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RN UnnSBaTE LIBRARY S äg |Si FROM STOCH Zu a UNIVERSITL LIBRARY & INFORMATION SERVICES Aston Triangle Birmingham BA 7ET England Tel +44 (0121) 359 3611 Fax +44 (0121) 359 7358 email library@aston.ac.uk Website http://www.lis.aston.ac.uk/
Ische beck reihe III This book is due for return not later than the last date stamped below, unless recalled sooner.
Das Jahrbuch Ökologie e informiert über die ökologische Situation und die Belastungstrends in den verschiedenen Bereichen der natürlichen Umwelt e analysiert und kritisiert die staatliche Umweltpolitik e bringt einen Disput zu einem wichtigen umweltpolitischen Thema e dokumentiert historisch bedeutsame, umweltbezogene Ereignisse und Initiativen e beschreibt positive Alltagserfahrungen und entwirft Visionen für eine zukunftsfähige Welt e wendet sich an eine sensible Öffentlichkeit, die sich der Umwelt- krise bewußt ist und nach tragfähigen Alternativen im Umgang mit der Natur sucht e ist einem breiten Ökologiebegriff verpflichtet, der im Alltag verankert ist und das Verhältnis von Mensch und Natur, von Gesellschaft und Umwelt umfaßt. Beirat Thea Bauriedl, München; Paul J. Crutzen, Mainz; Joan S. Davis, Zürich; Marina Fischer-Kowalski, Wien; Berndt Heydemann, Kiel; Martin Jänicke, Berlin; Robert Jungk, Salzburg}; Stephan Kohler, Celle; Günter Kunert, Kaisborstel; Klaus Michael Meyer-Abich, Essen; Johannes B. Opschoor, Den Haag; Klaus Röhring, Kassel; Alexander Roßnagel, Heidelberg; Karin Roth, Hamburg; Werner Schenkel, Berlin; Michael Succow, Greifswald; Antje Vollmer, Bielefeld; Otmar Wassermann, Schönkirchen; Christine von Weizsäcker, Bonn. In Zusammenarbeit mit BAUM - Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewußtes Management, Hamburg; Deutsche Umweltstiftung, Germersheim; DNR — Deutscher Naturschutzring, Bonn; Fachgebiet Ökologischer Landbau, Witzenhausen; Forschungsstelle für Umweltpolitik, Berlin; ifeu-Institut, Heidelberg; IFF — Soziale Ökologie, Wien; IÖW - Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung, Berlin; ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt a.M.; OKO-Institut, Freiburg i.Br./Darmstadt/Berlin; UfU — Unabhängiges Institut für Umweltfragen, Berlin/Halle; Umweltbundesamt, Berlin/Dessau; Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie; WZB — Wissenschaftszentrum Berlin.
Jahrbuch Ökologie 2002 Herausgegeben von Günter Altner, Barbara Mettler-von Meibom, Udo E. Simonis und Ernst U. von Weizsäcker Verlag C.H.Beck
Mit 8 Abbildungen und 7 Tabellen Redaktion Prof. Dr. Udo E. Simonis, Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Reichpietschufer 50, 10785 Berlin, Tel.: (030) 25491-245; Fax (030) 25491-247. e-mail: simonis@medea.wz-berlin.de http://www.wz-berlin.de/uta Die Deutsche Bibliothek — CIP Einheitsaufnahme Jahrbuch Ökologie ... / in Zusammenarbeit mit BAUM, Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewußtes Management, Hamburg ... - München : Beck ISSN 0940-9211 2002. — Orig.-Ausg. — 2001 (Beck’sche Reihe ; 1446) ISBN 3 406 47572 8 Originalausgabe ISBN 3 406 47572 8 ISSN 0940-9211 Umschlagentwurf: +malsy, Bremen Umschlagabbildung: Rinde der Stieleiche (quercus robur) © zefa-Brockhaus © Verlag C. H. Beck oHG, München 2001 Satz: Redaktion, Wissenschaftszentrum Berlin Druck und Bindung: Druckerei C. H. Beck, Nördlingen Printed in Germany www.beck.de
Zu diesen Iebrbuicht Ur DER ya N I. DISPUT UND PERSPEKTIVEN: LEHREN AUS DER BSE-KRISE Franz-Theo Gottwald Gerd Sonnleitner Neue Agrarpolitik — Ökologischer kandbau a... Renate Künast Doppelt gut: Für die Bauern und für die Natur — KehrewanstdenBSE-Krise seen. ir Allen Bar: , Brauchen wir eine Neuorientierung in der Agrarpolitik? Eine Erklärung von Agrarökonomen ............. Wissenschaftler für eine neue Agrarpolitik! Be eher Drkläruo n e Er Iris Radisch Scheinheiliges Mitleid mit den Kühen ............ Günter Kunert Ökologie-Gedanken eines Schriftstellers... ..:.... Il. REPLIK Thomas Knopf Zwischen Natur und Kultur — Zu den Bedingtheiten menschlichen Umweltverhaltens
III. SCHWERPUNKTE 2002 1. „Rio + 10“ Heike Leitschuh-Fecht/Petra Stephan «Rio #:10°, Der. Couse-devn Bat x . an ar san sBer Ateaar 64 Benno Pilardeaux Ein Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik? Zum „Eideipfel 2002, ne mp Aa ae a ea Barbara Schäfer „Erdgipfel 2002“ — Eine Einschätzung des Erreichbaren....... 77 83 2. Was ist Leben? Hans Werner Ingensiep Was ist Leben? - Grundfragen der Biophilosophie........... 92 Günter Altner Ressource Mensch — Über biotechnischen Fortschritt und Würde destMenschen Ar ME Aa er 104 Michael Emmrich Maßlose Wissenschaft . ... MITPEBEN U I RE 110 Michael Müller Gesundheit braucht neues Denken ... 222.222 cc. 113 \slstceren ale Bee 123 Klaus Michael Meyer-Abich Sesshaftigkeit -— Ein Zukunftsprojekt . 2.222222 can. 137 Barbara Mettler-von Meibom Ortsqualität oder: Der Traum vom futen Leben‘, 148 3. Sesshaftigkeit — Ortsqualität Hanns-Georg Brose Zeit»Kultusenäm.ldmbruchn 6 I PEN
4. Saubere Produkte Christine Henseling/Karl Otto Henseling Orientierungen auf dem Wege zum sauberen Produkt ....... 159 Willy Bierter System-Design — Radikale Produkt- und Prozessinnovationen . . cc... 171 Norbert Kopytziok/Nina Schwarz Abfall als Indikator von Nachbaltiekeir wu. 188 0.20 a Claudia Empacher/Irmgard Schultz Nachhaltige Konsumstile: Neue Erkenntnisse. ............ 199 IV. UMWELTPOLITIKGESCHICHTE Ulrike Kronfeld-Goharani/Götz Neuneck Die schleichende Verseuchung der Arktischen Region ....... 22 Michael Zschiesche Vergessene Umweltgeschichte — Störfälle, Havarien und Umweltunfälle inder DDR ........ 235 V. EXEMPEL, ERFAHRUNGEN, ERMUTIGUNGEN Klaus Wortmann/Werner Möhring-Hüser Aus. Wirklich aus? — Die Stand-by-Kampagne der Energiestiftung Schleswig-Holstein................... 242 Susanne Bergius Per Vertrag zum Energiesparen — Niederländer sind Vorreiter im Umweltschutz... ........... 250 Jann Carstensen Konahre „Kohrer Desenschmut 255 2... no. esnaneenaune
Ute Evers er te Grüne.Gentechnik und Umwele 15jähriger Schüler erhält Hoffnungspreis ........-..-....VI. SPURENSICHERUNG In memoriam Donella Meadows ....... 2.2: 22222220... Udo E. Simonis Präsident Bushs klimapolitische Wegfahrsperre ............ Harald Kohl Klimawandel, Klimafolgen, Klimapolitik — Zum Dirieten Sachstandsberiche. des IPEG 2.» 2: 28 TG: ANHANG Umweltinstitutionen Energiestiftung Schleswig-Holstein .............22.2220. Forschungsgruppe Energierecht. : 1. ,..0r u0 0n0 a onen International Council for Local Environmental Initiatives Bi WEILHEMEIRTENNEEE Abkürzungssersfichnis, REN :...:... 1 N N NEN MEN SERIE .... NER SENINREREN Autorinnen und Autoren des Bandes. ....... 22.2. Kretzmtregisten 1922 n 20023. heat le
Zu diesem Jahrbuch Die drei Buchstaben BSE hatten innerhalb weniger Tage bewirkt, was der Ernährungsaufklärung in fünfzig Jahren nicht gelungen war: Die Verbraucher haben bewusst weniger Fleisch gegessen. Doch dieser Bewusstseinswandel währte nicht lange: Nur zehn Prozent der Deutschen halten nach der jüngsten Umfrage BSE noch für eines der wichtigsten Themen der politischen Diskussion. „Klasse statt Masse“ ist zu „Klasse und Masse“ mutiert, Effizienz und Weltmarktorientierung der Landwirtschaft stehen wieder im Zentrum, regionale Märk- te und ökologischer Landbau wieder am Rande des politischen Geschehens. Dies ist einer der Gründe dafür, dass wir mit diesem Jahr- buch erstmals von dessen bewährter Struktur abweichen: Wir beginnen mit einem Disput über den BSE-Fall und fragen nach den Perspektiven, die sich daraus ergeben (müssten) (Teil ]). Mit dem Jahrbuch wollen wir den ökologischen Diskurs in unserer Gesellschaft generell beflügeln. Da freuen sich die Herausgeber, wenn zu wichtigen Beiträgen kluge Kommentare eingehen, die zu einer Replik gedeihen (Teil II). Mit den diesjährigen Schwerpunkten (Teil III) greifen wir Aktuelles, Vergessenes, Mögliches und Kritisches auf: die aktuelle Diskussion um die Vorbereitung auf den „Erdgipfel“ 2002, die fast vergessene Frage, ob der moderne mobile Mensch doch vielleicht größerer Sesshaftigkeit bedarf, die mögliche Entwicklung sauberer Produkte und Produktionssysteme und die kritische Zuspitzung der Debatte um die Embryonenforschung und die Präimplantationsdiagnostik. Die Umweltpolitikgeschichte (Teil IV) ist diesmal eine Geschichte der ökologischen Belastungen: der lang andauernden Verseuchung der Arktischen Region und der vergessenen Unfälle und Havarien in der ehemaligen DDR. Wie jedes Jahr, so haben wir auch diesmal einige bemerkenswerte Exempel, Erfahrungen und Ermutigungen (Teil V) beobachtet und Autoren gefunden, die darüber schreiben wollten. In der Rubrik Spurensicherung (Teil VI) gedenken wir einer der Großen der Umweltbewegung, Donella Meadows. Und wir wollen »)
dazu beitragen, dass die Erkenntnisse der Klimawissenschaftler, die im Dritten Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) versammelt sind, im Gerangel der kurzfristigen Interessenpolitik der Staaten und der Kurzsichtigkeit der neuen Administration der Vereinigten Staaten nicht untergehen. Im Anhang dann, wie jedes Jahr, Selbstdarstellungen mehrerer Umweltinstitutionen und, erstmals, ein Versuch, die Präsenz der Umwelt im Internet zu dokumentieren. Zum Schluss noch ein Hinweis auf ein wichtiges Orientierungsmittel: das Verzeichnis aller bisherigen Beiträge des Jahrbuchs, das Gesamtregister 1992-2002, mit dessen Hilfe das komplexe Thema Ökologie leichter zugänglich wird. Ein weiterer Hinweis mag erlaubt sein, der Hinweis auf die neue Internetseite des Jahrbuchs www.jahrbuch-oekologie.de Wir, Herausgeber, Lektor, Korrektorin und Redakteur, wünschen uns natürlich auch für das JAHRBUCH ÖKOLOGIE 2002 viele Leserin- nen und Leser, Kritik, wo nötig, und Lob, wenn möglich. Berlin, im Juli 2001
I. DISPUT UND PERSPEKTIVEN: LEHREN AUS DER BSE-KRISE Franz-Theo Gottwald Nachhaltige Landwirtschaft, neue Ernährungskultur Glaubt man den Medien, müsste der Ausbruch von BSE in Deutschland am 24. November 2000 zu einem radikalen Umdenken in der Land- und Lebensmittelwirtschaft sowie in der Ernährung bei vielen Verbrauchern führen. Zumindest die Medienmacher sind sich einig: Eine nachhaltige Landwirtschaft, eine neue Form der Ernährung muss her. Mit seit Tschernobyl nicht mehr gekanntem Engagement wird ein Thema durchgespielt: Sicherheit beim Essen! Und als zukunftsfeste Perspektive bekommt im öffentlichen Diskurs der ökolo- gische Landbau die meisten Vorschusslorbeeren. Er wird als weit reichende und konsequente Art und Weise einer schonenden, Ressour- cen sichernden und gerechten Landwirtschaft wie zugleich Lebens- mittelerzeugung angesehen, die zu qualitativ hochwertigen und gesundheitlich ner1996). förderlichen Produkten führt (Oltersdorf, Weingärt- Ausweitung der nachhaltigen Landwirtschaft ... Auf die Entwicklung von politischen Rahmenbedingungen, die in Deutschland bzw. in Europa für die Verwirklichung nachhaltiger, streng ökologischer Nahrungssicherheit sorgen sollen, zielt ein jüngst verfasster Eckpunktekatalog des „Aktionsbündnisses Okolandbau“. Dort heißt es, auszugsweise (Aktionsbündnis Ökolandbau 2001): Wir empfehlen, e mit den Prämien je Hektar die ökologische Umstellung und die Beibehaltung angemessen zu honorieren und das Prämiengefüge so zu gestalten, dass ein Anreiz zur Umstellung bzw. Beibehaltung geschaffen wird; 11
die Förderkriterien für Extensivierungsmaßnahmen verstärkt an konkreten, messbaren Umweltleistungen (z.B. Förderung der bio- logischen Vielfalt) auszurichten; qualitative Verbesserung der Maßnahmen durch Regionalisierung und stärkere partnerschaftliche Beteiligung der Akteure; Mittel aus der Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern für Agrarstruktur und Küstenschutz zugunsten des Ökologischen Landbaus zu konzentrieren; regional und zeitlich festgelegte Zielvorgaben in den Bundesländern zu erstellen, wie und mit welchen Instrumenten sie den ökologischen Landbau unterstützen wollen; Internalisierung der externen ökologischen Kosten umweltbelastender Betriebsmittel durch eine ökonomische Lenkungsabgabe, z.B. Besteuerung von Pestiziden und Kunstdünger; bevorzugte Förderung von artgemäßer Tierhaltung gegenüber konventionellen Maßnahmen; den Einsatz von EU-Strukturfördermitteln in allen deutschen Bundesländern für Biogas; die Mittel für den Ökolandbau u.a. bei der Centralen Marketing- gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) und beim Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AID) auf mindestens 10 Prozent des jeweiligen Etats aufzustocken; die Marktinformationen zu verbessern. Dieses umfassende Programm würde nach Einschätzung aller an seiner Entstehung Beteiligten zur Umsetzung der Ziele von Rio führen und gleichzeitig das Auftreten von Epidemien wie BSE unwahrscheinlicher machen. Seine Durchsetzung setzt allerdings ein Umdenken in Politik und Verwaltung voraus, das sicherlich — wenn überhaupt — nicht einfach zustande zu bringen ist. Mögen in Europa noch weitere Millionen Rinder oder, durch Seuchen wie MKS, auch Schweine getötet und verbrannt werden, mögen sich breite Teile der Bevölkerung über die Vernichtung von Leben mit ihren Steuergel- dern empören, die Bereitschaft zu mehr ökologischer wie auch ökonomischer Vernunft bei Politik und Lobbyisten darf nur in geringfügigem Maße erwartet werden. 12
.. und der zu erwartende Widerstand Um ein Beispiel für diese Skepsis zu geben: Das BSE- -Komplott, wie von Soltwedel-Schäfer und Köster-Lösche (2001) sorgfältig recherchiert, zeigt die widerstrebende, Veränderungen blockierende, Ge- sundheitsschäden in Kauf nehmende zynische Haltung von Verantwortlichen auch und gerade in Deutschland. Fast zehn Jahre einer Po- litik der Verdrängung oder des „kalkulierten Wahnsinns“ haben ein politisches Umfeld aufgebaut, das sich nicht durch noch so gut be- gründete neue Leitbilder auf nachhaltige Ernährung hin von selbst einschwingen wird. Seit dem Symposium „Übertragbare spongiforme Enzephalo- pathien“ am 2. Dezember 1993 im Bundesgesundheitsamt stand fest, dass die Einfuhr von Tiermehl, von lebenden Rindern sowie von Rindfleisch, bei dem die Inaktivierung des Erregers von BSE nicht zu garantieren ist, aus Ländern mit endemischer BSE mit allen verfügba- ren Mitteln zu verhindern sei (vgl. Kasten). Was soll der Verbraucher aber hinsichtlich der Lernfähigkeit von Politikern und Beamten annehmen, wenn er dann acht Jahre später die Schlagzeile liest „BSE-Gefahr durch Fleischimporte. Ungetestetes Rindfleisch wird nach wie vor in die EU-Staaten geliefert“ und es in dem Beitrag erläuternd heißt: Die strengen Vorschriften gelten nur für die 15 EU-Mitglieder. Was aus Osteuropa oder Südamerika auf den Teller kommt, entzieht sich der Kontrolle der Eurokraten. Während Bund, Länder und EU mit Bauern über Milliardenkosten durch Tests und Tötungen streiten, kommt Fleisch aus garan- tiert ungetesteten Herden nach Deutschland. (Weiguny, 2001, S. 36). Kreislaufwirtschaft oder Immunkollaps — Die Zukunft der Lebensmittelproduktion Alle Bemühungen der Politik, neue naturnähere Wege für eine nach- haltige Ernährung zu ermöglichen und zu sichern, brauchen die Kooperation von Seiten der Landwirte, der Lebensmittelverarbeitung und des Lebensmittelhandels. Weltweit hat sich ein agro-industrielles System aufgebaut, das dank BSE und der zunehmenden Tierseuchen selbst von einigen Nutznießern in Frage gestellt wird.
