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                    100 JAHRE MATHEMATISCHES SEMINAR
DER KARL-MARX-UNIVERSITÄT LEIPZIG
Herausgegeben von
Herbert Beckert und Horst Schumann
Sektion Mathematik der
Karl-Marx-Universität Leipzig
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften
Berlin 1981


100 JAHRE MATHEMATISCHES SEMINAR DER KARL-MARX-UNIVERSITÄT LEIPZIG Herausgegeben von Herbert Beckert und Horst Schumann Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität Leipzig VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1981
Autoren dieser Festschrift sind: Prof. Dr. Herbert Beckert, Prof. Dr. Günther Eisenreich, Prof. Dr. Joachim Focke, Prof. Dr. Hans-Joachim Girlich, Prof. Dr. Paul Günther, Prof. Dr. Rolf Klötzler, Dipl.-Lehrer Fritz König, Doz. Dr. Reiner Kühnau, Dr. Roland Mildner, Doz. Dr. Walter Purkert, Prof. Dr. Hans-Joachim Roßberg, Prof. Dr. Hans Salie (f), Prof. Dr. Horst Schumann, Dr. Viktor Ziegler (t) Wissenschaftliche Redaktion: Dr. Roland Mildner Verlagslektor: Erika Arndt Verlagshersteller: Ilona Hoff mann Umschlaggestaltung: Kersti Arnold © 1981 VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, DDR-1080 Berlin, Postfach 12JO Lizenz-Nr. 206 . 435/96/81 Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: VEB Druckhaus „Maxim Gorki", 7400 Altenburg LSV 1005 Bestellnummer 570 980 6 DDR 65,- M
Vorwort Die Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität Leipzig — hervorgegangen aus dem 1881 durch Felix Klein gegründeten ,,Mathematischen Seminar" und dem späteren ,,Mathematischen Institut" — ist eine traditionsreiche Lehr- und Forschungsstätte, an der viele bedeutende Mathematiker gewirkt haben. Nach der demokratischen Neueröffnung der Universität im Jahre 1946 und insbesondere seit der Sektionsgründung 1969 wurde diese Entwicklung erfolgreich fortgeführt. Der Traditionspflege wird an der Sektion große Aufmerksamkeit geschenkt, ist sie doch eine wesentliche Komponente der Bildungs- und Erziehungsarbeit. Nach vielen Überlegungen wurde die Idee geboren, zum 100. Jahrestag der Gründung des Mathematischen Seminars eine Festschrift herauszugeben, die die Entwicklung der Mathematik an der Leipziger Universität schildert und das Wirken hervorragender Mathematikerpersönlichkeiten in Leipzig würdigt. Mit dem Fortschreiten der Arbeit an dem nun vorliegenden Gedenkband zeigten sich zwar Schwierigkeiten — waren doch für die Beteiligten viele ungewohnte Aufgaben zu lösen —, aber auch die Begeisterung an der Sache wuchs und half, alle Klippen zu überwinden. Die Festschrift ist eine Gemeinschaftsarbeit von Wissenschaftlern der Sektion, die dabei von vielen Kolleginnen und Kollegen, von Wissenschaftlern anderer Institutionen, den Angestellten der Sektion, von Mitarbeitern der Universitätsbibliothek, des Universitätsarchivs und der Hochschul-Film- und -Bildstelle der KMU und vielen anderen tatkräftig unterstützt wurden und denen dafür unser herzlicher Dank gilt. Besonders hervorheben möchten wir Herrn Dr. Walter Purkert, Dozent am Institut für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften der KMU, für seine außerordentlich wertvollen Beiträge und seine engagierte Mitarbeit am gesamten Band, Herrn Dr. Roland Mildner, Lektor an der Sektion Mathematik, für seine unermüdliche Arbeit als Redakteur des Bandes, Frau Ina Letzel, Leiterin der Außenstelle Mathematik der Universitätsbibliothek, für ihre beispielhafte Unterstützung der Autoren bei den zahlreichen notwendigen Recherchen, sowie Frau Dipl.-Math. Erika Arndt, Fachgebietsleiterin in der Abteilung Mathematik/Physik des VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, und Herrn Wolfgang Arnold, Leiter dieser Abteilung, für die
6 Vorwort Unterstützung und gute Zusammenarbeit bei der Vorbereitung und Gestaltung dieser Festschrift. Wir hoffen, daß mit dem vorliegenden Gedenkband ein Beitrag geleistet wird, die in der Vergangenheit, insbesondere während der letzten 35 Jahre sozialistischer Entwicklung, von den in Leipzig wirkenden Mathematikergenerationen gesammelten vielen Erfahrungen zu bewahren und für die Erfüllung unserer heutigen und künftigen Aufgaben in Lehre und Forschung nutzbar zu machen. Leipzig, im Frühjahr 1981 Herbert Beckert Horst Schumann
Inhalt Teil I. Die Mathematik an der Universität Leipzig von ihrer Gründung bis zum zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts (W. Purkert) 9 Teil II. Die Gründung des „Mathematischen Seminars" der Universität Leipzig (F. König) 41 Teil III. Das Wirken bedeutender Mathematiker an der Universität Leipzig — Mitte 19. bis Mitte 20. Jahrhundert 73 Einleitung (W. Purkert) 75 Felix Klein (F. König) 82 Carl Neumann (H. Salie f) 92 Adolph Mayer und die Variationsrechnung (R. Klötzler) 102 Sophus Lie (P. Günther) 111 Felix Hausdorff und die angewandte Mathematik (H.-J. Girlich) 134 Otto Holder (G. Eisenreich) 147 Karl Rohn — ein Geometer (V. Zieglerf) 169 Gustav Herglotz — Verbindung von reiner Mathematik und mathematischer Physik (H.-J. Rossberg) 176 Paul Koebe und die Funktionentheorie (R. Kühnau) 183 Wilhelm Blaschke und seine Untersuchungen über Orbiformen (J. Focke) . . 195 Walter Schnee (H. Beckert) 202 Leon Lichtenstein (H. Beckert) 207 B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig (G. Eisenreich) 218 Ernst Holder und die mathematische Physik (H. Beckert) 245 Erich Kahler in Leipzig 1948 —1958 (H.Schumann) 253 Hans Salie (G. Eisenreich) 260 Teil IV. Mathematische Lehre und Forschung an der Universität Leipzig seit ihrer demokratischen Neueröffnung im Jahre 1946 (R. Mildner, H. Schumann) .... 265 Die Direktoren des Mathematischen Instituts und der Sektion Mathematik seit 1881 . . . 335 Quellennachweis für Abbildungen 339
TEILI DIE MATHEMATIK AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG VON IHRER GRÜNDUNG BIS ZUM ZWEITEN DRITTEL DES 19. JAHRHUNDERTS1) Walter Purkert (Leipzig)
Am 18. Januar des Jahres 1409 erließ der böhmische König Wenzel IV. das Dekret von Kuttenberg. Es beinhaltete die Änderung des Stimmrechts an der Universität Prag zugunsten der tschechischen Magister und Studenten. Dieses Dekret war Ausdruck der nationalen Bewegung des tschechischen Volkes, die später in der Hussi- tenbewegung ihren Höhepunkt hatte. Die Reaktion der deutschen Magister und Studenten war ein feierlicher Eid, lieber Prag zu verlassen als auf ihre Privilegien zu verzichten. Die Auseinandersetzung spitzte sich zu, als am 9. Mai 1409 der königliche Kommissar Nikolaus die Universitätsinsignien beschlagnahmte und den vom König neu ernannten tschechischen Rektor einsetzte. Mitte Mai begann der Auszug der deutschen Magister und Studenten aus Prag. In der Markgrafschaft Meißen, einem nördlichen Nachbarland von Böhmen, herrschte zu dieser Zeit Friedrich der Streitbare. Er betrieb energisch die Stärkung der Landesherrschaft und die Festigung der Macht der wettinischen Markgrafen. Dazu benötigte er in steigendem Maße gut ausgebildete Räte, so daß die Gründung einer Universität innerhalb seines Landes durchaus seinen Interessen entsprach. Diese Tatsache sowie seine Gegnerschaft zu König Wenzel IV. lassen es möglich erscheinen, daß seinerseits ein Angebot an die deutschen Magister und Studenten in Prag vorlag, obwohl die Quellen darüber nichts aussagen. Jedenfalls bemühte er sich bereits im Sommer 1409 um ein päpstliches Privileg für eine neu zu gründende Universität, welches Papst Alexander V. am 9. September 1409 auch ausstellte (Abb. 1). Als Ort war Leipzig gewählt worden, wofür besonders die Rolle dieser Stadt als bedeutendes Handelszentrum sprach. Es war auch gelungen, fast alle deutschen Magister der Prager Universität nach Leipzig zu ziehen, während von den aus Prag kommenden Studenten höchstens ein Viertel nach Leipzig ging. Am 2. Dezember 1409 wurde die Universität Leipzig in Anwesenheit des Markgrafen im Kloster St. Thomas offiziell eröffnet. Weit mehr als ein Jahrhundert stand sie — bedingt durch ihre Gründungsgeschichte — dem geistigen und gesellschaftlichen x) Der Chronologie dieses Artikels liegt die verdienstvolle Arbeit von M. Schwarzburger [45], ehemals Bibliothekarin am Mathematischen Institut, zugrunde.
12 Teil I i m l*Jj IlltlB iL*fri;iitiji»i»T!iK.nii! Abb. 1. Päpstliches Privileg Alexanders V. vom 9. September 1409 für die Universität Leipzig
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 13 Fortschritt ablehnend gegenüber. Das zeigte sich in ihrer Haltung zur Reformation. Das offenbarte sich auch darin, daß in Leipzig die unfruchtbare mittelalterliche Scholastik noch gepflegt wurde, als an anderen deutschen Universitäten bereits neue Ideen Fuß gefaßt hatten. Nicht zuletzt wurde die über mehrere Jahrhunderte konservierte Universitätsverfassung bald zum Hemmschuh der Entwicklung. Wie an jeder mittelalterlichen Universität bestanden an der Universität Leipzig vier Fakultäten, die theologische, die juristische und die medizinische Fakultät und als Vorstufe zu diesen drei ,,höheren Fakultäten'' die sogenannte Artistenfakultät, an der die ,,sieben freien Künste" (artes liberales) Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Sternkunde gelehrt wurden. Jeder Universitätslehrer der Artistenfakultät mußte diese sieben Fächer abwechselnd nach Wahl oder Losentscheid lesen (Prinzip der ,,walzenden Lektionen"). Mathematikprofessoren im Sinne von Spezialisten für dieses Gebiet gab es nicht. Das Einteilungsprinzip der Universität nach Fakultäten setzte sich an den deutschen Universitäten außer Leipzig als alleiniges Einteilungsprinzip im Laufe des 15. Jahrhunderts durch. Die Leipziger Universitätsverfassung, die bis 1830 (!) galt, beruhte wesentlich auf der Einteilung in sogenannte Nationen, z. B. die meißnische, sächsische, polnische und bayrische Universitätsnation. Die wichtigen Ämter der Universität wurden von den Vertretern der Nationen nach einem gewissen Schlüssel besetzt. Da die Träger des Lehrbetriebes, die Fakultäten, im Rahmen dieser Verfassung wenig Rechte hatten, war für Leipzig eine kleinliche Reglementierung des Lehrbetriebes, die keinen Raum für eigene Ideen ließ, charakteristisch. Die Nationen Verfassung führte zu Mißständen und Schwerfälligkeit im Verwaltungsapparat der Universität. Hinzu kam das geringe Niveau bei den Prüfungen, da die Magister die Prüfungsgebühren als wesentliche Einnahmequelle betrachteten und durch übergroße Milde möglichst viele Prüflinge an sich zu ziehen suchten. So behaupten böse Zungen im Jahre 1502 „daß wol eyn esel, so man den mit gelt in ir examen sendet, von ine durch gelosen und nicht reycirt wurde ..." ([30], S. 29). Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß in dem von Abt Trithenius Ende des 15. Jahrhunderts verfaßten Katalog der bedeutendsten zeitgenössischen Gelehrten kein einziger Magister der Universität Leipzig verzeichnet war. Es läßt sich für die ersten Jahrzehnte nach der Gründung der Universität nicht feststellen, von wem in welchem Umfang mathematische Vorlesungen gehalten worden sind. Der erste bedeutende Mathematiker, dem wir an der Universität Leipzig begegnen, ist Johannes Müller aus Königsberg (Franken), genannt Regiomontantjs. Er wurde 1436 geboren und bereits im Winter 1447 an der Leipziger Universität immatrikuliert. Eine bedeutende Leistung, die er noch in Leipzig vollbrachte, ist die Berechnung der Planetenörter für alle Tage. Er verbesserte damit einen Kalender von Gutenberg ganz wesentlich, der die örter nur alle 15 Tage angab. Die Tatsache, daß Regiomontantjs bereits 1450 Leipzig verließ, um bei G. Peurbach in Wien zu studieren, deutet darauf hin, daß ihm die Leipziger Magister wenig bieten konnten. Wir können seinen Weg hier nicht weiter verfolgen, da wir uns in diesem Bericht auf diejenigen Personen konzentrieren wollen, die in Leipzig Mathematik gelehrt haben. Ohne Zweifel ist Regiomontantjs einer der bedeutendsten Mathematiker des 15. Jahrhunderts gewesen. Am Ende des 15. Jahrhunderts lehrte in Leipzig Johannes Widmann. Er stammte aus Eger (Cheb), wo er vermutlich um 1460 geboren wurde. 1480 ist er an der Leip-
14 Teil I ziger Universität immatrikuliert worden. Bereits zwei Jahre später war er Baccalau- reus, 1485 wurde er Magister. Ab 1486 hat Widmann Vorlesungen gehalten, zunächst über Algebra. Im Handschriftencodex 1470 der Universitätsbibliothek Leipzig, fol. 479—493, findet sich hierüber ein Kollegienheft. Bekannt wurde Widmann durch sein Rechenbuch ,,Behende und hübsche Rechenung auff allen ka uff mannschafft", welches 1489 in Leipzig gedruckt wurde und mehrere Auflagen erlebte. Zur Abfassung des Buches hat ihn der spätere Leipziger Rektor Sigmund Altmann angeregt, der leichtverständliche Regeln wünschte, „solche Regeln, welche auch ein Mensch mittlerer Vernunft noch begreift" ([33], S. 2). Widmann stellt sich das Ziel, die Rechenkunst so darzulegen, daß ein anderer ,,sie allergewissest erkenne", daß ihm ,,kein Zweifel mehr bestehe, sondern blanke Sicherheit, so große Sicherheit, daß auch Gott dieselbe nicht zu brechen vermag, denn es liegt auch nicht in Gottes Vermögen, daß zwei mal zwei nicht vier ist" ([33], S. 3). Berücksichtigt man die damals vorherrschende Ideologie, so ist das eine bemerkenswerte Zielstellung. Widmann behandelt zunächst das schriftliche Rechnen, oder wie man damals sagte, das Rechnen „auff der federn". Das war besonders für den Handel von Bedeutung, denn zu Widmanns Zeit herrschte noch das Rechnen „auff der linien", d. h. im Grunde das Abakus-Rechnen, vor. Das Buch enthält die erste gedruckte dreieckige 1 X 1-Tafel mit indisch-arabischen Ziffern. Auf die Auseinandersetzung der Grundrechenarten folgen bei Widmann einfache arithmetische und geometrische Reihen, z. B. werden die Summen von 1 + 2 + ••• + n und 1 + 2 + 4 + ••• + 2n angegeben. Ausführlich werden Wurzelziehen und Bruchrechnung behandelt. Es folgen Aufgaben, die in unserer heutigen Terminologie auf lineare oder quadratische Gleichungen führen, z. B.: „Such mir eyn zal wan ich do von nym 1/5 1/7 1/9 vnd das vbrig in sich selbst multiplicir das wider kum die selbige zal". ([33], S. 73.) Wir (XXX \^ x 1 = x. Ausführlich werden Propor- 5 7 9/ tionen und Dreisatz mit ihren Anwendungen auf das kaufmännische Rechnen behandelt, ferner Zins und Zinseszins und etwas Geometrie. In Widmanns Buch kommen erstmalig im Druck die Zeichen + und — vor, die sich danach rasch einbürgerten. Widmann hat mit seinem Buch begonnen, mathematisches Wissen in breitere Volksschichten zu tragen. An ihn konnten die zahlreichen Rechenmeister des 16. Jahrhunderts, wie z. B. Adam Ries, anknüpfen. Widmann war jedoch nicht nur Rechenmeister, sondern ein allgemeingebildeter Mathematiker, der mit dem Wissen seiner Zeit vertraut war. Leider ist über seinen weiteren Lebensweg ab 1489 nichts mehr bekannt. In den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts lehrten in Leipzig Udalrich Kalb (etwa um 1500), Andreas Alexander (1502—1504) und Heinrich Stromer von Auerbach (etwa um 1515). Sie hatten keinen nennenswerten Einfluß auf die weitere Entwicklung. Das erste Drittel des 16. Jahrhunderts brachte mit der Reformation und den frühbürgerlichen revolutionären Bewegungen gesellschaftliche Erschütterungen, die auch das Leben an den Universitäten beeinflußten. Die Stadt und besonders die Universität Leipzig widersetzten sich den neuen Lehren. Mit den Leipziger Theologen lebte Luther in erbitterter Feindschaft. Auch der Stadt Leipzig war er nicht gewogen: ,,Leibzig ist wie Sodama vnd Gomorrha mit hurerey vnd Wucher vberschuttet,
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 15 darumb kans ihnen nicht wol gehen" soll er geäußert haben ([51], S. 57). Als Heinrich der Fromme 1539 an die Macht kam, wollte er die Universität und Stadt Leipzig und davon ausgehend das albertinische Herzogtum reformieren. Zu Pfingsten 1539 erschien er in der Stadt und mit ihm auch Luther und die Wittenberger Theologen. Der Erfolg war jedoch noch nicht so durchgreifend, wie man ihn gewünscht hatte. Erst unter Herzog Moritz siegte der auf die fürstliche Macht orientierte Protestantismus endgültig. Der Herzog besetzte fortan die Professuren und besoldete ihre Inhaber, damit war die Universität ein „Werkzeug fürstlicher Machtausübung geworden" ([51], S. 65). Die walzenden Lektionen wurden abgeschafft; das allgemeine Niveau konnte gehoben werden. Große Verdienste bei der Umgestaltung der Universität erwarben sich der im humanistischen Geist erzogene Caspar Borner, der mehrere Semester Rektor war, und Joachim Camerarius, ein enger Freund Melanchthons. Die Universität bemühte sich nun auch mit Erfolg um einen begabten Mathematiker: 1542 berief sie Georg Joachim Rhaetictjs nach Leipzig. Rhaetictjs wurde 1514 in Feldkirch im Vorarlberg geboren. Nach Studien in Zürich, Wittenberg, Tübingen und Nürnberg wurde er 1536 auf Betreiben Melanchthons nach Wittenberg berufen. Als das Gerücht von der neuen Lehre des Koperniktjs auch nach Wittenberg drang, entschloß sich Rhaetictjs, ihn zu besuchen. 1539 reiste er nach Frauenburg (Fromborgk) und wurde ein begeisterter Anhänger von Koperniktjs. Noch im selben Jahr erschien in Danzig Rhaetictjs' Schrift „Narratio prima de libris revolutionum", eine vorläufige, aber schon recht umfangreiche Mitteilung über das in Vorbereitung befindliche Hauptwerk von Koperniktjs. 1541 hatte Koperniktjs das Manuskript von „De revolutionibus" fertiggestellt und vertraute es Rhaetictjs an, der es nach Nürnberg brachte. Dort überwachte er auch den Druck der ersten Bogen. Leider übernahm diese Funktion dann Osiander, von dem jenes berüchtigte Vorwort ohne Unterschrift stammt, welches das Kopernikanische System als reines Denkmodell charakterisiert. 1542 war Rhaetictjs wieder in Wittenberg. Dort erschien seine Schrift „De lateribus et angulis triangulorum libellus". Es handelt sich dabei um die Darstellung derjenigen Kapitel des Werkes von Koperniktjs, die die Trigonometrie enthalten, nebst einer von Rhaetictjs selbst berechneten Sinustafel, welche in Winkeln von einer Minute fortschreitet und auf sieben Dezimalen genau ist. In Leipzig wurde Rhaetictjs sehr freundlich empfangen: Die Fakultät machte ihm ein wertvolles Geschenk und seine Vorlesungen wurden außerordentlich gut honoriert. Er begann hier die Berechnung einer Tafel der Sinus- und Tangens werte für Winkel, die um 10 Bogensekunden fortschreiten. Die Genauigkeit betrug 10 Dezimalen. Für die Berechnung beschäftigte er 12 Jahre lang mehrere Rechner, was ihn Tausende von Gulden gekostet haben soll. Die Berechnungen basierten auf den Beziehungen sin noc = 2 sin (n — 1) oc cos oc — sin (n — 2) oc, cos not = 2 cos (n — 1) oc cos oc — cos (n — 2) oc. Rhaetictjs war oft auf Reisen. Es gibt wiederholte Aufforderungen an ihn, seine Verpflichtungen an der Universität wahrzunehmen. 1576 reiste er mit seinem Schüler Valentintjs Otho nach Kaschau (Kosice) im damaligen Ungarn, wo er kurz nach
16 Teil I seiner Ankunft verstarb. Otho gelang es erst 1596 unter großen Schwierigkeitei die berechneten Tafeln gedruckt herauszubringen. Über Astronomie und Mathematik lasen in Leipzig in der Zeit von etwa 155 bis Anfang des 17. Jahrhunderts die Magister Johann Hommel (1518—1562 ein Schwiegersohn von Camerakitjs, Valentin Thatj, Moritz Steinmetz (| 1584 und Christoph Metjrer (1558—1616). Von Hommel ist bekannt, daß er sich zu Erhöhung der Genauigkeit von Messungen eines Transversal maß Stabes bediente Diesen hat Tycho Brahe, der als 17jähriger Student in Leipzig weilte, später fü seine Quadranten benutzt. Steinmetz hat 1577 die Euklid-Ausgabe von Cameraritj, (Buch I—VI, aber ohne Beweise) neu herausgegeben. Der Dreißigjährige Krieg hatte Deutschland in seiner ökonomischen, politischen kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung weit hinter Frankreich, England Italien und die Niederlande zurückgeworfen. Rund ein Drittel der deutschen Be völkerung fiel dem Krieg zum Opfer. Die Universitäten, darunter auch Leipzig führten ein kümmerliches Dasein. In dieser schweren Zeit lehrte in Leipzig ab 161( bis zu seinem Tode Philipp Müller (1585—1659) Mathematik und Astronomie Besonders las er über sphärische Trigonometrie und Bahnen von Himmelskörpern. Dabei verwendete er Logarithmen sowie die Rudolfinischen Tafeln Keplers und die Tafeln Regiomontans. Nachfolger Müllers wurde der Magister Johann Kühn (1619—1676). Sein Vorlesungsprogramm war sehr mannigfaltig (Geometrie nach Euklid, Arithmetik, Ellipsenberechnung, Perspektive, Computus, Optik, Geodäsie, Astronomie, Demonstrationen mathematischer Instrumente u. a.). Es dürfte jedoch nicht sehr in die Tiefe gegangen sein. Wie sonst wäre es zu erklären, daß ein so begabter Student wie Gottfried Wilhelm Leibniz (Abb. 2), der 1661 die Leipziger Universität bezogen hatte und 1663 dort Baccalaureus der Philosophie wurde, im gleichen Jahr nach Jena ging, um bei Erhard Weigel Mathematik zu studieren. Vermutlich auch dort enttäuscht, setzte er, nach einem Semester bei Weigel, in Leipzig seine philosophischen Studien fort und erwarb 1664 die Magisterwürde. Er studierte dann noch Rechtswissenschaften und verließ 1666 seine Heimatstadt. Nie hätte er in der geistigen und politischen Rückständigkeit Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Krieg zu dem Universalgelehrten werden können, der so viele Zweige der Wissenschaft entscheidend bereicherte. Seine mathematische Bildung hat Leibniz vor allem in Paris erworben. Nachfolger Kuhns wurde Christoph Pfatjtz (1645—1711). Er las über Geometrie, Geodäsie (einschließlich Feldübungen), Trigonometrie und Astronomie. Pfatjtz erwarb sich große Verdienste auf wissenschaftsorganisatorischem Gebiet. Er war 1676 und 1678 Rektor der Universität. An der Gründung der ,,Acta Eruditorum Lipsiensium", der ersten gelehrten Zeitschrift in Deutschland, war er maßgeblich beteiligt. Um genügend Mitarbeiter zu gewinnen, hatte er Holland und England bereist. Die Zeitschrift gewann schnell an Bedeutung; so sind z. B. die wesentlichen mathematischen Arbeiten von Leibniz in den „Acta Eruditorum'' (vgl. Abb. 3) erschienen. Von 1691 an bekleidete Pfatjtz auch die Stelle des Bibliothekars an der Universitätsbibliothek. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gab es zeitweise mehr als einen Vertreter der Mathematik an der Leipziger Universität. So wirkte neben Pfatjtz von 1680 bis 1700 Gottfried Kirch (1639—1710) in Leipzig, der sich gemeinsam mit seiner zweiten
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 17 'V1 * s *t. Abb. 2. Leibniz-Denkmal vor dem neuen Hörsaalgebäude der Karl-Marx-Universität Leipzig
L A M N I A S RUDI FORUM LIPSIENSIBUS INSERTA, QÜJE AD UNIVERSAM MATHESIM, PHTSICAM, INAM, Anatomiah, CniftiffcCUM, et P«ilol06ia« >eatiiu«t; NECNON EPITOMjE $1 QJJ TERIA *" _r:11"is -\ni .v \~ritonibusce! briorcs. i US AbA i •^ -1' " N PRIMUSa I 7- * E T I I S MDCCXL Vpiv > ^a riii.t Pasqual Superhrkm permißu > ac Privileg!*. Abb. 3. Titelseite der „Acta Eruditorum"
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 19 Frau hauptsächlich mit der Berechnung von Kalendern und mit astronomischen Beobachtungen beschäftigte. Im Jahre 1705, also noch zu Lebzeiten von Pfatjtz, wurde Ulrich Jtjnitjs (1660 bis 1726) zum Professor der Mathematik berufen. Er hat sich mit der Osterrechnung und dem Verfertigen von Kalendern befaßt. Bedeutender als Jtjnitjs war Christian August Hausen, der 1714 außerordentlicher Professor der Mathematik wurde. Er las über Logarithmen, Algebra, Geometrie, Mechanik und Astronomie. In seiner 1726 in Leipzig erschienenen Schrift „Theoria motus solis circa proprium axem" beschäftigte er sich mit der Drehung der Sonne um ihre eigene Achse. Er hat 1734 ein Lehrbuch ,,Elementa matheseos" verfaßt. Hausen erwarb sich auch Verdienste um die Experimentalphysik; so verbesserte er z. B. die Elektrisiermaschine. Er war auch einige Zeit Dekan der philosophischen Fakultät und setzte sich mit Erfolg für die Abschaffung der großen Schlußfeste bei den Magisterpromotionen ein, was für die finanziell nicht so gut dastehenden Kandidaten sicher eine große Erleichterung war. Neben Hausen wirkten nacheinander noch Matthäus Honold (1696—1726) und Georg Friedrich Richter (1691—1742), die keine größere Bedeutung erlangt haben. Die ordentliche Professur ging nach dem Tode von Hausen an seinen ehemaligen Schüler Gottfried HeinsiuS (1709—1769) über. Heinsius studierte in Leipzig und war von 1736 bis 1744 Professor der Astronomie an der Petersburger Akademie. Von 1745 bis 1769 wirkte er in Leipzig. Heinsius war vor allem Astronom; sein Schriftenverzeichnis enthält hauptsächlich Arbeiten über praktische Astronomie und konkrete Beobachtungsergebnisse. Besonders bekannt wurde seine in deutscher Sprache verfaßte Arbeit „Beschreibung des im Anfang 1744 erschienenen Kometen". Neben Heinsius lehrte von 1739 bis 1756 Abraham Gotthelf Kästner Mathematik. Er wurde am 27. 9. 1719 in Leipzig als Sohn eines Rechtsgelehrten geboren. Mit 12 Jahren wurde er an der Leipziger Universität immatrikuliert, als 18jähriger war er bereits Magister. Mit seiner Habilitation im Jahre 1739 begann er eine recht erfolgreiche Lehrtätigkeit. 1746 wurde er außerordentlicher Professor für Mathematik. Im Falle, daß die Mathematik- oder Physikprofessur frei würde, versprach man ihm ein Ordinariat. Da sich eine solche Möglichkeit jedoch nicht so bald abzeichnete, folgte Kästner 1756 einem Ruf als ordentlicher Professor für Mathematik an die Universität Göttingen. Dort entfaltete er eine rege und vielseitige Tätigkeit. Er verstarb hochbetagt am 20. Juni 1800 in Göttingen. Die Beurteilung Kästners unterlag großen Schwankungen. Den Zeitgenossen galt Kästner als einer der berühmten deutschen Mathematiker. Diesen Ruf verdankte er vor allem seinen Lehrerfolgen in Göttingen sowie seinen zahlreichen weit verbreiteten Lehrbüchern: „Anfangsgründe der Mathematik" (1758, sechs Auflagen), „Anfangsgründe der Analysis endlicher Größen" (1760, drei Auflagen), „Anfangsgründe der Analysis des Unendlichen" (1760, drei Auflagen), „Anfangsgründe der angewandten Mathematik" (1759, vier Auflagen), „Anfangsgründe der höheren Mechanik" (1765, zwei Auflagen) und „Anfangsgründe der Hydrodynamik" (1769). Freilich repräsentierten diese Bücher den noch zurückgebliebenen Stand der Mathematik und Mechanik in Deutschland im Vergleich etwa zu Westeuropa oder Rußland. Kästner schrieb außer über Mathematik auch über Physik, Markscheidekunst,
20 Teil I Kristallographie, Geographie und andere Gebiete. Seine Forschungsergebnisse haben jedoch keine Bedeutung erlangt. Bekannt ist Kästner auch als Verfasser geistreicher Epigramme. Von der Höhe, die die Mathematik in Deutschland — beginnend bei Gauss — im vorigen Jahrhundert erreichte, erschien Kästner als ein dilettantischer Vielschreiber. Dieses Bild mag auch etwas mit dem Urteil von Gauss zusammenhängen, der 1845 rückblickend über Kästner äußerte: „Kästner hatte einen ganz eminenten Mutterwitz, aber sonderbar genug, er hatte ihn bei allen Gegenständen außerhalb der Mathematik; er hatte ihn sogar, wenn er über Mathematik (im allgemeinen) sprach, aber er wurde oft ganz davon verlassen innerhalb der Mathematik." ([46], S. 18.) Gauss hatte als junger Student bei Kästner Mathematik gehört und ver- »er Äünftc unb SBtffrnfc&aften fett bcr SBtctcr^trfttttting feerfelbtn bit an ta* <£nbc M a$t}tfetten Sabrfcimbme. tttn einer ©cfcüfd)aft gelehrter SRanner mx$$t*thtiut. Bitbtntt X6t$tt(uitg. *0B abrafcam ©ottfrclf Ädjtnet. <5 r fl e r fe a n fe. <Öbttin$tn, 6«9 ^t^ann «eor$ 9toffn*nf4 »7 0- Abb. 4. Titelseite von Kästners „Geschichte der Mathematik"
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 21 ständlicherweise aus diesen Vorlesungen nicht viel lernen können, zumal Kästner zu diesem Zeitpunkt bereits ein Greis von 77 Jahren war. Auf den mathematischen Hochschulunterricht in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat Kästner mit seinen Büchern jedoch einen bedeutenden Einfluß ausgeübt. Nicht wenige Vorlesungen in dieser Zeit wurden mit dem Zusatz „duce Kaestnero" angekündigt. Kästner hat auch eine vierbändige ,,Geschichte der Mathematik" (Göttingen 1796—1800) verfaßt (vgl. Abb. 4). Obwohl dieses Werk keinem Vergleich etwa mit der Geschichte der Mathematik von Monttjcla standhält, ist doch das Urteil von Nesselmann (1842) „... das Buch ist alles Mögliche, nur keine Geschichte der Mathematik" ([36], S. 24) nicht gerecht. Wenn auch das bibliographische Element sehr stark überwiegt, wenn auch Unwichtiges über Gebühr behandelt ist und der Stil z. T. abstrus wirkt, sind doch z. B. die Kapitel über Trigonometrie, Kreisrechnung oder über Kepler lesenswert. S. Günther, ein bedeutender Mathematikhistoriker am Ende des 19. Jahrhunderts findet eine gerechtere Beurteilung, wenn er z. B. über den 4. Band des Kästnerschen Werkes schreibt: ,,Auch dieser Band, von einem gebrechlichen Manne im einundachtzigsten Jahre seines Lebens mit letzter Kraft niedergeschrieben, leistet dem Geschichtsschreiber, der sich über gewisse Punkte der großen Sturm- und Drangbewegung im Zeitalter eines Cartesius, Galilei, Kepler zuverlässig unterrichten will, sehr nützliche Dienste, ..." ([7], Bd. IV, S. 12.) Nach dem Tode von Heinsitjs übernahm Georg Heinrich Borz (1714—1799) das Ordinariat für Mathematik. In seinen wenigen Schriften befaßt er sich mit der Anwendung der Differential- und Integralrechnung auf konkrete Kurven, mit Astronomie und Mechanik. Borz ist es auch, der erstmalig in Leipzig Vorlesungen über Infinitesimalrechnung hält. Seine übrigen Vorlesungen umfassen ein breites Spektrum: Arithmetik, Algebra, Geometrie, Kegelschnitte, Trigonometrie, Mechanik, Optik, Astronomie und Geodäsie. Borz war auch wissenschaftsorganisatorisch vielseitig tätig: Er war Präsident der „Fürstlich Jablonowskischen Gesellschaft", einer gelehrten Gesellschaft, die durch Ausschreiben von Preisaufgaben die Wissenschaft zu fördern suchte; ferner war er mehrmals Dekan der philosophischen Fakultät. Von Borz stammt auch der Entwurf für den Umbau der Pleißenburg zu einer Universitätssternwarte, welche 1791 gegründet worden ist. Neben Borz hielt auch der Professor für Physik Christlieb Benedikt Funk (1736—1786) mathematische Vorlesungen. Er verfaßte Abhandlungen über die Lehre vom Schall und Ton, über Kapillarität, ,,natürliche Magie", mathematische Geographie sowie einige kleinere mathematische und astronomische Schriften. Von 1777 bis 1786 las auch Johann Samuel Traugott Gehler (1751—1795) über mathematische Gegenstände. Er verfaßte ein fünf bändiges physikalisches Wörterbuch und war auch als Übersetzer bekannt. Er wurde später Ratsherr und Beisitzer am Oberhofgericht. Etwa um die gleiche Zeit kündigte Christian Ernst Wünsch (1744—1828) als Privatdozent Vorlesungen über Mathematik an. Er wurde 1784 zum ordentlichen Professor für Mathematik und Physik an die Universität Frankfurt/Oder berufen. Die aktuelle Bedeutung, welche Fragen der Kombinatorik für die Entwicklung der diskreten Mathematik erlangt haben, läßt das Interesse an einer Persönlichkeit wieder reger werden, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert an der Leipziger
22 Teil T Universität das mathematische Leben beherrschte: Karl Friedrich Hindenburg. Er wurde am 30. 7. 1739 in Dresden als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach Absolvieren des Gymnasiums in Freiberg studierte er ab 1757 in Leipzig Medizin, Physik und Mathematik. Durch Vermittlung Gellerts kam er als Erzieher in das Haus des Herrn von Schönberg, dessen Sohn mathematisch begabt war. Mit diesem ging er an die Universität Leipzig zurück und widmete sich hier, später in Göttingen bei Kästner zunehmend der Mathematik. 1771 erfolgte seine Habilitation in Leipzig, 1781 wurde er zum außerordentlichen Professor der Philosophie berufen. Nach dem Tode des Physikers Funk wurde Hindenburg 1786 ordentlicher Professor der Physik. In dieser Stellung blieb er bis zu seinem Tode am 17. März 1808. Obwohl für Physik berufen, hat Hindenburg fast ausschließlich über mathematische Gegenstände publiziert. An physikalischen Schriften erschienen lediglich zwei Abhandlungen über Wasserpumpen. Hindenburg war der Begründer der deutschen kombinatorischen Schule. Er und seine Schüler und Anhänger schrieben der Kombinatorik eine Schlüsselstellung innerhalb der Mathematik zu. ,,Die combinatorische Methode ist eine der wenigen wahrhaft allgemeinen: aus einer geringen Anzahl einfacher Voraussetzungen fließt ein unerschöpflicher Reichtum nützlicher Folgen. Ihr Einfluß auf die Analysis ist besonders wichtig und erweitert ihren Wirkungskreis ungemein" ([28], S. VII), so lesen wir in der Vorrede zu einem von Hindenburg herausgegebenen Sammelband. Hindenburg hatte 1778 mit kombinatorischen Arbeiten begonnen. Zunächst ging es um die Potenzierung des sogenannten Infinitinoms, d. h. die Angabe des Koeffizienten von zk in dem Ausdruck (1 + az + bz2 + czs + ••• )m. Diese Aufgabe führt er über die Untersuchung von Kombinationen und Variationen zu fester Indexsumme auf eine explizite Lösung. Ähnliche Überlegungen wurden von Hindenburg und seiner Schule benutzt, um Probleme der Multiplikation von Reihen, der Substitution von Reihen ineinander, der Umkehrung von Reihen, der Entwicklung transzendenter Funktionen in Reihen u. a. zu behandeln. So gab Hindenburg eine explizite Lösung des Problems der Reihenumkehrung, wofür Euler noch rekursive Entwicklungen verwendet hatte. Von diesen analytischen Problemen ausgehend, war es Hindenburgs Bestreben, einfache Regeln für die Bildung sämtlicher Permutationen gegebener Elementezahl bzw. sämtlicher Kombinationen oder Variationen gegebener Klasse aufzustellen. Besonders stolz war er auf die Erfindung der sogenannten kombinatorischen Involutionen. Das sind Tabellen, die es gestatten, aus den Komplexionen (Permutationen, Kombinationen, Variationen) für n Elemente durch Hinzufügen nach einfachen Regeln die Komplexionen für n + 1 Elemente zu finden. Am Beispiel derPernmtationen sei eine solche Tabelle erläutert: c b a I3 I2 \±a 3 Li ib 2 3 1 2 1 3 1 3 2 1 2 3
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 23 Im Quadranten bb stehen die Permutationen von zwei Elementen. Um daraus die für drei Elemente zu erhalten, schreibe man vor die Senkrechte von bb das neue Element 3, darunter einen zweiten Komplex von ebensoviel Zeilen, der aus dem ersten Komplex durch Vertauschen von 2 und 3 entsteht, darunter einen dritten, der aus dem zweiten durch Vertauschung von 1 und 2 entsteht. So hat man mit cc alle Permutationen von drei Elementen. Durch Vorsetzen einer 4 vor cc und weiteres Abarbeiten des Algorithmus gewinnt man alle Permutationen von vier Elementen usw. Hindenbtjrg kommt auch das Verdienst zu, erste zusammenfassende Darstellungen der Kombinatorik verfaßt zu haben ([26—28]). Allerdings ist seine Bezeichnungsweise ungeschickt und schwerfällig. So bezeichnet er die Binominalkoeffizien- ten I j, j ),( 1, ... mit m^, m%, mG, ... Das war ein Rückschritt gegenüber Leibniz, der die Bezeichnung durch Buchstaben als ungünstig ansah. Die Hinden- burgsche Schule krankte auch daran, im Formalen steckenzubleiben, im Grunde bekannte Resultate mit ihren Methoden wiederzugewinnen und sich nicht an den aktuellen Problemen, wie z. B. der Ausarbeitung der Determinantentheorie zu beteiligen. Ihr Einfluß blieb auf Deutschland beschränkt. Hindenbtjrg machte zudem den Fehler, seine Ergebnisse zu überschätzen und Erwartungen zu wecken, die nicht erfüllt werden konnten. Wenn es um seine und seiner Schüler Resultate ging, war er ein Mann der Superlative. So lautet z. B. eine seiner Schriften: ,,Der polynomische Lehrsatz, das wichtigste Theorem der Analysis." Nach seinem Tode schlug diese Euphorie bald in das Gegenteil um. So beklagt Oettinger 1850 in seiner Schrift „Über den Begriff der Combinations- lehre ..." ([38]) mit Blick auf Hindenbtjrg und seine Schule ,,die verschiedene Benennung ihrer Grundbegriffe und Grundgebilde" und „die Verschiedenheit, Zerfahrenheit und Unsicherheit in ihrer Zeichensprache, so daß kaum ein leitender Gedanke zu erkennen ist" ([38], S. 242). Als Universitätslehrer entfaltete Hindenbtjrg eine rege Tätigkeit. Seine Vorlesungen erstrecken sich über einen Zeitraum von über 20 Jahren (1784—1807) und betreffen Geometrie, Trigonometrie, Arithmetik, Anfangsgründe der Analysis, Wahrscheinlichkeitsrechnung, mathematische Geographie, Astronomie und besonders natürlich Kombinatorik. Die Vorlesungen über eigene Forschungsergebnisse — ein Novum an der Leipziger Universität — mögen zur Herausbildung einer wissenschaftlichen Schule beigetragen haben. Hindenbtjrg war mehrmals Dekan der philosophischen Fakultät und bekleidete 1792 das Amt des Rektors. Gemeinsam mit Borz erwarb er sich Verdienste um die Gründung der Universitätssternwarte. Hindenbtjrg wurde auch als Herausgeber wissenschaftlicher Fachzeitschriften bekannt. So gab er gemeinsam mit Funk und dem Ökonomen Leske das „Leipziger Magazin für Naturkunde, Mathematik und Ökonomie" (5 Bände, 1781 — 1785), gemeinsam mit Johann iii Bernotjlli das „Leipziger Magazin für reine und angewandte Mathematik" (4 Hefte, 1786—1788) und allein das „Archiv der reinen und angewandten Mathematik" (11 Hefte, 1795—1800) heraus. Leider war diesen ersten mathematischen Fachzeitschriften in Deutschland kein durchgreifender und dauerhafter Erfolg beschieden. Auf ein Kuriosum sei noch hingewiesen: Ende des 18. Jahrhunderts entbrannte ein heftiger Streit, wann man den Beginn des neuen Jahrhunderts zu feiern hätte,
24 Teil I am 1. Januar 1800 oder am 1. Januar 1801. Die philosophische Fakultät bat Hin- denbxjrg um ein Gutachten zu dieser Frage, in dem es nach umständlicher Argumentation heißt: „Ebenso vollendet das Säkularjahr 1800 mit seinem Ablaufe den 31. Dezember nachts um 12 Uhr das 18. Jahrhundert und das neunzehnte fängt mit dem 1. Januar 1801 an." ([29], S. 93.) Dieser Meinung schloß man sich an: Am 1. 1. 1801 wurde in Leipzig der Anfang des neuen Jahrhunderts festlich begangen. Nach dem Tode von Borz wurde das mathematische Ordinariat Moritz von Prasse (1769—1814) übertragen. Er kann als ein Anhänger der Hindenburgschen Schule betrachtet werden. Bekannt wurde er durch sein Lehrbuch ,,Institutiones analyticae" (Leipzig, 1813) sowie durch die Herausgabe von Logarithmentafeln (Leipzig, 1810). Er war mehrfach Dekan der philosophischen Fakultät. Ein weiterer Hindenburgschüler war Heinrich August Rothe (1773—1842), der 1793 Dozent und 1796 außerordentlicher Professor wurde. Nachdem er von 1800 bis 1804 als Privatmann in Freiberg gelebt hatte, wurde er 1804 zum ordentlichen Professor der Mathematik an die Universität Erlangen berufen. Rothe verfaßte kombinatorische Schriften sowie Arbeiten über Pendelschwingungen und den Eulerschen Polyedersatz. Er gab den ersten strengen Beweis des Hindenburgschen Satzes über die Reihenumkehrung mittels vollständiger Induktion. Von ihm stammen ein „Handbuch der reinen Mathematik" (2 Bände, Leipzig, 1804 und 1811) und ein „Systematisches Handbuch der Arithmetik" (Leipzig, 1804). Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden ferner mathematische Vorlesungen von Christian Zwanziger, Caspar Eichler, Friedrich Carl Hausmann, Christian Ludwig Sebass und Conrad Sigismund Ouvrier gehalten. Nach Prasses Tod wurde 1814 Karl Brandan Mollweide zum ordentlichen Professor der Mathematik berufen. Er wurde am 3. 2. 1774 in Wolfenbüttel geboren. Nach Studien der Mathematik und Physik kam er im Jahre 1800 als Lehrer an das Pädagogium in Halle. 1811 wurde er als Observator an die Sternwarte der Leipziger Universität berufen und erhielt den Titel eines außerordenlichen Professors. Die Observatorstelle behielt er nach seiner Berufung zum Mathematikprofessor noch zwei Jahre, dann trat er sie an Möbius ab. 1820—1823 war Mollweide Dekan der philosophischen Fakultät. Er starb am 10. 3. 1825. Moll weide nahm sein Lehramt sehr ernst. Er las bis zu 16 Wochenstunden. Seine Vorlesungen erstreckten sich über verschiedene astronomische Themen, über Optik, Mechanik, Geographie, analytische Geometrie, höhere Analysis, ebene und sphärische Trigonometrie, Algebra, Arithmetik, Geometrie und Elemente der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie sollen klar, präzise und sehr anregend gewesen sein. Mollweides Hauptverdienste in der Forschung liegen auf dem Gebiet der theoretischen Astronomie. Er arbeitete auch über Kartenprojektionen und Geodäsie. Seine Arbeiten erschienen vor allem in ,,Zachs Monatlicher Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde". Bemerkenswert sind seine Schriften gegen Goethes Farbenlehre, in denen er Newton gegen Goethes Vorwürfe verteidigt. 1808 erschien seine Arbeit ,,Zusätze zur ebenen und sphärischen Trigonometrie", in denen die sogenannten Mollweideschen Gleichungen angegeben sind. Es handelt sich um Beziehungen zwischen Seiten und Winkeln eines ebenen Dreiecks von folgender Art: i . y a—ß / iv y • & — ß (a + b) sin — = c cos , (a — b) cos — = c sin . ' 2 2 2 2
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 25 Diese Formeln stehen schon in der italienisch geschriebenen Trigonometrie von Caglioni (1786), die Mollweide aber sicher nicht gekannt hat. Mollweide gab auch analoge Formeln für sphärische Dreiecke an, die zur selben Zeit unabhängig von ihm von Delambre gefunden wurden. Außer über Trigonometrie schrieb Moll- wetde noch über Interpolation und magische Quadrate. Er gab Prasses Logarithmentafeln in neuer Bearbeitung heraus und ergänzte das berühmte ,,Mathematische Wörterbuch" von Klügel um einen vierten Band. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts hielt auch Heinrich Wilhelm Brandes (1777—1834) Vorlesungen über Mathematik. Er war außerordentlicher Professor und ab 1826 ordentlicher Professor für Physik. Brandes verfaßte eine stattliche Anzahl von Lehrbüchern: „Lehrbuch der Arithmetik, Geometrie und Trigonometrie" (2 Bände, Oldenburg 1808 und 1810), ,,Hauptlehren der Geometrie und Trigonometrie" (Oldenburg 1816), „Vorbereitungen zur höheren Analysis" (Leipzig 1820), „Lehrbuch der höheren Geometrie" (2 Bände, Leipzig 1822—1824) sowie Bücher über Astronomie, Mechanik, Optik und Meteorologie. Die Themen seiner Forschungen liegen vor allem auf astronomischem und meteorologischem Gebiet. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts griff die industrielle Revolution von England und Frankreich auf Deutschland über. Im Zusammenhang damit nahm das Interesse an Mathematik und Naturwissenschaften rasch zu. Neue Universitäten und vor allen Dingen technischen Bildungseinrichtungen wurden geschaffen. Reformen an den Gymnasien räumten der Mathematik und den Naturwissenschaften einen höheren Stellenwert ein. Auch an der Universität Leipzig kann ein Aufschwung verzeichnet werden. Die alte längst überholte Universitätsverfassung wurde durch eine neue ersetzt. Die materiellen Bedingungen verbesserten sich allmählich. Ein fortschrittlicherer Geist begann sich an der Universität Bahn zu brechen. Leipzig gehörte neben Göttingen, Berlin und Heidelberg zu den Universitäten, von denen die bürgerlich-demokratische Progreßbewegung der deutschen Studentenschaft ihren Ausgangspunkt nahm. Die Entwicklung der Mathematik an der Leipziger Universität ist in dieser Zeit sehr eng mit dem Namen von August Ferdinand Möbius verknüpft. Nach dem Tode von Mollweide trat jedoch ein aus heutiger Sicht recht merkwürdiger Fall ein: Zum Professor für Mathematik berief man nicht Möbius, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahrzehnt als Observator an der Leipziger Universitätssternwarte wirkte, sondern einen jungen Privatdozenten, der sich gerade erst habilitiert hatte, Moritz Wilhelm Drobisch. Aus dem Entwurf eines Gutachtens vom 9. 4. 1825 ist ersichtlich, daß sich die Fakultät von ganz pragmatischen Gründen leiten ließ und Möbius' Tätigkeit bereits sehr hoch eingeschätzt wurde. Es heißt dort: ,,Vorläufig müssen wir aber bemerken, daß wir bei dieser Denomination auf zwei Männer vor allen anderen Rücksicht nehmen würden, wenn nicht der Eine, Heinrich Wilhelm Brandes bereits früher von uns zur physikalischen Professur, um deren baldige Wiederbesetzung wir allerunterthänigst bitten, denominirt worden wäre, und der Andere M. August Ferdinand Möbius schon als außerordentlicher Professor der Astronomie und Observator auf der hiesigen Sternwarte angestellt wäre und wir wünschen müßten, daß diese Rolle, deren anderweitige Besetzung sehr schwierig sein würde, ihm belassen werde, jedoch mit einer Vermehrung seines Gehaltes um einige Hundert Thaler und mit Verwandlung seiner außerordentlichen Professur in eine ordentliche neuer Richtung, da er diese Belohnung seiner Geschicklichkeit und seines Fleißes wohl
26 Teil I verdient und es ihm außerdem sehr kränkend sein müßte, sich anderen nachgesetzt zu sehen." ([1].) Dieser Wunsch der Fakultät wurde vom königlichen Ministerium leider nicht erfüllt: Möbitjs mußte noch fast 20 Jahre auf eine ordentliche Professur warten. Wenden wir uns zunächst Drobisch zu. Moritz Wilhelm Drobisch wurde am 16. 8. 1802 in Leipzig als Sohn des Stadtschreibers geboren. Nach Besuch der Nicolaischule und der Fürstenschule in Grimma studierte er ab 1820 an der Universität Leipzig Mathematik und Philosophie. 1824 wurde er nach erfolgter Promotion und Habilitation Privatdozent und Ende 1826 bereits ordentlicher Professor für Mathematik. In dem erwähnten Gutachten wird Drobisch übrigens nicht vorgeschlagen, sondern drei Lehrer höherer Schulen aus dem sächsischen Raum. Drobisch wird nur am Schluß beiläufig erwähnt. Er ist später von der Fakultät empfohlen worden, nachdem das Ministerium angefragt hatte, ob man mit seiner Ernennung einverstanden sei. Drobisch hat bis zu seinem 84. Lebensjahr Vorlesungen gehalten. Er starb 94 jährig am 30. September 1896, wenige Wochen vor seinem 70. Professoren Jubiläum. Drobisch war ein gewissenhafter, bei den Studenten beliebter akademischer Lehrer. Er hielt bis zu 16 Wochenstunden Vorlesungen und Übungen, die er alle sorgfältig ausarbeitete. Gegenstände seiner Vorlesungen waren ebene und sphärische Trigonometrie, Gebrauch der Logarithmen, analytische Geometrie, Einleitung in die Analysis, Differential- und Integralrechnung, Algebra, Kombinatorik, Mathematische Geographie und ,,Gesellschaftsmathematik". Drobisch schrieb zwei mathematische Lehrbücher: ,,Grundzüge der ebenen und körperlichen Trigonometrie" (Leipzig 1825) und ,,Grundzüge der Lehre von den höheren numerischen Gleichungen" (Leipzig 1834). Als mathematischer Forscher hat er keine Bedeutung erlangt. Die großen Errungenschaften eines Gauss oder Abel sind an ihm vorübergegangen. So weiß er z. B. in seinem Buch von 1834 über die Kreisteilungsgleichungen xm — 1 = 0 nicht mehr zu berichten als die komplexe Lösungsformel 2kn . . 2kn xk = cos 1- i sin . m m Ab 1832 hat Drobisch — einer persönlichen Anregung Herbarts folgend — auch philosophische Vorlesungen gehalten. Er wandte sich mehr und mehr der Philosophie zu und wurde zu einem eifrigen Verfechter der Herbartschen Lehre. 1842 erhielt er auch ein Ordinariat für Philosophie. Er schrieb ein Lehrbuch über formale Logik, das fünf Auflagen erlebte. Über Logik hat Drobisch oft gelesen und dabei stets große Hörerzahlen zu verzeichnen gehabt. Entsprechend dem Herbartschen Konzept, daß ,,die Gesetzmäßigkeit im Seelenleben der am Sternenhimmel vollkommen gleiche", versuchte Drobisch, die Psychologie mathematisch-naturwissenschaftlich zu begründen. Ausdruck dieser Bestrebungen sind seine Bücher „Empirische Psychologie nach naturwissenschaftlicher Methode" (Leipzig 1842) und „Erste Grundlinien der mathematischen Psychologie" (Leipzig 1850). Er hat damit in Leipzig eine Richtung der Psychologie begründet, die in Wilhelm Wtjndt ihren hervorragendsten Vertreter fand. Es verwundert deshalb nicht, daß Wtjndt am Sarge von Drobisch die akademische Trauerrede hielt. Ab 1868 hat Drobisch sich vollständig der Philosophie gewidmet, nachdem er auf sein mathematisches Ordinariat zugunsten von Scheibner verzichtet hatte.
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 27 Drobisch leistete Bedeutendes als Wissenschaftsorganisator. Er war oft Dekan der philosophischen Fakultät und 1841/42 Rektor der Universität. In der vom sächsischen Kultusminister 1847 berufenen Kommission zur Revision des Gymnasialunterrichts vertrat er die Mathematik. Drobisch hatte wesentlichen Anteil an der Gründung der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, der späteren Sächsischen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er über 50 Jahre war. Die Statuten der Gesellschaft hat er selbst entworfen. Ein Schlaglicht auf seine Art, für das Wohl der Universität zu wirken, wirft vielleicht ein persönliches Schreiben Drobischs an den Dekan der philosophischen Fakultät vom 20. Februar 1844. Dort heißt es: ,,Soeben theilte mir unser Herr College Wilh. Weber mit, daß H. Prof. Mö- bius einen Ruf als ordentlicher Professor der Physik und höheren Mathematik nach Jena erhalten habe. Es wäre dies wol eine schickliche und willkommene Gelegenheit für die Facultät sich unaufgefordert an das Ministerium mit der Bitte zu wenden, daß der hochverdiente und berühmte Mann nicht nur unter vortheilhaften Bedingungen der Universität erhalten und zum ordentlichen Professor befördert werde, sondern auch eine Stellung bekomme, die ihn von Verpflichtungen enthebe, die ein anderer Mann von weit geringeren Fähigkeiten ebenfalls erfüllen kann." ([2].) Damit kommen wir zu einem schon mehrfach erwähnten Gelehrten, der den Ruf Leipzigs als Stätte mathematischer Forschung begründen half, August Ferdinand Möbius (Abb. 5). Er wurde am 17. November 1790 in Schulpforta geboren. Sein Vater war Lehrer für Tanzkunst an der dortigen Fürstenschule. Er verstarb bereits 1793. Möbius wurde von seiner Mutter und einem Onkel erzogen; bis zu seinem 13. Lebensjahr wurde er zu Hause unterrichtet. Von 1803 bis 1809 besuchte er die Fürstenschule in Schulpforta, wo er sich besonders für alte Sprachen und Mathematik V i * . V. . Abb. 5. August Ferdinand Möbius (1790-1868)
28 Teil I interessierte. 1809 bezog er die Universität Leipzig, um Rechtswissenschaften zu studieren. Bereits im zweiten Semester wechselte Möbius zur Mathematik über. Er hörte vor allem bei von Prasse, Mollweide und bei dem Physiker Gilbert. Mollweide erkannte seine besonderen Fähigkeiten rasch und wählte ihn zum Famulus. Über sein enges Verhältnis zu Mollweide schreibt Möbius in einem Brief vom 17. 8. 1811 an seine Mutter: ,,Mit Hrn. Prof. Mollweide stehe ich sehr gut. Ich bin fast alle Tage bey ihm." ([6], S. 30.) Im Mai 1813 beendete er seine Studien in Leipzig und ging — mit einem Reisestipendium versehen — nach Göttingen, um bei Gauss Astronomie zu studieren. Gauss urteilte recht positiv über Möbius, er schrieb 1814 in einem Brief an Olbers: ,,Diesen Winter habe ich einen jungen Sachsen, Möbius, hier gehabt, dessen Geschicklichkeit mir von vielem Werth gewesen ist." ([44], S. 543.) Nach dem Tode von Prasses und der Berufung Mollweides zum Professor für Mathematik hoffte Möbius, die Stelle Mollweides als Observator einnehmen zu können. Er kehrte deshalb im April 1814 nach Leipzig zurück und bemühte sich darum. Einige Zeit hielt er sich in Halle auf, wo er bei Pfaff Vorlesungen hörte. Nach seiner Habilitation im Jahre 1815 begann Möbius mit der Vorlesungstätigkeit an der Leipziger Universität. Im Januar 1816 wurde er zum außerordentlichen Professor der Astronomie und Observator auf der Sternwarte berufen. Mit der Berufung erhielt er 150 Taler, verbunden mit der Auflage, sich auf verschiedenen Sternwarten, u. a. auf dem Seeberg bei Gotha, in praktischer Astronomie zu vervollkommnen. Er war einige Zeit in Gotha, wo er mit von Lindenau Freundschaft schloß. Die Reise führte ihn weiter über Nürnberg, Stuttgart, München, Wien, Budapest, Prag und Dresden wieder nach Leipzig, wobei er eine Reihe nützlicher Bekanntschaften schließen konnte. Im Oktober 1816 bezog Möbius seine Amtswohnung auf der Pleißenburg (Abb. 6). Im selben Jahr erreichte ihn ein Ruf als Ordinarius der Astronomie an die Universität Greifswald, den er jedoch ablehnte. 1819 bemühte sich die Universität Dorpat, Möbius als ordentlichen Professor für Mathematik zu gewinnen, ebenfalls vergeblich. Möbius dachte in dieser Zeit an eine Eheschließung und war nicht gewillt, seine Heimat zu verlassen. Im Jahre 1820 heiratete Möbius die Tochter eines Chirurgen aus Gera. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor. Der älteste Sohn wurde Professor für nordische Sprachen in Kiel, die Tochter heiratete Möbius' späteren Mitarbeiter d'Arrest, der 1857 als Professor der Astronomie nach Kopenhagen ging, der jüngste Sohn wurde Schulrat in Gotha. Möbius' weiteres Leben verlief ruhig und ohne überraschende Wendungen. Er verkehrte in einem größeren Freundeskreis, zu dem u. a. der Anatom und Physiologe E. H. Weber, der Physiker W. Weber, der Physiker G. Th. Fechner, der Philologe B. G. Weiske und M. W. Drobisch gehörten. Mit Gelehrten außerhalb Leipzigs korrespondierte er nur gelegentlich; hier sind vor allem Crelle, Gauss, Gerling und Encke zu nennen. Möbius Leistungen wurden bereits 1829 mit der Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin gewürdigt. Auch die Königlich-Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften sowie die Göttinger und die Bayrische Akademie wählten ihn zum Mitglied. Unbefriedigend indessen war viele Jahre lang Möbius finanzielle Situation. Das Gehalt als außerordentlicher Professor war so gering, daß Möbius zeitweise Teile seiner Wohnung vermieten m>ußte, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu bestreiten. Erst 1844,
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 29 als ein Ruf der Universität Jena an ihn ergangen war, wurde er zum ordentlichen Professor der höheren Mechanik und der Astronomie ernannt. Er blieb auch nach dem Bau der neuen Sternwarte im Johannistal auf der Pleißenburg wohnen und starb dort am 26. September 1868. Möbius hat über 50 Jahre erfolgreich als akademischer Lehrer gewirkt. Den Eintritt in sein einhundertstes Dozentensemester nahm die philosophische Fakultät ■MIM* i um t t 1 Abb. 6. Die ehemalige Pleißenburg in Leipzig zum Anlaß, um ihm zu diesem seltenen Jubiläum eine spezielle Festschrift zu widmen. Möbius begann seine Tätigkeit mit Vorlesungen über Kegelschnitte, Prinzipien der Mechanik und Elemente der höheren Analysis. Nach seiner Ernennung zum Observator hat er viele Jahre vor allem astronomische Vorlesungen gehalten, wobei er ein breites Spektrum der praktischen und theoretischen Astronomie bis hin zur Theorie des Fernrohrs vertrat. Besonders beliebt waren seine populären astronomischen Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten. Zu diesen Vorlesungen verfaßte er ein allgemeinverständliches Buch, welches sehr verbreitet war und sechs Auflagen erlebte. Nach und nach wählte Möbius auch mathematische Gegenstände zum Inhalt seiner Vorlesungen, zunächst solche, die unmittelbare Beziehungen zur Astronomie hatten, wie Methode der kleinsten Quadrate, Interpolation und mechanische Quadratur, Kegelschnitte, sphärische Trigonometrie. Nach 1827 folgen Vorlesungen über den baryzentrischen Kalkül, die Grundlehren der Geometrie, analytische Geometrie,
30 Teil I Stereometrie, Trigonometrie, Algebra, Arithmetik, Zahlentheorie und Infinitesimalrechnung. Auch über Statik, Mechanik, Optik und mathematische Geographie hat Möbitjs gelesen. Möbitjs nahm die Lehrtätigkeit sehr ernst. Außer durch Krankheit ist nie eine Vorlesung ausgefallen. Selbst wenn in Spezialvorlesungen nur ein einziger Hörer anwesend war, nahm er das Pensum durch. Über die Art seines Vortrags berichtet Brtjhns: ,,Er sprach nur langsam und trug daher in einer Stunde nicht viel vor, aber seine Vorlesungen zeichneten sich durch Klarheit und Schärfe der Entwicklung in hohem Grade, ganz besonders aber durch die Eigenthümlichkeit in der Darstellung aus. Selbst diejenigen, welche zum zweiten Male bei ihm hörten und denen der materielle Inhalt im Wesentlichen bekannt war, lernten neue Gesichtspunkte und Ideen kennen, und die Art und Weise wie er ein Problem von verschiedenen Seiten zur Behandlung angriff, war originell und anregend." ([6], S. 66.) Möbitjs wichtigste Leistungen als mathematischer Forscher liegen auf dem Gebiet der Geometrie Sie sind jedoch zu seinen Lebzeiten nicht in ihrer ganzen Tragweite erkannt und gewürdigt worden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich die Geometrie stürmisch entwickelt. Es entstand eine Reihe geometrischer Richtungen, über deren inneren Zusammenhang weitgehend Unklarheit herrschte. Erst die Herausbildung des Begriffs der Transformationsgruppe ermöglichte es Felix Klein 1872 in seinem Erlanger Programm, eine Klassifizierung vorzunehmen und die Zusammenhänge und logischen Abhängigkeiten verschiedener „Geometrien", wie metrischer, affiner und projektiver Geometrie, klarzustellen. Klein war es auch, der bei der Herausgabe der Werke von Möbitjs bemerkte, daß wesentliche Ideen seines Erlanger Programms bereits von Möbitjs in seinem Werk über den baryzentrischen Kalkül vorgezeichnet waren. Das 1827 in Leipzig erschienene Buch hieß „Der barycentrische Calcul, ein neues Hülfsmittel zur analytischen Behandlung der Geometrie, dargestellt und insbesondere auf die Bildung neuer Classen von Aufgaben und die Entwicklung mehrerer Eigenschaften der Kegelschnitte angewendet von August Ferdinand Möbius". Wie aus einem Brief von Möbitjs an Lindenatj hervorgeht, hat er ab 1818 daran gearbeitet. Die Grundidee ist die Beschreibung von Punkten durch homogene Koordinaten, die sogenannten baryzentrischen Koordinaten. Um z. B. Punkte in einer Ebene zu beschreiben, werden drei nicht auf einer Geraden liegende Punkte A, B, (7, die sogenannten Fundamentalpunkte, vorgegeben. Die baryzentrischen Koordinaten eines Punktes P bezüglich A, B, C sind gerade diejenigen Koeffizienten a,b,c, die aA + bB + cC = (a + b + c) P erfüllen, d. h., P ist der Schwerpunkt des mit den ,,Gewichten" a, by c versehenen Systems der Fundamentalpunkte. Möbius zeigt, daß die Verhältnisse — und — den Punkt P b c eindeutig bestimmen, und er gibt geometrische Konstruktionen zur Bestimmung dieser Verhältnisse an. Mit den baryzentrischen Koordinaten hat Möbius als einer der ersten homogene Koordinaten in der analytischen Geometrie verwendet. Er benutzt den baryzentrischen Kalkül, um die Theorie der Geraden und Ebenen, der Kurven und Flächen zweiter Ordnung sowie einiges über höhere Kurven und Flächen in eleganter Weise abzuleiten. Im zweiten Abschnitt seines Buches entwickelt er das Programm einer Klassifizierung der sogenannten geometrischen Verwandtschaften, das sind geometrische Transformationen, die den Übergang von einer geometrischen Figur zur anderen vermitteln. Er betrachtet zunächst Gleichheit und Ähnlichkeit,
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 31 die er als nicht wesentlich verschieden erkennt. Eine allgemeinere Verwandtschaft ist die Affinität; Gleichheit und Ähnlichkeit sind Spezialfälle davon. Dem entspricht im Erlanger Programm die Feststellung, daß die Hauptgruppe in der affinen Gruppe enthalten ist. Die allgemeinsten Verwandtschaften, die Möbitjs einführt, sind die sogenannten Kollineationen. Er erkennt, daß sie durch die Invarianz des Doppelverhältnisses charakterisiert sind. Möbitjs hat somit die Aussage vorweggenommen, daß die projektive Gruppe, deren charakteristische Invariante das Doppel Verhältnis ist, die affine Gruppe umfaßt. Die Lehre von den geometrischen Verwandtschaften hält Möbitjs in der Vorrede zu seinem Werk mit Recht für „... die Grundlage der ganzen Geometrie ..." ([35], Bd. I, S. 9), sie ist „... dasjenige in meinem Buche, was ich der Beachtung des Lesers am meisten empfehlen möchte" ([35], Bd. I, S. 10). Möbitjs ist in vielen Arbeiten auf das im ,,Barycentrischen Calcul" vorgezeichnete Programm zurückgekommen. Besonders bemerkenswert ist eine Schrift, die aus seiner Beteiligung an einer Preisaufgabe der Pariser Akademie zur Theorie der Polyeder resultiert und die 1863 erschien: ,,Theorie der elementaren Verwandtschaft". Es handelt sich bei den elementaren Verwandtschaften um stetige Punkttransformationen; auch hier hat Möbitjs der Entwicklung — in diesem Falle der Topologie — beträchtlich vorgegriffen. Großes Interesse brachte Möbitjs der angewandten Mathematik entgegen. Er behandelte Probleme optischer Systeme, der Mechanik, Astronomie und der Kristallstruktur. Frucht dieser Bemühungen war u. a. sein ,,Lehrbuch der Statik" von 1837. Die Beschäftigung mit der Mechanik hat Möbitjs zu Untersuchungen über die „geometrische Addition von Strecken" geführt, die ihn zum Mitbegründer der Vektorrechnung werden ließen. Erstmalig verwendet Möbitjs seine geometrische Addition von Strecken in einer Vorlesung über Dynamik im Wintersemester 1841/42. Eine einschlägige Abhandlung erschien 1844 unter dem Titel „Über die Zusammensetzung gerader Linien und eine daraus entspringende neue Begründungsweise des bary- centrischen Calculs" in Crelles Journal. Die grundlegende Definition lautet dort: „Sind AB, CD, EF mehrere ihrer Größe und Richtung nach gegebene gerade Linien, und setzt man, von einem beliebigen Puncte P ausgehend, diese Linien parallel mit ihren Richtungen aneinander, macht also PQ = AB, QR = CD, BS = EF, und bildet somit die gebrochene Linie PQBS, so soll diese Operation die Zusammensetzung oder die geometrische Addition der gegebenen Linien heissen, zum Unterschiede von der arithmetischen, als wobei bloss die Grösse der Linien, nicht auch ihre Richtung in Betracht kommt." ([35], Bd. I, S. 603/604.) Gleichzeitig beschäftigte sich H. Grassmann mit derselben Problematik. Möbitjs und Grassmann knüpften darüber einen engen wissenschaftlichen Meinungsaustausch an. Eine weitere bedeutende geometrische Entdeckung von Möbitjs ist die des „Mö- biusschen Bandes'4. Es handelt sich um das erste Beispiel einer einseitigen Fläche. Aus Möbitjs' Nachlaß geht hervor, daß er diese 1858 entdeckte. Publiziert ist eine Beschreibung dieser Fläche in der letzten Arbeit, die Möbitjs verfaßt hat: „Über die Bestimmung des Inhaltes eines Polyeders" (1865). Bis heute spielt in der analytischen Zahlentheorie die Möbiussche Funktion
32 Teil I /bi(n) eine entscheidende Rolle. Sie ist 0, wenn in n mindestens ein Primzahlquadrat aufgeht, sie ist (—1)* im Fall n = V\Pr"Vk (aHe Vi verschieden). Möbitjs führte diese Funktion bei seinen Untersuchungen über die Umkehrung von Reihen ein, welche 1831 in Crelles Journal erschienen. Es ist interessant, daß die Riemannsche Vermu- ( M tung einer Aussage über ju(n) äquivalent ist: £ ju(n) = 0\x" J für jedes e > 0. Auch der mit /u(n) verbundene Möbiussche Umkehrformalismus spielt in der Zahlentheorie und der Algebra eine wichtige Rolle. Möbitjs Leistungen in der Astronomie beziehen sich vor allem auf konkrete Beobachtungen. Ihre Bedeutung wurde jedoch durch die ungenügende Ausstattung der Leipziger Sternwarte begrenzt. Erst 1830 konnte er den Ankauf eines modernen Refraktors aus der Werkstatt von Fraunhofer durchsetzen. Ab 1834 beteiligte sich Möbitjs erfolgreich an den von Humboldt und Gauss weltweit ins Leben gerufenen magnetischen Terminbeobachtungen. Es handelt sich dabei um Messungen des Erdfeldes an verschiedenen Orten zu vereinbarten Terminen. Möbius astronomisches Hauptwerk ist die Monographie „Die Elemente der Mechanik des Himmels, auf neuem Wege ohne Hülfe höherer Rechnungsarten dargestellt", die 1843 in Leipzig erschien. Möbius hat in seiner relativ isolierten Stellung weitab von den Zentren mathematischer Forschung Erstaunliches geschaffen. Er war außerordentlich produktiv. Seine gesammelten Werke umfassen über 2500 Druckseiten, die populärwissenschaftlichen Schriften nicht eingerechnet. Nach dem Tode des Physikers Brandes hat auch Gotthard Oswald Marbach (1810—1890) einführende Vorlesungen über Mathematik gehalten. Er war seit 1833 Dozent und wurde 1849 außerordentlicher Professor. Von ihm stammt ein populäres physikalisches Lexikon in fünf Bänden. Er schrieb auch ein Buch über geometrische Formenlehre (1846), welches er seinen Vorlesungen zugrunde legte. Marbach hielt 1853 das erste pädagogische Seminar für künftige Mathematiklehrer ab. Der allgemeine Aufschwung der Mathematik und Naturwissenschaften in Deutschland, der durch die industrielle Entwicklung bereits in den Jahren von 1830—1850 eingeleitet wurde, kam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts voll zum Tragen. In diese Zeit fällt die über 50 Jahre währende Tätigkeit von Wilhelm Scheibner an der Universität Leipzig. Scheibner wußte die Zeichen der Zeit zu nutzen und hat durch vielfältige Aktivitäten die Erweiterung des Lehrkörpers und die Berufung hervorragender Persönlichkeiten nach Leipzig bewirkt. So schrieb er bereits 1867 in einem für das Ministerium angefertigten Gutachten zur außerordentlichen Professur von H. Hankel u. a.: „Ich habe überhaupt jederzeit die Ansicht geltend zu machen gesucht, dass seitdem die Ausdehnung der mathematischen Wissenschaften sowohl extensiv wie intensiv in einem vor wenigen Jahrzehnten kaum geahnten Maasse gewachsen ist, ihre Vertretung an unseren Universitäten gleichfalls vermehrte Lehrkräfte in Anspruch zu nehmen hat. Denn man kann billigerweise nicht verlangen, dass eine Wissenschaft, die an Umfang manchen Fachwissenschaften wie z. B. der Jurisprudenz nicht mehr nachsteht, an einer grossen Universität wie die unsrige, von zwei oder drei Professoren ausreichend vertreten sein solle. Wie auf anderen Gebieten wird auch hier Arbeitstheilung erforderlich, und es würden sich leicht über fünf bis sechs gesonderte mathematische Disciplinen aufzählen lassen, deren eindringliche Beherrschung eine Manneskraft in Anspruch nimmt und deren Kenntniss
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 33 jedem Mathematiker unentbehrlich ist." ([4].) Über Scheibners Rolle bei der Berufungspolitik wird im zweiten Kapitel eingehender berichtet. Scheibner wurde am 8. Januar 1826 als Sohn eines Großherzoglichen Rates in Gotha geboren. Nach Besuch des Gymnasiums in Gotha studierte er 1844—1845 in Bonn und 1845—1848 in Berlin, wo er besonders bei Jacobi, Dirichlet und Steiner hörte. 1848 erfolgte seine Promotion in Halle. Er kehrte nach Gotha zurück und trat bald darauf zu dem berühmten Astronomen Hansen von der Sternwarte Gotha in nähere Beziehung. Bei Hansen arbeitete er bis 1853 vornehmlich über astronomische Störungstheorie. Auf diesem Gebiet erfolgte auch seine Habilitation an der Universität Leipzig im Jahre 1853. Möbius hat die Habilitationsschrift recht positiv beurteilt, sie „... scheint mir ein vollgültiges Zeugniß von den tief gehenden mathematischen Kenntnissen ihres Verfassers, von seiner Gewandtheit im Calcul und seinem mathematischen Forschungsgeiste abzugeben ..." schreibt er in seinem Gutachten ([3]). Zugleich rügt er recht heftig die übertriebene Kürze, eine Schwäche, die Scheibner zeit seines Lebens nicht ablegen konnte und die dazu beitrug, daß seine Arbeiten und Vorlesungen schwer verständlich waren. Seit 1853 hielt Scheibner als Privatdozent Vorlesungen. Ihr Wert wurde in einem Gutachten von 1855 zur außerordentlichen Professur dahingehend gewürdigt, daß sie sich ,,in den abstractesten Theilen der höheren Mathematik" bewegten, die sonst auf der Universität nicht vertreten waren ([3]). 1856 wurde Scheibner außerordentlicher Professor, 1868 Ordinarius und Mitglied der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. Er war bis ins hohe Alter geistig rege. Vorlesungen hielt er bis zu seinem 79. Lebensjahr, seine letzte Arbeit erschien 1907. Er starb am 8. 4. 1908. Seine wissenschaftlichen Interessen waren weit gespannt. Sie reichten von der theoretischen Astronomie über Mechanik und Optik bis hin zur Algebra, Zahlentheorie, Potentialtheorie, zur Reihenlehre und zur Theorie der elliptischen Funktionen. Ein Schwerpunkt war die theoretische Astronomie und hier besonders die astronomische Störungstheorie: 20 von 51 Veröffentlichungen Scheibners sind der theoretischen Astronomie gewidmet. Aus historischer Sicht dürfte aus diesem Gebiet Scheibners Abhandlung „Über den Einfluss des Neumann'schen Exponentialgesetzes auf die elliptische Bewegung" ([42]) besonderes Interesse beanspruchen. Um die Peri- heldrehung des Merkur zu erklären, nimmt er einen Gedanken von C. Neumann auf und ersetzt das Newtonsche Potential durch das Potential cp(r) = — e~ar. r a kann er nun so berechnen, daß sich die Periheldrehung der Merkurbahn richtig ergibt. Aus diesem Ansatz und mit dem so berechneten <x folgt dann aber für die Venus 55", für die Erde 65" Periheldrehung pro Jahrhundert, Werte, die ,,... mit den Beobachtungen nicht leicht in Einklang zu bringen sein" werden ([42], S. 25). Dieses in gewissem Sinne negative Ergebnis Scheibners konnte als Hinweis dienen, daß neue und tiefere theoretische Grundlagen erforderlich sind, um die Periheldrehung beim Merkur zu erklären. Niemand ahnte freilich damals, daß dazu eine Theorie erforderlich sein würde, die unser ganzes Weltbild grundlegend umgestalten sollte, die Allgemeine Relativitätstheorie Albert Einsteins. Die gleichzeitige Bearbeitung von Problemen aus gar zu verschiedenen Gebieten mag dazu beigetragen haben, daß Scheibners mathematische Arbeiten keine tiefer gehende Wirkung hinterließen. Erwähnenswert sind vielleicht seine Arbeiten über
34 Teil I elliptische Integrale, in denen er effektive Methoden angibt, um diese Integrale auf die Standardformen erster, zweiter und dritter Gattung zu reduzieren. Scheibner war an der Herausgabe der Gesammelten Werke von Möbitjs wesentlich beteiligt (Bd. IV). Von ihm stammt auch ein Lehrbuch über lineare Transformationen ([43]). Seine Vorlesungen erstreckten sich über alle Gebiete seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Einführung eines regelmäßigen Übungsbetriebes. Die Bibliothek des Mathematischen Instituts verdankt ihm ein Vermächtnis von ca. 1100 Büchern und 300 Zeitschriftenbänden, welche heute noch als „Scheibner-Bibliothek" ausgewiesen wird. Am Ende der in diesem Abschnitt betrachteten Periode steht ein Mathematiker, der in den wenigen Schaffensjahren, die ihm vergönnt waren, weit in die Zukunft weisende Ideen konzipierte: Hermann Hankel (Abb. 7). Er wurde am 14. Februar 1839 in Halle geboren, wo sein Vater Physiklehrer an der Realschule und nebenbei Dozent an der Universität war. 1849 wurde der Vater zum ordentlichen Professor der Physik an die Universität Leipzig berufen; die Familie siedelte deshalb von Halle nach Leipzig über. Hankel besuchte das Nicolai-Gymnasium in Leipzig, wo bereits sein Hang zur Mathematik und sein großes mathematisches Talent zutage traten. In den oberen Klassen las er die antiken griechischen Mathematiker im Original. Im Sommersemester 1857 begann er das Studium in Leipzig. 1860 ging er nach Göttingen, wo er vor allem unter dem Einfluß Riemanns stand. Wie schnell er dessen Ideen aufnahm, zeigt die Arbeit „Zur allgemeinen Theorie der Bewegung der Flüssig- keiten" ([15]), mit der er den Preis der philosophischen Fakultät der Universität Göttingen für das Jahr 1860 gewann. Die Preisaufgabe hatte darin bestanden, die Bewegungsgleichungen einer Flüssigkeit, insbesondere die von Helmholtz behandelte Wirbelbewegung, aus den Lagrangeschen Gleichungen abzuleiten. Im Herbst 1861 ging Hankel von Göttingen nach Berlin, wo er vor allem bei Weierstrass und Kronecker Vorlesungen hörte. Vorher hatte er mit einer Arbeit über symmetrische Determinanten ([16]) in Leipzig promoviert. 1862 kehrte er nach Leipzig zurück, um sich zu habilitieren. Die Habilitation erfolgte 1863 mit einer Arbeit über Eulersche Integrale ([17]); auch hier folgte Hankel Anregungen Riemanns. Ab 1863 hielt Hankel als Privatdozent Vorlesungen an der Universität. Seine Vorlesungen waren gut gegliedert und klar. Es war stets das Bemühen sichtbar, die tragenden Gedankengänge deutlich hervortreten zu lassen. Zudem ging von Hankel Begeisterungsfähigkeit und Ausstrahlungskraft aus. In den Gutachten zur außerordentlichen Professur heben Möbitjs, Drobisch und Scheibner Hankels Lehrtätigkeit als besonders erfolgreich hervor ([4]). Die Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Leipzig erfolgte im Frühjahr 1867. Bereits im Herbst desselben Jahres folgte er einem Ruf als Ordinarius und Nachfolger von Statjdts nach Erlangen. 1869 wurde er nach Tübingen berufen. Im Sommer 1872 erkrankte Hankel lebensgefährlich an einer Hirnhautentzündung. Die Genesung war nur unvollständig, auch schonte er sich danach nicht genügend. Auf einer Erholungsreise in Schramberg im Schwarzwald erlitt Hankel einen Gehirnschlag, an dem er am 29. 8. 1873 verstarb. Auch in Erlangen und Tübingen erwarb sich Hankel große Verdienste um die akademische Lehre. Sein Grundsatz, der heute genau so aktuell ist wie vor hundert Jahren, lautete: ,,Will man gewiß sein, ein mittleres Ziel zu erreichen, so stelle man
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 35 sich das höchste, wer nur nach Mittelmäßigkeit strebt, wird auch diese nicht erreichen." ([49], S. 586.) Hankels wissenschaftliche Interessen konzentrierten sich auf drei Schwerpunkte: hyperkomplexe Systeme, Funktionentheorie und Geschichte der Mathematik. Hankel hatte vor, eine zweiteilige Funktionentheorie zu schreiben. Leider konnte Abb. 7. Hermann Hankel (1839-1873) er nur den ersten Teil, die „Theorie der complexen Zahlensysteme" ([20]) fertigstellen. Dieses Buch behandelt die hyperkomplexen Systeme. Der Hauptgedanke Hankels ist die formale Untersuchung von Verknüpfungsgesetzen zwischen „Grössen", eine Idee, die für die Entwicklung abstrakter algebraischer Strukturen von ausschlaggebender Bedeutung war (vgl. [47]). In diese allgemeinen Untersuchungen etwa von Operationen, die allen Gesetzen der gewöhnlichen Arithmetik genügen, oder von solchen, die zwar assoziativ, aber nicht mehr kommutativ sind, werden dann die Zahlensysteme einschließlich der komplexen Zahlen, die Graßmannschen Algebren und die Hamiltonschen Quaternionen eingeordnet. Dabei formuliert Hankel als wichtiges Prinzip das sogenannte Permanenzprinzip der formalen Gesetze: „Wenn zwei in allgemeinen Zeichen der arithmetica universalis ausgedrückte Formen einander gleich sind, so sollen sie einander auch gleich bleiben, wenn die Zeichen aufhören, einfache Grössen zu bezeichnen, und daher auch die Operationen einen irgend welchen anderen Inhalt bekommen." [(20], S. 11.) Mit anderen Worten: Wenn ein Bereich K, in dem Operationen definiert sind, die gewissen Regeln genügen, erweitert
36 Teil I wird zu einem Bereich K'9 so müssen die Fortsetzungen der Operationen in K' denselben Regeln genügen. Hankel macht dabei die Einschränkung, daß gegebenenfalls die Kommutativität aufgegeben werden muß, z. B. bei den Quaternionen. Das Permanenzprinzip hatte der Engländer G. Peacock bereits 1834 formuliert; man kann aber sicher zu Recht sagen, daß es erst durch Hankel als heuristisches Prinzip Allgemeingut der Mathematiker wurde. Höhepunkt von Hankels Buch ist der Beweis des Satzes, daß es über die komplexen Zahlen hinaus kein hyperkomplexes System geben kann, welches allen Gesetzen der gewöhnlichen Arithmetik genügt ([20], S. 106-108). Durch seine formale Durchbildung ist es Hankel gelungen, die Theorie der Quaternionen, für deren Darstellung Hamilton über 500 Seiten benötigt hatte, auf knapp 60 Seiten abzuhandeln, worauf er berechtigt stolz ist ([20], S. 196). Überhaupt hat Hankel durch sein Buch sehr viel dazu beigetragen, die für die Entwicklung der modernen Algebra wichtigen Resultate der englischen algebraischen Schule in Deutschland bekannt zu machen. Schließlich sei noch bemerkt, daß Hankel einer der ersten war, der die Bedeutung Grassmanns richtig einzuschätzen und zu würdigen wußte. Bei seinen funktionentheoretischen Untersuchungen knüpfte Hankel unmittelbar an Riemanns Arbeiten über die Darstellung von Funktionen durch Fourrierreihen an. Sie sind im Gratulationsprogramm der Universität Tübingen 1870 publiziert ([19]) und 1882 in den „Mathematischen Annalen" nachgedruckt. Das Ziel der Arbeit ist es unter anderem, den Funktionsbegriff genauer auszuschöpfen, indem etwa Funktionen konstruiert werden, die an allen rationalen Punkten eine Singularität besitzen, an allen irrationalen Punkten aber stetig sind. Dazu benutzt Hankel sein sogenanntes Kondensationsprinzip der Singularitäten, welches in folgendem besteht: y(x) sei eine in [— 1, 1] analytische Funktion mit Ausnahme des Punktes 0, wo sie eine Singularität besitzt. Dann hat die Funktion n=i n8 in allen rationalen Punkten eine Singularität desselben Typs. Hankel bezeichnet Funktionen als linear unstetig, wenn sie in einer unendlichen Menge von Punkten eines endlichen Intervalls unstetig sind. Er betrachtet dann im einzelnen die Fälle, daß die Menge der Unstetigkeitspunkte überall dicht oder nirgends dicht ist, und untersucht die Integrabilität solcher Funktionen mittels der von Riemann gegebenen hinreichenden und notwendigen Integrabilitätskriterien. Hankels Arbeit hat auf die weitere Entwicklung der Punktmengenlehre sowie der Maß- und Integrationstheorie einen nicht unwesentlichen Einfluß ausgeübt. Den Nachdruck der Arbeit in den Mathematischen Annalen motivierte die Redaktion z. B. folgendermaßen: „Indem wir die letzte Arbeit von Hermann Hankel, welche bisher durch die Art ihrer Veröffentlichung nur schwer zugänglich war, erneut zum Abdruck bringen, rechnen wir auf den Dank des mathematischen Publikums; wird doch auf dieselbe bei fast allen neueren Untersuchungen über den Funktionsbegriff zurückgegangen!" ([19], WA Math. Ann., S. 63.) Unmittelbar an Hankel haben U. Dini und A. Harnack angeknüpft. G. Cantor hat 1882 das Hankeische Kondensationsprinzip wesentlich verallgemeinert und dabei die ihm noch anhaftenden
Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 37 Mängel beseitigen können, indem er mit einer Funktion 99, die an der Stelle x = 0 singulär ist, 00 f(x) =-- £ <>MX — (*>,) v = l bildet. <jüv durchläuft dabei die von Cantor 1873 als abzählbar erkannte Menge aller algebraischen Zahlen; cv sind passend so zu wählen, daß die Reihe konvergiert. Hankel hat sich auch mit Besselschen Funktionen beschäftigt ([23]). Die Bessel- funktionen dritter Art werden heute nach ihm benannt. Das Gebiet der Geschichte der Mathematik interessierte Hankel von seiner Gymnasialzeit an. In vielen seiner mathematischen Abhandlungen sind profunde historische Bemerkungen zum behandelten Gegenstand enthalten. Er hatte auch die Absicht, eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte der Mathematik zu schreiben. In seinem Nachlaß fanden sich dazu eine Reihe von Ausarbeitungen, die unter dem Titel „Zur Geschichte der Mathematik im Alterthum und Mittelalter" ([21]) von seinem Vater als Buch herausgegeben wurden. Die Umstände des Erscheinens dieses Buches erklären die zahlreichen Unzulänglichkeiten und Lücken, auf die bereits M. Cantor hingewiesen hat. Einiges ist auch nicht gelungen, z. B. die Darstellung der mittelalterlichen Mathematik. Insgesamt aber war dieses Buch eine wichtige Zwischenstation zu den späteren großen zusammenfassenden Darstellungen etwa von M. Cantor oder von J. Tropfke. J. E. Hofmann, ein bedeutender Mathematikhistoriker unseres Jahrhunderts, beurteilt das im Vorwort zum Neudruck des Hankeischen Werkes so: „Wer aber ernsthaft an der Entstehung der großen wissenschaftlichen Zusammenfassungen auf mathematikgeschichtlichem Gebiet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessiert ist, wird — und wahrscheinlich nicht ohne Erstaunen — feststellen müssen, daß Hankel der wichtigste Wegbereiter für diese umfassenderen Darstellungen war." ([21], WA, S. XIV.) Das Buch enthält auch interessante Rekonstruktionsversuche; erwähnt sei z. B. der für den Beweis des Satzes über die Winkelsumme im Dreieck. Dieser Rekonstruktionsversuch Hankels entspricht dem Bericht des Gemintjs von Rhodos, der uns durch Proklos Diadochos überliefert ist, wonach die Alten (gemeint sind die frühen ionischen Mathematiker) diesen Satz zunächst für das gleichseitige, dann für das gleichschenklige, das rechtwinklige und schließlich für das allgemeine Dreieck bewiesen haben, in sehr natürlicher Weise. Zusammenfassend kann man sagen, daß Hankel ein Mathematiker war, der mit genialem Blick in die Zukunft sah und gleichzeitig mit tiefem historischem Verständnis die Vergangenheit überschaute. Literaturverzeichnis [1] Akten der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, Universitätsarchiv. Nr. 417. Akte Drobisch. [2] Ebenda. Nr. 752. Akte Möbius. [3] Ebenda. Nr. 923. Akte Scheibner. [4] Ebenda. Nr. 530. Akte Hankel. [5] Baltzer, R.: Biographische Bemerkungen zu Möbius, in: Möbius, A. F.: Gesammelte Werke, Bd. I, S. V-XX.
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Von der Gründung bis zum 2. Drittel des 19. Jahrhunderts 39 [35] Möbius, A. F.: Gesammelte Werke, Bd. I, Leipzig 1885; Bd. II, Leipzig 1886; Bd. III, Leipzig 1886; Bd. IV, Leipzig 1887. [36] Nesselmann, G. H. F.: Die Algebra der Griechen, Berlin 1842. [37] Neumann, C.: Worte zum Gedächtnis an Wilhelm Scheibner, Ber. Verh. Kgl.-Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 60 (1908), 375-390. [38] Oettinger, H.: Über den Begriff der Kombinationslehre und die Bezeichnungen derselben, Archiv der Mathematik und Physik 15 (1850), 271—314. [39] Poggendorff, J. C.: Biographisch-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften, Bd. I, Leipzig 1863, bis Bd. VIIb, Leipzig 1970. [40] Reinhardt, C.: Über die Entstehungszeit und den Zusammenhang der wichtigsten Schriften von Möbius. In: Möbius, A. F.: Gesammelte Werke, Bd. IV, S. 699—728. [41] Salie, H.: Zur Geschichte der Mathematik an der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert. In: Karl-Marx-Universität Leipzig 1409-1959, Leipzig 1959, S. 374-381. [42] Scheibner, W.: Über den Einfluß des Neumannschen Exponentialgesetzes auf die elliptische Bewegung, Ber. Verh. Kgl.-Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 50 (1898), 21-30. [43] Scheibner, W.: Beiträge zur Theorie der linearen Transformationen, Leipzig 1907. [44] Schilling, C. (ed): Briefwechsel zwischen Olbers und Gauß, 1. Abt. Berlin 1900; 2. Abt. Berlin 1909. [45] Schwarzburger, M.: Die Mathematikerpersönlichkeiten der Universität Leipzig 1409 bis 1945. In: Karl-Marx-Universität Leipzig 1409-1959, Leipzig 1959, S. 350-373. [46] Wussing, H.: Carl Friedrich Gauß, Leipzig 1974. [47] Wussing, H.: Die Genesis des abstrakten Gruppenbegriffes, Berlin 1969. [48] Wussing, H.: A. F. Möbius. In: Biographien bedeutender Mathematiker, Berlin 1975. [49] von Zahn, W.: Einige Worte zum Andenken an Hermann Hankel, Math. Ann. 7 (1874), 583-590. [50] Zarncke, F.: Die urkundlichen Quellen zur Geschichte der Universität in den ersten Jahren ihres Bestehens, Leipzig 1857. [51] Zschäbitz, G.: Staat und Universität Leipzig zur Zeit der Reformation. In: Karl-Marx- Universität Leipzig 1409—1959, Leipzig 1959, S. 34—67.
TEIL II DIE GRÜNDUNG DES „MATHEMATISCHEN SEMINARS"1) DER UNIVERSITÄT LEIPZIG2) Fritz König (Leipzig)
Einleitung Die Entfaltung des Industriekapitalismus mit all seinen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgen zeigte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders deutlich am Beispiel Deutschlands. Grundlage dieser Entwicklung war eine ständig fortschreitende Technisierung bei immer umfassenderer Ausnutzung der Naturwissenschaft als Produktivkraft, selbstverständlich unter den gesellschaftspolitischen Zielstellungen des sich entwickelnden Kapitalismus. In engem Zusammenhang mit diesem historischen Prozeß vollzog sich zeitlich parallel dazu eine grundlegende Reform des gesamten Schulwesens. Äußere Kennzeichen dieser Veränderungen waren einerseits das Entstehen des Realschulwesens und die Herausbildung technischer Schulen bzw. technischer Hochschulen, andererseits die inneren Reformen an den traditionsreichen Gymnasien und Universitäten. Einen besonderen Aufschwung nahm diese Entwicklung in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, also der Zeit des Übergangs ,,... vom fortschrittlichen, *) Der Begriff ,,Seminar" wird hier als Bezeichnung für eine Institution verwendet. In den folgenden Ausführungen wird dieser Begriff auch als Bezeichnung für die Unterrichtsform „Seminar" benutzt. Die jeweilige Bedeutung geht aus dem inhaltlichen Zusammenhang hervor. 2) Die folgende Abhandlung enthält wesentliche Teile der in Vorbereitung befindlichen Dissertation A des Verfassers zum gleichen Thema. Für die Anregung zu dieser Arbeit und für viele wertvolle Hinweise sei Herrn Prof. Dr. Hans Wussing (Karl-Sudhoff-Institut der Karl- Marx-Universität) herzlich gedankt. Ebenso gebührt Herrn Prof. Dr. Rolf Klötzler und Herrn Dr. Christian Heermann (beide Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität) Dank für sehr nützliche Ratschläge und Unterstützung. Ferner bedankt sich der Autor bei den Mitarbeitern der Archive in Dresden, Leipzig und Merseburg sowie bei der Deutschen Bücherei und der Universitätsbibliothek in Leipzig für die Bereitstellung der erforderlichen Akten und Literatur. Insbesondere sei Frau Ina Letzel (Bibliothekarin in der Außenstelle der Universitätsbibliothek Leipzig an der Sektion Mathematik) und der ehemaligen Leiterin des Leipziger Universitätsarchivs (bis 1977) Frau Prof. Dr. Renate Drucker, der jetzigen Leiterin Frau Prof. Dr. Gerhild Schwendler und der Mitarbeiterin Fräulein Karen Gaukel für bereitwillige Hilfe bei der Quellenbeschaffung gedankt.
44 Teil II Tabelle 1. Die Anzahl der höheren Schulen und die Einwohnerzahlen für Sachsen (Sa.) und Preußen (Pr.), dargestellt an vier ausgewählten Jahrgängen des 19. Jahrhunderts1) 1832/33 1850 1876/77 1885 Einwohnerzahl in Mill. Pr. 13,0 16,84) 25,76) 28,3 Sa. 1,6 2,05) 2,8 3,2 Anzahl der Gymnasien2) Pr. 136 143 273 297 Sa. 12 12 ± 1 13 17 Anzahl der Real- lehranstalten3) Pr. 11 50 196 225 Sa. — 3 32 30 x) Zusammengestellt nach den Angaben bei: Heinecke, F.: Der höhere Lehrer im Zeitalter der Entstehung seines Berufsstandes und die Einführung der Abgangsprüfungen. Unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Sachsen, Leipzig 1935, S. 7, 25 und 29. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, 1. Jg. 1880, S. 1, und 11. Jg. 1890, S. 1. Wiese, L.: Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch statistische Darstellung, Bd. I, Berlin 1864, S. 420, 421, 436 und 437; Bd. IV, Berlin 1902, S. 626-628. Witting, A.: Der mathematische Unterricht im Königreich Sachsen. Leipzig und Berlin 1913. In: Abhandlungen über den mathematischen Unterricht in Deutschland, Bd. II, Heft 2, S. 4, 21 und 76. 2) einschließlich der Progymnasien. 3) einschließlich der höheren Bürgerschulen. 4) Hier mußte die Zahl für 1853 angegebenen werden, da für 1850 kein Wert vorlag. 5) Dieser Wert ist geschätzt nach der Angabe 2,4 für 1867. 6) Das ist der für 1875 zutreffende Wert, da für 1876/77 kein Wert vorlag. vormonopolistischen Kapitalismus der Jahre 1860 bis 1870 zum reaktionären, monopolitischen Kapitalismus (den Imperialismus) ..."1). Aus fast allen technischen Schulen und Gewerbeschulen, deren Entstehung sich in Deutschland auf den Zeitraum von 1820 bis 1840 konzentriert, wurden zwischen 1860 und 1880 sogenannte „Technische Hochschulen"2). Ein erstes bedeutungsvolles relatives Maximum der Gesamtfrequenz erreichten diese Hochschulen 1876/77 mit 6417 Studenten3). *) W. I. Lenin; zitiert aus „Deutsche Geschichte", Bd. 2, Berlin 1965, S. 487. 2) Die Bezeichnung „Technische Hochschule" wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Zuvor waren Begriffe wie „technische Hochschule", „Polytechnische Hochschule", „Polytechnikum" und ähnliche üblich. Zu dem genannten Prozeß der Entstehung Technischer Hochschulen vgl. etwa: Bernal, J. D.: Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin 1967; Manegold, K.-H.: Universität und technische Hochschule. Ein Beitrag zur Geschichte der technischen Hochschulen unter besonderer Berücksichtigung der wissenschaftsorganisatori- schen Bestrebungen Felix Kleins, Hannover 1967; Zöller, E.: Technische Hochschule und Universität, Berlin 1891; v. Dyck, W.: Die mathematische, naturwissenschaftliche und technische Hochschulausbildung, Berlin-Leipzig 1912. In: Die Kultur der Gegenwart, Teil 1, Abt. 1. 2. Aufl.; Lexis, W.: Das Unterrichtswesen im Deutschen Reich. Bd. IV: Das technische Unterrichtswesen. Teil 1: Die Technischen Hochschulen. Berlin 1904. 3) Lexis, W., ebenda, S. 45.
Die Gründung des ,,Mathematischen Seminars" 45 Der überwiegende Teil dieser Studenten hatte das Reifezeugnis auf einer Reallehranstalt erworben, und nur vereinzelt nahmen Gymnasiasten ein solches Studium auf. Somit weist der starke Anstieg der Studentenzahlen an den Technischen Hochschulen im Verlaufe des Jahrzehnts vor 1877 (1871/72 waren es 4710 Studierende1)) auf eine entsprechende Erweiterung des Realschulwesens hin. Die Tabelle 1 belegt die Entwicklung im höheren Schulwesen (also den Gymnasien und Realschulen) für Sachsen und Preußen an vier ausgewählten Jahrgängen des 19. Jahrhunderts unter Bezugnahme auf die in jenen Jahren enorm steigenden Bevölkerungszahlen2) . Beginnend 1810 in Preußen, wurde den Universitäten und speziell den philosophischen Fakultäten die Ausbildung von Lehrern für die höheren Schulen übertragen. Die damit angestrebte Fachlehrerausbildung setzte sich im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in allen deutschen Staaten durch. An die sich auf die sechziger und siebziger Jahre konzentrierende beträchtliche Erhöhung der Zahl der Reallehranstalten und Technischen Hochschulen, die einen stark mathematisch-naturwissenschaftlich betonten Unterricht durchführten, war die Voraussetzung geknüpft, ein entsprechendes Potential an Lehrkräften zu schaffen. So ergaben sich gerade in dieser Zeit günstige Anstellungsmöglichkeiten für die sogenannten ,,Kandidaten des höheren Lehramtes" sowohl an den höheren Schulen als auch indirekt (nach wissenschaftlicher Qualifikation oder Erfahrung im Schuldienst) an den Technischen Hochschulen. Weil Absolventen der Reallehranstalten an den Universitäten neben dem Lehrerstudium kaum andere Möglichkeiten hatten, erhöhten sich die Frequenzen der philosophischen Fakultäten enorm, ganz besonders für Mathematik und Naturwissenschaften. Während im Durchschnitt der Jahre 1851/52 bis 1856 und aller deutschen Universitäten auf die philosophische Fakultät 23,2% der Studierenden entfielen, waren es 1876/77 bis 1881 beachtliche 41,5%.3) Die Zahl derjenigen Studenten, die sich für Mathematik oder für Mathematik und ein bzw. mehrere weitere Fächer einschrieben (künftig hier als Mathematikstudenten zusammengefaßt), weist innerhalb jener Jahrzehnte ihren größten Anstieg zwischen 1870 und 1880 auf, wie diesbezügliche Angaben für Göttingen4) und Leipzig — vgl. Abb. 8 (Abkürzungen, auch künftig, für Sommersemester ,SS' und für Wintersemester ,WS') — übereinstimmend bestätigen.5) Betrachtet man die Mathematiklehrerausbildung an den Universitäten des damaligen Deutschland, so wurden mit dem starken Anstieg der Frequenzen zwei x) Ebenda. 2) Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, Jg. 11, 1890. Dort befinden sich auf S. 14 folgende Durchnittswerte (hier in Mill. angegeben): 34,3 für 1841/50; 36,4 für 1851/60; 39,5 für 1861/70; 42,9 für 1871/80; 46,6 für 1881/88. 3) Lexis, W.: Das Unterrichtswesen im Dautschen Reich, Bd. I: Die Universitäten, Berlin 1904, S. 126. 4) Klein, F., und R. Schimmack: Der mathematische Unterricht an den höheren Schulen. Teil 1, Leipzig 1907, S. 167. 5) Ähnlich verhielt sich die Zahl der in Preußen bestandenen Prüfungen für das mathematisch-naturwissenschaftliche Lehrfach, die 1882/83 ihren Maximalwert erreichte. Vgl. etwa: L. Wiese: Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch statistische Darstellung, Bd. I, Berlin 1864, S. 555; Bd. II, Berlin 1869, S. 616; Bd. III, Berlin 1874, S. 408; Bd. IV, Berlin 1902, S. 773/74.
46 Teil II Probleme akut: 1. Es mußten spezielle, dem „großbetrieblichen Charakter" angepaßte, Ausbildungsformen für Lehrer eingeführt werden (z. B. fester Vorlesungsplan, Bezugnahme zum späteren Beruf). 2. Der ständig steigende Bedarf an Hochschullehrern, auch für die Technischen Hochschulen1), war durch besondere Förderung eines wissenschaftlichen Nachwuchses zu decken. Mit der Einrichtung von Seminarinstitutionen, den sogenannten „mathematischen Seminaren" oder „mathematisch-physikalischen Seminaren" oder „mathematischnaturwissenschaftlichen Seminaren" (künftig hier kurz unter „mathematisches Semi- obsolute Häufigkeit SS 1870 SS 75 SS 1880 SS85 SS1890 SS95 SS 1900 SS 05 Semesfer Abb. 8. Die Frequenzen der für Mathematik eingeschriebenen Studenten an der Universität Leipzig für den Zeitraum 1870 — 1905; ermittelt nach den Angaben im Personalverzeichnis der Universität Leipzig nar" zusammengefaßt), versuchte man beiden Notwendigkeiten gerecht zu werden.2) Der Zusammenhang mit den Studentenzahlen ist dabei schon rein statistisch gegeben, wie ein Vergleich der Darstellungen in Abb. 8 mit dem in Abb. 9 veranschaulichten Gründungsprozeß der mathematischen Seminare zeigt. So wurden in der Zeit des starken Anstiegs der Studentenzahlen zwischen 1870 und 1880 allein 9 der 21 Seminarinstitutionen gegründet.3) Aber auch die Zielstel- *) Das Promotionsrecht wurde von den Technischen Hochschulen erst um 1900 verliehen. 2) Die Institutionalisierung der Universitätswissenschaften ist eine typische Erscheinung des 19. Jahrhunderts. Vor 1880 wurden z. B. in Leipzig 27 und in Berlin 38 Institute bzw. Seminare und Sammlungen gegründet. Von 1880 bis 1890 waren es in Leipzig 10 und in Berlin 17. Und bis 1900 kamen in Leipzig noch weitere 18 und in Berlin 12 hinzu. (Angaben nach F. Lenz: Beiträge zur Universitätsstatistik, Halle 1912, S. 5.) 3) Auf eine gründliche Diskussion der vorgelegten Statistiken muß an dieser Stelle verzichtet werden.
Die Gründung des ,,Mathematischen Seminars" 47 lungen im einzelnen weisen deutlich auf die zwei genannten Schwerpunkte hin. Besonders klar ist das im § 1 des Statutes des „mathematisch-physikalischen Seminars" der Universität Göttingen formuliert worden. Es heißt dort: „Das Seminar bezweckt zunächst die Ausbildung von Lehrern für den mathematischen und physikalischen Unterricht an höheren Lehranstalten. Zugleich soll es den Studierenden Gelegenheit bieten, sich mit solchen Theilen der Mathematik und Physik bekannt zu machen, welche in den gewöhnlichen akademischen Vorträgen kurz oder gar nicht behandelt werden. Auch soll die Anstalt überhaupt zur Hebung des Studium der mathematisch-physikalischen Wissenschaft beitragen."1) Leipzig - Rostock - Jena — Kiel Münster Erlangen — Straßburg - Würzburg — Greifswa/d - Tübingen — Heidelberg - Bonn Gießen Breslau Berlin München Göttingen — Freiburg/B.Halle Königsberg - Marburg — ■W- 1810 1820 1830 18U0 1850 Jahr — 1860 J 1870 1880 1890 1900 Abb. 9. Das Bestehen mathematischer Seminare bzw. Institute im Deutschland des 19. Jahrhunderts ; zusammengestellt nach den Angaben bei: Lexis, W.: Das Unterrichtswesen im Deutschen Reich, Bd. I: Die Universitäten, Berlin 1904, S. 313-603, Lorey, W.: Das Studium der Mathematik an den deutschen Universitäten seit Anfang des 19. Jahrhunderts, Leipzig und Berlin 1916. In Münster existierte von 1818 bis 1902 anstelle der Universität eine Akademie, die auch ein mathematisches Seminar einrichtete. In einem Zeitschriftenartikel über die mathematischen und naturwissenschaftlichen Universitätsseminare aus dem Jahre 1873 findet man im wesentlichen wieder, was die Reglements2) der einzelnen Universitäten enthalten. Es heißt dort u.a.: x) Zeitschrift für den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht, Bd. 4, 1873, S. 373. 2) Dem Autor lagen die Wortlaute der Reglements, die unmittelbar nach der Seminargründung Gültigkeit hatten, von den Universitäten Bonn, Breslau — heute Wroclaw (VR Polen) —
48 Teil IT „... daß in den Seminarien Kräfte geweckt und entfesselt werden, die sich durch die einfachen Vorlesungen nicht frei machen lassen. In der That ist es nicht einerlei, ob der Hörer an Hochschulen nur ein höheres allgemeines Wissen erwirbt oder ob er sorgsam angeleitet wird, den Gegenstand zu ergründen, selbständig zu verarbeiten und lehrend wiederzugeben. Und auf die letzten Punkte wird in einem Seminar mit Recht der Ton gelegt. Durch den öfteren und regeren Verkehr mit den Professoren des Faches und Leitern des Seminars wird der Zögling mit den höheren Forderungen und gewichtigeren Problemen der Wissenschaft bekannt und zu den Quellen der letzteren geführt; er lernt die gediegensten und classischesten Schriften und Thaten auf dem Gebiet seines zukünftigen Wirkens würdigen und wird selbst zu einem Nachstreben dieser Muster angehalten; er wird zur literarischen Thätigkeit durch Preisfragen angeeifert; er erhält Themen zum Ausarbeiten und muss auch selbst solche finden; er muss Vorträge über gegebene Stoffe halten, die Kritik darüber von den Mitzöglingen anhören und ihre Einwürfe gründlich zu widerlegen suchen. Hierdurch und wiederum durch sein eigenes Urtheil über die Arbeiten der anderen Zöglinge wird sein Scharfsinn geweckt und er überdies zum eingehendsten Studium seines Faches getrieben."1). Oft unter der Leitung von bedeutenden Fachgelehrten wurde versucht, diese hohen Anforderungen zu erfüllen. Es ist daher keineswegs eine unerwartete Entwicklung, wenn diese Seminarinstitutionen bald rein wissenschaftlichen Charakter annahmen, zumal daneben nach und nach eine fachbezogene pädagogische bzw. pädagogischpraktische Ausbildung eingerichtet wurde2). Es läßt sich also zusammenfassend feststellen, daß der Institutionalisierungsprozeß der Mathematik an den Universitäten im Deutschland des 19. Jahrhunderts, so wie ihn Abb. 9 widerspiegelt, eine Folge der anfangs erwähnten Reform im Schulwesen war. Das Histogramm in Abb. 10 zeigt im Vergleich mit den Abb. 8 und 9 deutlich, wie sich mit der Zunahme der Anzahl der Seminare und der Studentenzahlen auch die Dissertationshäufigkeit erhöhte. Dies alles weist auf eine stärkere Aktivierung des mathematisch-wissenschaftlichen Lebens im damaligen Deutschland hin, die, wie man zumindest der Abb. 10 entnehmen kann, mit dem starken Rückgang der Studentenzahlen in den achtziger Jahren3) nicht wieder an Niveau verlor. Dieser Qualitätssprung ist eine direkte Folge der Reformbewegung im höheren Schulwesen, und er steht in erster Linie dadurch mit der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft im kausalen Zusammenhang. Schlüsselt man das Histogramm von Abb. 10 auf die einzelnen Universitäten auf (vgl. Abb. 11) und vergleicht diese Histogramme mit den Zeitpunkten der ein- Göttingen, Greifswald und Tübingen vor, abgedruckt in der Zeitschrift für den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht, Bd. 4, 1873. Vgl. weiterhin W. Lorey: Das Studium der Mathematik an den deutschen Universitäten seit Anfang des 19. Jahrhunderts, Leipzig und Berlin 1916. *) Zeitschrift für den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht, a. a. O., S. 78. 2) So z. B. in Berlin und Breslau. 3) Die Anzahl der Lehramtskandidaten für Mathematik und Naturwissenschaften überstieg inzwischen beträchtlich den bestehenden Bedarf.
Die Gründung des ,,Mathematischen Seminars" 49 zelnen Seminargründungen, so tritt kein einheitlicher Gesichtspunkt hervor. Im einzelnen darf also weder die Implikation ,,Gründung eines mathematischen Seminars -> starker Aufschwung des wissenschaftlichen Lebens" noch ihre Umkehrung generalisiert werden. Vielmehr sind diesbezüglich die einzelnen Seminare sehr differenziert zu beurteilen. Das mathematische Seminar der Universität Leipzig, dessen Gründung am Ende des in Abb. 9 veranschaulichten Prozesses liegt, war vorbildlich in seiner Zeit. Auffallend ist die Übereinstimmung des Zeitpunktes seiner Gründung (April 1881) mit einem unmittelbar folgenden starken Anstieg der Promotionshäufigkeit. Eine Betrachtung der entsprechenden Verhältnisse, die um 1880 an der sächsischen Universität herrschten, scheint also besonders interessant zu sein. 50 40 %30 I %20 10 r-rH III bd I I II I L flj]Hi ll I I I lll I I I hl I I I hl I I I lll 1 I I lll 1 III rn r^ 1 M 1 1 H II111111111 1 1 l|M M l|l 1 1 1 l|l 1850 55 1860 65 1870 Jahr — 75 1880 85 1890 Abb. 10. Mathematische Dissertationen und Habilitationen an den deutschen Universitäten von 1850 bis 1890 (die oberen Teile der Säulen veranschaulichen die jeweilige Anzahl der Habilitationen; ermittelt nach: Verzeichnis der seit 1850 an den Deutschen Universitäten erschienenen Doctor-Dissertationen und Habilitationsschriften aus der reinen und angewandten Mathematik, München 1893) Die Berufung Felix Kleins an die Leipziger Universität Die Einwohnerzahl der Stadt Leipzig stieg von 78495 im Jahre 1861 auf 149081 im Jahre 1880.1) Die Universität war zwischen 1872 und 1878 die am stärksten besuchte in Deutschland.2) Seit der Universitätsreform von 1830 war eine Vielzahl attraktiver x) Leipzig in acht Jahrhunderten, Leipzig 1965, S. 147. 2) Eulenburg, F.: Die Frequenzen der Deutschen Universitäten von ihrer Gründung bis zur Gegenwart, Leipzig 1904, S. 304-307.
Berlin Bonn Breslau Erlangen Freiburg/B. Gießen Göttingen Greifswald Halle Heidelberg Jena Kiel Königsberg Leipzig Marburg München Münster Rostock Straßburg Tübingen Würzburg o 0 -4- 0 0 0 o 0 0 0 1 0 0 0 0 0 0 U- .LL 0 0 0 0 0 0 0 » 0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 -4- 0 0 00 0 __^^^^^J° 0 0 _l_ - "ö~ 0 LJ U LJ 0 0 0 0 |o 0 00 0 00^^ 0 — 0 0 jol o] 00^^ -H 0 0 0 1^ ■H 7550 55 7550 65 1870 75 1880 85 1890
Summe Hab'l'fat'onen summe Dissertationen Berlin Bonn Breslau Erlangen Freiburg/B. Gießen Göttingen Greifswald Halle Heidelberg Jena Kiel Königsberg Leipzig Marburg München Münster Rostock Straßburg Tübingen Würzburg 2 4 7 7 0 0 7 7 4- 3 4 o 0 7 7 0 2 • i 5 ? °1 1 1 7 8 4 7 1 1 0 1 7 7 3 1 2 2 7 2 *? 0 1 1 1 _L 2 9 2 1 0 7 0 7 3 1 7 7 2 7 7 7 7 2 4 7 °7 0 7 7 11 3 7 7 2 7 2 7 2 7.? 4 1 1 1 3 °7 7 0 7 4- 12 5 1 1 ? 1 2 1 17 6 7 °7 7 4 7 2 7 77 4 3 0 ? 0 0 2 2 17 5 7 0 4 7 ? 7 °2 7 7 20 4 4 .? 7 5 7 0 7 7 _L 13 7 0 2 7 2 °2 2 0 3 2 25 5 1 0 6 1 0 9 1 2 2 20 1 2 °7 7 4 4 3 °3 1 1 30 5 1 1 6 °1 6 1 4 5 2 29 6 4 7 0 2 3 °2 4 7 7 7 4 -^ 7 7 7 2 3 7 4 7 °7 7 5 3 31 2 1 2 1 3 1 1 8 3 1 2 6 |7 33 1 3 2 °1 11 1 2 7 1 3 1 i 34 2 1 2 1 10 °7 1 1 2 7 4 36 5 4 8 00 2 °2 % 2 2 7 j_ 2 37 3 1 °3 1 8 2 6 °1 5 4 7 2 7 1ö 3 2 4 6 1 0 2 7 30 3 2 0 1 3 3 3 2 4 7 7 3 2 1 1 2 26 3 1 2 6 °7 7 4 7 0 2 2 2 1 U9 6 4 7 7 7 7 7 5 8 7 2 5 2 4 7 -J- 2 44 3 7 7 7 0 7 7 4 7 4 7 °7 7 7 7 7 2 7 3 4ff 5 2 4 3 7 7 0 3 7 00 3 6 1 2 1 6 5 t*3 3 1 °3 1 6 6 00 6 1 1 7 3 0 2 2 °1_ 2 AI 5 2 3 1 2 2 2 5 1 % 1 1 °8 1 1 1 1 3 43 3 2 2 1 °6 4 2 4 00 5 5 5 3 1 _L 48 7 7 2 7 3 4 7 4 2 2 3 10 5 1 4 4 55 3 3 1 3 1 6 1 6 1 2 5 6 4 3 4 5 2 3 40 2 7 °3 1 °5 1 6 1 1 2 6 6 °1 1 3 |7 |7 7 2 2 7 5 7 2 1 4 7 3 °5 5 7 7 I * 49 IT 2 7 4 ;°7 5 5 5 2 3 2 7 4 2 3 7 3\ n 7650 55 1860 65 1870 75 1880 85 1890 Abb. 11. Mathematische Dissertationen und Habilitationen an den einzelnen Universitäten im Deutschland der Jahre von 1850 bis 1890; a) Histogramm, b) Häufigkeitstabelle
52 Teil II Universitätsbauten entstanden1). Gerhard Kowalewski (1876—1950) formulierte für das Jahr 1896: ,,... in Leipzig, diesem Treibhaus der Wissenschaften, . ,."2). In diesem Rahmen war es um die Mathematik an der Leipziger Universität zunächst sehr schlecht bestellt, als im Jahre 1868 der Philosoph und Mathematiker M. W. Drobisch (1802—1896) seine mathematische Professur aufgab und im gleichen Jahr August Ferdinand Möbius (1790—1868) starb. Als einziger Professor der Mathematik blieb der Ordinarius Wilhelm Scheibner (1826—1908). Wie Abb. 12 zu entnehmen ist, verbesserte sich diese Situation innerhalb der folgenden fünf Jahre zwar beträchtlich, doch blieb trotzdem noch ein entscheidender Mangel bestehen. W. Scheibner, C. Neumann (1832-1925), A. Mayer (1839-1908) und K. von der Mühll (1841—1912) vertraten die Forschungsgebiete höhere Analysis bzw. mathematische Physik, während die von A. F. Möbius vertretene und für die mathematische Forschung des 19. Jahrhunderts ebenfalls sehr bedeutungsvolle höhere Geometrie vakant blieb. Das Hauptverdienst für den Ausbau des mathematischen Lehrkörpers der Universität Leipzig von etwa 1865 bis 1880 kommt zweifellos W. Scheibner zu. Aber auch direkt empfing der mathematische Unterricht an der Universität durch W. Scheibner neue Impulse. Alexander Witting (1861 — 1946) stellte fest: ,,Einen frischen Zug brachte anscheinend Scheibner hinein; nicht nur werden die Vorlesungen mannigfaltiger, es treten auch Übungen dazu. 1860 macht Möbius den Anfang mit 2 Stunden geometrischer Übungen, vom nächsten Semester an ist x) Vgl. etwa: Friedberg, E.: Die Universität Leipzig in Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1898; Leipzig und seine Bauten. Herausgegeben von der Vereinigung Leipziger Ingenieure und Architekten, Leipzig 1892, S. 178-237; Leipziger Universitätsbauten. Die Neubauten der Karl-Marx-Universität seit 1945 und die Geschichte der Universitätsgebäude, Leipzig 1961. 2) Kowalewski, G.: Bestand und Wandel, München 1950, S. 43. Abb. 12. Die an der Leipziger Universität zwischen 1866 und 1900 wirkenden Mathematiker; die Ortsnamen geben die jeweilige Stadt an, in welcher der Wissenschaftler nach seiner Leipziger Wirkungszeit tätig war. Zusammengestellt nach den Angaben in: 1. Universitätsarchiv Leipzig, Personalakten und Akten zum Promotionsvorgang; 2. Poggendorff, J. C.: Biographisch-litterarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften, hrsg. seit 1863, Leipzig; 3. Verschiedene Nachrufe bzw. Nekrologe (eine Auswahl) zu H. Bruns, K. Rohn, W. Scheibner in: Ber. Verh. Kgl.-Sächs. Ges. Wiss. Leipzig 71/72 (1919-1921), 60 (1908), weiterhin zu W. von Dyck, F. Schur, E. Study in: Jahresberichte der Deutschen Mathematikervereinigung 45 (1935), 40 (1931), 43 (1934) sowie zu H. Hankel, A. Harnack, A. Mayer in: Mathematische Annalen 7/8 (1874/75), 32 (1888), 64 (1908).
Die Gründung des „Mathematischen Seminars" 53 I-*- + I Ö -I—IL" :l: ■s- T' ■fcn —ü- £ I -■D—I -i T~Jß? —i- S 3-1-1. '"* I 1 -8 T*T s? V: 5 O a: ^ § I I s •c a o C CO QQ I « a.+ !Z i-( ,.-BU LL ^ *■ T 3_I^E u; i iC CO QQ S^u: ui -1- T -o- ^4 ^+ 3:4 *+■ h^+- IETJ 1 co &--r cd ^ X^ f~ t Q> >? Co Q> Ul CO ^j CO u: CD . -ST o $ S § 'S 5
54 Teil II es Scheibner, der fast regelmäßig 10 Semester hindurch ein mathematisches Seminar (hier im Sinne einer Lehrveranstaltung zu verstehen — Kö) leitete".1) Der aus Gotha stammende Scheibner wurde am 6. Mai 1853 Privatdozent für Mathematik an der Universität Leipzig. Er hatte 1844/45 in Bonn und von 1845 bis 1848 in Berlin studiert. Nach eigenen Aussagen verdankte Scheibner die Anregung zur Beschäftigung mit der reinen Mathematik den Vorlesungen Carl Gustav Jacob Jacobis (1804—1851) und Peter Gustav Lejeune Dirichlets (1805—1859) aus seiner Berliner Studienzeit.2) Am 31. Juli 1856 wurde er außerordentlicher und am 20. Dezember 1867 ordentlicher Professor für Mathematik in Leipzig, wo er bis zu seinem Tode wirkte.3) Hier in Leipzig war Scheibner der wohlwollende Förderer von später so bedeutenden Mathematikern wie z.B. Hermann Hankel (1839—1873), Axel Harnack (1851 — 1888) und Friedrich Schur (1856—1932). Eine Reihe ungünstiger Umstände ließen 1867 seine Bemühungen scheitern, H. Hankel durch Berufung zum außerordentlichen Professor an der Universität Leipzig zu halten.4) Ebenso war fast 10 Jahre später eine entsprechende Initiative Scheibners bezüglich A. Harnack wiederum durch die Haltung des zuständigen „Ministeriums des Kultus und öffentlichen Unterrichts" in Dresden erfolglos. Das war besonders deshalb bedauerlich, weil Harnack die damals moderne algebraisch-geometrische Schule vertrat und somit endlich ein Nachfolger für Möbius gefunden gewesen wäre. Harnack hatte von 1869 bis 1873 in Dorpat — heute Tartu (Estnische SSR) — bei Ferdinand Minding (1806—1885) studiert. Nach dem Staatsexamen wechselte er im Sommer 1873 an die Universität Erlangen, wo er Kontakte zu P. Gordan (1837-1912) und F. Klein (1849-1925) knüpfte.5) Felix Klein war im Herbst 1872 mit seinem ,,Erlanger Programm" hervorgetreten. Die algebraisch-geometrischen Untersuchungen Kleins lagen dem 22jährigen Harnack besonders. So promovierte Axel Harnack auch 1875 bei dem zwei Jahre älteren Klein mit einer Arbeit „Über die Verwerthung der elliptischen Funktionen für die Geometrie derCur- ven dritten Grades"6). Schon am 6. November des gleichen Jahres richtete Harnack ein Habilitationsgesuch an die philosophische Fakultät der Universität Leipzig.7) Die von W. Scheibner und C. Neumann begutachtete Schrift trug den Titel „Algebraische Differentiale in homogenen Coordinaten" und wurde in den Mathematische Annalen (Math. Ann.) Bd. 9 veröffentlicht. Nach der am 26. Januar 1876 erfolgten Probevorlesung ,,Ueber die Grundformen der ebenen algebraischen Cur- ven" war Axel Harnack Privatdozent an der Leipziger Universität geworden. Wenn diese Vorlesung auch mehr eine Darlegung historischer Art war8), so ging doch x) Witting, A.: Der mathematische Unterricht im Königreich Sachsen, Leipzig und Berlin 1913. In: Abhandlungen über den mathematischen Unterricht in Deutschland, Bd. II, Heft 2, S. 40. 2) UAL — PA (= Universitätsarchiv — Personalakte) 923, Bl. (lies: Blatt bzw. Blätter) 179. 3) Neumann, C.: Worte zum Gedächtnis an Wilhelm Scheibner. In: Ber. Verh. Kgl.-Sachs. Ges. Wiss. Leipzig 60 (1908). 4) UAL - PA 350, Bl. 146-154. 5) UAL - PA 537, Bl. 229-230. 6) Das war schon die sechste Dissertation, die unter der Anleitung Kleins entstand. 7) UAL - PA 537, Bl. 228. 8) Ebenda, Bl. 235.
