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H erbert Dingle
WISSENSCHAFTLICHE
UND PHILOSOPHISCHE FOLGERUNGEN AUS DER
SP EZ lELLEN RELATIVITÄTSTHEORIE
Einsteins Relativitätstheorie ist dadurch unter den gro.Ben epochema-
chenden Ideen der Weltgeschichte einzigartig, da.B sie durch Festhalten an
der Tradition eine Revolution verursachte. Ihre Heterodoxie lag in der
Strenge ihrer Orthodoxie. Das hervorstechende Kennzeichen der Bewegung,
die im 17. Jahrhundert das moderne wissenschaftliche Zeitalter einleitete,
war die Forderung, jede:r Begriff, der bei der Beschreibung der Phänomene
benutzt werde, müsse direkt auf die Erfahrung beziehbar sein. Ideen, bei
denen das nicht der Fall ist, wurden mit Newton als "Hypothesen" oder
"verborgene Qualitäten" und nach Galilei als "blo.Be Namen" bezeichnet.
Solche Ideen würden die Philosophie in eine Sackgasse führen, und daher
war es die oberste Notwendigkeit eines richtigen wissenschaftlichen Den-
kens, sie zu vermeiden.
Es ist leicht, ein generelles Prinzip anzunehmen, während man es in der
Einzelanwendung verletzt. Die Physiker des 19. Jahrhunderts waren sich
nicht bewu.Bt, da.B sie sich in der FalIe gefangen hatten, vor der sie Newton
gewarnt hatte, indem sie von der Länge eines bewegten Körpers sprachen,
ohne sich im einzelnen davon überzeugt zu haben, ob eine solche Grö.Be
unzweideutig determiniert werden könne. Sie hatten vergessen, da.B Galilei
seinerzeit schrieb: "Ich bin bemüht zu zeigen, da.B alle Experimente, die
auf der Erde gemacht werden können, nicht ausreichende Mittel sind, ihre
Bewegung zu erschlie.Ben; sie sind unterschiedslos durchführbar, ob die
Erde bewegt sei oder nicht." Wenn man die Aufmerksamkeit der erwähnten
Physiker auf diesen Satz gelenkt hättc, so hätten sie zweifellos geantwortet,
Galileis Weltbild war zu begrenzt, ohne zu bedenken, da.B es ihr eigenes
Weltbild sein könne, das nicht ldar genug war. Aln Anfang des 20. Jahr-
hunderts hatten sich die wesentlichen Prinzipien Galileis und Newtons im
Netz unvereinbarer physikalischer Theorien so verfangen, da.B nur ein
ebenso gro.Ber Genius wie jene nötig war, UIn diese Prinzipien wieder ans
Tageslicht zu bringen. Da.B Einstein dieser Genius war, lag in seiner Per-
sönlichkeit und in dem gnädigen Geschick unserer Epoche begründet.
389
Herhert Dingle
Nun, wo die Grundlagen geklärt sind, ist es verhältnismäBig leicht, das
wankende Gebäude der Nach-Newtonschen Physik prüfend zu überblicken
und zu erkennen, worin es wesentlich fehlerhaft war. Es ist nicht so leicht,
ein Gebäude von bleibender Struktur zu errichten. Aber auch hier hat
Einstein den Weg, oder wenigstens einen Weg gezeigt, auf dem man den
Anfang machen kanll. Die spezielle Relativitätstheorie arbeitete immer
wieder mit der wesentlichen Relativität der gleichförmigen Bewegung. Die
allgemeine Relativitätstheorie dehnte diese Relativität auf alle Bewegung
von sogenannten "gravitationsartigem" Charakter aus und schränkte so
die Geltung der aristotelischen Unterscheidung zwischen natürlichen und
erzwungenen Bewegungen noch weit er ein. Die nächst weit ere Ausdehnung,
nämlich auf Bewegungen im elektromagnetischen Feld, obwohl noch nicht
80 ëndgültig durchgeführt, erlaubt wohl schlieBlich, die aristotelische Un-
terscheidung, soweit es sich um unbelebte l\1aterie handelt, völlig aufzu-
geben und die gesamte Lehre von der Bewegung in einer umfassenden Ver-
allgemeinerung zu verstehen. Es ist wirklich erstaunlich, daB von einer
einfachen Rückwendung zum galileischen Prinzip, daB die Begriffe auf die
Erfahrung beziehbar sein müBten, eine so mächtige Wirkung ausgehen
konnte.
Von einem anderen Gesichtspunkt aus ist es vielleicht ebenso über-
raschend, daB nach der Erkenntnis von der Wirkungskraft dieses Prinzips
dieses nicht unmittelbar auf andere physikalische Phänomene angewandt
wurde. Denn in mindesten
einem anderen Forschungszweig, nämlich dem-
jenigen der Temperaturstrahlung, bzw. der Strahlung des "schwarzen
Körpers", unterlief der gleiche Fehler. Wir beobachteten die Bewegung
eines bestimmten Körpers in bezug auf einen anderen, und ganz unberech-
tigt schrieben wir jedem von ihnen eine absolute Bewegung zu, für deren
Nachweis uns keine Mittel zu Gebote standen. In ähnlicher Art beobach-
teten wir die Strahlung von einem Körper zu einem anderen und schreiben
jedem von ihnen eine absolute Strahlung zu, zu deren Nachweis uns eben-
falIs keine Mittel zur Verfügung stehen. Wenn zwei Körper in gegenseitiger
Ruhelage waren, sagten wir, ihre absoluten Bewegungen seien gleich, und
so postulierten wir zwei überflüssige und nicht beobachtbare Prozesse, die
einander aufhoben. Ähnlich: Wenn zwei Körper die gleiche Temperatur
haben, sagen wir, ihr Austausch an absoluter Strahlung sei gleich, und so
postulieren wir zwei überflüssige, nicht beobachtbare V orgänge, die ein-
ander neutralisieren. Das Medium - der Äther - zu dem wir unsere Zu-
flucht nehmen, damit er als Träger dies er absoluten Strahlungen diene, ist
das gleiche wie das, zu dem wir auch unsere Zuflucht nahmen, als Bezugs-
system für die absoluten Bewegungen zu dienen, was wir dann aber wieder
abwiesen. Um auf der Basis der angenommenen absoluten Bewegungen
Bewegungsgesetze zu formulieren, empfanden wir es als notwendig, den
390
Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
Körpern zwei Eigenschaften zuzuschreiben; nämlich träge Masse und
schwere Masse, die in einer geheimnisvollen Weise gleich waren. Auf der
anderen Seite: Urn Strahlungsgesetze auf Grund der Annahme absoluter
Strahlungen abzuleiten, halten wir es für notwendig, den Körpern zwei
Eigenschaften zuzuschreiben, nämlich das Emissionsvermögen und das
Absorptionsvermögen, die geheimnisvollerweise gleich sind.
N un scheint es klar zu sein, daB das Prinzip, das eine Revision der klas-
sischen Mechanik wegen ihrer Abweichung von den möglichen Experimen-
ten erfordert, in gleicher Weise und aus dem gleichen Grunde eine Revision
der klassischen Strahlungstheorie verlangt. Prévosts Austauschtheorie,
adäquat im Bereich der Bewegung mit Bezug auf den Äther, ist dies auch
im anderen Gebiet. Ferner verlangt die vorher angeführte Korrespondenz,
daB die heutige Methodik, die zur Neufassung der Bewegungsgesetze ver-
wendet wird, auch in der Neufassung der Strahlungsgesetze wirksam wer-
den sollte. Freilich ist diese ParalIele nicht ganz exakt. Vor aDem findet
sich hier derjenige groBe Unterschied zwischen den Phänomenen der Be-
wegung und der Strahlung, den man gewöhnlich mit den Worten zum Aus-
druck bringt, daB die Bewegungsgesetze, nicht aber die Strahlungsgesetze
reversibel sind, so da.B die im Universum befindliche Materie ewige Bewe-
gung, aber keine ewige Strahlung zei gen kann. Aber solche Unterschiede
sind vom methodischen Standpunkt aus nur Einzelerscheinungen. Sie las-
sen uns Gleichungen von verschiedener Form erwarten, erfordern aber
keine verschiedenen Ableitungsmethoden. Auch ist kein Grund vorhanden
zu der Annahme, daB das Stefan-Boltzmannsche Strahlungsgesetz ungenau
ist, wie es das klassische Gesetz der Addition von Geschwindigkeiten war.
Wir haben gefunden, daB es in genügender Näherung auf die Grenztempe-
ratur, den "absoluten Nullpunkt", anwendbar ist, so da.B eine eventuelle
Modifikation ähnlich jener unwahrscheinlich wurde, die die Relativität in
der Mechanik in der Nähe der Grenzgeschwindigkeit, d. h. der Lichtge-
schwindigkeit, erforderte. Wir können eher annehmen, daB die heutigen
Strahlungsgesetze den klassischen Bewegungsgesetzen entsprechen, wenn
man die Lorentz- Transformation für die Newtonsche einsetzt. Viele be-
obachtete Phänomene werden dann mit ihnen harmonieren, aber es wird
ihnen die Fähigkeit zur Generalisierung fehlen, so daB sie keine komplizier-
teren Zusammenhänge erklären können als diejenigen, die der Strahlung
bei gleichförmiger Temperatur entsprechen. Und damit sind sie ein Hinder-
nis für den Fortschritt, obwohl sie keinen deutlichen Widerspruch zur Be-
obachtung in einem begrenzten Bereich aufweisen.
Vom rein wissenschaftlichen Gesichtspunkt erscheint es darum sehr wün-
schenswert, die Möglichkeiten zur Anwendung der bei der Bewegung so
erfolgreichen Methoden auf die Strahlungsphänomene zu untersuchen. Vom
allgemeinen philosophischen Gesichtspunkt aus ist diese Überlegung zwin-
391
Berbert Dingle
gend. Wir können nicht auf einem Gebiet der Physik die Notwendigkeit
betonen, nur auf der Erfahrung aufzubauen, und dieser Notwendigkeit auf
einem anderen ausweichen. So wollen wir denn zu erkennen versuchen, wie
die neuen Wege beschritten werden können.
Beim Versuch, eine Theorie zu verallgemeinern, müssen wir diese zuerst
in der für unseren Zweck geeignetsten Form zum Ausdruck bringen. Ein her-
vorragendes Beispiel hierfür bietet naturgemäB die Relativitätstheorie
selbst. Es ist woh] bekannt, daB alle Bemühungen, die Anwendung dieser
Theorie von der gleichförmigen auf die beschleunigte Bewegung auszu-
dehnen, in ihrer ursprünglichen Form erfolglos waren. Erst als ihr Min-
kowski eine geometrische Ausdrucksweise gab, war Einstein in der Lage zu
zeigen, wie man diese Generalisierung verwirklichell könne. Minkowski ver-
änderte die Theorie nicht wesentlich. Er sprach sie nur in einer anderen
Weise aus. Unsere erste Aufgabe ist somit, zu untersuchen, wie die Theorie
der mechanischen Relativität so zum Ausdruck gebracht werden kann,da6
sie die Möglichkeiten sichtbar macht, mit denen ihr Prinzip auf die Strah-
lungsphänomene anwendbar ist.
Dazu wollen wir annehmen, wir seien im Begriffe, mit dem Studium der
Bewegung zu beginnen, ohne daB wir in dies er Hinsicht irgendwelche V or-
kenntnisse besäBen. Zunächst müssen wir eine Methode zur Messung von
Bewegungen ausfindig machen, d. h., jede von uns beobachtete Bewegung
durch eine Zahl darzustellen, die durch einen genau definierten ProzeB zu
erhalten ist. Wir können dabei verschiedene Methoden wählen. Wir könnten
irgend eine Art von Geschwindigkeitsmessern konstruieren oder wir könn-
ten die Verschiebung der Spektrallinien, als Doppler-Effekt bekannt, be-
nützen, oder wir könnten eine Skala von Bewegungen heJ'stellell, wie es
P. W. Bridgman 1 vorgeschlagen hat, und zweifellos könnten wir auch,
wenn wir dazu die nötigen Ideen aufbringen, andere Methoden erfinden, urn
unseren Zweck zu erreichen. Tatsächlich haben aber die Physiker keine
dieser Methoden aufgegriffen, sondern sie haben in der Nachfolge Galileis
,
die Bewegung durch die Strecke gemessen, die von dem bewegten Körper
innerhalb einer gegebenen Zeit zurückgelegt wird. Diese Wahl bedeutete
einen so grundsätzlichen Schritt in der Physik, daB man oft annahm, es sei
gar keine freie Wahl, sondern eine zwingende N otwendigkeit. Das ist frei-
lich nicht so; und es ist wichtig, sich von Anfang an darüber klar zu sein.
Denn wenn wir dazu übergehen, die Bewegung mit der Strahlung zu ver-
gleichen, müssen wir erkennen, daB hier eine ähnliche Wa hl zu treffen ist. Die
Strahlung kann man nach Kerzenstärken messen, in der SterngröBenskala,
in einer Vielzahl anderer beobachtbarer Quantitäten, oder durch die Energie
oder auch Entropie, die vom strahlenden Körper in einer bestimmten Zeit
1 P. W. Bridgman, "The Logic of Modern Physics", S.99
392
Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
ausgesandt wird. Natürlicherweise werden wir die Methode wählen, die auf
Grund der vorher für die Bewegung getroffenen Wahl angezeigt erscheint.
Wenn wir uns dann entschlossen haben, die Bewegung durch die Strecke
zu messen, die in einer bestimmten Zeit zurückgelegt wird, so müssen wir
nun eine Entscheidung treffen über die Messung von Raum und Zeit. Hier
sind wir wiederum weitgehend frei in unserer Wahl, aber wir wählen, den
Raum zuerst betrachtend, die bekannte Methode, die auf der Verwendung
eines starren Ma.Bstabs als Längenstandard beruht. Diese Wahl wurde von
E. A. Milne 2 kritisiert mit der Begründung, da.B ein starrer Me.Bstab nicht
definiert werden könne. Man hat ihm gewöhnlich geantwortet und sich
damit zufrieden gegeben, eine Definition sei nicht nötig, wenn die Physiker
in ihrer Praxis konsequent sind. Ich stimme mit Milne darin überein, da.B
eine Definition wünschenswert ist, aber nicht darin, sie sei unmöglich. Die
Definition, die tatsächlich in der modernen physikalischen Theorie ange-
wendet wird, ist die, ein starrer Ma.Bstab liege dann vor, wenn, nachdem am
einen Ende eine monochromatische Lichtquelle und ein Spektroskop und
am anderen ein Spiegel angebracht ist, die im direkten und refiektierten
Licht sichtbaren Spektren immer zusammenfallen. Wir wissen nicht, ob das
Standard-Meter in Paris diese Bedingung erfüllt, denn die Beobachtung
ist so schwer, da.B man sie nicht mit genügender Genauigkeit anstellen kann.
Aber da.B diese Definitioll tatsächlich durch die moderne Physik nahegelegt
wird, dürfte aus der folgenden Oherlegung klar werden. Bei den regelmä.Bi-
gen Vergleichen der Längenstandards, die im "National Physical Labora-
tory" in England vorgenommen werden, hat man gefunden, da.B syste-
matische Veränderungen vorkommen. Im Jahre 1936 hat man z. B. gefun-
den, da.B der als P. C. VI bekannte Standard-Stab im Verhältnis zu dem
"Imperial Standard Yard" kürzer wurde, und zwar urn den jährlichen
Betrag von 1,92 X 10- 7 Zentimeter 3 . Obwohl das zweifellos eine wirkliche
Veränderung bedeutete und nicht auf Me.Bfehlern beruhte, wurde es als
praktisch irrelevant betrachtet. Für die meisten Zwecke ist es das natürlich
auch. Setzt man aber die Fluchtgeschwilldigkeit der Nebel mit 528 km
in der Sekunde pro Megaparsec an (d. h. 5,4 X 10-8 cm jährlich pro Meter),
so dehnt sich offenbar das eine Standard in bezug auf das andere fast vier-
mal so rasch aus wie das Universum. Demzufolge kann man annehmen, da6
sich das Universum mit Bezug auf das eine Standard ausdehnt und in
bezug auf das andere zusammenzieht. Wir dürfen also nicht wie z. B.
Eddington 4 sagen, das Universum dehne sich aus in bezug auf "die üblichen
2 Vergleiche heispielsweise "Astrophysical Journai", Bd.91, S.138 (1940).
8 Bericht des "Board of Trade" über die Vergleichungen der Parliamentary
Copies der "Imperial Standards" mit dem "Imperial Standard Yard" usw.
(H. M. Stationery Office, 1936.)
4 "The Expansion of the Universe", Kap. 3.
393
Herbert Dingle
Längenstandards, z. B. das Ur-Meter." Die Spektralverschiebung in den
Nebeln freilich geht unzweideutig in der Richtung auf rot, und darum
können wir nur mit Bestimmtheit sagen, daB sich das Universum ausdehne
- oder allgemeiner gesprochen, daB eine Dopplersche Rotverschiebung das
gegenseitige Sichentfernen anzeige - in bezug auf ein Standard, dessen
Starrheit durch den Doppler-Effekt selbst gewährleistet ist. Wir wissen
nicht, welches von unseren Standards dies ist, wenn es überhaupt eines gibt.
Nehmen wir aber einmal an, daB wir über die Messung des Raumes Bescheid
wissen. Dann kommt sogleich die zweite Frage, sich zu entscheiden, wie
die Zeit zu messen sei. Grob gesagt, können wir zwischen zwei Typen von
MeBverfahren wählen. Wir können eine Reihe von wiederkehrenden Ereig-
nissen nehmen, z. B. Pulsschläge, Maxima eines veränderlichen Sterns,
Durchgänge eines bcstimmten Sterns durch den Meridian usw., und dann
die Zeitintervalle zwischen den wiederkehrenden Ereignissen als gleich
bezeichnen. Oder wir können eine Methode wählen, bei der eine meBhare
GröBe kontinuierlicher Änderung unterliegt, und Zeiten, in denen sich diese
GröBe urn gleiche Beträge ändert, als gleich bezeichnen. Beispiele solcher
kontinuierlicher Veränderungen liefert z. B. ein bewegter Körper (kon-
tinuierliche Lageveränderung im Raum), ein radioaktiver Körper (konti-
nuierliche Massenveränderung), ein strahlender Körper (kontinuierliche
Veränderung der Energie) usw. Die übliche Praxis in der Physik ist in
diesem Punkte auBerordentlich schlecht definiert. Offiziell wählen wir ein
Beispiel des ersten Typus. Das Zeit-Standard im C. G. S.-System (Zen ti-
meter, Gramm, Sekunde) der MaBeinheiten ist die mittlere Sonnensekunde,
ein bestimmter Teil des Zeitintervalls zwischen aufeinander folgenden
Meridiandurchgängen eines Sterns, also ein bestimmter Bruchteil der side-
rischen Rotationsperiode der Erde. Aber man ist sich heute im allgemeinen
darüber einig, daB sich die Erdrotation allmählich verlangsamt; urn dies
.aber erfassen zu können, muB man irgendein übergeordnetes Standard für
die Zeitmessung einführen. Die Prüfung des Nachweises für diese Verlang-
samung der Erde zeigt, daB dies es übcrgeordnete Standard dasjenige ist,
welches durch Newtons erstes Bewegungsgesetz definiert wird, nämlich daB
solche Zeiten gleich sind, in denen ein bewegter kräftefreier Körper gleiche
Strecken zurücklegt. Dieses Gesetz ist darum keine Annahme mehr, die
be,viesen werden müBte, sondern es wird zu einer De£inition der benützten
Zeitskala.
Einstein führte in diese Definition eine formale Änderung ein. Den
kräftefreien, bewegten Körper ersetzte er durch einen Lichtstrahl im
Va1ruum. Allerdings könnte man auch an einer Zeitskala festhalten, die
durch das erste Newtonsche Gesetz de£iniert wird, und das Relativitäts-
postulat der Konstanz und Invarianz der Lichtgeschwindigkeit als eine
Annahme betrachten, die durch das Experiment erschüttert werdeItkönnte.
394
Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
Dies wäre jedoch ein sehr unbefriedigendes Verfahren. Denn es würde be-
<leuten, daB der ganze Aufbau der Physik auf einer Annahme beruht, die
man mit den heutigen Methoden unmöglich nachprüfen könnte. Wenn wir
die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zur Definition der benützten Zeit-
kala verwenden, dann vermeiden wir alle Annahmen und führen in die
Physik zunächst eine brauchbare Zeitskala ein, die zu einfachen Ausdrük-
ken für die Naturgesetze führt. Die ideale Uhr wird dann der Lichtstrahl,
der an einem starren Längenma.Bstab entlang wandert, und die Zeit ist in
irgend einem Augenblick die Skalenablesung am Orte der Wellenfront.
Der Punkt von fundamentaler Bedeutung hierbei ist der: Wenn wir uns
entschlossen haben, die Bewegung als Lageveränderung im Raum mit der
Zeit darzustellen, wählen wir die Methode, die Zeit in räumlichen Begriffen
zu messen. Wir gewinnen so ein ZeitmaB, das ganz besonders geeignet ist,
die Gesetze der Bewegung (aber nicht unbedingt die Gesetze der Strahlung
oder sonst welche) zum Ausdruck zu bringen. Denn was für eine Wirkung
die Bewegung auch immer auf die Raummessung ausüben mag, sie wird
notwendigerweise auch auf die Zeitmessung übertragen. Wenn wir z. B.
finden, da.B ein LängenmaBstab durch die Bewegung einer Kontraktion
unterliegt, so müssen wir auch feststellen, daB die Zeitskala kontrahiert
wird, denn die Längenskala ist ein wesentlicher Teil unserer idealen Uhr.
Infolge unserer willkürlichen Wahl der MeBmethoden können wir darum
von der "Vereinigung" von Raum und Zeit zur "Raum-Zeit" sprechen. Das
hat nichts mit irgendwelchen philosophischen Begriffen von Raum und
Zeit an sich zu tune Es ist eine F olge der Erkenntnis, die es uns zur GewiB-
heit macht, daB die Zeitmessung von der Raummessung abhängen muB,
nachdem man die Bewegung in den Begriffen von Raum und Zeit zum
Ausdruck bringt. Nur bei dieser Auffassung ist es möglich, Minkowski zu
folgen und die Zeitkoordinate als eine vierte Raumkoordinate darzustellen
und die Bewegung geometrisch als eine Kurve im vierdimellsionalen Kon-
tinuum zu beschreiben.
Die nächste Aufgabe ist die, die Transformationsgleichungen zu erhalten,
die die mit einem Instrumentensatz (MaBstab und Uhr) gemachten Mes-
sungen verknüpfen mit den mit einem anderen Satz gemachten, der sich
mit Bezug auf den ersten mit gleichförmiger Geschwindigkeit be,,-egt. In
jedem Satz sind dabei natürlich MaBstab und Uhr relativ stationär. Das
heiBt, der für die Raummessung benützte MaBstab ist stationär mit Bezug
auf den ähnlichen Ma.Bstab, der zu der idealen Uhr gehört. Es ist ein
Grundprinzip der Relativitätstheorie, da.B kein Bewegungszustand von
irgendeinem anderen grundlegend verschieden ist, 80 daB unter der V oraus-
setzung einer groBen Anzahl von Instrumentenpaaren, die sich alle mit
verschiedenen gleichförmigen Geschwindigkeiten bewegen, die gleichen Be-
wegungsgesetze in gleicher Weise auf sie alle anwendbar sind. Experimente
395
Herbert Dingle
wie die von Michelson und Morley zeigen, wie die Transformationsgesetze
aussehen müssen, damit die genannte Forderung erfüllt ist: Wir erhalten
die wohlbekannten Lorentz-Gleichungen, aus denen man die Messungen
berechnen kann, die irgendeinem unserer Instrumentenpaare zugeordnet
sind, wenn diejenigen bekannt sind, die mit einem Instrunlentensatz ange-
stellt werden, der sich mit einer bekannten gleichförmigen Geschwindigkeit
in bezug auf den ersteren bewegt. Damit ist die wesentliche Struktur der
speziellen Relativitätstheorie vervollständigt. Alles was noch zu tun ist,
folgt durch Rechnung.
Diese Beschreibung der Grundlagen von Einsteins Ergebnissen ist skiz-
ziert worden im Hinblick darauf, wie wir früher schon zum Ausdruck
brachten, den einfachsten Weg aufzuzeigen, anf dem man den Übergang
von der Relativität der Bewegung zur Relativität der Strahlung vollziehen
kann. Das anzuwendende Verfahren besteht offensichtlich darin, zunächst
die Strahlung als Veränderung einer meBbaren GröBe (die wir 'YJ nennen
wollen) mit der Zeit darzustellen, und zweitens die Zeit in der Begrifflich-
keit von 'YJ zu messen. Wir könncn dann eine 'YJ-Zeit konstruieren, die in der
Strahlungstheorie die gleiche Rolle spielt wie die Raum-Zeit in der Be-
wegungstheorie. Der ganze Apparat des Tensorkalküls und der Geometrie
der partikulären Mannigfaltigkeit, den man so gewinnt, wird daIln für die
Ableitung der Strahlungsgesetze entlang den Grundzügen anwendbar, die
Einstein für die Gesetze der mechanischen Bewegung aufgestellt hat.
Die meBbare GröBe, die als geeignetste erscheint, durch 'YJ vertreten zu
werden, erhält man auf folgende Weise 5 . Nehmen wir an, der fragliche
strahlende Körper habe eine Kelvin- Temperatur e. Seine Strahlung möge
durch ein Mol eines idealen Gases von der Temperatur e o isothermisch
aufgefangen werden, und wir nehmen weiter an, daB sich infolgedessen
der Gasdruck während eines gewissen Zeitintervalls von Pl auf P2 ändert.
Wir wählen für 'YJ die GröBe fJ loge (P2!Pl), wob ei IJ eine Konstante sei, der
im Hinblick auf die MaBeinheit ein geeigneter Wert zu erteilen ist. Wie
man leicht sieht, steht dies er Ausdruck in enger Beziehung zur Entropie,
die vom Gas (oder vom 'YJ-MeBinstrument, wie wir es nennen wollen) emp-
fangen ",ird. Denn die erhaltene Energie ist nach der wohlbekannten For-
meI - Re o loge (P2!Pl), wobei R die universelle Gaskonstante und e o die
Temperatur ist. Die Strahlung wird so durch 'YJ gemessen, wie es das In-
strument in der Zeiteinheit registriert.
Wir müssen Dun die Zeitskala definieren, in der 'YJ die gleiche Rolle
spielt, wie der Raum in der Zeitskala zur Beschreibung der Bewegung. Eben-
so wie die ideale mechanische Uhr ein Lichtstrahl war, der einem Längen-
maBstah entlangwandert, so wird die ideale Uhr für die Strahlung ein
IS Nähere Ausführung in "Philosophical Magazine" Bd.35, S.499 {19441.
396
Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
Körper bei konstanter Temperatur sein, der ein 1J-MeBinstrument be-
strahlt. Wir wählen als diesen Körper ein Mol eines idealen Gases, das das
gleiche Volumen hat wie das anfängliche Gasvolumen in einem 1J-MeB-
instrument, aber einen etwas höher
n Druck (Pl + dPl anstatt Pl). Das
Volumen dieses Mols und der Druck mögen konstant gehalten werden.
Wir wissen, daB es dann eine etwas höhere Temperatur (eo + de o ) haben
muB als die Temperatur des 1J-MeBinstruments, damit es kontinuierlich
auf das letztere strahlen kann. Die Zeit wird dann durch die Ablesung
am Instrument gemessen, wobei die Zeiteinheit diejenige ist, in der es
den Einheits- (oder irgendeinen anderen passenden) Betrag von 1J auf-
zeichnet.
Diese Instrumente, das 1J-MeBinstrument und die Strahlungsuhr, liefern
Messungen, durch die der StrahlungsprozeB in Begriffen beschrieben wer-
den kann, die analog sind zu Einsteins Beschreibung des Bewegungs-
ablaufs. Wir haben nun, unserem Modell folgend, die Transformations-
gleichungen für Instrumentenpaare in verschiedenen Zuständen gleich-
förmiger Strahlung oder - in der üblicheren Sprechweise - bei verschie-
denen Temperaturen abzuleiten. Für diesen Zweck verwenden wir das im
Stefan-Boltzmann-Gesetz zusammengefaBte experimentelle Ergebnis, näm-
lich, daB die Gesamtstrahlungsleistung proportional zur vierten Potenz der
Kelvin- Temperatur des Körpers ist, wobei sich die Nettoleistung natürlich
nach Abzug der Strahlung ergibt, die aus der Umgebung stamrnt. Dies ist
das "Michelson-lVlorley-Strahlungsexperiment", und es läBt sich leicht zei-
gen, daB es ausreicht, urn unser Problem zu lösen.
Nun solI d1J die Änderung der Ablesung des 1J-MeBinstruments bei der
Kelvin-Temperatur e o darstellen, wenn ein gegebener Körper bei kon-
stanter Temperatur e auf das Instrument während eines Zeitintervalls
strahlt, wie es durch die Strahlungsuhr gemessen wird. Wir schreiben
T == d1'J
- dt
(1)
und offensichtlich wird T ein MaB für die Temperatur des Körpers sein,
dessen Kelvin- Temperatur eist, bezogen auf einen beliebigen Temperatur-
nullpunkt, dargestellt in der Kelvin-Skala durch eOe Natürlich wird T die
Temperatur nach einer Skala messen, die von den gewöhnlichen Skalen
abweicht; der Grund dafür liegt darin, daB wir gewöhnlich Temperaturen
nicht in der Begrifflichkeit zeitlicher Prozesse messen. Hier aber wählen
wir bewuBt diese Methode, um dem Vorgehen bei der mechanischen Rela-
tivität folgen zu können. T verhält sich nun analog zur Geschwindigkeit,
die definiert ist durch V _ ds/dt, während die Skala der Kelvin-Tempera-
tur eher analog ist einer Geschwindigkeitsmessung, ausgedrückt durch den
Doppler-Effekt, etwa V = cd)"/)", worin die Zeit nicht explizit auftritt. Für
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Herbert Dingle
die Me.Binstrumente selbst ist, wie angegeben, T = O. Denn wenn ein Kör-
per mit gleicher Temperatur wie die der Instrumente dies en gegenüber-
gestellt wird, wird das 1J-Me.Binstrument natürlich nichts anzeigen.
Nun möge derselbe Körper mit der Kelvin- Temperatur e und der Tem-
peratur T, gemessen nach der T-Skala mit Hilfe von Instrumenten, die sicb
auf der Kelvin-Temperatur e o und Null gemä.B der -r-Skala befinden,
Instrumenten gegenübergestellt werden, deren Temperaturen el in der
Kelvin-Skala bzw. Tl in der T-Skala betragen sollen. Die Frage ist nun,
welches die Werte von d1J', dt' und T' sein werden, die den Werten dYJ, dt
und T bei den früheren Instrun1entell entsprechen, wenn diese neuen In-
strumente jetzt die jeweilige N ulltemperatur definieren. (Im Falle der Be-
wegung liegt folgendes korrespondierende Problem vor: Ein Körper, der
sich nlit der Geschwindigkeit V bewegt ulld eine Strecke ds in der Zeit dt
zurücklegt, gemessen mit einem Ma.Bstab ulld einer Uhr in Ruhe, solI mit
einem Ma.Bstab und einer Uhr beobachtet werden, die sich mit der Ge-
schwindigkeit VI bewegen. Welches werden dann die Werte von ds', dt'
und V' bei dies en Instrunlenten sein?) Die Rechnung ist an anderer Stelle
wiedergegeben 6 . Hier benötigen wir nur das Resultat, "die I
orentzschen
Wärmegleichungen", nämlich
, d1'J-T l dt
d1J = (1 + TI/
)1/4
dt' = (1 + T I /C)3/4dt (2)
T-T I
T'-
- 1 + Tl/
Hierin ist C eine Konstante, deren numerischer Wert von der willkürlichen
Wahl der Druckzunahme rlPl in der Chr abhängt (d. h. eigentlich von der
gewählten Zeiteinheit) und die der Tempp.ratur an der T-Skala des Kelvin-
schen absoluten Nullpunkts entspricht. Man sieht leicht, da.B diese eine
Grenztenlperatur ist, die den gleichen Wert für alle "Koordinatensysteme"
hat, und da.B sie die gleiche RoBe in dies en Gleichungen spielt wie die
Lichtgeschwindigkeit c in den Lorentz- Gleichungen.
Ein Unterschied fällt sofort auf zwischen diesen Gleichungen und den
entsprechenden kinematischen, nämlich da.B erstere unsymmetrisch sind.
Es ist nicht möglich, in ihnen die gestrichelten und ungestrichelten Grö.Ben
zu vertauschen. Das liegt daran, daB die Grenzgeschwindigkeit in ent-
gegengesetzten Richtungen die gleiche ist, aber die Grenztemperatur ist
+ 00 in einer Richtung und - , in der anderen. Der Unterschied wohnt
den Phänomenen jedoch nicht von Natur aus inne. Er wird erst durch
Unterschiede in den gewählten MeBrnethoden hineingebracht.
8 a. a. O. in obiger FuBnote 5.
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Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
Die Ableitung kann weitergeführt werden. Ebenso wie das Linienele-
ment ds 2 in der Relativitätstheorie der Bewegung, definiert durch
ds 2 - c 2 dt 2 -- dx 2 - dy2 - dz 2 (3)
invariant ist bei einer Lorentz- Transformation, so ist das "Wärmeinter-
vaU" da4, das definiert wird d urch
da 4 = dt( dt + d'YJl C)3 ,
(4)
invariant bei der Transformation (2). Man sieht ohne weiteres : Wäh1'end
d'YJ dem Nettoverlust an Entropie entspricht, den der strahlende Körper
erleidet, nachdem die Rückstrahlung der 'YJ- :f\1c.Binstrumente a uf den Kör-
per berücksichtigt worden ist, entspricht dG dem Bruttoverlust an Entro-
pie. Es ist die Invarianz von dG in dieser Auffassung, die der "Absolutheit"
der Kelvin- Temperatur in der gewöhnlichen Auffassung entspricht.
Ebenso 'wie die Gleichung (3) eine geometrische Interpretation der Be-
wegung gestattet, so erlaubt die Gleichung (4) eine geometrische Inter-
pretation der Strahlung. Die aufgezeigte Mannigfaltigkeit (wiJ' wol1en sie
:,'YJ-Zeit" nennen) unterscheidet sich allerdings von der euklidischen oder
in allgemeinerer Form von der Riemannschen Mannigfaltigkeit ("Raum-
Zeit"), wie sie in der Beschreibung der Bewegung verwendet wird, und
zwar darin, da.B sie nicht vierdimensiona1, sondern z\\peidimensional ist,
andererseits aber eine Metrik vierten Grades anstatt zweiten Gradcs hat.
Die Folgerung ist unvermeidlich, daB man eine Generalisierung im Sinne
von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie versuchen soUte. Man sollte
erwarten, da.B die allgemeinsten Strahlungsgesetze sich ergeben, wenn ein
Tensor verschwindet, der abgeleitet ist von der Metrik
da4 = gafJr ó dxf1. dx fJ dx r dx ó
(a, f3, y,
= 1, 2) .
(5)
Die mathematischen Schwierigkeiten freilich scheinen sehr beträchtlich zu
sein. "Räume" dieser Art wurden von Carta1l 7 , Berwald 8 und anderen
untersucht, ul1d ihre Arbeiten scheinen zu zeigen, daB, selbst wenn der
richtige Tensor identifiziert wäre, allein die Mühe der Anwendung auf einen
Spezialfall übermä.Big gro.B sein würde. Das ist allerdings für unsere vor-
liegende Betrachtung nicht von allzu gro.Ber Wichtigkeit. Es ist genügend
evident, daB die weitgehende Klärung der Grundlagen der Physik, die
Einstein erzielte, und die von ihm angewandte mathematische Technik
nicht nur eine Lösung der Probleme in seinem eigenen bes onderen Arbeits-
gehiet liefern, so ungemein bedeutsam das auch war, sondern die Möglich-
keit einer viel weiter reichenden Generalisierung eröffnen. Wir wollen kurz
die mögliche n Folgerungen dieser Erweiterung betrachten.
7 "Les Espaces de Finsier" (Acta Scientiae et Industriae, Nr. 79, 1934).
8 Mathemat. Zschr., Bd. 25, S. 40 (1926).
399
Herhert Dingle
Wir können diese in üblicher Weise in wissenschaftliche und philosophi-
sche F olgerungen trennen, obwohl es zwischen diesen beiden keine klare
Trennungslinie gibt. Nach der wisscnschaftlichen Seite hin ist zunächst zu
bemerken, da.B die Gleichungen (2) und (4) einfach eine Neufassung der
bestehenden Strahlungstheorie ohne besondere Modifikation bedeuten.
Eine Verallgemeinerung der l\fetrik d ürfte zu neuer Erkenntnis führen,
aber die "spezielle" Theorie der Wäremerelativität ist in ihrem augenblick-
lichen Zustand genau äquivalent mit dem, was bereits bekannt und all-
gemein angenommen ist. Ihr V orteilliegt in ihren weiteren Entwicklungs-
möglichkeiten. Darin unterscheidet sie sich, wie wir es schon ausgesprochen
haben, von der speziellen Theorie der mechanischen Relativität, die neue
Transformationsgleichungen einführte, welche vorher unbekannte Konse-
quenzen, z. B. die Abhängigkeit der Masse von der Geschwilldigkeit, nach
sich zogen.
Die gröBere Reichweite der neuen Ausdrucksweise liegt zunächst in ihrer
Idee, da.B Phänomene, bei denen Strahlung eine wesentliche Rolle spielt,
gegenüber der Transformation (2) invariant sein müssen. Das hei.Bt, da8
die Gesetze solcher Phänomene nicht von der Temperatur der Instrumente
abhängen, die man zu ihrer Erforschung verwendet. In Anwendung dieser
Forderung ist es z. B. möglich gewesen, zu zeigen 9 , da.B der elektrische
Widerstand eines reinen metallischen Leiters proportional zu seiner Kelvin-
Temperatur sein sollte; ein Ergebnis, das mit der Beobachtung so gut
übereinstimmt, wie man es hinsichtlich der Genauigkeit, mit der ideale
Bedingungen in der Praxis zu verwirklichen sind, nur erwarten konnte.
V on grö.Berem Interesse ist die Anwendung auf das Spektrum der Strah-
lung des schwarzen Körpers lO . Wenn man voraussetzt, da.B die Strahlung
mit einem kontinuierlichen Frequenzbereich verknüpft ist, dann muB das
Verteilungsgesetz der Strahlung über die Frequenzen gegenüber der Trans-
formation (2) invariant sein, wenn man diese Frequenzen in der thermalen
Zeitskala berechnet. Obwohl diese Bedingung notwendig ist, reicht sie
leider nicht aus, das Gesetz zu bestimmen, aber man kann zeigen, daB das
Plancksche Vertei1ungsgesetz der Bedingung Genüge leistet, während es
das Gesetz von Rayleigh-Jealls nicht tut. Aligemein darf man sagen, daB
die neue Ausdrucksweise den mächtigen Apparat des Tensorkalküls der
Strahlungstheorie zur Verfügung stellt und so die Möglichkeit für einen
weiten Bereich von Folgerungen schaftt, die man nicht unmittelbar vor-
a ussehen kann.
Als Beispiel für die Art von Vereinfachung, die die relativistische Aus-
drucksweise ermöglichen kann, betrachten wir das folgende Problem: Es
sei eine Kuge l aus bekanntem Material gegeben, die mit bekannter Anfangs-
9 Philosophical Magazine, Bd.37, S.58 (1946).
10 Ehenda, Bd.37, S.47 (1946).
400
Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
temperatur in einen Hohlraum gebracht werde, der auf konstanter und
überall niedrigerer Temperatur gehalten wird. Man win die Oberflächen-
temperatur der Kugel in jedem Augenblick während ihrer Abkühlung be-
stimmen. Man kann sich schwerlich ein in seiner Art einfacheres Strah-
lungsproblem vorstellen als dieses; aber mit dem heutigen Begriffsapparat
kann man es nicht lösen. Wir müssen die Gesetze der Abhängigkeit der
spezifischen Wärme und der Wärmeleitfähigkeit von der Temperatur ken-
nen, aber wir kennen sie nur näherungsweise und halb-empirisch. Das
sollte zur Genüge klarlegen, daB Begriffe wie spezifische Wärme und
Wärmeleitfähigkeit, mögen sie für technische Zwecke auch noch so not..
wendig sein, zur Darstellung theoretisch einfacher Gesetze unzweckmäBig
sind. Bei der Relativitätstheorie der Wärme sind sie voraussichtlich ebenso
irrelevant wie Masse und Kraft in der mechanischen Rela tivität; die theo-
retisch wichtigen und der Rechnung zugänglichen GröBen sollten die Kom-
ponenten eines Tensors sein, von dem die spezifische Wärme und die
Wärmeleitfähigkeit, wenn nötig, abgeleitet werden könnten.
V on allgemeinerem Interesse ist die Aussicht auf ein neues System der
Therlnodynamik. Die heutige Lehre der Thermodynamik, betrachtet man
sie in ihrer makroskopischen oder in ihrer mikroskopischen Form, ist
eine Interpretation der Wärmephänomene in den Begriffen der klassischen
Newtonschen Mechanik. Tolman 11 hat Oberlegungen angestellt, wie die
thermodynamischen GröBen transformiert werden müssen, wenn Iflan das
kinematische Koordinatensystem ändert. Aber das bedéutet eher eine Kor-
rektur an der grundsätzlich Newtonschen Thermodynamik als die Auf-
stellung einer wesentlich relativistischen Thermodynamik. Das hiermit ge-
steIlte Problem ist das einer Verschmelzung der Riemannschen Mannig-
faltigkeit der Mechanik mit der allgemeineren Mannigfaltigkeit, die der
Formel (5) entspricht, so daB sowohl thermische wie mechanische Messun-
gen dargestellt werden können, in Ausdrücken, die charakteristisch für
den gleichen "Raum" sind. V on einer solchen Vereinigung der beiden
Wissenschaften darf man unter anderem erwarten, daB sie auf Probleme
weitab liegender Geschichtsepochen des physikalischen Universums lleues
Licht wirft.
Wenden wir uns nun den philosophischen Aspekten der Theorie zu. Zu-
nächst ist bemerkenswert, welches Licht sie auf die Bedeutung der Zeit in
der Physik wirft. In dies er Hinsicht ist vielleicht Einsteins Theorie am
meisten miBverstanden worden. Man hat gemeint, die Relativitätstheorie
gäbe uns Einblick in das, was man "das Wesen der Zeit" nennt, und daB
sie im Grunde mit dem Wesen des Raumes identisch sei, so daB diese bei..
den Dinge einfach willkürlich getrennte Teile einer objektiv existierenden
11 Relativity, Thermodynamics and Cosmology, Sections V and IX.
401
Herhert Dingle
Wesenheit, der sog. Raum-Zeit seien. Man muB zugeben, daB Minkowskis
berühmte Bemerkung: "Von jetzt an werden der RauIn als solcher und
die Zeit als solche zu blo.Ben Schatten herabsinken, und nur eine gewisse
Art der Vereinigung beider bewahrt noch unabhängige Existenz", ziemlich
natürlich zu einer solchen Interpretation führt, obwohl Einstein immer
darauf bestanden hat, die Theorie habe keine metaphysischen Folgerungen.
Tatsächlich wurde die Zeit in der Physik mit dem Raum nur deswegen
verknüpft, weil wir uns entschlossen haben, die Zeit in Begriffen der Raum-
messung zu messen. Dieser EntschluB ist willkürlich. Wiewohl das auch
schon bei genauerer Betrachtung zweifelsfrei aus Einsteins ursprünglicher
Theorie hervorgeht, wird dies hier sofort deutlich, wenn wir feststellen,
daB bei der Zeitmessung in anderen
fa.Bstäben, wie etwa 'YJ, eine 'YJ-Zeit
auftritt, die in jeder wesentlichen Hinsicht der Raum-Zeit analog ist. Wenn
man es bequemer gefunden hätte, die Strahlung statt durch 'YJ (Entropie)
durch die Energie zu lllessen, die in der Zeiteinheit ausgestrahlt wird, dann
würde sich eine "Energie-Zeit" ergeben haben, der nicht mehr und nièht
weniger philosophische Bedeutung zukäme als der Raum-Zeit und der
1'}-Zeit. Die Relativitätstheorie erhellt nicht das metaphysische Wesen der
Zeit, sondern die Rolle, die die Zeitmessung in der Physik spielen kann.
Sie erscheint als ein höchst brauchbares Mittel, jedes Phänomen zu unter-
suchen, das als ein zeitlicher V organg, d. h. als die Veränderung irgend-
einer me.Bbaren Grö.Be mit der Zeit, dargestellt werden kann. Man ent-
schlieBt sich dann, die Zeit in Abhängigkeit von einer solchen GröBe zu
messen und so eine Mannigfaltigkeit von Messungen zu schaffen, die einer
Behandlung durch verallgemeinerte geometrische Methoden zugänglich ist.
Eine solche Erweiterung der wissenschaftlichen Methodik ist schlieBlich
von gröBerer Bedeutung als irgendeine jener Spekulationen über das mysti-
sche Wesen der Zeit, die leider durch diese Entwicklung Auftrieb erfahren
zu haben scheinen.
Es mu.B freilich darauf hingewiesen werden, daB die so überblickten
verschiedenen Systeme der Zeitmessung nicht notwendig zu verschiedenen
Zeitskalen in dem Sinne führen müssen, daB sie voneinander ahweichende
Messungen der gleichen Zeitdauer ergeben. Es ist auf jeden Fan ein Grund-
prinzip der Relativität, insbesondere wenn man nur die Relativität der
Bewegung ins Auge faBt, daB eine VielfaIt solcher voneinander abweichen-
der Skalen berechtigt ist. Gleichwohl ist in der Praxis eine 80 sehr viel
bequemer als die anderen, daB man selbstverständlich diese wählt. Es ist
Dun so, daB diese gleiche Skala auch die passendste für die Strahlung ist.
Das heiBt, die Zeitskala, nach der die Lichtgeschwindigkeit konstant ist,
ist auch diejenige, nach der ein Körper bei konstanter Temperatur gleich-
förmig strahlt. Somit ist es für den Physiker nicht nötig, eine Mannig-
faltigkeit von Uhren bereitzuhalten. Denn bei einer gegebenen Temperatur
402
Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
und einem gegebenen Bewegungszustand können unsere gewöhnlichen be-
kannten Uhren für beide Phänomene benützt werden. Diese Identität der
Zeitskalen legt sich natürlich nahe als Ausgangspunkt für die Konstruktion
der bereits erwähnten relativistischen Thermodynamik. Die Bedeutung
der Anpassung des Systems der Zeitmessung an das fragliche Phänomen
liegt nicht in den Wertcn der Uhrenablesung, die möglich sind, sondern
im Wesen der Transformation, die wir bei der Veränderung des Bewegungs-
zustandes, der Temperatur usw. der benützten Instrumente anzuwenden
haben. Denn die Gesetze des zu untersuchenden Phänomens werden von
dem Faktum her bestimmt, daB sie gegenüber solchen Transformationen
invariant bleiben müssen.
Eine andere wichtige philosophische F olgerung dieser Erweiterung des
Relativitätsprinzips liegt in seiner Tragweite bei der Frage, ob die physi-
kalische Welt grundsätzlich in ihrem Wesen kontinuierlich oder diskonti-
lluierlich sei. Bisher konnte man einen weiten und wichtigen Bereich der
Physik (einschlieBlich der universalen Gravitation) nur in der Begriffswelt
des Kontinuums, der sog. Feldtheorie, beschreiben, während ein anderer
weiter und wichtiger Bereich, die Atomphysik, nur in der Begriffswelt der
Diskontinuität erklärbar war. Freilich wurde ein Teil der letzteren, soweit
sie nur die Diskontinuität der Materie umfaBt, auch für die Behandlung
in Begriffen der Kontinuumstheorie zugänglich, und so haben wir die klas-
sische Thermodynamik und die statistische Mechanik als alternative Be-
schreibungen für die gleiche Reihe von Phänomenen. Aber der mehr grund-
sätzliche Bereich, der die Diskontinuität der Energie umfaBt, bei der die
Plancksche Konstante herscheint, hat bis jetzt jeder Interpretation wider-
standen, die eine solche Diskontinuität nicht mit um{aBt. Poincaré ging
tatsächlich so weit, zu sagen, daB ohne die Grundbegriffe der Quanten-
theorie keine Erklärung des Spektrums der Strahlung des schwarzen Kör-
pers möglich wäre 12 .
Die relativistische Behandlung der Strahlung legt nun nahe, daB diese
Feststellung revisionsbedürftig sei. Wir haben ob en gesehen, dal3 die
Plancksche Formel der Bedingung der Invarianz bei der Transformation
(2) Genüge leistet, ab er nicht als die einzige Fornlel. Es ist selbstverständ-
lich ein Charakteristikum der relativistischen Methode, daB sie den mög-
lichen Naturgesetzen notwendige, aber nicht immer ausreichende Bedin-
gungen auferlegt. Aber in diesem Falle ist die Zahl der mathematischen
Alternativen leider sehr grol3. Es ist freilich nicht unmöglich, daB sie durch
makroskopische Oberlegungen allein reduziert werden können, und um
uns ganz bescheiden auszudrücken, wollen ",ir nur sagen, daB Poincarés
These nicht mehr als endgültig angesehen werden kann. Die allgemeinste
12 J ournal de Physique, J anuar 1912.
403
Herhert Dingle
Form der Planckschen Gleichung, die der Bedingung der Invarianz Ge-
nüge leistet, enthält nur eine Konstante, B, die durch Beobachtung be-
stimmt werden mu.B, und diese ist proportional zu e 0 2 (ah/kR), wobei e o
die Kelvin- Temperatur der benutzten Instrumente ist (B ist zwar konstant
in irgendeinem thermalen "Koordinatensystem", aber nicht invariant
gegenüber einem Systemwechsel), a ist die Stefansche Konstante, h die
Plancksche Konstante, k die Boltzmannsche Konstante und R die univer-
selle Gaskonstante. Damit haben wir ei ne Beziehung zwischen einer expe-
rimentellen Konstante, deren Bedeutung rein makroskopisch (kontinuums-
theoretisch) ist, und einer Kombination von Konstanten, deren Bedeu-
tung rein mikroskopisch (diskontinuierlich) ist.
Demzufolge haben die Alternativen von Kontinuum und Diskontinuität
nichts mit der Natur selbst zu tune Sie sind vielmehr allein auf V orstel-
lungen anV\tendbar. Fernerhin kann ein möglicherweise vollständiger Paral-
lelismus zwischen den Beschreibungen der Welt in Begriffen der jeweili-
gen V orstellungen existieren. Selbst wenn sich nur ein einziges Phänomen,
bei dem bisher die Atomistik der Energie unvermeidlich erschien, in Be-
griffen der Kontinuumstheorie heschreibbar erwiese (oder wenn sogar durch
eine geeignete Wahl von p, das die Einheit von 'YJ bestimmt, ausgedrückt
durch die Boltzmannsche Konstante k, der resultierende Wert von C mit
h in Beziehung gesetzt werden könnte, so daB die Atomistik der Energie
als abhängig von der der Materie erzeigt würde), dann wäre der gegen-
wärtige vollständige Antagonismus zwischen mikroskopischer und makro-
skopischer Physik zusammengehrochen. Und die heute weithin geItende
Auffassung, daB der mikroskopische Aufbau der Dinge mit seinen zusätz-
lichen Begrifl'en von Wahrscheinlichkeit, Unbestimmtheit und dergleichen
die wesentliche Struktur der Natur se]bst sei, wäre nicht länger haltbar .
Eine solche Struktur wäre zwar berechtigt als Modell zur Formulierung
von Naturgesetzen, aber sie erschiene als Alternative zu einer vielleicht
gleich verständlichen Ausdrucksweise in rein makroskopischen Begriffen.
Die Strukturelemente würden nicht länger als immanent in der physikali-
schen Welt geIten, sondern wären die Charakteristika eines möglichen
Weges zur Beschreibung der physikalischen Welt. ZugegebenermaBen ist
dies bis jetzt noch nicht erreicht. Aber mit seiner Wahrscheinlichkeit muB
der wissenschaftlich gebildete Philosoph rechnen.
V on unserem gegenwärtigen Standpunkt aus ist freilich der Hauptzweck
dieser Arbeit, zu zeigen, was für ein tiefgründiges und weitreichendes Er-
gebnis Einstein erzielte, indem er zunächst den Physikern die vergessenen
Prinzipien ihrer eigenen Philosophie wieder. ins Gedächtnis rief und für sie
dann die Methoden einführte, mit denen diese Prinzipien auf die Ableitung
der übergeordneten Naturgesetze angewandt werden können. Bei einem
Überhlick über die Phänomene, mit denen es der Physiker zu 4'tun hat,
404
Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie
stehen zwei als universelI und ewig bedeutsam über allen anderen, näm-
lieh die Bewegung und die Strahlung. Wenn wir uns nicht alle täusehen
lassen, müssen zwei Materiestüeke, die sieh überhaupt irgendwo in einem
sonst leeren Universum befinden, einander notwendigerweise auf zweierlei
Wegen beeinflussen, und zwar, soweit wir wissen, nur auf diesen beiden
Wegen: Sie üben eine gegenseitige Wirkung erstens auf ihre Bewegung und
zweitens auf ihre Temperatur aus. Einsteins Genius hat explizit das Ope-
rationsgesetz des ersten Phänomens abgeleitet. Nun sieht es so aus, daB
zugleieh implizit damit das Operationsgesetz des zweiten abgeleitet ist.
University of London
London, England
H erbert Dingle
405
21
Kurt Gödel
EINE BEMERKUNG ÜBER DIE BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN DER RELA TIVITÄ TSTHEORIE
UND DER IDEALISTISCHEN PHILOSOPHIE
Zu den Zügen der Relativitätstheorie, die philosophisch Gesinnte be-
sonders fessein müssen, gehört die Tatsache, daB sie neue und überraschende
Einsichten über das Wesen der Zeit gab, jenes rätselhaften und scheinbar in
sich widerspruchsvollen 1 Etwas, das doch die Grundlage für die Existenz
der Welt und unserer selbst bildet. Schon der Ausgangspunkt der speziel-
len Relativitätstheorie ist die Entdeckung einer neuen und äuBerst er-
staunlichen Eigenschaft der Zeit, nämlich del' Relativität der Gleichzeitig-
keit, die weitgehend die der Sukzession zur Folge hat 2 . Die Behauptung,
die Ereignisse A und B hätten gleichzeitig stattgefunden (und für eine
groBe Gruppe von Ereignispaaren auch die Behauptung, A habe vor B statt-
gefunden), verliert ihren objektiven Sinn insofern, als ein anderer Beob-
achter mit dem gleichen Anspruch auf Richtigkeit behaupten kann, A und
B hätten nicht gleichzeitig stattgefunden (oder B habe vor A sta tt-
gefunden) .
Wenn wir die Konsequenzen dies es seltsamen Sachverhalts verfolgen,
kommen wir zu sehr weitreichenden Schlüssen über das Wesen der Zeit.
Es scheint, kurz gesagt, daB man einen eindeutigen Beweis für die Ansicht
jener Philosophen erhält, die, wie Parmenides, Kant und die modernen
Idealisten, die Objektivität des Wechsels leugnen und dies en als eine Illu-
sion oder als eine Erscheinung betrachten, die wir unserer bes onderen Art
der Wahrnehmung verdanken 3 . Die Argumentation ist die folgende: Ver-
1 Vgl. z. B. J. M. E. McTaggart, "The Unreality of Time". "Mind", S.17, (1908).
2 Zumindest dann, wenn man verlangt, da.B irgend zwei Punktereignisse ent-
weder gleichzeitig sind oder eines dem andern vorangeht, d. h., da.B die zeitliche
Aufeinanderfolge eine vollständige lineare Ordnung aller Punktereignisse defi-
niert. Es giht eine ahsolute partielle Ordnung.