Mit über 110.000 BSE-Fällen hatte die Epidemie die erwarteten 20.000 bei weitem überschritten, wodurch die Gefahr für Verbraucher gewachsen war, mit infiziertem Rindfleisch in Kontakt zu kommen. Das Fütterungsverbot von Tiermehl an Wiederkäuer begann zu greifen: Der Abfall der Krankheitshäufigkeit bei zwei- und dreijährigen Rindern war drastisch. Noch unklar war, ob es eine Übertragung vom Rind auf das Kalb gibt. Die Wiederkäuer Schaf und Kudu (Antilopenart) galten nicht mehr als „dead end“-Wirte. Das BSE-Rind als Endwirt, dies war schon lange als wissenschaftliche These ausgeschieden, aber nicht aus den politischen Statements. Tiermehl war immer noch ein Problem in Großbritannien. Sowohl Scrapieschafe als auch BSE-Rinder wurden weiterhin unter unzureichenden technologischen Herstellungsbedingungen verarbeitet und exportiert. Die Schweizer BSE-Rinder hatten sich an englischem Futter infiziert, das via Frankreich oder Italien in die Schweiz gekommen war. Die Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJD) konnte als seltene zoonotische Erkrankung angesehen werden, bei der die sporadischen Fälle durch indirekte Übertragung über eine andere Wiederkäuerart zu erklären sind (Diringer). Scrapieinfizierte Schafsplazenta könnte, entsprechend, schon immer Anlass für die Infektion anderer Wiederkäuer gewesen sein. Es war unklar, ob BSE durch Milch übertragen werden kann. Drei Beobachtungen stützten immerhin die Vermutung beim Scrapieschaf: 1. Die Übertragung erfolgte bevorzugt vom Muttertier auf das Lamm; 2. die Wahrscheinlichkeit, an Scrapie zu erkranken, wuchs mit der Zeit, die das Lamm bei der Mutter verbrachte; 3. der Erreger war zuerst in den Lymphknoten entlang des Verdauungstraktes zu finden. Bei anderen Viruserkrankungen befindet sich der Erreger ebenfalls in der Milch, sofern er — wie hier — in Blutzellen vorhanden 1st. Der BSE-Erreger war mit der Nahrung auf andere Tieren übertragen worden. Die histopathologischen Veränderungen in Gehirnen von BSE-infizierten Rindern, Antilopen, Katzen, Schweinen, Schafen und Ziegen waren nahezu identisch und unterschieden sich von denen durch Scrapie. Offensichtlich hatte sich der BSE-Erreger gegenüber dem ursprünglichen Scrapie-Erreger verändert. Man konnte jetzt nicht mehr behaupten, dass BSE „ungefährlich wie Scrapie“ für Menschen sel. Quelle: Soltwedel-Schäfer, Köster-Lösche 14 2001, S. 49/50.
Der Deutsche Schlachter, Bauernverband (DBV) bekundet Fleisch- und Wurstwarenhersteller, Umdenken. Die die Centrale Marke- tinggesellschaft der Agrarwirtschaft (CMA) wollen mit der Politik kooperieren und verlorenes Verbrauchervertrauen wiedergewinnen. Aber diese sind nicht die einzigen und wahrscheinlich nicht die wich- tigsten Akteure im etablierten Ernährungssystem. Der fabrikmäßige Umgang mit der Nahrung wird von einer Kette hochspezialisierter und sich am Weltmarkt orientierender Industrien betrieben, die der landwirtschaftlichen und bäuerlichen Tätigkeit vorgelagert sind: die Saatgutindustrie, die Maschinen- und Geräteherstellerindustrie, die Agrarchemie mit Düngemittel- und Agrargiftherstellung, die Stallbaubranche, die Tierzuchtbranche und Tiermedizinindustrie, die Futtermittelindustrie, ihre Schwesterunternehmen, die Futterzusatzstoffe und Leistungsförderer herstellen, der Saat- und Zuchtguthandel wie die Transportwirtschaft. Überall sind Forschung und Entwicklung involviert, überall geht es um Arbeitsplätze und überall ist die Finanzwirtschaft gegenwärtig. Dieses ausdifferenzierte System, das an Effizienz, Produktivitätssteigerung und shareholder value orientiert ist, hat wohl in jedem Teilglied einen Beitrag zur BSE-Katastrophe geleistet. Eine ökologisch- systemische Analyse würde die These aller Wahrscheinlichkeit nach gut belegen, dass die einer ökonomischen Rationalität folgende industriemäßige Produktion von Pflanzen und Tieren zu Zwecken einer immer kostengünstigeren Ernährung zwangsläufig in einen „Immunkollaps“ führen muss, nicht nur von Boden und Wasser, sondern auch von Pflanzen und von Tieren. Wenn Rinder Jahrzehnte auf Höchstleistung gezüchtet und maschinen- statt tiergerecht gehalten werden, ist eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheit wie BSE vorprogrammiert. Wenn nicht Lebensleistung den Leitwert vorgibt, sondern die Turboleistung, wenn nicht mehr natürlich gezeugt, geboren, gestillt (Milchaustauscher), gefüt- tert (Tiermehl) wird, dann mag dies alles satte Erträge erbringen. Jedoch wird dadurch die in langen Zeitspannen gereifte, stabile Pro- duktivität ohne Rücksicht auf jedwede Zeit-Ökologie und deren Grenzen überschritten — um einen hohen Preis an toten Tieren, öffentlichen Geldern, aber vor allem an Verlust von Kulturwissen, ökologischer Überlebensvielfalt und Lebensqualität der Tiere. Der Landwirt ist im agro-industriellen System mithin von einer Vielfalt vorgelagerter Industrien abhängig. Er stellt ein Zwischenglied 15
dar, das nach erfolgter Pflanzen- und Tierproduktion noch weiteren Zwängen ausgesetzt ist. Er ist nicht freier, selbstständiger Unternehmer, sondern ein Auftragsproduzent, ein Zulieferer, dem nach der Erzeugung Branchen wie der Getreidehandel, die Fleischwarenindustrie, die Milchwirtschaft, die Brauwirtschaft und auch die TIransportwirtschaft zusetzen, nicht zu schweigen vom Druck der Banken und Versicherungen. Hochintensive, immer kosteneffizientere Produktion ist zwangsläufig. Zahlen tun die natürlichen Ressourcen (Gülle- und Mistwirtschaft), die Pflanzen, Tiere und Verbraucher genauso wie jeder Landwirt, der zum Aufgeben gezwungen ist. Nach 50 Jahren Investition in dieses agro-industrielle System wird nun die „Agrar-Wende“ beschworen. Für dieses große, komplexe Feld von Industrien und Branchen, die alle auf Wertschöpfung durch Lebensmittel ausgerichtet sind, wird es keine Patentlösung zur Neuorientierung geben. Die gewerbliche Landwirtschaft wird genauso wenig wie die Lebensmittelindustrie zügig umsteuern. Sie wird vielmehr auf der Grundlage der Novel-Food-Verordnung der Europäischen Union ihr Leitbild Funktionelle Lebensmittel (functional food) beschleunigt in (super-)marktfähigen Produkten umsetzen und den Anteil an industriellen Produkten auf europäischen Tellern von derzeit etwa 70 auf 90 Prozent und mehr, wie in den USA, anheben wollen. Da hat die im Grundsatzpapier des Bundeskanzleramtes vom 9. Januar 2001 (Grundsatzpapier 2001) und die in der Regierungserklä- rung zur neuen Verbraucherschutz- und Landwirtschaftspolitik vom 8. Februar 2001 (Künast 2001) geforderte Stärkung der multifunktionalen und der ökologischen Landwirtschaft nur eine eingeschränkte Durchsetzungschance. Auch wird in der derzeitigen Debatte um die Zukunft von Land- und Lebensmittelwirtschaft die Gentechnik nicht angemessen berücksichtigt. Angesichts des hier schlummernden Investmentkapitals ist dies absolut sträflich. Diese neue Technologie soll ja auch für die Immunisierung gegen BSE herangezogen werden; so versprechen es ehrgeizige Forscher im Kampf um öffentliche Fördergelder. Pflanzen-Entwicklungszeiten sollen halbiert (Hans-Ulrich Koop und die Firma ICON GENETICS), der Landbau revolutioniert werden. Klaus Ammann, der Direktor des Botanischen Gartens in Bern, schreibt dazu (Ammann 2000, S. 69): Mit der neuen differenzierten Genomkenntnis sollte es möglich sein, trans- gene Nutzpflanzen zu gestalten, die zum Beispiel selbst Abwehrstoffe gegen Schädlinge herstellen — pflanzeneigene Pestizide, die zeitlich begrenzt wirken 16
und die im besten Falle nur in einzelnen gefährdeten Organen ihre Arbeit verrichten. Umgekehrt erkennt die Forschung auch Möglichkeiten, die Gene so zu dirigieren, dass die entsprechenden Wirkstoffe nur fern der Reproduktionsorgane gebildet werden. Damit lassen sich auch die Risiken der Auskreuzung unerwünschter Gene elegant umgehen. Mit dem Durchbruch, der durch die Genomentschlüsselung gelungen ist, sind diese Wunschträume in greifbare Nähe gerückt. Wir sollten nun die einmalige Chance nutzen, diesen ökologischen Weg der Pflanzenzucht einzuschlagen. Dazu braucht es aber eine aktive Zusammenarbeit mit jenen Kreisen der Biobauern, die sich immerhin vorstellen können, dass zukünftig auch fremde Gene Eingang finden können in ihre Nutzpflanzen. Dieses Angebot an die ökologische Landwirtschaft ist insofern perfide, als sich doch gerade Letztere von der multifunktionalen — ehemals konventionellen — Landwirtschaft durch größtmöglichen Verzicht auf Gentechnik abheben will. Das „Aktionsbündnis Ökolandbau“ hält deshalb in seinem Eckpunktekatalog fest (a.a.O., S. 15f.): Wenn in der politischen Debatte 20 Prozent Ökolandbau gefordert wird und wenn der Okolandbau auch in Zukunft für sich in Anspruch nimmt, gentechnikfrei zu produzieren, dann bedeutet das implizit, dass Gentechnik auch in der übrigen Landwirtschaft keinen Einsatz finden darf. Das „Aktionsbündnis Ökolandbau“ empfiehlt daher e ein zehnjähriges Moratorium zur grünen Gentechnik. Ein gesamteuropäisches Moratorium ist von der griechischen Regierung, unterstützt von Österreich und Luxemburg, in die Diskussion eingebracht worden; e ein Flächenkataster, damit ökologisch wirtschaftende Betriebe nicht Flächen anpachten, in deren Böden sich Samenbanken mit gentechnisch veränderten Pflanzen befinden; e strenge Kontrollen von Saatgut auf GVO-Kontaminationen und strafrechtliche Verfolgung bei Zuwiderhandlung; e Risikoanalysen, d.h. die Finanzierung von Backen zur Gentechnik durch die Betreiberfirmen. Ohne explizite, biologische Produktion schützende Auseinanderset- zung mit der grünen Gentechnik wird es keine regionale Kreislauf- wirtschaft als Grundlage der Lebensmittelproduktion geben. Gentechnik ist kapitalintensiv und nicht regional finanzierbar. Ihr Einsatz sprengt die Grenzen der Region, aber auch wegen der Migration. Schon heute sprechen Experten von einer „genetic pollution“, die Kontinentaleuropa vergiften könnte. Auf diesem Hintergrund wird die ökologische Landwirtschaft als weitgehend geschlossene Kreislaufwirtschaft m. E. bestenfalls einen mehr oder weniger kleinen Sektor der zukünftigen Lebensmittelpro1
duktion darstellen. Ihre großen Vorteile sind zweifelsohne die deutlich geringere Abhängigkeit von Branchen des agro-industriellen Systems, eine artgerechte, flächengebundene Tierhaltung mit weitgehend eigener Nachzucht, eine Gülle- und Mistwirtschaft, die der Energie- produktion wie der betriebseigenen Düngung nützt, kürzere regionale Wege, weniger Kühl- und Transportaufwand, große Transparenz und Verbrauchernähe und eine besonders hohe Wertschöpfung mittels hochqualitativer Lebensmittel, die auch besonders bepreisbar und gut zu vermarkten sind. Nicht zuletzt muss auch der höhere Gesundheits- wie Genusswert erwähnt werden, der das Endprodukt einer Land- und Lebensmittelwirtschaft auszeichnet, die in ökologischen Kreisläufen funktioniert (vgl. hierzu Abbildung 1 auf Seite 28). Verbraucherschutz — Die Lokomotive für eine neue Ernährungskultur? Auf europäischer, bundesdeutscher und auf Länderebene ist dank BSE ein neues Gefüge an Ministerien und Behörden im Aufbau, das sich ganz dem Verbraucher verpflichtet wissen soll. Eine europäische Lebensmittelbehörde entsteht, das Bundesministerium Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft ist mit der Aufgabe vorsor- genden Verbraucherschutzes befasst, in Bayern ist dafür das Ministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz ins Leben gerufen, in Schleswig-Holstein haben weit reichende Strukturände- rungen im staatlichen Kontrollverfahren stattgefunden. So viel staatlicher Einsatz und Aufwand, um gefährliche Stoffe zu identifizieren und zu eliminieren, besonders gefährdete Menschen zu schützen und die wirtschaftlichen Interessen der Konsumenten zu umsorgen. Auch wenn klar ist, dass es hierbei nicht nur um Nahrungsmittelsicherheit gehen wird, kommen besonders mit Essen und Trinken in der Tat Ri- siken auf die Bevölkerung zu, über die ständig weiter geforscht und aufgeklärt werden muss. Wenn sie jedoch nur mit einer monokausalen und stofflichen Denke attackiert werden sollen, wird sich nicht viel ändern. Hans Ulrich Grimm hat die neuen Risiken beim Essen so zusammengefasst (Grimm 1999, S.12): Mittlerweile nehmen die Menschen mehr industrielle Ingredienzen als manche echten Lebensmittel zu sich: So verspeisen die Deutschen beispielsweise pro Kopf in jedem Jahr 11 Kilo Bananen und 16,6 Kilo Tomaten, aber 18,8 Kilo industrielle Lebensmittelzutaten. Das sind jene Ingredienzen, die auf den Packungen im Kleingedruckten aufgeführt sind: vom Hühnerpulver bis 18
