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Author: Kindermann Barbara
Tags: мировая литература kinderliteratur weltliteratur
ISBN: 978-3934029125
Year: 2003
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Text
WELTLITERATUR FÜR KINDER
WELTLITERATUR FÜR KINDER
Romeo und Julia
nach William Shakespeare
Neu erzählt von Barbara Kindermann
Mit Bildern von Christa Unzner
Der Prinz von Verona war sehr verärgert über diese törichte Feindschaft,
denn immer wieder brachte sie große Unruhe in seine Stadt. Als er eines
Inges erneut dazustieß, wie zwei Diener der gegnerischen Häuser mitei*
nandci kämpften, trieb er die Streithähne auseinander und rief zornig: »Ihr
/ riedensfeiiule! Hört auf mit diesem sinnlosen Hass! Wer je wieder die Ruhe
unserer Stadt stört, wird mit dem Tode bestraft! Lebt endlich in Frieden
und Freundschaft!«
Nun begab es sich eines Tages, dass ein junger Edelmann namens Paris
beim Grafen Capulet vorsprach und ihn um die Hand seiner schönen Tochter
Julia bat. Der Vater schüttelte bedenklich den Kopf und sprach: »Julia ist
eigentlich noch zu jung zum Heiraten. Doch soll sie selbst entscheiden.
Wenn auch sie es will, werde ich einer Hochzeit gerne zustimmen. Ich gebe
heute ein Fest. Kommt dazu, und ich werde Euch mit Julia bekannt
machen.«
Am Abend wurden im Hause Capulet die Vorbereitungen für das Fest
getroffen. Unter den Dienern und Köchen herrschte emsiges Treiben. Julia
hatte sich unterdessen mit ihrer Mutter und ihrer Amme in die oberen
Gemächer zurückgezogen. Gräfin Capulet nahm die Tochter bei der Hand
und fragte ernst: »Julia, was hältst du eigentlich vom Heiraten?«
Julia antwortete ganz erschrocken: »Liebe Mutter, um Himmels willen,
ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht!«
»Dann beginne jetzt damit«, entgegnete die Mutter. »Graf Paris war heute
zu Besuch und hat um deine Hand angehalten. Er ist schön, tugendhaft
und ein Verwandter des Prinzen von Verona. Julia, einen besseren Mann
kannst du nicht finden! Er wird heute Abend zum Fest kommen, sieh ihn
dir an, er wird dir bestimmt gefallen.«
Noch bevor Julia antworten konnte, eilte ein Diener herbei und rief:
»Die Gäste siml da! Die Gräfin wird gerufen, Julia gesucht, und die Amme
sollte längst in der Küche helfen, alles geht drunter und drüber...!«
Wenig später war der Ball der Capulets in vollem Gange. Es war ein fröh-
liches Durcheinander, und so bemerkte niemand, wie sich drei maskierte
Fremdlinge heimlich unter die Gäste mischten. Es waren Romeo und seine
beiden besten Freunde Mercutio und Benvolio. Natürlich waren sie nicht
eingeladen, denn sie gehörten dem feindlichen Hause Montague an. Aber
durch Zufall hatten sie von dem Fest erfahren und in jugendlichem Über-
mut sofort beschlossen, unerkannt daran teilzunehmen.
Während Graf Capulet den Tanz eröffnete, schauten sich die drei Freunde
verstohlen um. Da erblickte Romeo inmitten der Festgesellsöhaft plötzlich
Julia. Sofort war er von ihrer Ausstrahlung und Schönheit wie verzaubert.
Vorsichtig schlich er sich immer näher an sie heran. Als er Julia endlich
ohne Maske gegenüberstand und sie ansprach, verliebte auch sie sich auf
den ersten Blick in diesen hübschen Jüngling, und bald schon waren die
beiden in ein inniges Gespräch vertieft.
