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Author: Günter Altner Barbara Mettler von Meibom Udo E. Simonis Ernst U. von Weizsäcker
Tags: ökologie biologie naturschutz umwelt
ISBN: 3-406-47572-8
Year: 2001
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Das Jahrbuch Ökologie
e informiert über die ökologische Situation und die Belastungstrends
in den verschiedenen Bereichen der natürlichen Umwelt
e analysiert und kritisiert die staatliche Umweltpolitik
e bringt einen Disput zu einem wichtigen umweltpolitischen Thema
e dokumentiert historisch bedeutsame, umweltbezogene Ereignisse
und Initiativen
e beschreibt positive Alltagserfahrungen und entwirft Visionen für
eine zukunftsfähige Welt
e wendet sich an eine sensible Öffentlichkeit, die sich der Umwelt-
krise bewußt ist und nach tragfähigen Alternativen im Umgang
mit der Natur sucht
e ist einem breiten Ökologiebegriff verpflichtet, der im Alltag verankert ist und das Verhältnis von Mensch und Natur, von Gesellschaft und Umwelt umfaßt.
Beirat
Thea Bauriedl, München; Paul J. Crutzen, Mainz; Joan S. Davis, Zürich;
Marina Fischer-Kowalski, Wien; Berndt Heydemann, Kiel; Martin Jänicke,
Berlin; Robert Jungk, Salzburg}; Stephan Kohler, Celle; Günter Kunert,
Kaisborstel; Klaus Michael Meyer-Abich, Essen; Johannes B. Opschoor, Den
Haag; Klaus Röhring, Kassel; Alexander Roßnagel, Heidelberg; Karin Roth,
Hamburg; Werner Schenkel, Berlin; Michael Succow, Greifswald; Antje
Vollmer, Bielefeld; Otmar Wassermann, Schönkirchen; Christine von Weizsäcker, Bonn.
In Zusammenarbeit mit
BAUM - Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewußtes Management,
Hamburg; Deutsche Umweltstiftung, Germersheim; DNR — Deutscher Naturschutzring, Bonn; Fachgebiet Ökologischer Landbau, Witzenhausen; Forschungsstelle für Umweltpolitik, Berlin; ifeu-Institut, Heidelberg; IFF — Soziale Ökologie, Wien; IÖW - Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung,
Berlin; ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt a.M.;
OKO-Institut, Freiburg i.Br./Darmstadt/Berlin; UfU — Unabhängiges Institut für Umweltfragen, Berlin/Halle; Umweltbundesamt, Berlin/Dessau;
Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie; WZB — Wissenschaftszentrum Berlin.
Jahrbuch Ökologie
2002
Herausgegeben von
Günter Altner, Barbara Mettler-von Meibom,
Udo E. Simonis und Ernst U. von Weizsäcker
Verlag C.H.Beck
Mit 8 Abbildungen und 7 Tabellen
Redaktion
Prof. Dr. Udo E. Simonis, Wissenschaftszentrum Berlin (WZB),
Reichpietschufer 50, 10785 Berlin,
Tel.: (030) 25491-245; Fax (030) 25491-247.
e-mail: simonis@medea.wz-berlin.de
http://www.wz-berlin.de/uta
Die Deutsche Bibliothek — CIP Einheitsaufnahme
Jahrbuch Ökologie ... / in Zusammenarbeit mit
BAUM, Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewußtes
Management, Hamburg ... - München : Beck
ISSN 0940-9211
2002. — Orig.-Ausg. — 2001
(Beck’sche Reihe ; 1446)
ISBN 3 406 47572 8
Originalausgabe
ISBN 3 406 47572 8
ISSN 0940-9211
Umschlagentwurf: +malsy, Bremen
Umschlagabbildung: Rinde der Stieleiche (quercus robur) © zefa-Brockhaus
© Verlag C. H. Beck oHG, München 2001
Satz: Redaktion, Wissenschaftszentrum Berlin
Druck und Bindung: Druckerei C. H. Beck, Nördlingen
Printed in Germany
www.beck.de
Zu diesen Iebrbuicht
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I. DISPUT UND PERSPEKTIVEN:
LEHREN AUS DER BSE-KRISE
Franz-Theo Gottwald
Gerd Sonnleitner
Neue Agrarpolitik — Ökologischer kandbau
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Renate Künast
Doppelt gut: Für die Bauern und für die Natur —
KehrewanstdenBSE-Krise seen. ir Allen
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Brauchen wir eine Neuorientierung in der Agrarpolitik?
Eine Erklärung von Agrarökonomen .............
Wissenschaftler für eine neue Agrarpolitik!
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Iris Radisch
Scheinheiliges Mitleid mit den Kühen ............
Günter Kunert
Ökologie-Gedanken eines Schriftstellers... ..:....
Il. REPLIK
Thomas Knopf
Zwischen Natur und Kultur —
Zu den Bedingtheiten menschlichen Umweltverhaltens
III. SCHWERPUNKTE 2002
1. „Rio + 10“
Heike Leitschuh-Fecht/Petra Stephan
«Rio #:10°, Der. Couse-devn Bat x . an ar san sBer
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64
Benno Pilardeaux
Ein Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik?
Zum „Eideipfel 2002,
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Barbara Schäfer
„Erdgipfel 2002“ — Eine Einschätzung des Erreichbaren.......
77
83
2. Was ist Leben?
Hans Werner Ingensiep
Was ist Leben? - Grundfragen der Biophilosophie...........
92
Günter Altner
Ressource Mensch — Über biotechnischen Fortschritt
und Würde destMenschen Ar ME Aa
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104
Michael Emmrich
Maßlose Wissenschaft . ... MITPEBEN
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Michael Müller
Gesundheit braucht neues Denken
... 222.222 cc.
113
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123
Klaus Michael Meyer-Abich
Sesshaftigkeit -— Ein Zukunftsprojekt . 2.222222 can.
137
Barbara Mettler-von Meibom
Ortsqualität oder: Der Traum vom futen Leben‘,
148
3. Sesshaftigkeit — Ortsqualität
Hanns-Georg Brose
Zeit»Kultusenäm.ldmbruchn
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4. Saubere Produkte
Christine Henseling/Karl Otto Henseling
Orientierungen auf dem Wege zum sauberen Produkt .......
159
Willy Bierter
System-Design —
Radikale Produkt- und Prozessinnovationen . . cc...
171
Norbert Kopytziok/Nina Schwarz
Abfall als Indikator von Nachbaltiekeir wu.
188
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Claudia Empacher/Irmgard Schultz
Nachhaltige Konsumstile: Neue Erkenntnisse. ............
199
IV. UMWELTPOLITIKGESCHICHTE
Ulrike Kronfeld-Goharani/Götz Neuneck
Die schleichende Verseuchung der Arktischen Region .......
22
Michael Zschiesche
Vergessene Umweltgeschichte —
Störfälle, Havarien und Umweltunfälle inder DDR
........
235
V. EXEMPEL, ERFAHRUNGEN, ERMUTIGUNGEN
Klaus Wortmann/Werner Möhring-Hüser
Aus. Wirklich aus? — Die Stand-by-Kampagne
der Energiestiftung Schleswig-Holstein................... 242
Susanne Bergius
Per Vertrag zum Energiesparen —
Niederländer sind Vorreiter im Umweltschutz... ...........
250
Jann Carstensen
Konahre „Kohrer Desenschmut
255
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Ute Evers
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Grüne.Gentechnik und Umwele
15jähriger Schüler erhält Hoffnungspreis ........-..-....VI. SPURENSICHERUNG
In memoriam Donella Meadows .......
2.2: 22222220...
Udo E. Simonis
Präsident Bushs klimapolitische Wegfahrsperre ............
Harald Kohl
Klimawandel, Klimafolgen, Klimapolitik —
Zum Dirieten Sachstandsberiche. des IPEG
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ANHANG
Umweltinstitutionen
Energiestiftung Schleswig-Holstein .............22.2220.
Forschungsgruppe Energierecht. : 1.
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International Council for Local Environmental Initiatives
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Autorinnen und Autoren des Bandes. ....... 22.2.
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1922 n 20023.
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Zu diesem Jahrbuch
Die drei Buchstaben BSE hatten innerhalb weniger Tage bewirkt, was
der Ernährungsaufklärung in fünfzig Jahren nicht gelungen war: Die
Verbraucher haben bewusst weniger Fleisch gegessen. Doch dieser
Bewusstseinswandel währte nicht lange: Nur zehn Prozent der Deutschen halten nach der jüngsten Umfrage BSE noch für eines der
wichtigsten Themen der politischen Diskussion. „Klasse statt Masse“
ist zu „Klasse und Masse“ mutiert, Effizienz und Weltmarktorientierung der Landwirtschaft stehen wieder im Zentrum, regionale Märk-
te und ökologischer Landbau wieder am Rande des politischen Geschehens. Dies ist einer der Gründe dafür, dass wir mit diesem Jahr-
buch erstmals von dessen bewährter Struktur abweichen: Wir beginnen mit einem Disput über den BSE-Fall und fragen nach den Perspektiven, die sich daraus ergeben (müssten) (Teil ]).
Mit dem Jahrbuch wollen wir den ökologischen Diskurs in unserer
Gesellschaft generell beflügeln. Da freuen sich die Herausgeber, wenn
zu wichtigen Beiträgen kluge Kommentare eingehen, die zu einer
Replik gedeihen (Teil II).
Mit den diesjährigen Schwerpunkten (Teil III) greifen wir Aktuelles,
Vergessenes, Mögliches und Kritisches auf: die aktuelle Diskussion
um die Vorbereitung auf den „Erdgipfel“ 2002, die fast vergessene
Frage, ob der moderne mobile Mensch doch vielleicht größerer Sesshaftigkeit bedarf, die mögliche Entwicklung sauberer Produkte und
Produktionssysteme und die kritische Zuspitzung der Debatte um die
Embryonenforschung und die Präimplantationsdiagnostik.
Die Umweltpolitikgeschichte (Teil IV) ist diesmal eine Geschichte
der ökologischen Belastungen: der lang andauernden Verseuchung
der Arktischen Region und der vergessenen Unfälle und Havarien in
der ehemaligen DDR.
Wie jedes Jahr, so haben wir auch diesmal einige bemerkenswerte
Exempel, Erfahrungen und Ermutigungen (Teil V) beobachtet und Autoren gefunden, die darüber schreiben wollten.
In der Rubrik Spurensicherung (Teil VI) gedenken wir einer der
Großen
der Umweltbewegung,
Donella Meadows.
Und wir wollen
»)
dazu beitragen, dass die Erkenntnisse der Klimawissenschaftler, die
im Dritten Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on
Climate Change (IPCC) versammelt sind, im Gerangel der kurzfristigen Interessenpolitik der Staaten und der Kurzsichtigkeit der neuen
Administration der Vereinigten Staaten nicht untergehen.
Im Anhang dann, wie jedes Jahr, Selbstdarstellungen mehrerer
Umweltinstitutionen und, erstmals, ein Versuch, die Präsenz der Umwelt im Internet zu dokumentieren.
Zum Schluss noch ein Hinweis auf ein wichtiges Orientierungsmittel: das Verzeichnis aller bisherigen Beiträge des Jahrbuchs, das
Gesamtregister 1992-2002, mit dessen Hilfe das komplexe Thema
Ökologie leichter zugänglich wird. Ein weiterer Hinweis mag erlaubt
sein, der Hinweis auf die neue Internetseite des Jahrbuchs
www.jahrbuch-oekologie.de
Wir, Herausgeber, Lektor, Korrektorin und Redakteur, wünschen
uns natürlich auch für das JAHRBUCH ÖKOLOGIE 2002 viele Leserin-
nen und Leser, Kritik, wo nötig, und Lob, wenn möglich.
Berlin, im Juli 2001
I. DISPUT UND PERSPEKTIVEN:
LEHREN AUS DER BSE-KRISE
Franz-Theo Gottwald
Nachhaltige Landwirtschaft, neue Ernährungskultur
Glaubt man den Medien, müsste der Ausbruch von BSE in Deutschland am 24. November 2000 zu einem radikalen Umdenken in der
Land- und Lebensmittelwirtschaft sowie in der Ernährung bei vielen
Verbrauchern führen. Zumindest die Medienmacher sind sich einig:
Eine nachhaltige Landwirtschaft, eine neue Form der Ernährung
muss her. Mit seit Tschernobyl nicht mehr gekanntem Engagement
wird ein Thema durchgespielt: Sicherheit beim Essen! Und als zukunftsfeste Perspektive bekommt im öffentlichen Diskurs der ökolo-
gische Landbau die meisten Vorschusslorbeeren. Er wird als weit reichende und konsequente Art und Weise einer schonenden, Ressour-
cen sichernden und gerechten Landwirtschaft wie zugleich Lebens-
mittelerzeugung angesehen, die zu qualitativ hochwertigen und gesundheitlich
ner1996).
förderlichen
Produkten
führt (Oltersdorf,
Weingärt-
Ausweitung der nachhaltigen Landwirtschaft ...
Auf die Entwicklung von politischen Rahmenbedingungen, die in
Deutschland bzw. in Europa für die Verwirklichung nachhaltiger,
streng ökologischer Nahrungssicherheit sorgen sollen, zielt ein jüngst
verfasster Eckpunktekatalog des „Aktionsbündnisses Okolandbau“.
Dort heißt es, auszugsweise (Aktionsbündnis Ökolandbau 2001):
Wir empfehlen,
e mit den Prämien je Hektar die ökologische Umstellung und die
Beibehaltung angemessen zu honorieren und das Prämiengefüge so
zu gestalten, dass ein Anreiz zur Umstellung bzw. Beibehaltung geschaffen wird;
11
die Förderkriterien
für Extensivierungsmaßnahmen
verstärkt an
konkreten, messbaren Umweltleistungen (z.B. Förderung der bio-
logischen Vielfalt) auszurichten;
qualitative Verbesserung der Maßnahmen durch Regionalisierung
und stärkere partnerschaftliche Beteiligung der Akteure;
Mittel aus der Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern für
Agrarstruktur und Küstenschutz zugunsten des Ökologischen
Landbaus zu konzentrieren;
regional und zeitlich festgelegte Zielvorgaben in den Bundesländern zu erstellen, wie und mit welchen Instrumenten sie den ökologischen Landbau unterstützen wollen;
Internalisierung der externen ökologischen Kosten umweltbelastender Betriebsmittel durch eine ökonomische Lenkungsabgabe,
z.B. Besteuerung von Pestiziden und Kunstdünger;
bevorzugte Förderung von artgemäßer Tierhaltung gegenüber konventionellen Maßnahmen;
den Einsatz von EU-Strukturfördermitteln in allen deutschen
Bundesländern für Biogas;
die Mittel für den Ökolandbau u.a. bei der Centralen Marketing-
gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) und beim Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten (AID) auf mindestens 10 Prozent des jeweiligen Etats
aufzustocken;
die Marktinformationen zu verbessern.
Dieses umfassende Programm würde nach Einschätzung aller an
seiner Entstehung Beteiligten zur Umsetzung der Ziele von Rio führen und gleichzeitig das Auftreten von Epidemien wie BSE unwahrscheinlicher machen. Seine Durchsetzung setzt allerdings ein Umdenken
in Politik und Verwaltung
voraus,
das sicherlich
— wenn
überhaupt — nicht einfach zustande zu bringen ist. Mögen in Europa
noch weitere Millionen Rinder oder, durch Seuchen wie MKS, auch
Schweine getötet und verbrannt werden, mögen sich breite Teile der
Bevölkerung über die Vernichtung von Leben mit ihren Steuergel-
dern empören, die Bereitschaft zu mehr ökologischer wie auch ökonomischer Vernunft bei Politik und Lobbyisten darf nur in geringfügigem Maße erwartet werden.
12
.. und der zu erwartende Widerstand
Um ein Beispiel für diese Skepsis zu geben: Das BSE- -Komplott, wie
von Soltwedel-Schäfer und Köster-Lösche (2001) sorgfältig recherchiert, zeigt die widerstrebende,
Veränderungen
blockierende,
Ge-
sundheitsschäden in Kauf nehmende zynische Haltung von Verantwortlichen auch und gerade in Deutschland. Fast zehn Jahre einer Po-
litik der Verdrängung oder des „kalkulierten Wahnsinns“ haben ein
politisches Umfeld aufgebaut, das sich nicht durch noch so gut be-
gründete neue Leitbilder auf nachhaltige Ernährung hin von selbst
einschwingen wird.
Seit dem Symposium
„Übertragbare
spongiforme
Enzephalo-
pathien“ am 2. Dezember 1993 im Bundesgesundheitsamt stand fest,
dass die Einfuhr von Tiermehl, von lebenden Rindern sowie von
Rindfleisch, bei dem die Inaktivierung des Erregers von BSE nicht zu
garantieren ist, aus Ländern mit endemischer BSE mit allen verfügba-
ren Mitteln zu verhindern sei (vgl. Kasten).
Was soll der Verbraucher aber hinsichtlich der Lernfähigkeit von
Politikern und Beamten
annehmen, wenn er dann acht Jahre später
die Schlagzeile liest „BSE-Gefahr durch Fleischimporte. Ungetestetes
Rindfleisch wird nach wie vor in die EU-Staaten geliefert“ und es in
dem Beitrag erläuternd heißt:
Die strengen Vorschriften gelten nur für die 15 EU-Mitglieder. Was aus
Osteuropa oder Südamerika auf den Teller kommt, entzieht sich der Kontrolle der Eurokraten. Während Bund, Länder und EU mit Bauern über Milliardenkosten durch Tests und Tötungen streiten, kommt Fleisch aus garan-
tiert ungetesteten Herden nach Deutschland. (Weiguny, 2001, S. 36).
Kreislaufwirtschaft oder Immunkollaps —
Die Zukunft der Lebensmittelproduktion
Alle Bemühungen der Politik, neue naturnähere Wege für eine nach-
haltige Ernährung zu ermöglichen und zu sichern, brauchen die Kooperation von
Seiten der Landwirte,
der Lebensmittelverarbeitung
und des Lebensmittelhandels. Weltweit hat sich ein agro-industrielles
System aufgebaut, das dank BSE und der zunehmenden Tierseuchen
selbst von einigen Nutznießern in Frage gestellt wird.
Mit über 110.000 BSE-Fällen hatte die Epidemie die erwarteten
20.000 bei weitem überschritten, wodurch die Gefahr für Verbraucher
gewachsen war, mit infiziertem Rindfleisch in Kontakt zu kommen.
Das Fütterungsverbot von Tiermehl an Wiederkäuer begann zu greifen: Der Abfall der Krankheitshäufigkeit bei zwei- und dreijährigen
Rindern war drastisch.
Noch unklar war, ob es eine Übertragung vom Rind auf das Kalb gibt.
Die Wiederkäuer Schaf und Kudu (Antilopenart) galten nicht mehr
als „dead end“-Wirte. Das BSE-Rind als Endwirt, dies war schon lange als wissenschaftliche These ausgeschieden, aber nicht aus den politischen Statements.
Tiermehl war immer noch ein Problem in Großbritannien. Sowohl
Scrapieschafe als auch BSE-Rinder wurden weiterhin unter unzureichenden
technologischen
Herstellungsbedingungen
verarbeitet
und
exportiert.
Die Schweizer BSE-Rinder hatten sich an englischem Futter infiziert,
das via Frankreich oder Italien in die Schweiz gekommen war.
Die Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJD) konnte als seltene zoonotische
Erkrankung angesehen werden, bei der die sporadischen Fälle durch
indirekte Übertragung über eine andere Wiederkäuerart zu erklären
sind (Diringer). Scrapieinfizierte Schafsplazenta könnte, entsprechend,
schon immer Anlass für die Infektion anderer Wiederkäuer gewesen
sein.
Es war unklar, ob BSE durch Milch übertragen werden kann. Drei
Beobachtungen stützten immerhin die Vermutung beim Scrapieschaf:
1. Die Übertragung erfolgte bevorzugt vom Muttertier auf das Lamm;
2. die Wahrscheinlichkeit, an Scrapie zu erkranken, wuchs mit der
Zeit, die das Lamm bei der Mutter verbrachte; 3. der Erreger war zuerst in den Lymphknoten entlang des Verdauungstraktes zu finden.
Bei anderen Viruserkrankungen
befindet sich der Erreger
ebenfalls in der Milch, sofern er — wie hier — in Blutzellen vorhanden
1st.
Der BSE-Erreger war mit der Nahrung auf andere Tieren übertragen
worden. Die histopathologischen Veränderungen in Gehirnen von
BSE-infizierten Rindern, Antilopen, Katzen, Schweinen, Schafen und
Ziegen waren nahezu identisch und unterschieden sich von denen
durch Scrapie. Offensichtlich hatte sich der BSE-Erreger gegenüber
dem ursprünglichen Scrapie-Erreger verändert. Man konnte jetzt nicht
mehr behaupten, dass BSE „ungefährlich wie Scrapie“ für Menschen
sel.
Quelle: Soltwedel-Schäfer, Köster-Lösche
14
2001, S. 49/50.
Der
Deutsche
Schlachter,
Bauernverband
(DBV)
bekundet
Fleisch- und Wurstwarenhersteller,
Umdenken.
Die
die Centrale Marke-
tinggesellschaft der Agrarwirtschaft (CMA) wollen mit der Politik
kooperieren und verlorenes Verbrauchervertrauen wiedergewinnen.
Aber diese sind nicht die einzigen und wahrscheinlich nicht die wich-
tigsten Akteure im etablierten Ernährungssystem.
Der fabrikmäßige Umgang mit der Nahrung wird von einer Kette
hochspezialisierter und sich am Weltmarkt orientierender Industrien
betrieben, die der landwirtschaftlichen und bäuerlichen Tätigkeit
vorgelagert sind: die Saatgutindustrie, die Maschinen- und Geräteherstellerindustrie, die Agrarchemie mit Düngemittel- und Agrargiftherstellung, die Stallbaubranche, die Tierzuchtbranche und Tiermedizinindustrie, die Futtermittelindustrie, ihre Schwesterunternehmen,
die Futterzusatzstoffe und Leistungsförderer herstellen, der Saat- und
Zuchtguthandel wie die Transportwirtschaft. Überall sind Forschung
und Entwicklung
involviert, überall geht es um
Arbeitsplätze und
überall ist die Finanzwirtschaft gegenwärtig.
Dieses ausdifferenzierte System, das an Effizienz, Produktivitätssteigerung und shareholder value orientiert ist, hat wohl in jedem Teilglied einen Beitrag zur BSE-Katastrophe geleistet. Eine ökologisch-
systemische Analyse würde die These aller Wahrscheinlichkeit nach
gut belegen, dass die einer ökonomischen Rationalität folgende industriemäßige Produktion von Pflanzen und Tieren zu Zwecken einer
immer kostengünstigeren Ernährung zwangsläufig in einen „Immunkollaps“ führen muss, nicht nur von Boden und Wasser, sondern
auch von Pflanzen und von Tieren.
Wenn Rinder Jahrzehnte auf Höchstleistung gezüchtet und maschinen- statt tiergerecht gehalten werden, ist eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheit wie BSE vorprogrammiert. Wenn nicht Lebensleistung den Leitwert vorgibt, sondern die Turboleistung, wenn nicht
mehr natürlich gezeugt, geboren, gestillt (Milchaustauscher), gefüt-
tert (Tiermehl) wird, dann mag dies alles satte Erträge erbringen. Jedoch wird dadurch die in langen Zeitspannen gereifte, stabile Pro-
duktivität ohne Rücksicht auf jedwede Zeit-Ökologie und deren
Grenzen überschritten — um einen hohen Preis an toten Tieren, öffentlichen Geldern, aber vor allem an Verlust von Kulturwissen, ökologischer Überlebensvielfalt und Lebensqualität der Tiere.
Der Landwirt ist im agro-industriellen System mithin von einer
Vielfalt vorgelagerter Industrien abhängig. Er stellt ein Zwischenglied
15
dar, das nach erfolgter Pflanzen- und Tierproduktion noch weiteren
Zwängen ausgesetzt ist. Er ist nicht freier, selbstständiger Unternehmer, sondern ein Auftragsproduzent, ein Zulieferer, dem nach der Erzeugung Branchen wie der Getreidehandel, die Fleischwarenindustrie,
die Milchwirtschaft, die Brauwirtschaft und auch die TIransportwirtschaft zusetzen, nicht zu schweigen vom Druck der Banken und Versicherungen. Hochintensive, immer kosteneffizientere Produktion ist
zwangsläufig. Zahlen tun die natürlichen Ressourcen (Gülle- und
Mistwirtschaft), die Pflanzen, Tiere und Verbraucher genauso wie jeder Landwirt, der zum Aufgeben gezwungen ist.
Nach 50 Jahren Investition in dieses agro-industrielle System wird
nun die „Agrar-Wende“ beschworen. Für dieses große, komplexe Feld
von Industrien und Branchen, die alle auf Wertschöpfung durch Lebensmittel ausgerichtet sind, wird es keine Patentlösung zur Neuorientierung geben. Die gewerbliche Landwirtschaft wird genauso wenig
wie die Lebensmittelindustrie zügig umsteuern. Sie wird vielmehr auf
der Grundlage der Novel-Food-Verordnung der Europäischen Union
ihr Leitbild Funktionelle Lebensmittel (functional food) beschleunigt
in (super-)marktfähigen Produkten umsetzen und den Anteil an industriellen Produkten auf europäischen Tellern von derzeit etwa 70
auf 90 Prozent und mehr, wie in den USA, anheben wollen.
Da hat die im Grundsatzpapier des Bundeskanzleramtes vom 9.
Januar 2001 (Grundsatzpapier 2001) und die in der Regierungserklä-
rung zur neuen Verbraucherschutz- und Landwirtschaftspolitik vom
8. Februar 2001 (Künast 2001) geforderte Stärkung der multifunktionalen und der ökologischen Landwirtschaft nur eine eingeschränkte
Durchsetzungschance. Auch wird in der derzeitigen Debatte um die
Zukunft von Land- und Lebensmittelwirtschaft die Gentechnik nicht
angemessen berücksichtigt. Angesichts des hier schlummernden Investmentkapitals ist dies absolut sträflich. Diese neue Technologie soll
ja auch für die Immunisierung gegen BSE herangezogen werden; so
versprechen es ehrgeizige Forscher im Kampf um öffentliche Fördergelder. Pflanzen-Entwicklungszeiten sollen halbiert (Hans-Ulrich
Koop und die Firma ICON GENETICS), der Landbau revolutioniert
werden. Klaus Ammann, der Direktor des Botanischen Gartens in
Bern, schreibt dazu (Ammann 2000, S. 69):
Mit der neuen differenzierten Genomkenntnis sollte es möglich sein, trans-
gene Nutzpflanzen zu gestalten, die zum Beispiel selbst Abwehrstoffe gegen
Schädlinge herstellen — pflanzeneigene Pestizide, die zeitlich begrenzt wirken
16
und die im besten Falle nur in einzelnen gefährdeten Organen ihre Arbeit
verrichten. Umgekehrt erkennt die Forschung auch Möglichkeiten, die Gene
so zu dirigieren, dass die entsprechenden Wirkstoffe nur fern der Reproduktionsorgane gebildet werden. Damit lassen sich auch die Risiken der Auskreuzung unerwünschter Gene elegant umgehen. Mit dem Durchbruch, der
durch die Genomentschlüsselung gelungen ist, sind diese Wunschträume in
greifbare Nähe gerückt.
Wir sollten nun die einmalige Chance nutzen, diesen ökologischen Weg
der Pflanzenzucht einzuschlagen. Dazu braucht es aber eine aktive Zusammenarbeit mit jenen Kreisen der Biobauern, die sich immerhin vorstellen
können, dass zukünftig auch fremde Gene Eingang finden können in ihre
Nutzpflanzen.
Dieses Angebot an die ökologische Landwirtschaft ist insofern perfide, als sich doch gerade Letztere von der multifunktionalen — ehemals
konventionellen — Landwirtschaft durch größtmöglichen Verzicht auf
Gentechnik
abheben
will. Das „Aktionsbündnis
Ökolandbau“
hält
deshalb in seinem Eckpunktekatalog fest (a.a.O., S. 15f.):
Wenn in der politischen Debatte 20 Prozent Ökolandbau gefordert wird und
wenn der Okolandbau auch in Zukunft für sich in Anspruch nimmt, gentechnikfrei zu produzieren, dann bedeutet das implizit, dass Gentechnik auch
in der übrigen Landwirtschaft keinen Einsatz finden darf.
Das „Aktionsbündnis Ökolandbau“ empfiehlt daher
e ein zehnjähriges Moratorium zur grünen Gentechnik. Ein gesamteuropäisches Moratorium ist von der griechischen Regierung, unterstützt von
Österreich und Luxemburg, in die Diskussion eingebracht worden;
e ein Flächenkataster, damit ökologisch wirtschaftende Betriebe nicht Flächen anpachten, in deren Böden sich Samenbanken mit gentechnisch
veränderten Pflanzen befinden;
e strenge Kontrollen von Saatgut auf GVO-Kontaminationen
und
strafrechtliche Verfolgung bei Zuwiderhandlung;
e Risikoanalysen, d.h. die Finanzierung von Backen zur Gentechnik
durch die Betreiberfirmen.
Ohne
explizite, biologische Produktion
schützende Auseinanderset-
zung mit der grünen Gentechnik wird es keine regionale Kreislauf-
wirtschaft als Grundlage der Lebensmittelproduktion geben. Gentechnik ist kapitalintensiv und nicht regional finanzierbar. Ihr Einsatz
sprengt die Grenzen der Region, aber auch wegen der Migration.
Schon heute sprechen Experten von einer „genetic pollution“, die
Kontinentaleuropa vergiften könnte.
Auf diesem Hintergrund wird die ökologische Landwirtschaft als
weitgehend geschlossene Kreislaufwirtschaft m. E. bestenfalls einen
mehr oder weniger kleinen Sektor der zukünftigen Lebensmittelpro1
duktion darstellen. Ihre großen Vorteile sind zweifelsohne die deutlich geringere Abhängigkeit von Branchen des agro-industriellen Systems, eine artgerechte, flächengebundene Tierhaltung mit weitgehend
eigener Nachzucht, eine Gülle- und Mistwirtschaft, die der Energie-
produktion wie der betriebseigenen Düngung nützt, kürzere regionale Wege, weniger Kühl- und Transportaufwand, große Transparenz
und Verbrauchernähe und eine besonders hohe Wertschöpfung mittels hochqualitativer Lebensmittel, die auch besonders bepreisbar und
gut zu vermarkten sind. Nicht zuletzt muss auch der höhere Gesundheits- wie Genusswert erwähnt werden, der das Endprodukt einer
Land- und Lebensmittelwirtschaft auszeichnet, die in ökologischen
Kreisläufen funktioniert (vgl. hierzu Abbildung 1 auf Seite 28).
Verbraucherschutz —
Die Lokomotive für eine neue Ernährungskultur?
Auf europäischer, bundesdeutscher und auf Länderebene ist dank
BSE ein neues Gefüge an Ministerien und Behörden im Aufbau, das
sich ganz dem Verbraucher verpflichtet wissen soll. Eine europäische
Lebensmittelbehörde entsteht, das Bundesministerium Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft
ist mit der Aufgabe vorsor-
genden Verbraucherschutzes befasst, in Bayern ist dafür das Ministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz ins Leben
gerufen, in Schleswig-Holstein haben weit reichende Strukturände-
rungen im staatlichen Kontrollverfahren stattgefunden. So viel staatlicher Einsatz und Aufwand,
um gefährliche Stoffe zu identifizieren
und zu eliminieren, besonders gefährdete Menschen zu schützen und
die wirtschaftlichen Interessen der Konsumenten zu umsorgen. Auch
wenn klar ist, dass es hierbei nicht nur um Nahrungsmittelsicherheit
gehen wird, kommen besonders mit Essen und Trinken in der Tat Ri-
siken auf die Bevölkerung zu, über die ständig weiter geforscht und
aufgeklärt werden muss. Wenn sie jedoch nur mit einer monokausalen und stofflichen Denke attackiert werden sollen, wird sich nicht
viel ändern. Hans Ulrich Grimm hat die neuen Risiken beim Essen
so zusammengefasst (Grimm 1999, S.12):
Mittlerweile nehmen die Menschen mehr industrielle Ingredienzen als manche echten Lebensmittel zu sich: So verspeisen die Deutschen beispielsweise
pro Kopf in jedem Jahr 11 Kilo Bananen und 16,6 Kilo Tomaten, aber 18,8
Kilo industrielle Lebensmittelzutaten. Das sind jene Ingredienzen, die auf
den Packungen im Kleingedruckten aufgeführt sind: vom Hühnerpulver bis
18
zum Hefeextrakt, von Aroma bis Zitronensäure, von Flüssigrauch bis zu Glutamat, dazu Emulgatoren, Stabilisatoren, Säureregulatoren, auch pulverisiertes Huhn, Vollei, Rinderfett, Farbstoffe. Die Briten bringen es auf 24 Kilo,
die Niederländer sogar auf 29,9 Kilogramm ... Gerade der massenhafte Verzehr von Supermarktprodukten bringt, rein mathematisch, eine neue Risikolage. Auch wenn nur ein kleiner Teil einer Produktionscharge nicht in Ordnung ist, kann eine große Zahl von Menschen gefährdet werden.
Eindeutig ist, dass die Risikohöhe weniger vom
Einzelstoff abhängt
als vielmehr von der Güte, Sicherheit und Kontrollierbarkeit des gesamten agro-industriellen Systems. Dies ist, wie oben gesagt, mittlerweile so ausdifferenziert und komplex, dass jeder Verbraucherschutz,
der nicht das Ganze denken und managen kann, wenig ausrichten
wird hinsichtlich der Verringerung von Gesundheitsrisiken. Im Sinne
vorsorgenden Verbraucherschutzes muss es also liegen, eine neue
Überschaubarkeit hinsichtlich der Lebensmittelerzeugung und des
Lebensmittelhandels zu erreichen (Worm 2001).
Hierzu ist jede Förderung einer kleinräumigen, regionalen, ökolo-
gischen Erzeugung von Lebensmitteln besser geeignet als neue Standards
für die Industrie,
die von
Hygiene
oder Gesundheitsunbe-
denklichkeit her gedacht sind und am Ende aufgrund ihrer Verbraucherferne, Verwissenschaftlichung,
Technikintensität
kaum
kontrol-
lierbar sein werden. Leitziel des Verbraucherschutzes muss Transparenz sein — da sind sich der Bauernverband und die Verbraucher-
schutzorganisationen auch einig. Allerdings darf diese Transparenz
nicht zugunsten
von
Industriestandards
gehen. Dann
müssen
die
kleinen Verarbeiter und Hersteller nämlich zumachen, wie die derzei-
tige Schließungswelle bei kleinen und mittelständischen Pharmaun-
ternehmen belegt.
Wenn das neue Denken pro nachhaltige Ernährung wirklich vom
Bürger bzw. Verbraucher her alle politischen wie ökonomischen Zu-
kunftsinvestitionen plant, dann wird der Speisewagen zur Lokomotive. Die derzeitigen Missstände in der Ernährungswirtschaft werden
nur durch ein neues, grundsätzlich anderes Marktverhalten der
Verbraucher beseitigt: Wenn mehr und mehr Erzeugnisse aus der näheren Region verlangt werden, stellt dies langsam, aber sicher die
Herstellung und den Handel um.
Der politisch initiierte neue Verbraucherschutz beabsichtigt zu
Recht eine Veränderung des Konsumverhaltens. VerbraucherInnen
entscheiden letztlich selbst über die Qualität ihrer Nahrungsmittel
durch ihre Kaufhandlungen. Um sich für nachhaltige Ernährung zu
19
entscheiden, muss es Aufklärungskampagnen und Bildungsangebote
geben, die den Konsumenten zu einem „informierten Essen“ befähigen, das drei Hauptpunkte umfasst (hierzu: Lutzenberger/Gottwald
1999, S. 74):
e Die Endverbraucher müssen wissen, dass die Energieaufwendun-
gen, die durch ihr Einkaufsverhalten, ihre Art der Zubereitung der
Lebensmittel, ihre Art des „Mahl-Haltens“ entstehen, von erhebli-
cher Bedeutung für das Wohl der Mitwelt sind. Energieintensive
und hochtechnisch
verarbeitete
Produkte
(u.a. Konserven
und
Tiefkühlkost) werden weniger häufig auf dem Speisezettel stehen
können als Produkte, die aufgrund ihrer geringen Verarbeitung
umweltfreundlicher sind.
e Die Verbraucher werden ferner Konsumentscheidungen mit Blick
auf die Verpackung ihrer Lebensmittel treffen müssen. Ihnen muss
bewusst werden, dass die Klimarelevanz der Verpackungen tenden-
ziell größer ist als die vieler Transportvorgänge.
e Schließlich werden die Konsumenten von morgen pflanzliche Produkte jenen vorziehen, die aus der Tierhaltung stammen. Getreide
und Gemüse werden die Teller bei einem guten Essen mehr füllen
als Milchprodukte. Fleischprodukte werden dagegen zunehmend
bei kulturellen Anlässen als Delikatesse aufgetischt werden.
Angesichts eines Lebensmittelweltmarkts muss es auch ein internationales Verbraucherschutzabkommen
geben. Unter
dem
Zeichen
A/RES/39/248 haben die Vereinten Nationen schon im April 1985
allgemeine Richtlinien für den Verbraucherschutz herausgegeben. Da
die hierin formulierten Empfehlungen an die Staatengemeinschaft
aber in keiner Weise bindend sind, müssen sie jetzt endlich zur Ori-
entierung der Lebensmittelpolitik als internationales Verbraucherschutzabkommen bei der Welthandelsorganisation (WTO) verankert
werden.
Das bedeutete z.B. für den derzeit ausgetragenen Konflikt um die
Einfuhr von genmanipuliertem Mais, dass die WTO
prüfen müsste,
ob sich hier eine Gesundheitsgefährdung für Konsumenten ergibt
und ob das Recht des Konsumenten
auf Information (Kennzeich-
nung) gewahrt bleibt. Ferner müsste geprüft werden, welche Auswir-
kungen sich für die Struktur der Landwirtschaft und auf den Artenund Naturschutz ergeben könnten und mit welchen Zukunftsrisiken
die Einfuhr verbunden wäre (hierzu: Lutzenberger/Gottwald 1999,
5.123),
20
Gutes Essen und Trinken kann, wenn alle Ebenen nationaler und
internationaler Lebensmittel- und Verbraucherschutzpolitik zusammenwirken,
einen wesentlichen
Beitrag zu einer nachhaltigen Ent-
wicklung im Sinne der AGENDA 21 leisten. Dazu braucht es einen
unkorrumpierten Willen bei allen Akteuren, eine hohe Lernbereitschaft, was Ökologie angeht, und einen Veränderungsdruck, der über
wenigstens zehn Jahre äußerst hoch und möglichst konstant sein
muss. Die Zeichen hierfür stehen nicht schlecht, jedoch ist mit äußerst widrigen Winden zu rechnen, wenn die neue, grüne Agrarpoli-
tik nicht mehr nur Ausgleichszahlungen gibt oder verhältnismäßig
kleine
finanzielle
Anreize
setzt,
sondern
in die Tiefen
des agro-
industriellen Systems regulierend eingreift. Die Zukunft nachhaltiger
Ernährung ist offen, aber alles andere als sicher.
Literaturhinweise
Aktionsbündnis Ökolandbau: Agrarpolitische Maßnahmen für die Ausweitung
der ökologischen Landwirtschaft, Bad Dürkheim 2001.
Amman, K.: Das Unkraut, in: FAZ vom 13.12.2000, S. 65.
Fulda-Memorandum zu Landwirtschaft und Gesundheit, in: JAHRBUCH
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Grimm, H. U.: Aus Teufels Topf. Die neuen Risiken beim Essen, Stuttgart
1999:
Grober, U.: Die Koordinaten von Hermannsdorf,
2000, S. 226-231.
in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE
Grundsatzpapier Bundeskanzleramt: Vorschläge für eine verbraucherorientierte Neuausrichtung der Agrarpolitik, für eine andere Landwirtschaft, Berlin
2001.
Künast, R.: Regierungserklärung zur neuen Verbraucherschutzwirtschaftspolitik vom 08.02.2001.
und Land-
Lutzenberger, J./Gottwald, F. T.: Ernährung in der Wissensgesellschaft — Vision: Informiert essen, Frankfurt a.M., New York 1999.
Oltersdorf, U./Weingärtner, L.: Handbuch der Welternährung. Die zwei Gesichter der globalen Nahrungssituation. Deutsche Welthungerhilfe, Bonn
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Weiguny, B: BSE-Gefahr durch Fleischimporte, in: Focus Nr. 7, 2001, S. 36.
Worm, N.: Aktueller
Berg 2001.
Verbraucherschutz.
Unveröffentlichtes
Manuskript,
Gerd Sonnleitner
Neue Agrarpolitik — Ökologischer Landbau
Die Angst vor BSE und die dramatische Situation bei der Maul- und
Klauenseuche (MKS) haben der Landwirtschaft eine Aufmerksamkeit
verschafft, sie zum Medienereignis gemacht, sie „demokratisiert” wie
nie zuvor. Nach dem ersten BSE-Fall in der Bundesrepublik Deutschland wurde die „Wende in der Agrarpolitik“ ausgerufen. Schlagworte
wie „Agrarfabriken” oder „industrielle Agrarproduktion“ verfehlten
ihre Wirkung nicht — die konventionelle landwirtschaftliche Erzeugung wurde in der Öffentlichkeit zur Produktionsform für die Erzeu-
gung von Massenware abgestempelt.
Dabei wird völlig verschwiegen, welche Auseinandersetzungen es in
den vergangenen 30 Jahren um die Ausrichtung der Agrarpolitik gegeben hat. Wer rief in dieser Zeit nicht alles — Politiker, Verbrauchervertreter, Medien — nach mehr Markt, nach mehr Effizienz, nach wei-
terer Arbeitsteilung und weiterer Weltmarktöffnung! Der Deutsche
Bauernverband hingegen stritt für den Erhalt bäuerlicher Familienbetriebe und für von Bauern getragene Agrarstrukturen. Der Bauernverband war es, der die Politik mahnte, in Sachen Landwirtschaft und
ländliche Räume eben nicht nur die Wirtschaftlichkeit, sondern auch
die
gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Ziele im Blick zu
halten. Oft genug sind wir dafür als vermeintlich Ewiggestrige kriti-
siert worden. Erinnern wir uns nur an die heftigen Auseinandersetzungen um die Agrarreform der „Agenda 2000“. Die Politik hat eine
noch stärkere Ausrichtung auf globalisierte Märkte erzwungen, hat
die Notwendigkeit beschleunigter Effizienzsteigerungen in der Land-
und Ernährungswirtschaft betont, hat ungleich weniger auf die Umwelt- und Verbraucherorientierung abgehoben. Angesichts dieser
Markt- und Politikvorgaben ist es vor allem dem Widerstandswillen
der Bauern und ihrer Familien zu verdanken, dass Deutschland nach
wie vor überwiegend bäuerliche Strukturen aufweist mit einer intakten Kulturlandschaft, regionalen Vermarktungsabläufen und stabilen
wirtschaftlichen Verhältnissen im ländlichen Raum.
22
Zumindest in den aufgeregtesten Wochen der BSE-Krise wurde
immer wieder versucht, einen Bezug zwischen BSE und der Massentierhaltung, wie sie bei konventionell wirtschaftenden Bauern zu beobachten sein soll, herzustellen. Dies ungeachtet der Tatsache, dass
die in Deutschland bislang aufgetretenen BSE-Fälle überwiegend in
kleinen und mittleren Beständen und zumeist in bäuerlichen
Familienbetrieben aufgetreten sind.
Gewiss wollen wir als Berufsstand aus der Krise eine Chance machen. Wir wollen das Vertrauen der Verbraucher zurückgewinnen,
und zwar mit einer konsequenten Bekämpfung von BSE, mit dem
Aufbau eines durchgängig kontrollierten Qualitätssicherungssystems,
aber auch der Bereitschaft zu einer grundsätzlichen Diskussion über
die künftige Ausrichtung von Landwirtschaft und Agrarpolitik.
Die Umbenennung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bundesministerium für Verbraucherschutz,
Ernährung und Landwirtschaft war seitens der Bundesregierung ein
gewolltes Zeichen dafür, wo künftig die politischen Schwerpunkte für
diesen Bereich gesetzt werden sollen. Auch war mit der Berufung von
Frau Künast zur Bundesministerin
zu erwarten,
dass dem ökologi-
schen Landbau und dessen verstärkter Förderung ein besonderer Stellenwert im politischen Handeln zukommen würde. Das wird vom
Deutschen Bauernverband (DBV) unterstützt, auch wenn immer
wieder behauptet wird, der DBV würde ausschließlich die Interessen
der konventionell wirtschaftenden Landwirte vertreten.
Ich selber habe schon vor Jahren den ökologischen Landbau als integralen Bestandteil der deutschen Landwirtschaft bezeichnet. Die
meisten Öko-Bauern sind auch Mitglieder in den Landesbauernverbänden, ich weiß dies gerade auch vom Bayerischen Bauernverband.
Schon vor Jahren haben wir im DBV einen Fachausschuss Ökologischer Landbau geschaffen, der gegenüber unseren Gremien und mitt-
lerweile auch auf den Bauerntagen zu grundsätzlichen und aktuellen
Themen des ökologischen Landbaus Stellung bezieht. Es besteht da-
her in der Praxis eben nicht der mancherorts gern gesehene Gegensatz
zwischen „öko“ hier und „konventionell“ dort, sondern vielmehr ein
Miteinander.
Der DBV
fühlt sich deshalb verpflichtet, seine Vorstellungen zu
der vorgesehenen verstärkten Förderung des Öko-Landbaus in die anstehenden Beratungen einzubringen. Der Fachausschuss Okologi-
scher Landbau des DBV hat dazu einen Katalog von Maßnahmen er23
arbeitet, die hier in Teilen in die weiteren Ausführungen eingebunden
werden.
Der Erfolg des ökologischen Landbaus am Markt und in der Entwicklung nachhaltiger Produktionstechniken ist eine wesentliche
Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Umorientierung der interessierten landwirtschaftlichen Betriebe. Um eine politisch geforderte
Neuausrichtung der Landbewirtschaftung in kürzerem Zeitraum und
vor allem durchgängig erreichen zu können, ist es unerlässlich, sowohl den ökologischen Landbau als auch die Weiterentwicklung der
konventionellen Landwirtschaft zu fördern. Wenn es der Politik ernst
ist, muss sie auch frisches Geld in die Hand nehmen. Es geht einfach
nicht an, zur Finanzierung Mittel aus den Maßnahmen im konventionellen Landbau abzuziehen; eine Fortsetzung des Abbaus der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes würde sich auch direkt gegen die „Agrarwende“ richten. Und
selbst wenn die in den Raum gestellten und sicherlich unter realistischer Betrachtungsweise anzuzweifelnden 20 Prozent Öko-Landbau
bis zum Jahre 2010 erreicht werden sollten, werden weiterhin min-
destens 80 Prozent der Flächen auf konventionelle Weise bewirtschaftet, die im Wettbewerb mit der Landwirtschaft in den anderen EUMitgliedstaaten stehen. Die Verbesserung der Agrarstruktur muss
deshalb mit Blick auf die Strukturen in den wichtigsten Wettbewerbsländern in der Europäischen Gemeinschaft nach wie vor hohen Stellenwert beibehalten.
Kein Markt lässt sich befehlen. Für den Bereich Ökologischer
Landbau ist eines der wichtigsten Ziele die Erhöhung der Aufnahmebereitschaft des Marktes, d.h. die Stärkung der Kaufbereitschaft der
Verbraucher. Deshalb ist für den Erfolg aller Maßnahmen entscheidend, dass die Verbraucher bereit sind, die mit dieser Wirtschaftsweise verbundenen Leistungen entsprechend zu honorieren — und zwar
langfristig.
Bis Ende 1999 hatten die Öko-Betriebe in Deutschland einen Anteil an der Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe von ca. 2,4
Prozent. Sie bewirtschafteten mit 450.000 ha rund 2,6 Prozent der
landwirtschaftlich genutzten Fläche. (1998 waren es rund 1,8 Prozent
bzw. rund 2,4 Prozent gewesen.) Diese Zahlen zeigen, dass der ökologische Landbau zugenommen
hat, wenn auch in bescheidenem Ma-
ße, vergleicht man die Entwicklung und den Stand mit anderen EUMitgliedstaaten wie etwa Dänemark oder Österreich.
24
Es ist augenscheinlich, dass das jüngst deutlich gestiegene Interesse
der Verbraucher an Produkten des Ökologischen Landbaus in erster
Linie eine Reaktion auf die Verunsicherung durch die BSE-Kfrise ist.
Für die Entwicklung des Öko-Landbaus bleibt zu hoffen, dass dieses
Interesse nicht nur vorübergehend ist.
Nun hat zwischenzeitlich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
am Ihema BSE, zum Glück für die gesamte Landwirtschaft, wieder
sehr stark abgenommen. Dies wohl auch, weil die Zahl der Fälle in
Deutschland gering und den Medien keine Schlagzeile mehr wert
sind. Die Absatzzahlen haben wieder deutlich zugenommen, und
damit hat sich auch die erregte Diskussion um die Herauskauf- bzw.
Vernichtungsaktion von Rindern relativiert. Für alle Rinderhalter ist
gleichermaßen wichtig, dass auch die Rindfleischpreise wieder ange-
zogen haben. Viele Verbraucher sind zu ihren alten Gewohnheiten,
d.h. zu ihrem Einkaufs- und Verzehrsverhalten, zurückgekehrt.
Für den Öko-Bereich bedeutet dies, dass es für eine längerfristig
positive Entwicklung auf den Zuwachs
kommt.
echter Stammkunden
an-
Damit eng verbunden ist die Frage der Verfügbarkeit, d.h.
der vorhandenen oder zu schaffenden Einkaufsstätten für ÖkoProdukte. Die klassische Vermarktung ökologischer Betriebe ist die
Ab-Hof-Vermarktung. Hier gibt es viele Erfolge und viel Erfahrung.
Allerdings auch die Erkenntnis,
dass über diesen Vermarktungsweg
nur ein geringer Prozentsatz der Verbraucher — wohl
Prozent — erreicht werden kann.
Für eine Steigerung der Marktanteile ist deshalb die
über den Lebensmittelhandel unerlässlich. Dies war
Überlegung, warum ich mich schon vor Jahren für ein
Öko-Zeichen in Deutschland stark gemacht habe. Stets
kaum über 2
Vermarktung
auch meine
gemeinsames
tauchen dann
aber gleich mehrere Fragen auf: Ist der Lebensmittelhandel bereit, auf
größeren und attraktiven Flächen ein breites Sortiment an ÖkoProdukten anzubieten und damit das Verbraucherverhalten entsprechend zu fördern? Wie werden sich die Preise für Öko-Erzeugnisse
entwickeln, wenn der Handel, und hier insbesondere die großen Ket-
ten, im größeren Stil in die Vermarktung einsteigt? Werden wir die
gleiche Entwicklung erleben wie beim konventionellen Sortiment?
Eines scheint jedoch festzustehen: Mit einer Ausweitung der Absatzmenge durch Einbeziehung des Lebensmitteleinzelhandels wird
Preisdruck auf Öko-Produkte ausgeübt werden. Gleichzeitig sind jedoch niedrigere Preise eine wichtige Voraussetzung für eine deutliche
25
Absatzausweitung. Die Konsequenz daraus ist, dass auf der Erzeugerseite mehr als bisher für den Öko-Landbau getan werden muss, um
dem Preisdruck begegnen zu können. Die Förderung von Erzeugerzusammenschlüssen zu Erzeugergemeinschaften sollte verstärkt werden, weshalb zur Zeit auch entsprechende Vorschläge im Bundeslandwirtschaftsministerium diskutiert werden. Erzeugergemeinschaf-
ten sind eine Voraussetzung für die Zusammenfassung homogener
Produktmengen, wie der Handel sie fordert. Gleichzeitig sollten Er-
zeugergemeinschaften bei ihren Bemühungen der vertikalen Integration mit Verarbeitung und Handel unterstützt werden. Ein weiterer
Punkt sind die Kriterien der Investitionsförderung: Sie sind im Rah-
men des Agrarinvestitionsförderprogramms für die konventionelle
Landwirtschaft geschaffen und bedürfen daher einer Anpassung an
die Bedürfnisse des ökologischen Landbaus (z.B. Umbau von Ställen
für artgerechte Tierhaltung, Investitionen in den Gemüsebau).
Angesichts des relativ geringen Anteils des ökologischen Landbaus
an der Gesamtfläche war bislang die Industrie für Produktionsmittel
und Investitionsgüter nicht besonders an der Entwicklung von Techniken für den ökologischen Landbau interessiert. Ich hoffe, dass sich
dies angesichts besserer Wachstumschancen ändert. Noch fehlt heute
die angepasste Genetik für pflanzliche und tierische Erzeugung, feh-
len Maschinen für den Ackerbau sowie Techniken für die Verarbeitung. Um wettbewerbsfähiger mit der heutigen konventionellen Produktion und damit auch preiswerter für den Verbraucher zu werden,
gilt es auch für die Forschung Anschubfinanzierungen bereitzustellen.
Zweifellos können mit Gütezeichen Vertrauen und Sicherheit vermittelt werden. Intensiv wird über die zwei von der Politik angekündigten Gütezeichen (Labels), eines für den Öko-Landbau und eines
für den konventionellen Bereich, diskutiert. Die Frage ist, brauchen
wir sie überhaupt, und wenn ja, welche Vergabebedingungen sollten
zugrunde gelegt werden?
Für den Öko-Landbau ist die Notwendigkeit eines neutralen einheitlichen Zeichens längst erkannt. Das hierzu in den letzten Jahren
von der AGÖL und der CMA entwickelte Zeichen (ÖPZ) war meiner Meinung nach durchaus ein guter Ansatz, zumal die Vergabekri-
terien deutlich oberhalb der EU-Standards
angesiedelt waren
und
damit wirklich „Klasse“ bedeuteten. Von seiner Grundüberlegung her
kann dieses Zeichen auch künftig nicht falsch sein, denn es trifft ge-
nau die Verbrauchererwartung, dass deutsche Öko-Produkte etwas
26
Besonderes, etwas Hochwertiges seien, nämlich mit der Garantie einer kontrollierten Öko-Produktion und mit strengen Vergabekriterien (AGÖL-Standards für die Erzeugung von Öko-Produkten). Da
sie laut AGÖL-Standards nur von Betrieben stammen dürfen, die alle
Betriebszweige auf die ökologische Wirtschaftsweise umgestellt haben, kann hier von vorneherein
der Verdacht einer „innerbetriebli-
chen Mauschelei“ ausgeschlossen werden.
Ich weiß sehr wohl, dass der Handel lieber mit den niedrigeren
EU-Standards arbeiten würde, um EU-weit einkaufen und handeln
zu können. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass die Politik im
Sinne der Glaubwürdigkeit — gegenüber sich selber und gegenüber
den Verbrauchern — gut beraten wäre, an dieser Grundkonzeption,
die von allen früheren AGÖL-Mitgliedern getragen wurde, festzuhalten. Ich sage nicht, dass es unter allen Umständen das ÖPZ sein
muss, aber ich meine, dass unsere hohen Standards nicht unterlaufen
werden sollten. Das sind wir als Erzeuger, und das ist genauso die Politik den Verbrauchern schuldig.
Auch im konventionellen Bereich sind Landwirtschaft und Wirtschaft mächtig gefordert. Der Schlüssel, das Verbrauchervertrauen zurückzugewinnen und zu festigen, ist eine dokumentierte Sicherheit
bei der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmit-
teln. Dazu sind Schwachstellen in den einzelnen Stufen von der Futtermittelherstellung bis zur Ladentheke im Einzelhandel zu beseiti-
gen, und dies ist lückenlos zu dokumentieren. Es hat dazu gute Vorarbeiten an verschiedenen
„Runden Tischen“ gegeben. Es kommt
jetzt darauf an, diese in ein geschlossenes Ganzes
zu bringen. Der
Deutsche Bauernverband sieht in der Fortentwicklung von Qualitätssicherungssystemen eine gute Möglichkeit, dem Verbraucher zusätzliche Sicherheit und Transparenz in der Nahrungsmittelerzeugung zu
geben. Gefördert werden sollten solche flächendeckenden durchgän-
gigen Qualitätssicherungssysteme über alle Stufen der Lebensmittelerzeugung hinweg unter dem Motto „gläserne Produktion“ durch die
Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz.
Als Fazit ist festzuhalten: Es kann und darf keine unsicheren Nahrungsmittel geben. Sowohl klein als auch groß, sowohl konventioneller als auch ökologischer Landbau müssen dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet sein. Für mich stehen ökologische bäuerliche Betriebe nicht gegen konventionelle bäuerliche Betriebe, sondern sie
stehen gemeinsam im harten Wettbewerb mit der europäischen und
27
der globalen Konkurrenz. Ich wünsche, und in diesem Sinne wird
sich auch der Deutsche Bauernverband einsetzen, dass das steigende
Marktpotenzial für Öko-Produkte vor allem von deutschen Bauern,
Gärtnern und Winzern erschlossen werden kann.
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Quelle: Karl Ludwig Schweisfurth, Herrmannsdorfer Werkstätten, 2000
Abbildung 1: Ökologischer Landbau (s.o. $.18)
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Doppelt gut: Für die Bauern und für die Natur —
Lehren aus der BSE-Krise
Die BSE-Krise und andere Missstände beim Umgang mit Lebensmit-
teln zeigen: Es kann so nicht weitergehen! Selbst wenn BSE inzwischen nicht mehr im Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung
steht und die Menschen wieder vermehrt Rindfleisch kaufen, darf
diese Entwicklung nicht dazu führen, in den Anstrengungen für si-
chere Lebensmittel nachzulassen und nach ein paar neuen Vorschriften und Kontrollen zur alten Tagesordnung überzugehen. Das wäre
zu kurz gesprungen.
Rückblickend haben die Land- und Ernährungswirtschaft sowie
die Agrarpolitik in Bund und Ländern zu wenig getan, um Auftreten
und Ausbreitung der Rinderkrankheit BSE in Deutschland zu verhindern. Darum ist die derzeitige Krise nicht allein mit einem kurzfristigen Krisenmanagement zu bewältigen. Was ist zu tun?
Rund 50 Prozent der Ausgaben des Europäischen Haushaltes werden für die Europäische Agrarpolitik veranschlagt. Eine Mehrheit der
Verbraucherinnen
und Verbraucher zweifelt daran, dass diese Mittel
im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft eingesetzt werden. Noch
herrscht in weiten Bereichen der Landwirtschaft ein starker Druck
zur Kostensenkung, zur Rationalisierung und Spezialisierung und zur
Ausdehnung der Produktion, ohne dass sich die Einkommen der
Landwirte befriedigend entwickelten. Gleichzeitig kommt es zu Be-
lastungen von Umwelt und Natur, zu langen Transportzeiten für die
Schlachttiere sowie zu Defiziten beim Verbraucherschutz.
Für mich zählt, was ich in vielen Gesprächen mit Verbraucherinnen und Verbrauchern, mit Umwelt- und Naturschützern und mit
Landwirten erfahre und so auf den Punkt bringen möchte:
e Das Vertrauen in die Sicherheit und Gesundheit der Lebensmittel
ist erschüttert.
e Die gegenwärtige Lebensmittelerzeugung und Ernährung ist nicht
immer und überall nachhaltig.
29
e Die Agrar- und Ernährungspolitik haben noch nicht durchgreifend
etwas geändert.
Wir brauchen daher eine grundlegende Neuorientierung in der
Agrar- und Ernährungspolitik. In dieser Einschätzung werde ich im
Übrigen auch von den Agrar- und Umweltministern der Länder unterstützt. Sie haben sich auf ihrer gemeinsamen Konferenz in Potsdam am 13. Juni 2001 für eine ökologische Wende ausgesprochen.
Mit diesem Beschluss bekräftigen sie einen Wechsel in der Agrar- und
Ernährungspolitik hin zu mehr Verbraucherschutz, Umwelt- und Naturschutz, artgerechter Tierhaltung und Entwicklung der ländlichen
Räume. Auf europäischer Ebene ist für Kommission und Rat die Integration des Verbraucher- und Umweltschutzes ein wichtiges Ziel.
Mafnahmen zur Bewältigung der BSE-Krise
Die BSE-Krise ist in Deutschland noch nicht überwunden - für eine
Entwarnung sehe ich keine Veranlassung. So lange noch an BSE erkrankte Rinder in Deutschland und Europa entdeckt werden, können wir keinen Schlussstrich unter die BSE-Krise setzen. Es ist nötig,
weiterhin mit allem Nachdruck daran zu arbeiten, BSE zu verhindern
und über BSE hinaus die Lebensmittelsicherheit zu verbessern.
Die Bundesregierung hat die notwendigen Konsequenzen gezogen,
um den Verbraucherschutz zu stärken und verloren gegangenes Vertrauen zwischen landwirtschaftlicher Erzeugung und Verbrauchern
wieder zurückzugewinnen. Eine der ersten Sofortmaßnahmen war die
Schaffung eines Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernäh-
rung und Landwirtschaft. Der Name ist Programm. Verbraucherschutz steht an erster Stelle und wird umfassend wahrgenommen.
Wir haben inzwischen umfangreiche Maßnahmen beschlossen, um
die Lebensmittelsicherheit
möchte ich:
zu verbessern.
Besonders
hervorheben
e Die Herausnahme der sogenannten Risikomaterialien bei Schlachtrindern aus der Nahrungsmittelkette seit Oktober 2000.
e Das vollständige Verfütterungsverbot seit Anfang Dezember 2000
von tierischen Eiweißen und Fetten an Tiere, die der Lebensmittel-
gewinnung dienen. Wir mussten das vollständige Verbot auch auf
Nicht-Wiederkäuer ausdehnen, weil offenbar das bereits 1994 eingeführte Verfütterungsverbot von Tiermehl an Wiederkäuer nicht
effektiv durchgeführt worden war. Darauf deuten Spuren von Tier30
mehl, die immer wieder bei Stichprobenkontrollen im Rinderfutter
festgestellt wurden. Mit dem Totalverbot haben wir jedenfalls den
Eintrag von infektiösen Agens durch gegebenenfalls mit Tiermehl
verunreinigtes Rinderfutter oder über Fette in Milchaustauschfutter für Kälber in die Rinderbestände unterbunden.
Bestandstötung bei BSE-Befall. Diese Maßnahme war innerhalb
und außerhalb der Landwirtschaft umstritten. Daher bin ich froh,
dass die Europäische Kommission auch auf mein besonderes Drängen hin im Agrarrat im Juni 2001 einen gemeinsamen Beschluss
ermöglicht hat, nunmehr
von
der Bestandstötung abweichen
zu
können und die reine Kohortentötung rechtlich zuzulassen. Es liegen mittlerweile neue Erkenntnisse vor, die eine Kohortentötung
aus Sicht des gesundheitlichen Verbraucherschutzes vertretbar machen.
Einführung des BSE-Tests. Seit Anfang Dezember 2000 werden alle über 30 Monate alten geschlachteten Rinder mit einem BSESchnelltest getestet. Ende Januar 2001 haben wir in Deutschland
diese Altergrenze gesenkt; seither werden alle Rinder, die älter als
24 Monate sind, getestet.
Auch wenn die Testung der mehr als 24 Monate alten Rinder
auf europäischer Ebene noch nicht konsensfähig ist, halten wir die
Maßnahmen weiterhin für erforderlich, denn immerhin wurden
zwei Rinder als BSE-infiziert ermittelt, die erst 28 Monate alt wa-
ren und somit bei einer 30-Monatsgrenze nicht entdeckt worden
wären.
Von Januar bis Ende Mai 2001 sind in Deutschland mehr als
1 Million (1 090 209) Rinder auf BSE getestet worden. Davon fielen 79 der Proben positiv aus.
Noch kann der Test letztlich keine absolute Sicherheit bieten.
Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse lassen allerdings die Hoffnung zu, dass wir bezüglich der Testsicherheit, auch an lebenden
Tieren, in absehbarer Zeit weiter sein werden.
Das Fazit der bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse bei der
BSE-Bekämpfung ist: Wir werden den eingeschlagenen Weg konse-
quent fortsetzen. Dabei werden wir mit größter Sorgfalt darauf achten, dass die eingeleiteten Maßnahmen
wirksam fortgesetzt werden,
damit mögliche Fehlerquellen vermieden und notwendige Kontroll-
möglichkeiten eingebaut werden.
31
Konzeption der Agrarwende
Vorsorgender Verbraucherschutz hat absoluten Vorrang vor wirtschaftlichen Überlegungen. Dieser Vorsatz wird sich auch in der Kon-
zeption der Agrarwende widerspiegeln. Grundanliegen der neuen
Agrar- und Ernährungspolitik ist es, den Schutz der Verbraucher zu
verbessern, umweltgerechtere Wirtschaftsweisen und artgerechtere
Tierhaltung in der Landwirtschaft zu fördern sowie neue Perspektiven
für die Landwirtschaft und den ländlichen Raum zu eröffnen.
Um die Agrarwende politisch umzusetzen, nutzen wir sowohl die
nationalen als auch die europäischen Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten. Den Gegensatz „Deutschland gegen die EU“ gibt es nicht.
Und die Reaktionen im Rat und bei anderen Mitgliedstaaten sind positiv, wenn es darum geht, Verbraucherschutz, Tierschutz, nachhaltige
Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume voranzubringen.
Um Wettbewerbsnachteile für die deutschen Bauern zu vermeiden,
will ich soviel Verbraucherschutz wie möglich EU-weit und internati-
onal absichern. Wo aber die Dinge im Argen liegen, können und dürfen wir nicht auf den Letzten im internationalen Geleitzug warten.
Darum werde ich auch nationale Lösungen erwägen. Was in
Deutschland für den Verbraucher-, Umwelt- und Tierschutz getan
wird, setzt im Übrigen auch Signale in anderen Ländern. Es erhöht
dort den Anpassungsdruck, denn der deutsche Markt gehört zu den
größten und begehrtesten in Europa. Wer sich hier behaupten will,
muss sich an den Anforderungen
Verbraucher ausrichten.
unserer Verbraucherinnen
und
Mehr Lebensmittelsicherheit ist vorsorgender Verbraucherschutz
Sicherheit und gesundheitliche Unbedenklichkeit sind Grundvoraussetzungen dafür, dass Lebensmittel überhaupt angeboten werden dür-
fen. Drei Viertel unserer Lebensmittel sind mittlerweile keine land-
wirtschaftlichen Rohprodukte mehr, sondern werden von der Ernährungswirtschaft be- und verarbeitet. Dies ist u.a. die Folge veränderter
Lebens- und Ernährungsgewohnheiten. Lebensmittelsicherheit ist
daher eine Aufgabe, um die sich alle Beteiligten in der Lebensmittelkette kümmern müssen.
Das Bundesministerium für Verbraucherschutz nimmt deshalb sei-
ne Aufgabe, für mehr Lebensmittelsicherheit zu sorgen, auch durch
die stufenübergreifende
32,
Integration im „magischen
Sechseck“
aus
Vorleistungswirtschaft, Landwirtschaft, Lebensmittelwirtschaft, Handel, Verbrauchern und Politik wahr. Kernaufgabe der Politik im Sinne
des vorsorgenden Verbraucherschutzes ist und bleibt es, durch rechtliche Vorgaben und Kontrollen sichere Lebensmittel zu gewährleisten.
Ansatzpunkte, um die Lebensmittelsicherheit zu verbessern, werden deutlich, wenn wir uns die wesentlichen Ursachen dafür, dass
BSE zu einer europaweiten Gefahr werden konnte, anschauen. Sie
liegen vor allem in den arbeitsteiligen Strukturen der Futtermittelindustrie und der Landwirtschaft einschließlich des intensiven Handels
mit Futtermitteln und Tieren, sowie nicht ausreichenden rechtlichen
Regelungen und mangelnden Kontrollen durch die zuständigen Behörden.
Erste sicherheitsverbessernde Maßnahmen sind erfolgt. Das Tiermehlverfütterungsverbot
sorgt dafür, dass eine wesentliche
Infekti-
onsquelle von BSE ausgeschaltet wurde.
Mehr Transparenz und Sicherheit wird auch mit einer offenen
Deklaration der Futtermittelbestandteile geschaffen. Wir wollen eine
EU-einheitliche Positivliste aller zugelassenen Einzelfuttermittel. Von
ihr versprechen wir uns eine wichtige Orientierungshilfe insbesondere
für die Verbraucher, Landwirte und für die Futtermittelwirtschaft.
Mit einer solchen Liste könnten Kontrollen künftig einfacher und
zielgenauer durchgeführt werden.
Eine EU-weite Regelung ist aber nicht von heute auf morgen zu erreichen. Darum unterstütze ich die Initiative der Wirtschaft, bereits
im Vorgriff darauf ein „nationales Futtermittelbuch“ einzuführen, in
dem alle zugelassenen Futtermittel aufgelistet werden. Die Mischfut-
termittelwirtschaft hat bereits eine Selbstverpflichtung abgegeben,
nach der sie alle Einzelbestandteile angeben will.
Unter dem Aspekt des vorsorgenden Verbraucherschutzes werde
ich ein EU-weites Verbot der vier noch verbliebenen Antibiotika in
der Tierfütterung betreiben. Ich strebe dabei einen Ausstieg bis spätestens 2003 an. Flankierend dazu müssen entsprechende Regelungen
im Tierarzneimittelrecht dafür sorgen, dass der Einsatz dieser Stoffe
in der Tierhaltung insgesamt reduziert wird. Wie in der Humanmedizin sollen Antibiotika in der Tierhaltung nur im Krankheitsfalle mit
ärztlicher Indikation verabreicht werden dürfen. Ich würde es daher
sehr begrüßen, wenn Futtermittelwirtschaft und landwirtschaftlicher
Berufsstand gemeinsam freiwillig auf den Einsatz antibiotischer Leistungsförderer verzichten.
&&
Sichere Futtermittel sind logischerweise eine zwingende Voraussetzung für sichere Lebensmittel. Die Bundesregierung wird daher die
Anforderungen an Futtermittelhersteller, -importeure, -händler und
-transporteure verschärfen. Hierzu kann auch die Wirtschaft einen
Beitrag leisten, indem sie beispielsweise Branchenleitlinien für eine
gute Herstellungspraxis entwickelt. Durch ein Zertifizierungssystem
kann sie selbst für mehr Transparenz und Sicherheit im Futtermittelsektor sorgen. Wer in Zukunft dennoch gegen rechtliche Regelungen
verstößt, muss mit verschärften Sanktionen rechnen.
Qualität den Verbrauchern nahe bringen
Qualität muss künftig neben dem Preis zu einem Hauptargument
werden; darum ist es wichtig, die Verbraucher über Qualität und
Herstellung der Lebensmittel zu informieren. Je mehr Wissen sie ha-
ben, desto größer ist die Chance, dass die Verbraucher ihr Kaufverhalten danach ausrichten.
Dabei soll es keine Einheitsqualität geben, sondern eine (regionale)
Produktvielfalt mit unterschiedlichen Qualitäten. Umfassend defi-
nierte Qualität ist für die Wirtschaft auch in Zukunft Ansatzpunkt
für Produktdifferenzierung. Wichtig ist dabei, dass die Angaben auf
den Etiketten stimmen. Was drauf steht, muss auch eingehalten werden. Jedes Unternehmen haftet nicht nur mit seinem Ruf für die
Richtigkeit der Angaben, sondern muss bei Verstößen auch mit Strafen rechnen.
Der Staat hat die Aufgabe, den Zugang zu objektiver Information
sicherzustellen. Das kann über Kennzeichnungsregelungen oder über
Qualitätszeichen geschehen. Ergänzend dazu kann die Wirtschaft mit
umfassenden Qualitätssicherungssystemen über alle Verarbeitungsstufen nachweisen, dass sie die in der EU und in Deutschland geltenden
Rechtsvorschriften einhält.
Ich will den Verbraucherinnen und Verbrauchern mit der Einführung von zwei Qualitätszeichen eine Orientierungshilfe für den Einkauf an die Hand geben. Ein Ökolabel für Produkte aus dem ökologischen Landbau und ein Premiumlabel für Produkte aus dem konven-
tionellen Landbau, die Anforderungen erfüllen, die über denen der
guten fachlichen Praxis liegen. Qualität soll auf dem ersten Blick erkannt werden können. Denn immer mehr Menschen definieren Qualität nicht nur über die Inhaltsstoffe eines Produktes, sondern auch
34
über die Art der Tierhaltung und Herstellung — also nach ökologi-
schen Aspekten.
Nachhaltige Landwirtschaft und ländliche Räume
Die Menschen wollen, dass die Landwirtschaft über das Produzieren
von Lebensmitteln hinaus Leistungen für die Gesellschaft erbringt:
umweltverträgliche
Landbewirtschaftung,
artgerechte
Formen
der
Tierhaltung genauso wie die Pflege der Kulturlandschaft und Aufgaben im Umwelt- und Naturschutz.
Solche ökologischen und sozialen Leistungen der Landwirtschaft
müssen honoriert werden. Hierzu muss die Förderung schrittweise
auf die Entlohnung gesellschaftlich erwünschter Leistungen umgestellt werden. Ich will, dass die Landwirtschaft mit der Solidarität der
Steuerzahler rechnen kann.
Die Landwirtschaft muss sich künftig stärker als bisher am Markt
und den Wünschen der Verbraucher orientieren. Ein wichtiger
Schritt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft
ist die Abkehr von produktionsgebundenen Zahlungen hin zur Entwicklung der ländlichen Räume. Mittel aus dem Marktbereich sind
umzuschichten, um neue Maßnahmen einer Politik für den ländli-
chen Raum zu fördern, z.B. die Umstellung auf den ökologischen
Landbau und tierartgerechte Haltungsformen sowie die Verarbeitung
und Vermarktung ökologischer, regional erzeugter Produkte.
Hierfür werde ich in Brüssel und in Berlin zugleich werben. Der
Landwirtschaft und dem ländlichen Raum sollen neue Perspektiven
eröffnet werden. Zusammen mit meinem niederländischen Kollegen
bin ich einer Meinung, dass Tierhaltung in Deutschland, den Nieder-
landen und den anderen EU-Mitgliedsstaaten nur Zukunft hat, wenn
sie im Einklang mit den gesellschaftlichen Anforderungen steht. Wir
brauchen den Rückhalt in der Gesellschaft, wenn wir weiterhin Steuergelder für die Agrarpolitik aufwenden wollen. Nur wenn die
Verbraucher sagen "Dafür zahlen wir gern!", wird dieses ein auf Jahre
verlässliches neues System sein.
Die neue Agrar- und Ernährungspolitik steht für eine multifunktionale Landwirtschaft. Die Bäuerinnen und Bauern im Lande werden
nicht nur kostengünstig landwirtschaftliche Erzeugnisse produzieren,
sondern darüber hinaus wichtige Leistungen im Naturschutz, im
Tierschutz und für die Pflege und den Erhalt der Kulturlandschaft
29)
erbringen. Auf diese Weise entsteht ein Mehrwert, der der Gesellschaft, den ländlichen Räumen sowie dem Erhalt von Arbeitsplätzen
zugute kommt.
Die Beteiligten sind entscheidend für den Erfolg der neuen Politik
Vieles ist in Bewegung gekommen. Die derzeit intensive politische
Diskussion über die Neuausrichtung der Agrar- und Ernährungspolitik bietet die Chance, die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft
neu zu organisieren. Im Dialog mit allen Beteiligten, mit den
Verbrauchern, der Ernährungswirtschaft, dem Handel, den Landwir-
ten, den Naturschützern und Tierschützern, den Bundesländern und
den europäischen Nachbarn. Auch die WTO-Verhandlungen und die
EU-Osterweiterung erfordern eine Änderung der gegenwärtigen
Agrarpolitik.
Die neue Agrar- und Ernährungspolitik ist ein wichtiger und notwendiger Schritt für den vorsorgenden Verbraucherschutz. Doch
kann die Politik allein den Erfolg nicht verordnen. Sie ist auf die
Mitarbeit und Unterstützung aller Beteiligten angewiesen.
Qualität hat jede Menge Chancen. Die Frage ist, wer daran verdient. Ich meine: Was gut ist für die Natur, ist auch gut für die Bauern.
KHK
„Die Tatsache, dass jemand neben mir
tot umfällt, ist noch kein Beweis für
meine Gesundheit.“
Reinhard Höppner
KAKKK
Brauchen wir eine Neuorientierung in der Agrarpolitik?
Eine Erklärung von Agrarökonomen
45 deutsche Professoren der Agrarökonomie haben sich am 16. Januar 2001 in ei-
ner Erklärung zur agrarpolitischen Wende geäußert, die von der Bundesregierung
eingefordert wird. Sie haben die Sorge, dass diese Pläne die Zukunft der deutschen
Landwirtschaft gefährden, ohne das Problem zu beheben, das mit der BSE-Krise
entstanden ist. Eine einseitige Förderung des Öko-Landbaus gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft und lasse sie dauerhaft von staatlichen
Subventionen abhängig werden. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut.
In Reaktion auf die BSE-Krise fordern führende Politiker in Deutsch-
land eine Neuorientierung der Agrarpolitik, vor allem eine Abkehr
von den „Agrarfabriken” und der „industriellen Landwirtschaft” und
eine Hinwendung zum ökologischen Landbau als Leitbild für die
Zukunft der Landwirtschaft. Als Agrarökonomen haben wir die Sorge, dass eine solche — bei vielen Bürgern gewiss populäre - Wende in
der Agrarpolitik die Zukunft der deutschen Landwirtschaft gefährdet,
ohne das Problem zu beheben, das Anlass für diese Veränderung der
Politik war.
Wir haben keinen Grund, die bisherige Agrarpolitik zu verteidigen, denn wir haben sie oft kritisiert. Sie hat in Verfolgung sektoraler
Interessen oft Gebote der wirtschaftlichen Vernunft außer Acht gelassen. Wir unterstützen das Bestreben, in Zukunft mehr Wert auf den
Verbraucherschutz, die Sicherheit unserer Nahrungsmittel und auf art-
gerechte Tierhaltung zu legen, und erkennen in dieser Hinsicht die
Notwendigkeit von Veränderungen. Wir sind aber nicht davon überzeugt, dass die jetzt angestrebte neue Agrarpolitik einen Beitrag zu die-
sem Ziel leisten kann, sondern halten sie für verfehlt.
Wir weisen in diesem Zusammenhang auf folgende Aspekte hin:
1. Die Ausbreitung der BSE-Krankheit ist offensichtlich durch Fut-
termittel erfolgt. Die Verantwortung dafür tragen im Wesentlichen
nicht die konventionell wirtschaftenden Landwirte oder eine „in-
dustrielle Landwirtschaft”, sondern einerseits der Staat, der Gefahr
bringende Futtermittel zunächst nicht rechtzeitig verboten und
später Verstöße gegen die Verbote nicht hinreichend kontrolliert
und nicht mit ausreichenden Strafen belegt hat. Verantwortung
tragen auch diejenigen Hersteller von Futtermitteln, die Vorschrif37
ten nicht beachtet haben. Eine Abwendung von der konventionel-
len Landwirtschaft zugunsten eines neuen Leitbildes ist deshalb als
Reaktion auf die BSE-Krise nicht sachgerecht.
Ökologisch wirtschaftende landwirtschaftliche Betriebe wurden
auch bisher schon mit agrarpolitischen Maßnahmen gefördert. Die
zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel haben die Landwirte
teilweise noch nicht einmal ausgeschöpft. Dass der Öko-Landbau
bisher nur einen sehr kleinen Anteil der Landwirtschaft ausmacht,
liegt in erster Linie an den Entscheidungen der Verbraucher, die
Bio-Produkte nicht in stärkerem Maße gekauft haben. Die Politik
würde sich also über die Wünsche der Verbraucher hinwegsetzen,
wenn sie die ökologische Landwirtschaft deutlich ausweitet, ohne
dass für ihre Produkte eine ausreichende Nachfrage vorhanden ist.
Wir würden eine Ausweitung des ökologischen Landbaus begrüßen, wenn sie durch die Marktnachfrage und Zahlungsbereitschaft
der Verbraucher ausgelöst wäre. Eine Bevormundung der Verbraucher halten wir aber für falsch.
Eine Politik gegen den Verbraucherwillen wäre möglicherweise gerechtfertigt, wenn auf diese Weise in Zukunft Probleme ausgeschlossen werden könnten, wie sie jetzt zur BSE-Krise geführt haben. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt keine Garantie dafür, dass
BSE nicht auch in ökologisch wirtschaftenden Betrieben auftreten
kann, und in anderen Ländern ist das bereits geschehen. Auch gibt
es keinen Nachweis dafür, dass Nahrungsmittel, die in ÖkoBetrieben erzeugt werden, grundsätzlich für die Gesundheit des
Verbrauchers besser sind als Produkte aus konventionell wirtschaftenden Höfen. Eine staatlich forcierte Ausweitung des ökologischen Landbaus lässt sich mit Argumenten des Verbraucherschut-
zes nicht begründen.
. Der Öko-Landbau ist zweifellos eine umweltfreundliche Form der
Landbewirtschaftung. Auch die konventionelle Landwirtschaft
kann jedoch bei entsprechender Förderung gezielte Umweltleistungen erbringen, oft kostengünstiger als der ökologische Landbau.
Die Umweltpolitik sollte vergleichbare Umweltleistungen
gleich
fördern, unabhängig davon, ob sie im ökologischen Landbau oder
in der übrigen Landwirtschaft erbracht werden.
. Eine einseitige agrarpolitische Bevorzugung bestimmter Formen
von Landwirtschaft verzerrt den Wettbewerb
und schwächt die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der gesamten Landwirtschaft. Sie
38
läuft deshalb dem Ziel zuwider, die Landwirtschaft auf längere
Sicht von staatlicher Unterstützung unabhängig zu machen. Die
Reformen der EU-Agrarpolitik haben in den letzten Jahren durch
den Abbau der Preisstützung einen Prozess eingeleitet, an dessen
Ende eine international wettbewerbsfähige Landwirtschaft stehen
könnte, wie sie von vielen Seiten immer wieder gefordert worden
ist. Dieser Prozess sollte angesichts der EU-Osterweiterung und der
WTO-Verhandlungen
durch eine schrittweise Liberalisierung der
Märkte fortgesetzt werden. Die jetzt in Deutschland geforderte agrarpolitische Wende würde dieser Tendenz eindeutig entgegenwirken. Sie würde die deutsche Landwirtschaft weit zurückwerfen und
auf Dauer von staatlichen Hilfen abhängig machen.
. Die langfristige Abhängigkeit von staatlichen Finanzhilfen wäre gerade auch im ökologischen Landbau zu erwarten. Eine durch
Agrarpolitik herbeigeführte Ausweitung des ökologischen Landbaus würde die Preise für Bio-Produkte deutlich unter Druck setzen, so dass ökologisch wirtschaftende Landwirte ihre Kosten am
Markt nicht mehr decken könnten. Der Staat müsste sie dann dauerhaft subventionieren, um ihr Überleben zu sichern.
. Die Kritik an „Agrarfabriken” und „industrieller Landwirtschaft”
mag gegenwärtig zwar populär sein, sie verkennt aber die Realitä-
ten. Mit wenigen Ausnahmen sind die landwirtschaftlichen Betriebe Deutschlands sehr klein und werden von Familienarbeitskräften
bewirtschaftet. In ihrer wirtschaftlichen Größe und Produktionsweise sind sie bestenfalls mit Handwerksbetrieben, aber nicht mit
industriellen Unternehmen vergleichbar. Es kommt hinzu, dass in
keiner Weise nachgewiesen ist, dass kleine landwirtschaftliche Be-
triebe die Umwelt weniger belasten oder gesündere Nahrungsmittel produzieren als größere Höfe. Soweit sich die Kritik auf moderne Formen
der Tierhaltung richtet, ist sorgfältig abzuwägen,
ob
Veränderungen erforderlich sind und zu Verbesserungen für die
artgerechte Tierhaltung führen können. Auch in dieser Hinsicht
geht es allerdings nicht primär um
die Größe der Tierbestände,
sondern um die Haltungsbedingungen.
. Einzelbetriebliche Obergrenzen für die agrarpolitische Förderung
bringen keine Vorteile für den Verbraucherschutz, die Umwelt und
den Tierschutz. Sie hemmen jedoch den strukturellen Wandel, führen zu höheren Kosten durch Ausweichmaßnahmen der Betroffe-
nen (z.B. formelle Betriebsteilungen) und schwächen damit die
39
Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft. Sie lassen sich auch
nicht als einkommenspolitische Maßnahme rechtfertigen, da es
keinen engen Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der
Betriebsgröße gibt. Soweit in der Landwirtschaft hohe Einkommen .
erzielt werden, unterliegen sie der gleichen Steuerprogression wie
die Einkommen anderer Steuerzahler.
9. Wir leben nicht auf einer agrarpolitischen Insel. Unsere Landwirtschaft muss im EU-Wettbewerb und vermehrt auch im Weltmarktwettbewerb bestehen. Deshalb ist ein Wandel zu größeren
Betriebseinheiten unumgänglich. Damit kann und muss eine weitere Verbesserung der Umweltverträglichkeit der Landwirtschaft
einhergehen. Der Weg „klein und öko“ führt dagegen in eine
Sackgasse.
i
Die Erklärung wird von folgenden Professoren unterstützt (Stand: 17. Januar 2001):
Heinz Ahrens, Halle; Reimar von Alvensleben, Kiel; Siegried Bauer, Gießen; Tilman Becker, Hohenheim;
Ernst Berg, Bonn (z.Zt. Michigan, USA);
gen; Stephan von Cramon-Taubadel,
Wilhelm Brandes, Göttin-
Göttingen; Reiner Doluschitz,
Hohenheim;
Frohberg, Halle; Michael Grings, Halle; Werner Grosskopf, Hohenheim;
Hanf, Kiel; Monika Hartmann,
henheim; Roland Herrmann,
Klaus
Claus-Henning
Halle; Wilhelm Henrichsmeyer, Bonn; Arno Henze, Ho-
Gießen; Klaus Hesse, Kiel; Hans-E. Jahnke, Berlin; Karl-
Heinz Kappelmann, Nürtingen; Dieter Kirschke, Berlin; Hans Kögl, Rostock; Manfred
Köhne, Göttingen; Ulrich Koester, Kiel; Rainer Kühl, Gießen; Friedrich Kuhlmann,
Gießen; Thomas Kutsch, Bonn; Cay Langbehn, Kiel; Dirk Manegold, Braunschweig;
Winfried Manig, Göttingen; Uwe Jens Nagel, Berlin; Mathias von Oppen, Hohenheim;
Volker Petersen, Halle; Diethard Rost, Halle; Wilhelm Scheper, Kiel; Gerhard Schiefer,
Bonn; Erich Schmidt, Hannover; Michael Schmitz, Gießen;
Tangermann,
Walter Schug, Bonn; Stefan
Göttingen; Peter Tillack, Halle; Peter Wagner, Weihenstephan;
Weindlmaier, Weihenstephan;
Hannes
Christoph Weiss, Kiel; Harald von Witzke, Berlin; Rudolf
Wolffram, Bonn; Jürgen Zeddies, Hohenheim; Manfred Zeller, Göttingen.
KAKKK
„Darin besteht das Wesen der Wissenschaft:
Zuerst denkt man an etwas, das wahr sein könnte —
und dann sieht man nach, ob es der Fall ist.
Im Allgemeinen ist es nicht der Fall.“
Bertrand Russell
KArKKK
Wissenschaftler für eine neue Agrarpolitik!
Kasseler Erklärung
Am
16. Januar 2001 wurde eine „Erklärung von Agrarökonomen” zur Neuorientie-
rung der Agrarpolitik veröffentlicht, 45 Professoren haben sie unterschrieben. Um
deutlich zu machen, dass es auch andere Positionen in der Agrarwissenschaft gibt,
veröffentlichen wir eine Erklärung von fünf Kasseler Wissenschaftlern, die 70 wei-
tere Unterschriften fand.
1. Die durch die BSE-Krise ausgelöste Debatte um eine neue Agrarpolitik ist zu begrüßen. Sie bietet die Chance, die landwirt-
schaftliche Produktion auf die Erzeugung nachvollziehbar gesunder Lebensmittel für Verbraucher umzustellen, die Agrarpolitik von ökologisch und regionalpolitisch haarsträubenden Fehlsubventionierungen zu befreien, einen verbraucher- und beschäf-
tigungsorientierten Rahmen für die Landwirtschaft in einem erweiterten Europa zu schaffen sowie die Politik für ländliche
Räume konsequent auf nachhaltige Regionalentwicklung umzustellen.
2.
Die „Erklärung von Agrarökonomen?”
leistet zu dieser Debatte
keinen konstruktiven Beitrag. Die Agrarökonomen greifen ein
neues Leitbild der Politik an, dessen Ausgestaltung erst noch vo-
rangetrieben werden muss. Man schießt also vorsichtshalber in
die Luft, um
Diskussionen
und Veränderungen zu verhindern,
die dringend erforderlich sind.
3.