zum Hefeextrakt, von Aroma bis Zitronensäure, von Flüssigrauch bis zu Glutamat, dazu Emulgatoren, Stabilisatoren, Säureregulatoren, auch pulverisiertes Huhn, Vollei, Rinderfett, Farbstoffe. Die Briten bringen es auf 24 Kilo, die Niederländer sogar auf 29,9 Kilogramm ... Gerade der massenhafte Verzehr von Supermarktprodukten bringt, rein mathematisch, eine neue Risikolage. Auch wenn nur ein kleiner Teil einer Produktionscharge nicht in Ordnung ist, kann eine große Zahl von Menschen gefährdet werden. Eindeutig ist, dass die Risikohöhe weniger vom Einzelstoff abhängt als vielmehr von der Güte, Sicherheit und Kontrollierbarkeit des gesamten agro-industriellen Systems. Dies ist, wie oben gesagt, mittlerweile so ausdifferenziert und komplex, dass jeder Verbraucherschutz, der nicht das Ganze denken und managen kann, wenig ausrichten wird hinsichtlich der Verringerung von Gesundheitsrisiken. Im Sinne vorsorgenden Verbraucherschutzes muss es also liegen, eine neue Überschaubarkeit hinsichtlich der Lebensmittelerzeugung und des Lebensmittelhandels zu erreichen (Worm 2001). Hierzu ist jede Förderung einer kleinräumigen, regionalen, ökolo- gischen Erzeugung von Lebensmitteln besser geeignet als neue Standards für die Industrie, die von Hygiene oder Gesundheitsunbe- denklichkeit her gedacht sind und am Ende aufgrund ihrer Verbraucherferne, Verwissenschaftlichung, Technikintensität kaum kontrol- lierbar sein werden. Leitziel des Verbraucherschutzes muss Transparenz sein — da sind sich der Bauernverband und die Verbraucher- schutzorganisationen auch einig. Allerdings darf diese Transparenz nicht zugunsten von Industriestandards gehen. Dann müssen die kleinen Verarbeiter und Hersteller nämlich zumachen, wie die derzei- tige Schließungswelle bei kleinen und mittelständischen Pharmaun- ternehmen belegt. Wenn das neue Denken pro nachhaltige Ernährung wirklich vom Bürger bzw. Verbraucher her alle politischen wie ökonomischen Zu- kunftsinvestitionen plant, dann wird der Speisewagen zur Lokomotive. Die derzeitigen Missstände in der Ernährungswirtschaft werden nur durch ein neues, grundsätzlich anderes Marktverhalten der Verbraucher beseitigt: Wenn mehr und mehr Erzeugnisse aus der näheren Region verlangt werden, stellt dies langsam, aber sicher die Herstellung und den Handel um. Der politisch initiierte neue Verbraucherschutz beabsichtigt zu Recht eine Veränderung des Konsumverhaltens. VerbraucherInnen entscheiden letztlich selbst über die Qualität ihrer Nahrungsmittel durch ihre Kaufhandlungen. Um sich für nachhaltige Ernährung zu 19
entscheiden, muss es Aufklärungskampagnen und Bildungsangebote geben, die den Konsumenten zu einem „informierten Essen“ befähigen, das drei Hauptpunkte umfasst (hierzu: Lutzenberger/Gottwald 1999, S. 74): e Die Endverbraucher müssen wissen, dass die Energieaufwendun- gen, die durch ihr Einkaufsverhalten, ihre Art der Zubereitung der Lebensmittel, ihre Art des „Mahl-Haltens“ entstehen, von erhebli- cher Bedeutung für das Wohl der Mitwelt sind. Energieintensive und hochtechnisch verarbeitete Produkte (u.a. Konserven und Tiefkühlkost) werden weniger häufig auf dem Speisezettel stehen können als Produkte, die aufgrund ihrer geringen Verarbeitung umweltfreundlicher sind. e Die Verbraucher werden ferner Konsumentscheidungen mit Blick auf die Verpackung ihrer Lebensmittel treffen müssen. Ihnen muss bewusst werden, dass die Klimarelevanz der Verpackungen tenden- ziell größer ist als die vieler Transportvorgänge. e Schließlich werden die Konsumenten von morgen pflanzliche Produkte jenen vorziehen, die aus der Tierhaltung stammen. Getreide und Gemüse werden die Teller bei einem guten Essen mehr füllen als Milchprodukte. Fleischprodukte werden dagegen zunehmend bei kulturellen Anlässen als Delikatesse aufgetischt werden. Angesichts eines Lebensmittelweltmarkts muss es auch ein internationales Verbraucherschutzabkommen geben. Unter dem Zeichen A/RES/39/248 haben die Vereinten Nationen schon im April 1985 allgemeine Richtlinien für den Verbraucherschutz herausgegeben. Da die hierin formulierten Empfehlungen an die Staatengemeinschaft aber in keiner Weise bindend sind, müssen sie jetzt endlich zur Ori- entierung der Lebensmittelpolitik als internationales Verbraucherschutzabkommen bei der Welthandelsorganisation (WTO) verankert werden. Das bedeutete z.B. für den derzeit ausgetragenen Konflikt um die Einfuhr von genmanipuliertem Mais, dass die WTO prüfen müsste, ob sich hier eine Gesundheitsgefährdung für Konsumenten ergibt und ob das Recht des Konsumenten auf Information (Kennzeich- nung) gewahrt bleibt. Ferner müsste geprüft werden, welche Auswir- kungen sich für die Struktur der Landwirtschaft und auf den Artenund Naturschutz ergeben könnten und mit welchen Zukunftsrisiken die Einfuhr verbunden wäre (hierzu: Lutzenberger/Gottwald 1999, 5.123), 20
Gutes Essen und Trinken kann, wenn alle Ebenen nationaler und internationaler Lebensmittel- und Verbraucherschutzpolitik zusammenwirken, einen wesentlichen Beitrag zu einer nachhaltigen Ent- wicklung im Sinne der AGENDA 21 leisten. Dazu braucht es einen unkorrumpierten Willen bei allen Akteuren, eine hohe Lernbereitschaft, was Ökologie angeht, und einen Veränderungsdruck, der über wenigstens zehn Jahre äußerst hoch und möglichst konstant sein muss. Die Zeichen hierfür stehen nicht schlecht, jedoch ist mit äußerst widrigen Winden zu rechnen, wenn die neue, grüne Agrarpoli- tik nicht mehr nur Ausgleichszahlungen gibt oder verhältnismäßig kleine finanzielle Anreize setzt, sondern in die Tiefen des agro- industriellen Systems regulierend eingreift. Die Zukunft nachhaltiger Ernährung ist offen, aber alles andere als sicher. Literaturhinweise Aktionsbündnis Ökolandbau: Agrarpolitische Maßnahmen für die Ausweitung der ökologischen Landwirtschaft, Bad Dürkheim 2001. Amman, K.: Das Unkraut, in: FAZ vom 13.12.2000, S. 65. Fulda-Memorandum zu Landwirtschaft und Gesundheit, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1997, S. 326-328. Grimm, H. U.: Aus Teufels Topf. Die neuen Risiken beim Essen, Stuttgart 1999: Grober, U.: Die Koordinaten von Hermannsdorf, 2000, S. 226-231. in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE Grundsatzpapier Bundeskanzleramt: Vorschläge für eine verbraucherorientierte Neuausrichtung der Agrarpolitik, für eine andere Landwirtschaft, Berlin 2001. Künast, R.: Regierungserklärung zur neuen Verbraucherschutzwirtschaftspolitik vom 08.02.2001. und Land- Lutzenberger, J./Gottwald, F. T.: Ernährung in der Wissensgesellschaft — Vision: Informiert essen, Frankfurt a.M., New York 1999. Oltersdorf, U./Weingärtner, L.: Handbuch der Welternährung. Die zwei Gesichter der globalen Nahrungssituation. Deutsche Welthungerhilfe, Bonn 1996. Soltwedel-Schäfer, 1./Köster-Lösche, K.: Das BSE-Komplott. Das Protokoll des kalkuliertren Wahnsinns, Stiftung Ökologie und Landbau, Bad Dürkheim 2001. Weiguny, B: BSE-Gefahr durch Fleischimporte, in: Focus Nr. 7, 2001, S. 36. Worm, N.: Aktueller Berg 2001. Verbraucherschutz. Unveröffentlichtes Manuskript,
Gerd Sonnleitner Neue Agrarpolitik — Ökologischer Landbau Die Angst vor BSE und die dramatische Situation bei der Maul- und Klauenseuche (MKS) haben der Landwirtschaft eine Aufmerksamkeit verschafft, sie zum Medienereignis gemacht, sie „demokratisiert” wie nie zuvor. Nach dem ersten BSE-Fall in der Bundesrepublik Deutschland wurde die „Wende in der Agrarpolitik“ ausgerufen. Schlagworte wie „Agrarfabriken” oder „industrielle Agrarproduktion“ verfehlten ihre Wirkung nicht — die konventionelle landwirtschaftliche Erzeugung wurde in der Öffentlichkeit zur Produktionsform für die Erzeu- gung von Massenware abgestempelt. Dabei wird völlig verschwiegen, welche Auseinandersetzungen es in den vergangenen 30 Jahren um die Ausrichtung der Agrarpolitik gegeben hat. Wer rief in dieser Zeit nicht alles — Politiker, Verbrauchervertreter, Medien — nach mehr Markt, nach mehr Effizienz, nach wei- terer Arbeitsteilung und weiterer Weltmarktöffnung! Der Deutsche Bauernverband hingegen stritt für den Erhalt bäuerlicher Familienbetriebe und für von Bauern getragene Agrarstrukturen. Der Bauernverband war es, der die Politik mahnte, in Sachen Landwirtschaft und ländliche Räume eben nicht nur die Wirtschaftlichkeit, sondern auch die gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Ziele im Blick zu halten. Oft genug sind wir dafür als vermeintlich Ewiggestrige kriti- siert worden. Erinnern wir uns nur an die heftigen Auseinandersetzungen um die Agrarreform der „Agenda 2000“. Die Politik hat eine noch stärkere Ausrichtung auf globalisierte Märkte erzwungen, hat die Notwendigkeit beschleunigter Effizienzsteigerungen in der Land- und Ernährungswirtschaft betont, hat ungleich weniger auf die Umwelt- und Verbraucherorientierung abgehoben. Angesichts dieser Markt- und Politikvorgaben ist es vor allem dem Widerstandswillen der Bauern und ihrer Familien zu verdanken, dass Deutschland nach wie vor überwiegend bäuerliche Strukturen aufweist mit einer intakten Kulturlandschaft, regionalen Vermarktungsabläufen und stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen im ländlichen Raum. 22
Zumindest in den aufgeregtesten Wochen der BSE-Krise wurde immer wieder versucht, einen Bezug zwischen BSE und der Massentierhaltung, wie sie bei konventionell wirtschaftenden Bauern zu beobachten sein soll, herzustellen. Dies ungeachtet der Tatsache, dass die in Deutschland bislang aufgetretenen BSE-Fälle überwiegend in kleinen und mittleren Beständen und zumeist in bäuerlichen Familienbetrieben aufgetreten sind. Gewiss wollen wir als Berufsstand aus der Krise eine Chance machen. Wir wollen das Vertrauen der Verbraucher zurückgewinnen, und zwar mit einer konsequenten Bekämpfung von BSE, mit dem Aufbau eines durchgängig kontrollierten Qualitätssicherungssystems, aber auch der Bereitschaft zu einer grundsätzlichen Diskussion über die künftige Ausrichtung von Landwirtschaft und Agrarpolitik. Die Umbenennung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft war seitens der Bundesregierung ein gewolltes Zeichen dafür, wo künftig die politischen Schwerpunkte für diesen Bereich gesetzt werden sollen. Auch war mit der Berufung von Frau Künast zur Bundesministerin zu erwarten, dass dem ökologi- schen Landbau und dessen verstärkter Förderung ein besonderer Stellenwert im politischen Handeln zukommen würde. Das wird vom Deutschen Bauernverband (DBV) unterstützt, auch wenn immer wieder behauptet wird, der DBV würde ausschließlich die Interessen der konventionell wirtschaftenden Landwirte vertreten. Ich selber habe schon vor Jahren den ökologischen Landbau als integralen Bestandteil der deutschen Landwirtschaft bezeichnet. Die meisten Öko-Bauern sind auch Mitglieder in den Landesbauernverbänden, ich weiß dies gerade auch vom Bayerischen Bauernverband. Schon vor Jahren haben wir im DBV einen Fachausschuss Ökologischer Landbau geschaffen, der gegenüber unseren Gremien und mitt- lerweile auch auf den Bauerntagen zu grundsätzlichen und aktuellen Themen des ökologischen Landbaus Stellung bezieht. Es besteht da- her in der Praxis eben nicht der mancherorts gern gesehene Gegensatz zwischen „öko“ hier und „konventionell“ dort, sondern vielmehr ein Miteinander. Der DBV fühlt sich deshalb verpflichtet, seine Vorstellungen zu der vorgesehenen verstärkten Förderung des Öko-Landbaus in die anstehenden Beratungen einzubringen. Der Fachausschuss Okologi- scher Landbau des DBV hat dazu einen Katalog von Maßnahmen er23