8 Kant spricht in der "Kritik der reinen Vernunft" (2. Aufl. 1787, S. 54) seine
Auffassung in den folgenden Worten aus: "Wenn aber ich selhst oder ein anderes
Wesen mich, ohne diese Bedingung der Sinnlichkeit, anschauen könnte, so würden
ehen dieselhen Bestimmungen, die wir uns j etzt als Veränderungen vorstellen,
eine Erkenntnis geben, in welcher die V orstellung der Zeit, mithin auch der
Veränderung gar nicht vorkäme." Diese Formulierung stimmt so gut4" mit der
406
Relativitätstheorie und idealistische Philosophie
1inderung wird nur durch das Vergehen der Zeit möglich. Die Existenz
eines objektiven Zeitverlaufs 4 ab er bedeutet (oder ist zumindest äquiva-
lent damit), da.B die Realität aus unendlich vielen Schichten des "jetzt
Vorhandenen" besteht, die nacheinander zur Existenz gelangen. Wenn
ab er die Gleichzeitigkeit in dem eben geschilderten Sinne etwas Relatives
ist, kann die Realität auf eine objektiv bestimmte Weise nicht in solche
Schichten aufgespalten werden. Jeder Beobachter hat seine eigene Reihe
von solchen Schichten des "jetzt Vorhandenen", und keines dieser ver-
schiedenen Schichtensysteme kann das V orrecht beanspruchen, den ob-
jektiven Zeitverlauf darzustellen 5 .
Diese Schlu13folgerung wurde von einigen, wenn auch überraschend we-
Auffassung der Relativitätstheorie überein, daB man fast versucht ,wäre hinzu-
zufügen: z. B. die Erkenntnis einer N eigung der materiellen Weltlinien relativ
zueinander im Minkowski-Raum.
4 Man kann sich auf den Standpunkt stellen, daB der Begriff eines ohjektiven
Zeitverlaufs (der auf der V orstellung heruht, daB nur die Gegenwart wirklich
existiert) sinnlos sei. Aher das ist kein Ausweg aus dem DiJemma. Denn bei dieser
Auffassung würde man in hezug auf das Wesen der Veränderung den idealistischen
Standpunkt vertreten, genau wie jene Philosophen, die die Zeit als in sich wider-
spruchsvoll hetrachten. Bei heiden Auffassungen leugnet man nämlich, daB ein
objektiver Zeitverlauf ein möglicher Sachverhalt ist, umsomehr als er in Wirk-
lichkeit existiert, und es hedeutet in diesem Zusammenhang nur einen kleinen
U nterschied, oh unser Begriff von ihm als sinnlos oder als in sich widerspruchsvoll
betrachtet wird. Freilich ist für die, die einen dieser Standpunkte einnehmen, das
auf Grund der Relativitätstheorie (weiter unten) vorgehrachte Argument üher-
flüssig. Aher selhst für sie müJ3te es von Interesse sein, daB es vielleicht einen
zweiten Beweis für die Unwirklichkeit des Wechsels giht, der auf ganz anderen
Gründen beruht, inshesondere angesichts der Tatsache, daB die bewiesene Be-
hauptung sich so radikal gegen den gesunden Menschenverstand richtet. Eine
besonders klare Erörterung des Gegenstandes, unahhängig von der Relativitäts-
theorie, findet sich in: Paul Mongré, "Das Chaos in kosmischer Auslese", 1898.
5 Man kann einwenden, dieses Argument zeige nul', daB der Zeitverlauf etwas
Relatives ist, was nicht ausschlieBt, daB er etwas Ohjektives sein könnte, während
die Idealisten hehaupten, er sei etwas hloB V orgestelltes. Ein relativer Zeitver-
lauf aher, wenn dieser Ausdruck überhaupt einen Sinn haben solI, wäre hestimmt
etwas völlig anderes als der Zeitverlauf im gewöhnlichen Sinn. Denn diesel' he-
deutet eine Veränderung im Existierenden und der Begriff der Existenz kann
nicht relativiert werden, ohne da.B man seinen Sinn völlig zerstört. Weitel'hin
kann eingewendet werden, das fragliche Argument heweise nur, daB die Zeit
für verschiedene Beohachter in verschiedener Weise verläuft, während der
Zeitverlauf selhst trotzdem eine immanente (ahsolute) Eigenschaft der Zeit
oder der Realität sein könnte. Ich glauhe abel', daB ein Zeitverlauf, der nicht
ein Verlauf in einer bestimmten Weise wäre, ehenso ahsurd ist wie ein farbiger
Gegenstand, der keine bestimmten Farhen hat. Aher selhst wenn wir ein sol-
ches Ding hegrifflich denken könnten, wäre es doch wieder total verschieden
vom anschaulich vorgestellten Zeitverlauf, wie ihn die idealistische Behauptung
meint.
407
Kurt Gödel
nigen, philosophischen Schriftstellern ausgesprochen, aber sie ist nicht
unbestritten
eblieben. Tatsächlich kann man gegen das ArguInent in der
soeben geschilderten Form folgendes einwenden: Die vollständige Äquiva-
lenz aller Beobachter (die sich mit verschiedenen, aber gleichförmigen Ge-
schwindigkeiten bewegen) - welche der wesentliche Punkt des Beweises
ist - besteht nur in dem abstrakten Raum-Zeit-Schema der speziellen
Relativitätstheorie und in gewissen leeren Welten der allgemeillen Relati-
vitätstheorie. Die Existenz der Materie dagegen, ebenso wie die besondere
Art der Krümmung von Raum-Zeit, die durch sie hervorgerufen wird, be-
seitigt weitgehend die Äquivalenz verschiedener Beobachter 6 und bevor-
zugt einige von ihnen sehr deutlich vor den übrigen, nämlich diejenigen,
welche in ihrer Bewegung der mittleren Bewegung der Materie folgen 7 .
Nun schlieBen sich in allen kosmologischen Lösungen der Gravitations-
gleichungen (also in allen möglichen Universen), soweit sie bis her bekannt
sind, die Lokalzeiten aller dieser Beobachter zu einer einzigen Weltzeit zu-
sammen. Dadurch wird es offenbar möglich, diese Zeit als die "wahre" zu
betrachten, die objektiv verläuft, während die Diskrepanzen der die Zeit
betreffenden MeBresultate anderer Beobachter so verstanden werden kön-
nen, daB sie auf dem EinfluB beruhen, den eine Bewegung relativ zum
mittleren Bewegungszustand der Materie auf die MeBvorgänge und über-
haupt die physikalischen Vorgänge ausübt.
Aus diesem Sachverhalt hat James Jeans (angesichts der Tatsache,
daB unsere Welt anscheinend durch eine der bekannten kosmologischen
Lösungen dargestellt werden kann) geschlossen 8 , es sei kein Grund vor-
handen, die V orstellung einer absoluten und objektiv verlaufenden Zeit
aufzugeben. Ich glaube nicht, daB die Sachlage diese SchluBfolgerung
8 N atürlich sind na eh der Relativitätstheorie alle Beohachter insofern äqui-
valent, als die Gesetze der Bewegung der Materie und der Wechselwirkung für
Materie und Feld für sie alle die gleichen sind. Aher das steht nicht in Wider-
spruch damit, daB die Struktur der Welt, d. h. die Anordnung von Materie, Be-
wegung und Feld, verschiedenen Beohachtern ganz verschiedene Aspekte dar-
hietet, und daB sie manchen von ihnen einen "natürlichen" und anderen einen
verzerrten Aspekt darhieten kann. Der Beohachter spielt ührigens hei dies en Be-
trachtungen keine wesentliche Rolle. Der Hauptpunkt ist natürlich der, daJ3 die
4-dimensionale Welt selhst gewisse ausgezeichnete Richtungen hat, die direkt
gewisse ausgezeichnete Lokalzeiten definieren.
'1 Die Geschwindigkeit und Richtung der mittleren Bewegung der Materie kann
wesentlich von der GröBe der Bereiche ahhängen, für die man dieses Mittel
nimmt. Was man die "wahre mittlere Bewegung" nennen könnte, erhält man,
wenn man die Bereiche so groJ3 nimmt, daB eine noch weitere Zunahme in ihrer
GröBe den erhaltenen Wert nicht mehr wesentlich verändert. In unserer Welt ist
das der Fall für Bereiche, die viele galaktische Systeme umfassen. Natürlich muJ3
eine mittlere Bewegung in diesem Sinne nicht notwendig existieren.
8 Vgl. "Man and the Universe", Sir Halley Stewart Lecture (1935), St 22-23.
408
Relativitätstheorie und idealistische Philosophie
rechtfertigt, und begründe meine Auffassung hauptsächlich 9 mit folgen-
den Tatsachen und Überlegungen:
Es gibt kosmologische Lösungen von anderer Art 10 als die heute be-
kannten, auf die das vorher erwähnte Verfahren zur Definition einer abso-
luten Zeit nicht anwendbar ist, weil die Lokalzeiten der einzelnen Beob-
achter, wie wir sie oben benützt haben, nicht in eine einzige Weltzeit zu-
sammengeschlossen werden können. Noch kann es für diese Universa
irgendein anderes Verfahren zur Definition einer "absoluten" Zeit geben.
Diese Welten besitzen nämlich derartige Symmetrie-Eigenschaften, da.6
es für jede mögliche Weltzeit andere gibt, die von ihr durch keinerlei rein
begrifflich fa.Bbare Eigenschaften unterschieden werden können, sondern
nur durch Bezugnahme auf Einzelobjekte, z. B. ein spezielles galaktisches
System.
Demzufolge gilt der Schlu.B, den wir oben in bezug auf den nichtobjek-
tiven Charakter der Veränderung gezogen haben, mindestens in diesen
Welten. Ferner ergibt sich, da.B die zeitlichen Verhältnisse in diesen Uni-
vers en (zumindest in denen, auf die am Ende der Fu.Bnote 10 Bezug ge-
nommen ist) andere überraschende Züge aufweisen, die wiederum die idea-
listische Auffassung beweisen. Wenn wir nämlich auf einem Raumschiff
eine Rundfahrt in einer genügend gro.Ben Kurve machen, ist es in diesen
Welten möglich, in eine beliebige Region der Vergangenheit, Gegenwart
oder Zukunft und wieder zurück zu reisen, genau so wie es in anderen 'V\r el-
ten möglich ist, in entfernte Teile des Raums zu reisen.
Diese Sachlage scheint eine Absurdität zu enthalten, denn es wäre uns
9 Ein anderer Umstand, der gegen das Argument von Jeans spricht, ist der,.
da.B das ohen heschriehene Verfahren nur eine angenäherte Definition der "ah-
soluten" Zeit ergiht. Zweifellos ist es möglich, das Verfahren so zu verfeinern, daJ3.
man eine genaue Definition erhält, abel' vielleicht nur durch Einführung mehr
oder weniger willkürlicher Elemente (z. B. der GröBe der Bereiche oder der Ge-
wichtsfunktion, die man zur Berechnung der mittleren Bewegung der Materie-
verwendet). Es ist zweifelhaft, oh es eine genaue Definition giht, die so groBe V or-
teile hätte, daB man mit Recht gerade die durch sie erhaltene Zeit als die "wahre"
Zeit hetrachten könnte.
10 Die am mei sten in die Augen fallende physikalische Eigenschaft, die diese
Lösungen von den jetzt hekannten unterscheidet, ist die, da.B der Trägheits-
kompa.B in ihnen üherall (in derselben Richtung) relativ zur Materie rotiert, was
in unserer Welt bedeuten würde, daB er relativ zur Gesamtheit aller galaktischen
Systeme rotiert. Diese Welten können daher mit einem passenden Namen
"rotierende Universa" genannt werden. Bei den folgenden Betrachtungen denke
ich an eine hesondere Art rotierender Universa, die die zusä tzlichen Eigenschaften
hahen, statisch und räumlich homogen zu sein und deren kosmologische Kon-
stante < 0 ist. Für die mathematische Darstellung dies er Lösungen vergleiche
man meine Arbeit in den Reviews of Modern Physics, 21 (1949), S.447 und für
eine allgemeine Diskussion rotierender Universa meinen Vortrag in Proc. Int.
Cong. Math., Harvard 1950, I, S. 175.
40{)
Kurt Gödel
dann z. B. möglich, in die nahe Vergangenheit der Orte zu reisen, an denen
wir selbst gelebt haben. Dort würde ein solcher Reisender eine Person fin..
den, die er selbst in einem früheren Abschnitt seines Lebens wäre. Nun
könnte er dieser Person etwas zufügen, von dem er seiner Erinnerung nach
wei.B, da.B es ihm niemals zugesto.Ben ist. Dieser und ähnliche Wider..
sprüche setzen aber, urn die Unmöglichkeit derartiger Welten zu be,veisen,
voraus, da.B man die Reise in seine eigene Vergangenheit wirklich machen
kann. Die Geschwindigkeiten jedoch, die notwendig wären, um die Reise
in einer vernünftigen Zeitspanne zu machen, finden sich weit jenseits von
allem, wovon zu erwarten ist, daB es je eine praktische Möglichkeit werden
könnte 11 . Darum kann man a priori nicht ausschlie.Ben, zumindest nicht
auf Grund des eben behandelten Arguments, da.B die raum-zeitliche Struk..
tur der realen Welt dem beschriebenen Typus angehört.
Was die Schlu.Bfolgerungen betrifft, die man aus dem geschilderten
Sachverhalt für unsere Hauptfrage ziehen kann, so ist der entscheidende
Punkt dieser: Für jede mögliche Definition einer Weltzeit könnte man in
dies en Welten in Bereiche des Universums reisen, die gemä.B dieser Defi..
nition der Vergangenheit angehören 12 . Dies aber zeigt, da.B die Annahme
eines objektiven Zeitverlaufs in diesen Welten jede Berechtigung verlieren
würde. Denn auf welche Weise man auch eine verlaufende Zeit annehmen
wollte, es würden immer mögliche Beobachter existieren, deren subjek-
tivem Zeitverlauf kein objektiver Zeitverlauf entspricht (insbesondere
auch mögliche Beobachter, deren sämtliche Erlebnisse objektiv gleich-
zeitig wären) . Wenn man aber die Erfahrung des Zeitverlaufs ohne einen
11 Wenn wir der Berechnung eine mittlere Materiedichte zugrunde legen, die
der in unserer Welt heobachteten gleich ist, und annehmen, wir könnten Materie
vollständig in Energie verwandein, dann müBte das Gewicht des mitzunehmen-
den "Brennstoffs", um die Reise in t J ahren (nach dem ZeitmaB des Reisenden)
10 22
auszuführen, die GröBenordnung von -r mal dem Gewicht des Schiffes hahen
(vorausgesetzt, da.B auch das Bremsen durch RückstoB hewirkt wird). Diese
Schätzung gilt für t < 10 11 . Ohne Rücksicht auf den Wert von t mu.B die Ge-
schwindigkeit des Raumschiffes minde stens 1/V2 der Lichtgeschwindigkeit sein.
Zusatz des Autors zu FufJnote 11 der deutschen Au/lage: Ein zweit er Grund, die
ohigen Universen a priori auszuschlieBen, könnte in der Möglichkeit eines "Tele-
graphierens in die eigene Vergangenheit" gefunden werden. Doch dürften die da-
hei auftretenden praktischen Schwierigkeiten kaum geringer sein. Die Grenze
zwischen praktischen und prinzipiellen Schwierigkeiten ist ührigens durchaus
nicht unverrückhar. Was früher in der Mikrophysik eine praktische Schwierig-
keit war, ist heute, infolge der Unhestimmtheitsrelation, eine prinzipielle Unmög-
lichkeit geworden; und dasselhe könnte eines Tages au eh für die Schwierigkeiten
-eintreten, die nicht auf einem "zu klein", sondern auf einem "zu groB" beruhen.
12 Für dies en Zweck würden unvergleichlich kleinere Geschwindigkeiten ge-
nügen. Unter den in FuBnote 11 gemachten Annahmen müBte das Gewicht des
Brennstoffes blo.B die gleiche Grö.Benordnung haben wie das Gewicht de
Schiffes.
410
Relativitätstheorie und idealistische Philosophie
objektiven Zeitverlauf haben kann, ist kein Grund vorhanden, warum man
einen objektiven Zeitverlauf überhaupt annehmen sollte.
Allerdings könnte man fragen: Was nützt es, wenn solche Verhältnisse
in gewissen möglichen Welten herrschen? Hat das irgendeine Bedeutung
für die uns interessierende Frage, ob in unserer Welt ein objektiver Zeit..
verlauf existiert? Ich denke, ja. Denn 1. kann man zwar unsere Welt kaum
darstellen durch die besonderen, oben behande1ten, rotierenden Lösungen
(weil diese Lösungen statisch sind und darum für elltfernte Objekte keine
Rotverschiebung ergeben) ; aber es existieren auch Lösungen, die rotieren
u n d expandieren. In solchen Universen braucht ebenfalls eine absolute Zeit
nicht definierbar zu sein 13 , und es ist nicht unmöglich, da.B UIlsere Welt
ein Universum dieser Art ist. 2. Die blo.Be naturgesetzliche Möglichkeit
von W elten 14 , in denen keine absolute Zeit definierbar ist und in denen es
18 Zumindest dann nicht, wenn verlangt wird, da.B zwei durch ein Zeitintervall
getrennte Erfahrungen eines Beobachters in der ahsoluten Zeit niemals g1eich-
zeitig sind, oder (was das gleiche besagt) daB die ahsolute Zeit in ihrer Richtung
mit den Zeiten aller möglichen Beohachter ühereinstimmt. Ohne diese Fordel'ung
kann eine ahsolute Zeit in einer expandierenden (und homogenen) Welt immer
definiert werden. Wenn ich überhaupt von einer "ahsoluten" Zeit spreche, muB
das natürlich mit der in FuBnote 9 erläuterten Einschränkung verstanden werden,
die für alle möglichen Definitionen einer ahsoluten Zeit gilt. Zusatz des Autors bei
der Übersetzung: Unter einer "ahsoluten Zeit" verstehe ich eine Weltzeit, die man
ohne Bezugnahme auf Einzelohjekte definieren kann und die der zu Beginn dieser
Fu.Bnote fOl'mulierten Forderung genügt. Genauer sollte man dies eine "mögliche
absolute Zeit" nennen, da es in ei ne r Welt mehrere gehen kann, wenn das auch
in räumlich homo genen Universen nur ausnahmsweise der Fall ist.
14 Die oben hetrachtete Lösung heweist nur deren Vereinharkeit mit der allge-
meinen F orm der F eldgleichungen, in denen der Wert der kosmologischen Kon-
stanten offengelassen ist. Dieser Wert, der zur Zeit nicht mit Sicherheit hekannt
ist, hildet aher offenhar einen Bestandteil der N aturgesetze. Doch könnten andere
rotierende Lösungen das Ergehnis vom Wert der kosmologischen Konstante unah-
hängig machen (d. h. von ihrem Verschwinden oder Nichtverschwinden und von
ihrem V orzeichen, da ihr numerischer Wert für dieses Prohlem keine Bedeutung
hat). Auf jeden Fall wären diese Fragen zunächst in ungünstigem Sinne zu heant-
worten, hevor man daran denken könnte, einen Schlu.B wie den oben erwähnten
von Jeans zu ziehen. N achträglicher Zusatz vom 2. Septemher 1949: Inzwischen
hahe ich gefunden, da.B für jeden Wert der kosmologischen Konstante Lösungen
existieren, in denen es keine Weltzeit giht, die die Forderung der FuBnote 13 er-
füllt. Zusatz des Autors bei der deutschen Übersetzu,ng zu FufJnote 14: Auch der
Entropiesatz dürfte mit den obi gen Lösungen dure ha us verträglich sein. Denn
man kann in ihnen für alle zeitartigen Linien in eindeutiger und stetiger Weise
.eine positive Richtung definieren. Ferner ist es unendlich unwahrscheinlich, daB
irgendein materielIes System genau in sich zurückläuft. Wenn das aher nur ange-
nähert geschieht, so hedeutet es hlo.B, daB irgendwo 2 Exemplare desselben
Systems (im allgemeinen mit verschiedenen Entropiewerten) gleichzeitig nehen-
.einander vorhanden sind. Die Anfangshedingungen sind allerdings in solchen
Welt en nicht vollkommen frei wählbar.
411
Kurt Gödel
daher auch keinen objektiven Zeitverlauf geben kann, wirft Licht auf die
Bedeutung der Zeit auch in jenen Welten, in denen eine absolute Zeit
de£inierbar ist. Denn wenn jemand behauptet, diese Zeit habe einen Ver-
Iauf, nimrnt er die Folgerung in Kauf, da.B die Frage, ob es einen objektiven
Zeitverlauf gibt oder nicht (d. h. ob eine Zeit im gewöhnlichen Sinne des
Wortes existiert oder nicht), von der besonderen Weise abhängt, in der
die Materie und ihre Bewegung in der Welt angeordnet sind. Das ist kein
zwingender Widerspruch. Aber eine philosophische Anschauullg, die zu
solchen Konsequenzen führt, kann ka urn als befriedigend betrachtet werden.
Institute for Advanced Study
Princeton, N ew Jersey
Kurt Gödel
412
22
Gaston Bachelard
DIE PHILOSOPHISCHE DIALEKTIK
IN DER BEGRIFFSWELT DER RELATIVITÄT
I.
Die Philosophen haben das groJ3e kosmische Drama des kopernikanischen
Denkens aus dem Bereich der Realität ins Metaphorische übertragen. Kant
beschrieb seine kritische Philosophie als kopernikanische Wende in der
Metaphysik. Auf Grund der kantischen Thesen haben die beiden wesent-
lichen Typen der Philosophie, Rationalismus und Empirismus, ihJ'e Plätze
getauscht, und die Welt begann sich urn den Geist zu drehen. Als Ergebnis
dieser radikalen Wandlung schienen der erkennende Geist und die er-
kannte Welt in Bezug aufeinander, relativ zu sein. Aber diese Art von
Relativität blieb rein symbolisch. In den Eillzelheiten oder in den Prinzi-
pien des Wissenszusammenhanges hatte sich nichts geändert. Emvirismus
und Rationalismus standen sich weiterhin gegenüber und blieben unfähig,
es zu echter philosophischer Zusammenarbeit oder gegenseitiger Bereiche-
rung zu bringen.
Die philosophischen Antriebe der Einsteinschen Revolution könnten im
Vergleich zu den philosophischen Meta phern '" der kopernikanischen Wende
in ganz anderer Weise wirksam werden, wenn die Philosophen nur bereit
wären, alle in der Relativitätswissenschaft enthaltenen Lehren zu ziehen.
Eine systematische Revolution der Grundbegriffe beginnt mit der Ein-
steinschen Wissenschaft. Bis in die Details ihrer Begriffe ist es zu einer
Relativierung des Rationalen und des Empirischen gekommen. In der
Wissenschaft vollzieht sich nun das, was Nietzsche eine "Umwertung der
Begriffe" genannt hat, so als ob die Erde, das Universum, die Dinge eine
andere Struktur bekommen hätten, seitdem ihre Erklärung auf neuen
Fundamenten ruht. Die ganze rationale Organisation wird "erschüttert",
wenn die Grundbegriffe einer dialektischen Wandlung unterzogen werden.
Ferner wird diese Dialektik nicht von einer automatischen Logik in
Gang gebracht, wie es bei der Dialektik der Philosophen so oft der Fall ist.
Bei der Relativitätslehre sind die Begriffe der Dialektik in solchem MaBe
tragfähig und in sich zusammenhängend ge,vorden, daB sie eine philoso-
phische Synthese des mathematischen Rationalisnlus und des "techllolo-
413
Gaston Bachelard
gischen" Empirismus geben. Dies zum mindesten wollen wir in unserem
Aufsatz zeigen. Zunächst erörtern wir unsere Ansicht in bezug auf die
"Erschütterung" einiger Einzelbegriffe. Dann wollen wir den Wert der
philosophischen Synthese a u fzeigen, die uns die Einsteinsche Wissenschaft
geschenkt ha t.
II.
Wir wissen, und es ist tausendfach wiederholt worden, da.B die Relativi-
tätstheorie aus einer Erschütterung der Wissenschaftstheorie entstanden
ist, nämlich infolge des "Versagens" des Michelson-Experiments. Da.B ein
Experiment einer theoretischen V oraussage widersprechen würde, ist an
und für sich kein Einzelfall. Aber man mu.B erkennen, wie und warum die-
ses Mal ein negatives Resultat zum Anla.B für eine gewaltige positive Kon-
struktion wurde. Diejenigen, die im Reiche des wissenschaftlichen Den-
kens zu Hause sind, erfahren mit dies en Bemerkungen nichts Neues. Aber
sie sind dennoch polemisch notwendig, urn die philosophische Bedeutung
der Relativitätstheorie zu ermessen.
Denn der Begriff eines negativen Charakters von Experimenten darf
eigentlich gar nicht existieren. In einem richtig d urchgeführten Experi-
ment ist alles positivo Und Einstein war sich darüber klar, als er über das
Michelson-Experiment nachdachte. Dieses nur anscheinend negative Ex-
periment eröffnete uns freilich nicht das unfa.Bbare Geheimnis der Dinge.
Sein " Versagen" war a uch kein Beweis für das Versagen des Ra tionalis-
mus. Das Michelson-Experiment beruhte auf einer yernünftigen Frage-
stellung, auf einer Frage, die unbedingt gestellt werden muBte. Die heutige
Wissen schaft würde "in der Luft hängen", wenn man das Michelson-Ex-
periment nicht erdacht und peinlich genau im vollen Bewu.Btsein der tech-
nischen Schwierigkeiten durchgeführt hätte. Dann wurde es variiert, an
Tälern und Berggipfeln wiederholt und immer wieder verifiziert. Welche
Fähigkeit für Selbstkritik, für peinlichen und grundsätzlichen Zweifel, für
intelligenten Zweifellag in diesem Willen, immer wieder aufs neue nachzu-
prüfen und zu messen! Sind wir sicher, da.B Michelson die Überzeugung
mit ins Grab nahm, sein Experiment sei gut durchgeführt, vollkommen
durchgeführt worden? Mit der Überzeugung, da.B die negatiyen Grundlagen
für das Experiment erreicht waren? So bringt die technologische Natur-
wissenschaft anstatt eines universalen, intuitiven, kartesianischen Zweifels
einen präzisen, diskursiven, konkreten Zweifel. Es war eine F ol ge dieses
ins einzelne durchgeführten Zweifels, da.B der mechanistische Dogmatis-
mus durch die Relativitätslehre erschüttert wurde. In kantischer Ge-
dankenführung könnten wir sagen, da.B das Michelson-Experiment die
klassische Mechanik aus ihrem dogmatischen Schlummer geweckt hat.
Der negative Aspekt des Michelson-Experiments hat Einstein nicht aus
414
Die philosophische Dialektik in der Begriffswelt der Relativität
der Fassung gebracht. Für ihn bedeutete das experimentelle Versagen
einer so wissenschaftlich durchgeführten Technik die Notwendigkeit einer
neuen theoretischen Besinnung. Es wurde notwendig, auf eine kleine
"kopernikanische Wende" zu hoffen, in der alle Philosophie der Realität
und der Vernunft den Weg zu einer neuen Dialektik einschlug. Damit
diese Dialektik ihren vollen pädagogischen Wert für die Philosophie ge-
winnen kann, ist es notwendig, sich vor schwimmenden philosophischen
Bezeichnungen zu hüten. Es besagt nicht viel, mit Meyerson zu sagen t
Einstein sei ein Realist. Zweifellos unterwirft sich Einstein der Erfahrung
der "Realität". Müssen wir aber nicht fragen: Welcher Erfahrung, welcher
Realität? Jener der infinitesimalen Dezimale, auf der das Michelson-Ex-
periment beruhte, oder der soliden Realität der ganzen Zahl, der sicheren,
gewöhnlichen, allgemeinen, in die Augen springenden Verifizierung? Es
scheint, da.B der Philosoph, der die Lehren der Relativitätstheorie aner-
kennt, eine neue Wirklichkeit in den Blick bekommt. Und diese neue Wirk-
lichkeit verpflichtet ihn, die Realität anders zu betrachten als vorher.
Wo findet dann die Philosophie der Wissenschaft ihre grundlegenden
Überzeugungen? Mu.B sie den Erkenntnissen den Vorzug geben, die man
am Beginn der Erfahrung, oder denen, die man an ihrem Ende findet?
Mu.B sie auf den Anfangsstrukturen oder auf den Endstrukturen aufbauen?
Wie wir sehen werden, ist das letztere richtig. Es ist der "Esprit de finesse",
der die Grundlagen des "Esprit géometrique" enthüllt.
111.
Welche Begriffe sind denn nun eigentlich "erschüttert"? Welche Begriffe
unterliegen auf der rationalen Ebene, in dem hellen Licht der rationalen
Philosophie, einer Umwertung der rationalen Werte im Sinne Nietzsches?
Es sind die Begriffe:
des absoluten Raumes,
der absoluten Zeit,
der absoluten Geschwindigkeit.
Ist so wenig nötig, urn die Gesamtheit des räumlichen Daseins zu "er-
schüttern"? Kann ein einzelnes Experiment des 20. Jahrhunderts zwei
oder drei Jahrhunderte des rationalen Denkens auslöschen, "néantiser",
wie ein Anhänger Sartres sagen würde. Ja, eine einzige Dezimale genügte,
wie unser Dichter Henri de Regnier sagen würde, "die ganze Natur zum
Klingen zu bringen".
Worauf beruhte denn eigentlich der Begriff des absoluten Raumes? Auf
der absoluten Realität oder auf einer absoluten Intuition der kantischen
Mannigfaltigkeit? Ist es, philosophisch gesehen, nicht seltsam, da.B Absolut-
415
Gaston Bachelard
heit ebensosehr der Realität wie der apriorischen Intuition zugeschrieben
werden kann? Dieser doppelte Erfolg eines groben Realismus und eines
allzu einfachen Intuitionismus scheint recht zweifelhaft zu sein. Dieser
Doppelerfolg macht einen doppelten Fehler. Darum muJ3 man unbedingt
diese doppelte Möp:lichkeit philosophischer Interpretation vom Standpunkt
der Dlodernen experimentalwissenschaftlichen Präzision aus untersuchen.
Unkritisch behandelte Erfahrung ist nicht länger zulässig. Die doppelte
Philosophie der Raumerfahrung, nämlich die Philosophie des Realismus
und die Kants, muB durch eine dialektische Philosophie des Raumes ersetzt
werden, die zugleich experimentell und rational ist. Kurz, die Philosophie
der künstlich verfeinerten Erfahrun
und die Philosophie der physikalischen
Theorie sind in der Relativitätslehre fest miteinander {Jerknüpft. Die neue
Philosophie der Wissenschaft wird sich als kritische Philosophie subtiler
und synthetischer erweisen, als es die kantische Philosophie in Hinsicht auf
die Naturwissenschaft Newtons war. Die relativistische Kritik beschränkt
sich nicht a uf eine Revolution der Mittel der Erklärung. Sie ist in einem
tieferen Sinne revolutionär. Sie ist genialer.
So kommen wir zu der fundamentalen Behauptung Einsteins: Die
Setzung eines absoluten Raumes als einer Art von Materialisierung der Un-
beweglichkeit und als Sitz eines unbedingten Subjekts im Mittelpunkt aller
bedingten Relationen ist eine unbe,viesene Setzung. Darum muB man
- kopernikanische Revolution in bezug auf einen einzigen Begriff - die
wesentliehe Relativität der Intuition und der Erfahrung der Lokalisierung
formulieren und damit gleiehzeitig zwei "Absolute" zerstören: Erstens hat
die unnlittelbare Erfahrung eines Beobachters keinen absoluten Charakter,
und zweitens hat die Ausdehnung einer objektiven Welt ebensowenig
absoluten Charakter. Die wesentlich diskursive Methode der Bezugssysteme
muB daher immer bis ins einzelne in Relation zu den realen Phänomenen
betraehtet werden, wie sie mit einer auf die Spitze getriebenen 'Wissen schaft-
liehen Präzision untersueht werden. ÄuBerste experimentelle Gewandtheit
wird jedem Wissen vom Raum zugrundeliegen müssen. Das Michelson-
Experiment, das auf den ersten Bliek nur partikulären Charakter zu tragen
schien, wird zur Grundlage für die weitest reichende Generalisierung.
Es ist ferner sehr bezeichnend, daB das Laboratorium Michelsons wört-
lieh gesprochen kosmisch war. Die denkbar kunstvollste physikaJisehe Un-
tersuehung bezog sieh auf den Weltenraum. Die Dezimale, die man mit
Rilfe des Interferometers zu finden hoffte, und die die GröBenordnung von
drei Vierteln <Ier Wellenlänge einer Lichtquelle hat, wurde in Bezug ge-
setzt zur Bahngeschwindigkeit der Erde, einer Geschwindigkeit von 30 km
pro Sekunde. Die Präzision einer Frage, die dureh diese Experimentier-
technik mit Bezug auf den Weltenraum gestellt wird, dieser Versuch, die
Unbewegliehkeit des Raumes in ihrer kosmisehen Bedeutung experimentell
416
Die philosophische Dialektik in der Begriffswelt der Relativität
zu bestimmen, sollte das Denken der Metaphysiker beeinflussen, die den
Ort des Menschen in der Welt bestimmen wollen. Wenn nur diese Meta-
physiker den langwierigen diskursiven Prozessen ihre Aufmerksamkeit
schenkten, die die Wissenschaft zur Bildung neuer Ideen führen!
IV.
Die neuen V orstellungen von der Zeit sind ebenfalls nur aul Grund
längerer Vorbereitung zugänglich. Sie müssen gegen die blenden de Klarheit
der gewöhnlichen Vorstellungen und gegen die ebenso voreilige Formu-
lierung der kantischen Kritik ankämpfen.
Der Begriff, der hier eine "Nietzschesche Umwertung" erfährt, ist der der
Gleichzeitigkeit. Bei diesem anscheinend so evidenten und völlig bekannten
Begriff ist die Einsteinsche Auffassung übera us fruchtbar. Sie kollidiert mit
dem gewöhnlichen Menschenverstand, sie ist der alltäglichen Erfahrung
entgegengesetzt, sie stellt wiederum die Grundlage der klassischen Mechanik
selbst in Frage. Sie verlangt daher eine entschiedene Wandlung unseres
Denkens, die in den grundlegenden philosophischen Werten ihren Wider-
hall findet. Genauer gesagt, wenn der Begriff der Gleichzeitigkeit, den Kant
nicht kritisch behandelt hat, nun erneut eine kritische Prüfung erfährt, so
müssen Empirismus und Rationalismus zugleich berichtigt und auf neue
Weise nliteinander in Beziehung gesetzt werden.
In bezug auf den Begriff der Gleichzeitigkeit einen Zwei fel äuBern, heiat
nach meiner Meinung, den ühersteigerten Zweifel der kartesianischen
Philosophie transzendieren. Ein Zweifel gegenüber einem so einfachen, so
positiven, so unmittelbaren Begriff trägt nicht mehr das Signum eines
grundsätzlichen und universa]en fornlalen Zweifels. So lange man innerhalb
der Grenzen des kartesianischen Zweifels bleibt, bewegt man sich innerhalb
der Willkür des Zweifelns. Die Einsteinsche Revolution dagegen verlangt
einen notwendigen Zweifel gegenüber einem Begriff, den man immer als
unbestreitbaren Grundbegriff angesehen hatte. Dementsprechend kann es
sich nicht um eine nur provisorische Angelegenheit handeln, wenn man
einen solchen rationalen und realistischen Begriff in Zweifel zieht. Ein
solcher Zweifel bringt stets eine entscheidende pädagogische Wirkung mit
sich. Er wird eine bleibende kulturbestimmende Tatsache bleiben. Wer
immer von jetzt an die Relativitätstheorie lehrt, muB den absoluten
Charakter des BegrifTs der Gleichzeitigkeit in Zweifel ziehen. Diese Not-
wendigkeit ist, in gewissem Sinne, ein Elektroschock für rationalistische
und erstarrt-realistische Philosophie.
Wenn wir auf das Recht, einen absoluten Raum anzunehmen, endgültig
verzichtet haben, was ist dann die Einsteinsche Forderung in bezug auf die
Gleichzeitigkeit von V orgängen, die sich an zwei verschiedenen Raum-
417
Gaston Bachelard
punkten abspielen? Einstein verlangt, man müsse ein positiyes nnd präzises
Experiment definieren, das in wohldefinierten wissenschaftlichen Begriffen
zu formulieren ist. Man darf sich nicht länger a uf die Intuition einer inneren
Empfindungskraft zurückziehen, ob diese nun an Kant oder an Bergson
anknüpft, ob sie formalistisch oder realistisch ist. Man mu.B imstande sein,
objektive Experimente zu beschreiben und in die Wege zu leiten, die uns
ernlöglichen, diese Gleichzeitigkeit zu yerifizieren. Alsbald erscheint eine
lnetaphysische Nuance, die der Philosoph allzuoft vernachlässigt. Hier
haben wir eine yerifizierte Realität an Stelle einer gegebenen. Wenn nunmehr
ein Idealist eine Erklärung über den Ausgangspunkt seines Denkens ah-
geben mu.B, dann wird er gezwungen sein, dies von einem Standpunkt aus
zu tun, der sich einem, mit der Realität verknüpften Rationalismus nähert.
Er kann sich nicht damit begnügen, einfach Schopenhauers Satz zu wieder-
holen : "Die Welt ist meine V orstellung". W enn er das wissenschaftliche
Denken in seinem ganzen Umfang übernehmen wiIl, mu.B er sagen: "Die
Welt ist meine Verifizierung."
Deutlicher gesagt, ist die objektive Welt ein Aggregat von Tatsachen, die
durch die moderne Wissenschaft verifiziert sind, eine Welt, wiedergegeben
durch Begriffe, die von der Wissenschaft unserer Zeit verifiziert sind.
Ferner schlie.Bt experimentelle Verifizierung die Kohärenz der experimen-
tellen Methode in sich. Seitdem eine ganze Wissenschaft auf das Michelson-
Experiment begründet wurde, mu.B dieses Experiment in der Definition
der Gleichzeitigkeit selbst enthalten sein. Wir haben es mit dem Michelson-
Experiment zu tun, wie es tatsächlich verlief, und nicht, wie man es sich
lange Zeit vorgestellt hat. Das Michelson-Experimerit mu.B also, so wie es
ist, die Wirklichkeit schon von Anfang an bei der Verständigung über die
Signale einbeziehen.
Zweifellos konnte man eine beliebige Zahl von Konventionen über Si.
gnale annehmen. Man konnte eine Meta-Akustik schaffen, die auf einer
durch die Übertragung von Tönen verifizierten Gleichzeitigkeit beruht.
Aber die Physik würde durch eine solche Spezialisierung nichts gewinnen.
Künftig ist die Physik kosmisch. Die schnellsten und zuverlässigsten Si-
gnale, die sowohl menschlich wie universal sind, sind Lichtsignale. Das
Michelson-Experiment enthüllt einen Vorzugscharakter, der diesen Si-
gnalen zukommt. Sie verlangen keinen Träger. Sie sind nicht durch ein
Medium, einen übertragenden Äther bedingt. Sie sind unabhängig von den
relatiyen Bewegungen der Beobachter, die von ihnen Gebrauch machen.
Sie sind in Wirklichkeit die "rationalsten" ("rationalisierbarsten") aller
Signale. So würde man die Gleichzeitigkeit zwei er V orgänge, die sich an
zwei verschiedenen Orten abspielen, in den Begriffen eines Austa uschs von
Lichtsignalen und des von nun an als positiv angesehenen Resultats des
1vlichelson-Experiments definieren, welches das folgende Postulat recht..
418
Die philosophische Dialektik in der Begriffswelt der Relativität
fertigt: Die Lichtgeschwindigkeit ist die gleiche in allen Richtungen un-
abhängig von den Beobachtern, die sie messen, und ohne Bezug auf die
relative Bewegung dieser Beobachter.
Diese 0 perati
e Definition der Gleichzeitigkeit führt zur Auflösung des
Begriffes einer absoluten Zeit. Da die Gleichzeitigkeit an physikalische Ex-
perimente geknüpft ist, die sich im Raume abspielen, ist der zeitliche
Kontext eins mit dem räumlichen Kontext. Da es keinen absoluten Raum
gibt, gibt es also auch keine absolute Zeit. Und infolge der Gemeinsamkeit
in den Raum- und den Gleichzeitigkeitsexperimenten muB jede gründliche
Untersuchung von Raum und Zeit eine Neufassung dieser Begriffe in1 Ge-
folge haben. Darum ist es vom Standpunkt der Philosophie aus evident,
da.B das wissenschaftliche Denken eine Neubildung der Begriffe von Raum
und Zeit, ausgehend von ihrem inneren Zusammenhang, verlangt. Als ei ne
Konsequenz dieser Notwendigkeit, eine neue Basis für Raum und Zeit zu
finden, wird die Relativitätstheorie philosophisch als ein Rationalismus
zweiter Ordnung in Erscheinung treten, als ein aufgeklärter Rationalismus,
der einen neuen Ansatz notwendig macht.
Aber bevor man aufbaut, mu.B man zerstören. Man mu.B sich davon
überzeugen, da.B jede Analyse, die von Anfang an räumliche und zeitliche
Wesenszüge voneinander trennt, nur eine grobe Analyse ist. Sicher ist eine
solche für die A11tagserkenntnis und nicht weniger für sehr weite Bereiche
des wissenschaftlichen Denkens gültig. Aber um ihre Schwäche deutlich
zu machen, mu.B man nur bemerken, da.B sie gewisse wohldefinierte Pro-
bierne verhüllt. Wenn wir den neuen synthetischen Begriff der Raum-Zeit
ins Auge fassen, der von nun an für die Erfassung der elektromagnetischen
Phänomene unerlä.Blich ist, sieht man alsbald die philosophische Schwäche
jedes Versuchs einer Popularisierung. Die Frage ist nicht die, wie man auf
der Analyse eine Synthese errichten kann. Man mu.B sich der apriorischen
Synthese bewu.Bt werden, die dem Begriff der Raum-Zeit zugrunde liegt.
Denken wir an a11 die V orste11ungen fahrender Züge, die einem an einem
Bahnhof stehenden Beobachter ein Signal geben, oder an Flieger, die in
verlängerten oder verkürzten Zeitperioden Zigarren rauchen! Was hat das
alles für einen Zweck? Genauer gefragt: Für wen ist das alles bestimrnt?
Gewi.B nicht für diejenigen, die den mathematischen Grundcharakter der
Relativitätslehre nicht erkannt haben. Wer ihn aber erkannt hat, der be-
darf keiner Beispiele. Er ist sich des klaren und unbestreitbaren algebra-
ischen Charakters dieser Lehre bewuBt. Nur auf der Grundlage einer Syn-
these von Algebra und wissenschaftlichem Experiment kann man das
Wiederaufleben eines Rationalismus richtig beschreiben, das in den Lehren
Einsteins enthalten ist. Wollen wir diesen neukantianischen Aspekt auf-
zeigen ! Er ist Léon Brunschvicg nicht entgangen, welcher schrieb: "Die
Überwindung Kants, die durrh diese neuen Lehren erfolgte, bestand in der'
419t
Gaston Bachelard
Übertragung der apriorischen Synthese vom Bereich der Intuition zu dem
der Vernunft, und das ist entscheidend, wenn wir das Gebiet der Physik
betreten. "
Tatsächlich behauptet die kantische Philosophie, da.B der Begriff des
Raumes nicht aus der Erfahrung der Au.Benwelt abgezogen ist, da die Idee
des Raumes eine unerlä.Bliche Bedingung für die Erfahrung eben dieser
AuBenwelt bildet. Eine ähnliche Umkehrung in der Formulierung wurde
in bezug auf die Zeit ausgesprochen, die als die apriorische Form der inne-
ren Empfindung gegeben ist. Dieses sine qua non ist der Angelpunkt in
der kopernikanischen Wende der Vorstellungen von Raum und Zeit.
Wenn man in ähnlicher Weise und mit ähnlicher philosophischer Be-
gründung die wissenschaftstheoretische Funktion des Raum-Zeit-Begriffes
in der relativistischen Wissenschaft bestimmen will, so mu.B man sagen,
da.B der algebraische Raum-Zcit-Komplex die unerlä.Bliche Bedingung bil-
det für die allgemeine Gültigkeit unserer Kenntnis vom Elektromagnetis-
mus. Die Kenntnis der elektromagnetischen Phänomene wurde während
des 19. Jahrhunderts koordiniert durch die Maxwellschen Gesetze. Das
Nachdenken über diese Gesetze führte zu der Überzeugung, da.B sie für
jeden Wechsel des Bezugssystems in
ariant bleiben müssen. Diese In-
varianz definierten die Formeln der Lorentz- Transformation. Sie führte
zur Aufstellung einer ganzen Gruppe von Formeln, die die gleiche philo-
sophische Bedeutung für die Geometrie der Relativität bekam wie alle
Gesetze der Übertragung und der Ähnlichkeit für die euklidische Geo-
metrie. So liegt die Lorentz-Transformation der Raum-Zeit-Begriffiichkeit
zugrunde, und es ist diese Lorentz-Gruppe, die die Trennung räumlicher
und zeitlicher Koordinaten verbietet. Der Begriff der Raum-Zeit wird zu
einer notwendigen Perspektive. Würde man ihn mehr von der sprachlichen
Struktur her und als eine Verdichtung von Ausdrucksmitteln sehen, so
würde man seine philosophische Bedeutung unterschätzen. Er ist ein be-
griffliches System, und zwar ein notwendiges. Wenn es, wie wir glauben,
die Aufgabe des Philosophen ist, Gedanken zu denken, dann muB er die
Raum-Zeit in der Totalität ihrer Funktionen, in ihrer algebraischen Natur
und in ihrem informierenden Wert für wissenschaftliche Phänomene
durchdenken.
Wenn man nun hinzufügt, da.B dank der operativen Definition der
Gleichzeitigkeit die Liehtgesehwindigkeit in ein geometriseh-mechanisehes
Bezugssystem eingeordnet wird, und wenn man sieh erinnert, da.B das
Licht ein elektromagnetisehes Phänomen ist, dann gelangt man zu dem
SehluB, da.B der Begriff der Raum-Zeit von nun an der Grulldbegriff für
die höehst
ögliehe Genauigkeit im Verständnis von Phänomenen ist.
So erseheint der Begriff der Raum-Zeit, wie er von Lorentz nahegelegt
und von Einstein ausgestaltet wurde, als eine apriorische Form, und zwar
420
Die philosophische Dialektik in der Begriflswelt der Relativität
funktionell apriorisch, indem er das Verständnis der präzisen elektro-
magnetischen Phänomene ermöglicht. Es ist philosophisch von geringer
Bedeutung, daB sich diese Denkform in der Geschichte der Wissenschaft
nur langsam entwickelt hat. Sie ist, als funktionell primär, durch den auf-
geklärten Rationalismus eingeführt worden, der einen der klarsten Aspekte
in der Relativitätstheorie darstellt. Wenn man sich einmal mit dem auf-
geklärten Rationalismus befreundet hat, so erkennt man, daB es ebenso
wie einen naiyen Realismus auch einen naiyen Rationalismus gibt. Und
wenn man alle philosophischen V orteile aus der Wissenschaftskultur ern-
ten will, so muB man auch vom psychologischen Standpunkt aus die Festig-
keit der neuen Grundlagen anerkennen. Man muB die alten Ausgangs-
punkte verlassen und yon neuem beginnen. Am Ende des 18. Jahrhunderts
hat Bailly in seiner Geschichte der Astronomie behauptet, die mathemati-
sche Astronomie verschaffe uns den Frieden des Gemüts, und zwar im
Unterschied zu jeder Theorie der rein auf Vorstellung beruhenden Astro-
nomie. Denker im Newtonschen Sinn, so sagte er, "haben sich entschlossen,
den Begriff der Attraktion anzunehmen, um ihre Einbildungskraft zu stär-
ken und ihre Gedanken zu beruhigen".
Einsteins Rationalismus übt eine ebenso heilsame Funktion aus. Der
algebraische Begriff der Raum-Zeit schützt uns davor, Bilder zu populari-
sieren. Er befreit uns von einer pseudotiefen Träumerei über Raum und
Zeit. Besonders schlieBt er den Irrationalismus aus, der mit dem Begriff
der unermeBlichen Dauer verknüpft ist. Das Gemüt ruht in der Wahrheit
seiner Konstruktion.
Ist einmal der algebraische Charakter der Einsteinschen Formulierung
erkannt, so ist man für eine philosophische Umkehrung der abstrakten
und der konkreten Züge in der Arbeit der Wissenschaft aufgeschlossen.
Oder, um es genauer auszudrücken, man hat Zutritt zu dem abstrakt-
konkreten Charakter des wissenschaftlichen Denkens. Man kann wohl sagen,
daB der Begriff der Raum-Zeit trotz seines intellektuellen Charakters kon-
kreter ist als die zwei getrennten Begriffe von Raum und Zeit, da er zwei
Perspektiven der Erfahrung miteinander vereinigt. Natürlich muB der Be-
griff der Raum-Zeit je nach Bedarf aufgeteilt und analysiert werden, so
daJ3 er jene getrennten Funktionen von Raum und Zeit wieder einführt,
und zwar angesichts der Vereinfachungen, die sich in der klassischen Me-
chanik als so ergiebig erweisen. Aber die Relativitätslehre ist auf der
Wacht gegen alle Vereinfachungen. Sie steht ruhig und sicher auf dem
Gipfel ihrer Synthesen. V on diesem hochgelegenen Standpunkt aus be-
urteilt sie vertrauensvoll alle analytischen Perspektiven.
Wie kommen die Philosophen auf dies en Gipfel? Die Philosophen stre-
ben, so scheint es, gar nicht mehr nach synthetischen Gedanken. Sie wollen
wohl gar nicht mehr ihre Erkenntnis auf den höchst erreichbaren Gipfeln
421
Gaston Bachelard
begründen. Sie wollen die gordischen Knoten zu einer Zeit zerhauen, in
der die Wissenschaft hestrebt ist, die neuen überraschendsten Beziehungen
miteinander zu fJerknoten, und in der die physikalisch-mathematische
Wissenschaft entschlossen ihren abstrakt-konkreten Charakter behauptet.
Anstatt unablässig zur Grundlage der gewöhnlichen Erkenntnis zurück-
zukehren, als ob das, was für das tägliche Leben genügt, auch für die
Erkenntnis genüge, haben wir nun im Verfolg der Einsteinschen Wissen-
schaft die Mittel, einen endgültigen Rationalismus, einen diflerenzierenden
und dialektischen Rationalismus zu entwickeln. Diese Differenzierung und
diese Dialektik erscheinen in der Erkenlltnis auf einer zweit en Stufe der
Annäherung. Kurz ausgedrückt kann man sagen, da.B sich eine Umkehrung
in der (Ordnung der) wissenschaftstheoretischen Bedeutsamkeit abspielt.
Die erste Annäherung ist nur die Eingangsbewegung. Die gewöhnliche
Erkenntnis betrachtet sie schon als grundlegend und endgültig, ob,vohl sie
nur provisorisch ist. Die echte Struktur des wissenschaftlichen Verstehens
aber entsteht nur mit der Verfeinerung der Methoden, durch eine möglichst
tiefdringende Analyse jeder Funktionalität.
In der praktischen Anwendung mag man diese Funktionalitäten be-
grenzen, aus der Erkenntnis, da.B eine Potentialität unverwirklicht bleiben,
eine Empfindung erstickt werden kann. Man würde dann erkennen, da.B
hei der Quantenmechanik in vielen Fällen eine "Degeneration " vor sich
geht, d. h. das Auslöschen einer strukturellen Möglichkeit. Aber die neuen
Theorien liefern eine ganze Hierarchie von rationalen und empirischen
Werten. Klassische Naturwissenschaft und gewöhnliche Erkenntnis haben
ihre (entsprechenden) Stellen im System der wissenschaftstheoretischen
Werke. Die Dialektik der relativistischen und der kIassischen Mechanik
ist eine verhüllte Dialektik. Offensichtlich setzte die Relativitätstheorie
alles aufs Spiel, was der klassischen Auffassung der Wirklichkeit Sicher-
heit verliehen hatte, aber indem sie alles wagte, verlor sie nichts. Sie hat
alles festgehalten, was während der vergangenen Jahrhunderte tatsächlich
an wissenschaftlicher Erkenntnis gewonnen worden
ar. Eine Verschie-
bung der feineren Strukturen enthüllt die früheren Begrenzungen. So ge-
stattet die Relativitätstheorie in der Rückschau eine Neuinszenierung der
ganzen Geschichte des mechanistischen Rationalismus.
V.
Diese Möglichkeit, auf vereinfachende Philosophien zurückzugreifen,
werden wir besser verstehen, wenn wir nun auf die bemerkenswerte Stärke
der relativistischen Verknüpfung von Rationalismus und Realismus hin-
weisen. Dazu wird es genügen, die algebraische Form der Raum-Zeit in
ihren ordnenden Funktionen für die Mechanik und den Elektromagnetis-
mus zu betrachten.
422
Die philosophischc Dialektik in der Begriffswelt der Relativität
Die Raum-Zeit ist nicht blo.B eine einfache wissenschaftstheoretische
Notwendigkeit, wie sie aus dem Nachdenken über die Bedingungen der
Invarianz entstanden ist, die durch die Maxwell-Gleichungen gefordert
wird. Diese am Anfang stehende Synthesis entfaltet ihre ordnende Kraft.
Der Begriff der Raum-Zeit bedingt Vierervektoren, die den synthetischen
Charakter der relativistischen (Art von) Organisation unterstreichen.
Indem sie z. B. den klassischen Begriff des mechanischen Impulses, der
ein Vektor des dreidimensionalen Raumes ist, weiter ausdehnt, erzielt die
Relativitätslehre den Begriff eines Impulses des Universums als eines
Vierervektors des vierdimensionalen Raumes. Dieser Impuls hat die drei
Komponenten der klassischen Bewegungsgrö.Be als seine Raumkomponente
und die Energie, geteilt durch die Lichtgeschwindigkeit, als seine Zeit-
komponente. Aber der Vierervektor des Impulses besteht nicht aus einer
einfachen Nebeneinanderordnung der Aspekte von Bewegungsgrö.Be und
Energie. Es ist eine so wirksame begriffliche Verschmelzung erreicht wor-
den, da.B das Prinzip der Erhaltung der Bewegungsgrö.Be und das Prinzip
der Erhaltung der Energie zusammengefaBt werden. In einem isolierten
materiellen System bleibt die geometrische Summe der Vierervektoren des
Impulses konstant, wenn sie auf die verschiedenen Körper in dem System
angewendet wird. Wenn wir uns erinnern, da.B Descartes seine Mechanik
in der Begriffswelt der Bewegungsgrö.Ben formulierte, während Leibniz den
Begriff der mechanischen Energie aufstellte, so verstehen wir, vom Gipfel
dieser Synthese aus, die historische Entwicklung als eine von Einstein er-
zielte, grundlegende Synthese der Gedanken von Descartes nnd Leibniz.
Die gleiche Inspiration führte zu Einsteins Entdeckung der algebraischen
Homogenität von Energie und Masse. Diese Entdeckung mathematischen
und rationalistischen Ursprungs hatte erhebliche Bedeutung für den Rea-
lismus. Die Verschmelzung von Masse und Energie, die zuerst nur für die
kinetische Energie angenommen wurde, wird nun deutlich und klar auf
alle Energieformen ausgedehnt. Zweifellos wird der Philosoph, der in Wor-
ten denkt und glaubt, daB wissenschaftliche Begriffe absolut verwurzelt
sind in gewöhnlichen Begriffen, vor dem Ausdruck "Trägheit der Energie"
zurückschrecken. U nd doch ist es gerade dieser Begriff der Trägheit der
Energie, der Einsteins Werk zum Markstein einer neuen Wissenschaft,
einer begriffssynthetischen Wissenschaft macht.
