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Author: Schnack C.
Tags: geschichte archäologie mittelalter lederwaren
ISBN: 3-529-01463-Х
Year: 1998
Similar
Text
Mittelalterliche Lederfunde
aus Schleswig - Futterale, Riemen,
Taschen und andere Objekte
Ausgrabung Schild 1971 - 1975
Von Christiane Schnack
1998
WACHHOLTZ VERLAC
NEUMUNSTER
AnschriI t der Vorlassorin:
I)r. C'hristiano Schnack
I lof (irovonsborg
24811 Brokondorf
Rodaklion: I lildogard Ciralin von Schmellow
Vorboroilol nnd godruekl mil Unlorsliitxung dor i )oiitschon lorsclumgsgomoinschal'l, Bonn-Bad Ciodosborg
(iodruckl auf allorungsboslandigom l’apior
ISSN 0723 -7ЧН7
ISBN 3 - 320 - 01403 - X
Alio Reclile, nuch die dos aus/.ugsweison Nachdrucks,
dor pholomoohanisohon Wiodorgabo und dor Uborsolzung, vorbohallon
Waohholl/ Vorlag, Nonmiinslor 1098
VORWORT
Der auSorgowbhnlich umfangreicho Komplex von mittelaltorlichen Lederfunden, der
wahrend dor fiinfjahrigen Ausgrabungen am ^Schild/y in Schleswig geborgen wurde,
ist Ende der 80er Jahre von Frau Christiane Schnack wissenschaftlich bearbeilel worden.
Die Deutsche Forschungsgenieinschaft hat dieses Vorhaben grofiziigig untersliit/l. Auf
die schwierigen Bedingungen, unter denen die Funde in feuchtem Zustand und noch
vor dem Einsetzen konservatorischer MaBnahmen in der Zentralwerkstatt des
Archaologischen Landesmuseums studiert und dokumentiert worden muBten, ist schon
anlaBlich der Schuh-Publikation hingewiesen worden. Die Datenerfassung wurde
seinerzeit am Gesamtmaterial durchgefuhrt, erst nach deren AbschluB wurde aus
praktischen Griinden entschieden, die groBe Fundmonge in zwei thematisch getrennlen
Studien zu wiirdigen und zu publizieren. Nach der 1992 orfolgten Veroffentlichung
des ersten Teiles, namlich der Schuhfunde, im zehnten Band dieser Reihe, legt die Auto-
rin die Ergebnisse ihrer Studien an den iibrigen Ledorfunden nun in dieseni Bande vor.
Damit ist ein Materialkomplex bearbeitet und bekannt gemacht, der zu den umfang-
reichsten seiner Art in Europa gehdrt. Dem hier vorgelegten Material kommt aber nicht
nur wegen seiner Eiille und Vielfalt, sondern auch wegen seiner Qualitat und seiner
recht guten chronologischen Bestimmung im Vergleich mit anderen Eundkomplexen
aus mittelalterlichen Zusammenhangen beispielhafte Bedeutung zu. Der Bearbeiterin
ist dafiir zu danken, daB sie sich noch jetzt, nachdem sich ihr berufliches Interesse
ganzlich anderen Bereichen zugewandt hat, engagierl an der Vorbereilung der Druck-
legung beteiligte.
Mittlerweile konnte auch die Bearbeitung des der alteslen Schleswiger Siedlungs-
periode angehorenden Ledermaterials von der Ausgrabung PlessenstraBe, das den
wikingerzeitlichen Funden von Haithabu am naehsten steht, abgeschlossen worden,
und die Ergebnisse sollen - aus anderer Eeder - im 15. Band dieser Reihe gemeinsam
mit verschiedenen anderen Eundgruppen und Einzelfunden publiziert worden.
An der Vorbereitung dieses Bandes waron wiederum verschiedene Mitarbeiler des
Archaologischen Landesmuseums beteiligt: Peter 11. Lingner zeichnetedie hunde, I lans-
Joachini Mocka die Ciraphiken, Hans Heinrich Mbller (t) und Claudia hranz steuerten
Photoarbeiten bei, und Lieselotte Thede iibernahm die Textbearbeitung. Idn weileres
Mai unterzog sich Hildegard Grafin von Schmettow den Miihen der redaklionellen
Betreuung. Ilmen alien mochte ich liir die geleistete Arbeit an dieser Stelle danken.
Einen besonderen Dank statte ich wiederum gerne der Deutschen Porschungsgemein-
sehaft fiir die gewahrte Druckbeihilfe ab, die es dem Wachholtz Verlag ermbglichle,
diese Publikation in der gewohnt soliden Weise zur Auslieferung zu bringen.
Schleswig, im Juli 1998
Volkcr Vo$cl
INH ALTSVERZEICHNIS
1. EiNi.iiiTUNc;
2. ZUM FUNDMATF-RIAI. UND SI-INHR Bl'ARIiHI I UNCiSMHI I iodi:,
AU-CHMlilNliS ZUM Ll-DliR UND SMINT-R Vi !R A RBI-П UNCi . . .
3. Dili Fundi-: 14
3.1 Futterale 15
3.1 Л Messerscheiden 17
3.1.2 Schwertscheiden 38
3.2 Gurte, Ricmen, Giirtel 44
3.3 Beutel und Taschen 58
3.4 Faustlinge 74
3.5 Schleudertaschen 78
3.6 Runde Scheiben 80
3.7 Osc'nlaschen 81
3.8 Kordeln und Fransenbander 82
3.9 Ball 83
3.10 Varia 84
4. Zusammhni-assunc; ^3
Summary ^5
Anmerkungen . . .
Literaturnachweis
98
99
1. EINLEITUNC
In den Jahren 1971-1975 wurden bei archaologischen Ausgrabungen auf dem soge-
nannten Schild, eincm in der Schleswiger Allstadt gelegenen, geschlossenen Grund-
stiicksareal (Abb. 1), grbfiere Mengen an Lederobjekten zutage gefordert (Vogel 1983,
S. 20 ff.). Die aus Schichten des 11.-14. Jabrhunderts stammenden Funde waren iiber-
wiegend gut erhalten, was vor allem als Folge der konservierenden Wirkung der in den
Schichten vielfach nachgewiesenen Dungablagerungen zu werten ist. Die Bearbeilung
der Lederfunde zeigte zum einen, dal? hier einer der grofiten je in einer mittelalterlichen
Stadt geborgenen Lederfundkomplexe vorlag und zum anderen, dal? der grdl?te Ieil
des Materials als Schuhwerk zu klassifizieren war (Tab. I)1. Aus dieser Hrkenntnis
resultierten entsprechende Bearbeitungsverfahren und die gesonderte Publikation der
Schuhfunde (Sclmack 1992).
Itib. 1 Schleswig (Schild). Ledorlundo, absolute (n) und pm/entuale
((/() Verteilung dc*r ermilleUen kunktionsgruppen.
biinktionsgruppo
n
V,
Schuhwerk
1146b
01,0
butte rale
404
3,2
Ciurtc, Uicmcn, (iiirlel
203
1,0
Bc'iitcl, Tcischcu
02
0,5
Soustigcs
405
3,7
Summc
12000
100,0
Hinsichtlich der verbleibenden Lederobjekte stehl vor allem deren typologisch-
chronologische Bewertung im Vordergrund. Soweil mbglich, sind dariiber hinaus
Uberlegungen zu Fertigungstechniken beriicksichtigt. Die Funklion oder Trageweise
der Gegenstande liel? sich jedoch nicht iminer in dem wiinschenswerten Mal?e abklaren.
Der im Vergleich zu den Schuhfunden eingeschninkt erscheinende Beurteilungsrahmen
ist allerdings nicht nur als Folge zeitlicher Vorgaben zu sehen, sondern auch in for-
schungsgeschichtlicher Hinsicht zu bewerten (vgl. Sclmack 1992, Кар. 1.2), wobei darauf
hinzuweisen ist, dal? die Bearbeitung der Schleswiger Funde mil der Fertigslellung des
Manuskriptes 1989 abgeschlossen war. In der Folgezeit bis zur Drucklegung neu erschie-
nene Publikationen konnten bis auf wenige Ausnahmen nicht beriicksichtigt werden.
Auch die Ergebnisse der von der Autorin bearbeiteten Lederfunde der „Grabung Fisch-
markt" in Konstanz, die einen Zeitraum vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zum
Anfang des 16. Jahrhunderts umspannen und sich iiberwiegend aus Schuhwerk zusam-
mensetzen, wurden nicht mehr mit einbezogen (Sclmack 1994).
Zum Zeitpunkt der Bearbeitung der Schleswiger Lederfunde mul?te bei der Suche
nach Vergleichsfunden festgestellt werden, dal? die Darstellung der nichl als Schuhwerk
erfal?ten Lederfunde in der Regel auf eine katalogfdrmige Beschreibung reduzierl war.
Dagegen hat sich schon recht friih und wohl als erster R. Blomqvist mit der Fundgruppc
9
„Lodorscheiden" befaBt; seine Ergebnisse beruhen auf Beobachtungen an /ahlreichen
Eundstiicken aus Lund (Blomqvist 1938, S. 151 ff.). C. van Driel-Murray (1980; 1990) hat
sich sehr detailliert einem ungewohnlich groBen Fundkomplex relativ gut erhaltener
Schwertscheiden des 14. Jahrhunderts aus Leiden gewidmet. Eine monographische
Abhandlung fiber Messer und Eutterale legten sodann ]. Cowgill, M. do Neergaard
und N. Griffith vor (vgl. Cowgill u. a. 1987). Darin werden unter anderem 115 Londoner
Eutterale aus der Zeit des spaten 12. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts vorgestellt. Mit
ihren ausfiihrlichen, reich illustrierten Beitragen beantwortet diese Studio viele Fragen
zum Handwork, zu Eertigungs- und Verzierungstechniken, zu Trageweise und Ver-
wendungszweck dieser Fundgruppe. Weitere lnformationen lassen sich den Arbeiten
von W. Groenman-van Waateringe (z. B. 1984; 1988a) entnehmen, die bei ihren
Untersuchungen nicht nur das Schuhwerk, sondern stets auch andere Funktionsgruppen
einbezieht. Gloiches gilt fur einige russische und polnischo Arbeiten (vgl. Izjumova
1959; Ojateva 1962; 1965 bzw. Kazmierczyk 1970; Romanow 1979).
Neben den Schuhfunden ist aus Schleswig eine ganze Reiho weiterer Erzeugnisse
des mittelalterlichen Lederhandwerks iiberliefert. Die tatsachlich viol grbBere Vielfalt
lederner Gebrauchsgegenstande im Mittelalter illustriert eindrucksvoll eine literarische
Quelle aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Es ist dies eine Gedichtsammlung des unter
dem Pseudonym „Der Kdnig vom Odenwald" schreibenden Wiirzburger und Mainzer
Domherrn Johann II. von Erbach (Olt 1988). Sein Loblied auf die Kuh beginnt mit einer
Lobpreisung der Milch und des Eleisches und der daraus zu boroitendon Speisen. Es
fiihrt eine lange Liste von Gegenstanden auf, die man aus Knochen und Horn herstellen
konnte, und nennt dann die zahlreichen Produkte, die aus der Haut, das heiBt dem
Led or, gefertigt wurden (Olt 1988, S. 37-43). Die einschlagigen Verse lauten in R. Olts
Ubertragung:
Aus ilen 1 laulen werden dureh den,
der mit dem Leder sachgemaR umgehen kann,
диte breite Stielel
/nm Seluil/ der LiiRe und Sohlen.
Ls ist kdiim zu leugnen, daR auch der Kleidersaum
damit gescluit/.t wird.
Man ver/ichlel auch nicht mil
brustleder, Trichler unil I lelmhorn.
Dcinn laRt nidn dieSporen in Leder.
Des weileren will ich nicht ddvon dbldssen,
Luch den Sihldiich /.u nennen:
ddrin lagert man Wein.
Auch er ist mis Rindsleder.
Und erst die niit/lichen Kummele,
worin die IMenle /iehen,
lerner die Jochriemen,
mil denen die Kiihe /.iehen.
Niemand wird dds bestreilen kbnnen:
Mdncher schniirt sich
mil breiten und schmdlen Ciiirteln,
clie nidn iiberdll triigt.
Die Ringe nils Knochen dnrmi
trdgen Mdnner und I'rmien.
Wer der I Idndschuhe und h’ingerhiite beddrl,
dem niitzl es tdds Leder);
Ledersdcke und Tdschen stellt mmi
mis den 1 Liu ten her und bldschen,
Trichter und Zdpfen
/.ur Aul'bewdhrung des Weines,
Stricke und Scheiden
fiirSchwert und Messer,
sowie schone h’uttersiicke fur das Vieh.
Noch mehr kann ich anfiihren:
Die bLisebalge sind /u nennen,
die der Wunsch der Schmiede sind.
Sodann ist da noch der wertvolle Sell wan/:
daraus entsteht ein guter IVitschenwedel;
wenn man Rferde beschlagen muR,
kann man sie damil /.iichtigen.
DaR die Orgeln schdn laul erklingen,
kommt von der I laul.
Aus den Sehnen macht man eine
I Liugevorrichtung liir den Cilockenschwengel.
I'alkenhauben, I lundebander,
Armleder, Beinbekleidung,
Wal’fenhandscluihe von der Kuh:
10
л lies ist a us Led or,
das die Kuli liefert,
wie wir es vernommen haben.
Ich erwcilme die Decke,
nus I lauten machl man Siicke,
die man iiber Kopfbedeckung und Helm z.iehl,
damil sie vor Staub geschiitzl
und schbn bleiben,
sowie den Rost fernhalten.
Dann iiberziehl man
Schild und Buckel
mitSehnen und Kuhhuulen,
dies erzable icb den Lenten.
Den Riemen am Kesselhul
tragon a lie guten Ritter und Knappen.
Lin Sitz a us Haut
ist gut fur den Hintern.
Sitzt ein Bischof darauf,
so bemiiht er sich um Weisheit.
Auch das soil nicht ausgespart bleiben:
man hat die 1 laut zur h’reude.
Und ich will Luch nodi melir erzahlen:
In den hangenden Wagen
spannt man Kuli haute,
darauf sitzen die Bniute.
Melir nodi erziilile ich von dor 1 laut:
Man stellt grol.se wertvolle Bucher her,
aus denen man singt und vorliest.
Bei Trompeten und Trommeln,
die aus I Liu ten entstanden sind,
soil man niclil trauern.
Ls sind keineslalls nur Traume:
Reilschen, I lalflorn, Zaunizeug,
Steigleder, Bindriemen, 11interreiI,
Vordorzoug, I Iandtaselien niaelit man.
Mil Ciegenleder und Gurlen
turniert ein Mann besser.
Sclione Sattel riistet man allein
mit Leder und Bein aus.
Jetzt muls ieli mir Millie geben:
Die Kinder spielen mil Wurfeln.
Audi an die Kissen aul den Biinken,
die mit 1 lauten iiberzogen sind,
ist zu den ken.
Das muR man glauben.
Die I lolzsehuhe sind noeli da,
aul denen man gut gelit,
weile und enge Sduihe,
auch kurze und lange,
die mandimal knarren.
Die hier in amiisanter Form vorgefiihrte breite Palette unterschiedlicher Lederprodukte
des Mittelalters zeigt im iibrigen anscbaulich, wie liickenbaft die bisher bei Ausgra-
bungen ans Licht gefdrderte archaologische Uberlieferung ist.
2. ZUM PUNDMATFRIAL UND SI'INFK
BEARBEITUNGSMETHODE, A LEGEMEINES
ZUM LEDER UND SEINER VERARBEITUNG
Das aus der 536 irr umfassenden Grabungsflache am Schild (Abb. 1.5) geborgene
Ledermaterial (Feuchtgewicht etwa 700 kg; vgl. Abb. 2) wurde nach seiner Bergung in
den Archaologischen Zentralwerkstatten zu Schleswig naBgefroren, um dem unler
Sauerstoffzufuhr rasch einsetzenden Zerfall entgegenzuwirken. Die vor allem aus
grdReren Abfallkonzentrationen stammenden Funde - nur selten kamen Objekte in
separator Lage zutage - wurden nach und nach aufgetaut und beurteilt (eingehend
dazu Schnack 1992, Кар. 2; 3).
Da die Auswertung der Funde mittels elektronischer Datenverarbeitung (F.DV) er-
folgen sollte, wurde ein reprasentativer Teil des Ciesamtmaterials im Rahmen einer
Pilotstudie durchgesehen. Wiederkehrende Parameter fiihrten zu einer Merkmalsliste
und einem Aufnahmeschliissel, der sich insbesondere fiir die Schuhfunde als aussage-
fa hig erwies. Die auf einer Karteikarte zusammengefaRten Da ten wurden dann in den
Computer iibertragen. Beziiglich der Anzahl der fiir die einzelnen Lederstiicke ermittel-
ten Daten ist grundsatzlich zu vermerken, daR sich - abgesehen von dem Erhallungsgrad
1/ 18 15 18 13 14 П 12 6 1 23 19 /28 3 9 4 10 5 24 20 22 26 21 25
urn
1280
1200
1100
Gewicht. Mengenverteilung. (893 Einheiten)
Abb. 2 Schleswig (Schild). C ies.initledergewicht (in g). Vertcilung «ml die* ИппдииеЬмк* (I lori/.onLile) und
(inibungssi hichten (Vert italic).
- vor allem die Art des Objektes auswirkte. Zum I3eispiel kbnnen unter optimalen
Bedingungen von eincm I Ialbsehuh aus der jiingeren Siedlungsphase 80 Daten, von
eincr vorziiglich erhaltenen Messerscbeide dagegen in der Regel nicht mehr als etvva
20 Daten erwartet werden. Dies, die Viel/ahl individuell xu erfassender Finzelstiicke
sowie die begren/te An/ahl der vorher lestgelegten Merkmale xeigte sehr bald, daR die
FDV-gesteuerte Auswertiing der hier angesprochenen Funktionsgruppen und Einzel-
funde wenig effektiv sein wiirde. Die manuelle Vorgehensweise stellte sich letztlich als
die schnellere und dem Material besser angepaRte Auswertungsmethode heraus’.
Die zeitliche Zuordnung der Lederfunde beruht auf der von 11. Liidtke (1985) vorge-
legten Gliedcrung der mehr als 5 m maehtigen Schichtenfolge der Ausgrabung Schleswig
(Schild) (vgl. Abb. 2; 4; 22; 30). Diese Stratigraphietabelle umfaRt sowohl den Gesamt-
xeilraum zwischen dem 11. und 14. Jahrhunderl als auch eine Untergliederung mil den
Zeitmarken „urn 1100", ,,um 1200" und „urn 1280" (Liidtke 1985, S. 34 ff.; bes. S. 381.).
Dabei ist zu beaehlen, daR das 11. Jahrhundert wahrscheinlich vollstiindig erfaRt wurde,
wiihrend das 14. Jahrhundert vermutlich nur mil der ersten Jahrhunderthalfte im Fund-
gut vertreten ist (Liidtke 1985, S. 39).
12
11insichtlich des Werkstoffes Leder, das mit I Iilfe verschiedener Bearbeitungs- und
Gerbmethoden aus jeder Tierhaut zu gewinnen ist, wird auf die Ausfiihrungen im crsten
Publikationsteil verwiesen (Schnack 1992, Кар. 3). Gleiches gilt fur die Bestimnumg
der verwendeten Lederarten (Schnack 1992, Кар. 3.1). Grundsatzlich wird im folgenden
zwischen Bovinaeledern (Kalb/Rind) und Caprinaeledern (Ziege/Schaf) unterschieden.
Da in dem vorliegenden Material unterschiedliche Funktionsbereiche rcpriisenliert
sind, war eine generelle Beschreibung der Fertigungstechniken nur begrenzt sinnvoll.
Die entsprechenden Informationen werden daher in den Ausfiihrungen zu den einzelnen
Objekten oder Funktionsgruppen gegeben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daK
das Spektrum der vom Schuhwerk bekannten Nahtarten (Abb. 3.1 -5; Schnack 1992,
Кар. 3.2.2) durch die „offene Abschlufinaht" zu erweitern ist. I Iierbei liegen die Fleisch-
seiten der zu verbindenden Lederteile einander gegeniiber; die Fadenfiihrung erfolgt
von der Narbenseite durch einen Stepp- oder I leftstich (Abb. 3. 6).
Abb. 3 Schleswig (Schild). NahLirten. I Ubenvendlidu‘ Naht; 2 iibenvt'ndlid'k' Sliir/nahl; 3 Stolen,lhl; 1
Stiir/ndht; 3 Hadie Naht; 6 olk'iu' Absdilulsnahl (N = Ndibenseile; I- - I'k'isd'isdtr).
13
3. DIE FUNDE
Die bei den Ausgrabungen in Schleswig (Schild) aufier Schuhwerk geborgenen und
hier vorgestellten Lederfunde reprasentieren mehrere Funktionsgruppen sowie etliche
Ein/elstiicke (Tab. 1; 2). Unter den Funktionsgruppen dominieren Messer- und Schwert-
scheiden, Gurte, Riemen, Gtirtel sowie Beutel und Taschen. Die Funde sind zum grofien
Teil stark fragmentiert. Zweifellos wirkt sich der Zerfall der Gegenstande in mehrere
Ein/elstiicke auf die ermittelte Summe einer Funktionsgruppe aus, denn eine urspriing-
liche Zusammengehdrigkeit einxelner Fragmente konnte nur hin und wieder an beson-
ders auffalligen Stricken erkannt werden. Dies null? bei Angabe des zahlenmafiigen
Vorkommens ein/elner Funktionsgruppen beachtet werden. Die Auswertung erfolgt
nach typologischen Gesichtspunkten, wobei jeweils Fundaufkommen, Fertigungs-
techniken, Datierung und Vergleichsfunde beriicksichtigt sind. Hinzu kommen Hinweise
zur Trageweise, zu Verzierungen und zu den verwendeten Lederarten. Allerdings wer¬
den die fur die kleineren Funktionsgruppen und Ein/elstiicke erarbeiteten Ergebnisse
lab. 2 Schleswig (Schild). Absolute Verteilung (n) der Lederfunde auf
die ermillellen Funktionsgruppen und Formen.
Funktionsgruppe
n
Futterale
Messerscheiden
Form 1 4
Form 2 31
Form 3 35
Form 4 10
verschiedene 13
nichl xuweisbar 55
Schwertscheiden
nicht /.uvveisbare Futterale
(Jurte, Riemen, Ciiirlel
Form 1 39
Form 2 12
Form 3 7
Form 4 127
Form 5 4
nichl /uweisbnr 14
beutel und Taschen
rechleckige beutel 27
runde beulel 8
Futterallaschchen 7
sonstige und nicht xuweisbare 20
F'ausllinge
Schleuderlaschen
Runde Scheiben
()senlaschen
Kordeln und ITansenbander
ball
168
404
155
81
203
62
3
4
10
11
8
1
14
weniger differenziert vorgestellt. Die Abbildungen spiegeln cine repriisentative Auswahl
der bestimmten Lederfunde wider'.
Grundsatzlich ist festzuhalten, daR die Objekte - bis auf wenige Ausnahmen - von
qualifiziertcn Handwerkern angefertigt wurden. Diese Tatsache gait sehon fur die
Schuhfundc, wobei die enormen Lederfundkonzentrationen in den Sehichten des 13./
14. Jahrhunderts zudem den RiickschluR auf zumindest eine in unmittelbarer Niihe
zum „Schild77 gelegene Werkstatt des Schuhhandwerks erlaubten (Abb. 2; Schnack 1992,
Кар. 7). Allgemein ist davon auszugehen, dal? in Schleswig ein organisiertes Schuhhand-
werk bereits im 12. Jahrhundert existierte (Schnack 1992, Кар. 7). Inwieweit Schuhmacher
in den Herstel 1 ungsprozeR von Futteralen, Riemen, Taschen und anderem eingebunden
waren, laRt sich allerdings weder fiir diese friihe noch fiir die darauf folgende Zeit
eindeutig klaren. In diesem Zusammenhang sind Hinweise zu beachten, denen zufolge
Messer- und Schwertklingenfutterale in der Werkstatt eines Messerschmieds oder eines
Schwertfegers angefertigt wurden (vgl. Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 9). Fair
das vorliegende Untersuchungsgut ist weiterhin interessanl, daR es ebenso wie die
Schuhteile und Abfallprodukte der primaren und sekundaren Schuhherstellung aus
den Lederfundkonzentrationen stammt, wobei offen bleibt, obder Abfall auf eine einzige
Werkstatt, die mit der Produktion unterschiedlicher Gegenstnnde beschaftigt war, oder
auf mehrere Fertigungsstatten zuriickgeht.
3.1 Futterale
Die Gruppe der Futterale wird hier durch Messer- und Schwertscheiden bestimmt.
Sie zahlen neben Schuhwerk fast iminer zu dem iiblichen Lederfundspeklrum, sofern
die fiir organisches Material erforderlichen Frhaltungsbedingungen im Boden
vorgelegen haben (Tab. I; 2).
Bei den Ausgrabungen in Schleswig (Schild) wurden mehr als 400 Futterale be-
ziehungsweise Futteralfragmente geborgen, die zum iiberwiegenden Toil aus Sehichten
des 13. Jahrhunderts stammen; grundsatzlich ist diese Fund gruppe aber fiir den gesam-
ten Untersuchungszeitraum belegt (Abb. 4).
Der Versuch einer funktionalen Differenzierung nach Messer- und Dolchscheiden
erwies sich als nicht durchfiihrbar. Da fiir sind vor allem zwei Griinde ausschlaggebend:
Zum einen hatten Messer und Dolch oftmals die gleiche Funktion (Seitz 1965, S. 198;
Knorr 1971, S. 129 ff.); zum anderen ist bekannl, daR der Dolch zwar im 13. Jahrhundert
eingefiihrt, aber erst im 14. Jahrhundert allgemein iiblich wurde (Seitz 1965, S. 199;
Knorr 1971, S. 131), also jenem Jahrhundert, das in Schleswig (Schild) nur in seinen
Anfangen vertreten ist (Liidtke 1985, S. 39). Weiterhin gibt es zwischen Messer- und
Dolchklingen keine spezifischen GrdRenunterschiede, so daR auch die Mbglichkeit einer
Abgrenzung iiber MaRvergleiche (z. B. Fringe) enlfnlll.
Im Gegensatz dazu lassen sich Messer- und Schwertscheiden anhand ihrer Langen-
mafie problemlos voneinander unterscheiden. In diesem Zusammenhang ist beispiels-
weise auf eine Flensburger Zunftordnung des Jahres 1514 hinzuweisen, aus der hervor-
1/ 18 15 16 13 14 11 12 6
1 23 19 7 2 8 3 9 4 10 5 24 20 22 26 21 25
1
2
29
30
31
32
35
36
Messer- und Schwertscheiden (404 Einheiten)
Г' 1
1 2—3 4—5 ■ >5
Abb. 4 Schleswig (Schikl). Messer- und Schwertscheiden. Absolute Verteilung ,iuf die I’lanquadratc
(I lori/.onhile) und Gr.ibungsschichten (Vertikale).
geht, daB Klingen mit einer Lange unterhalb einer Kile nur von Messerhandwerkern,
hingegen solche mit einer Lange iiber einer Kile nur von Schwertfegern geschmiedet
werden durften (Clroenman-van Waateringe l988a,S. l03;Anm. I)1.