Die Gründung des „Mathematischen Seminars" 55 aus ihr die noch 1876 in den Mathematischen Annalen Bd. 10 erschienene berühmte Arbeit Harnacks über die ,,Vieltheiligkeit der ebenen algebraischen Kurven'4 hervor, mit der er die Topologie der ebenen algebraischen Mannigfaltigkeiten begründete.1) Harnack war ein pädagogisch talentierter Hochschullehrer. Zur Aufgabe jedes Lehrbuches und jedes mathematischen Unterrichts fordert er ,,klare und vollständige Auseinandersetzung der grundlegenden Begriffe, möglichste Beschränkung der reinen Theorie nebst scharfer Formulierung der Lehrsätze innerhalb gegebener eng gezogener Voraussetzungen, Reichhaltigkeit in der Anwendung auf gebotene Probleme"2). In seinem einzigen Leipziger Semester (Sommersemester 1876) las er „Geometrie der Ebene" mit 4 Wochenstunden und 2 Stunden Übungen. Obwohl er durchaus den Willen hatte, in Leipzig zu bleiben, gab er doch einer Stellung als außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt den Vorzug, was bei der damals sozial sehr schlechten Lage der Privatdozenten verständlich war. Scheibner bemühte sich sehr, um Harnack für die Leipziger Universität zurückzugewinnen. In einem Bericht an den Dekan der philosophischen Fakultät vom August 1876 beschwerte er sich über die Ablehnung der außerordentlichen Professur für Harnack und weist auf die Notwendigkeit einer Ausfüllung der „geometrischen Lücke" hin. Es heißt dann: ,,Herr Geheimrath Schlömilch3) hatte schon vor mehr als Jahresfrist mit den hiesigen Mathematikern darüber conferirt, u. wir befanden uns über die Nothwendig- keit einer gesteigerten Vertretung der Geometrie an unserer Universität in vollster Übereinstimmung, ... Um so freudiger begrüßten wir die Habilitation des Dr. Harnack, dessen Vorträge die vorhandene Lücke in wünschenswerthesten Weise ergänzt haben. ... Wenn ich mir die Persönlichkeiten vergegenwärtige, auf welche das Augenmerk für eine Professur der Geometrie zu richten sein würde, so finde ich freilich, daß die meisten nur für eine ordentliche Professur zu gewinnen sein dürften. Ich müßte es aber als eine Zurücksetzung unserer verdienten Collegen Mayer u. Von der Mühll ansehen, wenn beispielsweise Prof. Klein vom Polytechnicum zu München oder Prof. Fiedler vom Polytechnicum zu Zürich als Ordinarien an unsere Universität berufen würden, ohne daß gleichzeitig die genannten Collegen ordentliche Professuren erhielten. ... Für einen außerordentlichen Professor dagegen wüßte ich keinen geeigneteren vorzuschlagen, als den Professor Harnack am Polytechnicum in Darmstadt, u. vermuthe, daß derselbe vielleicht von Ostern ab ... ehe seine Stellung dort weiter verbessert wird, unter mäßigen Bedingungen zu gewinnen sein möchte."4) *) Vgl. etwa: Die Hilbertschen Probleme. In: Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 252, Leipzig 1971, S. 62f. und S. 233-249. 2) Voss, A.: Zur Erinnerung an C. G. Axel Harnack, Math. Ann. 32 (1888), 164. 3) Es handelt sich hier um den bekannten Mathematiker Oskar Xaver Schlömilch (1823 bis 1901), der 1874 seine Tätigkeit als Hochschullehrer am Polytechnikum in Dresden aufgab und als sogenannter ,,vortragender Rath" in das „Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts" Sachsens berufen wurde. Dort setzte er bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 1885 eine Vielzahl bedeutender Veränderungen für den mathematischen Unterricht in Sachsen durch. 4) UAL - PA, 635, Bl. 475/76.
56 Teil II Während Harnack im Herbst 1877 an das Polytechnikum in Dresden berufen wurde, blieb in Leipzig eine Reaktion auf den Scheibnerschen Antrag aus. Die Berufung eines Geometers wurde jedoch mit den steigenden Studentenzahlen immer dringender. Am 17. Mai 1879 schreibt Scheibner erneut an den Dekan: „Für eine Universität wie die unsrige muß dieser Mangel in der Vertretung eines Hauptfaches geradezu als ein unerhörter bezeichnet werden: ... Wenn in der ersten Kammer der Cultusminister einer Interpellation unseres Abgeordneten gegenüber die Äußerung gethan hat, man dürfe von den außerordentlichen Professoren erwarten, daß diese für die Ergänzung jenes Mangels thätig sein würden, so ist zu bemerken, ... eine solche Zumuthung erscheine ebensowenig gerechtfertigt, wie das Ansinnen etwa an unsere classischen Philologen, Sanskrit vorzutragen, oder an einen Romanisten, über deutsches Privatrecht zu lesen."1) Wieder verging ein reichliches halbes Jahr. In dem Schreiben vom 15. Dezember 1879 kündigte Scheibner dem Dekan für die nächste Fakultätssitzung einen Antrag auf „Creirung einer Professur für höhere Geometrie" an.2) Beigefügt wurde eine ausführliche Begründung, deren wesentliche Teile hier zitiert seien, denn sie zeigen deutlich, wie die Mathematik innerhalb der Universität um Anerkennung neben den Philologen, Juristen ect. zu ringen hatte. Scheibner schrieb u. a.: ,,Die kürzlich gedruckte Rede unseres hochverehrten Rector Magnificus besagt, daß zu wahr die Mathematik den Verstand und die Vorstellungskraft auf dem Gebiete der Zahlen u. der räumlichen Größen bilde, sie um so weniger geeignet sei Herz u. Gemüth auszubilden, u. folglich in Bezug auf eine allseitige u. harmonische Ausbildung mit den historisch-philologischen Fächern nicht concuriren könne. Hiernach sollte man meinen, daß das Studium der Mathematik des idealen Hintergrundes bar sei, den jede echte Wissenschaft besitzt, ... und das sie ,zur allseitigen und harmonischen Ausbildung der im menschlichen Geiste schlummernden Kräfte' eigentlich überflüssig sei. Denn wenn auch weiter von ,der nicht selten centrifugalen Thätigkeit der mathematischen und anderen unentbehrlichen Fachlehrer' an den Gymnasien die Rede ist, so wäre doch billigerweise anzuerkennen gewesen, daß zur allseitigen und harmonischen Geistesbildung die Einsicht in das Zwingende der exakten Schlußweise nicht mehr nothwendig ist als die Vertrautheit mit den historischen Beweismethoden. ... Je fester meine Überzeugung ist, daß eine nur nach einer der beiden Richtungen genommene Ausbildung eine einseitige, nichtharmonische ist, desto mehr würde ich mir ein testimonium paupertatis zu erwerben glauben, wollte ich etwa behaupten, daß das Auswendiglernen der Vocabeln und Paradigmata zwar das Gedächtnis stärken, aber Herz und Gemüth veröden, oder das die historische Beweiskraft, weil minder zwingend als die mathematische Schlußweise, wertlos sei." Vielerorts herrscht die Meinung vor, „daß die Mathematik auf den Universitäten nur eine geduldete, keine vollberechtigte Wissenschaft seiu. ihren eigentlichen Platz auf den Polytechnicen oder technischen Hochschulen' habe".3) x) Ebenda, Bl. 470/71. 2) Ebenda, Bl. 472-474. 3) Ebenda.
Die Gründung des „Mathematischen Seminars" 57 Scheibners Schreiben enthält außer einem kurzen Vergleich mit der günstigen Situation der Philologen einen Überblick über all seine Bemühungen bezüglich einer Professur für Geometrie seit dem Tode von A. F. Möbius. Nun hatte Scheibner endlich Erfolg. In der schon erwähnten Fakultätssitzung „betreffs der Einrichtung einer Professur für Geometrie, Samstag, den 21. Dez. 1879, 11 1/2 Uhr Vormittags" wurde nach „längerer Diskussion" beschlossen, „bei dem Ministerium den Antrag auf Errichtung einer ordentlichen Professur für höhere Geometrie zu stellen und zwar unter Hervorhebung, 1) daß die Vertretung dieses Faches unabweisliches Bedürfniss unserer Universität sei, 2) daß aus inneren Tabelle 2. Der von Scheibner und Neumann vorgenommene Vergleich der Studentenzahlen mit der Zahl der Professoren für Mathematik an den Universitäten Leipzig, Göttingen und Berlin (UAL — PA, 635, Bl. 480; hier tabellarisch zusammengefaßt) Herbst 1879 Leipzig Ordinariate für Mathematik 2: Scheibner Neumann Extraordinariate 2: A. Mayer V. D. MÜHLL Akademiemitglieder ohne Professur an der Universität — Zahl der Mathematikstudenten 1861) Göttingen 4: Stern 1:Enneper — 1172) Schering Schwarz Listing Berlin 3: Kummer 2: Bruns 2: Borchard Weierstrass < Wangerin Kronecker 2933) Kirchhoff4) 1) Im gleichen Semester waren 399 Studenten der Philologie in Leipzig eingeschrieben. Die Philologie besaß jedoch 13 Ordinariate, 8 Extraordinariate und eine Honorarprofessur. 2) Nach den Angaben bei F. Klein und R. SCHIMMACK, Der mathematische Unterricht an den höheren Schulen. Teil 1, Leipzig 1907, lag die Frequenz allerdings über 200. Vergleiche ferner die dort auf S. 165 angegebene Übersicht zu den Ordinariaten und Extraordinariaten in Göttingen. 3) Im erwähnten Bericht findet man die Frequenz für Berlin nicht. Sie wurde nach den Angaben im Personalverzeichnis für die Universität Berlin vom Autor ergänzt. 4) Er hatte kein Ordinariat für Mathematik, las aber über mathematische Physik. und äußeren Gründen die vorhandenen Kräfte für Mathematik nicht im Stande seien, diese Lücke auszufüllen. Als geeignete Persönlichkeiten für Besetzung dieser Professur sollen genannt werden Prof. Klein, Prof. Harnack, Prof. Lindemann"1). Die Abfassung des Berichts für das Ministerium wurde Scheibner und Neumann übertragen. Nach kurzer Beratung Ende Januar 1880 unterzeichnete der Dekan schon am 5. Februar den fast 18 Seiten (handschriftlich, Größe etwa DIN A 4) umfassenden historisch sehr interessanten Bericht an das Kultusministerium. Dieses Schreiben enthält2) u.a. eine vollständige Übersicht der nach Meinung der Leipziger Mathema- J) Ebenda, Bl. 478. 2) Ebenda, Bl. 480.
58 Teil II tiker notwendigen allgemeinen Vorlesungen und Spezialvorlesungen, bringt Vergleiche zwischen den Universitäten Leipzig, Göttingen und Berlin — siehe Tabelle 2 — und würdigt besonders die mathematische Schule von Alfred Clebsch (1833 bis 1872). Bezüglich Felix Kleins heißt es dann in diesem Bericht: „Wir ... nennen ... in erster Linie einen der bedeutendsten Schüler des verstorbenen Clebsch, den Dr. Felix Klein, Prof. ord. am Polytechnikum in München, der sich sowohl durch seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten, als durch die Redaction der mathematischen Annalen außerordentliche Verdienste erworben hat um die weitere Ausbildung der neueren Geometrie, der namentlich in letzterer Zeit mittels geometrischer Speculationen zu wichtigen Resultaten gelangt ist über die Theorie der algebraischen Gleichungen und der Modulfunctionen, und der endlich sich ausgezeichnet hat durch die Herausbildung tüchtiger Schüler."1) Da A. Mayer, K. von der Mühll und C. Neumann ebenso wie F. Klein persönlich eng mit A. Clebsch und der Gründung — 1869 durch Clebsch und C. Neumann — bzw. Herausgabe der mathematischen Annalen verbunden waren und sich dadurch gut kannten, ist die Wahl Kleins keineswegs überraschend. Auch das Kultusministerium unter dem Kultusminister Carl von Gerber (1823 bis 1891), der seit 1871 in diesem Amt tätig war, zeigte nun Einsicht und richtete ein Berufungsschreiben an Felix Klein. Aus Kleins Antwort vom 28. Mai 1880, die auszugsweise in Abb. 13 wiedergegeben sei, geht deutlich hervor, daß sich der Münchner Professor sehr über diesen Ruf an eine der damals größten Universitäten freute. Dieser Brief ging am 31. Mai in Dresden ein, und noch am gleichen Tage sandte der Kultusminister die Mitteilung an die philosophische Fakultät in Leipzig, daß Felix Klein durch seine ,,Königliche Majestät ... zum ordentlichen Professor für Geometrie mit Sitz und Stimme in der philosophischen Fakultät ... ernannt" sei.2) Dem Wunsch Kleins entsprechend wurde als Antrittstermin der 1. Oktober 1880 angegeben. Gleichzeitig informierte der Minister den akademischen Senat der Universität den Regierungsbevollmächtigten in Leipzig und das Universitätsrentamt. Dieses hatte einen Betrag von 7500,— Mark an jährlicher Besoldung und 1800,— Mark Umzugskosten an Klein zu zahlen.3) Auch die Leipziger Professoren der Mathematik drücken ihre Freude über diesen Berufungserfolg in einem Dankschreiben vom 18. Juni 1880 an den Minister aus.4) In den Mittagsstunden des 25. Oktober 1880 hielt Felix Klein (Abb. 14) seine öffentliche Antrittsvorlesung an der Universität Leipzig zum Thema ,,Über die Beziehungen der neueren Mathematik zu den Anwendungen" und leistete anschließend den sogenannten „Pflichteid". Kleins interessante Antrittsrede analysierte einige damals aktuelle Entwicklungsprobleme der mathematischen Wissenschaft.5) x) Ebenda. 2) UAL - PA 635, Bl. 481. 3) SAD — MfV (= Staatsarchiv Leipzig — Ministerium für Volksbildung) Nr. 10281/184, 741 A 80. 4) Ebenda, ad. 521 A. 5) Die Rede ist abgedruckt in der Zeitschrift für den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht, Bd. 26, 1895, S. 535—540.
Die Gründung des ,,Mathematischen Seminars" 59 -♦. « 1 *' /fW «.*.•. <*v,/JO ") yt%>,,,,*,* f'*U «*f *'*'■* ttttV p+***S /**>**(* st*. /.. '»* #4***4*4/S*V 3*4Ay4 4«r«//*M0 *•••'*} A» **»»*~S* -<t. ,V */<t1„f ff ****** Am *«/♦ *' 14 /4+//•«** "—. • ~f«»4 4*m~m. M<A- .im.y~ASm>*0 ..my.,.*/i*//m« ****40*% J0X044* y *»0.m/.-.// /!, «w, A .. mhm*m... *>• ••-•» '"« '•*• •*!••}/ •'-/» :-}* f~y .*>/... .//**,..... -*m X*S„„ ,£,. K'ff tmmj, ~" ■0/* *., 4m.mm/0 +,y+.<\ ,'* A0 Ae+*+jL~-mf 0*1*04 fat+44-4kß+* *>*m. <-} ..~/>*.*»' 4*,Om. A.«SS *.,'+* 4Sm4*c4*004t^ ;/// <*.j<&H+J- * m. JU+*4/u+ t &*y, ,.,-A . ^^ (fu.^..4*~f..,*+'Jt\L+j . ^ ^^mV/X- -#«' ^W&v 4*40/40** -'/■*m\m*.0 t/m.,* S+ *f 0010 m £•>' ?*f00//*mt+ m-/»*/***** £,„*./* .V m.t, A„ .>< mmm4 /m>* f*0/,4m*Jm*r *fm//0 0tL00h0L0 ß'tfai*. Mi***» Am?,'t , 1*»/««/.««. ICt* yM*0j0~ , •0d~0+4.«t.jL, ■Om M\*~ u,..,;'***4**'/t,.+m tme* Jt,} »«*W# ,m *KA*« £**{ ^4M 0* U*Mj«mM0*&00t0*J4'0*UL0 y+y*+*0'4+*msS'0?*'4f, JU y*+*'/* v**'** 4»)t'**9* 0t>< *-/ t* *+*'*'****•** j4m &00I+J& 0»0, **......,.*,, A..f JS00s0A0.tr/* **. *04„'m0~t *..ms 4/j*%04X <0hfSjm /r~m*r *0*S* +/ +./.+.* 7mj* 0**04 l0pj0J, y+0.,0^ ...J »..'.< A,.„ *.* 0*4' 0ft*H*t*0*.^f0^*04*4» 4i'04 M«#/i^l^ 0-0040*S /m4 40t, f***** 00*960,00*40*. ***** A~'*+00<>4jr A*»ff 0. U*S00~y.^ 00 //» t <0*+0'4?y *« jt»" +aJ4* 4<040t0m/t000 0.« m^0 0^4L. ^iA,.jA- f^'**/*., *€.'/-/• t+^ff*? Uff4* ^0.0'0~0++.4.4[~+S •m+~44k -/,/*^/.)4 4*4^000^, «*fe« yß'~y *»*~^~f~-, **f fi< 0*A"- & • f*'004Y4«. /**#'•*/A0-*+~St *06y~* ftt+0%*.'—*. 0>m06*0~ ^,,„.^ ;w.,Jt/^J. 00* ~**.~ .04U + 04tA-j..%0 . ~.-*40<4. .V «*V^>W.// 0-*0*/t.^0Sm , *.„ «Ä# Ä0m0^00400 *0l04»40*.S /.«s.M A4' #2*0 0C0 £?• ~«f .4^ <£*.€ .+/s*S G*. ?0\s//.~4 ++J04i0m 0 4*0 (0*j0**0r *&0- 0*#4**l'~*d,'4t. Abb. 13. Brief Felix Kleins vom 28. Mai 1880 an das Kultusministerium in Dresden (lies in der Reihenfolge: links oben, rechts oben, links unten und rechts unten). — Aus dem Staatsarchiv Dresden Ministerium für Volksbildung Nr. 10281/184, 521 ad. 398 A.
60 Teil II Er konstatiert eine zu große Kluft zwischen der ,,neueren Mathematik'* und ihren Anwendungen. Die Ursache sei ,,die durchgehend zu große Spezialisierung einseitiger mathematischer Schulen". Am Beispiel der Geometrie begründet Klein diese Auffassung. Zur Entwicklung der Geometrie von G. Monge (1746—1818) und J. V. Poncelet (1788-1867) über A. F. Möbius bis zu J. Steiner (1796-1863), J. Plücker (1801 — 1868) und A. Clebsch heißt es dann resümierend: „Sie sehen, wie innerhalb der neueren Geometrie der Gegensätze eine Menge ist. Die Vertreter des Faches verfolgen, je nach Beanlagung verschiedene aber durchweg individuelle Ziele. Und ähnlich ist es im Gesamtgebiet der neueren Mathematik."1) Abb. 14. Felix Klein in seiner Leipziger Zeit Bei Fortsetzung dieses Weges sagte Klein ein „baldiges Verkümmern" des mathematischen Unterrichtes voraus. Weiter hob er den Mangel an Vorlesungen moderner mathematischer Disziplinen für breitere Zuhörerkreise und das Lehrbuchproblem hervor und forderte schließlich die Mathematiker auf: ,,Wir wünschen vor allen Dingen in uns selbst eine möglichst umfassende Kenntnis der bestehenden mathematischen Disziplinen zu erzeugen; ,.."2) Dabei verkannte er keineswegs die Gefahr, die Mathematik nur „enzyklopädisch" zu vermitteln. Wesentlich sind auch Kleins Ansichten zu Sinn und Aufgabe mathematischer x) Ebenda, S. 537. 2) Ebenda, S. 538.
Die Gründung des „Mathematischen Seminars" 61 Modelle. Sich auf die diesbezüglich vorwiegend in Erlangen und München gesammelten Erfahrungen stützend, vermied er jede Einseitigkeit und formulierte: „Wir halten uns nicht für zu vornehm, um beim Unterrichte und auch bei der eigenen Forschung Zeichnungen und Modelle in ausgiebiger Zahl zu verwerten. ... Nur eins mag man, von pädagogischem Standpunkte aus, der ausgiebigen Benutzung solcher Hülfsmittel entgegensetzen. Es ist dies, daß wir dem Studierenden die Aufgabe zu sehr erleichtern, daß wir ihm durch Vorführen konkreter Fälle das Auffassungsvermögen für abstrakte Beziehungen beeinträchtigen. Ich kann dem gegenüber nur sagen, daß wir etwas derartiges jedenfalls nicht beabsichtigen. Wir gehören nicht zu denen, die dadurch die Mathematik zugänglicher machen wollen, daß sie ihre höheren Teile abschneiden und bei Seite lassen. Bei uns soll die Veranschaulichung nur ergänzend eingreifen; wir meinen, daß abstrakte Forschung durch Neuberührung mit dem Boden, auf dem sie gewachsen, selbst neue Stärkung erhält!"1) In den nun folgenden fast sechs Jahren seines Wirkens in Leipzig verwirklichte er viele dieser Vorstellungen mit nicht geringem Erfolg. Gründung und Einrichtungen des „Mathematischen Seminars" Am 18. Oktober 1880 begann an der Leipziger Universität ein neues Semester. Schon am 6. November genehmigte das Kultusministerium in Dresden auf einen zuvor gestellten Antrag hin dem neuen Professor für Geometrie die Mittel zur Anschaffung geometrischer Modelle und eines Glasschrankes zur Aufbewahrung.2) Einen Monat später, am 5. Dezember, stellte der 31jährige Felix Klein einen Antrag auf Einrichtung eines ,,mathematischen Seminars".3) Die in jener Zeit objektive Notwendigkeit einer solchen Institution für das mathematische Studium erkennend, machte Klein auch günstige Räumlichkeiten für diesen Zweck ausfindig. Er beantragte für das Mathematische Seminar das sogenannte ,,Czermaksche Spektatorium". Der Physiologe Prof. J. N. Czermak (1828—1873) hatte dieses Gebäude als Privatlaboratorium in den Jahren 1870 bis 1872 durch einen gewissen Baurat Müller nach den Vorbildern der Royal Institution und der Royal School of Mines im Czermakschen Garten erbauen lassen.4) Durch diesen ehemaligen Garten geht heute die kleine Straße „Czermaks Garten" (vgl. Abb. 15). Nach dem Tode Prof. Czermaks vererbte seine Frau, getreu dem Willen ihres Mannes, das Gebäude der Universität, nicht aber den Grund und Boden, auf dem es stand.5) So wurde das Laboratorium um 1876/77 (?) in das sogenannte ,,akademische Viertel" an der Liebigstraße transloziert, und zwar an die in Abb. 16 markierte Stelle. Es stand allen Fakultäten zur Verfügung, wurde jedoch um 1880 kaum benutzt. Innerhalb der Universität trat daher keinerlei Widerstand gegen Kleins Vorhaben J) Ebenda, S. 539/40. 2) UAL — Rentamtsakte (künftig als ,RA' zitiert) 960, Bl. 1. 3) Ebenda, Bl. 3. Hier befindet sich jedoch lediglich ein Hinweis auf diesen Antrag. 4) Vgl. u. a. die bei Abb. 17 und Abb. 18 angegebenen Quellen. 5) Das Mathematische Institut. Sonderdruck aus der Festschrift zum 500jährigen Jubiläum der Universität Leipzig. Von Otto Holder und Karl Rohn, Leipzig o. J.
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Die Gründung des „Mathematischen Seminars" 63 auf. Auch der Kultusminister genehmigte den notwendigen Umbau der Innenräume. Schon am 7. Dezember 1880 gab Klein dem Universitätsrentamt seine speziellen Wünsche bekannt:1) „1. Herstellung des Auditoriums Tischplatten für 100 Zuhörer, über 150 Sitzplätze vertheilt, Doppeltafel auf beweglichem Gerüst. 2. Möbilirung der Nebenräumlichkeiten Sopha und einige Stühle, Wascheinrichtung für das Sprechzimmer. Grosser Tisch, (wie in Nr. 25 des Augusteums) nebst zugehörigen Stühlen für den Vorraum (der zur Abhaltung von Seminarübungen in Aussicht genommen ist). Einige kleinere Tische, Stühle, sowie ein Bibliotheksschrank für das Bibliothekszimmer. 3. Heizung des Auditoriums und der Nebenräumlichkeiten. 4. Beleuchtung. 5. Anstellung eines Diener V Grund- und Aufriß dieses Gebäudes zeigt Abb. 17. Eine Vorstellung von dem großen Auditorium mit 409 Sitzplätzen und weiteren 100 Stehplätzen vor dem Umbau vermittelt Abb. 18 aus dem Jahre 1873. Am 17. März 1881 genehmigte das Kultusministerium die nach einem Kostenanschlag vom Baurat Müller notwendigen 2214 Mark und auch 750 Mark Jahreslohn für den Hausmeister.2) Am 8. April übergab der Professor der Anatomie W. His (1831 — 1904) in Gegenwart des Rektors das Inventar des Institutes an Prof. Klein.3) Mit Semesterbeginn am 20. April 1881, fünf Tage vor Kleins 32. Geburtstag, existierte dann in Leipzig ein Mathematisches Seminar mit Felix Klein als Direktor. Adolph Mayer und der bedeutende Wilhelm Wundt (1832—1920, Psychologe, Physiologe und Philosoph) werden als „Mitdirektoren" für das Czermaksche Spek- tatorium genannt. Beim Mathematischen Seminar fungierte neben Klein und Mayer noch von der Mühll als Mitdirektor. Klein war gleichzeitig auch „Direktor der Modellsammlung". Der Glasschrank mit den Modellen war im Auditorium untergebracht. Im Bibliothekszimmer fanden die vorhandenen Bücher noch in einem einzigen mittelgroßen Schrank Platz. Der Übungsraum faßte etwa 50 Studenten. Im WS 1881/82 hatten sich für die Übungen in Darstellender Geometrie 54 Teilnehmer eingefunden. Klein beantragte beim Ministerium sofort noch einige Stühle4) und im Frühjahr 1882 weitere Geldmittel zu Prämienzwecken für Seminarmitglieder — gesondert im Mathematischen Seminar eingeschriebene Studenten oder andere Mitglieder —, weitere Unterrichtsmittel und x) UAL - RA 960, Bl. 1. 2) Ebenda, Bl. 13. 3) Ebenda, Bl. 30. 4) UAL - RA 960, Bl. 33.
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Die Gründung des „Mathematischen Seminars* * 65 1 1 I 1 f | 11 I I I rurd)fd]nitt Abb. 17. Grund- und Aufriß des Czermakschen Laboratoriums (Aus Leipzig und seifi| Bauten, hrsg. von der Vereinigung Leipziger Ingenieure und Architekten, Leipzig 1892, S. 183.) Abb. 16. Blick auf das sogenannte akademische Viertel von Leipzig aus dem Jahre 1885, etwa von dem in Abb. 15 mit 1 markierten Standpunkt aus. 1: Czermaksches Spekta- torium, 2: Brüderstraße (von der an der Pfeilspitze liegenden Biegung an hieß die Straße bis 1884/85 Teichstraße), 3: Sternwartenstraße, 4: Talstraße, 5: Liebigstraße, 6: Physikalisches Institut, von 1905 bis 1971 Mathematisches Institut. — Die Abbildung wurde dem Artikel ,,Das akademische Viertel" von Otto Moser entnommen, in: Illustrirte Zeitung, Leipzig 28. 11. 1885. Die Bezeichnungen wurden ergänzt.
66 Teil II das Bibliothekswesen.1) Er verwirklichte noch weit umfassender als in Erlangen und München, was er schon 1872 in seiner Antrittsrede in Erlangen zur Verbesserung der Lehre an den Universitäten und Hochschulen verlangte. Man war in jener Zeit im Czermakschen Gebäude schon sehr beengt.2) Am 12. Oktober 1882 begründet Klein in einem Schreiben an das Kultusministerium die Notwendigkeit der Erweiterung der Räumlichkeiten für den mathematischen Unterricht an der Universität Leipzig.3) <j£P * r> 4 * • ;''t\ +. v <*- r .■ r JP i* * & ■; Abb. 18. Auditorium des Czermakschen Institutes noch vor dem Umbau für die Mathematiker (Aus: Ulustrirte Zeitung, Leipzig 26. 4. 1873, Nr. 1556). Im Czermakschen Institut sollten die elementaren und die geometrischen Vor- lesungeirgehalten werden, ebenso sollten auch die Modellsammlung und der Modellierraum dort verbleiben. Auch diesmal erhielt Klein großzügige Unterstützung vom Ministerium in Dresden, in dessen Auftrag das Universitätsrentamt für die Mathematiker nun die zweite Etage im sogenannten ,,kleinen Eürsten-Collegium" in der Ritterstraße Nr. 14 (vgl. Abb. 15) aussuchte.4) Klein schrieb am 27. Januar an das Kultusministerium: ,,In meinem Briefe vom 22. November 1882 hatte ich mir erlaubt, jenen Antrag auf Einrichtung einer besonderen Etage für Zwecke des mathematischen Seminars, den x) Ebenda, Bl. 36. 2) An einen Ausbau des Gebäudes war aus testamentarischen Gründen vor 1886 nicht zu denken. Es kam jedoch erst 1894 zum Umbau, obwohl F. Klein schon 1885 dazu die Anregung gab. Im Jahre 1900 wurde das Spektatorium abgerissen. 3) UAL - RA 960, Bl. 42/43. 4) Ebenda, Bl. 45/46. 1885 wurde die Hausnummer auf 24 geändert.
Die Gründung des „Mathematischen Seminars" 67 ich in meiner Eingabe vom 12. Oktober 1882 formulirt hatte, aus Gesundheitsrücksichten vorläufig zurückzuziehen, und ich würde auf denselben vielleicht heute noch nicht zurückkommen, hätte mich nicht Hr. Hofrath Graf darauf aufmerksam gemacht, daß eben nun eine geeignete Etage (im sog. kleinen Fürstencolleg, Ritterstraße 14) disponibel ist. Meine mathematischen Collegen sind mit mir der Ansicht, daß ein Erwerb jener Etage für unsere Seminarzwecke außerordentlich günstig wäre, und ich möchte ... meinen damaligen Antrag in Bezug auf die jetzt in Frage kommende Etage hiermit wieder aufgenommen haben. Was meine Gesundheit betrifft, so hoffe ich dieselbe in nicht zu ferner Zeit wieder so weit gekräftigt zu haben, daß ich an meinem Theile an der Nutzbarmachung der neuen Einrichtung kräftig mitarbeiten kann, — wie ich denn in der That meine Vorlesungen wieder aufgenommen habe — ; übrigens bitte ich das Ministerium zu berücksichtigen, daß es sich ja hier keineswegs um meine Person handelt, sondern um die Weiterentwicklung des gesammten mathematischen Unterrichts am hiesigen Platze."1) Klein erhielt eine Grundrißkopie der genannten Etage, um seine Wünsche danach zu äußern2), die im Detail so aussahen: 1 Bibliothekszimmer (3 Schränke, 3 Stühle, 1 Tisch), 1 Lesezimmer (12 Stühle), 2 Arbeitsräume (4 Arbeitstische — 18 Plätze), 1 Garderobe (für 30 Besucher), 1 Raum für die Aufwartung, 1 Seminarzimmer (30 Stühle), 1 Sprechzimmer (3 Stühle). Am 9. Oktober 1883 schrieb Klein an den Hof rat Graf: „Endlich von meiner Reise (Erholungsreise — Kö) zurück bin ich eben in der neuen Seminaretage gewesen, die in der That sehr hübsch eingerichtet ist. Ich möchte Freitag Nachmittag mit den Büchern ... umziehen ,..".3) Schon drei Tage später findet die Übergabe der neuen Räumlichkeiten an den Direktor Felix Klein statt,4) und mit Semesterbeginn am 15. Oktober setzt auch hier der Studienbetrieb ein. Seit dem Wintersemester 1883/84 werden die beiden getrennt liegenden Einrichtungen der Mathematiker als „Mathematisches Institut: a) Mathematisches Seminar, Ritterstraße 14, b) Modellsammlung im Czermakschen Spektatorium" im Personal Verzeichnis angegeben. Auch schon zuvor (seit Sommer 1881) wurde die Bezeichnung „Mathematisches Institut: a) Seminar b) Modellsammlung", beides im Czermakschen Spektatorium, im Personalverzeichnis verwendet. Die Mathematiker selbst bezeichneten vermutlich das Spektatorium bis 1883 als Mathematisches Seminar und danach als Institut, die Etage in der Ritterstraße seit 1883 als Seminar. Erst am 2. März 1886 wurde, noch auf Anregung Kleins, der schon für das folgende Semester einen Ruf an die Universität Göttingen angenommen hatte, vom Kultusminister verfügt „daß künftig zur Vermeidung von Verwechslungen und Mißverständnissen die Lehr- und Arbeitsräume des mathematischen Seminars und die x) Ebenda, Bl. 50. 2) Ebenda, Bl. 40 und 56 bis 58. 3) Ebenda, Bl. 88. 4) Ebenda, Bl. 89.
68 Teil II mathematische Modellsammlung unter der Bezeichnung ,Mathematisches Institut Abteilung I (im Czermakschen Spektatorium — Kö) bzw. Abteilung II' (in der Ritterstraße — Kö) zusammengefaßt werden möchten, ...<<1) Das mathematische Leben am Seminar (Überblick) Wenn nicht anders hervorgehoben, so soll in den folgenden Ausführungen stets die Zeit von 1880 bis 1886 gemeint sein. Mit den im vorigen Abschnitt dargestellten Errungenschaften, mit der intensiven Seminar- und Übungstätigkeit in elementaren und höheren mathematischen Disziplinen und mit einer bedeutungsvollen Forschungstätigkeit gelangte das Mathematische Seminar bzw. Mathematische Institut der Universität Leipzig in jener Zeit zu Weltruhm. Vielerorts interessierte man sich für diese Leipziger Einrichtungen. Die ausgezeichnete Präsenzbibliothek verfügte 10 Jahre nach ihrer Gründung im Czermakschen Spektatorium schon über ca. 1600 Bände und 300 ungebundene Abhandlungen und war auf 40 Zeitschriften abonniert.2) Felix Klein stellte 1885 bezüglich der gesondert am Institut eingeschriebenen Seminarteilnehmer fest, daß sich ihre Zahl ständig erhöhe, obwohl die Zahl der insgesamt an der Universität eingeschriebenen .Mathematikstudenten stark zurückging, wie Abb. 8 zu entnehmen ist. 1885 zählte man 26 dieser Seminarteilnehmer,3) und auch um 1890 lagen diese Teilnehmerzahlen zwischen 15 und 20.4) Diese Zahlen wurden allerdings wesentlich mitbestimmt durch die ausländischen Studenten. Letztere weisen im betrachteten Zeitraum zwei beachtliche relative Maximal auf, im SS 1881 mit 8 und im WS 1884/85 mit 11 Studenten.5) Auch die Zahl der Dissertationen (vgl. Abb. 11) ging nicht mit der Gesamtfrequenz der Mathematikstudenten (vgl. Abb. 8) zurück, sondern hielt sich auch nach 1885 auf einem hohen Niveau. Dabei geht der mit der Seminargründung 1881 einsetzende Aufschwung in erster Linie auf Felix Klein zurück. Von 1873/74 bis 1879/80 waren an der Universität Leipzig insgesamt 8 mathematische und eine astronomische Promotion zu verzeichnen. Von 1880/81 bis 1887/88 waren es 39 mathematische und 7 astronomische Arbeiten.6) Selbst wenn man nur die von Klein angeregten und direkt betreuten Arbeiten zählt, gehen von den genannten 39 allein 16 auf ihn zurück.7) Die Vorlesungstätigkeit8) gliederte sich in elementare und sogenannte „Spezial- *) UAL - Akte ,Mathematisches Institut, 1886-1950', Bl. 49. 2) Scheffers, G.: Das mathematische Institut der Universität Leipzig, Zeitschrift für den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht, Bd. 24, 1893. 3) UAL - RA 960, Bl. 98. 4) Scheffers, G., a. a. O. 5) Nach Personalverzeichnis der Universität Leipzig. 6) Ermittelt aus: UAL — Promotionsakten und Prokanzellariatsbuch. 7) Ebenda und Klein, F.: Gesammelte mathematische Abhandlungen (künftig mit ,GA Klein' abgekürzt), Bd. 3, Berlin 1923, Anhang S. 11 ff. 8) Vgl. dazu: Personal- und Vorlesungsverzeichnisse der Universität Leipzig und die Bemerkungen über die mathematischen Vorlesungen an der Universität Leipzig. Letzteres in: Zeitschrift für den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht, Bd. 13, 1882, S. 247-250.
Die Gründung des ,,Mathematischen Seminars" 69 Vorlesungen". An elementaren Vorlesungen für die ersten Semester — im Sinne der damals in Leipzig wirkenden Mathematiker — wurden regelmäßig gehalten: 1. Differential- und Integralrechnung lasen meistens Mayer und von der Mühll, aber auch Scheibner, Karl Rohn (1855—1920) und F. Schur. Im SS wurde meist eine Vorlesung zur Einleitung in die Analysis gelesen und im WS dann die Differential- und Integralrechnung. 2. Die Vorlesungen zur analytischen und darstellenden Geometrie wurden von Klein und seinen Schülern K. Rohn, Walter von Dyck (1856—1934) und insbesondere F. Schur durchgeführt. Mit Kleins Berufung nach Leipzig begann hier von nun an in jedem SS eine Vorlesung zur Einleitung in die analytische Geometrie. 3. Analytische Mechanik wurde stets im WS entweder von Mayer oder von der Mühll vorgetragen.1) Vorlesungen über Determinanten und lineare Gleichungssysteme wurden in unregelmäßigen Abständen von Mayer oder Scheibner gehalten. All diese Vorlesungen, zu denen auch Übungen stattfanden, wurden allgemein recht gut besucht, besonders wenn Scheibner, Mayer oder Klein vortrugen. Es kamen oftmals über 60 bis 70 Zuhörer.2) Natürlich gingen diese Werte mit den allgemein sinkenden Frequenzen zur Mitte der achtziger Jahre zurück. C. Neumann beteiligte sich an den elementaren Vorlesungen fast gar nicht. Er trug nur über Spezialgebiete vor, oft in Fortsetzung über drei Semester. Trotzdem blieb die Zahl seiner Zuhörer auch bei den allgemein stark abnehmenden Studentenzahlen relativ groß. Aber auch die anderen Professoren und Privatdozenten trugen, oft sogar regelmäßig, über ihre Spezialgebiete in Vorlesungen vor. So las Mayer über Differentialgleichungstheorie und Variationsrechnung,3) Scheibner über Störungstheorie und Gammafunktionen (im Zusammenhang mit hypergeometrischen Reihen), Klein über seine Spezialgebiete der Funktionentheorie, C. Neumann über Potentialtheorie, Elektrostatik, Elektrodynamik und Hydromechanik,4) von der Mühll über die mathematische Theorie des Lichtes, mechanische Wärmetheorie und auch über die schon bei C. Neumann genannten Gebiete, Rohn über Geometrie und Invariantentheorie,5) Dyck über Gruppentheorie und F. Schur über synthetische Geometrie. Vorlesungen zur damals in bedeutungsvoller Entwicklung begriffenen Zahlentheorie gab es in Leipzig kaum. Es ist allerdings möglich, daß diesbezüglich die Vorlesungen von Scheibner im SS 1881 und 1884 und von F. Schur im SS 1883 eine gewisse Bedeutung haben. Die Durchführung mathematischer Seminarveranstaltungen, auch zu den Spezial- vorlesungen, war üblich. Felix Klein scheint aber der einzige gewesen zu sein, der in jedem Semester Seminarveranstaltungen zu Forschungsproblemen durchführte. *) Lediglich im WS 1885/86 trug C. Neumann vor. 2) Nach einer Durchsicht der Protokolle über Studien- und Sittenzeugnisse der Universität Leipzig ermittelte Mindestwerte. Durchgesehen wurden die Jahrgänge 1880 bis 1886. 3) Zu Mayer vgl. den Beitrag von R. Klötzler in Teil III. 4) Zu C. Neumann vgl. den Beitrag von H. Salie in Teil III. Weiterhin sei noch verwiesen auf Kowalewsky, G., a. a. O., S. 45/46, wo es bezüglich C. Neumann u. a. heißt: ,,Seine Vorlesungen paßten sich gar zu sehr dem Durchschnittsniveau der Studenten an." 5) Zu Rohn vgl. den Beitrag von V. Ziegler in Teil III.
70 Teil II Seine Spezialvorlesungen und die von C. NeUMANN, Mayer und von der Mühll wurden besonders gut besucht.1) Klein schuf auch, beginnend mit dem SS 1881, die Stelle eines planmäßigen Assistenten der Mathematik in der Universität Leipzig, die mit einem staatlichen Honorar versehen war.2) Felix Klein war die tragende Säule des pulsierenden wissenschaftlichen Lebens am Mathematischen Seminar in Leipzig. Zu seiner Persönlichkeit und insbesondere auch zu seiner mathematischen Schule in Leipzig vergleiche man den ihm speziell gewidmeten Abschnitt in Teil III. Schlußbemerkungen Im Dezember 1883 erhielt Felix Klein einen Ruf an die John-Hopkins-Universität in Baltimore (Nordamerika) als Nachfolger des seit 1877 dort wirkenden bedeutenden englischen Mathematikers James Joseph Sylvester (1814—1897). Hierauf reagierten die Leipziger Fachkollegen Kleins über einen Brief3) an das Kultusministerium in Dresden mit der Bitte, Klein möglichst in Leipzig zu halten. Das wurde dann auch erreicht, vermutlich durch Aufbesserung seines Gehaltes. Als Klein aber im August 1885 eine Berufung4) an die Universität Göttingen erhielt, da Moritz Abraham Stern (1807—1894) in den Ruhestand getreten war, gab er nun doch die Stellung in Sachsen auf und wirkte seit dem SS 1886 in Göttingen. Diese Zusage Kleins gründet sich zu einem beträchtlichen Teil auf die ihm auch persönlich sehr verbundene bedeutsame mathematische Tradition Göttingens, denn er war z. B. stets ein großer Verehrer von Gauss, Riemann und natürlich Clebsch. Der Sorge um den Zustand der mathematischen Wissenschaft in Leipzig gab Klein in einem Brief vom 13. November 1885 an den sächsischen Kultusminister mit den folgenden Worten Ausdruck: „Ew. Excellenz wissen, dass mir der Entschluss, Leipzig zu verlassen, in keiner Weise leicht geworden ist, und dass mich zu demselben nur solche Verhältnisse und Misslichkeiten bewogen haben, welche durch keinerlei Verfügung seitens des K. Ministeriums behoben werden können. In der That bitte ich, nicht vorausszusetzen, dass ich für die vielfache Unterstützung, welche meine Pläne von Seiten Ex. Excellenz gefunden haben, undankbar bin. Allerdings möchte ich auch betonen, dass ich bei meinen zahlreichen Anträgen niemals für meine persönliche Bequemlichkeit sondern immer nur für die Entwicklung des allgemeinen mathematischen Unterrichts an hiesiger Universität eingetreten bin. In dieser Hinsicht wollen Sie mir bei der heutigen Gelegenheit noch eine Bitte gestatten. Ich betrachte die hiesigen mathematischen Institute wie meine Kinder, die ich wohl fremden Händen anvertrauen darf, die ich aber nicht einfach verlassen und dem sicheren Untergange überweisen kann. Welche Vorschläge unsere Facultät im Laufe der nächsten Woche zur Wiederbesetzung meiner Stelle formuliren wird, ist zunächst noch unbestimmt und jedenfalls nicht von *) Man vgl. dazu die Dissertation des Verfassers. 2) SAD - MfV Nr. 10281/184, 1137 A. Zur Person des Assistenten siehe Abb. 4. 3) SAD - MfV Nr. 10281/184, 1181 ad. 1150 A. 4) Vgl. die Akten U I Nr. 431—435 in: Zentrales Staatsarchiv Merseburg.
Die Gründung des „Mathematischen Seminars" 71 mir hier zu erörtern. Ich möchte aber schon heute Ew. Excellenz an's Herz legen, die Entscheidung nur in solchem Sinne treffen zu wollen, dass Das, was im Laufe der verflossenen fünf Jahre mit Mühe geschaffen wurde, auch weiterbestehe. In der That ist mir kein Zweifel, dass die Entwicklung des mathematischen Unterrichts für die nächsten Decennien mit der Entwicklung der Institute und der systematischen Organisation der Vorlesungen zusammenfällt."*) Die im vorstehenden Brief genannte Unterstützung seitens des Ministeriums geht wohl vor allem auf O. Schlömilch zurück, der 1885 aus dem Staatsdienst ausschied. Kleins begründete Sorge2) war sicherlich auch deshalb so groß. Schließlich wurde der Norweger Sophus Lie (1842—1899), ein guter Freund F. Kleins und A. Mayers, auf die in Leipzig freigewordene Professur berufen. Gründe für den Erfolg Kleins beim Aufbau und bei der Führung seiner mathematischen Schule, aus der bereits 1885 eine ganze Reihe bedeutender Mathematiker und Lehrer hervorgegangen waren, könnte man viele nennen. Neben seinen rein mathematischen Fähigkeiten waren es vor allem sein großes pädagogisches Geschick, seine Beschäftigung mit unmittelbar zur Lösung anstehenden und populären mathematischen Problemen bzw. Disziplinen und günstige äußere Umstände, die sich aus der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung und lokalen Verhältnissen ergaben. Weiterhin trifft zu, was Wilhelm Ostwald (1853—1932) u.a. als eine wichtige Eigenschaft solcher Gelehrter hervorhebt, die eine bedeutende wissenschaftliche Schule hervorbringen: der starke Wille.3) Wie hoch Felix Kleins Erfolge nicht nur in Deutschland eingeschätzt wurden, beweist auch seine 1886 (März/April) erfolgte Wahl zum auswärtigen Mitglied der Royal Society in London.4) *) SAD - MfV Nr. 10281/184, 1117 ad. 902 A. 2) Vgl. auch den Brief Kleins in: Zentrales Staatsarchiv Merseburg, Rep. 92, Brief Nr. 41. 3) Rodnyj, N. L, und Ju. I. Solowjew: Wilhelm Ostwald. In: Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner, Bd. 30, Leipzig 1977, S. 281. 4) SAD - MfV Nr. 10281/184, 347 A.
TEIL III DAS WIRKEN BEDEUTENDER MATHEMATIKER AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG - MITTE 19. BIS MITTE 20. JAHRHUNDERT
Einleitung Walter Ptjrkert (Leipzig) Im folgenden Teil III werden in Einzelbeiträgen Persönlichkeiten gewürdigt, die die Arbeit des Mathematischen Instituts der Universität Leipzig durch ihr Wirken in Lehre und Forschung wesentlich mitgestaltet haben. Der betrachtete Zeitraum erstreckt sich von 1865 bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts. Wir geben zunächst zur Einführung einen vollständigen chronologischen Überblick über alle Personen, die im Zeitraum von 1865 bis 1945 in Leipzig als Dozenten oder Professoren eine Lehrtätigkeit auf dem Gebiet der Mathematik aufgenommen haben. Im Jahre 1865 wurde Adolph Mayer (1839—1908) Privatdozent an der Universität Leipzig. Über seinen Lebensweg und sein wissenschaftliches Werk informiert der Beitrag von R. Klötzler. 1867 habilitierte sich Karl von der Mühll (1841—1912) für Mathematische Physik in Leipzig. Ab 1868 war er Dozent, ab 1872 außerordentlicher Professor. Er vertrat in der Lehre vor allem die Gebiete Hydrodynamik, Elektrodynamik, Potentialtheorie und partielle Differentialgleichungen. In seinen nicht sehr zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten widmete er sich zumeist Problemen der Optik und Thermodynamik. 1889 folgte von der Mühll einem Ruf nach Basel. 1868 wurden beide mathematischen Lehrstühle frei: Möbitjs war gestorben, und Drobisch wechselte gänzlich zur Philosophie über. Das Königlich-Sächsische Ministerium ernannte den außerordentlichen Professor Wilhelm Scheibner zum Ordinarius und berief als zweiten ordentlichen Professor Carl Neumann (1832—1925), der an der Universität Tübingen bereits Ordinarius war. Für Neumanns Berufung hatte sich besonders Scheibner eingesetzt. Bezüglich Leben und Werk C. Neumanns sei auf den Beitrag von H. Salie verwiesen. 1876 habilitierte sich Axel Harnack (1851—1888) an der Universität Leipzig und begann seine Tätigkeit als Privatdozent. Er folgte im gleichen Jahr einem Ruf nach Darmstadt und wurde 1877 ordentlicher Professor am Polytechnikum in Dresden. Harnack leistete bedeutende Beiträge zur Theorie der algebraischen Kurven und Flächen. Aus seinen Untersuchungen über Fourierreihen gingen Resultate hervor, die später in die allgemeine Maß- und Integrationstheorie und in die Theorie der reellen Funktionen Eingang fanden.
76 Teil III Nach seiner 1879 erfolgten Habilitation begann Karl Rohn (1855—1920) seine Dozententätigkeit. Er wurde 1884 zum außerordentlichen Professor ernannt, ging aber im selben Jahr nach Dresden, wo er 20 Jahre wirkte. Danach war er bis zu seinem Tode Ordinarius in Leipzig. Der Beitrag von V. Ziegler informiert im einzelnen über sein Leben und sein Werk. Nachdem sich Scheibner lange und hartnäckig um einen Geometer für Leipzig bemüht hatte, wurde 1880 Felix Klein (1849—1925) von München nach Leipzig berufen. Er übte auf Lehre, Forschung und Organisation des wissenschaftlichen Lebens einen nachhaltigen Einfluß aus, worüber F. König im Teil II und im Beitrag über F. Klein eingehend berichtet. Die erste Habilitation, die Klein in Leipzig zu begutachten hatte, war 1881 die von Friedrich Schur (1856—1932). Sie behandelte ein Thema aus der synthetischen Geometrie. 1885 wurde Schur zum außerordentlichen Professor ernannt. 1888 wurde er Ordinarius in Dorpat (Tartu). Sein Weg führte ihn über Aachen (1892), Karlsruhe (1897), Straßburg (1909) nach Breslau (Wroclaw) (1919), wo er bis 1932 Vorlesungen hielt. Schur war vor allem Geometer. Hervorzuheben sind seine Beiträge zur Riemannschen Geometrie, zur Theorie der Lieschen Gruppen und zu den Grundlagen der Geometrie. Sein Buch „Grundlagen der Geometrie" erhielt den Lobatschewski-Preis. Schur verfaßte vielgelesene Lehrbücher über analytische Geometrie und graphische Statik. Es war zeitweise Vorsitzender der Deutschen Mathematiker- Vereinigung. Als unmittelbarer Schüler Kleins aus der Münchener Zeit kam Walter Dyck (1856—1934) nach Leipzig, wo er 1881 — 1884 Kleins Assistent war. Er habilitierte sich 1882 und wurde Privatdozent. Seine ersten Arbeiten befaßten sich mit Mono- dromiegruppen auf Riemannschen Flächen. 1884 wurde er zum ordentlichen Professor an die TH München berufen, wo er bis zu seinem Tode wirkte. Seine „Gruppentheoretischen Studien" haben wesentlich zur Entwicklung der abstrakten Gruppentheorie beigetragen. Er leistete auch Beiträge zur Topologie und zur Theorie der gewöhnlichen Differentialgleichungen. Dyck war ein namhafter Kepler-Forscher. Zusammen mit M. Caspar gab er eine zweibändige Sammlung von Kepler-Briefen heraus. In 12 Jahren Tätigkeit als Direktor bzw. Rektor der TH München erwarb er sich große Verdienste um den Ausbau dieser Hochschule und um die Gleichberechtigung der Technischen Hochschulen mit den Universitäten. Er war Gründungsmitglied und zeitweise Vorsitzender der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und hat nach Kleins Tod die ,,Enzyklopädie der Mathematischen Wissenschaften" zu einem gewissen Abschluß gebracht. Nicht zuletzt war Dyck ein hervorragender akademischer Lehrer. Im Jahre 1885 habilitierte sich Eduard Study (1862-1930). Er ging 1888 als außerordentlicher Professor nach Marburg, 1894 nach Bonn, wurde 1897 Ordinarius in Greifswald und schließlich 1904 Nachfolger von Lipschitz in Bonn. Er arbeitete auf dem Gebiet der Invariantentheorie, wo er zu allgemeineren Gruppen als der projektiven Gruppe die zugehörigen Invariantentheorien entwickelte. Er leistete ferner Beiträge zur Differentialgeometrie, zur nichteuklidischen Geometrie und zur Darstellungstheorie. Von ihm stammen Lehrbücher über ebene Kurven und über konforme Abbildungen sowie einige mathematisch-philosophische Schriften. Study war auch ein anerkannter Entomologe, dessen Schmetterlingssammlung weithin bekannt war.
Einleitung 77 Als Nachfolger von Klein wurde im Jahre 1886 Sophtjs Lie (1842—1899) nach Leipzig berufen. Besonders Klein hat sich für diese Berufung eingesetzt; in dem von ihm entworfenen Gutachten der Fakultät heißt es im Hinblick auf Lie: „Aufgefordert, für die Wiederbesetzung der demnächst zur Erledigung gelangenden Professur der Geometrie Vorschläge zu machen, glauben wir in erster Linie einen Mann nennen zu sollen, der vermöge der Selbständigkeit seiner Ideen, der Folgerichtigkeit seiner Arbeiten und der Größe seiner Ziele unbedingt vor allen Anderen hervorragt." Über die Persönlichkeit Lies und sein bis in unsere Tage hochaktuelles Werk informiert der Beitrag von P. Günther. Im Zusammenhang mit Lie ist ein Mann zu nennen, der einen großen Teil seiner Arbeitskraft der Aufgabe widmete, die Ideen von Lie weiter auszuarbeiten und bekannt zu machen: Friedrich Engel (1861 — 1941). Er weilte bereits als junger Doktor 1884 in Christiania (Oslo), wo er Lie bei der Ausarbeitung einer zusammenhängenden Darstellung über kontinuierliche Transformationsgruppen unterstützte. 1885 erfolgte seine Habilitation in Leipzig; bereits im Sommersemester 1886 hielt er in Lies Auftrag eine vierstündige Vorlesung über Transformationsgruppen. Er wurde 1890 zum außerordentlichen Professor und 1899 zum ordentlichen Honorarprofessor in Leipzig ernannt. 1904 folgte er einem Ruf nach Greifswald, ab 1913 war er Ordinarius in Gießen. Engel schrieb zahlreiche Arbeiten über Transformationsgruppen und ihre Anwendungen auf Differentialgleichungen; bekannt ist seine Monographie ,,Die Liesche Theorie der partiellen Differentialgleichungen 1. Ordnung" (1932). Unter aktiver Mithilfe Engels entstand das dreibändige Werk Lies „Theorie der Transformationsgruppen" (1888—1893). Große Verdienste erwarb sich Engel als Herausgeber der Gesammelten Abhandlungen von Lie (zusammen mit P. Hee- gard). Er gab ferner die Gesammelten Werke von H. Grassmann heraus und beteiligte sich (mit L. Schlesinger) an der Herausgabe der Werke Eulers. Als Mathematikhistoriker machte sich Engel durch die gemeinsam mit P. Stäckel herausgegebenen Quellenbände zur Geschichte der nichteuklidischen Geometrie (1895, 1913) einen Namen. Von Engel stammt auch die Übersetzung wichtiger Schriften von Lobatschewski mit Kommentaren und einer Biographie. In der Deutschen Mathematiker-Vereinigung hatte Engel zeitweise das Amt des Vorsitzenden inne. Die Universität Oslo ehrte 1929 seine großen Verdienste um das Werk Lies mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde. Ein Schüler Lies war auch Georg Wilhelm Scheffers (1866—1945). Er wurde nach seiner 1891 erfolgten Habilitation Privatdozent. Im Jahre 1896 folgte er einem Ruf nach Darmstadt, zunächst als außerordentlicher Professor, ab 1900 als Ordinarius. Ab 1907 war er ordentlicher Professor an der TH Charlottenburg. Scheffers wirkte am Erscheinen folgender Werke von Lie wesentlich mit: ,,Vorlesungen über Differentialgleichungen mit bekannten infinitesimalen Transformationen" (1891), „Vorlesungen über continuierliche Gruppen mit geometrischen und anderen Anwendungen" (1893) und „Geometrie der Berührungstransformationen" (1896). Scheffers arbeitete über Transformationsgruppen und andere an Lies Ideen anschließende Themen. Er verfaßte ferner eine Reihe geometrischer Arbeiten und schrieb ein zweibändiges Werk „Anwendung der Differential- und Integralrechnung auf Geometrie". Scheffers war — wie schon Lie hervorhob — ein talentierter akademischer Lehrer. Seine einführenden Lehrbücher waren beliebt und erreichten hohe Auflagen. Im Jahre 1893 habilitierte sich, von C. Neumann unterstützt, Otto Fischer
78 Teil III (1861-1916) mit einer Arbeit über die Bewegung starrer Körper, die durch Gelenke verbunden sind. Fischer wurde 1896 außerordentlicher Professor an der Medizinischen Fakultät, wo er bis zu seinem Tode wirkte. Er verfaßte zahlreiche Arbeiten über die Mechanik des menschlichen Körpers. Nach seiner Habilitation wurde 1895 Felix Hausdorff (1868—1942) Privatdozent an der Universität Leipzig. Über seine Leipziger Zeit, die vor allem der angewandten Mathematik gewidmet war, wird im Beitrag von H.-J. Girlich berichtet. 1910 ging Hausdorff nach Greifswald, 1921 folgte er einem Ruf als ordentlicher Professor an die Universität Bonn. Hausdorff leistete grundlegende Beiträge zur Mengenlehre, Topologie, Maß- und Integrationstheorie. Er starb 1942 in Bonn als Opfer des faschistischen Rassenwahns. Als Schüler von S. Lie kann auch Gerhard Kowalewski (1876—1950) gelten, der sich 1899 in Leipzig habilitierte. Er wurde 1901 außerordentlicher Professor in Greifswald, 1904 ging er nach Bonn. 1909 wurde er Ordinarius in Prag. Sein Weg führte ihn über Dresden (1920) wieder nach Prag (1939) und schließlich nach München (ab 1946). Kowalewski verfaßte geometrische Arbeiten im Anschluß an Lie, er arbeitete ferner über Liesche Gruppen, die Liesche Theorie der Differentialgleichungen und über Differentialgeometrie. 1933 erschien seine Monographie „Integrationsmethoden der Lieschen Theorie". Bekannt wurde Kowalewski vor allem durch eine Reihe einführender Lehrbücher, die in hohen Auflagen erschienen, sowie durch seine mathematikhistorischen Aktivitäten. Er gab Newtons Abhandlung über die Quadratur der Kurven in deutscher Sprache heraus und besorgte Band X der Euler-Ausgabe. 1938 erschien sein Buch ,,Große Mathematiker. Eine Wanderung durch die Geschichte der Mathematik vom Altertum bis zur Neuzeit." Historisch interessant ist auch seine Autobiographie „Bestand und Wandel" (1950). Als die Rückkehr von Lie nach Norwegen feststand, wurde im Juni 1898 eine Kommission gebildet, die Vorschläge für die Neubesetzung des Lehrstuhls machen sollte. Die Mehrheit der Kommission sprach sich für H. Weber (Straßburg) und D. Hilbert (Göttingen) aus. Da beide nicht für Leipzig zu gewinnen waren, einigte man sich auf den Königsberger Ordinarius Otto Holder (1859—1937). Im Jahre 1899 erfolgte seine Berufung nach Leipzig, wo er fast 40 Jahre wirkte. Der Beitrag von G. Eisenreich würdigt Persönlichkeit und Werk Otto Hölders. Im Jahre 1899 habilitierte sich Heinrich Liebmann (1874—1939) mit einer Arbeit über Verbiegung geschlossener Flächen. 1904 wurde er außerordentlicher Professor. 1910 folgte er einem Ruf an die TH München. Von 1920 bis zu seiner zwangsweisen Pensionierung durch das Naziregime wirkte er als Ordinarius in Heidelberg. Sein Hauptarbeitsgebiet war die Differentialgeometrie. Von ihm stammen schöne Untersuchungen über die Verbiegung von Flächen sowie — dem gruppentheoretischen Programm Blaschkes folgend — über die Differentialgeometrie der affinen Möbius- schen und der Laguerreschen Gruppen. Zahlreiche Arbeiten Liebmanns sind der nichteuklidischen Geometrie gewidmet. Sein Buch „Nichteuklidische Geometrie" (1907) erlebte mehrere Auflagen. Liebmann übersetzte die „Pangeometrie" und die „Imaginäre Geometrie" Lobatschewskis sowie die „Wahrscheinlichkeitsrechnung" von A. A. Markow ins Deutsche. Er verfaßte Lehrbücher über Differentialgleichungen (1901) und über synthetische Geometrie (1934). Nach dem Tode Scheibners schlug die Kommission der Fakultät für die Neubesetzung des Lehrstuhls A. Kneser (Breslau), K. Hensel (Marburg), H. Burkhardt
Einleitung 79 (Zürich) und E. Study (Bonn) vor. Da alle Genannten den Ruf ablehnten, wurde am 12. 12. 1908 ein neuer Vorschlag verabschiedet, der an erster Stelle den jungen Gustav Herglotz (1881 — 1953) aus Wien nannte. An zweiter Stelle war 0. Bolza (Chicago) nominiert. 1909 wurde Herglotz als Ordinarius nach Leipzig berufen. Über sein Leben und wichtige Aspekte seines vielseitigen Schaffens informiert der Beitrag von H.-J. Rossberg. Ergänzend sei bemerkt, daß es Herglotz 1921 gelang, die von Gauss in der letzten Eintragung seines wissenschaftlichen Tagebuches ausgesprochene Behauptung zu beweisen. Damit ist eine Entwicklung eingeleitet worden, die über Herglotz' Schüler E. Artin sowie über H. Hasse und M. Deuring die moderne algebraische Geometrie um schöne Methoden bereichert hat. Nach dem Weggang von Hausdorff und Liebmann wurde Paul Koebe (1882 bis 1945), damals Privatdozent in Göttingen, zum außerordentlichen Professor nach Leipzig berufen. 1914 folgte er einem Ruf als ordentlicher Professor nach Jena. Als Herglotz 1925 ausschied, schlug eine Kommission der Fakultät für die Nachfolge H. Weyl (Zürich) und E. Hecke (Hamburg) vor. Beide lehnten den Ruf ab. In einem zweiten Schreiben an das Ministerium wurde Koebe vorgeschlagen, der am 1. Oktober 1926 als Ordinarius nach Leipzig berufen wurde. Bezüglich seines Lebens und seines bedeutenden wissenschaftlichen Werkes sei auf den Beitrag von R. Kühn au verwiesen. Im Jahre 1911 wurde nach seiner Habilitation Robert König (1885—1979) Assistent und Privatdozent am Leipziger Mathematischen Institut. Er ging 1914 als außerordentlicher Professor nach Tübingen, 1922 als ordentlicher Professor nach Münster. Von 1927 bis 1945 war er Ordinarius und Direktor des Mathematischen Instituts in Jena. Seit 1947 wirkte er in München. Er verfaßte eine Reihe von Arbeiten über algebraische Funktionenkörper, in denen er die analytische Richtung von Weier- strass mit der arithmetisch-algebraischen von Dedekind, Weber und Hensel zu verbinden wußte. Von König stammt ein Lehrbuch über elliptische Funktionen. Besonders bekannt wurde er durch sein Buch ,,Mathematische Grundlagen der höheren Geodäsie und Kartographie" (1951). Nach dem Weggang Koebes nach Jena erhielt 1915 Wilhelm Blaschke (1885 bis 1962) das planmäßige Extraordinariat in Leipzig. Seinen Lebensweg, die Umstände seiner Berufung nach Leipzig und sein wissenschaftliches Wirken in seiner Leipziger Zeit schildert der Beitrag von J. Focke. Blaschke gilt als einer der bedeutendsten Geometer der neueren Zeit. Er war in Hamburg der Initiator einer weltbekannten wissenschaftlichen Schule, der er mit den „Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Universität Hamburg" eine eigene Zeitschrift schuf. Er entwickelte in zahlreichen Abhandlungen für die Differentialgeometrie ein gruppentheoretisches Programm analog dem Erlanger Programm von Felix Klein. Eine zusammenfassende Darstellung gibt sein dreibändiges Werk „Vorlesungen zur Differentialgeometrie" (1921 — 1929). Mit seinen Büchern „Geometrie der Gewebe" (1938) und „Einführung in die Geometrie der Waben" (1955) begründete er die topologische Differentialgeometrie. Durch klassische Probleme über geometrische Wahrscheinlichkeiten inspiriert, leistete Blaschke bedeutende Beiträge zur Integralgeometrie. Nachfolger Blaschkes wurde Walter Schnee (1885—1958). Seine Persönlichkeit und sein fast 40 Jahre währendes Wirken an unserer Universität würdigt H. Beckert in seinem Beitrag. Im Jahre 1919 habilitierte sich in Leipzig Friedrich Wilhelm Levi (1888—1966)
80 Teil III mit einer Arbeit über abelsche Gruppen mit abzählbar vielen Elementen. Er wurde Assistent am Mathematischen Institut und erhielt 1923 den Titel eines außerordentlichen Professors. Die Nazis entzogen ihm 1935 die Lehrbefugnis. Levi emigrierte nach Indien, wo er 1936—1948 in Calcutta und 1948—1952 in Bombay Professor war. An zahlreichen anderen indischen Universitäten hielt er Gastvorlesungen. Levi hat das mathematische Leben in Indien wesentlich mitgestaltet. Er war Präsident der Indian Mathematical Society und Mitglied mehrerer Kommissionen zur Verbesserung des indischen Universitätsunterrichts. 1952 kehrte er zurück und übernahm einen Lehrstuhl an der Universität in Westberlin. Nach seiner 1956 erfolgten Emeritierung übernahm er als Gastprofessor Vorlesungen an der Universität Freiburg i. Br. Levi leistete bedeutende Beiträge zur Algebra und zur Topologie. Besonders hervorzuheben sind seine gemeinsam mit R. Baer publizierten Arbeiten über Gruppenaxiomatik, über Untergruppen freier Gruppen sowie über freie Produkte. Er verfaßte ein Lehrbuch über Algebra, welches besonders für den indischen Universitätsunterricht gedacht war. Nach dem Tode von Karl Rohn wurde Leon Lichtenstein (1878—1933) im Jahre 1922 auf das freie Ordinariat berufen. Der Beitrag von H. Beckert informiert über seinen Lebensweg und würdigt sein bedeutendes wissenschaftliches Werk. Assistent von Lichtenstein war Ludwig Neder (1890—1960). Er hatte sich in Göttingen habilitiert und kam 1922 nach Leipzig. 1924 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. 1926 ging er nach Tübingen. Im gleichen Jahr erhielt er einen Ruf als ordentlicher Professor nach Münster, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1943 wirkte. Er arbeitete vorwiegend über unendliche Reihen, insbesondere über Konvergenzprobleme bei Dirichletreihen. In den dreißiger Jahren hielt auch der Physiker Harry Schmidt (1894—1951) Vorlesungen über angewandte Mathematik. Er hatte sich 1926 mit Lichtensteins Unterstützung habilitiert und wurde 1933 außerordentlicher Professor für Physik. 1937 wurde er ordentlicher Professor bei den Forschungsinstituten der Deutschen Luftfahrt in Adlershof. Von 1947 bis 1951 war er ordentlicher Professor an der Universität Halle. Er arbeitete auf den Gebieten Schwingungstheorie elastischer Systeme, Hydro- und Aerodynamik. Von ihm stammt ein Lehrbuch über Vektor- und Tensorrechnung (1935). Im Jahre 1929 erfolgte die Habilitation von Ernst Holder (geb. 1901). Er war danach Assistent und Privatdozent am Mathematischen Institut. 1936 beantragten Koebe und van der Waerden für ihn eine außerordentliche Professur, die aber vom faschistischen Unterrichtsministerium abgelehnt wurde, da Holder keinerlei Konzessionen machte und sich offen zu seinem Lehrer Lichtenstein bekannte. Über Hölders bedeutendes wissenschaftliches Werk und seinen nachhaltigen Einfluß auf die Entwicklung des Mathematischen Instituts der Universität Leipzig berichtet der Beitrag von H. Beckert. Als Nachfolger Otto Hölders wurde 1931 Bartel Leendert van der Waerden (geb. 1903) zum ordentlichen Professor nach Leipzig berufen. Seinen Lebensweg und sein äußerst vielseitiges und bedeutungsvolles Wirken in Leipzig schildert der Beitrag von G. Eisenreich. Nach Lichtensteins Tod blieb das Ordinariat einige Jahre unbesetzt. Im Jahre 1937 wurde Eberhard Hopf (geb. 1902) zum ordentlichen Professor nach Leipzig berufen. Hopf war seit 1932 Assistent-Professor am Massachusetts Institute of Tech-
Einleitung 81 nology gewesen. 1942 wurde er an die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug beurlaubt. 1944 folgte er einem Ruf nach München. Ab 1948 wirkte er in den USA (Indiana University Bloomington). Hopf ist ein sehr produktiver und vielseitiger Mathematiker. Er leistete bedeutende Beiträge zur Theorie der elliptischen Differentialgleichungen, insbesondere zur Regularitätstheorie elliptischer Systeme. Eine Reihe von Ergebnissen erzielte er zur Hydro- und Aerodynamik, insbesondere zum Turbulenzproblem. Hopf trug wesentlich zur Entwicklung der Ergodentheorie bei; seine „Ergodentheorie" in der Reihe „Ergebnisse der Mathematik und ihrer Grenzgebiete" gilt bereits als klassisches Werk. Bekannt ist er auch durch seine vor allem mit Wiener durchgeführten Untersuchungen über gewisse Typen von Integralgleichungen (Wiener-Hopf -Gleichungen). Im Jahre 1939 habilitierte sich Hans Reichardt (geb. 1908) in Leipzig. 1940 wurde er Dozent. Von 1945 bis 1952 arbeitete er als Spezialist in der Sowjetunion. Von 1952 bis zu seiner Emeritierung 1973 wirkte er an der Humboldt-Universität und an der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Reichardt arbeitete vor allem auf den Gebieten Zahlentheorie und Differentialgeometrie. Er schrieb ein beliebtes Lehrbuch über Vektor- und Tensorrechnung (1957). Er ist Herausgeber des zum 100. Todestag von Gauss erschienenen Gedenkbandes. Zum Gauß-Jubiläum 1977 erschien seine schöne Monographie ,,Gauß und die nicht-euklidische Geometrie".
Felix Klein Fritz König (Leipzig) % Felix Klein (1849-1925) Die besonderen Verdienste Felix Kleins für die Entwicklung des mathematischen Unterrichtes an der Universität Leipzig wurden bereits in Teil II dieser Festschrift dargelegt. Als Fortsetzung sollen die folgenden Ausführungen die Tätigkeit Kleins in Leipzig in die Gesamtheit seines Wirkens einordnen, wobei schon allein auf Grund des für diesen Beitrag vorgegebenen Umfanges die schwierige Aufgabe einer allen Seiten seiner Persönlichkeit umfassend gerecht werdenden Würdigung natürlich unerledigt bleiben muß. Aus gleichem Grunde mußte auf viele interessante biographische und mathematische Details (das betrifft auch seine Leipziger Zeit) verzichtet werden. Die in Teil II eingeführten Abkürzungen werden ohne erneute Erklärung weiterhin benutzt. Ebenso werden die Lebensdaten der einzelnen Persönlichkeiten nur einmal angegeben. Auch die Fußnoten sind unter diesem einheitlichen Gesichtspunkt zu betrachten. Kleins Verdienste für die Entwicklung der Mathematik im weitesten Sinne sind unbestritten und von überragender Bedeutung. Sein vielseitiges Schaffen erstreckte sich neben der reinen Mathematik auch auf die mathematische Physik, die Geschichte der Mathematik, die Schulmathematik und die Wissenschaftsorganisation. Unter dem letzteren Begriff seien seine Mitarbeit in einer Vielzahl nationaler und internationaler Vereinigungen, seine Verdienste um die Entwicklung des technischen Hochschulwesens und die Verbindung von Mathematik und Technik, seine umfangreiche herausgeberische Tätigkeit und nicht zuletzt seine großen Erfolge beim Auf- und Ausbau mathematischer Institute und Schulen zusammengefaßt. Alle Komponenten des Kleinschen Schaffens bilden in höherem Sinne eine Einheit. Sie umfassen im Prinzip alle möglichen Betätigungsfelder, auf denen man für eine Wissenschaft wirken kann. Richard Courant (1888—1972) formulierte in seiner glänzenden Gedächtnisrede auf Klein aus dem Jahre 1925: ,,... seine Wirksamkeit und Bedeutung ist längst nicht mit der Summe seiner Leistungen erschöpft. Nein, er ist darüber hinaus die machtvolle, überlegene, umfassende Persönlichkeit, welche durch die Reinheit und Kraft ihrer Lebensführung und das
Felix Klein 83 Gleichgewicht zwischen bewußter Gestaltung des Lebens und naiver völliger Hingabe an die Aufgabe des Augenblicks berufen war, auf breiter Front zu führen und die Bahnen der Entwicklung zu bestimmen".1) Neben großem Fleiß waren ausgezeichnete pädagogische Begabung, starke wissenschaftliche Interessen und organisatorisches Talent die wichtigsten Voraussetzungen für Kleins bedeutende Leistungen. Diese Voraussetzungen brachte er aus seinem Elternhause mit. Ein Bruder Felix Kleins schrieb in einer Familiengeschichte: ,,Mein Vater war ein kerniger Westfale, ein organisatorisches Talent, fleißig und streng gegen sich selbst. Meine Mutter stellte die Güte und Milde im Hause dar, sie besaß ausgeprägte pädagogische und spekulativ-wissenschaftliche Interessen."2) Der am 25. April 1849 in Düsseldorf geborene Felix Klein erhielt den ersten Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen von seiner Mutter, ging mit sechs Jahren in eine Privatschule, und seit dem Herbst 1857 besuchte er ein humanistisches Gymnasium, das den Naturwissenschaften nur wenig Raum gab. Schon mit 16 Jahren wurde er an der Universität Bonn immatrikuliert. Entscheidend für Kleins Hinwendung zur Mathematik war die Tatsache, daß er 1866 in Bonn Assistent bei J. Plücker wurde. Das Hauptinteresse Felix Kleins galt damals jedoch noch der Physik. Plücker, der zu jener Zeit in Bonn als Physiker lehrte, hatte den jungen Studenten Klein als Assistenten für seine Vorlesungen zur Experimentalphysik auserwählt, und nur nebenbei half Klein dem berühmten Geometer Plücker bei den Untersuchungen zur Liniengeometrie. Als Plücker 1868 starb, wurde der kaum 19jährige Klein mit der Aufgabe betraut, den geometrischen Nachlaß herauszugeben. Daher lag es für ihn nahe, über ein liniengeometrisches Thema zu promovieren. Noch 1868 verteidigte Felix Klein in Bonn seine Dissertation über ein selbstgewähltes Thema zur Liniengeometrie. Diese erste wissenschaftliche Schrift Kleins entstand unter Anleitung von Rudolf Lipschitz (1832 bis 1903). Klein beschäftigte sich schon in jener Zeit mit dem Problem der Reformierung des Mathematikunterrichts an den Gymnasien, wie man der fünften These zu seiner Dissertation entnehmen kann. Im Jahre 1869 verließ Felix Klein Bonn und schloß sich der algebraisch-geometrischen Schule von A. ClebSCh, der ihn auch mit der Bearbeitung des Plückerschen Werkes beauftragt hatte und im Winter 1868 von Gießen nach Göttingen berufen worden war, an. Im Verlauf von etwa einem Jahr studierte Klein die Arbeiten der englischen und italienischen Geometer und Algebraiker, weilte zu Studienaufenthalten in Berlin und Paris, wo er insbesondere mit der nichteuklidischen Geometrie und der bedeutenden Entwicklung der Algebra und der Geometrie in Frankreich bekannt wurde. Dabei trat er in engen Kontakt mit SoPHUsLiEund u.a. auch in Verbindung mit Gaston Darboux (1842—1917). Nach seiner Habilitation bei Clebsch (1871) lehrte Klein dann bis zum SS 1872 als Privatdozent an der Göttinger Universität. Es ist interessant, daß er damals hauptsächlich physikalische Vorlesungen hielt. Erst als der durch Vermittlung von Clebsch im Herbst 1872 eine ordentliche Professur für Mathematik an der Universität Erlangen erhielt, fiel in Klein endgültig 2) Courant, R.: Gedächtnisrede für Felix Klein, gehalten am 31. 7. 1925 in Göttingen, Die Naturwissenschaften, Jg. 13 (1925), 765. 2) Fricke, R.: Felix Klein zum 25. April 1919, seinem siebzigsten Geburtstag, Die Naturwissenschaften, Jg. 7 (1919), S. 275 (dort zitiert).
84 Teil III die Entscheidung für die mathematische Wissenschaft. Zu diesem Zeitpunkt kannte er bereits die bedeutendsten mathematischen Zentren und ihre Forschungen. Was ihm dabei besonders auffiel und inspirierte, beschrieb er 1921 mit den Worten: ,,Mein Interesse war schon von meiner Bonner Zeit her darauf gerichtet, im Widerstreit der sich befehdenden mathematischen Schulen das gegenseitige Verhältnis der nebeneinander herlaufenden, äußerlich einander unähnlicher und doch ihrem Wesen nach verwandter Arbeitsrichtungen zu verstehen und ihre Gegensätze durch eine einheitliche Gesamtauffassung zu umspannen. Innerhalb der Geometrie gab es in dieser Hinsicht noch viel für mich zu tun. Ich habe im Herbst 1871 insbesondere daran gearbeitet, die konsequente projektive Denkweise, wie ich sie bei Salmon- Fiedler kennengelernt habe und Clebsch sie glänzend vertrat, wie sie sich dann wieder in der nichteuklidischen Geometrie bewährt hatte, mit den Entwicklungen von Möbius' baryzentrischen Kalkül und den Grundauffassungen von Hamiltons Quaternionen (WilliamRowan Hamilton (1805—1865) — Kö) in klare gegenseitige Beziehung zu setzen. So ist im November 1871 der Grundgedanke meines im Oktober 1872 ausgearbeiteten Erlanger Programms entstanden."1) Die ,,Vergleichende(n) Betrachtungen über neuere geometrische Forschungen", das sogenannte „Erlanger Programm11, war der Inhalt der obligaten Antrittsvorlesung, die Klein aus Anlaß seiner ordentlichen Professur in Erlangen zu halten hatte. Das Hauptproblem seines Programms formulierte Klein wie folgt: ,,Es ist eine Mannigfaltigkeit und in derselben eine Transformationsgruppe gegeben; man soll die der Mannigfaltigkeit angehörigen Gebilde hinsichtlich solcher Eigenschaften untersuchen, die durch die Transformation der Gruppe nicht geändert werden."2) Es ist also eine Invariantentheorie bezüglich einer gegebenen Gruppe zu entwickeln. Durch Heranziehung des Begriffs der Untergruppe gelangte Klein zu einer vollständigen Systematisierung der damals bekannten Geometrien, das heißt u. a. auch der nichteuklidischen Geometrie und der damals noch relativ unbekannten Topologie (damals „Analysis situs" genannt). Der im Erlanger Programm erreichte Abstraktionsgrad in der Entwicklung der Geometrie kommt deutlich im § 5 zum Ausdruck: ,,Als Element der geraden Linie, der Ebene, des Raumes, überhaupt einer zu untersuchenden Mannigfaltigkeit kann statt des Punktes jedes in der Mannigfaltigkeit enthaltene Gebilde: die Punktgruppe, event. die Kurve, die Fläche usw. verwandt werden. Indem über die Zahl willkürlicher Parameter, von denen man diese Gebilde abhängig setzen will, von vornherein gar nichts feststeht, erscheinen Linie, Ebene, Raum usw. je nach der Wahl des Elementes mit beliebig vielen Dimensionen behaftet. Aber solange wir der geometrischen Untersuchung dieselbe Gruppe von Änderungen zugrundelegen, bleibt der Inhalt der Geometrie unverändert, das heißt, jeder Satz, der bei einer Annahme des Raumelementes sich ergab, ist auch ein Satz bei beliebiger anderer Annahme, nur die Anordnung und Verknüpfung der Sätze ist geändert."3) !) GA Klein, a. a. O., Bd. 1, S. 52. 2) Ebenda, S. 463. 3) Ebenda, S. 470/471.
Felix Klein 85 Vorwiegend zwei Aspekte machen das Erlanger Programm zu einem Markstein in der Geschichte der Mathematik. Einerseits hat Klein mit dem Programm dem für die Mathematik des 20. Jahrhunderts so fundamentalen Strukturdenken am Beginn der Entwicklung zu einem entscheidenden Durchbruch verholfen, denn er zeigte die Nützlichkeit des aus der Auflösungstheorie algebraischer Gleichungen hervorgegangenen Gruppenbegriffs auch in anderen Gebieten der Mathematik. Andererseits hatte er das seit Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene und damals hoch aktuelle Problem des scheinbaren Zerfallens der Geometrie in einander fremde Theorien mit einem Schlage und auf fast elementare Weise zu einer positiven Lösung geführt. Der nichteuklidischen Geometrie hatte Klein zum Teil schon vor dem Erscheinen des Erlanger Programms einige überaus bedeutende Abhandlungen gewidmet — insbesondere MA Bd. 4 (1871) und MA Bd. 6 (1873) — wodurch, wie Arthur Schoen- flies (1853—1928) es ausdrückte, das ,,nichteuklidische Denken wissenschaftliches Gemeingut der Forschung"1) wurde. Es ist interessant festzustellen, daß auch in diesen Schriften Kleins eine Synthese verschiedener Auffassungen vorgenommen wurde. Auf Klein geht so die bekannte Einteilung der Geometrie in elliptische, parabolische und hyperbolische zurück. Besonders populär ist das Kleinsche Modell zur hyperbolischen nichteuklidischen Geometrie geworden, das sich auf eine verallgemeinerte Fassung des Maßbegriffs stützt. Die Grundidee der Entdeckungen zur nichteuklidischen Geometrie war Klein schon 1870 während des Studienaufenthaltes in Berlin gekommen, wo er in einem Vortrag im ,,Mathematischen Seminar" bei Karl Weierstrass (1815—1897) einen, von Weierstrass nicht akzeptierten, Zusammenhang vermutete zwischen der auf formentheoretischer Basis stehenden Cayley- schen Maßbestimmung (Arthur Cayley (1821 — 1895)) und der nichteuklidischen Geometrie, die Klein gerade durch seinen Berliner Kommilitonen, den Österreicher Otto Stolz (1842—1905), genauer kennengelernt hatte. Der sich in dieser Art mathematischer Forschung, wie eben beim Erlanger Programm und zur nichteuklidischen Geometrie, zeigende Blick für das Ganze, für größere Zusammenhänge, ist ebenso wie das gruppentheoretische und das vor allem in der Schule von Clebsch besonders gepflegte invariantentheoretische Denken, gepaart mit geometrisch-physikalischer Anschaulichkeit, charakteristisch für Felix Klein. Im Anschluß an das Erlanger Programm wurde die anschauliche Geometrie Forschungsschwerpunkt Kleins. Die Arbeiten hierzu entstanden noch vorwiegend in seiner Erlanger Zeit, die mit der Berufung Kleins an die Technische Hochschule in München zum SS 1875 endete. Für diesen Forschungskomplex lassen sich etwa folgende drei Gesichtspunkte als wesentlich hervorheben: 1. die mathematischen Modelle, 2. die Topologie, 3. die geometrische Deutung der Abelschen Integrale. Diese drei Aspekte, auf deren ausführliche Diskussion hier verzichtet werden muß, treten bei Klein eng miteinander verknüpft in Erscheinung. Ebenfalls schon in Erlangen begann Klein mit den Arbeiten zu „Substitutions- Y) Schoenflies, A.: Klein und die nichteuklidische Geometrie, Die Naturwissenschaften, Jg. 7 (1919), 290.
86 Teil III gruppen und Gleichungstheorie", die er dann in München fortführte und mit den elliptischen Funktionen und elliptischen Modulfunktionen verband. Von diesen Untersuchungen gelangte er direkt zu dem Höhepunkt seines Schaffens im Bereich der reinen Mathematik, der Riemannschen Funktionentheorie bzw. den automorphen Funktionen. Klein selbst äußerte, „daß er in seinen Münchner Jahren den Grund zu den meisten seiner späteren Untersuchungen gelegt habe."1) Die anschauliche Geometrie ist dabei entsprechend der Kleinschen Natur nicht nur Hilfsmittel. Rückblickend schrieb er bezüglich 1876/77: „Wir (Paul Gordan (1837—1912) und Klein — Kö) erfaßten den Umkehrgedanken: diese Theorie (der Gleichungen fünften Grades — Kö) nicht bloß äußerlich mit der Lehre vom Ikosaeder in Verbindung zu bringen, sondern letztere geradezu zur Grundlage der Theorie zu machen."2) Klein erkannte die Isomorphie zwischen der Galoisgruppe der Ikosaedergleichung und der Gruppe der Ikosaederdrehungen, wobei er die Ikosaedergleichung auf Resolventen fünften Grades transformieren konnte, die er dann mittels elliptischer Modulfunktionen löste. In dem mit dem 24. Mai 1884 datierten bedeutenden Buch „Vorlesungen über das Ikosaeder und die Auflösung der Gleichungen vom fünften Grade" (künftig als Jkosaederbuch' bezeichnet), liegt eine unter algebraischem Aspekt erfolgte Zusammenfassung der aus diesem Ansatz hervorgegangenen vielen glänzenden mathematischen Arbeiten Kleins zu Substitutionsgruppen und Gleichungstheorie und zu den elliptischen Modulfunktionen vor. Es kann festgestellt werden, daß ihm mit diesen Forschungen für die sogenannte „Theorie der regulären Körper", also der Polyeder, etwa das gelang, was Carl Friedrich Gauss (1777—1855) im Jahre 1796 bezüglich der regelmäßigen Vielecke leistete. Klein stützte sich dabei vor allem auf die Arbeiten von Lazarus Fuchs (1833—1902), Hermann Amandus Schwarz (1843—1921) und P. Gordan. Tragender Gedanke dieser Gleichungstheorie ist das sogenannte „Kleinsche Formenproblem". Diese Theorie ist später von Richard Dagobert Brauer (geb. 1901) in eine moderne Darstellung (mittels der Algebrentheorie) gebracht worden.3) Ein solches Formenproblem stellt allgemein die Aufgabe, bei einer gegebenen Gruppe G von Kollineationen4) die Koordinaten eines w-dimen- sionalen Punktes allein aus den in G existierenden Invarianten zu berechnen. Bei Klein stellt sich die Theorie der Auflösung algebraischer Gleichungen danach so dar, daß die vorgelegte Gleichung auf ein Formenproblem zu einer gegebenen Gruppe G zurückzuführen ist, also auf eine gewisse Normalgleichung. Diese Reduktion ist aber ein zutiefst algebraisches Problem, dessen Klärung nicht nur den Begriff der Galoisgruppe, sondern ganz wesentlich auch den algebraischen Körperbegriff erfordert. Dementsprechend findet man in den Arbeiten Kleins eine teilweise starke Bezugnahme auf den um die Entwicklung der algebraischen Körpertheorie verdienstvollen Leopold Kronecker (1823—1891) — schon während seines Berliner Studienaufent- *) Courant, R., a. a. O., S. 767. 2) GA Klein, a. a. O., Bd. 2, S. 257. 3) Hier sei nur die diesbezüglich bedeutende Arbeit von R. Brauer aus dem Jahre 1933 genannt: Über die Kleinsche Theorie der algebraischen Gleichungen, Math. Ann. 110 (1935), 473-500. 4) Klein benutzte den Begriff „Formenproblem" nur dann, wenn die Transformationen linear, ganz und homogen waren. Im allgemeinen Fall der Kollineation sprach er von einem ,,Funktionenproblem". Siehe hierzu u. a. die Fußnote 1 auf S. 87.
Felix Klein 87 haltes hörte Klein bei Kronecker eine Vorlesung über die Theorie der quadratischen Formen. Gruppen- und Körperbegriff befanden sich um 1880 gerade in der Phase der Entstehung ihrer abstrakten axiomatischen Fassung im heutigen Sinne. Und so leisteten diese Kleinschen Forschungen auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Algebra in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Feststellung wird dadurch besonders bekräftigt, daß von den vielen jungen Mathematikern, die er während seiner gesamten Wirkungszeit als Professor stets um sich scharte und eng in seine Forschungen einbezog, einige gerade diese Entwicklung entscheidend förderten. Zu den Schülern, die Felix Klein ab Herbst 1880 nach Leipzig folgten, gehörten so bekannte Mathematiker wie W. von Dyck (er nahm als erster die schon erwähnte Assistentenstelle ein; vgl. Abb. 12), Adolf Hurwitz (1859—1919, war zwischenzeitlich noch in Berlin), K. Rohn (er kam schon 1879 von München nach Leipzig) und die weniger bekannten wie Joseph Gierster (1854—1893) und Ernst Julius Martin Lange (1858 — ?). Ihre durch Klein noch in München angeregten Habilitationsschriften (Rohn 1879 abgeschlossen, Dyck 1881/82) bzw. Dissertationen (Hurwitz 1881 abgeschlossen, Gierster 1881, Lange 1882) reichten sie dann bei der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig ein. Sie leisteten unmittelbar (so insbesondere Dyck mit den „Gruppentheoretischen Studien" — MA Bd. 20 und 22) und auch später (wie Hurwitz z. B. mit der Arbeit ,,Über die Erzeugung der Invarianten durch Integration" — Göttinger Nachrichten 1897) ebenfalls wichtige Beiträge zur Entwicklung der Algebra. Das trifft auch für viele der Schüler zu, die zwischen 1880 und 1886 zu Klein nach Leipzig kamen. Da eine vollständige Auflistung, so interessant sie auch ist, hier zu weit führen würde, seien nur beispielsweise Fedor Eduardovic Molin (1861 — 1941, er schrieb seinen Namen damals in Deutschland ,Theodor Mollen', in Leipzig vom SS 1884 bis SS 1885)1), Eduard Study (1862 bis 1930, mit vielen Unterbrechungen von etwa 1881 bis 1888 in Leipzig)2) und Robert Fricke (1861-1930, in Leipzig vom WS 1883/84 bis SS 1885) hervorgehoben. Über Gleichungstheorie und Funktionentheorie trug Klein 1883 bis 1885 in Leipzig vor und ging dann (1885/86) in seinen Spezialseminaren zur Behandlung der hyperelliptischen und Abelschen Funktionen mittels der Formen- bzw. Invariantentheorie über. Auf die hyperelliptischen und Abelschen Funktionen war er allerdings schon im WS 1882/83 eingegangen. Dabei trifft auch für die Leipziger Zeit zu, was Aurel Voss (1845—1931) 1919 u. a. über Klein sagte: „Er besaß die Gabe, jeden seiner Schüler auf das Thema hinzuweisen, das dessen besonderer Begabung und Entwicklung entsprach. ... Im persönlichen Verkehr aber mit seinen Schülern streute er die Goldkörner seines reichen Talentes aus, unbekümmert um den Gebrauch, den sie später davon machen könnten, denn er war nicht der engherzigen Ansicht solcher, die in ihren Schülern nur spätere Konkurrenten zu sehen geneigt waren."3) x) Besonders wichtig waren in diesem Zusammenhang seine Arbeiten: 1. Über Systeme höherer complexer Zahlen, Math. Ann. 41 (1893), 83 — 156. 2. Über Invarianten der linearen Substitutionsgruppen, Sitzungsber. Kgl.-Preuß. Akad. Wiss. 1897, 1152-1156. 2) Siehe E. A. Weiss: E. Studys mathematische Schriften, Jahresber. DMV 48 (1933), 108 bis 124,211-225. 3) Voss, A.: Felix Klein als junger Doktor, Die Naturwissenschaften, Jg. 7 (1919), 286.
88 Teil III Kehren wir nun jedoch zurück zu den in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre durchgeführten Untersuchungen Kleins. Obwohl, wie R. Brauer auch für Klein formulierte, ,,teilweise mit komplizierten geometrischen Methoden"1) gearbeitet wurde, so lag aber eben gerade darin für Klein selbst eine nicht zu unterschätzende direkte Vorbereitung für die von ihm 1881/82 entdeckten wichtigen Theoreme zur Uniformisierungstheorie, also zur Theorie der Darstellung beliebiger analytischer Funktionen w = f(z) durch zwei meromorphe — eindeutig und im Endlichen ohne wesentliche Singularitäten — Funktionen z = gx(t) und w = g2(t) = f(gi(t)\ eines schlichten Gebietes der komplexen £-Ebene für jeden Punkt der Riemannschen Fläche von w = f(z). Die diesbezüglichen Veröffentlichungen Kleins findet man in den MA Bd. 19/20 und die zusammenfassende Darstellung im Bd. 21 (datiert vom 2. Oktober 1882). Welche Bedeutung bei diesen Entdeckungen seine vorangegangenen Arbeiten hatten, kommt auch in den Worten zum Ausdruck, mit denen er die näheren Umstände schilderte, unter denen er die beiden zentralen Theoreme, das Rückkehrschnitttheorem und das Grenzkreistheorem, fand: ,,Das Theorem im Bd. 19 der Math. Annalen ..., d.i. das allgemeine Rückkehrschnitttheorem, habe ich in Borkum im September 1881, als ich an meiner Schrift über Riemann (,,Über Riemanns Theorie der algebraischen Funktionen und ihrer Integrale", datiert vom 7. Oktober 1881 — Kö) ... arbeitete, während eines Spazierganges gefunden, ohne daß ich eigentlich nach einem Satz in der Richtung gesucht hätte. ... Ostern 1882 war ich zur Erholung meiner Gesundheit an die Nordsee gereist, und zwar nach Norderney. Ich wollte in Ruhe einen zweiten Teil meiner Schrift über Riemann schreiben, nämlich die Existenzbeweise für die algebraischen Funktionen auf gegebenen Riemannschen Flächen in neuer Form ausarbeiten. Ich habe es dort aber nur acht Tage lang ausgehalten, denn die Existenz war zu kümmerlich, da heftige Stürme jedes Ausgehen unmöglich machten und sich bei mir starkes Asthma einstellte. Ich beschloß, schleunigst in meine Heimat Düsseldorf überzusiedeln. In der letzten Nacht vom 22. zum 23. März, die ich wegen Asthma auf dem Sofa sitzend zubrachte, stand plötzlich um 21/2 Uhr das Grenzkreistheorem, wie es durch die Figur des Vierzehnecks in Bd. 14 der Math. Annalen (1879, „Über die Transformationen siebenter Ordnung der elliptischen Funktionen" — Kö) ... ja eigentlich schon vorgebildet war, vor mir. Am folgenden Vormittag in dem Postwagen, der damals von Norden bis Emden fuhr, durchdachte ich das, was ich gefunden hatte, noch einmal bis in alle Einzelheiten. Jetzt wußte ich, daß ich ein großes Theorem hatte. In Düsseldorf angekommen, schrieb ich es gleich zusammen, datierte es vom 27. März, schickte es an Teubner und ließ Abzüge der Korrekturen an Poincare (Henri Poincare (1854—1912) — Kö) und Schwarz und beispielsweise an Hurwitz gehen."2) In diesen Intuitionen kulminieren Kleins intensive mathematische Studien algebraischer, geometrischer und funktionentheoretischer Natur der vorausgegangenen 10 bis 15 Jahre. Auch er selbst bezeichnete diese Entdeckungen, die auf Bernhard Riemann (1826—1866) zurückgehen und zur geometrischen Funktionentheorie gerechnet werden, als die ,,besten Resultate" seiner ,,mathematischen Produktivität."3) Ein wichtiger direkter Anlaß zur Beschäftigung mit der Funktionentheorie von J) Brauer, R., a. a. O.. S. 474. 2) GA Klein, a. a. O., Bd. 3, S. 584. 3) Ebenda.
Felix Klein 89 geometrischer Seite war für Felix Klein die Berufung zum ordentlichen Professor für Geometrie an die Universität Leipzig zum WS 1880. Dazu äußerte er sich wie folgt: „Ich habe ... das Wort Geometrie nicht einseitig ... allein als Lehre von den räumlichen Objekten, sondern als eine Denkweise aufgefaßt, ... Ich habe dementsprechend meine Leipziger Professur trotz mannigfachen Widerspruchs mit einer Vorlesung über geometrische Funktionentheorie begonnen, in der ich die Gedanken, die mich in München bewegt hatten, weiterführte. Ich lebte dabei in dem glücklichen Gefühl, daß ich Riemann's funktionentheoretische Vorstellungen, deren Tragweite sich mir immer mehr erschloß, weiterbilden durfte. An diesen Arbeiten nahmen allmählich immer mehr und mehr begabte junge Mathematiker teil, die aus dem In- und Auslande nach Leipzig gekommen waren. (So außer den schon genannten u. a. Georges Brunel (1856-1900) und Guiseppe Veronese (1854-1917). Später (1882/83 bis 1885/86) zog die Kleinsche Schule in Leipzig noch so bedeutende Mathematikerpersönlichkeiten an wie Henry B. Fine (1858-1928), David Hilbert (1862-1943), Otto Holder (1859-1937), Erwin Papperitz (1857-1938) und Georg Pick (1859—1943?, ermordet im KZ Theresienstadt), um nur einige zu nennen. — Kö) Das Interesse an unserer gemeinsamen Arbeit wuchs noch stärker, als H. Poincare (damals noch ein relativ unbekannter Mathematiker, der in sehr kurzer Zeit die Riemannsche Mathematik erfaßte — Kö) in Paris, mit dem ich bald in Korrespondenz trat, vom Februar 1881 an parallellaufende Untersuchungen veröffentlichte."1) Deutlich zeigt sich hier die enge Verbindung von Lehre und Forschung bei Klein. Die genannte Vorlesung trug den Titel ,,Functionentheorie in geometrischer Behand- 1 ungsweise für Studierende mittlerer Semester''. Den ersten Teil (WS 1880/81) besucht en mehr als 74 Zuhörer und den zweiten Teil (SS 1881) mehr als 34.2) Diese Vorlesung ist inhaltlich-methodisch wie historisch von hervorragender Bedeutung. Vom ersten Teil fertigte E. Lange handschriftlich ein sogenanntes ,,Normalheft" in zwei Teilen an, das in der Bibliothek des Mathematischen Seminars zur Benutzung auslag. Diese zwei Hefte befinden sich noch heute im Besitz der Universitätsbibliothek (Zweigstelle an der Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität) in Leipzig. 1892 hatte Paul Epstein (1871—1939) nach Langes Heften eine Autographie des ersten Teiles der Vorlesung angefertigt, die jedoch niemals in den Buchhandel gelangte. Der Inhalt des zweiten Teiles (SS 1881) der Vorlesung ist übergegangen in die bereits erwähnte Schrift Kleins, bei deren Ausarbeitung er das, nicht in dieser Schrift enthaltene, Rückkehrschnitttheorem entdeckte und die mit ihrem vollständigen Titel lautet: „Über Riemanns Theorie der algebraischen Funktionen und ihrer Integrale. Eine Ergänzung der gewöhnlichen Darstellungen." Unter „Ergänzung der gewöhnlichen Darstellungen" verstand Klein die umfassende Zuhilfenahme des physikalischen Modells einer stationären Strömung, das er, ähnlich dem Ikosaeder bei den Gleichungen fünf ten Grades, zur Grundlage seiner Theorie machte. R. Cotjrant würdigte dieses Vorgehen mit den Worten: „Es ist nun Kleins erstes Verdienst, daß er die bei Riemann unsichtbar, ja vielleicht unbewußt zugrunde liegenden physikalischen Vorstellungen aus sich heraus erfaßte *) Klein, F.: Selbstbiographie. In: Göttinger Professoren (Lebensbilder aus eigener Hand), Mitteilungen des Universitätsbundes Göttingen, Göttingen 1923, Jg. 5, Heft 1, S. 20/21. 2) Siehe die Fußnote 2 auf S. 69 .
90 Teil III und souverän handhaben und weiterführen lernte. Er zog sie aus dem Dunkel hervor und hatte den Mut, sie bei seinen Veröffentlichungen geradezu zum Leitgedanken zu machen. So schuf er etwas, was man gelegentlich ... als physikalische Mathematik bezeichnet hat. Klein erzeugte sich seine Funktionen, indem er ein Stück der Ebene oder einer beliebigen Fläche mit einer leitenden Schicht bedeckt denkt und an einzelnen Stellen Pole elektrischer Batterien aufsetzt bzw. andere elektromotorische Kräfte anbringt. Der Strömungszustand, der sich einstellt, repräsentiert dann eine ganz bestimmte Funktion eines komplexen Argumentes. ... Schon bei den elliptischen Funktionen und vor allem bei den elliptischen Modulfunktionen hatte Klein, wie seine Vorgänger, erkannt, daß die geometrischen Symmetrieeigenschaften der Gebiete, welche Träger der betrachteten Strömungen sind, sich in ähnlichen Symmetrieeigenschaften der zugehörigen analytischen Funktionen widerspiegeln. Der Ausdruck einer solchen Symmetrie ist aber immer eine Gruppe, und so ist die Brücke zur Gruppentheorie geschlagen. Man braucht nur geometrische Gebiete mit neuen Symmetrieeigenschaften aufzusuchen und die zugehörigen Strömungen oder Funktionen zu betrachten, und hat die großartige Theorie der automorphen Funktionen in den Händen"1), also derjenigen Funktionen, die der Funktionalgleichung \cz + d] (a, b, c, d konstant) genügen2) und als Verallgemeinerung der elliptischen (doppeltperiodischen) Funktionen aufgefaßt werden können. So gelangte Klein zu einem der schönsten Ergebnisse in der geometrischen Funktionentheorie, nämlich der Tatsache, daß sich jede algebraische Funktion mittels automorpher Funktionen uniformisieren läßt. Und damit ist der Bogen geschlagen von der ersten Vorlesung Kleins in Leipzig zu den Arbeiten — MA Bd. 19/20/21 —, die die berühmten Uniformisierungstheoreme enthalten. Neben Paul Koebe (1882—1945)3), der um 1910/12 vollständige Beweise der Klein- schen Uniformisierungstheoreme angab, waren es besonders Ltjitzen Egberttjs Jan Brotjwer (1881 — 1966), Ludwig Bieberbach (geb. 1886) und Emil Hilb (1862—1943), die die Kleinsche Richtung der Riemannschen Funktionentheorie weiterführten.4) Klein selbst brach während seiner angestrengten Forschungsarbeit 1882/83 unter der Last der ihn in Leipzig so stark in Anspruch nehmenden studienorganisatorischen Aufgaben und Lehrverpflichtungen gesundheitlich zusammen. Zwar war Klein dem mit ihm wetteifernden Poincare bezüglich der genannten Uniformisierungstheoreme noch zuvor gekommen, doch von nun an hatte der geniale Poincare freies Feld, und so fügte er diesen Untersuchungen noch eine ganze Reihe wertvoller Resultate hinzu. In dem auf das Jahr 1882 folgenden Schaffenszeitraum bis zu seinem Tode fand *) Courant, R., a. a. O., S. 768. 2) Die Bezeichnung dieser Funktionen mit dem Begriff „automorphe Funktionen" ist erst 1890 von Klein eingeführt worden (GA Klein, a. a. O., Bd. 3, S. 577). 3) Zu Koebe vgl. den Beitrag von R. Kühnau. 4) Neben den Arbeiten der genannten Mathematiker vgl. hierzu auch: Zu den Verhandlungen betreffend automorphe Funktionen, Karlsruhe am 27. September 1911, Jahresber. DMV 21 (1912).
Felix Klein 91 Klein zu einer beispiellosen Wirksamkeit als Organisator, Lehrer und Forscher, auf deren Darstellung im hier vorgegebenen Rahmen vollständig verzichtet werden muß.1) Von 1921 bis 1923 erschienen in drei Bänden Felix Kleins „Gesammelte mathematische Abhandlungen", an deren Fertigstellung (seit 1918) Klein selbst mitwirkte. Durch die umfassenden Kommentare und Anmerkungen, die Klein hinzufügte, ist dieses in sich abgeschlossene Werk wesentlich mehr als die Summe der vielen einzelnen Arbeiten geworden. Klein sah in der Herausgabe dieses für alle Zeiten beeindruckenden Zeugnisses unermüdlichen Schaffens sein Lebenswerk vollendet. Es wird jedem Mathematiker, Mathematikhistoriker und Mathematiklehrer stets eine reiche Quelle seines wissenschaftlichen Arbeitens sein. Nach längerer Krankheit verstarb Felix Klein am späten Abend des 22. Juni 1925 in Göttingen. Der ihm nahestehende Richard Cotjrant in der Gedächtnisrede auf Klein : „Was war das Geheimnis dieser Persönlichkeit und ihrer Wirkung? Er hat die große Macht über die Menschen besessen, weil er geistige Überlegenheit verband mit einer dienenden Sachlichkeit, weil er nie etwas für sich selbst, stets alles für seine Ziele tat, weil man in der majestätischen Würde seines Wesens nie eine Spur von Eitelkeit und Selbstüberhebung herausfühlen konnte. Es fehlte ihm nicht an echtem Humor, dem Anzeichen wahrer geistiger Freiheit. Aber alles dies wird überstrahlt von dem Zauber seines Wesens, der magnetischen Kraft, mit der er jeden, auch Widerstrebende, zwang, ihm Mitarbeiter zu werden und Gefolgschaft zu leisten. Sein Leben war erfüllt von der Kraft des Denkens und dem Willen zur Tat, beide beflügelt durch eine geniale Phantasie, welche immer neue und neue Entwürfe gestaltete. ... Er war eine Künstlernatur, weniger ein Zeichner mit scharf umreißendem Stift, mehr wie ein großer Baumeister oder Plastiker, erfüllt von der Leidenschaft des Handelns, des Gestaltens. Die letzte Quelle seiner wunderbaren Kraft aber blieb die Liebe und Treue zu der Wissenschaft, auf der er sein Leben aufgebaut hat."2) *) Diesbezüglich sei insbesondere verwiesen auf die Würdigungen Kleins in: Die Naturwissenschaften, Jg. 7 (1919), und auf R. Tobies und F. König: Felix Klein. In: Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Technikerund Mediziner. Bd. 50, Leipzig 1981. 2) Courant, R., a. a. O., S. 771/772.
Carl Neumann*) Hans Salie (f) Carl Neumann (1832-1925) Der Mathematiker Carl Gottfried Neumann, der vier Jahrzehnte als ordentlicher Professor an der Universität Leipzig lehrte, war ein bedeutender Forscher auf dem Gebiete der Potentialtheorie. Sein fast hundertjähriges Leben umspannt eine Zeit, in der die Mathematik einen großen Aufschwung nahm. Er wurde am 7. Mai 1832 in Königsberg geboren als Sohn1) des Professors für Physik und Mineralogie Franz Ernst Neumann (1798—1895), des Begründers der mathematischen Physik in Deutschland. In seiner Vaterstadt erhielt er die Schulbildung, besuchte die Universität und bestand 1855 das Oberlehrerexamen. Am 29. Mai 1856 erfolgte an der Albertina die Promotion zum Dr. phil. auf Grund einer Dissertation2) über ein Problem der Mechanik, das mit hyperelliptischen Integralen gelöst wird. Seine akademischen Lehrer in Mathematik waren der Analytiker Friedrich Richelot (1808—1875), ein Schüler von Carl Gustav Jacob Jacobi (1804—1851) und der Geometer Otto Hesse (1811 — 1874). Der Vater gab ihm die Ausbildung in Physik und Mineralogie und wohl auch die Zuneigung zu physikalischmathematischem Denken. 1858 habilitierte er sich für Mathematik an der Universität Halle mit einer Arbeit aus der mathematischen Physik, die eine Theorie der magnetischen Drehung der Polarisationsebene des Lichtes zu geben versuchte.3) Im Jahre 1863 zum außerordentlichen Professor befördert, wird er im gleichen Jahr als ordentlicher Professor nach Basel berufen und 1865 nach Tübingen. Von hier kam er an die Universität Leipzig. Die Ernennung erfolgte am 17. Oktober 1868 mit der jährlich festen Besoldung von 1800 Talern.4) Am 3. November 1869 hielt er in der Aula der Universität seine Antrittsrede „Über die Prinzipien der Galilei-Newton - schen Theorie". Nach langjähriger fruchtbarer Tätigkeit als Lehrer und Forscher *) In „Bedeutende Gelehrte in Leipzig", Band II, Leipzig, KMU (1965). — Anm. d. Red. x) Seine Mutter Florentine geb. Hagen ist eine Schwägerin des Astronomen F. W. Bessel. 2) De problemate quodam mechanico, quod ad primam integralium ultraellipticorum classem revocatur. Regiomonti 1856. 3) Explicare tentatur, quomodo fiat, ut lucis planum polarisationis per vires electricas vel magneticas declinetur. Halis Sax. 1858. 4) Archiv der Universität Leipzig. Personalakte C. Neumann.
Cabl Neumann 93 wurde er auf seinen Antrag zum 1. Januar 1911 in den Ruhestand versetzt. Im Alter von fast 93 Jahren ist er am 27. März 1925 in Leipzig1) gestorben, wo er auf dem Johannisfriedhof2) begraben liegt. Während seines langen Lebens wurden ihm hohe wissenschaftliche Auszeichnungen zuteil. Er war Mitglied bedeutender gelehrter Gesellschaften, der Sächsischen Gesellschaft (jetzt Akademie) der Wissenschaften zu Leipzig (seit 22. März 1869) und der Preußischen Akademie der Wissenschaften (korrespondierendes Mitglied seit 4. Mai 1893). Er gehörte auch den Gesellschaften der Wissenschaften zu Göttingen und München an. Das Dozentenzimmer des Mathematischen Instituts ziert ein großes Bild Neumanns. Aus den Geldern, die zu seinem 70. Geburtstag im Jahre 1902 gestiftet worden waren, wurde zur Ausleihe an Studenten eine noch heute bestehende Ferienbibliothek gegründet. Carl Neumann führte ein stilles zurückgezogenes Gelehrtenleben, besonders nachdem seine Frau3) nach der elfjährigen Ehe 1875 gestorben war. Die letzte Zeit seines Lebens versorgte ihn seine Schwester Luise Neumann, die Biographin des Vaters4), den Haushalt und schuf ihm wieder ein Heim, in dem es auch Geselligkeit gab. Wenn er auch nie ein Ehrenamt an der Universität bekleidet hat, nahm er doch Anteil an wichtigen Angelegenheiten der Fakultät. Wie aus Briefen5) an den bekannten Leipziger Experimentalphysiker Otto Wiener (1862—1927) hervorgeht, zeigte er lebhaftes Interesse an der Besetzung des Lehrstuhls für Theoretische Physik im Jahre 1902. Man erfährt, daß damals die Berufung von Arnold Sommerfeld (1868—1951) nach Leipzig erwogen wurde. Interessant sind die Meinungen, die bei dieser Gelegenheit über die zukünftige Entwicklung der theoretischen Physik ausgetauscht wurden. Wiener nimmt an (1902), daß in der theoretischen Physik sehr bald wesentliche Fortschritte zu erwarten seien durch Zusammenfassen der schon vorliegenden Ergebnisse, etwa durch einen plötzlichen guten Einfall, durch geeignete Kombination des schon vorliegenden Materials. „Ich [Neumann] dagegen glaube, daß wesentliche Fortschritte nur in sehr langer Zeit zu erwarten sind, und daß dazu in erster Linie eine genaue Durcharbeitung des schon Vorhandenen erforderlich ist. Zu einer solchen wirklich exakten Durcharbeitung sind aber nach meiner Meinung gründliche mathematische Ausbildung und wirkliche mathematische Klarheit unumgänglich."6) Neumann gehörte jener Generation von Professoren an, die sich hauptsächlich ihrer wissenschaftlichen Arbeit widmen konnte. Er schreibt einmal7): ,,Mögen Sie mich in geschäftlichen Dingen möglichst bei Seite lassen. Ich bin zu wenig praktisch." Der hervorragende Gelehrte war über den engen Kreis der Mathematiker und Physiker wenig bekannt. Seine Vorlesungen zeichneten sich durch Klarheit des Vortrages aus. Heinrich Liebmann8) berichtet etwas überschwenglich: ,,In der Tat, wenn er x) Im Hause Querstr. 12, in dem er 40 Jahre wohnte. 2) Das Grab ist noch vorhanden. 3) Hermine Mathilde Elise Kloss (geb. 1844 in Berlin) lernte er im Hause des Mathematikers Eduard Heine in Halle kennen. 4) Franz Neumann. Erinnerungsblätter von seiner Tochter. Tübingen, Leipzig 1904. 5) Archiv der Universitätsbibliothek KMU. Brief an O. Wiener vom 24. 11. 1902. 6) Ebenda, Brief vom 29. 11. 1902. 7) Ebenda, Brief vom 7. 6. 1903. 8) Zur Erinnerung an Carl Neumann. Jahresbericht Deutsche Mathematiker Vereinigung 36, 175, 1927.
94 Teil III im mystischen Halbdunkel, das das Oberlicht in der Arena des amphitheatralischen Czermakianums, des damaligen mathematischen Auditoriums in der Brüderstraße, spendete, eindringlich, oft weihevoll seine tiefe Bruststimme erhob, wenn seine tiefliegenden hellen Augen aus dem von Denkerfalten durchfurchten, von wallendem Haar umrahmten würdevollen Antlitz bald in visionäre Fernen blickten, bald die Zuhörer zu voller ernster Mitarbeit zu mahnen schienen und dann wieder in stolzer Freude über einen eleganten Beweis lächelten — da erschien er schwärmerischer Jugend wohl als ein Priester hohen Wahrheitsdienstes, berufen wie keiner, zu den Pforten höchster Erkenntnis sicheres Geleit zu geben." Neumann selbst schreibt in einem Dankschreiben1) an den Dekan für die Glückwünsche anläßlich des 80. Geburtstages: „Zurückblickend auf meine nun abgeschlossene Lehrtätigkeit, erinnere ich mich gerne an die mühsamen und beschwerlichen Vorbereitungen, denen ich mich zu Anfang eines jeden Semesters (wider Willen aus meinen eigenen Arbeiten herausgerissen) für meine Vorlesungen zu unterziehen hatte, an die mehr und mehr zunehmende Spannung, mit welcher ich dem wirklichen Beginn der Vorlesungen entgegensah, und an die lebhafte Freude, die in mir entstand, wenn ich sah, daß die in meiner Vorlesung eingeschlagene Richtung sich als eine gute und erfolgreiche erwies, welche das Interesse meiner Schüler zu fesseln vermochte." Zwei Generationen von Lehrern waren zum größten Teil Schüler Neumanns. Spezialvorlesungen las er selten. Die heute üblichen Vortragsseminare, in denen Referate gegeben werden, schätzte er nicht. Vielleicht ist der Vorwurf der Einseitigkeit in der Ausbildung der Studenten, die sich vorwiegend Neumann anschlössen, nicht ganz unzutreffend. Hervorgerufen durch die Zurückgezogenheit, in der er arbeitete, hatte er auch nur wenige Schüler auf seinem Spezialgebiete, der Potentialtheorie. Unter ihnen ragen Arthur Korn (1870-1945)2) und Neumanns Neffe Ernst Richard Neumann3) (1875-1955) hervor. Neumann stand bereits vor seiner Berufung an die Universität mit Leipzig in enger Verbindung durch seine Beziehungen zur Firma B. G. Teubner, dem bekannten seit 1811 bis heute bestehenden Leipziger graphischen Betrieb. 1864 wird er durch seinen Königsberger Jugend- und Studienfreund Alfred Clebsch (1833—1872)4) auf diesen Verlag aufmerksam gemacht, und schon 1865 erscheint dort sein Buch ,,Vorlesungen über Riemanns Theorie der Abelschen Integrale", das eine große Wirkung gehabt hat, da es zum ersten Male die neuen Ideen von Bernhard Riemann (1826—1866) über mehrdeutige Funktionen einer komplexen Variablen ausführlich erläuterte und damit einem größeren Kreise von Mathematikern zugänglich machte. Neumann erweist sich hier wie in allen seinen Schriften als ein Meister anschaulicher Darstellung. Erst in einer erweiterten zweiten Auflage (1884) der ,,Vorlesungen", die als solche von ihm nie gehalten wurden, behandelt er die allgemeinen Abelschen Integrale und nicht nur die hyperelliptischen, das zugehörige Abelsche Theorem und die Lösung des Umkehrproblems. Von den 25 selbständig erschienenen Schriften und Büchern Neumanns sind nach 1868 alle bei Teubner erschienen. Außerdem war er x) Archiv der Universität Leipzig, Personalakte C. Neumann. 2) Seit 1914 o. Prof., Technische Hochschule Berlin. 3) 1908-1946 o. Prof., Universität Marburg. 4) Seit 1868 o. Prof. Universität Göttingen, vorher Universität Gießen.
Carl Neumann 95 an der Begründung einer neuen mathematischen Zeitschrift, den heute noch erscheinenden „Mathematischen Annalen", entscheidend beteiligt. Am 22. Dezember 1868 wurde von B. G. Teubner das erste Heft unter der Redaktion von A. Clebsch und C. Neumann ausgeliefert. In einem Brief1) vom 10. Juni 1868 hatte Neumann vorgeschlagen, von den beiden deutschen mathematischen Zeitschriften, dem „Journal für die reine und angewandte Mathematik"2) und der „Zeitschrift für Mathematik und Physik"3), die letztere umzugestalten oder eine neue Zeitschrift ins Leben zu rufen. Der Verlag ging den zweiten Weg. „Mancher ist gegenwärtig unwillig über die mangelhafte, langsame und schleppende Art, in welcher die den beiden Journalen übersendeten Artikel zur Publication gelangen.. ."Neumann hatte aus diesem Grunde bisher Veröffentlichungen in Gestalt von Monographien und Lehrbüchern bevorzugt. Er schreibt weiter an den Verlag: „Von dem Augenblicke an, wo Clebschs Name auf dem Titel Ihres Journales steht, werden die Schleusen geöffnet sein, welche der drängenden Flut bis jetzt sich entgegenstellen ..." Er erkannte, daß Clebsch als Wissenschaftler und Organisator der ideale neue Herausgeber sein würde. Er selbst trat bescheiden in den Hintergrund. Durch den frühzeitigen Tod von Clebsch wurde 1872 Neumann alleiniger Redakteur. Da ihm diese Aufgabe wenig zusagte, zog er sich bereits nach vier Jahren von der Redaktion ganz zurück. Auch die Zahl der von ihm in den „Mathematischen Annalen" veröffentlichten Arbeiten, die wichtige Beiträge enthalten, nahm nunmehr ständig ab. Die Mehrzahl seiner Zeitschriftenaufsätze erschien fortan in den Sitzungsberichten der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Während seiner langen Tätigkeit wirkten bedeutende Mathematiker mit ihm am Mathematischen Institut in Leipzig.4) Viele junge Gelehrte begannen innerhalb dieser Zeit hier ihre akademische Laufbahn. Als Neumann nach Leipzig kam, war gerade A. F. Möbius (1790—1868) gestorben. Gleichzeitig mit ihm wurde von der Philosophischen Fakultät der bisherige außerordentliche Professor Wilhelm Scheibner (1826—1908)5) zum ordentlichen Professor berufen, da im Jahr zuvor Moritz Dro- bisch (1802—1896) seine Professur für Mathematik mit einer für Philosophie vertauscht hatte. Von Scheibner wird berichtet, daß er seinen Zuhörern eine Fülle von Rechnungen gab und daß sein Vortrag nicht sehr fesselnd war. Dagegen führte Adolph Mayer (1839—1908), der von 1866 bis 1907 am Institut lehrte und durch wichtige Untersuchungen auf dem Gebiete der Differentialgleichungen und der Variationsrechnung bekannt ist, die Studenten in formvollendeten Vorlesungen an die neueste Literatur heran. Mehr als zwanzig Jahre gehörte dem Lehrkörper auch Karl von der Mühll6) (1841 — 1912) an, der nach seiner Habilitation 1868 von !) Friedrich Schulze, B. G. Teubner 1811-1911. Geschichte der Firma. Leipzig 1910. Faksimilie des Briefes S. 300, 301. 2) Begründet 1826 durch A. L. Crelle (1780—1855), seit 1855 bis zu seinem Tode durch K. W. Borchardt redigiert. Z. Z. erscheint der 217. Band. 3) Begründet 1856 und fortgeführt bis 1898 durch O. Schlömilch (1823 — 1901). Die Zeitschrift ist eingegangen. 4) Näheres bei M. Schwarzburger, Die Mathematikerpersönlichkeiten der Universität Leipzig 1409 bis 1945, in: Karl-Marx-Universität Leipzig, 1409 — 1959, Leipzig 1959, 1. Band, S. 350-373. 5) Bereits 1853 Privatdozent in Leipzig. 6) Seit 1889 o. Prof., Universität Basel.
96 Teil III 1872 bis 1889 als außerordentlicher Professor der mathematischen Physik in Leipzig verblieb. Nur kurz, von 1880 bis 1886, war Felix Klein (1849-1925)1) Ordinarius in Leipzig; es waren glanzvolle Jahre eigenen fruchtbaren Schaffens und segensreichen Wirkens im mathematischen Seminar. Während dieser Zeit erwarben Friedrich Schur^) (1856-1932), Walther Dyck (1856-1934)2b) und Eduard Sttjdy2c) (1862—1930) die Dozentur für Mathematik. Kleins Nachfolger als Professor der Geometrie wurde der geniale Norweger Sophtjs Lie (1842—1899), der auch in seinen Vorlesungen auf die Entwicklung seines wissenschaftlichen Programms Wert legte. Von seinen Schülern habilitierten sich in Leipzig Friedrich Engel (1861 —1941)3), der sich um das Lebenswerk von Lie besondere Verdienste erwarb, Georg Scheffers (1866-1945)4a) und Gerhard Kowalewski (1876-1950)4b). Nachdem Sophtjs Lie in seine Heimat zurückgekehrt war, wurde 1899 Otto Holder (1859—1937) berufen, ein namhafter Forscher in der Funktionentheorie, Analysis, Algebra und den Grundlagen der Mathematik. Er las mit großem pädagogischem Geschick über alle Gebiete der Mathematik. Die Studenten erzog er zu strengem logischem Denken. Seit 1905 vertrat Karl Rohn (1855—1920)5) die reine und angewandte Mathematik. Besonders hervorzuheben sind seine ausgezeichneten geometrischen Vorlesungen und seine Bücher über darstellende Geometrie. Schließlich lehrten noch Heinrich Liebmann (1874-1939)6a) und Felix Hatjsdorff (1868-1942)6b) als Privatdozenten und später als außerordentliche Professoren während Neumanns Amtszeit am Institut. Carl Neumann hat in Büchern und Nekrologen mehrfach seine Einstellung zur Mathematik und ihren Methoden gegeben. Die Gedanken lassen die Begeisterung erkennen, mit der jeder Mathematiker für seine Wissenschaft eintritt. Sie verdienen auch hier festgehalten zu werden. „Es ist ein Unglück des Mathematikers oder vielleicht auch sein Glück, daß jenes unbekannte Land (welches wir kurzweg als Wissenschaft bezeichnen) sich ins Unendliche auszudehnen scheint, und daß die ihm vorschwebenden Aufgaben, je weiter er fortschreitet, immer mehr an Umfang und Schwierigkeit zunehmen, so daß er von fortdauernder Unruhe erfüllt ist."7) ,,Bei wissenschaftlichen Forschungen pflegen spezielle Untersuchungen und allgemeine Überlegungen miteinander Hand in Hand zu gehen, indem jede spezielle Untersuchung allgemeine Überlegungen erweckt, und umgekehrt jede allgemeine Überlegung zu neuen Spezialuntersuchungen Veranlassung gibt. Auch scheint diese alternierende Methode — ich möchte sagen: diese bald mikroskopische, bald makroskopische Betrachtung des Gegenstandes — eine durchaus notwendige zu sein. Denn wer nur mit speziellen Untersuchungen beschäftigt ist, ohne zur rechten Zeit zu verallgemeinern und zu höheren Gesichtspunkten sich zu erheben, wird bald die erforderliche Orientierung verlieren, und dem Zufall preisgegeben sein; und wer umgekehrt das Spezielle verschmäht und nur im allgemeinen sich bewegen will, wird bald die Mittel zum weiteren Fortschritt sich entschwinden sehen, und von unübersteiglichen *) Dann in Göttingen. 2) Zuletzt o. Prof., a) in Breslau, b) Technische Hochschule München, c) Universität Bonn. 3) Bis 1904 in Leipzig, seit 1914 o. Prof., Universität Gießen. 4) a) von 1891 bis 1896, b) von 1899 bis 1901 in Leipzig. 5) Bereits 1879-1884 in Leipzig. 6) a) 1899-1910, b) 1895-1910 in Leipzig. 7) Archiv der Universität Leipzig. Brief an den Dekan 1912.