arbeitet, die hier in Teilen in die weiteren Ausführungen eingebunden werden. Der Erfolg des ökologischen Landbaus am Markt und in der Entwicklung nachhaltiger Produktionstechniken ist eine wesentliche Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Umorientierung der interessierten landwirtschaftlichen Betriebe. Um eine politisch geforderte Neuausrichtung der Landbewirtschaftung in kürzerem Zeitraum und vor allem durchgängig erreichen zu können, ist es unerlässlich, sowohl den ökologischen Landbau als auch die Weiterentwicklung der konventionellen Landwirtschaft zu fördern. Wenn es der Politik ernst ist, muss sie auch frisches Geld in die Hand nehmen. Es geht einfach nicht an, zur Finanzierung Mittel aus den Maßnahmen im konventionellen Landbau abzuziehen; eine Fortsetzung des Abbaus der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes würde sich auch direkt gegen die „Agrarwende“ richten. Und selbst wenn die in den Raum gestellten und sicherlich unter realistischer Betrachtungsweise anzuzweifelnden 20 Prozent Öko-Landbau bis zum Jahre 2010 erreicht werden sollten, werden weiterhin min- destens 80 Prozent der Flächen auf konventionelle Weise bewirtschaftet, die im Wettbewerb mit der Landwirtschaft in den anderen EUMitgliedstaaten stehen. Die Verbesserung der Agrarstruktur muss deshalb mit Blick auf die Strukturen in den wichtigsten Wettbewerbsländern in der Europäischen Gemeinschaft nach wie vor hohen Stellenwert beibehalten. Kein Markt lässt sich befehlen. Für den Bereich Ökologischer Landbau ist eines der wichtigsten Ziele die Erhöhung der Aufnahmebereitschaft des Marktes, d.h. die Stärkung der Kaufbereitschaft der Verbraucher. Deshalb ist für den Erfolg aller Maßnahmen entscheidend, dass die Verbraucher bereit sind, die mit dieser Wirtschaftsweise verbundenen Leistungen entsprechend zu honorieren — und zwar langfristig. Bis Ende 1999 hatten die Öko-Betriebe in Deutschland einen Anteil an der Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe von ca. 2,4 Prozent. Sie bewirtschafteten mit 450.000 ha rund 2,6 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche. (1998 waren es rund 1,8 Prozent bzw. rund 2,4 Prozent gewesen.) Diese Zahlen zeigen, dass der ökologische Landbau zugenommen hat, wenn auch in bescheidenem Ma- ße, vergleicht man die Entwicklung und den Stand mit anderen EUMitgliedstaaten wie etwa Dänemark oder Österreich. 24
Es ist augenscheinlich, dass das jüngst deutlich gestiegene Interesse der Verbraucher an Produkten des Ökologischen Landbaus in erster Linie eine Reaktion auf die Verunsicherung durch die BSE-Kfrise ist. Für die Entwicklung des Öko-Landbaus bleibt zu hoffen, dass dieses Interesse nicht nur vorübergehend ist. Nun hat zwischenzeitlich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit am Ihema BSE, zum Glück für die gesamte Landwirtschaft, wieder sehr stark abgenommen. Dies wohl auch, weil die Zahl der Fälle in Deutschland gering und den Medien keine Schlagzeile mehr wert sind. Die Absatzzahlen haben wieder deutlich zugenommen, und damit hat sich auch die erregte Diskussion um die Herauskauf- bzw. Vernichtungsaktion von Rindern relativiert. Für alle Rinderhalter ist gleichermaßen wichtig, dass auch die Rindfleischpreise wieder ange- zogen haben. Viele Verbraucher sind zu ihren alten Gewohnheiten, d.h. zu ihrem Einkaufs- und Verzehrsverhalten, zurückgekehrt. Für den Öko-Bereich bedeutet dies, dass es für eine längerfristig positive Entwicklung auf den Zuwachs kommt. echter Stammkunden an- Damit eng verbunden ist die Frage der Verfügbarkeit, d.h. der vorhandenen oder zu schaffenden Einkaufsstätten für ÖkoProdukte. Die klassische Vermarktung ökologischer Betriebe ist die Ab-Hof-Vermarktung. Hier gibt es viele Erfolge und viel Erfahrung. Allerdings auch die Erkenntnis, dass über diesen Vermarktungsweg nur ein geringer Prozentsatz der Verbraucher — wohl Prozent — erreicht werden kann. Für eine Steigerung der Marktanteile ist deshalb die über den Lebensmittelhandel unerlässlich. Dies war Überlegung, warum ich mich schon vor Jahren für ein Öko-Zeichen in Deutschland stark gemacht habe. Stets kaum über 2 Vermarktung auch meine gemeinsames tauchen dann aber gleich mehrere Fragen auf: Ist der Lebensmittelhandel bereit, auf größeren und attraktiven Flächen ein breites Sortiment an ÖkoProdukten anzubieten und damit das Verbraucherverhalten entsprechend zu fördern? Wie werden sich die Preise für Öko-Erzeugnisse entwickeln, wenn der Handel, und hier insbesondere die großen Ket- ten, im größeren Stil in die Vermarktung einsteigt? Werden wir die gleiche Entwicklung erleben wie beim konventionellen Sortiment? Eines scheint jedoch festzustehen: Mit einer Ausweitung der Absatzmenge durch Einbeziehung des Lebensmitteleinzelhandels wird Preisdruck auf Öko-Produkte ausgeübt werden. Gleichzeitig sind jedoch niedrigere Preise eine wichtige Voraussetzung für eine deutliche 25
Absatzausweitung. Die Konsequenz daraus ist, dass auf der Erzeugerseite mehr als bisher für den Öko-Landbau getan werden muss, um dem Preisdruck begegnen zu können. Die Förderung von Erzeugerzusammenschlüssen zu Erzeugergemeinschaften sollte verstärkt werden, weshalb zur Zeit auch entsprechende Vorschläge im Bundeslandwirtschaftsministerium diskutiert werden. Erzeugergemeinschaf- ten sind eine Voraussetzung für die Zusammenfassung homogener Produktmengen, wie der Handel sie fordert. Gleichzeitig sollten Er- zeugergemeinschaften bei ihren Bemühungen der vertikalen Integration mit Verarbeitung und Handel unterstützt werden. Ein weiterer Punkt sind die Kriterien der Investitionsförderung: Sie sind im Rah- men des Agrarinvestitionsförderprogramms für die konventionelle Landwirtschaft geschaffen und bedürfen daher einer Anpassung an die Bedürfnisse des ökologischen Landbaus (z.B. Umbau von Ställen für artgerechte Tierhaltung, Investitionen in den Gemüsebau). Angesichts des relativ geringen Anteils des ökologischen Landbaus an der Gesamtfläche war bislang die Industrie für Produktionsmittel und Investitionsgüter nicht besonders an der Entwicklung von Techniken für den ökologischen Landbau interessiert. Ich hoffe, dass sich dies angesichts besserer Wachstumschancen ändert. Noch fehlt heute die angepasste Genetik für pflanzliche und tierische Erzeugung, feh- len Maschinen für den Ackerbau sowie Techniken für die Verarbeitung. Um wettbewerbsfähiger mit der heutigen konventionellen Produktion und damit auch preiswerter für den Verbraucher zu werden, gilt es auch für die Forschung Anschubfinanzierungen bereitzustellen. Zweifellos können mit Gütezeichen Vertrauen und Sicherheit vermittelt werden. Intensiv wird über die zwei von der Politik angekündigten Gütezeichen (Labels), eines für den Öko-Landbau und eines für den konventionellen Bereich, diskutiert. Die Frage ist, brauchen wir sie überhaupt, und wenn ja, welche Vergabebedingungen sollten zugrunde gelegt werden? Für den Öko-Landbau ist die Notwendigkeit eines neutralen einheitlichen Zeichens längst erkannt. Das hierzu in den letzten Jahren von der AGÖL und der CMA entwickelte Zeichen (ÖPZ) war meiner Meinung nach durchaus ein guter Ansatz, zumal die Vergabekri- terien deutlich oberhalb der EU-Standards angesiedelt waren und damit wirklich „Klasse“ bedeuteten. Von seiner Grundüberlegung her kann dieses Zeichen auch künftig nicht falsch sein, denn es trifft ge- nau die Verbrauchererwartung, dass deutsche Öko-Produkte etwas 26
Besonderes, etwas Hochwertiges seien, nämlich mit der Garantie einer kontrollierten Öko-Produktion und mit strengen Vergabekriterien (AGÖL-Standards für die Erzeugung von Öko-Produkten). Da sie laut AGÖL-Standards nur von Betrieben stammen dürfen, die alle Betriebszweige auf die ökologische Wirtschaftsweise umgestellt haben, kann hier von vorneherein der Verdacht einer „innerbetriebli- chen Mauschelei“ ausgeschlossen werden. Ich weiß sehr wohl, dass der Handel lieber mit den niedrigeren EU-Standards arbeiten würde, um EU-weit einkaufen und handeln zu können. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass die Politik im Sinne der Glaubwürdigkeit — gegenüber sich selber und gegenüber den Verbrauchern — gut beraten wäre, an dieser Grundkonzeption, die von allen früheren AGÖL-Mitgliedern getragen wurde, festzuhalten. Ich sage nicht, dass es unter allen Umständen das ÖPZ sein muss, aber ich meine, dass unsere hohen Standards nicht unterlaufen werden sollten. Das sind wir als Erzeuger, und das ist genauso die Politik den Verbrauchern schuldig. Auch im konventionellen Bereich sind Landwirtschaft und Wirtschaft mächtig gefordert. Der Schlüssel, das Verbrauchervertrauen zurückzugewinnen und zu festigen, ist eine dokumentierte Sicherheit bei der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmit- teln. Dazu sind Schwachstellen in den einzelnen Stufen von der Futtermittelherstellung bis zur Ladentheke im Einzelhandel zu beseiti- gen, und dies ist lückenlos zu dokumentieren. Es hat dazu gute Vorarbeiten an verschiedenen „Runden Tischen“ gegeben. Es kommt jetzt darauf an, diese in ein geschlossenes Ganzes zu bringen. Der Deutsche Bauernverband sieht in der Fortentwicklung von Qualitätssicherungssystemen eine gute Möglichkeit, dem Verbraucher zusätzliche Sicherheit und Transparenz in der Nahrungsmittelerzeugung zu geben. Gefördert werden sollten solche flächendeckenden durchgän- gigen Qualitätssicherungssysteme über alle Stufen der Lebensmittelerzeugung hinweg unter dem Motto „gläserne Produktion“ durch die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz. Als Fazit ist festzuhalten: Es kann und darf keine unsicheren Nahrungsmittel geben. Sowohl klein als auch groß, sowohl konventioneller als auch ökologischer Landbau müssen dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet sein. Für mich stehen ökologische bäuerliche Betriebe nicht gegen konventionelle bäuerliche Betriebe, sondern sie stehen gemeinsam im harten Wettbewerb mit der europäischen und 27
der globalen Konkurrenz. Ich wünsche, und in diesem Sinne wird sich auch der Deutsche Bauernverband einsetzen, dass das steigende Marktpotenzial für Öko-Produkte vor allem von deutschen Bauern, Gärtnern und Winzern erschlossen werden kann. LAND nennen | &s Iedere aus des Begfanı &5 liesern von überali her. Ökologische Bauern Ökologische Werkstätten Ökologische Betriebe [cerese Rinder Ceflügei Mich eier]| Käse Marmelade Säfte ä;| Tiockenprocue / Weine | Are Kartolleln Schweine Sonate Obst & «Verarbeitung ® Skalspisch enteugter & PRanzen und Tiere & es. = aller Lebens-hitte Pe; Gemüse Ste Mokereiprodiukte _0 Fermenter ” salor in & Okstagischer Qualität Kraftwerk... © sRecyeling. 2 Mennisenich E Kae er & ung fiegensittei 7 etc, ei Fifl wänne WOTEEN HOFMARKT weg G AWNWTSHAUS }| ew demand Pig vonichiainsd N = »£rlebnis IB Selbständ! ee... Unsemelwner" er MERRMANNSDORFER Nat, a Netzwerk-Zentrum nd vertragsich verbunden und auf ut, meinsames Zielverpflichtet. = «Kunst "AGRAR KULTUR - rrespälg äster kamen, A assun und kaufen, iai . be Erteben, wo ihre B große ts kebenss@ltel herkommen, Stade-Märkte er K und v2 Sie gemacht werden ns BECHER van wern Sie gemacht un Stadt-Ailrikte in weichen Gent sie gemacht wesen —. — STADT —— Schulkinder fernen spielerisch wieder ie Natıy konriem Basen Wasser Munen- Tiene SR erleben Sie Schöptun ven ihre Prag Mit sen Kirkden fernen Ne Eiern — Quelle: Karl Ludwig Schweisfurth, Herrmannsdorfer Werkstätten, 2000 Abbildung 1: Ökologischer Landbau (s.o. $.18) HISnvsn ANY LavIs -———