Die bei der Ausgrabung Schleswig (Schild) gefundenen Messerklingen variieren in
der Lange zwischen 8 und zumindest 30 cm, fiir die Schwertklingen sind infolge ihres
v
MQndung
Nahtlage im Querschnitt
Ose
Verbindungskante
Faltkante
^ seitlich
AbschluB
rQckseitig
Abb. ^ l;ulU*r.ik\ Sdu'niiUiselie IXirstellimg der vmvendeten Terminologie.
lb
Erhaltungszustandes keine entsprechcnden MaBspannen anzugeben (Saggau, in Vor-
bereitung). Unter der Annahme, daB das hier ermittelte Spcktrum dor Messerklingen-
langen reprasentativ ist, werden dcshalb Futterale beziehungswcise Futteralfragmente
ab ciner Lange von 35 cm als Schwertscheiden gewertet. Weiterhin sind Schwertscheiden
durch eine dreieckige Miindungsbffnung oder eine parallel zu den Langseiten verlau-
fende Linienpnigung gekennzeichnet. Eine zusatzliche Differenzierungsmdglichkeil
ergibt sich aus der Lage der Verbindungskanten, so ist fur die Messerscheiden von
Schleswig (Schild) primar eine seitliche, fiir die Schwertscheiden hingegen ausschlieBlich
eine riickseitige Nahtlage belegt (s. unten).
Anhand der angesprochenen Parameter laBt sich feststellen, daB in Schleswig (Schild)
Messer- und Schwertscheiden zu etwa gleichen Anteilen vertreten sind (n= 168 bzw.
155; Tab. 2). Allerdings konnten relativ viele Fragmente (n = 81) nicht eindeutig einer
der beiden Funktionsgruppen zugewiesen werden.
Die im Zusammenhang mit Futteralen verwendete Terminologie wird anhand einer
Skizze erlautert (Abb. 5).
3.1.1 Messerscheiden
Messerscheiden sind fiir Schleswig (Schild) seit dem 11. Jahrhundert nachzuweisen, wobei
sich die Funde in Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts haufen (Abb. 7- 13; 15; 16).
F e r t i g u n g s t e c h n i k: Die meisten Messerscheiden wurden aus einem tiitenfdrmig
zugeschnittenen Lederstiick gefertigt, das einmal zur Langsmitte gefaltet wurde und ..
sich mehr oder weniger gleichmaBig zum AbschluB verjiingte. Daneben kommen bei
entsprechender Faltung Exemplare mit parallel verlaufenden Kanten vor, die in einem
spitzen (Abb. 8.4) oder rechteckigen AbschluB enden (Abb. 10.2,4). Die Miindung
verlauft in der Regel mehr oder weniger gerade, selten kommen keilfdrmige (Abb. 9. 8)
oder halbkreisfbrmige (Abb. 11.8) Ausschnitte oder gewellte Riinder vor (Abb. 13. I).
Bei den meisten Schleswiger Messerscheiden lag die Verbindungskante entsprechend
ihrer Faltung seitlich (z. B. Abb. 7- 12). Anderes gilt fiir die flachig verzierten Messer¬
scheiden, die allerdings relativ-chronologisch jiinger sind als die Masse der Schleswiger
Stiicke. Hier wurden beide Langsseiten des Lederstiickes nach hinten umgeschlagen,
so daB die Verbindungskante mittig oder leicht von der Mitte versetzt auf der Riickseite
der Messerscheide lag (Abb. 13. 1 - 3,5,7).
Die Messerscheiden wurden vermutlich iiber einem 1 lolzleisten oder der jeweiligen
Messerklinge (vgl. Cowgill u. a. 1987, S. 35) ausgeformt und dann von der Narbenseile
her vernaht, verbunden oder vernietet; damit entfiel das Wenden des fertigen Stiickes,
wie es bei dem zeitgleichen Schuhwerk iiblich war (vgl. Groenman-van Waaleringe
1988a, S. 83). Beim Nahen verwendete man am haufigsten die offene AbschluBnaht,
wobei davon ausgegangen wird, daB - ebenso wie bei dem Schuhwerk - mit Garnen
aus pflanzlichen Fasern gearbeitet wurde (vgl. Schnack 1992, Кар. 3.4). Dagegen belegen
Abdruckspuren und mehr oder weniger rechteckig geformte „Nahtlbcher", daB auch
Lederbrindchen als Verbindungselement dienten (z. B. Abb. 9.2; 11.6). Vergleichsfunde
17
dazu gibt es aus Haithabu (Groenman-van Waateringe 1984, S. 37; Taf. 20.2,6)"’, Elisenhof
(Grenander-Nyberg 1985, Taf. 63. 3,4), Pleskau, Alt Ladoga (Ojateva 1962, Abb. 10. 19;
1965, Abb. 3.5) und Novgorod (Izjumova 1959, Abb. 10.3). Die Biindchen sind ent-
sprechend dor hinterlassenen „Nahtlocher" mit einer Breite von 0,2-0,3cm sehr foin
gewesen (у.. B. Abb. 10. 4), so dafi es wenig wahrscheinlich ist, daB sie zugloich zur Auf-
hiingung des Messers am Giirtel dienten. Diese Doppelfunktion erfiillten mbglicher-
weise starkere Bander (z. B. Abb. 9.3).
Line weitere gelaufige Verbindungstechnik ist durch eiserne Niet- oder Randbeschlage
belegt. Sie kommt erstmals in Schichten des 13. Jahrhunderts vor (z. 13. Abb. 8. 2,5; 9.7,8;
vgl. auch Saggau, in Vorbereitung). Genietete oder beschlagene Messerscheiden ent-
sprecliender Zeilstellung gibt es aus Liibeck (Groenman-van Waateringe und Guiran
1978, S. 170; Abb. 72.2), der Burg von Ilzehoe (Andersen 1980, S. 68; Abb. 53), Frankfurt/
Oder (Huth 1975, S. 59; Abb. 136.1,2), Breslau (Ka/.mierczyk 1970, Abb. 69. f; 70. c,d;
Samsonowicz 1982, Abb. 26. c,d),Svendborg (Groenman-van Waateringe 1988 a,S. 90 ff.;
Abb. 7.2.3.3; 4. 9; 5. 20), Lund (Blomqvist 1938, S. 152 ff.; Abb. 20-22; Bergman und
Bill berg 1976, Abb. 348), Alkmaar (Groenman-van Waateringe 1972, S. 105; Abb. 30. 3d),
Dorestad (Groenman-van Waateringe 1976, S. 196; Abb. 5. 26), Amsterdam (Baart u. a.
1977, S. 94 f.; Abb. 25; 26) und King's Lynn (Carter und Clarke 1977, S. 366; Abb. 169. 93).
An einem but feral des 11./12. Jahrhunderts aus Alt Liibeck sitzt eine kleine Kupfer-
zwinge (Groenman-van Waateringe 1988 b, S. 147; Abb. 3. 6/4).
1 r a g e w e i s e: Das Messer gehorte zu den taglichen Gebrauchsutensilien beider
Geschlechter. Hs konnte dariiber hinaus wichtiges Trachtelement sein oder als Standes-
zeiehen gefiihrl werden (Knorr 1971, S. 129 ff.). Das Futteral oder die Scheide, in der
man das Messer verwahrte, wurde damit vielfach zum Schmucktriiger. „Das Messer
hing am Giirtel, an der Tasche des Mannes, steckte in der Nebenscheide der Waffe, der
Saxseheide. Die Frau trug es in ihrem Utensilienbeutel, oder es hing am Lederriemen"
(Knorr 1971, S. 129). Auch das Irauenspezifische Kiichenmesser war am Giirtel befestigt
(1 luth 1975, S. 59). Weiterhin ist bildlichen Darstellungen zu entnehmen, da В das Messer
Abb. (> Keknnslruklinn einer Messersiheiden.Hifhangimg ,mi Ciirlel millets Umkehrsehl.uife.
einfach hinter den Giirtel oder quer unter den Tascheniiberschlag gesteckt wurde (Cow-
gill u.a. 1987, S. 53 ff.; Abb. 18; 19). Dies oder die Verwahrung in einem Beutel kann
man fur jene Schleswiger Futterale erwarten, die keinerlei Spuren einer Aufhangevor-
richtung ergeben haben (z. B. Abb. 8. 7; 9. 5).
Eingeschnittene und durch Bandzug gedehnte Osen lassen jedoch den SchluB zu,
daB die meisten Schleswiger Messerscheiden am Giirtel befestigt waren. Dabei zahlte
das einfache Prinzip der Umkehrschlaufe wohl zur gelaufigsten Aufhangeteclmik
(Abb. 6), wie es im Zusammenhang mit einem mannlichen Moorleichenfund aus Schwe-
den aus der Zeit urn 1360 iiberliefert ist (Sandklef 1937, Abb. 28). Aufgrund grober und
eher zufallig wirkendcr Oseneinschnitte vermutet M. de Neergaard, daB der Trager die
Osen fur die Aufhangung zumeist selbst einschnitt (Cowgill u. a. 1987, S. 54). Wiewohl
dies auch fur einige der Schleswiger Futterale gel ten mag (z. B. Abb. 7. 2,3), folgen die
meisten Oseneinschnitte einem iiberwiegend geregelten Verteilungsschema, wobei die
Anzahl der Osen durchaus unterschiedlich sein kann (vgl. z. B. Form 2: Abb. 8. 2,4). Die
Riemchen wurden durch die Osen quer zur Langsachse der Messerscheide urn diese
herumgefiihrt (Abb. 10. 6,10).
Г у p о 1 о g i e: Die Messerscheiden von Schleswig (Schild) wurden aufgrund ihres
Zuschnittes beziehungsweise der Art ihrer Verzierung in vier Formen untergliedert:
Form 1: einfach, mit seitlich abgestufter Verbindungskante.
Form 2: einfach, mit oder ohne Beschlag.
Form 3: verziert, mit zipfeligem Randdekor.
Form 4: verziert, mit Stempelpragung.
Die diesem Schema nicht entsprechenden Exemplare werden in der Gruppe „verschie-
dene Messerscheiden" zusammengefaBt und beschrieben.
Die Funktionsgruppe „Messerscheiden" besteht aus insgesaml 168 Lederstiicken
(Tab. 2). Davon lieBen sich allerdings 55 Fragmente aufgrund ihres auBersl schlechten
Erhaltungszustandes weder den oben genannten Formen noch der Gruppe „verschie-
dene Messerscheiden" (n = 13) zuordnen. Am haufigsten sind die Formen 3 und 2 (n = 55
bzw. 31) zu belegen, seltener die Formen 4 und I (n = 10 bzw. 4).
Form 1: Die vier dieser Gruppe zugewiesenen Exemplare stammen ausschlieBlich aus
Schichten des 11. Jahrhunderts (Abb. 7).
Die Lange der Messerscheiden liegt zwischen 16,5 und 23,0 cm, die Breite zwischen
3,3 und 5,5 cm. Wiilirend die grdBte Messerscheide seitlich vernaht wurde (einfacher
1 leftstich; Abb. 7. 3), sind die anderen Exemplare vermutlich mit Lederbandchen ver-
schlossen worden, wie man es an einem Stuck aus Pleskau in situ beobachten kann
(Ojateva 1962, Abb. 10. 19). Alle Messerscheiden weisen unterhalb der Miindung an
der Verbindungskante je eine Ose fiir die Aufhangung auf.
Die als Kennzeichen dieser Form bestimmte seitliche Abstufung ist in alteren Fund-
zusammenhangen stetsan unverzierte Messerscheiden gebunden. Entsprechende Belege
gibt es aus Haithabu (Groenman-van Waateringe 1984, z. B. Taf. 21.7), Elisenhof
(Grenander-Nyberg 1985, S. 237; Taf. 63.4), Lund (11. Jh.; Blomqvist und Martensson
1963, S. 197 ff.; Abb. 218-220) und Durham (11. Jh.; Thornton 1979, S. 28; Abb. 17). Die
19
I
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2
i- 3
4
ЛЫ). 7 Schleswig (Schikl). MessersclK-iden. h'orm 1 f I Nr. I860; 2 Nr. 9096; 3 Nr. 12036; 4 Nr. 12322). M. 1:3
nus I leskau iibcrliefiTten Funde sind — ohne genauere Eingrenzung — dem 11. —14.
Jahrhundert zugewiesen (Ojateva 1962, S. 94; Abb. 10.13,15-19).
In London ist diese Form seit dem 12. Jahrhundert vertreten (Cowgill u.a. 1987, S.
11 o; z. B. Abb. 76. 372), allerdings stels in Verbindung mil flachiger Verzierung in Form
von Lederschnitt odor Stempelpriigung. Cleiches gilt fur weitere Fundorte innerhalb
des .ingdsachsischen Katimes, so King's Lynn (Carter und Clarke 1977, S. 366; Abb.
169. 93), York (Richardson 1961, S. 102 f.; Abb. 29.4; MacGregor 1982, S. 142; Abb. 73.681)
und 1 lull (Jackson 1979, S. 57; Abb. 24. 54).
Form 2. Linfache Messeischeiden, die sich zum AbschluR niehr oder weniger gleich-
maRig verjiingen (n = 31), sind in Schleswig (Schild) vom 11.-14. Jahrhundert belegt
(Abb. 8; 9. I - 5). Wahrend Messerscheiden ohne 1 linweise auf eine Riemenaufhangung
- das heiRt ohne Oseneinschnitte - vom 11.-13. Jahrhundert im Fundgut erscheinen,
sind soli he mil mehreren, sorgfaltig unlereinander angeordneten Osenpaaren erst aus
Schichlen des 13. und 14. Jahrhunderts iiberliefert (/. 13. Abb. 8. 2,4). Daneben gibt es
Lxemplare mil einzeln angebrachten Osen (Abb. 8. 6,8; 9. 3). Vom 13. Jahrhundert an
kommen Messerscheiden vor, deren Verbindungskanten mil Nieten oder einem eisernen
Beschlag zusammengehalten wurden (Abb. 8. 1,5).
Die Messerscheiden sind durchschnittlich 19,6 cm lang und 4,2 cm breit. Das kleinste
Exemplar ist 12 cm lang und 1,5 cm breit (Abb. 8. 7). Das groRte Futteral ist 31 cm lang
und 5,л cm breit, die Verbindungskante wurde hier entweder mit einem dicken Faden
oder - wohl eher - mit einer l.ederschnur zusammengehalten (Abb. 9. 2). In der Regel
20
5 6 7 8
Abb. 8 Schleswig (Schild). Messerscheiden. Form 2 (I Nr. I-ISO; 2 Nr. •' ‘.'i- 1 Nr. 0415; 4 Nr. 1470; 5 Nr. 1547;
6 Nr. 4051; 7 Nr. 4124; 8 Nr. 650b). M. 1:3
wurde die Verbindungskante durchgehend vernahl (Abb. 8.4) odor vcrniolet und
beschlngen (Abb. 8. 1). Dariiber hinaus ist zu beobachlen, da8 man vorschiedene Verbin-
dungstechniken miteinander kombiniert bat. Dies gilt beispielsweisc fur cine Messer-
scheide, deren Verbindungskante in der unteren Halfte iiberwendlich vernahl, wahrend
die obere I lalfte wahrscheinlich mil dem Band der Aufhangung geschlossen wurde
(Abb. 9. 4).
Die Aufhangung einer kleinen Messerseheide erfolgte mittels eines Riemchens, das
durch eine Endschlaufe an der Verbindungskante unterhalb der Miindung belestigt
21
1324); 6- 8 Form 3 (6 Nr. 7858; 7 Nr. 13869; 8 Nr. 12702). M. 1:3
wurde (Abb. 8. 6). Andere - besonders kleine - Exemplare, die keinerlei Spuren einer
entsprechenden Vorrichtung /eigen, wurden vermutlich in einer Tasche oder einem
Beutel verwahrt (Abb. 8. 3,7; 9. 5), was wohl im Falle einer fragmentarisch crhaltenen,
aber noch vergleichsweise langen Messerscheide nicht xutreffen diirfte (Abb. 9.1). Eines
22
dieser kleinen Stiicke stammt aus einer um 1200 datierten Fundschicht. Bemerkenswcrt
daran sind Reste einer Holzfutterschicht (Abb. 9. 5)'\ Dieser fur Schleswig (Schild)
singulare Fund findet eine Parallele in einer mit einer sehr diinnen Holzlagegefiitterten
Messer- oder Dolchscheide aus Exeter, die dem 15.- 17. Jahrhundert zugewiesen wird
(Friendship-Taylor 1984, S. 331; Abb. 187. 62).
Fiir die Form 2 lassen sich Vergleichsfunde aus Haithabu (Ullemeyer 1970, S. 67; Groen-
man-van Waateringe 1984, S. 37; z. 13. Taf. 20. 5) und Elisenhof (Grenander-Nyberg 1985,
S. 236; Taf. 63. 3) anfiihren, dort tritt eine Futteralform mit seitlichem Osenfortsalz hinzu
(z. B. Groenman-van Waateringe 1984, Taf. 21.4; Grenander-Nyberg 1985, S. 236; Taf.
63. 2). Weitere Belege stammen aus Alt Liibeck П1./ 12. Jh.; Groenman-van Waateringe
1988 b, S. 147; Abb. 3.6/4,6/14,6/18), Frankfurt/Oder (Huth 1975, S. 59; Taf. 136. 1,2),
Breslau (13. Jh.; Kazmierczyk 1970, Abb. 70. a,d; Samsonowicz 1982, Abb. 26. a,d), Oppeln
(10.-12. Jh.; HoTubowicz 1956, Abb. 46. 1 -3), Alt Ladoga (7.-9. Jh.; Oja leva 1965, Abb.
3.2-4), Novgorod (Izjumova 1959, Abb. 10.3), Svendborg (ca. 1200; Groenman-van
Waateringe 1988 a, S. 105; Abb. 7.2.3.3), I Ialland (um 1360; Sandklef 1937, S. 14; Abb. 28),
Dorestad (14./15. Jh.; Groenman-van Waateringe 1976, S. 196; Abb. 5. 26), Alkmaar (13.
Jh.; Groenman-van Waateringe 1972, S. 105; Abb. 60. 3d), Amsterdam (13. Jh.; Baart u. a.
1977, S. 94 f.; Abb. 25; 26) und Beverley (13. Jh.; Atkinson und Foreman 1992).
Form 3: Messerscheiden mit zipfeligem Randdekor sind in Schleswig (Schild) erstmals
fiir die Zeit um 1200 nachzuweisen und dann bis in die Schichten des 14. Jahrhunderls
zu belegen (n = a5; Abb. 9. 6-8; 10-12). Die durchsclmittliche Lange der Messerscheiden
ist mit 22,4 cm, die Breite mit 4,2 cm anzugobon, das grbl>te Exemplar miBl in der Lange
mindestens 30,5 cm und in der Breite 4 cm (Abb. 10.1).
Nach Ausweis der „Nahtldcher" wurden die meisten Messerscheiden dieser Gruppe
seitlich mit durchgezogenen Lederbiindchen verschlossen (z. B. Abb. 10.2,4), aber es
kommen auch textile Fadennahte vor (z. B. Abb. 10. 3) oder Eisenbeschlage und Niele
(z. B. Abb. 10.9).
Der Nachweis eines fiber die gesamte Kanlenliinge reichenden Eisenbeschlages gelang
seltener (z. B. Abb. 9. 8). In der Regel wurde die untere I la I fie durch eine Eisenzwinge,
dieobere 1 lalfte durch Niete zusammengehalten (Abb. 10. 9). Mil Hilfeder Niele fixierle
man offenbar zugleich die horizontal verlaufenden Riemchen (z. 13. Abb. 10. 6), wobei
ein zusiitzlicher Lederstreifen als verstiirkende Nietunterlage dienen konnle (Abb.
10. 10). Die quer verlaufenden Riemchen waren hin und wieder fixiert, vielleicht mil
einem schmiickenden Schling- oder Kreuzstich (z. B. Abb. 11.7).
Auch in dieser Gruppe kommen Messerscheiden olme Aufhangevorrichlung vor (Abb.
9. 7; 11.1). Bei den iibrigen Exemplaren differierl die Anzahl der Osen, was auf unler-
schiedliche Bindetechniken hindeutet. Dabei sind Messerscheiden mil nur einer Ose
(Abb. IT 2,3) oder einzelnen Osengruppen (Abb. 11.4) seltener als solche mil unlerein-
ander angeordneten Einzelosen (z. B. Abb. 10. 7) oder in Reihen neben- und unlerein-
ander plazierten Osenpaaren. So auch an einer Messerscheide, an der seillich oberhalb
des Miindungsrandes noch ein langeres Lederband in situ verknotel vorgelunden wur¬
de, das sehr wahrscheinlich zur Aufhangung an einem Giirlel diente (Abb. 11.5).
21
Abb. 10 Schleswig (Si hild).
TSUI; 6 Nr. 1548; 7 Nr. 4221,
Moswrschoidon. Form 3 (I Nr. 2081; 2 Nr. 13052; 3 Nr. 8455; 4 Nr. 11075; 5 Nr.
; H Nr. 1546; 9 Nr. 7860; 10 Nr. 7812). M. 1:3
24
Abb. II Schleswig (Schild). Messerscheiden. I-orm 3 (I Nr. 4001; 2 Nr. 0316; 3 Nr.
13862; 6 Nr. 6034; 7 Nr. 3000; 8 Nr. 11181). M. 1:3
25
Abb. 12 Schleswig fSchild). Mossorsdicidon. Form 3 (1 Nr. 9367; 2 Nr. 3503; 3 Nr. 12677; 4 Nr. 7753; 5 Nr.
13858; 6 Nr. 6211; 7 Nr. 10118; 8 Nr. 6924; 9 Nr. 10841). M. 1:3
2b
Die Munching einer Messerscheide (Abb. 11.8) weist auf Vorder- und Riickseite
halbkreisformige Ausschnitte auf, die von Einstichen begleitet werden. Ob letztere viel-
leicht von einer Einfassung oder mbglicherweise von einer Reparatur herstammen, nuiR
of fen bleiben.
Kennzeichen dieser Formengruppe ist ein in das Leder geschnittenes zipfeliges Rand-
dekor, cias in unterschiedlichen Variationen vor allem die untere Halfte dor Verbindungs-
kante sowie den AbschluR begleitet. Nur sehr selten dehnt sich die Schnittdekoration
auch auf die obere Halfte (Abb. 11. 1,4) oder die untere Halfte der gegeniiberliegenden
Faltkanteaus (Abb. 9. 6; 10. 2,4; 11.2; 12.1,2). Das Dekor besteht iiberwiegend aus trape-
zoidcn bis rechteckigen Zipfeln (z. B. Abb. 10.4,7; 12.1), die ab und an durch fran-
senartige Einschnitte erganzt werden (Abb. 12.2,3). Einige Messerscheiden mit recht-
eckigem AbschluR weisen kleine Fransengruppen auf (Abb. 11.5,6; 12. 4). Mitunter falll
das Dekor in Form und Ausfuhrung recht einfach aus (Abb. 9. 8; 10. 5,6,8; 11.4; 12. 6).
Andere Messerscheiden tragen auf der Vorderseite zusatzliche Verzierungen, die sich
entweder auf Steppereien beschranken (Abb. 11.3; 12.1,9) oder diese mit Ausstanzungen
vereinen (z. B. Vierblattrosetten, gegenstandige Dreiecke; Abb. 10. 3; 11.2). Diese Korn-
bination gilt auch fiir ein nur im oberen Teil erhaltenes Fragment, dessen vollstandige
Kantengestaltung nicht mehr zu beurteilen ist. Hier zeigt sich ein kreisfdrmiger Fortsatz
mit zipfeligem Anhcingsel, die kleinen Ausstanzungen sind annahernd rechteckig oder
rautenformig geformt (Abb. 12.5), wie es ganz ahnlich bei einem weiteren Fragment
einer Messerscheide begegnet (Abb. 12. 8). Dieser Formengruppe wird zudem eine se-
kundar beschnittene Messerscheide mit herzfdrmigen Ausstanzungen (Abb. 12. 7) zur
Seite gestellt, obgleich das diese Gruppe kennzeiclmende zipfelige Randdekor nicht
nachweisbar ist. Die Ausstanzungen sind zum Teil rosetlenartig angeordnet, wie es
auch ganz ahnlich an einer Breslauer Messerscheide wiederkehrt (Kazmierczyk 1970,
Abb. 69. a; 70. e; Samsonowicz 1982, Abb. 26. e). Messerscheiden mil Ausstanzungen
und/oder Ziersteppereien kommen in Schleswig (Schild) erstmals in Schichten des 13.
Jahrhunderts vor. In Breslau sind diese Verzierungstechniken fiir das 12. und 13. Jahr-
hundert belegt (Kazmierczyk 1970, Abb. 69. a-e,g,i).
Vergleichsfunde fiir das zipfelige Randdekor lassen sich aus der naheren und weiteren
Umgebung Schleswigs anfiihren. Aus der Burg von Itzehoe stammt eine in das 14. Jahr-
hundert datierte Messerscheide mit vier parallel verlaufenden Bandresten sowie einem
fragmentarisch erhaltenen Ortband, deren trapezoide Fortsiitze mit Ziernieten beschla-
gen sind (Andersen 1980, S. 68; Abb. 53). Aus einer Fakaliengrube des 14./15. Jahr¬
hunderts in Liineburg ist ein Objekt iiberliefert, das - aufgrund seines Fundzusammen-
hanges mit einem Schuh - als Schuhlasche interpretiert wurde (Plath 1980, S. 70; Abb.
102)7, aber bei genauerer Betrachtung den hier behandelten Messerscheiden zur Seite
gestellt werden kann. Bei dem auseinandergefaltet gezeichneten Stiick wird in der Mitte
der Langsachse die urspriingliche Faltung andeutungsweise sichtbar. Das 19,1 cm lange
und 3,1 cm (6,2cm) breite Futteral zeigt im oberen Teil zweimal sechs untereinander
angeordnete Osenpaare. Kleinere Locher lassen darauf schlieRen, daR es in der oberen
Halfte mit Nieten beschlagen war, wahrend die untere Halfte vermutlich mittels einer
Zwinge zusammengehalten wurde. - Weitere Farallelen gibt es aus Breslau (13. Jh.;
27
Kaxmiercxyk 1970, Abb. 69. h; 70. f; Samsonowicz 1982, Abb. 26. f), Arhus (Lorenzen
1971, S. 182; Abb. ALI), Svendborg (14. Jh.; Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 88;
Abb. 72.2.2), Hull (Jackson 1985, Abb. S. 14) und viclleicht aus Aberdeen (13./14. Jh.;
Murray u. a. 1982, S. 197; Abb. 113.154). Fine Messerscheide aus Novgorod weist
entgegen dem iiblichen Schema in der oberen Kantenhalfte Randxipfel auf (Izjumova
1959, Abb. 10.6).
Form 4: Messerscheiden mit Stempelpragung (n = 10) sind seit dem 13. Jahrhundert
sporadisch im Fundmaterial von Schleswig (Schild) vertreten (Abb. 13).
Bei dieser Form liegt die Verbindungskante auf der Riickseitc der Messerscheide, wo
siemiteineroffenen Abschlufinaht (z. B. Abb. 13.1) oder Uberwendlichnaht (Abb. 13. 2,3)
geschlossen wurde.
Die MaBe der drei weitgehend oder vollstandig erhaltenen Futterale sind mit 17x3 cm
(Abb. 13. 7), 17,5 x 5,5 cm (Abb. 13. 3) und 26 x 4 cm (Abb. 13.1) anzugeben.