Carl Neumann 97 Schwierigkeiten zu erzählen haben."1) Man kann geradezu den Schlüssel zu den großen Erfolgen Neumanns in seiner Gabe erblicken, sich solche Spezialaufgaben zu stellen, deren Lösung der Ausgangspunkt zur Behandlung allgemeinerer Probleme wird. „... im Laufe der Zeit ist der Prozeß der Arbeitsteilung leider so weit fortgeschritten, daß man vom Mathematiker eigentlich nur noch mathematische und vom Physiker nur noch physikalische erwartet. Das war früher anders. Newton, Euler, die Bernoullis, Lagrange, Fourier, Cauchy, Green, Gauß, Jacobi, Dirichlet, Riemann haben nicht nur rein mathematische Arbeiten geliefert, sondern gleichzeitig auch in astronomische und optische, überhaupt in physikalische, Untersuchungen sich vertieft. Betrachtet man irgendeine Pflanze oder irgendeinen Baum, z. B. die Birke oder Eiche — so kann man sagen, die Eiche sei eine Welt für sich, sie entwickle sich nach ihren eigenen Gesetzen. — Gewiß, aber der äußerlichen Anregungen bedarf sie. Sie bedarf des nährenden Bodens, sie bedarf der sie umspülenden Luft, sie bedarf des Regens und Sonnenscheins. Ähnlich verhält es sich mit der Mathematik. Auch die Mathematik ist eine Welt für sich; auch sie entwickelt sich nach ihren eigenen Gesetzen. Aber auch sie bedarf gewisser äußerer Anregungen. Sie würde ohne solche Anregungen recht bald verflachen und verkümmern ... Die Mathematik wird von Vielen als trocken und unerquicklich angesehen. Auch wird man in der Tat nicht behaupten dürfen, daß sie zur Ergötzung müßiger Menschen angetan sei. Aber ebenso, wie der sprudelnde Quell und die wehende Luft uns Lebensbedürfnis sind, ebenso ist auch das Nachdenken über diejenigen Dinge, die wir in ihrer Gesamtheit als Mathematik zu bezeichnen pflegen, ein Lebensbedürfnis des Menschen. Dafür spricht schon das hohe Alter der mathematischen Wissenschaft, welches nach Jahrtausenden rechnet ... Dafür spricht ferner der Umstand, daß in der mathematischen Wissenschaft, wenigstens in ihren wesentlichen Teilen, kein Veralten, kein Beiseitewerfen, sondern nur größere Vertiefung und feine Durchbildung wahrzunehmen sind. Dafür spricht endlich, daß auch ihr Umfang in fortdauerndem Wachsen begriffen ist."2) Eine ausführliche Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen Neumanns ist in dem von Otto Holder verfaßten Nachruf3) enthalten. Die Arbeiten Neumanns haben fast ausschließlich die mathematische Physik zum Inhalt. Mit den grundlegenden Fragen der Mechanik hat er sich sehr eingehend beschäftigt. Er sagt einmal, daß die analytische Mechanik eine seiner Hauptvorlesungen war, auf die er seit Beginn seiner Lehrtätigkeit die allergrößte Mühe und Sorgfalt verwendet habe.4) Schriftliche Prüfungsthemen hat er ihr gern entnommen. Schon 1869 gab er einen einfachen geometrischen Beweis für den Satz der Kinematik, daß ein starrer Körper durch eine Schraubenbewegung aus einer beliebigen Anfangslage in eine beliebige andere Lage übergeführt werden kann.5) Später setzt er sich mit dem Prinzip der virtuellen Verrückungen und dem Hamiltonschen Prinzip6) auseinander. In seinen „Hydro- *) Untersuchungen über das Logarithmische und Newtonsche Potential. Leipzig 1877, S. V. 2) Nekrolog Wilhelm Scheibner, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Klasse 60, 378, 1908 (im folgenden kurz zitiert: Ber. Leipzig). 3) Beachte Fußnote 2. Ber. Leipzig 77, 154—180, 1925. Das Schriftenverzeichnis Neumanns enthält 176 Nummern. 4) Siehe die Fußnote 5 auf S. 93, Brief vom 24. 11. 1902. 5) Math. Ann. 1, 195, 1869. 6) Beachte die Fußnote 2. Ber. Leipzig 39, 1887; 40, 1888.
98 Teil III dynamischen Untersuchungen"1) behandelt er vor allem die Anwendungen der mechanischen Prinzipien, wenn der von der Flüssigkeit eingeschlossene Raum mehrfach zusammenhängend ist. Bereits in seiner Leipziger Antrittsrede2) sind ihm die Grundfragen der Galilei-Newtonschen Theorie ein zentrales Problem. Es sei hier nur hervorgehoben die Ausdehnung des Newtonschen Gravitationsgesetzes auf den unendlichen Raum, wenn er unendlich viel Masse enthält. Neumann hat als erster3) 1874 auf die hier auftretenden Schwierigkeiten aufmerksam gemacht und nachgewiesen, daß sich unter diesen Voraussetzungen für das Gesamtpotential und die gesamte Kraft sowie für den Unterschied der Kräfte in zwei unendlich nahen Punkten unendliche oder unbestimmte Werte ergeben. Will man die Unbestimmtheiten im Euklidischen Räume beseitigen, muß man die Form des Gesetzes ändern. Neumann4) schlägt 1896 für e~ar das Potential P = f • mxm^ vor. r Der Ansatz P = f • m1m2r"1-£ mit kleinem e > 0 behebt die Schwierigkeiten nicht. Die „Vorlesungen über die mechanische Theorie der Wärme" (1875), die wiederholt von ihm in Tübingen und Leipzig gehalten wurden, beruhen auf den Originalarbeiten von Carnot, Clausius, Mayer, Kirchhoff u. a. und namentlich auf den Vorträgen seines Vaters an der Königsberger Universität. Die ,,Haupt- und Brennpunkte eines Linsensystems" behandelt er 1866 in einer elementaren Darstellung, die die durch Gauss, Möbius und Bessel begründete Theorie gibt. In der Elektrodynamik setzt er sich in einer großen Zahl von Arbeiten mit dem Weberschen Gesetz auseinander. Gegenwärtig treten diese Schriften, die sich mit der Fernwirkungstheorie befassen, an Bedeutung zurück. Zur Faraday-Maxwell- schen Theorie des elektromagnetischen Feldes nimmt er eine kritische Stellung ein. Er meint: ,,Allerdings die Kräfte in distans fallen fort. Aber an Stelle dieser treten andere Grund Vorstellungen von noch viel höherer Transzendenz".5) Es steht natürlich dahin, ob Gedanken auch aus diesen Arbeiten in Zukunft wirksam werden können. „Eine befriedigende Theorie der elektrischen Erscheinungen zu finden, ist vielleicht eine Aufgabe für Jahrhunderte."6) Die bedeutendsten Leistungen Neumanns gehören der Potentialtheorie an, in der er bahnbrechende Untersuchungen über Randwertaufgaben gab. Es ist hier nicht möglich, einen genaueren Überblick über die überaus große Zahl von Abhandlungen zu geben. Daher soll vornehmlich über die Probleme und Entwicklungen auf diesem Gebiete berichtet werden, die heute mit Neumanns Namen verknüpft sind. Bekanntlich genügt das Newtonsche Potential U(x, y, z) im Auf punkte P(x, y, z), u-fftt<- T x) Leipzig, Teubner 1883. 2) Leipzig, Teubner 1870. 3) Beachte die Fußnote 2 auf S. 97. Ber. Leipzig 26, 97, 1874. 4) Allgemeine Untersuchungen über das Newtonsche Prinzip der Fernwirkungen. Leipzig, Teubner1896. 5) Beachte die Fußnote 2 auf S. 97. Ber. Leipzig 49, 612, 1897. 6) Die elektrischen Kräfte, 1. Teil, Leipzig, Teubner 1873, S. XI.
Carl Neumann 99 erstreckt über ein beschränktes räumliches Gebiet T mit kontinuierlich ausgebreiteter Masse, dessen Begrenzung eine geschlossene Jordansche Fläche ist, der Differentialgleichung .TJ d2U d2U , d2U _ A U = 1 [- = 0 oder —4mq, dx2 dy2 dz2 je nachdem der Aufpunkt P außerhalb oder innerhalb T liegt. Dabei ist q die Dichtefunktion, r = ]/(# — |)2 + (y — rj)2 + (z — C)2 und dr = dtjdrjdt das Raumelement. Neumann1) hat 1861 der Funktion ■IM- q da) den Namen Logarithmisches Potential gegeben. T bezeichnet jetzt ein beschränktes ebenes Gebiet, das kontinuierlich mit Masse belegt ist, mit einer Jordankurve als Begrenzung, dco ist das Flächenelement, q die Dichte. Es gilt &V d2V 1 = 0 oder —2tzq. dx2 dy2 Aus der theoretischen Physik sind nun Randwertaufgaben hervorgegangen. Die erste, auch Dirichletsches Problem genannt, verlangt, eine in T reguläre, in T einschließlich 8 stetige Lösung u von Au = 0 zu bestimmen, welche auf 8 die vorgeschriebenen stetigen Werte / annimmt. Unter T soll wieder ein beschränktes räumliches Gebiet und unter der Begrenzung 8 eine geschlossene Fläche mit im allgemeinen stetiger Normale verstanden werden. Die zweite Randwertaufgabe, die heute Neumannsches Problem heißt, lautet: Es ist eine in T reguläre, bei Annäherung an 8 nebst ihrer Normalableitung stetige Lösung u von Au = 0 zu bestimmen, deren Normalableitung du — auf 8 die vorgeschriebenen Werte / annimmt. In der Theorie des logarithmischen dn Potentials bestehen entsprechende Randwertaufgaben. Für die Lösung der Randwertprobleme verwendete Neumann die von ihm erson- nene sogenannte Methode des arithmetischen Mittels, die er zuerst ohne Konvergenzbeweis im Jahre 1870 skizzierte.2) In den „Untersuchungen über das Logarithmische und Newtonsche Potential" legte er 1877 ein Buch vor, in dem er seine Methode ausführlich darstellte. Wir müssen bedenken, daß damals ,,die Theorie des Potentials als eine im Werden und Wachsen begriffene Disziplin anzusehen ist"3). ,,Mein Bestreben in dem ganzen Werk ist weniger darauf gerichtet gewesen, einen möglichst hohen Grad von Strenge wirklich zu erreichen, als vielmehr darauf, diejenigen Wege einzuschlagen, auf denen man, bei Hinzufügung geeigneter Einschränkungen, einen möglichst hohen Grad von Strenge zu erreichen im Stande ist."4) Die Methode ging hervor aus dem Studium der Theorie der Doppelbelegungen und liefert sowohl eine J) J. reine u. angew. Math. 59, 335, 1861. 2) Beachte die Fußnote 2 auf S. 97. Ber. Leipzig 22, 49f., 264f., 1870. 3) Siehe Fußnote 1 auf S. 97: S. VII. 4) Siehe Fußnote 1 auf S. 97: S. X. Derselbe Gedanke ist auch im Vorwort der 2. Aufl. (1884) der „Vorlesungen über die Riemannsche Theorie der Abelschen Integrale" ausgesprochen worden.
100 Teil III Lösung der ersten als auch der zweiten Randwertaufgabe. Der Begriff des Potentials W einer Doppelschicht stammt von H. Helmholtz.1) Ohne auf die physikalische Bedeutung einzugehen, werde W durch s s eingeführt. Dabei heißt ju das Moment der Doppelschicht. Integriert wird über eine überall mit stetiger Normale versehene Flächet. 1/r wird in Richtung der Normalen n abgeleitet, und (r, n) ist der Winkel, den die Richtung r mit der positiven Normalen bildet. Neumann hat nun in seinem Buch eine neue gründliche Untersuchung von W gegeben und gezeigt, daß W als Funktion der rechtwinkligen Koordinaten von P der Laplaceschen Differentialgleichung genügt und daß W beim Durchgange des Aufpunktes P durch S eine sprunghafte Unstetigkeit, nämlich ±4^//, aufweist. Die Methode des arithmetischen Mittels, die für konvexe und nicht „zweisternige" (nicht aus zwei Kegelmänteln zusammengesetzte) Bereiche gültig sind, kann hier nicht formelmäßig dargestellt werden. Sie liefert einen konvergenten Prozeß, in den eine nur vom Bereich abhängige Konfigurationskonstante eingeht, die notwendig < 1 sein muß. Der Vorteil der Lösung der Randwertprobleme durch die Neumannsche Methode besteht darin, daß sie weitgehende Schlüsse über das Verhalten partieller Ableitungen der Lösung am Rande zuläßt.2) Neumann glaubte aber zu Unrecht, daß sie „einen Ersatz gewährt für das so schöne und dereinst so viel benutzte, jetzt aber wohl für immer dahingesunkene Dirichletsche Prinzip".3) Es hat einer langen Reihe von Untersuchungen bedurft, bis die Konvergenz der bei Neumann auftretenden Reihen und damit die Anwendbarkeit der Methode für Bereiche von hinreichend allgemeiner Natur sichergestellt war. Bekanntlich ist das Neumannsche Problem durch H. Poincare verallgemeinert worden, der dabei auf eine Reihe nach Potenzen eines Parameters kam, die heute allgemein als Neumannsche Reihe bezeichnet wird, bei Neumann aber gar nicht auftritt. Letztlich ist diese Namensgebung ebensowenig berechtigt wie die Bezeichnung Neumannsche Reihe einer Matrix A für E + A + A2 + ^43 + • • • • Bemerkenswert ist, daß die Neumann-Poincaresche Verallgemeinerung I. Fredholm zu seiner berühmten Theorie der Integralgleichungen führte. Neumann hat seine Methode auch auf die Gleichung Afp = oc2<p übertragen4) und in sehr vielen Abhandlungen weitere spezielle und allgemeine Aufgaben der Potentialtheorie behandelt, u. zw. sowohl im Dreidimensionalen als auch im Zweidimensionalen bei Gegenüberstellung der entsprechenden Sätze.5) !) Ann. Physik Chem. 89, 1853. 2) Über die Methode des arithmetischen Mittels I, II. Abh. Sachs. Ges. Wiss. XIII, 1887; XIV, 1888. 3) Siehe Fußnote 2: XIII, 707, 1887. 4) Siehe Fußnote 4 auf S. 98. 5) Bei der Lösung des Neumannschen Problems tritt eine Funktion auf, die oft als Neumannsche Funktion bezeichnet wird. Sie spielt dieselbe Rolle wie die Greensche Funktion beim Dirichletschen Problem.
Carl Neumann 101 Mit der Potentialtheorie in engem Zusammenhang stehen Reihenentwicklungen nach Kreis-, Kugel- und Zylinderfunktionen. Neumann hat sich eingehend mit ihnen beschäftigt. 1867 liegt bereits eine Monographie „Theorie der Besselschen Funktionen, ein Analogon zur Theorie der Kugelfunktionen" vor, die den Cauchyschen Integralsatz zum Ausgangspunkt nahm. Ihr läßt er seine Schrift1) folgen, in der die bisher vernachlässigten Konvergenzuntersuchungen aller der genannten Reihenentwicklungen mit Hilfe des zweiten Mittelwertsatzes der Integralrechnung geführt werden. Die bei ihm auftretenden Polynome On(z) und ün(z) heißen heute Neumannsche Polynome. Die On(z) entstehen, wenn man (z — C)-1 nach den Besselschen Funktionen Jn(C) entwickelt. Sie sind in z'1 vom Grade n + 1- Es gilt für |f | > \z\ oo (z-~0-1=UenOn(z)Jn(t:), (1) n = 0 in der die Koeffizienten en = 1 oder 2 sind, je nachdem n = 0 oder n > 0 ist. Die en werden allgemein Neumannsche Zahlen genannt. Mit ün(z) bezeichnet Neumann die Polynome in z-1, die in 1 °° -r = E e.ß.(«) («UO)2. Ifl < 1*1 2 — C n = 0 entstehen. Die Entwicklung (1) ordnet sich den Reihen der allgemeineren Gestalt oo U anJk+n(t) n = 0 unter, die als sogenannte Neumannsche Reihen in der Literatur eingehend untersucht wurden. Carl Neumann schuf durch Fleiß und Ideenreichtum ein eindrucksvolles wissenschaftliches Lebenswerk, das Ergebnisse von dauerndem Wert enthält. Unsere Universität hat Anlaß, der großen wissenschaftlichen und pädagogischen Verdienste dieses ausgezeichneten Gelehrten dankbar zu gedenken. x) Über die nach Kreis-, Kugel- und Zylinderfunktionen fortschreitenden Entwicklungen. Leipzig, Teubner 1881.
Adolph Mayer und die Variationsrechnung Rolf Klötzler (Leipzig) Adolph Mayer (1839-1908) Der Rückblick auf die 100jährige Geschichte des Mathematischen Seminars an der Universität Leipzig lenkt unsere Aufmerksamkeit auf jene Persönlichkeiten, die an der Gründung und Leitung desselben wesentlichen Anteil hatten: die Professoren Wilhelm Scheibner, Carl Neumann, Felix Klein und Adolph Mayer. Sie haben durch ihre Lehr- und Forschungstätigkeit Schwerpunkte in der mathematischen Arbeit der Leipziger Universität gesetzt, die noch heute neben einer Vielzahl neu hinzugekommener „moderner" mathematischer Disziplinen profilbestimmend sind. Zu diesen Schwerpunkten zählt die Variationsrechnung, deren Pflege an diesem Ort in erster Linie mit dem Wirken Christian Gustav Adolph Mayers ihren Anfang nahm. Dieser hatte als gebürtiger Leipziger (geb. 15. 2. 1839) und Sohn einer Kaufmannsfamilie 1857 ein Studium der Mathematik und Naturwissenschaften zunächst an der Universität Heidelberg begonnen, 1858 in Göttingen ^fortgesetzt und 1859 bis 1861 in Heidelberg beendet mit einer Promotion unter Otto Hesse. Unter dem Einfluß dieses analytischen Geometers und exzellenten Hochschullehrers wandte sich A. Mayer nunmehr ganz der Mathematik und speziell analytischen Methoden zu. Er verblieb nach einem Zwischensemester an der Leipziger Universität ein weiteres Jahr bei seinem Lehrer in Heidelberg, dessen mathematische Sorgfalt und meisterhafte Vortragsweise er sich zu eigen machte. Von ihm erwarb A. Mayer erste Anregungen zur Variationsrechnung, indem O. Hesse beispielgebend die Aufmerksamkeit auf eine sorgfältige Fundierung und Ausarbeitung grundlegender Ergebnisse von C. G. Jacobi richtete. Weitere Anregungen zu einer intensiven Beschäftigung mit der Variationsrechnung und analytischen Mechanik erfuhr A. Mayer bei einem Zusatzstudium (1862—65) an der Universität Königsberg durch Vorlesungen und Seminare von Franz Neumann und Friedrich Richelot. Letzterer, ein Schüler C. G. Jacobis, hielt im Wintersemester 1864/65 eine zum Teil schwierige Vorlesung über Variationsrechnung, die gerade wegen ihres unvollkommenen Charakters A. Mayer zur Erarbeitung einer einschlägigen Habilitationsschrift veranlaßte. Mit ihr erwarb er sich unter dem Titel „Theorie der Maxima und Minima der einfachen Integrale " 1866 an der Universität Leipzig die venia legendi. Bereits ab 1865 wirkte er hier als junger Privatdozent, bis er 1872 zum außerordentlichen Professor ernannt :. ^
Adolph Mayer und die Variationsrechnung 103 wurde. Mit der Gründung des Mathematischen Seminars wurde A. Mayer an der gleichen Universität 1881 zum ordentlichen Honorarprofessor berufen und ein Jahr später zum Mitdirektor ernannt. Er hielt trotz auswärtiger Berufungsangebote bis zu seinem Lebensende der Leipziger Universität die Treue. 1890 wurde er hier Ordinarius; im gleichen Jahre mußte er sich jedoch aus gesundheitlichen Gründen von seinen Funktionen beurlauben lassen. Seine wissenschaftlichen Arbeiten hat A. Mayer dennoch weitergeführt, ebenso seine Vorlesungstätigkeit. Am 11. 4. 1908 erlag er während eines Genesungsaufenthaltes in Gries bei Bozen seiner Krankheit. Er war Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig und in Göttingen, der Turiner Akademie und der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie der Naturforscher. Große Verdienste erwarb sich A. Mayer auch als Mitherausgeber der 1868 von A. Clebsch und Carl Neumann gegründeten „Mathematischen Annalen". Die Grundzüge seines wissenschaftlichen Wesens wollen wir uns aus berufenem Munde von Fachkollegen A. Mayers aus seiner Zeit in einigen Zitaten wiedergeben lassen. In einer Rede vor der Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig [10] sagte Otto Holder in Würdigung A. Mayers: „Es lag in seiner Natur, daß er nur bei der gewissenhaftesten Durchführung seiner Arbeit Befriedigung empfand, und so hat er von Anfang an nach Exaktheit und Vollständigkeit gestrebt und stets nach den Ausnahmen der ,im allgemeinen' geltenden Sätze gesucht. War er von einer mehr formal eleganten analytischen Richtung ausgegangen, so entwickelte er sich nach der strengeren Seite hin, indem er mehr und mehr dazu kam, Annahmen, die er früher ohne weiteres zugelassen hatte, zu beweisen. Er war aber nicht geneigt, durch solche Anforderungen der Strenge sich zu sehr aufhalten zu lassen; nicht überall ging er auf die Grundlagen der Analysis zurück, und er hat es öfters ausgesprochen, daß Annahmen nichts schaden, wenn sie nicht stillschweigend gemacht werden. Fand er an einer seiner Arbeiten etwas zu verbessern, so hob er ausdrücklich hervor, was ihm an seinem früheren Standpunkte nicht mehr genügte. Seinem aufrichtigen und bescheidenen Charakter wurde dieses Zugeständnis nicht schwer." Von der Mühll, Basel, schreibt als Mitherausgeber der Mathematischen Annalen über A. Mayer:1) „Seine Zuhörer hat er gefördert, wie er konnte, sie zu weiterem Forschen angeregt und ihnen auch für auswärtige Studien den Weg geöffnet. Seinen Kollegen war er der treuste Freund; für die Vertretung der Mathematik an der Leipziger Universität hat er in der uneigennützigsten Weise gewirkt, und wenn es galt, eine auswärtige Kraft zu gewinnen, so war ihm keine Mühe und kein persönliches Opfer zu groß. Mit der vollendeten Liebenswürdigkeit, die ihm eigen war, hat er die Herberufenen in seinem Hause2) aufgenommen, sie in die Leipziger Kreise eingeführt und alles aufgeboten, ihnen die neue Heimat lieb zu machen. Er fühlte sich reich belohnt, wenn es gelang, den neuen Kollegen ganz für Leipzig zu gewinnen; er hat auch in schweren Tagen treulich beigestanden." *) Vgl. [25]. 2) Bis 1900 Leipzig, Königstraße 1, danach Roßplatz 14.
104 Teil III Hauptgegenstand des 56 Veröffentlichungen umfassenden wissenschaftlichen Werkes von A. Mayer sind für ihn zeitlebens die Variationsrechnung und verwandte Probleme zur Mechanik und zur Theorie partieller Differentialgleichungen erster Ordnung gewesen. Innerhalb der Variationsrechnung hat A. Mayer in kritischer Sichtung klassischer Resultate von Euler, Lagrange, Jacobi u. a. grundlegende Beiträge geleistet, die sich auf folgende drei Themenkreise konzentrieren: I. Die Reduktion der zweiten Variation von Lagrange-Problemen einfacher Integrale auf eine möglichst einfache Normalform nebst Herleitung notwendiger und hinreichender Optimalitätskriterien nach dem Vorbilde von C. G. Jacobi. IL Die Rechtfertigung der Euler-Lagrangeschen Multiplikatorenmethode zu Variationsproblemen einfacher Integrale unter Nebenbedingungen in der Gestalt von Differentialgleichungen. III. Die Erweiterung des Hilbertschen Unabhängigkeitssatzes auf Lagrange-Pro- bleme. Themenkreis I A. Mayers Hauptwerk zu diesem Gegenstand ist seine schon oben erwähnte Habilitationsschrift [15] von 1866, ihr schließen sich in Nachfolge Jahren mehrere Ergänzungsveröffentlichungen [16, 17] an. In enger wissenschaftlicher Beziehung stehend zu dem in Göttingen wirkenden und früh verstorbenen A. Clebsch, behandelt A. Mayer in dieser Habilitationsschrift Variationsprobleme des Typs f F(xy y(x), y'{x)} dx -> Min (la) bezüglich aller Vektorfunktionen y = (ylf ..., yn) auf [x0, xj, die den Festrandbedingungen y(zo) = <*> y(*i) = & (lb) und m < n Differentialgleichungen <Px(x, y(x), */») = 0 (* = 1, ..., m) (1 c) genügen. Mayer stellt sich hier noch auf den verbreiteten Standpunkt seiner Zeit, stillschweigend alle im Problem (1) auftretenden Funktionen als „genügend oft" differenzierbar vorauszusetzen und für eine Lösung y° des sogenannten Lagrange-Pro- blems (1) die Gültigkeit der Lagrangeschen Multiplikatorenregel allgemein anzuerkennen. Danach existieren zu y° Lagrangesche Multiplikatoren Äx(x) (x = 1, ..., m), mit denen y° unter Verwendung von Q(x, y, y', X) := F(x, y, y') + Ax<px(x, y, y') als Lagrange-Funktion dem System der Lagrange-Gleichungen —*L = Q (t = l,...,n) auf [x0fXl] (2) dx nebst (lb) und (lc) genügt. Daran knüpft A. Mayer umgekehrt die zentrale Fragestellung an, wann eine Lösung y° von (2), (lb), (lc) — eine sogenannte Extremale — in der Tat Lösung von
Adolph Mayer und die Variationsrechnung 105 (1) oder keine Lösung dieses Variationsproblems ist. Nach dem Vorbild der Extremwertaufgaben der Differentialrechnung diskutiert A. Mayer dazu die Eigenschaften der zugeordneten zweiten Variation ö*J(yQ;z,ju) := j Q2 dx mit Xo d2ü(x, y° + ezy y°f + ez'9 X + e/i) Q* de2 (3a) bezüglich aller stetig differenzierbaren Vektorfunktionen z = (zl9 ..., zn) und fjL = (/jlu ..., jum) auf [x0, xx\ die die Randbedingungen z(x0) = z(xx) = 0 (3b) und Nebenbedingungen tp^(x, y», y»') Z} = 0 (* = 1, ..., m) (3c) befriedigen. In kluger Verallgemeinerung einer Transformationsmethode von A. Clebsch und Verwendung einer Idee von R. Lipschitz formt Mayer d2J um mittels beliebiger vollständiger Integrale y = r)(x, clf ..., c2n), X = %{x9 clf ..., c2n) des Systems (2), (lc), deren „Vollständigkeit" darin besteht, daß sich die 2n unabhängigen Parameter cl9 ..., c2n eindeutig mittels der Randbedingungen (lb) durch die parametrisch aufgefaßten Randwerte a und b ausdrücken lassen. Das Resultat dieser Umformung lautet in etwas freier Wiedergabe Ö*J = 1 f ü2y.y.(x, y<>, y<", A) U, dx (4) mittels geeigneter mittelbarer Funktionen £i(x, z, z', //), welche für alle zulässigen z und [jl von (3) selber den Nebenbedingungen (3c) genügen, sofern für alle x € (x0, xt] die May ersehe Determinante ^ 3(?h(so,c), ...,r)n(x0, c); rj^x, c), ...9rjn(x9c)) 4= 0 (5) c=c° d(cl9 ..., c2n) ist.1) Durch die glückliche Idee der Einführung dieser Determinante vermochte Mayer nunmehr sehr leicht ein klassisches Resultat von Jacobi zu verallgemeinern, das dieser für Problem (1) nur im Spezialfall n = 1 und ohne Nebenbedingungen (lc) bewies. Es lautet: Satz 1 (Hinreichendes Jacobisches Kriterium). Ist längs einer Lösung y°, X von (2), (lb), (lc) die Bedingung (5) und die verschärfte L,ege?idre-Clebsch-Bedingung der positiven Definitheit der quadratischen Form Q^y^y»'^)^ l (6) für alle f <E Bn mit yxyj{x, y°, y0') f;- = 0 (* = 1, ..., m) j erfüllt, so ist die zweite Variation (3 a) für alle zulässigen z ^ 0 und /u von (3) stets positiv. x) Dabei ist c° durch die Bedingung y° = r?(-, c°) festgelegt.
106 Teil III Andererseits zeigte A. Mayer den nachfolgenden Satz 2. Besitzt die May ersehe Determinante A(x0, x) in (x0, xj eine isolierte Nullstelle, so kann der Wert der zweiten Variation (3a) mit geeigneten zulässigen z =\=0 und n von (3) zu Null gemacht werden. Die erste Nullstelle der Mayerschen Determinante rechts von x0 aus gesehen nennt man heute nach Weierstrass den (rechten) konjugierten Punkt von x0, so daß A. Mayer mit den Sätzen 1 und 2 über die ersten Anfänge von C. G. Jacobi hinaus eigentlich die Theorie der konjugierten Punkte begründet hat, welche später (1897) von A. Kneser durch eine geometrische Interpretation bereichert wurde (vgl. dazu insbesondere [12]). Bemerkenswert ist jedoch, daß in vielen neueren Darstellungen der Variationsrechnung die Mayersche Determinante ungerechtfertigt kaum noch Erwähnung findet, indem in den Sätzen 1 und 2 ganz spezielle „ausgezeichnete" Extremalscharen r)(x, cl9 ..., c2n) mit rj(x0,cl9 ...,c2n) = ci+n (i = 1, ...,w) zum Einsatz kommen, für die sich die Mayersche Determinante /1 (x0, x) auf D(Xy c0) = 8(m(*,c),...,yn(x,c)) I d(cl9...,cn) \c=c» reduziert. Freilich sind aus heutiger Sicht Mayers damalige weiterführende Schlüsse aus den Sätzen 1 und 2 als unstreng anzusehen. So folgerte er (wie viele seiner Zeitgenossen) aus der Gültigkeit von Satz 1, daß y° unter den Bedingungen dieses Satzes das Minimum von (1) liefert. Aus dem Satz 2 schloß Mayer, daß y° kein Minimum zu (1) liefert, wenn die Mayersche Determinante (5) in (x0, xx) eine isolierte Nullstelle besitzt. — Beide Aussagen sind erst einige Jahre später durch L. Scheeffer, K. Weierstrass und A. Kneser bzw. durch A. Kneser und L. Tonelli korrekt begründet worden über eine Einschränkung des Minimumbegriffs im Sinne eines relativen Minimums in der Metrik des O1^, xx] (d. h. im Sinne eines „schwachen" Minimums). Offen ließ A. Mayer auch die Frage, wie über die Minimaleigenschaft von y° zu entscheiden ist, wenn A(x0, x) identisch Null ist. Dieses Problem wurde erst in späteren Arbeiten besonders von C. Caratheodory 1932 durch Einführung des Klassenbegriffs von Lagrange-Problemen geklärt (vgl. [4]); er gestattet, die Sätze 1 und 2 über Ranguntersuchungen zur Matrix der Mayerschen Determinante abzuwandeln. Nach einer Phase intensiver Beschäftigung mit der Integrationstheorie partieller Differentialgleichungen erster Ordnung, aus der sich bis in unsere heutige Zeit der Begriff der Mayerschen Integrationstheorie eines Systems totaler Differentialgleichungen erhalten hat, griff A. Mayer nach einem Jahrzehnt erneut diesen Themenkreis I auf, indem er ihn 1878 mit [17] auf eine sehr allgemeine Klasse von Variationsproblemen erweiterte. Die Anregungen dazu stammen letztlich sogar noch aus Mayers Königsberger Studienzeit, den Typus dieser Problemklassen bezeichnen wir heute als Mayersche Probleme. Wir verstehen darunter folgende Fragestellung: Bestimme n Funktionen ylf ...,yn auf [#o> xi] so> daß sie unter den Nebenbedingungen <px(x, y, y') = 0 (x = 1, ...,m < n) (7)
Adolph Mayer und die Variationsrechnung 107 und Randbedingungen yi(x0) = ai (t = 1, ...,w), Vf(x1) = bj (j = 2, ...,w) der Optimalitätsf orderung yi{xx) -> Jfm genügen. A. Mayer hat mit diesen Untersuchungen zugleich ein Vorbild zur heutigen Steuerungstheorie geschaffen, wenngleich auch seine Beweismethoden noch an dem Lagrangeschen Variationsbegriff festhalten (im Gegensatz zu den heute üblichen ,,Nadelvariationen") und bedenkenlos an der Gültigkeit der Lagrangeschen Multiplikatorenregel. Diese verwendend, erkennt Mayer die auffallende Symmetrie zugeordneter notwendiger Optimalitätsbedingungen, die sich für eine optimale Lösung y° mit zugeordneten Lagrangeschen Multiplikatoren Xx(x) in Gestalt der Mayerschen Differentialgleichungen K{x) ?„,(*, y°, y°f) - £ (K(x) cp^ix, y«, y«')) = 0 (j= 1, ..., n) (8) äußern. Aus ihnen wird unmittelbar der allgemeine Mayer sehe Reziprozitätssatz erkennbar, daß die gleichen notwendigen Bedingungen (8) gelten müssen, wenn man in der Aufgabenstellung (7) die zu minimierende Funktion yx (an der Stelle xx) durch irgendeine andere der Funktionen y2i ..., yn ersetzt. Schließlich verdienen in diesem Zusammenhang auch jene Bemühungen Mayers eine Würdigung, die sich auf Variationsprobleme (1) mit freien oder teilweise freien Randwerten der y beziehen. Mayer erkannte mit der Arbeit [18] die Zweckmäßigkeit, Variationsprobleme mit freien Randwerten zunächst als Variationsprobleme mit parametrisch festen Randwerten zu studieren und anschließend durch Variieren der Randwerte weitere Diskussionen über die Integralwertfunktion mittels Methoden der Differentialrechnung zu führen. In einer zweiten Arbeit dazu [22] hat Mayer gegenüber einer Kritik von Erdmann seine Herangehensweise durch Vergleichsrechnungen voll gerechtfertigt. Themenkreis II Im Jahre 1885 hat sich A. Mayer mit der Publikation [19] kritisch zu eigenen Schlüssen und zu Beweisen von Lagrange hinsichtlich der Lagrangeschen Multiplikatorenregel geäußert. Mayer erkannte, daß die Notwendigkeit der Bedingung (2) als Optimalitätsbedingung für eine Lösung y° von Problem (1) ernstlich in Frage zu stellen ist, da die bislang als Beweisgrundlage akzeptierten Vorlagen von Lagrange mittels Störungen („Variationen") von y° operierten, die gar nicht mehr die Randbedingungen (lb) erfüllen. Aus Diskussionen mit L. Scheeffer heraus und Anknüpfungen an dessen Untersuchungen über isoperimetrische Probleme entwickelte Mayer einen neuen Beweis der Lagrangeschen Multiplikatorenregel (2), den er nachfolgend auch auf die oben erwähnten Mayerschen Probleme in Gestalt der Bedingungen (8) erweiterte. Dieser Beweis überwindet in der Tat den oben erwähnten Fehlschluß von Lagrange, unterläßt jedoch die notwendige Erörterung der weiteren Frage, ob die verwendeten Variationen tatsächlich existieren. Deshalb ist eine endgültige korrekte Beweisführung der Lagrangeschen Multiplikatorenregel zu (1) erst A. Kneser 1900 [12], D. Hilbert 1905 [8], 0. Bolza 1907 [2] und G. A. Bliss 1930 [1] in verschiedenen Graden der Verallgemeinerung zuzuschreiben. A. Mayer hat seine Vorlesungen über Variationsrechnung in der Regel mit einem
108 Teil III Kapitel über ,,die Theorie des gewöhnlichen Maximums und Minimums" — gemeint sind Extrema von Funktionen — eingeleitet. Dazu gehörte auch die Fundierung der Lagrangeschen Multiplikatorenregel für Extrema von Funktionen mehrerer Variabler unter Nebenbedingungen. Historisch verdient dabei die Tatsache besondere Erwähnung, daß Mayer auch Nebenbedingungen in der Gestalt von Ungleichungsrestriktionen y>i(xlf ..., xn) ^ 0 (i = 1, ..., m < n) (9) in seine Untersuchungen einbezog (vgl. etwa [20]). Er bediente sich dabei des Tricks (der später 1936 von F. A. Valentine für Lagrange-Probleme wieder aufgegriffen wurde [26]), die Restriktionen (9) durch die äquivalenten Gleichungsrestriktionen z? — y>i(xi> • • • > xn) = 0 (i = 1, ..., m) mittels Einführung zusätzlicher reeller Variablen z-t zu ersetzen. Resultat seiner Untersuchungen sind notwendige Optimalitäts- bedingungen, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Namen „Kuhn-Tucker- Bedingungen" eine zentrale Rolle in der Optimierungstheorie gewonnen haben. Themenkreis III A. Mayer hat sich stets bemüht, auf seinem Interessengebiet grundlegende Ideen anderer Mathematiker kennenzulernen und in sein engeres Schaffen einzubeziehen. Gerade deshalb hat Mayer sein großes Bedauern häufig darüber zum Ausdruck gebracht, die Ergebnisse und Methoden des Berliners Karl Weierstrass zur Variationsrechnung nicht in gedruckter Form einsehen zu können. Lediglich für 24 Stunden stand A. Mayer einmal eine Nachschrift zu Weierstrass' Vorlesungen zur Verfügung; diese flüchtigen Kontakte haben freilich nicht Mayers Arbeiten enger mit denen von Weierstrass verbinden können, wenn man davon absieht, daß Mayer in späteren Jahren recht wohl die Weierstraßsche (S-Funktion einzusetzen wußte. Als jedoch 1900 David Hilbert seinen grundlegenden Vortrag über „Mathematische Probleme" veröffentlichte [7], erkannte A. Mayer sofort die hohe Bedeutung dieses Beitrags für unser Wissenschaftsgebiet. Trotz seines angegriffenen Gesundheitszustandes entwickelte A. Mayer in zwei Arbeiten [23] und [24] der Jahre 1903 und 1905 zwei ergänzende Untersuchungen zum 23. Problem von D. Hilbert. Zu deren Erläuterung sei vorausgeschickt, daß D. Hilbert mit dem 23. Problem für den einfachsten Fall der Aufgabe (1) zu einer abhängigen Variablen ohne Nebenbedingungen (1 c) folgende Aufgabe gestellt und konstruktiv gelöst hatte: Wie ist die Funktion p(x, y) zu wählen, damit dco := [F(x, y, p) - pFy\x, y, p)] dx + Fy,(x, y, p) dy (10) ein totales Differential darstellt, so daß also das Integral über die Differentialform (10) wegunabhängig ist? A. Mayer erweiterte diese Fragestellung in Anlehnung an (1) auf die Aufgabe: Wie sind den Nebenbedingungen (px(x, y, p) = 0 (x = 1, ..., m) genügende Funktionen Pi(x, y) (i = 1, ..., n) und Xx(x, y) (x = 1, ..., m) zu wählen, damit dco := [ü(x, y, p, X) — Pi&yi>(x, y, p, X)] dx + Qyi>(x, y, p, X) dy{ (11) ein totales Differential darstellt ?
Adolph Mayer und die Variationsrechnung 109 Die Beantwortung dieser Frage führt A. Mayer in der ersten Arbeit [23] über „ausgezeichnete" Extremalenscharen (im Sinne der Nachfolgebemerkungen zu Satz 2) aus bei festgehaltenen ci+n = c°+n (i = 1, ..., n). Unter der Voraussetzung, daß die so erzeugte w-parametrige Extremalenschar innerhalb eines gewissen Gebietes G die Bedingung D(x, c) 4= 0 erfüllt, also ein sogenanntes Extremalenfeld bildet, löst A. Mayer die Gleichungen y{ = rjiix.c) (i= 1, ...,w) nach den verbliebenen freien Parametern cl9 ..., c„ auf in der Gestalt c;- = gfa, y) (j = 1, ...,/&). Mayer zeigt, daß sich damit innerhalb eines gewissen Existenzgebietes 93 die gesuchten Funktionen fpl und Xx durch Pi(z, y) := *?«*(*, gip> y)), Kfa y) := %*[x> g(*> y)) angeben lassen; das zugeordnete Gebiet 93 wird besonders in der englischen Literatur oft als ein Mayer-Feld bezeichnet (vgl. beispielsweise M. R. Hestenes [6], S. 136 und 295). In einer weiteren Arbeit [24] hat Mayer die Lösung der obigen Aufgabe in unmittelbare Beziehung zur allgemeinen Hamilton-Jacobischen Theorie gebracht. Mayer zeigte hier, daß obige Konstruktion von Pi(x, y) und ?>x(x, y) genau dann mit beliebigen w-parametrigen Lösungsscharen y = rj(x,c), X = %(x, c) von (2), (lc) der Eigenschaft D(x, c) =|= 0 zu einem totalen Differential in (11) führt, wenn diese Scharen in der Bezeichnung von 0. Bolza May ersehe Extremalscharen sind oder in der Bezeichnung von C. Caratheodory [3] ein Extremalenfeld bilden; d. h., wenn unter Benutzung der kanonischen Größen rji(x9 c), m(x, c) := üVi\x, ly, r\x, %) (* = 1, ..., ro) sämtliche Lagrangeschen Klammerausdrücke [c„ cj := rjicv7iiC(i — ?]iC(i7TiCv = 0 sind. In dieser letzten Publikation von A. Mayer zeigt sich auch, daß Mayer die Bedeutung seiner Untersuchungen für einen feldtheoretischen Aufbau der Variationsrechnung im Sinne von Weierstrass voll erkannt hat. In höchster Eleganz sind diese Ideen aber erst dreißig Jahre später durch C. Caratheodorys Zugang zur Variationsrechnung [3] ausformuliert worden, in dem konsequent kanonische Koordinaten Verwendung finden. Die Erweiterung des Hilbertschen Unabhängigkeitssatzes auf May ersehe Probleme erfolgte bereits 1906 durch D. Egorow [5]. Wenn wir heute die klassische Variationsrechnung einfacher Integrale im wesentlichen als abgeschlossen ansehen und damit Fragestellungen vom Typ (1) oder (7) meinen, bei denen keine zusätzlichen Gebietsbeschränkungen y(x) € G1 und Steuerbeschränkungen y'(x) € G2 auftreten, so hat A. Mayer an diesem Gesamtresultat einen beachtlichen Anteil gehabt. Über C. Caratheodory und G. Herglotz sind seine Arbeiten an der Leipziger Universität besonders von Ernst Holder und Schülern wieder aufgegriffen worden mit der Zielstellung, auch für Variationsprobleme mehrfacher Integrale zu ähnlichen oder verwandten Ergebnissen zu gelangen. Erfolge dieser Bemühungen widerspiegeln sich z. B. in den Publikationen [9] und [11] von E. Holder bzw. R. Klötzler.
110 Teil III Quellen- und Literaturverzeichnis [1] Bliss, G. A.: The problem of Lagrange in the calculus of variations, Amer. J. Math. 52 (1930), 693-744. [2] Bolza, O.: Vorlesungen über Variationsrechnung, 1. Aufl.1) Leipzig 1909. [3] Caratheodory, C: Variationsrechnung und partielle Differentialgleichungen erster Ordnung, Leipzig —Berlin 1935. [4] Caratheodory, C.: Gesammelte mathematische Schriften I, München 1954. [5] Egorow, D.: Die hinreichenden Bedingungen des Extremums in der Theorie des Mayer- schen Problems, Math. Ann. 62 (1906), 371-380. [6] Hestenes, M. R.: Calculus of Variations and Optimal Control Theory, New York — London—Sidney 1966. [7] Hilbert, D.: Mathematische Probleme, Göttinger Nachr. 1900, 253—297. [8] Hilbert, D.: Zur Variationsrechnung, Göttinger Nachr. 1905, 159 — 180. [9] Holder, E.: Die infinitesimalen Berührungstransformationen der Variationsrechnung, Jahresber. DMV 49 (1939), 162-178. [10] Holder, O.: Adolph Mayer, Nekrolog, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 60 (1908), 355-373. [11] Klötzler, R.: Mehrdimensionale Variationsrechnung, Berlin 1969. [12] Kneser, A.: Lehrbuch der Variationsrechnung, Braunschweig 1900. [13] Kneser, A.: Variationsrechnung, Enzyklopädie der Math. Wiss. II A. 8, Berlin. [14] Liebmann, H.: Adolph Mayer, Jahresber. DMV 17 (1908), 355-362. [15] Mayer, A.: Beiträge zur Theorie der Maxima und Minima der einfachen Integrale, Habilitationsschrift Leipzig 1866. [16] Mayer, A. Die Kriterien des Maximums und des Minimums der einfachen Integrale in dem isoperimetrischen Problem, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 29 (1877), 114—132. [17] Mayer, A.: Über das allgemeinste Problem der Variationsrechnung bei einer einzigen unabhängigen Variablen, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 30 (1878), 16—32. [18] Mayer, A.: Zur Aufstellung des Kriteriums des Maximums und Minimums der einfachen Integrale bei variablen Grenzwerten. Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 36 (1884), 99 — 127. [19] Mayer, A.: Begründung der Lagrangeschen Multiplikatorenmethode in der Variationsrechnung, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 37 (1885), 7 — 14. [20] Mayer, A.: Zur Theorie des gewöhnlichen Maximums und Minimums, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 41 (1889), 122-144. [21] Mayer, A.: Die Lagrangesche Multiplikatorenmethode und das allgemeinste Problem der Variationsrechnung bei einer unabhängigen Variablen, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 47 (1895), 129-144. [22] Mayer, A.: Die Kriterien des Minimums einfacher Integrale bei variablen Grenzwerten, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 48 (1896), 436-465. [23] Mayer, A.: Über den Hilbertschen Unabhängigkeitssatz in der Theorie des Maximums und Minimums der einfachen Integrale, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 55 (1903), 131 — 145. [24] Mayer, A.: ..., zweite Mitteilung, Ber. Verh. Ges. Wiss. Leipzig 57 (1905), 49—67. [25] von der Mühll, K.: Zum Andenken an Adolph Mayer, Math. Ann. 65 (1908), 433—434. [26] Valentine, F. A.: The problem of Lagrange with differential inequalities as added side conditions, Contributions to the Calculus of Variations 1933—37, Chicago 1937, pp. 403 to 447. x) Das Zustandekommen dieser erweiterten deutschen Fassung der Lehrbuchvorlage von O. Bolza ,,Lectures on the Calculus of Variations", Chicago 1904, geht in hohem Maße noch auf Initiativen von A. Mayer zurück.
Sophus Lie*) Paul Günther (Leipzig) V Sophus Lie (1842-1899) Unter den Mathematikern, die im Laufe der Jahrhunderte an der Leipziger Universität wirkten, gebührt dem Norweger Sophus Lie ein besonderer Ehrenplatz. I Marius Sophus Lie wurde am 17. 12. 1842 in Nordfjordeide am Eidsfjord, einem Zweige des Nordfjords, als Sohn eines Pfarrers und als jüngstes von sechs Geschwistern geboren.1) Er besuchte von 1857 an eine Lateinschule in Kristiania, dem heutigen Oslo, und studierte danach von 1859—65 an der dortigen Universität die ,,Realfächer", ohne daß dabei eine besondere Neigung für Mathematik zutage getreten wäre. Lie berichtet später,2) daß er 1862 bei seinem Landsmann L. Sylow (1832—1918) eine kurze Vorlesung über die Galoissche Theorie gehört habe, die damals anter den Mathematikern ganz allmählich bekannt wurde. Als Lie 1865 seine Studien mit dem Lehrerexamen abschließt, ist er noch recht im Zweifel, welchem Beruf er sich zuwenden soll; er versucht sich zwar nicht ohne Erfolg in öffentlichen Vorträgen über Astronomie, doch gewährt ihm dies, ebenso wie das Erteilen von mathematischem Privatunterricht keine rechte Befriedigung. Aber im Jahre 1868 erwacht der Drang zum Schöpferischen; angeregt insbesondere durch die geometrischen Werke von I. V. Poncelet (1788—1867) und I. Plücker (1801—1868), faßt er den Gedanken, „in der Mathematik als Schriftsteller aufzutreten",3) — und dies führt er 30 Jahre lang mit seltener Intensität durch. Seine *) Der nachfolgende Artikel ist bereits abgedruckt in ACTA UNIVERSITATIS PALACKIA- NAE OLOMUCENSIS, FACULTAS RERUM NATURALIUM, 27 (1968), 5-26. - Anm. d. Red. x) Wir stützen uns vielfach auf die folgenden beiden Nachrufe auf S. Lie: F. Engel, Lsipzi- ger Berichte 51, XI-LX1 (1899); M. Noether, Math. Ann. 53, 1-41 (1900). 2) S. Lie, Theorie der Transformationsgruppen, Band 3, Leipzig 1893, S. XXIII. — Dieses Werk zitieren wir im folgenden unter der Abkürzung ,,TG". 3) Siehe Fußnote 2).
112 Teil III ersten Arbeiten sind geometrischer Natur und zeichnen sich bereits durch eine reiche Gedankenvielfalt aus. 1869 erhält Lie ein Reisestipendium und verbringt den Winter in Berlin, wo er an den Seminaren von Weierstrass und Kummer teilnimmt, aber doch wohl mehr seinen eigenen Arbeiten nachhängt. Hier lernt er auch Felix Klein1) (1849—1925) kennen, mit dem er sogleich in regen Gedankenaustausch tritt, der sich in späterem Briefwechsel fortsetzt. Im Frühjahr 1870 setzt Lie seine Reise über Göttingen nach Paris fort, wo er mit G. Darbotjx und C. Jordan, später mit dem nachgereisten F. Klein zusammentrifft. Als dieser wegen des inzwischen ausgebrochenen Krieges nach Deutschland zurückkehrt, faßt Lie — zeit seines Lebens ein rüstiger Fußwanderer — den Plan, zu Fuß nach Italien zu gelangen, er wird allerdings schon in Fontainebleau als angeblicher deutscher Spion einen Monat im Gefängnis festgehalten, kommt aber schließlich doch nach Italien und kehrt über die Schweiz und Deutschland nach Kristiania zurück. Während dieser Reise arbeitet Lie unentwegt, er findet den allgemeinen Begriff der Berührungstransformation und seine berühmte Geraden- Kugeltransformation; beides wendet er auf Differentialgleichungen an. Als Universität sstipendiat in Kristiania erwirbt Lie 1871 den philosophischen Doktorgrad, der gleichzeitig die Habilitation beinhaltete. Im folgenden Winter bewirbt sich Lie um eine erledigte Professur in Lund (Schweden), was ihm als patriotischem Norweger nicht leicht fiel. Norwegen war ja damals, nachdem es 1814 seine Unabhängigkeit von Dänemark erlangt hatte, durch Personalunion mit Schweden verbunden, doch war das gegenseitige Verhältnis recht spannungsreich, und die Norweger strebten nach völliger Selbständigkeit, die sie schließlich 1905 erlangten. Die Absicht Lies, nach Lund zu gehen, weckte Bestrebungen zu seinen Gunsten, und am 26. 3. 1872 beschloß der Storthing (norwegisches Parlament) eine persönliche Professur für Lie in Kristiania einzurichten. Diese Stellung empfand Lie ,,als sehr angenehm", seine Vorlesungen konnte er nach Belieben einrichten, er klagte lediglich über die vielen Prüfungen. Weihnachten darauf verlobt sich Lie mit Anna Birch; der 1874 geschlossenen Ehe entstammten zwei Töchter und ein Sohn. 1872 findet Lie seine neue Integrationsmethode für partielle Differentialgleichungen 1. Ordnung. Im Spätherbst trifft er wieder mit Klein, diesmal in Erlangen zusammen; auf dieser Reise lernt er auch Adolph Mayer2) (1839—1908) in Leipzig kennen, dessen Arbeiten über Differentialgleichungen mit den seinen eng zusammenhängen und mit dem er auch später Briefe wechselt. Schließlich gelangt er 1873 zu den Anfängen seiner Theorie der Transformationsgruppen. Damit hat Lie in dem knappen Zeitraum von nur 5 Jahren fast alle seine späteren Theorien und grundlegenden Ideen wenigstens im Ansatz erarbeitet. Ihrer Ausarbeitung und ständigen Ausdehnung widmet er sich fortan mit gewaltiger Arbeitskraft, immer auf die tragenden Ideen und Gedanken konzentriert. Gemeinsam mit Worm Müller und G. 0. Sars gründet Lie 1876 eine eigene, noch heute bestehende Zeitschrift, das ,,Archiv for Mathematik og Naturvidenskab"; er brauchte so nicht mehr auf den langsam vonstatten gehenden Druck seiner Arbeiten in den Verhandlungen der Kristianiaer Gesellschaft der Wissenschaften zu warten. x) Von 1880 bis 1886 ord. Professor in Leipzig. 2) Ab 1871 a. o. Prof., ab 1890 ord. Prof. in Leipzig.
Sophus Lie 113 Auch arbeitet er 8 Jahre lang zusammen mit L. Sylow an der Neuausgabe von Abels Werken. Erwähnt sei noch die Reise von 1882, auf der Lie in Paris mit G. Halphen (1844 bis 1889) wissenschaftlichen Kontakt gewinnt und dadurch zur weiteren Ausarbeitung seiner Theorie der Differentialinvarianten der Gruppen der Ebene und der Theorie eines vollständigen Systems mit bekannter Gruppe veranlaßt wird. Leider fanden damals die Lieschen Arbeiten nocht nicht die rechte Beachtung, die sie verdient hätten. „Wenn ich nur wüßte, wie ich die Mathematiker dazu bringen könnte, sich für die Trans formationsgruppen und daraufbegründete Behandlung der Differentialgleichungen zu interessieren. Ich bin so gewiß, absolut gewiß, daß diese Theorien einmal in der Zukunft als fundamental anerkannt werden. Wenn ich wünschte, bald eine solche Auffassung zu schaffen, so ist es u. a., weil ich dann zehnmal mehr machen könnte"1) Lies Pläne, seine Theorien durch eine lehrbuchmäßige Darstellung bekannter zu machen, blieben zunächst liegen. 1884 jedoch kam Friedrich Engel2) (1861—1941) auf Anregung von F. Klein, seit 1880 ord. Professor für Geometrie in Leipzig, und A. Mayer nach Kristiania, um Lie bei der Ausarbeitung eines Werkes über Transformationsgruppen zu helfen. Die Mittel zu dieser Reise entstammten Stipendien der Leipziger philosophischen Fakultät und der Kgl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften.3) In dem Dreivierteljahr, das Engel in Kristiania verbrachte, wurde der erste Teil des dreibändigen Werkes konzipiert, die Vollendung des Ganzen zog sich freilich noch acht Jahre lang hin. Zu Ostern 1886 folgt F. Klein einem Ruf nach Göttingen und Lie erhält an seiner Stelle vom sächsischen Kultusminister eine Berufung als ord. Professor für Geometrie nach Leipzig, die er auch nach kurzem Zögern annimmt. Am 29. 3. 1886 hält er in der Aula der Universität seine Antrittsvorlesung: „Über den Einfluß der Geometrie auf die Entwicklung der Mathematik."*) Seine Mathematikerkollegen in Leipzig waren W. Scheibner5) (1826—1908) und C. Neumann6) (1832—1925) als Ordinarien, dann der schon erwähnte A.Mayer (ab 1890 ord. Prof.); ferner sind F. Schur7) (1856-1932) und E. Study*) (1862 bis 1930) zu erwähnen; auch F. Engel hatte sich 1885 in Leipzig habilitiert. Hier in Leipzig hoffte Lie ganz anders als in dem engeren Rahmen von Kristiania für die Verbreitung seiner Ideen wirken zu können, besonders auch durch die Gewinnung von Schülern. In den seinen eigenen Theorien gewidmeten Vorlesungen hatte er stets eine befriedigende Zahl von Hörern. Er findet Mitarbeiter, die ihm bei der Abfassung größerer Werke zur Hand gehen: allen voran Engel bei der schweren Arbeit an der „Theorie der Trans formationsgruppen"', deren letzter Band 1892 erscheint, dann aber auch G. Scheffers (1866—1945), der die „Geometrie der Berüh- x) Brief von Lie an A. Mayer, abgedruckt in dem Nekrolog von Engel, Fußnote 1, S. XLIX. 2) Ab 1885 Privatdozent, von 1889 — 1904 Prof. extr. in Leipzig, später in Greifswald und Gießen. 3) Jetzt: Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. 4) S. Lie, Gesammelte Abhandlungen, Band VII, Nr. XXXV. — Dieses Werk zitieren wir im folgenden unter der Abkürzung ,,GA". 5) Ab 1868 ord. Prof. in Leipzig. 6) Von 1868 bis 1911 ord. Prof. in Leipzig. 7) Ab 1881 Privatdozent, von 1885 bis 1888 Prof. extr. in Leipzig. 8) Von 1885 bis 1893 Privatdozent in Leipzig.
114 Teil III rungstransformationen, 1. Band"1) redigiert, und auch die Bearbeitung der „Vorlesungen über Differentialgleichungen mit bekannten infinitesimalen Transformationen"2) und der „Vorlesungen über continuierliche Gruppen"3) übernimmt. Alle diese Bücher erscheinen im Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Unter den deutschen Schülern ist noch G. Kowalewski (1876-1950) zu nennen. W. Killing (1847-1923), F. Schur, E. Study und später auch L. Maurer (1859—1927) greifen in ihren Arbeiten Liesche Gedanken auf. Schließlich kommen auch eine ganze Reihe ausländischer Studenten nach Leipzig, um bei Lie zu studieren, unter anderem auf Veranlassung Picards (1856—1941) von der berühmten Pariser ficole Normale, — dieser Schule widmet Lie dann auch den dritten Band seiner „Transformationsgruppen." Seit 1886 ist Lie auch Mitglied der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, nachdem er schon seit 1872 Mitglied der Gesellschaften von Kristiania und Göttingen (in dieser als korrespondierendes Mitglied) war. In den „Leipziger Berichten" und „Leipziger Abhandlungen", die damals auf einem gerade in mathematischer Hinsicht hohen Niveau standen, publiziert Lie zahlreiche bedeutende Arbeiten, (38), unter anderem seine Untersuchungen über die Grundlagen der Geometrie. Später wurde Lie Mitglied aller bedeutenden Akademien und erhielt 1897 bei der erstmaligen Verleihung den Lobatschefskijpreis zuerkannt. Im Winter 1889/90 erlitt Lie infolge der unerhörten Willensanspannung, mit der er jahrzehntelang gearbeitet hatte, einen Nervenzusammenbruch. Wenn er auch wieder genas und ein Jahr später seine Vorlesungen und Arbeiten wieder aufnehmen konnte, so blieb doch ein Mißtrauen zurück, das ihm früher nicht eigen gewesen war, und das die Verstimmungen erklärt, die sich allmählich zwischen ihm und seinen Freunden einschlichen. Seit 1896 bemühte man sich in Norwegen ernstlich, Lie durch ein glänzendes Angebot wieder nach Kristiania zu ziehen. Er sollte eine Professur für Transformationsgruppen erhalten, die ihm kaum amtliche Verpflichtungen auferlegte. Diesmal zögerte Lie lange und nimmt erst im Frühjahr 1898 seine Entlassung in Leipzig. Als ein todkranker Mann kehrt er in seine Heimat zurück, deren Schönheit er in Leipzig so vermißt hatte. Am 18. 2. 1899 erliegt er einer perniciösen Anämie. Die „Gesammelten Abhandlungen" von Lie (6 Bände und ein Nachlaßband) begannen 1922 zu erscheinen, der letzte (Nachlaßband) erschien 1960. Sie wurden vom norwegischen mathematischen Verein (unterstützt durch den norwegischen Forschungsfonds, die Kristianiaer Gesellschaft und die Akademie zu Leipzig) durch F. Engel und Paul Heegaard herausgegeben.4) II Durch sein gedankenreiches mathematisches Werk hat Lie eine ganze Reihe neuer Forschungsgebiete und -methoden erschlossen und einen nachhaltigen Einfluß auf die Entwicklung der Mathematik in unserem Jahrhundert ausgeübt. Von einigen x) erschienen 1896; vom geplanten 2. Band sind drei Kapitel in GA, Bd. II, 2 abgedruckt. Dieses Buch zitieren wir im folgenden unter der Abkürzung ,,GB". 2) erschienen 1891. 3) erschienen 1893. 4) Über den Gang der Herausgabe berichtet F. Engel in der Einleitung zu GA, Bd. III. — Zu den ersten sechs Bänden existieren höchst wertvolle und umfangreiche Anmerkungen der Herausgeber.
Sophus Lie 115 relativ einfachen Grundbegriffen ausgehend, entwickelte Lie grundlegende Gedanken, denen sich alle seine Arbeiten unterordnen und an denen er unbeirrbar festhielt, während er an ihrem ständigen Ausbau arbeitete. Im folgenden wird versucht, auch einem mit Lies Gedankenwelt nicht vertrauten Leser einen gewissen Eindruck davon zu geben; freilich muß man sich dabei im klaren sein, daß die Betrachtung der Pfeiler nur eine unvollständige Kenntnis des von ihnen getragenen Baues liefern kann. § 1. Berührungstransformationen „Der Begriff der Transformation ist aus der Geometrie hervorgegangen. ... Auch mir ist die Bedeutung des Begriffs der Transformation zuerst in der Geometrie klar geworden. Indem ich Plückers Ideen über den Wechsel des Raumelementes weiter verfolgte, gelangte ich schon 1868 zu dem allgemeinen Begriffe der Berührungstransformation.611) Unter einer Transformation cp versteht man eine eineindeutige Abbildung einer Menge 3R auf sich selbst. Sind cp und tp zwei solche Transformationen von 9R, so wird durch Hintereinanderausführung eine neue Transformation yxp gewonnen. Diese Zusammensetzung genügt stets dem Assoziativgesetz. Eine Menge E von Transformationen der gleichen Menge SR bildet eine Gruppe, wenn mit 99, xp auch stets qnp'1 zu E gehört. Es muß bemerkt werden, daß der Begriff Transformation aber auch im Sinne einer bloßen Abbildung einer Menge (^R1 in bzw. auf eine zweite Menge 9R2 gebraucht wird.2) Bei Lie kommen Transformationen i. a. in folgendem Sinne vor: Die Menge der Urbilder wird durch Angabe von n Koordinaten (xl9 ..., xn) charakterisiert, ebenso die Menge der Bildelemente durch (#/, ..., xn') und es gilt *\ = fi(xl9 ...,xn), i = 1, 2, ..., n, wo die ft meist analytische Funktionen in einem gewissen Bereich sind. Unter einem Flächenelement des (n + l)-dimensionalen euklidischen Raumes Bn+1 mit den rechtwinkligen Koordinaten (xl9 ... 9 xn9 z) versteht Lie eine Figur, die aus einem Punkt P und einer w-dimensionalen Hyperebene E durch P besteht. Sind die Richtungskosinus der Normalen von E proportional zu Pl> ~-,Pn,—l, so wird jedes der oo2n+1 Flächenelemente durch die (2n + 1) Zahlen (xl9 ...9xn,z> Pi>--->Pn) charakterisiert. Ein Elementverein3) 9#r ist eine von r Parametern %,..., ur abhängige Schar von Flächenelementen, für die identisch in den u{ und du-x gilt: dz — px dx1 — ••• — pn dxn = 0. (1) Dies ist eine sinnvolle Verallgemeinerung des Flächenbegriffes, denn eine Fläche J) TG, Bd. 3, S. XV. 2) besonders in der älteren Literatur. 3) Der Ausdruck ,,Verein" stammt von Engel, Lie spricht von einer Elementmannigfaltigkeit.
116 Teil III z = f(xlf ...,xn) bildet mit ihren Punkten und Tangentialebenen, p% = —, stets dxi einen w-dimensionalen Elementverein (man kann hierbei u1 = x{ wählen!). Zwei infinitesimal benachbarte Flächenelemente1) (x, z, p) und (x -f- dx, z -f- dz, p + dp) nennt Lie „vereinigt", wenn der Punkt des einen Elements in der Ebene des anderen liegt. Die Bedingung dafür ist (1). Ein Elementverein ist demnach eine Schar von Elementen, bei der jedes Element mit allen infinitesimal benachbarten Elementen der Schar vereinigt liegt. Ein Verein werde durch 9Rr*, 0 <J k ^ r, bezeichnet, wenn die Punkte der beteiligten Flächenelemente eine &-dimensionale Fläche bilden. Es ist stets r fg n. Ein Wln° besteht aus allen Elementen durch einen Punkt, ein 9K,,1 aus den Punkten einer Kurve mit sämtlichen Ebenen tangential an die Kurve, usw. Lie deutet die Elemente des Rn+1 auch als Punkte eines R2n+i mit den Koordinaten (x, z, p). Element vereine sind dann Mannigfaltigkeiten des 7?2n+i> die der Pf äff sehen Gleichung (1) genügen. Eine Transformation x{ = Xi(x, z, p), z' = Z{x, z, p), p/ = Pi(x, z,p), i = 1, 2, ..., n, (2) heißt nach Lie eine Berührungstransformation, wenn sie die Gleichung (1) invariant läßt, d. h., wenn aus (1) stets dz' - px' dx1' pn' dxn' = 0 (3) folgt. Dies kann nur eintreten, wenn vermöge (2) stets dz' — pi dx1' — -" — Pn dxn' = g{dz — p± dx1 — ••• — pn dxn} (4) gilt mit einer Funktion q 4= 0. Begrifflich kann man dies so deuten: (2) liefert eine Berührungstransformation, wenn jeder Elementverein wieder in einen Elementverein übergeht. Unter diesen Begriff der Berührungstransformation fällt die Polarverwandtschaft bei Flächen zweiter Ordnung (Dualität), die natürlich schon vor Lie bekannt war (Poncelet, Gergonne), ferner die sogenannte Legendretransformation, die auch schon bei Euler vorkommt, aber rein analytisch gehandhabt wurde. Schließlich benutzte Jacobi — ebenfalls rein analytisch — allgemeine kanonische Transformationen, die mit den Berührungstransformationen ganz eng zusammenhängen. Lie kommt neben der Verknüpfung des Geometrischen mit dem Analytischen das Verdienst der systematischen Untersuchung der Berührungstransformationen zu. Geht bei der Transformation (2) ein 9Jtn° in einen Verein $Jlnn+1~q über, so lassen sich aus den Gleichungen (2) durch Elimination der ps und p{ gerade q unabhängige Gleichungen zwischen xif z und x{, z' herleiten: Qx(x, z; x\ z') = 0, ..., Qq(x, z; x', z') = 0 (5) (Direktrixgleichungen). Für q — n + 1 ergeben sich die auf die Flächenelemente erweiterten Punkttransformationen. Umgekehrt kann man aus gegebenen Gleichungen (5) unter gewissen Rangbedingungen auch eine Berührungstransformation ge- x) (x, z, p) steht für (xl9 ..., xn, z, p19 ..., pn).
Sophus Lie 117 winnen. Im übrigen verzichten wir darauf, die Gleichungen explizit aufzuschreiben, denen die in (2) vorkommenden Funktionen Xh Z, Pt und q genügen müssen, damit sie eine Berührungstransformation bilden.1) Wir bemerken lediglich, daß die Menge aller Berührungstransformationen des Rn+1 natürlich eine Gruppe bildet. Lie studierte ausführlich die Berührungstransformationen; er wandte sie für geometrische Zwecke an, ganz besonders aber auch zur Umformung von Differentialgleichungsproblemen, in die er auf diese Weise geometrische Gesichtspunkte hineintrug. § 2. Geraden-Kugel-Transformation „Ich entdeckte eine merkwürdige Berührungstransformation, die gerade Linien in Kugeln umwandelte und transformierte hierdurch mit einem Schlage die Plückersche Liniengeometrie in eine neue Kugelgeometrie. Hierbei ergab sich unter anderem, daß die Gruppe aller projektivischen Transformationen des Raumes sich in die Gruppe aller derjenigen Berührungstransformationen, die Kugeln in Kugeln überführen, umwandeln läßt."2) Diese berühmte Liesche Geraden-Kugel-Transformation ist eine Berührungstransformation des Rs. Sind x, y, z rechtwinklige Koordinaten, so lassen sich ihre Direktrixgleichungen in die Gestalt setzen3): x' + iy' + xz' + z = 0, (1) x(x' - iy') -z' + y = 0; i2 = -1. Halten wir (x,y,z) fest, so liefert (1) in den laufenden Koordinaten x',y',z' eine (imaginäre) Gerade; diese hat die Eigenschaft, daß irgendzwei ihrer Punkte die Entfernung Null voneinander haben; solche Geraden nennt man Minimalgeraden. Man erkennt dies aus den durch Differentiation entstehenden Gleichungen dx' + i dy' + x dz' = 0, x(dx' — i dy') — dz' = 0, aus denen x(dx'2 + dy'2 + dz'2) = 0 folgt. Die Bilder der Flächenelemente durch den festen Punkt (x, y, z) sind also die Flächenelemente durch eine Minimalgerade. Betrachtet man jetzt die Elemente, deren Trägerpunkte auf einer Geraden © liegen, so müssen die Trägerpunkte der Bildelemente eine einparametrige Schar © von Minimalgeraden durchlaufen. © habe die Parameterdarstellung x = rz + q, y = sz + a, —oo<z<oo. (2) !) Siehe etwa: GA, Bd. III, Nr. IX. 2) GA, Bd. IV, Nr. II, S. 99. Lie wurde auf diese Berührungstransformation durch seine Untersuchungen über den tetraedalen (Reye'schen) Komplex geführt; dieser besteht aus der Menge aller Geraden, welche die Seiten eines Tetraeders unter dem gleichen Doppelverhältnis schneiden. 3) Vgl. GB, Kap. 10.
118 Teil III Eliminiert man x, y, z aus (1) und (2), so erhält man mit r\ = sq — ra. Aus dieser Rechnung erkennt man, daß die Schar © auf einer Kugel 9t liegt. Demnach kann man der Geraden © die Kugel 9t zuordnen. Auf 9t verläuft noch eine zweite Schar ©' von Minimalgeraden, es gibt dann eine weitere Gerade ©', die vermittels ©' auf 9t abgebildet wird. © und ©' sind übrigens bezüglich eines bestimmten linearen Geradenkomplexes konjugiert. Die Abbildung der Geraden auf die Kugeln ist also ein-zweideutig. Aus den Eigenschaften einer Berührungstransformation folgt, daß zwei sich schneidende Geraden auf zwei sich berührende Kugeln abgebildet werden. Demnach kann man jeden Satz der Geradengeometrie umdeuten in einen Satz über Kugeln. So erhält man die Liesche Kugelgeometrie. Heutzutage pflegt man die Liesche Kugelgeometrie unter Benutzung des von E. Lagtjerre (1834—1886) herrührenden Begriffs der „orientierten Kugel" darzustellen.1) Die Menge der orientierten Kugeln und Ebenen (einschließlich der nicht - orientierten Punkte und eines uneigentlichen Punktes) lassen sich mittels hexasphäri- scher homogener Koordinaten auf eine nichtausgeartete Fläche zweiter Ordnung des Ödimensionalen projektiven Raumes P5 abbilden. Das gleiche gilt von der Menge der Geraden des P3, falls man die homogenen Geradenkoordinaten benutzt. Beide Flächen desP5 gehen durch eine (nichtreelle) Projektivität ineinander über, die sich im Dreidimensionalen als die Liesche Transformation umdeutet. Lie hatte sogleich die schöne differentialgeometrische Eigenschaft seiner Geraden- Kugel-Transformation erkannt, die Asymptotenlinien einer Fläche auf die Krümmungslinien der Bildfläche abzubilden. Sein Gedankengang kann etwa wie folgt wiedergegeben werden: Beim Fortschreiten in einer Asymptotenrichtung dreht sich die Tangentialebene der Fläche um eben diese Richtung, während sie sich beim Fortschreiten in einer Hauptkrümmungsrichtung um die orthogonale Richtung dreht. Zwei infinitesimal benachbarte Elemente einer Asymptotenlinie gehören also zum Elementverein einer Geraden, während sie bei einer Krümmungslinie dem Verein einer Kugel angehören. Da nun beide Kurvenklassen durch diese Eigenschaften auch charakterisiert werden, so müssen sie bei der Geraden-Kugel-Transformation ineinander übergeführt werden. Unter Ausnutzung dieses Zusammenhangs konnte Lte z. B. aus den bekannten Krümmungslinien der damals viel untersuchten Kummer- schen Fläche (vierter Ordnung und vierter Klasse) die Asymptotenlinien bestimmen. § 3. Infinitesimale Transformationen Der Begriff „infinitesimale Transformation" stammt zwar nicht von Lie selbst, ist aber dennoch ein wichtiger Baustein in seinem Werk; erstaunlich, was er alles damit erreichte. x) Siehe: F. Klein, Vorlesungen über höhere Geometrie. 3. Aufl. Berlin 1929; W. Blaschke, Vorlesungen über Differentialgeometrie, Band 3, Berlin 1929.
Sophus Lie 119 Ein simultanes System von gewöhnlichen Differentialgleichungen nx nx1^ — = |1(*1 .f),...,— =*"(*!,...,*") (1) dt dt deutet Lie als eine infinitesimale Transformation, bei der ein Punkt (sc1, ..., xn) auf den Punkt (x1 + &e\ ..., xn + dxn) abgebildet wird, wobei dxi = iji(x1,...,xn)dt (2) mit einem Differential dt ist. Verschwinden die |* für einen Punkt nicht alle, so geht durch diesen Punkt eine bestimmte Integralkurve von (1) — eine Bahnkurve. Der betreffende Punkt wird bei der infinitesimalen Transformation auf dieser Bahnkurve infinitesimal verschoben. Die allgemeine Lösung von (1) hat die Gestalt xi = fHt;fr9 ...,£w) mit /'(0;*1, ...,xn) = x\ die Funktionen /* bestimmen eine von t abhängige Schar St von (endlichen) Transformationen : x'i = fi(t\xl9 ...,o:n), i = 1,2, ...,n. (3) Die Punkte, die man aus einem festen Punkt durch Anwendung aller St erhält, bilden gerade eine Bahnkurve von (1). Im übrigen besitzt die Schar St die Gruppeneigenschaft, denn es ist Dies folgt aus dem Eindeutigkeitssatz für das System (1). St ist eine „eingliedrige Gruppe von Transformationen", die von der infinitesimalen Transformation (2) „erzeugt" wird. Ist fix1, ..., xn) eine gegebene Funktion, so sei df der Zuwachs der Funktion / bei der infinitesimalen Transformation (2), definiert durch1) df = fix1 + dx\ ...,xn + öxn) - fix1, ..., xn) = 27 — f* dt. i dXi Lie setzt nun X(f) = 2J £*— und bezeichnet X(f) als das Symbol der inf. Trans- • dXi formation, demnach öf = X(f) dt. Ist X(f) = 0, so bleibt / bei der inf. Transformation ungeändert (und nur dann), aber dann auch bei allen endlichen Transformationen der eingliedrigen Gruppe; / hat längs einer jeden Bahnkurve einen festen Wert. Sind n — 1 unabhängige Lösungen q>l9 ...,<^n_1 von X(f) = 0 bekannt, so stellen die Gleichungen 9^1 = ci — const, ..., (pn_x = cn_x = const die sämtlichen Bahnkurven dar. *) Es werden stets nur die in dt linearen Glieder betrachtet! Im übrigen wird im folgenden „infinitesimal" durch „inf." abgekürzt.
120 Teil III Sind X(f), Y(f) Symbole zweier inf. Transformationen, so ist X(Y(f)) - Y{X(f)) = (X, Y) (f) (4) wieder Symbol einer inf. Transformation, da sich in (4) die zweiten Ableitungen von / wegheben. (4) ist das Jacobische Klammersymbol. Sei öxi = f*(&) dt die zu X(f) gehörige inf. Transformation, so kann man rechts und links auf x{ die zu Y(f) gehörige inf. Transformation ö'x* = rf(x) ö'r anwenden und erhält eine neue inf. Transformation mit dem Symbol X(f) + d'r-(Y,X)(f). In dieser Lieschen Auffassung ist (Y, X) der Zuwachs der Transformation X bei der Transformation Y. Ist (Y, X) = 0, so bleibt X bei Anwendung von Y ungeändert; dann und nur dann sind die endlichen Transformationen der beiden eingliedrigen Gruppen miteinander vertauschbar. In der neueren Auffassung betrachtet man die Vektorfelder |* und if. Das zu (y, X) gehörige Vektorfeld wird als Liesche Ableitung S7?(^*) von |* bezüglich rf bezeichnet. Eine solche Liesche Ableitung läßt sich auch für Tensorfelder und allgemeinere geometrische Objekte wie Übertragungsparameter oder dgl. definieren. Immer ist das Verschwinden der Lieschen Ableitung notwendig und hinreichend dafür, daß das betreffende Objekt bei den endlichen Transformationen der eingliedrigen Gruppe ungeändert bleibt.1) In Lies Arbeiten kommen immer wieder vollständige Systeme von linearen partiellen Differentialgleichungen erster Ordnung vor, sei es als Hilfsmittel, sei es als Gegenstand der Untersuchung selbst. Sind Xx(f), ..., Xr(f) die Symbole von r inf. Transformationen, so werden die Gleichungen Z1(/) = 0,...,Xr(/) = 0 (5) betrachtet. Jede Lösung / von (5) erfüllt auch die Gleichungen (XhXlc)(f) = 0, i,k=l,2,...,r. (6) Das System (5) heißt (nach Clebsch) vollständig, wenn die linken Seiten von (6) Linearkombinationen von X^f), ...,Xr(f) sind. (Dies sind die Integrabilitätsbedin- gungen.) Durch einfache Umformungen kann man dann (Xiy Xk) = 0 erreichen (Jacobische Systeme). Ein vollständiges System (5) in n Variablen besitzt (n — r) unabhängige Lösungen. Nach Lie zerlegen diese n — r Lösungen den w-dimensionalen Raum in x) Siehe: J. A. Schouten, Ricci-Calculus, 2nd ed., Berlin—Göttingen —Heidelberg, 1954, p. 102ff.; K. Yano, The Theory of Lie derivative and applications. Amsterdam —Groningen, 1955.
Sophus Lie 121 oon_r r-dimensionale Mannigfaltigkeiten, von denen jede durch oor_1 Bahnkurven einer inf. Transformation der Gestalt WlXl(f) + ''' + VrXrii) > Wi = V>i(xl> • • • >*n) > erzeugt wird.1) Durch das sogenannte Mayersche Theorem, das von Lie immer sehr hoch geschätzt wurde und dessen Inhalt er mit einer gewissen Einschränkung auch selbst gefunden hatte, wird die Auffindung einer Lösung von (5) zurückgeführt auf die Auffindung einer Lösung einer einzigen bestimmten linearen Differentialgleichung erster Ordnung mit n — r -\- 1 unabhängigen Variablen. Eine inf. Transformation Jfl^^ + C^+i^f (7) i cx% dz i dpi im (2n + l)-dimensionalen Raum der (xl9 ..., xn, z, plf ..., pn) kann als eine inf. Transformation der Flächenelemente desi£n+1 gedeutet werden. Wann ist dies eine inf. Berührungstransformation? Lie findet2): Zu jeder inf. Berührungstransformation gibt es genau eine Funktion F(x, z, p), so daß: s{ = —, £ = £&—-*: ^ = -(-t- + pi:t-)- (8) dPi i dpi IdF 3F\ \dXi dz)' Umgekehrt gewinnt man aus jeder Funktion F auf diese Weise eine inf. Berührungs- transformation. Sind 0, ü^zwei Funktionen von (x, z, p), so führt man den Poisson- schen Klammerausdruck [0, W] ein durch: i dpiydXi dz) i dpi \dXi 'dz)' Damit läßt sich das Symbol einer inf. Berührungstransformation schreiben: X(f) = [F,f]-F?L. dz Mit Hilfe der inf. Berührungstransformation und der zugehörigen eingliedrigen Gruppe gibt Lie eine schöne Deutung der Cauchyschen Charakteristikentheorie der partiellen Differentialgleichung erster Ordnung F(x, z, p) = 0. Lie erweitert das Integrationsproblem zu der Frage nach allen w-dimensionalen Elementvereinen, die der Gleichung F = 0 genügen, während die übliche Auffassung nur die Vereine der Gestalt: z = z(xl9...,xn)9 Pi = — dx( betrachtet. Die inf. Berührungstransformation (7), (8) führt nun jedes Flächenelement (x, z, p) mit F(x, z, p) = 0 in ein benachbartes, mit ihm vereinigtes Flächenelement über, !) TG Bd. 1, Kap. 6. 2) TG Bd. 2, Kap. 14.
122 Teil III das ebenfalls der Gleichung F = 0 genügt. Denn erstens ist dz-£Pi dx* =(£-£ V&) « = 0 für F = 0, und zweitens ist der Zuwachs von F durch {dF\ dF [F, F]-F —l dt = -F — dt dz] dz gegeben und demnach 6F = 0 für F = 0. Längs einer Bahnkurve, die durch ein Element mit F = 0 geht, ist also ständig F = 0; im übrigen bildet diese Bahnkurve einen eindimensionalen Element verein des Rn+i, „Charakteristischer Streifen" genannt. Um also w-dimensionale Vereine mit F = 0 zu erhalten, hat man auf (n — 1)- dimensionale Vereine mit F = 0 die endlichen Berührungstransformationen der zu F gehörigen eingliedrigen Gruppe auszuüben. Die Bestimmung der (n — l)-dimen- sionalen Vereine mit F = 0 ist aber kein Integrationsproblem. Im übrigen sind die „singulären Elemente11 auszuschließen, für diese ist |* = f = n1 = 0, so daß es keine Bahnkurve gibt, die durch ein solches singuläres Element geht.1) Mit den vorstehenden Bemerkungen sind wir schon bei Lies Untersuchungen über partielle Differentialgleichungen angelangt. § 4. Differentialgleichungen „Unter allen Disziplinen der Mathematik ist die Theorie der Differentialgleichungen die wichtigste. Alle Zweige der Physik stellen uns Probleme, die auf die Integration von Differentialgleichungen hinauskommen. Es gibt ja überhaupt die Theorie der Differentialgleichungen den Weg zur Erklärung aller elementaren Naturphänomene, die Zeit brauchen. Hat somit die Theorie der Differentialgleichungen eine unendliche praktische Bedeutung, so hat sie auf der anderen Seite dadurch eine entsprechende theoretische Wichtigkeit, daß sie in rationeller Weise zum Studium neuer wichtiger Funktionen, beziehungsweise Funktionenklassen leitet."2) Man entnimmt hieraus, welche große Bedeutung Lie der Theorie der Differentialgleichungen beimaß. In seinen Arbeiten gibt er immer wieder darauf bezügliche Fragestellungen und Methoden zu deren Lösung an; bei vielen schon bekannten Verfahren deckt er die inneren Gründe für den Erfolg des Verfahrens auf und stellt vielfach Verstreutes unter einheitliche Gesichtspunkte. Aus der Fülle des Materials kann nur wenig herausgegriffen werden. Im Jahre 1872 fand Lie seine Integrationsmethode für partielle Differentialgleichungen erster Ordnung. Ein simultanes System von m Differentialgleichungen erster Ordnung für eine gesuchte Funktion z von n Unabhängigen xx, ...,xn der x) Über eingliedrige Gruppen von Berührungstransformationen in der Variationsrechnung vgl. E. Holder, Jahresber. DMV 49 (1939), 162-178. 2) GA, Bd. VI, Nr. XX, S. 540.
Sophus Lie 123 Gestalt1) Fx(xl9 ...9xH;pl9 ...,pn) = 09...9Fm(xl9...9xn'9pl9...9pn) = 0, =d^ (1) dXi läßt sich stets auf den Fall eines .Jnvolutionssystems" zurückführen, bei dem die F paarweise in Involution liegen, d. h. die Gleichungen2) {FbFl)=zl°*i°*l-°Jl°*L\=0 (2) / \dpi dxt dpi dxtj erfüllen. Auf ein solches Involutionssystem konnte Lie die Cauchysche Charakteristikentheorie für eine Gleichung erweitern, wobei an Stelle der früher betrachteten eindimensionalen charakteristischen Streifen jetzt m-dimensionale charakteristische Vereine treten. Ferner entdeckte Lie, daß sich die Integration eines m-gliedrigen Involutionssystems (1) auf die Integration einer einzigen partiellen Differentialgleichung erster Ordnung in n — m -\- 1 unabhängigen Variablen zurückführen läßt. Falls das System (1) linear ist, ist dies gerade das May ersehe Theorem. Die Liesche Integrationsmethode für die Gleichung F(x9 p) = 0 verläuft nun so: Man sucht zunächst eine Lösung / = fx(x9 p) der linearen partiellen Differentialgleichung erster Ordnung (F, /) = 0. (3) /x ist dann längs jedes charakteristischen Streifens konstant. Nun ist F = 0, jx = a = const ein zweigliedriges Involutionssystem, das sich auf eine partielle Differentialgleichung Fx = 0 in n — 1 Variablen zurückführen läßt. Diese behandelt man analog, bis man nach n — 1 Schritten zu einer gewöhnlichen Differentialgleichung kommt. Bei jedem Schritt erhält man eine lineare partielle Differentialgleichung, von der man eine Lösung kennt und eine weitere bestimmen muß. (/ = F ist ja Lösung von (3).) Bei der sogenannten Jacobischen Methode, die von Mayer wesentlich verbessert wurde, sind gleichartige Integrationsoperationen nötig. Das Liesche Verfahren erlaubt aber, zufällig eintretende Umstände besser zu nutzen. a) Hat man mehrere, paarweise in Involution liegende Lösungen von (3) gefunden, so kann man auch entsprechend viele Integrationsschritte gleichzeitig ausführen. b) Hat man mehrere, nicht in Involution liegende Lösungen von (3) gefunden, so kann man mittels des Poissonschen Theorems neue Lösungen von (3) finden. Das genannte Theorem besagt: Mit fl9 f2 ist auch (fl9 /2) eine Lösung von (3). Man kommt so zu r Funktionen fl9 ...,/r, bei denen die Klammerbildung nichts Neues liefert, d. h., es ist (/*>//) = Wij(fl> ~-,fr)- Alle Funktionen der Gestalt w(fl9 ..., fr) bilden eine Funktionengruppe. Die Theorie solcher Funktionenmengen ist ebenfalls eine bedeutende Leistung Lies.3) Hier *) Wir betrachten nur den Fall, daß z explizit in den Gleichungen nicht auftritt. 2) Die hier benutzte runde Klammer stimmt mit der in § 3 benutzten eckigen Klammer überein, falls z in den betrachteten Funktionen nicht vorkommt. 3) TG, Bd. 2, Kap. 6-13.
124 Teil III möge die Bemerkung genügen, daß man durch Lösen von vollständigen Systemen eine maximale, involutorische Untergruppe finden kann; diese werde etwa von fl9 ...,/p erzeugt. Irgend 2 Funktionen der Gestalt w(flf ..., fp) liegen dann in Involution. Mit diesen Funktionen fl9 ..., fp kann man dann nach a) verfahren. Die geschilderte Methode b) ist die sogenannte letzte Integrationsmethode von Lie.1) Lie fand seine Integrationsmethoden auf begrifflich-geometrischem Weg und formulierte sie zuerst auch so, wodurch er seinen Zeitgenossen unverständlich blieb, die bei der Behandlung von Differentialgleichungen aufs Rechnerisch-Analytische eingestellt waren. Integrationsprobleme wurden von Lie immer als Transformationsprobleme aufgefaßt. Er ging von der Frage aus, ob man eine gegebene Differentialgleichung oder ein System von Differentialgleichungen durch eine geeignete Punktoder Berührungstransformation auf eine besonders einfache (kanonische) Form bringen kann und wie man diese Transformationen gegebenenfalls findet. So läßt sich z. B. jede partielle Differentialgleichung erster Ordnung durch Berührungstransformationen auf die Form p1 = 0 und jedes m-gliedrige Involutionssystem auf die Form px = 0,..., pm = 0 bringen. Bei dieser transformationstheoretischen Auffassung stellt sich die Frage ein, ob es Transformationen gibt, welche die vorgelegten Differentialgleichungen in sich überführen; solche Transformationen müssen dann notwendig eine Gruppe bilden. Nur wenn man die zu zwei Differentialgleichungen (oder Systemen) gehörigen Gruppen ineinander überführen kann, darf man hoffen, die Differentialgleichungen selbst ineinander transformieren zu können. Unter diesen von Lie selbst ausgesprochenen Gesichtspunkten2) hat man seine zahlreichen Arbeiten zu betrachten, die sich mit Differentialgleichungen befassen, welche eine Gruppe von Transformationen gestatten. Auch die Analogie der dabei entstehenden Theorie mit der Galoisschen Theorie der algebraischen Gleichungen ist von Lie hervorgehoben worden, worauf wir in § 7 noch kurz zurückkommen werden. Doch wenden wir uns zunächst derjenigen Lieschen Schöpfung zu, die in der Folge die meiste Beachtung gefunden hat, seiner Gruppentheorie. § 5. Transformationsgruppen „Andererseits entwickelte ich in den Jahren 1870—74 den Begriff der endlichen kontinuierlichen Gruppe und erkannte seine weitreichende Bedeutung für die Geometrie und für die Theorie der Differentialgleichungen ...So traten für mich die Begriffe Transformation und Transformationsgruppe immer mehr in den Vordergrund und ich entwickelte nach und nach eine allgemeine Transformationstheorie"?) Obwohl sich Lie im Fortgang seiner Untersuchungen auch mit sogenannten unendlichen kontinuierlichen Gruppen beschäftigte, beschränken wir uns im folgenden x) Vgl.: Engel/Faber, Die Liesche Theorie der partiellen Differentialgleichungen 1. Ordnung, Leipzig —Berlin 1932; C. Caratheodory, Variationsrechnung und partielle Differentialgleichungen 1. Ord., Leipzig 1935. — Es sei noch auf den heute vielfach verwandten Kalkül der alternierenden Differentialformen hingewiesen, in den auch Liesche Gedanken mit eingeflossen sind, der aber auch in den Arbeiten anderer Mathematiker wurzelt. 2) TG, Bd. 3, S. XX-XXI; siehe auch den bei F. Engel, Leipziger Berichte 51 (1899), S. XLII, auszugsweise abgedruckten Brief an A. Mayer. 3) TG, Bd. 3, S. XVI.
Sophus Lie 125 auf die eben genannten endlichen kontinuierlichen Transformationsgruppen (Liesche Gruppen). Sie sind zu unterscheiden von den Transformationsgruppen1) endlicher Mengen (Permutationsgruppen), die in der Galoisschen Theorie vorkommen und deren Theorie zu Lies Zeiten schon recht weit entwickelt war; C. Jordans „Traue des svbstitutions" war 1870 erschienen. Lies Arbeiten wurden in seinem schon zitierten großen Werk „Theorie der Transformationsgruppen" zusammenfassend dargestellt. Es sei •< = fi(xi> --.^n; ai> •••>«!•)> i = 1. 2, ...,w, (!) eine Schar von Transformationen des w-dimensionalen Zahlenraumes; jedes Element der Schar wird durch Angabe von (al9 ..., ar) festgelegt und transformiert den Punkt (xl9 ..., xn) in den Punkt (xx',..., xn'). Für a{ = 0, i = 1,..., r, möge (1) die identische Transformation liefern, im übrigen seien die Transformationen (1) auch für alle genügend kleinen a% erklärt. Besitzt die Schar nun noch die Gruppeneigenschaft, so sagt man, die Transformationen (1) bilden eine endliche (r-gliedrige) kontinuierliche Transformationsgruppe. Die von inf. Transformationen erzeugten eingliedrigen Gruppen besprachen wir schon. Eine r-gliedrige Gruppe wird nun auch in bestimmter Weise von inf. Transformationen erzeugt. Dies ergibt sich aus den von Lie aufgestellten drei Fundamentalsätzen der Theorie der endlichen kontinuierlichen Gruppen.2) I. Bilden die Transformationen (1) eine Gruppe, so genügen die x' als Funktionen der a den Differentialgleichungen dx{ ' = 27 V/*(«l» • • • > ar) £ji(Xl> • • • > xn ), dak y=1 (2) i = 1, ..., n, k = 1, ..., r, mit gewissen Funktionen \p^k und |^, wobei y^(0,..., 0) = dß. Die inf. Transformationen Xk(f) = £ £ki(xl9 ...,xn)^-, k= l,...,r, (3) i dx( sind (bei konstanten Koeffizienten) linear unabhängig. Besitzt umgekehrt ein System der Form (2) Lösungen fl(xly ...,xn;aly ...,ar) mit den Anfangsbedingungen f{(xlf ..., xn; 0, ..., 0) = Xi bei beliebigen xu so bilden diese eine r-gliedrige Transformationsgruppe. Jedes Element dieser Gruppe gehört genau einer derjenigen eingliedrigen Gruppen an, deren zugehörige inf. Transformationen die Gestalt elX1(f) + -+erXr(f) (4) mit konstanten e* haben. Man erhält also die Xk(f), indem man —- (xlf ..., xn; 0, ..., 0) bildet. (4) liefert die inf. Transformationen der Gruppe. a *) Jede Gruppe kann als Transformationsgruppe aufgefaßt werden. 2) Vgl. die Zusammenfassung in TG, Bd. 3, Kap. 25.
126 Teil III II. r linear unabhängige Transformationen Xx(/), ..., Xr(f) erzeugen dann und nur dann auf die in I. beschriebene Weise eine r-gliedrige Gruppe, wenn gilt: (Xu*i)(f)=i:cl1kXk(f), (5) k = l wo die ciik Konstante sind. M. a. W.: Die Jacobische Klammer zweier Elemente (4) muß wieder ein solches Element sein. III. Sind Xx(f), ..., Xr(f) linear unabhängige inf. Transformationen einer Gruppe, so gilt für die in II. vorkommenden Konstanten Cijk + cjik = 0, (6) U {CijiCihk + CjhiCnk + chilclik] = 0. (7) Sind umgekehrt r3 Konstanten cijk bekannt, die (6) und (7) erfüllen, so lassen sich in einem Raum von genügend vielen Dimensionen r linear unabhängige Transformationen Xl9 ..., Xr finden, die (5) erfüllen und demnach eine r-gliedrige Gruppe erzeugen. Beispiele für diesen Gruppenbegriff bieten sich in Hülle und Fülle an. Wir erwähnen etwa die Gruppe der Translationen des 3dimensionalen euklidischen Raumes mit den inf. Transformationen Pl> P2, P* (Hierbei steht p% für — — Die Umrahmung pflegte Lie stets vorzunehmen: „wir machen für die Gruppe ein Haus."1). Die Gruppe der euklidischen Bewegungen hat 6 Parameter und die inf. Transformationen Pu P2, Pz, X2P3 — x*P2> ^P\ — XiPz, X1P2 — X2P1 Die Gruppe aller zentralaffinen Abbildungen des En hat n2 Parameter und die inf. Transformationen: XiPi> i,j = l,...,n. Sind für 2 Gruppen die Zahlen r gleich und kann man die Parameter at so transformieren, daß die c^, die „Strukturkonstanten", gleich werden, so heißen die Gruppen gleichzusammengesetzt (isomorph). Kann man 2 Gruppen durch Transformation der x% und durch gleichzeitige gleiche Transformation der x{ ineinander überführen, so heißen sie ähnlich. Ähnliche Gruppen sind gleichzusammengesetzt, aber nicht umgekehrt. Von diesen Resultaten ausgehend, konnte Lie viele Begriffe aus der Theorie der Substitutionsgruppen (endliche Permutationsgruppen) auf endliche kontinuierliche Gruppen ausdehnen. So die Begriffe: Untergruppe, invariante Untergruppe (Normal- Y) G. Kowalewski, Bestand und Wandel, München 1950, S. 74.
Sophus Lie 127 teuer), Transitivität, Intransitivität, Primitivität und Imprimitivität. In den zugehörigen Sätzen wurde gezeigt, wie man die entsprechenden Eigenschaften der Gruppe an ihren inf. Transformationen bzw. an den Strukturkonstanten ablesen kann. Aber auch neue Begriffe kamen hinzu. So die Begriffe der adjungierten und der Parametergruppe. Lie hat sich vielfach damit beschäftigt, alle Transformationsgruppen mit bestimmten Eigenschaften anzugeben und hat auch seinen Schülern immer wieder solche Aufgaben gestellt.1) Das letzte, in der Ferne liegende Ziel war dabei natürlich, einen möglichst umfassenden Überblick über alle Transformationsgruppen zu bekommen. Sehr einfach ist es, alle Transformationsgruppen eines eindimensionalen Raumes zu bestimmen. Diese sind mit den Untergruppen der projektiven Gruppe ax -\-b _ x = , ad — bc 4= 0, ex + d ähnlich. Auch alle Gruppen eines zweidimensionalen Raumes hat Lie schon 1874 bestimmt, später auch des dreidimensionalen Raumes, sowie die sämtlichen Untergruppen der projektiven Gruppe dieses Raumes.2) Diese Untersuchungen sind mit oft recht umfangreichen Rechnungen verbunden. Mit seiner Theorie der endlichen kontinuierlichen Transformationsgruppen hatte Lie ein Gebiet eröffnet, das ihm immer wieder neue und tiefliegende Fragestellungen schenkte, die er unermüdlich bearbeitete und die er durch zahlreiche Anwendungen auf Geometrie und Analysis den Mathematikern seiner Zeit nahezubringen versuchte. § 6. Invariantentheorie Die Invariantentheorie liefert das Bindeglied zwischen der Gruppentheorie und ihrer Anwendung in der Geometrie. Dies wurde besonders in dem bekannten Erlanger Programm von F. Klein aus dem Jahre 1872 betont, wonach zu jeder Art von Geometrie eine für diese Geometrie charakteristische Transformationsgruppe gehört, als deren Invariantentheorie sie aufgefaßt werden kann.3) Wir gehen kurz auf Lies Invariantentheorie der endlichen kontinuierlichen Transformationsgruppen ein. Es sei Xi = fiiPu ...,&»;«*!, ...,ar), i = 1, 2, ...,w, (1) eine r-gliedrige Transformationsgruppe in n Veränderlichen. Eine Funktion Q(xl9 ..., xn) heißt eine (absolute) Invariante von (1), wenn die Gleichung Q(x1'9...,xn') = Q(x1,...,xn) (2) stets richtig ist, falls man links die x{ mittels (1) durch die xt ersetzt. Denken wir uns eine eingliedrige Untergruppe g von (1), so muß ü längs jeder Bahnkurve von g x) Vgl. die Besprechung ,,gruppentheoretischer Arbeiten Anderer4' in TG, Bd. 3, Kap. 29. 2) Vgl. TB, Bd. 3, S. V, VI. 3) F. Klein, Vergleichende Betrachtungen über neuere geometrische Forschungen, abgedruckt in Math. Ann. 43 (1893) — Lie betont die Unabhängigkeit seiner Invariantentheorie gegenüber Klein, z. B. in TG, Bd. 3, S. XVII.
128 Teil III konstant sein, also X(ü) = 0, falls X(f) die zu g gehörige inf. Transformation ist. Wird demnach (1) von Xx(f), ..., Xr(f) erzeugt, so muß sein: XX(Q) = 0,...,Xr(Q) = 0. (3) Diese Gleichungen sind aber auch hinreichend dafür, daß ü eine Invariante von (1) ist. Die Bestimmung aller Invarianten läuft somit auf die Lösung der Differentialgleichungen (3) hinaus, die wegen § 5, IL, ein vollständiges System bilden. Möglicherweise gibt es nur die triviale Lösung Q = const. Falls man die endlichen Gleichungen (1) der Gruppe kennt, kann man auch durch Elimination der at aus (1) zu den Invarianten gelangen, doch muß dieser Weg nicht unbedingt vorteilhafter sein. Die Gruppe (1) läßt sich nun auf vielfache Weise „erweitern". Man kann z. B. noch ein weiteres w-Tupel x% betrachten, das durch (1) in x{ transformiert werden möge. Dann lassen sich die Gleichungen xi == ti\xl> '' ' 9 %n> aly " - y ar) > %i = J i\%l> • • • > %n > &i> • • • • > #/■) > als eine r-gliedrige Transformationsgruppe in den 2n Variablen xl9 ..., xn, xlf ..., xn auffassen, die mit (1) gleichzusammengesetzt ist. Eine Invariante dieser Gruppe beschreibt eine Eigenschaft der von zwei Punkten gebildeten Figur, die bei allen Transformationen (1) ungeändert bleibt (z. B. die Entfernung zweier Punkte bei der Gruppe der Bewegungen des euklidischen Raumes). Natürlich kann man auch noch weitere Punkte hinzunehmen oder auch andere geometrische Gebilde, die sich durch Koordinaten festlegen lassen. Hat man nur genügend viele, so ist in dem entstehenden vollständigen System für die Invarianten die Anzahl N der Variablen größer als die Anzahl q der unabhängigen Gleichungen, so daß die Existenz nichttrivialer Invarianten gesichert ist (z. B. das Doppelverhältnis von vier Punkten einer Geraden). Auch die Differentialgeometrie ordnet sich dem invariantentheoretischen Gesichtspunkt unter. Wir fassen in (1) q der Variablen, etwa xl9 ...,xq, als unabhängige, die restlichen als abhängige Veränderliche auf und setzen: xq+l = Vl> - • - y %n == Vn-q' Dann kann man (1) erweitern, indem man noch die Transformationsformeln für die Ableitungen (bis zur /z-ten Ordnung) der y nach den x hinzufügt. Man erhält wieder eine Gruppe in N Variablen, die mit (1) gleichzusammengesetzt ist. Ihre Invarianten sind die Differentialinvarianten ju-ter Ordnung von (1). Jede endliche kontinuierliche Gruppe besitzt unendlich viele Differentialinvarianten, die durch Integration von vollständigen Systemen gefunden werden können. Die Anwendung auf die Differentialgeometrie ergibt sich daraus, daß im Raum der x, y jede g-dimensionale Fläche durch Vorgabe der y als Funktionen der x beschrieben wird. Krümmung und Windung einer Raumkurve, Gaußsche und mittlere Krümmung einer Fläche sind die einfachsten Beispiele solcher Differentialinvarianten. Je nachdem, welche Gruppe man zugrunde legt, bekommt man in Übereinstimmung mit dem Erlanger Programm die Differentialgeometrie der verschiedenen Geometrien: z. B. affine oder projektive Differentialgeometrie. Man ersieht hieraus die Bedeutung der Lieschen Invariantentheorie.1) x) Neben ihr behauptet die algebraische Invariantentheorie ein selbständiges Interesse. 1,2, ■ n, (4)
Sophus Lie 129 Doch auch für die Theorie der Differentialgleichungen hat Lie seine invariantentheoretischen Untersuchungen fruchtbar gemacht. Setzt man eine Differential- invariante von (1) gleich Null, so erhält man eine Differentialgleichung, welche die Gruppe (1) gestattet. Davon war schon in § 4 die Rede. In dem einfachen Fall einer Differentialinvariante erster Ordnung für eine eingliedrige Gruppe in zwei Variablen x und y erhält man eine gewöhnliche Differentialgleichung erster Ordnung F(x, y, y') = 0. Aus der bloßen Kenntnis der Gruppe kann man ohne Integration die Differentialgleichung auf eine Form bringen, in der sie durch Quadraturen lösbar ist. Ja, es genügt schon die Kenntnis der zugehörigen inf. Transformation, um einen (Euler- schen) Multiplikator zu gewinnen. So erklären sich die meisten der sogenannten elementaren Integrationsmethoden. Es sei schließlich noch bemerkt, daß Lie die Theorie der in § 4 erwähnten Funktionengruppen als Invariantentheorie der Berührungstransformationen auffaßte. § 7. Vollständige Systeme mit bekannten Transformationen Aus dem großen Reichtum der von Lie aufgedeckten und untersuchten Beziehungen zwischen Gruppentheorie, Invariantentheorie und Differentialgleichungen sei noch auf die Frage eingegangen, welchen Nutzen man für die Integration eines vollständigen Systems von linearen Differentialgleichungen erster Ordnung X1(/) = 0,...,Xr(/)=0 (1) ziehen kann, wenn man gewisse endliche oder inf. Transformationen kennt, welche das System (1) in sich überführen. Eine inf. Transformation B(f) führt dabei (1) in sich über, falls (Xh B) (/) = 0 eine Folge der Gleichungen (1) ist; man sagt: Das System (1) gestattet die inf. Transformation B(f). Kennt man mehrere inf. Transformationen B^f), ..., Bt(f), die von (1) gestattet werden, so kann Lie durch verschiedene vorbereitende Operationen immer den Fall herstellen, daß die Bi(f) eine Gruppe im Sinne von § 5, II., erzeugen. Wir begnügen uns mit dem folgenden „Normalproblem". Es sei die Differentialgleichung dt n dt Mi) =-r + Z «*(*> *i> •••> **) t1 = o CX k=l OXje gegeben. Sie gestatte die n inf. Transformationen BAf)=£ßik(x9xu...9xn)^L. k=l CXk n Dabei mögen die Bt(j) keine nichttriviale Relation der Gestalt 2J yßiif) — 0 erfüllen, und es sei ,=1 (A,Bi) = 0, (Bh B,) = £ cijkBk k mit konstanten c^. Es sei © die von den B% erzeugte w-gliedrige Gruppe, deren endliche Transformationen bekannt seien. Das Problem, die Gleichung A(f) =0 unter den gegebenen Umständen zu integrieren, bezeichnen wir mit (Pn).
130 Teil III Hat nun die Gruppe © eine invariante, m^gliedrige Untergruppe Gblf so kann Lie die Lösung von (Pn) auf die Lösung zweier gleichartiger Probleme (P„_TOl) und (Pmi) zurückführen. Zum Problem (Pn_mi) gehört die Gruppe ®/©i> während ©x zum Problem (Pmi) gehört. Kennt man eine invariante Untergruppe von ®l9 so kann man (Pmi) weiter zerlegen. Besitzt schließlich © eine Reihe von Untergruppen © = ©o=) ©1=) ©2=3 '•• => ®/, wo jedes ©i+1 invariant in der mrgliedrigen Gruppe ©i ist (Normalreihe), so ist (Pn) zurückführbar auf eine Reihe von Problemen (Pmt). Ist die Gruppe © speziell auflösbar (Lie sagt „integrabel"), d. h., ist stets ml+1 = mt — 1, ml = 1, so hat man (Pn) auf eine Reihe von Problemen (Px) zurückgeführt. Ein Problem (Px) ist aber in Wahrheit eine gewöhnliche Differentialgleichung, die eine bekannte inf. Transformation gestattet (§6), also durch Quadraturen zu lösen ist. Demnach ist für auflösbare Gruppen © das Problem (Pn) durch Quadraturen lösbar. Man wird leicht die Analogie zur Galoisschen Gleichungstheorie bemerken. Eine solche Analogie wird auch in den Untersuchungen von Picard und E. Vessiot (1865—1952) über lineare gewöhnliche Differentialgleichungen im Komplexen erreicht.1) § 8. Riemann-Helmholtz-Liesches Raumproblem Die Arbeiten Lies über die Grundlagen der Geometrie knüpfen an die Untersuchungen von Riemann und Helmholtz an und stellen auch eine Anwendung seiner Gruppentheorie dar, deren Nützlichkeit er dabei besonders eindrucksvoll zu demonstrieren hoffte. In seinem 1854 gehaltenen HabilitationsVortrag2) begründete Riemann die heute nach ihm benannte Geometrie, in der durch eine quadratische Differentialform in einer w-dimensionalen Mannigfaltigkeit eine Metrik festgelegt wird. Mit deren Hilfe konnte Riemann eine Krümmungstheorie entwickeln, und die Räume konstanter Krümmung erwiesen sich als mit den nichteuklidischen identisch. Diese Riemannsche Begründung der Geometrie wurde von Helmholtz3) verworfen (zu Unrecht übrigens); er selbst ging von einer Mannigfaltigkeit (ohne Differentialform!) aus, in der eine ,,/reie Beweglichkeit" für die starren Körper möglich ist. Dies läuft etwa darauf hinaus, daß eine Gruppe von Transformationen der Mannigfaltigkeit gegeben ist, die gewisse Forderungen erfüllen. Freilich kommt der Gruppenbegriff explizit bei Helmholtz gar nicht vor; überhaupt sind die Helmholtzschen Formulierungen recht undeutlich. Lie unterzieht zunächst die Arbeit von Helmholtz einer eingehenden Kritik und *) Siehe: Enz. math. Wiss. II, A, 4b: E. Vessiot, Gewöhnliche Differentialgleichungen; elementare Integrationsmethoden. 2) B. Riemann, Über die Hypothesen, welche der Geometrie zugrunde liegen. Ges. Werke, Leipzig 1876, S. 254-269. 3) H. v. Helmholtz, Über die Tatsachen, die der Geometrie zugrunde liegen, Wiss. Abh. II, (1883), S. 618-639.
Sophus Lie 131 zeigt, daß Helmholtz die „freie Beweglichkeit im Infinitesimalen" benutzt. Sodann gibt Lie zwei verschiedene Lösungen des Problems an. Die erste sieht etwa so aus: Der Raum ist eine dreidimensionale Zahlenmannigfaltigkeit, in der eine Gruppe G von Transformationen — Bewegungen — gegeben ist. Diese ist eine der nichteuklidischen Bewegungsgruppen, falls sie „in einem festen Punkt P von allgemeiner Lage" die freie Beweglichkeit im Infinitesimalen besitzt. Diese definiert Lie aber wie folgt: „Hält man den Punkt P und ein beliebiges hindurchgehendes reelles Linienelement fest, so soll stets noch kontinuierliche Bewegung möglich sein, hält man dagegen außer P und jenem Linienelement noch ein beliebiges reelles Flächenelement fest, das durch beide geht, so soll keine kontinuierliche Bewegung mehr möglich sein." Diese erste Lösung hat Lie auch für beliebige Dimensionen formuliert. Die zweite Lösung ist problematischer. Sie benutzt die freie Beweglichkeit im Endlichen. Lie setzt die Existenz von „Pseudokugeln" voraus und fordert, daß nach Festhaltung des Mittelpunkts ein weiterer Punkt noch auf der durch ihn gehenden Pseudokugel frei beweglich ist. Wie groß auch der Fortschritt eingeschätzt werden mag, den Lies Arbeiten zum Raumproblem gegenüber Helmholtz darstellen, so waren seine Sätze doch noch nicht recht befriedigend; so werden z. B. die topologischen Schwierigkeiten kaum beachtet. Dies bedeutet keine Einschränkung der Leistung Lies, sondern zeigt nur die Schwierigkeit des Problems, die schon bei seiner Formulierung anfängt. Es haben in der Folge viele Mathematiker an diesem heute nach Riemann, Helmholtz und Lie genannten Problem gearbeitet, wobei einige der klangvollsten Namen zu nennen wären.1) Die erzielten Resultate liefern eine wirkliche Lösung des Problems. § 9. Ausblick Sophus Lie hat vornehmlich durch seinen Ideenreichtum auf die Mathematik unseres Jahrhunderts eingewirkt. Ob seine Resultate im einzelnen noch den heutigen Anforderungen an die Strenge der Beweise genügen, ist eine andere Frage. Hier bleibt, namentlich im Hinblick auf Lies Arbeiten über Differentialgleichungen, noch viel zu tun für die heutigen Mathematiker. Mächtig weiterentwickelt und in aller begrifflichen Schärfe ausgebaut wurde indessen die Liesche Gruppentheorie,2) worauf hier noch in aller Kürze eingegangen werden soll. Eine Liesche Gruppe G definiert man heute als eine Gruppe, die gleichzeitig auch eine analytische Mannigfaltigkeit ist, so daß die Abbildung (a, r) -> ax~1 von G xG auf G analytisch ist. Dabei sieht man zunächst davon ab, daß die Elemente von G eventuell Transformationen einer anderen Mannigfaltigkeit sind.3) Beschränkt man *) Eine Zusammenfassung der Entwicklung des Problems findet sich bei H. Freudenthal, Neuere Fassung des Riemann-Helmholtz-Lieschen Raumproblems, in J. Naas u. K. Schröder, Der Begriff des Raumes in der Geometrie, Berlin 1957, S. 92 — 97. 2) An neueren Darstellungen seien genannt: L. S. Pontrjagin, Topologische Gruppen, Teil 2, Leipzig 1958 (Übersetzung aus dem Russischen); C. Chevalley, Theory of Lie groups I, Princeton 1946; S. Helgasson, Differential geometry and Symmetrie Spaces, New York — London 1962. 3) Man betrachtet also die Parametergruppe (n). Das Studium transitiver Transformations- gruppen läuft dann auf das Studium der Paare (G, H) hinaus, wo H Untergruppe von G ist.
132 Teil III sich auf eine Umgebung des Einselementes, so erhält man eine lokale Gruppe G^.1) Die inf. Transformationen, die Gx im Sinne von Lie erzeugen, faßt man zu einem rein algebraischen Objekt, der „Lieschen Algebra11 © zusammen. © ist ein endlichdimen- sionaler Vektorraum, dim © = dim G, in dem eine bilineare Verknüpfung zweier Vektoren X und Y zu (X, Y) gegeben ist, so daß (X, Y) =, -(7, X), (X, (F, Z)) + (r, (Z, X)) + (Z, (X, Y)) = 0. Die Struktur der lokalen Gruppe Gx wird dann durch © vollständig beschrieben. Lokal isomorphe Gruppen haben gleiche Liesche Algebra und umgekehrt. Alle untereinander lokal isomorphen (zusammenhängenden) Lieschen Gruppen kann man aus der zugehörigen universellen Überlagerungsgruppe durch Faktorengruppenbildung2) nach einem diskreten Normalteiler gewinnen. Der dritte Liesche Fundamentalsatz beinhaltet die Existenz einer lokalen Lieschen Gruppe zu gegebener Liescher Algebra. Aber auch eine vollständige Liesche Gruppe läßt sich stets zu gegebener Liescher Algebra konstruieren. Für Algebren ohne Zentrum ist dies mit Hilfe der adjungierten Gruppe besonders einfach. Bei der Untersuchung der Lieschen Algebren spielen die Begriffe der auflösbaren und der halbeinfachen Algebra eine besondere Rolle. Jede Liesche Algebra kann gewissermaßen in eine auflösbare und eine halbeinfache Liesche Algebra zerlegt werden.3) Jede halbeinfache Liesche Algebra zerlegt sich in einfache, und diese sind vollständig klassifiziert worden, und zwar zuerst durch Killing, dessen Beweise und Resultate von E. Cartan (1869—1951) verbessert wurden. Beider Arbeiten wurden noch von Lie selbst gewürdigt.4) Eine besondere Schwierigkeit ergab sich dabei durch den notwendigen Übergang ins Komplexe, da nämlich rückwärts eine komplexe Algebra verschiedene reelle Formen haben kann. Hier ist wieder E. Cartan zu nennen, der überhaupt in vieler Hinsicht als der Nachfolger Lies gelten kann. Im Jahre 1900 stellt D. Hilbert (1862-1943) eine Reihe von Problemen5) auf, deren Lösung er für den Fortschritt der mathematischen Wissenschaften besonders wünschenswert hielt. Das fünfte dieser Probleme bezieht sich auf Liesche Gruppen und läuft auf die Frage hinaus, ob man in der obigen Definition einer Lieschen Gruppe das Wort „analytisch11 durch „stetig11 ersetzen kann. Diese Frage ist auch im Hinblick auf das Raumproblem von Bedeutung und hat viele Mathematiker in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts beschäftigt. Es ist heute in bejahendem Sinne gelöst. Es gibt noch eine Vielzahl von Theorien, die sich auf Liesche Gruppen beziehen und in den letzten Jahrzehnten entstanden sind: Darstellungstheorie, Theorie der invarianten Übertragungen auf Lieschen Gruppen, invarianten Differentialformen, Theorie von Hodge für Liesche Gruppen, die Bestimmung der Betti-Zahlen und Poincar6-Polynome kompakter Liescher Gruppen, symmetrische und homogene *) Durch die genaue Fassung dieser Begriffe, insbesondere auch in topologischer Hinsicht, wird eine weit größere Strenge als bei Lie erreicht. 2) Den Begriff der Faktorgruppe verdankt man übrigens Lies Nachfolger in Leipzig, Otto Holder (1859-1937), von 1899 bis 1928 ord. Prof. in Leipzig. 3) Allerdings nicht im Sinne einer direkten Zerlegung. *) TG, Bd. 3, Kap. 29. 5) D. Hilbert, Ges. Abh., Bd. III, S. 290—329. — Hilbert begründet die Wichtigkeit des Problems gerade auch im Hinblick auf Lies Arbeiten über die Grundlagen der Geometrie.
Sophus Lie 133 Räume usw. Die Erwähnung dieser Dinge kann hier nur den Sinn haben, die Lebenskraft der Lieschen Gruppentheorie bis in unsere Tage zu zeigen. Wir schließen, indem wir F. Engel zitieren, der ja Zeit seines Lebens in seltener Treue bemüht war, den Mathematikern Lies Werk zu erschließen: „Wenn die Erfinderkraft der wahre Maßstab für die Größe eines Mathematikers ist, so muß Sophus Lie unter die ersten Mathematiker aller Zeiten gerechnet werden. ... Die Anregungen aber, die er in verschwenderischer Fülle ausgestreut hat, werden auf noch viel länger hinaus wirken, und niemand vermag abzusehen, wann einmal ihre Fruchtbarkeit erschöpft sein wird, wenn das überhaupt möglich ist."1) x) Leipziger Berichte 51 (1899), S. XI.
Felix Hausdorff und die angewandte Mathematik % Hans-Joachim Girlich (Leipzig) Felix Hausdorff (1868-1942) 1. Einleitung Felix Hausdorff ist in die Annalen der Mathematik als Begründer der mengentheoretischen Topologie eingegangen, als Verfasser der berühmten „Grundzüge der Mengenlehre", worin vor allem die folgende, nun schon über 65 Jahre alte, wahrlich epochale Definition geprägt wurde, die wir hier explizit wiedergeben wollen: „Unter einem topologischen Baum verstehen wir eine Menge E, worin den Elementen (Punkten) x gewisse Teilmengen Ux zugeordnet sind, die wir Umgehungen von x nennen, und zwar nach Maßgabe der folgenden Umgebungsaxiome: (A) Jedem Punkt x entspricht mindestens eine Umgebung Ux; jede Umgebung Ur enthält den Punkt x. (B) Sind Ux, Vx zwei Umgebungen desselben Punktes x, so gibt es eine Umgebung Wx, die Teilmenge von beiden ist. (C) Liegt der Punkt y in Ux, so gibt es eine Umgebung Uy, die Teilmenge von Ux ist. (D) Für zwei verschiedene Punkte x, y gibt es zwei Umgebungen UXi Uv ohne gemeinsamen Punkt." Heute ist diese Schöpfung der unbestritten ,,reinen" Mathematik unter der Bezeichnung Hausdorffscher Raum mathematisches Allgemeingut geworden und selbst in Handbüchern der angewandten Mathematik zu finden.1) Wir könnten fortfahren, Hausdorffsche Begriffe aufzuführen und zu diesen abstrakten Konstruktionen Anwendungen in der Gegenwart anzugeben, so etwa die Hausdorffsche Dimension, das Hausdorffsche Maß, die Hausdorffsche Metrik und ihr Einsatz in der Informationstheorie bzw. in der modernen Entscheidungstheorie.2) Es wäre bestimmt reizvoll, den großen Mathematiker Felix Hausdorff auf diese Weise zu würdigen. !) Vgl. z. B. [63]. 2) Vgl. [41], [40] sowie [61], [62], [16], [58].
Felix Hausdorff und die angewandte Mathematik 135 Unser Anliegen ist aber weitaus bescheidener. Wir wollen die Aufmerksamkeit auf die weniger bekannte Tatsache lenken, daß der geniale Theoretiker Felix Hausdorff sich während seines Studiums, bei seiner Promotion und Habilitation selbst noch als junger Privatdozent im wesentlichen der angewandten Mathematik verschrieben hatte. Wir werden Hausdorffs Werdegang an der Leipziger Universität von 1887 bis 1910 verfolgen und zu zeigen suchen, daß Leipzig und sein Mathematisches Institut, dessen wissenschaftliches Profil von seiner Gründung bis zur Gegenwart durch die Einheit von reiner und angewandter Mathematik geprägt ist, auch Felix Hausdorff geformt und zu seinen hervorragenden mathematischen Leistungen befähigt hat. Wir können uns hier ohne Nachteil für den geneigten Leser auf Hausdorffs Leipziger Jahre beschränken, da Hausdorffs Wirken an den Universitäten in Greifswald und Bonn bereits von F. v. Krbek (1956), M. Dierkesmann (1967) und W. Krull (1970) vorzüglich beschrieben worden ist. In den beiden erstgenannten Lebensbildern konnten die Autoren auch über ihre persönlichen Begegnungen, ihren direkten Kontakt zu Felix Hausdorff als Kollege, als Lehrer — als Mensch beeindruckend berichten.1) Wir sind dagegen allein auf schriftliche Zeugnisse aus der Hand von Felix Hausdorff oder von Amtspersonen seiner Zeit angewiesen. Dabei wurden wir in besonderem Maße von Mitarbeitern der Universitätsarchive in Leipzig und Berlin, des Stadtarchivs und der Urkundenstelle in Leipzig in dankenswerter Weise unterstützt. Des weiteren sei Herrn Prof. Dr. G. Bergmann aus Münster gedankt, der mir die Einsichtnahme in eine Vorlesungsskripte aus dem Hausdorff- schen Nachlaß ermöglichte. 2. Studienzeit Felix Hausdorff wurde am 8. November 1868 in Breslau als Sohn des Kaufmanns Louis Hausdorff geboren, der seit 1871 auf dem Leipziger Brühl mit „Leinen und ßaumwollwaaren en gros" handelte und 1875 die sächsische Staatsangehörigkeit sowie das Bürgerrecht der Stadt Leipzig erwarb. Nach dreijährigem Besuch der zweiten Bürgerschule zu Leipzig bezog Felix Hausdorff ebendaselbst Ostern 1878 das Nicolai-Gymnasium, das er — seit Untersecunda als Klassenprimus — mit bestandener Reifeprüfung im März 1887 verließ.2) Am 18. April 1887 schrieb sich Felix Hausdorff in die Matrikellisten der Leipziger Universität ein, um Naturwissenschaften und Mathematik zu studieren. In seinem ersten Studienjahr wählte er ein Ausbildungsprogramm, das hinsichtlich Inhalt und Umfang im wesentlichen dem entsprach, das noch 70 Jahre später in Leipzig von den angehenden Mathematikern und Physikern absolviert wurde. Er belegte Experimentalphysik bei G. Wiedemann, analytische und projektive Geometrie bei S. Lie nebst den von F. Schur geleiteten Übungen dazu, Algebra und Determinanten sowie Differential- und Integralrechnung mit Übungen bei A. Mayer. Schließlich hörte er mathematische Geographie bei H. Bruns und Theorie der algebraischen Gleichungen bei F. Engel. Des weiteren besuchte er Vorlesungen zu verschiedenartigen histori- *) Vgl. auch [3], [43], [4], [52]. 2) Vgl. [22], [60], [2].
136 Teil III sehen und philosophischen Themen, u. a. zur ,,Geschichte des Socialismus" bei 0. Warschauer und zur Arbeiterfrage bei K. Walcker.1) Das Sommerhalbjahr 1888 verbrachte Felix Hausdorff an der Großherzoglichen Badischen Albert-Ludwig-Universität zu Freiburg im Breisgau. Er studierte die Geschichte der neueren Philosophie bei H. Münsterberg, anorganische Experi- nientalchemie unter Anleitung von E. Baumann sowie Integralrechnung bei L. Stik- kelberger. Nach diesem geruhsamen Semester im idyllisch an den Westhängen des südlichen Schwarzwalds gelegenen Freiburg stürzte sich Felix Hausdorff in den hauptstädtischen Trubel an der Spree. Er ließ sich am 25. Oktober für das Winterhalbjahr 1888/89 an der Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin immatrikulieren und nutzte weidlich das Angebot an dieser Hochburg der Wissenschaften. Hier in Berlin fiel die Entscheidung zugunsten der angewandten Mathematik; die Direktoren der Königlichen Sternwarte, des Astronomischen Rechen-Instituts und des Geodätischen Instituts waren maßgeblich daran beteiligt. So hörte er bei W. Foerster allgemeine Astronomie und Astrophysik sowie Fehlertheorie und Kritik von Messungsergebnissen, Mechanik des Himmels bei F. Tietjen und die Methode der kleinsten Quadrate bei F. Helmert. Die Theorie der elliptischen Funktionen und analytische Mechanik lernte Hausdorff bei L. Fuchs kennen, der neben Weierstrass und Kronecker das Mathematische Seminar der Universität leitete. Auch in Berlin betrieb Hausdorff philosophische Studien und besuchte jeden Donnerstag um 18 Uhr ein unentgeltliches Kolleg von Dr. K. Moeli über „Beziehungen zwischen Geistesstörung und Verbrechen und über die Beurtheilung des Geisteszustandes vor Gericht mit Demonstrationen".2) Vom 26. April 1889 bis zum Ende des Sommersemesters 1891 studierte Felix Hausdorff wieder in Leipzig. Dabei bevorzugte er durchweg die Vorlesungen und Seminare von H. Bruns (allgemeine und praktische Astronomie, Himmelsmechanik, Bahnbestimmung und spezielle Störungen, Wahrscheinlichkeitsrechnung) und A. Mayer (gewöhnliche, dynamische, partielle Differentialgleichungen, Variationsrechnung, analytische Mechanik). Er hörte bei S. Lie 1889 dessen Theorie der Transformationsgruppen nebst Anwendung auf Geometrie und Mechanik und bei C. Neumann analytische Mechanik sowie mechanische Wärmetheorie. Schließlich absolvierte er bei G. Wiedemann ein physikalisches Praktikum. Über den Gegenstand seiner Studien wurde er am 30. 7. 1891 im Rahmen des Promotionsverfahrens von einer Kommission geprüft, die aus G. Wiedemann, H. Bruns und A. Mayer bestand und die die Leistung des Kandidaten mit summa cum laude bewertete.3) 3. Heinrich Bruns Felix Hausdorffs akademischer Lehrer im engeren Sinne, der ihn zur eigenen Forschungsarbeit außerordentlich weitgehend anregte und unterstützte, war Heinrich Bruns, seit 1882 Direktor der Sternwarte und ordentlicher Professor der Astronomie an der Universität Leipzig. H. Bruns verkörperte seinerzeit in Leipzig den *) Vgl. [64], [68]. 2) Vgl. [22], [66], [1], [67]. 3) Vgl. [65], [60].