So ahnten sie nicht, dass sie von der anderen Seite des Ballsaales aus
scharf beobachtet wurden.
i
Julias Cousin Tybalt. ein besonders hitziger Bursche, hatte Romeo erkannt
und wollte unverzüglich auf den Eindringling losgehen. Doch Julias Vater,
Graf Capulet. fuhr dazwischen: »Was habt Ihr, Neffe? Was soll der Lärm,
wozu ?«
»Der Kerl dort drüben bei Julia ist ein Montague, der sich maskiert unter
die Gäste gemischt hat, um uns zu verspotten!«, rief Tybalt aufgebracht.
»Ist dies nicht der junge Romeo?«, fragte Graf Capulet.
»Ja. der Schurke Romeo«, erwiderte Tybalt heftig.
Ihn I, ... Vater wat ein viel zu nobler Gastgeber, um jemanden aus sei-
nem Ilans werfen zu lassen. So versm hie er. lybalt zu beschwichtigen, und
spra< h: »lasst mir. ei soll ein logendsamer Jüngling sein, er kann bleiben!«
Ivb.ill musste seinem Onkel gehört heu. innerlii h jedoc h schäumte er vor
Will, weil Romeo ohne Sli.de davonk.mi. ja sogar auf dem fest bleiben
durfte. »Na w.ii le«, zischte er hasserfüllt, »das wirst du mir noch büßen!«
alledem nichts bemerkt.
Sie wurden erst
ia zu ihrer
gnädige Fräulein?«
Romeo und Julia hatten von
durch die Amme aus ihrem Gespräch gerissen. Diese schickte Jul
Mutter, die ihr Graf Paris vorstellen wollte. ' ?
»Wer ist denn eigentlich dieses i ‘
t.:::: zzxxt i* r * '**•
Toi hier seines ärgsten Feind . i henbl‘>ss: Ausgerechnet in die
.»'•ten Feindes halte er sich verlieht!
Als Julia wenig später von ihrer Amme erfuhr, dass Romeo ein Montague
sei, war auch sie zutiefst erschüttert. Doch dieses Wissen vermochte an
ihren Gefühlen für Romeo nichts zu ändern und leise sagte sie: »O Wunder
werk! Ich fühle mich getrieben, den ärgsten Feind aufs Zärtlichste zu lieben.«
in dieser Nacht konnte Romeo nicht schlafen. Von Liebe getrieben schlich
er sich in Capulets Garten, um Julia nahe zu sein, und schaute sehnsüchtig
zu ihrem Fenster hinauf. Da öffnete sich plötzlich die Balkontüre über ihm
und Julia trat hinaus, ohne ihn zu bemerken.
»O Romeo«. hörte er sie zum Mond und zu den Sternen sprechen, »warum
nur du, ein Montague! Doch was spielt das für eine Rolle: Ob Montague, ob
Capulet. das sind nur Namen, und nur dein Name ist mein Feind! Dir jedoch,
Liebster, dir schenke ich mein Herz!«
Da trat Romeo aus dem Schatten der Oleanderbüsche ins helle Mondlicht
und rief ihr zu: »Ich nehme dich beim Wort, geliebte Julia, und schenke dir
mein Herz im Tausch dafür!«
»Bist du es. Romeo?«, fragte Julia ungläubig.
»Mein Name ist unwichtig«, antwortete er, »nenn mich Liebster, so bin ich
neu getauft!«
Noch lange unterhielten sie sich zärtlich und merkten nicht, wie die Zeit
verflog, bis die Stimme der Amme zu ihnen drang, die nach Julia rief. »Ich
muss gehen«, sagte Julia hastig, »doch. Romeo, wenn du mich so sehr
liebst, dass du mich heiraten möchtest, so sag mir morgen, wann und wo
wir getraut werden können. Ich werde dir meine Amme als Botin schicken,
um neun Uhr! Vergiss nicht, morgen um Neun, die Amme!«, und damit eilte
sie in ihr Zimmer.
