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Vorbemerkung
Vor fünfzig Jahren, am 14. März 1883, ist Karl Marx, der geniale
Begründer des wissenschaftlichen (oder modernen) Kommunismus,
gestorben. Seit jenem Tag ist nicht mehr als ein halbes Jahrhundert
vergangen. Doch in diesem halben Jahrhundert hat der revolutio¬
näre Marxismus Millionen und aber Millionen Proletarier unter
meinem Banner gesammelt. Der große Forttuhrer der Sache von
Marx, Lenin, hat Marxens revolutionäre Lehre auf eine höhere histo¬
rische Stufe gehoben. Geführt von Lenin haben die Bolschewiki zum
ersten Male in der Geschichte die Diktatur des Proletariats verwirk¬
licht, die Marx wissenschaftlich vorhergesehen und begründet hatte.
Schon ist auf dem gewaltigen Territorium des ehemaligen Zaren¬
reiches das Fundament der sozialistischen Gesellschaft errichtet. Die
Ud^ R. hat für immer die Bahn des Sozialismus beschritten. Unter
der Führung des besten Marxisten-Leninisten, des Genossen Stalin,
kämpfen die Bolschewiki aller Länder heldenhaft um den Sieg des
Kommunismus in der ganzen Welt.
Untrennbar ist mit dem Namen Marx der Name Friedrich Engels
verknüpft. Marx und Engels haben gemeinsam die revolutionäre
Theorie des proletarischen Befreiungskampfes geschaffen. Jahr¬
zehntelang haben sie Schulter an Schulter unversöhnlich für die
Sache der Arbeiterklasse gegen die „gelehrten“ Knechte der Bour¬
geoisie gekämpft, gegen die kleinbürgerlichen „Sozialisten“, gegen
die Opportunisten von rechts und von „links“. Marx und Engels
haben den Grundstein zur kommunistischen Weltpartei gelegt.
„Alte Sagen“, schrieb Lenin, „berichten über, verschiedene rüh¬
rende Beispiele von Freundschaft. Das europäische Proletariat darf
sich rühmen, daß seine Wissenschaft von zwei Gelehrten und Kämp¬
fern geschaffen worden ist, deren Bund alle, auch die rührendsten
Sagen der Alten von der menschlichen Freundschaft in den Schatten
stellt... Grenzenlos wie Engels’ Liebe für den lebenden Marx, war
seine Ehrfurcht vor dem Andenken des Verstorbenen. Dieser harte
Kämpfer und strenge Denker hatte eine tiefliebende Seele.“ Darum
war der Tod von Marx für Engels ein erschütternder Schlag. Doch
wich er diesem Schlag nicht aus, sondern begegnete ihm mannhaft,
wie es einem wirklichen Revolutionär, einem Mitkämpfer und
B
Freund *des großen Marx ziemt. Engels trug die Fahne des inter¬
nationalen Kommunismus aufrecht weiter, und kein einziges Mal
erzitterte sie in seinen Händen.
ln der vorliegenden Broschüre sind die Briefe von Engels ge¬
sammelt, die er am 14. und 15. März 1883 unter dem unmittelbaren
Eindruck des Todes von Marx geschrieben hat. Statt eines Vor¬
wortes ist die Grabrede von Engels beigegeben; im Anhang ist der
Artikel von Engels „Zum Tode von Karl Marx“ abgedruckt. Erfüllt
von echter Trauer und zugleich von jenem wirklichen Mut, der sich
keinen Augenblick der Verzweiflung hingibt und den großen Auf¬
gaben des künftigen Kampfes fest ins Auge sieht, sind diese spär¬
lichen Zeilen von Engels der schönste Kranz auf das Grab unseres
großen Führers Karl Marx.
Marx-Engels-Institut beim ZK der KPdSU (B).
4
Friedrich Engeis
Rede am Grabe von Karl Marx.
