bischofe ihre Vertrauten (Geheim-
schreiber, Notare, Sekretare, Kaplan, cellerarius) im Domsuft unter; zwei er-
reichten den Bischofsstuhl, vier wurden Propste, einer ist als Dekan und zwei
sind als Domherren belegt57.
<S. 86> Die als Folge der Gegensatze entstehenden langen Vakanzen iibten
nicht selten nachteilige Einfliisse auf das in geregelten Bahnen laufende Kapi-
telleben aus. Sie brachten Unruhe und Haufung der Arbeitslast mit sich. Gerade
52 UB 1, Nr. 530 vom Jan. 1290.
53 Siehe auch HOELGE, Culmer Domkapitel, S. 149.
54 Vgl. SAMULSKl, Breslauer Domkapitel, S. 48 ff. SANTIFALLER, Brixner Domkapitel, S. 211 f.
Zimmermann, Breslauer Domkapitel, S. 34.
Johannes Schnabel, Jakob Varus. Die Belegstellen wurden in Кар. 3 aufgefuhrt. Siehe auch
die vergleichenden Zusammenstellungen.
56 Vgl. HOELGE, Culmer Domkapitel, S. 149, Anm. 8.
Paul Einwald, Martin Lewitz, Andreas de Cur, Mathias Schulteti, Michael Pampow, Johann
Wernigke.
214
Erwin Hertwich
die letztere Erscheinung mag sich naturgemaB bei der ohnehin geringen Kopf-
zahl des Kurlandischen Domkapitels in hohem MaBe bemerkbar gemacht ha-
ben.
Mehrmals setzte sich spater das papstliche Provisionswesen liber diese Ge-
wohnheiten hinweg, doch der Deutsche Orden verteidigte zah - und nicht
ohne Erfolg — seine verbrieften Ansprliche58. Wiederholt zeigen sich bei der
Besetzung indirekte Einfliisse durch Anwendung verwandtschaftlicher Bezie-
hungen.
2. Die Mitwirkung des Deutschen Ordens bei der Besetzung
Wahrend der ganzen Zeit ist keine direkte Besetzung durch den Hoch- bzw.
Ordensmeister nachgewiesen. Andererseits ist aber nachweisbar, daB der Deut¬
sche Orden immerhin starken EinfluB sowohl in Rom als auch in Kurland aus-
iibte und somit an den Neubesetzungen indirekt beteiligt war.59 Das zeigt -die
Tatsache, daB eine Anzahl von Domherren sowohl vor ihrer Domherrenzeit als
auch wahrend des Prabendengenusses in Diensten des Deutschen Ordens
stand oder sich im Gefolge des Hoch- oder Ordensmeisters befand. In Rom
sorgten standige Oberprokuratoren, ausgesucht tiichtige Beamten ihres Ordens,
fur eine stete, gewissenhafte Interessenvertretung bei der Kurie. Zwei von ih-
nen (Johann Tiergart, Kaplan des Hochmeisters, auBerdem Michael Schulteti,
Kanzler des Hochmeisters) wurden Bischofe von Kurland; einen, Georg Pusch,
sah der Hochmeister fiir den Bischofsstuhl vor; je einer wurde Propst (Hinricus
de Havel) und Dekan (Johannes Sobbe). Ferner ist ein Kanzler des <S. 87>
Ordensmeisters (Hermann Ronneberg, Sekretar des Ordensmeisters) als Bi-
schof von Kurland belegt, ein Kanzler des Hochmeisters als Bischofskandidat
(Paul Watt), als ebensolcher je ein Arzt (Wilhelm Haldenhoff) und ein sedis
apostolicaeprotonotarius (Albert Bischof). Der Domherr Gerhardus de Dron ist im
Jahr 1328 als Ordensbruder und „Prokurator der Deutschen Nation" in Bolo¬
gna belegt. Paul II. und der Propst Heinrich Schubbe waren Sekretare des Or¬
densmeisters60.
Von insgesamt 83 nachgewiesenen Dignitaren und Kanonikern gingen
demnach 12 = 14,4% unmittelbar aus einem Ordensamte hervor. Fiinf von
58 Vgl. Кар. 4.II.2.
59 Vgl. Anm. 26, 28, 32.
60 Vgl. auch fiir das Folgende die Zusammenstellungen in Кар. 3 und die dort verzeichneten
Belegstellen.
Das Kurlandische Domkapitel
215
ihnen waren Oberste Prokuratoren bei der Kurie gewesen, das sind 42% der
aus dem Orden ins Kapitel gelangten Kanoniker und 6% aller Domherren
iiberhaupt. Samtliche ehemaligen Ordensbeamten, auBer Gerhardus de Dron,
sind spater als Pralaten belegt.
AuBer den beiden Propsten61 treten alle diese Ordenbeamten zunachst als —
wenn auch nicht immer kurlandische62 - Domherren auf. Bei ihnen alien ist
durch Einfliisse des Ordens, der seine ehemaligen Beamten nicht aus dem Auge
verlor, der Aufstieg zu den Pralaturen zu verzeichnen. In gewissem MaBe darf
wohl als Grund hierfur neben einer aufrichtigen Gunst- und Dankbarkeitsbe-
zeugung fiir seine alten Glieder die standige Forderung der Ordensmacht in
Domkapitel und Bistum angesehen werden.
Hatte Bischof Heinrich von Liitzelburg im Jahr 1254 durch eine Uberein-
kunft zu Sens63 die Zusammenarbeit zwischen kurlandischer Kirche und Deut-
schem Orden so festgelegt, daB hinfort Ubereinstimmung der Meinungen ge-
wahrleistet war, so legte Bonifaz IX. in der Bulle vom 20. Marz 139464 die Ein-
wirkung des Deutschen Ordens auf die Besetzung der Domherrenstellen aus-
driicklich noch einmal fest mit den Worten recipiendi <S. 88> in canonicos ecclesi-
arum praedicto hospitali subsistentium et in partibus Prusciae consistentium a generali magi-
stro postulari et approbari consueverunt.
Der fiir Kurland zustandige Ordensmeister erhielt fiir sein Territorium die
gleiche Stellung wie sie der Hochmeister fiir den Gesamtordensstaat innehatte.
Seine Macht war sehr groB, da er jeden von dem Kapitel auf Presentation ande-
rer Instanzen hin gewahlten Kandidaten ablehnen konnte.
Im Gegensatz zu Kurland waren die Befugnisse des livlandischen Meisters
in den iibrigen Bistiimern Livlands65 denen des Bischofs untergeordnet. In
einer fur den Beauftragten des Hochmeisters, den Deutschmeister Dietrich von
Groningen, bestimmten Vollmacht urkunden die Kirchen und der Deutschmei¬
ster, daB .der Ordensmeister auf Grund der dafiir vorhandenen Urkunden den
drei Bischofen zu Gehorsam verpflichtet sei66. Fiir Kurland hingegen wird eine
61 Hinricus de Havel, Heinrich Schubbe.
62 Ermland, Riga (je zwei); Liibeck, Samland, Osel (je einer).
63 UB 6, Nr. 3024b vom 12. Dez. 1254.
64 UB 4, Nr. 1353 vom 20. Marz 1394.
65 Erzbistum Riga, Bistumer Osel und Dorpat.
66 UB 1, Nr. 277 vom 12. Dez. 1254. Dietrich von Groningen sagt zu, daB der HM den OM
durch Briefe und Boten zur Erfiillung dieses Vergleichs anhalten werde, gelobt offentlich im
Kapitel der Predigermonche zu Sens im Namen des Meisters von Livland Gehorsam und
verspricht, daB der OM mit seinen Briidem alle privilegierten geistlichen und weltlichen
216
Erwin Hertwich
Sonderregelung getroffen: De coordinatione vero, facta inter dominum Curoniensem et
fratres in Curonia commorantes, in speciali litteraplenius continetur.
Die Ordensmacht hatte nur die eine Triebfeder: Zentralgewalt zu werden
mit gemeindeutschen Interessen und nur sie dem Ausland gegentiber zu ver-
fechten. Die Konsequenzen hiervon werden bereits im 14. Jahrhundert gezo-
gen, und wir erleben den livlandischen Zweig des Deutschen Ordens in der
Auseinandersetzung mit den geistlichen Landesherren, vornehmlich mit dem
Erzbischof von Riga. Es geht darum, sie zur Preisgabe ihrer Souveranitat zu
veranlassen und ihre Kirchen wie in PreuBen67 <S. 89> dem Deutschen Orden
zu inkorporieren68. Eifersiichtig wachte der Orden daher jederzeit iiber seine
Rechte und war beispielsweise - wie erwahnt - um so weniger erfreut, als er
von den Versuchen des kurlandischen Bischofs Johann III. (Tiergart) erfuhr,
seinem Bruder Augustin das Eindringen in das Bistum zu ermoglichen69. Dies
war ein Prazedenzfall, denn Augustin war als ermlandischer Domherr Angeho-
riger eines nicht inkorporierten Kapitels und als solcher Weltgeistlicher. Hoch-
und Ordensmeister sandten der Kurie eigene Vorschlage fiir einen Nachfolger.
Der Oberste Prokurator des Ordens in Rom erhielt fiir seine Verhandlungen
die Texte aller den Anspriichen des Ordens dienenden Urkunden70 und setzte
letzten Endes die Absichten des Hochmeisters durch: Das Nichtordensmitglied
Augustin Tiergart fand Ablehnung beim Papst.
Immer wieder stoBt man in den Urkunden auf die besondere Hervorhebung
der Ordenszugehorigkeit: ... her Henrich Bastnaw von Uibeck, der dan unsem orden
angenommerP1 und ... her Henrich Bastnaw von Uibeck, der unsem Orden an sich genomen
hat ...72. Der Hochmeister fordert ein anderes Mai den Arzt Dr. Haldenhoff auf,
Pflichten erfullen werde. Seine eigene Person nimmt allerdings der Deutschmeister von alien
ihm aus diesem Schwur entstehenden Verpflichtungen aus.
67 In Kulm, Pomesanien und Samland besetzte wie in Kurland der Orden Bischofsstiihle und
Domkapitel mit seinen Priesterbriidern. Mit dem Bistum Ermland verhielt es sich hingegen
nicht so. Hier fehlte dieses feste Abhangigkeitsverhaltnis. So bei POTTEL, Domkapitel Erm¬
land, S. 91 ff.
68 Vgl. GlRGENSOHN, Die Inkorporationspolitik des Deutschen Ordens in Livland, Mitt. XX, S.
1 ff., Einleitung.
<>9 UB 11, Nr. 245. Siehe oben Кар. 4.1.
70 Nach MASCHKE, Drei Livonica, S. 163 ff. Da die hierzu erforderlichen Unterlagen weder in
der Kanzlei des HM noch in der des OM vorhanden waren, gab sie der Ebf. von Riga heraus:
Die Griindungsurkunde des Bf. Edmund und die Bestatigung des Ebf. von Riga vom Jahr
1290. Beide gab der OM mit einer Abschrift des erzbischoflichen Begleitschreibens am 14-
Sep. 1453 an den HM weiter.
71 UB II/2, Nr. Ill vom 11. Mai 1501.
72 UB II/2, Nr. 106 vom 10. Mai 1501.
Das Kurlandische Domkapitel
217
sich unter der Bedingung des Eintritts in den Deutschen Orden um das Bistum
zu bewerben — ... so er %cw unserm orden traget und denselbten an^cunemen verwilet ...73.
<S. 90> Von seinem Recht papstlichen Entscheidungen gegeniiber ging der
Orden auch im Fall des Wigand Grabow nicht ab und setzte sich hier ebenfalls
durch. Wigand Grabow war infolge eines kanonischen Hindernisses74 nicht
Ordensmitglied geworden. Trotzdem providierte ihn Martin V. mit der Propstei
der kurlandischen Kirche. In seiner Supplik an den Papst erklart der Hochmei-
ster, daB die Aufnahme in den Orden einzig und allein eine Angelegenheit des
Hochmeisters ware, in diesem Fall aber infolge der unehelichen Herkunft eine
Unmoglichkeit darstellte. Noch im gleichen Jahr widerrief die Kurie die Provi¬
sion. Gleichzeitig leistete der Providierte Verzicht auf seine Anspriiche75.
Der Deutsche Orden konnte immer auf Verwirklichung seiner Ziele zahlen,
weil seine Machtmittel bei einheitlicher und planmaBiger Leitung eine maBgeb-
liche Erscheinung in der kurialen Politik bildeten. Niemand kummerte sich
erforderlichenfalls um die Auslegung des bisherigen kanonischen Rechts; ent-
scheidenden EinfluB hatten lediglich die augenblicklich vordringlichen politi-
schen Umstande. Mit Bedauern stellen wir Heutigen fest: Was hatte mit solchen
von bewuBt nationalem Geist erfullten Kraften geschaffen werden konnen,
wenn eine Starke Reichsgewalt sie zu einer geschlossenen Bewegung nach ein-
heitlichem Plan geformt und unterstiitzt hatte. Doch daran mangelte es. Das
Reich war bereits an der Entstehung der deutschen Kolonialbewegung des
Mittelalters ganz unbeteiligt gewesen.
3. Die Bedeutung verwandtschaftlicber Besjehungen
Wie anderwarts strebten auch in Kurland einzelne Familien teils aus Praben-
denpolitik, teils aber auch aus Machthunger, moglichst mit mehreren Famili-
enmitgliedern im Kurlandischen oder in den anderen livlandischen Kapiteln
oder in der Ordensverwaltung vertreten zu sein.
^ UB n/2, Nr. 77 vom 17. Apr. 1501.
7s Defectus natalium. Vgl. WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 127.
Repert. Germ., Papstliche Resolutionen vom 7. Apr. 1419, 25. Aug., 28. Sep., 6. Marz 1420,
27. Marz 1423. Vgl. v. BRUININGK, Geburtsstandverhaltnisse, S. 76.
218
Erwin Hertwich
<S. 91> W. Kisky76 hat die Vetternwirtschaft in den Domkapiteln der geistli-
chen Kurfursten nachgepriift, in denen sie besonders bemerkenswert auftrat, da
dort die fraglichen Kapitel sich nach ,,Selbsterganzungsrecht“77 auffiillten.
Gewisse Formen des ,,Nepotismus“ treten uns zur Zeit der Anfange des
kurlandischen Bistums um die Mitte des 13. Jahrhunderts entgegen. Wiederholt
bemuht sich der Erzbischof von Mainz, Siegfried von Eppstein, bei Innozenz
um seinen Neffen (nepos) Heinrich von Liitzelburg. Von Bunge78 geht auf die
Griinde Innozenz IV. fur seine Unterstiitzung der Wiinsche des Mainzers ein
und schildert dessen Bemiihungen79, den „Minoritenbruder Heinrich, dessen
Religiositat, Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit eine Auszeichnung verdiene“,
einen Bischofsstuhl zu verschaffen. Dem Erzbischof Albert von Livland und
PreuBen wurde „ein Jahr spater, da bis dahin keine Vakanz eingetreten, befoh-
len, dem gedachten" Bruder, Heinrich von Luziburg80 das Bistum von Semgal-
len zu verleihen, indem der bisherige Bischof (Arnold) wegen Kranklichkeit
sein Amt niederlegen wolle. Demzufolge empfing Heinrich von seinem Oheim
die Weihe81. Auch spater kommt die Kurie noch einmal Wiinschen Heinrichs
und seiner Verwandten entgegen und versetzt ihn aus dem unwirtlichen Kur¬
land, das er inzwischen fur das dem Erzbistum zugeteilte Semgallen als Aus-
gleich erhalten hatte, in das Bistum Chiemsee82.
Ein besonders markanter Fall der Familienpolitik liegt vor bei der Begiinsti-
gung des ermlandischen Domherrn Augustinus Tiergart durch seinen Bruder,
den Bischof Johann III.83 Der Schwestersohn beider Bruder, Hermann <! statt
Johann> Lindau, arbeitete mit alien Mitteln in Rom zusatzlich noch fur die
Nachfolge des ermlandischen Domherrn in Kurland. Der Orden muBte beson¬
ders wachsam sein, da Johann Lindau als erklarter Anhanger des preuBischen
<S. 92> Bundes gait84. Die Vorstellungen des Hochmeisters hatten schlieBlich
76 KlSKY, die Domkapitel der geisdichen Kurfursten, S. 14 f. Vgl. auch die wichtigen Untersu-
chungen von A. SCHULTE, vornehmlich in seinem grundlegenden Werk: Der Adel und die
deutsche Kirche im Mittelalter, 1910, Nachtrag 1922.
77 Jeder Kanoniker durfte neue Mitglieder des Kapitels ernennen. Eine geregelte Reihenfolge
wurde durch einen ,,Turnus“ gewahrleistet. So bei KlSKY, Domkapitel, § 6,1.
78 Bunge, Weihbischofe, S. 67 ff.
79 UB 6, Nr. 3019, Bulle Innozenz’ IV. vom 16. Dez. 1246.
80 So genannt von Innozenz IV., a. a. O. UB 3, Nr. 374a, Bulle Urbans IV. vom Jahr 1263 fiihrt
den Namen „Henricus de Luzemburg“ an.
81 UB 6, Nr. 3020, Bulle Innozenz’ IV. vom 5. Dez. 1247. Heinrich scheint sich jedoch noch
nicht in sein Bistum begeben zu haben.
82 UB 3, Nr. 374a, Bulle Urbans IV. vom 5. Marz 1263.
83 Siehe oben. Vgl. Кар. 4.II.1 und 2; siehe auch UB 11, Nr. 245.
84 SS. rer. Pruss. IV, S. 490.
Das Kurlandische Domkapitel
219
Erfolg. Im Dezember 1433 hatte der Papst eine Supplik des Augustin Tiergart
urn Provision mit der Propstei zu Osel und im Mai 1439 um Prorogation des
Termins fur Ausfertigung der Bulle mit dieser Provision bewilligt, doch entging
die Propstei dem Supplikanten letzten Endes noch85. Er gab sich nicht zufrie-
den, sondern bemiihte sich in den Jahren 1453/54 nochmals, sich in das Stift
Kurland einzudrangen, auch diesmal ohne Erfolg86.
Ein anderes Beispiel bietet die Familie Schutte. Bischof Gottschalk Schutte
von Kurland hatte seinen Bruder Frowin kurz vor seinem Tode als Stiftsvogt
von Kurland untergebracht87. Vier Jahre vorher, 1420, vielleicht im April, emp-
fahl er seinen anderen Bruder, Johann Schutte, den Dekan von Dorpat und
Elekten, spateren Bischof von Osel, dem Hochmeister als Gesandten des neu-
en Bischofs von Osel88. Die Regalien als spaterer Bischof erteilte Johann Kaiser
Siegmund zu Siena89 90. Gerwin, der Schwestersohn der Schuttes, war vermutlich
auch Geistlicher. Er hielt sich im Mai 1424 in Rom auP°.
Wie auch adlige Familien in Kurland das Bestreben hatten, ihre Standesan-
gehorigen mit Dignitaten auszustatten, zeigt das Geschlecht der Miinchhausen-
Behr. Der kurlandische Bischof Johann IV. <S. 93> von Munchhausen war
seit dem 13. Juli 1541 gleichzeitig Administrator des Stiftes Osel91. Seine
Schwester Anna von Munchhausen war mit Dietrich von Behr, der ebenfalls
wie die Miinchhausens aus Niedersachsen stammte, verheiratet92 (vaterliche
Lehngiiter Stellichte, Hausslingen u. a. im Hannoverschen). Am 30. Marz 1552
wurde Dietrich von Bischof Johann in Arensburg zu seinem Rat und Stiftsvogt
auf Osel bestellt. Noch 1558 bis 1560 war dieser Stiftsvogt, 1560 hielt er sich in
Danemark93 auf und wurde anschlieBend danischer Statthalter auf Osel. Dessen
Bruder Heinrich von Behr starb 1561 als Domherr und Senior des Stiftes zu
Minden94. Noch im Friihjahr 1556 befand sich der Sohn des Stiftsvogtes, Ulrich
von Behr, im Ausland; im gleichen Jahr wahlte ihn das Kurlandische Kapitel
85 Nach Arbusow, Geistlichkeit I, S. 174; II, S. 215.
86 UB 11, Nr. 245, 256 ff., 260 f., 264, 281 -85, 292, 294 f., 297, 303, 304, 308, 415.
87 UB 7, Nr. 302. Brieflade zu Katzdangen (Hildebrands Nachlafi)
88 UB 7, Nr. 45 f. vom 22. Aug. 1420, Nr. 57, 70. UB 8, Nr. 799.
89 UB 8, Nr. 652.
90 UB7,Nr. 87,93, 183.
1 Nach SCHIEMANN, Regesten verlorener Urkunden, Nr. 105 hat Paul III. ihn am 4. Marz 1542
ln fyisopum Osiliensem bestatigt.
9* ^LOPMANN, Kurlandische Giiterchroniken II, Mitau 1894, S. 120.
Schirren, Quellen, Bde. 1-3, 7-11 Register. BlENEMANN, Briefe und Urkunden, Bde. 2-5,
Register.
Vogell, Geschichte der Familie Behr, Celle 1815.
220
Erwin Hertwich
zum Koadjutor des Bischofs Johann von Miinchhausen, seines Oheims95. Er
war damals subdiaconus und wird Bremensis, Verdensis, Windensis [lies: Mtndensis]
et Curoniensis ecclesiarum canonicus genannt. Von 1558 (vielleicht schon 1557) bis
1562 war Ulrich von Behr dann Dompropst von Kurland96. Vater, Mutter und
Schwestern lebten damals in Kurland in Schleck oder Edwahlen97. Im Jahr 1561
erhielt er die Propsteigiiter vom ,,neuen“ Bischof Magnus, Herzog von Hol¬
stein, soil aber 1562 nach Deutschland zunickgegangen sein98 99. Dort starb er am
13. November 1585 zu Stellichte".
<S. 94> Am 26. September hatte Johann von Miinchhausen ,,seine“ beiden
Bistiimer Kurland und Osel fur 20.000 Rheintaler an Konig Friedrich II. von
Danemark verhandelt. Friedrich II. iiberlieB seinem Bruder, dem jungen Her¬
zog Magnus von Holstein, das erworbene Gebiet als Entschadigung fur dessen
Anspriiche auf Holstein. Magnus nahm den Bischofstitel an, und Ulrich von
Behr, der Dompropst von Kurland, trat die Verwaltung des Bistums gegen die
oben erwahnten Zugestandnisse ab100.
Aus der Zeit des Bischofs Johann von Miinchhausen laBt sich ein Fall von
Elternversorgung belegen. Der Bischof belehnte im Jahre 1553 die Mutter Eli¬
sabeth des ehemaligen erzbischoflichen Sekretars, offentlichen Notars und
politischen Beauftragten und spateren Dekans des kurlandischen Domkapitels,
Jakob Varus101, im Dorf Apussen auf Lebenszeit102, und im Jahr 1557 verlieh
ihr das Kapitel fiinf Gesinde, gen. die Katstangeschen, in der „Edwalenschen
borchsukung“103.
Ein anderes Beispiel hierfur bietet der fur 1457 als Koadjutor belegte Paul
Einwald. Im Mai 1456 war er, vom Ordensmeister vorgeschlagen, vom
Hochmeister dem Papst an zweiter Stelle zum Bischof von Reval prasendert
worden104. Im Mai 1457 zeigte der Papst dem Kurlandischen Kapitel seine Be-
statigung zum Bischof von Kurland105 an. Ein halbes Jahr spater zieht seine
95 Mitt. 4, S. 465 ff.
96 Mitt. 4, S. 469-481.
97 SCHIRREN, Quellen 11, S. 174, 310, 312, 331.
98 KLOPMANN, Kurlandische Giiterchroniken II, Mitau 1894, Nr. 120, 122.
99 KLOPMANN, a. a. O., Nr. 124.
100 Vgl. ARBUSOW, Geschichte, S. 188 f.
101 Siehe oben Кар. 3.II.2.
102 VARUS, Collectanea, fol 147a f.
103 Varus, Collectanea, fol. 149b.
104 UB 11, Nr. 632.
105 UB 11, Nr. 678.
Das Kurlandische Domkapitel
221
Mutter zu ihm nach Kurland106. Fur das Elternpaar, Walter und Verona Ein-
wald, Burger der Stadt Elbing, hatte sich im Jahre 1451 schon einmal der
Hochmeister bemiiht. Er hatte fur ihre (etwaige) Unterbringung im Ordens-
spital St. Elisabeth in der Altstadt Danzig Sorge getragen107.
<S. 95> An der Zuwendung von Prabenden und auch von Lehen an die
Geschlechtsgenossen der hohen Stiftsgeistlichen durfte unsere Aufmerksamkeit
nicht vonibergehen. Gleichwie die Gebietiger des Deutschen Ordens ihre An-
gehorigen in den Ordenslandereien versorgten, so benutzten auch die Bischofe
mit Wissen, Willen und Konsens ihrer Kapitel ihre Stellung, um derartigen
Familienbeziehungen nachzugehen. Man darf dabei nicht verkennen, daB die
Erscheinung, die Herbeifuhrung und Forderung blutsmaBiger Bande, beson-
ders im kolonialen Gebiet, eine natiirliche Stiitze der Verwaltung und Organi¬
sation darstellt.
4. Papstliche Einfliisse
Das Besetzungsverfahren der Domkapitel wurde im Laufe der historischen
Entwicklung nicht immer gleichmaBig durchgefiihrt. Am Ausgang des 13. Jahr-
hunderts machten sich Eingriffe des Papsttums bemerkbar: das papstliche Pro-
visionswesen108 und das Recht der Erteilung der Expektanzen109. Beide Beset-
zungsformen wurden im 14. Jahrhundert durch die avignonesischen Papste
weiterhin ausgebaut. Zu diesen neuen Besetzungsweisen kamen noch, die Zahl
der Provisionen vermehrend, die mannigfachen papstlichen Reservationen110,
mit denen sich das Papsttum in das Besetzungsverfahren bei gewissen niederen
und hoheren Kirchenamtern einschaltete und damit dem Bischof oder Kapitel
die Vorhand nahm111. Zwei Expektanzen sind fur das 15. Jahrhundert belegt:
Werner Zekemet erlangt „kraft Expektanz“ Kanonikat und major prebenda
„nach Tod des Arnold Stoltevoet, non obst. Kirchenstatuten uber stufenweises
Aufsteigen in den Pfriinden“112.
106 UB 11, Nr. 712.
107 UB 11, Nr. 182.
108 Mandate auf erledigte Prabenden.
109 Anwartschaften auf noch besetzte Wurden.
110 Werminghoff, Verfassungsgeschichte, S. 128, 200 ff. SCHNEIDER, Domkapitel, S. 114.
HiNSCHIUS, Kirchenrecht III, S. 113 ff. SANTIFALLER, Brixner Domkapitel, S. 212 f.
1 Ausfuhriiche Darstellung hieriiber bei: SchOntag, Augsburger Domkapitel, S. 47 ff.
12 Vatikanisches Archiv, 278 b (Arbusows NachlaB). Vgl. Repert. Germ., Lateran-Archiv, S.
346, 252b.
222
Erwin Hertwich
Schon einige Zeit vor 1500 hatte Michael Schulted vom Papst die Expek-
tanz als Koadjutor und eventueller Nachfolger des Bischofs Martin von Kur¬
land erlangt113.
<S. 96> Das Recht der Erteilung von Anwartschaften, Expektanzen auf
erst freiwerdende Pfrunde wurde wohl erst durch das Konzil von Trient end-
giiltig beseitigt. Der Papst hat von diesem Recht dem Kurlandischen Domka-
pitel gegenuber nur sehr wenig Gebrauch gemacht. Unter Klemens VII. (1378-
1394) wurde eingefiihrt, die Besetzung der major dignitas post pontificalem, der
Propstei, dem Papst vorzubehalten. Zwei Beispiele lassen sich in Kurland hier-
fur nachweisen: Wigand Grabow114 und Augustinus von Gehtelen115.
Die Bischofe waren erklarlicherweise nicht sehr einverstanden mit dem
papstlichen Provisions- und Reservationswesen; manchen Reformversuchen
begegnen wir auf den Konzilien des 15. Jahrhunderts116 und im Wiener Kon-
kordat (1448), das Friedrich III. mit Papst Nikolaus V. (1447-1455) fur
Deutschland abschloB. Hier tritt uns eine Sonderregelung117 entgegen, die sich
auch nicht beim Kurlandischen Domkapitel auswirkte118.
Ein papstlicher Vorbehalt trat danach in Erscheinung bei alien durch Erhe-
bung kurlandischer Kapitelsmitglieder zum Bischof von Kurland (Paul II.,
PMartin Lewitz, Michael Schulteti, Hermann Ronneberg, Johann IV. von
Miinchhausen) vakant gewordenen Kapitelstellen.
Uber die durch resignatio in favorem tertiiU9 frei gewordenen Pfrunde besaB nur
der Papst das Verfugungsrecht: Wigand Grabow hatte zugunsten Dietrich Tan-
kes auf die Propstei verzichtet120, desgleichen Ambrosius Korsner in favorem
Michael Schultetis (Bischofswiirde)121. Die Besetzung des Kirchenamtes konnte
nur mit dem von dem Resignierenden bezeichneten Dritten durchgefuhrt wer-
den, das ist das besondere Merkmal der <S. 97> resignatio in favorem. Papstlicher
Kollatur unterstanden auBerdem die Benefizien, die durch Tausch ex causa per-
mutationes in andere Hande kamen. Der Stellenanwarter erbat vom Papst seine
Provision. Es ist nicht ausgeschlossen, daB Urban IV., der Uberlieferung Inno-
zenz’ IV. folgend, im Fall Heinrich von Lutzelburg — Edmund von Werd, ein
1,3 UBII/1, Nr. 929,946.
114 UB 5, Nr. 2278, 2336, 2345, 2349. Vgl. Nr. 2350.
115 VARUS, Collectanea, fol. 147b.
116 Hinschius, Kirchenrecht III, S. 133 f.
117 Hinschius,.a. a. O.
118 Ausfuhriiches hieriiber bei ZlMMERMANN, Breslauer Domkapitel, S. 29 f.
n9 Siehe auch ZlMMERMANN, Breslauer Domkapitel, S. 30.
120 Vgl. Anm. 114.
UBII/1, Nr. 929 f.
Das Kurlandische Domkapitel 223
Recht zu dieser Ernennung aus der vorhergehenden Versetzung Heinrichs nach
Chiemsee ableitete.
Mehrfache Provisionen lassen sich nur bei Werner Zekemet und Ambrosius
Korsner nachweisen und auch dann nur fur auBerhalb Kurlands liegende
Pfninde; bei Zekemet handelt es sich um die Zeit vor seiner kurlandischen
Propstei122 und im Fall Korsner setzen sich Bischof und Hochmeister fur die
Erlangung der Pfarre zu Rastenburg/Pr. ein123.
In Kurland machte die Kurie nicht uneingeschrankten Gebrauch von ihrem
Besetzungsrecht. Dafur biirgte schon die Wachsamkeit des Deutschen Ordens,
der auBerdem in keinem Fall die Einsetzung von ihm nicht genehmen Kandi-
daten durchlieB124. Soweit papstliche Provisionen ermittelt werden konnten,
wurden sie in die folgende Ubersicht aufgenommen. Die Zahl der tatsachlichen
Provisionen ist mit Sicherheit hoher anzunehmen, als hier angegeben werden
konnte125.
1.
Dietrich
Tanke
1418/19
provisio
Props t
Martin V.
Domherr Kurland
W. Grabow verzichtet zu
seinen Gunsten
2.
Wigand
Grabow
1419 Marz 16
provisio
Props t
Martin V
Kleriker Kurland
Zuriicknahme der Provi¬
sion durch den Papst; s.
Supplik d. HM
3.
Werner
Zekemet
1438Juni26
provisio
Domherr
Eugen IV.
prab.
Domherr Dorpat,
Osel, Verden.;
Kleriker
Der Papst bewilligt die
Supplik Zekemet
4.
Ambrosius
Korsner
1501
Pprovisio
Propst
Alexander VI.
Dekan Riga
Verzicht auf Bischofswahl
5.
Augustinus
von Gethelen
1553 Feb. 3
provisio
Propst,
prab.
Julius III.
Kleriker Liineburg;
Domherr Riga,
Kurland
An Stelle d. altersschwa-
chen Joh. Schnabel
,22 Siehe auch die Zusammenstellung bei ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 203.
123 UB 11/2, Nr. 197.
124 Hierfur geben Zeugnis ab die beiden Falle Augustin Tiergart und Wigand Grabow.
125 Die Provisionen wurden dem UB entnommen. Zumeist wurde <der> Wordaut verwendet: ...
fratrem dicti hospitalis, cut depraefataprapositum sic vacante, ordninaria fait auctoritateprovisum. Vgl. UB
5, Nr. 2336 vom 25. Aug. 1419.
224
Erwin Hertwich
<S. 98>
5. Die Herkunft
Fur das 13. und 14. Jahrhundert lassen sich sichere Schliisse hinsichtlich der
Herkunfts- und Abstammungsverhaltnisse der meisten Bischofe, Dignitare und
Domherren nicht ziehen, da in dieser Zeit Familiennamen nur ganz vereinzelt
vorkommen. Das Wort Herkunft ist ,,im weitesten Sinne genommen, nicht nur
bezogen auf die Fesdegung des geographischen Herkunftsortes und der blut-
und sippenmaBigen Zusammenhange, sondern auch auf alle die Erscheinungen,
die sich aus Rasse, Wohnsitz, Religion, Frommigkeit, Sprache, Rechtsanschau-
ungen, Sitte und Wirtschaft, iiberhaupt auf jene ganze Kulturwelt griinden, aus
der die Manner und Frauen kamen, die in den ersten Menschenaltern des Be-
stehens des mittelalterlichen Livland die Grundlagen seiner wechselvollen Zu-
kunft gelegt haben"1. L. Arbusow jun. weist im Zusammenhang mit diesem
Thema auf jenen Satz von A. von Transche-Roseneck hin: ,,daB die Geschichte
der Kolonie Livland in ihren defsten Wurzeln nur dann erfaBt werden kann,
wenn man den Ursprung derjenigen Manner zu erforschen sucht, die sie ge-
schaffen haben“2.
Rein zahlenmaBig gesehen iiberwog die deutsche Bevolkerung Altlivlands
das diinn siedelnde Element der Urbevolkerung. „Besonders die Stadte und
Burgen trugen deutschen Charakter“3. Nichtdeutsche begegnen uns in Kurland
bis auf den Wallonen Balduin von Aina, der vor der Inkorporation, in der
Fnihzeit, auftritt, iiberhaupt nicht, da das Bistum dem Deutschen Orden inkor-
poriert war.
I. Ort/iche Herkunft
Allem, was nicht deutsch von Ursprung ist, bleibt der Orden grundsatzlich
verschlossen, er ist der einzige streng nadonale geistliche Orden, dem wir im
Mittelalter begegnen.
<S. 99> Die verschiedensten Landschaften Deutschlands entsenden ihre
Vertreter nach Kurland. Von vielen konnte der Herkunftsnachweis noch nicht
erbracht werden. Bekanntlich fehlt vielen livlandischen Familien, auch solchen
von Adel, jede Kenntnis liber die Herkunft und Heimat ihres Ahnherrn. Es
1 ARBUSOW, Die deutsche Einwanderung, S. 355 f.
2 A. a. O., S. 355 und Anm. 1.
3 А. а. О., S. 355.
Das Kurlandische Domkapitel
225
mangelt sowohl in Kurland als auch im ubrigen Livland immer noch an ent-
sprechenden gnindlichen, sich auf urkundliche Quellen stiitzenden Feststellun-
gen. Die Rheinlande, Westfalen (Koln: Diozesen Bremen, Verden, Teile von
Osnabnick), Niedersachsen (die Diozesen Bremen, Verden, Teile von Osna-
briick und Minden), Holstein und Lubeck, Mecklenburg und Pommern, Preu-
Ben und Livland selbst, Thiiringen und Obersachsen, die Mark Brandenburg
und sogar Franken sind die Herkunftsgebiete der Wiirdentrager und Domher-
ren der kurlandischen Kirche. Die Livlander unter ihnen sind in ihrer Mehrzahl
bereits in der zweiten und dritten Generation der Ostkolonie verbunden. Sie
entstammen den Stadten, stammen aber auch aus der Landbevolkerung.4
Es ist eine sehr merkwiirdige Erscheinung, daB in Kurland und Livland der
Deutsche Orden im Gegensatz zu dem in PreuBen zu einem bedeutenden Teil
seine Mitglieder vornehmlich aus Westfalen und erst in zweiter Linie aus dem
Rheinland holte. Auch die meisten Ordensmeister entsprossen diesen Land-
schaften5. Fur die aus Deutschland eingewanderten Mitglieder des Kurlandi¬
schen Domkapitels und erst recht fur die niederen Kleriker des 13. und 14.
Jahrhunderts sind Herkunftsnachweise nur in vereinzelten Fallen vorhanden.
Von 83 belegten Bischofen, Bewerbern und Stiftsgeistlichen6 konnte fur 43
der Herkunftsort nachgewiesen, fur 12 nur vermutet und fur 28 nicht festge-
stellt werden. Im Hundertsatz <hier: %> ausgedriickt ergeben sich folgende
Zahlen: 51,8% - 14,4% - 33,8%.
Auf die drei Zeitabschnitte verteilen sich diese 83 ermittelten Angehorigen
von der kurlandischen Kirche zahlenmaBig:
1232-1350 28 = 33,8%
1351-1450 21 = 25,3%
1451-1561 34 = 40,9%
Entsprechend dem vorhandenen Quellenmaterial erhalten wir im ersten Zeitab-
schnitt nur von einem Viertel Auskunft uber die Herkunft, bei 7,1% sind wir
lediglich auf Vermutung angewiesen und bei 67,9% ist nur der Name bekannt7.
Im nachsten Zeitabschnitt (1351-1450) steigt der Herkunftsnachweis dagegen
4 Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 2 f.
Der D.O. in PreuBen dagegen: sehr viele Rheinlander und viele Mitglieder aus Sachsen und
Thiiringen. Vgl. BUNGE und TOLL, Brieflade II.
83 = 34 Bischofe und Bewerber, 17 Propste, 10 Dekane, 22 Domherren.
Ortsnamen als Zunamen zeigen erwahntermaBen in vielen Fallen nicht die Herkunft an, oft
sind sie von einem iibertragenen Amt oder Benefiz ubernommen; in einer Reihe von Fallen
handelt es sich bereits um Familiennamen.
226
Erwin Hertwich
auf fast die Halfte, die Vermutungen betragen rund ein Fiinftel und ein Drittel
konnte nicht ermittelt werden. Der letzte Abschnitt (1451-1561) schlieBlich
erhoht die Herkunftszahl auf iiber Dreiviertel (76,4%), halt die Vermutungen
nahezu in gleicher Hohe (17,7%) und senkt die Zahl der nur namentlich be-
kannten Sdftsgeistlichen auf 5,9%.
Die ortliche Herkunft lieB sich demnach in folgendem Ergebnis fesdegen:
1232-1350
1351-1450
1451-1561
1232-1561
Herkunft
ermittelt
7 = 25,0%
10 = 47,6%
26 = 76,4%
43 = 51,8%
Herkunft
vermutet
2 = 7,1%
4 = 19,1%
6 = 17,7%
12 = 14,4%
Herkunft
nicht nachweisbar
19 = 67,9%
7 = 33,3%
2 = 5,9%
28 = 33,8%
Insgesamt
28 = 33,8%
21 = 25,3%
34 = 40,9%
83 = 100%
Das Kurlandische Domkapitel
227
<s.ioi>
Obersicht* der Herkunft nach Landschaften und Stadten
1. Bischofe und Bewerber
a)
aus
Kurland:
?9 Dietrich Tanke
Dorpat:
Gottschalk Schutte (?aus Reval)
Reval:
Gottschalk Schutte (?aus Dorpat)
b)
aus
PreuBen:
Konigsberg:
Michael Schulteti
Danzig:
Johannes III. Tiergart, Augustinus Tiergart, Albert Bischof
Elbing:
Paul II. Einwald
StraBburg:
Martin Lewitz, Ambrosius Korsner
Thorn:
Wilhelm Haldenhoff
c)
aus
Liibeck:
Heinrich II. Basedow
d)
aus
Holstein:
Herzog Magnus
e)
aus
Niedersachsen:
Hildesheim:
Hermann Ronneberg
Haddenhausen
Johannes IV. von Miinchhausen
(im Hannoversehen):
dem Hannoverschen:
Ulrich von Behr
0
aus
Westfalen:
Rutger von Bniggenei
g)
aus
den Rheinlanden:
Edmund von Werd
Erzdiozese Trier:
Heinrich von Liitzelburg
Luxemburg:
Wilhelm, Abt von Luxemburg
Dioz. Liittich:
Balduin von Aina (PWallone)
StraBburg:
Joans (Jakob) Burchard
h)
aus
Obersachsen, Thiiringen:
PGuarner (Werner), Hiob von Dobeneck, Georg Pusch, Johann
Hamel
i)
aus
Franken:
Paul Watt
<s.