Romeo schaute traumverloren zum erleuchteten Fenster hinauf und
seu zte: »Schlaf wohl. Liebste! Ich werde sofort zu Bruder Lorenzo ins Kloster
eilen und ihn um Hilfe bitten. Er muss im® rl >• i 1
somit unser Glück besiegeln!« *'
Es w«ir früh uni Morgen und Bruder Lorenzo, ein I riester, war eben dabei,
im Kloslergarten Pflanzen für seine Kräutermedizin zu sammeln, als Romeo
hei beieilte. Atemlos erzählte er seinem väterlichen Freund von Julia und
ihrei beider großen Liebe: »Sie gab ihr ganzes Herz mir für das meine, darum
bitte ich dich, willig? ein. uns noch heute heimlich zu verheiraten!«
»O heiliger Sankt Franz!«, rief Lorenzo erstaunt aus. »Du, ein Montague,
willst eine Capulet heiraten? Weißt du. welchen Tumult dies unter euren
Familien auslösen wird?« Doch dann fügte er nachdenklich hinzu: »Nun,
vielleicht aber kann eine solche Heirat den alten Groll beenden, endlich
Frieden zwischen den feindlichen Häusern stiften und neue Freundschaft
bringen. Ich will es tun!«
»O danke, bester Lorenzo!«, rief Romeo überglücklich und stürzte davon,
um zur vereinbarten Zeit Julias Amme zu treffen. Durch sie ließ er Julia
ausrichten, sie solle am Nachmittag zu Bruder Lorenzo kommen. Dort
würden sic alsdann heimlich getraut werden.
Als Julia erfuhr, dass sie ihren r
tanzte sie vor Freude im Zimmer umher.
Am Nachmittag verließ sie wie verabredet das Haus, um Bruder Lorenzo
aufzusuchen. Dort wartete Romeo bereits ungeduldig auf sie Als der
Priester sah, wie glücklich die beiden waren, schwanden seine Bedenken
endgültig und er vollzog die Trauung ohne Zögern: Jetzt waren Romeo und
dass eZw rattet' i' LOre”Z° Und der Amme WUSSte>doch niemand.
gZxzr eine capuiet in ai,er Hei“‘ -u
Romeo noch am selben Tag heiraten sollte,
Ihr Glück sollte jedoch nicht lange währen, denn noch am selben Tag
geschah etwas Furchtbares. Tybalt. Julias jähzorniger Vetter, zog durch die
Straßen Veronas, uni Romeo zu finden. Er wollte ihn wegen der heimlichen
Teilnahme am Ball der Capulets bestrafen.
Als er wenig später tatsächlich auf Romeo und seine Freunde Benvolio
und Mercutio traf, suchte er sofort Streit. Romeo, der auf keinen Fall gegen
einen Verwandten seiner Julia kämpfen wollte, versuchte Tybalt zu beruhi-
gen. Dieser jedoch dachte nicht daran, Romeo kampflos ziehen zu lassen,
und forderte ihn wütend zum Duell. Schließlich versuchte er. den ver-
hassten Montague durch Beleidigungen zu reizen. Da war Romeos Freund
Mercutio nicht mehr zu halten. Er zog den Degen und rief: »Kämpfe mit
mir, wenn mein Freund sich nicht selbst verteidigen will!«
Romeo wollte ihn zurückhalten und rief Benvolio verzweifelt zu: »Auf,
geh dazwischen, sie dürfen nicht kämpfen!« Doch zu spät: Schon war
Mercutio von Tybalts Degen tödlich getroffen worden. Da vergaß Romeo alle
guten Vorsätze und stürzte sich voller Zorn auf Tybalt. Nach einem erbitter-
ten Gefecht sank schließlich auch Julias Vetter tödlich getroffen zu Boden.
Entsetzt rief Benvolio: »Romeo, du musst fliehen, schnell! Wenn sie dich
fassen, wirst du mit dem Tode bestraft!«
Kaum war Romeo verschwunden, traf auch schon der Prinz von Verona
mit seinem Gefolge ein. Benvolio berichtete aufgeregt, wie sich alles zuge-
tragen hatte. Besonders beteuerte er Romeos Unschuld, der habe schlichten,
nicht aber kämpfen wollen. Der Prinz, der ein gerechter Mann war, überlegte
lange. Auf beiden Seiten war Blut geflossen. Romeo hatte den Streit zwar
nicht begonnen, aber Tybalt getötet, und die Strafe dafür war eigentlich der
Tod. Doch der Prinz zeigte sich gnädig: Er verbannte Romeo nur außer Lan-
des. Sollte er sich aber je wieder in Verona zeigen, so müsse er sterben.