(Gehalten in Highgate am 17. März 1883)
Am 14. März, nachmittags ein Viertel vor drei, hat der größte
lebende Denker aufgehört, zu denken. Kaum zwei Minuten allein
gelassen, fanden wir ihn beim Eintreten in seinem Sessel ruhig
entschlummert — aber für immer.
Was das streitbare europäische und amerikanische Proletariat,
was die historische Wissenschaft an diesem Mann verloren haben,
das ist gar nicht zu ermessen. Bald genug wird sich die Lücke fühl¬
bar machen, die der Tod dieses Gewaltigen gerissen hat.
Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur,
so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Ge¬
schichte: die bisher unter ideologischen Ueberwucherungen verdeckte
einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen,
trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissen¬
schaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produk¬
tion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedes¬
malige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeit¬
abschnittes die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrich¬
tungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen
Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus
der sie daher auch erklärt werden müssen — nicht, wie bisher ge¬
schehen, umgekehrt.
Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungs¬
gesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr
erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehr¬
werts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren
Untersuchungen, sowohl der bürgerlichen Oekonomen wie der sozia¬
listischen Kritiker, im Dunkel sich verirrt hatten.
Zwei solche Entdeckungen sollten für ein Leben genügen. Glück¬
lich schon der, dem es vergönnt ist, nur eine solche zu machen.
Aber auf jedem einzelnen Gebiet, das Marx der Untersuchung unter¬
warf — und dieser Gebiete waren sehr viele und keines hat er bloß
§
flüchtig berührt — auf jedem, selbst auf dem der Mathematik, hat
er selbständige Entdeckungen gemacht.
So war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange
nicht der halbe Mann. Die Wissenschaft war für Marx eine ge
schichtlich bewegende, eine revolutionäre Kraft. So reine Freude
er haben konnte an einer neuen Entdeckung in irgend einer theore¬
tischen Wissenschaft, deren praktische Anwendung vielleicht noch
gar nicht abzusehen, — eine ganz andere Freude empfand er, wenn
es sich um eine Entdeckung handelte, die sofort revolutionär ein*
griff in die Industrie, in die geschichtliche Entwicklung überhaupt.
So hat er die Entwicklung der Entdeckungen auf dem Gebiete der
Elektrizität und zuletzt noch die von Marc Deprez1, genau verfolgt.
Denn Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser
oder jener Weise, am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der
durch sie geschaffenen Staatseinrichtungen, mitzuwirken an der Be¬
freiung des modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewußtsein
seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewußtsein der Be¬
dingungen seiner Emanzipation gegeben hatte — das war sein wirk¬
licher Lebensberuf. Der Kampf war sein Element. Und er hat ge¬
kämpft mit einer .Leidenschaft, einer Zähigkeit, einem. Erfolg wie
wenige. Erste Rheinische Zeitung 1842, Pariser Vorwärts 1844.
Brüsseler Deutsche Zeitung 1847, Neue Rheinische Zeitung 1848-49
New-York Tribüne 1852 bis 1861 — dazu Kampfbroschüren clie
Menge, Arbeit in Vereinen in Paris, Brüssel und London, bis endlich
die große Internationale Arbeiterassoziation als Krönung des Ganzen
entstand — wahrlich, das war wieder ein Resultat, worauf sein Ur¬
heber stolz sein konnte, hätte er sonst auch nichts geleistet.
Und deswegen war Marx der bestgehaßte und bestverleumdete
Mann seiner Zeit. Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen
ihn aus, Bourgeois, Konservative wie Extrem-Demokratische, logen
ihm um die Wette Verlästerungen nach. Er schob das alles bei
Seite, wie Spinnweb, achtete dessen nicht, antwortete nur, wenn
äußerster Zwang da war. Und er ist gestorben, verehrt, geliebt,
betrauert von Millionen revolutionärer Mitarbeiter, die von den
sibirischen Bergwerken an über ganz Europa und Amerika bis
Kalifornien hin wohnen, und ich kann es kühn sagen: er mochte
noch manchen Gegner haben, aber kaum noch einen persönlichen
Feind.
Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so aüch
sein Werkl
Erschienen im Züricher „Sozialdemokrat“, Nr. 13,
vom 22. März 1883.
6
Telegramm Engels’ an F. A. Sorge3
London, 14. März 1883.
MARX HEUTE GESTORBEN
ENGELS.
Engels an W. Liebknecht3
c London, 14. März 1883.
Lieber Liebknecht!
Mein Telegramm an Frau B.4 — die einzige Adresse, die ich
habe — wird Euch mitgeteilt haben, welchen furchtbaren Verlust
die europäische sozialistisch-revolutionäre Partei erlitten hat. Noch
vorigen Freitag hatte uns der Arzt gesagt — einer der ersten Londons
—, es sei alle Aussicht da, ihn wieder so gesund zu machen, wie je
vorher, sobald nur die Kräfte durch Nahrung aufrecht zu halten.
Und gerade seitdem fing er wieder an, mit mehr Appetit zu essen.
Da, heute Mittag nach zwei Uhr, fand ich das Haus in Tränen, er
sei furchtbar schwach; Lenchen5 rief mich, heraufzukommen, er sei
halb im Schlaf, und als ich heraufkam — sie hatte das Zimmer keine
zwei Minuten verlassen —, war er ganz im Schlaf, aber im ewigen.
Der größte Kopf der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts hatte auf¬
gehört zu denken. Ueber die unmittelbare Todesursache erlaube ich
mir ohne medizinischen Rat kein Urteil, und der ganze Fall war so
verwickelt, daß es Bogen erfordern würde, selbst von Medizinern
ihn gehörig beschrieben zu bekommen. Das ist jetzt am Ende auch
nicht mehr so wichtig. Ich habe die letzten sechs Wochen Angst
genug ausgestanden, und kann nur sagen, daß nach meiner Ansicht
erst der Tod seiner Frau und dann, in einer sehr kritischen Periode,
der von Jenny6, das ihrige getan haben, die Schlußkrisis herbei-
führen zu helfen.
Trotzdem ich ihn heut Abend in seinem Bett ausgestreckt ge¬
sehen, die Leichenstarre im Gesicht, kann ich mir doch gar nicht
denken, daß dieser geniale Kopf aufgehört haben soll, mit seinen
gewaltigen Gedanken die proletarische Bewegung beider Welten zu
befruchten. Was wir alle sind, wir sind es durch ihn; und was die
heutige Bewegung ist, sie ist es durch seine theoretische und prak¬
tische Tätigkeit; ohne ihn säßen wir immer noch im Unrat der
Konfusion.
Dein F. Engels.
7
Engels an Bernstein'in Zürich
London, 14. März 1883.
Lieber Bernstein!
Mein Telegramm werden Sie erhalten haben. Die Sache trat
furchtbar rasch ein. Nach den besten Aussichten plötzliches Zu¬
sammenbrechen der Kräfte heut Morgen, dann einfaches Ein¬
schlafen. In zwei Minuten hatte dieser geniale Kopf aufgehört zu
denken, und zwar gerade zu c}er Zeit, wo wir die besten Aussichten
zu haben von den Aerzten ermutigt waren. Was dieser Mann uns
theoretisch und in allen entscheidenden Momenten auch praktisch
wert war, davon kann man nur eine Vorstellung haben, wenn man
fortwährend mit ihm zusammen war. Seine großen Gesichtspunkte
werden mit ihm für jahrelang von der Bühne verschwinden. Das
sind Dinge, denen wir andere nicht gewachsen sind. Die Bewegung
geht ihren Gang, aber sie wird des ruhigen, rechtzeitigen, über¬
legenen Eingreifens entbehren, das ihr bisher manchen langwierigen
Irrweg erspart hat.
Weiteres nächstens. Es ist jetzt 12 Uhr nachts, und ich habe
den ganzen Nachmittag und Abend Briefe schreiben und allerhand
Dingen nachlaufen müssen.
Ihr Fr. Engels.
Engels an Becker8
London, 15. März 1883.
Lieber Alter!