Renate Künast Doppelt gut: Für die Bauern und für die Natur — Lehren aus der BSE-Krise Die BSE-Krise und andere Missstände beim Umgang mit Lebensmit- teln zeigen: Es kann so nicht weitergehen! Selbst wenn BSE inzwischen nicht mehr im Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung steht und die Menschen wieder vermehrt Rindfleisch kaufen, darf diese Entwicklung nicht dazu führen, in den Anstrengungen für si- chere Lebensmittel nachzulassen und nach ein paar neuen Vorschriften und Kontrollen zur alten Tagesordnung überzugehen. Das wäre zu kurz gesprungen. Rückblickend haben die Land- und Ernährungswirtschaft sowie die Agrarpolitik in Bund und Ländern zu wenig getan, um Auftreten und Ausbreitung der Rinderkrankheit BSE in Deutschland zu verhindern. Darum ist die derzeitige Krise nicht allein mit einem kurzfristigen Krisenmanagement zu bewältigen. Was ist zu tun? Rund 50 Prozent der Ausgaben des Europäischen Haushaltes werden für die Europäische Agrarpolitik veranschlagt. Eine Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher zweifelt daran, dass diese Mittel im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft eingesetzt werden. Noch herrscht in weiten Bereichen der Landwirtschaft ein starker Druck zur Kostensenkung, zur Rationalisierung und Spezialisierung und zur Ausdehnung der Produktion, ohne dass sich die Einkommen der Landwirte befriedigend entwickelten. Gleichzeitig kommt es zu Be- lastungen von Umwelt und Natur, zu langen Transportzeiten für die Schlachttiere sowie zu Defiziten beim Verbraucherschutz. Für mich zählt, was ich in vielen Gesprächen mit Verbraucherinnen und Verbrauchern, mit Umwelt- und Naturschützern und mit Landwirten erfahre und so auf den Punkt bringen möchte: e Das Vertrauen in die Sicherheit und Gesundheit der Lebensmittel ist erschüttert. e Die gegenwärtige Lebensmittelerzeugung und Ernährung ist nicht immer und überall nachhaltig. 29
e Die Agrar- und Ernährungspolitik haben noch nicht durchgreifend etwas geändert. Wir brauchen daher eine grundlegende Neuorientierung in der Agrar- und Ernährungspolitik. In dieser Einschätzung werde ich im Übrigen auch von den Agrar- und Umweltministern der Länder unterstützt. Sie haben sich auf ihrer gemeinsamen Konferenz in Potsdam am 13. Juni 2001 für eine ökologische Wende ausgesprochen. Mit diesem Beschluss bekräftigen sie einen Wechsel in der Agrar- und Ernährungspolitik hin zu mehr Verbraucherschutz, Umwelt- und Naturschutz, artgerechter Tierhaltung und Entwicklung der ländlichen Räume. Auf europäischer Ebene ist für Kommission und Rat die Integration des Verbraucher- und Umweltschutzes ein wichtiges Ziel. Mafnahmen zur Bewältigung der BSE-Krise Die BSE-Krise ist in Deutschland noch nicht überwunden - für eine Entwarnung sehe ich keine Veranlassung. So lange noch an BSE erkrankte Rinder in Deutschland und Europa entdeckt werden, können wir keinen Schlussstrich unter die BSE-Krise setzen. Es ist nötig, weiterhin mit allem Nachdruck daran zu arbeiten, BSE zu verhindern und über BSE hinaus die Lebensmittelsicherheit zu verbessern. Die Bundesregierung hat die notwendigen Konsequenzen gezogen, um den Verbraucherschutz zu stärken und verloren gegangenes Vertrauen zwischen landwirtschaftlicher Erzeugung und Verbrauchern wieder zurückzugewinnen. Eine der ersten Sofortmaßnahmen war die Schaffung eines Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernäh- rung und Landwirtschaft. Der Name ist Programm. Verbraucherschutz steht an erster Stelle und wird umfassend wahrgenommen. Wir haben inzwischen umfangreiche Maßnahmen beschlossen, um die Lebensmittelsicherheit möchte ich: zu verbessern. Besonders hervorheben e Die Herausnahme der sogenannten Risikomaterialien bei Schlachtrindern aus der Nahrungsmittelkette seit Oktober 2000. e Das vollständige Verfütterungsverbot seit Anfang Dezember 2000 von tierischen Eiweißen und Fetten an Tiere, die der Lebensmittel- gewinnung dienen. Wir mussten das vollständige Verbot auch auf Nicht-Wiederkäuer ausdehnen, weil offenbar das bereits 1994 eingeführte Verfütterungsverbot von Tiermehl an Wiederkäuer nicht effektiv durchgeführt worden war. Darauf deuten Spuren von Tier30
mehl, die immer wieder bei Stichprobenkontrollen im Rinderfutter festgestellt wurden. Mit dem Totalverbot haben wir jedenfalls den Eintrag von infektiösen Agens durch gegebenenfalls mit Tiermehl verunreinigtes Rinderfutter oder über Fette in Milchaustauschfutter für Kälber in die Rinderbestände unterbunden. Bestandstötung bei BSE-Befall. Diese Maßnahme war innerhalb und außerhalb der Landwirtschaft umstritten. Daher bin ich froh, dass die Europäische Kommission auch auf mein besonderes Drängen hin im Agrarrat im Juni 2001 einen gemeinsamen Beschluss ermöglicht hat, nunmehr von der Bestandstötung abweichen zu können und die reine Kohortentötung rechtlich zuzulassen. Es liegen mittlerweile neue Erkenntnisse vor, die eine Kohortentötung aus Sicht des gesundheitlichen Verbraucherschutzes vertretbar machen. Einführung des BSE-Tests. Seit Anfang Dezember 2000 werden alle über 30 Monate alten geschlachteten Rinder mit einem BSESchnelltest getestet. Ende Januar 2001 haben wir in Deutschland diese Altergrenze gesenkt; seither werden alle Rinder, die älter als 24 Monate sind, getestet. Auch wenn die Testung der mehr als 24 Monate alten Rinder auf europäischer Ebene noch nicht konsensfähig ist, halten wir die Maßnahmen weiterhin für erforderlich, denn immerhin wurden zwei Rinder als BSE-infiziert ermittelt, die erst 28 Monate alt wa- ren und somit bei einer 30-Monatsgrenze nicht entdeckt worden wären. Von Januar bis Ende Mai 2001 sind in Deutschland mehr als 1 Million (1 090 209) Rinder auf BSE getestet worden. Davon fielen 79 der Proben positiv aus. Noch kann der Test letztlich keine absolute Sicherheit bieten. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse lassen allerdings die Hoffnung zu, dass wir bezüglich der Testsicherheit, auch an lebenden Tieren, in absehbarer Zeit weiter sein werden. Das Fazit der bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse bei der BSE-Bekämpfung ist: Wir werden den eingeschlagenen Weg konse- quent fortsetzen. Dabei werden wir mit größter Sorgfalt darauf achten, dass die eingeleiteten Maßnahmen wirksam fortgesetzt werden, damit mögliche Fehlerquellen vermieden und notwendige Kontroll- möglichkeiten eingebaut werden. 31
Konzeption der Agrarwende Vorsorgender Verbraucherschutz hat absoluten Vorrang vor wirtschaftlichen Überlegungen. Dieser Vorsatz wird sich auch in der Kon- zeption der Agrarwende widerspiegeln. Grundanliegen der neuen Agrar- und Ernährungspolitik ist es, den Schutz der Verbraucher zu verbessern, umweltgerechtere Wirtschaftsweisen und artgerechtere Tierhaltung in der Landwirtschaft zu fördern sowie neue Perspektiven für die Landwirtschaft und den ländlichen Raum zu eröffnen. Um die Agrarwende politisch umzusetzen, nutzen wir sowohl die nationalen als auch die europäischen Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten. Den Gegensatz „Deutschland gegen die EU“ gibt es nicht. Und die Reaktionen im Rat und bei anderen Mitgliedstaaten sind positiv, wenn es darum geht, Verbraucherschutz, Tierschutz, nachhaltige Landwirtschaft und Entwicklung ländlicher Räume voranzubringen. Um Wettbewerbsnachteile für die deutschen Bauern zu vermeiden, will ich soviel Verbraucherschutz wie möglich EU-weit und internati- onal absichern. Wo aber die Dinge im Argen liegen, können und dürfen wir nicht auf den Letzten im internationalen Geleitzug warten. Darum werde ich auch nationale Lösungen erwägen. Was in Deutschland für den Verbraucher-, Umwelt- und Tierschutz getan wird, setzt im Übrigen auch Signale in anderen Ländern. Es erhöht dort den Anpassungsdruck, denn der deutsche Markt gehört zu den größten und begehrtesten in Europa. Wer sich hier behaupten will, muss sich an den Anforderungen Verbraucher ausrichten. unserer Verbraucherinnen und Mehr Lebensmittelsicherheit ist vorsorgender Verbraucherschutz Sicherheit und gesundheitliche Unbedenklichkeit sind Grundvoraussetzungen dafür, dass Lebensmittel überhaupt angeboten werden dür- fen. Drei Viertel unserer Lebensmittel sind mittlerweile keine land- wirtschaftlichen Rohprodukte mehr, sondern werden von der Ernährungswirtschaft be- und verarbeitet. Dies ist u.a. die Folge veränderter Lebens- und Ernährungsgewohnheiten. Lebensmittelsicherheit ist daher eine Aufgabe, um die sich alle Beteiligten in der Lebensmittelkette kümmern müssen. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz nimmt deshalb sei- ne Aufgabe, für mehr Lebensmittelsicherheit zu sorgen, auch durch die stufenübergreifende 32, Integration im „magischen Sechseck“ aus
Vorleistungswirtschaft, Landwirtschaft, Lebensmittelwirtschaft, Handel, Verbrauchern und Politik wahr. Kernaufgabe der Politik im Sinne des vorsorgenden Verbraucherschutzes ist und bleibt es, durch rechtliche Vorgaben und Kontrollen sichere Lebensmittel zu gewährleisten. Ansatzpunkte, um die Lebensmittelsicherheit zu verbessern, werden deutlich, wenn wir uns die wesentlichen Ursachen dafür, dass BSE zu einer europaweiten Gefahr werden konnte, anschauen. Sie liegen vor allem in den arbeitsteiligen Strukturen der Futtermittelindustrie und der Landwirtschaft einschließlich des intensiven Handels mit Futtermitteln und Tieren, sowie nicht ausreichenden rechtlichen Regelungen und mangelnden Kontrollen durch die zuständigen Behörden. Erste sicherheitsverbessernde Maßnahmen sind erfolgt. Das Tiermehlverfütterungsverbot sorgt dafür, dass eine wesentliche Infekti- onsquelle von BSE ausgeschaltet wurde. Mehr Transparenz und Sicherheit wird auch mit einer offenen Deklaration der Futtermittelbestandteile geschaffen. Wir wollen eine EU-einheitliche Positivliste aller zugelassenen Einzelfuttermittel. Von ihr versprechen wir uns eine wichtige Orientierungshilfe insbesondere für die Verbraucher, Landwirte und für die Futtermittelwirtschaft. Mit einer solchen Liste könnten Kontrollen künftig einfacher und zielgenauer durchgeführt werden. Eine EU-weite Regelung ist aber nicht von heute auf morgen zu erreichen. Darum unterstütze ich die Initiative der Wirtschaft, bereits im Vorgriff darauf ein „nationales Futtermittelbuch“ einzuführen, in dem alle zugelassenen Futtermittel aufgelistet werden. Die Mischfut- termittelwirtschaft hat bereits eine Selbstverpflichtung abgegeben, nach der sie alle Einzelbestandteile angeben will. Unter dem Aspekt des vorsorgenden Verbraucherschutzes werde ich ein EU-weites Verbot der vier noch verbliebenen Antibiotika in der Tierfütterung betreiben. Ich strebe dabei einen Ausstieg bis spätestens 2003 an. Flankierend dazu müssen entsprechende Regelungen im Tierarzneimittelrecht dafür sorgen, dass der Einsatz dieser Stoffe in der Tierhaltung insgesamt reduziert wird. Wie in der Humanmedizin sollen Antibiotika in der Tierhaltung nur im Krankheitsfalle mit ärztlicher Indikation verabreicht werden dürfen. Ich würde es daher sehr begrüßen, wenn Futtermittelwirtschaft und landwirtschaftlicher Berufsstand gemeinsam freiwillig auf den Einsatz antibiotischer Leistungsförderer verzichten. &&