102>
2. Propste
a)
aus
Livland:
Johannes Schnabel (PRiga)
b)
aus
PreuBen:
Konigsberg:
Nikolaus Lemberg
Dioz. Ermland:
Mathias Schulteti
Elbing:
PChristoffer Sturm
0
aus
Pommem-Mecklenburg:
PNikolaus Kemnitz, PWigand Grabow
d)
aus
Liibeck:
Augustinus von Gethelen (Paus Rendsburg)
e)
aus
Holstein:
Rendsburg:
Augustinus von Gethelen (Paus Liibeck)
0
aus
Niedersachsen:
Braunschweig:
Jakob Varus
g)
aus
Westfalen:
PWerner Zekemet (Stekemess)
h)
aus
den Rheinlanden:
PJohannes des Colonia
i)
aus
der Mark:
PHenrich de Havel
i)
aus
Obersachsen:
PNikolaus Sprenger
Die Untersuchten wurden gemaB ihrem Auftreten in der zulet2t erreichten Wiirde eingeord-
net.
Vermutete Falle sind mit Fragezeichen versehen.
228
Erwin Hertwich
3. Dekane
a)
b)
aus
Livland:
Johannes Sobbe, Nikolaus Croppin
aus
Preufien:
Straflburg oder Dirschau:
Johannes Gabelow
c)
aus
Pommern:
Dioz. Kammin:
Christian Wulff
d)
aus
Niedersachsen:
Gottingen:
Conradus de Gotingen
4. Domherren
a)
aus
Livland:
Johann de Sabele, PGerhard de Dron, PJochim Gulowe
b)
aus
Preuflen:
Konigsberg:
Michael Pampow
Danzig:
Johann Jodeke, Johann Ghise
c)
aus
Pommern-Mecklenburg:
PUrban Krafft, PJohann Wernigke, PJohann Grabow
<S. 103>
Ubersicht
1232-1350
1351-1450
1451-1561
1232-1561
Summe
CO
7
D
X
CO
7
О
«
r
D
X
CO
7
D
X
CO
7
D
>r
D
X
Livlander
im allgemeinen
2
i>°(d
(ip1
2
PI
1
41)
]2]
2
3
6(1) [2] = 9
PreuBen
Ч1)
1
3W
(3)
3
4(4)
3
1
3
11 (4) = 15
Pommem-
Mecklenburger
Ml)
1
1
l4l
IP]
1
1(4]
3 [5] = 8
Liibeck
1
1
1 = 1
Holstein
1
l
1
1
2 = 2
Niedersachsen
1
1
l
1
1
1
3 = 3
Westfalen
1
PI
Ч1)
2(1)
PI
2 0)111=4
Rheinlander
3
1
(2)
3(2)
1
4 (2) = 6
Mark
PI
PI
[1]=_1
Obersachsen-Thiiringer
PI
111
1 (1)
PI
1 (1) И
PI
1 (1) 13] = 5
Franken
P)
(1)
(l) = i
nicht nachweisbar
5
4
4
6
3
1
3
i
1
8
5
5
10
28 = 28
9
5
5
9
9
4
4
4
16
8
1
9
34
17
10
22
=83
Insgesamt
28
21
34
83
davon nachgcwiesen
vermutet
nicht nachweisbar
7
121
19
10
HI
7
26
161
2
43
P2]
28
<S. 104> Im ganzen gesehen, stehen die aus dem Ordensland Stammenden an
der Spitze: 15 PreuBen, neun Livlander (im allgemeinen) stehen neben acht
Pommern-Mecklenburgern. Es folgen die Niedersachsen und Westfalen mit
sieben, die Holstein-Lubecker mit drei und die Rheinlander mit sechs (vief
davon allerdings bereits im ersten Zeitabschnitt!). Fur Obersachsen und Thu-
ringen sind fiinf, fur Franken und die Mark je einer nachweisbar. Beachtenswert
ist, daB besonders die ,,Auswartigen“ Bischofsstuhl und Dignitaten besetzten. 10 1110 <Anmerkungstext fehlt in der Vorlage.>
11 <Anmerkungstext fehlt in der Vorlage.>
Das Kurlandische Domkapitel
229
Nur je ein Bischof und ein Propst und zwei Dekane sind mit Sicherheit als
Einheimische, d. h. Abkommlinge der in die Nordostkolonie eingewanderten
,,Osdandfahrer“, nachzuweisen. Besonders in der Liste der Domherren ist au-
Berhalb des Ordensgebietes12 kein einziger fur das iibrige Reichsgebiet zu bele-
gen. Es ist demnach zu vermuten, daB ein auswartiger Kandidat eher mit seiner
Beforderung rechnen konnte als eine einheimischer. GroBtenteils werden die
Domkapitelsmitglieder, deren ortliche Herkunft sich nicht nachweisen laBt,
Livlander oder wenigstens PreuBen gewesen sein. Fur die Folgezeit steht jeden-
falls ein Uberwiegen des kurlandisch-preuBischen Elements fest. Infolge geistli-
cher Provisionen gelangten einschlieBlich der Bischofsernennungen die Aus-
wartigen in erhohter Zahl, nahezu im doppelten Umfang in das Domkapitel.
II. Geburtsstand
Von alters her waren die geistlichen Stifter schon immer Versorgungsanstaken
des Adels gewesen13. So ist es nicht verwunderlich, daB manche von ihnen so-
gar statutengemaB adlige Herkunft als Vorbedingung fur die Aufnahme ver-
langten. Was fiir das Mutterland von germanischer Zeit iiberliefert ist, gilt nicht
fur die Kolonie. In Livland laBt sich in keinem einzigen Fall in irgendeinem
Domkapitel adlige Exklusivitat nachweisen. <S. 105> Die Kapitel setzten sich
bunt aus Biirgerlichen und Adligen zusammen. Weltliche Fiirsten und ein ho-
her Geburtsadel treten, wie im ubrigen Livland auch, unter den Pralaten bis auf
wenige Ausnahmen nicht auf14. Als Angehorige hohen Adels, bzw. als Edel-
freie, sind fur Kurland Heinrich von Liitzelburg, Bischof von Semgallen, spater
von Kurland, und der letzte „Bischof* von Kurland, Magnus, Herzog von Hol¬
stein,15 nachzuweisen. Dieser war der Sohn des Konigs Christian III. von Da-
nemark und der Herzogin Dorothea von Sachsen-Lauenburg. Wie von Brui-
ningk iiberzeugend nachweisen konnte, ist in diesem Zusammenhang die Tat-
sache wichtig, daB es einen Ministerialadel in der Nordostkolonie nicht gab16.
Dem Gedachtnis der Nachfahren entschwand das BewuBtsein der ehemaligen
Gliederung in verschiedene Adelsklassen. Der Adel verschmolz bald ,,zu einer
12 Im weitesten Sinne: PreuBen, Livland, Pommern.
13 Vgl. BRUININGK, Geburtsstandsverhaltnisse, S. 72. SCHULTE, Der Adel und die deutsche
Kirche. KlSKY, Die Domkapitel der geistlichen Kurfursten.
14 Mulverstedt, Kurlandische Ritterschaft, S. 35 f.
Bruiningk nennt ihn einen „fiirstlichen Abenteurer, der sich zur Mitra nur in der Hoffnung
bequemte, bei dem bevorstehenden Zusammenbruch der alten hierarchischen Gebilde der
nachste zur weltlichen Fiirstenmacht zu sein“, Geburtsstandsverhalmisse, S. 74.
16 A. a. O., S. 74 f.
230
Erwin Hertwich
in standerechtlicher und sozialpolitischer Beziehung einheitlichen Gesell-
schaftsschicht“17, der jedwede Neigung zur standischen Exklusivitat fehlte.
Keine Statuten18, keine papsdiche Resolution, Provision oder Kollation, keine
Supplik fordern ausdriicklich als wirksame Unterstiitzung einen bestimmten
Geburtsstand. Es sind noch nicht einmal geringfugige Andeutungen fiber Aus-
einandersetzungen zugunsten einer standischen Exklusivitat zu finden, ein Zei-
chen dafur, daB keiner der fur die Besetzung der Bischofsstiihle, Dignitaten und
Kanonikate maBgeblichen Kraftegruppen in einer aufkommenden Adelsherr-
schaft einen politischen Nutzen erblickte oder gar fur seine EntschluBfreiheit
eine ungfinstige Entwicklung voraussah.
Die Kurie legte iiberhaupt keinen Wert darauf, sich von vornherein auf ei¬
nen bestimmten Personenkreis auf Grund geburtsstandischer Erwagungen
festzulegen. Richtschnur fur sie war einzig und allein das jeweilige politische
Erfordernis. In dem einen Fall entschied sie zugunsten der bischoflichen, im
anderen zu dem der Ordenspartei. Ein drittes Mai iiberging sie <S. 106> beider
Wiinsche und Vorhaben und nahm das eigene Gutdiinken zur Richtschnur.
Ebensowenig lag das Interesse der Bischofe und Domkapitel am Ausbau ei¬
ner Adelsherrschaft. Vornehmlich von dem Zeitpunkt an nicht, da „die
vorwiegend ritterschaftlichen Stiftsrate die Bedeutung von Regierungskollegien
erlangt hatten, muBte in der Zusammensetzung der Domkapitel ein Gegenge-
wicht gesucht werden“19.
Der Deutsche Orden endlich war ebenfalls nicht gewillt, seine in der kur-
landischen Kirche und bei der Kurie durch seine tiichtigen Prokuratoren er-
worbene Geltung dahingehend in Anwendung zu bringen, daB bestimmte
Adelskreise dauernd den Besitz des kurlandischen Bischofsstuhles in Anspruch
nahmen. Die livlandischen Gebiedger entnahm der Orden ohnehin schon dem
Adel.
Es finden sich in Kurland nur zwei solche Bischofe: Rutger von Bniggenei20
aus Westfalen und Johannes von Miinchhausen aus Haddenhausen im Hanno-
verschen21. Ulrich von Behr22 war des Letzteren Neffe und stammte ebenfalls
17 А. а. О., S. 75.
18 Mehrmals geschieht das jedoch in Bezug auf die Stifter Dorpat und Osel, in denen der Adels-
stand einen immerhin beachdichen EinfluB hatte. Vgl. Repert. Germ., Papsd. Resoludonen
vom 8. Jan. 1400, 14. Nov. 1411, 19. Jan. 1434.
19 BRUIN1NGR, a. a. O., S. 77.
20 EUBEL, Hier. cath. 1, S. 288. Vgl. UB 8, S. 256.
2* Dogiel 5, Nr. 113.
22 Vgl. Mitt. 12, S. 295.
Das Kurlandische Domkapitel
231
aus Niedersachsen; sein Vater, Dietrich von Behr, war durch Johann IV. als
Stiftsvogt nach Kurland-Osel geholt worden23. Andere Ordensgeschlechterna-
men sind auch unter den Kanonikern der Stiftsgeistlichkeit nicht nachzuweisen.
Es ist also weder auf dem Bischofsstuhl noch auf irgendeiner Vakanz des
Domstiftes auch nur ein einziger Angehoriger eines einheimischen [livlandi-
schen] Vasallengeschlechtes belegt. Selbst Rutger von Bniggenei, Johann von
Miinchhausen und Ulrich von Behr konnen nicht als solche angesprochen wer-
den. Anfanglich fiihrten die meisten Domherren der <S. 107> kurlandischen
Kirche ihren Ursprung auf burgerliche Familien auBerlivlandischer, spaterhin
dann auf solche livlandischer Stadte zuriick. Unter den kurlandischen Bischofen
findet sich gleichwohl nur ein Bischof aus ausgesprochen livlandischem Biirger-
stande24: Gottschalk Schutte. Sehr viel groBer ist die Zahl der Bischofe, Bewer-
ber und Kanoniker aus der Biirgerschaft deutscher, vornehmlich preuBischer
Stadte. Konigsberg, Danzig, Elbing, Thorn, Strasburg treten wiederholt in Er-
scheinung.
Ebenso wie sich die Adelsklassen in ganz Livland ausgleichen, so hatten sich
auch die Unterschiede innerhalb des biirgerlichen Geburtsstandes verwischt;
ein eigentliches Patriziat konnte „unter der Einwirkung der Rechtsgemeinschaft
und Rechtsgleichheit sowie vor allem der fast durchgangigen Berufsgenossen-
schaft, des kaufmannischen Berufs“ nicht aufkommen25. So ergibt sich fur
Kurland-Livland nur die Gegeniiberstellung ,,burgerlich“ und ,,adlig“.
Die adlige Abstammung der Bischofe Edmund von Werd [Rheinland], Paul
Einwald (van Waltern, van den Waltern, de Walteris) [Elbing] und des Bewer-
bers Hiob von Dobeneck [Sachsen] ist nicht gesichert. Heinrich II. (Basedow)
[Liibeck] tritt uns als nobilis entgegen26; dem liibischen Ratsherrn Jordan Base¬
dow wurde am 12. Januar 1552 von Kaiser Karl V. ein Adelsdiplom ausge-
stellt27. Auffallend ist, wie bereits erwahnt, unter den Bischofen und Kanoni¬
kern die beinahe vollige Ausschaltung der einheimischen Vasallengeschlechter;
geradezu absichtlich wurden diese anscheinend ferngehalten.
23 Kopenhagen, Livl. 7, fol. 141a (Schirrens Nachlaft).
Ebenso sein Bruder, der Bischof von Osel, Johann Schutte. BRUININGK, a. a. O., S. 78, weist
beide ,,mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit“ der Stadt Dorpat 2u. Vgl. ebenda, Anm. 1.
25 A. a. 0.,S. 80.
26 Eubel, Hier. cath. 2, S. 158.
27 Vgl. WEHRMANN, das Liibeckische Patriziat, in: Hansische Geschichtsblatter, 1872, <S.>
128, nach Verzeichnis von denen adligen Familien der Zirkelgesellschaft in Liibeck, Liibeck
1689, S. 102 ff.
232
Erwin Hertwich
<S. 108> Nur noch unter den Propsten ist der Adel eines Dignitars als gesi-
chert anzusehen: Augustinus von Gethelen [Rendsburg]28. Dieser (1553) und
Ulrich von Behr (1561)29 werden als Inhaber der Propstei Edwahlen genannt.
Die Uberlieferung bietet nicht genug Material, um aus der Zusammenset-
zung des Kurlandischen Domkapitels30 hinsichtlich des Geburtsstandes seiner
Angehorigen etwaige charakteristische Eigentiimlichkeiten einwandfrei zu er-
mitteln. Alte Listen, die hinreichenden AufschluB geben konnten, sind nicht
vorhanden; auch auf die unentbehrliche Grundlage der Kapitelarchive miissen
wir Heudgen verzichten, sie gingen in vielerlei Kriegswirren unter. Ahnenpro-
ben, wie sie bis auf 16 Ahnen hinauf in anderen deutschen Stiftern als Beweis-
mittel dienten31, brauchten, wie erwahnt, in Kurland nicht beigebracht zu wer¬
den. Wie anderwarts finden wir auch bei der Betrachtung und Vergleichung der
Namensuberlieferung im 13. und in der ersten Halfte des 14. Jahrhunderts die
gleichen bezeichnenden Regelfalle: Niederer Adel und Biirgertum wenden nur
den Rufnamen an, da ihre Familiennamen zumeist noch nicht erblich gebraucht
werden. In vielen Fallen wird die Orts- und Lagebezeichnung des Lehnbesitzes
oder des Wohnortes in Kurland-Livland abgeleitet oder wortlich iibernommen.
Diese angenommenen „Familiennamen" erhohen die Unklarheit nur noch
mehr und erschweren die Herkunftsbestimmungen in erhohtem MaBe. Erst
nach 1400 tritt ein Wandel ein. Die Standesverhaltnisse werden durchsichtiger
und erhalten ihre endgiiltige Form, die urkundlichen Grundlagen geben uns
reichhaltigen AufschluB32.
Die Liste der Kanoniker zeigt im Vergleich zu den anderen livlandischen
Domstiftern die meisten Liicken; immerhin reichen die Ermitdungen aus, um
das fur die kurlandische Kirche Wesentliche zu erkennen.
<S. 109>
28 Im Jahr 1568 hat im Piltenschen ,,Geidtlinck“ (Vorname nicht genannt) ein Pferd zu stellen.
Vgl. kurlandische Giiterchronik, N.F. 1, Beilage 52. Ein Paul Gethelen ist vor 1551 Hausbe-
sitzer in Leal, ebd., nach ARBUSOW, Geistlichkeit I, S. 53.
29 Kurlandische Giiterchroniken 2, S. 120 und 122.
30 Vgl. Chronologische Zusammenstellung, S. 69 ff.
31 Ahnlich liegen die Verhaltnisse bei den iibrigen livlandischen Domstiftern, trotz des umfang-
reichen Materials, das die schlechthin unentbehrliche Zusammenstellung von ARBUSOW sen.
Geistlichkeit I und II enthalt; chronologisch wie alphabetisch stellt dies Werk ein unschatzba-
res Fundament fur eine solche Arbeit dar.
32 Eine ausfuhrliche Darstellung liber diese Verhaltnisse gibt KlSKY, Die Domkapitel der geist-
lichen Kurfiirsten, S. 13 f.
Das Kurlandische Domkapitel
233
Adelsreihe in der kurlandischen Kirche33
Heinrich von Liitzelburg O. Fr. Min.
Edmund von Wercfi4 0. Tbeut.
Rutger von Briiggenei
Paul 77.34 (Ejnwald, van Waltemy de
WalteriSy von den Waltem)
Hiob von Dobeneck34 Bewerber
Heinrich II. (Basedow)
Johann IV. (von Miinchhausen)
Ulrich von Behr, Koadjutor,
Propst
Magnus von Holstein
Augustinus von Gethelen, Propst
aus den Rheinlanden
aus den Rheinlanden
aus Westfalen
aus Elbing
aus Obersachsen
aus Liibeck
aus Niedersachsen
aus Niedersachsen
aus Holstein
aus Holstein oder PLubeck
73 biirgerlichen Bischofen und Domherren stehen nur sieben adlige gegeniiber.
In drei noch nicht geklarten Fallen diirfte sich ein Uberwiegen des adligen An-
teils ergeben, oder im Hundertsatz <hier: %> ausgedriickt:
Anteil des Adels 8,4%
Anteil des Biirgertums 88,0%
unbestimmbar 3,6%
33 Die Nachweise hieniber finden sich in den auf den oben angefuhrten Tabellen und Zusam-
menstellungen verzeichneten Urkunden.
(Kleindruck: mit Maschinenschrift: gesperrt) <hier kursiv> adlige Herkunft nur vermutet.
234
Erwin Hertwich
<S. 110>
III Berufsstand
Die Untersuchung der beruflichen Tatigkeit der Bischofe und Domherren vor
ihrem Eintritt in das Domkapitel fuhrt gleichermaBen zur Bestimmung „ihrer
sozialen Zugehorigkeit und der kulturellen Umwelten, aus denen sie ka-
men und deren Traditionen und geisdge Werte sie nach MaBgabe der Moglich-
keit, nach Livland verpflanz haben“35.
Ihre Rolle als Kulturtrager hinsichtlich der Auswirkungen auf das kurlandi-
sche Geistesleben wird an anderer Stelle untersucht36, erwahnt sei hier vorerst
nur, daB mit Mission und Handel dem Lande ununterbrochen neue Geistes-
elemente zugefiihrt werden. Von dem festen Briickenkopf der Stadt Riga geht
neben der militarischen Eroberung des Landes auch die geistige ErschlieBung
vor sich. Das Ganze ist das Werk eines geistlichen Staatengriinders, des Missi-
onsbischofs Albert von Bremen, der der neuen Kolonie seinen Stempel auf-
driickte. „Die festgefiigten Traditionen der Kloster, geistlichen Orden und
Stifter, denen gerade unsere altesten Missionare entstammen“, wiesen ihr Le-
benswerk in bestimmte Bahnen ein. Uberall stoBen wir neben den geistlichen
Traditionen auf die kampferische Haltung der Bischofe und ihrer Domkapitel,
die mehr als einmal Seite an Seite mit den Ritterbrudern zu kampfen - und
auch zu sterben - wuBten. In der Haltung dieser Manner vereint sich „die krie-
gerische Kraft und die strenge Zucht eines Mannerbundes, geweiht durch das
BewuBtsein frommen Dienstes an der Heidenbekehrung, gestarkt durch die
volkische Zusammengehorigkeit seiner nur deutschen Bruder, planvoll einge-
schaltet in den Zug deutschen Burger- und Bauerntums nach dem Osten“, wie
H. Grundmann diese Trager der deutschen Kolonialbewegung des Mittelalters
treffend charakterisiert37. Die Zisterzienser in Land- und Teichwirtschaft und
im Miihlenbetrieb verfugen iiber eine beachtliche und praktische Erfahrung.
Den Franziskanern und Dominikanern war die Neigung zu wissenschaftlicher
<S. 111> Beschaftigung zu eigen. Sie gaben auf diesem Gebiet starke Anregun-
gen. So gehorten Balduin von Aina dem Zisterzienser, Guarner/Werner dem
Dominikanerorden an. Heinrich von Liitzelburg war Franziskaner.
35 ARBUSOW, Die deutsche Einwanderung, S. 357.
36 Siehe unten Кар. 6.
37 GRUNDMANN, Das hohe Mittelalter, S. 357.
Das Kurlandische Domkapitel
235
Nur ein kleiner Teil der kurlandischen Geistlichen gelangte aus Gninden der
Familien- und Versorgungspolitik in Domherrenstellen; der groBte Teil waren
Manner, die das Leben zu meistern verstanden, sie wurden von den zustandi-
gen Stellen auf hohere und verantwortungsvollere Posten gestellt. Die sich
hierbei zeigenden Ergebnisse gewahren noch wertvolle Einblicke verschiedener
Art, wie etwa seelsorgerische Tatigkeit, Besitz des Weihegrades, standische
Zugehorigkeit.
Fur das Kurlandische Domkapitel und seine Bischofe ergibt sich hinsicht-
lich der beruflichen Tatigkeit vor Eintritt in das Domkapitel folgendes Bild38:
<S. 112>
1232-1350
1351-1450
1451-1561
1232-1561
Lediglich als Geisdiche, Kleriker
nachzuweisen
4 + 939
4 +9
Kirchherren in Livland
2 +3
2 +3
Inhaber auswartiger Pralaturen: je
1 Propst und Archidiakon
(Zschillen)
1 Propst (Rom)
3 +1
3 +1
1 DH (Luxemburg)
1 Papsd. Zermonienmeister
Als Domherren anderer Diozesen
erwahnt:
EBU Riga
+ 1
+ 2
+ 3
BU Dorpat
1
1 + 2
2 +3
Osel
+ 1
+ 2
+ 3
Ermland
1 + 2
1 +2
Samland
1
+ 1
1 + 1
Liibeck
1 +2
1 + 2
Bremen, Verden, Minden
2 +5
2 +5
Meifien
+ 2
+ 2
Legaten + 1
+ 1
+ 2
Erzbischofliche Sekretare
2
2
Bischoflicher Kaplan
+ 1
+ 1
Bischofliche Geheimschreiber,
Notare, Sekretare
3
5 + 1
8 + 1
Angehorige von Monchshorden (O.
Cist., O. Praed., O.F.M.) 2 +1
2 + 1
Priesterbriider D.O.40 10 +1
2
12 + 1
Subkommissar D.O. fur den AblaB
+ 1
+ 1
Kanzler des HM
2
2
Kaplan des HM
+ 1
+ 1
Arzt des HM
+ 1
+ 1
38 Vgl. oben die Zusammenstellung der Bischofe, Propste, Dekane und Domherren. Aus den
dort gegebenen Belegen lieB sich <die> berufliche Tatigkeit ermitteln.
Die zweite Zahl gibt die Falle von Amterhaufung an, deren Inhaber mit dem Hauptamt
jedoch bereits in einer anderen - vorderen - Zahl enthalten ist.
Als solcher ausdriicklich vor ihrer Domherren-Zeit bezeugt und als solcher im Ordensdienst
stehend erwahnt. Alle iibrigen DK-Angehorigen muBten, wie oben erwahnt, naturgemaB
spatestens am Tage ihres Eintritts in das DK Angehorige des D.O., also Priesterbriider D.O.
werden.
236
Erwin Hertwich
Kanzler des OM
Geheimschreiber, Sekretar, Schreiber
des OM
Oberste Prokuratoren D.O. bei der
Kurie
Prokurator (der „Deutschen Nation")
in Bologna
Protonotarii, Vizepfalzgrafen in Rom
Mitglieder von Universitats-
Lehrkorpern
Weltlicher Herrscher
Gesamtsumme
Vorherige berufliche Tatigkeit
unbekannt
Gesamtzahl
+ 1
1 + 1
1 + 2
+ 2
2 + 1
2 +3
1
2
1 + 1
4 + 1
1
1
+ 2
+ 2
+ 2
+ 2
1
1
14 +3
9 +6
28 +43
51 + 52
14
12
6
32
28
21
34
83
<S. 113> Von 32 Stiftsgeistlichen, das ist 38,6%, lieB sich ihre vor Eintritt in
das Domkapitel ausgeiibte Tatigkeit nicht ermitteln.
1232-1350
1351-1450
1451-1561
1232-1561
berufliche Tatigkeit unbekannt
14 =
50%
9 = 42,9%
28 = 82,3%
51 =
61,4%
berufliche Tatigkeit bekannt
14 =
50%
12= 57,1%
6= 17,7%
32 =
8,6%
Gesamtsumme
28 =
100%
21 = 100%
34 = 100%
83 =
100%
Man darf jedoch mit ziemlicher GewiBheit annehmen, daB ein groBer Teil der
Kapitelsangehorigen, deren berufliche Tatigkeit sich nicht feststellen lieB, sich
ebenfalls in bischoflichen Diensten und Amtern befunden hat, bzw. schon
lange vorher als Priesterbriider des Deutschen Ordens anzutreffen war. Ande-
rerseits hingegen zeigt sich, daB ein Teil der Kanoniker ihrer vor der Domher-
renzeit ausgeiibten Tatigkeiten nachher nicht mehr nachging.
Es lieB sich ermitteln, daB ein groBerer Teil vorher als erzbischofliche Ka-
plane, Vikare, Beamte, Geheimschreiber, Notare und Prokuratoren, als Kapla-
ne, Kanzler, Arzt, Geheimschreiber und Sekretare des Hoch- oder Ordensmei-
sters und als Oberste Prokuratoren D.O. bei der Kurie tatig war, zwei gehorten
Universitats-Lehrkorpern an. Andere wiederum kamen aus auswartigen Pralatu-
ren (Propste, Archidiakon, papstlicher Zeremonienmeister) und aus papstlichen
Legationen oder waren Inhaber livlandischer und auBerlivlandischer Kanoni-
kate. Somit war fiber Jahrhunderte hinweg ein Fiihrernachwuchs gewahrleistet,
der auf Grund seiner ausgepragten Kenntnisse, seiner umfassenden Einsicht
und organisatorischen Verwaltungsfahigkeiten zu Amt und Wiirden eines Bi-
schofs selbst oder eines seiner Rate und Kanoniker geeignet war. Zu diesem
Kernbestand sind einige ehemalige Kirchherren und mehrere andere Geistliche
und Kleriker hinzuzurechnen.
Es sind zudem mehrmals Inhaber kurlandischer Pfarrstellen nachzuweisen,
die sich standig im bischoflichen Gefolge aufhalten. Auch sie <S. 114> sind als
Das Kurlandische Domkapitel
237
Beauftragte und Vertraute den bischoflichen Ratgebern mit wahrscheinlicher
GewiBheit gleichzustellen. Allerdings ist spaterhin auch eine Reihe Stiftsgeistli-
cher als Nur-Kanoniker belegt. Es ist anzunehmen, daB ihnen eher mehr der
PfriindengenuB als ein gewisses MaB von geistlichem und seelsorgerischem
Wirken oblag.
Ubersicht fiber die Verteilung der vorher innegehabten Amtergruppen
1232-1350
1351-1450
1451-1561 1 1232-1561
aus rein kirchlichen Amtern
hervorgegangen 2 = 14,3%
5 = 55,6%
21 = 75%
28 = 55%
aus Ordensamtern 12 = 85,7%
4 = 44,4%
6 = 21,4%
22 = 43,1%
aus anderen Amtern
1 = 3,6%
1 = 1,9%
insgesamt berufliche Tatigkeit bekannt 14
9
28
51
<S. 115>
6. Bildungsverhaltnisse
7. Scbulmsen
Der Domherren-Nachwuchs erhielt seine Ausbildung an den Domschulen der
Domstifter1. Fur Kurland ist jedoch im Gegensatz zum iibrigen Livland in kei-
ner Urkunde des behandelten Zeitraumes eine Domschule nachzuweisen. Ein
einziges Mai tritt ein scholasticus, Conradus, auf, doch auch er ist nicht ausdriick-
lich als Inhaber einer Scholasterie belegt2. Vermutlich brachte Conradus den
Scholaster-Titel3 bereits von einer fniheren Stelle nach Kurland mit. Es ist an¬
zunehmen, daB das Domkapitel zunachst eine Reihe vordringlicherer Aufgaben
zu losen hatte, als sich mit der Einrichtung einer Domschule zu beschaftigen.
Das Bistum Kurland bestand zu einer Zeit, als die iibrigen Bistumer Livlands
schon vollig durchorganisiert waren, vorerst nur dem Namen nach. Es muBte
ihm daher zunachst eine entsprechende Form gegeben werden, und dazu ge-
horten Manner, die auBer kampferischer Haltung bereits ein Konnen mit-
brachten und vom Deutschen Orden auch gewissenhaft fiir ihren neuen Wir-
kungskreis ausgelesen und vorbereitet wurden. Fielen welche von ihnen beim
Einsatz aus, so wurde vom Orden her fur gleichwertigen Ersatz gesorgt, um die
1 Vgl. Samulski, Breslauer Domkapitel, S. 88 f. SchOntag, Augsburger Domkapitel, S. 72 ff.
Siehe oben Кар. 3, Zusammenfassung.
S Die Tatigkeit des Scholasters untersuchte SchOn i ag, a. a. O., S. 75.
238
Erwin Hertwich
entstandenen Liicken zu schlieBen. Auch diese muBten wiederum erfahrene
Manner sein, die ihre Ausrichtung nicht durch die Schule, sondern durch das
Leben erfahren hatten. Ein gewisses MaB von Wissen und Bildung wird ihnen
in keinem Falle abzusprechen sein, ist doch, um nur ein Beispiel herauszugrei-
fen, an keiner Stelle erwahnt, daB einer der kurlandischen Domherren des Le-
sens oder Schreibens unkundig gewesen sei - selbstverstandlich nicht, da sie
alle Ordenspriester waren4.
<S. 116> Als im Mittelalter das Ansehen der Universitaten immer mehr zu-
nahm, hat diese Tatsache vermutlich auch in Kurland die Entstehung einer
Domschule weitgehend beeintrachtigt, so daB man ein Schulwesen gar nicht fur
lebensfahig hielt5. Im Jahr 1433 bewilligte Eugen IV. dem friiher einmal nur fur
kurze Zeit als kurlandischen Propst eingesetzten Wigand Grabow die scolastria
zu Dorpat. Es ist das das zweite und letzte Mai, daB iiberhaupt ein [ehemals]
kurlandischer Dignitar mit einer - dazu noch auswartigen - Domschule in Ver-
bindung gebracht wird6.
II. Studium und akademische Grade
Der Tendenz der Zeit gemaB strebten vornehmlich die Nachgeborenen sowohl
des Patriziats als auch des Adels nach geistlichen Stellungen und Wiirden. Vor-
aussetzung aber fur den Bischofsstuhl oder wenigstens fur ein Kanonikat war
wissenschaftliche Vorbildung, namentlich die Kenntnis der lateinischen Spra-
che und des kanonischen Rechts7. Aus diesen Gninden ergab sich der Univer-
sitatsbesuch als Notwendigkeit. Viele der auf die hohen Schulen Gezogenen
haben auch das Ziel ihrer Wiinsche erreicht, sie wurden Domherren, Dignitare
und manche sogar Bischofe. Auch Livlander finden sich unter ihnen: die beiden
Bischofe Gottschalk Schutte (1405-1424) und Johannes III. Tiergart (1425-
1456). Besonders iiber des letzteren wissenschaftliche Qualitaten wird noch an
anderer Stelle zu sprechen sein7». Nach Einfuhrung der Reformation versiegte
der Zustrom des Adels zum theologischen Studium, denn das Amt eines luthe-
rischen Predigers brachte keine so vielversprechende, hochdoderte Pfriinde mit
sich wie die eines bisherigen Domkanonikers.
4 Uber das Schulwesen im Mittelalter und die Domschulen im besonderen, vgl. SCHONTAG,
Augsburger Domkapitel, S. 72 ff.
5 Siehe auch Pottel, Domkapitel Ermland, S. 40.
6 Siehe auch ARBUSOW, GeistUchkeit II, S. 68 f.
7 Siehe auch fur das Folgende BOTHFUHR, Die Livlander an auswartigen Universitaten, S.
XXII ff.
7л Siehe unten Abschnitt III.
Das Kurlandische Domkapitel
239
Im 14. Jahrhundert finden wir die spateren kurlandischen Stiftsgeistlichen
besonders in Prag, andere Livlander auBerdem noch in Koln und Erfurt imma-
trikuliert8. Im 15. Jahrhundert studierten die meisten vor allem in Rostock,
Leipzig, Koln und Erfurt. Auch italienische Universitaten, Bologna und Siena,
und Krakau wurden in dem Jahrhundert von Livlandern bevorzugt. In
<S. 117> einem Fall ist Wien nachgewiesen. Im 16. Jahrhundert sind Leipzig,
Rostock, Wittenberg die Orte, wohin sich die akademische Jugend wendet.
Da vom Kurlandischen Domkapitel keine Statuten vorliegen, war nicht fest-
zustellen, ob der kurlandische Domherr zwangslaufig zum Studium verpflichtet
war9, deren Nichtgraduierte mindestens nach ihrer Aufnahme ins Kapitel ein
zeitlich vorgeschriebenes Studium an einer privilegierten Hochschule ablegen
muBten. Wenn sich ein Domherr noch nach der Rezeption dem Studium wid-
men wollte, so wird auch in Kurland wie anderswo der Studienauenthalt dieses
Kanonikers auf einer Hochschule als einer der maBgebenden Griinde zu gelten
haben, die von der Residenzpflicht befreiten und trotzdem nicht zur EinbuBe
der Pfriinde fiihrten10. Als Graduierte galten dort solche, die das Magisterium
oder Baccalaureat in der Theologie, Doktorat oder Lizentiat im kanonischen
und zivilen Recht, Magisterium in der Medizin oder in den freien Kiinsten er-
worben hatten11.
Der Orden hatte ganz besonderes Interesse an Forderung und Ausbau des
Studiums. Schon im Jahr 1419 hatte der livlandische Ordensmeister Siegfried
Lander von Spanheym zwei junge Ordensbriider, Sobbe und Schilling, nach
Lubeck gesandt, in der Absicht, sie die Universitat sofort nach deren Griindung
beziehen zu lassen, und hatte die beiden jungen Ordensbriider bei dem damali-
gen Protonotar des Liibeckischen Rates untergebracht. Dieser in artibus et juris
utriusque Baccalaureus, 1409 presbyter celebrans an der Liibecker Marienkir-
che, 1414 Protonotar <S. 118> in der Stadt Liibeck, in dieser Eigenschaft im
Jahr 1415 Abgesandter der Stadt an den Kaiser Sigismund auf dem Konzil zu
Konstanz, spater juris utriusque doctor, hatte sich um die Griindung der Uni¬
versitat Rostock bemiiht und wurde von 1421-1429 noch viermal Rektor der
Universitat12.
Uber die Immatrikulationsgebiihren vgl. TOEPKE, Die Matrikel der Universitat Heidelberg,
9 ^884,1, S. LI-LV. A. Hofmeister, Die Matrikel der Universitat Rostock, I, S. XIX.
Vgl. Samulski, Breslauer Domkapitel, S. 88. ZlMMERMANN, Breslauer Domkapitel, S. 54 ff.
10 ^CH^NTAG> Augsburger Domkapitel, S. 76 ff.
j Ausfiihrlich dargestellt bei ZlMMERMANN, Breslauer Domkapitel, S. 54.
S. o. Anm 10.
12 Ptag 1348; Krakau 1364; Wien 1365; Heidelberg 1386; Koln 1388; Erfurt 1392; Leipzig 1409.
240
Erwin Hertwich
Es ist zu beachten, dab noch im 14. Jahrhundert nur die weit entfernten ita-
lienischen und franzosischen Hochschulen in Betracht kamen, da ja naher gele-
gene deutsche Universitaten erst spater gegriindet wurden13.
Von 26 kurlandischen Bischofen, Bewerbern und Kanonikern ist es aus-
driicklich belegt, daB sie Universitaten besucht haben, bei je einem Propst
(Mathias Schulteti) und einem Domherrn kann nur die Vermutung hierfur aus-
gesprochen werden.
Nach Universitaten geordnet ergibt sich folgendes Bild:
Koln
1.
Georg Puscbx4
Prag
1491
1.
Gottschalk Schutte
1385
2.
Johann Hamel
1393
3.
Johann III. Tiergart
Bologna
1402
1.
Gerhe(a)rdus de Dron
1327
2.
Johann III. Tiergart
1408
3.
Paul II. Einwald
1452
4.
Albert Bischof
1490
5.
Georg Pusch
1505
6.
Michael Schulteti
Krakau
1487
1.
Christoffer Sturm
1478
2.
Michael Schulteti
1484
<S. 119>
Wien
1.
Augustin Tiergart
Erfurt
1404
1.
Wigandus Grabow
Leipzig
1409
7.
Johann III. Tiergart14
1411
2.
Paul II. Einwald14
1433/36
3.
Michael Pampow
1438
4.
Johannes Gabelow
1436
5.
Johannes Jodeke
P1439
6.
Martin Lewitz
1456
13 Ausfiihrlich dargestellt bei BOTHFUHR, a. a. O., S. 24 ff.
14 Besuch mehrerer Universitaten belegt: unterstrichen <hier kursiv>.
Das Kurlandische Domkapitel
241
7.
Ambrosius Korsner
1460
8.
Paul Watt
1465
9.
Wilhelm Haldenhoff
1477
10.
Albert Bischof
1481
11.
Mathias Schulteti15
1483
12.
Nikolaus Lemberg
1486
13.
Georg Pusch
1487
14.
Hermann Ronneberg
1506
Rostock
1.
Werner Zekemet (Stekemess)
1419
2.
Johannes Sobbe
1421
3.
Augustinus von Gethelen
1496
4.
Johann Ghise
1503
Wittenberg
1.
Magnus, Herzog von Holstein
1559
Universitat unbekannt
1.
scholasticus Conradus15
vor1323
2.
Heinrich II. Basedow
1490
<S. 120>
Folgende Universitaten ivurden besucht:
Koln
Bolo¬
gna
Prag
Krakau
Wien
Erfurt
Leipzig
Ro¬
stock
Wit¬
tenberg
ver¬
mutet
Summa
1232-1300
1301-1350
1
i
i
1351-1400
2
2
1401-1450
(2)16
1
1
1
3(1)
2
(3)8
1451-1500
0)
(3)
2
9
1
1
1
(4)13
1501-1561'
0)
1
1
(1)2
о)
1(6)
3
2
1
1
13(1)
4
1
2
(8)26
<S. 121>
15
16
Universitatsbesuch vermutet.
Die Klammern geben die an mehreren Universitaten studierenden DH an.
242
Erwin Hertwich
Veryeichnis der kurlandischen Bischofe, Bewerber und Kanoniker,
die eine Universitat besucht haben
Lfd.
Nr.
Der hochete erworbene
akademieche Grad
warm erworben
wo erworben
Name
Bischofe und Bewerber
1.
Mag. deer.
1390
Prag
Gottschalk Schiitte
2.
Bacc. art.
1393
Prag
Johann Hamel
3.
Bacc. art.
1402
Prag
Johann III. Tiergart
4.
Lie. deer.
vor
1437
Augustin Tiergart
5.
Dr. deer.
vor
1456
Bologna?
Paul II. Einwald
6.
Bacc. art.
1458
Leipzig
Martin Lewitz
7.
Bacc. art.
1462
Leipzig
Ambrosius Korsner
8.
Mag. art. et med.
1483
Leipzig
Wilhelm Haldenhoff
9.
Albert Bischof, canonicus Warmi-
ensis
10.
Mag. art.
1490
Heinrich II. Basedow
11.
Dr. deer.
Bologna?
Georg Pusch
12.
Dr. deer.
vor
1495
Bologna
Michael Schulteti
13.
Dr. iur. utr.
1506
Leipzig
Hermann Ronneberg
14.
Magnus von Holstein
15.
Dr. iur. utr.
vor
1493
Leipzig
Paulus Watt
Propste
16.
Bacc.
1410
Erfurt
Wigandus Grabow
17.
Werner Zekemet (Stekemess)
18.
[Bacc. art.
?1485
Leipzig]^
Mathias Schulteti
19.
Bacc. art.
1489
Leipzig
Nikolaus Lemberg
20.
Lie. theol.
vor
1542
Augustinus von Gethelen
21.
Bacc. art.
1480
Krakau
Christoffer Sturm^®
Dekane
22.