In seiner Verzweiflung hatte Romeo sich zu Bruder Lorenzo geflüchtet.
Als er dort vom Urteil des Prinzen erfuhr, klagte er: »Verbannung? Verban-
nung aus Verona? Das ist schlimmer als der Tod.1«
Lorenzo versuchte ihn zu trösten: »Nur aus Verona bist du verbannt, jedoch
die Welt ist groß und weit«
»Es gibt keine Welt außerhalb der Mauern von Verona, denn Julia wohnt
hier«, gab Romeo zur Antwort. »Und wo Julia lebt, ist der Himmel. Jeder Hund,
jede Katze, jede kleine Maus, selbst das schlechteste Geschöpf lebt in Verona im
Himmel, denn es darf Julias Schönheit sehen. Doch Romeo darf nicht! Und da
sagst du. Verbannung sei nicht der Tod?«
f
In diesem Moment stürzte Julias Amme in Lorenzos Kammer. Sie war
verzweifelt auf der Suche nach Romeo, um ihm eine Botschaft ihrer Herrin
zu überbringen. Sofort warf Romeo sich ihr zu Füßen: »Wie geht es Julia?
IVo ist sic? Was sagt sie? Hält sie mich für einen Mörder?«
Ach Herr . seufzte die Amme, »sie sagt kein Wort, sie weint und weint. Doch
diesen Ring soll ich Euch bringen und ausrichten, die Strickleiter sei bereit.
Sie möchte ihren Mann, ihren Romeo, heute Nacht ein letztes Mal vor sei-
ner Verbannung sehen.«
Da forderte Lorenzo ihn auf: »Hadere nicht länger mit deinem Schicksal,
geh hin zu deiner liebsten Frau und tröste sie. Beeile dich, bevor man
Wachen aufstellt. Und morgen früh fliehe verkleidet nach Mantua. Dort
wird ein Diener dir hin und wieder Nachricht von mir bringen, wie es in
Verona stpht «
So traurig Julia auch über den Tod ihres Vetters Tybalt war, so sehr liebte
sie ihren Romeo und konnte ihm nicht zürnen. Also schloss sie ihn über-
glücklich in die Arme, nachdem er in ihr Zimmer hinauf gelangt war.
Die Nacht verging viel zu schnell, und als der Morgen nahte, klammerte
sich Julia leidenschaftlich an Romeo und beschwor ihn: «Willst du schon
gehen? Dee Tag Ist /« noch lern. Es unedle Nachtigall und nicht die Urche. die wir
eben hörten.«
»Die Lerche war's. die Tagverkünderin«, antwortete Romeo. »Nur Eile reitet mich.
Wenn ich warte, bis cs hell wird, bedeutet das den Tod!«
Obwohl Julia ihren Romeo nicht gehen lassen wollte, erkannte sie doch
plötzlich, in welcher Gefahr er schweben würde, falls er nicht rechtzeitig bei
Dunkelheit aus Verona fliehen könnte. Angsterfüllt rief sie aus: »Nein, du
hast Recht, es tagt, es tagt! Aid! Eile! Fort von hier! Es ist die Lerche, die so heiser
singt, und nicht die Nachtigall. Es wird heil, wir müssen scheiden!«
Sic küssten sich ein letztes Mal, bevor Romeo eilig die Strickleiter hinab-
stieg, um nach Mantua zu fliehen. Julia warf sich auf ihr Bett und weinte.