Tatsächlich besteht der realistische Aspekt dies er Verschmelzung von
Masse und Energie in nichts anderem als der Vereinigung der so verschie-
denen klassischen Prinzipien der Erhaltung der Masse und der Erha]tung
der Energie. In ihrer historischen Entwicklung betrachtet, erscheinen diese
Begriffe der Masse und Energie ihres absoluten Charakters beraubt. Nun
ist es notwendig geworden, zwischen ihnen eine grundsätzliche, ontologi-
sche Relatio n herzustellen.
423
Gaston Bachelard
Mit anderen Worten: Um diese Relativierung eines so realistischen Prin-
zips zu erkennen, wie es das der Erhaltung der Masse ist, mu.B man noch
einmal die kopernikanisehe Wende der Relativität annehmen, man mu.B
die Mathematik in das Zentrum der Erfahrung stellen und sie als die In-
spiration des wissenschaftlichen Experiments ansehen. Denn schlie.Blich
lassen so präzise Experimente wie die der Chemie keinen Zweifel am Prin-
zip von Lavoisier aufkommen. Die Chemie war in dieser Beziehung die
8tätte ungeheurer Erfolge. Die Chemie erhob den absoluten Charakter des
materiellen Gleichgewichts zum Gesetz. Der wissenschaftliche Realismus
war in diesem Punkt der gleichen Überzeugung wie der naive Realismus.
Wir wollen stark unterstreichen, da.B erfolgreiches Denken in der Richtung
vom Rationalismus auf den Realismus fortschreitet. Der Primat steht nicht
dem Erhaltungsprinzip (in seiner realistischen Ausprägung) zu, sondern
einem Prinzip der Invarianz (in rationalistischer Ausprägung). Es sind die
Bedingungen der Invarianz im mathematischen Ausdruck der Gesetze, die
eine Definition der Bedeutung und der Gültigkeit der wahren Erhaltungs-
prinzipien ermöglichen. Insofern man es für möglich hielt, die Relativi-
tätsphilosophie durch das allzu simple Etikett des "Realismus" zu charak-
terisieren, allein aus dem Grund, weil die Relativitätslehre die Erhaltungs-
prinzipien stärke, mu.B diese wissenschaftstheoretische Entwicklung noch
genauer formuliert werden. Für unseren Teil sind wir der Meinung, da.B die
Weise der Erhaltung wichtiger ist als das, was erhalten wird. Masse und Ener-
gie in einer einzigen Formel zu erhalten, hei.Bt nicht, unseren Glauben an
die erhaltene Realität zu begründen, sondern eher, sieh der rationalen Macht
bewu.Bt zu werden, die in der Invarianz der Ges etze zum Ausdruck kommt.
Zweifellos hat das Experiment in seinen höchst verfeinerten und sorgfälti-
gen :Formen die genialen Ansichten Albert Einsteins bestätigt. Demzufolge
kommt dem Begriff der Trägheit der Energie von nun an ein unleugbar
realistischer Charakter zu. Aber die Konzeptionen selbst waren originelI
nnd eine Art Eingebung. Psychologisch gesehen waren sie keineswegs
naturgegeben, und sie führten zu wissensehaftliehen Experimenten, die
man gleichsam als übernatürlich bezeichnen darf. 80 fällt z. B. die Gesamt-
heit der Kernphysik in den Bereich des Prinzips von der Trägheit der
Energie. Und die riesige Bedeutung der Kernphysik ist ja auch genügend
herausgestellt worden, vielleicht bis zur Vernachlässigung ihres überphäno-
menalen Charakters. Die Wissenschaftier haben bereits mehr Urankerne
in fünf Jahren in den Raum geschleudert als die Natur in einem Jahr-
tausend. Die Laboratoriumstechnik hat erfolgreich das Einsteinsche Prin-
zip der Trägheit der Energie mit Hilfe des Atommeilers in der Praxis
durchgeführt. Die Wirklichkeit, die in diesen Materialien schlummerte,
wurde durch mathematisch begründete Experimente ans Licht gezogen.
V on der Kernphysik aus kann man wohl sagen, da.B die Materie einçn Neo-
424
Die philosophische Dialektik in der BegrifTswelt der Relativität
materialismus hervorgerufen hat, in dem Substanz und Energie austausch-
bare Wirklichkeiten sind. Realität ist nicht mehr reine und einfache Natur.
Sie rnuB gequält werden, urn Gegenstand des wissenschaftlichen Experi-
ments zu sein. So erscheint die Philosophie der heutigen Wissenschaft, wie
sie sich aus den Umwälzungen am Anfang des Jahrhunderts ergeben hat,
als eine Dialektik zwischen aufgeklärtem Rationalismus und sorgfältig
durchdachtem Realismus. Um keine der philosophischen Implikationen
der Naturwissenschaft aufzugeben, mu.B man die beiden Grundbegriffe der
Invarianz und der Erhaltung in einer abstrakt-konkreten Philosophie zur
Synthese bringen, indem man einen zusätzlichen vereinheitlichenden
Wesenszug in Form einer Invarianzerhaltung einführt. Hier liegt eine
philosophische Duplizität, die durch eine einseitige philosophische Inter-
pretation, sei es die rationalistische oder die realistische, verletzt würde.
Die Wissenschaft fordert von nun an eine Doppelgewi.Bheit. Sie muB gleich-
zeitig den Anforderungen der inneren mathematischen Geschlossenheit als
auch der minutiösen experimentellen Veri£izierung Genüge leisten.
VI.
Wir haben im Eiltempo eine Entwicklung des relativistischen Denkens
bis hin zu einem synthetischen Mittelpunkt der Wissenschaft der Mechanik
erlebt. Die Synthese auf dem Gebiet des Elektromagnetismus war nicht
weniger bedeutsam. Die Komponenten der zwei dreidimensionalen Vek-
toren, mit denen die klassische Physik das elektrische Feld und das ma-
gnetische Feld getrennt voneinander definiert hat, sind durch die Relativi-
tätstheorie als Komponenten eines einzigen Tensors erkannt worden. Diese
Tatsache gibt den Maxwell-Lorentz-Gleichungen eine AlIgemeinheit höch-
sten Grades, die mit einer algebraischen Verdichtung höchsten Grades
Hand in Hand geht.
Unter den paradoxen Zügen der allgemeinen Relativitätstheorie £inden
wir nicht zuletzt den, daB die Entwicklung ihrer Lehre durch diese Dia-
lektik von rationaler Verdichtung und Ausdehnung empirischer Bedeu-
tungen bestimmt ist. Wenn aufgeklärter Rationalismus die Realität durch
solche konzentrierten Symbole im Grif! hält, so erfährt man auch hier
einen gro.Ben Frieden des Gemüts. Der Tensorkalkül, pflegte Paul Langevin
zu sagen, kennt die Relativität besser als der Relativitätsphysiker selbst.
Der Tensorkalkül wird in gewisser Weise für uns mit untergeordneten Ge-
danken belastet; er ist eine Garantie dafür, daB wir nichts vergessen ; er
erledigt für uns die Einzelanalysen. Diese Symbole sind keineswegs my-
stisch. Sie sind durchsichtig für den Mathematiker, und sie machen den
Physiker verständlich. Die vereinheitlichenden F ormeln der allgemeinen
Relativitätstheorie sind philosophische Synthesen, die Rationalismus und
Realismus verknüpfen.
425
Gaston Bachelard
VII.
Wenn wir das Äquivalenzprinzip der trägen Masse und der schweren
Masse, also das zur allgemeinen Relativitätstheorie führende Prinzip, dia-
lektisch betrachten, kommen wir zu denselben philosophischen Schlu.B-
folgerungen.
Tatsächlich führt die Vereinigung von träger Masse und schwerer Masse
in einem einzigen Begriffssystem zur Verschmelzung von Trägheit, einer
Qualität, die einem gegebenen Körper innewohnt, und Gewicht, einer
Qualität, deren Sitz in gewissem Sinne a uBerhalb des betreflenden Kör-
pers ist. So haben wir ein erstes Beispiel für die Korrelation einer Kraft
und einer raum-zeitlichen Struktur. Diese im Einsteinschen ÄquivaJenz-.
prinzip enthaltene Korrelation ist in der Entwicklung der Lehre immer
mehr ausgeweitet worden.
Hier mag nun wiederum der Philosoph Belehrung finden. Denn das
Äquivalenzprinzip fordert den Verzicht auf die (vermutete) logische Pri-
orität, die man üblicherweise der Kraft gegenüber ihren ÄuBerungen zu-
geschrieben hat. In Wirklichkeit ist die Kraft gleichzeitig mit den Phäno-
menen. Es gibt keinen Kreislauf des Seins, der das Sein zuerst der Materie,
dann ihren Kräften und dann den Deformierungen der Materie zuweist.
Eddington hat gesagt: "Die Materie ist nicht eine Ursache, sie ist ein
Index 1 ." Alles existiert zusammen als Struktur der Raum-Zeit.
Die Relativität scheint uns so in philosophischer Hinsicht die Prinzipien
des "Kausalismus" in ebenso durchgreifender Weise zu modifizieren wie
die des Realismus. Die abstrakt-konkrete Philosophie muB in Begriffen
einer neuen Art von metaphysischer Einheit formuliert werden und die
wissenschaftlichen Phänomene als Ursachfunktionen denken. Es kommt
hier zu einem gegenseitigen Austausch, einer Endosmose, zwischen mathe-
matischen Folgerungen und physikalischen Ursachen.
So ruft die Hela tivitätstheorie das wissenschaftliche Denken unablässig
zu einer philosophischen Aktivität auf, die zugleich zentral und dialektisch
ist. Das alte Problem von Geist und Körper ist heute an eine bestimmte
zentrale Stelle gerückt, die dabei den V orzug einer äuBersten SensibiJität
der Methode hat. Hierin stimmen der strengste Mathenlatiker und der ge-
naueste Physiker überein. Sie verstehen einander. Sie lernen voneinander.
Das Denken ",ürde leer, das Experiment ungewiB, wenn man nicht in den
Bereichen, in denen die Relativität Geltung hat, die Synthese von auf-
geklärtem Rationalismus und durchdachtem Realismus übernehmen würde.
Sorbonne
Paris
Gaston Bachelard
1 A. S. Eddington, Spa ce, Time and Gravitation (Cambridge, 1921), S.191.
426
23
Aloys Wenzl
DIE EINSTEINSCHE RELA TIVITÄ TSTHEORIE
VOM STANDPUNKT DES KRITISCHEN REALISMUS
UND IHRE WELTANSCHAULICHE BEDEUTUNG
Der Streit in der Erkenntnistheorie ist im Grunde bedingt durch das
verschiedene Ma.B von Vertrauen in unser Erkenntnisvermögen. Man
könnte sagen, es handle sich darum, die rechte aristotelische Mitte zu
£inden zwischen den Extremen der Naivität und der Skepsis. Der naive
Realismus und der sog. subjektive Idealismus scheiden aus, wenn es urn
eine Erkenntnis im eigentlichen Sinne geht, denn wenn Wissenschaft und
Philosophie im Ernst getrieben werden sollen, so können sie sich nicht mit
einer unkritischen Hinnahme unserer Eindrücke von der AuJ3enwelt als
getreuer Abbilder derselben begnügen noch den Zweifel so weit treiben,
daJ3 sie in unseren Feststellungen nichts als unsere V orstellungen, in unse-
ren Wahrnehmungen nichts als unsere Einbildungen sehen. Das würde
auch zu einer Spaltung von Theorie und Praxis führen. Die in Betracht
kommenden, erkenntnistheoretischen Standpunkte sind der kritische Idea-
lismus Kants, der Positivismus und der kritische Realismus. Kant betont,
Dur Aussagen über die Erscheinungen machen zu können und zu wollen,
wiewohl er eine bewu.Btseinsunabhängige Wirklichkeit als deren Ursache
anerkennt. Der Positivismus in seinen verschiedenen Formen will sich auf
eine Beherrschung der Erfahrung unter dem Gesichtspunkt der Zweck-
mä.Bigkeit und Einfachheit und Einheitlichkeit beschränken, er will Dur
die Erfahrungstatsachen in ein geordnetes System bringen. Dem kritischen
Realismus kommt es auf ei ne Verbindung von Kritik und positiver Wirk-
lichkeitserkenntnis an. Es scheint ihm inkonsequent zu sein, die Brücke
zwischen Erscheinung und Sein abzubrechen, und es scheint ihm unbe-
friedigend für das menschliche Erkenntnisstreben, es bei bloJ3 zweckmäBi..
ger oder doch zweckmäJ3igster Ordnung der Mannigfaltigkeit der Erfah-
rungen bewenden zu lassen; das wäre ihm keine Erkenntnis und kei ne
Rechtfertigung gegenüber dem Impuls aller wissenschaftlichen Bemühun..
gen, zu einem bestverantwortlichen Weltbild zu kommen. Wir verstehen
in Deutschland unter kritischem Realismus nicht ganz dasselbe, was man
in Amerika so bezeichnet, aber wir bekennen uns zu den programmati-
schen Sätzen, die der "Critical Realism" 1920 formulierte, daJ3 nicht die
Dinge an sich in unser Bewu.Btsein kommen, daJ3 aber die Erscheinungen
427
Aloys Wenzl
keineswegs nur suhjektive sind, sondern da.B es eine ohjektive Wahrheit
giht und da.B die Logik gilt. Der kritische Realismus ist in Deutschland
verknüpft mit den Namen Eduard von Hartmann, Hermann Lotze, Hans
Driesch, Oswald Külpe, Erich Becher, Bernhard Bavink u. a.: Den wahr-
nehmbaren Erscheinnngen, Beziehungen und Merkmalen sind Beziehungen
und Merkmale einer ohjektiven Wirklichkeit zugeordnet; weder die Sinnes-
qualitäten der Farhe, des Tons nsw. noch die räumlichen und zeitlichen
Erstreckungen sind ohjektiv nnd absolut, wohl aber entsprechen sie he-
wu.Btseinsunabhängigen Merkmalen und Beziehungen, und aus der Ûber-
einstimmung von erschlossenen Annahmen und ihren Folgerungen mit der
Erfahrung dürfen wir anf einen Wahrscheinlichkeitsgehalt der gemachten
Hypothesen schlie.Ben.
So wird der kritische Realismns die Grundlage für eine induktive Meta-
physik, d. h. eiD mit der Erfahrung bestverträgliches, vor der Wissenschaft
verantwortbares einheitliches Weltbild lä.Bt sich, wenn auch nur hypo-
thetisch, aufstellen. Eine Theorie ist also nicht ein Gedankenkunstwerk
noch auch eine hlo.Be Konvention, sondern ein Hinweis mit äu.Berer und
innerer Wahrscheinlichkeit auf Grund der Bewáhrung und der Geschlossen-
heit, nnd der wissenschaftliche Charakter bleibt anch im Hypothetischen
dadurch gewahrt, da.B die V oraussetzungen der gemachten Annahmen de-
klariert werden. Nur in dieser Auffassung trägt eine Theorie nach Ansicht
des kritischen Realismns wirklich zu dem bei, was wir Erkenntnis nennen.
Welches sind nun die weltanschaulich bedeutsamsten Ergehnisse der
Einsteinschen Relativitätstheorie? Wir betrachten als solche die folgenden:
1. Die Gleichherechtigung aller geradlinig gleichförmig bewegten Sy-
steme nicht nur gegenüber den Gesetzen det' Mechanik, sondern auch
gegenüber denen des Elektromagnetismus und der Optik und die
Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, die beiden Axiome also, aus denen
die Relativierung der Raum- und Zeitmessungen folgt und die die
Zusammenfassung zu einem vierdimensionalen Kontinunm fordern..
2. Die Äquivalenz von Masse und Energie, die sich in der klassisch ge-
wordenen Gleichung E = mc 2 ausdrückt und die die Begriffe der
Masse und Energie, die in der klassischen Physik und Naturphiloso-
phie die Rolle der Substanz ges pielt haben, verbindet.
3. Die Prägung (Krümmung) des Raum-Zeit-Kontinuums durch Masse
und Energie derart, da.B die Metrik der Ausdruck für die Realität
dessen wird, was uns materiell-energetisch erscheint. Zwar ist diese
Auffassung der Materie und ihrer Felder als einer Realisation von
metrischen Eigenschaften des Raum-Zeit-Kontinuums in der all-
gemeinen Relativitätstheorie Einsteins erst für das Schwerefeld durch-
geführt, aber man ist zuversichtlich, auch die Ladungen und die
elektromagnetischen Felder metrisch deuten zu können.
428
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen Rea1ismus
4. Die kosmologische Entwicklung: die Welt ist ein dam Raum nach be-
grenztes, ein endliches nicht-euklidisches Kontinuum, ihr Radius
nimmt zu, das Weltall dehnt sich aus.
5. Die kosmogonische Entwicklung: unsere Welt ist aus einer "Explosion"
oder "Expansion" einer "Zylinderwelt" oder durch zunehmende Bil.
dung von Materieteilchen (P. Jordan) entstanden.
Die philosophische Problema tik erstreckt sich also a uf :
1. Das Raum-Zeit-Problem, insbesondere auf die Realität der Zeitlich-
keit und der Bewegung - das Problem, das mit dem Gegensatz von
eleatischer und heraklitischer Philosophie beginnt.
2. Auf das Problem der Substanz und des Urstoffes, das mit dem antiken
Ätherprob]em - dem noch unbestimmten Apeiron des Anaxi-
mander - beginnt, über den Begriff der materia prima des Aristoteles
und der Scholastik sich fortsetzt und das auch im modernen physi-
kalischen Ätherproblem enthalten war. Der in dies en Theorien herr-
schenden Kontinuitätslehre steht seit Demokrit eine Diskontinuitäts-
theorie gegenüber; der Gegensatz und die Frage der Synthese von
Kontinuität und Diskontinuität reichen in die Gegenwart herein und
bilden das Grundproblem der Vereinigung von Relativitätstheorie
und Quantentheorie.
3. Auf das pythagoreisch-platonische Ideal: Die Wirklichkeit ist die Ver-
wirklichung mathematischer Ideen, "Gott treibt allzeit Mathematik".
4. Auf die kosmologisch-kosmogonischen Theorien, die einen ersten Höhe..
punkt in Kants "Theorie des Himmels" haben, die sich aber nicht
als einwandfrei erweist.
5. Dazu kommt das Determinismus-Problem, zusammenhängend mit
dem Zeitproblem einerseits, dem Gegensatz von Relativitätstheorie
und Quantentheorie anderseits, ebenfalls ein altes philosophisches
Problem, das von Augustinus bis Spinoza, für Leibniz und Kant, für
Schopenhauer und Fechner zentral gewesen ist.
Zu diesen Problemen nun wollen wir vom Standpunkt des kritischen
Realismus aus Stellung nehmen.
1. Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit
Die philosophisch aufregendste Behauptung und deshalb diejenige, die
den meisten philosophischen Widerspruch gefunden hat, ist das zweite
Axiom der speziellen Relativitätstheorie, die Konstanz der Lichtgeschwin..
digkeit, aus der die Relativität der Raum- und Zeitmessungen folgt. Man
könnte sagen, die Beobachter verschieden bewegter Systeme gleichen
Leibnizschen Monaden, und der Leibnizsche Gedanke einer prästabilierten
429
Aloys WenzI
Harmonie find
t in der Relativitätstheorie eine Analogie: Wie die Welt
sieh in jeder M
nade anders spiegelt, alle Siehten der Monaden aber auf-
einander bezog
n und ineinander übersetzbar sind, so erseheint das "abso-
lute" vierdimel\sionale Weltkontinuum jedem an sein System verhafteten
Beobaehter in qnderen Werten von Raum- und ZeitmaBen, aber alle Sieh-
ten sind ineinal\der transformierbar. Aber wenn Hans Drieseh das Leibniz-
sehe System d
r prästabilierten Harmonie bizarr nennt, so haben viele
Kritiker der R
lativitätstheorie ihren Grundsatz gar als logisehen Wider-
spruch erklärt1, wenn das Licht sich - von der Bewegung seiner QueUe
unabhängig - naeh allen Seiten gleichmäBig ausbreitet, wenn es eine
Realität ist - ob Welle oder Korpuskei, ist hier gleichgü1tig -, die sieh
bewegt, so kaI14 es nicht gegenüber einem Beobachter A und einem ihm
gegenüber selbS t bewegten B mit objektiv gleieher Geschwindigkeit fort-
schreiten. Als
usweg bietet sieh nun an die Erklärung, daB das Axiom
der Konstanz d
r Lichtgesehwindigkeit in allen berechtigten Bezugssyste-
men einfach ei
e willensmäBige Setzung ist, die wir zugrunde legen. Dann
bleibt aber unverständlich, da.B diese willentliehe Setzung sieh bewährt
gegenüber der Itrfahrung, und daB sie die erstaunliehe Gesehlossenheit der
mathematischett Formen der Relativitätstheorie ermöglicht. Der Setzung
scheint also dO
h ein objektiver Sachverhalt zugrunde zu liegen. Es bietet
sich nun als zW'eite Deutungsmöglichkeit die an, daB räumliehe und zeit-
liche Merkmale gar keine objektiv trennbaren sind, ja, daB Räumliehkeit
und Zeitlichkeit gar niehts Objektives sind, daB Bewegung nur Erschei-
nung ist, die durch Aufspaltung des Weltkontinuums in Raum und Zeit
entsteht, daB n\1r unser BewuBtsein die Weltlinie unseres Leibes abwandert
und da.B das ohjektiv Reale eben das vierdimensionale Kontinuum ist. So
kommen wir z
der Welt Minkowskis, einer schlechthin seienden, eleati-
sehen Welt. VO m Standpunkt der Physiker aus ist das eine widerspt'uehs-
lose Lösung. A
er der Physiker wird den Einwand verstehen, den die Phi-
losophie dann macht, daB ja die Zeit ei ne nicht nur physikalische An-
1 so o. Kraus: "Der Satz, daB die Lichtgeschwindigkeit unheeinfluBt von der
Bewegung der
ichtquelle allen "galileischen" Systemen gegenüher gleich sei,
verstöBt nicht g
gen Denkgewohnheiten, sondern ge gen a priori evidente Urteile;
die Relativieru
O' der GleichzeitiO'keit kommt der ErkJärun g des Satzes vom
o
Widerspruch als einer Denkgewohnheit gleich."
und P. F. Lil\ke: "Ein Satz ist nicht nur dann widersinnig, wenn er mit der
formalen Logik \m Widerspruch steht, sondern auch, wenn er eine Aussage dar-
stellt, die im Widerspruch steht zu dem Wesen des Gegenstandes, üher den sie
erfolgt. Und zW
r ist ein Satz ehenso widersinnig, wie wenn er unlogisch im for-
malen Sinn wä
e, falls seine Aussage nicht im Sinne eines solchen Satzgegen-
standes liegt, der durch unmittelhare Vergegenwärtigung jederzeit selhst ge-
gehen werden k
nn."
(Ann. d. Phil
s. 1921, 2. Bd., 3. Heft.)
430
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen Realismus
gelegenheit sei. Sie ist, wie Kant sagte, nicht nur die Form unseres äu.Be..
ren, sondern auch unseres inneren Sinnes. Sollte wirklich all das, was wir
Entwicklung nennen, eine eigentlich unzeitliche Ordnung sein? Sollten
unsere Erlebnisse des Nacheinander und der Erinnerung nur Schein sein,
unsere ganze Existenz mit allen ihren leiblich bedingten und leiblich sich
äuBernden Strebungen und Handlungen sozusagen schon präexistent und
noch postexistent sein, soweit man in einer solchen schlechthin seienden
Welt von prae und post überhaupt reden könnte, sollten wir im Grunde
überzeitliche Wesen sein? Und wird die Frage der Freiheit damit nicht
ohne Rücksicht auf jene Erlebnisse, die schon immer für eine Willens-
freiheit sprachen, die Verantwortlichkeit, Scham und Reue, und ohne
Rücksicht auf die von existentialphilosophischer Seite heute besonders be-
tonte Freiheit dann von der Physik allein aus beantwortet, und zwar ver-
neint, jene Freiheit, bei der doch ein späterer Akt von früheren Ent-
scheidungen abhängig ist? Man versteht jedenfalls, da.B die Relativierung
der Zeit, der Gleichzeitigkeit, die Zeitdilatation, kurz, die Subjektivierung
der Zeitlichkeit überhaupt, als eine viel stärkere Zumutung empfunden
wird als die Relativierung der Raumgrö.Ben z. B. durch die Lorentz-Kon-
traktion. Und zwar nicht nur um das ZeitmafJ handelt es sich, sondern urn
die Rettung der Zeitlichkeit als Prinzip unserer Welt überhaupt. Aber
kann man die Zeitlichkeit in ihrer besonderen Qualität - vollkommen
gleichartig mit den räumlichen Koordinaten ist das Zeitliche ja auch in
der Relativitätstheorie nicht, sie ist mit der imaginären Einheit multipli-
ziert, und wir unterscheiden ein raumartiges und zeitartiges Gebiet -,
kann man die Zeitlichkeit aufrechterhalten und trotzdem dem Widerspruch
entgehen, daB eine physikalische Realität, die sich bewegt, sich verschie-
denen Beobachtern gegenüber nicht mit objektiv gleicher Geschwindigkeit
bewegen kann? Nun man kann es in der Tat, aber man mu.B die Konse-
quenz ziehen, daB das Licht weder behandelt noch betrachtet werden darf
wie ein materielIer Körper noch wie eine Welle, die in einem dreidimensio-
nalen Raum fortschreitet. Zum erstenmal begegnet uns also schon in der
speziellen Relativitätstheorie die Unzulänglichkeit der beiden Seiten der
"Doppelnatur", sowohl des Korpuskel- wie des Wellenaspektes, im an-
schaulichen Sinn. Wir dürfen das Licht offenbar weder als bewegte Körper-
chen noch als reale Welle eines systemgebundenen Mediums betrachten.
Dagegen steht nichts im Wege, das Licht als Signal anzusprechen, das sich
in der Tat allen Systemen gegenüber unparteiisch und überparteilich ver-
hält, das nicht aD ein materielles System verhaftet und gebunden ist, son-
dern übersystemal ist. Nur dürfen wir es dann eben nicht als etwas schon
MaterielIes betrachten, sondern Inüssen es als etwas noch "lmmaterielles",
"Vormaterielles", "PotentielIes" ansprechen. Was heiBt das aber? Der Be-
grift des Potentiellen ist ja nicht nur heimisch in der alten Ontologie, son-
431
Aloys Wenzl
dern auch in der Physik, und aus einer Vereinigung des oft unterschätzten
Scharfsinns, der in den Gedankengebäuden steckt, die von Aristoteles und
der Scholastik scheinbar als Luftgebäude errichtet wurden, mit dem
Potenzbegriff, der der Physik aus der Lehre von der Kraft und Energie
schon geläufig ist und der in erweitertem Ma.Be in die moderne Physik ein-
geht, lie.Be sich manche Klärung erwarten. Was also hei.Bt das, das Licht
sei noch "übersystemal"? Denken wir uns zwei gegeneinander bewegte
Systeme, in denen A und B einerseits, A I und B' anderseits in der relativ
gleichen Ordnungsbeziehung, der gleichen Relation, in derselben "Distanz"
zueinander und füreinander stehen, und denken wir in dem Zeitpunkt, in
dem A und A' miteinander koindizieren, von A bzw. A' ein Signal, eine
Störung ausgehen, so ist kein Grund einzusehen, warum B' nicht in der-
selben zeitlichen Distanz erreicht werden sollte wie B. Das "Licht" ist das
Signal der Veränderung von Seinsbeziehungen, nicht mehr, und noch nicht
materialisiert und darum noch nicht systemgebunden, sondern vielmehr
als Auflösung einer gewesenen materiellen Ordnung die blo.Be Ankündi-
gung und Mitteilung einer neuen Möglichkeit. Es ist ein noch potentielIer
Zustand 1 , der nicht auf ein System bezogen ist, sondern gerade durch seine
Bezogenheit auf alle die gestörte Ordnung wiederherstellt. Will man die
alte Äthervorstellung beibehalten, so darf man nur nicht wieder den Äther
selbst als eine materielle Realität betrachten, die selbst ein System bildet
oder auszeichnet oder ihm angehört, sondern umgekehrt nur als ein Mög-
lichkeitsfeld, dem alle Systeme angehören wie Ebenen einem Raum; die
mathematischen Modelle, die ja bereits vorliegen, müBten nur in diesem
Sinne interpretiert werden. Sprechen wir jedem System eine Existenz-
sphäre zu, 80 mü.Bten wir in herkömmlicher \\1 eise sagen, da.B ihre "Ä ther"
sich wechselseitig ohne Störung durchdringen, was eb en hie.Be, daB sie
nicht materielI zu behandeln sind; näher läge uns heute, die Systeme zu
einem Inbegriff zusammenzufassen, zu einem "raumartigen Gebiet", das
vier Dimensionen beansprucht, und das Signa], die Vorankündigung für
mögliche Korpuskulierungen, in diesem fortschreiten zu lassen . Was fort-
schreitet, ist also eine Potenz, d. h. in jedem System kann sich sukze8sive
nach MaBgahe der Distanzrelation von Störungsursprung und Empfänger
der veränderte Seinszu8tand "melden". Die Möglichkeit, der "geometrische
Ort", des Sich-geltend-Machens einer Störung und Auflösung, die Möglich-
keit des Auftretens neuer lokalisierter Elemente, Photonen, pflanzt sich in
bezug auf alle Systeme gleichmä.Big fort, und dadurch wird erst die Grund-
lage geschaffen für die Raum- und ZeitmaBe der einzelnen Systeme. Wir
müBten, urn noch einen neutralen Namen zu haben, also sagen, eine poten-
1 Die Einführung eines Begriffes der Potentialität im Sinne einer realen Mög-
lichkeit, eines noch multipotenten Seins, begegnet uns in der modernen Biologie
in hezug auf die Keimsubstanz, in der Psychologie in hezug auf das Unbewu13te.
432
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen Realismus
tielle Energie pflanzt sich fort, urn sich, wenn sie auf eine "Wand" trifit,
wieder zu aktualisieren. Das klingt nur ungewohnt, die Physik verwendet
den Begriff der potentiellen Energie bisher zunächst für das Arbeits-
vermögen, das einem Körper oder Feld innewohnt, aber noch gehemmt,
noch nicht entbunden ist; hier aber müssen wir den BegrifI einer sich aus-
breitenden potentiellen Energie bilden, eines sich ausbreitenden Vermögens
zur Individuierung als Photonen, und zwar einer sich überparteilich und
unparteiisch, übersystemal ausbreitenden Möglichkeit, so daB jedes System
für seine intersystemalen Beziehungen der räumlichen und zeitlichen Di-
stanz daran eine Grundlage für seine Messungen hat. Wenn von Wellen-
natur und Korpuskelnatur des Lichts gesprochen wird, so löst sich der so
viele Schwierigkeiten machende Widerspruch also dadurch, daB die konti-
nuierliche Wellennatur einer Energie im potentiellen Zustand entspricht,
der Ausbreitung eines übersystemalen Möglichkeitsfeldes, während die
Teilchennatur der Aktualisierung in einem System zuzuordnen ist. Damit
ist auch die Zeitlichkeit grundsätzlich gewahrt, ohne daB ein absolutes
ZeitmaB, das von einem System in Anspruch genommen werden kÖllnte,
gefordert wäre. Vielleicht wäre damit auch die Brücke zwischen der Doppel-
natur von Licht und Materie zu schlagen.
2. Das Substanzproblem
Für die klassische Physik war die Masse mit den Attributen der Träg-
heit und Schwere die Substanz, die bei allen Veränderungen erhalten bleibt.
Mit dem Elektromagnetismus tra ten die Ladungen hinzu und das Attribut
der Polarität, und damit tauchte das Problern der Zurückführbarkeit von
Mechanik und Elektromagnetismus auf. Aber auch die Energie erhob den
Anspruch auf Substanzcharakter, und sie schien die Einheit stiftende Rolle
zu spielen. Freilich, wenn auch die Äquivalenzsätze geiten für die Ver-
gleichung von mechanischer und elektromagnetischer Energie, so ist doch
die Frage, ob man dadurch zu einem wirklichen Monismus kommen kann,
offen, denn mit der Umrechnung von Joule in mkg ist noch nicht gesagt,
daB die beiden Energieformen wesensgleich sind, gerade wie damit, daB
wir von einem Elektron sagen, daB es Masse hat, noch nicht gesagt ist, daB
es Masse ist. Damit hängt übrigens auch die Frage zusammen, ob es an-
gemessener ist, für das absolute MaBsystem die alten drei GröBen "Masse,
Länge, Zeit" beizubehalten oder eine vierte GröBe für die "Ladung" ein-
zuführen. In der Mikrophysik endlich glaubte man die Urbausteine ge-
funden zu haben. Die Relativitätstheorie brachte nun eine Zusammen-
schau durch die berühmte Gleichung E = mc 2 , d. h. Masse stellt lokali-
sierte Energie dar, sie ist eine Zusammenballung, ein Zentrum, eine Kon-
zentration von Energie, ein Energieknoten, und umgekehrt, ein energie-
433
Aloys Wenzl
gefüllter Raumbereich hat Trägheit und Schwere. Beide freilich - Masse
und Energie - erwiesen sich als abhängig von dem Bewegungszustand des
Beobachters. Die allgemeine Relativitätstheorie ermöglichte die Zusam-
menfassung der Erhaltungssätze von Energie und Impuls, und die Summe
aus der Energie der Materie und des Gravitationsfeldes erwies sich als
invariant. In der allgemeinen Relativitätstheorie ist eigentlich die Welt-
fläche mit ihren Invarianten selbst nun das schlechthin Seiende, die "Sub-
stanz". Die Gesetze von der Erhaltung der Energie und des Impulses folgen
aus den Gleichungen für das Gravitationsfeld und die physikalischen Fel-
der. Das hei.Bt, es gilt für jedes System, da.B in einem begrenzten Raum-
bereich die Bilanz zwischen der in ihm vorhandenen Gesamtenergie und
dem Zugang und Abgang von Energie durch die Oberfläche des Bereiches
gewahrt bleibt. Was aber hei.Bt denn Energie? Die Physik definiert sie als
Arbeitsvermögen, also als etwas PotentielIes, und zwar ist nicht nur die
potentielle, sondern auch die kinetische Energie im strengen Sinne poten-
tiell, sie kann sich aktualisieren. Sie ist ein Sonderfall, ein U nterbegriff
dessen, was Aristoteles energeia genannt hat. In die Feldenergie geht als
konstitutiv die Kraft ein, selbst wieder ein potentieller Begriff, in die kine-
tische Energie die Masse; und a uch sie ist ein potentielIer Begriff , sie be-
deutet Raumbeherrschungspotenz und Raumbeanspruchungstendenz, die
Massenkörper und -körperchen sind selbst Träger des Energiegehalts
E = mc 2 . Substanz ist also, ob Masse oder Energie, von vornherein ein
Vermögen, sich geItend zu machen nach einer rnathematischen Ordnung,.
und raum-zeitlich erscheint uns materielle Realität immer dort und nur
dort, wo sich die Potenz aktualisiert und wo sie dadurch für uns fa.Bbar
wird.
3. Die Metrik des Weltkontinuums
Auf die Frage aber, was denn nun beides ist, Materie und Energie, gibt
uns die allgemeine Relativitätstheorie die Antwort: sie sind das Metrik-
Stiftende; die Metrik des Raum-Zeit-Kontinuums ist der Ausdruck der
Intensität der Spannungen ihres uns unbekannten Wesens, ihres "Innen",.
urn die Prägung zu gebrauchen, die Hermann Weyl und Richard Woltereck
verwenden. Die Ma.Bwertigkeit, die Metrik, die Raumkrümmung, Raum-
prägung, Raumsignierung oder wie wir sagen wollen, ist der Ausdruck der
Potenz dieses "Innen". Das Riemannsche Kontinuurn bezieht sich eigent-
lich auf die Felder, die Massen sind eigentlich asymptotisch-symmetrische
Stellen, Herrnann Weyl spricht von "Rinnen" längs der Weltlinie; die
energetischen Ereignisse, die Aktualisierungen der Potenz stellen Singula-
ritäten dar. Das höchst Merkwürdige, Gegenstand eines Sich-Wunderns
das gar nicht gro.B genug sein kann, ist, da.B es möglich ist, die physikali-
schen Grö.Ben (Masse, Impuls, Kraft, Energie) aufzufassen und darzustel-
434
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritisch en Realismus
len als Erzeuger von geometrischen Eigenschaften, wie sie in der Flächen-
theorie auftreten, also die Kraftfelder difierential-geometrisch zu behan-
deIn. Denn das ist keineswegs selbstverständlich und nicht einfach die Er-
findung eines groBen mathematisch-künstlerischen Scharfsinnes, sondern
in dieser Möglichkeit liegt der entscheidende objektiye Erkenntniswert der aU-
gemeinen Relatiyitätstheorie. Der Name tut kund, daB sie aus der (nun
"speziell" genannten) Relativitätstheorie dadurch entstanden ist, daB eine-
invariante Form der Naturgesetze nicht nur für galileische Inertialsysteme,.
sondern für beliebig beschleunigte Systeme gesucht und gefunden wurde..
Das war noch sozusagen eine mathematische Angelegenheit, ein mathe-
matisches Problem. Der erleuchtende Leitgedanke, durch den diese all-
gemeine Relativitätstheorie dann zur Gravitationstheorie wurde, war die
Äquivalenz von träger und schwerer Masse und damit von Beschleunigungs-
systemen und Gravitationsfeldern. Das berühmt gewordene klassische
Beispiel dafür ist das Gedankenexperiment der Ununterscheidbarkeit eines
freien FalIes in einem Lift, der in einem Gravitationsfelde ruht, und eines
ruhenden Körpers in einem Lift, der im gravitationsfreien Raum nach
oben beschleunigt ist. Die Koeffizienten des Linienelementes in einem be-
schleunigten System ohne Gravitationsfeld können also auch aufgefaBt
werden als die Koeffizienten in einem ruhenden Gravitationsfeld. Dabei
ist aber nicht zu übersehen, daB zwar jedes beschleunigte System ersetzt
gedacht werden kann durch ein ruhendes in einem Gravitationsfeld mit
entsprechender Verteilung der Massen, daB aber nicht jedes Gravitations-
feld durch ein beschleunigtes System zu ersetzen ist. ,Trotzdem hat man
mit den gik und den daraus bildbaren difierentialgeometrisch bedeutsamen
Tensoren, Vektoren und Skalaren das Rüstzeug in der Hand, um die
Schwerefelder als metrische Felder zu behandeln. Das heiBt aber, Materie
und Energie prägen der Welt eine geometrische Struktur auf, Kraftfelder
sind Erzeuger von Metrik und umgekehrt, Metrik äuBert sich dynamisch.
Eine Rückkehr zu Descartes auf höherer Ebene der mathematischen und
philosophischen Entwicklung ist erfolgt: bei Descartes war die Ausgedehnt-
heit das Attribut der Materie. Leibniz erhob dagcgen Einspruch, Ausge-
dehntheit sei gar kein rea les Attribut, real ist die Kraft (in einer seiner
Auseinandersetzungen mit Descartes hat er ja das Gesctz der Erhaltung
der "lebendigen Kraft" gefunden). Nun sind doch die Eigenschaften des
Raumes, aber nicht die der Extensität, sondern die der metrischen Gestalt,
nämlich seine Krümmungseigenschaften, das Attribut der Materie gewor-
den, die durch sie den physikalischen realen Raum geradezu schafit. Die
Geometrie selbst ist real geworden. Statt zu sagen, Materie erzeugt ein
Kraftfeld, unter dessen EinfluB die Bewegungen erfolgen, kann man jetzt
sagen, Realität bedeutet die Prägung des Weltkontinuums, die Schaffung'
eines metrischen Feldes, in dem sich die Bewegungen nach Variations..
4350
Aloys Wenzl
prinzlplen ergeben. Was wir materielI und physikalisch nennen, ist ein
"Innen", das sich mathematisch ausdrückt und das darum mathematisch
ausdrückbar wird. Die materielle Wirklichkeit ist realisierte Mathematik.
Allerdings gilt das in der allgemeinen Relativitätstheorie nur für die
Schwerefelder, die metrische Darstellung der elektromagnetischen Felder
ist noch ein ungelöstes Problem.
4. Das Kosmologie- und Kosmogonieproblem
Richten wir den Blick auf die AuBenwirldichkeit im Ganzen, so erhebt
sich zunächst vor allem die Frage, ob der materie- und energieerfüllte Raum
endlich oder unendlich ist. Es fällt dem naiven, unbefangenen Menschen
schwer, die Unendlichkeit anzunehmen, aber er wird dazu sozusagen
gezwungen durch die V orstellung eines grenzenlosen euklidischen Raumes,
und zwar ist es das Bekenntnis zum Satz vom zureichenden Grund, das ihn
zwingt. Warum sollte die Erfülltheit des Raumes mit materielIer und
energetischer Realität a11 einer Grenze sein Ende haben und darüber hinaus
nur ein unendlicher unerfüllter Raum sein? Logisch zwingend ist freilich
dies er Gedanke nicht, ja es läge unserem V orstellungsbed ürfnis nahe, an
eine asymptotische, sich dem Grenzwert Null annähernde Erfüllung zu
denken. Aber von seiten der naturwissenschaftlichen Betrachtung el'hebt
sich dagegen der Einwand, da.B das reine SpekuIa tion ist, von seiten der
Philosophie, da.B hier von einem leeren Raum gesprochen wird, als ob er
selbst eine Realität wäre. Nun hat die Frage durch die Entwicklung der
allgemeinen Relativitätstheorie ein ganz anderes Gesicht bekommen : Das
Universum ist enrllich, aber nicht ein Universum, das in einem euklidischen
Raum untergebracht ist, darin ,vohnt, in ihn eingebettet ist, sondern das
Universum ist endlich wie ein nichteuklidischer Raum von endlichem
Radius endlich ist (wie eine "Kugel"ober£läche von 3 Dimensionen in einem
Kontinuum von vier Dimensionen). Dieser geschlossene nichteuklidische
Raum ist nicht etwas, was vor oder neb en der materiellen Realität existiert,
sondern er wird von ihr und nlit ihr zugleich erzeugt; die Frage nach einem
Darüberhinaus hat keinen Sinn, weil man nicht den von mathematischen
Laien fast immer gemachten Denkfehler machen darf, sich ein nichteukli-
disches Kontinuum in einem euklidischen Kontinuum von gleichviel
Dimensionen vorzustellen. Mathematiker und Philosophen reden hier übri-
gens vielfach aneinander vorbei, die einen behaupten, durch die physi-
kalische Theorie vom geschlossenen Raum sei entschieden, da.B "der Raum"
nicht euklidisch sei, die anderen erklären, nach unserem Anschauungs-
vermögen sei es unmöglich, da.B "der Raum" anders wie euklidisch sei. In
Wirklichkeit ist die Zuständigkeit so: Auch wenn der physikalisch erfüllte
Raum mit seinen Beziehungen einem geschlossenen nichteuklidischen Be-
436
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen Realismus
ziehungsgefüge entspricht, so bleibt deswegen doch wahr, da.B der eukli-
dische Raum eine nicht nur mathematische, sondern auch psychologisch
ausgezeichnete RoBe spielt, insofern die euklidische Geometrie in der Tat
die einzige ist, die unserem Anschauungsvermögen entspricht. Umgekehrt:
Aueh wenn ich von dieser Anschauungsform ausgehen mu.B bei allen empi-
rischen Untersuchungen, so bleibt doch wahr, da.B der Zusammenhalt aller
Beobachtungen ein Beziehungsgefüge fordern kann, das nicht euklidisch
ist. Die Geschlossenheit und Endlichkeit des Universums bezieht sieh also
auf den materieerfüllten Raum im Ganzen und sagt aus, da.B ein Körper
oder ein Strahl, der sich in einer Richtung bewegt, ohne nach irgendeiner
der drei anschaulichen Dimensionen von ihr abzuweichen, nichtsdesto-
weniger in sich zurückkehrt, so wie die V orstellung von Rot gegen Grange
und Gelb hin, fortschreitend in sich zurückkehrt. Will man ein anschau-
liches Modell für diese unanschauliche Tatsache, so müssen wir freilich
eine Analogie verwenden: So wie wir uns bei dem letztgenannten Beispiel
den Farbkreis vorst ellen müssen, so mü.Bten wir uns das Fortschreiten des
Strahls oder des bewegten Körpers in einem Kontinuum von vier Dimen-
sionen denken. Die vierte Dimension würde diejenige sein, in der der
Körper auf einem "Kreis" zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt; da
unsere V orstellungskraft ab er für vier Dimensionen nicht ausreicht, müssen
wir eine Dimension unterdrücken und uns das Fortschreiten z. B. eines
Lichtstrahls in einer Ebene denken, deren eine Dimension die nicht an-
schauliche, nicht erscheinende "vierte Dimension" ist. Dem Mathematiker
ist das alles so geläufig, da.B es ihm geradezu Schwierigkeiten macht, die
erkenntnistheoretische Schwierigkeit zu bemerken und anzuerkennen.
Aber zur Sache: Der physikalische Raum ist ein nichteuklidisches Konti-
nuum von endlichem Radius. Materie und Raum sind voneinander untrenn-
bar. Die Materie äu.Bert sich als Verwirklichung eines mehrdimensionalen
Kontinuums, das uns in Raum und Zeit erscheint. Aber nun kam der
nächste Schritt. Der Radius selbst wächst, das Universum dehnt sich aus.
Damit ist nun ein doppeltes Problem aufgeworfen. Die Zeitlichkeit tritt
nun auch in die physikalische Betrachtung wieder ein und zugleich wird
das kosmologische Problem zum kosmogonischen. Welches ist der Aus-
gangszustand ?
Die ,r orstellung, die alle Kosmogonieentwürfe physikalisch-asttonomi-
scher Art bis jetzt beherrschte, war im Grunde die Kant-Laplacesche
Theorie: Das Werden unserer Welt der Erfahrung ging aus von einem
chaotischen Urnebel. Aber gegen die Durchführung dieses Gedankens
ergaben sich, abgesehen von allen Hinweisen auf ein teleologisches Moment
in der Weltordnung, auch physikalische Einwände, die neuerdings C. F.
von Weizsäcker durch Zusatzhypothesen zu beheben suchte. Im Rahmen
der Relativitätstheorie selbst würde die Einsteinsche Zylinderwelt als
437
Aloys WenzI
idealer Gleichgewichtszustand betrachtet werden können, von dem aus die
Expansion erlolgte. Was aber gab den AniaB zu ihr und wie würde diese
Zylinderwelt entstanden sein? In jüngster Zeit hat P. Jordan ei ne radikale
Lösung versucht, die mikrophysikalische und makrophysikalische Pro-
hleme verbindet, ein Werden der materiellen Welt aus einer Mindestzahl
von Teilchen, sagen wir zwei Neutronen, die SiCR entfernen und damit dem
Auftreten neuer Teilchen "Raum" geben. Jordan lehnt die Frage nach dem
"V orher" ab, sie sei sinnlos, denn die Zeit entsteht eb en ebenso wie der
Raum mit der Materie. Nun, was aber nicht abgelehnt werden kann, das
ist doch die Frage nach dem "Vorher" im kausalen Sinn: Woraus bilden
sich die ersten Teilchen? Ober das "ex nihilo fit nihil" kommt kein Mensch
hinweg. Auch für den religiösen Glauben ist die Welt eine Schöpfung nur
insofern aus dem Nichts, als die Materie selbst einen Anfang nahm, aber
nicht insofern, als ihr Auftreten aus dem Nichts entsprang, sondern im
Sinne des Schöpfungsgedankens ist es der Wille und die V orstellung Gottes,
dem selbst zeitlose Ewigkeit zugeschrieben wird, die den Grund für die
Entstehung von Raum, Zeit UI1d Materie bilden. So müBte man der Kos-
mogonie Jordans doch einen potentiellen Zustand noch ohne Materialisation
von Korpuskeln vorgelagert denken, einen potentlellen Zustand, dessen
Obergang zur empirischen Form des Seins zugleich ein zeitiges Werden
einleitete. Wiederum also stünde Potenz vor der Aktualität. Das heiBt aber
schlieBlich: J ede physikalische Kosmogonie kommt notwendig an eine
Grenze der Transzendenz und mu.B mit eillem ungelösten Problem schlie-
.Ben. Und jeder Lösungsversuch von seiten der Philosophie wird nur eine
Spekulation sein können; wagt er ei ne solche - und das darf er tun, wenn
er nur sagt, daB es eben nur mehr eine Spekulation ist, ei ne V orstellung,
die er sich macht-, 80 wird er sie eingliedern müssen in eine übergeordnete
Weltanschauung, die man einen Realidealismus nennen müBte.
Wir wollen den Grundgedanken einer solchen Deutung immerhin aus-
sprechen: Was uns als AuBenwirklichkeit erscheint, ist das Sichgeltend-
machen eines "Willens"; Materie ist Äu.Berung einer mathematisch aus-
drückbaren Form ihres inneren Wesens. Ihr "Wille" £indet seinen Ausdruck
in der Verwirklichung mathematischer Gebilde. Würden wir die Differen-
tialgleichungen, die als Gesetze der Welt zugrunde liegen, lösen und
den in der Lösung vorkommenden willkürlichen Funktionen und Kon-
stanten bestimmte Werte geben, so hätten wir die Welt geschaffen, die in
einer für alle Wesen verbindlichen Weise erscheint. Realismus wäre eine
solche Weltdeutung im erkenntnistheoretischen Sinn, weil er eine bewu.Bt-
seinsunabhängige Wirklichkeit anerkennt; Idealismus wäre es im meta-
physischen. Sinn, weil das Wesen dessen, was erscheint, Wille zur Erschei..
nung wäre und weil die mathematischen Gebilde, in denen es erscheint,
.oder auf die wir wenigstens gedanklich schlie.Ben können, Ausdruck eines
438
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen RealismuB
nichtmateriellen Innen sind ( das Wort etwa im Sinne von I-Iermann Weyl
und Richard Woltereck verstanden). Aber wie gesagt, das reicht weit über
die Erfahrung hinaus und ist nur noch Deutung.
ó. Grenzprobleme der Relativitätstheorie
So imposant und imponierend das Gedankenkunstwerk der allgemeinen
Relativitätstheorie ist, so groB ist doch die Spannung der theoretischen
Physik wie der Naturphilosophie auf die Lösung der Rätsel, die mit ihr
aufgegeben sind. Das sind:
1. Die Darstellung der elektromagnetischen Felder in Analogie zu den
Gravitationsfeldern durch metrische Eigenschaften der Raum-Zeit-
Welt. Sie fordert eine mathematisch-formale Differenzierung der
Metrik der allgemeinen Relativitätstheorie, eine Verfeinerung ihrer
Geometrie und eine Verfeinerung der Seinsbegriffe von solcher Art,
daB die Polarität der Ladungen und ihre Beziehung zur Masse mit
einbezogen wird, daB also der Dualismus von Mechanik und Elektro-
magnetismus sich auflöst, indem er auf eine gemeinsame Grundlage
gestellt wird.
2. Eine Synthese der Kontinuums- und Diskontinuums-Betrachtung
und damit der beiden Entwicklungslinien der modernen Physik, der
Relativitätstheorie und der Quantentheorie, der Makrophysik und
der Mikrophysik, im Sinne der alten philosophischen Problematik
der Urstofflehre und der Urbausteinhypothese. Alle diese Probleme
einer Feinstruktur der Relativitätstheorie einerseits und einer Syn-
these anderseits hängen offenbar eng miteinander zusammen.
Die Philosophie wird sich in diese Problematik vor allem einschalten
vom Determinismusproblem aus. Die allgemeine Relativitätstheorie gilt als
eine ausgesprochen deterministische Lehre. Die Quantenmechanik hat zu
der Unsicherheitsrelation von Heisenberg geführt, die wenigstens für das
elementare Geschehen die Möglichkeit eines Spielraums von Freiheit oder,
sagen wir vorsichtiger, einer Schwelle von Unbestimmtheit offen läBt. Diese
Möglichkeit muB ZUID mindesten in Betracht gezogen werden, denn der
Versuch, den Determinismus auf alle Fälle dadurch zu retten, daB man
die Unbestimmtheiten der beiden komplementären Faktoren als bloBe Un-
bestimmbarkeiten deutet wegen der Unmöglichkeit, die jeweilige Gegen-
wart exakt zu kennen, und wegen des störenden Eingriffs bei einem Ex-
periment, dieser Versuch schiebt das Problem nur zurück und erklärt nicht,
da.B das Produkt der Ungenauigkeiten von Impuls und Ort oder Energie
und Zeit gerade einer so bedeutsamen universellen Konstanten gleich ist
und daB die letzten Gleichungen, zu denen wir gelangen, Wahrscheinlich-
439
Aloys WenzI
keitsgleichungen sind, da.B also Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit nicht
etwas Sekundäres, sondern etwas Primäres sind. Aber ganz unabhängig
davon, die Philosophie kann nun einmal die Stellungnahme zum Determi-
nismusproblem nicht allein von der physikalischen Theorienbildung ab-
hängig machen. Wir haben bereits schwerwiegende Gründe anzunehmen,
da.B das Lebensgeschehen sich nicht mehr nur nach mathematisch formulier-
baren Gesetzen, etwa Hamiltonschen Prinzipien, vollzieht und da.B es sich
gerade nicht nach Wahrscheinlichkeitsgesetzen abspielt, daB, sagen wir,
die willkürlichen Funktionen, die in die Lösung von Differentialgleichungen
eingehen, einen Spielraum für sinnhaftes und ganzheitliches Geschehen
liefern. Vielleicht, daB sich die Formkräfte des Lebens eines Spielraums
von Unbestimmtheit im Mikrophysikalischen bedienen. Aber auch unab-
hängig von dies en Theorien müssen wir uns an das halten, was uns im
Erleben "existentiell" gegeben ist, wie das heute so viel gebra uchte Wort
heiBt. U nd da ist festzustellen, daB wir über das Erleben einer doppelten
Freiheit nicht hinwegkommen: Wenn nicht eine unüberbrückbare Kluft
zwischen Theorie und Praxis entstehen solI und wenn wir nicht das Ver-
trauen in unser unmittelbares und wichtigstes Erleben für nichts achten
wollen, so müssen wir anerkennen, daB uns als Urphänomen begegnet:
1. das Erleben von Willkürentscheidungen, die ganz belanglos sein
mögen, aber nicht durch die Situation eindeutig bestimmt sind; man kann
die Hypothese, daB wir durch unbewu.Bte Motive getäuscht werden, nicht
so veralIgemeinern, daB IJur noch Täuschungen übrigbleiben; sonst müBte
man lauter hypothetische Ursachen ohne Not erfinden;
2. vor alIem aber das Erleben der sittlichen Verantwortlichkeit; ohne
die Anerkennung von sittlicher Freiheit werden die Begriffe von Schuld
und Sühne ebenso leere Fiktionen wie die Gefühle der Entrüstung, der
Scham und der Reue. Vom "inneren Standpunkt", um ein Wort von
Planck zu gebrauchen, sind wir frei. Der "äuBere Standpunkt", die Be-
trachtung alles Geschehens als kausal eindeutig determiniert, ist dem-
gegenüber nicht zuständig. Wir machen die V oraussetzung, um Wissen-
schaft treiben zu können und V oraussagen machen zu können, aber wir
können eb en an Grenzen kommen, und die V oraussetzung ist nur eine
Hypothese, das Freiheitsbewu.Btsein im Erlebnis ist evident. Wenn aber
auf menschlicher Stufe das Sein die Freiheit fordert oder auch nur fordern
sollte, geht ein Moment von Freiheit nicht in alle Schichten des Seins ein,
auch in die vitale und materielle? Ein Sein, das nichts als getrieben, ge-
drängt, gezogen und gesto.Ben sein würde, das wäre ein rein passives Sein,
und eine solche Welt wäre eine Marionettenwelt, die gespielt wird. Zum
Begriff des Seins gehört jedenfalls die Determiniertheit nicht als Denk-
notwendigkeit, im Gegenteil: wahres aktives Sein schlieBt ei n Ma.B VOD
Bestimmung des Unbestimmten in sich.