Johannes Sobbe
23.
Johannes Gabelow (Gabelnau)
Domherren
24.
vor
1323
scholasticus Conradus^
25.
Gerhe(a)rdus de Dron
26.
Bacc. art.
1438
Leipzig
Michael Pampow
27.
Johannes Jodeke
28.
Mag. art.?
1498
Johann Ghise^O
<S. 122>
17 Vermutet, obwohl Mathias Schulteti bereits 1482 Propst war.
18 Identisch mit Christofferus Balthasari aus Elbing?
19 Vermutet auf Grund des Scholaster-Amtes.
20 Identisch mit Tiedemann Ghise?
Das Kurlandische Domkapitel 243
Lfd.
Andere akademische Grade
Immatrikuliert
Nr.
Art
wann
wo
wo
wann
1.
Bacc. art.
1385
PraK
2.
Prag
1393
Prag
1403
3.
Bologna
1408
Leipzig
1411
4.
Wien
1404
5.
Bacc. art.
1437
Leipzig
Leipzig
1433/36
Bologna
1452
6.
Leipzig
1456
7.
Leipzig
1460
8.
Bacc.
1478
Leipzig
Leipzig
1477
Mitglied des
Dr. art. et med.
1500
Collegium majus
Prof.
1490/1507
9.
Leipzig
1481
Bologna
1490
10.
Leipzig
1487
11.
Koln
1491
Bologna
1505
12.
Bacc.
1486
Krakau
Krakau
1484
Bologna
1487
13.
Lie.?
1504
14.
Wittenberg
1559
15.
Bacc. art.
1468
Leipzig
1465
Mitglied des
Mag.
1470
Collegium majus
Dekan
1478
Mitglied der Fak.
Bacc. iur., Lie.
1477
16.
Erfurt
1409
17.
Rostock
1419
18.
Leipzig?
1483
19.
Leipzig?
1486
20.
Rostock
1496
21.
Krakau
1478
22.
Rostock
1421
23.
Leipzig
1436
24.
25.
Prokurator der deut-
schen Nation
1328
Bologna
Bologna
1327
26.
Leipzig
1435
27.
Leipzig?
1439
28.
Bacc. art.
[1495
Leipzig]
Leipzig
1492
Rostock
1503
<S. 123> Von den 83 nachgewiesenen Bischofen, Bewerbern und Kapitularen
studierten demnach 28, das ist 33,7%. Auf die einzelnen Zeitabschnitte vertei-
fen sich die Studierenden folgendermafien:
244
Erwin Hertwich
Bischofe und Ka-
pitulare
davon auf Univer¬
sitaten
= %
1232-1350
28
2
7,2
1351-1450
21
10
47,6
1451-1561
34
16
47,1
1232-1561
83
28
33,7
Der Studiendrang steigt also im Laufe des behandelten Zeitraumes. Auf die
einzelnen Pralaturen angewendet ergibt sich folgendes Bild:
1232-1350
1351-1450
1451-1561
Insgesamt
Zahl
9
9
16
34
Bischofe
davon stud.
-
5
10" "
15
%
-
553%
623%
44,1%
Zahl
5
3
9
17
Propste
davon stud.
-
2
4
6
%
-
66,7%
44,4%
35,3%
Zahl
5
4
1
10
Dekane
davon stud.
-
’ 2
-
"2
%
-
‘ 50%
-
20%
Zahl
9
4
9
22
Kanoniker
davon stud.
2
2
’ 1
5
%
22,2%
50%
11,1%
22,7%
In 13 Fallen ist das Baccalaureat artium belegt21.
i.
1385
Gottschalk Schutte
Prag
2.
1393
Johann Hamel
Prag
3.
1402
Johann III. Tiergart
Prag
4.
1410
Wigand Grabow
Erfurt
5.
1437
Paul II. Einwald
Leipzig
6.
1438
Michael Pampow
Leipzig
7.
1458
Martin Lewitz
Leipzig
8.
1462
Ambrosius Korsner
Leipzig
9.
1468
Paul Watt
PLeipzig
10.
1479
Wilhelm Haldenhoff
Leipzig
21 Uber die Fakultaten und Nationen sowie iiber das Baccalaureat und die anderen Grade vgl-
WRETSCHKO, Die akademischen Grade, S. 5 ff. Siehe auch KAUFMANN, Geschichte der deut-
schen Universitaten, I, S. 355 f.
Das Kurlandische Domkapitel
245
11. 1480 Christoffer Sturm Krakau
12. 1486 Michael Schulteti Krakau
13. 1489 Nikolaus Lemberg Leipzig
In zwei Fallen wird die Erlangung des Baccalaureats vermutet.
1. 1483 Mathias Schulteti Leipzig
2. 1495 Johann Ghise Leipzig
<S. 124> Paul Watt erwarb spater zusatzlich den Grad eines baccalaureus juris
utriusque.
Insgesamt erwarben demnach nachweisbar den Titel eines Baccalaureus
mehr als die Halfte aller fur das Studium Belegten (53,5%).
Universitatsstudium wird man nicht ohne weiteres bei alien Personen in An-
spruch nehmen konnen, die den Magistertitel fiihrten, da diesem Titel - in Li-
vland wie auch anderwarts - verschiedene Bedeutung beizumessen ist22. Schul-
lehrer fiihrten schlechthin die Bezeichnung magister. Nach Samulski23 hieB in
Breslau auch der spatere Scholast magister, spater dann gleicherweise der Dom-
schulmeister, der zunachst als submagister auftrat. Auch einzelne Beamte be-
gegnen haufig mit dieser Bezeichnung, ohne daB damit in jedem Fall ein aka-
demischer Grad ausgedriickt werden soli. Mitunter sollte durch diese Hinzufu-
gung den geistigen Fahigkeiten und wissenschaftlichen Kenntnissen eines Ein-
zelnen ehrende Anerkennung gezollt werden.
Der Deutsche Orden hatte den Magister-Titel in sein Amterwesen iiber-
nommen.
Kurlandische Bischofe und Stiftsgeistliche
mit dem [akademischen] Magistertitel
1. Mag. deer.
1390
Gottschalk Schutte
Prag
2. Mag. art.
1470
Paul Watt
Leipzig
3. Mag. art. et med.
1483
Wilhelm Haldenhoff
Leipzig
4. Mag. art.
1490
Heinrich II. Basedow
p
5. PMag. art.
1498
Johann Ghise
PLeipzig
PRostock
22 Vgl. auch fur das Folgende SAMULSKI, Breslauer Domkapitel, S. 93; SANTIFALLER, Brixner
Domkapitel, S. 121 f., 128.
23 A. a. О
246
Erwin Hertwich
Vier magistri artium, einschliefilich eines Mag. art. et med., stehen einem magi-
ster decretorum gegeniiber. Von zweien ist der Ort des Studiums nicht mit
Sicherheit festzustellen.
Den Lizentiatentitel erwarben:
1.
Lie. deer.
vor 1437
Augustin Tiergart
PWien
2.
Lie. jur.
Paul Watt
PLeipzig
3.
Lie. theol.
vor 1542
Augustinus v. Gethelen
PRostock
Nicht mit Sicherheit nachzuweisen war das Lizentiat bei
4.
Lie. jur.
Hermann Ronneberg
PLeipzig
<S. 125> Je einer erwarb demnach den Grad eines licentiatus decretorum und
den eines licentiatus theologiae, zwei (einer davon nicht gesichert) den Grad
eines licentiatus juris utriusque. Es handelt sich also durchaus nicht in alien
Fallen um Lizentiaten des kanonischen Rechtes.
Selbst wenn bei einem Domherrn, der den Doktortitel fuhrt, der Universi-
tatsbesuch nicht ausdriicklich nachgewiesen ist, wird ein solcher zweifelsfrei
anzunehmen sein. Nachgewiesen ist der Grad eines
doctor decretorum bei:
1. Paul Einwald
vor
1456
PBologna
2. Georg Pusch
3. Michael Schulteti
vor
1495
PBologna
Bologna
doctor iuris utriusque bei:
1. Paul Watt
vor
1493
Leipzig
2. Hermann Ronneberg
1506
Leipzig
doctor medicinae bei:
Wilhelm Haldenhoff
vor
1500
Leipzig
Drei von ihnen haben auch akademische Wiirden besessen. So bekleidete die
Wiirde eines Prokurators der Deutschen Nation in Bologna:
Gerhe(a)rdus de Dron24 1328
Als Mitglieder des collegium majus sind in Leipzig belegt:
1. Paul Watt, Dekan der Fakultat bis 1502
2. Wilhelm Haldenhoff, Professor 1490-1507
24 KNOD, Deutsche Studenten in Bologna, S. 97, Nr. 675.
Das Kurlandische Domkapitel
247
<S. 126 >
III. Wissenschaftliche und literarische Betatigung
Die Bischofe und ihr Anhang wurden friiher immer als eine geisdose, rohe
Gesellschaft verachtlich abgetan, ebensowenig fiel ein anerkennendes Wort
iiber ihren Einsatz. Und dennoch waren diese Geistlichen nach den Worten L.
Arbusows sen. „jKulturtrager’ im guten Sinne des Wortes. Keine totale Bildung
war es, die sie mitbrachten. Wenn auch nicht alle Gelehrte, so waren sie doch
vom Hauch der Wissenschaft gestreift. Ja, wer kann nachweisen, ob auch nicht
unter den geringen Geistlichen Livlands sich einer oder der andere Mitwirkende
an den Fortschritten in den Wandlungen der Wissenschaft findet?“25. Es sei nur
an eine fur das alt-kurlandische Geistesleben in ihren Auswirkungen schlecht-
hin unschatzbare Tatsache erinnert: Diese Stiftsgeistlichkeit brachte die Fund-
grube aller Weisheit und den Born der Forschung, die Bucher, mit sich nach
Kurland. Hinfort versiegte diese Quelle nicht mehr und speiste stetig das neu-
erschlossene Gebiet. Mit dem Priester und Ritter, dem Kaufmann und Hand-
werker kam der Gelehrte.
Vor ihrem Auftreten in Kurland lebten die Manner nach festgeformter
Uberlieferung in ihren Kongregationen, den geistlichen Orden, Klostern oder
Stiftern. Die Zusammenhange mit der Heimat und die Faden zu ihr lieBen sie,
,,drauBen“ auf sich selbst gestellt, nicht abreiBen und pflegten sie weiterhin
trotz groBter raumlicher Entfernungen. Unzweifelhaft lieB ihre geistige Ein-
stellung sie den groBen missionarischen und kirchenpolitischen Vorbildern
ihrer Mutterkirche folgen und nach diesen Uberlieferungen leben und schaffen.
Bei der Organisierung des Bistums standen mit Sicherheit die Heimatkirchen
der ersten Bischofe Pate. Wir brauchen in diesem Zusammenhang nur an die
umfangreiche Tatigkeit der Weihbischofe zu erinnern26.
<S. 127> Der juristische Einschlag in Bildung und Anschauung wird auch in
der kurlandischen Kirche seine Wurzel und Farbung in den Traditionen der
geistlichen Reichsfurstentiimer Deutschlands zu suchen haben.
25
26
Arbusow, Geistlichkeit II, S. 3.
Bunge, Livland, die Wiege der deutschen Weihbischofe.
248
Erwin Hertwich
Eine bedeutende Rolle als vielseitige Bildungsvermitder spielen die Bettelor-
den der Dominikaner27 und Franziskaner. Die Zisterzienser wiederum betonten
mehr die praktische Seite der Lebenshaltung und der Wirtschaft.
L. Arbusow weist ferner auf andere eingefuhrte Bildungselemente, z. B. auf
die „Verbindungslinien in Liturgie und Kirchenbau“, auf die „Herkunft ihrer
Missalia und Breviere, ihres Urkundenstils und -wesens, ihrer Kirchen-, Klo-
ster- und Burgenbauart“ und andere geistige Verwandtschaften hin28.
Viele Wurdentrager und Domherren studierten in Italien, andere fanden
dort ihr Tatigkeitsfeld, z.B. als Prokuratoren des Deutschen Ordens bei der
Kurie, wie die Priesterbriider Hinricus, Michael Schulteti, Georg Pusch oder als
Prokuratoren der Deutschen Nation in Bologna im Falle des Gerhard de Dron.
Eine Anzahl Elekten bemiihte sich personlich in Rom um ihre confirmatio
bzw. admissio oder vertraten iiberhaupt zunachst ihre Anspriiche als Bewerber
bei der Kurie und nahmen dort Verbindungen auf, so z. B. Dietrich Tanke,
Ambrosius Korsner. Nicht zu vergessen die Weihbischofe, Balduin von Aina,
Heinrich von Liitzelburg, Edmund von Kurland, die fur dauernde Aufrechter-
haltung der kurlandischen Beziehungen zum iibrigen Reichsgebiet, besonders
zu den Heimadanden, sorgten29. Die groBen Synoden und Konzilien des 15.
Jahrhunderts wurden von livlandischen Bischofen und anderen Geistlichen
besucht. Bereits bestehende kulturelle Beziehungen, insbesondere auch solche
wissenschaftlicher Natur, wurden vertieft und neue Verbindungen aufgenom-
men, neue Faden gekniipft. Zu nennen ist als Beispiel Johannes Tiergart, lang-
jahriger Prokurator D.O. in Rom, der den Orden wie schon auf mehreren an¬
deren Konzilien30 im Januar 1433 auch wieder auf dem zu Basel vertrat. Er
fiihrte — im hoheren Auftrag — ein wahrhaft unstetes Leben. Als er Bischof
wurde, verlieB er Rom und zog am 17. Oktober 1425 in Pilten ein31, nahm im
Januar 1426 am Landtag zu Walk teil32 und reiste im Februar 1426 durch Preu-
Ben, <S. 128> um sich wieder nach Rom zu begeben33. Tiergart erschien dem
Hochmeister als derart einfluBreiche Personlichkeit bei der Kurie, daB er ihn
noch wahrend seiner Amtszeit als Bischof von Kurland auf die Dauer von
27 Fur ihre Berufung setzte sich der Legat Wilhelm von Modena ein. Vgl. DONNER, Wilhelm
von Sabina, S. 9.
28 Arbusow, Die deutsche Einwanderung, S. 359 f.
29 Vgl. Bunge, Weihbischofe, S. 39 ff., 67 ff, 74 ff.
30 Er soil schon auf dem Konzil zu Konstanz tatig gewesen sein. Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit I,
S. 241.
31 UB7, Nr. 361.
32 UB 7, Nr. 409.
33 UB 7, Nr. 432.
Das Kurlandische Domkapitel
249
sechs vielleicht sogar acht Jahren an dieser und anderen wichtigen Stellen
hochpolitischen Aufgaben betraute. Die Bischofsgeschafte fuhrte inzwischen
die langen Jahre hindurch in Vertretung der samlandische Domherr Johann
Hamel, der ohne jeden Zweifel ebenfalls das voile Vertrauen des Hochmeisters
besaB. Johannes Tiergart aus Danzig war einer der bekanntesten Juris ten seiner
Zeit34. Vor Weihnachten 1402 war er in Prag zum Examen als Baccalaureus
zugelassen worden, im Jahre 1408 war er in Bologna, 1411 in Leipzig (de
Gdanzck, Pragensis) immatrikuliert35. Aus seinem Besitz sind elf juristische
Handschriften bekannt36, bis zum Jahr 1431 bekleidete er neben dem Bischofs37
und Prokuratorenamt das Amt eines Statthalters (Legaten) von Spoleto38. Fur
das Jahr 1431 ist Tiergart als Kandidat auf das Bistum Osel belegt39. Im No¬
vember 143240 ist er in Livland nachzuweisen41. Im gleichen Jahr hoffte der
Ordensprokurator seine Bestatigung zum Erzbischof von Riga durchsetzen zu
konnen42, doch wurden diese Absichten nicht verwirklicht: Tiergart starb am
28. November 1456 als Bischof von Kurland43. Die Familie der Tiergarts weist
eine rege Betatigung in den Wissenschaften auf: Augustinus Tiergart, <S. 129>
ein Bruder des Johannes, war im April 1404 in Wien immatrikuliert (Augustinus
de Chunigsperg) und hielt sich als licentiatus decretorum, Domherr von Erm-
land, von 1429 bis 1437 in Rom auf44. Sein Bruder versuchte ihm damals, wie
erwahnt, - sehr gegen den Willen des Deutschen Ordens - das Stift Kurland
zuzuwenden45. Auch in den Jahren 1453 und 1454 bemiihte sich Augustinus in
der gleichen Absicht46. Mit Johannes Tiergart lieBen sich im Jahr 1411 Christia-
nus und Martinus Tiergart in Leipzig immatrikulieren47. Nikolaus Tiergart,
Domherr der Kirche zu Kulmsee, war vermutlich ebenfalls ein Verwandter des
Bischofs von Kurland48.
34 Vgl. Arbusow, Geistlichkeit I, S. 174.
35 Zeitschrift des westpr. Geschichtsvereins 44, S. 89, Anm 1.
36 UB 5, Nr. 2345.
37 UB 7, Nr. 235.
38 UB 7, Nr. 788; UB 8, Nr. 483.
39 UB 8, Nr. 639. Vgl. 617.
40 UB 11, Nr. 109.
41 UB 8, Nr. 763. Vgl. 617.
42 UB 8, Nr. 885.
43 UB 11, Nr. 632.
44 UB 9, Nr. 130.
45 UB 9, Nr. 497.
46 UB 11, Nr. 245, 256 ff., 260 f, 264, 281-85, 292, 294 f., 297, 303, 304, 308, 415.
47 Vgl. Arbusow, Geistlichkeit I, S. 241.
48 А. а. О. II, S. 216.
250
Erwin Hertwich
Einen beachtlichen Ruf als Kenner des kanonischen Rechts genoB unter
seinen Zeitgenossen der Dekan und stellvertretende Propst Jakob Varus aus
Braunschweig49. Mehrmals ist in Testamentsangelegenheiten von ihm als
Rechtsvertreter die Rede. Augustinus von Gethelen, der nachmalige Propst,
urkundet im Juli 1534 als Pradikant zu Buxtehude, daB er den „erhaften Jaco-
bum Varum, des Herrn Erzbischofs Diener, z. Zt. abwesend, in einer Rechtssa-
che zu seinem Prokurator ernannt habe“50, und im Juni 1536 ermachtigen der
Erzbischof Thomas, der Dekan Joh. Storbeke und das Rigaische Kapitel den
erzbischoflichen Sekretar Jakob Varus, mit dem Bischof Arnold von Reval
wegen des Zeugenverhors im ProzeB gegen die Stadt Riga zu verhandeln51.
Seine Ernennung zum offentlichen Notar wird im August 1539 in Gegenwart
des ganzen Kapitels zu Riga und mehrerer anderer Zeugen ausgesprochen52,
und ein Jahr spater wird er vom Erzbischof <S. 130> Wilhelm mit einer politi-
schen Mission betraut53: Auftrag zu Werbungen an den Konig von Polen, den
Bischof von Ermland, zu Heilsberg, an die Markgrafen Georg und Albert nach
Ingolstadt, bzw. zum Markgrafen Joh. Albrecht nach Magdeburg, zu Dr. Simon
Engelhardt nach Speyer, zum Bischof von Roskilde nach Konstanz, um wegen
der UnbotmaBigkeit Rigas zu verhandeln und in Rom wegen Aufschubs der
Konsekration wirken zu lassen. Noch wiederholt ist von seiner notariellen Ta-
tigkeit in den Urkunden die Rede. Eine Belehnung seiner Mutter54 durch den
Bischof Johann IV. von Kurland und Osel (von Miinchhausen) und seine Er¬
nennung zum Dekan55 und dazwischen zum stellvertretenden Propst56 der
kurlandischen Kirche sind wohl als sichtbare Anerkennungen seiner umfangrei-
chen Tatigkeit zu bewerten. In den Jahren 1568 f. lebte er noch in Hasenpoth.
Dort legte er ein Stadt- und Grundbuch an57. Als Herzog Magnus von Kurland
eintrifft, tritt Varus als Unterhandler zwischen diesem und dem Propst Ulrich
von Behr auf.
Auch die Arzte sind hier erneut anzufiihren; einen, den Leipziger Professor
und Doktor (med. et art.) Wilhelm Haldenhoff prasentiert der Hochmeister
49 Varus, Collectanea, fol. 90. Vgl. Arbusow, Geistlichkeit II, S. 52.
50 VARUS, Collectanea, fol. 51.
5' A. a. O, fol. 96b f.
52 A. a. O., fol. 80a ff.
55 A. a. O, fol. 102-107.
54 Varus, Collectanea, fol. 147a f.
55 Varus, Collectanea, fol. 116 f, 150 f.
56 A. a. O., fol. 148 f.
57 Vgl. Inland III, 1838, Sp. 247.
Das Kurlandische Domkapitel
251
dem Papst als Bischof von Kurland58. Im Jahr 1477 war er in Leipzig immatri-
kuliert, wurde 1479 dort zum baccalaureus ernannt und promovierte 1483
ebenda zum mag. art. In den Jahren 1490-1498 gehorte er als Professor der
Leipziger Universitat dem Collegium minus, 1498-1507 dem Collegium majus
an59. Im Jahr 1494 sollte er als Arzt des Hochmeisters zum erkrankten Or-
densmeister Johann Freytag von Loringhofe60; 1497 nahm er am Turkenkrieg
teil61. Seit dem Jahre 1497 war er Mitglied der Medizinischen Fakultat Leipzig
und wurde im Sommer 1502 von Rektor und Universitat Leipzig an den
Hochmeister gesandt wegen Begnindung einer Stiftung bei der Universitat
Leipzig62. Am 11. Marz 1506 machte er als Dr. med. sein Testament und starb
im Jahr darauf.
<S. 131> Lessing hat sich die durch ihn verbesserte, im Jahre 1500 in Leip¬
zig bei Jakob Thanner in Quart gedruckte verbesserte Ausgabe des Peter von
Abano ,,De venenis“ notiert. Der Herausgeber nennt sich hier „Artium et Me¬
dic. Doctorem, Magni magistri Prussiae divi ordinis Theutonicorum Physicum“.
Mit Kopernikus hat er im brieflichen Verkehr gestanden.
Auch der Ordenskanzler aus Niirnberg, Dr. Paul Watt, den der Hochmei¬
ster - vergeblich - zur Bewerbung um das Bistum Kurland Ende Februar 1500
aufforderte63, hatte als Dekan der Fakultat von 1477-1502 dem Collegium ma¬
jus angehort. Im Jahr 1465 wurde er in Leipzig immatrikuliert, 1468 zum bacc.
art., 1470 zum mag., 1477 zum Mitglied der Fakultat ernannt. Seit dem Jahre
1498 hatte er die Kanzlerstelle beim Hochmeister Friedrich von Sachsen, des-
sen Lehrer er friiher gewesen war64, inne. Seit 1500 war er Propst der Dorpater
Kirche, residierte aber nicht, sondern blieb in Konigsberg65. Er starb im Jahre
1505 als konfirmierter Bischof von Samland66.
58 UB II/2, Register.
59 Phrlbach, Pruss. schol. XIII, S. 92, 98.
60 UB II/l, Nr. 15.
61 SS. rer. Pruss. 5, S. 291, 301, 313.
Des jetzigen Bischof Vorfahr bei der pomesanischen Kirche hatte das Kapital von 2000
Gulden der Stadt Leipzig auf Zinsen zu dem Zweck verabfolgt, damit dadurch ein collegium
einiger Studenten aus PreuBen gegriindet wurde. CRAMER, Geschichte Pomesaniens, S. 196.
“ UB II/l, Nr. 930.
UB II/2, Nr. 522. Der HM Friedrich v. Sachsen sagt von ihm: qui in teneris annispreceptor meus
fait. Er nennt ihn Dr. juris utriusque.
UB II/l, Nr. 1018,1.
UB II, Nr. 522, 689.
65
66
252
Erwin Hertwich
IV. Reisen
In die mannigfachen Bildungsmoglichkeiten sind sowohl gelegentliche als auch
regelmaBige Reisen einzubeziehen. Bereits die Weihbischofe67 der Anfangszeit
fanden hierdurch dauernd Gelegenheit, ihren Gesichtskreis zu erweitern und
sich neue Kenntnisse zu erwerben. Faden wurden gesponnen bis nach Frank-
reich, Belgien, Holland und bis in die Schweiz hinein.
Balduin von Aina, episcopus quondam Semigalliensis, sehen wir als Gehilfen des
Erzbischofs Heinrich von Koln tatig. Vom Rhein bis nach Mecklenburg
(Doberan) erstreckte sich sein Arbeitsfeld. Heinrich von Liitzelburg, Bischof
von Semgallen, dann von Kurland, treffen wir in der Schweiz (Kirche zu Zof-
fingen bei <S. 132> Bern), mehrmals in Deutschland, in Frankreich (Senones
= Sens), wieder in Deutschland (im Hessischen), in Kurland und abermals in
Deutschland (Koln) an. Edmund von Werd amtiert in verschiedenen Diozesen
Deutschlands (Erzdiozese Trier), Belgiens (Diozese Luttich), Hollands. (Dioze-
se Utrecht) und wieder Deutschlands (Diozese Munster, Erzdiozese Trier, zu-
letzt mehrmals Erzdiozese Koln).
Andere Reisen machten sich notig, weil die meisten Priesterbriider ohnehin,
wie es in der Natur der Zusammensetzung des Deutschen Ordens lag, nicht
den Ordenslanden entstammten, sondern ihre Heimat in ganz anderen Land-
schaften hatten. Auch das Studium auf den in- und auslandischen Universitaten
brachte erwahntermaBen die Kenntnis anderer Gegenden und Lander mit sich,
wie Bohmen und der iibrigen verschiedenen Teile des Reiches, wie auch der
Alpenlander und der Schweiz, Italiens und Frankreichs. Ebenso ergaben sich
Reisenotwendigkeiten bei Streulage mehrerer in einer Hand befindlicher Pfriin-
den. So war der Propst der kurlandischen Kirche Ambrosius Korsner gleich-
zeitig Inhaber der Pfarrstelle zu Rastenburg68. Eine Anzahl von kurlandischen
Domherren hatte Kanonikate an anderen Domstiftern, auch auBerhalb Liv-
lands inne. Der Bischof Johann III. Tiergart behielt sein Amt als Ordensproku-
rator bei der Kurie bei und erhielt zur Verwaltung seines Bistums fur die [jah-
relange] Dauer seiner Abwesenheit einen Vertreter69 gestellt. Erst am 14. Au¬
gust 1432 schreibt er dem Hochmeister, daB ihm der Papst erlaubt habe, sich in
67 Vgl. Bunge, Weihbischofe.
68 UBII/2,Nr. 197.
69 Johann Hamel, samlandischer Domherr. S. о. Кар. 6.III.
sein Bistum zu begeben70 71. Albert Bischof aus Danzig war gleichzeitig erm-
landischer Domherr, Archidiakon und Domherr zu Liibeck, Pfarrer an der St.
Katharinenkirche zu Danzig, Protonotarius zu Rom und Bewerber um den
kurlandischen Bischofsstuhl. <S. 133> Der Bewerber Georg Pusch, Kanzler
des Hochmeisters, erscheint seit dem Jahre 1521 als Deutschordens-Prokurator
in Rom und wird zu gleicher Zeit als Propst zu Forchheim und Chorherr in
Wurzen genannt70 71 72.
Die verschiedenartigsten Gesandtschaftsreisen nach Rom oder Avignon73,
an fiirstliche und kaiserliche Hofe74, zu den groBen Konzilien, Synoden75 und
Landtagen76 fiihrten Bischofe und Domherren aus ihrer Diozese hinaus. Man-
che Bischofe und Bewerber unterzogen sich wiederholt selbst der weiten Reise
nach Rom, wenn sie ihren Absichten oder Anspnichen durch die Anwesenheit
ihrer Person besonderen Nachdruck verleihen wollten77. Andere Dignitare oder
Domherren wurden als Reisebegleiter ihrer Bischofe oder Hochmeister ausge-
wahlt78. So gehorte in den Jahren 1526/27 der Domherr Johann Wernigke zu
den Reisebegleitern des Bischofs Hermann von Kurland, im Marz 1527 sandte
ihn der Bischof von Hildesheim mit Briefschaften an den Ordensmeister zu-
riick.
Auf den Reisen wurden naturgemaB nicht selten Bekanntschaften, ja
Freundschaften geschlossen, die ein ganzes Leben andauerten. So lernte z. B.
der Domizellar zu Wurzburg, Mainzer Domherr und nachmalige Hochmeister
Herzog Friedrich von Sachsen79 in Siena den Studenten Michael Schulteti ken-
nen, den er spater zu seinem Ordensprokurator und endlich zum Bischof von
70 KNOD, Deutsche Studenten in Bologna, S. 580, Nr. 3869.
71 <FuBnote Nr. 71 fehlt in der Vorlage.>
72 Knod, a. a. O., S. 424, Nr. 2892.
73 Bulle Gregors IX. vom 20. Nov. 1234. UB Reg., Nr. 154a; desgl. vom 24. Feb. 1236, UB 1,
Nr. 145.
74 Hans Pomereningk, DH als Bote des HM zur Konigin von Danemark, ebenso an Stein
Stawer und gemeinen ratt %u Sweden 1503, vgl. UB II/2, Nr. 465.
75 Gottschalk Schutte, Bischof von Kurland: Anfrage betr. Konzil zu Konstanz 1417. Johann
III. Tiergart, Bischof von Kurland: Konzil zu Basel 1433. Johannes Sobbe, Dekan: Konzil zu
Basel 1438. Jakob Varus, Propst: Konzil zu Konstanz 1540.
76 Johann III. Tiergart, Bischof von Kurland: Landtag zu Walk 1426. Heinrich Schubbe, Propst:
Landtag zu Wolmar 1503. Hermann Ronneberg, DH: Landtag zu Wolmar 1522.
77 Ambrosius Korsner, Dekan, dann Propst: in Rom 1489, 1493, 1500. Paul II. Einwald, Bi¬
schof von Kurland: in Rom 1473.
78 Johann Wernigke. Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 232 f.
79 Seit 1498 HM. Vgl. KNOD, a. a. O., S. 471, Nr. 3196.
254
Erwin Hertwich
Kurland ,,macht“, und verkehrte freundschaftlich mit ihm80. <S. 134> Mit
hoher Wahrscheinlichkeit traf er auf seinen Reisen auch den Propst Hiob von
Dobeneck, den er spater gar zu gern als Bischof nach Kurland holen wollte8L
Vielleicht war auch sein Erzieher und nachmaliger Kanzler, der Niirnberger
Paul Watt82, bereits in Bologna und Siena zugegen.
Auch Besuchsreisen gehoren hierher. Im Jahr 1557 machte der nachmalige
letzte Bischof von Kurland, Herzog Magnus von Holstein, mit seinem Bruder
Friedrich seiner mit dem Kurfursten August von Sachsen vermahlten Schwe-
ster Anna einen Besuch in Dresden und zog mit dem Hoflager nach Lechau
und Torgau83. Nicht zu vergessen ist die Teilnahme an Kriegs- und Kreuzzii-
gen. Der nachmalige Bischof Burchard kampfte als Propst von Kurland im
Ordensherr des Ordensmeisters Bruno84.
V. Die Bischofe und Domherren als Inhaher andererAmter
Die geistige Haltung dieser Manner tritt uns auBer in ihrer Beschaftigung mit
Wissenschaft, Kunst und Literatur auch in ihrem unmittelbaren Tatigkeitsfeld
als Dignitare und Kanoniker und in den zusatzlich bekleideten Amtern entge-
gen. So haben die Domherren neben dem Aufgabenkreis, der ihnen als Ver-
waltungsorgan ihres Bischofs oblag, eine Reihe Amter versehen, die besondere
Anforderungen an ihren Bildungsstand stellten85.
<S. 135 >
80 Herzog Friedrich verlieB nach 1491 Bologna, um nach Siena zu gehen, wo er 1493 und im
Jan. 1494 nachzuweisen ist. UB II/1, Nr. 946.
81 Siehe oben Кар. 4.1.
82 Siehe oben Кар. 4.1.
83 ARBUSOW, Geistlichkeit I, S. 75 nach v. WEBER, Anna Churfurstin von Sachsen, Leipzig
1865, S. 91, 124. SCHIRREN, Mitt. 12, S. 476, Nr. 22, 23.
84 1297/98 im Stift Osel, SERAPHIM, Zeugenverhor 17, Art. 141.
85 Vgl. SAMULSKI, Breslauer Domkapitel, S. 130 ff. SCHONTAG, Augsburger Domkapitel, S. 97
ff.
Das Kurlandische Domkapitel
255
A- Geistliche Stellen
I. AuBerkurlandische Pfninden und Benefizien86
1. Kircheprovinz Riga
Erzbistum Riga87
Domkapitel
Dekan
Ambrosius Korsner
Domherren
Johann Sobbe
Hermann Ronneberg
Augustinus von Gethelen
Kleriker
Johann Schnabel
Bistum Osel
Bischof
Magnus, Herzog von Holstein
Administrator
Domkapitel
Johann von Miinchhausen
Domherren
Gottschalk Schutte
Werner Zekemet
Johann von Miinchhausen
Bistum Dorpat
Domkapitel
Propst
Paul Watt
Domherren
Gottschalk Schutte
Wigand Grabow88
Werner Zekemet
Paul Watt
Heinrich Basedow
Bistum Ermland
Domkapitel
Domherren
August Tiergart88
Michael Schulteti
Albert Bischof
Priester
Matthias Schulteti
Bistum Samland
Domkapitel
Domherren
Johann Hamel
86 Es wurden die DH aufgezeigt, die vor und wahrend ihrer kurlandischen Domherrenzeit in
den betr. auBerkurlandischen Pfriinden (Benefizien) nachgewiesen wurden. Sie sind innerhalb
der einzelnen Bistumer chronologisch aufgefiihrt. Bei Pfriindenhaufung erscheint der Name
nur einmal im Normaldruck, dann immer Kleindruck (im Manuskript unterstrichen) <hier
kursiv>.
87 Die Reihenfolge der Kirchenprovinzen und Bistiimer (mit Ausnahme des Erzbistums Riga)
wurde gewahlt nach dem Auszug aus dem Provincial romanum im Liber cancellariae apo-
stolicae vom Jahr 1380. Vgl. Werminghoff, Verfassungsgeschichte, S. 124.
88 Nicht Angehorige des D.O.!
256
Erwin Hertwich
<S. 136>
Bistum Bamberg
Bistum Verden
Bistum Minden
Erzbistum Trier
t
Erzbistum Hamburg-
Bremen
Bistum Holstein-
Liibeck
Bistum МеШеп89
Michael Schulteti
2. Kirchenprovinz Mainz
Propst zu Forchheim Georg Pusch
Domkapitel
Domherren Werner Zekemet
Johann von Miinchhausen
Ulrich von Behr
3. Kirchenprovinz Koln
Domkapitel
Domherren Johann von Miinchhausen
Ulrich von Behr
4. Kirchenprovinz Trier
Abt zu Luxemburg Wilhelm
». Kirchenprovinz Hamburg-Bremen
Domkapitel
Domherr Ulrich von Behr
Kleriker Augustinus von Gethelen
Domkapitel
Domherren Albert Bischof
Heinrich Basedow
Kleriker Jakob Varus
6. Kirchenprovinz Magdeburg
Domkapitel
Domherren Paul Watt
Georg Pusch
Propst und Archidiakon Zschillen
Hiob von Dobeneck
7. Exemtes Bistum Kammin90
Kleriker Christian Wulff
89
90
Meiflen im Jahr 1398 eximiert.
In Wollin gegriindet imjahr 1140, nach Kammin verlegt um 1180.
Das Kurlandische Domkapitel
257
Mitglieder von Monchsorden waren:
Balduin von Aina91 Zisterzienserorden,
Guarner / Werner Dominikanerorden,
Heinrich von Liitzelburg Franziskanerorden.
<S. 137 >
II. Inhaber geistlicher Stellen bei der papstlichen Kurie
Apostolische Legaten Balduin von Aina fur Livland
Johann III. Tiergart zu Spoleto
Notarius Hermann Ronneberg
Zeremonienmeister Joans (Jakob) Burchard von StraBburg
Subkommissar Hermann Ronneberg (livlandischer AblaB)
III. In sonstigen kurlandischen geistlichen Diensten
Weihbischofe Balduin von Aina
Heinrich von Liitzelburg
Edmund von Werd
Administrator Johann IV. von Miinchhausen (von Osel)
Sekretar des Erzbischofs
von Riga Jakob Varus
Schreiber des Erzbischofs
von Riga Johann Schnabel
B. Tatigkeit bei mltlichen Herren
I. AuBerhalb des Deutschordensstaates
Prediger Guarner / Werner (bei Heinrich Raspe)
П. Bei Hochmeister und Ordensmeister
Da die Mitglieder des Kurlandischen Domkapitels einschlieBlich der Bischofe
vom Hochmeister bzw. in dessen Vertretung vom Ordensmeister die Zustim-
mung zu ihrer Wahl erhielten und sie zum anderen aus der Zahl der Priester-
91
Vgl. A.III und B.I.
258
Erwin Hertwich
briider <des> Deutschen Ordens ausgewahlt wurden oder andernfalls sofort
bei Einsetzung dem Orden beitreten muBten, bestand von vornherein eine
enge Bindung der Bischofe mit ihren Stiftsgeistlichen an den Hoch- bzw. Or-
densmeister. Es ist daher in diesem Zusammenhang verstandlich, daB eine be-
achtliche Reihe von Wiirdentragern der kurlandischen Kirche trotz ihrer Zuge-
horigkeit zum Domkapitel ihre bisherige Stellung beim Deutschen Orden be-
hielt bzw. zusatzlich vom Hochmeister ein neues Amt iibertragen bekam.
<S. 138> Der Hundertsatz <%> der im Ordensdienst stehenden Domherren
war immer gleichbleibend groB. Nachweisbar standen die meisten von ihnen
bereits vor ihrer Zugehorigkeit zum Kurlandischen Domkapitel im Dienst des
Deutschen Ordens. Nur von zwei von ihnen wird berichtet, daB sie nach ihrer
Ernennung zum Bischof nicht selten einen besonderen Standpunkt dem Deut¬
schen Orden gegeniiber eingenommen haben: Heinrich Basedow92 und Her¬
mann Ronneberg93. Ein Sonderfall verdient hier auBerdem nochmals Erwah-
nung94. Die politische Mitarbeit eines besonders fahigen Domherrn erschien
dem Hochmeister so eminent wichtig, daB er ihn auch nach der Ernennung
zum Bischof von Kurland noch jahrelang bei der Kurie als seinen obersten
Prokurator weiter verwendete: Johann III. Tiergart.
Im einzelnen waren Bischofe, Bewerber und Domkapitelmitglieder vor und
wahrend ihrer kurlandischen Amtszeit in folgenden Diensten des Deutschen
Ordens:95
2 Kanzler des Hochmeisters
4+196 Oberste Prokuratoren
+ 1 Kaplan des Hochmeisters
+ 1 Arzt des Hochmeisters
92 Joachim, Politik 2, Nr. 42.
93 Vgl. ARBUSOW, Geschichte, S. 166.
94 Siehe oben Кар. 6.III.
95 Bei Tatigkeit mit ansteigendem Dienst in verschiedenen Amtern ist jeweils die Endstellung
im Normaldruck, die vorangehenden im Kleindruck angegeben (im Manuskript unterstn-
chen) <hier kusiv>.
96 Die zweite Zahl gibt die verschiedenen, in einer Hand gewesenen Amter an. Siehe oben Кар.
5.Ill, Zusammenstellung.
Michael Schulteti
Paul Watt
Heinrich de Havel
Johann III. Tiergart
Johann Sobbe
Michael Schulteti
Georg Pusch
Johann III. Tiergart
Wilhelm Haldenhoff
Das Kurlandische Domkapitel
259
4 sonstige politische Beauftragte
des Hochmeisters Martin Lewitz
Wilhelm Haldenhoff
Johann Pomereningk
Ulrich von Behr
3 Kanzler des Ordensmeisters Gerhe(a)rdus de Dron
Hermann Ronneberg
Heinrich Schubbe
<S. 139>
2+3 Sekretare und Geheimschreiber
des Ordensmeisters Johann Sobbe
Paul II. Einwald
Heinrich Schuhhe
Hermann Ronneberg
Geheimschreiber des
Ordensmeister Paul II. 'Einwald
+3 Politische Beauftragte des
Ordensmeisters Johann Grabow
Johann Sobbe
Heinrich Schubbe
15+9 =18% aller Bischofe und Domkapitelsmitglieder
Es ist fur die meisten Falle belegt, fur die ubrigen wohl anzunehmen, daB die
genannten Domherren ihre Domkapitelspfriinden durch Vermittlung des
Hoch- bzw. Ordensmeisters erhalten haben97 98. Neben den neuerworbenen
Pfriinden verblieben die Benefizianten groBtenteils im Besitz der bisher inne-
gehabten.
97
<Fuftnote Nr. 97 fehlt in der Vorlage.>
Siehe oben Кар. 4.II.2: Die Mitwirkung des Deutschen Ordens bei der Besetzung.