Die Agrarökonomen äußern die Sorge, dass eine Wende hin zum
ökologischen Landbau als Leitbild in der Agrarpolitik „die Zukunft der Landwirtschaft gefährdet, ohne das Problem zu beheben, das Anlass für diese Veränderung der Politik war“. Wir se-
hen die Zukunft der Landwirtschaft durch eine Wende nicht gefährdet. Im Gegenteil: Die Agrarpolitik von heute trägt in erheblichem Maße dazu bei, dass die Landwirtschaft keine Zukunft
hat. Wenn Zukunft ‚Zukunft der Menschen‘ heißt, dann müssen
wir feststellen, dass die Landwirtschaft sich schon lange in einem
ständigen Auflösungsprozess befindet.
4. Die besondere Verantwortung für diese Entwicklung trägt eine
Politik der weltmarktorientierten Deregulierung und Erleichterung von Produktionsvorschriften, die viele Agrarökonomen
41
propagiert haben und die manchen noch nicht weit genug gehen. So hat die Ausrichtung auf den Weltmarkt dazu geführt,
dass Welthandelsabkommen abgeschlossen wurden, die für
Deutschland eine Eiweißlücke bei pflanzlichen Erzeugnissen
(und damit für die Fütterung) festlegten. Um diese Lücke nicht
mit teuren Importen füllen zu müssen, wurde billiges Tiermehl
benutzt.
Die
Rücknahme
von
Verfahrensvorschriften
durch
Premierministerin Thatcher hat dazu geführt, dass in den britischen Tiermehlfabriken die BSE-Erreger nicht vernichtet wur-
den. Ein Ergebnis der Deregulierung ist die Abschaffung der offenen Deklaration bei Futtermitteln. Dadurch erhielten die Fut-
termittelhersteller die Möglichkeit, jederzeit die gerade auf dem
Markt kostengünstigsten Komponenten für ihre Mischungen zu
nutzen. Die Deregulierung führte auch dazu, dass die Bauern
überhaupt nicht mehr wissen, was sie eigentlich füttern. Das
Problem des Tiermehls — und auch von BSE - ist also mittelbar
eine Folge der Bedingungen des Weltmarktes ... Wir sind daher
der Überzeugung, dass eine Wende in der Agrarpolitik nicht al-
lein Einfluss auf die Produktionsformen der Höfe, sondern auch
auf die Organisation der gesamten Agrar- und Ernährungswirtschaft nehmen muss.
Der Kreis der Unterzeichner
der „Erklärung von Agrarökono-
men“ setzt auf den Markt und erachtet das ‚Staatsversagen‘ für
größer als das ‚Marktversagen‘. Nun, in der Krise und nachdem
wir vor katastrophalen Resultaten dieses Marktes stehen, wird
der Staat beschuldigt, er habe nicht rechtzeitig gehandelt. Die
Agrarökonomen sehen nicht in einer industrialisierten Landwirtschaft, sondern beim Staat die Verantwortlichkeit für BSE. Über-
sehen wird dabei, dass BSE nur die Spitze eines Eisberges ist.
Der tägliche Blick in die Zeitungen zeigt eine Kette von Skanda-
len, die vom Klärschlamm in Futtermitteln, illegalem Vertrieb
von
Tierarzneimitteln,
tierquälerischen
Haltungsbedingungen
und Tiertransporten bis zur denaturierenden Weiterverarbeitung
von Lebensmitteln und zu Dumpingpreisen im Einzelhandel
reicht. Das sind keine vereinzelten Fehler, Zufälle, Irrtümer, die
durch einzelne Reparaturmaßnahmen korrigiert werden könnten. Die Art und Weise, in der Landwirtschaft heute betrieben
wird, muss auf den Prüfstand, ebenso wie die Argumentation der
Agrarökonomen, die mitverantwortlich ist für deren Entstehung.
42
6. In der Tat darf eine Agrarpolitik, die eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft beabsichtigt, das Problem nicht auf
‚klein‘ oder ‚groß‘, auf ‚öko‘ oder ‚konventionell‘ reduzieren. Der
private Hühnerhalter, der für zehn Hühner mit Auslauf Futter
bei Raiffeisen zukauft, kann ebenso in die Industrialisierungsfalle
tappen, wie es bayerischen Familienbetrieben wahrscheinlich mit
den Milchaustauschern geschehen ist. Im Gegensatz zu den Agrarökonomen sind wir der Überzeugung, dass es — beispielsweise
in der Geflügelhaltung, aber auch bei Schweinen — Agrarfabriken
tatsächlich gibt ...
7. Zu einer differenzierten Debatte über Betriebsgrößen und Ökologischen Landbau gehört aber auch die Wahrnehmung weiterer
Indikatoren:
e
Solange die Bundesregierung in ihrem Agrarbericht den
Mineraldünger- und Pflanzenschutzmitteleinsatz je Hektar
noch nach kleinen, mittleren und großen Betrieben aufge-
schlüsselt hat, lag deren Einsatz im Durchschnitt bei großen
Betrieben über dem mittlerer und kleiner Betriebe. Ist es
Zufall, dass diese Statistik nicht mehr geführt wird?
e
Für die Fffizienz des Einsatzes von Subventionen macht es
keinen Sinn, die Größenvorteile durch eine proportionale
Förderung zu potenzieren.
e
Im Ökologischen Landbau ist Tiermehl grundsätzlich verboten. Dass es keine Garantie dafür gibt, dass BSE nicht
auch in Öko-Betrieben auftauchen kann, liegt nicht an den
Grundsätzen des Ökologischen Landbaus, sondern daran,
dass es ihm noch nicht gelungen ist, sein gesamtes Produk-
tionssystem von der konventionellen Landwirtschaft abzukoppeln ... Rückstände in Ökoprodukten sind nicht auf deren
Einsatz
im
Ökologischen
Landbau
zurückzuführen,
sondern auf deren Einsatz in der konventionellen Landwirtschaft.
8. Auch wir glauben nicht, dass es einfach sein wird, die Verbraucher dazu zu bewegen, höhere Preise für Lebensmittel zu bezah-
len. Dennoch zeigen die derzeitigen Marktreaktionen, dass dem
Verbraucher sehr wohl an gesunden, sicheren und schmackhaften
Produkten gelegen ist. Der Rückgang des Lebensmittelanteils an
den Lebenshaltungskosten ist — wie man heute sieht — letztlich
teuer erkauft worden. Und hier trifft das Argument der liberalen
43
Agrarökonomen am wenigsten: Auch die niedrigen Agrarpreise
hat der Verbraucher bereits über seine Steuern für den Gemein-
samen Agrarmarkt der EU bezahlt. Eine Umschichtung könnte
also erhebliche Effizienzgewinne sowohl für Verbraucher als auch
für eine Mehrheit der Bauern ergeben.
. Die Debatte über den Verbraucherpreis verkennt das grundsätzliche Problem der Landwirte, dass Erzeugerpreise nur teilweise durch die Verbraucherpreise bestimmt werden. Viel wesentlicher ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage zwischen
Landwirtschaft und abnehmender Hand. Solange Agrarprodukte
im Überschuss erzeugt werden — und dafür hat die bisherige Politik gesorgt —, wird es kaum höhere Erzeugerpreise geben. Eine
Lösung ist nicht nur eine grundsätzliche Absenkung des Intensitätsniveaus, sondern auch der Aufbau differenzierter Märkte
(regionale Märkte, Qualitätsmärkte u.a.m.), die es den Landwirten ermöglichen, flexibel zu agieren und nicht nur Spielball
der abnehmenden Hand zu sein.
Ökonomisch gesprochen geht es um die Segmentierung des globalen Marktes. Während auf dem globalen Markt der Preis des
weltweit günstigsten Anbieters zu bezahlen ist, ergeben sich durch
Segmentierung des Marktes veränderte Angebots- und Nachfrageverhältnisse. Außerdem müssen Wertschöpfungsallianzen vor
Ort geschlossen werden.
10. Den Aufbau solcher Märkte zu unterstützen, ist eine wesentliche
Aufgabe der Politik. Dabei geht es nicht allein um finanzielle
Beihilfen. Ein wesentliches Hemmnis regionaler Vermarktungsstrukturen sind beispielsweise die nur für Massenverarbeiter
erdachten Vorschriften ... Ähnliches gilt für die Qualitäts- und
Handelsklassen, die für den internationalen Handel geschaffen
wurden, die Besonderheiten — ja geradezu Qualitäten — regionaler
Sorten aber nicht berücksichtigen.
11.In der „Erklärung von Agrarökonomen“ wird zu Recht befürch-
tet, dass die Förderung des Ökologischen Landbaus zu neuen
Problemen führen kann, weil die Öko-Märkte zusätzliche Mengen derzeit nicht aufnehmen können. Die wesentliche Aufgabe
eines Umbaus der Landwirtschaft wird daher weniger die direkte
Unterstützung des Ökologischen Landbaus durch Produktionsprämien sein, sondern die Veränderung der Rahmenbedingungen
für regionale und ökologische Märkte.
44
12. In der „Erklärung von Agrarökonomen“ wird zu Recht festgestellt, dass wir nicht auf einer Insel leben. Daraus wird jedoch die
Konsequenz gezogen, dass unsere Landwirtschaft im Weltmarktwettbewerb bestehen müsse. Wir sind der Meinung, dass unsere
Gesellschaft eine Diskussion darüber braucht, ob sie Überschüsse
erzeugen und sich fit machen soll für deren Export. Oder ob sie
auf diesen Weltmarkt ganz oder weitgehend verzichtet, die eigenen Probleme bei sich selbst bereinigt und dafür Sorge trägt, dass
die Landwirtschaft nach den Bedürfnissen der europäischen Gesellschaften organisiert wird. Natürlich werden dies manche Unternehmen der Ernährungsindustrie nicht gerne sehen. Aber dies
wäre eine wegweisende politische Entscheidung. Es ist u.E. sinnlos, unsere Landwirtschaft für einen Weltmarkt
fit zu machen,
der noch weniger angemessene Preise für unsere Produkte bezahlen kann und wird als unsere eigenen Verbraucher.
13. Trotz jahrzehntelanger Beteuerungen der Agrarökonomen, dass
die Weltmarktorientierung die Kosten der Agrarpolitik senken
würde, ist ständig das Gegenteil passiert — die Kosten der Agrarpolitik in Brüssel sind permanent gestiegen. Mit Weltmarktpreisen sind die Kosten der landwirtschaftlichen Erzeugung nicht zu
bezahlen. Ebenso wenig wie es an den Weltmarkt angelehnte Gehälter für Agrarökonomen gibt, wird es solche für Vorleistungen,
Arbeitslöhne
und Sozialabgaben in der Landwirtschaft
geben.
Wer heute die Anpassung der Erzeugerpreise an das Weltmarktniveau fordert, der macht die Abhängigkeit der Landwirtschaft von
Subventionen permanent. Natürlich bedarf es des Nachdenkens
über die Senkung der Subventionen für die Landwirtschaft. So-
lange diese Subventionen jedoch nötig sind, um die Kosten unserer Lebensmittel zu bezahlen, sollten die Zahlungen an soziale
und ökologische Kriterien gekoppelt werden.
14. Wir halten es für wichtig, darauf hinzuweisen, dass Agrarpolitik
weitaus mehr ist als das Verteilen von Subventionen an Landwirte. Bei der Agrarsozialpolitik, der Ausbildung, Forschung, Flächennutzungsplanung,
Flurbereinigung
und auf vielen anderen
Gebieten beeinflusst der Staat die Art und Weise, wie Landwirt-
schaft betrieben wird. Wir sind daher der Überzeugung, dass eine
Wende in der Landwirtschaft nicht nur über marktpolitische In-
terventionen, sondern auch über Veränderungen in vielen rechtlichen und institutionellen Bereichen vonstatten gehen muss. Sol45
che Änderungen kosten in der Regel kein Geld. Notwendig ist
hier die Auseinandersetzung über die Art und Weise, in der in
Zukunft Landwirtschaft betrieben werden soll.
15. Die „Erklärung von Agrarökonomen” durchzieht ein grundlegender Widerspruch. Der vermuteten Neuorientierung der Agrarpolitik wird eine einseitige Bevorzugung bestimmter Formen der
Landwirtschaft unterstellt (‚klein und ‚öko‘). Die Erklärung ist
jedoch selbst durchgängig geprägt vom Bild einer ganz bestimmten Form von Landwirtschaft: einer Landwirtschaft, die unumgänglich einen strukturellen Wandel zu größeren Betriebseinheiten und internationaler Wettbewerbsfähigkeit durchzumachen
habe. Wer nach den Gründen für diese einseitige Präferenz einer
bestimmten Form der Landwirtschaft sucht, wird ein sich selbst
begründendes Erklärungsmodell entdecken: Die notwendige internationale Wettbewerbsfähigkeit wird damit begründet, dass der
Wettbewerb nicht verzerrt werden dürfe; eine bestimmte Form
der Wirtschaftlichkeit (die historisch recht jung ist) wird mit dem
Gebot der „wirtschaftlichen Vernunft“ begründet. In dieser her-
metischen Welt des ökonomischen Gebots ist kein Platz für Strategien, die auf Wertentscheidungen beruhen und Ziele anstreben
wie: Verbraucherschutz, Ernährungssouveränität, Erhaltung der
Kulturlandschaft, artgerechte Tierhaltung ...
16. Der bevorstehende mühsame Prozess des Umbaus der Landwirtschaft benötigt eine Agrarökonomie, die ihre Verstrickung in das
gescheiterte Wachstumsmodell der Landwirtschaft ernsthaft reflektiert. In unzähligen wissenschaftlichen Beiräten, Gutachten
und Forschungsprojekten haben Agrarökonomen das ökonomische Naturgesetz vom ‚Wachsen oder Weichen‘ zum Regulativ er-
klärt und damit zu der Sackgasse beigetragen, in der wir uns nun
befinden. Die Agrarökonomie wird sich in Zukunft mit einer bescheideneren gesellschaftlichen Rolle begnügen müssen. Statt ihre
Modellannahmen zu ewigen Geboten zu erklären, sollte sie diese
der gesellschaftlichen Diskussion aussetzen.
Onno Poppinga,
Ulf Hahne,
Götz Schmidt, AG
Land- und Regionalentwicklung,
Uni-
versität Gesamthochschule Kassel, Anke Schekahn, Frieder Thomas, Kasseler Institut für
ländliche Entwicklung.
Iris Radisch
Scheinheiliges Mitleid mit den Kühen —
Hungrig nach Moral
Eine Frage von alttestamentarischer Wucht: Dürfen wir 400 000 Kühe töten, ohne sie zu fressen? Für einen Augenblick hält die Nation in
ihrer Schlachthausroutine inne und sieht seinen Kälbchen tief in die
Augen. Die kleine „Jeanne d’Arc“ aus Dithmarschen, die nach bisheriger Praxis längst die Kalbsleberwurst auf unseren Stullen wäre, be-
wegt plötzlich die Herzen. Besorgte Bürger möchten Patenschaften
für süße Kälber übernehmen. Findelkälbchen Max, das bei Wind und
Wetter in einer Telefonzelle
ten überhäuft. Viele stellen
zumindest auf dem Balkon
Platz wäre. Denn wer weiß,
ausgesetzt wurde, wird von Hilfsangeboplötzlich fest; dass in ihrer Garage oder
für ein armes, todgeweihtes Kalb noch
vielleicht ist doch wahr, was inzwischen
sogar die Bild-Zeitung vermutet. Vielleicht haben Tiere doch eine
Seele.
Dieses Mitleid ist scheinheilig. Die 400 000 Kühe, deren sinnloser
Tod plötzlich empört, wären längst gefressen. Und kein Mensch hätte
nach dem Fressen noch nach der Moral gefragt. Doch fällt das große
Fressen einmal aus, wird der Mensch besinnlich: Nicht, wie Brecht
noch glaubte, nach dem Fressen, sondern ohne Fressen kommt die
Moral. Wenn nicht Moral und Fressen inzwischen ein und dasselbe
sind. „Niemand“, so schreibt das Tierschutzgesetz der Bundesrepublik
Deutschland vor, „darf einem Tier ohne vernünftigen Grund
Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Da wohl unstrittig sein
dürfte, dass die maximale Beschädigung eines Tieres der Tod ist, muss
der anschließende Fraß als „vernünftiger Grund“ für das Schlachten
herhalten.
Dass es „vernünftig“ sei, Tiere in gewaltigen Mengen zu verzehren,
ist der unantastbare Glaubensgrundsatz der Fleisch fressenden Zivili-
sation. Erst wenn das Fressen als vernünftiger Grund für das große
Schlachten ausfällt, kommt
Mitleid auf. Dabei wird nur umgekehrt
ein Kalb draus: Nicht mit dem warmen Garagenplätzchen, sondern
47
mit dem kalten Verzicht an der Fleischtheke ist der kleinen Jeanne
d’ Arc geholfen. Wem die Tiere Leid tun, der sollte sie nicht essen.
Und wer die Tiere isst, dem tut es nicht Leid.
Zwischen diesen beiden Optionen hat der Mensch die Qual der
Wahl. Denn anders als gerne behauptet wird, ist jedermann frei, seine
Nahrung zu wählen. Von evolutionärem Zwang, biologischer oder
ernährungswissenschaftlicher Notwendigkeit kann — dafür kann die
Autorin dieser Zeilen leibhaftig einstehen — nicht die Rede sein. Unbestritten gab es eine Zeit, da der unbewaffnete, nackte Mensch, umstellt von Bär, Hirsch, Löwe, Mammut und Auerochse, nicht anders
konnte, als zu töten und zu fressen, um nicht getötet und gefressen zu
werden. Auch verständlich, dass der Mensch, dieses schwache, min-
derwertige Tier, von der Hoffnung beseelt war, stark wie ein Wolf zu
werden, wenn er ein Wolfsherz fraß. Am allerverständlichsten ist, dass
der Mensch, als er endlich dank List und Bogen an der Spitze der
Nahrungkette
thronte,
sich
Jahrhunderte
lang
für
die
einstige
Schmach der Unterlegenheit am besiegten Tier gerächt hat. Fleischfressen ist seither das Symbol der Machtergreifung und des Sieges.
Der Fleischfresser gehört auf die Sonnenseite der Evolution. Der
größte Fleischfresser ist in den streng hierarchisierten Fleischkulturen
immer der König. Die Hirschskalps an der Wand, die Käfersammlung in der Schublade, die Schweinebacke im rosig aufgedunsenen
Gesicht, den Pelz ums zarte Eheweib gewickelt, den Dackel zu Füßen
— so fühlt sich der Nahrungskettenkönig bis heute am wohlsten.
Wer sich diesem Kult ums Fleisch entzieht - und das waren seit
dem 6. vorchristlichen Jahrhundert Frauen, Fremde,
Randgruppen,
Intellektuelle, die der Macht fern standen -, wird aus der Gemeinschaft der Sieger ausgeschlossen, als blutleer, engstirnig und kränklich
diffamiert. So war noch vor kurzem in einer ansonsten seriösen
Frankfurter Zeitung zu lesen, dass Säuglinge von Vegetarierinnen mit
schweren Hirnschäden zu rechnen hätten. Und so wird bis heute,
und nicht nur auf der Homepage der Fleischindustrie, die Mär vom
nur durch Fleisch zu deckenden menschlichen Eiweißbedarf weiter
verbreitet. Von einem Stück Fleisch wird noch immer behauptet, dass
es ordentlich sei, wohingegen die Fleischverächter die Ordnung der
Mythen stören. Das Fleischfressen ist ein überaus unvernünftiges Relikt eines veralteten sozialen Ritus. Mehr Kult als Kultur, mehr Kollektivneurose als Naturzwang. Es ist nicht zu verstehen, warum Katzen, Hunde, Affen, Ratten, Pferde und Mäuse keinesfalls, Rinder,
48
Schweine und Hühner dafür in unvorstellbaren Massen verspeist
werden dürfen. Und warum es in einer anderen Weltgegend gerade
umgekehrt zugeht.
Der Übergang von einer ursprünglichen Blut- und Hack- zu einer
zivilisierten Vernunft- und Mitleidskultur steht auch im 21. Jahrhun-
dert noch nicht auf der Speisekarte. Warum vertauschen die Spektakelfernsehsender nicht einmal ihre fidelen Containerjugendlichen mit
schreienden Schweinen auf der Schlachtbank? Wem dabei nicht zuerst die Moral kommt, der darf weiterfressen.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages abgedruckt aus: DIE ZEIT vom 8. Februar
2001.
KHKKK
„Ein Mythos ist beileibe keine Lüge,
sondern etwas, an das beinahe jeder
gerne glauben möchte,
und im Glauben daran
umarmt man eine kalte Zahl zu heißblütig.“
Sebastian de Grazia
KK
Günter Kunert
Ökologie-Gedanken eines Schriftstellers
Meine erste, wenn auch indirekte Begegnung mit einer Umweltka-
tastrophe liegt lange zurück — über fünfzig Jahre. Nachdem eine Katastrophe anderer Art, nämlich der Zweite Weltkrieg, ihr Ende gefunden hatte, glaubte man an eine friedliche, angstfreie und unbedrohte Zukunft. In jenen hoffnungsfrohen Tagen also, da man in allen vier Berliner Sektoren ungehindert alle Zeitungen abonnieren
und lesen konnte, geriet mir ein TIME-Magazin in die Hände. In
diesem Heft fand sich ein Bericht, unvergessen und wie ein Menete-
kel, über eine Kleinstadt in Pennsylvania. In dieser Ortschaft existierte eine Aluminium-Hütte, und als eines Nachts sich die Dämpfe des
Werkes mit dem Herbstnebel in Donora, wie der Ort hieß, vermischten, erwachten am nächsten Morgen fünfundsechzig Einwohner
nicht mehr. So geschehen im Jahre 1947.
Weil ich zu jener Zeit bereits zu schreiben angefangen hatte, nutzte
ich diesen Vorfall für ein Gedicht, das ich 1950 veröffentlichte. Damals, da die absolute Mehrheit der Menschen noch in ökologischer
Unschuld lebte, mag dieses ferne, mich persönlich nicht betreffende
Ereignis dennoch ein Anstoß für eine gewisse Aufmerksamkeit gewe-
sen sein. Und just dieser frühen Aufmerksamkeit verdanke ich meinen Ruf als Schwarzseher, als Pessimist, als von den ewigen Optimisten ironisch bezeichnete „Kassandra von Kaisborstel“.
Ich war mit einem ansonsten fragwürdig evangelistischen Wort
„erweckt“ worden. Und ich reagierte, was man ja Lyrikern ohnehin
zuschreibt, seismografisch. In meinen Erinnerungen an die DDR
tauchen obskure Momente auf, Momente der offiziellen Verdrängung
des Unheils. So zum Beispiel gedenke ich noch heute mit Kopfschütteln einer Versammlung im Schriftstellerverband, wo ein Kulturfunktionär den Autoren des Langen und Breiten erklärte, der im Westen
gängige Slogan vom „Blauen Himmel über der Ruhr“ stelle nichts
anderes dar als eine Ablenkung vom Klassenkampf. Die so genannte
„Umweltproblematik“ sei eine Erfindung der Imperialisten, um we-
sentliche politische Fragen auszuklammern.
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Und meine Kollegen
nickten dazu mit ihren dummen Köpfen, denn ihnen fehlte, was eigentlich die Grundlage ihrer Tätigkeit sein sollte, die Fantasie. Dabei
waren die Signale, solche, auf welche die Völker nicht hören wollten,
für jedermann kenntlich. Allein schon der Umstand, dass man morgens beim Fensteröffnen mit dem Handfeger den Russ vom Fensterbrett kehren musste, weil während der Nacht Kraftwerke und Fabriken ihre Rauchfilter abschalteten, falls sie überhaupt über dergleichen
verfügten, genügte, um sich der Situation bewusst zu werden. Und
beim Spaziergang durch den Treptower Park, in dessen Nähe ich
wohnte, und entlang der Spree fand man ausreichende Mengen toter
Fische am Ufer, die wohl kaum durch Agenten des Imperialismus
umgebracht worden waren ...
Ich ließ mich auf Diskussionen ein, bei denen ich selbstverständlich den Kürzeren zog. Eingeladen nach Weimar, um während der
dortigen Sommeruniversität aus meinen Arbeiten zu lesen, entwickelte sich anschließend eine Diskussion, wie oftmals nach Lesungen.
Und diese Diskussion geriet, bedingt durch einige meiner Texte, sehr
rasch auf das ökologische Gleis. Mein Gastgeber, ein Professor Rich-
ter, machte eine zunehmend bängliche Miene, weil die Anwesenden
als Nicht-DDR-Bürger keine Hemmungen kannten. Ja, mit den Ausländern gab es immer Schwierigkeiten durch ihren Mangel an Diskre-
tion bei verfänglichen Fragen. Und als ich schließlich zu sagen wagte,
es sei doch ziemlich nebensächlich, ob die Abgase aus einem „Mercedes“ oder einem „Moskwitsch“ kämen, raunte mir Professor Richter
ins Ohr: „Hierher werden Sie nie wieder eingeladen!“ Dieser kurze
Satz bestimmte fernerhin meine Nicht-Auftritte in der DDR.
Ein einziges Mal gelang es mir, in der Zeitschrift SINN UND
FORM so etwas wie eine Debatte zum Ökologie-Thema anzuregen;
freilich wurde sie sogleich durch den Chefredakteur Wilhelm Girnus,
einen extremen
Hardliner, abgewürgt. Zur Wasserverschmutzung
nahm er auf eine geradezu erheiternde Art und Weise Stellung: Er
behauptete allen Ernstes, dass die Verschmutzung der Berliner Gewässer einzig und allein von den Schwimmern herrühre, die mir
nichts, dir nichts ihrem Urin freien Lauf ließen ...
Ja, es war nicht alles schlecht in der DDR - insbesondere die unfreiwillige Komik besaß, was in anderen Bereichen fehlte, wirklich
Weltniveau.
Durch die amtliche Ignoranz erschien es den Bürgern legitim, sich
ihres Drecks in der Natur zu entledigen. Auf meinen Wanderungen
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durch „Wald und Flur“ nahe meinem Wohnhaus begrüßte ich wöchentlich mehr und mehr funktionslos gewordene Produkte der Industrie: Fahrradskelette, verbeulte Kühlschränke, unbrauchbare Gaskocher, durchgebrannte Kochtöpfe, Eimer, Farbdosen, Motorölkanister; alles, was der Mensch nicht mehr benötigt, fand sich am
Wegesrand wieder. Einmal traf ich eine Frau, die einen ganzen Sack
voller Blechabfälle zwischen die Bäume kippte, mich aber gar nicht
erst zu Wort kommen ließ, sondern sich mit einem entschuldigenden
„Ich weiß ja, ich weiß ja!“ in die Büsche schlug. Wie der Herr — so’
Gescherr!
Freilich, die DDR war kein solitärer Platz der unsplendid isolation.
Gleichgültigkeit, Desinteresse, Verdrängung, Missachtung beschränk-
ten sich keineswegs auf den real existierenden Sozialismus. Auch in
anderen Ländern entdeckte man eine bemerkenswerte Sorglosigkeit
im Umgang mit den Grundlagen des eigenen Daseins. Wobei, was
immerhin positiv anzumerken ist, in Deutschland das, was man sich
angewöhnt hat, „Umweltbewusstsein“ zu nennen, noch am weitesten
entwickelt ist. Vielleicht gerade wegen der frühen Einsichten in die
von uns bewirkten Zerstörungen. Aber, und hier gehört ein ABER
her, dieses Bewusstsein verändert noch gar nichts.
Ich erinnere mich an die Tage, da wir aus Ostberlin in den Westen,
nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, umgezogen waren und ich mor-
gens die frisch abonnierte Zeitung aufschlug und auf der fünften Seite eine kleine Meldung las, des Inhalts, dass drei Prozent des deut-
schen Waldes geschädigt seien. So der Stand 1979. Mich erschreckte
die Meldung, nur konnte ich meine Vorstellung, hier handele es sich
erst um den Anfang des Waldsterbens, keinem meiner Bekannten
und Freunde vermitteln. Das ist rund zwanzig Jahre her, viel Gerede
ist seitdem geflossen, vor allem, dass guter Rat viel zu teuer sei und
außerdem andere, gravierende Probleme primär gelöst werden müssten. Ja, in Ausreden, Beschönigungen und Euphemismen-Erfinden
sind wir Meister. Mögliche Bedenken, gar Gewissensbisse lassen sich
aufs Simpelste sprachlich „entsorgen“. Weh dem, der gegen den Konsens des Wegsehens und Weghörens verstößt. Auch seine Mahnung
oder Warnung wird verbal neutralisiert, indem er selber zum Außenseiter deklariert wird.
Meine Erfahrungen nach so genannten „Dichterlesungen“ waren
und sind stets ein und dieselbe. Sobald es nach der Lesung zu einem
Dialog mit dem ansonsten akzeptierten Poeten kommt, ergibt sich
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sogleich der Dissens: Der Dichter zeigt, wie man im Publikum selbst-
gewiss feststellt, in seinen Gedichten eine äußerst negative Sicht der
Dinge. Und ich weiß, gleich fällt der Satz: „Wenn ich so wie Sie denken würde, könnte ich mich ja aufhängen!“ Der Nächste ruft aus
dem Hintergrund: „Warum sehen Sie denn alles so schwarz, so
schnell geht die Welt nicht unter!“ Ich habe dann das unabweisliche
Gefühl, mich an Bord der „Titanic“ zu befinden und dabei als Einziger Kenntnis von der Kollision mit dem Eisberg zu haben. Sonst hat
niemand etwas bemerkt. Man fährt ja weiter, es läuft wie geschmiert,
kleinere Pannen werden ausgebügelt, das Drei-Liter-Auto steht vor
der Tür, obwohl vor keiner amerikanischen, keiner mexikanischen
und vor keiner indischen. Und man glaubt mich listig erwischt zu
haben, indem man strahlend erklärt: „Übrigens sind die Aale (oder
sonstwelche Fische) in den Rhein zurückgekehrt!“, als wäre mit einem
regenerierten Fischbestand der Planet gerettet. Gläubig nehmen die
Leute derartige Trostpreise entgegen. Auch der Seeadler ist wieder da,
obwohl er, gleich der einsamen Schwalbe, keinen Sommer macht;
und die Meldung, dass bei der letzten Schiffshavarie an der Nordseeküste 16 000 Seevögel die Verölung nicht überstanden, hat auch
nicht gerade ermuntert.
Es ist alles andere als eigenartig, dass man sich müht, die Summation der Fakten für Übertreibung zu halten. Dass die Menschheit
noch jede Katastrophe überstanden hätte, gehört unabdingbar zum
Repertoire jener, die sich und ihre Verwandten und Bekannten für
die Menschheit halten. Der Mangel an Information ist nicht das
Schlimmste, auf das man stößt, nicht der Unglaube an Kriege um ein
Glas Trinkwasser; es ist eine selbstblinde Egozentrik, die sowohl lächerlich wie erschütternd ist. Dass man selber durch Energieverbrauch, durch Reduktion nicht erneuerbarer Ressourcen an dem
wachsenden Debakel beteiligt sein könnte, kommt kaum einem in
den Sinn. Weil jeder, ohne es jemals zuzugeben oder sich einzugestehen, nach dem Motto des Ancien Regime verfährt: nach mir die Sintflut.
Vor allem ab einem bestimmten Alter, da die individuelle Zukunft
deutlich zu schrumpfen beginnt, wächst das Laisser-faire im Umgang
mit der Umwelt. Sie wird einem egal, da man persönlich eventueller
Folgen enthoben ist. Sollen die Nachfolgenden doch für sich selber
sorgen, uns geht das nichts mehr an. Und man muss sogar die heikle
Frage stellen, ob nicht hinter solcher Haltung etwas wie Schaden53
freude steckt auf alle, die das Leben noch vor sich haben, während
man selber bereits dem Ende zuwankt ...
Die Verantwortung einer Generation für die noch Ungeborenen,
also für etwas eher Abstraktes, sinnlich nicht Erfahrbares, ist eine Fiktion, die in den Sonntagsreden der Politiker zu den beliebten rhetori-
schen Apotheosen zählt. Der Countdown läuft nicht erst seit gestern;
er hat mit unserer fast naturhaft sich ergebenden Option
für die Industriezivilisation eingesetzt. Man lese in den verstaubten
Pandekten nach, was wir bereits vor Epochen um unseres Wohlstandswillen vernichtet haben. Ach, wir brauchen doch bloß in die
Regionen unserer winterlichen Sehnsüchte zu reisen, damit wir den
totalen Kahlschlag wahrnehmen. Nur da wir ihn als Zeitgenossen
nicht miterlebten, erscheint uns heute eine abgetötete Landschaft als
naturgegeben. Was man nicht sterben sah, vermisst man nicht. Das
heißt: Jede Generation wächst in der Gewöhnung an Verhältnisse
und Umstände auf, die einen weiteren Schritt in Richtung Abgrund
bedeuten.
Der Prozess verlief bisher schleichend, wird sich aber exponentiell
steigern, wenn die vielen kleinen und mittleren Apokalypsen sich au-
tomatisch
zusammenschließen.
Stephen
Hawking
spendiert
der
Menschheit großzügig noch ein Millenium für ihre Existenz, eine tatsächlich überaus optimistische Prognose. Vergessen wird, dass die gegenwärtig hymnisch gefeierte „Globalisierung“ außer ihren pekuniä-
ren und technologischen Aspekten auch eine Kehrseite hat, von deren
Auswirkungen wir bisher kaum etwas ahnen. Wie immer erwarten
wir von unseren grandiosen Innovationen das Heil, unfähig die zu
erwartenden Ergebnisse abschätzen zu können.
Schlagen wir spaßeshalber eine alte Zeitung auf, eine aus der quasi
guten alten Zeit des späten 19. Jahrhunderts, bitte die Humortseite,
und amüsieren wir uns mit unseren Urgroßvätern über eine Erfin-
dung, welche man für regelrecht närrisch hielt, über ein pferdeloses
Fahrzeug, das mit viel Gestank und Gerüttel durch die Straßen ruckelte, „Töff-Töff“ genannt. Wie hat man über das Monstrum gelacht, bevor es zum Monster wurde. Niemand vermochte die Konse-
quenzen auch nur zu ahnen. Und just so wie einst unsere Vorfahren
voller Naivität und Begeisterung die technologische Entwicklung bejubelten, so stehen wir selber als künftige Vorfahren da, schuldbeladen ohne es zu wissen. Freilich, es gibt das Dilemma Erkennende,
nur ist ihre Stimme zu schwach.
54
Rüdiger Safranski, einer der wenigen Einsichtigen, schreibt (1997,
52329:
Was bedeutet es, wenn der Eigensinn der Zivilisation stärker ist als die Absicht der Menschen? Vielleicht müssen wir erst noch begreifen, daß wir uns
mit der Logik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation auf Strukturen
und Kräfte bezogen, die jenseits unserer Verfügungsgewalt liegen, auch wenn
sie sich nur dach unsere Aktivität manifestieren.
Wenn es aber die Strukturen und die Systemlogik sind, die uns bestimmen, so sind sie damit für uns
zu einer neuen Art des Heiligen geworden, rational und numinos zugleich.
Sie wirken durch uns, wir sind ihrer aber nicht mehr Herr.
Ich plädiere dafür, dem neuen Gott, diesem wahren Deus ex machina,
die Unterwerfung zu verweigern.
Literaturhinweis
Safranski, Rüdiger: Das Böse oder das Drama der Freiheit, München: Carl Hanser Ver-
lag 1997.
KHK
„Was tut man, wenn man in einer
Irrenanstalt eingesperrt ist und
die Ärzte alle gefährliche Irre sind?“
Arundhati Roy
KRKKK
I. REPLIK
Thomas Knopf
Zwischen Natur und Kultur —
Zu den Bedingtheiten menschlichen Umweltverhaltens
Der Anlass
Über die Ursachen menschlichen Umweltverhaltens wurde im
JAHRBUCH ÖKOLOGIE mehrfach intensiv diskutiert (vgl. z.B. Bauriedl 1996 und Leunig/Heider 1998). Sven Leunig und Jörg Heider
führten hierbei die These eines „evolutionären Egoismus“ aus.
Grundlegende umweltschädigende Verhaltensweisen wie Selbstsucht,
Aggression und Besitzstreben gingen auf evolutionär herausgebildete
und genetisch festgeschriebene Handlungsmuster zurück. Hinsichtlich der Motive für umweltzerstörerisches Verhalten vertraten sie
damit eine grundsätzlich andere Meinung als Thea Bauriedl zwei Jah-
re zuvor. Sie hatte die Unfähigkeit des: Einzelnen und der Gesellschaft, auf selbst verursachte, bedrohliche Schädigungen unserer
Ökosysteme sinnvoll zu reagieren, auf eine Art unbewusstes und kol-
lektives Suchtverhalten zurückgeführt; dieses sei sowohl individuell
als auch in unserer Gesellschaftsstruktur verankert und kompensiere
Angstgefühle.
Beide Aufsätze sind von einer eher pessimistischen Perspektive ge-
prägt. Während Leunig/Heider angesichts menschlicher Verhaltensdeterminierungen keine prinzipiellen Möglichkeiten für die „Rettung
der Welt“ sehen, existiert für Bauriedl zumindest die Chance, durch
strukturelle Veränderungen in Politik und Gesellschaft Veränderungen herbeizuführen.
Im Folgenden sollen nun einige Aspekte angesprochen werden, die
zeigen, dass unser Umweltverhalten auch außerhalb genetischer Fixie-
rungen, nämlich durch kulturelle Rahmenbedingungen, gesteuert
wird. Die potenzielle Wandlungsfähigkeit kulturell bestimmter
56
Handlungs- und Denkweisen gibt zwar keinen Anlass zu sprühendem
Optimismus; sie ermöglicht jedoch einen weniger pessimistischen
oder gar fatalistischen Ausblick auf gesellschaftliche Veränderungen.
Die Grundlagen
Zwei fundamentale Faktoren beeinflussen das menschliche Verhalten:
genetisch festgeschriebene Handlungsmuster und kulturspezifisch
festgelegte Normen. So gegensätzlich diese zwei Bereiche meist verstanden werden, so eng sind sie miteinander verbunden. Entsprechend schwierig ist es, für einzelne Verhaltensweisen eine analytische
Trennung vorzunehmen.
Für die Herausbildung vererbbarer Verhaltensstrukturen werden
oft evolutionsgeschichtliche Umstände verantwortlich gemacht. Neben elementaren Strategien des Lebens (vgl. Verbeek 1998) spielen
die spezifischen Lebensbedingungen des Paläolithikums, also der Phase der „Menschwerdung“ mit der vorläufig letzten Stufe des Homo
sapiens sapiens, eine Rolle. Die genetische Verhaltensfixierung des
Menschen stammt somit zumindest zum Teil aus demjenigen Abschnitt seiner Existenz, der von einer jägerisch/sammlerischen Lebensweise und einer überschaubaren sozialen Gruppe, das heißt einer
Großfamilie, bestimmt war. Nur in diesem vergleichsweise kleinen
sozialen Rahmen mussten sich die Menschen orientieren können.
Komplexes und vorausschauendes Denken war nur so weit sinnvoll,
wie es die Existenz- und Fortpflanzungssicherung der eigenen Person
und der eigenen Gruppe sicherte. Eine entsprechende Vorsorge und
Umsicht konnte auf wenige Jahrzehnte begrenzt werden. Auch die
geringe Lebenserwartung schränkte eine weiter reichende Zukunftsperspektive ein. Die Vorstellung, eine Tierart könnte bei gleich bleibender Bejagung in einigen hundert Jahren ausgerottet sein, gehörte
nicht zu den notwendigen Überlebensmaßnahmen, zumal ein Ausweichen auf andere Nahrungsressourcen vergleichsweise einfach war.
So zeichnet sich etwa im archäologischen Befund mehrerer Kontinente bzw. Inseln ab, dass immer wieder eine große Zahl von Großsäugerarten durch altsteinzeitliche Menschen ausgerottet wurde (vgl.
Schüle/Schuster 1995).
Kaum jemand wird bestreiten wollen, dass Grundtendenzen unserer Handlungen von evolutionsgeschichtlich angelegten Mechanismen der Verhaltenssteuerung bestimmt werden. Dies gilt auch für
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kurzfristige Interessensicherung und Egoismus, sei es persönlicher
oder gruppenspezifischer Art. Gerade diese — gleichsam in uns festgeschriebenen — Eigenschaften werden für die heutige Umweltkrise
immer wieder verantwortlich gemacht (vgl. Verbeek 1998). So sind
unsere eigenen ökonomischen
solche von Unternehmen
momentane,
Ziele, die unserer Familie, aber auch
und Staaten ganz überwiegend auf die
überschaubare Zeit ausgerichtet und dienen in erster
Linie der kurz- und mittelfristigen Existenzsicherung, was durchaus
auch im Sinne eines Erhalts der eigenen Gene oder Machtstrukturen
zu verstehen ist.
In unseren alltäglichen Entscheidungen steuern uns aber nicht nur
naturgegebene Triebe oder in der Urgeschichte angelegte Handlungsdeterminanten. Vielmehr sind es kollektive Gewohnheiten, Standar-
disierungen und Konventionen, die uns — ähnlich wie genetische
Konstanten — oft als „normal“ und relativ unveränderlich erscheinen.
Diese überindividuellen Verhaltensregeln zwingen uns geradezu bestimmte Handlungsmuster auf, die mit dem Tun der anderen Mitglieder unserer Gemeinschaft übereinstimmen müssen. Die Summe
solcher Normen wird auch als „Kultur“ bezeichnet, wobei auch mate-
rielle Güter eingeschlossen sind, die ja in aller Regel ebenfalls gewissen Standardisierungen unterliegen.
Kultur in diesem Sinne ist eng mit Tradition verknüpft, denn Verhalten und Wissen wird erlernt und weitergegeben. So war der Zeithorizont des prähistorischen Menschen
zwar eingeschränkt, aber er
konnte seit dem Aufkommen komplexeren Sprachvermögens auf tradierte Verhaltensweisen und Erfahrungen zurückgreifen, die die gene-
tischen Dispositionen überschritten. Sprache, Werkzeuge, Moral-,
Sexual- und auch Umweltverhalten sind als Bestandteil kultureller
Normen von zahlreichen Faktoren abhängig und mehr oder weniger
starken Wandlungen unterworfen. Dementsprechend zeigen Gesell-
schaften — seien sie historisch, ethnografisch oder soziologisch dokumentiert — nicht selten in den gleichen Lebensbereichen stark diver-
gierende Verhaltensweisen.
Der Mensch ist also ein „Kulturwesen von Natur aus“ (Atzwanger
1999). Dies gilt auch für den Umgang mit der Umwelt bzw. das Verhalten, das sich direkt oder indirekt schädlich auf die natürliche Umwelt auswirkt.
58
Kultur statt Natur — einige Argumente
Die hier ausgewählten Gesichtspunkte betreffen sowohl individuelle
als auch kollektive Verhaltensweisen (Besitzstreben bzw. Kooperation), sowohl handlungsorientiertes Verhalten als auch Denkweisen
(Idealismus bzw. Naturwahrnehmung). Das Streben nach Besitz, im
Sinne einer Anhäufung materieller Güter, speziell Nahrungsmitteln,
mag seine ursprüngliche Motivation im Trieb der Existenzsicherung
haben. Auf dieser Ebene wäre es mit einer Vorratshaltung zu vergleichen, wie sie auch bei Tieren (z. B. Eichhörnchen) angetroffen wird.
Geht man von der oben ausgeführten These der Herausbildung
genetisch verankerten Verhaltens aus, so ergeben sich aber Widersprüche. Besitz spielt bei jägerisch/sammlerisch orientierten Gruppen
kaum eine Rolle. Jeder persönliche Gegenstand muss mit eigener
Körperkraft getragen werden. Das bedeutet, dass bereits mit lebensnotwendigen Werkzeugen, Nahrung sowie Kleinkindern die Transportkapazität erschöpft ist. Prestigegewinn konnte daher wohl eher
durch jägerische, sammlerische Erfolge oder spezielle soziale Fähigkeiten erlangt werden. Einzig kleinere Schmuck- oder Kunstobjekte wären im Sinne eines zusätzlichen materiellen, aber auch ideellen Wertes
vorstellbar.
Erst die sesshafte Lebensweise ermöglichte die Ansammlung von
Besitz. Grundlage dafür war die Möglichkeit zur Überschussproduktion auf Basis von Tier- und Pflanzendomestikation sowie technischen Neuerungen (Töpferei, Pflug etc.). Hinzu kamen neuartige soziale Beziehungen im Rahmen des bäuerlichen Lebens. Innovationen
wie.Sesshaftigkeit, Züchtung und neue Gerätschaften sind kulturelle
Errungenschaften. Der Drang nach Besitz und die Sicherung von
Ressourcen gegen Konkurrenten hängt daher in erster Linie mit der
agrarisch-sesshaften Kulturentwicklung zusammen.
Leunig und Heider (1997) haben das „Trittbrettfahrer-Syndrom“
und die mangelnde Kooperation bei gemeinsam genutzten Ressourcen (Allmende) als grundlegende anthropologische Verhaltensweise
beschrieben. Diese „Strategien“ seien praktisch während der gesamten
Menschheitsgeschichte zum Einsatz gekommen. Die Ursache liege im
kurzfristig-egoistischen Denken begründet. Seit dem Essay von Garrett Hardin von 1968 über die damit verbundene Problematik steht
das Schlagwort von der „Tragödie der Allmende“ (tragedy of the commons) im Raum. Die seither geführten Diskussionen, speziell an kon59
kreten Beispielen, haben deutlich gemacht, dass Allmende-Konstellationen von einer Fülle kultureller, sozialer und naturräumlicher
Faktoren abhängig sind (GAIA 1998). Dabei finden sich auch viele
Beispiele für funktionierende Allmenden, wie etwa der kollektive
Einsatz von Bewässerungssystemen oder eine nachhaltige Waldnutzung (Radkau 2000). Sie verdeutlichen, dass unter spezifischen Be-
dingungen eine gemeinschaftliche Nutzung nicht zwangsläufig von
Egoismen diktiert wird.
Das Phänomen Altruismus besitzt in seiner „reziproken“ Ausprägung (Leunig/Heider 1997) seinen Ursprung sicher im Nutzen für
den genetischen Erhalt der eigenen Gruppe. Auch individueller Vorteil bei wechselseitiger Hilfe bzw. unmittelbarer Gegenleistung ist unter entwicklungsgeschichtlicher Perspektive zweckmäßig. In solchen
Fällen liegt eine evolutionär sinnvolle Eigenschaft vor, die mehr oder
weniger stark über Erbanlagen weitergegeben wird. Ein altruistischer
Einsatz mündet aber nicht zwangsläufig in einem genetischen Erfolg.
Die „Belohnung“
kann z.B. auch in einem Zugewinn
an sozialem
Prestige bestehen. Auch eine erst viel später zu erwartende persönliche Gegenleistung (etwa Pflege im Alter) und, allgemeiner ausgedrückt, die Berücksichtigung eines über das Individuum
hinausge-
henden Zeithorizontes haben die evolutionär angelegten, selbstsüchtigen Ziele zumindest ein Stück weit hinter sich gelassen (vgl.
Atzwanger 1999). Unterschiedliche gesellschaftliche Normen und vor
allem religiöse Motive können zu verschiedenen Formen altruistischen Verhaltens führen, die mit dem Erhalt des Genbestandes kaum
etwas zu tun haben. Man denke etwa an unbezahlte soziale Dienste
oder die selbstlose Aufopferung eines Pater Kolbe im KZ Auschwitz
(vgl. Verbeek 1998).
Auch idealistisches Engagement - sei es individuell oder institutionalisiert verwirklicht — im Umweltschutz, in der Entwicklungshilfe
oder bei amnesty international, um nur drei Beispiele zu nennen,
sprechen für eine kulturell gesteuerte, nicht evolutionäre Ausrichtung. Sie hat nicht die persönliche oder gruppenspezifische Existenzsicherung als Ziel, sondern eher den Schutz der Lebensgrundlagen
bzw. die Sicherung von Grundrechten. Hier handelt es sich also um
vergleichsweise abstrakte Ziele für Fremde bzw. für die Zukunftssicherung eines Gemeinguts aller Menschen.
Die natürliche Umwelt wurde zu manchen Zeiten und in einigen
Gebieten der Erde als „übermächtiger Feind“ angesehen. Es kann je60
doch nicht davon ausgegangen werden, dass diese Sichtweise im Zuge
der Evolution als überlebensdienliches Element entstanden ist. Natur
wurde zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich wahrgenommen.
Unser westlich-europäisches Naturbild hat sich erst in der Neuzeit
entwickelt (vgl. Groh/Groh 1991). Die zunehmende Distanz zur Natur führte zur Möglichkeit der genießenden, praktisch zweckfreien
Betrachtung. Die vorherrschende Sichtweise ist somit auch von
ästhetischen Gesichtspunkten geleitet. In der Antike wurde Natur
noch in einem metaphysischen Sinne als umgreifendes Ganzes und
Göttliches verstanden. Im Mittelalter schien die Natur durch den
Sündenfall mit ins Verderben gezogen. Entsprechend sah man Berge
als schrecklich und bedrohlich und die Wildnis als eher nutzlos an.
Naturerfahrung ist somit ein historisch bedingtes Konstrukt unserer
Kulturauffassung und unterliegt einem Wandel grundlegender Deu-
tungsmuster. Auch der Blick auf rezente „Naturvölker“ zeigt, dass
sich deren Vorstellung von unserem neuzeitlich-abendländischen Na-
turbild deutlich unterscheidet (vgl. Bargatzky 1992). Natur ist dort
kein „aus dem Verhaltens- und Sinnzusammenhang des Lebensvoll-
zugs in der Gemeinschaft herauslösbares, separates Sein“ (ebd. 401).
Vielmehr ist die Wahrnehmung der Realität von einer mythischen
Übereinstimmung von Natur, Göttern und Menschen geprägt.
Fazit
Es ist unbestritten,
dass unser Verhalten
in verschiedener
Hinsicht
determiniert ist. Zum einen gibt das genetisch festgeschriebene Ver-
halten Muster vor, innerhalb derer — ähnlich wie bei der Ausbildung
der Körpergröße — gewisse Spielräume vorhanden sind. Zum anderen
prägen uns kulturspezifische Maßstäbe, in der Regel kollektive Verhaltensweisen, die sich aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Kons-
tellationen und ihrer Geschichte als scheinbar „normales Verhalten“
herausgebildet haben. Beides beeinflusst uns in aller Regel unbewusst,
eine Trennung in jeweilige Ursachen fällt daher schwer.
Für unser Umweltverhalten haben Leunig/Heider vor allem einen
evolutionären Egoismus verantwortlich gemacht, der sich in Besitz-
streben, mangelnder Kooperation, reziprokem Altruismus und einer
spezifischen Naturwahrnehmung
äußere. Gerade für diese Punkte
konnte jedoch gezeigt werden, dass sie in erheblichem Maße kulturell
definiert sind und nicht oder nicht ausschließlich auf genetische Pro61
grammierungen zurückgehen. Die Existenz eines evolutionären
Egoismus sei nicht generell bestritten, jedoch scheinen in einer Reihe
von Punkten normative Mechanismen unserer Kultur mehr Einfluss
zu besitzen. Nicht zu Unrecht wird daher im Kontext der Umweltkrise auch von einer „Krise der Kultur“ gesprochen (Kruse-Graumann
1997). Was bedeutet das für die Zukunft unseres Umweltverhaltens
und letztlich für die Perspektiven unseres Planeten?
Kulturelle Errungenschaften wie Sprache, Gebräuche, Riten oder
materielle Güter unterliegen einem ständigen, mehr oder weniger
starken Wandel. Zugleich werden zentrale, aber auch eher randliche
Wertmaßstäbe und Informationen als kollektive Verhaltensweisen
und mittels institutionalisierter Einrichtungen, wie z.B. Familie, Aus-
bildung, Beruf etc., weitergegeben. Kultur ist somit auch Tradition,
die wir nicht zuletzt selbst gezielt beeinflussen: die Vorgaben an Bildungseinrichtungen
durch
Lehrpläne,
die Vermittlung
spezifischer
Werte und Vorstellungen — seien sie positiv oder negativ — durch die
Medien, gezielte, meist öffentliche Förderung von Aufklärungskam-
pagnen oder auch speziellen Forschungsschwerpunkten, Gesetze usw.
Dabei wird deutlich, dass die Kultur hinsichtlich tendenziell gegen-
läufiger Strukturveränderungen umso träger ist, je größer der soziale
Rahmen und die Anzahl der Akteure in verschiedensten Konstellationen sind.
Dennoch sind Veränderungen, gerade im Verhalten gegenüber der
Umwelt, grundsätzlich möglich. Wir stehen nicht vor einer unabwendbaren „evolutionären Sackgasse“. Sicher sind strukturelle Veränderungen, wie sie Bauriedl gefordert hat, schwer umzusetzen. Es sind
viele kleine Schritte notwendig, um gewohnte Normen aufzubrechen.
Ansätze sind durchaus vorhanden. So ist es zumindest für die Mehrheit der Bevölkerung inzwischen durchaus „normal“, Müll zu tren-
nen, und dies, obwohl es früher als selbstverständlich erschien, Abfälle auf Müllkippen oder in den Müllschlucker zu werfen.
Eine wichtige Rolle spielen sicher Bildung und Aufklärung bei der
Weitergabe und Veränderung von Werten. Grundlagenwissen um
komplexe Zusammenhänge und vernetztes Denken müssen hier verstärkt vermittelt werden und zur Basis des konkreten Umweltverhal-
tens werden. Die Einrichtung eines Pflichtfachs „Ökologie“ an Schulen und Hochschulen ist dabei ein erster wichtiger Schritt. Hier
könnte ein nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen
gleichsam im positiven Sinne „indoktriniert“ werden. Letztlich muss
62
das Gelernte dann zur kollektiven Regel werden, das heißt zur sozialen Norm, über die nicht mehr in jedem Einzelfalle nachgedacht und
diskutiert werden muss.
Von fundamentalen Veränderungen unserer Denkstruktur sind wir
sicher noch weit entfernt, und ein wirklicher Wandel der strukturellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zeichnet sich noch nicht
recht ab. Bei aller Skepsis, die somit angesichts der momentanen
ökologischen Situation angebracht ist, bleibt festzuhalten: Menschen
können unter den entsprechenden kulturell-strukturellen Bedingungen ihr Umweltverhalten doch ändern!
Literaturhinweise
Atzwanger, Klaus: Der Mensch als Kulturwesen von Natur aus: verhaltensbiologische
Überlegungen, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Band
129, 1999.8.2331.
Bargatzky, Thomas: Kulturökologie, in: H. Fischer (Hg.): Ethnologie. Einführung und
Überblick, 3. Auflage, Berlin 1992, S. 383-406.
Bauriedl, Thea: Wann ändern Menschen ihr Verhalten?, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE
1996, S. 11-17.
GAIA: Beiträge zum Brennpunkt „Allmende“, in: GAIA 7, Heft 4, 1998, S. 251-254;
271-278; 304-307.
Groh, Ruth/Groh, Dieter: Weltbild und Naturaneignung.
Natur, Frankfurt a.M. 1991.
Kruse-Graumann,
Zur Kulturgeschichte der
Lenelis: Die Krise der Kultur braucht die Sozialwissenschaften,
in:
SPD-Bundestagsfraktion (Hg.): Lust auf Zukunft. Nachhaltige Entwicklung — die
sozial-ökologische Erneuerung der Gesellschaft, Bonn 1997, S. 76-77.
Leunig, Sven/Heider, Jörg E. A.: Warum Menschen ihr Verhalten nicht ändern!, in:
JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1998, S. 21-30.
Radkau, Joachim: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt, München
2000.
Schüle, Wilhelm/Schuster, Sabine: Klima, Speer und Feuer. Zur ökologischen Rolle des
frühen Menschen, in: Jahrbuch des
Mainz, Band 42, 1995, S. 207-255.
Römisch-Germanischen
Zentralmuseums
Verbeek, Bernhard: Die Anthropologie der Umweltzerstörung. Die Evolution und der
Schatten der Zukunft, 3. Auflage, Darmstadt 1998.
III. SCHWERPUNKTE 2002
1. „RIO + 10“
Heike Leitschuh-Fecht/Petra Stephan
„Rio + 10“. Der Count-down läuft!
Der Vorbereitungsprozess für den „Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung“ (kurz: „Rio + 10“) läuft auf Hochtouren. Zehn Jahre nach
der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen
(UNCED) in Rio de Janeiro wird im Herbst 2002 in Johannesburg
Bilanz gezogen. Im Rückblick war UNCED 1992 sicherlich eines der
wichtigsten internationalen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts:
Staats- und Regierungschefs aus 176 Nationen einigten sich in Rio
auf ein gemeinsames Leitbild — das der nachhaltigen Entwicklung
(sustainable development). Dieses Leitbild versprach Lösungen für die
brennenden
ökologischen
und
sozialen
Probleme
in ‚Nord‘
und
‚Süd‘. Die Richtung, die für eine nachhaltige Entwicklung eingeschlagen werden sollte, gab die AGENDA 21, das globale Aktionsprogramm, vor. Die Ausstrahlungskraft der Konferenz und ihrer Be-
schlüsse ist bis heute politisch wie gesellschaftlich spürbar — wenngleich sich derzeit das Primat des Wirtschaftswachstums gegenüber
der Idee der nachhaltigen Entwicklung zunehmend
scheint. Wo also stehen wir im Jahr 10 nach ‚Rio‘?
durchzusetzen
Der hehre Geist von ‚Rio‘...
Die Länder des Nordens waren in ‚Rio‘ auf eine Kooperation des Südens angewiesen, sollte den globalen ökologischen Herausforderungen wie dem Klimawandel und dem Verlust der biologischen Vielfalt
Einhalt geboten werden. Endlich setzte sich die Erkenntnis durch,
dass die globalen Umweltprobleme, die letztlich alle Nationen dieses
64
Planeten bedrohen, nur gemeinsam, also kooperativ lösbar sind. Üb-
licherweise treten die Länder des Südens auf dem internationalen politischen Parkett als Bittsteller auf. In ‚Rio‘ hatten sie im Verhand-
lungspoker etwas entgegenzusetzen — und entsprechend fielen die
Verhandlungsergebnisse aus: Dem Süden wurden Wachstumsspielräume zugebilligt und der Norden stimmte — zumindest nominell —
einem Transfer von Technologien und von zusätzlichen Finanzmitteln
zu. Gleichzeitig bekannte sich der Norden erstmalig zu seiner Ver-
antwortung als Hauptverursacher der weltweiten Umweltdegrada-
tion. Auch andere Umweltverträge belegen, dass die Verhandlungs-
macht der Entwicklungsländer seit der UNCED zumindest im Umweltbereich gewachsen ist (Biermann 1998).
Die in ‚Rio‘ unterzeichneten Verträge — neben der AGENDA 21 die
Biodiversitätskonvention und die Klimarahmenkonvention — sind
auch heute noch die zentralen Eckpunkte der internationalen Um-
weltpolitik. Dank regelmäßig stattfindender internationaler Konferenzen zu den beiden Konventionen wie auch zum Aktionsprogramm
hat sich ein institutionalisierter Nachfolgeprozess herausgebildet. Im
Laufe dieses ‚Rio‘-Follow-ups wurden neue internationale Umweltverträge, beispielsweise die Wüstenkonvention, erarbeitet und unter-
zeichnet. Bestehende Vereinbarungen wurden durch Protokolle wie
das Cartagena-Protokoll der Biodiversitätskonvention und das KyotoProtokoll der Klimarahmenkonvention ergänzt. Institutionell gesehen
war die Gründung der Kommission für Nachhaltige Entwicklung
(CSD) das wichtigste Ergebnis der Konferenz von 1992. Aufgabe der
im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC)
angesiedelten Kommission ist es, die Umsetzung der AGENDA 21 zu
überwachen und voranzutreiben. Die AGENDA 21 nimmt nicht nur
Politiker in die Pflicht, sondern fordert auch die Zivilgesellschaft auf,
ihren Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung zu leisten.
Neben Aktionen großen Maßstabs auf der internationalen Ebene
waren auch kleine Schritte auf der lokalen Ebene gefragt. Der „Geist
von Rio“ hat weltweit Menschen motiviert und mobilisiert: Überall
krempelten PolitikerInnen, Umweltschützer und Entwicklungsexperten, Unternehmer
und
GewerkschaftlerInnen,
Repräsentanten
von
Kirchen und Menschenrechtler, aber auch einfache Bürgerinnen und
Bürger die Ärmel hoch und begannen,
Nachhaltigkeit für sich be-
greifbar zu machen, sich konkrete Ziele zu setzen und diese umzusetzen.
Seit dem Erdgipfel ist es auch salonfähig geworden,
dass sich
65
Nichtregierungsorganisationen (NRO) bei internationalen, nationalen und lokalen politischen Prozessen zur Umsetzung der AGENDA 21
intensiv mitwirken. NRO-Vertreter nehmen an UN-Konferenzen teil
und bekommen damit Einflussmöglichkeiten auf Vertragstexte und
Empfehlungen. „Think global — act local“ wurde zum Motto der vielfältigen Lokalen-Agenda-21-Prozesse in Nord und Süd. Diese Prozesse tragen der Erkenntnis Rechnung, dass Nachhaltigkeit im globalen
Maßstab nur realisierbar ist, wenn dies auch „vor Ort“, also innerhalb
der Gemeinden, praktiziert wird.
... und die bittere Realität
Bereits die erste Zwischenbilanz zum Umsetzungsstand der Vereinbarungen von Rio auf der Sondersitzung der Vereinten Nationen 1997
in New York fiel mehr als ernüchternd aus; die Konferenz schloss oh-
ne politische Erklärung, die Verhandlungen waren festgefahren. Zumindest darin waren sich Regierungsvertreter in Nord und Süd wie
auch Vertreter der NRO einig: Die Umweltzerstörung setzt sich fünf
Jahre nach dem Erdgipfel ungebrochen fort; auch die soziale Bilanz
gab weltweit keinen Anlass zur Freude. Die Zahl der Menschen, die
in Armut leben, steigt weiter, die Kluft zwischen Arm und Reich wird
größer, sowohl zwischen den Ländern als auch in den Ländern. Hin-
zu kommt, dass fundamentalistische Strömungen demokratische Errungenschaften bedrohen; regionale militärische Konflikte — oft nationalistisch und religiös motiviert - nehmen zu. Und auch die teilweise skrupellose Art, wie sich die moderne kapitalistische Ökonomie
auf dem
Globus
breit macht,
gibt wenig Anlass zur Entwarnung.
Nimmt man diese Parameter als alleinige Gradmesser für den Erfolg
der Vereinbarungen von ‚Rio‘, so fällt die Bewertung knapp zehn Jahre später recht düster aus.
Heute, zehn Jahre danach, lässt sich die Aufbruchstimmung von
1992 kaum noch heraufbeschwören. Die Leitidee der Nachhaltigkeit
ist zwar noch immer ein Schlüsselwort, das sich in politischen Strategiepapieren, in Positionspapieren von NRO bis hin zu Wirtschaftsberichten internationaler Konzerne finden lässt. Da jedoch noch immer
klar umrissene und allgemein akzeptierte Maßstäbe dafür fehlen, was
nun nachhaltige Entwicklung eigentlich beinhaltet und was sie ausschließt, ist es nicht verwunderlich, dass sich dieser Begriff für die unterschiedlichsten Zwecke instrumentalisieren lässt.
66
Weltweit keine Trendwende in Sicht
Das Worldwatch Institute in Washington macht zu Beginn des 21. Jahrhunderts Besorgnis erregende Trends aus:
Die globale Temperatur steigt.
Der Grundwasserspiegel sinkt.
Das Ackerland pro Kopf der Weltbevölkerung nimmt ab.
Die
Die
Die
Die
Die
Die
Meere sind überfischt.
Waldbestände nehmen ab.
Artenvielfalt sinkt.
Weltbevölkerung wächst (wenn auch langsamer) weiter.
Arbeitslosigkeit steigt.
Kluft zwischen Arm und Reich (zwischen Industrie- und Ent-
wicklungsländern und innerhalb der Länder) wird größer.
Es gibt immer mehr regionale militärische Konflikte.
Die ökonomische Macht ist zunehmend konzentriert.
Der Einfluss der globalen Finanzmärkte wird immer größer.
SAST
Vorsicht vor faulen Kompromissen
Das zur Erklärung von Nachhaltigkeit — auch von Umwelt- und
Entwicklungsorganisationen — gerne genutzte „Nachhaltigkeitsdreieck“ unterstützt diese Instrumentalisierung: Der Anspruch, soziale,
ökologische und ökonomische Interessen auszubalancieren, führt
mitunter zu Kompromissen, die sich als wenig tragfähig herausstellen.
Denn: Nicht immer können alle drei Ziele gleichberechtigt behandelt
werden.
Die Belastungsgrenzen der Ökosysteme sind nicht beliebig verschiebbar; vielmehr geben sie die Leitplanken für ökologische und
soziale Ziele vor. Und ökonomische Ziele sollten sich aus sozialen
Bedürfnissen ableiten. Nachhaltigkeit verlangt nach globaler (Verteilungs-)Gerechtigkeit, nach internationaler Solidarität, nach neuen
Konsum- und Lebensstilen, nach neuen Produktionsmustern, nach
einer Abkehr vom Wachstumsdogma und einer Veränderung ge-
sellschaftlicher und individueller Wertesysteme.
durchaus nicht alle, denn es gibt Gewinner
Das aber wollen
und Verlierer in diesem
Prozess.
ASTON LINIVERSITY
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LIBR&
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67
Hatten das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung und die Umsetzung des Aktionsprogrammes in den ersten Jahren nach ‚Rio‘ noch
eine relativ große Rolle gespielt, so dominieren heute „Globalisie-
rung“, „shareholder-value“ und „Profitmaximierung“ die politische
Diskussion. Die Entwicklungsländer sehen sich oft als Verlierer der
Globalisierung und sind von den Industrieländern bitter enttäuscht,
weil diese ihren finanziellen Zusagen nicht oder nur unzureichend
nachkommen.
Schwächen des internationalen Prozesses
Wenn die Debatte um Nachhaltigkeit an Ausstrahlungskraft verloren
hat, so liegt das aber nicht nur am Globalisierungsdruck, sondern hat
auch hausgemachte Gründe:
e Nachhaltige Entwicklung, von der Idee her ein ganzheitlicher Ansatz, wurde in eine Vielzahl sektoraler Einzelprozesse von Konventionen und UN-Konferenzen aufgespalten, die weder „normale“
Bürgerinnen und Bürger noch Fachleute in einen größeren Zusammenhang bringen, geschweige denn in ihrer Komplexität inhaltlich nachvollziehen können.
e Die soziale Dimension wurde weitestgehend aus dem Nachhaltigkeitsprozess ausgeklammert. Damit wurde dem Eindruck Vorschub
geleistet, dass es eigentlich ‚nur‘ um Umweltschutz gehe. Bis heute
ist es nicht gelungen, die soziale und entwicklungspolitische Be-
deutung der Nachhaltigkeit umfassend zu vermitteln.
e Die Vision einer globalen Partnerschaft für einen völlig neuen politischen Entwicklungsweg der Weltpolitik ist verblasst. Die Akteure
kämpfen
in ihren jeweiligen Sektoren
meist äußerst fachkundig,
doch oft ohne Bezug zu einem übergeordneten Ziel.
Die handfesten Resultate des ‚Rio‘-Follow-up-Prozesses fallen also
weit hinter die 1992 geweckten Hoffnungen zurück. Trotz der vielen
Schwächen, Rückschläge und noch offenen Fragestellungen ist der
„Rio-Prozess“ jedoch keineswegs gescheitert. „Nachhaltige Entwicklung“ ist weiterhin ein Leitbild, das weltweit diskutiert wird. Zahlrei-
che Aktivitäten rund um den Globus versuchen Nachhaltigkeit um-
zusetzen. Oft gehen derartige Prozesse nicht von den Politikern aus,
sondern vielmehr von Mitgliedern der Zivilgesellschaft. Im Folgen-
den wollen wir genauer analysieren, welche Herausforderungen sich
stellen, wenn man die Ebenen der einzelnen Akteure betrachtet.
68
Zehn Jahre danach — eine Bilanz mit Blick auf die Akteure
Die politische Ebene — Querschnittsthema Nachhaltigkeit
Von der internationalen bis hin zur lokalen Ebene gibt es nur in den
wenigsten Fällen politische Kohärenz in Sachen Nachhaltigkeit. So
z.B. haben die CSD-Delegierten, die auf ihren Konferenzen einen
nachhaltigen Entwicklungsweg in ‚Nord‘ und ‚Süd‘ diskutieren und
entsprechende Beschlüsse fassen, auf die Verhandlungen der Welt-
handelsorganisation (WTO) keinen Einfluss. Dort werden jedoch die
eigentlichen Weichen für oder gegen einen nachhaltigen Entwicklungsweg gestellt. Ziel des Freihandelsabkommens
ist es, bestehende
Hemmnisse für den internationalen Handel abzubauen - als solche
werden dabei auch umweltpolitische und soziale Standards eingestuft.
Diese Standards bilden jedoch wichtige Instrumente einer nachhalti-
gen Entwicklung.
Diese mangelnde Abstimmung wie auch das Primat des Wirt-
schaftswachstums, hinter dem machtvolle Interessengruppen stehen,
bestimmen nicht nur die internationale Politik. Schaut man sich die
Regierungsdelegationen
auf den CSD-Konferenzen
an, so fällt auf,
dass sie fast ausschließlich aus den Umweltministerien der jeweiligen
Länder
besetzt sind. Die Ressorts Wirtschaft,
Finanzen,
Landwirt-
schaft und Verkehr fehlen in den meisten Delegationen — vor allem
der Industrieländer. Doch gerade diese Ressorts geben die Richtung
der weiteren Entwicklung vor. In vielen Staaten fehlt nach wie vor der
politische Wille, nachhaltige Entwicklung als Querschnittsthema, das
ressortübergreifendes, interdisziplinäres Handeln erfordert, zu behandeln. Die Entscheidungen eines Ressorts werden oft durch ein ande-
res konterkariert. Bestes Beispiel ist die Verkehrspolitik.
Außer den direkt Beteiligten nehmen andere betroffene Ministerien und die Parlamente kaum Kenntnis von den CSD-Beschlüssen.
Entsprechend nachrangig wird die praktische Umsetzung der Beschlüsse in nationale Politik behandelt. Da die AGENDA 21 ein Hand-
lungsprogramm und keine völkerrechtlich verbindliche Konvention
ist, sind die Regierungen nicht an die verabschiedeten Beschlüsse der
CSD
gebunden. Die CSD
entwickelt sich daher zunehmend zum
‚Papiertiger‘, auf deren Konferenzen zwar jede Menge Beschlüsse ge-
fasst und Papier bedruckt wird, jedoch ohne nennenswerte Konsequenzen in den Mitgliedsländern.
69
Nationale Nachhaltigkeitsstrategie — ein Muss!
Bereits in ‚Rio‘ wurden die Staaten aufgefordert, langfristig ausgerichtete „Nationale Nachhaltigkeitsstrategien“ zu entwickeln. Hierdurch
sollte gewährleistet werden, dass das Leitbild Nachhaltigkeit Einzug
in den Alltag sämtlicher Politikbereiche hält. Bis Anfang 2001 hatten
weltweit aber erst rund 60 Staaten nationale Nachhaltigkeitsstrategien
— unterschiedlichster Qualität — vorgelegt. Viele dieser Strategien lassen offen, wie die Nachhaltigkeitsziele in alle Ressorts integriert werden sollen.
In Deutschland empfahl die Enquete-Kommission des Deutschen
Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“, einen „Rat für
nachhaltige Entwicklung“
zu schaffen, der dafür sorgen solle, dass
Nachhaltigkeit zu einem übergeordneten Politikziel wird. Gleichzeitig
forderte die Kommission eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie ein.
Nach den Bundestagswahlen 1998 verständigte sich die neue Koalition darauf, eine derartige Strategie zu erarbeiten, und schrieb dies im
Koalitionsvertrag fest.
Erst im Sommer 2000 fasste das Bundeskabinett den Beschluss, eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie zu erarbeiten sowie einen „Rat
für Nachhaltige Entwicklung“ einzurichten. Im Februar 2001 wurde
dieses Gremium gegründet, in dem 17 Einzelpersönlichkeiten vertreten sind, die zwar die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessengruppen repräsentieren, aber explizit nicht im Auftrag ihrer jeweiligen
Organisationen handeln sollen. Dieser im Vergleich zum früheren
„Nationalen Komitee für Nachhaltige Entwicklung“
lich höher angesiedelte „Rat“ soll
politisch deut-
e Beiträge für eine Strategie für eine nachhaltige Entwicklung ausarbeiten,
e konkrete Projekte zur Umsetzung vorschlagen sowie
e den gesellschaftlichen Dialog zur Nachhaltigkeit voranbringen.
Bis zum Weltgipfel 2002 in Johannesburg („Rio + 10“) soll der
Nachhaltigkeitsrat ein erstes Ergebnis vorlegen.
Die damit verbundene innenpolitische Aufwertung umwelt- und
entwicklungspolitischer Fragestellungen könnte nicht nur lokale Prozesse unterstützen, sondern auch auf internationaler Ebene Wirkung
zeigen. Inhaltlich soll sich der Nachhaltigkeitsrat auf die Themen
Klima, Mobilität sowie Landwirtschaft konzentrieren.
70
Think global — act local: Der Beitrag der Kommunen
Die AGENDA 21 hebt in Kapitel 28 die besondere Rolle der Kommunen bei der Umsetzung des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung
hervor. Es ist die lokale Ebene, die der Bevölkerung am nächsten liegt
und wo die Menschen am ehesten Einfluss nehmen können. Bis 1996
sollten weltweit alle Gemeinden unter Beteiligung aller relevanten
Akteure „Lokale-Agenda-21“-Prozesse in Gang setzen und somit einen Beitrag zur Lösung der globalen Probleme leisten. Bis zum Jahr
2000 waren erst rund 5 000 Gemeinden, darunter 3 400 in Europa,
dieser Aufforderung nachgekommen. Erfahrungen aus Deutschland
zeigen, dass LA-21-Initiativen nicht selten konventionelle kommunale Umweltpolitik unter anderem Namen fortsetzen. Soziale Fragestellungen
werden
oft
ebenso
vernachlässigt
wie
die
Nord-Süd-
Dimension der Nachhaltigkeit. Dennoch gibt es — in Deutschland
wie auch in anderen Regionen der Welt — hoffnungsvolle Prozesse auf
kommunaler Ebene: In „Runden Tischen“ werden alle relevanten lokalen Akteure an kommunalpolitischen Entscheidungsprozessen beteiligt (z.B. in München), Bürger entscheiden über den kommunalen
Haushalt mit (so in Porto Alegre/Brasilien), Nord-Süd-Partnerschaften wurden aufgebaut (z.B. zwischen Bremen und Winhoek) und in
vielen Gemeinden gestalten Frauen umfassende Agenda-Prozesse
maßgeblich mit (so in Duisburg und Hagen). Diese Beispiele belegen, dass der Lokale-Agenda-21-Prozess ein spannendes und innovatives „Instrument“ sein kann, um Nachhaltigkeit in konkrete Praxis
zu übersetzen, die Akteure in ihre Verantwortung zu bringen und die
Kreativität und das Engagement der Bürgerinnen und Bürger nutzbringend in die Kommunalpolitik einzubinden.
In vielen der LA-21-aktiven Gemeinden zeigten sich jedoch neben
den Erfolgen lokaler Nachhaltigkeitsstrategien rasch auch deren
Grenzen. Zahlreiche nicht-nachhaltige Regelungen der Länder oder
des Bundes, die auf lokaler Ebene umgesetzt werden müssen, behindern lokale Aktivitäten oder stehen ihnen entgegen. In dieser Situation fordern immer mehr Lokalpolitiker zu Recht einen umfassenden,
ressortübergreifenden nationalen Rahmen für die Nachhaltigkeit ein.
Wirtschaft — Unternehmen der Nachhaltigkeit?
Angesichts der relativen Schwäche der Nationalstaaten geraten Wirtschaftsunternehmen (wie aber auch NRO) plötzlich ins Zentrum des
Interesses bei der Umsetzung des Nachhaltigkeitskonzepts. In der Tat
Al
trägt die Privatwirtschaft eine besondere Verantwortung: Einerseits
stellt sie einen wichtigen Teil des Problems dar, andererseits kann sie
aufgrund ihres Know-hows und ihrer finanziellen Ressourcen maßgeblich zu Problemlösungen beitragen.
Viele Unternehmen haben inzwischen nachhaltige Entwicklung
auf ihre Fahnen geschrieben, jedoch lohnt es sich schon, genauer hinzuschauen: Denn manchmal ist das, was da als Nachhaltigkeit ‚verkauft‘ wird, nicht mehr als Umweltmanagement im traditionellen
Sinne. Weiter gehende Fragen nach der sozialen und ökologischen
Verantwortung des Unternehmens gegenüber der Zukunft und der
Dritten Welt werden oft nicht gestellt. Und doch gibt es immer mehr
Unternehmen, die sich der komplexen Herausforderung stellen und
z.B. wie Unilever (Initiative gegen die Überfischung der Meere) oder
BP Amoco und Shell (Hinwendung zu erneuerbaren Energien) versuchen, ihre Firmenpolitik neu auszurichten — bei aller verbleibenden
Widersprüchlichkeit.
Ob sich Nachhaltigkeitsstrategien in der Wirtschaft im großen Stil
durchsetzen, hängt angesichts der global machtvollen Position der Finanzwirtschaft auch stark davon ab, ob sich Banken und Investoren
künftig bei ihren Kredit- und Investitionsentscheidungen von sozialen und ökologischen Überlegungen leiten lassen. Die Finanzwelt
wollte lange Zeit vom ‚Rio‘-Prozess nichts wissen. Inzwischen beginnt
auch sie umzudenken: Immerhin 174 Unternehmen der Branche hatten sich bis Anfang 2001
der „Finance Initiative“ des Umweltpro-
gramms der Vereinten Nationen (UNEP) angeschlossen.
Sichtbarer Ausdruck davon, dass Nachhaltigkeit zunehmend The-
ma für die Wirtschaft wird, ist z.B. der Dow Jones Sustainability In-
dex, den die Züricher Vermögensverwaltungsgesellschaft Sustainable
Asset Management (SAM) zusammen mit der Dow Jones GmbH
Ende 1999 ins Leben rief. Laut SAM wächst der Aktienwert von
„sustainable companies“,
nachhaltig wirtschaftenden
Unternehmen,
schneller als der anderer. Wenn sich auch über die Kriterien solcher
Nachhaltigkeits-Ratings streiten lässt, so markiert diese Entwicklung
doch einen Durchbruch: Sie könnte dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit aus der Nische in den Mainstream gelangt.
Es sind zwar oft die „global players“, die international agierenden
Unternehmen, die die Schlagzeilen beherrschen und in ihrer Branche
die Diskussion um Nachhaltigkeit anführen. Doch die derzeit interessantesten Promotoren von Nachhaltigkeit sind eher bei den kleinen
72
und mittleren Unternehmen
(KMU) zu suchen, bei Unternehmen,
die stark auf lokale und regionale Märkte bauen. Nicht selten finden
sich bei den inhabergeführten
KMU
noch visionäre, sozial verant-
wortliche Querdenker, die mit ihren Innovationen Vorreiter für andere sind.
Dagegen benutzen viele Wirtschaftslobbyisten der Unternehmensverbände das Thema Nachhaltigkeit als K.o.-Kriterium und interpretieren das Leitbild in ihrem Sinne um: Erst müsse die Wirtschaft
boomen, bevor man sich auf umfassendere Ziele einlassen könne.
Dass sich soziale, ökologische und ökonomische Zukunftssicherung
gegenseitig bedingen, wird dabei schnell vom Tisch gewischt. So wird
oft mehr über die Wirtschaftsverträglichkeit der Nachhaltigkeit geredet als über die Nachhaltigkeit der Wirtschaftsweise selbst.
Gewerkschaften — das soziale Gewissen der Nachhaltigkeit?
Für die Gewerkschaften stehen die Arbeitsplätze sowie der Lebensstandard und die Rechte der Beschäftigten im Vordergrund des Interesses. Doch viele unter ihnen wollen Arbeitsplätze (wieder) um fast
jeden Preis. Dies belegen z.B. die Auseinandersetzungen um den
Ausbau von Flughäfen in Deutschland.
Angesichts der massiven Umwälzungsprozesse in den Unterneh-
men ist das sicher eine verständliche Reaktion — bloß: Arbeitsplätze
und Lebensstandard, das ist die eine Seite, doch das Leitbild Nachhaltigkeit gebietet es, diese sozialen Auseinandersetzungen mit der
Frage nach ökologisch akzeptablen Arbeitsplätzen und einem ebensolchen Lebensstil zu verknüpfen. Wenn z.B. Beschäftigte eines
Atomkraftwerkes, das stillgelegt werden soll, für ihre Arbeitsplätze auf
die Straße gehen, so ist klar, dass eine soziale Lösung hier nicht
Weiterbetrieb heißen kann.
Zivilgesellschaft - NRO als neue Hoffnungsträger?
Den zivilgesellschaftlichen Gruppierungen wie Frauen,
Kindern/
Jugendlichen, Indigenen Völkern, NRO, Kommunen, Gewerkschaf-
ten, Privatwirtschaft und Wissenschaft sind die Kapitel 23 bis 32 der
AGENDA 21 gewidmet. Internationale NRO wie Greenpeace und der
World Wide Fund for Nature setzen inzwischen auf mehrere Pferde
gleichzeitig, um ihre Ziele zu erreichen: Neben eigenen Nachhaltigkeitsprojekten und öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen findet
man sie immer häufiger an Konferenztischen. Selbst „strategische Al73
lianzen“ mit den Chefetagen der Automobilkonzerne und der Erdölindustrie sind für sie keine Tabuthemen mehr. In etlichen Fällen hat
sich gezeigt, dass NRO und Wirtschaftsunternehmen in der Lage
sind, gemeinsame Strategien zu entwickeln, die in beiden Lagern anerkannt werden. Die Zertifizierung von nachhaltiger Holzwirtschaft
(Forest Stewardship Council — FSC) sowie die Zertifizierung nachhaltiger Fischerei (Marine Stewardship Council -— MSC) sind Beispiele
hierfür.
Immer sicherer bewegen sich viele der größeren NRO auf dem internationalen Parkett. Über die Jahre sind sie äußerst fachkundige
Konferenzstrategen geworden. Zahlreiche Regierungen (Großbritannien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Kanada, die USA, die Philippinen, Deutschland u.a.) sind dazu übergegangen, NRO-Vertreter
in die offiziellen Delegationen z.B. für die Konferenzen der CSD aufzunehmen. Diese Annäherung vieler NRO an die Regierungspolitik
ist jedoch umstritten und droht die NRO in zwei Lager zu spalten: in
das Lager der auf dem Parkett der internationalen Institutionen professionell agierenden und in das der „grass root“-NRO, die sich von
den Delegationen wie auch dem gesamten UN-System distanzieren.
Bei vielen NRO besteht zudem die Gefahr, die großen Zusammenhänge und die Kerngedanken der Nachhaltigkeit aus dem Auge
zu verlieren. Ihr Handeln wird zunehmend durch die Logik der Regierungsverhandlungen bestimmt; sie hecheln von Konferenz zu Konferenz, werden zu Experten für Detailfragen wie joint implementation
und „CO,-Senken“, aber themenübergreifende politische Strategiedebatten sind passe. Viele NRO-Vertreter fordern daher eine Rückbesinnung auf die core values wie Gleichheit, Solidarität, Nachhaltigkeit, Demokratie und Freiheit, nicht zuletzt um die allgemeine ÖFfentlichkeit wieder für den ‚Rio‘-Prozess zu aktivieren.
Ähnlich wie die Regierungen haben auch die NRO mit Nord-SüdGegensätzen zu kämpfen. Viele NRO-Vertreter aus dem Süden kritisieren, dass ihre KollegInnen aus dem Norden das Geschehen zu stark
dominieren. Häufig sind es sogar NRO-Vertreter aus dem Norden,
die auf den Konferenzen „im Namen des Südens“ sprechen. Größte
Hindernisse für die aktive Mitwirkung der Süd-NRO sind fehlende
Kommunikationsmöglichkeiten und unzureichender Zugang zu Informationen. Für viele Süd-NRO ist es schlicht eine Frage des Geldes, ob sie sich den Internetzugang
Konferenzen leisten können.
74
oder die Reisen zu wichtigen
f
Perspektive: Was kann „Rio + 10“ bringen?
Der „Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung“
ist ein Meilenstein,
doch allzu hohe Erwartungen sollten daran nicht geknüpft werden.
So bedeutsam Verhandlungsprozesse auf dem internationalen Parkett
sind, so können dort nur dann entscheidende
Fortschritte erzielt
werden, wenn die Bemühungen um die Umsetzung der Nachhaltig-
keitsziele in den Ländern selbst intensiviert werden. Entscheidend für
den Erfolg der „Rio + 10“-Konferenz
dürften
daher die Vor-
und
Nachbereitungsprozesse auf der nationalen Ebene sein. Hier liegt die
größte Chance und die wichtigste Aufgabe: die nationalen Prozesse zu
“ beleben und die einzelnen Akteure erneut in die Pflicht zu nehmen.
Der „Rio + 10“-Gipfel und die nationalen Vorbereitungsprozesse sollten sich daher darauf konzentrieren,
e diejenigen Faktoren, die die Umsetzung des Leitbildes „nachhaltige
Entwicklung“ behindern, sorgfältig zu analysieren. Die beteiligten
(staatlichen wie nicht-staatlichen) Akteure müssen sich über die
konkreten Inhalte des Leitbildes verständigen, über das, was Nach-
haltigkeit einschließt, und das, was mit dem Leitbild unvereinbar
ist. Hierzu sollten auch Indikatoren, also eindeutige Messgrößen,
herangezogen bzw. fortentwickelt werden;
e die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass ihre Zukunft eng
damit verbunden
ist, inwieweit Nachhaltigkeit zu einem bestim-
menden Leitbild der Gesellschaft wird. Es gibt viele interessante
Projekte, die zeigen, was Nachhaltigkeit in der Praxis sein kann.
Diese sollten intensiv kommuniziert und propagiert werden. Vor
den Augen der Weltöffentlichkeit muss Nachhaltigkeit als erreichbare Vision, als attraktives Bild von der Zukunft entstehen;
e die weltweit existierenden (meist lokalen) Nachhaltigkeitsprojekte
miteinander zu vernetzen. Damit bekommen die Einzelprojekte
einen höheren Stellenwert, es ergeben sich Möglichkeiten, voneinander zu lernen, Leitprojekte finden so weltweite Aufmerksamkeit
und Nachahmer;
e einen ernsthaften Dialog mit dem Süden über Nachhaltigkeit aufzunehmen. Der Norden muss sich gesprächsbereit zeigen für diejenigen Themen, die für die Länder des Südens von existenzieller
Bedeutung sind: Armut und Unterentwicklung. Es müssen klare
Vereinbarungen über die Finanzierung von Nachhaltigkeitsstrategien im Süden getroffen werden.
75
Wir beobachten gegenwärtig ein weltweites Tauziehen um die Frage, welche Wertmaßstäbe sich auf Dauer durchsetzen werden. Werden es die Maßstäbe derer sein, die den Globus am liebsten zu einer
großen „Welt AG“ umfunktionieren würden, oder derer, die darum
ringen, dass nicht sämtliche Lebensbereiche nur nach Profitabilität
beurteilt werden? Die Vision der Nachhaltigkeit ist die einer Gesellschaft, in der es sozial wie ökologisch gerecht und solidarisch zugeht
und die zudem tolerant und weltoffen bleibt. Die Menschheit steht
an einem Scheideweg. Es wäre an der Zeit, dass dies auch so deutlich
benannt wird — gerade in Johannesburg, im Herbst 2002.
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Heike: Sinnliches
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Sieben Jahre nach ‚Rio‘ bemüht
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Fues, Thomas/Hamm, Brigitte (Hg.): Die Weltkonferenz der 90er Jahre. Baustellen
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76
'
Benno Pilardeaux
Ein Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik?
Zum „Erdgipfel 2002“
Der „Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung“ in Johannesburg bietet zehn Jahre nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED) und dreißig Jahre nach der ersten
Weltumweltkonferenz von Stockholm 1972 eine der seltenen Gelegenheiten, um in der internationalen Umweltpolitik Grundlegendes
zu bewegen. Die internationale Gemeinschaft hat, trotz der bestehenden 900 bi- oder multilateralen Umweltverträge, allen Grund
Druck zu machen: Dem Patienten Erde geht es heute schlechter als
noch vor einer Dekade und alle Prognosen gehen von einer weiteren
Verschärfung der Lage aus (UNEP 2000; WBGU 2001). Der Handlungsdruck ist offensichtlich, die Frage ist nur, in welchen Bereichen
sollten und könnten in Johannesburg Meilensteine gesetzt werden?
Die internationale Umweltpolitik — und darin besteht weitgehend
Konsens — muss vor allem handlungsfähiger werden. An erster Stelle
wird die Weiterentwicklung des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen (UNEP) zu einer Globalen Umweltorganisation (GEO)
bzw. einer Weltumwelt- und -entwicklungsorganisation (WEDO)
diskutiert (Biermann/Simonis 1998); aber auch die Verbesserung der
wissenschaftlichen Politikberatung und neue Wege der Finanzierung
erscheinen dringlich.