Sichere Futtermittel sind logischerweise eine zwingende Voraussetzung für sichere Lebensmittel. Die Bundesregierung wird daher die Anforderungen an Futtermittelhersteller, -importeure, -händler und -transporteure verschärfen. Hierzu kann auch die Wirtschaft einen Beitrag leisten, indem sie beispielsweise Branchenleitlinien für eine gute Herstellungspraxis entwickelt. Durch ein Zertifizierungssystem kann sie selbst für mehr Transparenz und Sicherheit im Futtermittelsektor sorgen. Wer in Zukunft dennoch gegen rechtliche Regelungen verstößt, muss mit verschärften Sanktionen rechnen. Qualität den Verbrauchern nahe bringen Qualität muss künftig neben dem Preis zu einem Hauptargument werden; darum ist es wichtig, die Verbraucher über Qualität und Herstellung der Lebensmittel zu informieren. Je mehr Wissen sie ha- ben, desto größer ist die Chance, dass die Verbraucher ihr Kaufverhalten danach ausrichten. Dabei soll es keine Einheitsqualität geben, sondern eine (regionale) Produktvielfalt mit unterschiedlichen Qualitäten. Umfassend defi- nierte Qualität ist für die Wirtschaft auch in Zukunft Ansatzpunkt für Produktdifferenzierung. Wichtig ist dabei, dass die Angaben auf den Etiketten stimmen. Was drauf steht, muss auch eingehalten werden. Jedes Unternehmen haftet nicht nur mit seinem Ruf für die Richtigkeit der Angaben, sondern muss bei Verstößen auch mit Strafen rechnen. Der Staat hat die Aufgabe, den Zugang zu objektiver Information sicherzustellen. Das kann über Kennzeichnungsregelungen oder über Qualitätszeichen geschehen. Ergänzend dazu kann die Wirtschaft mit umfassenden Qualitätssicherungssystemen über alle Verarbeitungsstufen nachweisen, dass sie die in der EU und in Deutschland geltenden Rechtsvorschriften einhält. Ich will den Verbraucherinnen und Verbrauchern mit der Einführung von zwei Qualitätszeichen eine Orientierungshilfe für den Einkauf an die Hand geben. Ein Ökolabel für Produkte aus dem ökologischen Landbau und ein Premiumlabel für Produkte aus dem konven- tionellen Landbau, die Anforderungen erfüllen, die über denen der guten fachlichen Praxis liegen. Qualität soll auf dem ersten Blick erkannt werden können. Denn immer mehr Menschen definieren Qualität nicht nur über die Inhaltsstoffe eines Produktes, sondern auch 34
über die Art der Tierhaltung und Herstellung — also nach ökologi- schen Aspekten. Nachhaltige Landwirtschaft und ländliche Räume Die Menschen wollen, dass die Landwirtschaft über das Produzieren von Lebensmitteln hinaus Leistungen für die Gesellschaft erbringt: umweltverträgliche Landbewirtschaftung, artgerechte Formen der Tierhaltung genauso wie die Pflege der Kulturlandschaft und Aufgaben im Umwelt- und Naturschutz. Solche ökologischen und sozialen Leistungen der Landwirtschaft müssen honoriert werden. Hierzu muss die Förderung schrittweise auf die Entlohnung gesellschaftlich erwünschter Leistungen umgestellt werden. Ich will, dass die Landwirtschaft mit der Solidarität der Steuerzahler rechnen kann. Die Landwirtschaft muss sich künftig stärker als bisher am Markt und den Wünschen der Verbraucher orientieren. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft ist die Abkehr von produktionsgebundenen Zahlungen hin zur Entwicklung der ländlichen Räume. Mittel aus dem Marktbereich sind umzuschichten, um neue Maßnahmen einer Politik für den ländli- chen Raum zu fördern, z.B. die Umstellung auf den ökologischen Landbau und tierartgerechte Haltungsformen sowie die Verarbeitung und Vermarktung ökologischer, regional erzeugter Produkte. Hierfür werde ich in Brüssel und in Berlin zugleich werben. Der Landwirtschaft und dem ländlichen Raum sollen neue Perspektiven eröffnet werden. Zusammen mit meinem niederländischen Kollegen bin ich einer Meinung, dass Tierhaltung in Deutschland, den Nieder- landen und den anderen EU-Mitgliedsstaaten nur Zukunft hat, wenn sie im Einklang mit den gesellschaftlichen Anforderungen steht. Wir brauchen den Rückhalt in der Gesellschaft, wenn wir weiterhin Steuergelder für die Agrarpolitik aufwenden wollen. Nur wenn die Verbraucher sagen "Dafür zahlen wir gern!", wird dieses ein auf Jahre verlässliches neues System sein. Die neue Agrar- und Ernährungspolitik steht für eine multifunktionale Landwirtschaft. Die Bäuerinnen und Bauern im Lande werden nicht nur kostengünstig landwirtschaftliche Erzeugnisse produzieren, sondern darüber hinaus wichtige Leistungen im Naturschutz, im Tierschutz und für die Pflege und den Erhalt der Kulturlandschaft 29)
erbringen. Auf diese Weise entsteht ein Mehrwert, der der Gesellschaft, den ländlichen Räumen sowie dem Erhalt von Arbeitsplätzen zugute kommt. Die Beteiligten sind entscheidend für den Erfolg der neuen Politik Vieles ist in Bewegung gekommen. Die derzeit intensive politische Diskussion über die Neuausrichtung der Agrar- und Ernährungspolitik bietet die Chance, die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft neu zu organisieren. Im Dialog mit allen Beteiligten, mit den Verbrauchern, der Ernährungswirtschaft, dem Handel, den Landwir- ten, den Naturschützern und Tierschützern, den Bundesländern und den europäischen Nachbarn. Auch die WTO-Verhandlungen und die EU-Osterweiterung erfordern eine Änderung der gegenwärtigen Agrarpolitik. Die neue Agrar- und Ernährungspolitik ist ein wichtiger und notwendiger Schritt für den vorsorgenden Verbraucherschutz. Doch kann die Politik allein den Erfolg nicht verordnen. Sie ist auf die Mitarbeit und Unterstützung aller Beteiligten angewiesen. Qualität hat jede Menge Chancen. Die Frage ist, wer daran verdient. Ich meine: Was gut ist für die Natur, ist auch gut für die Bauern. KHK „Die Tatsache, dass jemand neben mir tot umfällt, ist noch kein Beweis für meine Gesundheit.“ Reinhard Höppner KAKKK
Brauchen wir eine Neuorientierung in der Agrarpolitik? Eine Erklärung von Agrarökonomen 45 deutsche Professoren der Agrarökonomie haben sich am 16. Januar 2001 in ei- ner Erklärung zur agrarpolitischen Wende geäußert, die von der Bundesregierung eingefordert wird. Sie haben die Sorge, dass diese Pläne die Zukunft der deutschen Landwirtschaft gefährden, ohne das Problem zu beheben, das mit der BSE-Krise entstanden ist. Eine einseitige Förderung des Öko-Landbaus gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft und lasse sie dauerhaft von staatlichen Subventionen abhängig werden. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut. In Reaktion auf die BSE-Krise fordern führende Politiker in Deutsch- land eine Neuorientierung der Agrarpolitik, vor allem eine Abkehr von den „Agrarfabriken” und der „industriellen Landwirtschaft” und eine Hinwendung zum ökologischen Landbau als Leitbild für die Zukunft der Landwirtschaft. Als Agrarökonomen haben wir die Sorge, dass eine solche — bei vielen Bürgern gewiss populäre - Wende in der Agrarpolitik die Zukunft der deutschen Landwirtschaft gefährdet, ohne das Problem zu beheben, das Anlass für diese Veränderung der Politik war. Wir haben keinen Grund, die bisherige Agrarpolitik zu verteidigen, denn wir haben sie oft kritisiert. Sie hat in Verfolgung sektoraler Interessen oft Gebote der wirtschaftlichen Vernunft außer Acht gelassen. Wir unterstützen das Bestreben, in Zukunft mehr Wert auf den Verbraucherschutz, die Sicherheit unserer Nahrungsmittel und auf art- gerechte Tierhaltung zu legen, und erkennen in dieser Hinsicht die Notwendigkeit von Veränderungen. Wir sind aber nicht davon überzeugt, dass die jetzt angestrebte neue Agrarpolitik einen Beitrag zu die- sem Ziel leisten kann, sondern halten sie für verfehlt. Wir weisen in diesem Zusammenhang auf folgende Aspekte hin: 1. Die Ausbreitung der BSE-Krankheit ist offensichtlich durch Fut- termittel erfolgt. Die Verantwortung dafür tragen im Wesentlichen nicht die konventionell wirtschaftenden Landwirte oder eine „in- dustrielle Landwirtschaft”, sondern einerseits der Staat, der Gefahr bringende Futtermittel zunächst nicht rechtzeitig verboten und später Verstöße gegen die Verbote nicht hinreichend kontrolliert und nicht mit ausreichenden Strafen belegt hat. Verantwortung tragen auch diejenigen Hersteller von Futtermitteln, die Vorschrif37
ten nicht beachtet haben. Eine Abwendung von der konventionel- len Landwirtschaft zugunsten eines neuen Leitbildes ist deshalb als Reaktion auf die BSE-Krise nicht sachgerecht. Ökologisch wirtschaftende landwirtschaftliche Betriebe wurden auch bisher schon mit agrarpolitischen Maßnahmen gefördert. Die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel haben die Landwirte teilweise noch nicht einmal ausgeschöpft. Dass der Öko-Landbau bisher nur einen sehr kleinen Anteil der Landwirtschaft ausmacht, liegt in erster Linie an den Entscheidungen der Verbraucher, die Bio-Produkte nicht in stärkerem Maße gekauft haben. Die Politik würde sich also über die Wünsche der Verbraucher hinwegsetzen, wenn sie die ökologische Landwirtschaft deutlich ausweitet, ohne dass für ihre Produkte eine ausreichende Nachfrage vorhanden ist. Wir würden eine Ausweitung des ökologischen Landbaus begrüßen, wenn sie durch die Marktnachfrage und Zahlungsbereitschaft der Verbraucher ausgelöst wäre. Eine Bevormundung der Verbraucher halten wir aber für falsch. Eine Politik gegen den Verbraucherwillen wäre möglicherweise gerechtfertigt, wenn auf diese Weise in Zukunft Probleme ausgeschlossen werden könnten, wie sie jetzt zur BSE-Krise geführt haben. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt keine Garantie dafür, dass BSE nicht auch in ökologisch wirtschaftenden Betrieben auftreten kann, und in anderen Ländern ist das bereits geschehen. Auch gibt es keinen Nachweis dafür, dass Nahrungsmittel, die in ÖkoBetrieben erzeugt werden, grundsätzlich für die Gesundheit des Verbrauchers besser sind als Produkte aus konventionell wirtschaftenden Höfen. Eine staatlich forcierte Ausweitung des ökologischen Landbaus lässt sich mit Argumenten des Verbraucherschut- zes nicht begründen. . Der Öko-Landbau ist zweifellos eine umweltfreundliche Form der Landbewirtschaftung. Auch die konventionelle Landwirtschaft kann jedoch bei entsprechender Förderung gezielte Umweltleistungen erbringen, oft kostengünstiger als der ökologische Landbau. Die Umweltpolitik sollte vergleichbare Umweltleistungen gleich fördern, unabhängig davon, ob sie im ökologischen Landbau oder in der übrigen Landwirtschaft erbracht werden. . Eine einseitige agrarpolitische Bevorzugung bestimmter Formen von Landwirtschaft verzerrt den Wettbewerb und schwächt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der gesamten Landwirtschaft. Sie 38
läuft deshalb dem Ziel zuwider, die Landwirtschaft auf längere Sicht von staatlicher Unterstützung unabhängig zu machen. Die Reformen der EU-Agrarpolitik haben in den letzten Jahren durch den Abbau der Preisstützung einen Prozess eingeleitet, an dessen Ende eine international wettbewerbsfähige Landwirtschaft stehen könnte, wie sie von vielen Seiten immer wieder gefordert worden ist. Dieser Prozess sollte angesichts der EU-Osterweiterung und der WTO-Verhandlungen durch eine schrittweise Liberalisierung der Märkte fortgesetzt werden. Die jetzt in Deutschland geforderte agrarpolitische Wende würde dieser Tendenz eindeutig entgegenwirken. Sie würde die deutsche Landwirtschaft weit zurückwerfen und auf Dauer von staatlichen Hilfen abhängig machen. . Die langfristige Abhängigkeit von staatlichen Finanzhilfen wäre gerade auch im ökologischen Landbau zu erwarten. Eine durch Agrarpolitik herbeigeführte Ausweitung des ökologischen Landbaus würde die Preise für Bio-Produkte deutlich unter Druck setzen, so dass ökologisch wirtschaftende Landwirte ihre Kosten am Markt nicht mehr decken könnten. Der Staat müsste sie dann dauerhaft subventionieren, um ihr Überleben zu sichern. . Die Kritik an „Agrarfabriken” und „industrieller Landwirtschaft” mag gegenwärtig zwar populär sein, sie verkennt aber die Realitä- ten. Mit wenigen Ausnahmen sind die landwirtschaftlichen Betriebe Deutschlands sehr klein und werden von Familienarbeitskräften bewirtschaftet. In ihrer wirtschaftlichen Größe und Produktionsweise sind sie bestenfalls mit Handwerksbetrieben, aber nicht mit industriellen Unternehmen vergleichbar. Es kommt hinzu, dass in keiner Weise nachgewiesen ist, dass kleine landwirtschaftliche Be- triebe die Umwelt weniger belasten oder gesündere Nahrungsmittel produzieren als größere Höfe. Soweit sich die Kritik auf moderne Formen der Tierhaltung richtet, ist sorgfältig abzuwägen, ob Veränderungen erforderlich sind und zu Verbesserungen für die artgerechte Tierhaltung führen können. Auch in dieser Hinsicht geht es allerdings nicht primär um die Größe der Tierbestände, sondern um die Haltungsbedingungen. . Einzelbetriebliche Obergrenzen für die agrarpolitische Förderung bringen keine Vorteile für den Verbraucherschutz, die Umwelt und den Tierschutz. Sie hemmen jedoch den strukturellen Wandel, führen zu höheren Kosten durch Ausweichmaßnahmen der Betroffe- nen (z.B. formelle Betriebsteilungen) und schwächen damit die 39
Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft. Sie lassen sich auch nicht als einkommenspolitische Maßnahme rechtfertigen, da es keinen engen Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der Betriebsgröße gibt. Soweit in der Landwirtschaft hohe Einkommen . erzielt werden, unterliegen sie der gleichen Steuerprogression wie die Einkommen anderer Steuerzahler. 9. Wir leben nicht auf einer agrarpolitischen Insel. Unsere Landwirtschaft muss im EU-Wettbewerb und vermehrt auch im Weltmarktwettbewerb bestehen. Deshalb ist ein Wandel zu größeren Betriebseinheiten unumgänglich. Damit kann und muss eine weitere Verbesserung der Umweltverträglichkeit der Landwirtschaft einhergehen. Der Weg „klein und öko“ führt dagegen in eine Sackgasse. i Die Erklärung wird von folgenden Professoren unterstützt (Stand: 17. Januar 2001): Heinz Ahrens, Halle; Reimar von Alvensleben, Kiel; Siegried Bauer, Gießen; Tilman Becker, Hohenheim; Ernst Berg, Bonn (z.Zt. Michigan, USA); gen; Stephan von Cramon-Taubadel, Wilhelm Brandes, Göttin- Göttingen; Reiner Doluschitz, Hohenheim; Frohberg, Halle; Michael Grings, Halle; Werner Grosskopf, Hohenheim; Hanf, Kiel; Monika Hartmann, henheim; Roland Herrmann, Klaus Claus-Henning Halle; Wilhelm Henrichsmeyer, Bonn; Arno Henze, Ho- Gießen; Klaus Hesse, Kiel; Hans-E. Jahnke, Berlin; Karl- Heinz Kappelmann, Nürtingen; Dieter Kirschke, Berlin; Hans Kögl, Rostock; Manfred Köhne, Göttingen; Ulrich Koester, Kiel; Rainer Kühl, Gießen; Friedrich Kuhlmann, Gießen; Thomas Kutsch, Bonn; Cay Langbehn, Kiel; Dirk Manegold, Braunschweig; Winfried Manig, Göttingen; Uwe Jens Nagel, Berlin; Mathias von Oppen, Hohenheim; Volker Petersen, Halle; Diethard Rost, Halle; Wilhelm Scheper, Kiel; Gerhard Schiefer, Bonn; Erich Schmidt, Hannover; Michael Schmitz, Gießen; Tangermann, Walter Schug, Bonn; Stefan Göttingen; Peter Tillack, Halle; Peter Wagner, Weihenstephan; Weindlmaier, Weihenstephan; Hannes Christoph Weiss, Kiel; Harald von Witzke, Berlin; Rudolf Wolffram, Bonn; Jürgen Zeddies, Hohenheim; Manfred Zeller, Göttingen. KAKKK „Darin besteht das Wesen der Wissenschaft: Zuerst denkt man an etwas, das wahr sein könnte — und dann sieht man nach, ob es der Fall ist. Im Allgemeinen ist es nicht der Fall.“ Bertrand Russell KArKKK
Wissenschaftler für eine neue Agrarpolitik! Kasseler Erklärung Am 16. Januar 2001 wurde eine „Erklärung von Agrarökonomen” zur Neuorientie- rung der Agrarpolitik veröffentlicht, 45 Professoren haben sie unterschrieben. Um deutlich zu machen, dass es auch andere Positionen in der Agrarwissenschaft gibt, veröffentlichen wir eine Erklärung von fünf Kasseler Wissenschaftlern, die 70 wei- tere Unterschriften fand. 1. Die durch die BSE-Krise ausgelöste Debatte um eine neue Agrarpolitik ist zu begrüßen. Sie bietet die Chance, die landwirt- schaftliche Produktion auf die Erzeugung nachvollziehbar gesunder Lebensmittel für Verbraucher umzustellen, die Agrarpolitik von ökologisch und regionalpolitisch haarsträubenden Fehlsubventionierungen zu befreien, einen verbraucher- und beschäf- tigungsorientierten Rahmen für die Landwirtschaft in einem erweiterten Europa zu schaffen sowie die Politik für ländliche Räume konsequent auf nachhaltige Regionalentwicklung umzustellen. 2. Die „Erklärung von Agrarökonomen?” leistet zu dieser Debatte keinen konstruktiven Beitrag. Die Agrarökonomen greifen ein neues Leitbild der Politik an, dessen Ausgestaltung erst noch vo- rangetrieben werden muss. Man schießt also vorsichtshalber in die Luft, um Diskussionen und Veränderungen zu verhindern, die dringend erforderlich sind. 3. Die Agrarökonomen äußern die Sorge, dass eine Wende hin zum ökologischen Landbau als Leitbild in der Agrarpolitik „die Zukunft der Landwirtschaft gefährdet, ohne das Problem zu beheben, das Anlass für diese Veränderung der Politik war“. Wir se- hen die Zukunft der Landwirtschaft durch eine Wende nicht gefährdet. Im Gegenteil: Die Agrarpolitik von heute trägt in erheblichem Maße dazu bei, dass die Landwirtschaft keine Zukunft hat. Wenn Zukunft ‚Zukunft der Menschen‘ heißt, dann müssen wir feststellen, dass die Landwirtschaft sich schon lange in einem ständigen Auflösungsprozess befindet. 4. Die besondere Verantwortung für diese Entwicklung trägt eine Politik der weltmarktorientierten Deregulierung und Erleichterung von Produktionsvorschriften, die viele Agrarökonomen 41
propagiert haben und die manchen noch nicht weit genug gehen. So hat die Ausrichtung auf den Weltmarkt dazu geführt, dass Welthandelsabkommen abgeschlossen wurden, die für Deutschland eine Eiweißlücke bei pflanzlichen Erzeugnissen (und damit für die Fütterung) festlegten. Um diese Lücke nicht mit teuren Importen füllen zu müssen, wurde billiges Tiermehl benutzt. Die Rücknahme von Verfahrensvorschriften durch Premierministerin Thatcher hat dazu geführt, dass in den britischen Tiermehlfabriken die BSE-Erreger nicht vernichtet wur- den. Ein Ergebnis der Deregulierung ist die Abschaffung der offenen Deklaration bei Futtermitteln. Dadurch erhielten die Fut- termittelhersteller die Möglichkeit, jederzeit die gerade auf dem Markt kostengünstigsten Komponenten für ihre Mischungen zu nutzen. Die Deregulierung führte auch dazu, dass die Bauern überhaupt nicht mehr wissen, was sie eigentlich füttern. Das Problem des Tiermehls — und auch von BSE - ist also mittelbar eine Folge der Bedingungen des Weltmarktes ... Wir sind daher der Überzeugung, dass eine Wende in der Agrarpolitik nicht al- lein Einfluss auf die Produktionsformen der Höfe, sondern auch auf die Organisation der gesamten Agrar- und Ernährungswirtschaft nehmen muss. Der Kreis der Unterzeichner der „Erklärung von Agrarökono- men“ setzt auf den Markt und erachtet das ‚Staatsversagen‘ für größer als das ‚Marktversagen‘. Nun, in der Krise und nachdem wir vor katastrophalen Resultaten dieses Marktes stehen, wird der Staat beschuldigt, er habe nicht rechtzeitig gehandelt. Die Agrarökonomen sehen nicht in einer industrialisierten Landwirtschaft, sondern beim Staat die Verantwortlichkeit für BSE. Über- sehen wird dabei, dass BSE nur die Spitze eines Eisberges ist. Der tägliche Blick in die Zeitungen zeigt eine Kette von Skanda- len, die vom Klärschlamm in Futtermitteln, illegalem Vertrieb von Tierarzneimitteln, tierquälerischen Haltungsbedingungen und Tiertransporten bis zur denaturierenden Weiterverarbeitung von Lebensmitteln und zu Dumpingpreisen im Einzelhandel reicht. Das sind keine vereinzelten Fehler, Zufälle, Irrtümer, die durch einzelne Reparaturmaßnahmen korrigiert werden könnten. Die Art und Weise, in der Landwirtschaft heute betrieben wird, muss auf den Prüfstand, ebenso wie die Argumentation der Agrarökonomen, die mitverantwortlich ist für deren Entstehung. 42
6. In der Tat darf eine Agrarpolitik, die eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft beabsichtigt, das Problem nicht auf ‚klein‘ oder ‚groß‘, auf ‚öko‘ oder ‚konventionell‘ reduzieren. Der private Hühnerhalter, der für zehn Hühner mit Auslauf Futter bei Raiffeisen zukauft, kann ebenso in die Industrialisierungsfalle tappen, wie es bayerischen Familienbetrieben wahrscheinlich mit den Milchaustauschern geschehen ist. Im Gegensatz zu den Agrarökonomen sind wir der Überzeugung, dass es — beispielsweise in der Geflügelhaltung, aber auch bei Schweinen — Agrarfabriken tatsächlich gibt ... 7. Zu einer differenzierten Debatte über Betriebsgrößen und Ökologischen Landbau gehört aber auch die Wahrnehmung weiterer Indikatoren: e Solange die Bundesregierung in ihrem Agrarbericht den Mineraldünger- und Pflanzenschutzmitteleinsatz je Hektar noch nach kleinen, mittleren und großen Betrieben aufge- schlüsselt hat, lag deren Einsatz im Durchschnitt bei großen Betrieben über dem mittlerer und kleiner Betriebe. Ist es Zufall, dass diese Statistik nicht mehr geführt wird? e Für die Fffizienz des Einsatzes von Subventionen macht es keinen Sinn, die Größenvorteile durch eine proportionale Förderung zu potenzieren. e Im Ökologischen Landbau ist Tiermehl grundsätzlich verboten. Dass es keine Garantie dafür gibt, dass BSE nicht auch in Öko-Betrieben auftauchen kann, liegt nicht an den Grundsätzen des Ökologischen Landbaus, sondern daran, dass es ihm noch nicht gelungen ist, sein gesamtes Produk- tionssystem von der konventionellen Landwirtschaft abzukoppeln ... Rückstände in Ökoprodukten sind nicht auf deren Einsatz im Ökologischen Landbau zurückzuführen, sondern auf deren Einsatz in der konventionellen Landwirtschaft. 8. Auch wir glauben nicht, dass es einfach sein wird, die Verbraucher dazu zu bewegen, höhere Preise für Lebensmittel zu bezah- len. Dennoch zeigen die derzeitigen Marktreaktionen, dass dem Verbraucher sehr wohl an gesunden, sicheren und schmackhaften Produkten gelegen ist. Der Rückgang des Lebensmittelanteils an den Lebenshaltungskosten ist — wie man heute sieht — letztlich teuer erkauft worden. Und hier trifft das Argument der liberalen 43
Agrarökonomen am wenigsten: Auch die niedrigen Agrarpreise hat der Verbraucher bereits über seine Steuern für den Gemein- samen Agrarmarkt der EU bezahlt. Eine Umschichtung könnte also erhebliche Effizienzgewinne sowohl für Verbraucher als auch für eine Mehrheit der Bauern ergeben. . Die Debatte über den Verbraucherpreis verkennt das grundsätzliche Problem der Landwirte, dass Erzeugerpreise nur teilweise durch die Verbraucherpreise bestimmt werden. Viel wesentlicher ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage zwischen Landwirtschaft und abnehmender Hand. Solange Agrarprodukte im Überschuss erzeugt werden — und dafür hat die bisherige Politik gesorgt —, wird es kaum höhere Erzeugerpreise geben. Eine Lösung ist nicht nur eine grundsätzliche Absenkung des Intensitätsniveaus, sondern auch der Aufbau differenzierter Märkte (regionale Märkte, Qualitätsmärkte u.a.m.), die es den Landwirten ermöglichen, flexibel zu agieren und nicht nur Spielball der abnehmenden Hand zu sein. Ökonomisch gesprochen geht es um die Segmentierung des globalen Marktes. Während auf dem globalen Markt der Preis des weltweit günstigsten Anbieters zu bezahlen ist, ergeben sich durch Segmentierung des Marktes veränderte Angebots- und Nachfrageverhältnisse. Außerdem müssen Wertschöpfungsallianzen vor Ort geschlossen werden. 10. Den Aufbau solcher Märkte zu unterstützen, ist eine wesentliche Aufgabe der Politik. Dabei geht es nicht allein um finanzielle Beihilfen. Ein wesentliches Hemmnis regionaler Vermarktungsstrukturen sind beispielsweise die nur für Massenverarbeiter erdachten Vorschriften ... Ähnliches gilt für die Qualitäts- und Handelsklassen, die für den internationalen Handel geschaffen wurden, die Besonderheiten — ja geradezu Qualitäten — regionaler Sorten aber nicht berücksichtigen. 11.In der „Erklärung von Agrarökonomen“ wird zu Recht befürch- tet, dass die Förderung des Ökologischen Landbaus zu neuen Problemen führen kann, weil die Öko-Märkte zusätzliche Mengen derzeit nicht aufnehmen können. Die wesentliche Aufgabe eines Umbaus der Landwirtschaft wird daher weniger die direkte Unterstützung des Ökologischen Landbaus durch Produktionsprämien sein, sondern die Veränderung der Rahmenbedingungen für regionale und ökologische Märkte. 44