Felix Hausdorff und die angewandte Mathematik 137 angewandten Mthematiker par excellence. Der ehemalige Berliner Mathematikprofessor förderte nicht nur die Himmelsmechanik, die Herleitung und Integration der ßewegungsgleichungen von Himmelskörpern, sondern beschäftigte sich — eingedenk seiner Pulkower und Dorpater Erfahrungen — gleichermaßen mit theoretischen Problemen der Beobachtung von Gestirnen, den astronomischen Instrumenten und der Datenverarbeitung. Dabei war mit dem Auswerten der Beobachtungsergebnisse das Aufstellen datenverdichtender Tafeln und Näherungsformeln ebenso verbunden wie das fachgerechte Beurteilen der auftretenden Fehler. Mit derartigen Fragestellungen hat sich Felix Hausdorff in seinen ersten Untersuchungen erfolgreich auseinandergesetzt. So entstanden in den Jahren 1890 bis 1896 fünf Arbeiten zur Strahlenoptik und von 1897 bis 1901 zwei Arbeiten zur Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auf diese werden wir in den nächsten beiden Abschnitten im Detail zu sprechen kommen. Aus heutiger Sicht sei zuvor noch die Pionierrolle von H. Brtjns auf dem Gebiet der praktischen Mathematik in Leipzig hervorgehoben, wobei neben den Vorlesungen über Fehler- und Ausgleichsrechnung sowie Kollektivmaßlehre vor allem auf sein ständiges Seminar über „wissenschaftliches Rechnen" hinzuweisen ist, in denen die Studierenden spezielle Aufgaben zu lösen hatten. Die dazu erforderlichen mathematischen Verfahren, wie z. B. zur Interpolation und zur numerischen Integration, wurden den Teilnehmern in autographierter Form ausgehändigt. Diese Aufzeichnungen erschienen 1903 in Buchform als „Grundlinien des wissenschaftlichen Rechnens" im Verlag B. G. Teubner und gehören zu den ersten Büchern der praktischen Mathematik überhaupt. Derselbe Verlag brachte dann 1906 auch Brtjns „Wahrscheinlichkeitsrechnung und Kollektivmaßlehre" heraus. Die von H. Brtjns besonders geförderte praktische Seite der Mathematikausbildung wurde in Leipzig von einem seiner letzten Schüler, Felix Btjrkhardt, weitergeführt, bis sie Ende der fünfziger Jahre in dem Übungssystem der durch die moderne Rechentechnik sprunghaft entwickelten numerischen Analysis und der mathematischen Statistik vollends aufging.1) 4. Strahlenoptik und Astronomie Das wissenschaftliche Leben am Mathematischen Institut in Leipzig wurde vor der Jahrhundertwende wesentlich durch die Königliche Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig geprägt, deren „mathematisch-physischen Classe" die Ordinarien Brtjns, Lie, Mayer, Neumann und Scheibner als ordentliche Mitglieder angehörten. Auf den turnusmäßigen Sitzungen trugen die Mitglieder ihre Forschungsergebnisse vor und referierten über ihnen vorgelegte Arbeiten anderer zum Zweck des Abdrucks in den seit 1848 bei B. G. Teubner erscheinenden „Leipziger Berichten" In der Sitzung vom 23. 4. 1891 legte H. Brtjns die Arbeit „Zur Theorie des astronomischen Strahlenbrechung" vor, in der er eine neue Methode zur Gewinnung von Refraktionsformeln angibt. Die bisher verwendete Methode hatte den Nachteil, daß der über das Prinzip von Matjperttjis gefundene Ausdruck für die Refraktion eines Lichtstrahls beim Durchgang durch die Atmosphäre praktisch nur auswertbar war, wenn ein Gesetz über die vertikale Temperaturänderung zur Verfügung stand. Da zu dieser Zeit die Meteorologie erst in den Anfängen steckte und beträchtliche x) Vgl. auch [221, [59], [44].
138 Teil III Schwierigkeiten bestanden, den Temperaturverlauf bis in große Höhen durch Messungen zu erfassen, wurde auf gut Glück extrapoliert, ohne natürlich dabei die erforderliche Genauigkeit erreichen zu können. Um diesen bedenklichen Umweg zu vermeiden, benutzt H. Brtjns gleich für den Brechungsexponenten einen hypothetischen Ansatz, wobei die unbekannten Parameter mittels Ausgleichung der beobachteten Refraktionswerte zu verschiedenen Zenitdistanzen zu schätzen sind. Im nachhinein können nun aus den Refraktionen die mittleren vertikalen Temperatur- änderungen in der freien Atmosphäre ermittelt werden. Die Brunssche Konzeption wurde von F. Hatjsdorff in dessen am 9. 7. 1891 eingereichten Dissertation „Zur Theorie der astronomischen Refraktion" für verschiedene Ansatzklassen systematisch durchgearbeitet und ausgearbeitet, so daß sie die für die praktischen Anwendungen erforderliche Geschmeidigkeit gewinnt. Nach Annahme der Arbeit auf Grund des von H. Brtjns und A. Mayer am 14. 7. 1891 erteilten und mit „egregia" bewerteten Gutachtens wird die Arbeit in den Leipziger Berichten (Sitzung vom 3. August 1891) veröffentlicht, wobei bemerkenswerterweise im Titel „Refraktion" durch „Strahlenbrechung" ersetzt wurde, so daß die Hausdorffsche Arbeit unter demselben Titel erscheint wie die vorangegangene von H. Brtjns. Nach Ableisten eines einjährigen Militärdienstes beim Infanterie-Regiment Nr. 106 in Möckern liefert er zu Beginn des Jahres 1893 einen Nachtrag zur Dissertation, worin der Nachweis geführt wird, daß die nach der Brunsschen Methode über beobachtete Refraktionswerte bestimmte mittlere Temperaturabnahme in der freien Atmosphäre genauer und bequemer folgt als durch die bisherigen meteorologischen Hilfsmittel. Allerdings fügt Hatjsdorff bedauernd hinzu: „Zu einer wirklichen Anwendung des Verfahrens fehlt, nachdem seine Anwendbarkeit an reinen Rechenbeispielen gezeigt ist, nur noch das Material, dessen Beschaffung hoffentlich in nicht zu ferner Zeit von einer der günstiger gelegenen Sternwarten in ihren Arbeitsplan aufgenommen wird."1) Dieser Appell des jungen Hochschulabsolventen, dem es Ernst ist um die Anwendung seiner Wissenschaft, ist mit einer persönlichen Konsequenz verbunden. Felix Hausdorff nimmt das Brunssche Angebot, an der Universitätssternwarte im Jo- hannistal — unweit des Mathematischen Instituts — als Rechner zu arbeiten, im Februar 1893 an. Am Ende des Jahres schließt er seine Untersuchungen über die astronomische Refraktion durch eine dritte Arbeit ab, in der der Einfluß der Erdabplattung mittels Störungsrechnung analysiert wird. Dabei erweist sich die Berücksichtigung der Erdabplattung nur bei Refraktionsbeobachtungen in der Nähe des Horizonts für die Ableitung mittlerer Lufttemperaturen als erforderlich. Im April 1895 reicht F. Hausdorff die Schrift: „Über die Absorption des Lichtes in der Atmosphäre" mit dem Antrag auf Erteilung der venia legendi für Astronomie und Mathematik bei der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig ein. In dieser Arbeit wird zwischen Refraktion und Extinktion eine hinsichtlich der mathematischen Beschreibung bestehende Analogie aufgedeckt, so daß die Brunssche Methode auch hierbei anwendbar ist. Es gelingt Hausdorff, den für astronomische Helligkeitsmessungen benötigten Extinktions verlauf erschöpfend darzustellen. Für Beobachtungsmaterial aus Potsdam und vom Säntis (Schweiz) zeigt sich inter- i) Vgl. [24].
Felix Hausdorff und die angewandte Mathematik 139 essanterweise mit wachsender Höhe ein überraschend ungleichmäßiger Abfall der Absorption. Nachdem die Habilitationsschrift von der Fakultät angenommen und das Collo- quium am 18. 6. 95 „zur vollen Zufriedenheit der Commission ausgefallen" war, fand am 25. 7. 95 im Saale des Czermakschen Instituts die Probevorlesung über „Das Gauss'sche Fehlergesetz" statt. Am gleichen Tag unterschrieb F. Hausdorff eine Erklärung, daß er mit der venia legendi „weder auf Unterstützung durch Grati- fication noch auf irgend eine feste Besoldung einen Anspruch erhalte".1) Hausdorffs Start als Privatdozent war wenig verheißungsvoll. Zu seinen im Winterhalbjahr 1895/96 gehaltenen beiden Vorlesungen, die im gedruckten Verzeichnis nicht mehr aufgezeigt werden konnten, fanden sich kaum Hörer ein. Zur Vorlesung „Figur und Rotation der Himmelskörper" kam nur einer, zur „Karten- projection" (obwohl publice) auch nur zwei. In diesem Semester entstand dafür eine Arbeit, in der Hausdorff nochmals ganz unmittelbar an eine Veröffentlichung seines Lehrers anknüpft. Es handelt sich hierbei um die für die Entwicklung der geometrischen Optik fundamentale Brunssche Abhandlung: „Das Eikonal", in der eine Theorie der optischen Instrumente auf der Grundlage des Malusschen Satzes aufgebaut wird, wonach flächennormale Büschel bei jeder Brechung in flächennormale übergehen. Die entsprechende Strahlenabbildung ist nichts anderes als eine Berührungstransformation, deren erzeugende Funktion im wesentlichen dem Eikonal entspricht, für das H. Bruns eine äußerst geschickt gewählte Darstellung einführte. F. Hausdorff untersucht in seiner Arbeit speziell „Infinitesimale Abbildungen der Optik", wodurch sich die Rechnungen wesentlich vereinfachen. Er konnte für diesen Fall der stetig zusammengesetzten optischen Abbildungen die Unmöglichkeit zeigen, strenge Aplanasie bei einem teleskopischen System zu erreichen, d. h., es existiert kein ideales Fernrohrobjektiv. Nachdem H. Bruns am 13. 1. 1896 in der Sitzung der math.-phys. Classe die Hausdorff sehe Arbeit vorgelegt hatte, ergriff S. Lie das Wort zu seiner kurzen Rede über „Die infinitesimalen Berührungstransformationen der Optik", in der er daran erinnerte, daß er in seinen Vorlesungen seit 1872 die Zuhörer darauf hingewiesen habe, „dass verschiedene Gebiete der Mechanik und Physik (insbesondere der Optik) in schönster Weise die Begriffe eingliedrige Gruppe von Punkt- bzw. Berührungstransformationen illustrieren und gleichzeitig durch explicite Einführung dieser Begriffe gefördert werden". Erst in der von K. Schwarzschild 1905 aufgestellten Theorie der Bildfehler höherer Ordnung und deren Anwendung zur Berechnung effektiver Linsensysteme wurde das Brunssche Eikonal praxiswirksam. Diese in Leipzig entstandene Richtung der geometrischen Optik wurde in den fünfziger Jahren in Leipzig durch J. Focke wiederbelebt und in gewisser Weise vollendet.2) 5. Wahrscheinlichkeitsrechnung Während der Prosperität der Gründer jähre entwickelte sich die Handelsstadt Leipzig zur sächsischen Wirtschaftsmetropole mit einem bedeutenden Finanzsektor. In diesem Zusammenhang ist wohl die Anregung des Königlichen Ministeriums zu i) Vgl. [60]. «) vgl. [8], [26], [50], [14], [20].
140 Teil III sehen, an der Leipziger Universität Versicherungstechniker ausbilden zu lassen. Die Philosophische Fakultät beauftragte den Privatdozenten Felix Hausdorff, den theoretischen Teil der Ausbildung zu übernehmen. Er begann im Sommerhalbjahr 1896 mit einer Vorlesung über Versicherungsmathematik, die er mit „Politischer Arithmetik" (Lotterien, Staatsanleihen, Finanzwesen) und „Mathematischer Statistik" in den folgenden beiden Semestern fortsetzte. Nicht zuletzt wegen der positiven Resonanz dieses Kurses, der an der Universität zweimal wiederholt werden mußte, übernahm F. Hausdorff auch einen festen Lehrauftrag von der im Jahre 1898 gegründeten Handelshochschule Leipzig, übrigens der ersten Schule ihrer Art in Deutschland.1) Die reizvolle Aufgabe bei der Gestaltung dieser Vorlesungen bestand für den angewandten Mathematiker darin, aus dem umfangreichen Schrifttum, das im wesentlichen eine Sammlung mehr oder weniger begründeter Einzelfaktoren im zum Teil widersprüchlichen Kontext darstellte, den mathematischen Kern herauszuschälen und die Begriffe und Aussagen entsprechend zu präzisieren. Diese Arbeit findet auch in der Schrift „Das Risico bei Zufallsspielen" ihren Ausdruck. Darin entwickelte Hausdorff (1897) ein einfaches stochastisches Modell, auf das die Probleme einer Lotterie, von Anleihen (Tilgungsraten) und der Lebensversicherung zurückgeführt werden können. In heutiger Sprechweise handelt es sich bei dem eingeführten „gerechten Zufallsspiel" um eine Zufallsgröße mit verschwindender mathematischer Erwartung, deren Standardabweichung als mittleres Risiko bezeichnet wird. Die Beziehungen zu anderen Risikobegriffen werden hergestellt und Fehler in der Literatur nachgewiesen, die vor allem durch sorglosen Umgang mit dem Begriff der Unabhängigkeit zufälliger Ereignisse entstanden sind. Allerdings waren damals diese Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung allgemein noch nicht entsprechend scharf gefaßt, und die von D. Hilbert (1900) in seinem berühmten Pariser Vortrag erhobene Forderung nach deren Axiomatisierung war Ausdruck dieses unbefriedigenden Zustands. Im Winterhalbjahr 1900/01 hielt F. Hausdorff „ein wundervolles Kolleg über Wahrscheinlichkeitsrechnung", wie G. Kowalewski in seinen Lebenserinnerungen schreibt, der mit H. Liebmann unter den neun Hörern dieser Vorlesung weilte. Vielleicht dadurch angeregt, übersetzte H. Liebmann das bedeutsame Lehrbuch „Wahrscheinlichkeitsrechnung" von A. Markov aus dem Russischen und brachte es 1912 bei B. G. Teubner heraus. In einem Anhang wurden noch einige neuere Arbeiten von A. Markov aufgenommen, die abhängigen Folgen gewidmet sind. Aus Leipziger Sicht ist insbesondere eine Arbeit von 1911 interessant, in der A. Markov die von H. Bruns (1906) in „Das Gruppenschema für zufällige Ereignisse" eingeführten zufälligen Folgen analysiert und zu den sogenannten Markov-Bruns-Ketten erweitert. Ein weiteres Ergebnis der obengenannten Vorlesung bilden Hausdorffs „Beiträge zur Wahrscheinlichkeitsrechnung", die in der Sitzung der math.-phys. Classe vom 6. 5. 1901 vorgelegt wurden. Im ersten Teil wird auf der Grundlage der Laplaceschen Wahrscheinlichkeitsdefinition der Begriff der „relativen Wahrscheinlichkeit" erklärt, die wir heute bedingte Wahrscheinlichkeit nennen. Damit wird gezeigt, daß die Bayessche Formel in elementarer Weise aus dem Satz über die totale Wahrscheinlichkeit gefolgert ') Vgl. [60].
Felix Hausdorff und die angewandte Mathematik 141 werden kann und keinerlei kausale und zeitliche Hilfsvorstellungen oder Prinzipien erfordert. Weiterhin wird hierbei erstmalig der Begriff der Unabhängigkeit von Ereignissen und Ereignissystemen über den Begriff der bedingten Wahrscheinlichkeit eingeführt. Im zweiten Teil untersucht Hausdorff eine Klasse von Schätzungen des „Prä- cisionsmaasses des Gauss'schen Gesetzes" und bestimmt darunter die optimale. Der entsprechende Schätzwert kann im konkreten Fall sehr einfach ermittelt werden (er ist rund das Reziproke desjenigen Wertes, der von 16% der Beobachtungen überschritten wird). Allerdings geht dieser Vorteil zu Lasten der Güte der Schätzung. Die entsprechende Maximum-Likelihood-Schätzung besitzt eine geringere Streuung. Der dritte Teil ist von tieferer Bedeutung für die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Dieser Beitrag knüpft an die Arbeit von H. Bruns (1897) ,,Über die Darstellung von Fehlergesetzen" an, in der ein Verteilungsgesetz nach einem Funktionensystem entwickelt wird, das aus der Normalverteilung und ihren Ableitungen besteht, wobei H. Bruns wohl als erster die Beziehung der Entwicklungskoeffizienten zu den Momenten der Verteilung aufgedeckt hat. F. Hausdorff leitet auf elegante Weise die Brunssche Reihe her, die heute meist Gram-Charlier-Reihe genannt wird, dabei verwendet er bereits Semiinvarianten anstelle von Momenten. Dieses Ergebnis ist aber nicht das Ziel, sondern nur ein Beiprodukt der Hausdorffschen Untersuchung, in der es um Bedingungen geht für die Gültigkeit des schon von C. F. Gauss erkannten und die Basis seiner Fehlertheorie bildenden zentralen Grenzwertsatzes für unabhängige, aber nicht notwendig identisch verteilte Zufallsgrößen. Dabei wird prinzipiell angenommen, daß die Zufallsgrößen stetig sind, das erste Moment verschwindet, die Momente beliebig hoher Ordnung endlich bleiben, die momenterzeugenden Funktionen existieren und dazu eine Umkehrformel gilt. Die Entwicklungskoeffizienten des natürlichen Logarithmus einer momenterzeugenden Funktion — die sogenannten Semiinvarianten — bezeichnet Hausdorff als kanonische Parameter, denn er stellt fest: ,,ihre Wichtigkeit beruht A) auf ihrem additiven Verhalten bei Entstehung eines Totalfehlers aus unabhängigen Einzelfehlern ... B) darauf, daß beim Gauss'schen Gesetz alle kanonischen Parameter bis auf den zweiten verschwinden." Falls die Einzelfehler von nicht allzu verschiedener Größenordnung sind — diese Forderung wird von Hausdorff mittels der kanonischen Parameter präzisiert — gilt der zentrale Grenzwertsatz. Beinahe gleichzeitig veröffentlicht A. M. Lja- punow in St. Petersburg weit schwächere Bedingungen, unter denen der zentrale Grenzwertsatz gültig ist. Interessanterweise benutzen beide die Methode der Integraltransformationen, wobei Ljapunow die günstigeren charakteristischen Funktionen verwendet. Wenn auch der Hausdorffsche zentrale Grenzwertsatz vom Ljapu- nowschen gemeinhin übertroffen wird, hinsichtlich der Einführung der Semiinvarianten, ihrer wesentlichsten Eigenschaften und ihres Einsatzes in den sogenannten Gram-Charlier-Reihen vom Typ A gebührt F. Hausdorff eindeutig die Priorität gegenüber T. N. Thiele (1903) und C. V. L. Charlier (1905).1) Hausdorff schließt seine Arbeit mit einem Ausblick auf momenterzeugende Funktionen und die kanonischen Parameter bei mehrdimensionalen Verteilungen, die erst in den dreißiger Jahren aufgegriffen und behandelt werden. Auf Probleme der Wahrscheinlichkeitsrechnung kommt F. Hausdorff auch nach *) Vgl. [45], [15].
142 Teil III seiner Leipziger Zeit gelegentlich wieder zurück. So gibt er z. B. in seinen „Grundzügen der Mengenlehre" zu dem von E. Borel (1909) formulierten und bestätigten starken Gesetz der großen Zahlen einen einfachen Beweis an, der sogar eine Aussage über die Konvergenzgeschwindigkeit liefert und damit eine Untersuchungsrichtung eröffnet, die im Gesetz vom iterierten Logarithmus gipfelt. Im Laufe einer Untersuchung über Summationsmethoden und Momentfolgen wurde Hausdorff „indirekt auf das Momentproblem für das Intervall [0, 1] geführt und bemerkte, daß dieses zwar durch Stieltjes mitgelöste Problem sich auch ohne jeden umfänglichen algebraischen und funktionentheoretischen Apparat in fast elementarer Weise behandeln läßt". Wegen der in der Arbeit „Momentprobleme für ein endliches Intervall" gegebenen eleganten Lösung spricht man seitdem vom Hausdorff sehen Momentenproblem. Dabei zeigte Hausdorff (1923), daß eine vorgegebene Folge von Zahlen juk genau dann eine Folge von Momenten einer Wahrscheinlichkeitsverteilung mit dem Träger [0, 1] bildet, wenn die Zahlenfolge vollmonoton ist, d. h. die Ungleichungen (-l)mAmjun ^0 für n, m = 0, 1, 2, ... gelten, wobei Amjun die m-te Differenz der Zahlenfolge {/zn} bezeichnet. 6. Paul Mongre In Felix Hausdorffs Leipziger Zeit fällt eine Periode überaus produktiver literarischer Tätigkeit auf schöngeistigem Gebiet, die ihm am Ende sogar die Aufnahme in Brummers „Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten" brachte. Ausgelöst wurden diese Aktivitäten durch einen längeren Kuraufenthalt in Italien, da eine Erkrankung der Atmungsorgane ihn zwang, das Wintersemester 1896/97 in einem wärmeren Klima zu verbringen. In S. Ilario bei Genua, am Tage S. Ilario 1897 vollendet er sein Erstlingswerk „Sant'Ilario. Gedanken aus der Landschaft Zarathustras", das noch im gleichen Jahr in Leipzig unter dem Pseudonym Paul Mongre erscheint. Das Hausdorff sehe „ä mon gre" mit betontem Possessivpronomen wird zur Devise für alle weiteren, vornehmlich feuilletonistischen Arbeiten, deren relativierter Anspruch in dem durchaus noch lesenswerten Artikel „Das unreinliche Jahrhundert" erkannt und artikuliert wird. In „Max Klingers Beethoven" bringt Hausdorff seine tiefe Verehrung für den bedeutendsten Leipziger Bildhauer zum Ausdruck und erleichtert zugleich meisterhaft den Nachfahren das Werksverständnis des nackt- trohnenden Beethovens. Schließlich sei noch die Komödie „Der Arzt seiner Ehre" erwähnt, die neben Dichtungen von Hermann Hesse und Selma Lagerlöf in der „Neuen Rundschau" 1904 erstmalig abgedruckt wurde. Wer heute diese derbe Satire auf das Duellunwesen liest, vermeint ein Stück von Curt Goetz vor sich zu haben. Tatsächlich besteht eine gewisse Beziehung, wenn auch in umgekehrter Richtung. Während „Der Arzt seiner Ehre" bei seiner Uraufführung im Hamburger Schauspielhaus und im Berliner Lessingtheater nicht ungeteilten Beifall fand, wurde die von Victor Barnowsky besorgte Inszenierung am Kleinen Theater in Berlin Unter den Linden 44 ein großartiger Erfolg. In über hundert Aufführungen vor aus verkauf-
Felix Hausdorff und die angewandte Mathematik 143 tem Haus spielte den Architekten Adelung — der dreiundzwanzigjährige Ctjrt Goetz.1) Der an weiteren Veröffentlichungen von P. Mongre interessierte Leser sei auf die schöne Übersicht von W. Krtjll (1970) verwiesen. Wir wollen hier stattdessen kurz auf Felix Hatjsdorffs weitere außerwissenschaftliche Tätigkeit als Verlagsbuchhändler zu sprechen kommen. Sein Vater, der Kattun-Kaufmann Louis Hausdorff übernahm 1886 die 1883 gegründete Textil-Zeitschrift „Der Spinner und der Weber" in den Verlag Hausdorff u. Co. Im September 1896 wurde F. Hausdorff Teilhaber dieses Verlages und baute die Zeitschrift zu einer führenden Maschinen- und Rohstoff-Zeitung der Textilindustrie in Europa aus (u. a. spanische Exportausgabe 1921—1929). Erst nachdem F. Hausdorff in den Freitod getrieben worden war, wurde „Der Spinner und der Weber" in der „Allgemeinen Textil-Zeitschrift, Pössneck" fusioniert.2) 7. Professor an der Universität Leipzig Die Philosophische Fakultät der Universität Leipzig beantragte am 5. November 1901 beim Königlich Sächsischen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts, „dasselbe wolle dem Privatdocenten Dr. Hausdorff den Titel eines außerordentlichen Professors verleihen". Im Antrag heißt es an anderer Stelle: „Bei Dr. H. ist in einer nicht gerade häufig vorkommenden Weise die Gewandtheit in der rechnerischen Behandlung konkreter Vorgänge mit einer ausgesprochenen Befähigung für die Probleme der reinen Mathematik und nicht minder auch für abstracte Specu- lation vereinigt."2) Unter der hier erwähnten reinen Mathematik ist vor allem die Geometrie zu verstehen; denn seit 1896 las F. Hausdorff über „Analytische Geometrie", „Winkeltreue Abbildungen", „Curven- und Flächentheorie", „Projective Geometrie" und „Ausgewählte Capitel der höheren Geometrie". Dabei erzielte er u. a. neue Ergebnisse über Kreisverwandtschaften in der Lobatschewskischen Ebene, die er als „Analytische Beiträge zur nichteuklidischen Geometrie" 1899 publizierte. Angeregt durch den etwas älteren Kollegen G. Scheffers hielt F. Hausdorff im Sommer 1899 eine kleine Vorlesung über „Complexe Zahlen und Vectoren", die unmittelbar zur Veröffentlichung „Zur Theorie der Systeme complexer Zahlen" führte. Am 6. Dezember 1901 wird Hausdorff zum außeretatmäßigen außerordentlichen Professor in der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig ernannt. Erst am 4. Juli 1903 tritt er die angewiesene außerordentliche Professur durch öffentliche Vorlesung in der Aula an und legt den Pflichteid vor dem Dekan ab. Als Thema der Antrittsvorlesung wählt er „Das Raumproblem", das genau seinen damaligen, über das rein Mathematische hinausgehenden, Physik und Philosophie berührenden Interessen entsprach. So stellt Hausdorff zunächst dem „mathematischen Raum" — einem System von Axiomen, das „keinem anderen Zwange als dem der Logik unterworfen" ist — sowohl einen subjektiv-psychologischen „empirischen" Raum als auch *) Vgl. [13], [21], [69]. 2) Vgl. [4], [17], [18]. 3) Vgl. [60].
144 Teil III einen objektiv-naturwissenschaftlichen „absoluten Raum" gegenüber. Dadurch findet er Gelegenheit, seine mathematisch-spekulative Methode zum Beweis der Kantschen These von der Unerkennbarkeit der objektiven Realität hier gleichnishaft vorzutragen, die er — als P. Mongre — in dem Buch „Das Chaos in kosmischer Auslese" ausführlich dargelegt hat. Allerdings kommt er alsbald zur Forderung nach empirischer Gültigkeit eines Systems und erläutert, „in welchem Sinne wir unseren Raum als Raum verschwindender Krümmung, als Raum freier Beweglichkeit, als Raum einfachen Zusammenhanges, als dreidimensionalen stetigen Raum bezeichnen". Als Leipziger Professor forschte F. Hatjsdorff fast ausschließlich auf dem Gebiet der Mengenlehre. Ausnahmen bilden, wenn wir von Rezensionen absehen, die Arbeit „Die symbolische Exponentialformel in der Gruppentheorie" im Anschluß an die Vorlesung „Einführung in die Theorie der continuierlichen Transformationsgruppen" aus dem Winterhalbjahr 1905/06 sowie die Note „Zur Hilbertschen Lösung des Waringschen Problems". Zur Mengenlehre kam Hatjsdorff wohl durch die persönliche Bekanntschaft mit Georg Cantor, den er schon als Privatdozent regelmäßig beim gemeinsamen mathematischen Kränzchen der Mathematiker der Universitäten von Halle und Leipzig traf, das nach G. Kowalewski „alle 14 Tage abwechselnd in Leipzig und Halle stattfand". Im Sommerhalbjahr 1901 las F. Hatjsdorff vor drei Hörern über „Mengenlehre". Drei Monate später schließt er die Arbeit „Über eine gewisse Art geordneter Mengen" ab. War es die geringe Resonanz auf seine Vorlesung, die ihn veranlaßte, niemals wieder in Leipzig über sein Spezialgebiet vorzutragen? Ist dies der Grund, warum man unter den Leipziger Promoventen keinen Hausdorff-Schüler findet? Und doch waren es besonders produktive Jahre. Neben den Noten „Der Potenzbegriff in der Mengenlehre" und „Über dichte Ordnungstypen" erschienen die bedeutsamen „Untersuchungen über Ordnungstypen", die „Grundzüge einer Theorie der geordneten Mengen" und die Abhandlung „Die Graduierung nach dem Endverlauf". Aus diesen Arbeiten ist ersichtlich, daß Hatjsdorff durch die Analysis über die Cantorsche Theorie wohlgeordneter Mengen hinaus zu einer Klassifikation geordneter Mengen gelangen konnte, es war das alte Problem der Graduierung von Funktionen nach ihrem Endverlauf, das wegen der Existenz infinitär unvergleichbarer Funktionen ihn zu Halbordnungen führte. So wird auch der bekannte „Satz von Hausdorff" in der Formulierung von Kuro§: „Jede Kette einer halbgeordneten Menge ist in einer maximalen Kette enthalten", erstmalig von F. Hausdorff 1907 in Form eines Existenzsatzes für Pantachien formuliert und bewiesen. Am 4. April 1910 wird F. Hausdorff auf eigenen Wunsch aus dem Leipziger Lehramt entlassen. Er folgte nun dem Ruf auf ein Extraordinariat an der Universität in Bonn. Es war wohl kaum nur das jugendliche Alter oder der Ausbildungsgang des Kandidaten, die bei der Wiederbesetzung des vakanten Scheibnerschen Lehrstuhls in Leipzig für Gustav Herglotz den Ausschlag gaben, trotz der Brunsschen Fürsprache für Felix Hausdorff. Es waren wohl eher die „anachronistischen Überbleibsel des unreinlichen Jahrhunderts", die später auch im Rheinland den großen Mathematiker ereilten.
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Otto Holder1) Günther Eisenreich (Leipzig) Otto Holder (1859-1937) Zahlreiche Begriffe und Sätze der Mathematik sind mit dem Namen Otto Hölders verbunden, der über die Hälfte seines Lebens in Leipzig wirkte. Zunächst einiges zu den Lebensdaten Hölders ! Ludwig Otto Holder wurde am 22. Dezember 1859 in Stuttgart als Sohn des Professors Otto Holder geboren, der am dortigen Polytechnikum Französisch lehrte. Er studierte zunächst (ab 1877) in Stuttgart und ging dann nach Berlin, wo er von Weierstrass und Kronecker nachhaltige Anregungen empfing, die später in funktionentheoretischen und algebraischen Arbeiten ihren Niederschlag fanden. In Tübingen setzte er unter P. du Bois- Reymond sein Studium fort und promovierte dort am 3. 8. 1882 mit der Arbeit „Beiträge zur Potentialtheorie" zum Dr. scient. nat. Anschließend arbeitete er zunächst bei Klein in Leipzig. Da sich die beiden Männer in ihrer Arbeitsweise und mathematischen Auffassung zu sehr unterschieden, konnte es jedoch zu diesem Zeitpunkt zu keiner fruchtbaren Zusammenarbeit kommen; erst später wurden sie durch das gemeinsame Interesse an der Gruppentheorie wieder zusammengeführt. Außerdem war für Holder in Leipzig keine Habilitation möglich, weil hierfür die Absolvierung eines humanistischen Gymnasiums vorausgesetzt wurde, er aber ein Realgymnasium besucht hatte. Er verließ daher Leipzig, promovierte am 23. Juli 1884 an der Philosophischen Fakultät Göttingen zum Dr. phil. und habilitierte sich dort 1884 mit der Arbeit [5] zum Privatdozenten. 1889 wurde er außerordentlicher Professor in Göttingen und erhielt noch im gleichen Jahr in Tübingen ein Extraordinariat. 1896 wurde er zum Nachfolger von Minkowski, der einen Ruf nach Zürich angenommen hatte, nach Königsberg auf den vormals Hilbertschen Lehrstuhl berufen und erhielt ab 1. April 1899 den inzwischen verwaisten Lieschen Lehrstuhl für Mathematik an der Universität Leipzig. Kurz vor der Übersiedlung nach Leipzig heiratete er Helene Lautenschläger aus Stuttgart und lebte seitdem still und zurückgezogen im Kreise seiner Familie. x) Bei der Abfassung dieser Arbeit war insbesondere der Nachruf von van der Waerden (Math. Ann. 116 (1938), 157 — 165) von Nutzen; zusätzlich konnten noch dem Archiv der Karl- Marx-Universität einige Informationen entnommen werden.
148 Teil III 1899 wurde er zum Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig gewählt. Im Frühjahr 1909 verlieh ihm der König von Sachsen den Titel ,geheimer Hof rat". Von 1914 bis 1937 war er Mitglied der Fürstlich Jablonowskischen Gesellschaft der Wissenschaften, der er von 1928 bis 1937 als Präsident vorstand. Daneben gehörte er von 1908 bis 1928 dem Herausgeberstab der Mathematischen Annalen an, die seiner Mitarbeit viel verdanken. Bis in seine letzten Lebensjahre hinein (er starb am 29. 8. 1937 an den Folgen einer Operation) war Holder unermüdlich im Interesse der Wissenschaft tätig. In Leipzig hielt er Vorlesungen über die verschiedensten Gebiete, von Differential- und Integralrechnung, Differentialgleichungen und Funktionentheorie über Algebra mit Galoisscher Theorie und Gruppentheorie, Variationsrechnung, projektive Geometrie, Differentialgeometrie, Mechanik, der sein besonderes Interesse galt, bis hin zu Vektor- und Tensorrechnung und seiner geliebten Zahlentheorie, darunter auch zahlreiche Spezialvorlesungen, etwa über konforme Abbildungen, elliptische Funktionen oder Differentialgleichungen im Komplexen. Seine zahlreichen wissenschaftlichen Leistungen schlugen sich auch in der Lehre nieder und kamen seinen vielen Schülern zugute; ein großer Teil der vor dem Kriege tätigen Gymnasiallehrer Sachsens verdankt ihm seine mathematische Ausbildung. Wissenschaftlicher Nachwuchs und Lehramtkandidaten fanden bei ihm gleichermaßen Förderung. Hölders Arbeitsgebiet war die gesamte Mathematik; sein umfangreiches Wissen wird treffend durch sein Verlangen charakterisiert, daß auch seine Prüflinge in allen Disziplinen der Mathematik eingehend Bescheid zu wissen haben. Wie damals üblich, wechselten die Leipziger Ordinarien in der Leitung des Instituts einander ab; so hat auch Holder viele Jahre hindurch die Geschicke des Mathematischen Instituts gelenkt. Im Studienjahr 1918/19 hatte er das Rektorat an der Universität Leipzig inne, 1903/04 war er Prokanzellar, 1912/13 Dekan. Selbst nach seiner Emeritierung am 1. April 1928 hielt er noch jahrelang Vorlesungen, Übungen und Seminare ab und verwaltete mehrere Jahre weiterhin das Direktorat des Mathematischen Instituts und des Mathematischen Seminars, da noch kein geeigneter Nachfolger gefunden war. Holder war zurückhaltend und jeglicher bloßer Betriebsamkeit abhold; Kongresse wurden von ihm fast nie besucht. Seine ruhige, immer freundliche Art, sein hohes geistiges Niveau, sein aufrechter, makelloser Charakter und seine menschliche Liebenswürdigkeit wurden von allen, die ihn näher kannten, hochgeschätzt. Er wird als ein vorzüglicher und ungemein beliebter Dozent beschrieben, der auch in seinen Übungen einen höchst anregenden Einfluß auf seine Schüler ausübte. Die wissenschaftlichen Arbeiten Hölders sind durch logisch-sauberes Schließen, Sachlichkeit und Ehrlichkeit sowie durch die Feinheit ihrer Untersuchungsmethode gekennzeichnet; man merkt es ihnen an, daß es ihm Freude bereitet haben muß, mathematischen Fragestellungen nachzugehen und gelegentlich auch Beweislücken aufzuspüren und zu schließen. Dabei war er in keiner Weise einseitig. Nicht nur auf den verschiedensten Gebieten der Analysis, sondern auch in der Algebra und Zahlentheorie, Geometrie, Mengenlehre und Mechanik sowie zu den Grundlagen der Mathematik hat Holder bedeutsame Beiträge geleistet. Mit diesen wollen wir uns im folgenden näher beschäftigen, wobei unser Hauptaugenmerk denen gelten soll, die in der Leipziger Zeit entstanden sind.
Otto Holder 149 Die meisten seiner algebraischen Arbeiten stammen noch aus der Göttinger und Tübinger Zeit. Bis auf die Arbeit [4] zur Invariantentheorie, in der Holder (unter Benutzung des Hilbertschen Nullstellensatzes, wie wir heute sagen würden) zeigt, daß sowohl Zähler und Nenner in unkürzbarer Form geschriebener rationaler Invarianten als auch jeder Faktor wieder eine Invariante darstellt, sowie auf zwei kurze Noten zur Theorie hyperkomplexer Systeme ([7, 12]) beziehen sich alle diese Arbeiten auf die Galoissche Theorie und, wohl hierdurch wesentlich veranlaßt, auf die Gruppentheorie. Durch die Tatsache, daß die Auflösbarkeit einer algebraischen Gleichung mit Hilfe von Radikalen gerade bedeutet, daß die zugehörige Galoissche Gruppe auflösbar ist, kommt Holder in natürlicher Weise dazu, die Kompositionsreihen der Galoisschen Gruppen (oder allgemeiner überhaupt von abstrakten endlichen Gruppen) näher zu untersuchen. Während bereits Jordan bewiesen hatte, daß in einer Kompositionsreihe einer endlichen Gruppe die Indizes (definiert als die Quotienten der Ordnungen in der Kompositionsreihe aufeinanderfolgender Gruppen) durch die gegebene Gruppe bis auf die Reihenfolge eindeutig bestimmt sind, führt Holder in [11] den seither für die Gruppentheorie grundlegenden Begriff der Faktorgruppe ein und beweist den stärkeren Satz, daß sogar die Kompositionsfaktoren (d. h. die Faktorgruppen in der Kompositionsreihe aufeinanderfolgender Gruppen, damals noch Faktoren der Zusammensetzung genannt) bis auf die Reihenfolge und bis auf Isomorphie eindeutig bestimmt sind. Dieser Satz ist als „Satz von Jordan- Holder" in die Begiffsbildungen der allgemeinen Gruppentheorie eingegangen. Auch die Unmöglichkeit der Auflösung einer Gleichung dritten Grades durch Radikale im Casus irreducibilis hat Holder zuerst bewiesen [15]. Der zusammenfassende Enzyklopädiebericht über ,,Galoissche Theorie mit Anwendungen" [25] stammt aus seiner Feder. Im Anschluß an die obigen Untersuchungen wird systematisch die Struktur der endlichen Gruppen gegebener Ordnung erforscht. Da sich alle Gruppen in gewissem Sinne auf die einfachen zurückführen lassen, werden zuerst diese betrachtet [16]. Von den zusammengesetzten bieten diejenigen der Ordnungen p2 und pq, wobei p und q verschiedene Primzahlen sind, keine Schwierigkeiten; als nächstschwierigeren Fällen widmet er sich daher in [17] den Gruppen der Ordnungen p2, pq2, pqr und p*. Um umgekehrt — von den einfachen Gruppen ausgehend — zu zusammengesetzten gelangen zu können, muß man wissen, wie man eine zusammengesetzte Gruppe konstruieren kann, die eine abstrakt gegebene Gruppe als Normalteiler enthält, so daß die zugehörige Faktorgruppe zu einer zweiten abstrakt vorgegebenen Gruppe isomorph ist. Das führt auf die sogenannte Erweiterungstheorie von Gruppen, die in der großen Abhandlung [19] (wenn auch nicht unter diesem Namen) eingehend behandelt wird. In der Schreierschen Erweiterungstheorie läuft diese Frage auf die Betrachtung der sogenannten Faktorensysteme hinaus, d. h., die zu gegebenem Normal teuer und gegebener Faktorgruppe gehörigen zusammengesetzten Gruppen werden, in der modernen Kohomologietheorie von Gruppen ausgedrückt, bis auf eine gewisse Äquivalenz genommen, durch die Struktur der zweiten Kohomologiegruppe bestimmt. Um die Ergebnisse dieser Untersuchungen im konkreten Fall anwenden zu können, müssen die Automorphismen des abstrakt gegebenen Normalteilers bekannt sein. Daher werden in derselben Abhandlung die Automorphismengruppen einer Reihe von wichtigen Gruppen durchdiskutiert. Dabei ergibt sich u. a. der Satz, daß die symmetrische Gruppe für n 4= 6 vollkommen ist, d. h., kein (nichttriviales) Zentrum besitzt
150 Teil III und ihre eigene Automorphismengruppe darstellt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen gestatten die Aufstellung aller nicht auflösbaren Gruppen der Ordnungen ^479. Auch die Struktur der Gruppen von quadratfreier Ordnung hat Holder vollständig bestimmt, indem er beweist [20], daß jede solche Gruppe einen zyklischen Normalteiler mit zyklischer Faktorgruppe besitzt. Fragen der Grundlegung der Geometrie galt das besondere Interesse von Otto Holder. Das kommt schon in der Antrittsvorlesung ,,Anschauung und Denken in der Geometrie" [26] zum Ausdruck, die leicht philosophisch gefärbt ist. Er geht hierin der Frage nach, inwieweit die Axiome aus der Erfahrung stammen, und setzt sich mit den Auffassungen Kants auseinander. Holder zeigt, wie man die Definitionen der Grundbegriffe bei Euklid, wie etwa die der Geraden, die im Grunde genommen nichtssagend sind und auch in Wahrheit an keiner Stelle im Aufbau der Geometrie nach Euklid gebraucht werden, auf real wahrnehmbare Charakteristika wie das der Homogenität zurückführen kann. Der Gleichheitsbegriff für Strecken und Winkel läßt sich mit dem Tastsinn und den Muskelempfindungen in Zusammenhang bringen, womit Ideen anklingen, wie man sie auch bei Poincare findet. Es läßt sich dadurch der Zusammenhang zwischen der Gleichheitsdefinition von Strecken mit dem Begriff des starren Körpers herstellen, ohne in einen circulus vitiosus zu verfallen. Als Beispiel betrachtet er den Beweis des Satzes von der Winkelsumme im Dreieck und zeigt, daß die hier benutzten Schlüsse nicht in das System der klassischen Syllo- gistik hineinpassen. Diesem Gedanken begegnen wir noch an verschiedenen anderen Stellen seiner mathematischen Arbeiten. Er betont, daß durch den heutzutage üblich gewordenen axiomatischen Aufbau der Geometrie, bei dem nur noch durch die Axiome der Bezug auf die anschaulichen Voraussetzungen hergestellt wird, aus denen alle Sätze rein deduktiv gewonnen werden, eine volle Sicherheit des Schließens garantiert wird. Zugleich wird es dadurch möglich, die Schlüsse kalkülmäßig durchzuführen. Eingehend beschäftigt sich Holder bereits hier mit dem Problem des Messens, das ihm sehr am Herzen liegt. Schon der Längenvergleich kommensurabler Strecken ist nicht unproblematisch, denn man kann zum Vergleich verschiedene Strecken als Maßstab heranziehen, und es ist nicht selbstverständlich, daß die Umrechnung jeweils dasselbe ergibt; man braucht also Axiome. Ausführlich wird auf die Proportionenlehre sowie auf die Exhaustionsmethode zur Auswertung des Inhalts krummlinig begrenzter Figuren eingegangen. Was hierbei immer wieder zum Tragen kommt, ist die Anwendung des Archimedischen Axioms. Eine ähnliche Behandlung wie die Geometrie kann auch die Mechanik erfahren. Den Axiomen des Messens ist auch die Arbeit [27] gewidmet. In ihr wird zunächst untersucht, unter welchen Bedingungen ein System von der Größe nach vergleichbaren und addierbaren Größen durch Zahlen gemessen werden kann. Es wird hervorgehoben, daß das Archimedische Axiom als Folgerung erscheint, wenn man das Stetigkeitsaxiom in der Fassung von Dedekind voraussetzt, und es wird gezeigt, daß unter Annahme des Archimedischen Axioms das Kommutativgesetz der Addition gilt. (Da man im Fall angeordneter Gruppen ebenso schließen kann, ergibt sich so der nach Holder oder H. Cartan benannte Satz, daß eine archimedisch angeordnete Gruppe kommutativ und zu einer Untergruppe der angeordneten Gruppe aller reellen Zahlen ordnungsisomorph ist.) Ferner wird die Existenz aliquoter Teiler bewiesen und die Proportionenlehre begründet. Die rationalen Zahlen werden durch formale
Otto Holder 151 Brüche eingeführt, die Irrationalzahlen durch Dedekindsche Schnitte, und es wird die Eindeutigkeit der Multiplikation begründet. Dies alles wird auf die Messung der Strecken einer Geraden angewendet. Dabei braucht jedoch die Maßzahl der Strecke AB nicht gleich der von BA zu sein. Fordert man aber, daß für die Längen aus \AB\ = \CD\ stets \BA\ = \DC\ folgt, wenn A links von B und C rechts von D liegt, so ist notwendig \AB\ = \BA\. Die große Arbeit [28] hat zum Ziel, auf der projektiven Geraden ohne Bezugnahme auf den umgebenden Raum und ohne Verwendung von Kongruenzaxiomen eine Zahlenskala einzuführen. Nach Annahme von zwei Anordnungsaxiomen für die Strek- ken auf einer projektiven Geraden kann man für Punkte eines endlichen Punktesystems den Begriff des Nachbarn prägen. In einem System von wenigstens drei Punkten besitzt dann jeder Punkt genau zwei Nachbarpunkte. Damit läßt sich leicht nachweisen, daß die Punkte eines endlichen Punktesystems zyklisch angeordnet sind. Nach Wahl eines Fluchtpunkts (was natürlich darauf hinausläuft, eine Teilmenge der projektiven Geraden als affine Gerade auszuzeichnen) ist dann die Einführung eines ,,zwischen"-Begriffs möglich. Durch Postulate wird der Begriff der harmonischen Lage gefaßt. Danach soll es zu drei Punkten A, B, C stets einen eindeutig bestimmten Punkt D geben, so daß AC und BD harmonisch zueinander sind. Neben einigen Forderungen bezüglich der Lage der einzelnen Punkte wird hierbei insbesondere der folgende Schließungssatz postuliert : Spiegelt man vier harmonische Punkte bezüglich derselben beiden verschiedenen Punkte M und N harmonisch, so erhält man wieder vier harmonische Punkte. Damit kann man den Begriff der harmonischen Punktreihe bezüglich des Fluchtpunkts F definieren. Das soll eine sich nach beiden Richtungen erstreckende (möglicherweise abbrechende) Folge von Punkten ..., A_lf A0, Alf ... sein, in der es zwei voneinander und von F verschiedene aufeinanderfolgende Punkte gibt und für die allgemein Ak harmonischer Mittelpunkt von Ak_x und A k+1 bezügliche ist. Eine derartige Folge ist dann durch F und zwei aufeinanderfolgende Punkte eindeutig bestimmt, und es ist stets Ak harmonischer Mittelpunkt von Ak_x und Ak+1. Harmonische /^-Teilung einer Strecke A0AX bezüglich des Fluchtpunkts F bedeutet, n—\ Punkte B\ ..., 2?(n_1) so zu bestimmen, daß A0, B', B", ..., 2^n-1\ A1 harmonisch bezüglich F ist; sie ist eindeutig bestimmt. Mittels einer projektiven Fassung des Dedekindschen Stetigkeitsaxioms wird der folgende Satz vom Fluchtpunkt bewiesen: Eine sich auf den Fluchtpunkt F beziehende, ohne Ende fortgesetzte harmonische Folge A0, Alf hat in einer Strecke FM, in der alle Punkte der Folge liegen, den Punkt F selbst zum Grenzpunkt. Gibt man sich drei verschiedene Punkte vor, bestimmt hierzu (bei irgendeiner Reihenfolge) einen vierten als harmonischen Punkt, wählt hiervon wiederum drei aus, mit denen man genauso verfährt, usw., so bilden alle die auf diese Weise zu erhaltenden Punkte ein sogenanntes harmonisches Punktesystem. Ein derartiges System besitzt in jeder Strecke mindestens einen Punkt, es ist daher überall dicht. Ein dyadi- sches harmonisches Punktesystem entsteht analog, indem man von zwei Punkten Alf A2 und einem ausgezeichneten Punkt F ausgeht, hierzu den vierten harmonischen Punkt konstruiert und in derselben Weise fortfährt wie eben, wobei aber immer der Punkt F unter den jeweils gewählten drei Punkten vorkommen soll; auch ein solches System ist überall dicht.
152 Teil III Die Konstruktion der Zahlenskala erfolgt nun auf Grund fortgesetzter harmonischer Zweiteilung: Man geht von drei Punkten A0, Alf F aus, bezeichnet A0 mit 0, Ax mit 1 und konstruiert aus A0 und Ax in bezug auf F eine harmonische Punktfolge mit dem allgemeinen Glied Ak (k). Der harmonische Mittelpunkt von k und k + 1 werde mit bezeichnet. Auf diese Weise gelangt man zu der neuen harmoni- 2 1 1 sehen Punktfolge ..., — 1, , 0, —, 1,... Setzt man das Verfahren mit den Punk- Z Z ten dieser Folge fort und iteriert diese Prozedur, so erhält man schließlich alle Punkte k der Form —. Mittels des Stetigkeitsaxioms kann man dann eine eineindeutige zv Zuordnung zwischen den reellen Zahlen einschließlich oo und den Punkten der projektiven Geraden herstellen, so daß den obigen dyadischen Punkten gerade die dyadischen Zahlen entsprechen. Diese Zuordnung ist eindeutig bestimmt, wenn man die Punkte festgelegt hat, die 0, 1 und oo zuzuordnen sind; die zu den Punkten gehörigen Zahlen heißen die Koordinaten dieser Punkte. Der Übergang zu anderen Punkten 0, 1 läuft auf eine lineare Transformation, der Übergang zu beliebigen anderen Grundpunkten auf eine gebrochen lineare Transformation hinaus. Es wird bewiesen, daß das auf Grund der Koordinaten der Punkte berechenbare Doppelverhältnis von vier Punkten genau dann — 1 ist, wenn sich diese Punkte in harmonischer Lage befinden. Die auf diese Weise erhaltene Zahlenverteilung auf den Punkten der projektiven Geraden genügt der Bedingung, daß beliebig viele von oo verschiedene Punkte in bezug auf diese ihnen zugeordneten Zahlen entsprechend geordnet sind. Außerdem ist für jeden Punkt, der von oo durch zwei andere Punkte harmonisch getrennt wird, die zugeordnete Zahl das arithmetische Mittel der den anderen beiden Punkten zugeordneten Zahlen. Es wird gezeigt, daß durch diese beiden Forderungen umgekehrt die Zahlenverteilung eindeutig bestimmt ist. Analog kann man die Zahlenskala allgemein durch harmonische /^-Teilung gewinnen, wodurch sich unmittelbar nicht nur die dyadischen, sondern gleich alle rationalen Punkte ergeben. Indem man eine eineindeutige Beziehung zwischen den Punkten zweier Geraden projektiv nennt, wenn dabei vier harmonischen Punkten wiederum vier harmonische Punkte entsprechen, gelangt man zum Fundamentalsatz der projektiven Geometrie. In [30] schließlich wird nur unter Verwendung der Verknüpfungs- und Anordnungsaxiome, des Parallelenpostulats sowie des Pascalschen Satzes für ein beliebiges Geradenpaar, also ohne Stetigkeitsaxiome und ohne Archimedisches Postulat, die Koordinatenrechnung in einer affinen oder projektiven Desarguesschen Geometrie neu begründet. Dazu wird zunächst die Vektoraddition und eine Theorie der Verhältnisse paralleler Strecken hergeleitet. Diese läßt sich ohne weiteres projektiv erweitern, indem man statt der unendlich fernen Ebene irgendeine Ebene als Fluchtebene annimmt. Man erhält so die Theorie der perspektivischen Verhältnisse. Damit kann man dann leicht das Doppelverhältnis für eine bestimmte Fluchtebene einführen und mittels des Pascalschen Satzes zeigen, daß die Definition unabhängig von der Wahl der Fluchtebene ist. Für eine bestimmte Fluchtebene läßt sich die Addition und Multiplikation der v.-Staudtschen Würfe durch die Addition und Multiplikation der zu den Würfen gehörigen Doppel Verhältnisse definieren und zeigen, daß diese Operationen den üblichen Gesetzen gehorchen; auch diese Verknüpfungen sind von der
Otto Holder 153 Wahl der Fluchtebene unabhängig. Das Ganze läßt sich anwenden auf eine analytische Geometrie der rein projektiven Dreieckskoordinaten und Möbiusschen Netze. Einer gänzlich anderen Fragestellung ist die Arbeit [42] gewidmet; in ihr wird der Volumenbegriff im Fall einer Riemannschen Mannigfaltigkeit untersucht. Es werden zwei verschiedene Einführungen gegeben. Zunächst wird von einer Erklärung des Inhalts eines unendlich kleinen rechtwinkligen Parallelepipeds durch das Produkt der Kanten ausgegangen. Um diese Definition auf das Volumen eines Teils einer w-dimensionalen Riemannschen Mannigfaltigkeit zu übertragen, muß man ihn in unendlich viele unendlich kleine Parallelepipede zerlegen und über deren Volumina summieren. Es ist also einerseits zu zeigen, daß eine solche Zerlegung möglich ist, was durch einen Induktionsbeweis geschieht, sowie andererseits die Unabhängigkeit des Ergebnisses von der Art der Teilung nachzuweisen. Die zweite Begründung besteht darin, zur Volumendefinition das Integral \\gdxl-"dxn heranzuziehen. Es wird gezeigt, daß das so definierte Volumen für ein unendlich kleines rechtwinkliges Parallelepiped gleich dem Kantenprodukt ist. Die verschiedenen Arbeiten der Volumenbestimmung von Lobatschefskij und anderen in der hyperbolischen Geometrie ordnen sich diesem allgemeinen Volumenbegriff unter. In einer Reihe von Arbeiten, vor allem aus den späteren Jahren, widmet sich Holder zahlentheoretischen Fragestellungen, denen von jeher sein besonderes Interesse galt. In den meisten dieser Arbeiten befaßt er sich mit Beziehungen zwischen verschiedenen zahlentheoretischen Funktionen und mit der Aufstellung asymptotischer Ausdrücke. So bestimmt er in Verallgemeinerung eines Dirichlet-Lipschitz- X sehen Teilerproblems in der Arbeit [56] die Summe 2J '/jm(0> wobei fktl die Anzahl derjenigen Teiler von t ist, die selbst k-te Potenzen und deren Komplementärteiler l-te Potenzen sind. Dazu überträgt er Schritt für Schritt die Lipschitzschen Überlegungen auf die größten ganzen Zahlen /*\1/r| d \(±Ylk' \mkf J \\nl I Allgemeinere Ergebnisse erzielt er dadurch, daß er die k-ten bzw. l-ten Potenzen der natürlichen Zahlen durch arithmetische Progressionen erster Ordnung ersetzt. Darüber hinaus \ n. und 2J pty) werden die nur über spezielle Indizes erstreckten Summen JT* berechnet. n Überlegungen von Lipschitz zum Dirichletschen Teilerproblem nimmt Holder noch einmal in der Arbeit [60] auf und verallgemeinert sie. Es wird hierin bewiesen: Sind f(n) und g(n) beliebige zahlentheoretische Funktionen und F(n) und G(n) ihre summatorischen Funktionen, so gilt für beliebige x ^ 0 und beliebige positive k und l Als Spezialfälle ergeben sich hieraus die folgenden Beispiele: Zm(?\=Z fi(n) m \m f „
154 Teil III m \m2J n m \rrbj n (M summatorische Funktion zu //), (L summatorische Funktion zu X), und mit g(n) f(m 1,*= 1, wird flog?» 10 sons wenn m Potenz der Primzahl p ist, X — pl + X p2 + \-.\ + \-.\ + ■l-f'fö- Die Arbeit [57] geht von der von Dirichlet in erster Näherung bestimmten asym- X ptotischen Funktion der Summe 2J <pM = &(x) aus, wobei <p(n) die Eulersche Funk- » = 1 tion ist. Diese Summe wird aufgespalten in die Summe über die nicht durch p (p Primzahl), die einmal, zweimal und mehrmals durch p teilbaren Argumente. Für die über die nicht durch p teilbaren Argumente erstreckte Summe X(x) bekommt man die Funktionalgleichung X(x) - x(-\= 0(x) - p0 (-\ . Unter Ausnutzung der asymptotischen Darstellung von 0(x) wird hieraus auf eine asymptotische Abschätzung geschlossen. Ähnliche Fragen werden in der Arbeit [61] behandelt. Ist tk(n) die Anzahl derjenigen Teiler von n, die nicht durch die k-te Potenz einer Primzahl teilbar sind, so wird für k J> 2 und x -> oo die asymptotische Darstellung (2(7-1) C(i) - kC'(k) {C(k)Y X + 0(xr*) hergeleitet, wobei y2 = —, y3 = —, yk 2i o 33 für k > 4 und f die Riemannsche Zeta- 100 - funktion ist. Der Beweis benutzt wesentlich eine van-der-Corputsche Restabschätzung beim Dirichletschen Teilerproblem. In [59] leitet Holder aus der bekannten Formel <£>(») {I für x ^ 1, für x < 1 dadurch, daß er die Fälle unterscheidet, daß Identitäten ab. So ergibt sich beispielsweise gerade oder ungerade ist, weitere E An) = \ — simod2 -1 für 2^x, 1 für \^x<2, 0 für 0 <'x < 1.
Otto Holder 155 Bezeichnet man die Summenfunktion der Möbiusfunktion mit M: M(x)=ZiA(n), n<^x so bedeutet das gerade: M (t)-"(*M7) -1 für 2 ^ x, 1 für l^x<2, 0 für 0 ^ x < 1. Ein zweiter Beweis hiervon läuft über Bilanzbetrachtungen bei stetiger Bewegung der Variablen. Durch kombinatorische Überlegungen wird die Gleichung JJ fi(d) log d = log [Jd^d) d\n d\n bewiesen. Das kann angewendet werden, um durch Bilanzbetrachtungen bei stetiger Bewegung der Variablen x die Gleichung 2>(») » = l log n = —ip(ri) herzuleiten, wobei die Tschebyscheffsche Funktion \p durch V(*) = E Ä(n) n = l definiert ist. Diese Gleichung läßt sich noch in die Form x oo I x\ 2J fi(n) log n = — JT ju(n) \p l —) für ganzes x ^ 1 n = l n = l \nj umschreiben. Ähnliche Überlegungen liegen der Arbeit [63] zugrunde, in der die sogenannte Hermitesche Formel 2' n X n m = 22; n = \ X n - - m dadurch verallgemeinert wird, daß sowohl bei n als auch bei [x/n] zwischen Zahlen von ungerader und solchen von gerader Zusammensetzung unterschieden wird (d. h. Zahlen, die Produkt aus einer ungeraden bzw. geraden Anzahl gleicher oder verschiedener Primzahlen sind). Bezeichnet man mit n' die Zahlen von ungerader, mit n" die von gerader Zusammensetzung und versteht entsprechend unter [x\ bzw. [x]" die Anzahl der n' bzw. n", die > 0 und fg x sind, so spaltet die obige Summe in vier Summen auf. Auf diese Weise ergeben sich fünf unabhängige Relationen, beispielsweise 27_ 27. n"-^\x l X -[fx\ [fx]"
156 Teil III und E '•>ix L - E_ n'^l/x = -WM". Ein allgemeines Prinzip zur Herleitung von Umkehr formein für zahlentheoretische Funktionen wird in [62] gewonnen. Da das Rechnen mit formalen Dirichletschen Reihen gut geeignet ist, um z. B. Summen über Teiler in den Griff zu bekommen, geht Holder dazu von der Dirichletschen Multiplikation von Zahlenfolgen aus und zeigt, daß die Division durch eine Folge mit nichtverschwindendem Anfangsglied (eine sogenannte eigentliche Folge) möglich und eindeutig ist. Bilden jetzt g(\), g(2), ... eine eigentliche Folge und g(l), g(2), ... die dazu reziproke, so gilt also £g(n)g(n') = {: für m = 1, für m > 1. Es sei nun F(x) eine Funktion, die entweder für alle reellen nichtnegativen x oder für 0 ^ x < a eindeutig definiert ist, aber für 0 rg x < b mit 0 < b < a gleich 0 sein soll. Mit ihr und der zahlentheoretischen Funktion g(n) wird eine zweite Funktion F(x) = £ g(n) F fe\ gebildet. Diese Gleichung läßt sich gemäß F(x) = Z Sin) F (?-\ auflösen. In diesen beiden Gleichungen sind die bekannten zahlentheoretischen Umkehrformeln enthalten. Schließlich werden noch eine Reihe neuer zahlentheoretischer Funktionen eingeführt und Beispiele für Produkte von Folgen betrachtet. Sowohl in [64] als auch in [67] leitet Holder gewisse Reziprozitätsformeln her. In [67] wird eine Parallelformel von Hacks zu einer Formel von Dirichlet verallgemeinert. Es sei z = f(y) eine streng monoton wachsende stetige Funktion für a rg y ^ <%', y = g(z) ihre Umkehrfunktion. al9 a2, ... und bl9 b2, ... seien zwei beständig wachsende reelle Zahlenfolgen, die gegen oo divergieren. Den Gliedern der Folgen werden gewisse Werte q?(a) und \p(b) zugeordnet; 0 und W seien die entsprechenden summatorischen Funktionen: *(*)=2>(«), n*)=Ev«>)- a<^x bf^x Dann gilt X y(a) ¥*(/(«*)) 4- X V(&) *(?(&)) <x<a^<x' A«)<b^f(a) = 0(*') V(f(oc')) - 0(a) <?(/(*)) + Z ?(") Y>(&)- b=f(a) a<a<,cc' Die in [64] betrachtete Fragestellung ist analog, nur soll dort / monoton fallend sein; man erhält dann eine ähnliche Endformel. Als Spezialfall ergibt sich u. a. eine Formel von Dirichlet.
Otto Holder 157 Fragen in Zusammenhang mit quadratischen Resten und Nichtresten sind die Arbeiten [66] und [68] gewidmet. In [66] wird eine einfache Methode zur Wertbestimmung der Gaußschen Summen dargeboten, ohne freilich auf das heikle Problem der Vorzeichenbestimmung einzugehen. Als Anwendung resultieren neue Beweise für bekannte Sätze über die Anzahl der quadratischen Reste und Nichtreste in den Folgen der Form ä + «i, ä + «2, •••> b + a1? b + «2> •••> ä + &i, ä + b2, ..., ft + &i, ft + ft2» •••» wobei p eine Primzahl, a1? ...,ap_1 die quadratischen Reste mod p, blt ...,bp_1 2 ~~2~ die Nichtreste und a und & beliebige Reste bzw. Nichtreste bezüglich des Moduls p sind. In [68] gibt Holder einfache Beweise für bekannte Sätze über die Verteilung der quadratischen Reste und Nichtreste. Er geht dabei von folgender Überlegung aus. Nach dem Wilsonschen Satz ist 1 • 2 ••• (p — 1)= —1 niod p (p Primzahl), also, indem man jeweils das erste und letzte Glied zusammenfaßt, IL 22... (£1—- .(-1) ^ =_lf d.h. 1 = 0 mod p. Einer der beiden Faktoren muß demnach durch p teilbar sein. Für den Fall, daß p = 4m + 3 ist (anderenfalls ist die Frage trivial) warf bereits Dirichlet die Frage auf, p — 1 ob es ein Gesetz gibt, für welche Primzahlen p von dieser Form 1 • 2 ••• = + 1 und für welche dieses Produkt = — 1 ist. Allgemeiner kann man nach der Anzahl der in der Folge der Faktoren enthaltenen Nichtreste fragen. Diese Frage wird in der vorliegenden Arbeit zwar nicht allgemein gelöst, es wird aber wenigstens folgendes gezeigt: Wenn p = Hk -\- 1 oder Hk -\- 5 ist, so sind im Intervall 0 ... —; wenn p = 8k + 3, p . p p so im Intervall 0 ... —; wenn p = 8k + 7, so im Intervall — ... —die Anzahlen der 4 ^ 4 2 quadratischen Reste und der Nichtreste des Moduls p einander gleich. [69] schließlich behandelt analytisch-zahlentheoretische Aspekte der Kreisteilungstheorie ; die Arbeit schließt an Ergebnisse von Ramanujan an. Insbesondere wird hierin ein einfacher Ausdruck für die Summe der n-ten Potenzen der primitiven
158 Teil III Einheitswurzeln hergeleitet: (p(m) \ d I Der Ausgangspunkt für die mathematischen Untersuchungen Hölders liegt jedoch auf dem Gebiet der Analysis. Seine noch in Tübingen entstandene Dissertation ist der sauberen Darlegung der Potentialtheorie gewidmet. Er führt hierin die heutzutage allgemein geläufige Hölderbedingung \x(a, b, c) - x(x, y, z)| ^ Ar" (// > 0), worin r der Abstand der beiden Argumentpunkte ist, an eine Massenbelegung x ein, damit für das Potential dieser Belegung die Laplacesche Gleichung AV = —4:7ix gilt. Nach einer Erörterung der Begriffe der Fläche und des Flächeninhalts wird ferner das Potential einer stetigen Flächenbelegung untersucht, die Existenz der inneren und äußeren Normalableitung und des Potentials in einem Punkt der Fläche bewiesen und der Sprung in der Normalableitung berechnet. Neu sind seine Ergebnisse über das Verhalten des Potentials am Rande des mit Masse belegten Flächenstücks. In späteren Jahren kehrt Holder noch einmal zu potentialtheoretischen Fragestellungen zurück. In der Arbeit [32] leitet er notwendige und hinreichende Bedin- 3u gungen dafür ab, daß die Cauchysche Randwertaufgabe, bei der u und — auf einer dn Kreislinie gegeben sind und die Funktion u in einem Kreisring gesucht wird, der den gegebenen Kreis als äußere oder innere Begrenzung aufweist, lösbar ist. Die Beweise werden durch Laurentreihenentwicklung geführt. In den Arbeiten [43] und [47] wird die Schlußweise, nach der aus dem Maximumprinzip für eine Potentialfunktion in einem ganz im Endlichen gelegenen zusammenhängenden Gebiet G folgt, daß sie an jeder Stelle der Grenze in einen bestimmten Randwert stetig übergeht, auf den Fall ausgedehnt, daß an der Grenze eine Unstetigkeit der Funktion auftritt. Dazu soll der Rand aus endlich vielen regulär-analytischen Bögen bestehen und in einer etwaigen Ecke des Randes der dem Inneren von G entsprechende Winkel a der Randtangenten =j= 0 sein. Unter diesen Voraussetzungen wird gezeigt: Ist u ein in G reguläres, im Inneren einer Ecke von G beschränktes Potential, so geht u in einer Umgebung des Eckpunktes^ stetig in bestimmte Randwerte über. In genügender Nachbarschaft von A im Inneren der Ecke ist dann u beliebig wenig größer als [gx((x — ß) + g2ß) '> oc; dabei bezeichnen gx und g2 die oberen Limites der Randwerte in A auf den in A zusammenstoßenden Bögen, ferner ß den Winkel der Tangente des linken Bogens in A mit der Verbindungsstrecke des Aufpunkts mit A. Neben Folgerungen aus diesem Satz wird die Bedeutung für die Begründung des alternierenden Verfahrens auseinandergesetzt. In der Physik ist es üblich, hinreichend kleine Glieder in einer Differentialgleichung zu vernachlässigen. Die Arbeit [37] dient der Rechtfertigung dieses Vorgehens. Es wird dazu die Differenz der zu gleichen Anfangsbedingungen gehörenden Lösungen zweier Differentialgleichungen abgeschätzt, deren rechte Seiten sich etwas unterscheiden. Der Beweis benutzt die Lipschitzbedingung und läuft ähnlich dem Cau-
Otto Holder 159 chyschen (und von Lipschitz präzisierten) Verfahren ab, bei dem die Differentialgleichung durch eine Differenzengleichung ersetzt wird. Behandelt werden auch Systeme von Differentialgleichungen. Es kann gezeigt werden, daß von der rechten Seite <p(x, y) keine Stetigkeit vorausgesetzt zu werden braucht, sondern lediglich, daß sie in einem Gebiet der Lipschitzbedingung genügt (weil nämlich die Eindeutigkeit der Lösung für den Beweisgang wesentlich ist). In der Arbeit [34] leitet Holder auf einem neuen Wege ohne Lagrangesche Multiplikatoren die Bedingungen erster Ordnung für ein Extremum des Integrals I = fG(t, x, y, x', y') dt unter der Nebenbedingung H(t, x,y, x',y') = 0 her. Die Überlegungen sind von der Art, wie sie auf das du-Bois-Reymondsche Lemma der Variationsrechnung führen. Man gewinnt die gesuchte Bedingung erster Ordnung in Form einer Differentialgleichung mit einer willkürlichen Konstanten, sie sieht also etwas anders aus als die Bedingung, wie man sie durch die Lagrangesche Multiplikatoren- methode erhält. Eine Reihe wichtiger Arbeiten sind funktionentheoretischen Problemstellungen gewidmet. Der bekannte Satz, daß eine analytische Funktion in der Nähe einer isolierten wesentlichen Singularität jedem Wert beliebig nahekommt, wird von ihm noch in der Tübinger Zeit bewiesen [2]. Während Weierstrass nur den Fall einer in der ganzen Ebene meromorphen Funktion mit Hilfe seiner Produktdarstellung behandelt hatte, gibt Holder hierin erstmalig einen direkten Beweis in voller Allgemeinheit. In der Arbeit [3] führt er die als Höldersche Summation bekanntgewordene Summa- tionsmethode für divergente Reihen ein und zeigt, daß für alle H-summierbaren Reihen der Abelsche Grenzwertsatz gilt. In [8] untersucht er die durch die Differentialgleichung dy , x = X7Z COt (X7T) • y dx definierte transzendente Funktion, die an der Stelle x = 0 den Wert 1 annimmt. In [51] betrachtet er die transzendente Funktion x2 xz xn v ; 22 32 n2 die ursprünglich im Einheitskreis definiert ist, durch die Integraldarstellung X W{x) = - I -^ dx J x o aber analytisch fortgesetzt werden kann. Er konstruiert hieraus zunächst durch den Ansatz w(x) = eln% eine eindeutige Funktion, setzt 1 • 2 F(z) = e2 w{\ — e~27ttz)
160 Teil III und erhält hierfür die Funktionalgleichung F(z + 1) = — 2(ainnz)F(z) und die Differentialgleichung F'(z) = nz cot 7iz, F(z) aus der sich die Produktdarstellung ?f-;H F(z) = e'fj' v ergibt. Aus der bereits von Abel aufgestellten Funktionalgleichung /_* y_\ = yl_]L_\ + yl_±_\ \l-xl-y) \\-X) \l-y) - ¥<j,) - ty(x) - log (1 - y) log (1 - x) bekommt er für F die neue Funktionalgleichung m _ * _ ri) = >+«■-«*-<■> F(C-g)f(C-,y) Jf(f)f(i?) Wie man, von der Cauchyschen Formel ausgehend, die elliptischen Funktionen auf wenig aufwendige Weise direkt bilden und hiermit die additiven und multipli- kativen Darstellungen herleiten kann, wird in der Arbeit [24] ausgeführt. Mit der Arbeit [48] schließt er eine Beweislücke, die in einem zur Herleitung analytischer Darstellungen der elliptischen Funktionen benötigten Grenzübergang bei Abel und Jacobi noch bestand, bei der modernen Behandlung der elliptischen Funktionen jedoch nicht mehr empfunden wurde, da diese andere Wege beschreitet. In [31] werden notwendige und hinreichende Bedingungen dafür aufgestellt, daß erstens eine 27r-periodische reelle Funktion / einer Variablen, zweitens eine nichtperio- oo dische, auf der reellen Achse stetige reelle Funktion / mit endlichem Integral / — oo eine analytische Funktion darstellt, die in einem Streifen der Breite i\ beiderseits der reellen Achse regulär und im ersten Fall gleichfalls 27r-periodisch ist. Als dritter Fall wird hierin die Fortsetzbarkeit einer für — n < oc < +n stetigen reellen n Funktion f(oc) mit endlichem Integral f \f(oc)\ da zu einer im Gebiet der u = a. + iß — 71 fortsetzbaren analytischen Funktion untersucht, das durch die Kurvenbögen ß = ±<x(oc + 7r)2 (n — oc)2 abgegrenzt wird. Diese Kriterien werden dadurch gewonnen, daß die betreffenden Gebiete so konform abgebildet werden, daß dabei das a-Inter- vall in den Einheitskreis übergeht, und die Potenzreihenentwicklung des Poisson- schen Integrals betrachtet wird. Die Höldersche Ungleichung geht auf die Arbeit [13] zurück, in der sie als Spezialfall eines allgemeineren Satzes enthalten ist. In [52] wird der zweite Mittelwertsatz der Integralrechnung, der im Reellen aussagt, daß für eine auf [a, b] monotone und
Otto Holder 161 beschränkte Funktion / sowie eine Riemann-integrable Funktion y b b j f(x) <p(x) dx = (f(a + 0) - f(b - 0)) Mx + f(b - 0) j <p{x) dx a a b = f(a + 0) / <p(x) dx + (f(b - 0) - f(a + 0)) M2 a x 0 ist, wobei Mx ein Mittelwert aus den Werten f cp(t) dt, M2 ein solcher aus f cp(t) dt o x ist, auf den Fall verallgemeinert, daß cp komplex ist. Als Mittelwerte sind dann Werte aus der jeweiligen konvexen Hülle zu nehmen. Zu diesem Zweck wird in der Arbeit der Begriff der konvexen Hülle eingeführt und durch verschiedene Konstruktionen charakterisiert. Der Satz liefert mehr, als die Anwendung des reellen Mittelwertsatzes auf das in Real- und Imaginärteil aufgespaltene Integral ergeben würde, wie man an einem Beispiel sieht. Reihenentwicklungen, insbesondere Fourierreihen, haben mehrere Arbeiten Höl- ders zum Gegenstand. Auf die Arbeit [31] haben wir bereits hingewiesen. In der Habilitationsschrift [5] untersucht Holder im Anschluß an du Bois-Reymond die Frage, unter welchen Bedingungen die Koeffizienten einer Fourierreihe, die eine nicht notwendig stetige Funktion darstellt, in der bekannten Weise als Integral gewonnen werden können. Um diese Frage auch für nichtbeschränkte Funktionen beantworten zu können, definiert Holder zunächst sauber das (uneigentliche) Integral über eine solche Funktion. Daran anschließend stellt er in [6] die folgende neue hinreichende Bedingung für die Darstellbarkeit einer stetigen Funktion durch eine Fourierreihe auf: Teilt man das Intervall in Teilintervalle und approximiert die Funktion f(x) in jedem Teilintervall durch eine lineare Funktion g(x), so soll die Summe der Quotienten der Integrale f \f(x) — g(x)\ dx durch die jeweiligen Intervalllängen bei Verfeinerung der Teilung gegen Null streben. Einer anderen trigonometrische Reihen betreffenden Frage ist die zeitlich viel spätere Arbeit [49] gewidmet. Der Reihe log sin ■ -log 2 cos x cos 2x 1 wird eine entsprechende Reihe der Form log sin — = cx sin x + c2 sin 2x + • • • für 0 < x < n zugeordnet. Zwecks einer neuen Herleitung der Kummerschen Reihe bestimmt Holder den Grenzwert lim <! £->0 oo . COS X _ log c -f / dx X -C für die Eulersche Konstante C durch Integration von —■ um eine Viertelebene und Anwendung des Cauchyschen Integralsatzes. Dieser im Komplexen verlaufende
162 Teil III Beweis wird später noch in [72] durch einen rein reellen Beweis ergänzt. Die Kum- mersche Reihe ergibt sich, indem man log r(x) für 0 < x < 1 in eine Sinus-Cosinus- Reihe entwickelt, zu log r(x) = (1 — x) log n + C I x J log sin nx 1 ~ log 2n . -\ 2j Sin 2/i7TX . n „=i n In der Arbeit [50] gibt Holder eine einfache Herleitung für die Formel x sin x sin 2x sin 3x ~2=~1 2~~ ~~3 h '"' die auch bereits in der Anfängervorlesung gebracht werden kann. Lange Zeit hat sich Holder vergeblich bemüht, eine algebraische Differentialgleichung für die Gammajunktion zu finden, bis ihm schließlich in der berühmten Arbeit [9] der Nachweis dafür gelang, daß es keine solche Differentialgleichung geben kann. Dieser Satz hat die Untersuchung weiterer Klassen von Funktionen angeregt, die keiner algebraischen Differentialgleichung genügen. Ein kürzerer Beweis hierfür wurde später insbesondere von Ostrowski erbracht. Als Gegenstück hierzu zeigt X C ex — 1 Holder in der Arbeit [10], daß die Funktion / dx keiner algebraischen o Funktionalgleichung genügt, obgleich sie übrigens sogar eine algebraische und zugleich lineare Differentialgleichung befriedigt. In [70] leitet Holder folgende Verallgemeinerung des binomischen Satzes her, die dem Abelschen verallgemeinerten binomischen Satz analog ist: y (r\ (« - «)«-! (y + «rw = (« + y + rd) {* + *)r2> «=o W *(y + rd) wobei r eine natürliche Zahl, <x, y> ö beliebig sind. Der Beweis erfolgt hierbei analytisch mittels eines Eisensteinschen Satzes mit Hilfe spezieller Bruwierscher Reihen. In [71] gibt er hierfür noch einen elementar-arithmetischen Beweis. Weitere Verallgemeinerungen stammen von einer Reihe anderer Autoren. Eine spätere Verallgemeinerung auf anderem Wege, aus der sich insbesondere der Höldersche Satz durch Spezialisierung ergibt, hat Salie gegeben.1) Die Arbeit [33] ist aus dem Wunsch entstanden, zu einem Satz von Caratheodory und Fejer Beispiele zu bilden. Als Verallgemeinerung einiger spezieller Determinanten wird allgemein von der Determinante a a... a a a2 a ... a a b b ...b an Dn(au ...,oH;a,b) *) Über Abels Verallgemeinerung der binomischen Formel, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. Kl., 98, H. 4 (1951), 17-22.
Otto Holder 163 bewiesen, daß sie gleich 1 f n n ) 7 \a ff K - b) - b n (av - a) \ a — o [ v=i v=1 J ist. Zur Behandlung des Spezialfalls ox = ••• = an = a leitet Holder für die sich ergebenden Determinanten An(a) bei festem a und b eine rekurrente Differentialgleichung her, die zur Koeffizientenbestimmung führt. Der Wert von An(a) läßt sich außerdem durch ein anderes, mehr direktes Verfahren entwickeln, durch das man auch gleich den Wert der allgemeinen Determinante Dn(al9 ..., an\ a,b) erhält. Unter Anwendung einer Idee von Hurwitz, nach welcher allgemein für die Determinante det (aij + t) gilt: Addiert man zu allen Elementen einer bestimmten Determinante das eine Mal tl9 das andere Mal t2, so verhalten sich die dabei hervorgebrachten Wertänderungen der Determinante wie tx : t2, wird in [35] ein neuer Beweis für den Wert Dn(alf ..., on\ a,b) gegeben sowie allgemeiner die Determinante I o*! a ... a on' I \b °2 ••• O'n-l a \<y\' b ... b on berechnet. In der noch aus der Tübinger Zeit stammenden Arbeit [22] über die Prinzipien der Mechanik zeigt Holder, wie das Hamiltonsche Prinzip zu formulieren ist, damit auch der nichtholonome Fall erfaßt wird, und klärt damit die Unstimmigkeiten, auf die Hertz hingewiesen hat. Holder stand dem Operieren mit unendlichen Mengen immer skeptisch gegenüber. Daher muß man die einzige Arbeit [54], die sich mit mengentheoretischen Fragen befaßt, als eine Ausnahme ansehen. Er leitet hierin zunächst die Addition, Multiplikation und Potenzierung von Mächtigkeiten bis hin zu c, der Mächtigkeit des Kon- tinuums, nochmals her und betrachtet die Folge a0, CL\> ..., in der a0 die Mächtigkeit der natürlichen Zahlen bedeutet und av+1 = 2a* ist. Für das Rechnen hiermit beweist er die dem heutigen Mathematiker wohlbekannten Rechenregeln. Dagegen knüpft er kritische Bemerkungen an die Verwendung einer unendlichen Belegungsmenge bei der Einführung der Potenzierung, da eine Untermenge nach seiner Auffassung nur durch ein Gesetz gegeben werden kann. In einer Reihe von Arbeiten hat sich Holder mit logisch-philosophischen Untersuchungen zur Grundlegung der Mathematik beschäftigt, und auch in einer Reihe anderer Arbeiten klingen derartige Überlegungen an. So betont er schon in der als Ergänzung für Studierende höherer Semester gedachten Programmschrift [36] „Die Arithmetik in strenger Begründung", in der die ganzen, negativen, rationalen und reellen Zahlen eingeführt werden, daß die Arithmetik im eigentlichen Sinne (d. h. also nicht etwa die Theorie abstrakter Ringe oder Körper) keiner Rechtfertigung durch besondere arithmetische Axiome bedarf. Holder betont vielmehr hier und
164 Teil III noch eindringlicher später in [41] im Gegensatz zu Hilbert den synthetischen Standpunkt (genetischen Aufbau). Eine anschauliche Begründung der Arithmetik kann etwa durch Gewichte gegeben werden. Zur strengen Einführung der natürlichen Zahlen werden hierin zwei Wege beschritten. Einmal werden sie als sogenannte Stellenzeichen, d. h. im Grunde genommen als Ordnungszahlen, betrachtet. Man kann dann zum Beweis der Rechenregeln Induktionsschlüsse heranziehen, wie sie sich im Anschluß an die Peanoschen Axiome anbieten; bei dieser Gelegenheit wird auch das Schubkastenprinzip eingeführt. Der zweite Weg verläuft über die Deutung als Anzahlen von äquivalenten Aggregaten (Mengen), d. h., sie werden als Kardinalzahlen behandelt. Zur Einführung der rationalen Zahlen wird zunächst das Verfahren von Weier- strass geschildert: Man verwendet unendlich viele Einheiten elf e2, ... und betrachtet Aggregate aus endlich vielen Einheiten, wobei eine Einheit auch mehrmals auftreten kann. Dabei soll zugelassen sein, jeweils n Einheiten en durch eine Einheit e1 zu ersetzen und umgekehrt. Diese mehr anschauliche Einführung, die man sich etwa an der Teilung eines Kuchens vorstellen kann, motiviert die moderne mehr formale Auffassung durch formale Brüche mit den üblichen Gleichheitsdefinitionen und Rechenregeln. Zu den irrationalen Zahlen gelangt man durch Dedekindsche Schnitte. In dem großen Werk über die mathematische Methode [41] werden systematisch Logik, Arithmetik, Geometrie, Mechanik und ein Teil der Physik durchforscht und ihre eigentümlichen Schluß weisen und Voraussetzungen aufgedeckt. Im ersten Teil davon führt Holder zahlreiche Beispiele für Beweise und Konstruktionen an, namentlich aus der Geometrie. In der Mechanik analysiert er beispielsweise den Archimedischen Beweis für das Hebelgesetz und zeigt, wie dies aus einfachen Grundannahmen hergeleitet werden kann. Damit klingt bereits die Synthese des Maßbegriffs an. Näher geht er auf Fragen der Widerspruchsfreiheit und Unabhängigkeit der geometrischen Axiome und die Einführung der höherdimensionalen Geometrie ein und behandelt ähnlich wie schon in der Programmabhandlung [36] die Arithmetik der natürlichen und reellen Zahlen. Im zweiten Teil nimmt er eine logische Analyse der Methoden vor. Er betont hier, wie auch anderswo, daß für die Mathematik die Schlußweisen der klassischen Logik eigentlich nichts nützen, und hebt im Gegensatz dazu die Bedeutung des Begriffs der Relation für die Mathematik hervor. Eine besondere Problematik bietet der Begriff des Kontinuums. Da er auf Grund logischer Überlegungen über die Definition von Teilmengen einer gegebenen Menge (eine Teilmenge muß durch ein Gesetz gegeben sein) den Begriff der Potenzmenge ablehnt, bricht auch die auf dem Dede- kindschen Schnitt begründete Theorie des Kontinuums zusammen. Holder sieht sich daher gezwungen, um trotzdem auf den Begriff des Kontinuums nicht verzichten zu müssen, die Existenz des Kontinuums durch besondere Axiome zu postulieren. Näher geht er auf Konstruktionsverfahren ein, die sich auf das gründen, was man heutzutage als Abstraktionsprinzip bezeichnet. In Zusammenhang mit der Abhängigkeit von Urteilen wird insbesondere die Rolle des indirekten Beweises in der Mathematik hervorgehoben, ein Thema, das er später in den Arbeiten [53] und [55] wieder aufnimmt. WTie schon in [36] und später in [58] betont wird, bedarf die Arithmetik im Gegensatz zur Geometrie keiner Axiome. Allgemein besteht nämlich nach Holder einer der wesentlichen Züge der mathematischen Methode darin, daß Begriffe immer wieder durch neue Begriffe höherer Ordnung überbaut werden in dem Sinne,
Otto Holder 165 daß die Begriffe und Schlußweisen einer Stufe auf der nächsthöheren selbst zum Objekt der mathematischen Betrachtung genommen werden, indem man z. B. zuerst ein Beweis verfahren entwickelt und nachher die Schritte des Beweis Verfahrens abzählt oder sie anderen Objekten zuordnet oder durch Relationen miteinander verknüpft. Daraus folgt, daß man niemals die ganze Mathematik durch einen logischen Formalismus erfassen kann, weil nämlich die logischen Betrachtungen, die man über die Formeln des Formalismus selber anstellt, mit Notwendigkeit über den Formalismus hinausführen und dennoch auch zur Mathematik gehören. Nach [58] ist daher insbesondere ein Widerspruchsfreiheitsbeweis der Arithmetik nicht möglich, die Arithmetik kann vielmehr nur durch den folgerichtigen Aufbau ihrer Begriffe begründet werden. Damit klingen Gedanken an, wie sie später von Gödel in seinem Unmöglichkeitsbeweis genau ausgeführt worden sind. Im dritten Teil befaßt sich Holder mit dem Zusammenhang mit der Erfahrung. Die Grundbegriffe und Axiome der Geometrie werden nach Hölders Auffassung, die sich an die Helmholtzsche anschließt, ebenso wie die der Mechanik und Physik aus der Erfahrung abstrahiert. In der Arbeit [46] setzt sich Holder mit der Auffassung von Weyl auseinander, die Definition des Begriffs der oberen Grenze enthalte einen circulus vitiosus und mißachte die Russeische Stufenbildung der Begriffe. Er zeigt, daß die Definition der oberen Grenze, richtig aufgefaßt, nicht zirkelhaft ist, sondern auf einer Anwendung des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten auf unendlich viele Fälle beruht, der ja von Weyl (im Gegensatz allerdings zu Brotjwer) anerkannt wird. Holder betont aber auch hier, daß eine Menge von Zahlen nur durch ein Gesetz gegeben werden kann, wobei es freilich ungeklärt bleibt, was unter dem Begriff eines Gesetzes genaugenommen eigentlich zu verstehen ist. Nicht eingegangen wird allerdings auf den Einwand zum Russeischen Stufungsprinzip. Nach Bolzano kann jeder indirekte Beweis in einen direkten Beweis gewendet werden. Gegen diese Ansicht wendet sich Holder in [53] und gibt, wenngleich ohne strengen Beweis, Gegenbeispiele aus der Mathematik an, in denen seiner Meinung nach kein direkter Beweis möglich ist: a) Das Archimedische Axiom folgt aus dem Dedekindschen Stetigkeitsaxiom. b) Wenn die Primzahl p Teiler von a • b, aber nicht von a ist, so ist p Teiler von b. In [55] kommt er abschließend noch einmal auf diese Frage zurück und weist darauf hin, daß es aber zumindest offenbar möglich ist, einen indirekten Beweis stets so zu führen, daß nur zum Schluß der modus tollens angewendet wird. Es war natürlich unmöglich, im hier gesteckten Rahmen auf alle von Holder erzielten Resultate detailliert einzugehen; manche Arbeiten konnten nur gestreift werden. Trotzdem dürfte aber aus dem Obigen klargeworden sein, daß mit Otto Holder ein außerordentlich vielseitiger Mathematiker an der Leipziger Universität gewirkt hat, ein Klassiker der Mathematik, dem die mathematische Wissenschaft bahnbrechende Ergebnisse verdankt. Größte Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit prägten alle seine Handlungen und offenbaren sich selbst in seinen ausführlichen und sachkundigen Buchrezensionen. Er hat in seinen Arbeiten stets nach letzter Klarheit und Vollendung gestrebt.
166 Teil III Verzeichnis der Veröffentlichungen von Otto Holder Beiträge zur Potentialtheorie, Dissertation, Tübingen 1882. Beweis des Satzes, daß eine eindeutige analytische Function in unendlicher Nähe einer wesentlich singulären Stelle jedem Werth beliebig nahe kommt, Math. Ann. 20 (1882), 138 — 143; nachträgliche Berichtigung, S. 549. Grenzwerthe von Reihen an der Konvergenzgrenze, Math. Ann. 20 (1882), 535 — 549. Zum Invariantenbegriff, Math.-naturwiss. Mitteilungen 1 (1884), 59—65. Zur Theorie der trigonometrischen Reihen, Math. Ann. 24 (1884), 181—216. Über eine neue hinreichende Bedingung für die Darstellbarkeit einer Function durch die Fourier'sche Reihe, Ber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin 1885, S. 419-434. Bemerkung zu der Mittheilung des Herrn Weierstraß: Zur Theorie der aus n Haupteinheiten gebildeten complexen Größen, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen 1886, S. 241 — 244. Ueber eine transcendente Function, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen 1886, S. 514 — 522. Über die Eigenschaft der Gammafunction, keiner algebraischen Differentialgleichung zu genügen, Math. Ann. 28 (1886), 1-13. Ueber eine Function, welche keiner algebraischen Functionalgleichung genügt, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen 1887, S. 662-676. Zurückführung einer beliebigen algebraischen Gleichung auf eine Kette von Gleichungen, Math. Ann. 34 (1889), 26-56. Bemerkungen zur Quaternionentheorie, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen 1889, S. 34 — 38. Ueber einen Mittelwerthsatz, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen 1889, S. 38—47. Ueber den Söderberg'schen Beweis des Galois'schen Fundamentalsatzes, Math. Ann. 34 (1889), 454-462. Ueber den Casus Irreducibilis bei der Gleichung dritten Grades, Math. Ann. 38 (1891), 307-312. Die einfachen Gruppen im ersten und zweiten Hundert der Ordnungszahlen, Math. Ann. 40 (1892), 55-88. Die Gruppen der Ordnungen p3, pq2y pqr, #>4, Math. Ann. 43 (1893), 301—412. Stolz, Otto, Grundzüge der Differential- und Integralrechnung. Erster Teil, Göttingische gelehrte Anzeigen 1894, S. 504-522. Bildung zusammengesetzter Gruppen, Math. Ann. 46 (1895), 321—422. Die Gruppen mit quadratfreier Ordnungszahl, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1895, S. 211-229. Weierstrass, Karl, Mathematische Werke. Erster Band, Abhandlungen I, Göttingische gelehrte Anzeigen 1895, S. 362-370. Ueber die Principien von Hamilton und Maupertuis, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen, Math.- phys. Kl., 1896, S. 122-157. Weierstraß, Mathematische Werke. Zweiter Band, Göttingische gelehrte Anzeigen 1896, S. 769-773. Ueber eine einfache Herleitung der elliptischen Funktionen, Schriften phys.-ökon. Ges. Königsberg 38 (1897), 53-57. Galois'sche Theorie mit Anwendungen, Beitrag IB3c, d in: Encykl. d. math. Wiss. 1, 1899, S. 480-520. Anschauung und Denken in der Geometrie. Akademische Antrittsvorlesung gehalten am 22. Juli 1899. Mit Zusätzen, Anmerkungen und einem Register, B. G. Teubner, Leipzig 1900. Die Axiome der Quantität und die Lehre vom Mass, Ber. Verh. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 53 (1901), 1-64. Die Zahlenskala auf der projektiven Geraden und die independente Geometrie dieser Geraden, Math. Ann. 65 (1908), 161-260.
Otto Holder 167 [29] Adolf Mayer, Nekrolog, gesprochen in der öffentlichen Gesamtsitzung beider Klassen am 14. Nov. 1908, Ber. Verh. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 60 (1908), 353-373. [30] Streckenrechnung und projektive Geometrie, Ber. Verh. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.- phys. Kl., 63 (1911), 65-183. [31] Bedingungen des analytischen Charakters für reelle Funktionen reellen Arguments, Ber. Verh. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 63 (1911), 388-401. [32] Die Cauchysche Randwertaufgabe für den Kreis in der Potentialtheorie, Ber. Verh. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 63 (1911), 477-500. [33] Über einige Determinanten, Ber. Verh. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 65 (1913), 110-120. [34] Neues Verfahren zur Herleitung der Differentialgleichung für das relative Extremum eines Integrals, Ann. Mat. Pura Appl. (3) 20 (1913), 171-184. [35] Über einige Determinanten. Zweite Mitteilung, Ber. Verh. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 66 (1914), 98-102. [36] Die Arithmetik in strenger Begründung, Programmabh. Phil. Fakultät Leipzig 1914; 2. Aufl. 1929. [37] Abschätzungen in der Theorie der Differentialgleichungen, in: Mathematische Abhandlungen HERMANN AMANDUS SCHWARZ zu seinem fünfzigjährigen Doktorjubiläum am 6. August 1914 gewidmet von Freunden und Schülern. Springer, Berlin 1914, S. 116 bis 132. [38] Die Mathematik im Verhältnis zu den anderen Wissenschaften (Rede des antretenden Rektors), in: Rektoratswechsel an der Universität Leipzig am 31. Oktober 1918, S. 21—37. [39] Karl Rohn, Nekrolog, gesprochen am 13. November 1920 in der öffentlichen Sitzung beider Klassen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 72 (1921), 107-127. [40] Carl Neumann zum 90. Geburtstag, Math. Ann. 86 (1922), 161-162. [41] Die mathematische Methode. Logisch erkenntnistheoretische Untersuchungen im Gebiete der Mathematik, Mechanik und Physik, Springer, Berlin 1924. [42] Das Volumen in einer Riemannschen Mannigfaltigkeit und seine Invarianteneigenschaft, Math. Z. 20 (1924), 7-20. [43] Über gewisse Hilfssätze der Potentialtheorie und das alternierende Verfahren von Schwarz, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 77 (1925), 61-73. [44] C. Neumann, Nachruf, gesprochen am 14. November 1925 in der öffentlichen Sitzung beider Klassen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 77 (1925), 154 bis 180. [45] Carl Neumann, Math. Ann. 96 (1926), 1-25. [46] Der angebliche circulus vitiosus und die sogenannte Grundlagenkrise in der Analysis, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 78 (1926), 243-250. [47] Bemerkungen zu meinem Aufsatz: Über gewisse Hilfssätze der Potentialtheorie, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 78 (1926), 240-242. [48] Über einen Grenzübergang in Abels Recherches sur les Functions Elliptiques, J. Reine Angew. Math. 157 (1927), 171-188. [49] Über einige trigonometrische Reihen, Sitzungsber. Bayer. Akad. Wiss. München, Math.- naturwiss. Abh., 1928, S. 83-96. [50] Bemerkungen über die Herleitung einiger elementarer Formeln, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 80, 117-121. [51] Über eine von Abel untersuchte Transzendente und eine merkwürdige Funktionalbeziehung, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 80 (1928), 312-325. [52] Der zweite Mittelwertsatz der Integralrechnung für komplexe Größen, Math. Ann. 100 (1928), 438-444. [53] Der indirekte Beweis in der Mathematik, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.- phys. Kl., 81 (1929), 201-216.
168 Teil III [54] Ein Versuch im Gebiet der höheren Mächtigkeiten, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 82 (1930), 83-96. [55] Nachtrag zu meinem Aufsatz über den indirekten Beweis, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 82 (1930), 97-104. [56] Einige Sätze über die größten Ganzen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.- phys. Kl., 82 (1930), 159-170. [57] Über gewisse Teilsummen von £ (p(ri), Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.- phys. Kl., 83 (1931), 175-178. [58] Axiome, empirische Gesetze und mathematische Konstruktionen, Scientia 49 (1931), 317-326. [59] Zur Theorie der zahlentheoretischen Funktion [i(ri)y Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 83 (1932), 321-328. [60] Über eine Art von Reziprozität bei summatorischen Funktionen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 83 (1932), 329-332. [61] Über einen asymptotischen Ausdruck, Acta Math. 59 (1932), 89—97. [62] Über gewisse der Möbiusschen Funktion ju(n) verwandte zahlentheoretische Funktionen, die Dirichletsche Multiplikation und eine Verallgemeinerung der Umkehrformeln, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 85 (1933), 3-28. [63] Zusätzliche Gleichungen zur Hermiteschen Formel, Math. Ann. 108 (1933), 605 — 614. [64] Verallgemeinerung einer Dirichletschen Summenumformung, Math. Z. 38 (1934), 476 bis 482. [65] Leon Lichtenstein, Nachruf, gehalten in der öffentlichen Sitzung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften am 30. Juni 1934, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 86 (1934), 307-314. [66] Zur Theorie der Gaußschen Summen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 87 (1935), 27-36. [67] Verallgemeinerung einer Formel von Hacks, Math. Z. 40 (1935), 463—468. [68] Bemerkungen zu einer Dirichletschen Frage, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 87 (1935), 81-84. [69] Zur Theorie der Kreisteilungsgleichung Km(x) = 0, Prace mat.-fiz. 43 (1936), 14-23. [70] Über eine Verallgemeinerung der binomischen Formel, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 88 (1936), 61-66. [71] Elementare Herleitung einer dem binomischen Satz verwandten Formel, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 88 (1936), 133-134. [72] Über eine Darstellung der Eulerschen Konstanten, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 89 (1937), 167-170.
Karl Rohn — ein Geometer Viktor Ziegler (f) \ Karl Rohn (1855-1920) Zu den Mathematikern, die durch ihre zum Teil jahrzehntelange Tätigkeit das wissenschaftliche Gesicht des ehemaligen Mathematischen Instituts unserer alma mater seinerzeit mit bestimmt haben, die aber aus irgendwelchen Gründen, oft sehr zu Unrecht, in Vergessenheit geraten sind, gehört zweifellos u. a. Karl Friedrich Wilhelm Rohn, ein Geometer von echtem Schrot und Korn, wie man einem solchen auch schon zu Rohns Zeiten nicht mehr allzu häufig begegnete. Die Mathematikstudentenjahrgänge der letzten 15 Jahre haben kaum jemals seinen Namen gehört. Früheren Studentengenerationen war Rohn aber hauptsächlich als Schöpfer eines Standardwerkes über darstellende Geometrie bekannt, das er gemeinsam mit dem Freiberger Mathematiker Joh. Erwin Papperitz (1857—1938) verfaßt hatte. Allerdings ist dieses dreibändige Werk bereits seit der Mitte der zwanziger Jahre nur noch in Bibliotheken zu finden. Würdigungen des Rohnschen Lebenswerkes gibt es bereits durch seine Zeitgenossen, die ihn persönlich kannten und die seine Arbeiten in die mathematische Forschung seiner Zeit wohl am besten einordnen und einstufen konnten. Es existiert ein Nachruf auf Karl Rohn von Friedrich Schur (1856—1932) im Band 32 der Jahresberichte der ,,Deutschen Mathematikervereinigung" (Leipzig 1923) und ein Nekrolog, der am 13. November 1920 in der öffentlichen Plenarsitzung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften von keinem Geringeren als Otto Holder (1859—1937) vorgetragen wurde. Einen Abdruck dieses Nekrologs finden wir in den Berichten über die Verhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Mathematisch-physische Klasse, Bd. 72, 1920, S. 107—127. Beide Nachrufe enthalten eine ausführliche Würdigung der Arbeiten Karl Rohns, vornehmlich aus der Sicht jener Zeit, wobei Holder in seinem erheblich umfangreicheren Nekrolog sehr ausführlich auch auf die Vorgeschichte der Rohnschen Arbeiten eingeht und insbesondere auch die Anregungen • analysiert, die Rohn von seinen Lehrern (insbesondere auch von Felix Klein (1849—1925)) empfangen hatte. Es erscheint daher durchaus angebracht, hier längere Passagen aus den beiden genannten Arbeiten im Wortlaut zu zitieren. Andererseits sind wohl einige Bemerkungen über das Werk Rohns auch aus der heutigen Sicht angebracht. Den weiteren
170 Teil III Betrachtungen seien zunächst die wichtigsten Lebensdaten Karl Friedrich Wilhelm Rohns vorangestellt, wobei wir ihn über die ersten vierundzwanzig Jahre seines Lebens am besten selbst zu Wort kommen lassen. In einer Anlage (die er lakonisch mit „Vita" überschreibt) zu seinem „Gesuch um Zulassung zur Habilitation an der Universität zu Leipzig" heißt es: „Geboren wurde ich den 28. Januar 1855 zu Schwanheim1) in Hessen, woselbst meine Eltern auch heute noch wohnen. Hier genoss ich den ersten Schulunterricht, der im Herbste 1865 am Gymnasium zu Bensheim fortgesetzt wurde. Nach 7 Jahren hatte ich die Unterprima dieser Anstalt absolvirt und begab im gleichen Herbste 1872 nach Darmstadt, um mich am dortigen Polytechnikum dem Studium der Ingenieurwissenschaften zu widmen. Aber schon im Herbste 1873, nachdem ich hier mein Maturitätsexamen beendet hatte, das ich später2) am Gymnasium zu Bensheim noch vervollständigte, verliess ich das genannte Studium, um mich der Mathematik zuzuwenden. Ich verblieb zunächst noch ein Jahr in Darmstadt am Polytechnikum, bezog im Herbste 1874 die Universität in Leipzig und im folgenden Herbste die Universität zu München, wo ich jedoch hauptsächlich bei den Professoren des dortigen Polytechnikums meine Kenntnisse erweiterte. Hier in München machte ich im Herbste 1877 mein Staatsexamen und im folgenden mein Doctorexamen3). Meine wissenschaftliche Ausbildung verdanke ich in Darmstadt den Herren Professoren: Kohlrausch, Dölp, Sturm, Brill, Neil und Büchner, in Leipzig den Herren Professoren: Neumann, Scheibner, Mayer, Von der Mühll und Zöllner, in München den Herren Professoren: Seidel, Bauer, Klein, Brill und Nägeli; ich schliesse damit, dass diese Gelegenheit benutze, diesen hochgeehrten Herren abermals meinen Dank abzustatten. Leipzig, den 30.en Januar 1879 gez. Dr. Karl Rohn" Bereits 1879 finden wir also Rohn wieder in Leipzig, wo er sich noch im selben Jahr mit der unmittelbar an seine Dissertation anschließenden Arbeit „Transformationen der hyperelliptischen Funktionen p = 2 und ihre Bedeutung für die Kura- mersche Fläche" habilitierte. Zur Dissertation und zur Habilitationsschrift Rohns bemerkt 0. Holder in seinem oben erwähnten Nekrolog: „Bereits in diesen ersten Arbeiten zeigte er eine besondere Begabung für die Erforschung der höheren, durch algebraische Gleichungen definierten Gebilde der Geometrie und seine hervorragende Fähigkeit, diese Gebilde mit allen Hilfsmitteln der Algebra und der höheren Funktionenlehre zu durchdringen und darzustellen." Am 22. Dezember 1884 wurde Rohn in Leipzig durch das Kultusministerium zum außerordentlichen Professor ernannt, ging aber noch in demselben Jahr an die Technische Hochschule Dresden (als Vertreter des erkrankten Harnack), wurde dann als *) Nicht zu verwechseln mit dem heute zum Stadtgebiet von Frankfurt/Main gehörenden Schwanheim. 2) Bleistiftnotiz auf dem Rand: Herbst 1874. 3) Der Titel der Dissertation lautete: ,,Betrachtungen über die Kummersche Fläche und ihren Zusammenhang mit den hyperelliptischen Funktionen p = 2".
Karl Rohn — ein Geometer 171 außerordentlicher Professor Nachfolger von Voss und übernahm schließlich 1887 als Ordinarius Burmesters Lehrstuhl für darstellende Geometrie. Hier begann er gemeinsam mit Papperitz die Arbeit am ,,Lehrbuch der darstellenden Geometrie" in zwei Bänden, deren erster Band 1893 in erster und 1901 in zweiter Auflage erschien. Der zweite Band folgte 1896. An der Vervollkommnung dieses Werkes hat er bis zu seinem Lebensende gearbeitet. Im Jahre 1906 erschien die dritte, nunmehr auf drei Bände erweiterte Auflage des Werkes, der noch eine vierte folgte (Band 1: 1913, Bd. 2: 1916 und Bd. 3: 1921). Im Jahre 1889 wurde Rohn Mitglied der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig (seit 1919 Sächsische Akademie der Wissenschaften). In den Jahren 1900 und 1901 war er Rektor der Technischen Hochschule in Dresden. Im Jahre 1904 folgte er schließlich einem Ruf an die Universität Leipzig als Vertreter der Geometrie. Hier bekleidete er in der Zeit von 1904 bis 1920 zusammen mit Otto Holder und zeitweise auch gemeinsam mit Gustav Herglotz das Amt des Direktors des Königlich-Sächsischen Mathematischen Seminars und des Mathematischen Instituts der Universität. Seit der Gründung der Deutschen Mathematikervereinigung im Jahre 1890 gehörte Rohn ihr als Mitglied an und war 1913 ihr Vorsitzender. Auch in Leipzig setzte er seine rege wissenschaftliche Tätigkeit fort, die ihren äußeren Niederschlag in über 70 wissenschaftlichen Publikationen findet (die Lehrbücher und Lehrmodelle mit eingerechnet), zu denen auch preisgekrönte Arbeiten gehören. Das Erscheinen seines letzten Werkes — ,,Stereometrie, ein Handbuch für Studierende und Lehrer" (erschienen 1922 mit einem Geleitwort von Felix Klein) — hat er nicht mehr erlebt, denn er starb am 4. August 1920. Doch wenden wir uns nun dem wissenschaftlichen Werk Karl Rohns zu. Otto Holder schreibt hierzu: ,,In seiner wissenschaftlichen Richtung ist Rohn zu bezeichnen als ein im wahrsten Sinne des Worts anschaulich arbeitender Geometer. Seine Geometrie bestand nicht in erster Linie in algebraischen und analytischen Umformungen der Gleichungen, die zur Beschreibung der geometrischen Gebilde dienen; er hat es selbst ausgesprochen, daß bei ihm jeder neue Gedanke zuerst in bildhafter Form auftrete, daß auch jede Umformung einer Gleichung aus ihrer geometrischen Bedeutung erwachse und erst von da aus in den formalen Apparat sich umsetze. Anschauungskraft besaß Rohn in außerordentlichem Maße, sie befähigte ihn zu seinen Arbeiten, und Anschauungskraft suchte er auch bei seinen Schülern zu entwickeln. Die Grundsätze, die ihn dabei geleitet haben, erkennt man in der Festrede, die er im Jahre 1900 als Rektor der Technischen Hochschule: ,Über Entwicklung der Raumanschauung im Unterricht' gehalten hat, ebenso sind sie in seinem Unterrichtswerk, dem Lehrbuch der darstellenden Geometrie, ersichtlich, das er zusammen mit Papperitz in erster Auflage 1893/6 hat erscheinen lassen. Rohns besondere Richtung erklärt auch die außerordentliche Einheitlichkeit, die seine wissenschaftliche Arbeit bei aller Mannigfaltigkeit aufweist. Alle seine Abhandlungen sind geometrisch; dabei könnte man etwa zwei Perioden unterscheiden, die durch den Anfang der Arbeit an der ,darstellenden Geometrie' voneinander getrennt sind. In der ersten Zeit beschäftigen ihn ausschließlich die höheren algebra-
172 Teil III ischen Kurven und Flächen; hier sind es sehr verwickelte Probleme, die er, zwar immer anschaulich, aber mit aller Kunst algebraischer und auch funktionentheoretischer Theorie der glücklichen Lösung zuführt. Später hat ihn natürlich teilweise das Lehrbuch beschäftigt; daneben hat er aber außer der Fortsetzung der Erforschung höherer Kurven und Flächen in zahlreichen Arbeiten Aufgaben behandelt, welche die Kurven und Flächen zweiter Ordnung, überhaupt verhältnismäßig elementarerer Gegenstände betreffen. In diesen Arbeiten zeigt sich gerade besonders die Fähigkeit Rohns, durch einen glücklichen, spezifisch geometrischen Gedanken zu einer neuen, einfacheren und eleganteren Lösung des vielfach schon behandelten Problems zu gelangen. Ohne Zweifel sind diese Problemstellungen zum Teil durch Unterrichtsbedürfnisse angeregt worden." Wie aus dieser ersten globalen Einschätzung des Rohnschen Werkes ersichtlich ist, mißt 0. Holder dem ,,Lehrbuch der darstellenden Geometrie" sowie Rohns Wirken auf dem Lehrstuhl der darstellenden Geometrie an der Technischen Hochschule in Dresden keineswegs die zentrale Bedeutung im Schaffen dieses Geometers bei, die man heute zu vermuten geneigt ist, wenn man bedenkt, daß es eben dieses Buch ist, mit dem der Name Rohns heutzutage fast ausschließlich verknüpft wird. In der Arbeit an diesem Lehrbuch sieht Holder vielmehr eine Zäsur, die zwei verschiedene Perioden in Rohns mathematischer Forschung ausweist, wobei die Beschäftigung mit der darstellenden Geometrie durchaus einen Einfluß auf das spätere Schaffen Rohns ausgeübt hat. Mußte er doch den Stoff fast ausschließlich für Nicht- mathematiker, für spätere Anwender aufbereiten. Darin ist wohl nicht zuletzt die Ursache für die immer stärker wachsende Rolle der unmittelbaren geometrischen Anschauung zu suchen, die Rohn ihr bei seiner mathematischen Erkenntnisfindung zuwies. Vom unmittelbaren geometrischen Anschauen zum arithmetisch-algebraischen oder analytischen Zusammenfassen — diesen Weg ist Rohn in seinen späteren Jahren fast ausschließlich gegangen.1) In seinen weiteren Ausführungen im Nekrolog geht 0. Holder recht ausführlich auf die Vorgeschichte der Rohnschen Arbeiten ein; er führt gleichsam alle wissenschaftlichen Vorgänger Rohns auf. Und hier lesen wir Namen wie Descartes, Plücker, Riemann, Klein, Kummer, Cayley, Borchardt, Harnack, Hilbert, die wohl jedem geläufig sind, der sich jemals ernsthaft mit der Mathematik auseinandergesetzt hat. Ihre Forschungsergebnisse, auf denen Rohn aufgebaut hat, werden einerseits recht ausführlich, z. T. unter Angabe wichtiger Formeln geschildert, andererseits in ihrer Bedeutung für die gesamte Mathematik gewürdigt. Er tut dies, wie er selbst sagt, um deutlich zu machen, an welcher Stelle Rohn in die Untersuchungen über die algebraischen Kurven und Flächen eingegriffen hat. Es ist leider nicht möglich, im Rahmen dieses Beitrages in der Ausführlichkeit auf die einzelnen Forschungsrichtungen bzw. sogar einzelne Arbeiten einzugehen, wie dies 0. Holder getan hat. Der interessierte Leser sei daher auf den genannten Nekrolog verwiesen. *) Im Gutachten von Scheibner, Klein und Neumann (am 2. August 1884) zum Antrag von Friedrich Schur und Karl Rohn auf Verleihung des Titels eines a. o. Professors heißt es allerdings, daß Schur mehr die synthetischen, Rohn mehr die analytischen Methoden bevorzuge, ohne jedoch dabei die geometrisch-anschaulichen Fragen zu vernachlässigen.
Karl Rohn — ein Geometer 173 Rohns geometrischer Mitstreiter, Friedrich Schur, gibt die nachstehende Klassifikation der Rohnschen Arbeiten1): ,,Wenn wir über R.s wissenschaftliche Schriften berichten wollen, so können wir sie in fünf Gruppen einteilen. Die erste Gruppe betrifft den Zusammenhang der Kummer- schen Fläche 4. Ordnung mit 16 Knotenpunkten mit den hyperelliptischen Funktionen, die zweite gestaltliche Untersuchungen hauptsächlich über Flächen 4. Ordnung, die dritte umfaßt kleinere geometrische Schriften vermischten Inhalts, die vierte behandelt Punktgruppen auf algebraischen Raumkurven, und die fünfte enthält R.s Lehrbücher, ihnen sind noch Modelle und ein Ellipsenzirkel hinzuzufügen. Wir wollen nun versuchen, ein allgemeines Bild von jeder dieser Gruppen zu geben, ohne den Leser durch die Berichterstattung über jede einzelne der zahlreichen R.sehen Abhandlungen zu ermüden. Nach dem übereinstimmenden Urteile von Kennern müssen wir die beiden Schriften der ersten Gruppe (1 und 2) als die hervorragendsten von R. bezeichnen. Es ist hierdurch ein damals im Vordergrunde des Interesses stehendes Problem zu einem gewissen Abschlüsse gebracht worden. Nachdem F. Klein schon 1872 (Ann. Bd. 5) bei Bestimmung von Integralflächen des allgemeinen Strahlenkomplexes 2. Grades auf die Möglichkeit der Verknüpfung der Kummerschen Fläche mit den hyperelliptischen Integralen des Falles p = 2 hingewiesen hatte, haben 1877 (Crelle Bd. 83) gleichzeitig Cayley und Borchardt und sodann H.Weber (Bd. 84) Parameterdarstellungen der Koordinaten eines Punktes der Kummerschen Fläche durch Theta- funktionen von 2 Veränderlichen angegeben. Aber die Übereinstimmung dieser Darstellungen miteinander und ihr Zusammenhang war nicht unmittelbar zu sehen, und dies hat R. in seinen Abhandlungen so gut erledigt, daß später Wesentliches nicht hinzuzufügen war." Auch hier müssen wir auf die Wiedergabe der Einschätzung der Arbeiten aus den anderen vier der von Schur klassifizierten Gruppen verzichten und auf den genannten Nachruf verweisen, doch ein Satz, und zwar der abschließende aus der Einschätzung der dritten Gruppe sei noch zitiert: ,,In allen diesen Arbeiten sind die Virtuosität und Schärfe hervorzuheben, durch die rein geometrische Betrachtungen und analvtische Entwicklungen miteinander verbunden werden."2) Ein abgerundetes Urteil über Karl Friedrich Wilhelm Rohn wird man sich kaum bilden können, ohne Rohns wohl berühmtesten Lehrer, Felix Klein, zu Wort kommen zu lassen, der seinen Schüler um fünf Jahre überlebt hat. In seinem Geleitwort zu Rohns Stereometrie, die erst zwei Jahre nach dem Tode ihres Verfassers erschien, schreibt Felix Klein: ,,Ich entspreche gern der Aufforderung, dem Andenken meines einstigen Schülers Karl Rohn einige Zeilen zu widmen und zugleich dem Werke, welches hier aus seinem Nachlaß herausgegeben wird, ein Geleitwort auf den Weg zu geben. Seitens der J) Jahresber. DMV 32 (1923), 202. 2) Ebenda, S. 205.
174 Teil III jüngeren Generation wird die Geometrie mit Vorliebe ausschließlich als eine Wissenschaft hingestellt, welche die Beziehungen der räumlichen Gebilde aus gegebenen, sozusagen von außen bezogenen Vordersätzen rein logisch entwickelt; es tritt also zurück, was Clebsch in seiner Gedächtnisrede auf Plücker so eindringlich sagt: ,daß die Freude an der Gestalt in höherem Sinne es ist, die den Geometer macht'. Rohn hat sich von dieser Einseitigkeit immer freigehalten: schon als er 1878 in München promovierte, hat er es verstanden, seine tiefgreifenden theoretischen Untersuchungen mit räumlichen Vorstellungen größter Einfachheit zu begleiten und durch Modelle von besonderer Schönheit und Übersichtlichkeit zu erläutern. So war er nicht nur der Mann der wissenschaftlichen Forschung, sondern zugleich der gegebene Lehrer der Geometrie für die nachwachsende Generation, an der Hochschule wie an den allgemein bildenden Schulen überhaupt. In der Tat hat er sich in den späteren Jahren seines Lebens immer mehr der pädagogischen Aufgabe gewidmet. Sein mit E. Papperitz bearbeitetes Lehrbuch der darstellenden Geometrie ist in aller Händen. Und in seinem Nachlaß hat sich die fertige Ausarbeitung des stereometrischen Lehrgangs gefunden, welcher hiermit der Öffentlichkeit unterbreitet wird. Kenner des ungeheuer umfangreichen Stoffes, den die geometrische Forschung je länger je mehr zutage gefördert hat, werden auf jeder Seite die weise Beschränkung erkennen, welche sich Rohn bei seiner Darstellung auferlegt hat. Keine übertriebene Abstraktion oder Allgemeinheit, sondern ein Herausarbeiten nur solcher Methoden und Auffassungen, welche man billigerweise als Gemeingut aller Mathematiklehrer sollte ansprechen können. Dabei überall in der Weise gegliedert, daß dem Leser die wirkliche Erfassung der in Betracht kommenden räumlichen Figuren nicht erspart wird. Also ein für ausgedehnte Kreise überaus nützliches Buch, dem weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Göttingen, Pfingsten 1922 F. Klein" Dieser Wunsch Felix Kleins ist nicht ganz in Erfüllung gegangen, denn eine weitere Auflage hat das Buch nicht mehr erlebt, obwohl eine solche offenbar bereits geplant war, wie aus den redaktionellen Randnotizen des einzigen mir zur Verfügung stehenden Exemplars hervorgeht, das anscheinend dem Archiv des früheren Verlages Robert Noske in Borna, Bezirk Leipzig, entstammt. Die moderne Mathematik ist Wege gegangen, in denen man die geometrische Richtung, wie sie Rohn eingeschlagen hat, kaum noch wiederzuerkennen glaubt. Doch haben verschiedene Arbeiten Rohns auch bis in die Gegenwart ihre Bedeutung keineswegs verloren. So sei daran erinnert, daß David Hilbert in seinem berühmten Vortrag ,,Mathematische Probleme" bei der Formulierung seines sechzehnten Problems, des Problems der Topologie algebraischer Kurven und Flächen, sich nicht nur auf Harnack, sondern auch auf Karl Rohn beruft. Es ist sicherlich nicht uninteressant, daß in dem unter der Regie von P. S. Aleksandrov 1969 herausgegebenen Buch „IlpoÖJieMbi TmiböepTa", deutsch 1971 (2. Aufl. 1979) unter dem Titel „Die Hil- bertschen Probleme" in ,,Ostwalds Klassiker" Nr. 252, erschienen, die sowjetische Mathematikerin 0. A. Olejnik bei ihrer Einschätzung über den gegenwärtigen Stand der Arbeiten zum sechzehnten Hilbertschen Problem mehrfach auch auf die Arbeiten Rohns eingeht. Unter den 25 von O.A. Olejnik als hierzu besonders wichtig eingeschätzten und bis 1969 erschienenen Arbeiten tritt der Name Rohns immerhin
Karl Rohn — ein Geometer 175 viermal als Verfasser auf. Es handelt sich hier im einzelnen um die folgenden Arbeiten: 1. Die Flächen vierter Ordnung hinsichtlich ihrer Knotenpunkte und ihrer Gestaltung. Preisschriften, gekrönt und herausgegeben von der Fürstl. Jablonowskischen Gesellschaft zu Leipzig. XXCI. 1886. 2. Die Maximalzahl von Ovalen bei einer Fläche 4. Ordnung. Ebenda Bd. 63, S. 423. 1911. 3. Die ebene Kurve 6. Ordnung mit elf Ovalen. Ebenda S. 540. 1911. 4. Die Maximalzahl und Anordnung der Ovale bei der ebenen Kurve 6. Ordnung und bei der Fläche 4. Ordnung. Math. Ann. Bd. 73, S. 177. 1913. Ein ausführliches Verzeichnis der Arbeiten Rohns ist in [2] und [3] des Quellenverzeichnisses zu finden. Und wie viele verschiedene Begriffe der modernen Mathematik gibt es, bei denen auch die synthetische Richtung der Geometrie Pate gestanden hat und die in Anlehnung an geometrische Raum Vorstellungen entstanden sind. Ihre Aufzählung allein dürfte wohl mehr Raum in Anspruch nehmen als diese Abhandlung. Abschließend sei noch einmal Friedrich Schur das Wort erteilt: „Überblicken wir das gesamte wissenschaftliche Lebenswerk R.s, so müssen wir es als ein für die Geometrie ungemein fruchtbares bezeichnen und unserem Schmerze Ausdruck geben, daß wieder einer jener, wie es scheint, unersetzlichen Geometer hingegangen ist, die der Blütezeit der Geometrie in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstammten. Auch können wir die Bedeutung R.s nur voll erfassen, wenn wir sie im Rahmen jener Zeit betrachten, die durch A. Clebsch und F. Klein inauguriert wurde."1) Quellenverzeichnis [1] Lorey, W.: Das Studium der Mathematik an den deutschen Universitäten seit Anfang des 19. Jh., Leipzig 1916. [2] Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturw. KL, 72 (1921), 109 — 127. [3] Jahresber. DMV 32 (1923), 201-211. [4] Klein, F.: Geleitwort zu: Rohn, Karl: Stereometrie. Ein Handbuch für Studierende und Lehrer. Borna, Leipzig 1922, S. V und VI. [5] Verzeichnis der auf der Universität zu Leipzig zu haltenden Vorlesungen 1849 — 1891. [6] Universität Leipzig, Verzeichnis der Vorlesungen 1891 — 1945. [7] Personalverzeichnis der Universität Leipzig 1885 — 1915. [8] Personalakten der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig. [9] Poggendorff, J. Chr. : Literarisch-biogr. Handwörterbuch für Mathematik, Physik, Chemie und verwandte Wissensgebiete. [10] Die Hilbertschen Probleme. Herausgegeben von P. S. Aleksandrov. Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften, Bd. 252, Leipzig 1971; 2. Aufl. 1979 (Übersetzung aus dem Russischen). !) Ebenda, S. 208.