Auf dem Weg zur globalen Umweltorganisation
Eine jede Diagnose des UNEP macht schnell deutlich, dass es für seinen globalen Auftrag nur unzureichend ausgestattet ist:
e Als Programm im System der Vereinten Nationen verfügt es nur
über eine schwache
Stellung;
eine Aufwertung
zu einer UN-
Organisation liegt nahe.
e Sein Etat, momentan
pro Jahr unter der 100-Millionen-Dollar-
Grenze, reicht angesichts der zu bewältigenden globalen Aufgaben
Erg
nicht aus. Außerdem besteht aufgrund der großen Abhängigkeit
von freiwilligen Beiträgen wenig Planungssicherheit.
e Gemessen an seiner Aufgabe ist es personell unterbesetzt. Während
UNEP nur über rund 350 Mitarbeiter verfügt, beschäftigt z.B. das
deutsche Umweltbundesamt über 1 100, die amerikanische Environment Protection Agency über 12 000 Mitarbeiter.
Bemühungen um die Aufwertung des UNEP gibt es schon seit
längerem. Bereits in der 1997 vom UNEP-Verwaltungsrat verabschiedeten Nairobi-Deklaration, aber auch in der Malmö-Deklaration
der Umweltminister von 2000 wird auf die Notwendigkeit einer organisatorischen und finanziellen Stärkung des UNEP hingewiesen.
Die Diskussion um dieses Thema auf dem 2. Umweltministerforum
2001 in Nairobi zeigte, dass von fast allen Ländern die Notwendigkeit einer Reform des UNEP gesehen wird. Auch der EU-Umweltministerrat sieht diesen Bedarf (Gouvernement Frangais, 2001), al-
lerdings ist nach Ansicht der europäischen Umweltminister die Weiterentwicklung des UNEP nur eine von mehreren Optionen. Die
zweite Option wird in einem Bündel von Maßnahmen gesehen, ohne
Änderung des Programmstatus. Dieser Vorschlag umfasst z.B. die
Einrichtung einer Environment Management Group, den Aufbau eines Koordinierungsmechanismus für Umweltinstitutionen sowie die
Weiterentwicklung der Zusammenarbeit zwischen den Konventionen
und ihren Sekretariaten. Die Umsetzung dieser Variante würde indes
kaum zu der erhofften Aufwertung des Umweltthemas im UNSystem führen, da die eingangs angesprochenen Mängel nicht besei-
tigt würden.
Tief greifender wäre eine Weiterentwicklung des UNEP zu einer
UN-Organisation.
So könnte UNEP
zu einer Sonderorganisation
ähnlich der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder zu einer UNinternen Körperschaft nach dem Beispiel der UN-Konferenz über
Handel und Entwicklung (UNCTAD) ausgebaut werden. Dabei
bliebe die Eigenständigkeit der einzelnen Institutionen zwar unverändert, ihre Zusammenarbeit würde aber gefördert (WBGU, 2001).
Die
Funktionen
der Kommission
für nachhaltige
Entwicklung
(CSD), der Globalen Umweltfazilität (GEF), der verschiedenen Ver-
tragsstaatenkonferenzen und Konventionssekretariate sowie die umweltpolitischen Abteilungen und Programme der einzelnen UNSonderorganisationen würden bei dieser Reformvariante nicht verändert. Im Vordergrund stünde ihre verbesserte und gleichberechtigte
78
Kooperation. Ziel wäre ein finanzieller und personeller Ausbau sowie
die allgemeine Aufwertung des Umweltthemas in der UN-Familie.
Bei genauerem Hinsehen kommt man aber zu dem Schluss, dass eine
verbesserte Kooperation schon seit längerem angestrebt wird, etwa
durch schriftliche Vereinbarungen zwischen den einzelnen Konventionssekretariaten. Daher wird die Weiterentwicklung des UNEP nach
diesem Modell vermutlich noch nicht den erhofften Auftrieb bewirken können, um Umweltbelange wirksamer zu institutionalisieren.
Viel versprechender erscheint eine Reform des UNEP nach dem
Modell der Welthandelsorganisation (WTO) mit direkter Einbindung in die UN-Familie. Dabei würden alle multilateralen Umweltabkommen und deren weltweit verstreute Sekretariate unter einem
Dach vereint. Die Beschlüsse über einzelne Umweltabkommen erfolgten weiterhin in gesonderten Vertragsstaatenkonferenzen, die als
„Ausschüsse“ dieser neuen globalen Umweltorganisation angeschlos-
sen wären. Das Reizvolle an dieser Variante wäre die organisatorische
Gleichstellung der Umweltpolitik mit der Handelspolitik. Insgesamt
würde ein auf diese Weise reformiertes UNEP international sicherlich
mehr Gehör finden als bisher. Gleichzeitig könnte das 2000 von
UNEP eingerichtete globale Umweltministerforum eine wichtige Unterstützungsfunktion für die neue Organisation wahrnehmen, z.B. bei
der Prioritätensetzung in der internationalen Umweltpolitik. Möglich
wäre auch, dass dieses Ministerforum sich mit dem Verhältnis zwi-
schen multilateralen Umweltabkommen und der Welthandelsorganisation beschäftigt (Gouvernement Francais, 2001). Eine Reform des
UNEP ließe auch die Rolle der Kommission für nachhaltige Ent-
wicklung (CSD) nicht unberührt. Es wäre längerfristig vorstellbar,
dass der UN-Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) in einen Rat für
nachhaltige Entwicklung umgewandelt wird. Allerdings wäre hierfür
eine Änderung der UN-Charta erforderlich.
Umsetzbar sind diese Vorschläge allerdings nur, wenn Industriewie Entwicklungsländern gleiche Mitbestimmungsrechte in der neuen Organisation eingeräumt und die Reformbemühungen von Anfang an als Nord-Süd-Projekt betrieben werden. In Anlehnung an die
bereits 1997 auf der UN-Sondergeneralversammlung („Rio + 5“) von
Brasilien, Deutschland,
Singapur und Südafrika geforderte
Grün-
dung einer UN-Sonderorganisation für Umweltfragen könnte für Johannesburg („Rio + 10°) eine neue Koalition geschmiedet werden.
Eine Schlüsselrolle könnte dabei der Gastgeber Südafrika einnehmen.
2”
Finanzierung nachhaltiger Entwicklung
Entscheidend für den Erfolg des Weltgipfels von Johannesburg wird
aber auch sein, in welchem Umfang die Industrieländer eine
finanzielle Unterstützung der Entwicklungsländer zusagen und die
Bereitschaft zeigen, das immer wieder eingeforderte 0,7-Prozent-Ziel
auch einzuhalten,
also mindestens
0,7 Prozent
des Bruttosozial-
produkts für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben.
Dabei steht das 1992 in Rio vereinbarte Prinzip der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“ auf dem Prüfstand. Der
Testfall tritt wenige Monate vor dem Weltgipfel auf der internationalen Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung (Intergovern-
mental Event on Financing for Development) im Frühjahr 2002 in New
York ein. Für die Atmosphäre auf dem danach folgenden Gipfel
wird es entscheidend sein, inwieweit sich die Industrieländer zur
finanziellen
Unterstützung
der
Entwicklungsländer
bekennen
werden, wozu auch Entschuldungsinitiativen zählen. Sicherlich wird
der wachsende
Mittelbedarf nicht losgelöst von
der Mittelbereit-
stellung und -verwendung diskutiert werden können, da viele Geberländer den Forderungen nach mehr Geld höchst skeptisch gegenüberstehen.
Deshalb wird neben diesen klassischen Instrumenten seit längerem
auch die Erschließung neuer Finanzierungsquellen diskutiert,
insbesondere die Erhebung von Entgelten für die Nutzung globaler
Gemeinschaftsgüter (WBGU, 2001). Hierbei handelt es sich um
allgemein zugängliche Güter, wie z.B. den internationalen Luftraum,
die hohe See oder den Weltraum, die trotz Schutzregelungen
zunehmend geschädigt werden. Durch Erhebung von Entgelten z.B.
für Flugpassagiere, die für den Einzelnen kaum spürbar wären (Idee:
ein Euro pro Flugticket), könnten
jährlich Milliardenbeträge
zusammenkommen. Dadurch würde die internationale Umwelt- und
Entwicklungspolitik unabhängiger von nationalen Etatentscheidungen.
Erwartet wird zudem eine Ausweitung des Förderspektrums der
Globalen Umweltfazilität (GEF) auf ihrer Generalversammlung im
Herbst
2002,
organische
etwa
Schadstoffe
für die
und
Desertifikationskonvention.
80
UN-Konvention
wahrscheinlich
auch
über
persistente
für die
UN-
Wissenschaftliche Politikberatung
Internationale Umweltpolitik ist in zentralen Bereichen Handeln unter Unsicherheit. Viele Entwicklungen, beispielsweise der Verlust bio-
logischer Vielfalt oder die weltweite Bodenzerstörung und deren
mögliche Auswirkungen, sind nur in Grundzügen bekannt. Es gibt —
um bei diesen Beispielen zu bleiben — keine Vorstellung darüber, wie
viel Biodiversität oder Böden verloren gehen können, ohne dass bestimmte Leistungen des globalen Ökosystems gefährdet werden, wie
z.B. die Aufrechterhaltung eines stabilen Sauerstoffgehaltes in der
Atmosphäre. Wären die maximal noch hinnehmbaren Eingriffe des
Menschen zumindest in groben Zügen bekannt, könnten vorläufige
Schutz- oder Reduktionsziele formuliert werden, die mindestens ein-
gehalten werden müssten.
Bisher gibt es weder für die Biodiversitäts- noch die Desertifikationskonvention solche Schutz- oder Reduktionsziele bzw. Indikatorenkataloge, mit denen die Wirkungen der Vereinbarungen gemessen
oder zumindest nachvollziehbar gemacht werden könnten. Beim
Klimaschutz hingegen gibt es eine Vorstellung über die maximal tolerierbare Erderwärmung und den einzuhaltenden Sicherheitsabstand
zu möglichen abrupten oder unumkehrbaren Umschwüngen des
Klimasystems, so dass konkrete Reduktionsziele abgeleitet werden
konnten. Wesentlicher Motor ist hier der 1988 eingerichtete Zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaänderungen (IPCC), der in regelmäßigen Sachstandsberichten das beste verfügbare Wissen über
den globalen Klimawandel zusammenträgt und in Zusammenfassungen für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft aufbereitet. In
Anlehnung an den IPCC sind für die Beratung und Begleitung der
internationalen Boden- und Biodiversitätspolitik und ihrer erfolgreichen Umsetzung nach Auffassung des Wissenschaftlichen Beirats der
Bundesregierung Globale Umweltveränderungen vergleichbare wissenschaftliche Gremien unverzichtbar (WBGU, 2001). In einem
„Zwischenstaatlichen Ausschuss über biologische Vielfalt“ (Untergovernmental Panel on Biological Diversity — IPBD) oder einem „Zwischenstaatlichen Ausschuss über Land und Boden“ (Intergovernmental
Panel on Land and Soil - IPLS) ließen sich international anerkannte
Wissenschaftler zusammenführen, die kontinuierlich und unabhängig
arbeiten und wissenschaftliche Politikberatung leisten könnten. Ihre
spezielle Aufgabe wäre die Beratung der Vertragsstaatenkonferenzen
81
und die Information der internationalen Öffentlichkeit mit den
Schwerpunkten:
© regelmäßige Zustandsanalyse des Systems Erde,
e Früherkennung und Frühwarnung vor drohenden und potenziell
irreversiblen Umweltschädigungen,
e Abschätzung von „Leitplanken“, die noch akzeptable Übergangsbereiche bzw. inakzeptable Zustände beschreiben, um irreversible
Entwicklungen zu verhindern.
Solche unabhängigen wissenschaftlichen Gremien wären eine
wichtige Ergänzung der bestehenden und im Wesentlichen mit politischen Verhandlern besetzten Wissenschaftsausschüsse der Vertragsstaatenkonferenzen, etwa zu Biodiversität und Desertifikation. Deren
Stärke liegt in ihrer Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft und
Politik, wobei sie eine Schlüsselrolle bei der Erarbeitung von Hand-
lungsoptionen einnehmen könnten (wie es bereits bei der Klimarahmenkonvention der Fall ist).
Insgesamt bietet der Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in
Johannesburg 2002 („Rio + 10“) eine gute Gelegenheit, die skizzier-
ten Reformen auf den Weg zu bringen und damit, ähnlich wie 1992
in Rio de Janeiro, einen Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik zu bewirken. Die meisten Länder sind zu solchen Reformen bereit, jetzt kommt es darauf an, eine wirksame Nord-SüdKoalition zu schmieden. Die Europäer, die Deutschen, könnten dazu
die Initiative ergreifen.
Literaturhinweise
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82
Barbara Schäfer
„Erdgipfel 2002“ —
Eine Einschätzung des Erreichbaren
Im Jahr 2002 jährt sich zum zehnten Mal der Erdgipfel von Rio de
Janeiro, 1992. Verabschiedet wurden in Rio die AGENDA 21, die RioDeklaration und die Prinzipien zur Erhaltung der Wälder, gezeichnet
wurden die Klima- und die Biodiversitätskonvention.
Die Umsetzung und Weiterentwicklung der AGENDA 21 wird seit-
her durch die 1993 gegründete Kommission für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Commission
lopment, CSD) begleitet und überwacht. Sie hat
gen Arbeitsprogramm seit Rio die Themen der
delt und dadurch wichtige Weichenstellungen
on Sustainable Devein einem mehrjähriAGENDA 21 verhanvorgenommen. Um
nur ein Beispiel zu nennen: Auf der 3. Tagung der CSD in 1995
wurde ein internationales Arbeitsprogramm
zu Indikatoren verab-
schiedet, in dessen Folge weltweit nationale, regionale und lokale Indikatorensysteme entwickelt wurden, die zu wichtigen MonitoringInstrumenten für die Politik der Nachhaltigkeit geworden sind.
Entsprechend wird von dem „Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung“, der vom 2. bis 11. September 2002 in Johannesburg , Südafrika, stattfindet, erwartet, dass von ihm wieder neue Impulse für Umwelt- und Entwicklungspolitik ausgehen. So hat die Entscheidung für
den Austragungsort Johannesburg wichtige Signalwirkung, insbeson-
dere für Afrika als Kontinent mit besonders gravierenden Umwelt-
und Entwicklungsproblemen.
Bereits jetzt sind zahlreiche Projekte in Vorbereitung, die das Po-
tenzial haben, nachhaltige Entwicklung für die Region Sub-Sahara
Afrikas weiter voranzubringen. Weltweit wird der Gipfel neue Impul-
se für Umwelt und Entwicklung geben. Insbesondere birgt seine Austragung in einem Entwicklungsland die große Chance, die Partnerschaft zwischen den wirtschaftlich hoch entwickelten Staaten des
Nordens mit denen des Südens auf eine neue Basis des gegenseitigen
Vertrauens und der Zusammenarbeit zu stellen.
Bezüglich der Themen, die auf dem Gipfel prioritär behandelt
werden sollen, wird es frühestens zur 56. Generalversammlung der
Vereinten Nationen (UN) im Herbst/Winter 2001 eine offizielle Be-
schlusslage geben. Es gibt aber bereits Anzeichen dafür, dass der Fokus des Gipfels auf den Zusammenhang von Armutsbekämpfung,
Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik gerichtet sein wird. Weitere
Hauptthemen dürften Globalisierung und nachhaltige Entwicklung,
Partnerschaft mit dem privaten Sektor, Wasserwirtschaft, Energiepolitik, Finanzen und Technologie und internationale GovernanceStrukturen sein.
Weiterhin bietet der Johannesburg-Gipfel die Gelegenheit, einen
Problembereich zu thematisieren, der ‚quer‘ zu allen Nachhaltigkeitsthemen
liegt — der Zusammenhang
zwischen
der ‚Frauen/Gender-
frage‘ und der Umwelt- bzw. Entwicklungspolitik. Eine zu diesem
Thema von Deutschland ausgerichtete internationale Expertenkonferenz wurde auf der 9. Tagung der Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD-9) im April 2001 insbesondere von internationalen
NGOs positiv aufgegriffen.
Im Folgenden sollen die Debatte um diese Themen und das Spektrum der möglichen Verhandlungen dargestellt werden. Dabei gilt es
zunächst festzuhalten, dass die Ausführungen Prognosecharakter haben und nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, da die regi-
onalen und nationalen Vorbereitungsprozesse der nächsten Monate
sicher noch andere wichtige Aspekte ergeben werden. Auch haben
viele Interessengruppen ihre Vorbereitungen erst begonnen. Von ihnen dürften sicher neue Impulse und Ideen in die Tagungen der
CSD-10, auf welchen die Vorbereitung des Gipfels erfolgen, eingebracht werden.
Schwerpunktthema Armutsbekämpfung und finanzielle Ressourcen
Die Rio-Konferenz hatte bei vielen Entwicklungsländern eine Erwartungshaltung bezüglich der Bereitstellung von neuen und zusätzlichen finanziellen Ressourcen und von Technologietransfer zu Vorzugsbedingungen geweckt. Die Realität des Rio-Folgeprozesses ist
hinter diesen Erwartungen jedoch zurückgeblieben, insbesondere vor
dem Hintergrund der sinkendenTrends bei der öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA). Die seit Rio stark angestiegenen privaten Kapitalflüsse in einzelne Länder werden von den Entwicklungsländern insge84
samt nicht als ausreichende Kompensation für den sinkenden Anteil
öffentlicher Hilfe angesehen. Diese Entwicklung hat zu einem Vertrauensverlust auf Seiten vieler Entwicklungsländer geführt, was die
Verhandlungen in vielen multilateralen Umweltabkommen und in
der CSD seit Rio erschwert hat.
Aber auch auf Seiten der Industrieländer gibt es enttäuschte Erwartungen. Zum einen sehen sie eine zentrale Voraussetzung für eine effektive finanzielle und technische Hilfe — eine gute Regierungsführung (good governance) — in vielen Fällen nicht erfüllt. Vor allem aber
steht für sie der Rio-Folgeprozess für die Balance zwischen ökonomischen, sozialen und ökologischen Zielen und damit für eine Integration des Umweltschutzes in alle Politikbereiche, und sie erwarten von
ihren Verhandlungspartnern zumindest die Anerkennung von für sie
so zentralen Prinzipien wie „Ökoeffizienz“ und „Internalisierung externer Kosten“.
Es ist wohl nicht zu weit gegriffen vorherzusagen, dass es letztlich
der Umgang mit diesen Themen sein wird, der darüber entscheidet,
ob der Gipfel in Johannesburg einen weitreichenden Erfolg hervorbringen kann oder nicht. Wenn hierzu während der Vorbereitungstagungen der CSD-10 in 2002 und auf der UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung (Financing for Development) in Mexiko im
März 2002 die Bereitschaft zur Annäherung fehlt, werden auch in
Johannesburg die Verhandlungen von Umwelt- und Entwicklungsthemen wesentlich erschwert sein. Für echte Verhandlungserfolge auf
dem Gipfel wäre es sehr förderlich, wenn
die Industrieländer ernst-
hafte Bereitschaft für die Mobilisierung von neuen und innovativen
Finanzierungsmechanismen signalisieren und die Entwicklungsländer
die ökologischen Ziele stärker als bisher anerkennen würden.
Die derzeitige Verhandlungslage, vor allem die Ergebnisse der
CSD-9 und 10, lässt ein solches Konvergieren der Positionen noch
nicht erkennen. Allerdings waren alle Staaten(gruppen) bislang auch
. bemüht, im Vorfeld des Gipfels noch keine ihren Positionen entgegenlaufenden Festlegungen zu akzeptieren. Die entscheidende Frage
wird sein, ob dafür lediglich verhandlungstaktische Gründe ausschlaggebend waren — oder ob es tatsächlich an der Bereitschaft mangelt, die seit Rio vielfach beschworene „Partnerschaft“ zwischen Nord
und Süd mit neuem Leben zu erfüllen.
85
Schwerpunktthema Ressourcenschutz — Energie und Wasser
Während das Thema neue und zusätzliche Finanzressourcen für die
Entwicklungsländer vermutlich zum Testfall für einen Verhandlungserfolg des Gipfels wird, dürfte das inhaltliche Kernstück der Verhandlungsposition der EU und anderer Industrieländer die Forderung
nach zusätzlichen und weitreichenderen Maßnahmen zum Schutz der
natürlichen Ressourcen sein. Dabei sollen vor allem diejenigen Fragen behandelt werden, die nicht durch andere intergouvernementale
Prozesse bereits abgedeckt sind — wie Klima, biologische Vielfalt, Desertifikation und Wälder. Insbesondere in den Bereichen Energie und
Wasser ist es erklärtes Ziel der EU, zu weiter reichenden Verpflichtungen zu kommen und konkrete Zielgrößen für die ökologische Effizienz sowie für die Eindämmung des Abbaus natürlicher Ressourcen
in den Gipfeltexten zu verankern.
Energie: Bereits auf der CSD-8 hat Bundesumweltminister Trittin den
Vorschlag gemacht, für den Johannesburg-Gipfel möglichst konkrete
energiepolitiche Handlungsoptionen, differenziert nach Entwicklungsstand der Staaten, zu entwickeln. Weiterhin richtungweisend für
den Gipfel waren die Verhandlungen der Ad-hoc Open Ended Working
Group on Energy im März 2001 und die Ergebnisse der CSD-9. Hier
ist es trotz stark divergierender Interessenlagen gelungen, eine gemeinsame Entscheidung herbeizuführen. Diese kann als Grundlage
der Johannesburg-Beschlüsse dienen, da es sich um ein Papier handelt, das die wesentlichen
Fragen eines nachhaltigen Umgangs
mit
Energie weltweit enthält - wenn auch die starke Präsenz der OPEC
unter den Wortführern der G77 anspruchsvollere Festlegungen zu
Energieeffizienz,
erneuerbaren
Energien,
Brennstoffspezifikationen,
Brennstoffmix, Emissionsreduktion und zu Marktmechanismen wie
Energiesteuern und Subventionsabbau noch verhinderte.
Wasser: Das zweite zentrale Ressourcenthema in Johannesburg wird
voraussichtlich der Zugang zu sauberem Wasser sein. Die Bewälti-
gung der Wasserprobleme, der Wasserknappheit und der Wasserverschmutzung ist eine der größten Herausforderungen an die internationale Staatengemeinschaft. Ein wesentliches Element der Gipfelvorbereitung ist eine Internationale Wasserkonferenz,
die in enger Ab-
stimmung mit den Vereinten Nationen durch das Bundesumweltministerium und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter dem Motto „Wasser — ein Schlüssel zur nachhaltigen
86
Entwicklung“ vorbereitet und vom 3. bis 7. Dezember 2001 in Bonn
stattfinden wird. Die Konferenz soll Empfehlungen zu Themen wie
innovative Strategien für Wasserver- und Abwasserentsorgung für die
Armen, Schutz der Ökosysteme und der Wasserressourcen oder Aus-
gleich bei Wassernutzungen erarbeiten und so für die Behandlung des
Themas auf dem Johannesburg-Gipfel den Boden bereiten.
Schwerpunktthema Globalisierung und privater Sektor
Spätestens auf der CSD-8
kontroverses
Thema
war deutlich geworden, dass ein weiteres
im Zentrum
der Auseinandersetzungen
um
weltweite nachhaltige Entwicklung steht: die Frage des freien Warenund Dienstleistungsverkehrs zwischen den Ländern des Nordens und
des Südens im Zuge des weltweiten Globalisierungsprozesses und die
Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialstandards hierbei.
Die Industrieländer, allen voran die EU, dringen auf eine stärkere
Einbeziehung
Produkten
ökologischer Aspekte bei international
und Produktionsprozessen,
gehandelten
auf die Möglichkeit entspre-
chender Kennzeichnung (labelling), auf die Förderung des Handels
von umwelt- und sozialverträglichen Produkten, die bessere Berück-
sichtigung des Vorsorgeprinzips sowie auf eine verbesserte Kohärenz
multilateraler Umweltabkommen mit den Regelungen der World
Trade Organization (WTO). Für die Entwicklungsländer steht hin-
gegen der Abbau von handelsverzerrenden Subventionen in Industrieländern, vor allem im Agrarbereich, an erster Stelle - und somit ein
wesentlich verbesserter Zugang ihrer Güter und Dienstleistungen zu
deren Märkten ohne neue Konditionalitäten der oben erwähnten Art.
Aufgrund der weitreichenden ökonomischen Implikationen ist es
wohl nicht realistisch, von Johannesburg eine Lösung aller Konflikte
im Bereich Handel und Umwelt zu erwarten, doch birgt das große
öffentliche Interesse für den Gipfel die Chance von Vereinbarungen
zumindest in Teilbereichen. Eine von Bundesumweltministerium und
UNEP veranstaltete Ministerkonferenz im März 2001 hat hierzu erste Schritte eingeleitet. Es gab eine Verständigung zur Stärkung der
Rolle von UNEP
im Bereich Handel und Umwelt, zur Abschätzung
der Wirkungen von Handelsabkommen
auf eine nachhaltige Ent-
wicklung (sustainability impact assessment) sowie zur Bedeutung von
Auslandsdirektinvestitionen für eine nachhaltige Entwicklung.
In engem Zusammenhang mit der ökonomischen Globalisierung
rückt ein weiteres Thema für Johannesburg ins Blickfeld — die Rolle
87
der privaten Unternehmen im Prozess der nachhaltigen Entwicklung.
Die Wirtschaft hat seit 1992 in vielen Bereichen eine aktive Rolle, in
manchen Bereichen sogar eine Führungsrolle übernommen. In jedem
Fall kann ein gestiegenes Bewusstsein für Umweltschutz als Standortfaktor festgestellt werden. Hieraus ergibt sich die Chance für den
Gipfel, weitere Strategien zur Integration von Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten in den Globalisierungsprozess zu erarbeiten. So gibt
es eine Initiative des Bundesumweltministeriums, gemeinsam mit der
deutschen
Wirtschaft,
Gewerkschaften
und
NGOs
auf freiwilliger
Basis Leitlinien für die Integration von Umweltaspekten bei Auslandsinvestitionen zu entwickeln. In die gleiche Richtung gehen Bemühungen, der Industrie Gelegenheit zu geben, den Gipfelteilnehmern nachhaltige Projekte mit Vorzeigecharakter vorzustellen.
Schwerpunktthema Institutionen
Die institutionelle Stärkung des Umweltschutzes und des Politikfeldes
Nachhaltige Entwicklung im UN-System wird in jedem Fall auf dem
Gipfel in Johannesburg zur Beratung kommen. Dabei geht es vor allem um die Reform von UNEB
um die zukünftige Rolle und die
Aufgaben der CSD sowie um die Beziehungen dieser Institutionen
untereinander und zu den bestehenden multilateralen Umweltabkommen. Zu den diskutierten Optionen gehört die Einrichtung einer
Weltumweltorganisation im Sinne einer Stärkung und Aufwertung
von
UNEP
Die Gipfelvorbereitung
der Thematik
erfolgt, entspre-
chend einer Entscheidung des UNEP-Verwaltungsrates vom Februar
2001, durch eine Arbeitsgruppe zur Reform der Governance-Strukturen im Bereich der Umweltpolitik.
Auch die Rolle und die Aufgaben der CSD werden in Johannes-
burg voraussichtlich auf dem Prüfstand stehen. Nach Rio eingerichtet
als politische Plattform, um die Themen der AGENDA 21 und deren
Implementierung fortzuentwickeln, wurde in den letzten Jahren zunehmend Kritik an der CSD hörbar, insbesondere weil ihre Verhandlungsatmosphäre sukzessive weniger konstruktiv und ergebnisorien-
tiert geworden sei. In Johannesburg wird man sich mit dieser Problematik befassen müssen. Das Spektrum der möglichen Alternativen
für eine Effektuierung der CSD nach 2002 reicht hierbei von einer
Reduzierung der zu bearbeitenden Themen pro Tagung über die
Auswahl von lediglich neuen Themen, der Verlagerung der Tagungen
weg von New York, um so mehr Expertenbeteiligung zu garantieren,
88
bis hin zu noch stärkerer Beteiligung von Interessengruppen - so genannten multi-stakeholders —, die bereits in den letzten Jahren eine
immer wichtigere Rolle gespielt haben. Diskutiert werden muss auch
eine verbesserte personelle Ausstattung des Sekretariats der CSD.
Querschnittsthema Gender und Umwelt
Insbesondere von Deutschland und verschiedenen Nord- und SüdNGOs wird eine weitere Problematik als diskussionsbedürftig angesehen: die Frage des Zusammenhangs zwischen der Frauen-/
Genderfrage und der Umweltproblematik. Bereits in Rio 1992 war
anerkannt worden, dass Frauen eine besondere Rolle bei der nachhaltigen Entwicklung zukommt. In den unterschiedlichsten kulturellen
und sozialen Kontexten haben Frauen eine Tradition der Verantwortung für Ressourcennutzung und dazu in besonderem Maße Handlungskompetenz und innovative Kraft bewiesen. Eine wichtige Forderung der Nachhaltigkeitsdebatte ist daher die stärkere Beteiligung von
Frauen an den gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen über Umwelt und nachhaltige Entwicklung.
Wie in vielen anderen Bereichen der AGENDA 21 klafft aber auch
bei diesem Thema eine große Lücke zwischen den formulierten Zielen und der Umsetzung in die Praxis. Zwar steht das Thema „Gender
und Umwelt“ seit Rio formal durchaus auf der Tagesordnung. In den
konkreten Verhandlungen jedoch sind die Entscheidungen meist substanzlos ausgefallen — die Berücksichtigung der Problematik erschöpft
sich in pauschalen Aufforderungen an die Vertragspartner, Frauen intensiver am politischen Prozess zu beteiligen und die Belange von
Frauen stärker zu berücksichtigen.
Um hier ein Stück weit voranzukommen, muss das Thema wieder
auf die politische Tagesordnung. Für den Erfolg des Themas auf dem
Gipfel wird entscheidend sein, dass sich die Diskussionen wegbewegen von der mehr gesellschafts- als umweltpolitisch motivierten Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit, hin zu qualifizierten Aussagen bezüglich des Nutzens einer Geschlechterorientierung der Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitspolitik.
Fazit und Bewertung
Einige entscheidende Weichen für die Vorbereitung des Erdgipfels
2002 wurden durch die Diskussionen auf der CSD-9 gestellt. Wich89
tige Zukunftsthemen wie Energie oder internationale GovernanceStrukturen stehen zur Diskussion, und es ist zu hoffen, dass die Sig-
nale, auf dem Gipfel vor allem solche besonders dringlichen Themen
bearbeiten zu wollen, ergebnisorientierten Debatten gute Chancen
gibt. Auch die Auswahl des Austragungsorts hat positive Signale gesetzt. Regierung und NGOs Südafrikas bereiten sich mit großem Engagement auf den Gipfel vor, und für Afrika, insbesondere für die
Region südlich der Sahara dürfte der Gipfel wichtige umwelt- und
entwicklungspolitische Impulse mit sich bringen.
Weltweit sind die Erwartungen entsprechend hoch - sicher ebenfalls eine Voraussetzung dafür, den Gipfel weiterhin ambitioniert vor-
zubereiten. Allerdings haben die Jahre seit Rio 1992 gezeigt, wie
schwierig es ist, wirklich weitreichende Verhandlungsfortschritte für
nachhaltige Entwicklung zu erzielen. Weit auseinander gehende Positionen bezüglich der Bewertung des Globalisierungsprozesses, der
Bedeutung der Handels- und Investitionspolitik und der Entwicklungsfinanzierung
sind dabei die maßgeblichen
Faktoren
für die
Stagnation der Verhandlungen. Solange die beteiligten Staaten und
Staatengruppen primär die Bewahrung ihrer eigenen Interessen im
Blick haben, so lange wird es schwer bleiben, zielgerichtete Anstren-
gungen für bessere Politik, Maßnahmen und Projekte zu unternehmen.
Es steht zu hoffen, dass es auf dem Erdgipfel 2002 gelingt,
die
konstruktive Verhandlungsatmosphäre der Anfangsphase des RioProzesses wieder aufleben zu lassen. Es ist aber sicher nicht zu optimistisch zu erwarten, dass Johannesburg wichtiger Impulsgeber, Katalysator, Diskussionsplattform in dem langen Prozess hin zu mehr
Nachhaltigkeit weltweit sein wird und
e dazu beiträgt, das öffentliche Interesse an den Themen
Umwelt
und Nachhaltigkeit wieder zu erhöhen,
e eine Verständigung auf realisierbare Schritte hin zu einem integrierten Institutionengefüge im Bereich Umwelt und nachhaltige
Entwicklung ermöglicht,
e konkrete Initiativen zur Integration von Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten in den weltweiten Globalisierungsprozess vor allem
durch die Privatwirtschaft anstößt
e und vor allem für Umwelt- und Entwicklungsthemen, die sich neu
stellen, neue und zusätzliche Weichenstellungen erreicht.
90
Literaturhinweise
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Summary
April 3 —
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auf den
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der Europäischen Gemeinschaften: Zehn Jahre nach Rio: Vorbereitungen
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Wissenschaftlicher Beirat Globale
Umweltveränderungen(WBGU):
Welt
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KHK
„Globalisierung ist der Name, der bislang
unverstandenen Prozessen aus einem Mangel
an besseren Konzepten gegeben wird.“
Marc Humbert
KKAKK
im Wandel:
2. WAS IST LEBEN?
Hans Werner Ingensiep
Was ist Leben? - Grundfragen der Biophilosophie
Wozu die Frage? Welche Frage?
Der vielfältige und geradezu inflationäre Gebrauch des Ausdrucks
„Leben“ in aktuellen Problemfeldern -— von der Sozialethik bis zur
Gentechnologie — steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu seiner
Klarheit und Bedeutung: je intensiver der Gebrauch, desto größer die
Unschärfe. Innerhalb der Naturwissenschaft scheinen vor allem die
paradigmatischen „Lebenswissenschaften“ — Biologie und Medizin —
die Definitionshoheit zu beanspruchen, innerhalb der Philosophie
vor allem die „Bioethik“, die alle „Lebensphänomene“ betrifft und sie
einer praktischen Bewertung unterzieht — sei es in der Menschen-,
Tier- oder Umweltethik. Man spricht von der Würde und Heiligkeit
des Lebens, wenn es um menschliche Embryonen geht, vom subjektiven Empfindungsleben, wenn es um Glück, Leid und intrinsische
Werte höherer Tiere geht, von der Ehrfurcht vor dem Leben unter
Einschluss von Bakterien und Viren, von dem Wert der Biodiversität
und der Biosphäre qua Gaia. Beobachter dieser verschiedenen Lebensdiskurse lehnen sich verwirrt zurück und fragen, von welcher Art
von Leben gerade die Rede war.
Es ist ein Faktum, dass vieldeutige und vielfältige Lebensbegriffe
im Gebrauch sind, sei es auf der rein beschreibenden Ebene oder auf
der bewertenden Ebene — und hier liegt bereits ein erstes Kernproblem. Angesichts der Diskussionen über das Leben eines menschlichen
Embryos im Rahmen des sog. therapeutischen Klonens, über Designer-Lebewesen für die medizinische Nutzung, über das Leben eines
Gorillas oder eines Baumes in Ökosystemen und last but not least im
medizinischen Feld über das schwierige Leben eines geistig schwerstbehinderten Menschen wird deutlich, dass wir es mit einem äußerst
92
heterogenen und weit gespannten Gebrauch des Lebensbegriffes zu
tun haben. Zugespitzt gesagt: Innerhalb dieser Diskussionsfelder fin-
den gespaltene Diskurse über das Leben statt.
Häufig werden Bedeutungen
aus Kontexten
herausgerissen und
von einem Bereich auf den anderen übertragen, ertrinken geradezu
zwischen unterschiedlichen Metaphern, so dass Philosophen — insbe-
sondere analytisch denkende — zu Recht meinen, der Begriff des Lebens sei eben „unklar“. Aber im Allgemeinen können wir damit gut
leben. Nur innerhalb der Bioethik haben wir es jedoch mit einer besonderen Problemsituation zu tun, wenn z.B. die Begriffe „Leben“
und „Person“ unterschieden werden sollen. Aber auch „Personen“ le-
ben. Nicht zuletzt deshalb muss der biologische Lebensbegriff für die
Bioethik anschlussfähig sein. Die bislang mehr theoretisch gestellte
Frage „Was ist Leben?“ ist bioethisch höchst brisant, wie die Beispiele
deutlich machen. Obwohl wir es mit unterschiedlichen Lebensfragen
zu tun haben, so ist doch der Lebensbegriff als Brücke zwischen den
getrennten Diskussionsfeldern, seine Integrations- und Kommunikationskraft gefordert, insbesondere, wenn
es ein kontinuierliches und
konstruktives Gespräch zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern
über das „Leben“ geben soll.
Das fachübergreifende Gespräch wird fruchtbar, wenn Differenzie-
rungen in grundlegende Lebensfragen vorgenommen
(2. Abschnitt)
und wenigstens idealtypische Anforderungen formuliert werden
(3. Abschnitt). Eine exemplarische Antwort aus der Perspektive der
Naturwissenschaften am Ende des 20. Jahrhunderts (4. Abschnitt) er-
laubt
die Erörterung
biophilosophischer
Fundamentalkategorien
(5. Abschnitt) und die Darlegung eines Grundproblems moderner
Lebensdefinitionen — deren Genomzentriertheit (6. Abschnitt).
Schließlich erfolgt — davon ausgehend — wieder ein Schritt vom Le-
ben zur Person und damit zur Wiedergewinnung einer phänomengerechteren Perspektive auf das Leben (7. Abschnitt).
Drei Lebensfragen unterscheiden
Instruktiv für Unterscheidungen und Überschneidungen im Lebensbegriff ist der Ausdruck „vegetatives Leben“, der einerseits für Pflanzen, andererseits für die pflanzenhafte Existenz normaler Menschen
in der frühembryonalen Entwicklung Verwendung findet (vgl. Ingensiep 2001). „Persistent vegetative state“ bezeichnet dagegen medizi93
nisch einen anormalen, pathologischen Lebenszustand, der im Fall
des so genannten appallischen Syndroms bei körperlich und geistig
schwerstbehinderten Menschen mit dem Verlust eines inneren Bewusstseins- und Empfindungsleben verbunden wird, wenngleich
äußerlich ein durchaus intensives Bewegungsleben zu beobachten ist.
Manche Eltern resignieren angesichts dessen wie ein Vater, der von
seinem bettlägerigen Sohn sagt: „Er lebt wie eine Pflanze, aber dann
müssen
Sie schon an schlecht blühendes
Unkraut
denken“ (zitiert
nach Anstötz in Cavalieri/Singer 1994, S. 252). Selbst der Vergleich
mit tierischem Leben scheint hier zu versagen, und man steigt in der
hierarchischen Stufenfolge des Lebens vom Menschen über das Tier
auf die Lebensstufe der Pflanze hinab, um diese Seinsweise erfassen zu
können (vgl. Ingensiep 1997, 1999). Die Wissenschaftssprache steht
hier nicht zurück, wenn im Angelsächsischen in diesem Fall von ‚hu-
man vegetables’ die Rede ist. Was für ein Lebensbegriff wird hier
zugrunde gelegt? Welche Bedeutungen werden dem Lebensbegriff
auferlegt? Welche Kontexte ermöglichen hier eine begriffliche Klärung? Offenbar wird zwar ein biologischer deskriptiver und neutraler
Lebensbegriff — Pflanzenleben — zugrunde gelegt, der aber dann in
der Übertragung den bitteren Beigeschmack eines negativen Wertungsbegriffes erhält.
Bereits auf der Beschreibungsebene ist der Lebensbegriff äußerst
komplex und verlangt weitere Differenzierungen. Beispielsweise wird
angesichts des Hirntodproblems zu Recht unterschieden zwischen der
Frage: (1) Wann lebt ein Mensch? und der Frage: (2) Was ist ein Lebewesen? (vgl. Stöcker 1999, S. 75-80). Eine Antwort auf die erste
Frage erlaubt, lebende von toten Menschen zu unterscheiden, die
Antwort auf die zweite Frage zielt auf Kriterien zur Unterscheidung
von Lebewesen und Nicht-Lebewesen. Hier kann es zu seltsamen
Antworten kommen: „Lebewesen sind diejenigen Systeme, die aufgrund ihrer arttypischen Zusammensetzung aus Zellen die Fähigkeit
haben, sich eine Zeit lang dynamisch der Entropie zu widersetzen,
und zwar so lange, dass eine Fortpflanzung hinreichend häufig möglich ist“ (ebd. S. 79). Man stößt in bioethischem Kontext auf eine
klassische Antwort von Schrödinger, dessen Leitfrage allerdings laute-
te: „Was ist Leben?“ Das Beispiel an der Schnittstelle zwischen Biolo-
gie und Bioethik macht aber deutlich, dass wir es mindestens mit drei
unterschiedlichen Lebensfragen zu tun haben, deren Beantwortung in
unterschiedliche Richtungen zielt.
94
Zielrichtung der drei Lebensfragen
1. Wann lebt ein Lebewesen (z.B. ein Mensch)?
Diese Frage zielt auf einen individuellen, ontogenetischen Zustand eines Lebewesens — ob es lebendig oder tot ist.
2. Was ist ein Lebewesen?
Diese Frage zielt auf eine spezifische Klasse von Naturkörpern
und deren Differenz zu anderen natürlichen oder künstlichen
Körpern.
3. Was ist Leben?
Diese Frage zielt auf das Wesen eines spezifischen Prozesses, in
den alle Lebewesen und individuellen Zustände — ob lebendig
oder tot — eingebunden sind.
Anforderungen an moderne Antworten
Abgesehen davon, dass Was-ist-Fragen dieser Art schnell unter Metaphysikverdacht geraten, so zeigt doch der Alltag in den Lebenswissenschaften und in der Philosophie, dass sie immer wieder gestellt werden. Eine wichtige Frage ist, ob und wieweit der Lebensbegriff der
Biologie beispielsweise mit dem Lebensbegriff der Anthropologie und
der modernen Bioethik anschlussfähig ist. Ist er es nicht, hängen un-
terschiedliche Lebensbegriffe unvermittelt, ja undiskutierbar in der
Luft. Für die Biologie mag das angehen, da sie auch ohne einen defi-
nierten Lebensbegriff forschen kann. Für eine philosophische Anthropologie ist es systematisch und weltanschaulich problematisch, weil
sie dann auf einem ungeklärten Lebensfundament ruht. Für eine
moderne Bio(!)ethik aber wäre es fatal. Denn eine Bioethik ohne soliden Lebensbegriff wäre eine Wissenschaft ohne definierten Gegen-
stand, über den sie spricht und wertend urteilt. Ein fruchtbarer Dialog zwischen Bioethikern und Biologen wäre dann aussichtslos. Anschlussfähigkeit im Lebensbegriff scheint mir daher eine wichtige aktuelle Forderung zu sein, nicht zuletzt um auch zwischen Geistes-
und Naturwissenschaftlern eine gemeinsame Sprache über das Leben
zu finden. Allerdings kann es nicht angehen, dass die einen sich die
Definitionen bei den andern abholen, um sie dann unhinterfragt zu
instrumentalisieren.
95
Welche weiteren Anforderungen können gestellt werden? Ich nenne nur kurz klassische wissenschaftstheoretische Kriterien — Exaktheit, Einfachheit und Fruchtbarkeit -, die aber bereits auf innerbiolo-
gischer Ebene schwer einlösbar sind. Es bedarf noch weiterer Kriterien, die zunächst als trivial erscheinen wie die Forderung nach Speziesneutralität. Die Antwort auf die Frage: Was ist Leben? sollte nicht
speziesistisch ausfallen, d.h. nicht aus der Perspektive einer bestimmten Spezies namens Mensch - also anthropozentrisch — oder aus der
bestimmter, leidensfähiger Tierarten — also zoozentrisch oder pathozentrisch — erfolgen. Positiv formuliert bedeutet dies, dass der Le-
bensbegriff die Klasse aller Spezies umfassen und in diesem Sinne integrativ sein sollte. Zu diskutieren wäre aber, ob nicht jede umfassende Antwort anthropomorph oder anthropozentrisch bzw. neurozentrisch ausfallen muss bzw. ob nicht aus einer biozentrischen Grund-
perspektive Leben immer über Leben urteilt und damit jeder Antwortversuch
biomorph
befangen
ist, selbst
wenn
eine
Minimal-
definition des Lebens angestrebt wird.
Weitere ideale Anforderungen können gestellt werden, die gerade
in bioethischer Hinsicht interessant wären wie z. B. Individuierbarkeit von Leben. Alle miteinander sind keinesfalls ohne weiteres ein-
lösbar. Für die Prüfung klassischer philosophischer Antwortversuche
von Aristoteles bis Hans Jonas ist hier nicht der Raum (vgl. Baranzke
u.a. 2000), daher konzentrieren wir uns auf eine charakteristische
Antwort der Moderne.
Eine moderne Antwort
Modern soll heißen: Die Antwort erfolgt im Zeichen von Darwins
Evolutions- bzw. Selektionstheorie, d.h. Leben ohne Teleologie, ferner
im Zeichen der modernen Physik, d.h. Leben gegen die Entropie,
und schließlich auf der Grundlage moderner Molekularbiologie, d.h.
Leben mit Genom.
Bereits Erwin Schrödinger thematisierte zwei grundlegende Prinzi-
pien, die zum Verständnis des aktuellen Lebensbegriffs wichtig sind:
1. das Prinzip „Ordnung aus Ordnung“
und 2. das Prinzip: „Ord-
nung aus Unordnung“ (vgl. Murphy/O ’Neill 1997, S. 12f.). Schrö-
dinger vertrat die Auffassung, dass die Zelle ein ordnungsstiftendes
Prinzip enthalten muss, und postulierte einen aperiodischen Kristall
als Träger dieses Lebens. Seit 1953 wissen wir mit den Molekularbio96
logen Watson und Crick, dass die DNA eine derartige Bedingung für
Leben erfüllt. Folgende Lebensdefinition, die sich an den Theorien
Darwins und Schrödingers orientiert, stammt aus einem aktuellen
Lehrbuch der Genetik:
Leben ist gekennzeichnet durch das Bestreben, sich identisch zu reproduzieren und der Umgebung Energie zu entziehen, um aus sich heraus einen Zu-
stand höherer Ordnung zu schaffen. Es wirkt damit dem Prinzip der permanenten Zunahme
der Entropie entgegen. Eine Lebensform erfüllt diese Auf-
gabe umso besser, je anpassungsfähiger sie ist und je komplexer sie ihre Umgebung zu strukturieren mag. Leben kann als der Versuch bezeichnet werden,
biologisch einem notwendigen physikalischen Ablauf verzögernd entgegen-
zuwirken: dem Tod des Universums durch Erreichung der maximalen Ent-
ropie. (Seyffert u. a. 1998, S. 4f.)
Biophilosophische Fundamentalkategorien
Dieses Beispiel erlaubt, einige biophilosophische Fundamentalkategorien zu illustrieren, kurz: Struktur, Funktion, Geschichtlichkeit und
Information.
In Lehrbüchern dieser Art ist die Rede von Nukleinsäuren
(DNA/RNA), Proteinen, Phospholipiden etc. als stofflichen Trägern
von Leben, wobei zunächst eine besondere „Struktur“ dieser Kompo-
nenten
erforderlich ist. Schon aus rein thermodynamisch-physika-
lischer Perspektive betrachtet ist eine stabile, materielle Konstellation
eines Substrats, eben eine spezifische Struktur, erforderlich, damit
biologisch eine sinnvolle Rede von Leben erfolgen kann. Wäre Leben
aber nur strukturell bestimmt, könnte man beispielsweise auch ein
Stück Nukleinsäure aus sich wiederholenden gleichen Bausteinen als
einen Fall von Leben auffassen. Eine rein strukturelle Definition von
Leben ist offenbar nicht hinreichend. Strukturen der genannten Art
müssen
außerdem
bestimmte
„Funktionen“
haben.
Genau
genom-
men muss es sich um potenziell funktionserhaltende Strukturen handeln,
z.B.
zwecks
Selbstreproduktion.
Diese
Beziehung
zwischen
Struktur und Funktion ist fundamental für Leben. Die aperiodisch
strukturierten Nukleinsäuren müssen eine spezifische Ordnungsfunktion haben z.B. bei der Herstellung von Enzymen oder deren Regulierung im Stoffwechsel.
Man
spricht von
„Selbsterhaltung“,
wenn
der funktionale Referenzpunkt ein sich durch Regulation erhaltendes
System ist. Dieses „Selbst“ in der funktionalen „Selbsterhaltung“ steht
für ein System von Beziehungen, das wir noch aus einer geschichtsloSn
sen systemischen Perspektive beschreiben. Dennoch sprechen auch
Biologen gerne in einer historisch-teleologisch metaphorischen Weise
über das Leben, wie auch im obigen Beispiel, wenn dem Leben ein
„Bestreben“, eine „Aufgabe“, ein „Versuch“, kurz: ein Ziel unterlegt
wird wie die Erhaltung, Erreichung oder Verhinderung eines bestimmten Zustandes. Der zu verhindernde „Tod“ wird zudem als dia-
lektischer Gegenbegriff in die Lebensbetrachtung einbezogen.
Über Struktur und Funktion hinaus sind wir bei weiteren klä-
rungsbedürftigen Schlüsselbegriffen des Lebens angelangt: Geschichtlichkeit und Information. Bestimmte moderne systemische Lebenskonzepte wie Bertalanffys Auffassung von Lebewesen als halb offenen
Systemen im Fließgleichgewicht oder Maturanas Autopoiesis nehmen
eine auffällig geschichtslose Perspektive ein. In einer nachdarwin-
schen Lebenserklärung wird aber meist die Anpassungsgeschichte in
den Lebensbegriff miteinbezogen, d.h. ein funktionaler Niederschlag
und Gestaltungsraum von Strukturen gemäß den klassischen Evolutionsfaktoren Variation, Selektion, Isolation etc. Diese Form evolutio-
närer „Geschichtlichkeit“ ist mehr als die Beschreibung und Aufreihung zufälliger zeitlicher Abfolgen von
Systemveränderungen,
auch
mehr als ein rein genetischer Niederschlag von Information. Auf höherer Ebene zeigt sich diese fundamentale Geschichtlichkeit des Lebens in kulturellen Traditionen, die in anderer Weise als geronnene
Erfahrung mit dem Leben gelten können als die bloß genetisch betrachtete Beziehungsgeschichte zwischen einem System, seinen Teilen
und seiner Umwelt.
Die bloß systemische
Sicht des Lebens
ist problematisch:
„Das
Modell des offenen Systems redet nicht über Information“, meinte
der Begründer der biologischen Systemtheorie, Ludwig von Bertalanf. Eine zentrale Frage war und ist daher, welche Rolle dem Begriff
der „Information“ bei der Charakterisierung des Lebens eingeräumt
werden soll. Dieser Begriff wird einerseits benutzt, um Parallelen zur
künstlichen Maschine aufzuzeigen, andererseits, um Eigenarten des
Lebens zu artikulieren, wie bei Rupert Riedl, der das Evolutionsgeschehen insgesamt für einen informationsgewinnenden, systemischen
Rückkoppelungsprozess hält.
Moderne Biotheoretiker versuchen immer wieder, den Unterschied
zwischen der Amöbe und Einstein informationstheoretisch zu fassen,
so Manfred Eigen, der die Evolution des Lebens „nach den Kriterien
funktionscodierender
98
Information“
beschreibt:
„Der Mensch
unter-
scheidet
sich vom
Coli-Bakterium
nicht durch
seine effizientere
Chemie, sondern durch mehr Information (und zwar 1000-mal mehr
als beim Coli-Bakterium). Diese Information codiert für raffiniertere
Funktionen und ermöglicht komplexeres Verhalten.“ (Eigen in Mur-
phy 1997, S. 21). Das klingt gut und reduktionistisch. Klassische
Wissenschaftsphilosophen von Mario Bunge bis Carl Friedrich von
Weizsäcker würden den Informationsbegriff als Charakteristikum des
Lebens für anthropo- bzw. technomorph und teleologisch vorbelastet
halten und weitere erkenntnistheoretische Klarstellungen einfordern.
Ein bloß quantifizierender Informationsbegriff ist nicht hinreichend,
qualitative Unterschiede
zwischen
Lebewesen
— Viren,
Bakterien,
Pflanzen, Tieren und Menschen — bereits auf deskriptiver Ebene zu
erfassen und es bedarf weiterer biophänomenologischer Rahmenkategorien, um qualitative Sprünge in der Geschichte des Lebens begreif-
bar zu machen. Aber zunächst ist ein aktueller Trend ins Auge zu fas-
sen, die Genomzentriertheit moderner Lebensbegriffe.
Genomzentriertheit im Lebensbegriff
Unter Genomzentriertheit möchte ich eine Sichtweise des Lebens verstehen, in welcher das Genom quasi die Stelle einnimmt, die einst die
Seele als entelechiales Prinzip der Selbstbewegung innehatte. Das Genom wird zum Subjekt des Lebens schlechthin erklärt, sei es als In-
formations- bzw. Programmträger in der Zelle (Ernst Mayr), als Träger eines informationsgewinnenden Evolutionsprozesses insgesamt
(Rupert Riedl, Manfred Eigen) oder metaphorisch-anthropomorph
umschrieben als „egoistische Genmaschine“ (Richard Dawkins), die
eine stabile evolutionäre Überlebensstrategie verfolgt. Im Hinblick
auf derartige genomzentrierte Sichtweisen des Lebens ist sowohl die
historische Analyse als auch die aktuelle biotheoretische Diskussion
aufschlussreich.
Wissenschaftshistorisch ist die Genomzentriertheit der Diskussion
durchaus verständlich. Schon vor der Entdeckung der DNA-Struktur
starrte man in der Biologie auf den Zellkern und die chromosomalen
Träger der Reproduktions- und Regulationsfunktionen. Schrödingers
‚aperiodischer Kristall‘ als Träger des Lebens ist hierfür ein gutes Bei-
spiel. Der Ordnungs- und wenig später der Programmblick war auf
das Genom fixiert, von dem a priori galt, dass es nicht nur notwendig, sondern auch hinreichend für die Erklärung von Leben sei. Die
99
aktuelle Analyse der Schrödingerschen Argumentation vor dem Hintergrund des selbst organisierten Verhaltens offener thermodynamischer Systeme ergibt aber in diesem Punkt eine andere Sicht (vgl.
Kauffman in Murphy 1997, S. 99-133).
Der Biotheoretiker meint, dass die Schrödingersche Kristallord-
nung weder notwendig noch hinreichend für die Evolution des Lebens bzw. für die dynamische Ordnung der heutigen Lebewesen sei.
Leben beruhe „auf einem Phasenübergang zu kollektiv autokatalytischen Molekülverbänden in offenen thermodynamischen Systemen“.
Die Modellanalyse zeigt, dass es sich um kollektiv autokatalytische
Systeme handelt, z.B. um Zellen, in denen sich kein Molekül wirklich ‚selbst‘ repliziert, also auch nicht die DNA. Die Grundidee ist,
dass in ausreichend komplexen chemischen Reaktionssystemen bei
Überschreiten einer „kritischen Diversität“ der Molekülarten ein kol-
lektiv autokatalytisches System entstehen kann und Emergenz unvermeidlich wird. Ist das System katalytisch geschlossen, erfolgt
zwangsläufig dessen Ausbreitung. Computersimulationen demonstrieren, dass solche Systeme
„ohne ein Genom“,
quasi „in silicio“,
evolvieren. Eine stabile molekulare Struktur wie das Genom erscheint
demnach theoretisch als Träger von Lebensfunktionen nicht erforder-
lich. Ein stabiler Träger qua aperiodischer Kristall, der „Ordnung aus
Ordnung“ hervorbringt, sei nicht notwendig.
Bereits aus dieser biotheoretischen Perspektive ist die DNA also
nicht als ein Programmierer- und Chemiker-Selbst in der Mitte der
Zelle anzusehen, das die Struktur des zellulären Reaktionsnetzwerkes
entwirft, um sich zu replizieren. Vielmehr erscheint der Lebenskristall
umgekehrt als ein Niederschlag — eine Kristallisation —
scher Aktivitäten eines molekularen Kollektivs.
Ist nun, so die nächste Frage, der vermeintliche
autokatalyti-
Ordnungsträger
DNA als Quelle der dynamischen Ordnung im Lebewesen hinreichend, um Ordnung zu gewährleisten? Die Antwort: Nein! „Das co-
dierte System könnte chaotisch sein.“ Für die Kernfragen: Was ist ein
Lebewesen? und Was ist Leben? bedeute dies nach Kauffman: Leben-
de Systeme sind weder geordnete noch chaotische, sondern komplexe
adaptive Systeme,
die „in Richtung auf das komplexe
Regime am
Rande des Chaos evolvieren“ (a.a.O.). Entsprechend ergibt sich auch
ein anderes Bild der Ontogenese der Individuen, deren Regime „viel-
leicht nicht allzu weit vom Rande des Chaos entfernt liegen“ (ebd.).
In dieser Selbstorganisationsvariante wird also Leben phylogenetisch
100
und ontogenetisch neu interpretiert und zu diskutieren ist, inwieweit
dies für den aktuellen Lebensbegriff relevant ist. Jedenfalls zeigt sich
schon auf einer im Prinzip reduktionistischen, biotheoretischen Ebene, dass man
mit genomzentrierten
Lebensdefinitionen
vorsichtig
sein sollte.
Vom Leben zurück zur Person — Positionalität
Eine erweiterte Sicht auf den Lebensbegriff ergibt sich, wenn über das
Genom hinaus bis zur menschlichen Person fundamentale biophänomenologische Kategorien einbezogen werden. Der Philosoph und
Biologe Helmuth Plessner bot in seinem Hauptwerk „Die Stufen des
Organischen und der Mensch“ (1955) mit dem Begriff der „Positionalität“ eine Fundamentalkategorie, die den Begriff des „Lebens“ und
den Begriff der „Person“ anschlussfähig machen sollte.
Positionalität begreift, kurz gesagt, die Insich- und Übersichhinaus-
Gesetztheit als Wesenszug allen Lebens. Unter prinzipieller Einbeziehung einer doppelten Perspektive auf das Leben — von innen und außen her - soll eine je einseitige und dualistische cartesianische Sicht
des Lebens überwunden werden. Plessner geht vom Leitbegriff der
„Grenze“
aus, die allem Leben eigen sei. Man
kann diesen Ansatz
vom Boden der modernen Biologie her plausibel machen. Ein voll-
ständig geschlossenes System kann ebenso wenig als ‚Lebewesen‘
existieren wie ein vollständig offenes, unbegrenzt durchlässiges Sys-
tem. Geschlossene Systeme wären undurchlässig für Stoffe oder für
Sinneseindrücke, d.h. interaktions-, damit entwicklungs- und lernun-
fähig und in diesem Sinne auch geschichtsunfähig. Vollständig offene
Systeme wären dagegen eine Art von diffuser molekularer Brühe, die
zwar am Anfang einer Theorie der Biogenese stehen, nicht aber als eigentliche Träger einer Geschichte des Lebens fungieren. Kompartimentierung oder Semipermeabilität sind daher biologisch betrachtet
plausibel, wenn ein solches System eine „Position“ behaupten soll.
Ein solches Lebensgebilde steht daher zwangsläufig in einem besonderen Selbstverhältnis zu seiner Grenze, indem es einerseits auf
sich selbst gestellt ist, andererseits über sich hinaus verweist. Wir leben eben nicht in einer molekularen Brühe, aber auch nicht als Ge-
steinsbrocken im Gebirge. In einer molekularen Brühe lässt sich noch
die Verwirklichung von Strukturen und bestimmter Funktionen denken, aber vom
Einsatz einer Geschichte des Lebens sollte man
erst
101
sprechen, wenn individuierbare Einheiten vorliegen, die Träger dieser
Geschichte sein können. Diese Individuen erscheinen idealtypisch betrachtet auf höheren Stufen des Organischen als selbst gestaltende
(höhere Pflanzen), empfindungszentrierte (höhere Tiere) und schließ-
lich als selbstreflexive Einheiten, die durch jeweils besondere Verhältnisse zu ihrer Grenze charakterisiert sind (siehe Abbildung ]).
3%
Apositionalität Positionalität
zentrische
Positionalität
exzentrische
Positionalität
Abbildung 1: Positionalität als Modal
Plessner hatte in diesem Sinne Positionalität als „Modal“, d.h. als organische Fundamentalkategorie angesehen und apositionale Gebilde
mit kontingenter Grenze wie Gesteinsbrocken qualitativ davon geschieden. In diesem Sinne ist nicht nur die permanente Konfrontation mit Grenzen, sondern auch Bewahrung und Bewährung des Er-
worbenen in der Geschichte ein Grundzug des Lebens. Wer will,
kann sich dies reduktionistisch verdeutlichen im Sinne einer Bewährung durch natürliche Selektion und Bewahrung der Anpassung
durch Informationsspeicherung im Genom. Man kann sich aber darüber hinaus Plessners Standpunkt einer „exzentrischen Positionalität“
als hermeneutischen Ausgangspunkt eines jeden Lebensentwurfs und
damit einer jeden Lebensführung zu Eigen machen. So führt die biophänomenologische Beleuchtung des Lebensbegriffes wieder auf den
zentralen Begriff der „Person“, der im Mittelpunkt bioethischer Dis-
kussionen steht.
Eine Anforderung an diesen Beitrag war, im Hinblick auf die gespaltenen Lebensdiskurse die Begriffe Leben und Person wieder anschlussfähig zu machen. Dazu müssen moderne und klassische Le102
bensdiskurse dieser Art - ob in der Biotheoretik oder in der Biophilosophie — insbesondere angesichts eines sich zuspitzenden genomzentrierten Lebensbegriffes und der Entschlüsselung des menschlichen
Genoms laufend reflektiert werden. Die Natur- und die Geisteswissenschaften und schließlich die Qualität der allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion über „das Leben“ können davon nur profitieren.
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Stöcker, R.: Der Hirntod.
Ein medizinisches
Transformation, München 1999.
Problem
und seine moralphilosophische
Günter Altner
Ressource Mensch —
Über biotechnischen Fortschritt und Würde des Menschen
Als im Mai 2001
mit der Berufung des Nationalen Ethikrates, der
„Berliner Rede“ des Bundespräsidenten und dann auch mit der Gentechnik-Debatte im Deutschen Bundestag die Biomedizin-Gentech-
nik-Diskussion einen neuen Grad an Öffentlichkeit gewann, meinten
viele, jetzt habe die ethische Auseinandersetzung mit der Biomedizin
begonnen. Aber das war ein Irrtum. Die Diskussion läuft seit über
zwei Jahrzehnten und dies nicht nur in vertrauten Zirkeln zwischen
Fachleuten und Berufsethikern. Blickt man auf die zurückliegende
Diskussion, so sind neben anderen Facetten insbesondere zwei Ten-
denzen bezeichnend:
1. Die biomolekulare Zentrierung des Blickwinkels wurde zunächst
auf nichtmenschlichen Anwendungsfeldern geübt, nicht zuletzt im
tiermedizinischen Bereich. Die Einfügung von Genen, insbesonde-
re von Wachstumsgenen, in Säugetierkeime kam in Mode: Erzeugung von Supersauen, Superlachsen ... Bezeichnend auch, dass die
umfangreich
angelaufenen
„Dolly“ hervorbrachten.
Klonversuche
schließlich
das
Schaf
Die belebte Natur nichts anderes als ein
molekularer Baukasten, in dem nach Pläsier und Interesse Verände-
rungen ausgelöst werden können?! Die konkrete, im Verlaufe von
Evolutions- und Züchtungsprozessen herausgebildete Lebensgestalt
ist offenbar nicht mehr beachtens- und schonenswert. Diese Praxis
legte es nahe, dass eine entsprechende Einstellung auch auf den
Menschen übertragen wird.
2. Und in der Tat ist ein jahrelanges Zusammenwachsen von Fortpflanzungsmedizin und Gentechnik im menschlichen Bereich zu
beobachten. Mit der technischen Perfektionierung der Laborbefruchtung und der biotechnischen Steuerung der frühen Keimes-
entwicklung wurde die Fortpflanzungsmedizin zum Einfallstor für
gentechnische Eingriffsabsichten. Das Verfahren der Einfügung
von Genen (Gentherapie) wurde zunächst im somatischen Bereich
104
zur Bekämpfung von erblich bedingten Krankheiten (z.B. Krebs)
geübt, blieb aber bis heute mit erheblichen Mängeln und Risiken
behaftet. Der gezielte gentherapeutische Eingriff in die Keimbahn
lässt also noch auf sich warten. Schließlich führte die vollständige
Durchsequenzierung des menschlichen Erbgutes zu einem Er-
kenntnisstand, der in den kommenden Jahren zur Eröffnung neuer
Theorien,
aber auch
neuer
Auslese-
und
Eingriffsmöglichkeiten
beitragen könnte.
Wenn also heute die Präimplantationsdiagnostik und die Stammzellenforschung im Zentrum des wissenschaftlichen und öffentlichen
Interesses stehen, so sind diese Verfahren das Ergebnis einer langen
Vorgeschichte. Aber sie sind gleichzeitig auch Zwischenergebnis einer
viel breiter angelegten Entwicklung, die bald zu neuen Eingriffsmög-
lichkeiten führen wird. Stehen wir am Rand weit ausufernder Ver-
suchsfelder mit menschlichen Embryonen?
Bei dem Streit um die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik
und der Herstellung embryonaler Stammzellen geht es um die Bewertung ungeborenen menschlichen Lebens. Schon Mensch? Noch nicht
Mensch? Der frühe menschliche Embryo nur ein winziger Zellhaufen? Die molekularbiologische Rasterung der Lebensformen, die von
der konkreten Lebensgestalt abstrahiert und sich auf die molekularen
Bausteine und ihre Wechselwirkungen konzentriert, trifft den Men-
schen am ehesten dort, wo er noch nicht oder nicht mehr als Person
erkennbar ist. Die ethischen Probleme der modernen Biomedizin beginnen nicht erst auf den Anwendungsfeldern, sie sind vielmehr me-
thodisch durch den abstrahierenden Blickwinkel der molekularen
Biologie bedingt und bringen das Erscheinungsbild des Menschen als
Person von vornherein zum Verschwinden. Längst bevor hier diagnostiziert, ausgelesen oder manipuliert wurde, ist eine Grundentscheidung gefallen, die kaum wieder aufgehoben werden kann. Die
moderne Biologie ist punktgenau. Aber ist sie auch sozial?
Man
muss
diese Situation
als ein prinzipielles
Problem
sehen,
wenn man sich den aktuellen Streitigkeiten zuwendet. Hier dominieren, wenn es um die Lockerung des Embryonenschutzes geht, taktische Argumente, die nicht zur Lösung der aktuellen Probleme beitragen, die vielmehr diktiert sind von Zugriffsinteressen, auch wenn
vielfach therapeutische Ziele beschworen werden.
Um es an Beispielen zu verdeutlichen: Zur Legitimierung des
Zugriffs auf menschliche Embryonen wird auf die schon bestehenden
105
Ausnahmen hingewiesen: auf die Schwangerschaft verhütende Spirale, die gesetzlich legitimierte Abtreibungspraxis, die medizinisch indizierte Spätabtreibung. Und das generelle Argument, das daran angeschlossen wird, lautet: Wenn hier Tötung ungeborenen menschlichen
Lebens zugelassen ist, warum dann nicht auch Tötung ganz am Anfang aus guten therapeutischen Gründen zur Herstellung von
Stammzellen und zur Vermeidung schwerkranken Lebens?
Ungeachtet der Notwendigkeit, jeden einzelnen dieser Fälle hinsichtlich seiner sozialen Rahmenbedingungen sorgfältig zu diskutieren, lautet die generelle Antwort: Keiner dieser Fälle kann und darf
zur Legitimierung wissenschaftlicher Eingriffsabsichten herangezogen
werden. Umgekehrt muss — auf der Grundlage der inzwischen
eingetretenen Sensibilisierung — die Verantwortlichkeit dieser Fälle
erneut zur Diskussion gestellt werden.
Das Kriterium der Widerspruchsfreiheit im Umgang mit ungeborenem menschlichen Leben kann ja nicht dazu benutzt werden, einer
fragwürdigen, aber auch aus sehr verschiedenen Lebenssituationen re-
sultierenden
Praxis einen weiteren
problematischen
Ausnahmefall
hinzuzufügen. Im Letzten steht hinter dieser auf Folgerichtigkeit pochenden Argumentationsstrategie die Absicht, die Verfügungsmöglichkeiten über ungeborenes menschliches Leben auszuweiten und es
zum Mittel für medizinische Zwecke zu machen.
Ferner ist zu unterstreichen, dass im Falle der auf weit vorausliegende therapeutische Ziele orientierten Stammzellenforschung keine
soziale Zwangssituation
vorliegt, sondern
eine klare Verfügungsab-
sicht, die aus Erkenntnisinteressen und einem bestimmten therapeutischen Kalkül resultiert. In diesem Zusammenhang wird als weiteres
Argument zur Legitimierung des Eingriffs in ungeborenes menschliches Leben die Statusdefinition hinsichtlich des menschlichen Embryos eingeführt. Dabei stehen sich graduelle und prinzipielle Definitionen gegenüber.
Bei der graduellen Statusdefinition des Embryos sind eine biologisch-vergleichende und eine philosophisch-utilitaristische Variante zu
unterscheiden. Beide Begründungsversuche relativieren die Mensch-
lichkeit des frühen Embryos. Die biologischen Definitionsversuche
zur Ermittlung des Eintritts in die Menschlichkeit sind durch eine
unendliche und im Letzten nie abschließbare Parameterdiskussion
gekennzeichnet. So wurden u.a. als Kriterien genannt: die Einnistung
in die Gebärmutter, die Ausdifferenzierung des Neokortex, die Er106
fahrbarkeit der Bewegung des Fötus im Mutterleib, die Fähigkeit des
medizingestützten Überlebens ... Die so ins Feld geführten Kriterien
haben bis heute nicht zur Klärung der Frage geführt, wo denn nun
eigentlich menschliches Leben beginnt. Die Schwäche dieser biologisch-vergleichenden Kriterien liegt insbesondere darin, dass sie prinzipiell unterhalb jeder Wesensbestimmung des Menschen angesiedelt
sind und durch Überfrachtung des biologischen Argumentes eine Definition des Menschen erschleichen. Es handelt sich eben nur um Indizien, die auf eine sehr indirekte Weise als Hinweis auf menschliche
Existenz verstanden werden können.
Bei der philosophisch-utilitaristischen Argumentation liegt der
Ausgangspunkt für die Definition des Menschen am entgegengesetzten Ende. Unter der Voraussetzung eines normal ausgebildeten erwachsenen Menschen werden Selbstbewusstsein, Rationalität, Zu-
kunftsfähigkeit ... als Kriterien für Menschlichkeit erhoben und retrospektiv zur Beurteilung des Fötus benutzt. Dabei erweist sich geradezu zwangsweise der menschliche Embryo als eine defizitäre menschliche Existenz. (Bei Peter Singer führt dieses Vorgehen dazu, dass auch
Neugeborene noch nicht im vollen Stand des Menschseins gesehen
werden.)
Der Bundespräsident hat in seiner Berliner Rede vom Mai 2001
im Blick auf die Bewertung des ungeborenen menschlichen Lebens
einen prinzipiellen Standpunkt eingenommen.! Er bringt sehr deutlich zum Ausdruck, dass das grundsätzliche Argument zum Schutz
des ungeborenen Lebens (in allen seinen Stadien) den Menschen als
ein auf Zeit angelegtes Wesen immer unter dem Schutzschirm der
ihm zugesprochenen Würde sieht. Das betrifft nicht nur den Embryo, sondern auch den gesamten Komplex von Zeugung, Schwanger-
schaft und Geburt unter der jeweiligen Konstellation unverwechselbarer Biographien.
Wer daher menschliche Embryonen als Ressource für medizinische
Forschungszwecke beansprucht, muss wissen, dass er damit die soziale
Dimension
biotechnisch
der menschlichen
Mögliche
die
Geburtlichkeit
soziale
ignoriert. Wenn
Ausgestaltung
von
das
Zeugung,
Schwangerschaft und Geburt bestimmt und nicht mehr soziale
Dienstleistung im Sinne menschlicher Hilfestellung ist, dann stehen
die Dinge auf dem Kopf.
Bei dem Bemühen, die Auswahl und die Realisierung medizinischer Forschungsabsichten an soziale Kriterien zu binden, ist keinerlei
107
Forschungsfeindlichkeit im Spiel. Es geht vielmehr um die Gewährleistung einer humanen Medizin. Die Diskussion über die Gewinnung von Stammzellen — entweder embryonal oder adult — zeigt sehr
klar, dass der soziale Vorbehalt zugunsten der Menschenwürde erfinderisch macht und zu einer Diversifizierung der zunächst für unumgänglich gehaltenen Forschungswege führt. Das Prinzip, dass mit
menschlichem Leben ohne informierte Zustimmung nicht experimentiert werden darf, ist seit 1945 internationaler Grundsatz in der
Medizinforschung gewesen. Wie viel Hilfe verdanken wir dieser Tradition! Warum sollten wir diesen Weg auf der Grundlage der modernen Medizin nicht fortsetzen!?
Es mag ja sein, dass die soziale Rückbindung medizinischer Forschungsmethoden im internationalen Vergleich zunächst zu Verzöge-
rungen führt. Betrachtet man aber den Gesamtzusammenhang langfristig, so kann gar kein Zweifel darüber bestehen, dass die Methoden
und Ergebnisse einer humanen Medizin auf Dauer den Sieg gegenüber den ausbeutenden Varianten auf dem Weltmarkt davontragen
werden.
Wenn es nun um die gesellschaftliche Realisierung einer solchen
Orientierung geht, ist der primäre Verantwortungsträger das Volk
selber. Die von ihm gewählten Parlamentarier und die von diesen gebildeten Regierungen stehen im Dienst des Volkes. Das wird nicht
nur von den meisten Wissenschaftlern, sondern auch von vielen politischen Verantwortungsträgern vergessen. Wenn der Bundeskanzler
die Gentechnik in der Anwendung auf den Menschen durch Berufung eines Nationalen Ethikrates zur Chefsache zu machen versucht
und dabei an den bestehenden Institutionen (Ethikbeirat im Ge-
sundheitsministerium, Enquete-Kommission für Biomedizin) vorbeiagiert, so ist das der bedenkliche und zugleich dilettantische Versuch,
eine bestimmte Interessenpolitik am Volk vorbei zu betreiben.
In diesen Kontext einer demokratisch ungezügelten Interessenund Ressourcenpolitik passt auch das Vorgehen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die anlässlich der Kanzler-Initiative ihre
Zurückhaltung fahren ließ, die Gunst der Stunde nutzte und für For-
schung mit embryonalen Stammzellen plädierte. Bei diesen Versuchen, die Claims für eine nutzungsträchtige Bio-Forschung im emb-
ryonalen Bereich abzustecken, stellt das Vorpreschen des nordrheinwestfälischen
Ministerpräsidenten
Clement
ein besonderes
Stück
fragwürdiger Interessenpolitik dar. Kaum hatte der Bundestag die
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ethische Debatte über die Zulässigkeit der Embryonenforschung begonnen, preschte er vor und versuchte, für den an der Bonner Universität forschenden Professor Oliver Brüstle schon einmal Embryonen aus Israel zu besorgen ...
So verschieden und diffus inzwischen die ethischen Überzeugungen im öffentlichen Bewusstsein sein mögen — gestern Sozialstaat,
heute
die
Ich-AG,
morgen
die virtuellen
Communities,
gestern
christliche Grundsätze und Kant’scher Idealismus, heute utilitaristi-
scher Zweckoptimismus —, so bleibt es doch dabei, dass das unser
Gemeinweisen tragende Grundgesetz zum Nachdenken in abgestimmter Gemeinsamkeit verpflichtet. Hier gibt es-auch keine absolute Freiheit der Forschung. Mit guten Gründen betont Jutta Limbach,
die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, dass verlangt werden
darf, „dass bei der Planung und Beurteilung wissenschaftlicher
Er-
kenntnisse die gesellschaftlichen Folgen bedacht werden ... Ist aber
der Schutzbereich der verfassungsrechtlichen Garantie der menschlichen Würde tangiert, so hat die Freiheit der Forschung zurückzutreten“.
Ohne den leidenschaftlichen und öffentlichen Diskurs über die
Tragweite der in der Verfassung garantierten Menschenwürde steht es
um die Chancen für eine humane, nicht ausbeutende Medizin
schlecht, wird der Mensch zur Ressource einer immer weiter ausufernden biotechnischen Manipulationskunst.
Anmerkungen
1 Frankfurter Rundschau vom 19. Mai 2001, S. 7.
2 Frankfurter Rundschau vom 1. Juni 2001, S. 16.
Literaturhinweise
Altner, G.: Leben in der Hand: des Menschen. Die Brisanz des biotechnischen Fortschritts, 2. Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000.
Altner, G.: Leben auf Bestellung? Das gefährliche Dilemma der Gentechnologie, Freiburg i.Br.: Herder Verlag 1988.
Chargaff, E.: Das Feuer des Heraklit. Skizzen aus einem Leben vor der Natur, Stuttgart: Klett-Cotta 1979.
Jonas, H.: Das Prinzip Verantwortung, 4. Aufl., Frankfurt: Insel Verlag 1984.
Singer, P.: Praktische Ethik, Stuttgart: Reclam 1984.
Michael Emmrich
Maßlose Wissenschaft
Die letzte Hürde ist gefallen. US-Forscher haben genmanipulierte
Babys geschaffen. Die Gen- und Biorevolution zeigt damit immer
mehr ihre hässliche, verantwortungslose Seite. Frei nach dem Motto:
Wo es keine Grenzen gibt, gibt es auch keine Grenzübertritte mehr.
Parallel hat sich in Deutschland die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Vernichtung menschlicher Embryonen ausgesprochen, um an für die Medizin wichtige Stammzellen zu kommen.
Und deutsche Forschungs- und Gesundheitsministerinnen reden eugenischen Tendenzen das Wort. Sie wollen die Zerstörung von Emb-
ryonen nach einem Gentest erlauben. All dies wirft ein grelles Schlaglicht auf die Maßlosigkeit moderner Wissenschaft.
Der Eingriff in die menschliche Keimbahn galt bisher als Tabu, das
Verbot als international akzeptiert. Allerdings konnten sich einige
Wissenschaftler immer schon vorstellen, unter bestimmten Bedingungen die Geschlechtszellen von menschlichen Embryonen zu manipulieren. Zum
Beispiel, um schwerste Krankheiten zu verhindern.
Aber schon damit verbinden sich eine Reihe hoch problematischer
Aspekte. Etwa: Bei welcher Krankheit wäre der Eingriff gerechtfer-
tigt? Ist es grundsätzlich erlaubt, in die Keimbahn einzugreifen? Denn
diese Veränderungen werden an die nächste Generation weitergege-
ben. Lässt sich überhaupt eine verlässliche Grenze zwischen Gesundheit und Lifestyle ziehen? Wo also beginnt die Designer-Gesellschaft?
In den USA wurde das Erbgut von drei Menschen zusammenge-
mischt, um überhaupt erst die Chance auf eine Schwangerschaft zu
erhalten. Begründet wird der Vorstoß zum einen mit den mutmaßlich gesunden Babys, zum anderen mit dem Helfer-Argument. Exakt
so war es auch, als vor mehr als 20 Jahren mit Louise Brown das erste
so genannte Retortenbaby geboren wurde. Ein damals umstrittener,
heute weithin akzeptierter Vorgang.
Unter dem Strich ist Forschern also vieles recht, um ihre Interessen
und die ihrer Kunden durchzusetzen. Dabei verdrängen sie stets, dass
110
es um mehr als das Arzt-Patienten-Verhältnis geht. Beide wirken mit
ihren Handlungen direkt in die Gesellschaft hinein. Die genmanipulierten Babys betreffen deshalb die Gemeinschaft insgesamt, die Kultur eines Gemeinwesens, sein Sozialverhalten, seine Bindungskräfte
und die Richtung seiner Entwicklung. Typisch war in den USA, dass
die Forscher der Öffentlichkeit nur das Ergebnis präsentierten. Über
das Für und Wider zu streiten gab es keine Gelegenheit.
Dies ist in Deutschland zumindest zum Teil anders. Denn die
DFG trägt ihre Position vorher öffentlich vor. Dabei hat sie allerdings
ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Und zugleich ihren Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacher öffentlich desavouiert. Mit ihrer Forderung, das Embryonenschutzgesetz zu lockern und auch in Deutschland die Vernichtung von Embryonen zuzulassen, hat die DFG ohne
Not den gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt. Dabei ist ihre
Kehrtwende weder wissenschaftlich noch ethisch nachvollziehbar.
Denn noch bis vor kurzem stand die DFG zumindest öffentlich
zum Embryonenschutzgesetz. Ihr Präsident begründete unverdrossen,
warum der Embryonenverbrauch zur Gewinnung der viel versprechenden Stammzellen nicht nötig sei und die Forschung hier zu Lande vielmehr auf die weniger bedenkliche Alternative der erwachsenen
Stammzellen setzen sollte. Denn dafür muss kein Embryo zerstört
. werden.
Die wissenschaftliche Debatte der jüngsten Zeit stützt die neue
DFG-Position kaum, die ethische gar nicht. Zudem gilt in Deutsch-
land der vom Verfassungsgericht verkündete Grundsatz, dass auch
Embryonen Menschenwürde zukommt. Darum geht es im Kern: ob
ein hoher Verfassungsgrundsatz über Bord geworfen werden soll. Auf
der Gegenseite stehen bisher lediglich Hoffnungen, Vermutungen,
Verheißungen. Und selbst wenn es Gewissheit wäre, dass aus zerstörten Embryonen gewonnene Stammzellen medizinisch wertvoll sind,
muss die Abwägung nicht notwendig zu Lasten der Embryos gehen.
Was die DFG fordert, ist nichts weniger, als dass menschliches Le-
ben zum Abwägungsgegenstand wird. Das muss dann nicht bei Emb-
ryonen stehen bleiben, sondern kann einmal auch für Demente, Koma-Patienten und Alte gelten. Die DFG rüttelt deshalb an einem
humanen Menschenbild: weil sie die Illusion nährt, ein Leben ohne
Krankheit sei möglich, Gebrechlichkeit technisch zu bewältigen, und
weil sie die Menschen beim alten Traum von der leidfreien Gesell-
schaft packt.
111
Ein kurzer Blick zurück auf die Versprechungen der Medizin in
den vergangenen Jahrzehnten zeigt jedoch, dass der häufig propagierte Sieg über Krebs, Alzheimer und Aids nur in den Köpfen und
Träumen der Forscher stattgefunden hat, nicht in der Wirklichkeit.
Krankheitsbekämpfung kann nicht grenzenlos sein. Schon gar
nicht dort, wo andere das Leben dafür lassen müssen. Die Medizin
wird pervers, wenn sie Leben als bloßen Bausatz begreift und nur
dann noch helfen und heilen kann, wenn sie dafür zerstören und ver-
nichten muss.
Mit freundlicher Genehmigung
des Verlages abgedruckt aus der „Frankfurter Rund-
schau“ vom 8. Mai 2001.
KKKKK
„Diabolischer Imperativ:
Dass alles, was gemacht werden kann,
gemacht werden muss.“
Erwin Chargaff
KK
Michael Müller
Gesundheit braucht neues Denken —
Umwelt- und Gesundheitsschutz gehören zusammen
Wende in der Gesundheitspolitik?!
Der Medizinsektor ist eine der wichtigsten Wirtschaftsbranchen in
unserem Land. Er setzt im Jahr mehr als eine halbe Billion DM
um,
rund 12 Prozent aller Beschäftigten sind direkt oder indirekt von ihm
abhängig. Bei Forschung und Innovationen hat die Medizintechnik
eine strategische Bedeutung, ihre Produkte haben in der Regel eine
hohe Wertschöpfung (vgl. WHO
zeigen: Gesundheit
1998). Diese wenigen Stichworte
ist ein zentrales Zukunftsthema
— ökonomisch,
sozial und auch ökologisch.
Deutschland war lange Zeit führend im medizinischen Fortschritt;
in den letzten zwei Jahrzehnten ist es aber zurückgefallen. Grundlegende Reformen
stehen an, doch altes Denken
herrscht vor. Unser
Gesundheitssystem ist nicht zukunftsfähig.
Bisher ist die öffentliche Debatte vornehmlich auf Kosten- und
Organisationsfragen beschränkt. Einsparung heißt das Thema. In der
Konsequenz besteht die Gefahr, dass es auf einem relativ hohen Niveau zu einer „Zwei-Klassen-Medizin“
kommt,
in der Kassenpatien-
ten in einem weit geringeren Umfang als bisher Zugang zu medizinischen Therapien haben.
Ohne strukturelle Reformen
Umdenken
heißt
aber, vor
tut sich damit eine Sackgasse auf.
allem
die Ursachen
von
chronischen
Krankheiten ins Zentrum zu rücken. Hier gibt es Parallelen: Wie in
der Umweltpolitik muss es auch in der Gesundheitspolitik heißen:
Vorsorgen ist besser, als teuer zu heilen. Dabei ist eine saubere Umwelt eine wesentliche Voraussetzung, dass Menschen gesund zur Welt
kommen, gesund heranwachsen und gesund leben können.
Vorsorge, als Grundsatz in der Umweltpolitik längst akzeptiert,
wenn auch nicht immer praktiziert, gilt in der Gesundheitspolitik
noch lange nicht. Im Gegenteil: Das System verdient an seinen eige115
nen Fehlleistungen. Es setzt in der Regel nicht beim Erhalt der Gesundheit an, sondern erst, wenn die Krankheit schon da ist (vgl.
Schwartz et al. 1998).
Neues Denken sieht dagegen nicht nur die jeweiligen Krankheitssymptome und die genetische Disposition, sondern beachtet auch die
Wechselbeziehungen mit den Sozialverhältnissen und den Umweltbedingungen. Kreisläufe und Zusammenhänge kommen in den
Blick. Hier liegt der Schlüssel, um die Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten
wirksam
einzudämmen
(vgl. Wichmann
1996).
Die
stärkere Ausrichtung auf die sozialen und ökologischen Ursachen von
Krankheit oder Wohlbefinden ist ein notwendiger Schritt, um den
hohen Modernisierungsbedarf im Gesundheitssystem abzubauen.
Gesundheitsförderung — eine Aufgabe mit Zukunft
Medizin und Medizintechnik haben in Deutschland durch eine leistungsfähige Wissenschaft gute Möglichkeiten, künftig (wieder) eine
wichtige Rolle einzunehmen. Wenn es zu einer Wende in Richtung
auf Gesundheitsförderung
Arbeitsplätze
gung könnte
vorhandenen
nisatorische
kommt,
könnten
nicht nur hochwertige
geschaffen und neue Märkte erschlossen, die Versorauch solidarisch ermöglicht werden. Dafür müssen die
Kompetenzen gebündelt und zielgerichtet für die orgaErneuerung von Medizin und Medizintechnik genutzt
werden (vgl. Grönemeyer 2000).
Qualitativ hoch stehende medizinische Leistungen und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sind durchaus gefragt. Ohne Neuausrichtung kommen sie aber nur unzureichend auf den Markt. Die Gesundheitsförderung fragt nach den Ursachen und Bedingungen im
Wechselverhältnis von Gesundheit und Krankheit, denn in das Ent-
stehen von Krankheiten wirken auch kulturelle, soziale und ökologische Faktoren hinein. Vereinfacht lassen sich diese Faktoren wie folgt
einteilen (vgl. SRU 1987):
e die soziale Situation, die Arbeitswelt, soziale Kontakte und das all-
gemeine Wohlbefinden.
e die alltäglichen Umweltbelastungen wie Chemisierung, künstliche
Ionisation oder Lärm.
Mit dem Anwachsen des umwelttoxikologischen Potenzials, individueller Überforderung, sozialer Ausgrenzung und zunehmender
Hektik entsteht eine neue „Normalität“ im Krankheitsgeschehen.
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Viele Krankheiten werden zwar nicht unmittelbar von diesen Faktoren hervorgerufen,
aber durch sie ausgelöst oder verstärkt; sie ent-
springen komplizierten Wechselbeziehungen, langfristigen Anreicherungen oder spezifischen Dosis-Wirkungs-Verhältnissen.
Die moderne Zivilisation leidet also auch an der Umwelt; der wirt-
schaftlich-technische Fortschritt fordert seinen Preis. Das Gegenargument ist bekannt, natürlich werden die Menschen heute älter als
früher. Aber richtig ist auch, dass die Belastungen größer und die
Aufwendungen höher werden.
Es bleibt nicht ohne Konsequenzen, wenn die Umwelt- und Stressbelastungen zunehmen, Abläufe beschleunigt und Menschen immer
öfter aus gefestigten Zusammenhängen
„Hochgeschwindigkeitsgesellschaft“
herausgelöst werden.
spiegelt sich auch
Die
im Gesund-
heitszustand der Menschen wider (vgl. IGUMED 1996). Überstimulation einerseits und Identitätsverlust andererseits sind wichtige
Ursachen für das Entstehen neuer Krankheiten, die nicht allein mit
Medikamenten und medizinischen Behandlungen geheilt werden
können. Sie machen zuerst mehr Arbeits- und Lebensqualität not-
wendig.