Freue Dich, daß Du Marx noch im vorigen Herbst sähest, Du
siehst ihn nie wieder. Gestern nachmittag 2.45, kaum zwei Minuten
allein gelassen, fanden wir ihn sanft entschlafen im Sessel. Der ge¬
waltigste Kopf unserer Partei hatte aufgehört zu denken, das stärkste
Herz, das ich je gekannt, hatte ausgeschlagen. Es war wahrschein¬
lich innere Verblutung eingetreten.
Wir zwei sind nun so ziemlich die letzten der alten Garde von vor
1848. Nun gut, wir bleiben auf der Bresche. Die Kugeln pfeifen,
die Freunde fallen, aber das sehen wir zwei nicht zum erstenmal.
Und wenn einen von uns die Kugel trifft, — ’s ist auch gut so, wenn
sie nur ordentlich sitzt, daß man nicht lange zappelt.
Dein alter Kriegskamerad
Fr. E.
8
Engels an F. A. Sorge In Hoboken
London, 15. März 83.
11.45 abends.
Lieber Sorgel
Dein Telegramm kani heute Abend an. Herzlichen Dank.
Dir über Marx’s Befinden regelmäßig zu berichten, war unmög¬
lich wegen der ewigen Wechselfälle. Hier in Kurzem die Haupt¬
sache.
Kurz vor dem Tode seiner Frau bekam er Oktober, 81, eine Pleu-
risy. Davon hergestellt, wurde er im Februar 82 nach Algier ge¬
schickt, hatte kaltes, nasses Reisewetter, und kam mit einer neuen
Pleurisy dort an. Das infame Wetter dauerte fort; als er eben
kuriert, wurde er, der herannahenden Sommerhitze wegen, nach
Monte Carlo (Monaco) geschickt. Kam wieder mit einer gelinderen
Pleurisy an. Wieder infames Wetter. Endlich kuriert, ging er nach
Argenteuil bei Paris zu seiner Tochter, Frau Longuet. Dort benutzte
er gegen die alteingewurzelte Bronchitis die benachbarten Schwefel¬
quellen von Enghien. Auch da blieb das Wetter ganz abscheulich,
doch half die Kur. Dann auf sechs Wochen nach Vevey, von wo
er scheinbar fast gesund im September herkam. Man hatte ihm den
Aufenthalt an der Südküste von England für den Winter erlaubt.
Und er selbst war das tatlose Wanderleben so satt, daß neues Exil
nach dem europäischen Süden ihm wahrscheinlich moralisch eben¬
soviel geschadet wie physisch genützt hätte. Als die Londoner
Nebelzeit hereinbrach, schickte man ihn nach der Insel Wight. Dort
regnete es in einem fort; neue Erkältung. Um Neujahr wollten
Schorlemmer9 und ich ihn besuchen, da kamen Berichte, die Tussys
Hinreise sofort nötig machten. Gleich darauf Jenny’s Tod — da kam
er her mit einer neuen Bronchitis. Nach allem Vorhergegangenen
und bei seinem Alter war das gefährlich. Eine Menge Komplika¬
tionen kamen hinzu, namentlich ein Lungengeschwür und enorm
rascher Kräfteverlust. Trotzdem verlief die Gesamtkrankheit gün¬
stig, und vorigen Freitag noch machte uns der ihn en chef behan¬
delnde Arzt, einer der ersten jüngeren Aerzte Londons und ihm
speziell von Ray Lancaster empfohlen, die brillantesten Hoffnungen.
Aber wenn man nur einmal Lungengewebe unter dem Mikroskop
untersucht hat, so weiß man, wie groß die Gefahr, daß bei Lungen¬
vereiterungen einmal eine Blutgefäßwand durchbrochen wird. Und
deswegen hatte ich seit 6 Wochen jeden Morgen, wenn ich um die
Ecke kam,.Todesangst, die Vorhänge möchten heruntergelassen sein.