Neben den durch Vorder- und Riickseitc greifenden Osen (Abb. 13.3) liefert diese
Messerscheidengruppe auch Beispiele fur eine Aufhangung, die mit Hilfe nur riickseitig
eingeschnittener Osen bewerkstelligt wurde (Abb. 13.1,7). Der Miindungsrand ist in
der Regel gerade gestaltet, einmal verlauft er wellenformig (Abb. 13. I)-
Kennzeichen dieser Gruppe sind in die Narbenoberflachc eingepragte Ornamente,
die mittels eines erwarmten Metallstempels in das feuchte, flach ausgebreitete Leder
vor seiner Verarbeitung gepreBt wurden. Diese Vorgehensweise gewahrleistete ein
gleichmaBiges und pragnantes Verzierungsbild, wahrend das Aufbringen des Stempels
auf einer fertigen Messerscheide ungleichmaBigc, verwaschene Abdriicke zur Folge
gehabt hatte (Gall 1965, S. 18; Cowgill u. a. 1987, S. 43). Mit diesen Arbeiten waren im
iibrigen Futteralmacher betraut (Gall 1965, S. 29). Das Spektrum der aus Schleswig
(Schild) iiberlieferten Stempelmuster wirkt im Vergleich zu den Funden aus London
(Gowgill u. a. 1987, Abb. 11) oder Lund (Blomqvist 1938, Abb. 34) bescheiden. Bestim-
mend ist aber hier wie dort der rautenfdrmige Lilienstempel (Abb. 14.1 -5), dabei reicht
die Musterfolge - je nach Abdruckdichte - von einer lockeren, aber regelmaBigen
Streuung (Abb. 13.2) bis bin zu scharf abgegrenzten Bildfeldern (z. B. Abb. 13.3), die
durch Linienpressung erganzt sein kdnnen (z. B. Abb. 13. 7). Die Riickseitc der Futterale
wurde offensichtlich ebenfalls stets verziert, und zwar exakt im Stil der Vorderseite
(Abb. 13.3), nachlassiger (Abb. 13.7) oder mit einem groBeren Stempel (Abb. 13.1).
Insgesamt sind die verwendeten Stempel recht klcin, der grbBte Abdruck einer Lilien-
raute miBt 0,8 x 0,5 cm.
Allein aufgrund ihrer Stempelverzierung (Abb. 14.10,11,13), im iibrigen unter groBem
Vorbehalt, werden dieser Gruppe noch drei Fragmente zugewiesen. Funes dieser Stiicke
zeigt mehrere untereinanderstehende, vergleichsweise groBe Rauten, deren Innenflachen
mit einem Funktraster ausgefiillt sind (Abb. 13.6). Auf einem kleineren Fragment ist
das mehrfach wiederkehrende, perlstabgerahmte Bild eines schreitenden Lowen zu
sehen (Abb. 13. 4). Wie die Lilie zahlt auch der Lowe zu den heraldischen Stempelmo-
tiven, die auf mittelalterlichen Messer- und Dolchscheiden nicht selten sind. Dies belegen
insbesondere die Londoner Funde, auf denen auch das Lowenmotiv hiiufiger vorkommt
28
Abb. 13 Schleswig (Schild). Messc'rscheiden. Form 4 (I Nr. 3338; 2 Nr. .3422; 3 Nr. 3482; 4 Nr. 13()|; 3 Nr. 3144;
6 Nr. 736b; 7 Nr. 13042). M. 1:3
(Cowgill u. a. 1987, S. 43 f.; Abb. 11). Das dritte Fragment tragt dicht geset/te quadratische
Abdriicke mit diagonal geteilten Flachen (Abb. 13.5). In den derarl gebildeten Drei-
ecksfeldern neigen sich je zwei Rankenstabchen einander zu, im Zentrum der Flache
liegt ein gleicharmiges Kreuz. Ein almlich gegliedertes Ornament ist auf der Riickseite
einer Londoner Messerscheide zu erkennen (Blomqvist 1938, S. 155; Abb. 24). Wahrend
das Schleswiger Stuck aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts stammt, wird das Londoner
Futteral in das 11. Jahrhundert datiert und zahlt zu einer Gruppe angelsachsiseher
Arbeiten, zu denen auch das sogenannte lagdmesser Karls des CiroRen in Aachen gehdrt
(Blomqvist 1938, S. 154 f.; Abb. 22; Gall 1965, S. 13 ft.; Abb. 9).
29
11 12 13
Abb. I I Si hk'swn; (S. hild). Rra^emuskT cl cm* Slempel U -^,10- 11,П Messerscheiden; (■>- 7 Schwertscheiden;
S sk hellormip, gebo^enes l.ederslmk; 0 I'lilkTallasd'irhen; 12 Riemen). I - ^ K.uilL'nlormi^t' kiliensk'mpel;
h quadratic her Slempel mil I .ilk' und anlennenarligen Verliingc'mngen; 7 quadralischer 1 .ilii'nslempc'l; S msel-
k'nlormi^rr Sk'mpel; 0 rauk'ntormi^er Skanpel; 10 mil kunklrask'r цеЬлПкт Rauk'nsk'mpel; II quadratischcr
Slumped mil suhivilendem l.dwen in IVrlslabrahmung; 12 quadmlischer Sk'inpel mil schreilendem I.bwen;
П quadralisrlu-r Slumpel mil diagonal ^eleillen MadK'n, Rankenslabehen und ^lekharmi^em Kivu/. Ohne M.
Stcmpelverzierte Messerscheiden sind bislang vor allem aus dcm nordwcslcuropai-
schen Raum bckannt. Einc Messerscheide aus Haithabu, allerdings mil seitlicher Naht-
lage, „ist mit einem einfachen gepunzten Muster verziert" (Ullemeyer 1970, S. 67; Abb.
13). Hierbei mag es sich um einen friihen Vorlaufer einer Verzierungsart handeln, die
auf Messerscheiden erst wahrend des 13. -15. Jahrhunderts ihre Bliitezeil hatte, wie die
zahlreichen Londoner Funde belegen (Kat. London 1967, S. 187; Cowgill u.a. 1987, S.
43). Futterale mit Rauten- oder Lilienstempeln gibt es aus Svendborg П270- 1300;
Groenman-van Waateringe 1988 a,S. 92; Abb. 7.2.4.6 u. 10), Lund (14./ 15. Jh.; Blomqvist
1938, S. 158 ff.; Abb. 34; 35), London ПЗ. u. 14. Jh.: Cowgill u. a. 1987, z. B. S. 122; Abb.
80.392; 81.391; 14./15. Jh.: Kat. London 1967, S. 187 f.; z. B. Taf. 42.1; Jones 1975, S.
161 ff.; Abb. 29.114; 30.119); Southampton (spates 13. Jh.; Platt u. a. 1975, S. 296; Abb.
262. 2157), King's Lynn (13. Jh.; Carter und Clarke 1977, S. 365 f.; Abb. 364. 89,91) und
Maastricht (ca. 1400; Panhuysen 1984, Abb. S. 119). Auf einem Stockholmer Futteral des
14. Jahrhunderts ist das Rautenmuster offensichtlich eingeritzt worden (Dahlback 1983,
S. 232; Abb. 197).
Verschiedene Messerscheiden: In dieser Gruppe werden Finzelstiicke (n = 13) vorge-
stellt, die aufgrund ihrer formalen oder verzierungstechnischen Merkmale keiner der
Formen 1 -4 zugeordnet werden konnen (Abb. 15; 16).
Aus Schichten des 11. Jahrhunderts stammen zwei Hxemplare, die durch ihren bemer-
kenswerten bronzenen AbschluBbeschlag auffallen. In beiden Fallen umklammert ein
punktverzierter dreieckiger Beschlag mit je zwei Nietarmchen die I;altkante im AbschluB
(Abb. 15. 1,2). Wahrend die langere der beiden Messerscheiden in einem spitzen Ab¬
schluB endet (22,5x4,3 cm; Abb. 15. 1), ist der AbschluB des anderen, sich nur wenig
verjiingenden Lxemplares rechteckig ausgeformt (20x4 cm; Abb. 15.2). Die Verbin-
dungskanten beider Stiicke sind vernielet. Die Messerscheide mit spitzem AbschluB
war urspriinglich auf der einen Seite mit drei liinglichen, gewblbten BronzepLiltchen
besetzt, die auf der Riickseite je mit zwei kleinen quadratischen Gegennieten gehalten
wurden. Dagegen wurde die Verbindungskante der Messerscheide mil geradem Ab¬
schluB mit einzelnen Ziernieten, die auf der Schauseite in Form einer Vierblattroselte
gestaltet waren, und mit kleinen zweifach genieteten Rechteckplattchen mil ziselierter
Punktreihe beschlagen. Annahernd identisch sind die erwahnten AbschluBbeschlage,
die eine „slawische Machart" reprasentieren (Gabriel 1988, S. 161 ff.; Abb. 26.8- 10).
Beide Stiicke zeigen ziselierte Punktlinien, die eine bis ,,zur Unkenntlichkeit abgewan-
delte Innenzeichnung eines Tierbildes", und zwar eines Ldwen mit zuriickgebogenem
Kopf, wiedergeben sollen (Gabriel 1988, S. 165 ff.). Im Gegensatz zu den beiden Schles-
wiger Stricken wurden die AbschluBbeschlage an den slawischen Messerscheiden in
der Regel durch einen schrag eingeschnittenen Schlitz in das Leder eingelassen. Nach I.
Gabriel (1988, S. 169; Abb. 26. 11-13) waren sie zudem an Messerscheiden mit geradem
AbschluB gebunden. Dagegen kann die Schleswiger Befestigungsart mit Nietarmchen
auch an einer Breslauer Messerscheide mit spitzem AbschluB aus dcm 13. Jahrhunderl
beobachtet werden (Kazmierczyk 1970, Abb. 69. f; Samsonowicz 1982, Abb. 26. c). Den
AbschluB einer spitz endenden Messerscheide, die offensichtlich ein Messer mil spilzer
31
Abb. 13 Schleswig (Schild). I -2 Mc'ssL'rsdu'idcn slnwisclu'r Mdclwt (1 Nr. 13479; 2 Nr. 13836); 3- 3 gckriimm-
k« Mrsst'rscheidc'n (3 Nr. 229b; 4 Nr. 11787; 3 Nr. 13008). M. 1:3
Klinge aufnahm, mit einem solchen Beschlag zu schiitzen, erscheint sinnvoll. Geht man
andererseits davon a us, dal? Messerscheiden mit geradem Abschlul? ebenso geformte
Messer bargen, das heil?t mit mehr oder weniger stumpf auslaufender Klingenspitze,
so scheint in diesen Fallen der Abschlul?beschlag weniger eine vor Abnutzung schiitzen-
de als vielmehr eine schmiickende Funktion gehabt zu haben.
Messerscheidenbeschlage „slawischer Machart" sind vielfach - vor allem aus dem
ostseeslawischen Raum - iiberliefert und dem Zeitraum zwischen dem spaten 11. und
32
dem 12. Jahrhundert zugewiesen (Gabriel 1988, S. 161 ff.; Abb. 24; 25). Nahe Vergleichs-
fundestammen aus Bosau, Liibeck, Oldenburg und Ratzeburg (Gabriel 1988, Abb. 26. 4,9;
Liste 5).
Beide Schleswiger Messerscheiden weisen unterhalb der Mundung seillich an dor
Verbindungskante cine durchgehende Ose auf, wobei die erhaltenen Lederbandroste
in dem Exemplar mit spitzem AbschluK (Abb. 15. 1) weitere Details lielern. Dort ist die
Zunge eines Doppelbandes mit I lilfe des Beschlages unterhalb der Miindung in der
Verbindungskante fixiert, wo auch die Ose eingesclmitten war, durch die horizontal
ein weiteres Band fiihrte, von dem heute nur noch die die Scheide umlaufenden Reste
vorhanden sind. Die Enden des Doppelbandes weisen winzige Nahtstiche auf.
Einige Messerscheiden fallen aufgrund ihrer Kriimmung auf. Aus einer Schichl des
11. Jahrhunderts stammt ein mit 34,5 cm relativ langes und mit einer Breile von maximal
2,8 cm zugleich recht schmales Futteral mit riickseiliger Naht (Abb. 15.3). Die leichte
Kriimmung in der Liingsachse ist mbglicherweise auf die Eagerungsverhiiltnisse im
Boden zuriickzufiihren (vgl. Jones 1975, S. 163; Abb. 29. 117). lm Vergleich dazu wirkt
die Kriimmung zweier in Schichten des 13. Jahrhunderts entdeckter Exemplare ,,ge-
wollt". Es ist offensichtlich, dali man in ihnen entsprechend sichelartig gelormle Klingen
verwahrte. Wahrend die seitliche Verbindungskante des einen 21 cm langen und 4,2 cm
breiten Exemplares recht grobe und relativ ungeordnete Durchlochungen - wohl eines
urspriinglichen Banddurchzuges - erkennen laBt (Abb. 15. 4), wurde das andere in der
Lange fragmentarisch erhaltene Stiick mittig auf der Riickseite mit iiberwendlichen
Kreuzstichen vernaht (Abb. 15. 5). Auch die Anbringung der Oson ist sehr unterschied-
lich, wobei die Miindung der Messerscheidc mit seitlicher Verbindungskante einen keil-
fdrmigen Ausschnitt aufweist, unter dem drei horizontal eingeschnitlene Osen ange-
bracht sind, wahrend die Scheide mit riickwartiger Naht unterhalb der Miindung an I
der Vorderseite zwei Osenpaare und auf der Riickseite ein Osenpaar aulweist.
Dem 11. Jahrhundert ist ein Fragment mit abgeschragter Miindung zugewiesen, dessen
Verbindungskante doppelreihig mit sehr kleinen Eisenstiften beschlagen wurde (Abb.
16.2). Der gleiche Zeitansatz gilt fiir ein 22,5 cm langes und 4 cm breiles Eutleral mit
parallel verlaufenden Langseiten (Abb. 16. I), dessen Verbindungskante millels Riem-
chendurchzug geschlossen wurde, wobei ein dreieckiger Ausschnitt im AbschluR- oder
Miindungsbereich (?) mbglicherweise zur Eixierung dieser Riemchenfiihrung ange-
bracht worden war.
Ein noch 15,5 cm langes und 4 cm breites Fragment aus einer Schichl des 14. Jahr¬
hunderts zeigt eine Art „Verzierung" aus diversen pleillbrmigen Einschnitlen unler-
schiedlicher GrbBe, die auf und beidseits der Ealtkante liegen (Abb. 16. 4). Die Verbin¬
dungskante wurde vielleicht mit einem Beschlag zusammengehalten.
Ungewbhnlich ist die Eormgebung einer 30,5 cm langen und 5 cm breiten Scheide
aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts (Abb. 16. 5). Von der Mundung an verjiingt sich
das Exemplar gleichmaRig zu einem zipfeligen AbschluR, der von der riickseitigen Naht
(offene AbschluRnaht) ausgespart blieb. Die Miindungspartie endet aul Vorder- und
Riickseite in je einer gleichschenklig zulaufenden Spitze. Diese Ausfiihrung kehrl in
ahnlicher F7orm auf Schwertscheiden des 13./14. Jahrhunderts wieder (s. union). Da
allerdings eingangs fiir Messer- und Schwertscheiden jeweils Langendefinitionen
feslgelegt worden waren, wonach Schwertscheiden nicht unter 35 cm lang sind, scheidet
cine enlsprecliende Zuordnung hier aus. Unlerhalb der Mtindungsbasis befinden sich
Abb. 16 Schleswig (Schikl). Уегм'Ькчкчи’ Messerscheklen (| Nr. 7224; 2 Nr. I202S; 2 Nr. 4262; 4 Nr. 2080; 2
Nr. 12862; 6 Nr. 12860; 7 Nr. WO; 8 Nr. 12627). M. 1:2
24
auf Vorder- und Riickseite jo fiinf Osenschlitze, durch die - don Abdriicken zufolge -
oino doppolto Riemenfiihrung, allerdings versetzl, erfolgle.
Die Vorderseite oiner 18 cm langen und 3 cm broilon Mossorschoido aus oinor Schichl
des 12. Jahrhunderts ist mit eingepreRten Winkollinion vorziorl (Abb. 16. 6). 1 lorizonlal
vorlaufondo Relieflinien auf Vorder- und Riickseite unlergliedern das Muster in zwei
Felder. Die offene AbschluRnaht liegt rucksoitig. Wahrend am Miindungsrand Finsliche,
vielleicht die oiner Stiirznaht, orhalton sind, ondot dor gorado AbschluR olfen. An dom
Stuck sind auRordom sokundare Finschnitte zu beobacbten. Abnutzungsspuron sowio
die Unterteilung in Heft- und Klingenteil sprechen eindeutig liir seine Vorvvondung als
Messerscheide. Oson, die auf oino Aufhangung am Ciirlol binvveisen wurden, sind nichl
erkonnbar; ancieres gilt fur cine Londoner Messerscheide aus dem 14. Jahrhundorl mil
ahnlicher, allerdings durch Wappenmotivo bereicherter Finienzier (Cowgill u. a. 1687,
S. 141; Abb. 91.429). Fine aus Karthuizorwijk slammendo, obonfalls in I left- und Klin¬
genteil gogliodorte Messerscheide ist mil einem geometrisch-floralen Moliv vorziorl
und wird in das 14./15. Jahrhundert datierl (Goubitz 1988, S. 15; Abb. 106).
Nicht mehr komplett erhalten sind zwei miteinander durch Beschlag verbundene,
als Oborflachonfund iiborlieferte Messerscheiden (Abb. 16. 8). Diebeiden unterschiedlich
groRon Messerscheiden (F. mind. 15 bzw. 11,5 cm; Br. 5,5 bzw. 5 cm) sind so aneinan-
dergelogt, daR ihro Verbindungskanten miteinander abschlieRen und von einem Fisen-
beschlag und Nieten zusammengehalten wordon. Die Riemonfiihrung erlolgte vertikal
um beide Messerscheiden herum, und zvvar boi dor groRoron durch liinl, bei dor к 1 оi-
noron durch vior regelmaRig untoreinandor angoordnolo Osonpaaro. Wahrend boi dem
Schleswiger Stuck zwei unterschiedlich groRo Messerscheiden einlach von auben an-
einander montiert wurden, weisen die Vorgloichsboispiolo cine andere Konshuklion
auf. Dort wurde stets oino zweite odor drilte kleine Messerhiillo ini Innoron dor 1 laupl-
schoide eingelassen, oino Macharl, die in London soil dem spalen 13. Jahrhundorl an
Messer- und Schwerlscheiden bogognol (Cowgill u.a. 1987, S. 55; z. B. Abb. 85.403;
107). In Braunschweig trilt sie an oinor mil Lodorschnill verziorlen Dogonsohoido des
15. Jahrhunderts entgegen (Rotting 1985, S. 78; Abb. 42. 3). Messergarniluren bendligle
man fiir bestimmte Taligkeilen, beispielsweise zum Ausweiden eines bei dor |agd erleg-
ten Wildtiores (vgl. Cowgill u. a. 1987, S. 55). Der Mann, dor um 1360 in Schweden slarb
und desson Feiche im Moor versenkl wurde, Irug seine beidon unterschiedlich groRon
Messer in Finzelfutteralen getrennl am Giirtel (Sandklei 1937, S. 14; Abb. 28).
Fin zweites, mit einer Lange von 6,7 cm und oiner Breite von 3,7 cm sehr viol kleineres
Doppelfutteral setzt sich aus zwei langlich-rechteckigen Ledersliicken mil doppell ge-
rundetem AbschluR zusammen (Abb. 16. 3). Beide Fulterale sind gegeneinander abge-
steppt. Sie dienten vermutlich zur Aufbewahrung eines handwerklichen Geralbesleckes,
das man - in einer Rolle zusammengelegl (?) - mil einem Riemchen verschniirle.
Bei einem obonfalls sehr kleinen, elwa 8 cm langen und 1,2 cm broilon F'ulteral endete
die Miindung in drei Riemchen (Abb. 16. 7). Das Stuck war seitlich tiberwendlich vernaht
und weist ein horizontal oingeschnitlenos ()senpaar elwa in Langenmille aul.
L о d e r a r l e n: F’iir die Anferligung der Schleswiger Messerscheiden wurden zu
elwa gleichen Teilen Caprinao- und Bovinaeleder verwendel (Abb. 17). C«leichzeilig isl
Kalb
Kalb/Rind
Messerscheiden
Schwertscheiden
Riemen, GOrtel
Taschen, Beutel Я
Rind
Ziege
Ziege/Schaf
Schaf
Bovinae
Caprinae
unbestimmt
10
20
30
40
50
60
70
80
90
%
Abb. 17 Si hleswig (Schild). IVo/i'iUuak' Vi'rk*ilunj» der LediTdrlen lx*i Messer-und Schwertseheiden, (.urlen,
Riemen, (iiirleln, Beuleln und Idsehen.
fest/ustellen, dоl> die altesten Messerscheiden (Form I) mis Ziegenleder und die jiingsten
(Form 4) lost ciussehlieLslich mis Kalbs- oder Rindsleder bestehen (Abb. 18). Die iiber-
wiegend dem 13. und 14. Jahrhundert zugewiesenen Londoner Futterale sind mis Kalbs-
leder gearbeitel, das - einer Zunftvorschrift zufolge - auch nur fiir diese benutzt werden
durlle (Cowgill u. a. 1987, S. 34).
Z u s a m m e n lass u n g: Die Messerscheiden (n = 168) konnten in vier Formen-
gruppen unlergliederl werden. Futterale der Form 1 sind durch eine Abstufung an der
seillich liegenden Verbindungskante gekennzeichnet und kommen ausschlieKlich in
Schichlen des 11. Jahrhunderts vor.
Idnfache unverzierle Messerscheiden (Form 2) sind seit dem 11. Jahrhundert in
Schleswig (Schild) nachgewiesen. Die seitlich liegende Verbindungskante wurde mit
darn verniihl, mil feinem Lederband verbunden oder seit dem 13. Jahrhundert auch
durch einen Melallbeschlag und Niete zusammengehalten. Die Mehrzahl der Messer¬
scheiden hing an einem Ciiirtel, wobei eine Riemenfiihrung durch mehrere regelmaRig
angeordnele Osengruppen vom 13. Jahrhundert an dominierl. Fin kleineres Futteral
war mil einer diinnen I lolzschicht geliitterl.
Messerscheiden mil zipfeligem Randdekor (Form 3) treten erslmals um 1200 mil'. Sic
/eigen ebenfalls eine seitliche, mil Faden, Lederband odor Melallbeschlag und Nielen
verschlossene Verbindungskante. Kenn/.eichnend sind dekorativ geselmillene Kanlen-
verlaufe, vorallem in Form trapezoider Zipfel.
Messerscheiden mil Stempelpnigung (Form 4) sind erslmals in Schichten des 13. Jahr-
hunderts /u belegen. Die Verbindungskante liegl ruekseilig. Das in den Narben geproRte
Stempelmusler beschrankt sich fast ausschlieBlich auf kleine Filienrhomben.
Zu den verschiedenen Ein/elstiicken /iihlen /wei Fxemplare mis Scluchlen des IF
Jahrluinderts mit je einem Bron/ebeschlag „slawischer Macharl77. Bemerkenswert sind
ferner /wei sichelartig geformte sowie /wei miteinander dureh Beschlag verbundene
Messerscheiden.
Be/iiglich der fiir die Messerscheidenherstellung verwendeten Federarlen isl vom
1 F - 14. Jahrhundert ein Wechsel von Caprinae- /u Bovinaeledern lesl/uslellen.
Kalb
Kalb/Rind
Rind
Form 1
Form 2
Form 3
Form 4 ■
vcrschied./unbest.
Gesamt
Ziege
Ziege/Schaf
Schaf
unbestimmt
Bovinae
Caprinae
unbestimmt
10 20 30
40
50
60
70
80
Abb. IS Schleswig (SchilcO. Messerscheiden. Pm/enlunle VerU'ihmg der I edemrlen
90
37
3.1.2 Schwertscheiden
Schwerlscheiden sind vom 11. Jnhrhundert an im Fundmatcrial von Schleswig (Schild)
vortreten, die meisten Naehweise stammen aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts
(Abb. Id; 20; 21.2-6). Insgesamt lietfen sich 135 Lederstiicke dieser Funktionsgruppe
zuordnen (Tab. 2).
I; e г t i g u n g s t e c h n i k: Die Grundform einer Schwertscheide enlsteht durch zwei
hdlzerne 1 lalbsehalen, die entsprechend der Klingenform ausgehdhlt und dann ent-
weder flach aufeinandergelegl oder mit einem flachen Falz aufeinandergepaBl werden
(Geibig 1991, S. 104). Vor dem Zusammenfiigen wurden sie innen mit Fell nusgekleidet
und danach auBen mit organischen Materialien, vor allem textilen Slolfen oder Leder,
bezogen (vgl. van Driel-Murray 1980, S. 37; Geibig 1991, S. 104 ff.; Abb. 28). Auch die
Kombination von Textilien und Leder als Ummantelung liiBt sicb belegen, so beispiels-
vveise an den aus Fschenholz gefertigten Schalen einer Danziger Scheide des 11. Jahr-
hunderls, die zuniichsl mit Leinen und dann mit Fferdeleder iiberzogen wurden (Na-
dolski 1955, S. 186 ff.; Samsonowicz 1982, S. 81 ff.; Abb. 16; Geibig 1991, S. 106).
Sehr eingehend hat sich C. van Driel-Murray (1980; 1990) mit einem grdBeren Fund-
komplex von Schwerlscheiden aus Leiden beschaftigt. Die Leidener Schwertscheiden
werden der zweiten 1 lallte des 13. Jahrhunderts und dem 14. Jnhrhundert zugewiesen.
Da В trotz allgemein hervorragender FrhaUungsbedingungen keine Holzreste der Scha¬
len erhallen sind, daB ebenso melallene Ortbander oder Mundbleche fehlen, ist nach
ihrer Meinung ein I linweis darauf, daB die I lolzschalen und das metallene Zubehbr
durch den/die Scheidenmacher wiederverwendet wurden, wiihrend das abgenutzte
Leder heruntergelrennt, zerschnillen und verworfen wurde (van Driel-Murray 1980, S.
39; 1990, S. 162). Dies ist sicherlich auch der Grund, weshalb der iiberwiegende 3141 der
ledernen Schwertscheiden aus Schleswig nur sehr fragmenlarisch iiberliefert ist. C. van
Driel-Murray untersuchl die Leidener Schwerlscheiden nicht nur nach typologischen
Gesichtspunklen (z. 1L Klingenbreite, Verzierungsarlen), sondern ihr Interesse gilt vor
allem auch den lechnischen Details unterschiedlicher Aufhangemethoden am Giirtel.
Die durchschnillliche Breite der sich zum AbschluB hin leichl verjiingenden Schles-
wiger Schwerlscheiden betragl 5,3 cm (10,6 cm); im Miindungsbereich ist die grdfite
Breite mil 7,5 cm (15 cm), die kleinste Breite mil 5 cm GO cm) anzugebenL Keine der
vorliegenden Schwertscheiden blieb in vollstandiger Liinge bewahrt, moistens fehlen
Teile der unteren Spilzenpnrtie (z. B. Abb. 19. 2,3). Die liingsten Sliicke messen zwischen
70 und 80 cm (z. B. Abb. 19. 1). Die Verbindungsknnte liegl auf der Riickseile der Scheide.
Wiihrend die offene Abschlulsnahl dafiir sprichl, daB die Lederummanlelung direkt
fiber den 1 lolzschalen vein A h t wurde, weist das Vorkommen der Sliirznaht darauf hin,
daB die lederne 1 liilk' erst nach F’erligslellung, das heiBl nach dem Nfihen und Wenden,
fiber die 1 lolzschalen gezogen wurde.