Moderne Gesundheitspolitik heißt deshalb: Im Zentrum muss die
gesundheitsfördernde Gestaltung der Arbeits- und Lebensbedingungen stehen — bessere Arbeitsbedingungen,
eine saubere Umwelt und
ein umweltbewusster Lebensstil.
Das heutige Gesundheitssystem verdient dagegen zuerst am Kranksein, nur wenig am vorsorgenden Erhalt der Gesundheit.
Entschei-
dende Ursachen für diese Fehlentwicklungen liegen in der übermächtigen Anbieterorientierung und in überholten kurativ-reaktiven Leit-
vorstellungen. Besonders problematisch ist die Gleichsetzung der Anbieterinteressen mit Gesundheitsbedürfnissen.
Der Medizinbetrieb ist vorrangig auf die Diagnostik und Behand-
lung objektiver Schädigungen und funktionaler Störungen ausgerichtet. Vernetzte Zusammenhänge werden (zu) wenig beachtet, soziale
und ökologische Ursachen von Krankheiten weitgehend ausgeblendet. So werden Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden,
immer häufiger einer reinen „Medikalisierung“ der Beschwerden unterworfen, weil der klassische Medizinbetrieb ihnen nicht mehr hel-
fen kann (vgl. Bastian 1998).
Die Alarmsignale werden lauter, Krankheiten, die auf Umweltfak-
toren zurückzuführen sind, häufiger: Die Zahl der Allergien und
115
Immundefekte steigt an, Krebs, Rheuma und Atemwegsentzündun-
gen sind zu weit verbreiteten Volkskrankheiten geworden. Neuere
Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass rund 100 Millionen
Menschen in den USA chronisch erkrankt sind, besonders eklatant ist
der wachsende Anteil von Kindern und Jugendlichen hieran.
In Deutschland leiden ca. 25 Millionen Menschen an Beschwerden
wie Allergien, Immundefekten oder Atemwegserkrankungen (Med
Plus 1998). Immer häufiger kann ihnen nach der erfolglosen Rundum-Überweisung nicht mehr geholfen werden. Schon heute grenzt
das traditionelle Gesundheitssystem ca. zwei Millionen Patienten als
„austherapiert“ aus oder stellt sie als „Ökochonder“ hin - als eingebildete Kranke.
Die alltägliche Routine in Praxen, Krankenhäusern und Kassen be-
gegnet der Zunahme chronisch kranker Patienten meist mit ungeeigneten, aber kostentreibenden Behandlungsmethoden von Internisten,
die nicht helfen können, oder Neurologen, die am Ende die Psyche
der Kranken verantwortlich machen. Doch selbst wenn keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Ketten herzustellen sind, was bei Umweltgiften der Fall sein kann, darf dies kein Grund sein, das Problem auf
die Psychologen abzuwälzen.
Umwelteinflüsse, Stress, falsche Ernährung oder Bewegungsmangel
überfordern den Körper. Leistungsschwankungen, Konzentrationsschwächen, vorzeitige Alterungsprozesse und eine Zunahme
chroni-
scher Zivilisationskrankheiten sind die Folgen. Dennoch ist das Bewusstsein für eine — auch ökologisch ausgerichtete — Gesundheitsvor-
sorge bisher kaum vorhanden. In der Konsequenz profitiert das System vor allem von seinen Fehlleistungen. Es ist antiquiert, obwohl im
Grunde unstrittig ist, dass Krankheiten heute oftmals andere Ursachen haben als in der frühindustrialisierten Welt.
Moderne
Gesundheitspolitik muss von daher die „Krankheit vor
der Krankheit“ sehen und diese durch eine aktive Gesundheitsvorsorge verhindern. Heute setzt die Versorgung zu spät ein, um wirksam
zu helfen. Die übliche Stufendiagnostik kann die vielfältigen Ursachen chronischer Krankheiten meist nur unzureichend erfassen. Innovative Methoden, die Abhilfe versprechen, können sich nur schwer
gegen die etablierten Interessen des Medizinbetriebs durchsetzen.
Der vorherrschende Dualismus zwischen Facharzt und Krankenhaus und ein in vielen Regionen konservatives Gutachterwesen verfestigen diese Strukturen. Die hohen Gewinninteressen großer multi116
nationaler Medizinanbieter und das Beharrungsvermögen der Standesorganisationen verschwenden im Milliardengeschäft Gesundheit
wertvolle Ressourcen, denn bessere Hilfe wäre möglich.
Weil es in erster Linie ein Reparaturbetrieb ist, gerät das Gesundheitswesen angesichts veränderter Krankheitsbilder an Grenzen. Es
hat sich von der fürsorglichen Betreuung der Menschen entfernt, weil
es nicht frühzeitig das Entstehen komplexer Krankheitsursachen zu
verhindern sucht. Die Folge ist: Immer mehr Menschen sind zwar
nicht richtig krank, aber auch nicht richtig gesund. Beschwerden
werden chronisch.
Das Gesundheitswesen muss künftig daher Vorsorge, Gesundheitserhalt und Wohlbefinden ins Zentrum seines Selbstverständnisses
und seines Tuns stellen. Vor allem aus drei Gründen sollten überfällige Reformen nicht länger verhindert werden:
e aus humanitären Gründen: Die wachsende Gruppe chronisch
kranker Menschen braucht wirksame Hilfe und keine folgenlose
Rundumüberweisungen.
e aus solidarischen Gründen: Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen hat eine wesentliche Ursache in der einseitigen Überlastung
durch kostspielige Einzeltherapien. Tatsächlich sinkt der Anteil der
Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt seit Mitte der 70er
Jahre, doch ein wachsender Anteil der Leistungen wurde aus der
Solidarversicherung herausgenommen.
e aus wirtschaftlichen Gründen: Durch die etablierte „Krankheitspolitik“ (Zllis Huber) gerät der Gesundheitssektor ins Hintertreffen, werden Innovationschancen blockiert.
Von der kurativen Medizin zur Gesundheitsförderung
Ein Umsteuern zur Gesundheitsförderung eröffnet große Chancen,
Innovationen einzuleiten, qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen, neue
Berufe zu kreieren und neue Märkte zu erschließen. Das knüpft konzeptionell an die Vorschläge der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) an, die in Erklärungen niedergelegt sind, die bisher allerdings weitgehend folgenlos waren.
In ihrer Gründungserklärung vom 22. Juni 1946 hat die WHO
„Gesundheit als Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und
sozialen Wohlbefindens und nicht nur des Freiseins von Krankheit“
definiert. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Deshalb sollen die Ar117
beits- und Lebensbedingungen so gestaltet werden, dass sie das
Wohlbefinden fördern. Von diesem Denken ist der alltägliche Gesundheitsbetrieb weit entfernt, obwohl, wie der Sachverständigenrat
für Umweltfragen sagt, „alle Krankheiten letzten Endes auf genetische
Ursachen oder solche aus der Umwelt zurückzuführen sind“ (SRU
1999).
Dietrich Grönemeyer vom Medizintechnischen Institut in Bochum
hat die Chancen einer modernen Gesundheitspolitik wie folgt beschrieben:
Die frühzeitige Vorsorge vor Verschleiß-, Zivilisations- und Infektkrankheiten, deren Anteil ständig zunimmt, wird durch den Einsatz von moderner
Labormedizin und radiologischer, immunologischer und umweltmedizinischer Diagnostik möglich, ebenso durch die gezielte Nutzung von HightechTherapieverfahren wie sanften endoskopischen Operationsweisen, der Mikrotherapie und naturheilkundlichen Behandlungsverfahren. Eine ganzheitlich
ausgerichtete Betrachtungsweise von Gesundheit stärkt die Vorsorge, fördert
die Verantwortung des Einzelnen und erhöht in der Gesellschaft das Bewusstsein für den Gesundheitsschutz. Sie steigert die Präzision in Diagnostik
und Therapie und optimiert durch die Möglichkeiten einer Computervernetzung den Kontakt und die Betreuung zwischen Arzt und Patient. (Grönemeyer 2000, S. 8)
Von großer Bedeutung ist dabei der Ausbau der Immuntherapie als
wichtige Säule einer aktiven Gesundheitsförderung. Ein intaktes Immunsystem schützt vor Krankheiten und Zellschädigungen. Umgekehrt schwächt die Überbeanspruchung die natürliche Abwehr.
Durch hohe Umweltbelastungen werden die Abwehrkräfte des
Menschen dauernden Einflüssen durch Keime, Toxine und Allergene
ausgesetzt. Dadurch nehmen therapieresistente Infektionen und
chronische Erkrankungen zu, die mit herkömmlichen Methoden zu-
meist erst nach einem längeren Zeitraum festgestellt werden. Dagegen kann die Immuntherapie Defizite frühzeitig erfassen und gezielte
Gegenmaßnahmen einleiten.
Die Kosten einer modernen Gesundheitsversorgung werden sich
unterschiedlich entwickeln. Teilbereiche wie Tumortherapie, Umweltmedizin, Infektionsbehandlung oder Immuntherapie, aber auch
die fürsorgliche Betreuung und intensivere Beratung werden teuer
bleiben. Andere Sektoren werden dagegen durch höhere Eigenverantwortung, durch optimierte Behandlungen oder ambulante Operationsmethoden preiswerter werden. Grönemeyer weist darauf hin,
dass dafür allerdings der Dualismus von ambulanter und stationärer
Therapie aufgehoben werden muss (a.a.O., S. 10).
118
Innerhalb der Medizin verändern sich die Berufsbilder, enge Ab-
grenzungen brechen auf. Der technische Fortschritt macht miniaturi-
sierte Methoden sowie neue diagnostische und schonende therapeutische Verfahren möglich. Die Umweltmedizin wird in das Gesamtsystem integriert. Der Arzt lernt auch, soziale Zusammenhänge besser zu
bewerten. Die Menschen selbst werden stärker in die Gesundheitsvorsorge einbezogen. Der Hausarzt wird zum „Gesundheitsmanager“
und nimmt eine Lotsenrolle durch das Gesundheitssystem ein.
Viele Ärzte und Patienten sehen mit Sorge, dass in Deutschland
die Weichen ähnlich gestellt werden könnten wie in anderen Ländern, die von der solidarischen Versorgung abgegangen sind. Ein besonders negatives Beispiel ist dabei das englische Gesundheitssystem,
das tatsächlich zu einer Zwei-Klassen-Medizin geworden ist. Selbst in
akuten Fällen muss der englische Patient bisweilen mit monatelangen
Wartezeiten rechnen, wogegen Privatkunden zu deutlich überhöhten
Sätzen behandelt werden.
Die Chancen nutzen
Die moderne Medizintechnik ermöglicht es, den Menschen fürsorg-
lich, verständlich und vorsorgend zu betreuen. Sie kann die Kommunikation zwischen Arzt, Patient und Gesellschaft verbessern und die
Umwelt- und Sozialmedizin ausbauen.
Die Bereitschaft für eine breite Unterstützung derartiger Reformen
scheint da zu sein. Das Interesse der Menschen ist nirgendwo so groß
wie bei der Gesundheit. Engagierte Ärzte, besorgte Eltern, innovative
Wissenschaftler und informierte Journalisten können zu Akteuren für
das Umsteuern werden.
Deshalb ist eine öffentliche Debatte über die künftige Ausgestaltung des Gesundheitswesens notwendig. Eine qualitativ hochwertige
Versorgung, die Gesundheit, Wohlbefinden und Eigenverantwortung
der Menschen fördert, kann die Zeit der medizinischen Leistungserbringung verkürzen, die Kosten durch Gesundheitsförderung sen-
ken, die Beteiligten zu mehr Selbsthilfe und Selbstverantwortung motivieren und sie zufriedener machen.
Die WHO-Regionalstrategie „Gesundheit 2000“ nennt in diesem
Zusammenhang drei Ziele:
1. Systematische Bewertungsverfahren
heitsverträglicher Alternativen;
unter Einbeziehung gesund119
2. Erhöhung der Lebensqualität durch aktive Umweltpolitik, Humanisierung der Arbeitswelt und Sinn stiftende Kulturangebote;
3. Einbeziehung der Bevölkerung zur Förderung des Engagements für
Gesundheit und Wohlbefinden.
Die EU-Umwelt- und Gesundheitsminister einigten sich bereits
1989 auf eine „Europäische Charta Umwelt und Gesundheit“. Darin
hieß es: „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Umwelt, die ein
höchstmögliches Maß an Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht.“
Im Jahre 1994 tagte in Helsinki die zweite „Europakonferenz Um-
welt und Gesundheit“. Die „Erklärung von Helsinki“ stellte fest:
Wir haben ein gemeinsames Ziel: die Lebensbedingungen und gesundheitlichen Voraussetzungen der heutigen Generation zu verbessern, um sicherzustellen, dass die Ressourcen der Natur nicht überbeansprucht werden und das
Recht künftiger Generationen auf ein zufriedenstellendes, produktives Leben
gewahrt bleibt. Eine nachhaltige Entwicklung kann nur durch radikale Anderungen der gegenwärtigen Produktionsverfahren und Konsumgewohnheiten
bewirkt werden. Koexistenz zwischen Mensch und Natur ist eine Voraussetzung für die Zukunft der Menschheit. Wohlstand und eine nachhaltige Entwicklung basieren auf der vollen Anerkennung und dem Schutz der biologischen Vielfalt der Natur. (WHO 1994)
Doch Ziele und Taten fallen auseinander, weshalb immer mehr Men-
schen allergisch auf das 20. Jahrhundert reagieren. Pyrethroide und
phosphororganische Produkte, die zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden, können
zu Nervenerkrankungen
und Immunschäden
führen. Chlor in Schwimmbädern kann Defekte in der Körperabwehr auslösen. Pestizide können über die Wasserkette zu Störungen
im Hormonsystem führen. Immer häufiger wird „Multiple Chemical
Sensitivity“ (MCS) diagnostiziert, der Sammelbegriff für verschiedene
umweltbedingte,
aber unspezifische Krankheiten.
Bei MCS
können
selbst geringe Industriechemikalien chronische Krankheiten auslösen.
Das Umweltbundesamt weist auf eine starke Zunahme von MCS
in Deutschland hin und der Sachverständigenrat für Umweltfragen
stellt zu Recht heraus:
Schwierigkeiten und wissenschaftliche Kenntnislücken dürfen nicht zu Las-
ten der Bevölkerung gehen. Dies wäre jedoch der Fall, ließe man Expositio-
nen grundsätzlich so lange zu, bis ein methodisch anerkannter Nachweis der
Gesundheitsschädlichkeit erbracht ist. (SRU 1997)
Deshalb kann die konsequente Zusammenführung von Umwelt- und
Gesundheitspolitik zu Reformen führen für
120
® ein vernetztes, ganzheitliches Gesundheitssystem, das die Förderung von Wohlbefinden als vorrangige Aufgabe sieht;
® verbesserte diagnostische Verfahren und schonende Eingriffe, die
präventiv und patientenorientiert sind;
e eine bessere Aus- und Weiterbildung;
e die zügige Umsetzung des WHO-Aktionsplans „Umwelt und Gesundheit“;
e die Humanisierung der Arbeitswelt;
e die Einbeziehung ökologischer und sozialer Problemlagen bei der
Ermittlung von Krankheitsursachen;
e die Motivierung der Bevölkerung für eine aktive Gesundheitsförderung;
e eine Reform des Gutachterwesens, um innovative Verfahren an-
wenden zu können;
e die Förderung neuer Therapie- und Diagnoseverfahren, die immunologische, naturheilkundliche und psychosoziale Aspekte einbezieht.
Die medizinische Verantwortung des Arztes bleibt unbestritten.
Moderne Gesundheitspolitik ist auch kein Widerspruch zur wissenschaftlichen Forschung oder zum Einsatz von medizinischem Hightech. Aber sie verändert das Verhältnis zwischen Experten, Ärzten, Pa-
tienten, Laien und Umwelt- und Verbrauchergruppen und kommt so
aus den eingefahrenen Gleisen heraus.
Konkrete Ansatzpunkte für das Umsteuern liegen in der Aufstellung von Belastungskatastern, Gesundheitsplänen für Städte oder Regionen oder der Förderung von Selbsthilfegruppen. Ein wichtiger
Schritt könnte die Umsetzung der „Europäischen Charta“ der Europäischen Umwelt- und Gesundheitsminister und des „HelsinkiPlans“ der WHO sein, insbesondere der folgenden Ziele:
e Einrichtung von Lehrstühlen für Umweltmedizin;
Förderung der Immunologie für eine fein gesteuerte Therapie;
umwelt- und gesundheitsverträgliche Chemiepolitik;
Reform des Arbeitsschutzes, mehr Mitbestimmungsrechte;
gesundheitsgerechte Stadt-, Bau- und Verkehrsplanung;
gesunde Ernährung ohne belastende Zusatzstoffe durch Rückstandsminimierung und Förderung des ökologischen Landbaus.
Die Bundesrepublik Deutschland kann zum Vorreiter für ein modernes Gesundheitssystem werden. Durch das Umsteuern auf Gesundheitsförderung würde nicht nur den Menschen besser geholfen,
121
es würden auch wichtige Technologie-, Dienstleistungs- und Arbeitsmärkte erschlossen. Für eine humane und moderne Medizin dürfte
weltweit hohe Nachfrage bestehen.
Literaturhinweise
Bastian, T.: Gesundheit und Umwelt, in: Arzt und Umwelt, 11. Jg., Heft 3, 1998.
Grönemeyer, D. H.W.: Medizin in Deutschland, Berlin 2000.
IGUMED: Umwelt und Gesundheit, München 1996.
MedPlus: Einschätzung der Häufigkeit chronischer Krankheiten, Düsseldorf 1998.
Schwartz, F. W./Kikbusch, E./Wismar, N.: Ziele und Strategien der Gesundheitspolitik,
München 1998.
SRU (Sachverständigenrat für Umweltfragen): Jahresgutachten 1987 und 1994, Wiesbaden 1987 und 1994.
UBA (Umweltbundesamt): Jahresbericht, Berlin 1997.
Wichmann,
H. E.: Kenntnisstand zum
Thema
Umwelt
und Gesundheit
unter beson-
derer Berücksichtigung epidemiologischer Aspekte, Neuherberg 1996.
WHO (Weltgesundheitsorganisation): Erklärung über Maßnahmen für Umwelt und Gesundheit in Europa, Helsinki 1994.
WHO (Weltgesundheitsorganisation): World Health Report, Genf 1998.
KKKKK
„Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten,
können wir nur überwinden mit Bildern
einer Zukunft, die wir wirklich wollen.“
Franz Alt
KKKKK
3. SESSHAFTIGKEIT — ORTSQUALITÄT
Hanns-Georg Brose
Zeit-Kulturen im Umbruch
Beschleunigung und Kurzfristigkeit ...
Der Verlust an Zukunftsoffenheit und Fortschrittsoptimismus, der
die Selbstwahrnehmung moderner, westlicher Gesellschaften in den
80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts grundierte, fand seinen
Ausdruck darin, dass die Zukunft der Gesellschaft nur noch als Risiko beschrieben wurde. Als Ausweg aus dieser vielfach als Modernisierungsblockade interpretierten Situation wird seither verstärkt ein
Entwicklungspfad propagiert, den man als Radikalisierung der Moderne bezeichnen könnte: Die Moderne setzt sich nicht mehr nur —
wie anfangs — durch das Neue von dem Alten ab (antiqui et moderni),
sie erklärt Innovation schlechthin zu ihrem Wesensmerkmal.
In der suggestiven Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften als
auf Innovation und Information basierenden Wissensgesellschaften
ist dann per definitionem der Widerspruch schöpferischer Zerstörung
als movens eingebaut: Die Grundlagen, auf denen man baut, müssen
ständig wieder abgeräumt werden. Die Beschleunigung dieses Erneuerungsprozesses gewinnt einen Eigenwert. Resonanzstarke Thesen gehen deshalb auch davon aus, dass die „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Sennett) eine Kultur der Kurzfristigkeit sei und die technisch
und ökonomisch forcierte Entwicklung zum „digitalen Kapitalismus“
(Glotz) von einem Kulturkampf zwischen Beschleunigern und (so
Glotz: falschen) Propheten der Verlangsamung begleitet werde.
... oder Langfristigkeit und Langsamkeit?
Kultur wird traditionellerweise die Funktion des Bewahrens und der
„Bindung“ zugerechnet. Das gilt nicht nur für die „hohe“ Kultur, de123
ren Artefakte archiviert werden und einen wesentlichen Teil des Ge-
dächtnisses der Gesellschaft darstellen. Es gilt auch für die Alltagskultur, die Unternehmenskultur usw. Konzepte von ‚avant-garde‘ oder
‚Pop-Kultur‘ reproduzieren diese Bindungsfunktion noch in ihrer
Abgrenzung gegen das Motiv des Hochkulturellen bzw. in ihrem Erneuerungsimpuls. Die Verankerung sozio-ökonomischer Evolution in
langfristig wirkenden Traditionen und ihre „Einbettung“ (Polanyi) in
Wertbindungen steigern so die Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit
der darauf spezialisierten gesellschaftlichen Funktionssysteme. Kultureller Wandel vollzieht sich also, im Gegensatz zu technischem oder
ökonomischem
Wandel, vergleichsweise langsam. Eine Entwicklung
hin zu einer Kultur der Beschleunigung und Kurzfristigkeit wäre also
ein irritierender Befund. Ihm wird die „Wiederentdeckung der Lang-
samkeit“ und die Forderung nach „Entschleunigung“ schon seit längerer Zeit als Kontrastprogramm gegenübergestellt.
In der Tat lassen sich nämlich verschiedene Perspektiven beobachten, die sich als evolutionäre Varianten gegen die, aber auch jenseits
der Alternativen
von
Kurzfristigkeit
und
Langfristigkeit,
von
Be-
schleunigung und Entschleunigung entwickeln könnten: Außer den
normativ motivierten Versuchen oder reaktiven Entwicklungen, dem
„Abräumbedarf“
des gegenwärtigen Zeitalters entgegenzuwirken,
et-
wa durch /nstitutionenbildung, Musealisierung und Renaissance der
Langsamkeit,
gibt es auch bemerkenswerte
Beispiele soziokultureller
Evolution, die das Anpassungspozential kurzfristiger Dispositionen
mit der Tradierbarkeit, Langfristigkeit und Anschlussfähigkeit kultu-
rellen Vermögens verbinden. So ermöglicht beispielsweise die moderne Technologie des „Buchdrucks auf Bestellung“ eine Kombination
der Kurzfristigkeit der Kapital bindenden Lagerung und Bereitstel-
lung von Büchern mit der Langfristigkeit der Verfügbarkeit eines
Kulturgutes und der Bewahrung einer spezifischen Form der Schriftund Lesekultur.
Eine andere Entwicklung deutet sich dort an, wo
die diachrone
Produktion von Ungleichzeitigkeiten im Nacheinander — ein Kennzeichen der klassischen Moderne — durch Formen der Differenzierung
im Nebeneinander (Simmel; Luhmann) und die „Gleichzeitigkeit des
Ungleichzeitigen“ ergänzt wird. Dies lässt sich auf so verschiedenen
Ebenen wie der Semantik des sozialen Zeitbewusstseins und in den
post-bürokratischen, nach-tayloristischen Formen der Arbeitsteilung in
organisierten Sozialsystemen beobachten.
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Die „Kultur der Kurzfristigkeit“
In seinem
Buch „Der flexible Mensch“ beschreibt Richard Sennett die
„Kultur des neuen Kapitalismus“ als eine Kultur der Kurzfristigkeit.
Er vertritt die These, dass die Veränderungen der Operationsweise
von
Wirtschaftsorganisationen,
die sich an kurzfristiger Gewinn-
erzielung orientierten, die kulturellen Grundlagen des Kapitalismus
aufzehrten. Das an rastloser, aber stetiger Berufsarbeit orientierte
Muster asketischer Lebensführung verliert — so Sennett - in einer solchen Wirtschaftsweise seine Überzeugungs- und Legitimationskraft.
Die profan-ethischen Grundlagen des asketischen Protestantismus
sind für die Welt des Kasino-Kapitalismus sogar eher hinderlich.
Während die alte Arbeitsethik, die auf dem Muster aufgeschobener
Bedürfnisbefriedigung, der Selbstdisziplin und dem langfristigen und
stetigen Bemühen beruhte, auch zur sozialen Integration beitrug,
werden die Beschäftigten im neuen, „dis-organisierten Kapitalismus“
(Lash/Urry) von Personen mit beruflichen Identitäten zu Teilnehmern
an Spielen, in denen
nicht mehr die Leistung, sondern
nur
noch der Erfolg zählt. Diese begünstige opportunistische Interessenverfolgung und zerstöre vertrauensbasierte Koordinationsmechanismen und soziale Beziehungen — auch jenseits der Arbeit. Zerstört
würden also auch die Grundlagen sozialer Kohäsion in ethnischen
und kulturellen Gemeinschaften. Außerdem würden die neuen For-
men
der Kooperation — z.B. in Teams — die eigentlichen Ver-
antwortlichkeiten und Machtstrukturen „maskieren“, was strukturelle
Zusammenhänge bis zur „Unlesbarkeit“ verschleiere. Sennett ver-
knüpft also suggestiv Entwicklungen der Zeit- und Organisationsstruktur von Arbeit mit den - seiner Interpretation zufolge — daraus
sich ergebenden Auflösungserscheinungen eines Sozialcharakters, von
dem Max Weber ja behauptet hatte, dass er zur Entwicklung des ok-
zidentalen Rationalismus beigetragen habe.
Man kann nun die Frage stellen, ob Sennetts Diagnose wirklich zutrifft. Gehen wir zunächst aber davon aus, dass die von Sennett be-
schriebenen Entwicklungstendenzen wenigstens auf struktureller
Ebene zutreffen könnten. Dass also Mitgliedschaften in Organisationen immer seltener auf Dauer gelten, dass Beschäftigungsver-
hältnisse von Diskontinuitäten gekennzeichnet sind und Kooperati-
onsverhältnisse zunehmend flüchtig und instabil werden und dass die
„Spielregeln“ klarer Verantwortlichkeit
und vertrauensvoller Bezie125
hungen dabei zunehmend
an Bedeutung verlieren. Sennett dürfte
hier durchaus wichtige Aspekte der gegenwärtigen Entwicklung von
Arbeitsstrukturen benannt haben, die in der internationalen und
auch bundesdeutschen Diskussion unter Stichworten wie „Verflüssi-
gung von Örganisationsgrenzen“, „Dezentralisierung“ und „Entgrenzung von Arbeit“ verhandelt werden.
Funktionsbedingte Kurzfristigkeit des Wirtschafissystems
Wenn wir mit Luhmann davon ausgehen, dass die Funktion des
Wirtschaftssystems in der Sicherstellung knapper Güter für eine
grundsätzlich unbekannte Zukunft liegt und dass dies vermittels der
Regenerierung der Zahlungsfähigkeit der im Wirtschaftssystem operierenden Akteure geschieht, dann lässt sich daraus herleiten, dass
diese Orientierung an einer ungewissen Zukunft zu Entscheidungen
in der Gegenwart nötigt, die unter Bedingungen der Unsicherheit getroffen werden. Dies führt, so die wirtschaftswissenschaftliche Lehrmeinung,
zur Diskontierung
der Zukunft
und zur Zeit-Präferenz,
d.h. zur Orientierung an Kurzfristigkeit. Die Akteure im System der
Wirtschaft operieren dabei durchaus mit unterschiedlichen Zeithorizonten. Während an Börsen im Horizont der Kurzfristigkeit gehan-
delt wird, transformieren Banken kurzfristige und langfristige Zahlungsvorgänge und operieren mit ihren Zahlungsversprechen in einem mittelfristigen Zeithorizont (Baecker). Demgegenüber wird der
Zeithorizont von Unternehmen als vergleichsweise langfristig eingeschätzt. Die These von der Kurzfristigkeit des am share holder value
orientierten Kapitalismus besagt nun allerdings, dass Unternehmen
zunehmend dazu übergehen, den zeitlichen Horizont ihrer Operatio-
nen zu verkürzen.
Funktion von Kultur: Verankerung und Latenzschutz
Wenn also das Wirtschaftssystem, gewissermaßen funktionsbedingt,
eher Kurzfristigkeit zum Modus seiner Operationen macht und hier
wohl eher die Radikalisierung dieser Perspektive hervorzuheben
ist,
dann galt von der Funktion des kulturellen Systems in der Regel eine
„komplementäre“
Ausbalancierung
der zeitlichen
Horizonte
durch
Langfristigkeit und Rekurs auf die Vergangenheit. Das kann man
durchaus als gemeinsamen Bezugspunkt ansonsten unterschiedlicher
Umschreibungen
dessen, was als „Kultur“ definiert wird, erkennen.
Sei es als tradierten Bestand tief verankerter, normativer und symbolischer Orientierungen, sei es als das „Gedächtnis“ des Gesellschaftssys126
tems, das die Funktion der Erhaltung von Strukturmustern durch Latenzschutz bedient. Dies gilt insbesondere natürlich für Handlungssysteme wie Bildung und Sozialisation, die, insofern sie die grundlegenden Kulturtechniken und Orientierungen vermitteln, in diesem
Funktionssystem von besonderer Bedeutung sind. Und hier scheint es
offensichtlich, dass auch die sozio-kulturelle Entwicklung vielfältige
Hinweise für eine Verkürzung von Zeithorizonten gibt.
Kultur und Kurzfristigkeit: Evidenzen und Gegenevidenzen
Diese lassen sich vor allem an semantischen Fokussierungen auf Phänomene der Beschleunigung und der zeitlichen Verdichtung erkennen. Deutungen der gesellschaftlichen Entwicklung, die das „Tempo“
oder die „Nervosität“ des Lebens sensibel wahrnehmen (Simmel) bzw.
suggestiv stilisieren, sind jedoch keinesfalls neu. In der Zusammenarbeit mit historischer Forschung sollte es möglich sein zu klären, inwieweit derartige Wahrnehmungen und Selbstbeschreibungen mentalitätsgeschichtlich zu deutende
„Periodenphänomene“
die aktuelle Geschwindigkeitssemantik
sind und ob
(Gleick 1999) andere zeit-
strukturelle Eigenschaften kultureller Orientierungen reflektiert als
die an der letzten Jahrhundertwende bzw. in den futuristischen Faszinationen der zwanziger Jahre. Neben den „sichtbaren“ Gesichtspunk-
ten einer Veränderung des „Iempos“
„beschleunigten
Verschleiß“
von
unseres
Lebens
Wissensbeständen
und dem
im Zuge einer
sich selbst auf Innovation festlegenden Gesellschaft bleiben auch auf
der strukturellen Ebene, im Bildungssystem und im Bereich der
primären Sozialisation die Ausdrucksformen von Kurzfristigkeit
unübersehbar. Die Stabilität von Familien und Haushaltskonstellationen ist im Verlaufe der letzten Jahrzehnte deutlich gesunken.
Auch die Art und der Verlauf des Erwerbs von Wissen in Bildungsinstitutionen können nicht mehr als ein fragloses Stadium der
Vorbereitung auf die spätere Anwendung von erworbenen und
reproduzierten Wissensbeständen begriffen werden. Die aktuelle
Diskussion an den deutschen Hochschulen spiegelt das wider. Und
selbst im Hort von Sicherheit und Langfristigkeit, dem Recht,
werden Gesetze zur Verwaltungsbeschleunigung vorbereitet, von der
Kurzfristigkeit politischer Entscheidungshorizonte (Weizsäcker) ganz
abgesehen. Freilich hat sich gerade auch gezeigt, dass Versuche
kurzfristigen Umsteuerns in der Energiepolitik sich an der langfristigen Bindungswirkung geschlossener Verträge brechen.
127
Die Anzeichen für eine Bedeutung von Kurzfristigkeit (auch) im
kulturellen System sind also mit bloßem Auge zu sehen. Dennoch: Es
gibt nicht nur — gewissermaßen nach wie vor — im kulturellen und
institutionellen Bereich Zeithorizonte einer (relativ) langen Dauer; es
gibt nicht nur — gerade angesichts der Zunahme von Beschleunigungs- und Befristungstendenzen — durchaus massive und breit gestreute Bemühungen um eine „Verankerung“ der gegenwärtigen soziokulturellen Entwicklung in den unterschiedlichen Ausdrucksfor-
men des kulturellen Erbes und seiner Tradierung. Die Bedeutung der
Musealisierung der Gegenwart ist hier zu nennen, wie generell die
außerordentliche Zunahme von Museumsbauten, die dieses Bedürfnis nach „Verankerung“ im kulturellen Bereich deutlich machen. Es
gibt also auch, so lautet die Vermutung, unter den Bedingungen der
gegenwärtigen Begrenzung von Zeithorizonten Entwicklungsmomen-
te, die der Kultur der Kurzfristigkeit nicht nur Grenzen ziehen, ihr
entgegenwirken, sondern sie auch in neue Formen der Verknüpfung
von Kurz- und Langfristigkeit zu transformieren vermögen.
So gibt es in Deutschland,
durch
das sog. „Arbeitnehmerüber-
lassungsgesetz“ geregelt, mit der Zeitarbeit die Institutionalisierung einer neuen Beschäftigungsform. Dabei werden Arbeitskräfte, die bei
einem Verleihbetrieb (relativ) dauerhaft beschäftigt sind, zu kurzfristigen Einsätzen in verschiedene Nutzerbetriebe entsandt. Die Diskontinuität des einzelnen Einsatzes kann durch Fristentransformation
zu einer längerfristigen Beschäftigung verknüpft werden, insbesondere wenn die Regulierung dieser Beschäftigung „sozialverträglich“ ge-
staltet wird. Auch in der Sozialpolitik wird das Prinzip der Fristentransformation dort wirksam, wo beispielsweise für Frauen familien-
bedingte Unterbrechungen der Versicherungszeiten aufgrund sozial-
politischer Gestaltung (Rentenreform ’92) durch Anerkennung von
Ausfallzeiten in eine Kontinuität überführt werden. Und im sog.
Dritten Sektor lässt sich die Zunahme punktualisierter, befristeter sozialer Unterstützung — etwa im Ehrenamt — oder die Kombination
der „Event-Kultur“ mit den institutionalisierten, traditionellen Formen sozialer Hilfe hervorheben.
Veränderungen im sozialen Zeitbewusstsein
Soziales Zeitbewusstsein kann als eine Form der Anschauung bzw.
Beobachtung von Zuständen und Veränderungen in der Gesellschaft
128
verstanden werden. In der Untersuchung von Zeitbewusstsein geht es
darum, die Kategorien und Unterscheidungen, mit denen diese Beo-
bachtung operiert, zu rekonstruieren. Als Beispiele können die Kate-
gorien „Bewegung“,
„Ereignis“,
„Veränderung“
bzw.
„Dauerhaftig-
keit“ oder die Unterscheidung von „Zeit und Ewigkeit“, „alt und
neu“ oder „vorher und nachher“ gelten. Anhand
dieser (soziohisto-
risch variierenden) Unterscheidungen/Beobachtungen werden Erfah-
tungen geordnet, Erwartungen strukturiert, Handlungen entworfen,
Erleben sortiert und insbesondere Kausalitäten konstruiert.
Gleichzeitigkeit und Gegenwartsbewusstsein
Im Unterschied zum „vormodernen“, zyklischen, Zeitbewusstsein, in
dem Ereignisse in kontinuierlicher Wiederkehr aneinander gereiht
waren, die in einer „gleichen“, immer wieder in sich zurückkehrenden Zeit aufgehoben waren, betont das moderne Zeitbewusstsein die
Phänomene der Ungleichzeitigkeit, der Diskontinuität und vor allem
der Differenz von Vorher und Nachher bzw. zwischen Vergangenheit
und Gegenwart. Diese Differenz, die als Neuigkeitserlebnis, als Innovation je nach Sichtweise gepriesen oder beklagt wird, kann zu pessi-
mistischen oder optimistischen Erwartungen und Deutungen führen.
Bei dieser Betonung von Brüchen in der Moderne bekommt das
lineare Zeitbewusstsein die Aufgabe, diese Brüche in eine Kontinuität
zu überführen, welche die Anschlussmöglichkeiten von Vorher und
Nachher, die Erwartungen und Handlungen, vor allem aber die Re-
konstruktion von Kausalitäten — auf die man sich einstellen kann —
ermöglicht. Im Zuge der säkularen Umstellung des Zeitbewusstseins
auf diese Form der Beobachtung verlor dadurch die Gegenwart immer mehr an „eigenem“ Orientierungswert, an Sinn. Sie schrumpfte
zu einem Umschaltpunkt zwischen Zukunft und Vergangenheit und
setzte die handelnden Akteure immer mehr unter Zeitdruck. Dies
war so lange kein Problem, als die Zukunft als „offen“ gelten konnte,
in die hinein das entstehende Neue projiziert und platziert werden
‚konnte. In dem Maße, in dem die (unbeabsichtigten) Folgewirkungen von Modernisierungsprozessen — besonders im Bereich der Ökologie — immer deutlicher spürbar geworden sind, funktionierte diese
Form der „De-Futurisierung“ (Luhmann) nicht mehr fraglos. Sie geriet vielmehr unter erheblichen Rechtfertigungsdruck.
Damit rückt auf neue Weise die Gegenwart in den Horizont des
beobachtenden Zeitbewusstseins. Sie kann nicht mehr bloß ein Um129
schaltpunkt sein, in dem beständig Zukunft in Vergangenheit überführt wird, sondern sie muss — stärker als früher — zu einem Arran-
gierraum für zukünftige Möglichkeiten und damit für Entscheidungen werden. Sie wird potenziell zur „gedehnten Gegenwart“. Damit
wird aber neben der Ungleichzeitigkeit von „Vorher und Nachher“
die Gleichzeitigkeit zu einer Kategorie des (neuen) Zeitbewusstseins.
Und das verschärft das Problem: Neben das Bewusstsein von den ir-
reversiblen Folgen gegenwärtigen Handelns — etwa durch den
Verbrauch fossiler Energien — tritt die Einsicht in die Unverfügbarkeit
simultan ablaufender
Handeln/Erleben
Prozesse. Was gleichzeitig mit dem eigenen
sich vollzieht, lässt sich nicht mehr beeinflussen;
und die Beschleunigung der jeweiligen Prozesse steigert diese Unverfügbarkeit. War „Gleichzeitigkeit“ — in der Moderne — in der Kon-
struktion der standardisierten Weltzeit einerseits garantiert und für
die Koordination von Projekten hilfreich, so wird, in der zweiten
Moderne, die Simultaneität —- und damit Unverfügbarkeit — von Ereignissen und Prozessen in einer komplexer werdenden Weltgesellschaft (Stichworte: Omnipräsenz durch Telekommunikation und Television; Globalisierung) immer bewusster. Damit wachsen die Anfor-
derungen für die Bewältigung von Komplexität in der Gleichzeitigkeit. Die These ist also, dass wir uns gegenwärtig in einer Phase gesellschaftlicher Entwicklung befinden, in der die auf Diskontinuität
und Ungleichzeitigkeit begründete Wahrnehmung der Zeitdimension
der Welt durch eine Semantik der Gleichzeitigkeit (des Ungleichzeitigen) und eine Differenzierung des Gegenwartserlebens ergänzt wird.
Museumsarchitektur — ein Beispiel ...
Diese grobe Kennzeichnung der Entwicklung und Veränderung des
sozialen Zeitbewusstseins von Gegenwart und Gleichzeitigkeit ließe
sich in spezifischer Weise an der musealen Repräsentation der Gegenwart als historisierte Gegenwart oder als Gegenwart des Historischen
untersuchen. Eine paradigmatische Bedeutung für die Symbolisierung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen kommt dagegen wohl
der Architektur des Erweiterungsbaus des neuen jüdischen Museums
in Berlin zu. Der Orthogonalität fast völlig vermeidende Grundriss
des von Daniel Libeskind entworfenen Gebäudes enthält verschiedene, auseinander weisende, sich kreuzende Linien, Achsen, und im inneren Aufbau sich überlagernde Ebenen, in die „Leeren“ (Voids) ein-
gebaut sind.
130
Void ist ein Raum, den man im Museum betritt, ein Raum, der das Museum
organisiert und der doch nicht wirklich Teil des Museums ist. ... Er ist nicht
wirklich ein Museumsraum. Er ist etwas anderes, das dann wieder doch sehr
viel mit den Museumsräumen zu tun hat — und zugleich mit dem Raum Berlin, weil ‚void‘ sich im Grunde auf das bezieht, was niemals ausgestellt werden kann ... (Jüdisches Museum Berlin, S. 30).
Der Eindruck der Zerstörung, den die scheinbar erratisch zueinander
ansteigenden und abfallenden Linien vermitteln, die Re-Präsentation
der Ver-Nichtung, die durch die „Leeren“ zur Geltung kommt, blei-
ben erhalten und werden doch auch aufgehoben. Die Leere wirkt
nicht als „abstraktes Zeichen der Negation“ (ebd.), sondern ist „ein-
gebaut“ in eine Architektur, deren verwirrende Linien doch zu Überlagerungen und Wieder-Begegnungen historischer Räume und Zeiten
führen. Darin deutet sich eine Variante des Umgangs mit historischer
Zeit an, die — jenseits der Chronologie- die Kontinuitäten, Katastro-
phen und Diskontinuitäten historischer und kultureller Entwicklung
zu ordnen imstande ist.
Zeitbewusstsein von Jugendlichen — ein anderes Beispiel
Ein anderes aufschlussreiches Beispiel für die Analyse der Veränderungen sozialen Zeitbewusstseins ist die Situation von Jugendlichen.
Zum einen ist das Zeitbewusstsein von Altersgruppen erwartbar von
Veränderungen
der kollektiven
sozialen
Zeitsemantik
beeinflusst.
Zum anderen ist aber das Zeitbewusstsein von Jugendlichen in spezifischer Weise affın zu den aktuellen Veränderungen des Zeitbewusstseins, da im Zeitbewusstsein von Jugendlichen der Bereich der Gegenwart und ihrer möglichen Dehnung (wenn man will: aufgrund
des sozialen Alters) schon immer von besonderer Bedeutung gewesen
ist. Die Betonung von „Spaß“ und ekstatischen Formen des Erlebens
verweisen auf ein „Ausklinken“ aus einem die Gegenwart tendenziell
abwertenden, linearen Zeitverlauf. Gleichzeitig wächst — wie auch in
der Gesellschaft — das Risikobewusstsein der Jugendlichen. Ihre Lebensphase, die durch die Ablösung vom Elternhaus und von der noch
nicht vollzogenen Integration in das Berufs-/Erwachsenenleben
ge-
kennzeichnet ist, führt zu einem doppelten Verlust an Sicherheiten.
Das eine gilt nicht mehr, das andere noch nicht.
War dies früher eine mehr oder weniger lange Statuspassage, ein
„psychosoziales Moratorium“, dessen Ende erwartet wurde, so wird es
gegenwärtig vielen Jugendlichen auch. unsicher erscheinen, ob diese
Erwartungen noch gelten. Die aus der Sozialstrukturanalyse bekann131
ten Befunde über die Verzögerung von Statusübergängen lassen sich
in diesem Zusammenhang deuten: Die für Jugendliche wohl immer
schon gültige, vergleichsweise starke Akzentuierung von Gegenwartserleben wird durch eine Veränderung im Bereich der sozialen
Zeitsemantik gewissermaßen verstärkt. Damit rücken Formen des
Zeitbewusstseins in den Horizont des Interesses, welche die Gegenwartsorientierung von Jugendlichen nicht nur als Ausdruck von
wachsendem Hedonismus oder als altersphasenspezifische Ungebundenheit, Unverantwortlichkeit erscheinen lassen, sondern sie auch als
einen — gebrochenen, möglicherweise gesteigerten — Ausdruck des
veränderten sozialen Zeitbewusstseins zu erkennen geben. Die Ergebnisse der jüngsten Shell-Jugendstudie (Fuchs-Heinritz 2000) geben hierfür jedenfalls Anhaltspunkte.
Sie belegen, dass nach einer planerischen Zukunfts- und einer (weniger ausgeprägten) Vergangenheitsorientierung der Gegenwartorientierung der Jugendlichen eine relativ große Bedeutung zukommt. Sie
steht wiederum in einem engen Zusammenhang mit einer biographischen Perspektive, die als „Commitment auf Widerruf“ gekennzeichnet werden kann. Darunter sind
Lebensplanungen und a
unübersichtlicher
zu verstehen, die — angesichts
und unverfügbarer Verhältnisse — die Möglichkeiten
des
Umsteuerns, der Vermeidung von Pfadabhängigkeit im Lebenslauf ermöglichen sollen. (ebd., S. 36)
Gegenwartsorientierung kann sich dann durchaus in Ausdrucksformen
der „Spaßgesellschaft“ artikulieren, wäre aber im Kontext bio-
graphischer Unsicherheit zu deuten. Dies wird durch den Befund ergänzt, dass die „Sicherung des eigenen Lebensbereichs“ bzw. die Su-
che nach einem Fixpunkt — jenseits der durch die „Diktatur der Geschwindigkeit“ gesteigerten Unübersichtlichkeit der Lebensverhältnisse — eine unter den Jugendlichen vergleichsweise deutlich ausgeprägte
Orientierung ist. Bei einem großen Teil der Befragten scheint sie —
neben ansonsten zwischen planerischer Zuversicht und Pessimismus
divergierenden Orientierungen — so etwas wie ein zweiter Referenz-
punkt zu sein. Dies könnte ein Hinweis auf eine Orientierung jenseits der Alternativen von Beschleunigung und Verlangsamung, von
Kurzfristigkeit und Langfristigkeit sein.
182
Neues Management im Wirtschaftssystem
Neuere Analysen der Entwicklungsdynamik
und Operationsweise
von Wirtschaftsorganisationen heben häufig deren gegenüber früher
gewachsene Geschwindigkeit und Kurzfristigkeit hervor. Die Verkür-
zung von Produktlebenszyklen, die zunehmende Befristung von Be-
schäftigungsverhältnissen und Organisationsstrukturen (Projekte)
u.a.m. sind stichhaltige empirische Belege für diese These. Die Ursache für dieses „speed“- und Diskontinuitäten-Management wird u.a.
in den Turbulenzen in der Umwelt der Organisationen gesehen, für
die das Beispiel der Finanzmärkte besonders spektakulär ist. Die darin
zum Ausdruck kommenden Unsicherheiten zukünftiger Entwicklungen veranlassen die Unternehmen zu kurzfristigen Strategien der Ge-
winnerzielung und lassen den Entscheidungsbedarf rasch anwachsen.
Obwohl diese Diagnose wesentliche Merkmale der gegenwärtigen
Entwicklung zutreffend deutet, greift sie empirisch und analytisch zu
kurz. Nicht nur, dass die Strategien der Kurzfristigkeit in einigen
Wirtschaftsbereichen inzwischen an ihre Grenzen zu stoßen scheinen,
wie das Beispiel der Modebranche oder der Softwarebranche zeigt.
Wer kauft schon die allerneueste Version eines Textverarbeitungspro-
gramms, wenn die übernächste schon angekündigt ist? Und im Bereich der Produktentwicklung sind die perversen Effekte weiterer Beschleunigung ebenfalls eklatant, wie die „umwerfenden“ Erfahrungen
beim „rapid-prototyping“ des A-Klassen-Mercedes gezeigt haben. Die
Tendenz der Beschleunigung von Entwicklungen und der Verkürzung
von (Bindungs-)Fristen stößt womöglich nicht nur an ihre Grenzen,
sie geht auch mit komplementären Strategien der Ermöglichung neuer Formen der Längerfristigkeit, des Managements von Diskontinuitäten, des „Abwartens“, „timings“ und des „Unterlassens“ einher. So
ist z.B. die allseits propagierte Markt- und Kundenorientierung nicht
nur der Versuch, die Volatilität der Märkte besser zu beobachten, um
frühzeitig darauf reagieren zu können. Sie verfolgt auch das Ziel, die
künftige Entwicklung der Nachfrage durch Innovation proaktiv zu
beeinflussen, indem der erworbene Pionierbonus in Kundenbindung
umgesetzt werden kann. Die Diskontinuität der zukünftigen Entwicklung kann dadurch begrenzt bzw. überbrückt werden. Spezielle
Vertriebsformen, Markenstrategien oder Serviceangebote und die
Einrichtung von Call-Centern sollen dazu beitragen, dass die umworbenen Kunden auch unter Kontrolle bleiben.
133
Die Kurzfristigkeit von Marktentwicklungen wird so einerseits
umgesetzt, aber auch reflexiv gebrochen: Die Beschleunigung von
Prozessen und die Befristung von Bindungen geht potenziell einher
mit der Nutzung der so gewonnenen Dispositionsspielräume zur
Steigerung von Erwartbarkeiten und der Einbindung von Umwelt.
Aus dieser temporalen Perspektive kann übrigens auch der Diskussion
über die Flexibilisierung von Strukturen und netzwerkförmige Unternehmensorganisation eine größere Tiefenschärfe abgewonnen werden. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang nämlich, dass gerade auch die Organisation von Innovation — die ja Diskontinuität
hervorrufen soll — in erheblichem Umfang in netzwerkförmiger Kooperation betrieben wird, die Risiken der Innovation also gewisser-
maßen versichert werden.
Interessant erscheinen in diesem Zusammenhang auch alternative
Mobilitätskonzepte. Das Konzept des Micro-Compact-Car „Smart“
stellt den bisher am weitesten gehenden Bruch mit der Vorstellung
vom Auto als „Renn-Reise-Limousine“ (Canzler 1999) dar. Es ist einerseits ein Beispiel der avanciertesten Realisierung einer „just-in-
time“-Produktion, die sich dem Ideal der „production on demand“
(Bienzeisler/Brose 2000) auch dadurch nähert, dass Teile der End-
montage beim Auslieferer erfolgen. Dabei kann der Kunde kurzfristig
noch über bestimmte Ausstattungsmerkmale (z.B. Farbe) disponie-
ren. Bestellung und Auslieferung erfolgen extrem zeitnah. Kurze Produktions- und Auslieferungszeiten und eine Kundenwünsche berücksichtigende, variable Endkonfektionierung
machen
aus dem
Smart
ein Beispiel für die Kurzfristigkeit und Schnelligkeit in der Reaktion
auf Nachfrageschwankungen. Die Begrenzung der Nutzungsfunktion
(Zweisitzer) und der Reichweite (lokaler Verkehr) macht das Auto für
lange Fahrten relativ ungeeignet. Gleichzeitig erwirbt der Käufer des
Smart (kostenlos) die Mitgliedschaft in einem überregional funk-
tionierenden Netz von Car-sharing-Unternehmen, und die Beförderung mit den Auto-Reisezügen der Deutschen Bundesbahn erfolgt zu
besonders günstigen Tarifen. Die lokale Begrenztheit und Kurzphasigkeit der Nutzung wird also in diesem Mobilitätskonzept mit der
überregionalen und verschiedene Verkehrsmittel übergreifenden „An-
schlussfähigkeit“ verbunden. Und die kostengünstige und kurzfristige
Austauschbarkeit von Ausstattungsvarianten macht den Smart zu einem partiell „recycelbaren“ Produkt. Damit soll angedeutet werden,
dass diese Formen des Diskontinuitäten-Managements durchaus in
134
einem Zusammenhang mit dem im Bereich der Ökologie diskutierten Konzept der Nachhaltigkeit gesehen werden können, auf das in
diesem Beitrag hier abschließend aber nur verwiesen werden kann.
Ausblick
Prozesse der Beschleunigung sozialen Wandels haben seit den Frühzeiten der Moderne immer wieder auch retardierende Reaktionen
hervorgerufen. In seiner Studie über den „Flaneur“ notiert Walter
Benjamin, dass es um 1840 in Paris in Mode gekommen sei, Schild-
kröten in den Passagen spazieren zu führen. Die NaturfreundeBewegung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts könnte man auch
als Reaktion auf den Geschwindigkeitsrausch, wie er im Futurismus
zum Ausdruck kam, deuten. Ist also der gegenwärtige „Kulturkampf“
zwischen den Beschleunigern und den Propheten der Langsamkeit
nur die Intonation einer altbekannten — kontrapunktischen — Begleitmusik? Und: Reicht es, dieses als wiederkehrendes
Begleitmotiv
zu identifizieren?
In diesem Beitrag habe ich mich zunächst darauf beschränkt, nach
Tonlagen und Tempi zwischen dem prestissimo und dem andante zu
suchen, in der Hoffnung,
in die gegenwärtig geführte Debatte da-
durch ein Mehr an analytischer Differenzierung und empirischer Präzision einzubringen. Dies sind allerdings bestenfalls Anregungen für
die Bearbeitung der weitergehenden Frage, inwiefern sich nämlich die
Bedingungen, unter denen sich die Dynamik soziokulturellen und
-ökonomischen Wandels — zwischen Beschleunigung und Retardierung — vollzieht, nicht doch grundsätzlich verändert haben. Meine
Vermutung geht dahin, dass die aktuelle Entwicklung sich zumindest
insofern unter veränderten Bedingungen vollzieht, als die Zukunft —
als Projektionsfläche und Arrangierraum für Möglichkeiten — wohl
definitiv ihre Unschuld, ihre Offenheit verloren hat. Auch wenn die
neuen IuK-Technologien uns ungeahnte neue Möglichkeiten verheißen und neue Beschleunigungserfahrungen vermitteln, so haben die
irreversiblen Effekte vergangener Zukünfte die gegenwärtige Zukunft
doch schon so tangiert, dass es mit dem „Abräumen“ von Ruinen
wohl nicht so ganz einfach sein dürfte.
Dies ist im Bereich der Ökologie unübersehbar. Ob aber die Rückkehr zur Langsamkeit allein dieses Problem lösen könnte, muss man
wohl auch bezweifeln.
135
Literaturhinweise
Bienzeisler, Bernd/Brose, Hanns-Georg: Herstellung auf Bestellung. Zeitstrukturelle
Implikationen eines produktionslogistischen Konzepts, in: Brose, H.G. (Hg.): Die
Reorganisation der Arbeitsgesellschaft, Frankfurt a.M., New York: Campus 2000, S.
205-238.
Brand, Stewart: Das Ticken des langen Jetzt, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000.
Canzler, Weert: Zur Adoption freigegeben. Verkehrstelematik und die Zukunft des Autoverkehrs, in: Buhr, Regina et al. (Hg.): Bewegende Moderne. Fahrzeugverkehr
und soziale Praxis, Berlin: edition sigma, 1999, S. 73-104.
Fuchs-Heinritz, Werner:
Zukunftsorientierungen
und
Verhältnis
zu
den
Eltern,
in:
Deutsche Shell (Hg.): Jugend 2000, Band 1, Opladen: Leske + Budrich, 2000, $.
23-92.
Gleick, James: Faster. The Acceleration of Just About Everything, New York: Vintage
Books 1999.
Held, Martin: Ökologie der Zeit, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1996, S. 18-26.
Jüdisches Museum Berlin: Architekt Daniel Libeskind, Amsterdam/Dresden:
Kunst 1999.
KAKKK
„Zeitgeist:
Der moderne Forscher denkt im Chor —
er schnattert im Chor der Enten am Teich.
Wenn die eine oder andere nicht mitschnattert,
erklären die anderen, es fehle die nötige Begabung.“
Erwin Chargaff
KAKKK
Verlag der
Klaus Michael Meyer-Abich
Sesshaftigkeit — Fin Zukunftsprojekt
Die meisten Menschen
sind heute guten Glaubens, dass der Über-
gang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit auf kultivierten Böden vor
sechs- bis achttausend Jahren in den verschiedenen Teilen der Erde
stattgefunden habe und seitdem hinter uns liege. Auch differenziertere Beurteilungen (vgl. Balter 1998) haben die Grundeinschätzung
nicht verändert, dass wir bereits sesshaft geworden seien. Ebendies ist
aber eine höchst wirklichkeitsferne Beschönigung jedenfalls der industriegesellschaftlichen Lebensformen. De facto haben wir das kluge
steinzeitliche Projekt noch lange nicht verwirklicht, sind damit in der
Vergangenheit allerdings wohl schon etwas weiter gewesen als heute.
Stellen wir uns die Nomaden sehr vereinfacht so vor, dass sie die ab-
genagten Knochen hinter sich in die Gegend warfen und ihr Vieh alles kahl fraß, bevor sie weiterzogen, so tut dies gewisslich nicht nur
den meisten Nomaden Unrecht, sondern ist unserer Lebensweise gegenüber noch beinahe ein Musterbild von dauerhafter Wirtschaft.
Das Gras wächst wieder nach und die Knochen werden zwar nicht
leicht abgebaut, sind aber doch relativ einfach zu beseitigen und unschädlich. Was die Industriegesellschaften hinter sich werfen, ist
demgegenüber im Wesentlichen weder unschädlich noch leicht zu beseitigen. Wir richten das Land, auf dem wir angeblich sesshaft sind,
wirklich mehr und mehr zugrunde. Nomaden haben dies nicht getan.
Die Devise „Steinzeit — Nein, danke!“ hatte also einen Hintersinn,
den sich die Atomkernenergiefreunde, welche damit für ihr Weltbild
warben, wohl kaum bewusst gemacht haben. Denn eigentlich
bestätigt der Spruch die Absage an die Sesshaftigkeit, welche durch
die marktwirtschaftliche Mobilisierung aller Dinge und der Men-
schen praktiziert und technisch durch Energiesysteme ermöglicht
wird. Eben dazu sollte die Nutzung der Atomkernenergie auf lange
Sicht eine Lösung sein. Der anscheinend so dümmliche Aufkleber
war also vielleicht doch klüger als mancher, der sich seiner bediente.
137
Der Neubeginn mit dem leeren Blatt
Die Absage an die Sesshaftigkeit ist fast jedem Plädoyer für irgendeine
technische Erfindung in unserer Zeit schon vorangegangen. Um dieser Grundhaltung bewusst zu werden, brauchen wir uns nur zu ver-
gegenwärtigen, dass der Boden, auf dem wir leben, zwar nicht überall
so vielschichtig gewachsen ist wie dort, wo einmal die Römer waren,
im Allgemeinen aber doch auch kein Neuland ist (wie z.B. ein Koog).
Fast überall begegnen wir vielfältigen natur- und menschheitsgeschichtlichen Gliederungen. Wie aber gehen wir damit um?
Das technische Ingenium bisheriger Art entfaltet sich am leichtesten auf einem leeren Blatt, in Gestalt eines Neubeginns. Deshalb erscheinen, wo etwas Technisches industriegesellschaftlich ins Werk ge-
setzt werden soll, in der Regel zuerst die Bagger und die Planierraupen, um den Ort des Geschehens dem leeren Blatt anzugleichen, auf
dem das Zukunftswerk entworfen ist. Nach diesem Leitbild werden
z.B. Landschaften vorab einem jeweils bestimmten Stand der Ver-
kehrstechnik angepasst, so dass man sich nicht mehr auf Wegen in
der Landschaft bewegt, sondern auf Trassen Entfernungen überwindet. Descartes’ Vorstellung vom homogenen Raum, der nur noch die
schlichte Ausgedehntheit und ohne jeden Unterschied von Ort zu
Ort, also eigentlich ortlos ist, wird hier zum Ideal gesetzt. Vielleicht
war sie immer schon latent normativ gemeint. Der Boden, auf dem
wir zu stehen meinen, schrumpft in diesem Denken zur bloßen Fläche. So aber verlieren wir ihn unter den Füßen ...
Der Neubeginn mit dem leeren Blatt der reinen Ausgedehntheit ist
ein Leitbild, das in der Praxis nicht immer strikt durchgehalten wird.
Vor allem gute Architekten und Raumplaner nehmen von sich aus
Rücksicht auf das, was schon da ist: den Boden in seiner Gewachsenheit, die Bäume, die Himmelsrichtungen, die Geländebeschaffenheit.
Hinzu kommen baurechtliche Vorschriften, welche zumindest grund-
sätzlich auch der Einbettung des Hauses in die Umgebung dienen
sollen. Wäre die Einbettung das oberste Prinzip, müsste allerdings das
Haus primär zum Garten und in das übrige Gelände passen und
nicht der Garten umgekehrt vor allem zum Haus; so weit aber gehen
selbst die rücksichtsvollsten Architekten (und Bauherren oder Baufrauen) meist nicht.
Soweit z.B. in der Raumplanung Rücksicht auf gewachsene Strukturen genommen wird, ist dies in unserer Wirtschaft im Grunde
138
nicht systemkonform. Denn wirtschaftlich gelten alle Naturdinge eigentlich nur als Ressourcen oder als Material, so wie es dem Cartesi-
schen Gedanken entspricht, es gebe außer dem menschlichen Geist
nur noch res extensa, Ausgedehntes, und alle sonstigen Eigenschaften
der Dinge seien sekundär. Beton und Spanplatten sind der typische
Ausdruck dieses Naturverständnisses; die Dinge hätten keinen Eigenwert und bekämen einen Wert erst dadurch, dass man sie durch
eine Mühle dreht und in neuer Form den menschlichen Bedürfnissen
anverwandelt. Dem Boden ergeht es ebenso.
Zurück zur Kultur
Nun ist diesem Umgang mit der außermenschlichen Natur kaum
noch anzusehen, dass wir eigentlich ein Kulturvolk sind. Ein Grund-
gedanke der „Praktischen Naturphilosophie“ (Meyer-Abich 1997) ist
deshalb, dass die außermenschliche Natur nicht unsere Umwelt - um
uns und für uns da -, sondern unsere natürliche Mitwelt ist und somit
mitweltliche Rücksichten um ihrer selbst willen verdient. Für die
Wirtschaft ist es ein großer Unterschied,
ob ihr kulturelle Grenzen
gesetzt werden oder aber nicht.
Das Leitbild einer kultivierten Wirtschaft ergibt sich gegenüber
dem des leeren Blatts aus dem Mitsein in der Pluralität je spezifischer
Umwelten im Ganzen der Natur. Vor jeder Veränderung kommt hier
die Würdigung des Bestehenden im Sinn des Grundsatzes: Die Dinge
gehören zunächst einmal dahin, wo wir sie vorfinden. Dort sind sie in
ihrem Mitsein und Gewordensein zu würdigen. Die Würdigung
schließt das Urteil nicht aus, dass sie woanders gebraucht werden und
dorthin besser gehören als dahin, wo sie gerade sind. Dies aber erst
nach vorangegangener Würdigung zu erwägen, ist die Grundfrage der
kulturellen Veränderung, wohingegen der bloße Konsum ohne die
vorangegangene Würdigung erfolgt.
Es kann sehr gute Gründe geben, z.B. ein Stück Land im menschlichen Interesse zu kultivieren oder Steine in einer Hausmauer besser
aufgehoben zu finden als dort, wo sie waren. Bäume zu fällen, um
daraus Haustüren, Möbel oder Schiffe zu bauen, kann ich mir in wei-
tem Umfang gleichermaßen als eine kultivierende Veränderung vorstellen. Es geht mir also keineswegs darum, Veränderungen grundsätzlich auszuschließen, jedoch soll nicht jede Veränderung schon
deswegen gerechtfertigt sein, weil einige Menschen ohne Ansehen des
139
Eigenwerts oder der besonderen Natur der Dinge im Ganzen der Na-
tur meinen, dies entspreche ihren Bedürfnissen. Vielmehr sollte abgewogen werden, ob die Welt — soweit wir dies beurteilen können —
durch die betreffende Veränderung schöner und besser wird, als sie es
sonst wäre.
Dass wir in dieser Entscheidung nur selten oder nie die Sicherheit
z.B. der Lachse, die ihren Geburtsort wiederfinden, erreichen werden,
liegt in der menschlichen Natur. Eine vernünftige Entscheidung wenigstens zu versuchen, liegt aber gleichermaßen in der menschlichen
Natur. Die kulturelle Begrenzung der Wirtschaftstätigkeit dürfte
manche Zerstörungen verhindert haben, wenn sie in der Vergangenheit schon gegolten hätte.
Die Grundregel alles kultivierenden menschlichen Handelns in der
Natur lautet also, zunächst
das Vorgefundene in seinem Mit- und
Gewordensein zu würdigen und erst dann zu erwägen, ob etwas vielleicht doch besser anders werden sollte, als es ist, weil dies unseren
Bedürfnissen oder seinem Eigenwert im Ganzen der Natur zugute
käme. Um diesem Prinzip in konkreten Entscheidungssituationen
folgen zu können, bedürfte es einer gemeinschaftlichen Willensbildung, wie wir in Zukunft leben möchten. Es ist nicht zu erwarten,
dass wir in einer industriegesellschaftlichen Situation, die durch eine
umfassende Vergessenheit aller kulturellen Bestimmungen des Umgangs mit der natürlichen Mitwelt charakterisiert ist, unversehens die
richtigen Kriterien dafür parat haben. Notwendig ist eine Art kultureller Anamnese in Bezug auf die Natur. Der Boden, auf dem wir stehen, ist dazu jederzeit die richtige Grundlage.
Dabei kann die Frage getrost offen bleiben, ob andere Kulturen
oder einige von ihnen - z.B. die buddhistischen — mental genauso
zerstörerisch
wie die unsere,
technisch
aber nicht
so einfallsreich
waren oder ob sie technisch dasselbe vermocht hätten, dieses
Vermögen aber aufgrund anderer Haltungen nicht entwickelt haben.
Soweit es Lösungen
gibt, müssen
sie den heutigen Problemen
entsprechen, die aber sind in aller Welt nach dem
europäischen
Vorbild entstanden. Gegengewichte können zumindest hierzulande
am ehesten in unserer eigenen kulturellen Tradition gefunden werden.
Was wir unter Kultur verstehen, hat einmal als Agrikultur angefan-
gen, also im Umgang mit dem Boden. Dieser Erinnerung bedarf es
besonders in einer Zeit, in der das Verständnis von Kultur auf den
Zuständigkeitsbereich von Kulturdezernenten zu schrumpfen droht,
140
auf Museen, Theater und Konzerte, wohingegen der industrialisierten
Landwirtschaft mittlerweile beinahe die letzten Reste an Agrikultur
ausgetrieben worden sind. Tatsächlich aber war die mitteleuropäische
Kulturlandschaft noch bis ca. 1800 eine der überzeugendsten Kultur-
leistungen. Denn hier sieht man wirklich, wie durch Menschen etwas
Gutes in die Welt kommen
kann, und zwar nicht nur für uns, auch
vielen anderen Lebewesen sind dadurch neue Lebensräume geboten
worden. Es gibt etliche Beispiele dieser Art.
Leitbild Sesshaftigkeit
Die naturphilosophische Begründung kultureller Kriterien für den
Fortgang der Wirtschaft ist natürlich nur als Gemeinschaftsleistung
denkbar. Wenn in einem gemeinsamen Lernprozess diejenigen, welche sich auf das wirtschaftliche Handeln verstehen, dafür auch ein
Bewusstsein kultureller Maßstäbe bekämen, und diejenigen, welche
sich auf die jahrtausendelange Entwicklung dieser Maßstäbe verstehen, diese auch unter den Bedingungen wirtschaftlichen Handelns zu
bewähren suchten, könnte die industrielle Wirtschaft vielleicht doch
noch eine Zukunft in der Gemeinschaft der Natur haben. Ein Leitbild, unter dem dieser Prozess in Gang kommen könnte, ist der Gedanke der Sesshaftigkeit, der in den Anfängen der Agrikultur schon
einmal ein bedeutender kultureller Wegweiser gewesen ist. Wir könnten also versuchen, durch das /n-der-Welt-heimisch-Sein über das bloße In-der-Welt-Sein hinauszugehen.
Für die Sesshaftigkeit als Leitbild einer künftigen Kultur sprechen
drei Gründe in einer historischen Stufung. Zum einen ist die neolithische Revolution, in der die Menschheit sich erstmals angeschickt
hat, sesshaft zu werden, das Prinzip aller Kultur in dem Doppelsinn,
dass
das
Projekt
Kultur
einerseits
damals
begonnen
‚worden
ist,
andererseits seither grundsätzlich dem durch den Übergang vom
Nomadentum zur Agrikultur eingeschlagenen Weg gefolgt ist.
Zweitens ist in den Industrieländern das Menschenbild des interplanetarischen Eroberers geschichtsmächtig geworden, der diesen
Planeten nutzt, solange noch etwas zu holen ist, dann aber weiter-
zuziehen gedenkt. Dass wir so leben, ist unsere Absage an die Sesshaftigkeit. Drittens ist durch den Siegeszug dieses heimatlosen
Eroberers in der Neuzeit eine Herausforderung verfehlt worden, die
kopernikanische, die nun so zu verstehen wäre, dass wir auf der Erde
141
wirklich heimisch werden möchten, uns also anschicken sollten, in
dauerhafter Weise sesshaft zu werden.
Angesichts der Frage, was in der Naturkrise der wissenschaftlichtechnischen Welt nun aus den interplanetarischen Eroberern werden
soll, schlage ich vor, uns beim heutigen Stand von Kultur und Wissenschaft des klugen und immer noch uneingelösten steinzeitlichen
Programms der Sesshaftigkeit zu erinnern.
Die Alternative wäre, den Eroberungszug fortzusetzen, auch in den
Weltraum hinein, so wie es durch die Raumfahrt vorbereitet wird.
Mein Plädoyer für Sesshaftigkeit beruht demgegenüber darauf, dass
wir unserer Natur nach eigentlich keine Eroberer sind, obwohl man uns
das immer einzureden versucht, da wir nur im Mitsein mit andern Menschen und der natürlichen Mitwelt wirklich zur Welt kommen. Dies ist
aber eine Erinnerung an einen fast vergessenen Traum.
Welche kulturellen Begrenzungen des wirtschaftlichen Umgangs
mit der natürlichen Mitwelt ergeben sich aus der Erinnerung an das
steinzeitliche Projekt? Unter Sesshaftigkeit können wir heute natürlich nicht mehr dasselbe verstehen, was vor sechs- bis achttausend
Jahren einmal modern war. Es kommt vielmehr darauf an, beim heu-
tigen Stand einerseits des kulturellen und politischen Bewusstseins,
andererseits von Wissenschaft und Technik — soweit diese zur Sesshaf-
tigkeit brauchbar sind — Lösungen für das dritte Jahrtausend nach
Christus zu finden, weder für das fünfte oder sechste vor Christus
noch für das vierte danach. Ich verstehe den Gedanken der Sesshaf-
tigkeit aus heutiger Sicht unter vier Gesichtspunkten, die je für sich
zu begründen sind. Es sind dies (a) die Ansässigkeit im Raum, (b) die
Nachhaltigkeit des Wirtschaftens, (c) die naturgemäße Technik und
(d) die Würde der natürlichen Mitwelt, die dabei nicht zu verletzen
ist.
Die Vollständigkeit dieser vier Kriterien ist nicht bewiesen, jedoch
scheinen die wichtigsten Merkmale der Sesshaftigkeit in diesen Rahmen zu passen. In diesem Aufsatz beschränke ich mich auf das erste
Kriterium, die Ansässigkeit im Raum.
Ansässigkeit klingt beinahe synonym mit Sesshaftigkeit und bedarf
insoweit der Eingrenzung gegenüber den anderen Charakteren. Ich
meine damit den Raumbezug zu dem Boden unter unseren Füßen,
wohingegen (b) die Nachhaltigkeit als Dauerhaftigkeit in der Zeit
und (c/d) die Umgangsformen mit dem, was mit uns ist, andere Charaktere der Sesshaftigkeit sind. Der Raum- und Bodenbezug zeigt sich
142
im Wohnen und Wirtschaften, im Reisen bzw. im Verkehr
grundsätzlich im Verhältnis von Stadt und Land.
und
Wohnen und Heimat
In Bruno Tauts Architekturschauspiel „Der Weltbaumeister“ (1920)
gibt es eine Zeichnung, auf der sich Häuser so aus der Erde heben, als
brauchten Lehm und Ton nicht vorab zu Bausteinen gebacken zu
werden und als arrangierten sich die Steine im Aufgehen der Erde unter den Strahlen der Sonne wie von selbst zu Mauern und Dächern.
Die
Bildunterschrift
lautet:
„Sommersonnenlicht
—
die hellgrüne
Erddecke hebt sich — aus ihr wachsen Menschenhütten — bunt — wie
Blumen“.
Friesische Bauernhöfe passen so in die Landschaft, als seien sie wie
die sie beschützenden Bäume aus der Erde hervorgewachsen. Viele
italienische Städte, die auf Bergen liegen, sehen ebenfalls so aus, als
sei nicht die Stadt auf den Berg gebaut, sondern als sei sie selbst die
Kuppe des Bergs. Auch Häuser dieser Art werden von Menschen gebaut. Da ist es eine nahe liegende Vorstellung, die Erde habe zwar
nicht direkt ostfriesische Bauernhäuser oder Bergkuppen wie Montepulciano, Orvieto oder Locorotondo gebären können, wohl aber —
vermöge der Naturgeschichte — Menschen, welche dann ihrerseits
diese Städte aus der Natur hervorgebracht und dadurch Kultur in die
Welt gebracht haben. Solche Häuser und Städte könnten eigentlich
auch heute noch gebaut werden ...
In der Architektur sehen wir vor allem an der Rolle der Baustoffe,
dass sich ein kultiviertes Bauen am ehesten in der Kontinuität der
Naturgeschichte ergibt. Beispielsweise ist mir nördlich von Verona
aufgefallen, dass die waagrechten Schichten in Weiß und Rosa, die
für die Kirchenbauten dieser Gegend so charakteristisch sind, ihren
Ursprung in den Kalkstein- bzw. Marmorschichten der dortigen Felsgesteine zu haben scheinen. Man hat also nicht nur mit den in der
Umgebung vorkommenden Steinen gebaut, sondern sogar deren geologische Schichtung in den Baustil übernommen — und dies noch
sehr viel kunstvoller, als es der Natur selbst gelungen war.
Um in einem Haus wirklich ansässig zu werden, sollte es über die
Baustoffe hinaus so in seinen Ort eingebettet sein, wie es der Landschaft, der Topografie des Geländes, den Himmelsrichtungen, den
Wasserverhältnissen entspricht. Ein energietechnisch richtig an seinen
143
Ort gebautes Haus braucht nur 10 bis höchstens 20 Prozent des bisher durchschnittlichen Energieaufwandes zur Heizung und Klimatisierung. Stattdessen werden Häuser von Reikjavik bis Rio immer
noch überwiegend in gleicher Art gebaut, so dass sie eigentlich gar
keinen Raum- und Bodenbezug haben, sondern nirgends hingehören
und nur wie vergessene Schachteln herumstehen. Man bekommt in
ihnen zwar eine Adresse, wird aber nicht ansässig. Die Einbettungsdefizite werden durch einen entsprechenden Energie-‚Bedarf’ — im
Norden zur Heizung, im Süden zur Kühlung - ausgeglichen.
In Deutschland werden zur Heizung bzw. Klimatisierung etwa 30
Prozent des Energiebudgets verschwendet. Dies ist neben dem Stra-
ßenverkehr der Hauptbeitrag zu Klimaänderung. In Indien sind es
etwa 20 bis 25 Prozent ausgerechnet der wertvollsten Energie, der
Elektrizität, die für den Betrieb von Klimaanlagen in wärme- bzw.
kältetechnisch meistens miserabel gebauten Häusern ‚moderner Bauart‘ aufgewandt werden — zu Lasten der Wohnqualität und der Gesundheit, aber im Namen des ‚Fortschritts.‘. Wenn Häuser nach tradi-
tionellen Bauweisen dem Klima angepasst sind und man sie richtig
bewohnt, braucht man auch in den Tropen in der Regel keine Klima-
anlage, um in angenehmen Temperaturen zu leben. Was als fortschrittlich gilt, ist bei weitem nicht immer die intelligentere Technik.
Mängel sind dies nicht nur an Ort und Stelle, denn der Ansässigkeitsgedanke geht über das Grundstück, auf dem gebaut wird, weit
hinaus.
Man
wohnt
nicht
nur
innerhalb
der Hausmauern,
man
wohnt auch in der näheren und weiteren Umgebung, welche sich
durch die Fenster zeigt. Ein gelingendes Wohnen steht unter der Be-
dingung, dass das Haus an seinem Ort in ein Verhältnis zur übrigen
Welt gesetzt ist, welches das Mitsein mit dieser als zum Haus gehörig
— wie ein erweitertes Gehäuse —- zum Ausdruck bringt. Dieses Mitsein
kann auch durch Reisen und anderweitigen Verkehr erfahren werden,
sofern man sich nicht zu Lasten der natürlichen Mitwelt, insbesondere des Klimas und des Bodens, bewegt, wie es durch das Autofahren
und durch Flugreisen geschieht. Selbstverständlich ist Ansässigkeit
nicht so gemeint, dass man seinen Ort möglichst gar nicht verlassen
soll ...
Ob ein Haus zu einem ländlichen oder städtischen Umfeld gehört,
macht keinen grundsätzlichen Unterschied, in beiden Fällen ergeben
sich jedoch ganz verschiedene Verhältnisse. Ein Stadthaus muss zu-
nächst in die Stadt und mit dieser in die Landschaft passen. Es steht
144
nicht einfach nur auf einem Grundstück, sondern gleichermaßen in
einer Straße und in einem Stadtteil, in einer Stadt und mit dieser in
einer Landschaft,
in einer Region und in einem
Land, auf einem
Kontinent und letztlich auf der Erde selbst. Solange es zur Wasserversorgung den Grundwasserspiegel im Umland absenkt, dieses mit un-
verträglichen Abwässern oder Abfällen belastet und obendrein vielleicht gar nur mit dem Auto erreichbar ist, kann selbst für das um-
welttechnisch bestgebaute Haus von einer über das bloße Grundstück
hinausgehenden Ansässigkeit keine Rede sein.
Da der Energieaufwand für das Autofahren und zur Kompensation
der übrigen Einbettungsdefizite derzeit die Hauptursache für die globale Klimaänderung ist, reicht das Mitsein, in dem ein Haus der Ansässigkeit Raum geben soll, heute oft über mehrere Kontinente. In
den Industrieländern steht praktisch kaum ein Haus, in dem nicht zu
Lasten der Lebensbedingungen im näheren oder ferneren Umland
und in der Dritten Welt gewohnt wird. Ansässig geworden also sind
wir noch lange nicht, nicht einmal in unserem Wohnen. Die neolithi-
sche Revolution
liegt im Wesentlichen
noch vor uns,
und jeder
Schritt zur Sesshaftigkeit wäre ein Gewinn an Kultur.
Heimatbewusstsein
Der unvollendeten Ansässigkeit entspricht im heutigen Bewusstsein,
dass der Heimatgedanke diskreditiert ist. In Deutschland hat dies
wohl einen historischen Grund darin, dass die Nationalsozialisten —
in ihrem Wirtschaftshandeln ungefähr die schlimmsten Technokra-
ten, die es je gegeben hat - ihre Ausbeutung der Natur in einen Mantel von Heimattümelei gekleidet haben. Dass das Heimatbewusstsein
schwindet, ist aber nicht auf Deutschland beschränkt. Dies mag daran liegen, dass Heimat eine Weise ist, wie Menschen in die Natur ge-
hören, und dass das Gefühl für diese Zugehörigkeit durch die wirtschaftliche Mobilisierung verloren geht. Dies ist auf dem Land nicht
grundsätzlich anders als in der Stadt. Gerade Städte sind neben den
Kulturlandschaften und der Kunst ein Beispiel dafür, wie Kultur der
menschliche Beitrag zur Naturgeschichte sein kann. Nach eben diesem Kriterium halte ich den Städtebau des 20. Jahrhunderts freilich —
trotz
einzelner
Gegenbeispiele
—, zum
größten Teil für missraten,
nämlich nicht für ein Ansässigwerden geeignet — wie in den aus dem
Boden hervorgewachsenen alten italienischen Städten oder in nord145
deutschen Backsteinhäusern -, sondern für die bloße Einrichtung
von Adressen hinter Wohnungstüren.
Eine Heimat zu haben, ist eine Grundbedingung des menschlichen
Selbstseins. Die Heimat ist nichts von dem, was zu einem gehört,
sondern sie ist das, wozu man selbst gehört und worin das eigene Leben sich erfüllt. Deshalb identifizieren wir uns mit ihr, ebendeshalb
aber können wir sie auch verlieren. Die Grundbestimmung der Zu-
gehörigkeit sollte jedoch eigentlich in den Konjunktiv gesetzt werden:
Heimat ist das, wozu man gehören kann. Wenn ich da bin, wohin ich
gehöre, komme ich damit gleichermaßen zu mir selber. Heimat ist
deshalb eigentlich, wo ich jemand bin. Auch dieser Satz gehört in den
Konjunktiv: Heimat ist, wo ich jemand sein kann, nämlich ich selber.
Wer eine Heimat hat, weiß auch im politischen und wirtschaftli-
chen Handeln, dass sich für uns in der Natur nicht alles gehört, was
jemand für seinen privaten Vorteil halten kann. Gegenüber allen Bestimmungen
der Kultur, wie wir in die Natur gehören, stehen im
heutigen Wirtschaftsbewusstsein die globale Heimatlosigkeit des Kapitals und die entsprechende Mobilisierung des Menschen im Vordergrund. Das Interesse ist dann nur noch, wie die Natur — die natürliche Mitwelt und der eigene Leib — am bequemsten zu konsumieren
ist. Dies ist wohl der Grund, warum der Heimatgedanke so weitgehend vergessen ist. Wie könnte auch die totale Mobilisierung, also die
Entwurzelung, mit der heimatlichen Verwurzelung vereinbar sein?
Heimatgefühle gibt es aber auch heute noch. Beispielsweise ergab
die Studie „Umweltbewusstsein 2000“, dass die Umwelt- bzw. Natur-
zerstörung von den meisten Menschen global und in der Ferne für
wesentlich schlimmer gehalten wird als im Nahbereich des eigenen
Wohnens und Arbeitens. Ich vermute, dass sich in diesem Ergebnis
zwei entgegengesetzte Urteile überlagern, nämlich erstens das über
die Umweltqualität, nach der gefragt worden war, und zweitens ein
Heimatgefühl, das auch starke Belastungen durch die Aura des eige-
nen Lebensraums erträglich macht.
Mir ist dies besonders im Ruhrgebiet aufgefallen, wo die dort Be-
heimateten selbst die zerstörtesten Gegenden und Landschaften noch
irgendwie „schön“ finden. Hier zeigt sich, wie mir scheint, ein Heimatbedürfnis, das sich eigentlich nicht mit den Zerstörungen abzufinden brauchte.
In einem Zukunftsprojekt Sesshaftigkeit gewönne die Anamnese des
Heimatgefühls in der Naturkrise der wissenschaftlich-technischen
146
Welt, wenn sie durch die Krise stimuliert würde, eine völlig andere
politische Bedeutung als in der Heimattümelei oder ihrem patriotischen Missbrauch. „Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen“, sagte Tucholsky, „in der Heimatliebe von niemand“ (1929,
VII, S. 314). Dies wäre umso wichtiger, als unser Wirtschaftshandeln
globale Auswirkungen hat, so dass das Heimatgefühl letztlich der
ganzen Erde gelten sollte, allerdings in einer abgestuften Weise: In
dem Haus und auf dem Boden, wo ich zu Hause bin, fühle ich mich
beheimatet in der Stadt und der Region, in der ich meine Arbeit ha-
be. Ich befinde mich dort aber auch in Deutschland und in Europa,
in dem Land und auf dem Kontinent, die in einem umfassenderen
Sinn ebenfalls meine Heimat sind, und letztlich stehe ich dort wie
hier auf der Erde überhaupt, der Heimat aller Menschen wie der
meinen. Hier, wo ich Boden unter den Füßen habe, ist nicht nur das
Haus, in dem ich gerade diesen Aufsatz schreibe, sondern hier ist
auch eine Stadt, ein Land, ein Kontinent, und hier ist obendrein so-
gar die Erde selbst, unser aller Heimat.
Literaturhinweise
Balter, M.: Why Settle Down? The Mystery of Communities, in: Science, Vol. 28,
1998, S. 1442-1445.
Krause, L. W./Langer, G.: Landschaftswandel über die Jahrhunderte, in: JAHRBUCH
ÖKOLOGIE 1996, S. 101-119.
Kuckartz, U.: Umweltbewusstsein in Deutschland 2000. Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativstudie, Leverkusen 2000.
Meyer-Abich, K. M.: Praktische Naturphilosophie — Erinnerung an einen vergessenen
Traum, München 1997.
Tucholsky,
K.:
Heimat
[1929],
in: Gesammelte
Werke
in
10 Bänden,
hg. von
M. Gerold-Tucholsky und F. J. Raddatz. Bd. VII: 1929, Reinbek 1975, S. 312-314.
Barbara Mettler-von Meibom
Ortsqualität oder: Der Traum vom guten Leben
Ein hoch entwickeltes Verkehrsund Kommunikationswesen hat
eine ungeheuer mächtige Wirkung:
Es entwurzelt die Menschen.
E.E Schumacher
Wer hat ihn nicht, den Traum vom guten Leben? Schon Kinder ma-
len ihn: Ein Häuschen im Grünen, Häschen hoppeln über die Wiese,
SpielgefährtInnen tummeln sich im Garten, der Wald und ein kleiner
Bach sind in der Nähe. Erwachsene tun sich schwerer. Die Träume
sind nicht vorüber, doch sie zu realisieren, will nicht ohne weiteres
gelingen. Wer es sich einrichten kann, sucht sein Glück außerhalb der
Ballungsräume, nimmt lange Wege in Kauf, selbst wenn Frauen als
„grüne Witwen“ mit dem ‚halben Leben zu kämpfen haben. Wer finanziell wirklich gut gestellt ist, verwirklicht den Traum sogar inner-
halb der Stadt, gilt als privilegiert und ist — je nach Einstellung — Objekt von Neid oder Hochachtung.
Doch es geht auch anders:
Paris, Bahnhof Montparnasse; ein Hausfest ist angesagt. Die Bauten am
Gare Montparnasse sind mir bei jeder Aus- und Einfahrt des Zuges als
besonders abstoßend aufgefallen, als Beispiel dafür, wie ich nie und nimmer in einer Stadt leben wollte: hohe Kästen, Wohnzelle an Wohnzelle,
schätzungsweise einige Hundert. Für mich ein Beispiel für anonymes
Wohnen in der Stadt. Nun bin ich von französischen Freunden eingeladen, an dem Fest teilzunehmen, das die Bewohner in einem der Häuser-
blocks veranstalten. Ich mache mich auf Deprimierendes gefasst. Umso
größer ist meine Überraschung: Mich erwartet ein bunter Reigen von
Menschen und Aktivitäten. Viele der Haustüren sind offen; Menschen,
die sich offensichtlich gut kennen, wandern von Wohnung zu Wohnung,
der schmale Streifen Wohnstraße vor dem Hausblock ist für die Festivitä148
ten reserviert, die sich lebendig entrollen. Meine Vorurteile sind gründlich
widerlegt. Dieser Ort hat Qualitäten, die ich nicht gesehen hatte, Qualitäten, die sich offenbar aus einem tragfähigen Netz von Beziehungen
zwischen den Bewohnern und Bewohnerinnen ergeben.
Ortsqualität — was ist das?
Was also ist Ortsqualität, was macht sie aus? Ist es der Zugang zum
Grünen? Ist es die Nähe zu Freunden? Ist es die Erreichbarkeit von
Arbeitsplatz, Flughafen, Autobahn oder Bäcker und Schule? Sicherlich all dies, wobei die Bedingungen für jede Generation, jede Kultur,
jede Ortsgröße, jede Region und jedes Milieu unterschiedlich sein
dürften. Und dennoch scheint mir, dass es bis zu einem gewissen
Grad verallgemeinerbare Aussagen gibt. Und deren wichtigste ist sub-
jektiv: Ortsqualität ist für einen Mann, eine Frau, ein Kind vor allem
dann gegeben, wenn er oder sie sich an dem Ort, an dem sie leben,
wohl fühlen. Ein Ort hat dann Qualität, wenn ein Mensch sich dort
so gerne aufhält, dass er ein gewisses Maß von Sesshaftigkeit entwickelt, und wenn der Wunsch, an dem Ort zu sein, so groß ist, dass
andere Wünsche zurücktreten: der Wunsch, sich ständig auf Spritztouren mit dem Auto fortzubewegen, sein Heil in der nächsten Flugreise zu suchen ... sich innerlich von Reise zu Reise zu hangeln. Dass
der Wunsch nach Ortsqualität zu täglichen Pendlerströmen derer
führt, die ihren Traum im ländlichen Raum verwirklichen wollen,
gehört gerade zu den Paradoxien. Um Ortsqualität zu erreichen, werden Verkehre erzeugt, Zwischenräume zwischen Quell- und Zielort
mit Lärm und Abgasen „zugemüllt“ und lange Zeiten in Staus in
Kauf genommen.
Hier kommt die ökologische Dimension von Ortsqualität zum
Tragen: Wo Menschen den Ort, an dem sie leben, nicht so erleben,
dass sie sich wohl fühlen, nimmt die Mobilität mit ihren verheerenden ökologischen Folgen noch weiter zu. Offenbar nützt es wenig,
wenn die Ortsqualität vor allem außerhalb der Städte gesucht wird,
erzeugt sie doch genau die Verkehrsbewegungen, die zu einer weiteren Minderung von Ortsqualität beitragen. Was also macht Ortsqualität aus, und zwar jenseits der wohlbekannten psychologischen Frkenntnis, dass unsere Fähigkeit, uns wohl zu fühlen, vor allem von
der inneren Haltung abhängt, sprich davon, ob wir in der Lage sind,
das Gute in der gegenwärtigen Lebenssituation zu sehen?