Gestern Mittag 2.30, seine beste Tagesbesuchszeit, kam ich hin —
das Haus in Tränen, es scheine zu Ende zu gehen. Ich erkundigte
g
mich, suchte der Sache auf den Grund zu kommen, zu trösten. Eine
kleine Blutung, aber ein plötzliches Zusammensinken war einge¬
treten. Unser braves altes Lenchen, das ihn gepflegt, wie keine
Mutter ihr Kind pflegt, ging herauf, kam herunter: er sei halb im
Schlaf, ich möge mitkommen. Als wir eintraten, lag er da schlafend,
aber um nicht mehr aufzuwachen. Puls und Atem waren fort. In
den zwei Minuten war er ruhig und schmerzlos entschlummert.
Alle mit Naturnotwendigkeit eintretenden Ereignisse tragen ihren
Trost in sich, sie mögen noch so furchtbar sein. So auch hier. Die
Doktorenkunst hätte ihm vielleicht noch auf einige Jahre eine vege¬
tierende Existenz sichern können, das Leben eines hilflosen, von den
Aerzten zum Triumph ihrer Künste nicht plötzlich, sondern zollweise
absterbenden Wesens. Das aber hätte unser Marx nie ausgehalten.
Zu leben, mit den vielen unvollendeten Arbeiten vor sich, mit dem
Tantalusgelüst, sie zu vollenden, und der Unmöglichkeit, es zu tun
— das wäre ihm tausendmal bitterer gewesen als der sanfte Tod,
der ihn ereilt. „Der Tod ist kein Unglück für den, der stirbt, son¬
dern für den, der überlebt“, pflegte er mit Epikur10 zu sagen. Und
diesen gewaltigen, genialen Mann als Ruine fortvegetieren zu sehen,
zum größeren Ruhm der Medizin und zum Spott für die Philister, die
er in seiner Vollkraft so oft zusammengeschmettert — nein, tausend¬
mal besser, wie es ist, tausendmal besser, wir tragen ihn übermorgen
in das Grab, wo seine Frau schläft.
Und nach dem, was vorangegangen, und was selbst die Doktoren
nicht so gut kennen wie ich, war meiner Ansicht nach nur diese
Wahl.
Dem sei wie ihm wolle, die Menschheit ist um einen Kopf kürzer
gemacht, und zwar um den bedeutendsten Kopf, den sie heutzutage
hatte. Die Bewegung des Proletariats geht ihren Gang weiter, aber
der Zentralpunkt ist dahin, zu dem Russen, Franzosen, Amerikaner,
Deutsche in entscheidenden Augenblicken sich von selbst wandten,
um jedesmal den klaren, unwidersprechlichen Rat zu erhalten, den
nur das Genie und die vollendete Sachkenntnis geben konnte. Die
Lokalgrößen und die kleinen Talente, wo nicht die Schwindler, be¬
kommen freie Hand. Der endliche Sieg bleibt sicher, aber die Um¬
wege, die temporären und lokalen Verirrungen — schon so unver¬
meidlich — werden jetzt ganz anders Anwachsen. Nun — wir
müssen’s durchfressen, wozu anders sind wir da? Und die Courage
verlieren wir darum noch lange nicht.
Dein
10
F. Engels,
Engels an Friedrich Leßner11
London, 15.. März 1883.
Lieber Leßner!
Unser alter Marx ist gestern um drei Uhr sanft und ruhig für
immer eingeschlafen, Todesursache war zunächst wahrscheinlich
innere Blutung.
Das Begräbnis findet statt Samstag um 12 Uhr und läßt Tussy1*
Dich bitten, nicht auszubleiben.
In großer Eile
Dein
F. Engels.
n
ANHANG
Friedrich Engels
Zum Tode von Karl Marx#
Es sind mir nachträglich noch einige Kundgebungen bei Gelegen¬
heit dieses Trauerfalles zugekommen, die beweisen, wie allgemein
die Teilnahme war, und über die ich Rechenschaft abzulegen habe.