260
Erwin Hertwich
<S. 140>
7. Voraussetzung fur die Aufnahme in das Domkapitel
7. Eheliche Geburt
Wie (iberall die irregularitas ex defectu natalium1 als aufnahmehindernd fur den
geisdichen Stand gait, durfte diese kanonische Hindernis auch in Kurland den
Kandidaten nicht belasten. Der Deutsche Orden lehnte unter solchen Umstan-
den regelmaBig die Mitgliedschaft in seinen Reihen ab, wie der Fall der Provisi¬
on des Wigand Grabow durch Papst Martin V. mit der Propstei der kurlandi-
schen Domkirche lehrt2 3. In seiner Supplik an den Papst stellte der Hochmeister
fest, daB die Propstei nur an einen Priesterbruder des Deutschen Ordens ver-
geben werden durfte, die Aufnahme in den Orden aber ausschlieBlich Sache des
Hochmeisters ware. In diesem Fall ware jedoch gar nicht daran zu denken, weil
Wigand Grabow illegitimer Geburt, der Sohn einer Magd, ware. Noch im glei-
chen Jahre erfolgte dann auch der Widerruf der Provision, und der Hochmei¬
ster schrieb dem Papst: ... speraret ipsum dominumpapam naturam, statuta et consuetu-
dinis ipsius ordinis unico verbo noluisse neque velle ad ipsius domini W. instantiam subverte-
re, maxime cum ex ipsorum statutorum et consuetudinum interruptione nil aliquid, quam
ipsius ordinis exitialis destructio imminereP. Der Makel der Geburt bildete allerdings
fur den Papst kein Hindernis, Grabow einen Monat spater mit einem Dorpater
Kanonikat zu providieren, in dessen Besitz er spater auch tatsachlich gelangte.
Es ist nicht festzustellen, ob Grabow Priestersohn war.
<S. 141> Die alte Kirche hingegen hatte die unehelichen Kinder von den
Weihen noch nicht ausgeschlossen4; nur dem aus einer Priesterehe Stammen-
den war bei anderen Domkapiteln der Eintritt ins Kapitel erst nach ausdriickli-
cher Dispenserteilung erlaubt5. Fur Kurland ist jedoch keine einzige derartige
Ausnahme belegt und auch nicht mit Sicherheit anzunehmen.
1 WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 127.
2 Siehe oben Кар. 3.II.1.
3 UB 5, Nr. 2336, .2349.
4 Siehe auch SCHONTAG, Augsburger Domkapitel, S. 58 f. ZlMMERMANN, Breslauer Domka¬
pitel, S. 48 ff.
5 Vgl. die ausfiihrlichen Darstellungen von SAMULSKI, Breslauer Domkapitel, S. 103 ff
Schindler, Breslauer Domkapitel, S. 40 f.
Das Kurlandische Domkapitel
261
II. Alter und Weihegrad
Das allgemein geltende kanonische Recht forderte fur die einzelnen Weihen
eine bestimmte Altersgrenze6. Genauere Unterlagen sind jedoch hierfur nicht
iiberliefert. Sicher ist, dab die Bestimmungen, die im Mittelalter fur den Erhalt
der niederen Weihen (Tonsur) und des Subdiakonats ein gewisses Alter ver-
langten, auch fur die Domkapitel galten, da ja ein Weihegrad Voraussetzung
war fiir die Aufnahme in ein Kapitel7. Fur Kurland sind keine Statuten hieriiber
vorhanden. Es ist anzunehmen, daB dann auch hier die Altersgrenze eingehal-
ten wurde, die fur die Tonsur das 14., fiir das Subdiakonat das 18., das Diako-
nat das 20. und fiir das Presbyterat das 25. Lebensjahr festsetzten8.
Da die Weihe, wenn auch in verschiedenen Abstufungen, fiir den Eintritt in
das Kapitel Voraussetzung war, wird man sicherlich diese allgemeinen Festset-
zungen als Norm genommen haben.
Es sind weder entsprechende Dispense in Kurland vorhanden, noch finden
sich andere Hinweise von defectus aetatis.
In dem gesamten untersuchten Zeitraum sind nur drei Altersangaben er-
kennbar: Ulrich von Behr war mit 27 Jahren <S. 142> Koadjutor und besaB die
Subdiakonatsweihe. Von Johann IV. von Miinchhausen heiBt es iiberhaupt nur
ganz ungenau: Er war „sehr jugendlich“. Magnus, der letzte „Bischof‘, kam mit
21 Jahren nach Kurland. Er achtete jedoch die herkommlichen Vorschriften
gering und wiirde sich gegebenenfalls auch nicht an die Altersgrenze gehalten
haben.
Urspriinglich setzten sich die Domkapitel nur aus Pries tern und Diakonen
zusammen9. Als jedoch mit Innozenz III. das Subdiakonat in die hoheren Wei-
hegrade einbezogen wurde, standen auch dem Subdiakon die Wege ins Dom¬
kapitel offen10. Auf dem Konzil zu Vienne im Jahre 1311 wurde festgesetzt, daB
die Subdiakonatsweihe fur die Aufnahme unter die stimmberechtigten11 Dom-
herren unerlaBlich ware.
6 Siehe SCHNEIDER, Domkapitel, S. 125.
7 Ausfuhrliche Darstellung hieriiber bei SANTIFALLER, Brixner Domkapitel, S. 96 f.
8 Hinschius, Kirchenrecht II, S. 17 ff.
l) Uber „Weihegrad" geben AufschluB: WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 127.
Schneider, Domkapitel, S. 128.
10 Vgl. SAMULSKI, Breslauer Domkapitel, S. 105 f. SCHINDLER, Breslauer Domkapitel, S. 36 f.
Zimmermann, Breslauer Domkapitel, S. 49 f.
11 Hinsichtlich des Weihegrades unterscheiden die DK nach den allgemeinen Bestimmungen: 1.
stimmberechtigte und prabendierte Kanoniker, 2. nicht prabendierte Kanoniker ohne
262
Erwin Hertwich
Noch das Tridentinum griff auf diese Vorschrift zuriick und forderte zu-
satzlich, daB mindestens die Halfte der Kanonikate Presbytern iibertragen wer-
den sollte, wahrend die andere Halfte mit Diakonen und Subdiakonen besetzt
sein konnte.
Bei keiner urkundlichen Erwahnung der Domherren findet sich eine An-
gabe liber den Weihegrad. In den Zeugenreihen stehen die alteren Mitglieder
stets hinter den erst neu aufgenommenen, streng der Anciennitat nach geord-
net. Ebensowenig liegen auch (iber das Erfordernis eines bestimmten Weihe-
grades statutarische Bestimmungen vor. Lediglich in den papstlichen Ernen-
nungs- und Provisionsurkunden sind sparliche Bemerkungen zu finden, die
einige Schliisse dariiber ziehen lassen. So sind unter den fur den kurlandischen
Bischofsstuhl oder ein Kanonikat providierten Klerikern mehrere als presbyteri
oder subdiaconi genannt. Die Bischofe Ludolf, Jakob, Otto, Paul II. Einwald,
Heinrich II. Basedow, die Propste Matthias Schulteti, Johann Schnabel und
Augustinus von Gethelen, der Dekan Johann <S. 143> Sobbe werden als pres¬
byteri, der stellvertretende Bischof Johannes Hamel als plebanus12, der Propst
Ulrich von Behr als subdiaconus, die Dekane Nikolaus Sprenger, Christian Wulff
und Jakob Varus lediglich mit dem Allgemeinbegriff clerici bezeichnet. Das sagt
uns nichts, denn Kleriker waren sie ja alle. Ein genauer Weihegrad ist nicht
festzustellen. Doch darf man wohl annehmen, daB auch die Dekane und dieje-
nigen Domherren, die zugleich eine ausgesprochene Priesteramtstatigkeit aus-
iibten, in der Regel presbyter waren. Hermann Ronneberg erscheint als Pfarrer13
und Johann III. Tiergart als caplan des Hochmeisters14. Fur Hermann Ronne¬
berg, nachmaligen Bischof, wird ebenfalls Priestergrad anzunehmen sein; aus
dem gleichen Grund fur Johann III. Tiergart. Da die Kaplane - in Vertretung -
oft Messen zu lesen hatten, so muBten sie den Priestergrad besitzen15. Es gab
auch Bewerber, die die erforderlichen Weihen noch nicht besaBen.
Ein solcher Sonderfall trat bei der Ernennung des Paul Einwald zum Bi¬
schof von Kurland ein: Es muBten die erforderlichen Weihen ,,nachgeholt“
werden16. So wurde er am 21. Januar 1458 zum Subdiakon, am 29. Januar zum
Diakon und am 2. Februar zum presbyter geweiht. Am 5. Februar konsekrierte
Stimmberechtigung; so bei SCHNEIDER, Domkapitel, S. 126. SANTIFALLER, Brixner Domka-
pitel, S. 87 ff.
12 De Friedland. Ist als presbyter anzunehmen, da er an Bischofsstelle stand.
13 UB II/3, Nr. 370, 407.
14 UB <I/8>, Nr. 617.
15 Siehe auch HOELGE, Culmer Domkapitel, S. 150.
16 Zu Treiden oder Ronneburg. UB 11, Nr. 713.
Das Kurlandische Domkapitel 263
ihn daraufhin der Erzbischof Sylvester unter Assistenz zweier Bischofe zum
Bischof von Kurland17.
Das Presbyterium ist mit Sicherheit belegt fur 14,4% aller nachgewiesenen
Kanoniker Kurlands, fur 3,6% mit Wahrscheinlichkeit. DaB nur zwei von ihnen
kurz vor ihrem Eintritt in das Kapitel als Subdiakon genannt werden, lag wohl
an der selbstverstandlichen Voraussetzung fur die Aufnahme als wirkliche Ka¬
noniker.
Da die kurlandischen Domherren aus dem Deutschen Orden kamen, ergibt
sich, daB sie als Priesterbriider D.O. ohnehin beim Eintritt in das Kapitel einen
Weihegrad besitzen muBten. Wenn nun, wie im Fall des Paul Einwald, der Be-
werber erst kurz vor seiner Ernennung als Bischof oder Kanoniker dem Orden
beitrat, muBte ihm gleichzeitig die erforderliche Weihe gegeben werden.
<S. 144>
III. Resident
Unter Residenzpflicht wird der ununterbrochene Aufenthalt des Benefizianten
am Ort seiner Pfrunde verstanden. Erst durch das Einhalten dieser „Pra-
senspflicht“ ist die uneingeschrankte personliche Amtsfuhrung gewahrleistet18.
Nur auf Grund ganz bestimmter Voraussetzungen (z. B. Universitatsstudium)
konnte der Bischof oder bei dessen Abwesenheit der Domdekan dem Dom-
herrn die licentia abessendi erteilen und ihn als canonicus residens beibehalten19.
Auch (iber die Residenzpflicht sind fur das Kurlandische Domkapitel keine
statutarischen Bestimmungen vorhanden. Wir konnen uns nur aus einzelnen
Nachrichten ein einigermaBen befriedigendes Bild machen.
Der auf einer Universitat Studierende erhielt die licentia abessendi ohne
weiteres20, desgleichen der fur Bischof, Domkapitel oder Hoch- bzw. Ordens-
meister auf Dienstreise befindliche Kanoniker21. Sicher wird auch keinem in
personlichen Angelegenheiten nach Rom reisenden Domherrn die licentia vor-
enthalten worden sein22. Diese und andere Griinde23 rechtfertigen ohne Zweifel
17 Vermutlich der zu Reval und der zu Dorpat oder Osel.
18 Ausfuhrliche Darstellung geben hieriiber SAMULSKI, Breslauer Domkapitel, S. 114 ff.
ZlMMERMANN, Breslauer Domkapitel, S. 138 f.
19 Uber die Regelung ihrer Vertretung vgl. WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 146 f.
20 Z. B. Gerhe(a)rdus de Dron.
21 Christoffer Sturm, Johann Tiergart. Letzterer lieB sich aus dienstlichen Griinden jahrelang
nicht in Kurland sehen.
22 Dietrich Tanke, Ambrosius Korsner.
264
Erwin Hertwich
die Abwesenheit der Domkapitelsmitglieder aus der vita canonica23 24. Auch im
Fall des Paul Watt liegt wohl ein ebenso zwingender Grund vor. Er war Kanz-
ler des Hochmeisters und seit dem Jahre 1500 Propst der Dorpater Kirche25,
residierte aber nicht, sondern blieb in Konigsberg; die Verwaltung der Pfriinde
oblag dem Dekan gegen vereinbarte Zahlung. Die durch Steigerung der An-
spriiche auf <S. 145> eine standesgemaBe Lebensfuhrung sich nach und nach
breitmachende Pfriindenhaufung fuhrte in den meisten anderen Domkapiteln
zu einem dauernden VerstoBen gegen die Residenzpflicht. Die alte vita canoni¬
ca lockerte sich. Fur Kurland waren hinsichtlich der Pfriindenhaufung andere
Griinde als die Steigerung der Lebensanspriiche maBgebend. Die kurlandischen
einzelnen Pfriindenertrage waren von Anfang an nicht sehr erheblich, und of-
fensichtlich war der Drang nach kurlandischen Kanonikaten schon aus diesem
Grunde nicht iibermaBig stark. Kurlandische Kanoniker waren wiederholt auf
den Erwerb zusatzlicher Pfriinden notgedrungen angewiesen und wurden in
diesem Bemiihen auch von Bischof und Hochmeister unterstiitzt. So'bat der
Hochmeister fur Ambrosius Korsner den Bischof um Fiirsprache bei Dekan
und Kapitel, da der Propst auf seiner Pfarrpfriinde Rastenburg verweilen woll-
te. Das Kurlandische Kapitel gab daraufhin am 27. April 1502 dem Hochmei¬
ster zu erkennen, daB es van noten umb smres kriges der Rews^en und mannichfaldiches
anfalls halben eynen propst ane sweren schaden uncyers gedochten capitels [nicht langer als
bis Michaelis] entperen konnte26.
Am 13. Oktober 1431 bewilligte der Papst die Supplik von Wigand Grabow,
majoripreb. prebendatus, um Erlaubnis, die fructus seiner maria inparochiale ecclesia S.
23 „Krankheiten [auch Pestgefahr], Dienst beim Papst oder Bischof, Berufung zu einem Konzil
oder Reichstag" gibt das Tridentinum an neben den „dem Bischof und dem einzelnen Kano¬
niker" jahrlich zugebilligten ,,je 3 Monate Ferien". Vgl. SchOntag, Augsburger Domkapitel,
S. 68.
24 Sie setzte sich aus dem Bischof und seinen Kanonikern aller Weihegrade nach der
Deutschordensregel zusammen und sorgte fur Einhaltung der Verpflichtung auf Keuschheit,
Gehorsam, Armut und Krankenpflege. Die vita verpflichtet die Domherren zum gemeinsa-
men Wohnen. Naheres iiber die vita communia in Kurland ist uns nur erhalten in der be-
kannten (Neu-)Griindungsurkunde vom Jan. 1290 (UB 1, Nr. 530): ... ut per omnia secundum
constitutiones regulae bospitalis praedicti vivant in communi et omnia sint eis communia, secundum regulas a
s. patribus constitutas.... Gleiche Voraussetzungen lagen in den Domkapiteln zu Pomesanien
und Culmsee vor. Vgl. HOELGE, Culmer Domkapitel, S. 142. BlRCH-HlRSCHFELD, Kollegi-
atsstift, S. 315. Uber die vita communis bei WERMINGHOFF, Verfassungsgeschichte, S. 145.
25 Nachfolget eines unbekannten, im Laufe des Jahres 1499 verstorbenen Dorpater Propstes,
dessen Amtsdauer nur von sehr kurzer Zeit gewesen sein kann. Vgl. UB II/1, Nr. 1074 vom
13. Dez. 1500, UB II/2, Nr. 102 vom 7. Mai 1501.
UB II/2, Nr. 197, 246, 252, 277, 278.
26
Das Kurlandische Domkapitel 265
Job. Lunebergen. Verden. rf.[diocesis]“ auch bei der Residenz bei seinem Kanonikat
genieBen zu diirfen.27
Dauernde Nichtresidenz ist in keinem Fall fur das Kurlandische Domkapitel
bezeugt. Seinen Kanonikern war als Ordenbriidern die Residenz besonders
nachdriicklich zur Pflicht gemacht.
<S. 146>
8. Ausscheiden aus dem Domkapitel
Von 40 der bezeugten Domherren, demnach von 48% ist die Art ihres Aus-
scheidens aus dem Kapitel bekannt. Die Amtszeit der meisten von ihnen wird
durch den Tod beendet worden sein; in 14 nachweisbaren Fallen lieB dieser
Abgang sich ermitteln. Folgende Arten des Ausscheidens aus dem Kapitel lie-
Ben sich weiterhin feststellten: Erhebung auf den Bischofsstuhl von Kurland
(13), auf einen fremden Bischofsstuhl (2), Verzicht (5), Versetzung (2), die poli-
tische Umstellung von 1561 (2).
Aus vereinzelten Notizen, Urkunden und Bestatigungen mancherlei Art,
gelegentlichen Erwahnungen und Sterbedaten wurde der Tod in 14 Fallen, das
sind 17% der Gesamtzahl der nachgewiesenen Bischofe und Domherren und
35% der Gesamtzahl hinsichtlich der Art ihres Ausscheidens ermittelten Falle,
festgestellt. Der Bischof Engelbert und seine Domkanoniker, deren Zahl nicht
feststeht, sind von aufstandischen Kuren ermordet worden1. Von Michael
Schulteti wird ausdriicklich erwahnt, daB er in Rom bei der Kurie starb2. Zwei-
mal sind Senioren des Kapitels nachgewiesen, die zweifelsohne ebenfalls als
Kapitelsmitglieder gestorben sind: Christian Wulff und Georgius Lankhar.
Ein Ordensaustritt liegt vor bei Johannes Sobbe (vor November 1438). Er
ist noch im Jahr 1446 als Domherr von Riga nachzuweisen3. Verbrechen oder
Vergehen, die zu einer Verurteilung und damit zum Verlust des Amtes gefuhrt
batten, wie solche fur andere Domkapitel belegt sind4, sind fur Kurland in kei¬
nem Fall bezeugt. Der oben erwahnte Wigand Grabow <S. 147> fand in den
Deutschen Orden keine Aufnahme vielmehr wegen seiner illegitimen Herkunft
als wegen seiner Abfassung und Veroffentlichung von Schmahschriften gegen
27 Repert. Germ., Regesten, registra supplicationum (II, Paragraph 3), I, 11, 13b [1722].
1 Im Mai 1242 sind sie tot.
2 1500 Nov. 4 (5). Er wurde in der Kirche des Deutschen Hospitals zu Rom begraben.
3 UB10, Nr. 263.
4 Zimmermann, a. a. O., S. 163.
266
Erwin Hertwich
ehrwiirdige Personen, einer Tatsache, die vom Hochmeister besonders hervor-
gehoben wird (1418/19)5.
Von Bischof Otto (1371-1398) wird im Jahr 1388 erwahnt, daB er im Bann
gewesen sei. Von einer Absetzung oder einem Ausscheiden aus dem Amt ist
jedoch keine Rede. Er starb im Jahr 1398 als Bischof.
Die EheschlieBung des ehemaligen(l) kurlandischen Bischofs Johann IV.
von Miinchhausen mit Lucia Hermeling wurde erst einige Jahre nach dem Nie-
derlegen des Bischofsamtes durchgefiihrt. Desgleichen ist der letzte „Bischof4
von Kurland, Herzog Magnus, bei seiner Vermahlung mit Maria Wladimi-
rowna, der Nichte des Zaren Iwan Grosny, nicht als Geistlicher zu betrachten.
Wigand Grabow wurde noch das Recht der Resignation zugestanden, als
sich langst die widerrechtliche Zugehorigkeit zum Domkapitel erwiesen hatte.
Wenn also Pfriindenverlust bereits eingetreten war, wurde dem bisherigen
Inhaber der Prabende dennoch, wie in verschiedenen deutschen Domkapiteln6,
auch in Kurland nachtraglich noch eine freiwillige Verzichterklarung zugebilligt.
Es finden sich insgesamt funf Falle von Resignation: Burchard, Paul Ein-
wald, Wigand Grabow, Ambrosius Korsner, Johann Schnabel. Wigand Grabow
verzichtete ausdriicklich zugunsten Dietrich Tankes, Ambrosius Korsner zu-
gunsten Michael Schultetis7; Johann Schnabel resignierte am 3. Februar 1553
wegen Altersschwache, sein Nachfolger wurde Jakob Varus. Burchard iiberlieB
sein Stift am 3. Dezember 1309 dem Deutschen Orden; Paul Einwald resi¬
gnierte am 9. Juli 1473 in Rom8.
<S. 148> Fur einen Tausch findet sich in Kurland kein Beispiel, hingegen
fur zwei Versetzungen. Allerdings handelt es sich auch bei diesen Fallen nicht
um ausgesprochene Kapitelsmitglieder, sondern um Bischofe: Balduin von
Aina, Verwalter von Kurland, wurde nach voriibergehender Tatigkeit als Weih-
bischof des Erzbischofs von Koln zum Erzbischof von Varissa ernannt9, Hein¬
rich von Liitzelburg wurde im Jahre 1263 in das Bistum Chiemsee versetzt10.
Durch Erhebung auf den Bischofsstuhl Kurlands schieden 13 Domkanoni-
ker aus dem Kapitel. Zwei Bewerber wurden fremden Bistiimern vorgesetzt:
Paul Watt als Bischof von Samland, Hiob von Dobeneck bestieg den Bischofs-
5 Vgl. ARBUSOW, Geistlichkeit II, S. 68 f.
6 Heckel, Dom- und Kollegiatstifter, S. 167.
7 Rfsignatio in favorem tertii, der Verzicht zugunsten eines Dritten; Vgl. HlNSCHIUS, Kirchenrecht
III, S. 277 ff.
8 Vgl. oben die Zusammenstellungen und die dort vermerkten Belegstellen.
9 Schwartz, Kurland im 13. Jahrhundert, S. 18-40.
10 UB 3, Nr. 374a. Dort starb er im Jahre 1273.
Das Kurlandische Domkapitel
267
stuhl von Pomesanien. Insgesamt sind dies 18% der Gesamtzahl und 37,5% der
fur das Ausscheiden aus dem Domkapitel nachweisbaren Falle.
Wahrend der behandelten Zeit (1232-1561) regierten 23 kurlandische Bi-
schofe (einschlieBlich zwei Verwalter). 13 von ihnen haben also vorher dem
Domkapitel von Kurland angehort. Das sind 56% der festgestellten kurlandi-
schen Bischofe.
Seit dem Zusammenbruch Alt-Livlands am Ende des dargestellten Zeitrau-
mes ging auch das Domkapitel seiner Auflosung entgegen. Johann von Miinch-
hausen schied wie sein Propst Ulrich von Behr infolge der volligen Verande-
rung der politischen Lage aus dem Domkapitel aus. Beide begaben sich nach
Deutschland zuriick und starben dort.
Die Bindung des Domkapitels von Riga
an die Regel des Deutschen Ordens*
Mario Glauert
Das Domkapitel des livlandischen Erzbistums Riga hat in seiner rund
350jahrigen Geschichte fiinf Mai seine Regel gewechselt.1 1201 zunachst wohl
als Augustiner-Konvent begriindet, wurde es 1209 der Pramonstratenserregel
unterworfen. 1373 gestattete der Papst dem Kapitel den Wechsel zum Habit
der Augustinerchorherren. 1394 gelang es zwar dem Deutschen Orden, die
Domherren an seine Regel zu binden. Doch 1423 widerrief der Papst diesen
Wechsel, und das Kapitel kehrte zur Augustinerregel zuriick. Erst 1451 konnte
der Deutschen Orden die Kanoniker wieder zur Annahme seiner Regel bewe-
gen. Ihr folgte das Kapitel schlieBlich bis zur seiner Auflosung 1566.
Geschichte, Mitglieder und Verfassung des Rigaer Domkapitels sind bislang
nicht Gegenstand einer groBeren Monographic geworden, doch liegen seit lan-
gem eine Reihe von Einzeluntersuchungen vor. Bereits 1841 gab Th. Kallmeyer
einen AbriB der haufigen ,,Habits-Veranderungen“ der Kanoniker2, und C.
Mettig nahm 1875 sowie 1913 in zwei kurzen Aufsatzen vor allem die Verfas-
* Folgende Abkiirzungen werden verwendet: AuR: Akten und Recesse der livlandischen Stan-
detage (wie Anm. 5). - BGP: Die Berichte der Generalprokuratoren des Deutschen Ordens
an der Kurie. Hrsg. von Kurt FORSTREUTER und Hans KOEPPEN (VerOF’FENTLICHUNGEN
DER NIEDERSACHSISCHEN Archiwerwaltung, 12, 13, 21, 29, 32, 37). 4 in 6 Banden, Got¬
tingen 1960-1976. - LECUB: Liv-, Esth- und Curlandisches Urkundenbuch (wie Anm. 4). -
Rep. Germ.: Repertorium Germanicum. Verzeichnis der in den papstlichen Registern und
Kameralakten vorkommenden Personen, Kirchen und Orte des Deutschen Reiches, seiner
Diozesen und Territorien von Beginn des Schismas bis zur Reformation. Hrsg. v. Koniglich
PreuBischen Historischen Institut in Rom und [ab Bd. 4/2] vom Deutschen Historischen In-
stitut in Rom, Bd. 1-4 und 6-8, Berlin, Tubingen 1916-1993.
1 Constantin METTIG, Zur Verfassungsgeschichte des Rigaschen Domcapitels. In:
MlTTHEILUNGEN AUS DEM GEBIETE DER GESCHICHTE LlV-, EST- UND KURLANDS 12 (1875)
S. 509-537, hier: S. 509, zahlte „vier Umformungen“, in seinen knapp dreiBig Jahre spater
publizierten Bemerkungen zur Geschichte des Rigaschen Domkapitels. In:
SlTZUNGSBERICHTE DER GESELLSCHAFT FUR GESCHICHTE UND ALTERTUMSKUNDE DER
Ostseeprovinzen RUSSLANDS. Jg. 1911. Riga 1913, S. 386-402, hier: S. 388, kam er auf
sechs Anderungen der Statuten.
2 Theodor KALLMEYER, Geschichte der Habits-Veranderungen des Rigischen Domcapitels,
nebst Untersuchungen iiber streitige Gegenstande in derselben mit urkundlichen Beilagen.
In: MllTHEILUNGEN AUS DEM GEBIETE DER GESCHICHTE LlV-, ESTH- UND KURLANDS 2
(1841) S. 197-340.
sung und Amterstruktur des Kapitels in den Blick.3 Inzwischen standen mit
dem „Liv-, Esth- und Curlandischen Urkundenbuch“4 5 und mit den von O.
Stavenhagen bearbeiten „Akten und Recessen der livlandischen Standetage"3
auch die Quellen in zuverlassigen Editionen zur Verfugung. Kurze Biographien
der Domherren hat L. Arbusow d. J. 1900-1913 im Rahmen seiner prosopogra-
phischen Sammlung iiber „Livlands Geistlichkeit im Mittelalter“ zusammenge-
stellt.6 Sie diente als Grundlage fur eine Untersuchung zu den „Geburtsstands-
verhaltnissen“ in den livlandischen Domkapiteln, die.H. v. Bruiningk 1909
erarbeitete7, nachdem er bereits 1904 eine ausfuhrliche Darstellung zur Liturgie
im Erzbistum Riga vorgelegt hatte8.
Die folgende Untersuchung konzentriert sich auf Jahre 1394 bis 1451 und
betrachtet die wiederholten Versuche des Deutschen Ordens, das Rigaer Dom-
kapitel dauerhaft seiner Regel zu unterwerfen, um so die seit dem 13. Jahrhun-
dert wahrenden Spannungen zwischen dem Erzbischof und dem livlandischen
Ordenszweig zu entscharfen. P. Girgensohn hat 1910 die Anfange dieser Be-
miihungen im Rahmen der „Inkorporationspolitik des Deutschen Ordens in
Livland" untersucht9 und damit jenen kirchenrechtlichen Terminus aufgegrif-
fen, der bis heute weithin gebrauchlich ist, um das verfassungsrechtliche Ver-
haltnis der ,,inkorporierten“ preuBischen und livlandischen Domkapitel zum
Deutschen Orden zu beschreiben.
Der Begriff ist allerdings durchaus zeitgenossisch. Schon in einem Schreiben
vom 28. Februar 1284, mit dem Bischof Albert von Pomesanien den Propst
des Kulmer Domkapitels und zwei Deutschordenspriester bat, geeignete Prie-
sterbriider fur die Griindung eines Domkapitels auszuwahlen, formulierte der
Bischof seinen EntschluB, das neue Kapitel, das seinen Sitz an der Kathedrale
3 Vgl. Anm. 1.
4 Liv-, Esth- und Curlandisches Urkundenbuch nebst Regesten. Hrsg. v. Friedrich Georg von
Bunge und [ab Bd. 1/7] von Hermann HILDEBRAND, Philipp SCHWARTZ u. a. Abt. I, Bd. 1-
12, Abt. II, Bd. 1-3. Reval, Riga 1853-1914. ND Aalen 1968-1981. Fortan: LECUB.
5 Akten und Recesse der livlandischen Standetage. Hrsg. v. Oskar STAVENHAGEN. Bd. 1 (1304-
1460). Riga 1907. Fortan: AuR.
6 Leonid ARBUSOW [d. A.], Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12. bis ins 16. Jahrhundert. In:
JAHRBUCH for Genealogie, Heraldik und Sphragistik [ohne Bandzahlung] Jg. 1900,
Mitau 1901, S. 33-80 [I]; Jg. 1901, Mitau 1902, S. 1-160 [II]; Jg. 1902, Mitau 1904, S. 39-134
[III]; Jg. 1911-13, Mitau 1914, S. 1-432 [IV].
7 Hermann von BRUININGK, Die Geburtsstandverhaltnisse in den livlandischen Domkapiteln
und Klostern. In: SlTZUNGSBERICHTE DER GESELLSCHAFr FOR GESCHICHTE UND
Altertumskunde der Ostseeprovinzen Russlands. Jg. 1908. Riga 1909, S. 72-90.
8 Hermann von BRUININGK, Messe und kanonisches Stundengebet nach dem Brauche der
Rigaschen Kirche im spateren Mittelalter (MriTElLUNGEN AUS DEM GEBIETE DER
Geschichte Liv-, Est- und Kurlands, Bd. 19). Riga 1904.
9 P[aul] GIRGENSOHN, Die Inkorporationspolitik des Deutschen Ordens in Livland 1378-1397.
In: MlTTEILUNGEN AUS DEM GEBIE'IT DER GESCHICHTE LlV-, EST- UND KURLANDS 20
(1910) S. 1-86.
Das Domkapitel von Riga
271
in Marienwerder haben sollte, dem Deutschen Orden „ganz nach Form und
Freiheit der Kanoniker der Kulmer Kirche zu inkorporieren" (incorporare per
omnia secundum form am et libertatem canonicorum ecclesie Culmacensij).10 In zwei Ur-
kunden, mit denen Hochmeister Konrad von Feuchtwangen im Mai 1296 in
Thorn die Domkapitel von Kulm und Samland bestatigte, werden beide Kir-
chen ausdriicklich als dem Orden „inkorporiert“ (ecclesia ordini nostro incorporated)
bezeichnet.11
Wahrend wir iiber die „Inkorporation" der Domkapitel von Kulm, Samland,
Pomesanien und Kurland in der zweiten Halfte des 13. Jahrhunderts nur weni-
ge Zeugnisse besitzen, die Aufschliisse iiber die Hintergninde und das Vorge-
hen des Deutschen Ordens geben konnten12, ist die Quellenlage fur die 1394
nach preuBischem Vorbild durchgefuhrte „Inkorporation" des Rigaer Domka-
pitels weit besser. Die umfangreich iiberlieferte Korrespondenz des 15. Jahr¬
hunderts erlaubt tiefe Einblicke in die juristischen Debatten und diplomati-
schen Verhandlungen, die iiber Jahrzehnte hinweg um den Habit der Rigaer
Kanoniker gefuhrt wurden.
Es soil hier also der Frage nachgegangen werden, was der Deutsche Orden
um die Wende zum 15. Jahrhundert unter einem „inkorporiertem" Domkapitel
verstand, welche verfassungsrechtliche Form ihm bei seinen Bemiihungen als
Modell und Ziel vor Augen stand und welche Zugriffsrechte, Kontrollmecha-
nismen und Aufsichtsmoglichkeiten er etwa bei der Besetzung der Domherren-
stellen, der Visitation des Konvents, der Verfugung iiber den Kapitelsbesitz
oder der Durchfuhrung der Bischofswahlen gewahrt wissen wollte.
10 PreuBisches Urkundenbuch. Politische (allgemeine) Abteilung. Bd. 1/2. Bearb. von August
Skraphim. Konigsberg 1909. ND Aalen 1961, Nr. 434 (1284 Februar 28), S. 276.
11 Urkundenbuch des Bisthums Samland. Hrsg. v. Carl Peter WOELKY und Heinz MENDTHAL
(Neues PreuBisches Urkundenbuch. OstpreuBischer Teil, II. Abt., Bd. 2). Leipzig 1891-1905,
Nr. 181 (1296 Mai 13). Urkundenbuch des Bisthums Culm. Bearb. v. Carl Peter WOELKY
(Neues PreuBisches Urkundenbuch. WestpreuBischer Teil, II. Abt., Bd. 1). Danzig 1884, Nr.
145 (1296 V 14). Selbst ein einige Jahrzehnte spater schreibender, unbekannter samlandischer
Domherr iibernahm die Terminologie, als er in seinen chronikalischen Aufzeichnungen iiber
die Ereignisse von 1296 berichtete: Frater Cunradus de Vuchwangen profitetur in suo instrument se
mortuo domino ecclesiam Sambiensem incoporasse ordini et canonicis aliqua statuta jecisse\ Canonicus
Sambiensis Epitome gestorum Prussiae. Hrsg. v. Max HEIN. In: Scrip tores rerum Prussi-
carum. Die Geschichtsquellen der preuBischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherr-
schaft. Bd. 1. Hrsg. v. Theodor HlRSCH, Max TOPPEN und Ernst STREHLKE. Leipzig 1861.
ND Frankfurt/M. 1965, S. 272-290, hier: S. 289.
12 Vgl. Paul Reh, Das Verhaltnis des Deutschen Ordens zu den preuBischen Bischofen im 13.
Jahrhundert. In: ZEITSCHRIFr DBS WESTPREUSSISCHEN GESCHICHTSVEREINS 35 (1896) S. 35-
161; Andrzej RADZIMINSKI, Biskupstwa panstwa krzyzackiego w Prusach XIII-XV wieku. Z
dziejow organizaeji koscielnej i duchowienstwa. Torun 1999, S. 28-57.
272
Mario Glauert
Die Griindung des Domkapitels
Sieht man von vereinzelten, friiheren Missionsversuchen ab13, begann die
kirchliche Entwicklung Livlands mit dem Segeberger Augustinerchorherrn
Meinhard, der aus der Ministerialitat des Erzstifts Bremen stammte.14 15 Nachdem
er in Uxkiill an der Diina, siidwestlich der spateren Stadt Riga, die erste Kirche
errichtet hatte, wurde er 1186 vom Bremer Erzbischof Hartwig von Uthlede
zum Bischof geweiht und erhielt bald darauf auch die papstliche Bestatigung.13
Der Chronist Heinrich von Letdand berichtet, Meinhard habe mit den ihn
begleitenden Klerikern in Uxkiill einen conventus regularium gegriindet und die
Geistlichen hatten in der von Meinhard errichteten Burg eine vita communis ge-
fuhrt.16 Uber die Regel und Organisation dieses Konvents, aus dem spater das
Rigaer Domkapitel hervorgehen sollte, sind aber keine eindeutigen, zeitgenossi-
schen Aussagen iiberliefert.17 Erst Erzbischof Siegfried Blomberg gab 4373
anlaBlich seiner Bemiihungen um einen Wechsel des Habits an, das Kapitel sei
bei seiner Griindung der Augustinerregel gefolgt.18
Manches deutet darauf hin, das sich in Uxkiill wie in den anderen friihen liv-
landischen Missionskoventen Kleriker verschiedener Gewander und Observanz
zusammenfanden. Papst Coelestin III. gestattete den plures ex diversis ordinibus ad
huiusmodi [sc. praedicationis\ pium officium nach Livland gezogenen Religiosen 1193,
ihre bisherigen Gewander abzulegen und gegen eine den ortlichen Gegeben-
heiten besser geeignete Kleidung einzutauschen.19 Ein Schreiben Papst In-
nocenz III. an Bischof Albert von Livland entwickelte 1201 sogar den Plan, die
13 Vgl. Manfred Hellmann, Die Anfange der christlichen Mission in den baltischen Landern.
In: Studien iiber die Anfange der Mission in Livland. Hrsg. v. Manfred HELLMANN
(VortrAge und Forschungen, Bd. 37). Sigmaringen 1989, S. 14-36.
14 Vgl. zu ihm Manfred HELLMANN, Bischof Meinhard und die Eigenart der kirchlichen Orga¬
nisation in den baltischen Landern. In: Gli Inizi del Cristianesimo in Livonia-Lettonia. Hrsg.
V. Michele MACCARONE (Атп e DOCUMENTI, Bd. 1). Citta del Vaticano 1989, S. 9-30. Bernd
Ulrich HuCKER, Die Herkunft des Livenapostels Meinhard. In: Studien iiber die Anfange der
Mission in Livland (wie Anm. 13), S. 36-38.
15 Heinrich von Lettland, Livlandische Chronik. Heinrici Chronicon Livoniae. Neu hrsg.
und iibers. v. Albert Bauer (AusgewAhlte Quellen zur deutschen Geschichte des
Mitfelalters, Bd. 24). Darmstadt 1959, I, 8, S. 6 f. Vgl. auch Helmuth KLUGER,
kiill/Ikskile“. In: Archiepiscopatus Hammaburgensis sive Bremensis. Hrsg. v. Stefan
Weinfurter und Odilo Engels (Series Episcoporum Ecclsiae Catholicae
OcciDENTALIS, Bd. V/2). Stuttgart 1984, S. 84-90, hier: S. 87-89.
16 Heinrich von Lettland (wie Anm. 15), I 6-11 und VI 2-3, S. 4-9 und 18 f.
17 Vgl. Kaspar ELM, Christi cultatores et novelle ecclesie plantatores. Der Anteil der Monche,
Kanoniker und Mendikanten an der Chrsitianisierung der Liven und dem Aufbau der Kirche
von Livland: In: Gli Inizi (wie Anm. 14), S. 127-170, hier: S. 154 f.
18 LECUB 3, Nr. 1094 (1373 Oktober 10). Vgl. ausfuhrlicher unten.
19 LECUB l,Nr. 11 (1193 April 27).
Das Domkapitel von Riga
273
Vielfalt der in Livland tatigen Geistlichen zu einem neuen Orden mit einem
einheitlichen Gewand zusammenzufassen.20
Nachfolger Meinhards, der im Herbst 1196 starb, wurde einer seiner mis-
sionarischen Weggefahrten, der friihere Abt des Zisterzienserklosters Loccum,
Bertholt Schulte, der indes schon 1198 bei Kampfen mit den Liven den Tod
fand.21 Zum neuen Bischof weihte der Bremer Erzbischof Hartwig von Uthle-
de im Marz 1199 den Bremer Domherrn Albert von Bekeshovede (Buxhove-
den), wohl ein weitlaufiger Verwandter des ersten Missionsbischofs, der wie
Meinhard und Bertholt aus der erzstiftisch-bremischen Ministerialitat stamm-
te.22 Albert gnindetet 1201 an der Einmiindung des Rigebachs in die Diina die
Stadt Riga, die verkehrsgiinstiger und als Kathedralsitz geeigneter erschien als
Uxkiill23, und verlegte dorthin 1201 auch das Domkapitel. Bald darauf berief
Albert seinen leiblichen Bruder Engelbert, der dem Augustinerstift Neumiinster
angehorte, nach Riga, wo ihn das Domkapitel zum Propst wahlte.24
Welcher Regel die vita canonica in Uxkiill und Riga bis dahin folgte, ist, wie
erwahnt, nicht bekannt. Nach Engelberts Tod 1209 lieB Bischof Albert nach
dem Bericht Heinrichs von Lettland seine Domherren ihre bis darin getragenen
vestes et cappae nigrae ab- und statt dessen den habitus albus der Pramonstratenser
anlegen.25
Die Begriindung eines Domstifts mit der Regel der Pramonstratenser war
zwar keineswegs auBergewohnlich. Doch anders als die Bischofe Wigger, An¬
selm und Evermond, die Mitte des 12. Jahrhunderts in Brandenburg, Havelberg
und Ratzeburg solche Domkapitel errichtet hatten26, war Albert selbst kein
20 LECUB 1, Nr. 13 (1201 April 19). Vgl. hierzu Elm (wie Anm. 17), S. 161 f.
21 Vgl. zu ihm Fritz SCHONEBOHM, Die Besetzung der livlandischen Bistiimer bis zum Anfang
des 14. Jahrhunderts. In: MlTTEILUNGEN AUS DEM GEBIETE DER GESCHICHTE Liv-, Est-
UND KURLANDS 20 (1910) S. 295-365, hier: S. 303-305; Paul Ludwig FESER, Bischof Berthold
von Livland (1196-1198). In: Freiburger GeschichtsblAtter 52 (1963/64) S. 101-128;
Bernd Ulrich HUCKER, Der Zisterzienserabt Bertold, Bischof von Livland und der erste Li-
vlandkreuzzug. In: Studien (wie Anm. 13), S. 39-64; zuletzt Bernhart JAHNIG, „Bertholt
Schulte" (Art.). In: Die Bischofe des Heiligen Romischen Reiches 1198 bis 1448. Ein biogra-
phisches Lexikon. Hrsg. v. Erwin GATZ unter Mitwirkung von Clemens BRODKORB. Berlin
2001, S. 644 f.