149
Jenseits dieser subjektiven Dimension hängt Ortsqualität m. E. vor
allem mit vier in hohem Maße objektiv feststellbaren Bündeln von
Gegebenheiten zusammen:
e der ökologischen Qualität;
e der Qualität der kommunikativen Einbettung;
e den Erreichbarkeiten;
e den Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort.
Ökologische Qualität
Wo die Luft nicht sauber, der Lärmpegel nicht erträglich, der Lichteinfall nur spärlich und die Möglichkeiten der Naturerfahrung auf
ein Minimum reduziert sind, stellt sich bei Menschen ein Hunger
nach anderem ein. Was so schmerzlich vermisst wird, soll wenigstens
an anderer Stelle für einen kurzen Zeitraum erreicht werden, selbst
wenn es mit weiten Reisen, Fahrten oder Wegen erkauft ist.
Zu diesen bekannten ökologischen Defiziten in vielen hoch verdichteten Stadtagglomerationen tritt ein weiteres hinzu, die man-
gelnde ökologische Qualität der baulichen Substanz. Nicht nur in
den in Verruf geratenen Plattenbausiedlungen des deutschen Ostens,
sondern auch in vielen westdeutschen Bauten lässt die Lebensqualität
zu wünschen übrig. Insbesondere Pilz- und Schimmelbefall treiben
vermehrt ihr Unwesen, nachdem Maßnahmen der Wärmedämmung
und Schallisolierung manche Wohnungen zu hermetischen Verliesen
gemacht haben, die die BewohnerInnen mehr einschließen als be-
heimaten. Man hat gelegentlich vergessen, dass nicht nur Menschen,
sondern auch Häuser atmen können müssen.
Qualität der kommunikativen Einbettung
Die Qualität der kommunikativen Einbettung vor Ort ist der zweite
wesentliche Parameter von Ortsqualität; man könnte hier auch von
einer kommunikationsökologischen Qualität (Mettler-von Meibom
1994, S. 93ff.) sprechen. Menschen sind soziale Wesen, und wie der
Sozialpsychologe und Therapeut Jacob Moreno herausgearbeitet hat,
leben Menschen mit einem für sie absolut lebenswichtigen sozialen
Atom (vgl. Leutz 1986, S. 11ff.). Nach Moreno setzt sich das soziale
Atom aus mehreren Schichten zusammen: Im innersten Kreis sind
die für den einzelnen Menschen elementaren Personen angesiedelt, in
150
den weiteren Schichten finden sich Freunde, Bekannte, Arbeitskolle-
gen — je nach ihrer Wichtigkeit für Wohlbefinden und soziale Einbindung. Entscheidend ist, ob Menschen in der Lage sind, ein sozia-
les Atom aufzubauen, zu pflegen und zu erhalten bzw. den Verlust
von Menschen, die ihnen wichtig sind, durch neue Menschen auszugleichen. Nach Morenos Auffassung geht dem körperlichen Tod
eines Menschen der Tod des sozialen Atoms voraus. Mit anderen
Worten: Als Menschen sind wir auf soziale und kommunikative Einbindung existenziell angewiesen.
In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der — mit steigender Tendenz — rund ein Drittel der Haushalte Ein-Personen-Haushalte sind,
kommt der Pflege und Aufrechterhaltung des sozialen Atoms eine
noch größere Bedeutung zu als bisher. In Mehr-Personen-Haushalten
ergeben sich soziale Kontakte unorganisiert, quasi naturwüchsig
durch die Art der Alltagsorganisation. Einschränkend muss man hier
allerdings sagen, dass die Enge mancher Zweierbeziehung oder Kleinfamilie auch ein gravierendes Defizit sozialer Interaktion mit sich
bringen kann. Dennoch bleibt ein entscheidener Unterschied zwischen Menschen in Ein- und Mehr-Personen-Haushalten bestehen.
Menschen in Ein-Personen-Haushalten müssen jeden Kontakt bewusst suchen und herstellen. Umso wichtiger werden für sie Lebens-
zusammenhänge, die so komplex und vielfältig sind, dass die soziale
Einbindung gelingen kann. Die urbanen Singles mit ihrem weit gespannten Netzwerk von Menschen und Beziehungen sind daher eine
Antwort auf das menschliche Bedürfnis nach Einbindung ohne enge
Bindung. Sie markieren den einen Pol eines Spannungsbogens, an
dessen anderem Ende soziale Beziehungen stehen, die wenig komplex, dafür aber verlässlich und vorhersehbar sind und die die Men-
schen durch die Art der Alltagsorganisation ohne großen Aufwand
sozial und kommunikativ integrieren.
Besonders deutlich wurde dies bei einer Untersuchung in den neu-
en Bundesländern kurz nach der Wiedervereinigung. In ihr ging es
darum festzustellen, wie sich Menschen in einer Gesellschaft kommunikativ verständigen, die nur eine äußerst niedrige Ausstattung
mit Telefonen hat. Was wir feststellten (Schimmel/Mettler-v. Meibom
1994, S. 101ff.): In der alten DDR organisierten sich Beziehungen
rund um den Arbeitsplatz. Er wurde gemeinschaftlich mit Hilfe von
öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht und war — neben dem Wohnort
— das zweite Zentrum sozialer Beziehungen. Die Motorisierung mit
151
Pkw war niedrig, die Ausstattung mit Telefonen verschwindend gering. Doch genau dieser Mangel bedeutete im Hinblick auf die soziale Einbettung einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Er brachte ei-
ne Interaktionsdichte im privaten, öffentlichen und wirtschaftlichen
Raum mit sich, der zu einer weit intensiveren sozialen Einbindung
der Menschen beitrug.! Aus der Sicht des Westens machte sich hier
sozialer „Mief“ breit, aus der Sicht des Ostens entpuppte sich die
westliche Gesellschaft als kühl, kalt, unverbindlich — ausgestattet mit
einer Ellbogenmentalität. Die Individualisierungsprozesse, die den
Westen der Republik über fünf Jahrzehnte geprägt hatten und die mit
einer ökonomischen, politischen und sozialen Liberalisierung einhergingen, hatten für viele Menschen in den neuen Bundesländern nur
einen begrenzten Charme: Sie trauerten den alten Zeiten hinterher.
Dass sie nicht die Einzigen waren, die die Kühle der westdeutschen
Gesellschaft beklagten, wurde in dem aufgeregten Ost-West-Disput
der damaligen Jahre unterschlagen, obgleich die Anzeichen von Einsamkeit und sozialer Atomisierung in den alten Bundesländern unübersehbar sind (vgl. Mettler-v. Meibom 1997).
Kommunikative Netzwerke vor Ort zu entwickeln, ist für Kinder
und Jugendliche zwingend notwendig, wenn sie sich seelisch gesund
entwickeln sollen. Doch auch für Erwachsene ist der unorganisierte,
spontane Kontakt zu vertrauten Menschen eine, wenn nicht die wichtigste Quelle von Gesundheit und Wohlbefinden (vgl. Dossey 1987).
Aus diesem Grund kann man von kommunikativer sozialer Einbin-
dung — und damit von einer kommunikationsökologischen Ortsqualität — erst dann sprechen, wenn Menschen fußläufig, im nahräumlichen Umfeld, soziale Netzwerke bilden können: in der eigenen Woh-
nung, in der weiteren Nachbarschaft, im städtischen Quartier (dem
Dorf in der Stadt oder englisch dem „urban village“), in der dörfli-
chen Gemeinschaft. Jede Analyse von Netzwerken, die nicht die Differenz zwischen fußläufiger und motorisierter Erreichbarkeit berücksichtigt, geht daher in die Irre. So ist es nach meiner These im Hinblick darauf, ob ich mich wohlfühle, beheimate und sesshaft werde,
von entscheidender Bedeutung, ob wichtige Personen meines sozialen
Atoms in einem zu Fuß erreichbaren Radius leben oder ob es der Radius ist, den ich mir nur mit einer Autotour erschließen kann.
Die Qualität fußläufiger Netzwerke wird in funktionierenden
Nachbarschaften oder Hausgemeinschaften deutlich, in dem oben
erwähnten Beispiel am Gare Montparnasse oder in den so genannten
152
„Höfen“ des Bergischen Landes, die sich auch heute noch in den
Städten nachweisen lassen. In Letzteren ist eine kleine Anzahl von
Häusern so umeinander gruppiert, dass sich kleine Nachbarschaften
bilden. Ortsqualität zeigt sich hier in der Chance zum spontanen alltäglichen Miteinander in Freud und Leid. Den Gegenpol dessen
markieren die atomisierten und isolierten Lebensverhältnisse, die sich
entlang von alten oder neu geschaffenen verlärmten Verkehrsschneisen bilden. Es sind Zonen, die durch extensiven Besatz von Fernsehsatellitenschüsseln auf Balkonen und Mauern auffallen. Hier ist die
Kommunikation wie in Monaden vor allem nach innen gerichtet,
ohne dass eine kommunikative Vernetzung im Wohnungsumfeld aufgebaut würde.
Erreichbarkeiten
Stadt- und Regionalplaner denken weniger an soziale Erreichbarkeiten als vielmehr an infrastrukturelle Erreichbarkeiten. In der Tat hat
deren Vorhandensein eminente Bedeutung für die Ortsqualität. Je
nach Lebenssituation haben Einrichtungen der sozialen Infrastruktur
(Kindergärten, Schulen, Universitäten), der kommerziellen Infrastruktur (Bäcker, Fleischer, Lebensmittel, Einzelhandel), der kulturellen Infrastruktur (Kino, Theater, Konzert, Comedy, Museen), des
Sports (Bäder, Sportanlagen, Turnhallen) und der Verkehrsinfrastruktur (ÖPNV, Rad- und Gehwege, Straßen, Fernzüge und Flughäfen)
eine eminente Bedeutung für die Ortsqualität. Wer jeden zweiten Tag
mit dem Flieger unterwegs sein muss, braucht eine Anbindung an
den Flughafen. Wer nicht mehr Auto fahren kann und sich zu Fuß
selbst versorgen muss, braucht in der Nähe einen Bäcker. Und wer
durch eine hohe Verdichtung von Arbeits- und Lebenszeit darauf angewiesen ist, alles in einem überschaubaren Umkreis zu finden, wird
in einem städtischen Raum leben wollen, der Zugang zu allen diesen
Infrastrukturen erlaubt.
Hier stoßen wir auf die ungebrochene Attraktivität der großen
Städte, trotz ihrer vielfach niedrigen ökologischen Qualität. Die Stadt
der kurzen Wege, in der Leben und Arbeiten in ein Gleichgewicht
gebracht werden, in der den wirtschaftlichen Erfordernissen ebenso
Rechnung getragen wird wie den sozialen, ökologischen und kulturellen, ist deswegen das erklärte Ziel der „Lokalen Agenda 21” im Gefolge der Konferenz von Rio. Das Leitbild der „nachhaltigen Stadt“
153
soll nicht nur die ökologischen Defizite einer wirtschaftlich dominierten Stadtentwicklung ausgleichen, sondern auch Wege eröffnen,
wie Menschen sich wieder und besser in Städten beheimaten können.
Der Ruf nach mehr Urbanität — allen Trends der Zersiedelung zum
Trotz — nach „urban villages“, also dörflichen, überschaubaren Substrukturen in den großen Städten, hat seinen Ursprung in einer Konvergenz menschlicher Bedürfnisse mit ökologischen Kriterien. Wo
Entscheider versuchen, auch in großen Stadtagglomerationen die
Grundbedürfnisse nach Beheimatung vor Ort aktiv zu befriedigen,
wird zugleich das Ziel der Nachhaltigkeit verfolgt. Und umgekehrt:
Wo Nachhaltigkeit im Sinne der „Lokalen Agenda 21“ verwirklicht
wird, da finden Grundbedürfnisse nach Ortsqualität und Beheimatung Berücksichtigung.
Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort
Die Arbeit im Weinberg fordert ihren Tribut. Jeden Tag geht sie heraus
mit Kind und Hunden.
Gefordert ist mühsamste Handarbeit: Zurück-
schneiden, Hochbinden, Unkraut entfernen, wieder Zurückschneiden.
Der Weinberg lässt keine Atempausen. Und dennoch: Dieser Ort ist freiwillig gewählt. Er verwurzelt, selbst in einem fremden Land. Er gibt etwas, was die anonyme Kühle deutscher Großstädte nicht zu geben vermochte, Nähe und Kontakt zur Natur, die Möglichkeit, sich mit dem eigenen Tun in das Umfeld „einzuschreiben“. Alltag einer Um-Steigerin,
nicht Aus-Steigerin in einem piemontesischen Weinberg.
Der Mensch als Kulturwesen begegnet sich in seinen eigenen Kreationen. Daraus resultiert ein weiteres Grundbedürfnis, dessen Befriedigung über die Qualität eines Ortes mitbestimmt: das Bedürfnis, an
seinem Platz Spuren zu hinterlassen. Einen nachdrücklichen Hinweis
auf diesen Zusammenhang müssen wir heute in zahllosen Städten erleben und erleiden: Graffiti sind die unübersehbaren Zeichen einer
unbeheimateten Jugendgeneration. Indem sie ihre Farbspuren hinterlassen, drücken sie aus, dass sie hier — gegen allen Protest der Erwachsenen — einen Platz beanspruchen, der ihnen nicht freiwillig gewährt
wird.
Auch in der Welt der Erwachsenen entdecken wir den Wunsch
nach Gestaltung, nur verdeckter, mehr im Privaten: Den Garten oder
Schrebergarten nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten oder eine
Patenschaft für eine öffentliche Fläche vor dem Haus zu übernehmen,
154
drückt den Wunsch aus, sich in seine Umgebung „einzuschreiben“, in
der anonymen Materie sichtbar zu werden. Auch Bürgerinitiativen
oder bürgerschaftliches Engagement in Parteien und Verbänden haben in diesem Grundbedürfnis einen wichtigen Nährboden. Dabei
hat es heute den Anschein, als würden die Menschen im Zeichen von
Politikverdrossenheit und passiver Konsumhaltung von diesem
Grundbedürfnis Abstand nehmen. Gleichwohl kann man feststellen,
dass unter günstigen Rahmenbedingungen, z. B. in ökologisch ausgerichteten Wohnstrukturen,
dieses Grundbedürfnis
reaktiviert wird.
Deswegen meine These: Ein Ort gewinnt für seine BewohnerInnen
dann Qualität, wenn er ihnen die Chance lässt, weniger in der Rolle
passiver Bewohner zu verharren, als zum aktiven Gestalter des eigenen Lebensumfeldes zu werden.
Ortsqualität lässt sich also sehr wohl nicht nur subjektiv bestimmen, sondern auch anhand objektiver Kriterien festmachen: Von einer hohen Ortsqualität können wir dann sprechen, wenn der Ort
und seine Bebauung ökologische Qualität haben, wenn sie eine
kommunikative Einbindung der BewohnerInnen erlauben, wenn sie
gute Frreichbarkeiten aufweisen und wenn das Ortsumfeld die Chance bietet, sich „in den Ort einzuschreiben“.
Solche Bedingungen lassen sich als (überwiegend) notwendige,
wenngleich nicht hinreichende Bedingungen begreifen. Denn ob wir
die Qualität eines Ortes als hoch einschätzen, ob wir sie wertschätzen
können und ob wir dies mit Sesshaftigkeit und Beheimatung hono-
rieren, das hängt entscheidend von unserer subjektiven Sicht und
Einstellung ab. Wer immer nur ein halb leeres Glas Wasser sieht, wird
auch bei der höchsten Ortsqualität mit einem Gefühl des Ungenügens reagieren ...
Mobilität, Virtualisierung und Ortsqualität
Die Suche nach Ortsqualität und Sesshaftigkeit hat heute neue Bri-
sanz gewonnen. Wie der philosophische Ökonom E. F Schumacher
schon vor Jahrzehnten betonte: Verkehrsinfrastrukturen entwurzeln
die Menschen (Schumacher 1977, S. 61). Obgleich die Kritik der
Umweltverschmutzung durch wachsenden motorisierten Verkehr un-
gebrochen ist, werden Infrastrukturen im Zuge von Just-in-timeProduktion, Internationalisierung und Globalisierung mehr denn je
ausgebaut. Dies gilt zum einen für Verkehrsinfrastrukturen, die für
155
den Transport materieller Güter gebaut werden, insbesondere den
motorisierten Individual- und Lkw-Verkehr. Hinzu kommt im Zuge
der Liberalisierung ein massiver Ausbau der Luftverkehrswege, der zu
dramatischen Zuwachsraten von Flugbewegungen führt. Parallel dazu
werden die Verkehrsinfrastrukturen der Informationsgesellschaft per
Funk, Kabel, Satellit mit Hochdruck ausgebaut. Es entstehen technische „Nerven“-Bahnen der Kommunikation, in denen Sprache, Text,
Bild und Bewegtbild weitgehend frei zirkulieren können und neue
Zusammenhänge schaffen, in die private Haushalte ebenso eingebunden sind wie Betriebe und informationstechnische Megastrukturen wie z.B. die Finanzmärkte.
Mit dem Aufbau dieser „Nachrichtenstraßen“ entsteht eine neue
und ambivalente Bewegung: Einerseits wird es nun möglich, den
"Iraum vom guten Leben zu leben, indem man sich virtuell vernetzt,
aber real vor Ort verwurzelt. Der Rückzug ins Häuschen im Grünen
oder auf der fernen Insel kann im Zeitalter des Internet einhergehen
mit einer intensiven virtuellen Einbindung in gesellschaftliche Aktivi-
täten, und zwar nicht nur national, sondern sogar international, ja
global. Andererseits führt die Informatisierung von Berufswelt und
Alltag keineswegs zu neuer Sesshaftigkeit, sondern zu einer weiterhin
zunehmenden Faktormobilität von Kapital und Arbeit. Mit anderen
Worten: In der globalisierten Wirtschaft mit Telearbeit bleiben die
Menschen nicht zu Hause, und die Warenzirkulation auf den Straßen
und in der Luft nimmt auch nicht ab. Im Gegenteil: Die reale und
nicht nur die virtuelle Mobilität steigt weiter, das Verkehrsaufkommen auf ‚Straßen und Autobahnen nimmt zu statt ab (vgl. Schwer-
punkt „Ökologische Verkehrspolitik — aber wie?“, in: JAHRBUCH
OKOLOGIE 1996).
Soll die Vision erhöhter Sesshaftigkeit verwirklicht und dem weiteren ökologischen Raubbau durch eine aus den Fugen geratene Mobilität Einhalt geboten werden, dann können wir also nicht ohne weiteres auf die „Segnungen“ der neuen „Autobahnen“ der Informationsgesellschaft hoffen. Vielmehr benötigen wir individuell und kollektiv
eine Vorstellung davon, wie wir uns nachhaltiger an unserem Lebensort beheimaten können, was also Sesshaftigkeit unter den Bedingungen der Informationsgesellschaft unterstützt. Dies gilt sowohl für den
städtischen wie für den ländlichen Raum. Während es in den Städten
vor allem um die „Stadt der kurzen Wege“ und die Erhöhung der urbanen und ökologischen Qualität geht, um der Stadtflucht entge156
genzuwirken, kommt es im ländlichen Raum eher darauf an, die
Zwangsmobilitäten mit dem Auto zu reduzieren und die soziale und
kulturelle Vernetzung zu erhöhen. Bei Letzterem können die neuen
Informations- und Kommunikationstechniken in der Tat eine notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung sein, um zu einer
höheren Ortsqualität zu gelangen.
Ein subjektives Fazit
Damit komme ich zurück zur Frage nach der Ortsqualität. Sie hat odJektive Dimensionen, die mit Begriffen wie ökologische und kommu-
nikationsökologische Qualität, Erreichbarkeit und Mitwirkungs- und
Gestaltungsmöglichkeit für die Menschen vor Ort benannt werden
können und an denen sich Ideen festmachen lassen, wie sich Orts-
qualität erhöhen lässt. Zugleich hat Ortsqualität jedoch in hohem
Maße eine subjektive Dimension.
Ortsqualität, die Sesshaftigkeit unterstützt, beginnt bei der inneren
Einstellung der Menschen gegenüber ihrem unmittelbaren räumlichen Umfeld. Ein altes englisches Sprichwort sagt „Accept it, change
it or leave it“, akzeptiere es, verändere es oder verlasse es. Dies lässt
sich auch auf den Ort übertragen, an dem wir leben. Wenn die Qualität eines Ortes für Menschen zum Problem wird, dann beginnt alles
mit der Frage, ob und, wenn ja, in welcher Haltung wir uns diesem
Ort zuwenden: Akzeptieren wir ihn, so wie er ist, möchten wir ihn
verändern, so wie wir ihn gerne haben wollen, oder verlassen wir ihn,
um an einer anderen Stelle die Ortsqualität zu finden, die wir suchen
und die wir mit unserer eigenen oder einer gemeinschaftlichen Initia-
tive zu gestalten vermögen?
Wer prüfen will, braucht eine Vision: Was hilft mir, mich zu ver-
wurzeln und sesshaft zu werden? Sesshaftigkeit und Ortsqualität können nicht entkoppelt werden. Wer Wurzeln schlagen will, muss einen
guten Nährboden vorfinden oder ihn sich gestalten können.
Und da diese Vision letztlich eine höchst subjektive Angelegenheit
ist, kann ich an dieser Stelle nur enden, indem ich Ihnen meine Vision antrage; vielleicht finden Sie ja darin etwas, was auch Sie anspricht
und gedanklich beflügelt.
Ich suche einen Ort,
an dem mein Körper und mein Geist in ein Gleichgewicht kommen,
an dem ich liebe Freunde und Freundinnen zu Fuß erreiche,
157
an dem mein Körper, meine Seele und mein Geist Zugang zu dem haben,
was ihnen Nahrung und Anregung bringt,
an dem ich Räume der Begegnung mit Menschen finde oder mir diese
Räume erschließe,
an dem meine Sinne belebt werden und an dem die Natur zu mir
spricht,
an dem ich einen Hafen finde, wenn sich mein Lebensschiff wieder auf
stürmische See herausgewagt hat,
an dem ich ich selbst sein darf, ohne vereinsamen zu müssen,
an dem ich meine Spuren hinterlasse, so dass ich mich in den Ort einschreibe,
an dem ich dies nicht alleine tue, sondern mit anderen, die auch wie ich
„Hand anlegen“ und Träume verwirklichen.
Ich finde einen Ort,
an dem ich meine Vision vom guten Leben verwirklichen kann,
dankbar dafür, dass meine innere Spur mich an diesen Ort gebracht hat.
Anmerkung
1 Dies ist auch eine kulturelle und klimatische Frage. So ist z.B. Italien ein Land mit
hoher Motorisierung und hoher Telefondichte, und dennoch ist die soziale Interak-
tion und Kommunikation weit engmaschiger und dichter als bei uns.
Literaturhinweise
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von
Raum
und Zeit. Ein Gesundheitsmodell,
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Rowohlt 1987.
Leutz, Grete: Das klassische Psychodrama nach J. L. Moreno, Heidelberg: Springer
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Schimmel, Frank/Mettler-v. Meibom, Barbara: Kommunikation (fast) ohne Telefon, in:
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Schumacher, Ernst F.: Die Rückkehr zum menschlichen Maß, Reinbek: Rowohlt 1977.
Unseld,
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S. 194-201.
& Natur, in: JAHRBUCH
ÖKOLOGIE
1994,
4. SAUBERE PRODUKTE
Christine Henseling/Karl Otto Henseling
Orientierungen auf dem Wege zum sauberen Produkt
Als Einleitung zu seiner Parodie auf die deutsche Mülltrennkultur
schreibt Robert Gernhardt:
Jahrzehntelang sind wir locker mit zwei Bewusstseinen ausgekommen, mit
unserem richtigen und dem falschen der anderen. Doch da aller guten Dinge
drei sind, gibt es nun auch noch das Umweltbewusstsein.
In den 80er Jahren hat sich dieses neue Bewusstsein, nachdem zuvor
rauchende Schlote, stinkende Abwässer und hässliche Müllberge im
Vordergrund standen, auch auf den Bereich der Produkte ausgeweitet. In die Produktwerbung hielten Begriffe wie „umweltfreundlich“,
„ökologisch“, „alternativ“ oder „bio“ Einzug.
Was verhilft einem Produkt zu so erfreulichen Eigenschaften, und
wie sind diese zu verstehen? An welchen Kriterien orientieren sich
diese Begriffe? Erfolgen Verbesserungen in Bezug auf die wirklich
drängenden Umweltfragen oder werden nur augenfällige Randprobleme angegangen?
Dies sind Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Spätestens
seit der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ist klar geworden, dass es nicht allein darum gehen kann,
die ökologischen Eigenschaften von Produkten zu verbessern, son-
dern dass soziale und ökonomische Aspekte gleichermaßen berück-
sichtigt werden müssen — dass es also darum gehen muss, nachhaltige
Produkte zu entwickeln.
Im Folgenden sollen daher verschiedene Analysemethoden vorgestellt werden, mit deren Hilfe erfasst werden kann, was ein umweltgerechtes bzw. nachhaltiges Produkt ist. Des Weiteren wird die Frage
erörtert, wie man solche Produkte den Konsumenten vorstellen und
nahe bringen kann.
159
Ökobilanz und Nachhaltigkeitsanalysen
Ökobilanzen analysieren den Lebensweg eines Produktes (von der
Entnahme und Aufbereitung von Rohstoffen, über Herstellung, Distribution und Transport bis zu Gebrauch, Verbrauch und Entsorgung). Sie erfassen in der Sachbilanz die Stoff- und Energieumsätze
längs des Lebensweges sowie Flächenverbräuche, die einer exakt definierten funktionellen Einheit (z.B. der Verpackung für einen Liter
Milch) zuzuordnen sind. In der Wirkungsabschätzung werden diese
Daten verschiedenen umweltbezogenen Kategorien zugeordnet. Die
Anforderungen an die ordnungsgemäße Durchführung einer Ökobilanz sind international in der Normenreihe ISO 14040 ff. festgelegt.
Mit Hilfe von Ökobilanzen können die ökologischen Auswirkungen
von Produkten analysiert werden. Für eine nachhaltige Produktentwicklung und -bewertung (also eine Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien) liegen dagegen bislang
nur wenige Vorschläge vor.
Ein Beispiel dafür ist die vom Öko-Institut e.V. entwickelte Methode PROSA - Product Sustainability Assessment (Ewen et al. 1997).
PROSA ist ein Instrument zur Produktbewertung, das neben ökologischen Kriterien auch soziale und ökonomische Kriterien berücksichtigt. Es soll Unternehmen ermöglichen, das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung auch umzusetzen.
Hierzu ist es erforderlich, die
Zusammenhänge zwischen Produkten und diesem Leitbild systematisch herauszuarbeiten. Die PROSA-Methode ist in dem Projekt
„Kundenorientierte
Ökologisierung
der Produktentwicklung
und
-vermarktung“ vom Öko-Institut und der TU-Berlin weiterentwickelt worden (Klaffke et al. 1999). Hierbei wurden die Bedingungen
für eine kundenorientierte Ökologisierung der klassischen Produktentwicklung und -vermarktung analysiert. Für die Entwicklung und
Markteinführung ökologisch innovativer Produkte schlagen die Autoren einen Sichtwechsel vor: weg von der separaten ökologischen Produktentwicklung, die fast zwangsläufig auf Nischenmärkte zielt, hin
zu einer kundenorientierten Ökologisierung der traditionellen Produktentwicklung und -vermarktung, durch die erst eine durchgreifende Ökologisierung der Massenmärkte möglich wird.
Dementsprechend wird eine praxisorientierte Erweiterung der traditionellen Produktentwicklung und -vermarktung vorgeschlagen:
Festlegung produktspezifischer Umweltziele, lebensstilbezogene Be160
dürfnis- und Nutzenanalyse sowie Analyse der Produktlinie selbst
(mit den Instrumenten Ökobilanz und Lifecycle Costing).
Der Weg zu einer allgemein anerkannten und normierten
dik der Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten (wie sie
Ökobilanz bereits existiert) ist wohl noch weit. Mit der
entwicklung von PROSA liegt aber ein erprobtes Werkzeug
Methofür die
Weitervor, das
auf anerkannten Analysemethoden beruht.
Bewertung in Ökobilanzen
Die mit einem Produkt oder einer Dienstleistung über den gesamten
Lebensweg verbundenen Auswirkungen zu ermitteln und zu beschreiben ist eine Sache; diese Kenntnisse zu bewerten, eine andere.
Der sehr komplexen Frage nach einer Bewertung der Nachhaltigkeit
von Produkten kann an dieser Stelle nicht umfassend nachgegangen
werden. Es können jedoch einige neue Entwicklungen im Bereich der
Bewertung in Ökobilanzen (für den umweltbezogenen Teilbereich
der Nachhaltigkeit) dargestellt werden.
Schon für den ökologischen Bereich ist eine Bewertung schwierig.
Was ist wichtiger: die Klimaveränderung,
das Artensterben oder die
Eutrophierung von Gewässern? Ist die Beurteilung eines Produkts als
„umweltverträglicher“ im Vergleich zu einem anderen das nachvollziehbare Ergebnis einer Ökobilanz oder ist die Ökobilanz nur zur Bekräftigung eines entsprechenden Vorurteils durchgeführt worden?
Die in diesen Fragen steckende Brisanz hat dazu geführt, dass sei-
tens des Bundesumweltministeriums
und des Umweltbundesamtes
ein Projekt durchgeführt wurde, in dem sich Vertreter der Industrie,
der Wissenschaft,
werkschaften
der Umwelt-
und Verbraucherverbände,
und staatlicher Umweltbehörden
der Ge-
über grundsätzliche
Fragen zur „Bewertung in Ökobilanzen“ verständigten (Braunschweig
1999). Die vereinbarten Grundsätze geben Hinweise darauf, wie über
Ökobilanzen und die Konsequenzen für die produktbezogene Um-
weltpolitik eine Verständigung erzielt werden kann:
e Die Bewertung in Ökobilanzen erfolgt vor dem Hintergrund ak-
teursspezifischer Interessen und ist daher grundsätzlich subjektiv
und nicht ohne weiteres objektivierbar. Schon von daher muss es
eine Pluralität von Bewertungsmethoden geben.
e Die Gestaltung des Bewertungsprozesses ist genauso wichtig wie
die Auswahl einer Bewertungsmethode.
161
e Die Zielfestlegung, die Ausgestaltung des Bewertungsprozesses sowie die Auswahl der anzuwendenden Methode(n) liegt im Verantwortungsbereich des Auftraggebers einer Ökobilanz.
e Die Bewertung einer Ökobilanz kann keinen Automatismus bezüglich der umweltpolitischen Entscheidungen auslösen.
Die Subjektivität und Kontextabhängigkeit der Bewertung von
Ökobilanzen ist eine Seite der Medaille.
Auf der anderen Seite steht ein umfangreiches Wissen über Art und
(mögliche) Folgen der Umweltbelastung, denen die Ergebnisse der
Sachbilanz in der Wirkungsabschätzung zugeordnet werden.
Der Gefahr der subjektiven Beliebigkeit der Bewertung kann vor
allem dadurch begegnet werden, dass die Bewerter auf dem gleichen
aktuellen Kenntnisstand bezüglich des Bewertungshintergrundes
urteilen.
Das Umweltbundesamt hat daher eine Methode der Bewertung in
Ökobilanzen entwickelt, die Bewerter in die Lage versetzen soll, ihre
Entscheidungen auf der Grundlage eines möglichst umfassenden Bildes der möglichen Umweltwirkungen des Bewertungsgegenstandes zu
fällen (Umweltbundesamt
1999 a). Die Umweltwirkungen
werden
den üblichen Wirkungskategorien (Treibhauseffekt, Ozonabbau, Ressourcenbeanspruchung, direkte Gesundheitsgefährdung etc.) zugeordnet. Diese Bewertungsmethode beruht auf der Festlegung, dass ein
Beitrag zu einer Wirkungskategorie als umso umweltschädigender
beurteilt wird,
e je schwerwiegender die potenzielle Gefährdung der ökologischen
Schutzgüter in der betreffenden Wirkungskategorie anzusehen ist
(Kriterium: Ökologische Gefährdung);
e je weiter der derzeitige Umweltzustand in dieser Wirkungskategorie vom angestrebten Umweltzustand
entfernt ist (Kriterium: Di-
stance-to-target);
e je größer dieser Beitrag in Bezug auf einheitliche Referenzwerte ist,
z.B. der Anteil an der jeweiligen Gesamtjahresemission (Kriterium:
Spezifischer Beitrag).
Diese Bewertungsmethode setzt darauf, dass sich die Bewerter neben den aus der Ökobilanz erhaltenen Informationen auch einen fun-
dierten Überblick über die Kriterien „Ökologische Gefährdung“ und
„Distance-to-target“ verschaffen. Im Anhang zu der Handreichung
„Bewertung in Okobilanzen“ des Umweltbundesamtes sind ausführ-
liche Hintergrundinformationen zu diesen Kriterien enthalten.
162
Das Öko-Institut hat ein eigenes Modell zur ökologischen Bewertung von Produkten entwickelt: die integrierte ökologische Bewertung (Bunke et al. 2000). Bei dieser Methode werden die in der
Ökobilanz ermittelten Ressourcenverbrauchs- und Emissionswerte
direkt auf der Basis von Umweltzielen, wie z.B. dem „UmweltBarometer“ (siehe unten), bewertet.
Umwelt-Barometer Deutschland
Umweltbereich
Schlüsselindikator
Klima
Jährliche CO--
Reduzierung der CO,-Emissionen um
Emissionen
25 % bis 2005 gegenüber 1990
Emissionen von
SO,, NO, NH3
und VOC
Reduzierung um 70 % bis 2010 gegenüber 1990
Luft
Umweltziel
Flächenverbrauch | Reduzierung auf 30 ha pro Tag bis 2020
Natur
Ökologische
Vorrangflächen
10-15 % Vorrangflächen für Biotopverbund bis 2020
Wasser
Gewässergüteklasse
Erreichen der chem. Güteklasse II bei
allen Fließgewässern bis 2010
Ressourcen | Energieproduktivität
Rohstoffproduktivität
Verdopplung der Energieproduktivität
bis 2020 gegenüber1990
Erhöhung der Rohstoffproduktivität auf
das 2,5fache bis 2020 gegenüber1990
Quelle: Bundesumweltministerium 1998
Prioritäten
Mit der Formulierung von Grundsätzen und der Erarbeitung von
Grundlagen für die Bewertung in Ökobilanzen sind wir der Frage,
was denn ein „sauberes“ Produkt sei, schon ein gutes Stück näher gekommen. Was noch fehlt, ist eine Antwort auf die eingangs gestellte
Frage, was wichtiger ist, die Klimaveränderung, das Artensterben
oder die Eutrophierung von Gewässern?
Auf diese Frage gibt es keine allgemein gültige Antwort. Antworten
müssen auf verschiedenen Ebenen gefunden werden: auf der politi163
schen Ebene wie auf der Ebene konkreter Entscheidungen der wirtschaftlichen Akteure. Auf der politischen Ebene hat das Bundesumweltministerium mit dem Vorschlag für ein „Umwelt-Barometer“
entsprechende Themen in den Vordergrund gestellt (s. Abbildung).
Diese Themenliste setzt Schwerpunkte für die umweltpolitische
Diskussion auf nationaler Ebene. Damit ist jedoch kein Vollständigkeitsanspruch verbunden.
Wichtige Themen wie die Frage der Schadstoffkontrolle sind nicht
oder nur indirekt angesprochen. Für die Prioritätensetzung bei der
Bewertung umweltbezogener Aspekte eines Produktlebensweges kann
eine solche nationale Sicht nur eine erste, allerdings wichtige Orien-
tierungshilfe sein. Die Priorisierung ist ein Bewertungsschritt, der ebenfalls in die Verantwortung der Bewertung im konkreten Einzelfall
fällt. Die Handreichung „Bewertung in Ökobilanzen“ des Umwelt-
bundesamtes enthält auch für diese Aufgabe wichtige Anregungen
und unterstützende Hinweise.
Probleme bei der Vermarktung umweltgerechter Produkte
Die bisher geschilderten Schritte zu einem klareren Bild davon, was
ein ökologisch „sauberes“ Produkt ist, sollen letztlich zu konkreten
Entscheidungen führen. Das können zunächst Entscheidungen darüber sein, welche
Schritte auf dem Lebensweg
eines Produktes
zu
verbessern sind. Vor allem sollen Verbraucher über solche Verbesserungen und die Vorteile umweltoptimierter Produkte informiert werden, damit ihre Kaufentscheidungen einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten können.
Es kommt also nicht nur darauf an, ökologische Kriterien und diesen gemäße Produkte zu entwickeln, sondern auch darauf, diesen hohen Anspruch dem Konsumenten zu vermitteln. Hier liegt ein Kernproblem einer ökologischen Produktpolitik. Obwohl es bereits in vielen Bereichen qualitativ hochwertige ökologische Produkte gibt, wer-
den diese von den Konsumenten nicht oder nur in geringem Maße
angenommen.
So lag beispielsweise der Anteil von Öko-Lebensmitteln am gesamten Umsatz in Deutschland 1999 bei weniger als 2 Prozent. Und obwohl bereits Pkw angeboten werden, deren Verbrauch bei 5 Litern je
100 km oder darunter liegt, ist der Durchschnittsverbrauch von Neufahrzeugen höher als 7 Liter (Bundesumweltministerium 1998).
164
Die Nachfrage nach ökologisch problematischen Produkten und
Dienstleistungen wie größeren und schnelleren Autos, mehr Wohnraum oder weiten Flugreisen nimmt weiter zu. Von einem umweltgerechten Konsumverhalten sind wir also noch weit entfernt. Besonders
schwer haben es dabei Produkte, deren Umwelteigenschaften nicht
sofort ersichtlich sind.
Der Konsument hat meist nur die Produkteigenschaften im Blick,
die in der Gebrauchsphase (evtl. auch bei der Entsorgung) eine Rolle
spielen. Viele Umweltsiegel und Marketingstrategien setzen darum
hier an. Das Umweltsiegel Öko-Tex Standard 100 garantiert z.B. die
Schadstofffreiheit von Textilien (und ist damit in erster Linie verbrau-
cherschutzorientiert), sagt aber nichts über die Umweltbelastungen
bei der Produktion selbst aus.
Marketingstrategien fokussieren oft auf Argumente wie niedrigen
Energieverbrauch (z.B. bei Haushaltsgeräten) oder auf gesundheitliche Vorteile (z.B. bei Bio-Lebensmitteln), die beim Gebrauch eine
Rolle spielen. Die Produktionsphase, die oft einen wesentlichen Anteil an den ökologischen Auswirkungen eines Produkts hat, ist dem
Konsumenten dagegen nur schwer vermittelbar. Sie darf aber aufgrund ihrer Umweltrelevanz nicht vernachlässigt werden. Das Verständnis der Konsumenten, was ein umweltgerechtes Produkt ist,
muss also über Energiespartaste, Schadstofffrei-Garantie und Recyclingfähigkeit hinausgehen.
Zur Rolle von Information und Kommunikation
Damit saubere, umweltgerechte Produkte von den Konsumenten angenommen werden, bedarf es gezielter Vermarktungsstrategien.
In der Vergangenheit wurde der Schwerpunkt bei der Vermarktung
von ökologischen Produkten auf die Verbraucherinformation, z.B.
durch Verbraucherzentralen, Umweltzeichen oder Umweltsiegel, ge-
legt. Die Umweltverträglichkeit als Zusatznutzen eines Produkts muss
dem Konsumenten transparent gemacht werden, weil die ökologischen Eigenschaften eines Produkts nur in wenigen Fällen direkt ersichtlich sind.
So sieht das Ei von Hühnern aus ökologischer Haltung genauso
aus wie das Ei aus der Massentierhaltung. Der Konsument ist also auf
Hersteller- und Händlerinformationen bzw. auf Informationen unabhängiger Gremien angewiesen. Hier setzen zum Beispiel Umwelt165
zeichen und Umweltsiegel sowie die Veröffentlichungen von Stiftung
Warentest oder Öko-Test an.
Umweltzeichen können, wenn sie auf anspruchsvollen, nachprüf-
baren Kriterien beruhen und von einem unabhängigen Gremium
vergeben werden, dem Verbraucher in komprimierter Form verlässliche Informationen über die Umwelteigenschaften von Produkten liefern.
Eine besondere Rolle spielen dabei Multikriterien-Umweltzeichen,
wie z.B. der „Blaue Engel“ oder das EU-Umweltzeichen, bei denen
auch die Produktionsphase in die Bewertung mit einfließt. Ihnen liegen anspruchsvolle Kriterien zugrunde, die neben Aspekten des
Verbraucher- und Gesundheitsschutzes auch Aussagen zu den Umweltbelastungen bei der Produktion machen.
In Deutschland erfüllt vor allem der „Blaue Engel“, dessen Vergabekriterien von der unabhängigen Jury Umweltzeichen festgelegt
werden, diese Aufgabe (www.blauer-engel.de).
Dieses Zeichen wird
seit 1977 vergeben und findet inzwischen bei über 80 Produktgruppen Anwendung, von Autowaschanlagen bis zu Zeitungsdruckpapier.
Die Zahl der Produkte, für die der „Blaue Engel“ vergeben wurde,
bewegt sich inzwischen in der Größenordnung von über 5000. Diese
Zahl ist zugleich einer hohen Dynamik
unterworfen,
da jedes Jahr
Produkte aufgrund verschärfter Anforderungen herausfallen und andere Produkte neu aufgenommen werden.
In den letzten Jahren ist die Zahl der mit dem Umweltzeichen gekennzeichneten Produkte allerdings rückläufig. Auch hat sich die Bedeutung des „Blauen Engels“ als Erkennungszeichen für umweltfreundliche Produkte inzwischen weitgehend nivelliert. Zwar geben
55 Prozent der Konsumenten auf die Frage, woran sie umweltfreundliche Produkte erkennen, den Aufdruck des „Blauen Engels“ an, andere Produktkennzeichnungen holen aber kontinuierlich auf (Umweltbundesamt 2000).
Obwohl seit den 80er Jahren eine Umweltaufklärung der Verbraucher stattfindet, konnte bislang eine Veränderung im Konsumverhalten auf breiter Basis nicht erreicht werden. Daraus lässt sich schließen: Umweltaufklärung in Form von Umweltzeichen und -siegeln
oder Ergebnissen von Testzeitschriften ist notwendig, aber nicht hin-
reichend. Ausschließlich kognitiv orientierte Strategien der Konsumaufklärung greifen offensichtlich zu kurz. Zudem sind „die Konsumenten“ keine homogene Gruppe, sondern setzen sich aus verschie166
denen Lebensstil- und Konsumtypen zusammen,
Strategien der Verbraucheransprache erfordern.
die differenzierte
Der Lebensstil-Ansatz
Hierzu liefert das Konzept der Lebensstile wichtige Ansätze. Als Lebensstile werden relativ beständige Verhaltens- und Selbstdarstel-
lungsmuster bezeichnet, nach denen Menschen ihren Alltag in den
verschiedenen Bedürfnisfeldern organisieren (Zapf 1987). Durch das
Lebensstilkonzept werden die Kategorien von Klasse und Schicht um
subjektive Aspekte wie Alltagsorientierungen,
und
Konsumverhalten
ergänzt.
Mit
Werte,
Einstellungen
Hilfe des Lebensstilkonzepts
können nicht nur soziale Unterschiede identifiziert werden, sondern
auch subjektive Lebensorientierungen. Ein wesentliches Element besteht in der identitätsstiftenden Funktion der Lebensstile: Lebensstile
drücken immer auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bzw. die Abgrenzung von einer anderen aus.
Zwei Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Lebensstilforschung dürften für die Frage nach einem nachhaltigen Konsum von
Bedeutung sein.
Erstens: „Den Konsumenten“ gibt es nicht und folglich auch nicht
„die Strategie“ der Konsumentenansprache.
Wir haben es vielmehr
mit einer Vielfalt von Lebensstilen zu tun. Dieser Vielfalt muss man
Rechnung tragen, wenn man auf eine Veränderung des Konsumverhaltens in Richtung Nachhaltigkeit hinwirken will. Dies betrifft sowohl das Marketing als auch das Design der Produkte. Bereits bei der
Produktentwicklung muss eine Orientierung an den Wünschen und
Bedürfnissen jener Gruppen erfolgen, die man mit dem Produkt erreichen will.
Zweitens: Das Konsumverhalten ist auch ein Mittel, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (einem Lebensstil) auszudrücken und zu festigen. Beim Konsum
geht es also nicht nur darum, dass Bedürfnisse
befriedigt werden, sondern auch darum, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden. Deshalb sind Strategien, die auf eine Änderung des gesamten Lebensstils eines Menschen zielen, wenig Erfolg versprechend
(Schultz/Weller 1996).
Mit Hilfe des Lebensstilkonzepts können die verschiedenen Le-
bensstile bzw. Konsumtypen identifiziert und darauf aufbauend Marketingstrategien entwickelt werden, die auf die unterschiedlichen 'Iy167
pen zugeschnitten sind. In der Umweltforschung gibt es verschiedene
Projekte, die mit diesem Ansatz arbeiten. So hat beispielsweise das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) die Konsumtypen und
Konsumstile in Deutschland untersucht und auf dieser Grundlage
Strategien für die Umwelt- und Verbraucheraufklärung entwickelt
(siehe Beitrag in diesem Buch).
Auch das Öko-Institut arbeitet bei der Vermarktung von nachhaltigen Produkten mit dem Lebensstilansatz. So beispielsweise — gemeinsam mit dem ISOE - in dem Projekt „TopTen Innovationen“,
das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert
wird (vgl. Kasten).
TopTen Innovationen
Im Zentrum dieses Projekts steht die Entwicklung und Vermarktung nachhaltiger Produkte. Ziel des Vorhabens ist es, eine deutliche ökologische Ver-
besserung bei Kauf und Gebrauch von Produkten bzw. Dienstleistungen in
den zehn Produktfeldern herbeizuführen, die etwa zwei Drittel der bundesdeutschen Stoffströme (Ressourcen und Emissionen) ausmachen. Weiter soll
die Entwicklung und Vermarktung nachhaltiger Produkte unterstützt werden. Dazu sollen produktspezifische Konsumtypen ermittelt und zielgruppenspezifische Strategien für ein „Nachhaltigkeitsmarketing“ abgeleitet werden.
Drei produktbezogene Pilot-Initiativen werden
bzw. Unternehmensverbänden durchgeführt:
dazu mit Unternehmen
e die Initiative „Nachhaltigkeitsmarketing zum 3-Liter-Auto“ mit der Volkswagen AG,
e die Entwicklung und Vermarktung der „Universal-T-Net-Box“ zum Ersatz
individueller Anrufbeantworter und Faxgeräte mit der Deutschen Telekom
und
e die Kampagne zur Änderung des Verbraucherverhaltens beim Waschen mit
dem Industrieverband Körperpflege und Waschmittel.
Auf dem Weg zum sauberen Produkt
Bei dem EU-Umweltministertreffen im Mai 1999 in Weimar wurde
eine integrierte Produktpolitik als Hauptaufgabe auf dem Weg zur
nachhaltigen Entwicklung erkannt. Diese Aufgabe könne nur Erfolg
haben, wenn alle Beteiligten — Staat, Unternehmen und Verbraucher ihrer jeweiligen Verantwortung für die Umweltqualität von Produkten
gerecht werden (Umwelt 6/1999). Im Februar 2001 hat die EU168
Kommission
ein „Grünbuch zur integrierten Produktpolitik“ vorge-
legt, mit dem die Diskussion zu dem Thema Produktpolitik in Euro-
pa vorangebracht werden soll (EU-Kommission 2001). Wir konnten
einige Bereiche
beschreiben,
die es ermöglichen,
diese umfassende
Herausforderung zu konkretisieren:
e Zunächst ist es erforderlich, ein klares Bild davon zu gewinnen, in
welchen Bereichen die Umweltinanspruchnahme auf dem Lebensweg eines Produkts besonders problematisch ist und welche Innovationen ein Produkt „sauber“ werden lassen. In den letzten Jahren
konnten bei der Methodik und den Bewertungsgrundlagen
Ökobilanzen wesentliche Fortschritte erzielt werden. Damit
die Grundlagen für eine Verständigung darüber gelegt, mit
chen Verbesserungen die drängenden Probleme angegangen
den können.
von
sind
welwer-
e Es ist eine Sache, „ökologische Richtungssicherheit“ zu gewinnen.
Eine andere Sache ist es, diesen Zuwachs an Wissen und Verhal-
tenssicherheit auch anderen zu vermitteln. Umweltzeichen wie der
„Blaue Engel“ oder das Europäische Umweltzeichen basieren zwar
auf anspruchsvollen Kriterien; die Praxis zeigt jedoch, dass Information und Kommunikation über „saubere“ Produkte zu den
Schwerpunkten einer integrierten Produktpolitik gehören müssen.
e Die Akzeptanz für ökologisch „saubere“ Produkte ist bei den Menschen höchst unterschiedlich ausgeprägt. Sie hängt entscheidend
von den persönlichen Wertmustern und Handlungsmöglichkeiten
ab. Die Lebensstilforschung
Bevölkerungsgruppen
kann
Hinweise
dazu geben, welche
mit welchen Argumenten Erfolg verspre-
chend auf ökologisch verbesserte Produkt- oder Dienstleistungsan-
gebote angesprochen werden können.
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„Auf schöne Abhandlungen hat man tausend
Preise gesetzet, auf vortreffliche Thaten nicht
die geringsten.“
Jean-Jacques Rousseau
KKKKK
Willy Bierter
System-Design —
Radikale Produkt- und Prozessinnovationen
Ein wichtiger Baustein für eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise ist
die zielgerichtete Entwicklung und Vermarktung von öko-intelligenten Gütern. Dazu sind wirtschaftlich-kommerzielle, organisatorische, technische und soziale Innovationen erforderlich, die zum Ziel
haben, dass die Produkte, Prozesse und Infrastrukturen über ihren ge-
samten Lebenszyklus mit möglichst wenig Rohstoffen und Energie möglichst schadstofffrei während möglichst langer Zeit einen hohen Nutzen
stiften. Entsprechende zielführende Innovationsstrategien sind, mit
steigendem Schwierigkeitsgrad:
e Produktionsoptimierung
e Produktoptimierung
e Neu-Design
e System-Design
Produktionsoptimierung
Bleibt ein Produkt in seiner Grundstruktur unangetastet, so zielen
kostensenkende Innovationen zunächst auf Verbesserungen von betrieblichen Abläufen und Verfahrenstechnologien. Solche Innovationen betreffen hauptsächlich die Phase der Fertigung und beinhalten
nachhaltigkeitsorientierte Verbesserungen des Herstellungsprozesses
(cleaner production). Ihr Ziel ist vor allem die Vermeidung von Abfällen und Emissionen an der Quelle ihrer Entstehung. Handlungsmöglichkeiten dazu sind u.a.:
e Abfälle reduzieren;
e Energieverbräuche reduzieren;
e Emissionen reduzieren.
Die dazu notwendigen Maßnahmen können u. a. umfassen:
e Änderung der Fertigungsorganisation;
e Verbesserung oder Änderung der Fertigungstechnologie;
171
e effizientere Energienutzung;
e Energie aus umweltverträglicheren Energiequellen;
e weniger und umweltverträglichere Hilfsstoffe.
Ein weiteres Ziel der Produktionsoptimierung kann die Verringerung der Transportkosten und die logistische Rationalisierung beinhalten. Solange die Produkte, die Zuliefer- und Vertriebswege gleich
bleiben, sind einfach zu realisierende Einsparpotenziale in der Regel
allerdings gering.
Produktoptimierung
Maßnahmen der Produktoptimierung — das Re-Design eines Produktes — haben zum Ziel, den Ressourcenverbrauch über den gesamten
Produktlebenszyklus zu verringern und Emissionen zu reduzieren
bzw. ganz zu vermeiden. Denkbare Maßnahmen sind u.a.:
e Substitution der Werkstoffe;
e Änderung der Konstruktion/Baustruktur;
e Änderung der Verbindungstechnologie.
Re-Design-Maßnahmen können auch eine Verlängerung der Nutzungsdauer eines Produktes zum Ziel haben. Soll ein Produkt bei-
spielsweise wartungsarm sein, muss auch die Nutzungsphase in der
Produktentwicklung mitberücksichtigt werden. Denn während der
Nutzungsphase eines Produktes können beträchtliche Stoffverbräuche
(z.B. für die Oberflächenbehandlung) sowie Umweltbelastungen und
damit Kosten auftreten. Diese eigentlichen Nutzungskosten fallen
beim Nutzer an.
Ein ökologisches Re-Design eines Produktes sollte deshalb auch die
Reduzierung dieser Nutzungskosten zum Ziel haben. Eine Änderung
des konstruktiven Aufbaus eines Produktes können
seine Wartung,
Instandhaltung und Reparatur erleichtern und damit das „Dienstleistungs-Leben“ des Produktes verlängern, was wiederum zur Erhöhung der Ressourcenproduktivität und damit zu einem geringeren
Ressourceninput pro Nutzeneinheit führt.
Zielführende Arbeitsschritte beim Re-Design können u. a. sein:
e Stärken-/Schwächenanalyse des ausgewählten Produktes auf seine
ökologische Qualität anhand umweltrelevanter Produkteigenschaften (Erarbeiten des Umweltprofils);
® Entwickeln Erfolg versprechender Ideen zur Verbesserung des Produk-
tes und seines ‚Produktsystems‘;
ImZ
e Bewerten und Auswählen der ökonomisch und ökologisch erfolgversprechendsten Ideen;
® Erkunden möglicher Strategien und Mafßnahmen, damit das ausgewählte Produkt lebenszyklusweit einen möglichst hohen Kundennutzen mit weniger Material- und Energieeinsatz und möglichst
schadstofffrei erfüllt;
e Festlegen der konkreten Re-Design-Strategie und Erarbeiten von Produktkonzepten; diese Aufgaben betreffen die Ausarbeitung und Prüfung der Machbarkeit der ausgewählten besten Ideen und Maßnahmen für das Re-Design des ausgewählten Produktes;
e Umsetzung der besten Re-Design-Strategie.
Neu-Design
Das Neu-Design von Produkten und Produktnutzungssystemen eröffnet wesentlich größere Chancen, das Ziel einer besseren Erfüllung
der vom Nutzer gewünschten Nutzen bei gleichzeitig deutlich geringerem Umweltverbrauch zu erreichen. Grundlegende strategische Ansätze, das vom neuen Produkt bzw. Produktnutzungssystem zu erfüllende Funktions- und Nutzenbündel zu verbessern, sind u.a.:
e die Verlängerung der Nutzungsdauer des Produktes und
e die Erhöhung der Anzahl der geleisteten Nutzeneinheiten.
Der erste entscheidende Schritt bei der Konzipierung eines neuen
Angebotes ist die sorgfältige Bestimmung der wesentlichen Funktionen und Dienste, die das neue Produkt bzw. Produktnutzungssystem
erfüllen soll. Für die Lösung dieser Aufgabe bietet sich die Bildung
eines Innovationsteams an, das aus Vertretern des unternehmensinternen Projektteams und potenziellen Endnutzern besteht. In vertieften
Teamdialogen werden die zu erfüllenden Funktions- und Dienstleistungsbündel definiert sowie die zusätzlichen Bedingungen festgelegt,
die das neue Produkt erfüllen soll.
Die nächste Aufgabe ist das eigentliche Design des neuen Produkts
mit der größtmöglichen Ressourcenproduktivität „von der Wiege bis
zur nächsten Wiege“. Wichtige Aspekte beim Design neuer ökointelligenter Produkte sind:
e nur Materialien mit kleinen ökologischen Rucksäcken auswählen;
e Langlebigkeit des Produktes und seiner Komponenten;
e modulare Bauweise, die leichte Reparierbarkeit und ein einfaches
technisches Aufrüsten erlaubt;
173
e lebenszyklusweite Minimierung des Aufwandes an Materialien,
Energie, Fläche sowie human- und ökotoxischen Stoffen;
e hygienische und ergonomische Aspekte berücksichtigen;
e Prüfung und Abstimmung der Produktkonzeption im Hinblick auf
eine schlanke Produktion;
e Prüfung der Wirtschaftlichkeit der neuen Produktlösung(en) unter
Berücksichtigung der Verfügbarkeit von Materialien, qualifizierten
Fachkräften und Produktionstechniken.
Ein Neu-Design von Produkten und Produktnutzungssystemen ist
nicht nur gleichbedeutend mit einer konstruktiv-technischen Innova-
tion, die in der Regel immer auch Zulieferer tangiert; es verlangt darüber hinaus immer auch organisatorische Innovationen, z.B.:
e bei der Entwicklung (z.B. Schaffung von Innovationsteams);
e bei der Produktionsorganisation und der Zusammenarbeit
mit
Zulieferern;
beim Kundendienst (Wartung/Service);
bei der Rücknahme, Demontage und Aufarbeitung der Produkte;
bei der Kostenerfassung;
beim Marketing.
Dies erfordert von Anfang an den aktiven Einbezug sowohl von
betrieblichen Fachleuten aus den Bereichen Design/Entwicklung,
Produktion/Technik, Einkauf, Marketing/Verkauf, Logistik, Qualität
& Umwelt und Servicefunktionen als auch von externen Akteuren
wie Leitkunden und Zulieferern.
Zwischenbetrachtung
Maßnahmen zur Produktionsoptimierung können positive Wettbewerbswirkungen hervorrufen, indem dadurch entweder die Kostensituation gegenüber Wettbewerbern verbessert wird (Kostenpotenzial)
oder die Differenzierungschancen im Markt vergrößert werden (Differenzierungspotenzial). Letzteres ist in der Regel nur durch weiter
gehende Innovationen zu erzielen.
Das Re-Design bzw. Neu-Design von Produkten wirkt sich in der
Regel positiv auf die Wertschöpfung und die Wettbewerbsvorteile
von Unternehmen aus. Wenn die Nachfrage nach öko-intelligenten
Produkten und Dienstleistungen im Markt weiter wächst, werden
Firmen, die diese Chancen heute nicht nutzen, sich morgen mit
Wettbewerbsnachteilen konfrontiert sehen.
174
Doch wie steht es neben den ökonomischen mit den ökologischen
Chancen? Anhand von praktischen Beispielen lässt sich grob abschätzen, dass beim Re-Design von Produkten eine Steigerung der Produk-
tivität der eingesetzten Ressourcen (bei gleich bleibender Lebensdauer) um etwa 30 bis 50 Prozent, d.h. um einen Faktor 2 bis maximal
3, erzielt werden kann. Beim Neu-Design von Produkten, sofern es
mit einer abgestimmten
Optimierung von Teilen der Wertschöp-
fungskette einhergeht, lässt sich eine Steigerung der Ressourcenpro-
duktivität zwischen einem Faktor 3 und maximal 5 erreichen (Bierter
1999).
Produktionsoptimierung bzw. Re-Design bzw. Neu-Design von Produkten — neuerdings auch als Integrated Product Policy (IPP) bezeichnet — sind wichtige Schritte zur Umweltentlastung. Doch diese reichen bei weitem
nicht aus, um
den notwendigen
Faktor
10 oder
mehr zu erreichen.
Für die Erreichung einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise sind
daher radikale Innovationen und vor allem radikale Systeminnovationen erforderlich (Steilmann 2001).
System-Design
Bei radikalen Innovationen wie z.B. der Substitution von chemischen
Katalysatoren durch Enzyme in Produktionsprozessen sind Steigerungen der Ressourcenproduktivität bis zu einem Faktor 37 000 bekannt. Der Einsatz von ‚coldzymes‘ wird den Elektrizitätsverbrauch
auch der ältesten Waschmaschinen um 90 Prozent senken. Die Ver-
wendung
von
Nanotechnologie
und
‚smart
materials‘
(öko-
intelligente Moleküle) erlaubt Steigerungen der Ressourcenproduktivität um einen Faktor 100.
Radikale Systeminnovationen sind vor allem dann zielführend, wenn
es darum geht, Werte durch den Verkauf von Resultaten aus Dienst-
leistungssystemen zu schaffen (z.B. öko-intelligente Mobilität statt
Drei-Liter-Autos verkaufen). Nur so kann allmählich der Übergang
von der jetzigen „Durchfluss-Wirtschaft“ hin zu einer „Performance-
Gesellschaft“ in Gang kommen (Giarini/Stahel 2000).
Die Performance-Gesellschaft optimiert die Nutzung von Wissen
und Güterflotten durch ein dynamisches Bewirtschaften; ihr zentraler
wirtschaftlicher Wertbezug ist der Nutzungswert. Damit ist eine neue
Qualität des Wirtschaftens über längere Zeiträume verbunden, da je175
de Qualitätsminderung der zirkulierenden Güter auch eine Minderung der eigenen (Unternehmens-)Werte ist, und Präventionsmaßnahmen (wie Schadensverhütung und Abfallvermeidung) deshalb im
Eigeninteresse der wirtschaftlichen Akteure liegen (in der DurchflussWirtschaft hingegen betrifft die Wertminderung die flussabwärts
gelegenen anonymen Akteure, insbesondere die Verbraucher). Im
Zentrum der Performance-Gesellschaft steht die Werterhaltung; diese
ist umso höher, je kleiner die Kreisläufe sind: Wiederverwenden
kommt vor Reparieren vor Aufarbeiten vor Recycling vor Entsorgung.
Zusätzlich zu den stofflichen Kreisläufen schließt die PerformanceGesellschaft auch die Kreisläufe mit ein. Diese (unsichtbaren) Ver-
antwortungskreisläufe widersprechen der Logik der Industriegesellschaft, und eine Schließung der Verantwortungskreisläufe durch
gesetzliche Regelungen ist der Durchfluss-Wirtschaft ein Dorn im
Auge (siehe z.B. die blockierte EU-Rücknahmeverordnung für Altautos).
Die hohe Nachhaltigkeit der Performance-Gesellschaft liegt auch
darin begründet, dass eine Erhöhung der Ressourceneffizienz direkt
ihre Wirtschaftlichkeit erhöht:
e Dematerialisierung führt zu höheren Profiten;
e Suffizienzlösungen ermöglichen höchste Wirtschaftlichkeit durch
ein Wirtschaften ohne Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung;
e eine längere Nutzungsdauer von Gütern ist Gewinn bringend, die
Optimierung des Betriebs und der Instandhaltung der Güter durch
entsprechendes Produktdesign und Dienstleistungen werden zu
Schlüsselfähigkeiten; und regionale Arbeitsplätze ersetzen hohen
Energieverbrauch und hohe Stoffflüsse.
Die treibenden Kräfte des Umbaus der Durchfluss-Wirtschaft zur
Performance-Gesellschaft
sondern wissenschaftliche
sind
aber
Innovation
nicht
nur
der Umweltschutz,
und neue Technologie.
Die
Schlagworte ‚Naturschutz‘ und ‚saubere Prozesstechnologien‘ wurden
in jüngster Zeit zunehmend durch ‚Null-Abfall‘ und ‚höhere Ressourceneffizienz‘ abgelöst (Kühr 2001). Quantensprünge in dieser,
Richtung werden aber erst durch radikales Umdenken ermöglicht.
Dazu notwendig sind neue Unternehmensstrategien, der Mut zu Systeminnovationen und ein Wechsel zu neuen Technologien, die auf
den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen.
176
System-Design: Ein Beispiel
Systemisches Denken sagt uns, dass Nachhaltigkeit bzw. Zukunftsfä-
higkeit weder für ein einzelnes Produkt noch für ein einzelnes Unter-
nehmen definiert und erreicht werden kann, sondern nur für ein ganzes ökonomisch-sozial-ökologisches
System.
Das
zentrale
Problem,
mit dem wir konfrontiert sind, ist nicht so sehr ein Managementproblem, sondern ein Designproblem. Damit wir uns richtungssicher
auf eine Performance-Gesellschaft zubewegen, müssen wir ein System
von Handel, Produktion und Organisation realisieren, in dem jede
Handlung inhärent nachhaltig ist. Selbst die besten Unternehmen gemessen an den drei Mindestbedingungen von ökonomischer Prosperität, ökologischer Qualität und sozialer Gerechtigkeit - können
nur nachhaltig sein, wenn die sie umgebenden Institutionen und
Märkte derart umgestaltet werden, dass sie Nachhaltigkeit unterstüt-
zen und vorantreiben.
Was beinhaltet zukunftsfähiges System-Design konkret? Wie kann
es vorangebracht werden? Gibt es einfache Heuristiken dafür? Diese
und ähnliche Fragen wollen wir im Folgenden am Beispiel von Holzwerkstoff-Dienstleistungen kursorisch erörtern.
Einige Trends
e Weltweit gehen die Waldflächen
zurück, in vielen Regionen mit
hoher Geschwindigkeit.
e Die Nachfrage nach Holz und Holzprodukten nimmt ständig zu.
So hat die Nachfrage nach Rundholz zwischen 1965 und 1995 um
50 Prozent zugenommen, die nach Holzplatten um
und nach Papier um 198 Prozent.
248 Prozent
e In den letzten 30 Jahren hat eine starke Verschiebung von der Produktion von Qualitätshölzern zur Massenproduktion von Holzfasern stattgefunden. Holz aus extrem nicht-nachhaltiger Forstwirtschaft geht zunehmend in Produkte von immer geringerer Qualität
und wertvolle Wälder verschwinden zunehmend in kurzlebigen
Werbebroschüren und Billigmöbeln. Von der gesamten Holzernte
landen inzwischen 40 Prozent in Papier, bald dürften es 50 Prozent
sein.
Einige Grundfragestellungen
e \Wie lässt sich die Ressourceneffizienz von Holzwerkstoff-Dienstleistungen steigern?
177
e Können damit neue Märkte geschaffen werden?
e Lassen sich gleichzeitig Wertschöpfung und Wettbewerbsvorteile
erhöhen?
Ausgangsthese
Eine Einsparung an Holzressourcen um 90 Prozent („Faktor 10°) ist
möglich ohne Einbuße an Quantität oder Qualität der gewünschten
Dienstleistungen.
Ein solches Einsparungspotenzial ist jedoch nur durch einen geziel-
ten Innovationsschub
der involvierten Unternehmen
zu erreichen.
Angepasste politische Rahmenbedingungen können ihn entscheidend
fördern. Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und
Staat sind deshalb sinnvoll und notwendig, um das ehrgeizige Ziel
schrittweise zu erreichen.
Beispiele zeigen, dass Unternehmen,
die den Wandel in Richtung
einer Nachhaltigkeitspraxis anführen, deutliche Wettbewerbsvorteile
erzielen. Solche Unternehmen sind auch in der Lage, die Spielregeln
des Marktes ihrer Branche neu zu bestimmen.
Systematische Schritte zur Ressourceneinsparung
Die Grundprinzipien von großen Einsparungen sind sehr einfach:
viele sukzessive Einsparungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette —
angefangen von der Gewinnung des Rohstoffes über jeden Zwischen-
schritt der Verarbeitung und des Transports bis zur Lieferung der
Dienstleistung an den Endnutzer und zur letztendlichen Wiedergewinnung bzw. Entsorgung. Besonders ertragreich sind die Einsparungen „downstream“; sie führen im Prinzip zu großen Einsparungen an
Holzwerkstoffen und Baumstämmen „upstream“.
Wie effizient auch immer wir Wälder in Stämme
und weitere
Holzprodukte umwandeln, führt dies so lange zu nichts, wie das Er-
gebnis Produkte sind, die eigentlich niemand will und alsbald nicht
mehr genutzt und weggeworfen werden. Jede Einheit an solchen unerwünschten bzw. gering geschätzten „Dienstleistungen“, die reduziert wird, führt dazu, dass die entstehenden Verluste entlang der ganzen Kette bis zurück zum Wald vermieden werden können, die größt-
mögliche Zahl an Bäumen eingespart und das große Ausmaß
Waldschäden durch das Holzschlagen vermieden werden können.
an
Aber: So groß das Einsparungspotenzial auch ist, wir sind mit dem
Problem konfrontiert, dass die Material- und Wertflüsse in der globa-
len Forstprodukte-Industrie äußerst komplex sind. Die Beziehungen
178
zwischen Preisen, Haupt-, Ko- und Nebenprodukten, Verarbeitungs-
kapazitäten, Marktstrukturen etc. sind extrem verflochten. Wir haben
es deshalb nicht mit klar gegliederten Wertschöpfungsketten (wie et-
wa bei der Stromindustrie) zu tun. Im Vergleich zu anderen Indust-
riezweigen
tendiert
die komplexe
Struktur
des Forstprodukte-
Wertschöpfungsgeflechts dazu, Marktbarrieren aufzubauen, was die
Geschwindigkeit reduziert, mit der sich Märkte anpassen. Sie führt
für Unternehmen zudem auch zu deutlich anspruchsvolleren Herausforderungen, um Wettbewerbsvorteile zu erringen. Das heißt nicht,
dass wir nichts tun können, um Wälder nachhaltig zu bewirtschaften
und zu retten. Es heißt nur, dass wir Steigerungen der Ressourcen-
produktivität nur dann erreichen können, wenn wir systemisch und
systematisch quer durch alle Sektoren und Anwendungen vorgehen.
Systemperspektive
Aus einer Systemperspektive heraus muss die relative Ressourcenproduktivität bzw. Nachhaltigkeit verschiedener Dienstleistungssysteme
einer bestimmten Ressource untersucht werden. Ein hilfreiches Vor-
gehen dabei kann in der Lovins-Formel zusammengefasst werden
(Hawken et al. 1999), die die wichtigsten Faktoren kombiniert, die
das Schlagen von Bäumen aus den Wäldern verursachen. Sie lautet:
e Die Zahl der Bevölkerung, multipliziert mit dem
e Wohlstand, hier der durchschnittlichen Zahl an Service-Einheiten
(z.B. Papierverbrauch in kg pro Person und Jahr), die jede Person
in Anspruch nimmt, multipliziert mit dem
© nicht-substituierten Holzwerkstoffen (wie viel von dieser Nachfrage
nach Service-Einheiten wird tatsächlich durch Holzwerkstoffe gedeckt und nicht durch Substitutionsprodukte aus Nicht-Holzwerk-
stoffen), multipliziert mit der
e Abhängigkeit von neuen Materialien (welcher Anteil an Produkten,
die die gewünschten Service-Einheiten liefern, werden aus neuen
Holzwerkstoffen hergestellt und nicht aus rezyklierten Holzwerkstoffen, aus neuen Holzprodukten und nicht aus reparierten oder
wiederaufgearbeiteten Produkten, sind Wegwerfprodukte und
nicht dauerhafte Produkte).
Das Ergebnis der Multiplikation dieser vier Faktoren zeigt, wie viel
Holzwerkstoffe insgesamt benötigt würden, wenn alle Ressourceneffi-
zienzen beim Ernten, in der Verarbeitung und der Nutzung dieser
Holzwerkstoffe konstant bleiben.
179
Um
die
Möglichkeiten
zu
identifizieren,
wo
mehr
Service-
Einheiten mit weniger Holzwerkstoffen zur Verfügung gestellt werden können (Innovationspotenziale), muss das oben errechnete Ergebnis (die potenzielle Nachfrage nach Holzwerkstoffen) durch das
Produkt aus den folgenden Effizienzverbesserungen dividiert werden:
Funktionseffizienz: Wie effizient bzw. effektiv erhöhen die Dienstleistungssysteme auf Holzwerkstoffbasis die Befriedigung der jeweiligen menschlichen Bedürfnisse? Welche Maßnahmen führen bei
gleich bleibender Funktionserfüllung zu einer Reduktion an Holzwerkstoffen in den einzelnen Produktbereichen?
Endnutzungseffizienz: Wie effizient werden Holzwerkstoff-Zwi-
schenprodukte umgesetzt in Dienstleistungssysteme für die Endnutzung (z.B. Dokumente, Möbel, Holzhäuser)? Welche Maßnahmen führen zu einer Reduktion an Holzwerkstoff-Zwischen-
produkten (z.B. durch doppelseitiges Drucken und Kopieren und
Verwenden von einseitig bedrucktem „Abfall“-Papier)?
Umwandlungseffizienz: Wie effizient werden Forstprodukte in Produkte auf Holzwerkstoffbasis umgewandelt (z.B. Steigerung der
Umwandlungseffizienz in der Papierstoff-Herstellung)?
Flächeneffizienz: Wie effizient werden Wälder in solche primären
Forstprodukte wie Papierzellstoff, Holzbretter usw. umgewandelt
(z.B. Zunahme in der Papierholzgewinnung pro Hektar aus Weichhölzer-Plantagen statt aus nicht-kultivierten Naturwäldern)?
Dematerialisierung: Wie und in welchem Maße lassen sich die
Dienstleistungssysteme auf Holzwerkstoffbasis durch weniger In-
puts an neuen Holzwerkstoffen realisieren (z.B. leichte Tragwerkkonstruktionen im Holzbau)?
Schließung von Holzwerkstoff-Kreisläufen: Wie und in welchem Maße lassen sich Holzwerkstoff-Kreisläufe schließen (z.B. durch eine
Mehrfachverwendung von Papierprodukten)?
Substitutionseffizienz: Welche Substitutionsmaßnahmen führen zu
einer Reduktion des Einsatzes an neuen Holzwerkstoffen (z.B.
Substitution von neuen Holzwerkstoffen durch Holzabfälle und re-
zyklierte Holzabfälle)?
Die Funktionseffizienz und die Abhängigkeit von neuen Materia-
lien sind zwar sehr wichtige Faktoren, aber schwierig zu definieren.
Hingegen eröffnet die Fokussierung auf die übrigen vier Faktoren Substitutionen von Holzwerkstoffen, Flächeneffizienz, Umwandlungseffizienz und Endnutzungseffizienz — ein Einsparungspotenzial
180
von
ungefähr 75 bis 80 Prozent an neuen
Holzwerkstoffen,
um
Dienstleistungen wie neue Holzhäuser oder Zeitungen zu liefern.
Innovationsansätze und -strategien in der Papierkette
Aus diesen möglichen Ansätzen sei beispielhaft eine radikale Systeminnovation kurz skizziert (s. hierzu die nachfolgende Tabelle). Sie
kann u.a. umfassen:
e Die Reduzierung des Papierverbrauchs bei großen Papierverbrau-
chern (Banken, Versicherungen, Staat) durch Neugestaltung von
Arbeitsprozessen (incl. durchgängiger Nutzung von Informationsund Kommunikationstechniken ohne dauerndes Ausdrucken);
e die Nutzung der Dekopier-Technologie für homogene Papiersorten
in großen Organisationen (dadurch kann ein Papier bis zu 10 000mal wiederverwendet werden);
e der Aufbau von regionalen Mini-Mills, um aus Altpapier plus
höchstens 25 Prozent an neuen Holzfasern Papier herzustellen.
(Bei der Mini-Mill im Stadtteil Bronx von New York wird statt von
Altpapier vom „urban forest“ gesprochen, um zum Ausdruck zu
bringen, dass es auch in städtischen Agglomerationen „Wald“ in
der Form von zirkulierendem Papier gibt und für diesen „Wald“
ebenso Sorge getragen werden muss wie für den „normalen“ Wald).
Strategien zur Umsetzung von Systeminnovationen
Radikale Systeminnovationen erfordern weit reichende organisatorische Transformationsprozesse und soziale Innovationen unter intelligenter Nutzung neuer Technologien. Von der Komplexitätsforschung
lernen wir, dass radikale, systemische Veränderungen immer von den
Rändern des Systems oder des „Chaos“ herkommen, „inszeniert“ von
neuen Akteuren und Akteurskonstellationen mit neuen Wertvorstellungen. Zielführende Strategien zur Umsetzung von radikalen Systeminnovationen sind vor allem:
1. Marktgemeinschaften mit gemeinsamen Zukunftsvorstellungen
Um ihren Kunden dauerhaft öko-intelligente Systemlösungen anbieten zu können, schaffen proaktive Unternehmen unternehmerische
Ökosysteme (Moore 1998). Ein solches System besteht aus
e den Kunden,
e dem eigenen Unternehmen,
e seinen Kooperationspartnern,
e den verschiedenen Zulieferern und Händlern,
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e den verarbeiteten, verkauften und zurückgenommenen Gütern,
e den Eigentümern, anderen Anspruchsgruppen (z.B. NGOs) sowie
den staatlichen Institutionen, Regulierungsbehörden, Verbänden
usw., die jeweils verschiedene Interessen vertreten, und schließlich
e den Konkurrenten.
Solche „unternehmerischen Ökosysteme“ bilden sich um innovati-
ve Ideen herum und umspannen oft eine Vielzahl von Industriezweigen
(z.B. sind für die Problemlösung
„Reduktion
des Papierver-
brauchs“ bei Banken Kompetenzen im Bereich Arbeitsgestaltung und
Arbeitsorganisation erforderlich). Die involvierten Unternehmen werden zum Mittelpunkt weit gespannter Netze innovativer Anstrengungen und wollen die vorhandene menschliche Kreativität zur Lösung
drängender Probleme nutzen und den Kunden damit einen „zukunftsfähigen“ Dienst erweisen. Sie entwickeln gemeinsam neue Fähigkeiten im Umkreis der Innovation, und sie kooperieren teils, teils
konkurrieren sie miteinander, wenn neue öko-intelligente Systemlösungen eingeführt werden, Kundenwünsche zu berücksichtigen sind
und die nächste Innovationsrunde ins Haus steht. Die unternehmerische Strategiebildung orientiert sich am
Konzept der Koevolution,
das ein neues Stadium des Wettbewerbs beschreibt.
2. Integration und Zusammenarbeit im Wertschöpfungsnetz
Auch das Schmieden von direkten Beziehungen „upstream“ und
„downstream“ macht die Realisierung von systemischen Einsparun-
gen möglich (z.B. die Ausschaltung des Zwischenhandels). Um eine
Wertschöpfungskette „virtuell“ zu integrieren, ist entweder ein verti-
kal integriertes Unternehmen
Netzwerke denkbar.
oder die Entwicklung
kooperativer
3. Aufbau kundenorientierter Leistungs- und Innovationsnetzwerke
Die Umsetzung von radikalen Systeminnovationen erfordert die Zusammenarbeit unterschiedlicher Leistungsanbieter. Dies setzt voraus,
dass Unternehmen gemeinsame Visionen entwickeln, Allianzen bilden, Vereinbarungen treffen und komplexe Beziehungsnetzwerke
managen. Gerade Letzteres zeigt, dass dabei „weiche“ Innovationsfaktoren wie Organisation, Qualifikation, Managementmentalität,
Kommunikation sowie Verhaltensstile eine mindestens ebenso große
Rolle spielen wie technologische Innovationsfaktoren. Zu den Aufgaben kundenorientierter Leistungs- und Innovationsnetzwerke gehört
auch, dass frühzeitig Konsumenten und Produzenten zusammenge185
bracht werden (Bildung von „Innovationsteams“), damit der Bedarf
an den gewünschten Funktionen möglichst exakt ermittelt werden
kann und die künftigen Kunden bzw. Nutzer sich darauf einstellen
können, die neuen Systeme auch einzusetzen, wenn sie auf dem
Markt erscheinen. Innovationsprozesse beginnen also, sollen sie erfolgreich sein, in der Regel immer mit organisatorischen und sozialen
Innovationen.
4. Entwicklung von Leitmärkten
Radikale Systeminnovationen müssen von der Marktseite her konzipiert, entwickelt und realisiert werden. Leitmärkte sind solche Märkte, die beim ersten größeren Einsatz neuer Systeme entstehen und auf
denen sich wichtige wirtschaftliche und technische Rahmenbedingungen für die neuen Systeme erst herausbilden. Auf den Leitmärkten bilden sich die Kundenerwartungen und damit die konkrete
Nachfrage heraus, werden aber auch wirtschaftliche Defizite neuer
Systeme sichtbar. Zudem werden auf den Leitmärkten auch Preise
gebildet, die richtungweisend sind, bis die Konkurrenz sich entfaltet
hat und der Markt etabliert ist. Auf den Leitmärkten entstehen zudem auch technologische Standards, neue Formen der Arbeits- und
Produktionsorganisation, Zulieferbeziehungen und viel Know-how
für das Design, die Fertigung und den Vertrieb von neuen Dienstleis-
tungserfüllungssystemen.
5. Funktionsorientierte Betrachtung der Befriedigung von Bedürfnissen
Bei der Funktionsorientierung stellen sich Unternehmen die Frage,
welche Systeme welche Funktionen erfüllen müssen, um die Bedürf-
nisse ihrer Kunden mit weniger Stoff- und Energieeinsatz und durch
Verminderung der human- und ökotoxikologischen Risikopotenziale
zu befriedigen. In der strategischen Perspektive der Funktionsorientierung liegt das wohl größte Nachhaltigkeitspotenzial.
6. Neue Formen der Wissensorganisation und des Wissensmanagements
Radikale Systeminnovationen verlangen die Beschaffung und Verarbeitung von neuen Informationen und neuem Wissen. Dies bedingt
einmal einen umfangreichen Informations- und Wissensaustausch im
Unternehmen zwischen Forschung und Entwicklung, Marketing,
Vertrieb und Produktion, vor allem aber mit den (potenziellen) Kunden. Eine weitere wichtige Quelle ist die vertikale Kommunikation in
der Wertschöpfungskette bzw. entlang des gesamten Lebenszyklus einer Produktlinie bis hin zur Abfallwirtschaft.
186
Literaturhinweise
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KKKKK
„Bei den vorgegebenen Strukturen würde ein
stetiges Wirtschaftswachstum unvermeidlich
eine Umweltkrise heraufbeschwören.
Liefe das Räderwerk der Wirtschaft jedoch
langsamer, dann hätten wir die Lähmung des
Industriesystems mit Arbeitslosigkeit und
Staatsverschuldung bitter zu büßen.“
NAWU-Report
KAKKK
Norbert Kopytziok/Nina Schwarz
Abfall als Indikator von Nachhaltigkeit
Seit einigen Jahren werden an unterschiedlichen Stellen Aktivitäten
zur Förderung einer „nachhaltigen Entwicklung“ begonnen. Der An-
spruch der Nachhaltigkeit leitet sich dabei von der AGENDA 21 ab,
dem internationalen Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert. Darin wird von allen Ländern und allen Menschen ein Verhalten gefordert, nach der die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse künftige Generationen in ihrer Existenz nicht gefährden darf. Auf überregionaler
Ebene wurden dazu Leitbilder und Ziele festgelegt, die im Rahmen
von Lokalen-Agenda-21-Prozessen konkretisiert werden müssen. Zur
Identifikation von prioritären Ansatzstellen und als Bewertungsmaßstab werden hierfür Indikatoren bestimmt.
Der vorliegende Beitrag beleuchtet die Debatte um Nachhaltigkeitsindikatoren aus der Sicht der Abfallwirtschaft.
Sinn von Nachhaltigkeitsindikatoren
Mit Hilfe von Indikatoren sollen Auswirkungen komplexer Systeme
so weit vereinfacht dargestellt werden, dass Aussagen über die Veränderung des Zustandes dieser Systeme möglich sind. So helfen zum
Beispiel Temperatur und Luftdruck bei der Wettervorhersage; erhöhte
Körpertemperatur ist ein erstes Indiz für eine Krankheit. Mit dem
Bruttosozialprodukt (BSP) und der Arbeitslosenquote wird die Wirtschaftsstärke einer Nation eingeschätzt.
Nachhaltigkeitsindikatoren sollen Veränderungen in den Bereichen
Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft abbilden. Die Indikatoren
können — wie die Anzeige des Fieberthermometers — vor unerwünschten Entwicklungen warnen und der Planung und Kontrolle
von Politik dienen. Anhand der zeitlichen Entwicklung der Daten
kann auch überprüft werden, ob getroffene politische Maßnahmen
die nachhaltige Entwicklung fördern oder behindern. Die Ausarbeitung und Anwendung von Indikatoren führt zu breiten gesellschaftli188
chen Diskussionen. Damit kann zugleich die Idee der Nachhaltigkeit
greifbar gemacht werden.
Derzeit werden auf verschiedenen politischen Ebenen Nachhaltigkeitsindikatoren erarbeitet. Die „Commission for Sustainable Deve-
lopment“ (CSD) hat 1995 ein Set von über einhundert Einzelindika-
toren vorgelegt, die die nachhaltige Entwicklung auf nationaler und
internationaler Ebene abbilden sollen. Dieses Indikatorenset wird
seitdem von verschiedenen Staaten getestet. Auch Deutschland beteiligt sich an der Testphase. Für die Bundesrepublik selbst sind schon
mehrere Indikatorensysteme vorgeschlagen worden. Als Beispiele seien die Indikatoren aus der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ o-
der die Indikatoren des Forums für Umwelt und Entwicklung ge-
nannt. Einzelne Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg
haben ebenfalls Indikatorensets entwickelt.
Während die Ausarbeitung von Indikatoren auf globaler und staatlicher Ebene meist deduktiv und theoretisch-abstrakt erfolgt, ist die
Entwicklung von Nachhaltigkeitsindikatoren in Kommunen ein partizipativer empirischer Prozess: In Form von Arbeitsgruppen, Projek-
ten oder Diskussionsrunden werden Indikatoren entsprechend der
lokalen Anforderungen erarbeitet. Im Folgenden wird auf solche Ansätze näher eingegangen.
Vielfalt Lokaler-Agenda-21-Aktivitäten
Ein Teil der lokalen Indikatorensets wurde speziell für die ;jeweilige
Kommune
und damit
unabhängig von
anderen,
bestehenden
Sets
entwickelt.
So hat beispielsweise die Gemeinde Ganderkesee in Niedersachsen
ein Set aus 36 Nachhaltigkeitsindikatoren entwickelt. Zur „Ökologie“ finden sich Indikatoren wie Siedlungsdichte, Wasserverbrauch
oder Nitratbelastung der Böden. Wahlbeteiligung, Tempo-30-Zonen,
Krippenplätze und Ausbildungsplätze für jugendliche Aussiedler/innen und Ausländer/innen gehören zum Bereich „Soziales und
Gesellschaft“. Ökonomische Indikatoren sind die Schulden der
Kommune,
die Anzahl der Langzeitarbeitslosen u.a.m.
Ganderkesee
hat noch einen vierten Themenbereich aufgegriffen, die „Entwicklungshilfepolitik“. Hierfür gelten Produkte aus fairem Handel und
der Anteil fair verwerteter Altkleider als Indikatoren (Arbeitsgruppe
Lokale Agenda 21, 1998).
189
In beinahe allen lokalen Indikatorensets gibt es auch einen oder
mehrere Indikatoren zum Abfall, die allerdings meist recht unterschiedlich sind: von der häufig verwendeten Siedlungsabfallmenge
pro Kopf und Jahr bis zum Anteil der aus der Region exportierten
Abfallmenge. Oft werden die recycelten Wertstoffe und die thermisch
behandelten Abfälle betrachtet; es gibt Erhebungen über die Anzahl
privater Haushalte mit Eigenkompostierung und über die Abfallmengen aus Produktion und Bauwesen (z.B. Diefenbacher et al.
1997; Evangelische Akademie Iserlohn 2000).
Angesichts der Vielzahl von verwendeten Indikatoren ist ein Vergleich verschiedener Kommunen nur schwer möglich. Ein Vergleich
ist aber auch dann schwierig, wenn der gleiche Indikator verwendet
wird, die dafür notwendigen Daten aber unterschiedlich erfasst und
zusammengestellt wurden.
Bevor abfallbezogene Indikatoren in das Indikatorenset aufgenommen werden, müssen die traditionell erhobenen Daten über Abfallar-
ten und -mengen auf ihre Anwendbarkeit hin überprüft werden. Neben der Zuverlässigkeit des Datenmaterials ist zu klären, ob sich die
Abfalldaten überhaupt auf das Gebiet beziehen, für das eine Lokale
Agenda 21 durchgeführt wird. Die Abfallmengenangaben müssen
sowohl die beseitigten Abfälle als auch die Abfälle aufführen, die ei-
ner Verwertung zugeführt wurden. Darüber hinaus sollten die Angaben nach Abfallfraktionen getrennt sein und Rückschlüsse auf die zu
Abfall gewordenen Produkte ermöglichen.
Lebensweg des Abfalls
Der Abfall ist in aller Regel ein nicht mehr gewolltes oder gebrauchtes Produkt, das zahlreiche Einzelprozesse durchlaufen hat. Im Abfall
steckt eine von Menschen begleitete bzw. gesteuerte Entstehungsgeschichte. Er besteht aus Rohstoffen und Energie, die her- und bereitgestellt, transportiert und benutzt wurden. Eine Analyse der Herstellungspfade der zu Abfall gewordenen Materialien verdeutlicht die oft
weltumspannenden Produktionsnetze. Neben Veränderungen von
Landschaften, Klima und den Qualitäten von Luft, Wasser und Bo-
den hinterlassen Abfälle Spuren, die mit der Produktion, beim Handel und durch denWarenkonsum entstehen. Hätten die Abfälle einen
Begleitbogen, auf dem alle Fertigungsprozesse und die damit verbundenen Effekte registriert wären, würde die Bedeutung jedes einzelnen
190
Abfalls für eine nachhaltige Entwicklung schnell erkennbar. Ideal wäre es, wenn für alle Belastungen im Laufe der Produktherstellung und
-nutzung einheitliche Bewertungspunkte vergeben würden. Dann
wären besonders belastende Produkte mit einer hohen Punktzahl ver-
sehen, so dass für sie vorrangig Alternativen entwickelt und empfohlen werden könnten.