Gustav Herglotz — Verbindung von reiner Mathematik und mathematischer Physik Hans-Joachim Rossberg (Leipzig) Gustav Herglotz (1881-1953) Gustav Herglotz war ein ungemein vielseitiger wissenschaftlicher Denker, der großen Anteil an den Problemen nahm, die einerseits in der angewandten Mathematik und Physik wie andererseits auch in der reinen Mathematik seiner Zeit aktuell waren. Seine Veröffentlichungen betreffen daher sehr verschiedene Gebiete. Er wurde am 2. Februar 1881 in Wallern im Böhmerwald geboren. Sein Vater war dort Notar und verstarb früh. So umsorgte die Mutter den Einzigen. Mit mancherlei Entbehrungen ermöglichte sie es ihm, indem sie als Kastellanin im Wiener Coburg- schen Palais tätig war, ein Wiener Gymnasium zu besuchen und sodann (von 1899 an) an der Universität Wien zu studieren. Bereits in der Wiener Gymnasialzeit eignete sich Herglotz autodidaktisch ein mathematisches Grundwissen an, das weit über den üblichen Schulstoff hinausging. Schon hier zeigte sich auch sein Interesse für Physik und theoretische Astronomie. Dadurch war er in der Lage, schon im ersten Semester eine Vorlesung von L. Boltz- mann über theoretische Physik zu hören. Im zweiten Semester trat er in Boltz- manns Oberseminar, das von Assistenten, Doktoren und Privatdozenten besucht wurde, mit einem Vortrag hervor, der die volle Beherrschung des Gegenstandes erkennen ließ. In dieser Zeit studierte er auch die Werke von Laplace und Tisserand über Himmelsmechanik. Im Jahre 1900 ging Herglotz zu Seeliger nach München, wo er auch mathematische Vorlesungen von Lindemann und Pringsheim hörte. Jedoch wandte er sich hier stärker der Astronomie zu und nahm auch an praktischen Übungen im Beobachten teil. 1902 promovierte er summa cum laude mit einer von Seeliger angeregten Arbeit. Im Jahre 1898 war nämlich der kleine Planet Eros entdeckt worden, der auffällige Helligkeitsschwankungen aufweist. Ihre Entstehung zu deuten, hatten sich schon mehrere Fachgelehrte bemüht, und auch Seeliger hatte in die Diskussion eingegriffen. Das Dissertationsthema lautete daher ,,Über die scheinbaren Helligkeits Verhältnisse eines planetarischen Körpers mit drei ungleichen Hauptträgheitsachsen" (vgl. [1]). Der Kandidat erklärte den zu untersuchenden Effekt, indem er eine Rotation und unregelmäßige Gestalt des Körpers annahm. Neu war dabei auch seine Behandlung des Rotationsproblems, das seit Euler und Lagrange schon viel durchforscht worden war.
Gustav Herglotz — Reine Mathematik und mathematische Physik 177 Damit war der Anfang zu einer langen Reihe von Publikationen gemacht, die wesentlich zur Untersuchung von Problemen beitrugen, die ganz besonders die führenden Gelehrten der Zeit bewegte. Zum Beispiel gab Herglotz (vgl. [2]) erstmals eine exakte Herleitung der H. A.-Lorentzschen Bewegungsgleichungen der Elektronentheorie aus dem Hamiltonschen Variationsprinzip; dabei wurden auch Rotation und kleine Schwingungen des Elektrons berücksichtigt (vgl. [2]). Es folgte eine neue Herleitung von Sommerfeldschen Formeln für das Feld eines Elektrons und die an ihm angreifenden Kräfte mit funktionentheoretischen Hilfsmitteln (vgl. [3]). In den Jahren 1903 und 1904 verbrachte Herglotz zwei Semester in Göttingen. Dort kam es zur Zusammenarbeit mit H. Hahn und K. Schwarzschild, die zu einer gemeinsamen Note ,,Über das Strömen des Wassers in Röhren und Kanälen" (vgl. [4]) führte. Den Anstoß hierzu gab ein Seminar, das F. Klein in dieser Zeit in Göttingen gehalten hatte und das der Hydrodynamik und Hydraulik gewidmet war. Klein schlug damals Herglotz vor, sich in Göttingen zu habilitieren. Herglotz folgte dieser Aufforderung und habilitierte sich 1904 mit einem Probevortrag ,,Über die periodischen und asymptotischen Lösungen des Dreikörperproblems" für die Fächer Mathematik und Astronomie. Er erhielt dort 1907 eine a. o. Professur für theoretische Astronomie. In diesen Göttinger Jahren interessierte sich Herglotz u. a. für die Theorie des elastischen Erdkörpers (vgl. [5]), die Fortpflanzung von Erdbebenwellen (vgl. [6]) und löste zwei Integralgleichungen, die aus der Elektronentheorie stammen (vgl. [7]). Auf rein mathematischem Gebiet widmete er sich den Dirichletschen Reihen, die damals einen aktuellen Forschungsgegenstand darstellten. Er studierte die schwierige und bedeutungsvolle Frage nach den Bedingungen, unter denen sie sich analytisch fortsetzen lassen (vgl. [8]). Eine weitere Arbeit ist den Differentialgleichungen zweiter Ordnung gewidmet, die auf algebraischen Kurven nirgends singulär sind (vgl. [9]). In ihr wird eine Vermutung von F. Klein bewiesen. Im Jahre 1908 folgte Herglotz schließlich einem Ruf an die TH Wien, wo er a. o. Professor für Mathematik wurde. In Leipzig sah man sich im Sommer 1908 durch den Tod Scheibners und Adolph Mayers veranlaßt, nach einem neuen Ordinarius Ausschau zu halten. Da Herglotz noch sehr jung war, kann es nicht verwundern, daß die Wahl nicht sogleich auf ihn fiel. Aber da mehrere andere Gelehrte eine Berufung ablehnten, entschloß man sich, Herglotz zu berufen. In dem entsprechenden Antrag der Fakultät an das Ministerium — Seeliger war damals Dekan — wird „außergewöhnliches Talent, umfassendes Wissen und zugleich entschiedene Gründlichkeit" hervorgehoben, ferner die „große Originalität und Vielseitigkeit" des Kandidaten betont. So wurde Herglotz 1909 zum o. Professor für Mathematik nach Leipzig berufen; damit war zugleich die Ernennung zum Mitdirektor des Mathematischen Seminars und des Mathematischen Instituts der Universität Leipzig — neben 0. Holder und K. Rohn — verbunden. Nach einer kurzen Übergangszeit wohnte er in Leipzig- Gohlis in dem heute nicht mehr vorhandenen Haus Erfurter Straße 7. Die akademische Antrittsrede „Über die Versuche einer Umgestaltung der Mechanik" fand erst am 30. Juli 1910 statt. Von dem Humor des 28jährigen Ordinarius zeugt die folgende Episode. Als Herglotz dem König Friedrich August von Sachsen vorgestellt wurde, wunderte sich
178 Teil III dieser über die ungewöhnliche Jugend des neuen Professors. Darauf erwiderte Herglotz, dies sei glücklicherweise ein Übel, das sich von Jahr zu Jahr verringere, wodurch er allgemeine Heiterkeit erregte. Auch in Leipzig widmete sich Herglotz sehr vielfältigen Themen. Durch die damals ganz neue Einsteinsche spezielle Relativitätstheorie war der Begriff des starren Körpers problematisch geworden, und die klassische Mechanik des deformierbaren Körpers bedurfte einer Modifizierung. Angeregt durch M. Born und M.Laue, leistete Herglotz hierzu einen Beitrag (vgl. [10] und [11]). Aber auch der Einsteinschen Gravitationstheorie widmete er eine Arbeit (vgl. [12]); sie enthält eine geometrische Deutung der Einsteinschen Feldgleichungen. Auf dem Gebiet der Riemannschen Geometrie schloß sich Herglotz an eine frühere Untersuchung von F. Schur an. Er betrachtete in [13] einen w-dimensionalen Riemannschen Raum mit der metrischen Fundamentalform G(dx) = gllvdxlldxv (1 ^ //, v fg n) und gab eine hinreichende Bedingung dafür an, daß er eine konstante Krümmung besitzt. Ferner befaßte sich Herglotz mit der Frage, wie man ein Linienelement in Normalkoordinaten aus dem Riemannschen Krümmungstensor bestimmen kann (vgl. [14]). Es wird hier ein neuer Weg beschritten, wobei der Krümmungstensor nur für diejenigen Flächenrichtungen benutzt wird, die eine vom Ursprung ausgehende geodätische Linie enthalten. Die Matrix dieses speziellen Krümmungstensors ist mit der Matrix des in Rede stehenden Linienelements durch eine elegante Differentialrelation verknüpft, die mit den Jacobischen Differentialgleichungen des zugehörigen Variationsproblems eng zusammenhängt. Sie gestattet es, in sehr durchsichtiger Weise die Ableitungen des metrischen Fundamentaltensors im Ursprung durch den Krümmungstensor und seine Ableitungen auszudrücken. Im analytischen Fall läßt die Methode sogar einen durchsichtigen Beweis dafür zu, daß die Potenzreihe für den metrischen Tensor konvergiert. Zur Enzyklopädie der Mathematik steuerte Herglotz einen Übersichtsartikel ,,Bahnbestimmung der Planeten und Kometen" (vgl. [15]) bei, in dem er die Fülle des vorhandenen Materials übersichtlich darstellte. Besonders weitreichende Wirkung hatte die Arbeit am folgenden funktionentheoretischen Thema (vgl. [16]). Von C. Caratheodory und 0. Toeplitz war die Frage nach den Bedingungen für die Koeffizienten c0, clf ... untersucht worden, unter denen die Potenzreihe F(z) = — c0 + cxz + c2z2 + ••• im Einheitskreis konvergiert und Re F(z) > 0 ist. Es hatte sich schon eine deutliche Verwandtschaft mit dem Stielt jesschen Momentenproblem gezeigt. Herglotz führte diese Untersuchungen mit einer einfachen Methode weiter. Als notwendige und hinreichende Bedingung fand er, daß die Folge c0, cl9 ... positiv definit ist. Dies wiederum ist genau dann der Fall, wenn eine monotone Funktion m existiert, so daß
Gustav Herglotz — Reine Mathematik und mathematische Physik 179 man die Darstellungen ch= — / e~ihu dm(u) (h = 0, 1, ...) 77 J o hat. Dieses Resultat wird in der Literatur oft als „Satz von Herglotz" bezeichnet. Er steht in enger Beziehung zum Satz von Bochner und hat, ebenso wie dieser, beträchtliche Bedeutung in der Analysis und analytischen Wahrscheinlichkeitstheorie. Eine Verallgemeinerung hat K. Maurin in [17] angegeben; dort wird der Satz auch auf topologische Gruppen übertragen. Die Poisson-Stieltjessche Integraldarstellung einer beschränktartigen Funktion (vgl. [18]) geht ebenfalls teilweise auf Ideen aus dieser Arbeit zurück. Der Potentialtheorie war die Preisschrift von 1913 gewidmet (vgl. [19]). Im Jahre 1774 hatte der in Leipzig wohnende polnische Fürst Joseph Alexander Jablo- nowski die „Fürstlich Jablonowskische Gesellschaft" gestiftet. Ihr Ziel war die „Beförderung wissenschaftlicher Forschungen" auf dem Gebiet der Mathematik, Physik, Geschichte und Ökonomie und die „Verbesserung der Landeskultur". Zu diesem Zweck stellte sie wissenschaftliche Preisaufgaben, prämiierte sie und ließ sie drucken. Der Preis von 1913 betrug 1500,— M. Die Gesellschaft hatte damals die folgende Aufgabe gestellt: „Eine gegebene Ellipse wird durch die Methode der reziproken Radien in ein gewisses Oval verwandelt, und eine von diesem Oval umgrenzte homogene materielle ebene Fläche wird, unter Zugrundelegung der Theorie des logarithmischen Potentials, was ihre Einwirkung auf äußere Punkte anbelangt, ersetzbar sein durch eine von zwei Massenpunkten begrenzte materielle Linie. Es dürfte nun wohl von Interesse sein, diesen von C. Neumann in den Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften im Jahre 1909 aufgestellten Satz zu übertragen auf die Theorie des Newtonschen Potentials. Die Gesellschaft stellt daher folgende Frage: Wie lautet in der Theorie des Newtonschen Potentials, für das durch die Methode der reziproken Radien aus dem Ellipsoid entstehende Ovaloid derjenige Satz, der jenem C. Neumannschen Satze analog ist?" Ohne die Frage direkt zu beantworten, knüpfte Herglotz allgemeine Betrachtungen daran an, deren leitender Gesichtspunkt sich im Titel der Preisschrift „Über die analytische Fortsetzung des Potentials ins Innere der anziehenden Massen" widerspiegelt. Für die Frage, ob sich das Potential U eines Körpers durch das eines anderen ersetzen läßt, kommt es nämlich auf die Fortsetzung von U in das Innere des Körpers und deren Singularitäten an. Diese Grundidee wird zunächst für das logarithmische Potential eines homogenen Flächenstücks durchgeführt, das von einer geschlossenen algebraischen Kurve begrenzt wird. Es ergeben sich Resultate, die den o. a. und andere Sätze von C. Neumann enthalten. Der Verfasser geht sodann auf den Raum über und wendet seine allgemeinen Ergebnisse insbesondere auf gewisse Rotationskörper an; es zeigt sich dabei, durch welche anderen Potentiale man ihre Potentiale darstellen kann. Das Thema der Festschrift ist später auch von A. Wangerin mit einer anderen Methode behandelt worden (Leop. Nova Acta 100 (1915)).
180 Teil III Im Jahre 1918 gründete L. Lichtenstein in Zusammenarbeit mit K. Knopp, E. Schmidt und I. Schur in Berlin die „Mathematische Zeitschrift"; Gustav Herglotz gehörte von Anfang an zu ihrem Wissenschaftlichen Beirat. Diese Mitarbeit mag noch intensiver geworden sein, als Lichtenstein 1922 nach Leipzig kam. Nachdem Herglotz Berufungen nach Berlin und München abgelehnt hatte, nahm er schließlich 1925 den Ruf als o. Professor für reine und angewandte Mathematik und Nachfolger C. Runges nach Göttingen an. Er war damals mit einer dreiteiligen Abhandlung von weitreichender Bedeutung beschäftigt (vgl. [20] und [21]). Sie betraf zwei verschiedene Probleme. 1. Es sei /J(li, ...,lp) eine ganzrationale reelle homogene Form von geradem Grad n = 2m ^ p, wobei gl9 ..., |p rechtwinklige Koordinaten in Rp bedeuten. Die Fläche A(SU ...,lP_i, 1) = 0 möge aus m Ovalen bestehen, die den Nullpunkt umschließen und einander nicht schneiden. Es ist die hyperbolische Differentialgleichung a(± _2_,±\, = 0 \dxx dXp-i dt I mit den Anfangsbedingungen /d"F\ /anli^\ (l4=o=0 (" = 0"-n"'2)' («=r)M=^--^> zu integrieren. 2. Es sei An(£lf ..., £p_i) eine reelle homogene Form von geradem Grad n = 2m ^ p, und sie sei positiv definit. Gesucht ist ein Integral der elliptischen Differentialgleichung An 17" ' •"' 1 ) F = f(xi> •••' XP-^' \dXi dxv_x I Es gelang Herglotz im ersten Problem, den lösenden Kernen eine besonders günstige Gestalt zu geben. Der Zusammenhang mit dem zweiten Problem läßt sich folgendermaßen beschreiben: Bildet man mit der Lösung F des ersten Problems t das Integral f F dt, so läßt es sich durch zwei Summanden darstellen, deren erster von t o unabhängig ist und deren zweiter der Differentialgleichung des ersten Problems genügt. Der (geeignet normierte) erste Summand ist dann eine Lösung des zweiten Problems, für deren Kern verschiedene Integraldarstellungen angegeben werden. Dies wird zunächst für p = 3, 4 durchgeführt; charakteristisch für die Methode ist die Anwendung Abelscher Integrale. Mit einem anderen Verfahren, das Fourier- sche Integrale benutzt, gelingt es sodann, den allgemeinen Fall zu behandeln, wobei sich weitere Integraldarstellungen für die lösenden Kerne ergeben. Im hyperbolischen Fall betrachtet der Verfasser die Aufgabe in Verbindung mit den geometrischen Eigenschaften der Wellen- und Strahlenflächen. Das Verfahren gestattet Anwendungen auf Differentialgleichungen, die in der Mechanik der Kontinua und in der Kristalloptik vorkommen. Die Abhandlung war der Ansatzpunkt zur Theorie der Lücken-
Gustav Herglotz — Reine Mathematik und mathematische Physik 181 gebiete (lacunas) bei hyperbolischen Gleichungen, die besonders von Petrowski, Leray und Gärding gefördert wurde. Über die genannten Themen hinaus haben tiefe Probleme der Algebra und Zahlentheorie Gustav Herglotz immer wieder angezogen. Auch Fragen der Differentialgeometrie haben ihn, z. T. mit W. Blaschke, beschäftigt. Es muß noch Herglotz' Rolle als Hochschullehrer gedacht werden. Augenzeugen sind sich einig darüber, daß seine Vorlesungen in Inhalt und Aufbau von besonderer Vollendung waren. Er trug sie in ruhiger, eindrucksvoller Weise und mit einem leichten wienerischen Dialekt vor; das Konzept hatte er stets bei sich, jedoch benutzte er es selten. Sein Gedankenreichtum gestattete es ihm oft, besonders elegante Beweisführungen zu finden, was sich natürlich auch in seinen Schriften niedergeschlagen hat. Viele seiner Ideen sind leider nur in Vorlesungen vorgetragen oder in Gesprächen weitergegeben worden; in seiner Bescheidenheit legte er keinen Wert darauf, alle seine Resultate drucken zu lassen. Gern war er auch bereit, sich mit Problemen zu befassen, die ein Kollege an ihn herantrug; sein vielseitiges Wissen gestattete es ihm oft, zu helfen oder Anregungen zu vermitteln. Im einzelnen kann man die Nachwirkungen dieser Aktivitäten nicht verfolgen. Gustav Herglotz war seit 1914 Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, seit 1925 Mitglied der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften, seit 1942 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Gustav Herglotz wurde nach einem Schlaganfall im Jahre 1947 emeritiert. Nach mehreren Jahren der Vereinsamung und des Leidens ist er am 22. März 1953 in Göttingen still entschlafen. Sein Studienfreund H. Tietze hat ihm einen ausführlichen Nachruf gewidmet (vgl. [22]). Um das hier gezeichnete Bild von Herglotz' Persönlichkeit abzurunden, zitieren wir aus ihm: ,,Unvergeßlich bleibt allen, die Herglotz näherzutreten das Glück hatten, der Zauber seiner warmherzigen Persönlichkeit, sein lebendiger Sinn für Humor, sein natürliches, allem Konventionellen abholdes Wesen, dem dabei jedes Hinwenden zu Überzeugungen und Wiederabwenden, je nach der herrschenden Strömung und zu persönlichen Zwecken, tief widerstrebte. Er war von reicher Allgemeinbildung und in der Literatur wie in kulturhistorischen Werken überaus belesen. Die üblichen Formen größerer gesellschaftlicher Veranstaltungen oder Feierlichkeiten lagen ihm nicht. Er selbst ging auch Fachkongressen aus dem Wege, war es nun die große Naturforschertagung und Versammlung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 1922 in Leipzig, vor der er, der Leipziger Professor, in einen fernen Ferienort flüchtete, oder die Innsbrucker Tagung 1924, wo er nur zufällig von Wirtinger auf einem Abstecher nach Seefeld entdeckt wurde und sich sonst jeder Berührung mit dem Kongreß ferngehalten hatte. Und von seinem Standpunkt aus tat er recht daran. Denn was ihn interessierte, konnte er nachher aus Publikationen oder gelegentlichen mündlichen Unterhaltungen rascher entnehmen und dem ausgereiften Bilde einordnen, das er sich von dem einschlägigen Fragenkreis geformt hatte. Auf einsamen Wanderungen in den von ihm geliebten Bergen Nord- und später Südtirol, und nachmals in den Waldbergen in Göttingens Umgebung, hat er manchem Problem tiefere Einsicht abgewonnen, als es der Besuch einer ganzen Kette von Kongreß vortragen vermocht hätte."
182 Teil III Literaturverzeichnis [1] Herglotz, G.: Über die scheinbaren Helligkeitsverhältnisse eines planetarischen Körpers mit drei ungleichen Hauptträgheitsachsen, Wiener Ber. 111 (1902), 1331 — 1391. Herglotz, G.: Zur Elektronentheorie, Gott. Nachr. 1903, S. 357-382. Herglotz, G.: Über die Berechnung retardierter Potentiale, Gott. Nachr. 1904. S. 549 bis 556. Hahn, H., G. Herglotz und K. Schwarzschild: Über das Strömen des Wassers in Röhren und Kanälen, Z. Math. Phys. 51 (1904), 411-426. Herglotz, G.: Über die Elastizität der Erde bei Berücksichtigung ihrer variablen Dichte, Z. Math. Phys. 52 (1905), 275-299. Herglotz, G.: Über das Benndorfsche Problem der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdbebenstrahlen, Phys. Z. 8 (1907), 145-147. Herglotz, G.: Über die Integralgleichungen der Elektronentheorie, Math. Ann. 05 (1907), 87-106. Herglotz, G.: Über die analytische Fortsetzung gewisser Dirichletscher Reihen, Math. Ann. 61 (1906), 551-560. Herglotz, G.: Über die Gestalt der auf algebraischen Kurven nirgends singulären linearen Differentialgleichungen 2. Ordnung, Math. Ann. 62 (1906), 329—334. Herglotz, G.: Über den vom Standpunkt des Relativitätsprinzips als ,,starr" zu bezeichnenden Körper, Ann. Phys. 31 (1910), 393-415. Herglotz, G.: Über die Mechanik des deformierbaren Körpers vom Standpunkte der Relativitätstheorie, Ann. Phys. 36 (4) (1911), 493-533. Herglotz, G.: Zur Einsteinschen Gravitationstheorie, Leipz. Ber. 68 (1916), 199—203. Herglotz, G.: Zur Riemannschen Metrik, Leipz. Ber. 73 (1921), 215—225. Herglotz, G.: Über die Bestimmung eines Linienelementes in Normalkoordinaten aus dem Riemannschen Krümmungstensor, Math. Ann. 93 (1924), 46 — 53. Herglotz, G.: Bahnbestimmung der Planeten und Kometen, Enzyklop. d. math. Wis- sensch. VI 2, 1910, S. 379-426. Herglotz, G.: Über Potenzreihen mit positivem reellem Teil im Einheitskreis, Leipz. Ber. 63 (1911), 501-511. Maurin, K.: Methods in Hubert Spaces, Warschau 1967. Nevanlinna, R.: Eindeutige analytische Funktionen, 2. Aufl., Berlin 1953. Herglotz, G.: Über die analytische Fortsetzung des Potentials ins Innere der anziehenden Massen, Preisschrift der Jablonowski-Ges. 44 (1914). Herglotz, G.: Über die Integration linearer partieller Differentialgleichungen mit konstanten Koeffizienten I, II, Leipz. Ber. 78 (1926), 93-126, 287-318. Herglotz, G.: Über die Integration linearer partieller Differentialgleichungen mit konstanten Koeffizienten III, Leipz. Ber. 80 (1928), 69 — 114. Tietze, H.: Jahrbuch Bayer. Akad. Wiss., 1953, S. 188-194.
Paul Koebe und die Funktionentheorie Reiner Kühnau (Halle an der Saale) Paul Koebe (1882-1945) Paul Koebe wurde am 15. Februar 1882 in Luckenwalde bei Berlin geboren. Nach der Reifeprüfung am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin studierte er im Sommersemester 1900 in Kiel, dann von 1900 bis 1905 in Berlin, daneben 1904 bis 1905 auch an der TH Berlin-Charlottenburg. 1903/04 war er dabei Mathematik-Stipendiat der Gustav-Magnus-Stiftung, was mit einem für die damalige Zeit namhaften Betrag verbunden war ([70], S. 92). Am 24. Juni 1905 promovierte er bei H. A. Schwarz mit der von diesem angeregten Dissertation [1]. Diese wurde später, nochmals umgearbeitet, in der Schwarz-Festschrift abgedruckt ([34]). Promotionsgutachten und -protokoll sind in [70], S. 216/17 wiedergegeben. 1907 habilitierte sich P. Koebe in Göttingen, wo er dann 1907 bis 1910 Privatdozent war. 1910 wurde er dort außerplanmäßiger a. o. Professor. 1911 kam er als planmäßiger a. o. Professor nach Leipzig. Schließlich wurde er 1914 ordentlicher Professor und Direktor des Mathematischen Seminars in Jena. Im Jahre 1917 war Koebe als Nachfolger von H. A. Schwarz in Berlin mit im Gespräch, an dritter Stelle nach E. Schmidt (welcher die Stelle dann antrat) und I. Schur. In dem Gutachten heißt es schon damals treffend: ,,Allerdings gehen seine Gedanken alle nach einer Richtung, aber es sind wichtige Probleme, die in dieser Richtung liegen" ([70], S. 225 und 142/43). Im Jahre 1926 begann die letzte Phase in der Laufbahn P. Koebes, als er als ordentlicher Professor nach Leipzig berufen wurde (Abb. 19). 1927 wurde er noch ordentliches Mitglied der Math.-phys. Klasse der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Hier in Leipzig ist er am 6. August 1945 gestorben. Durch die ungünstigen Zeitumstände ist es wohl zu einer angemessenen Behandlung des Nachlasses nicht gekommen. So findet sich z. B. in den Sitzungsberichten der Math.-phys. Klasse der Sächsischen Akademie der Wissenschaften im Bande 93 (1941) zur Sitzung am 12. Mai 1941 die Notiz: „Herr Koebe hält einen Vortrag: Bemerkungen über das Verhalten räumlicher Potentiale und Geschwindigkeitsfelder im Unendlichen mit einer Anwendung auf das Dirichletsche Paradoxon der Hydrodynamik, der für die Berichte angenommen wird". Zu einem Abdruck ist es aber nicht gekommen. Oder in [64] findet sich auf Seite 162 eine Fußnote, in der zur
184 Teil III Frage der Kreiskontaktbereiche eine Arbeit angekündigt wird, die nicht mehr erschienen ist. Einige persönliche Erinnerungen an Paul Koebe sind von H. Cremer in [71] niedergeschrieben. Fast das gesamte mathematische Schaffen Paul Koebes steht im Zusammenhang mit dem Uniformisierungsproblem, das er gleichzeitig mit H. Poincare löste (daneben noch der weniger bekannte Lösungsansatz von S. Johansson). Die Lösung Abb. 19. Paul Koebe während der Vorlesung dieses LTniformisierungsproblems wurde von D. Hilbert 1900 in seinem bekannten Vortrag auf dem Internationalen Mathematiker-Kongreß in Paris als ,,äußerst wünschenswert" bezeichnet — vgl. die Wiedergabe und neuere Komnientierung dieses „Hilbert-Problems Nr. 22" durch B. V. Sabat in [81]. Schon 1907 gelang dem damals erst 25jährigen Koebe der Durchbruch. Die damit verbundene frühe Anerkennung hat ihn wohl zeitlebens geprägt. Man kann das fast aus jeder von ihm geschriebenen Zeile herausfühlen bzw. schon an seiner souveränen stets in sich ruhenden Darstellungsweise erkennen.
Paul Koebe und die Funktionentheorie 185 Das Uniformisierungsproblem läuft bekanntlich im wesentlichen darauf hinaus, eine beliebige einfach zusammenhängende Riemannsche Fläche schlicht konform auf ein schlichtes Gebiet abzubilden. Dies erheischt beträchtliche beweistechnische Zu- rüstungen, die auch für sich interessant sind. Es wird heute einem Leser, der etwa nur an „papers" gewöhnt ist, die rasch zugängliche Problemchen behandeln und aus einer Aufeinanderfolge von theorems, proofs, corollaries, lemmas etc. bestehen, wohl ziemlich schwer fallen, sich anhand der Vielzahl der zum Teil recht umfangreichen und einen anderen mathematischen Zeitgeist atmenden Koebeschen Arbeiten einen Überblick über die Uniformisierungstheorie zu verschaffen. Wohl auch aus solchem Gefühl heraus hat schon B. L. van der Waerden in [89] eine knappe und übersichtliche Darstellung geschrieben, die er P. Koebe zum 60. Geburtstag gewidmet hat. Lehrbuchmäßige Darstellungen zum Uniformisierungsproblem findet man in den bekannten Büchern zur Funktionentheorie, zur Theorie der Riemannschen Flächen usw. von L. V. Ahlfors und L. Sario, H. Behnke und F. Sommer, L. Bieberbach, C. Caratheodory, L. R. Ford, A. Hurwitz und R. Cotjrant, R. Nevanlinna, A. Pfluger, G. Springer, H. Weyl. Die historischen Hintergründe und Zusammenhänge zum Uniformisierungsproblem sind von berufener Hand in dem späten Nachruf [69] von L. Bieberbach dargestellt worden, so daß hier auf eine Wiederholung verzichtet werden kann. Statt dessen sollen die folgenden Zeilen versuchen, an Beispielen aufzuzeigen, wie die Koebeschen Ideen und Methoden Ausgangspunkt neuer Fragestellungen wurden bzw. weiterentwickelt worden sind, direkt oder indirekt unter seinem Einfluß. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Uniformisierungstheorie untersuchte P. Koebe die Frage der schlichten konformen Abbildung schlichter Gebiete auf kanonische Gebiete. Er ging dabei in seinen Ergebnissen und auch in den benutzten Methoden weit über seine Vorgänger hinaus (Riemann, Schottky, Hilbert u. a.). Zuerst ist hier das mit Recht nach ihm benannte Kreisnormierungstheorem zu nennen. Danach läßt sich jedes endlich vielfach zusammenhängende Gebiet — bis auf anschließende lineare Transformation in eindeutig bestimmter Weise — auf ein von Vollkreisen berandetes Gebiet schlicht konform abbilden. Ob der entsprechende Sachverhalt auch für unendlich vielfach zusammenhängende Gebiete richtig bleibt, ist bis heute nicht bekannt bzw. nur in gewissen Fällen geklärt. Am Beispiel dieses Kreisnormierungstheorems demonstrierte Koebe die Kraft der Kontinuitätsmethode. Er gab für dieses noch zwei andere konstruktive Beweise durch sein „Iterationsver- fahren" und sein „iterierendes Verfahren" (vgl. [10, 19, 50, 72].) Dabei wird die gesuchte Abbildung durch eine unendliche Folge von konformen Abbildungen jeweils einfach zusammenhängender Gebiete gewonnen. Für die konforme Abbildung einfach zusammenhängender Gebiete auf eine Kreisscheibe entsprechend dem Riemannschen Abbildungssatz gab Koebe übrigens auch einen konstruktiven Beweis durch ein Iterationsverfahren („Koebesches Schmiegungsverfahren"), ein Gedanke, der auch von Caratheodory und Lindelöf betrachtet wurde. Dabei wird die Riemannsche Abbildungsfunktion über eine unendliche Folge elementar und explizit angebbarer Abbildungen gewonnen [37, 72]. Dieser Gedanke spielt (in modifizierter Form) heute bei numerischen Verfahren naturgemäß eine große Rolle, wenn sich auch Integralgleichungsverfahren oft als vorteilhafter erwiesen haben [72]. Von Koebe wurde noch die Existenz zahlreicher anderer konformer Normalabbildungen mehrfach zusammenhängender Gebiete bewiesen, so z. B. der Radial- und
186 Teil III Kreisbogenschlitzabbildung sowie der allgemeinen Geradenschlitzabbildung in Verallgemeinerung der Parallelschlitzabbildung — vgl. z. B. [45, 46]. In den Arbeiten von H. Grötzsch wurden später (vgl. z. B. [79]) die Möglichkeiten der Koebeschen Kontinuitätsmethode zum Beweis von Abbildungssätzen endlich vielfach zusammenhängender Gebiete weitgehend ausgeschöpft. Sätze verwandter Art, bei denen für die geometrische Gestalt der Bildrandkomponenten gewisse Vorgaben gefordert werden, wurden später unabhängig und andersartig auch von R. Cotjrant, B. Manel und M. Shiffman bewiesen. H. Grötzsch formulierte in [79] noch allgemeiner die Frage, für auf einer fest vorgegebenen Riemannschen Fläche bzw. Mannigfaltigkeit gegebene Gebiete konforme Normalabbildungen anzugeben. In neuerer Zeit sind hierzu von U. Pirl und Mitarbeitern Untersuchungen begonnen worden. Von P. Koebe stammen auch die ersten entscheidenden Beiträge zur Theorie der konformen Normalabbildungen unendlich vielfach zusammenhängender Gebiete ©. Liegt © in der komplexen z-Ebene und enthält z — oo als inneren Punkt, so existiert eine durch Mz) = z + —+ - (1) z ,,hydrodynamisch normierte" schlichte konforme Abbildung von © auf ein Gebiet, dessen Randkomponenten Strecken parallel zur reellen Achse bzw. Punkte sind. Im Fall endlich vieler Randkomponenten des Gebietes © ist diese Abbildung eindeutig bestimmt. Schon in [14] erkannte Koebe jedoch, daß diese Abbildung nicht notwendig eindeutig bestimmt ist, falls © unendlich viele Randkomponenten besitzt. Später konstruierte er in [44] explizit ein Beispiel eines solchen Gebietes © mit zwei verschiedenen zugehörigen normierten Parallelschlitzabbildungen. Es wurde merkwürdigerweise erst in [85] durch E. Reich bemerkt, daß Koebe hierbei eine Lücke in der Konstruktion von © übersehen hatte; jedoch konnte das Wesentliche der Koebeschen Konstruktion in [83] gerettet werden. Koebe konnte noch nachweisen, daß unter den Parallelschlitzabbildungen von © sich immerhin genau eine besonders hervorheben läßt durch eine mit Hilfe des Dirichletschen Integrals angeschriebene Minimalbedin- gung. Für diese ,,minimale Schlitzabbildung" gab er noch als notwendige Bedingung das Verschwinden des äußeren Flächeninhaltes der Gesamtbegrenzung und als hinreichende Bedingung das Verschwinden des äußeren linearen Inhaltes der Projektion der Gesamtbegrenzung auf die imaginäre Achse an [44]. Die von ihm geäußerte Vermutung [44], daß letztere Bedingung möglicherweise auch notwendig sei, wurde von H. Grötzsch [78] durch ein Beispiel widerlegt. H. Grötzsch konnte noch eine andere Charakterisierung der ,,minimalen Schlitzabbildungen" mit Hilfe seiner Streifenmethode angeben. Diese Charakterisierung wurde später noch von J. A. Jenkins mit Hilfe der Methode der extremalen Länge umformuliert — vgl. [82], S. 81 ff. H. Grötzsch gab noch zahlreiche andere Beiträge zur Theorie der konformen Abbildung unendlich vielfach zusammenhängender Gebiete, und man kann wohl überhaupt sagen, daß die nach Koebe hierzu geleisteten Beiträge im wesentlichen auf Ideen von H. Grötzsch fußen — vgl. die zusammenfassende Darstellung [86]. Als ein weiteres wichtiges Gebiet der Funktionentheorie wurde von P. Koebe praktisch die Theorie der Extremalprobleme bei Klassen schlichter konformer Abbildungen begründet. Dies geschah durch die Entdeckung [7] des heute sogenannten Koebeschen Viertelsatzes, den er als wesentliches Hilfsmittel zum Beweis des Haupt-
Paul Koebe und die Funktionentheorie 187 satzes der Uniformisierungstheorie benötigte. Der Viertelsatz lautet in heutiger Sprechweise so ([73, 82]): Für alle schlichten konformen Abbildungen von \z\ < 1 mit regulärer Abbildungsfunktion w = w(z), die in z = 0 durch w(z) = z + A2z* + A^ + ... (2) „Koebe-normiert" sind, ist der Abstand des Bildrandes von w = 0 stets J> 1/4, wobei das Gleichheitszeichen genau dann steht, wenn eine „Koebe-Funktion" w(z) = 2.(1+ eiaz)'2 (3) vorliegt. Durch diesen Satz wurde im Anschluß an Sätze von Landau und Schottky bzw. das Schwarzsehe Lemma für nichtschlichte Abbildungen eine erste Abschätzung für ein Funktional in einer Klasse schlichter Funktionen gegeben. Koebe bewies diesen Satz ursprünglich [7] nur in einer — für seine Zwecke genügenden — qualitativen Form, d. h. ohne explizite Angabe des minimalen Wertes 1/4 für das Funktional. Das gleiche gilt auch für seinen sogenannten Verzerrungssatz, der allerdings in dieser qualitativen Form sehr allgemein, d. h. auch für mehrfach zusammenhängende Gebiete formuliert werden kann. Die genauen Schranken der Funktionale der einfachsten und wichtigsten Extremalprobleme bei Abbildungen der Einheitskreisscheibe wurden bald danach von L. Bieberbach, G. Faber, T. H. Gronwall u. a. angegeben. In diesem Zusammenhang ergab sich auch die — bis heute nicht allgemein erledigte — Bieberbachsche Vermutung \An\ rg n für die Entwicklungskoeffizienten An in (2). Schon in Arbeiten von P. Koebe spielte mancherorts (vgl. z. B. [5], S. 117/18, [11] sowie mehrfache Hinweise in den Arbeiten von H. Grötzsch auf nichtveröffent- lichte Koebesche Untersuchungen in dieser Richtung) die Betrachtung des konformen Moduls zweifach zusammenhängender Gebiete eine wesentliche Rolle. Aber es war H. Grötzsch vorbehalten, inspiriert durch G. Fabers Behandlung der Ränderzuordnung bei konformer Abbildung, in einer Serie von ab 1928 in Leipzig in den Berichten der Sächsischen Akademie erschienenen und von Koebe vorgelegten Arbeiten seine „Flächenstreifenmethode" zu entwickeln, die es gestattet, Extremalprobleme für Gebiete beliebigen Zusammenhangs zu lösen, d. h., die Extremalfunktionen vollständig geometrisch-funktionentheoretisch zu charakterisieren, nachdem K. Löwner seine allgemeine Methode der Parameterdarstellung für Extremalprobleme bei schlichten konformen Abbildungen speziell des Einheitskreises geliefert hatte, die über die Gronwall-Bieberbachsche Methode des Flächensatzes hinausging. Die Extremalfunktionen erweisen sich nach H. Grötzsch in einer großen Klasse von Fällen als Schlitzabbildungen, wobei die Schlitze auf einer isothermen Kurvenschar liegen, welche O. Teichmüller später noch formal als Trajektorien eines gewissen quadratischen Differentials charakterisieren konnte. Übrigens stammt — wenn auch noch nicht in dieser direkten Form, d. h. mehr implizit — der erste Hinweis auf diese analytische Beschreibung der Extremalgebiete durch quadratische Differentiale von P. Koebe (vgl. S. 262/63 in [76]). Im Zuge der von Grötzsch durchgeführten Betrachtungen solcher Extremalprobleme ergab sich eine Rückkopplung zur oben genannten Abbildungstheorie bei mehrfach zusammenhängenden Gebieten, d. h., Parallelschlitzabbildungen u. ä. Schlitzabbildungen mehrfach zusammenhängender Gebiete erwiesen sich als Extremalfunktionen zu gewissen einfachen Extremalproblemen. Allerdings fehlte lange Zeit eine solche Extrenialcharakterisierung der allereinfachsten Normalabbildung, nämlich
188 Teil III der Koebeschen Vollkreisabbildung. Diese wurde erst 1962 in [88] durch M. Schiffer und N. S. Hawley gegeben. Durch die Betrachtung zugehöriger Extremalprobleme konnte H. Grötzsch auch (zuerst am Beispiel der Lemniskatenschlitzabbildung) aufzeigen, daß bei Schlitzabbildungen bezüglich Kurvenscharen mit singulären Punkten nicht immer der Unitätssatz gilt, sondern unter Umständen ein ganzes Kontinuum von Abbildungen auftritt („Verzweigungserscheinung"). Durch die Grötzschsche Extremalcharakteri- sierung gewisser Normalabbildungen mehrfach zusammenhängender Gebiete ergab sich ferner die Möglichkeit, den Koebeschen Gedanken wieder neuartig aufzugreifen und weiterzuführen, konstruktive Existenzbeweise durch Iterationsverfahren mit effektiven Konvergenzabschätzungen für diese zu liefern — vgl. [77] sowie [72]. Falls keine solche Extremaleigenschaft — wie z.B. für die Koebesche Geradenschlitzabbildung — bekannt ist, versagt diese Betrachtungsweise, und tatsächlich ist die — von H. Grötzsch in [79] auch noch allgemeiner formulierte — Frage der Konvergenz des Iterationsverfahrens für die Geradenschlitzabbildung bis heute im allgemeinen Fall offen bzw. nur unter einschränkenden Bedingungen an die Randkomponenten positiv beantwortet worden — vgl. [84] (daselbst auch Berichtigung eines von R. Courant bemerkten kleinen Versehens von P. Koebe in [48]). Allerdings läßt sich mit Hilfe einer Integralgleichung von V. Krylov (vgl. [72]) in andersartiger Weise allgemein für diese Geradenschlitzabbildung ein konstruktiver Existenzbeweis führen. Die Grötzschsche Flächenstreifenmethode erfuhr später durch L. V. Ahlfors und A. Beurling mit Hilfe des Begriffs der extremalen Länge einer Kurvenschar eine elegante Neuformulierung. Eine zusammenfassende Darstellung der wesentlichen durch die Grötzschsche Methodik gefundenen Resultate wurde durch J. A. Jenkins [82]gegeben. Die Theorie der Extremalprobleme wurde später methodisch wesentlich bereichert durch die Grunskysche Methode der Randintegration sowie insbesondere durch die allgemeinen Variationsmethoden von M. Schiffer, welch letztere intensiv vor allem durch G. M. Golusin angewandt wurden — vgl. [73, 80, 87] sowie die vorzügliche geschichtliche Darstellung in der Einleitung von [82]. Durch Betrachtung passender Randintegrationen konnte noch von P. R. Garabe- dian und M. Schiffer ein umfangreiches System von Beziehungen zwischen einigen Koebeschen Normalabbildungen sowie zwischen diesen und bekannten anderen Gebietsfunktionen (Greensche Funktion, Neumannsche Funktion u. ä.) festgestellt werden — vgl. [73]. Zuvor hatte St. Bergmann Darstellungen dieser Abbildungsfunktionen durch seine Kernfunktion und damit durch vollständige Orthonormal- systeme gefunden — vgl. [73, 87]. Nach mündlicher Überlieferung zeichnete sich Koebes höhere Vorlesung zur Funktionentheorie, die sich über mehrere Semester erstreckte, durch große Originalität aus, auch in der Beweisführung zu klassischen Resultaten. Man vergleiche z. B. die auf Koebe zurückgehende Behandlung des Umkehrproblems in der Theorie der elliptischen Funktionen in [74], S. 116ff. Bei dem Begriff der konformen Abbildung spielte der historische Hintergrund durch die Kartographie eine große Rolle. So war es natürlich, daß auch allgemeiner ,,differentialgeometrische" Abbildungen, d. h. stetig differenzierbare Abbildungen mit positiver Funktionaldeterminante, mit betrachtet wurden. Im Falle, die „Näherungsaffinität" war eine Ähnlichkeit, hatte
Paul Koebe und die Funktionentheorie 189 man es speziell mit konformen Abbildungen zu tun. Für H. Grötzsch ergab sich so die Frage, ob sich seine Flächenstreifenmethode auch auf derartige allgemeinere Abbildungen übertragen läßt. Er erkannte, daß dies ohne erhebliche Modifikationen möglich ist, wenn man von den Abbildungen nur die Beschränktheit des Dilatationsquotienten verlangt. Damit war der Grundstein zur Theorie der später von L. V. Ahlfors sogenannten ,,quasikonformen Abbildungen" gelegt. In der ersten Arbeit [75] zu diesem Fragenkreis, die von P. Koebe der Sächsischen Akademie für die Berichte gegen gewisse Bedenken vorgelegt wurde, konnten sofort wesentliche Probleme geklärt werden im Anschluß an die einfache Ausgangsfrage, wie stark sich die einfachsten konformen Invarianten, die Moduln von Vierecken bzw. Ringgebieten, bei quasikonformen Abbildungen ändern können. Die Theorie der Ränderzuordnung übertrug sich unmittelbar auf derartige Abbildungen, z. B. auch die Tatsache, daß ein isolierter Randpunkt nicht in ein ganzes Randkontinuum übergeht, also z. B. eine quasikonforme Abbildung der ganzen Ebene auf die Einheitskreisscheibe unmöglich ist. Letzterer Umstand war der Anlaß dafür, quasikonforme Abbildungen heranzuziehen zur Lösung des Typenproblems für große Klassen einfach zusammenhängender Riemannscher Flächen. Dabei geht es um die Frage, ob eine vorgelegte offene einfach zusammenhängende Riemannsche Fläche zur ganzen Ebene oder zur Einheitskreisscheibe (parabolischer bzw. hyperbolischer Fall) konform äquivalent ist; einer der beiden Fälle liegt nach der Uniformisierungstheorie vor. Ferner erwiesen sich die quasikonformen Abbildungen als wichtiges Hilfsmittel beim Studium der Abbildungen ebener Gebiete durch elliptische Differentialgleichungssysteme. Diese Theorie wurde wesentlich gefördert durch Arbeiten von M. A. Lavrent'ev, L. Bers u. a. Dabei konnten der Riemannsche Abbildungssatz und allgemeiner z. B. die Koebeschen Abbildungssätze bei mehrfach zusammenhängenden Gebieten sozusagen von den Cauchy-Riemannschen Differentialgleichungen verallgemeinert werden auf allgemeinere elliptische Systeme. In einer anderen — ebenfalls von Koebe vorgelegten — Arbeit stellte und beantwortete H. Grötzsch an den einfachsten nichttrivialen Beispielen die folgende Frage. Gegeben seien zwei Gebiete, die sich bei Hinzunahme gewisser Nebenbedingungen nicht konform aufeinander abbilden lassen. Gesucht sind dann die ,,möglichst konformen" Abbildungen, für die die Maximaldilatation (als Maß für die Abweichung von der Konformität aufgefaßt) möglichst klein ausfällt. Die möglichst konformen Abbildungen sind später — bei im Prinzip gleicher Methodik wie in den Arbeiten von H. Grötzsch — für wesentlich allgemeinere Fälle von 0. Teichmüller betrachtet und von ihm ,,extremal quasikonform" genannt worden. Diese Fragestellung ist dann in die bis in die Gegenwart intensiv untersuchte und die Theorie der Riemann- schen Flächen bereichernde Problematik der ,,Teichmüllerschen Räume" mit hinein- und hinübergewachsen. Es schlummert noch manches in den Koebeschen Arbeiten, was bis heute nicht entsprechende Beachtung und Würdigung erfahren hat. Hier ist vor allem seine große Abhandlungsserie „Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen" ([54, 56—62]) zu nennen, in der offensichtlich eine immense Arbeit steckt und die den Zusammenhang der Uniformisierungstheorie mit der nichteuklidischen Geometrie zum Gegenstand hat, im Anschluß an das Clifford-Kleinsche Raumproblem.
190 Teil III Verzeichnis der Veröffentlichungen von Paul Koebe [1] Über diejenigen analytischen Funktionen eines Arguments, welche ein algebraisches Additionstheorem besitzen, Dissertation Berlin 1905, 32 S. [2] Über konforme Abbildung mehrfach zusammenhängender ebener Bereiche, insbesondere solcher Bereiche, deren Begrenzung von Kreisen gebildet wird, Jahresber. DMV 15 (1906), 142-153. [3] Herleitung der partiellen Differentialgleichung der Potentialfunktion aus deren Integraleigenschaft, Arch. Math. Phys. 10 (1906), Anhang S. 39—42; auch in Sitzungsber. Berl. Math. Ges. 5 (1906), 39-42. [4] Untersuchung der birationalen Transformationen, durch welche ein algebraisches Gebilde vom Range Eins in sich selbst übergeht, inbezug auf ihr Verhalten bei der Iteration. Arch. Math. Phys. 10 (1906), Anhang S. 57 — 64; auch in Sitzungsber. Berl. Math. Ges. 5 (1906), 57-64. [5] Über konforme Abbildung mehrfach zusammenhängender ebener Bereiche, Jahresber. DMV 16 (1907), 116-130. [6] Über die Uniformisierung reeller algebraischer Kurven, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1907, 177-190. [7] Ueber die Uniformisierung beliebiger analytischer Kurven, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1907, 191-210. [8] Zur Uniformisierung der algebraischen Kurven, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.- phys. Kl., 1907, 410-414. [9] Ueber die Uniformisierung beliebiger analytischer Kurven (2. Mitt.), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1907, 633-669. [10] Ueber die Uniformisierung der algebraischen Kurven (Imaginäre Substitutionsgruppen). (Voranzeige). Mitteilung eines Grenzübergangs durch iterierendes Verfahren, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1908, 112-116. [11] Ueber die Uniformisierung beliebiger analytischer Kurven (3. Mitt.), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1908, 337 — 358. [12] Konforme Abbildung der Oberfläche einer von endlich vielen regulären analytischen Flächenstücken gebildeten körperlichen Ecke auf die schlichte ebene Fläche eines Kreises, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1908, 359 — 360. [13] Ueber die Uniformisierung der algebraischen Kurven durch automorphe Funktionen mit imaginärer Substitutionsgruppe, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1909, 68-76. [14] Ueber die Uniformisierung beliebiger analytischer Kurven (4. Mitt.), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1909, 324-361. [15] Über die Uniformisierung der algebraischen Kurven I, Math. Ann. 67 (1909), 145—224. [16] Ueber ein allgemeines Uniformisierungsprinzip, Atti Congr. Intern. Mat. Roma 1908 (1909), 25-30. [17] Sur un principe general d'uniformisation, C. R. Acad. Sei. Paris 148 (1909), 824—828. [18] Fonction potentielle et fonetion analytique ayant un domaine d'existence donne ä un nombre quelconque (fini ou infini) de feuillets, C. R. Acad. Sei. Paris 148 (1909), 1446 bis 1448. [19] Über die konforme Abbildung mehrfach zusammenhängender Bereiche, Jahresber. DMV 19 (1910), 339-348. [20] Ueber die Hilbertsche Uniformisierungsmethode, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.- phys. KL, 1910, 59-74. [21] Ueber die Uniformisierung der algebraischen Kurven durch automorphe Funktionen mit imaginärer Substitutionsgruppe (Fortsetzung und Schluß), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1910, 180-189.
Paul Koebe und die Funktionentheorie 191 [22] Über die Uniformisierung der algebraischen Kurven II, Math. Ann. 69 (1910), 1 — 81. [23] Über die Uniformisierung beliebiger analytischer Kurven. I. Das allgemeine Uniformi- sierungsprinzip, J. reine angew. Math. 138 (1910), 192—253. [24] Über die Uniformisierung beliebiger analytischer Kurven. II. Die zentralen Uniformisie- rungsprobleme, J. reine angew. Math. 139 (1911), 251—292. [25] Referat über automorphe Funktionen und Uniformisierung, Jahresber. DMV 21 (1912), 157-163. [26] Ueber eine neue Methode der konformen Abbildung und Uniformisierung, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1912, 844-848. [27] Begründung der Kontinuitätsmethode im Gebiete der konformen Abbildung und Uniformisierung (Voranzeige), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1912, 879-886. [28] Über die Uniformisierung der algebraischen Kurven III (Erster Beweis der allgemeinen Kleinschen Fundamentaltheoreme. Das iterierende Verfahren), Math. Ann. 72 (1912), 437-516. [29] Zur Begründung der Kontinuitätsmethode, Ber. Kgl. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.- phys. Kl., 64 (1912), 59-62. [30] Diskussion im Anschluß an den Vortrag von D. Hilbert: „Begründung der elementaren Strahlungstheorie", Phys. Z. 13 (1912), 1064. [31] Ränderzuordnung bei konformer Abbildung, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.- phys. KL, 1913, 286-288. [32] Lösung der Randwertaufgabe der Potentialtheorie für Kreisring, Ellipse und Rechteck mittels des Poissonschen Integrals, Ber. Kgl. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 65 (1913), 210-213. [33] Das Uniformisierungstheorem und seine Bedeutung für Funktionentheorie und nichteuklidische Geometrie, Ann. mat. Brioschi, Ser. 3, 21 (1913), 57—64. [34] Über diejenigen analytischen Funktionen eines Arguments, welche ein algebraisches Additionstheorem besitzen, und die endlich-vieldeutig umkehrbaren Abelschen Integrale, Math. Abh., H. A. Schwarz zu seinem fünfzig]'. Doktorjub. am 6. Aug. 1914 gew. v. Freunden u. Schülern, Berlin 1914, hier S. 192-214. [35] Über die Uniformisierung der algebraischen Kurven IV (Zweiter Existenzbeweis der allgemeinen kanonischen uniformisierenden Variablen: Kontinuitätsmethode), Math. Ann. 75 (1914), 42-129. [36] Zur Theorie der konformen Abbildung und Uniformisierung (Voranzeige), Ber. Kgl. Sachs. Ges. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 66 (1914), 67-75. [37] Abhandlungen zur Theorie der konformen Abbildung. I. Die Kreisabbildung des allgemeinsten einfach und zweifach zusammenhängenden schlichten Bereichs und die Ränderzuordnung bei konformer Abbildung, J. reine angew. Math. 145 (1915), 177 bis 223. [38] Begründung der Kontinuitätsmethode im Gebiete der konformen Abbildung und Uniformisierung (Voranzeige, 2. Mitt.), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1916, 266-269. [39] Abhandlungen zur Theorie der konformen Abbildung. IL Die Fundamentalabbildung beliebiger mehrfach zusammenhängender schlichter Bereiche nebst einer Anwendung auf die Bestimmung algebraischer Funktionen zu gegebener Riemannscher Fläche, Acta math. 40 (1916), 251-290. [40] Abhandlungen zur Theorie der konformen Abbildung. III. Der allgemeine Fundamentalsatz der konformen Abbildung nebst einer Anwendung auf die konforme Abbildung der Oberfläche einer körperlichen Ecke, J. reine angew. Math. 147 (1917), 67 — 104. [41] Kontinuitätsbeweis des Fundamentalsatzes der Algebra, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1918, 45-53.
192 Teil III [42] Zur Geometrie der automorphen Fundamentalgruppen, Nachr. Kgl. Ges. Wisss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1918, 54-56. [43] Begründung der Kontinuitätsmethode im Gebiet der konformen Abbildung und Unifor- misierung (Voranzeige, 3. Mitt.), Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1918,57-59. [44] Zur konformen Abbildung unendlich-vielfach zusammenhängender schlichter Bereiche auf Schlitzbereiche, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1918, 60—71. [45] Abhandlungen zur Theorie der konformen Abbildung. IV. Abbildung mehrfach zusammenhängender schlichter Bereiche auf Schlitzbereiche, Acta math. 41 (1918), 305—344. [46] Abhandlungen zur Theorie der konformen Abbildung. V. Abbildung mehrfach zusammenhängender schlichter Bereiche auf Schlitzbereiche (Fortsetzung), Math. Z. 2 (1918), 198 bis 236. [47] Über die Strömungspotentiale und die zugehörigen konformen Abbildungen Riemannscher Flächen, Nachr. Kgl. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. KL, 1919, 1—46. [48] Über das Schwarzsehe Lemma und einige damit zusammenhängende Ungleichheitsbeziehungen der Potentialtheorie und Funktionentheorie, Math. Z. 6 (1920), 52—84. [49] Zum Verzerrungssatze der konformen Abbildung, Math. Z. 6 (1920), 311—313. [50] Abhandlungen zur Theorie der konformen Abbildung. VI. Abbildung mehrfach zusammenhängender schlichter Bereiche auf Kreisbereiche. Uniformisierung hyperelliptischer Kurven (Iterationsmethoden), Math. Z. 7 (1920), 235 — 301. [51] Über die konforme Abbildung endlich- und unendlich-vielfach zusammenhängender symmetrischer Bereiche, Acta math. 43 (1922), 263—287. [52] Fundamentalabbildung und Potentialbestimmung gegebener Riemannscher Flächen, Math. Z. 12 (1922), 248-254. [53] Allgemeine Theorie der Riemannschen Mannigfaltigkeiten (Konforme Abbildung und Uniformisierung). Preisgekrönt von S. M. König Gustav V. am 27. 12. 1920, Acta math. 50 (1927), 27-157. [54] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen (Erste Mitt.). Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.-math. KL, 1927, 164-196. [55] Methoden der konformen Abbildung und Uniformisierung, Atti Congr. Intern. Mat. Bologna 1928, Tomo III, Sez. I D, (1930), 195-203. [56] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen. (Zweite Mitt.): Allgemeines und niedere Raumformen, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.- math. KL, 1928, 345-384. [57] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen. (Dritte Mitt.): Elementarsynthese aller hyperbolischen Raumformen; Besondere Behandlung einiger wichtigen Typen; Elementarmodelle und Konformmodelle, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.-math. KL, 1928, 385-442. [58] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen. (Vierte Mitt.): Verlauf geodätischer Linien, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.-math. KL, 1929, 414-457. [59] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen. (Fünfte Mitt.): Uniformisable singularitätenbehaftete Raumformen; Verlauf geodätischer Linien; Quasi- homotopie, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.-math. KL, 1930, 304—364. [60] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen. (Sechste Mitt.): Elementarsynthese der allgemeinen singularitätenbehafteten Raumformen endlicher Signatur, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.-math. KL, 1930, 505—541. [61] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen. (Siebente Mitt.): Singularitätenbehaftete Absolutmessung Riemannscher Mannigfaltigkeiten; Kontinuitätsmethode, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.-math. KL, 1931, 506—534. [62] Riemannsche Mannigfaltigkeiten und nichteuklidische Raumformen. (Achte Mitt.):
Paul Koebe und die Funktionentheorie 193 Erweiterung der Auf bautheorie und der Metrisierungstheorie. Konvexformen und Konkavformen, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss. Berlin, phys.-math. KL, 1932, 249—284. [63] Hydrodynamische Potentialströmungen in mehrfach zusammenhängenden ebenen Bereichen im Zusammenhang mit der konformen Abbildung solcher Bereiche (N-Decker- Strömung, N-Schaufel-Strömung, N-Gitter-Strömung), Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 87 (1935), 287-318. [64] Kontaktprobleme der konformen Abbildung, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.- phys. KL, 88 (1936), 141-164. [65] Wesen der Kontinuitätsmethode, Deutsche Math. 1 (1936), 859-879. [66] Iterationstheorie der niederen Uniformisierungsgrößen, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 89 (1937), 173-204. [67] Iterationstheorie der hyperbolischen Uniformisierungsgrößen vom Geschlecht Null, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 91 (1939), 135-192. [68] Zur allgemeinen Iterationstheorie der Uniformisierung algebraischer Funktionen, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 93 (1941), 43-66. Weitere Literatur [69] Bieberbach, L.: Das Werk Paul Koebes, Jahresber. DMV 70 (1968), 148 — 158. [70] Biermann, K.-R.: Die Mathematik und ihre Dozenten an der Berliner Universität 1810 bis 1920, Akademie-Verlag, Berlin 1973. [71] Cremer, H.: Erinnerungen an Paul Koebe, Jahresber. DMV 70 (1968), 158 — 161. [72] Gaier, D.: Konstruktive Methoden der konformen Abbildung, Springer-Verlag, Berlin — Gott ingen—Heidelberg 1964. [73] Golusin, G. M.: Geometrische Funktionentheorie, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1957 (Übersetzung aus dem Russischen). [74] Graeser, E.: Einführung in die Theorie der elliptischen Funktionen und deren Anwendungen, Oldenbourg-Verlag, München 1950. (Vgl. hierzu Ref. v. W. Brodel im Zentralbl. f. Math. 41). [75] Grötzsch, H.: Über die Verzerrung bei schlichten nichtkonformen Abbildungen und über eine damit zusammenhängende Erweiterung des Picardschen Satzes, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 80 (1928), 503-507. [76] Grötzsch, H.: Über ein Variationsproblem der konformen Abbildung, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 82 (1930), 251-263. [77] Grötzsch, H.: Zur konformen Abbildung mehrfach zusammenhängender schlichter Bereiche (Iterationsverfahren), Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 83 (1931), 67-76. [78] Grötzsch, H.: Zum Parallelschlitztheorem der konformen Abbildung schlichter unendlich-vielfach zusammenhängender Bereiche, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 83 (1931), 185-200. [79] Grötzsch, H.: Zur Theorie der konformen Abbildung schlichter Bereiche (1. und 2. Mitt.), Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 87 (1935), 145-158, 159-167. [80] Grunsky, H.: Lectures on Theory of Functions in Multiply Connected Domains, Vanden- hoeck & Ruprecht, Göttingen 1978. [81] Die Hilbertschen Probleme, erläutert von einem Autorenkollektiv unter der Red. von P. S. Aleksandrov, 2. Aufl., Akademische Verlagsgesellschaft Geest & Portig, Leipzig 1979 (Übersetzung der Erläuterungen aus dem Russischen). [82] Jenkins, J. A.: Univalent Functions and Conformal Mapping, Springer-Verlag, Berlin— Göttingen—Heidelberg 1958. [83] Kühnau, R.: Über ein Koebesches Beispiel zur Theorie der minimalen Schlitzbereiche, Wiss. Z. Martin-Luther-Univ. Halle—Wittenberg, Math.-Naturwiss. Reihe, 14 (1965), 319-321.
194 Teil III [84] Maskus, R.: Anwendung eines Iterationsverfahrens auf das Koebesche Geradenschi itz- theorem, Wiss. Z. Martin-Luther-Univ. Halle—Wittenberg, Math.-Naturwiss. Reihe, 14 (1965), 323-332. [85] Reich, E.: A counterexample of Koebe's for slit mappings, Proc. Amer. Math. Soc. 11 (1960), 970-975. [86] Sario, L., and K. Oikawa: Capacity Functions, Springer-Verlag, Berlin—Heidelberg — New York 1969. [87] Schiffer, M.: Some recent developments in the theory of conformal mapping. Appendix zu: R. Courant, Dirichlet's Principle, Conformal Mapping, and Minimal Surfaces, Inter- science Publ., New York—London 1950. [88] Schiffer, M. and N. S. Hawley: Connections and conformal mapping, Acta math. 107 (1962), 175-274. [89] van der Waerden, B. L.: Topologie und Uniformisierung der Riemannschen Flächen, Ber. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 93 (1941), 147-160.
Wilhelm Blaschke und seine Untersuchungen über Orbiformen Joachim Focke (Leipzig) i Wilhelm Blaschke (1885-1962) Während seiner „Wanderjahre" wirkte Wilhelm Blaschke auch zwei Jahre am Mathematischen Institut der Universität Leipzig. Zuvor hatte er schon an zahlreichen berühmten Orten der mathematischen Wissenschaft gearbeitet und die verschiedensten großen Mathematiker seiner Zeit kennengelernt. Nach seiner Promotion 1908 in Wien bei W. Wirtinger ermöglichte ihm zunächst ein Stipendium, seine starke Zuneigung zur Geometrie durch verschiedene Studienaufenthalte zu vertiefen. So konnte er in Bonn von E. Study, in Pisa von L. Bianchi und in Göttingen von dem glänzenden Mathematikerkreis um David Hilbert und Felix Klein die nachhaltigsten Eindrücke gewinnen. Er habilitierte sich dann im Oktober 1910 in Bonn und wurde ,,bei einer Flasche guten Moselweins zum Privatdozenten erhoben". Aber schon nach einem Semester erhielt der junge Dozent einen Lehrauftrag in Greifswald, wo damals F. Engel, der engste Mitarbeiter und Schüler des großen nordischen Mathematikers Sophus Lie, wirkte. Im Jahre 1913 erreichte den nunmehr 28jährigen W. Blaschke sein erster Ruf auf ein Extraordinariat an die Deutsche Technische Hochschule in Prag. Solche „Wanderjahre" waren in der damaligen Zeit zu Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn durchaus üblich. Sie brachten dem jungen Wissenschaftler viele fachliche und kulturelle Eindrücke; er hatte Gelegenheit, die verschiedensten Strömungen seiner Wissenschaft kennenzulernen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, und er konnte sich in der wissenschaftlichen Welt durch seine Arbeiten und seine Vortragstätigkeit bekanntmachen. Die dann an-einen jungen Wissenschaftler ergehenden Rufe waren ein sicheres Barometer für seine wissenschaftliche Wertschätzung, und sie wurden in Fachkreisen genau registriert. Umgekehrt ergab sich aus ihrer Annahme bzw. Ablehnung auch ein interessanter Vergleich zwischen dem Ansehen der einzelnen Hochschulen im jeweiligen Fachgebiet. So war seit Gauss' Zeiten damals noch Göttingen das Mekka der Mathematiker. W. Blaschke hatte bis 1914 schon 22 Arbeiten publiziert und durch seine wissenschaftlichen Leistungen allgemeine Anerkennung erlangt. Als deshalb in Leipzig im Jahre 1914 nach dem Weggang von P. Koebe nach Jena das etatmäßige Extraordinariat frei wurde, setzten ihn die Direktoren des Mathematischen Instituts,
196 Teil III 0. Holder, K. Rohn und G. Herglotz, an die erste Stelle in ihrem Berufungsvorschlag. In dem von Otto Holder handschriftlich verfaßten, noch im Universitätsarchiv aufbewahrten Manuskript wird Blaschke wie folgt charakterisiert: ,,Seine Arbeiten sind sehr ideenreich, und in jeder von ihnen ist eine wesentliche Frage zum Abschluß gebracht. Sein Vortrag wird als glänzend geschildert; von seiner Persönlichkeit läßt sich nur das Günstigste berichten. Es wäre sehr wünschenswert, wenn Blaschke für die hiesige Stelle gewonnen werden könnte. Der Fakultät ist bekannt, daß er gern die Technische Hochschule mit der Universität und Österreich mit Deutschland, wo er seine Laufbahn als Privatdozent begonnen hat, vertauschen würde, wenn ihm entsprechende Bedingungen gewährt werden könnten." An zweiter Stelle in diesem Vorschlag standen R. König und L. Lichtenstein und an dritter Stelle W. Schnee. W. Blaschke nahm die Berufung nach Leipzig für den 1. April 1915 an, welche ihm in einem Schreiben des sächsischen Kultusministeriums vom 8. 1. 1915 ausgesprochen wurde. Dieses Schreiben enthält auch die folgende Mitteilung, welche die sozialen Aspekte solcher akademischer „Wanderjahre" in interessanter Weise beleuchtet: „Die Kosten des Umzugs von Prag nach Leipzig werden Ihnen nach den für sächsische Staatsbeamte geltenden Grundsätzen auf Grund hierher einzureichender Rechnungen vergütet werden, sind aber zurückzuerstatten, wenn Sie binnen fünf Jahren nach Antritt des Leipziger Lehramtes eine Stellung außerhalb Sachsens annehmen sollten." Da Blaschke 1917 nach Königsberg gegangen ist, mußte er wohl sicherlich das erhaltene Umzugsgeld an das Land Sachsen wieder zurückerstatten. W. Blaschke siedelte im März 1915 nach Leipzig über und wohnte im sogenannten Süd viertel in der Fockestraße 51, einer ruhigen und vornehmen, damals von höheren Beamten bevorzugten Wohnlage. Er nahm hier sofort seine wissenschaftliche Arbeit auf und hielt bereits am 15. Mai 1915 in der Aula der Universität seine Antrittsvorlesung zum Thema „Kreis und Kugel" und legte anschließend im Rektoratsamtszimmer vor dem derzeitigen Dekan der Philosophischen Fakultät, dem Geheimen Hofrat Prof. Dr. A. Fischer, den Pflichteid ab und erhielt von diesem sein Anstellungsdekret ausgehändigt. Das hierüber im Universitätsarchiv aufbewahrte Protokoll ist auch von 0. Holder und K. Rohn absigniert. Bereits mit dem Thema seiner Antrittsvorlesung umriß Blaschke sein Arbeitsprogramm für die Leipziger Zeit, in welcher er dann ein Buch geschrieben und etwa zehn Arbeiten publiziert hat, worüber noch genauer gesprochen werden soll. Anfang 1917 erhielt Blaschke einen Ruf als Ordinarius an die Universität Königsberg. Obwohl die hiesige Fakultät sich sehr um seinen Verbleib in Leipzig bemühte und ihm auch gewisse Angebote machte, nahm Blaschke den ergangenen Ruf an. Sicherlich hatte hierbei die sich im Laufe der Kriegsjahre ständig verschlechternde Lebenslage in Leipzig eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. So wurde ihm für den 31. März 1917 vom sächsischen Kultusministerium die erbetene Entlassung aus seinem Lehramt ausgesprochen. Im Jahre 1919 ging W. Blaschke an die neu gegründete Universität Hamburg und entwickelte dort unter Heranziehung weiterer hervorragender Fachleute die Mathematik zu hoher Blüte. Er blieb dann in Hamburg bis zu seinem Tode im Jahre 1962, trotz verlockender Angebote von anderen Hochschulen. So lehnte er auch 1928 einen Ruf an die Universität Leipzig als Nachfolger von Otto Holder ab. Seine
Wilhelm Blaschke und seine Untersuchungen über Orbiformen 197 wissenschaftlichen Reisen führten W. Blaschke jedoch auch weiterhin in viele Teile der Welt, und er war im Jahre 1959 auch Gast der Karl-Marx-Universität Leipzig zu ihrem 550jährigen Jubiläum. W. Blaschke übte in Leipzig eine sehr vielseitige Lehrtätigkeit aus. Er hielt in diesen zwei Jahren Vorlesungen über gewöhnliche Differentialgleichungen (mit Übungen), partielle Differentialgleichungen, konforme Abbildung, Funktionentheorie (mit Übungen), Differential- und Integralrechnung und Potentialtheorie. Dazu führte er gemeinsam mit G. Herglotz über mehrere Semester ein mathematisches Seminar zu ausgewählten Gegenständen der Geometrie durch. An den nur vier Jahre älteren Gustav Herglotz, „der ausgezeichnete Vorlesungen hielt und, künstlerisch veranlagt, sehr anregend wirkte", schloß sich Blaschke auch persönlich sehr eng an, und es bestand zwischen ihnen eine lebenslange Freundschaft. Beide Wissenschaftler liebten den freimütigen Gedankenaustausch, und Blaschke konnte von Herglotz, der sich damals gerade mit globalen Fragen der Differentialgeometrie befaßte, sehr wesentliche Anregungen erhalten, wie er noch 1955 im Vorwort zu seiner „Integralgeometrie" bemerkt. Aus diesem Seminar ist 1916 sein erstes Buch „Kreis und Kugel" hervorgegangen. Es wurde 1949 in New York nachgedruckt und erschien 1956 in einer zweiten Auflage, was seine Bedeutung auch für die heutige Zeit unterstreicht. Der bescheidene Titel entspricht dem Ausgangspunkt des Buches, den in den ersten beiden Kapiteln behandelten isoperimetrischen Eigenschaften von Kreis und Kugel. An Hand dieser klassischen Probleme demonstriert Blaschke in überzeugender Weise die originellen geometrischen Lösungsmethoden von Jakob Steiner und bildet diese soweit durch, daß er in ihrem Rahmen auch die von Steiner nicht beachteten Existenzfragen mit erledigen kann. Dazu macht Blaschke im Sinne der sich damals schnell entwickelnden Funktionalanalysis die Gesamtheit der konvexen Bereiche der Ebene bzw. des Raumes zu einem metrischen Raum und bedient sich des jetzt nach ihm benannten Auswahlsatzes, nach dem sich aus einer unendlichen Menge gleichmäßig beschränkter konvexer Körper stets eine Folge herausgreifen läßt, die gegen einen konvexen Körper konvergiert. Mit diesen so bereitgestellten Hilfsmittteln gelingt es dem Autor, in den folgenden Kapiteln eine einheitliche Darstellung der damals noch jungen Theorie der konvexen Körper zu geben und damit die Arbeiten von Schwarz, Brunn und Minkowski fortzusetzen. Insbesondere wendet er sich sehr interessanten neueren Extremalaufgaben bei konvexen Körpern zu, wie solche, die durch Krümmungsbeschränkungen der Oberfläche entstehen, und behandelt in einem Ausblick konvexe Körper mit gewissen charakteristischen Eigenschaften, wie die Körper konstanter Helligkeit von Herglotz und die Körper konstanter Breite von Minkowski. Um diesen Themenkreis gruppieren sich auch die meisten von Blaschke in seiner Leipziger Zeit verfaßten Originalarbeiten. Wir wollen hier besonders die Arbeiten herausgreifen, die sich mit sogenannten Orbiformen, den konvexen Bereichen konstanter Breite befassen, weil über diese in neuerer Zeit hier in Leipzig wieder interessante Untersuchungen durchgeführt worden sind. Die wichtigste Arbeit von Blaschke über Orbiformen ist der in den Mathematischen Annalen 76 (1915), 504 bis 513, erschienene Artikel ,,Konvexe Bereiche gegebener konstanter Breite und kleinsten Inhalts". Das darin behandelte Problem stellt in gewisser Weise ein Gegenstück zur isoperimetrischen Aufgabe dar, und es gelingt Blaschke, dieses ebenfalls durch eine sehr geschickte Anwendung der Steinerschen Methode vollständig zu
198 Teil III lösen. Konvexe Bereiche der konstanten Breite d sind dabei solche, deren parallele Stützgeraden in jeder Richtung denselben Abstand d haben. Sie besitzen damit die charakteristische kinematische Eigenschaft, daß sie sich in einem Quadrat der Seitenlänge d allseitig berührend drehen lassen. Die einfachsten Beispiele hierzu sind der Kreis mit Durchmesser d und das Reuleaux-Dreieck mit Kreisbögen vom Radius d (vgl. Abb. 20). Da alle diese Bereiche denselben Umfang nd haben, besitzt unter ihnen nach dem isoperimetrischen Satz der Kreis den größten Inhalt. Im Gegensatz hierzu wird nun nach dem Bereich konstanter Breite mit dem kleinsten Inhalt gefragt. Abb. 20. Kreis und Reuleaux- Dreieck Blaschke betrachtet zur Behandlung dieses Problems zunächst speziell die Menge aller Reuleaux-Polygone der Breite d. Darunter versteht man in Verallgemeinerung des Reuleaux-Dreiecks Kreisbogenpolygone R aus Kreisbögen vom Radius d, deren Mittelpunkte in den Ecken eines geschlossenen Stern-Polygons D mit ungerader Eckenzahl N und gleicher Seitenlänge d liegen. (Für N = 1 vgl. Abb. 21.) D ist dann seinerseits das Diagonaleck des Reuleaux-Polygons R. Zwischen den Flächeninhalten FR von R und FD von D erhält Blaschke den wichtigen Zusammenhang FR + 2FD = 7id2/2. I Abb. 21. Reuleaux-Siebeneck mit Diagonaleck Er führt nun auf Grund dieser Formel das Reuleaux-Polygon R in ein solches mit kleinerem Flächeninhalt über, indem er das zugehörige Diagonaleck D in ein solches mit größerem Flächeninhalt überführt, und zwar mit dem Steinerschen Viergelenkverfahren. Halten wir dazu beispielweise in dem Siebeneck (vgl. Abb. 22) die Eckpunkte Plf P4, P5, P6, P7 fest und zerlegen den Flächeninhalt FD gemäß FD = Fläche (P1P2PsP4*>5JVV>i) = Fläche (P&PsPtPi) + Fläche (P^P^P.P^. Dann bleibt auch der Flächeninhalt des Fünfecks P1PAP5P6P7 fest, und FD kann dadurch vergrößert werden, daß man das „Gelenkviereck" PXP2P^PA durch geeignete
Wilhelm Blaschke und seine Untersuchungen über Orbiformen 199 Bewegung der Eckpunkte P3 und P2 flächenmäßig vergrößert; und zwar bewegen wir den Eckpunkt P3 auf der Verlängerung des Bogens P5P3, bis er auf die rückwärtige Verlängerung des Bogens PXP^ in P3' zu liegen kommt. Da die Ecken Px und P4 des Gelenkvierecks fest bleiben sollen, ist dann P2 zwangsläufig nach P7 gewandert, und die neue Lage des Gelenkvierecks ist bestimmt (vgl. Abb. 23). Mittels einer kinematischen Betrachtung an dem in unserem Fall „durchschlagenden" Gelenkviereck Abb. 22. Reuleaux-Siebeneck mit Gelenkviereck läßt sich auch zeigen, daß sein Flächeninhalt tatsächlich größer geworden ist. Das zugehörige Reuleaux-Polygon R' hat also einen kleineren Flächeninhalt als R. Da die Ecken P2 und P7 zusammengefallen sind und damit die Bögen P^'Pi und PXP^ auf einem Kreisbogen liegen, hat R' nur noch die fünf Ecken P3', P6, P4, P7, P5. Im allgemeinen kann man so jedes Reuleaux-Polygon der Eckenzahl N in ein solches mit N—2 Ecken und kleinerem Flächeninhalt überführen. Durch sukzessive Wiederholung dieses Schrittes erweist sich somit das Reuleaux-Dreieck (Abb. 20) als das Abb. 23. Gelenkviereck in neuer Lage Reuleaux-Polygon der Breite d mit dem kleinsten Flächeninhalt. Durch eine geeignete Approximation beliebiger konvexer Bereiche der konstanten Breite d durch Reuleaux- Polygone gelingt es Blaschke, diese Resultate auf beliebige Orbiformen zu übertragen : Unter allen Orbiformen hat das Reuleaux-Dreieck den kleinsten Flächeninhalt. Blaschke gibt auch in einer Fußnote eine analytische Formulierung des gestellten Problems an. Danach wird der Flächeninhalt der Orbiform durch eine quadratische Integralform im Krümmungsradius ausgedrückt und soll unter Einhaltung der Schließbedingung und einer Krümmungsbeschränkung minimiert werden. Es handelt sich also in heutiger Sprechweise um ein restringiertes quadratisches Optimierungsproblem in einem Funktionenraum.
200 Teil III In noch drei weiteren Arbeiten befaßt sich Blaschke mit Untersuchungen zu Orbiformen. Am Ende seiner Prager Zeit erschien in den Leipziger Berichten 66 (1914), 171—177, ein Artikel „Über Raumkurven von konstanter Breite", welcher der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften auf der Sitzung der Mathematisch-Physikalischen Klasse am 7. Dezember 1914 von dem Geheimen Hofrat Karl Rohn vorgelegt worden war. Die betrachteten Raumkurven der konstanten Breite d sind dabei geschlossene Raumkurven mit der Eigenschaft, daß die Normal- ebene in jedem Kurvenpunkt P die Kurve in genau einem weiteren Punkt Q schneidet und der Abstand PQ konstant gleich d ist. Blaschke zeigt nun insbesondere, daß jede Raumkurve konstanter Breite auf der Oberfläche eines Körpers konstanter Breite verläuft. Ein interessanter Satz über den Inkreis einer Orbiform ist in der Arbeit „Über den größten Kreis in einer konvexen Punktmenge", Jahresber. DMV 23 (1914), 369-374, enthalten. Durch Anwendung des Satzes von H. Jung kann Blaschke für den Inkreisdurchmesser d{ einer Orbiform der Breite d die Abschätzung 2 (l ~ -^-\d ^di^d \ PI zeigen. Dabei wird das linke Gleichheitszeichen genau für das Reuleaux-Dreieck und das rechte für den Kreis angenommen. Schließlich befaßt sich Blaschke in einer Arbeit „Einige Bemerkungen über Kurven und Flächen von konstanter Breite", Leipz. Ber. 67 (1915), 290—297, mit sphärischen Kurven konstanter Breite und zeigt im Anschluß an seine Annalen- Arbeit, daß auch auf der Kugel das sphärische Reuleaux-Dreieck bzw. eine äußere Parallelkurve unter diesen den kleinsten Flächeninhalt hat. ?k L_l I 1 1 I l_J 1 L_l 1 l*. 0 %j2 u 3rt/2 2it Abb. 24. Fujiwara-Viereck Die hier besprochenen Arbeiten von Wilhelm Blaschke aus seinen Leipziger Jahren haben in neuerer Zeit in Leipzig eine interessante Fortführung erfahren. In einer mathematisch-technischen Untersuchung von J. Focke, „Über die Entstehung von Formfehlern beim spitzenlosen Außenrundschleifen", Maschinenbautechnik 17 (1968), 7—10, hatte es sich gezeigt, daß die bei diesem Schleifverfahren auftretenden Querschnittsformen die Gestalt von sogenannten /^-Orbiformen annehmen. Darunter versteht man einen ebenen konvexen Bereich, der sich allseitig berührend in einem regulären w-Eck drehen läßt, so daß also die Seiten des w-Ecks stets Stützgeraden des konvexen Bereichs sind. Die /^-Orbiformen bilden damit eine direkte Verallgemeinerung der Bereiche konstanter Breite, welche sich hier als 4-Orbi- formen einordnen. Es lag nun nahe, allgemein nach den /^-Orbiformen kleinsten
Wilhelm Blaschke und seine Untersuchungen über Orbiformen 201 Inhalts zu fragen. Der geometrische Beweisgedanke von Blaschke dürfte jetzt allerdings nicht mehr anwendbar sein, da es für n > 4 keine /^-Orbiformen in Gestalt von Reuleaux-Polygonen gibt. Das Problem konnte jedoch wieder als ein restringiertes quadratisches Minimierungsproblem in einem Funktionenraum formuliert werden. Da das quadratische Zielfunktional aber negativ definit auf dem zulässigen Bereich ist, liegt der schwierige Fall der Minimierung eines konkaven Funktionais unter konvexen Restriktionen vor. Für /^-Orbiformen mit gewisser Drehsymmetrie konnte dieses Problem von J. Focke, Acta Math. Hung. 20 (1969), 39—68, durch direkte scharfe Abschätzung des Zielfunktionals gelöst werden und allgemein von R. Klötzler, ZAMM 55 (1975), 557—570, nach Umformulierung in ein Problem der optimalen Steuerung durch eine tiefgründige Auswertung der Bedingungen des Pontrjaginschen Maximumprinzips. Für n = 5 ergibt sich beispielsweise als /fc-Orbiform kleinsten Inhalts das mit ihrem Randkrümmungsradius in Abb. 24 dargestellte Fujiwara- Viereck. Von verschiedenen weiteren, auch technisch interessanten Extremalproble- men für w-Orbiformen, welche in Leipzig behandelt wurden, sei noch die Arbeit von J. Focke, „Die beste Ausbohrung eines regulären w-Ecks4', ZAMM 49 (1969), 235 bis 248, genannt.
Walter Schnee Herbert Beckert (Leipzig) n * Walter Schnee (1885-1958) Als wir am 13. 6. 1958 Prof. Dr. Walter Schnee zu Grabe trugen, nahmen wir von einem Kollegen Abschied, der nahezu vierzig Jahre am Mathematischen Institut der Universität Leipzig wirkte und hier eine der markantesten Persönlichkeiten in der Lehre gewesen war. Schnee wurde am 8. August 1885 in Rawitsch (Provinz Posen) als Sohn des Gymnasialprofessors Karl Schnee und dessen Frau Klara Schnee geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Gnesen von 1895 bis 1904 beginnt er das Studium der Mathematik an der Universität Berlin und hört Vorlesungen bei Schottky, Frobenius und vor allem bei E. Landau, der von 1901 bis zur Berufung 1909 nach Göttingen als Nachfolger Minkowskis in Berlin war. Schon am Ende seiner Schülerzeit muß in dem Schüler Walter Schnee die Liebe zur Mathematik und hier besonders zum Reich der Zahlentheorie entflammt sein, davon zeugt das Buch über die berühmten Vorlesungen Dirichlets zur Zahlentheorie, das dem Primaner des „Königlichen Gymnasiums Gnesen" Walter Schnee 1904 als Ehrengabe verliehen wurde. Kein Wunder also, daß die auf Reihenlehre und analytische Zahlentheorie gerichteten Forschungen Landaus dem jungen Schnee besonders beeindrucken, nicht minder dessen nicht zu überbietender Fleiß und dessen mit der Präzision eines Uhrwerks ablaufende Forschungsarbeit. Schnee erzählte uns, Landau habe sich vorher in seinem Notizbuch stets den Tagesablauf in Abschnitte fest vorgezeichnet für die Lösung einzelner mathematischer Probleme, wie für die Mahlzeiten, die Entspannung bei der Familie, die Beschäftigung mit der Briefmarken- und Schmetterlingssammlung und die wissenschaftliche Kommunikation. Diese Abschnitte hielt Landau nach den Worten Schnees rigoros ein, selbst wenn er dabei die Mahlzeiten vorzeitig abbrechen oder sogar auf sie verzichten mußte. Bereits im vierten Jahre seines Studiums in Berlin konnte Schnee ein schwieriges mathematisches Problem von fundamentaler Bedeutung vollständig aufklären und dessen Lösung druckfertig an die Redaktion der Mathematischen Annalen einreichen. Es handelt sich hierbei um den Nachweis der Identität des Cesäroschen und Hölder- schen Grenzwertes bei den betreffenden Limitierungsverfahren divergenter Reihen in dem Sinn, daß aus der Existenz des einen die des anderen folgt. Bezeichnet beim
Walter Schnee 203 Hölderschen Verfahren (an) eine beliebige Zahlenfolge, «o 4- «i 4- ••• + an n + 1 die gemittelte Folge, fn" die erneut gemittelte Folge /o' + /i' + -+/.' /." = n + 1 und gilt lim fn" = S im klassischen Sinn, so heißt (an) H2-Uinitierbar, allgemeiner Hp-summierbar, falls die nach p aufeinanderfolgenden Mittelungen entstehende Folge im klassischen Sinn konvergiert. Bei der Cesäroschen oder Ck-8ummierung setzt man zunächst an = Sn(°> und dann weiter für k ^ 1 iSf0<*"1) + S^-v 4- ••• 4- iSf„<*-1> = Snk, n = 0, 1, 2, ..., und untersucht für ein festes k die Folge C.<*> CD Strebt die Folge Cn<*> gegen #, so heißt (an) Ck-limitierbar zum Wert S. Durch die genannte scharfsinnige Arbeit wurde Schnee rasch in der mathematischen Welt bekannt. Da gleichzeitig auch K. Knopp in seiner Dissertation mit anderen Methoden im wesentlichen zu dem gleichen Ergebnis gelangt war, ist das genannte Resultat in der mathematischen Literatur als Äquivalenzsatz von W. Schnee und K. Knopp für das C- und H-Verfahren der Reihenlimitierung bekannt geworden. Im Jahre 1908 promovierte Schnee an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin zum Dr. phil. mit der von E. Landau angeregten Arbeit „Über irreguläre Potenzreihen und Dirichletsche Reihen". Schnee verallgemeinert hierin unter anderem den Abelschen Stetigkeitssatz bei Ck- bzw. //^-Summierbarkeit der Koeffizientenreihe und leitet interessante grundlegende Ergebnisse über das Konvergenzverhalten von Dirichletschen Reihen her. Nach seiner Promotion und dem Staatsexamen war Schnee von Ostern 1909 bis 1910 als Lehrer an einem Berliner Gymnasium tätig und bereitete in dieser Zeit seine Habilitationsschrift „Über Mittel wertformein in der Theorie der Dirichletschen Reihen" vor, die unter dem gleichen Titel in den Sitzungsberichten der Akad. d. Wiss. Wien 118 (1909), 1439-1512, veröffentlicht ist. Er erwarb schon 1910 hiermit die venia legendi an der Philosophischen Fakultät der Universität Breslau, nachdem er zuvor noch zwei Arbeiten über das Konvergenzverhalten Dirichletscher Reihen veröffentlichte, wo unter anderem die Singularitäten längs der Konvergenzgrenzgeraden charakterisiert werden: Über Dirichletsche Reihen, Rend. Circolo mat. Palermo 27 (1909), 87 — 116. Zum Konvergenzproblem der Dirichletschen Reihen, Math. Ann. 66 (1908), 337—349. Diese vier größeren mathematischen Arbeiten, welche Schnee noch vor dem Abschluß seines vierjährigen Studiums druckreif fertigstellte, stellen eine außergewöhnlich hohe wissenschaftliche Leistung dar, wie sie unter entsprechenden Umständen
204 Teil III nur selten erreicht wird. Die durch sie gewonnenen neuen Einsichten in das Konvergenzverhalten unendlicher Reihen, speziell der Dirichletschen Reihen, sind beträchtlich und erregten internationales Aufsehen. In der genannten Habilitationsschrift geht Schnee von einer interessanten von Hadamard entdeckten Mittelwertformel für das Quadrat des absoluten Betrags des Reihenwerts einer Dirichletschen Reihe längs vertikaler Geraden in der komplexen Ebene aus und gelangt zu einer sehr bemerkenswerten Darstellungsformel für die Koeffizienten der Dirichletschen Reihe selbst, sogar im Bereich nur bedingter Konvergenz. Es ergeben sich hieraus wichtige asymptotische Abschätzungen und interessante Anwendungen auf die Riemannsche Zetafunktion. Schnee hielt nach seiner Habilitation als Privatdozent an der Universität Breslau bis 1917 Vorlesungen und war gleichzeitig planmäßiger Assistent an der Technischen Hochschule Breslau bei Caratheodory bis zu dessen Wegberufung 1913 als Nachfolger von Felix Klein nach Göttingen. Es war köstlich, Schnee im hohen Alter zuzuhören, wenn er über diese Breslauer Zeit sprach, von Adolf Kneser, der ihm über die Vorlesungen von Karl Weierstrass manches Interessante erzählen konnte, von dem Physiker Clemens Schäfer und vor allem von Caratheodory selbst, seiner Weltoffenheit und geistreichen Persönlichkeit, aber auch von dessen prächtiger teils im europäischen teils im orientalischen Stil eingerichteten Wohnung, was Schnee offenbar stark beeindruckt hat. Schnee muß sich in diesen Jahren, da er zwischen der Technischen Hochschule und Universität hin- und herpendelte, oft mit einem Übermaß an Vorlesungen und Praktika überlastet haben; denn er erzählte uns, daß er einmal an einem besonders arbeitsreichen Tag eine Studentin, die ein Testat von ihm haben wollte, mit einer Ausrede habe wegschicken müssen, da er seinen eigenen Namen vergessen hatte. ,,Später", sagte er in der ihm eignen köstlichen, spöttischen Tonart, ,,fiel mir dann mein Name wieder ein!" Während seiner Breslauer Tätigkeit entstand 1911 Schnees Arbeit in den Acta Math. „Zusammenhang zwischen den Summabilitätseigenschaften Dirichletscher Reihen und ihrem funktionentheoretischen Charakter". Es gelingt dem Verfasser u. a. hierin, weitreichende Summierbarkeitseigenschaften der Ordnung r einer Dirichletschen Reihe aus dem asymptotischen Verhalten der durch die Reihe dargestellten Funktion entlang der Vertikalen zur reellen Achse herzuleiten. Im Jahre 1917 wurde durch den Weggang von W. Blaschke nach Tübingen eine Professur an der Universität Leipzig frei. 0. Holder setzte sich entscheidend für deren Besetzung durch Prof. Schnee, der inzwischen 1916 den Professorentitel erhalten hatte, ein. In seinem Berufungsantrag weist u. a. 0. Holder auf die Wichtigkeit der Schneeschen Untersuchungen hin und rühmt dessen scharfsinnige Handhabung neuerer funktionentheoretischer Methoden und deren mustergültige Darstellung. Schnees bisherige Lehrerfolge werden als hervorragend bezeichnet, auch seine Fähigkeit, Studierende zur selbständigen Arbeit zu begeistern. Er sei außerordentlich zuverlässig, sein Auftreten sachlich und sehr bescheiden. So kam Schnee 1917 als planmäßiger außerordentlicher Professor an das Mathematische Institut der Universität Leipzig. Stets pädagogischen Aufgaben aufgeschlossen, entfaltete er hier bis zu seiner Emeritierung eine umfangreiche Lehrtätigkeit, die sich nahezu auf alle mathematischen Gebiete erstreckte. Stets war er gut vorbereitet. Er trug frei ohne Konzept vor. Nur manchmal bei Zusammenfassungen des Lehrstoffs zog er zum Spaß der Zuhörer einen vergilbten Zettel aus der Seitentasche, um zu diktieren. Schnee
Walter Schnee 205 besaß ein vortreffliches mathematisches Gedächtnis. Er entwickelte jede Vorlesung immer wieder neu und hielt wenig von fremden Vorbildern. Das kostete natürlich viel Zeit und Arbeitskraft. Der strenge, eigenwillige Aufbau seiner Vorlesungen war nicht auf eine pragmatische Wissensvermittlung angelegt, vielmehr darauf, dem Hörer möglichst alle logischen Details der mathematischen Gegenstände klar aufzuschließen und ihm dabei zugleich den hohen ästhetischen Wert der mathematischen Schluß weisen nahezubringen. Dabei waren diese Vorlesungen keinesfalls langweilig. Mit viel pädagogischem Geschick verstand er es — der im Erscheinungsbild so gebrechlich wirkende Mann mit den wachen, seine Zuhörer messenden Augen und dem herzerfrischenden Humor - -, die Studenten zum Mitdenken anzuregen. Die Verdienste Prof. Schnees um die mathematische Ausbildung vieler Studiengenerationen an der Universität Leipzig müssen sehr hoch eingeschätzt werden. Besonders stark war sein erzieherischer Einfluß auf die späteren Lehrer der Mathematik, die durch seine Schule gingen. Die weiteren Forschungen Schnees stehen unter einem ungünstigen Stern und sind nicht frei von einer gewissen Tragik. Er konzentrierte nämlich die folgenden Jahrzehnte alle seine Kräfte auf die Lösung des Hauptproblems der analytischen Zahlentheorie, den Beweis der sogenannten Riemannschen Vermutung, wonach die sämtlichen nichttrivialen Nullstellen der Riemannschen Zetafunktion den Realteil 1/2 haben; ein in der Mathematikgeschichte bedeutungsvolles Problem, welches bis heute allen Lösungsversuchen widerstanden hat. Diese Zielstellung lag im Hinblick auf seine erfolgreichen Konvergenzuntersuchungen über Dirichletsche Reihen nahe. Leider hat Schnee über seine jahrzehntelangen mit großer Zähigkeit geführten — am Ende erfolglosen — Untersuchungen keine Aufzeichnungen hinterlassen. Er glaubte auch noch im hohen Alter an eine funktionentheoretische Aufklärung und Lösung des Problems. In den zwanziger Jahren erkrankte Schnee schwer. Eine Totalexstirpation des Magens führte ihn schließlich an den Rand des Existenzminimums. Dessen ungeachtet gelang es ihm in den folgenden Jahren mit der ihm eigenen Energie und Beharrlichkeit, seinen Gesundheitszustand weitgehend wieder zu stabilisieren und in der genannten, verdienstvollen Weise alle Aufgaben als Hochschullehrer voll wahrzunehmen. Nach einer kleinen Arbeit 1927 in der Mathematischen Zeitschrift über die Regularität reeller Funktionen griff Schnee 1929 in einer weiteren Arbeit in dieser Zeitschrift die Konvergenzproblematik Dirichletscher Reihen wieder auf und leitete in sehr einfacher Weise die Funktionalgleichung für die Zetafunktion auf einem neuen durchsichtigen Weg her. In der Zeit des Hitlerregimes machte Schnee keinerlei Konzessionen. Durch den Luftangriff auf Leipzig wurde seine Wohnung 1943 schwer beschädigt, so daß er nach Memleben an der Unstrut übersiedeln mußte, ohne seine Lehraufgaben an der Universität zu unterbrechen. Als nach dem Zusammenbruch 1945 die Universität Leipzig wieder eröffnet wurde, bestand der Lehrkörper des berühmten Mathematischen Instituts noch aus den beiden Professoren Holder und Schnee — Koebe war 1945 verstorben und van der Waerden war in seine Heimat zurückgekehrt. Trotz seines angegriffenen Gesundheitszustandes übernahm Schnee in den folgenden Jahren ein ausgedehntes Programm an Lehraufgaben, mehrmals die Anfangsvorlesungen im Bereich der mathematischen Grundausbildung, er hielt aber auch Vorlesungen über Differentialgeometrie und Algebra. Besondere Ausstrahlungskraft
206 Teil III entfaltete er in der Lehrerausbildung. Aus seinem Kreis von Schülern dieser Jahre, die bei ihm promovierten, gingen die jetzigen Professoren Wussing und Reissig hervor. Durch einen Zufall war Schnee mit dem Buch von W. Ahrens ,,Mathematische Unterhaltungen und Spiele" (Teubner, Leipzig) bekannt geworden. Hierdurch angeregt, veröffentlichte er 1951 in den Berichten über die Verhandl. d. Sächsischen Akademie der Wiss., Bd. 98, Heft 1, die Arbeit „Über magische Quadrate und lineare Gitterpunktprobleme". Es gelingt ihm eine erschöpfende Behandlung der Angabe aller dreizeiligen Matrizen mit beliebig ganzzahligen Koeffizienten und beliebig vorgegebener gemeinsamer Zeilen-, Spalten- und Diagonalsumme. Nach zweimaliger Aussetzung auf eigenen Wunsch wurde Prof. Schnee 1954 emeritiert, und am 10. 6. 1958 verließ er uns für immer.
Leon Lichtenstein Herbert Beckert (Leipzig) Leon Lichtenstein (1878-1933) Im Jahre 1978 ehrten wir an der Sektion Mathematik der KMU Leipzig in einem .Festkolloquium die hundertste Wiederkehr des Geburtstages von Leon Lichtenstein, einem Mathematiker von großer internationaler Ausstrahlungskraft auf den folgenden Gebieten der Analysis: Potentialtheorie, Integralgleichungen, Variationsrechnung, Differentialgleichungen und Hydrodynamik. In ihm vereinigen sich in glänzender Weise das Vermögen zu richtungweisenden mathematischen Forschungsleistungen mit dem Scharfblick für deren Anwendung in den Naturwissenschaften. Gerade in der heutigen Zeit, in welcher die mathematische Forschung auf vielen Gebieten an den zentralen Problemen vorbeizieht und statt dessen oder gerade deswegen durch eine Kette von Verallgemeinerungen in eine unübersehbare Fülle von unbedeutenden Seitenkanälen sich zu verästeln droht, ist die Rückbesinnung auf den Gleichklang der zwischen Theorie und Anwendung beruhenden Forschungen Lichten steins besonders aktuell und wohltuend. Während im vorigen Jahrhundert und Anfang dieses Jahrhunderts die Arbeiten der größten Mathematiker wie Gauss, Cauchy, Riemann, Dirichlet, Jacobi, Poincare und Hilbert u. a. in großem Umfang direkt mit naturwissenschaftlichen Anwendungen verknüpft waren, trifft dies in der heutigen Zeit nicht mehr zu. Denn große Teile der Mathematik, denen man einen hohen Stellenwert zuerkennt, entwickeln sich ohne Bezug zu irgendwelchen Anwendungen. Lichtenstein wurde am 16. Mai 1878 in Warschau geboren. Mit 16 Jahren kam er nach Deutschland und studierte an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg Maschinenbau und danach Elektrotechnik, wobei er — eng mit der Mathematik verbunden — noch gleichzeitig an der Universität Berlin mathematische Vorlesungen bei H. A. Schwarz, Frobenius, Schottky und Landau hörte. Stets hat Lichtenstein betont, von H. A. Schwarz, von dem er immer voll Bewunderung sprach, vielseitige Anregungen empfangen zu haben. Schon 1902 trat Lichtenstein als Elektroingenieur in die Firma Siemens und Halske ein, noch bis 1923, als er längst ein Mathematiker von Weltruf geworden war, ist er, natürlich in sehr beschränktem Umfang, in dieser Firma tätig gewesen. Wie 0. Holder in seinem treffenden Nachruf auf Leon Lichtenstein in der Sitzung der Sächsischen Akademie am 30. Juni 1934 sagt, waren die Berliner Jahre für Lichtenstein Jahre rastloser aufreibender Arbeit,
208 Teil III in denen er neben seinem technischen Beruf eine große Zahl bedeutender rein mathematischer Arbeiten veröffentlicht hat, die seinen Namen schon damals rühmlichst bekannt machten. Man kann wohl sagen, daß Lichtenstein am Tage seinem äußeren Beruf nachging und in den Nächten seine mathematischen Abhandlungen geschrieben hat. 1907 erwarb Lichtenstein an der TH Berlin den Titel eines Dr. Ing. und 1909 den Dr. phil. an der Universität Berlin. 1910 habilitierte er sich an der TH Berlin mit der Arbeit: ,,Beweis des Satzes, daß jedes hinreichend kleine im wesentlich stetig gekrümmte singularitätsfreie Flächenstück auf einen Teil einer Ebene zusammenhängend und in den kleinsten Teilen ähnlich abgebildet werden kann". Lichtenstein hat 15 Jahre später als erster diesen Satz auf die konforme Abbildung beliebiger großer Flächenstücke in die Ebene übertragen können, anläßlich der Herleitung der Normalform für die allgemeine lineare elliptische Differentialgleichung zweiter Ordnung in der Ebene. Dies ist lange unbeachtet geblieben. Neben einer Reihe industrieller Arbeiten für die Kabelindustrie und Luftfahrt, hier arbeitete er bei Prandtl am Institut für Aerodynamik, entfaltete Lichtenstein in der Folgezeit eine äußerst fruchtbare Forschungstätigkeit in der Potentialtheorie, Variationsrechnung, im Bereich Differentialgleichungen und der konformen Abbildungen. Der systematische Ausbau der auf die Fredholmsche Integralgleichungstheorie gegründeten Lösungstheorien für die klassischen und allgemeineren Randwertaufgaben der Potentialtheorie und linearen partiellen Differentialgleichungen vom elliptischen Typus wurde von Lichtenstein in einer Fülle von richtungweisenden Abhandlungen stark gefördert. Dabei wurden die vorher wenig beachteten Singularitäten der Kerne der Integralgleichungen einer genauen Untersuchung unterzogen, um die Anwendung der Fredholmschen Theorie zu sichern. Bereits 1912 und 1913 hat Lichtenstein als erster logarithmische Potentiale bei lediglich quadratisch integrablen Dichten — die moderne Entwicklung vorausahnend — eingeführt und u. a. die quadratische Integrabilität der zweiten Ableitung der Lösung der Poissonschen Differentialgleichung bei quadratisch integrierbarer rechter Seite bewiesen, ferner u. a. die Gültigkeit der Hilbertschen Umkehrformeln für den Kotangens-Kern bei lediglich quadratisch integrierbaren Randwerten. Als erster erkannte er, daß man zur Lösung von Randwertaufgaben elliptische Differentialgleichungen in der Ebene mit Hilfe der Integralgleichungstheorie auch Randkurven mit Ecken und Spitzen zulassen darf, indem er die entstehenden singulären Integralgleichungen studierte. In derselben Zeit baute Ltchtenstein in mehreren Arbeiten die Hilbertsche Theorie vollstetiger quadratischer Formen mit unendlich vielen Veränderlichen weiter aus und behandelte erstmals vollständig mit diesen Methoden ohne Rückgriff auf die Integralgleichungstheorie allgemeine Eigenwertprobleme gewöhnlicher und partieller elliptischer Differentialgleichungen einschließlich der Entwicklungssätze. Die hier verwendete Hilbertsche Methode der unendlich vielen Veränderlichen ist von Lich- tensteins Schüler Aurel Wintner weiterentwickelt worden. Durch den modernen Aufbau der Funktionalanalysis durch John von Neumann sind diese Methoden bekanntlich in eine neue richtungweisende Bahn gelenkt worden. Ebenfalls 1913 bewies Lichtenstein für die zweimal stetig differenzierbaren Lösungen allgemeiner regulärer nichtlinearer Variationsprobleme in der Ebene / / fl*> y> u, ^,-^\dxdy-+Min (1)
Leon Lichtenstein 209 deren dreimal stetige Differenzierbarkeit und damit nach S. Bernstein deren Analytizität. Dabei wird sein Abbildungssatz von nichtanalytischen Flächenstücken auf die Ebene entscheidend verwendet. In den Lichtensteinschen Untersuchungen in der Variationsrechnung werden während seiner gesamten Schaffensperiode Variationsprobleme als Randwertprobleme aufgefaßt. Daher beschäftigte er sich auch intensiv mit der Herleitung von hinreichenden Kriterien für das Eintreten des Minimums gleich für das genannte reguläre nichtlineare Variationsproblem (1) im Sinne der dritten Jacobischen Bedingung. Sind die Eigenwerte des linearen Eigen wert- problems der zweiten Variation positiv bzw. größer als 1 beim sinngemäß verschobenen Problem im Sinne von H. A. Schwarz, dann bettet Lichten stein die Ausgangslösung in ein Feld von Extremalen ein und kann den Totalzuwachs des Extremal- integrals unter zulässigen Variationen aus einer Reihenentwicklung der zweiten Variation nach Eigenlösungen beurteilen. Er hat seine Methoden auch auf eindimensionale Variationsprobleme, insbesondere auf das isoperimetrische Problem übertragen. Wie E. Holder in seiner dem Andenken Lichtensteins gewidmeten Arbeit 1935: „Die Lichtensteinsche Methode für die Entwicklung der zweiten Variation, angewandt auf das Problem von Lagrange" bemerkt, plante Lichtenstein nach seinem wissenschaftlichen Nachlaß noch die Übertragung seiner Methode auf das zweidimensionale isoperimetrische Problem. In einem umfassenderen Zusammenhang sind die Lichtensteinschen Methoden in die Theorie von Morse eingegangen. Im Jahre 1919 wurde Lichtenstein zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt, und 1920 folgte er einem Ruf zum ordentlichen Professor für Mathematik an die Universität Münster. Er gründete 1918 die Mathematische Zeitschrift, deren Herausgeber er bis zu seinem Tode blieb. Da sich bald diese Zeitschrift zu den bedeutendsten deutschen Zeitschriften der Mathematik entwickelte, hat Lichtenstein durch diese brillante organisatorische Aktivität in einer so schwierigen Zeit der Mathematik einen bleibenden Dienst erwiesen. Noch höher sind die zwei Enzyklopädieartikel der Mathematischen Wissenschaften einzuschätzen: ,,Neuere Entwicklung der Potentialtheorie, Konforme Abbildungen" und ,,Theorie der partiellen Differentialgleichungen vom elliptischen Typus". Mit diesen ausgezeichneten Artikeln wurde Lichtenstein zum Mentor einer ganzen Forschergeneration für das Gebiet der partiellen Differentialgleichungen und die Potentialtheorie. Es gibt kaum einen Enzyklopädieartikel aus dieser Zeit von ähnlicher Ausstrahlungskraft. Natürlich ist dies nicht allein der gelungenen, alle wesentlichen Details erfassenden Darstellung zu danken, sondern auch dem Umstand, daß diese Monographie gerade zur rechten Zeit erschien, als man auf breiter Front begann, die tieferen Abschätzungsergebnisse der Potentialtheorie auf Existenzprobleme partieller Differentialgleichungen auszurichten. Durch den Tod von Karl Rohn 1920 wurde am Mathematischen Institut der Universität Leipzig eine Professur frei. Otto Holder setzte sich energisch für die Berufung von Lichtenstein aus Münster ein und fand nach anfänglicher Zurückhaltung die Zustimmung der Fakultät. So kam Lichtenstein 1922 als Ordinarius für Mathematik und Mitdirektor des Mathematischen Seminars an das Mathematische Institut der Universität Leipzig (vgl. auch Abb. 25). Seine Gattin Dr. phil. Stephanja Lichtenstein, mit der er seit 1908 verheiratet war, fand als Physiologin Anstellung an der Leipziger Universität. In seiner programmatischen Antrittsvorlesung, welche, bedeutend erweitert, 1923 unter dem Titel ,,Astronomie und Mathematik in ihrer Wechselwirkung" als Monographie erschien, entwickelte Lichtenstein, der inzwi-
210 Teil III sehen das Schwergewicht seiner Untersuchungen auf die Anwendung seiner früheren Arbeiten auf die Hydromechanik verlegt hatte, ein großes Forschungsprogramm, welches in den letzten 15 Jahren seines Lebens von ihm und seinen Schülern zum Teil verwirklicht werden konnte. Er äußert hierin mit Recht die Überzeugung, daß die theoretische Astronomie bzw. allgemeiner die Mechanik, die einen entscheidenden Faktor in der Entwicklung der Mathematik des 18. Jahrhunderts bildete, ihre Bedeutung als Quelle zur Befruchtung der mathematischen Forschung nicht eingebüßt hat. Das erste Kapitel dieser Monographie enthält einen Überblick über die Arbeiten zum Drei- und Vielkörperproblem im vergangenen Jahrhundert und wirft die Problema- s Abb. 25. Leon Lichtenstein während der Vorlesung tik der genauen Bahnbestimmung der Erde und des Mondes unter Berücksichtigung der Nutationen und sogenannten wahren Librationen des Mondes auf. Aurel Wint- ner hat nach 1925 sich dieser Problematik gewidmet und u. a. erstmals strenge Konvergenzbeweise zu den umfangreichen Hillschen Rechnungen für die Lösungen des restringierten Bewegungsproblems des Mondes gegeben. Die folgenden Kapitel handeln von der Gestalt der Himmelskörper und führen unmittelbar auf das Problem der Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten, welches für mehrere Jahre eine Hauptproblematik der Lichtensteinschen Forschungen bildete und für die er auch mehrere seiner Schüler wie Ernst Holder, Karl Maruhn, V. Garten und E. Kahler begeistern konnte. Bekanntlich ist für das Gleichgewicht einer etwa um die z-Achse mit der Winkelgeschwindigkeit co rotierenden Flüssigkeitsmasse T notwendig, daß das Gesamtpotential der Einheitskräfte U(x, y, z) auf dem Rand S von T
Leon Lichtenstein 211 konstant ist: U(x, y, z) = xV(x, y, z) + co2(x2 + y2) = const; (2) V(x, y, z) = Newtonsches Potential von T, x = Gravitationskonstante. Als Lösung von (2) fanden bereits Maclaurin Rotationsellipsoide, die sich stetig mit co ändern, und Jacobi später dreiachsige Ellipsoide in stetiger Abhängigkeit von co. Nach Poincare, der die Theorie rotierender Flüssigkeiten stark gefördert hat, muß die Winkelgeschwindigkeit der Beziehung co2 < 2nfx, f = Dichte der Flüssigkeit, (3) genügen, damit die Resultierende aus der Anziehungs- und der Zentrifugalkraft nach innen gerichtet ist bei verschwindendem Außendruck. Nach Lichtenstein ist (3) auch für beliebige konstante Außendrücke notwendig. Poincare hatte, auf mehr heuristische Schlußweisen gestützt, die Existenz von neuen Gleichgewichtsfiguren in Nachbarschaft der oben genanngen Flüssigkeitsellipsoide postuliert. Der russische Mathematiker Ljapounoff, der bereits 1884 auf Grund von umfangreichen Näherungsrechnungen zu ähnlichen Vermutungen gelangt war, konnte auf Grund der Diskussion einer Integrodifferentialgleichung 1903 eine Reihe derartiger Sätze streng begründen. Da die Theorie der linearen Integralgleichungen nicht benutzt wird, erweisen sich die fundamentalen Untersuchungen von Ljapounoff, die auch wichtige Stabilitätsbetrachtungen einschließen, leider als sehr schwer lesbar und unübersichtlich. Dies mag Lichtenstein bewogen haben, den genannten Problemkreis neu aufzugreifen. Er hat in einer ganzen Reihe von größeren Abhandlungen neue Existenz- und Stabilitätssätze für die Verzweigung homogener oder auch heterogener, rotierender Flüssigkeiten sowie für die Dynamik inkohärenter Medien aufgestellt. Unter den zahlreichen Lösungsbeispielen befindet sich der Nachweis von ringförmigen Gleichgewichtsfiguren mit oder ohne Zentralkörper, ferner flüssige Doppel- und Mehrfachsternsysteme. Die Untersuchung eines nichthomogenen Flüssigkeitskörpers führte ihn zur Existenz einer Gleichgewichtsfigur, die aus zwei Einzelmassen besteht, welche nur einen Punkt gemeinsam haben. Des weiteren konnte er im Rahmen dieser erweiterten Theorie eine strenge Begründung für die schon ältere auf Clatraut zurückgehende Theorie des Erdkörpers geben, wenn man annimmt, daß dieser aus konzentrischen Schichten verschiedener Dichte besteht. Lichtenstein veröffentlichte noch 1933 kurz vor seinem Tode die Monographie ,,Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten". Hierin faßt er in vereinfachter Form seine Arbeiten und die seiner Schüler einheitlich zusammen und behandelt darüber hinaus eine Reihe neuartiger Probleme. Es sei Tx eine Gleichgewichtsfigur in Nachbarschaft einer bekannten Figur T mit den Rändern S1:x1 = x0 + a£, yx = y0 + 6f, zx = z0 + c£, S2-ßo = 3o(f, V), Vo = Vo(£, y), Zo = z0(£ V)- f, 7] sind Gaußsche Koordinaten; a, &, c die Richtungscosinus der Flächennormalen v an S und f = C(|, rj) die Verschiebung längs dieser. Zur Bestimmung von Tx wird die Differenz der Gesamtpotentiale U1 — U = s nach Potenzen von f entwickelt. Lichtenstein erhält über eine Kette kunstvoller Rechnungen über das Komplexe hin-
212 Teil III weg die fundamentale Integrodifferentialgleichung des Problems: y£ + P- £' da' = s + R*k + ^- (a2 + &2) C2 Je 2* s - 2Rt?l£ - (a2 + &2) AC2 - — {F(2> + F<3) + ».,; (4) hierbei sind 7?2 = #02 + y02, X = —^ ; \p ist eine negative, nur von den Daten 2x von 8 abhängige Funktion. V<2\ F<3>,... sind die Entwicklungsglieder für das Newton- sche Potential und r = cos(i>, l), l = Lot vom Flächenpunkt (|, rj) auf die Rotationsachse. Der für die Lösbarkeit von (4) wesentliche lineare Teil, die homogene lineare Integralgleichung K+ r^C'Ar' = 0, (5) s geht durch die Substitution Z = f y~y; ]// in eine Integralgleichung mit symmetrischem Kern über. Neben zwei trivialen können weitere Nullösungen auftreten. Die Anwendung der von Lichtenstein weiterentwickelten Schmidtschen Lösungstheorie nichtlinearer Integralgleichungen auf (4) führt auf das bekannte Diskussionsproblem der Verzweigungsgleichungen. In allen Fällen, in denen dieses Diskussionsproblem zu durchsichtigen Ergebnissen führt, kann man offensichtlich Gleichgewichtslösungen T1 in Nachbarschaft von T nachweisen. Die soeben genannten Erweiterungen der nichtlinearen Integralgleichungen hat Lichtenstein 1931 in seiner wertvollen Monographie ,,Vorlesungen über einige Klassen nichtlinearer Integralgleichungen und Integro- Differentialgleichungen" zusammengefaßt, die die Forschungen vieler Mathematiker außerordentlich befruchtet hat. Besonders verdienstvoll erweist sich hierin die durchsichtige Darstellung des Diskussionsproblems der Verzweigungsgleichungen, illustriert an einer Vielzahl interessanter Anwendungen, wie dem Existenzbeweis für permanente Oberflächen wellen längs eines Kanals unendlicher Tiefe, ferner dem nichtlinearen Randwertproblem 3u Au = 0 über G a B*, — = ku\ (6) dn allgemeiner —■ = f(u), /(0) fg 0, f'(u) > 0, f(u) -> oo für u -> oo, in der Theorie dn der Wärmestrahlung — zuerst von Carlemann behandelt — und weiteren Beispielen aus den bereits genannten Problemkreisen der Lichtensteinschen Arbeiten. Wie in allen Lichtensteinschen Existenzbeweisen werden stets sukzessive Approximationen angewandt. Bekanntlich darf man nicht ungestraft sukzessive Approximationen mit Auswahlverfahren kombinieren, ein Versehen, das sich mehrfach in der mathematischen Literatur findet. Wie mir E. Holder erzählte, entdeckte Lichtenstein dieses Versehen in einer eigenen Untersuchung rechtzeitig. Seitdem habe er sich vorgenommen, nie wieder einen Auswahlsatz anzuwenden. C. Maxwell hat schon in Arbeiten zu einer Theorie der Ringe des Planeten Saturn ein dynamisches Modell betrachtet, welches aus einem Zentralkörper und einer endlichen Anzahl gleicher äquidistanter, punktförmiger Massen besteht, die längs eines
Leon Lichtenstein 213 Kreises um diesen angeordnet, dem Newtonschen Anziehungsgesetz unterworfen sind und rotieren. Lichtenstein verallgemeinert dieses Problem in einer Reihe interessanter Arbeiten und stellt u. a. eine strenge Theorie kleiner, aber endlicher periodischer Bewegungen in einem mit einer kontinuierlichen Teilchendichte belegten, um einen Zentralkörper rotierenden Ring, auch bei Anwesenheit eines Störkörpers, auf. Diese Probleme führen auf die Bestimmung von periodischen Lösungen eines Systems gewöhnlicher Integrodifferentialgleichungen. Hierbei ist es sehr interessant, wie es bei Vorliegen von drei linear unabhängigen Nullösungen Lichtenstein in enger Anlehnung an die physikalischen und geometrischen Gegebenheiten gelingt, das System der Verzweigungsgleichung erfolgreich zu diskutieren. Diese Methoden haben nichts an Aktualität eingebüßt trotz großer Fortschritte in den freilich mehr qualitativen statt quantitativen Verfahren zur Bifurkationstheorie. In drei großen Abhandlungen über Existenzprobleme der Hydrodynamik löste Lichtenstein erstmalig das Anfangswertproblem für die instationären Bewegungsgleichungen homogener und heterogener, inkompressibler, idealer Flüssigkeiten für ein hinreichend kleines Xeitintervall. Dabei kann sich die Flüssigkeit in einem abgeschlossenen deformierbaren Gefäß befinden, in dem hinreichend reguläre Körper eingetaucht sind, oder sie kann den Außenraum derartiger Gefäße ausfüllen. Weiterhin konnte Lichtenstein die Helmholtzschen und Kirchhoffschen Wirbelsätze über Wirbelfäden unendlich kleinen Querschnitts auf den physikalisch realisierbaren Fall geeignet gestalteten Querschnitts übertragen, indem er allgemein das instationäre Anfangswertproblem für die Bewegung der Flüssigkeit bei Vorgabe von geschlossenen, unendlich langen oder an Gefäßwänden endigenden Wirbeln endlichen Querschnitts T löste. Lichtenstein geht hier von der Lagrangeschen Form der Bewegungsgleichungen für x(t, a, b, c), y(t, a, b, c), z(t, a, b, c) und den Cauchyschen Relationen dx dx dx da cb de c dz dz Hc Co (?) für Wirbelkomponenten: 1 Idw u(x, y, z, t) dv\ _ 1 Idv du\ ~~ Hz~l " ' ~'~2 \~dx~ ~~ ~dyj ' dx dz , ..., W{X, V, Z,t) = dt - dt bei konservativen Kräften aus und setzt diese in die Darstellungsformeln bei Voraussetzung der Inkompressibilität 2n dz J r 2n dy J r T T 2n dy J r 2n dx J r (8)
214 Teil III ein. Die Integration nach der Zeit ergibt das System von Integrodifferentialgleichun- gen (9) für x(t, a, b, c), ..., z(t, a, b, c) t x = a + / dt) —ifdr'-i / — C'cZt'L ^ J \ 2n dz J r ^ 2n dy J r \* t0 ( T T ) Z = C + J ] 2n dy J r 2n dx J r \\ t0 { T T ) ) nach Einsetzen der Relation (7), welches für kleine Zeiten durch sukzessive Approximationen gelöst werden kann. Mit dem gleichen Ansatz gelangt Lichtenstein auch zur Lösung des Anfangswertproblems für instationäre Strömungen inkompressibler, idealer Flüssigkeiten. Bei nicht konstanter Dichte kann man den Druck nicht mehr eliminieren und gewissermaßen hinterher berechnen. Lichtenstein mußte daher seine berühmt gewordene elliptische, nichtlineare Differentialgleichung für den Druck in einer heterogenen Flüssigkeit herleiten: dx q dx dy q dy dz q dz dx dy dz _ j/M* + /iüY , /M1 - 2— — + 2^d— + 2 — d^\ (10) \\dxj \dyj \dz) dy dx dz dx dz dy\ An Stelle der Cauchyschen Formeln (7) treten im heterogenen Fall wie auch bei nicht mehr konservativen Kräften die analogen, aber wesentlich komplizierteren Formeln von Fbiedmann, in welche noch die ersten Ableitungen des Drucks und der Kraftkomponenten nach den Lagrangeschen Variablen auftreten. Diese Formeln an Stelle von (7), kombiniert mit (9) und der genannten Druckgleichung, ergeben schließlich einen vollständigen Satz von Funktionalgleichungen für die Lösung des instationären Anfangswertproblems für heterogene, inkompressible, ideale Strömungen. Wieder führen sukzessive Approximationen zum Ziel. Freilich gestaltet sich der Konvergenzbeweis sehr verwickelt wegen der sich notwendig machenden Umtrans- formationen. Diese Existenz- und Eindeutigkeitsbeweise für die genannten Flüssigkeitsströmungen in mehrfach zusammenhängenden Gebieten mit auch vorgebbar veränderlichen Grenzen stellen eine Meisterleistung dar; nur wer diese Arbeit durchstudiert hat, wird ermessen, welche Schwierigkeiten sich Lichtenstein während diesen Untersuchungen entgegenstellten. 1933, kurz vor Lichtensteins Tod, haben W. Wolibner und Ernst Holder unabhängig voneinander in der Mathematischen Zeitschrift 37 (1933) Beweise für die unbeschränkte zeitliche Fortsetzbarkeit der von Lichtenstein nur für ein kleines Zeitintervall konstruierten Lösungen des Anfangswertproblems einer stetigen, ebenen Bewegung einer inkompressiblen, homogenen Flüssigkeit veröffentlicht. Mit dieser knappen Charakterisierung der Lichtensteinschen Originalarbeiten ist der Umfang bei weitem noch nicht vollständig umrissen. Ich denke etwa an die Arbeiten im Jahre 1928 über einen Existenzbeweis für das Anfangswertproblem stationärer zäher Strömungen einer inkompressiblen Flüssigkeit bei hinreichend kleinen
Leon Lichtenstein 215 Geschwindigkeiten, in der Lichtenstein mit Hilfe der bereits genannten elliptischen Differentialgleichung für den Druck ein System von Integrodifferentialgleichungen gewinnt, welches seiner Standardmethode, sukzessive Approximationen, zugänglich wird. Dank der Arbeiten von J. Leray, R. Finn, 0. Ladyschenskaya und anderer hat man heutzutage bekanntlich auch für große Reynoldssche Zahlen weitreichende Existenzsätze. Ich denke weiter noch an die hübsche Arbeit von 1924, in der Lichtenstein die erste Randwertaufgabe der linearen Elastizitätstheorie auf die Lösbarkeit einer Fredholmschen Integralgleichung für die Divergenz des Deformationstensors zurückführen kann, und noch weiter an das bemerkenswerte auf der Integralgleichungstheorie basierende kombinatorische Verfahren zur Lösung von Randwertaufgaben linearer elliptischer Differentialgleichungen. Eine breite Grundlage für die mathematischen Forschungen in der Hydrodynamik schuf 1929 das Lehrbuch von Lichtenstein „Grundlagen der Hydrodynamik", das 1968 neu aufgelegt wurde. Das Buch enthält die in den genannten Arbeiten gewonnenen Lichtensteinschen Forschungsergebnisse zur Theorie der Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten, die Existenz- und Eindeutigkeitssätze für die Bewegung inkompressibler, inhomogener Flüssigkeiten und unter anderem eine originelle Einführung in die Hydrostatik durch Verwendung der Variationsrechnung. Das Buch schuf eine sichere Grundlage für eine strenge Mathematisierung wesentlicher Gebiete der Hydromechanik auf einem höheren mathematischen Niveau, als es bei der theoretisch physikalischen Behandlung aktueller hydrodynamischer Probleme üblich war und auch noch heute ist. Wenngleich die rasante Entwicklung der Strömungsmechanik rasch an dem Inhalt des Buches vorbeizog in Richtung auf die Theorie zäher Flüssigkeitsströmungen, der theoretischen Gasdynamik und der freien Strahlprobleme, so bildete es doch einen wichtigen Meilenstein in der geschichtlichen Entwicklung der theoretischen Hydrodynamik. Es nimmt nicht wunder, daß Lichtensteins Buch unterschiedliche Kritiken erfuhr, wie die sehr positive von N. J. Muschelisvili und die einschränkende Kritik von R. von Mises. Die Einführung moderner, strenger, mathematischer Lösungsmethoden in ein Anwendungsgebiet der Mathematik wie die Kontinuums- mechanik wird, selbst wenn diese konstruktiv sind, von der breiten Masse der auf diesem Gebiet mehr an aktuellen Problemen Arbeitenden gern übersehen oder mit äußerster Zurückhaltung zur Kenntnis genommen. Und doch müßte auf lange Sicht der Entwicklungsstrom der Kontinuumsmechanik oder der jedes anderen Zweiges der Naturwissenschaften versiegen, wenn er allein durch die vorhandene Mathematik und nicht auch durch deren Fortschritte gespeist würde. Lichtenstein hat in den elf Jahren seiner Leipziger Tätigkeit eine sehr erfolgreiche, sich beinahe auf alle mathematischen Disziplinen erstreckende Lehrtätigkeit entfaltet und erfreute sich bei den Studenten großer Beliebtheit. Er hat viele Schüler zur Mitarbeit anregen können, wie Ernst Holder, Karl Maruhn, Aurel Winter, Erich Kahler und V. Garten. Der unvergeßliche J. Schauder weilte 1931/32 in Leipzig anläßlich eines Studienaufenthaltes bei Lichtenstein. Leon Lichtenstein starb am 21. August 1933 auf einer kurzen Urlaubsreise in Zakopane an einem Herzversagen im Alter von 55 Jahren. Wie 0. Holder in seinem Nachruf sagte: ,,Überblicken wir die lange Reihe seiner Publikationen, ..., so erkennen wir, wie Lichtenstein zu immer schwierigeren und umfassenderen Problemen fortgeschritten ist. Wenn wir ihn nicht so früh verloren hätten, würde er uns noch viele schöne Arbeiten, vielleicht noch bedeutenderer Art geschenkt haben."