Als Gräfin Capulet ihrer Tochter noch am selben Tag mitteilte, dass sie am
nächsten Morgen mit Graf Paris verheiratet werden solle, weigerte sie sich
aufs Heftigste. Ihr Vater war darüber sehr erzürnt, und auch die Mutter
wandte sich enttäuscht von ihr ab. Julia sollte für diesen vornehmen Bräuti-
gam dankbar sein! Selbst die Amme, die als Einzige von der Heirat mit
Romeo wusste, riet ihr zur Hochzeit mit Paris und sprach: »Diese zweite
Hoc hzeit ist der ersten bei weitem vorzuziehen, denn Romeo ist so <mt wie
tot. Wenn er auch lebt, so hast du doch nichts mehr von ihm.«
In ihrer Verzweiflung flüchtete Julia sich zu Pater Lorenzo. Er war der
Einzige, von dem sie sich noch Hilfe erhoffen konnte.
Julia stürzte sich in Pater Lorenzos Arme und rief verzweifelt aus: »Den
Tod verlange ich. wenn Ihr mir nicht helfen wollt! Denn eher springe ich von
jenem Turm, gehe dorthin, uv Rauher streifen, Schlangen lauern, und kette mich
an u ilde Baren fest, als einen anderen zu heiraten als meinen Romeo!«
Als der Pater Julias treue Entschlossenheit sah, sagte er mitfühlend:
»Wohlan denn, ich will dir helfen, aber du brauchst Mut! Nimm diesen
Kräutertrank, er lässt dich 42 Stunden schlafen, als wärst du tot. Kein Atem-
zug, keine Wärme wird mehr von Leben zeugen. Nach 42 Stunden wachst
du wieder auf. Mein Plan also ist der: Geh heim, sei fröhlich, tu so, als ob du
in eine Heirat mit Graf Paris einwilligen würdest. Trink diesen Saft heute
Abend, dann wirst du morgen todesähnlich schlafen und statt Hochzeit zu
feiern, wird man dich in die Gruft deiner Väter tragen. Romeo will ich in
einem Brief von unserem Plan unterrichten. Er wird mit mir zusammen
in der Gruft sein, wenn du erwachst, und dich nach Mantua bringen. Wenn
du dich also nicht fürchtest, so nimm dieses Gift.« Julia griff entschlossen
nach der Flasche und rief: »Gib mir den Trank! Und rede nicht von Furcht'. Ich
werde Euren Plan ausführen! Danke, und lebt wohl!«
rMUMh
v .t.T hin. bat ihn uni Verzeihung für ihren
So trat Jl,lia s|(.h sc|winblir einverstanden, den Grafen Paris
.‘u'lieiX’’Graf Capulet war sehr erleichtert und ließ die frohe Botschaft (
5t^dtuX.X* Mutter fürsorglich: »Gute Nacht, mein
Kind! Geh nun zu Bett und ruh. Du hast es nötig. denn morgen .st em großer Tag
' »Wie Recht du hast«, erwiderte Julia, und nachdenklich murmelte sie vor
sich hin: »Gott weiß. wann wir uns iciwlriwlicti.«
Allein in ihrer Kammer überkam Julia plötzlich Angst, dass ihr Plan miss-
lingen könnte, und sie überlegte: »Und wenn der Trank zu schwach ist und
gar nicht wirkt? Wird man mich dann morgen gegen meinen Willen mit
dem Grafen vermählen? Oder er könnte zu stark sein und mich wirklich
löten! Vielleicht erwache ich zu früh und ersticke in der Gruft...«
Doch letztlich vertraute sie dem Pater, trank den Kelch aus und rief.
»Ich komme, Romeo!«
Dann legte sie sich auf ihr Bett und wartete darauf einzuschlafen, um 42
Stunden später an Romeos Seite in der Gruft wiedei aufzuwachen.
Die ganze Nacht über liefen im Hause Capulet emsig die Hochzeitsvor*
kehrungen. Als der Morgen nahte, rief Julias Mutter nach der Amme und
befahl: »Geht schnell, weckt Julia auf! Und putzt sie mir schön heraus!
Beeilt Euch, der Bräutigam ist schon da!«
Die Anime eilte zu Julias Kammer hinauf. Julia lag auf dem Bett und
schien noch zu schlafen. Da rief sie: »Fräulein! Mein Fräulein! Pfui, Langschlä-
ferin! Mein Schätzchen, sag ich! Der Bräutigam ist da! Wach auf!«
Sie schüttelte Julia immer heftiger, doch diese regte sich nicht. Kalt,
weiß und leblos lag sie da. Entsetzt schrie die Amme auf: »OGott. zu Hilfe!