440
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen Realisrnus
Indes, wir wollen und können hier nicht die ganze Frage des Für und
Wider aufrollen, sondern sie Dur bedingungsweise stellen: Wenn ein Mo-
ment von Freiheit die Wirkliehkeit auf allen Stufen ihres Seins dureh-
zicht, ist es und wie ist es mit der Relativitätstheorie verträglich, was be-
deutet es in ihrem Rahmen und was bedeutet sie im Rahmen einer solchen
Seinsbetrachtung? Nun, dann ist das Weltkontinuum der Relativitäts-
theorie eben der Rahmen der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, inner-
halb dessen sich das aktuelle Geschehen vollzieht. Wie die
lakrophysik
sich aus den mikrophysikalischen Möglichkeiten und Verwirklichungen er-
gibt, wie die makrophysikalisehen Gesetze sieh aus den mikrophysikali-
schen Wahrscheinlichkeitsgesetzen für eine groBe Zahl von Teilchen und
ihren Feldern ergeben, so ist die Metrik des Weltkontinuums sozusagen
der Inbegriff, das Integral aller Möglichkeitsfelder. Oder wenn wir, statt
von den diskreten Teilehen auszugehen und zum Kontinuum als Ganzem
fortzusehreiten, umgekehrt vom Kontinuum als Ganzem ausgehen: Wie
die Wahrscheinlichkeitsfclder nicht bloBe mathematisch-ideelle Gebilde
sind, sondern die Führungsfelder einer überindividuellen Potenz für das
Auftreten von aktuellen Elementen, so ist die Metrik nicht bloB ein
mathematisch-ideelles Gebilde, sondern das Weltkontinuum ist das ganz-
heitliche F eld, in das alle Mikrofelder eingebettet sind. Die U nbestimmt-
heit der Elementarereignisse würde also ebenso wie ein vitaloder psychisch
bedingtes Geschehen zwar eine Feinstruktur der Weltfläche bedeuten, aber
für die Makrostruktur so wenig Bedeutung haben wie das Fallen eines
Stäuhehens für die Bahn der Erde. Indeterminismus im mikrophysikali-
schen Geschehen wäre daher ebenso wie die Eigengesetzlichkeit des Lebens
und psychische Bedingtheit des Verhaltens der Lebewesen mit der Rela-
tivitätstheorie verträglich.
Wie ist es dann mit der Doppelnatur von Licht und Materie? Schon bei
der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in der speziellen Relativitätstheo-
rie sind wir auf die Not"endigkeit gestoBen, der sich ausbreitenden Strah-
lung sowohl den Teileheneharakter wie den Charakter einer systemgebun-
denen Welle abzusprechen. Wir sagten: ein immaterielles Signal breitet
sich im ganzen raumartigen Gebiet aus (eigentlich an der Grenze zu dem
zeitartigen), der geometrische Ort für das Auftretenkönnen von Photonen
breitet sich übersystemal aus und schafft dadurch die Grundlage für die
systemalen Raum- und Zeitmessungen. Damit verschwindet der Wider-
spruch, daB sich eine physikalische Realität gegenüber verschieden be-
wegten Systemen und Beobachtern nicht objektiv gleich schnell fort-
pflanzen könne. Damit verschwindet aber auch der Widerspruch, der zwi-
sehen der Wellennatur und der Teilchennatur in der Mikrophysik zu be-
stehen scheint. Als ein und dieselbe Realität kann dasselbe E twas in der
Tat nicht zugleich Teilchen, d. h. lokalisiert, und Welle, d. h. nichtlokali-
441
Aloys Wenzl
siert sein. Nichts aber steht im Wege, wenn wir die Lokalisation nur auf
aktuelles Auftreten in energetischen Auseinandersetzungen beziehen, die
Wellennatur nur auf das Fortschreiten VOD Möglichkeiten, von geometri-
schen Örtern für das Auftreten als Korpuskeln beziehen. In der Tat haben
wir uns - und das gilt gerade auch vom positivistischen Standpunkt
aus - doch darüber klar zu sein, daB das, was wir experimentell jeweils
beobachten, immer Teilchen sind, und daB das, woraus wir auf Wellen
schlieBen, die Interferenzen, sich nur auf die Ausbreitung bezieht. Wir
kommen also gewissermaBen zu der Proportion: Wellennatur verhält sich
zur Teilchennatur wie überindividuelle Potentialität zur individuellen Ak-
tualität. Für die sog. Materiewellen gilt ja wegen ihrer Überlichtgeschwin-
digkeit von vornherein die Immaterialität, die bloBe Potentialität.
Zusammenfassung
Bedeutung für unser Weltbild
Der Verfasser hatte in einer 1923 erschienenen Preisschrift über "Das
V erhältnis der Einsteinschen Relativitätstheorie zur Philosophie der
Gegenwart" (die damals auf Grund eines Preisausschreibens in den
"Annalen der Philosophie" entstand, der von Max von Laue, Ernst von
Aster und l\foritz Schlick der Preis zuerkannt wurde und die auch von
Albert Einstein freundlich beurteilt wurde) bereits die Verträglichkeit der
Relativitätstheorie mit dem kritischen Realismus und ihre Bedeutung für
unser naturwissenschaftliches Weltbild vertreten. Für den objektiven Er-
kenntniswert der Relativitätstheorie im Sinne des kritischen Realismus
spricht einerseits die Möglichkeit ihrer geschlossenen Durchführung, die
gar nicht selbstverständlich ist, und anderseits ihre Bewährung gegenüber
der Erfahrung. Heute würde ich diese Bedeutung dahin zusammenfassen:
1. Die Ordnung der Dinge und Ereignisse, die uns als Raum, und die-
jenige, die uns als Zeit in bezug auf die AuBenwirklichkeit erscheint, sind
zwar nicht vertauschbar, aber sie sind auch nicht durch eine scharfe
Grenze getrennt. Es gibt daher einen raumartigen und einen zeitartigen
"Bereieh". Eine "Distanz" im Sinne eines bloBen Auseinanderseins kann
je nach verschiedenen Bedingungen mehr als räumliche oder mehr als zeit-
liche Distanz erscheinen 1 . Das hängt damit zusammen, daB die Wirklich-
keit, die den Erscheinungen zugrunde liegt, offenbar ein mehr dimensionelles
1 Eindeutig zeitlich wird die Ordnung nur, wenn es sich urn eine Ursache-
Wirkungs-Beziehung handelt. Ohne eine solche hat es keinen Sinn, von einem
ohjektiven Gleichzeitig und Nacheinander zu sprechen, denn für endliche system-
gehundene Wesen wäre ein solches nicht feststellbar; für ein unendliches, alles
üherschauendes Wesen aber gäbe es überhaupt keine Zeitlichkeit.
442
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen Realismus
Ordnungsgefüge ist, das mehr Dimensionen fordert, als unserem Anschau-
ungsvermögen zu Gebote stehen. Und dies wiederum hängt auch damit
zusammen, daB dem, was wirklich wird, eine höhere Mächtigkeit von
Möglichkeiten vorgelagert ist. Was uns als Materie in einem ungeprägten
euklidischen Raum und einer homogenen Zeit gegeben erscheint, ist etwas,
was cin vierdimensionales Riemannsches Kontinuum erzeugt und zur
"graphischen" Darstellung seiner Intensität eines zehndimensionalen eukli-
dischen Raumes bedürfte 2 . Stellen wir uns das vierdimensionale Konti-
nuum im ganzen (unter V crnachlässigung von zwei Dimensionen) als
Fläche vor in einem dreidimensionalen (in Wirklichkeit fünfdimensionalen)
Raum, und zw ar mit Rücksicht auf die Ausdehnung des Universums als
eine Fläche, deren Querschnitte zunehmenden Radius haben, so würde die
so dargestellte Welt eine fünfte Dimension für eine Schicht von Möglich-
keiten zur Verfügung haben 3 .
2. Die Invarianten treten in der vierdimensionalen Zusammenfassung
auf. Diese bedeutet nicht eine Eliminierung der Zeit schlechthin, sondern
weist darauf hin, daB zu realem Sein und Geschehen räumliche und zeit-
liche Erstreckungen und Distanzen gehören, die aneinander gebunden sind.
Es ist zu erwägen, daB diese Zusammengehörigkeit von räumlichen und
zeitlichen Erstreckungen uns auch in der Mikrophysik, der Planckschen
Gleichung E.T = h und der Heisenbergschen Unsicherheitsrelation ent..
gegentritt.
3. Die Realität der AuBenwelt ist nicht so materielI wie der Materialis-
mus meinte, der sich an den Vorstellungen der klassischen Physik von
undurchdringlichen, starren, ausgedehnten, wohlbegrenzten Körpern orien-
tierte. Was können wir über sie heute überhaupt noch aussagen? Nichts,
als daB sie eine Realität ist, die sich für uns geItend macht und die so sehr
mathematisch darstellbar ist, daB sie als Verwirklichung mathematischer
Gebilde und Formen angesprochen werden kann, als etwas, was mathe-
matisch ausdrückbare Ordnungsbeziehungen (Raunl-Zeit-Gestalten) ver-
wirklicht. Das Sich-geltend-Machen füreinander und für uns und der Aus-
druck und die Ausdrückbarkeit der Ordnungsbeziehungen in mathematisch
fa.Bharen Gebilden, das sind heute die Attribute der "materiellen Realität".
Ist das absonderlich? Die mathematische Darstellbarkeit, sagten wir schon,
ist wunderbar. DaB aber das, was der materiellen Erscheinung zugrunde
I Es ist möglich, zu sagen, da.B ein Riemannscher Raum von vier Dimensionen
in einem euklidischen Raum von zehn Dimensionen liegt. In diesem können die
Tensoren, welche die Raumkrümmung hervorbringen, geometrisch als Ausdeh-
nungen gedeutet werden. (Vgl. Herhert Lang, Zur Tensor-Geometrie in der Rela-
tiyitätstheorie, Disserta tion 1919.)
8 V gl. auch Verf. "Wissenschaft und Weltanschauung" (Leipzig, 1. Aufl. 1935,
S. 280ff., 2. Aufl. 1949, S.308f.)
448
Aloys Wenzi
liegt, ein In-Beziehung-Stehen und Sich-geltend-Machen ist, das liegt ein-
fach im Begriff des Seins. Denn Sein bedeutet nichts anderes als "für sich
sein" oder "für jemand sein" in bezug auf anderes Seiendes sich aus-
drücken, in Erscheinung treten und zur Geltung bringen.
Stellen wir überhaupt die Frage nach dem Wesen, nach dem "Innen"
der Materie, nach dem Träger der Ordnungsbeziehungen, so müssen wir
uns klar sein, daB wir entweder auf eine Antwort verzichten müssen
weshalb die Frage noch nicht sinnlos würde, denn sinnlos sind nur Fragen,
die selbst schon einen Widerspruch oder eine Beziehungslosigkeit zwischen
Subjekt und Prädikat einschlieBen 4 -, oder wir werden wagen müssen,
das "Innen", das "Wesen" des Seins der Materie in Analogie zu setzen mit
dem einzigen Sein, mit dem wir überhaupt eine Bedeutung verbinden kön-
nen, mit dem Sich-geltend-l\1achen, dem ein "Wille" zugrunde liegt. Das
scheint eine reine Spekulation zu sein, aber in der Tat hat noch keine der
verschiedensten \Veltanschauungen umhingekonnt noch wird je eine um-
hinkönnen, auf ein willensmäBiges Moment Bezug zu nehmen, das sich in
der Wirklichkeit äuBert. Die r
ligiösen Weltanschauungen sprechen vom
Schöpferwillen, dem Pantheismus schwebt der Wille einer Naturseele vor,
Schopenhauer machte den Willen überhaupt zum Weltprinzip, Nietzsche
miBdeutete ihn als bloBen Willen zur Macht und machte ihn dadurch in-
haltlos, bei Eduard von Hartmann erhielt er seinen Inhalt von einem Un-
bewu.Bten, bei Bergson erschien er in der Form eines "élan vitai", aber auch
der dynarnischen Auffassung der Natur liegt die Willensvorstellung, natür-
lich nicht im vermenschlichenden Sinne, zugrunde. Wenn wir auch Materie
als - wir lassen es dahingestellt - Erscheinung göttlichen oder natür-
lichen Willens, sinnvollen oder blinden Willens oder als Ä uBerung einer
inneren Dynamik ansprechen, so ist der Inhalt dieses "Willens" jedellfalls
so, daB er einem zugleich irrationalen und rationalen Prinzip zu entspringen
scheint. In der Verwirklichung mathematischer Ordnungsprinzipien drückt
sich ein Willensinhalt aus, den wir Logos heiBen müBten, in der \Terteilung
eine Kontingenz, eine Zufälligkeit, eine Willkür; denn die empirische Welt
scheint nicht das zu sein, was man eine harmonische Ganzheit nennen
würde. Damit aber gabeln sich die Wege der Weltsinndeutungen: Liegt
der Welt ein zwiespältiges Prinzip zugrunde oder ist das Willkürmoment,
das zufällige Moment in der Eigenwilligkeit endlicher Wesen inbegriffen,
die nichtsdestoweniger sillnhafter Führung unterstehen?
Die Relativitätstheorie hat uns zugleich freier und reicher gemacht, in-
4 Es werden heute zu gerne Fragen ahgeschnitten durch das Diktat, da.B sie
sinnlos seien. Sinnlos ist die Frage, ob eine Primzahl rot ist oder welche ganz-
zahligen Koeffizienten eine Gleichung n'ten Grades hahen mu.B, unter deren
Wurzeln die Kreiszahl und die Basis der natürlichen Logarithmen auftritt. Wegen
ihrer hlo.Ben empirischen U nheantwortharkeit aher ist eine Frage nicht sinnlos.
444
Relativitätstheorie vom Standpunkt des kritischen Rea1ism\ls
dem sie auf physikalisch
m Gebiete nicht nur in abstraktcr Anweisung,
sondern in konkreter Durchführung zeigte, daB unser gedauldiches Er-
kenntnisvermögen weiter reieht als unser sinnliehes Anschauungsvcrmögcn.
Es ist derselbe Schritt wie auf ideellem Gebiete in der Geometrie von der
euklidischen zur niehteuklidischen Geometrie. Unser Anschauungsvcrmö-
gen ist auf drei Dimensionen eines homogenen Kontinuums von der I{rüm-
mung Null beschränkt. Unsere Gedanklichkeit reieht weiter. Wir fühlen
uns nicht verhaftet an die Welt der Erscheinungen und des Alltags. Wir
brauchen aber auch nicht so sehr zu resignieren, wie es Kant getan hat,
für den es ohne seine Anschauungsformen und Denkformen keinerlei Aus-
sagen gab. Wir behaupten nicht, daB wir mit der Relativitätstheorie die
Wirklichkeit an sieh erreicht hätten, über ihr inneres Wesen werden wir
nie anders als in Analogie und Vermutungen sprechen können. Aber wir
sind offenbar doch der objektiven Wirklichkeit näher gekommen als durch
unser Anschauungsvermögen. Weltanschaulich bedeutet das zugleich, daB
wir dem Materialismus ferner gerückt sind schon durch die Entwicklung
der Physik. Wir behaupten ja von der Materie nur noch, da.B sie etwas ist,
was durch Differentialgleichungen für ein mehrdimensionales Kontinuum,
was differelltialgeometrisch sich ausdrückt und ausgedrückt werden kann.
Unsere Zurückhaltung muB so weit gehen, daB wir es sogar für dahin-
gestellt sein lassen, ob es eine kontinuierliche Existenz von Weltkörpern
und -körperchen gibt oder ob nur je in energetischen Auseinandersetzungen
sich diskrete aktuelle Ereignisse abspielen, so da.B als kontinuierlich n ur
das noch überindividuelle potentielle Sein angesprochen werden kann. In
der kontinuierlichen Potenzwelt, in dem "Rahmen" des Seins ist die Zeit-
li chkeit eine blo.Be Dinlension geworden, die in das Weltkontinuum ein-
geht wie die Dimensionen der Räumlichkeit. Erst in der aktuellen Indivi-
duation tritt eine eigentliehe Temporalisation und Lokalisation wieder auf.
N eben den obengenannten Aufgaben der theoretischen Physik wird die
Aufgabe stehen, in einer neuen physikalischen Ontologie ein klares System
der Begriffe zu bilden, die durch die physikalische Entwicklung gefordert
werden nnd die sich jetzt erst andeuten lassen.
Philosophische Fakultät
Universität München
Aloys Wenzl
445
24
Andrew Paul Ushenko
EINSTEINS EINFLUSS AUF DIE HEUTIGE PHILOSOPHIE
1. A llgemeiner Überblick
Einsteins EinfluB auf die Philosophie hat viele Formen angenommen.
80 kann in dem hier zur Verfügung stehenden Raum kein umfassender
Bericht darüber gegeben werden. Allerdings muB der Verfasser, um Dicht
willkürlich zu erscheinen, seine Stoffauswahl rechtfertigen. Wir wollen
nicht von dem EinfluB sprechell, soweit er seiner Art oder seiner Wirkung
nach wesentlich negativ ist. 80 werden wir nicht davon sprechen, wie
Bergsons Philosophie der absoluten Zeit nach einer Periode unerhörten
Erfolges zweifellos unter der starken Wirkung der Relativitätslehre zu-
rückgegangen ist. Ebenso wollen wir Einsteins EinfluB auf Denker, die die
Grenzen der philosophischen Tradition nicht überschreiten, nicht ausführ-
lich behandeln. Manche Denker von Rang haben versucht, die neue Physik
innerhalb eines kongenialen Typs klassischer Philosophie zu assimilieren,
ohne die Notwendigkeit einer umgekehrten Anpassung zu erkennen. 80
führten ihre Bemühungen nicht zu einer neuen Metaphysik. Zum Beispiel
haben ei ni ge Physiker grundsätzlich die Relativität im Rahmen einer klas-
sischen Version des Idealismus interpretiert. Eddington tritt für eine Art
Kantschen Apriorismus ein, James für einen Neuplatonismus, der durch
emen mathematisierten Gott bereichert wird. Weyl entwickelt eine Mi-
schung aus Ideen von Leibniz und Husserl. Dingle ist Phänomenalist. Ein-
stein nimmt selbst eine Position ein zwischen Cassirers Neukantianismus
und Machs Positivismus. Solche Versuche, die Relativitätslehre in der
Begriffswelt der traditionellen Philosophie zu interpretieren, mögen zu-
weilen interessant sein, ich werde sie aber beiseite lassen zugunsten der
Philosophen, die, von Einstein inspiriert, einen völlig neuen Versuch mit
der Metaphysik gemacht haben und dabei sowohl die Erkenntnistheorie
wie die Ontologie einbeziehen. Die hier in Frage kommenden Philosophen
haben es unternommen, den traditionellen Gegensatz zwischen Idealismus
und Materialisnlus hint er sich zu lassen, indem sie zeigten, daB der Unter-
schied zwischen "geistig" und "physisch" erkenntnistheoretisch und nicht
ontologisch ist. Die Beschäftigung mit dem neuen Ansatz in der Philoso-
phie, besonders in der aufsehenerregenden Darstellung Whiteheads nnd
Russeis, erlaubt es mir, den Titel meiner Arbeit in folgendem beg:renzten,
446
Einsteins EinfluB auf die heutige Philosophie
aber wörtlichen Sinne zu interpretieren. Ich werde mich mit Einsteinschen
Begriffen in der Philosophie beschäftigen, die im Gegensatz zur Tradition
für die heutige Denkweise charakteristisch sind. Darum sehe ich es als
meine Hauptaufgabe an, gewisse Grundsätze der Relativitätsphysik mit
den philosophischen Prinzipien zu verknüpfen, die entweder in der nega-
tiven Form des "Trugschlusses des Dualismus" oder in der positiven des
"neutralen Monismus" in eine Metaphysik der Ereignisse eingebettet und
der traditionellen Metaphysik materielIer oder geistiger Dinge entgegen-
gesetzt '\\ orden sind. Die Konzentrierung auf die Ereignisphilosophien bie-
tet den weiteren V orteil, daB dadurch eine Brücke zwischen dem Einstein-
Band und seinen V orgängern in der Reihe der "Living Philosophers" ge-
schlagen wird. So habe ich gute Gelegenheit, manches richtigzustellen,
besonders bei MiBverständnissen über die Beziehung zwischen Einstein
und den Philosophien von Whitehead und Russell, die manche Autoren
des 3. und 5. Bandes der Reihe zu einer unberechtigten Kritik verleitet
haben. Die Korrektur von MiBverständnissen ist besonders bei Whitehead
wichtig, der seinen Kritikern nicht mehr antworten konnte. Wir ver-
weisen auf die kritische Diskussion der Artikel von F. C. S. Northrop und
E. Nagel im 2. und 3. Abschnitt dieser Arbeit. Wenn wir unsere Absicht
durchführen, zwischen diesem und dem 3. und 5. Band eine Verbindung
herzustellen, so wird sich bei der Behandlung der genannten Philosophen
ergeben, daB Whitehead und Russell in bezug auf den Begriff der Natur
eine "Einheitsfront" bilden und daB sie von Einstein auf subtilere Weise
und dabei nicht so weitgehend abweichen, wie ihre ausdrücklichen ÄuBe-
run gen erwarten lassen konnten. (Die Reihe der "Living Philosophers"
wird durch die Buchstaben "LLP" in den Zitaten wiedergegt 'Jen.)
In manchen Punkten mag Einsteins EinfluB auf Whitehead und Russell
indirekt gewesen sein. So teilt mir Russell in einem Brief vom 12. Dezember
1946 mit, Whitehead habe ihn urn 1914 veranla.Bt, "die Newtonsche abso..
lute Zeit und den absoluten Raum ebenso wie Materieteilchen aufzugeben
zugunsten von Ereignissystemen". Russells Überzeugung, daB die Ereignis-
philosophie (wie er sie auffaBt) "gut in Eillsteins System paBt, bestärkte
mich (s. u. Russell) in den Ansichten, die ich von Whitehead übernommen
hatte, aber Einstein war nicht ihre QueUe für mich, und ich glaube, auch
nicht für Whitehead". Wenn Russell in bezug auf Whitehead recht hat, so
mag der letztere seine Naturphilosophie unter Einsteins indirektem, aber
bestimmendem Einflu.B entwickelt haben, vielleicht in Verbindung mit
T. P. Nunn oder S. Alexander. Wie dem auch sei, es gibt andere wichtige
Punkte als das Prinzip, daB gleichzeitige Ereignisse physikalisch vonein-
ander unabhängig sind, bei denen der EinfluB wohl nur direkt gewesen
sein kann.
Wenn wir so unsere Diskussion auf die Behandlung zweier Philosophen
447
Andrew Paul Ushenko
einschränken und zugleich einige Zweifel üher das AusmaB von Einsteins
positivem EinfluB haben, so müssen ,vir uns wundern, warum die Zahl der
Metaphysiker, die die Relativitätsphysik zu ihrem Nutzen studiert haben,
fraglos kleiner ist als sie sein nlüBte. Nach meiner Meinung ist die Erklärung
dafür, daB sich die Metaphysiker im allgemeinen nicht für genügend kom-
petent ansehen, fachliche Fragen der Physik zu behandeln, zumal sie füh-
len, daB populäre Darstellungen nicht verläBlich sind. Wenn diese Erk.lä-
rung richtig ist, so ist das einzige rasche Mittel, Metaphysiker zu wirklichen
Physikern zu machen, und der einzige Weg, die Philosophen zur Aneignung
der Ideen der Relativität zu befähigen, der, das Niveau allgemeinverständ-
licher Dal'stellungen zu steigern. Wenn auch ein Überreichtum an Alle-
gorien und Metaphern bei popularisierenden Physikern wie Eddington
und James die Phantasie anregt, so fehlt den Philosophen doch ein echtes
Verständnis der Logik der modernen Physik. Selbst Einstein hat, wie wir
im zweiten Abschnitt sehen werden, die Philosophen über den wesentlichen
Punkt der Relativität der Gleichzeitigkeit irregeführt, obwohl das Buch,
in dem er die irreführende Illustration gibt 1 , als ein Muster populärer Be-
richterstattung empfohlen werden kann. Mit diesen Bemerkungen findet
erst recht eine andere Erklärung ihre Ablehnung, nach der die Metaphy-
siker an der heutigen Physik nur darum nicht interessiert wären, weil
Physik und Metaphysik niehts miteinander zu tun hätten.
Ich behandle hier nicht die Frage naeh der Möglichkeit oder der Bedeu-
tung metaphysischer Urteile. Ich stimme mit Einstein ganz darin überein,
daB die Furcht vor der Metaphysik eine "Krankheit des heutigen empiristi-
sehen Philosophierens"2 ist, und ich glaube, da.B die Tage der Antimeta-
physiker gezählt sind. Ich habe es hier mit der land]äufigen Meinung zu tun,
daB die Physik gegenüber der Philosophie neutral ist; sie ",ird von Männern
geteilt, die durchaus Respekt vor der l\1etaphysik haben. Als Beispiel
zitiere ich einen anerkannten Physiker-Philosophen, V. F. Lenzen, in seiner
Ansprache als Präsident der westamerikanischen Sektion der Amerikani-
schen Gesellschaft für Philosophie, der sagte: "Eine V oraussetzung unserer
gegenwärtigen Diskussion ist es, daB es wünsehenswert und auch möglich
ist, die Begriffe der Wissensehaft in einer gegenüber der Erkenntnistheorie
neutralen Weise darzulegen "3.
Neutralität kann freilich Verschiedenes bedeuten. Ich würde mit Lenzen
übereinstimmen, wenn er nur zl.un Ausdruck bringen will, daB die Wissen-
schalt logisch, das heiBt im Sinne der formalen Logik, nicht einen bestinlm-
ten Typus der Erkenntnistheorie oder Ontologie voraussetzt, wie etwa den
Realismus, wobei alle anderen Richtungen ausgeschlossen wären. Darum
1 Relativity: the Special and General Theory. (Henry Holt & Co., 1921).
2 The Philosophy of Bertrand Russell (Schilpp-Serie), S. 289.
3 The Philosophical Review (Juli 1945), S.341.
448
Einsteins Einflu13 auf die heutige Philosophie
gebe ich a uch zu, da.B kein Widerspruch in einer Auffassung liegt, die die
Wissenschaft mit irgendeiner in sich geschlossenen Metaphysik verbindet.
Wesentlich ist eben, da.B logisch notwendige Folge nicht die einzige Art
von Konformität oder gegenseitiger Abhängigkeit ist. Eine Wissenscha£t
kalln eine besondere Metaphysik fordern, weil die beiden in besonderer
Weise zueinander passen und in Harmonie stehen. Hiermit m
chte ich die
Aufmerksamkeit des Lesers auf jene Art einer aussch1ie.Blichen Relevanz
richten, die der WissenschaftIer selbst wenigstens in der Praxis geIten lä.Bt.
Nehmen wir an, der WissenschaftIer plant die graphische Darstellung eines
abgeschlossenell kontinuierlichen Prozesses, von dem aber nur eine be-
grenzte Zahl diskreter Beobachtungen zugänglich ist. Er verbindet dann
die Punkte, die die Beobachtungsdaten repräsentieren, durch eine "glatte"
Kurve, die er a us Gründen der Einfachheit bevorzugt, und schlie.Bt dabei
alle anderen aus der unendlichen Zahl unebener oder "irrelevanter" Kurven
aus, obwohl sich diese logisch ebenso gut mit den gewonnenen Daten ver-
tragen. Die formale Logik verlangt nicht das Prinzip der Einfachheit. Ob
dieses aus ästhetischen oder ökonomischen Gründen gefordert wird, es ist
jedenfalls ein au.Ber-wissenschaftliches Prinzip. Die Tatsache, da.B die Wis-
senschaft sicb auf solche au.Berwissenschaftlichen Erwägungen stützen
InuB, beweist, da.B sie zu solchen neigt und ihnen keineswegs neutral gegen-
über steht. Wenn man mich nach bes onderen Typen der Metaphysik fragt,
die oftensichtlich nicht zur Relativitätstheorie passen, so würde ich den
Solipsismus nennen. Und zwar tue ich das trotz der Ablehnung von
H. Dingle in einer Besprechung meiner "Philosophy of Relativity"4. Denn
der Sinn des Begrifts "relative Eigenschaft" , in dem Satze: "Die Figur A
ist ein Quadrat mit Bezug auf einen bestimmten Beobachter 0 1, aber sie
ist verlängert mit Bezug auf einen anderen Beobachter 02, vorausgesetzt,
daB diese Beobachter in relativer Bewegung zueinander sind", impliziert
die Existenz von mindestens zwei Beobachtern. Ein Solipsist, selbst mit
einer gespaltenen Persönlichkeit, könnte in bezug auf sein alter ego nicht in
tatsächlicher Bewegung sein. Ob solche und andere Überlegungen nun be..
sagen, da.B Relativität und Solipsismus logisch unvereinbar sind oder
nicht, jedenfalls gestatten sie mir, im Gegensatz zu Dingle, zu behaupten,
daB der Solipsismus nicht zur Relativitätslehre pa.Bt und mit ihr, ja, mit
aller Physik überhaupt, nicht in natürliche Ühereinstimmung gebracht
werden kann. RusselI hat das so ausgedrückt: "Die Relativitätsphysik setzt
wie alle Physik die realistische Hypothese voraus, da.B es V orgänge gibt,
die von verschiedenen Leuten beobachtet werden können"ö. Um die Zwei-
deutigkeit in dem W orte "Physik" zu vermeiden, dürfen wir hier nicht die
4 Philosophy (1937).
3 The Analysis of Matter (Harcourt, Brace & Co., 1927), S. 48.
449
Andrew Pal,l1 U shenko
Absicht des Physikers übersehen, die Natur der Au.Benwelt zu beschreiben,
das hei.Bt der Tatsachen, die von seiner eigenen Existenz unabhängig sind.
Es wäre daher eine Entstellung der Wahrheit oder der Sprache, die Be-
Bchreibung von dies er ursprünglichen Absicht zu trennen, zu behaupten, es
gäbe nichts zu beschreiben als einen privaten Traumbereich, oder die Be-
schreibung beschreibe überhaupt nichts und sei nur als ein Mittel zur erfolg-
reichen Voraussage privater Beobachtungen anzusehen. Und wenn uns
positive Argumente erlauben, den Solipsismus zu eliminieren und dabei zu
zeigen, da.B die Relativitätslehre gegenüber der Metaphysik nicht neutra)
ist, so dürfen wir auch Klarheit erwarten über die Existenz eines besonderen
Typus von Philosophie, bei dem Einsteins Physik tatsächlich Pate steht.
Die Ereignisphilosophien sind, wie ich zeigen möchte, in solch einer bevor-
zugten Position.
2. Die Relativität der Gleichzeitigkeit
Einsteins Beispiel mit dem Eisenbahnzug
Um zu entscheiden, ob Weltelemente Dinge oder Ereignisse sind, muB
ein Philosoph die Bedeutung verstehen, die die Relativität der Gleichzeitig-
keit für dieses Problem besitzt. In gewisser Weise ist es für ihn bemerkens-
wert, während der Relativitätsphysiker darüber hinwegsehen kann, weil
die Grö.Be physikalischer Körper im Vergleich zu den astronomischen Grö-
Benverhältnissen der Phänomene vernachlässigt ,\\Terden kann, mit denen er
zu tun hat. Ein materielIes Ding der kIassischen Physik nimmt ein be-
stimmtes Raumvolumen ein, das von allen Beobachtern unabhängig von
ihrem Bewegungszustand erkannt werden kann, es führt dieses Raum-
volumen von Augenblick zu Augenblick während der ganzen Dauer seiner
Existenz mit sich; dies führt zu einer absoluten Unterscheidung zwischen
dem Raum, dem invarianten Volumen des Körpers, und der Zeit, das heiBt
der Sukzession von Augenblicken. Da wir uns theoretisch einen Körper von
ungeheurer Grö.Be vorstellen können, paDt dieser Begriff des materiellen
Dinges natürlicherweise zusammen mit der Idee der absoluten Gleichzeitig..
keit, die den Begrift eines unmittelbar vorhandenen Raumvolumens, des
gleichen für alle Beobachter, gestattet, unabhängig davon, wie gro.B dieses
Raumvolumen angenommen werden mu.B. Wenn dagegen die Gleichzeitig-
keit von räumlich getrennten Teilen eines Körpers relativ ist, und wenn
Beobachter in gegenseitiger relativer Bewegung mit dem Körper verschie..
dene physikalische Konfigurationen verbinden müssen, dann ist der Begriff
eines bestimmten materiellen Dinges theoretisch nicht mehr klare Hat man
das verstanden, so ist die oberste Frage {ür den Philosophen diese: Wie
zwingend ist die Evidenz für die Relativität der Gleichzeitigkeit, und ins-
hesondere, bis zu welchem Ma.Be ist die Situation durch beobachtbafe Daten
450
Einsteins EinfiuB aut die heutige Philo8ophie
Lestimmt? Einsteins Beispiel des Zuges, wie es Fig. i illust1'iert, hat den
Vorzug, eine Evidenz zu liefern, die im Prinzip beobachtbar ist. Ein Rei.
aender, der bei M' im Zuge sitzt, beobachtet zwei Vorgänge A und B, zwei
p-+ M' v-+ y-+
Zug
Bahndamm
A M B
A.bb. 1
Blitzschläge in rascher Aufeinanderfolge, während ein Mann auf dem Bahn-
damm bei M die gleichen Vorgänge g]eiehzeitig beobachtet. Aber diese
miteinander widersprechenden Beobaehtungen - unter der Voraussetzung,
da.B der Zug extl'em lang ist und sieh mit höehster Gesehwindigkeit bewegt
- geben eine Evidenz für die Relativität der Gleichzeitigkeit nur im
Zusammenhang mit bestimmten plausiblen V oraussetzungen. Einige von
diesen hat Einstein ausführlich und kIar dargelegt, aber an den folgen-
den zwei Punkten ist seine Darstellung verwirrend, wenn nicht sogar ver..
worren.
Erstens sehlieBt die Beobachtung einer Gleichzeitigkeit von räumlich ge-
trennten Ereignissen die Identifizierung zwischen gesehener und physikali-
scher Gleiehzeitigkeit nicht ein, mit Ausnahme des FalIes, in dem der Beob.
achter sich in der Mitte zwischen den physikalischen Quellen der gleich-
zeitig gesehenen Ereignisse befindet. Daher würde der relativistische Phy-
siker dem Astronomen darin beistimmen, da.B die Explosion eines fernen
Sternes lange vor einem Aufblitzen des Lichtes in der Nähe stattfand, auch
wenn beide im gleichen gegenwärtigen Augenblick registriert werden. Zwei..
tens aber mu.B, urn die physikalische Gleichzeitigkeit aus der wahrgenom-
menen tolgern zu können, der Bewegungszustand des Beobaehters als im-
materielI unberücksichtigt bleiben. Das heiBt, in Übereinstimmung mit dem
physikalischen Experiment, da.B die in relativer Bewegung zueinander
stehendcn Beobachter, also der Mann auf dem Fahrdamm und der Reisende
im Zug, mit der gleichen konstanten Geschwindigkeit c rechnen, mit der
sich das Licht im Vakuum ausbreitet. Indem wir diese beiden Gesichts-
punkte im Auge behalten, wenden wir uns nun Einsteins eigener Darstel..
lung der Saehe zu.
"Es fahre auf dem Gcleise ein sehr langer Zug mit der konstanten Ge-
8chwindigkeit p in der in Fig. 1 angegebenen Richtung. Menschen, die in
diesem Zuge fahren, werden mit V orteil den Zug als starren Bezugskörper
(Koordinatensystem) verwenden; sie beziehen alle Ereignisse auf den Zug...
Auch die Definition der Gleichzeitigkeit lä.Bt sich in bezug auf den Zug in
genau derselben Weise geben, wie in bezug auf den Bahndamm . . . WenD
451
Andrew Paul Ushenko
wir sagen, daJ3 die Blitzschläge A und B in bezug auf den Bahndamm
gleiehzeitig sind, so bedeutet dies: die von den Blitzorten A und B aus-
gehenden Lichtstrahlen begegnen sich in dem Mittelpunkte M der Fahr-
dammstrecke A-B. Den Ereignissen A und B entsprechen ab er auch
Stellen A und B auf dem Zuge. Es sei M' der Mittelpunkt der Stl'eeke
A-B des fahrenden Zuges. Dieser Punkt M' fällt zwar im Augenhlick der
Blitzschläge (vom Fahrdamm aus beurteilt) mit dem Punkte M zusammen,
bewegt sich aber mit der Geschwindigkeit p des Zuges nach rechts. Würde
ein bei M' im Zuge sitzender Beobachter diese Geschwindigkeit nicht be..
sitzen, so würde er dauernd in M bleiben, und es würden ihn dann die VOD
den Blitzschlägen A und B ausgehenden Lichtstrahlen gleichzeitig errei-
chen, das hei.Bt diese beiden Strahlen würden sich gerade bei ihm begegnen.
In Wahrheit aber eilt er (vom Bahndamm aus beurteilt) dem von B her-
kommenden Lichtstrahl entgegen, während er dem von A herkommenden
Lichtstrahl vorauseilt. Der Beobachter wird also den von B ausgehenden
Lichtstrahl früher sehen, als den von A ausgehenden. Die Beobachter,
welche den Eisenbahnzug als Bezugskörper benutzen, müssen also zu dem
Ergebnis kommen, der Blitzschlag B habe früher stattgefunden als der
Blitzschlag A. Wir kommen also zu dem wichtigen Ergebnis: Ereignisse,
welche in bezug auf den Bahndamm gleichzeitig sind, sind in bezug auf
den Zug nicht gleichzeitig und umgekehrt"6.
leh habe in diesem Abschnitt einige Worte hervorgehoben, die insbe-
sondere zu Mi.Bverständnissen Anla.B geben. Die W orte "in Wahrheit" legen
den Gedanken nahe, daB der wirkliche Grund, warum der Reisende zwei
Blitzschläge nacheinande-r sehen mu.B, darin liegt, da.B er auf den einen zu-
und von dem anderen wegeilt, und da.B daher die relative Geschwindigkeit
der beiden Liehtstrahlen von seinem Bewegungszustand abhängt und nicht
die gleiche ist. Die erklärenden W orte in der Klammer gleich hinter den
Worten "in Wahrheit aber" hilft hier nicht recht weit er ; denn sie kann in
dem Sinne falsch interpretiert werden, daJ3 del' Bahndamm ein bevorzugtes
Bezugssystem sei und daB nur die Beschreibung in bezug auf ihn die wirk-
liche Situation wiedergibt. Und dieses Mi.Bverständnis wird wohl au eh
durch Einsteins folgende Erklärung noch verstärkt, die eine Korrektur für
die Bewegung des Zuges zu verlangen scheint, urn die Nichtübereinstim-
mung zwischen dem Reisenden und dem Beobachter auf dem Bahndamm
in Rechnung zu setzen. Mit anderen Worten, die Erklärung wird in Be-
griffen gegeben, die für einen klassischen Physiker völlig annehmbar wären
und daher bei der KIärung der neuen Auffassung versagen. Unter diesen
Umständen verleitet das im Druck hervorgehobene "müssen" zu einem zu-
sätzIichen M iBverständnis: der Leser muB annehmen, daB die Korrektur
8 Einstein, Relativity 1921, S. 30 ft. Deutsch: "Ûber die spezielle und die a1l-
geroeine Relativitätstheorie", 1920, S. 17f.
452
Einsteins EinfluB auf die heutige Philosophie
für die Bewegung des Zuges abgelehnt wird, weil die wahrgenommene Suk..
zession mit der physikalischen identifizierba1' ist.
Der Physiker, der es wegen seiner Vertrautheit mit fachlichen Erläute-
rungen besser wei.B, wird die Gefahr der falschen Interpretation auf eiD
Mindestmal3 einschränken. Ich kann ihm aber versichern, daS sie tatsäch-
lich besteht. Denn zahlreiche bedeutende Philosophen sind durch Einstein
in die Irre geführt worden, und zwar genau an der hier entwickelten Linie,
und sie gelangten zu dem SchluB, die Philosophie solle lieber die behauptete
Relativität der Gleichzeitigkeit auBer Acht lassen. Man betrachte zum Bei..
spiel den Artikel von A. O. Lovejoy "The Dialectica! Argument against
Absolute Simultaneity"7. Bei der Kommentierung des Einsteinschen Bei-
spiels vom Eisenbahnzug spricht Lovejoy zuerst davon, daB sich eine Re-
lativität der Gleichzeitigkeit nur ergibt, wenn der Reisende im Unterschied
von dem Mann auf dem Bahndamm "nicht ständig auf dem Punkte M ver-
weilte". Er läBt dann das Prinzip, daB der Zug und der Fahrdamm eiD
Paar alternativer Bezugssysteme bilden, auBer Acht, und dann behauptet
er, die Tatsache, daB der Reisende weiterhin ständig in der Mitte zwischen
zwei Punkten sitzt (Lovejoy nennt sie A I und B '), an denen die Blitzstrah-
len A und B den Zug treffen, sei für die Argumentation irrelevant; denn "es
ist nicht notwendig anzunehmen, daB der Beobaehter im Zuge über seine
Bewegung relativ zum Bahndamm in der Riehtung A-B im Unklaren
sei"8. So kann nach I..4ovejoy der Reisende ständig die Ergebnisse seiner
Beobachtung nach der Bewegung des Zuges korrigieren und feststellen, daLi
die Lichtstrahlen in Wirklichkeit zur gleichen Zeit abgehen. Jedenfalls
glaubt Lovejoy, der Reisende könne aueh, wenn ihm seine Bewegung un-
bewul3t wäre, die Gleichzeitigkeit feststellen; denn "wenn man auch fest-
hält, dal3 jeder Beobachter nur über die V orgänge in seinem eigen en System
empirische Kenntnisse erhält, so folgt daraus, dal3 die Signale beide gleich-
zeitig in M und M' ankommen . . . Denn nach den Prinzipien der Relativi-
tätsphysik und der offensichtlichen Evidenz des Michelson..Morley-Experi-
ments ist die Liehtgesehwindigkeit über gleiche Distanzen in jedem gegebe..
nen System unabhängig von dessen relativer Bewegung die gleiche"9.
Zugegeben, dal3 an diesem Punkt die Prämissen Lovejoys korrekt sind,
so' wäre für den Augenblick der Fehler in seiner Überlegung zu suchen, und
man kann Einstein nicht dafür tadeln. Lovejoys Irrtum ist es, dal3 er im
entscheidenden Moment übersieht, a) die Annahme, dal3 die Sukzession der
Blitzschläge bei M' beobachtet wird (eine Annahme, die er an anderer
Stelle durch seine Forderung teilt, da.B die beobachtbare Sukzession durch
die Bewegung des Zuges korrigiert werden müsse). Und b) übersieht er,
daB nach den Prämissen der Relativitätstheorie die beobachtete Sukzession
1 The J ournal of Philosophy 1930, S. 650.
8 Ebenda, S. 650. 9 Ehenda,
. 650.
453
Andrew Paul Ushenko
der Blitzschläge an dem mittleren Punkt M' Dur bedeuten kann, die Blitz...
schläge A und B seien in bezug auf den Zug physikalisch nicht gleiehzeitig.
Lovejoy mu.B gefühlt haben, daB irgend etwas in seiner Ableitung nicht
stimnlt; denn er beei1t sich hinzuzufügen:
"Aher in diesem Falle (das heiBt unter den Prämissen der Relativitäts-
physik) würden die heiden Beobaehter tatsächJich nicht über das gleiche
Paar VOD V orgängen urteilen; der eine würde über V orgänge urteilen, die
sich an A und B abspielen, der andere über solehe, die sich an A' und B'
abs pielen. Wenn daher ihre 8chJüsse in dem fraglichen FalIe nicht überein..
stimmen (obwohl sie es doch tun würden), so hätte dieseTatsache keine Be-
deutung, da die beiden Beobachter über verschiedene Dinge reden wür-
den "10.
Dieser Zusatz hilft aber Lovejoy nichts, weil sieh das Ereignis bei A'
in der unmittelbaren Naehbarschaft von A abspielt und deshalb wesentlich
Dlit ihm identisch ist, und das gleiche gilt von B' und B. Vnd vielleicht ist
ihm bei diesem Punkte nicht wohl, weil er seinen momentanen Vorteil des
Ausgehens von riehtigen Prälnissen aufgibt und zu dem ursprünglichen
MiBverständnis durch den SehluB zurüekkehrt, daB Einstein selbst an..
nehme, "daB der Beobaehter im Zuge ebenso wie der auf dem Bahndamm
über Vorgänge urteilt, die si eh bei A und B abs pielen, also auf Punkten au!
dem Bahndamm." Diese 8ehluBfolgerung will also wieder das vorbringen,
was na eh Lovej oy Einsteins Beispiel in sieh enthält, nämlich die bevor-
zugte Position des Bahndamms als Bezugssystem 11 .
Eine leichte Änderung in Einsteins Beispiel würde die Ursache für das Mi.B-
verstehen sei tens der Philosophen beseitigen. 80 könnten zwei Züge auf pa..
10 Ehenda, S. 650.
11 Lovejoy steht in seinem Mi.Bverständnis keinesw-egs allein. }4\ S. C. Northrop
und DeWitt H. Parker, um zwei angesehene Philosophen zu nennen, hahen sich
auch von Einstein in die Irre führen lassen. In seinem Buche "Science and First
Principles" (The Macmillan Co., N ew Y ork 1932, S. 73) giht N orthrop eine klare
und korrekte Darstellung des Zug-Beispiels, schlieBt aher so: "
Offenhar werden
die Lichtstrahlen, wenn sie für den Mann auf dem Bahndamm gleichzeitig an-
kommen, dies für den Mann im Zuge nicht tun, da si eh der letztere dem Strahl
entgegen hewegt, der von der Spitze des Zuges kommt, und sich von dem Strahle
entfernt, der vom Zugende kommt." W enn diese Feststellung die Erklärung für
die unterschiedliche Beobachtung wäre, dann ,vürde die l{orrektur durch die
Bewegung des Zuges im Gegensatz zu Northrops vorhergehender Argumentation
die nicht-relative physikalische Gleichzeitigkeit der Blitzschläge heweisen. Ähn-
lieh giht Parker eine ausgezeichnete Darstellung von Einsteins Beispiel, nur daS
er es mit der unzutrefIenden Behauptung verknüpft, Einstein gelange gar nicht
bis zur physikalischen Gleichzeitigkeit, sondern hefasse sich eigentlich nur mit
der Zeit, zu der die Lichthotschaften die hetreffenden Beohachter erreichen: "Und
die Relativitätstheorie giht ein ahsolut korrektes Bild in H insicht au! die Bot-
Bchaften . . ." "Experience and Substance" {The University of Michigan Pres8,
1941, S. t68}.
454
Einsteins EinfIuB auf die heutige Philosophi«-
rallelen Geleisen besser den Zweelt erfüllen und die Parität alternativer Be-
zugssysteme illustrieren, und zwar wegen der allgemeinen Erfahrung, da.B
man aus dem Fenster eines Zuges auf einen anderen sieht und dabci nicht
sagen kann, weleher Zug sieh in Bewegung befindet. 80 kann man zwei
Reisende, P im Zuge T und P ' im Zuge T' jeweils ihren eigenen Zug als
Bezugssystem nehmen lassen. Wir können uns vorstellen, daB ein Blitz-
schlag L 1 beide Züge trifft und eine Brandstelle A auf T und A I nuf T'
hinterläBt, während ein anderer Blitzschlag L 2 am anderen Ende der Züge
seine Markierung B auf T und B' auf T' hinterläBt. Wir nehmen ferner an,
daB P in der Mitte zwischen den Markierungen A und B und P' zwischen
den Markierungen A I und B' sitzt. Diese Umstände und der andere, daB
sich die Lichtstrahlen sowohl von L 1 wie von L 2 mit der gleiehen kriti-
schen Geschwindigkeit in beiden Zügen bewegen, führen zu folgender Ûber-
legung: Die Tatsache, daB der eine Reisende den Blitzstrahl, der von der
Lokomotive herkommt, früher beobachtet als den, der vom Zugende
kommt, während der andere Reisende beide Blitzstrahlen zur gleichen Zeit
beobachtet, kann nur durch die Annahme erklärt werden, daB L 1 und L 2
in bezug auf den Zug aufeinander folgen, während sie in bezug auf eillander
gleichzeitig sind.
3. Whiteheads Autlassung pon der Gleichzeitigkeit
In einer gründliehen Arbeit über "Die PhilosoIJhie Whiteheads" bemerkt
John Dewey, daB die Erfahrung des kausalen Zwanges - "die unmittelbare
Evidenz der Verknüpfung eines unmittelbar gegenwärtigen Erfahrungs-
ereignisses mit unmittelbar vergangenen Erfahrungsereignissen - in der
Metaphisyk der Ereignisse"12 als Muster für die Verknüpfung in der
Natur überhaupt dient, und dabei bekennt er sich zur Opposition White-
heads gegen die traditionelle Scheidung zwisehen Geist und Materie. An
einer späteren SteIle dieser Arbeit fügt Dewey hinzu:
"Der neue philosophische Ansatz (das heiBt Whiteheads Ablehnung der
Zweiteilung zwischen Geist und l\faterie), der auf einem tiefen Nachdenken
über die allgemeine Bedeutung der neuen Physik inl Gegensatz zur Newton-
schen Kosmologie beruht, wurde . . . entwickelt, indem man die mensch-
liche Erfahrung als eine spezialisierte Form der nun ersehlossenen Züge der
Natur selbst ansieht"13.
Deweys Bemerkungen lassen keinen Zweifel darüber, auf welche Lehren
der neuen Physik man sein Auge richten muB, urn den wesentlichen Punkt
in Einsteins EinfluB auf die Ereignismetaphysik zu finden. Dieser wesent-
liche Punkt ist der Begriff der kausalen Struktur der physikalischen Raum-
Z eit, also da s Prinzip, daB wegen der endlichen, aber nicht überschreit-
12 The Philosophy of A. N. Whitehead (Schilpp-Serie), S. 647.
J3 Ehenda, S. 656.
455
Andrew Paul Ushenko
baren Lichtgeschwindigkeit das Stattfinden irgend eines Ereignisses den
Scheitelpunkt eines doppelten Lichtkegels bildet, der die Vorgänge entlang
den beiden Querschnitten der Gleichzeitigkeit verlä.Bt, das heiBt innerhalb
der Bereiche der Raum-Zeit zwischen den beiden Kegeln, die kausal nicht
miteinander verbunden und daher voneinander physikalisch unabhängig
sind. Whitehea d nimult dieses Prinzip generell als Basis für die Metapbysik
an, allerdings nicht für die Identifizierung der kritischen Lichtgeschwindig-
keit Dlit der Lichtgeschwindigkeit im VakuuDl. "Gleichzeitige Vorgänge
spielen sich in kausaler Unabhängigkeit voneinander ab", so schreibt White-
head, und eine FuBnote fügt hinzu: "Dieses Prinzip liegt in der fundaulen-
talen Einstein-Formel für das physikalische Kontinuum offen zutage"l&.
Urn die Bedeutung zu verstehen, die das Prinzip der physikalischen Un-
abhängigkeit gleichzeitiger V orgänge für Whitehead hat, müssen wir es im
Zusammenhang mit der Ereignismetaphysik und insbesondere mit White-
heads Wahrnehmungstheorie betrachten. Es ist bekannt, daB dieser die
letzten elementaren Ereignisse als organisierte Akte (oder eh er als kombi-
nierte Wirkungsakte) der Perzeption ansieht, die ich Perzipienten nennen
wel'de; wobei Perzeption je nach der Kompliziertheit der Organisation von
menschlicher Erfahrung herab bis zur blinden elektronischen Reaktion,
oder Empfindlichkeit, auf das umgebende physikalische Feld reicht. Weil
Perzipienten Ereignisse sind, die jeweils unabänderlich an einen bestimm-
ten Bereich der Raum-Zeit fixiert sind, ist ihre gegenseitige Perzeption der
einzige Weg für ihr gegenseitiges Aufeinandérwirken. U nd da die Perzeption
eines anderen Ereignisses die Ausbreitung eines kausalen Einflusses vom
letzteren zum Perzipienten erfordert, ist die Erfahrung des kausalen Zwall-
ges (in Whiteheads Terminologie die Perzeption im "Modus der kausalen
Wirkung") das höchste ontologische Muster der Korrelation. Entsprechend
diesem Muster und in Ohereinstimmung mit der V orstel1ung von der kau-
salen Struktur der Raum-Zeit erklärt "\\llitehead das schöpferische 1\10-
ment, den letzten und universalsten Zug eines Prozesses durch die einzig-
artige und originale Perzeption der"V\T elt, die jeder Perzipient mit seinenl
eigenen Sich-ereignen hervorbringt. Das heiBt, die aktuelle Welt jedes Per..
zipienten ist verschieden von der aktuellen 'Velt eines jeden anderen gleich-
zeitigen Perzipienten. In jedeln FalIe kann also die aktuelle Welt durch den
eindeutigcn Lichtkegel der Vergangenheit mit dem entsprechenden Perzi...
pienten am Scheitelpunkt repräsentiert werden. In diesem Zusammenhang
knüpft Whitehead ausdrücklich an die Relativitätstheol'ie an:
"Es klingt sehr merkwürdig, aber schon in diesem frühen Stadium der
metaphysischen Diskussion ist der EinfluB der , Relativitätstheorie' der
modernen Physik bedeutsam. Entsprechend der klassischen Auffassung
1. "Process and ReaIity" (Cambridge University Press, 1929), S. 84.
456
Einsteins EinfluB auf die heutige Phil080phio
der Zeit als einer einzigen Reihe definieren zwei gleichzeilige aktuelle We-
senheiten die gleiche aktuelle Welt. Nach der modernen A.uffassung defi-
nieren nie zwei aktuelle Wesenheiten die gleiche aktuelle Welt. Aktuelle
Wesenheiten werden ,gleichzeitig' genannt, wenn keine von ihnen zu der
,gegebenen' aktuellen Welt gehört, wie sie durch die andere definiert ist"15.