„Bio“ und „Papier“ als relevante Fraktionen
Für die ökologische Dimension als eine der drei üblichen Nachhaltigkeitsdimensionen werden derartige Daten bereits teilweise über
stoffstrombezogene Ökobilanzen ermittelt. Sofern sie nach den Prinzipien der DIN EN ISO 14040 angefertigt wurden, lassen sich unter-
schiedliche Produkte vergleichen. Die Ergebnisse der Sachbilanzen
lassen sich darüber hinaus in Kenndaten wie „ökologischen Rucksäcken“ oder „ökologischen
Fußabdrücken“
übertragen und ermögli-
chen so eine fachlich begründete Schwerpunktsetzung.
Werden die lokalen Abfälle einer ökobilanzierenden Untersuchung
unterzogen, kristallisieren sich die Umweltbelastungen der einzelnen
Abfallfraktionen schnell heraus. Dabei reicht es, die Abfälle zu betrachten,
die nach einer Produktnutzung
anfallen, wie es bei den
Siedlungsabfällen der Fall ist. Produktionsabfälle werden bei der Betrachtung der Herstellungslinien von Siedlungsabfällen bereits mit
untersucht.
Eine ökobilanzierende Einschätzung der einzelnen Abfallfraktionen
aus dem Siedlungsabfall wurde für Schleswig-Holstein vorgenommen
und ergab, dass die „biogenen Abfälle“ und die „Papier/PappeAbfälle“ für mehr als die Hälfte aller mit dem Abfall verbundenen
Umweltbelastungen verantwortlich sind (Kopytziok, Leverkühne
1997).
Zu den biogenen Abfällen zählen u.a. Essensreste und Gartenabfälle. Sie nehmen in der Summe der verwerteten und beseitigten Siedlungsabfälle bis zu 50, Papierabfälle etwa 20 Gewichtsprozente ein.
Zum anderen sind aber auch die Umweltbelastungen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln und von Papierprodukten höher als oft
angenommen. Bei den Nahrungsmitteln sind vor allem die Flächeninanspruchnahme, der Einsatz von Agrochemikalien, die Belastungen
durch Fleischproduktion und Transporte relevant. Die Papierprodukte belasten die Umwelt sowohl bei der Papierherstellung als auch in
191
noch größerem Umfang durch die Gewinnung der Zellulose aus
Baumstämmen. Dieser Fertigungsschritt bedarf eines hohen Einsatzes
an Chemikalien, Wasser und Energie. Darüber hinaus weist das Abwasser der Zellstofffabriken durch den hohen Anteil an organischen
Resten sowie der Chemikalienbelastung einen außergewöhnlich hohen BSB-Wert (biologischer Sauerstoffbedarf) auf.
Bei den Umweltbelastungen, die global durch die biogenen Abfälle
und die Papierprodukte entstehen, spielen die in der öffentlichen
Diskussion vorrangig thematisierten Verpackungen nur eine unterge-
ordnete Rolle. Auch die Sonderabfälle, denen oft eine hohe spezifische Umweltbelastung zugewiesen wird, wirken aufgrund ihrer geringen Menge im Siedlungsabfall nicht gravierend. Aus diesen Erkenntnissen heraus bietet es sich an, abfallwirtschaftliche Indikatoren zu
entwickeln, die insbesondere die Art und Herkunft der Bio- und der
Papierabfälle berücksichtigen. Dabei ist bei den biogenen Abfällen
besonders auf Indizien zu achten, die auf Produkte aus Übersee, eine
starke industrielle Verarbeitung und einen hohen Fleischkonsum
hinweisen. Bei den Papier-/Pappe-Abfällen stellen neben der Gesamtmenge auch die Menge der Hochglanzpapiere und der Werbeträger wichtige Informationen für die Bewertung dar.
Die abfallwirtschaftlichen Daten sind unzureichend
Bisher gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs Siedlungsabfall. Die meisten Kommunen zählen Haus- und Geschäftsmüll,
Sperrmüll, hausmüllähnliche Gewerbeabfälle, Garten- und Parkabfälle, Markt- und Baustellenabfälle sowie Straßenkehricht zu den Siedlungsabfällen. Diese Definition entspricht den Abfallarten, die in Ar-
tikel 2 der EG-Deponierichtlinie den Siedlungsabfällen zugeordnet
werden. Sie umfassen die Abfallarten, die in der 20er Reihe der
Schlüsselnummern im Europäischen Abfallkatalog (EAK) aufgeführt
sind, der seit 1999 anzuwenden ist.
In der in Deutschland gültigen Technischen Anleitung Siedlungsabfall werden dagegen auch Klärschlämme und Bauabfall (inklusive
Erdaushub) zu den Siedlungsabfällen gezählt. Allerdings wird durch
die hohen Mengen an Klärschlamm und Bauabfall der Blick auf den
Haus- und Gewerbeabfall verzerrt. Für eine bessere Vergleichbarkeit
mit anderen Kommunen ist es daher sinnvoll, der EU-weiten Definition zu folgen.
192
Angaben über regionale Abfallmengen sind selten aktuell und
selbst für Fachleute nicht immer verständlich. Begriffe wie „öffentlich
angediente Abfälle“ enthalten beispielsweise nicht die privatwirtschaftlich entsorgten und verwerteten Abfälle. Auch der Begriff „Ge-
samtabfallaufkommen“ suggeriert zu Unrecht, dass darin alle entstandenen Abfälle enthalten sind. Die Angaben können sowohl zu
hoch als auch zu niedrig sein. Hausmüll und Siedlungsabfälle werden
tendenziell zu hoch angegeben. Die ohnehin schon hohen Mengen
an Bauabfällen werden dagegen deutlich zu niedrig angegeben.
Ein Grund für die Ausprägung der Fehler in den Mengenangaben
besteht darin, dass Siedlungsabfälle im Gegensatz zu mineralischen
Bauabfällen für die Müllverbrennung geeignet sind. Da der Bau von
Müllverbrennungsanlagen
teuer ist, bündeln
sich an dieser Entsor-
gungstechnik Lobbyisten mit starken wirtschaftlichen Interessen. Angaben zu Abfallmengen sind beispielsweise zu hoch, wenn für das Gesamtaufkommen die „Abfälle zur Verwertung“ und die „Abfälle zur
Beseitigung“ einfach addiert wurden. Die „Abfälle zur Beseitigung“
enthalten auch die Sortierreste der „Abfälle zur Verwertung“ und die
Schlacke der Müllverbrennung, so dass diese Abfallmengen doppelt
aufgenommen werden. Auch hochgerechnete Abfallmengen auf einer
unsicheren Datenbasis mit unrealistischen Zuwachsraten führen zu
Prognosen mit zu hohen Abfallmengen. Zu niedrig sind die Abfallmengenangaben, wenn die über ein anderes Entsorgungssystem ent-
sorgten Abfälle unberücksichtigt blieben. Das passiert z. B. mit im
„Gelben Sack“ über das Duale System Deutschland (DSD) ent-
sorgten Verpackungen oder Abfällen, die in betriebseigenen Deponien beseitigt werden. Auch findet selten eine Import/ExportBereinigung
statt, so dass Gebietskörperschaften
mit einer Entsor-
gungsanlage zu hohe und Gebietskörperschaften mit zu geringen
Entsorgungskapazitäten zu niedrige Abfallmengen aufweisen können.
Die Anwendung von Nachhaltigkeitsindikatoren stellt an die erforderlichen Daten zwei zusätzliche zentrale Ansprüche: Zum einen
sollen sie für die betrachtete Region verfügbar sein. Für die Abfallentsorgung sind die so genannten Entsorgungspflichtigen Körper-
schaften zuständig. Eine Entsorgungspflichtige Körperschaft kann
sowohl ein Kreis bzw. ein Landkreis, eine kreisfreie Stadt oder auch
ein Zusammenschluss mehrerer Kommunen zu einem Zweckverband
sein. In der Regel erheben diese Institutionen die Abfalldaten. Dazu
bilanzieren sie die von ihren Eigenbetrieben durchgeführten Samm193
lungen und/oder fragen die Daten bei den Betreibern der Abfallverwertungs- und -beseitigungsanlagen ab. Damit verfügen kleinere
Kommunen in der Regel nicht über eigene Abfalldaten. Der zweite
Anspruch an das Datenmaterial ist, ohne größeren Aufwand die Ba-
sisdaten für die Indikatoren zu erhalten. Nach dem Europäischen Abfallkatalog sind nicht nur die Abfälle aufzuführen, die öffentlichrechtlichen
Entsorgungsträgern
angedient
wurden,
vielmehr
sind
auch die privatwirtschaftlich beseitigten Abfälle und die zur Verwertung getrennt gesammelten Bio- und Papierabfälle anzugeben.
Probleme von Abfallindikatoren
Wenn die abfallwirtschaftlichen Daten vorschriftsmäßig vorliegen,
sind die mit dem Abfall verbundenen ökologischen Belastungen immer noch nicht eindeutig bestimmbar. Um eine ökologische Bewertung des Abfalls vornehmen zu können, ist eine weitere Differenzie-
rung der Fraktionen nötig. So ist beispielsweise die ökologische Belastung für chlorgebleichtes Papier höher als für Recyclingpapier. Auch
sind die spezifischen Mengen an normalem Zeitungspapier und von
Zeitschriften aus Hochglanzpapieren für die Entwicklung einer optimalen Nachhaltigkeitsstrategie bedeutsam. Dabei ist zusätzlich wichtig, ob der Papierrohstoff aus einem nachhaltig bewirtschafteten, re-
gionalen Forst stammt, oder ob für das Papier beispielsweise riesige
Bäume im kanadischen Urwald gefällt wurden. Für einen Nachhaltigkeitsindikator sind die mit der Herstellung, der Vermarktung und
der Nutzung verbundenen ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen
und kulturellen Zusammenhänge bedeutsam. Der lokale Abfall ist
dabei immer nur ein Ausgangspunkt und Mosaikstein der gesamten
Input- und Outputströme einer bestimmten Region. Auch gibt es
relevante Stoff- und Energieströme, die sich nicht oder nur sehr mühsam vom Abfall ableiten lassen.
So deuten Lebensmittelreste auf ein Menü hin, bei dessen Anbau,
Verarbeitung und Transport Umweltbelastungen entstanden sind.
Wäre das Nahrungsmittel komplett verzehrt worden, so hätte man
mit einer Müllanalyse keinen Hinweis darauf bekommen. Außerdem
landet nicht alles, was produziert und gebraucht wird, im Abfall.
Zum einen erschweren die diversen Abfall- und Verwertungswege das
Zusammenfügen der tatsächlich entstandenen Abfälle, zum anderen
werden viele Produkte zwischengelagert oder an einer völlig anderen
194
Stelle beseitigt. Beispielsweise kippen noch immer viele Menschen
Lebensmittelreste, Medikamente, Farb- und Lösemittelreste in die
Kanalisation. In ländlichen Gegenden ist es noch immer üblich, Bau-
schutt irgendwo „unterzubuddeln“. Und das, was ökologisch zu begrüßen ist, Produkte möglichst lange zu nutzen, erschwert ebenfalls
die Identifikation der abfallbezogenen Belastungsfelder. Heutige Bauabfälle deuten auf den Rohstoffverbrauch von vor 50, 100 oder gar
200 Jahren hin. Würde man die eingesetzten Baustoffe erst als Abfall
ökologisch bewerten, so wäre es zu spät. Nachhaltiges Bauen lässt sich
daher nicht ohne weiteres anhand heutiger Bauabfälle, sondern eher
über den heutigen Baustoff-Input einschätzen.
Trotz dieser Probleme, die die Aussagekraft der lokalen Abfälle be-
grenzen, macht es Sinn, den Abfall mit in das Set der Nachhaltigkeitsindikatoren aufzunehmen. Der Abfall hat im Gegensatz zu Luftund Wasserbelastungen
den Vorteil, sichtbarer zu sein, und er lässt
sich einfacher dokumentieren.
Abfall als Informationsquelle für Lokale-Agenda-21-Prozesse
Um wirksame Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung einleiten zu können,
müssen
die besonders belastenden Abfallfraktionen
identifiziert werden. Wie aber lässt sich der Informationsgehalt des
Abfalls in Erfahrung bringen, wenn
die herkömmlichen Abfallstatis-
tiken dazu eher ungeeignet sind?
Um die Entstehungsgeschichte der einzelnen Abfälle und der mit
den einzelnen Fertigungsschritten erzeugten Umweltbelastungen erahnen zu können, ist ein ökobilanzierender Blick in die Müll- und
Wertstofftonnen der erste Schritt.
Dazu empfiehlt sich eine stichprobenhafte Müllanalyse, die die
Mengen der wesentlichen Abfallfraktionen (Biogenes, Papier, Glas,
Kunststoff und Metall) offen legt. Anschließend sollte man sich ein
Bild von den Herstellungspfaden der einzelnen Fraktionen machen
und eine erste ökobilanzierende Einschätzung vornehmen. Lassen
sich dabei einzelne Fraktionen benennen, die zu überdurchschnittlichen Belastungen führen, können im Weiteren konkrete Produkte
identifiziert werden, die innerhalb dieser Fraktionen einen hohen Anteil an den Belastungen haben.
Konnten solche Produkte, wie z.B. die Tageszeitung, innerhalb der
Papierfraktion ermittelt werden, stellen sie einen möglichen Nach195
haltigkeitsindikator und gleichzeitig eine prioritäre Ansatzstelle für
Veränderungsmaßnahmen dar.
Allerdings sind auch die Produkte im Blickfeld zu halten, die anstelle des als belastend identifizierten Produktes verwendet werden.
Nur wenn die Vorteile durch die Reduzierung der einen Belastung,
die Nachteile durch die Belastungen des Substitutes überwiegen,
kann von einem Erfolg der Maßnahme gesprochen werden.
Gelang es, einzelne Produkte für Veränderungsprozesse auszuwählen, sollten diese Produkte und die mit ihnen in Verbindung stehenden Probleme öffentlich thematisiert werden. Dadurch lässt sich die
Suche nach Alternativen anregen und eine gesellschaftliche Akzeptanz
für Umstellungsmaßnahmen schaffen.
Empfehlung für ein pragmatisches Vorgehen
Eine herkömmliche Müllanalyse, durch die die Mengen und Arten
der einzelnen Abfallfraktionen bestimmt werden, ist Voraussetzung
für eine ökobilanzierende Bewertung des regionalen Abfalls. Da sowohl die Müllanalyse als auch eine nachgeschaltete ökobilanzierende
Bewertung arbeits- und kostenintensiv sind, wird im Folgenden ein
pragmatisches Vorgehen empfohlen.
Papierprodukte verursachen überproportionale Umweltbelastungen.
Deshalb sollten sie in der Umweltdiskussion stärker betont und in
das Set der Nachhaltigkeitsindikatoren aufgenommen werden. Wenn
sichergestellt ist, dass über die Restmüllbehälter einer Region kaum
Altpapier entsorgt wird, können allein die Angaben über die getrennt
gesammelte Altpapiermenge als Indikator herangezogen werden. Fin-
det keine hinreichende Abfalltrennung statt, müssen die im Restmüll
enthaltenen Papierabfälle zusätzlich ermittelt und den verwerteten
Papiermengen
hinzugerechnet
werden.
So
wird
verhindert,
dass
Kommunen mit schlechter Mülltrennung ungerechtfertigt positive
Ergebnisse erhalten. Im Weiteren sind die wesentlichen Produkte zu
identifizieren, aus denen das Altpapier besteht. Aufbauend auf diesen
Erkenntnissen lassen sich gezielte Maßnahmen zur Reduktion des
Papierverbrauchs einleiten.
Eine detaillierte Analyse der biogenen Abfälle erscheint dagegen we-
nig sinnvoll. Die Produkte, die diesen Abfällen zugrunde liegen, lassen sich besser über das regionale Warenangebot ermitteln. So schlägt
zum Beispiel die Deutsche Umwelthilfe in ihrem Pilotprojekt „Zu196
kunftsfähige Kommune“ die Indikatoren „Regionale Erzeuger auf
den Wochenmärkten“ und „Verkauf von Bioprodukten“ vor. Und der
Zukunftsrat Hamburgs empfiehlt aus Gründen der vereinfachten Datenermittlung, die Anzahl der Wochenmarkttage zu verwenden.
Die gezielte Beobachtung einer einzelnen Abfallfraktion oder einzelner Produkte birgt die Gefahr in sich, eventuelle Negativentwicklungen beim Verbrauch anderer Produkte zu übersehen. Aus diesem
Grund
bietet es sich an, die gesamte Menge an Siedlungsabfall pro
Kopf und Jahr als kontrollierenden Indikator mit heranzuziehen.
Weist die untersuchte Region eine auffällig hohe spezifische Menge
an Siedlungsabfällen auf oder steigt die Menge im Untersuchungszeitraum,
so geben diese Informationen Anlass zu weiter gehenden
kritischen Prüfungen.
Zur Bewertung regionaler Aktivitäten hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung lassen sich die Informationen aus der Abfallwirtschaft auf zwei wesentliche Aspekte begrenzen. Dies sind:
e die Menge an Altpapier (evtl. reichen die Daten der getrennt erfassten Altpapiermenge) und
e die Siedlungsabfallmenge pro Person (ohne Klärschlamm und
Bauabfall).
Die Datenerhebung für getrennt erfasstes Altpapier wird bereits
vom Europäischen Abfallkatalog gefordert. Das Kreislaufwirtschafts-
und Abfallgesetz impliziert die Ermittlung der Siedlungsabfallmengen. Für Regionen,
in denen das Altpapier zu einem hohen Anteil
getrennt erfasst wird, sind daher für die vorgeschlagenen abfallbezogenen Nachhaltigkeitsindikatoren keine zusätzlichen Daten erforderlich. Andere als die hier vorgeschlagenen Abfalldaten erscheinen als
Nachhaltigkeitsindikatoren weniger geeignet.
Literaturhinweise
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Nachhaltige
Wirt-
schaftsentwicklung im regionalen Bereich. Ein System von ökologischen, ökonomischen und sozialen Indikatoren, Heidelberg 1997.
197
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KAKKK
„Die Emissionen von heute
sind die Altlasten von morgen.“
Rainer Funke
KKKKK
Claudia Empacher/Irmgard Schultz
Nachhaltige Konsumstile: Neue Erkenntnisse
Der Trend zu nicht-nachhaltigem Konsumverhalten
ist in den „ent-
wickelten“ Ländern nach wie vor ungebrochen. Aufklärung über ökologischere Produkte und ökologische Kriterien von Produkten reicht
erfahrungsgemäß
nicht aus, um
spürbare Änderungen im Konsum-
verhalten auszulösen. Inzwischen findet folglich auch ein Perspektiv-
wechsel statt, von der produktionsbezogenen Seite der Produkte hin
zur „anderen Seite“: den Konsumentinnen und Konsumenten. Dabei
ist schon weitgehend anerkannt, dass die Verbraucher natürlich nicht
als homogene Gruppe existieren, sondern man es vielmehr mit einer
Vielzahl unterschiedlicher Gruppen zu tun hat, die sich in ihrem
Konsumverhalten weitgehend unterscheiden. Hieraus ergibt sich eine
Vielzahl an neuen Fragen für die Umweltkommun ikation:
Wer sind überhaupt die Verbraucher? Welche Gruppen mit unterschiedlichem Konsumverhalten lassen sich identifizieren und wie las-
sen sich diese für nachhaltigen Konsum ansprechen? Und an was orientieren sich diese Gruppen von Verbraucherinnen und Verbrauchern
bei der Produktauswahl
und beim
Gebrauch
von
Produkten,
von
welchen Motiven und Restriktionen hängt ihr Handeln ab?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer vom Institut für SozialÖkologische Forschung (ISOE) im Auftrage des Umweltbundesamtes
durchgeführten sozial-ökologischen Konsumuntersuchung (Umweltbundesamt 2001). Ziel der Studie war es, Potenziale für nachhaltigen
Konsum in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu identifizieren,
um
zielgruppenspezifische Ökologisierungsstrategien entwickeln zu
können. Der vorliegende Artikel stellt die Untersuchung vor und präsentiert einige zentrale Ergebnisse der Zielgruppenbetrachtung.
Die Konsumstile-Studie
Das zentrale Konzept des Untersuchungansatzes der ISOE-Studie
sind
die Konsumstile
deutscher
Haushalte.
Der
Konsumstil
eines
199
Haushaltes wird gebildet durch das Zusammenspiel mehrerer Fakto-
ren: die soziale Situation des Haushaltes (soziodemografische Merkmale sowie die Ausstattung mit zeitlichen und finanziellen Ressourcen), die Konsumorientierungen (subjektive Präferenzen einer Person
für die Produktauswahl und Verhaltensweisen) und das Konsumver-
halten (Konsumausstattung sowie das konkrete Kauf- und Nutzungsverhalten).
Durch dieses Verständnis von Konsumstilen wird bereits deutlich,
dass „Konsum“ in der Untersuchung nicht im ökonomischen Sinne
nur als Verbrauch von Produkten verstanden, sondern von einem
breiteren Konsumverständnis ausgegangen wird. Konsum meint hier
sowohl unterschiedliche Phasen von Konsum, von der Produktauswahl über dessen Gebrauch bis zur Entsorgung, als auch die subjekti-
ven und motivationalen Faktören von Verhaltensweisen.
Der gewählte Untersuchungsansatz geht in mehrerer Hinsicht über
Untersuchungen der so genannten Lebensstilforschung hinaus (vgl.
Reusswig, 1994). Zum einen konzentriert sich die KonsumstileStudie auf nachhaltigen Konsum, der in der Lebensstilforschung nur
als Randaspekt in Bezug auf das Umweltthema behandelt wird. Zum
anderen wird in der Studie des ISOE ein besonderes Augenmerk auf
die Alltagspraxis in den Haushalten gelegt. Lebensstile bzw. Milieus,
die im Wesentlichen durch eine Kombination objektiver sozialstruktureller Merkmale wie Einkommen, Beruf etc. sowie subjektiver
Wertorientierungen und Einstellungen beschrieben werden (vgl.
Schultz/Weller 1997), abstrahieren zumeist von der Ebene der konkreten Alltagspraxis und Alltagsorganisation. Will man jedoch, wie in
der Diskussion über geeignete Umweltkommunikationsstrategien be-
tont wird, „die Verbraucher dort abholen, wo sie stehen“, spielen die
Möglichkeiten und die Muster der Alltagsgestaltung eine entschei-
dende Rolle. Nachhaltiges Verhalten und nachhaltige Produkte müssen in die Alltagspraxis, in die Abläufe im Haushalt, integriert werden
können, ohne dass diese sich hierfür grundlegend verändern müssen.
Methodik und Vorgehen
Um diese Aspekte in das Konzept einbeziehen zu können, wurde eine
mehrstufige Untersuchung durchgeführt. In einem qualitativen Interview wurde zunächst die in der Haushaltsführung kompetente Person des Haushaltes nach ihren Konsumorientierungen und alltägli200
chen Verhaltensweisen befragt. Anschließend füllte die Person einen
Konsumerfassungsbogen über die Konsumausstattung des Haushaltes
sowie über Konsumgewohnheiten in wichtigen Handlungsfeldern
aus.
Insgesamt
Haushalten
wurden
durchgeführt,
100 qualitative Interviews in deutschen
die nach den folgenden Kriterien ausge-
sucht worden waren: Alter, Geschlecht,
Stadt/Land-
und räumliche
Verteilung, Haushaltsgröße, Wohnform (Eigentum/Miete) sowie unterschiedliche Berufsgruppen, darunter auch Hausfrauen, Arbeitslose
und Sozialhilfeempfänger. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, sozi-
al Benachteiligte auf der einen sowie privilegierte Gruppen auf der
anderen Seite mit aufzunehmen, da diese Gruppen in anderen Unter-
suchungen zum Umweltverhalten tendenziell vernachlässigt wurden.
Diese Art der qualitativen Untersuchung ist zwar nicht repräsentativ, kann aber durch die genaue Quotierung für sich in Anspruch
nehmen,
alle relevanten Bevölkerungsgruppen
berücksichtigt zu ha-
ben.
Konsumorientierungen — Motivationale Ansatzpunkte
Die Auswertung der Interviews begann mit der Identifikation verschiedener Konsumorientierungen. Darunter verstehen wir Einstellungen und Verhaltenselemente,
die motivational
unterfüttert sind:
Sie sind zentral für die Entwicklung zielgruppenspezifischer Ökologisierungsstrategien,
insofern diese an den jeweiligen Orientierungen
anknüpfen müssen, um ihre Wirkung entfalten zu können. In diesem
Sinne können Konsumorientierungen als motivationale Ansatzpunkte
für nachhaltiges Konsumverhalten wirken. Sie können aber auch
hemmende Faktoren für die Umsetzung solcher Verhaltensweisen
darstellen. So kann eine Orientierung an ethischen Werten, wie z.B.
dem Tierschutz, der unterfüttert ist mit Mitleid mit den Tieren, zur
Verminderung des Fleischverzehrs oder zum Kauf von Fleisch aus
ökologischer Aufzucht führen. Demgegenüber ist die Orientierung an
Convenience-Produkten,
die unterfüttert ist mit Zeitnot, wegen des
hohen Material- und Energieverbrauchs als hemmender Faktor anzusehen.
In den Interviews wurde jedoch schnell deutlich, dass eine genaue
Differenzierung innerhalb der Konsumorientierungen notwendig ist,
um tatsächlich Potenziale für nachhaltigen Konsum ausfindig machen
zu können. Viele Orientierungen sind in Bezug auf nachhaltigen
201
Konsum ambivalent, d.h., sie können, je nach situativen Begebenheiten, entweder zu hemmenden Faktoren werden oder aber als motivationale Ansatzpunkte wirken. So kann eine Orientierung an Sparsamkeit in Bezug auf Energiesparen vorteilhaft sein; bei teureren Angeboten wie z.B. von Produkten aus kontrolliert biologischem Anbau
wirkt sich Sparsamkeit hingegen hemmend aus. Es gilt deshalb bei
der Entwicklung von Ökologisierungsstrategien, diese ambivalenten
motivationalen Ansatzpunkte für nachhaltiges Konsumverhalten positiv zu wenden.
Drei übergreifende Grundorientierungen der Lebensgestaltung
In den Interviews wurden drei zentrale Dimensionen erkennbar, die
die Ausprägung der Konsumorientierungen beeinflussen und damit
auch unterschiedliche Möglichkeiten für den Ansatz von Ökologisierungsstrategien eröffnen:
1. Orientierung an kreativer Gestaltung des Konsums gegenüber Konsum als unangenehme Last:
Diese Orientierungsdimension
beinhaltet eine grundsätzliche
Einstellung zum Konsum und zur Alltagsgestaltung. Das kann ei-
nerseits bedeuten, die alltägliche (Haus-)Arbeit und das Konsumverhalten als kreatives Gestaltungsforum für Selbstverwirklichung
und Umsetzung kreativer Ideen zu sehen. Beispiele hierfür sind der
Spaß am Selbermachen oder die Lust am Kochen. Es fanden sich
sogar Interviewte, die dem Staubsaugen etwas „Konstruktives“ zuschrieben. Auf der anderen Seite wird Konsum und die Alltagsge-
staltung als eine extreme Belastung empfunden, der die Befragten
so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen versuchen, indem sie
externe Hilfe in Anspruch nehmen oder in starkem Maße auf
Convenience-Angebote zurückgreifen.
2. Orientierung an einem partnerschaftlichen Geschlechtermodell des
Familienkonsums gegenüber einem traditionellen Familienkonsum:
Im partnerschaftlichen Geschlechtermodell wird die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern verfolgt. Männer und
Frauen bemühen
sich, sich zu gleichen Teilen sowohl an der Be-
rufsarbeit als auch an der Familienarbeit (Kinderbetreuung und
Haushalt) zu beteiligen. Im traditionellen Geschlechtermodell ist
der Mann Alleinverdiener und die Frau als Hausfrau für Hausar-
beit und Kinder zuständig. Nur in seltenen Fällen existieren diese
202
Modelle in Reinform, häufiger bestehen indessen Mischformen,
bei denen die Frauen am
Erwerbsleben
durch Teilzeitarbeit teil-
nehmen und die Männer bei der Hausarbeit und Kinderbetreuung
helfen.
. Orientierung an einem ganzheitlichen Körperbild und Gesundheits-
bewusstsein gegenüber der Orientierung an einem funktionalistischen Körperbild und Gesundheitsbewusstsein:
Eine ganzheitliche Gesundheitsorientierung ist von der Überzeugung bestimmt, dass Körper und Geist eine Einheit darstellen,
welche nicht unabhängig, sondern eingebettet in eine natürliche
Umwelt existiert. Folglich wird stark auf naturbelassene Ernährung
und unbehandelte Produkte, nicht nur in der Ernährung, sondern
auch bei der Gestaltung des Wohnumfeldes geachtet. Demgegen-
über begreift das funktionalistische Körperbild den Körper als Mittel, um
Leistung zu erbringen. In dieser Vorstellung können ein-
zelne Komponenten des Körpers durch gezielte Eingriffe leistungsfähiger gemacht werden,
z.B. durch
gezieltes Training einzelner
Körperteile. Essen dient in diesem Verständnis nicht der Aufrechterhaltung des ganzheitlichen Systems, sondern der Nährstoffzufuhr
zur Funktionserhaltung. Typisch für diese Einstellung ist eine
Kopplung mit einer positiven Einstellung zu Nahrungsergänzungsstoffen, wie z.B. Vitaminpräparaten
oder fettreduzierten
Lebens-
mitteln.
Diese Orientierungsdimensionen
sind von zentraler Bedeutung für
die Förderung nachhaltigen Konsumverhaltens, denn sie fokussieren
bisher teilweise ausgeblendete Aspekte:
% Die meisten der propagierten nachhaltigen Konsumverhaltensweisen und Aufklärungsstrategien setzen Verbraucher voraus, die eine
eher positive Einstellung zur Konsumarbeit haben, da viele Strate-
gien höheren Aufwand bedeuten und zeitintensiv sind, alleine
schon durch eine intensivere Information z.B. über Beschaffungsmöglichkeiten.
Dass es hingegen auch Verbraucher gibt, die sich
mit Konsumarbeit nicht länger als unbedingt nötig beschäftigen
wollen, wird weitgehend ignoriert.
.In der Diskussion um nachhaltigen Konsum wird selten beachtet,
dass Konsum auch eine Fülle von Versorgungsarbeit beinhaltet, die
immer noch in der Mehrzahl von Frauen, und zwar unbezahlt, geleistet wird. Die Erfüllung der Chancengleichheit zwischen den
Geschlechtern und damit auch eine Gleichverteilung der bezahlten
203
und unbezahlten (Konsum-)Arbeit darf im Sinne der Nachhaltig-
keit jedoch nicht in Widerspruch geraten zu ökologischen Zielen.
Folglich müssen sich Ökologisierungsstrategien auch daran messen
lassen, inwiefern sie die Geschlechterdemokratie unterstützen oder
eine Ungleichverteilung nur noch zementieren.!
3.Das Körperbild einer Person ist mit entscheidend für ihre Konsumorientierungen, da es die Vorstellungen über Gesundheit, Sauberkeit, körperliches Wohlbefinden sowie den Bezug zur Natur bestimmt. Im Kontext der Umweltkommunikation wird dies jedoch
bisher vor allem in Bezug auf das Gesundheitsbewusstsein disku-
tiert, das als so genannter Zusatznutzen für nachhaltige Ernährungsweisen eine Rolle spielen soll. Dass Gesundheitsbewusstsein
jedoch stark unterschiedlich ausgerichtet sein kann und damit auch
andere Ansatzpunkte für nachhaltiges Verhalten bietet, wurde bisher in der Diskussion zu wenig beachtet.?
Zehn Konsumtypen — Vier Zielgruppen
Anhand der Elemente des Konsumstils wurde zunächst eine Typologie erstellt, die die folgenden zehn Konsumtypen umfasst:
Typ 1: Die durchorganisierten Ökofamilien
Typ 2: Die kinderlosen Berufsorientierten
Typ 3: Die jungen Desinteressierten
Typ 4: Die Alltags-Kreativen
Typ 5: Die Konsum-Genervten
Typ 6: Die Ländlich-Traditionellen
Typ 7: Die schlecht gestellten Überforderten
Typ 8: Die unauffälligen Familien
Typ 9: Die aktiven Seniorinnen und Senioren
Typ 10: Die statusorientierten Privilegierten
Diese zehn Konsumtypen stellen gewissermaßen Idealtypen dar. In
der Realität gibt es hingegen viele Mischtypen, die Merkmale zweier
oder auch mehrerer Typen in sich vereinen.
Die Typologie zeigt die Pluralität unterschiedlicher Konsumorientierungen sowie ihrer motivationalen Ansatzpunkte. Sie kann eine
erste wichtige Funktion für die Ausarbeitung von Ökologisierungsstrategien erfüllen. Im weiteren Verlauf wurden die Typen jedoch
noch einmal zu vier Zielgruppen kondensiert, um eine überschaubare
Anzahl von Strategien entwickeln zu können. Diese Gruppen sind in
204
sich nicht homogen, weisen aber einige gemeinsame Hauptkomponenten
auf, die ihre Ähnlichkeit ausmachen.
Die vier Zielgruppen
wurden nach diesen Hauptkomponenten benannt und werden im
Folgenden gemeinsam mit den enthaltenen zehn Konsumtypen näher
vorgestellt.
Die Umweltorientierten:
In dieser Zielgruppe finden sich eine starke Umweltorientierung sowie eine Vielzahl anderer fördernder motivationaler Ansatzpunkte für
nachhaltiges Konsumverhalten:
e Die durchorganisierten Ökofamilien
In den durchorganisierten Ökofamilien versuchen die (Ehe-)
Partner, ein partnerschaftliches Geschlechtermodell umzusetzen.
Folglich sind beide berufstätig; da sie jedoch auch Kinder haben,
ergeben sich hierdurch ein großer Zeitdruck und ein hoher Bedarf
an Abstimmung der Alltagsabläufe aller Familienmitglieder. Dies
impliziert eine starke Orientierung an Convenience-Angeboten.
Dennoch ist eine deutliche Umweltorientierung vorhanden,
muss aber dort zurückstehen, wo der Organisationsaufwand
sie
zu
hoch ist. Weiterhin zeichnen sich die Familien durch eine generelle
Offenheit gegenüber Neuem aus. Die Orientierung an ethischen
Aspekten spielt eine Rolle, eine ganzheitliche Gesundheitsorientie-
rung wird vor allem im Hinblick auf die Kinder groß geschrieben.
Das Auto wird als unersetzbar zur Aufrechterhaltung der Familienorganisation wahrgenommen. Die durchorganisierten Ökofamilien
finden sich schwerpunktmäßig in Westdeutschland und in größe-
ren Städten, sie sind finanziell recht gut gestellt, und beide Partner
haben eine höhere Schulbildung.
e Die Alltags-Kreativen
Dieser Typ zeichnet sich vor allem durch die oben beschriebene
Orientierung an kreativer Gestaltung des Konsums aus. Zudem ist
eine starke Orientierung an Umwelt und ethischen Aspekten im
Konsum sowie ein ganzheitliches Gesundheitsbewusstsein erkennbar. Es handelt sich vorwiegend um junge Leute mit niedrigem
Einkommen, in der Mehrzahl um Frauen, die überwiegend sozialen, pflegerischen oder künstlerischen Berufen nachgehen.
Die Überforderten:
Das übergreifende Merkmal der Typen in dieser Zielgruppe ist, dass
sie sich überfordert fühlen oder mit ihrer aktuellen Situation tatsäch205
lich überfordert sind. In der Gruppe sind hemmende Orientierungen
in Bezug auf nachhaltigen Konsum vorherrschend, sie sind folglich
für Ökologisierungsstrategien nicht oder nur sehr schwer erreichbar.
e Die Konsum-Genervten
Dieser Typ stellt quasi den Gegenpol zu den Alltags-Kreativen dar,
da er es als extrem lästig empfindet, sich mit seinem Alltagsleben
auseinander setzen zu müssen. Deshalb ist diese Gruppe auch sehr
an so genannten Convenience-Angeboten orientiert und versucht,
so viel wie möglich von Haushalts- und Konsumaktivitäten abzugeben oder zu minimieren. Sich zusätzlich um Umweltaspekte
kümmern zu müssen, empfinden Konsum-Genervte als Zumutung. In dieser Gruppe finden sich vor allem Singles und Geschiedene, in der Mehrheit Männer.
e Die jungen Desinteressierten
Auch viele Jugendliche und junge Erwachsene, die gerade aus dem
Elternhaus ausgezogen sind, weisen diese „Konsum-ist-lästig“-Ein-
stellung auf, weil sie die neu auf sie zukommenden Aufgaben im
Haushalt als zu aufwendig empfinden. Diese junge Gruppe ist gegenüber Umweltthemen stark desinteressiert und hält diese für
langweilig; stattdessen weisen sie eine ausgeprägte Spaß- und Erlebnisorientierung auf. Zudem sind sie in ihrem Konsumverhalten
stark an ihrem
Freundeskreis
orientiert
und
bevorzugen
billige,
eher kurzlebige Konsumgüter, weil sie sich noch nicht festlegen
wollen.
e Die schlecht gestellten Überforderten
Dieser Typ ist im eigentlichen Sinne des Wortes überfordert. Vertreten sind hier vor allem arme Alte, Arbeitslose, Alleinerziehende.
Ihre objektive Unterprivilegierung geht noch mit einer Situation
der Überforderung einher: Ihnen fehlt nicht nur das Geld, sondern
auch die Zeit und die sozialen Netze, um sich mit dem Nachhal-
tigkeitsthema auseinander zu setzen. Manchmal ist es auch die fehlende Alltagskompetenz, d.h. die Fähigkeit, die richtigen Informationen zu beschaffen und den Alltag zu organisieren. Den Überforderten sind allerdings Konsumgüter immens wichtig, um nach
außen hin zu beweisen, dass sie noch dazugehören und nicht schon
sozial abgestiegen sind. Folglich orientieren sie sich an Billigangeboten und damit an eher kurzlebigen Konsumgütern.
206
Die Traditionellen:
Die Gemeinsamkeit der Traditionellen besteht in ihrer Orientierung
an eher traditionellen Werten, wie z.B. Erhaltung/Bewahrung, sozialer Zusammenhalt, bescheidenes Leben, aber auch an traditionellen
Geschlechtsrollen. Die Traditionellen lehnen das Ökologiethema wegen des Ideologieverdachts ab, sie sind jedoch aufgrund ihrer tradi-
tionellen Orientierungen gegenüber Nachhaltigkeitsaspekten aufgeschlossen. Folglich dominieren bei dieser Gruppe im Hinblick auf
nachhaltigen Konsum ambivalente motivationale Ansatzpunkte.
e Die Ländlich-Traditionellen
Dieser Typ besteht aus älteren Ehepaaren oder Familien mit Kindern, die vorwiegend in ländlicher oder kleinstädtischer Umgebung im Eigenheim wohnen. Die Arbeitsaufteilung der Partner ist
traditionell,
die Frau kümmert
sich um
Haus
und Garten,
der
Mann ist erwerbstätig und in der Dorfgemeinschaft oder Gemeinde aktiv. Die Gruppe ist stark in ihr unmittelbares soziales Umfeld
(Nachbarschaft, Dorfgemeinschaft) eingebunden und folglich auch
im Konsumverhalten und anderen Aktivitäten regional orientiert.
Beim Konsum sind darüber hinaus Qualität und solide Produkte
wichtig, der Besitzstand muss gewahrt werden. Teilweise baut die-
ser Typ noch seine Lebensmittel selbst an oder kauft sie beim Bauern nebenan.
e Die aktiven Seniorinnen und Senioren
Es handelt sich hierbei um Rentner und Pensionäre mit ausreichenden finanziellen Ressourcen, die ihren so genannten Lebens-
abend genießen möchten. Die Gruppe ist weniger ländlich einge-
bunden, hat aber ähnliche Konsumorientierungen wie die Ländlich-Traditionellen. Die aktiven Senioren zeichnen sich darüber
hinaus durch eine große Weltoffenheit und Neugier gegenüber
Neuem aus. Da diese Gruppe auch viel Zeit hat, scheint sie als An-
sprechpartner für Ökologisierungsstrategien viel versprechend.
e Die unauffälligen Familien
In den unauffälligen Familien ist der Mann
berufstätig, die Frau
Hausfrau. In Ostdeutschland allerdings geht die Frau ebenfalls einer bezahlten Tätigkeit nach, übernimmt jedoch zusätzlich die ge-
samte Versorgungs- und Konsumarbeit. Das deutlichste Merkmal
dieser Familien ist es, sich so zu verhalten, dass sie nicht auffallen,
d.h. es wird möglichst das getan, was alle tun. Aus der Masse herauszuragen, ist für diese Gruppe kein Lebensziel. Dieser Typ weist
207
dementsprechend auch wenig ausgeprägte, deutliche Konsumorientierungen auf, ist allerdings auf Sparsamkeit bedacht und solide
Qualität ist ihm wichtig.
Die Privilegierten:
Die Zielgruppe der Privilegierten stellen die „Gewinner“ in unserer
Gesellschaft dar. Als solche gelten sie für viele Bevölkerungsgruppen
auch als Vorbild und sind deshalb Trendsetter. Aus diesem Grund haben sie eine besondere Bedeutung für die Umweltkommunikation,
wurden von dieser jedoch bisher weitgehend vernachlässigt. In dieser
Zielgruppe finden sich sowohl hemmende als auch fördernde motivationale Ansatzpunkte für nachhaltigen Konsum.
e Die kinderlosen Berufsorientierten
Die Berufsorientierten leben als Single oder als Paar ohne Kinder
in einer Großstadt, sind stark am Beruf orientiert und auch relativ
erfolgreich, haben wenig Zeit und dementsprechend eine starke
Convenience-Orientierung. Umgekehrt kann sich dieser Typ jedoch durch sein vergleichsweise hohes Einkommen exklusive Konsumgüter leisten, auch Reisen und Autos sind sehr wichtig. Die
Frauen dieses Typs sind in ihrem Ernährungsverhalten an einer
ganzheitlichen Gesundheit orientiert, bei den Männern herrscht
jedoch eine Konsum-ist-lästig-Orientierung vor. Kennzeichnend ist
auch das häufige Essengehen. Die Umweltdiskussion wird von den
Berufsorientierten vielfach als ideologisch übertrieben wahrgenommen und dementsprechend grenzen sie sich gegenüber „Ökos“ ab.
e Die statusorientierten Privilegierten
Die Privilegierten gehören zu den im eigentlichen Sinne wirklich
reichen Familien. Sie haben ein ausgesprochen hohes Konsumniveau, sind stark an Status und Exklusivität orientiert und grenzen
sich gegenüber den „unteren“ gesellschaftlichen Gruppen stark ab.
Charakteristisch ist zudem die Einbindung in den milieuspezifischen
Bekanntenkreis
(„Beziehungen“),
über den Informationen
und auch Konsumgüter bezogen werden. Charakteristisch für die-
sen Typ ist eine Aversion gegen das Wort „Öko“, was diesen Typ
für Ökologisierungsstrategien schwer erreichbar macht.
Konsumstile, Umweltkommunikation und Umweltpolitik
Die Konsumtypologie und das Zielgruppenkonzept für nachhaltigen
Konsum
208
haben
für die Umweltkommunikation
eine orientierende
Funktion. Das Wissen über Orientierungen und Handlungsbedingungen verschiedener Bevölkerungsgruppen ermöglicht, gruppeadäquate Kommunikationsstrategien zu entwickeln, die in der jeweiligen
Gruppe zielgenauer sind als breit gestreute Aufklärungskampagnen.
Im Rahmen der Studie wurde auch eine zielgruppenspezifische
Evaluation von Verbraucherberatungsangeboten durchgeführt. Die
Gruppen Umwelt, Ernährung und Energie der Verbraucherzentrale
NRW konnten hierfür als Kooperationspartner gewonnen werden. In
der Diskussion mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zeigte
sich, dass es eine solche Typologie auch erlaubt, knappe Ressourcen
effizienter einzusetzen. Aufgrund der Kenntnisse über die Ansprechbarkeit verschiedener Gruppen können Prioritäten zur Nutzung von
Mitteln dort gesetzt werden, wo
die erwartete Wirkung am
wahr-
scheinlichsten ist. Umgekehrt kann auch zielgenauer auf Gruppen fokussiert werden, bei denen es am dringlichsten wäre, nachhaltige Verhaltensweisen zu befördern.
Umgekehrt macht die Typologie auch eines deutlich: Der
Verbraucherberatung und Umweltkommunikation sind Grenzen gesetzt. Es gibt Zielgruppen, die mit rein kommunikativen Mitteln aufgrund ihrer Abwehrhaltung für das Umweltthema kaum erreichbar
sind. Dies ist z.B. für die Konsum-Genervten und in Teilbereichen
‚ auch für die jungen Desinteressierten der Fall. Hier sind folglich andere Mittel gefragt, wenn Verhaltensänderungen erreicht werden sollen. Hier muss letztlich die Umweltpolitik mit adäquaten Instrumenten wie Besteuerung, Abgaben oder sogar Verboten auf den Plan treten. (Z.B. sind inzwischen dem in der Studie angeführten Beispiel des
wachsenden Verbrauchs von Getränkedosen, bei dem sich die Umweltkommunikation als machtlos erwies, durch das Dosenpfand
Grenzen gesetzt worden.)
Fazit: Potenzial für nachhaltigen Konsum
Die Konsumstile-Studie konnte durch die Erarbeitung zielgruppenspezifischer Ansatzpunkte und Strategien für nachhaltiges Konsumverhalten aufzeigen, dass das Potenzial für nachhaltigen Konsum bei
den verschiedenen Konsumtypen noch nicht ausgeschöpft ist. Um
diese Potenziale erschließen zu können, müssen sich jedoch auch die
Vermarktung ökologischer Produkte und die Produktentwicklung auf
die Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen einstellen.
209
Zum einen sollten Kommunikationsstrategien den unspezifizierten
Gebrauch der Präfixe „Öko-“ und „Umwelt-“ vermeiden, da eine
deutliche Abwehrhaltung bei großen Teilen der Befragten existiert,
die sich auf Umweltorientierung als Weltanschauung oder auf generalistische Behauptungen eines Umweltnutzens bezieht. Ein konkretes Qualitätsmerkmal eines Produktes/Dienstleistungsangebots, das
zur Umweltentlastung beiträgt, ist jedoch nach wie vor ein Positionierungsargument auf dem Markt. Umweltentlastungskriterien haben
aber darüber hinaus umso mehr eine Chance, aufgenommen zu werden, je genauer sie an den Alltagserfahrungen und Motivhintergründen der entsprechenden Zielgruppe anschließen. Nicht nur der Beitrag zum Umweltschutz, sondern diese Motivhintergründe sollten
daher bei den Zielgruppen deutlich angesprochen werden.
Zum anderen müssen sich aber auch die ökologischen Produkte
selbst verändern, wenn sie aus der Öko-Nische herauswollen. Das
Image ökologischer Produkte, zeitaufwendig und lustfeindlich zu
sein, stößt bei vielen Gruppen weiterhin auf Ablehnung. Die ökologische Produktentwicklung
sollte hingegen versuchen,
die Trends zu
mehr Convenience und Gesundheit aufzunehmen. Das hieße vor allem ökologische Produkte und Angebote zu entwickeln, die zeitsparende Lösungen bieten und umweltfreundlich hergestellt werden und
genutzt werden können, um sich andere Zielgruppen zu erschließen.
Anmerkungen
Fe
Das ISOE führt zur Zeit im Auftrag des Umweltbundesamtes eine Vorstudie mit
dem Titel „Analyse des Geschlechtsrollenwandels für Umweltbewusstsein
und Um-
weltverhalten“ durch, die zum Ziel hat, Ansatzpunkte für nachhaltige Verhaltensweisen herauszufinden, die gleichzeitig die Geschlechterdemokratie befördern kön-
nen.
2 Die Unterschiedlichkeit im Gesundheitsbewusstsein und die Auswirkungen auf die
Bereitschaft, sich nachhaltiger zu ernähren, wurden in einer Studie des ISOE zu An-
sprüchen von Verbrauchern und Verbraucherinnen am Beispiel von Joghurt und
Putenfleisch aufgezeigt.
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BUCH OKOLOGIE
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KKKKK
„Die alten Staatsklugen redeten immerfort
von Sitten und von Tugend:
Die unsrigen reden von nichts als
vom Handel und vom Gelde.“
Jean-Jacques Rousseau
KAKKK
IV. UMWELTPOLITIKGESCHICHTE
Ulrike Kronfeld-Goharani/Götz Neuneck
Die schleichende Verseuchung der Arktischen Region
Am
14. August 2000 meldeten die Medien, dass das Atom-U-Boot
„Kursk“ nördlich der Kola-Halbinsel während eines Manövers gesunken sei. Bestürzt verfolgte die Weltöffentlichkeit in den folgenden Tagen die vergeblichen Rettungsversuche, 118 Besatzungsmitglieder in
108 Metern Tiefe aus dem Wrack zu bergen. Gleichzeitig wurde dar-
über spekuliert, ob die beiden Antriebsreaktoren des U-Bootes, das
der russischen Nordmeerflotte angehörte, durch den Unfall beschä-
digt worden waren und ob das Boot Nuklearwaffen an Bord geführt
hatte, von denen möglicherweise eine radioaktive Verseuchung der
Barentssee ausgehen konnte. Befürchtungen wie 1989, als das russische Jagd-U-Boot „Komsomolets“ vor Nordnorwegen gesunken war,
wurden wach.
Ein weiteres Mal wirft ein U-Boot-Unfall ein Schlaglicht auf den
Zustand und die Probleme der russischen Nordmeerflotte. Die Tragödien der „Kursk“ wie auch der „Komsomolets“
bilden nur ein,
wenn auch dramatisches Beispiel für die zunehmende Gefahr einer
radioaktiven Verseuchung im arktischen Nordmeer, welche durch den
Zerfall der Sowjetunion, die ökonomische Krise in Russland, die
nukleare Abrüstung, Kompetenzgerangel, Hang zu Geheimniskrämerei und fehlenden politischen Willen in den nächsten Jahrzehnten
verschärft werden könnte.
Der Unfall der Kursk hat das öffentliche Interesse wieder auf die
Gefahren gelenkt, die von den Atom-U-Booten im Falle von Havarien ausgehen. Doch sind es nicht allein Unfälle, die die Arktische
Region bedrohen. Schon der Normalbetrieb der U-Boot-Flotte verursacht große Mengen Nuklearmüll, dessen unsachgemäße Lagerung
eine ständige Kontaminationsquelle darstellt. Übervolle Lager, feh-
lende oder mangelhafte Ausrüstung und unzuverlässige Bewachung
212
komplizieren die Situation. Hinzu kommt eine Reihe weiterer Quellen, die zwar weniger von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden,
die aber nicht unerheblich an der radioaktiven Verseuchung der Ark-
tischen Region und der angrenzenden Meere beteiligt sind.
Abbildung 1: Die Arktische Region
Paradoxerweise wird die arktische See immer noch zu den saubersten
Gewässern in Europa gezählt. (Publikumswirksam hatte der russische
Präsident vor laufenden Kameras ein Glas Wasser getrunken.) Gemessen wurde nur Cäsium-137 in der Barentssee, der Kara-See und dem
213
Weißen Meer, von dem die Hälfte dabei aus Sellafield (England) und
La Hague (Frankreich) stammt. Sollte aber das eingeschlossene radio-
aktive Inventar längerfristig in die Umwelt gelangen, ist eine großflächige nukleare Katastrophe nicht ausgeschlossen. Immer wieder wird
in Pressemeldungen vor dem Hintergrund der in der Region gelagerten Nuklearabfälle von einem möglichen „Tschernobyl in Zeitlupe“
oder von weiteren atomaren Katastrophen in der Murmansk-Region
gesprochen. Im Januar 1998 wies der Euro-arktische Barentsrat
(BEAC)
darauf hin, dass der Atommüll
in Nordwestrussland
ein
„wachsendes Umwelt- und Sicherheitsrisiko“ darstellt.! Chris Patten,
der Beauftragte der EU für externe Beziehungen, bezeichnete im Ja-
nuar 2001 bei einem Besuch in Moskau die Entsorgungsproblematik
als „Damoklesschwert über unserer Zukunft“.
Umfang und Zustand der russischen Nordmeerflotte
In mehr als 30 Jahren schuf die Sowjetunion die größte nuklear angetriebene U-Boot-Flotte der Welt. Über neunzig Prozent aller nuklear
angetriebenen Schiffe sind U-Boote, Russland baute davon allein
mehr als die Hälfte. Zwischen 1954 und 1996 produzierte die Sowjetunion 287 U-Boote, für deren Antrieb ca. 500 Reaktoren verwendet wurden. Ein großer Teil dieser Unterwasserarmada,
bis heute ca.
183 U-Boote, kommen an ihre Lebensgrenze bzw. müssen aufgrund
fortschreitender Abrüstungsverpflichtungen ausgemustert werden.
Die Nordmeerflotte alleine verfügt über 142 U-Boote und drei Kreuzer, die von mehr als 300 Reaktoren angetrieben werden. Hinzuzuzählen sind noch 10 Eisbrecher und ein Containerschiff. Die durchschnittliche Betriebszeit eines Atom-U-Bootes beträgt ca. 20 Jahre.
Nukleare Abschreckung auf See
Atom-U-Boote sind heute die vielleicht katastrophenträchtigste und
zugleich strategisch wichtigste Waffengattung der Nuklearmächte.
Die Hälfte des Nukleararsenals der USA und Russlands ist seegestützt, in Großbritannien und Frankreich der größte Teil. U-Boote
sind für Militärs sehr attraktiv, da sie relativ unbemerkt große Distanzen zurücklegen und diverse nukleare und konventionelle Waffen
transportieren und verschießen können: Raketen, Minen, Torpedos.
Sie sind schwer zu orten, weil sie sich schnell bewegen und große
Tauchtiefen erreichen können. Zur Aufrechterhaltung der nuklearen
Abschreckung auf See verwenden die Nuklearwaffenstaaten nuklear
214
angetriebene strategische U-Boote, die mit nuklearbestückten Interkontinentalraketen ausgestattet sind. Die USA besitzen von diesem
Typ 18, Russland 16, Frankreich und Großbritannien vier und China
eines. Atemberaubend ist das Zerstörungspotenzial, das diese Schiffe
darstellen: Jedes strategische U-Boot der amerikanischen OHIOKlasse verfügt über 24 Trident-Raketen (Reichweite bis 11.000 km)
und damit über die zehnfache Explosionsstärke der Munition, die im
2. Weltkrieg zum Einsatz kam oder ca. 1300 Hiroshima-Bomben.
Der risikoreiche Betrieb der Nordmeerflotte
Bau und Betrieb von Atom-U-Booten waren und sind höchst risikoreich. In der Vergangenheit wurden die U-Boote der Nordmeerflotte
oft unter enormem Zeitdruck fertig gestellt. Lag der Ablieferungstermin für einen speziellen U-Boot-Iyp
erst einmal fest, musste er
unter allen Umständen von den Schiffswerften eingehalten werden.
Als Folge dieser Politik wurden Atom-U-Boote häufig der Marine
übergeben, ohne dass sie alle notwendigen Sicherheits- und Seetests
absolviert hatten. Noch 1989 wurden 529 Klagen wegen mangelhafter Ausrüstung
von
Atom-U-Booten
bei der Marineleitung
einge-
reicht. So sollen beispielsweise auf einem Boot alle Lichtschalter in
den Mannschaftsräumen und in den Raketenschächten gefehlt haben.
Aber auch vom Betrieb der gefechtsbereiten U-Boote über See geht
eine ständige potenzielle Bedrohung aus. Dabei ist es nicht in erster
Linie die Bewaffnung, sondern der nukleare Antrieb der Schiffe, der
in Friedenszeiten See und Festland bedroht, wenn es zu einem Unfall
kommt. Im Rumpf jedes U-Bootes arbeitet auf engstem Raum ein
komplettes Atomkraftwerk, dessen Reaktortechnik entschieden ge-
fährlicher ist als die fünf- bis zehnmal stärkeren Leistungsreaktoren an
Land. Die Unterwasserreaktoren sind hochgezüchtete, leistungsstarke
Druckwasseranlagen,
die mit
extrem
hoch
angereichertem
Uhran-
brennstoff arbeiten. Die Platznot auf den Schiffen erlaubt nur reduzierte Notkühlsysteme.
Kettenreaktionen laufen sehr schnell ab, und
es bleiben oft nur Augenblicke, um gefährliche Entwicklungen zu
entschärfen. Unter Wasser können die Reaktoren in kritischen Situationen, in denen ein ziviler Meiler sofort abgeschaltet würde, nicht
immer heruntergefahren werden. Arbeitet in so einem Fall auch das
Reservesystem nicht mehr und fehlt dem Boot der Antrieb, ist es manövrierunfähig.
215
Auch die Entsorgung der Unterwasserreaktoren oder ihr Füllen mit
neuem Brennstoff birgt größere Risiken als bei Landmeilern. Auf
Grund der kompakten Bauweise wird der Brennstoff moderner
U-Boote nur alle drei bis fünf Jahre ausgetauscht. Der verbrauchte
Brennstoff, der Plutonium und Strontium 90 enthält, ist aufgrund
seiner hohen Anreicherung und der langen Nutzung noch wesentlich
gefährlicher als der Abfall eines zivilen Reaktors. Kommt es zu einem
Unglück an der Meeresoberfläche, kann der radioaktive Fallout durch
den Wind über große Entfernungen transportiert werden.
Bedrohlich verschärft wird das Unfallrisiko durch die ökonomische
Krise, in der Russland sich seit Jahren befindet und wovon auch die
Nordmeerflotte, einstiges Prestigeobjekt der Sowjetunion, betroffen
ist. Dringend notwendige Wartungs- und Reparaturarbeiten scheitern
oft an fehlenden Mitteln, so dass die gesamte Flotte ihre Aufgaben
gemäß der vorherrschenden Militärdoktrin — die Verteidigung russischen Territoriums — nur noch eingeschränkt erfüllen kann.
1994
flossen der Flotte nur 35 Prozent der Mittel zu, die für Wartung und
Unterhalt bestimmt waren, aber zum größten Teil zur Nachzahlung
von Löhnen und Personalkosten eingesetzt werden mussten. 1995
war der gesamte Jahresetat der Flotte wegen der hohen Inflation bereits nach sechs Monaten aufgebraucht. Offiziere wurden in den Ferien nicht bezahlt und mussten immer wieder Verzögerungen bei der
Auszahlung der Gehälter hinnehmen. Als Folge des hohen Sozialdrucks kam und kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, bei de-
nen auch schon Forderungen nach besserer Entlohnung mit der Dro-
hung ausgesprochen wurden: „Wir werden ein neues Tschernobyl
verursachen.“3
Die wirtschaftliche Misere Russlands bewirkt auch eine Abnahme
der Qualifizierungs- und Trainingseinheiten der U-Boot-Besatzun-
gen. Nach dem Wegfall der hochmodernen U-Boot-Trainingslager in
Paldiski (heute Estland) und Sevastopol (heute Ukraine) erlitt die russische Marine
bereits einen
empfindlichen
Kompetenzverlust,
der
sich weiter erhöht, wenn auch die praktische Erfahrung der U-BootCrews weiter abnimmt, dadurch dass die Schiffe infolge der ökonomischen Krise immer häufiger und länger in den Marinestützpunkten
liegen oder nur mit reduzierter Besatzung auslaufen — eine Entwicklung im Umgang mit einer heiklen Technologie, die Anlass zur Besorgnis gibt.
216
U-Boot-Unfälle:
Eine Geschichte von Katastrophen, Kollisionen und Havarien
Seit Inbetriebnahme der ersten nuklear angetriebenen U-Boote ist es
immer wieder zu schweren Un- und Zwischenfällen gekommen. Bis
heute wurden sieben gesunkene Wracks, einschließlich der „Kursk“,
von den atomaren
Seemächten
bestätigt (Abbildung 2). Wie viele
U-Boote tatsächlich auf den Weltmeeren verschwanden, ist bis heute
Staatsgeheimnis sowohl in West wie in Ost.
10. April 1963: Die USS Thresher sinkt infolge einer Explosion hundert
Meilen östlich von Cap Cod, Massachussetts auf 2750 Meter Wassertiefe. 169 Mann an Bord sterben.
27. Mai
1968: Die
USS Scorpion sinkt mit 99 Mann
Besatzung 400
Meilen südwestlich der Azoren auf 3300 Meter Wassertiefe.
10. April 1970: Ein russisches Atom-U-Boot der November-Klasse K-8
sinkt mit 52 Besatzungsmitgliedern auf 4680 Meter Tiefe.
Juli 1983: Südlich der russischen Halbinsel Kamtschatka
Atom-U-Boot der Charlie-I-Klasse mit 90 Mann Besatzung.
sinkt ein
6. Oktober 1986: Ein russisches Atom-U-Boot der Yankee-Klasse K-219
sinkt 600 Seemeilen nördlich von Bermuda.
7. April 1989: Infolge eines Feuers sinkt das russische U-Boot K-278,
bekannt als „Komsomolets“ vor den norwegischen Bäreninseln auf
1700 Meter Tiefe. 42 Crewmitglieder kommen ums Leben.
12. August 2000: Das russische Atom-U-Boot der Oscar-II-Klasse
K-141, „Kursk‘“, sinkt östlich von Murmansk in der Barentssee auf 108
Meter Tiefe. 118 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben.
Abbildung 2: Chronologie schwerer Unfälle von Atom-U-Booten?
Die schwerwiegendsten Unfälle wurden durch Feuer, Explosionen
oder Reaktorüberhitzung infolge Versagens des Kühlmittelkreislaufes
ausgelöst. Weitere Unfallursachen waren Kollisionen mit anderen
U-Booten,
Schiffen
oder
Eisbergen
und
Grundberührungen.
Bei
zahlreichen Unfällen ebenso wie bei einer Reihe kleinerer Zwischenfälle gelangte radioaktives Material in die Umgebung. Beim Totalverlust der Boote sanken diese mit ihren Reaktoren und ihrer Bewaffnung in die Tiefe.
Armeesprecher, aber auch Hydrographen behaupten, von den gesunkenen Booten gehe zur Zeit keine Gefahr aus. Es stellt sich jedoch
die Frage, wie lange dieser Zustand anhält und wie sicher die Umhüllung der radioaktiven Materialien auf lange Sicht ist. Was nützen 20,
50 oder gar 500 Jahre Strahlungsabschirmung, wie ihn russische Spezialisten für ein in der Karasee an versenkten U-Booten angewendetes
Material angeben, im Hinblick auf die hohe Halbwertszeit von Plutonium? Für unsere menschlichen Zeitskalen wirkt Plutonium
ewig. Gelangt ein Plutoniumteilchen über die Nahrungskette in den
menschlichen Körper, erzeugt es Krebs, auch nach 500, 1000 oder
50 000 Jahren noch ...
Abrüstung:
Die gefährliche Demontage der Atom-U-Boote und ihrer Waffen
Weltweit sollen im Rahmen der Abrüstung ca. 300 atomgetriebene
U-Boote außer Dienst gestellt und verschrottet werden. Die USA
demontieren
davon
100
Atom-U-Boote,
Großbritannien
16 und
Frankreich zwei. Aufgrund ihrer enormen U-Boot-Flotte hat jedoch
Russland den Großteil zu tragen. Allein zwischen 1990 bis 1994 hat
Russland zwischen 15 bis 25 U-Boote pro Jahr ausgemustert, bis heute insgesamt 179. 130 dieser U-Boote warten auf ihre Demontage,
wobei 110 bis 115 U-Boote noch funktionsfähige, mit Brennstoff
versehene Reaktoren an Bord haben. In den nächsten Jahren sollen
weitere 35 Schiffe abgerüstet werden. Die russische Regierung plant
bis zum Jahr 2007 die „Außerdienststellung“ von 150 U-Booten.
Der Prozess der Außerdienststellung ist äußerst risikoreich, arbeits-
intensiv und kostspielig. Aufgrund der fehlenden Demontagekapazitäten werden
die U-Boote
zunächst
in den eisfreien
Häfen
der
Nordmeerflotte vor Anker gelegt. Zur Wartung und Überwachung
der Reaktorkühlung und zur Bewachung des Schiffs muss eine kleine
Crew an Bord gehalten werden.
Der vollständige Prozess der Demontage umfasst mehrere Schritte
(Abbildung 3): Entnahme des nuklearen Brennstoffs, Bergung der
Munition, Demontage der Raketenabschussbasen, Ausbau verwertbarer Ausrüstungsgegenstände, Bergung des Reaktorgehäuses, Lagerung
des anfallenden Nuklearmülls, Zerlegung des Schiffsrtumpfs und zuletzt Versiegelung und Transport der Reaktorteile an geeignete Stellen
für sichere Langzeitlagerung.
218
Stilllegung des
Langfristige
U-Bootes
Entnahme des
Nuklearbrennstoffs
er
Temporäre
Lagerung
Wiederaufarbeitung
Bergung der Munition
Pemekiege der
Raketenabschussbasen
Entfernen der
Ausrüstungsgegenstände
Ausbau des
Reaktor
gehäuses
Verschiffung
des Reaktorgehäuses
er“maps
tige
Br
ern
Zerlegung des
Schiffsrumpfs
Recycling von
U-Boot-Teilen
Abbildung 3: Schritte bei der Demontage eines Atom-U-Bootes?
219
Die Verschrottung nur eines amerikanischen Yankee-U-Bootes erfordert 630 000 Mannstunden, und es werden dafür Kosten von ca. 27
Millionen Dollar angegeben. Für die Verschrottung eines russischen
U-Bootes werden ca. 2 Millionen Dollar angenommen. Die Verschrottung wird in der Nerpa-Schiffswerft (Murmansk) sowie den
Werften Zvezdochka und Sevmash (Severodinsk) durchgeführt.
Bei 36 der 179 außer Dienst gestellten russischen Atom-U-Boote
half das Pentagon durch „Know-how“ und finanzielle Unterstützung.
Für die restlichen 143 Boote ist die Finanzierung noch nicht geklärt.
Die Verantwortung
für die Verschrottung
der U-Boote
ist 1998
durch ein Regierungsdekret von der Marine an das Russische Ministerium für Atomenergie (MINATOM) übergegangen. Ca. 10.000
Personen, die mit der Dekommissionierung beschäftigt waren, mussten durch die Marine entlassen werden. Unklar ist, ob MINATOM
der Entsorgung der U-Boote hohe Priorität einräumt und genügend
Ressourcen dafür zur Verfügung stellt. Fraglich ist auch, wie gut die
Marine und MINATOM zusammenarbeiten. 1999 konnte lediglich
bei acht U-Booten der Brennstoff entfernt werden.
Das russische Atomministerium hat einen Vorschlag für die weitere
Demontage der Atom-U-Boote bis 2005 erarbeitet. Unter Nutzung
von
13 Werften sollen dabei Kosten in Höhe von umgerechnet
1,5
bis 2 Milliarden Dollar anfallen. 30 bis 40 Prozent davon sollten aus
dem Staatsbudget stammen, der Rest durch ausländische Hilfe und
den Verkauf von wieder verwertbaren Metallen.
Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation der Nordmeer-
flotte, des Kompetenzgerangels verschiedener Institutionen und des
postsowjetischen Hanges zur Geheimniskrämerei geht der Verschrot-
tungsprozess nur sehr langsam voran. Es fehlt an Infrastruktur in den
Schiffswerften, an Serviceschiffen für die Entnahme des nuklearen
Brennstoffs und an Speicherkapazitäten für den anfallenden Nukle-
armüll. Die Entsorgungsschwierigkeiten des Nuklearmülls sind die
Hauptursache dafür, dass zur Zeit nur ca. ein Atom-U-Boot pro Jahr
verschrottet wird.7
Ein weiterer Faktor, der diesen Prozess
tung der START-Verträge. Setzt Russland
Abrüstung der seegestützten ballistischen
tragsvereinbarungen, verzögert sich die
Dienst gestellten Atom-U-Boote.
220
beeinflusst, ist die Einhaldas Schwergewicht auf die
Raketen gemäß der VerVerschrottung der außer
Das ungelöste Problem: Wohin mit dem Nuklearmüll?
Der Gebrauch, die Unterhaltung und die Außerbetriebnahme von
Reaktoren erzeugten nuklearen Abfall. Schon im Normalbetrieb fallen große Mengen bei der Auffüllung von U-Boot-Reaktoren mit
neuem
Brennstoff an. Die ersten russischen Atom-U-Boote
nach sieben bis zehn Jahren mit neuem
wurden
Brennstoff ausgerüstet, je
nach Anreicherungsgrad des benutzten Uran-235 und Einsatzdauer
des Reaktors. Modernere U-Boote werden bereits nach drei bis fünf
Jahren mit neuem Brennstoff aufgefüllt, so dass heute in wesentlich
kürzeren Abständen
nuklearer Müll anfällt. Bei Brennstofferneue-
rungsarbeiten entstehen 155 bis 200 Kubikmeter feste und flüssige
Anteile nuklearen Abfalls.8
Der Entsorgung des Nuklearmülls wurde in der Ära des Kalten
Krieges in West und Ost nur wenig Beachtung geschenkt. Das
Hauptinteresse galt dem Entwurf und der Konstruktion von AtomU-Booten und verschiedenen Raketensystemen. Während das erste
sowjetrussische Atom-U-Boot bereits 1957 vom Stapel lief, wurden
Einrichtungen zur Handhabung und Lagerung radioaktiven Abfalls
erst Anfang der 60er Jahre fertig gestellt. Dieses Problem begleitete
die Entwicklung aller nachfolgenden U-Boot-Generationen und besteht bis heute fort.
Dass der sicheren Handhabung und Lagerung radioaktiven Mülls
nur geringe Bedeutung zugemessen wurde, drückte sich auch in dem
Mangel an technischen und ökonomischen Ressourcen aus, die von
der sowjetrussischen Marine für diesen Zweck bereitgestellt wurden.
Viele Einrichtungen für das Management radioaktiven Abfalls wurden nur auf Reißbrettern konstruiert. Wurden Mittel für den Bau ei-
ner bestimmten Anlage bewilligt, handelte es sich häufig nur um
einmalige Aufwendungen.
Waren diese verbraucht, blieb die Anlage
in dem (unfertigen) Zustand zurück, in dem sie sich gerade befand.
Als Folge dieser Politik befinden sich heute nicht nur 18 Prozent
aller in der Welt existierenden Reaktoren in der Arktischen Region,
sondern die Kola-Halbinsel und Severodvinsk am Weißen Meer verfügen mit ca. 300 Reaktoren auch über die höchste Konzentration
nuklearer Reaktoren in der Welt.? Der sich in mehr als 40 Jahren an-
gesammelte Nuklearabfall wurde größtenteils in den Militärstützpunkten auf der Kola-Halbinsel gelagert, im Meer versenkt oder zur
Wiederaufarbeitungsanlage Mayak transportiert.
221
Auf der Kola-Halbinsel unterhält die Nordmeerflotte fünf Militärbasen zwischen Zapadnaya Litsa im Westen und Gremikha im Osten.
An allen Stützpunkten befinden sich Lagerkapazitäten für festen und
flüssigen Nuklearmüll (siehe Abbildung 4). Diese Lagerkapazitäten
sind nicht nur überfüllt, sondern befinden sich größtenteils auch in
einem bautechnisch schlechten Zustand. Fester radioaktiver Müll wird
an elf verschiedenen Plätzen entlang der Kola-Halbinsel sowie in
Severodvinsk gelagert, stellenweise unter freiem Himmel ohne besondere Schutzvorkehrungen. Flüssiger radioaktiver Abfall, der vor allen
Dingen bei der Brennstofferneuerung der noch in Dienst befindlichen U-Boote anfällt, wird in allen Marinebasen gelagert, zum Teil in
unterirdischen Tanks auf dem Land, an Bord von Versorgungsschiffen
oder in Schwimmtanks. Einige der Tanks befinden sich in sehr
schlechtem Zustand. Ein Teil des neu anfallenden flüssigen Atommülls wird in die Wiederaufbereitungsanlage der zivilen Eisbrecherflotte in Murmansk gebracht. Allerdings ist die Kapazität der Anlage
zu gering und sind die Kosten der Wiederaufarbeitung für die Nordmeerflotte zu hoch.
Die größte Lagerstätte für verbrauchten Nuklearbrennstoff befindet
sich in Zapadnaya Litsa in Andreeva Bay, 40 km von der Norwegischen Grenze entfernt. Hier sollen ca. 23.000 verbrauchte Brennelemente, der Inhalt von etwa 90 Reaktoren, in drei überalterten, innen
mit Stahlplatten verschenen Betontanks und bedeckt von einer ca. 4
Meter dicken Wasserschicht gelagert sein. Im Februar 1982 traten in
zwei der Betonbecken Leckagen auf, und ein halbes Jahr lang trat
hochgradig kontaminiertes Wasser aus, das in den nur 350 Meter entfernten Litsa-Fjord floss. Weitere 200-220 Brennelemente, verpackt
in Containern, sollen hier seit 36 Jahren unter freiem Himmel ste-
hen.
Ähnlich wie in Andreeva Bay wurden auch in Gremikha Reaktorkerne in Betonbecken abgesenkt und mit Wasser bedeckt. Auch hier
traten Leckagen auf. 1984 wurden drei von insgesamt vier Becken
entleert, die Brennelemente geborgen, nach Murmansk verschifft und
von dort mit dem Zug zur Wiederaufarbeitungsanlage Mayak transportiert. 95 beschädigte Brennelemente wurden in den vierten Pool
umgelagert, wo sie sich bis heute befinden sollen. Auch in Gremikha
sollen auf einem relativ ungeschützten offenen Gelände Container
mit verbrauchten Brennelementen unter freiem Himmel stehen. Zur
Zeit soll die Nordmeerflotte über kein Schiff verfügen, das geeignete
222
Vorrichtungen an Bord hat, die überalterten Container aus Gremikha
fortzuschaffen. Auch der nukleare Abfall der mit Flüssigmetall gekühlten Reaktoren soll hier gelagert sein.
Jährlich fällt in Russland nuklearer Müll von 20 Atom-U-Booten
an. Lagerkapazitäten sollen dagegen nur für den Abfall von drei Booten vorhanden sein. Insgesamt müssten Jahr für Jahr rund 30.000
Kubikmeter flüssiger und 6.000 Kubikmeter fester Atommüll entsorgt werden. Hinzu kommt ein beträchtlicher Anteil aus Reparaturarbeiten an beschädigten oder havarierten U-Booten. Zur Zeit werden Studien durchgeführt, um eine Langzeitlagerstätte für den hochradioaktiven festen Atommüll auf der Insel Nowaja Semlja oder der
Kola-Halbinsel zu errichten. Norwegen hat im letzteren Fall erhebliche Zweifel, da die Lagerstätte nahe der norwegischen Grenze liegt.
Es wird mit Kosten von 200 Millionen Euro gerechnet.
Entsorgung: Die einfache Lösung — das Meer als nukleare M: üllkippe
1993 verfügte Präsident Jelzin eine Bestandsaufnahme der Umweltverschmutzung.
Das Ergebnis war der „Jablokov-Bericht“, der
erstmals detailliertere Daten vorlegte. So wurde bekannt, dass die
russische Marine und die Eisbrecherflotte der ehemaligen Sowjetunion von 1959 bis 1991 jahrelang große Mengen festen und
flüssigen Nuklearmülls, darunter auch Reaktorgehäuse mit ihrem
Nuklearbrennstoff, im Meer versenkt hatten. Die Hauptversenkungs-
gebiete befanden sich vor der Küste des Inselarchipels und Atomtestgebietes Nowaja Semlja in der Karasee sowie vor der Nordküste der
Kola-Halbinsel in der Barentssee. Nach Angaben aus unterschiedlichen Quellen wurden in der Karasee vor Nowaja Semlja im Meer
versenkt:
16 Reaktoren, darunter mindestens sechs, die noch
Brennelemente enthielten; ca. 17.000 Atommüllcontainer mit flüssi-
gem und anderem radioaktiven Müll; 12 Atom-U-Boote
und drei
atombetriebene Eisbrecher; 1964 die „N. Baumann“, die 1500 bereits
undichte Atommüllbehälter geladen hatte. 1984 wurden vom Eisbrecher „Lepse“ weitere Atommüllcontainer abgeworfen, nachdem sie
zuvor mit Hilfe von Geschosssalven undicht geschossen und so zum
Sinken gebracht worden waren. Die Container sollen jetzt in 200
Metern Tiefe liegen.19 Havarierte oder abgewrackte Atom-U-Boote
wurden häufig in den Fjorden von Nowaja Semlja, insbesondere in
der Abrosimov-, Stepovogo- und Tzivolky-Bucht versenkt, oft in
weniger als 50 Metern Wassertiefe. In Bezug auf den Ort der Versen223
kung, den Abstand zur Küste und die Versenkungstiefe war das ein
klarer Verstoß gegen das London-Abkommen von 1972.11
Ort
Zapadnaya
Einrichtung
Quellen für radioaktive
Kontamination
26 einsatzbereite Atom-U-Boote
1 stillgelegtes Atom-U-Boot mit
Nuklearbrennstoff an Bord
Militärbasis
Litsa
(Bolshaya,
1 stillgelegtes Atom-U-Boot ohne
Lopatka,
Nerpichya,
Nuklearbrennstoff
23 260 verbrauchte Brenneiemente
Andreeva Bay)
2000 m’ flüssiger Atommüll
6000 m’ fester Atommüill
Vidyayevo
Militärbasis |®
(Ura Bay)
<
U}
®
®
Gadzhievo
(Skalisti)
Militärbasis | ®
®
&
Saida Bay
unbekannte Anzahl von Atom-U-
Booten
200 m’ flüssiger Atommüll
2037 m’ fester Atommüll
®
gelegentlich: Versorgungsschiffe mit
Nuklearbrennstoff und flüssigem
Atommüll an Bord
Lagerstätte | ®
12 U-Boot-Rümpfe mit ihren Reaktoren
sms
Gremikha
4 einsatzbereite Atom-U-Boote
1 Reaktor der Nurka-Klasse
14 stillgelegte Atom-U-Boote mit
Nuklearbrennstoff an Bord
min. 3 m’ flüssiger Atommüll
Fester Atommüll
2 nuklear angetriebene Zerstörer
Militärbasis |©
®.
einige einsatzbereite Atom-U-Boote
15 stillgelegte Atom-U-Boote
®
300 m’fester Atommüll
2.000 m’ flüssiger Atommüill
o
795 verbrauchte Brennelemente
®
®
9 Reaktorkerne von Atom-U-Booten
mit Flüssigmetall-gekühlten Reaktoren
224
Schiimer| 0
Nerpa
2 Atom-U-Boote, die außer Dienst
gestellt werden
gelegentlich: Versorgungsschiffe mit
verbrauchtem Nuklearbrennstoff und
flüssigem Atommüill
200 m’ fester Atommüill
170 m’ flüssiger Atommüill
Shkval
(Polyarny)
i
rn
1 Atom-U-Boot zur Instandsetzung/
Wartung
1 Versorgungsschiff mit Nuklear-
brennstoff an Bord
1 Versorgungsschiff mit flüssigem
Atommüll an Bord
7 stillgelegte Atom-U-Boote mit
Nuklearbrennstoff an Bord
Lagerstätte für festen Nuklearmüll
150 m’ flüssiger Atommüll
Sevmorput
Schiffswerft
1 stillgelegtes Atom-U-Boot mit
Nuklearbrennstoff an Bord
1 stillgelegtes Atom-U-Boot ohne
Nuklearbrennstoff
gelegentlich: Versorgerschiffe mit
flüssigem Atommüill
Lagerstätte für festen Atommüill
Severodvinsk
Schiffswerft | ®
12 539 m’ fester Atommüll
3 000 m’ flüssiger Atommüill
4 Atom-U-Boote zur Instandsetzung/
Wartung
12 stillgelegte Atom-U-Boote mit
Nuklearbrennstoff an Bord
4 Reaktorblöcke von außer Dienst
gestellten Atom-U-Booten
Abbildung £: Der Nuklearmüll in den Einrichtungen der Nordmeerflotte!?
Bis heute wurden in der Karasee keine Hinweise festgestellt, dass es
zu einer signifikanten Freisetzung von Radioaktivität aus dem ver-
senkten Nuklearschrott gekommen ist. Allerdings wurden in unmittelbarer Nähe einiger versenkter Objekte erhöhte Radioaktivitätswer-
te in einigen Sedimentproben gefunden, die auf kleinere Leckagen
schließen lassen.!3
225
Entsorgung: Die kostspielige Lösung — Transport und Wiederaufarbeitung
Russland unterhält drei große Nuklearkomplexe, die sich alle südlich
der arktischen Region befinden: Mayak, Krasnoyarsk und Tomsk.
Mayak im 3000 Kilometer von der Kola-Halbinsel entfernten Tscheljabinsk im Ural wurde 1948 errichtet, um Plutonium (Pu-239) für
Nuklearwaffen zu produzieren. Nach Mayak ging 1973 auch der erste
Transport Nuklearmüll der Nordmeerflotte zur Wiederaufarbeitung.
Aus Furcht, in Zukunft mit einer Uranknappheit rechnen zu müssen,
war es Politik der damaligen Sowjetunion, möglichst den gesamten
verbrauchten Brennstoff wieder aufzubereiten und erneut einzusetzen. Das scheiterte im Falle der Nordmeerflotte jedoch daran, dass
Andreeva Bay und Gremikha, die Hauptlagerstätten für verbrauchte
Brennelemente, nicht an das Eisenbahnnetz angebunden wurden und
es auch bis heute nicht sind. Ferner fehlte es an geeigneten Containern für den Transport des verbrauchten Nuklearbrennstoffs. Und
Wiederaufarbeitung ist teuer. Immer wieder fehlten der Nordmeerflotte die Mittel für den immerhin 3000 Kilometer weiten Transport
von der Kola-Halbinsel bis nach Mayak und den anschließenden
Wiederaufarbeitungsprozess.
Die Nukleartechnik und der Bau von Kernwaffen im Ural blieben
nicht ohne Folgen für die Umwelt. Immer wieder wurde die Region
von nuklearen Zwischenfällen, Hochwassern oder Dammbrüchen
von Abwasserseen heimgesucht und die Umgebung radioaktiv kontaminiert. Über das Flusssystem gelangten und gelingen auch heute
noch Radionuklide in Ob und Yenisey, die beide in die Karasee münden.
Weitere Gründe radioaktiver Kontamination:
Nukleartests, Tschernobyl und Wiederaufbereitungsanlagen
Die oberirdischen Kernwaffentests der Nuklearmächte verursachten
die größte nukleare Verseuchung globalen Ausmaßes. Zwischen 1955
und 1966 wurden etwa 520 Bombentests vorgenommen. Bis 1962
führte die ehemalige Sowjetunion auf Nowaja Semlja 87 oberirdische
Kernwaffenversuche durch, die 1963 mit Unterzeichnung des Vertra-
ges über einen begrenzten Teststopp (Partial Test Ban Treaty), der
Kernwaffenversuche
im Weltraum,
in der Atmosphäre
und
unter
Wasser verbietet, beendet wurden. Der globale atmosphärische Eintrag an Radioaktivität durch diese Testreihen, der so genannte ‚Fall226
out, stellt die größte Quelle für anthropogen erzeugte Radioaktivität
dar.!# Neben dem atmosphärischen Fallout trugen Abschwemmungen von den Landmassen und durch den Wassermassentransport aus
geografischen Breiten mit höheren Konzentrationen zur Belastung
der Arktischen Region bei.
Durch die Tschernobyl-Katastrophe am 26. April 1986 wurden
große Mengen Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt, die aufgrund der vorherrschenden Windverhältnisse auch den südlichen Bereich der Kola-Halbinsel und die Region um den Mündungsbereich
des Ob erreichten. Insgesamt wurden nördlich des Polarkreises jedoch
keine signifikanten Belastungen festgestellt, die etwa über den Werten
des globalen Fallouts lagen. Allerdings wurden Anteile aus der stärker
belasteten Nord- und Ostsee mit dem Atlantischen Küstenstrom bis
in Arktische Gewässer transportiert.
Die radioaktiven Freisetzungen aus den britischen Wiederaufberei-
tungsanlagen in Sellafield und Dounreay und der französischen Anlage bei La Hague, die heute gut dokumentiert sind, stellen eine andere
bedeutende Quelle für radioaktive Kontamination in den Arktischen
Gewässern dar. Bei der Wiederaufbereitung verbrauchten Kernbrennstoffs entsteht eine große Menge Abwasser, das verschiedene Radio-
nuklide enthält. Bereits seit 1952 wird in Europa ein Teil dieser Ab-
wässer in die Nordsee und in die Irische See eingeleitet. Die aus dem
Ärmelkanal oder aus der Irischen See um die Nordspitze Schottlands
herum in die Nordsee gelangten Radionuklide werden anschließend
mit dem Norwegischen Küstenstrom und Teilen des Nordatlantischen Stromes in die Arktischen Gewässer transportiert. Die Ausbreitung in die Barentssee und in die Karasee ist eindeutig über die Aktivitätsverhältnisse der verschiedenen Radionuklide nachweisbar. Auf
Grund der Höhe seiner Einleitungen ist Sellafield die Haupteintragsquelle für die radioaktive Belastung der nordeuropäischen Meere.
Eine weitere Quelle und Gefahr für die radioaktive Verseuchung
der Arktischen Region ist auch der massive Einsatz von Atomkraft für
zivile Zwecke. Das Atomkraftwerk Poljarny auf der Kola-Halbinsel
wurde von der Internationalen Atomenergie-Organisation (LAEO) als
„gefährlich“ eingestuft.!5 Das Kraftwerk verfügt über kein Containment. Allgemein nicht bekannt ist auch, dass die UdSSR zwischen
1969 und 1988 zwanzig Atomsprengköpfe beim Bau von öffentli-
chen Infrastruktureinrichtungen und in Bergwerken einsetzte. Die
meisten dieser Aktivitäten finden in den amtlichen Meldungen keine
227
Erwähnung, und über die radioaktive Verseuchung dieser Gebiete ist
nichts oder nur wenig bekannt.1°
Umweltradioaktivität und Proliferationsgefahren
So spektakulär U-Boot-Unfälle auch sein mögen, an der schleichenden radioaktiven Verseuchung der Arktischen Region hatten sie bisher nur einen geringen Anteil. Als nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion Anfang der 90er Jahre bekannt wurde, dass große Mengen an radioaktiven Abfällen in die Kara- und Barentssee verklappt
worden waren, war die Befürchtung groß, dass diese Meeresgebiete
radioaktiv verseucht sind. Um den aktuellen und zukünftig zu erwar-
tenden Grad der radioaktiven Verschmutzung in der Arktischen Region zu ermitteln, begannen Mitte der 0er Jahre im Auftrag der
Internationalen Atomenergiebehörde
(IAEA), der NATO
tee on the Challenges of a Modern Society
(Commit-
-—CCMS), der Arktik-
anrainerstaaten mit ihrem Arctic Monitoring and Assessment Program-
me (AMAP) sowie im Rahmen von bilateralen Absprachen zur Zusammenarbeit zwischen Russland und Norwegen internationale Arbeitsgruppen damit, in der Arktischen Region Messprogramme
durchzuführen. Von deutscher Seite beteiligten sich daran das Bun-
desamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Zusammenarbeit mit dem
Institut für Meereskunde,
Hamburg,
und
das For-
schungszentrum für Marine Geowissenschaften (GEOMAR), Kiel.
Ziel dieser Programme war es u.a. zu klären, ob außer für die Ba-
rents- und Karasee überregionale Folgen etwa durch Eisdrift und die
Verdriftung radioaktiver Substanzen mit Meeresströmungen für das
Europäische Nordmeer und den angrenzenden Atlantischen Ozean zu
erwarten waren. Immerhin wird in diesen Meeren ein Großteil des in
Europa angelandeten Fischs gefangen.
Die experimentellen
Untersuchungen
bisheriger
internationaler
Programme zeigen, dass ein Großteil der nachweisbaren künstlichen
Radionuklide aus den oberirdischen Atomwaffentests der 50er und
60er Jahre, dem Tschernobyl-Unfall und durch Einleitung radioaktiver Abwässer in die Nordsee und in die Irische See aus den europäischen Wiederaufbereitungsanlagen stammt. Messungen von Cäsium137 in der Karasee zeigten, dass ca. 40 Prozent vom Fallout der Nuk-
leartests stammen und ca. 55 Prozent aus der Irischen See von Sella-
field. Man findet hohe Dosen (bis 20 Becquerel/kg) von Cäsium-137
228
in Fischen in der Ostsee und der Irischen See, während die Dosen in
der Barentssee und im Nordatlantik geringer sind (2 Becquerel/kg).
Es gibt einige Gründe, warum
der nukleare Brennstoff, das hoch-
angereicherte Uran (HEU), für die Atom-U-Boote ein hohes Weiter-
verbreitungsrisiko darstellt.