Am 20. März erhielt Fräulein Eleonor Marx12 von der Redaktion
der „Daily News“ folgendes Telegramm in französischer Sprache
zugesandt:
„M o s k a u , 18. März. Redaktion „Daily News“, London. Haben
Sie die Güte, an Herrn Engels, den Verfasser der „arbeitenden
Klassen in England“ und intimen Freund des verstorbenen Karl
Marx, unsere Bitte zu übermitteln, er möge auf den Sarg des un¬
vergeßlichen Autors des „Kapital“ einen Kranz legen mit folgender
Inschrift:
„Dem Verteidiger der Rechte der Arbeiter in der Theorie und
ihrer Verwirklichung im Leben, die Studenten der landwirtschaft¬
lichen Akademie von Petrowski in Moskau.“
„Herr Engels wird gebeten, seine Adresse und den Preis des
Kranzes mitzuteilen; der Betrag wird ihm sofort übermittelt werden.
Studenten der Akademie Petrowski
in Moskau.“
Die Depesche war unter allen Umständen zu spät für das am
17. stattgefundene Begräbnis.
Ferner sandte mir Freund P. L a w r o f f13 in Paris am 31. März
eine Anweisung auf Fr. 124,50 gleich Pf. Stlg. 4.18.9, eingesandt von
den Studenten des technologischen Instituts in Petersburg und
von russischen studierenden Frauen, ebenfalls für einen Kranz auf
das Grab von Karl Marx.
Drittens hat der „Sozialdemokrat“ vorige Woche angezeigt, daß
Odessaer Studenten ebenfalls einen Kranz auf Marx Grab in ihrem
Namen niedergelegt wünschen.
12
Da nun das aus Petersburg erhaltene Geld reichlich für alle drei
Kränze genügt, so habe ich mir erlaubt, auch den Moskauer und
Odessaer Kranz daraus zu bestreiten. Die Anfertigung der In¬
schriften, hier eine ziemlich ungewohnte Sache, hat einige Ver¬
schleppung verursacht, doch wird die Niederlegung Anfangs nächster
Woche slattfinden ul 1 werde ich alsdann im „Sozialdemokrat“
Rechnung über das erhaltene Geld ablegen können.
Von Solingen kam durch den hiesigen Kommunistischen
Arbeiterbildungsverein an uns ein schöner großer Kranz „auf das
Grab von Karl Marx von den Arbeitern der Scheeren-, Messer- und
Schwerter-Industrie in Solingen“. Als wir ihn am 24. März nieder¬
legten, fanden wir von den Kränzen vom „Sozialdemokrat“ und vom
Kommunistischen Arbeiterbildungsverein die langen Enden der sei¬
denen roten Schleifen von grabschänderischer Hand abgeschnitten
und gestohlen. Beschwerde beim Verwaltungsrat half nichts, wird
aber wohl Schutz für die Zukunft schaffen.
Ein slavischer Verein in der Schweiz „hofft, daß dem Andenken
von Karl Marx durch Gründung eines seinen Namen führenden
internationalen Fonds zur Unterstützung der Opfer des großen
Emanzipationskampfes, sowie zur Förderung dieses Kampfes selbst,
ein besonderes Erinnerungszeichen gesetzt werde“, und sendet einen
ersten Beitrag ein, den ich einstweilen an mir behalten habe. Das
Schicksal dieses Vorschlags hängt natürlich in erster Linie davon ab,
ob er Anklang findet, und deshalb veröffentliche ich ihn hier.
Um den in den Zeitungen umlaufenden falschen Gerüchten etwas
Tatsächliches entgegenzusetzen, teile ich folgende kurze Einzelheiten
mit über Krankheitsverlauf und Tod unseres großen theoretischen
Führers.
Von altem Leberleiden durch dreimalige Kur in Karlsbad fast
ganz kuriert, litt Marx nur noch an chronischen Magenleiden und
nervöser Abspannung, die sich in Kopfschmerz, zumeist aber in hart¬
näckiger Schlaflosigkeit äußerte. Beide Leiden verschwanden mehr
oder weniger nach dem Besuch eines Seebades oder Luftkurortes im
Sommer und traten erst nach Neujahr wieder störender an den Tag.