Die Erkenntnis, daB gleichzeitige Perzipienten physikalisch voneinander
unabhängig sind, führt in Verbindung mit dem Prinzip der "einen Welt"
oder, wie es Whitehead nennt, "der Solidarität der einen gemeinsaDlen
Welt" zu einer Komplikation in der Theorie der Perzeption. So wichtig der
Modus der kallsalen Wirkung sein lnag, so genügt er doch nicht, denn er urn-
laBt nicht die im Gegensatz zum Erfordernis der Solidarität völlig unzu-
sammenhängenden gleichzeitigen Ereignisse. Daher ergänzt Whitehead
seinen GrundbegriIt vom kausalen Zwang durch einen zweit en Modus der
Perzeption, den er den "Modus der unmittelbaren Gegebenheit" nennt und
der die nicht kausale Korrelation z,visehen Gleiehzeitigem liefern solI. In
dem Modus der unmittelbaren Gegebenheit wird ein Perzipient direkt die
Ausdehnung der gleiehzeitigen AuBenwelt gewahr, aber nicht das Wesen
beziehungsweise den Charakter der V orgänge, die, miteinander verbunden,
diese Ausdehnung ausfüllen. Das heiBt, der Perzipient hat keinen Zugang
zu Farben, Gestalten oder anderen wahrnehmungsmäBigen und physikali-
sehen Manifestationen, die tatsächlich im Augenblick der Perzeption zur
AuBenwelt gehören, sOlldern nur zu den Bereichen des umgebenden Medi-
ums, das die unzugänglichen Eigenschaften enthält, in Whiteheads Sprache:
nur zu den "sieh darstellenden Orten" der gleichzeitigen V orgänge. Natür-
lich sind unter normalen Bedingungen der sogenannten riehtigen Perzep-
tion und bei einem geschlossenen Bereich die wahrgenommenen Qualitäten
wahrscheinlich den aktuellen Manifestationen ähnlich oder stehen jeden-
falls in enger Beziehung zu ihnen. Unter keinen Umständen gibt es die
Wahrnehmung einer reinen und bloBen Ausdehnung. Aber ein Irrtum, zwar
nicht in bezug auf den sieh darstellenden Ort, aber auf die Wahrnehmungen
innerhalb seiner, ist immer möglich, weil die Manifestationen, die für einen
Perzipienten seine gleichzeitige AuBenwelt darstellen, tatsächlich mit Hilfe
des Modus der kausalen Wirkung von der Vergangenheit abgeleitet sind
(und darum die Welt wie sie war und nicht wie sie ist, repräsentieren), und
unbewuBt auf die ausgedehnte Umgebung der Gegenwart "projiziert" wer-
den. Ein wichtiger Unterschied in der Funktion der zwei Modi der Perzep-
tion ist dieser: beim kausalen Modus erreicht die Welt den Perzipienten wo
und wann er erreichbar ist, also an seinem raum-zeitlichen Standpunktj
beim nichtkausalen Modus dagegen kann der Perzipient über den Umfang
- seines eigenen Körpers hinaus und mit Hilfe einer gefühlten geoD1etrischen
15 Ebenda, S. 90 f.
457
Andrew Paul Ushenko
Verlängerung seiner körperliehen Besehaffellheit, Orte erreiehen, wo sicb
Gleiehzeitigkeiten abspielen 16 . Wir können dies en Untersehied durch den
bekannten Gegensatz zwisehen direktem und repräsentativem Realisrnus
ausdrüel{en, indem wir sagen, daB die Bereiehe einer gleiehzeitigen Welt
direkt präselltiert werden können, aber die Natur der Ereignisse in ihr (die
unter dem Aspekt der Ausdehnung direkt gegeben sind) ist mittelbar reprä-
sentiert, und manehmal auch falsch rcpräsentiert, und zwar dureh ehal'ak-
teristisehe Züge, die kausal von ihren V orgängern abgeleitet sind. White-
head selbst faBt das Problem so zusammen:
"So muB der sieh darstellende Ort ein Ort mit einer systematisehen geo-
metrischen Beziehung zum Körper sein. Entspreehend aller Evidenz ist
die
er völJig unabhängÏg von den gleichzeitigen Gesehehnissen, die tatsäeh-
lieh die VerknÜpfung alles Gesehehells an dem betreffenden Ort ausmachen.
Wir sehen zum Beispiel ein Bild an der Wand unmittelbar mit dem Auge.
Wenn wir uns aber mit dem Rücken gegen das Bild stellen und in einen
guten Spiegel blieken, dann sehen wil' dasselbe als ein Bild hint er dem Spie-
gel. Gemessen an dem richtigen physiologischen Zustand des Körpers ist
a]so der in der Sînnes'ltJaltrnehmung dargestellte Ort unabhängig pon den Ein-
zelheiten dessen,
yas sich tatsä.chlich in ihm abspielt. Das heiBt nicht, daB die
Sinneswahrnehmung in bezug auf die reale Welt unwiehtig sei. Sie demon-
striert uns das reale ausgedehnte Kontinuum dureh das, wovon diese
gleiehzeitigen Gesehchnisse ihre eigene qualifizierte Erfahrung haben. Ihre
zusätzliehe Information in Form von Sinllesqualitäten hat Bedeutung in
dem MaBe, wie der unmittelbare körperliehe Status für die unmittelbaren
Ge
chehnisse, die den Ort erfüllen, von Bedeutung ist. Beide sind von einer
Vergangenheit ahgeleitet, die praktisch diesen allen gemeinsam ist. 80 gibt
16 Ein naheliegender Einwand gegen die Theorie der zwei Modi der Perzeption,
nämlich daB sich keine Evidenz für die Existenz zweier verschiedener Al'ten VOD
Perzeption findet, wird von Whitehead vorgehracht, wenn er ausführt, daJ3 die
gewöhnliche menschliche Perzeption das Erzeugnis eines vorhewuBten Zusammen-
spiels der beiden Modi ist. Er nennt dies es Zusalnmenspiel "symholische Bezogen-
heit". Allerdings hat Whitehead auch ungewohnte Beispiele erwähnt, wo jeder
Modus einzeln für sich wirkt. Beispiele aus der Erfahrung für den Modus der kau-
salen Wirkung allein findet man in "Process and Reality", S. 247 f. Der Modus
der unmittelbaren Gegehenheit kann durch die Differenz zwischen unserer Wahr-
nehmung eines Stuhls und, wenn wir uns herumdrehen, des Spiegelbildes
des Stuhls illustriert werden. Das Spiegelbild steUt einen Bereich hinter dem
Spiegel dar, aher die stuhlähnliche Gestalt und Farhe, die in diesen Bereich
projiziert werden, sind ahgeleitet von dem wirklichen Stuhl vor dem Spiegel und
geben keine richtige V orstellung von dem wirklichen lnhalt des Raumes hintel'
dem Spiegel. Ein anderes Beispiel ist die Wahrnehmung einer Sternexplosion im
entfernten Himmelsraum durch den Astronomen. Der Astronom weiB, daB der
Stern in Wirklichkeit vor langer Zeit explodiert ist und daB daher nur ein Ahhild
des vergangenen Vorgangs den jetzigen entfernten Raum veranschawicht.
458
Einsteins EinfluB auf die heutige PhiloRophif:'
es also immer irgend eine Bedeutung. Die korrekte 1 nterpretation dieser Be-
deutung ist die Kunst, den per,l,eptipen l\Jodus der unmittelbaren Gegebenheit
als ein Mittel zu.m Verständnis der Welt als eines Mediunl,s zu \ter
venden17.
Ich habe einige der Whiteheadschen Sätze im Druck hervorgchoben, urn
F. C. S. Northrops jetzt zu behandelnder Behauptung vorzugreifen, daG
Whitehead und Einstein wesentlich verschiedene V orstellungcn von der
Gleichzeitigkeit haben; dcnn der erstere kenne nicht die Unterscheidung
zwischen perzeptiven oder phänomenalen Vorgängen einerseits und physi-
kalischen anderseits. Ich meine, daB die vermiBte Unterscheidung aus der
Feststellung £olgt, daB der sich darstellende Ort unabhängig von den aktu-
ellen V orgängen ist, die sich an ihm abspielen, da er in Gestalt unmittel.
bar empfundener Ereignisse erscheint, während die wirklichen Gescheh..
nisse physikalische Ereignisse sind. Ferner erkennt Whitehead ausdrück-
Hch an, daB wir zur Feststellung, welche physikalischenEreignisse sich an dem
sich darstellenden Ort abspielen, zur Interpretation beziehungsweise Korre-
lation der Daten im Modus der unmittelbal'en Gegebenheit greifen müssen.
Eine Prüfung von Northrops Behauptung muB nicht nur darum erfolgen,
'\\"eil im Zusammenhang seines interessanten Artikels über "Whiteheads
Philosophy of Science" die £alsche Interpretation anscheinend ganz plau-
ibel klingt, sondern auch weil es Northrop wohl auch gelungen ist, Einstein
selbst irrezuführen. In eincm Versuch, Einstein Whiteheads Position zu er-
klären, steIlt Northrop folgendes fest l8 :
"Wenn Whitehead einen intuitiv gegebenen Sinn der Gleichzeitigkeit
räumlich getrennter Ereignisse behauptct, so meint er unmittelbar wahr-
genommene phänomenologische Ercignisse, nicht postulierte aIlgemeine,
physikalisch definierte Ereignisse . . . Wir sehen sicher einen Blitz im ent-
fernten visuellen Raum am Himmel in diesem Augenblick, während wir
(vielleicht darauf folgend?) eine Explosion neben uns hören. Der Grund für
seine Meinung, da.B dies die einzige Art einer gegebenen Gleichzeitigkeit sei,
liegt in seinem Wunsch, die wissenschaftstheoretischen philosophischen
Schwierigkeiten dadurch zu meistern, daB er nur ein Kontinuum von intui-
tiv gegebenen V orgängen annimmt, urn so den Zwiespalt zwischen die
en
phänomenalen V orgängen und den postulierten physikalisch definierten
allgemeinen V orgängcn zu verlneiden."
Northrop sagt uns, daB Einsteins ÄuBerung über die so vermittelte White-
headsche Theorie lautete: "Bei dieser Theorie hätte es keinen Sinn, VOD
zwei Beobachtern zu reden, die über den gleichen V organg sprechen." Die-
ser Kommentar Einsteins führt nicht etwa Whiteheads Ansicht ad absur-
durn, sondern ihre Auslegung durch Northrop.
Ich leugne nicht, daB Whitehead auch einmal Einsteins Definition der
JO; a. a. 0., S. 178.
18 Whitehead-Band (Schilpp-Serie), S.204.
459
Andrew Paul Ushenko
Gleichzeitigkeit bekämpft hat, und wenn E. McGilvary recht hat (LLP,
Bd. 3, S. 215ft.), ist diese Kritik diskussionswürdig. Wenn aber Whitehead
Einstein miBverstand, so zeigt das nur, daB der Philosoph einen Gegensatz
dort annahm, wo keiner war. Um diese Differenz nicht zu übertreiben,
möchte ich zweiel'lei zum Ausdruck bringen: Erstens, daB Whitehead in
allen seinen Publikationen nach "The Principles of Natural Knowiedge",
also nach einer näheren Einarbeitung in das Problem, seine ursprüngliche
Kritik an Einsteins Definition aufgegeben hat, und zweitens, daB der we..
sentliche Punkt in dieser Kritik nicht der war, daB Einsteins Verfahren (bei
dem die Gleichzeitigkeit räumlich getrenntel' Ereignisse durch die Ver-
wendung von Lichtsignalen gesichert werden kann) unangemessen sei, son-
dern daB, unabhängig vom Verfahren, die Bedeutung von Gleichzeitigkeit
die gleiche sei, für gleichzeitige Ereignisse die weit entfernt oder in un-
mittelbarer Nachbarschaft stattfinden. Offenbar hat Northrop Whiteheads
wesentlichen Punkt verfehlt, nänllich den Unterschied zwischen der Be..
deutung von Gleichzeitigkeit und dem Ve,.fahren, durch das Gleichzeitigkeit
festgestellt werden kann; denn er argumentiert so, als oh Whitehead den
Weg des \\Tissenschaftlers zur Erkenntnis von Gleichzeitigkeit ablehne,
näm1ich daB Gleichzeitigkeit von räumlich getrennten V orgängen wissen-
schaftlich "bekannt sei durch eine postulierte Theorie, die indirekt durch
ihre deduktiven Folgerungen und nicht durch unmittelbal'e Wahrnehmung
bestätigt wird"19.
Zur Sicherungseiner Interpretation zitiert Northrop Whiteheads Behaup-
tung, "Die Natur ist nichts anderes als die Lieferung von Sinneswahrneh-
mung". Aber Whitheads Behauptung, die nur ein Ausdruck ist für seinen
Widerstand gegen die "Täuschung der Zweiteilung", darf nicht in dem
Sinne vex.standen werden, als ob die unmittelbare Sinneswahrnehmung
alles, was in der Natur ist, enthülle. Whitehead behauptet nicht einmal, daLi
die Wahrnehmung für jede Einzelheit der menschlichen Erkenntnis not..
wendig sei. Seine Haltung ist einfach die, es gebe keine Arten von Dingen
in der Natur, die man im Prinzip nicht durch Wahrnehmung direkt er-
kennen könne. Diese Haltung läBt der Erkenntnis durch Ableitung einen
weiten Spielraum, und die Anwendung von Whiteheads eigener "Methode
der extensiven Abstraktion " liefert viele Beispiele für solche Erkenntnis 20 .
Wir haben al so keinen Grund zu der Annahme, daB Whitehead, eben wegen
19 Whitehead-Band (SchiJpp-Serie), S. 194.
10 Zum Beispiel henützt Whitehead die Methode der extensiven Ahstraktion,
um wissenschaftliche Ohjekte wie Atome oder Elektronen zu verstehen. Auf
S. 158 seines Buches "The Concept of Nature H heschreiht er ein Elektron als
"eine systematische Korrelation der W esenszüge" von Ereignissen, und er kon-
trastiert ein wissenschaftliches Ohjekt wie ein Elektron sowohl mit heohacht-
haren physikalischen Gegenständen wie Stühlen als auch mit Wahrnehmungs-
ohjekten ,,,ie Farhen oder Geräuschen. So ist N orthrop völlig im Irrtum, wenn er
460
Einsteins Einflu.B auf die heutige Philosophie
seiner Grundvorstellung von der Möglichkeit der Ableitung, unfähig sei, die
folgenden Situationen zu meistern :
"Man betrachte zwei unmittelbar wahrgenommene Explosionen: eine in
West Haven und die andere in East Haven, die so laut sind, daB man sie
an jedem Punkt zwischen den beiden Orten vernehmen kann . . . Wir alle
kennen es als eine phänomenologische Tatsache, der sich auch Whitehead
Dicht verschlieBen kann: Wenn jemand genau in der Mitte zwischen diesen
heiden Explosionen diese als gleichzeitig wahrnimmt, dann werden das
aHe anderen Beobachter, die der einen Explosion näher sind, nicht tune
Dieses Beispiel zeigt zweierlei: Einmal, daB wir eine unmittelbar wahr-
gcnommene Gleichzeitigkeit bei räumlich getrennten V orgängen in unseren
individuellen Sinnesempfindungen als individuelle Beobachter feststellen
können, und zweitens, daB diese intuitiv gegehene Gleichzeitigkeit keine
allgemein gültige Gleichzeitigkeit identisch für alle Beobachter liefert, die
doch alle relativ zum gleichen Bezugssystem stehen, in diesem FalIe zur
Oberfläche der Erde. An der Stelle, wo ich von "liefern" sprach, müBte es
eher heiBen : keine Gleichzeitigkeit Iiefern muB, wenn der Beobachter nicht
in der Mitte zwischen den zwei Explosionen steht oder wenn Störungen wie
der Wind die Geschwindigkeit der Schallwelle beeinfluBt, die von der
Explosion kommt, 80 daB diese gröBer wird als die Geschwindigkeit der
Schallwelle von der anderen Explosion "21.
Erstaunlicherweise meint Northrop, dieses Beispiel müBte Whitehead in
Verlegenheit hringen, ja eine Erkenntnistheorie, die durch solche Beispiele
in Verlegenheit gebracht wird, sei der Widerlegung wert. In Wirklichkeit
fordert Whitehead nicht mehr als die MögIichkeit, die Gleichzeitigkeit
räumlich getrennter Ereignisse durch die Mitteilung der Sinnesempfindun-
gen zu erkennen, beispielsweise in dem Fall des Beobachters in der Mitte
zwischen den heiden Explosionen. Whitehead erkennt die Existenz einer
allgemein gültigen zeitlichen Beziehung zwischen zwei Ereignissen an, die
für alle Beobachter hei Benutzung des gleichen Bezugssystems die gleiche
ist und durch Korrektur der Entfernungsunterschiede und ähnliche MaB-
nahmen festgestellt werden kann. So sagt er auf Seite 53 seines Buches
"The Principles of Natural Knowiedge" : "Die gleiche Definition der Gleich-
zeitigkeit gilt für den ganzen Raum einer gleichartigen Reihe in der New-
tonschen Gr uppe"22. Vnd in Übereinstimmung mit seiner Wahrnehmungs-
behauptet, für Whitehead "seien sowohl Atome wie Sinnesdaten unmittelhar
wahrgenommene Adjektive von unmittelbar wahrgenommenen Ereignissen, und
ein Elektron sei ein wahrgenommenes Adj ektiv, das alle am Ereignis heteiligten
Partikeln auf ihrer geschichtlichen Bahn, d. h. auf einer Minkowskischen Welt-
linie qualifiziert". (LLP, Bd. 3, S. 190).
21 Whitehead-Band (Schilpp-Serie), S. 200.
22 Der Ausdruck "gleichartige Reihe" bezeichnet ein Bezugssystem der speziel-
len Relativitätstheorie. Der Kontext., in dem dieser Ausdruck steht, zeigt, daS
461
Andrew Paul Ushenko
theorie würde er in bezug auf Northrops Beispiel sagen, es gebe keinen aIl-
gemein zugänglichell physikalischen Schall an den Explosionsquellen zu der
"die gleiche Definition der Gleichzeitigkeit" von Einsteins Verfahren unterschie-
den werden muB, mit dem er die allgelnein verbindliche Gleichzeitigkeit inner-
halh eines hesonderen Bezugssystems feststellt (weil in Wirklichkeit die Licht-
signale sich nicht im Vakuum fortpflanzen und darum nur eine Annäherung aD
die konstante Lichtgeschwindigkeit c darstellen, wie eng diese Annäherung sein
möge). Whiteheads Anerkennung der Existenz verschiedener möglicher gleich-
artiger Reihen sogar, wenn Beohachter in relativer Bewegung einander passieren
und daher von der praktisch gleichen Stelle aus für einen Augenblick das gleiche-
Gesichtsfeld hahen, beweist, daB er die allgemein gültige Gleichzeitigkeit nicht
mit der wahrgenommenen Gleichzeitigkeit räumlich getrennter V orgänge identi-
fiziert. Der U nterschied zwischen einûr g)eichartigen Reihe und der damit ver-
bundenen Raumempfindung ers
h
int in genauerer Fassung in dem Buch&
"Process and Reality", und zwar in der Form der Unterscheidung zwischen einem
"Ort des vereinheitlichten Werdens" (mit dem Perzipienten) und dem damit ver-
bundenen "sich darstellenden Ort". Die weitere Ausarbeitung des Gedankens
bringt Whitehead näher an Einstein, wie aus den1 Satz hervorgeht: "So sind die
Orte des ,vereinheitlichten Werdensc, nul' in der Terminologie der aktuellen Ge-
schehnisse der Welt hestimmhar." (Process and Reality, S. 180).
Natürlich gibt es manchen Unterschied zwischen den physikalischen Theorien
Whiteheads und Einsteins, aber ich möchte mich damit hier nicht weiter heschä f-
tigen. J edenfalls glaube ich, daB Whitehead, insofern es si eh um die Abhängig-
keit einer physikalischen Theorie von einer N aturphilosophie handelt, seine Ab-
weichung von Einstein ühertreiht, wenn er seinen Begriff "kontingenter" physi-
kalischer Gesetze, die üher die einheitliche Struktur der Raum-Zeit gelagert sind"
der Auffassung der allgemeinen Relativitätstheorie entgegensetzt, nach der die-
raum-zeitliche Krümmung das V orhandensein von Materie zum Ausdruck hringt.
Wie Whitehead in der Vorrede zu seinem Buch "The Principle of Relativity" zum
Ausdruck bringt, ,vürde seine Forderung nach Einheitlichkeit sowohl durch eine
elliptische oder eine hyperbolische wie auch eine flache Raum-Zeit erfüllt werden..
Ferner kann man von Whiteheads Verlängerung des sich darstellenden Ortes über
den Bereich des Körpers des Perzipiénten hinaus nicht er,varten, daB dadurch die
exakte Struktur der Raum-Zeit im astronomischen MaBstab enthüllt wird. Im
MaBstah terrestrischer Transaktionen j edoch kann die Gültig'keit der euklidischen.
Geometrie innerhalb der Irrtümer der Beobachtung als gesichert geIten. Ander-
seits hat es abel' die allgemeine Relativitätstheorie mit astronomischen Entfer-
nungen zu tun und arheitet auf Grund der Prämisse einer Einheitlichkeit der
Raum-Zeit im astronomischen MaBstab: Der relativistische Physiker nimmt ent-
weder eine einheitliche und statische Verteilung der Nebel oder, wenn er an das
sich ausdehnende Weltall glaubt, regelmäBige Schwingungshewegungen in der
Materie an, die für die kosmische Krümmung verantwortlich sind. Die Idee des
sich ausdehnenden U niversums löscht praktisch die philosophische, hier von uns-
betrachtete Differenz zwischen Whitehead und Einstein aus; denn um aus
H. P. Robertsons Artikel "The Expanding Universe" (Science in Progress..
2. Reihe, S. 166) zu zitieren, diese Idee führt zu "einel' mehr oder weniger einheit-
lichen Schiohtung der Raum-Zeit in Raum und Zeit (wodurch in gewissem Sinne-
eine universale Zeit wieder eingeführt wird). und in dieser ist die Geometrie des.
Raumes eine Kongruenz-Geometrie".
462
Einsteins Einflu13 auf die heutige Philosophie
Zeit, an der ciD entfernter Beobachtcr das Geräusch hört. Der unvermeid-
Hehe SehluB ist also, daB sich Whitehead und Einstein in bezug auf die
spezielle Relativitätstheorie nicht wesentlich widersprechen, jeden£alls
nicht was die Unterscheidung zwischen wahl'genommener und physikali-
scher Gleichzeitigkeit betrifft.
Es ist sicher, daB Einstein auf Whitehead einen auBerordentlichen Ein-
fluB ausgeübt hat. Denn das Prinzip der Unabhängigkeit von Gleichzeitig-
keiten kann exakt nur dann geIten, wenn man Ereignisse im Sinne von Ein-
steins Weltpunkten versteht. Anderseits ist llach Whitehead ein Ereignis
oder ein Perzipient nicht ohne Ausdehnung, sondern unterliegt einem Quan-
turn von Dauel', ist also eine fortdauernde Wesenheit. Wenn die Dauer eines
Ereignisses wie etwa die scheinbare Gegenwart in der menschlichen Erfah-
rung einen abschätzbaren Bruchteil einer Sekunde einnimmt, so können
zwei solche gleichzeitigen Ereignisse physikalisch miteinander verknüpft
sein, vorausgesetzt, daB sie nicht allzu weit voneinnander entfernt sind. Als
Beispiel betrachte man zwei Männer an den entgegengesetzten Enden eines
offenen Feldes. Wenn beide ihre Augen 8nstrengen müssen, urn cinander zu
beobachten, so kann der angestrengte Gesichtsausdruck von jedem der bei-
den wahrgenommen werden; denn der Betrag an Zeit, der für die Ober..
tragung der Lichtbotschaft vom einen zum anderen benötigt wird, hevor
sein Akt als Perzipient beendet ist, kann vernachlässigt werden. Und ob-
wo hl Whitehead in gewisser Weise eine "Passage" von den frühercn zu den
späteren Phasen innerhalb der Dauer einer einzelnen Perzeption zugibt,.
würde er doch nicht sagen ,vollen, daB der Lichtstrahl, der den einen Beob-
achter in einer früheren Phase seiner Wahrnehmung verläBt, erst in einer-
späteren Phase innerhalb der Wahrnehmung des anderen Mannes eintrifft..
Denn diese Ausdrucksweise schlieBt einc Aufteilung in frühere und späterc
Phasen ein, die frühere und spätere Intervalle der physikalischen Zeit
beanspruchen, also eine Aufteilung des Zeitquantums. "Diese genetische-
Passage von Phase zu Phase findet sich nicht in der physikalischen Zeit"23..
Daher rnüssen auf Grund von Whiteheads Prämisse fortdauel'nder Ereig..
Disse gleichzeitige Perzipienten nicht notwendigerweise physika]isch von-
einander unabhängig sein.
4. Dinge und Korrelationen von l/orgängen
"Seit Einstein und noch mehr seit Heisenberg und Schrödinger kann die
physikalische Welt nicht länger so angesehen werden, als ob sie aus bestän-
digen Materieteilchen besteht, die sich in einem dreidimensionalen Raum
bewegen, sondern nur als eine vierdimensionale Manniglaltigkeit von Ereig..
aa Process and Reality, S. 401.
463.
Andre\v Paul Ushenko
nissen in der Raum-Zeit. Die alte Auffassung beruhte auf dem Versuch, den
Begriff der "Dinge", wie ihn der gewöhnliche Menschenverstand hat, für die
Wissenschaft brauchbar zu machen. Die neue Auffassung dagegen ist der
Ansicht, da.B .,Dinge" nicht mehr eiu Teil des fundamentalen Begriffsappa-
rates der Physik sein können . . . Die wesentliche Aufgabe der Physik ist
elie Entdeckung von "Kausalgesetzen", unter denen ich irgend welche Prin-
zipien verstehe, die uns, wenn sie wahr sind, befähigen, etwas, das über
einen bestimmten Bereich der Raum-Zeit ausgesagt wird, auf einen anderen
Bereich oder mehrere Bereiche zu Übertragen"24.
80 hat Russell in kurzer Zusammenfassung die Grundlage der Ereignis-
Philosophie gekennzeichnet. Von da aus liegt sein Weg zum "neutralen
Monismus" ganz klar vor uns, nämlich zu der Behauptung, da.B der Unter-
schied zwischen Geist und Materie funktional und erkenntnistheoretisch,
aber nicht ontologisch ist. Wenn keine Notwendigkeit mehr für den Begriff
der materiellen Dinge besteht, so ist auch ihrer geistigen Parallele, den Din-
gen als Perzipienten, der Boden entzogen. Und wenn die Kausalgesetze
keineswegs aufgehoben werden, wenn ein physikalischer Anreiz eine Wahr-
nehmung verursacht, so brauchen wir nicht anzunehmen, diese Wahrneh-
mung sei fundamental beziehungsweise ontologisch unterschieden von der
physikalischen Wirkung, die der gleiche Anreiz an der gleichen Stelle ver-
ursacht hätte, wenn der Perzipient dort nicht zugegen gewesen wäre.
"Die Theorie, da.B das Wahrnehmen von einer Kette physikalischer Ur-
sachen abhängt, muB ergänzt werden durch den Glauben, da.B jedem Zu-
stand im Gehirn ein gewisser Zustand des Geistes ,entspricht' unt! umge-
kehrt. Wenn also der Zus tand des Gehirns oder der Zustand des Geistes ge-
geben ist, so könnte jeder, der jene Entsprechung in genügender Weise ver-
steht, von dem einen auf den anderen schlie.Ben. Wenn man daran festhält,
da.B es keine kausal ausgelöste W
chselwirkung zwischen Geist und Gehirn
gibt, 80 handelt es sich einfach urn eine neue Form der prästabilierten Har-
monie. Wenn man aber, wie es die Empiristen meistens tun, die Verur-
sachung nur als regelmä.Bige Folge oder regelmäBiges Beisammensein an-
sieht, dann schlie.Bt die gedachte Entsprechung von Gehirn und Geist kau-
sale Wechselwirkung ein"2ó.
Wie dieser Abschnitt zeigt, führt Russell
Kausaltheorie der Wahrneh-
mung zum neutralen Monismus, weil die anderen Erklärungsmöglichkeiten
für Russell "phantastisch" sind, nämlich die Lchre von der prästabilierten
Harmonie und der Begriff einer doppelten Wirkung, das hei.Bt die Auffas-
sung, daB die gleiche physikalische Ursache, die regulär von einern bestimnl-
ten physikali schen Effekt begleitet ist, dadurch auch eine zusätzliche gei-
24 Russell-Band (Schilpp-Serie), S. 701.
26 B. RusselI, "Physics and Experience" (Henry Sidgwick Lecture, Cambridge
University Press, 1945), S. 6.
464
Einsteins Einflu13 auf die heutige Philosophie
stige Wirkung ausübt. Zwar ist die Frage, ob Einstein die Kausaltheorie
der Wahrnehmung annimmt und, falIs er es tut, wie weit er mit Russell
den Weg zum neutralen 1\Ionismus geht, sehr interessant, aber ich vermag
sie nicht zu beantworten. Tatsächlich, und diese Frage berührt mich am
stärksten, bin ich nicht. sicher, ob Einstein unverändert die Grundprinzipien
der El'eignisphilosophien übernehmen würde, wie sie Russell am Anfang
dieses Abschnittes dargestellt hat. Zweifellos stimmen sie in vielem überein:
"Raum und Zeit waren in der vorrelativi
tischen Physik getrenllte We-
senheiten . . . Es wurdp, nicht beachtet, daB das wahre Element der raum-
zeitlichen Beschreibungen das Ereignis sei, welches durch vier Zahlen
x 1, x 2, x 3, t beschriehen wird . . . Mit dem Verlassen der Hypothese vom
absoluten Charakter der Zeit, insbesondere der Gleichzeitigkeit, drängt
sich jedoch die Erkenntnis von der Vierdimensionalität des Zeit- Räl1m-
lichen unmittelbar auf. Nicht der Raumpunkt, in dem etwas geschieht,
nicht der Zeitpunkt, in dem etwas geschieht, hat physikalische Realität,
sondern nur das Ereignis selbst. Zwischen zwei Ereignissen gibt es keine
absolute (vom Bezugsraum unabhängige) räurnliche und keine absolute
zeitliche Beziehung, wohl aber eine absolute (von der Wahl des Bezugs-
raums unabhängige) zeiträumliche Beziehung... Der Umstand, daB es
keine objektiv-sinnvolle Zel'spaltung des vierdimensionalen Kontinuums in
ein dreidimensional-räumiiehes und ein eindimensional-zeitliches Konti-
nuum gibt, bringt es mit sieh, daB die Naturgesetze erst dann ihre logisch
befriedigendste Form annehmen, wenn man sie als Gesetze im vierdimen-
sionalen Raum-Zeit-Kontinuum ausdrückt"26.
Wenn es sich allerdings darum handelt, materielle Dinge ganz zugunsten
von Ereignissen aufzugeben, dann beginnt Einstein zu zögern. Vnd es gibt
natürlich auch keinen einzelnen entscheidenden Grund, warum wir nicht
beide Begriffe, den des V organgs und den des Dinges, bei einer Beschrei-
bung der physikalischen Welt verwenden sollten. Verbindet man aber meh-
rere Gründe Initeinander, wie ich sie am Beginn dieses Ahschnittes ge-
schildert habe, so werden diese doch sehr eindrucksvoll. Die wichtigste
Oberlegung bleiht jedenfalls, daB wir den Begriff "Ding" aufgeben können,
weil für die Relativitätsphysik der Begriff der Ereignisse genügt. Das heiBt,
obwohl die Terminologie der Dingbegriffe nicht ohne die Ereignisse aus..
konlmt, die sich an einem Ding abspielen, erlaubt es die Terminologie der
Ereignisse, einen Sa tz über ein Ding in einen äquivalenten Satz über eine
F olge oder Kette von Ereignissen zu übertragen. Insbesondere wird eine
materielle Partikel in der Sprache der Relativität zu einer Reihe von Welt..
28 A. Einstein, The Meaning of Relativity (Princeton University Pre ss, 1945),
S. 30 f. Hier zitiert nach der deutschen Ausgahe: Albert Einstein, Vier V orlesun-
gen über Relativitätstheorie, gehalten im Mai 1921 an der Universität Pl'inceton,
2. Aufl. mit 4: Abb. Braunschweig 1923, Verlag Vieweg, S. 20.
465
Andrew Panl Ushenko
punkten entlang einer bestimmten Weltlinie. "Es ist kaum korrekt zu
sagen, daB sich eille Partikel in einem Schwerefeld der Erde bewegt; es ist
korrekter zu sagen, daB eine Partikel ein Schwerefeld ist (obwohl nicht alle
Schwerefelder der Erde Partikel sind)"27. Angesichts diesel' Überlegung er-
fordert Einsteins Bedenken gegen die Eliminierung des Begriffes materielIer
Dinge eine nähere Erklärung. Soweit ich sehen kann, hat er dafür zwei
Gründe, einmal die experimentelle Grundlage der Physik, und dann die
fachwissenschaftliche Bedeutung des Begriffes "Ereignis". Beide Gründc
möchte ich getrennt voneinander und etwas ausführlicher behandeln.
Die Physik einschlieBlich der Relativitätstheorie bedarf des Gebrauchs
von Instrumenten wie Uhren und praktisch starren MeBkörpern, die zu
verschiedenen Zeiten und auch bei Ortsveränderung identifizierbar sein
müssen. Vnd, wie es Einstein ausgedrückt hat, "wir sind noch weit davon
entfernt, eine so sichere Kenntnis der theoretischen Prinzipien zu hesitzen,
daB wir eine exakte theoretische Konstruktion fester Körper und Uhren
geben können"28. Einsteins Bemerkung kann bedeuten, daB die Ühertra-
gung von Sätzen über Dinge in Sätze über ursprünglichere Elemente, wie
es Ereignisse sind, zwar wünschenswert, aber im gegenwärtigen Zustand
der Wissenschaft verfrüht wäre. Wenn er nul' das meint, dann gäbe es kei-
nen wesentlichen Widerspruch zwischen ihm und RusselI. In dieseIIl Falle
dürften beide darin übereinstimmen, daB man eine Demarkationslinie zwi-
sehen der Relativitätstheorie, mit Ereignissen als Grundelementen, und der
Metatheorie der Physik (als Medium, durch das die Relativität dargestellt
werden solI), mit einer nul' provisorischen Anwendung des Begriffes ,:,Ding"
ziehen müsse. Doch Einsteins neuere Kritik an Russell zeigt, daB seine ge-
gen,,'ärtige Haltung weniger kompromiBbereit ist: "Abel' im Gegensatz zu
ihm (das heiBt Russells Ansichten) sehe ich keine "metaphysische" Gefahr
darin, das Ding (das Objekt im Sinne der Physik) als einen selbständigen
Begriff zusammen mit der eigentlichen raum-zeitlichen Struktur in das
System aufzunehmen"29. Diese Worte deuten auf eine Ablehnung von
Russells letztem Versuch, den Begriff der Substanzen (einschlieBlich parti-
kulärer Ereignisse) völlig aufzugeben und die Dinge auf Bündel von Quali-
täten zu reduzieren. Abel' Einsteins Motiv für seine Ablehnung scheint eine
Opposition gegen Reduktionen jeder Art zu sein. Wie das folgende Zitat
zeigt, begründet er seine Meinung damit, daB Russell nicht fähig sei, die
Vnterscheidung zwischen zwei Bündeln von Qualitäten, die völlig gleich
sind, durchzuführen, es sei denn, daB er die differenzierenden Raumbezie-
hungen zwischen den Sinnesdaten mit einbezieht: "Die Tatsache, daB man
von zwei Din gen sagt, sie seien ein und dasselbe Ding, wenn sie sich in allen
27 B. RusselI, "The Analysis of Matter" (Harcourt, Brace & Co. 1927), S. 313.
28 A. Einstein, "Sidelights of Relativity" (l\tIethuen & Co. 1922), S. 36.
29 A. Einstein im Russel-Band (Schilpp-Serie), S. 291.
466
Einsteins Einflu8 auf die heutige Philosophie
Qualitäten decken, zwingt uns, die geometrischen Beziehungen zwischen
Dingen als zu ihren Qualitäten gehörig anzusehen. (Andernfalls wäre man
genötigt, den Eiffelturm in Paris und den in New Y ork als ,dasselbe Ding'
anzusehen "30.) Einsteins Kritik beruht hier, soweit ich sehe, auf zwei
Grundmotiven: 1. Ein Ding kann nicht aus einer Reihe von Sinnesquali-
täten konstruiert oder darauf zurückgeführt werden, und 2. geometrische
und wahrscheinlich auch raum-zeitliche Wesenheiten sind keine Sinnes-
daten. Und das führt uns nun zu einer Prüfung des Begriffs der Ereignisse
in dem fachtechnischen Sinn raum-zeitlicher Elemente oder.Weltpunkte.
Ereignisse im Sinne von Weltpunkten haben keine Ausdehnung. Wenn
man diese ausdehnungslosen Elemente der Raum-Zeit nicht aus gewöhn-
lichen und ausgedehnten Ereignissen oder V orgängen konstruieren oder
logisch ableiten könnte, so brächte es keinen V orteil, wenn man die "Dinge"
rür jene opfert. Natürlich erkennt Russell ausdrücklich den Unterschied
zwischen einem Weltpunkt und einem gewöhnlichen Ereignis an: "Die
Punkte der Raum-Zeit haben selbstverständlich ebenso wenig Dauer wie
räumliche Ausdehnung"31. Aber hier erhebt sich eine Frage, in der Einstein
und Russell nicht einig sind: Gibt es einen Weg zu ahstrakten bzw.logisch
abgeleiteten Weltpunkten von Ereignissen aus, die in der Sinneserfahrung
gegehen sind? Die Tatsache, daB sowohl Weltpunkte wie gewöhnliche Er-
eignisse identifizierbar sind, indem man ihnen eine spezifische Lage und ein
ebensolches Zeitmoment zuweist, erlaubt uns die Antwort "Ja". Einstein
aber sagt "Nein". Denn Weltpunkte sind theoretische Konzeptionen, und
Einstein verwirft die Idee, "daB die Grundbegriffe und Grundgesetze der
Physik nicht im logischen Sinne freie Erfindungen des mensehlichen Geistes
seien, sondern daB diese aus den Experimenten durch ,Abstraktion', das
hei.Bt auf einem logischen Weg, abgeleitet werden könnten"32. Das bedeutet
nicht, daB Einstein bestritte, \Veltpunkte oder irgendwelche anderen ,vis-
senschaftlichen Begriffe dienten dazu, beobachtete V orgänge bzw. Sinnes-
erfahrungen in gegenseitige Beziehung zu setzen. Aber seine Idee von Korre-
lation oder was er "Repräsentation" nennt, ist nicht Korrelation im Russel-
sehen Sinne von logischer Konstruktion. Soweit es sieh bei den Begriffen
der Weltpunkte um "Repräsentation" handelt, besteht sie in der ZU8chrei..
bung unterschiedlicher Weltpunkte zu untersehiedlichen Beobachtungen.
Die Zuschreibung erfolgt unter der Bedingung zahlenmä.Biger Überein-
timmung zwisehen den raum-zeitlichen Beziehungen unter den zuge-
8chriebenen Weltpunkten einerseits, und den Beziehungen andererseits, die
durch Ablesungen an Uhren oder Versehiebung von MeBstäben festgestellt
werden, die die repräsentierten Phänomene miteinander -verbinden. Nach
80 A. Einstein im Russel-Band (Schilpp-Serie), S. 290.
81 B. RusselI, The Analysis of Matter, S. 57.
82 A. Einstein, W orld, S. 35; Weltbild, S. 152.
67
Andrew Paul Ushenko
Einstein ist "Repräsentat.ion" von Daten mit Rilfe von Weltpunkten ofJen-
sichtlich eine Ausdehnung von drei auf vier Dimensioncn im Sillne der
üblichen Korrelation zwischen euklidischer Geometrie ulld tatsächlichen
oder möglichen Konfigurationen, wie sie von festen Körpern auf der Erde
in ihren 'Vechselbeziehungcn dargestellt werden: "Feste Körper stehen mit
Bezug auf ihre möglichen Anordnungen im gIeichen Verhältnis wie Körper
in der euklidischen dreidimensionalen Geometrie. Somit enthalten die Sätze
Euklids Behauptungen über die Beziehungen zwischen praktisch starren
Körpern "33. Der U nterschied zwischen Einstein und den Ereignisphiloso..
phen in bezug auf die Rolle, die normale V orgänge in der Konstitution der
Natur spielell, hängt also ab von dem Gegensatz des Verfahrens der "Re-
präsentation" zu denl der logischen Konstruktion. Die Frage ist: welcher
der beiden KorrelationsbegriITe ist der adäquatere?
Nach meiner Meinung hat Einstein Unrecht, wenn er versichert, wissen-
schaftliche BegrifTe wie PUllkte oder Weltpunkte könnten nicht "von der
Erfahrung durch ,Abstraktion " das heiBt mit logischen Mitteln abgeleitet
werden." Die Methode der extensiven Abstraktion (in der Ab]eitung und
der Verwendung, die Russell von Whitehead übernommen hat) kann gerade
das leisten. Beispielsweise wendet Russell im Kapitel 28 seines Buches "The
Analysis of Matter" die Methode der extensiven Abstraktion bei einer er-
folgreichen Konstruktion eines Weltpunktes auBerhalb der Rcihen über-
einander gelagerter normaler Ereignisse aD. Solche I{onstruktionen sollen
dabei ausschlie.Blich auf der Basis beobachtbarer Daten gegeben sein, so wie
eille Reihe ühereinander gelagerter Noten, die nacheinandcr auf der Tasta-
tur des Klaviers angeschlagen werden, und man kann sie aUein mit den
Mitteln der normalen logischen l\{athclnatik aufstellen, das hei.Bt mit Rille
von Begriffen wie "die logische Summe von Klassen", "eine unendliche
Zahl" und so ,veiter. Fe
ner unterliegen derartige KOllstruktionen folgen..
den heiden Bedingungen: 1. Die konstruierten Elemente müssel1 in Wech-
selheziehung stehen, und zwar in Übereinstimmung mit den Theoremen der
entsprcchenden Geometrie; und 2. die Fe8tstellung, daB "ein Bercich der
RauIn-Zeit erschöpfend in Reihen von Punkten aufgelöst werden kann'"
und andere Feststellungen der gleichen Art müssen einen bestimnlten empi-
rischen Sinn in der Begriffswclt der konstruierten Elemente erhalten. Dem-
entsprechend ist die Konstruktion von Punkten oder Weltpunkten mit
Hilfe der Methode der extensiven Abstraktion eine Frage der Semantik
oder Bedeutungslehre. Es ist beim aktuellen Verfahren der Praxis und des
Experiments nicht notwendig, Anweisung zu geben für die Lokalisierung
oder Darstellung eines einzelnen Punktes oder Weltpunktes. Vorausgesetzt,
daB die Methode des Experimentalphysikers technisch korrekt ist, ist die
la A. Einstein, in: "Sidelights of Relativity", S. 32.
468
Einsteins EinfluJ3 aul die heutige Philosophie
Beobachtung, daB dessen Verfahren etwas völlig anderes ist als die exten-
sive Ahstraktion, kein Einwand gegen diese Methode als solche". Freilich
hahen einige Kritiker hier einen Grund zum Widerspruch gesehen. 80
schreiht ZUID Beispiel E. Nagel:
"Russells Definition giht keine Auskunft darüher, in welcher Weise die
Physiker Ausdrücke wie ,Punkt' tatsächlich gebrauchen. Zunächst ist es
sicherlich nicht gewiB, daB die Physiker den BegrifJ tatsächlich für die
Strukturen von Ereignisseu verwenden. Vielmehr verwenden sie ihn ofren-
34 Soweit ich wei.B, hat hisher niemand zu zeigen versucht, da.B die Methode der
extensiven Ahstraktion einen logischen oder technischen Irrtum enthält. Die
ühIiche Kritik erstreckt sich darauf, da.B ein geometrisches, mit Hilfe dieser
Methode konstruiel'tes "Element" nicht heobachthar ist, weil es eine unendliche
Zahl von Bereichen umfa.Bt. Diese Kritik ist nicht stichhaltig. Denn die unbe-
stimmte Zahl (von Bereichen) ist nicht darum möglich, weil das Element heob-
achtbar ist, sondern weil wir hier einen legitimen Begrifl der formalen Mathe-
matik haben. Daruln erfordert die Methode nicht eine tatsächliche Darstellung
",Uer Bereiche, die einen Punkt konstituieren. Die Forderung geht vielmehr dahin,
daB jeder konstituierende Bcreich im Prinzip heobachtet werden kann. In der
Praxis genügt auch eine weniger strenge Bedingung, um auf empirischer Basis
die Konstruktion eines Punktes zu ermöglichen. Das hedeutet, daB die Identifi-
zierung eines bestimmten Bereiches oder Glicdes der kopunktualen Gruppe, d. h.
also innel'halh der Gruppe, die nach der Definition einen Punkt hildet, nicht er-
forderlich ist. Was wir tatsächlich benötigen, ist ein Bild rür die Art des Dinges,
das definiert werden solI. Beispielsweise gibt Whitehead die folgende Illustration
einer ahstraktiven Reihe. "Solch eine Reihe hat die Eigenschaft eines chinesischen
Spielzeugs, das aus eincm Satz von Schachteln besteht, eine in del' anderen, nur
mit dem Unterschied, daB das Spielzeug eine kleinste Schachtel hat, während die
abstraktive Klasse weder einen kleinsten V organg kennt noch einem Grenzvor-
gang zustrebt, der nicht mehr ein Glied der Reihe ist." (Thc Concept of Nature)
S.79f.). Der Unterschied zwischen dem Beispiel und der abstraktiven Reihe
kann nicht näher illustriert werden und braucht es auch nicht, weil er in der Ter-
minologie der reinen Logik und Mathematik völlig berücksichtigt ist. Diese Über-
Jep:ungen erklären, wie ich glaube, E. Nagels Einwand, den er folgenderma.Ben
formuliert: "Unter der Annahme, da.B die V orgänge isoliert worden sind, müssen
zunächst kopunktuale Gruppen von V orgängen gefunden werden. Da allerdings
eine kopunktuale Gruppe eine unbestimmte Zahl von Ereigniszahlen enthalten
kann, wird die Behauptung, eine gegebene Gruppe sei kopunktual, generell eine
Hypothese sein. Die Situation wird nicht leichter, wenn der Physiker zunächst
versucht, diesc kopunktualen Gruppen, die Punkte sind, zu identifizieren. Die
Behauptung, eine Klasse von Ereignissen sei ein Punkt, wird eine Annahnle
(Konjektur) bleiben, für die nur eine äu.Berst unvollkommene Evidenz erzielt
werden kann." (Russell-Band S.344). Nagel übersieht aber dabei die Tatsache,
daB unter der V oraussetzung, eine kopunktuale Gruppe könne als ganze in der
Wahrnehmung gegeben sein, die Erkenntnis bzw. Identifizierung eines Punktes
durch Definition erfolgen würde. Andererseits ist die Tatsache, da.B eine totale
kopunktuale Gruppe in der Wahrnehmung nicht gegeben sein kann, in hezug
auf den Sinn hedeutungslos, d. h. insoweit die vorgeschlagene Definition eines
.Punktes überhaupt sinnvoll ist. Ich glaube nun, da.B me in eigener Einwand gegen
469
Andrew Paul Ushenko
sichtlich in verschiedener Richtung, indem sie ihn in Verbindung mit Kör-
pern gebrauchen, die in der groben Erfahrung identifizierbar sind und deren
Grö.f3e von Fall zu Fall entsprechend den Erfordernissen spezifischer Pro-
bIerne variiert. Bestimmt ist die Anwendung des Begriffes häufig nach-
lässig und vage, und man kann ihre Regeln nicht generell auf präzise Weise
aufstellen. Aber Ungenauigkcit und Nachlässigkeit sind Tatsachen, denen
eine Philosophie der Wissenschaft ins Auge sehen mu.f3, und man kann sie
nicht durch einen vielleicht geistvollen, aber im Kern nichts besagenden
V orschlag umgehen, wie man den Ausdruck verwenden 8ollte"35.
Wie weit Nagels SchuB daneben trifft, wird sofort klar, wenn wir be-
haupten, daB Russells Philosophie der Wissenschaft die Tatsachen, auf die
Nagel anspielt, scharf ins Auge fa.f3t. So lesen wir bei ihm:
"Manchmal könnte es scheinen, als ob die ganze Erde als ein Punkt ge-
nommen werden kann. Jedenfalls tut das ein physikalisches Laboratorium
in der Praxis, wenn man den Autoren der Relativitätstheorie folgt . . . Die
Tatsache, da.f3 eine solche Ansicht in den Diskussionen über Relativität
Überhaupt vertreten ,vird, macht es unmöglich zu präzisieren, was mit der
Behauptung gemeint ist, da.f3 zwei V orgänge den gleichen Punkt einnehmen
oder da.f3 sich zwei Weltlinien schneiden"36.
Aber wenn Nagel einräumt, da.f3 "die Anwendung des Begriffes häufig
nachlässig und vage ist", so meint er damit doch nicht, daB man den Sinn
des Begriffes "Punkt" nicht zu präzisieren brauche. Nagel übersieht die
theoretische N otwendigkeit für eine Präzisierung des Sinnes, wenn sich der
Physiker mit der Korrelation von Sätzen befaBt, die zu verschiedenen Zwei-
gen der Physik gehören. Ein Beispiel : Man mu.f3 unbedingt Präzision ver-
langen, wenn ein Relativitätsphysiker behauptet, sein eigener Satz: "Zwei
Weltlinien schneiden sich in einem Weltpunkt" und das Quantenprinzip:
"Eine gleichzeitige Spezifizierung eines Weltpunktes einer Partikel einer-
\Vhiteheads Definition eines Punktes, nämlich die Beobachtung, daB wir nicht
einmal einen Teil der geforderten abstraktiven Reihe darstellen können, weil
dies ei ne vorherige Bekanntschaft mit Punkten und anderen exakten geometri-
sehen Figuren wie etwa Reihen konzentrischer Kreise voraussetzt (vgl. "Power
and Events", Princeton University Press, 1926, S. 251 f.), nicht richtig war oder
\venigstens der Verhesserung hedarf. Denn selbst wenn die Präzision des Ein-
schlusses nur durch eine Konfiguration von der Art einer Reihe konzentrischer
Kreise exemplifiziert werden kann, so verlangt die Definition zu ihrem Verständ-
nis undihrer empirischen Rechtfertigung zwar eine Illustration, aber keine Exem-
plifizierung. Mit anderen Worten, Whiteheads Definition ist eine begriffliche hzw.
logische Konstruktion. Wenn wir ferner daraul bestehen, daB wir es mit Ereig-
nissen von ungleicher Gestalt zu tun haben, so können wir Russells alternativel'
Definition folgen, ohne die Anwendung der Methode der extensiven Abstraktion
als soIche aufgeben zu müssen.
36 E. Nagel im Russel-Band (Schilpp-Serie), S.3!i4f.
88 B. Russell, The Analysis of Matter, S. 57.
470
Einsteins EinfluJ3 auf die heutige Philosophie
seits uud seiner Bewegungsgrö.Be und Energie andererseits ist unmöglich",
seien nicht völlig unzusammenhängende Thesen 37 . Der Anhänger der Rela-
tivitätslehre mag dann beachten, da.B er in seiner eigenen Praxis ent-
spreehend dem Charakter des jeweiligen Problems mit einer Annäherung
an den präzisen Sinn arbeitet, der durch die Methode der extensiven Ab-
straktion empirisch gerechtfertigt wird. Tatsächlich wäre Nagels Bezeich-
nung der Praxis als "nachlässig und vage" sinnlos, wenn er eine sukzessive
Annäherung an präzise Aussagen überhaupt nicht zulassen wollte. Erfolge
in der Praxis, so",eit es sieh um Korrelation und V oraussage von Beobach-
tung handelt, wären das gröBte Mysterium, wenn die Anwendung des Be-
griffes "Punkt" willkürlich und durch genaue Sinnbestimmungen nicht
kontrolliert wäre. Das gilt in dem Ma.Be, in dem 'sieh die Präzisionsmessung
in der Praxis als abhängig von der spezifischen Natur des betreffenden Pro-
blerns erweist. Einstein ist selbst sehr bereit, den Erfolg anzuerkennen, mit
dem wissenschaftliche Begriffe auf die Erfahrung angewandt werden, aber
als ein Geheimnis, das .,wir nie verstehen werden"38. Für einen Philosophen
jedoch bedeutet ein '\vissenschaftstheoretisches Geheimnis ein Versagen in
der Analyse. Während so Einstein auf Seite 23 von "The World as I see it"
in bezug auf das Verhiiltnis z'\vischen theoretischen Prinzipien und Phäno-
menen sagt: "Das beschreibt Leihniz so glücklieh als ,prästabilierte I-Iarmo-
uie'" erscheint RusselI der Begriff einer prästabilierten Harmonie als "phan-
tastisch"39. Dnd im Falle der Beziehung zwischen dem theoretischen Begriff
"Punkt" und dem beobachtbaren Phänomen hat der Philosoph das Geheim-
nis mit Hilfe der Methode der extensiven Abstraktion tatsächlich aufgelöst.
Die Streitfrage zwischen Einstein und der Ereignisphilosophie ist trotz
allern noch nicht geregelt. Denn wir dürfen die Tatsache nicht übersehen,
daB Weltpunkte Elemente innerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums sind.
Und wenn das letztere ein Begriffsschema beziehungsweise eine Ordnung
bedeutet, die nicht aus der Welt der Erfahrungen abgeleitet werden kann,
und daher gilt, in Einsteins eigenen Worten: "Nur der Erfolg bezüglich der
Her
tellung einer Ordnung der Sinneserlebnisse entscheidet"40, dann führt
die Abstraktion eines isolierten Weltpunktes von einer Reihe gewöhnlicher
Ereignisse zu keinerlei Folgerungen. Diese Betrachtung wirft nun aber das
Problem des ontologischen Status der Raum-Zeit auf.
3'7 Ich kann der Versuchung nicht ,viders tehen, zu der dieses Beispiel einen
Philosophen verleitet, und will daher dem berufsmäl3igen Physiker in der An-
merkung eine Frage stellen: Steht das in dies er Dal'stellung zitierte Quanten-
prinzip im Gegensatz zu der Gleichung der allgemeinen Relativitätstheorie, nach
der der "Krümmungs"-Tensor gleich ist dem "Materie"-Tensor?
88 "Physics and Reality", Franklin Institute J ournal 1936, S. 351.
89 B. RusseIl, Physics and Experience, S. 6.
40 "Physics and Reality", S. 351. Deutsche Fassung im gleichen Bande, S. 315.
471
Andrew Paul Ushenko
ó. Das Problem der Raum-Zeit
"Die Raum-Zeit, so wie sie in der mathematischen Physik erscheint, is t
oiIensichtlich ein künstliches Gebilde. Das heiBt, eine Struktur, in der die
Bestandteile der Welt in einer Weise zusammengesetzt werden, wie es dem
Mathematiker am besten paBt"41. Man spürt sofort, wie Russells Behaup-
tung über Einsteins semikantianisches Begriffssystem hinaus ZUID Positivis-
mus oder Konventionalismus führt. Um Einsteins vergleichsweise konser-
vativen Standpunkt richtig abschätzen zu können, dürfen wir uns nicht
durch Sätze wie den vom "fiktiven Charakter der Grundlagen seines Sy-
stems"42 in die Irre führen lassen. Diese dienen doch nur dazu, die Bedeu-
tung der schöpferischen Intelligenz des WissenschaftJers für die Förderung
der El'kenntnis zu unterstreichen. Man mu.B sie daher in Verbindung mit
der Einsteinschen Erklärung sehen: "Mit dieser Freiheit (der Wahl) ist es
aber nicht weit her; sie ist nicht ähnlich der Freiheit des Novellendichters ;
sondern vielmehr der Freiheit eines Menschen, dem ein gut gestelltes W ort-
rätsel aufgegeben ist. Er kann zwar jedes Wort als Lösung vorschlagen,
aber es gibt wohl nur eines, welches das Rätsel in allen Teilen wirklich auf-
Iöst"43. Der Begriff der Raum-Zeit ist ausgezeichnet dazu geeignet, Ein-
steins wissenschaftstheoretisehe Haltung zu illustrieren. Die Wah]freiheit
des Forsehers kommt in der Konstruktion eines gekrümmten vierdimensio-
nalen Kontinuums vollständig zum Ausdruek, da ihm keinerlei Erfahrung
diese Idee vorschreiben kann. Trotzdem ist seine Erfindung eine Intuition
und damit die Entdeckung einer objektiven physikalischen ReaJität. Die
raum-zeitliche Invarianz steIlt das Wort bereit, das das Rätsel der abwech.
seInden Differenzierung zwischen Raum und Zeit innerhalb der Bezugs-
systenle Iöst, die zueinander in relativer Bewegung stehen.