22 Vgl. zu ihm Gisela GNEGEL-WAITSCHIES, Bischof Albert von Riga. Ein Bremer Domherr als
Kirchenfurst im Osten (1199-1229) (Nord- UND OSTEUROPAISCHE GESCHICHTSSTUDIEN,
Bd. 2). Hamburg 1958; zuletzt Bernhart JAHNIG, „Albert von Bekeshovede (Buxhoveden)“
(Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S. 645-647.
23 Vgl. Friedrich BENNINGHOVEN, Rigas Entstehung und der friihhansische Kaufmann. Ham¬
burg 1961, S. 21 f. und 28 f.; Bernhart JAHNIG, Die Anfange der Sakraltopographie von Riga.
In: Studien (wie Anm. 13), S. 123-158.
24 Heinrich von Lettland (wie Anm. 15), VI, 2-3, S. 18 f.
25 Heinrich von Lettland (wie Anm. 15), XIII, 3, S. 100 f.
26 Gustav ABB / Gottfried WENTZ, Das Bistum Brandenburg. Tl. 1 (GERMANIA SACRA, I, 1/1).
Berlin 1929. Gottfried Wentz, Das Bistum Havelberg (Germania Sacra, I, 2). Berlin 1933.
274
Mario Glauert
Angehoriger dieses Ordens. Ihm mag es daher nicht nur, wie einst in den zwi-
schen Elbe und Oder gelegenen Kathedralen, um eine Reform der Kanoniker
gegangen sein, sondern auch um eine bewuGte Loslosung des Stifts aus der
Verbindung zu den holsteinischen Regularkanonikern. Den neuen Propst Jo¬
hannes holte Albert indes nicht aus dem mit Livland eng verbundenen Unser-
Lieben-Frauen Kloster in Magdeburg, sondern aus dem Pramonstratenserstift
Scheda, einer Filialgriindung von Cappenberg, dem Mutterhaus der Pramon-
stratenser in Westfalen. Er lockerte damit die traditionelle Bindung an das Erz-
bistum Bremen-Hamburg, ohne sie durch eine neue an den Magdeburger Erz-
bischof zu ersetzen.27 Moglicherweise sollte so eine EinfluGnahme der beiden
potentiellen Metropolitankirchen auf Livland begrenzt werden, da Albert wohl
schon zu dieser Zeit eine eigene Kirchenprovinz im Blick hatte.
C. Mettig nahm zudem an, daG es fur Albert von Bekeshoveden wohl nicht
zuletzt das missionarische und kolonisatorische Vorbild des Bischofs Isfried
von Ratzeburg (*)* 1204)28 und seines Domkapitels war, das ihn zur Ubernahme
der Pramonstratenserregel bewog.29 Aus den Pramonstratenserkonventen von
Jerichow, Gottesgnaden und Ratzeburg soil Albert auch Monche an sein neues
Domkapitel mitgebracht haben.
1211 erfolgten eine Verlegung des Domes und die Errichtung eines kloster-
lichen Domhofes auf einem Gelande zwischen Diina und Rigebach auGerhalb
der altesten Stadtmauer Rigas.30 Die (iberlieferten Bauformen der Konventsge-
baude und nicht zuletzt die nachweisbaren Kapitelsamter deuten darauf hin,
daG die Kanoniker bis in die zweite Halfte des 14. Jahrhunderts einer vita com¬
munis unterlagen.31 Nach dem Propst, der im 13. Jahrhundert zugleich die
Funktion eines Archidiakons wahrnahm, erscheint in den Urkunden seit 1226
ein Prior an der Spitze der Domherren.32 Ihm folgte gewohnlich der fur die
Hans BERNHOFT, Das Pramonstratenser Domstift Ratzeburg im Mittelalter. Verfassung,
Standisches, Bildung. Ratzeburg 1932.
27 Elm (wie Anm. 17), S. 157 f.; Bernhart JAHNIG, Die Verfassung der Domkapitel der Kir¬
chenprovinz Riga. In: Kirchengeschichtliche Probleme des PreuBenlandes aus Mittelalter und
Friiher Neuzeit. Hrsg. v. Bernhart JAHNIG (Tagungsberichte der Historischen Kommission
fur ost- und westpreuftische Landesforschung, Bd. 16). Marburg 2001, S. 53-72, hier: S. 59 f.
28 Vgl. zu ihm zuletzt Clemens BRODKORB, ,,Isfried“ (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S.
603 f. (mit weiterer Literatur).
29 Mettig, Verfassungsgeschichte (wie Anm. 1), S. 513 f.
30 Vgl. JAhnig, Sakraltopographie (wie Anm. 23), S. 144-146.
31 Vgl. Metitg, Verfassungsgeschichte (wie Anm. 1), S. 521-528; DERS., Bemerkungen (wie
Anm. 1), S. 386 f.
32 Zur Bedeutung des Priorenamtes in pramonstratensischen Domkapiteln vgl. etwa BERNHOFT
(wie Anm. 26), S. 13 f.
Das Domkapitel von Riga
275
gemeinsame Verpflegung zustandige Cellarius / Kellermeister, - auc^
Hinweis auf die klosterliche Lebensform des Kapitels.33 s
ein
Der Habitswechsel 1373/74 unter Erzbischof Siegfried Blomberg
Die Geschichte des Erzstifts Riga im 14. Jahrhundert war gepragt von den
immer wieder auflebenden Konflikten zwischen den Erzbischofen, die haufig
an der Kurie in Avignon weilten, und dem Deutschen Orden. Streitpunkte
waren vor allem die weldiche Vorherrschaft im Bistum, der EinfluB auf die
wirtschaftliche Metropole Riga und die Gefolgschaft der erzstiftischen Vasal-
len.33 34 1366 kam es nach der Vermittlung Kaiser Karls IV. auf einer hochrangig
besuchten Versammlung in Danzig zwar zu einem KompromiB, bei dem der
livlandische Ordensmeister auf die Stadtherrschaft iiber Riga und Erzbischof
Fromhold von Vifhusen auf alle Hoheitsanspriiche gegeniiber dem livlandi-
schen Orden verzichtete, doch wurde eine Umsetzung der Ubereinkunft vom
Erzbischof an der Kurie erfolgreich verhindert.35
Fromhold starb Ende Dezember 1369 in Rom36, wo die papstliche Kurie fur
kurze Zeit ihren Sitz genommen hatte, und Papst Urban V. ernannte am 11.
33 Zu den tibrigen Kapitelsamtern bis 1374 vgl. die Ubersichten bei METTIG, Verfassungsge-
schichte (wie Anm. 1), S. 534-537, und ARBUSOW (wie Anm. 6) III, S. 76-78. Neben Propst,
Prior und Kellerer sind folgende Amter belegt: Camerarius (seit 1226), Scholaster, Kustos
und Kantor (seit 1239), Sacrista (1251) und Thesaurarius (erstmals 1361). Einzelne Domher-
ren waren zugleich Pfarrer an der Rigaer Stadtpfarrkirche St. Petri.
34 Vgl. Ernst SERAPHIM, Geschichte Liv-, Est- und Kurlands von der ,,Aufsegelung“ des Lan¬
des bis zur Einverleibung in das russische Reich, Bd. 1, Reval 1895, S. 117-145; Leonid
ARBUSOW, GrundriB der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands. Riga 41918, S. 40-53;
GlRGENSOHN (wie Anm. 9), S. 1-84; Manfred HELLMANN, Livland und das Reich. Das Pro¬
blem ihrer gegenseitigen Beziehungen. Vorgetragen am 5. Februar 1988 (SlTZUNGSBERJCHTE
DER BAYERISCHEN AKADEMIE DER WlSSENSCHAFTEN. PHILOSOPHISCH- HlSTORISCHE
Klasse, H. 6). Miinchen 1989, S. 15-32; DERS., Der Deutsche Orden und die Stadt Riga. In:
Stadt und Orden. Das Verhaltnis des Deutschen Ordens zu den Stadten in Livland, PreuBen
und im Deutschen Reich. Hrsg. v. Udo Arnold (QuELLEN UND Studien ZUR GESCHICHTE
des Deutschen Ordens, Bd. 44 = VerOffentlichungen der Internationalen
Historischen Kommission zur Erforschung der Geschichte des Deutschen
Ordens, Bd. 4). Marburg 1993, S. 1-33; Bernhart JAHNIG, Der Deutsche Orden und die liv-
landischen Bischofe im Spannungsfeld von Kaiser und Papst. In: NORDOST-ARCHIV.
Zeitschrift for Regionalgeschichte NF 8 (1998) H. 1, S. 47-63, hier: S. 57-59. Ders.,
Der Entwicklungsstand der Deutschordensherrschaften in PreuBen und Livland in der ersten
Halfte des 14. Jahrhunderts. In: Ein gefullter Willkomm. Festschrift fur Knut Schulz zum 65.
Geburtstag. Hrsg. v. Franz J. Felten, Stephanie IRRGANG und Kurt WESOLY. Aachen 2002,
S. 217-234.
35 LECUB 2, Nr. 1036 (1366 Mai 7). Vgl. hierzu Bernhart JAHNIG, Der Deutsche Orden und
Karl IV. In: BlA'ITER FOR DEUTSCHE LANDESGESCHICHTE 114 (1978) S. 103-149, hier: S.
124 f., und DERS., 1366. Der Tag von Danzig. In: OSTDEUTSCHE Gedenktage 1991. Bonn
1990, S. 236-239.
36 Vgl. zu ihm ARBUSOW (wie Anm. 6) II, S. 74, und IV, S. 55; Bernhart JAHNIG, „Fromhold
von Vifhusen“ (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S. 653 f.
276
Mario Glauert
Februar 1370 Siegfried Blomberg, der den Erzbischof an die Kurie begleitet
hatte, zu seinem Nachfolger.37 Wahrend der livlandische Ordensmeister im Mai
1373 eine breite politische Front gegen den Erzbischof zu Schmieden versuch-
te38, bemuhte sich Siegfried weiterhin von Avignon aus um eine Starkung seines
Einflusses.
Am 10. Oktober 1373 erlaubte Papst Gregor XI. den Rigaer Domherren auf
Ersuchen des Erzbischofs, ihr weiBes Gewand gegen den braunen Habit in
Form und Schnitt der Augustinerchorherren (brunum habitum sub forma et scissura
canonicorum regularium predicti ordinis s. Augustini) zu vertauschen. Der Erzbischof
hatte dem Papst berichtet, daG das Kapitel zunachst „unter der Regel und dem
schwarzen Gewand der Augustiner“ begriindet worden sei {quod olim in prima
fundatione Rigensis ecclesiae praepositus, canonici et capitulum eiusdem ecclesie sub ordine et
nigro habitu canonicorum regularium s. Augustini, in honorem Dei sub vocabulo b. Mariae,
virginis gloriosae, legitime instituti fuerunt) und erst Bischof Albert von Riga dieses
Gewand, bevor die Kirche zur Metropole erhoben wurde, gegen ein weiBes
vertauscht habe, als das Kapitel Praemonstratensis ordinis titulum angenommen
habe. Zum Zeichen ihrer fruheren institutio und ihres Habits wiirden die Dom¬
herren noch immer — wie die regulierten Kanoniker — leinene Chorrocke unter
ihrem Skapulier tragen {in signum prorum institutionis et habitus — ad instar canoni¬
corum regularium - camissas lineas subtus loco scapularis adhuc deferunt depresent}).39
Neben der historischen Rechtfertigung des Habitswechsels, die zugleich den
einzigen Hinweis auf die urspriingliche Regel des Konvents in Uxkiill bzw. Riga
gibt, fuhrte Siegfried Blomberg noch zwei weitere Motive fur seine ungewohn-
liche Bitte an: In der gesamten Kirchenprovinz Riga, so erklarte der Erzbischof,
gebe es keine weitere Niederlassung des Pramonstratenserordens. Zudem sei
das Gewand der regulierten Chorherren fur die Rigaer Kirche „ehrenwerter und
stattlicher" {honestior et expendientior) als der Pramonstratenserhabit, so daG viele
wegen des Gewandes, das dort in gewisser Weise verschmaht sei {qui ibidem
quodamodo despectiosus existit), dem Orden nicht beitreten wollten.
Welche Griinde den Rigaer Erzbischof tatsachlich bewogen, sein Domka-
pitel der Augustineregel zu unterwerfen, ist in der Forschung viel diskutiert
worden. Kallmeyer40 und Mettig haben den Wechsel des weiBen Pramonstra-
tenserhabits vor allem als bewuGte Abgrenzung zum erklarten politischen Geg-
ner in Livland, dem Deutschen Orden mit seinem ebenfalls weiBen Mantel,
gedeutet: ;,,Die Pflicht der Selbsterhaltung erforderte die Annahme der schwar-
37 Vgl. zu ihm ARBUSOW (wie Anm. 6) II, S. 50, und III, S. 43; Bernhart JAHNIG, „Siegfried
Blomberg“ (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S. 654.
38 Vgl. HELLMANN, Der Deutsche Orden und die Stadt Riga (wie Anm. 34), S. 24.
LECUB3, Nr. 1094.
40 Kallmeyer (wie Anm. 2), S. 214-218.
Das Domkapitel von Riga
277
zen Tracht der Augustiner, womit das Capitel seine Selbstandigkeit nach aussen
darzuthun gedachte, denn jede, auch nur ausserliche Gemeinschaft mit dem
machtigen Nebenbuhler war gefahrdrohend."41 Stavenhagen vermutete, daB die
Aufhebung der vita communis und die Prabendenverteilung die Rigaer Domher-
ren in der Vertretung weltlicher Interessen widerstandsfahiger machen und
zugleich die Unterstiitzung der einfluBreichen rigischen Vasallen gewinnen
sollte, deren Sohne durch die lockenden Prabenden nun veranlaBt werden
mochten, dem Kapitel in groBerer Zahl beizutreten.42 Ahnlich nahmen auch
Jahnig und Hellmann an, Erzbischof Siegfried hoffte, „durch die Aufhebung
des klosterlichen Zusammenlebens das Interesse der Vasallenfamilien fur die
Pfrunden zu wecken und damit eine politische Starkung zu erhalten“.43
Der Wechsel des Gewandes, dessen historische Berechtigung dahingestellt
bleiben muB, auch wenn sie an der Kurie nicht wenig zum Erfolg der Bitte
beigetragen haben wird, diirfte somit vor allem dem Ziel gedient haben, die
Attraktivitat des Kapitels fur die Sohne der machtigen Stiftsfamilien zu steigern
und mit diesem territorialen Ruckhalt auch den politischen EinfluB des Kapitels
in der Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden in Livland zu starken.
Ob diese MaBnahme indes zu einem ablesbaren Erfolg fuhrte, darf bezweifelt
werden. Wie H. von Bruningk schon 1908 gezeigt hat, sind unter den Rigaer
Domherren, deren Namen in ihrem 1393/94 ausbrechenden Konflikt mit dem
Orden recht gut dokumentiert sind, keine Mitglieder der groBen Vasallen famili¬
en des Erzstifts nachweisbar.44
Die tatsachliche Umwandlung des Rigaer Kapitels erfolgte offenbar nicht
sofort, sondern erst nachdem am 23. Oktober 1374 der letzte Prior des Kon-
vents, Johann von Sinten, anstelle des am 30. Juni 1374 in Avignon verstorbe-
41 METT1G, Verfassungsgeschichte (wie Anm. 1), S. 520.
42 In: AuR 1, S. 94, Anm. 1. Stavenhagens Hinweis, durch den Habitswechsel sollte auch ein
engerer Anschluft an das ordensfeindliche Domkapitel von Dorpat erleichtert werden, das
ebenfalls der Augustinerregel gefolgt sei, geht indes in die Irre, da das Dorpater Kapitel
schon seit 1264 nicht mehr reguliert war. Vgl. Axel von GERNET, Verfassungsgeschichte des
Bistums Dorpat bis zur Ausbildung der Landstande (VERHANDLUNGEN DER GELEHRTEN
Estnischen Gesellschaft, Bd. 17). Dorpat 1896, S. 43-46; JAHNIG, Verfassung (wie Anm.
27), S. 62.
43 Bernhart JAHNIG, Johann von Wallenrode O.T. Erzbischof von Riga, Koniglicher Rat,
Deutschordensdiplomat und Bischof von Liittich im Zeitalter des Schismas und des Kon-
stanzer Konzils (um 1370-1419) (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen
Ordens, Bd. 24). Bonn-Godesberg 1970, S. 8; ahnlich DERS., Der Kampf des Deutschen
Ordens um die Schutzherrschaft iiber die livlandischen Bistumer. In: Ritterorden und Kirche
im Mittelalter. Hrsg. v. Zenon Hubert NOWAK (Ordines militares. COLLOQUIA
TORUNENSIA HiSTORICA, Bd. 9). Torun 1997, S. 97-111, hier: S. 102; HELLMANN, Livland
und das Reich (wie Anm. 34), S. 27.
Bruiningk (wie Anm. 7), S. 77.
44
278
Mario Glauert
nen Siegfried Blomberg zum Erzbischof erhoben worden war.45 Im Dezember
1375 spricht eine Urkunde erstmals vom capitulum ecclesiae Rigensis ordinis sancti
Augustini.46
Die Streitigkeiten unter Erzbischof Johann von Sinten (1374-1391)
Im Gegensatz zu seinen Vorgangern blieb der neue Erzbischof Johann von
Sinten in seiner Diozese und residierte nicht in Rom oder Avignon, wo seit
1378 zwei Papste um die RechtmaGigkeit ihrer Anspriiche kampften. Das groBe
abendlandische Schisma hatte auch unmittelbare Auswirkungen auf die livlandi-
sche Kirchenpolitik. 1378 kam es im Bistum Dorpat zu einer Doppelwahl: Der
romische Papst Urban VI. ernannte den Protonotar Kaiser Karls IV., Dietrich
Damerau47, zum neuen Bischof, wahrend der avignonesische Papst Cle¬
mens VII. den bisherigen Propst Albert Hecht48 mit dem Bistum versah. Der
Deutsche Orden, der selbst der romischen Obodienz folgte, unterstiitzte
Hecht, obwohl dieser der avignonesischen Partei angehorte, da Damerau ein
erklarter Gegner des Ordens war. Dennoch konnte sich Damerau schliefilich
durchsetzen und 1387 das Bistum Dorpat iibernehmen.49
Wahrend sich Erzbischof Johann von Sinten aus den Konflikten um die Be-
setzung des Dorpater Bischofsstuhles zunachst herausgehalten hatte und damit
eher einen versohnlicheren Kurs zu steuern schien, konnte er bei den Streitig-
45 LECUB 6, Nr. 2906. Vgl. zu Sinten ARBUSOW (wie Anm. 6) II, S. 110, III, S. 68, und IV, S.
196; Bernhart JAHNIG, „Johannes Walteri von Sinten“ (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm.
21), S. 654 f.
46 LECUB 6, Nr. 2908 (1375 Dezember 5). Die Ernennungsurkunde Johanns von Sinten
sprach noch ausdriicklich von der ecclesia Rigensis Praemonstratensis ordinis, LECUB 6, Nr. 2906
(1474 Oktober 23).
47 Vgl. zu ihm GlRGENSOHN (wie Anm. 9), S. 4-6; Bernhart JAHNIG, Zur Personlichkeit des
Dorpater Bischofs Dietrich Damerau. In: BeitrAge ZUR GESCHICHTE WESTPREUSSENS 6
(1980), S. 5-21; DERS., Biographisches zu einigen preuftischen Bischofen und Hochmeister-
kaplanen. In: BeitrAge ZUR GESCHICHTE WESTPREUSSENS 11 (1989), S. 69-85, hier: S. 69-
72; DERS., „Damerow, Dietrich** (Art.). In: Altpreuftische Biographie 4, S. 1197; DERS., „Diet-
rich Damerau** (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S. 149 f.; Gerhard FOUQUET, Das
Speyerer Domkapitel im spaten Mittelalter (ca. 1350-1540). Adlige Freundschaft, fiirstliche
Patronage und papstliche Klientel (QUELLEN UND ABHANDLUNGEN ZUR
mittelrheinischen KlRCHENGESCHlCHTE, Bd. 57). Mainz 1987, Teil 2, S. 424 f. (Nr. 90);
Teresa BORAWSKA, „Damerau, Teodoryk (Dietrich)** (Art.). In: Slownik biograficzny kapituly
warminskiej. Bearb. v. Teresa BORAWSKA, Marian BORZYSKOWSKI, Andrzej KOPICZKO und
Julian \J(7ojtkowski (Rozprawy naukowe WYZSZEGO SEMINarium duchownego
METROPOLII WARMINSKIEJ „HOSIANUM** W OLSZTYNIE, Bd. 1). Olsztyn 1996, S. 37 f.
48 Zu ihm siehe ARBUSOW (wie Anm. 21) II, S. 15, und IV, S. 78; GlRGENSOHN (wie Anm. 9),
S. 6-10; Hans SCHMAUCH, Die Besetzung der Bistumer im Deutschordensstaate (bis zum Jah-
re 1410). In: ZGAE 20 (1919), S. 643-752 [Teil 1], und 21 (1923), S. 1-102 [Teil 2], hier: II, S.
89 f.; Bernhart JAHNIG, „Albert Hecht** (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S. 148.
49 Vgl. zu der Auseinandersetzung um Dorpat GlRGENSOHN (wie Anm. 9), S. 6-10, und
JAHNIG, Personlichkeit (wie Anm. 47), S. 13-15.
Das Domkapitel von Riga
279
keiten im Bistum Osel eine Parteinahme gegen den Orden nicht mehr verhin-
dern. Nachdem Bischof Heinrich Biscop von Osel Anfang 1381 von seinen
Domherren gefangengesetzt und ermordet worden war, iibernahm Johann von
Sin ten im Auftrag des Papstes die Untersuchung des Falls, konnte aber keine
Schlichtung herbeifuhren, sondern geriet bald selbst zwischen die Fronten und
erhob heftige Schuldvorwurfe gegen den Deutschen Orden als Antreiber des
Mordes.50 Erst auf einer Standeversammlung in Wolmar kam es um die Jahres-
wende 1382/83 zu einer Einigung51, in deren Folge Winrich von Kniprode zum
Verweser (provisor) des Bistums bestellt und 1385 zum neuen Bischof geweiht
wurde.52
Auch im Erzstift selbst verscharften sich die Konflikte zwischen Johann
von Sinten und dem livlandischen Orden zunehmend. In den wiederholten
Auseinandersetzungen, welche die Vasallen des Erzstifts mit dem Erzbischof
und dem Domkapitel von Riga um die Vergabe der erzstiftischen Lehngiiter
fuhrten, unterstiitzte der Deutsche Orden die Vasallen mit erheblichen Geld-
summen. Als 1388 der Ritter Hermann von Uxkull fur 4000 Rigische Mark sein
SchloB Uxkull an den Orden verpfandete, protestierten Erzbischof und Dom¬
kapitel zwar energisch, doch die Ritter folgten ihrem Lehnsherrn nicht. Johann
von Sinten brachte den Streit vor die romische Kurie53, die am 10. November
1390 den Bannspruch gegen den livlandischen Ordenszweig von 1359/61, der
1387 gerade erst aufgehoben worden war, erneuerte und verscharfte.54 Papst
Bonifaz IX. verbot im Mai 1391 die VerauBerung von erzstiftischen Giitern an
geistliche oder weltliche Personen und Institutionen auBerhalb des Stifts55, doch
der Orden und die Vasallen ignorierten die papstliche Weisung. Da die Aus-
sichten, die Probleme auf einem Standetag im Friihjahr 1391 zu ihren Gunsten
zu klaren, fur die Pralaten wohl schlecht standen und das Domkapitel zudem
mit der Stadt Riga im Streit lag56, verlieBen Erzbischof und Domherren Livland,
nachdem sie dem Orden den Schutz der Diozese aufgetragen hatten.57 Mit
Zustimmung der rigischen Vasallen besetzte der Orden daraufhin die unbe-
mannten erzstiftischen Burgen mit der Erklarung, die Einkiinfte des Stifts -
50 Vgl. Girgensohn (wie Anm. 9), S. 11-18.
51 AuR I, Nr. 114. Vgl. auch AuR I, Nr. 116, LECUB 3, Nr. 1197 (1383 November 15).
52 Vgl. zu ihm zuletzt Mario GLAUERT und Bernhart JAHNIG, „Winrich von Kniprode“ (Art.).
In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S. 496 f.
53 Vgl. die Zitation durch einen papstlichen Legaten vom 10. Januar 1390, LECUB 3, Regest
Nr. 1510, sowie die Wiederholung vom 27. Juni 1392, ebd., Nr. 1318.
54 LECUB 3, Nr. 1275.
55 LECUB 3, Nr. 1295 (1391 Mai 10).
56 Vgl. LECUB 3, Nr. 1299 (1391 August 8), 1300 (1391 August 8) und 1301 (1391 Oktober 3).
57 Vgl. JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 9 f.
280
Mario Glauert
vorbehaltlich der eigenen Unkosten - der papstlichen Kammer reservieren zu
wollen.58
Im Mai 1391 hielten sich Johann von Sinten, der Propst Johann Soest und
die Domherren Johann Vend und Johann Bochem in Liibeck auf, wo ein
Schlichtungstag beschlossen wurde. Wegen angeblicher Kontakte zu den Litau-
ern59 wurde der nach Livland zunickkehrende Propst Johann Soest aber ebenso
wie die iibrigen Domherren vom livlandischen Ordensmeister gefangenge-
nommen, um ihren „Komplotten und Verschworungen“ (conspirationes et confoe-
derationes) ein Ende zu machen.60 In Lemsal lieB der Orden am 19. Februar 1392
die versammelten Vasallen des Erzstifts eine notarielle Erklarung abgeben, daB
sie ihre Lehnsgiiter seit alters her innerhalb und auBerhalb der Diozese ver-
pfanden durften, wenn sie die Giiter dem Erzbischof als erstem angeboten
hatten.61
Erzbischof Johann von Sinten und die in Liibeck verbliebenen Domherren
bemiihten sich unterdessen, um hochrangige Unterstiitzung und kniipften
Kontakte zu Konig Wladyslaw-Jagiello von Polen und Konigin Margarethe
von Danemark.62 Hohepunkt ihrer Bemiihungen war das Eintreten des romi-
schen Konigs Wenzel, der dem Orden wegen dessen Weigerung, die Neumark
von seinem jiingeren Bruder Johann von Gorlitz als Pfand zu nehmen, gerade
nicht wohl gesonnen war: Nachdem Johann von Sinten vorgegeben hatte, die
Rigaer Kirche sei occasione regalium et feudorum unmittelbar dem Reich unterwor-
fen, erklarte Wenzel den Erzbischof von Riga am 30. Januar 1393 zum „Reichs-
fursten“, unterstellte die Kirche seinem Schutz und forderte den Deutschen
Orden auf, den Streit durch koniglichen Entscheid zu beenden.63 Doch der
Kampf um die Macht im Erzstift wurde in den folgenden Monaten keineswegs
vor dem Romischen Konig ausgetragen, dessen Lehnszustandigkeit sich kaum
begninden lieB64, sondern, wie in den Jahrzehnten zuvor, an der romischen
Kurie.
58 LECUB 3, Nr. 1333 (1392 Oktober 12). Vgl. auch LECUB 4, Nr. 1349 (1394 Marz 10).
59 Der zeitgenossische preuftische Chronist Johann von Posilge berichtet: Ouch hatte der ordin
briffe und ganczg gemsheyt, das der ert^bisschoff die Uttowen und Russen geladin hette, das sie die slos yn
suldin nehmen deme ordin c^u schadin. Druck: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichts-
quellen der preuflischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft, Bd. 3. Hrsg. v.
Theodor HlRSCH, Max TOPPEN und Ernst STREHLKE, Leipzig 1866, ND Frankfurt/M. 1965,
S. 184.
60 BGP 1, Nr. 221 (1392 Oktober 12); Vgl. auch die Schilderung bei LECUB 3, Nr. 1336 (1392
Oktober 29).
61 AuRI,Nr. 136.
62 Vgl. JAhnig, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 10 f.
63 LECUB 3, Nr. 1338.
64 Vgl. hierzu Manfred HELLMANN, Die Verfassungsgrundlagen Livlands und Preufiens im
Mittelalter. Ein Beitrag zur vergleichenden Verfassungsgeschichte. In: OSTDEUTSCHE
WlSSENSCHAFT. JAHRBUCH DES OSTDEUTSCHEN KULTURRATES 3/4 (1956/57) S. 78-108, und
Das Domkapitel von Riga 281
Die Einsetzung des Erzbischofs Johann von Wallenrode 1392/93
Da bei Papst Bonifaz IX. immer mehr hochrangige Unterstutzungschreiben
eingingen, wurde dem Orden bald klar, daB er nun schnell eine Losung herbei-
fuhren muBte65: Anfang 1392 bat der livlandische Ordensmeister Wennemar
von Bruggenoy den Generalprokurator des Ordens an der romischen Kurie,
Nikolaus von Danzig, beim Papst eine Ablosung des Erzbischofs zu betreiben.
Nikolaus sollte dafur sorgen, daB ein Ordensbruder mit der Leitung des Erzbi-
stums betraut werde und kiinftig niemand mehr in das Domkapitel von Riga
aufgenommen werde, der nicht zuvor als Priesterbruder dem Orden beigetreten
sei {quod [...] arcbiepiscopatum Rigensem perfratrem ordinis regi et de cetero neminem ad
canonicatum eiusdem ecclesie elegi sive recipi, nisi ordinem nostrum prius publice profiteretur).
Der Generalprokurator gab zwar zu bedenken, daB die Durchsetzung eines
solchen Privilegs immense Summen erfordern wurde, doch der Ordensmeister
wollte dafur keine Kosten scheuen (expensas non curaremus).66
Der Wunsch des livlandischen Ordensmeisters zeigt, daB der Orden nicht
mehr an einer kurzfristigen Losung des seit Jahrzehnten andauernden Konflikts
im Erzstift interessiert war, sondern das Problem nun grundsatzlich losen
wollte. Es ging nicht nur darum, einen unbequemen Erzbischof durch einen
freundlicher gesonnenen Kandidaten zu ersetzen, sondern den EinfluB der
Ordensfuhrung auf die Besetzung des Bischofsstuhles langfristig zu sichern.
Das Mittel dazu war hinlanglich bekannt und in vier anderen Bistiimern der
Erzdiozese bereits seit iiber hundert Jahren erprobt: die Bindung der fur die
Bischofswahl zustandigen Domherren an die Regel des Deutschen Ordens.
An der Kurie, das hatte der Generalprokurator deutlich betont, zahlten vor
allem die finanziellen Vorteile, die der Papst von einer Parteinahme fur den
Orden erwarten konnte. Der Orden bot Bonifaz IX. fur die Umsetzung seiner
Wiinsche neben weiteren Zahlungen vor allem die Einkiinfte des Erzstifts seit
der Flucht Johanns von Sinten an, die man fur die Zeit von Anfang 1391 bis
zum 1. Oktober 1393 abziiglich der eigenen Verwaltungsaufwendungen auf
11.500 Gulden bezifferte.67 Einzelheiten iiber die Verhandlungen, die seit
Bernhart JAhnig, Rechtsgrundlagen der Deutschordensherrschaft in Livland. Von den kir-
chenrechtlichen Regelungen der Schwertbniderzeit bis zur Abwehr lehnsrechtlicher Forde-
rungen der Erzbischofe im 14. Jahrhundert. In: ZAPISKI HiSTORYCZNY 57 (1992) S. 547-563.
65 Der Landmeister hatte dem Hochmeister schon im September 1392 empfohlen, sich an die
Fiirsten zu wenden, da die Rigaer Domherren ihre Unterstiitzungsschreiben vermutlich nur
von den Kanzlern erhalten hatten; LECUB 3, Nr. 1324 (1392 September 12), BGP 1, Nr.
218.
66 BGP 1, Nr. 209 (1392 April 19).
67 Vgl. die spateren Abrechnungen LECUB 4, Nr. 1349 (1394 Marz 10) und 1357 (1394 Marz
26). - JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 17, halt die Summe angesichts des servicium com¬
mune von 800 Gulden, das bei einer Bischofswahl in Riga fallig wurde und rund ein Drittel
der jahrlichen Einkiinfte des Stifts betragen sollte, als „zugunsten der Kurie erhoht“. Ver-
282
Mario Glauert
Sommer 1393 der neue Generalprokurator Johann vom Felde in Rom fuhrte,
sind kaum iiberliefert68, wohl aber ihr Ergebnis: Mitte September 1393 ernannte
der Papst Johann von Sinten zum Patriarchen von Alexandria und providierte
einen Neffen des kurz zuvor am 25. Juli 1393 verstorbenen Hochmeisters Kon¬
rad von Wallenrode, den in Bologna studierenden Johann von Wallenrode, mit
dem Erzbistum Riga.69 Zugleich hob er am 24. September 1393 alle geistlichen
Strafen gegen den Deutschen Orden in Livland auf.70
Johann begab sich unmittelbar nach seiner Ernennung nach PreuBen, wo
noch vor seiner Ankunft am 30. November 1393 Konrad von Jungingen zum
neuen Hochmeister gewahlt wurde. Als Johann Anfang Dezember in Marien-
burg eintraf, begriiBte man ihn bereits als geweihten Erzbischof. GemaB einer
papstlichen Erlaubnis71 legte er das Gewand des Deutschen Ordens an.
Die „Inkorporation" von 1394
Mit der Absetzung des ordensfeindlichen Johann von Sinten und der Provision
des Hochmeisterneffen Johann von Wallenrode hatte der Deutsche Orden sein
erstes Ziel erreicht. Nun gait es, die Besetzung des erzbischoflichen Stuhles
durch einen Priesterbruder des Ordens auch fur die Zukunft zu sichern.
Am 10. Marz 1394 lieB Papst Bonifaz IX. zunachst den Rechtsstreit zwi-
schen dem Rigaer Domkapitel und dem livlandischen Ordenszweig fur ein Jahr
aussetzen.72 Unter demselben Datum ordnete er zudem an, daB wegen der lan-
ge andauernden, dem christlichen Glauben abtraglichen Streitigkeiten zwischen
den Erzbischofen und Domherren einer- und dem livlandischen Ordenszweig
andererseits in Zukunft niemand als Domherr, Propst, Dekan oder in ein ande-
res Amt dieser Kirche aufgenommen werden diirfe, wenn er nicht zuvor die
Regel des Deutschen Ordens angenommen habe (nisi prius regularem professionem,
per fratres praedicti hospitalis emitti consuetam, emiserit). Nachdem alle Kanoniker,
gleicht man die Zahlen aber mit der jahrlichen Rente von 4.000 Gulden, die Wallenrode 1405
zugesprochen wurde, diirften sie durchaus zutreffend die finanziellen Moglichkeiten des
Stifts beschreiben.
68 Vgl. JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 14 f.
69 Der Generalprokurator Johann vom Felde leistete fur Johann von Wallenrode am 27. Sep¬
tember 1393 das Versprechen, die bei der Provision falligen Servitien zu zahlen (Obligation);
BGP 1, Nr. 226; Rep. Germ. 2, Sp. 738. Zu Johann von Wallenrode vgl. JAHNIG, Wallenrode
(wie Anni. 43), passim. Ansgar FRENKEN, Art. „Wallenrode, Johannes“. In: Biographisch-
bibliographisches Kirchenlexikon. Bd. 13. 1998, Sp. 215-218. Bernhart JAHNIG / Alfred
MlNKE, Art. „Johannes von Wallenrode (OT)“. In: Bischofe 1198 (wie Anm. 21), S. 380-382.
70 LECUB 3, Nr. 1344 (1393 September 24).
7’ LECUB 6, Regest Nr. 1641a (o. D. [1394]).
72 LECUB 4, Nr. 1350 (1394 Marz 10). Wegen der anhaltenden Opposition der Domherren
wurde der Streit im September um eine weiteres Jahr (ab 10. Marz 1395 gerechnet) ausge-
setzt; LECUB 4, Nr. 1364 (1394 September 1).
Das Dorhkapitel von Riga
283
auch Propst, Dekan und die iibrigen Amtstrager, oder wenigstens der groGere
Teil von ihnen, dem Orden beigetreten seien, sollte die Kirche nicht mehr als
Kirche des heiligen Augustinus, sondern als Kirche des Deutschen Ordens
betrachtet und bezeichnet werden (ecclesia ipsa ex tunc non s. Augustini, sed b. Ma-
riae Theutonicorum ordinis praedicti censeatur et perpetuo nuncupetur). Die Domherren
und alle Amtstrager sollten den Habit des Deutschen Ordens tragen und alle
Domherren, die Amter erstrebten, sollten die dafur erforderlichen Weihen
empfangen. Alle derzeitigen Kanoniker sollten, wenn sie wollten, auch so fort
die Regel des Deutschen Ordens annehmen diirfen.73
Nachdem der Orden am 15. Marz an der papstlichen Kammer mit 5.000
Gulden einen Abschlag auf jene 11.500 Gulden entrichtet hatte, die man dem
Papst aus den Einkiinften des Erzstifts zuerkannt hatte74 75, erganzte und spezifi-
zierte Bonifaz IX. das Privileg am 20. Marz 1394 noch um zwei weitere Be-
stimmungen: Zum einen ordnete er an, daB fortan jeder, der als Kanoniker in
die Rigaer Kirche aufgenommen werden sollte, vom livlandischen Ordensmei-
ster postuliert und gebilligt werden miisse {postulari et per ilium approbari debeat),
so wie die Domherren in den preuGischen Domkirchen des Ordens gewohnlich
vom Hochmeister postuliert und gebilligt wiirden {postulari et per ilium approbari
consueverunt).lb Zum anderen gewahrte er der Ordensfuhrung ein Visitations-
recht fur das Rigaer Domkapitel.76
Die papstlichen Bullen, deren Regelungen weitgehend den Wiinschen des
Ordens entsprochen haben diirften, lassen erkennen, daB die Ordensleitungen
in PreuGen und Livland an das neue Domkapitel mindestens drei Bedingungen
stellten: Die Inhaber der Dignitaten wie auch die einfachen Domherren muGten
dem Orden als Priesterbriider angehoren. Ihre Aufnahme ins Kapitel sollte an
die Billigung des Ordensmeisters gebunden sein, dem ein uneingeschranktes
Postulationsrecht zukam, und die Ordensfuhrung sollte ein Visitationsrecht
besitzen, mit dessen Hilfe sie Lebensfuhrung und Oboedienz der Domherren
wie in jedem anderen Ordenskonvent zu kontrollieren und gegebenenfalls auch
zu korrigieren vermochte.
Der ausdriickliche Verweis auf die preuGischen Domkapitel des Deutschen
Ordens macht klar, welche Regelungen man sich dabei zum Vorbild nahm. Im
November 1395 sandte Hochmeister Konrad von Jungingen dem livlandischen
73 LECUB 4, Nr. 1351.
74 Quittung der papstlichen Kammer, LECUB 4, Nr. 1352.
75 LECUB 4, Nr. 1353
76 Abschrift Geheimes Staatsarchiv PreuBischer Kulturbesitz, Berlin, XX. Hauptabteilung,
Ordensfoliant Nr. 272, p. 403 f.; Druck bei Mathias DOGIEL, Codex diplomaticus Regni Po-
loniae. Bd. 5. Wilna 1759, Nr. 73; Regest LECUB 6, Regest Nr. 1641b (1394 о. T.).
284
Mario Glauert
Ordensmeister zudem eine ausfuhrliche Darstellung iiber den Ablauf der jahrli-
chen Amterwahlen in den thumkirchen unsers ordens %u Prusen.11
Nicht berticksichtigt hatte man 1394 die Moglichkeit, daB das Kapitel trotz
seiner Oboedienzverpflichtung gegeniiber der Ordensfuhrung einen nicht dem
Deutschen Orden angehorigen Geistlichen mit der Leitung der Diozese betrau-
en konnte. Diese zumindest denkbare Variante lieB der Orden drei Jahre spater
durch ein weiteres Mandat verhindern: Am 7. April 1397 gewahrte ihm Papst
Bonifaz IX. - auf Bitten Johanns von Wallenrode - das Privileg, daB zukiinftig
niemand als Erzbischof von Riga angenommen werden sollte, der nicht Bruder
des Deutschen Ordens sei.77 78 Gegen eine papstliche Provision, die nicht an die
Entscheidung des Domkapitels gebunden war, konnte indes auch dieses Privi-
leg den Orden nicht schiitzen.