Chronische Halsleiden, Husten, der ebenfalls zur Schlaflosigkeit bei¬
trug, und chronische Bronchitis störten im Ganzen weniger. Aber
gerade hieran sollte er erliegen. Vier oder fünf Wochen vor dem
Tode seiner Frau ergriff ihn plötzlich eine heftige Rippenfellentzün¬
dung (Pleuritis), verbunden mit Bronchitis und anfangender Lungen¬
entzündung (Pneumonie). Die Sache war sehr gefährlich, verlief
aber gut. Er wurde dann zuerst nach der Insel Wight geschickt
(Anfang 1882) und darauf nach Algier. Die Reise war kalt, und er
13
kam mit einer neuen Pleuritis in Algier an. Das hätte nicht so sehr
viel ausgemacht unter Durchschnittsumständen. Aber Winter und
Frühjahr waren in Algier kalt und regnerisch wie sonst nie, im April
machte man vergebens Versuche, den Speisesaal zu heizen! So war
Verschlimmerung des Gesamtzustandes, statt Verbesserung das
Schlußresultat.
Von Algier nach Monte Carlo (Monaco) geschickt, kam Marx in¬
folge naßkalter Ueberfahrt mit einer dritten, jedoch gelinderen,
Pleuritis dort an. Dabei anhaltend schlechtes Wetter, das er speziell
von Afrika mitgebracht zu haben schien. Also auch hier Kampf mit
neuer Krankheit statt Stärkung. Gegen Sommers Anfang ging er zu
seiner Tochter Frau Longuet in Argenteuil, und benutzte von da aus
die Schwefelbäder des benachbarten Enghien gegen seine chronische
Bronchitis' Trotz des andauernd nassen Sommers gelang die Kur,
zwar langsam, aber doch zur Zufriedenheit der Aerzte. Diese schick¬
ten ihn nun nach Vevey am Genfer See, und dort erholte er sich am
meisten, so daß man ihm den Winteraufenthalt, zwar nicht in Lon¬
don, aber doch an der englischen Südküste erlaubte. Hier wollte er
dann endlich seine Arbeiten wieder beginnen. Als er im September
nach London kam, sah er gesund aus und erstieg den Hügel von
Hampstead (zirka 300 Fuß höher als seine Wohnung) oft mit mir
ohne Beschwerde. Als die Novembernebel drohten, wurde er nach
Ventnor, der Südspitze der Insel Wight, geschickt. Sofort wieder
nasses Wetter und Nebel; notwendige Folge: erneuerte Erkältung,
Husten usw., kurz, schwächender Stubenarrest statt stärkender Be¬
wegung in freier Luft. Da starb Frau Longuet. Am nächsten Tage
(12. Januar) kam Marx nach London, und zwar mit entschiedener
Bronchitis. Bald gesellte sich dazu eine Kehlkopfentzündung, die
ihm das Schlucken fast unmöglich machte. Er, der die größten
Schmerzen mit dem stoischsten Gleichmut zu ertragen wußte, trank
lieber einen Liter Milch (die ihm sein Lebetag ein Greuel gewesen),
als daß er die entsprechende feste Nahrung verzehrte. Im Februar
entwickelte sich ein Geschwür in der Lunge. Die Arzneien versagten
jede Wirkung auf diesen seit fünfzehn Monaten mit Medizin über¬
füllten Körper: was sie bewirkten, war höchstens Schwächung des
Appetits und der Verdauungstätigkeit. Er magerte sichtbar ab, fast
von Tag zu Tag. Trotzdem verlief die Gesamtkrankheit verhältnis¬
mäßig günstig. Die Bronchitis war fast gehoben, das Schlucken
würde leichter. Die Aerzte machten die besten Hoffnungen. Da
finde ich — zwischen 2 und 3 war die beste Zeit, ihn zu sehen
plötzlich das Haus in Tränen: er sei so schwach, es gehe wohl zu
Ende. Und doch hatte er den Morgen noch Wein, Milch und Suppe
mit Appetit genommen. Das alte treue Lenchcn Demulh, die alle
14
seine Kinder von der Wiege an erzogen und seit vierzig Jahmi im
Hause ist, geht herauf zu ihm, kommt gleich herunter: „Kommm
Sie mit, er ist halb im Schlaf.“ Als wir eintraten, war er ganz im
Schlaf, aber für immer. Einen sanfteren Tod, als Karl Marx in
seinem Armsessel fand, kann man sich nicht wünschen.