Diese Denkweise erw
ist die Invarianz als das letzte entseheidende Kri-
terium der physikalischen Realität. In Übereinstimmung mit diesem Krite-
rium werden variabIe oder alternierende Perspektiven einer Unterscheidung
von Raum und Zeit auf den Stand von Schattenwesen verwiesen. V on da
aus ist Einsteins Bestätigung des Wortes von Minkowski zu verstehen, da.B
"von nun an Raum an sich und Zeit an sieh zu Schatten aufgelöst werden
und nur noch eine Art Einheit dieser beiden eine wirkliehe Gestalt an-
l1immt." NatürIieh ist die Art von Scheingestalt für eincn Empiristen wie
Russell unannehmbar; denn sie beginnt damit, die Physik auf der Evidenz
von Beobachtungel1 innerhalb des irdischen Bezugssystems unter Tren-
nung VOD R aum nnd Zeit anfzubauen und endet nur damit, metaphysische
41 B. RusselI, The Analysis of Matter, S. 376.
42 A. Einstein, World, S. 34; Welthild, S.152.
48 Physics and Reality, S. 353. Deutsche Fassung (im gleichen Bd. 221 des
Franklin-Institute Journal, S.318).
7
Einsteins EinfluB auf die heutige Philosophio
Zweifel an der Realität der letzteren aufzuwet'fen. Und um dem Einflu.B der
Physiker entgegenzuwirken, hat RusselI behauptet, die Raum-Zeit, wie Bie
in der mathematischen Physik erscheint, sei cin künstliches Gebilde. Aber
Russells Bemerkung bedeutet nicht, daB er die Existenz der Raum-Zeit
überhaupt verwirft. Er vertritt im Gegenteil eine Unterscheidung zwischen
der künstlichen mathematischen und möglicherweise metrischen Struktur
der Raum-Zeit in der Relativitätsphysik einerseits und der Raum-Zeit als
dem ph)'sikalischen Medium andererseits, in das gewöhnliche EJ'eignisse ein-
gebettet sind und ohne das keine kontinuierlichen (und daher nicht zu he-
obachtenden) Kausalketten VOD der AuBenwelt zu den aktueIlen Perzep...
tionen denkbar wären. Als ein Medium für Ereignisse und Perzeptionen ist
die Raum-Zeit nicht weniger real als diese Ereignisse und Perzeptionen
selbst, wenn auch ihre Realitäts-Modi verschieden sein mögen. In ihrer
Eigenschaft als Medium liefert die Raum-Zeit unterschiedliche Gescheh-
nisse in der Welt mit unterschiedlichen, sich gegenseitig ausschlieBenden
Bereichen. Diese Tatsache der AusschlieBlichkeit, die im Experiment durch
den Gegensatz zwischen dem "jetzt" beziehungsweise "hier" und allem,
was sich "anderswo" abspielt, gekennzeichnet ist, ist mehr als ein geistiger
Akt, der Beobachtungen in I{orrelation setzt, wie einheitlich auch der Mo-
dus ihres Seins sein mag. RusselI äuBert sich über diese Auffassung der
Raum-Zeit ausführlicher in einer anderen Feststellung, wo er sie sich zu
eigen macht: "Ich glaube, man muB auch annehrnen, daB sich ein Ereignis
über eine begrenzte Ausdehnung der Raum-Zeit erstreckt, aber üher diesen
Punkt schweigt die Theorie, soviel ich weiB "44. Wie diese W orte zeigeIl, er-
scheint RusseIl die Identifizierung der Raum-Zeit mit einem Medium aus-
gedehnter Ereignisse so natürlich, daB er sie als einen Teil der Relativitäts-
theorie anzusehen bereit ist, obwohl er die Frage selbst offen läBt. In Wirk-
lichkeit gibt es aber natürlich eine solche Frage gar nicht. Wenn man die
Relativitätstheorie mit Einsteins Haltung identifizieren darf und wenn
meine Deutung Einsteins im Kern richtig ist, so hat sich die Theorie darü-
ber keineswegs ausgeschwiegen, sondern sie verwirft vielmehr Russells An..
nahme. Die eigentliche Frage ist die : Was läBt sich für und gegen den Be-
grift der Raum-Zeit als eines Mediums sagen?
Ein Vertreter der Relativitätslehre mag gegen Russells Unterscheidung
zwischen der ontologischen Basis eines Raum-Zeit-MediuDls und dem
mathematischen Überbau, einem künstlichen Gebilde, folgendes einwen-
den: Entweder hat das hypothetische Medium von Ereignissen eine be-
stimmte innere Struktur oder nicht.
Bei Russells realistischen Prämissen muS die zweite Alternative einer
nicht determinierten Raum-Zeit als ausgeschlossen erscheinen. Wenn aber
44 B. Russell, Thc Analysis of Matter, S. 57.
473
Andrew Paul Ushenko
die Raum-Zeit eine Struktur hat, dann müssen mathematische und metri-
sche Spezifizierungen in der Relativitätsphysik, wenn sie nicht mehr sein
sollen als ein Märchen, ein bestimmtes AusmaB von Übereinstimmung
mit dieser Struktur haben. Vnd darum ist die Raum-Zeit der mathemati-
schen Physik jedenfalls, soweit diese Übereinstimmung reicht, kein
künstliches Gebilde. Das Argument ist iiberzeugend und erlaubt nur zwei
Auswege.
Der eine ist der Weg Einsteins und nähert sich stark dem Russells, und
zwar wegen der Ablehnung des Mediums ausgedehnter Ereignisse als einer
unabhängigen physikalischen Realität, das hei.Bt unabhängig von der
mathematischen Konstruktion des Forschers. Einstein kann die konven-
tionellen oder fiktiven Züge der mathematischen Raum-Zeit zulassen, ohne
die Frage der Übereinstimmung mit einem gIeichsam ontologischen Wider-
part aufzuwerfen. Er muB freilich für diesen V orteil einen hohen Preis be-
zahlen. Es bleibt das Geheimnis, wie er es sehen muB, einer erfolgreichen
Vorhersage. Vnd abgesehen von diesem Geheimnis kann die Anwendung
der begrifflichen Ordnung der Raum-Zeit auf die Tatsachen nur bedeuten,
daB die physikalischen Ereignisse, wenn sie sich selbst überlassen bleiben
nnd frei sind von dem theoretischen Eingreifen durch den Forscher, gegen-
seitig voneinander getrennt sind 45 .
Die zweite Alternative, die für Russell annehmbar erscheint, faUs sein
V orurteil gegen die Idee der Potentialität nicht zu stark ist, rechnet mit
dem Medium der Ereignisse und hält es im Gegensatz zu der determinierten
oder spezifischen Struktur der mathematischen Raum-Zeit eher für pla-
stisch oder determinierbar als fixiert und bereits völlig spezifiziert. Diese
Alternative leugnet, daB das Medium der Raum-Zeit eine fertige, im voraus
etablierte Wirklichkeit ist, von der die mathematische Raum-Zeit nur eine
hegrifIliche Kopie beziehungsweise Wiederholung wäre. Die Behauptung
geht dahin, daB dies es Mèdium in einem Zustand der Disposition oder Po-
tentialität existiert, urn dann im Begriff oder in der Beschreibung auf ver-
46 leh möchte hier noch auf eine frühere Bemerkung üher Einsteins Wissen-
sehaftstheorie eingehen. Wenn wir zwischen einer apriorischen Bedeutung und
der Wahrheit uIlterscheiden, können wir sagen, daB Einstein in der Nachfolge
Kants die apriorische Bedeutung der wissenschaftlichen Begriffe und Theorien
annimmt, während er in Ühereinstimmung mit den Positivisten behauptet, daB
die Wahrheit in der Wissenschaft a posteriori durch den Erfolg der V oraussage
erwiesen wird. Somit ist Einstein kein Positivist. Ein solcher fragt nach dem
wahren Sinn einer empirischen Feststellung, die zugegebenerweise aus der Er-
fahrung nicht durch Ahstraktion, Induktion oder irgend ein anderes logisches
Mittel ahgeleitet werden kann. Ferner verläBt sich Einstein zusätzIich zum prag-
Inatischen Kriterium der erfolgreichen V oraussage ofTenbar auf die apriorische
Intuition, daB die annehmbare Theorie die bestmögliche Annäherung an die
Grenze der absoluten Wahrheit darstellt. "
474
Einsteins EinfluB auf die heutige Philosophie
schiedene Weise spezifiziert werden zu können; die mathematische Raum-
Zeit der Relativität wäre dann eine solche Spezifizierung. Diese Auffas-
sung erlaubt es uns, die Einzelheiten der mathematischen Spezifizierung
zu behandeln bis zur Grenze, jenseits derer keine Spezifizierung mehr mög-
lich ist, und zwar als eine Sache der Konvention. Zugleich können wir ein
bestimmtes MaB der Übereinstimmung zwischen Theorie und physikali..
scher Realität erkennen, und zwar in dem FalIe, daB die theoretisch zu
spezifizierende Disposition nicht durch die nachfolgende Theorie tatsäch-
lich verfälscht worden ist. Andererseits hindert der Mangel an Spezifizier-
barkeit oder Verwirklichung das Medium der Ereignisse nicht, diese mit...
einander unabhängig von der noch hinzukommenden und ihr vorausgehen-
den Korrelation zu verbinden, und zwar durch ei ne mathematische Kon-
struktion, die aus dem Geiste des Mathematikers stammt. Ich möchte
diesen Punkt zunächst durch eine dreidimensionale Analogie zu einer Situa-
tion in der Raum-Zeit illustrieren. Nehmen wir an, ein Kegel befinde sich
in Ruhe in einem Bezugsraum, in dem zwei Beobachter tätig sind. Der eine
nimmt den Kegel von der Seite in Form eines Dreiecks wahr, der andere
von unten in Gestalt eines Kreises. Die dreidimensionale Gesamtgestalt des
Kegels steIlt sich keinem der zwei Beobachter im Augenblick der Wahr-
nehmung dar. Ja noch mehr, die Gesamtgestalt kann nicht der Wirklich-
keit entsprechen und der Wahrnehmung unterliegen, weil jede tatsächliche
Wahrnehmung die Gestalt eines Kreises oder eines Dreieckes ausschlieBen
bcziehungsweise mit ihr unvereinbar sein würde. Es bleibt uns offenbar
keine andere Wahl als zuzugeben, da.B der Kegel im Gegensatz zu seinen
alternativen tatsächlichen Aspekten, als Kreis oder als Dreieck, im Zustand
der Disposition oder Potentialität existiert. Man kann a uch sagen, der
Kegel steIlt die Disposition oder Kraft dar, unter einer Perspektive den
Aspekt eines Dreiecks und unter anderer Perspektive beispielsweise den
eines Kreises zu bieten, wobei beide miteinander verbunden sind. Die alter-
nativen Aspekte schlieBen einander als tatsächliche Beobachtungen aus
(kein Beobachter kann sie beide zu gleicher Zeit haben), aber als Beobach..
tungsgegenstände, das heiBt in ihrer Fähigkeit, unter verschiedenen Per-
spektiven zu erscheinen, sind die beiden Aspekte miteinander verknüpft
und koexistieren. Natürlich kennen wir auch die mathematische Formel,
mit der wir in unserem Geiste die verschiedenen perspektivischen Aspekte
des Kegels in Korrelation setzen können. Aber die Formel kann buchstäb-
lich weder für den Kegel noch für seine Aspekte irgend etwas Entscheiden-
des hinzufiigen, nnd das Wesentliche an der geistigen Korrelation ist die tat...
sächliche Übereinstimmung mit der vorhergehenden Korrelation, selbst
wenn diese nicht mehr bedeutet als die Disposition beziehungsweise Kraft,
in alternativen Aspekten aktualisiert zu werden.
Nun kommen ,vir zu der Analogie in der Raum-Zeit. Alternativc Bezugs-
475
Andrew Pau) Ushenko
systeme, die sich gegenseitig zueinander bewegen, lieferD alternative aktu..
elle Aspekte auf den gleichen Bereich der Raum-Zeit. Diese alternativen
Aspekte sind ko-exklusiv, weil jeder einen anderen Weg darstellt, den Raum
von der Zeit zu trennen. Wiederum gibt es hier mathematische Formeln,
nämlich die Transformationsgleichungen der Relativität, die uns erlauhen,
die verschiedenen Systeme von Raum nnd Zeit in Korrelation zu setzen.
Aber wiederum müssen wir annehmen, daB das ontologische Gegenstück
der mathematischen Korrelation dieser vorausgeht. Die Frage ist: Welches
ist das Minimum an Bedingung, der das ontologische Gegenstück genügen
mu.B? Eines ist ganz klare Zum mindesten ist diese eine Disposition bezie-
hungsweise Kraft, ganz gleich, ob auch noch andere Dispositionen vor-
handen sind, urn eine Mannigfaltigkeit von Raum-Zeit-Systemen zuzu-
lassen. Dazu kommt noch eine andere Überlegung. Um alternative Tren-
nungen zwischen Raum und Zeit zu ermöglichen, muB die fragliche Bereit..
schaft neutrale oder unparteiische Grundlagen für alle von ihnen liefern
(wie übrigens schon der Ausdruck "Medium" in angemessener Weise be-
sagt), und das kann nur bedeuten, daB das Medium der Potentia]ität als
eine Verschmelzung von Raum und Zeit besteht. Die Logik, die uns zur
invarianten Raum-Zeit als einem 1\1edium rür eine variabIe Differenzierung
zwischen Raum und Zeit führt, hängt otlensichtlich nicht von der Relativi-
tätstheorie ab, höchstens insoweit es sich um den Begriff alt erna ti ver
t'aumzeitlicher Systeme handelt. Auf jeden Fall führt uns die Logik
nicht notwendig zu den mathematischen Einzelheiten in bezug auf die
physikalische Raum-Zeit. Somit sind wir in der Lage, die meines Erach.
tens Russellsche Unterscheidung zwischen der ontologischen Basis und dem
konventionellen Überbau, dem künstlichen Gebilde, der Raum-Zeit an-
zunehmen.
Die Behauptung, die Raum-Zeit sei ein Feld der Potentialität beziehungs-
weise Kraft, mag als solche für Russell unannehmbar sein 46 . Aber auch von
46 Eine Gedankenreihe abel' führt Russell zu dem, was er "ideale" Elemente der
Realität nennt, die von Elementen der Potentialität offenbar nicht wesentlich ver-
schieden sind. Ich denke dabei an seine Theorie der unheobachteten Aspekte
innerhalh einer Kausalkette, die in der Perzeption eines materiellen Dinges endet.
Um einen unheobachteten Aspekt zu beschreihen, verwendet Russell den Begri(f
"i deal" mit einem V orhehalt, der gegen den Phänomenalismus gerichtet ist, näm-
lich: "das einzige, was wir ahlehnen, ist die Ansicht, daB ,ideale' Elemente unreal
sind." (The Analysis of Matter, S. 215). Die Verwendung des Ausdrucks "ideal'''
um die Realität zu bezeichnen, wäre sehr merkwürdig, wenn es sich für Russell
nicht um die Art von Realität handelte, die wie die Potentialität hzw. die Kraft
mit der aktuellen Beohachtung kontrastiert wird. Andel'erseits hat RusselI in
seinem späteren Werk "An Enquiry into Meaning and Truth" eine Theorie der
Einzel(linge vorgeschlagen, die jedes substantielle 1tfedium, ganz gleich ob aktuell
oder potentielJ, üherflüssig macht. ,.
476
Einsteins EinfluB auf die heutige Philosophie
Whitehead ist diese Behauptung nicht abgeleitet. \Vhitehead charaktcri-
siert das "extensive Kontinuum" der physikalischen Raum-Zeit als "das
allgemeinste Schema der realen Potentialität"47. Und aueh dicse Charakteri-
sierung genügt noch nicht, urn eine Übereinstimmung Init Whitehead fest-
zustellen, denn er spricht sich, selbst im Zusammenhang seiner weiteren
Darlegungen, nicht genügend klar aus. Nach \\llitehead erfordert die Klat'-
heit, da.B "jede Wesenheit ein spezifisches Beispièl für eine Kategorie der
Existenz sein muB"48; aber er versäumt es, sowohl das extensive Konti-
nuum wie die Potentialität unter einer von seinen acht Kategorien der
Existenz zu klassifizieren. Das extensive Kontinuum kann trotz White-
heads eigenem Terminus "Schema" und E. McGilvarys Interpretation 48
nicht als ein ewiges Objekt, eine platonische Form verstanden werden;
denn, wie Whitehead selbst ausgesprochen hat 50 , ewige Objekte sind nichts
anderes als reine oder allgemeine Potentialitäten, während die Raum-Zeit
anzusehen ist als "die erste Determinierung der Ordnung, das hei.Bt der
Ordnung einer realen Potentialität, die aus dem generellen Charakter der
Welt hervorgeht." Wenn wir die übrigen Kategorien der Existenz naehein-
ander durehprüfen, so können wir sehlie.Ben, da.B nur die Kategorie der
"Propositioll", und zwar in Whiteheads besonderem Sinn der "Tatsache in
potentielIer Determination", geeignet erscheillt, urn sie in die Beschreibung
des extensiven Kontinuurns mit aufzunehmen. Und wenn diese Schlu.f3-
folgerung riehtig ist, dann ist Whiteheads extensives Kontinuum ein Aspekt
der Aktualität, und zwar ein Aspekt, der durch Abstraktion entweder be-
grifflieh oder wahrnehInungsmäBig von dem "sieh darbietenden Ort" ab-
geleitet werden mu.B. Ein Aspekt der Aktualität ist natürlich etwas anderes
als das Medium der Potentialität. Andererseits zeigt Whiteheads Weigerung,
Einstein über die Grenze der spezieHen Relativitätstheorie hinaus zu folgen,
daB er sich unserer Unterscheidung zwisehen der Raum-Zeit und deren
Dlathematischer Spezifizierung anschlie.Ben würde.
Die vorgeschlagene Unterscheidung erlaubt uns, auf der Basis der Be-
obachtbarkeit unmittelbar den Begriff des Mediums der Ereignisse und
mittelbar den mathematischen Begriff der relativistisehen Raum-Zeit zu
rechtfertigen. Wir erkennen an, daB die Raum-Zeit als Ganzes, ganz gleich
ob mathematisch oder andersartig gefaBt, jenseits der Erfahrung steht. Und
wir wissen, daB das "gekrümmte" Kontinuum der allgemeinen Relativitäts-
theorie aueh in einzelnen Teilen nicht wahrgenommen werden kann. leh
möchte also zugeben, daB das Erfahrungsfeld des Perzipienten mit einem
besonderen Bezugssystem zusammenfällt, in dem Raum nnd Zeit getrennt
47 A. N. Whitehead, Process and Reality, S.93.
48 a. a. 0., S.27.
48 Whitehead-Band (Schilpp-Serie), S. 239.
60 Ebenda S. 90 f.
471
Andrew Paul Ushenko
vorkommen. Aher eiD Blick auf die Welt der Dynamik, eÎnen1 Ausschnitt
aus der vierdimensionalen Wirklichkeit, ist für die Wahrnehmung nichts
Unnormales oder Ungewöhnliches. Denn auch in einem Bezugssystem, in
dem Raum und Zeit getrennt sind, ist ihre Vereinigung in gewissem MaJ3e
durch die Perzeption einer gewissen dynamischen Gestalt wiederherge..
steIlt, deren Darstellun
nicht in einer hegrenzten Gestalt gleich einem
Schnappschu.B gegeben werden kann, da sie die vollständige Durchfüh-
rung eines Verlaufs oder einer Bewegung erfordert. Die Gestalt einer
wehenden Flagge zum Beispiel ist wahrnehmbar, aber nur während der
Periode einer andauernden Erfahrung. Ähnlich wäre es mit der Gestalt
eines Tanzes. Gelegentlich mögen wir sogar den vierdimensionalen
Schnitt z
eier verschiedener Bezugssysteme wahrnehmen, wenn wir ge-
rade an heiden t
ilnehmen. \V'hitehead gibt ein Beispiel für diese Mög-
lichkeit:
Wenn eine Menge von Vorgängen, die wahrgenommen "rerden, auch für
eine Dauer auBerhalb des Vorgangs im Perzipienten ko-gredient (wörtlich:
zusammenschreitend) bleiben, dann kann die Wahrnehmung ein doppeltes
BewuBtsein der Kogredienz enthalten, nämlich das BewuBtsein der Ganz-
heit, innerhalb derer der Beobachter im Zuge "hier" ist, und das BewuBt-
sein der Ganzheit, innerhalb derer die Bäume und Brücken und Telegra-
phenstangen definitiv "dort" sind. SI
Solche Ausschnitte aus der vierdimensionalen Erfahrung bilden, wie ich
wiederholen möchte, eine unmittelbare Evidenz zugunsten eines deter-
minierbaren oder spezifizierbaren Mediums der Raum-Zeit. Während wir
aber zwei Dinge in Korrelation setzen können, von denen beide der Spezi-
Jizierbarkeit erruangeln, können wir nicht glauben, daB eine nornlale Logik
je eine Korrelation zwischen den unbestimmten und fragmentarischen dy-
namischen Manifestationen einerseits und der präzisen Spezifizierung der
Raum-Zeit anderseits herstellen könnte. Unter solchen Umständen er-
scheint "reder Einsteins Methode der "Reprä.,entation" noch Whiteheads
Methode der extensiven Abstraktion als dienlich. Die Frage ist die, ob es
verschiedene Methoden der Korrelation gibt.
Das el'lorderliche Prinzip der Korrelation kann die Kluft zwischen der
tatsächlichen Indeterminiertheit und der theoretischen Präzision über-
hrücken. Wir können danach eine Art Idealisierung erwarten, allerdings
nicht die übliche Art von Idealisierung, die durch ihre Verwicklung in Will-
kür, Dogmatismus und Wunschträume diskreditiert worden ist. Mit dem
nötigen geistigen V orbehalt wollen wir versuchen, im folgenden ein Prinzip
legitimer Idealisierung aufzustellen. Eine theoretische Auffassung ist dannt
und nur dann empirisch gerechtfertigt, wenn eine bestimmbare Erfahrung,
51 A. N. Whitehead, The Concept of Nature, S.111.
478
Einstcins EinfluB auf die hcutige PhiloHOphi(,
cin Sinnesdatum oder eine Perzeption, nicht spcz ifisch od.
l' ui('ht gonau
genug ist, urn dem Beobachter zu ermöglichen, sein Versagen f.(I'undsiitzlich
zu verstehen. Urn die Funktion unseres Prinzips zu illustriereu, \\'ollen wir
Euklids Begriff eines ausdehnungslosen Punktes bctracht(
II. Entgegcn
Whiteheads Kritik der Begrifflichkeit, wonach es nichts in dCI' Nalul' gibt,
das bei genauerem Zusehen nicht einen gewissen Betrag von Ausdehnullg
enthält, können wir sagen, daB eine Wahrnehmung ein 1'eil der Notu!' ist
und daB die Wahrnehmung eines Pünktchens nicht genügend bestimmt ist,
urn sie positiv von einem ausdehnungslosen Punkt unterscheiden zu kön-
nen. V\T enn wir aus einiger Entfernung auf eine Ecke dieser Buchseite
sehen, so ist es uns nicht möglich, innerhalb der visuellen Gegebenheit einc
Länge, Breite oder Tiefe zu unterscheiden. So wie wir diese Ecke sehen, ist
sie kein absoluter Gegenbeweis gegen das Ideal Euklids. Ein anderes Bei-
spiel: Wir betrachten eine Landkarte in ihrem Verhältnis zu unserer Wahr-
nehmung der Gegend. Während wir die StraBe entlangfahren, empfinden
wir die Kal'te als eine Idealisierung, weil wir in ihr keine Wiedel'gabe der
kleineren Kurven oder anderer wahrnehrnbarer Einzelheiten finden. Aber
wir nehmen die Idealisierung als legitim an, weil wir wissen, daB die \Vahr-
nehmung der StraBe unter bestimmten Wahrnehmungsbedingungen, zum
Beispiel wenn wir von einem Flugzeug heruntersehen, nicht mehr so genau
und bestimmt sein könnte, daB sie im Gegensatz mit der Zeichnung auf del'
Karte stände. Ähnlich ist es mit der mathematischen Auffassung der
Haum-Zeit. Wenn keine andere Methode als die "Repräsentation" oder die
"extensive Abstraktion" zur Verfügung stände, so wären Einzelheiten der
mathematischen Auffassung wie die "Krümmung" wirklich ein künst-
liches Gebilde. Das Prinzip der legitimen Idea.lisierung abel' erlaubt uns,
die Sache anders anzusehen. Die Raum-Zeit-"Krümmung" ist ein empi-
risch gerechtfertigter Begriff, so lange als die Skala der nlenschlichen Wahr-
nehmungen, verbunden mit der unvermeidlichen MeBungenauigkeit, inner-
halb des Experimentierfeldes einen Rand von Unbestimmtheit hinterläBt,
der UllS keine positive Entscheidung zugunsten eiller £lachen oder einer
kleinen Krümmung erlaubt. Hier wie auch sonst kann das Prinzip der legi-
timen Idealisierullg nur ein zwiespältiges Ergebnis gestatten. Die gleiche
empirische Evidenz rechtfertigt sowohl den Begriff der "Kriimmung" wie
den der Flächigkeit. Was im einzelnen Fall gerechtfertigt ist, das ist Sache
der Auffassung und nicht der "Wahrheit". Wenn der Forscher eine ge-
krÜlnmte Raum-Zeit vorzieht., so stehen seine Gründe auBerhalh drs philo-
sophischen Bereichs. Der Philosoph hat es nul' mit dem ontologischen
Status der Raum-Zeit zu tune Und wenn die Philosophie ihnl erlaubt,
die unabhängige physikalische Existenz (unabhängig natürlich vom Den-
ken) der Raum-Zeit anzunehmen, so braucht er nicht in ein Gebiet jen-
seits der Idee des spezifizierbaren Mediums der Ereignisse einzudringen,
479
Andrew Paul Ushenko
etwa in einen Zustand von Potentialität oder Kraft oder in Betrach-
tungen über aktuelle Sp ezifizierung51.
Department of Philosophy
Princeton U niversity
Andl'ew Paul Ushenko
52 Anderseits hat es der Physiker nicht mit der Unterscheidung von Kraft und
Aktualität zu tun, und die Behauptung, die Raum-Zeit sei ein Medium der
Potentialität, kann ihn kalt lassen. Wir wollen ihn doch daran erinnern, daB die
Physik, ahgesehen von Experimenten und Zeigerahlesungen, die aktuelle V or-
gänge sind, völlig erfüllt ist von Potentialititen, wie schon die Terminologie der
physikalischen Wissenschaft deutlich heweist. Denn eine Analyse der physikali-
schcn Terminologie zeigt, ganz ahgesehen von Ausdrücken wie potentielle Energie,
einen Üherrcichtum an Adj ektiven, die auf Dispositionen hinweisen, z. B. ela-
stisch, hrennbar, zusammendrückhar und ähnliches, ehenso wie an Differential-
gleichungen, die, wie Russell heohachtet hat, in der Begriffssprache von "Ten-
denzen" interpretiert werden müssen. Und wenn ein physikalisches Gesetz aU8
der Sprache der Symhole in die Sprache der W orte ühertragen wird, so liefern
tatsachenfremde Umstände, deren Sinn darin liegt, dafj es etwas von der Wirk-
lichkeit U nahhängiges giht, die geeignete linguistische F orm der Ühertragung.
480
25
Virgil G. Hinshaw, jr.
EINSTEINS SOZIALPHILOSOPHIE
Die vorliegende Skizze ist gedacht als eine kurze Untersuchung über be-
stimmte Aspekte der Sozialphilosophie Albert Einsteins. Eine solche Studie
leidet unter der Schwierigkeit, daB sich in Einsteins Reden und Schriften
nur schwer irgend eine systematische Position in sozialethischen Fragen
entdecken läBt. So spreche ich zumeist lieber von seinen Überzeugungen
als von seiner Stellung in der Sozialphilosophie.
W issenscha.ft und Werte
"Die Sorge urn den Menschen selbst und sein Schicksal muB stets das
llauptanliegen aller fachwissenschaftlichen Restrehungen bilden. . . Das
sollte man mitten unter seinen Diagrammen und Gleichungen nie verges-
sen. " - Albert Einstein.
Seitdem ich vor etwa 10 Jahren dieses Zitat in Robert Lynds .,Know-
ledge fol' What?"l gefunden hatte, war mir immer bewuBt, daB es Einsteins
Überzeugungen, soweit sie die Stellung der Werte in der Welt der Wissen-
schaft betreffen, richtig kennzeichnet. Ich gebrauche hier den Begrifl
"Wert" in dem bekannten Sinne, wonach Wel't definiert wird als "irgend-
in Gegenstand irgendeines Interesses"2. In diesem Sinne werde ich unter-
scheiden zwischen Werten als Interessen, wie man sie (gelegentlich) in der
Axiologie genannten Wissenschaft dargestellt hat und ethischen Impera-
tiven, deren wissenschaftliche Behandlung man zuweilen Deontologie ge-
nannt hat 3 . Ich werde im folgenden eine bestimmte vorläufige Orientierung
im Auge behalten:
Einstein scheint unter Wel'ten eher Interessen zu verstehen als ontolo-
gisch gegründete Normen. Seine Ethik steht, wie ich glaube, einer empiri-
schen Ethik näher als einer ontologischen. Sein Kosmos ist eher "einschich-
tig", wie der del' Monisten, als "zweischichtig", wie der der Platoniker.
1 Rohert S. Lynd, Knowledge for What? (Princeton 1939), S.114. Vielfach
wird mein Material ergänzt durch ein Gespräch, das ich mit Prof. Einstein im
Mai 1949 in Princeton führen durf te.
2 Besonders ist R. B. Perry's Interessentheorie der Werte in seiner "General
Theory of Value" (New York 1926) entwiekelt.
8 Vgl. W. Frankena, "Ethics", Artikel im Dictionary of Philosophy (New York
1942, Herausgeher D. Runes), S.98--100.
481
Virgil G. Hinshaw, jr.
In dem Artikel, dem das obige Zitat entnommen ist, betont Einstein
dieses Besorgtsein um den Menschen sei notwendig, damit "die Schöp-
fungen unseres Geistes ein Segen und nicht ein Fluch für die Menschheit
werden". Solch ein Satz kann verschieden interpretiert werden, aber was
Einstein meiut, ist dies: Für uns Menschen ist unser gegenseitiges Verhalten
und das bewuBte Eintreten für unsere Ziele weit wichtiger als alles Tat-
sachenwissen. Darüber hinaus äuBert Einstcin ganz klar seine Überzeugung,
daB die Liebe, ähnlich wie beim Apostel Paulus, höheren Wert habe als
Glaube und Hofinung, als die Gabe der Prophetie und der Besitz aller Er-
kenntnis. Wir denken hier auch an seine ÄuBerung an anderer Stelle, daB
.,nur das Leben im Dienste anderer lebenswert ist. "4
Natürlich sind in den letzten Jahren die Streitfragen urn Wissenschaft
und Werte durch die Atombombe, die Kräfte der Atomenergie und das
Problem ihrer Kontrolle verschärft worden. Gerade in dieser Zeit hat Ein-
stein, der selbst so bedeutend zur Elltwicklung der Atombombe und der
Atomenergie beigetragen hat, seine Überzeugung mit steigendem Nach
druck ZUID Ausdruck gebracht.
Auf der einen Seite steIlt Einstein einen Typus des Ausgleichs dar, ,vie el'
vieHeicht allein möglich ist für einen Menschen von seiner ,vissenschaft-
lichen Fundierung und seiner ethischen Reife. "Ich glaube nicht", sagt Ein
stein, "daB die Zivilisation in einem Atombombenkrieg ausgelöscht wird.
Es mögen zwei Dritte] der Erdbevölkerung getötet werden. Aber genug
denkfähige Menschen und genug Bücher würdell übrig bleiben, um neu an-
zufangen, und die Zivilisation könnte wieder aufgebaut werden"5. In ähn-
licher Weise hat er versucht, die Bedeutung so,vohl des 'VissenschaftleJ's
wie des SchriftsteIlers in diesen kritischen Zeiten zu umreiBen. "Die geistig
Schafiendel1", sagt er, " . . . können nicht mit Erfolg unmittelbar in deD
politischen Kampf eingreifen. lmmerhin können sie für die Verbreitung
klarer V orstellungen über unsere Situation und die Möglichkeit wirksamer
Aktionen sorgen. Sie können durch Aufklärung fähige Staatsmänner daran
hindern, sieh in ihrer Arbeit dureh antiquierte Meinungen und V orurteÏle
hemmen zu lassen. "6
Auf der anderen Seite hat sich Einstein als ausgezeichneter Führer auf
dem Wege zur Lösung des "gröBten moralischen Problems unseres Zeit-
alters" erwiesen, so wie er sie sieht. Seine Ilaltung gegenüber der Kontrolle
der Atomenergie ist so bekannt, daB sieh Belege im einzelnen erübrigen.
Aber als Leiter des "Emergency Committee of Atomic Seielltists" hat er
manches gesagt, was wert ist, wiederholt zu werden. Dazu gehört sein Tele-
4 New York Times (von jetzt an nur mit NYT bezeichnet) vom 20. Juni 1932,
S. 17, Columne 3.
5 NYT vom 24. Fehruar 1946, Ahtlg. 6, S. 42, Columne 3.
S NYT vom 18. Novemher 1946, S. 25, Columne 1.
482
Einsteins Sozialphilosophie
gramm, in dem er urn Spenden für den Fonds des Komitees hittet: "Unsere
Welt ist von einer Krisis hedroht, die von denen, welche die groBen Ent-
scheidungen zum Guten oder zum Bösen zu fällen haben, in ihrer Trag-
weite noch nicht erkannt wurde. Die entfesselte Atomkraft hat alles ver-
ändert, nur nicht unsere Denkweise, und so treiben wir einer beispiellosen
Ka tastrophe entgegen." Kurz, "ein neuer Denktypus ist unentbehrlich,
wenn die Menschheit fortleben und sich höher entwickeln soll. "7
Wir müssen uns hier wieder einmal vergegenwärtigen, mit welcher Ener-
gie Einstein für eine soziale Tätigkeit seitens unserer heutigen Intellektuel..
len eintritt. Da ist zum Beispiel sein Interview, das den Titel trägt: "Das
wirkliche Problem liegt in den Herzen der Menschen". Wir werden es ge..
legentlich kurz zitieren. Oder denken wir daran, daB Einsteill eines der
ersten Mitglieder der I{ommission für intellektuelle Zusarnrnenarbeit im
Völkerhund war. Und schlie.Blich hat man ihn auch urn Auskunft gebeten,
ob es ratsam sei, einen "Areopag der W eisheit"8 einzurichten, wie man ihn
:ursprünglieh auf der Versammlung zur Dreihundertjahrfeier der Havard-
Universität vorgesehlagen hatte. Ein solcher Gerichtshof wäre, so dachte
man, ähnlieh wie die Universität Paris im Mittelalter geeignet, gewichtige
moralische Urteile zu fällen. Einstein antwortete, ein solcher Areopag könne
ein "Gewissen der Menschheit" darstellen, und er könnte im Laufe der Zeit
einen "höchst segensreichen und . . . sogar maBgebenden EinfluB auf die
Entwieklullg der sozialen und wirtschaftliehen Dinge in der Welt ausüben."
Einstein versicherte, daB ein solches Gremium bestimmt zur konzentrierten
Anstrengung der besten Geister aufrufen würde, und er hat Riehtlinien
entworfen, wie seine Mitglieder gewählt und freiwerdende Stellen wieder
besetzt werden sollten. Einstein zeigte in seinem Briefe darüber aus dem
Jahre 1939 (und auch später wieder), wieviel Nachdenken er der Fraga
widmete, wie man die intellektuellen und geistigen Kräfte in der ganzen
Welt zu einem mora]ischen Kraftzentrum machen könnte, das als eine Art
"Gewissen der Menschheit" agieren würde.
Einstein ist von der Rolle des Intellektuellen im Bereich der sozialen
Aktion so sehr überzeugt, daB er die Geistesarbeiter in den Vereinigten
Staaten wie in den anderen freien Ländern dazu drängt, für eine über-
nationale, politische Organisation als Schutz gegen jede Aggression zu
kämpfen. Insbesondere wäre es das Ziel einer solchen Vereinigung von
Geistessehaffenden, die Masse des V olkes zu jener Klarheit des Denkens
hinzuführen, die notwendig ist, wenn internationale Zusammenarbeit zu-
stande kommen soll. "Ieh sehe in der Organisierung und Verbreitung von.
"1 NYT vom 25. Mai 1946, S. 13, Columne 5.
S Die Zitate über den "Gerichtsho£" stehen im NYT vom 14. März 1939, S.1,.
Columne 3.
483
Virgil G. Hinshaw, jr.
Aufklärung über dies en Gegenstand den wichtigsten Dienst. . ., den die
Geistesarbeiter in diesern historischen Augenblick leisten können. "9
Ich werde irn weiteren Verlauf stets wieder auf Einsteins Eiutreten für
die soziale Aktion zu sprechen kommen.
Schlie.Blich ist noch ein Wort erforderlich über die N eutralität" des Wis-
"
senscha£tlers bei der Errichtung einer Wertordnung. Es handelt sich hier
um das abgedroschene, allerdings sehr wesentliche Problem: wie kann der
Wissenscha£tler (der an seiner Arbeitsstätte bemüht ist, möglichst objek-
tiv zu sein) dazu gebracht werden, sich £ür Werturteile zu interessieren, ja
sich sogar ernsthaft darnit zu befassen ? Werturteile sind ihrer Natur nach
weithin subjektiv, sofern sie Interessen betreffen; inso£ern es sich urn ethi-
sche Normen oder Imperatiye handelt, ist ihnen nur mit philosophischen
Methoden beizukommen. Obwohl Einstein in sèinen Schriften keine der
hier entstehenden Streit£ragen unmittelbar angeht, sieht er doch das
Hauptproblem deutlich vor sich. In einem Brief vom 6. Februar 1939
bringt er tatsächlich eine Lösung des Problems, indem er wesentlich zwei
Aufgaben des geistigen Arbeiters unterscheidet: seine RoBe als Wissen-
schaftIer und seine Rolle als Bürger.
In diesem Brief, einer Botschaft au das Komitee der Lincoln-Gedenk-
feier, fordert er eine gemeinsame Aktion der WissenschaftIer , ulld zwar in
ihrer Eigenschaft als Bürger, um die Freiheit der Lehre und des Publizie-
rens zu schützen. Das ist in einem Satz seine Antwort auf das vorliegende
Problem.
Aber die Gedanken, die er in diesern Briefe über die akademische Frei-
heit äu.Berte, bleiben dabei nicht stehen. Er ist der Ansicht, da.B die Wissen-
schaftIer gegen jede Beeinträchtigung der wissenschaftlichen F orschungs-
und Lehrfreiheit auf der Hut sein rnüssen. Ja, Einstein ruft auch die Regie-
renden auf, alle Lehrenden vor einer Beeinflussung unter wirtschaftlichem
Druck zu schützen.
Der Staat und das lndividuum
"Tue nichts gegen das Gewissen, selbst wenn der Staat es verlangt." -
Albert Einstein.
"Petrus aber antwortete und die Apostel sprachen: Man muB Gott mehr
gehorchen als den Menschen." - Apostelgeschichte V, 29.
Im gro.Ben und ganzen bekennt sich Einstein zu £olgenden Ansichten
über die moralischen Pflichten des Einzelnen gegenüber dem Staat. Ein
moralischer Mensch kann sich nicht mit dern Staat identifizieren. Wenn der
Staat sich für eine bestimmte moralische Kurssetzung entscheidet, so muB
der Einzelne stets prüfen, ob diese Entscheidung für ihn verbindlich ist.
9 NYT vom 29. Mai 1944, S. 17, Columne 18.
484
Einsteins Sozialphilosophie
Einstein schlägt als Regel vor: "Man solI nichts gegen sein Gewissen tun,
selbst wenn der Staat es verlangt. "10 Das Ethos dieser Regel spiegelt die
Antwort des Petrus und der Apostel: "Man muB Gott mehr gehorchen als
den Menschen.",
Zur Erläuterung dieser Regel fordert Einstein, wir sollen die Nürn-
berger Nachkriegsurteile betrachten. Seiner Meinung nach zeigen diese
deutlich, daB wir faktisch in Begriffen der Schuld von Nationen denken.
Wenn der Ausdruck "Schuld" hier einen wirklichen Sinn haben solI, so um-
faBt er ein moralisches Urteil über den Nationalismus hinaus. Einstein hält
diese Prozesse durchaus für übernational. Die Tatsache, daB sie überhaupt
stattfanden, läBt, so glaubt Einstein, klar erkennen, daB wir alle diese
Maxime mehr oder weniger anerkennen.
Einstein tritt demnach dafür ein, daB jedermann zwischen dem Gesetz
der Pilicht und dem Gesetz des Staates unterscheiden muB. Oft gerät die
Pflicht des Einzelnen mit dem Willen des Staates in Widerstreit. In einem
solchen Fall wird sich der moralische Mensch für die Reinheit seines Ge-
wissens entscheiden. Der endgültige Schiedsrichter bei allen ethischen Ent-
scheidungen ist hier wie auch sonst das Gewissen. (Auf einige dies er Punkte
kommen wir noch kurz zurück.)
Sicher müssen einem Zweifel kommen, was diese Beurteilung der Nürn-
berger Verhandlungen betrifft. Ich meinerseits würde Einsteins Meinung,
wir dächten in den Begriffen der Schuld von Nationen, mit der Einschrän-
kung versehen: "Wenn die Nürnberger Gerichtsurteile überhaupt eine gül-
tige moralische und ethische Bedeutung haben." Es' ist keineswegs selbst-
verständlich, daB jene Prozesse unbedingt für Fragen der Wel'tordnung
oder der ethischen Verpflichtung, also für die Axiologie oder die Deonto-
logie, irgendeine Bedeutung haben. In welchem Sinn sie vielleicht über-
haupt eine Farce waren, darüber wurde so viel geschrieben, daB sich ei ne
Wiederholung oder ein Kommentar erübrigt. Falls sie eine Verhöhnung
der Justiz waren, dann sind sie aufschluBreicher für die Soziologie der
Moral als für die eigentliche Sozialphilosophie.
Wenn ferner die These von Reinhold Niebuhrs "Der moralische Mensch
und die unmoralische Gesellschaft" überhaupt richtig ist, 80 wird man noch
eine Korrektur an Einsteins Meinung anbringen müssen. Wenn man "zwi-
schen dem moralischen und sozialen Verhalten der Individuen einerseits
und sozialer Gruppen andererseits scharf unterscheiden muB", dann "recht-
fertigt diese Unterscheidung eine Staatspolitik, ja macht sie sogar nötig,
die eine rein individualistische Ethik stets befremdlich finden muB. "11 Der
Begriff der Kollektivschuld erfordert jedenfalls im Lichte der Niebuhrschen
Ausführunge n eine sorgfältige Untersuchung.
10 Nach Aufzeichnungen VOD Privatgesprächen.
11 Reinhold Niehuhr, Moral Man and Immoral Society (New York 1932), XI.
485
Virgil G. Hinshaw, jr.
Der Pazifismus, die Atombombe und die Ächtung des Krieges
Da.B Albert Einstein die meiste Zeit seines Lebens Pazifist gewesp.n ist,
ist eine wohlbekannte Tatsache, die in unserer Betrachtung wenig mehr er-
fordert als eine bloBe Erwähnung. Das Wesentliche ist, daB er immer anti-
lnilitaristisch gewesen ist. Was den Pazifismus betrifft, so ist seine Ober-
ze ugung die: Die einzige Ausnahme, die Wir heutzutage in unserer pazifisti-
schen Haltung machen müssen, ist der militante Faschismus, insbesondere
in der Form des deutschen Nazismus. Er empfiehlt mit Gandhi den passiven
Widerstand 12 . Aber im Unterschied zu Gandhi glaubt er an den passiven
Widerstand nur bis zu einer gewissen Grenze. Er ist überzeugt, daB man
zur Gewalt greifen solle, wo immer sich der lnilitante Faschismus erhebt,
das heiBt, wenn dieser, so wie es der Nazismus getan hat, die höchsten
Gü ter der
lenschheit zu vernichten sucht. Wenn er die intellektuelle
Klasse in irgendeiner Gesellschaft beseitigen will, dann ist Gewalt nicht nur
völlig gerechtfertigt, sondern tatsächlich notwendig. Die einzige, für einen
moralischen Menschen mögliche Handlungsweise ist in solchen Zeiten die
Zuflucht zur Gewalt. Kein solcher könnte anders handelll, solange er sieh
fest auf die Forderungen seines Gewissens verläBt.
Diese Haltung ähnelt stark den Überzeugungen der Quäker. Das Ver-
trauen auf das "innere Licht" ist Anfang und Ende, darin sind die beiden
Haltungen verwandt. Im Hinblick auf Krieg und Frieden wollen Einstein
und die Quäker in ganz ähnlicher Weise die Entlastung der Gewissen. Tat-
sächlich hat Einsteill das Gefühl, da.B in dies er Hinsicht die Quäker die
einzig wahren Christen sind.
In dem Artikel "The Real Problem is in the Hearts of Men" (Das Kern-
problem liegt in den Herzen der Menschen)13 legt Einstein deutlich seine
Haltung gegenüber der Atombombe und ihren unmittelbaren Auswirkun-
gen auf unser soziales Gefüge dar. Auf Grund unserer neuen Kenntnis, also
der Atomwissenschaft, ist eine Weltautorität und vielleicht ein Weltstaat
nicht nur wünschenswert, sondern unabdingbar, wenn wir £ortleben wol-
len. "Heute müssen wir der Konkurrenz abschwören und für Zusammen-
arbpit sorgen..." "Das Denken und die Methoden der Vergangenheit
konnten die Weltkriege nicht verhindern, aber das Denken der Zukunft
muf3 Kriege unmöglich machen." Amerikas gegen",ärtige Rüstungsüber-
legenheit stellt ihm die Aufgabe, bei den Bestrebungen der Menschheit zur
Überwindun g dieser Krisis die Führung zu übernehmen.
12 Er schrieb einen Beitrag (S. 79--80) über "Gandhis Staatskunst" für einen
Gedenkhand: Mahatma Gandhi - Aufsätze und Gedanken üher sein Lehen und
Werk, überreicht an seinem 70. Geburtstag, herausgegehen von S. Radhakrishnan
(London 1944}.
18 NYT vom 23. Juni 1946, Abtlg.6, S.7, Columne 42--43. Alle weit eren
Zitate his zur Anmerkung 14 sind diesem Artikel entnommen.
486
Einsteins Sozialphilosophie
Es gibt keine sichel'e SchutzmaBnahme gegen die Atombombe, weder in
militärischer noch in wisscnschaftlicher Hinsicht. "U nsere V ertei digung",
sagt Einstein, "liegt nicht in den Rüstungen, nicht in der Wissenschaft,
nicht iIJ der Verlagerung unter die Erde. Unsere Verteidigung liegt im Gesetz
und in der Ordnung." V on jetzt ab muB auswärtige Politik auf Grund fo]gen-
der Überlegung beurteilt werden: Führt sie zu Gesetz und Ordnung oder zu
Anarchie und Tod? Einstein glaubt nicht, daB wir gleichzeitig für den Krieg
rüsten und die Weltgemeinschaft vorbereiten können. Ebensowenig meint
er, man solle das "Atombombengeheimnis" freigeben, abel' er fragt:
"Suchen wir mit brennendem Herzen eine Welt, die keine Atombomben
oder Geheimnisse mehr nötig hat, eine Welt, in der die Wissenschaft und
die Menschen frei sein werden?" Das ganze Problem ist, wie Bernard Baruch
gesagt hat, nicht ein solches der Physik, sondern der Ethik. Man hat, so
scheint es Einstein, zu viel Wert auf Paragraphen und Verfahrensfragen
gelegt. "Es ist leichter", sagt er, "das Plutonium zu verwandeIn, als den
bösen Geist der Menschen."
Und wieder betont Einstein die Notwendigkeit einer supranationalen
Lösung und der Idee einer Weltregierung, die daraus folgt. Aus seinen
zahlreichen ÄuBerungen zu diesel' Frage läBt sich schlieBen, wie ernst-
haft er die Möglichkeit einer Weltregierung erwogen hat. Von da aus wird
seine optimistische Haltung verständlich. Bemüht um supranationale Lö-
sungen und gegen den Nationalismus l\ämpfend, behauptet er, der natio-
nalistische Geist werde länger in den Armeen als irgendwo sonst lebendig
bleiben. Fernerhin diskutiert Einstein die Probleme einer Weltorganisation.
In Anlehnung an Fremont Riders Buch 14 , in dem die Schwierigkeit einer
echten Vertretung innerhalb der Vereinten Nationen so gelöst werden solI,
daB diese auf der Basis von Bildung und I<enntnissen zuzuerkennen sei,
nleint Einstein, darum müsse man den rückständigen Nationen sagen:
"Um mehr Stimmrecht zu erhalten, müBt ihr es erst yerdienen."
Einstein bestreitet ganz often, daB es weise war, die Atombombe über
Japan abzuwerfen. Die alte Denkweise, so sagt er, könne naturgemäB tau-
send Einwände erheben gegen den mangeInden "Realismus" in diesem
einfachen Glauben, besonders was den V orschlag betrifft, man hätte
die Bombe nicht wir]dich einsetzen, sondern ihre Wirkung in einer ab-
gelegenen Gegend demonstrieren sollen, wo sie die Japaner hätten beob-
achten können. Abel' das Denken, das in solchen Einwendungen zum Aus-
druck kommt, übersieht die psychologischen Realitäten. Alle Menschen
fürchten den Atomkrieg. "Was bedeuten angesichts der wirklichen Sehn-
süchte und der Gefährdung des Menschen die veralteten ,Realitäten' des
ProtokolIs und des militärischen Schutzes ?" BloBes Lesen über die Atom-
14 The Great Dilemma of World Organizations.
487
Virgil G. Hinshaw, jr.
bombe, so sagt Einstein mit Nachdruck, fördert die Erkenntnis im Kopf,
aber "nur das Gespräch zwischen den Menschen erweckt das Gefühl im
Herzen " .
Die Atombombe ist eine realistische Drohung, nicht nur für Politiker
und Generale, sondern für die ganze Menschheit. Immer wieder sagt Ein-
stein, da.B man viel zu sehr an Paragra phen, Verträge und politische Me-
chanismen glaube. Im Grunde hängen die Entscheidungen der Vereinten
Nationen VOD dem ab, was auf dem Marktplatz, was am häuslichen Herd
beschlossen wird. Dahin mü.Bte man die brutalen Tatsachen der Atom-
energie tragen. Absolut notwendig ist das Verständnis der Öffentlichkeit
{ür das Dilemma, in dem die Menschheit sich befindet. Nur dann werden
die Entscheidungen zur "Verkörperung einer Botschaft an die Menschheit,
ausgesprochen von einer Nation menschlicher Wesen." Das wirkliche Pro-
blem liegt im Geist und im Herzen der Menschen. Das ist Albert Einsteins
Überzeugung.
SchlieBlich komme ich noch kurz auf Einsteins Ansichten über die Be-
ziehungen zwischen den USA und SowjetruBland zu sprechen. In dieser
Frage hat man ihn häufig kritisiert. Aber es scheint mir nicht nur ihm gegen-
über viel anständiger, sondern auch für uns selbst viel klüger zu sein, seine
Haltung genau zu kennen, bevor man sie kritisch beurteilt.
Vor allem glauht Einstein, daB sich das heutige Ru.Bland beträchtlich
vom nazistischen Deutschland unterscheidet, insbesondere was die grund-
legenden Tendenzen und Ziele betrifft. Während das nazistische Deutsch..
land die Intellektuellen und ihre Werke zu "liquidierell" suchte, sieht Ein-
stein in Ru.Bland keine ähnlichen Tendenzen. Allerdings macht ihm das
neuerliche Erwachen eines Nationalismus auf dem Gebiet der Vererbungs-
lehre zu schaffen. Man könnte fast von einer "russischen Vererbungslehre"
sprechen. Aber mir scheint, er sieht diese Schattenseiten nicht genügend
im Zusammenhang mit anderen Verletzungen seiner Überzeugungen, näm-
lich der Freiheit für den geistigen Arbeiter, des Toierierens der Wahrheit,
ganz gleich, was daraus foIgt, und des Gebundenseins an die Forderungen
des Gewissens.
Den Nationalismus in jeder Form verfolgt Einstein mit tiefer Besorgnis.
Allerdings fürchtet er sein Anwachsen in den USA mehr als in der Sowjet-
union, und zwar, weil er bei uns eine Art von Massenhysterie beobachtet, die
sich für eine sonst so groBe Nation nicht ziemt.
In ähnlicher Weise sieht Einstein das Probiem des "Mitlä ufertums in
Organisationen der kommunistischen Front". Selbstverständlich bringt ihn
sein offenes Eintreten für Gewissensfreiheit notwendigerweise in Gegen-
satz zur Haltung der Kommunisten. Jedenfalls ist er hierin nicht der
freundliche, recht naive alte Manll, wie viele Einstein sehen, sondern er
denkt eher wie Harold C. Urey, der Nobelpreisträger, der kürzlich'konsta-
488
Einsteins Sozialphilosophie
tiert bat: "Icb kann nicbts daran ändern, wenn die Kommunisten in
Sachen der Spanienpolitik meine Mitläufer sind, ich jedenfalls bin nicht
der ihre. "15 Gleichwohl scheint Einstein zuweileq seine Mitgliedschaft in
so manchen Organisationen der sogenannten "kommunistischen Front" zu
rechtfertigen, einfach als Reaktion gegen die Massenhysterie bei uns. Man
darf nie vergessen, daB Einstein starke Sympathien für manche Minder-
heitsgruppen und unpopuläre Belange hat. Man denke an sein Eintreten
für liberale Ideen, die er durch Anerkennung ihrer Vertreter zum Ausdruck
bringt. Nach seiner Meinung gehören Roosevelt, Willkie und WalJace 16 zu
jener Kategorie von Männern, die ohne jedes selbstsüchtige Interesse über
dem kleinen Gezänk des Alltags stehen. Wenn man es nun unvoreinge-
nommen liest, dann muB man sich, so fährt er fort, den Grundthesen von
Henry Wallaces Buch "Toward World Peace" anscWÏeBen. "Dies Buch ist
ebenso ldar, ehrlich und anspruchslos wie sein Autor."
Überhaupt glaubt Einstein, daB seine Reaktion gegen unsere Massen-
psychose mehr als gerechtfertigt ist durch die Tatsache unserer technischen
Überlegenheit über die Russen. Mag er recht haben oder nicht, jedenfalls
glaubt er, daB wir mit unserer Produktion und militärischen Stärke als
Nation den Russen überlegen sind. Darum, so argumentiert er weiter, ist
die Schuld der Vereinigten Staaten an der gegenwärtigen Weltsituation
grö.Ber als die der Russen. Da wir die Stärkeren sind, beherrschen wir tat-
sächlich die Situation. Wenn es also zu Krisen kommt, so sind wir verant-
wortlicher als die Sowjetunion.