Die Miindungskante war enlweder leichl gewblbt (Abb. 19. 1; 20. 1) oder endete in
spitzen Zipleln (z. B. Abb. 20. 2). Letztere h’ormgebung wurde vom 13. Jahrhundert an
iiblich und erfiillle einerseits eine Schulzfunktion, andererseits erleichlerte sie die ,,,Fiih-
rung' beim seillichen Hinslecken der Klinge in die Scheide" (Seilz 1965, S. 144; vgl. auch
vnn Driel-Murray 1980, S. 37 f.). Hinstichean dor Miindungskante lassen aul urspriinglich
angebrachte Kinfassungen sehlieBen (/. B. Abb. 20. ! -9). Ob man in diesem Zusammen-
hang auch Metallbleche verwendete, ist nicht mehr nachzuweisen.
Hinsichtlich der Gestaltung des unteren Schwertscheidenabschlusses liegen im Sehles-
wiger Material kaum Anhaltspunkte vor. Ublich wares, in diesem Bereich ein metallenes
Orlband (van Driel-Murray 1980, S. 37; Abb. 1) oder nur eine feine, sich iiberlappende
Wicklung aus Leder- oder Textilstreiien (Geibig 1991, S. 107 ff.; Abb. 29) zur Verstarkung
anzubringen. Tatsachlich scheinen die Melallreste auf einem kreislormig geslalteten
AbschluB auf einen Kugelort zuriiekzugehen (Abb. 20. 10). Weiterhin lassen einige kxem-
plare erkennen, daB auf der Vorderseitenmitte im unleren AbschluBbereich Abnaher
angebraeht waren (z. B. Abb. 19. 4).
Die ledernen Umhiillungen der Schwertscheiden warden hiiufig aus zwei Teilen zu-
sammengesetzt, und zwar einem Miindungsstiick und einem unleren Teilsluek. Wah-
rend Hinstiche an der Basis mancher Miindungsstucke (z. 13. Abb. 20. 3) bezielumgsweise
an der Oberkante des unteren Teilstiiekes (z. B. Abb. 19. 3) darauf binweisen, daB beide
T’eile miteinander vernabt waren, liiBt das behlen entspreehender Iiinstiche an anderen
darauf sehlieBen, daB keine Fixierung erfolgle (Abb. 19. 2; 20. 2,4). bine solehe war viel-
leicht deshalb nicht erforderlich, weil die enge Ummanlelung der 1 lolzschalen einen
entsprechend festen Haltbol. Abgesehen von einem Iixemplar aus einer Schicht des 12.
Jahrhunderts, stammen zusammengesetzte Schwertscheiden aus SchiclUen des I 3. und
14. Jahrhunderts.
T r a g e w e i s e / A u f h a n g u n g: Die technischen Details untersehiedlieher Aul-
hangemethoden hat - wie bereits oben erwahnt - C. van Driel-Murray sehr eingehend
an dem Leidener Material studiert (van Driel-Murray 1980; 1990). Ausgehend von den
varianlenreichen Anordnungen der Osen, durch die der Aulhangegurl geliihrl wurde,
lassen sich mil I lilfe von Bildquellen beslimmle Aulhangetechniken rekonslruieren (vgl.
auch Geibig 1991, S. 106 ff.; Abb. 29). Im I linblick auf das Schleswiger Material komml
vor allem eine von C. van Driel-Murray erlorschte Methode in I rage, die hier als Aul-
hangung vom Typ Naumburg bezeichnel wird (van Driel-Murray 1980, Abb. 13; 1990,
Abb. 10. a). Dabei wird der Aufhangegurt durch mehrere Osen pa a re unterhalb der
Mundungsbasis, kennzeichnenderweise aber durch ein oder mehrere Osenpaare geliihrl,
die schnig vertikal zur kiingsachse der Scheide angebraeht sind (z. B. Abb. 20. 2). Die
Bezeichnung „ Aulhangung vom Typ Naumburg/y geht an 1 die bildhauerischen Ausliih-
rungen an den Slifterfiguren im Naumburger Dom aus der Zeil um 1260 - 1270 zuriick
(Blomqvisl 1938, Abb. 44;Seil/ 1963, Abb. 84; Fingerlin 1971, Abb. 170). Den Abbildungen
zufolge diirfte der Aufhangegurt der Bonn oines Doppelriemens enlsprochen haben.
Wiihrend die beiden Riemenenden durch die Osen um die Scheide herumgeschlungen
und verknolel oder mil einer Sclmalle verbunden wurden, weist das zungenlormige
Rndsliick des Gurtes zwei grdBere, liingliche Durchzugsldcher fiir die weilere Auf-
heingung auf. Bin zweiter, unterhalb dieser Bindung die Scheide umlaufender Riemen
tragi das eigentliche Ciewicht des Schwertes saml Scheide (van Driel-Murrav 1980, S.
41). AufschluBreichere I linweise zu der Trageweise vermitteln Darslellungen von
Schwertgehangen in der Manessischen Liederhandschrilt tius der Zeit um 1300, wo
Abb. IS Si hk'swi^ (Srhild). St hwi'rlsrluMilen (I Nr. I20S7; 2 Nr. 744S; 2 Nr. (Sr>()4; 4 Nr. SI27). IN
40
Abb. 20 Schleswig (Schild). Schworlschcidcn (I Nr. 11216; 2 Nr. 6237; 3 Nr. 11060; 4 Nr. 1478; 5 Nr. 3303; 6 Nr
1533; 7 Nr. 11S22; 8 Nr. 3557;0 Nr. 1525; 10 Nr. 6326). M. 1:4
41
Ilf
5
Abb. 21 Sdik‘swi^ fSchild). I Rrmikmi Nnor CiurtaulNinoun^ (Nr. 2h77);
2 (-> S. ln\4M-tsdu-i(.k*n (2 Nr. HIM; 2 Nr. I2(>22;2 Nr. Щ22; 2 Nr. П2(>7;
h Nr. I02.S0). M. 1:1
42
unter anderem auch der beschriebene Doppelriemen vom Typ Naumburg - und /war
in unterschiedlichem Kontext - wiedergegeben wird. Wahrend in einer Szene der
bewaffnete Ritter die Schwerlscheide an dem nm die Fluflen geschlungenen, relativ
breiten Doppelgurt tragi, wobei er beide Riemenenden mil 1 Iilfe der zwei Osen in der
Gurtzunge vor dem Bauch festgelegt hat, dienen in einer anderen S/ene die beiden
Osen des Doppelgurtes kur/erhand da/u, Schwert und Scheide an einem in die Wand
getriebenen Nagel aufzuhangen (Brinker und Fliihler-Kreis 1991, Abb. S. 156 |CM lol.
149v 1; Abb. S. 157 Mitte |CM fol. 66vl). Interessant isl in diesem Zusammenhang ein
Schleswiger Riemenfragment aus einer Sehicht des 13./ 14. Jahrhunderts, das die charak-
lerislisehe Zunge mil der /weifaehen Durehlochung aufweist (Abb. 21. 1). Fnlgegen
dem oben beschriebenen Doppelriemen ist hier allerdings nur die Mitlelparlie zwei-
geteilt. Das der Zunge gegeniiberliegende ungeteilte Curtende weist durch enlsprechen-
de Abnut/ungsspuren und drei kleineOsen auf eine ursprunglicheSchnallenbelestigung
hin. Im Vergleich /u den abgebildeten Doppelriemen wirkt das schmale Schleswiger
Stuck nicht besonders stabil und diirfte daher als Schwertgehange kaum geeignet
gewesen sein; dennoch lassen die Merkmale auf einen in der Funktion identischen
Ansat/ mit einer Gurtaufhangung vom Typ Naumburg schlieRen'. Insgesaml erseheint
die Ausfuhrung qualitativ minderwertig, was sich jedoch mit starker Abnutzung oder
sekundarer Verwendung erklaren lielse.
V e r z i e r u n g: Fine der gelauligsten Verzierungsarten aul mitlelallerliehen
Schwertscheiden beslehl aus einer einfachen Relieflinienzier, die sich in der Regel parallel
der Fangskanlen entlangziehl (vgl. van Driel-Murray 1980, S. 38; Groenman-van
Waaleringe 1988 a, S. 64). Diese Verzierung begegnel auch am haufigsten aul den Schles¬
wiger Stiicken (z. B. Abb. 21.2,5). Sie kann vereinzell durch strahlenibrmige Kreuzmolive
bereichert sein (Abb. 21.3,4). Fin ganz ahnliches Dekor zeigen einzelne Fxemplare aus
Svendborg (1279- 1300; Groenman-van Waaleringe 1988 a, S. 101; Abb. 7.3.5.10) und
Fund (13./ 14. Jh.: Blomqvist 1938, Abb. 39-43; 13. Jh.: Bergman und Billberg 1976, Abb.
349). Der umfangreiche F’undkomplex aus Feiden enthall dagegen auch Schwertscheiden
des 14. Jahrhunderts mit reieheren floral-geometrischen Motiven (van Driel-Murray
1980, S. 38; z. B. Abb. II).
Insgesaml sind 19,3'/ der Schwertscheiden aus Schleswig (Schild) verziert. Dieses
Frgebnis la 1st sich sehr gut mil dem des Feidener Fundkomplexes vergleichen, wo 22
von 117 Schwertscheiden eine Verzierung tragen (18,8 '/; van Driel-Murray 1980, S. 35).
Das unlere Teilsliick einer Schwerlscheide kennzeichnet ein Stempelmusler, das in
gleichmaRigem Abstand auf der Millelachse der Vorderseite eingepreRt ist (Abb. 14. 6;
19. 3). Der Stempelabdruck gibt eine Filie in einem quadralischen held wieder, dessen
vier Fcken mit geometrischen Ornamenten ausgefiillt sind. Jedes Quadrat weist zwei
antennenartige Verlangerungen auf, die in konzenlrischen Kreisen enden. Aus der Sic hi
des Betrachters steht die Filie auf dem Kopf. Der gleiche Filienstempel kehrt auch auf
einem Mimdungsstiick wieder, allerdings ohne die anlennenarligen Verlangerungen
(Abb. 20. 1). Beide Siiicke stammen aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts. Der konzen-
trische Kreis begegnel als Finzelmotiv auf Schwertscheiden des 13. und 14. Jahrhunderts
aus Svendborg (Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 94 ff.; Abb. 7.2.5.11, 7.3.5.11 -12)
und Lund (Blomqvist 1938, S. 163; Abb. 38).
Zwei Miindungsstucke aus Schichten des 13./ 14. Jahrhunderts tragen ein gepunztes
Punktraster. In dem einen Fall beschrankt sich das Dekor auf das Vorderteil des spitzen
Mundungszipfels (Abb. 20. 2). In dem anderen Fall ist zusatzlich die gesamte Vorderseite
mit vier gegenstandig angeordneten gepunkteten Dreiecksflachen ausgefiillt, wobei sich
die Flachenaufteilung auf die Riemenfiihrung der Aufhangung zu beziehen scheint
(Abb. 20. 3).
Nur einmal kann die Verzierungstechnik des Lederschnitts auf den Schleswiger
Schwertscheiden nachgewiesen werden (Abb. 21.6). Der Versuch, ein Vierpafimotiv so
wiederzugeben, daB es in ununterbrochener Linienfiihrung in sich verschlungen er-
scheint, gelang allerdings nicht vdllig. Auch die Zenlrierung des Motivs auf der Vorder-
flache ist miBgliickt. Das Stuck stammt aus einer Schicht des 12. Jahrhunderts.
Neben den erwiihnten sind weitere Vergleichsbeispiele liir Schwertscheiden, mil oder
ohne Relieflinien beziehungsweise anderen Verzierungen, iiberliefert aus Arhus (Loren-
zen 1971, S. 182; Abb. BZT; DHU), Svendborg (12.-14. Jh.; Groenman-van Waateringe
1988 a, S. 96 ff.; Abb. 7.3.1 -7.3.5), Lund (13. u. 14. Jh.; Blomqvist 1938, Abb. 39-43), 's-
Hertogenbosch (erste liable 14. Jh.; Goubitz 1983, S. 282; Abb. 9) und London (Kat.
London 1967, S. 193; Abb. 62. 2).
L e d e r a r t e n: Fiir die Anfertigung von Schwertscheiden wurde bevorzugt Kalbs-
oder Rind sled er verarbeitet (88,3 %; Abb. 17).
Z u s a m m e n f a s s u n g: Lederne Schwertscheiden (n = 155) sind seit dem 11. Jahr-
hundert im Material von Schleswig (Schild) vertreten, wobei die Mehrzahl aus Schichten
des 13. und 14. Jahrhunderts stammt. Sie bildeten den riiekseitig geschlossenen Uberzug
zweier zum Scheidenkdrper zusammengefugter hdlzerner I Ialbschalen. Der lederne
Uberzug wurde vielfach aus einem sogenannten Miindungsstiick und einem unteren
Teilstiick zusammengefiigt. Die Mehrzahl der Schwertscheiden des 13. und 14. Jahr¬
hunderts weist einen spitz zulaufenden Miindungszipfel auf Vorder- und Riickseite
auf. In Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts kann die Aufhangung vom Typ Naumburg
nachgewiesen werden. 19,3% der Schwertscheiden sind verziert, wobei einfache
Relieflinien als haufigstes Dekorelement vorkommen; daneben gibt es Stempelpragung
und Lederschnitt. Schwertscheiden wurden fast ausschlieBlich aus F3ovinaeledern
gefertigl.
3.2 Gurte, Riemen, Ciiirtel
Die im folgenden vorgestellte Objektgruppe umfaBt Lederstiicke, die als Gurte, Riemen
oder Giirtel zu bezeichnen sind, wobei die Begriffe synonym verwendet werden
(Abb. 21. 1; 23 -28)1". Die moisten der hier einzuordnenden 203 Lederstiicke stammen
aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts, wahrend Funde des 11. und 12. Jahrhunderts
seltener sind (Abb. 22). Metallschnallen waren viermal in situ erhalten (z. B. Abb. 23. 4;
25. 5; 27. 6; vgl. Saggau, in Vorbereitung). Fine zweifelsfreie Funktionsbestimmung der
44
einzelnen Lederstiicke war nur nufierst selten mbglich (vgl. Iiutli 1975, S. 60; Fingerlin
1971, S. 13). In der Regel muB offen bleiben, ob ein Curt, Riemen, Giirtel der Bekleidung
oder beispielsweise dem Zaumzeug zuzuweisen ware".
Ebenso wie Teile des Schuhwerks (Schnack 1992, Кар. 4.4) wurden Riemen, aber in
erster Linie wohl deren metallenes Zubehdr wie Schnallen, Gurtelzungen und Beschlage,
in den sekundaren Verbrauch einbezogen. Entsprechende Hinweise vermitteln scharf-
kantige, das heiBt nicht abgenutzte Schnittkanten, die an 21 von 203 Exemplaren zu
beobachten waren. Ein hier nicht abgebildeter, in der Langsmitte durchschnittener und
in drei Teilen geborgener Curt bietet ein interessantes Beispiel fur Fundsituation und
Datenerfassung. Ohne dies bei der Materialaufnalinie zu bemerken, wurden beide
Langshalften getrennt erfafit, eine I liilfte sogar nochmals doppelt, weil sie in Eleisch-
und Narbenspalt zerfallen war. Die zerschnittenen Stiicke stammen aus demselben
Planquadrat, und zwar aus zwei untereinander liegenden Schichten des 13. Jahrhun-
derts. Es erscheint aber ziemlich sicher, daB alle Teile zusammen weggeworfen wurden.
Flinsichtlich der Kleidergiirtel geht I. Fingerlin (1971, S. 9) von eineni „eigentlichen
Fundanfall", der „erst im 13. Jahrhundert einsetzt'7 aus. Sie erklart das plotzliche Ein-
setzen entsprechender Funde (Schnallengarnituren) mil einer Modeerscheinung; diese
17 18 15 16 13 14 11 12 6 1 23 19 7 2 8 3 9 4 10 5 24 20 22 26 21 25
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36
Gurte, Riemen, Giirtel (203 Einheiten) 1
2-3
■ urn 1280
um 1200
um 1100
4-5
Г I
Abb. 22 Schleswig (Schild). Gurte, Riemen, Ciiirlel. Absolute Verleilun^ on I die RlniHjiiddmle (I lori/ont.ile)
und Clrnbun^ssehiehten (Verlikdle).
„ist charakterisiert durch locker fallende lange Gewander, in der Mitte gegiiilet (Fin-
gerlin 1971, S. 9). Demzufolge ist man geneigt, auch ini Falle Schleswigs (Schild) Riemen
und Giirtel am ehesten niit Bekleidung in Verbindung zu bringen; da auch hier von
einem „Fundanfall" zu Beginn des 13. Jahrhunderts gesprochen werden kann (vgl. Abb.
22).
Kleidergiirlel wurden von Mann und Frau gelragen (Ausnahme: Dirnen; Loschek
1988, S. 218). Sie dienten zudem der Befestigung notwendiger Utensilien des taglichen
Gebrauchs (z. B. Messer, Schliissel, Geldbeutel). Hinweise auf daniit zusanimenhan-
gende Zubehdrteile wie Aufhangehaken oder Osen liegen aus Schleswig (Schild) nicht
vor(vgl. Fingerlin 1971, S. 13). Die geliiufigste Aufhangelechnik diirfte die niittels einer
Umkehrschlaufe gewesen sein (Abb. 6; vgl. auch Abb. 48).
F e r l i g u n g s t e c h n i к / T у p о 1 о g i e: Eine Gliederung der vorliegenden
Objeklgruppe ergibt sich aufgrund unterschiedlicher Fertigungstechniken.
Form I: ein einfacher Lederstreifen.
Form 2: ein der Lange nach gefalteter Lederstreifen.
Form 3: ein nietbesetzter, einfacher Lederstreifen.
Form 4: ein gedoppelter Lederstreifen, dessen separate Lagen miteinander vernaht sind.
Form 5: mehrere durch Schlaufen und Schlitze verflochtene Lederstreifen.
Am haufigsten sind Teile der Form 4 (n = 127) iiberliefert. Darauf folgen Gurte der For-
men 1 (n = 39), 2 (n = 12), 3 (n = 7) und 5 (n = 4); fur 14 Lederstiicke ergab sich keine ent-
sprechende Zuordnung (Tab. 2). Generell weisen in der Mittelachse angeordnete Ldcher
auf die Dornrast eines Schnallenverschlusses bin, Anhaufungen von Ldchern dagegen
aul die Befestigung einer Metallgarnilur oder auf die Nagelung gegen eine Unterlage
(s. unten).
Form 1: Die einfache Gurlform (n = 39) ist seit deni 11. Jahrhundert in Schleswig (Schild)
nachzuweisen (Abb. 23). Die durchschnillliche Breite der Riemen betriigl 2,3 cm, die
kleinste Breite 1,2 cm (Abb. 23.2), die grbBte 5,0 cm (z. B. Abb. 23.1).
An einem sekundar abgesclmittenen Riemen aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts
ist eine einfache rechteckige Fisenschnalle in situ erhallen (Abb. 23. 4)‘L In deni Fndstiick
eines anderen Rieniens befindet sich ein durch mehrere Osen gezogenes Bandchen, das
auf eine Reparatur zuriickgehen diirfte (Abb. 23. 3). Fin Riemen weist in der Mittelachse
zwei Schlitze aul (Abb. 23. 5); die Linstichlbcher an den Lnden eines anderen Stiickes
sind eventuell auf einen urspriinglich zusamniengesetzten Riemen zuriickzufuhren
(Abb. 23.6).
Seit deni 13. Jahrhundert wurden auch Riemen hin und wieder mil in den Narben
eingetieften Linien verziert. Diese sogenannten Relieflinien wurden niit einem erwarni-
len Metallgegenstand parallel zu den Langseiten des Rieniens in das angefeuchtete
Leder eingepreRl (z. B. Abb. 23. 8; Ciall 1965, S. 18; van Driel-Murray 1980, S. 38). Wahrend
diese Verzierungsart an mittelalterlichen Schwertscheiden gelaufig ist (vgl. van Driel-
Murray 1980; Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 96 ff.), begegnet sie als Riemendekor
eher sellen, uliter andereni an einem Stuck aus York (Tweddle 1986, S. 265; Abb. 117. 851).
Fine veil 1 ig andere Technik offenbart die Linienzier dreier Fragniente, die aufgrund ilirer
46
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Abb. 23 Schleswig (Schild). (iiirte, Riemen, (iiirtol. l;orm I (I Nr. 3ft 13; 2 Nr. 821; 3 Nr. 3334; 4 Nr. ft442; 3 Nr.
4113; ft Nr. 74ft4; 7 Nr. 2078; 8 Nr. 3732; 4 Nr. 8ft22; 10 Nr. ft87ft; 11 Nr. 44ftft; 12 Nr. 3334). M. 1:3
47
borm und Fundlage sicherlich urspriinglich zu demselben Riemen gehorten. Hier wurde
dor Narben durcb Herausritzen oder Herausschaben entfernt (Abb. 23. 9-I I).
Fin weiterer Riemen zeichnet sich d 11 rcb sein Stempeldekor aus (Abb. 14. 12; 23.7).
Das Motiv - ein schreitender Lowe mit erhobener Vordertatze, geoffnetem Maul und
erhobenem Schweif, eingebettet in einen Viereckrahmen - reiht sich in der Langsachse
aneinander. Dieses Gurtfragment stammt aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts. Das
aufden Schleswiger Riemen geslempelte heraldische Lbwenmotiv kennzeichnet in erster
Linie Messer- und Dolchscheiden (vgl. z. B. Cowgill u. a. 1987, S. 43; Abb. 11). Generell
sind ^ber Riemen mit Stempeldekor auch von anderen Fundorten iiberliefert. Auf einem
zeitglcichen Londoner Giirtelfragment istein Rautenmuster eingepreBt (Fingerlin 1971,
S. 3)4, Kat.-Nr. 269). Ein Riemenstiick aus Fxeter, ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert,
weist em m eme Rundel eingebettetes S-Motiv auf (Friendship-Taylor 1984, S. 327; Abb.
184. II), das wiederum in ganz ahnlicher Form auf einem Londoner Riemen des friihen
15. Jahrhunderts iiberliefert ist (Kat. London 1967, S. 195; Abb. 60. 4).
Em Riemen mit Flechtbanddekor wurde als Streufund geborgen (Abb. 23.12). Die
Ger andchen durchlaufen - versetzt in unlerschiedlichem Abstand - drei parallele
senrei теп. Zwei Bandchen blieben in situ erhalten, eines davon zeigt geringe Spuren
ernes goldenen Farbauftrags. Ein ebenfalls undatiertes, sehr ahnliches, lediglich durch
angsfaltung gedoppeltes Riemenstiick stammt aus York; D. Tweddle (1986, S. 253; 265;
’ ^ vertritt die Ansicht, daS die dort nicht mehr erhaltenen Zierbandchen
bes^altct waren. Farbige Absetzungen in Form von Stickereien oder aufgesetzten
ccerc urchgezogenen Bandchen diirften nicht ungewohnlich gewesen sein (Fingerlin
1971, S. П; Tweddle 1986, S. 256; 265; Abb. 117. 853).
-dn Riemenfiagment mit zweifach geschlitztem kolbenfbrmigem oberem AbschluB
emcr Zwciteilung in der Mitlelpartie wurde bereits im Zusammenhang mit Schwert-
scheidenaufhangungen vorgestellt (s. oben; Abb. 21. 1).
Form 2: Um die Stabilitat einfacher Riemen zu erhohen, verdoppelte man den jewei-
ligen Lederstreifen durch Langsfaltung (Abb. 24. 1 -3,8). Diese Fertigungstechnik (n =
12) ist seit dem 11. Jahrhundert fiir Schleswig (Schild) zu belegen.
Die Riemen sind durchschnittlich 2,45 cm (4,9 cm) breit, die grbBte Breite betragt 5,2 cm
(10,4 cm; Abb. 24. 1), die kleinste 1,5 cm (3,0 cm). Die in der Regel mittig der Lange nach
gefalteten Lederstreifen wurden entweder nur an der offenen Kante (z. B. Abb. 24.3)
oder zusatzlich auch an der gegeniiberliegenden Faltkante (z. B. Abb. 24. 8) mit einem
Steppstich vernaht. Die Naht liegl mittig auf der Riickseite, wenn beide Liingsseiten
nach hinten umgefaltet wurden (Abb. 24. 1,2). Fine andere interessante Fait- und Nah-
technik stellte W. Grocnman-van Waateringe (1984, Taf. 28.1,2) fiir Haithabu fest. Wie
bei einer Kapp- oder AbschluBnaht (vgl. Werner 1979, Tab. 5. 60) wird dabei die einge-
schlagene Kante eines Streifens mit der gegeniiberliegenden offenen Kante iiberdeckt
und vernaht.
Nicht immer laBt sich mit Sicherheit bestimmen, ob ein Exemplar - hier subjektiv als
Riemen angesprochen - nicht ebensogut den Messer- oder Schwertscheiden zuzuweisen
ware (z. B. Abb. 24. 3). Bei einem fraglichen Stiick diirfte aber die Vielzahl durchgehender
48
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7
Abb. 24 Schleswig (Schild). Ciurle, Riemen, (iiirlel. 1 - 2,8 l-'orm 2 (1 Nr. 1442; 2 Nr. 12028; 2 Nr. 1242; 8 Nr.
8777); 4-7 l-'orm 2 (4 Nr. 8284; 8 Nr. 11878; 8 Nr. 4228; 7 Nr. 11424). 1 7 M. 1:2; 8 M. 1:4
Niet(?)-L6cher wohl eher auf einen Curt als auf cine Schwertscheide weisen (5,2 bzw.
10,4 cm; Abb. 24. I).
Einige Ciurte erhicltcn durch einen zwisehen die Faltung geleglen Eederstreilen
zusatzliche Festigkeit (z. 13. Abb. 24.2,8). Die Verstarkungen sliickelte man aus einer
Vielzahl unterschiedlich langer Lederstreifen zusammen (z. 13. Abb. 24. 8). Entsprechende
Riemen sind auch aus dem irlandischen Drogheda iiberlielert (Svveelman 1084, S. 107).
Weitere Nachweise fur Ciurte der gefalteten Form gibt es aus Beverley (Atkinson und
Foreman 1002), King's Lynn (Carter und Clarke 1077, S. 363; Abb. 168. 88), York (Tweddle
1086, S. 265; Abb. 117. 856,857) und Threave Castle, Calloway (Thomas 1081, S. 126;
Abb. 10. 180).
Form 3: Zu dieser Clruppe ziihlen sieben Riemen, die liber ihre gesamte Lange in regel-
mafiigen Abstanden nietbeschlagen sind (Abb. 24. 4-7). Nicht beriicksichligt werden
dabei Riemen, deren Niete oder Niellocher ausschlieBlich auf die Befesligung einer
Schnallengarnilur oder die Nagelung auf eine Unterlage zuriickgehen (s. unten).
44
Nielbeschlagene Clurte komnicn in Schleswig (Schild) erslmnls in Schichten des 13.
Jahrhunderts vor. Ihre Breite betnigl durchschnittlich 1,5 cm, mindeslens 1,0 cm (Abb.
24. 4) iind hochstens 1,8 cm (Abb. 24. 5,7).