Die größte Gefahr besteht darin, dass der Nuklearbrennstoff HEU
aus U-Boot-Reaktoren oder Zwischenlagern gestohlen wird. Der hohe Sozialdruck, dem die Angehörigen der Nordmeerflotte ausgesetzt
sind, kann dazu verleiten, dass Material gestohlen und außer Landes
geschafft wird. Eine Reihe von bekannt gewordenen Zwischenfällen
belegt dies. Im Juli 1993 wurden eine Wache und ein Matrose verhaftet, weil sie 1,8 kg HEU entwendet hatten. Im November 1993 gelang es zwei Marineoffizieren, 4,5 kg HEU aus drei Brennstoffstäben
abzuzweigen.
Eine signifikante Proliferationsgefahr ist auch durch den schlechten
bautechnischen Zustand der Lagerkapazitäten für Nuklearbrennstoff
gegeben. Überquellende Lagerstätten in Zapadnaya
Litsa und Gre-
mikha oder Serviceschiffe mit unzureichenden physikalischen Schutzvorkehrungen bieten Gelegenheiten, spaltbares Material abzuzweigen.
Neben der unzureichenden Sicherheitsüberwachung gibt es auch
Ungenauigkeiten bei der Feststellung der Inventarien des Nuklearmaterials. Anfang 1998 gab die russische Behörde für Nuklear- und
Strahlungssicherheit, Gostatomnadzor, einen Report heraus, in dem
in neun Fällen Abweichungen auftraten zwischen Beständen der nuklearen Eisbrecherflotte und denen der Nordmeerflotte.
Diese Vorgänge sind beunruhigend und zeugen von einem Mangel
an Schutzvorkehrungen, Materialkontrolle und Ermittlung der nuk-
learen Inventarien. Solange diese aber nicht genau bekannt sind,
können mögliche Abzweigungen noch schlechter festgestellt werden.
Schwach radioaktives Material und die Brennelemente selbst
verbleiben an Bord der im Hafen liegenden U-Boote, da das Material
ständig gekühlt werden muss. Der schwach bestrahlte Brennstoff an
Bord von ausgemusterten U-Booten, die noch nicht ihr Betriebsende
erreicht haben, enthält große Mengen von dem Atombombenstoff
HEU. Die Trennung von HEU aus dem schwach bestrahlten Brennelement ist einfacher als die chemische Abtrennung von Plutonium.
Auch sind die Brennelemente eines U-Boot-Reaktors kompakter und
einfacher zu handhaben als die Brennelemente eines Leistungsreaktors. Ein einfacher nuklearer Sprengsatz aus HEU
ist einfacher zu229
sammenzubauen als eine Plutoniumbombe. Kein Abrüstungsvertrag
regelt bisher vertraglich die genaue Meldung, Lagerhaltung und Vernichtung der großen Menge von HEU, über die Russland heute verDie einzige Hoffnung ist, dass aufgrund der strengen Sicherheitsvorkehrungen und der unwirtlichen Lebensumstände in der Arktischen Region der Diebstahl von HEU sehr erschwert wird.
Nationale und internationale Maßnahmen: Was wird getan?
Seit Anfang der 90er Jahre hat es eine Reihe von nationalen und in-
ternationalen Projekten gegeben, um auf der Kola-Halbinsel und in
der Barentssee-Region weitere Umweltschäden zu verhindern bzw.
solchen vorzubeugen.
Die USA gewähren technische und finanzielle Hilfe im Rahmen
ihres Cooperative Threat Reduction Programme (CTR), das zur Ver-
meidung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer
Technologie aus der ehemaligen Sowjetunion initiiert wurde und den
Auftrag hat, Beistand bei der Eliminierung von 564 Abschussbasen
von seegestützten ballistischen Raketen (SSBNs: submarine-launched
ballistic missiles) und der Demontage von 31 SSBNs zu leisten.
Programm stellt zahlreiche Ausrüstungsgegenstände wie Kräne,
belschneidemaschinen usw. zur Verfügung. Seit 1996 wird auch
sucht, neben der Technologie einzelne Infrastruktureinrichtungen
Das
Kaverwie
die Schiffswerften direkt zu unterstützen.
mit
MINATOM
versucht man,
In Zusammenarbeit
Serviceschiffe und Serviceeinrichtungen
an Land nur zum Zweck der Bergung des Nuklearbrennstoffes einzurichten. Allein durch Lösung dieses Problems könnte der Demonta-
geprozess beschleunigt werden.
Die Japaner sind besorgt um das Japanische Meer, in das Nuklearmüll versenkt wurde. Japan bemüht sich um die Finanzierung einer
Wiederaufbereitungsanlage für flüssigen Nuklearmüll der Pazifikflotte
und hat zum Beispiel angeboten, ein Jahr lang die Betriebskosten in
Höhe von 3,4 Millionen Dollar für eine Anlage in Bolshoy Kamens
Zvezda Schiffswerft zu übernehmen. Da es Probleme mit den für den
Betrieb der Anlage erforderlichen russischen Zertifikaten gab, schei-
terte das Vorhaben. Ferner bemüht Japan sich um
e die Instandsetzung der Eisenbahnlinie von Bolshoy Kamen bis
zum Anschluss an die Transsibirische Eisenbahn,
230
e den Umbau
und
die Ausrüstung
eines Serviceschiffes,
das ver-
brauchte Brennelemente zu Einrichtungen in der Nähe von Wladiwostok bringen kann, wo es Eisenbahnanschluss gibt,
e die Demontage eines Atom-U-Bootes der Victor-Klasse in Bolshoy
Kamen.
In Norwegen, dessen Staatsgrenze nur 40 Kilometer von Andreeva
Bay entfernt verläuft, ist die Furcht vor radioaktiven Verseuchungen
besonders groß, zumal sich Befürchtungen, dass an vielen Stellen auf
der Kola-Halbinsel mit spaltbarem Material grob fahrlässig umgegangen wird, mit Bekanntgabe
norwegischen
des Berichts „The Northern
Umweltschutzorganisation
Bellona
Fleet“ der
bestätigt haben.
Aber Norwegen sorgt sich auch um die nukleare Verschmutzung der
Barentssee. Für Norwegens nördlichste Region, für die der Fischfang
eine wichtige Einnahmequelle darstellt, bedeutete es eine wirtschaftliche Katastrophe, wenn die reichen Fischgründe für Shrimps, Schell-
fisch, Hering und Rotbarsch in der Barentssee nuklear verseucht
würden. Um die Gefahr zu vermindern, legte das Außenministerium
in Oslo 1997 bereits zum dritten Mal einen Plan ofAction for Nuclear
Safety Issues vor, der sich mit Maßnahmen zur Sicherung russischer
Atomkraftwerke, zur Entsorgung, Lagerung und Wiederaufarbeitung
radioaktiven Mülls und verbrauchter Brennelemente sowie der Suche
nach sicheren Zwischenlagern für flüssige und feste radioaktive Abfälle befasst. In Kooperation mit der EU sollen Lösungen für das Problem des nuklear angetriebenen Eisbrechers „Lepse“ sowie das Abwra-
cken außer Dienst gestellter U-Boote gefunden werden. Des Weiteren
will die norwegische Regierung gesicherte Container für den Bahn-
transport zur Wiederaufbereitungsanlage nach Majak zur Verfügung
stellen, um die extrem risikoträchtige Zwischenlagerung in Andreeva
Bay zu beenden.
Leider zeigen die bisherigen Bemühungen nicht den erhofften Erfolg. Von russischer Seite gibt es kaum staatliche Sofortprogramme,
und die finanzielle Ausstattung der eigenen Umweltbehörden ist
kaum der Rede wert. Auf nationaler Ebene fördert das UN-Umwelt-
programm — vor allem im Internet (www.grida.no/soe/) — die Einrichtung von Umweltinformationssystemen, um die Bevölkerung zu
sensibilisieren und politische Entscheidungen voranzutreiben.
Die meisten praktischen Maßnahmen werden von der internationalen Staatengemeinschaft organisiert und finanziert. Allerdings be-
reitet deren Umsetzung häufig Schwierigkeiten, und Gelder ver231
schwinden oft in dunklen Kanälen. Die russischen Behörden zeigen
nicht sonderlich viel Informationsbereitschaft. Es fehlt an hinrei-
chend zuverlässigen Institutionen, die die Projektumsetzung vor Ort
fördern oder überwachen.
Nach wie vor besteht das Problem der militärischen Geheimhal-
tung, die unabhängigen Gremien immer wieder den Zugang zu den
Militärstürzpunkten verweigert. Nicht zuletzt auch davon hängt ab,
ob die USA und die EU bereit sind, mehr an finanziellen Mitteln
und technischer Unterstützung zu leisten. Solange nicht verifiziert
werden kann, dass westliche Gelder unter keinen Umständen zur Un-
terstützung der angeschlagenen Nordmeerflotte eingesetzt werden, ist
dies fraglich.
Fazit
Russlands Schwierigkeiten, die Verkleinerung und Abrüstung der riesigen U-Boot-Flotte aus der Ära des Kalten Krieges sicher und zügig
vorzunehmen, stellen eine Bedrohung nicht nur für Russland, sondern für die gesamte internationale Staatengemeinschaft und die globale Ökologie dar. Russland benötigt weiterhin internationale Unterstützung in Bezug auf Technologie, Materialien und Geld. Allerdings
müssen die Hilfsmaßnahmen besser koordiniert werden. Das Gelingen vieler Projekte hängt maßgeblich
davon
ab, ob unabhängigen
Experten in Zukunft der Zugang zu den Marinewerften und Stützpunkten gewährt wird.
Seit 1991 hat es zwar Fortschritte bei der Demontage der AtomU-Boot-Flotte gegeben, dennoch sind Russlands Probleme weiterhin
immens. Auch gegen die Gefahr der horizontalen Proliferation muss
Russland schärfere Sicherheitsvorkehrungen durchsetzen. Um Umweltgefahren einzudämmen, sollten strikte Umweltstandards und die
Verpflichtung für eine umweltgerechte Entsorgung in den Abrüs-
tungsverträgen explizit festgelegt werden.
Trotz der erheblichen Mengen radioaktiven Materials, die seit Ende der 50er Jahre in der Barents- und der Karasee versenkt wurden,
konnten bisher keine erhöhten radioaktiven Konzentrationen im
Wasser oder im Sediment gemessen werden. Dennoch besteht langfristig die Gefahr, dass radioaktive Substanzen aus den versenkten Behältern, Reaktorgehäusen oder Atom-U-Booten
entweichen und mit
Meeresströmungen oder Eisdrift über große Distanzen transportiert
292:
werden. In der direkten Umgebung der Versenkungsgebiete könnten
dann plötzlich sehr hohe Konzentrationen auftreten.
Der Schutz der ökologisch sensiblen Arktischen Region verlangt
mehr öffentliche Aufmerksamkeit und klarere politische Konzepte,
um dieser latenten Gefahr zu begegnen. Radionuklide machen nicht
vor den Hoheitsgrenzen Halt. Bei größeren Unfällen sind wir alle davon
betroffen, wie die traurige Erfahrung von Tschernobyl gezeigt
hat. Schon heute gibt es keinen Menschen unter 45 Jahren, in dessen
Knochenmark sich nicht Spuren des atmosphärischen Fallouts finden
ließen. Dennoch hat die radioaktive Verseuchung auch nach Einstellung der oberirdischen Kernwaffentests weltweit stetig zugenommen,
nicht zuletzt auch durch die zivile Nutzung der Kernenergie. Heute
ist es Normalität geworden, mit einer anthropogen erzeugten Hinter-
grundradioaktivität zu leben. Welche Folgen das für Mensch und
Umwelt hat, vermag aber niemand abschließend abzuschätzen. Der
Schutz der Umwelt und zukünftiger Generationen verlangt daher
weiterhin
energische Bemühungen,
die Zunahme
radioaktiver Ver-
schmutzungen einzudämmen und zu verhindern.
Anmerkungen
1 Viele nützliche Informationen finden sich in: Nilsen/Kudrik/Nikitin (im Folgenden
zitiert als Bellona-Report). Eine ausführliche Darstellung in Deutsch findet sich in:
Kronfeld-Goharani 1999.
2 Bellona-Report, Kapitel 8, www.bellona.no/e/russia/nfl/nfl8.htm, 1996.
3 Kudrik, I.: Strikers blocked nuclear submarine, in: Bellona, news, 27.02.1997, und
Kudrik, 1.: Kola shipyard workers: We will arrange another Chernobyl, in: Bellona,
news, 09.11.1997.
4 Spiegel Online,
Chronik:
Schwere
Unfälle
von
Atom-U-Booten,
14.08.2000;
Schrecken der Meere, in: Dossier Nr. 40, Die Zeit, 26.9.1991; Nilsen, T.: Sunken
nuclear powered submarines, in: Bellona , news, 15.8.2000.
5 Diakov, A./Korobov, V. K./Miasnikov,
E. V.: Nuclear Powered Submarine
Inacti-
vation and Disposal in the U.S. and Russia: A Comparative Analysis, in: Problems
of Material Science, Issue 2 (8), 1997, S. 37.
6 Die offiziellen Summen
durch MINATOM)
(20 Mio. Dollar für 199 und 30 Mio. Dollar für 2000
reichen sicher nicht aus. Siehe: Chuen, C./Jasinski, M.: Rus-
sia’s Blue Water Blues, in: Bulletin of the Atomic Scientists, January/February
2001, S. 56-70, hier S. 69.
7 Baklanov/Bergmann
1999, hier S. 172.
8 Bellona-Report, Kapitel 4, www.bellona.no/e/russia/nfl/nfl4.html, 1996.
9 Nach Angaben von Bellona verfügt die Nordmeerflotte über insgesamt 339 Reaktoren. Baklanov und Bergmann, a.a.O., geben ca. 296 Reaktoren an für zwei
Schlachtschiffe und insgesamt 154 Atom-U-Boote, wovon sie sowohl die in Betrieb
befindlichen als auch die außer Dienst gestellten Boote berücksichtigen. Ferner ge-
233
ben sie an, die Nordmeerflotte verfüge über acht nuklear angetriebene Eisbrecher,
und fünf Schiffe seien mit nuklearem Abfall beladen.
10 Official Documentation and Information from Norway (ODIN): The Norwegian
Ministry of Environment, Radioactive pollution in northern ocean areas,
http://odin.dep.no/html/english/publ.html.
11 Convention on the Prevention of Marine Pollution by Dumping of Wastes and Other
Material, London, 1972.
12 Nilsen/Kudrik/Nikitin 1996.
13 Nies, H., et al.: Transportmechanismen
radioaktiver Substanzen im Arktischen
Ozean. Numerische und experimentelle Studien am Beispiel der Barents- und
Karasee, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, Hamburg 1998, S. 30.
14 Die Herkunft radioaktiven Fallouts lässt sich durch ein bestimmtes Aktivitätsverhältnis der Radionuklide ermitteln. Für die atmosphärischen Atombombenversuche lässt sich das Verhältnis von Cäsium-137
zu Strontium-90
('”Cs/”Sr) bei-
spielsweise mit 1,5 angeben.
15 Die IAEO rechnet mit 25-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit einer kritischen Situation in den nächsten 20 Jahren.
16 Die ökologische Erblast der Planwirtschaft, in: die tageszeitung/WoZ, Dossier, Juli
2000.
Literaturhinweise
Baklanov, A./Bergmann, R.: Radioactive Sources in the Barents Euro-Arctic Region.
Are
there
reasons
to
be
concerned?,
in:
NEBI
Yearbook
1999,
Copenhagen:
Springer.
Boutwell, J.: Report of the Pugwash Meeting No. 254, The Status and Prospects of
Naval Nuclear Weapons and the Development of the Science-Industry Complex of
the Russian Northwest, 2000.
Diakov, A./Korobov, V. K./Miasnikov, E. V.: Nuclear Powered Submarine Inactivation
and Disposal in the U.S. and Russia:
A Comparative Analysis, in: Problems of Ma-
terial Science, Issue 2 (8), 1997.
Kiew-Memorandum:
Zehn
Lektionen
von
Tschernobyl,
in: JAHRBUCH
ÖKOLOGIE
1997282319225:
Kronfeld-Goharani,
U.: Ein Erbe des maritimen Wettrüstens:
Der Atommüll
Nordmeerflotte, SCHIFF-Texte Nr. 53, Kiel 1999.
Nilsen, T./Kudrik, 1./Nikitin, A.: The Russian Northern Fleet. Bellona-Report, 1996.
der
Michael Zschiesche
Vergessene Umweltgeschichte —
Störfälle, Havarien und Unfälle in der DDR!
Die Luft — ein Gasfeld
Es ist der Morgen des 28. März 1988, unweit von Halle an der Saale.
Im Untergrundspeicher zwischen den Orten Teutschenthal und Bad
Lauchstädt, einer Kaverne, wird ein Druckabfall registriert. Alle
Maßnahmen, den Druck wieder auf 60 at zu bringen, scheitern.
Nach erwa einer Stunde werden erste Gasaustritte registriert. Gegen
Mittag entschließt man
sich von Werksseite, Havariealarm auszulö-
sen. Gegen 15 Uhr tritt an etwa 20 Stellen Gas aus dem Boden aus.
Es entsteht ein Riss in der Erdoberfläche, der immer stärker wächst
und gegen 17 Uhr eine Länge von etwa 1 km hat und zwischen 1 cm
und 1 Meter breit ist. Die Bildung des Risses ist mit geysirähnlichen
Ausbrüchen
verbunden,
ein Gemisch
aus
Ethylen,
Schlamm
und
Wasser. Fontänen dieses Gemisches erreichen Höhen von bis zu 5
Metern. Es entsteht eine Gaswolke, die gegen 20 Uhr eine Ausdehnung von 4 km erreicht. Obgleich Ethylen nicht giftig ist, werden
etwa 100 Einwohner am Ortsrand von Teutschenthal sofort evakuiert. Der Grund: Die Gaswolke ist hochexplosiv. Niemand weiß zu
diesem
Zeitpunkt, warum
das Gas austritt. Es herrscht hektisches
Treiben am Unglücksort. Die Familien werden über so genannte Agitatoren der SED betreut. Genaue Informationen sind Mangelware.
Weder Zeitdauer noch Notwendigkeit der Evakuierung werden den
betroffenen Familien mitgeteilt.
Doch, Glück im Unglück, so unerwartet wie das Ereignis eintrat,
verschwindet es auch wieder. Das Gas verflüchtigt sich aufgrund der
Witterungsverhältnisse am späten Abend. Gegen 22 Uhr liegt die
Konzentration erstmals unterhalb der Explosionsgrenze. Den Rest erledigt eine Fackel. Zwei Fernverkehrsstraßen und eine Eisenbahnverbindung werden in der Nacht wieder freigegeben. Bei allen Beteilig-
ten beginnt ein Aufatmen. Es war nur ein Beinahe-Unglück. Später
235
steht im Bericht an das Zentralkomitee der SED, dass niemand zu
Schaden gekommen sei, auch wenn sich noch Tage später zahlreiche
Menschen mit Bindehautreizungen in ärztliche Behandlung hatten
begeben müssen.
Produktionseinschränkungen für die Verbraucher VEB Leuna
Werke „Walter Ulbricht“ und VEB Chemische Werke Buna sind hin-
gegen tatsächlich nicht zu verzeichnen. Ganz im Gegenteil, nach der
Havarie wird entschieden, die Kaverne, in der etwa 9 000 t Ethylen
lagern, leer zu machen. Ethylen wird als Grundstoff für die Produktion von Plastikwerkstoffen und chemischen Zwischenprodukten
verwendet. Buna und Leuna können pro Stunde nur 10 t abnehmen.
Es wird entschieden, das Gas in den Untergrundspeicher 7 umzuleiten. Hierbei treten dann erneut Probleme auf, noch Tage danach
tritt an etwa zehn Stellen Gas in Explosionskonzentration aus den
Untergrundspeichern aus. Unter der Bevölkerung im Katastrophengebiet herrscht nach dem Ereignis Angst, weil sie bis heute nur lückenhaft und portionsweise über das Geschehen aufgeklärt wurde.
Schon 1985 und 1986 hatte es ähnliche Ereignisse gegeben. Die restriktive Informationspolitik lässt Gerüchte entstehen. Die Menschen
der betroffenen Orte wissen, dass sie auf einem Pulverfass sitzen. Bislang jedoch gab es keine Havarie solchen Ausmaßes. Diesmal sind
auch die offiziellen Stellen ratlos. Noch Monate später ist die Ursache
der Beinahe-Katastrophe unklar. Im Anschluss daran wird festgehalten, dass eine tektonische Verschiebung bzw. ein Gebirgsabriss Ursache gewesen sei.
Andere Fälle
In Teutschenthal bei Halle hatten die Menschen und hatte auch die
Umwelt Glück. Leider gab es in der DDR viele Fälle, in denen dieses
Glück fehlte. Havarien in Produktionsanlagen,
Unglücke in der
Land- und Forstwirtschaft, Brände, Störfälle in Anlagen und nicht
wenige Katastrophen waren Begleiter der DDR — und mussten es
sein. Während die Umweltschäden nach 1989 allerorten in Ost-
deutschland sichtbar waren, in der Folge gründlich analysiert und
zum Teil erstaunlich schnell beseitigt wurden, trat die Aufarbeitung
von Einzelereignissen, die sehr viel persönliches Leid für die Betroffenen bedeuteten, in den Hintergrund. Sie wurden dadurch zum Teil
vergessen bzw. erst gar nicht bekannt.
236
Allein 1983 wurden in der DDR 1145 Brände, 331 Havarien und
67 Explosionen in Industriebetrieben gezählt. Dabei fanden 18 Men-
schen den Tod und 85 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Umweltschäden wurden in der DDR bis zuletzt von keiner Statistik erfasst,
wichtig war allenthalben nur die Frage nach dem entstandenen Produktionsausfall. Was sich aus den Archiven nur mühevoll rekonstruieren, zum Teil auch nur erahnen lässt, sind die unmittelbaren
Schäden für die Umwelt, die durch Havarien, Explosionen und Katastrophen vornehmlich in Industriebetrieben, aber auch in der
Landwirtschaft und im Verkehrswesen entstanden sind.
Die Bitterfelder Katastrophe
Eine für die DDR lange Zeit bestimmende Katastrophe ereignete sich
am 11.7.1968 im Chemiekombinat in Bitterfeld. Sie ist bis dahin neben dem Grubenunglück am 22. Februar 1960 im damaligen Steinkohlebergwerk „Karl-Marx“ in Zwickau, welches 123 Bergleute das
Leben kostete, sowie dem Eisenbahnunglück 1967 in Langenweddingen, als ein Tanklastzug in einen voll besetzten Zug raste, die
schwerste Katastrophe ihrer Art nach 1945 in der DDR. Ausgelöst
wurde sie während des Schichtwechsels in der PVC-Produktion des
Chemiekombinats Bitterfeld gegen 14 Uhr. In der Frühschicht wur-
den bei einem der zwölf Autoklaven, in denen der Produktionsprozess zum PVC innerhalb von 16 Stunden erfolgt, undichte Stellen
entdeckt. Dies stellt normalerweise kein Problem dar, da sowieso bei
Druckänderungen am Autoklaven das gasförmige Vinylchlorid immer einfach in den Raum abgelassen wird. So ist es auch am 11. Juli.
Noch vor Schichtwechsel gelingt es nicht, die Undichtheit am Manometerflansch am Autoklaven 7 zu beseitigen. Der Autoklave, in
dem bereits Vinylchlorid in großen Mengen eingeströmt ist, soll wieder vollständig entleert werden, um eine neue Dichtung im Manometerflansch einziehen zu können. Wie üblich wird das explosionshaltige Gas einfach in die Produktionshalle abgelassen, eine Verfahrens-
weise, die häufig bei den Arbeitern wegen der narkotischen Wirkung
des Vinylchlorid zu Bewusstseinsstörungen führt und gesundheitliche
Schädigungen erzeugt. Zwar wird durch Hupen der Austritt von Vinylchlorid signalisiert, so genannter „VC-Alarm“, an diesem Tag ist
die Konzentration
des Gases jedoch so hoch, dass die Katastrophe
nicht mehr aufzuhalten ist.
2ON.
Um 14.02 Uhr, die nächste Schicht konnte sich noch gar nicht auf
die Arbeit einstellen, erschüttert eine gewaltige Detonation das Produktionsgelände und ganz Bitterfeld. Noch in Muldenstein, einem
Ort etwa 6 km vom Explosionsort entfernt, zerbersten Fensterscheiben. Viele der 57 Arbeiter in der PVC-Produktionshalle sind sofort
tot. Über 200 Verletzte, viele davon schwer, müssen ärztlich versorgt
werden. Die Detonationswelle walzt große Teile des Betriebes nieder.
Aufgrund des weiterhin ausströmenden Vinylchlorid kann man drei
Tage lang nicht mit Schneidbrennern arbeiten, sondern muss sich
mühevoll mit Händen und einfachen Geräten an die Opfer herantasten.
Die Schäden, die bilanziert werden, sind enorm. 42 Menschen
mussten sterben. 80 Millionen Mark direkter Sachschaden entstand.
Das Werk wird in Bitterfeld nicht wieder aufgebaut, die Produktion
nach Schkopau zum Kombinat Buna verlagert.
Konsequenzen aus der Bitterfelder Katastrophe
Nach dem Ereignis in Bitterfeld werden überall in der DDR die Bestimmungen des Arbeits-, Gesundheits- und Brandschutzes wichtig
genommen. Regelrecht beschlusswütig zeigt sich die Partei der SED,
die in der Folge bis 1971 insgesamt 10 Beschlüsse und Verordnungen
erlässt. So unter anderem den
e Beschluss über die Erarbeitung von Grundsätzen zur Organisation
bei der Leitung der Bekämpfung von schweren Havarien vom
17.7.1968,
e Beschluss über die Grundsätze zur Gewährleistung der Sicherheit
und Ordnung
in den Staats- und Wirtschaftsorganen,
VVB,
volkseigenen Kombinaten und Betrieben vom 25.9.1968,
e Beschluss zur Gewährleistung des Arbeitsschutzes und der technischen Sicherheit bei Erzeugnissen, Maschinen
11231968;
und Anlagen vom
e Beschluss über Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung von
Ölhavarien vom 19.12.1969 und die
e Verordnung über die Verhütung und Bekämpfung von Katastrophen vom 13.1.1971.
Die Katastrophe in Bitterfeld 1968 markiert so einen mehrfach be-
merkenswerten Höhepunkt. Zum einen wird nun vielen Verantwortlichen der Regierung der DDR deutlich, dass sich die Maxime, der
238
Produktionsplan ist Gesetz, koste es, was es wolle, zuallererst gegen
die Menschen und gegen die Umwelt richtet. Es wird einigen Verantwortlichen auch bewusst, dass dies, verbunden mit dem technologischen Rückstand gegenüber dem Westen, Havarien und Katastrophen geradezu provozieren muss. Und es wird deutlich, dass neben
dem Arbeits-, Gesundheits- und Brandschutz auch für den Umweltschutz etwas getan werden muss.
Im Jahre 1970 wird das Landeskulturgesetz? von der Volkskammer
beschlossen. Allerdings ändert dies in den Folgejahren nach 1970
nichts an den Katastrophen, Havarien und Störfällen in unverändert
hoher Zahl an den zunehmend verschlissenen Produktionsanlagen.
Allein 1970 werden in der Volkswirtschaft der DDR 1584 Brände,
117 Explosionen und 728 Havarien verzeichnet. Der Sachschaden
wird auf 100 Millionen Mark beziffert.
Im Zusammenhang mit den Schadensfällen werden im Jahre 1970
31 Personen getötet und 161 erleiden zum Teil schwere Verletzungen.
Nur 5 Prozent der Vorfälle sind vorsätzlich begangene Delikte wie
Brandstiftungen oder Sabotage.
Alle anderen Fälle beruhen auf Fahrlässigkeit oder Missständen in
der Produktion selbst. Vor allem Gleichgültigkeit gegenüber den Produktionsanlagen macht die Staatssicherheit als häufige Ursache der
Ereignisse aus. Obgleich die IM-Netze immer weiter ausgebaut wer-
den und Anfang der 70er Jahre stolz berichtet wird, dass zuverlässige
IMs in allen relevanten Einrichtungen der DDR, die für Katastrophen- und Havarieschutz verantwortlich sind, arbeiten, geht die Zahl
der Ereignisse in den 70er Jahren nicht zurück.
Nach der Bitterfelder Katastrophe lassen sich bis 1971 unter anderem folgende Ereignisse bilanzieren:
e 19.12.1968: Großbrand von mit Benzol gefüllten Kesselwaggons
im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Cottbus, ein tödlich Verletzter,
e 25.4.1970: Explosion mit Brandfolge in der Polyacrylnitrilfabrik
Buna Schkopau, zwei Arbeiter mittelschwere Verletzungen, fünf
Personen wurden leicht verletzt; auf dieser Anlage wurden bis dahin bereits elf Brände und eine Explosion registriert,
e 21.3.1970: Staatsreservelager Nedewitz, 380 000 Liter Benzin laufen aus dem Kessel aus, das Benzin versickert im Erdreich,
e 15.4.1971:
Explosion der Öldruckvergasung
Leuna-Werke,
67
Verletzte.
239
Die letzten Jahre vor der Wende
Auch kurz vor dem ökonomischen Zusammenbruch der DDR 1989
liegt die Zahl der Ereignisse, die Katastrophencharakter tragen, weiterhin hoch. 1988 werden 3 899 Unfälle und Havarien an überwa-
chungspflichtigen Anlagen in der Volkswirtschaft der DDR registriert. Dabei finden 31 Menschen den Tod, 463 werden zum Teil
schwer verletzt. Der Produktionsausfall wird auf 262 Millionen Mark
beziffert. Umweltschutz wird zwar zunehmend in den Berichten der
Staatssicherheit erwähnt, aber noch immer kaum thematisiert. Typische Ereignisse aus den letzten beiden Jahren der DDR sind bis 1990
unter anderem:
° 11.7.1988: Kollision der Rangiereinheit mit einem auf dem Anschlussgleis zum Chemiehandel Potsdam abgestellten Waggon; auf
einer Fläche von 50 x 5 Metern gelangen etwa 7 000 Liter reine
Schwefelsäure ins Erdreich,
e 12.03.1989: Ein Waggon, beladen mit Heizöl, entgleist auf der
Strecke Rostock-Seehafen Kavelsdorf, 40 000 Liter Heizöl strömen
ins Erdreich, geschätzter Sachschaden 1,2 Millionen Mark,
e 14.01.1989: Explosion in der Blockgießerei des Chemiekombinats
Bitterfeld, ein tödlich verletzter Strafgefangener, zwei Leichtverletz-
te, 5 Millionen Mark Sachschaden,
e 30.5.1989: Wasserschadstoffhavarie im VEB Mansfeld-Kombinat
in Eisleben, ca. 30 m3 Heizöl sind in benachbarte Flüsse und
Vorfluter des Einzugsbereichs Süßer See gelangt.
Zynischer Umgang mit Katastrophen
Am 9.08.1988 kommt es gegen 18.45 Uhr zu einem Großbrand in
einer Lagerhalle für Rohstoffe zur Herstellung von Pflanzenschutzmitteln des Betriebsteils Hermania in Schönebeck an der Elbe. Die
Lagerhalle ist zu dieser Zeit voll mit erwa 700 t Rohstoffen. So voll,
dass es keine begehbaren Zwischenräume zwischen den Rohstoffsta-
peln mehr gibt. Der 9. August ist ein heißer Tag. Noch am Abend
sinkt die Quecksilbersäule nur wenig unter 30 Grad Celsius. Zwei
Lagerarbeiter der Spätschicht entdecken auf einem der oberen Palet-
tenstapel Rauch, der wenig später zu einer offenen Flamme wird. Die
Feuerwehr kämpft vergebens gegen die Flammen, die Halle brennt
innerhalb kürzester Zeit völlig nieder. Das Feuer lässt eine riesige
schwarze Rauchwolke über dem Werk aufsteigen, sie driftet kurze
240
Zeit später auf das Stadtgebiet Schönebeck und die angrenzenden
Dörfer ab. Es entsteht starke Rauch- und Geruchsbelästigung. Angehörige der Feuerwehr und unbeteiligte Bürger müssen sich wegen
akuter Atemwegsprobleme ärztlich behandeln lassen. Die Volkspolizei
fordert über Lautsprecher dazu auf, die Fenster zu schließen und die
Wohnungen nicht zu verlassen. Es gelangen etwa 270 Kubikmeter
Löschwasser, verseucht mit einem Chemikalienbrei aus Lenacil, Pro-
ximpham und Prometryn, in die Elbe. Bei Proxipham handelt es sich
ein Gift der Klasse II nach DDR-Klassifizierung,
um
alle anderen
Chemikalien sind Wasserschadstoffe.
Eifrig bemühen sich die Verantwortlichen der DDR,
das Ereignis
herunterzuspielen. In den Berichten der Staatssicherheit ist die Rede
davon, dass die Schadstoffkonzentration in der Elbe noch unterhalb
der Gefährdungsbereiche liege. Die Bevölkerung habe man umfas-
send informiert. Auswirkungen würden allenfalls bei der Schädlingsbekämpfung zur Frühjahrsbestellung 1989 auftreten, da Schädlingsbekämpfungsmittel nun nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung stünden...
Anmerkungen
Die in diesem Artikel verwendeten Zahlen und Daten basieren auf Unterlagen des
Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen
DDR sowie auf Archivmaterial der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR.
2 Gesetz über die planmäßige Gestaltung der sozialistischen Landeskultur in der Deutver
schen Demokratischen Republik, Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik vom
14. Mai 1970, Teil I Nr.12, S.67.
Literaturhinweise
Heinisch, E.: Umweltbelastung in Ostdeutschland. Fallbeispiele Chlorierte Kohlenwasserstoffe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1992.
Pauke, H.: Umweltschutz in der DDR, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1997, S. 310-318.
Petsdow, U./Meyerhoff, J./Thomasberger, C.: Umweltreport DDR. Bilanz der Zerstörungen,
Kosten
der Sanierung,
Strategien
a. M.: Fischer Verlag 1990.
Pflugbeil, S.: Kernenergie in der DDR,
für den
ökologischen
Umbau,
Frankfurt
in: M. Zschiesche (Hg.): Alles wird besser,
nichts wird gut. Wege zur ökologischen Wende, Berlin: Aufbau TaschenbuchVerlag 1995, S. 13-36.
Zschiesche, M.: Umweltunglücke in der DDR. Dokumentation vergessener Ereignisse,
Berlin: Unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V. 2001.
241
V. EXEMPEL, ERFAHRUNGEN, ERMUTIGUNGEN
Klaus Wortmann/Werner Möhring-Hüser
Aus. Wirklich aus? — Die Stand-by-Kampagne der
Energiestiftung Schleswig-Holstein
Klimaschutz — wo anfangen?
Klimaschutz wird, wenn die Zeichen nicht trügen, in den nächsten
Jahren eher noch stärker als bisher schon zum Thema der Umwelt-,
aber auch der Wirtschaftspolitik werden. Jetzt zu handeln und alle
Möglichkeiten auszuschöpfen, um die sonst später drastischen Folgen
eines sorglosen Umgangs mit Energie zu vermeiden oder zumindest
abzuschwächen,
ist ein Gebot verantwortungsbewusster Politik. Da-
bei ist gerade das Stromsparen wegen der Umwandlungsverluste bei
der Erzeugung von Strom nach wie vor besonders wichtig, zumal an-
gesichts relativ niedriger Stromkosten für die Verbraucher aufgrund
der Liberalisierung des Strommarktes. Wenn es um eine ökologisch
verträgliche Stromwirtschaft geht, wird zwar viel über regenerative
Energien diskutiert und über grüne Stromangebote; Energieeinsparung und Energieeffizienz, häufig die einfachsten und billigsten Lö-
sungen beim Klimaschutz, fristen dagegen ein Schattendasein.
Hier setzt die Energiestiftung Schleswig-Holstein mit ihrer Stand-
by-Kampagne an: Ein klarer Fall von Geldverschwendung und Umweltverschmutzung wird angeprangert und Verbraucher, Händler und
Hersteller
werden
zum
umweltgerechten
Handeln
aufgefordert,
gleichzeitig aber dabei unterstützt. Es geht um die Problematik des
unnützen oder unnütz hohen Stromverbrauchs für Elektrogeräte im
Warte- oder sogar Aus-Zustand (= Stand-by-Verbrauch).
Nach einer Studie des Umweltbundesamtes (Rath et al., 1997) ist
dieser für immerhin
14 Mio. Tonnen CO, und damit rund 1,5 Pro-
zent des gesamten CO,-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich.
Dabei gibt es — typisch für das Energiesparen — einfache Maßnah242
men, die wenig kosten, kaum Mühe erfordern und noch dazu einen
positiven Effekt auf das eigene Portemonnaie und die Umwelt haben
(= typische Win-win-Situation). Viele Hersteller bieten auch Geräte
mit geringen Verbrauchswerten an, durch abschaltbare Steckerleisten
lassen sich ganze Geräteparks (z.B. Hi-Fi-Anlagen) vom Netz trennen
und fernbedienbare Vorschaltgeräte wie etwa „Powersafer“ reduzieren
den Verbrauch alter Geräte.
Auf 5 Milliarden DM selbst bei vorsichtiger Rechnung belaufen
sich die Kosten für die so genannten „Leerlaufverluste“: Strom, der
ohne Gegenleistung in Form eines Nutzens für die Kunden verbraucht wird. Besonders ärgerlich ist ein solcher Stromverbrauch
dann, wenn Geräte trotz (scheinbaren) Aus-Zustandes noch Strom
verbrauchen, wie es häufig bei elektronischen Geräten — z. B. Unter-
haltungselektronik oder PCs — der Fall ist. Kunden, die hierüber
nicht informiert sind, können nicht nachfragen. Händler und Hersteller verzichten in dieser Situation auf einfache technische Verbesserungen (z.B. elektronische Netzteile), da sie selbst bei geringen Mehrkosten einen Wettbewerbsnachteil befürchten (vgl. Rath et al., 1999).
In dieser Situation kommt den Konsumenten, die die Geräte kau-
fen und durch ihre Nachfrage einen Markt überhaupt erst bilden, eine geradezu strategische Bedeutung zu. Diesen Ansatzpunkt zu nutzen, ist das Hauptziel der seit Januar 2001 laufenden und (vorläufig)
bis Juni 2001 begrenzten Stand-by-Kampagne der Energiestiftung
Schleswig-Holstein.
Der Wirkungsansatz
Briefing. Um einen gewünschten Effekt im Markt, d.h. auch bei
Händlern und Herstellern, zu erreichen, erschien von vornherein eine
professionelle Kampagne, die mit Hilfe einer Werbeagentur durchgeführt wird, als Methode der Wahl. Ihre Unabhängigkeit und die (landes-)gesetzlich festgeschriebene Satzungsaufgabe des Klimaschutzes,
u. a. mittels Durchführung von Pilot- und Demonstrationsvorhaben,
ermöglichten der Energiestiftung Schleswig-Holstein die Umsetzung
dieses Pioniervorhabens. Über ein Briefing wurden ausgewählte Werbeagenturen in Schleswig-Holstein und Hamburg angesprochen, um
die Ziele der Kampagne, insbesondere die Sensibilisierung der breiten
Öffentlichkeit für sinnvolle, effiziente und sparsame Stromanwendung am Beispiel unnötigen Stand-by-Verbrauchs, umzusetzen.
243
Kommunikationsstrategie. Im Zentrum dieser Sensibilisierungskampagne (siehe Abbildung I) steht nicht das ökologische Ziel, sondern
ein Appell an die Autonomie und Eigenverantwortlichkeit der Konsumenten. Mit dem Slogan der Kampagne „Aus. Wirklich aus?“ soll
die scheinbare Selbstverständlichkeit „Wenn ich ein Gerät ausschalte,
verbraucht es keinen Strom mehr“ in Zweifel gezogen werden. Auf
humorvolle und attraktive Weise wird dabei gezeigt: „Viele Elektrogeräte verbrauchen auch dann noch eine Menge Strom, wenn Sie sie
ausgeschaltet haben“ (so lautet eine Formulierung in den Zeitungsanzeigen). Diese Botschaft wird mit Hilfe des Kampagnenslogans und
seiner auf Beziehungen und andere alltägliche Lebensbereiche bis hin
zum Haarausfall übertragenen Bedeutungen kommuniziert. Kosteneinsparungen (bis zu 250 DM für einen gut ausgestatteten Haushalt)
treten demgegenüber in den Hintergrund.
Internet /Broschüre
Fachhandel
POS-Materiai
Dialogmedien
Abbildung 1: Schema der Strategie der Stand-by-Kampagne
Kampagnenlogo/Empfehlungszeichen. Eine Kaufhilfe im Sinne eines
Empfehlungszeichens für gute Geräte am „point of sale“ ist für Nach244
frage-Effekte in den Läden unverzichtbar. Das „kleine e“ (s. Abb. 1)
mit der Umschrift „kleiner Stand-by-Verbrauch“ war zunächst aus der
Not geboren, da kein von Handel und Herstellern weithin akzeptier-
tes Zeichen vorlag. Gleichzeitig popularisiert es kleinen Energieverbrauch und es weist, da abgeleitet aus dem Logo der Energiestif-
tung, auf den Absender und seine generelle Aufgabe hin. Empfohlen
werden solche Geräte, die die europaweit festgelegten Anforderungen
der GEA (siehe wwu.gealabel.org oder www.energielabel.de) erfüllen.
Auch durch Übernahme und Weiterentwicklung einer Gerätedatenbank der Gemeinschaft Energielabel Deutschland (GED) baut die
Kampagne auf vorhandene Informationen und Vorarbeiten auf.
Kernzielgruppe. Als Kernzielgruppe der Kampagne wurden diejenigen
Konsumenten bestimmt, die auf Individualität und Selbstbestimmung Wert legen und sich nicht ohne weiteres Strom „klauen“ lassen.
Dazu gehören insbesondere junge, nach vorliegenden Lebensstilun-
tersuchungen dem Thema Energiesparen eher fern stehende Menschen zwischen 16 und 40 - ohne dass freilich Ältere und traditionel-
le Energiesparer abgeschreckt werden sollen. Um bei dieser Zielgruppe zu „landen“, muss die Werbung unterhaltsam sein und zumindest
die Chance haben, „Kult“ zu werden. Die Botschaft des Stromsparens
kann, auf diese Weise modernisiert — es geht um modernste Kommu-
nikations- und Unterhaltungselektronik —, am ehesten gehört und
verstanden werden.
Einbindung von Händlern und Herstellern. Obwohl die Kampagne die
Verbraucher im Zentrum
sieht, gehört zum
Gesamtansatz
auch ein
eigens entwickeltes „Händlerkonzept“, das gezielt die Elektrohändler
in Schleswig-Holstein umwirbt und ihnen mit Kampagnenmaterialien Beratungs- und Verkaufshilfen an die Hand gibt. Ebenso wurden
auch die Hersteller zur Kooperation eingeladen, da viele von ihnen in
den meisten Geräteklassen Geräte mit sehr geringem Stand-byVerbrauch anbieten. Im Rahmen der Händlerbetreuung konnten alle
schleswig-holsteinischen Elektrohändler ein Infopaket anfordern. Es
enthielt die eigens entwickelte Broschüre „Auszeit“ mit den wichtigsten Informationen zum Thema, Material zur Präsentation der Bro-
schüre im Laden, Plakate sowie kleine Pappaufsteller mit dem „kleinen e“, um empfehlenswerte Geräte im Sortiment herauszustellen.
Der Mix an werblichen Mafsnahmen. Die Werbemaßnahmen
umfas-
sen im Einzelnen:
245
e Kinowerbung (es wurde eigens ein attraktiver Kinospot für die
Kampagne gedreht),
e Radiospots: Zwei verschiedene Spots werden im Verlauf der Kampagne über die drei wichtigsten Privatsender in Schleswig-Holstein
verbreitet,
e Anzeigen in Tageszeitungen, die mit wechselnden Motiven die
„Aus. Wirklich aus?“-Situation im Wochenabstand immer wieder
verdeutlichen,
e eine Internetpräsenz unter www.wirklich-aus.de, die selbst modern
und unterhaltsam ist und außerdem eine ausführliche Datenbank
für Kunden, Händler und Hersteller enthält,
e „das kleine e“ als Kampagnenlogo und gleichzeitig Empfehlungszeichen für energieeffiziente Geräte,
eine PR-Konzeption,
die eine positive Einstellung zur Kampagne
auf allen Seiten zusätzlich fördert und - z. B. über Gewinn- oder
Verlosungsaktionen — Möglichkeiten für Hersteller bietet, sich
durch Sponsoring an der Kampagne zu beteiligen.
Durch diverse Dialogmedien (Zeitung, Internet, Beratungssituation beim Händler) bleibt die Kampagne nicht bei einer bloßen
Massenkommunikation stehen, sondern ermöglicht Rückmeldungen
von den Adressaten.
Evaluation. Aufgrund des Pilotcharakters der Aktion wurde von
vornherein auf die Dokumentation und Auswertung der Erfahrungen
im Verlauf der Kampagne Wert gelegt. Noch in der Vorbereitungsphase fand bereits ein fachlicher Kontakt mit der Deutschen Bundes-
stiftung Umwelt, die auf nationaler Ebene eine Stand-by-Initiative
vorbereitet, statt. Aus dieser Kooperation ging die Verabredung einer
Werbewirkungskontrolle durch ein Meinungsforschungsinstitut mit
einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung vor und während der
Kampagne sowie einer Elektrohändlerbefragung in zwei Bundeslän-
dern hervor. Dadurch wurde der Status des Projektes als Pilotvorhaben für eine bundesweite Ausdehnung untermauert. Daneben wurden und werden die direkten und indirekten Reaktionen auf die
Werbung und Medienberichte sowie die Internet-Klick-Raten gesammelt und ausgewertet.
Erste Ergebnisse. Da die Kampagne bei der Erarbeitung dieses Artikels
noch läuft, können hier nur erste Ergebnisse präsentiert werden. Sie
deuten jedoch darauf hin, dass der beabsichtigte Erfolg bereits einge246
treten ist. Im Zuge der Kampagne selbst zeigten zahlreiche positive
Reaktionen von KonsumentlInnen, die sich direkt an die Energiestiftung wandten, als auch eine sehr positive Resonanz in der schleswigholsteinischen Presse, die durch eigene, ausführliche Berichterstat-
tung dem Thema eine große Aufmerksamkeit zuwandte, den beabsichtigten Erfolg. Für die Presseaktionen konnten auch einzelne Her-
steller und Sponsoren hochwertiger Geräte (mit geringem Stand-byVerbrauch) gewonnen werden. Immerhin 400 von 700 einschlägigen
Händlern in Schleswig-Holstein forderten die Händler-Infopakete
an. In einem eigens anberaumten Händlerevent wurde diese Zielgruppe auch bereits vor Start der Kampagne besonders umworben,
was sich auszahlte. Die Auswertung der Nutzung der Kampagnenseite
im Internet zeigt, dass als Reaktion auf die wöchentlichen Anzeigen
sowie die umfangreiche Zeitungs- und Fernsehberichterstattung jeweils deutliche Anstiege zu verzeichnen sind und dass die „Grundra-
te“ täglicher Besuche auf der Internetsite sukzessive auf mittlerweile
zweihundert Web-Besucher pro Tag gestiegen ist.
Genaue Hinweise auf den Grad der erreichten Sensibilisierung und
die Effekte bis hin zum Elektrohandel wird allerdings erst die Auswertung der Befragungsergebnisse liefern. Dass die nicht unerhebli-
chen Kosten einer solchen Kampagne selbst bei dem scheinbar so unbedeutenden Thema Stand-by durch den Nutzen mehr als aufgewogen werden, verdeutlicht folgendes Rechenbeispiel: Würden nur
10 Prozent aller Potenziale in Schleswig-Holstein tatsächlich als Konsequenz der Kampagne ausgeschöpft, betrügen die Kosten pro „eingesparter“ kWh ca. 3 Pfennig, ein Wert unterhalb der Erzeugungskos-
ten für Energie.
Diskussion
Die Ergebnisse bisher bestätigen den Ansatz der Energiestiftung, die
sich nach dem (britischen bzw. dänischen) Modell eines EnergiesparTrusts verhält (vgl. Wortmann/Menges 2000). Ein solcher Trust versteht sich als „Energieeffizienz-Unternehmen“, das seine Mittel mög-
lichst professionell und kosten-nutzen-orientiert für die Senkung des
Energieverbrauchs einsetzt. Sie folgt dabei einem push-and-pullAnsatz. Exemplarisch dafür ist die beschriebene Kampagne: Zwar
stehen die EndkonsumentInnen im Mittelpunkt. Doch die Tatsache
der Kampagne selbst wurde auch auf der Anbieterseite für Koopera247
tionsgespräche, z.B. mit dem Fachhandel und mit Herstellern genutzt, um sie für die Unterstützung der Kampagne zu gewinnen
(auch für sie könnte eine solche Unterstützung sich durchaus auszah-
len). Innerhalb dieses Ansatzes wird also möglichst professionell und
mit marktwirtschaftlichen Mitteln der Markt von der Nachfrageseite
aus beeinflusst und so zu sinnvollem Stromeinsatz animiert.
Die marktwirtschaftlich orientierte Vorgehensweise erleichtert nach
den bisherigen Erfahrungen die Aufnahme von kooperativen Kontakten in alle Richtungen. Immer mehr Produkte aus dem ökologischen
Bereich haben neben ökologischen auch direkt auf weiteren Nutzendimensionen
(auch bei den Kosten) individuelle Vorteile, die sich
durch modernes Marketing, ähnlich wie andere Produkte auch, ver-
markten lassen und nicht unbedingt auf ein besonderes ÖkoMarketing (moralisches Verhalten im Vordergrund, nur was teuer ist,
ist gut) angewiesen sind. Es braucht in dem gerade angesichts der Liberalisierung unübersichtlicher werdenden Marktgeschehen auch vertrauenswürdige
Leitplanken jenseits des gesetzlichen Bereiches,
die
durch Empfehlungszeichen wie das „kleine e“ geschaffen werden
können. Von daher denkt die Energiestiftung auch daran, dieses
Markenzeichen auszubauen, als Zeichen für geringen Energieverbrauch generell. Die bisher positive Reaktion gerade in den Medien (bis hin in den überregionalen Bereich) zeigt, dass ein Ansatz
beim persönlichen Nutzen, der im Bereich Energieeffizienz und
Energieeinsparung häufig gegeben ist, erfolgreich sein kann.
Natürlich
hat ein solcher Kampagnenansatz
auch Grenzen.
Es
kann nur ein Anstoß gegeben werden, und die Sicherheit, mit der die
Verbraucher in den Läden nachher die „richtigen“, d.h. empfohlene
Geräte kaufen oder auch ihr Verhalten entsprechend ändern (durch
Nutzung von Steckerleisten oder Powersafern oder einfach häufigeres
Ausschalten) ist sicher nicht garantiert. Grundfragen wie die scheinbar grenzenlosen Ansprüche an materiellen Wohlstand und die persönliche Definition der Lebensqualität werden dabei nicht angesprochen. Hier könnte jedoch social marketing (mit der Idee statt des Pro-
dukts im Vordergrund) Anstöße geben. Zum anderen sind dies Fragen grundlegender
Kampagnen
und
sehr persönlicher Art, die weniger
durch
als vielmehr im (lebenslangen) Erziehungs- und Ent-
wicklungsprozess zu klären sind.
Eine Kampagne allein kann also nicht alle Klimaschutzprobleme
lösen. Dabei ist sie, und das sollte hier gezeigt werden, ein notwendi248
ger Bestandteil einer integrierten Umweltpolitik. Die Nutzung aller
wirksamen Bestandteile modernen Marketings für ein Ziel, das in der
Zielvorstellung „weniger ist mehr“ (nämlich Stromverbrauch) besteht, ist noch weitgehend Neuland.
Um die Effekte der Kampagne zu optimieren, sind natürlich weitere Maßnahmen auf politischer Ebene — erwähnt seien hier die Vergabe von Gütezeichen, freiwillige Vereinbarungen bis hin zu vorgeschriebenen Minimalstandards im Hinblick auf Energieeffizienz oder
steuerliche Anreize, um den CO,-Verbrauch zu reduzieren — möglich
und sinnvoll, teilweise auch bereits umgesetzt. Die beste Politik wird
in dem intelligenten Mix und in einem guten Timing der verschiedenen Maßnahmen sowie im Bezug dieser Maßnahmen aufeinander bestehen. Die Energiestiftung Schleswig-Holstein zeigt mit ihrer Akti-
on, dass es in der Umweltpolitik durchaus noch Reserven gibt in einem Bereich, der früher gerne mit dem Terminus „weiche Maßnah-
men“ gegenüber den scheinbar „harten Maßnahmen“ der Technik
disqualifiziert wurde.
Literaturhinweise
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Klimaschutz durch Minderung von Leerlaufverlusten bei Elektrogeräten - Instrumente. Umweltbundesamt, UBA-Texte 5/99, Berlin 1999.
Wortmann, K./Menges, R.: Der Energy Saving Trust als Förderinstrument für die Ener-
giewirtschaft im liberalisierten Markt, in: Zeitschrift für Energiewirtschaft, 24. Jg.,
1, 2000, S. 51-68.
Susanne Bergius
Per Vertrag zum Energiesparen —
Niederländer sind Vorreiter im Umweltschutz
Wo andere Länder Vorschriften erlassen, schließen niederländische
Regierungen Verträge. In vielen Bereichen dient das Vertragsinstrument so selbstverständlich als Lösung gesellschaftlicher Probleme,
dass niemand weiß, wie viele Verträge es mittlerweile insgesamt gibt.
Insbesondere beim Umweltschutz haben die Niederlande damit
viel erreicht. Die Regierung in Den Haag hat seit Mitte der 80er Jahre mehr als 100 Umweltschutzvereinbarungen geschlossen. Sie reichen vom Batterierecycling und Windmühlenbau bis zur Asbestverminderung in Bremsbelägen und der Verminderung des Verpackungsmülls. Vor allem die Bilanz der seit zehn Jahren bestehenden
so genannten Energie-Konvenanten mit der Industrie kann sich sehen lassen.
Von freiwilliger Selbstverpflichtung zu vertraglicher Verpflichtung
Die Praxis sieht so aus: Ein oder mehrere Ministerien verhandeln mit
der Wirtschaft Lösungen für ein Problem und räumen ihr die Möglichkeit ein, sich selbst auf strenge Ziele zu verpflichten. Wollen die
Betroffenen nicht mitziehen, droht ihnen der zuständige Minister mit
einem Gesetz oder mit schärferen Umweltauflagen. Das wirkt in aller
Regel. Die Ministerien schließen die Verträge gemeinsam mit einem
einzelnen Unternehmen,
einem Branchenverband,
Gemeinden
oder
gesellschaftlichen Organisationen; die Mitglieder von Verbänden un-
terzeichnen ihrerseits einen Vertrag mit dem Verband und verpflichten sich so ebenfalls rechtswirksam zu dessen Einhaltung.
Mitte der 90er Jahre noch hielten Juristen Gesetze für effektiver.
Die Kritik ist inzwischen aber verstummt, weil die Mehrjahresverträ-
ge nicht mehr rein freiwillige Selbstverpflichtungen sind wie in der
Startphase, sondern meist Verträge nach bürgerlichem Recht. In je-
dem Fall sind sie bindend.
250
Herausragende Bedeutung haben die 30 Energiesparverträge zwischen dem Wirtschaftsministerium und 1250 Unternehmen. Sie decken mehr als 90 Prozent des industriellen Energieverbrauchs ab.
(Hinzu kommen 12 Vereinbarungen mit anderen Sektoren.) Die Ver-
träge mit der Industrie sehen eine Effizienzverbesserung des Energieeinsatzes um durchschnittlich 20 Prozent bis zum Jahr 2000 gegenüber 1990 vor. Dieses Ziel wurde nach Angaben des Wirtschaftsministeriums bereits 1999 erreicht. Der Weg der Energiesparverträge
habe sich gelohnt, meint auch der größte Unternehmensdachverband
VNO-NCW. Der Elektronikriese Philips Electronics N.V. hat sein
Ziel mit 34 Prozent mehr als übererfüllt. Nur einige kleine Branchen
wie die Fleischverarbeitung und die Milchindustrie hinkten weit hinterher; sie machten aber nur etwa 5 Prozent des industriellen Energieverbrauchs aus. Ob sie die Ziellinie noch erreichen, wird erst Ende
2001 bekannt sein.
Energieeffizienz deutlich gesteigert,
COz-Ausstoß stabilisiert
Die niederländische Industrie hat laut VNO-NCW überdies den
CO,-Ausstoß weitgehend stabilisiert. Und das, obwohl das Land seit
sieben Jahren ein enormes Wirtschaftswachstum erlebt. Die Unter-
nehmen sind sehr zufrieden mit den Verträgen, weil sie ziel- und
nicht instrumentenorientiert sind. Sie ermöglichen den Betrieben
große Investitionsflexibilität und führen zu erheblichen Kosteneinsparungen. Können die Verträge Gesetze ersetzen? „Nein“, antwortet
der Unternehmensverband überraschenderweise. Gesetze seien ein
Mittel, das Recht umzusetzen. Ohne Gesetze würden keine Verträge
geschlossen — der „Stock hinter der Tür“ sei schon nötig.
Die Unternehmen müssen mit der Aufsichtsbehörde Novem detaillierte Investitionspläne erarbeiten. Diese berücksichtigen ihre individuelle ökonomische Situation und Entwicklung. Werden die Investitionspläne nicht eingehalten, könnten Richter die Unternehmen dazu
zwingen. Die Regierung geht aber anders vor: Falls eine Firma den
Vertrag ohne eigenes Verschulden wegen technischer oder wirtschaftlicher Probleme nicht einhalten kann, zeigt man Verständnis. Bei absichtlicher Missachtung der Verträge aber wird der Vertrag gekündigt,
und das Unternehmen wird über die Gemeinde mit verschärften
Umweltauflagen zu den nötigen Investitionen gezwungen. Das ist
mehrfach passiert.
251
Kritiker sagten vor Jahren, die energieintensiven Branchen hätten
schon aus Eigennutz die geforderten Energie sparenden Investitionen
getätigt. Die dem BUND vergleichbare Milieudefensie bemängelte
einst, die abgesteckten Ziele seien zu Lasten der Umwelt schwächer
ausgefallen und hätten eine geringere Innovationskraft stimuliert, als
dies bei gesetzlichen Vorgaben der Fall gewesen wäre. Beweisen ließ
sich beides nicht. Inzwischen erkennen Umweltorganisationen an:
Die Großverbraucher haben ihre Hausaufgaben gemacht.
Im Zusammenhang mit dem europäischen Konsens über die Aufteilung der Pflichten aus dem Kyoto-Protokoll müssen die Niederlande die CO,-Emissionen bis 2010 nur um 6 Prozent (und nicht
wie Deutschland um 25 Prozent) senken. Für ein Land, das schon
viel für die Energieeffizienz getan hat, sind weitere Verbesserungen
schwierig und kostenaufwendig. Deutschland hat von der Schließung
alter Fabriken im Osten profitiert und kann das ehrgeizige Ziel leichter erreichen. Der Abschluss vergleichbarer Verträge zur Steigerung
der Energieeffizienz oder zur Verringerung der Emissionen könnte
aber auch Deutschland sowie andere europäische Länder einen großen Schritt voranbringen.
Probleme bereitet der Verkehr
Trotz der unbestrittenen Erfolge der Energiesparverträge steht das
Land vor einem Problem: Durch den Wirtschaftsboom steigt der gesamte Energieverbrauch, 1999 erneut um etwa 2 Prozent (so das
Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt, RIVM). Der Anstieg
liegt zwar dank höherer Energieeffizienz unter dem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent, doch falls der Energieverbrauch weiter
steigt, wird es kaum möglich sein, die Kyoto-Verpflichtungen zu er-
füllen. Rechnerisch sanken die CO,-Emissionen nur deshalb um 2
Prozent, weil mehr Energie importiert wurde als zuvor. Die mit Im-
portenergie verbundenen Emissionen werden laut internationaler Absprache dem Exportland zugerechnet.
Hauptproblem ist der zunehmende Verkehr. Die CO,-Emissionen
des Straßenverkehrs stiegen von 1990 bis 2000 nach Angaben des
RIVM um 24 Prozent. Bei einem Wirtschaftswachstum von jährlich
3 Prozent müssten die Niederlande bis 2010 ihre Energieeffizienz um
40 bis 50 Prozent steigern, um das Kyoto-Ziel zu erreichen, rechnete
der Unternehmensverband VNO-NCW vor. Das sei kaum machbar.
292
Den Haag betritt international mehrfach Neuland
Umwelt- und Wirtschaftsministerium der Niederlande sehen das anders. Die Ministerien hätten getreu dem Motto „Zuckerbrot und
Peitsche“ verschiedene Instrumente, um den Energieverbrauch wirk-
sam zu senken sowie Entwicklung und Verwendung energieeffizienter
sowie umweltfreundlicher Techniken zu fördern. Dabei wartet Den
Haag nicht auf die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls, sondern will
selbst international Anstöße geben - und begann bereits mit einigen
Möglichkeiten, die im Protokoll vorgesehen sind.
Im Januar 2001 wurde die Ökosteuer auf fossile Energieträger zum
sechsten Mal seit 1994 erhöht — und soll auch in den kommenden
Jahren weiter steigen. Umweltfreundliche Energien werden gefördert,
sparsame Autos und schwefelarmer Kraftstoff steuerlich entlastet. Das
ist noch nichts Ungewöhnliches. Im Mai 2001 aber begann ein Pionierprojekt: Zur Kompensation unvermeidlicher CO,-Emissionen
aus dem Verkehr sollen Unternehmen,
Organisationen
und später
eventuell auch Privatleute „Waldzertifikate“ kaufen. Das heißt, sie
sollen in neuen anzulegenden Wald investieren, der mindestens 50
Jahre lang nachhaltig bewirtschaftet wird. Bäume binden Kohlenstoff
aus dem Kohlendioxid und wandeln ihn um in Holz. Der dem
ADAC vergleichbare holländische Automobilclub ANWB
und die
staatliche Forstbehörde haben Mitte Mai bereits solche Zertifikate
gekauft. Andere Branchen zeigten Interesse. Die Aufforstungskosten
tragen Investoren und der Staat je zu Hälfte. Den Haag finanziert
seinen Anteil aus der Ökosteuer.
Überdies hat die niederländische Regierung bereits im April 1999,
also vor Ablauf der Mehrjahres-Energieverträge, die Industrie mit ei-
nem so genannten Benchmarking-Konvenant stark in die Pflicht genommen. Bei diesem weltweit einzigartigen Vertrag geht es um Maßnahmen, die richtig Geld kosten: Die energieintensive Industrie muss
ihre Produktionsanlagen so schnell wie möglich, spätestens aber bis
2012 so modernisieren, dass sie hinsichtlich der Energieeffizienz dau-
erhaft Weltspitze ist. Jedes einzelne Unternehmen muss seine Spitzenposition nachweisen. Den Vorteil des Konvenant sehen beide Seiten darin, dass er anders als eine gesetzlich festgelegte CO,-Emission
marktkonform ist. Das verhindere Konkurrenznachteile sowie ein
Abwandern der Industrie in weniger strenge Staaten zu Lasten der
Umwelt, so lauten die Argumente.
253
Nicht zuletzt wollen die Niederlande mit ihrer energieintensiven
Wirtschaft die Hälfte der CO,-Reduzierung durch Emissionsrechtehandel und Investitionen in Drittländern erreichen. Auch hier hat
sich das Land als Vorreiter positioniert. Die Regierung will den Aufbau eines weltweiten Emissionshandels sowie die Preisbildung kräftig
stimulieren. Als erstes Industrieland kauften die Niederlande in gro-
ßem Umfang eine CO,-Emissionsverringerung: Wirtschaftsministerin Annemarie Jorritsma unterzeichnete im April 2001 die ersten fünf
Verträge, mit denen sie eine CO,-Minderung von 4,62 Megatonnen
erwarb. Der Preis betrug 35,3 Millionen Euro. Zwei niederländische
und ein amerikanisches Unternehmen werden zusammen mit lokalen
Partnern in Polen, Rumänien und Tschechien einen Windpark, zwei
Fernwärmeprojekte, Biomasse-Heizkessel und eine Kraft-WärmeZentrale erstellen. Die damit erreichte CO,-Minderung wird den
Niederlanden angerechnet. Die zweite Ausschreibung läuft im Winter
2001/2002 und steht ebenfalls ausländischen Investoren offen. Den
Haag hält es für möglich, auf diese Art schrittweise die Hälfte der
Kyoto-Verpflichtungen zu erfüllen und so die niederländischen CO,Emissionen um 25 Megatonnen zu senken.
Bereits im Februar 2001 signalisierte Den Haag, nicht auf den
weltweiten Emissionshandel zu warten. Umweltminister Jan Pronk
und die Wirtschaftsverbände vereinbarten, dass Unternehmen in den
Niederlanden ab 2003 mit Stickstoffoxidemissionen handeln dürfen.
Sie werden Emissionsrechte von Firmen erwerben können, die weniger Schadstoffe ausstoßen als vertraglich vorgegeben.
Literaturhinweise
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Kwartaalbericht
Milieustatistieken, Voorburg/Heerlen: CBS, 1999 (Luftverschmutzung — Emissionen 1990-1998, Quartalsbericht Umweltstatistik des CBS).
Jann Carstensen
10 Jahre „Föhrer Dosenschwur“ —
Ein Erfahrungsbericht
Die Urlaubsinsel Föhr
Die Insel Föhr liegt mitten im „Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“ und ist vor den Naturgewalten der Nordsee
durch die vorgelagerten Inseln Amrum und Sylt weitgehend geschützt. An der Südküste finden sich ausgedehnte Sandstrände, wo-
hingegen der übrige Teil der Insel durch hohe Seedeiche gegen
Hochwasser gesichert ist. Auf 82 qkm Fläche leben rund 8 700 Einwohner, davon in der Stadt Wyk auf Föhr als „Unterzentrum“ und
zentraler Eingangshafen für die gesamte Insel ca. 4 400. An Verwal-
tungseinheiten gibt es zum einen die Stadt Wyk auf Föhr mit einem
hauptamtlichen Bürgermeister und elf weitere selbststständige Gemeinden mit jeweils einem ehrenamtlichen Bürgermeister, welche im
„Amt Föhr-Land“ mit wiederum einem ehrenamtlichen Amtsvorsteher zusammengeschlossen sind.
Die Insel Föhr lebt wirtschaftlich ganz wesentlich vom Tourismus.
So wurden im Jahr 1999 mehr als 1,9 Millionen Gäste-Übernachtungen gezählt, in den Hauptsaisonzeiten machen bis zu 30.000 Gäs-
te (an einem Tag) Urlaub auf Föhr. Es ist daher leicht vorstellbar, dass
in den Jahren, als der Tourismus boomte, einerseits die Entwicklung
der materiellen Infrastruktur kaum mithalten konnte, andererseits ein
hoher Druck auf dem eigentlichen touristischen Potenzial, der unver-
brauchten Natur und Landschaft, lastete.
Anfang der 90er Jahre begann man sich deshalb auf nahezu allen
Ebenen um den Umwelt- und Naturschutz zu bemühen, was letztlich
zum Image der „Grünen Insel Föhr“ führte. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang,
dass bereits 1989 ein gemeinde-
übergreifendes Bürgerforum (Föhrer Forum) nach dem Muster der
heutigen AGENDA 21 entstanden war und der „Föhrer Dosenschwur“
zustande kam.
255
Anspruch ...
„Wo stehen denn die Cola-Dosen?“ ist eine in den Geschäften der In-
sel Föhr häufig wiederkehrende Frage an das Verkaufspersonal. Die
Frage wird jedesmal mit nun schon über zehn Jahre anhaltender Geduld und Höflichkeit unter Hinweis auf den „Föhrer Dosenschwur“
beantwortet — und verneint. Erstaunt über diese dosenfreie Kultur
und darüber, dass die Föhringer Inselfriesen trotzdem noch nicht ver-
durstet sind, reagieren die Fragenden fast immer mit einem anerkennenden: „Das find ich gut.“ Diese Anerkennung ist auch mehr als ge-
rechtfertigt, denn eine vergleichbare Aktion gibt es bisher in Deutschland — und wahrscheinlich sogar weltweit - nicht.
Der Historische Ausgangspunkt des „Föhrer Dosenschwurs“ war
ein Beschluss des „Umweltforums Einzelhandel“ des Kreises Nordfriesland vom 23.03.1990, aus Gründen des Umweltschutzes auf den
Nordfriesischen Inseln die Getränkedosen einheitlich aus dem Ange-
bot zu nehmen, um damit eine Signalwirkung für das Festland zu erzielen. Engagierten Personen ist es zu verdanken, dass diese Idee auch
die Insel Föhr erreichte. Ende September 1990 kam es als Ergebnis
einer eigens hierzu einberufenen Bürgerversammlung unter Beteiligung der Föhrer Einzel- und Großhändler und der beliefernden Handelsketten zu folgendem Beschluss, dem „Föhrer Dosenschwur“:
Die auf der Insel Föhr ansässigen Verkaufsstellen erklären sich bereit, vom 1.
Januar 1991 an freiwillig auf den Verkauf von Getränken in Dosen und
Einwegverpackungen, für die es Mehrwegalternativen gibt, zu verzichten.
Überhaupt wuchs damals das Bewusstsein für die Gefährdung des
Ökosystems Wattenmeer und die wirtschaftliche Bedeutung einer
unversehrten
Natur,
insbesondere
für die Tourismusbranche.
Der
Schrecken des Robbensterbens Ende der 80er Jahre blieb nicht ohne
Wirkung.
... und Wirklichkeit
Heute kann die Insel Föhr zumindest im Hinblick auf die möglichen
Verkaufsstellen, die Einzelhandelsgeschäfte und die beiden insularen
Supermärkte als weitgehend frei von Getränkedosen bezeichnet werden. Die Auswirkungen auf die Abfallmenge der gesamten Insel Föhr
lässt sich aber aufgrund fehlender Untersuchungen bisher nicht konkret bemessen.
256
Dieses wäre auch sehr schwierig, denn im Gepäck der auf die Insel
Föhr reisenden Urlauber und Gäste befinden sich erfahrungsgemäß
häufig größere Mengen Getränkedosen. Aber auch die einheimischen
Insulaner verhalten sich diesbezüglich oft nicht gerade vorbildlich
und führen aus dem gelegentlichen und vermeintlich günstigeren
Festlandseinkauf Getränkedosen ein. Dieser „Macht der Gewohnheit“ oder Unkenntnis, vielleicht auch Gedankenlosigkeit, in manchen Fällen vielleicht sogar dem Trotz gegen „Die da oben ...“ gilt es
mit gutem Beispiel und Überzeugungsarbeit entgegenzutreten.
Dass dieses oft ein recht mühevolles Unterfangen ist, viel Geduld
und gute Worte erfordert und dennoch nicht immer von Erfolg gekrönt ist, wurde just im Jubiläumsjahr deutlich: Denn im September
2000 feierte eine größere Gruppe einheimischer Jugendlicher und
Erwachsener ein Zeltfest im Stile der 70er Jahre, ausschließlich mit
Getränkedosen. Als ob dies noch nicht genug wäre, fand die Party
ohne Wissen und Zustimmung der zuständigen Ordnungsbehörde
mitten in der freien Natur statt. Die Getränkedosen hierfür waren in
großen Mengen auf dem Festland eingekauft worden.
Nach dem derzeitigen Stand der Rechtsprechung (Januar 2001) ist
es ohnehin nicht möglich, entsprechende Auflagen über die gewerberechtliche Genehmigung oder die Konzessionserlaubnis festzusetzen,
es bleibt nur der bereits genannte Weg des guten Beispiels und der
guten Worte. Die immer wieder beliebte Argumentation, dass es diese
Getränkearten ja nicht in Ein- oder Mehrwegflaschen gäbe, greift
nicht, da das Gegenteil ja in allen Geschäften auf der Insel Föhr bewiesen wird.
Ausblick
Wie es der Zufall wollte, kam gerade zum Zeitpunkt der Föhrer Jubiläumsfeier bundesweit neuer Schwung in die Diskussion um ein
Zwangspfand für Getränkedosen. Dieses bescherte der Insel Föhr und
dem „Föhrer Dosenschwur“ eine zwar nur kurzzeitige, aber sehr er-
freuliche Medienpräsenz. Es stellt sich aber die Frage, wie sich ein
Zwangspfand für Getränkedosen
auf den Fortbestand des „Föhrer
Dosenschwurs“ auswirken würde. Die beteiligten Einzelhändler äußern sich dazu sehr unterschiedlich.
Manche sehen sich von einem zukünftigen Dosenpfand nicht betroffen; da ja keine Getränkedosen verkauft werden, müssen auch
257
keine zurückgenommen werden. Wenn dagegen Feriengäste und auch
Einheimische, welche Getränkedosen auf dem Festland eingekauft
haben, diese auch dorthin wieder mit zurücknehmen müssten, um
den Pfandbetrag erstattet zu bekommen, hätte dies ganz sicherlich einen erzieherischen Effekt. Andere wiederum würden aufgrund einer
besseren (?) Logistik eventuell den gesamten
Getränkebestand
auf
Dosen umstellen oder zumindest Getränkedosen wieder ins Programm nehmen. Gefürchtet werden hier eher die Kosten für die
Rücknahmesysteme (Personal oder Automat). Es überwiegt daher die
Einschätzung, dass sich ein Zwangspfand auf Getränkedosen kontraproduktiv auf den „Föhrer Dosenschwur“
auswirken wird, denn an-
dere Geschäfte werden aus Konkurrenzgründen mitziehen müssen.
Ein zumindest hypothetisch denkbarer Boykott der Getränkedosen
seitens des Kunden erscheint trotz zehnjähriger intensiver Öffentlichkeitsarbeit dagegen unwahrscheinlich.
Konstruktiv wird aber angemerkt, dass eine vom Hersteller zu ent-
richtende Steuer auf Getränkedosen oder sogar ein Verkaufsverbot für
Getränkedosen, ähnlich wie in Dänemark, der allgemein bessere Weg
wäre. Dänemark ist diesbezüglich in der Tat ein Exempel, was ja auch
unzähligen deutschen Urlaubern jedes Jahr nicht entgehen dürfte;
verdurstet ist dort ebenfalls noch niemand.
Resümee
Wenn auch die erhoffte Signalwirkung für das Festland (ganz Schleswig-Holstein und die Bundesrepublik) ausblieb, so können die Beteiligten doch auf ein erfolgreiches zehnjähriges Bestehen des „Föhrer
Dosenschwurs“ zurückblicken.
Der Erfolg ist schließlich auch daran messbar, dass die Strände,
Parks und öffentlichen Grünflächen der Insel Föhr weitgehend frei
von achtlos weggeworfenen Getränkedosen sind. Der Beschluss hat
der Insel Föhr außerdem zu einem erheblichen Imagegewinn verholfen und letztlich den Ruf als umweltfreundliche „Grüne Insel“ mit
begründet. Seit Bestehen des Dosenschwurs wurden unzählige Anfra-
gen von Privatpersonen, Vereinen, Verbänden, Parteien, Journalisten
und Universitäten
nicht nur aus Deutschland,
sondern
auch aus
Frankreich, Belgien, USA und sogar aus Japan beantwortet.
Dieses beeindruckende Presseecho bestätigt und ehrt alle Beteiligten und verdeutlicht, dass sich diese oder auch vergleichbare Aktio258
nen werbewirksam inszenieren lassen. Das freiwillige Engagement der
Föhrer Einzel- und Großhändler für den „Föhrer Dosenschwur“ verdient vor diesem Hintergrund höchste Anerkennung.
an
10 Jahre
Föhrer
Dosenschwur
Ich bin für eine saubere Natur
und beteilige mich am Föhrer Dosenschwur
unser Geschäft beteiligt sich freiwillig
am Föhrer Dosenschwur
und verkauft keine Getränkedosen
für eine dosenfreie Insel - der Umwelt zuliebe !
KAKKK
„Man muss heutzutage lange gehen, um noch
den Geruch der Erde zu riechen und das
fröhliche Umspringen des Windes zu spüren.
Nie war der üble Geruch des Geldes, sein
hochmütiger Gestank, stärker.“
George Steiner
KRKKK
Ute Evers
Grüne Gentechnik und Umwelt
Als 1994 die GATT-Mitglieder die Schlussakte und den Vertrag zur
Gründung der WTO (World Trade Organization) unterzeichneten,
war ein Teil des Vertragspakets der Schutz des geistigen Eigentums
beim Welthandel. Das Abkommen über TRIPs (Trade Related Aspecıs
of Intellectual Property Rights) beinhaltet unter anderem die Ausweitung des Patentschutzes auf Lebewesen wie Pflanzen oder Mikroorganismen. Wirtschaftlich wichtig sind TRIPs gerade für die Industrienationen: Aus diesen Ländern kommen 97 Prozent der Patentanträge für isoliertes und verändertes Genmaterial; identische und abgewandelte Naturstoffe, aus denen Nahrungsmittel, -zusätze oder
Medikamente hergestellt werden (Herdegen 1996). Ungeschützt
bleibt dagegen das in den Entwicklungsländern vorhandene traditionelle Wissen über die Nutzung von Heilpflanzen oder die Pflanzenzucht (GRAIN).
Über 40 Prozent der weltweiten biotechnologischen Predukunn
hängen von der Ausnutzung der Biodiversität ab. Systematisch erkunden daher Forscher im Dienst ihrer Firmen und Universitäten die
global verteilt liegenden Zentren der Biodiversität. Wegen ihres Artenreichtums wurden kürzlich 25 Gebiete als „Hotspots der Biodiver-
sität“ beschrieben: Sie nehmen zusammen nur 1,4 Prozent der Landfläche der Erde ein, beherbergen aber 44 Prozent von den auf der
Welt vorkommenden Gefäßpflanzen — und 35 Prozent der Vertebratenarten (Myers 2000). Einundzwanzig von ihnen liegen in Entwicklungs- oder Schwellenländern, eines davon ist Madagaskar: Hier
wurden 1995 über 15000 Patente angemeldet, aber nur 21 von einheimischen Forschern (DIE ZEIT 2001).
Weil der technologische Vorsprung den Industrienationen einen
exklusiven Zugang zur Vermarktung der genetischen Ressourcen gewährt und weil sich das Erbgut und die davon abgeleiteten Produkte
beliebig vervielfältigen lassen, ist Gentechnik zu einer Schlüsseltechnologie geworden. Dass viele Rohstoffreserven allmählich zur Neige
260
gehen und dass dies ein limitierender Faktor des globalen Wachstums
ist, war bereits 1972 in dem Bericht an den Club of Rome, Die Grenzen des Wachstums, aufgezeigt worden. Unmittelbar auf dieses Menetekel folgte die Ölkrise von 1973/74. Und nachhaltig prägte sich die
westliche Welt ein, dass der wachstumsbegrenzende
Faktor die Ver-
fügbarkeit von Rohstoffen sei. Etwa zum selben Zeitpunkt entstan-
den die ersten in vitro rekombinierten DNA-Moleküle in den Labo-
ren der Molekularbiologen. Ohne die Werkzeuge des „genetic engineering“ hätte die moderne Biotechnologie nicht ihre gegenwärtige
Bedeutung erlangen können.
Gentechnik und grüne Gentechnik
Gentechnik ist ein Methodenkomplex, der es ermöglicht, Gene präzis
in der Erbsubstanz zu lokalisieren, zu isolieren und zu vervielfältigen.
Es lassen sich die Wirkungen der Gene untersuchen oder ihre Bausteinfolgen bestimmen. Ferner können Gene im Labor identisch
nachgebaut oder durch gerichtete Mutagenese gezielt verändert wer-
den. Die Methoden erlauben es, ausgewählte Gene mit anderen Genen zu koppeln und in ihre natürlichen Wirtszellen bzw. Organismen
wieder einzuführen. Werden sie in fremde Zellen bzw. Organismen
eingeschleust, entstehen transgene Mikroorganismen,
Pflanzen oder
Tiere. Dies ist das Novum an dieser Technologie: Gene und Fragmente der Erbinformation völlig neu zu kombinieren, ungehindert durch
die bis dahin existierenden, natürlichen Artengrenzen.
Die grüne Gentechnik befasst sich mit transgenen Pflanzen. Im
Zentrum
des Interesses stehen landwirtschaftliche Nutzpflanzen, die
durch den Einbau meist artfremder Gene unempfindlich gegen Herbizide (Unkrautvernichtungsmittel), Schädlinge (z.B. Insekten, Pilze,
Viren) oder ungünstige Umwelteinflüsse (z.B. Trockenheit-, Frost-,
Salztoleranz) gemacht werden können. Experten verweisen auf das
große Potenzial dieser Technologie und stellen insbesondere den Nut-
zen der Biotechnologiesparte im Kampf gegen den Hunger heraus.
Den Hauptgeschäftsbereich der grünen Gentechnik bildet bisher
der Viehfuttersektor. Investiert wurde Anfang der 80er Jahre von den
Firmen Monsanto, Calgene und DuPont in herbizidresistente Sojapflanzen und insektenresistenten Mais aus nüchternen, betriebswirt-
schaftlichen Überlegungen. Schon damals sagten Experten eine Expansion des Viehbestandes voraus, weil mit weltweit wachsendem
261
Wohlstand der Fleischkonsum steige. Die Erwartung der Firmen erfüllte sich: Nach einer Studie der FAO essen die Menschen heute in
den Entwicklungsländern im Durchschnitt pro Kopf 50 Prozent
mehr Fleisch als noch 1983.
Fleischprodukte liefern hochwertige Proteinnahrung. Aber die ökologische Bilanz für ihre Herstellung ist negativ: Drei Kalorien Getreide werden für die Gewinnung einer Kalorie Fleisch eingesetzt. Bereits
jetzt verschlingen die Masttiere 36 Prozent der Welternte, während
840 Millionen Menschen hungern; und deren Zahl wird möglicher-
weise steigen, wenn der Anteil des Viehfutters an der Welternte zunimmt.
Der Interessenkonflikt zwischen den armen und den reichen Nationen scheint sich im Gefolge der neuen Technik zu verschärfen. Einer
Modellrechnung des IFPRI (International Food Policy Research Institute) zufolge wächst der Bedarf der Dritten Welt im Zeitraum von
1993 bis 2020 von 88 auf voraussichtlich 188 Millionen Tonnen
Fleisch. Diese Vorhersage basiert auf der Annahme, dass die globalen
Ernteerträge bis 2020 jährlich um 1,3 Prozent zunehmen werden. Ist
der Zuwachs geringer, werden die Erträge nicht ausreichen, um die
Nachfrage zu befriedigen,
und die Preise werden
steigen. Für die
Farmer bliebe Tierfutter weiterhin erschwinglich; sie werden auch zukünftig ihr Fleisch verkaufen, weil sie die Armen am Getreidemarkt
überbieten können. Armut, nicht etwa der Mangel an Nahrungsmitteln, ist die Ursache des Hungers.
Weil die grüne Gentechnik mit dem Tierfuttermarkt wächst und
weil das Szenario um eine mögliche Nahrungsknappheit in der Zu-
kunft bekannt ist, versuchen Werbestrategen den Einsatz der grünen
Gentechnik mit einer verbesserten Ertragslage zu rechtfertigen. Aber
bereits die der IFPRI-Modellrechnung zugrunde gelegten Werte einer
jährlichen Zunahme der Getreideernte um 1,3 Prozent waren nur
während der 80er Jahre realistisch. Seitdem sanken sie auf ein durchschnittliches Niveau von 1,1 Prozent pro Jahr. Und das, obwohl der
private Sektor inzwischen viermal so viel in die Verbesserung der Ertragsleistung von Kulturpflanzen investiert als vor zwanzig Jahren. So
kann die angestrebte Steigerungsrate wohl nur durch weitere Landkultivierung kommen (New Scientist 2000). Welche Folgen ein fortschreitender Landverbrauch zu Lasten von Natur und Umwelt hat,
zeigt sich schon heute deutlich am Beispiel Soja.
262
Beispiel Soja
Die steigende Sojaproduktion hat in Brasilien und Bolivien einen wesentlichen Anteil an der dortigen Zerstörung der Wälder. Noch vor
35 Jahren wurde Soja in Lateinamerika nicht angepflanzt, weil die Frträge unwirtschaftlich waren. Aber dank neuer Sorten, die eigens für
den Anbau in tropischen Breiten am EMBRAPA (Brazilian Agricul-
tural Research Center) gezüchtet wurden, nimmt Brasilien inzwischen Platz zwei hinter den USA beim Export von Soja ein.
Große Plantagen verdrängen die ansässigen Kleinbauern. In Zentralbrasilien, woher die Hälfte der Sojaernte stammt, wurden allein
von 1970 bis 1985 4,2 Millionen Hektar Natur- in Ackerland umgewandelt. Hier, im Cerrado, stieg der Anteil der Sojamonokulturen
zwischen 1970 und 1990 von 14 000 Hektar auf 3,8 Millionen Hek-
tar. Vom Boom profitieren aber nur die großen Farmen. 1992 musste
ein Farmer in Maranhao ca. 1 Million US-Dollar investieren, um
1.000 Hektar mit Soja zu bepflanzen. Dabei ist Brasiliens Sojabohnenanbau hochgradig mechanisiert und schafft nur wenig Arbeits-
plätze. Die stark expandierende Intensivlandwirtschaft bedroht zudem ein Weltnaturerbe: Der Cerrado hat eine der reichsten Savannenfloren der Welt und zählt zu den Zentren der Biodiversität, die
vorrangig geschützt werden sollten.
Obwohl die phosphatarmen, sauren und schweren Böden des Cerrados von minderer Qualität sind, ermöglichten es neue Pflanzensorten und Anbaumethoden, das ehemals extensiv beweidete Gebiet zu
bestellen. Die Einführung von „no-tll“-Pflanzungen reduzierte die
als Folge des Verlustes der natürlichen Vegetationsdecke auftretende
Bodenerosion. Anstatt die konkurrierenden Unkräuter durch Pflügen
zu beseitigen, werden die Saatfurchen meist mit dem Totalherbizid
Glyphosat von Monsanto vom Bewuchs freigespritzt.
Weil Soja für den Staat wirtschaftlich als Exportartikel bedeutend
ist, gleichzeitig den Agrokonzernen den Absatz von Chemikalien sichert und, nicht zuletzt auch deshalb, weil Soja mit Mais den Haupt-
markt der grünen Gentechnik bildet, hat die Sojaproduktion eine
starke Lobby.
Zwar erstritt Greenpeace zusammen mit der brasilianischen
Verbraucherorganisation
1998
ein Anbauverbot
von
gentechnisch
veränderten Pflanzen, dem auch die von Monsanto in Zusammenar-
beit mit EMBRAPA hergestellte Glyphosat-unempfindliche Sojasaat
263
unterliegt. Trotzdem treibt die Lobby die Expansion der Sojaflächen
im Cerrado weiter voran. Über gemeinsame Projekte, die in den 90er
Jahren zwischen privaten Investoren und Staatsbehörden initiiert
wurden, wird die Verbindung des Nordcerrado mit Häfen des Amazonas finanziert. Durch die so verbesserte Infrastruktur sollen Trans-
portkosten gesenkt und weitere 500 000 Hektar Plantagenland erschlossen werden. Der Ausbau der Verkehrswege beschleunigt so wiederum die Abholzung der Wälder.
Mit dem Ziel, Boliviens Außenhandel über Soja-Exporte zu fördern, stellte die Weltbank 1989 einen Fonds bereit, der zur Erweite-
rung des Straßennetzes im Bezirk Santa Cruz von 430 auf 650 Kilometer genutzt wurde. Bis 1990 war die Abholzung im Tiefland des
Amazonas-Beckens von Bolivien noch gering: Es verschwanden von
der sechstgrößten Fläche des tropischen Regenwalds auf der Welt nur
5,6 Prozent des ursprünglichen Waldbestandes. Inzwischen vernichtet
der Sojaanbau aber mehr Wald als der Einschlag von Edelhölzern
durch lizensierte Firmen.
Dank der verbesserten Infrastruktur wurden im Zeitraum von
1990 bis 1999 rund 300 000 Hektar des halbimmergrünen Saison-
waldes direkt für die Erweiterung des Plantagenlandes abgeholzt. Ob
die gerodeten Gebiete nachhaltig als Ackerland genutzt werden können, ist fraglich: Böden und Klima sind in einigen Gebieten für den
Sojaanbau wenig geeignet.
Die regengrünen Wälder im Amazonas-Tiefland von Bolivien bilden in vieler Hinsicht ein ökologisches Gegenstück zu den nordeuro-
päischen sommergrünen Laubwäldern. Sie sind besonders artenreich.
Hier wachsen die Ahnen der heutigen Tomaten- und Erdnusspflan-
zen. Die Erhaltung der Flora und Fauna in solchen Ursprungsgebieten ist von unschätzbarem Wert. Auf die Bewahrung der genetischen
Ressourcen sind traditionelle Züchter besonders angewiesen. Aus
dem Genpool verwandter Wildformen können sie neue Eigenschaften wie Krankheits- und Schädlingsresistenzen in die Kulturpflanzen
einkreuzen.