Einstein meint ferner, daB uns wegen unserer gröBeren Stärke auch eine
gröBere Verantwortlichkeit trifft als die Russen. Eine groBe Nation hat die
Pflicht, die Verantwortung einer groBen Nation auf sich zu nehmen. Ebenso
ist es die PHicht der gröBten Nation, ihren Platz unter den Nationen auch
wirklich einzunehmen. Mit unserer groBen Macht, so fordert Einstein, sollen
wir also auch unsere moralische Verantwortung tragen. Wenn wir die
stärkste Nation sind, so wollen wir auch versuchen, die moralischste zu
sein, indem wir in Demut und Weisheit die se GröBe auf uns nehmen, die
jüngst auf unsere Schultern gelegt wurde. Und selbstverständlich ist für
Einstein die einzig wirkliche Lösung des Problems USA-So,vjetunion nur
auf übernationa]er Ebene möglich. Will man Einstein als sozialen Denker
wahrhaft ritterlich kritisieren, so sollte man sich zuvor an seine Feststel-
lung erinnern, daB es "keine andere Rettung für die Kultur, ja für die
menschliche Rasse gibt als die Schaffung einer Weltregierung, die uns au!
gesetzlicher Basis Sicherheit verleiht".17
15 Chicago Daily Trihune, 20 Mai 1949, S. 1, Columne 6.
18 NYT, 30 März 1948, S. 25, Columne 4.
17 NYT vom 15. Septemher 1945, S. 11, Columne 6.
489
Virgil G. Hinshaw, jr.
Judentum und Zionismus
Mir scheint, daB Einsteins eigene religiöse Überzeugung nicht ohne
innere Beziehung zu seiner Sozialphilosophie ist. Ja, sein Glaube an den
Zionismus entspringt seiner ethischen Haltung. Wenn ich gewisse Seiten
aus seinen Aufsätzen und Reden lese, so gewinne ich den Eindruck, daB
man Einsteins Sozialphilosophie entscheidend Unrecht tut, wenn man seine
religiösen Überzeugungen dabei nicht in Betracht zieht. Wir wollen diese
kurz umreiBen.
"Eine jüdische Weltanschauung im philosophischen Sinne", sagt Ein-
stein, "gibt es meiner Meinung nach nicht. Judentum scheint mir fast aus-
schlieBlich die moralische Einstellung im Leben und zum Leben zu be-
treffen. "18 "Judentum ist kein Glaube. Der jüdische Gott ist nur eine Ver-
neinung des Aberglaubens, ein bildliches Resultat seiner Beseitigung. Es
ist auch ein Versuch, das Moralgesetz auf Furcht zu begründen, ein be-
dauernswerter unrühmlicher V ersuch. "19
"So ist das Judentum", wie Einstein glaubt, "keine transzendente Reli-
gion; es hat nur mit dem von uns erlebten, gewissermaBen greifbaren
Leben zu tun und mit nichts anderem. " " . . . zumal eben vom Juden kein
, Glaube' verlangt wird, sondern Heiligung des Lebens im überpersönlichen
Sinn. "20 Die "Heiligkeit des Lcbens" und die "Heiligung des Lebens" sind
nach Einstein die fundamentalen Prinzipien des Judentums. ",Wenn ein
Jude sagt, er gehe zu seinem Vergnügen auf die Jagd, so lügt er.' - Walther
Rathenau. Einfacher kann man dem BewuBtsein von der Heiligkeit des
Lebens, wie es im jüdischen V olke lebt, nicht Ausdruck geben. "21 Bei der
Verteidigung des Judentums glaubt Einstein folgendes sagen zu sollen:
" . . . Es ist Zeit, die westliche Welt daran zu erinnern,
daB sie dem jüdi-
schen Volk (a) ihre Religion und damit ihre wertvollsten moralischen
Ideale und (b) in weitem Umfange die Wiedererweckung der Welt grie-
chischen Denkens schuldet. "22
An einer anderen Stelle betont Einstein: "Noch viel stärker kommt die
Forderung der Solidarität aller Menschen (im Judentum) zum Ausdruck,
und es ist kein Zufall, dan die sozialistischen Forderungen gröBtenteils von
Juden ausgi ngen. "23
18 Albert Einstein, The World as I See It (von jetzt an nul' als World zitiert),
N ew Y ork 1934, by Covici Friede, S. 143. Originalausgahe unter dem Titel "Mein
Welthild", 1933, Querido-Verlag, Amstel'dam. Ühersetzung aus dem Deutschen
von Alan Harris. Die Zitate erfolgen nach der deutschen A usgahe "Mein Wel t-
hild", Europa-Verlag, Zürich, 1953, S.117.
19 W orld, S. 144. Welthild, S. 118.
20 World, S. 144/145. Welthild, S.118.
21 World, S. 146. Welthild, S. 119.
22 W orld, S. XV.
28 World, S. 146. Welthild, S. 119.
490
Einsteins Sozialphilosophie
Über Einsteins Gottesbegriff ist viel debattiert worden. Aber bei mehr
als einer Gelegenheit hat er seine Überzeugung offen dargelegt. "Ich glaube
an Spinozas Gott, der sich selbst in der alles umfassenden harmonischen
Ordnung offenbart, aber nicht an einen Gott, der sich mit den Schicksalen
und Handlungen menschlicher Wesen befaBt"24. Diesem Telegrammtext
gab Rabbiner Herbert S. Goldstein folgende Interpretation. Er entnahm
ihm eine Bestätigung seiner Ansicht, daB Einstein weder Atheist noch
Agnostil
er sei. Rabbi Goldstein sagt: "Einstein zielt auf eine Einheit
hin." In seinen logischen Konsequenzen betrachtet, "bringt seine Theorie
der Menschheit eine wissenschaftliche Formel für den Monotheismus. "25
Einmal hat Einstein seine Religionsauffassung in groBen Zügen deutlich
dargelegt. Da spricht er von drei Grundauffassungen, die sich in wesent-
lichen Dingen unterscheiden. Er grenzt zunächst die primitivste Auffassung
der Religion mit ihrem anthropomorphen Gott ab. Die zweite Stufe ist
dadurch charakterisiert, " . . . daB auf den höheren Stufen sozialen Lebens
die Moralreligion vorherrscht. "26 Die dritte Stufe bezeichnet er als "kosmi-
sche Religiosität. "27 Durch diese letzte Bestimmung der Religion ist Ein-
.steins Gla ube gekennzeichnet, oder sagen wir lieber, das ist die Religion, die
er lebt.
Ich berühre noch kurz Einsteins Ansichten über den Zionismus. "Das
Ziel, das den Führern des Zionismus vorschwebt", so sagt er, "ist kein poli-
tisches, sondern ein soziales und kulturelIes. "28 "Palästina ist in erster Linie
nicht ein Refugium für Ostjuden, sondern die Verkörperung des wiederer-
wachenden nationalen Gemeinschaftsgefühls aller Juden. "29 "Dazu gehört
vor allem" (das heiBt zur gegenseitigen Duldung und Achtung), "daB wir
Juden uns unserer Existenz als Nationalität wieder bewuBt werden und
daB wir diejenige Selbstachtung wiedererwerben, die wir zu einer gedeih-
lichen Existenz brauchen. "30
"Es genügt nicht", sagt er, "daB wir uns als Individuen an der kulturellen
Entwicldung der Menschheit beteiligen; wir müssen auch solche Aufgaben
în Angriff nehmen, die nur nationale Gesamtheiten zu lösen imstande sind.
Nur so kann das Judentum wieder sozial gesunden." Und er schlie.Bt dann
mit folgenden Worten: "Von diesem Standpunkt aus bitte ich Sie die
zionistische Bewegung anzusehen. Die Geschichte hat uns heute die Auf-
gabe zugewiesen, am wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unseres
Stammlandes tätig lnitzuwirken". 31
S4 NYT vom 25. April 1929, S. 60, Columne 4:.
26 ehendort. 28 W orld, S. 263. Welthild, S. 18.
27 World, S. 264-265. Welthild, S.18f. 28 World, S. 152. Welthild, S. 12
.
29 World, S. 154. Welthild, S. 130. 80 World, S. 156. Welthild, S. 131.
81 World, S. 157. Welthild, S. 131 f. Diese Bemerkungen stammen aus der Zeit
.der Veröffentlichung von "Mein Welthild" (1933) oder etwas vorher.
491
Virgil G. Hinshaw, jr.
Das sind einige Hinweise auf die ethisehen und religiösen Überzeugungen
Albert Einsteins. leh habe in meiner Skizze nicht den Versueh maehen
können zu zeigen, wie dieser Glauhe im einzelnen zu einer festen und stieh-
haltigen Sozialethik führt. leh konnte nur die Hauptriehtung der Einstein-
sehen Gedanken aufweisen, soweit sie soziale Probleme und soziales Han-
dein betreffen. Aber schon eine Aufzählung seiner Hauptansiehten doku-
mentiert die für ihn so eharakteristisehe Weite seiner Gedanken. Es be-
rührt an Einstein besonders liebenswert, daB er als geistiger Arbeiter und
zugleieh als Bürger so viele wesentliehe soziale Fragen unserer Zeit in sein
Bliekfeld gezogen hat. DaB er selbst dabei seinen eigenen V orsehriften
folgte, zeigt uns mehr als alles andere die Aufrichtigkeit, mit der er sieh den
sozial-ethisehen Fragen widmete.
Philosophische Ahteilung
der Staatsuniversität Ohio
Virgil G. Hinshaw, ir.
492
Albert Einstein
BEMERKUNGEN
ZU DEN IN DIESEM BANDE VEREINIGTEN ARBEITEN
Einleitend muB ich hemerken, daB es mir nicht leicht geworden ist, der
Aufgabe gerecht zu werden, mich zu den in diesem Bande enthaltenen
Arbeiten zu äuBern. Der Grund liegt darin, daB die Arbeiten sich auf allzu-
viele Gegellstände beziehen, die bei dem gegenwärtigen Stand unserer Er-
kenntnis nur lose miteinander verbunden sind. Zuerst versuchte ich, die
Arbeiten einzeln zu besprechen. Davon bin ich aber wieder abgekommen,
weil nichts einigerma13en Einheitliches dabei herauskam, so da.B die Lektüre
wohl für niemand ersprieBlich und erfreulich gewesen wäre. Deshalb ent-
schloB ich mich schlieBlich, diese Bemerkungen soweit als möglich nach
sachlichen Gesichtspunkten zu orientieren.
AuLierdem habe ich nach einigen vergeblichen Bemühungen gemerkt, daB
die einigen von den Arbeiten zugrundeliegende Mentalität von der meinen
so sehr verschieden ist, daB ich nicht fähig bin, darüber etwas ErsprieB-
liches zu sagen. Dies solI nicht dahin ausgelegt werden, daB ich jelle Arbei-
ten - soweit ihr Inhalt mir überhaupt verständlich jst - weniger hoch-
schätze als die meinen Denkgewohnheiten näherliegenden, denen die fol-
genden Bemerkungen gewidmet sind.
Zunächst erwähne ich die Aufsätze von Wolfgang Pauli und l\fax Born.
Sie stellen den Inha]t meiner Arbeiten über Quanta und Statistik im allge-
meinen in ihrem inneren Zusammenhang und in ihrem Anteil an der Ent-
wicklung der Physik in dem letzten halben Jahrhundert dar. Es ist ver-
dienstlich, daB sie dies getan haben; denn nur jene, welche mit den Pro-
blemsituationen ihrer Zeit erfolgreich gerungen haben, haben einen tiefen
Einblick in jene Situationen im Gegensatz zu dem späteren I-listoriker, der
meist von jenen Begriffen und Anschauungen nicht leicht abstrahieren
kann, die seiner Generation als gesichert, ja selbstverständlich erscheinen.
Beide Autoren tadeln es, daLi ich den Grundgedanken der gegenwärtigen
statistischen Quantentheorie insofern ablehne, als ich nicht glaube, daB
dieser Grundgedanke eine brauchbare Basis für die gesamte Physik liefern
wird. Davon später.
Ich komme nun zu dem wohl interessantesten Gegenstande, der im Zu-
sammenhang mit den Ausführungen meiner hochgeschätzten Kollegen
493
Albert Einstein
Born, Pauli, HeitIer, Bohr, Margenau unbedingt besprochen werden m
.B.
Sie alle sind fest davon überzeugt, daB das Rätsel von der Doppelnatur
aller Korpuskeln (korpuskularer und undulatorischer Charakter) durch
die statistische Quantentheorie eine im Prinzip endgültige Lösung gefunden
habe. Sie sehen es auf Grund der Erfolge dieser Theorie als erwiesen an, da6
eine im Sinne der Theorie vollständige Beschreibung eines Systems im
Prinzip nur statistische Aussagen bezüglich der an diesem System meB-
baren GröBen involvieren könne. Sie sind wohl alle der Ansicht, daB die
Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation (deren Zutreffen meiner Ansicht
nach niit Recht als endgültig erwiesen betrachtet wird) den Charakter aller-
denkbaren vernünftigen physikalischen Theorien im Prinzip in dem ange-
deuteten Sinne präjudizieren. Ich will im folgenden Gründe anführen, die
mich davon abhalten, mich dieser Meinung fast aller zeitgenössischen theo-
retischen Physiker anzuschlieBen. Ich bin sogar fest davon überzeugt, daB
der grundsätzlich statistische Charakter der gegenwärtigen Quantentheorie
einfach dem Umstande zuzuschreiben ist, daB diese Dlit einer unvollstän-
digen Beschreibung der physikalischen Systeme operiert.
Vor allem aber soll der Leser davon überzeugt sein, daB ich den sehr be-
deutenden Fortschritt, den die statistische Quantentheorie der theoreti-
schen Physik gebracht hat, voll anerkenne. Auf dem Gebiete der mechani-
schen Vorgänge - das heiBt überall da, wo die Wechselwirkung der Ge-
bilde und ihrer T eile zueinander durch die Setzung einer potentiellen
Energie zwischen materiellen Punkten hinreichend genau berücksichtigt
werden kann, stellt sie schon jetzt ein .System dar, das in seiner Geschlos-
senheit die überhaupt theoretisch zu erwartenden empirischen Beziehungen
zwischen den konstatierbaren Erscheinungen richtig darstellt. Die Theorie
ist bisher die einzige, welche den korpuskularen und undulatorischen
Doppelcharakter der Materie logisch hefriedigend vereinigt, und die in ihr
enthaltenen (prüfbaren) Beziehungen sind nach MaBgabe der durch die Un-
bestimmtheitsrelation gesetzten natürlichen Grenzen vollständig. Die in
dieser Theorie gegebenen formalen Zusammenhänge - das heiBt ihr ganzer
mathematischer Formalismus - müssen wohl in jeder zukünftigen brauch-
baren Theorie in Form von logischen Folgerungen enthalten sein.
Was mich an der Theorie vom prinzipiellen Standpunkt aus nicht he-
friedigt, ist die in ihr vertretene Stellung zu dem, was mir als das program-
ma tische Ziel aller Physik erschein t: die vollständige Beschreibung der'
naturgesetzlich möglichen realen Sachverhalte. Wenn der positivistisch
eingestellte Dloderne Physiker eine solche Formulierung hört, ist seine
Reaktion ein mitleidiges Lächeln. Er sagt sich: "Da haben wir die nackte-
Formulierung eines inhaltlich leeren metaphysischen Vorurteils vor uns,
das überwunden zu haben das Hauptverdienst der Physiker in dem letzten
Vierteljahrhundert ist. Hat je ein Mensch einen ,realen Sachverhalt' wahr-
494
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arheiten
genommen? Kann überhaupt jemand sagen, er wisse, was unter ,realeID
Sachverhalt' zu verstehen ist? Wie ist es möglich, daB heute noch ein ver-
nün{tiger Mensch glaubt, er könne unsere prillzipiellen Erkenntnisse wider-
legen, indem er ein solches blutleeres Gespenst au{marschieren läBt?" Ge-
duld! Die obige lakonische Charakterisierung sollte nicht dazu dienen,
jemand zu überzeugen, sie sollte nur den Gesichtspunkt andeuten, urn den
sich die nachfolgenden elementaren Überlegungen zwanglos gruppieren.
Dabei win ich so vorgehen: Ich will zunächst an einfachen Sonderfällen
zeigen, worauf es mir ankoDlmt, und erst nachher so kurz als möglich auf
das Prinzipiell- Begriffliche eingehen.
Wir betrachten als physikalisches System zunächst ein radioaktives
Atom von bestimmter mittlerer Zerfallzeit, das praktisch ortsscharf an
einem Punkt des Koordina tensystems befestigt sei. Der radioaktive ProzeB
besteht in der Aussendung eines (verhältnismäBig leichten) Teilchens. Der
Einfachheit halber vernachlässigen wir die Bewegungen des Atoms bzw.
Restatoms. Dann können wir das Restatom nach Gamov durch einen Raum
von atomistischer GröBenordnung ersetzen, der mit einem geschlossenen
Wall von potentieller Energie umgeben ist, der das auszusendende Teil-
chen zur Zeit t = 0 einschlieBt. Der so schematisierte radioaktive ProzeB
ist dann bekanntlich im Sinne der elementaren Quantenmechanik durch
eine !l'-Funktion in 3 Dimensionen zu beschreiben, welche zur Zeit t = 0
nur auf der Innenseite des Walles von null verschieden ist, sich aber im
Laufe der positiven Zeiten im AuBenraume ausbreitet. Diese !l'-Funktion
ergibt die Wahrscheinlichkeit dafür, daB sich das Teilchen zu einer gewähl-
ten Zeit in einem ins Auge gefaBten Teil des Raumes befindet (bzw. im
Falle einer Ortsmessung dort vorgefunden wird). Die !l'-Funktion impliziert
dagegen keine Angabe über den Zeitpunkt des Zerfalles des radioaktiven
Atoms. I
Nun stellen wir die Frage: Kann diese theoretische Darstellung als die
vollständige Beschreibung des Zerfalls eines einzelnen individuellen Atoms
aufgefaBt werden? Die zunächst plausible Antwort ist: Nein. Denn man
ist zunächst geneigt anzunehmen, daB das einzelne Atom zu einer bestimm-
ten Zeit zerfäHt. Ein solcher bestimmter Zeitwert ist aber in der Beschrei-
bung durch die !l'-Funktion nicht impliziert. Wenn also das einzelne Atom
eine bestimmte Zerfallzeit hat, so muB mit Bezug auf das individuelle
Atom die Beschreibung durch die !l'-Funktion als eine unvollständige Be-
schreibung aufgefaBt werden. Die !l'-Funktion ist dann als die Beschrei-
bung nicht eines Einzelsystems, sondern einer idealen Systemgesamtheit
aufzufassen. Man wird dann zu der Auffassung gedrängt, daB doch eine
vollständige Beschreibung des Einzelsystems möglich sein sollte, welche im
Rahmen der BegrifJswelt der statistischen Quantentheorie keinen Platz hat.
Der Quantentheoretiker wird nun antworten: Diese Erwägung steht und
495
Alhert Einstein
fällt mit der Behauptung, daB es eine bestimmte Zeit des Zerfalls des
Einzelatoms tatsächlich gebe. Diese Behauptung ist aber meiner Ansicht
nach nicht nur willkürlich, sondern geradezu sinnlos. Die Behauptung der
Existenz eines bestimmten Zeitwertes für den Zerfall hat doch Dur Sinn,
wenn ich diesen Zeitwert im Prinzip empirisch feststellen kann. Eine solche
Feststellung (die schlieBlich darauf hinauskommt, die Existenz des Teil-
chens auBerhalb des Kräftewalls nachzuweisen) involviert aber einen end-
lichen Eingriff in das uns interessierende System, so daB das Ergebnis der
Feststellung zu keinem RückschluB über den Zustand des ungestörten
Systems berechtigt. Die Annahme, daB dem einzelnen radioaktiven Atom
ein bestimmter Zeitpunkt des Zerfalls zukomme, ist daher durch nichts
berechtigt, ebensowenig als die auf diese Annahme gegründete SchluB-
folgerung, die P- Funktion könne nicht als vollständige Beschreibung des
Einzelsystems aufgefaBt werden. Die ganz vermeintliche Schwierigkeit
kommt einfach daher, daB man nicht Konstatierbares als "reaI" setzt.
(Dies die Antwort des Quantentheoretikers.)
Was mir an dieser Art des Argumentierens nicht gefällt, ist die nach
meiner Überzeugung unhaltbare positivistische Grundeinstellung, die mir
mit dem Berkeleyschen Grundsatz "esse est percipi" zusammenzufallen
scheint. Das" Sein" ist immer etwas von uns gedanklich Konstruiertes, also
von uns (im logischen Sinne) frei Gesetztes. Die Berechtigung solcher
Setzungen liegt nicht in ihrer Ableitbarkeit aus dem Sinnlich-Gegebenen.
Eine derartige Ableitbarkeit (im Sinne einer logischen Deduzierbarkeit)
'gibt es nie und nirgends, auch nicht in der Domäne des vorwissenschaft
lichen Denkens. Die Berechtigung der Setzungen, die für uns das "Reale "
repräsentieren, liegt allein in deren vollkommenerer oder unvollkommene-
rer Eignung, das Sinnlich-Gegebene intelligibel zu machen (der vage Cha-
rakter dieses Ausdrucks ist mir hier durch das Streben nach Kürze auf-
gezwungen). Auf das gewählte besondere Beispiel angewendet, sagt diese
Überlegung folgendes:
Man kann Dicht einfach fragen: "Existiert ein bestimmter Zeitpunkt für
<len Zerfall eines Einzelatoms?", sondern Dur: "Ist es im Rahmen unserer
theoretischell Gesamtkonstruktion vernünftig, die Existenz eines bestimm-
ten Zeitpunktes für den Zerfall des Einzelatoms zu setzen?" Man kann
nicht einmal fragen, was diese Setzung bedeutet. Man kann nur fragen, ob
oei ne solche Setzung im Rahmen des gewählten Begriffssystems im Hinblick
.au! dessen Leistung, das empirisch Gegebene theoretisch zu erfassen, ver-
nünftig ist oder nicht.
Insofern nun ein Quantel1theoretiker den Standpunkt vertritt, daB die
Beschreibung durch eine P-Funktion sich nur auf eine ideale System-
gesamtheit, nicht aber auf das Einzelsystem beziehe, kann er ruhig an-
nehmen, daB es einen bestimmten Zeitpunkt des Zerfalls gebe. Wenn er
496
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arbeiten
aber die Annahme vertritt, daB seine Beschreibung durch die "P-Funktion
als die volIständige Beschreibung des Einzelsystems aufzufassen ist, dann
muB er die Setzung eines Zerfallszeitpunktes ablehnen. Er kann mit Recht
darauf hinweisen, daB eine Feststellung des Zerfallszeitpunktes an dem
isolierten System nicht möglich sei, sondern Eingriffe erfordere, welche
solcher Art sind, daB sie bei der Beurteilung der Situation nicht vernach..
lässigt werden dürfen. Aus einer Feststellung, daB der Zerfall bereits statt..
gefunden habe, könne z. B. nicht geschlossen werden, daB dies auch dann
der Fall wäre, wenn jene EingrifJe nicht stattgefunden hätten. Soweit mir ·
bekannt ist, hat zuerst E. Schrödinger auf eine Modifikation dieser Ober-
legung aufmerksam gemacht, welche eine Interpretation soIcher Art als
untunlich erscheinen läBt. Statt ein System ins Auge zu fassen, das nur ein
radioaktives Atom (und dessen ZerfallsprozeB) enthält, faBt man ein Sy..
stem ins Auge, das auch die Mittel zur Konstatierung des radioaktiven Zer-
falIes mit einschlieBt, z. B. einen Geigerzähler mit automatischer Registrier-
vorrichtung. Letztere umfasse einen durch ein Uhrwerk bewegten Regi-
strierstreifen, auf dem beim Ansprechen des Zählers eine Marke erzeugt
wird. Dies Gesamtsystem ist zwar vom quantenmechanischen Standpunkte
aus sehr komplex und sein Konfigurationsraum von sehr hoher Dimension.
Aber der Behandlung dies es Gesamtsystems vom Standpunkt der Quan-
tenmechanik steht kein prinzipielles Hindernis entgegen. Auch hier be-
stimmt die Theorie die Wahrscheilllichkeit jeder Konfiguration aller seiner
Koordinaten für jeden Zeitpunkt. Betrachtet man alle in Betracht kom-
menden Konfigurationen der Koordinaten für einen Zeitwert, der groB ist
gegenüber der mittleren Zerfallzeit des radioaktiven Atoms, so wird es aul
dem Papierstreifen (höchstens) eine solche Registriermarke geben. Jeder
Koordinatenkonfiguration entspricht eine bestimmte Lage der Marke auf
dem Papierstreifen. Da nun aber die Theorie nur die relative Wahrschein-
lichkeit der denkbaren Koordinatenkonfigurationen liefert, so liefert sie
auch nur relative Wahrscheinlichkeiten für die Lagen der Marke auf dem
Registrierstreifen, ab er keinen bestimmten Ort für diese Marke.
Bei dies er Betrachtung spielt der Ort der Marke auf dem Streifen die
Rolle, welche in der ursprünglichen Betrachtung der Zeitwert des Zerfalls
spielt. Der Grund für die Einführung des durch die Registriereinrichtung
ergänzten Systems liegt in folgendem. Die Lage der Marke auf dem Regi-
strierstreifen ist ein Tatbestand, der ganz der makroskopischen BegrifJs-
sphäre angehört, im Gegensatz zu dem Zeitpunkt des Zerfalls eines Einzel-
atoms. Wenn wir es mit der Auffassung versuchen, daB die quantentheo-
retische Beschreibung als vollständige Beschreibung des Einzelsystems
aufzufassen sei, so sind wir zu der Auffassung genötigt, daB der Ort der
Marke auf dem Streifen nichts dem System an sich Zukommendes sei,
sondern daB die Existenz dieses Ortes VOD der Ausführung einer Beobach-
497
Albert Einstein
tung an dem Registrierstreifell im Prinzip abhängig sei. Eine solche Auf-
fassung ist gewiJ3 nicht widersinnig vom rein logischen Standpunkte aus;
ab er es dürfte kaum jemand geben, der sie ernsthaft in Betracht zu zieheu
geneigt wäre. In der makroskopischen Sphäre glaubt man eben sicher zu
sein, an dem Programm einer Realbeschreibung in Raum und Zeit fest-
halten zu müssen, während man in der Sphäre der Erscheinungen, bei
denen die Quantenstruktur eine wesentliche Rolle spielt, leichter geneigt
ist, dieses Programm aufzugeben bzw. zu modifizieren.
Diese Diskussion sollte nur folgendes zeigen. Man kommt zu sehr un-
plausiblen theoretischen Auffassungen, wenn man die These aufrechtzu-
halten versucht, die statistische Qu
ntelltheorie leiste im Prinzip die voll-
ständige Beschreibung eines individuellen physikalischen Systems. Dage-
gen verschwinden jene Schwierigkeiten der theoretischen Auffassung, wenn
man die quantenmechanische Beschreibung als die Beschreibung VOD
Systemgesalntheiten betrachtet.
Zu diesem Ergebnis gelangte ich auf Grund recht verschiedenartiger
Überlegungen. Ich bin davon überzeugt, daJ3 jeder, der sich nur die Mühe
nimmt, solche Überlegungen gewissenhaft durchzuführen, sich schlieBlich
zu dieser Interpretation der quantentheoretischen Beschreibung gedrängt
sieht (die P- Funktion ist als Beschreibung nicht eines Einzelsystems, son-
dern einer Systemgesamtheit aufzufassen).
Roh ausgesprochen lautet dies Ergebnis: Im Rahmen der statistischen
Quantentheorie gibt es keine vollständige Beschreibung des Einzelsystems.
V orsichtiger kann man es so sagen: Der Versuch, die quantentheoretische
Beschreibung als vollständige Beschreibung der individuellen Systeme auf..
zufassen, führt zu unnatürlichen theoretischen Interpretationen, die sofort
unnötig werden, wenn man die Auffassung akzeptiert, daB die Beschrei-
bung sich auf Systemgesamtheiten und nicht auf Einzelsysteme bezieht.
Es wird dann der ganze Eiertanz zur Vermeidung des "Physikalisch-
Realen" überflüssig. Es gibt jedoch einen einfachen psychologischen Grund
dafür, warum diese naheliegendste Interpretation vermieden wird. Wenn
nämlich die statistische Quantentheorie das Einzelsystem (und seinen zeit-
lichen Ablauf) nicht vollständig zu beschreiben vorgibt, dann erscheint es
unvermeidlich, anderweitig nach einer vollständigen Beschreibung des
Einzelsystems zu suchen; dabei wäre es von vornherein klar, daJ3 die Ele-
mente einer solchen Beschreibung innerhalb des Begriffsschemas der stati-
stischen Quantentheorie nicht enthalten wären. Damit würde man zu-
geben, da.B dies Schema im Prinzip nicht als Basis der theoretischen Physik
dienen könne. Die statistische Quantentheorie würde - im Falle des Ge-
lingens solcher Bemühungen - im Rahmen der zukünftigen Physik ei ne
einigermaJ3en analoge Stellung einnehmen wie die statistische Mechanik im
Rahmen der klassischen Mechanik. Ich hin ziemlich fest davon üherzeugt,
498
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arbeiten
daB von solcher Art die Entwicklung der theoretisehen Physik sein wird;
aber der Weg wird langwierig und besehwerlieh sein.
Ich denke mir Ilun einen Quantentheoretiker, der zwar zugibt, daB die
quantentheoretisehe Beschreibung sieh auf Systemgesamtheiten und nicht
auf individuelle Systeme bezieht, der aber trotzdem daran festhält, daB die
Besehreibungsweise der statistischen Quantentheorie in ihren wesentlichen
Zügen aueh in Zukunft im Prinzip beibehalten werde. Er kann so argumen-
tieren : Ich gebe zwar zu, daB die quantentheoretisehe Beschreibung eine
unvollständige Beschreibung des individuellen Systems ist. Ich gebe sogar
zu, daB eine vollständige theoretische Beschreibung im Prinzip denkbar
ist. Aber ich betrachte es als erwiesen, daB das Suchen nach einer voll-
ständigen Beschreibung zwecklos wäre. Die GesetzmäBigkeit der Natur ist
nämlich so limitiert, daB die Gesetze im Rahmen unserer unvollständigen
Beschreibung vollständig und zutreffend formuliert werden können.
Hierauf kann ich nur so antworten: Dein Standpunkt ist - als theore-
tische Möglichkeit betrachtet - unanfechtbar. Mir aber erscheint die Er-
wartung natürlicher, daB die adäquate Formulierung der allgemeinen Ge-
setze an die Verwendung aller der begrifflichen Elernente gebunden ist, die
für eine vollständige Beschreibung nötig sind. Es ist ferner nicht verwun-
derlich, da.B bei Benutzung einer unvollständigen Beschreibung aus dieser
in der Hauptsache nur statistische Aussagen zu gewinnen sind. Wenn es
gelingen würde, zu einer vollständigen Beschreibung vorzudringen, so wür-
den wohl die Gesetze Beziehungen zwischen deren begrimichen Elementen
darstellen, Beziehungen, die an sich nichts mit Statistik zu tun haben
hrauchen.
Noch ein paar Bemerkungen allgemeiner Natur über das Begriffliche ulld
die Verdächtigung, ein Begriff - etwa der des Realen - sei metaphysisch
(und deshalb abzulehnen). Eine grundlegende begrimiche Unterscheidung,
die eine notwendige V orbedingung des wissenschaftlichen und vorwissen-
sehaftlichen Denkens ist, ist die Unterscheidung zwischen "Sinnesein-
drüeken" (und Erinnerungen an solche) einerseits und bl06en Vorstellungen
andererseits. Eine begriffiiche Definition für diese Unterscheidung gibt es
nicht (abgesehen von Zirkeldefinitionen, das heiBt von solchen, die von der
zu definierenden Sache einen versteckten Gebrauch machen). Man kann
auch nicht behaupten, daB dieser Unterscheidung ei ne Evidenz zugrunde
liege, wie etwa der Unterscheidung zwischen Rot und Blau. Andererseits
braucht man diese Unterscheidung, um den Solipsismus überwinden zu
können. Lösung: wir bedienen uns dieser Unterscheidung unbekümmert
um den V orwurf, da6 wir damit der metaphysischen Erbsünde verfallen.
Wir betrachten die Unterscheidung als eine Kategorie, deren wir uns be-
dienen, urn uns in der Welt der unmittelbaren Wahrnehmungen besser zu-
reehtzufinden. Der "Sinn" und die Berechtigung der Unterscheidung liegt
499
Albert Einstein
einfach in dies er Leistung. Dies ist aber nur ein erster Schritt. Wir stellen
die Sinneseindrücke dar als bedingt durch einen "objektiven und subjek-
tiven" Faktor. Auch fiir diese gedankliche Unterscheidung gibt es keine
10gisch-philosophische Rechtfertigung. Wenll wir sie ablehnen, können wir
dem Solipsismus nicht entgehen. Sie ist auch Voraussetzung jeglichen phy-
sikalischen Denkens. Auch hier liegt in der Brauchbarkeit die einzige Recht-
fertigung. Es handelt sich hier urn "Kategorien" oder Schemen des Den-
kens, deren Wahl uns iIn Prinzip völlig freisteht, deren Berechtigung nur
danach beurteilt werden kann, inwieweit ihr Gebrauch dazu beiträgt, die
Gesamtheit der BewuBtseinsillhalte "intelligibel zu machen". Der ob en ge-
nannte "objektive Faktor" ist die Gesamtheit solcher Begriffe und Be-
griffsverbindungen, welche als unabhängig vom Erleben bzw. Wahrnehmen
gedacht werden. Solange wir uns innerhalb der so programmatisch fixier-
ten Gedankcnsphäre bewegen, denken wir physikalisch. Insofern physika-
lisches Denken sich in dem mehrfach angedeuteten Sinne durch seine Lei-
stung, Erlebnisse inteUektuell zu erfassen, bewährt, betrachten wir es als
"Kenntnis des Realen".
Das "Reale" in der Physik ist nach dem Gesagten als eine Art Programm
aufzufassen, an welchem festzuhalten wir a priori allerdings nicht genötigt
sind. Niemand dürfte ge neigt sein, zu versuchen, dieses Programm im Be-
reiche des "Makroskopischen" aufzugeben (Ort der Marke auf dem Papier-
streifen "reaI"). Das "Makroskopische" und "Mikroskopische" sind aber in
solcher Weise miteinander verknüpft, daB es untulllich erscheint, dieses
Programm im "Mikroskopischen" aufzugeben. Ich kann auch in den beob-
achtbaren Tatsachen des Quantengebietes nirgends eincn AnlaB hierfür
sehen, wenn man nicht gewaltsam an der These festhält, die Beschreibung
der Natur durch die statistische Quantenmechanik sei als eine vollständige
aufzufassen.
Die hier vertretene Auffassung unterscheidet sich von der Kants nur
dadurch, daB wir die "Kategorien" nicht als unabänderlich (durch die
Natur des Verstandes bedingt), sondern als (im logischen Sinne) freie
Setzungen auffassen. "A Priori" erscheinen sie nur insofern, als Denken
ohne die Setzung von Kategorien und überhaupt von Begriffen so unmög-
lich wäre wie Atmen in einem Vakuum.
Aus diesen dürftigen Ausführungen sieht man, daB es mir als verfehlt
erscheinen muB, das theoretische B eschreihen direkt abhängen zu lassen
von Akten empirischer Konstatierungen, wie es mir bei dem Bohrschen
Komplementärsprinzip beabsichtigt zu sein scheint, dessen scharfe Formu-
lierung mir übrigens trotz vieler darauf verwandter Mühe nicht gelungen
ist. Konstatierungen können nach mciner Ansicht nur als besondere Fälle
bzw. Teile physikalischer Beschreibung auftreten, denen ich gegenüber
dem Rest keine Sonderstellung zuweisen kann. -
500
Bemerkungen zu den in dieBem Bande vereinigten Arbeiten
Die oben genannten Aufsätze enthalten eine historische Würdigung
meiner Bemühungen auf dem Gebiete der physikalischen Statistik und der
Quanten und auBerdem eine in freundlichster Form erhobene Anklage.
Letztere lautet in kürzester Formulierung: "Starres Festhalten an der
klassischen Theorie". Diese Anklage verlangt entweder Verteidigung oder
Geständnis der Schuld. Eines oder das andere wird aber bedeutend er-
schwert dadurch, daB es nicht so ohne weiteres klar ist, was unter "klassi-
scher Theorie" zu verstehen ist. Newtons Theorie verdient den Namen einer
klassischen Theorie. Sie ist aber verlassen, seitdem Maxwell und Hertz
gezeigt haben, daB die Idee unvermittelter Fernkräfte verlassen werden
muB, und man ohne die Idee kontinuierlieher "Felder" nicht auskommt. Es
setzte sieh bald die Meinung durch, daB kontinuierliche Felder als die allein
akzeptabeln Grundbegriffe anzusehen seien, welche auch der Theorie der
materiellen Teilchen zugrunde liegen müssen. Diese Auffassung wurde nun
sozusagen "klassiseh", aber eine eigentliehe, im Prinzip vollständige
Theorie ist aus ihr nicht hervorgewachsen. Die Maxwellsche Theorie des
elektrisehen Feldes blieb ein Torso, weil sie es nicht fertigbrachte, Gesetze
für das Verhalten der elektrisehen Dichte aufzustellen, ohne welehe es doch
auch kein elektromagnetisehf,s Feld geben kann. Analog lieferte dann die
allgemeine Relativitätstheorie eine Feldtheorie der Gravitation, aber keine
Theorie der felderzeugenden Massen. (Diese Bemerkungen setzen es als
selbstverständlich voraus, daB eine Feldtheorie keine Singularitäten ent-
halten darf, das heiBt keine Stellen oder Raumteile, in denen die Feld-
gesetze nicht geIten.)
Die klassische Feldtheorie gibt es also streng genommen überhaupt
nicht, 80 daB man an ihr aueh nicht starr festhalten kann. Die Feldtheorie
existiert jedoch als ein Programm: "Kontinuierliche FUllktionen im Vier-
dimensionalen als Grundbegriffe der Theorie." Ein starres Festhalten an
diesem Programm kann man mir mit Recht nachsagen. Der tiefere Grund
darür liegt in folgendem: Die Gravitationstheorie hat mir gczeigt, daLi die
Nichtlinearität dieser Gleichungen es mit sieh bringt, da.B diese Theorie
überhaupt Wechselwirkungen zwischen Gebilden ergibt. Das theoretische
Aufsuchen nichtlinearer Gleichungen ist aber hoffnungslos (wegen zu groBer
Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten), wenn man das allgemeine Rclativi-
tätsprinzip (Invarianz gegenüber allgemeinen kontilluierlichen Koordi
natentransformationen) nicht verwendet. Es erscheint aber einstweilen
nicht möglich, dies Prillzip zu formulieren, wenn man von dem obigen Pro-
gralnm abzuweiehen sucht. Hjerin liegt ein Zwang, dem ich mich nicht ent-
ziehen kann. Dies zu meiner Rechtfertigung.
Dicse Rechtfertigung muB ich aber doch durch ein Eingeständnis nb-
schwächcn. Sieht man von der Quantenstruktur ab, so kann man die Ein..
führung der Bik "operationalistisch" rechtfertigen, indem man darauf bin-
501
Alhert Einstein
weist, daa man an der physikalischen Realität des zu einem Punkte gehöri-
gen elementaren "Lichtkegels" kaum zweifeln kann. Dabei macht man
implizite Gebrauch von der Existenz eines beliebig scharfen optischen Sig-
nals. Ein solches involviert aber mit Rücksicht auf die Quantentatsachen
unendlich hohe Frequenzen und Energien, also eine völlige Zerstörung des
zu konstatierenden Feldes. Eine derartige physikalische Begründung für
die Einführung der gik fällt also weg, wenn man sich nicht auf das "Makro-
skopische" beschränkt. Die Anwendung der formalen Grundlage der allge-
meinen Relativitätstheorie auf das "Mikroskopische" kann sich also Dur
darauf stützen, da.B jener Tensor das formal einfachste, in Betracht kom-
mende, kovariante Gebilde ist. Solche Begründung hat aber für den kein
Gewicht, der daran zweifeIt, da.B wir überhaupt am Kontinuum festhalten
müssen. Sein Zweifel in allen Ehren - aber wo zeigt sich ein anderer gang-
harer Weg?
Nun komme ich zu dem Thema Relativitätstheorie in ihrer Beziehung
zur Philosophie. Da ist es Reichenbachs Arbeit, die durch die Präzision
ihrer Deduktionen und die Schärfe ihrer Behauptungen zu einem kurzen
I(ommentar unwiderstehlich einlädt. Auch Robertsons lichtvolle Ûber-
legung ist hauptsächlich vom allgemein erkenntnistheoretischen Stand-
punkt interessant, obwohl sie sich auf das engere Thema "Relativitäts-
theorie und Geometrie" beschränkt. Auf die Frage: Hältst du das für wahr,
,vas Reichenbach da behauptet hat, kann ich nur mit Pilatus' berühmter
Frage antworten: "Was ist Wahrheit?"
Fassen wir einmal die Frage ins Auge: Ist eine Geometrie - vom physi-
kalischen Gesichtspunkte aus betrachtet - verifizierbar (bzw. falsifizier'"
bar) od
r nicht? Reichenbach sagt mit Helmholtz: ja, vorausgesetzt, daB
der empirisch gegebene feste Körper den Begriff "Distanz" realisiert.
Poincaré sagt nein und wird deshalb von Reichenbach verurteilt. Nun fin..
det folgende kurze Unterhaltung statt:
Poincaré: Die empirisch gegebenen Körper sind nicht starr, sind also
nicht verwendbar zur Verkörperung der geometrischen Strecken. Also sind
die Sätze der Geometrie nicht verifizierbar.
Reichenbach: Ich ge be zu, daB es keine Körper gibt, welche unmittelbar
herangezogen werden können zur "Realdefinition" der Strecke. Diese Real-
definition kann aber doch gewonnen werden, indem man die thermische
V olumenabhängigkeit, Elastizität, Elektro- und Magnetostriktion USW.
berücksichtigt. DaB dies wirklich widerspruchslos möglich ist, hat doch die
klassische Physik gezeigt.
Poincaré: Bei der Gewinnung der von dir verbesserten Realdefinition
wird Gebrauch gemacht von physikalischen Gesetzen, deren Formulierung
die (in diesein Falle) euklidische Geometrie voraussetzen. Die VerifikatioD,
von der du gesprochen hast, bezieht sich also nicht auf die Geometrie allein,
502
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arbeiten
sondern auch auf das ganze zugrunde gelegte System der physikalischen
Gesetze. Eine P rüfung der Geometrie allein ist also nicht denkbar .
Warum sollte es also nicht in meinem Beliehen liegen, die Geometrie so
zu wählen, wie ich es bequem £inde (d. h. euklidisch) und die übrigen (iDl
üblichen Sinlle "physikalischen") Ges-etze dies er Wahl anzupassen,80 da8
kein Widerspruch des Ganzen mit der Erfahrung entsteht?
Das Gespräch kann in dieser Weise nicht fortgeführt werden, weil es der
Respekt des Schreibenden vor Poincarés Überlegenheit als Denker und
Schriftsteller nicht zuläBt; er wird deshalb für das Folgende durch einen
anonymen Nicht-Positivisten vertreten. -
Reichenbach: Es liegt etwas Bestechendes in dies er Auffassung. Es ist aber
andererseits doch merkwürdig, daB das Festhalten an der objektiven Be-
deutung der Länge und an der Interpretation der Koordinatendifferenzen
als Distanzen (in der vorrelativistischen Physik) nicht zu Komplikationen
geführt hat, solange es sich nicht urn jene Phänornene handelte, bei denen
Geschwindigkeiten eine Rolle spielen, die gegen die Lichtgeschwindigkeit
nicht zu vernachlässigen sind. SolI ten wir auf Grund dieser an sich erstaun-
lichen Tatsache nicht doch dazu berechtigt sein, mit dem Begriff der me.B-
haren Länge wenigstens tentativ so zu operieren, wie wenn es starre MeB-
körper gäbe? Jedenfalls wäre es für Einstein de facto (wenn auch nicht
theoretisch) unmöglich gewesen, die Relativitätstheorie aufzustellen, wenn
er nicht an der obj ektiven Bedeutung der "meBbaren" Länge festgehalten
hätte.
Nicht-Positiyist: Wenn du unter den dargelegten Umständen die Distanz
für einen legitimen Begriff hältst, wie steht es dann mit deinem Grundsatz
(meaning = verifiability)? MuBt du nicht dazu kommen, die meaning geo-
metrischer Sätze zu leugnen und nur der (noch gar nicht fertig existieren-
den) vollständig entwickelten Relativitätstheorie meaning zuerkennen?
MuBt du nicht zugeben, daB den einzelnen Begriffen und Sätzen einer phy-
sikalischen Theorie überhaupt keine "meaning" in deinem Sinne zukommt,
dem ganzen System aber insoweit, als es das in der Erfahrung Gegebene
"intelligibel" macht? Wozu bedürfen die Einzelbegriffe, die in der Theorie
auftreten, überhaupt einer bes onderen Rechtfertigung, wenn sie nur im
Rahmen des logischen Gefüges der Theorie unenthehrlich sind, und die
Theorie als Ganzes sich bewährt?
Auch scheint es mir, daB du dem wirklich hedeutenden philosophischen
Verdienste Kants nicht gerecht geworden bist. V on Hume hatte Kant ge-'
lernt, da.B es Begriffe giht (z. B. die kausale Verknüpfung), die in unserem
Denken eine dominierende Rolle spielen, und die doch nicht durch einen
Iogischen ProzeB aus dem empirisch Gegebenen ahgeleitet werden können
(was manche Empiristen zw ar anerkennen, aher immer wieder vergessen).
Wodurch ist der Gebrauch solcher Begriffe gerechtfertigt? Gesetzt, er hätte
503
Alhert Einstein
in dem Sinne geantwortet: Das Denken ist nötig, urn das empirisch Ge-
gebene zu hegreifen, und Begriffe sind nätig als unentbehrliche Elemente des
Denkens. Wenn er sieh mit einer derartigen Antwort begnügt hätte, so
wäre er der Skepsis entgangen und du hättest ihn nicht tadeln können. Er
aber wurde verführt durch die in seiner Zeit schwer zu vermeidende irrtüm-
liche Meinung, die euklidische GeoDletrie sei denknotwendig und liefere
8ichere (d. h. von sinnlicher Erfahrung nicht abhängige) Erkenntnissc über
Gegenstände der "äuBeren" Wahrnehmung. Aus diesem leicht verständ..
lichen Irrtum schloB er auf die Existenz synthetischer Urteile a priori,
welche die Vernunft allein produziere, und die deshalb unbedingte Gültig-
keit beanspruchen dürfen. Ich denke, dein Tadel gilt weniger Kant selbst
als denen, die heute noch an den Irrtümern der "synthetischen Erkennt-
nisse a priori" festhalten.
Ich kann mir als Diskussionsgrundlage für ein erkenntnistheoretisches
Seminar kaum etwas Anregenderes denken als dies en kurzen Aufsatz von
Reichenbach (am besten zusammen mit Robertsons Arheit).
Das hisher Besprochene steht in engem Zusammenhang mit Bridgmans
Arbeit, so daB ich mich ganz kurz äuBern kann, ohne allzusehr fürchten zu
müssen, miBverstanden zu werden. Damit ein logisches System als physika-
lische Theorie betrachtet werden könne, ist es nicht notwendig zu verlan-
gen, daB alle ihre Aussagen selbstäl1dig "operationally" gedeutet und ge-
"tested" werden können; dies ist de facto noch von keiner Theorie geleistet
worden und kann auch gar nicht geleistet werden. Damit eine Theorie als
physikalische Theorie betrachtet werden könne, ist nur nötig, daB sie über-
haupt empirisch prüfbare Aussagen impliziert.
Dieses Formulieren ist insofern ganz unpräzis, als "Testharkeit" eine
Qualität ist, die sich nicht nur auf die Aussagc selhst, sondern auch aul die
Zuordnung in ihr enthaltener Begriffe zu Erlebnissen bezieht. Auf dies
heikle Problem brauche ich aber wohl nicht einzugehen, weil hier keinerlei
wesentliche Meinungsdifferenzen bestehen dürften.
Margenau: Diese Arbeit enthält manche originelle Einzelbemerkungen,
auf die ich gesondert eingehen muB:
Ad 1. "Einsteins Position enthält Züge rationellen Erkennens und
ebenso solche eines extremen Empirismus". Diese Bemerkung ist durch-
aus zutreffend. W oh er rührt dieses Schwanken? Ein logisches Begriffs-
system ist insofern Physik, als seine Begriffe und Aussagen zur Welt der
Erlebnisse in zwangsläufiger Weise in Beziehung gebracht sind. Wer ein sol-
ches System aufzustellen versucht, findet in der Willkür (embarras de rich-
esse) ein gefährliches Hindernis. Deshalb sucht er seine Begriffe so direkt
und zwangsläufig wie möglich mit der Erlebniswelt zu verknüpfen. Seinc
Attitude ist-dann empiristisch. Der Weg ist oft lruchtbar, aber immer an-
fechtbar, weil der Einzelbegriff und die Einzelaussage doch nur in Ver-
504
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arbcitcn
bindung mit dem ganzen System etwas mit dem Empirisch-Gegeben.,n
Konfrontierbares aussagen. Er erkennt dann, daG es keinen logischen Weg
von dem Empirisch-Gegebenen zu jener Begriffswelt gibt. Seine Attitude
wird dann eher rationalistisch, weil er die logische Selbständigkeit des
Systems erkennt. Die Gefahr bei dies er Einstellung liegt darin, daB man
beim Suchen nach dem System jeden Kontakt mit der Erlebniswelt ver-
lieren kann. Ein Schwanken zwischen diesen Extremen erscheint mir uo-
vermeidlich.
Ad 2. Ich bin nicht in Kantscher Tradition aufgewachsen, sondern habe
das Wertvolle, was neben heute offenbaren Irrtümern in seiner Lehre
steckt, erst spät begriffen. Es steckt in dem Satze: "Das Wirkliche ist uns
nicht gegeben, sondern aufgegeben (nach Art eines Rätsels)." Dies heiBt
doch: Es gibt eine begriffiiche Konstruktion zur Erfassung des inter-
Persönlichen, dessen Autorität sich einzig a uf Bewährung gründet. Diese
hegriffiiche Konstruktion bezieht sich eben auf das "Wirkliche" (per Defi...
nition), und jede weit ere Frage über die "Natur des Wirklichen" scheint
leer.
Ad 4. Diese Auseinandersetzung hat mich gar nicht überzeugt. Es ist
nämlich an sich klar, daG jede GröBe und jede Aussage einer Theorie an
sich "objektive Bedeutung" beansprucht (im Rahmen der Theorie). Ein
Problem tritt nur dann auf, wenn wir einer Theorie Gruppeneigenschaften
zuschreiben, d. h. wenn wir annehmen bzw. postulieren, daG derselbe physi-
kalische Sachverhalt verschiedene als gleichberechtigt anzusehende Be-
schreibungsweisen zuläBt. Dann können wir nämlich den einzelnen (nicht
eliminierbaren) GröBen keine volle objektive Bedeutung zuschreihen (z. B.
die x-Komponente der Geschwindigkeit eines Teilchens oder dessen x-Ko-
ordinate). In diesem Falle, der in der Physik stets vorlag, müssen wir uns
darauf beschränken, den allgemeinen Gesetzen der Theorie objektive Be-
deutung zuzuschreihen, d.h. zu verlangen, daB diese Gesetze für jede durch
die Gruppe als berechtigt anerkannte Darstellung des Systems geIten. Es ist
also nicht so, daB "Ohjektivität" eine Gruppeneigenschaft voraussetzt,
sondern daB die Gruppeneigenschaft zu einer Verfeinerung des Objektivi-
tätsbegriffes zwingt.
Die Setzung von Gruppeneigenschaften ist deshalb heuristisch so wichtig
für die Theorie, weil diese Eigenschaft die Mannigfaltigkeit der mathema-
tisch sinnvollen Gesetze stets erheblich einschränkt. Nun folgt eine Be-
hauptung, daB Gruppeneigenschaften es bedingen, daG die Gesetze die
Form von Differentialgleichungen haben müBten; ich kann dies gar nicht
einsehen. Dann behauptet Margenau, daB die durch Differentialgleichungen
(besonders partielle) ausgedrückten Gesetze am wenigsten spezifisch seien.
Worauf gründet er diese Behauptung? Würden sie sich als richtig beweisen
Jassen, so würde allerdings der Versuch, die Physik auf Differentialgleichun-
505
Albert Einstein
gen zu gründen, hoffnungslos sein. Wir sind aber weit davon entfernt, be-
urteilen zu können, ob Differentialgesetze von der in Betracht kommen-
den Art überhaupt Lösungen haben, die überall singularitätsfrei sind, und
wenn ja, ob es solcher Lösungen zu viele gibt.
Nun noch eine Bemerkung zur Diskussion des Einstein-Podolski-Rosen-
Paradoxons. Ich denke nicht, daB Margenaus Verteidigung des "ortho-
doxen" Quantenstandpunkts ("orthodox" bezieht sich auf die These, daLi
die P-Funktion das individuelle System erschöpfend charakterisiere) das
Wesentliche trifft. Von den "orthodoxen" Quantentheoretikern, deren Mei-
nung ich kenne, scheint mir Niels Bohrs Standpunkt der Sache am besten
gerecht zu werden. In meine Sprechweise übersetzt argumentiert er so:
Bilden die Teilsysteme A und B ein Gesamtsystem, das durch seine
YJ"-Funktion YJ"AB beschrieben wird, so besteht kein AniaB, den Teilsyste-
men A und B einzeln betrachtet irgendwelche voneinander unabhängige
Existenz (Realzustand) zuzuschreiben, auch dann nicht, wenn zu der ina
Auge gefapten Zeit die T eilsysteme yoneinander räumlich getrennt sind. Die
Behauptung, daB der reale Zustand von B in letzterem FalIe nicht (un-
mittelbar) beeinfluBt werden könne durch eine an A vorgenommene Mes-
sung, ist daher im Rahmen der Quantentheorie unbegründet und (wie das
Paradoxon zeigt) unannehmbar.
Durch diese Betrachtungsweise wird es offenbar, daB das Paradoxon uns
dazu zwingt, eine von den folgenden beiden Aussagen aufzugeben:
1. Die Beschreibung durch die YJ"-Funktion ist yollständig.
2. Die Realzustände von räumlich getrennten Dingen sind voneinander
unabhängig.
Man kann dagegen an 2. festhalten, wenn man die YJ"-Funktion als Be-
schreibung einer (statistischen) Systemgesamtheit auffaBt (also 1. aufgibt).
Diese Auffassung sprengt aber den Rahmen der "orthodoxen Quanten-
theorie " .
AuBerdem noch eine Bemerkung zu 7 (in Margenaus Abhandlung). Bei
der Charakterisierung der Quantenmechanik findet sich das kurze Sätz-
chen: es entspricht der gewöhnlichen Dynamik der klassischen Theorie.
Dies ist ganz richtig - cum grano salis. Und gerade dies granum salis ist
für die Interpretationsfrage bedeutungsvoll.
Handelt es sich um makroskopische Massen (Billardkugeln oder Sterne),
50 hat man es mit sehr kurzen De-Broglie-Wellen zu tun, welche für das
Verhalten der Schwerpunkte solcher Massen maBgebend sind. Darauf be-
ruht es, daB man für eine Zeit die quantentheoretische Beschreibung so ein-
richten kann, daB sie für die makroskopische Betrachtungsweise genügend
genau sowohl ortsscharf als auch impulsscharf sind. Es ist auch wahr, daS
diese Schärfe für lange Zeit erhalten bleibt und daB die so dargestellten
Quasi-Punkte sich verhalten wie die Massenpunkte der klassischen Mecha-
506
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arbeiten
niko Die Theorie zeigt aber auch, da13 nach hinreichend langer Zeit der
punktartige Charakter der
-Funktion für die Schwerpunktskoordinaten
völlig verloren geht, so da13 von einer Quasi- Lokalisierung der Schwer-
punkte nicht mehr gesprochen werden kann. Das Bild wird dann z. B. für
einen einzelnen Makromassenpunkt ganz ähnlich, wie wenn es sich urn ein
cjnzeln freies Elektron handelte.