Auffallig ist vielleicht, daB in keiner der papstlichen Urkunden der Begriff
der ,,Inkorporation“ verwendet wurde. Die Texte bezeichnen die Rigaer Kirche
lediglich als ecclesia b. Mariae Theutonicorum ordinis oder geben die professio regularis
des Deutschen Ordens fur die Kapitelsmitglieder als verbindlich vor.
Der Streit um die ,,alten“ Domherren
Ein ungelostes Problem blieben unterdessen die alten, seit 1391 im Reich wei-
lenden Rigaer Domherren, die sich gemeinsam mit Johann von Sinten einer
Umsetzung der 1394 getroffenen Bestimmungen widersetzten. Ende Oktober
1394 forderte Erzbischof Johann von Wallenrode den Propst Johann (Soest)
und die Domherren Johann Witten, Johann von Emeren, Johann Ludowici,
Johann vom Berge (de Monte), Magister Hermann Keyser, Johann Bochem
(Boccham) und Friedrich Grympe auf, innerhalb von sieben Wochen auf ihre
Pfriinden ins Erzstift zuriickzukehren, wofiir ihnen der Hochmeister Geleit
gewahrt habe.79 Doch die alten Domherren weigerten sich und wahlten am
Prager Hof Konig Wenzels dessen Verwandten, den Herzogsohn Otto von
Stettin, als filium adoptivum Johanns von Sinten zum neuen Erzbischof.80 Konig
Wenzel verlieh Otto die Temporalien fur das Erzstift und beauftragte Ottos
Vater, Herzog Swantibor von Stettin, ihn in den Besitz der Kirche einzufuh-
ren.81
77 LECUB 4, 1395 ([1395] XI 6). Vgl. dazu auch Mario GLAUERT, Das Domkapitel von Pome-
sanien (1284-1527). Torun 2003, S. 240 f.
78 LECUB 4, Nr. 1446.
79 Druck bei Mettig, Bemerkungen (wie Anm. 1), S. 401 (1394 Oktober 29).
80 Vgl. das spatere Schreiben des Hochmeisters an Herzog Swantibor von Stettin, LECUB 4,
Nr. 1430 (1396 Dezember 13). JAhnig, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 19, deutet den Wahlakt
als formliche Konstituierung eines Domkapitels.
81 LECUB 4, Nr. 1366 (1394 November 9).
Das Domkapitel von Riga
285
Erzbischof Johann von Wallenrode bestimmte daraufhin am 16. Februar
1395 - lange nach Ablauf der gewahrten Frist von sieben Wochen - aus den
Reihen des Deutschen Ordens sechs neue Domherren. Ihre Namen sind nicht
bekannt, da der Inhalt der Ernennungsurkunde nur als kurze Zusammenfas-
sung in einem Urkundenverzeichnis der 1621 von Mitau nach Schweden weg-
gefuhrten Stiicke aus der Kanzlei des livlandischen Ordensmeisters iiberliefert
ist.82
Davon unbeeindruckt, bermihten sich die alten Domherren mit groBem Er-
folg um die Unterstiitzung der geistlichen und weltlichen Furs ten im Reich, so
daB sich Hochmeister Konrad von Jungingen im April 1395 gezwungen sah,
gleich in einem ganzen Biindel ahnlich lautender Schreiben die RechtmaBigkeit
der Erhebung Johanns von Wallenrode zum Erzbischof zu verteidigen.83
Gesandte des Herzogs Swantibor von Stettin beklagten sich im Juli 1395
beim Hochmeister, daB sich beim Herzog zehn Rigaer Domherren aufhielten,
die unter Geleit wieder in ihre Kirche ziehen wollten. Der Hochmeister entgeg-
nete, sie hatten mit Geleit kommen konnen, aber seinerzeit nicht gewollt. Da er
aber nicht wuBte, wie viele neue Domherren Johann von Wallenrode seitdem
eingesetzt hatte, bat er den livlandischen Ordensmeister, der Erzbischof solle
bis auf weiteres keine neuen Kanoniker ernennen, damit man gegenuber dem
Romischen Konig und anderen Fiirsten das Riickkehrangebot glaubhaft ver-
treten konne.84 Nach Auskunft eines Ungenannten (wohl des Erzbischofs Jo¬
hann von Wallenrode85) an den Hochmeister gab es zu dieser Zeit noch sieben
,,alte“ Domherren.86 Von den acht vertriebenen Kanonikern, die Wallenrode im
September 1394 namentlich zur Riickkehr aufgefordert hatte, hatte einzig Jo¬
hann Ludowici seinen Platz im Chorgestiihl des Rigaer Domes wieder einge-
nommen.87
Die Klagen des Stettiner Herzogs waren Teil einer breiten politischen Ko-
alition gegen den Deutschen Orden in Livland und Erzbischof Johann von
Wallenrode, die vor allem vom Dorpater Bischof Dietrich Damerau betrieben
wurde. Die Auseinandersetzungen miindeten 1396 in einem bewaffneten Kon-
flikt und konnten erst auf zwei Verhandlungstagen in Segewold88 und Danzig89
im Februar bzw. Juni/Juli 1397 beigelegt werden.90
82 Vgl. LECUB 6, Regest Nr. 1655a: „Johannes, archiepiscopus Rigensis, canonicos ecclesiae
Rigensis elegit ex ordine Teutonico Sc de praebendis illis investit."
83 LECUB 4, Nr. 1370-1374 (1395 April 5-10); vgl. auch ebd., Regest Nr. 1662, Nachbemer-
kung.
84 LECUB 4, Nr. 1384 (1395 Juli 6).
85 Vgl. JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 23 f.
86 LECUB 6, Nr. 2929 (o.D. [1395 Juli]).
87 Vgl. LECUB 4, Nr. 1398 (1395 November 13).
88 AuR 1, Nr. 147 (1397 Februar / Marz).
286
Mario Glauert
Der Streit um die ,,alten“ Domherren spielte in dem Konflikt allerdings kei-
ne zentrale Rolle, auch wenn sich der Rigaer Propst Johann Soest dem Biindnis
gegen den Orden anzuschlieBen suchte.89 90 91 Am 8. September 1397 starb der alte
Erzbischof Johann von Sinten bei Stettin, wo er zuletzt unter dem Schutz der
Herzoge gelebt hatte. Nach dem Bericht der fortgesetzten Chronik des Detmar
von Liibeck wahlten die sechs alten Domherren einen Nachfolger92, der aber
keine erkennbare Anstrengung unternahm, Riga fiir sich zu gewinnen.
Die Verpachtung des Erzstifts 1405
Johann von Wallenrode hatte sich in dem Konflikt mit den Vasallen seines
Stifts, die von einem Erzbischof im Ordensmantel wohl nicht zu Unrecht eine
Einschrankung ihrer Macht befurchteten, nicht immer eindeutig zur Seite des
Ordens bekannt, sondern auch selbstandig Bemiihungen um einen Friedens-
schluB unternommen, - sehr zur Verargerung des Hochmeisters, der Wallenro¬
de im November 1395 aufforderte, die Wahl neuer Domherren durch das Ka-
pitel nicht unter Verweis auf die Pfriindenanspriiche der alten, auswartigen
Kanoniker zu verhindern und so den erreichten Frieden mit dem Orden zu
gefahrden.93 Die Gegensatze zwischen dem Erzbischof und dem Deutschen
Orden traten nach dem Danziger Vertrag immer deutlicher zu Tage. Gemein-
sam mit dem Dekan Peter Valkenberg und dem Domherrn Johann Puster, die
beide Priesterbnider des Ordens waren, hob Johann von Wallenrode am 4. Juli
1399 schlieBlich die Absetzung des Propstes Johann Soest und der sechs ande-
ren alten Domherren, die sich zu diesem Zeitpunkt wohl noch immer in Lii-
beck aufhielten, auf.94 Die Annullierung deutet darauf hin, daB der EinfluB der
im Exil lebenden Domherren noch immer bedeutend war. Formal wurden sie
89 AuR 1. Nr. 148 (1397 Juni 24 - Juli 15). Vgl. hierzu auch Bernhart JAHNIG, Ein neuer Tag zu
Danzig. In: OSTDEUTSCHE GEDENKTAGE 1997. Bonn 1996, S. 271-278.
90 Vgl. ausfuhrlich JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 21-32.
91 Vgl. den Biindnisvertrag vom 5. Marz 1396, LECUB 4, Nr. 1413.
92 Scriptores rerum Prussicarum, Bd. 3 (wie Anm. 59), S. 216: Dama [nach 1397 September 8]
starf her Johan van Synten to Gart^e hi Stettin, de vore was ert^ebisscope gewesen to Rige unde dama primas
in Lettowen. By der tyd quam dat stichte to Rige an de godesriddere, also vore is gheredet. Soes domheren van
Rige weren in ener jeghene buten landes, de vorsomeden des nicht, se enkoren enen rtyen bisscop an sine stede,
allenegehen dat it en nicht vele ha Ip.
93 LECUB 4, Nr. 1398 (1395 November 13).
94 Druck des Notariatsinstruments (mit falschem Tagesdatum) bei N[ikolaus] BUSCH, Fiinf
Urkunden zur Geschichte des Rigaschen Domkapitels wahrend des Archiepiscopats des Jo¬
hannes v. Wallenrode. In: SlTZUNGSBERJCHTE DER GESELLSCHAFT FOR GESCHICHTE UND
Alterthumskunde der Ostseeprovinzen Russlands. Jg. 1900. Riga 1901, S. 167-176,
hier: Nr. I, S. 169-171. Neben dem Propst Johann Soest werden in der Urkunde die Domher¬
ren Johann Witten, Johann von Emeren, Johann vom Berge {de Monte), Johann Bocheim und
Magister Hermann Keyser genannt. Im Vergleich zur Namensliste von 1394 (vgl. bei Anm.
79) fehlt Friedrich Grympe, der aber spater wieder genannt wird (vgl. bei Anm. 106). Zusatz-
lich erscheint ein Martin Iseremenger.
Das Domkapitel von Riga
287
wohl nie aus dem Kapitel ausgeschlossen, so daB ihr Konsensrecht und ihr
Pfrundenanspruch weiterhin bestand. Wahrscheinlich wurde auch kein neuer
Propst gewahlt, so lange Johann Soest noch lebte.95
Bemiihungen Johanns von Wallenrode, Anfang September 1399 beim
Hochmeister auf der Marienburg Geleitbriefe fur die rehabilitierten Domherren
zu erhalten, blieben indes erfolglos. Konrad von Jungingen setzte den Gesand-
ten auseinander, er hatte es zwar gerne gesehen, das die kirche %u Rige %u eintracht
und %u eime besten in fruntschop und vereinunge were komen mit unserm or den, doch wiir-
den sich die alten Domherren ^u keiner eintrachty %u sune noch %u redlichkeit beken-
nen. Statt ihnen einen sicheren Zug nach Livland zu gewahren, widerrief er
aufgebracht alle friiheren Geleitbriefe.96 97Das Verhaltnis zwischen Erzbischof und Orden war zunehmend von MiB-
trauen gepragt. Anfang 1403 riet der Generalprokurator Johann vom Felde dem
Hochmeister, daB man den Erzbischof nicht auBer Landes ziehen lassen solle,
da er angeblich an der romischen Kurie erreichen wolle, das man das ervpischtum
widerrufe, und das is weder %u im selbir kome, also is vorgewest ist91 Ob der Erzbischof
tatsachlich eine Aufhebung der Ordensregel fur sein Kapitel anstrebte, muB
dahingestellt bleiben.98 99 Ende Juli 1404, schon auBerhalb Livlands in Niirnberg
weilend, erreichte er, daB Hochmeister Konrad von Jungingen dem Propst
Johann Soest und zwei bis drei der alten Domherren den lange verweigerten
Geleitbrief mit einer Laufzeit von einem Jahr ausstellte." Tatsachlich trafen der
Propst und einige Domherren um die Jahreswende 1404/05 auf der Marien¬
burg zu Verhandlungen ein, an denen auch der Erzbischof und der livlandische
Ordensmeister teilnahmen.100 Doch konnte man sich bis Anfang Februar nur
darauf einigen, noch vor dem 15. August 1405, an dem das den Domherren
zugesicherte Geleit endete, zu einem neuen Gesprach in Danzig zusammenzu-
kommen.101
Diese Verhandlungen wurden alsbald hinfallig, denn Erzbischof Johann von
Wallenrode, den es schon seit einiger Zeit ins Reich und in den Dienst Konig
95 Anlaftlich der Beurkundung eines Landereientauschs, der unter Johann von Wallenrode als
Erzbischof stattgefunden hatte, wird am 6. Juli 1408 allerdings ein Nicolaus Pfajfendorf als probst
%u Rigagutergedechtniss erwahnt; LECUB 4, Nr. 1760.
96 Vgl. den Bericht des Hochmeisters an den livlandischen Ordensmeister und das Protokoll
der Verhandlungen mit den Boten des Erzbischofs, LECUB 4, Nr. 1491 (1399 September 4).
97 BGP 1, Nr. 267 (1403 Januar 13).
98 Vgl. auch JAHN1G, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 39 f.
99 Druck AuR 1, Nr. 168 (o.D. [vor 1404 August 15]). Zur Datierung vgl. ebd., Nr. 169.
100 Vgl. die Schilderung des Johann von Posilge. In: Scriptores rerum Prussicarum, Bd. 3 (wie
Anm. 59), S. 276: Anno domini XHIb quinto c^uhant noch wynnachtin was der hem Johannes, der erc%-
bisschoff von Rige, mit sinen thumherrin c^u Marienburg und der gebitger von Lyflant mit etlichen gebitegem
und teydingeten umb etlichir gebrechin wegen, die die kirche hatte weder den ordin c%u Lyjfland; und kunde uf
die c%it nicht bericht werdin, sundir die sachin wordin vorschobin.
101 LECUB 4, Nr. 1653 (1405 Februar 3); AuR 1, Nr. 169.
288
Mario Glauert
Ruprechts zog, schloB im Friihjahr 1405 einen Vertrag mit dem livlandischen
Ordensmeister, der die Verpachtung und Verwaltung des Erzstifts durch den
Deutschen Orden vorsah. Der Wordaut des Pachtvertrages ist nicht iiberliefert,
doch lassen sich seine wesentlichen Bestimmungen aus spateren Erwahnungen
erschlieBen102: Das Erzstift mit Ausnahme der Burgen Kreuzburg und Lenne-
warden wurde fur zwolf Jahre an den Orden vermietet; der Landmeister hatte
dafiir eine jahrliche Rente von 4000 Gulden an den Erzbischof zu zahlen. Er
wird spater mehrfach als vicarius in temporalibus des Erzbischofs bezeichnet103,
wahrend der Rigaer Domdekan Peter Valkenberg um 1412 als vicarius in spiritua-
libus erscheint und in Vertretung des Erzbischofs offenbar die geistliche Ver¬
waltung der Diozese iibernahm.104
Domherren und Vasallen des Erzstifts diirften mit diesem Pachtvertrag, der
dem Orden liber zwolf Jahre die weltliche Macht im erzbischoflichen Territori-
um einraumte, kaum einverstanden gewesen sein. Aber Johann von Wallenrode
drangte es zu neuen Aufgaben als Rat und Gesandter Konig Ruprechts. Das
Erzstift hat er nach 1405 wohl nicht mehr betreten.105
Diejenigen Bestimmungen des Pachtvertrages, welche die alten Rigaer
Domherren betrafen, setzte der livlandische Ordensmeister Konrad von Vie-
tinghoff am 21. Januar 1406 in drei Urkunden um:106 Propst Johann Soest und
die sieben Domherren Martin Ysermengher, Johann Witten, Friedrich Grimpe,
Johann van Berge, Johann Buchem, Johann Emmeren und Hermann Keyser
erhielten freies Geleitjw dat lant to Ufflande to kommendeyyn de kerke to Rige,yn ere
wnynghe und huseren. In einer zweiten Urkunde versprach der Ordensmeister,
„das Heilige Blut, die Heiligtiimer und Kleinodien“ (dat bilge bluot; hilgedome unde
alle clenodia), welche die Domherren einst bei ihrer Flucht aus dem Dom ent-
wendet hatten und nun zuruckgeben sollten, der Kirche nicht zu entfremden.
Die weggefuhrten Kirchenschatze und Reliquien, darunter besonders die Hei-
lig-Blut-Reliquie107, wurden in den iiberlieferten Zeugnissen des Streites bis
dahin nie erwahnt, spielten in den Verhandlungen aber eine bedeutende Rol-
le.108 SchlieBlich sagte der Ordensmeister den Domherren eine jahrliche Rente
von 24 liibischen Mark fur den Propst bzw. 12 liibischen Mark fur jeden iibri-
gen Domherrn und eine Auszahlung nach Lubeck zu, falls die Kanoniker nicht
1Q2 AuRl.Nr-170.
103 Vgl. die Belege bei AuR 1, Nr. 170, S. 130, Anm. 5, und Nr. 206 (1416 Februar 10).
104 LECUB 6, Nr. 2992. Johann von Wallenrode hinterlieB seinem Domkapitel bei seiner Abrei-
se auch einen Teil seiner Bucher; LECUB 6, Regest Nr. 1977b (1405).
105 Vgl. JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 123.
106 Druck bei BUSCH (wie Anm. 94), Nr. 2-4, S. 171-174.
107 Zur Rigaer Heilig-Blut-Reliquie vgl. BRUININGK, Messe (wie Anm. 8), S. 319-321, 361 (Anm.
4) und 615.
Vgl. auch unten bei Anm. 131.
108
Das Domkapitel von Riga
289
ins Erzstift zuriickkehren und dort ihre Pfninden nutzen wollten. Allerdings
wurde die Rentenzahlung an die Bedingung gekniipft, daB die Domherren die
Reliquien und Kirchenschatze bis zum kommenden Tag Jacobi (25. Juli 1406)
auslieferten.
Die alten Domherren scheinen auf diese Angebote des Ordensmeisters
nicht eingegangen109 und ins Erzstift zuruckgekehrt zu sein, denn bei einer
Kapitelsversammlung, die am 4. Februar 1407 in domo habitacionis supradicti ho-
norabilis viri domini decani einen BeschluB iiber die Verteilung der Prasenzgelder
fur die Domvikare faBte, werden als anwesende Domherren lediglich der De-
kan Peter (Valkenberg), der schon friiher zuruckgekehrte Johann Ludowici, der
die Pfarrei von St. Jakob innehatte, sowie Tidericus Robinplebanus s. Petri, Johannes
Puster scholasticus, Bemhardus Schillinch, Egbertus Spegel cantor, Hinricus de Tremonia,
Gerlacus Ovelacker, eiusdem Rigensis ecclesie canonici genannt.110
Die Namenreihe, die uns wohl einen vollstandigen Uberblick iiber die 1407
in Riga residierenden Mitglieder des Kapitels gibt, ist aber noch aus einem
zweiten Grund bemerkenswert: Es fehlt jeder Hinweis auf die Zugehorigkeit
der Domherren zum Deutschen Orden; kein ,,frater“ Titel deutet darauf hin,
daB sich hier Priesterbruder versammelt haben. Und der Ort der Versammlung,
die domus habitacionis des Dekans, laBt an einer strengen Befolgung der vita com¬
munis, die fur ein Deutschordenskapitel verpflichtend gewesen ware, starke
Zweifel aufkommen.
Die Einigung mit den „alten" Domherren (1415-1420) *
Aus den folgenden Jahren sind keine Nachrichten iiber den Verbleib der „al¬
ten" Domherren iiberliefert.111 * Erst 1414 unterrichtete der livlandische Or-
densmeister Dietrich Torek den Generalprokurator des Deutschen Ordens,
Peter von Wormditt, iiber Genichte, wonach die alten Domherren sich in Stral-
sund aufhielten und planten, eine Gesandtschaft zum bevorstehenden Konzil
nach Konstanz zu senden. Sie wollten dort ein Privileg zu erreichen suchen,
daB ihre Pfninden (Jehene) nach ihrem Tod vom bobste gegeben sullen werden und nicht
vom orden.ul Damit ware ein zentraler Punkt der 1394 durchgesetzten Privilegien
109 Moglicherweise wurde das Notariatsinstrument, in das der Landmeister die drei Urkunden
inserieren lieft, nie nach Liibeck gesandt, da die Ausfertigung sich seit dem 15. Jahrhundert
offenbar in Riga befand; vgl. die Hinweise zur Uberlieferung bei BUSCH (wie Anm. 94), Nr. 5,
S. 174, Vorbemerkung.
110 LECUB4,Nr. 1714; AuRl.Nr. 175.
1,1 Die ungeklarten Verhaltnisse in der Rigaer Kirche traten zwar schon beim Tode des Land-
meisters Konrad von Vietinghoff 1413 erneut auf die Tagesordnung, die alten Domherren
werden in den erhaltenen Schreiben aber nicht ausdriicklich erwahnt; AuR 1, Nr. 199 mit
Anm. 4 und LECUB 4, Nr. 1936. Vgl. auch JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 87.
”2 BGP2, Nr. 87(o.D. [1414]).
290
Mario Glauert
des Ordens beseitigt worden, doch konnte der Prokurator den Ordensmeister
zunachst beruhigen, da bis zur Eroffnung des Konzils noch zehn Monate Zeit
blieben.
Zum Vertreter des Ordens auf dem Konstanzer Konzil wurde auch Erzbi-
schof Johann von Wallenrode ernannt, dessen Verhaltnis zum Orden sich seit
dem Amtsantritt des neuen Hochmeisters Michael Kiichmeister im Januar 1414
deutlich entspannt hatte.113 Im August 1415 teilte der Hochmeister dem Gene-
ralprokurator nach Konstanz mit, daB der livlandische Ordensmeister Dietrich
Torek gestorben sei und man die Frage der alten Rigaer Domherren daher bis
zur Wahl eines Nachfolgers hinauszogern solle.114 * Der Generalprokurator ver-
handelte in diesem Sinne mit der in Konstanz weilenden Gesandtschaft der
Domherren, zu der auch der alte Propst Johann Soest gehorte, doch die Kano-
niker erwiesen sich als ecywas smr dorc%u.ns Wie Peter von Wormditt erfuhr,
wurden sie von Polen fmanziell unterstiitzt. Die groBte Schwierigkeit des Pro-
kurators war indes, daB eine ausreichende Vollmacht des neuen livlandischen
Ordensmeisters Siegfried Lander von Sponheim erst im Mai 1416 in Konstanz
eintraf und Peter bis dahin keine Anweisung hatte, welcher Verhandlungsspiel-
raum ihm fur einen Ausgleich mit den Domherren zugebilligt wurde.116
Uber das diplomatische Vorgehen herrschte innerhalb des Ordens keine Ei-
nigkeit. Der livlandische Ordensmeister hatte Bedenken, Johann von Wallenro¬
de konne sich mit den Domherren verbiinden, wahrend der Hochmeister auf
die Vermitdung des Erzbischofs setzte, um eine giitliche Einigung im Lande
selbst zu erreichen.117 Einen zwischen dem Erzbischof und dem Ordensmeister
fur Pfingsten (30. Mai) 1417 angesetzten Verhandlungstag in Danzig, auf den
sich der Erzbischof und der Ordensmeister schlieBlich geeinigt hatten, lehnten
die Domherren ab, da sie sich von einem Spruch des Konstanzer Konzils gro-
Bere Vorteile erhofften.118
Ohne die - auch kirchenrechtlich - notwendige Zustimmung der Dbmher-
ren konnte der Orden indes auch seine iibrigen Streitpunkte mit dem Erzbi¬
schof119 nicht klaren.120 1417 lief der zwolfjahrige Pachtvertrag mit dem Orden
113 Vgl. BGP 2, Nr. 110 (1414 Oktober 14), undJAHNlG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 88.
1.4 BGP 2, Nr. 123(1415 August 24).
1.5 BGP 2, Nr. 127 (1415 Oktober 21).
П6 Vgl. Jan-Erik BEUTTEL, Der Generalprokurator des Deutschen Ordens an der romischen
Kurie. Amt, Funktionen, personelles Umfeld und Finanzierung (QUELLEN UND STUDIEN ZUR
Geschichte des Deutschen Ordens, Bd. 55). Marburg 1999, S. 212 f.
117 Vgl. JAhnig, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 124.
1,8 BGP 2, Nr. 165 (1416 Juni 29).
119 Vgl. hierzu AuR 1, Nr. 218.
120 Auf das nach wie vor bestehende Konsensrecht des Kapitels, das alle Entscheidungen des
Erzbischofs bestatigen muBte, wiesen in den Verhandlungen sowohl der livlandische Or¬
densmeister als auch der Romische Konig hin, der sich im April 1417 fiir die Rechte der alten
Das Domkapitel von Riga
291
aus. Am 19. Juli 1417 nahmen - mit Vollmacht des Dekans Peter Valkenberg
und des ganzen Kapitels - der Scholaster Johann Pus ter, der Vogt zu Kremon
Gerlach Ovelacker und der Thesaurar Johann Treppe aus den Reihen der
Domherren sowie die erzstiftischen Vasallen Brand Koscul (Vogt zu Treyden),
Jurgen Gudesleff (Vogt zu Kokenhusen) und Heinrich Aderkas als Prokurato-
ren des Erzbischofs auf dem SchloB zu Riga vom Landmeister Siegfried Lander
von Sponheim das Erzstift wieder in Besitz.121
Anfang 1418 drangen vom Konzil erste Genichte nach Livland und Preu-
Ben, daB Erzbischof Johann von Wallenrode Riga gegen ein anderes Bistum
einzutauschen gedenke.122 Aus der Reihe der vom Papst, dem Romischen K6-
nig und dem Hochmeister erwogenen Kandidaten123 ging schlieBlich der Chu-
rer Bischof Johann Ambundii124 als Nachfolger hervor, der am 11. Juli 1418 mit
dem Erzbistum Riga providiert wurde125, nachdem Johann von Wallenrode, der
sein Stift seit 1405 ohnehin nicht mehr betreten hatte, bereits am 30. Mai 1418
eine Provision fur das reiche Bistum Liittich erhalten hatte.126
Der Hochmeister drangte bei seinem Prokurator Peter von Wormditt dar-
auf, den neuen Erzbischof moglichst bald in den Deutschen Orden einzuklei-
den, wie es das papstliche Privileg von 1397 erforderte. Doch Johann Ambun¬
dii hatte Konstanz so schnell verlassen, daB es den Konzilsgesandten nicht
mehr moglich war, mit ihm iiber das Geliibde auf die Regel des Deutschen
Ordens zu verhandeln. Johann hatte es mit seinem Ordensbeitritt nicht beson-
ders eilig, und auch Papst Martin V. drangte nicht auf eine Durchsetzung des
alten Privilegs, sondern riet, sich wegen der Frage des Gewandes giitlich zu
einigen.127 Im November 1418 iibernahm Johann in Riga seine neuen Amtsge-
schafte, ohne in den Deutschen Orden eingetreten zu sein.128
Domherren einsetzte. Vgl. BGP 2, Nr. 176 (1416 August 27), und LECUB 5, Nr. 2225 (1417
April 28).
121 AuR1, Nr. 225 (1417 Juli 19); LECUB 6, Regest ad 2585, S. 118. Auch diese Urkunde ent-
halt keine Hinweise auf die Mitgliedschaft der Domherren im Deutschen Orden; vgl. oben
bei Anm. 110.
122 Schreiben des livlandischen Ordensmeisters an den Hochmeister vom 4. Februar 1418,
LECUB 5, Nr. 2198; BGP 2, 236.
123 Vgl. hierzu BGP 2, Nr. 261 und 272, sowie JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 127 und
140-142.
124 Vgl. zu ihm Bernhart JAHNIG, Die Rigische Sache zur Zeit des Erzbischofs Johannes Am¬
bundii (1418-1424). In: Von Akkon bis Wien. Studien zur Deutschordensgeschichte vom 13.
bis zum 20. Jahrhundert, FS Marjan Tumler O.T. Hrsg. v. Udo ARNOLD (QUELLEN UND
Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, Bd. 20). Marburg 1978, S. 84-105.
Zuletzt: Erwin Gatz und Bernhart JAHNIG, „Johannes Ambundii“ (Art.). In: Bischofe 1198
(wie Anm. 21), S. 655-657.
123 Rep. Germ. 4, Sp. 2288 und 1797; LECUB 5, Nr. 2258 f. und 2262; BGP 2, Nr. 270 (1418
Juli 22) und 272 (1418 Juli 26).
126 Vgl. JAHNIG, Wallenrode (wie Anm. 43), S. 140.
127 BGP 2, Nr. 271 ([1418] Juli 26).
128 Vgl. auch JAHNIG, Sache (wie Anm. 124), S. 90 f.
292
Mario Glauert
Schon kurz zuvor, am 27. Oktober 1418, hatte der Hochmeister, der sich
von einem wieder im Lande selbst regierenden Erzbischof wohl eine Losung
fur die Frage der ,,alten“ Domherren erhoffte, einen bis zum 29. September
1419 geltenden Geleitbrief ausgestellt. Und tatsachlich nahm Johann Ambundii
die Gesprache bald wieder auf. Im Mai 1419 erbat er vom Hoch- und vom
Landmeister gleichlautende Geleitschreiben fur die auswartigen Kanoniker und
eine Fristverlangerung um ein Jahr bis zum 29. September 1420.129 Landmeister
Siegfried Lander von Sponheim ahnte zwar, daB diese lange Laufzeit eine Eini-
gung eher hinauszogern wiirde, wollte einer Schlichtung aber trotz seiner Be-
denken nicht im Wege stehen.
Es waren dann die in Riga residierenden Domherren mit ihrem Propst
Henning Scharpenberg an der Spitze, die die Initiative ergriffen. Begleitet von
den beiden erzstiftischen Vogten Brand Koscul und Jurgen Gudesleff trat
Henning am 25. Juni 1419 personlich vor den Landmeister und bat, was dieser
schon befurchtet hatte, auch im Auftrag des Erzbischofs um ein unbefristetes
Geleit fur zwei der alten Domherren, Johann Bocheym und Johann Eyme-
ren.130 Ebenfalls argwohnisch geworden, wollte der Hochmeister die Griinde
erfahren, warum die Domherren ihre Amtskollegen nun so dringend nach Riga
zuriickwiinschten. Der Dekan Peter Falkenberg erklarte daraufhin im Dezem-
ber 1419 vor dem Landmeister, daB es dem Kapitel vor allem um die Heilig-
Blut-Reliquie und die anderen Kirchenkleinodien ging, die sich noch immer im
Besitz der alten Domherren befanden. Nach Andeutungen des Dekans waren
noch „andere Sachen“ im Spiel, und der Landmeister konnte nur vermuten, das
sie meinen die sachen, die si mit uns haben. Gleichwohl sandte er dem Erzbischof die
vom Hochmeister ausgefertigten Geleitschreiben fur die alten Domherren.131
Statt in Livland kam es indes im Friihjahr 1420 in Liibeck zu Verhandlungen
mit den verbliebenen alten Domherren, bei denen schlieBlich unter Vermitdung
des Liibecker Bischofs und seines Domkapitels eine Einigung erzielt wurde.
Den alten Domherren wurde gestattet, weiterhin auBerhalb Rigas zu residieren.
Aus den Zinseinkiinften (<rentberi), die das Rigaer Domkapitel in Dutscben landen
besaB132, sollten sie bis zu ihrem Ableben einen angemessenen Unterhalt emp-
fangen, wofiir die alten Domherren auf alle weiteren Forderungen gegeniiber
den Rigaer Kanonikern verzichteten. Diese wiederum wollten keine Anspniche
auf den NachlaB des fruheren Erzbischofs Johann von Sinten und die Hinter-
lassenschaften der bereits verstorbenen alten Domherren erheben. Auch fur die
129 Landmeister an den Hochmeister, LECUB 5, 2317 (1419 Mai 16).
no Ygj den Bericht des Landmeisters an den Hochmeister vom 24. Juni 1419, LECUB 5, Nr.
2326.
131 Landmeister an den Hochmeister, LECUB 5, Nr. 2354 (1419 Dezember 10).
132 Woher diese Einnahmen und Renten kamen, wird nicht genauer benchtet.
Das Domkapitel von Riga
293
strittigen Reliquien wurde ein KompromiB gefunden. Wahrend das Heilige Blut
umgehend nach Riga gesandt und vom Erzbischof am Fest Assumptio Mariae
am 15. August wieder feierlich im Dom eingeftihrt werden sollte, blieben die
iibrigen Reliquien mit einigen Urkunden - offenbar als Sicherheit fur die Ein-
haltung der Rentenzusagen — zunachst in Liibeck, wo sie aber dem Liibecker
Domkapitel zur Verwahrung iibergeben wurden.133
Mit dieser Ubereinkunft war der fast dreiBig Jahre wahrende Streit um die
Anerkennung und Versorgung jener ,,alten“ Domherren, die das Land 1391 mit
Erzbischof Johann von Sinten verlassen hatten, weitgehend beigelegt. Von den
sieben Kanonikern - Johann Ludowici war bereits 1394/95 nach Riga zuriick-
gekehrt — lebten indes 1421 wohl nur noch Johann von Eymeren und Friedrich
Grympe. Sie werden 1424 in Liibeck als Rigaer Priester erwahnt134; Johann
erhielt noch 1428 vom Papst einen Dispens fur den Totschlag an einer Frau
Namens Elisabeth, den er einst in Kopenhagen begangen hatte.135 136Der Streit um das Visitationsrecht (1420/1421)
Die selbstandigen Verhandlungen der Rigaer Domherren mit ihren alten Amts-
kollegen bestarkten Hochmeisters Michael Kiichmeister nur in seinem MiB-
trauen gegen den neuen Erzbischof Johann Ambundii und dessen Kapitel.
Wahrend in Liibeck noch die Gesprache liber eine Einigung liefen, wies der
Hochmeister den livlandischen Ordensmeister an, das dem Orden 1394 zuge-
sprochene Recht nun erstmals umzusetzen und das Domkapitel von Riga nach
unsers ordens privilegien visitieren zu lassen. Der Landmeister trug die Anordnung
dem Erzbischof vor, doch Johann Ambundii winkte ab und erklarte, er sei ein
alt man und sulche sachen en weren nie hei seiner vorfaren yeiten angehaben\ auch wollte er
nicht, daB jemand behaupten konne, das et^was nuwes bei seiner %eit were ufgestan-
den.'M
133 Uber die Einigung unterrichtete der Dompropst Henning Scharpenberg am 22. Juli 1420 den
livlandischen Ordensmeister, der die Bestimmungen noch am selben Tag dem Hochmeister
mitteilte; LECUB 5, Nr. 2489. Die goldene Monstranz der Heilig-Blut-Reliquie (goldene mon-
strantie von purem goIde mitfinen perlen besattet) befand sich 1421 tatsachlich wieder in Riga, wo sie
das Domkapitel am 6. Juni vom Rat der Stadt iibergeben bekam; AuR 1, Nr. 282. Zu den
Privilegien des Kapitels vgl. ausfiihrlicher: Alexander BergengrOn und Philipp SCHWARTZ,
Ein Verzeichnis der nach dem Jahre 1438 dem Liibischen Domkapitel iibergebenen Urkun¬
den des Rigischen Erzsdfts. In: MnTEILUNGEN AUS DER GESCHICHTE LlV-, EST- UND
Kurlands 17 (1900) S. 407-462.
134 LECUB 7, Nr. 126 (1424 Mai 19).
135 Rep. Germ. 4/2, Sp. 1843 (1428 April 10); vgl. zu ihm auch ARBUSOW (wie Anm. 6) I, S. 67,
und IV, S. 47.
136 Bericht des Landmeisters an den Hochmeister vom 25. Juni 1420, Druck in: Visitationen im
Deutschen Orden im Mittelalter. Hrsg. v. Marian BlSKUP und Irena Janosz-Biskupowa. Teil
1 u. 2. (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens. 50/1 und 50/II
= VerOffentlichungen der International^ Historischen Kommission zur
294
Mario Glauert
Nach der Einigung mit den ,,alten“ Domherren war damit eine prinzipielle
Streitfrage zwischen dem Orden und der Rigaer Kirche schlagartig wieder auf
die politische Biihne gebracht worden. Die naheliegende Reaktion der Ordens-
fuhrung, den Erzbischof mit aller Scharfe an die 1394 gewahrten Privilegien zu
erinnern, hatte indes sofort zu langwierigen Verwicklungen fiihren konnen, da
Papst Martin V. mit Zustimmung des Konstanzer Konzils am 21. Marz 1418
alle uniones et incorporationes, die seit dem Tode Gregors XI. 1378 durchgefuhrt
worden waren, widerrufen hatte.137 Die preuBischen Visitatoren, die der
Hochmeister trotz der angekiindigten Weigerung des Erzbischofs mit der Un-
tersuchung aller livlandischen Ordenshauser beauftragte, erhielten daher im Juli
1420 die strikte Anweisung, nicht von einer incorporation sondern nur von der
papalis ordinatio zu sprechen.138 Der Orden hatte sich in seiner eigenen Termi-
nologie verfangen.
Am 26. Februar 1421 berichteten die Visitatoren dem Landmeister, daB der
Erzbischof die Visitation der Rigaer Domherren freundlich, aber bestimmt mit
dem Hinweis abgelehnt habe, daB sie auch unter seinen Vorgangern noch nie
vom Orden visitiert worden seien und er sie selbst jedes Jahr visitiere und visi-
tieren werde, dabei aber bisher keine unredelichkeit habe feststellen konnen.139 In
einem verbindlich gehaltenen Schreiben dankte der Erzbischof dem Hochmei¬
ster Anfang Marz obendrein dafiir, daB sich dessen Visitatoren gegeniiber dem
Domkapitel^r vruntlicben gehalten hatten.140
Seinem Generalprokurator an der romischen Kurie, Johann Tiergart, be-
richtete der Hochmeister im April 1421, ihm sei ja bekannt, me die heilge kirche
c%u Rige transferiert ist c%u unserm orden und unsirs ordens no tie l, regel und satc^unge. Der
Erzbischof habe aber nun die Visitation der dem Deutschen Orden angehori-
gen Domherren seiner Kirche durch den Landmeister und die hochmeisterli-
chen Visitatoren nicht gestattet. Trotz groBer Bedenken habe er das mit Riick-
sicht auf die veerlichkeit desser leuffe, die gewant seyn cywusschen herc^og Wytout und
dessen landen, [...] in eynir gute hingeen lassen und geschwiegen. Der Prokurator
sollte jedoch auf eventuelle Schritte des Erzbischofs und der Domherren in
dieser Sache achten und, wenn erforderlich, GegenmaBnahmen treffen.141 Die
Erforschung des Deutschen Ordens. 10/1 u. 10/ II). Marburg 2002 u. 2004, hier: 1, Nr.
72.
137 Conciliorum oecumenicorum decreta. Hrsg. v. Josephus ALBERIGO u.a. Bologna 31973, S.
448.
138 Instruktion fiir die Visitatoren: Visitationen (wie Anm. 136) 1, Nr. 75: Primo, quod non debeat
did incorporado, sedpapalis ordinatio, quia prima nominatio periculosa est propter contilii Constantiensis de¬
creta cum revera incorporatio non sit, si litterarum inspitiantur tenores.
139 Visitationen (wie Anm. 136) 1, Nr. 78 (1421 Februar 26).
140 Visitationen (wie Anm. 136) 1, Nr. 79 (1421 Marz 4).
hi LECUB 5, Nr. 2545; BGP 3, Nr. 63 (o.D. [1421 April 6]); Visitationen (wie Anm. 136) 1, Nr.
81.
Das Domkapitel von Riga
295
militarische Bedrohung des Landes durch Polen-Litauen, in der Michael Kii-
chmeister auch auf die Unterstiitzung des Erzbischofs und seiner Vasallen an-
gewiesen war142 143, wie auch die Unwagbarkeiten eines Rechtsstreites um den
Charakter der ,,Inkorporation“ von 1394 zwangen den Orden, zunachst nach-
zugeben und auf eine Durchsetzung seines Visitationsrechts zu verzichten.
Schon zu Beginn des Jahres 1421 war es in der Residenz des livlandischen
Ordensmeisters in Riga zu einem aufschluBreichen Wortgefecht mit zwei
Domherren des Kapitels gekommen, die den Landmeister um die Einkleidung
einiger neu gewahlter Kapitelsmitglieder in den Deutschen Orden baten. Als
die Domherren auf Nachfragen des Meisters die Namen der Kandidaten
nannten, schien diesem der Hinweis geraten, das sie gelarte personeny die vorsichtlich
wereny sich koreny die der kirchin %u Rige, irem capitulo, dessert armen lartdert und unsirm
orden %u nut^e und %u fromen und Gote %u lobe und %u eren mocbten werden. Die Beleh-
rung fiihrte zum Streit. Die Domherren erklarten nach dem Bericht des Land-
meisters, das die kor an in stonde und meinten, wene si %u sich koren, den solden wir in
nicht mgem, wohingegen der Landmeister auf die privilegien und bullen verwies, das
sie\\] niemande adir niemand in den thum %u Rige vor einen canonicum soli genommen wer¬
den, her en salle von uns geeischet werden und nicht me. Wenn sie gelartey clougepersonen %u
sich koren, so wollte der Meister sie ihnen mit vulbort unsser gebittiger geme gunnen.