Und nun zum Schluß noch eine gute Nachricht:
Das Manuskript zum zweiten Band des „Kapital“ ist voll¬
ständig erhalten. Wie weit es in der vorliegenden Form druck¬
fähig ist, kann ich noch nicht beurteilen, es sind über 1000 Seiten
Folio. Aber „der Zirkulationsprozeß des Kapitals“, wie „die Gestal¬
tungen des Gesamtprozesses“ sind in einer Bearbeitung abge¬
schlossen, die den Jahren 1867-70 angehört. Der Anfang einer
späteren Bearbeitung liegt vor, sowie reiches Material in kritischen
Auszügen, besonders über russische Grundeigentumsverhältriisse,
woraus vielleicht noch Manches benutzbar wird.
Durch mündliche Verfügung hat er seine jüngste Tochter Eleonor
und mich zu seinen literarischen Exekutoren ernannt.
London, 28. April 1883.
Friedrich Engels,
Erschienen im Züricher „Sozialdemokrat“, Nr. 19,
vom 3. Mai 1883.
\
15
ANMERKUNGEN
* Deprez — Marcel (1843—1918) — Französischer Ingenieur und Mathe¬
matiker, Autor der ersten Versuche einer Uebertragung elektrischer Energie auf
größere Entfernung.
2 Sorge — Friedrich Anton (1828—1906) — Deutscher Kommunist; war
in den Vereinigten Staaten von Nordamerika einer der Leiter der dortigen Sektion
der L Internationale. Nachdem der Generalrat der Internationale nach New York
verlegt worden ist, war er Generalsekretär der Internationale. Stand in stän¬
digem Briefwechsel mit Marx und Engels.
3 Liebknecht — Wilhelm (1826—1900) — Einer der Begründer und
Führer der deutschen Sozialdemokratie.
4 Bebel — Julia (1843—1910) — Frau des Führers der deutschen Sozial¬
demokratie, August Bebel (1840—1913).
5 Lenchen — Helene Demuth (1823—1890) — Hausangestellte der Familie
Marx seit 1837; war der beste und treueste Freund der Familie.
6 L'onguet — Jenny (1844—1883) — Die älteste Tochter von Marx, Frau
des französischen Sozialisten Charles Longuet.
7 Bernstein — Eduard (1850—1932) — Deutscher Sozialdemokrat, war
1880^-1890 Redakteur der deutschen Zeitung „Sozialdemokrat“; nach dem Tode
von Engels verriet er offen den Marxismus und wurde zum Haupttbeoretiker des
Reformismus.
8 Becker — Johann Philipp (1809—1886) — Deutscher Kommunist,
Veteran der deutschen Revolution von 1848—1849; war in der Emigration in Genf
einer der Organisatoren und aktiven Teilnehmer der I. Internationale.
p Schorlemmer — Karl (1834—1892) — Deutscher Kommunist, Pro¬
fessor der Chemie in Manchester, Freund von Friedrich Engels.
10 E p i k u r (341—270 v. u. Z.) — Griechischer Philosoph, Materialist.
11 Leßner — Friedrich (1825—1910) — Deutscher Kommunist, Schneider,
Mitglied des Generalrats der I. Internationale.
12 T u s s y — Eleonor Marx (1856—1898) — Die jüngste Tochter von Marx,
aktive Teilnehmerin der englischen Arbeiterbewegung.
13 La wroff — Peter Lawrowilsch (1823—1900) — Russischer Revolutionär,
Narodnik, Mitglied der I. Internationale.