Wenn ich nun gemä13 der orthodoxen Auffassung die "'P-Funktion als die
,,'ollständige Beschreihung eines realen Sachverhaltes für den Einzelfall an-
sehe, so kann ich nicht umhin, die im Prinzip unbegrenzte Unschärfe der
Situation des (makroskopischen) Körpers als real aufzufassen. Andererseits
wissen wir aber, daB ",ir durch Belichtung des Körpers mit Rilfe einer gegen
das Koordinatensystem ruhenden Laterne eine (makroskopisch beurteilt)
scharfe Ortsbestimmung erhalten. Um dies begreifen zu können, muB ich
annehmen, daB jener scharfe gemessene Ort nicht durch den Realzustand
des beobachteten Körpers allein determiniert ist, sondern auch durch den
Beleuchtungsakt. Dies ist wieder paradox (ähnlich wie mit der Marke aul
dem Papierstreifen in dem ohen gegebenen Beispiel). Der Spuk verschwin-
det nur dann, wenn man den orthodoxen Standpunkt fallen läBt, nach
welchem die 'P-Funktion als vollständige Beschreibung des Einzelsystems
a ufgefaBt wird.
Es mag so scheinen, als oh alle derartigen Überlegungen iiberflüssige ge-
lehrte Haarspaltereien seien, die mit eigentlicher Physik nichts zu schaffen
haben. V on solchen Betrachtungen hängt es aber ab, in welcher Richtung
man die zukünftige begriffliche Basis der Physik suchen zu müssen glaubt.
Ich schlie13e diese etwas lange geratenen Ausführungen über die Deutung
der Quantentheorie mit der Reproduktion eines kurzen Gespräches, das ich
mit einem bedeutenden theoretischen Physiker geführt habe. Er: "Icb
neige dazu, an Telepathie zu glauben." Ich: "Dies hat wohl mehr mit
Physik als mit Psychologie zu schaffen." Er: "Ja."
Die Aufsätze von Lenzen und Northrop haben beide das Ziel, meine
gelegentlichen ÄuBerungen erkenntnistheoretischen Inhaltes systematisch
zu behandeln. Lenzen gestaltet aus jenen ÄuBerungen ein übersichtliches
Gesamtbild, in dem das in den ÄuBerungen Fehlende sorgsam und lein-
fühlig ersetzt ist. Mir erscheint alles darin Gesagte überzeugend und richtig.
Northrop nimmt diese Äu13erungen als Ausgangspunkt für eine verglei..
chende Kritik der hauptsächlichen erkenntnistheoretischen Systeme. Icb
sehe in dieser Kritik ein Meisterstück unvoreingenommenen Denkens und
knapper Darstellung, die sich nirgends vom Wesentlichen ablenken läBt.
Die gegenseitige Beziehung von Erkenntnistheorie und Science ist von
merkwürdiger Art. Sie sind aufeinander angewiesen. Erkenntnistheorie
ohne Kontakt mit Science wird zum leeren Schema. Science ohne Erkennt-
nistheorie ist - soweit überhaupt denkbar - primitiv und verworren. Hat
507
Albert Einstein
aber einmal der nach einem klaren System suchende Erkenntnistheoretiker
sich zu einem solchen System durchgerungen, so neigt er dazu, das Ge..
dankengut der Science im Sinne seines Systems zu interpretieren und das
abzulehnen, was in sein System nicht hineinpaBt. Der Scientist aber kann
es sich nicht leisten, das Streben nach erkenntnistheoretischer Systematik
80 weit zu treiben. Er akzeptiert dankbar die erkenntnistheoretische Be-
grifTsanalyse : aber die äuBeren Bedingungen, die ihm durch die Erlebnis-
tatsachen gesetzt sind, erlauben es ihm nicht, sich bei der Konstruktion
seiner Begriffswelt allzusehr durch Festhalten an einem erkenntnistheore-
tischen System beschränken zu lassen. Er muB dann dem systematischen
Erkenntnistheoretiker als eine Art skrupelloser Opportunist erscheinen. Er
erscheint als Realist insofern, als er eine von den Akten der Wahrnehmung
unabhängige Welt darzustellen sucht; als Idealist insofern, als er die Be-
griffe und Theorien als freie Erfindungen des menschlichen Geistes ansieht
(nicht logisch ableitbar aus dem empirisch Gegebenen); als Positivist in-
sofern, als er seine Begriffe und Theorien nur insoweit für begründet an-
sieht, als sie eine logische Darstellung von Beziehungen zwischen sinn-
lichen Erlebnissen liefern. Er kann sogar als Platoniker oder Pythagoräer
erscheinen, insofern er den Gesichtspunkt der logischen Einfachheit als
unentbehrliches und wirksan1es Werkzeug seines Forsehens betrachtet.
AU dies wird durch die Betrachtungen von Lenzen und Northrop vor-
trefflich verdeutlicht.
Nun ein paar Bemerkungen über die Abhandlungen von E. A. Milne,
G. Lemaître and L. Infeld über das kosmologische Problem:
Zu Milnes geistvollen Betrachtungen kann ich nur sagen, daB ich deren
theoretische Basis zu schmal finde. Nach meiner Ansicht kann man auf
theoretischem Wege nicht zu einigermaBen zuverlässigen Ergebnissen ge-
langen, wenn man von dem allgemeinen Relativitätsprinzip keinen Ge-
brauch macht.
Zu Lemaîtres Argumenten zugunsten des sogenannten "kosmologischen
Glieds" in den Gravitationsgleichungen muB ich bekennen, daB mir dies6
Argumente bei der gegenwärtigen Situation unseres Wissens nicht hin..
reichend überzeugend erscheinen.
Die Einführung eines solchen Gliedes bedeutet einen erheblichen Ver-
zicht auf logische Einfachheit der Theorie, welcher Verzicht mir nur so-
lange als unvermeidlich erschien, als man an der im wesentlichen statischen
Natur des Raumes nicht zu zweifeln Grund hatte. Nach Hubbles Ent-
deckung der "Expansion " des Sternsystems, und seit Friedmanns Ent-
deckung, daG die zusatzfreien Gleichungen die Möglichkeit der Existenz
einer mittleren (positiven) Dichte der Materie in einer expandierenden Welt
involvieren, erscheint mir vom theoretischen Standpunkt die Einführung
eines solchen GJiedes zunächst als unberechtigt.
508
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arheiten
Die Sachlage wird kompliziert durch den Umstand, da.B die gesamte Zeit..
dauer der Expansion des Raumes bis zur Gegenwart bei Zugrundelegung
der Gleichungen in ihrer einfachsten Form kleiner herauskommt, als mit
Rücksicht auf das zuverlässig bestimmte Alter terrestrischer lvlineralien
glaubhaft erscheint. Die Einführung des "kosmclogischen Gliedes" bietet
aber keinen irgendwie natürlichen Ausweg aus dieser Schwicrigkeit. Letz-
tere ist überhaupt unabhängig von jeglicher kosmologischer Theorie durch
den ZahIenwert der Hubbleschen Expansionskonstante und die Alters-
messungen der Mineralien gegeben, vorausgesetzt da.B man den Hubble-
Effekt als Doppler-Effekt deutet.
Alles hängt schlie.Blich von der Frage ab: Kann eine Spektrallinie als
Ma.B für eine "Eigenzeit" ds (ds 2 = gik d3:i d3:k) betrachtet werden (wenn
man Gebiete von kosmischen Dimensionen ins Auge faBt)? Gibt es über-
haupt ein Naturobjckt, das unabhängig von der Lage im vierdimensionalen
Raum den "natürlichen Ma.Bstab" verkörpert? Die Bejahung dieser Frage
hat die Aufstellung der allgemeinen Relativitätstheorie psychologisch er-
möglicht; logisch notwendig ist aber diese Annahme nicht. Für den Aul-
bau der gegenwärtigen Relativitätstheorie wesentlich ist folgendes:
1. Die physikalischen Dinge werden dargestellt durch kontinuierliche
Funktionen, Feldvariable von 4 Koordiuaten. Letztere sind bei Wah-
rung des topologischen Zusammenhangs frei wählbar.
2. Die Feldvariabeln sind Tensorkomponenten; unter den Tensoren ist
ein symmetrischer Tensor gik für die Beschreibung des Gravitations.
feldes.
3. Es gibt physikalische Objekte, welche (im Makroskopischen) die In-
variante ds messen.
Wenn 1. und 2. akzeptierbar wird, so ist 3. plausibel, aber nicht nötig.
Der Aufbau der mathematischen Theorie gründet sich ausschlieBlich auf
1. und 2.
Eine pollständige Theorie der Physik als Ganzes gemäB 1. und 2. liegt
noch nicht vore Läge sie vor, so wärc für die Annahme 3 kein Platz. Denn
die zum Messen benutzten Objekte führen kein selbständiges Dasein neben
den durch die Feldgleichungen implizierten Objekten. - Man braucht sicb
durch solche skeptische Einstellung bei kosmologischen Überlegungen
nicht hemmen zu lassen; man sollte sich ihnen aber nicht von vornherein
verschlieBen.
Diese Überlegungen führen mich zu Karl Mengers Abhandlung. Die
Quantentatsachen legen nämlich den Verdacht nahe, daB auch an der end-
gültigen Brauchbarkeit des in 1. und 2. kurz charakterisierten Programmes
zu zweifeln ist. Es existiert eine Möglichkeit, 2. allein zu bezweifeln und
damit an einer adäquaten Formulierbarkeit der Gesetze durch Differential-
509
Albert Einstein
gleichungen zu zweifeln, ohne 1. fallen zu lassen. Die radikalere Bemühung,
1. mit 2. aufzugeben, scheint mir - und ich glaube auch Dr. Menger -
noch näher zu liegen. Solange jemand keine neuen Begriffe hat, die ihm
hinreichend tragfähig erscheinen, bleibt es beim blo.Ben Zweifeln; so ist es
leider bei mir. Festhalten am Kontinuum stammt bei mir nicht aus einem
Vorurteil, sondern aus dem Umstand, da.B ich daneben nichts Organisches
ausdenken konnte. Wie soll man die Vierdimensionalität im wesentlichen
konservieren, das Kontinuum aber aufgeben? -
L. Infelds Arbeit ist eine selbständig verständliche, ausgezeichnete Ein-
führung in das sogenannte "kosmologische Problem" der Relativitäts-
theorie, die zu allen wesentlichen Punkten kritisch Stellung nimmt.
Max von Laue: Eine historische Untersuchung über die Entwicklung
der Erhaltungssätze, die nach rneiner Ansicht von bleibendem Wert ist.
Ich denke, da.B es verdienstlich wäre, diesen Aufsatz durch Sonderpublika-
tion den Studenten bequem zugänglich zu machen.
H. Dingles Abhandlung habe ich trotz eifriger Bemühungen nicht wirk-
lich verstehen können, nicht einmal hinsichtlich des verfolgten Zieles. SolI
der Gedanke der speziellen Relativitätstheorie in dem Sinne erweitert
werden, da.B neue, durch die Lorentz-Invarianz nicht implizierte Gruppen-
Eigenschaften postuliert werden? Sind diese Postulate empirisch begründet
oder nur versuchsweise "gesetzt"? Worauf gründet sich das Vertrauen auf
die Existenz derartiger Gruppent'igenschaften?
Kurt Gödels Abhandlung bedeutet nach meiner Meinung einen wichtigeu
Beitrag zur allgemeinen Relativitätstheorie, besonders zur Analyse des
Zeitbegriffes. Das Problem, um das es sich handelt, hat mich schon bei
Aufstellung der allgemeinen Relativitätstheorie beunruhigt, ohne da.B ich
imstande gewesen wäre, darüber ins klare zu
kommen. Ganz abgesehen von der Beziehung
der Relativitätstheorie zur idealistischen Philo-
sophie und überhaupt zu philosophischenFrage-
t stellungen, stellt sich das Problem so dar:
Wenn P ein Weltpunkt ist, so gehört zu ihm
ein "Lichtkegel" (ds 2 = 0). Wir ziehen durch P
eine "zeitartige" Weltlinie und betrachten auf
dieser die durch P getrennten nahen Welt-
punkte B und A. Hat es einen Sinn, die Welt-
linie mit einem Pfeil zu versehen und zu sagen t
Bist vor P, A ist nach P? Ist das, was in der
Relativitätstheorie von der zeitlichen Beziehung zwischen Weltpunkten
übrig bleibt., eine asymmetrische Relation, oder wäre man vom physikali-
sehen Standpunkt ebenso berechtigt, den Pfeil in der entgegengesetzten
Richtung anzugeben und zu sagen: A ist vor P, Bist na eh P?
510
Bemerkungen zu den in diesem Bande vereinigten Arbeiten
Die Alternative wird zunächst im negativen Sinne entschieden, wenn
wir berechtigt sind, zu sagen: Wenn es möglich ist, von P nach A ein (eben-
faIls in der nahen Umgebung von P ablaufendes) Signal zu sen den (zu tele.
graphieren), nicht aber von P nach B, dann ist der einseitige (asymme-
trische) Charakter der Zeit gesichert, d. h. es besteht keine freie Wahl für
die Orientierung des Pfeiles.
Wesentlich ist hierbei, da.6 das Senden eines Signales ein nicht umkekr-
barer Proze.6 ist im Sinne der Thermodynamik, ein ProzeB, der mit den!
Wachsen der Entropie verknüpft ist (während nack unserem gegenwärtigen
Wissen alle Elementarprozesse reversibel sind).
Sind also B und A zwei einander hinreichend benachbarte \Veltpunkte,
welche durch eine zeitartige Linie verbunden werden können, hat die Aus-
sage einen physikalisch objektiven Sinn: "B ist vor A". Hat diese Aussagr-
auch einen Sinn, wenn die durch eine zeitartige Linie verhindbal'en Punkte
beliebig wei
auseinanderliegen? Sicherlich nicht, wenn es zeitartig ver-
hindbare Punktreihen gibt, so da.6 jeder Punkt dem vorangehenden zeit-
)ich vorangeht, und die Reike in sick geschlossen ist. Dann wird für im kos..
mologischen Sinne weit auseinanderliegende Weltpunkte die Unterschei-
dung früher-später aufgehoben, und es treten jene Paradoxien bezüglich der
gerichteten kausalen Verknüpfung auf, von denen Herr Gödel gesprochen hat.
Solche kosmologischen Lösungen der Gravitationsgleichungen (mit nicht..
verschwindender Konstante A) hat Herr Gödel aufgefunden. Es wird inter-
essant sein zu erwägen, ob diese nicht aus physikalischen Gründen auszu-
schliel3en sind.
Ich habe das bedrückende Gefühl, daB ich mich in dieser Beant'\\lortung
nicht nur etwas weitschweifig, sondern auch etwas scharf ausgedrückt habe.
Zur Entschuldigung diene die Bemerkung: richtig streiten kann man nur
mit seinen Brüdern und nahen Freunden; die andern sind einenl zu fremd.
P. S. Die vorstehenden Bemerkungen beziehen sich auf Arbciten, welche
Ende Januar 1949 in meiner Hand waren. Da der Band im März 1949 er-
scheinen sollte, so war es hohe Zeit, die Bemerkungen zu schreiben.
Nachdem sie abgeschlossen waren, erfuhr ich, daB die Publikation des
Bandes eine weitere Verzögerung erfahre und daB noch mehrere wichtige
Beiträge eingelaufen seien. Trotzdem entschloB ich mich, die ohnehin zu
ulIlständlich geratenen Bemerkungen nicht noch weiter auszudehnen und
darauf zu verzichten, Zl1 dem nach Abschlu.6 Dleiner Bemerkungen in mei ne
Hand gelangten Beiträge in dem Rande Stellung zu nehmen. -
lnstitute of Advanced Study
Princeton, N ew Jersey
Den 1. Februar 1949
Albert Einstein
511
BIBLIOGRAPHIE
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1. Teil, 184-187.
95. Einige anschauliche Üherlegungen aus dem Gehiete der Relativitätstheorie.
PreufJische Akademie der Wissenscha/ten, Sitzungsberichte, 1916, 1. Teil, 423.
96. Näherungsweise Integration der Feldgleichungen der Gravitation. PreufJi-
sche Akademie der Wissenscha/ten, Sitzungsberichte, 1916, 1. Teil, 688-696.
97. Gedächtnisrede auf Karl Schwarzschild. PreufJische Akademie der Wissen-
scha/ten, Sitzungsberichte, 1916, 1. Teil, 768-770.
98. Hamiltonsches Prinzip und alIgemeine Relativitätstheorie. PreufJische Aka-
demie der Wissenscha/ten, Sitzungsberichte, 1916, 2. Teil, 1111-1116. - Wie-
derveröffentlicht in der dritten und den folgenden Auflagen von H. A. L o-
ren tz: Relatiyitätsprinzip (vgl. 86).
1917
99. Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, gemeinverständ-
lich. Braunschweig, Vieweg. 70 S. (Sammlung Vieweg, Heft 38). - Weitere
Auflagen siehe 107 und 125.
100. Zum Quantensatz von Sommerfeld und Epstein. Deutsche Physikalische Ge-
sellscha/t, Verhandlungen, 19. Bd., 82-92.
518
Bibliographie
101. Rezension von H. von Helmholtz: Zwei Vorträge üher Goethe. NafU,1'-
wissenschaften, 5. Bd., 675.
102. Marian von Smoluchowski. Naturwissenschaften, 5. Bd., 737-738.
103. Quantentheorie der Strahlung. Physikalische Zeitschrift, 18. Bd., 121-128.
104. Kosmologische Betrachtungen zur allgemeinen Relativitätstheorie. PreufJi-
8che Akademie der Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1917, 1. Teil, 142-152.-
Wiederveröffentlicht in der dritten und den weiteren Auflagen von H. A.
Lor ent z: Relatipitäts prinzip (vgl. 86).
105. Eine Ahleitung des Theorems von J acohi. PreufJische Akademie der W issen-
schaften, Sitzungsberichte, 1917, 2. Teil, 606-608.
106. Friedrich Adler als Physiker. Vossische Zeitung, Morgenausgabe (Nr. 259)
23. Mai, S. 2.
1918
107. Üher die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, gemeinverständ-
lich. 3. Auflage, Braunschweig, Vieweg. 83 S. - Erste Auflage siehe 99.
3.--9. Auflage (1918-1920) hahen einen Anhang: "Einfache Ahleitung der
Lorentz-Transformation. Minkowskis vierdimensionale Welt".
108. Motiv des Forsehens. S. 29-32 von "Zu Max Plancks 60. Gehurtstag": An-
sprachen in der Deutschen physikalischen Gesellschaft. Karlsruhe, Müller.-
N eudruck in "M ein Weltbild" (V'gl. 346).
109. Prinzipielles zur alJgemeinen Relativitätstheorie. Annalen der Physik,
4. Folge, LV, 241-244.
110. Lassen sich Brechungsexponenten der Körper für Röntgenstrahlen experi-
mentell ermitteln? Deutsche Physikalische Gesellschaft, Verhandlungen,
20. Bd., 86-87.
111. Bemerkung zu Gehrckes Notiz: Üher den Àther. Deutsche physikalische Ge-
sellschaft, Verhandlungen, 20. Bd., 261.
112. Rezension von H. Weyl: Raum, Zeit, Materie. Naturwissenschaften, 6. Bd.,
373.
113. Dialog über Einwände gegen die Relativitätstheorie. Naturwissenschaften,
6. Bd., 697-702.
114. Notiz zu Schrödingers Arbeit: Energiekomponenten des Gravitationsfeldes.
Physikalische Zeitschrift, 19. Bd., 115-116.
115. Bemerkung zu Schrödingers N otiz: Lösungssystem der allgemein kovarian-
ten Gravitationsgleichungen. Physikalische Zeitschrift, 19. Bd., 165-166.
116. Gravitationswellen. PreufJische Akademie der Wissenschaften, Sitzungs-
berichte, 1918, 1. Teil, 154-167.
117. Kritisches zu einer von Herrn de Sitter gegehenen Lösung der Gravitations-
gleichungen. Preu{Jische Akademie der Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1918,
1. Teil, 270-272.
118. Der Energiesatz in der allgemeinen Relativitätstheorie. PreufJische Akade-
mie der Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1918, 1. Teil, 448-459.
1919
119. Prüfung der allgemeinen Relativitätstheorie. N aturwissenschaften, 7. Bd.,776.
Einige Zeilen anläBlich eines telegraphischen Berichtes üher die Sonnen-
finsternis am 29. Mai 1919.
'120. SpieIen Gravitationsfelder im Aufhau der materiellen Elementarteilchen
eine wesentliche Rolle? PreufJische Akademie der Wissenschaften, Sitzungs-
519
Bibliographie
berichte, 1919, 1. Teil, 349-356. - Wiederveröffentlicht in der dritten und
den folgenden Auflagen von H. A. Lorentz: Relatipitätsprinzip (vgl. 86).
121. Bemerkungen üher periodische Schwankungen der Mondlänge, welche hisher
nach der Newtonschen Mechanik nicht erklärbar schienen. PreufJische Aka-
demie der Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1919, 1. Teil, 433-436. - Ein-
steins Antwort auf Kommentare hierzu: ibid., 2. Teil, 711.
122. Feldgleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie vom Standpunkte des
kosmologischen Problems und des Prohlems der Konstitution der Materie.
PreufJische Akademie der Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1919, 1. Teil, 463.
Nur der Titel. Im wesentlichen ein Referat üher "Spielen Gravitations-
felder . . . ?" (vgl. 120).
123. My theory. Times, London, 28. Novemher 1919, S. 13. - Deutscher Texl
in Mein Weltbild, 220-228, unter dem Titel "Was ist Relativitätstheorie?"
(vgl. 346).
124. Leo Arons als Physiker. Sozialistische Monatshefte, 52. Bd. (Jahrg. 25, Teil 2),
1055-1056.
1920
125. Üher die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, gemeinverständ-
lich. 10. Auflage, Braunschweig, Vieweg, 91 S. - Erste Auflage siehe 99.
10.-14.. Auflage enthält einen dritten Ahschnitt im Anhang: "Rotperschie-
bung der Spektrallinien".
126. Äther und Relativitätstheorie: Rede gehalten am 5. Mai 1920 an der Reichs-
universität zu Leiden. Berlin, Springer, 15 S.
127. Bemerkung zur Abhandlung von W. R. Hess: Theorie der Viskosität hetero-
gener Systeme. Kolloidzeitschrift, 27. Bd., 137.
128. Inwiefern läBt sich die moderne Gravitationstheorie ohne die Relativität
hegründen? Naturwissenschaften, 8. Bd., 1010-1011.
129. Trägheitsmoment des Wasserstoftmoleküls. PreufJischeAkademie der Wissen-
schaften, Sitzungsberichte, 1920, 65.
130. Schallaushreitung in teilweise dissoziierten Gasen. PrellfJische Akademie de,.
Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1920, 380-385.
131. Meine Antwort üher die antirelativitätstheoretische GmbH. Berliner Tage-
blatt und Handelszeitung, 27. August 1920 (Nr. 402), S.1-2.
1921
132. The Meaning of Relativity: Four Lectures Delivered at Princeton Univer-
sity, May 1921 f Transl. hy Edwin P. Adams. Princeton U niversity Press.
123 S. - Deutscher Text siehe 140. Erweiterte Auflage siehe 270.
133. Geometrie und Erfahrung, erweiterte Fassung des Festvortrages, gehalten
an der preuBischen Akademie. Berlin, Springer, 20 S. - Die Originalfassung
"zur Feier des J ahrestages König Friedrichs 11." ist enthalten in den Sit-
zungsberichten der Akademie, 1921, 123-130 (vgl. 136).
134. Einfache Anwendung des Newtonschen Gravitationsgesetzes auf die kugel-
förmigen Sternhaufen. S. 50-52 von Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förde-
rung der Wissenschaft, F estschrift . . . zu ihrem zehnj ährigen J uhiläum . . .
Berlin, Springer.
135. A hrief outline of the development of the theory of relativity, (ühersetzt von
R. W. Lawson). Nature, 106. Bd., 782-784.
520
Bibliographie
136. Eine naheliegende Ergänzung des Fundamentes der allgemeinen Relativi-
tätstheorie. PreufJische Akademie der Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1921,
1. Teil, 261-264.
137. Ein den ElementarprozeJ3 der Lichtemission hetreffendes Experiment.
PreufJische Akademie der Wissenschaften, Sitzungsberichte, 1921, 1. Teil,
882-883.
138. Bericht üher eine V orlesung am King's College über die Entwicklung und
den gegenwärtigen Stand der Relativitätstheorie, mit Zitaten. Nation and
Athenaeum, Bd. 29, 431-432. - Deutscher Text in Mein Weltbild (vgl. 346),
215-220.
1922
139. Vier V orlesungen über Relativitätstheorie, gehalten im Mai 1921 an der
Universität Princeton. Braunschweig, Vieweg, 70 S. - Deutscher Text
von 132. Zweite Auflage 1923.
140. Untersuchungen über die Theorie der Brownschen Bewegungen, heraus-
gegeben von R. Fürth. Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft, 72 S.
(Oswalds Klassiker der exakten Wissenschaften, Nr. 199). -- Neudruck von
8, 11, 12, 22, 26, mit Anmerkungen des Herausgebers.
141. Theoretische Bemerkungen zur Supraleitung der Metalle. S. 429-435 von
Leyden. Rijksuniversiteit... Natuurkundig Lahoratorium, Gedenkhoek
aangeboden aan H. Kamerlingh Onnes. . . Leiden, Ijdo.
142. Bemerkung zur Seletyschen Arheit: Beiträge zum kosmologischen Problem.
Annalen der Physik, 4. Folge, LXIX, 436-438.
143. Rezension von W. P a uli: Relativitätstheorie. Naturwissenschaften, 10. Bd.,
184-185.
144. Emil Warburg als Forseher. Naturwissenschaften, 10. Bd., 823-828.
145. Theorie der Lichtfortpflanzung in dispergierenden Medien. PreufJische Aka-
demie der Wissenschaften, Phys.-math. Klasse, Sitzungsberichte, 1922, 18-22.
146. Bemerkung zu der Abhandlung von E. Trefftz: Statische Gravitationsfelder
zweier Massenpunkte . . . PreufJische Akademie der Wissenschaften, Phys.-
math. Klasse, Sitzungsberichte, 1922, 448-449.
147. Quantentheoretische Bemerkungen zum Experiment von Stern und Ger-
lach, mit P. Ehrenfest. Zeitschrift für Physik, 11. Bd., 31-34.
148. Bemerkung zu der Arbeit von A. Friedmann: Über die Krümmung des
Raumes. Zeitschrift für Physik, 11. Bd., 326. - Diese Kritik wurde zurück-
genommen in einer späteren N otiz: ibid. 16. Bd., 228.
149. Grundgedanken und Prohleme der Relativitätstheorie. Stockholm, Impri-
merie royale. 10 S. - Vortrag anläBlich der Entgegennahme des Nohel-
preises, gehalten vor der Nordischen Naturforscherversammlung, Göteborg.
Auch enthalten in Nobelstiftelsen, Les prix Nobel en 1921-22.
1923
150. Bemerkung zu der N otiz von W. Anderson: N eue Erklärung des kontinuier-
lichen Koronaspektrums. Astronomische Nachrichten, 219. Bd., S.19.
151. Experimentelle Bestimmung der Kanalweite von Filtern, mit H. Mühsam.
Deutsche medizinische Wochenschrift, 49. Bd., 1012-1013.
152. Beweis der Nichtexistenz eines üherall regulären zentrisch symmetrischen
Feldes nach der Feldtheorie von Kaluza, mit J. Grommer. Jerusalem Uni-
yersity, Scripta, 1. Bd., Nr. 7, 5 S. - Auch hebräischer Text.
521
Bibliogra phie
153. Theory of the affine field. Nature, 112. Bd., 448-449. - tJ'bersetzt von
R. W. Lawson; nicht identisch mit 155.
154-. Zur allgemeinen Relativitätstheorie. Preu{Jische Akademie der Wissenschal-
ten, Phys.-math. Klasse, Sitzungsberichte, 1923, 32-38, 76-77.
155. Zur affinen Feldtheorie. Preu{Jische Akademie der Wissenschaften, Phys.-
math. Klasse, Sitzungsberichte, 1923, 137-140.
156. Bietet die Feldtheorie Möglichkeiten für die Lösung des Quantenprohlems?
Preu{Jische Akademie der Wissenschaften, Phys.-math. Klasse, Sitzungs-
berichte, 1923, 359-364.
157. Théorie de relativité. Société française de philosophie, Bulletin, 22. Bd., 97,
98, 101, 107, 111-112. - Eine Diskussion, zu der Einstein zwei Feststellun-
gen beiträgt, die das Verhältnis seiner Theorie zu Kant und Mach hetreffen.
158. Quantentheorie des Strahlungsgleichgewichts, mit P. Ehrenfest. ZeitschriJt
für Physik, 19. Bd., 301-306.
1924
159. Geleitwort. 2. Bd., S. VI, a-h, zu Lucretius, De rerum natura, lateinisch und
deutsch, von H. Die 1 s, Berlin, Weidmann.
160. Antwort auf eine Bemerkung von W. Anderson. Astronomische Nachrichten,
221. Bd., 329-330.
161. Das Comptonsche Experiment. Berliner Tageblatt, 20. April 1924, 1. Beiblatt.
162. Zum hundertjährigen Gedenktag von Lord Kelvins Gehurt. Naturwissen-
scha/ten, 12. Bd., 601-602.
163. Quantentheorie des einatomigen idealen Gases. PreufJische Akademie der
Wissenschaften, Phys.-math. Klasse, Sitzungsberichte, 1924,261-267. - Fort-
setzung siehe 171.
164. "Ober den Äther. Schweizerische naturforschende Gesellschaft, Verhandlungen,
105. Bd., 2. Teil, 85-93. - Ein historischer "Oberhlick.
165. Theorie der Radiometerkräfte. Zeitschrift für Physik, 27. Bd., 1-6.
166. Anmerkung zur Arbeit von Bose: Wärmegleichgewicht im Strahlungsfeld
bei Anwesenheit von Materie. Zeitschri/t /ür Physik, 27. Bd., 392-393.
1925
167. Anhang: Eddingtons Theorie und Hamiltonsches Prinzip. S. 366-371 in
A. S. Eddington. Relatipitätstheorie in mathematischer Behandlung. Berlin,
Springer. - Eigens für diese deutsche Ausgabe von Eddington geschriehen.
168. Theoretische Atomistik. S. 281-294 in Die Physik, 2. Auflage, Leipzig,
Teubner. (Vgl. 75).
169. Relativitätstheorie. S. 783-797 in Die Physik, 2. Auflage, Leipzig, Teubner.
(Vgl. 76).
170. Elektron und allgemeine Relativitä tstheorie. Physica, 5. Bd., 330-34.
171. Quantentheorie des einatomigen idealen Gases. 2. Ahhandlung. Preu{Jische
Akademie der W issenscha/ten, Phys.-math. Klasse, Sitzungsberichte, 1925,
3-14. - Fortsetzung von 163.
172. Quantentheorie des idealen Gases. Preu{Jische Akademie der Wissen schaf ten,
Phys.-math. Klasse, Sitzungsberichte, 1925, 18-25.
173. Einheitliche Feldtheorie von Gravitation und Elektrizität. Preu{Jische Aka-
demie der Wissenschaften, Phys.-math. Klasse, Sitzungsberichte, 1925,
414-419.
174. Bemerkung zu P. Jordans Abhandlung: Theorie der Quantenstrahlung.
Zeitschrift /ür Physik, 31. Bd., 784-785.
522
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175. W. H. Julius, 1860-1925. Astrophysical Journal, 63. Bd., 196-198.
176. Ursache der Mäanderbildung der FluBläufe und des sogenannten Baerschen
Gesetzes. Naturwissenschalten, 14. Bd., 223-224. - Vorgetragen vor del'
PreuBischen Akademie am 7. Januar 1926. Aufgenommen in Mein Weltbild
(siehe 346).
177. V orschlag zu einem die Na tur des elementaren Strahlungs- Emissionspro-
zesses hetreffenden Experiment. Naturwissenschalten, 14. Bd., 300-301.
178. Interferenzeigenschaften des durch Kanalstrahlen emittierten Lichtes. Pre u-
{Jische Akademie der Wissenschalten, Phys.-math. Klasse, Sitzungsberichte,
1926, 334-340.
179. Geometria no euclidea y fisica. Revista matemática hispano-americana,
2. Folge, 1. Bd., 72-76.
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180. Einführung zu T. Shalit: Di spetsyele relativitets-teorye. Berlin (Privat-
druck), 240 S. - Jiddischer und deutscher Text.
181. EinfluB der Erdbewegung auf die Lichtgeschwindigkeit relativ zur Erde.
Forschungen und Fortschritte, 3. Bd., 36-37.
182. Formale Beziehung des Riemannschen Krümmungstensors zu den Feld-
gleichungen der Gravitation. Mathematische Annalen, 97. Bd., 99-103. -
1926 vor der PreuBischen Akademie vorgetragen unter dem Titel: "Anwen-
dungen einer von Rainich gefundenen Spaltung des Riemannschen Krüm-
mungstensors. "
183. Isaac Newton. Manchester Guardian weekly, 16. Bd., 234-235. - Ebenfalls
im Manchester Guardian vom 19. März 1927.
184. Newtons Mechanik und ihr EinfluB auf die Gestaltung der theoretischen
Physik. Naturwissenschalten, 15. Bd., 273-276. - Aufgenommen in Mein
Weltbild (siehe 346).
185. Zu Newtons 200. Todestage. Nord und Süd, Jahrg. 50, 36-40.
186. Brief an die Royal Society anläBIich der N ewton-Zweihundertjahrfeier.
Nature, 119. Bd., 467; Science, Neue Folge, 65. Bd., 347-348.
187. Establishment of an international bureau of meteorology. Science, Neue
Folge, 65. Bd., 415-417. - Bericht eines Ausschusses des Internationalen
Komitees für intellektuelle Zusammenarheit, auch von M. Curie und
H. A. Lorentz gezeichnet.
t88. Kaluzas Theorie des Zusammenhanges von Gravitation und Elektrizität.
Preu{Jische Akademie der Wissenschalten, Phys.-math. Klasse, Sitzungs-
berichte, 1927, 23-30.
189. Allgemeine Relativitätstheorie und Bewegungsgesetz. (Erster Teil mit
J. Grommer.) Preu{Jische Akademie der Wissenschalten, Phys.-math. Klasse,
Sitzungsberichte, 1927, 2-13, 235-245.
190. Theoretisches und Experimentelles zur Frage der Lichtentstehung. Zeit-
schrift lür angewandte Chemie, 40. Bd., 546. - Bericht üher eine V orlesung
Einsteins vor der Mathematisch-physikalischen Arheitsgemeinschaft, Uni-
versität Berlin, 23. Februar.
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191. H. A. Lorentz. Mathematisch-naturwissenschaftliche Blätter t 22. Bd., 24-25.
In Mein Weltbild, S. 25 (vgl. 346).
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mus. Preu{Jische Akademie der Wissenschaften, Phys.-math. Klasse, Sitzungs-
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193. N eue Möglichkeit für eine einheitliche Feldtheorie von Gravitation und Elek-
trizität. PreufJische Akademie der Wissenschaften, Phys.-math. Klasse, Sit-
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194. A propos de "La déduction relativiste" de M. E. Meyerson. Revue philoso-
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veränderter N eudruck in der Auflage von 1942.
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197. Ansprache an Prof. Planck (bei Entgegennahme der Planck-Medaille).
Forsehungen und Fortschritte, 5. Bd., 248-249.
198. Aus einem Interview mit dem Londoner Daily Chronicle vom 26. J anuar
üher die einheitliche Feldtheorie, VOl' Erscheinen seines Aufsatzes hierüher
(vgl. 201). Nature, 123. Bd., 175.
199. Anmerkung im AnschluB an den Ahdruck der Gedächtnisrede Aragos über
Thomas Y oung vor der Französischen Akademie. N aturwissenschaften,
17. Bd., 363.
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202. Einheitliche Feldtheorie und Hamiltonsches Prinzip. Preu{Jische AkadenÛe
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203. Sur la théorie synthéthique des champs, mit Th. de Donder. Repue générale
de I' électricité, 25. Bd., 35-39.
204. Appreciation of Simon Newcomb. Science. N eue FoJge, 69. Bd., 249. -
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205. Sesión especial de la Academia, 16. ahril1925. Sociedad cientifica Argentina,
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einem Riemannschen Raume mit Fernparallelismus gesetzt werden können,
mit W. Mayer. Preu{Jische Akademie der Wissenschaften, Phys.-math. Klasse,
Sitzungsberichte, 1931, 257-265.
226. Einheitliche Theorie von Gravitation und Elektrizität, mit W. Mayer.
Preu{Jische Akademie der Wissenschaften, Phys.-math. Klasse, Sitzungs-
berichte, 1931, 541-557. - Fortsetzung siehe 236.
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229. Antwort auf Gratulationsansprachen bei einem Essen des California Insti-
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231. Prologue. S. 7-12 von M. Planek: Where is science going P New Y ork, Norton.
232. Epilogue: asocratic dialogue, interlocutors, Einstein and Murphy. S. 201
his 213 von Max Planek: Where is science goingP New York, Norton.
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Text ist erschienen in Mein Weltbild, S.176-187 (siehe 346).
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schappen, Amsterdam, Proceedings, 36. Bd., 2. Teil, 615-619.
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Gleichungen vom Diracschen Typus, mit W. Mayer. Akademie van weten-
schappen, Amsterdam, Proceedings, 36. Bd., 2. Teil, 615-619.
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setzung siehe 259.
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2. Bd., 11-16. - Dasselhe in Spaniseh. ibid. S. 5-10. - Es handelt sich um
einen Vortrag, den Einstein bei dem gemeinsamen Treffen der American
Physical Society und der Association of Physics Teachers in Prinoeton am
29. Dezember 1941 gehalten hat.
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Rohert W. Lawson. Hinzugefügt ist ein neues Kapitel: Relativity and the
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scheinen.
299. Deutsche Auflage von The Meaning ol Relatipity, Braunschweig, Vieweg. -
Wird 1955 erscheinen.
300. Neue Auflage von Relatipität: die Allgemeine und Spezielle Theorie. Braun-
schweig, Vieweg. - Wird 1955 mit einem neuen Kapitel über das Raum-
prohlem erscheinen.
II
NICHT WISSEN SCHAF TL IC HE SCHRIFTEN
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einigten Staaten. Berliner Tageblatt, 7. Juli 1921, S. 2. - ZUID Teil zitiert in
Mein Weltbild (vgl. 346), S.54-60.
303. Einstein on education. Nation and Athenaeum, 30. Bd., 378-379. - Enthält
Zitate ohne Quellenangahe.
1922
304. In Memoriam Walther Rathenau. Neue Rundschau, 33. Bd., 2. Teil, 815-816.
305. Conditions in GermaIlY. N ew Republic, 32. Bd., 197. -- Brief an H. N. Brails-
f orde
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s. 57-60.
1924
307. Ein Interview üher den Völkerhund. Journal des debats pohtiques et littéraires,
édition hebdomadaire. 31. Bd., 2. Teil, 184.
308. An die polnische Judenheit. Leipziger jüdische Zeitung, 3. Bd., Nr. 46.
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309. Botschaft. Jüdische Rundschau, 30. Bd., 129 (Nr. 14, 17. Februar).
310. Ein Wort auf den Weg. Jüdische Rundschau, 30. Bd., 245 (Nr. 27/28,
4. März). - Zur Eröffnung der Hehräischen Universität in Jerusalem.
311. Pan-
uropa. Das junge Japan, 1. Bd., 369-372.
312. Mission of our university. New Palestine, 8. Hd., 294. - Siehe auch 318,
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Soncino-Gesellschaft der Freunde des Jüdischen Buches zu Berlin. 32 S.
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J. Murphy und J. W. N. Sullivan.
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341. Zur Deutsch-Amerikanischen Verständigung. S. 4-8 von Calilornia lnstitute
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Rücktritt aus dieser Körperschaft. Science, Neue Folge, 77. Bd., 444. -
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348. An opinion of H. W. Krutch's article: Was Europe a success? Nation,
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Atomic Energy. Hearings pursuant to Senate Resolution 179.
387. Brief an Präsident Roosevelt, 2. August 1939 (als Flugblatt Dezembei' 1946).
584
Bibliogra phie
388. An die jüdischen Studenten. Aufbau, 12. Hd., Nr. 1 (4. Jannar), S. 16.
389. Die Welt muB neu denken lernen. Aufbau, 12. Bd., Nr. 38, S. 1-2 und Nr. 3!J,
S. 5, (20. und 27. September). - Deutscher Text eines Interviews fül'
M. Amrine, das in der New York Times vom 23. Juni 1946 erschien.
390. Year one--Atomic age. A message. Survey graphic, 34. Bd., Januarausgabe,
S. 23.
391. E = mc 2 : the most urgent problenl of our tinle. Science illustrated, 1. Bd.,
Nr. 1, Aprilausgabe, S. 16-17.
1947
392. The military mentality. American scholar, 16. Bd., 353-354. - Wiederver-
öffentlicht im Bulletin of the atomic scientists, 3. Bd., 223-224.
393. Atomic war or peace, as to]d to Raymond Swing. Atlantic monthly, 180. Bd.,
29-33 der Novemberausgabe. -DeutscherText: "Atomkrieg oder Frieden?"
erschien in Aufbau, 13. Bd., Nr. 50 (12. Dezelnher), S.1-2, 27.
394. Dear fl'iends in the Mid -West: a Christmas greeting. Chicago daily tribune,
24. Dezeinbel', S. 9.
395. World unity delnanded. Cleveland news, 11. November {106. Bd., Nr. 266}.
396. Musical visit with Einstein: interview by Lili Foldes. Étude, 65. Bd., Januar-
ausgabe, S. 5.
397. Paul Langevin. La Pen.çée: re{)ue du rationalisrne moderne, Neue Folge, N I'. 12
(Mai-Juni), S.13-14.
398. Telegraphic response to the editor on Walter White's article: Why I remain
a negro. Saturday re{)iew olliterature, 30. Bd., Ausgahe vom 1. Novemher,
S. 21.
399. An open letter to the General Assembly of the United Nations, on "the way
to hreak the vicious circle." United lVations world, 1. Bd., Oktoherausgahe,
S. 13-14.
ltOO. Science "gag" can even crimp lnilitary use. Washington post, 3. August, S. 1
des Beihefts über Atomenergie.
1948
/.01. Introduction. S. 1 von Daniel O. Posin: I ha{)e been lo the village. Ann Arbor,
Edwards.
402. Foreword. S. 1-2 von Lincoln Barnett: The universe and Dr. Einstein. NeV\'
Y ork, Sloane.
403. Brief an den V orsitzenden des Senatsausschusses über allgemeine militäri-
sche Ausbildung. S. 267 von U. S. Congress. Senate. Committee on Armed
Services. Universal military training. Hearings. . .
404. A plea lor international understanding. Bulletin of the atomic scientists, 4. Bd.,
S. 1. - Zuerst veröffentlicht in New York Times, 12. Novemher 1947, S.1,
Spalte 7.
405. Reply to Soviet scientists. BulleÛn of the scientists, 4. Bd., 33-34.
406. Message to the World Congress of Intellectuals, Warschau. Bulletin of the
atomic scientists, 4. Bd., 295, 299.
407. Letter (über neue finanzielle Regelungen für das Bulletin). Bulletin of the
atomic scientists, 4. Bd., 354.
408. Religion and science: irreconcilable? Chrtstian register, 127. Bd., Juniaus-
gahe, S. 19.
!J09. Atomic science reading list. Magazine of the year, Ausgabe vom Januar 1948.
S. 60-61.
585
Bib Iiogra phie
410. Looking ahead. Rotarian, Juniausgahe, S. 8-10.
411. Brief an die Generalversammlung der Methodistenkirche t zur Unterstützung
einer supranationalen Organisation. Zion's herald, 126. Bd., 453.
412. Epoche des Friedens? UNESCO, Monatsschrift für Erziehung, Wissenschaft
und K llltu,r der Osterreichischen Liga für die V ereinigten Nationen, J ahrg. 1,
S. 435-436 (Heft 10). - Ein Interview mit Dr. Helmut Leitner, österreichi.
scher GeneraIkonsu] in N ew Y ork.
1949
413. Brief an Prof. Archihald Henderson anläf3lich der Veröffentlichung seiner
Publikation üher Bernard Shaw: playboy and prophet. Appleton, 1932. 872 S.
S. 92 von Archihald Henderson: The N ew Crichton, ed. hy Samuel S. Rood.
N ew Y ork, Beechhurst press.
414. Artikel von A. Werner zu Einsteins 70. Geburtstag mit Fragen und Ant-
worten aus einem Interview. Liberal J udaism, 16. Bd., April-Mai-Ausgabe,
S. 4-12.
415. Why socialism. Monthly review: an independent socialist magazine. 1. Bd.,
Maiausgahe (Nr. 1), S. 9-15.
416. A true prophet: greeting to Rahhi Stephen Wise on his seventy-fifth birth-
day. Opinion, 19. Bd., Märzausgahe (Nr. 5), S. 12.
417. Facsimile ofgreetingto ORT convention. ORT Bulletin, 2. Bd., Maiausgabe
(Nr. 9), S. 7.
418. Most fateful decision in recorded history. Southern Patriot, Mai.
1950
419. Out of My Later Years. New York, Philosophical Library, 282 S. - Eine
Sammlung von Artikeln und Essays seit 1934 geschrieben.
1952
420. Brief vom 29. Fehruar an die Schweizer monatliche Zeitschrift Der Jung-
kaufmann, über die Wichtigkeit des Lesens der Klassiker für die Jugend.
421. Brief vom 28. Januar an den Schriftleiter des Popular Science Monthly, New
Y ork, über die Arheit an der Gravitationstheorie. - Zur Beantwortung einer
von einem Leser eingeschickten Frage.
422. Brief vom 20. September an den Schriftleiter der Kaizo Zeitschrift, Tokio,
Japan, zur Beantwortung einer Frage in hezug auf Teilnahme an der Ent-
wicklung der Atombomhe.
423. Bemerkung zu Benjamin Fine, Erziehungsschriftleiter der New York Times,
über Erziehungsfragen. In New York T'tmes, den 5. Oktober erschienen.
1953
24. H. A. Lorentz als Schöpfer und als Persönlichkeit. - Artikel, in Eigenhand
geschrieben, für die H. A. Lorentz-Jahrhundertfeier in Leiden, Holland.
Den 27. Februar. In Mein Weltbild und in Ideas andOpinions eingeschlossen.
425. Bemerkungen für eine Eddington-Biographie an Prof. A. V. Douglas, Pro-
fessor der Astronomie in Queens University, Kingston, Ontario, Canada
adressiert. März.
586
Bibliogra phi'e
426. Bemerkung vom 12. Mai für die University of the State of New Y ork, Bureau
of Secondary Curriculum, Albany, N ew Y ork, die Frage beantwortend:
"How can education develop in youth the ahility to face and solve problems
objectively?" - Im Septemherheft der Schools in action, Journal der New
Y orker Staatsahteilung für Erziehung.
427. Botschaft VOln 21. Septemher an die" Jewish Peace Fellowship" in New
Y ork für ihre Zeitschrift Tidings.
428. Botschaft vom 10. August an die 24. jàhrliche Konferenz der "War Resisters
League" in New York.
'..29. Rede, auf Schallplatte aufgenommen, heim Empfang des "Lord & Taylor-
Preises" . Den 4. Mai. In Ideas and Opinions eingeschlossen.
480. Brief vom 16. Mai an William Frauenglass, Brooklyn, in bezug auf moderne
inquisitorische Methoden (Kongre.Bverhöre), in der N ew Y ork Times am
12. Juni erschi€'nen. - In Mein Weltbild und in Ideas and Opinions einge-
schlossen.
431. Bemerkung üher "Responsibility" fur The elrn tree, "Senior Class Book" der
James HilIhouse I-ligh School in New Haven, Connectieut. Den30. November.
432. Mein Weltbild. Herausgegeben von Carl Seelig. Zürich, Europa, 275 S. -
Neue, VOD1 Verfasser durchgesehene und wesentlich erweiterte Aunage..
1954
433. Rede über "Human rights" heim Elnpfang eines Preises von der "Decalogue
Society" in Chicago. Den 20. Fehruar. - In ldeas and Opinions einge-
schlossen.
434. Bemerkungen über Challenge of Man' 8 F'Ldure, von Harrison Brown, Viking
Press, New Y ork. l\'Iärz.
435. Antworten auf Fragen in hezug auf akademische Freiheit; auf einer Ver-
sammlung der "Emergency Civil Liberties Committee" in New York. Den
14. März. - In der Nevi' York Times und in anderen Zeitungen erschienen.
436. Antwort auf Frag'en, gestellt von David M. Liberson, in der Jewish Daily
Forward, New York. März.
437. Botschaft vom 1. April a11 die "Springfield Conference on Civil Rights" der
"Anti-Defamation League". Springfield, Massachusetts.
438. Botschaft an die internationale OSE-Konferenz in Paris. Juni.
439. Rede gehalten hei der Planungskonferenz der "American Friends of the
Hehrew University" in Princeton am 19. Septemher. - In der täglichen
Presse erschienen.
440. Gratulationsbrief an Frau Franklin Delano Roosevelt zu ihrem 70. Gehurts-
tag. Den 28. September. - Im Gehurtstagshand eingeschlossen. (Unver-
öffentlicht. )
44:1. Rede beim En1pfang des Ehrendoktors vom Hehrew Institute of Technology.
Haifa, Israel. In der Princeton Inn, am 3. Oktoher.
442. Brief vom 13. Oktober an den Schriftleiter der Zeitschrift The Reporter.
Bemerkung über Artikel in hezug aul "The situation of the scientist in
America'.. Im N ovemherheft erschienen.
443. Botschaft vom 18. Oktoher an den "Pyramid Cluh" in Philadelphia für die
Preisüherreichung an Professor Dr. Rohert Oppenheimer.
444. Ideas and Opinions, hased on M ein Weltbild. Herausgegehen von Carl
Seelig. New York, Crown, 377 S. - Neue Übertragungen und Veränderun-
gen von Sonja Bargmann.
537
Bibliographie
4:45. Bemerkungen üher Enrico Fermi zu seinem Tode im Dezember. Telepho-
nisch einem Vertreter einer italienischen Zeitung -- vermutlich Corriere de
la Sera, Mailand - üherbracht.
446. Lobrede für den Maler J oseph Scharl, hei der Leichenfeier am 8. Dezemher
gehalten. In der New York Times und anderen Zeitungen abgedruckt.
1955
447. Out of inner necessity. Beitrag zu To Dr. Albert Schweitzer: a Festschrift
Commemorating his 80th Birthday, Privatdruck, Evanston, S. 37-38.
4/..8. Botschaft an die jährliche Konferenz, "Science for Peace". London, den
26. März.
1..49. Botschaft für das erste Heft der neuen Zeitschrift Con
mon cause. Schrift-
leiterin Elisabeth Mann-Borgese, Florenz, Italien. Datum unhekannt.
450. Brief an Charles-Noel Martin, veröffentlicht in seinem Buch L'heure H a-t-elle
Sonné pour le Monde! (Effet Accumulative des Explosions Nucléaires).
Michel, Paris.
451. Bemerkungen über Pablo Casals für das Buch ConfJersations with Pablo
Casals, von J. M. Corredor, Michel, Paris.
452. Einleitung zu zukünftigen Ûhersetzungen ius Englische, Deutsche, Italieni-
sche usw., von La Folie des Hommes, von Jules Moch, l\1:itglied der französi-
schen Chambre des deputés und Mitglied der französischen Delegation 7.U
den Ver
inten Nationen. - Noch nicht erschienen.
1956
453. Artikel für eine Anthologie, herausgegehen von Stewart G. Cole, üher Re-
ligion, Wissenschaft und Demokratie. Titel des Buches: This Is My Faith:
The convictions of 25 Representative Americans. (Harpers, N ew Y ork). -
Wird Anfang 1956 erscheinen.
588
VERZEICHNIS DER WICHTIGSTEN BEGRIFFE
(in der Regel sind nur die Hauptstellen angegeben)
Abstraktion (extensive) 468 ft.
Äquivalenz von Beobachtern 292 ft.
Anfangszustand der Welt 322--327
Areopag der Weisheit 483 ft.
Atombombe 487 f.
Dialektik, philosophische 413
Dichte des Weltalls 358
Einfachheit als Kriterium der Realität
160 ft., 185, 275, 279
Einsteins Leistung
spezielle Relativitätstheorie 17--25,
48-50
allgemeine Rela tivitä tstheorie
25--35, 38, 50-54, 439--447, 450ff.
für die Quantentheorie 54--59, 74
bis 83, 91--94, 116--119, 219--222
und öfters
Energiesatz 369--375
Energieströmung 375--380
Entropie 16
Erkenntnistheorie und Denken 2--5,
60--66, 95-97, 111, 115-144 und
weit er 175, 192--207, 243-268
452, 499 f., 504 f.
Ethik 481 ft.
Expansion des Universums 410 f.
F eld theorie 501
Friedensbewegung 41
Ganzheit der Welterkenntnis 241 ff.
Gegensatz Einsteins zur Mehrheit der
Physiker 41 f., 96 f., 115--144 f.,
166 ft.
Geometrie (Geschichte, Wesen, Relati-
vität der Geometrie) 196--199, 208
bis 224, 328--342
Gleichzeitigkeit 450--463
Gravitation (Konstante, Potential)
289-308, 316
Idealistische Philosophie 406--412
Identität von V orgängen 230--235
Impulssatz 365--369
Individualität 94
Interpretation der Wirklichkeit 153 ft.
Invarianz 159
Isotope 386
Judentum und Zionismus 490 f.
Konstanz der Lichtgeschwindigkeit
429--433
Kontinuum 403, 434--436
Konventionalismus 198
Kosmogonie 324 ft.
Kosmologische Konstante 312-327,
358--361, 508
Krümmung 317
Lokalzeit 408 f.
- Materie (Masse, Dichte) 303 ft., 312,
351 ft., 444 f.
Mathematik und Physik 247, 254
l\fetaphysik 182, 204
Methodik Einsteins 66--69, 225 ft.
Musikalität im Denken 17
Naturkonstanten 70--72
Nullpunkt der Energie 385
Philosophie der Physik 188--192, 204
bis 207, 271 und öfters
Plancks Leistung 14-17
Positivismus 11, 173--187 und öfters,
502--504
Quantentheol'ie, Quantenmechanik
14--17,87--95,105--114,164-172,
265-268, 361-363, 494 ft., 498 f.
Raum 214-218
Raum und Zeit, Raumzeit 47, 199 bis
204, 276 ft., 312 ft., 415-425, 465,
472-480
539
Realität, Realismus 166, 236-242,
249--252, 263--265, 282, 443, 500
Realismus, kritischer 427 ft.
Religion 40, 186, 490 f.
SowjetruBland und USA 488 f.
Staat und Individuum 484 ft.
Statistische Theorien 84--95, 498
Struktur des Weltalls 343
Struktur des Weltalls und Struktur des
Atoms verknüpft? 362
Thermodynamik, System der 401
Trägheit und Energie 364 ft.
Trägheit der Energie 380--388
Umfang des Weltalls 384 f.
Umkehrharkeit 16
Universum, Modelle des 347-361
U nzulänglichkeit der Sprache 236
Wahrscheinlichkeit in der Quanten-
mechanik 105--114
Welthild der Physik
im 19. Jahrhundert: 7--13, 98
um 1900: 13--17, 99--104
Weltpunkte 511
Weltregierung 487
Wissenschaftshegrift 269-288
Zeitskala, Zeitstandard, Zeitmessung
316-320, 394, 401 f., 506