Die Domherren erwiderten: sie weren arm und treffliche gelarte personen [...] wolden sich
semeliche nicht %u in geben. Mit sanfteren Worten versuchte der Landmeister dar-
aufhin zu beschwichtigen und gab ihnen zu bedenken: Heute mocbte ein ein thum-
herr werden, mome in God der sal den[\] gunneny das er bischof worde. Doch die Dom¬
herren antworteten nur lakonisch, es weren so vilgrossir herren, die nach der kirche %u
Rige stunden, das das an sie arme leute nicht komen en konde. Ihr kurzer Hinweis, sie
hatten auch schon zwei oder drei Schreiben gesehen, die an die Stettiner Her-
zoge in dieser Frage gerichtet worden seien, lieB den Landmeister argwohnisch
aufhorchen und er warf den Domherren am Ende vor, das sie alle damach stehen,
das sie geme weder us unserm ordin weren wertliche tbumherren. Die Diskussion veran-
laBte den Landmeister, den Hochmeister daran zu erinnern, das unser herre ertf^bi-
schof %u Rige sere krankit und ein alt man ist. Michael Kiichmeister sollte daher iiber
einen Nachfolger nachdenken und diesmal dafur sorgen, das her jo unsem orden an
sich neme, das die kirche bei unserm orden blebe.w
142 Die Visitatoren hatten dem Hochmeister im Februar zugleich mitteilen konnen, daB der
Erzbischof zugesagt habe, dem Orden mit libe und mitgute zu unterstiitzen und auch von sei-
nen Vasallen erwarte, daft sie dem Orden auBerhalb des Stifts ebenso Beistand leisteten wie
dem Erzbischof in seinem Territorium; Visitationen (wie Anm. 136) 1, Nr. 78 (1421 Februar
26).
143 LECUB 5, 2522 (1421 Januar 4). Zwei Tage spater ersuchte der Landmeister den Hochmei¬
ster erneut, friihzeitig iiber einen geeigneten Nachfolger far den Rigaer Erzbischof nachzu-
296
Mario Glauert
Die Aufhebung der ,,Inkorporation“ (1422/1423)
Es sollte sich bald zeigen, daB der Verdacht des Landmeisters, die Kanoniker
wollten das Ordensgewand abstreifen, durchaus berechtigt war. Spatestens seit
dem Fruhjahr 1422 betrieben Erzbischof und Domherren an der Kurie in Rom
heimlich die Aufhebung der Bullen Bonifaz' IX.144 Am 25. April 1422 erteilten
die Kanoniker dem Domherrn Arnold von Brinke eine Vollmacht, um in Rom
gegen Ubergriffe des Bischofs von Kurland Klage zu erheben.145 Brinke zog
zunachst nach Liibeck, wo er gemeinsam mit dem ,,alten“ Domherrn Johann
von Eymeren beglaubigte Abschriften aus den noch dort verwahrten Privilegi-
en des Kapitels fertigen lieB.146
Das Vorgehen der Pralaten blieb dem Orden und seinen romischen Ge-
sandten trotz der Warnungen wohl vollig verborgen. Sie waren ganzlich iiber-
rascht, als Papst Martin V. am 13. Januar 1423 die vier Bullen vom Marz 1394
bzw. April 1397 auf Bitten des Domkapitels suspendierte und die Bindung der.
Domherren an die Deutschordensregel sowie das Postulations- und Visitations-
recht des Landmeisters vorlaufig aufhob.147
Die Domherren hatten in ihrer langen Supplik an den Papst darauf hinge-
wiesen, es erscheine „ganzlich unstimmig und ungebuhrlich“ (satis absonum et
indecens), daB der livlandische Ordensmeister als laicalis persona Domherren ,,be-
stimme und billige“ (postulare et appro bare). Noch weit unertraglicher (gravius in-
tollerabile) sei es, daB die Domherren durch Beauftragte dieses Ordens, mithin
durch Laien statt durch den Erzbischof visitiert werden sollten, obwohl solche
Visitationen nie zuvor durchgefuhrt worden seien und aus ihnen daher nur
Zwietracht und Aufruhr zwischen den Kanonikern und den iibrigen Geistli-
chen und Laien der Kirche entstehen konne. Die kanonische Visitation durch
den Erzbischof sollte wiederhergestellt werde und das Kapitel frei (libere) und
ohne Beeinflussung durch eine andere auctoritas velpotestas nach ihren alten Re-
geln und Gewohnheiten neue Domherren aufnehmen konnen.
Das Kapitel vermied es in seiner Begriindung zwar, den Deutschordenshabit
grundsatzlich in Frage zu stellen und die Wiedereinfiihrung der Augustinerregel
zu fordern. Die Annullierung der Bullen von 1394/97 bedeute indes faktisch
die Umwandlung in ein weltliches Kapitel.
denken, da eine Eirimischung der Stettiner Herzoge nur abermals krig, orloge undgros ungemak
fiir das Land bringen wiirde; LECUB 5, 2523 (1421 Januar 6).
144 VgLAuRl, Nr. 303 (1422 April 25).
145 LECUB 6, Regest Nr. 3056a (1422 April 20).
146 LECUB 6, Regest Nr. 3068a (1422 Mai 30). Am 13. Mai 1421 berichtete der Generalproku-
rator dem Hochmeister, der Erzbischof riihme sich damit, wie her das Heilige ВЫ und der kir-
chen %u Kyge aideprivilegia und rechte wedirfunden habe\ BGP 3, Nr. 110.
AuR 1, Nr. 318; LECUB 5, Nr. 2669.
147
Das Domkapitel von Riga
297
Die Gegenargumente des Deutschen Ordens lassen sich zwei ohne Datum
tiberlieferten Eingaben entnehmen, die wohl der Generalprokurator bei den
1424 mit der Untersuchung des Falls beauftragten Kardinalen einreichte.148
Darin erklarte der Orden, daB die Bullen von 1394/97 die iiber hundert Jahre
andauernden Streitigkeiten zwischen dem Orden und den Erzbischofen been-
det hatten. Gegen den Vorwurf der Laienvisitation fiihrte der Ordensvertreter
zunachst mit Recht an, daB eine solche Visitation bisher noch gar nicht durch-
gefiihrt worden sei, sondern vom Kapitel trotz gewisser Vorwiirfe seitens des
Rates und der Burger der Stadt Riga verweigert wiirde. Auch wiirde die Visita¬
tion keinesfalls durch Laien durchgefiihrt, wie die Gegenseite falschlich be-
haupte, sondern durch einen alteren Priesterbruder unter Assistenz von zwei
Ritterbriidern. Die bei der Visitation festgestellten VerstoBe gegen die drei Ge-
bote der Keuschheit, Armut und des Gehorsams wiirden nur bei Verfehlungen
gegen den Gehorsam vom Meister geahndet, in den beiden anderen Fallen
stehe die Strafgewalt allein dem Erzbischof zu. Von einer Postulation der neuen
Domherren durch den livlandischen Meister konne nur bedingt gesprochen
werden, da allein die Kanoniker bei Vakanzen einen Ordenspriester oder eine
andere Person postuliert, anschlieBend dem Meister lediglich prasentiert und
um die Aufnahme in den Orden gebeten hatten. Der Ordenshabit konne nach
den papstlichen Privilegien des Ordens nur vom Hochmeister oder einem Be-
vollmachtigten verliehen werden, aber den Eid auf die Statuten miisse trotzdem
jeder neue Domherr vor dem Erzbischof ablegen. Die Approbation der Kandi-
daten sei indes schon immer durch den Meister vorgenommen worden.
Die diplomatischen Bemiihungen des Deutschen Ordens an der Kurie, die
Suspension der Bullen nickgangig zu machen, blieben gering. Die Zeitgenossen
wie die moderne Forschung haben dies vor allem der „Ungeschicklichkeit, ja
Unfahigkeit“149 des Generalprokurators Johann Tiergart angelastet. Allerdings
standen dem Prokurator auch nur sehr begrenzte Geldmittel zur Verfiigung, da
der Orden durch den Krieg des Jahres 1422 sehr belastet war. Zudem muBte
sich der neue Hochmeister Paul von Rusdorf noch im April 1423 - iiber einem
Jahr nach seinem Amtsantritt - gegeniiber dem Prokurator entschuldigen, daB
ihm die livlandischen Verhaltnisse noch nicht so gut bekannt seien.150
Die Vertreter des Domkapitels waren dagegen um so erfolgreicher: Am 22.
Dezember 1423 bewilligte Papst Martin V. die Supplik des Erzbischofs und des
Domkapitels, die Suspension der Bullen von 1394 und 1397 in eine endgiiltige
148 LECUB 7, Nr. 78 ([1424 bald nach Februar 8] und 82 ([1424 Februar 15]); Vgl. auch BGP 3,
Nr. 178 f.
149 So KOEPPEN. In: BGP 3, Einleitung, S. 44. HILDEBRAND. In: LECUB 7, Einleitung, S. XIV,
bewertet Tiergarts diplomatische Tatigkeit als „eine geradezu ununterbrochene Reihe von
MiBerfolgen“. Zuriickhaltender BEUTTEL (wie Anm. 116), S. 216.
iso LECUB 5, Nr. 2707; BGP 3, Nr. 138; Visitationen (wie Anm. 136) 1, Nr. 83 (1423 April 25).
298
Mario Glauert
Aufhebung umzuwandeln.151 Damit war die Bindung des Kapitels an die Regel
des Deutschen Ordens vorerst beendet.
Der Habitswechsel von 1428
Ein halbes Jahr spater, am 16. Juni 1424, starb Erzbischof Johann Ambundii.
Als sein Nachfolger konnte sich der vom Domkapitel am 24. Juni gewahlte
Propst Henning Scharpenberg152 gegen den vom Orden favorisierten Bischof
von Kurland und Priesterbruder, Gottschalk Schutte153, durchsetzen, obwohl
der Orden 4000 Gulden fur Schuttes Provision bereitstellte und ein Empfeh-
lungsschreiben Konig Sigismunds besaB.154 Am 13. Oktober 1424 wurde Hen¬
ning von Papst Martin V. mit dem Bistum providiert.
Da Scharpenberg sich bereits als Propst gegen den EinfluB des Ordens im
Erzstift zur Wehr gesetzt hatte, war von ihm keine versohnliche Politik zu er-
warten. Vielmehr bemiihte er sich, die vom Papst verfiigte Aufhebung der Bul-
len Bonifaz* IX. juristisch abzusichern. Er erreichte, daB Papst Martin V. am 13.
November 1426 die von ihm drei Jahre zuvor erlassene Aufhebungsbulle da-
hingehend erlauterte, daB durch sie Regel und Gewand der Augustiner sowie
alle iibrigen Freiheiten, Gewohnheiten und Statuten (habitum, statumy mores, li-
bertatem, consuetudines et statutei) der Rigaer Kirche, wie sie vor dem ErlaB der
Bullen durch Bonifaz IX. bestanden hatten, wiederhergestellt sein sollten. Das
Mandat erlaubte nicht nur alien kiinftigen Domherren, die Augustinerregel
anzunehmen, sondern gestattete auch dem Erzbischof und denjenigen Dom¬
herren, die nach dem ErlaB der Bonifaz-Bullen und deren Aufhebung dem
Deutschen Orden beigetreten waren, das Gewand wieder abzulegen und zur
Augustinerregel zunickzukehren.155
Die umfangreiche Bulle gab sich als bloBe Erlauterung bzw. Erganzung der
Aufhebungsbulle vom Dezember 1423, doch ging sie in ihrer Bedeutung weit
liber die fnihere Urkunde hinaus. Sie stellte nun ausdnicklich den Zustand vor
den Bonifaz-Bullen wieder her und erlaubte dem Erzbischof und alien Kanoni-
kern, das ungeliebte Deutschordensgewand und mit ihm die Obodienzpflicht
gegeniiber Hoch- und Landmeister abzustreifen. Henning Scharpenberg wider-
stand jedoch der Versuchung, die politisch hoch brisante Bulle sofort zu publi-
zieren.
151 LECUB 7, Nr. 62 f.
152 Siehe zu ihm Bernhart JAHNIG, „Henning Scharpenberg** (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm.
21), S. 657.
153 Vgl. zu ihm Jan-Erik BEUTI'EL, „Gottschalk Schutte** (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm.
21), S. 318 f.
154 Vgl. AuR 1, Nr. 336; BEUTTEL (wie Anm. 116), S. 586 f.
155 LECUB 7, Nr. 537 (1426 November 13).
Das Domkapitel von Riga
299
Erst anderthalb Jahre spater hielt der Erzbischof den passenden Augenblick
fur gekommen: Der Ordensvogt von Grobin, Goswin von Ascheberg, hatte bei
Libau die insgeheim vom Rigaer Provinzialkonzil nach Rom entsandten Boten,
darunter den Revaler Dekan Heinrich von der Веке, iiberfallen, aller Papiere
beraubt und unter das Eis des Livasees gednickt.156 Ohne daB die Praia ten be-
reits genaue Kenntnis von dem Vorfall hatten157, der den Deutschen Orden
und seine Diplomaten politisch bald in schwere Bedrangnis und Erklarungsnot
bringen sollte, lieB das Domkapitel am 19. Marz 1428 das Exekutorialmandat
fur die Bulle von 1426158 in Riga transsumieren und verkiinden.159 Kurz darauf
legten Erzbischof Henning Scharpenberg und seine Domherren in einer feierli-
chen Zeremonie den Augustinerhabit wieder an.160
Der Abfall der Rigaer Kirche vom Orden fiihrte zunachst zu Kriegsvorbe-
reitungen des Ordens in Livland, doch setzte sich auf beiden Seiten schon im
Mai 1428 eine vermittelnde Haltung durch. Vor allem Hochmeister Paul von
Rusdorf drangte den livlandische Landmeister Werner von Nesselrode zu einer
friedlichen Einigung.161 Die Gefahr erkennend, die dem Orden durch die all-
mahlich ans Licht tretenden Hintergninde des Mordanschlags bei einem ProzeB
an der Kurie drohten, sollte der Ordensmeister den Habitswechsel ohne lange
Verhandlungen hinnehmen.162
Noch bevor die Mahnungen des Hochmeisters in Livland eintrafen, hatten
sich Bevollmachtigte der beiden Parteien am 21. Juni in Ronneburg getroffen
und verabredet, die Frage des Ordenshabits am 8. August auf einem Landtag zu
Walk durch 24 Schiedsmanner entscheiden zu lassen.163 * Erzbischof Henning
Scharpenberg entschuldigte die Ablegung des Habits im Juli 1428 gegeniiber
dem Hochmeister in zwei langen Schreiben vor allem mit den ungerechtfertig-
ten Angriffen und Vorwiirfen des 1424 verstorbenen Ordensmeisters Siegfried
Lander von Sponheim, der die Domherren sunder unse schulde ungnedichliken
drangh unde in mennigen unses Ijves anxst brachte.x(A
In Walk einigten sich die bestellten Schiedsmanner nach langem Ringen am
14. August schlieBlich auf einen sorgfaltig ausbalancierten KompromiB: Erzbi¬
schof und Domkapitel von Riga sollten den livlandischen Ordensmeister wegen
156 Vgl. zu dem Vorfall BGP 3, Nr. 329, S. 620, Anm. 2, und BGP 4, Einleitung, S. 29 f.
157 Vgl. das Schreiben des Erzbischofs an den Hochmeister vom 22. Juli 1428, LECUB 7, Nr.
727.
158 LECUB 7, Nr. 551 (1426 Dezember 23).
>59 LECUB 7, Nr. 696.
>60 AuR 1, Nr. 370 (1428 April 25).
161 Vgl. die Schreiben des Hochmeisters an den Landmeister, LECUB 7, Nr. 711-713 (alle von
1428 Mai 14).
>62 AuR 1, Nr. 371; BGP 3, Nr. 331; LECUB 7, Nr. 718 (1428 Juni 15).
>63 LECUB 7, Nr. 720; AuR 1, Nr. 371.
>64 Erzbischof an den Hochmeister, LECUB 7, Nr. 727 und 728 (beide von 1428 Juli 22).
300
Mario Glauert
der Ablegung des Habits um Vergebung bitten, erklaren, daB sie den Orden
damit nicht kranken wollten, und zur Siihne alljahrlich am Montag Lae tare im
Rigaer Dom Seelenmessen fur alle verstorbenen Meister und Briider des Or-
dens abhalten. Zugleich verpflichteten sich die livlandischen Praia ten wegen der
Ermordung ihrer Gesandten weder innerhalb noch auBerhalb des Landes An-
spriiche an den Deutschen Orden zu erheben. Sollte der Orden den Streit um
die Habitsfrage an der Kurie wieder aufnehmen, wurde es beiden Seiten freige-
stellt, ohne Riicksicht auf diese Einigung von ihren Privilegien Gebrauch zu
machen.165
Der Deutsche Orden hatte die Ablegung des Habits damit zwar nicht aus-
driicklich gebilligt, - im Gegenteil: er hatte Erzbischof und Domherren zu
deutlichen Entschuldigungsgesten verpflichtet, - doch einen formlichen Wider-
ruf oder die Riickkehr der Kanoniker zur Regel des Deutschen Ordens forderte
der Landmeister nicht. Faktisch erkannte die Ordens fuhrung den Habitswech-
sel mit dem Vertrag von Walk an.
Der Vertrag von Wolmar (1431/1432)
Trotz der in Walk gemachten Zusagen nahm der neue Generalprokurator Kas-
par Wandofen Ende 1428 die diplomatischen Bemiihungen des Deutschen
Ordens um eine Revision des Rigaer Habitswechsel wieder auf. An der Kurie
erhielt er zunachst aber nur ahnlich vertrostende Worte wie sein Vorganger.166 167
Papst Martin V. hatte die Untersuchung des Falls zwei Kardinalen iibertragen,
die Wandofen mit vielen Hundert Dukaten gewogen zu stimmen suchte. Man
riet ihm, der Hochmeister solle dem Papst einen Brief schreiben, was schande und
schaden komen mochten euws deser Rigenschen sache, doch der Prokurator konnte nur
resigniert fragen, was das nocye were, [...] wenneym der konig von Ungem und das meiste
alle korfursten und Deutsche furstengeschrehen hetten.x(il
Wandofens Gegenspieler sahen ihre Situation indes kaum zuversichtlicher.
Das Domkapitel hatte seinen Propst Andreas Patkul168 nach Rom entsandt, der
jedoch im Sommer 1429 starb. Zwei Schreiben des ebenfalls an der Kurie wei-
lenden Domherrn Dietrich Nagel169 zeichnen ein diisteres Bild: Die Privilegien
des Kapitels hatte man bei der Bank der Medici verpfanden mussen, ohne dafur
165 LECUB 7, Nr. 733 (1428 August 14); AuR 1, Nr. 372.
166 Vgl. hierzu auch LECUB 8, Einleitung, S. XXII f.
167 LECUB 8, Nr. 69 (1429 August 23); BGP 4, Nr. 53.
168 Vgl. zu ihm ARBUSOW (wie Anm. 6) I, S. 83.
169 Vgi 2u ihm ARBUSOW (wie Anm. 6) I, S. 74 und 158 (Nachtrag) sowie II, S. 61; BGP 4, Nr.
26, Anm. 1. Jetzt ausfuhrlicher auch Brigide SCHWARZ, Pralaten aus Hannover im spatmittel-
alterlichen Livland. Dietrich Nagel, Dompropst von Riga (f Ende 1468 / Anfang 1469), und
Ludolf Nagel, Domdekan von Osel, Verweser von Reval (f nach 1477). In: ZEITSCHRJFT FL)R
Ostmitteleuropaforschung 49 (2000) S. 495-532.
eine Quittung zu erhalten. Der Papst, so war zu horen, werde seine Erlaubnis
zwar nicht widerrufen, doch sei zweifelhaft, ob die Rigaer Kirche geniigend
Geld aufbringen konne, um die langen Prozesse in Rom weiterzufuhren. Der
Orden unternehme alles, um den Habitswechsel riickgangig zu machen, und sei
willens, in Livland eine gewaltsame Losung durchzusetzen, der man am Ende
wohl nichts entgegenzusetzen habe. Von diplomatischen Fallstricken und der
grassierenden Pest umgeben, kam sich Nagel in Rom vor ,,wie ein von Hunden
gehetztes Wild“ (tamquam fera canibusfugata).170
Anfang 1430 legte Kaspar Wandofen dem Papst den Entwurf fur eine Bulle
vor, also das dy Rigeschen tbumherren den abgelegeten habit wedir an sich nemen sollen und
dy sich des wedem, dyselben sal man vorsenden in dy closter des ordens sancti Augustini. Die
Ausfertigung dieser Bulle, so schatzte der Prokurator, wurde mehr als 6.000
Gulden erfordern171, - doch hatten Henning Scharpenberg und sein Kapitel
nach eigenen Aussagen 14.000 Dukaten aufbringen miissen, um seinerzeit die
Erlaubnis zur Ablegung des Ordensgewandes zu erhalten.172 Ein anderer Plan
sah vor, zwei Domherrenstellen und die Propstei mit Deutschordenspriestern
zu besetzen.173 Doch dann traf in Person des Bischofs von Osel, Christian Ku-
bant174, ein gefiirchteter, weil erfahrener Ordensfeind in Rom ein.175 Im Mai
1430 muftte Wandofen melden, daft der jetzige Papst definitiv keinen Widerruf
durchfuhren werde176; im September erklarte er seine Bemiihungen in dieser
Sache fur beendet. Der Orden konne allenfalls durch eine Vereinbarung mit der
Rigaer Kirche versuchen, drei bis vier Priesterbriider in das Domkapitel zu
bringen, um so die nachste Erzbischofswahl zu beeinflussen. Geloubet desem
kegenmrtigen erc^bisschoffe und seinen tbumherren, was ir moget; wenne dy cyeit kommet, so
halty was euch eben ist, lautete die diplomatische Empfehlung des Prokurators.177
Der Orden versuchte daraufhin, die Angelegenheit in Livland selbst und mit
militarischer Harte zu klaren. Durch Truppen an seinen Grenzen eingeschiich-
tert178, muftte Erzbischof Henning Scharpenberg Anfang Oktober 1430 auf
170 LECUB 8, Nr. 26 und 27 (beide [1429] Juli 5); BGP 4, Nr. 41.
171 LECUB 8, Nr. 146 (1430 Januar 10); BGP 4, Nr. 77.
172 LECUB 8, Nr. 69 (1429 August 23); BGP 4, Nr. 53.
173 LECUB 8, Nr. 164 (1430 Marz 11); BGP 4, Nr.93.
174 Vgl. zu ihm zuletzt Bernhart JAhnig, „Christian Kubant" (Art.). In: Bischofe 1198 (wie Anm.
21), S. 498-500.
175 Vgl. auch Beuttel (wie Anm. 116), S. 220.
176 LECUB 8, Nr. 206 (1430 Mai 12); BGP 4, Nr. 126. Schon Anfang Februar 1430 hatte Wan¬
dofen einraumen miissen, nicht voranzukommen, und Ende April berichtet, daB er vom
Papst, der dem Orden gating ungeneget sei, wohl nur mit guten suflert worthen offgehalden werde\
LECUB 8, Nr. 153 (1430 Februar 7) und 195 (1430 April 25); BGP 4, Nr. 80 und 116.
177 LECUB 8, Nr. 327 (1430 September 25); BGP 4, Nr. 172.
178 Vgl. die beiden Schreiben des livlandischen Ordensmeisters an den Hochmeister bzw. die
Stadt Reval, LECUB 8, Nr. 321 (o. D. [1430 kurz vor September 21]) und 322 (1430 Sep¬
tember 21). Siehe auch LECUB 8, Nr. 945, § 13 ([1435]).
302
Mario Glauert
einem Standetag in Wolmar zusagen, daB das Domkapitel das Gewand des
Deutschen Ordens wieder anlegen werde und dies durch eine Bulle des Papstes,
die beide Seiten finanzieren sollten, anerkennen zu lassen. Die Frage der Visita¬
tion wurde zunachst zuriickgestellt.179
Der Erzbischof, der bewuBt keinen seiner Domherren zu den Verhandlun-
gen mitgenommen hatte, widerrief diese Zusage aber umgehend, da sie nur
unter Zwang und ohne die notwendige Zustimmung seines Kapitels erfolgt
sei.180 Auch das Domkapitel weigerte sich, die vom Orden geforderte Urkunde
zu besiegeln181, muBte der anhaltenden militarischen Drohung aber bald nach-
geben. Auf einem Standetag zu Wenden wurde Ende November 1430 ein Ver-
gleich erortert.182 183 Die Domherren boten drei Varianten an: (1) Bei Riickgabe
aller okkupierten Kirchenbesitzungen durch den Orden wollten sie dessen Ha¬
bit wieder anzulegen, (2) dem Orden mit unrechte iibernommenen Giiter vorbrifen
und vorsegeln, aber bei der Augustinerregel verbleiben oder (3) ohne Giiteraus-
gleich lediglich ein oder zwei Deutschordensbriider in ihr Kapitel aufnehmen.'
Mehr waren sie nicht bereit nachzugeben, solden sie dorumme ouch alle sterben.m
Im Februar 1431 unterzeichneten beide Seiten auf einer Standeversammlung
zu Wolmar einen Vertrag, wonach alle gegenwartigen Rigaer Domherren den
Augustinerhabit nebst alien von Papst Martin V. erlangten Privilegien bis zum
Lebensende beibehalten durften; alle zukiinftigen Kanoniker sollten aber Or-
densbriider sein. Gemeinsam sollten Erzbischof, Domkapitel und der livlandi-
sche Orden den Papst um die Bestatigung des Vertrags sowie um die Erlaubnis
bitten, daft vier Personen, die das Geliibde des Ordens abgelegt hatten, ins
Kapitel aufgenommen wiirden. Die Domherren sollten nicht der Visitation des
Ordensmeisters, sondern allein der des Erzbischofs unterworfen sein; nur wenn
dieser die gebotene ,,Berichtigung“ (correxio) verweigere, sollte der Meister einen
Pralaten des Ordens damit beauftragen. Zudem vereinbarte man, alle iibrigen
offenen Streitfragen (cause, dissensiones et querele) zwanzigjahre „in freundschaftli-
cher Nachsicht" (in amicabilipaciencid) ruhen zu lassen.184
179 AuR 1, Nr. 379; LECUB 8, Nr. 336 (1430 Oktober 5). Vgl. auch LECUB 8, Nr. 852 ([1434
August]), S. 497, und Nr. 945 § 12-14 ([1435]).
180 LECUB 8, Nr. 342 (1430 Oktober 14). Vgl. auch LECUB 8, Nr. 945, § 15-17 ([1435]). Eine
ahnliche Stufenlosung hatte zuvor schon der Generalprokurator des Ordens in Rom vorge-
schlagen; LECUB 8, Nr. 69 (1429 August 23), BGP 4, 53.
t8t LECUB 8, Nr. 366 (1430 November 20).
182 AuR 1, Nr. 380 (1430 November 29); LECUB 8, Nr. 369 (1430 [November 29]). Ferner
LECUB 8, Nr. 945 § 17, 19-20 ([1435]). Vgl. auch die undatierten Instruktionen fur den Ge¬
neralprokurator des Ordens in Rom, LECUB 8, Nr. 379 (o.D. [1430 Ende oder 1431 An-
fang]).
183 BGP 4, Nr. 199(o. D. [1430 Ende]).
184 AuR 1, Nr. 382 (1431 Februar 25-27); LECUB 8, Nr. 410 (o.D. [1431 Februar Ende]).
Das Domkapitel von Riga
303
Die Einigung beriicksichtigte die Hinweise aus Rom, daB Papst Martin V.
die beschlossene Umwandlung des Domkapitels auf keinen Fall widerrufen
wiirde. Da Erzbischof und Domherren nach Auskunft des Landmeisters schon
im Vorfeld erklart hatten, das sie sich ее toten mlden lassen und leiden, was sie leiden
sulden, ее sie unsirs ordens habitt mddir an sicb wolden nehmenx*b, konnte der Orden
nur auf eine schrittweise, gleichsam ,biologische‘ Losung setzen und bis dahin
lediglich versuchen, durch einige wenige Ordenspriester die Stimmung im Ka-
pitel zu seinen Gunsten zu beeinflussen.
Wahrend das Visitationsrecht, das den Domherren den AnlaB zum Abstrei-
fen des Ordensmantels gegeben hatte, im Sinne der Rigaer Kanoniker geregelt
wurde, wenn auch mit einer letzten Eingriffsoption des Ordensmeisters, sah
man fur die Frage, wer iiber die Aufnahme der neuen Domherren zu befinden
hatte, also fur das umstrittene Postulationsrecht des Ordensmeisters, ein mehr-
stufiges Einsetzungsverfahren vor: In der Auswahl der Kandidaten sollte das
Kapitel frei bleiben (in sua eleccione libera permanent). Die Gewahlten sollten zu-
nachst dem amtierenden Oberen auf der Ordensburg in Riga prasentiert wer-
den, dort eine Nacht verbringen und am nachsten Tag in den Orden eingeklei-
det werden. Dann hatten die Domherren die Kandidaten noch einmal vor der
Burgbesatzung zu fordern und zu benennen (postulan et vocare). Blieb Wider-
spruch aus, sollten die neuen Kanoniker nach alter Gewohnheit dem Erzbi¬
schof prasentiert werden und anschlieBend den Eid auf die Statuten des Kapi-
tels ablegen.
Die Giiltigkeit der Wolmarer Ubereinkunft war an die Zustimmung des
Papstes gebunden worden. Zur Genugtuung des Ordens war Martin V. am 20.
Februar 1431 gestorben, so daB sich der Generalprokurator Kaspar Wandofen
nun umgehend beim neuen Papst Eugen IV. um eine rasche Bestatigung des
Vertrags bemiihte. Der Gesandte des Domkapitels, der Domherr Dietrich Na¬
gel, verband sich indes mit dem ordensfeindlichen Bischof Christian Kuband
von Osel und suchte die Konfirmation mit dem Hinweis auf den Zwangscha-
rakter des Vertrages zu verhindern. Er war zuversichtlich, die Ausfertigung der
Bulle abwenden zu konnen.186 Doch um die Jahreswende 1431/32 kam es an
der Kurie zu einem Stimmungswechsel, dessen Hintergriinde uns mangels aus-
fuhrlicher Berichte weitgehend verborgen bleiben. Am 22. Februar 1432 besta-
tigte Papst Eugen IV. den Vertrag von Wolmar.187 Lediglich einige kleinere
Anderungen hatten Nagel und Bischof Christian von Osel zugunsten des Ka-
'85 LECUB 8, 123 (1429 [November / Dezember]).
186 Vgl. die eher hinhaltenden Berichte des Generalprokurators und des livlandischen Ordensdi-
plomaten Johann Menchen, LECUB 8, Nr. 464 (1431 Juni 20), 483 (1431 Juli 29), 492 (1431
August 19), 522 (1431 Oktober 31); BGP 4, Nr. 239.
'87 LECUB 8, Nr. 558 (1432 Februar 22).
304
Mario Glauert
pitels durchsetzen konnen. So sollte das Visitationsrecht bei einer Weigerung
des Erzbischofs nicht an den Ordensmeister, sondern an den Bischof von
Kurland fallen.
Der Vertrag von Walk (1435/1436)
Der Sieg des Ordens hatte indes zunachst keine praktischen Folgen. In den
Wirren und Kampfen des ausbrechenden Hussitenkrieges zogerten Erzbischof
und Kapitel die Umsetzung der Bulle zwei Jahre lang erfolgreich hinaus188 und
wandten sich im Februar 1434 schlieBlich an das Konzil von Basel.189 Am 19.
Marz 1434 gab das Konzil ihren Klagen statt, zitierte den livlandischen Or-
denszweig nach Basel190 und untersagte der Ordensfiihrung fur die Zeit der
Verhandlungen alle Feindseligkeiten gegen die Rigaer Kirche.191 Die Anklage-
schrift warf dem Orden vor, der Rigaer Kirche ihre Giiter und Besitzungen
entrissen zu haben; mit Gewalt seien die Augustinerdomherren gezwungea
worden, dem Deutschen Orden beizutreten und sich durch ihn visitieren zu
lassen (incorporare et per suos visitatores visitare).192 Der wieder mit der Vertretung
des Kapitels beauftragte Domherr Dietrich Nagel erganzte die Klagen durch
eine umfangreiche historische Darstellung der Auseinandersetzungen, die bis
zur Christianisierung des Landes zuriickreichte und in Konzilskreisen bald als
cronica von Uefflant bezeichnet wurde.193
Wohl Ende 1434 reichten die Domherren eine weitere Klageschrift ein, die
in neun Artikeln erneut eine Schilderung der Vorgeschichte gab und in den
Forderungen miindete, den Vertrag von Wolmar zu kassieren und dem Kapitel
auch in Zukunft die Augstinerregel zu belassen.194 Eine etwa im Friihjahr 1435
vorgelegte Stellungnahme zahlte in 29 Artikeln ausfuhrlich alle Vergehen des
Ordens in Livland seit 1428 auf und verlangte abermals die Aufhebung der
letzten Abkommen.195 Auf Bitten der Rigaer Vertreter bestimmte die Basler
Synode im Laufe des Jahres 1434 eine Reihe von Bevollmachtigten zur Priifung
tee Vgi die Schreiben des livlandischen Ordensmeisters an den Hochmeister, LECUB 8, Nr. 673
(1433 Marz 30) und 703 (1433 Juli 8).
189 VgL die Darstellung iiber den Verlauf des Streits bei BGP 4, Nr. 605, Nachbemerkung. Siehe
auch Beuttel (wie Anm. 116), S. 223-225.
190 LECUB 8, Nr. 786; BGP 4, Nr. 607.
191 LECUB 8, Nr. 787 (1434 Marz 19); BGP 4, Nr. 608.
192 LECUB 8, Nr. 778 (1434 Februar 25 - Juli 30).
193 LECUB 8, Nr. 852 (o.D. [1434, ca. August]). Zum Titel siehe LECUB 8, Nr. 871 (1434
Oktober 21), S. 513.
194 LECUB 8, Nr. 891.
195 LECUB 8, Nr. 945; BGP 4, Nr. 706.
Das Domkapitel von Riga
305
der Anklagen und empfahl die Rigaer Kirche im Marz 1435 schlieBlich sogar
dem Schutz des polnischen Konigs und des GroBfursten von Litauen.196
Obwohl die vom Papst gebilligten Wolmarer Bestimmungen damit faktisch
Stiick fur Stiick in Frage gestellt wurden, blieb die Ordensseite bei alledem
„durchaus passiv“197 und intervenierte beim Konzil kaum gegen die sich aus-
weitenden Anklagen.198 Vermutlich glaubte man, allein unter Verweis auf die
Bestatigung des Wolmarer Vertrages durch Eugen IV. alle Revisionsbemiihun-
gen abwehren zu konnen.199 200 Erst Ende 1434 stellte der livlandische Ordensmei-
ster fur den Konzilsgesandten des Ordens, Andreas Pfaffendorf^00, die notwen-
dige ProzeBvollmacht aus.201 Fur aussichtsreiche GegenmaBnahmen war es
indes schon zu spat. Pfaffendorf riet am 1. Mai 1435 zu einem Vergleich, da der
Orden durch seine ungeniigenden diplomatischen Bemiihungen bereits zu viele
Versaumnisse verschuldet hatte.202 Kurz zuvor hatte ein vom Konzil an die
Stadte Riga, Dorpat und Reval gerichtetes Mandat zwar einen moglichen Kom-
promiB angedeutet203, fand aber nicht die Zustimmung der Rigaer Kirchenver-
treter, die nun hofften, den durch die Kampfe gegen Litauen gebundenen Or-
densmeister zu weit mehr Zugestandnissen bewegen zu konnen.
In Livland blieben drei Verhandlungstage zwischen dem Orden und den Ri¬
gaer Praia ten im Januar, Juni und Juli 1435 wohl ohne groBeren Erfolg.204 Die
Niederlage gegen Polen-Litauen an der Swienta am 1. September 1435, bei der
auch der Landmeister Franke Kirskorf den Tod fand, zwang den Deutschen
Orden dann jedoch zu Kompromissen. Auf einem Landtag zu Walk am 4. De-
zember 1435 muBte er die meisten seiner Anspriiche fallenlassen. Fiir die um-
strittenen Territorien und Grenzen im Erzbistum wurden detaillierte Guter-
wechsel und Ausgleichszahlungen vereinbart205, die Auseinandersetzungen um
die Stadt Riga wurden fur zwolf Jahre niedergelegt206.
Erzbischof und Kapitel sollten emchliken blyven in dem babyt des ordins sancti
Augustini in alle sodaner vryheid, die ihnen Papst Martin V. gewahrt hatte. Selbst
wenn ein Papst von egenem willen die Pralaten zur Annahme der Deutschordens-
196 LECUB 8, Nr. 837 (1434 Juli 29), 861 (1434 September 17), 886 (1434 Dezember 17), 912
(1435 Marz 29), 913 (1435 Marz 29).
197 So Hans KOEPPEN. In: BGP 4, Nr. 605, S. 664. Vgl. auch BGP 4, Nr. 623.
198 Vgl. auch LECUB 8, Einleitung, S. XXVII.
199 Vgl. die Einschatzung des Konzilsgesandten Johann Karsche, LECUB 8, Nr. 871 (1434
Oktober 21).
200 Vgl. zu ihm Bernhart JAHNIG, Andreas Pfaffendorf ОТ. Pfarrer der Altstadt Thorn (1425-
1433). In: BeitrAge zur Geschichte Westpreussens 7 (1981) S. 161-187.
BGP 4, Nr. 671 (1434 Dezember 25).
202 LECUB 8, Nr. 920; BGP 4, Nr. 707.
203 LECUB 8, Nr. 919 (1435 April 24); BGP 4, 704.
204 AuR I, 407 (1435 Januar 6-9), 410 (1435 Juni 12 - nach Juni 19), 411 (1435 Juli 24 - [31?]).
205 LECUB 8, Nr. 1016 (1435 Dezember 4) und 1017 (1435 Dezember 4).
206 LECUB 8, Nr. 1018 (1435 Dezember 4).
306
Mario Glauert
regel verpflichten wiirde, sollte der Orden dies to ewigen tyden weder aufgreifen,
noch gutheiBen. Zum Ausgleich aller sonstigen Forderungen zahlte der Deut¬
sche Orden dem Erzbischof und seiner Kirche 20.000 Rigische Mark, womit
alle anclage, schelinghe und tmdracht unde ander gewaldt, schade unde unmod zwischen
beiden Parteien vollstandig abgegolten sein sollten. Der Erzbischof verzichtete
auf seine Lehnshoheit liber den Deutschen Orden und auf alle Anspriiche, die
sich aus der Ermordung der Gesandten vom Friihjahr 1428 ergaben.207
Das Baseler Konzil bestatigte diesen Vergleich im September 1436, so daB
alle laufenden Prozesse kassiert wurden.208
Die Einigung von Walk war ein Erfolg fur die Rigaer Kirche.209 Gestiitzt auf
die Beschliisse des Konstanzer Konzils und begiinstigt durch die militarische
Niederlage des Ordens, hatten sich Erzbischof und Domherren mit ihren For¬
derungen in der Habitsfrage vollstandig durchsetzen konnen. Auf Detailkom-
promisse beim Visitations- oder Postulationsrecht hatte man diesmal verzichtet
und statt dessen jene Freiheiten wiederhergestellt, die den Pralaten durch Papst
Martin V. zugesprochen worden waren. Das Abstreifen des Ordensmantels
wurde vom Landmeister und seinen Gebietigern anerkannt und die weitgehen-
den Zusicherungen schienen spatere Revisionsversuche an der Kurie in der Tat
„fur alle Ewigkeiten" auszuschlieBen. Doch sollte sich zeigen, daB der Vertrag
nur einen weiteren, aber keineswegs den letzten Strich unter die Habitsstreitig-
keiten zwischen dem Deutschen Orden und der Rigaer Kirche zog.
Die Einsetzung des Erzbischofs Sylvester Stodewescher 1448
Die im Walker Vertrag fur alle Streitigkeiten um die Stadt Riga festgelegte Frie-
densfrist von zwolf Jahren und das Verbot, die Frage des Ordenshabits an die
Kurie zu tragen, fuhrten zunachst tatsachlich dazu, daB Erzbischof Henning
Scharpenberg und die livlandische Ordensfuhrung in den folgenden Jahren von
weiteren Bemiihungen absahen, die 1435 getroffenen Vereinbarungen zu revi-
dieren.
Doch noch vor Ablauf des diplomatischen Waffenstillstandes lieB der Deut¬
sche Orden in Rom erste Vorbereitungen zur Wiederaufnahme des Konflikts
treffen.210 Gestiitzt auf die alteren papstlichen Privilegien und kaiserlichen Er-
207 AuR 1, Nr. 415 (1435 November 27 - Dezember 4); LECUB 8, Nr. 1019 (1435 Dezember
4). Vgl. auch LECUB 9, Einleitung, S. XII f.
208 LECUB 9, Nr. 105 (1436 September 20). Der livlandische Ordensmeister sandte die Bestati-
gung des Vergleichs durch das Basler Konzil im Januar 1437 an den Hochmeister; LECUB 9,
Nr. 125 (1437 Januar 30).