Dal> die der breite des Riemens entsprechenden Nietplattchen /weistiftig sein konnten,
belegl ein Stuck mil korrodierten Nietrcslen (Abb. 24. 6). Niete batten nicht nur einen
stabilisierenden Iiffekt, sondern sie konnten auch als Schmuckelemenl lungieren, wie
es an einem kleinen Riemen denllich wird, der im Wechsel mil einem rechteckigen
Nietplattchen und einem auf der Spil/e stehenden quadralischen Plattchen mit gerie-
l'ellen Kanten beschlagen isl (Abb. 24. 4)1;. Der aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts
slammende Fund findel /eilgleiche Parallelen in Breslau (Kazmierczyk 1970, Abb. 71. f;
Samsonowicz 1982, Abb. 25. 0 und Soulhamplon (Platl u. a. 1975, S. 296; Abb. 262. 2156).
In die Mille des 14. Jahrhunderts datiert ein nietbeschlagenes Gurlelfragmenl aus Liibeck
(b’ingerlin 1971, S. 406; Abb. 467), ein zweiles Riemenstiick isl dem 15./ 16. Jahrhundert
zugewiesen (Clroenman-van Waaleringe und Krauwer 1987, S. 83; Abb. 65. 9). Sehr gute
Vergleichsbeispiele gibl es aus dem miltelallerlichen London (Kat. London 1967, S. 195 ff.;
bes. Abb. 63.6,9,10; bingerlin 1971, S. 395; Kal.-Nr. 273) und aus Hull (Jackson 1985,
Abb. S. 16 union). Aus Kartluiizerwijk kbnnen zwei Sliicke des 14./15. Jahrhunderts
angefiihrl werden (Cioubitz 1988, S. 152; Abb. 108).
Form 4: Diese CIruppe kennzeichnen gedoppelte Riemen aus getrennt zusammenge-
liigten La gen (Abb. 25; 26; 27. 1 -4). Entsprechende Lxemplare wurden vereinzelt in
Schichlen des 11. und 12. Jahrluinderls, am haufigsten jedoch in Schichten des 13. und
14. Jahrhunderts gefunden. 1m Vergleich zu den anderen Riemenlormen dominiert diese
C iruppe eindeulig (n = 127; Tab. 2). Dabei ist allerdings zu beriicksichligen, dal? dies die
bulge starker b'ragmentierung, insbesondere aber des Xerfalls in die einzelnen Riemen-
lagen nach Auflbsung des Nahmalerials sein kann. Aber selbst bei einer aufgrund der
Doppelung denkbaren 1 lalbierung (n = 63,5) der ermiltelten Fundzahl bliebe das zahlen-
maRige Ubergewiehl dieser CIruppe offensichtlich. Dagegen gelangt 1. b’ingerlin (1971,
S. 33) bei der Auswertung von CIrabfunden zu einem ganz anderen brgebnis, demzufolge
einlach geschnittene Riemen haufiger vorkommen als gedoppelte („genahte") Exem-
plare; dabei gill es jedoch, den durch die Lagerung bedinglen eher geringen Erhaltungs-
grad organischer Malerialien zu beriicksichligen.
Die Schleswiger Clurle sind durchschnitllich 3,6 cm broil, die kleinste Breite liegt bei
1,2/1,3 cm (Abb. 25.5,7), die groRte bei 8 cm (Abb. 25.6). Urspriinglich zusammen-
gesleppte Lagcn blieben zwar selten im Verband erhallen (Abb. 25. 1 -4), dennoch sind
auch einzelne Teile zvveifelslrei als Auf- odor Unterlage eines Riemens zu deuten, wenn
badeneindriicke auf einer der beiden Lederseiten iehlen (z. 13. Abb. 25. 5). braglich ist
allerdings, ob es sich bei fehlenden Lagen stets um eine weilere Lederschicht gehandelt
hat, denn Kombinalionen mil textilen b’asern (Seide, Brokat, Samt usw.) sind nicht
auszuschlieRen1'.
Die Lagen wurden einlach (z. 13. Abb. 25. 3) oder zweifach (z. 13. Abb. 25.8) zusanv
mengesleppt, wobei die Auflage kleiner als die Unterlage sein konnte (Abb. 25.3).
Entvveder legle man die bleischseile der Aullage auf den Narben der Unterlage (Abb.
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Nr. I20S0; h Nr. 0444). M. 1:4
42
25.3) oder beide Fleischseiten gegencinander (Abb. 25. 1). Grundsiilzlich sind fur die
Schleswiger Gurle nichl mehr als zwei zusammengefiigte Fagen nachgewiesen. Fine
Ausnahmebildel ein reparierles Exemplar, bei dem mil Hilfeeines Flickens-der dritlen
Lage - die Stabililiit des Gurtes, die inlolge einer Sehadslelle in der Auflage bocinlriichtigl
war, wiederhergestellt wurde (Abb. 26. 1). Dabei nuitel die grobe E'ixierung des Fliekens
mil Lederband recht laienhait an.
Nietlbcher sind auf die Befestigung einer Schnallengarnilur oder auf die Nagelung
gegen eine Unterlage zuriickzufiihren (z. 13. Abb. 25. 4,9). Mil einem Riemen aus einer
Schicht des 13. Jahrhunderls ist eine kleine Schnalle iiberliefert, die zu den „profilierten"
Schnallen mit aufgeschobener I Iiilse ziihlt (Abb. 25. 5; Fingerlin 1971, S. 70 If.; Abb. 73-
77), einem besonders langlebigen Typ, den I. Fingerlin (1971, S. 72; Anm. 299) elier als
Zaumzeug- und weniger als Giirtelzubehbr verwendet wissen mbehle. An dem Schles-
wiger Stiick war kein Beschlag erhallen, vielmehr liiBt sich ein kleines I ,edersliick anslelle
eines solchen anpassen. Der Riemen war aus zwei oder mehreren Stiicken zusammen-
gesetzl, das heiBt, er war gestiickelt. Gesliickelte Riemen sind sicherlich keine Sellenheil
gewesen, denn zur Fringe quer verlaufende Nahtkanlen kommen einige Male vor.
Mittclallerlichen Zunfiordnungen zufolge war allerdings das Sliickeln von Riemen
verbolen (F’ingerlin 1971, S. 32 f.).
Aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderls stammen sechs Riemenleile mil geslepplen
Ziermotiven. Auf den sehmaleren Gurten begegnen einfaches Liniendekor (Abb. 26. 4)
oder einander iiberkreuzende Wellenbaader (Abb. 26.2,3), wiihrend die Millellliiche
eines breiteren Gurtes (Abb. 26. 6) mit einer iippigen floralen Musterkomposition besliekl
war. Diese Stickereien selzten sich sicherlich von dem Unlergrund larblich ab. Finlache
Sehmueklinien zieren auch mittelalterliche Riemen aus Fleskau (Ojaleva 1962, S. 92 1.;
Abb. 10. 3), Breslau (Kazmierczyk 1970, Abb. 72. a,b) und Amsterdam (Baarl u. a. 1977,
S. 93; Abb. 23).
Auf einem sehr schlecht erhaltenen Riemenfragment, einem Obcrflaehenlund, sind
Resle einer eingravierten IM'lanzenornamenlik wahrzunehmen (Abb. 26.5). Diese
Technik bezeichnet M. de Neergaard (Cowgill u. a. 1987, S. 40) als eine der gelauligslen
Verzierungsarlen des Millelallers; sie diirlte im iibrigen in der deulschen Bezeichnung
„FedersehnitF' mit erlaRl sein (vgl. Ciall 1965, S. 28). Fine dem Sehleswiger Stuck ahneln-
de Ornamenlik zeigen einige Londoner Messerscheiden aus dem 13. Jahrhunderl (C ow-
gill u. a. 1987, z. B. Abb. 78. 383).
Auf einem schmalen Riemenfragmenl sind noch Resle eines goldenen E’arbaullrags
erkennbar (Abb. 25. 7). Das Stiick stamml aus einer Schichl des 13. Jahrluinderts.
Vereinzell laRt sich Reliefliniendekor nachweisen (Abb. 27.2,3), wobei ein Riemen
dem Nahtverlauf zufolge offensichtlich nur zum I oil gedoppelt war (Abb. 27. 2). DaO
bei einem anderen Gurt (Abb. 27. 4) die beiden inneren Steppnahlreihen abbrechen,
wiihrend sich die auBeren fortselzen, isl vermutlich auf eine Schnallenbefesligung zu¬
riickzufiihren.
Die dicht gesetzten kreisrunden Ausslanzungen in der Miltelachse eines Riemens
sind vermullich als Zierelemenl zu verstehen (Abb. 27. 1).
Aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderls stammen fiinf lappenarlige Riemensliicke
mit seitlich angeschnittenen Fortsatzen. Zwei dieser Exemplare weisen an der brciten
Basiskante Nietlocher auf (Abb. 27. 5,7). An einem dritten Teil wird die Funktion dieser
Stiicke durcb die in situ erhaltene Rechteckschnalle (Dm. 2 cm) verstandlich (Abb. 27. 6).
Fs handell sicb hierbei um auf einer Unterlage - vielleicht einem Sattel - mit Nieten
" <V ~o _ 9 ~ -9 „9 о о
о О по/
1
2
S4
fixierteSchnallenstiicke, die als Pendant zu Osenriemen fungierlen, vvobei ein T-formiges
Riemenstiick als Riemenverteiler gedient haben kbnnte (Abb. 27. 8).
Vergleichsbeispiele fiir Riemen mit Steppnahten sind unler anderem aus Lullerkamp
(Groenman-van Waateringe 1981, S. 208; Abb. 1.22,1/1), Zurich (Schneider u.a. 1982,
S. 306; Taf. 81.3,4) und Breslau (Kazmierczyk 1970, Abb. 71. j; Romanow 1979, S. 183 1.;
Abb. 5. c,d,g,j-l; 1981, Abb. 3. f,h-l; Samsonowicz 1982, Abb. 25. j) belegl.
Form 5: Dieser Gruppe sind vier geflochlene Exemplare aus Schichlen des 13. und 14.
Jahrhunderts zuzuweisen. Die Riemenbreile liegt zwischen 2,5 und 4 cm (Abb. 28).
Die Flechttechnik IriBt sich an einem gut erhaltenen, in der Lange sekundar abge-
schniltenen Riemen nachvollziehen (Abb. 28.2; 29): Grundlage sind zwei Riemen
unterschiedlicher Breite und Lange. Lin kleinerer, in seiner Millelachse in regelmaBigem
Absland aufgeschlitzter Riemen mit zungenfbrmig verbreilerlem Kopfende und ein
anniihernd doppell so breiler und Linger Doppelriemen, ebenfalls mil zungenfbrmig
verbreilerlem, entsprechend groBerem Kopfende. Die Breite der Doppelriemenenden
entspricht der Langeder Schlilze in dem kleineren Riemen. Ausgehend von den beiden
iibereinandergelegten Kopfenden, die - den korrespondierenden Osen zulolge - mil-
einander verbunden waren, umschlingen die beiden Linden des Doppelriemens, jeweils
gegenlaufig durch die Schlilze geiiihrt, die Langskanlen des kleineren Riemens, wodurch
ein Zopfmuster enlslehl.
Alle Exemplare bestehen aus slabilem Rindsleder. Konslruklionsweise und Lederart
lassen darauf schlieBen, daB sie besonders holier Beanspruchung ausgeselzl waren,
elvva als Teil von Zuggeschirren. Des weileren ware eine Verwendung als lVilschen-
riemen denkbar, obgleich an dem gul erhallenen, 66 cm langen Exemplar keinerlei Ver-
jiingung nachzuweisen isl (Abb. 28. 2), die bei einer Peilsche eigenllich vorlianden sein
sollle. Das zungenlormige Kopfende des Schleswiger Riemens zeigl im iibrigen ein
reehleekig eingeschniltenes Loch, das mdglicherweise aul eine hdlzerne (?) I Lindhabe
zuriickgeht. In situ erhallen waren I lolzreste in dem breiten Linde eines sich verjiin-
genden, allerdings sonsl einfachen Peilschenriemens aus einer I iibecker Lundslelle des
15./ 16. Jahrhunderts (Groenman-van Waateringe und Krauwer 1987, S. 83; Abb. 65. I).
SchlieBlich ist darauf hinzuweisen, daB schrillliche Quellen, die den archaologischen
Befund in detaillierterer Weise veranschaulichen oder Informalionen zum Rienienhand-
werk an sich vermitteln kdnnten, in Schleswig fiir diesen friihen Zeitraum nicht vor-
liegen. Die friiheste Nachrichl slammt aus dem )ahre 1642 (Schiitz 1966, S. 141 II.).
L e d e r a r l e n: Das hier behandelte Riemenmalerial wurde iiberwiegend aus Bo-
vinaeleder (70,8 v/<), insbesondere den dicken, slrapazierlahigen Rinderhaulen (55,0 '/ ),
und seltener aus Caprinaeleder (7,9 lf ) angelerligl (Abb. 17).
Z u s a m m e n f a s s u n g: Die in Schleswig (Schild) gefundenen Gurle, Riemen,
Giirtel (n = 203) stammen iiberwiegend aus Schichlen des 13. und 14. )nhrhunderls.
Aufgrund der Fertigungstechniken sind fiinf L’ormengruppen zu unterscheiden.
Zu den einfachen, durchschnililich 2,3cm breiten Riemen (Form I), die seit dem 11.
Jahrhundert im L’undmaterial sporadisch vorkommen, ziihlen auch einige Lixemplare
mil Reliefliniendekor, Stempeldekor sowie Nechlbanddekor.
%
Abb. 24 Schleswig (Schild). Rokonstmklion dor Mechttechnik oinos Riemens (Nr. RIOS). Ohno M.
Der bange ndch gefaltele Riemen (b’orm 2) erscheinen erslmals im II. Jahrlumderl,
ihre durchschnitlliche Breite belnigt 2,45cm. Abgesehen von unlerschiedlichen b’all-
und Nahllechniken lasscn cinige Sliicke durch zwischen die ballung gclcgtc beder-
slreifen cine zusalzliehe Verslarkung erkennen.
Nietbeschlagene, einfache, durchschnilllich 1,5 cm breite Riemen (b’orm 5) sind ver-
einzelt seiL dem 13. Jabrhunderl nachgewiesen. bin Riemenfragmenl war mil Ziernielen
beschlagen.
Die meislen Riemen lassen sich der gedoppellen b’orm 4 zuweisen, die sellen im 11.
imd 12., in grbBerer Zahl seil dem 13. Jahrhundert in Schleswig (Schild) vorkomml. Sie
sind durchschnittlich 3,6cm breit imd bestehen aus mehreren separalen Lederlagen,
die miteinander vernaht wurden. Wenige Male sind zusammengehdrende bagen im
Verband erhalten, wobei nichl mehr als zwei bagen festgestelIt werden konnlen. Die
Dreilagigkeil eines Ciurlsliickes isl auf eine Reparatur zuriickzuliihren. Die Riemen
wurden normalerweise ein- odor zweifach zusammengesleppl, in einigen ballon Irelen
zusalzlich Ziersteppereien auf, wobei ein hxemplar besonders reich mil lloraler
Ornamentik geschmiickl isl. Dariiber hinaus sind vereinzell bederschnill, goldener
barbauflrag und Relieflinien zu verzeichnen.
Anhand separator Schnallensliicke wird deullich, daB das b’undmalerial neben
einleiligen Riemen mil Schnalle und Dornldchern auch einander enlsprechende Teil-
riemen enlhall.
Ceflochtene Curie (b'orm 5) kommen vereinzell vom 13. Jahrhunderl an vor. DieSchril-
le ihrer b’ertigungsweise konnlen an einem relaliv gul erhaltenen Stuck nachgezeichnel
werden.
S7
Riemen wurden vor allem aus Rindsleder hergestellt und auRerdem in den sekundaren
Verbrauch ei n bezogen.
3.3 I3eutel und Taschen
Diese Fundgruppe ist in Schleswig (Schild) erslmals in Schichten des 12. Jahrhunderts
nachzuweisen (Abb. 30). Von den insgesamt 62 belegten Hxemplaren waren 42 recht
gul erhalten. Zuschnill und GrbRe erlauben eine Cliederung dieser Fundgruppe in
rechleckige und runde Beutel sowie in kleine Futteraltaschchen (Abb. 31 -39); hin/.u
kommen einige Sonderformen sowie nicht eindeulig klassifizierbare Stiicke (n = 20; Abb.
40-44). Der iiberwiegendeToil der Funde ist rechteckigen Beuteln (n = 27) zuzuordnen,
runde Beutel (n = 8) sowie Futteraltaschchen (n - 7) sind seltener Clab. 2).
h e r 1 i g u n g s l e c h n i к / T у p о 1 о g i e: Kennzeichnendes Element aller Beutel
ist ihr VerschluR mittels Riemenzug.
Rechteckige Beutel: Die Grundform dieser Gruppe (n = 27; Abb. 31 -37) bildet in der
Regel ein rechteckig zugeschnitlenes Lederstiick, das zur I lalfte gefaltet und seitlich
mil einer Naht (meistens iiberwendliche Naht oder offene AbschluRnaht) geschlossen
U 18 15 16 13 14 11 12 6 1 23 19 7 2 8 3 9 4 10 5 24 20 22 26 21 25
um 1280
um 1200
um 1100
Taschen, Beutel (62 Einheiten)
Abb. at) Schleswig (Schikl). Ik'iiU’l iiikI Tasclu’n. Absolute Verteilun^ mil die IMmKjii.Klrnle (I lori/onldle)
und (irnbun^ssc hie hten (Vertik.de).
Abb. 31 Schleswig (Schild). Rechteckiger Beutel (Nr. 7104). M. 1:3
wurde; ein auch andernorts gelaufiges Fertigungsprinzip (vgl. Dahlback 1983, S. 235 f.;
Schonback u. a. 1981, S. 188). Allerdings konnten die Beu tel ha 1 fieri auch aus separat zu-
geschnittenen Teilen bestehen, wie durch einen Fund belegt ist (Abb. 31); diese Machart
Abb. 32 Schleswig (Schild). Rechteckige Beulel (1 Nr. 2333; 2 Nr. Ih76c M. 1:3
39
Abb. 34 Schlrswi^ (Scliild). Ri4 hUvki^er
lk‘uU4 (Nr. 1462). M. 1:3
3 и P P P p P P t
begegnet in Svendborg (Ciroenman-van Waaleringe 1988 a, S. 1031".; Abb. 8. 1 Nr. 2-3),
Novgorod (Izjumova 1939, Abb. 11. I0)imd Pleskau (Ojaleva 1962, Abb. 10. 12).
In einigen Fallen eriolgle die seitiehe Verbindung offensichtlich entweder mil einem
sehr dicken Baden oder einem Lederbiindchen (Abb. 32. 1,2; 33). Mehrfach wird die
seilliche Verbindungsnahl anf beiden Seiten von eininchen Ziersleppereien begleitel
(Abb. 35; 36). Sehr haufig konnlen an der unleren h'allung, also am Boden des Beutels,
32. 2; 33; 34; 36). lis isl anzunehmen, daB es sich hierbei urn fransenarlige Anhangsel
handelte, wie sie an I’ miltelallerlichen Buchillustrationen dargestelll sind (z. 13. Wagner
1978, Abb. 31; Unlerkirehler 1979, Abb. S. 142) oder wie sie auch an kostbaren, mil
Seidenslickerei verzierlen Leinenbeuleln aus dem friihen 14. Jahrhundert iiberlielert
sind (Brinker und Fliihler-Kreis 1991, Kal.-Nr. 141 - 143).
Die meislen reehleekigen Ben lei sind breiler als hoch; das dnrchschnillliche MaB ist
mit 18,6 cm in der Breite und 13,5 cm in der I lobe anzugeben. Abweichend da von miBt
ein sehmalerer Benlel durchsehnilllich 14,5 cm in der Breite und 17,8 cm in der I Ibhe.
Die mitllere PlachengroBe einer Beutelseile betivigl 255 cm’, fur das grbBle Hxemplar
gellen 3()()cm’, I nr das kleinsle 92 cm’. Die OrdBe der Stiicke oder das Verhallnis von
60
Abb. 3b Schleswig (Sehilil). Reehleeki^er
Ben lei (Nr. 144). M. 1:3
bl
Breite zu Hbhe sind nicht als chronologischer Indikator zu wcrtcn. Aus dern beschrie-
benen Schema frillt ein Beutel wegen seiner extremen AusmaGe heraus: Er ist breiter
(25 cm) als das DurchschnittsmaG, aber dabei extrem kurz (9 cm; Abb. 36). Dariiber
hinaus bemerkenswert ist die Tatsache, daG ein aus dem Beutel sekundar herausge-
schnittenes Stiick noch zusammen mit diesem geborgen wurde. SchlieGlich liefert dieser
Beutel ein schemes Beispiel fur die fransenartigen Anhangsel.
Bei etlichen Beuteln war die Offnungskante ehemals eingefaGt. Diesbeziigliche An-
hallspunkte vermilteln fehlende Abnutzungsspuren des Narbens in diesem Bereich
sowie Einstiche und Fadeneindriicke einer - meistens iiberwendlichen - Naht (Abb.
35). Allerdings gibt es auch eine Reihe von Beuteln ohne Hinweise auf cine urspriingliche
Einfassung (z. B. Abb. 31; 32. 2).
Abb. 37 Sc hk'swi^ (Schild). KtvlUcrki^r BcuU‘1 (Nr. 1492). M. 1:3
62
Die Lange dor Riemenosen betragt durchschnitllich 1,5-2 cm. In /elm Fallen stecklen
noch Bander oder entsprechende Reste in den Osen, wobei fiinfmal ein Doppelband
liberliefert ist (z. B. Abb. 33). Grbbere, meistens tropfenfbrmige Finsliehe weisen darauf
bin, da R die breite Zunge des Doppelbandes am Ben tel angeheftel war (Abb. 33; 36).
Das Doppelband diirfte als praktischer Beutelriemen haufig Verwendting gefunden
haben, obwohl derartig krriftige Einstichldchcr auch an Beuteln olme Bander oder mil
nur fragmentarisch erhaltenen Bandern festzustellen sind (Abb. 34; 35; 37).
Rechteckige Beutel sind bereits aus dem wikingerzeillichen I laithabu iibcrlieferl
(Groenman-van Waateringe 1984, S. 37 f.; Taf. 23. 1), so daR ihr Fehlen in Schichten des
I I. Jahrhunderts in Schleswig (Schild) nur als Folge mangelnder Fundiiberlieferung zu
sehen ist. Weilere Vergleichsfunde stammen aus dem miltelallerlichen Liibeck (Groen-
man-van Waateringe und Guiran 1978, S. 169; Abb. 71. I -2 unlen; Taf. 83. 2; Vons-Comis
1982, S. 244; Abb. 86. 96q; Tab. S. 248), Svendborg (Groenman-van Waateringe 1988 a, S.
104 f.; Abb. 8.2.4-5), Hohensalza (Frzybyszowska 1979, Abb. 51.3), Pleskau (Ojaleva
1962, Abb. К). II) und Breslau (Kazmierczyk 1970, Abb. 70. j; Samsonowicz 1982, Abb.
26. j).
Runde Beutel: Ausgangsform dieser Beutelarl (n = 8) ist ein mehr oder weniger kreis-
fbrmig zugeschniltenes Lederstuck mil einem mitlleren Durchmesser von 15 cm (Abb.
38). 11insichtlich der Machart zeigen die Funde nur geringftigige Unterschiede. In der
Regel beslehen die Osen aus langlichen, bis zu 2 cm langen Schlitzen, nur einmal kom-
men sehrkleine, runde Osen (0,1 - 0,2 cm) vor (Abb. 38. I). Bei letzlgenannlem Exemplar
handcll es sich um einen Beutel aus sehr sleifem Rindsleder, bei dem der in mehreren
Schrilten ausgefuhrte Rundimgsschnill deutlich sichtbar wird. Zwei weitere Fxemplare
fallen aufgrund ihres gedellten Kantenverlaufs auf (Abb. 38. 3,5). Die Findellungen
sind in mehr oder weniger regelmaRigem Absland angebracht worden und dienten
offensichtlich zur Reduzierung der durch den Riemenzug hervorgerulenen Fallen-
bildung. Derarligen Beuteln kann zweifellos ein Fragment aus I laithabu zur Seile gcstelll
werden (Groenman-van Waateringe 1984, S. 38; Taf. 6. 4).
Die Naht (StoRnaht) an einem der Beutel belcgl, daR dieser gesliickclt war, zumal an
dieser Slelle die umlaufende Osenreihe unterbrochen isl (Abb. 38. 2). Diese Stiickelung
kbnnte darauf hindeuten, daR in diesem Fall ein Lederstuck erst sekundar als Beutel
genutzt wurde. An einem anderen Beutel wurde ein FinriR mil iiberwendlichen Stichen
reparierl (Abb. 38. 4).
Neben dem erwalmlen ist aus Haithabu ein volIslandig erhaltener kleiner Beutel
iiberlielerl (Groenman-van Waateringe 1984, S. 37 I.; Tal. 24. 2). Weilere Vergleichslunde
kommcn aus Oslo (12./13. Jh.; Schia 1979, S. 57; Abb. 13. B; 15) und Novgorod (12./15.
Jh.; Izjumova 1959, S. 218; Abb. II. 12).
Die friihcsten Belege fiir runde Beutel datieren in Schleswig (Schild) in das 13. Jahr-
hundert. In diesem Zusammenhang ist aber nochmals auf die geringere Fundiiber-
lieferung aus Schichten des 11. und 12. Jahrhunderts hinzuweisen.
Abb. 38 Schleswig (Sdiikl). Rundi* Beulol (I Nr. 3773; 2 Nr. 4889; 3 Nr. MON 4 Nr. 138b3; 3 Nr. 3304). M. 1:3
F'utteraltaschchcn: Aus Sohiohlon dos 13. und 14. Jahrhunderts stammon siobon kloino
bullorallaschohon (Abb. 39), von donon fiinf mil oinom Uborschlag vorschlosson wurden.
Dio durohschnittlioho ClrbRo dor butloraltrisohchon bolragt 6,8x8,4om. Dio Soiton-
kanton waron mit oinor iiborwondlichon Naht (/.. 13. Abb. 39. 5), oiner Stiirznaht (Abb.
39.2) odor oinor ollonon AbschluRnaht (Abb. 39. 1) verschlosson, wobei sioh lot/toro
schmiickond aul'dom Uborschlag fortsotzt und von dorl doppelreihig auf dor Mittolachse
zur Riicksoito dos l;ullorals vorlault. Auf dor Innonsoito dos Uberschlags diosos Stiickos
stohl oino loino Durchbohrung duroh die halbo Lodorschicht in Vorbindung mit oinom
foinon nadolfbrmigon Abdruok. Dahor liogt os nahe, diosos Tasohchon als Bohaltnis fiir
Niihulonsilion zu douton. Aufgrund oinos orhallonon Riomonabdruckos kann man riick-
schlioBon, daB oin duroh droi Oson gozogoncr Riomon um das Futteral horumfiihrto.
1’ino ahnlicho 13indung und damit guto Vorsohniirung boziohungswoiso Sicborung dor
vorwabrton Ciogonslando (z. 13. Miinzon odor bdolstoino) darf man fiir zwoi Tascbcbon
vormuton, dio zudom mit oinor Violzabl von Oson in dor Mittolacbso ausgostattot sind
04
Abb. 39 Schleswig (Schild). l;ultercilt«'ischdion (1 Nr. 13872; 2 Nr. 3899; 3 Nr. 10162; 4 Nr. 7273; 3 Nr. 1323; 6
Nr. 3932; 7 Nr. 11679). M. 1:3
b3
(Abb. 39.4,5). bines ciieser Exemplare ziert ein Rautenstempel (Abb. 14.9; 39.5). Bei
einem weiteren Stuck (Abb. 39. 2) dienten zwei langliche Osenschlitze sicherlich dem
VerschluB, wahrend zwei kleinere Osenpaare im Knick des Uberschlags vielleicht mit
der Aufhangung in Zusammenhang zu bringen sind. Gleiches diirfte fiir ein offenes
Taschchen (Abb. 39. 7) gelten, in dessen Nahtstichen Metallreste erhalten sind, die den
SchluB zulassen, daB die Seiten mit feinem Draht verbunden wurden.