216 Teil III Lichtensteins früher Tod muß in ursächlichem Zusammenhang mit der Ende Januar 1933 erfolgten Errichtung des faschistischen Regimes in Deutschland gesehen werden, das untrüglich sein menschenverachtendes Geschrei gleich am Anfang seiner Machtergreifung auch gegen ihn erhob. Ernst Holder, ein treuer Schüler Lichtensteins, der auch in den 30iger Jahren ungeachtet persönlicher Nachteile bei jeder Gelegenheit auf die großen Verdienste seines Lehrers hinwies, hat die Lichtensteinsche Forschungstradition an unserer Universität aufrechterhalten und sie an seine Schüler weitergegeben. Literaturverzeichnis1) [1] Lichtenstein, L.: Grundlagen der Hydromechanik, Springer, Berlin 1929. [2] Lichtenstein, L.: Astronomie und Mathematik in ihrer Wechselwirkung, Verlag S. Hirzel, Leipzig 1923. [3] Lichtenstein, L.: Vorlesungen über einige Klassen nichtlinearer Integralgleichungen und Integro-Differentialgleichungen nebst Anwendungen, Berlin 1931, S. 1—42. [4] Lichtenstein, L.: Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten, Springer, Berlin 1933, S. 1-174. [5] Lichtenstein, L.: Über den analytischen Charakter der Lösungen regulärer zweidimensionaler Variationsprobleme, Bull. Acad. Sc. Cracovie (1912), 915—941. [6] Lichtenstein, L.: Über eine Integro-Differentialgleichung und die Entwicklung willkürlicher Funktionen, Math. Abh. Hermann Amandus Schwarz, Springer, Berlin 1914, S. 274-285. [7] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten, deren Teilchen einander nach dem Newtonschen Gesetze anziehen, Math. Z. 1 (1918), 229-284; 3 (1919), 172-174; 7 (1920), 126-231. [8] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten, deren Teilchen einander nach dem Newtonschen Gesetze anziehen. 3. Abh.: Nichthomogene Flüssigkeiten, Figur der Erde, Math. Z. 36 (1933), 481-562. [9] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gestalt der Himmelskörper. 1. Abh.: Die Laplacesche Theorie des Erdmondes, Math. Z. 10 (1921), 130-159. [10] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gestalt der Himmelskörper. 2. Abh.: Eine aus zwei getrennten Massen bestehende Gleichgewichtsfigur rotierender Flüssigkeit, Math. Z. 12 (1922), 201-218. [11] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gestalt der Himmelskörper. 3. Abh.: Ringförmige Gleichgewichtsfiguren ohne Zentralkörper, Math. Z. 13 (1922), 82—118. [12] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gestalt der Himmelskörper. 4. Abh.: Zur Maxwellschen Theorie der Saturnringe, Math. Z. 17 (1923), 62—110. [13] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gestalt der Himmelskörper. 5. Abh.: Neue Beiträge zur Maxwellschen Theorie der Saturnringe, Festschrift für V. Seeliger, Berlin 1924, S. 200-227. [14] Lichtenstein, L.: Untersuchungen über die Gestalt der Himmelskörper. 6. Abh.: Weitere Beiträge zur Maxwellschen Theorie der Saturnringe, Ann. Scuola. Norm. Pisa (2) 1 (1932), 173-213. [15] Lichtenstein, L.: Über einige Existenzprobleme der Hydrodynamik. Abh. 3.: Permanente Bewegungen einer homogenen inkompressiblen zähen Flüssigkeit, Math. Z. 28 (1928), 387-415. 1) In diesem Literaturverzeichnis sind nur diejenigen Arbeiten Lichtensteins angegeben, auf welche im Text eingegangen wird.
Leon Lichtenstein 217 [16] Lichtenstein, L.: Über die erste Randwertaufgabe der Elastizitätstheorie, Math. Z. 20 (1924), 21-28. [17] Lichtenstein, L.: Neue Beiträge zur Theorie der linearen partiellen Differentialgleichungen zweiter Ordnung vom elliptischen Typus, Math. Z. 20 (1924), 194—212. [18] Lichtenstein, L.: Über einige Existenzprobleme der Hydrodynamik homogener, unzu- sammendrückbarer, reibungsloser Flüssigkeiten und die Helmholtzschen Wirbelsätze, Math. Z. 23 (1925), 89-154. [19] Lichtenstein, L.: Über einige Existenzprobleme der Hydrodynamik. 2. Abh.: Nichthomogene, unzusammendrückbare, reibungslose Flüssigkeiten, Math. Z. 26 (1927), 196 bis 323. [20] Ljapounoff, A.: Sur un probleme de Tschebycheff, Mem. Acad. Sei. Petersbourg 17, Nr. 3(1905), 1-31. [21] Ljapounoff, A.: Sur les figures d'equilibre peu differentes des ellipsoides d'une masse liquide homogene dou£e d'un mouvement de rotation, Mem. Acad. Sei. Petersbourg (1906), 1-225. [22] Holder, E.: Die Lichtensteinsche Methode für die Entwicklung der zweiten Variation, angewandt auf das Problem von Lagrange, Prace mat.-fiz. 43 (1936), 307 — 346. [23] Wintner, A.: Über die Existenz der Hillschen Mondbahn of maximum lunation und der Poincareschen Schlingbahnen, Math. Z. 28 (1928), 430-450.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig1* Günther Eisenreich (Leipzig) Bartel Leendert van der Waerden (geb. 1903) Als es nach der Emeritierung von Otto Holder im Jahre 1928 notwendig wurde, den vakanten Lehrstuhl neu zu besetzen, war das keine leichte Aufgabe, ging es doch nicht nur darum, einen würdigen Nachfolger Hölders zu finden, sondern zugleich darum, die von ihm vertretene geometrisch-algebraische Forschungsrichtung fortzusetzen. Blaschke und Tietze, die zunächst in Aussicht genommen waren, lehnten ab; ein zweiter Berufungsvorschlag mit Artin und Radon war gleichfalls erfolglos. Da entschloß sich im Mai 1930 die Kommission zur Wiederbesetzung der ordentlichen Professur für Mathematik, der neben dem Dekan die Professoren 0. Holder, Le Blanc, Bauschinger, Lichtenstein, Weidemann und Koebe angehörten, keinen Deutschen, sondern — und zwar als einzigen — den jungen niederländischen Mathematiker Bartel Leendert van der Waerden vorzuschlagen. Van der Waerden, geb. am 2. Februar 1903 in Amsterdam, hatte nach einem Mathematikstudium an den Universitäten Amsterdam und Göttingen von 1919 bis 1925 am 24. 3. 1926 an der Amsterdamer Universität als Schüler von de Vries mit der Arbeit „De algebraiese grondslagen der meetkunde van het aantal" zum Dr. phil. promoviert und sich am 26. 2. 1927 in Göttingen habilitiert, war 1926/27 an der Universität Hamburg, 1927/28 Assistent und Privatdozent an der Universität Göttingen, erhielt Anfang 1928 einen Ruf nach Rostock und wurde am 6. Mai 1928 als Ordinarius nach Groningen berufen. In ihrem Berufungsantrag hebt die Kommission die große Anzahl sehr wertvoller Arbeiten auf dem Gebiet der Algebra, der algebraischen Geometrie, Zahlentheorie und Topologie hervor. Sie schreibt weiter wörtlich: „Ein zentrales Problem der Algebra und der algebraischen Geometrie, die Theorie der Elimination ist es vor allem, dem die Bemühungen van der Waerdens gelten. Mit dem Problem der Elimination, mit dem aufs innigste die Begründung der abzählenden Geometrie zusammenhängt, haben sich die Algebraiker seit 200 Jahren intensiv beschäftigt, ohne dass es gelang, zu vollkommen befriedigenden, abschliessenden x) Bei der Abfassung dieses Artikels konnten einige Angaben aus dem Archiv der Karl-Marx- Universität herangezogen werden.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 219 Ergebnissen zu kommen. Wie unangenehm die hier noch vorhandenen Lücken empfunden wurden, erhellt unter anderem daraus, daß Hilbert in seinem berühmten Vortrag »Mathematische Probleme' (1900) unter den Aufgaben, deren Lösung ihm als dringend erwünscht erschien, die Begründung der abzählenden Geometrie nennt. Unter Zuhilfenahme funktionen-, zahlen- und mengentheoretischer Methoden sind zwar seit 1900 auf dem in Betracht kommenden Gebiete durch Hensel und Landsberg, Steinitz und namentlich E. Noether wichtige Einzelfortschritte gemacht worden, doch blieben die wesentlichen Aufgaben im ganzen noch ungelöst. In einer Reihe von Abhandlungen, die zumeist in den Mathematischen Annalen erschienen sind, gelang es nun van der Waerden, gestützt auf die Resultate seiner Vorgänger, unter Verwendung neuer geistreicher Hilfsmittel sowohl algebraischer als auch mehr topologischer Natur den Problemen eine neue Wendung zu geben und entscheidende Fortschritte zu erzielen. Es ist zu erwarten, dass namentlich die abzählende Geometrie, deren Ergebnissen man bis jetzt mit nicht unberechtigter Skepsis gegenüberstand, von den Methoden und Resultaten von van der Waerden den grössten Nutzen ziehen wird. Neben der Theorie der Elimination und im Zusammenhang mit dieser beschäftigte sich van der Waerden mit grossem Erfolg in mehreren Abhandlungen mit der Idealtheorie sowohl im engeren, zahlentheoretischen Sinne, als auch mit der Idealtheorie der Po'ynome, mit der Invariantentheorie sowohl in der Algebra als auch in der Riemannschen Geometrie, mit speziellen topologischen Fragen mehrdimensionaler Mannigfaltigkeiten, in einigen kleineren Arbeiten schliesslich mit Problemen der Theorie algebraischer Zahlkörper und der Mengenlehre. Van der Waerden ist ein sehr starkes, vorwiegend algebraisch und algebraisch- geometrisch orientiertes Talent voll von jugendlichem Schwung und voll Frische. Schon jetzt zählt er zu den bedeutenden Mathematikern dieser Richtung in der jungen Generation, und es wird zweifellos manches heute noch ungelöste Problem durch ihn der Lösung zugeführt werden. Es mag in diesem Zusammenhang noch einmal darauf hingewiesen werden, dass gerade die Algebra und Geometrie, insbesondere ihre mehr algebraisch gefärbten Kapitel, es sind, die früher in Leipzig durch Holder, Rohn und Herglotz mit Erfolg gepflegt wurden; eine Tradition, deren Fortführung durch van der Waerden als besonders willkommen bezeichnet werden müsste. Van der Waerden, der die deutsche Sprache in vollendeter Weise beherrscht, ist auch ein vorzüglicher Lehrer." Mit Wirkung vom 1. Mai 1931 wurde van der Waerden zum ordentlichen Professor der Mathematik an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig ernannt und vom gleichen Zeitpunkt an zum Mitdirektor des Mathematischen Seminars und des Mathematischen Instituts bestellt. Am 27. Juni 1931 — mittags 12 Uhr — hielt er in der Aula seine Antrittsvorlesung über „Die Gruppentheorie als ordnendes Prinzip". Van der Waerden hat an der Leipziger Universität, an der er bis 1945 gewirkt hat, zahlreiche Vorlesungen auf den verschiedensten mathematischen Gebieten gehalten, nicht nur über Algebra einschließlich Galoisscher Theorie, algebraische Kurven und Funktionen, Gruppentheorie mit Anwendungen in der Quantenmechanik; über Zahlentheorie, Topologie, Geometrie (analytische, projektive, darstellende, nichteuklidische) und über Differential- und Integralrechnung und Vektoranalysis,
220 Teil III sondern auch über mathematische Physik, Wahrscheinlichkeitsrechnung und mathematische Statistik (auch für Mediziner und Biologen), Geschichte der Mathematik sowie über numerische und graphische Methoden. (Vgl. Abb. 26.) Viele der wissenschaftlichen Arbeiten van der Waerdens stammen aus der Leipziger Zeit.1) Er hatte in Göttingen bei Emmy Noether Algebra gehört und war daher in scharfem begrifflichem algebraischem Denken geschult; in seinem warmherzigen C • l ' > v Abb. 26. B. L. van der Waerden während der Vorlesung Nachruf [52] auf Emmy Noether würdigt er ihre Bedeutung für die Herausbildung der modernen abstrakten Algebra. Was nimmt es daher wunder, daß er, der sich in besonderem Maße für die algebraische Geometrie interessierte, sich daran machte, die algebraische Geometrie in ihren algebraischen Grundlagen neu zu durchdenken. Namentlich die italienische Schule hatte in Anschluß an Max Noether ein bewundernswürdiges Gebäude der algebraischen Geometrie errichtet, in seinen logischen Grundlagen stand es aber auf tönernen Füßen, und viele grundlegende Begriffe bereits waren nur unscharf definiert.2) (Man erinnere sich daran, daß es zu Zeiten x) Auf die späteren der über 250 Veröffentlichungen van der Waerdens können wir hier nur hinweisen. 2) Einen guten Eindruck von einigen Hauptlinien der Entwicklung der algebraischen Geometrie und von dem Beitrag van der Waerdens hierzu gibt sein Vortrag „The foundation of algebraic geometry from Severi to Andre Weil", Arch. Hist. Exact Sei. 7 (1970/71), 171 —180. Außerdem ist in dieser Hinsicht die Lsktüre der Arbeit „The foundation of algebraic geometry", Rendiconti Semin. mat. fis. Milano 39 (1969), 3 — 11, zu empfehlen.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 221 Eulers ähnlich beispielsweise mit dem Begriff der unendlichen Reihe aussah; auch hier wurden die Klassiker in der Regel nur durch ihren mathematischen Instinkt davor bewahrt, falsche Resultate zu erzielen; eine systematische Untersuchung war aber erst mit der Schaffung eines sauberen Konvergenzbegriffs möglich.) Mit seinen Veröffentlichungen zur algebraischen Geometrie, in denen er herausarbeitet, daß zahlreiche Begriffsbildungen der Geometrie ihrem eigentlichen Wesen nach algebraisch sind und nur mit algebraischen Methoden scharf erfaßt werden können, hat van der Waerden deren Entwicklung maßgeblich mitbestimmt und die Notwendigkeit einer strengen Begründung bewußt gemacht. Während Kronecker durch sukzessive Elimination alle Lösungen eines Systems algebraischer Gleichungen zu gewinnen lehrt und auf diese Weise dartun kann, daß jede algebraische Mannigfaltigkeit im w-dimensionalen Raum Vereinigung irreduzibler Mannigfaltigkeiten ist, zeigt van der Waerden in der Arbeit [5], wie man dasselbe Ziel einfacher ohne Eliminationstheorie erreichen kann, indem man sich auf die Körper- und Idealtheorie stützt. Die Menge der Polynome in n Unbestimmten die verschwinden, wenn man die Koordinaten eines beliebigen Punktes unserer algebraischen Mannigfaltigkeit einsetzt, bildet ein Ideal im Polynomring R über dem betreffenden Grundkörper (etwa (C), und zwar ein Primideal p, wenn es sich um eine irreduzible Mannigfaltigkeit handelt, und umgekehrt definiert jedes Primideal in R eine irreduzible Mannigfaltigkeit. Bezeichnet man mit £lf ..., £n die kanonischen Bilder von xl9 ...,#„ im Restklassenring R/p, so können wir £lf ..., |n als algebraische Funktionen einer gewissen Anzahl unabhängiger Elemente hiervon auffassen und gelangen auf diese Weise zu einer Parameterdarstellung unserer Mannigfaltigkeit. Der Primärzerlegung eines Nichtprimideals entspricht die Darstellung einer algebraischen Mannigfaltigkeit als Vereinigung endlich vieler irreduzibler, und die Dimension einer Mannigfaltigkeit ist gleich der Dimension des entsprechenden Ideals, d. h. dem Maximum der Dimensionen der zugehörigen Primideale, wobei die Dimension eines Primideals etwa durch die maximale Länge einer aufsteigenden Primidealkette gegeben wird (Krulldimension). Auf diese Weise gelang es van der Waerden zugleich, den von den italienischen Geometern so gern gebrauchten Begriff des allgemeinen Punktes (punto generico) auf einer algebraischen Mannigfaltigkeit sauber algebraisch zu fassen. Das sollte ein Punkt sein, der — grob gesprochen — keine Eigenschaften besitzt, die nicht jedem Punkt zukommen, so daß man nur den allgemeinen Punkt zu betrachten brauchte, wenn man sich für irgendwelche Eigenschaften der betreffenden Mannigfaltigkeit interessiert. So einen Punkt konnte es natürlich strenggenommen nicht auf der Mannigfaltigkeit geben, denn jeder spezielle Punkt auf der Mannigfaltigkeit hat eine bestimmte Lage, es gibt durch ihn gegebenenfalls eine bestimmte Tangentialebene und dergleichen mehr. Da es sich aber um algebraische Geometrie handelt, sind in Wahrheit nur die algebraischen Eigenschaften von Belang; in diesem Sinne heißt also ein Punkt allgemein, wenn jedes System algebraischer Gleichungen, das für den allgemeinen Punkt erfüllt wird, auch für einen beliebigen Punkt der Mannigfaltigkeit gilt. Es ist hier in gewissem Sinne ähnlich wie mit dem Begriff der allgemeinen Lage eines Systems von Punkten im w-dimensionalen euklidischen Raum. Hier verlangt man, daß für m fg n keine m + 1 Punkte einer linearen Teilmannigfaltigkeit der Dimension < m angehören, und das heißt gerade, die Punkte sollen allgemein in bezug auf lineare Relationen (affine Abhängigkeit) sein.
222 Teil III Mit den obigen Bezeichnungen ist nun in der Tat der Punkt mit den Koordinaten (fi>--->ln) allgemeiner Punkt unserer Mannigfaltigkeit. (Natürlich erfordert das vorher eine entsprechende allgemeinere Fassung des Punktbegriffs; man darf nicht mehr verlangen, daß die Koordinaten eines Punktes dem Grundkörper angehören.) In mehr geometrischer Auffassung können wir also auch sagen, daß ein Punkt dadurch zum allgemeinen Punkt wird, daß wir ihn von so vielen allgemeinen (unbestimmten) Parametern abhängig ansehen, wie die Dimension der Mannigfaltigkeit angibt. Ein weiterer kritikwürdiger Begriff der alten algebraischen Geometrie war der der Vielfachheit oder Multiplizität y beispielsweise von Punkten, die etwa einem Punkt in einer algebraischen Korrespondenz entsprechen, oder von Schnittpunkten algebraischer Mannigfaltigkeiten und damit in Zusammenhang das auf H. Schubert zurückgehende Prinzip der Erhaltung der Anzahl. Die strenge Begründung des Schu- bertschen Abzählungskalküls hatte schon Hilbert in seinem 15. Problem gefordert. Zu diesem Zweck definiert van der Waerden in [8], gestützt auf Sätze über homogene Gleichungssysteme [6], den Begriff der Multiplizität für Normalprobleme, d. h. für geometrische Probleme, deren Lösung auf die Lösung eines homogenen Gleichungssystems zurückgeführt werden kann. Die Gleichungen sollen nur endlich viele Lösungen besitzen. Hätte man wie im Fall des Körpers der komplexen Zahlen einen Limesbegriff zur Hand, so könnte man zeigen, daß bei einem Grenzübergang der eingehenden Parameter die Lösungen X& in Lösungen Y<?) übergehen, wobei als Multiplizität einer Lösung Y(*> die Anzahl der Lösungen X& zu nehmen ist, die Y^ als Limes haben; völlig neu auftretende Lösungen wären also mit der Vielfachheit Null zu zählen. Dann gilt offenbar das Prinzip der Erhaltung der Anzahl: Die Anzahl der Lösungen, jeweils genommen mit ihrer Vielfachheit, bleibt konstant. Im allgemeinen Fall, in dem kein Limesbegriff zur Verfügung steht, setzt van der Waerden an dessen Stelle den Begriff der relationstreuen Spezialisierung: Man betrachtet zunächst das Gleichungssystem mit unbestimmten Parametern und verlangt, daß alle homogenen algebraischen Relationen zwischen den Lösungen X^ und den Parametern bei der Ersetzung der X({) durch die Lösungen YM des spezialisierten Problems und den Spezialisierungen der Parameter erhalten bleiben. Es gibt im wesentlichen nur eine relationstreue Spezialisierung. In [46] wird später gezeigt, daß diese Aussage auch dann gilt, wenn die Koordinaten |j nicht algebraisch unabhängig sind (was dem Fall des ganzen affinen oder projektiven Raums entspricht), sondern die Koordinaten eines einfachen Punktes einer algebraischen Mannigfaltigkeit bilden. Wichtig ist aber die Feststellung, daß der Begriff der Multiplizität nur Sinn in bezug auf eine Parameterspezialisierung aus einem allgemeinen Problem hat. In relativ einfacher Weise kann man beispielsweise die Multiplizität der Schnittpunkte von n Hyperflächen von den Graden m,- im w-dimensionalen projektiven Raum ]Pn einführen. Man muß dazu die sogenannte u-Resultante der die Hyperflächen definierenden Formen bilden, d. h. die Resultante der n + 1 Formen, die man erhält, wenn man noch eine allgemeine Linearform JJ ukxk (uk Unbestimmte) hinzunimmt; diese hat den Grad fj nij in den ux. Die Exponenten in der Faktorzerlegung der u- Resultante in einem passenden Erweiterungskörper sind dann die gewünschten Multiplizitäten, und man erhält hierfür (natürlich unter der Voraussetzung, daß es nur endlich viele Schnittpunkte gibt) den (speziellen) Bezoutschen Satz: Die Anzahl der Schnittpunkte, genommen mit ihrer Vielfachheit, ist gleich dem Produkt der Gradzahlen der betreffenden Hyperflächen.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 223 Allgemeiner versteht man unter „Bezoutscher Satz" die Aussage, daß im n-dimen- sionalen projektiven Raum die Summe der Multiplizitäten der Schnittpunkte einer r-dimensionalen und einer (n — r)-dimensionalen algebraischen Mannigfaltigkeit gleich dem Produkt der Ordnungen dieser Mannigfaltigkeiten ist. Dabei kann man die Ordnung einer r-dimensionalen Mannigfaltigkeit Mr geometrisch als Anzahl der Schnittpunkte definieren, die Mr mit einem (etwa durch r lineare Gleichungen mit Unbestimmten als Koeffizienten gegebenen) allgemeinen (n — r)-dimensionalen linearen Raum hat, oder algebraisch durch den Koeffizienten h0 = h0(a) in der Darstellung der Hilbertschen charakteristischen Funktion des Mr beschreibenden Radikalideals a H(t,a) = h0lt\ +h(t_ \ + ••• +hr. (*) Das wird unter anderem von van der Waerden in [16] gezeigt, und zwar mit gegenüber Lasker moderneren Methoden ohne Syzygientheorie und ohne Eliminationstheorie ; er behandelt dort sogar gleich den Fall von Mannigfaltigkeiten in mehrfach (etwa zweifach) projektiven Räumen, in denen an die Stelle von (*) eine Doppelsumme X(°> <*'> <*) = 27 ««/ mit Koeffizienten a%) für die analog gebildete charakteristische Funktion tritt, von denen für die sogenannten Grade, d. h. die a^ mit i + j = Dimension d der Mannigfaltigkeit, ähnliche Aussagen wie für unser obiges h0 gelten. Für ein beliebiges Ideal a ist danach insbesondere Ao(a) = 27V<?)-*o(P)> P wobei die Summation über alle zu a gehörigen höchstdimensionalen Primideale p erfolgt, q das jeweils zu p in der Primärzerlegung von a gehörige Primärideal und l^(q) seine idealtheoretische Multiplizität oder Länge, d. h. die Länge einer Kompositionsreihe zwischen q und p, bedeutet. Damit nun der Bezoutsche Satz einen Sinn hat, benötigt man natürlich eine geeignete Multiplizitätsdefinition, an der es in der älteren algebraischen Geometrie mangelte. Von Hensel und Landsberg stammt eine funktionentheoretische Fassung des Multiplizitätsbegriffs; sie definieren nämlich die Multiplizität durch die Ordnung des Verschwindens eines gewissen Divisors auf der zu der einen Mannigfaltigkeit gehörigen Riemannschen Fläche. Abgesehen davon, daß diese Definition zunächst auf den Körper (C der komplexen Zahlen zugeschnitten ist (eine Verallgemeinerung auf beliebige Körper ist mit der arithmetischen Theorie von Dedekind-Weber möglich), funktioniert sie natürlich nur — und das wiegt schwerer — in dem Fall, daß die Dimension r der einen Mannigfaltigkeit gleich 1 ist, denn im Fall der Funktionentheorie mehrerer Variabler läßt sich nun mal keine sinnvolle Verschwindungsordnung erklären. x) Wir haben hier die originale Bezeichnungsweise gewählt, in der die Zählung gerade in umgekehrter Richtung gegenüber (*) erfolgt.
224 Teil III Der Vorschlag von Lasker, für die Multiplizität die Ideallänge zu nehmen, führt zwar in dem Fall zum Ziel, daß es sich um den Schnitt einer irreduziblen Mannigfaltigkeit mit einer Hyperfläche handelt (vgl. [16]1)), gilt aber sonst nicht allgemein [17]. Wie neuere Untersuchungen ergeben haben, hängt das Versagen dieser Multiplizi- tätsdefinition wesentlich damit zusammen, daß die definierenden Ideale unserer Mannigfaltigkeiten nicht notwendig in den Schnittpunkten lokal perfekt sind; eine Hyperfläche wird jedoch durch eine algebraische Gleichung beschrieben, zu ihr gehört also ein Hauptideal, das (als Hauptklassenideal) automatisch perfekt ist, und ein eindimensionales Primideal (oder allgemeiner ein eindimensionales ungemischtes Ideal) ist gleichfalls perfekt. In dem Versagen des idealtheoretischen Multiplizitätsbegriffs ist wesentlich der Grund zu suchen, daß sich van der Waerden in [17] und den späteren Arbeiten von der ideal theoretischen Auffassung der Multiplizität gelöst hat und sich im allgemeinen auf seine Spezialisierungsmultiplizität bezieht, in der Severischen Sprechweise also keinen statischen, sondern — wie insbesondere auch A. Weil und Serre — einen dynamischen Multiplizitätsbegriff wählt.2) Um nun den Bezoutschen Satz für den Fall des Schnitts einer r-dimensionalen und einer (n — r)-dimensionalen Mannigfaltigkeit im ]PM zu erhalten [17], transformiert van der Waerden die eine Mannigfaltigkeit durch eine ausgeartete lineare Transformation mittels einer möglichst allgemeinen Matrix vom Rang n — r + 1 in eine Mannigfaltigkeit, die in so viele lineare Räume zerfällt, wie ihr Grad beträgt. Ein wesentlich vereinfachter Beweis hierfür unter Vermeidung der Idealtheorie wird später in [71] gegeben. Wenn als Grundkörper der Körper der komplexen Zahlen dient, bietet es sich an, statt des algebraisch definierten Multiplizitätsbegriffs den topologischen Schnittindex zu verwenden; es zeigt sich nicht nur, daß man hierfür dasselbe erhält [23], sondern man kann die topologische Methode z. B. auch dann einsetzen, wenn man es nicht mit Gebilden zu tun hat, die wie der projektive Raum eine transitive Gruppe von Transformationen in sich gestatten. Der Beweis der hierfür benötigten Tatsache, daß eine irreduzible algebraische Mannigfaltigkeit im Komplexen einen rein 2r-dimensionalen Komplex bildet, wird in [41] nachgetragen. Mit der Reihe seiner Arbeiten ,,Zur algebraischen Geometrie" (ZAG) nimmt van der Waerden eine systematische strenge Neubegründung der algebraischen Geometrie vor, verbunden mit der Anwendung der neuen algebraischen Methoden auf konkrete Probleme. Während er den Schnitt einer algebraischen Mannigfaltigkeit beliebiger Dimension mit einer Hyperfläche in [16] unter Heranziehung der Hilbert- funktion und von Kompositionsreihen von Idealen behandelt hatte, geht er hier in x) Hier braucht also nicht einmal vorausgesetzt zu werden, daß die Dimensionen komplementär sind, ihre Summe also gleich der Dimension des Gesamtraumes ist. Idealtheoretisch bedeutet das gerade die Aussage h0(a + (F)) = h0(a) ■ h0((F)) (a Primideal [oder Primärideal], F zu a prime Form). 2) Das Problem eines statischen Multiplizitätsbegriffs in Zusammenhang mit dem Bezoutschen Satz ist inzwischen vor allem durch die Arbeiten von Budach,. Gröbner, Herrmann, Keller, Renschuch, Serre, Stückrad und Vogel weitgehend abgeklärt worden.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 225 [39] mit minimalem idealtheoretischem Aufwand vor und führt das Problem durch Hinzunahme weiterer allgemeiner linearer Gleichungen auf die Bestimmung der Schnittpunktzahl mittels der Methode der relationstreuen Spezialisierung zurück. (Ein in [39] nicht ausgeführter Beweis für das Primbleiben eines Primideals bei Adjunktion von Unbestimmten wird in [571 nachgetragen.) Es ergibt sich so, daß eine r-dimensionale Mannigfaltigkeit l-ten Grades in ]Pn mit r allgemeinen Hyper- flachen Fx = 0, ..., Fr = 0 der Grade mu ..., mr endlich viele Schnittpunkte besitzt, deren Anzahl gleich dem Produkt der Gradzahlen lm1 ••• mr ist. Daraus folgt, daß eine irreduzible Mannigfaltigkeit Mr vom Grade l von s Hyperflachen der Grade mlf ..., m8 in einer Mannigfaltigkeit MT_8 geschnitten wird, deren h irreduzible Bestandteile Gradzahlen gf und Multiplizitäten //,- haben mit Mi + — + Vh9h = lmx ••• m8, es sei denn, die Dimensionszahl des Schnitts ist größer als r — s. Das Ergebnis läßt sich auf Schnitte von Mannigfaltigkeiten in mehrfach projektiven Räumen verallgemeinern. Auf diese Weise kann man die Gradzahl der Mannigfaltigkeit bestimmen, die durch Nullsetzen der s-reihigen Unterdeterminanten einer r X s-reihigen Matrix definiert wird, deren Elemente Formen Jc-ten Grades in x0, ..., xn sind. Gestützt auf [39], wird in der zweiten Arbeit dieser Reihe [40] die bekannte Aussage, daß auf einer kubischen Fläche im allgemeinen 27 Geraden liegen, auf einer quadratischen Fläche ool, auf einer allgemeinen Fläche höheren Grades dagegen keine, auf allgemeine algebraische Hyperflächen m-ten Grades des ]Pn verallgemeinert: Fürm fg 2n — 3 gibt es hierauf oo(2n_3)~m Geraden, für m > 2n — 3 keine und für m = 2n — 3 endlich viele. Alle diese sind windschief, kein Tripel liegt in einem ]P3, kein Quadrupel hat eine gemeinsame Transversale usw. Zur Bestimmung dieser Anzahl geht van der Waerden von 2n — 2 homogenen Gleichungen in zwei Raihen von n + 1 Unbekannten aus, den Koordinaten von je zwei Punkten, die die gesuchte Gerade festlegen, und wendet eine Ausschließungsmethode ähnlich [15] an, um jede Gerade nur einmal zu zählen und ,,falsche" Lösungen auszusondern. Nach [5] konnte man über die Koordinaten des allgemeinen Punktes zu einer Parameterdarstellung einer irreduziblen algebraischen Mannigfaltigkeit gelangen. Diese ist jedoch nur für die Werte der Unbestimmten erklärt, für die ein gewisses Nennerpolynom V(£lf ..., I„) nicht verschwindet. Daher wird in ZAG III [41] gezeigt, wie man durch eine Art Normbildung eine irreduzible Mannigfaltigkeit auf Grund einer vorgegebenen Parameterdarstellung konstruieren kann. Hieraus ergibt sich ein Beweis eines Satzes von J. F. Ritt: Verschwindet das Polynom g(xly ..., xn) € C[#i,..., xn] nicht in allen Punkten der irreduziblen Mannigfaltigkeit M, so sind alle Punkte von M mit g = 0 Limespunkte von Punkten von M mit g 4= 0; man kann also im funktionentheoretischen Fall aus den Punkten, für die die Parameterdarstellung erklärt ist, durch Limesbildung zu allen Punkten der Mannigfaltigkeit gelangen. Aus diesem Satz folgt in Verallgemeinerung einer aus der Funktionentheorie für Riemannsche Flächen bekannten Tatsache, daß eine irreduzible Mannigfaltigkeit in der üblichen Topologie des (Cn zusammenhängend ist. Da sich die Berechnung der Anzahl der gemeinsamen Punkte zweier beliebiger Teilmannigfaltigkeiten einer singularitätenfreien algebraischen Mannigfaltigkeit M auf die Bestimmung der Homologiegruppen von M als topologische Mannigfaltigkeit zurückführen läßt [23], werden diese in ZAG IV [43] für reguläre Quadriken M
226 Teil III des projektiven Raumes berechnet; wenn M die Mannigfaltigkeit der Geraden des dreidimensionalen Raums ist, ergeben sich auf diese Weise die Halphenschen Formeln für die Anzahlen der gemeinsamen Strahlen zweier Strahlensysteme. Mit einer Verallgemeinerung der dabei verwendeten Projektionsmethode, wie sie O.-H. Keller durchgeführt hat, ist auch die Berechnung der Homologiegruppen der singularitätenbehafteten Quadriken möglich. Gestützt auf die Schnittpunktmultiplizitätsdefinition in [39], werden in ZAG V [45] Aussagen über Einfachheit von Schnittpunkten bewiesen. So haben z. B., wenn man eine irreduzible d-dimensionale Mannigfaltigkeit des TPn mit d Hyperflächen schneidet, die je eine lineare Schar durchlaufen, für unbestimmte Scharparameter diejenigen Schnittpunkte, die nicht Basispunkte einer der linearen Scharen sind, stets die Multiplizität 1. Es genügt dazu zu zeigen, daß für unbestimmte Büschelparameter diejenigen Schnittpunkte eines Hyperflächenbüschels mit einer irreduziblen Kurve, die nicht Basispunkte des Büschels sind, stets einfach sind. Die zum Beweis von den Italienern angewendete differentialgeometrische Überlegung, daß die allgemeine Hyperflache des Büschels die Kurve nicht berühren kann, muß hierzu durch eine Überlegung mit der Spezialisierungsmultiplizität ersetzt werden. Als Folgerung erhält man insbesondere eine Verallgemeinerung eines Satzes von Bertini durch Enriques : Eine allgemeine Hyperfläche eines Büschels schneidet aus einer algebraischen Fläche eine Kurve aus, die außerhalb der Basispunkte des Büschels und außerhalb der Doppelpunkte der Fläche keine mehrfachen Punkte besitzt. (Ein in diesem Zusammenhang notwendiger Beweis wird in [57] genauer ausgeführt.) Die Multiplizitätsdefinition wird in ZAG VI [46] auf den Fall algebraischer Korrespondenzen angewendet. Eine derartige Korrespondenz wird durch eine algebraische Mannigfaltigkeit von Punktepaaren zweier affiner bzw. projektiver Räume gegeben, die etwa im projektiven Fall durch ein System homogener Gleichungen definiert ist. Durch Elimination erhält man hieraus ein Resultantensystem Gx(£o'9 •.., £m) = 0, das die Urmannigfaltigkeit 3R, und ein Resultantensystem H^tjq, ..., r)n') = 0, das die Bildmannigfaltigkeit 31 definiert. Wenn 3R und 31 irreduzibel sind, entsprechen jedem allgemeinen Punkt £ von 3R oc Punkte von 31 und jedem allgemeinen Punkt rj von 31 ß Punkte von 3R. Die Koordinaten des allgemeinen Punktepaares (£, rj) sind algebraische Funktionen von q Parametern (q = Dimension der Korrespondenz); setzen wir etwa £0 = iy0 = 1, so ist somit q = Anzahl der algebraisch unabhängigen unter den ljl9 ..., £m, rjl9 ...,iyn. Wenn a die Anzahl der algebraisch unabhängigen unter den fy, b die der rfs über K(£lf ..., fTO) (K Grundkörper) ist, so muß demnach q = a + b sein. Mit vertauschten Rollen gilt analog q = c + d: dabei ist a = dim 3R, c = dim 31, b = Dimension der Mannigfaltigkeit 31$, die dem allgemeinen Punkt f von 3R in der Korrespondenz entspricht, d = Dimension der Mannigfaltigkeit 93^, die dem allgemeinen Punkt r\ von 31 entspricht. In der Gleichung a + b = c + d wird das Prinzip der Konstantenzählung ausgedrückt. (Eine kleine Beweislücke im Dimensionssatz für irreduzible Korrespondenzen wird in [57] ausgefüllt.)
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 227 Dies wird in ZAG VIII [58] angewendet, um den Grad der Graßmannschen Mannigfaltigkeit der m-dimensionalen linearen Teilräume des TPn zu bestimmen. Ein elementarer Zugang hierzu mittels der Theorie der algebraischen Systeme algebraischer Mannigfaltigkeiten wird in [68] gegeben. Damit wird gleichzeitig bewiesen, daß der Durchschnitt zweier Mannigfaltigkeiten der Dimensionen r und s im ]Pn keine irredu- ziblen Bestandteile einer Dimension < r + s — n besitzt. In [32] hatte van der Waerden eine Lücke in der Begründung des Brill-Noether- schen Restsatzes ausgefüllt. In [54] zeigt er, wie der Restsatz aus dem folgenden Satz vom Doppelpunktdivisor, den er hier beweist, folgt: Wenn alle Schnittpunkte der Kurven / = 0 und y = 0 gewöhnliche Punkte oder gewöhnliche Singularitäten der Kurve / = 0 sind und wenn jeder Zweig eines solchen, etwa s-fachen Punktes, der von der Kurve (p = 0 etwa //-fach geschnitten wird, mit einer weiteren Kurve F = 0 mindestens die Schnittmultiplizität ju -\- s ~ 1 hat, so gilt für die ternären Formen F, 99, / eine Identität F = Af + BT; überdies hat die Kurve B = 0 in jedem solchen Schnittpunkt einen mindestens (s — 1)- fachen Punkt. In M. Noethers Beweis des Restsatzes war eine kleine Lücke, die von Severi durch die Einführung der virtuellen Multiplizitäten überspielt wurde. Das wird hier vermieden. In der Arbeit [62], die van der Waerden zusammen mit einem seiner bedeutendsten Schüler, Wei-Liang Chow, geschrieben hat, werden die r-dimensionalen Mannigfaltigkeiten M festen Grades g durch Koordinaten beschrieben. Die Bedingung dafür, daß r + 1 Hyperebenen ul°\ ..., uW einen Punkt mit M gemein haben, wird durch eine Gleichung F(u) vom Grade g in jeder der Variablenreihen u^\ ..., uW gegeben, die in so viele irreduzible Faktoren zerfällt, wie M irreduzible Bestandteile besitzt. F(u) ist die zugeordnete Form oder Cayley-Form, ihr Grad heißt Grad von M, ihre Koordinaten werden als Koordinaten (Chow-Koordinaten) von M genommen. Die Gesamtheit aller M vom Grade g und der Dimension r bildet im Koordinatenraum eine algebraische Mannigfaltigkeit. Ist eine Mannigfaltigkeit aus mehreren irreduziblen Mannigfaltigkeiten zusammengesetzt, so ergibt sich die zugeordnete Form als Produkt der zu den irreduziblen Mannigfaltigkeiten gehörigen Formen. Eine gegebene Form kann genau dann als eine zugeordnete Form aufgefaßt werden, wenn sie ein gewisses System homogener Bedingungsgleichungen an die Koeffizienten erfüllt. Mittels der zugeordneten Form gelingt es, den Begriff eines algebraischen Systems von Mannigfaltigkeiten (Mannigfaltigkeit von Zyklen in der Terminologie von A. Weil) zu fassen. Das soll nämlich gegeben werden durch eine algebraische Mannigfaltigkeit in den Koordinaten der zugeordneten Form. Damit wird der Begriff des linearen Systems verallgemeinert (für den Spezialfall von Geraden im dreidimensionalen Raum war das Vorgehen schon früher klar, man hat dann einfach homogene Gleichungen in den Plückerschen Koordinaten zu betrachten). Man kann dann z. B. sagen, daß alle Mannigfaltigkeiten gegebener Dimension und gegebenen Grades ein algebraisches System bilden, ebenso etwa diejenigen, die auf einer gegebenen Mannigfaltigkeit liegen.
228 Teil III Unter Verwendung der zugeordneten Form beweist van der Waerden in [63] (ZAG X): Hängt eine reduzible algebraische Kurve rational von Parametern ab, so sind ihre irreduziblen Bestandteile von diesen Parametern algebraisch abhängig. Diese Aussage wird nämlich gebraucht, um folgenden Satz von Bertini-Enriques zu gewinnen: Die Kurven einer linearen Schar auf einer algebraischen Fläche, deren allgemeine Kurve (d. h. deren sämtliche Kurven) irreduzibel ist, enthalten eine feste Kurve als Bestandteil, oder die Schar ist aus Kurven eines Büschels zusammengesetzt. Die obige Aussage läßt sich auf lineare Scharen (d — l)-dimensionaler Mannigfaltigkeiten auf einer d-dimensionalen Mannigfaltigkeit verallgemeinern. In [65] (ZAG XI) wird die projektive und die birationale Äquivalenz ebener algebraischer Kurven untersucht. Diese drückt sich nicht durch algebraische Gleichungen in den Koordinaten aus, stellt also insofern keine algebraische Eigenschaft dar. Es wird die kleinste algebraische Mannigfaltigkeit von Kurvenpaaren bestimmt, die alle projektiv äquivalenten enthält; das ist eine irreduzible Mannigfaltigkeit, deren allgemeines Element ein projektiv äquivalentes Kurvenpaar bildet. Als Grenzfälle projektiv äquivalenter Kurvenpaare existieren ,,uneigentlich projektive" Kurvenpaare, die nicht projektiv äquivalent sind. Man kann auch nicht die birationale Äquivalenz durch ,,Moduln" beschreiben. Es wird dazu gezeigt, daß es keine algebraische Korrespondenz gibt, die jeder ebenen Kurve vom Geschlecht p einen Punkt einer gewissen „Modulmannigfaltigkeit" derart zuordnet, daß zwei Kurven genau dann dem gleichen Punkt entsprechen, wenn sie birational äquivalent sind. Das ist aber möglich, wenn man sich auf Kurven von genügend hohem Grad beschränkt, die nur gewöhnliche Knotenpunkte als Singularitäten besitzen (,,reguläre Kurven"); für diese gibt es eine rationale Abbildung auf eine (3p — 3 + £p)-dimensionale Mannigfaltigkeit mit q0 = 3, gt = 1, gp = 0 für p > 1. Die Kurven mit einer gegebenen Anzahl von Knotenpunkten verteilen sich auf endlich viele irreduzible Mannigfaltigkeiten der Dimension 3n + p — 1, die zu einer gegebenen Kurve birational äquivalenten Kurven gehören einer irreduziblen Mannigfaltigkeit der Dimension 3n — 2p + 2 an. Unter Benutzung der Ergebnisse über algebraische Systeme algebraischer Mannigfaltigkeiten in [62] folgt, daß die Gesamtheit der regulären Kurven vom Geschlecht p mit einem algebraischen System von algebraischen Mannigfaltigkeiten, deren jede nur birational äquivalente enthält, einfach überdeckt werden kann und daß sich diese Mannigfaltigkeiten auf Punkte einer Bildmannigfaltigkeit der Dimension 3p — 3 + qp eineindeutig abbilden lassen. In ZAG XIII [69] nimmt van der Waerden eine erheblich vereinfachte Neudarstellung der Grundlagen der algebraischen Geometrie vor. Es werden hier die Zerlegung einer algebraischen Mannigfaltigkeit in irreduzible Mannigfaltigkeiten, der Begriff des allgemeinen Punktes und seine Existenz genau für irreduzible Mannigfaltigkeiten sowie der Zusammenhang zwischen allgemeinem Punkt und Transzendenzgrad, der Begriff der relationstreuen Spezialisierung mit Existenz-, Erweiterungs- und Eindeutigkeitssatz und in Zusammenhang damit der Multiplizitätsbegriff dargestellt, algebraische Korrespondenzen und das Prinzip der Konstantenzählung sowie Schnitte von Mannigfaltigkeiten mit allgemeinen Hyperflächen, die Schnittmultiplizität und der Satz von Bezout behandelt. Neben einer Vereinfachung des Beweises des Satzes von Bezout für den Schnitt einer d- und einer (n — d)-dimensionalen Mannigfaltigkeit (vgl. S.224) beweist er in [71] (ZAG XIV), daß die Schnittmannigfaltigkeit Mt+d_x einer d-dimensionalen alge-
ß. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 229 braischen Mannigfaltigkeit Md, die ein algebraisches System von Mannigfaltigkeiten durchläuft, mit einer festen Mannigfaltigkeit Mt ihrerseits ein algebraisches System durchläuft. Das läßt sich auf den Fall verallgemeinern, daß Md und Mt in einer singularitätenfreien Mannigfaltigkeit Mn liegen. Damit wird eine algebraische Begründung des Schubertschen Kalküls der abzählenden Geometrie und der Severischen Theorie der Äquivalenzscharen auf algebraischen Mannigfaltigkeiten ermöglicht. Mit den Methoden der Arbeit [46] beweist van der Waerden in [73] die Chas- lessche Schnittformel für ein System von oo1 und ein System von oo4 vollständigen Kegelschnitten (d. h. von Grenzgebilden, die aus je einer nichtzerfallenden Kurve zweiter Ordnung und deren Tangenten gebildet werden) und bestimmt nach [71] die Anzahl der gemeinsamen Elemente eines Systems aus oo2 und eines aus oo3 Kegelschnitten. Damit erhält er die Cremonasche Charakteristikenformel. Der Begriff der Vollschar, einer linearen Schar, die in keiner umfassenderen linearen Schar enthalten ist, ist leider nicht birational invariant. Um möglichst doch noch eine Invarianz zu retten, ist von den italienischen Geometern der Begriff der linearen Schar mit vorgegebenen Basispunkten und der effektiven und virtuellen Multipli- zitäten eingeführt worden; nur solche Systeme sind dann zugelassen, deren Kurven in diesen Punkten mindestens die vorgegebene Multiplizität haben. Einen einfachen Zugang, der eine Verallgemeinerung auf mehr als zwei Dimensionen gestattet und unendlich benachbarte Basispunkte vermeiden läßt, ermöglicht, wie van der Waerden in [97] und in der Arbeit ,,Birationale Transformationen von linearen Scharen" in Math. Z. 51 (1948), 502—523, zeigt, die Heranziehung des Bewertungsbegriffs. Auf die Bedeutung des Bewertungsbegriffs für die algebraische Geometrie, den er auch in späteren Arbeiten heranzieht, geht van der Waerden auch in dem Bericht [89] zu amerikanischen Untersuchungen über lokale Uniformisierung der algebraischen Mannigfaltigkeiten und ihre birationalen Transformationen in singularitätenfreie ein. Am klassischen Beispiel der algebraischen Funktionen in einer Veränderlichen, der Zuordnung zwischen algebraischer Kurve und algebraischem Funktionenkörper sowie im komplexen Fall der Riemannschen Fläche wird als algebraisches Äquivalent des Stellenbegriffs der Begriff des Orts nach Dedekind-Weber und in moderner Auffassung der Bewertungsbegriff vorgestellt. Daran schließt sich eine Behandlung der algebraischen Funktionen in mehreren Variablen mit den verschiedenen Arten von Prinidivisoren und das Problem der Auflösung der Singularitäten an. Vieles aus den Arbeiten zur ZAG-Reihe ist in die „Einführung in die algebraische Geometrie" [77] van der Waerdens eingeflossen, die 1939 in der Reihe „Grundlehren der Mathematischen Wissenschaften" erschienen und inzwischen 1973 in einer Neuauflage herausgegeben worden ist. Mit großem didaktischen Geschick werden hierin dem Anfänger zunächst an Hand von viel konkretem Anschauungsmaterial Beispiele aus der algebraischen Geometrie nahegebracht, ehe auf allgemeinere Dinge wie algebraische Mannigfaltigkeiten und Korrespondenzen, zugeordnete Form, lineare Scharen, Noetherscher Fundamentalsatz und Singularitäten sowie ihre Auflösung vorgestoßen wird, ein Verfahren, das sicher dem Verständnis mehr dient als der heutzutage so beliebte Aufbau von oben herab. Van der Waerden hat hierin den Methoden der italienischen Schule den Vorzug vor der Idealtheorie gegeben. Algebraische Geometrie, Algebra und Zahlentheorie hängen engstens miteinander zusammen und befruchten sich mit ihren Methoden und Ergebnissen gegenseitig.
230 Teil III Hervorgegangen aus der Zusammenarbeit im Kreis um Emmy Noether, sind 1930 und 1931 Band I [29] und II [30] der „Modernen Algebra" van der Waerdens in der gelben Sammlung erschienen, die in der Leipziger Zeit ihre zweite Auflage erlebten und inzwischen in vielen Auflagen neu herausgegeben und in mehrere Sprachen übersetzt worden sind, meisterhaft geschriebene Bände, die seitdem zahlreichen Mathematikern als Einführung in die Algebra gedient haben und auch heute noch (nachdem inzwischen der Titel nur noch ,,Algebra" lautet) jedem wärmstens empfohlen werden können, der Algebra lernen will. In ihnen finden neben dem Wichtigsten aus der Gruppentheorie allgemeine Ring- und Körpertheorie einschließlich Bewertungstheorie, die allgemeine Idealtheorie und insbesondere die (vor allem für die algebraische Geometrie bedeutungsvolle) Theorie der Polynomideale sowie die Theorie der hyperkomplexen Systeme und die Darstellungstheorie eine adäquate Darstellung. Was für einen bedeutenden Einfluß diese beiden Monographien auf die jungen Mathematiker der 30er Jahre ausgeübt und in welchem Maße sie bei der Abfassung der „Elements de Mathematique" von Botjrbaki als Vorbild gedient haben, beschreibt eindrucksvoll J. A. Dietjdonne in seinem Vortrag „The work of Nicho- las Bourbaki" in Amer. Math. Monthly 77 (1970), 134-145. E. Noether hatte durch gewisse Axiome diejenigen Ringe (ZPI-Ringe) charakterisiert, in denen der Satz von der eindeutigen multiplikativen Zerlegung der Ideale gilt. In [24] verallgemeinert van der Waerden diesen Satz, indem er nur gewisse Klassen von Idealen betrachtet, statt der Gleichheit von Idealen eine Äquivalenz („bis auf niedere Ideale") und entsprechend statt Teilbarkeit den schwächeren Begriff Quasiteilbarkeit einführt. Im Anschluß daran zeigt er in [25], daß es bei Hauptidealen keine niederen Primkomponenten gibt und daher Äquivalenz mit Gleichheit, Quasiteilbarkeit und Teilbarkeit zusammenfällt. Wenn in einem Ring mit Einselement der Teilerkettensatz gilt, jedes Hauptideal einem Produkt von höheren Primidealen äquivalent ist und für Hauptideale Quasiteilbarkeit mit Teilbarkeit gleichbedeutend ist, dann ist der Ring in seinem Quotientenring ganz abgeschlossen. Die Arbeiten [37] und [60] befassen sich mit Häufigkeitseigenschaften in Zusammenhang mit der Galoisschen Gruppe algebraischer Gleichungen. In [37] wird gezeigt, Zaß asymptotisch 100% aller ganzzahligen Gleichungen in bezug auf den rationalen dahlkörper ohne Affekt sind, d. h., als Galoissche Gruppe die symmetrische Gruppe haben. Während die bisherigen Beweise transzendente Mittel erforderten, beruht der hier gegebene Beweis auf der Verwendung der Dedekind-Brauerschen Methode zur Bildung affektloser Gleichungen mittels Zerlegung modulo verschiedener Primzahlen. Es gilt nämlich die Aussage: Wenn ein ganzzahliges Polynom f(x) vom Grade n modulo der Primzahlen plf p2, p^ folgendermaßen zerfällt: modulo px in irreduzible Faktoren der Grade n — 1 und 1, modulo p2 in einen quadratischen Faktor und einen oder zwei Faktoren ungeraden Grades, während es modulo p3 irreduzibel ist, dann hat seine Gleichung keinen Affekt. Genauer wird das Verhalten der Häufigkeit in [60] abgeschätzt; die Häufigkeit der Gleichungen mit Affekt, deren Koeffizienten absolut die Schranke N nicht überschreiten, geht wie NlfklnlnN gegen 0. Die Wirkung der Zerlegungs- und Trägheitsgruppe eines zu einer galoisschen Erweiterung K über dem Zahl- oder Funktionenkörper P mit der definierenden Gleichung f(x) = 0 gehörigen Primideals ^J als Permutationsgruppe der Wurzeln von f(x) läßt sich in Verallgemeinerung eines Satzes von Artin folgendermaßen
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 231 präzisieren: Ist *ß Primteiler des zu P gehörigen Primideals p und zerfällt p in K in r Primideale pv von den Graden fv und mit den Exponenten ev: P = Pi€l-prer, so schließen sich die Wurzeln zu r Transitivitätsgebieten zu je evfv Elementen gegenüber der Zerlegungsgruppe von *ß zusammen, die gegenüber der Trägheitsgruppe in je fv Transitivitätsgebiete zu je ev Wurzeln aufspalten. Als Anwendung ergibt sich: Wenn in der Diskriminante des ganzzahligen Polynoms f(x) = anxn + ••• + a0 eine Primzahl p genau in der ersten Potenz vorkommt, dann ist die Galoissche Gruppe der Gleichung f(x) = 0 in bezug auf den rationalen Grundkörper P entweder die symmetrische, oder sie ist intransitiv oder imprimitiv. (Den Spezialfall n = 3 hatte van der Waerden in den Jahresberichten der Deutschen Mathematikervereinigung 44 (1934), Aufgabe 171, S. 41 ala Aufgabe gestellt [Lösung in Bd. 45, S. 38].) Ferner beweist er in [13] den Einheitensatz der algebraischen Zahlentheorie ohne transzendente Mittel mit Hilfe der Bewertungstheorie und in [46] auf elementarem Wege einen zahlentheoretischen Existenzsatz, von dem ein Spezialfall zum Beweis des Reziprozitätsgesetzes der Klassenkörpertheorie benötigt wird (und zwar auch noch im Rahmen des modernen kohomologietheoretischen Aufbaues der Klassenkörpertheorie in der Sprache der Ideles): Es gibt bei gegebenen al9 ...,ar und k eine zyklische Kongruenzklasseneinteilung der rationalen Zahlen, bei der die Exponenten von al9 ...,ar durch k teilbar sind und — 1 den Exponenten 2 hat. Um algebraische Aspekte für analytische Funktionen geht es in der Verallgemeinerung eines Satzes von Kronecker [31]: Wenn ßl9 ...,ßr; yi9 ...,ya Systeme linear unabhängiger Funktionen von y; bl9 ..., br9 cl9 ..., c8 Unbestimmte sind sowie (Mi + '•• + Kßr) (ciYi + ••• + c8y8) = {alocl + ••• + anocn) gilt, wo die a's eine linear unabhängige Menge von Produkten ßtfj bilden, durch die sich alle solchen Produkte ausdrücken lassen, und die a's Linearkombinationen der biCj sind, so genügt jedes bfi; einer Gleichung Z* + A1Z*-^+ ••• +At = 0, worin die Ak homogene Ausdrücke &-ten Grades in al9 ..., an mit konstanten Koeffizienten darstellen. Eine Reihe von Veröffentlichungen ist der Gruppentheorie gewidmet. Abgesehen von der Arbeit [34], in der für Gruppen mit endlich vielen Erzeugenden al9 ..., an und den definierenden Relationen am = 1 für den Fall m = 3 die Ordnung der Gruppe als Funktion von n bestimmt und die Struktur der Gruppe untersucht sowie die charakteristischen Untergruppen aufgezählt werden, und dem Bericht über die Arbeit von Fitting [80] befassen sich diese im allgemeinen mit linearen Gruppen bzw. Lieschen Gruppen. Hier ist vor allem auch der heute noch aktuelle Ergebnisbericht von 1935 über „Gruppen von linearen Transformationen" [48] zu nennen1), in dem lineare Gruppen über beliebigen Körpern und Darstellungen von Ringen (Algebren) x) Es ist 1948 in Chelsea nachgedruckt worden.
232 Teil III und Gruppen, insbesondere beschränkte Darstellungen beliebiger Gruppen und fastperiodische Funktionen, behandelt werden. In [18] untersucht van der Waerden in geometrischer Sprechweise die projektive Gruppe $n über einem beliebigen Körper K, also die Gruppe der projektiven Transformationen des w-dimensionalen projektiven Raums über K (die homogenen Koordinaten seiner Punkte sind (n + 1)-Tupel von Elementen aus K) und die „unimodu- lare projektive Gruppe" ^n{K) als ihre Untergruppe, deren Elemente (durch ihre Transformationsmatrizen dargestellt) dadurch ausgezeichnet sind, daß ihre Determinante die (n + l)-te Potenz eines Elements von K, also auch gleich 1 wählbar ist. Es ergibt sich, daß jeder Automorphismus von ?ßn(K) durch Transformation mit einer Kollineation erhalten werden kann; daß zwei Gruppen yßn(K), die zu verschiedenen Dimensionszahlen n oder zu nichtisomorphen Körpern gehören, niemals isomorph sind, außer in den Fällen ¥i(4)s*i(5). ¥,(7)=;&(2),i) und daß die alternierende Gruppe von n Objekten nur für n = 4, 5, 6 und 8 mit einer unimodularen projektiven Gruppe isomorph ist. In [27] gibt van der Waerden eine Vereinfachung eines Beweises von Weyl für den Zusammenhang zwischen den irreduziblen Darstellungen der symmetrischen Permutationsgruppe und den irreduziblen ganzrationalen Darstellungen der linearen Transformationsgruppen. Für kompakte halbeinfache Liesche Gruppen kann in [35] allein auf Grund der Gruppenaxiome ein den topologischen Raum definierendes Umgebungssystem angegeben werden. Daraus folgt, daß Automorphismen und Isomorphismen zwischen solchen Gruppen stets stetig sind. Alle in einer Umgebung der Eins beschränkten Darstellungen der halbeinfachen Gruppen sind stetig (und damit nach J. v. Neumann durch infinitesimale Transformationen erzeugbar2)), also analytisch. Einfache Liesche Gruppen besitzen überhaupt keine Normalteiler außer sich selbst und diskreten Zentrumsteilern. In [36] führt van der Waerden nach einer Vereinfachung der Weylschen Behandlung der halbeinfachen Lieschen Gruppen die durch die Weylsche Auffassung nahegelegte geometrische Methode (mittels der Wurzel Vektoren) zur Klassifikation der einfachen Lieschen Gruppen vollständig durch und gibt in [49] zusammen mit H. Casimir den ersten algebraischen Beweis der vollständigen Reduzibilität jeder infinitesimalen linearen Darstellung einer halbeinfachen Lieschen Gruppe, ohne wie Weyl den Umweg über eine neue kompakte Gruppe zu gehen. (Spätere algebraische Beweise stammen von R. Brauer und von J. H. C. Whitehead.) Gleich die ersten Arbeiten van der Waerdens befassen sich mit invariantentheoretischen Fragestellungen. So stellt er in [3] ein Fundamentalsystem von algebraischen Identitäten zwischen den ,,Klammerfaktoren" (Determinanten) und „Linearfaktoren" (Skalarprodukten) auf. In [56] gibt er dann eine umfassende Darstellung der Grundbegriffe und Hauptsätze der Invariantentheorie mit vielen Beispielen und zeigt, wie die der Invariantentheorie eigentümlichen Begriffsbildungen (Größen, Reihenentwicklung usw.) in die Darstellungstheorie einzuordnen sind; im quater- x) In Klammern steht jeweils das Galoisfeld entsprechender Ordnung. 2) Ein einfacherer Beweis hierfür wird gleichfalls in [35] gegeben.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 233 nären Gebiet werden die Überlegungen genau ausgeführt. [97] hängt mit invariantentheoretischen Fragestellungen der algebraischen Geometrie zusammen (vgl. S. 229). Auf die Invariantentheorie der Differentialgeometrie bezieht sich die Arbeit [9], in der van der Waerden ein vollständiges System von Differentialko Varianten aufstellt, aus dem sich alle möglichen Differentialko Varianten rational ausdrücken lassen. Dazu erweitert er den Tensorbegriff auf gemischte w-är-m-äre Tensoren, führt für diese Tensoren eine kovariante Differentiation ein und reduziert alles auf ein rein w-äres Problem. Geometrische Fragen haben die Arbeiten [74, 53, 67] sowie Arbeiten aus späterer Zeit zum Inhalt. In [74] zeigt van der Waerden, daß das Problem der Bestimmung eines Dreiecks aus gegebenen Winkelhalbierenden auf eine Gleichung zehnten Grades führt, deren Gruppe bezüglich des von den Koeffizienten erzeugten Körpers die symmetrische Gruppe ©i0 ist. In [53] behandelt er die Geometrie der Kreise in der „inversen Ebene" und auf der Kugel und stellt eine Axiomatik analog zu der der Speere und Zykeln auf. In dem vom Mathematischen Seminar und Physikalischen Institut der Universität Münster am 11. Dezember 1937 veranstalteten Vortrag, der in den Semesterberichten [67] erschienen ist, behandelt er vor einem breiten Hörerkreis allgemeinverständlich die Geometrographie von Lemoine. Es geht dabei um geometrische Konstruktionen mit einer minimalen Anzahl von Elementarkonstruktionen. Darunter sind folgende Operationen zu verstehen: Lineal durch einen Punkt legen, eine Gerade am Lineal entlang ziehen, eine der beiden Zirkelspitzen in einen gegebenen Punkt oder einen Punkt einer gegebenen Linie stellen, einen Kreis ziehen. Was das im einzelnen bedeutet, wird an Hand von Beispielen wie dem Ziehen einer Parallelen durch einen gegebenen Punkt, dem Lösen quadratischer Gleichungen, der Konstruktion des regulären Fünfecks u. a. erläutert. Auch mit topologischen Fragen hat sich van der Waerden befaßt. Ein homogen metrisierbarer Raum ist ein topologischer Raum, für den bei passender Metrisierung die Gruppe aller isometrischen Transformationen des Raumes in sich über dem Raum transitiv ist. In der zusammen mit van Dantzig geschriebenen Arbeit [14] wird gezeigt, daß nicht alle w-dimensionalen Mannigfaltigkeiten homogen metrisier- bar sind und daß Flächen vom Geschlecht p > 1 keine nichteuklidische Metrik mit einer über der Fläche transitiven Gruppe von isometrischen Transformationen in sich zulassen. Daher ist eine geschlossene Fläche nur dann homogen metrisierbar, wenn ihr Geschlecht 0 oder 1 ist. In [28] erstattet er auf der DMV-Versammlung in Prag 1929 Bericht über die Hauptmethoden und -ergebnisse der kombinatorischen Topolo- gie. Daß er topologische Methoden in der algebraischen Geometrie angewendet hat, haben wir bereits gesehen. Eine spätere Arbeit in den fünfziger Jahren befaßt sich mit der Cohomologietheorie der Polyeder. Von jeher hat sich van der Waerden für Wahrscheinlichkeitsrechnung und mathematische Statistik interessiert, wobei er weniger rein theoretische Fragen im Auge hatte, sondern vielmehr anwendungsbezogene Tests. Bei biologischen Untersuchungen hat man im allgemeinen nicht die Menge an Versuchsmaterial zur Verfügung, die es gestatten würde, die für große Zahlen geltenden Sätze anzuwenden, so daß man sich häufig mit kleinen Stichproben bescheiden muß. Es kommt daher gerade darauf an, Tests zu entwickeln, die bei kleinen Versuchszahlen funktionieren und
234 Teil III auch rechnerisch gut handhabbar sind. In dieser Hinsicht hat van der Waerden viel getan und hat sich auch darum bemüht, diese Methoden den Naturwissenschaftlern und Medizinern durch mit viel Anschauungsmaterial versehene Veröffentlichungen, auch in medizinischen Zeitschriften, nahezubringen. Vielfach geht es um die Bestimmung unbekannter Wahrscheinlichkeiten ([55, 59, 61]). Wenn man die Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Ereignisses ermitteln will, das in n Versuchen A-mal eingetreten, also in k = n — h Fällen nicht eingetreten ist, so darf man als Schätzwert im Fall kleiner Versuchzahlen nicht — nehmen, sondern n muß, um den richtigen Erwartungswert zu erhalten, die Zahl der günstigen und die der ungünstigen Fälle je um 1 erhöhen, so daß sich m = ergibt. Als Schätzwert für den mittleren Fehler hat man dann n ~^~ a = 1 1 /(* + !)(*+ 1) n + 2 ]/ 7i + 3 zu verwenden. Dann kann man bis zu ziemlich kleinen Versuchszahlen mit der bekannten 3(T-Regel arbeiten; sollte dagegen m sehr klein oder groß sein (< 10% oder > 90%), so wähle man besser 4c, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Will man zwei (annähernd gaußverteilte) Wahrscheinlichkeiten vergleichen, so kann man ausnutzen, daß ihre Differenz annähernd gauß verteilt mit dem Streuungsquadrat a2 = öi2 + a22 ist. Um einen solchen Vergleich mit dem theoretisch günstigeren /2-Kriterium durchführen zu können, wird in [80] und [93] das %2-Kriterium für kleine Versuchszahlen behandelt; in [93] werden zahlreiche praktisch durchgerechnete Beispiele dargestellt, aus denen hervorgeht, daß das Arbeiten mit dem nach H. v. Schelling modifizierten Xi2 (die Zahl N der Freiheitsgrade ist durch N — 1 zu ersetzen), das auch theoretisch gut begründet ist, eine echte Verbesserung der %2- Methode bedeutet. Der Bestimmung von Vertrauensgrenzen für unbekannte Wahrscheinlichkeiten ohne irgendwelche Gleichverteilungsannahme nach dem #2-Kriterium ist die Arbeit [76] gewidmet. Mit der Wirksamkeitsbestimmung durch Tierversuche, etwa der Bestimmung der Dosis, bei der die Mortalität 50% beträgt, befassen sich die Arbeiten [82] und [81]. Es empfiehlt sich hier, indem man vorher durch einen Vorversuch mit nur grober Stufung und wenig Tieren die ungefähre Lage der gesuchten Dosis ermittelt, die Anzahl der Tiere um so größer zu wählen, je näher man an der fraglichen Dosis liegt, um mit möglichst geringem Tiermaterial auszukommen. Es zeigt sich, daß die sogenannte Flächenmethode (hierbei sollte man besser mit den Logarithmen der Dosen statt mit den Dosen selbst arbeiten) im Vergleich zur Maximum-Likelihood-Methode einen nur unerheblich größeren Fehler aufweist, dafür aber rechnerisch viel einfacher ist. Van der Waerden, der durchaus praktisch mit statistischen Fragen konfrontiert worden ist, hat auch später noch auf diesem Gebiet gearbeitet, so insbesondere zu parameterfreien Tests. Hier ist vor allem der X-Test — auch als van-der-Waerden- Test bezeichnet — zu nennen, der sich gegenüber dem Wilcoxontest durch größere Effizienz auszeichnet und zu dem van der Waerden auch Tabellenmaterial herausgegeben hat. Seine reichen Erfahrungen sind seinem 1957 erschienenen ausgezeichneten Buch „Mathematische Statistik" zugute gekommen, das auch den nicht aus der Sta-
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 235 tistik kommenden Leser zu begeistern vermag, indem es ihn ohne übertriebenen maßtheoretischen Ballast, an dem so manche moderne Darstellung oder Vorlesung krankt, aber dennoch mathematisch sauber und schnell an die wichtigsten praktischen Probleme der mathematischen Statistik und ihre Lösungsmethoden heranführt. Daneben hat sich van der Waerden auch mit Problemen aus der Analysis befaßt. In [26] behandelt er ein einfaches Beispiel einer überall stetigen, aber nirgends differenzierbaren Funktion. In [88] gibt er einen zusammenfassenden einfachen Beweis des Uniformisierungssatzes der Funktionentheorie und in [51] eine einfache Herleitung der Fourierschen Reihe. Er bemerkt hier, wie man beim Beweise der Konvergenz der Fourierreihe einer Funktion beschränkter Schwankung die meist übliche .2/1 + 1 sin u 2 1 Ersetzung des Nenners des Dirichletschen Kerns durch — u vermei- sin — u 2 den kann. In [42] leitet er die Stirlingsche Formel n\ r^nne~n \2nn auf eine Weise her, die besonders für eine Vorlesung über Wahrscheinlichkeitsrechnung geeignet ist, da nur einfache Formeln aus der Differential- und Integralrechnung gebraucht werden, und gibt eine genaue Fehlerabschätzung (der Fehler im Logarithmus ist < ). Auf eine Matrixidentität von T. Banachiewicz bezieht sich die kurze \2n Bemerkung zur numerischen Berechnung von Determinanten und Inversen von Matrizen [70]. Als eine kombinatorische Fragestellung entpuppt sich in [10] ein Satz von G. A. Miller, nach dem die rechtsseitigen und die linksseitigen Nebenklassen zu jeder Untergruppe in einer endlichen Gruppe ein gemeinsames Repräsentantensystem besitzen. Van der Waerden zeigt, daß es sich hierbei in Wahrheit um einen mengentheoretischen Satz handelt, den er durch Induktion beweist. Es seien zwei Klasseneinteilungen einer endlichen Menge 9JI gegeben, durch die die Menge in // fremde Klassen 3lx, ..., 31^ bzw. SBj, ..., 33^ zerlegt wird. Dann gibt es ein beiden Klasseneinteilungen gemeinsames Repräsentantensystem rly ...,xM. Wie van der Waerden erkannte, ist der Satz zu einem Satz von König über reguläre Graphen (jeder paare reguläre Graph besitzt einen Faktor ersten Grades) äquivalent. Er wurde von Konig und Valko auf unendliche Graphen endlichen Grades verallgemeinert und gilt daher auch für unendlich viele Klassen zu je n Elementen, ist dagegen für unendliche Klassen falsch. Ein kurzer Beweis in den Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 5 (1927), 232, stammt von E. Sperner. Zu einer ausgedehnten Literatur hat die Aufgabe 45 von van der Waerden in den Jahresberichten der Deutschen Mathematikervereinigung 35 (1926), S. 117, geführt, für alle doppeltstochastischen Matrizen vom Format n X n das Minimum der zugehörigen Permanente zu ermitteln. (Die Permanente ist ähnlich wie die Determinante gebildet, nur daß in der Summendefinition der Determinante die alternierenden Vorzeichen stets durch Pluszeichen zu ersetzen sind.) Die van-der-Waerdensche Vermutung, an der sich gerade in neuerer Zeit das Interesse wieder sehr entflammt hat, besagt, daß die Permanente einer derartigen Matrix S nicht kleiner als n\/nn
236 Teil III ist und daß Gleichheit genau dann besteht, wenn alle Elemente von S gleich — n sind. Sie konnte bis jetzt nur in Spezialfällen bewiesen werden. Über den derzeitigen Wissensstand zu dieser Frage berichten M. Marcus und W. Minc in ihrem Übersichtsartikel „Permanents" in Amer. Math. Monthly 72 (1965), 577-691 und H. Minc in Band 6 ,,Permanents" der Encyclopedia of Mathematics and Its Applications, Addison-Wesley, Reading/Mass. 1978. Bis in die neuere Zeit strahlt auch die Arbeit [12] (die erste „Perle der Zahlentheorie" nach Chintschin1)) aus, in der van der Waerden in Verallgemeinerung einer Vermutung des niederländischen Mathematikers Baudet zeigt: Es gibt eine nur von l und k abhängige natürliche Zahl n, so daß für jede in k disjunkte Klassen eingeteilte endliche Zahlenfolge 1, 2, ..., n in einer der Klassen eine arithmetische Progression von l Zahlen liegt. Der Satz hat Anwendungen und Verallgemeinerungen in der Kombinatorik und Zahlentheorie gefunden, so Abschätzungen von n, Dichteaussagen, Verallgemeinerungen auf Sequenzen von Potenzresten bzw. Nichtresten sowie auf sogenannte reguläre lineare Gleichungssysteme2). Eine interessante geometrische Verallgemeinerung hinsichtlich der Existenz nomothetischer Figuren stammt von E. Witt3). Van der Waerden hat eine Reihe von Arbeiten zu physikalischen Problemen geschrieben, vornehmlich aus dem Gebiet der Quantenmechanik. Bereits die Arbeit [22] über Spinoranalysis ist (auf eine Anregung von Ehrenhaft hin) zur Behandlung der Quantentheorie des Spinning Electron entstanden. Van der Waerden nutzt hierbei für die Invariantentheorie der Spinoren die zweistufige Homomorphie zwischen der Lorentzgruppe und der binären unimodularen Gruppe aus und behandelt neben den Darstellungen der Lorentzgruppe und der Einordnung der Weltvektoren und -tensoren auch die Diracsche Wellengleichung und mögliche lorentzinVariante Wellengleichungen. Wer sich für die Theorie der Spinoren — so, wie sie in der Physik wirklich gebraucht werden —, für die Darstellungstheorie, insbesondere der Drehungs- und Lorentzgruppe interessiert, kann mit reichem Gewinn ,,Die gruppentheoretische Methode in der Quantenmechnik" van der Waerdens [33] aus dem Jahre 1932 zu Rate ziehen, in der insbesondere die Theorie des Spinning Electron, der Zusammenhang zwischen Permutationsgruppe und Pauliverbot und die Theorie der Molekülspektren dargestellt werden; da ein einleitendes Kapitel in die Schrödingersche Quantenmechanik einführt und hier auch das Wichtigste aus der Theorie der linearen Operatoren im Hilbertraum bereitgestellt wird, ist das Buch auch für denjenigen zugänglich, der nicht speziell quantenmechanisch und funktionalanalytisch vorgebildet ist. In der Arbeit [38] geht es darum, die Diracsche Theorie des Elektrons in die allgemeine Relativitätstheorie einzubauen, ohne einen Fernparallelismus und ohne n- x) A. J. Chintschin, Drei Perlen der Zahlentheorie, Berlin 1951 (Übersetzung aus dem Russischen). Der dort dargestellte Beweis des van-der-Waerdenschen Satzes, der auf M. A. Lu- komskaja zurückgeht, ist jedoch weder einfacher noch kürzer als der ursprüngliche, den er inhaltlich in Wahrheit weitgehend kopiert, aber in viel komplizierterer Bezeichnungsweise. 2) Vgl. hierzu den Beitrag über H. Salie, S. 260ff. 3) E. Witt, Ein kombinatorischer Satz der Elementargeometrie, Math. Nachr. 6 (1951), 261-262.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 237 Bein-Rechnung. Hierzu werden neben Weltvektoren zweikomponentige Spin Vektoren herangezogen. Dieser Formalismus ist inzwischen von Penrose und Pirani weiterentwickelt worden. Weitere Arbeiten zur Wellenmechanik stammen aus späterer Zeit. Um eine gänzlich andere physikalische Fragestellung handelt es sich in [84]. Gewisse Mischkristalle vom Typus AB (A und B sind in gleicher Konzentration vorhanden) zeigen unterhalb einer gewissen kritischen Temperatur eine lang reichweitige Ordnung. Van der Waerden beweist mit den Hilfsmitteln in der Thermodynamik streng, daß es eine derartige Ordnung geben muß, indem er die Wahrscheinlichkeit für gewisse Polygondiagramme abschätzt, die nur gleiche Atomarten enthalten. Von jeher hat sich van der Waerden für die Geschichte der Mathematik und Astronomie interessiert; in späteren Jahren ist sogar ein recht beträchtlicher Teil seiner Veröffentlichungen der Wissenschaftsgeschichte gewidmet. Er stützt sich hierbei auf eigenes Quellenstudium an Hand von Übersetzungen (z. B. von Keilschrifttexten), die in einer gängigen Sprache vorliegen, und gibt Argumente für seine z. T. von herrschenden Lehrmeinungen abweichenden Ansichten. Wie O.-H. Keller in seiner Laudatio anläßlich der Verleihung der Cotheniusmedaille hervorhebt, hat van der Waerden in ungewöhnlichem Maße die Fähigkeit, das neuzeitliche Denken beiseite zu schieben und so zu denken, wie die Alten es taten. Dadurch konnte er viele Begriffe zurechtrücken und viele Textstellen neu und überraschend einfach deuten. Der ägyptischen Rechentechnik sind die Arbeit [66] und die ausführliche quellenkritische Darstellung [72] gewidmet. Den Ägyptern war eine multiplikative Denkweise fremd, sie dachten wesentlich additiv, und ihre Bruchrechnung beruhte auf der additiven Zerlegung in Stammbrüche, d. h. in Brüche der Form — (n natürliche 2 n Zahl). Eine Ausnahme macht da lediglich der Bruch —. Van der Waerden hat als Ziel eine hypothesenfreie Rekonstruktion der einzelnen Phasen der zeitlichen Entwicklung der ägyptischen Bruchrechnung. Die Ausführung der Rechenoperationen ist völlig geklärt: Die Multiplikation wird hauptsächlich auf wiederholte Verdopplung und Verzehnfachung und Addition, die Division auf Multiplikation zurückgeführt. 2 Daher muß man insbesondere wissen, wie sich — als Summe von Stammbrüchen n darstellen läßt, wobei natürlich nur der Fall eines ungeraden n interessiert. Problematisch ist die Entstehung einer entsprechenden (2:n)-Tabelle des Papyrus Rhind. Für die durch 3 teilbaren Nenner nimmt van der Waerden an, daß die entsprechenden Identitäten durch 3-Teilung, 5-Teilung usw. aus der seit sehr langer Zeit bekannten Formel 1 = 1 + 1 3 2 6 erhalten wurden. Die übrigen sind wohl durch ein Divisionsverfahren nach ägyptischem Muster durch wiederholte Halbierung oder Dreiteilung und Halbierung oder durch einen Hilfszahlenalgorithmus entstanden, indem man einen passend gewählten Stammbruch als neue Einheit nimmt. Den Ausschlag bei der Wahl zwischen verschiedenen möglichen Zerlegungen gibt offenbar ein Minimumprinzip, insbesondere hinsichtlich des kleinsten Schlußnenners.
238 Teil III Gestützt auf Keilschrifttexte, begründet van der Waerden in [85] seine Ansicht zur Genesis der Probleme der Einschiebung von mittleren Proportionalen, der Flächenanpassung und Würfel Verdopplung. Er vertritt die Meinung, daß die Frage nach Quadrat- und Kubikwurzeln wahrscheinlich nicht aus der Geometrie herrührt, geschweige denn aus der Musiktheorie, obgleich dort die Teilung eines Intervalls in gleich große Teilintervalle eine Rolle spielt (mit Fragen der Musiktheorie befaßt er sich in [92]), da hierfür das geometrische Mittel nur indirekt von Bedeutung ist, sondern aus algebraischen Fragestellungen, geometrisch verkleidet. Nach landläufiger Meinung wollte Zenon mit seinen Paradoxien die Möglichkeit der Bewegung widerlegen. Dagegen ist Zenon nach Tannery kein Skeptiker, er will vielmehr die phythagoreische These widerlegen, daß Körper, Flächen und Linien Vielheiten von Punkten sind. Während die Philologen aus philologischen Gründen hiervon wieder abgekommen sind, haben nach der Meinung einiger Mathematiker die Pythagoreer die durch die Existenz irrationaler Verhältnisse gefährdete These ,,Alles ist Zahl" durch die Auffassung einer Strecke als Aggregat von unendlich vielen unendlich kleinen Teilstrecken retten wollen. Van der Waerden begründet in [78] seine Ansicht, daß Zenon und die Infinitesimalmathematik nichts miteinander zu tun haben, damit, daß sich die Zenonschen Absichten von der eleatischen Philosophie her viel besser als von der Infinitesimalhypothese aus verstehen lassen und daß es vor 450 keine Nachricht über eine Infinitesimalmathematik gibt. Er meint, daß Zenon, um die Thesen seines Lehrers Plato allseitig zu stützen, seinen vielen Beweisgründen gegen die Vielheit noch vier gegen die Möglichkeit der Bewegung hinzufügt. Eine ganze Reihe von Arbeiten aus der Leipziger und aus späterer Zeit sind der antiken Astronomie gewidmet. Zur Berechnung späterer Mondfinsternisse [79] dienen zwei Perioden babylonischen Ursprungs, der Saros und der Exelingmos. Es wird hier die Entstehung der Sarosperiode untersucht und nachgewiesen, daß der Saros als Finsternisperiode im 2. und 3. vorchristlichen Jahrhundert gebraucht worden ist. Für die Benutzung einer weiteren Periode, nämlich eines 47-Monatszyklus (bereits im 7. vorchristlichen Jahrhundert) werden drei Argumente vorgebracht (ein weiteres, das sich auf einen Brief des Hofastrologen Assurbanipals, Mär-I§tar, stützte, mußte später aufgegeben werden [86]). In [84] zeigt van der Waerden, daß die babylonische Berechnung der Planetenbewegung einer mathematischen Theorie entspricht. Er weist nach, daß die Chaldäer in den Jupitertafeln den synodischen Monat als Zeiteinheit gewählt und dafür künstliche Tage von — Monat eingeführt haben. Er konnte insbesondere für mehrere Planetentafeln das Anfangsdatum feststellen, von dem aus die Rechnungen begonnen wurden. Auf Grund der (durch Abschreibefehler jedoch entstellten) altbabylonischen Venustafeln läßt sich die Regierungszeit des Ammisadxjqa ermitteln, des zehnten Königs der Hammirapidynastie, die je nach den zugrunde gelegten Zahlenwerten aber erheblich abweichende Daten ergeben. Zur Nachprüfung der Datierungen muß man das Erscheinen und Verschwinden der Venus während der betreffenden Perioden berechnen und in den babylonischen Kalender umrechnen. Da dieser mit dem Neulicht anfängt, muß man das erste Erscheinen des Mondes berechnen. Dafür gibt es die sog. Oxford-
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 239 tafeln von Schoch, von denen sich die Neulichttafeln gut bewährt haben, während die Planeten tafeln ganz unzuverlässig sind, weil 1. die Zahlen werte des Sehungs- bogens (arcus visionis), d. h. der für die Sichtbarkeit des Planeten erforderlichen Höhe der Sonne unter dem Horizont im Moment des Auf- oder Untergangs des Planeten, nicht ganz exakt definiert sind und 2. Schoch falsch gerechnet hat, worauf schon Netjgebatjer (von den Orientalisten meist unbeachtet) aufmerksam gemacht hat. Da auch die verbesserten Tafeln von Netjgebatjer nicht ganz exakt sind, führt van der Waerden in [91] eine neue Berechnung für die Venus mit dem von Schoch angenommenen Sehungsbogen durch. Es werden nicht nur die Ergebnisse der Berechnungen tabellarisch mitgeteilt, sondern auch die theoretischen Grundlagen der Rechnungen dargestellt. In Teil I der für einen breiteren Leserkreis bestimmten „Plaudereien zur babylonischen Astronomie" ([94, 95]) geht van der Waerden ausführlich auf diese Fragen ein. In der Arbeit [96] werden die astronomischen Lehren von Herakleides Pontikos behandelt, eines Forschers aus dem Kreis der Platonischen Akademie, der das Weltbild der Pythagoreer in bemerkenswerter Weise modifiziert und vervollkommnet hat. Wie die Pythagoreer und Etjdoxtjs bemühte er sich, durch Hypothesen über die Bewegung der Himmelskörper, ,,die Erscheinungen zu retten". Er lehrte die Achsendrehung der Erde und vertrat die Meinung, daß sich die Erde im Kreis bewegte (schon aus sprachlichen Gründen ist im Gegensatz zu einer häufig vertretenen Ansicht nicht anzunehmen, daß hiermit die Achsendrehung gemeint war). Van der Waerden gibt hier eine Deutung der Abbildungen der Planetenbewegung. In der allgemein verständlichen Arbeit [83] zeigt er auf Grund des Studiums von Keil- Schrifttexten und zeitgenössischen griechischen Zeugnissen, daß die Entwicklung viel geradliniger und astronomisch vernünftiger erfolgt ist, als bisher angenommen wurde, und zeichnet in großen Zügen das Bild der Geschichte der antiken Astronomie. Die historischen Untersuchungen van der Waerdens haben auch die später herausgegebenen beiden Bände ,,Erwachende Wissenschaft" befruchtet, die 1956 bzw. 1968 bei Birkhäuser in Deutsch erschienen sind. In diesem Zusammenhang muß auch das 1967 veröffentlichte Buch „Sources of Quantum Mechanics" genannt werden. Das Interesse van der Waerdens erschöpft sich nicht in der Mathematik und Physik, Fragen der Biologie und Informationstheorie, der Logik und Philosophie bewegen ihn gleichermaßen. Sein immer wacher Verstand läßt ihn auf jedes offene Problem anspringen, das irgendwo — sei es in der Diskussion oder in Veröffentlichungen — angesprochen wird, auch wenn es nicht zu seinem ureigensten Forschungsgebiet gehört. Besonders schön kann man das etwa auf den Leopoldina-Tagungen erleben. Es wird von ihm aus der Leipziger Zeit berichtet, daß es vorkam, daß er plötzlich mitten auf der Straße stehenblieb, sein Notizbuch zückte und etwas hineinschrieb. Seine logisch sauberen und klar aufgebauten, stets mit dem Blick auf das Wesentliche gerichteten Arbeiten zu lesen, bereitet immer wieder großen Genuß. Er ist darin nicht wie so mancher andere bemüht, die Wege zu verdecken, auf denen die Sätze gewonnen wurden, und legt stets größten Wert auf Motivierungen. Hierzu paßt sicher auch seine sozusagen mehr finite Auffassung in der algebraischen Geometrie, indem er dort nämlich — im Gegensatz zu A. Weil mit seinem Universalkörper — stets mit einem von Fall zu Fall konstruierten Erweiterungskörper aus-
240 Teil III kommt und daher nur endlich erzeugte Körpererweiterungen benötigt.1) Besonders eindrucksvoll schildert er uns den Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis in seinem Vortrag am 19. Dezember 1963 in der Universität Hamburg anläßlich des Todestages von Emil Artin ,,Wie der Beweis der Vermutung von Baudet gefunden wurde" (Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 28 (1965), 6—15) und in seiner Antrittsrede am 2. Februar 1952 an der Universität Zürich „Einfall und Überlegung in der Mathematik"; der erste dieser Vorträge stützt sich auf den Beitrag „Der Beweis der Vermutung von Baudet" in seinem 1954 in erster Auflage bei Birkhäuser erschienenen Büchlein „Einfall und Überlegung", während der zweite darin wörtlich enthalten ist. Trotz zahlreicher Anfeindungen, denen van der Waerden während der Zeit des Naziregimes ausgesetzt war, nicht nur als Ausländer, sondern auch seiner aufrechten Haltung wegen, hat er der Leipziger Universität bis zum Kriegsende die Treue gehalten. Danach war er 1947 Gastprofessor an der John Hopkins University in Baltimore, 1948 — 51 Professor an der Universität Amsterdam, und seit 1951 wirkt er (inzwischen im Ruhestand, aber wissenschaftlich immer noch aktiv) in Zürich. Er ist seit 1934 Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, seit 1960 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle, ferner korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, der Akademie der Wissenschaften in Göttingen und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften sowie auswärtiges Mitglied der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen in Amsterdam. 1961 wurde ihm auf Grund seiner Forschungen über die Mathematik und Astronomie der alten Griechen die Ehrendoktorwürde der Universität Athen verliehen, und anläßlich der Jahresversammlung im Oktober 1969 erhielt er die Goldene Cothenius-Medaille der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Seit 1934 ist van der Waerden einer der Herausgeber der „Grundlehren der Mathematischen Wissenschaften in Einzeldarstellungen" und war von 1934 bis 1968 auch Mitherausgeber der Mathematischen Annalen. Van der Waerden ist nicht nur ein außerordentlich vielseitiger, ideenreicher, fruchtbarer und exakter Forscher, sondern auch ein enorm geschickter Dozent und hervorragender Vortragender, der die Studenten begeistern konnte, und nicht zuletzt ein wunderbarer, verständnisvoller, hilfsbereiter und gewissenhafter Mensch. Verzeichnis der Veröffentlichungen von Bartel Leendert van der Waerden bis zum Jahre 19462) [1] Über Determinanten aus Formenkoeffizienten, Proc. Roy. Acad. Amsterdam 25 (1923), 354-358. [2] Über das Konkomitantensystem zweier und dreier ternärer quadratischer Formen, Proc. Roy. Acad. Amsterdam 26 (1923), 2 — 11. *) Den Aufbau der algebraischen Geometrie nach Weil hat er in dem Aufsatz „Über Andre Weils Neubegründung der algebraischen Geometrie" (Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 22 (1958), 158-170) gewürdigt. 2) Rezensionen sowie die zahlreichen Aufgaben und Lösungen, die van der Waerden in den Jahresberichten der Deutschen Mathematikervereinigung veröffentlicht hat, sind in
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 241 [3] Über die fundamentalen Identitäten der Invariantentheorie, Math. Ann. 95 (1926), 706-735. [4] (mit E. Artin). Die Erhaltung der Kettensätze der Idealtheorie bei beliebigen endlichen Körpererweiterungen, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-Phys. KL, 1926, S. 23—27. [5] Zur Nullstellentheorie der Polynomideale, Math. Ann. 96 (1926), 183—208. [6] Ein algebraisches Kriterium für die Lösbarkeit eines Systems homogener Gleichungen, Proc. Roy. Acad. Amsterdam 29 (1926), 142 — 149. [7] De algebraiese grondslagen der meetkunde van het aantal, Dissertation, Amsterdam 1926. [8] Der Multiplizitätsbegriff der algebraischen Geometrie, Math. Ann. 97 (1927), 756—774. [9] Differentialkovarianten von n-dimensionalen Mannigfaltigkeiten in Riemannschen m- dimensionalen Räumen, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 5 (1927), 153 — 160. [10] Ein Satz über Klasseneinteilungen von endlichen Mengen, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 5 (1927), 185-188. [11] Neue Begründung der Eliminations- und Resultantentheorie, Nieuw Arch. Wisk. (2) 15 (1928), 302-320. [12] Beweis einer Baudet'schen Vermutung, Nieuw Arch. Wisk. (2) 15 (1928), 212—216. [13] Ein logarithmenfreier Beweis des Dirichletschen Einheitensatzes, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 6 (1928), 259-262. [14] (mit D. van Dantzig). Über metrisch homogene Räume, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 6 (1928), 367-376. [15] Die Alternative bei nichtlinearen Gleichungen, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-Phys. Kl., 1928, S. 77-78. [16] On Hubert's function, series of composition of ideals and a generalisation of the theorem of Bezout, Proc. Roy. Acad. Amsterdam 31 (1928), 749—770. [17] Eine Verallgemeinerung des Bezoutschen Theorems, Math. Ann. 99 (1928), 497—541. Berichtigung dazu Bd. 100 (1928), 752. [18] (mit O. Schreier). Die Automorphismen der projektiven Gruppen, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 6 (1928), 303-322. [19] De strijd om de abstraktie, Antrittsrede, P. Noordhoff, Groningen 1928. [20] Algebraische Theorie der Differentiation, Nieuw Arch. Wisk. (2) 15 (1928), 111-120. [21] Over een klasse von Transformaties, die punten in lineare ruimten overvoeren, Nieuw Arch. Wisk. (2) 15 (1928), 154-157. [22] Spinoranalyse, Nachr. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-Phys. KL, 1929, S. 100—109. [23] Topologische Begründung des Kalküls der abzählenden Geometrie, Math. Ann. 102 (1929), 337-362. [24] Zur Produktzerlegung der Ideale in ganz-abgeschlossenen Ringen, Math. Ann. 101 (1929), 293-308. [25] Zur Idealtheorie der ganz-abgeschlossenen Ringe, Math. Ann. 101 (1929), 309—311. [26] Ein einfaches Beispiel einer nicht-differenzierbaren stetigen Funktion, Math. Z. 32 (1930), 474-475. [27] Der Zusammenhang zwischen den Darstellungen der symmetrischen und der linearen Gruppe, Math. Ann. 104 (1930), 92-95; Nachtrag dazu im gleichen Band (1931) S. 800. [28] Kombinatorische Topologie, Jahresber. DMV 39 (1930), S. 121-139. [29] Moderne Algebra I, Springer, Berlin 1930. [30] Moderne Algebra II, Springer, Berlin 1931. dieses Verzeichnis nicht aufgenommen worden. Hinsichtlich späterer Veröffentlichungen van der Waerdens vgl. die der Würdigung durch H. Gross „Herr Professor B. L. van der Waer- den feierte seinen siebzigsten Geburtstag" (Elem. Math. 28 (1973), 25—32) beigegebene Bibliographie. Man beachte aber, daß diese in Wahrheit nicht vollständig ist und auch die Titel nicht immer korrekt verzeichnet sind.
242 Teil III [31] Generalization of a theorem of Kronecker, Bull. Amer. Math. Soc. 37 (1931), 427—428. [32] Zur Begründung des Restsatzes mit dem Noetherschen Fundamentalsatz, Math. Ann. 104 (1931), 472-475. [33] Die gruppentheoretische Methode in der Quantenmechanik, Springer, Berlin 1932. [34] (mit F. Levi). Über eine besondere Klasse von Gruppen, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 9 (1932), 154-158. [35] Stetigkeitssätze für halbeinfache Liesche Gruppen, Math. Z. 36 (1933), 780—786. [36] Die Klassifikation der einfachen Lieschen Gruppen, Math. Z. 37 (1933), 446—462. [37] Die Seltenheit der Gleichungen mit Affekt, Math. Ann. 109 (1933), 13-16. [38] (mit L. Infeld). Die Wellengleichung des Elektrons in der allgemeinen Relativitätstheorie, Sitzungsber. Preuß. Akad. Wiss., Phys.-Math. KL, 1933, S. 380—401; Berichtigung dazu S. 474. [39] Zur algebraischen Geometrie, I. Gradbestimmung von Schnittmannigfaltigkeiten einer beliebigen Mannigfaltigkeit mit Hyperflächen, Math. Ann. 108 (1933), 113 — 125. [40] Zur algebraischen Geometrie, II. Die geraden Linien auf den Hyperflächen des Pn, Math. Ann. 108 (1933), 253-259. [41] Zur algebraischen Geometrie, III. Über irreduzible algebraische Mannigfaltigkeiten, Math. Ann. 108 (1933), 694-698. [42] Eine einfache Herleitung der Stirlingschen Formel n\ ~ nne~n y2nn, Nieuw Arch. Wisk. (1933), H. 4, 40-45. [43] Zur algebraischen Geometrie, IV. Die Homologiezahlen der Quadriken und die Formeln von Halphen der Liniengeometrie, Math. Ann. 109 (1933), 7 — 12. [44] Noch eine Bemerkung zu der Arbeit ,,Zur Arithmetik der Polynome" von U. Wegner in Math. Ann. 105, S. 628-631, Math. Ann. 109 (1934), 679-680. [45] Zur algebraischen Geometrie, V. Ein Kriterium für die Einfachheit von Schnittpunkten, Math. Ann. 110 (1934), 128-133. [46] Zur algebraischen Geometrie, VI. Algebraische Korrespondenzen und rationale Abbildungen, Math. Ann. 110 (1934), 134-160. [47] Elementarer Beweis eines zahlentheoretischen Existenztheorems, J. Reine Angew. Math. 171 (1934), 1-3. [48] Gruppen von linearen Transformationen, Ergeb. Math. 4, H. 2, Springer, Berlin 1935. [49] (mit H. Casimir). Algebraischer Beweis der vollständigen Reduzibilität der Darstellungen halbeinfacher Liescher Gruppen, Math. Ann. 111 (1935), 1 — 12. [50] Die Zerlegungs- und Trägheitsgruppe als Permutationsgruppen, Math. Ann. 111 (1935), 731-733. [51] Eine einfache Herleitung der Fourierschen Reihe, Prace mat.-fiz. 44 (1935), 1 — 5. [52] Nachruf auf Emmy Noether, Math. Ann. 111 (1935), 469-476. [53] (mit L. J. Smid). Eine Axiomatik der Kreisgeometrie und der Laguerregeometrie, Math. Ann. 110 (1935), 753-776. [54] Zur algebraischen Geometrie, VII. Ein neuer Beweis des Restsatzes, Math. Ann. 111 (1935), 432-437. [55] Empirische Bestimmung von Wahrscheinlichkeiten und physiologische Konzentrations- auswertung, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 87 (1936), 353—364. [56] Reihenentwicklungen und Überschiebungen in der Invariantentheorie, insbesondere im quaternären Gebiet, Math. Ann. 113 (1936), 14-35. [57] Zur algebraischen Geometrie. Berichtigung und Ergänzungen, Math. Ann. 113 (1936), 36-39. [58] Zur algebraischen Geometrie, VIII. Der Grad der Graßmannschen Mannigfaltigkeit der linearen Räume Sm in Sn, Math. Ann. 113 (1936), 199—205. [59] Messung von Wahrscheinlichkeiten, insbesondere Mortalität von Krankheiten, Operationen usw., Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 88 (1936), 21—30.
B. L. van der Waerdens Wirken von 1931 bis 1945 in Leipzig 24$ [60] Die Seltenheit der reduziblen Gleichungen und der Gleichungen mit Affekt, Monatsh. Math. Phys. 43 (1936), 133-147. [61] Über die richtige Auswertung von Erfolgsstatistiken, Klin. Wschr. 15 (1936), 1718—1719. [62] (mit Wei-Lian Chow). Zur algebraischen Geometrie, IX. Über zugeordnete Formen und algebraische Systeme von algebraischen Mannigfaltigkeiten, Math. Ann. 113 (1937), 692-704. [63] Zur algebraischen Geometrie, X. Über lineare Scharen von reduziblen Mannigfaltigkeiten,. Math. Ann. 113 (1937), 705-712. [64] De logische grondslagen van de Euklidische Meetkunde, Noordhoff, Groningen 1937. [65] Zur algebraischen Geometrie, XI. Projektive und birationale Äquivalenz und Moduln von ebenen Kurven, Math. Ann. 114 (1937), 683-699. [66] Arithmetik und Rechentechnik der Ägypter, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig,. Math.-phys. Kl. 89, (1937), 171-172. [67] Geometrische Konstruktionen. (Die Geometrographie von Lemoine). Semester-Berichte zur Pflege des Zusammenhangs von Universität und Schule. Math. Seminar Münster, 11. Semester, Winter 1937/38, S. 86-93. [68] Zur algebraischen Geometrie, XII. Ein Satz über Korrespondenzen und die Dimension einer Schnittmannigfaltigkeit, Math. Ann. 115 (1938), 330—332. [69] Zur algebraischen Geometrie, XIII. Vereinfachte Grundlagen der algebraischen Geometrie, Math. Ann. 115 (1938), 359-378. [70] Eine Bemerkung zur numerischen Berechnung von Determinanten und Inversen von Matrizen, Jahresber. DMV 48 (1938), 29-30. [71] Zur algebraischen Geometrie, XIV. Schnittpunktszahlen von algebraischen Mannigfaltigkeiten, Math. Ann. 115 (1938), 619-642. [72] Die Entstehungsgeschichte der ägyptischen Bruchrechnung, Quellen u. Studien zur Gesch. d. Math. Abt. B, 4 (1938), 359-382. [73] Zur algebraischen Geometrie, XV. Lösung des Charakteristikenproblems für Kegelschnitte, Math. Ann. 115 (1938), 645-655. [74] Über die Bestimmung eines Dreiecks aus seinen Winkelhalbierenden, J. Reine Angew. Math. 179 (1938), 65-68. [75] Nachruf auf Otto Holder, Math. Ann. 116 (1938), 157-165. [76] Vertrauensgrenzen für unbekannte Wahrscheinlichkeiten, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 91 (1939), 213-228. [77] Einführung in die algebraische Geometrie, Springer, Berlin 1939. [78] Zenon und die Grundlagenkrise der griechischen Mathematik, Math. Ann. 117 (1940/41), 141-161. [79] Die Voraussage von Finsternissen bei den Babyloniern, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 92 (1940), 106-114. [80] Bericht über die Arbeit von H. Fitting, Beiträge zur Theorie der Gruppen endlicher Ordnung, J. Reine Angew. Math. 182 (1940), 215. [81] Biologische Konzentrationsauswertung, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.- phys. Kl., 92 (1940), 41-44. [82] Wirksamkeits- und Konzentrationsbestimmung durch Tierversuche, Naunyn-Schmiede- bergs Arch. experiment. Path. u. Pharmakol. 195 (1940), 389—412. [83] Die Astronomie der Pythagoreer und die Entstehung des geozentrischen Weltbildes, Die Himmelswelt 51 (1941), 97-103, 113-119. [84] Zur babylonischen Planetenrechnung, Eudemus 1 (1941), 23—48. [85] Zur pythagoreischen Algebra: Quadratwurzel und Kubikwurzel, Math. Ann. 118 (1941), 286-288. [86] Nachtrag zur Note ,,Die Voraussage von Finsternissen bei den Babyloniern", Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 93 (1941), 19-20.
244 Teil III [87] Die lange Reichweite der regelmäßigen Atomanordnung in Mischkristallen, Z. Phys. 118 (1941), 483-488. [88] Topologie und Uniformisierung der Riemannschen Flächen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 93 (1941), 147-160. [89] Die Bedeutung des Bewertungsbegriffs für die algebraische Geometrie, Jahresber. DMV 62 (1942), 161-172. [90] Das ^-Kriterium in der mathematischen Statistik, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 95 (1943), 91-110. [91] Die Berechnung der ersten und letzten Sichtbarkeit von Mond und Planeten und die Venustafeln des Ammisaduqa, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. Kl., 94 (1943), 23-56. [92] Die Harmonielehre der Pythagoreer, Hermes 78 (1943), 163-199. [93] (mit M. Gildemeister). Die Zulässigkeit des ^2-Kriteriums für kleine Versuchszahlen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-phys. KL, 95 (1943), 145-150. [94] Plaudereien zur babylonischen Astronomie, I. Die Venusbeobachtungen unter Ammisa- duga, Die Himmelswelt 53 (1943), 61 — 67. [95] Plaudereien zur babylonischen Astronomie, II. Der Kalender von Nippur und die Zwölfmal drei Sterne, Die Himmelswelt 54 (1944), 22, 28—31. [96] Die Astronomie des Heraklides von Pontos, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.- phys. KL, 96 (1944), 47-56. [97] The Foundation of the Invariant Theory of Linear Systems of Curves on an Algebraic Surface, Nederl. Akad. Wetensch. Indag. Math. 8 (1946), 223-226.
Ernst Holder und die mathematische Physik Herbert Beckert (Leipzig) Ernst Holder (geb. 1901) Zu den markantesten Persönlichkeiten, die richtungweisend der mathematischen Forschung an der Universität Leipzig nach der Wiedereröffnung 1945 das Gepräge gegeben haben, gehört Prof. Dr. Ernst Holder, der während des Krieges als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Anstalt für Luftfahrtforschung in Braunschweig dienstverpflichtet worden war und auf Betreiben von Prof. Dr. Hund wieder nach Leipzig kam. Ernst Holder, Sohn von Otto Holder, geboren am 2. April 1901, studierte von 1920—1926 Mathematik und Physik an der Universität Leipzig und Göttingen. Wie der junge Holder bereits als Schüler neben den Anregungen, die Schule und besonders das Elternhaus boten, für ein Mathematikstudium begeistert wurde, schildert er selbst in seinem in meisterhafter Diktion geschriebenen Aufsatz ,,Hermann Weyl zum 70. Geburtstag" [54]: „Ich werde nicht den grauen Herbstnachmittag vergessen, an dem ich als Schüler mir das Buch ,Raum, Zeit, Materie', Berlin 1918, von Hermann Weyl kaufte. Natürlich war mein Vater skeptisch: Das Buch sei für mich noch viel zu hoch, und es überschätze wohl das Neue, die Einsteinsche Relativitätstheorie. Trotzdem, es war wirklich, ,als wäre plötzlich eine Wand zusammengebrochen, die uns von der Wahrheit trennte4. Mein Mathematikstudium war eigentlich nur auf das Verstehen dieses wunderbaren Buches gerichtet; vieles wurde in ihm ja ab ovo entwickelt, und manches wurde mir noch besonders erklärt von meinem Vater und F. W. Levi. Nachher hörte ich dann das Herglotz-Kolleg über Riemannsche Mannigfaltigkeiten." Die originellen und glänzenden Vorlesungen von Gustav Herglotz u. a. über Himmelsmechanik, Mechanik der Kontinua, Riemannsche Geometrie und Differentialgleichungen haben später unverkennbare Spuren in zahlreichen Arbeiten von Ernst Holder hinterlassen. Das starke Interesse für die Physik führte Ernst Holder im Verlauf seines Studiums an der Universität Leipzig rasch zu Leon Lichten- stein, seinem Lehrer, der in seiner programmatischen Antrittsvorlesung „Astronomie und Mathematik in ihrer Wechselwirkung" [55] ein Forschungsprogramm über die Gestalt und Bewegungen der Himmelskörper aufgestellt hatte und damals eine
246 Teil III Integralgleichungstheorie zur Behandlung von Verzweigungs- und Stabilitätsproblemen für rotierende Flüssigkeiten der verschiedenen Strukturen auf breiter Front entwickelte. In seinen ersten Arbeiten geht Ernst Holder von den nichtlinearen Integralgleichungen für die Richtungscosinus der Flächennormalen bzw. für die Stützfunktion der Oberfläche einer im Gleichgewicht befindlichen rotierenden Flüssigkeit aus, die vor ihm bereits von A. Collet benutzt wurden, und kann in [2] die von Lichtenstein ermittelten Stabilitätsbedingungen explizieren und mittels der Sätze aus der stetigen Störungstheorie von Hermann Weyl verschärfen. In seiner Dissertation [1] wird mit der Stützfunktion als Unbekannte das Verzweigungsproblem für Gleichgewichtsfiguren in Nachbarschaft der ruhenden Kugel bei Berücksichtigung der Oberflächenspannung gelöst. Ernst Holder konnte in weiteren Untersuchungen über Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten unter anderem den wichtigen Satz beweisen, daß sich der Verzweigungsfall beim Vorliegen von m Nullösungen stets auf die Auflösung von nur m — 2 statt m Verzweigungsgleichungen zurückführen läßt. In seiner Habilitationsschrift 1929 „Mathematische Untersuchungen zur Himmelsmechanik" [5] studiert er im ersten Teil die aus den Lagrangeschen Dreieckslösungen des Dreikörperproblems abgeleiteten Gleichgewichtsfiguren auch im Fall schwacher Unsymmetrien, diskutiert das entstehende Verzweigungsproblem und beweist auf diesem Weg erstmalig die Existenz von Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten mit nur einer nicht durch die Rotationsachse gehenden Symmetrieebene. Im zweiten Teil werden periodische Lösungen des n- Körperproblems in Nachbarschaft einer periodischen Ausgangslösung konstruiert, welche durch die periodische Bewegung von n — 1 Massenpunkten um eine Zentralmasse im Mittelpunkt längs konzentrischer Kreise gegeben ist. Über die explizite Konstruktion des Greenschen Tensors im erweiterten Sinn zu dem System der Lagrangeschen Gleichungen gewinnt Ernst Holder für die gestörte Bewegung ein System von nichtlinearen Integrodifferentialgleichungen, auf welches die Lichten- steinsche Verzweigungstheorie angewendet wird. Ernst Holder hat in der Folgezeit in mehreren interessanten Arbeiten zur Himmelsmechanik diese Theorie auf die explizite Bestimmung von periodischen Bahnen des restringierten Dreikörperproblems in der Nachbarschaft eines kritischen Keplerkreises ([14, 6]) übertragen. In einer Reihe grundlegender Abhandlungen hatte L. Lichtenstein das Anfangswertproblem der instationären Bewegungsgleichungen inkompressibler reibungsloser Flüssigkeiten in der Form von Lagrange für kleinere Zeiten gelöst. Gleichzeitig mit W. Wolibner, der im ebenen Fall einen Existenzbeweis für diese Strömungen im Großen erbrachte, veröffentlichte Ernst Holder 1933 [9] eine sehr schöne Untersuchung, in der er die unbeschränkte zeitliche Fortsetzbarkeit der Lichtensteinschen Lösungen im Fall vorgegebener Anfangswirbelgeschwindigkeit auf einem eleganten potentialtheoretischen Wege zeigen konnte. Zwischen dem zwei- und mehrdimensionalen Fall türmen sich in den globalen Existenztheorien bekanntlich auch bei zähen Strömungen große Schwierigkeiten auf, die in der Natur der Sache zu liegen scheinen. Der plötzliche Tod Leon Lichtensteins 1933 muß unter den obwaltenden Umständen Ernst Holder schwer getroffen haben, verbanden ihn doch mit seinem hochgeschätzten Lehrer engste wissenschaftliche und freundschaftliche Beziehungen. Stets hat Ernst Holder das Andenken an Leon Lichtenstein wachgehalten. Im Jahre 1935 veröffentlichte er eine Widmungsarbeit ,,Die Lichtensteinsche Methode für die Entwicklung der zweiten Variation, angewandt auf das Problem von
Ernst Holder und die mathematische Physik 247 Lagrange" in der polnischen Zeitschrift Prace Matematyczno-Fizyczne im Rahmen seiner neuen Forschungsthematik: ,, Eigen Werttheorie kanonischer Differentialgleichungssysteme" ([10, 15, 18, 23]). In der quadratischen Hamiltonfunktion n 2H(t, Xj, yi) = £ aiixixj + 2bijxiyj + c{)yiy) «.7 = 1 mit stetigen Koeffizienten längs (t0, tx) wird die quadratische Form n 1,7 = 1 positiv semidefinit vom Rang n — p, 0 <^ p < n; dies führt beim Eigenwertproblem zur Unterscheidung zwischen „normalen" und ,,singulären" Eigen Wertfunktionen. In [15] wird diese Eigen Werttheorie unter allgemeinen Randbedingungen durchgeführt, wo die Endpunkte von x-t(t) auf r-dimensionalen Endmannigfaltigkeiten liegen (Normalform von Morse). Für die behandelten Problemklassen wurden die Greenschen Tensoren konstruiert und die Entwicklungssätze über die Schmidtsche Theorie adjungierter Integralgleichungen gewonnen. Die Entwicklung der zweiten Variation sehr allgemeiner eindimensionaler Variationsprobleme nach den Eigenlösungen führt dann nach Lichtenstein auf die bekannten Eigenwertkriterien für ein lokales Ex- tremum. Ernst Holder ist in jüngster Zeit in weiteren Arbeiten [33, 40] sowohl auf den Fall zweidimensionaler nichtlinearer Integranden mit beliebig vielen gesuchten Funktionen wie auf den entsprechenden w-dimensionalen Fall eingegangen. Die Eigen Werttheorie von E. Kamke über selbstadjungierte Eigenwertprobleme einer gewöhnlichen linearen Differentialgleichung 2m-ter Ordnung erweist sich als Spezialfall der allgemeinen Eigenwerttheorie kanonischer Systeme. Eine hübsche Anwendung seiner Theorie veröffentlichte Ernst Holder in [19]. Hier behandelt er vollständig das bekannte Problem der Stabknickung bei beliebig verteilten Längs- und kleinen Querkräften sowie bei Berücksichtigung der Längsdilatation. Bei eindimensionalen Extremalintegralen sind die Beziehungen zur Geometrie der Gruppe der Berührungstransformationen schon in Hamiltons optischen Arbeiten erkennbar. Wie Ernst Holder in [17] zeigte, kann man über die Einführung der Lieschen charakteristischen Funktion als Erzeugende einer eingliedrigen Gruppe von Berührungstransformationen hinweg deren Deutung als Bahnkurven der kanonischen Differentialgleichungen und Extremalen des zugehörigen Lagrangeschen Variationsproblems zu einem einzigartig schönen Überblick über die Bezirke der Jacobi-Hamiltonschen Theorie und deren Anwendungen gelangen. In dieser schönen Untersuchung geht Ernst Holder auch auf die Caratheodorysche Feldtheorie für mehrdimensionale Variationsprobleme ein, welche die Charakterisierung einer starken Extremalen ebei positiver Weierstraßscher ^-Funktion auf deren Einbettung in ein sogenanntes geodätisches Feld, das e transversal schneidet, überführt und skizziert eine Feldkonstruktion im Kleinen im Anschluß an die von H. Boerner. In seinen Leipziger Vorlesungen und Seminaren über partielle Differentialgleichungen erster Ordnung und Geometrische Optik ist er immer wieder auf den Gegenstand dieser Arbeit ausführlich eingegangen. Aus diesen Anregungen entstand die Leipziger Dissertation von Herrn J. Focke, die Ausgangspunkt einer Reihe weiterer wertvoller Arbeiten zur Geometrischen Optik geworden ist. Ähnliches gilt auch für die
248 Teil III Untersuchungen von Herrn R. Klötzler zur Feldtheorie in der Variationsrechnung, die von dem soeben genannten Ideenkreis ausgehen [57]. Auf die Problematik der Gültigkeit des Huygensschen Prinzips bei normal hyperbolischen Gleichungen geht Ernst Holder 1938 in der Arbeit [13] ein, worin er explizit eine zur Poissonschen analoge Wellenformel für die Lösungen u(t} der skalaren Wellengleichung bezüglich der Metrik ds2 = ds02 — c2 dt2 ableitet, wenn die Metrik ds02 einen Raum konstanter Krümmung definiert. Für die Gültigkeit des Huygensschen Prinzips erweist sich, wie in der Arbeit unter anderem weiter gezeigt wird, das Verschwinden der skalaren Krümmung als notwendig. Die Frage nach der Richtigkeit der sogenannten Vermutung von Hadamard, wonach unter den normal hyperbolischen Differentialgleichungen gerader Raum-Zeit-Dimension die Wellengleichung bis auf sogenannte triviale Transformationen die einzige sei, für welche das Huygenssche Prinzip im strengen Sinn zutrifft, bildete die Hauptproblematik der Dissertation von P. Günther [56], welche durch Ernst Holder angeregt wurde. Dieser Forschungsbereich ist in den letzten 30 Jahren durch P. Günther und weitere Mitarbeiter in einer größeren Zahl wertvoller Abhandlungen aufgehellt worden, in besonderem Maße mit der expliziten Angabe eines Gegenbeispiels zur Vermutung von Hadamard. Im Anschluß an K. Hetjn leitet Ernst Holder in [16] in einer schönen Arbeit die dynamischen Gleichungen eines starren Körpers, bezogen auf ein allgemein bewegtes Bezugssystem, unter Verwendung von Summen Plückerscher Koordinaten her und erhält so einen vollständigen invarianten Satz von Differentialgleichungen erster Ordnung für die absolute Schraubengeschwindigkeit und die Elemente der Trägheitsmatrix, der je nach Wahl des Bezugssystems auf die R.-Misessche oder M.- Winkelmann-R.-Grammeische Theorie führt. Eine Verallgemeinerung dieser Theorie auf die Dynamik eines starren Körpers in einem nichteuklidischen Raum wird in [37] behandelt. In den folgenden Arbeiten von Ernst Holder vollzieht sich bis auf wenige Beispiele, wie etwa in der unveröffentlichten Lilienthal-Preisarbeit aus dem Jahre 1943, in welcher er, wie er in [41] skizziert, die isentropische drehungsfreie ebene Unterschallströmung1) in einem ringförmigen Kanal um ein Profil bis zur kritischen Geschwindigkeit unter Benutzung der Sätze von I. Schauder und S. Bernstein fortsetzen kann, ein unverkennbarer Übergang von der konstruktiven zur beschreibenden Mathematik im Bereich der mathematischen Physik. Dabei fördert er für die von ihm so geliebte Variationsrechnung und deren Begriffsbildungen wie Figuratrix und Indikatrix immer neue Anwendungsmöglichkeiten ans Licht im Bereich der Hydro- und Aerodynamik wie neuerdings der Magneto-Gasdynamik und Supraleitung. Immer wieder schlägt er Brücken zu anschaulich-geometrischen Begriffsbildungen. Bei stationären rotationssymmetrischen und ebenen Strömungen eines Gases gelingt ihm die Deutung desBusemannschen Druckberges — analytisch die thermodynamische Druck-Entropie-Enthalpierelation des Mollier-Diagramms, wenn man letztere durch die Bernoullische Gleichung eliminiert — als Figuratrix eines nichtlinearen Variationsproblems, welches er explizit berechnen kann [30]. In [42, 52] wird diese Theorie *) Dieses Problem wurde 1952 von Max Shiffman in der Arbeit: On the existence of sub- sonie flows of a compressible fluid, J. Rat. Mech. Analysis 1 (1952), 605—652, gelöst, weiter von Bers, Bojabski und Beyer.
Ernst Holder und die mathematische Physik 249 auf stationäre, rotationssymmetrische Strömungen eines leitenden Plasmas auf die Magneto-Gasdynamik übertragen. Es ist sehr interessant, daß diese Interpretation des Busemannschen Druckberges über eine Doppeltangentenkonstruktion auf eine sehr anschauliche Darstellung der Sprungrelationen an einem Verdichtungsstoß führt. Das Hamiltonsche Prinzip kann bei festgehaltenen Randwerten auch als Variationsproblem für die Lagrangeschen Teilchenkoordinaten als Funktion der Zeit und Eulerschen Ortskoordinaten formuliert werden. Dies zeigt Ernst Holder in eleganter Weise in [28] sogar für instationäre kompressible Strömungen und erhält auf diese Weise auch für stationäre Strömungen eines Gases durch Einführung von zwei im wesentlichen mit den Lagrangeschen Koordinatenfunktionen identischen Stromfunktionen das bemerkenswerte vorhin genannte Variationsproblem, das in den bereits erwähnten wie weiteren Anwendungen zugrunde gelegt wurde. Ernst Holder hat in mehreren Arbeiten, insbesondere in [24], [21] und in seinem Anfangsseminar am Mathematischen Institut der Universität Leipzig 1946 auf die Lewy-Friedrichschen Untersuchungen über das Differenzenverfahren bei hyperbolischen Differentialgleichungen in Hinblick auf dessen Anwendungen auf die Gasdynamik hingewiesen. Hiervon erhielt der Verfasser wertvolle Anregungen zu seiner Dissertation [58, 59] und seinen Untersuchungen über quasilineare Systeme erster Ordnung. Zumindest seit dem Erscheinen des Buches von E. Kahler [61] bedient sich Ernst Holder mit Vorliebe des Kalküls der alternierenden Differentialformen. So behandelt er in der Arbeit [24] unter Verwendung dieses Kalküls das Cauchysche Anfangswertproblem für die Monge-Amperesche Differentialgleichung mit Hilfe der Charakteristikentheorie und stellt hiermit Querverbindungen zu den älteren Theorien von Engel und Lagtjerre her. In zahlreichen weiteren Arbeiten, wie in [40], aber besonders bei seiner Untersuchung der Differentialgleichungen der Supraleitung, wo er die Beziehungen zu den Maxwellschen Gleichungen bespricht, macht er sich mit Vorteil diese Technik zunutze. Neben seiner wertvollen Forschungsarbeit, auf die der Verfasser hier nur kurz und unvollständig eingehen konnte, war Ernst Holder sehr erfolgreich bei der Auswahl und Anleitung seiner Schüler, von denen hier genannt werden: Herbert Beckert, Paul Günther, Joachim Focke, Rolf Klötzler, Helmut Schäfer, Stefan Hildebrandt und Ulrich Staude. Seine Förderung war uneigennützig, nie hat er seine Schüler, die er unmerklich, aber desto wirkungsvoller lenkte, überfordert. Seine Liebenswürdigkeit und außerordentliche Hilfsbereitschaft und die Ruhe, welche er ausstrahlte, bildeten die Grundlage einer ausgeglichenen, effektiven Arbeitsatmosphäre. Neben seiner Potenz als Mathematiker auf dem Gebiet der Analysis ist Ernst Holder auch Physiker par excellence auf einem breiten Spektrum. In seinen Vorlesungen und Seminaren lehrte er, wie man die Mathematik an Hand ihrer physikalischen Anwendungen erlernen kann. Stets dem Andenken seines Lehrers Leon Lichtenstein verpflichtet, hat Ernst Holder dessen Forschungstradition am Mathematischen Institut der Universität Leipzig, dessen Direktor er von 1946—1957 war, wachgehalten und hier einen großen Schülerkreis für die Mathematik begeistern können.