Von dem Plantagenboom profitiert die einheimische Bevölkerung
Lateinamerikas kaum. Über 80 Prozent der Sojabauern sind kapitalkräftige Immigranten; inzwischen bewirtschaften brasilianische Groß-
farmer etwa ein Viertel der Flächen in Bolivien (Angelsen/Kaimowitz
2001).
264
Ökologische Risiken
„Plantage bedeutet Pflanzung, besonders von Nutzpflanzen in den
Kolonien“, heißt es im Meyer-Lexikon von 1907 lapidar. Monokul-
turen brachten erst die Kolonialisten mit ins Land. Traditionell
dem
Polykulturen.
Von
die Einheimischen
bewirtschafteten
gemischten Anbau verschiedener Feldfrüchte konnte sich die
Bevölkerung ausgewogen und vitaminreich ernähren.
Umweltverträglichkeit und Leistungsfähigkeit landwirtschaftlicher
Produktionssysteme sind sehr unterschiedlich. Bereits in der „Agenda
21” wurde eine Erweiterung der bewirtschafteten Flächen ausdrücklich abgelehnt. Die derzeitige Anwendung der grünen Gentechnik in
der Landwirtschaft kann nicht als nachhaltig angesehen werden. Eine
nachhaltige Wirtschaftsweise
nutzt die Ressourcen
nur so, dass sie
sich wieder regenerieren können und zu keinen irreversiblen Ände-
rungen im Ökosystem führen. Ebenso scheint der gegenwärtige Nutzen
dieser Technologie
zur Bekämpfung
des Welthungers
fraglich,
weil bei der Verwendung von Nahrungspflanzen für die Tiermast die
ursprünglich produzierte Nahrungsenergie pro Hektar sinkt. Gleichzeitig steigen Umweltbelastungen durch CO,, Methan (bei der Rindermast) und Stickstoff, wenn Nahrungsmittel über den „Veredelungsumweg" tierisches Produkt erzeugt werden.
Wie das Beispiel Soja gezeigt hat, kann die Ausdehnung der An-
bauflächen auf bislang ungenutzte Standorte durch Anwendung neuer landwirtschaftlicher oder biotechnologischer Methoden immens
beschleunigt werden. Doch nicht nur der Markt für transgene Pflanzen könnte die Artenvielfalt und den damit verbundenen Erhalt der
genetischen Ressourcen gefährden, sondern auch die neuartigen Ei-
genschaften der transgenen Pflanzen selbst.
Beispielsweise ist bisher im Grunde ungeklärt, welche ökologischen
Risiken mit der Freisetzung gentechnisch veränderter Kulturpflanzen
in ihren Ursprungsländern verbunden sind. Befürchtet wird, dass aus
Kreuzungen von gentechnisch veränderten Pflanzen mit verwandten
Wildarten invasive Nachkommen
entstehen, die die ursprünglichen
Wildarten aus ihrem Lebensraum verdrängen.
Artfremde Gene, die beispielsweise für eine Insekten-, Hitze- oder
Salztoleranz sorgen, verleihen der Kulturpflanze eine veränderte Fit-
ness. Dass transgene Kulturpflanzen trotz erhöhter Fitness auswildern, ist aber eher unwahrscheinlich. Das Gros der Hochleistungssor265
ten gedeiht nur auf intensiv gepflegtem Ackerland. Anders verhält es
sich bei den wild wachsenden Ahnen der Kulturpflanzen: Sie sind robust und wachsen ohne pflegerische Maßnahmen auf ihren natürlichen Standorten. Nachkommen aus Kreuzungen zwischen Kulturund Wildform könnten von der zusätzlichen Fitness profitieren: Sie
erhielten einen Selektionsvorteil, der sie eventuell befähigt, in neue
Lebensräume einzuwandern und sich dort zu Lasten der heimischen
Flora zu vermehren.
Nachgewiesen ist ein Genfluss von der Kulturpflanze auf wilde
Verwandte unter anderem bei Mais, Sorghum, Raps und Zuckerrüben. Pflanzen wie Mais oder Kartoffeln haben beispielsweise in Europa keine verwandten Wildarten. Sie stammen ursprünglich aus den
Biodiversitätszentren Mittel- und Südamerikas. In Mexiko wachsen
verschiedene Unterarten von Teosinte, mit denen sich Mais auskreuzen kann.
Betroffen von kostspieligen Untersuchungen über mögliche Auskreuzungen wären vor allem Länder, in denen die bereits erwähnten
„Hotspots der Biodiversität“ liegen. Aber für ein eigenverantwortli-
ches Monitoring der Freisetzungsrisiken von Gentech-Pflanzen fehlen
diesen Ländern die finanziellen Mittel. Allein für die Beantwortung
der relativ einfachen Frage, ob der Pollen des Br-Mais den MonarchFalter gefährdet, veranschlagen Wissenschaftler ein Untersuchungs-
budget von 2 bis 3 Millionen Dollar.
Im Mai 1999 entfachte die Meldung über die Gefährdung dieses in
den USA so populären Schmetterlings durch transgenen Mais erstmals eine breite Diskussion über die Risiken der grünen Gentechnik.
Hinterfragt wurde im Verlauf der Debatte auch, ob GentechNahrung mit möglichen Gesundheitsrisiken für die Verbraucher verbunden sei.
Im Gegensatz zur EU besteht in den USA keine Kennzeichnungspflicht für neuartige Lebensmittel. In der EU schreibt die Novel-
Food-Verordnung von 1997 die Kennzeichnung der gentechnisch
veränderten Lebensmittel vor. Eine entsprechende Kennzeichnungspflicht für Tierfutter gibt es dagegen nicht.
Die New York Times berichtete am 25. Januar 2001, dass die Regulierung für Gen-Food auf eine Initiative der Firma Monsanto zurückgehe. 1986, in einem Gespräch mit dem damaligen Vizepräsidenten
Bush, hätten die Firmenmanager auf einer offiziellen Kontrolle des
Gen-Foods bestanden, die das Vertrauen der Verbraucher zu den neu266
en Lebensmitteln herstellen sollte. Obwohl die Reagan-Administration ein Meister der Deregulierung für fast alle Industriezweige war,
bekam die Firma Monsanto vom Weißen Haus, was die Firmenmanager vorschlugen. Und dieses Bündnis wurde von den nachfolgenden Regierungen erneuert: Was immer die Lobbyisten vorschlugen,
erhielt die Biotech-Industrie. So diente bislang die Entwicklung von
bio- und gentechnologischen Verfahren vorrangig marktwirtschaftlichen Interessen, nicht den Interessen der Länder der Dritten Welt,
der Verbraucher und des Umweltschutzes.
Literaturhinweise
Angelsen, Arild/Kaimowitz, David (Eds.): Agricultural Technologies and Tropical Deforestation, CAB International, Wallington, UK, 2001.
GRAIN: The Intellectual Property Rights and Biodiversity: The Economic Myths,
htrp://www.grain.org
Herdegen, M.: Gentechnikrecht im internationalen Vergleich. Gutachten auf Grundla-
ge von Länderberichten, erstellt im Auftrag des Bundesministers für Gesundheit,
1996.
Myers, Norman et al.: Biodiversity hotspots for conservation priorities, in: Nature, Vol.
403, 2000, $. 853-858.
New Scientist: The Meat Eaters, 18.3.2000, S. 33-36.
DIE ZEIT: „Geschäfte mit Genen und Pillen“, 1.3.2001.
KHKKK
„Wenn auf einer Seite ganz allein die Macht ist, auf
der anderen sich ganz allein Einsicht und Weisheit
befinden, so werden die Gelehrten selten auf etwas
Großes, die Fürsten aber noch weit seltener auf etwas
Schönes sinnen, und die Völker werden beständig
niederträchtig, verderbt und unglücklich bleiben.“
Jean-Jacques Rousseau
KK
15jähriger Schüler erhält Hoffnungspreis
Dem Motto der Deutschen Umweltstiftung „Hoffnung durch Handeln" entsprechend, wurde 1993 der „Hoffnungspreis“ ins Leben ge-
rufen. Mit diesem Preis sollen junge Menschen, die mit ihrem Engagement einen hervorragenden Beitrag zur Bewahrung von Natur und
Umwelt leisten, öffentlich ausgezeichnet werden. Er ist mit 3.000
DM (1.500 Euro) dotiert. Im Jahr 2001 ging der Hoffnungspreis an
Christoph Schneider aus Ludwigsburg.
Schon seit seinem elften Lebensjahr hat sich Christoph um Umweltprobleme gekümmert. Es reichte ihm aber nicht, sich zu informieren, sein Wissen zu vermehren und allmählich schwierige Zusammenhänge durchschauen zu lernen. Weil er immer wieder feststellen musste,
dass Informationen
über Umweltfragen
vor allem für
Kinder und Jugendliche nur schwer aufzufinden sind, Umweltschutz
in Kindergärten und Schulen keine große Rolle spielt und die Berichterstattung in den Medien stark zurückgegangen ist, begann
Christoph bereits mit dreizehn Jahren im Internet unter Umweltschutzweb.de einen Informationspool aufzubauen, der inzwischen
über 600 Seiten umfasst.
Noch arbeitet er am Computer seiner Eltern, täglich zwischen zwei
und drei Stunden, an Wochenenden auch mehr. Wer seine WebSeiten besucht, findet viele wichtige Ereignisse und Themen,
nicht
nur aktuelle Umweltskandale, sondern auch ein vielfältiges Angebot
an Hintergrundinformationen über Energie, Klima, Verkehr, Gentechnik, Landwirtschaft, Stellungnahmen politischer Parteien und
Umweltorganisationen.
Christoph Schneider galt den Juroren der Umweltstiftung geradezu
als der ideale Fall für den Hoffnungspreis. Er ist ein leuchtendes und
nachahmenswertes Vorbild für seine Alterskameraden.
Näheres über den Umweltpreis bei: Deutsche Umweltstiftung,
Postfach 1355, 76713 Germersheim, Telefon: 07274-4767; Fax:
07274-77302, e-mail: info@deutscheumweltstiftung.de; Internet:
htrp://www.deutscheumweltstiftung.de
268
VI. SPURENSICHERUNG
In memoriam Donella Meadows
Eine der Großen der Umweltbewegung ist viel zu früh von uns gegangen. Am 20. Februar 2001 starb Professor Donella H. Meadows
an bakterieller Meningitis in New Hampshire im Alter von nur 59
Jahren. Sie wurde weltbekannt als Hauptautorin des Buches „The
Limits to Growth. A Report for the Club of Rome Project on the
Predicament of Mankind“ (in deutsch: „Die Grenzen des Wachstums.
Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“). Dieses Buch
von 1972 über die langfristigen Interdependenzen von Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum und natürlicher Umwelt war eine
doppelte Herausforderung: Es stellte das weitere quantitative Wirtschaftswachstum in Frage und es bezweifelte die Fähigkeit der Wissenschaften zu integriertem Denken. Das Buch wurde schnell ein
Bestseller, in 28 Sprachen übersetzt und viel zitiert. In Deutschland
wurden mehr als 800 000 Exemplare verkauft, ganz ungewöhnlich
für ein wissenschaftliches Werk.
Donella H. Meadows war aber auch Hauptautorin des Nachfolgebandes, der zwanzig Jahre später erschien: „Beyond the Limits“, der
in deutsch einen völlig verfehlten Titel erhielt: „Die neuen Grenzen
des Wachstums“. Dieses Buch fand nicht mehr die Aufmerksamkeit,
die der Vorläufer gefunden hatte. Die Autoren waren nämlich der
Auffassung, dass ihre Prognosen von vor 20 Jahren im Wesentlichen
eingetroffen seien: Das ökonomische System war nicht steuerungsund anpassungsfähig, die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit waren in vielen Bereichen überschritten worden ...
Dana, wie ihre Freunde und Kollegen sie liebevoll nannten, war
eine führende Stimme im globalen Nachhaltigkeitsdiskurs. Und sie
wurde gehört — mit ihren anderen Büchern („Groping in the Dark.
The
First Decade
of Modeling“,
1982;
„The Electronic
Oracle.
Computer Models and Social Decisions“, 1985, und weiteren), aber
269
auch und besonders durch ihre wöchentliche Kolumne „The Global
Citizen“, die seit 1985 regelmäßig erschien, vielfach abgedruckt wurde und mehrere Preise erhielt.
Dana hatte eine besondere Zuneigung zur deutschsprachigen Welt,
nicht nur weil ihr Buch „Die Grenzen des Wachstums“ hier so intensiv diskutiert wurde und viele Leserinnen und Leser fand, sondern
auch weil die Universität Kassel sie zur Gastprofessorin berief.
Dana, die immer global dachte, war eine vielseitige lokale Aktivistin: 27 Jahre lang hat sie einen organischen Bauernhof geführt, ein
Öko-Dorf und das „Sustainability Institute“ (Nachhaltigkeits-Institut) gegründet. Ihre Mutter nannte sie eine „Earth missionary“, eine
Erd-Missionarin. Sie selbst beschrieb sich einmal als „engagierte Kolumnistin, ewige Spendeneintreiberin, leidenschaftliche Gärtnerin,
Opernliebhaberin, Bäckerin und Bäuerin, Lehrerin und weltweit emsige Stechfliege“.
Donella H. Meadows hat nicht den Nobelpreis für Umweltschutz
erhalten, weil es den noch nicht gibt und vielleicht nie geben wird ...
Sollte es ihn aber doch einmal geben, sie wäre die Erste, die ihn post-
hum erhalten sollte.
Udo E. Simonis
270
Udo E. Simonis
Präsident Bushs klimapolitische Wegfahrsperre
„I oppose the Kyoto Protocol“, so heißt es in dem Brief von Präsident
Bush vom 13. März an die Senatoren Hagel, Helms, Craig und Ro-
berts. Ist damit ein Anti-Klima-Kurswechsel der USA eingeläutet
oder gar eine Blockade für die internationale Klimapolitik angekündigt worden? Ist die Weltklimakonferenz in Bonn in Frage gestellt,
steht das mühsam ausgehandelte Kyoto-Protokoll zur Disposition?
Dass ein neu gewählter Regierungschef ein Wahlkampfversprechen, hier: die CO,-Emissionen im eigenen Lande zu senken, kippt,
ist gewiss nichts Neues, das haben wir schon öfter erlebt. Präsident
Bush aber verdanken wir eine wirklich neue Erkenntnis, dass fundamentale Naturgesetze nicht gelten, wenn sie den rechtlichen Bestimmungen der Vereinigten Staaten nicht entsprechen: „Kohlendioxid ist
kein Schadstoff unter dem Clean Air Act. Meine Regierung sollte den
Elektrizitätswerken daher keine Emissionsreduzierung auferlegen.“
Der Satz zieht einem wahrlich die Schuhe aus, hatte doch nur Wo-
chen zuvor das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)
in seinem jüngsten Bericht (Climate Change 2001) festgestellt, das
Klimaproblem sei von katastrophaler Brisanz.
Bushs Einknicken vor der Kohle- und Öl-Lobby desavouiert aber
nicht nur die internationale Wissenschaft. Auch die von ihm gerade
ernannte Leiterin der US-Umweltbehörde, Christine Todd Whitman,
ist kaltgestellt, hatte sie doch erst am 3. März auf der Umweltkonferenz der G8-Staaten in Iriest gesagt, die globale Erderwärmung
sei
die größte Herausforderung im Bereich der Umweltpolitik.
Präsident Bush desavouiert aber auch das Kyoto-Protokoll, jene anspruchsvolle völkerrechtliche Vereinbarung über Ziele und Maßnahmen zum internationalen Klimaschutz, wenn er schreibt, das Proto-
koll sei unfair und ein ineffektives Mittel, die Klimaänderung anzugehen. Man wird sich erinnern: Das Kyoto-Protokoll war 1997 in allerletzter Minute erst zustande gekommen, weil auf Betreiben der
USA noch eine Reihe flexibler Mechanismen in den Vertragstext hi271
neingeschrieben worden waren, insbesondere der internationale
Handel mit Emissionsrechten und die Anerkennung von Weiden und
Wäldern als Senken von CO,-Emissionen. Die 6. Weltklimakonfe-
renz in Den Haag im November 2000 war dann unter anderem an
der Forderung der USA gescheitert, einen größeren Teil der eigenen
CO,„-Reduzierungspflichten von 7 Prozent bis zur Planungsperiode
2008-2012 (gegenüber dem Basisjahr 1990) über solche Senken anrechnen zu lassen. Kann man sich nun, nach dem Bush-Brief, die
ganze Mühe der Fortsetzung der internationalen Klimaverhandlun-
gen sparen? Sollten wir den Versuch der konsensorientierten politischen Regulierung eines gravierenden globalen Problems vergessen?
Nein, auf keinen Fall — das Kyoto-Protokoll muss in Kraft treten!
Beim Klimaproblem geht es um ein gravierendes ökologisches Problem, das strukturelle ökonomische und soziale Ursachen und massive
Konsequenzen hat: zu hoher Energie- und Materialdurchsatz der
Wirtschaft, zu hohe Ansprüche an Natur und Umwelt einerseits,
schwerwiegende und teils irreversible Schädigungen an den ökologischen, aber auch den ökonomischen und sozialen Systemen andererseits, die der IPCC-Bericht in aller Deutlichkeit beschreibt. Politische
Weisheit und Weitsicht sind also gefragt — und zwar gerade jetzt.
Wir dürfen uns vom amerikanischen Präsidenten also nicht in Gei-
selhaft nehmen lassen und wir müssen das Kyoto-Protokoll als völkerrechtlich bindenden Vertrag auch nicht abschreiben — in den viel zu
viel investiert worden ist, als dass man ihn mal eben, mir nichts dir
nichts, kippen dürfte. Es gibt mehrere Optionen, dieser Falle zu entgehen, vor allem diese drei:
Option 1:
Das Kyoto-Protokoll wird ohne die US-Amerikaner umgesetzt. Dazu
könnten auf der Konferenz in Bonn die Kriterien zum Inkrafttreten
geändert werden; durch Reduzierung der Zahl der Beitrittsländer auf
weniger als 55 und weniger als 55 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen oder aber, was besser wäre, durch geschickte diplomatische
Vorarbeit und Einbeziehung der mittel- und osteuropäischen Staaten
und der Japaner, wodurch die bisherigen Kriterien erfüllbar würden.
Womit aber kann man diese und andere zögernde Länder zum Bei-
tritt gewinnen? Durch gutes Vorbild, natürlich, durch Vorreiter: Indem der Deutsche Bundestag das Protokoll noch vor der Bonner
Konferenz ratifiziert, indem das Europa-Parlament und die Europäi272
sche Union mitziehen. Das ist der eine Finger der Hand, der auf uns,
die Deutschen, die Europäer, selbst zurückweist, wenn wir die USA
und ihren Präsidenten anklagen. Warum, meine Damen und Herren
Abgeordnete, hat der Bundestag das Kyoto-Protokoll noch nicht ratifiziert? Darüber wird bei uns nicht diskutiert. Viele meinen wohl, das
sei längst geschehen. Man kann aber auch nicht glaubwürdig sein,
Herr Minister Trittin, wenn man immer wieder die Vorreiterrolle
bemüht, aber in der globalen Menschheitsfrage des Klimaschutzes
den Malediven den Vortritt lässt. Gewiss, die Malediven werden zu
großen Teilen im steigenden Meeresspiegel untergehen, doch die ma-
teriellen und kulturellen Kosten eines nicht vermiedenen Klimawandels für Deutschland und Europa werden gigantisch sein.
Option 2:
Das Kyoto-Protokoll wird mit den USA gemeinsam ratifiziert. Dazu
müssten jedoch, nimmt man den Brief Bushs so ernst, wie er sich
liest, die Europäer, aber auch die Entwicklungsländer gar vieles anbie-
ten — und manches davon wird ihnen als unangemessen erscheinen.
Sofortige Inkraftsetzung der Flexibilitätsmechanismen wie Emissionszertifikate-Handel, gemeinsame Umsetzung (joint implementation),
Clean
Development
Mechanism
(CDM),
aber auch Anerkennung
der Senkenfunktion der Wälder. An dieser letzten Frage dürften die
Europäer scheitern, weil ihre Umweltverbände
seltsamerweise
nicht
akzeptieren wollen, dass es zum Klimaschutz nicht nur den techni-
schen, sondern auch den natürlichen Weg gibt: erhöhte Energie- und
Materialeffizienz einerseits, mehr und qualitativ bessere Wälder ande-
rerseits. Die Option der gemeinsamen Ratifizierung kann aber noch
an einem anderen Punkt scheitern, einem Punkt, wo Präsident Bush
ausnahmsweise
Recht hat: Globaler Klimaschutz ist letztlich nicht
möglich, wenn man die wirtschaftlich und bevölkerungsmäßig rasch
wachsenden Entwicklungsländer außen vorlässt, vielleicht bis 20082012, aber nicht darüber hinaus.
Option 3:
Das Kyoto-Protokoll wird vorläufig ohne die USA ratifiziert. Dies wäre
zwar keine besonders wünschenswerte Option, weil auf die USA
mehr als 25 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen entfallen.
Sie hätte aber Reize der anderen Art: Wenn klimabedeutsame Schlüsseltechnologien wie Photovoltaik, Windenergie, Kraft-Wärme-Kopplung, Ein-Liter-Auto u.a.m. in einer gemeinsamen Anstrengung von
295
Europa und Japan vorangebracht und durch entsprechende Angebote
in den Entwicklungsländern, insbesondere in Indien, China, Brasilien, rasch verbreitet würden, dann setzte man die amerikanische
Kohle- und Öl-Lobby aufs technologische Abstellgleis und die USIndustrie insgesamt unter erheblichen Innovationsdruck. „Kohle erzeugt mehr als die Hälfte des amerikanischen Elektrizitätsangebots ...
und dem Bürger dürfen wir keine zusätzlichen Lasten aufbinden“ —
so schreibt der US-Präsident in seinem Brief. Wer sich aber den Einstieg in das Solarzeitalter mit solchen Einsichten und Ansichten verstellt, der bekommt über kurz oder lang in der sich weiter globalisierenden Wirtschaft schnell die Quittung. Vergleichende Studien zur
Diffusion umwelttechnischer Innovationen belegen, dass der Kompe-
tenzverlust aufgrund dieses Prozesses oft schlagartig erfolgt. Wenn die
Amerikaner die internationale Klimapolitik jetzt blockieren, dann
bekommen sie über kurz oder lang ein ernsthaftes ökonomisches
Problem.
Fazit: Bushs Anti-Klima-Kurswechsel und seine klimapolitische Blo-
ckadedrohung sind politisch wie ökonomisch zu überwinden. Dazu
braucht es allerdings versierter Diplomaten, einsichtiger Umweltschützer und weitsichtiger Politiker, aber auch exzellenter Forstleute
und Umwelttechniker.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages abgedruckt aus: FREITAG. Die Ost-West-
Wochenzeitung vom 30. März 2001.
KKKKK
„Praktisch jeder Unternehmer war über die
Abkühlung der US-Konjunktur besorgter als
über die Erwärmung des Planeten Erde.“
Thilo Bode über das Global Economic Forum
in Davos, Januar 2001
KKKKK
Harald Kohl
Klimawandel, Klimafolgen, Klimapolitik —
Zum Dritten Sachstandsbericht des IPCC
Sir John Houghton nahm es mit britischer Gelassenheit. Dabei konn-
te der Veteran des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimafragen
Untergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) mehr als zufrie-
den sein, als er nach der Plenarsitzung seiner Arbeitsgruppe in
Schanghai von den Wissenschaftlern und Delegierten aus mehr als
100 Ländern mit stehendem Beifall in den Ruhestand verabschiedet
wurde. Nach zwölf Jahren IPCC und drei umfassenden Sachstands-
berichten zum globalen Klimawandel und dessen Folgen sind die Kritiker weitgehend verstummt. Der Ausschuss hat sich zu einem in seiner Form einzigartigen, weltweit akzeptierten Gremium entwickelt,
das die wissenschaftlichen Grundlagen für weitergehende Verhandlungen im Rahmen des internationalen Klimapolitikprozesses legt.
„Eine wachsende Zahl von Beobachtungen zeichnet ein umfassen-
des Bild einer globalen Erwärmung und eines Wandels des Klimasystems“ ist die lapidare zentrale Feststellung der Zusammenfassung für
politische Entscheidungsträger (Summary for Policymakers, SPM) des
Dritten IPCC-Sachstandsberichts und: „Es gibt neue und bessere
Beweise dafür, dass der größte Teil dieser Erwärmung auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist.“ Anders ausgedrückt: Es gibt keinen vernünftigen Zweifel mehr daran, dass der Mensch das globale
Klima bereits verändert hat und dass sich dieser Wandel im 21. Jahr-
hundert fortsetzen und verstärken wird.
Der Dritte Sachstandsbericht des IPCC 2001
Das war nicht immer so. Denn seit seiner Gründung im Jahre 1989
waren die Ergebnisse des IPCC oft in Zweifel gezogen worden. Dabei
basiert der Ausschuss und seine Arbeit auf einer international bislang
ungewöhnlichen Organisationsform. In regelmäßigen Abständen von
ca. fünf Jahren umreißt und bewertet IPCC den jeweiligen wissen275
schaftlichen Sachstand zu den Fragen, ob es einen Klimawandel gibt,
welche Ursachen und Folgen er hat, ob und wie er sich fortsetzen
wird und außerdem, welche Instrumente und Maßnahmen man ein-
setzen kann, um ihn zu mindern und sich an die Klimafolgen anzupassen.
Dazu
arbeiten
mehrere
hundert
wissenschaftliche
Autoren
im
Rahmen dreier Arbeitsgruppen (Klimaforschung, Klimafolgen und
Maßnahmen) einen Bericht aus, der in wiederholten Schritten der
Prüfung von Experten (Reviews) unterzogen wird. Schließlich mün-
den die Arbeiten in Entwürfe für die SPM, die in Plenarsitzungen
gemeinsam von Wissenschaftlern und Regierungsvertretern Zeile für
Zeile abgestimmt werden. Der Vorteil: Am Ende steht ein Bericht,
der auch auf politischer Ebene akzeptiert wird und damit gemeinsame Grundlage für weitergehende Verhandlungen etwa im Rahmen
internationaler Übereinkommen ist. So entstand auch der Dritte
Sachstandsbericht des IPCC (Third Assessment Report, TAR), der im
Frühjahr 2001 in Schanghai, Genf und Accra (Ghana) abgestimmt
und vom IPCC-Plenum in Nairobi formell beschlossen wurde.
Klimawandel
Was Sir John und seine wissenschaftlichen Kollegen der Arbeitsgruppe I bereits im Zweiten Sachstandsbericht
1996 befürchtet hatten,
hat sich nunmehr bestätigt. Beobachtungen und Analysen von Baumringen, Eiskernen, Korallenwachstum und historischen Aufzeichnungen zeigen,
e dass der Anstieg der globalen Oberflächentemperatur seit 1860 um
ca. 0,6 Grad Celsius mit hoher Wahrscheinlichkeit die stärkste
Temperaturerhöhung seit 1000 Jahren auf der nördlichen Erdhalbkugel ist;
e dass die 90er Jahre das wärmste Jahrzehnt und 1998 das wärmste
Jahr des 20. Jahrhunderts waren;
e dass der Meeresspiegel weltweit im letzten Jahrhundert um 10 bis
20 Zentimeter gestiegen ist;
° dass die Niederschläge in mittleren und höheren geografischen
Breiten im 20. Jahrhundert pro Dekade um 0,5 bis 1 Prozent zugenommen, in den Subtropen dagegen abgenommen haben und
e dass die Schneebedeckung in mittleren und höheren nördlichen
Breiten seit Ende der 60er Jahre um ca. 10 Prozent abgenommen
276
hat, begleitet von einem weit verbreiteten Rückgang der Berggletscher.
Gleichzeitig, so stellt der Dritte Sachstandsbericht fest, nimmt die
Konzentration von treibhausrelevanten Spurengasen in der Atmosphäre kontinuierlich zu. Seit 1750 stieg die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre um 31 Prozent, die höchste Konzentration
in den letzten rund 420.000 Jahren. Ursache für diesen Anstieg sind
zum allergrößten Teil vom Menschen verursachte Emissionen — drei
Viertel des anthropogenen CO, stammen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Aber auch die Konzentrationen der anderen wichti-
gen Treibhausgase haben deutlich zugenommen; Distickstoffoxid
stieg seit 1750 um 17 Prozent, Ozon um rund 30 Prozent, Methan
gar um 151 Prozent. Die Konzentrationen vieler Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die sowohl die Ozonschicht zerstören als auch
als Treibhausgas wirken (z.B. CFCl; und CF,Cl,) haben seit 1996
wegen
der erfolgreichen
Maßnahmen
des „Montrealer
Protokolls“
entweder abgenommen oder steigen kaum noch an. Problematisch ist
freilich, dass die gleichen Maßnahmen Ersatzstoffe für FCKW fördern (z.B. PFCs und SF,), die selbst wiederum treibhauswirksam
sind.
Klimafolgen
Eine Vielfalt von Untersuchungen im globalen wie auch im regionalen Maßstab zeigen, dass der Klimawandel in vollem Gange ist. Zu
den unmittelbaren Veränderungen gehören die direkten Folgen der
Erwärmung. In den Bergregionen tauen Gletscher ab, besonders drastisch im Himalaja. Dauerfrostböden (Permafrost) tauen auf, beson-
ders in weiten Bereichen des eurasischen Kontinents. Flüsse frieren
später zu und brechen früher auf. Dass diese Veränderungen auch auf
Lebensräume und andere biologische Systeme Einfluss haben, ist unverkennbar. Gerade in den letzten Jahren wurden viele Beispiele dokumentiert für
e eine Verschiebung von Ökosystemen sowie der Lebensräume bestimmter Tiere und Pflanzen in größere Höhen bzw. polwärts;
die drastische Dezimierung einiger Tierpopulationen;
das frühere Auftreten von Baumblüten;
e das Auftauchen invasiver Insektenarten und
ein verändertes Brutverhalten bei Vögeln.
ZN
Es gibt keinen Bereich, der von diesen Veränderungen verschont
bliebe. Biologische Systeme wandeln sich in terrestrischen ebenso wie
in aquatischen und marinen Bereichen. Eine ursächliche Zuordnung
zu den unmittelbaren Klimaänderungen ist in vielen Einzelfällen
schwierig, da gleichzeitig weitere Belastungen wie Landnutzungsänderungen, Luftverschmutzung usw. die Umwelt beeinträchtigen. In
der großen Mehrzahl der Fälle können derartige Reaktionen natürlicher Systeme jedoch klar dem allgemeinen Klimawandel zugeschrieben werden.
Künftige Kimaänderungen
Deutliche
Fortschritte
konstatiert
IPCC
seit dem
Zweiten
Sach-
standsbericht bei den verfügbaren Klimamodellen. Bereits 2000 hatte
der Ausschuss in einem Sonderbericht über Emissionsszenarien die
Grundlagen für umfassende Untersuchungen künftiger Entwicklungen gelegt. Wichtigstes Ergebnis: Nach Berechnungen mit verbesserten Modellen muss bis zum Jahre 2100 mit einer Erwärmung der
Atmosphäre zwischen 1,4 und 5,8 Grad Celsius gerechnet werden.
Der Anstieg wird damit größer sein als bislang angenommen (Zweiter
Sachstandsbericht: 1,0 bis 3,5 Grad). Grund hierfür ist vor allem,
dass die Schwefeldioxid-Emissionen, die einen abkühlenden Effekt
hervorrufen, niedriger als bisher geschätzt werden.
Die Folgen dieser Erwärmung werden vielfältig sein. Bis zum Jahr
2100 wird mit einem Anstieg des Meeresspiegels von rund 10 bis 90
Zentimetern gerechnet, wobei neben einer Veränderung der globalen
und regionalen Niederschlagsverteilung auch eine Zunahme meteoro-
logischer Extremereignisse erwartet wird. Trockenperioden, höhere
Spitzentemperaturen, mehr Starkniederschläge und weltweit weniger
Frosttage werden verbunden sein mit Stürmen, Überschwemmungen
und Dürren. Die nordatlantische, sog. „thermohaline“ Zirkulation
hingegen, die sich im bekannten „Golfstrom“ manifestiert, wird sich
in den nächsten Jahrzehnten zwar abschwächen, aber vor dem Jahre
2100 wohl kaum zum Versiegen kommen. Für Europa bedeutet dies,
dass die direkte Erwärmung durch den Treibhauseffekt durch die in-
direkte Abkühlung einer schwächeren Nordatlantikströmung kompensiert wird. Nach 2100 allerdings ist ein völliger Zusammenbruch
der ozeanischen Strömung nach den neueren Modellen nicht völlig
auszuschließen.
278
Extremereignisse
Extremereignisse, so stellt der Dritte Sachstandsbericht fest, werden
im 21. Jahrhundert zunehmen.
Schäden
Industrie und Infrastruktur müssen
schwemmungen,
Stürmen
und
in der Landwirtschaft,
auf
befürchtet werden, bei Über-
Hitzeperioden
droht
unmittelbare
Gefahr für menschliches Leben. Ernte- und Viehzuchtverluste, Wald-
und Steppenbrände, erhöhte Mortalität von Wildbeständen, erhöhtes
Überflutungsrisiko und schlechtere Wasserqualität gehen Hand in
Hand. Die wichtigsten Gefährdungen sind in Tabelle I zusammengefasst.
Wegen ihrer begrenzten Anpassungskapazität sind natürliche Systeme für Klimaänderungen meist besonders anfällig. Irreversible
Schäden erwartet IPCC nicht nur bei Gletschern und Korallenriffen
sondern auch bei Mangrovenwäldern, borealen und tropischen Wäldern, arktischen und alpinen Ökosystemen, Prärie-Feuchtgebieten,
Graslandschaften und kritischen Zonen (hot spots) hoher biologischer
Vielfalt.
Wasserressourcen, Gesundheit, Ernährung
In Mitleidenschaft gezogen werden jedoch auch viele vom Menschen
geschaffene Einrichtungen. Land- und Forstwirtschaft sind ein offensichtliches Beispiel, auch Süßwasser-Ressourcen,
Siedlungen und die
menschliche Gesundheit werden bedroht sein.
Beispiel Wasserverfügbarkeit: Drastische Änderungen der jährlichen Abflussmengen großer Flusssysteme sind vorprogrammiert. In
den hohen geografischen Breiten und in Südostasien wird zwar ausreichend Wasser zur Verfügung stehen, in Zentralasien, Südafrika, im
Mittelmeer-Gebiet sowie in Australien werden die Flüsse dagegen
weit weniger Wasser führen. Die Klimaänderung verstärkt damit den
in arıden und semiariden Gebieten bereits bestehenden Wassermangel. Die Zahl der derzeit unter Wassermangel leidenden Weltbevölke-
tung von 1,7 Mrd. könnte sich demzufolge bis 2025 auf 5 Mrd.
Menschen erhöhen. Aus der Zunahme von Starkniederschlagsereignissen resultiert darüber hinaus erhöhte Hochwassergefahr. Am anfäl-
ligsten hierfür sind nicht nachhaltig oder überhaupt nicht bewirtschaftete Systeme ohne Schutz der Wasserressourcen und -qualität, also in den armen und ärmsten Regionen der Erde.
279
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Beispiel menschliche Gesundheit und Ernährung:
Wasserverfügbarkeit, Wasserqualität und Nahrungsmittelversorgung
sind hier die kritischen Faktoren. Gesundheitlich leiden werden Menschen durch größeren Hitzestress, höhere Luftfeuchtigkeiten und —
an vielen Orten — durch stärkere Luftverschmutzung. Dies erhöht vor
allem die Erkrankungshäufigkeit und die Sterberaten der älteren, vorgeschädigten, urbanen Bevölkerung und kann zu einer Verschiebung
erhöhter Sterberaten vom Winter in den Sommer führen. Darüber
hinaus wird sich das Risiko durch Infektionskrankheiten erhöhen.
Wegen fehlenden Zugangs zu sauberem Trinkwasser und durch die
Ausweitung der Verbreitungsgebiete bestimmter Erreger (Malaria,
Denguefieber, Leishmaniosen, Hirnhautentzündung, Cholera, Diarrhöe) werden auch hier besonders die einkommensschwachen, hauptsächlich tropischen und subtropischen Staaten und deren Menschen
am stärksten betroffen sein.
Nicht zuletzt wird der Anstieg des Meeresspiegels teils gravierende
Folgen haben. Siedlungen, Tourismus, Fischerei, technische Infrastruktur und nicht zuletzt landwirtschaftliches Kulturland werden in
Mitleidenschaft gezogen. Besonders gefährdet sind die Korallenriffe
mit ihrer hohen Artenvielfalt. Würden keinerlei Anpassungsmaßnahmen (wie der Bau von Deichen) getroffen bzw. getroffen werden
können, so beliefen sich die Landverluste in diesem Jahrhundert in
den Niederlanden auf 6 Prozent, in Bangladesch auf 16 Prozent, auf
den Marshall-Inseln auf 80 Prozent. Viele andere kleine Inselgruppen
würden vollständig im Meer versinken.
Europäische Dimensionen
Klimawandel also ein Problem ferner Länder? Nein, denn obgleich
die schlimmsten Folgen tatsächlich in der Dritten Welt eintreten
werden, so blickt auch Europa bei der globalen Erwärmung nicht auf
rosige Zeiten.
Beispiele:
e Die Hälfte der Gletscher in den Alpen und große Dauerfrostgebiete im Norden Europas können verschwinden.
e Die Gefahr von Fluss-Hochwassern wird in den meisten Teilen Europas steigen; in Küstenbereichen wird die Überschwemmungsgefahr, die Erosion und der Verlust von Feuchtgebieten merklich ansteigen.
282
® Negative Konsequenzen sind zu befürchten für Siedlungen, Industrie, Tourismus, Landwirtschaft und Naturschutzgebiete in Küstenzonen.
®e Die Anpassungsfähigkeit an Folgen der Klimaänderung sind in
Europa für menschliche Einrichtungen generell hoch, Südeuropa
und der arktische Norden sind aber verwundbarer als andere Teile
des Kontinents.
Technische und ökonomische Mafcnahmen
Seit dem Zweiten Sachstandsbericht hat sich auch erhärtet, dass sich
durch technische und organisatorische Maßnahmen sowie durch Veränderung der Verhaltensmuster die Folgen des Klimawandels signifi-
kant vermindern lassen. Die Arbeitsgruppe III des IPCC hat sich intensiv mit den Möglichkeiten auseinandergesetzt, durch Drosselung
der Ireibhausgas-Emissionen die globale Erwärmung wenn nicht zum
Stillstand zu bringen, so doch erheblich zu bremsen. Allerdings sind
hierfür rasche, weltweite und nachhaltige Anstrengungen, vor allem
in den Industrieländern erforderlich. Technische Maßnahmen
zur
Emissionsminderung, besonders die rasche Steigerung der Energieeffizienz, ermöglichen nach den Angaben des IPCC im Zeitrahmen
von 2010 bis 2020 eine Verminderung der globalen TreibhausgasEmissionen unter die Werte des Jahres 2000. Die Hälfte der erforderlichen Maßnahmen wird dabei als wirtschaftlich eingestuft, d.h. sie
sind mit Kosteneinsparungen verbunden. Die andere Hälfte ist mit
Kosten bis 100 US-Dollar pro Tonne CO,-Äquivalent erreichbar.
Art, Umfang, zeitlicher Einsatz und Kosten von Minderungsmaßnahmen hängen einerseits von sozioökonomischen und technologischen Entwicklungen, andererseits vom angestrebten Stabilisierungsniveau der Treibhausgas-Konzentrationen ab. Die Frage, welche dieser
Konzentrationen in der Atmosphäre und damit welche globale Erwärmung bestenfalls akzeptabel sind, kann nur politisch entschieden
werden. Kosten-Wirksamkeits-Studien zur Stabilisierung der Treibhausgas-Emissionen über einen Zeitraum von 100 Jahren zeigen einen moderaten Anstieg der Kosten bei Zielkonzentrationen für Koh-
lendioxid in der Atmosphäre zwischen 750 bis 550 ppmv und einen
drastischen Kostenanstieg zwischen 550 und 450 ppmv. Klar ist jedoch, dass die derzeit von vielen diskutierten 500 bis 550 ppm zu erreichen wären.
283
Modellrechnungen zeigen für die industrialisiertren Länder, dass
durch die Einhaltung der Emissionsbegrenzungen des KyotoProtokolls Einbußen an Bruttosozialprodukt in einer Bandbreite von
0,2 bis 2 Prozent im Jahr 2010 entstehen können. Diese Einbußen
können durch internationalen Emissionshandel allerdings halbiert
werden. Bei der Mehrzahl der Modellrechnungen liegen die Einbußen an Bruttosozialprodukt unter 1 Prozent. Für die meisten Transformationsländer (Mittelost- und Osteuropa) dürften die Kosten zur
Realisierung der Kyoto-Verpflichtungen wegen der hohen Energieeffizienzpotenziale und der Möglichkeiten des Emissionshandels sogar bei Null sein.
Eines jedoch macht der IPCC-Bericht unmissverständlich klar:
Nur ein Ansatz, der ein ganzes Instrumentenbündel zum Einsatz
bringt, kann letztlich zum Erfolg führen. Außerdem muss Klimaschutzpolitik in andere Politikfelder integriert werden, um die Ziele
zu erreichen. Frühzeitiges Handeln, so der Dritte Sachstandsbericht,
erhöhe dabei die Flexibilität. Wegen des Zusammenhangs zwischen
Umweltwirksamkeit, Kostenwirksamkeit und Gerechtigkeit von internationalen Vereinbarungen sollten Klimaschutzregime so gestaltet
werden, dass Effizienz und weltweite Gerechtigkeit gleichzeitig erhöht
werden.
Rasches und entschlossenes Handeln gefordert
Die Zusammenfassung des IPCC zeigt: Globaler Klimawandel und
seine Folgen lassen sich durch rasches und entschlossenes Handeln
mit vertretbarem Aufwand bremsen. Nur umfassende Maßnahmenbündel und die Integration des Klimaschutzes in andere Politikfelder
bilden Ansätze für eine effiziente Bekämpfung der Klimaveränderungen. Dazu gehört insbesondere, dass sich die internationale Gemeinschaft endlich auf erste, gemeinsame Schritte gegen die Erderwärmung einigt. Weiteres Zögern, besonders bei der Ausgestaltung und
Umsetzung der bestehenden internationalen Übereinkommen, kann
den Klimapolitikprozess und damit den Kampf gegen die Klimafolgen um viele Jahre zurückwerfen.
ANHANG
Umweltinstitutionen
Energiestiftung Schleswig-Holstein
(Selbstdarstellung)
Die Energiestiftung Schleswig-Holstein wurde Ende 1993 gegründet und
versteht sich als unabhängige Sitftung zwischen Wirtschaft und Staat. Mit
den Erträgen aus dem Stiftungsvermögen unterstützt sie durch ihre eigene
Tätigkeit und die Förderung entsprechender Maßnahmen Fortschritte auf
dem Gebiet des Klimaschutzes.
Stiftungszweck ist die Erforschung, Entwicklung und Verbreitung von
Wissen über den Klimaschutz in den Bereichen Energienutzung, Energieumwandlung und erneuerbare Energien. Die Stiftung fördert soziale, wirtschaftliche, rechtliche sowie organisatorische Maßnahmen zur Anwendung
von Techniken, die dem Klimaschutz dienen. Dabei agiert sie überwiegend
operativ, entwickelt ihre Arbeitsbereiche und bereitet Projekte selbst vor.
Die aktuellen Arbeitsbereiche umfassen die Förderung von Pilot- und Demonstrationsvorhaben, Markteinführungs- und Transformationsprogramme,
Energieberatung, Kooperation in der Ostseeregion, Finanzierung von Stif-
tungsprofessuren und Stipendien sowie Durchführung wissenschaftlicher
Veranstaltungen. Mit Hilfe der im Rahmen des neuen Arbeitsbereichs
„Markttransformation“ angesiedelten Stand-by-Kampagne fokussiert die Stiftung ihre Aktivitäten verstärkt auf den Verbraucher.
Durch ihre Unabhängigkeit von öffentlichen Haushaltszwängen kann die
Energiestiftung solche Ziele längerfristig verfolgen. Sie ist dabei in der Lage,
theoretisch sinnvolle Maßnahmen zu entwickeln und an deren praktischer
Umsetzung zu arbeiten. Inzwischen ist die Energiestiftung ein wichtiger Akteur in den vielfältigen Netzwerken des Klimaschutzes in Schleswig-Holstein
und darüber hinaus und wirkt daran mit, die Potenziale lokalen und regionalen Handelns mit den Anforderungen des Wettbewerbs zu verknüpfen, um
eine nachhaltige Entwicklung zu sichern.
Adresse:
Energiestiftung Schleswig-Holstein, Dänische Straße 3-9, D-24103 Kiel;
Tel.: 0431/9805 600; Fax: 0431/9805 699; e-mail: info@essh.de; Internet:
www.energiestiftung.de
285
Forschungsgruppe Energierecht
(Selbstdarstellung)
In kaum einem anderen Rechtsgebiet - wenn man vom Recht der Neuen
Medien absieht — vollziehen sich so rasche Veränderungen, ist der Klärungsbedarf bei konkreten Einzelfragen wie auch bei grundsätzlichen, übergreifenden Problemstellungen so groß wie im Energierecht. Betroffen ist sowohl die
internationale wie die nationale Ebene, und zusätzliche Probleme ergeben
sich besonders durch das Zusammenspiel zwischen europäischem und deutschem Energierecht.
Die Forschungsgruppe Energierecht versucht auf vielfältige Weise, Aktivi-
täten auf dem Gebiet des Energierechts zusammenführen. Sie will einen Beitrag zur Verankerung und weiteren Ausbildung des Rechtsgebietes Energierecht leisten und den interdisziplinären Diskurs fördern. Sie will ein Forum
bilden, das es ermöglicht, energierechtliche Probleme zu sammeln, zu bündeln, den jeweiligen Kern herauszuschälen und Antworten zu finden, die
gleichermaßen für Theorie und Praxis bedeutsam und folgenreich sind.
Zugleich will sie einen aktiven Beitrag zur energierechtspolitischen Diskussion liefern, indem sie ihr Augenmerk auf zentrale Bereiche lenkt, die hier dis-
kutiert werden. Dabei geht es ganz besonders um die instrumentelle Weiterentwicklung bzw. die rechtliche Durchdringung neuartiger Instrumente.
Die Forschungsgruppe Energierecht will schließlich einen Beitrag zur Klä-
rung aktueller energierechtlicher Fragen leisten. Genannt seien nur die Umsetzung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, die Offshore-Problematik, die
Folgen des Atomkonsenses und die Umsetzung der Gas-Richtlinie.
Die eben formulierten Ziele lassen sich vermutlich nicht alle gleichzeitig
verwirklichen; zudem muss jederzeit flexibel auf konkrete Anforderungen
von außen reagiert werden können.
Die Forschungsgruppe Energierecht ist auf kontinuierliche Erweiterung
angelegt. Sie bemüht sich um Kooperationspartner im inner- und außeruniversitären Bereich. Besonderer Wert wird dabei auf die Entfaltung des interdisziplinären Ansatzes und auf den Austausch mit Einrichtungen in anderen
europäischen Ländern gelegt.
Die Forschungsgruppe Energierecht wurde im Jahre 2000 gegründet und
umfasst derzeit elf Mitglieder.
Adresse:
Forschungsgruppe Energierecht, c/o Professur für Öffentliches Recht, insbesondere Umweltrecht, Scharnhorststr. 1, D-21335 Lüneburg; Tel.
04131/78-2456; Fax: 04131/78-2455; e-mail: webmaster@fg-energierecht.de
286
International Council for Local Environmental Initiatives
(ICLED
(Selbstdarstellung)
Vorgeschlagen vom Internationalen Rat für Kommunale
Umweltinitiativen
([CLED), fand das Mandat zur Lokalen AGENDA 21 Eingang in das Kommunalkapitel 28 der AGENDA 21 von Rio de Janeiro 1992. Seitdem fördert und
inspiriert ICLEI eine Städtebewegung für nachhaltige Entwicklung in allen
Erdteilen.
Für Johannesburg 2002 („Rio+10“) koordiniert ICLEI den internationalen
kommunalen Vorbereitungsprozess, der eine weltweite Erhebung zur Lokalen AGENDA 21 einschließt, sowie Tagungen zu den längerfristigen Heraus-
forderungen an die Kommunen.
In Europa hat ICLEI die europäische Kampagne zukunftsbeständige Städte und Gemeinden mit begründet. Die „Charta von Aalborg“ wurde von
mehr als tausend Kommunen unterzeichnet. Der „Europäische Runde Tisch
für Lokale AGENDA 21” bringt die Beteiligten am LA21-Prozess und nationalen LA21-Kampagnen zu strategischen Diskussionen zusammen.
Weitere Programme und Kampagnen von ICLEI widmen sich dem Trinkwassermanagement, der umweltfreundlichen Beschaffung sowie der Weiterentwicklung des Instrumentariums kommunaler Umweltplanung.
Als Internationale Umweltagentur der Kommunen gibt ICLEI Informationsdienste heraus, organisiert Schulungen
und Tagungen
und bietet Bera-
tung an. Mitglieder nutzen ICLEIs Informationsbriefe, Handbücher, Studien
und „best practice”-Fallstudien.
ICLEIs Internationale Akademie organisiert die Fortbildung von und den
Erfahrungsaustausch zwischen kommunalen Entscheidungsträgern. ICLEIExperten beraten Kommunen bei der Planung von Programmen zur nachhaltigen Entwicklung und geben fachliche Unterstützung bei der Entwicklung
von Umweltmanagementsystemen.
ICLEI pflegt Partnerschaften mit internationalen Organisationen, wissen-
schaftlichen Einrichtungen und Verbänden, die für nachhaltige Entwicklung
eintreten.
Bisher haben sich 370 Städte, Gemeinden und Kreise dem Internationalen
Rat als Mitglied angeschlossen. Metropolen wie Bangkok, Tokio, Santiago,
Säo Paulo, Los Angeles oder Berlin sind ebenso dabei wie Mittel- und Klein-
städte aus 62 Ländern der Erde. ICLEIs Mitglieder repräsentieren rund 300
Millionen Menschen.
Adresse:
ICLEI — Europasekretariat, Eschholzstrasse 86, D-79115 Freiburg; Tel.:
0761/36892 0; Fax: 0761/36892 19; e-mail: iclei-europe@iclei-europe.org;
Internet: www.iclei.org
287
Umwelt im Internet
Internationale Organisationen
Verbände
Ecological Indicators Website
www.ecologicalindicators.org
Bundesdeutscher Arbeitskreis umweltbewusstes Management (B.A.U.M.)
www.baumev.de
Europäische Umweltagentur (EEA)
www.eea.ea.int
Europäische Union (EU)
www.europa.eu.int
Umweltforum Europa
www.mut-online.de
United Nations Environment
Programme (UNEP)
www.unep.org
United Nations Framework Convention
on Climate Change
www.unfcec.de
Bund für Umwelt und Naturschutz
(BUND)
www.bund.de
Bundesverband für artgerechten Naturund Artenschutz
www.bna-ev.de
Deutsche Gesellschaft für Umwelterziehung
www.umwelterziehung.de
Deutscher Naturschutzring (DNR)
www.dnr.de
United Nations —
Sustainable Development
Earth First
www.un.org/esa/sustdev
Fachagentur nachwachsende Rohstoffe
www.dainet.de/fnr/homefnr.htm
Nationale Organisationen
Bundesamt für Naturschutz (BfN)
www.bfn.de
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)
www.bmu.de
www.earthfirst.org
Fachverband Betriebs- und Regenwassernutzung
www.home.t-online.de/home/fbrev
Future
www.future-ev.de
Greenpeace
Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
www.dbu.de
www.greenpeace.de
Deutsche Umweltstiftung
www.grueneliga.de
Grüne Liga
www.deutscheumweltstiftung.de
Grüner Punkt
Naturdetektive, Bundesamt für Naturschutz
www.naturdetektive.de
www.gruener-punkt.de
Rat von Sachverständigen für
Umweltfragen (SRU)
www.umweltrat.de
Umweltbundesamt (UBA)
www.umweltbundesamt.de
Wissenschaftlicher Beirat Globale
Umweltveränderungen (WBGU)
www.wbgu.de
288
NaturFreundejugend
www.naturfreundejugend.de
Naturschutzbund Deutschland (NABU)
www.nabu.de
Regenwald
www.umwelt/org/regenwald
Robin Wood
www.umwelt/org/robinwood.de
Sonnenenergie
www.solarfoerderung.de
Tierversuchsgegner
www.tierschutz.de
Eco Net
www.igc.org/igc/econet
World Wildlife Fund for Nature (WWF)
Envirolink
www.envirolink.de
www.wwf.de
Institute
Ecologic
www.ecologic.de
Hoffnungspreisträger Christoph Schneider
www.umweltschutzweb.de
Forschungsstelle für Umweltpolitik (FFU)
Informationsdienst Umwelt für die
Wirtschaft
www.u-punkt.de
www.fu-berlin.de/ffu
International Corporate Environmental
ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung
www.enviroreporting.com
www.ifeu.de
Jahrbuch Ökologie
Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung
www.ioew.de
www.jahrbuch-oekologie.de
Reporting
Lokale Umweltinfo
www.lokale.umweltinfo.de
Institut für sozial-ökologische Forschung
Nicht immer alles wegwerfen —
(ISOE)
www.isoe.de
Anzeige aufgeben
Öko-Institut e.V.
Solarunternehmen
www.solarunternehmen.de
www.oeko-institut.org/indexb.html
Potsdam-Institut für Kimafolgenforschung
www.alles-und-umsonst.de
SOS Arche 2000
www.sos-arche2000.de
www.pik-potsdam.de
Stiftung Ökologie &Landbau
Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
www.jungk-bibliothek
www.soel.de
UfU-Institut für Umweltfragen
www.ufu.de
Wissenschafiszentrum Berlin (WZB)
www.wz-berlin.de
Umweltadressen im Internet
www.umweltadressen.de
Umweliforum Europa
www.mut-online.de
Umweltgesetze und -verordnungen
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt,
www.juris.de
Umweltinformation
www.unep.de
Umweltmanagement-Internet-Service
Energie
www.umis.de
World Resources Institute
www.igc.apc.org/wri
www.wuppertal-institut.de
Weitere Internetseiten
Blauer Engel
www.blauer-engel.de
Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
www.dsw-online.de
Doktorandennetzwerk Öko-Audit
www.doktoranden-netzwerk.de
Earthlink-Netzwerk für Mensch und
Natur
www.earthlink.de
Umweltmanagement unter einem Dach
www.umweltdatenbank.de
Umweltpreise
www.umweltpreis.de
Umweltstatistik
www.,statistik-bund.de
Windkraft
www.windkraft.de
Abkürzungsverzeichnis
AGENDA 21
AGÖL
BSE
CJD
CO,
CSD
Weltweites Aktionsprogramm der Vereinten Nationen
Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau
Bovine Spongiforme Enzephalopathie (dt.: Gehirnerkrankung bei
Rindern)
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
Kohlendioxid
Kommission für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen
DFG
Deutsche Forschungsgemeinschaft
ECOSOC
EU
Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen
GAIA
GEF
GEO
(nach griechischer Sage) die „Urmutter Erde“
Global Environment Facility (dt.: Globale Umweltfazilität)
Europäische Union
Global Environment Organization (dt.: Globale Umweltorganisation)
G77
Gruppe 77 der Entwicklungsländer
ICLEI
International Council for Local Environmental Initiatives
ICE
Intergovernmental Panel on Climate Change (dt.: Zwischenstaatlicher Ausschuss über Klimaänderungen)
NRO
Nichtregierungsorganisation
ODA
OECD
Öffentliche Entwicklungshilfe
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwick-
lung
OBEE
ÖPNV
Organisation erdölexportierender Länder
Öffentlicher Personennahverkehr
Rio bzw.
UNCED
Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung,
SRU
Rat von Sachverständigen für Umweltfragen
UBA
UN
UNEP
Vereinte Nationen
1992
Umweltbundesamt
United Nations Environment Programme (dt.: Umweltprogramm
der Vereinten Nationen)
WBGU
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen
WEDO
World
WTO
Weltumwelt- und Entwicklungsorganisation)
World Trade Organization (dt.: Welthandelsorganisation)
290
Environment
and
Development
Organization
(dt.:
Autorinnen und Autoren des Bandes
Günter Altner, geb. 1936; Dr. in Biologie und Theologie; bis 2000 Professur für evan-
gelische Theologie an der Universität Koblenz; Mitherausgeber des JAHRBUCH
OKOLOGIE.
Susanne Bergius, geb. 1963; Dipl.-Geografin; seit 1990 Benelux-Korrespondentin
des
Handelsblatts in Brüssel.
Willi Bierter, geb. 1940; Dr. phil.; Direktor des Instituts für Produktdauer-Forschung,
Genf/ Giebenach/ Hamburg und Mitglied des Factor 10 Innovation Network.
Hanns-Georg Brose, geb. 1945; Dr. phil.; Professor für Soziologie an der GerhardMercator-Universität Duisburg.
Jann Carstensen, geb. 1961; Angestellter der Stadt Wyk auf Föhr.
Michael Emmrich, geb. 1959; Dr. phil.; Redakteur der Frankfurter Rundschau.
Claudia Empacher, geb. 1969; Dipl. oec.; Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut
für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt am Main; Forschungsschwerpunkt „Nachhaltige Produktions- und Konsummuster“.
Ute Evers, geb. 1956; Dr. rer. nat.; freie Autorin mit dem Schwerpunkt Umwelt; bis
1993 Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Max-Planck-Gruppe für Ribosomenstruktur am DESY, Hamburg.
Franz-Theo Gottwald, geb. 1955; Dr. phil.; Vorstand der Schweisfurth-Stiftung, München.
Christine Henseling, geb. 1972; Soziologin (M.A.); Wissenschaftliche Mitarbeiterin im
Bereich Produkte und Stoffströme des Öko-Institut e.V., Freiburg i.Br.
Karl Otto Henseling, geb. 1945; Dr. Ing.; Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Umwelt-
bundesamt Berlin.
Hans Werner Ingensiep, geb. 1953; Dr. rer. nat. habil. phil.; Hochschuldozent für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Essen.
Thomas Knopf, geb. 1966; Dr. phil.; Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Urund Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen.
Harald Kohl, geb. 1963; Dr. rer. nat.; Physiker; Referent im Bundesministerium für
Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Bereich Internationale Zusammenarbeit; deutscher National Focal Point für den IPCC.
Norbert Kopytziok, geb. 1954; Dr. Ing. habil.; Umweltwissenschaftler mit dem Arbeits-
schwerpunkt Ökologische Stoff- und Abfallwirtschaft, Osnabrück.
Ulrike Kronfeld-Goharani, geb. 1956; Dr. rer. nat; Ozeanografin und wissenschaftliche
Mitarbeiterin am Schleswig-Holsteinischen Institut für Friedensforschung
(SCHIFF) der Universität Kiel.
Renate Künast,
geb. 1955; Rechtsanwältin;
Bundesministerin
für Verbraucherschutz,
Ernährung und Landwirtschaft.
Günter Kunert, geb. 1929; freier Schriftsteller; lebt in Schleswig-Holstein.
Heike Leitschuh-Fecht, geb. 1958; Umwelt- und Wirtschaftsjournalistin; Beraterin mit
dem Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung,
nehmensentwicklung und Lokale Agenda 21.
insbesondere zukunftsfähige Unter-
291
Barbara Mettler-von Meibom, geb. 1947; Dr. phil.; Professorin für Politikwissenschaft
mit Schwerpunkt Kommunikation und Medien an der Universität Essen; Mitherausgeberin des JAHRBUCH ÖKOLOGIE.
Klaus Michael Meyer-Abich, geb. 1936; Dr. phil.; Professor für Nase
der Universität Essen.
an
Werner Möhring-Hüser, geb. 1961; Dr. Ing. Elektrotechnik; Wissenschaftlicher Mitar-
beiter bei der Energiestiftung Schleswig-Holstein in Kiel.
Michael Müller, geb. 1948; MdB, Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion; Bundesvorsitzender der NaturFreunde und Mitglied im Präsidium des
Deutschen Naturschutzrings.
Götz Neuneck, geb. 1954; Dr. rer. nat.; Physiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg.
Benno Pilardeaux, geb.1963; Dr. rer. nat.; Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen
(WBGU), Geschäftsstelle Berlin.
Iris Radisch, geb. 1959; Studium der Germanistik, Philosophie und Romanistik; Re-
dakteurin im Ressort Feuilleton und Literatur der ZEIT; Gastprofessuren in St.Louis
und Göttingen.
Barbara Schäfer, geb. 1964; Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft; von 1993-1996 Mitarbeiterin des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen, von 1996-1999 Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesumweltamtes; seither Referentin am Bundesumweltministerium.
Irmgard Schultz,
geb. 1949;
Dr. phil.; Wissenschaftliche
Mitarbeiterin
und Mit-
begründerin des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am
Main; Koordinatorin des Forschungsbereichs „Alltagsökologie und Stoffströme“.
Nina Schwarz, geb. 1979; Studium der Umweltwissenschaften
an der Universität Lü-
neburg, Arbeitsschwerpunkte Indikatoren einer nachhaltigen Entwicklung sowie regenerative Energien.
Udo E. Simonis, geb. 1937; Dr. sc. pol.; Professor für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin; Präsident der World Society for Ekistics; Mitherausgeber und
Redakteur des JAHRBUCH ÖKOLOGIE.
Gerd Sonnleitner, geb. 1948; bewirtschaftet einen 100-Hektar-Veredlungsbetrieb in
Ruhstrof im Landkreis Passau; seit 1997 Präsident des Deutschen Bauernverbandes,
seit 2001 Präsident des Europäischen Bauernverbandes.
Petra Stephan, geb. 1960; Studium
der Biologie, Ökologie und Sozialwissenschaften;
langjährige Mitarbeiterin am Institut für Entwicklung und Frieden, seit 2001
Gutachterin
mit den Schwerpunkten
freie
Nachhaltige Entwicklung in Nord und Süd;
internationale Umweltpolitik.
Klaus Wortmann, geb. 1959; Dr.phil.; Diplom-Psychologe; Leiter der Arbeitsbereiche
Stiftungsforschung und Markttransformation bei der Energiestiftung SchleswigHolstein in Kiel.
Michael Zschiesche, geb. 1964; Dipl.-Ökonom und Jurist; Vorstandssprecher des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen (UfU) e.V., Berlin, Halle.
Gesamtregister 1992-2002
Agenda 21
Agenda 21-Prozesse an Hochschulen 2001, 158
Aufbruch 21: Ökologie und Demokratie 2000, 180
Ökologie und die Zukunft der Stadt 1999, 37
Wege zur Nachhaltigkeit: Das Ulmer Netzwerk 1999, 48
Zukunftsfähige Städte und Gemeinden in Europa 1999, 63
Arbeit
Gedanken über die Zukunft der Arbeit 1995, 11
Gewerkschaften und Umwelt 1992, 344
Neue Arbeitszeitmodelle 1996, 269
Bauen
Blockheizkraftwerk im Nahwärmeverbund 2001, 257
Mietwohnungsbau und Ökologie 1998, 238
Solarhaus und Solarsiedlung 1996, 277
Vom konventionellen zum ökologischen Bebauungsplan
1993, 237
Biologische Vielfalt
Die Biodiversitätskonvention 1998, 82
Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EG 1994, 72
Die Wiederaufforstungsidee 1998, 116
Eine „Arche Noah“ für tierische Randgruppen 1994, 263
Fortschritte im internationalen Artenschutz 1996, 207
Gutes Geld für grünes Gold? 1998, 94
Landwirtschaft und Schutz der biologischen Vielfalt 1998, 106
Regionale Flora 2000, 232
Strategien zum Schutz der Artenvielfalt 1994, 37
Bodenschutz
Ein Aufruf zum Bodenschutz 2001, 261
Flächen- und Bodenverbrauch stoppen 2000, 137
Mutter Erde -Boden als Lebenselement 2000, 128
Plädoyer für eine internationale Bodenkonvention 2000, 151
Von der Wüstenkonvention zum globalen Bodenschutz 2001, 225
Wüstenkonvention - erste Schritte 2000, 146
Chemiediskurs
Beschäftigten-Initiativen in einem Chemiebetrieb 1992, 335
Chemieindustrie in den neuen Bundesländern 1993, 63
Perspektiven für die Chlorchemie 1994, 120
Szenarien einer Chemiewende 1993, 32
Zum Stand der chemiepolitischen Diskussion 1992, 187
293
Dorf- und Stadterneuerung
Ein naturnaher Garten 1998, 227
Gemeinde-Ökopfad Bordesholm 1996, 300
Horno/Lausitz: Kampf gegen Abbaggerung 2000, 273
Mölbis/Leipzig: Zwischen Enttäuschung und Hoffnung 1993, 243
Natürliche Dörfer in Österreich 1992, 313
Ökologischer Stadtumbau: Projekt Leipziger Ostraum 1995, 255
Wulkow/Brandenburg: Wie sich ein Dorf ökologisch erneuert 1993, 84
Energiepolitik
Der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie 2001, 276
Der Castor kommt 1999, 272
Der Sonnenenergie zum Durchbruch verhelfen 1997, 11
Die Stand-by-Kampagne der Energiestiftung Schleswig-Holstein 2002, 242
Ein Holzheizwerk in Bordesholm 1999, 248
Energiebedingte Umweltbelastungin der ehemaligen DDR 1993, 54
Energiekonsens — aber wie? 1996, 27
Energiepolitik: Über Ausstieg und Einstieg 2001, 54
Energiepolitik in Dänemark 1995, 269
Energiesparen an Schulen 2001, 168
Energisch Energie Sparen 1997, 243
Grüner Strom 2001, 250
Kontroversen um die Windenergie 1999, 252
Negawatt statt Megawatt: Energiesparlampen-Aktion 1992, 174
Per Vertrag zum Energiesparen — Niederländer sind Vorreiter 2002, 250
Photovoltaik - Technik der Zukunft 1994, 292
Solarzeitalter - Die neue Energie-Ökonomie 2001, 196
Weltweiter Atomausstieg und Klimaschutz 2001, 183
Windenergie - im Rahmen bleiben 2000, 175
Windenergie in Schleswig-Holstein 1992, 352
Zur Geschichte der Windenergienutzung 1998, 190
Erdgipfel
Anforderungen an Konferenz Umwelt und Entwicklung 1992, 162
Die Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung 1993, 279
Ein Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik? 2002, 77
„Erdgipfel 2002“: Eine Einschätzung des Erreichbaren 2002, 83
Nachhaltige Entwicklung: Rolle der öffentlichen Hände 1993, 120
Nachhaltigkeit der Entwicklung in Nord und Süd 1993, 102
Oligarchische oder demokratische Lebensstandards
1993, 91
Rio + 10. Der Count-down läuft 2002, 64
Wohlhabende Saubermänner — arme Schmutzfinken
1993, 113
Erdmanagement
Globales Umweltmanagement 1999, 168
Über die Machbarkeit globalen Managements 1999, 187
Weltsteuerung in der Ökologie? 1999, 199
294
Ernährung
Bio-Kost im Kommen 1993, 228
Eine Akademie lernt, umweltverträglich zu arbeiten 1993, 263
Nachhaltige Landwirtschaft, neue Ernährungskultur? 2002, 11
Natürliche Nahrung 1995, 55
Rio, Rom und Rote Bete 2000, 237
Was alles als „natürlich“ bezeichnet werden darf 1995, 76
Erziehung
Arbeit, Bildung und Umwelt 2001, 174
Bildungspolitik für eine umweltgerechte Entwicklung 1995, 100
Die Schule als sinnvolle Arbeit 1995, 107
Gedanken zum Sinn ökologischer Bildungsarbeit 1995, 113
Ideen für ein fachübergreifendes Curriculum 1995, 245
Internationale Projekte der Umwelterziehung 1995, 250
Klimabildung - ein neues Handlungsfeld 1997, 256
Ökologische Schulen in Rheinland-Pfalz 1997, 267
Ökologischer Humanismus 2001, 149
Umwelterziehung war erst der Anfang 1995, 94
Was ist Umwelterziehung? 1995, 85
Europa
Erweiterung der Europäischen Union und der Umweltsektor 2001, 170
Chancen der Internationalisierung der Umweltpolitik 1992, 223
Europäischer Binnenmarkt: Güterverkehr 1992, 233
Fünftes Umweltaktionsprogramm der Europäischen Union 1996, 218
Osterweiterung und Flexibilisierung der Umweltpolitik 2001, 106
Polen und die Europäische Union 2001, 95
Über Normen und Bananen 1997, 286
Umweltstandards für Mittel- und Osteuropa 2001, 81
Forschung
Der offene Prozess der Natur 1993, 9
Entdeckung der ubiquitären Dioxin-Verbreitung 1993, 215
Rachel Carson und Sherwood F. Rowland 1997, 217
Syndrom- oder Motoransatz der Forschung? 1999, 158
Umweltforschung in den Niederlanden 1997, 295
Frauen
Die Gestaltungsmacht von (Haus-)Frauen 1999, 74
Frauen als umweltbewusste Konsumentinnen 1999, 68
Ökologie als gelebte Praxis: Das Beispiel Indien 1999, 83
Gentechnik
Die Umweltbewussten
und die Gentechnik 1994, 231
Gentechnik in der Medizin 1998, 138
Gentechnik: Unerledigte Hausaufgaben 1993, 21
Gesundheit und gentechnisch veränderte Lebensmittel 1995, 67
Grüne Gentechnik und Umwelt 2002, 260
Keine Notwendigkeit für Gentechnik 1994, 240
295
Maßlose Wissenschaft 2002, 110
Ressource Mensch. Über biotechnischen Fortschritt 2002, 104
Warnung vor der Überschreitung von Grenzen 1994, 246
Was ist Leben? Grundfragen der Biophilosophie 2002, 92
Golfkrieg
Auswirkungen der Ölbrände in Kuwait auf das Klima 1992, 91
Der Golfkrieg: Krieg gegen die Umwelt 1992, 78
Kuwait nach dem Golfkrieg: Das ökologische Desaster 1992, 103
Kinder
Der Kindergipfel in Frankfurt: Vertrag und Forderungen 1993, 283
Ein Waldspaziergang mit „Teenies“ 1997, 76
Größte Gefahr für unsere Kleinsten 1997, 56
Hilfe für Kinder aus Tschernobyl 1998, 207
Kinder entdecken die Sonnenenergie 1998, 215
Kinder erforschen Natur 2001, 233
Kinder in der Umwelt-Werbung 1997, 66
Kinderangst als Zukunftssicherheit 1994, 21
Was Kinder über Umwelt denken 1997, 47
Klimapolitik
Berliner Klimakonferenz — wie weiter? 1996, 43
Die CO>-Crime-Story 1994, 308
Die Dominanz der USA im Kyoto-Protokoll 2001, 207
Eine Chronologie der Klimadebatte in Deutschland 1994, 252
„Joint Implementation“ 1996, 212
Klimakonferenz von Kyoto 1998, 52
Klimakonvention: Konflikt zwischen Nord und Süd 1992, 138
Klimaschutz — die Wette 2000, 221
Öko-Kolonialismus — auch durch Veränderung des Klimas 1992, 25
Soziales Marketing für den Klimaschutz 1996, 285
Umweltverbände in der Klimapolitik 1999, 240
UV-Strahlung: Ein weiteres globales Umweltproblem 1993, 127
Vorbereitung einer globalen Klimakonvention 1992, 130
Zum Dritten Sachstandsbericht des IPCC 2002, 275
Landschaft
Geotopschutz — Die neue Aufgabe im Landschaftsschutz 2001, 264
Gestaltete Landschaft — Beispiele aus Holland 1996, 128
Landschaftsästhetische Bewertung 1996, 120
Landschaftswandel über die Jahrhunderte 1996, 101
Landschaftszerstörung durch Windenergie 2000, 159
Schöne Landschaften 1996, 136
Störfälle, Havarien und Umweltunfälle in der DDR 2002, 235
Landwirtschaft
Bauern: Die Letzten von gestern — die Ersten von morgen? 1995, 48
Die Vegetarier jubeln 1997, 329
296
Doppelt gut: Für die Bauern und für die Natur 2002, 29
Eine Erklärung von Agrarökonomien 2002, 37
Für eine neue Agrarpolitik: Kasseler Erklärung 2002, 41
Hermannsdorfer Werkstätten 2000, 226
Landwirtschaft und Gesundheit 1997, 326
Landwirtschaft und Wasser 1995, 139
Lebensmittel aus ökologischem Anbau
1995, 60
Massentierhaltung auf der Anklagebank 1997, 31
Neue Agrarpolitik — Ökologischer Landbau 2002, 22
Rinder- oder Behördenwahn:
Der Fall BSE 1998, 273
Scheinheiliges Mitleid mit den Kühen 2002, 47
Lebensweisen
Altersvorsorge als Mittel des Umweltschutzes 2001, 272
Die Außen- und die Innenweltverschmutzung
1992, 373
Eine Hutterische Bruderhof-Gemeinschaft 1994, 297
Nachhaltige Konsumstile - Neue Erkenntnisse 2002, 199
Nachhaltige Lebensstile - Konkrete Utopien 1997, 103
Ortsqualität oder: Der Traum vom guten Leben 2002, 148
„Schlaraffenland“ — Alte Märchen und neue Wirklichkeit 1998, 31
Sesshaftigkeit - Ein Zukunftsprojekt 2002, 137
Sieben „Wunder“ der Nachhaltigkeit 1996, 309
Umwelt in Schleswig-Holstein 1997, 113
Umweltverträgliche Lebensstile 1997, 83
Wann ändern Menschen ihr Verhalten? 1996, 11
Warum Menschen ihr Verhalten nicht ändern! 1998, 21
Wieviel Mensch erträgt die Erde? 1996, 247
Zeit-Kulturen im Umbruch 2002, 123
Medien
15jähriger Schüler erhält Hoffnungspreis 2002, 268
Kein Ökotopia auf der Datenautobahn
1997, 209
Mit neuen Medien zur Umweltbelastung 1997, 200
Mit neuen Medien zur Umweltentlastung 1997, 188
Multimediatechnik bei Genehmigungsverfahren 1998, 248
Nachhaltigkeit — ein Kommunikationsproblem 2000, 268
Umwelt im Internet 2002, 288
Medizin
Angewandte Umweltmedizin — klinische Ökologie 1998, 150
Das Beispiel Humaninsulin
1998, 138
Eine nicht erkannte Nahrungsmittel-Allergie 1992, 203
Gesundheit braucht neues Denken 2002, 113
Hormonelle Sabotage der Fortpflanzung 1998, 158
Ich bin ein Umwelt-Indikator 1992, 216
Natur und Mensch bei Paracelsus 1994, 303
Resolution gegen Klonierung des Menschen 1998, 271
Umweltmedizin in Deutschland 1998, 126
29T.
Mülldiskurs
Abfall als Indikator von Nachhaltigkeit 2002, 188
Das bessere Müllkonzept: Einfälle gegen Abfälle 1992, 255
Der „Grüne Punkt“ — wie die Made im Abfall 1995, 280
Die Mülldebatte und das Prinzip Verantwortung 1992, 242
Die „umweltfreundliche“ Einkaufsstraße 1997, 251
Gedanken zum Begriff „Abfall“ 1994, 78
SERO - Recycling & la DDR 1992, 266
Zehn Jahre „Föhrer Dosenschwur“ 2002, 255
Naturwahrnehmung — Naturschutz
„Akupunktur der Erde“ 1996, 304
Bodenschutz international auf dem Vormarsch 1999, 143
Die Begriffe Natur und Umwelt 1998, 265
Natur und Naturbedrohung bei Günter Grass 2001, 16
Naturschutz durch ökologische Landnutzung 1994, 48
Teichbau: Erfahrungsfeld ökologischer Bildung 1992, 329
Thüringens Altlast Nr. 1 1995, 285
Umweltschutz in der DDR
1997, 310
Wer rettet die Wahner Heide? 1993, 191
Zukunftssicherung der Natur 1999, 225
Ökologische Ökonomie
Analytische Grundlagen einer ökologischen Ökonomie 1995, 162
Gibt es überhaupt eine ökologische Produktion? 1995, 199
Mit Produktbilanzen zum ökologischen Produkt 1995, 213
Ökologische Ökonomie: Konzept, Fragen, Folgerungen 1995, 147
Ökologische Produkte — Eine Notwendigkeit 1995, 205
Ökologische Produktion ist möglich, aber schwierig 1995, 222
Umweltmoral oder Umweltökonomie 1999, 11
Ökologische Prinzipien
Deklaration der Menschenpflichten 1999, 22
Elf Gebote für eine lebenswerte Zukunft 1992, 371
In memoriam Donella Meadows 2002, 269
Ökologie der Zeit 1996, 18
Ökologische Selbstverpflichtung 1992, 363
Prinzipien ökologischen Überlebens 1992, 47
Pro- und post-materielle Werthaltungen 1995, 186
Zehn Jahre JAHRBUCH ÖKOLOGIE 2001, 9
Zwischen Natur und Kultur 2002, 56
Osteuropa
Die schleichende Verseuchung der Arktischen Region 2002, 212
Konversion der Rüstungsforschung — Nur in der GUS? 1993, 153
Ökologie in Osteuropa: Erste Bilanz und Perspektiven 1993, 41
Zehn Lektionen von Tschernobyl 1997, 319
298
Philosophie
Abschied vom allmächtigen Gott 1998, 11
Begründung der Tiefenökologie 1997, 130
Neue Perspektiven der ökologischen Bewegung 1997, 121
Okologie-Gedanken eines Schriftstellers 2002, 50
Praktische Naturphilosophie 1997, 138
Warum schreiben? 1997, 152
Weltethos und die Wissenschaften 2000, 11
Psychologie
Ökologische Blindheit: Das Beispiel des Golfkrieges 1992, 112
Träume von einer Gefährdung und Heilung der Erde 1993, 270
Zur Psychologie der Gewalt gegen Mensch und Natur 1992, 38
Rüstungskonversion
Konversion: Eine Chance für ökologisches Wirtschaften 1993, 136
Konversion als ökologische Friedensdividende 1993, 147
Konversion der Rüstungsforschung 1993, 153
Stoffströme
Aneignung von Nettoprimärproduktion
1997, 22
Anforderungen an eine Kreislaufwirtschaft 1994, 109
De-Meaterialisierung und ökologischer Strukturwandel
1994, 94
Kohlenstoffkreislauf — Die fehlende Senke 1999, 94
Materialkreislauf - Der Faktor 10 1999, 122
Stickstoffkreislauf - Gefahrenaspekte 1999, 114
Stoff-Wechsel 1998, 221
Vom Nutzen nationaler Stoffbilanzen 1995, 20
Was heißt Ressourcenproduktivität? 1995, 29
Technologie
Das Ergrünen der Technologie 1992, 54
Das Zero-Emissions-Konzept 2001, 119
Elektromagnetische Manipulationen 2001, 36
„Faktor 4“. Fortschritt der Umwelttechnik 1998, 254
Globale Umweltprobleme: Technische Lösungen? 1996, 193
Orientierungen auf dem Wege zum sauberen Produkt 2002, 159
Radikale Produkt- und Prozessinnovationen 2002, 171
Windenergie — Technologie mit Zukunft 2000, 167
Zero Emission: Was geht und was nicht geht 2001, 136
Tierschutz
Grundzüge einer Tierethik 1994, 58
Kirche und Tierschutz in der DDR 1996, 294
Massentötung von Schweinen 1999, 273
Sterbende Korallen 1996, 318
Tierversuche: Ersatz- und Ergänzungsmethoden 1992, 323
299
Tourismus
Die Alpen zwischen Verstädterung und Verödung 1997, 156
Die Naturfreunde - Beispiel für sanften Tourismus 1998, 232
Konzept des umweltverträglichen Tourismus 1997, 176
Ökotourismus — Entwicklungsperspektiven 2000, 247
Sanfter Tourismus: Möglichkeiten, Hindernisse 1997, 167
Umweltsiegel: Der „grüne Koffer“ 2000, 253
Umweltberatung
Das Kieler Umweltstadtbuch 1992, 318
Kommunaler Umweltschutz trotz leerer Kassen 1997, 274
Mit Umwelt-Sponsoring in die Offensive? 1992, 357
Umwelt-Arbeit in einer Landeskirche 1994, 275
Umweltberatung: Was war, wie geht's weiter? 1992, 308
Umweltgeschichte entdecken 1994, 271
Umweltbewegung
Die Chipko-Bewegung 1997, 290
Humanere Zukünfte erfinden 1997, 307
Neue Männer braucht die Ökologie 1999, 27
Private Umweltinitiativen. Drei anregende Beispiele 1995, 240
Ulm: Ein ökologisches Bündnis vor Ort 2001, 237
Wie der Protest zur Sprache kam 2001, 28
Umweltinstitute
B.A.U.M.
1995, 307
Das Bundesamt für Naturschutz 1995, 308
Das Österreichische Institut für Nachhaltige Entwicklung 1998, 276
Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie 1998, 277
Der Deutsche Naturschutzring 1998, 275
Deutsche Gesellschaft für Umwelterziehung 1999, 274
Deutsche Stiftung Weltbevölkerung 1999, 275
Deutsche Umweltstiftung 1994, 316
Die Abteilung Soziale Ökologie des IFF-Wien 1999, 276
Die Akademie für kommunalen Umweltschutz 1997, 333
Die Forschungsstelle für Umweltpolitik 1997, 332
Die Stiftung Ökologie & Landbau 1997, 334
Ecologic gemeinnützige GmbH 2000, 291
Energiestiftung Schleswig-Holstein 2002, 285
Forschungsgruppe Energierecht 2002, 286
ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung 2000, 292
Institut für Europäische Umweltpolitik 1993, 290
Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung 1993, 291
Institut für sozial-ökologische Forschung 2001, 289
International Council for Local Environmental Initiatives 2002, 287
Öko-Institut e.V. 1992, 377
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 1996, 321
Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen 1996, 322
300
UfU-Institut für Umweltfragen e.V. 1994, 317
Umweltbundesamt 1992, 375
Vereinigung für Ökologische Wirtschaftsforschung 2001, 290
Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen 2001, 291
Umweltpolitik
Auf dem Weg zur Ökodiktatur? 1991, 200
Bürgerbeteiligung in den neuen Bundesländern
1997, 279
Commission on Sustainable Development 1996, 96
Deutschland auf dem Weg zur Nachhaltigkeit? 1998, 164
Gegen umweltpolitischen Instrumentalismus 1997, 35
Global 2050: Auszüge aus dem Bericht des Club of Doom 1992, 63
Gruhls Rache 1999, 262
Institutionenlernen: Beispiel „Ozon-Fonds“
1998, 68
NAFTA - Nur ein kleiner Schritt 1996, 223
Neue Spielregeln für die Umweltpolitik 1998, 40
Ökodiktatur vermeiden! 1993, 206
Ökodiktatur vermeiden — auch im Kopf 1993, 211
Ökologie, Ökonomie und Politik 2000, 38
Ökologischer Machiavellismus 1994, 9
Ökosteuer: Eine Nachbetrachtung 2001, 62
Raum Halle/Leipzig/Bitterfeld/Merseburg 1993, 75
Reduzierung des materiellen Konsums 1996, 239
Ror-grüne Umweltpolitik: Eine Zwischenbilanz 2001, 46
Umweltbundesamt — 25 Jahre 1999, 207 und 2000, 199
Umweltpolitik 2000. Eine langfristige Strategie 1992, 11
UN-Seerechtskonvention
1996, 200
UN-Sondergeneralversammlung 1999, 133
Verhandeln und Argumentieren 1996, 35
Weltorganisation für Umwelt und Entwicklung 2000, 26
Zivilisationsmuster — Ökologiemuster 1996, 229
Umwelt-Verfassung
Der Staat als Naturstaat 1994, 157
Eine Umwelt-Verfassung für Europa 1994, 177
Globale Umwelt-Kooperation 1994, 186
Kann es eine Umwelt-Verfassung geben? 1994, 166
Umweltwahrnehmung
Erfahrungsfähigkeit & Natur 1994, 194
Natur — Mensch — Medien 1994, 209
Ökologie als Body-Building 1994, 202
Ökologie in der Kunst? 1994, 220
Verbandsklage in Deutschland 2000, 287
Verkehrspolitik
Autofreier Sonntag in Italien 2001, 287
Der „Hammer“
des Jahres 2001, 288
Die Kernfrage heißt Mobilität 1992, 273
301
Elektrische Straßenfahrzeuge 1996, 166
Fehler wohlmeinender Verkehrsplanung 1996, 176
Gemächlichkeit und Autoverzicht 1992, 286
Gratisbus statt Straßenbau 2000, 61
Leben ohne eigenes Auto 1996, 185
Mindestanforderungen an Autos 1996, 160
Mobilitätsverhalten beginnt im Kopf 1993, 174
Mythologien der Motorisierung 1996, 151
Ökologisch verträgliche Mobilität 2000, 43
Ökologische Folgen des Flugtourismus 2000, 76
„Rollende Landstraße“ auf dem Abstellgleis 1995, 305
Selbstbeweglichkeit 2000, 68
Semesterticket für Studierende 1993, 258
Stadtverkehr der Zukunft 1993, 165
Stadtverkehr ökologisieren! 2000, 53
Strategien für den Verkehr von morgen 1992, 279
Über den Wolken — unter aller Kritik? 1999, 151
Wieder ohne Auto. Über den Gewinn eines Verzichts 1993, 250
Wald
Bäume gegen den Treibhauseffekt 1998, 116
Die Wald- und Holz-Option — ein Manifest 2000, 281
Entdeckung des Waldsterbens in Deutschland 1996, 310
Globales Waldschutzabkommen 1998, 75
Wer hat eigentlich das Waldsterben entdeckt? 1992, 292
Wasser
Bürgerbeteiligung bei einer Gewässersanierung 2001, 244
Der Korken des Kolumbus
1995, 303
Erfahrungen mit Regenwassernutzung 1995, 277
Gesellschaftlichen „Wasserdiskurs“ in Gang bringen 1995, 121
Nachhaltiger Umgang mit Wasser 2000, 99
Wasser als Problem — Wasser als Politik 1995, 226
Wasser in der Stadt 2000, 120
„Wassergroschen“ in Niedersachsen 1996, 290
Wasserhaushalt und Basenverluste aus der Landschaft 1995, 129
Wasserknappheit und Ernährungssicherung 2000, 87
Wasserpolitik in Europa 2000, 110
Wassersparen in Hessen 1994, 312
Wirtschaft
Der moderne „Infrastrukturkanal“
1994, 280
Erfahrungen mit Ökofonds 1998, 244
Für eine ökologische Wirtschaftsordnung 1996, 71
Handelspolitik im Dienste des Umweltschutzes? 1998, 57
Nachhaltigkeit — durch Intervention oder Innovation 2000, 190
Nachhaltigkeit — erfolgreiche Unternehmen 2000, 263
Naturtextilien — Erfolgsgeschichte 2000, 259
302
Ökologisch bewusste Unternehmensführung 1995, 170
Ökologische Branchenökonomie: Beispiel Textilindustrie 1995, 181
Ökologische Steuerreform
1994, 132
Ökologisierung des GATT
1996, 89
Ökonomische Instrumente für den Umweltschutz 1996, 80
Plädoyer für eine öko-soziale Marktwirtschaft 1995, 295
Umweltschutz in der Rezession 1994, 138
Verantwortung ökonomischer Eliten 2000, 16
Von der „Verkaufs- zur Dienstleistungswirtschaft“ 1995, 35
Zukunft
Plädoyer für einen ökologischen Generationenvertrag 1994, 31
Nachhaltige Entwicklung in Oberösterreich 1995, 262
Neue Regeln für zukunftsfähiges Haushalten 1994, 149
Umwelt-Enqueten des Bundestages 1996, 255
Zukunftsfähige Lebensweisen im Alltag 1997, 93
Zukunftsfähiges Deutschland 1996, 50
Zukunftsfähiges Österreich 1996, 63
KAKKK
„Der einzige Traum, den es lohnt zu träumen,
ist der Traum, dass man lebt, solange man lebt,
und erst stirbt, wenn man tot ist.“
Arundhati Roy
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Natur und Umwelt
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Ernährungskultur? / Doppelt gut: Für die Bauern
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Kunert ®e Replik: Zwischen Natur und Kultur ®
Schwerpunkte: Rio + 10 / Was ist Leben? / Sesshaftigkeit — Ortsqualität / Saubere Produktee
Umweltpolitikgeschichte: Die Verseuchung der
Arktischen Region / Störfälle und Umweltunfälle in
der DDR » Exempel, Erfahrungen, Ermutigungen:
ITS ETT ELSE ETTERTDESOTTG TIER OHTTEESIH EEE
wig-Holstein / 10 Jahre „Föhrer Dosenschwur” /
Grüne Gentechnik und Umwelt ®e Spurensicherung:
In memoriam Donella H. Meadows / Präsident
Bushs klimapolitische Wegfahrsperre / Klimawandel, Klimafolgen, Klimapolitik e UmweltLEOTCHSTTTESOENIISDIERSNITELDISCHW]
International Council for Local Environmental
Initiatives e Gesamtregister: 1992-2002
Verlag C.H.Beck
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