Offensichllich waren nicht a 11 e Taschchen mit Osen versehen. Neben einem sehr
schlichten (Abb. 39. 3) zahlt hierzu auch ein Exemplar mit nach innen gekehrter Narben-
seite, wobei ein kleiner, teilweise unterbrochener Ansatz mit StoBnaht an der Offnungs-
kante erkennbar, aber nicht zu erkliircn ist (Abb. 39. 6). bine Deutung als urspriinglich
eingenahte Innentasche diirfte fiir dieses Stiick am ehesten zutreffen.
Als „kuvertfbrmig" wird eine Tasche aus dem wikingerzeitlichen Elisenhof bezeichnet
(Grenander-Nyberg 1985, S. 234; Tab 76), die - ebenso wie ein Exemplar aus Pleskau
(Ojateva 1962, Abb. 10.8) - mit einem angehefteten Riemen geschlossen wurde. Zwei
mit Riemendurchzug versehene Taschchen aus 1 lohensalza datieren in das 13./ 14. Jahr-
hundert (Romanow 1979, S. 193; Abb. 4. t,u). bin Breslauer Stiick mit Uberschlag stammt
aus dem 12. Jahrhundert (Kazmierczyk 1970, S. 251; Abb. 70. k; Samsonowicz 1982, Abb.
26. k). Futlerallaschchen des 10. und 14. Jahrhunderts sind vor allem aus Novgorod
iiberliefert, von denen sich je ein schlichtes und ein besticktes Exemplar mit einigen
Schleswiger Stiicken vergleichen IriSt (Abb. 39.1 -3; Izjumova 1959, S. 218; Abb. 11.7,9).
Als kleine Iasche oder Scheide mit Giirtelbindung (Osen) wird ein Fund aus Southamp¬
ton bezeichnet, der aus dem spriten 13. Jahrhundert stammt (Platt u.a. 1975, S. 296;
Abb. 263.2164).
Sonstige Taschen und Beutel: Aus einer Schicht des 12. Jahrhunderts wurde ein lang-
lich-rechteckiges Ledersliick mil fragmentarisch erhaltenen rechteckigen Ansatzen an
beiden Schmalseiten geborgen (Abb. 40. I). Dabei handelt es sich vermutlich um eine
etwa 18x21 cm groBe Iasche, die mittels breiterer Schlaufen am Giirtel befestigt getragen
wurde. bnlsprechende 1 linweise vermitleln jiingere Fundstiicke aus Braunschweig (Rot¬
ting 1985, S. 81; Abb. 43. 2), beiden (van Driel-Murray 1984, Abb. 4) und Stockholm
(Dahlbcick 1983, S. 237; Abb. 208), aber auch bildliche Darstellungen jener Zeit (z. B.
Dahlback 1983, Abb. 205; Kat. Regensburg 1987, Taf. 63; Loschek 1988, Abb. 284).
lone 17,5 x 19 cm messende Tasche mit Uberschlag kam in einer Schicht des 13. Jahr-
hunderls zulage (Abb. 41. 1). Das Exemplar wurde aus einem L-formig geschnittenen
Ledersliick gefertigt. 1 linweise auf Trageriemen ergaben sich nicht.
Aus einer Schicht des 14. Jahrhunderts stammt ein sekundar abgeschnittenes Leder-
stiick (Abb. 40. 2), das sich ebenfalls als Uberschlagtasche nach dem Schema der oben
beschriebenen F'utleraltrischchen rekonstruieren laBt.
Aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts kommt ein verziertes kreisformiges Kalbs-
lederstiick (Dm. 14 cm) mil umlaufender Stiirznaht (Abb. 41.2). Dekor und Osenauf-
teilung untergliedern die Kreisfliiche in zwei I lalften. Bei der Verzierung handelt es
sich um eine Schniltdekoralion: In die lnnenflache eines Spitzbogens ist ein Herz mit
Palmelte und seitlich abzweigenden sichelfbrmigen Ranken eingefiigt. Dieses, der
66
/
Abb. 40 Schleswig (Schild). Sonstige Taschen und Beutel (1 Nr. 1520; 2 Nr. 12854). M. 1:3
gotischen Architektur verwandte Motiv fiigt sich harmonisch in die Halbkreisflache
ein.
Die dem Muster gegeniiberliegende Kreishalfte zeigt eine Gruppe von zwei tropfen-
formigen Osenpaaren am auSeren Rand, ein weiteres tropfenfdrmiges Osenpaar liegt
im Zentrum des Lederstiickes. An zwei Stellen im Randbereich, einander gegeniiber-
liegend, fallen grofiere Beschadigungen auf. Beide Schadstellen lassen Hinstiche von
Reparaturen erkennen, in einem Fall befinden sicb unmittelbar daneben drei Osen mit
einem Lederbandchen. Das Bandchen ist mit Hilfe einer durch sich selbst gefiihrten
Schlinge in einem Osenpaar festgelegt.
07
ЛЬЬ. -И Schk'swii; fSdiiklJ. Sonsli^i» Та sc lion und Boulol M Nr. 1483; 2 Nr. 13867). M. 1:3
Insgesaml isl der Narben auf der verzierten Kreishalfte starker abgenutzt als auf dor
Osen halite. Allerdings la Ft sich nicht mehr feststellen, ob das Stuck in der Mitte gefaltet
war. Aufgrund der umlaufenden Stiirznahl kann angenommen werden, dal? es mit einem
enlspreehend runden (iegenstiick vernaht oder in eine groBere Flache eingesetzt war.
Vergleichslunde aus jiingeren Fundzusammenhangen werden als Taschen gedeutet.
I)aher liegt eine entsprechende Funktion Fur das Schleswiger Stuck nahe. Bei den gering-
liigig grbBeren Parallelen handelt es sich um mehr oder weniger halbrunde, mit Prage-
dekor verzierte Ledersliicke aus Frankfurt/Oder (15. Jh.; Huth 1975, S. 59; Taf. 129. 4,5),
Magdeburg (14./15. Jh.; Nickel 1980, S. 47; Abb. 25. b-d) und Svendborg (15. Jh.;
CIroenman-van Waateringe 1988 a, S. 103; Abb. 8.1.1).
Aus einer Schicht des 14. Jahrhunderts stammen sieben Rindslederteile, die sich zu
einem nicht ganz vollstandigen trichterfdrmigen Ciegenstand mit einer Lange von etwa
68
45 cm und einer rekonstruierten Breite von maximal 40 cm zusammensetzen lassen (Abb.
42; 43). Das Objekt besteht aus zwei Lcderlagen, die durch Ziersteppereien (AbschluK-
naht) miteinander vernaht waren. Die in einer langlichen Spitze auslaufende unlere
Ecke ist beidseitig angesetzt. Die im oberen Bereich erkennbaren Einstiche einer
Uberwendlichnaht auf Vorder- und Riickseite korrespondieren miteinander. Es liiRt sich
c /f
Abb. 42 Schleswig (Schild). Sonsligo Taschon und Bcutel (Nr. 1522). M. 1:2
jedoch nicht eindeutig klaren, ob der Gegenstand an dieser Stelle endete oder ob ein
Ansatz angefiigt war. Ein mit einer Stofinaht (Uberwendlichstich) geschlossener 3 cm
langer Einschnitt (oder Einrifi?) schlieBt rechtwinklig an einer Nahtkante an. Unterhalb
der oberen AbschluBkante befinden sich - beidseitig miteinander korrespondierend -
je vier Osenlocher, die durch Bandzug verformt sind. An der RiBkante sind auf Vorder-
Abh. 41 Schleswig (Sehild). Sonstige Thsehen und Ben tel (Nr. 1532). M. 1:3
70
und Riickseite die Reste einer weiteren Naht (Uberwendlichstich?) zu erkennen. Die an
beiden Langkanten in doppelter Reihe angebrachten linearen Ziersteppereien sind durch
Herz und Voluten erganzt, in der unteren Spitze treffen sie sich in einer Ealmette. Reste
einer etwa 3 cm breiten Kanteneinfassung blieben ebenfalls erhalten. Hinsichtlich der
Gestaltung der Offnung liegen keine eindeutigen Anhaltspunkte vor.
Ein sebr ahnliches, maximal 38 cm breites Lederstiick stammt aus Novgorod und wird
dort a Is Tasche gedeutet (14./15. Jh.; Izjumova 1959, S. 220; Abb. 12. 2). Im Gegensatz
zu dem Schleswiger Exemplar ist die gesamte Elache des Novgoroder Stiickes mil flora-
len Motiven bestickt, wobei die Randbereiche ausgespart blieben. Dagegen erwiigt W.
Groenman-van Waateringe an vergleichbaren Lederstiicken aus Svendborg eine Eunk-
tion als Sattelbezug (Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 109; Abb. 11. 1,2).
So bleibt vorerst ungeklart, ob weitere, dem oben beschriebenen trichterfdrmigen
Objektan dieSeitezu stellendeStiicke (Rindsleder) aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts
(Abb. 44) auf einen zweiten trichterfdrmigen Beutel oder womdglich auf den ledernen
Uberzug eines Sattels zuriickgehen.
Die aus slawisch besiedeltem Gebiet iiberlieferten Lederfunde zeichnen sich oftmals
durch iippige Stickereien aus; darauf wurde bereits bei der Bearbeitung der Schuhfunde
hingewiesen (vgl. Sclmack 1992, Кар. 5). In dem vorliegenden Fall zeigt sich gerade im
Hinblick auf den Parallelfund aus Novgorod einmal mehr die Verbindung zu ostlichen
Hand werkstraditionen, wobei of fen bleibt, ob das Schleswiger Stuck aus einer hiesigen
Werkstatt stammt oder importiert wurde.
Trageweise/Funktion: Da В Beutel und Taschen am Giirtel getragen wurden,
istmehrfach belegt (Schonback u. a. 1981, S. 186 ff.; Dahlbiick 1983, S. 235; Eoschek 1988,
S. 126; 211; 218; 449). Die an einigen der rechteckigen Beutel beobachteten, aul Eleisch-
oder Narbenseite vertikal verlaufenden halben Eederstiche lassen vermulen, daB
zusatzlich angeheftete Riemen zur Bindung an den Giirtel benutzt wurden (Abb. 36;
37). Da6 der Durchzugsriemen des Beutels gleichzeitig zur Aulhangung am Giirtel
diente, geht aus Bildquellen - unter anderem aus dem Ealkenbuch Kaiser Friedrichs 11.
- hervor, wo der Beutel mittels Umkehrschlaufe am Giirtel getragen wurde (Abb. 48).
G. Arwidsson (1977, S. 79 f.; Taf. 27) rekonstruiert anhand der Giviberfunde von Valsgarde
eine Aufhangung mit Hilfe eines Knebels, der entweder durch eine Ose im Giirtel oder
durch einen an ihm befestigten Ring gesteckt werden konnte (Abb. 45). W. Groenman-
van Waateringe (1988a, S. 121; Abb. 12.4.1) schlagt eine aus mehreren Beuleln kombi-
nierte Trageweise vor, wie sie beispielsweise auch vom Beutler in der Mendelschen
Zwolfbriiderstiftung gefertigt wurden (Wagner 1980, Abb. 7), wobei kleinere Beutel an
einem groBeren hringen. Ebenso ist eine Kombination von grdBerem Beutel mit kleinerer,
eingenahter Seiten- oder Innentasche nicht auszuschlieBen (vgl. Nickel 1980, S. 47). Eine
dem 12. Jahrhundert zugewiesene Tasche aus Dublin war mit einer Seilentasehe aus-
gestattet (Kat. Dublin 1982, S. 43; Kat.-Nr. 190). In Schleswig gibl es - abgesehen von
einem Eutteraltaschchen (Abb. 39.6), das eventuell als ein solches Innentaschchen zu
deuten ist - keine eindeutigen Hinweise auf eine kombinierle Trageweise. Doch ist zu
vermuten, daB kleine Eutteraltaschchen und vielleicht auch der eine oder andere kleine
Beutel in einem groBeren oder einer Tasche verwahrl wurde.
71
72
Abb. 45 Rekonstmklion dor Aulhiin^U'chnik oines 13ouIl4s fnach Arwidsson 1477, Ы. 27).
Nach G. Dahlbrick (1983, S. 236) nahmen grotfere Beutel personliche Wertsachen,
Spielsteine, Feuerzeug oder Gewiirze auf, wahrend kleinere Exemplare vermullich als
Geldbbrse dienten. Demgegeniiber ist aus den Darlegungen von J. Kazmierczyk (1970,
S. 251) und K. Romanow (1979, S. 193) zu folgern, datf Taschen (poln. sakiewski), die
unseren rechteckigen Beuteln gleichen, als Geldbeutel dienten, wahrend in kleineren
Taschen oder Beuteln (poln. woreezki) kostbare Steine, Perlen, Amulelte und andere
Kleinigkeiten verwahrt wurden. FZine Differenzierung nach Tasche, Cieldtasehe, Beutel
und Aliuosentasche nimmt 1. Loschek (1988, S. 109; 126; 211; 448) vor. Lelzlere, eine
trapezformige flache Tasche, soil „an den unteren Ecken Troddeln oder Bommeln und
oben einen Uberhang (Klappe) als VerschluB" gehabt haben. Kleine Resle von Anhiing-
seln, die moglicherweise als Troddeln oder Bommeln interprelierbar wiiren, sind in
Schleswig ausschlieBlich fiir grbBere rechteckige Beutel belegt. Um diese jedoch als
Almosentasche bezeichnen zu kdnnen, miiBten sie nach I. Loschek (1988, S. 108) gleich-
zeitig flach und mit einem Uberschlag versehen sein. Die Almosentasche wurde von
Mann und Frau getragen (Loschek 1988, S. 109; 126). Neben Geldsliicken fiir Almosen
wurden darin unter anderem Arzneien, Schliissel und Schmuck aufgehoben (Loschek
1988, S. 109). Auf bildlichen Darstellungen sind es meistens Manner, die eine Tasche am
Giirtel tragen. In diesem Zusammenhang sei auf das wikingerzeilliche Griiberfeld von
Birka hingewiesen, wo Taschen ausschlieRlich aus Mannerghibern stammen (Sorling
1939, S. 57).
73
L c d о r a r t с n: Die Analyse der bestimmbaren Lederarten ergab, daB der iiber-
wiegende Teil (56,7 %) der Beutel und Taschen aus Ziegen- oder Schafleder angefertigt
wurde, der Anteil an Bovinaeleder ist demgegeniiber klein (15,0 %; Abb. 17).
Z u s a m m e n f a s s u n g: Beutel und Taschen (n = 62) kommen erst seit dem 12.
Jahrhundert in dem Fundmaterial von Schleswig (Schild) vor. Aufgrund von GroBe
und Schnittmuster werden drei Formen unterschieden. Den definierten Formen nicht
/uweisbare Stiicke werden „sonstigen Taschen und Beuteln" /ugeordnet.
Rechteckige Beutel mit einer durchschnittlichen GroBe von 18,6 x 13,5 cm beziehungs-
weise 14,5 x 17,8 cm sind vom 12. Jahrhundert an und insgesamt am haufigsten vertreten.
Diese Form ist im wikingerzeitlichen Flaithabu bereits vorhanden. Als typischer
Beutelriemen ist das Doppelband anzusehen. Kleine Bandchen in der unteren Faltkante
werden als Fransenreste gedeutet. Die Seitennahte wurden haufiger durch parallel
verlaufende einfache Ziersteppereien erganzt. Die Offnungskante war hin und wieder
eingefaBt.
Kleine runde Beutel sind erst aus Schichten des 13. Jahrhunderts belegt, obgleich auch
diese Form bereits in Flaithabu bekannt war. Ihr mittlerer Durchmesser betragt 15 cm.
Aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts stammen mehrere sogenannte Futteral-
taschchen mit oder ohne Uberschlag. Ihre durchsclmittliche GroBe ist mit 6,8 x 8,4 cm
anzugeben. Hierzu zahlen ein Nahfutteral und vermutlich eine Innentasche.
Unter „sonstigen Taschen und Beuteln" werden neben zwei Uberschlagtaschen und
einer Giirteltasche auch zwei nach Form und Verzierung singulare, in ihrer Funktion
nicht eindeutig als Tasche/Beutel belegte Stiicke vorgestellt.
Beutel und Taschen sind zum iiberwiegenden Teil aus Caprinaeleder gefertigt worden.
Die Trageweise der Schleswiger Exemplare durfte mit jener der angefiihrten Ver-
gleichsbeispiele ubereinstimmen, beziiglich der Funktion lassen sich die einbezogenen
Deutungsversuche nicht schliissig iibertragen.
Beutel und Taschen sind in Schleswig (Schild) friihestens aus Schichten des 12. Jahr¬
hunderts iiberliefert, wiihrend sie in Flaithabu, dem zeitlichen Vorlaufer Schleswigs,
bereits vorhanden waren. Das Fehlen dieser Fundgruppe in den Schichten des 11. Jahr¬
hunderts laBl sich nur mit mangelnder Fundiiberlieferung erklaren.
3.4 Faustlinge
Aus dem jtingeren Schichtenpaket der Ausgrabung Schleswig (Schild) wurden Teile
von insgesamt drei Faustlingen geborgen (einmal Kalbs- oder Rindsleder, einmal
Rindsleder, einmal Led era rt unbestimmt). Zwei Exemplare waren jeweils aus einem
groBeren langsgefalteten Lederstiick gefertigt, das nur durch den Daumling und kleinere
Ansatze erganzt werden muBte (Abb. 46). Dabei folgte der Zusclmitt der auBeren
Formgebung einer I land. Ein dritter Faustling wurde aus mehreren, auf Deckung zuge-
sclmittenen Teilen zusammengesetzt (Abb. 47. 1). Das Vernahen erfolgte in alien Fallen
linksseitig mit einer Stiirznaht (Abb. 46) oder einer StoBnaht (Abb. 47. 1), so daB - auf
rechts gewendet - der wasserabstoBende Narben auBen lag.
74
Abb. 46 Schleswig (Schild). Faustlinged Nr. 1467; 2 Nr. 1481/1902). M. 1:3
75
Abb. 47 Schleswig (St/hild). 1 Kiimtling (Nr. 10860); 2 ШитПпц (Nr. 1460); 3-4 Fingcrlinge (?) (3 Nr. 1300; 4
Nr. 1341). M. 1:3
Die Finarbeitung des Daumlings in den Handschuh variiert in alien drei Beispielen.
Fertigungstechnisch ist es am einfachsten, den Daumling in den Verlauf der Seitennaht
einzufiigen, wie es wohl an einem Schleswiger Stiick der Fall war (Abb. 46. 2). Bei den
beiden anderen Schleswiger Faustlingen setzte man die Daumlinge mit Flilfe eines U-
fdrmig beziehungsweise dreieckig eingesclmittenen Zwickels in die Handflache ein
76
(Abb. 46.1; 47.1); dabei diirfte die Form des Daumlings der eines Halbkreises ent-
sprochen haben. Ahnliche Anfertigungsweisen zeigen jiingere Faustlinge aus Hull (erste
Halfte 16. Jh.; Armstrong 1977, S. 59; Abb. 25.38), Oslo (17. Jh.; Schia 1981, Abb.
14. R6367,R7886) sowie einige gut crhaltene Exemplare aus Frankfurt/Oder (Huth 1975,
S. 59; Taf. 132. 1 -3). Auf Reparaturen zurtickgehende Einstiche waren an zwei Schles-
wiger Stricken festzustellen (Abb. 46. 1; 47. 1). Diese beiden Faustlinge diirften links-
handig, der dritte vermutlich rechtshandig getragen worden sein (Abb. 46. 2).
Der Einschlupf eines Faustlings ist mit einem breiten Band in Durchbruchsarbeit
verziert (Abb. 46. 2). Das Dekor setzt sich aus gereihten Dreiecks- und AchtpaRelementen
zusammen, letzteres umrahmt auch den Daumenansatz. Halbe Lederstiche begleiten
das Dekor auf der Fleischseite. Sie lassen den SchlulS zu, dafi das Muster in farblichem
Kontrast zu dem Leder unterlegt war.
Nach A. Andersen (1953, S. 14 f.) und C. Dahlback (1983, S. 233) sind Faustlinge der
Arbeitskleidung zuzuordnen, eine Vermutung, die E. W. Huth (1975, S. 59) durch seine
Anmerkung stritzt, altes Stiefeloberleder sei zur Herstellung von Faustlingen verwendet
Abb. 48 Diirstcllun^ vcr/.icrlL'r I Inndschuho in dem Kilkenbuch Kdiser briedriehs II. (iiiu h Willemsen
fol. 89v).
77
worden. Diese Interpretation erscheint allerdings hinsichtlich der Funktion des verzier-
ten Schleswiger Faustlings wenig zufriedenstellend. Dieses Exemplar diirfte weniger
zum Schutz bei schmutzigen und groben Arbeiten gedient haben, sondern vielmehr als
Teil einer besonderen Standeskleidung anzusehen sein. Handschuhe dieser Machart
gehorten beispielsweise zur jagdlichen Ausriistung des Falkners, wie eine Illustration
in dem Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. zeigt (Abb. 48): Die den Falken tragende Eland
wird durch einen Elandschuh geschiitzt, der am Einschlupf mit breiten Dekorbandern
verziert ist.
Unter den unzahligen Einzelstiicken kann lediglich ein Lederstiick recht sicher als
Daumling gedeutet werden (Abb. 47. 2). Ob es sich bei zwei weiteren Teilen um Finger-
linge von Handschuhen handelt, bleibt fraglich (Abb. 47. 3,4).
Handschuhe wurden vom Taschen- und Beutelmacher hergestellt (vgl. Groenman-
van Waateringe 1988 a, S. 123). Ob dies auch fiir Faustlinge gilt, bleibt offen. In diesem
Zusammenhang sei auf eine Vorschrift fiir Schleswiger Beutelmacher aus dem Jahre
1550 hingewiesen, der zumindest Anhaltspunkte zur Anfertigung von Stulpenhand-
schuhen zu entnehmen sind (Schiitz 1966, S. 33).
Die in Schleswig (Schild) geborgenen Faustlinge und der Daumling stammen aus
Schichten der jiingeren Siedlungsphase, das heifit aus dem 13./14. Jahrhundert. Zahl-
reiche Vergleichsfunde sind aus Stockholm belegt, die dort entdeckten annahernd 30
Handschuhe datieren in die Zeit zwischen 1300 und 1500 (Dahlback 1983, S. 233; Abb.
201; 202). Nachweise gibt es weiterhin aus dem mittelalterlichen Fundmaterial von
Breslau (Kazmierczyk 1970, Abb. 71.a-c; Samsonowicz 1982, Abb. 25.a-c), Pleskau
(Ojateva 1962, Abb. 10. 1), Alt Ladoga (Ojateva 1965, S. 50; Abb. 3.1), Novgorod (Izjumova
1959, Abb. 12), Liibeck (Vons-Comis 1982, S. 244; Abb. 86. 693e; Tab. S. 249) und Svend-
borg (Andersen 1953, Abb. 10; Groenman-van Waateringe 1988 a, S. 109 ff.; Abb. 11.3,4).
3.5 Schleudertaschen
Aus Schichten des 12.-14. Jahrhunderts stammen vier oval geformte Lederstiicke,
bei denen es sich um Schleudertaschen handelt, die in der Lange zwischen 16 und
22.5 cm, in der Breite zwischen 5 und 12,5 cm variieren (Abb. 49.1 -4). Ihre Anfertigung
erforderte keine speziellen Kenntnisse, sie liefien sich schnell und von jedermann her-
stellen.
Die beiden aus dem alteren Fundhorizont stammenden Stiicke sind in der breiteren
Mittelflache regelmaBig versetzt geschiitzt (Abb. 49.1,2). Demgegeniiber zeigt die relativ
groBe, in das 13. Jahrhundert datierte Schleudertasche lediglich diverse Einrisse (Abb.
49.3). Das jiingste Exemplar hat in der Mitte ein 1,5 cm grofies Loch (Abb. 49.4). An
den Enden gelocht waren drei der Funde (Ausnahme: Abb. 49.2). Die Lederarten-
bestimmung ergab einmal Kalbs- oder Rindsleder, zweimal Rindsleder, einmal Ziegen-
leder.
Beziiglich der Funktion gibt es in der Literatur die unterschiedlichsten Deutungen:
So wird ein Fund aus dem wikingerzeitlichen York als Dolch- oder Taschenaufhangung
78
Abb. 49 Sch 1 о 11 dl'rtaschсn. 1-4 Schleswig (Schild) (1 Nr. 1537; 2 Nr. 13832; 3 Nr. 1500; 4 Nr. 3065); 5
Verglcichsfund aus Oslo (nnch H. Schia, vgl. Anm. 15). M. 1:3
am Giirtel bezeichnet (Richardson 1961, S. 85; Abb. 19. 24), ein anderer aus dom friih-
neuzeitlichen Southampton als Schuhlasche (Platt u. a. 1975, S. 302; Abb. 264. 2171), ein
Stuck aus dom wikingerzeitlichen Elisenlwf als Toil oinos Riomons (Grenander-Nyberg
1985, S. 244; Taf. 67.1) und ein Fund aus Gloucester als „hair-slide" (I Iaarspange; Goudge
1979, S. 195; Abb. 14.1). Letztgenannte Interpretation vertrittauch F. Grew (pers. Mitt.)
fiir ein dem spaten 12. Jahrhundert zugewiesenes Exemplar aus London. Ohne
funktionale Zuweisung bleiben demgegeniiber ein Fund aus Dublin (Kat. Dublin 1982,
S. 43; Kat.-Nr. 188), je einer aus York (Tweddle 1986, S. 266; Abb. 177. 885), Hull (Jackson
1979, S. 56; Abb. 24. 52), Neu-Niekohr (Schuldt 1967, S. 37; Taf. 18. s) sowie ein Exemplar
aus Oslo, das zwischen 1150 und 1250 datiert wird (Abb. 49. 5)1'.
Wahrend W. Groenman-van Waateringe fiir entsprechende ITinde aus 1 Iaithabu,
sogenannte tonnenformige Stucke, noch einen Zusammenhang mit Schuhwerk erwagl,
interpretiert sie spater Beispiele aus Svendborg eindeutig als Schleudertaschen
(Groenman-van Waateringe 1984; 1988 a, S. 121 f.; Abb. 9.1.1). Dal? letztere Interpretation
zutreffend ist, wird nicht nur durch die Form der Lederstiicke wahrscheinlich, die einen
mehr odor weniger kugeligen Gegenstand beutelformig umschliefien konnten, sondern
auch durch eine Bildszene auf dem Teppich von Bayeux. Bereits E. Kristensen (1983, S.
10) hatte im Zusammenhang mit einem Schleudertaschenfund des 14. Jahrhunderts
aus Randers auf den Bildteppich aufmerksam gemacht: Der untere Fries zeigt unter
anderem eine Feldbestellung, bei der eine Person damit beschaftigt ist, Steine gegen
eine saatraubernde Vogelschar zu schleudern (Abb. 50). Die Form der auf dem Teppich
79
ЛЬЬ. ч() DcirslL'llimj» L'iiu'r 8</Икчкк'гч/спс <uil dcm Bildtcppkh von Bnycux (ruich Wilson W8S, Tdf. 11).
au fges tick ten Schleudertasche entspricht den aus Schleswig (Schild) iiberlieferten ovalen
Lederstiicken, wenn man sich diese in Seitenansicht und als schalenfdrmige 1 lohlkbrper
vorstellt.