250 Teil III Verzeichnis der Veröffentlichungen von Ernst Holder [1] Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten mit Oberflächenspannung (Dissertation), Math. Z. 25 (1926), 188-208. [2] Über einige Integralgleichungen aus der Theorie der Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten mit Anwendung auf Stabilitätsbetrachtungen, Leipz. Ber. 78 (1926), 3—20. [3] Beiträge zur mathematischen Theorie der Gestalt des Erdmondes, Leipz. Ber. 78 (1926), 21-36. [4] Bemerkungen zu der vorstehenden Arbeit (von Herrn Mazurkiewics), Math. Z. 25 (1926), 754. [5] Mathematische Untersuchungen zur Himmelsmechanik (Habilitationsschrift), Math. Z. 31 (1929), 197-257. [6] Die Verzweigungsgleichungen für die kritischen Kreise des restringierten Dreikörperproblems, Leipz. Ber. 83 (1931), 179-184. [7] Über eine potentialtheoretische Eigenschaft der Ellipse, Math. Z. 35 (1932), 632-643. [8] Zur Theorie inhomogener Gleichgewichtsfiguren, 1. Mitteilung. Homogene Ausgangsfiguren, Math. Z. 36 (1933), 563-580. [9] Über die unbeschränkte Fortsetzbarkeit einer stetigen ebenen Bewegung in einer unbegrenzten inkompressiblen Flüssigkeit, Math. Z. 37 (1933/34), 727-738. [10] Die Lichtensteinsche Methode für die Entwicklung der zweiten Variation angewandt auf das Problem von Lagrange, Prace mat.-fiz. 43 (1935), 307 — 346. [11] Zur Theorie der Randwertaufgaben für lineare kanonische Systeme, Jahresber. DMV 45 (1935), 126-128. [12] Über die Vielfachheiten gestörter Eigenwerte, Math. Ann. 113 (1936), 620-628. [13] Poissonsche Wellenformel in nichteuklidischen Räumen, Leipz. Ber. 90 (1938), 55 — 66. [14] Die symmetrischen periodischen Bahnen des restringierten Dreikörperproblems in der Nachbarschaft eines kritischen Keplerkreises, Amer. J. Math. 60 (1928), 801—814. [15] Entwicklungssätze aus der Theorie der zweiten Variation. Allgemeine Randbedingungen, Acta Math. 70 (1939), 193-242. [16] Über die explizite Form der dynamischen Gleichungen für die Bewegung eines starren Körpers relativ zu einem geführten Bezugssystem, ZAMM 19 (1939), 166 — 176. [17] Die infinitesimalen Berührungstransformationen der Variationsrechnung, Jahresber. DMV 49 (1939), 162-178. [18] Reihenentwicklung aus der Theorie der zweiten Variation, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 13 (1939), 273-283. [19] Stabknickung als funktionale Verzweigung und Stabilitätsproblem, Jahrbuch 1940 der deutschen Luftforschung (1940), 1799 — 1819. [20] (mit H. Bilharz). Zur Berechnung der Druckverteilung an Rotationskörpern in achsensymmetrischer Unterschallströmung eines Gases, Jahrbuch 1941 der deutschen Luftforschung (1941), III 198-III 204. [21] Bemerkungen zu Riemanns Abhandlung: ,,Über die Fortpflanzung ebener Luftwellen von endlicher Schwingungsweite", Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 14 (1941), 338-350. [22] Beiträge zur mathematischen Behandlung des Umströmungsproblems der Gasdynamik (Lilienthal-Preisschrift, Preisausschreiben Aerodynamik 1942), Interner Bericht DFVLR IB FZ BS - 72/1, Braunschweig 1972, S. 1-98. [23] Einordnung besonderer Eigenwertprobleme in die Eigenwerttheorie kanonischer Differentialgleichungssysteme, Math. Ann. 119 (1943), 21—66. [24] Symmetrische Behandlung des Cauchyschen Anfangswertproblems bei einer Monge- Ampereschen Differentialgleichung vom hyperbolischen Typ, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. Kl., 94 (1942), 57-70. [25] Die Differentialgleichungen für die Stromfunktion der stationären rotationssymmetrischen
Ernst Holder und die mathematische Physik 251 Zirkulation einer adiabatischen veränderlichen reibungsfreien Atmosphäre über der Erde, Meteorol. Rundsch., 1. Jg., 15./16. Heft (1948), 449-450. [26] Probleme der partiellen Differentialgleichungen der Mechanik der Kontinua, ZAMM 29 (1949), 22-23. [27] Zusätzliche Stabilitätsbetrachtung betreffend: ,,Die symmetrischen periodischen Bahnen des restringierten Dreikörperproblems in der Nachbarschaft eines kritischen Kepler- kreises", Amer. J. Math. 72, No. 1 (1950), 157-160. [28] Über die Variationsprinzipe der Mechanik der Kontinua, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. KL, 97, H. 2 (1950), 3-13. [29] Constantin Caratheodory. Sein Beitrag zur Axiomatik der mathematischen Physik, Forschungen u. Fortschritte 26, Nr. 21/22 (1950), 290-293. [30] Klassische und relativistische Gasdynamik als Variationsproblem, Math. Nachr. 4 (1950/ 1951), 366-381. [31] Über die Drehfrequenzbereiche mit instabilen periodischen Torsionsschwingungen bei Kurbelwellen, ZAMM 32 (1952), 258-259. [32] Über den Aufbau eines erweiterten Greenschen Tensors kanonischer Differentialgleichungen aus assozierten Lösungssystemen, Ann. Soc. Polon. Math. 25 (1952), 115 — 121. [33] Das Eigenwertkriterium der Variationsrechnung zweifacher Extremalintegrale, Bericht über die Mathematikertagung in Berlin v. 14. —18. 1. 1953, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1953, S. 291-302. [34] Charakteristikentheorie des überkritischen stationären ebenen Fließens eines plastischelastischen Materials mit Verfestigung, Kolloid-Zeitschrift 138 (1954), 19. [35] Über die Differentialgleichungen der Supraleitung, Proc. Int. Congr. Math. 1954 2 (Amsterdam 1954), p. 352. [36] Aufbau einer Extremalfläche hyperbolischen Typs aus ihren Charakteristiken (mittels des euklidischen Zusammenhangs des Cartanschen Raumes), Arch. Math. 5 (1954), 510 bis 521. [37] Die Dynamik des starren Körpers in einem nichteuklidischen Raum, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 20 (1956), 242-252. [38] Über die auf Extremalintegrale gegründeten metrischen Räume, Inst. Math. Dtsch. Akad. Wiss. Berlin Heft 1 (1957), 178-193. [39] Fortsetzung Abelscher Differentiale 1. Gattung ins Nichtlineare, Ann. Acad. Sei. Fenn., Ser. A I, Math. 250, 15 (1958). [40] Über die partiellen Differentialgleichungssysteme der mehrdimensionalen Variationsrechnung, Jahresber. DMV 62 (1959), 34-52. [41] Extremale geschlossene Differentialformen, Unterschallströmungen im Großen, Math. Z. 72 (1960), 235-258. [42] Zur Kontinuum-Magneto-Gasdynamik. Stationäre rotationssymmetrische Strömung eines vollkommen leitenden Plasmas, ZAMP 12 (1961), 516—526. [43] Beweis einiger Ergebnisse aus der Theorie der 2. Variation mehrfacher Extremalintegrale, Math. Ann. 148 (1962), 214-225. [44] Mit harmonischen Feldern verwandte Differentialformen unter Rand- und Anfangswertbedingungen, Ann. Acad. Sei. Fenn., Ser. A I, Math. 336, 7 (1963), 3—24. [45] (mit R. Klötzer, S. Gähler, S. Hildebrandt). Entwicklungslinien der Variationsrechnung seit Weierstraß. Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Wiss. Abh. 33 (1966), 183-240. [46] Stationäre rotationssymmetrische perfekte Plasmafreistrahlen. In Schultz-Grunow (Ed.): Elektro- und Magnetohydrodynamik, BI Mannheim 1968, S. 92 — 112. [47] Navigationsformel zu A. Busemanns Variationsproblem der Raumfahrt, Celest. Mech. 2 (1970), 435-445. [48] Die dreispitzige Hypozykloide als Einhüllende der in erster kompressibler Näherung be-
252 Teil III rechneten Auftriebskraft auf ein symmetrisches Profil in einer Strömung gegebener Machzahl und variabler Anströmungsrichtung, Jahrbuch 1971 der DGLR (1971), 237—243. [49] Zu Rotation und Apsidalbewegung von Sternmodellen nach der Clairot-Liapunoff-Lich- tensteinschen Theorie der Figur der Erde, Mitt. Math. Sem. Gießen 123 (1977), 195-227. [50] Treibstoffoptimale Störungen von Satellitenbahnen im Raum eines anziehenden Zentrums. Erster Teil: Zur Variationsrechnung und Himmelsmechanik, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 47 (1978), 128-149. [51] Treibstoffoptimale Störungen von Satellitenbahnen im Raum eines anziehenden Zentrums. Zweiter Teil: Störungsdifferentialgleichungen bei Raketenschub als Indikatrix eines Variationsproblems, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 48 (1979), 264-278. [52] Zum Druckberg in der Magneto-Gasdynainik, ZAMM 59 (1979), 337-347. [53] Lichtensteins wissenschaftliche Wirksamkeit. Zum 100. Geburtstag von Leon Lichtenstein. SFB 72 Preprint no. 253, Bonn 1979, Wiadomosci Mat. [54] Hermann Weyl zum 70. Geburtstag, Forschungen und Fortschritte 29, H. 11 (1955). Weitere Literatur [55] Lichtenstein, L.: Astronomie und Mathematik in ihrer Wechselwirkung, Hirzel-Verlag, Leipzig 1923. [56] Günther, P.: Zur Gültigkeit des Huygensschen Prinzips bei partiellen Differentialgleichungen vom normalen hyperbolischem Typus, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. KL, 100, H. 2 (1952), 1-43. [57] Klötzler, R.: Die Konstruktion geodätischer Felder im Großen in der Variationsrechnung mehrfacher Integrale, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. Kl., 104, H. 6 (1961), 1-83. [58] Beckert, H.: Existenz und Eindeutigkeitsbeweise für das Differenzen verfahren zur Lösung des Anfangswertproblems, des gemischten Anfangs-Randwert- und des charakteristischen Problems einer hyperbolischen Differentialgleichung zweiter Ordnung mit zwei unabhängigen Variablen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. KL, 97, H. 4 (1950), 1-42. [59] Beckert, H.: Über quasilineare hyperbolische Systeme partieller Differentialgleichungen erster Ordnung mit zwei unabhängigen Variablen. Das Anfangswertproblem, die gemischte Anfangs-Randwertaufgabe, das charakteristische Problem, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-natmwiss. Kl., 97, H. 5 (1950), 1-68. [60] Wolibner, W.: Un theoreme sur l'existence du mouvement plan d'un fluid parfait, homogene, incompressible, pendant un temps infiniment long, Math. Z. 37 (1933), 698—726. [61] Kahler, E.: Einführung in die Theorie der Systeme von Differentialgleichungen, Teubner, Leipzig—Berlin 1934.
Erich Kahler in Leipzig 1948-1958 Horst Schumann (Leipzig) Erich Kahler (geb. 1906) „Das waren schöne und erfolgreiche Jahre", sagte Kahler bei einem Besuch in seiner Geburtsstadt Leipzig im Frühjahr 1980 und meinte damit die Zeit seines Wirkens als ordentlicher Professor an der Leipziger Universität in den Jahren 1948 bis 1958. Obwohl Kahler viele Bindungen zu Leipzig besaß — er wurde am 16. Januar 1906 in dieser Stadt geboren, erhielt 1924 an der Leipziger Leibnizoberrealschule das Zeugnis der Reife, studierte von 1924—1928 an der Leipziger Universität Mathematik, Astronomie und Physik und promovierte im Mai 1928 bei Lichtenstein zum Dr. phil. mit der Arbeit „Über die Existenz von Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten, die sich aus gewissen Lösungen des n-Körperproblems ableiten" —, war es doch den intensiven Bemühungen des derzeitigen Dekans der mathematischnaturwissenschaftlichen Abteilung der Philosophischen Fakultät und Direktors des Mathematischen Instituts der Universität Leipzig, E. Holder, zu verdanken, daß Kahler bei mindestens drei sich bietenden Möglichkeiten ehrenvoller Berufungen dem Ruf an die Universität Leipzig folgte. Im Oktober 1948 begann er hier mit der ihm eigenen, unverwechselbaren Energie eine außerordentlich umfangreiche Lehr- und Forschungstätigkeit, und schon nach kurzer Zeit war spürbar, daß das Leipziger Mathematische Institut eine Mathematikerpersönlichkeit von großer Ausstrahlungskraft und hoher wissenschaftlicher Produktivität gewonnen hatte. In seinem Antrag an die Landesregierung Sachsen vom 7. 10. 1947, die dritte im Stellenplan vorgesehene planmäßige Professur für Mathematik in Leipzig durch Kahler zu besetzen, war E. Holder u. a. davon ausgegangen, daß die funktionentheoretischen Arbeiten Kählers, die stets zum algebraischen Kern der analytischen Verhältnisse vordringen, ihn als den gegebenen Nachfolger Koebes erscheinen ließen, der nach langem erfolgreichem Wirken am Leipziger Mathematischen Institut 1945 verstorben war. In der Tat hatte Kahler bereits als junger Mathematiker in den Jahren 1928/29 in der Theorie der algebraischen Funktionen zweier Variabler (vgl. [3, 5, 6]) eine Reihe grundlegender Ergebnisse erzielt, die starke Beachtung fanden und Anlaß zu zahlreichen weiteren Untersuchungen gaben. Bereits im Februar 1930 erlangte Kahler mit seiner Habilitationsschrift ,,Über die Integrale algebraischer
254 Teil III Differentialgleichungen" die venia legendi. In dieser Arbeit zeigt er für die Integrale algebraischer Differentialgleichungen erster Ordnung, daß ihre Singularitäten stets ganze Integralkurven bilden, und gibt für jedes Paar hyperabelscher Funktionen die zugehörige algebraische Differentialgleichung an. Weitere Untersuchungen Käh- lers auf dem Gebiet der Funktionen mehrerer Variabler befassen sich mit den Metriken der automorphen Funktionen sowie den Doppelintegralen erster Gattung. Einen wesentlichen Teil seiner fruchtbaren mathematischen Schaffensperiode in den 30er Jahren nimmt die Beschäftigung mit dem Kalkül der Differentialformen ein. In [11] zeichnet Kahler die Klasse der Metriken aus, für welche die metrische Differentialform o) = gijdzidz^ geschlossen ist: dco = 0. Räume mit dieser Eigenschaft wurden später von vielen Mathematikern als Kahl ersehe Räume untersucht. Eine systematische Behandlung von Differentialgleichungssystemen in der Sprache der alternierenden Differentialformen stellt [13] dar. Dieses Buch, in dem Systeme betrachtet werden, die durch Annullieren von Differentialformen beliebigen Grades entstehen, besticht durch seine präzise Darstellung. Die von Kahler eingeführte Bezeichnung dco für die äußere Ableitung einer Differentialform co hat später auch E. Cartan übernommen. Auch die Maxwellschen Differentialgleichungen behandelt Kahler in [14] in der Sprache der Differentialformen, wobei er ein Analogon der Kirchhoff sehen Lösung der Wellengleichung aufstellt. Kahler begann sehr frühzeitig zu publizieren. Seine ersten Arbeiten (vgl. [1, 2]) erschienen 1926. In diesen befaßt sich Kahler mit dem Dreikörperproblem. Von diesen Arbeiten spannt sich ein weiter Bogen, gekennzeichnet durch eine ganze Reihe von Veröffentlichungen und zahlreichen Vorträgen, über einen Zeitraum von 54 Jahren bis zum Erscheinen der Monadologie, Teil III 1980, der Kählers Verhältnis zur Physik, zu den Naturwissenschaften insgesamt und auch zur Philosophie, insbesondere zu Fragen der Erkenntnistheorie verdeutlicht. Vor allem in seiner Arbeit ,,Über die Beziehungen der Mathematik zur Astronomie und Physik" [15], die einen im Februar 1939 in Königsberg gehaltenen Vortrag wiedergibt, entwickelt er ein Programm, das in Ansätzen die tragenden Ideen seines gesamten weiteren wissenschaftlichen Lebenswerkes enthält. Ich möchte die Auffassung vertreten, daß es nur möglich ist, Kahler als Mathematiker richtig zu verstehen, wenn man ihn auch als Physiker, Astronom und Philosoph begreift. Es sei mir deshalb gestattet, aus der genannten Arbeit ein Zitat anzuführen: „Die Mathematik ist ein Organ der Erkenntnis und eine unendliche Verfeinerung der Sprache. Sie erhebt sich aus der gewöhnlichen Sprache und Vorstellungswelt wie eine Pflanze aus dem Erdreich, und ihre Wurzeln sind Zahlen und einfache räumliche Vorstellungen. Wir wissen nicht, welcher Inhalt die Mathematik als die ihm allein angemessene Sprache verlangt, wir können nicht ahnen, in welche Ferne und Tiefe dieses geistige Auge Mathematik den Menschen noch blicken läßt." In seiner dem 100. Todestag von C. F. Gauss gewidmeten Abhandlung [24], die den gleichen Titel wie die genannte Arbeit [15] trägt und diese als Teil I enthält, führt Kahler 18 Jahre später diese Gedanken konsequent weiter. Er sieht es dabei als eine Aufgabe für die Mathematiker an, hinzuweisen „auf Möglichkeiten der reinen Mathematik, denen eine philosophische und damit auch für die Physik bedeutsame Sprachgewalt innezuwohnen scheint". In dieser Arbeit begründet Kahler auch die zentrale Stellung des Begriffes Körper in der Mathematik und kennzeichnet ihn in seinem Verhältnis zum Raumbegriff als diesem überlegen und doch zugleich ausgeliefert ,,wie die Schnecke dem Schneckenhaus".
Erich Kahler in Leipzig 1948 — 1958 255 Die Gedanken, die den Gauß-Artikel durchziehen und denen nachzuspüren man immer wieder angeregt und dabei zu neuen tieferen Aspekten geführt wird, lassen die Nähe zu Kählers größtem Werk erkennen, seinem mathematischen Lebenswerk, der ,,Geometria aritmetica", anderen Endfassung er zu dieser Zeit mit aller Energie arbeitete und deren Abschluß zweifellos für ihn und seine Schüler den Höhepunkt in seiner Leipziger Schaffensperiode darstellt, über die zu berichten sich der Verfasser dieses Artikels als Aufgabe gestellt hat. Zuvor aber sei noch eine Bemerkung zum vorläufigen Endpunkt des weiten Bogens gestattet, zu Kählers Monadologie; sie erschien ja etwa 20 Jahre nach Beendigung von Kählers Tätigkeit in Leipzig (er nahm 1958 eine Berufung an die Technische Universität in Berlin (West) an und war danach von 1964 bis zu seiner Emeritierung 1974 ordentlicher Professor in Hamburg), knüpfte aber an eine in Leipzig 1950 von ihm gehaltene Vorlesung für Hörer aller Fakultäten „Die Mathematik als Sprache und Schrift" an, der eine schriftliche Ausarbeitung gleichen Titels (vgl. [16]) zugrunde lag. Im Vorwort zum I. Teil dieser Arbeit, die von allen, die sich mit den tiefliegenden Fragen des Erkenntnisprozesses beschäftigen, den größten Respekt abverlangt, auch von denen, die zur wissenschaftlichen Fundierung ihres Weltbildes von anderen Axiomen ausgehen, stellt sich Kahler die Aufgabe ,,die Leibnizsche Monadologie mathematisch zu formulieren, was zur Zeit von Leibniz noch nicht gelingen konnte, weil erst die mathematischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts die Voraussetzungen dafür geschaffen haben". Nach Kählers Auffassung stellt die Monadenlehre nicht nur die Verbindung zur großen Tradition der Philosophie her, sondern auch für alle Einzelwissenschaften eine Herausforderung dar. Als Voraussetzung für den vorgelegten Versuch einer mathematischen Monadologie bezeichnet er die Deutbarkeit der abstrakten Algebra als Ontologie. In dieser Arbeit haben der Stellenring (als Monade), der Restklassenkörper S/U eines Stellenringes S nach dem maximalen Ideal U (als das Ich einer Monade S) und der durch das maximale Ideal U von 8 bestimmte C7-adische Ring (als das Dasein der Monade 8) eine zentrale Bedeutung. Im III. Teil der Monadologie ist — mit Kählers Worten — im Gegensatz zu den beiden ersten Teilen hemmungsloser Einsatz der Mathematik der rechte Stil, der über den Wahrheitsgehalt und die ideologische Tragweite der Monadologie entscheiden soll. Ausgehend von der Überlegung, daß ,,das auffälligste Phänomen der reinen Mathematik ... die Theorie der elliptischen Funktionen und der Modulfunktionen sowie deren Überhöhung in der Theorie der Abelschen Funktionen und der Siegeischen Modulfunktionen" ist, umfaßt dieser III. Teil den Versuch, Raum, Zeit und Materie in der Sprache der elliptischen Funktionen zu verstehen. Kahler hatte — wie bereits eingangs erwähnt — seine erste mathematische Ausbildung in der Lichtensteinschen Schule in Leipzig erhalten; in einem sehr kurzen Zeitraum verstand er es, durch die Aufnahme anderer starker mathematischer Einflüsse, so der differentialgeometrischen und der arithmetischen Richtung in Hamburg, vor allem aber der italienischen algebraisch-geometrischen Schule seine Ausbildung umfassend zu erweitern und zu vertiefen, diese sich rasch entwickelnden mathematischen Strömungen schöpferisch zu verarbeiten, was entscheidend und bestimmend für sein mathematisches Schaffen war. Ein Stipendium der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft half ihm nach dem Studium, bis er im Sommersemester 1929 eine Assistentenstelle an der Universität Königsberg vertretungsweise bekam. Vom Herbst 1929 bis 1935 war er dann Assistent am Hamburger Mathematischen
256 Teil III Seminar, von 1930 an Privatdozent. Diese Tätigkeit in Hamburg unterbrach er fast ein Jahr lang für einen Aufenthalt an der Universität Rom 1931/32, der durch ein Rockefellerstipendium ermöglicht wurde. Die Arbeit in Rom an der Quelle der italienischen algebraischen Geometrie prägte in starkem Maße Kählers mathematisches Profil. Von 1935 bis 1936 vertrat er in Königsberg eine Professur und wurde im Juli 1936 als ordentlicher Professor an die Universität Königsberg berufen. Krieg und Kriegsgefangenschaft unterbrachen seine schöpferische Arbeit als Forscher und Lehrer fast 8 Jahre lang. Glücklich mit seiner Familie wieder vereint, kam Kahler nach einer vorübergehenden Tätigkeit als Diätendozent an der Universität Hamburg nach Leipzig. Die erste Vorlesung hielt Kahler am Leipziger Mathematischen Institut am 17. Oktober 1948 im Großen Hörsaal vor den Studenten des 1. Semesters, unter denen sich auch der Verfasser befand. Neben einer Vorlesung über Projektive Geometrie hatte Kahler im Wintersemester 1948/49 die Vorlesung über Differential- und Integralrechnung und die dazu gehörenden Übungen übernommen. Es herrschte eine regelrechte Spannung im Hörsaal. Außer den Studenten des 1. Semesters waren auch zahlreiche Studenten höherer Semester gekommen. Diese Vorlesung war für mich und die meisten Anwesenden ein unvergeßliches Erlebnis. Wenn ich heute meine Nachschrift dieser ersten Vorlesung ansehe, dann ist mir klar, warum der Funke der Begeisterung so schnell auf die Zuhörer übersprang: Diese Vorlesung war im wesentlichen der Inhalt von Kählers Arbeit „Über die Beziehungen der Mathematik zur Astronomie und Physik". Ich habe während meines Studiums bei Kahler viele Vorlesungen gehört, jede für sich genommen war ein Erlebnis. Kahler trug stets frei vor, sehr konzentriert, voll engagiert, mit starker Ausstrahlungskraft, beeindruckend in der Beweisführung und durch die Klarheit des Wortes; jeder gesprochene Satz hatte einen gewichtigen Inhalt. Seine Vorlesungen erzogen zu aktiver Mitarbeit, sie verbreiteten Ehrfurcht vor der Mathematik. Kahler zeigte seinen Hörern die Schönheit der Mathematik und machte die ihr innewohnende Kraft sichtbar. Eine ganze Reihe von Vorlesungen, die Kahler in Leipzig gehalten hat, waren Originalvorlesungen. Hier war es besonders beeindruckend, wie er — auch gemeinsam mit seinen Hörern — um manchen Beweisschritt rang. Die schöpferische, anregende und manchmal auch aufregende Atmosphäre, die dabei herrschte, war von unverwechselbarer Kählerscher Art. Er forderte viel von seinen Hörern, er scheute aber auch keine Mühe und verwandte sehr viel Zeit, ihnen zur Klarheit zu verhelfen; die Vermittlung mathematischen Wissens war ihm höchste Aufgabe. Dabei ging er oft ungewöhnliche Wege, die ihresgleichen suchen. Für das Sommersemester 1949 hatte Kahler eine vierstündige Vorlesung über Algebraische Geometrie angekündigt, die auch viele Interessenten fand. Sie reichte aber trotz großen Bemühens „nur" zur Darlegung idealtheoretischer und körpertheoretischer Grundlagen aus, da an ihr ja auch Studenten des 2. Semesters teilnahmen. Kahler nannte sie nachträglich in Mathematik I um und setzte sie im Wintersemester 1949/50 als Mathematik II fort, und zwar zehnstündig pro Woche. Seine Hörer absolvierten bei ihm allein in jener Vorlesung in diesem Semester 78 zweistündige Vorlesungen, wobei er oft auch noch die Vorlesungszeit stark überzog. Da blieb natürlich mancher der Hörer auf der Strecke. Kahler führte diese Vorlesungsreihe im Sommersemester 1950, im Wintersemester 1950/51 und im Sommersemester 1951 als Mathematik III, IV und V weiter. Den Inhalt dieses gewaltigen Vorlesungszyklus zu umreißen ist hier nicht
Erich Kahler in Leipzig 1948 — 1958 257 möglich. Er spiegelt sich in etwa in Kählers Arbeit [20] und vor allem aber in seiner bedeutendsten und umfassendsten Arbeit ,,Geometria aritmetica" wider. Mit dieser Vorlesungsreihe legte Kahler den Grundstein für die Bildung seines Leipziger Schülerkreises: Es waren diejenigen, die von Mathematik I bis Mathematik V durchgehalten und aktiv mitgearbeitet hatten. Dazu gehörten G. Häuslein, G. Lustig, J. Mehner, S. Pilz, K.-H. Schuhler, H. Schumann und A. Uhlmann. Später kamen noch G. Eisenreich, G. Grosche und G. Kettwig hinzu. Neben den bereits genannten hielt Kahler noch eine Vielzahl weiterer Vorlesungen, so über Funktionentheorie einer und mehrerer Variabler, Zahlentheorie, Algebraische Funktionen, gewöhnliche und partielle Differentialgleichungen, Topologische Gruppen, Liesche Gruppen und Kombinatorische Topologie. Besondere Hervorhebung verdient das Kähler- sche Seminar, das er mit seinen Schülern im Dozentenzimmer des Mathematischen Instituts bzw. in seinem Arbeitszimmer in seiner Wohnung abhielt. Hier wurde den Schülern von ihrem „Meister", wie sie Kahler nannten, alles abverlangt; keiner konnte riskieren, unvorbereitet zum Seminar zu erscheinen, das sich mitunter über viele Stunden erstreckte. Hier wurden sowohl Ergebnisse der Teilnehmer vorgestellt, diskutiert und zur Veröffentlichung vorbereitet als auch der Inhalt bedeutender Originalarbeiten, insbesondere der italienischen algebraischen Geometer gemeinsam erschlossen. Diese jahrelange gemeinsame Arbeit hat allen Beteiligten viel gegeben und ihr Verhältnis zur Mathematik stark geprägt. Natürlich stand auch im Kählerschen Seminar sein großes Vorhaben ,,Geometria aritmetica" über lange Zeit im Mittelpunkt. Kahler hatte ja seine Mitarbeiter und Mitstreiter über Jahre in diese Gedankenwelt eingeführt. Viele Stunden wurde über manche der in der Endfassung 500 Abschnitte der Arbeit diskutiert. Alle Schüler Kählers nahmen an dieser Arbeit regen Anteil, einige halfen ihrem Meister direkt beim Durcharbeiten der Texte, der Beweise, beim Lesen der Korrekturen, beim Abfassen des Sachverzeichnisses. Man könnte natürlich sehr viel sagen und schreiben über diese in Form und Inhalt einzigartige Arbeit — ein ganzes Buch beispielsweise; aber ich bin der Meinung, daß Kahler selbst in seinem Vorwort alles Erforderliche gesagt hat, allerdings in der Muttersprache der großen italienischen Meister der algebraischen Geometrie, denen er sein Werk gewidmet hat. Die Synthese der italienischen Richtung der algebraischen Geometrie und der deutschen arithmetischen Richtung, die Kahler in seiner Arbeit gelungen ist und die ihm eine umfassende Darstellung der algebraischen Geometrie auf arithmetischer Grundlage ermöglichte, ist eine große weltweit anerkannte Leistung; sie birgt viele Ansätze in sich, die trotz der weiteren stürmischen Entwicklung der algebraischen Geometrie in den letzten Jahrzehnten noch der Bearbeitung bzw. Interpretation harren, um ihre ganze Tragweite zu offenbaren. Die Gedanken, die in der „Geometria aritmetica" ausgereift und vollendet vorliegen, sind die Frucht jahrzehntelangen Bemühens, Analysierens, Vergleichens, Zusammenschauens. Die tragenden Ideen verarbeitete Kahler ja über einen langen Zeitraum, verdichtete sie ständig und goß sie schließlich in jene Form, in der sie als einzelne Abschnitte der Arbeit vorliegen, wobei jeder seine eigenständige Bedeutung hat. Eine solche Arbeit zu vollenden war nur einem Mathematiker wie Kahler möglich, der seine Aufgabe als Auftrag ansah und auch weiter ansieht. Kahler genießt in der wissenschaftlichen Welt große Verehrung und Anerkennung. So ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften seit 1949, der Deut-
258 Teil III sehen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (seit 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR) seit 1955, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle seit 1962, der Accademia Nazionale dei Lincei in Rom seit 1962. Die hier vorgelegten Ausführungen können in keiner Weise den Anspruch erheben, eine Würdigung der Persönlichkeit Kählers zu sein, eines Wissenschaftlers, der zu den bedeutendsten Mathematikern des 20. Jahrhunderts gehört. Sie dienen dazu, denjenigen, der sie liest, anzuregen, sich mit Kahler, seiner Mathematik und seinen wissenschaftlichen Leistungen insgesamt zu beschäftigen, dem großen geistigen Potential nachzuspüren, das von ihm in mehr als 50jähriger Arbeit aufgebaut wurde mit einer Arbeitsweise, die höchsten Respekt abverlangt. Eine solche gewaltige geistige Leistung kann nur ein Mensch vollbringen, der erfaßt ist von einer Idee und überzeugt von ihrer Tragkraft zur Erkennung dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Jede Zeile, die Kahler in seinem voll der Forschung und Lehre, der Wissenschaft gewidmeten Leben, in seinem ständigen Streben nach Vollkommenheit aufgeschrieben hat, ist ein Mosaikstein einer beeindruckenden Gesamtheit. Und Zeilen, die andere kommentierend hinzufügen, stören möglicherweise die erreichte Harmonie. Verzeichnis der Veröffentlichungen von Erich Kahler1) [1] Transformation der Differentialgleichungen des Dreikörperproblems, Math. Z. 24 (1926), 743-758. [2] Die Reduktion des Dreikörperproblems in geometrischer Form dargestellt, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. 78 (1926), 251-255. [3] Über ein geometrisches Kennzeichen der analytischen Abbildungen im Gebiete zweier Veränderlichen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. 80 (1928), 286-290. [4] Über die Existenz von Gleichgewichtsfiguren, die sich aus gewissen Lösungen des w-Körper- problems ableiten (Dissertation), Math. Z. 28 (1928), 220—237. [5] Zur Theorie der algebraischen Funktionen zweier Veränderlichen, Math. Z. 31 (1929), 258-269. [6] Über die Verzweigung einer algebraischen Funktion zweier Veränderlicher in der Umgebung einer singulären Stelle, Math. Z. 30 (1929), 188-204. [7] Über die Integrale algebraischer Differentialgleichungen (Habilitationsschrift), Hamburger Abh. 7 (1930), 355-385. [8] Über den topologischen Sinn der Periodenrelation bei einfach periodischen Funktionen, Hamburger Abh. 7 (1930), 125-131. [9] Zur Invariantentheorie von Differentialoperatoren, Hamburger Abh. 9 (1932), 64—71. [10] Über eine bemerkenswerte Hermitesche Metrik, Hamburger Abh. 9 (1932), 173—186. [11] Sui periodi degli integrali multipli sopra una varieta algebrica, Rendiconti Circolo Mat. Palermo 56 (1932), 1-7. [12] Forme differenziali a funzioni algebriche, Mem. Accad. Italia 3, Nr. 3 (1932), 1 — 19. [13] Einführung in die Theorie der Systeme von Differentialgleichungen, Hamburger Mathematische Einzelschrift (Teubner 1934), 80 S. [14] Bemerkungen über die Maxwellschen Gleichungen, Hamburger Abh. 12 (1938), 1—28. [15] Über die Beziehungen der Mathematik zu Astronomie und Physik, Jahresber. DMV 51 (1941), 52-63. [16] Die Mathematik als Sprache und Schrift, Maschinenschriftlich vervielfältigt, Leipzig 1950, S. 1-113. 2) Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.
Erich Kahler in Leipzig 1948 — 1958 259 [17] Über rein algebraische Körper, Math. Nachr. 5 (1951), 69—92. [18] Sur la theorie des Corps purement algebriques, Deuxieme colloque de geometrie algebri- que, Liege 1952, p. 69-82. [19] Riemanniana, Maschinenschriftlich vervielfältigt, Leipzig 1952, S. 1—86 (unvollständig). [20] Algebra und Differentialrechnung, Bericht über die Mathematikertagung in Berlin v. 14.-18. 1. 1953, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1953, S. 58—163. [21] Osservazioni a proposito della dinamica, Convegno internazionale di geometria differen- ziale, Roma 1953, 1954, p. 82-98. [22] Tensori razionali di la specie sopra un avarietä algebrica, Rendiconti Atti Accad. Naz. Lincei 18 (1955), 151-154. [23] Zum 70. Geburtstag von Wilhelm Blaschke, Forsch. Fortschr. 29 (1955), 286—287. [24] Über die Beziehungen der Mathematik zu Astronomie und Physik, C.-F.-Gauß-Gedenk- band anläßlich des 100. Todestages am 23. Februar 1955, Leipzig 1957, S. 1 — 13. [25] Geometria aritmetica, Ann. Mat. pura appl. Serie IV, Tomo XLV (1958), 1—399. [26] Innerer und äußerer Differentialkalkül, Abh. Deutsch. Akad. Wiss. Berlin, Klasse für Math., Physik und Technik, 1960, Nr. 4. [27] Die Dirac-Gleichung, Abh. Deutsch. Akad. Wiss. Berlin, Klasse für Math., Physik und Technik, 1961, Nr. 1. [28] Der innere Differentialkalkül, Abh. Math. Sem. Univ. Hamburg 25 (1962), 192—205. [29] Der innere Differentialkalkül, Rend. Mat. e Appl., V. Ser. 21 (1963), 425—523; C. I. M. E. Forme differenziali e loro integrali (1963), 160—258. [30] Infinitesimal-Arithmetik, Univ. Politec. Torino, Rend. Sem. Mat. 21 (1963), 5—29. [31] Wesen und Erscheinung als mathematische Prinzipien der Philosophie, Nova Acta Leopoldina, Neue Folge Nr. 173, Bd. 30 (1965), 9-21. [32] Mathematik. Eine Reihe von Einzelheften, beginnend S. S. 1973 Hamburg, S. 1 — 118 (3 Hefte); W. S. 1973/74 Hamburg, S. 119-346 (5 Hefte), Hamburg 1974, S. 347-591 (3 Hefte), Berlin 1975, S. 592-719 (2 Hefte). [33] II regno delle idee, Atti del convegno internazionale di geometria a celebrazione del centenario della nascita di Federigo Enriques, Milano 1971, 1973, p. 157 — 163. [34] Saggio di una dinamica della vita, Atti del convegno internazionale sul tema: Storia, pedagogia e filosofia della scienza, Pisa, Bologna e Roma 1971, 1973, p. 275—287. [35] Mathesis universalis. Maschinenschriftl. Vervielfältigung Berlin 1975. [36] Monadologie, I. Teil (S. 1—54) und IL Teil (S. 56-147) in einem Band, Hamburg 1978. [37] Monadologie, III. Teil, Hamburg 1980, S. 1-47.
Hans Salie Günther Eisenreich (Leipzig) Hans Salie (1902-1978) Oscar Hans Emil Salie wurde am 6. April 1902 als Sohn des kaufmännischen Angestellten Emil Salie in Leipzig geboren. Nach Ablegung der Reifeprüfung an der Leibnizschule zu Leipzig studierte er bis 1925 an der Universität Leipzig Mathematik und Physik. Besonders viel in seiner mathematischen Ausbildung verdankte er seinen akademischen Lehrern Otto Holder und Leon Lichtenstein. Im November 1925 legte er die Prüfung für das höhere Lehramt ab und ging danach in den Schuldienst. Seit 1930 war er als Studienrat an der Gaudigschule in Leipzig tätig. 1932 promovierte er an der Universität Leipzig mit der Arbeit „Zur Abschätzung der Fourierkoeffizienten ganzer Modulformen" zum Dr. phil. Nach seiner Rückkehr aus dem zweiten Weltkrieg arbeitete Salie zunächst in Bohlen als Maschinenwart. Durch Vermittlung von Ernst Holder kam er im August 1949 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in die Poggendorfredaktion, die er seit 1956 leitete. Die damit übernommenen Verpflichtungen nahm er bis zuletzt außerordentlich ernst, und als er wenige Jahre vor seinem Tode (er starb am 1. 8. 1978) die aktive Mitarbeit am Poggendorf aus Altersgründen aufgeben mußte, hatte er bereits Vorarbeiten für die weiteren geplanten Mathematikbände geleistet. Im Jahre 1952 erhielt Salie einen Lehrauftrag und wurde 1955 nach seiner Habilitation im Jahre 1954 zum Professor mit Lehrauftrag, 1959 zum Professor mit vollem Lehrauftrag für Mathematik an die Karl-Marx-Universität berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1967 Vorlesungen hielt. Das Interesse und die Begabung Salies für Mathematik traten bereits während seiner Schulzeit klar zutage. An Hand von Büchern, die er sich aus der Comenius- bücherei auslieh, beschäftigte er sich, über den Schulstoff hinausgehend, schon damals mit Mathematik. Da sein Vater bereits 1918 an den Kriegsfolgen gestorben war, mußte er sein Studium selbst finanzieren; dazu nahm er eine Tätigkeit an einer Bank auf. Abends hörte er dann noch Vorlesungen, wie es damals möglich und üblich war, so etwa bei Herglotz über Minimalflächen. Um sich mathematische Fachbücher kaufen zu können, gab er Nachhilfestunden und führte auch sonst ein bescheidenes Leben. Selbst an der Front nutzte er jede freie Minute und jeden Zeitungsrand, um
Hans Salie 261 mathematischen Forschungen nachzugehen. Dabei hatten es ihm insbesondere zahlentheoretische Fragestellungen, vor allem solche aus der additiven und analytischen Zahlentheorie, angetan. Er reiste daher auch während seines Studiums extra nach Göttingen, um mit Landau sprechen zu können. Demgemäß hat er später auch vor allem solche Vorlesungen gehalten, die zahlentheoretisch orientiert oder für die analytische Zahlentheorie von besonderer Bedeutung sind, so über Zahlentheorie, Algebra, Differenzenrechnung und Funktionentheorie. Unter den wissenschaftlichen Veröffentlichungen Salies ist besonders die Arbeit [2] über die Kloostermanschen Summen zu nennen, die noch heute viel Beachtung erfährt. Die Kloostermansche Summe S(u, v; q) ist definiert durch S{u,v; q) = 2J euh+vJi; (M) = l dabei sind u, v ganze Zahlen, e = e2ni,q ist eine q-te Einheitswurzel, (A, q) = 1, und h ist die durch h ^ 1 eindeutig bestimmte ganze Zahl mit hh = 1 mod q und 0 < h ^ q. Derartige Summen wurden erstmalig 1926 von Kloosterman bei der zum Waringschen Problemkreis gehörenden Untersuchung der Darstellungen ganzer Zahlen durch die Form ax2 + by2 + cz2 + dw2 eingeführt und von ihm zu 0(g3/4) abgeschätzt. Sie spielen allgemein in der additiven Zahlentheorie bei der Bestimmung der Anzahlen von Zerfällungen ganzer Zahlen eine besondere Rolle, haben entscheidende Bedeutung bei der Abschätzung der Fourierkoeffizienten ganzer Modulformen und hängen mit der Theorie der Verteilung quadratischer Reste zusammen. Salie gewinnt eine verschärfte Abschätzung dieser Summen, indem er sie unter Benutzung der Primfaktorzerlegung von q in ein Produkt zerlegt und anwendet, daß sie sich für Primzahlpotenzen q mit einem Exponenten ^ 2 durch Gaußsche Summen ausdrücken und für Primzahlen selbst wenigstens noch in Zusammenhang mit Gau fischen Summen bringen lassen. Durch asymptotische Abschätzung der Kloostermanschen Summen gelingt es ihm in [3], eine von Kloosterman selbst herrührende Abschätzung der Koeffizienten an einer ganzen Modulform oo Mk{r) = £ ane2*in'lN n = l iV-ter Stufe der Dimension — k (k ^ 1), die in allen rationalen Spitzen des Fundamentalbereichs verschwindet, in der Form 0(q(kl2)~(ll6)+e) zu verbessern, wobei e eine beliebig kleine positive Zahl ist (Kloosterman hatte nur die Abschätzung mit — 1 8 statt — hergeleitet). Mehrere Arbeiten befassen sich mit quadratischen Resten. In [4] wird die Anzahl der Zeichenwechsel in der Reihe der Legendreschen Symbole (—), (—),..., (—) \PJ \Pj \Pj (x ^ p — 1) durch Kloostermansche Summen ausgedrückt und durch eine hierfür früher [3] bewiesene Ungleichung abgeschätzt. Damit ergibt sich eine Verschärfung eines gleichzeitig von Davenport bewiesenen Resultats. Im zweiten Teil dieser Arbeit wird die Dichte der Argumente x abgeschwächt, für die zwei nichtproportionale quadratische Polynome vorgegebene Legendresche Symbole haben. Gestützt auf einen Satz von Linnik, nach dem in jeder arithmetischen Progression {dx + e} mit
262 Teil III (d, e) = 1 eine Primzahl q < dk existiert (k unabhängig von d), und auf eine Ungleichung von Winogradow, beweist Salie in [5] für den kleinsten positiven quadratischen Nichtrest n(p) für eine Primzahl p ^ 3 die Aussage lim n(p) (log p)~l ^ c > 0. Im Beweis wird die Menge Qh der Primzahlen q mit n(q) = ph (h-te Primzahl) verwendet ; wenn qh die kleinste Zahl in Qn bedeutet, so ist, wie in [18] gezeigt wird, die Folge ql9 q2, ... nicht monoton wachsend, und nicht für alle h ^ 2 gilt qh = — 1 mod 8. Abundante Zahlen haben bereits das Interesse der Mathematiker des Altertums erregt. Eine natürliche Zahl m heißt abundant, wenn ihre Teilersumme a(m) mindestens gleich m ist; sie ist X-abundant, wenn das Verhältnis sogar ^ X ist. Salie m schätzt den kleinsten Primfaktor einer A-abundanten Zahl m in Abhängigkeit von X und von der Anzahl n der verschiedenen Primfaktoren von m ab [8] und beweist für A(x X) die Dichte D(X) = lim — (A(x, X) = Anzahl der A-abundanten Zahlen 5j x) x—>oo X eine Verbesserung einer von F.Behrend hergeleiteten unteren Schranke von D(X) [10]. Auch bei zunächst rein analytischen Fragestellungen befaßt sich Salie mit den zahlentheoretischen Aspekten. In den Arbeiten [11] und [16] untersucht er die arithmetischen Eigenschaften von gewissen Potenzreihen, so in [11] die von Blasitjs erhaltene Potenzreihenentwicklung der Lösungen der nichtlinearen Differentialgleichung n-ter Ordnung yW = Xyy(n~l) (n ^ 1, X 4= 0) im Fall n = 3, die bei Grenzschichtproblemen eine Rolle spielt. Von den Koeffizienten S2n, die in der Entwicklung cosh x °° x^n = 2J £>2n auftreten, hat Carlitz bewiesen, daß sie durch 2n teilbar cosx n=o (2w)! sind und der Kongruenz S'2n = S.lnl2n = ( — l)»(n_1)/2 mod 4 genügen. In [16] gibt Salie hierfür einen einfacheren und elementaren Beweis, der gleichzeitig zu einer Verschärfung der Aussage führt. Eine Fragestellung der additiven Zahlentheorie hat die Arbeit [20] zum Gegenstand. Es seien a ^ 2, b > a natürliche Zahlen. Die Reichweite der Menge 3t = [0, 1, a, b] ist die größte natürliche Zahl R, für welche die Schnirelmannsche Summe h% (die im Sinne der Komplexaddition von h Exemplaren 91 zu verstehen ist) das Intervall [0, R] enthält; dabei ist die Ordnung h die kleinste natürliche Zahl mit h% zd [0, b]. Die Reichweite wird in gewissen Fällen explizit angegeben und das größte R für Mengen gegebener Ordnung h nach unten abgeschätzt. In [6] leitet Salie auf elementarem Wege eine Identität her, die als Spezialfälle die Verallgemeinerungen der binomischen Formel von Abel, J. L. W. V. Jensen, O. Holder und anderen enthält. Das Anliegen der Arbeit [9] geht auf ein Ergebnis von van der Waerden zurück.1) Es sei t)k eine Verteilung aller natürlichen Zahlen auf k elenientfremde Klassen. © sei ein lineares Gleichungssystem n 2J a(iVxv = 0 (ju = 1, ..., n; n > m) v = l aus m Gleichungen für n Unbekannte mit rationalen Koeffizienten. © heißt nach Rado k-fach regulär, wenn bei jeder Verteilung \)k eine Lösung existiert, so daß alle x) Vgl. hierzu im Beitrag über B. L. van der Waerden in Teil III die Ausführungen zur Baudetsohen Vermutung (S. 236).
Hans Salie 263 xv derselben Klasse angehören; © heißt regulär, wenn es für jedes k &-fach regulär ist. Es wird hier unter anderem für eine große Klasse nichtregulärer Gleichungen mit drei Unbekannten bewiesen, daß der Regularitätsgrad K (das Maximum aller k, für die &-fache Regularität vorliegt) gleich 2 oder 3 ist. Damit wird die Vermutung von R. Rado gestützt, daß K für nichtreguläre Systeme stets unterhalb einer nur von n abhängigen Schranke bleibt. In [13] charakterisiert Salie ohne explizite Heranziehung der Summendarstellung den Wertevorrat der Dedekindschen Summen; sie gehören insbesondere den fünf Restklassen 0, ±2, ±6 mod 18 an, und zwar liegen in diesen jeweils unendlich viele Werte. Die Arbeit [7] knüpft an eine Fragestellung von A. Moessner an. Geht man von einer beliebigen Zahlenfolge al9 a2, ... aus, streicht hierin jede k-te Zahl (k ^ 2), bildet von der verbleibenden Folge die Summenfolge, streicht jede (k — l)-te Zahl usw., streicht schließlich beim (k — l)-ten Schritt jede zweite Zahl und bildet die Summenfolge hiervon, so entsteht a^k\ a^k\ ... Im Fall der Ausgangsfolge 1, 2, 3, ... ergibt sich nach Moessner gerade die Folge der &-ten Potenzen. Nimmt man die av als Unbestimmte an, so werden die a^ lineare Polynome hierin, deren Koeffizienten Salie berechnet. Die Arbeit [1] schließlich gibt eine kurze elementare Verifizierung der von W. Meissner gefundenen Kongruenz 21092 = 1 mod 10932. Dazu kommen noch einige wissenschaftshistorische Arbeiten, zu denen Salie durch seine profunden historischen Kenntnisse und sein zahlentheoretisches Interesse besonders berufen war, die Mitarbeit an der Kleinen Enzyklopädie Mathematik sowie die Herausgabe ins Deutsche übersetzter Monographien auf zahlentheoretischem Gebiet. Als Hauptinhalt des Lebens von Salie kann man wohl aber mit Fug und Recht seine Arbeit am „Poggendorff" ansehen, dem Biographisch-literarischen Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften (vgl. [17, 22, 21].) Wer Lebensdaten, Zusammenstellungen der wissenschaftlichen Arbeiten und Würdigungen von Mathematikern, Physikern und Chemikern sucht, der ist gut beraten, erst einmal im „Poggendorff" nachzuschlagen; er kann sich damit viel Zeit und Aufwand sparen. Die Mühe, die in einem solchen Werk steckt, und die Liebe und Hingabe, die sein Zustandekommen erfordert, kann wohl nur derjenige voll ermessen, der einmal an einem ähnlichen Unternehmen beteiligt war. Gerade durch die Korrektheit, die Salie stets ausgezeichnet hat, war er zur Arbeit an diesem wichtigen Unternehmen in besonderem Maße prädestiniert, kommt es doch gerade bei einem Werk dieser Art auf größte Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit an. Unter welchen Schwierigkeiten die Wiederaufnahme der Arbeit am Poggendorff erfolgen mußte, nachdem im Verlaufe des zweiten Weltkrieges sämtliche Arbeitsunterlagen vernichtet worden waren, hat Salie eindringlich in einem Vortrag vor der Sächsischen Akademie der Wissenschaften geschildert [22]; er spricht in diesem Vortrag auch über die Geschichte dieses Werkes (vgl. auch [17]) und über die weiteren Pläne zur Neugestaltung der zukünftigen Poggendorff bände. Er hat sich manchmal darüber beklagt, daß ihm die Mitwirkung am Poggendorff zu wenig Zeit lasse, um sich seinen eigenen mathematischen Problemen widmen zu können. Salie hat sich sein ganzes Leben lang mit leidenschaftlichem Interesse zahlentheoretischen Problemstellungen gewidmet. Wenn er auch keine Schüler im eigentlichen Sinne des Wortes gehabt hat, so hat er doch durch seine Vorlesungen eine ganze Reihe von Diplommathematikern und Lehrern in Mathematik ausgebildet und dabei vor allem in die zahlentheoretisch-algebraische und funktionentheoretische Denkweise
264 Teil III eingeführt. Seine Vorlesungen, die er frei zu halten pflegte, waren stets bis zur letzten Kleinigkeit genau durchdacht und ausformuliert, und in den Prüfungen hatte er für die Schwierigkeiten der Studenten wohlwollendes Verständnis. Wie kaum ein anderer hat Salie Bücher über alles geschätzt — hatte er doch selbst in früheren Jahren schwer kämpfen müssen, um sich Fachliteratur kaufen zu können. Gerade für die Belange der Bibliothek des Mathematischen Instituts hat er sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit leidenschaftlich eingesetzt. Als Ausgleich zu seiner geistigen Tätigkeit ist Salie stets gern gewandert und war ein regelmäßiger Teilnehmer an den Institutsfahrten. Verzeichnis der Veröffentlichungen von Hans Salie [1] Über die Kongruenz 21092 = 1 mod 10932, Jahresber. DMV 34 (1925), 248. [2] Über die Kloostermanschen Summen S(u, v; g), Math. Z. 34 (1931), 91 — 109. [3] Zur Abschätzung der Fourierkoeffizienten ganzer Modulformen, Math. Z. 36 (1932), 263-278 (Dissertation). [4] Über die Verteilung der quadratischen Reste, Math. Z. 37 (1933), 594—602. [5] Über den kleinsten positiven quadratischen Nichtrest nach einer Primzahl, Math. Nachr. 3 (1949), 7-8. [6] Über Abels Verallgemeinerung der binomischen Formel, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. Kl., 98, H. 4 (1951), 17-22. [7] Bemerkung zu einem Satz von A. Moessner, Sitzungsber. Bayer. Akad. Wiss., Math.- naturwiss. Kl., 1952, Nr. 2, S. 7-11. [8] Über abundante Zahlen, Math. Nachr. 9 (1953), 217-220. [9] Zur Verteilung natürlicher Zahlen auf elementfremde Klassen, Ber. Verh. Sachs. Akad. Wiss. Leipzig, Math.-naturwiss. Kl., 101, H. 4 (1954), 1-26. [10] Über die Dichte abundanter Zahlen, Math. Nachr. 14 (1955), 39-46. [11] Über die Koeffizienten der Blasiusschen Reihen, Math. Nachr. 14 (1956), 241—248. [12] Daten aus dem Leben und Wirken von Carl Friedrich Gauß, in: C. F. Gauß — Gedenkband anläßlich des 100. Todestages am 23. Februar 1955, hrsg. v. Hans Reichardt, B. G. Teubner, Leipzig 1957, S. 15-36. [13] Zum Wertevorrat der Dedekindschen Summen, Math. Z. 72 (1959), 61-75. [14] Zur Geschichte der Mathematik an der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert, in: Karl- Marx-Universität Leipzig 1409 — 1959, Beiträge zur Universitätsgeschichte, Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1959, S. 374-381. [15] Eulersche Zahlen, in: Sammelband zu Ehren des 250. Geburtstages Leonhard Eulers, Akademie-Verlag, Berlin 1959, S. 293-310. [16] Arithmetische Eigenschaften der Koeffizienten einer speziellen Hurwitzschen Potenzreihe, Wiss. Z. Karl-Marx-Univ. Leipzig, Math.-Naturwiss. Reihe. 12, H. 3 (1963), 617-618. [17] Ein Standardwerk zur Geschichte der Naturwissenschaften. Hundert Jahre „Poggendorf", Forsch. Fortschr. 37 (1963), 202-205. [18] Über die kleinste Primzahl, die eine gegebene Primzahl als kleinsten positiven quadratischen Nichtrest hat, Math. Nachr. 29 (1965), 113-114. [19] Carl Neumann (1832—1925), in: Bedeutende Gelehrte in Leipzig. 800-Jahr-Feier der Stadt Leipzig, im Auftrag der Karl-Marx-Universität hrsg. v. Gerhard Harig, 2, Leipzig 1965, S. 13-23. [20] Reichweite von Mengen aus drei natürlichen Zahlen, Math. Ann. 165 (1966), 196—203. [21] Poggendorff and Poggendorff, Isis 57, 3 Nr. 189 (1966), 389-392. [22] Der ,,Poggendorf", ein Standardwerk zur Geschichte der Naturwissenschaften, in: Im Dienste produktiven Schaffens, öffentliche Sitzung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig am 9. November 1974, hrsg. v. Kurt Schwabe, Berlin 1977, S.45—54.
TEIL IV MATHEMATISCHE LEHRE UND FORSCHUNG AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG SEIT IHRER DEMOKRATISCHEN NEUERÖFFNUNG IM JAHRE 1946 Roland Mildner und Horst Schumann (Leipzig)
In der Zeit nach 1945 — insbesondere seit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1949 — nahmen am Mathematischen Institut und der späteren Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität Leipzig die mathematische Grundlagen- und Anwendungsforschung und die Ausbildung von Mathematikern und Lehrern für die Fächer Mathematik und Physik sowie die Mathematikausbildung in den Studienrichtungen Physik, Chemie, Biowissenschaften, Agraringenieurwesen und Wirtschaftswissenschaften einen stetigen Aufschwung. Heute ist die Sektion Mathematik der KMU Leipzig eine der größten mathematischen Lehr- und Forschungseinrichtungen der DDR, deren Wissenschaftler anerkannte Forschungsleistungen erbringen, deren Studenten in modernen Lehrstätten eine auf hohem theoretischen Niveau stehende und praxisbezogene Ausbildung erhalten und deren Absolventen in vielen Bereichen unserer Volkswirtschaft sowie in den Einrichtungen der Volksbildung, des Hoch- und Fachschulwesens und der Akademien einen guten Ruf erworben haben. Wenn im folgenden der Versuch unternommen wird, die Entwicklung des Leipziger Mathematischen Instituts und der 1969 daraus hervorgegangenen Sektion Mathematik während der letzten 35 Jahre darzustellen, so soll — natürlich in der notwendigen Kürze — auch der Zusammenhang mit der Entwicklung der Karl- Marx-Universität Leipzig und mit den Entwicklungsetappen des Hochschulwesens der DDR Beachtung finden. Die erste Etappe der Entwicklung unseres Hochschulwesens von 1945 — 1951, die heute kurz als 1. Hochschulreform charakterisiert wird, war gekennzeichnet durch die antifaschistisch-demokratische Neugestaltung des gesamten Bildungswesens auf dem Territorium der damaligen Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und der späteren Deutschen Demokratischen Republik. An der Leipziger Universität waren nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus im Jahre 1945 fast 64 Prozent aller Gebäude, Einrichtungen und Bibliotheken zerstört sowie viele wissenschaftliche Geräte unbrauchbar. Die Ruine des Augusteums1), *) Heute befindet sich an gleicher Stelle der Neubaukomplex der Karl-Marx-Universität.
268 Teil [V des ehemaligen Hauptgebäudes der Leipziger Universität (Abb. 27), stellte ein trauriges Wahrzeichen des von der faschistischen Clique heraufbeschworenen geistigen und materiellen Niedergangs dar. Durch Kriegseinwirkung, Emigration und Verschleppung in Konzentrationslager war der Lehrkörper der Universität stark dezimiert worden. Hinzu kam der Abtransport von 46 Wissenschaftlern durch die Amerikaner während der Besatzungszeit von April bis Juli 1945. Darüber hinaus konnten einige der verbliebenen Hochschullehrer auf Grund ihres Verhaltens während der Naziherrschaft nicht an eine demokratische Hochschule übernommen werden. 0« i * .»•««" L ! . f i r' Abb. 27. Das Augusteum vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg Am 5. Februar 1946 wurde die Leipziger Universität wiedereröffnet auf der Grundlage des Befehls der Sowjetischen Militäradministration Deutschland (SMAD) vom 15. 9. 1945 über die Neuaufnahme der Lehr- und Forschungstätigkeit an den Universitäten und Hochschulen. Erster Rektor der Leipziger Universität nach der Neueröffnung war Prof. Dr. phil. Hans-Georg Gadamer. Geistige und materielle Hilfe erhielt die Leipziger Universität in dieser Zeit vor allem durch den Leiter der Abteilung Volksbildung der SMAD, Prof. Solotuchin, und den Stadtkommandanten von Leipzig, Generalleutnant Trufanov. Zur demokratischen Neueröffnung der Universität Leipzig sagte Prof. Solotuchin1) : „Ich wende mich an Sie, meine Herren Professoren. Es ist dringend notwendig, die Tragödie der Jugend noch tiefer zu erkennen und der Jugend zu helfen, rascher auf den richtigen Weg zu gelangen. Durch angestrengte Arbeit und ohne ihre Kräfte i) Vgl. [14].
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 269 zu schonen, müssen Sie der Jugend die Liebe zum Menschen und zur Menschlichkeit einflößen, um aus ihnen nicht nur wahre Träger des Humanismus und des Fortschritts, sondern auch unversöhnliche Kämpfer gegen Faschismus und reaktionäre Theorien heranzubilden." Eingedenk dieser Worte haben die Angehörigen der Leipziger Universität seit der demokratischen Neueröffnung stets daran gearbeitet, die Wissenschaft in den Dienst der großen humanistischen Aufgabe zu stellen, dem Wohle des werktätigen Volkes zu dienen und am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik tatkräftig mitzuwirken. Die antifaschistisch-demokratische Umgestaltung erforderte insbesondere, an der Universität die Ideologie des Faschismus, Militarismus und Antikommunismus auszumerzen, das Bildungsmonopol der einst herrschenden Klasse zu brechen und die Pforten der Universität auch den Kindern der Arbeiter und Bauern zu öffnen. Zu deren Vorbereitung auf ein Studium wurde 1946 eine Vorstudienanstalt eingerichtet, die 1948 in die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät überging. Waren unter den 767 Studenten der ersten Matrikel vom Februar 1946 nur 27 Arbeiter- und Bauernkinder, so wuchs ihre Zahl bis zu Beginn des Wintersemesters 1950/51 auf rund 50 Prozent von 6000 Studierenden an1). So bekam die Leipziger Universität zunehmend den Charakter einer wahren Volksuniversität. Auch durch die Eröffnung mehrerer Wohnheime, die Gewährung von Stipendien und anderer sozialer Unterstützung wurde den Studenten — den damaligen Möglichkeiten entsprechend — von Anfang an eine gesicherte materielle Basis für ihr Studium gegeben. Wie sah es nun in dieser Zeit am Mathematischen Institut aus? Das Mathematische Institut war 1946 — neben dem Geophysikalischen und dem Geologisch-Paläontologischen Institut, dem Institut für Mineralogie und Petrographie sowie dem Anatomischen Institut — zusammen mit dem Physikalischen Institut (Theoretische und Experimentalphysik) im Institutsgebäude in der Talstraße 35 untergebracht (Abb. 28 und 29). Als kommissarischer Direktor fungierte der Physiker Prof. Dr. phil. Friedrich Hund. Er war gleichzeitig von 1946 bis 1947 Prorektor der Universität. Das Institut gehörte zur naturwissenschaftlich-landwirtschaftlichen Abteilung der Philosophischen Fakultät. Das Institutsgebäude in der Talstraße ist eines der wenigen des Universitätsviertels, auf das während der Terrorangriffe anglo-amerikanischer Flieger in den Jahren 1943 bis 1945 keine Brandbomben gefallen waren. Bombeneinschläge in der Umgebung hatten Schäden am Dach und den Außenwänden hervorgerufen. Durch ihre Umsicht und ihren unermüdlichen Einsatz hat Frau Martha Riedel2) unter schwierigen Bedingungen mitgeholfen, weitere Folgeschäden zu verhindern, und sich bei der schrittweisen Instandsetzung des Gebäudes besondere Verdienste erworben. Das Verdienst, das wissenschaftliche Leben am Mathematischen Institut wieder in Gang gebracht zu haben, gebührt in erster Linie Ernst Holder, der bereits von 1929 bis 1939 am Mathematischen Institut tätig war und 1946 zum ordentlichen *) Vgl. Personal- und Vorlesungsverzeichnis der Universität Leipzig, Herbstsemester 1951/ 52, S. 7. 2) Sie begann ihre Tätigkeit am Mathematischen Institut 1944 als Institutsgehilfin und zugleich als Hausmeister und arbeitet noch heute als Sachbearbeiterin in der Studienabteilung der Sektion.
270 Teil IV 1 k /VN S ihf n NT1UM J.X . . ' d - Abb. 28. Das Mathematische Institut in der Talstraße 35, Institutseingang Professor und zum Direktor des Instituts berufen wurde, Walter Schnee, der bereits seit 1917 als Extraordinarius am Mathematischen Institut lehrte, Erich Kahler, der 1948 — von der Universität Hamburg kommend — einer Berufung zum Professor mit Lehrstuhl nach Leipzig folgte,1) und Herbert Beckert — seit 1947 wissenschaftlicher Assistent am Institut —, der 1949 zum Dozenten und 1951 zum Professor mit vollem Lehrauftrag berufen wurde. Die damaligen Studenten Paul Günther, Horst Schumann, Rolf Klötzler und x) Das Wirken dieser Mathematiker in Leipzig wird in Teil III in gesonderten Beiträgen gewürdigt.
. >% A. •n.\l ' ♦ ;* i <w - SCH !- 1 ■ ! :• ■! f Im" Abb. 29. <• i * Das Mathematische Institut i ' * * * / : # • in der Talstraße 35; (<v * * f , Eingang zum _> großen Hörsaal N .- Abb. 30. Prof. Walter Schnee während der Vorlesung
272 Teil IV Armin Uhlmann, die später an der Karl-Marx-Universität zu Professoren berufen wurden, waren zu dieser Zeit als Hilfsassistenten am Institut tätig. Im Februar 1946 hielt Prof. W. Schnee die erste mathematische Vorlesung nach der demokratischen Neueröffnung der Universität (Abb. 30), und zwar über Differential- und Integralrechnung. Einen Einblick in den Lehrbetrieb am Institut gibt die Zusammenstellung der Vorlesungen und Übungen im Sommersemester 1946 (vom 12. Juni bis 31. August): 1. Vorkurs in Mathematik — Ergänzung der Schulbildung (4stündig): Dr. Schubert i. A. des Institutsdirektors. 2. Einführung in die mathematische Behandlung physikalischer Probleme (2stündig): Dr. Ilberg i. A. des Institutsdirektors. 3. Analytische Geometrie mit Übungen (4stündig): Prof. Holder. 4. Differential- und Integralrechnung II (4stündig): Prof. Schnee. 5. Praktikum der Differential- und Integralrechnung (2stündig): Prof. Schnee. 6. Darstellende Geometrie (2stündig): Dr. Meyrich. 7. Übungen zur Darstellenden Geometrie (4stündig): Dr. Meyrich. 8. Differentialgeometrie II — Flächentheorie (4stündig): Prof. Schnee. 9. Partielle Differentialgleichungen mit Übungen (4stündig): Prof. Holder. Mit bewundernswertem Enthusiasmus gingen die Professoren Holder (Abb. 31) und Schnee 1946 an die Neuformierung des Instituts und die Aufnahme des Lehr- und Forschungsbetriebes. Ihr Optimismus und ihre Energie gaben den Mitarbeitern und Studenten Kraft und Ansporn. Einen Eindruck von den Bedingungen für Lehrende und Studierende in den ersten Nachkriegsjahren vermittelt ein Bericht von Viktor Ziegler1) über die Vorlesung bei Prof. Schnee im strengen Winter 1947/48: ,,Der große Hörsaal des Mathematischen Instituts war voll besetzt. Die Grund Vorlesung von Prof. Schnee über Differential- und Integralrechnung hörten Studenten der Mathematik, aber auch die der Physik und der Chemie. Die Fenster des Hörsaales waren teilweise mit Pappe und Igelit abgedichtet. Die Heizung im Institut brach während des strengen Winters zeitweise völlig zusammen, so daß im Hörsaal manchmal Minusgrade herrschten. Prof. Schnee las dann in Mantel, Hut und Handschuhen. Seine Vorlesungen zeigten einen logisch-strengen Aufbau. Durch manch humorvollen Vergleich machte er schwierige Gedankengänge verständlich und durchschaubar. Vielen, die bei ihm Vorlesungen gehört haben, sind die heute sprichwörtlichen ,Schnee- witze' noch in guter Erinnerung." Am Mathematischen Institut der Leipziger Universität wurden in den ersten Nachkriegsjahren zunächst Oberstufenlehrer für die demokratische Schule für das Fach Mathematik ausgebildet, die in der Regel nach 4jähriger Studienzeit mit dem Staatsexamen abschlössen. Bis zur Einführung zentraler Studienpläne im Jahre 1951 bestand überdies die Möglichkeit, das Diplom in Mathematik zu erwerben, indem man nach dem 5. Semester ein Vordiplom ablegte und dann bei einem der Professoren eine Diplomarbeit schrieb. Man konnte auch beide Abschlüsse, das Staatsexamen und *) Student der 3. Matrikel vom Herbstsemester 1947, von 1971 — 1980 als Lektor an der Sektion Mathematik tätig. Er hat mehr als 35 mathematische Fachbücher aus der russischen, englischen und polnischen in die deutsche Sprache übersetzt.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 273 das Diplom, erlangen. Jährlich wurden damals etwa 30 bis 50 Studenten für die Fach- richtung Mathematik immatrikuliert. Studien- und Prüfungspläne wurden durch die Fakultät in Absprache mit den Lesenden festgelegt und den Studenten durch Aushänge bekanntgemacht. So konnte man z. B. im September 1947 am „schwarzen Brett/' folgende Vorankündigung1) lesen: „Vorbehaltlich der Genehmigung derSMAD beabsichtige ich im kommenden Studienjahr im Wintersemester über Analytische Geometrie der Ebene und im Sommersemester2) über Analytische Geometrie des Raumes zu lesen. Studienrat Dr. Stucke."3) \ Abb. 31. Prof. Ernst Holder während der Vorlesung *) Nach einer Information von V. Ziegler. 2) Das Wintersemester 1947/48 erstreckte sich vom 1. 10. 1947 bis 15. 2. 1948; das Sommersemester 1948 vom 1. 4. bis 15. 8. 1948. 3) Dr. Stucke konnte diese Vorlesung nicht zu Ende führen, da er zu Beginn des Jahres 1948 verstarb. Ihre Fortführung übernahm der damalige wissenschaftliche Assistent Herbert Beckert.
274 Teil IV In der Regel erhielten die Studenten in den ersten Semestern eine fundierte Grundausbildung in Mathematik, welche im wesentlichen die wöchentlich 4stündigen Vorlesungen über Differential- und Integralrechnung, gewöhnliche und partielle Differentialgleichungen, Funktionen theorie, Analytische Geometrie und Algebra mit dazugehörigen 2stündigen Übungen beinhaltete. Hinzu kam die Ausbildung in Physik (4stündige Experimentalphysikvorlesung1) und ein Praktikum mit 90 bis 100 Versuchen) und in Chemie (je ein Semester anorganische und organische Chemie). In den höheren Semestern vertieften die Studenten ihre Kenntnisse in bestimmten mathematischen Spezialdisziplinen und hörten einen 4semestrigen Vorlesungszyklus über Theoretische Physik (Mechanik, Wärmelehre, Elektrodynamik und Optik, Quantentheorie)2). Wer kein Diplom bzw. beide Abschlüsse erwerben wollte, eignete sich darüber hinaus das nötige Wissen in Pädagogik, Psychologie und Methodik an und absolvierte eine schulpraktische Tätigkeit. Abb. 32. Prof. Erich Kahler während der Vorlesung Die Professoren des Instituts lasen über eine größere Anzahl mathematischer Gebiete, hielten selbst die Übungen dazu ab und leiteten ein mathematisches Seminar. So lasen in den Jahren 1946—19503) Prof. Ernst Holder über Analytische Geometrie, Differentialgleichungen, Differential- und Integralrechnung, Mechanik, Integralgleichungen und Eigen Wertprobleme, Differentialgleichungen der mathematischen Physik und Variationsrechnung, Riemannsche Geometrie sowie Analytische Mechanik und Himmelsmechanik; Prof. Walter Schnee über Differential- und Integralrechnung, Differentialgeometrie, Differentialgleichungen, Algebra, Gruppentheorie und Zahlentheorie und Prof. Erich Kahler (Abb. 32) seit dem Wintersemester 1948 über Projektive und Algebraische Geometrie, Differential- und Integralrechnung, Differentialgleichungen und Funktionentheorie4). *) Gehalten von Prof. Dr. Waldemab Ilberg. 2) Gehalten von Prof. Dr. Bernhard Kockel. 3) Angabe der Gebiete in der zeitlichen Reihenfolge, in der die Vorlesungen gehalten wurden. 4) Prof. Kahler las von 1950 bis 1952 auch über Algebra, Zahlentheorie, Liesche Gruppen und Topologie.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 275 Die Herausbildung einer neuen, politisch bewußten Jugend hing nach Beendigung des zweiten Weltkrieges eng zusammen mit der Entstehung und der Aktivität des demokratischen Jugendverbandes, der Freien Deutschen Jugend. Wie an anderen Einrichtungen auch, gewann der Jugendverband an der Philosophischen Fakultät der Leipziger Universität im Laufe der Jahre zunehmend an Einfluß und Bedeutung und wurde zum festen Bestandteil des studentischen Lebens. Im Jahre 1950 war die übergroße Mehrheit der Studierenden in diesem Verband organisiert. Die Losung der FDJ zum ,,Feldzug zur Aneignung von Wissenschaft und Kultur" vom Frühjahr 1950 wurde auch von den Mathematikstudenten aufgegriffen. Lerneifer und Studiendisziplin wuchsen, und die Mehrzahl der Studenten schloß sich der Studiengruppenbewegung der FDJ an. Der damalige Mathematikstudent und heutige Sektionsdirektor, Prof. Dr. Horst Schumann, hatte 1950/51 in seiner Funktion als Sekretär für wissenschaftliche Arbeit der FDJ-Fakultätsleitung bei der Durchsetzung der FDJ- Studiengruppenbewegung an der Philosophischen Fakultät einen großen Anteil. Die nachfolgend genannten, heute an der Sektion Mathematik tätigen Wissenschaftler haben in den ersten Jahren nach Wiederbeginn am Mathematischen Institut in Leipzig studiert: 1946 Staatsexamen: NPT Prof. Dr. sc. phil. Herbert Beckert ; Immatrikulation Frühjahr 1946: Prof. Dr. sc. phil. Paul Günther; Immatrikulation Herbst 1946: Prof. Dr. sc. phil. Joachim Focke, Prof. Dr. rer. nat. habil. Hans-Joachim Rossberg; Immatrikulation Herbst 1947: Doz. Dr. rer. nat. Günter Grosche, Studienrat Dr. paed. Gerlinde Wussing, Dr. rer. nat. Viktor Ziegler ; Immatrikulation Herbst 1948: Prof. Dr. rer. nat. Horst Schumann; Immatrikulation Herbst 1949: Prof. Dr. rer. nat. habil. Rolf Klötzler. Die Etappe der antifaschistisch-demokratischen Neugestaltung des Hochschulwesens fand ihren zeitlichen Abschluß etwa ein Jahr nach der historischen Gründung der DDR mit der I. Funktionärskonferenz der Freien Deutschen Jugend am 26. 11. 1950 in Berlin. Die wirtschaftlichen und politischen Erfolge des jungen Arbeiter-und- Bauern-Staates ermöglichten einerseits und forderten aber auch andererseits energisch eine den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angepaßte Weiterentwicklung des Hochschulwesens. Auf der I. Funktionärskonferenz legte das ZK der SED durch seinen damaligen Ersten Sekretär, Walter Ulbricht, die sich nach dem III. Parteitag der SED (20.—24. 7. 1950 in Berlin) ergebenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben dar und erläuterte der Jugend die Grundsätze für die weitere Hochschulpolitik. Im Februar 1951 faßte das ZK der SED auf seinem 4. Plenum den Beschluß über ,,die nächsten Aufgaben an den Universitäten und Hochschulen". Damit begann die zweite Etappe der Entwicklung des Hochschulwesens in der DDR, die sich von 1951 bis etwa 1967 erstreckte und deren Ergebnisse als die 2. Hochschulreform bezeichnet werden. Sichtbarer Ausdruck des Beginns dieser Etappe war die durch die Bildung des Staatssekretariats für Hochschulwesen der DDR am 1. 3. 1951 vollzogene Zentralisierung. Erster Staatssekretär für Hochschulwesen wurde Prof. Dr. Gerhard Harig (1902—1966), dessen Namen die FDJ-Grundorganisation der Sektion Mathematik seit 1970 trägt (Abb. 33). Die Hauptaufgabe des Hochschul-
276 Teil IV wesens in dieser Zeit war es, eine umfassende Studienreform einzuleiten mit dem Ziel, die planmäßige Ausbildung und Erziehung hochqualifizierter, wissenschaftlich ausgebildeter Fachkräfte für die Erfüllung der Volkswirtschaftspläne zu sichern. Die wesentlichsten Ergebnisse der Studienreform von 1951 waren die Einführung eines festliegenden zweisemestrigen 10-Monate-Studienjahres (Herbst- und Frühjahrssemester), die Schaffung von für die DDR einheitlichen und für Hochschullehrer und Studenten verbindlichen Studien- und Prüfungsplänen, die Einführung des obligatorischen gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums, des Russisch- und Sportunterrichts, eines Berufspraktikums sowie eines gesonderten Prüfungsabschnittes. --A -^ \ Abb. 33. Prof. Dr. Gerhard Harig (1902-1966) Die Einführung der verbindlichen Studienpläne schuf erstmalig die Möglichkeit einer engen Verbindung der fach wissenschaftlichen mit einer breiten allgemeinwissenschaftlichen sowie der theoretischen mit einer praktischen Ausbildung. Die Zeit von 1951 bis 1967 war im Hochschulwesen neben dem Übergang zum planmäßigen Studium vor allem gekennzeichnet durch eine umfangreiche Bautätigkeit an den Universitäten und Hochschulen — es wurden viele Institute neu bzw. wieder aufgebaut und neue Hochschulen gegründet —, eine umfassende materielle Fürsorge der DDR-Regierung für die Hochschullehrer und Studierenden, die weitere Entfaltung des wissenschaftlichen Lebens an den Instituten, die planmäßige Entwicklung der Studienrichtungen entsprechend dem gesellschaftlichen Bedarf sowie die Entwicklung neuer Studienmethoden. Neben den Universitäten in Berlin, Halle, Jena, Greifswald und Rostock wurde auch die Leipziger Universität dem am 1. 3. 1951 gebildeten Staatssekretariat für Hochschulwesen direkt unterstellt. Am 10. 4. 1951 wurde an der Leipziger Universität das historisch gewachsene Mammutgebilde der Philosophischen Fakultät in die
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 277 Philosophische, Mathematisch-Naturwissenschaftliche und Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät aufgeteilt. In Würdigung ihrer Verdienste bei der Verwirklichung der Ziele der 2. Hochschulreform — insbesondere bei der Einführung des gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums — wurde der Leipziger Universität am 5. Mai 1953 — dem 135. Geburtstag des Begründers des wissenschaftlichen Kommunismus — der verpflichtende Name „Karl-Marx-Universität" verliehen. Rektor der Leipziger Universität war zu dieser Zeit Prof. Dr. rer. pol. Georg Mayer, der in seiner 13jährigen unermüdlichen Tätigkeit in diesem hohen Amt das Vertrauen aller Universitätsangehörigen erwarb und durch seinen persönlichen Einsatz für den gesell- «1 L Abb. 34. Prof. Herbert Beckert während der Vorlesung im Jahre 1952 schaftlichen Fortschritt und seinen wissenschaftlichen Weitblick einen wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Entwicklung der Alma mater lipsiensis zu einer sozialistischen Universität hatte. Das Mathematische Institut wurde 1951 der neugebildeten Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät eingegliedert. Das Amt des Direktors übte bis zum Jahre 1958 weiterhin Prof. Dr. Ernst Holder aus. Nach ihm übernahm es bis zur Gründung der Sektion 1969 Prof. Dr. Herbert Beckert, der 1951 zum Professor mit vollem Lehrauftrag und 1958 zum Professor mit Lehrstuhl berufen worden war (Abb. 34). Nach der Einführung der zentral verbindlichen Studienpläne im Jahre 1951 wurden bis zu Beginn der 70er Jahre am Mathematischen Institut Diplom-Mathematiker in Öjähriger und Lehrer für die Fächer Mathematik und Physik in wechselnder 5- bzw. 4jähriger Studienzeit ausgebildet. Am Institut für Mathematische Statistik der Karl-
278 Teil IV Marx-Universität, das von Prof. Dr. Felix Burkhardt geleitet wurde und bis zum Jahre 1966 zur Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät gehörte1), erfolgte im engen Zusammenwirken mit dem Mathematischen Institut die Ausbildung von Diplom-Wirtschaftsmathematikern. Die nachfolgende Übersicht zeigt die Entwicklung der Studentenzahlen in dieser Periode: Studienrichtung Diplom -Mathematiker Lehrer 1953 98 127 1958 157 111 1963 100 180 1968 229 82 Die Erfüllung der gestiegenen Lehraufgaben am Mathematischen Institut erforderte eine Vergrößerung des Lehrkörpers. So war die Zahl der am Institut tätigen Wissenschaftler Ende 1967 auf 5 Professoren, 7 Oberassistenten und 10 Wissenschaftliche Assistenten bzw. Mitarbeiter angewachsen. Die Professoren Holder, Kahler und Schnee haben sich in den Jahren nach dem Wiederbeginn der Arbeit am Mathematischen Institut in beispielhafter Weise für die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses eingesetzt und sich dadurch für die Entwicklung der Mathematik an der Karl-Marx-Universität und darüber hinaus große Verdienste erworben. Nach dem Tode von Prof. Schnee 1958 (er hatte von 1917 bis 1956 Vorlesungen am Mathematischen Institut gehalten) und dem Weggang der Professoren Holder und Kahler im gleichen Jahr führten deren Schüler unter der Leitung von Prof. Herbert Beckert die erfolgreich begonnene Arbeit in Lehre und Forschung weiter. Dazu gehörten Joachim Focke2), Paul Günther3), Günter Grosche4), Horst Schumann5) und Günther Eisenreich6). Sie wurden unterstützt von den Mathematikern der älteren Generation Hans Salie7) (Abb. 35) und Walter Heymann8) und bald auch schon von den Schülern Prof. Beckerts: Dietrich Göhde, Alfred Göpfert, Harald Hilbig, Lothar Jentsch und Hans- Joachim Girlich, die heute alle als Professoren bzw. Dozenten an Universitäten und Hochschulen der DDR arbeiten. Der hohen Einsatzbereitschaft dieses verhältnismäßig jungen Kollektivs, seinem verantwortungsbewußten Herangehen an die Aufgaben in Bildung, Erziehung und Forschung ist es zu danken, daß von 1958 bis 1968 mehr als 1000 fachlich qualifizierte und politisch engagierte Mathematiker und Mathematiklehrer die Karl-Marx-Universität absolvieren und in ihrer beruflichen Praxis *) Danach wurde es der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät angeschlossen. 2) Berufung zum Dozenten 1954, zum Professor mit Lehrauftrag 1958 und zum Professor mit vollem Lehrauftrag 1966. 3) Berufung zum Dozenten 1957, zum Professor mit Lehrauftrag 1960, zum Professor mit vollem Lehrauftrag 1966. 4) Assistent seit 1952, 1964 Wissenschaftlicher Mitarbeiter. 5) Assistent seit 1956 nach Studienaufenthalt in Leningrad und Moskau, 1958 Oberassistent. 6) Assistent seit 1959, 1967 Oberassistent. 7) Berufung zum Professor mit Lehrauftrag 1955, zum Professor mit vollem Lehrauftrag 1961. Siehe auch den Beitrag über Hans Salie in Teil III, S. 260ff. 8) Seit 1951 Lehrbeauftragter, 1953 Assistent, 1954 Oberassistent, 1962 mit der Wahrnehmung einer Dozentur beauftragt, 1964 verstorben.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 279 einen aktiven Beitrag zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in der DDR leisten konnten. Der 1951 eingeführte Studienplan wurde 1954 weiter präzisiert, wobei auch genaue zeitliche Festlegungen für die einzelnen Studienjahre getroffen wurden. Im „Studienplan für die Fachrichtung Mathematik" vom 1. 9. 1954 wurde als das Ziel des Studiums der Mathematik „die wissenschaftliche Ausbildung von Mathematikern für die Industrie und wissenschaftlichen Forschungsinstitute sowie für die Tätigkeit als Fachlehrer für die Oberstufe der deutschen demokratischen Schule"1) fixiert. Er sah \ Abb. 35. Die Professoren Paul Günther, Herbert Beckert, Joachim Focke und Hans Salie (v. 1. n. r.) im Jahre 1965 für das erste und zweite Studienjahr eine gemeinsame Ausbildung für Studenten mit dem Ziel „Diplom-Mathematiker" und „Oberstufenlehrer an der demokratischen Schule" vor. Der Inhalt dieser gemeinsamen Ausbildung sowie die Verteilung der Wochenstunden geht aus der Übersicht2) auf S. 280 hervor. Mit dem dritten Studienjahr begann dann eine Aufteilung in Diplom-Mathematiker (gemäß Studienplan Nr. 11) und Oberstufenlehrer (gemäß Studienplan Nr. IIA). Dabei spezialisierten sich Diplomstudenten u. a. entsprechend den örtlichen Möglichkeiten und Traditionen der Institute in bestimmten mathematischen Teildisziplinen — in Leipzig war es vor allem die Analysis —, während die Lehrerstudenten *) Vgl. [5], S. 2. 2) Vgl. [5], S. 3 und 4. Die Abkürzungen haben folgende Bedeutung: HS = Herbstsemester, FS = Frühjahrssemester, PR = Prüfungen, P = Zwischenprüfung, V = Vorlesungen, Ü = Seminaristische Übungen bzw. Praktika.
280 Teil IV neben einer weiteren vertiefenden mathematischen Ausbildung pädagogisch-methodische Vorlesungen hörten und an schulpraktischen Übungen teilnahmen. Die im Studienplan vorgesehenen Betriebspraktika für Mathematikstudenten und Schulpraktika für Lehrerstudenten, die entsprechend den gesonderten Richtlinien des Staatssekretariats für Hochschulwesen durchgeführt wurden, sowie eine Lehrfach 1. Grundlagen des Marxismus- Leninismus 2. Russische Sprache 3. Sprachunterricht (fakultativ) 4. Körpererziehung 5. Einführung in die höhere Mathematik 6. Einführung in die modernen mathematischen Methoden 7. Differential- und Integralrechnung I und II 8. Lineare Algebra 9. Analytische Geometrie I und II 10. Experimentalphysik 11. Systematische Pädagogik I, II und III 12. Einführung in die Entwicklungspsychologie I und II 13. Algebra I und II 14. Darstellende Geometrie 15. Vektoranalysis (fakultativ) 16. Funktionentheorie I 17. Differentialgleichungen 18. Physikalisches Praktikum 19. Physik (fakultativ) Wochenstunden Gesamt Wochenstunden 1. Studienjahr HS V/Ü 2/1 -/2 -/2 -/2 4/2 4/- 4/2 4/- 2/- 2/- 22/9 31 FS V/Ü 2/1 -/2 -/2 -/2 4/2 4/2 4/1 4/- 2/- 2/- 22/10 32 PR P P P P P 2. Studienjahr HS V/Ü 2/1 -/2 -/2 -/2 4/2 2/- 4/2 2/2 2/- -/3 2/- 14/14 28 FS V/Ü 2/1 -/2 -/2 -/2 4/1 4/2 4/2 ~/3 14/13 27 PR P P P P P P Reihe neu konzipierter Vorlesungen — als Beispiel sei der Numerik-Zyklus von Prof. Focke genannt — verstärkten die Praxisbezogenheit der Mathematikausbildung. Als Studiendauer waren in diesem Studienplan für Diplomstudenten fünf Jahre und für Lehrerstudenten vier Jahre festgelegt. Die große Zahl der in den Jahren von 1951 bis 1968 erschienenen wissenschaftlichen Publikationen unterstreicht die erfolgreiche Forschungstätigkeit am Institut während dieser Zeit. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf die Beiträge über
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 281 E. Holder, E. Kahler und H. Saue in Teil III sowie auf die Ausführungen auf S. 303ff. Ein Ausdruck besonderer Wertschätzung war die Verleihung des Nationalpreises der DDR an Prof. Dr. Beckert im Jahre 1965 für seine wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der partiellen Differentialgleichungen. Auch die Durchführung der Wissenschaftlichen Jahrestagung der Mathematischen Gesellschaft der DDR vom 1.2. bis 11. 2. 1966 in Leipzig bedeutete eine Anerkennung der Arbeit der Wissenschaftler des Mathematischen Instituts der Karl-Marx-Universität. Rund 800 Teilnehmer aus dem In- und Ausland hörten im Plenum und in 12 Sektionen etwa 140 Übersichts- und Kurzvorträge und führten einen regen wissenschaftlichen Meinungsaustausch. Die Leipziger Mathematiker spielten dabei eine aktive Rolle. Ein Schatz besonderer Art, der von den Leipziger Mathematikern stets behütet und ständig vermehrt wurde, ist die Mathematische Bibliothek. Besucher aus aller Welt bewundern immer wieder ihre Kostbarkeiten, aber auch ihre umfangreichen Bestände. Die während der Kriegsjahre entstandenen Lücken konnten im wesentlichen wieder geschlossen werden, nicht zuletzt dank der Arbeit einer Fotolaborantin am Institut1), vor allem aber durch die umsichtige und engagierte Arbeit von Frau Ina Letzel, die seit 1964 die Bibliothek leitet und die Wissenschaftler und Studenten vorbildlich unterstützt. Eine großzügige staatliche Förderung ermöglichte die ständige zielgerichtete Erweiterung der Bibliothek als wichtigstes Arbeitsmittel vor allem für die mathematische Forschung. Die Entwicklung der Bestände in den Jahren bis 1968 zeigt die folgende Übersicht: 1962 1964 1966 1968 Bände 15800 16340 17246 18043 Laufende Zeitschriften 86 98 97 110 1979 umfaßte die Bibliothek ca. 27000 Bände und 149 laufende Zeitschriften. Einen Blick in den Lesesaal der Sektion Mathematik im Neubaukomplex zeigt Abb. 36. Nach dem Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse in der DDR Anfang der 60er Jahre wurde entsprechend den Beschlüssen des VI. Parteitages der SED, der im Januar 1963 stattfand, der umfassende Aufbau des Sozialismus in der DDR zur strategischen Hauptaufgabe. Für das Hochschulwesen ergab sich die Notwendigkeit, den Beitrag für die Erfüllung dieser Aufgaben klar zu umreißen und weiter zu erhöhen. So setzte etwa 1967 eine umfassende Diskussion zur weiteren Ausgestaltung von Lehre und Forschung an den Universitäten und Hochschulen der DDR ein. Mit Recht stellte der VII. Parteitag der SED, der im April 1967 stattfand, fest, daß es gilt, Inhalt und Methoden der Lehre und Forschung an den Universitäten, Hoch- und Fachschulen entsprechend den Erfordernissen der weiteren Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft und der wissenschaftlich-technischen Revolution umzugestalten.2) Die im Ergebnis dieser breiten, alle Angehörigen des Hochschulwesens erfassenden und sich über mehrere Jahre erstreckenden Diskussionen eingeleiteten *) Im Jahre 1954 wurde am Mathematischen Institut ein Fotolabor eingerichtet, das die Arbeit in Lehre und Forschung gut unterstützt. Seit 1959 wird es von Frau Sonja Bruchholz geleitet. 2) Vgl. [9], Abschnitt XIV.
282 Teil IV und durchgeführten Maßnahmen werden als 3. Hochschulreform bezeichnet. Die wesentlichsten Ergebnisse dieser Reform waren die engere Verflechtung des Hochschulwesens mit der sozialistischen Praxis, die aktivere Einbeziehung der Studenten in die Forschung und damit verbunden die engere Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Studenten (der Begriff „wissenschaftlich-produktives Studium" entstand), die Gliederung des Studiums in Grund-, Fach- und Forschungsstudium, die auf die Forderungen der Praxis ausgerichtete Verbindung von Aus- und Weiterbildung und zur Verbesserung der Leitungstätigkeit die Abschaffung der bisherigen Leitungsstruktur Universität — Fakultät — Institut durch die Bildung von Sektionen zur schnellen und umfassenden Realisierung der genannten Maßnahmen verbunden mit der Durchsetzung des Prinzips des demokratischen Zentralismus im Hochschulwesen. 1 i Abb. 36. Im Lesesaal der Sektion Mathematik Und so entstanden an der Karl-Marx-Universität Leipzig, wie an den anderen Universitäten und Hochschulen auch, Sektionen, unter ihnen die Sektion Mathematik, die im wesentlichen aus dem ehemaligen Mathematischen Institut hervorging. Die Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität Leipzig wurde in einer beeindruckenden Veranstaltung am 24. Januar 1969 im Großen Hörsaal des bisherigen Institutsgebäudes in der Talstraße 35 gegründet. Die vom Minister für das Hoch- und Fachschulwesen unterzeichnete Gründungsurkunde wurde vom damaligen 1. Prorektor der KMU, Prof. Dr. Horst Möhle, mit den besten Wünschen für eine erfolgreiche Arbeit an den ersten Direktor der Sektion Mathematik, Prof. Dr. Paul Günther, übergeben. Zum stellvertretenden Direktor für Forschung wurde NPT Prof. Dr. Herbert Beckert ernannt, der von 1958 bis zum Zeitpunkt der Sektionsgründung das Mathematische Institut geleitet hatte; das Amt des stellvertetenden Direktors für Erziehung und Ausbildung wurde Dr. Horst Schumann übertragen.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 283 Die Entwicklung der neu gebildeten wissenschaftlichen Institution, der Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität, von der nun berichtet werden soll, verlief natürlich in enger Wechselwirkung mit der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR. Die Zeit seit 1969 war wesentlich gekennzeichnet durch das weitere Erstarken des Sozialismus im Weltmaßstab auf ökonomischem, politischem, geistig-kulturellem und militärischem Gebiet, im Gegensatz dazu vollzog sich die Verschärfung der allgemeinen Krisenerscheinungen in den Ländern des Kapitals. Durch den erreichten Entwicklungsstand der Länder der sozialistischen Staatengemeinschaft und der Vertiefung ihrer Integrationsbeziehungen waren neue Bedingungen für den sozialistischen Aufbau auch in der Deutschen Demokratischen Republik herangereift. Im Juni 1971 hatte der VIII. Parteitag der SED die Strategie und Taktik zur weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft in der DDR beschlossen und damit einen neuen Entwicklungsabschnitt unseres Landes eingeleitet. Mit der Formulierung der Hauptaufgabe des Fünfjahrplanes von 1971 — 75 durch den Parteitag, nämlich der „weiteren Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes auf der Grundlage eines hohen Entwicklungstempos der sozialistischen Produktion, der Erhöhung der Effektivität, des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und des Wachstums der Arbeitsproduktivität"1), waren auch der Wissenschaft in der DDR Aufgaben neuer Dimension gestellt. Im Mai 1976 beschloß der IX. Parteitag der SED, ,,in der Deutschen Demokratischen Republik weiterhin die entwickelte sozialistische Gesellschaft zu gestalten und so grundlegende Voraussetzungen für den allmählichen Übergang zum Kommunismus zu schaffen"2). Im Bericht des ZK der SED an den IX. Parteitag führte der Generalsekretär der SED, Erich Honecker, aus: ,,Die vor uns stehenden Aufgaben zwingen zu einem noch tieferen Eindringen in die wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Prozesse. Diese Notwendigkeit und die zunehmende Integration der Wissenschaftsgebiete erfordern das immer engere Zusammenwirken aller Wissenschaftsdisziplinen. In der mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Forschung ist verstärkt an den Grundlagen und an komplexen Lösungen im Interesse eines langfristigen wissenschaftlichen Vorlaufs zu arbeiten, der gleichzeitig auf die volkswirtschaftlich und gesellschaftlich entscheidenden Prozesse konzentriert ist."3) An anderer Stelle heißt es: „Um hohe wissenschaftliche Leistungen zu sichern, ist die Intensivierung der wissenschaftlichen Arbeitsprozesse zu beschleunigen."4) Dank der großzügigen Förderung der Wissenschaft durch Partei und Regierung erhielt die Karl-Marx-Universität Leipzig in den 70er Jahren ein völlig neues Gesicht und entwickelte sich zu einer der modernsten Universitäten in unserer Republik. Zwischen Universitätsstraße und Karl-Marx-Platz entstand Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre der etwa 105000 Quadratmeter umfassende Neubaukomplex der Karl-Marx-Universität, der heute neben den Gebäuden zwischen der Liebig- straße und Philipp-Rosenthal-Straße das Zentrum des Universitätslebens bildet (Abb. 37). *) Vgl. [10], S. 48/49. 2) Vgl. [12], S. 9. 3) Vgl. [11], S. 92. 4) Vgl. [11], S. 93.
284 Teil IV v I • ■ l ■ l i • I ■ i I ■ I I » l l « i" i Abb. 37. Hauptgebäude und Universitätshochhaus: Die Sektion Mathematik ist im 3. und 4. Stockwerk des Hauptgebäudes untergebracht
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 285 •7% Abb. 38. Mathematikstudenten während eines Seminars !■'! - 11 Itll" .-. v sm4i* Abb. 39. Moderner Hörsaal im neuen Hörsaalgebäude
286 Teil IV Die Sektion Mathematik war eine der ersten Institutionen der Universität, deren Angehörige ihre Arbeit im zuerst fertiggestellten Teil des Neubaukomplexes, dem fünfgeschossigen Hauptgebäude, aufnahmen, und zwar am 3. 9. 1971. In diesem Gebäude, das sich am Karl-Marx-Platz befindet und über dessen Eingang ein Hochrelief die weltverändernde Kraft des Marxismus symbolisiert, haben die Organe der Universitätsleitung ihren Sitz. Auch die vorwiegend theoretisch orientierten Forschungsgruppen der Sektionen Physik und Chemie haben hier gute Arbeitsbedingungen gefunden. Weithin sichtbar erhebt sich das 28 Stockwerke umfassende und 1974 eröffnete Universitätshochhaus, das die Form eines aufgeschlagenen Buches andeutet und im Volksmund „Weisheitszahn" genannt wird. Es beherbergt in erster Linie die gesellschaftswissenschaftlichen Sektionen. Der Neubaukomplex umfaßt aber auch moderne Ausbildungsstätten, nämlich das seit 1973 genutzte Seminargebäude (Abb. 38) sowie das — an der Universitätsstraße, Ecke Schillerstraße gelegene — Hörsaalgebäude, das im März 1978 seiner Bestimmung übergeben wurde. In diesem Gebäude befinden sich 22 Hörsäle verschiedener Größe, entsprechende Zubehörräume und die Gesellschaftswissenschaftliche Bibliothek (eine Zweigstelle der Universitätsbibliothek). Alle Hörsäle sind mit Fernsehtechnik, Diaprojektor, Lichtschreiber und Lautsprecheranlage ausgerüstet (Abb. 39). Zwischen Hauptgebäude und Seminargebäude befindet sich die moderne Zentralmensa mit einer Kapazität von etwa 6000 Portionen Mittagessen täglich. In diesen Jahren erhielten auch die Studenten der Universität moderne Wohnunterkünfte, die ihre Lebens- und Studienbedingungen wesentlich verbesserten. Die Studenten der Sektion Mathematik sind im Haus 3 des Internatskomplexes in der Tarostraße untergebracht (Abb. 40 und 41). Mit der Sektionsgründung wurde dem Wissenschaftlerkollektiv eine ganze Reihe neuer Aufgaben übertragen. Prof. Dr. Paul Günther — seine große Erfahrung als Hochschullehrer und Forscher nutzend — engagierte sich voll für das Neue, setzte wohlüberlegt die Akzente und orientierte konsequent auf die vom neugebildeten Rat der Sektion gefaßten Beschlüsse, und dies in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit seinen beiden Stellvertretern, der Sektionsparteileitung und den Leitungen der gesellschaftlichen Massenorganisationen. So hatte die Sektion Mathematik einen guten Start, der sich immerhin unter der Nebenbedingung vollzog, daß sich die Zahl der pro Jahr immatrikulierten Studenten innerhalb von zwei Jahren verfünffachte. Grundlage für die Arbeit der Sektion in Erziehung, Ausbildung und Forschung waren die Beschlüsse des VII. und später die des VIII. und IX. Parteitages der SED. Die Leitung der Grundorganisation der Partei am Mathematischen Institut und danach an der Sektion hat es stets verstanden, den Wissenschaftlern, Studenten und Angestellten das Wesen dieser Beschlüsse zu erläutern, Schlußfolgerungen für die eigene Arbeit zu ziehen und die ideologischen Grundfragen der Entwicklungsprobleme in Erziehung, Ausbildung und Forschung zur Diskussion zu stellen. Besonders deutlich wurde die führende Rolle der Partei während der Vorbereitung der Sektionsgründung, war doch damit die Klärung einer ganzen Reihe ideologischer, inhaltlicher und organisatorischer Fragen verbunden. Bereits am 2. 10. 1967 legte die Leitung der Parteiorganisation des Institutes einen Beschluß ,,Zur Bildung einer Sektion Mathematik an der KMU" vor, in dem die gesellschaftliche Notwendigkeit der Sektionsbildung begründet, die politische Situation eingeschätzt sowie Maßnahmen für die ideologische Vorbereitung von Schritten zur Sektionsbildung vorgeschlagen
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 287 ■n m JJJ-ÜJ m^M ±U < . , ,(JiJ. % MIHI ' ** "" t ML Ml» * • i 1BHL nif i • «%i ^ Abb. 40. Studenteninternate in der Tarostraße 1] > r Abb. 41. Im Studentenwohnheim
288 Teil IV wurden. In breiter demokratischer Diskussion, in zahlreichen Aussprachen und Beratungen, auf Partei-, Gewerkschafts- und FDJ-Versammlungen und in vielen Einzelgesprächen wurden allen Wissenschaftlern und Studenten Sinn und Zweck einer Sektionsbildung erläutert. Dabei waren auch Vorbehalte auszuräumen, manche seit Jahrzehnten eingebürgerten Gewohnheiten in Frage zu stellen und damit der Blick auf das Wesentliche zu richten, d. h. auf die aus der gesellschaftlichen Entwicklung abgeleiteten Anforderungen an eine wissenschaftliche Institution. Die entscheidende Orientierung für diese Arbeit waren die in Auswertung der Beschlüsse des VII. Parteitages der SED unter breiter Mitarbeit vieler Institutsangehöriger ausgearbeiteten Thesen der Parteileitung vom 14. 2. 1968. Diese Thesen gaben u. a. durch die Formulierung von „Sechs Bewährungsproben für eine Sektion Mathematik" Antwort auf die Frage, welche Aufgaben in dieser Situation zuerst in Angriff zu nehmen waren. In diesen Thesen heißt es u. a.:1) 1. Es kommt darauf an, daß alle Institutsangehörigen besonders ihrer Verantwortung für die klassenmäßige Erziehung gerecht werden, indem sie selbst um eine klassenmäßige Haltung kämpfen und sie den Studenten vorleben. 2. Es kommt darauf an, daß die Erfüllung aller Aufgaben zeitgemäß geleitet wird, d. h. Verantwortung klar fixiert, Befugnis- und Weisungsrecht konkret abgegrenzt, ohne Abwarten und Rückversicherung entschieden und danach gehandelt wird; kurz, daß die Prinzipien des demokratischen Zentralismus konsequent durchgesetzt werden. 3. Es kommt darauf an, ein von Zufälligkeiten freies, auf hohem Niveau stehendes Fachstudium in engem Zusammenhang mit der mathematischen Forschung zu schaffen. 4. Es kommt darauf an, die zu gründende Sektion zu einem führenden mathematischen Zentrum mit starker internationaler Ausstrahlungskraft zu entwickeln. Das bedeutet die Herausbildung leistungsfähiger Forschungskollektive unter Leitung erfahrener Hochschullehrer, die potenzierte und geschlossene Bearbeitung bestimmter tragfähiger und praxisorientierter Forschungsschwerpunkte. 5. Es kommt darauf an, eine wesentliche Verbesserung auf dem Gebiet der planmäßigen Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu erreichen. 6. Es kommt darauf an, den Einfluß der Partei im Bereich weiter zu erhöhen. Seit der Sektionsgründung ist die Zahl der Hochschullehrer, der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Angestellten an der Sektion Mathematik erheblich angewachsen. Zu Beginn des Jahres 1969 waren am damaligen Mathematischen Institut 20 Wissenschaftler (darunter 4 Professoren) sowie 5 Verwaltungs- und technische Kräfte tätig. Ihre Zahl erhöhte sich bis zum 1. 2. 1980 auf 120 Wissenschaftler — darunter 14 Professoren und 11 Dozenten —, die von 10 Verwaltungs- und technischen Kräften unterstützt werden. Diese bemerkenswerte Entwicklung stellte an die Arbeit mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs der Sektion hohe Anforderungen, kam es doch darauf an, bei dieser sich in relativ kurzer Zeit vollziehenden zahlenmäßigen Vergrößerung ständig den Quali- ') Vgl. [16].
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 289 tätszuwachs in Lehre und Forschung zu sichern und dabei immer die Persönlichkeitsentwicklung der Sektionsangehörigen zu berücksichtigen. Diese schwierige Aufgabe wurde seit der Sektionsgründung durch eine konsequente, auf lange Sicht angelegte, gemeinsam von der Sektionsleitung und den Leitungen der gesellschaftlichen Organisationen getragene Arbeit mit den wissenschaftlichen Kadern gelöst. Nach der Bildung der Sektion wurden bis zum 1. 2. 1980 folgende Berufungen ausgesprochen : Gerd Lassner : 1969 zum ordentlichen Professor für Analysis, Hans-Joachim Rossberg: 1969 zum ordentlichen Professor für Mathematische Methoden der Operationsforschung, Günther Eisenreich: 1969 zum Hochschuldozenten für Theoretische Mathematik; 1970 zum ordentlichen Professor für Theoretische Mathematik, Hans-Joachim Girlich: 1969 zum Hochschuldozenten und 1975 zum ordentlichen Professor für Mathematische Methoden der Operationsforschung, Dietrich Göhde: 1969 zum Hochschuldozenten für Analysis; 1975 zum ordentlichen Professor für Mathematik an die Ingenieurhochschule Zwickau, Alfred Göpfert: 1969 zum Hochschuldozenten für Mathematische Grundlagen der Operationsforschung; 1974 zum ordentlichen Professor für Analysis an die Technische Hochschule Leuna-Merseburg, Harald Hilbig : 1969 zum Hochschuldozenten für Analysis, Lothar Jentsch : 1969 zum Hochschuldozenten für Analysis; 1975 zum ordentlichen Professor für Analysis an die Technische Hochschule Karl-Marx-Stadt, Horst Schumann: 1969 zum Hochschuldozenten für Theoretische Mathematik; 1970 zum ordentlichen Professor für Theoretische Mathematik, Günter Grosche: 1969 zum Hochschuldozenten für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik an der Sektion Rechentechnik und Datenverarbeitung, Siegmar Gerber : 1969 zum Hochschuldozenten für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik an der Sektion Rechentechnik und Datenverarbeitung, Hans Bock: 1970 zum ordentlichen Professor für Methodik des Mathematikunterrichts, Reinhard Hofmann : 1970 zum Hochschuldozenten für Numerische Mathematik, Klaus Beyer: 1970 zum Hochschuldozenten für Analysis; 1976 zum ordentlichen Professor für Numerische Mathematik an der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock, Eberhard Zeidler: 1970 zum Hochschuldozenten für Analysis; 1974 zum ordentlichen Professor für Analysis, Rolf Klötzler : 1972 Umberufung von der Martin-Luther-Universität Halle—Wittenberg zum ordentlichen Professor für Mathematische Methoden der Operationsforschung, Karl-Heinz Bachmann: 1976 zum ordentlichen Professor für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik, Günther Dewess: 1977 zum Hochschuldozenten für Mathematische Methoden der Operationsforschung, Volkmar Wünsch: 1977 zum Hochschuldozenten für Analysis, Konrad Schmüdgen : 1977 zum Hochschuldozenten für Analysis, Erich Miersemann : 1979 zum Hochschuldozenten für Analysis, Werner Timmermann : 1979 zum Hochschuldozenten für Analysis,
290 Teil IV Karl-Udo Jahn : 1980 zum Hochschuldozenten für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik, Johannes Maul : 1980 zum Hochschuldozenten für Analysis. Am 1. 4. 1971 übernahm Prof. Dr. Horst Schumann, der bis zu diesem Zeitpunkt das Amt des stellvertretenden Sektionsdirektors für Erziehung und Ausbildung innehatte, planmäßig die Leitung der Sektion Mathematik (Abb. 42). Zum neuen Stellvertreter für Erziehung und Ausbildung wurde Prof. Dr. Hans Bock ernannt. Die Nachfolger von Prof. Bock in diesem Amt sind Prof. Dr. Hans-Joachim Girlich (von 1973 bis 1977) und Doz. Dr. Günter Grosche (seit 1977). NPT Prof. Dr. Herbert Beckert ist seit der Sektionsgründung 1969 stellvertretender Sektionsdirektor für Forschung. Abb. 42. Die Professoren Horst Schumann (links) und Paul Günther im Jahre 1971 während der Amtsübergabe Als eines der wesentlichsten Ergebnisse der Entwicklung der Sektion Mathematik seit ihrer Gründung kann die Formierung, Festigung und Profilierung leistungsfähiger, von erfahrenen Hochschullehrern geleiteter Forschungskollektive sowie die Herausbildung eines regen wissenschaftlichen Lebens an der Sektion angesehen werden. Heute arbeiten an der Sektion acht Forschungskollektive; diese Kollektive bilden zugleich die Grundstruktur der Sektion. Die gesamte Forschungstätigkeit an der Sektion Mathematik erfolgt im Rahmen einer langfristigen Planung auf der Grundlage vertraglicher Festlegungen. Dabei arbeiten Wissenschaftler der Sektion in fünf der sechs innerhalb des Zentralen Forschungsprogramms „Mathematik, Mechanik, Kybernetik und Informationsverarbeitung" bestehenden mathematischen Hauptforschungsrichtungen mit; es sind dies die Hauptforschungsrichtungen „Analysis", „Stochastik", „Optimierung", „Mathematische Grundlagen der Informationsverarbeitung" und „Theoretische Mathe-
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 291 niatik". Seit 1975 kam eine neue Form der vertraglich gebundenen Forschung hinzu, die vor allem für die anwendungsorientierte mathematische Forschung von wachsender Bedeutung ist, nämlich der Abschluß von Forschungsvertragen mit Praxispartnern aus der Industrie; genannt seien das Braunkohlenkombinat Espenhain, das Zentralinstitut für Metallurgie Leipzig, der VEB Mikrosa Leipzig und der VEB Chemische Werke Buna. Wie einige Beiträge in Teil III verdeutlichen, hat die Leipziger Universität besonders auf dem Gebiete der Analysis große Traditionen. Daß diese fortgeführt wurden und dabei viele stark beachtete Ergebnisse erzielt werden konnten, ist das wesentliche Verdienst der drei seit 1969 auf dem Gebiet der Analysis arbeitenden Forschungskollektive der Sektion. So entwickelte sich die Sektion Mathematik der KMU Leipzig zu einem der führenden Zentren der Analysis, was auch darin zum Ausdruck kommt, daß der Sektion im Jahre 1974 durch den Minister für Hoch- und Fachschulwesen die Leitung der Hauptforschungsrichtung Analysis übertragen wurde. Im folgenden werden die an der Sektion arbeitenden Forschungskollektive kurz vorgestellt', eine ausführliche Darlegung ihrer Forschungsergebnisse erfolgt auf S. 303ff. Das Forschungskollektiv „Analysis 7" untersucht vor allem Rand-, Anfangs- und Eigenwertaufgaben vorwiegend nichtlinearer partieller und gewöhnlicher Differentialgleichungen mit Hilfe der modernen Methoden der Variationsrechnung sowie der nichtlinearen Funktionalanalysis. Es wird geleitet von NPT Prof. Dr. Herbert Beckert. Zahlreiche seiner Schüler arbeiten heute an der Sektion Mathematik der KMU sowie an anderen wissenschaftlichen Einrichtungen der DDR. Dem Kollektiv gehören unter anderen die Hochschullehrer Prof. Dr. Eberhard Zeidler, Doz. Dr. Harald Hilbig, Doz. Dr. Reinhard Hofmann, Doz. Dr. Erich Miersemann und Doz. Dr. Johannes Maul an. Das Forschungskollektiv „Analysis II" befaßt sich mit der mathematischen Untersuchung von Wirkungsausbreitungen, die durch hyperbolische Differentialgleichungen bzw. Differentialgleichungssysteme beschrieben werden können. Sein Leiter ist Prof. Dr. Paul Günther, der erste Direktor der Sektion Mathematik nach ihrer Gründung. Dem Kollektiv gehört u. a. Doz. Dr. Volkmar Wünsch an. Das Forschungskollektiv „Analysis III" untersucht topologische Algebren und ähnliche Hilfsmittel der Quantentheorie; dabei wird auch an konkreten Methoden des algebraischen Zugangs zur Quantenstatistik gearbeitet. Sein Leiter ist der 1969 im Alter von 29 Jahren berufene Prof. Dr. Gerd Lassner, der seit dieser Zeit bereits zweimal zu längeren Arbeitsaufenthalten am Vereinigten Institut für Kernforschung Dubna weilte und dort als Leiter eines Sektors tätig war. Dem Kollektiv gehören u. a. die Hochschullehrer Doz. Dr. Konrad Schmüdgen und Doz. Dr. Werner Timmermann an. Ergebnisse von Wissenschaftlern dieser drei Forschungskollektive wurden in den letzten zehn Jahren mehrfach als „hervorragende wissenschaftliche Leistungen" vom Wissenschaftlichen Beirat für Mathematik beim MHF anerkannt. Den Anforderungen der sozialistischen Praxis in der DDR Rechnung tragend, wurde 1969 mit dem Aufbau einer Forschungsrichtung „Mathematische Methoden der Operationsforschung" an der Sektion Mathematik der KMU begonnen. Dabei bildeten sich drei Forschungskollektive: Prof. Dr. Joachim Focke baute als erste Gruppe dieser Richtung das Forschungskollektiv „Mathematische Optimierung" auf. Durch Umberufung von der Martin-
292 Teil IV Luther-Universität Halle—Wittenberg kam im Jahre 1972 Prof. Dr. Rolf Klötzler in dieses Kollektiv und übernahm 1974 turnusgemäß dessen Leitung. Dem Kollektiv, das der anwendungsorientierten Forschung von Anfang an große Beachtung schenkt, gehört u. a. Doz. Dr. Günther Dewess an. Eine zweite Gruppe, das Forschungskollektiv „Stochastik", wird seit ihrer Gründung durch den 1969 nach Leipzig berufenen Prof. Dr. Hans-Joachim Rossberg geleitet. Die Wissenschaftler dieses Kollektivs, dem auch Prof. Dr. Hans-Joachim Girlich angehört, befassen sich mit Qualitätsuntersuchungen bei stochastischen Modellen, mit der Statistik stochastischer Prozesse, mit Optimierungsproblemen der Lagerhaltungs- und Zuverlässigkeitstheorie und beschäftigen sich mit analytischen Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Als dritte Gruppe dieser Richtung arbeitete von 1969 bis 1975 das Forschungskollektiv „Mathematische Methoden der Ökonomie", das von Prof. Dr. Siegbert Fröhlich geleitet wurde, der 1969 im Verlauf der Bildung der Sektion von der ehemaligen Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der KMU zur Sektion Mathematik gekommen war. Das Forschungskollektiv „Theoretische Mathematik" befaßt sich mit der Untersuchung kommutativ-algebraischer, arithmetischer, algebraisch-topologischer und kategorientheoietischer Methoden in der Algebraischen Geometrie. Diese Forschungen werden getragen von Prof. Dr. Günther Eisenreich, dem Leiter des Kollektivs, und Prof. Dr. Horst Schumann, dem Direktor der Sektion. Im Jahre 1962 wurde an der KMU ein „Institut für maschinelle Rechentechnik" gegründet, aus dem 1969 die „Sektion Rechentechnik und Datenverarbeitung" hervorging. Beide Einrichtungen leitete Prof. Dr. Hans Rohleder. Mit der Bildung des „Organisation- und Rechenzentrums der KMU" 1973 wurde diese Sektion aufgelöst. Prof. Rohleder kam mit mehreren Wissenschaftlern zur Sektion Mathematik, an der das Forschungskollektiv „Mathematische Grundlagen der Informationsverarbeitung" gebildet wurde, dessen Leitung er übernahm. Zu diesem Kollektiv gehören unter anderen die Dozenten Dr. Günter Grosche, Dr. Siegmar Gerber, Dr. Karl- Udo Jahn und seit seiner Berufung an die KMU 1976 auch Prof. Dr. Karl-Heinz Bachmann, der 1979 die Leitung des Forschungskollektivs übernahm. Die Wissenschaftler des Kollektivs untersuchen vor allem die jer igen theoretischen Grundlagen und Methoden, die beim Aufbau von künstlichen Sprachen einzusetzen sind mit dem Ziel, die Ergebnisse auf die vielseitigen Probleme anzuwenden, die in der Ökonomie, Biologie, Medizin, Steuerungstechnik sowie in der Informationsverarbeitung selbst auftreten. Im Zuge der Gründung der Sektionen an der KMU in den Jahren 1968/69 wurden die am ehemaligen Pädagogischen Institut zusammengefaßten Unterrichtsmethodiker den jeweiligen Fachsektionen eingegliedert. Das hat sich günstig ausgewirkt bei der Ausbildung von Mathematiklehrern, einer wichtigen Aufgabe der Sektion Mathematik. So entstand an der Sektion das Forschungskollektiv „Methodik des Mathematikunterrichts", das von Prof. Dr. Hans Bock geleitet wird. Die Forschungsarbeiten, die im Auftrag der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR erfolgen, beinhalten vor allem die Entwicklung geistiger Fähigkeiten und Fertigkeiten bei Schülern im Mathematikunterricht der Oberschulen. Seit Beginn der Planung und Verteidigung der Forschungsleistungen im Rahmen der mathematischen Hauptforschungsrichtungen (vorher Wissenschaftskonzeptionen) Ende der sechziger Jahre wurden von den Wissenschaftlern der Sektion alle geplanten
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 293 Arbeiten im vorgesehenen Zeitraum erfolgreich abgeschlossen. Diese beachtenswerten Forschungsergebnisse fanden im Zeitraum von 1969 bis 1979 ihren Ausdruck in mehr als 600 wissenschaftlichen Arbeiten, die in anerkannten in- und ausländischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Darüber hinaus wurden von Wissenschaftlern der Sektion eine Reihe von Monographien, Lehrwerken und Lehrbüchern verfaßt, die in Forschung und Lehre national und international Anerkennung erhielten. So z. B. die vierbändige Monographie „Vorlesungen über nichtlineare Funktionalanaly- sis und deren Anwendungen" von Prof. Dr. Eberhard Zeidler, der von einem Wissenschaftlerkollektiv der Sektion unter Leitung von Prof. Dr. Paul Günther erarbeitete vierbändige „Grundkurs Analysis", das als gemeinsames Vorhaben von Mathematikern aus Moskau, Berlin, Leipzig und Freiberg entstandene „Handbuch der Bedienungstheorie", das Lehrbuch „Vorlesungen über Vektor- und Tensorrechnung" von Prof. Dr. Günther Eisenreich. Die Neufassung des „Taschenbuches der Mathematik" von Bronstein/Semendjajew ist ein Beispiel für die erfolgreiche Gemeinschaftsarbeit von über 20 Mathematikern der Sektion unter der Leitung der Herausgeber Doz. Dr. Günter Grosche und Dr. Viktor Ziegler mit den sowjetischen Autoren der ursprünglichen Fassung. In die Forschungsvorhaben sinnvoll einbezogen sind an der Sektion die Arbeiten zur Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Seit Gründung der Sektion 1969 ist die Anzahl der erfolgreich durchgeführten Verfahren zur Erlangung der wissenschaftlichen Grade Dr. rer. nat. und Dr. sc. nat. ständig gewachsen. In dieser Zeit promovierten mehr als 60 Assistenten und Forschungsstudenten der Sektion an der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften der KMU zum Dr. rer. nat. und über 20 — vorwiegend wissenschaftliche Oberassistenten — zum Dr. sc. nat., die etwa zu gleichen Teilen an unserer Sektion bzw. an anderen wissenschaftlichen Einrichtungen der DDR zu Hochschullehrern berufen wurden. Die von den Wissenschaftlern der Sektion erzielten Forschungsergebnisse widerspiegeln die an der Sektion bestehende Atmosphäre des Dranges der Hochschullehrer und wissenschaftlichen Mitarbeiter nach hohen Leistungen und nützlichen Resultaten, der gegenseitigen Anregung und Unterstützung, des Gedankenaustausches und Meinungsstreites sowie der Anleitung der weniger Erfahrenen durch die führenden Wissenschaftler. Diese Atmosphäre wird geprägt durch die Arbeitsweise der stabilen und aufgabenorientierten Forschungskollektive, die — alle von Professoren geleitet — sich als geeeignete Organisationsform der wissenschaftlichen Arbeit erwiesen haben. Von starker Ausstrahlungskraft sind dabei die zum festen Bestandteil des wissenschaftlichen Lebens der Sektion gehörenden, regelmäßig stattfindenden Forschungsseminare der einzelnen Forschungskollektive. Sie sind eine ausgezeichnete Form der wissenschaftlichen Kommunikation für ihre Mitglieder, aber auch für die Studenten der höheren Studienjahre. In einer kollegialen und kritischen Atmosphäre werden hier eigene wissenschaftliche Arbeiten vorgestellt und diskutiert, bevor sie zum Druck eingereicht werden. Daneben werden auch Publikationen der internationalen Forschungsliteratur vorgetragen und für die Arbeit des Forschungskollektivs bzw. für die Lehre nutzbar gemacht. Die von einigen Forschungskollektiven regelmäßig veranstalteten Frühjahrs- bzw. Herbstschulen sind eine konzentrierte Form der Forschungsseminare; sie üben, da die Wissenschaftler eine Woche lang gemeinsam leben, arbeiten und diskutieren, einen positiven Einfluß auf die Festigung der Kollektive und die Stärkung der Gemeinschaftsarbeit aus.
294 Teil IV Eine wertvolle Bereicherung der wissenschaftlichen Kommunikation der Forschungskollektive untereinander ist das Sektionskolloquium, das im In- und Ausland einen guten Ruf genießt. Von April 1973 bis Januar 1979 fanden 103 Veranstaltungen statt, auf denen u. a. 48 namhafte Wissenschaftler aus den sozialistischen Bruderländern und 19 aus anderen Staaten inhaltsreiche und anregende Vorträge hielten. Die Beziehungen der Sektion zu wissenschaftlichen Einrichtungen des In- und Auslandes wurden insbesondere während der letzten zehn Jahre weiter ausgebaut bzw. vertieft; sie haben auf einigen Gebieten zu einer engen Zusammenarbeit geführt. Im Vordergrund stehen dabei die Beziehungen zu führenden mathematischen Institutionen der Sowjetunion, der ÖSSR und der Volksrepublik Polen, so zu den Mathematischen Instituten der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Moskau, Leningrad und Nowosibirsk, dem VIK Dubna, dem Institut für Theoretische Physik der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, den Mathematischen Instituten der Akademien der Wissenschaften der ÖSSR und der VR Polen, den Mathematischen Fakultäten bzw. Instituten der Universitäten Moskau, Leningrad, Kiew, Tbilissi, Charkow, Warschau, Wroclaw, Torun, Katowice, Sofia, Prag und Olomouc. Auch zu mathematischen Instituten und Forschungszentren entwickelter kapitalistischer Länder wurden die wissenschaftlichen Beziehungen weiterentwickelt, vor allem mit wissenschaftlichen Einrichtungen in den USA, Frankreich, Großbritannien, Japan, der Schweiz, Österreich und der BRD. Ein Höhepunkt im wissenschaftlichen Leben an der Sektion war die Internationale Konferenz über „Operatorenalgebren, Ideale und ihre Anwendungen in der Theoretischen Physik" im September 1977 an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Sie wurde gemeinsam von den mathematischen Sektionen der Karl-Marx-Universität Leipzig und der Friedrich-Schiller-Universität Jena und vom Zentralinstitut für Mathematik und Mechanik der Akademie der Wissenschaften der DDR veranstaltet. An ihr nahmen 224 Mathematiker aus 22 Ländern Europas, Amerikas, Asiens und Afrikas teil. Diese Konferenz war die erste wissenschaftliche Veranstaltung in der DDR unter der Schirmherrschaft der Internationalen Mathematiker-Union; sie fand weltweit ein positives Echo. Dem internationalen Organisationskomitee gehörten die Professoren H. Baumgärtel (Berlin), G. Lassner (Leipzig), K. Maurin (Warschau), A. Pelczynski (Warschau), A. Pietsch (Jena), M. K. Polivanov (Moskau), L. Schwartz (Paris), H.Schumann (Leipzig), A. Uhlmann (Leipzig) und V. S. Vladi- mirov (Moskau) an. Aus Anlaß des 100. Geburtstages von Leon Lichtenstein, dessen erfolgreiches Wirken am Mathematischen Institut der Leipziger Universität in einem gesonderten Beitrag in Teil III gewürdigt ist, wurde vom 7. bis 9. Dezember 1978 von der Sektion ein wissenschaftliches Kolloquium veranstaltet. Namhafte Mathematiker aus der UdSSR, der ÖSSR und der VR Polen nahmen daran teil. Die gehaltenen Vorträge fanden starke Beachtung, insbesondere der Festvortrag von NPT Prof. Dr. Herbert Beckert. Im Heft 1/80 der Wissenschaftlichen Zeitschrift der KMU, Mathematisch- Naturwissenschaftliche Reihe, sind sie veröffentlicht. Der Aufbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft in der DDR bedingt eine größere gesellschaftliche Wirksamkeit der Wissenschaft. In der derzeitigen Phase der gesellschaftlichen Entwicklung muß der erforderliche Zuwachs an Nationaleinkommen in erster Linie durch die ökonomische Verwertung der Ergebnisse von Wissen-
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 295 Schaft und Technik erreicht werden; die Wissenschaft als unmittelbare Produktivkraft gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Das gilt auch für die Mathematik. Die Leitung der Sektion und die gesellschaftlichen Organisationen haben es ständig als ihre Aufgabe gesehen, diesem Sachverhalt in wachsendem Maße Rechnung zu tragen und die Arbeit der Forschungskollektive stärker auf die Erfordernisse der Volkswirtschaft und anderer gesellschaftlicher Bereiche sowie der Natur- und Gesellschaftswissenschaften zu lenken. Der Erörterung damit zusammenhängender Fragen diente auch die von der Sektion am 27. und 28. September 1974 durchgeführte Konferenz „Mathematik und Praxis1', Sie fand eine große Resonanz. Über 200 Teilnehmer — Wissenschaftler aus mathematischen Sektionen von Universitäten und Hochschulen der DDR, Vertreter aus den verschiedensten Bereichen der Volkswirtschaft, darunter auch Absolventen unserer Sektion, Wissenschaftler aus anderen Sektionen der KMU und Gäste aus dem Partei- und Staatsapparat — nutzten die Veranstaltung zu einem regen Erfahrungsaustausch über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der Anwendung der Mathematik in der gesellschaftlichen Praxis, vermittelten in zahlreichen Vorträgen wertvolle Anregungen und diskutierten über die Stellung der Mathematik in der sozialistischen Gesellschaft. Grundlegende Ausführungen dazu waren in dem EinführungsVortrag der Konferenz vom Direktor der Sektion, Prof. Dr. Horst Schumann, gemacht worden.1) Die darin enthaltenen Orientierungen lösten in der Folgezeit an der Sektion eine ganze Reihe von Aktivitäten aus, die alle auf eine höhere gesellschaftliche Wirksamkeit der mathematischen Forschung zielten, und zwar sowohl im Hinblick auf die direkte Anwendung mathematischer Methoden und Ergebnisse in verschiedenen Zweigen der Volkswirtschaft als auch in Richtung einer verstärkten Zusammenarbeit mit Forschungsgruppen an naturwissenschaftlichen Sektionen. Diese Bestrebungen führten zum Abschluß von Forschungsverträgen der Sektion mit Kombinaten der Braunkohlen-, chemischen und metallurgischen Industrie und zur Bildung einer Applikationsgruppe, einem Kollektiv von Wissenschaftlern der Sektion, die vorwiegend an der Lösung von Aufgaben arbeiten, die direkt von den Vertragspartnern aus der Industrie an die Sektion herangetragen werden bzw. die sich bei der Aufbereitung von mathematischen Forschungsergebnissen für deren Anwendung in der Praxis ergeben. Die ursprüngliche Idee zur Bildung einer solchen Gruppe wurde geboren in der Diskussion an der Sektion über einen effektiveren Einsatz der Absolventen mit dem Ziel, sie nicht einzeln in einer größeren Zahl von Betrieben einzusetzen, sondern gezielt in kleineren Gruppen in volkswirtschaftlich wichtigen Bereichen der Industrie, wobei sie bei der Lösung ihrer Aufgaben von den Forschungskollektiven der Sektion Unterstützung erhalten sollten. Die Diskussion an den mathematischen Sektionen der Universitäten und Hochschulen der DDR zu diesen Fragen führte zu einer Verfügung des Ministers für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR zur Bildung von Applikationsgruppen an einer Reihe von mathematischen Sektionen, darunter auch an der KMU. Den Gruppen wurden dabei spezifische Aufgaben erteilt, die die volkswirtschaftliche Struktur des jeweiligen Territoriums berücksichtigen. Die im September 1977 an der Sektion gebildete Gruppe arbeitet vorrangig bei der Lösung von Aufgaben aus den Bereichen Kohle und Energie sowie aus der chemischen Industrie. Sie hat in Prof. Dr. Karl-Heinz Bachmann einen wissenschaftlichen Leiter, der über *) Vgl. [17].