209 Vgl. aber beispielsweise die unterschiedlichen Bewertungen von Hildebrand in: LECUB 8,
Einleitung, S. XXIX, und Stavenhagen / Arbusow in: AuR 1, Nr. 415, S. 379-381.
210 Vgl. LECUB 10, Einleitung, S. XLII-XLIV; Gert KROEGER, Erzbischof Sylvester Stodewe¬
scher und sein Kampf mit dem Orden um die Herrschaft iibcr Riga (MriTEILUNGEN AUS
Das Domkapitel von Riga
307
lasse, sollte der Statthalter des Ordensprokurators, Andreas Kunisch, im Friih-
jahr 1446 auf Anweisung des Hochmeisters Konrad von Erlichshausen einen
neuen VorstoB zur Vereinigung der Rigaer Kirche mit dem Orden unterneh-
men.211 BewuBt sollte die Initiative nicht vom Landmeister ausgehen, dem
durch den Walker Vertrag vorerst noch diplomatisch die Hande gebunden
waren.
Doch bevor sich erste Erfolge der geheimen Vorverhandlungen einstell-
ten212, starb am 5. April 1448 Erzbischof Henning Scharpenberg.213 Die Frie-
densfrist des Walker Vertrages war einige Monate zuvor ausgelaufen und so bot
der Tod des alten Rivalen dem Orden die Moglichkeit, seine Plane wieder auf-
zunehmen. Der Hochmeister war zuversichtlich, das Bistum diesmal an einen
Priesterbruder des Ordens bringen zu konnen.214 Doch auch das Domkapitel
hatte sich auf den absehbaren Tod seines Oberhirten vorbereitet und schon zu
Beginn des Jahres seinen erfahrenen Propst Dietrich Nagel nach Wien und
Rom gesandt, - offiziell, um dem neuen Papst Nikolaus V. die Anerkennung
der Rigaer Kirche zu iibermitteln, doch furchtete der Orden wohl mit Recht,
daB der Propst auch weitergehende Instruktionen im Gepack hatte.215
Da der livlandische Ordensmeister keinen geeigneten Kandidaten fur das
Amt des Erzbischofs zu prasentieren wuBte, schlug er dem Hochmeister dessen
Kanzler Sylvester Stodewescher216 als Nachfolger vor.217 Konrad von Erlichs-
DER LIVLAndischen GESCH1CHTE, Bd. 24, Heft 3). Riga 1930, S. 149 f.; Klaus-Eberhard
MURAWSKI, Zwischen Tannenberg und Thom. Die Geschichte des Deutschen Ordens unter
dem Hochmeister Konrad von Erlichshausen 1441-1449 (GOTTINGER BAUSTEINE ZUR
Geschichtswissenschaft, Heft 10/11). Gottingen 1953, S. 158-161.
2,1 Vgl. seine Instruktionen vom 4. April 1446, LECUB 10, Nr. 208. Einige Tage spater berich-
tete der Hochmeister dem livlandischen Meister von der Entsendung Kunischs, der sich under
unsers ordens gutten jrunden eigentlichen und in geheyme iiber den Stand der Angelegenheit informie-
ren sollte; LECUB 10, Nr. 213 (1446 April 24).
212 Vgl. auch die Instruktionen fur den neuen Generalprokurator des Ordens, Jodocus Hogen-
stein, vom 18. Januar 1448, LECUB 10, Nr. 409. Ferner AuR 1, Nr. 509 (1447 Januar 1-3).
213 Vgl. das Schreiben des Hochmeisters an den Ordensprokurator; LECUB 10, Nr. 433 (1448
April 16).
2,4 Vgl. die Schreiben des Hochmeisters an den Generalprokurator und den papstlichen Refe-
rendar und Protonotar Anselm Fabri de Breda, einen Freund und Gonner des Ordens an der
Kurie, LECUB 10, Nr. 432 f. (1448 April 16).
215 Vgl. die entsprechenden Schreiben des Hochmeisters nach Wien und Rom, LECUB 10, Nr.
414 (1448 Februar 11), 415 (1448 Februar 13) und 422 (1448 Marz 10).
2.6 Vgl. zu ihm KROEGER (wie Anm. 210), passim, und Hartmut BOOCKMANN, Die Rechtsstu-
denten des Deutschen Ordens. In: Festschrift fur Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag.
Hrsg. von den Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts fur Geschichte, Bd. 2, Gottingen 1972
(VerOffentlichungen des Max-Planck-Instituts for Geschichte, 36/2), S. 313-375,
hier: S. 358 f.
2.7 So berichtete es jedenfalls der Hochmeister Mitte April nach Rom; LECUB 10, Nr. 432
(1448 April 16).
308
Mario Glauert
hausen war einverstanden und richtete am 16. April 1448 entsprechende Emp-
fehlungsschreiben an den Papst und die Kardinale.218
Zugleich hatte der Ordensmeister versucht, das Rigaer Domkapitel von der
Wahl eines eigenen Kandidaten abzuhalten, und noch vor der Beisetzung Hen¬
ning Scharpenbergs ein Mandat Eugens IV. an alle Kirchentiiren schlagen las-
sen, nach dem sich der Papst schon zu Lebzeiten Scharpenbergs die Besetzung
des Erzbischofsstuhles reserviert hatte. Das Domkapitel erhob am 17. April
formlich Einspruch gegen die Reservation und wahlte einen Tag spater ein-
stimmig den Liibecker Bischof Nikolaus Sachow219 zum Nachfolger der ver-
storbenen Erzbischofs.220
Der Hochmeister sah in dem fragwiirdigen Vorgehen des Kapitels, das an-
geblich sogar eine Bestatigung des neuen Erzbischofs durch den Erzbischof
von Bremen statt durch den Papst erwog, eine Chance, den neuen Kandidaten
von vornherein zu diskreditieren, und forderte vom Landmeister eine Urkunde
dariiber, daB die Domherren die Postulation Sachows trotz der bekannten Re-'
servation durchgefuhrt hatten.221 Zugleich gab er seinem neuen Generalproku-
irator in Rom, Jodocus Hogenstein, sehr genaue Anweisungen fur die Formulie-
rung der beim Papst fur Stodewescher zu erlangenden Provisionsbulle: Ent-
scheidend war, daB sie auf der einen Seite zwar nicht den Verfugungen Martins
V. liber die Wiedereinfuhrung des Augustinerhabits widersprechen durfte, an-
dererseits aber auch die Bestatigung des Walker Vertrages durch das Basler
Konzil fur unverbindlich erklarte.222
Den Planen des Ordens schien nichts mehr entgegenzustehen, als der be-
tagte Liibecker Bischof im Herbst die Ubernahme des Erzbistums wegen der
zu erwartenden Strapazen und Feindseligkeiten und angeblich mit dem Hinweis
ablehnte: Er habe ein Bistum, das en ml generet, babe er nicht vele kuh, so babe er ouch
nicht vele тиЬ22Ъ
Doch in Rom, wo unterdessen auch der Dekan des Kapitels, Heinrich Net-
telhorst, eingetroffen war, stieB der Generalprokurator auf iiberraschenden
Widerstand gegen die Erhebung des Kanzlers.224 Papst Nikolaus V. hatte gleich
2,8 LECUB 10, Nr. 431.
219 Vgl. zu ihm Klaus WRIEDT, „Sachow, Nikolaus** (Art.). In: Die Bischofe des Heiligen Romi-
schen Reiches 1448-1648. Ein biographisches Lexikon. Hrsg. v. Erwin GATZ. Berlin 1996, S.
610.
220 Vgl. das Schreiben des Hochmeisters an den Ordensprokurator nach Rom, LECUB 10, Nr.
444 (1448 April 29).
221 LECUB 10, Nr. 446 (1448 April 30).
222 LECUB 10, Nr. 447 (1448 Mai 2 und 19).
223 LECUB 10, Nr. 495 (1448 Oktober 6). Sachow hatte angeblich schon bei seiner Postulation
die Zustimmung des Papstes zur Bedingung fur eine Ubernahme des Amtes gemacht; vgl.
LECUB 10, Nr. 446 (1448 April 30).
Vgl. KROHGER (wie Anm. 210), S. 155 f.; MURAWSKJ (wie Anm. 210), S. 164 f.
224
Das Domkapitel von Riga
309
eine ganze Reihe von Bedenken gegen die Provision vorgetragen, die vor allem
den vom Basler Konzil bestatigten Vertrag von Walk und das erst einige Mo-
nate zuvor geschlossene Wiener Konkordat betrafen, das dem Wahlrecht der
Domkapitel wieder Geltung verschaffen sollte.225 Zudem befurchtete der Papst,
daB die Provision eines Ordensbruders die Streitigkeiten in Livland wieder auf-
leben lassen konnte. Obendrein lieB sich die angebliche Reservation Eugens IV.
in den papstlichen Registern nirgends finden.226
Der Hochmeister suchte die Bedenken des Papstes in einem langen In-
struktionsschreiben an seinen Prokurator auszuraumen.227 Kern der Argumen¬
tation sollte eine Erklarung sein, daB der livlandische Ordensmeister mit dem
Vertrag von Walk seine Kompetenzen uberschritten habe und ohne Wissen
und Willen des Hochmeisters und des Ordens weder die dort gemachten Zusa-
gen treffen, noch die von Bonifaz IX. 1394 und 1397 dem Orden als ganzes
gewahrten Privilegien hatte aufgeben durfen.
Beide Begriindungen waren jedoch mehr als fragwiirdig und trafen erst in
Rom ein, als dort bereits alles zugunsten des Ordens entschieden war: Am 9.
Oktober 1448 providierte Nikolaus V. den Kanzler des Hochmeisters Sylvester
Stodewescher mit dem Erzbistum Riga. Der Rigaer Domherr Detmar Roper
versuchte zwar noch mit einer Appellation an den Papst, die Ubernahme des
Bistums durch Stodewescher zu verhindern228, doch der Generalprokurator
konnte erreichen, daB Nikolaus V. den Bischofen von Anasartha (Syrien), Les-
lau und Kamin die ziigige Einsetzung des neuen Erzbischofs iibertrug.229
Den Ausschlag hatten am Ende nicht die juristischen Feinheiten, sondern
die hohen Summen gegeben, die der Hochmeister fur die Verleihung aufzu-
bringen bereit gewesen war. Man hat errechnet, daB der Orden 6240 Dukaten
fur die Erhebung des Hochmeisterkanzlers ausgeben muBte, von denen aller-
dings nicht einmal die Halfte auf die fur solche Provisionen ublichen Gebiihren
entfielen, Geschenke, Bestechungsgelder und nicht zuletzt die unzulangliche
Erfahrung des Ordens im Umgang mit dem zeitgenossischen Finanzsystem
hatten die Kosten immer weiter in die Hohe getrieben.230
Angesichts der hohen Summen, die der Orden fur die Provision Stodewe-
schers aufgewendet hatte, drangte der Hochmeister seinen ehemaligen Kanzler
225 Vgl. Andreas MEYER, Das Wiener Konkordat - eine erfolgreiche Reform des Spatmittelal-
ters. In: QuELLEN UND FORSCHUNGEN AUS ITALIENISCHEN ARCHIVEN UND BlBLIOTHEKEN
66 (1986) S. 108-152.
226 Vgl. das Schreiben des Hochmeisters an den livlandischen Ordensmeister vom 6. Oktober
1448, LECUB 10, Nr. 495.
227 AuR 1, Nachtrage, Nr. 517a (1448 Oktober 1).
228 LECUB 10, Nr. 546 (1449 Februar 4).
229 LECUB 10, Nr. 510 (1448 November 16).
230 Klaus MlLlTZER, Die Finanzierung der Erhebung Sylvester Stodeweschers zum Erzbischof
von Riga. In: ZEITSCHRJFT FUR OSTFORSCHUNG 28 (1979) S. 239-255.
310
Mario Glauert
zu weitreichenden Versprechungen.231 Der neue Erzbischof muBte sich ver-
pflichten, die ausgelegten Gelder innerhalb von zwei Jahren zuriickzuerstatten,
und zusagen, nach der Ankunft in Riga auch von seinem Domkapitel die Zu-
stimmung zu dieser Verpflichtung zu erlangen.232
Domkapitel und Stande ahnten indes, daB der neue Erzbischof sein Amt
mit zahlreichen Forderungen antreten wiirde und weigerten sich, Stodewescher
ins Erzstift ziehen zu lassen, bevor ihnen ausreichende Zusicherungen gemacht
worden seien. Auf einer Versammlung in Riga am 30. Marz 1449 formulierten
sie eine Reihe von Bedingungen fur die Anerkennung Stodeweschers: Der
kiinftige Erzbischof sollte vor allem zusagen, das Domkapitel bei der Augusti-
nerregel zu belassen und die Giiter der Kirche nicht an den Orden zu verpfan-
den.233
Drei Abgesandte der Versammlung, unter ihnen der Dompropst Dietrich
Nagel, verhandelten ab dem 15. April auf der Marienburg mit dem Hochmei-
ster und Stodewescher. Der Hochmeister war nicht bereit, die Frage der Rigaer
Kirche als endgiiltig geklart zu betrachten. So wurde vereinbart, daB in spate-
stens anderthalb Jahren eine Zusammenkunft in Livland stattfinden sollte, um
das Verhaltnis zwischen der Kirche und dem Orden sowie liber das Walker
Abkommen von 1435 zu beraten. Wiirde keine Einigung erreicht werden, soil-
ten weitere Gesprache folgen. Bis dahin sagten beide Seiten zu, sich keine Ver-
giinstigungen auf Kosten der Gegenseite zu verschaffen.234
Im Gegenzug verlangte Dietrich Nagel von Stodewescher verbindliche Zu¬
sagen, die von der Standeversammlung flir seine Anerkennung geforderten
Verpflichtungen einzuhalten. Dieser zogerte mehrere Tage. Erst am 19. April
unterzeichnete der ehemalige Kanzler eine Erklarung, den Habit des Kapitels
nicht zu verandern235, — es war wohl die erste Wahlkapitulation, die je ein Bi-
schof in der Erzdiozese Riga vor seiner Weihe abzugeben hatte.
Der Vertrag von Wolmar 1451
Wie vom Hochmeister gefordert, wurden ab Marz 1451 umfangreiche diplo-
matische Vorbereitungen flir eine Tagfahrt getroffen, auf der die Frage der
Rigaer Kirche erneut verhandelt werden sollte.236 Es war der neue Erzbischof,
231 Vgl. auch KROEGER (wie Anm. 210), S. 158 f.
232 Vgl. LECUB 10, Nr. 583 (1449 April 10), 587 (1449 April 21) und 599 (1449 Mai 19).
233 AuR 1, Nr. 517 (1449 Marz 30 ff.). LECUB 10, Nr. 571 (1449 о. T.).
234 LECUB 10, Nr. 578-580 (1449 April 16).
235 LECUB 10, Nr. 584 (1449 April 19).
236 Vgl. die Vollmacht des Hochmeisters flir seine Gesandten vom 8. Marz 1451 flir eine Tag¬
fahrt am 16. Mai, die dann jedoch verschoben wurde; LECUB 11, Nr. 114. Ferner AuR 1,
Nr. 536.
Das Domkapitel von Riga
311
der den livlandischen Ordensmeister zu einem energischen Vorgehen gegen
sein eigenes Domkapitel aufforderte.237 Die juristische Argumentation sollte
sich diesmal auf die Bestatigung des Wolmarer Vergleichs vom Februar 1431
durch Papst Eugen IV. stiitzen, die eine Friedensfrist von zwanzig Jahren, also
bis 1451 vorgesehen hatte. Die Urkunde sprach dem Orden zwar das Visitati-
onsrecht ab, verpflichtete aber alle neuen Mitglieder des Kapitels zur Annahme
des Ordenshabits.238
Der Papst hatte seinerzeit unter anderen den Dekan des ermlandischen
Domkapitels zum Exekutor seiner Bulle bestellt, und so bat der Hochmeister
den amtierenden Dekan Johann Plastwig im Mai um die Ausfertigung einer
entsprechenden Exekutionsurkunde.239 Plastwig, immerhin Doktor des kanoni-
schen Rechts240, erkannte indes sofort, daB das Mandat Eugens IV. durch den
Vertrag von 1435 und spatestens durch dessen Bestatigung durch das Basler
Konzil ein Jahr spater unwirksam geworden war. Doch auch Hochmeister
Ludwig von Erlichshausen sah in dem juristischen Kunstgriff eine Chance oder
zumindest einen Vorwand, um die Frage erneut aufrollen zu konnen, und er-
reichte, daB Plastwig Anfang Juni ein in der hochmeisterlichen Kanzlei ange-
fertigtes Exekutionsmandat an den Romischen Konig und den Konig von Po-
len mit seinem Dekanssiegel versah. Allerdings warnte Ludwig ausdriicklich
davor, das rechtlich zweifelhafte Instrument tatsachlich anzuwenden, denn
qwemen die ding in den hoff cyu Rome adir sust vor gelarte lewte, das were uns und unsim
gelarten eyn bon und eyn iderman wurde daraus treiben das gespotte. Nur im Notfall und
allenfalls, das men das capittel c%u Edge alleyne damit bedreuwen und scheuwen konne,
sollte die ,,Schreckensbulle“ (Kallmeyer) den Domherren vor Augen gehalten
werden.241
Doch dieses Schauspiel war vermutlich nicht mehr notig. Erzbischof Sylve¬
ster Stodewescher hatte seine Domherren durch die Schilderung der Gefahren,
die ihnen bei einer Weigerung vom Orden drohen wiirden, bereits zum Einlen-
237 Der Erzbischof hatte dem Hochmeister schon im Februar 1451 mogliche Gesandte fur die
Verhandlung mit dem Domkapitel empfohlen; LECUB 11, Nr. 108 (1451 Februar 26). Vgl.
auch das Schreiben des Erzbischofs an den Hochmeister vom 27. April 1451, LECUB 11,
Nr. 128.
238 Vgl. die Vollmacht des Hochmeisters fur seine Gesandten und das Begleitschreiben an den
Erzbischof, LECUB 11, Nr. 134 und 135 (1451 Mai 13).
239 Vgl. das Empfehlungsschreiben des Hochmeisters fur den Boten an Plastwig, LECUB 11,
Nr. 140 (1451 Mai 30). Der Hochmeister hatte dem Ordensmeister schon Mitte Mai 1451 aus
Elbing mitgeteilt, er hoffe, den ermlandischen Dekan zur Besiegelung bewegen zu konnen;
LECUB 11, Nr. 136 (1451 Mai 14).
240 Vgl. zu ihm Stownik biograficzny kapituly warminskiej (wie Anm. 47), S. 189 f.
241 Hochmeister an den Obersten Marschall, LECUB 11, Nr. 149 (1451 Juni 7).
312
Mario Glauert
ken bewegt.242 Auf einer Tagfahrt zu Wolmar wurde am 6. Juli 1451 vom Erz-
bischof, seinem Kapitel und den erzstiftischen Vasallen auf der einen und dem
Deutschen Orden auf der anderen Seite ein Vertrag geschlossen, der die Be-
stimmungen der Walker Einigung von 1435 in vielen Punkten revidierte:243
Vorbehaltlich der Zustimmung des Papstes sollten vorbas und yn cyukunjftigen
ewigen gec^eiten der Erzbischof und alle Domherren seyn, bleiben, tragen und haben
den habit und orden des hospitals unsir lieben frauwen des Deutschen huwses von Jerusalem.
Den amtierenden Kanonikern wurde es freigestellt, ob sie das Ordensgewand
annehmen wollten. Der Orden sollte sie dazuj/7 keinerley weise [...] drangen adir
notigen, sunder yn mlchem orden si bleiben rnrden, dorynne sollen sie gleichwol als wirdige
thumherren der kirchen c%u Edge gefordert, geeret undgeliebet rnrden.
Hoch- und Landmeister gaben dem Erzbischof und seinem Domkapitel ge-
wald und macht, dab sie kiinftig alien, die sie yn irem capittel c%u thumherren erwelen
rnrden, [...] selbst c%u der profession nehmen und selbst yn den habith cleiden. Die
Einkleidung konnte der Erzbischof, sofern er Ordensbruder war, oder der
Propst bzw. ein von ihm Beauftragter durchfiihren. Erst danach sollte der neue
Domherr dem Landmeister mit der Bitte prasentiert werden, das her demselben
nuwen thumherren und bruder unsers ordens welle gunstig undforderlich seyn als uns alien.
Der Erzbischof bzw., wenn dieser nicht dem Orden angehorte, der Propst
erhielten das Recht, alle Kanoniker obir alle artikel und capittel, уn unsers ordens regel
und buche geschreben, gemaB den Bestimmungen der Ordensstatuten zu dispensiren.
Hoch- und Landmeister verzichteten auf jede visitacio und jurisdiccio liber das
Domkapitel; diese sollten allein dem Erzbischof vorbehalten bleiben. Propst
und Dekan sollten kiinftig heymliche frunde und rathgeber des livlandischen Meisters
sein.
Der Orden garantierte dem Kapitel, es in der freien Ausiibung seiner Bi-
schofswahl nicht c%u hinderen, und sicherte den Kapitelskandidaten seine Unter-
stiitzung bei der Erlangung ihrer papstlichen Konfirmation zu. Der 1435 zu
Walk geschlossene Vertrag wurde in alien Punkten flir ungiiltig erklart, und
man verabredete, samtliche alten Urkunden und Instrumente, die gegen die
neue Einigung verwendet werden konnten, auszutauschen und fortan weder an
der Kurie in Rom noch andernorts gegen sie vorzugehen.
Die Rigaer Kirche sollte aller Ablasse und begnadunge des Deutschen Ordens
teilhaftig werden. Der livlandische Ordensmeister und seine Nachfolger erhiel¬
ten das Recht auf eine Beisetzung im Chor der Rigaer Domkirche; Ordensmei-
242 Die Domherren beklagten sich noch 1454 beim Erzbischof dartiber, er habe sie seinerzeit
durch Drohungen und Einschiichterungen zur Annahme des Ordenshabits gedrangt;
LECUB 11, Nr. 339 (1454 Mai 5).
243 LECUB 11, Nr. 159 (1451 Juli 6); AuR 1, Nr. 537.
Das Domkapitel von Riga 313
ster Johann von Mengede stiftete dafur ein entsprechend dotiertes Jahrge
dachtnis.
Durch den Vertrag von Wolmar sollte es dem Deutschen Orden tatsachlich
gelingen, das Rigaer Domkapitel dauerhaft an seine Regel zu binden. Bereits
fiinf Jahre spater wird von elf Domherren (darunter Propst und Dekan) nur
noch einer als Regularkanoniker angesprochen.244
Faktisch war es dem Orden aber nicht gelungen, die Kontrolle des Kapitels
und der Bischofswahl zu erlangen. Bei der Einsetzung der Domherren konnte
er durch den einzigartigen Verzicht auf sein exklusives Einkleidungsrecht kei-
nen EinfluB mehr geltend machen. Die Aufsicht fiber die amtierenden Kanoni-
ker war ihm vollig entzogen, da er weder das Visitations- noch das Jurisdikti-
onsrecht besaB und der Erzbischof bzw. der Propst daruber hinaus jeden Ka-
noniker gegebenenfalls von alien Artikeln der Ordensregel dispensieren konn-
ten. Die freie Bischofswahl muBte der Orden nicht nur garantieren, sondern
auch gegeniiber der Kurie verteidigen; da in dem Vertrag selbst mit der Mog-
lichkeit gerechnet wurde, daB ein Erzbischof nicht dem Orden angehorte, war
das Kapitel auch in dieser Frage nicht an Vorgaben der Ordensfuhrung gebun-
den. Die Aufnahme von Propst und Dekan in den Rat des Landmeisters, die
Teilhabe der Kirche an den Ordensablassen und die Anniversarienstiftung be-
deuteten zusatzliche politische und finanzielle Gewinne fur die Domherren.
Insgesamt machte der Wolmarer Vertrag das Domkapitel von Riga somit
zwar formal zu einem Deutschordens-Domkapitel, doch nahm er der Ordens¬
fuhrung in der Praxis jede Moglichkeit, auf die personelle Zusammensetzung
des Kapitels, die Lebensfiihrung der Kanoniker und die Bischofswahlen Ein¬
fluB zu nehmen.245
Trotz einiger Versuche der Stadte Riga und Dorpat, die vorgesehene Ratifi-
zierung des Abkommens an der Kurie in Rom zu verhindern246, bestatigte
Papst Nikolaus V. einige Monate spater, am 4. Marz 1452, die Einigung.247 Fur
die nachsten 115 Jahre bis zur Auflosung des livlandischen Ordensstaates und
der Sakularisierung von Stift und Domkapitel 1566 sollte der Wolmarer Vertrag
die Grundlage fur das Verhaltnis der Rigaer Domherren zur livlandischen Or¬
densfuhrung sein.
244 Vgl. Livlandische Giiterurkunden. Hrsg. v. Hermann von BRUININGK und Nikolaus BUSCH.
Bd. 1. Riga 1907, Nr. 371.
245 Schon KALLMEYER (wie Anm. 2), S. 251 f., urteilte mit Recht liber die Abmachungen von
1451: „Der Orden behielt den Ruhm, Sieger gewesen zu sein, ohne daraus den mindesten
Vortheil ziehen zu konnen; - Erzbischof und Domcapitel mussten sich zwar in eine lastige
Form fiigen, behaupteten aber ihre Unabhangigkeit, vielleicht mit noch besserem Erfolge als
friiher.“
246 Vgl. LECUB 11, Nr. 166 (1451 Juli 15) und AuR 1, S. 513 f., Anm. 2.
247 LECUB 11, Nr. 203 (1452 Marz 4).
Riickblick
Funff sacben, so berichtete 1429 der Generalprokurator des Deutschen Ordens
an der Kurie, Kaspar Wandofen, seinem Herrn, dem Hochmeister, dy bemgen
mich mdir den erc^bischoff und dy thumherren c%u RJge: Dy erste, das sy den habit haben
abgelegit; dy andere, das sy herc^og Wytolt vor einen beschirmer impetriret batten und also
mlden sy heymelichen dy beschirmunge des ordens obir dyselbe kirche dem orden entfremden;
dy dritte, das sy mit rittem und knechten уn Uffland bin und her einen heymelichen bunt
batten gemacht [...]. Das jyrde, das sy sich ouch vorbunden haben vor cyeiten mit dem konige
von Dennemarck mdir den orden [...]. Das funffte, das dy stad von Rige durch das mittel der
thumherren hat sich losen absolviren von ede, den dy stad thun sal dem orden [...].248
Die vorliegende kurze Untersuchung konnte bei weitem nicht alien diesen
Problemfeldern in der Livlandpolitik des Deutschen Ordens im 14. und 15.
Jahrhundert nachgehen.249 Die Auseinandersetzungen um die Stadt Riga, die
Forderungen und Grenzstreitigkeiten uber die Anteile am Bistumsgebiet, das.
Verhaltnis zu den erzstiftischen Vasallen, die Konflikte mit den Bischofen der
iibrigen Diozesen, der Zungenstreit, die Kontroversen zwischen dem preuBi-
schen und livlandischen Ordenszweig und nicht zuletzt die auBenpolitischen
Bedrohungen dieser Jahre sind bei der Beurteilung der diplomatischen und
finanziellen Handlungsspielraume beider Seiten aber stets zu beachten.
Aufgabe dieser Ausfuhrungen war es, aus der dichter werdenden Quellen-
iiberlieferung des 15. Jahrhunderts nach den Elementen jenes verfassungs-
rechtlichen Verhaltnisses zu fragen, die in den Augen des Deutschen Ordens
eine „Inkorporation" der Rigaer Kirche nach dem Vorbild der Domkapitel von
Kulm, Pomesanien, Samland und Kurland ausmachten.
Uberblickt man die Streitigkeiten, die sich aus den jahrzehntelangen Bemii-
hungen des Deutschen Ordens entspannen, das Rigaer Domkapitel an seine
Regel zu binden, so lassen sich aus den zahlreichen Einigungen, Vertragen und
juristischen Argumentationen recht genau jene Kontroll- und Aufsichtsmecha-
nismen herausfiltern, die der Ordensfuhrung aus ihrer Sicht einen maBgebli-
chen EinfluB auf Leben und Wirken der Domherren garantieren soli ten. Die
Verpflichtung, Regel und Gewand des Ordens anzunehmen, war dafur nicht
das Ziel, sondern nur die Voraussetzung.
248 LECUB 8, 69 (1429 August 23); BGP 4, Nr. 53.
249 Vgl. dazu Manfred HELLMANN, Der Deutsche Orden im politischen Geftige Altlivlands. In:
Zeitschrift fur Ostforschung 40 (1991) S. 481-489; Marian BlSKUP, Livland als politi-
scher Faktor im Ostseeraum zur Zeit der Kalmarer Union 1397-1521. In: Der Deutsche Or¬
den in der Zeit der Kalmarer Union 1397-1521. Hrsg. v. von Zenon Hubert NOWAK unter
Mitarbeit von Roman Czaja (Ordines militares. Colloquia Torunensia Historica,
Bd. 10). Torun 1999, S. 99-133.
Das Domkapitel von Riga
315
Entscheidend war die Kontroile fiber den Zugang zum Kapitel. Der Orden
vermochte es zwar kaum, ein Presentations- oder Postulationsrecht durchzu-
setzen. Doch das Recht, einen Kandidaten vorzuschlagen, war streng genom-
men auch nicht entscheidend. Ausschlaggebend war vielmehr, daB sich Hoch-
und Landmeister gestutzt auf die papstlichen Privilegien des Ordens das aus-
schlieBliche Recht vorbehielten, uber die Einkleidung eines Anwarters in den
Orden zu befinden und ihm den Habit zu verleihen. Das exklusive Investitur-
recht war der Schliissel fur die Besetzung der Domherrenstellen. Mit dieser
Zugangskontrolle entschied der Orden langfristig fiber die personelle Zusam-
mensetzung des Kapitels und damit fiber den Kreis potentieller Kandidaten fur
die nachste Bischofswahl. DaB der Orden gerade diesen zentralen Anspruch
1451 im Vertrag von Wolmar aufgab, bedeutete letztlich das Scheitern seiner
Bemiihungen.
Im Vergleich zum Investiturrecht war die Visitation der amtierenden Dom-
herren als Steuerungsinstrument weit weniger wirksam. Sie diente in erster Linie
der Aufsicht uber die Einhaltung der Ordensregel. Die Bindung an das Gehor-
samsgeliibde, die Verpflichtung zur Oboedienz gegenuber den Ordensoberen,
bot in der Praxis wohl nur wenig Moglichkeiten fur eine konkrete politische
EinfluBnahme auf das Kapitel.
Beide Instrumente, Investitur- und Visitationsrecht, gewahrten dem Orden
keinen unmittelbaren, sondern nur einen indirekten EinfluB auf die politische
Haltung der Domherren und — was viel entscheidender war — auf die Wahl der
Bischofe. Mehr war nicht durchsetzbar und war wohl auch nicht gewollt. Die
Ordens ffihrung strebte keine Verfugungsgewalt uber den weltlichen Besitz der
Kanoniker an, suchte keine EinfluBnahme auf die Wahl der Pralaturen oder die
Besetzung der ubrigen Kapitelsamter zu erreichen, zeigte keine Absicht, etwa
die politischen Handlungsmoglichkeiten des Kapitels oder seine ubrigen Rechte
einzuschtanken.
Von einer incorporatio des Rigaer Kapitels in den Orden in jenem kirchen-
rechtlichen Sinne, in dem der Begriff im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts
vornehmlich im pfarrkirchlichen Bereich aufkam250, kann also kaum gespro-
chen werden. Es ging nicht darum, Eigentums- und Nutzungsrechte an den
Kapitelslandereien, ein Prasentationsrecht fur die Kapitelsbeamten oder ein
geistliches Jurisdiktionsrecht uber die Domherren zu erwerben. Die Bindung an
25° Vgi. Paul HlNSCHIUS, Das Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten in Deutschland.
System des katholischen Kirchenrechts mit besonderer Riicksicht auf Deutschland. Bd. 2.
Berlin 1878, ND Graz 1959, S. 436-455; Hans Erich Fkine, Kirchliche Rechtsgeschichte. Die
katholische Kirche, Weimar 4 950, Koln-Wien 4972. Bd. 1, S. 398-401 und 408-411; Heri-
bert Schmitz, ,,Inkorporation“ (Art.). In: Lexikon fur Theologie und Kirche. 3. Aufl. Bd. 5.
1996, Sp. 503 f.; W[illibald] M[aria] Pl.OCHL, ,,Inkorporation“ (Art.). In: Handworterbuch der
deutschen Rechtsgeschichte. Bd. 2. 1978, Sp. 366-368.
316
Mario Glauert
die Ordensregel sollte dem Deutschen Orden nicht die fur ein Inkorporations-
verhaltnis maBgebliche Verfugungsgewalt liber die Temporalien und Spirituali-
en des Rigaer Domstifts iibertragen.
Der Terminus incorporare, mit dem der Orden am Ende des 13. Jahrhunderts
die Verpflichtung der Domherren von Kulm, Pomesanien, Kurland und Sam-
land zur Annahme seiner Regel beschrieb, mag bewuBt gewahlt gewesen sein,
um fur die Zukunft auch weitergehende Anspriiche zu begriinden. Die Ausein-
andersetzungen, welche die Bischofe von Kulm und Samland 1321/22 mit dem
PreuBischen Landmeister um die Herrschaft in ihren Stiften zu fiihren hatte,
deuten in diese Richtung.251 Doch der Begriff blieb immer ein programmati-
scher Ausdruck, ein propagierter Anspruch, keine verfassungsrechtlich treffen-
de Beschreibung fur die Praxis und Gewohnheit der Herrschaftsausiibung und
Herrschaftsabgrenzung gegeniiber den regulierten Kapiteln des Ordenslandes.
Die Problematik seiner Terminologie hat der Orden spatestens 1420 erkannt,
als er seine livlandischen Visitatoren anweisen muBte, gegeniiber der Rigaer"
Kirche nicht von einer incorporation sondern nur von einer papalis ordinacio zu
sprechen, nachdem Papst Martin V. mit Zustimmung des Konstanzer Konzils
alle nach 1378 vorgenommenen uniones et incorporations widerrufen hatte.
Ziel der 1392/94 einsetzenden Bemiihungen des Deutschen Ordens, Bi-
schof und Domkapitel an seine Regel zu binden, war keine Inkorporation des
Domstifts in jener kirchenrechtlichen Bedeutung, mit welcher der Begriff bis
heute gemeinhin gebraucht wird. Der Orden wollte durch die Besetzung der
Domherrenstellen und die Aufsicht fiber ihre Inhaber langfristig die politische
Haltung der Rigaer Kirche im komplizierten Herrschafts- und Interessenge-
flecht Livlands in seinem Sinne beeinflussen und die jahrzehntelangen Ausein-
andersetzungen nach dem in PreuBen bewahrten Modell zu seinen Gunsten
beenden. Dafur war das Domkapitel zweifellos der entscheidende Angelpunkt,
denn iiber das Konsensrecht und das Recht zur Bischofswahl waren die Kano-
niker entscheidend verantwortlich fur die Gestaltung dieser Beziehungen. Die
Bindung von Kapitel und Bischof an Habit und Regel des Deutschen Ordens
war indes keine Garantie fur eine ordensfreundliche Gesinnung der Kirche.
Der anfangs so willfahrige Erzbischof Sylvester Stodewescher sollte schon bald
ein — weiteres — Beispiel dafur werden.252
251 Vgl. Friedrich REDIGER, Der Zwist des Bischofs Johann I. Clare von Samland mit dem
Deutschorden (1321-1322). Phil. Diss. Greifswald 1907; RADZIMINSKi (wie Anm. 12), S. 58-
87.
252 Vgl. Kroeger (wie Anm. 210), S. 181-279.
Zeitschrift fiir die Geschichte und Altertumskunde Ermlands
Beihefte
Beiheft 1: Gerhard Reifferscheid, Das Bistum Ermland und das Dritte Reich (zugleich:
Bonner Beitrage zur Kirchengeschichte, Bd. 7). 1975.
XXXI, 394 S., Vergriffen
Beiheft 2: Quellen zur Geschichte der ersten Katharinenschwestem und ihrer Griinderin
Regina Protmann 11613. Hrsg. und erlautert von Ernst Manfred Wermter.
1975.
170 S., EUR 15.-
Beiheft 3: Das Elbinger Stadtbuch. Bd. 1:1330-1360 (1393). Hrsg. von Hans W. Hoppe.
1976.
276 S., EUR 10.-
Beiheft 4: HansPreuschcff, Pater Eduard GehrmannSVD (1888-1960). DienerderKirche
in zwei Diktaturen. 1984.
136 S., EUR 8.-
Beiheft 5: Das Elbinger Stadtbuch. Bd. 2:1361-1418. Hrsg. von Hans W. Hoppe. 1986.
340 S., EUR 10.-
Beiheft 6: Hans Preuscboff,Journalist im Dritten Reich. 1987.
96 S., EUR 5.-
Beiheft 7: Siegfried Fomaqon, Braunsberger Segelschiffe und ihre Reeder von 1760 bis
1945.1990.
206 S., EUR 12.-
Beiheft 8: Ernst Federal Die Abiturienten des Braunsberger Gymnasiums von 1916 bis
1945.1990.
206 S., EUR 9.-
Beiheft 9: Artur Andreas Tiedmann, Grotkowski auf Sauerbaum. Chronik einer ermlandi-
schen Familie. 1990.
224 S., EUR 10.-
Beiheft 10: Aloys Sommerfeld, Juden im Ermland. Ihr Schicksal nach 1933. 1991.
142 S., EUR 8.-
Beiheft 11: Henryk Zocbowski, Die Seelsorge im Ermland unter Bischof Christoph Andreas
Johann Szembek 1724-1740.1993.
256 S., EUR 10.-
Beiheft 12: Dierk Loyal, Sakrale Backsteingotik im Ermland. Eine bautopographische
Untersuchung mit einer Einfiihrung von Gerhard Eimer (zugleich: Kunst-
historische Arbeiten der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bd. 1),
1995.
410 S., 495 z.T. farbige Abb., EUR 19.-
Beiheft 13: Die Bevolkerung der Ermlands 1773. Die altesten Prastationstabellen des
Hochstifts. Hrsg. von Reinhold Heling und Brigitte Poschmann. 2 Bande.
Band 3: Register (zugleich: Sonderschriften des Vereins fur Familienforschung
in Ost- und Westpreufien, Nr. 90/1-3). 1997.
LIX, 1178 und 138 S., 1 Karte in Riickentasche, EUR 39.-
Beiheft 14: Barbara Gerarda Sliwinska, Geschichte der Kongregation der Schwestem der
heiligen Jungfrau und Martyrin Katharina 1571-1772. Aus dem Polnischen
iibersetzt von Ursula Fox und Hans-Jiirgen Karp. 1999.
УШ, 254 S., 5 Abb., 3 Karten, EUR 18.-
Beiheft 15: Adam S. Omatek, Die ermlandischen Diozesansynoden 1922 und 1932. 2001.
262 S., EUR 10.-
Selbstverlag des Historischen Vereins fur Ermland
Ermlandweg 22
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Tel. (49)0251-2652554
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Beiheft 16: Nachkriegsalltag in Ostpreufien. Erinnerungen von Deutschen, Polen und
Ukrainem. Hrsg. von Hans-Jiirgen Karp und Robert Traba. 2004.
УШ, 528 S., ISBN 3-402-00540-9, EUR 29,90
Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Munster
Durch die Bindung an die Regel des Deutschen Ordens
unterschieden sich die Domkapitel der preufiischen und
livlandischen Bistumer Kulm, Samland, Pomesanien, Kurland
und Riga deutlich von den anderen deutschen Domkapiteln
des Mittelalters. Obwohl innerhalb ihrer Territorien eigen-
standige Landesherren, waren die Kanoniker als Priesterbrii-
der zum Gehorsam gegenuber der Ordensfiihrung verpflich-
tet. Die Ordensregel hatte Auswirkungen auf die Verfassung
der Kapitel, ihre Binnenstruktur und die soziale Zusammen-
setzung ihrer Mitglieder. Neben aktuellen Forschungsbei-
tragen und einer Ubersicht zum Stand der preufiischen und
livlandischen Domkapitelforschung enthalt der Sammelband
auch zwei bislang ungedruckte Konigsberger Dissertationen,
die damit erstmals einer breiteren wissenschaftlichen Offent-
lichkeit zur Verfugung gestellt werden.
Die Herausgeber:
Radostaw Biskup, geb. 1976 in Malbork (Marienburg), Historiker, Dok-
torand an der Nikolaus-Copernicus-Universitat in Torun (Thorn), DAAD-
und KAAD-Stipendiat an der Freien Universitat Berlin. Arbeiten zur
Geschichte der Diozese Samland im Deutschordensland Preufien.
Mario Glauert, geb. 1969 in Berlin, Archivar, Historiker, Arbeiten zur
Kirchen- und Kanzleigeschichte des PreuBenlandes. Wissenschaftlicher
Archivar am Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam. Stell-
vertretender .Vorsitzender des Historischen Vereins fur Ermland. Mit-
herausgeber der Beitrage zur Geschichte Westpreufiens und der fiir
die Geschichte und Altertumskunde Ermlands.