Das I Iandhabungsprinzip derartiger Schleudertaschen ist simpel: Mittels zweier an
den Enden befestigter Riemen werden sie kraftig in Schwung versetzt, der Schleuderer
gibt pldtzlich einen der Riemen frei, wodurch das Wurfobjekt hinausgeschleudert wirdl(\
Beziiglich des in das 13. Jahrhundert datierten, relativ groRen Schleswiger Exemplares
(Abb. 49. 3) ist zu fragen, ob hiermit vielleicht eine grbRere Menge Kiesel gleichzeitig
geschleudert wurde, um so - ahnlich einem SchrotgeschoR - eine gefacherte und damit
gegeniiber einem EinzelgeschoR ungleich hdhere Treffsicherheit zu garantieren.
3.6 Runde Scheiben
Aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts wurden zehn kleine, mehr oder weniger
runde Scheiben geborgen. Sieben Exemplare sind durch ein Loch (sog. Lochscheiben;
Abb. 51. 1,2), zwei durch je ein Osenpaar (sog. Osenscheiben; Abb. 51. 4,5) und eine
durch einen slernfbrmigen Ausschnitt in der Scheibenmitte gekennzeichnet (Abb. 51.
3). /wei der Lochscheiben waren durch Faltung gecioppelt (Abb. 51. 1), wobei Nahtreste
oder im Randbereich eingeschnittene Osen (Abb. 51.2) als Hinweise auf sekundar
verwendetes Leder zu verstehen sind. Der Durchmesser der Osenscheiben betragt 4
und 3,9 cm, der der Sternscheibe 5,3 cm, der der einfachen Lochscheiben 4,5-9 cm.
1 linweise auf Befestigungstechniken lassen lediglich die erhaltenen Abdriicke auf den
beiden Osenscheiben erkennen. Danach wurden sie mittels eines durchgezogenen Rie-
mens auf einer Unterlage fixiert (Abb. 51.4,5). Entsprechende Osenscheiben aus Beverley
zeigten zusatzlich Nahtstiche; die Stiicke werden daher als Verstarkung eines Osenver-
schlusses bezeichnet (Atkinson und Foreman 1992).
Die Lederartenbeslimmung ergab dreimal Kalbsleder, zweimal Kalbs- oder Rindsleder,
dreimal Rindsleder, einmal Ziegenleder, einmal war die Lederart nicht mehr zu be-
stimmen.
80
6-7 Osenlnsclu'n (6 Nr. 1498; 7 Nr. 1530). M. 1:3
Lochscheiben ungeklarter Funktion gibt es aus Flaithabu (C.roenman-van Waateringe
1984, S. 41; Taf. 29. 2), Svendborg (Grocnman-van Waateringe 1988 a, S. 106; Abb. 9.1.3 -
4), Hull (Armstrong 1977, S. 59; Abb. 25. 45) und Beverley (Atkinson und Foreman 1992).
Demgegeniiber wird eine 3,2 cm messende Lochscheibe aus Fxeter als Knopf gedeutet
(Friendship-Taylor 1984, S. 327; Abb. 184. 20). Die Verwendung als Griffeinlage an einem
RapiergefaB erscheint fiir ein Stiick aus Oslo mdglich (Schia 1981, S. 228; Abb. 14. R7278,
R11939). Als Dichtungsring oder gelochte Scheibe wird ein Fxemplar aus York be/eichnel
(„washer or perforated disc"; MacGregor 1982, S. 162; Abb. 73. 552). Den von E. Schia
(1981, S. 228) und A. MacGregor (1982, S. 162) erarbeiteten Vorschlagen folgend, sind
die aus Schleswig (Schild) iiberlieferten Lochscheiben generell als Puffer oder Dichtungs-
ringe zu verstehen. Hinsichtlich der Funktion der akkurat geschnittenen kreisrunden
Scheibe mit sternformigem Aussclmitt ergeben sich keine Anhaltspunkte (Abb. 51.3).
3.7 Osenlaschen
Aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts stammen insgesamt elf sogenannte Osen¬
laschen, deren Form etwa einem abgerundeten Dreieck entspricht 13. Abb. 51.6,7).
Die kleinste Lasche miBt 7 x 5 cm, die groBte 16,5 x 7 cm, das durchschnittliche MaB
betragt 11,8 x 5,4 cm. Nahtreste (Uberwendlichstich) belegen, daB die Kanten eingefaBl
waren, wahrend man die Basiskante (StoB- oder Stiirznahtreste) offensichtlich angesetzt
hatte. Die in der Flachenmitte liegenden, mit einer Lange um 6 cm relativ groBen Osen
81
waren urspriinglich eingefaBt, wobei halbe Lederstiche auf der Fleischseite die End-
befestigung einer slreifenformigen Einfassung dokumentieren konnen (Abb. 51.7).
Dariiber hinaus kommen auch ungesaumte Osen vor (Abb. 51.6).
Die Lederartenbestimmung ergab einmal Kalbsleder, einmal Kalbs- oder Rindsleder,
sechsmal Rindsleder, einmal Ziegenleder, einmal Ziegen- oder Schafleder, einmal war
die Lederart nicht mehr /u bestimmen.
Fine funktionale Einordnung der beschriebenen Osenlaschen ist derzeit nicht moglich.
Ihre Interpretation als Bestandteil des Schuhwerks, und /war im Zusammenhang mit
den fur Schleswig vereinzelt belegten Knopfschuhen, war nicht nachvollziehbar (vgl.
Schnack 1992, Кар. 4.3.12; laf. 93. 1,2).
3.8 Kordeln und Eransenbander
In Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts kamen drei Kordelfragmente und fiinf Fran-
senbiinder zutage (Abb. 52).
Die Kordeln bestehen jeweils aus zwei miteinander verdrehten Bandern (Abb. 52.1 -
3). Ihre Breite variiert zwischen 0,7 und 0,8 cm. Zwei der Fransenbander sind jeweils
durch eine kleine Klammer charakterisierl. In dem einen Fall hat diese - ein durch sich
selbst gefiihrtes Lederbandchen - die Funktion, das der Lange nach umgeschlagene
Band im Knick zu fixieren (Abb. 52.4). In dem anderen Fall umschlieKt eine kleine
Melallklammer das einfache F’ransenband (Abb. 52. 5). Ein ganz almliches Fransenband
ist aus Soderkoping uberliefert und wird als Bommel mit dem Schuhwerk in Verbindung
gebracht (Broberg und Hasselmo 1981, S. 101; Abb. 76.2). Zwei Vergleichsstiicke aus
Stettin (C notliwy 1980, Abb. 12.17.5,6) werden ebenfalls im Zusammenhang mit Schuh¬
werk gesehen. An dem Oberleder der Schleswiger Schuhe gibt es allerdings keine Belege
fiir derartiges Beiwerk (vgl. Schnack 1992, Кар. 4.2.2.3).
Ein Exemplar ist durch sieben auBergewohnlich kunstvoll in gedrehten Schlingen
und Schlaufen verflochtene Bandchen gekennzeichnet (Abb. 52. 6). Das Flechtwerk ist
flachig gestaltet. Eine Fransenbommel mit kugeligem Kopf kann aus dem miltelalter-
lichen London angefiihrt werden (Jones 1975, S. 166; Abb. 31. 154).
Die Lederartenbestimmung ergab einmal Kalbsleder, einmal Rindsleder, viermal
Ziegenleder, einmal Schafleder, einmal war die Lederart nicht mehr zu bestimmen.
Allgemein diirften Kordeln und Fransenbiinder als schmiickendes Beiwerk Ver-
wendung ge fun den ha ben.
3.9 Ball
Aus einer Schicht des 12. Jahrhunderts stammt ein kleiner Lederball (Abb. 53). Er
besteht aus zwei kleinen runden Scheiben aus Kalbsleder, die - mit der Narbenseite
nach auBen aufeinandergelegt - am Rand iiberwendlich vernaht wurden. Der dazwi-
schenliegende I lohlraum wurde sehr fest mit feinem Menschen- oder Tierhaar zur Kugel
gestopft17. Es ist anzunehmen, daB die beiden Teile des Balles so zusammengenaht
wurden, daB eine kleine Liicke in der Naht verblieb, durch die die Eullung hineingestopft
werden konnte. Matte der Ball die richtige Festigkeit erreicht, wurde die Nahtliicke
geschlossen'L Der Durchmesser des Schleswiger Balles betragl 3-4 cm1'.
lm Mittelalter gehdrten Ballspiele zum Alltagsleben, und zwar bei Kindern,
Jugendlichen und Erwachsenen aller Ciesellschaftsschichten (Endrei 1988, S. 111). In
Deutschland diirften Ballspiele bereits vor dem 12. Jahrhundert zu den gesellschaftlichen
Akti vita ten gehbrt haben (Ranke 1976, S. 11)-". Nach S. A. lzjumova (1959, S. 216) wurde
mit kleinen Ballen Schlagball gespielt; ein im mittelallerlichen Nordeuropa wohl sehr
beliebtes Spiel, wie Nachrichten aus England und Island nahelegen (Ranke 1976, S. 12),
das in Varianten, almlich dem heutigen I Iockey, Kricket und Cioll oder dem mittel-
alterlichen Ringball, ausgeiibt wurde (Endrei 1988, S. 124 flAbb. 97; 98; Taf. 36). Der
auBerordentlich fest gestopfte Schleswiger Ball konnte durchaus in dieser Art und Weise
Abb. SI Schleswig (Schild). Hall (Nr. IS7S3). M 1:1
83
verwendet wordcn sein, denkbar ware aber ebensogut sein Einsatz beim Fang- oder
Dreiballspiel (Endrei 1988, S. 113) oder beim artistischen Jonglieren (Ranke 1976, S. 12;
Abb. 3).
Parallelen zu dem Schleswiger Ball sind aus Novgorod (Izjumova 1959, S. 216; Abb.
9), Bergen (Herteig 1969, Abb. 56) und Pleskau (Ojateva 1962, S. 94) anzufiihren.
3.10 Varia
Das mit den Schleswiger Lederfunden iiberlieferte Spektrum unterschiedlicher
Verzierungen kann durch einzelne Stiicke aus der Vielzahl funktional nicht zuweisbarer
Fragmente erganzt werden. Die Fragmente stammen tiberwiegend aus Schichten des
13. und 14. Jahrhunderts. Die Technik der Durchbruchsarbeit mit geometrisch-floralen
Motiven ist insgesamt am haufigsten vertreten (Abb. 54.1 — 6,8,10 — 12,14,15). Dabei fallt
ein kleines, sekundares Schnittfragment aus einer Schicht des 12. Jahrhunderts durch
ein auBergewohnlich zierliches und kunstvoll durchbrochen gearbeitetes Gittermuster
auf, das den Funstichen zufolge auf der Narbenseite von Stickereien begleitet und viel-
leicht von der Fleischseite her unterlegt war (Abb. 54.7). An einem riemenartigen
Fragment mit einander versetzt gegeniiberstehenden Dreiecken, die in dichter Folge
akkurat die Mittelachse schmiicken, ist der Narben an den Langskanten kaum abgenutzt.
Die Einstiche lassen vermuten, dafi diese eingefafit waren, so wie es auf der Rekonstruk-
tion nachvollzogen wurde (Abb. 54. 9).
Ein dem Kerbschnittstil verwandtes Pragemuster begegnet in professioneller Aus-
ftihrung auf zwei Sclmittfragmenten aus Schichten des 14. Jahrhunderts (Abb. 55. 4,5).
Ferner eindrucksvoll sind Muster aus dicht in den Narben gesetzten winzigen Kreis-
stempeleindriicken (Dm. 1 mm), die mit dekorativ ausgesparten F7lachen in Form von
Blatt- und Rankenwerk oder linearen Motiven kontrastieren (Abb. 55. 2,3), wobei das
Dekor durch eingetiefte Relieflinien (auf der Abbildung nicht erkennbar) an Plastizitat
gewinnen kann (Abb. 55. 1). Da es sich bei diesen Stricken, die ebenfalls aus Schichten
des 14. Jahrhunderts stammen, offensichtlich uin groBflachiger angelegte Musterkom-
positionen handelte, ist ein Zusammenhang mit Mobiliar oder ahnlichem nicht aus-
zuschlieBen, etwa in der Funktion eines dekorativen Lederiiberzugs einer holzernen
Schalulle (vgl. Gall 1965, S. 29).
Die vergleichsweise ungenaue Schnittfuhrung, die bei zwei durch Voluten gekenn-
zeiclmelen Lederstiickchen begegnet, spricht eher fiir einen „verspielten" Umgang mit
dem Rohstoff Leder (Abb. 56.1,2), wobei ein um eine Volute geschlungenes Bandchen
diese Annahme untersttitzen mag (Abb. 56.1). Die Schnittfuhrung an einem in Form
einer Palmelte erhaltenen Negativ (Abb. 56. 4) sowie an einem Quadrat (9,5 x 9,5 cm2)
mit gezackten Kan ten und zwei rechteckigen Aussclmitten in der F7lache (Abb. 56.3)
wirkt dagegen routinierter. Alle Stiicke stammen aus Schichten des 13./14. Jahrhun¬
derts.
Ein Lederfragment ist durch seine von einem Mittelpunkt strahlenfdrmig ausgehenden
Fortsalze - urspriinglich wohl acht - gekennzeichnet, die mit ihren gezackten Randern
84
Abb. 54 Schleswig (Schild). Verxieriingstechnik dor Durchbruchscirbcit (1 Nr. 4749; 2 Nr. 7049; 2 Nr. N978; 4
Nr. 1472/73; 3 Nr. 6317; 6 Nr. 3809; 7 Nr. 1527; 8 Nr. 5480; 9 Nr. 13305; I0Nr. 10051; 11 Nr. 3054; 12 Nr. 13881;
13 Nr. 4541; 14 Nr. 2304; 15 Nr. 2442). M. 1:3
zur Mitte leicht anschwellen unci sich zur Spitze wieder verjiingen und damit pflanz-
lichcn Blattern ahneln (Abb. 57. 5). Die Spitzen dieser 13 la t [rosette enden in einer iiuBeren
Rahmenflache. Das durchbrochen gearbeitete florale Motiv aus Schichten des 13./14.
Jahrhunderts war vermutlich Toil einer groBeren Dekorationsflache.
In der Regel diirfte die Dekoration nach dem Zuschnitt, jedoch vor dem Vernahen
des zu fertigenden Gegenstandes angebracht worden sein (Cowgill u.a. 1987, S. 40;
(S3
Abb. 55 Schleswig (Schild). Vor/icrungstechnikL'n. I -3 Kreisslompel (I Nr. 12704; 2 Nr. 7750; 3 Nr. 10610);
4-5 Priigemuster (4 Nr. 10670; 5 Nr. 8101). M. 1:3
Grew und de Neergaard 1988, S. 79). Allerdings gibt es auch eindeutige Hinweise dafiir,
daB die Lederhaut bereits vor dem Zurichten verziert wurde, wie ein Schnittabfall vom
I lautrand unter Beweis stellt (Abb. 54. 13).
AbschlieBend sollen einige interessante, jedoch funktional nicht eindeutig zuweisbare
Stticke angesprochen werden.
Ein noch 26,5 x 23,5 cm groBes Fragment (Ziegenleder) aus einer Schicht des 11. Jahr-
hunderts fallt durch zahlreiche, dicht an dicht geset/.te, 0,7-1,5 cm lange Schlitze auf
(Abb. 57. I), deren Anordnung der Form eines gleicharmigen Kreuzes folgt. Sowohl
Abb. 56 Schleswig (Schild). VcischicdcMic Schnittstiickc (1 Nr. 9370; 2 Nr. 7694; 3 Nr. 10819; 4 Nr. 1595). M.
1:3
86
Abb. 57 Schleswig (Schild). 1 Lederfrdgment mit Schlitzen in l;orm cincs gleidwmigen Kreu/.es (Nr. 1531);
2-3 Lederfrdgmente mit Ausstcinzungen (2 Nr. 13538; 3 Nr. 1335 mit Bkittgoldspuren); 4 leicht gekriimmtes
Lederstiick (Nr. 10255); 5 Lederfragment, zu finer Blattrosette rekonstruierbar (Nr. 0811); 6 slipper,irtiges
Objekt (Nr. 8892, Original |oben|, Rekonstrnktion I union |). M. 1:3
87
der teilweise erhaltene rechtwinklige Kantcnverlauf mit Stofinaht (LJberwendlichstich)
als auch die Anordnung der Schlitze deuten auf ein in seiner Flache urspriinglich
quadratisches Lederstiick.
Fun in der Lange fragmentarisch erhaltener, 1,7 cm breiter Lederstreifen (Kalbsleder)
weist leicht versetzt von der Mittelachse in relativ dichter Folge (0,5-0,9 cm Abstand)
gestanzte Locher mit einem durchschnittlichen Durchmesser von 0,6 cm auf (Abb. 57. 2).
Fiinstiche mit parallel zu den Langskanten verlaufenden Fadeneindriicken auf dem
Narben lassen darauf schlieBen, daB der Streifen als Besatz oder auch als Verstarkung
gedient haben konnte. Fin ahnliches Stuck ist aus dem wikingerzeitlichen Haithabu
uberliefert. Dort war es in den oberen, umgeschlagenen Rand eines Beutels eingelegt
(Croenman-van Waateringe 1984, S. 38; Taf. 24. 3). An dem Schleswiger Stuck, das aus
einer Schicht des 11. Jahrhunderts stammt, sind zusatzlich Reste einer Teer- oder Pech-
masse erhalten. Aus einer Schicht des 13. Jahrhunderts stammt ein zweiter Lederstreifen
(17 x 13 cm; Lederart unbestimmt) mit regelmaBig angebrachten langlich-runden
Ausstanzungen in der Mittelachse (At>b. 57.3). Kennzeichen dieses Stiickes sind drei
einseitig angebrachte dreieckige Ausschnitte, vor allem aber winzige Spuren von Blatt-
gold. Dies sowie die an den Langskanten erhaltenen Abdriicke einer Uberwendlichnaht
sprechen fur eine urspriingliche Funktion als streifenformiger Zierbesatz.
Fin anderes, ebenfalls in der Lange nur fragmentarisch iiberliefertes, 4,5 cm breites
und in sich leicht gekriimmtes Lederstiick zeichnet sich durch seine auBerst kraftig-
feste Lederqualitat (Kalbs- oder Rindsleder) aus (Abb. 57. 4). Es datiert in das 11. Jahr-
hundert. Die Langskanten waren miteinander vernaht (AbschluBnaht). Der jetzigen
Formgebung und der Narbenabnutzung nach zu urteilen, umhiillte dieses stabile Leder-
stiick einen biigelartig gebogenen Rundstab.
Von bemerkenswertem Zuschnitt ist ein gut erhaltenes Lederstiick (31,5 x 12 cm) mit
umlaufenden StoBnahtkanten aus einer Schicht des 11. Jahrhunderts (Abb. 57. 6). Das
liingliche Lederstiick (Ziegenleder) verjiingt sich geringfiigig zu einer abgerundeten,
mit Abnaher versehenen Schmalseite, unterbrochen durch je einen dreieckigen Aus-
schnitt an den Langskanten. Fbensolchc Ausschnitte sind auch an der breiteren Schmal¬
seite angebracht. Aufgrund der korrespondierenden StoBnahte in den Ausschnitten laBt
sich ein slipperartiges Objekt rekonstruieren (Abb. 57. 6). DieStoBnaht am Offnungsrand
konnte auf eine Finfassung oder auf Ansatzstiicke zuriickzufiihren sein. Sollte es sich
tatsachlich um eine Form der FuBbekleidung handeln, liefert - soweit bekannt - nur
das irische Schuhwerk des 7.-10. Jahrhunderts Vergleiche (Lucas 1956, S. 371 ff.; Abb.
6). Die irischen Fxemplare werden als von einem Laien hergestelltes Schuhwerk inter-
pretiert (Lucas 1956, S. 373). 1m Schleswiger Fall sprechen der versierte Zuschnitt sowie
die Verwendung unlerschiedlicher Nahttechniken fiir professionelles Handwork.
Aus einer Schicht um 1200 stammen zwei vergleichsweise groRe, gurtartige Fragmente
aus Rindsleder (Abb. 58. 1,2). Die beiden sicherlich urspriinglich zusammengehdrenden
Stiicke (41 x 11 cm bzw. 28,5x8,5 cm) sind iibersat mit unregelmaRig angeordneten
lunstichldchern, wobei auf der Fleischseile vereinzelt Fadeneindriicke wahrnehmbar
sind. In dem grdReren Eixemplar ist der Rest eines Lederbandchons in situ erhalten
(Abb. 58. I).
88
о
Abb. 58 Schleswig (Schild). 1 -2 C.urtdrtige LedorlYtignionk' (1 Nr. 7893; 2 Nr. 8000); 3 sichellormig gebogenes
Loderstiick (Nr. 6499). M. 1:3
Der stark unrogelmafiig gestaltete Kantenverlauf eincs der Lange naeh gefalteten,
sichelformig gebogenen Lederstiickes (Schafleder) aus einer Schicht des 13. Jahrluinderts
weist zum Toil Einstiche (Uberwendlichstich) auf, ein zipfeliger Eortsatz ist eingeseblilzt
(Abb. 58. 3). Diegekriimmt verlaufende Faltung war im Absland von 2-3 cm mil Nielcn
(89
Abb. W Schluswij* (Sihild). Sichdlormij* ^'bo^ones LediTsliick mil Stcmpdcibdriickcn in Form kleiner
Kosoilni (Nr. 4121). M. 1:1
besetzt, ein Niet ist in situ erhalten. In das 13./ 14. Jahrhundert datiert ein zweites sichel-
fbrmig gebogenes und langsgefaltetes, etwa 35 x 19 cm groRes Lederstiick (Kalbs- odor
Rindslcdcr) mit bemerkenswerter Fertigungstechnik (Abb. 59). Die gebogene auSere
Kanteeincr I Ialbkreisflache (?) istdurch mindestens fiinf dreieckige Ausschnitte gekenn-
zeichnet, die aul etwa zwei-Driltel-Lange miteinander vernaht (StoRnaht) waren und
dadurch bewirklen, daR der Randbereich mehr oder weniger automatisch zur Flachen-
90
mitte der Fleischseite umschlug. Der auBenliegende Narben ist iibersat mil dicht gesetz-
ten Stempelabdriicken in Form klciner Rosetten (Dm. 0,4 cm; Abb. 14.8). Das Muster
erstreckt sich teilweisc bis iiber die Faltung /ur Riickseite, was darauf hinweisen konnte,
daS die Stempelpreigung vor der Zurichtung in die ausgebreitete Lederflache erfolgte.
Beide Stiicke sind aufgrund ihrer gekriimmten Formgebung am ehesten als Futterale
fiir sichelformige Klingen anzusprechen. In Breslau wird ein riemenartiges, sehr
schmales Lederstiick aus dem 13. Jahrhundert als Sensenfutteral gedeutet (Kazmierczyk
1970,S. 243; Abb. 71. d;Samsonowicz 1982, Abb. 25. d). Fin Sichelfutteral aus der zweiten
Halfte des 16. Jahrhunderts aus 's-Hertogenbosch bestand aus zwei bogenfdrmigen
Lederteilen, die mit Stroheinlage unterfiittert waren (Goubitz 1983, S. 282; Abb. 10).
Aus einer Schicht des 14. Jahrhunderts stammt ein 27 x 18 cm grofies Lederstiick
(Ziegenleder), das auf der Fleischseite ein dichtes Netz zentrisch verlaufender, waffel-
ahnlicher Abdriicke aufweist (Abb. 60). Reste von zwei in einem Abstand von 2 cm
angebrachten Einstichreihen sind erhalten. Sowohl die Formgebung des Abdruckes
sowie der kreisformige (?) Verlauf der beiden Nahte als auch die Tatsache, daK Aufien-
kante und Flachenmitte des Lederstiickes gleichermaBen beschiidigt sind, deuten darauf
hin, dafi ein der Form nach urspriinglich kreisflachiges Lederstiick einen kugelfdrmigen
Gegenstand ummantelte, wobei es sich dem abgedriickten Muster zufolge wahrschein-
Abb. 60 Schleswig (Schild). Lederstiick mit dichtem Net/ w.il'lel.irti^er Abdriicke (Nr. M. 1:.'^
91
lich urn eine geflochtene Reisigkugel gehandelt haben konnte. Die vermutlich aus
mehreren miteinander vernahten Lederteilen xusammengesetzte Ummantelung war
besonders an dom verdickten Ausgangs- beziehungsweise Hndpunkt dor Flechtarbeit
erhohlem VerschleiB ausgesetzt, daher unter anderem die beschadigte Flachenmitte.
fiine mit Leder iiberzogene Reisigkugel hatte nur geringes Gewicht und konnte - von
auRen xum Beispiel mit Pech impriigniert - als Schwimmkbrper, etwa als Netzschwim-
mer, gedient haben.
Aus Schichten des 14. Jahrhunderts stammen schmale, rdhrenformig gefaltete Riern-
chen (Br. 1,5-2 cm bzw. 3-4 cm) mit vier bis acht Fransen am unteren Ende. Diese
Fransenrdbrchen wurden ein/eln (Abb. 61.6) und zweimal inGruppen von jeweils fiinf
Exemplaren geborgen. Die Stiicke der einen Gruppe sind 19 — 21 cm lang und ausSchaf-
oder Ziegen leder hergestellt. Dagegen sind die Eransenrohrchen der xweiten Gruppe
mit Lcingen von 16- 19cm durchschniltlich kiirzer und aus Kalbs- oder Rindsleder
gefertigt (Abb. 61.1 -5). Aufgrund derTatsache, daB bei alien Exemplaren an der Verbin-
dungskante feine Einsticbe ohne Eadeneindriicke erhalten sind, und daB ferner der
Narben in diescm Bereich kaum abgenutzt und vereinzelt sogar der Abdruck einer
Auflage erkennbar ist, kann da von ausgegangen werden, daB die Verbindungskanten
der Lange nach eingefaBl waren. Mil Ausnahme eines einzeln gefundenen Exemplares,
das am oberen Ende eine durchgehende C)se aufweist (Abb. 61.6), lassen die anderen
Fransenrbhrchen nicht erkennen, ob und wie sie befestigt waren. In Arhus werden ganx
ahnliche Ledersliicke als abgeschniltene Giirtelteile oder Verxierungselemente des
Llerdegeschirrs gedeutet (Lorenxen 1971, S. 181; Abb. BIG).
42
4. ZUSAMMENFASSUNG
In den Jahren 1971 - 1975 wurden bei siedlungsarchaologischen Untersuchungen in
der Altstadt von Schleswig, auf dem Grundstiicksblock „Schild", in groBem Umfang
Lederfunde zutage gefordert (Vogel 1983). Die Funde entstammen einer iiber 5 m
machtigen Stratigraphic. Dank eines durch H. Liidtke (1985) iiber Keramikfunde und
mit Hilfe datierter Hblzer und Miinzen erstelllen Chronologieschemas war es mdglich,
die Funde einzelnen Jahrhunderten zuzuordnen. Sie decken insgesamt den Zeitraum
vom 11. Jahrhundert bis zur Mitte des 14. Jahrhunclerts ab, wobei eine altere Siedlungs-
phase das 11. und 12., eine jiingere das 13. und 14. Jahrhundert umspannt. Uberwiegend
handelte es sich bei den Lederfunden um Schuhwerk (Schnack 1992). In der vorliegenden
Fublikation sind Messer- und Schwertscheiden, Curie, Riemen, Giirtel, Beutel und
T’aschen sowie diverse Einzelstiicke Gegenstand der Untersuchung.