296 Teil IV große Erfahrungen in der Anwendung der Mathematik verfügt. Die Applikationsgruppe ist ein organischer Bestandteil der Sektion, und ihre Arbeit ist Ausdruck der verstärkten Orientierung der Forschungskollektive der Sektion auf die Fragen der Anwendung der Mathematik in der sozialistischen Volkswirtschaft. Die Tradition der Zusammenarbeit der Mathematiker und Physiker an der Leipziger Universität fand ihre Fortsetzung nach der demokratischen Neueröffnung der Universität 1946. Eine wesentliche Erweiterung erfuhr die gemeinsame Arbeit von Mathematikern und Naturwissenschaftlern nach der Gründung der Sektionen zu Beginn der siebziger Jahre. Wissenschaftler der Forschungskollektive Analysis der Sektion begannen in wachsendem Maße die gemeinsame Bearbeitung von Forschungs- * Abb. 43. Die Professoren Gerd Lassner und Armin Uhlmann themen mit Kollegen aus Forschungsgruppen der "Sektionen Physik und Chemie. Sie legten damit den Grundstein für die Bildung des Naturwissenschaftlich-Theoretischen Zentrums (NTZ) der Karl-Marx-Universität, die im Mai 1973 durch den Rektor vollzogen wurde. Die Sektion Mathematik übernahm dabei eine „federführende Rolle'4. Zum ersten Leiter des NTZ wurde Prof. Dr. Gerd Lassner, der Leiter des Forschungskollektivs „Analysis III" der Sektion, berufen, der sich für die Gründung dieses Arbeitskreises ebenso wie der Physiker Prof. Dr. Armin Uhlmann große Verdienste erwarb (Abb. 43). Das NTZ wirkte beispielgebend für die Intensivierung der interdisziplinären Arbeit an der Karl-Marx-Universität und entwickelt sich zu einem Zentrum der Zusammenarbeit von Mathematikern und Physikern in der DDR und darüber hinaus. Seit über 500 Jahren werden an der Leipziger Universität mathematische Vorlesungen gehalten; doch erst in den letzten drei Jahrzehnten, seit sich die Tore der Universität für junge Menschen aus allen Klassen und Schichten der Bevölkerung öffneten, wurden auch die Plätze in den Hörsälen des Mathematischen Instituts von
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 297 Studenten belegt, denen die Brechung des Bildungsprivilegs den Weg zur höchsten Stätte von Forschung und Lehre ermöglichte. Heute kommen mehr als die Hälfte der Studenten der Sektion aus Arbeiter- und Bauernfamilien, und viele von ihnen haben sich nach erfolgreichem Studium an verantwortungsvollen Stellen in der Wissenschaft, der Volkswirtschaft und in anderen Bereichen bewährt. Mit der fortschreitenden gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR durchdringen Wissenschaft und Bildung in wachsendem Maße alle Bereiche der Gesellschaft. Das stellt hohe Anforderungen an die grundlegende Aufgabe der Universitäten und Hochschulen, die Ausbildung und Erziehung der Studenten; denn in keiner anderen Form als über die Absolventen der höchsten Bildungsstätten wirkt die Wissenschaft so direkt und vielschichtig auf die gesellschaftliche Praxis ein. Das trifft in vollem Maße auch für die Mathematiker zu. Die Durchsetzung dieser Erkenntnis bei den Wissenschaftlern der Sektion Mathematik wurde gefördert durch die konsequente und zielgerichtete Arbeit der Leitung der Grundorganisation der SED an der Sektion. Die Absolventen der Sektion — Diplommathematiker und Diplomlehrer für Mathematik und Physik — so zu bilden und zu erziehen, daß sie an den Brennpunkten des gesellschaftlichen Fortschritts, ausgerüstet mit hohem Wissen, mit Leidenschaft und hoher Bewußtheit ihre Aufgaben erfüllen, das ist das Anliegen aller Wissenschaftler der Sektion. Durch die Vorbildwirkung der Hochschullehrer und wissenschaftlichen Mitarbeiter wird das Profil der Absolventen der Sektion immer stärker geprägt durch hohe Arbeitsmoral, Einsatzbereitschaft, Begeisterung für die Wissenschaft und das Bestreben, als Propagandist der Mathematik nicht nur die Schönheit dieser Wissenschaft, sondern auch ihre Nutzbarkeit zu demonstrieren und dabei vor Schwierigkeiten und Widersprüchen nicht zurückzuschrecken, sondern sich als Kämpfer für den wissenschaftlich-technischen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu bewähren. Die ersten Jahre nach der Bildung der Sektion waren für ihren am Anfang noch relativ kleinen Lehrkörper eine Zeit der Bewährung, die den Einsatz aller Kräfte forderte. Die Aufgaben in der Ausbildung wuchsen stark an: einerseits durch die Übernahme der Mathematikausbildung der Studenten der Physik, Chemie, Biowissenschaften, Wirtschaftswissenschäften sowie der landwirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen (für jede dieser Studienrichtungen waren spezielle Kurse zu konzipieren und zu halten), andererseits durch die rasch steigende Zahl der an der Sektion Mathematik selbst immatrikulierten Studenten (diese wuchs von 360 im Jahre 1969 über 539 im Jahre 1970 und 680 im Jahre 1971 auf 800 im Jahre 1972 an und erreichte damit ihren höchsten Stand). Über die Aufgaben im Direktstudium hinaus wurden dem Lehrkörper der Sektion weitere Ausbildungsverpflichtungen übertragen. Das betrifft einmal den im Jahre 1969 begonnenen Vorkurs der KMU zur Vorbereitung von Absolventen der zehnklassigen polytechnischen Oberschule auf ein Lehrerstudium in den Kombinationen Mathematik/Physik und Physik/Mathematik sowie die Mathematikausbildung im technischen, ökonomischen und agrarwissenschaftlichen Hochschulfernstudium. Diese Lehrveranstaltungen werden zum überwiegenden Teil von Lektoren und Lehrern im Hochschuldienst gehalten, die im Kollektiv ,,Vorkurs/ Fernstudium" zusammengefaßt sind. Gleichzeitig traten im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Gliederung des Studiums in Grund-, Fach- und Forschungsstudium und der Einführung von Fachrichtungen eine Reihe von inhaltlichen und organisatorischen Veränderungen im Studienablauf der Mathematiker in Kraft (u.a. wurde die Studienzeit von fünf auf vier Jahre verkürzt), deren Verwirklichung in Verhältnis-
298 Teil IV mäßig kurzer Zeit dem Verantwortungsbewußtsein und der hohen Einsatzbereitschaft der Hochschullehrer, wissenschaftlichen Mitarbeiter, Angestellten und Studenten der Sektion zu danken ist. Im neugebildeten Rat der Sektion, in der Sektionsleitung, in Versammlungen der gesellschaftlichen Organisationen — insbesondere in den FDJ-Gruppenversammlungen — gab es zu den Fragen des Inhalts der neu zu konzipierenden Vorlesungen, ihrer methodischen Gestaltung, der Rolle der Übungen und Praktika (das Berufspraktikum wurde an der Sektion trotz Verkürzung der Studienzeit beibehalten), der Bedeutung des Selbststudiums, insbesondere der Verbesserung der selbständigen wissenschaftlichen Arbeit der Studenten, der Studienhaltung, der Auffassung des Studiums als gesellschaftlichen Auftrag und anderen viele nützliche Diskussionen. Es wurden zahlreiche Vorschläge gemacht, Konzeptionen und Modelle entworfen, alle mit dem Ziel, eine auf gewohnt hohem Niveau stehende Ausbildung in der vorgegebenen Studienzeit zu sichern. Vorlesungsskripten wurden ausgearbeitet, Übungskarteien zusammengestellt, Pläne für eine effektivere Gestaltung der Seminare und Übungen entworfen und zur Diskussion gestellt und vieles andere mehr. Alle diese Aktivitäten wurden durch eine Arbeitsgruppe des Sektionsrates koordiniert, die seitdem wertvolle Unterstützung für die Verbesserung der Lehr- und Erziehungstätigkeit an der Sektion leistet. Auf diese Weise wurden viele Sektionsangehörige in die Lösung der Ausbildungsaufgaben einbezogen, wirksamere Lehr- und Lernmethoden setzten sich durch, das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden wurde trotz der erhöhten Studentenzahl enger, die sozialistische Demokratie an der Sektion wurde vertieft. Die Einführung der Fachrichtungen, die unter anderem auf einen gezielten Einsatz der Absolventen in bestimmten Zweigen der Volkswirtschaft gerichtet war,1) hatte besonders im Hinblick auf die vierjährige Ausbildungszeit eine relativ starke Spezialisierung zur Folge. Diese Tatsache, aber auch die Einschränkung der Physikausbildung machten deutlich, daß im Rahmen der getroffenen Regelungen die Problematik eines ausgewogenen Verhältnisses von notwendiger Spezialisierung und hinreichender Allgemeinbildung der Mathematikstudenten nicht zur Zufriedenheit gelöst werden konnte. Diese Auffassung wurde bestärkt durch die Ergebnisse einer von Wissenschaftlern der Sektion angefertigten Studie über die Ausbildung von Mathematikern in der Sowjetunion. Die vom Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR Ende 1972 gegebene Orientierung für eine Präzisierung des Studienplanes Mathematik wurde deshalb an der Sektion begrüßt, und im Verlauf der nun einsetzenden Diskussion über die Ausarbeitung des präzisierten Plans leisteten Angehörige der Sektion wertvolle Beiträge. Im Mai 1974 wurden der „Studienplan für die Grundstudienrichtung Mathematik zur Ausbildung an Universitäten und Hochschulen der DDR"2) und die Lehrprogramme der einzelnen Lehrgebiete vom Minister für Hoch- und Fachschulwesen bestätigt und ab 1. September 1974 in Kraft gesetzt. Nach einer nunmehr wieder fünfjährigen Studienzeit verließ im August 1979 der erste, auf der Grundlage dieser präzisierten Studiendokumente ausgebildete Studenten-Jahrgang die Sektion, x) Von den fünf Fachrichtungen Analysis, Mathematische Methoden der Operationsforschung, Mathematische Kybernetik und Rechentechnik, Numerische Mathematik, Wahrscheinlichkeitstheorie und Mathematische Statistik sind die drei erstgenannten an der Sektion vertreten. 2) Vgl. [6].
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 299 und man sah bei der Übergabe der Diplome sowohl bei den an der Ausbildung beteiligten Hochschullehrern als auch bei den Absolventen, die in der Mehrzahl gute und sehr gute Leistungen erzielt hatten, im allgemeinen zufriedene Gesichter. Die vielfältigen Bemühungen der Wissenschaftler und Studenten während ihrer fünfjährigen gemeinsamen Erziehungs- und Bildungsarbeit waren darauf gerichtet, die Möglichkeiten, die der neue Studienplan für die Vermittlung einer niveauvollen breiten mathematischen Allgemeinbildung und die Befähigung der Studenten zu selbständiger wissenschaftlicher Arbeit bietet, weitgehend auszuschöpfen. Man kann natürlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine voll gültige Einschätzung des präzisierten Studienplanes bezüglich seiner Bewährung für einen erfolgreichen Einsatz der Absolventen in der Praxis geben. Eine Reihe positiver Merkmale treten aber bereits jetzt deutlich hervor, z. B. eine solide, auf den späteren Einsatz orientierte Grundausbildung, die neben den klassischen Gebieten auch Mathematische Kybernetik und Rechentechnik, Numerische Mathematik, Optimierung sowie Wahrscheinlichkeitstheorie und Mathematische Statistik umfaßt, wobei der Übungsanteil in diesen Lehrgebieten beträchtlich erhöht wurde; die Verlängerung des Betriebspraktikums im 3. Studienjahr auf 12 Wochen; die Einführung einer Jahresarbeit im 4. Studienjahr mit der Möglichkeit der weiteren selbständigen Bearbeitung eines Themas, oft im Anschluß an die Praktikumsarbeit; das im Studienplan ausgewiesene mathematische Seminar durchgehend vom 3. bis zum 10. Semester; die Ausbildung in nichtmathematischen bzw. nicht zur Fachrichtung gehörenden Disziplinen (Physik, Nebenfach und andere) zur Entwicklung der Kommunikationsfähigkeit und einer breiten Allgemeinbildung sowie als Grundlage für die Befähigung zur mathematischen Modellierung praktischer Probleme; die Einführung einer zusammenfassenden geschichtlichen Darstellung der Entwicklung der Mathematik. Diese hier genannten, den neuen Studienplan kennzeichnenden Ausbildungsteile schaffen gute Voraussetzungen für das Erreichen einer hohen Disponibilität der Absolventen, die ja in sehr unterschiedlichen Bereichen der Volkswirtschaft zum Einsatz kommen, und geben viele Anregungen zur eigenen schöpferischen Arbeit der Studenten. Gerade auf diesen Aspekt legen die Angehörigen des Lehrkörpers der Sektion in ihrer Erziehungs- und Bildungsarbeit großen Wert und bieten dafür den Studenten viele Möglichkeiten, von denen an anderer Stelle noch die Rede sein wird. In diesem Zusammenhang sei auch auf die vielfältigen Bemühungen der Hochschullehrer der Sektion verwiesen, das für eine Universität charakteristische Wechselspiel von Forschung und Lehre, das die Basis für die erfolgreiche Heranbildung der wissenschaftlichen Nachwuchskräfte darstellt, auch für die Ausbildung der Studenten stärker zu nutzen. So sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Vorlesungen für die Mathematikstudenten der höheren Studienjahre von Hochschullehrern ausgearbeitet worden, in denen sie ihre eigenen Forschungsergebnisse vorstellen, wodurch es den Studenten möglich wird, den Vorstoß in mathematisches Neuland mitzuerleben und anschließend durch Übernahme von Themen daraus für ihre Diplomarbeit selbst aktiv daran teilzunehmen. So wird in der Vorlesung ,,Partielle Differentialgleichungen" von Prof. Beckert die moderne Theorie elliptischer Systeme dargestellt, die in den letzten Jahren entstand und eine große Bedeutung für die Anwendung besitzt. In dieser Vorlesung werden auch die für die Praxis wichtige Theorie der Thermo- spannungen mit unstetigen Materialkonstanten sowie eine von Prof. Beckert entwickelte Methode behandelt, die es erlaubt, auf numerische Weise elliptische Rand-
300 Teil IV Wertprobleme zu lösen. Ähnlichen Charakter haben die Vorlesungen ,,Nichtlineare Funktionalanalysis", „Riemannsche Geometrie", „Relativitätstheorie", „Konvexe Optimierung", „Dynamische Optimierung", „Angewandte Logik" und andere. Für ein erfolgreiches und modernes Mathematikstudium ist die weitere Gestaltung von Ausbildungsbestandteilen wichtig, die auf hohem Niveau und verbunden mit wesentlichen Bildungseffekten auf die Erfordernisse und Probleme des Praxiseinsatzes von Mathematikern orientieren. Auch in dieser Hinsicht ist der präzisierte Studienplan eine geeignete Grundlage. Eine besondere Rolle spielt dabei das zwölf- wöchige Betriebspraktikum. Diesem Ausbildungsabschnitt wird von den Leipziger Mathematikern schon seit Jahrzehnten große Aufmerksamkeit geschenkt. Prof. Dr. Focke hat sich bei seiner Einführung 1954 und der Durchführung in den Jahren danach große Verdienste für eine sinnvolle Gestaltung erworben. Seit 1966 wird die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung des Praktikums von Doz. Dr. Dewess mit viel Umsicht und hohem Einsatz geleitet. Allein von 1969 bis 1978 haben 1052 Mathematikstudenten der Sektion in 130 Bereichen insgesamt 715 Themen bearbeitet. In zahlreichen Fällen ergab sich dabei ein meßbarer Nutzen für den Betrieb, fast immer aber ein Zuwachs an Wissen und Erfahrung für die Studenten. Die Themen sind in der Regel den Plänen für Wissenschaft und Technik der Betriebe entnommen. Bei der weitgehend selbständigen Lösung der ihnen übertragenen Aufgaben werden die Studenten von Wissenschaftlern der Sektion und Angehörigen der Betriebe angeleitet. In den letzten Jahren erfolgte die Themenvergabe in wachsendem Maße im Rahmen der vertraglichen Praxisbeziehungen der Sektion. Oft wird die im Betriebspraktikum von den Studenten begonnene Arbeit in der Jahres- und in der Diplomarbeit erfolgreich fortgesetzt. Diese längerfristige Beschäftigung mit einem Thema ist eine geeignete Form der selbständigen und schöpferischen Arbeit der Mathematikstudenten und hat sich an der Sektion in den letzten Jahren bewährt. Der Ausbildung von Lehrern für den Mathematikunterricht in der Schule wurde von den Mathematikern der Leipziger Universität stets größte Aufmerksamkeit geschenkt. Erinnert sei hier an das beispielhafte Wirken Felix Kleins, des Gründers des Leipziger Mathematischen Seminars, und vieler anderer. Besonders aber in den letzten 30 Jahren, als in der DDR das einheitliche sozialistische Bildungssystem auf- und ausgebaut wurde, bemühten sich die Angehörigen des Lehrkörpers des Mathematischen Instituts und später der Sektion Mathematik um gute Ergebnisse in der Ausbildung von Mathematiklehrern, die den hohen Anforderungen, die die Bildungsund Erziehungsarbeit in der sozialistischen Schule stellt, gerecht werden. Sind es doch die Mathematiklehrer in den allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen, die durch die Vermittlung mathematischer Grundkenntnisse an alle Schülerinnen und Schüler bei vielen von ihnen das Interesse an der Beschäftigung mit der Mathematik und damit auch an der Ergreifung eines für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt wichtigen Berufes wecken, die die mathematischen Talente entdecken und fördern und auf diese Weise bei der Sicherung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Mathematik und in anderen Disziplinen mithelfen. Die Ausbildung von Mathematiklehrern war in den letzten Jahrzehnten, wie bereits erwähnt, manchen Veränderungen unterworfen. Seit 1969 wird den Absolventen dieser Studienrichtung der akademische Grad „Diplomlehrer für Mathematik/Physik" verliehen; Wissenschaftler des Mathematischen Instituts hatten sich dafür schon in den fünfziger Jahren eingesetzt.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 301 Der 1975 in Kraft gesetzte präzisierte Studienplan für Lehrerstudenten1) umreißt klar die Erziehungs- und Bildungsziele sowie den Inhalt der einzelnen Lehrgebiete. Die Bemühungen bei der Gestaltung der Ausbildung in dem durch den Plan vorgegebenen Rahmen sind vor allem auf eine optimale Koordinierung der Vielzahl der Studienfächer gerichtet, um dadurch gewisse Konzentrationsphasen im Studienablauf zu schaffen. So wurden in Auswertung der vielfältigen Erfahrungen der Hochschullehrer und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Sektion bei der Ausbildung von Mathematiklehrern die im Plan in den beiden ersten Studienjahren vorgesehenen mathematischen Lehrgebiete zu Kursen und Übungspraktika zusammengefaßt, wodurch einerseits dieser Studienabschnitt übersichtlicher wurde und sich andererseits für die inhaltlich-methodische Gestaltung neue Aspekte ergaben. So gelang es bei der Konzipierung dieser Kurse, sowohl die tragenden Ideen der einzelnen mathematischen Disziplinen als auch die Bezüge zur Schulmathematik deutlicher zu machen. Auf die Aneignung der mathematischen Denkweise, das sichere Beherrschen gewisser festumrissener Stoffgebiete und die Kenntnis wesentlicher Zusammenhänge wird dabei in den Vorlesungen, Übungen und Prüfungen besonderer Wert gelegt. Auch für den Zeitraum vom 5. bis 7. Semester (im 8. Semester findet das große Schulpraktikum statt) wurde ein von ähnlichen Gesichtspunkten ausgehender Plan für die mathematische Ausbildung entworfen, vom Rat der Sektion bestätigt und erfolgreich praktiziert; die darin vorgesehenen obligatorischen Lehrveranstaltungen sichern eine fundierte mathematische Allgemeinbildung, während der wahlweise-obligatori- sche Teil der Vertiefung in einem ausgewählten Gebiet und der Vorbereitung auf die Diplomarbeit dient. Für die Erlangung der Fähigkeit, einen wissenschaftlich fundierten Unterricht in den gewählten Fächern zu erteilen, ist die Ausbildung der Lehrerstudenten in den pädagogischen, psychologischen und methodischen Disziplinen von gleichrangiger Bedeutung. Die enge Verbindung zur Schulpraxis ist kennzeichnend für das gesamte Ausbildungsprogramm, und zwar für alle daran beteiligten Disziplinen. Besonders das Ferienlagerpraktikum, die schulpraktischen Übungen, das pädagogisch-psychologische Praktikum und vor allem das einsemestrige große Schulpraktikum bieten viele Möglichkeiten, die Lehrerstudenten auf ihren verantwortungsvollen Beruf vorzubereiten. Die Wissenschaftler des nach der Sektionsgründung 1969 gebildeten Forschungskollektivs „Methodik des Mathematikunterrichts", die alle reiche Erfahrungen im Mathematikunterricht der Oberschulen besitzen, widmen sich mit großem Engagement der Bildung und Erziehung der künftigen Mathematiklehrer und tragen die Verantwortung für deren mathematik-methodische und schulpraktische Ausbildung. Als rnne Aufgabe von grundlegender Bedeutung betrachten die Angehörigen des Lehrkörpers der Sektion die weitere Ausprägung des Studiums als eine für die Studenten aktive und produktive Phase. Es geht dabei nicht nur um die besondere Förderung von durch ihre Leistungen herausragenden Studenten, sondern auch darum, im Rahmen des Ausbildungsprogramms alle Möglichkeiten für eine produktive Betätigung der Studenten auszuschöpfen. Neben den im Studienplan vorgesehenen Aktivitäten (Betriebspraktikum, Jahres- und Diplomarbeit) hat sich besonders die Mitarbeit der Studenten in den Jugendobjekten der FDJ-Grundorganisation der *) Vgl. [7].^
302 Teil IV Sektion1) als geeignete Form der selbständigen wissenschaftlichen Arbeit erwiesen. Das Jugendobjekt „Mathematik und Praxis" ist schon über die Grenzen der Sektion hinaus bekannt geworden. Von 1974 bis 1979 wurden innerhalb dieser Aufgabenstellungen von den Studenten der Sektion 89 Arbeiten mit zum Teil erheblichem Nutzeffekt geschrieben; hohe Anerkennung fand diese produktive Tätigkeit der Studenten durch die Verleihung des „Ehrenpreises des Ministers für das Hoch- und Fachschulwesen für hervorragende wissenschaftliche Leistungen" im Jahre 1975. Das Jugendobjekt „Studienvorbereitung", das 1973 übergeben wurde, setzt eine langjährige Tradition der FDJ-Grundorganisation der Mathematikstudenten fort; es geht dabei vor allem um die Unterstützung bei der fachlichen Vorbereitung auf das Studium und bei der Überwindung von Schwierigkeiten beim Übergang von der Oberschule zur Universität. Aufgaben für die Lehrerstudenten der Sektion beinhaltet das Jugendobjekt „Lehrerstudenten arbeiten mit Schülern". Es ist eine dem Lehrerstudium angepaßte Form der selbständigen studentischen Arbeit in enger Verbindung zum späteren Berufseinsatz. Auch der seit 1977 jährlich an der Sektion stattfindende Studentenwettstreit dient der Förderung der selbständigen wissenschaftlichen Arbeit der Studenten. Dabei werden zu Ehren bedeutender Mathematiker und Naturwissenschaftler jeweils zwei Preisaufgaben von verschiedenem Schwierigkeitsgrad gestellt. Eine Gruppe von Professoren arbeitet die Aufgaben aus und fungiert als Jury. Die Preisträger stellen dann ihre Lösungen auf einer Studentenkonferenz vor. Im Jahre 1977 fand aus Anlaß des 200. Geburtstages von C. F. Gauss dieser Wettstreit als „Gauß-Wettstreit" statt, 1978 aus Anlaß des 100. Geburtstages von Leon Lichtenstein als „Lichtenstein- Wettbewerb", 1979 aus Anlaß des 100. Geburtstages von Albert Einstein als „Einstein-Wettbewerb" und 1980 aus Anlaß des 350. Todestages von Johannes Kepler als „Kepler-Wettbewerb". Seit der Sektionsgründung gibt es im Hinblick auf eine planmäßige allseitige Förderung der besten Studenten, die von entscheidender Bedeutung für die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist, eine ganze Reihe von Aktivitäten der Hochschullehrer und der gesellschaftlichen Organisationen an der Sektion. Bewährt hat sich dabei hinsichtlich eines möglichst frühzeitigen Beginns der Förderung die Übernahme der Haupt Vorlesungen im 1. Studienjahr durch die erfahrensten Hochschullehrer der Sektion. Am Ende des 1. Semesters sind dann im allgemeinen die besten Studenten dem Lehrkollektiv bekannt, und ab 2. Semester nehmen sie an einem besonderen Seminar, dem sogenannten Oberseminar teil, wo in einem ausgewählten Gebiet unter der Betreuung eines Hochschullehrers der Stoff vertieft wird. Die Anforderungen an die selbständige Arbeit der Studenten liegen dabei weit höher als in den im Studienplan vorgesehenen Übungsseminaren. Vom 3. Studienjahr an erfolgt dann in der Regel eine individuelle Betreuung der Studenten durch einen Hochschullehrer und möglichst frühzeitig ihre aktive Einbeziehung in die Arbeit eines Forschungskollektivs. Diese Mitarbeit ist gleichzeitig eine gute Vorbereitung für ein Forschungsstudium an der Sektion, das eine besonders intensive Form der Bestenförderung darstellt. Es führt planmäßig nach drei Jahren zur Promotion zum Dr. rer. nat. Die Aufnahme x) Im Rahmen eines Jugendobjektes übergibt die Sektionsleitung Aufgaben aus den Forschungsplänen oder andere Planaufgaben den Studenten zur Lösung in eigener Verantwortung.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 303 als Forschungsstudent bedeutet eine Anerkennung für herausragende fachliche Leistungen und beispielhafte gesellschaftliche Arbeit während des Studiums. Von 1969 bis 1979 haben 26 Studenten und 12 Studentinnen ein Forschungsstudium an der Sektion absolviert; 24 von ihnen arbeiten heute an der Sektion, von denen 4 bereits den akademischen Grad Dr. sc. nat. erworben haben und zu Hochschuldozenten berufen wurden: Konrad Schmüdgen, Erich Miersemann, Werner Timmermann und Johannes Maul. Entscheidenden Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung der Studenten mit guten und sehr guten Leistungen, auf die Ausprägung solcher Eigenschaften, wie Liebe zur Wissenschaft und Drang zur Erzielung neuer Resultate, übt die an der Sektion und in den Studenten- und Forschungskollektiven herrschende Atmosphäre aus, ebenso die Vielfalt des wissenschaftlichen Lebens und die sich dabei bietenden Möglichkeiten der aktiven Mitarbeit. Auch die an der Sektion vergebenen Auszeichnungen für herausragende Leistungen im Studium sind bewährte Formen der Förderung und der Anregung zur selbständigen wissenschaftlichen Arbeit. So wird jedes Jahr das Prädikat,,Beste Diplomarbeit der Fachrichtung" und ,,Beste Diplomarbeit der Sektion" verliehen. Eine sehr hoch einzuschätzende Auszeichnung für einen Studenten der Sektion Mathematik ist die Verleihung des Titels ,,Beststudent der Sektion Mathematik", die von 1969 bis 1979 20mal — und zwar jeweils in einer Sektionsvollversammlung — vorgenommen wurde. Diese Sektionsvollversammlungen sind Höhepunkte im Leben der Sektion. Auf ihnen wird Rechenschaft gegeben über die geleistete Arbeit, werden Grundfragen der Entwicklung der Sektion zur Diskussion gestellt, besondere Ereignisse im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Leben gewürdigt sowie Auszeichnungen an Sektionsangehörige überreicht. Einen besonders festlichen Charakter trug die Veranstaltung zum 10. Jahrestag der Gründung der Sektion Mathematik am 31. Januar 1979, an der zahlreiche Gäste teilnahmen. Auf ihr wurde eine stolze Bilanz der Arbeit in Lehre, Erziehung und Forschung an der Sektion während der ersten zehn Jahre ihres Bestehens gezogen.1) Wie bereits angekündigt, soll nun zum Abschluß dieses Kapitels über die Ergebnisse der mathematischen Forschung an der Universität Leipzig seit ihrer demokratischen Neueröffnung im Jahre 1946 berichtet werden. Ein solcher Bericht über eine mehr als dreißigjährige intensive Forschungsarbeit kann deren Hauptkonturen in dem vorgegebenen Rahmen nur in skizzenhaften Zügen nachzeichnen.2) Die Forschungsarbeiten am Mathematischen Institut Ende der vierziger und während der fünfziger Jahre betrafen im Bereich der Analysis überwiegend die Gebiete Differentialgleichungen und Variationsrechnung und hieraus ableitbare Anwendungen im Sinne der Leipziger Lichtenstein-Hölderschen Forschungstraditionen. Sie tendierten dabei nach verschiedenen Richtungen, wie Hydrodynamik, Gasdynamik und Elastizitätstheorie (E. Holder, H. Beckert), Analytische Bildfehlertheorie und Geometrische Optik (J. Focke), Wellenausbreitung in Riemannschen Räumen und Huygenssches Prinzip (P. Günther) und Variationsrechnung (H. Beckert, R. Klötzler). i) Vgl. [13]. 2) Seit 1971 sind die Resultate der Forschung in ausführlicher Darstellung in dem am Ende jedes Jahres verfaßten ,,Forschungsbericht der Sektion" festgehalten.
304 Teil IV Die Leipziger algebraische Forschungstradition wurde während dieser Zeit durch E. Kahler vor allem auf dem Gebiet der Algebraischen Geometrie weitergeführt. Das Wirken von E. Holder und E. Kahler in Leipzig und ihre wissenschaftlichen Arbeiten wurden in Teil III in gesonderten Beiträgen gewürdigt. Die Forschungstätigkeit in den sechziger Jahren erstreckte sich im wesentlichen auf die oben genannten Gebiete. Ihre Ergebnisse sind in den nachfolgenden Einzeldarstellungen enthalten. Von entscheidendem Einfluß auf die Entwicklung der Forschung am Mathematischen Institut und später an der Sektion Mathematik auf dem Gebiet der Analysis war die Bildung des Schülerkreises von H. Beckert in dieser Zeit, der heute nach zwei Jahrzehnten außerordentlich produktiver wissenschaftlicher Arbeit eine anerkannte mathematische Schule verkörpert. Die nach der Sektionsgründung 1969 gebildeten, aufgabenorientierten Forschungskollektive, die auf den Seiten 291—292 bereits kurz vorgestellt wurden, sind seitdem die Träger der mathematischen Forschung an der Sektion, die sich auf folgende Gebiete — vertreten durch die jeweils genannten Hochschullehrer — erstreckt: Analysis — Operatorengleichungen der Mathematischen Physik, Elastizitätstheorie und freie Strahlprobleme, Variationsrechnung: H. Beckert, E. Zeidler, H. Hilbig, R. Hofmann, J. Maul, E. Miersemann — Globale Analysis: P. Günther, V. Wünsch — Operatorenalgebren der Mathematischen Physik: G. Lassner, K. Schmüdgen, W. Timmermann Mathematische Optimierung: J. Focke, R. Klötzler, G. Dewess Stochastik: H.-J. Rossberg, H.-J. Girlich Mathematische Grundlagen der Informationsverarbeitung: K.-H. Bachmann, H. Rohleder, G. Grosche, S. Gerber, K.-U. Jahn Algebraische Geometrie: G. Eisenreich, H. Schumann Methodik des Mathematikunterrichts: H. Bock Aus der Sicht der Forschungskollektive sollen nun die wesentlichen Ergebnisse der Forschungsarbeit auf diesen Gebieten vorgestellt werden:
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 305 Operatorengleichungen der mathematischen Physik Unter den in diesen Bericht fallenden Forschungsarbeiten der fünfziger Jahre sei zunächst auf die Untersuchungen über quasilineare hyperbolische Systeme mit beliebig vielen gesuchten Funktionen verwiesen, in denen mit Hilfe des Differenzenverfahrens von Lewy-Friedrichs erstmals konstruktive Existenz- und Unitäts- beweise für das Anfangswertproblem, das charakteristische Problem und das allgemeine gemischte Anfangs-Randwertproblem aufgestellt wurden (H. Beckert 1951). Abb. 44. NPT Prof. Dr. Herbert Beckert Die Lösung dieser für die Gasdynamik im Überschallbereich und die Gleittheorie sandartiger Medien wichtigen Probleme führte wenig später zur strengen mathematischen Beschreibung der stetigen Verbiegung von Flächenstücken negativer Krümmung und auf Hinweise für die Starrheit solcher Flächenstücke, welche durch das topologische Verhalten der Asymptotenlinien im Großen verursacht werden (H. Beckert 1952). In einer größeren Reihe von Arbeiten von H. Beckert (Abb. 44) wurden im Anschluß hieran sehr allgemeine Randwertprobleme zu linearen elliptischen Systemen erster Ordnung für n gesuchte Funktionen auf die Lösungstheorie stark singulärer Integralgleichungen zurückgeführt. Weiter konnten für die Lösungen dieser Systeme die Schauderschen und Nirenbergschen Abschätzungen hergeleitet und weitreichende Regularitätssätze aufgestellt werden (H. Beckert 1953/56). Diese Untersuchungen führten weiter auf interessante Kerndarstellungen einer Funktion durch ihre partiellen Ableitungen und auf eine Verschärfung des Haarschen Lemmas und dessen Umkehr durch J. Schauder. Eine in diesem Rahmen aufgestellte lokale Existenztheorie allgemeiner quasi-
306 Teil IV linearer elliptischer Systeme erster Ordnung lieferte unter anderem den analytischen Apparat, um die stetige Verbiegung elliptischer Flächenstücke zu beschreiben und die Liebmannsche Vermutung (Verbiegbarkeit gelöcherter Eiflachen) zu beweisen (H. Beckert 1954). Eine Reihe interessanter Ergebnisse ergeben sich in einer Arbeit von H. Beckert aus dem Jahre 1960, in welcher am Beispiel der ersten Randwertaufgabe linearer elliptischer Differentialgleichungen zweiter Ordnung und der Plattengleichung gezeigt wurde, daß man die Lösungen im Gebietsinneren in der L2-Norm bzw. C*-Norm von einem beliebig kleinen Randstück aus regulieren kann. Am Beispiel der Platte wurde so nachgewiesen, daß man beliebig vorgegebene zulässige SpannungsVerteilungen über einem Innengebiet der Platte allein durch geeignete Steuerung der Randkräfte entlang eines beliebig kleinen Randfensters beliebig genau approximieren kann. In der Dissertation von A. Göpfert (1962) wurden diese Resultate unter anderem auf die klassischen Randwertaufgaben der linearen Elastizitätstheorie übertragen, ebenso gelang dies sinngerecht für Anfangs-Randwertprobleme linearer parabolischer Differentialgleichungen (A. Göpfert 1969). Diese Approximationssätze erlauben unter anderem die Übertragung einer Näherungstheorie für die Lösungen der Randwertaufgaben der ebenen Potentialtheorie über kreisähnlichen Gebieten von E. Trefftz auf beliebige lineare elliptische Randwertaufgaben über dem Rn, n J> 2 (H. Beckert, Chr. Brodel 1979). G. Berger untersuchte die asymptotische Eigen wert Verteilung singulärer elliptischer Differentialoperatoren (1973) und erhielt interessante Restgliedabschätzungen für die Eigenwertverteilung des allgemeinen Legendreschen Differentialoperators bei Dirichletschen Randbedingungen (1977). Zur Lösungstheorie stark elliptischer Systeme über dem Gesamtraum leitete H. Beckert (1971) die Gärdingsche Ungleichung über Hnu2{Rn) her und konstruierte in einer weiteren Untersuchung (1975) den Greenschen Tensor zu allgemeinen linearen Randwertproblemen im klassischen und erweiterten Sinn für stark elliptische Systeme 2m-ter Ordnung. Dabei wurde die zusätzlich auftretende Singularitätsordnung bei Annäherung an den Rand mit Hilfe der Einbettungssätze abgeschätzt. Die analog über endlichdimensionalen Ritz-Räumen konstruierten Tensoren definieren über die klassische Darstellungsformel die Ritz-Lösung. Dies ist für die numerische Mathematik von Bedeutung, indem man hier diesen Tensor nur in passend ausgewählten interessanten Punkten zu berechnen braucht. Wertvolle Untersuchungen über Anwendungen der beiden Trefftzschen Verfahren in der numerischen Mathematik wurden unter anderem in den Dissertationen von R. Hofmann (1966) und N. Moussa (1970) vorgenommen. In weiteren Arbeiten zur numerischen Mathematik leitete R. Hofmann verschärfte Eigenwertabschätzungen für Matrizenprobleme her (1977) und untersuchte allgemeine Koordinaten-Relaxationsverfahren zur Berechnung größter und kleinster Eigenwerte nicht linearer Eigenwertaufgaben (1980). Im Bereich topologischer Methoden übertrug D. Göhde in seiner durch H. Beckert angeregten Dissertation den Schauderschen Fixpunktsatz u. a. auf gelöcherte Bereiche (1960), später (1969) auf nichtlineare Operatoren mit vollstetiger Iterierten. Er leitete weiter den oft zitierten Fixpunktsatz für nichtexpansive Operatoren her (1969). E. Zeidler schlug einen durchsichtigen Aufbau für die axiomatische Theorie des Abbildungsgrades vor (1974). In seiner Dissertation B behandelte D. Göhde stark singulär gestörte Randwertprobleme für elliptische Differentialoperatoren
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 307 2m-ter Ordnung im Fall unterschiedlicher Störungsordnung in den Koordinatenrichtungen und leitete die entsprechenden asymptotischen Entwicklungen für die Lösungen her (1971). Im Rahmen seiner Untersuchungen über die Ausbeulung von Platten entwickelte E. Miersemann eine interessante Methode zur Charakterisierung der Einfachheit eines Eigenwerts (1978). Angeregt durch H. Beckert, begannen sich eine Reihe von Kollegen in den letzten Jahren verstärkt mit Problemen der nichtlinearen Funktionalanalysis und ihren Anwendungen zu beschäftigen. Dabei entstanden durch E. Zeidler (Abb. 45) eine Monographie über freie Randwertprobleme (1971) und eine hervorragende vierbändige Abb. 45. Prof. Dr. Eberhard Zeidler Gesamtdarstellung der nichtlinearen Funktionalanalysis (Teil I: Fixpunktsätze, Teil II: Monotone Operatoren, Teil III: Variationsaufgaben und Optimierung, Teil IV: Anwendungen in der Mathematischen Physik). In diese Monographien flössen die weitreichenden Ergebnisse des Verfassers über Bifurkationstheorie, freie Randwertaufgaben, Navier-Stokessche Differentialgleichungen, positive Operatoren, axiomatische Theorie des Abbildungsgrades, Variationsungleichungen, Ljusternik- Schnirelman-Theorie und numerische Funktionalanalysis ein. R. Schumann bewies in seiner Dissertation (1980) einen allgemeinen Satz der numerischen Funktionalanalysis und wendete ihn auf das Differenzen verfahren für quasilineare Differentialgleichungen 2m-ter Ordnung an. W. Bernd bewies in seiner Dissertation (1980) die Existenz und Konvergenz von Näherungsverfahren für ein entartetes elliptisches Problem, das an der Sektion Physik im Zusammenhang mit Molekül-Spektren entstand, und S. Ackermann behandelte in seiner Dissertation axiomatische Fragen der Bifurkationstheorie mit Anwendungen auf die Beulung von Platten. V. Friedrich beschäftigte sich in seiner Dissertation (1980) in Zusammenarbeit mit der Sektion Chemie mit parabolischen Differentialgleichungen und zugehörigen inversen Problemen. In ihrer Dissertation B (1978) und weiteren Arbeiten gaben W. Purkert und J. v. Scheidt eine präzise Definition schwach korrelierter stochastischer Prozesse und
308 Teil IV berechneten über die Rellichsche Störungstheorie explizit die asymptotischen Grenzverteilungen der Eigenwerte und Eigenfunktionen bei selbstadjungierten Eigenwertproblemen linearer gewöhnlicher Differentialoperatoren 2m-ter Ordnung im Fall beliebig schwach korrelierter stochastischer Koeffizientenfunktionen. Diese weitreichende Theorie gestattet vielschichtige Anwendungen in der Quantentheorie und Kontinuumsmechanik. Elastizitätstheorie und freie Strahlprobleme Eine Vertragsforschungsarbeit von L. Jentsch zur Berechnung der Ausmauerung stählerner Gefäße, die für den Ingenieur brauchbare Berechnungsgrundlagen zur Projektierung von Zellstoffkochern enthält, bildet den Ausgangspunkt für eine mathematische Behandlung von Wärmespannungsproblemen in Körpern, die aus Materialien mit verschiedenen thermoelastischen Konstanten zusammengesetzt sind. In der Dissertation A von L. Jentsch konnten Existenz- und Eindeutigkeitssätze der Ther- moelastostatik stückweise homogener Körper mit Integralgleichungs- und Variationsmethoden bewiesen und Lösungsdarstellungen durch elastostatische Greensche Tensoren gegeben werden, und zwar explizit für den Hubraum. In der Dissertation B von L. Jentsch (1969) wurde die potentialtheoretische Methode zur Behandlung von gekoppelten Randwertproblemen der Elastostatik weiter ausgebaut, die gekoppelte Grundlösungsmatrix für zwei miteinander verheftete Halbräume mit unterschiedlichen Lameschen Moduln berechnet und zur expliziten Lösung gewisser Wärmespannungsprobleme angewandt. Die Untersuchungen von L. Jentsch sind inhaltlich und methodisch verwandt mit Arbeiten der Schule von Kupradze (Tbilissi). Die jüngsten Arbeiten von L. Jentsch befassen sich mit thermoelastischen Schwingungen in stückweise homogenen Körpern. Im Bereich der ebenen linearen Elastizitätstheorie und Thermospannungstheorie baute J. Maul mit Hilfe eindimensionaler singulärer Integralgleichungen durch den Ansatz eines Einfachschichtpotentials eine einheitliche Methode zur Lösung ebener Kontaktprobleme aus (1973), die weiter auf entsprechende Probleme der mikropolaren Elastizitätstheorie einschließlich stationärer Schwingungen verallgemeinert wurde (1978/79). Gleichzeitig wurde von J. Maul eine allgemeine Theorie zur Behandlung gemischter Randwert-Kontakt-Aufgaben aufgestellt. Explizite Resultate wurden außerdem für sogenannte Zerreißprobleme der Elastostatik vom Poincare-Typ erhalten (1978). Durch H. Beckert wurden die Variationsprobleme zu den drei Randwertaufgaben der Thermospannungstheorie im allgemeinen Fall inhomogener Einschlüsse bei Verheftung, Gleitung und Ablösung der Materialien gelöst und Regularitätsbeweise bei Verheftung und Ablösung längs der Trennfläche sowie bei ebener Gleitung gegeben (1970). H. Beckert warf weiter das wichtige Problem auf, Stabilität eines nichtlinearen Systems von einem kleinen Randfenster optimal zu steuern. Er behandelt dies am Beispiel der Platte (1971). Diese Methode wurde von G. Schmidt (1976) in seiner Dissertation auf das analoge Problem der Steuerung der Stabilität von Schalen übertragen. In einer Reihe von Arbeiten stellte H. Beckert für die erste, zweite und dritte Randwertaufgabe eine neue konstruktive Lösungstheorie für die nichtlineare Elastizitätstheorie auf (1975, 1976, 1977). Diese geht nur von einem
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 309 im lokalen Sinn eindeutigen analytischen Ausdruck für das elastische Potential aus und basiert auf dem von E. Trefftz abgeleiteten Ausdruck für die zweite Variation. Es gelingt, die Deformation sehr allgemeiner, nichtlinearer Strukturen (etwa „fa- ding memory Modelle") streng zu beschreiben und die genannte Steuerungstheorie der Stabilität mit in die Theorie einzubauen. Die genannte Theorie ist eine natürliche Extrapolation der linearen Elastizitätstheorie ins Nichtlineare. Eine allgemeine Analyse der Stabilitätstheorien bei naturwissenschaftlichen Anwendungen gibt H. Beckert in der Arbeit „Bemerkungen zur Theorie der Stabilität" (1978). Viele wichtige hydrodynamische Probleme führen auf nichtlineare Randwertaufgaben. In den zwanziger und dreißiger Jahren wurden am Leipziger Mathematischen Institut durch Lichtenstein und seine Schüler im Rahmen der Untersuchung von Gleichgewichtsfiguren rotierender Flüssigkeiten mit Hilfe von nichtlinearen Integralgleichungen bedeutsame Ergebnisse erzielt. Zu Beginn der sechziger Jahre knüpfte H. Beckert mit einer Reihe von wichtigen Arbeiten an diese Tradition an und regte zugleich einige seiner Schüler zur Beschäftigung mit diesem Gegenstand an. Die Untersuchungen konzentrierten sich auf drei Schwerpunkte: Permanente Wellen (H. Beckert, K. Beyer, H. Hilbig, E. Zeid- ler), Totwasserprobleme (H. Hilbig), Numerische Behandlung dreidimensionaler Ausflußprobleme (R.-P. Mühlig). Ausgangspunkt für den Komplex „Permanente Wellen" bildet eine Arbeit von H. Beckert aus dem Jahre 1962 über permanente Schwere wellen, in der er — gestützt auf den Fixpunktsatz von Schauder — für diese Aufgabe eine neuartige Methode entwickelte. Diese Methode gestattet es ihm, erstmalig topologische Existenzbeweise für Kapillar-Schwere wellen endlicher und unendlicher Tiefe und für Gezeitenwellen zu geben. Diese Methode erlaubt es ferner, die Existenz von Kapillar-Schwere wellen mit welliger Sohle (H. Hilbig) und von Gasblasen in stationären Strömungen sowie von Wirbel wellen nachzuweisen (K. Beyer). In einer im Akademie-Verlag 1971 erschienenen Monographie (E. Zeidler) konnte für diesen Problemkreis eine einheitliche Theorie aufgebaut werden, die auch die effektive Berechnung der Lösung erlaubt. Dabei ergaben sich für eine Reihe weiterer Probleme erstmalig Existenzbeweise (z. B. cnoidal waves mit Berücksichtigung der Oberflächenspannung, wirbelhafte cnoidal waves, Kapillar-Schwere wellen mit allgemeiner Wirbel Verteilung, Kapillar-Schwere wellen in kreisförmigen Kanälen, Kotschin-Wellen unter Berücksichtigung der Oberflächenspannung). E. Zeidler gab weiter einen durchsichtigen Beweis des Benard-Problems in der Verzweigungs- und Stabilitätstheorie der Navier-Sto- kesschen Differentialgleichungen (1972), der die Eindeutigkeit der Lösung mit einschließt. Totwasseraufgaben beschäftigen sich mit der Untersuchung der Strömungsverhältnisse hinter einem Hindernis. H. Hilbig bewies mit Hilfe der Leray-Schauder- Theorie die Existenz von Totwasserzonen, wenn neben dem Hindernis noch zusätzlich eine Wand vorhanden ist (1964), und in jüngster Zeit übertrug er diese Theorie auf die Beschreibung von Tot wassergebieten bei zwei Hindernissen. Das ebene stationäre Umströmungsmodell der Gasdynamik im Unterschallbereich wurde in jüngster Zeit durch K. Beyer im Anschluß an Bers und Bojarski auf einem neuen eleganten Weg gelöst (1974). K. Beyer gelang es ferner, erstmals den Nachweis für die Existenz permanenter, längs eines Kanals fortschreitender ebener Wellen eines kompressiblen Mediums zu führen (1976).
310 Teil IV Variationsrechnung Aus der von L. Lichtenstein begründeten und von E. Holder weitergeführten Schule auf dem Gebiet der Variationsrechnung erwuchs in den fünfziger Jahren am Mathematischen Institut ein Forschungskreis, aus dem viele junge Mathematiker der DDR und eine große Anzahl von bedeutsamen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hervorgegangen sind. Vor allem die wichtigen Forschungsarbeiten von H. Beckert und seinen Schülern haben entscheidend dazu beigetragen, daß die Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität zu einem national und international geschätzten Forschungs- und Bildungszentrum auf dem Gebiete der Variationsrechnung und ihrer Anwendung wurde. Eine bedeutende Verstärkung erfuhr dieses Forschungspotential durch die Berufung von R. Klötzler an die Sektion (1972), der aus dem obengenannten Forschungskreis hervorging. Im folgenden werden die Ergebnisse der wichtigsten Arbeitsrichtungen vorgestellt. Direkte Methoden der Variationsrechnung Einschlägige Arbeiten zu regulären Variationsproblemen stehen in engem Zusammenhang mit der Existenztheorie zu Randwertproblemen elliptischer Differentialgleichungssysteme. Auf der Basis Sobolevscher Räume hat H. Beckert in zahlreichen Veröffentlichungen eine allgemeine Existenztheorie regulärer Variationsprobleme zu n gesuchten Funktionen x{(t) und m-fachem Integral I(x) aufgebaut (1967). Zunächst wurde das allgemeine quadratische Variationsproblem für n gesuchte Funktionen bei schwachen Koeffizientenvoraussetzungen nebst besonders einfachen Regularitätsbeweisen behandelt (H. Beckert 1956), ferner Randwertprobleme zu Jacobischen quasilinearen Gleichungen bei Wachstumsvoraussetzungen bezüglich der Eigenwerte. Weiterhin wurden singulare Rand Variationsprobleme mit parabolischen Randteilen gelöst (1960). Hierbei ergaben sich interessante notwendige und hinreichende Bedingungen für die Existenz regulärer Lösungen im Übergangsgebiet, d. h. beim Typuswechsel vom Elliptischen ins Hyperbolische. In anderen Untersuchungen wurden dann mehrere neue Lösungsmethoden in die allgemeine Existenztheorie der nichtlinearen Variationsrechnung eingeführt, von denen eine nur die dritte Jacobische Bedingung benutzt und den Übergang vom Linearen zum Nichtlinearen bemerkenswert einfach gestaltet (1956). Allgemeine reguläre ebene Variationsprobleme mit beliebig vielen Funktionen wurden bei festem und völlig freiem Rand gelöst und Regularitätsbeweise gegeben (1957). Eine weitere neue Methode enthält einen konstruktiven Existenz-Regularitätsbeweis für eine bisher noch nicht untersuchte Klasse gemischtfreier Variationsprobleme mit beliebig vielen gesuchten Funktionen und beliebig hoher Ordnung im En (1966). Das allgemeinste Variationsproblem beliebig hoher Ordnung und Variablenzahl in nichtparametrischer Form erscheint hier als singuläres Problem dieser Klasse. Es gelingt so, eine einfache schwache Lösungstheorie zu entwickeln und nichtlineare Verzweigungen bei nichtlinearen Eigenwertproblemen global zu studieren (1968). Diese Arbeit bildet zugleich eine Grundlage weiterführender Untersuchungen über nichtlineare singulare Störungen bezüglich der Lösungsnorm (H. Beckert 1971), die von D. Sosna (1974) und E. Miersemann (1975) fortgesetzt wurden. Auf Anregung von H. Beckert entwickelte E. Miersemann auf Grund dieser Untersuchung eine aussagekräftige Existenz- und
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 311 Verzweigungstheorie zu nichtlinearen Eigenwertproblemen bei Variationsungleichungen. In seinen ersten Arbeiten (1972—1976) hat E. Miersemann vorrangig kleinste Eigenwerte studiert und deren Anwendung auf Beulprobleme von gestützten Platten und Balken. In späteren Arbeiten sind diese Untersuchungen auf höhere Eigenwerte ausgedehnt worden (E. Miersemann 1978/79). In funktionalanalytischer Verallgemeinerung unter wesentlicher Anwendung der Theorie der monotonen Operatoren haben diese Entwicklungen zu einer Erweiterung der Ljusternik-Schnirel- man-Theorie über nichtlineare Eigenwertprobleme geführt (E. Zeidler 1978). Die formulierten Resultate für den nichtlinearen Fall sind in einem gewissen Sinn maximal verglichen mit dem linearen Fall. In seiner Untersuchung „Variationsrechnung und Stabilitätstheorie" ordnet H. Beckert die Trefftzsche Stabilitätstheorie in die mehrdimensionale Variationsrechnung beliebig hoher Ordnung mit indefiniter zweiter Variation ein und diskutiert die Grundlagen einer Fortsetzungstheorie der nicht mehr eindeutig bestimmten Lösungen des Lagrangeschen Gleichungssystems im Großen (1976). Die Übertragung direkter Methoden der Variationsrechnung auf irreguläre Variationsprobleme durch Ausnutzung gewisser Beziehungen zu zugeordneten quasiregulären Variationsproblemen gelang R. Klötzler 1973. Diese Arbeiten wurden von Schülern fortgesetzt. Auch der Einsatz der Theorie monotoner Operatoren auf irreguläre Variationsprobleme hat sich als erfolgreich erwiesen (R. Klötzler 1977). Erweiterung der klassischen Methoden der Variationsrechnung und ihrer Feldtheorie Diese Arbeitsrichtung steht unter der Zielstellung der Vervollkommnung der klassischen Theorien der Variationsrechnung auf Lagrange-Probleme, mehrfache Integrale und letztlich allgemeine Steuerungsprobleme. Im Vordergrund steht dabei neben Existenzfragen der Gesichtspunkt der Schaffung praktikabler notwendiger und hinreichender Optimalitätskriterien. In Verallgemeinerung diesbezüglicher Untersuchungen von L. Lichtenstein hat vor allem E. Holder entscheidenden Anteil am Aufbau allgemeiner Eigenwertkriterien zur schwachen Optimalität von Extremalen regulärer Variationsprobleme. Für Variationsprobleme beliebig hoher Ordnung und mehrfachem Integral wurden ähnliche Kriterien von R. Klötzler (1958) entwickelt. Mit ihnen und der Grundidee des geodätischen Feldes von C. Caratheodory wurden durch R. Klötzler (1960) und Schüler (K. Beckert 1971, D. Schmidt 1971) Konstruktionsprinzipien und Kriterien für die Existenztheorie geodätischer Felder im Großen entwickelt, aus denen unmittelbar Optimalitätskriterien für starke und globale Extrema resultieren. Für reguläre Variationsprobleme mehrfacher Integrale haben diese wichtigen Untersuchungen in einem Lehrbuch „Mehrdimensionale Variationsrechnung" (R. Klötzler 1969) ihren Niederschlag gefunden. Die Übertragung dieser Ideen auf Steuerungsprobleme zu einfachem und mehrfachem Integral gelang R. Klötzler 1976. Sie zeigt zugleich neue Zugänge zum Pontrjaginschen Maximumprinzip bei mehrfachen Integralen auf. Mit dieser Theorie hat D. Schmidt 1977 neue Kriterien aufbauen können, unter denen das Pontrjaginsche Maximumprinzip zugleich ein hinreichendes Optimalitätskriterium ist. Letztlich hat sich gezeigt (R. Klötzler 1976), daß diese allgemeine Feldtheorie eingebettet werden kann in eine verallgemeinerte Dualitätstheorie bei Steuerungsproblemen. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich neue Berechnungsgrundlagen für optimale Steuerungen (R. Klötzler 1979).
312 Teil IV Bildfehlertheorie Auf der Grundlage der Variationsprinzipien der geometrischen Optik und angeregt durch die Arbeiten von Caratheodory und Herzberger und die Vorlesungen von E. Holder über geometrische Optik entstanden in den Jahren von 1951 bis 1960 eine Reihe von Arbeiten zur Bildfehlertheorie in geometrisch-optischer wie auch wellenoptischer Behandlung. Dabei wurde die klassische Seideische Theorie der Bildfehler dritter Ordnung auf die fünfter Ordnung hinsichtlich Objektivöffnung und Bildfeld erweitert (J. Focke 1951) und für den Öffnungs- und Komafehler auch Vorrechnungsformeln höherer Ordnung für optische Systeme aufgestellt (J. Focke 1953). Diese Resultate haben unter anderem in der japanischen industriellen Optik starke Beachtung gefunden und sind dort später in verschiedenen Arbeiten weiterentwickelt worden. Nach Ausarbeitung der Methode der stationären Phase zur asymptotischen Entwicklung von Gebietsintegralen (J. Focke 1954) konnten auch die beugungsoptischen Effekte der Bildfelder untersucht werden (J. Focke 1956/58). Durch die Benutzung der asymptotischen Entwicklung ergab sich dabei eine auch praktisch sehr interessante Zerlegung dieser Effekte in geometrisch-optische und wellen-optische Anteile. Die ausführlich durchgerechneten Beispiele zeigten eine sehr gute Übereinstimmung mit den im VEB Carl Zeiss Jena durchgeführten Experimenten. Einen gewissen Abschluß haben diese Untersuchungen zur Bildfeldtheorie in einer Arbeit in ,,Progress in Optics" (J. Focke 1965) erfahren, in welcher durch Einführung einer mittleren Eikonalfunktion die verschiedenen Theorien von Schwarzschild, Herzberger und Smith in Zusammenhang gebracht werden konnten. Globale Analysis In diesen Forschungskomplex, der eng mit der Theorie partieller Differentialgleichungen verbunden ist, aber zusätzlich die Anwendung differentialgeometrischer Methoden erfordert, gehört die Fortsetzung der Untersuchungen von Hadamard über die Gültigkeit des Huygensschen Prinzips im engeren Sinne bei hyperbolischen Differentialgleichungssystemen. Durch invariante Reihenentwicklungen der Hadamard-Koeffizienten der nicht auf dem charakteristischen Konoid lokalisierten Anteile der Grundlösungen wurden im physikalisch wichtigen Fall n = 4 notwendige Bedingungen für die Gültigkeit des Huygensschen Prinzips bei einer Reihe konforminvarianter Differentialgleichungen in einer gekrümmten Raum-Zeit, wie der skalaren Wellengleichung (P. Günther 1952, V. Wünsch 1969), den Maxwellschen Gleichungen (P. Günther 1965, V. Wünsch 1976), der Weyl-Gleichung (V. Wünsch 1976) und bei hyperbolischen Differentialgleichungen zweiter Ordnung für allgemeine Felder (R. Schimming 1977), hergeleitet, aus denen sich interessante Folgerungen ziehen lassen. Hierzu seien erwähnt: Im Fall eines statischen Gravitationsfeldes zeigte P. Günther (Abb. 46) unter Annahme von topologischen Zusatzbedingungen, wie Kompaktheit oder Eukli- dizität im Unendlichen, für den zugrunde liegenden dreidimensionalen Raum F3, daß das Huygenssche Prinzip genau dann gilt, wenn der F3 konstante Krümmung K besitzt. Beim Studium der Lösungen im Großen zeigt sich, daß im Fall K > 0 jedes Anfangswertproblem zu einer zeitlich periodischen Lösung führt, dagegen im
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 313 Fall K < 0 Rückkehreffekte der Huygensschen Wellenfronten auftreten (P. Günther 1966). Auch für einige weitere in der Physik wichtige Klassen von Raum-Zeiten konnte das Hadamardsche Problem der Bestimmung aller Metriken, für die das Huy- genssche Prinzip gilt, gelöst werden. So wurde von P. Günther und V. Wünsch das Resultat von McLenaghan, daß im Fall E^ = 0 die Metriken ebener Gravitationswellen („plane wave"-Metriken) die einzigen Metriken sind, für die bei der ska- laren Wellenausbreitung das Huygenssche Prinzip gilt, auf die Maxwellschen Gleichungen übertragen (1972). Unter den konform-rekurrenten, den (2x2)-zerlegbaren, den zentralsymmetrischen Metriken und den Metriken mit V fi^ = 0 gibt es nur die konformflachen und die „plane-wave"-Metriken, für die die skalare Wellenglei- Abb. 46. Prof. Dr. Paul Günther chung, die Maxwellschen Gleichungen und die Weyl-Gleichung huygenssch sind (V. Wünsch 1976). Des weiteren konnten alle selbstadjungierten huygensschen Differentialgleichungen zweiter Ordnung für beliebige nichtskalare Spintensorfelder bestimmt werden (V. Wünsch 1979). Die „plane wave "-Metriken sind gerade die von P. Günther (1965) gefundenen Gegenbeispiele zur Hadamardschen Vermutung, daß nämlich alle huygensschen ska- laren Gleichungen trivial seien, d. h., sich durch Koordinaten-, Eich- und konforme Transformationen auf die gewöhnliche Wellengleichung transformieren lassen. Für diese Metriken gilt auch bei den Maxwellschen Gleichungen (R. Schimming 1970) und der Weyl-Gleichung (V. Wünsch 1976) das Huygenssche Prinzip. Die „plane wave "-Metriken sind bei diesen Gleichungen die einzigen bisher bekannten nichttrivialen huygensschen Metriken. Dagegen gab R. Schimming für hyperbolische Systeme zweiter Ordnung weitere nichttriviale Beispiele huygensscher Gleichungen an (1976). Es liegt nahe, einer in der allgemeinen Relativitätstheorie üblichen Methode folgend, Raum-Zeiten zu betrachten, deren Fundamentaltensor g^ nach einem kleinen Parameter e entwickelt wird, und die Wellenausbreitung nur bis zu einer bestimmten Ordnung bezüglich e zu studieren. Geht man dabei etwa für e = 0 von einer Minkowski- Metrik und der gewöhnlichen Wellengleichung bzw. den klassischen Maxwellschen
314 Teil IV Gleichungen aus, so läßt sich die Frage nach der Gültigkeit des Huygensschen Prinzips in erster Ordnung vollständig behandeln (P. Günther 1965). Der skalare Fall wurde von V. Wünsch (1969) auch in zweiter Ordnung behandelt. Darüber hinaus ist für n = 4 das Cauchy-Problem und die Frage nach dem Abhängigkeitsgebiet auch für einige Klassen spinorieller Feldgleichungen erster Ordnung, die z. B. die in der allgemein-relativistischen Feldtheorie wichtigen Dirac- und Proca-Gleichungen als Spezialfälle enthalten, behandelt und das Problem der Bestimmung aller huygensschen Metriken im Fall der Dirac- und Proca-Gleichungen vollständig gelöst worden: Für diese Gleichungen gilt genau dann das Huygenssche Prinzip, wenn die Raum-Zeit konstante, durch die Teilchenmasse festgelegte Krümmung besitzt (V. Wünsch 1976). Bei den Untersuchungen zum Huygensschen Prinzip gibt es interessante Querverbindungen zur lokalen und globalen Differentialgeometrie. So führen die von V. Wünsch (1975) hergeleiteten vollständigen Systeme konforminvarianter Tensoren bei der Herleitung notwendiger Bedingungen für die Gültigkeit des Huygensschen Prinzips im Fall konforminvarianter Differentialgleichungen zu wesentlichen Vereinfachungen. Ferner wurde durch Modifikation des Newman-Penrose-Formalismus eine Methode zur Auswertung von Spintensorgleichungen entwickelt, mit deren Hilfe sich z. B. die ,,plane wave"-Metriken allein durch Relationen zwischen den koVarianten Ableitungen des Krümmungstensors charakterisieren lassen (V. Wünsch 1979). Eine wichtige Rolle bei den Fragen des Huygensschen Prinzips spielen die sogenannten Bachschen Feldgleichungen als notwendige Bedingungen. Für das zugehörige Cauchysche Anfangswertproblem, bei dem die Gravitationspotentiale und der Ricci- Tensor sowie deren erste Ableitungen auf einer raumartigen Anfangsfläche vorgegeben sind, konnten Existenz- und Eindeutigkeitssätze bewiesen werden; auch die Charakteristikentheorie und die Transportgleichungen für die Sprunggrößen der Lösungen lassen sich aufstellen (P. Günther 1973, R. Schimming 1979). B. Fiedler bestimmte alle (2x2)-zerlegbaren und zentralsymmetrischen Lösungen der Bachschen Feldgleichungen und verheftete diese zu globalen Lösungen (1978). Die oben erwähnten Hadamard-Koeffizienten haben im letzten Jahrzehnt eine große Bedeutung erlangt für die rein analytischen Beweise grundlegender Integralsätze der globalen Analysis. Sind E, F Vektorbündel mit hermitescher Struktur über einer kompakten Riemannschen Mannigfaltigkeit M und ist D: Sec(E) -> Sec(i^) ein elliptischer Differentialoperator, so läßt sich der Index von D vermöge einer Spurformel durch die Grundlösungen der zu A+ = D*D, A ~ = DD* gehörenden Wärmeleitungsgleichungen darstellen. Die asymptotische Entwicklung dieser Grundlösungen enthält die Hadamard-Koeffizienten, und man kann so letztlich den Index von D durch Ha- damard-Koeffizienten ausdrücken (vgl. I. Singer, Atiyah, Bott, Patodi (1973)). Um auf diese Weise z. B. die Integralsätze über die Euler-Charakteristik, die Signatur oder das arithmetische Geschlecht zu beweisen, hat man als letzten, kalkülmäßig schwierigsten Schritt die Beziehungen zwischen den Hadamard-Koeffizienten und den Krümmungsgrößen herzustellen, was erstmalig von Patodi und Gilkey getan wurde. Von P. Günther und R. Schimming wurde dazu eine besonders einfache und durchsichtige Methode ausgearbeitet, ,,Entwicklung nach Transportformen" genannt. Mit ihrer Hilfe konnten über den ursprünglichen Zweck hinaus eine ganze Reihe interessanter Relationen zwischen Hadamard-Koeffizienten und Krümmung bzw. Chernklassen beim de-Rham- und beim Dolbeault-Komplex aufgefunden und
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 315 in Zusammenhang mit Spektralinvarianten gebracht werden (P. Günther/R. Schim- ming 1977, P. Günther 1979). Sphärische Mittel Wertoperatoren und die zugehörigen Euler-Poisson-Darboux- schen Differentialgleichungen wurden in mehreren Arbeiten von P. Günther studiert. So wurden in Riemannschen Räumen konstanter Schnittkrümmung mittels sogenannter geodätischer Formen sphärische Mittelwertoperatoren für p-Differentialformen definiert und untersucht und dabei Mittelwertsätze für die Eigenformen des Laplace- Beltrami-Operators im de-Rham-Komplex bewiesen. Mittels dieser Mittelwertoperatoren lassen sich auch die Lösungen des Cauchy-Problems der verallgemeinerten Maxwellschen Gleichungen für p-Differentialformen explizit darstellen (P. Günther 1960, 1965, 1968/69, 1971). Diese Theorie der sphärischen Mittelwerte und der Euler-Poisson-Darbouxschen Differentialgleichungen konnte auch auf Gitterpunktprobleme in euklidischen und hyperbolischen Räumen angewandt werden, wobei eine beliebige diskontinuierliche Gruppe mit kompaktem Fundamentalbereich zur Erzeugung des Gitters zugrunde gelegt wird. Es wurde die Entwicklung der Anzahl von äquivalenten Punkten in geodätischen Kugeln vom Radius t nach zonalen Funktionen gegeben; die Funktionalgleichung der zonalen Funktionen liefert Funktionalgleichungen für den Gitterrest, welche zur Gewinnung von Abschätzungen des Gitterrestes für t -> oo benutzt wurden. Dabei können auch Gitterpunktprobleme mit ,,Gewichten", die sich aus einer harmonischen 1-Form herleiten, betrachtet werden. Unter Benutzung der Selbergschen Spurformel kann man den Zusammenhang zwischen den Anzahlfunktionen des Gitters und dem von H. Huber eingeführten Längenspektrum hyperbolischer Raumformen herstellen. Schließlich führt die Anwendung des „Korrespondenzprinzips" für die Euler-Poisson-Darbouxsche Differentialgleichung zur Gewinnung einer Poisson-Formel, welche die Beziehung zwischen dem Längenspektrum und dem Spektrum des Laplace-Operators explizit vermittelt. Auch für das Längenspektrum wurden asymptotische Restabschätzungen gegeben (P. Günther 1977, 1978r 1979). Operatorenalgebren der Mathematischen Physik Durch Arbeiten von G. Lassner (Abb. 47) wurde an der Sektion Mathematik 1969 in Leipzig mit der Untersuchung von topologischen *-Algebren, ihren Darstellungen und Zuständen sowie ihren Anwendungen in der Quantenphysik begonnen. Die ersten Arbeiten betrafen die Topologisierung unbeschränkter Operatorenalgebren auf einem dichten invarianten Bereich im Hilbertraum (Op*-Algebren) und die Stetigkeit von Darstellungen topologischer *-Algebren. Unter den verschiedenen möglichen natürlichen Verallgemeinerungen der Operatornormtopologie wurde für Op*-Algebren die sogenannte gleichmäßige Topologie r^ als grundlegend herausgearbeitet. Diese wird durch das Halbnormensystem \\A\\jp = sup \(0, AW)\ definiert, wobei Jt alle Teilmengen des Definitionsbereiches Q) durchläuft, für die \\A\\j^ endlich ist für alle Operatoren A der Op*-Algebra s#'. Der Positivitätskegel einer Op*-Algebra ist stets Tqj -normal, und umgekehrt ist jede tonnelierte topologische *-Algebra mit Eins und mit normalem Positivitätskegel einer Op*-Algebra $0\rg\ algebraisch und topologisch isomorph (K. Schmüdgen 1972).
316 Teil IV Unbeschränkte Operatorenalgebren sind wesentlich durch die Eigenschaften ihrer Definitionsbereiche bestimmt. Daher wurden Untersuchungen aus früheren Arbeiten von Dixmier zur Struktur von Definitionsbereichen abgeschlossener Operatoren wieder aufgenommen und zu einer vollständigen Klassifikation solcher Bereiche geführt. Die Betrachtungen wurden auf Definitionsbereiche von Algebren unbeschränkter Operatoren ausgedehnt, wobei eine vollständige Klassifikation der Definitionsbereiche vom Typ Q) = n & (Tn), T* = T, gelang (G. Lassner, W. Ttmmermann 1972, 1977). n^° Im algebraischen Zugang zur Quantentheorie betrachtet man die Observablen als hermitesche Elemente einer gewissen *-Algebra srf und die Zustände / als positive Funktionale auf ja/. Von besonderem Interesse sind dabei Zustände, die durch eine Dichtematrix beschrieben werden können, d. h. die von der Form f(A) = Tr qA sind, wobei q ein geeigneter nuklearer Operator ist. Dabei gibt es einen Zusammenhang Sp Abb. 47. Prof. Dr. Gerd Lassner zwischen der strengen Positivität und der gleichmäßigen Stetigkeit solcher Funktionale (G. Lassner, W. Timmermann 1972). Ein im gewissen Sinne abschließendes Resultat der Untersuchungen solcher Zustände auf unbeschränkten Operatorenalgebren läßt sich etwas vereinfacht folgendermaßen formulieren (K. Schmüdgen 1978): Für einen Frechet-Bereich lassen sich genau dann alle streng positiven linearen Funktionale auf Op*-Algebren dieses Bereiches durch Dichtematrizen geben, wenn der Bereich die Montel-Eigenschaft besitzt. Für die Algebra der Kommutatorrela- tionen endlich vieler Freiheitsgrade auf dem Schwartz-Raum konnte beispielsweise darüber hinausgehend gezeigt werden, daß alle linearen Funktionale auf dieser Algebra sich in der Form f(A) = Tr qA darstellen lassen. Bei der Beschreibung konkreter Klassen nichtnormierbarer topologischer ^Algebren spielen die LMC*-Algebren und die GC*-Algebren eine wichtige Rolle. So fällt etwa in einer GC*-Algebra die stärkste GC*-Topologie auf dem hermiteschen Teil mit der Ordnungstopologie zusammen (W. Kunze 1976).
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 317 Unter solchen Gesichtspunkten wurde auch die noch umfassendere Klasse der ab- sorbierend-konvexen topologischen Algebren untersucht, wobei Stetigkeitsfragen der algebraischen Operationen und der Darstellungen im Mittelpunkt standen (R. Mildner 1975). In LMC*-Algebren erhält man bei der Untersuchung der Idealstruktur unter anderem eine vollständige Charakterisierung abgeschlossener Ideale durch abgeschlossene Extremalmengen des positiven Kegels der Algebra (M. Fritzsche 1977). Ausgehend von den bekannten symmetrischen normierten Idealen im beschränkten Fall, wurden in Algebren unbeschränkter Operatoren verschiedene Klassen von Idealen konstruiert, topologisiert und eine Reihe Dualitätsaussagen zwischen ihnen aufgezeigt (W. Timmermann 1977). Im Mittelpunkt weiterer Forschungen standen konkrete Klassen von Algebren und ihrer Darstellungen, wie Tensoralgebren über lokalkonvexen Räumen, die Algebra der Kommutatorrelationen und Envelopingalgebren endlichdimensionaler Lie- Algebren. Für die Polynomalgebra und die Algebra der Kommutatorrelationen wurden Bedingungen angeben, unter denen die gleichmäßige und die starke Operatoren- topologie mit der stärksten lokalkonvexen Topologie übereinstimmen (K. Schmüd- gen, B. Timmermann 1976). Bei den Darstellungen der Kommutatorrelationen in unendlich vielen Freiheitsgraden spielen die ergodischen quasiinvarianten Maße eine zentrale Rolle. Ergebnisse über solche Maße, speziell die Konstruktion von Maßen dieses Typs, die keine Produktmaße sind, sind ein weiterer Schritt bei der Untersuchung dieser Algebra (P. Senf 1978). Ein Ergebnis, das die explizite Beschreibung der Topologie t^ in einigen Fällen ermöglicht und einige der genannten Resultate über die Polynomalgebra, die Weyl-Algebra und Envelopingalgebren verallgemeinert, ist der folgende Satz: Auf einer abzählbar erzeugten Op*-Algebra srf ist t^ gleich der stärksten lokalkonvexen Topologie genau dann, wenn alle Räume Jfx = {a e s/:\(a0, 0)\ ^ Ca,x \\x0\\2 für alle & € ®\ endlichdimensional sind (K. Schmüdgen 1977). Neben der Untersuchung von Operatorenalgebren in Hilbert-Räumen wurden auch Forschungen über die Struktur von Operatoren und Operatorensystemen in Banach-Räumen und allgemeineren Klassen halbgeordneter Vektorräume durchgeführt, speziell auch über die Struktur von Integraloperatoren und Fastintegraloperatoren (J. Synnatzschke 1977/79). Wichtige Resultate liegen vor über endlich- dimensionale Räume und Operatoren im Zusammenhang mit s-Zahlen von Operatoren. Eines der wichtigsten Resultate ist die endliche Darstellbarkeit des Dualen vom Ultraprodukt im Ultraprodukt der dualen Räume (K. Kürsten 1976). Die Untersuchungen der Tensoralgebren wurden besonders in Hinblick auf die Bedeutung dieser Algebren für die Quantenfeldtheorie geführt. Jedes Quantenfeld steht im eineindeutigen Zusammenhang mit dem Wightman-Funktional, einem positiven Funktional über einer Testfunktionenalgebra oder einer ihrer Faktoralgebren. Das gibt die Möglichkeit zum Existenz beweis von Quantenfeldern mit gewünschten Eigenschaften auf dem Weg geeigneter positiver Funktionale. In Fortführung früherer Resultate über die Existenz von positiven Funktionalen auf der Testfunktionenalgebra über dem Schwartz-Raum <? (G. Lassner, A. Uhlmann 1967) konnte die Existenz wightmanartiger Funktionale, die nicht auf das freie Feld führen, bewiesen werden (G. Lassner, G. Hofmann 1973). Eine detailliertere Untersuchung des Posi-
318 Teil IV tivitätskegels der Testfunktionenalgebra hat in jüngster Zeit auch zur Konstruktion nicht tri vialer positiver Funktionale geführt, die allen Wightman-Axiomen genügen (G. Hofmann 1976/78). In diesem Zusammenhang sind Resultate über die Zerlegung von positiven Funktionalen sowie von Darstellungen, besonders auch verallgemeinerte EigenfunktionsentWicklungen von großem Interesse (P. Richter 1979). Die Bearbeitung mathematischer Fragestellungen der Quantenfeldtheorie wird in enger Zusammenarbeit mit der Sektion Physik im Rahmen des Naturwissenschaftlich-Theoretischen Zentrums der Karl-Marx-Universität durchgeführt. Untersuchungen werden geführt zu Renormierungsfragen sowie zur Struktur von Greenschen Funktionen, speziell zu ihrem Lichtkegelverhalten. Wichtige Beiträge wurden zur massiven euklidischen i^^-Quantenfeldtheorie erzielt. Es konnten weite Klassen von Potenzreihen F(x) angegeben werden, zu denen sich das Quantenfeld in zwei Dimensionen konstruieren läßt (H. Englisch 1978). Im Rahmen des algebraischen Zugangs zur statistischen Physik hat der Einsatz nichtnormierbarer topologischer Algebren zu bemerkenswerten Resultaten bei der Beschreibung der Dynamik im thermodynamischen Limes geführt. Für das BCS- Bogoljubov-Modell des Supraleiters gelang die Beschreibung der Dynamik durch eine einparametrige Automorphismengruppe auf einer geeigneten topologischen Vervollständigung der Algebra der lokalen Observablen (G. Lassner 1978). Die Gleichgewichtszustände sind dann verallgemeinerte KMS-Zustände. Mathematische Optimierung Seit der Gründung der Sektion Mathematik und der Bildung eines Forschungskollektivs „Mathematische Optimierung" setzte eine verstärkte Forschung auf diesem Gebiet ein. Diese erstreckte sich einmal auf die Untersuchung und Neuentwicklung von Optimierungsverfahren sowie auf den Ausbau der Optimierungstheorie, zum anderen auf die Behandlung von Optimierungsproblemen aus der Praxis und aus anderen mathematischen Disziplinen. In endlichdimensionalen Räumen wurde das Zoutendijksche Gradientenverfahren untersucht (J. Focke 1971; Abb. 48), insbesondere auch sein Konvergenz verhalten (S. Winkelmann 1972); in weiterführenden Studien haben methodische und beweistechnische Aspekte dieses Verfahrens und gewisser Versionen eine abschließende Einschätzung und Ausarbeitung erfahren (R. Schulze 1978). Für konvexe Probleme wurde ein modifiziertes reduziertes Gradienten verfahren entwickelt (J. Focke 1973) und numerisch erprobt (G. Qtjeck 1976, H. Kleinmichel 1977). Eingehende Untersuchungen wurden auch zu Abstiegsverfahren bei Zielfunktionen mit isolierten Singularitäten unter besonderer Berücksichtigung des Standortproblems vorgenommen (A. Illgen 1977), durch die Aufstellung einer bemerkenswerten diametrischen Ungleichung (J. Focke 1978) konnten dazu a-priori-Abschätzungen für die Konvergenzgeschwindigkeit des Verfahrens gefunden werden. Zu pseudolinearen Problemen wurde ein simplexartiges Optimierungsverfahren begründet, das neben Eckenübergängen noch Strahl- (bzw. Kanten-)Übergänge zuläßt (H. Hartwig 1973). Diese Idee wurde zugleich für eine Erweiterung des Lemke-Algorithmus zur Lösung linearer Komple- mentaritätsprobleme ausgebaut (R. Werner 1978), welche in engem Zusammenhang zu Optimierungsproblemen stehen (A. Göpfert/H. Rudolph 1973). Andere ein-
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 319 schlägige Untersuchungen zielten auf das Studium solcher spezieller Optimierungsprobleme und Funktionenklassen hin, die eine Anwendung simplexartiger Lösungsmethoden gestatten (H. Hartwig/J. Focke 1978). Beziehungen zur Theorie linearer Ungleichungen, zu klassischen Alternativsätzen und eine Theorie strenger linearer Ungleichungen bezüglich Kegelhalbordnungen konnten wesentlich ausgebaut werden (J. Focke/A. Göpfert 1975, J. Focke 1975). Auf dem Gebiet der Optimierung in allgemeinen Vektorräumen wurde eine umfangreiche Arbeit geleistet. Dieser gesamte Themenkreis hat erstmals in Buchform seinen Niederschlag gefunden auf der Grundlage allgemeiner Kegelhalbordnungen (A. Abb. 48. Prof. Dr. Joachim Focke Göpfert 1973). Darüber hinaus wurden freie Gradienten verfahren für verschiedene Relaxationsformen in allgemeinen Banach-Räumen behandelt (J. Focke/A. Göpfert/ H. Rudolph 1973). In Ergänzung dazu steht das Resultat, daß jede beschränkt konvexe Funktion einen lipschitzstetigen Gradienten besitzt (J. Focke 1977). Spezielle Optimierungsprobleme zu unendlichdimensionalen Vektorräumen wurden im Zusammenhang mit geometrischen Fragestellungen über w-Orbiformen behandelt. Sie wurden durch Untersuchungen über Formfehler beim spitzenlosen Außenrundschleifen (J. Focke 1968) angeregt, ebenso wie die darauf aufbauenden Studien über minimale Formfehler unterschiedlicher Qualität (J. Focke 1969, J. Focke/B. Gensel 1971). Ein Teil dieser Aufgaben läßt sich in die Typenklasse der kapazitierten linearen Probleme sachlich und methodisch einordnen (H. Rudolph 1973). Auch der Einsatz des Pontrjaginschen Maximumprinzips auf obige Fragen zu optimalen w-Orbiformen war erfolgreich (R. Klötzler 1976; Abb. 49). Methoden der Straf funktionale fanden Verwendung zum Aufbau hinreichender (lokaler) Opti- malitätsbedingungen in Banach-Räumen und speziell zu Steuerungsproblemen (E. Schuster 1976). Zu semi-infiniten Problemen wurden einerseits Approximationsverfahren entwickelt, die auf simplexartigen Lösungsalgorithmen beruhen (H. Rudolph 1978), zum anderen ist dazu eine vollständige Dualitätstheorie aufgebaut worden (H. Voigt 1978).
320 Teil IV Weiterhin wurden Fragen der vektorwertigen Optimierung (J. Focke 1973) und die auch in dieser Hinsicht wichtige Problematik der Präferenzrelationen in der Spieltheorie untersucht (D. Fink 1973). Durch die explizite Lösung einer parametrischen Norm-Minimierung gelang die Realisierung eines neuen statistischen Schätzprinzips, welches bei der Ausgleichung betrieblicher Bilanzgleichungen eine wesentliche Rolle spielt (G. Dewess 1970, J. Focke/G. Dewess 1972). Durch ähnliche Methoden wurde später ein Beitrag zur Entwicklung eines adaptiven Vorhersagemodells geleistet in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Ingenieurbetrieb der Metallurgie (ZIM). Abb. 49. Prof. Dr. Rolf Klötzler Die Theorie der dynamischen Optimierung wurde erstmalig auf vektorwertige Zielfunktionen übertragen (R. Klötzler/A. Knobloch 1975 und R. Klötzler/S. Ladmann 1976). Auch Untersuchungen zum Pontrjaginschen Maximumprinzip für stetige vektorwertige Steuerungsprobleme wurden vorgenommen (A. Engelmann 1977). Zur Grundkonzeption der diskreten dynamischen Optimierung wurde ein Beitrag geleistet, der sich in Präzisierung des Politikbegriffs der logischen Stellung des Bellmanschen OptimaHtätsprinzips zuwendet (J. Focke/R. Klötzler 1978). Darüber hinaus wurde in dieser Arbeit ein neues Dualitätsprinzip der dynamischen Optimierung formuliert, das ohne jegliche Konvexitätsforderungen starke Dualität garantiert und auf eine verallgemeinerte notwendige und hinreichende Fassung des diskreten Maximumprinzips führt. Diese Dualität ist eine der diskreten dynamischen Optimierung angepaßte Realisierung einer allgemeinen funktionalanalytischen Dualitätskonzeption (R. Klötzler 1978). Mit ihr wurde auch für stetige Steuerungsprobleme eine allgemeine Dualitätstheorie aufgebaut (R. Klötzler 1976); sie hat sich in dieser Form als Grundlage neuer numerischer Lösungsmethoden bewährt (R. Klötzler 1979).
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 321 Seit 1970 wird (auch durch Probleme aus dem Bauwesen und der polygraphischen Industrie angeregt) die Optimierung von Ablaufplänen unter Reihenfolge- und Ressourcenbeschränkungen untersucht. Heuristische Verschiebeverfahren wurden durch Kopplung mit dem branch-and-bound-Prinzip zu exakten Optimierungsverfahren weiterentwickelt, die auch die Lösung nichtklassischer Maschinenbelegungsprobleme gestatten (G. Dewess 1974, 1977). Durch Darstellung der Ablauf plane als Folgen echter Schnitte im Netzplan wurde ein neuer Zugang zu ihrer Optimierung eröffnet, wobei auch die sachgemäße Verallgemeinerung des Begriffs „kritischer Bogen" gelang (G. Dewess 1973, 1976, 1978). Erstmals möglich wird so die Behandlung stetig unterbrechbarer Vorgänge und von Vorgängen, für die es mehrere Technologien gibt. Das Modell wurde algorithmisch durchgearbeitet und für mittelgroße Aufgaben vollständig rechentechnisch realisiert (I. Crell 1979, 1980). Als Nebenergebnis entstand eine allgemeine Betrachtung über konvexe Graphen und konvexe Knotenbewertungen in Graphen (G. Dewess 1976). Bereits 1972 hatten J. Focke und A. Göpfert den Zusammenhang zwischen klassischer Netzplantechnik und Dynamischer Optimierung herausgearbeitet; daran anknüpfend liegen erste wichtige Resultate über die dynamische Methode im ressourcenbeschränkten Fall vor (G. Dewess 1979). Stochastik Seit seiner Berufung im Jahre 1969 vertritt H.-J. Rossberg (Abb. 50) zusammen mit seinen Schülern die analytischen Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Dabei wurde das Ziel verfolgt, aktuelle Aufgaben der Bedienungstheorie und der mathematischen Statistik zu lösen. Funktionentheoretische Überlegungen, insbesondere die Theorie von Phragmen-Lindelöf, spielten methodisch eine wesentliche Rolle. Später ergaben sich auch Anwendungen auf Grenzwertsätze für Summen von Zufallsgrößen. Viele Anregungen sowjetischer Kollegen wurden verarbeitet. \> Abb. 50. Prof. Dr. Hans-Joachim Rossberg
322 Teil IV Ein weiteres Aufgabenfeld für die Stochastik besteht in der mathematischen Modellierung ökonomischer Prozesse bei Unsicherheit. 1968 begann H.-J. Girlich (Abb. 51) die Untersuchung von stochastischen Lagerhaltungsmodellen. Die später von seinen Schülern und Mitarbeitern fortgeführten Studien betreffen einerseits gewisse Klassen stochastischer Prozesse, andererseits verallgemeinerte Markovsche Entscheidungsmodelle. Bedienungstheorie Dieses Gebiet ist infolge der jahrzehntelangen internationalen Forschung, die durch die Bedürfnisse der Praxis immer wieder angeregt wurde, fast unübersehbar geworden. Deshalb hatte das Akademiemitglied B. V. Gnedenko (Moskau) die Idee, die wichtigsten Resultate in einem ,,Handbuch der Bedienungstheorie" übersichtlich darzustellen. Dazu war eine große Zahl von Fachleuten für die verschiedenen Teilgebiete erforderlich. In Leipzig hat auf Vorschlag von Prof. Gnedenko die Arbeitsgruppe H.-J. Rossberg, P. Langrock, G. Siegel mehrere Artikel verfaßt. Natürlich war in Leipzig schon vorher auf dem Gebiet der Bedienungstheorie gearbeitet worden. H.-J. Rossberg hatte sich mit dem Grundmodell GI/G/1 der Wartesysteme befaßt, bei dem ein rekurrenter Eingangsstrom von Kunden (mit Pausen Verteilung A) auf ein Bedienungsgerät gelangt und die Bedienungszeiten unabhängig und identisch (nach der Verteilung B) verteilt sind. Von besonderem Interesse sind hier die Wartezeiten der aufeinanderfolgenden Kunden. Im stationären Fall ist ihre Verteilung W die Lösung der Wiener-Hopf sehen Integralgleichung, oo W(x) = f K(x — u) dW(u), x > 0, (1) 0 wobei der Kern K sich durch eine Faltung aus A und B zusammensetzt. Es gelang durch analytische Fortsetzung, ein vereinfachtes Lösungsverfahren zu entwickeln und damit alle Fälle abschließend zu behandeln, in denen entweder A oder B eine rationale charakteristische Funktion besitzt. Es sind dies gerade diejenigen Fälle, die für die Anwendung besonderes Interesse verdienen. Das Verfahren zeigt auch qualitative Eigenschaften des Bedienungsmodells, insbesondere wann es (für die Kunden oder für den Betrieb des Geräts) optimal ist. Ferner übertragen sich gewisse Eigenschaften von B auf W. Dem letzteren Effekt gingen M. Dewess, G. Laue und I. Müller anhand der Wiener-Hopf-Faktorisierung genauer nach, die zur Theorie der Gleichung (1) gehört. Manche Bedienungsgeräte sind z. B. nicht sofort nach dem Einschalten gebrauchsfähig, sondern benötigen eine zufällige Erwärmungszeit. Wie G. Siegel zeigte, lassen sich die oben genannten Überlegungen auch auf solche Fälle übertragen, obwohl die Gleichung (1) dann inhomogen wird. I. Müller und S. Schönherr untersuchten den Warteprozeß in dem viel komplizierteren Fall, wenn der Eingangsstrom der Forderungen aus der Überlagerung von zwei rekurrenten Strömen gebildet wird. In der Produktion und in anderen Anwendungsgebieten sind oft die Verteilungen A und B nicht genau bekannt. In solchen Fällen braucht man Abschätzungen der interessierenden Verteilungen und ihrer Kenngrößen. Einen Beitrag zu diesem Gebiet leistete R. Bergmann seit 1974 in einer größeren Reihe von Arbeiten.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 323 Vom Standpunkt der Anwendungen gibt es noch einen weiteren Grund, nach approximativen Methoden zu suchen; oft sind nämlich die exakten Lösungen für die Praxis zu kompliziert. Daher haben H.-J. Rossberg und G. Siegel (1974) die Lösung W durch sukzessive Approximation von oben und unten erhalten. Dieselbe Methode haben G. Siegel und W. Wünsche (1979) auf die Erneuerungsgleichung angewendet. Lagerhaltungstheorie Angeregt durch die IG Lagerhaltungsmodelle der Mathematischen Gesellschaft, wurden von H.-J. Girlich (1971) auf erneuerungstheoretischer Grundlage Näherungsverfahren zur approximativen Berechnung optimaler Bestellstrategien entwickelt und % ) •\ Abb. 51. Prof. Dr. Hans-Joachim Girlich erprobt. Danach wurde ein allgemeines Mehrprodukt-Lagerhaltungsmodell bei unabhängigem stochastischem Bedarf aufgestellt und das Grenzverhalten, insbesondere die Ergodizität von Sekundärprozessen sowie Systemcharakteristiken (Momente, Servicegrad) untersucht. Von M. Miethe (1976) wurden insbesondere abschließende Ergebnisse für Erlangsche Bedarfsprozesse erzielt, die zu einem explizit auswertbaren Formelapparat führten. Entsprechende Resultate für Einproduktmodelle wurden zum Teil in die beiden Lehrbücher von 0. Beyer/H.-J. Girlich/H.-U. Zschiesche (1978): „Stochastische Prozesse und Modelle" und P. Langrock/W. Jahn (1979): „Einführung in die Theorie der Markovschen Ketten und ihre Anwendungen" aufgenommen; letzteres informiert auch über Bedienungssysteme und die Statistik Markovscher Ketten.
324 Teil IV Wahrscheinlichkeitsrechnung In den Jahren 1972 und 1974 war V. M. Zolotarev (Moskau) Gast der Sektion. Er äußerte eine Vermutung zum einfachsten Fall des zentralen Grenzwertsatzes der Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Summen #„ = Xx + ••• +Xn mit identisch verteilten unabhängigen Summanden betrifft. Hiernach hat die schwache Konvergenz der Verteilungen Fn(x) = P(SnBn~i -Än<x) gegen die Gaußsche Normalverteilung auf der negativen Halbachse — die sogenannte eingeschränkte Konvergenz — bereits die vollständige Konvergenz X Fn(x) ->0(x) = -= / e~u2l2 du 1/2ttJ — oo zur Folge. Diese Vermutung wurde von H.-J. Rossberg und G. Siegel (1975) in vollem Umfang bestätigt. In diesem Zusammenhang wurde auch ein älteres Problem von A. N. Kolmogorov gelöst, wonach eine unbeschränkt teilbare Verteilung F, die die Eigenschaft F(x) = &(x), x < 0, besitzt, sich eindeutig auf die ganze Achse fortsetzen läßt, so daß man F = <£ erhält (H.-J. Rossberg (1974)). Diese beiden Resultate führten zu einer schnellen Entwicklung, so daß jetzt acht sowjetische Arbeiten und insgesamt 23 Leipziger Arbeiten von Chtj Duc, B. Jesiak, M. Riedel, H.-J. Rossberg und G. Siegel zu diesen Themen vorliegen. Es entwickelte sich damit eine neue Version der Theorie der Summen von Zufallsgrößen. Durch sie wird die Struktur klassischer Grenzwertsätze besser durchschaubar; man kann nämlich genau angeben, welche der klassischen Voraussetzungen man weglassen kann, wenn man statt dessen eingeschränkte Konvergenz annimmt. Es ergeben sich auf diese Weise unter anderem drei wesentlich verschiedene Fassungen des Theorems von Lindeberg-Feller und der Lindeberg-Bedingung. Erste Anwendung fand diese neue Theorie in der Sowjetunion; sie betrifft große Abweichungen beim zentralen Grenz wertsatz. Ein eingehendes Studium widmete G. Siegel seit 1977 auch den Summen von Zufallsgrößen mit einer zufälligen Anzahl von Summanden. Bei stochastischen Modellen spielen positive Zufallsgrößen eine hervorragende Rolle. Ihre charakteristischen Funktionen sind in einer Halbebene analytisch. Im Mittelpunkt der Leipziger Untersuchungen dieses Gebietes standen im Anschluß an eine Arbeit von H.-J. Rossberg (1968) verschiedene Varianten der Poissonschen Formel für die Halbebene. H.-J. Girlich und H.-J. Rossberg fanden hiermit neue Existenzbedingungen für Momente. Abschließende Ergebnisse über Momente, die auch beliebige Zufallsgrößen betreffen, erhielt später G. Laue (1980). Ferner leitete sie neue Umkehrformeln für charakteristische Funktionen positiver Zufallsgrößen her. Eine der oben genannten Poissonschen Formeln war auch der Ausgangspunkt zur Weiterentwicklung und systematischen Verwendung der Theorie von Phragmen-
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 325 Lindelöf in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Hieran beteiligten sich H.-J. Rossberg, I. Lehmann und M. Riedel. Das Wachstum von ganzen charakteristischen Funktionen wurde schon früher von E. Lukacs, B. Ramachandran und H.-J. Rossberg mit Eigenschaften ihrer Verteilungsfunktionen in Verbindung gebracht. Diese Untersuchungen wurden von M. Dewess und M. Riedel fortgesetzt. Mathematische Statistik Das Lehrbuch von H.-J. Girlich (1973): „Diskrete stochastische Entscheidungspro- zesse" ist der entscheidungstheoretischen Fundierung stochastischer Lagerhaltungsmodelle gewidmet. Daran schließen sich Untersuchungen über die Existenz und die Struktur optimaler Bestellstrategien in Mehrprodukt-Lagerhaltungsmodellen an. H.-U. Küenle (1976) hat Ergebnisse der Marko vschen Entscheidungstheorie auf Fälle mit unbeschränkten Kosten verallgemeinert und daraufhin unter gewissen Stetigkeitsbedingungen die Optimalität von (er, $)-Strategien gezeigt. Wichtig ist ein besseres Anpassen der üblichen Modellbedingungen an die realen Lagerhaltungssituationen. Zum Beispiel liegt oft nur eine unvollständige Information über die Verteilungsgesetze der Eingangsgrößen vor. Dann muß man statistische Fragestellungen mit den Steuerproblemen der Lagerhaltung unmittelbar verbinden; dadurch wird eine Verbesserung der Strategien gegenüber denen erreicht, die bei der bisherigen getrennten Behandlungsweise erhalten werden. So hat beispielsweise V. Dietzsch (1977) ein instationäres Entscheidungsmodell unter dem Minimaxkriterium für ein Lagerhaltungssystem bei Unsicherheit aufgestellt und die Optimalität einer (s, #)-Strategie gezeigt. Dieses Modell wurde von H.-U. Küenle in ein allgemeines Entscheidungsmodell eingebettet, für das er die Existenz (p, e)-optimaler Markov- scher Strategien zeigen konnte. Semi-Markovsche Entscheidungsmodelle eignen sich zur Modellierung der Steuerung von Lagerhaltungs- und Bedienungsprozessen. Es gelang P. Langrock durch optimale Auswahl der Bedienungsintensitäten, den Warteschlangenprozeß im Modell M/M/l/ N—1 zu steuern. Ein weitverzweigtes Teilgebiet der mathematischen Statistik ist auch die Charakterisierungstheorie für Verteilungsfunktionen. Sie benutzt statistische Eigenschaften von Zufallsgrößen, die man empirisch nachprüfen kann, um die zugrunde liegenden Verteilungsfunktionen — eventuell bis auf gewisse Parameter — zu bestimmen. Die in Leipzig weiterentwickelte Theorie der charakteristischen Funktionen positiver Zufallsgrößen legte es nahe, insbesondere Eigenschaften positiver Zufallsgrößen zu diesem Zweck heranzuziehen. Zum Beispiel führte die Theorie von Phragmen- Lindelöf auf mehrere Möglichkeiten, um die ExponentialVerteilung durch Eigenschaften von positiven Ranggrößen zu charakterisieren (H.-J. Rossberg 1972); dabei spielte eine abgewandelte Wiener-Hopf-Methode eine wesentliche Rolle. Auch I. Seiffert und M. Riedel (1979) gelang eine Charakterisierung der Exponential- verteüung; dabei lösten sie zugleich eine äußerlich völlig anders geartete Aufgabe von A. A. Borovkov, die die Eindeutigkeit von Wiener-Hopf-Faktorisierungen betrifft. Andere Charakterisierungsprobleme studierte M. Riedel seit 1975, wobei auch er moderne Resultate aus der Theorie von Phragmen-Lindelöf benutzte. Es gelang
326 Teil IV ihm auf diese Weise unter anderem, eine Methode von Ju. V. Linnik wesentlich zu vereinfachen, so daß sich ein bekannter Charakterisierungssatz für die Gaußsche Normal Verteilung verallgemeinern ließ. Mit denselben Grundideen war es ferner möglich, gewisse stochastische Prozesse durch Eigenschaften linearer Funktionale dieser Prozesse zu charakterisieren. Die Methode erlaubte es auch, ein bedienungstheoretisches Problem von A. A. Borovkov zu lösen; es betrifft die Darstellung der charakteristischen Funktion der Lösung W von (1) mit Hilfe von rationalen Funktionen (M. Riedel 1980). Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von W. Jahn führt umfangreiche Untersuchungen auf den Gebieten der multivarianten Regressionsanalyse (unter besonderer Beachtung singulärer oder fast singulärer Kovarianzmatrizen), der Klassifikation von Beobachtungsdaten und der Statistik stochastischer Prozesse, wie z. B. der Spektralzerlegung der Kovarianzfunktion stationärer Prozesse, durch. Eine weitere Aufgabenstellung dieser Gruppe ist die Anwendung mathematischer Methoden in der Bodenmechanik, insbesondere die statistische Aufbereitung bodenphysikalischer Parameter. Die Bücher von W. Jahn und H. Vahle (1970) „Die Faktoranalyse und ihre Anwendung" und von W. Jahn, P. Kühne, H. Vahle (1972) „Analyse und statistische Prozeßmodellierung für die Prozeßsteuerung" enthalten theoretische Hilfsmittel zur Behandlung dieser Aufgaben. Mathematische Grundlagen der Informationsverarbeitung Im Jahre 1962 wurde an der Karl-Marx-Universität neben dem bestehenden Mathematischen Institut als selbständige Einrichtung ein Rechenzentrum gegründet, welches 1964 zum Institut für Maschinelle Rechentechnik und 1969 zur Sektion Rechentechnik und Datenverarbeitung umgebildet wurde. Die Aufgabe dieser Institution, deren Mitarbeiterzahl Anfang der siebziger Jahre auf ca. 150 angewachsen war, einschließlich der technischen Kräfte, bestand vor allem darin, den Rechenbetrieb für die an der Universität vorhandene Rechentechnik (zunächst im wesentlichen ZRA 1 und ENDIM 2000, später R 300 und MEDA T 40) zu organisieren und den Mitarbeitern anderer Institute der Universität und der volkseigenen Industrie, die damals nur in sehr geringem Umfang über Programmierkenntnisse verfügten, bei der Program* mierung Hilfestellung zu gewähren. Ihr oblag aber auch die EDV-Ausbildung für die gesamte Universität und die Weiterbildung auf diesem Gebiet, für die neben einer Vielzahl von Programmierkursen eigens ein postgraduales Studium eingerichtet wurde, welches mit der Vergabe eines Zusatzdiploms abschloß. Die Forschungskapazität des Rechenzentrums und seiner Nachfolgeeinrichtungen wurde zu einem großen Teil darauf verwendet, EDV-Projekte für Institute und Betriebe zu entwickeln, die zu dieser Zeit noch nicht über die erforderlichen Kapazitäten verfügten. Dabei wurde eine größere Anzahl von Projekten geschaffen, die als Keimzelle für weitere umfangreichere selbständige Arbeiten an den entsprechenden Einrichtungen dienten und die, abgesehen von ihrer Modellwirkung, teilweise auch direkt von erheblicher volkswirtschaftlicher Bedeutung waren. Besonders hervorzuheben wäre in diesem Zusammenhang das an der Sektion Rechentechnik und Datenverarbeitung erstellte Programmsystem zur Automatisierung des Drucksatzes, durch welches die maschinelle Herstellung der Steuerstreifen für Lichtsetzmaschinen ermöglicht wird. Diese zunächst
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 327 für die VOB ZENTRAG erarbeiteten Programme, die jetzt durch Forschungsgruppen verschiedener Betriebe laufend ergänzt und erweitert werden, waren die Grundlage für die damals beginnende Umgestaltung eines ganzen Industriezweiges. Neben dieser vorwiegend anwendungsorientierten Forschung entstand aber auch ein Forschungskollektiv, welches sich mit den mathematischen Grundlagen der Informationsverarbeitung beschäftigte. Ausgehend von Untersuchungen zur Beschreibung der hard-ware von Rechenanlagen, welche auch die Simulation des R 300-Rechenwerkes auf dem ZRA 1 für das Kombinat Robotron ermöglichten, wurden die Forschungstätigkeit später auf die Theorie formalisierter Sprachen ausgedehnt und dadurch gute Voraussetzungen für die ständige Verbesserung der Lehrtätigkeit, die vor allem von Mitarbeitern dieser Forschungsgruppe getragen wurde, geschaffen. V Abb. 52. Prof. Dr. Hans Rohleder Seit der Umgestaltung der Sektion Rechentechnik und Datenverarbeitung zu einem dem Rektor der Universität direkt unterstellten Organisations- und Rechenzentrum im Jahre 1973 gehört das Forschungskollektiv „Mathematische Grundlagen der Informationsverarbeitung" zur Sektion Mathematik und bestreitet hier neben der EDV-Grundausbildung für Mathematiker und Physiker den überwiegenden Teil der Lehrveranstaltungen der Fachrichtung Mathematische Kybernetik und Rechentechnik. Die in der Sektion Rechentechnik und Datenverarbeitung begonnenen Forschungsarbeiten zu den theoretischen Grundlagen der Informationsverarbeitung wurden seit der Eingliederung dieser Forschungsgruppe in die Sektion Mathematik unter der Leitung von H. Rohleder (Abb. 52) weitergeführt. Dabei wurde eine an der Sektion
328 Teil IV Mathematik bereits bestehende Arbeitsgruppe, die Probleme der mathematischen Logik und der Mengenlehre bearbeitete, in das neugebildete Forschungskollektiv integriert. In dieser Arbeitsgruppe waren, aufbauend auf Arbeiten von D. Klatja1), Untersuchungen zur Anwendung der mehrwertigen Mengenlehre und zur Problematik unscharfer Mengen begonnen worden. Hierzu konnten von K.-U. Jahn Resultate zur Intervallarithmetik und einer Grundlegung der Intervallanalysis erzieh werden, die für Anwendungen in der Numerischen Mathematik bedeutsam sind. Eine Reihe von Arbeiten von S. Gottwald war den Beziehungen zwischen mehrwertigen Logiken und unscharfen Mengen gewidmet und gipfelte in einer Untersuchung über ein kumulatives System verallgemeinerter Mengen. Da diese Thematik eng mit dem *>.' Abb. 53. Prof. Dr. Karl-Heinz Bachmann Berechenbarkeitsbegriff verbunden ist, der in der Theorie der Informationsverarbeitung eine zentrale Rolle spielt, ergaben sich mannigfache Berührungspunkte mit den im Forschungskollektiv verstärkt betriebenen Arbeiten zu grundlegenden Fragen der Informationsverarbeitung, die sich mit der sprachlichen Formulierung von Algorithmen und für die Rechentechnik wesentlichen Präzisierungen des Algorithmenbegriffs befassen. So wurde von R. Hartwig eine Sprache zur Programmierung für Analog- und Hybridrechner entwickelt und ein von G. Grosche eingeführter Quasi- äquivalenzbegriff weiter untersucht. S. Gerber behandelte Ansätze zu einer Strukturtheorie endlicher Automaten Durch Erweiterung des klassischen Aussagenkalküls zu einem gemischten logisch-arithmetischen Kalkül konnten O-1-Optimierungspro- bleme durch G. Bär erfolgreich bearbeitet werden. Mit der Symmetrie von Ausdrücken der Schaltalgebra zusammenhängende Untersuchungen führte B. Schulze durch. Auf dem Gebiet der formalen Sprachen erarbeitete J. Loose hinreichende Kriterien x) Professor mit Lehrauftrag an der KMU Leipzig von 1965 bis 1972.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 329 zur Entscheidung der eindeutigen syntaktischen Abbaubarkeit in kontextfreien Sprachen. Eine Arbeit von M. Meiler war der Präzisierung von Aufgabenstellungen bei der Optimierung von Programmen gewidmet. Diese und andere Arbeiten trugen zu einer Klärung wichtiger Grundbegriffe der Informationsverarbeitung bei. Weitere Resultate zur mathematischen Modellierung von Datenverarbeitungsprozessen erzielte K.-H. Haubold mit der Aufstellung eines Kalküls, der als Hilfsmittel zur Beschreibung digitaler Schaltungen dienen kann. Insbesondere sind auch neuere Arbeiten von S. Gerber zur Modellierung von Rechner -und Steueralgorithmen unter Einbeziehung nichtdeterministischer und paralleler Prozesse zu erwähnen. Nach Einführung von Äquivalenz- und Pseudoäquivalenz- relationen werden dabei syntaktische Umformungen von Programmen unter Berücksichtigung ihrer Semantik möglich. Die 1976 erfolgte Berufung von K.-H. Bachmann (Abb. 53) als ordentlicher Professor für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik an die Sektion Mathematik war eine wesentliche Verstärkung des Forschungskollektivs, in dem danach auch Arbeiten zur Definition und Übersetzung von Programmierungssprachen mittels eines universellen Sprachverarbeitungssystems aufgenommen wurden. 1979 übernahm Prof. Dr. Bachmann die Leitung des Kollektivs. Das Forschungskollektiv hat vielfältige Beziehungen zur Praxis, die einerseits zur Anfertigung von Diplomarbeiten zu speziellen, von Industriebetrieben oder Forschungsinstituten gestellten Themen führen, andererseits auch in Arbeitsgruppen sowie durch gemeinsame Kolloquien und Konsultationen gepflegt werden. Algebraische Geometrie In den fünfziger Jahren wurde von E. Kahler eine allgemeine Theorie algebraischer Mannigfaltigkeiten auf arithmetischer Grundlage aufgestellt. Im Anschluß an die hierin gegebene Definition der Zetafunktion von Gebilden auf algebraischen Mannigfaltigkeiten wurden der Verband der Ideale in einem noetherschen Stellenring näher untersucht und die Ideale durch zwei Invarianten charakterisiert; im Fall eines regulären lokalen Rings der Dimension 2 konnte eine Rekursionsformel zur Bestimmung aller Ideale endlicher Idealkettenlänge gegeben werden. Diese Fragestellung führte für Dimensionen größer 2 in natürlicher Weise auf die Syzygientheorie. Die Beobachtung, daß die Syzygienketten nulldimensionaler Ideale regulärer Stellenringe umkehrbar sind, ließ sich verallgemeinern zur Charakterisierung perfekter Ideale und Vektormoduln, womit eine lang gehegte Vermutung von Gröbner bestätigt wurde. Außerdem wurde neben zahlreichen Einzelresultaten ein Zusammenhang mit der Theorie des inversen Systems hergestellt, durch den sich Beziehungen zur Theorie von Systemen partieller Differentialgleichungen ergeben. Eine Verallgemeinerung über den Rahmen der Cohen-Macaulay-Ringe hinaus war durch die Benutzung des von Rees eingeführten Gradbegriffs möglich (G. Eisenreich, Abb. 54). Um auch nichtkommutierende Differentialoperatoren erfassen zu können, machte es sich erforderlich, auch nichtkommutative Ringe in die Betrachtungen einzubezie- hen. In dieser Hinsicht konnten in einer Dissertation (P. Beckmann) erste Ergebnisse zur Syzygientheorie von Hüllalgebren Liescher Algebren erzielt werden. In Verallgemeinerung der Begriffs der Ideale der Hauptklasse wurde der Begriff
330 Teil IV der Hauptklassenmoduln eingeführt und durch eine Verallgemeinerung eines Satzes von Lasker charakterisiert. Die bereits hier verwendete symbolische Methode zur Bestimmung der homologischen Dimension ließ sich insbesondere verwenden, um Moduln von ^-Vektoren auf ihre Perfektheit zu untersuchen. Im Anschluß an einen Beweis von Northcott für die Ungleichung zwischen Höhe und Minimalbasislänge eines Ideals wurde unter anderem ein für einen beliebigen kommutativen noetherschen Ring mit Einselement gültiger Beweis der Macaulayschen Ungleichung für einen Vektormodul bzw. das ihm zugeordnete Determinantenideal gegeben. Es konnte gezeigt werden, daß die rekursive Perfektheitsdefinition nach Gröbner nicht abgeschwächt werden kann. Schließlich konnte für die Perfektheit der von den p-reihigen Unterdeterminanten einer Matrix mit lauter Unbestimmten als Elemente über einem Körper Abb. 54. Prof. Dr. Günther Eisenreich erzeugten Ideale ein einfacher und durchsichtiger Beweis geliefert werden, der nur von der Form der ersten Syzygien Gebrauch macht und der sich auf Hyperdetermi- nantenideale verallgemeinern läßt. Mit ihm kann man auch für eine größere Klasse von Idealen ihre Perfektheit nachweisen (G. Eisenreich). Weitere Arbeiten befassen sich mit der Flachheit von Moduln, flachen Erweiterungen lokaler Ringe, lokaler Auflösung exzellenter lokaler Ringe und mit lokalen Ringen mit minimaler Hilbert-Funktion. Jeder lokale Ring läßt sich durch quadratische Transformationen in einen mit minimaler Hilbert-Funktion überführen. Lokale Ringe R mit mininaler Hilbert-Funktion besitzen absolute Oberflächensequenzen der Länge dim R, sie sind insbesondere Macaulaysch (B. Herzog). In einer Dissertation wurden die homologischen Eigenschaften lokaler Erweiterungen und das Verhalten der Hilbert-Funktion untersucht (B. Herzog). Im Rahmen von Untersuchungen zur Auflösung von Singularitäten algebraischer Mannigfaltigkeiten wurden im Anschluß an Arbeiten von E. Kahler1) ein Verfahren x) E. Kahler: Geometria aritmetica, Annali di Matematica pura et applicata. Serie IV, Tomo XLV (1958), insbesondere die Abschnitte 63 bis 425.
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 331 zur Bestimmung der ganzen Differentiale rein algebraischer Körper weiter entwickelt (H. Schumann, Abb. 55) und für eine Reihe spezieller elliptischer Funktionenkörper die ganzen Differentiale bestimmt (H. Schumann, C.-P. Helmholtz, W. Reutter). Eine Reihe von Arbeiten — oft in Zusammenarbeit mit der von W. Vogel geleiteten Forschungsgruppe algebraischer Geometer der Sektion Mathematik der Martin- Luther-Universität Halle — haben Fragen in Zusammenhang mit der Multiplizitäts- theorie zum Gegenstand (J. Stückrad). Im Anschluß an eine Vermutung von D. Buchsbaum, daß für lokale Ringe A und jedes Parameterideal q von A die Differenz aus Länge und Multiplizität von q nur von A abhängig, nämlich dim A — depth A ist, wurde eine Klasse von Ringen herausgestellt („Buchsbaum-Ringe"), für die diese Vermutung richtig ist; eine zusammenfassende Darstellung wurde in einer Dissertation B (J. Stückrad) gegeben. \ \ t (f* Abb. 55. Prof. Dr. Horst Schumann Methodik des Mathematikunterrichts In den letzten zehn Jahren erfolgte unter der Leitung von H. Bock (Abb. 56) eine Profilierung der Forschungsthematik auf dem Gebiet der Methodik des Mathematikunterrichts in Richtung Könnens- und Fähigkeitsentwicklung im Unterricht. Die Arbeiten konzentrieren sich dabei auf Probleme der Entwicklung geistiger Tätigkeiten der Schüler im Unterrichtsprozeß. Eine zentrale Stellung in der Aneignungstätigkeit im Mathematikunterricht nimmt das Arbeiten mit Aufgaben ein. Anknüpfend an Untersuchungen von G. Wussing (1971), wurden von H. Bock, Ch. Riehl und G. Wussing für tragende Stoffgebiete des Mathematikunterrichts Aufgabenkomplexe entwickelt, die aus Aufgabentypen der Grundstruktur „gegeben —gesucht" bestehen und die die Grundlage für die Zusammenstellunggeeigneter Aufgabenmaterialien — insbesondere unter dem Gesichtspunkt der allseitigen Aneignung des Unterrichtsstoffes durch die Schüler — bilden.
332 Teil IV Dabei wurde auch der Gedanke der Förderung der geistigen Beweglichkeit der Schüler bei der Bewältigung von Leistungsanforderungen im Fach Mathematik verfolgt. H. Bock und G. Wussing (1978) arbeiteten in diesem Zusammenhang Ansatzpunkte bezüglich des Beachtens mehrerer Aspekte, des Aspektwechsels, einschließlich der Reversibilität heraus. Für das umfangreiche Gebiet des Lösens von Sach- und Textaufgaben liegen Ergebnisse von P. Borneleit vor. A V 1 N Abb. 56. Prof. Dr. Hans Bock Eine Reihe von Untersuchungen wurden zu Problemen der Entwicklung sprachlich-logischer Tätigkeiten, insbesondere zum Definieren bzw. zum Arbeiten mit Definitionen durchgeführt. Diese Untersuchungen sind im Zusammenhang zu sehen mit Arbeiten des Forschungskollektivs „Methodik des Mathematikunterrichts" der Martin-Luther-Universität Halle, dem H. Bock bis 1968 angehörte. Am Beispiel logischer Fähigkeiten wurde bestätigt (H. Bock, W. Walsch 1965/66), daß der Mathematikunterricht schlechthin nicht notwendigerweise zur Ausprägung von Fähigkeiten führt, sondern daß vielmehr ein planmäßiges zielgerichtetes Arbeiten hinsichtlich der zu erreichenden Ergebnisse erforderlich ist. Über den Rahmen der sprachlich-logischen Schulung hinaus wurden Untersuchungen zur Nutzung der mathematischen Fachsprache im Unterricht unter dem Gesichtspunkt allgemeiner Sprachnormen durchgeführt (P. Borneleit, P. Göthner, Ch. Riehl). Hinsichtlich der Entwicklung allgemeiner geistiger Tätigkeiten im Prozeß des Mathematiklernens liegen Untersuchungs- ergebnisse von P. Borneleit und H. Hunecke (1975) vor. Es wurde unter anderem die Methode des immanenten Ubens derartiger Tätigkeiten im Mathematikunterricht erprobt. Ein Mittel der Erkenntnisgewinnung als auch der Festigung des Gelernten stellen sogenannte funktionale Betrachtungen dar. Von C.-P. Helmholtz wurden
Mathematische Lehre und Forschung seit der demokratischen Neueröffnung 333 Zusammenhänge zwischen dem funktionalen Denken und der Schülertätigkeit im Mathematikunterricht herausgearbeitet. In die Thematik der Entwicklung geistiger Tätigkeiten ordnen sich auch die Untersuchungen ein, die von P. Göthner (1976) zur Heranführung von Schülern an die strukturtheoretische Denkweise, insbesondere im Mathematikunterricht der Abiturstufe, durchgeführt wurden. Die angestrengte und erfolgreiche Arbeit in Lehre und Forschung am Mathematischen Institut der Universität Leipzig und an der daraus 1969 hervorgegangenen Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität während der zurückliegenden 35 Jahre seit der demokratischen Neueröffnung der Universität erlebt einen Höhepunkt im Herbst 1981 mit dem 1. Mathematikerkongreß der DDR, der aus Anlaß des 100. Jahrestages der Gründung des Mathematischen Seminars in Leipzig durch Felix Klein von der Mathematischen Gesellschaft der DDR nach Leipzig vergeben wurde und von ihr gemeinsam mit der Sektion Mathematik der Karl-Marx-Universität veranstaltet wird. Die Ausrichtung eines wissenschaftlichen Kongresss von solch hohem Rang bedeutet für die Angehörigen der Sektion Mathematik der Karl-Marx- Universität eine große Ehre und Verpflichtung. In den vergangenen 35 Jahren wurde von den Mathematikern der Universität Leipzig manches Bewährte in Forschung und Lehre mit Erfolg weitergeführt; es wurde aber auch vieles Neue geschaffen, das Profil der Forschung und das der Absolventen ausgeprägt. Die beachtlichen Ergebnisse während dieser Zeit in Lehre, Erziehung und Forschung fanden mehrfach hohe Anerkennung.1) Für die junge Mathematikergeneration ist es eine lohnende Aufgabe, diese Entwicklung unter den günstigen, die Wissenschaft fördernden Bedingungen der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR erfolgreich fortzusetzen. Quellen- und Literaturverzeichnis [1] Personal- und Vorlesungsverzeichnisse der Universität Leipzig, Sommersemester 1945 bis Frühjahrssemester 1952/53. [2] Personal- und Vorlesungsverzeichnisse der Karl-Marx-Universität Leipzig, Herbstsemester 1953/54 bis Frühjahrssemester 1969. [3] Personalverzeichnisse der Karl-Marx-Universität Leipzig 1970—1979. [4] Studien- und Hochschulführer 1954/55, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1954. [5] Studienplan für die Fachrichtung Mathematik vom 1. September 1954, Studienpläne Nr. 11 und IIA, Hochschulbestimmungen, Staatssekretariat für Hochschulwesen. [6] Studienplan für die Grundstudienrichtung Mathematik zur Ausbildung an Universitäten und Hochschulen der DDR, Berlin, Mai 1974. [7] Studienplan für die Ausbildung von Diplomlehrern der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen an Universitäten und Hochschulen der DDR, Berlin, April 1975. [8] Die Weiterführung der 3. Hochschulreform und die Entwicklung des Hochschulwesens bis 1975, Schriftenreihe des Staatsrates der DDR, Heft 8, 3. Wahlperiode, Berlin 1969. [9] VII. Parteitag der SED, Referat von Walter Ulbricht: Die gesellschaftliche Entwick- x) Im Jahre 1978 wurden Prof. Dr. Horst Schumann mit dem „Vaterländischen Verdienstorden in Gold" und NPTProf. Dr. Herbert Beckert mit dem Ehrentitel „Verdienter Hochschullehrer der DDR" ausgezeichnet.
334 Teil IV lung in der Deutschen Demokratischen Republik bis zur Vollendung des Sozialismus, Dietz-Verlag, Berlin 1967. [10] Dokumente des VIII. Parteitages der SED, Dietz-Verlag, Berlin 1971. [11] IX. Parteitag der SED, Erich Honecker : Bericht des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den IX. Parteitag der SED, Dietz-Verlag, Berlin 1976. [12] IX. Parteitag der SED: Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Dietz-Verlag, Berlin 1976. [13] Referat zum 10. Jahrestag der Gründung der Sektion Mathematik; Referent Prof. Dr. Horst Schumann, Leipzig, 31. Januar 1979. [14] Dia Vortrag „Geschichte der Mathematik in Leipzig", ausgearbeitet von einer Arbeitsgruppe der Sektion Mathematik der KMU Leipzig unter Leitung von Doz. Dr. Reinhard Hofmann. [15] Materialien aus dem ,,Traditionskabinett der Sektion Mathematik" (der KMU Leipzig), ausgearbeitet von einer Arbeitsgruppe der Parteileitung der Sektion Mathematik unter Leitung von Doz. Dr. Günther Dewess. [16] Thesen der Parteileitung Mathematik der Karl-Marx-Universität, KMU Leipzig, Sektion Mathematik, 14. 2. 1968. [17] Referat zur Konferenz „Mathematik und Praxis", Referent Prof. Dr. Horst Schumann, Leipzig, 27./28. September 1974.
Die Direktoren des Mathematischen Instituts und der Sektion Mathematik seit 1881 Die in Klammern beigefügten Zahlenangaben bezeichnen die Zeitdauer, innerhalb der die genannten Professoren das Amt eines Direktors bzw. Mitdirektors innehatten.
336 Direktoren des Mathematischen Instituts und der Sektion Mathematik seit 1881 Felix Klein Adolph Mayer Karl von der Mühll-His (1881 -1886) (1881 -1900) (1881 -1889) \ Sophus Lie Otto Holder Karl Rohn (1886-1898) (1899-1930) (1905-1920) Gustav Herglotz Leon Lichtenstein Paul Koebe (1909-1925) (1922-1933) (1926-1945)
Direktoren des Mathematischen Instituts und der Sektion Mathematik seit 1881 337 V*t \ B. L. VAN DER WAERDEN EBERHARD HOPF FRIEDRICH HUND (1931-1945) (1937-1944) (1945-1946) Ernst Holder Herbert Beckert (1946-1958) (1958-1969) (Paul Günther (1969-1971) Horst Schumann (seit 1971) Stellv. f. Forschung: Stellv. f. Forschung: Herbert Beckert Herbert Beckert Stellv. f. Erz./Ausb.: Hans Bock (1971 — 1973) Stellv. f. Erz./Ausb.: Hans-Joachim Girlich (1973 — 1977) Horst Schumann Günter Grosche (seit 1977)
Quellennachweis für Abbildungen Fotografen und Archive — Archiv der Poggendorfredaktion der Sachs. Akad. d. Wiss. Leipzig (Porträts S. 207, 253) — Sonja Bruchholz, Sektion Mathematik der KMU Leipzig (Abb. 53—56, Porträt H. Schumann S. 337) — Hochschul-Film- und Bildstelle der KMU Leipzig (Abb. 2, 37-39, 51, 52) — Sektion Mathematik der KMU Leipzig (Porträt S. 92, Abb. 33) — Universitätsarchiv der KMU Leipzig (Porträts S. 134, 147, 169, 183, Porträt G. Herglotz S. 336) — Dipl.-Math. Kurt Voigt, Sektion Mathematik der KMU Leipzig (Abb. 28, 29, 36, 40, 41, 43 45-50, Porträt P. Günther S. 337) Aus Privatbeständen stellten Fotos zur Verfügung — Prof. Dr. Herbert Beckert (Porträt S. 202, Abb. 34, 44, Porträts O. Holder S. 336, H. Beckert S. 337) — Prof. Dr. Rolf Klötzler (Porträt S. 245, Abb. 31, Porträt E. Holder S. 337) — Dr. Helmar Lehmann (Abb. 25, 26) — Martha Riedel (Abb. 19, 32, 35) — Philomena Salie (Porträt S. 260) — Prof. Dr. Horst Schumann (Abb. 42) — Studienrat Dr. Gerlinde Wussing (Abb. 30) Bücher und Zeitschriften — Acta Eruditorum, Leipzig MDCCXL (Abb. 3) — Bayerische Akad. d. Wiss., Jahrbuch 1953, München 1954 (Porträt S. 176) — Die Naturwissenschaften, Jg. 7 (1919) (Porträt S. 82) — Friedberg, E.: Die Universität Leipzig in Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1898 (Abb. 27) — Indiana University, Mathematics Journal, Vol. 22, No 12 (1973) (Porträt E. Hopf S. 337) — Karl-Marx-Universität Leipzig 1409—1959. Beiträge zur Universitätsgeschichte, Bd. 1, Leipzig 1959 (Abb. 1)
340 Quellennachweis für Abbildungen — Kästner, A. G.: Geschichte der Mathematik, Göttingen 1796 — 1799 (Abb. 4) — Kleine Enzyklopädie Mathematik, Leipzig 1970 (Porträt S. 111) — Jahresber. DMV 17 (1908), B. G. Teubner, Leipzig (Porträt S. 102) — Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft, Berlin 1930 (Porträt S. 195, Porträt P. Koebe S. 336) — Reid, C: Hubert, Berlin-Heidelberg-New York 1970 (Abb. 14) — Verh. d. Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft 95 (1912) (Porträt K. v. D. Mühll S. 336) — Von der Pferdebahn zum Gelenkzug (Betriebsgeschichte der Verkehrsbetriebe Leipzig), Leipzig 1965 (Abb. 6) — van der Waerden, B. L.: Erwachende Wissenschaft, Bd. 1, 2. Aufl., Birkhäuser Verlag, Basel 1956 (Porträt S. 218) — Wussing, H., und W. Arnold: Biographien bedeutender Mathematiker, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1975 (Abb. 5, 7) — Zeitschrift für Physik 144 (1956) (Porträt F. Hund S. 337)