Zu Hilfe! Sie ist tot!«
Was für ein Jammer brach da aus im Hause Capulet! Alle klagten und
weinten bitterlich. Als Bruder Lorenzo schließlich eintraf, forderte er die
Familie auf. alles vorzubereiten, um Julia in die Gruft ihrer Väter zu geleiten.
U' w
.......................................................... einen Boten zu Romeo nach Mantua
unl,..dessen baue Br no.............s a,lgeblic|iem Tod und dem
gesattdl. um dun . > • ü|)erbrj,lgel,. noch, o Unglück! Der
geplanten ix'• wur<Je nfcht bis |lach Mantua
** ........... Brief an Romeo ungeöffnet zurück-
er entsetzt aus: »Welch unseliges M^sgeM! Ich muss sofort zur
ö„dr.i...........<....wacht J.....ruf. Sie wird mich verwunschen, wer!
Homeo voi, unserem Plan nichts erfahren hat und nicht da .st!«
I - ♦
Dafür aber war Balthasar, ein anderer Freund Romeos, bis nach Mantua
gelangt. Leider! Zwar hatte er noch von der heimlichen Hochzeit der beiden
Liebenden erfahren, wusste aber nichts von Lorenzos neuestem Plan. Als
Romeo ihn sah, sprang er freudig auf und rief: »Hu. Neues aus Verona! Sag, nie
steht“ s? Bringst du vom Pater Briefe? Was macht meine Julia?«
»Oh Herr, verzeiht die schlimme Botschaft«, antwortete Balthasar zutiefst be-
kümmert. »Eure Julia ist tot und wird heute in ihrer Väter Gruft bestattet.«
»Ist das wahr?«, schluchzte Romeo. »Wenn ja, so will ich heute Nacht
noch neben ihr liegen! Bring mir ein Pferd, ich muss sofort zu Julia reiten!
Doch zuvor werde ich mir beim Apotheker tödliches Gift besorgen!«
So erreichte Romeo an diesem Abend ganz verzweifelt vor Kummer mit
emem Gifttrank in der Tasche Julias Gruft. Er brach die Türe auf und eilte
Che Sten,stufen hinunter. Da lag seine Julia, wunderschön, doch kalt und
blass, wemend umarmte Romeo sie ein letztes Mal. Dann trank er ent-
schlossen den Giftkelch aus und sank neben Julia nieder
Als Pater Lorenzo endlich eintraf, war es bereits zu spät, um Romeo zu
retten. Traurig betrachtete er den toten Jüngling. In diesem Moment
erwachte Julia und erblickte den Pater. Voll Freude rief sie aus: »O. Trostes-
banger! Wo ist mein Gemahl? Ich weiß recht gut noch, wo ich erwachen sollte, und
da hm ich auch. Aber wo ist mein Romeo?« Sie schaute sich um und sah voller
Entsetzen Romeo tot neben sich liegen. Oben am Grufteingang hörte man
plötzlich Schritte. Rasch erzählte Pater Lorenzo, wie es zu dem Unglück
gekommen war, und ermahnte Julia, sofort zu fliehen: »Geh.gutes Kind, die
Wache kommt!«
Julia aber beugte sich über den toten Romeo und küsste ihn ein letztes
Mal. Sie wollte für immer bei ihm bleiben. Als sie die Wache näher kommen
hörte, setzte sie entschlossen den Giftkelch an die Lippen, doch es war kein
einziger Tropfen mehr darin. Da ergriff sie in ihrer Verzweiflung Romeos
Dolch, stieß ihn sich ins Herz und sank sterbend auf seine Brust.