Die Funde wurden im Hinblick auf typologische und chronologische Merkmale unter-
sucht. Weitere Aufmerksamkeit gait dariiber hinaus insbesondere den Ferligungs-
techniken, der Trageweise sowie den verwendeten Lederarten. Soweit mdglich, werden
auch Vergleichsfunde benannt.
Messer- und Schwertscheiden sind seit dem 11. Jahrhundert fur Schleswig (Schild)
nachgewiesen. Die Messerscheiden (n = 168) gestallen eine Untergliederung in vier
Formengruppen. Finfache, unverzierte Messerscheiden der Form 1 sind gekennzeichnet
durch eine seitliche Abstufung. Sie stammen aus Schichlcn des 11. Jahrhunderls. Ein-
fache, unverzierte Messerscheiden, die sich mehr oder weniger gleichmiiBig von oben
nach unten verjiingen (Form 2) kommen vom 11. Jahrhundert an im Fundmaterial vor,
wobei eine seitliche Verbindung mittels Nieten und/oder Beschlag erst in Schichten
des 13. Jahrhunderts begegnet. Von etwa 1200 bis in das 14. Jahrhundert isl Form 3 -
Messerscheiden mit zipfeligem Randdekor - vertreten. Form 4 isl durch Messerscheiden
mit Stempelpragung gekennzeichnet, wobei das Lilienmotiv als Vcrzierungselemenl
vorherrscht. Diese Messerscheiden stammen aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts.
In der Regel besteht eine Messerschcide aus einem seitlich geschlossenen Lederstiick,
lediglich die Exemplare der Form 4 wurden ruckseilig vernahl. Die Verbindung erfolgle
mit textilem Nahgut, mit feincn Lederbiindchen oder auch mittels Nieten und/oder
Beschlag. Die Mehrzahl der Messerscheiden wurde am Giirtel getragen, wobei eine
Riemenaufhangung mit Hilfe einer oder mehrerer Osen erfolgle. Messerscheiden ohne
Hinweise auf eine Aufhangung wurden vermutlich in einer Tasche oder einem Beulel
verwahrt beziehungsweise hinter den Giirtel geschoben getragen. Zu den Stricken, die
den vier Formen nicht zuweisbar waren, ziihlen unler anderem zwei Messerscheiden
des 11. Jahrhunderts mit Beschlagen „slawischer Machart".
Schwertscheiden (n = 155) sind vom 11. Jahrhundert an fiir Schleswig (Schild) belegl.
DieSchwertscheide bestand urspriinglich aus einem hdlzernen, mit Leder ummantelten
Scheidenkdrper. Im Fundmaterial sind nurTeiledes nach Abnulzung herunlergetrennten
Ledermantels iiberliefert. Dieser war riickseitig vernaht und konnte aus einem Sliick
gefertigt sein oder aus einem Miindungs- und einem unleren Teilsliick zusammengeselzt
sein. In Schichten des 13. und 14. Jahrhunderls laBl sich die Aufhangung vom „Тур
93
Naumburg" nachweisen. In don gleichen Zeithorizont gehbren etliche Schwertscheiden
mil einer spitz zulaufenden Miindung. Verzierungen kommen vor allem in Form ein-
I'achcr, parallel verlaufender Relieflinien vor.
Die zweilgrbRle Fundgruppe umfaRl Curie, Riemen, Giirtel (n = 203), wobei die Be-
zeichnungen synonym verwendet werden. Ihre Fertigungstechnik erlaubt eine Unter-
leilung in fiinf Cruppen. Diedurch einen einfachen Lederstreifen gekennzeichnete Form
1 isl seil dem 11. Jahrlumdert nachgewiesen; hierunter belinden sich einzelne Exemplare
mil Relieflinien- oder Slempeldekor beziehungsweise einem Muster aus durchgezoge-
nen Bandehen. Die der Lange naeh gefallete Form 2 ist ebenfalls seit dem 11. Jahrhundert
belegl. Nielbesehlagene Riemen der Form 3 kommen vereinzelt vom 13. Jahrlumdert
an vor, wobei die Niele verzierl sein kbnnen. Die gedoppelte Form 4, das heiRt aus
zwei separalen Lagen zusammengesetzle Riemen, ist ebenfalls seit dem 11. Jahrlumdert
zu belegen, besonders haufig komml sie jedoch in Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts
vor. Die einfachen Nahte der Verbindung werden hin und wieder durch Ziersteppereien
ergeinzt. Daneben kommt auch Ledersehnitt und Relieflinienzier vor. An einem Stuck
vvaren winzige Resle eines ehemals goldenen Farbauftrags sichtbar. Einige Lederstiicke
konnlen als urspriinglich fest monlierle „Sehnallenstiicke" idenLifiziert werden. Seit
dem 13. Jahrlumdert erscheinen vereinzelt kunstvoll geflochlene Gurte der Form 5.
Aus Schichten des 12. Jahrhunderts sind erstmals Beutel und Taschen (n = 62)
iiberlielert. Unlerschiedliche Schnittmuster und GrbRen erlauben eine Differenzierung
in rechleckige und runde Beutel sowie in Futterallaschchen. Rechleckige Beutel sind
vom 12. Jahrlumdert an vertreten, kommen aber bereils im wikingerzeillichen Hailhabu
vor, ebenso wie kleine runde Beutel, die in Schleswig erstmals aus Schichten des 13.
Jahrhunderts belegl sind. Aus Schichten des 13. und 14. Jahrhunderts stammen einige
kleine Futterallaschchen, darunter ein Behallnis fur Nahulensilien. Als Einzelstiicke
gelten zwei grijRere Uberschlagtaschen sowie eine „Cliirteltasche77.
Die in Schleswig (Schild) gelundenen Taschen und Beutel finden ihre haufigsten
Farallelen im dsllichen Nordeuropa. Insbesondere in einem Schleswiger Lederstiick,
das mil seiner Trichlerlorm und seinen Stickereien ein fast identisches Gegensliick in
Novgorod hat, dokumenlieren sich Schleswigs Beziehungen zum slawischen Osten.
Fur die Schleswiger Messer- und Schwerlscheiden lassen sich ebenso wie fur die Gurte,
Riemen, Giirtel Vergleichsbeispiele aus dem Osten, Norden und Westen Europas an-
fiihren. Nur vereinzelt zeichnen sich differenzierte Verbreitungszonen ab, etwa am Bei-
spiel stempelverzierter Messerscheiden (Form 4), die auf FTmdorte im nordwestlichen
ITiropa beschrankt sind, wiihrend Messerscheiden mil Beschlagen „slawischer Machart77
ihr Dichlezenlrum im oslseeslawischen Raum haben.
Wenn am Schuhoberleder nachgewiesen werden konnte, daR sich im Laufe des Unter-
suchungszeilraumes vom 11. bis zum 14. Jahrlumdert der I lauptanteil der verarbeiteten
Lederarten von den weichen Caprinaeledern zugunsten der robusteren Bovinaeledern
versclmb, so kann eine enlsprechende Beobachtung nur bedingl an den hier bearbeileten
F'unklionsgruppen nachvollzogen werden, so etwa bei den Messerscheiden, wo die iiltere
Form I ausschlieRlich aus Ziegenleder, die jiingere Form 4 last ausschlieRlich aus Kalbs-
oder Rindsleder gelerligl war. Insgesamt liiRl die Analyse eher darauf schlieRen, daR
4 4
die jeweilige Led era rt im Hinblick auf die Funktion des her/ustellenden Gegenstandes
ausgewahlt wurde, dal? namlich /ur Fertigung von Schwertscheiden und Riemenzeug
die stabilen Bovinaeleder, dagegen fur Ben tel und Taschen die geschmeidigeren Capri-
naeleder bevor/ugt verarbeitet wurden.
Zu den kleineren Funktionsgruppen zahlen drei Fausllinge aus Schichten des 13. und
14. Jahrhunderts. Abgesehen von einem durchbrochen verzierten Faustling, der mbg-
licherweiseTeil einer Jagdausriistung war, diirften die Exemplare im Bereich der Arbeits-
kleidung anzusiedeln sein.
Schleudertaschen, runde Scheiben, Osenlaschen, Kordeln und Fransenbiinder bilden
weitere Funktionsgruppen. Fin kleiner, aus einer Schicht des 12. Jahrhunderts stammen-
der Ball beweist, dal? im mittelalterlichen Schleswig Ballspiele nicht unbekannt waren.
Das anhand der Schleswiger Lederfunde vorgelegte Spektrum verschiedener Verzie-
rungstechniken und -muster wird durch einzelne Fragmente erganzt. Abschliel?end
werden einige interessante, funktional jedoch nicht eindeutig zuweisbare Ledersliieke
behandelt, darunter unter anderem sichelformige, futteralartige Objekte oder ein zu
einer Kugel rekonstruierbares Fragment mil Abdruck eines Reisiggeflechtes.
I linsichtlich der I lerstellung der fiir Schleswig (Schild) erkannlen drei 1 laupUunk-
tionsgruppen spricht die Einheitlichkeit der Formen fiir professionelles Lederhand werk
(vgl. dazu Schnack 1992, Кар. 7). Dal? ein einfach herzuslellender und sicherlich oflmals
schnell benotigter Gegenstand (z. 13. eine Schleuderlasche) von Laien angefertigl werden
konnte, widerspricht dieser Aussage nicht. Allgemein hat sich im La ufe des Mittelallers
im Lederhandwerk eine Fntwicklung vom universell zum dil'ferenzierl liiligen I land-
werker vollzogen. Lag die Lederherslellung, seine Verarbeitung und der Verkaul der
fertigen Ware bis dahin in einer I land, so entwickelten sich nllmahlich enlsprechend
der hergestellten Produkte voneinander abgrenzende I landwerke, wie beispielsweise
das der Gerber, Schuhmacher, Giirtler oder Taschenmacher. Dabei war der universell
tiitige Lederarbeiter in erster Linie Schuhmacher und wurde auch als solcher bezeichnet,
so dal? sich die anderen Lederhandwerke eigenllich aus dem Sehuhmacherhandwerk
herauslosten (Elstermann 1941, S. l9;Thikdller 1930, S. 67). Fine cihnliche Fntwicklung
darf auch fiir das miltelalterliche Schleswig vorausgeselzl werden.
SUMMARY
During archaeological investigations From 1971-1975 in the medieval centre of
Schleswig, area of,Schild7, a large amount of leather finds was excavated (Vogel 1983).
The finds come from stratigraphic deposits which reached a depth of over 5 m. ll was
possible to date the finds to the respective centuries using the chronological scheme
established by H. Liidtke (1985). He based his scheme on ceramic finds, dendrochro¬
nology and coins. The finds themselves cover a period ranging from the 11th to the
early 14th century, in which two distinct phases of settlement can be distinguished: the
earlier period dating from the 11th and 12th century, the later to the 13th and 14lh
century. Most of the leather finds, namely shoes and shoes-related finds, have been
95
studied in a former publication (Schnack 1992). The subjects of the present publication
are knife and sword scabbards, belts and straps, bags and pouches and a variety of
unrelated pieces.
Investigations were focused on typological and chronological characteristics of the
finds, further emphasis was given to the technical details of manufacturing, types of
leather used as well as manner of wearing and carrying these items. Depending on
availability, comparable finds from other locations are quoted.
In Schleswig (Schild) scabbards for knives and swords can be traced back to the T1 th
century. Knife scabbards (n - 168) can be divided into four different forms. Simple
plain scabbards (form 1) are characterized by a gradation on one side and can only be
found in deposits of the 11th century. Simple plain scabbards more or less regularly
tapering from top to bottom (form 2) occur from the 11th century onwards, however,
scabbards lastened lengthwise with metal fittings first started to appear in the 13th
century layers. Iтот ea. 1200 to the 14th century scabbards with a decoration ol pointed
margins (form 3) were found. Form 4 is characterized by scabbards decorated with
stamped motives, whereby fleur de lys is the most common design. Those scabbards
were found in layers of the 13th and the 14th century. Usually, a scabbard was made of
one piece of leather, folded and then closed lengthwise. However, scabbards of form 4
were sewn on the reverse side. The closing was done either by using thread, fine leather
straps, metal rivets and/or fittings. The common way to carry the scabbards was to
attach them to the belt using straps which were thread through one or more eyelets.
Scabbards without straps were kept in a pouch or stuck behind the belt. Among pieces
which could not be categorised into any of the four forms, are two scabbards of,Slavic
making7, originating from the 1 llh century.
In Schleswig (Schild) sword scabbards (n = 135) appear from the 11 th century onwards.
Originally, a sword scabbard was made up of a wooden body covered with leather.
Only parts ol the worn leather cover were found. It is assumed that the cover was made
of either one piece or two pieces, top and bottom. The leather cover was stitched together
on the reverse. In layers of the 13th and 14th century a suspension ,type Naumburg7
could be identified as well as various scabbards with a pointed opening. Usually, the
scabbards were decorated with impressed lines.
The second largest group of finds consisted of belts and straps (n = 203). Due to different
technical details of the manufacturing, belts and straps can be divided into five groups.
Simple bells ol one single layer (lorm 1), sometimes decorated with impressed lines,
stamped motives or pattern of tiny crossed straps appear from the 11 th century onwards
as do folded straps (form 2). Bells with rivets (form 3), occasionally decorated, date
from the 13th and 14th century. Belts made of two separated layers (form 4) can be
found in the 11 th and 12th century stratigraphic layers, but more frequently in the 13th
and 14th century layers. The layers are stitched together. Some belts have additional
embroidery. Impressed lines and engraving were also noted, in one case minor traces of
gold colouring were discovered. Л few fragments have been identified as special pieces
for buckles to be fixed to. From the 131h century onwards skilful plaited straps (form 5)
appear in a few samples.
Pouches and bags (n = 62) first appear in the 12th century layers. Based on their diffe¬
rent cuttings and sizes the finds can be categorised into rectangular and circular bags as
well as into etuis. Rectangular bags can first be found in the 12th century layers, although
they had already appeared amongst Viking 1 laithabu findings. The same applies to
smaller circular bags which first appear in Schleswig in the 13th century. Some small
etuis including one for sewing utensils come from layers of the 13th and 14th century.
Two larger pouches with flaps and one belt pouch were considered as unique specimens.
Most bag and pouch finds parallel to those from Schleswig (Schild) come Irom north¬
eastern hurope. One particular Schleswig leather piece based on its special size and
embroidery, has an almost identical counterpart in Novgorod, and thus documents the
relations of Schleswig to the Slavic East.
Comparable samples of knife and sword scabbards, and straps and belts can be found
in areas of east, north and west Europe. Differentiated distribution is only rarely noted,
for instance as reflected by knife scabbards with stamped decoration (form 4) where
the finds are limited to north-west Europe, while scabbards with fittings of ,Slavic
making7 are mainly represented in the Slavic territory of the Baltic region.
Based on the leather type used for shoe production, it could be proven that during
the period investigated, the I I th to the 14th century, the main use of soft caprinae leather
had been displaced by the more sturdy bovinae leather. Yet, this observation can only
be applied to a limited extent to the groups examined. One example are the knife scab¬
bards, the older form I of which had always been made of goat skin, the younger form
4, however, mostly of calf respectively cow skin. Therefore, it may be concluded that
the choice ol leather type was made depending on the kind of product to be manufac¬
tured. Thus, sturdy bovinae leather was used for making sword scabbards and straps,
whereas preferably soft caprinae leather was chosen for the production of bags and
pouches.
Three mittens were found in the 13th and 14lh century layers. Apart from one find
with perforated ornaments which might have been part of hunting equipment, the
mittens seem to belong to normal working clothes.
Other finds belong to small groups of sling cases, discs, tongues with eyelet, cords
and fringes. Л small ball from a layer of the 12th century proves that ball games were
known in medieval Schleswig.
The range of dilferent kinds of decoration can be supplemented by a few fragments.
Finally, some interesting pieces whose original function is not clearly identified are dis¬
cussed, for example a few case-like and crescent-shaped pieces or one piece ol leather
with an impressed pattern of wickerwork which can be reconstructed to a sphere-like
object.
The homogeneity of the three main groups of leather objects - scabbards, bells and
straps, and bags/pouches - reflects professional leather manufacturing (see Schnack
1992, chapter 7). This is not contradicted by the fact that a sling case for example can
easily be made by a layman. In general, during the medievals a specialization in leather
craft took place. Until then leather craft had been in one hand only: an universally
working leather craftsman manufactured and sold a wide range of leather products.
97
Gradually a specialization in leather craft developed. Individual leather articles were
manufactured by specialized craftsmen, for example the tanner, the shoemaker, the
purser or the belter. As the universally manufacturing leather craftsman mainly made
shoes, he was therefore called shoemaker7 and his craft was thus the basis for other
differential leather crafts (Rlstermann 1941, p. 19; Thikblter 1930, p. 67). It can be assumed
that a similar development took place in medieval Schleswig.
nr
ANMIiKKUNCiliN
1 Die in Tab. 1 elargeslellle Verleilung der I .eelerobjekle an I dieein/elnen Punktionsgruppen ist bolgeemer
Korreklur, die bei der Drueklegung des Werkes iiber die millelallerliehen Seluihe von Sehlesvvig (Sehild)
niehl mehr beriieksiehligl werden konnle (vgl. da/u Selmaek 1002, Tab. I).
2 Pur die eleklronisehe Datenverarbeilung sland elas von I lerrn Dr. habil. M. Ciebiibr, Schleswig, entwiekelte
Are han-Programm /ur Verliigung (vgl. Selmaek 1002, Кар. 2.4; 2.S). - Ps sei elarauf hingewiesen, daB
samlliehe Merkmale iiber den I Xilenspeieher lies Computers /uganglieh sinel.
2 1 )ie> in den Abbilelungsunlursehrillen vermerklen Nummern (Nr.) be/.iehen sieh aufelie huifendc Nummer
eDs lundes in der P.rlassungskarlei.
4 Pine' Plensburger Idle enlsprielU S7,2 holsleinisehen b/vv. b2,S danisehen /.enlimelern (Wasehinski und
Bottler |0S2,S. 11; 17).
5 Bei VV. (.menmiin-v.in Waaleringe ( ION 1, S. 27) heiBl es „... oder mil einem elwa rum breilen Pederband ...".
Diese MaRangabe diirlle mil 0,гнт riehliger se'in.
h Die I lol/slarke seluvankl /wisehen 0,10 und 0,2b em. Bei der verwendelen 1 lol/arl handell es sieh uni
l\olbu< he (/ti^u "ih'tiliui I..). Die Beslimmung liihrle dankenswerlerwei.se Prau Dr. 1. Ulbricht, Schleswig,
dun. h.
7 D.is hier als Messerst heiile idenlil i/ierle Sliiek wurele mil einem 1 lalbseluih gefunden, der mil /wei
(Kenpaaren aul dem Risl versehniirl wurde. Das ()berleeler isl aul dem VorluB mil einem Durehbruehs-
muste-r ver/ierl. Soweil elie* /eii hneriselu* Darstellung es erkennen laRt, gibl es keinerlei 1 linweise aul
elie Be'lesligung e-iner I.asehe.
S Naeh I I. Seil/( ЮьЗ, S. I IS) lien;! elie Klingenbreile eines/weisehneidigen Sehwerles im 13. Jh./wisehen
4,S uiul 3,3 i m, elie Klingenlhnge /wisehen 73 und OS em. C. van Driel-Murray (14)80, S. 40) unlergliedert
anh.mel von I eielener Sehwerlseheielen des 14. Jhs. elrei Klingenbreilen, namlieh > 3,3 em, ea. 3 em und
ni. 1 em, wobei die* sehmalen Seheiele*n groBen Dolehklingen /ugewiesen werden.
-) le h elanke Prau I )r. ( . van I )riel-Murray, Amsterdam, 1 lerrn 1 )r. A. (ieibig, Coburg, und 1 lerrn 11. Paulsen,
Se hle'swig, Iiir ilm* Ireunellie hen 1 linweise.
10 Vgl. dagegun elie- Ausluhmngen von K. Romanow (1070, S. 103). Die Breslauer Punde werden iiber ilir
BreilenmaB in (.urle- (poln. pasy; Br. -> 2,1 em) und Riemen (poln. paski; Br. ^ 2,1 em) unlersehieden. Die¬
ses MaB gibt alleielings keine Auskunll iiber lunklionale Unlersehieele.
11 Unbe'i ue ksie hligl ble'iben hier Rienu'ii oeler Baneler, elie im Zusammenhang mil elem Sehuhwerk /u sehen
siiul (vgl. ela/u Selmaek 1002, Кар. 1.2.2.3).
12 Die Schnalle isl 1,4 an broil, dor Schnallondorn isl ausgobrochen.
13 Nach oinom froundliohon 1 linweis von 1 lorrn Dr. V. Vogel, Schleswig, kdnnlo dieser Riemen mbglicher-
weise /.uni Slirnleil eines ITerdehalflers gehbrl haben.
14 Ciiirtel aus lexlilem (iowobe wurden - ebenso vvie Lederriemen - durch mehrere l.agen versieill, so
unterschied man bis /u noun Stofflagen (Lingerlin 1471, S. 338; Kal.-Nr. 07).
15 leh verdanke I lorrn Forsleanlikvar L. Schia ft), Oslo, die kinwilligung /ur Publikalion dieses Lundes.
lb II. Paulson, Schleswig, fiihrte erfolgreich Wurfversuche mil einer nachgebaulen Schleuder dun h. Daboi
/eigle sich, dal.s eine geschickle I landhabung des Schleuderers Wurfweilen von einigen lumderl Melern
mil grower Zielgenauigkeil versprichl.
17 Nach W. lindrei (1488, S. 112) waren Balle, deron 1 liille aus I .odor oiler Sioll besland, mil ledern,
Wollabfallen, Moos, Sand, spiiler auch mil Kaulscluik giTiilll. Aus einer I'ran/dsischen Zunllregel des 15.
|hs. geht hervor, dal> Siigespano, Kreide, Kalk, Kieselsleine, hrde odor Sand benul/l wurden, orlaubl
waren /udem Tuchschorabfallo.
18 Aul diese Weise wurden die Bhlle in Novgorod mil hell, Wolle, Moos odor Abl’all von 1 lanl odor hkuhs
gestopll (lzjumova 1454, S. 210). Dort wurden 120 Balle gol'unden, wobei die meislen durch einen
/usal/lich / wischen diebeiden runden Ledersliicke eingofiiglen Slreilen gekenn/eichnel sind fl/jumova
1454, S. 2lh; Abb. 4. 2,3). Line derartige berligungsteclmik isl auch fur Bo lie aus Bergen iiberliolerl (1 lerleig
1464, Abb. 50).
14 Das Mal> wurde nach dor Trockenkonservierung ermillell. Die Lullung wird jel/l nichl mehr vollslhndig
von dor Lederhiille umschlossen, woil diese durch die Konservierung geschrumpll isl. Die Novgoroder
Balle werden in /vvei CirbRengruppen unlergliederl, namlich 2-7 cm mul 15-20 cm (1 hompson 14(>7, S.
84).
20 Vgl. da/.u auch die Anmerkungen von W. lindrei beziiglich einer Szene aus dem Bilderh ies lies in ikis 5.
Jh. dalierlen Clallehus-I lorns, die or als eine Darslellung des Dreiballspieles geileulel wissen nukhle
(lindrei 1488, S. 113).
21 leh dan ко hrau B. Chiavenlone und h'rau 1\. Alheil, Bremerhaven, liir ihren freundschnlllichen h'insal/,
mir sponlan bei dor Ubersel/ung geholfen /u haben.
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Archaologisches Landesmusoum dor Christian-Albrechts-Universi Li l
Schleswig, SchloP Cioltorf
AUSCKABUNCHN IN SCHLRSWIC;
Berielite und Stud ion
1 lorausgegebon von Volker Vogel
Bisher erschienen
Band 1 (1983)
Volker Voyel, Archiiologische Stadtkornl'orschung
in Schleswig 1969-1982
Dn^ninr Unoerhnn, Die Schleswig-Ansicht aus dem
Braun-1 logenbergsehen Stiidtebuch als hislorische
Quelle
Peter Cnselitz, Die menschlichen Skelettresle aus
dem Dominikanerklosler /u Schleswig
Band 2 (1983)
Kurt Koster, Pilgor/.oichen und Pilgermuscheln
von mitlelalterlichen Santiagostraken.
Saint-Leonard, Rocamadour, Saint-Culles,
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Schleswiger h'linde und (iesamliiborlieforung
Band 3(1984)
ln$riit Htbriehl, Die Verarbeilung von Knochen,
Cieweih und I lorn im mitlelalterlichen Schleswig
Band 4(1983)
llnrlu'ix Innltkc, Die miltelalterliche Keramik
von Schleswig.
Ausgrabung Schild 1971 - 1973
Band 3(1986)
Norbert Spahn, Unlersuchungen an Skeletlresten
von I lunden und Kat/.en aus dem mitlelalterlichen
Schleswig
Ausgrabung Schild 1971-1973
Band 6(1987)
Dirk Heinrich, Unlersuchungen an
mitlelalterlichen Pischresten aus Schleswig.
Ausgrabung Schild 1971 - 1973
Band 7(1989)
Das archiiologische Pundmalerial 1
Ursula Pmckcr-Wcstcr, Porphyrfunde
aus 1 laithabu und Schleswig
Christina Reiniers und Volker Vo$cl,
Knochenplcifen und Knochenfloten aus Schleswig
Klnus th'iioel, Der runenbeschriftete I lol/griII
aus Schleswig - /ur Deutung einer riilselhalten
Inschrift
Ottnr Gronvik, Zur Deutung des runenbeschrifleten
Mol/griffes aus Schleswig
ihiel^nnl Korber-Grohne, Bolanische Unlersuchungen
an miltelalterlichem Тли work aus Schleswig
Band 8 (1990)
I leiiteinnrie I liister, Untersuclumgen an Skeletlresten
von Rindorn, Schal'en, Ziegen und Schweinen aus
dem mittelalterlichen Schleswig.
Ausgrabung Schild 1971 - 1973
Band 9 (1991)
Dirk Heinrich, Unlersuchungen an Skeletlresten
wildlebender Siiugetiere aus dem mittelalterlichen
Schleswig.
Ausgrabung Schild 1971 - 197.3
Band 10 (1992)
Christinne Sehnnek, Die mitlelalterlichen Scluihe
aus Schleswig
Ausgrabung Schild 1971 - 1973
Band 11 (1993)
Tiorknochonfunde der Ausgrabung Schild
1971 - 1973
llnrnhl Pieper und llnn^ Reithstein,
Unlersuchungen an Skeletlresten von Vdgeln
aus dem mittelalterlichen Schleswig
Dirk Heinrich, Unlersuchungen an Skeletlresten von
Pfordon aus dem mitlelalterlichen Schleswig
llnn^ Reichstein, lirste Nachweise /um
Vorkommen von 1 lauseseln im mitlelalterlichen
Schleswig-I lolstein
Band 12(1997)
Kirche und CIraberl'eld des 11.- 13. Jahrhunderls
unler dem Kalhausmarkl von Schleswig
llartivi;s> l.iiittkc, Die archiiologischen
Unlersuchungen unler dem Schleswiger
kalhausmarkl
tn^n lliix£, Crablextilien und chrislliche Symbolik
am Beispiel der ITmde unler dem Schleswiger
Rathausma rkt
Giseln Grape. Die anlhropologische Bearbeitung der
Skelettserie von Schleswig, Ausgrabung
kalhausmarkl.