1
Die Kunde vom Tode Romeos und Julias verbreitete sich wie ein Lauf teuer
in ganz Verona. Wenig später trafen der Prinz von Verona und sein Gefolge
ein. Julias Mutter und Vater kamen. Romeos Eltern, ihre Verwandten, ja.
bald waren alle Montagues und alle Capulets vor der Gruft versammelt und
weinten und trauerten. Da ergriff Pater Lorenzo das Wort und sprach laut
und vernehmlich: «Romeo und Julia waren Mann und Frau, getraut am Tag.
als Tybalt starb." Er erzählte die ganze Geschichte. Als er an ihrem unglück-
seligen Ende angelangt war. rief er anklagend: »Nur wegen der törichten
Feindsc haft zwischen euren Familien konnten Romeo und Julia im Lehen
nie ht Zusammenkommen! Die beiden sind unschuldige Opfer eures sinn-
losen Hasses und Streits.« Da senkten alle tief beschämt ihr Haupt und
b< (i.iiK-rt« n ihre verhängnisvolle und sture Feindschaft!
I
Doch sie hatten daraus gelernt: Über dem Grab ihrer toten Kinder reichten
sich die Capulets und die Montagues reuevoll die Hände, um von diesem
traurigen Tag an endlich in Frieden und Freundschaft miteinander zu leben.
Für immer im Tod vereint jedoch blieben Romeo und Julia.
Anmerkungen
William Shakespeare (1564’1616), Englands größter Dramatiker, wurde in Stratford-upon-Avon
(Warwickshire) als Sohn eines wohlhabenden Bürgers geboren. 1589 übersiedelte er nach London,
schloss sich nach einiger Zeit der Theatertruppe Chamberlain’s Men (später Kings Men) an und wurde
schließlich Teilhaber des Glohe-Theatcrs. wo er seine Stücke auf führte. An Geld und I rfolgen reich
kehrte er um 1610 nac h Stratford upon Avon zuruck. Romeo und Julia, 1 ragödio in fünf Akten, ist
eine der innigsten liebesgesc hic hten d<-i dramatischem Literatur. Das Stuck wurde* vermutlich
in London uraufgpführt. Ls spielt Anfang des 15. Jahrhunderts in Verona und Mantua, Italien.
Erzählt wild die tragisc he* Gpsc hic htc* der beiden I itelfignrc n, die-aus zwei miüm ander /c-rfein
delen Adelsfamilien stammen und dc-ron ideale- liebe- bis in den Jod reicht.
Die vorliegende Nacherzählung folgt der Übersetzung von Angus' Wilhelm .on ScbAg*-
Edition, Universal Bibliothek Nr. 5, Stuttgart 1990. Sie erhebt keinen Anspr-xl» a ,f em'-n rxer
losen Handlungsverlauf im Vergleich zu Shakespeares Werk. fair skh aber irr. Zo .' ' -
dessen inhaltlichen Kern, Insbesondere wurde darauf geachtet dass szn Sprarse s -ler
klassischen Vorlage noch unverkennbar im Text /Jeder finden.. Zal •-eiche der c er. -.e-
setzung entnommene Zitate wurden kursiv gesetzt. webe: Zeicr-ersetztrr g svee Gr.t- j'_e
Schreibung aus Gründen der besseren Verständlichkeit dem heutiger. Sjrracz gebrauch ar.gepassi
wurden. Der Text folgt den Regeln der neuen Rechtschreibung.
Die Erzählerin Barbara Kindermann, geboren 1955 in Zürich, studierte Germanistik. Philosophie
und Sprachen in Genf, Dublin, Florenz und Göttingen. Nach Abschluss ihrer Promotion war sie
mehrere Jahre als Lektorin tätig und gab 1993 erstmals den 3. Band der Grimmschen Sagen heraus.
1994 gründete sie den Kindermann Verlag in Berlin, den sie seither leitet.
Die Illustratorin Christa Unzner, geboren 1958 in Berlin, wuchs in einem kreativen Elternhaus auf
und zeichnete schon als Kind bergeweise Papier voll. Nach einer Ausbildung zur Schaufenster-
Dekorateurin studierte sie Gebrauchsgrafik an der Fachhochschule für Werbung und Gestaltung in
Berlin. Seit 1982 arbeitet sie erfolgreich als freischaffende Illustratorin im In- und Ausland und
hat eine Vielzahl von Kinderbüchern illustriert.
3
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche...
»Große Literatur, für Kinder erzählt - und natürlich für alle Erwachsenen,
die sich die Geschichte des berühmtesten Liebespaares der Literatur
noch mal in wunderbaren Bildern anschauen wollen, die Christa Unzner
zum poetischen Text von Barbara Kindermann gezaubert hat.
Das schönste Buch der Welt für alle, die verliebt sind." Brigitte
»Eine kompakte und ans Herz gehende Geschichte. Kindermanns un-
prätentiöser, zugleich klarer Erzählstil, der schon souverän die Untiefen
des >Faust< durchmaß, bewährt sich auch hier." Deutsch land funk
»Das Drama hat sich in ein poetisches Märchen gewandelt, dessen Inhalt
und Sprache von Kindern verstanden wird. Zauberhafte romantische
Bilder untermalen die Faszination dieser klassischen Welt." FACTS
eare einen schönen Platz im Bilderbuch.« Berliner Zeitung
»So
findet ^hakesp
Aiiiiierkiiimen
William Shakespeare (1361 1616), I uglands größter Dramatiker, winde in Sliatfoid upon Avon
(VVarwk kshire) als Sohn eines wohlhabenden Bürgers geboren. 1589 übersiedelte er nach London,
s< bloss sich nac h einiger Zeil der I healerl rnppe ( hnniheilains Men (später Kings Men) an und wurde
s< hließlu h leilhahei des (ilobe ihedlcis. wo er seine Stücke auf führte. An Geld und Erfolgen reich
kehl le ei nm 1610 nach Sl 1 allord tipon Avon zurück. Romeo und Julia, f ragödie in fünf Akten, ist
eine der innigsten I iebesgesi hichlen der dramatischen Literatur. Das Stück wurde vermutlich 1595
in London uraulgelührt. Es spielt Anlang des 15. Jahrhunderts in Verona und Mantua. Italien.
Erzählt wild die tragische Geschichte der beiden Titelfiguren, die aus zwei miteinander verfein-
deten Adelsfamilien stammen und deren ideale Liebe bis in den Tod reicht.
Die vorliegende Nacherzählung folgt der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel. Reclam-
Edition, Universal Bibliothek Nr. 5, Stuttgart 1990. Sie erhebt keinen Anspruch auf einen lücken-
losen Handlungsverlauf im Vergleich zu Shakespeares Werk, hält sich aber im Wesentlichen an
dessen inhaltlichen Kern. Insbesondere wurde darauf geachtet, dass sich Sprache und Stil der
klassischen Vorlage noch unverkennbar im Text wiederfinden. Zahlreiche, der deutschen Über-
setzung entnommene Zitate wurden kursiv gesetzt, wobei Zeichensetzung sowie Groß- und Klein-
schreibung aus Gründen der besseren Verständlichkeit dem heutigen Sprachgebrauch angepasst
wurden. Der Text folgt den Regeln der neuen Rechtschreibung.
Die Erzählerin Barbara Kindermann, geboren 1955 in Zürich, studierte Germanistik. Philosophie
und Sprachen in Genf, Dublin. Florenz und Göttingen. Nach Abschluss ihrer Promotion war sie
mehrere Jahre als Lektorin tätig und gab 1993 erstmals den 3. Band der Grimmschen Sagen heraus.
1994 gründete sie den Kindermann Verlag in Beilin, den sie seither leitet.
Die Illustratorin Christa Unzner, geboren 1958 in Berlin, wuchs in einem kreativen Elternhaus auf
und zeichnete schon als Kind bergeweise Papier voll. Nach einer Ausbildung zur Schaufenster-
Dekorateurin studierte sie Gebrauchsgrafik an der Fachhochschule für Werbung und Gestaltung in
Berlin. Seit 1982 arbeitet sie erfolgreich als freischaffende Illustratorin im In- und Ausland und
hat eine Vielzahl von Kinderbüchern illustriert.