12. In der „Erklärung von Agrarökonomen“ wird zu Recht festgestellt, dass wir nicht auf einer Insel leben. Daraus wird jedoch die Konsequenz gezogen, dass unsere Landwirtschaft im Weltmarktwettbewerb bestehen müsse. Wir sind der Meinung, dass unsere Gesellschaft eine Diskussion darüber braucht, ob sie Überschüsse erzeugen und sich fit machen soll für deren Export. Oder ob sie auf diesen Weltmarkt ganz oder weitgehend verzichtet, die eigenen Probleme bei sich selbst bereinigt und dafür Sorge trägt, dass die Landwirtschaft nach den Bedürfnissen der europäischen Gesellschaften organisiert wird. Natürlich werden dies manche Unternehmen der Ernährungsindustrie nicht gerne sehen. Aber dies wäre eine wegweisende politische Entscheidung. Es ist u.E. sinnlos, unsere Landwirtschaft für einen Weltmarkt fit zu machen, der noch weniger angemessene Preise für unsere Produkte bezahlen kann und wird als unsere eigenen Verbraucher. 13. Trotz jahrzehntelanger Beteuerungen der Agrarökonomen, dass die Weltmarktorientierung die Kosten der Agrarpolitik senken würde, ist ständig das Gegenteil passiert — die Kosten der Agrarpolitik in Brüssel sind permanent gestiegen. Mit Weltmarktpreisen sind die Kosten der landwirtschaftlichen Erzeugung nicht zu bezahlen. Ebenso wenig wie es an den Weltmarkt angelehnte Gehälter für Agrarökonomen gibt, wird es solche für Vorleistungen, Arbeitslöhne und Sozialabgaben in der Landwirtschaft geben. Wer heute die Anpassung der Erzeugerpreise an das Weltmarktniveau fordert, der macht die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Subventionen permanent. Natürlich bedarf es des Nachdenkens über die Senkung der Subventionen für die Landwirtschaft. So- lange diese Subventionen jedoch nötig sind, um die Kosten unserer Lebensmittel zu bezahlen, sollten die Zahlungen an soziale und ökologische Kriterien gekoppelt werden. 14. Wir halten es für wichtig, darauf hinzuweisen, dass Agrarpolitik weitaus mehr ist als das Verteilen von Subventionen an Landwirte. Bei der Agrarsozialpolitik, der Ausbildung, Forschung, Flächennutzungsplanung, Flurbereinigung und auf vielen anderen Gebieten beeinflusst der Staat die Art und Weise, wie Landwirt- schaft betrieben wird. Wir sind daher der Überzeugung, dass eine Wende in der Landwirtschaft nicht nur über marktpolitische In- terventionen, sondern auch über Veränderungen in vielen rechtlichen und institutionellen Bereichen vonstatten gehen muss. Sol45
che Änderungen kosten in der Regel kein Geld. Notwendig ist hier die Auseinandersetzung über die Art und Weise, in der in Zukunft Landwirtschaft betrieben werden soll. 15. Die „Erklärung von Agrarökonomen” durchzieht ein grundlegender Widerspruch. Der vermuteten Neuorientierung der Agrarpolitik wird eine einseitige Bevorzugung bestimmter Formen der Landwirtschaft unterstellt (‚klein und ‚öko‘). Die Erklärung ist jedoch selbst durchgängig geprägt vom Bild einer ganz bestimmten Form von Landwirtschaft: einer Landwirtschaft, die unumgänglich einen strukturellen Wandel zu größeren Betriebseinheiten und internationaler Wettbewerbsfähigkeit durchzumachen habe. Wer nach den Gründen für diese einseitige Präferenz einer bestimmten Form der Landwirtschaft sucht, wird ein sich selbst begründendes Erklärungsmodell entdecken: Die notwendige internationale Wettbewerbsfähigkeit wird damit begründet, dass der Wettbewerb nicht verzerrt werden dürfe; eine bestimmte Form der Wirtschaftlichkeit (die historisch recht jung ist) wird mit dem Gebot der „wirtschaftlichen Vernunft“ begründet. In dieser her- metischen Welt des ökonomischen Gebots ist kein Platz für Strategien, die auf Wertentscheidungen beruhen und Ziele anstreben wie: Verbraucherschutz, Ernährungssouveränität, Erhaltung der Kulturlandschaft, artgerechte Tierhaltung ... 16. Der bevorstehende mühsame Prozess des Umbaus der Landwirtschaft benötigt eine Agrarökonomie, die ihre Verstrickung in das gescheiterte Wachstumsmodell der Landwirtschaft ernsthaft reflektiert. In unzähligen wissenschaftlichen Beiräten, Gutachten und Forschungsprojekten haben Agrarökonomen das ökonomische Naturgesetz vom ‚Wachsen oder Weichen‘ zum Regulativ er- klärt und damit zu der Sackgasse beigetragen, in der wir uns nun befinden. Die Agrarökonomie wird sich in Zukunft mit einer bescheideneren gesellschaftlichen Rolle begnügen müssen. Statt ihre Modellannahmen zu ewigen Geboten zu erklären, sollte sie diese der gesellschaftlichen Diskussion aussetzen. Onno Poppinga, Ulf Hahne, Götz Schmidt, AG Land- und Regionalentwicklung, Uni- versität Gesamthochschule Kassel, Anke Schekahn, Frieder Thomas, Kasseler Institut für ländliche Entwicklung.
Iris Radisch Scheinheiliges Mitleid mit den Kühen — Hungrig nach Moral Eine Frage von alttestamentarischer Wucht: Dürfen wir 400 000 Kühe töten, ohne sie zu fressen? Für einen Augenblick hält die Nation in ihrer Schlachthausroutine inne und sieht seinen Kälbchen tief in die Augen. Die kleine „Jeanne d’Arc“ aus Dithmarschen, die nach bisheriger Praxis längst die Kalbsleberwurst auf unseren Stullen wäre, be- wegt plötzlich die Herzen. Besorgte Bürger möchten Patenschaften für süße Kälber übernehmen. Findelkälbchen Max, das bei Wind und Wetter in einer Telefonzelle ten überhäuft. Viele stellen zumindest auf dem Balkon Platz wäre. Denn wer weiß, ausgesetzt wurde, wird von Hilfsangeboplötzlich fest; dass in ihrer Garage oder für ein armes, todgeweihtes Kalb noch vielleicht ist doch wahr, was inzwischen sogar die Bild-Zeitung vermutet. Vielleicht haben Tiere doch eine Seele. Dieses Mitleid ist scheinheilig. Die 400 000 Kühe, deren sinnloser Tod plötzlich empört, wären längst gefressen. Und kein Mensch hätte nach dem Fressen noch nach der Moral gefragt. Doch fällt das große Fressen einmal aus, wird der Mensch besinnlich: Nicht, wie Brecht noch glaubte, nach dem Fressen, sondern ohne Fressen kommt die Moral. Wenn nicht Moral und Fressen inzwischen ein und dasselbe sind. „Niemand“, so schreibt das Tierschutzgesetz der Bundesrepublik Deutschland vor, „darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Da wohl unstrittig sein dürfte, dass die maximale Beschädigung eines Tieres der Tod ist, muss der anschließende Fraß als „vernünftiger Grund“ für das Schlachten herhalten. Dass es „vernünftig“ sei, Tiere in gewaltigen Mengen zu verzehren, ist der unantastbare Glaubensgrundsatz der Fleisch fressenden Zivili- sation. Erst wenn das Fressen als vernünftiger Grund für das große Schlachten ausfällt, kommt Mitleid auf. Dabei wird nur umgekehrt ein Kalb draus: Nicht mit dem warmen Garagenplätzchen, sondern 47
mit dem kalten Verzicht an der Fleischtheke ist der kleinen Jeanne d’ Arc geholfen. Wem die Tiere Leid tun, der sollte sie nicht essen. Und wer die Tiere isst, dem tut es nicht Leid. Zwischen diesen beiden Optionen hat der Mensch die Qual der Wahl. Denn anders als gerne behauptet wird, ist jedermann frei, seine Nahrung zu wählen. Von evolutionärem Zwang, biologischer oder ernährungswissenschaftlicher Notwendigkeit kann — dafür kann die Autorin dieser Zeilen leibhaftig einstehen — nicht die Rede sein. Unbestritten gab es eine Zeit, da der unbewaffnete, nackte Mensch, umstellt von Bär, Hirsch, Löwe, Mammut und Auerochse, nicht anders konnte, als zu töten und zu fressen, um nicht getötet und gefressen zu werden. Auch verständlich, dass der Mensch, dieses schwache, min- derwertige Tier, von der Hoffnung beseelt war, stark wie ein Wolf zu werden, wenn er ein Wolfsherz fraß. Am allerverständlichsten ist, dass der Mensch, als er endlich dank List und Bogen an der Spitze der Nahrungkette thronte, sich Jahrhunderte lang für die einstige Schmach der Unterlegenheit am besiegten Tier gerächt hat. Fleischfressen ist seither das Symbol der Machtergreifung und des Sieges. Der Fleischfresser gehört auf die Sonnenseite der Evolution. Der größte Fleischfresser ist in den streng hierarchisierten Fleischkulturen immer der König. Die Hirschskalps an der Wand, die Käfersammlung in der Schublade, die Schweinebacke im rosig aufgedunsenen Gesicht, den Pelz ums zarte Eheweib gewickelt, den Dackel zu Füßen — so fühlt sich der Nahrungskettenkönig bis heute am wohlsten. Wer sich diesem Kult ums Fleisch entzieht - und das waren seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert Frauen, Fremde, Randgruppen, Intellektuelle, die der Macht fern standen -, wird aus der Gemeinschaft der Sieger ausgeschlossen, als blutleer, engstirnig und kränklich diffamiert. So war noch vor kurzem in einer ansonsten seriösen Frankfurter Zeitung zu lesen, dass Säuglinge von Vegetarierinnen mit schweren Hirnschäden zu rechnen hätten. Und so wird bis heute, und nicht nur auf der Homepage der Fleischindustrie, die Mär vom nur durch Fleisch zu deckenden menschlichen Eiweißbedarf weiter verbreitet. Von einem Stück Fleisch wird noch immer behauptet, dass es ordentlich sei, wohingegen die Fleischverächter die Ordnung der Mythen stören. Das Fleischfressen ist ein überaus unvernünftiges Relikt eines veralteten sozialen Ritus. Mehr Kult als Kultur, mehr Kollektivneurose als Naturzwang. Es ist nicht zu verstehen, warum Katzen, Hunde, Affen, Ratten, Pferde und Mäuse keinesfalls, Rinder, 48
Schweine und Hühner dafür in unvorstellbaren Massen verspeist werden dürfen. Und warum es in einer anderen Weltgegend gerade umgekehrt zugeht. Der Übergang von einer ursprünglichen Blut- und Hack- zu einer zivilisierten Vernunft- und Mitleidskultur steht auch im 21. Jahrhun- dert noch nicht auf der Speisekarte. Warum vertauschen die Spektakelfernsehsender nicht einmal ihre fidelen Containerjugendlichen mit schreienden Schweinen auf der Schlachtbank? Wem dabei nicht zuerst die Moral kommt, der darf weiterfressen. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages abgedruckt aus: DIE ZEIT vom 8. Februar 2001. KHKKK „Ein Mythos ist beileibe keine Lüge, sondern etwas, an das beinahe jeder gerne glauben möchte, und im Glauben daran umarmt man eine kalte Zahl zu heißblütig.“ Sebastian de Grazia KK
Günter Kunert Ökologie-Gedanken eines Schriftstellers Meine erste, wenn auch indirekte Begegnung mit einer Umweltka- tastrophe liegt lange zurück — über fünfzig Jahre. Nachdem eine Katastrophe anderer Art, nämlich der Zweite Weltkrieg, ihr Ende gefunden hatte, glaubte man an eine friedliche, angstfreie und unbedrohte Zukunft. In jenen hoffnungsfrohen Tagen also, da man in allen vier Berliner Sektoren ungehindert alle Zeitungen abonnieren und lesen konnte, geriet mir ein TIME-Magazin in die Hände. In diesem Heft fand sich ein Bericht, unvergessen und wie ein Menete- kel, über eine Kleinstadt in Pennsylvania. In dieser Ortschaft existierte eine Aluminium-Hütte, und als eines Nachts sich die Dämpfe des Werkes mit dem Herbstnebel in Donora, wie der Ort hieß, vermischten, erwachten am nächsten Morgen fünfundsechzig Einwohner nicht mehr. So geschehen im Jahre 1947. Weil ich zu jener Zeit bereits zu schreiben angefangen hatte, nutzte ich diesen Vorfall für ein Gedicht, das ich 1950 veröffentlichte. Damals, da die absolute Mehrheit der Menschen noch in ökologischer Unschuld lebte, mag dieses ferne, mich persönlich nicht betreffende Ereignis dennoch ein Anstoß für eine gewisse Aufmerksamkeit gewe- sen sein. Und just dieser frühen Aufmerksamkeit verdanke ich meinen Ruf als Schwarzseher, als Pessimist, als von den ewigen Optimisten ironisch bezeichnete „Kassandra von Kaisborstel“. Ich war mit einem ansonsten fragwürdig evangelistischen Wort „erweckt“ worden. Und ich reagierte, was man ja Lyrikern ohnehin zuschreibt, seismografisch. In meinen Erinnerungen an die DDR tauchen obskure Momente auf, Momente der offiziellen Verdrängung des Unheils. So zum Beispiel gedenke ich noch heute mit Kopfschütteln einer Versammlung im Schriftstellerverband, wo ein Kulturfunktionär den Autoren des Langen und Breiten erklärte, der im Westen gängige Slogan vom „Blauen Himmel über der Ruhr“ stelle nichts anderes dar als eine Ablenkung vom Klassenkampf. Die so genannte „Umweltproblematik“ sei eine Erfindung der Imperialisten, um we- sentliche politische Fragen auszuklammern. 50 Und meine Kollegen
nickten dazu mit ihren dummen Köpfen, denn ihnen fehlte, was eigentlich die Grundlage ihrer Tätigkeit sein sollte, die Fantasie. Dabei waren die Signale, solche, auf welche die Völker nicht hören wollten, für jedermann kenntlich. Allein schon der Umstand, dass man morgens beim Fensteröffnen mit dem Handfeger den Russ vom Fensterbrett kehren musste, weil während der Nacht Kraftwerke und Fabriken ihre Rauchfilter abschalteten, falls sie überhaupt über dergleichen verfügten, genügte, um sich der Situation bewusst zu werden. Und beim Spaziergang durch den Treptower Park, in dessen Nähe ich wohnte, und entlang der Spree fand man ausreichende Mengen toter Fische am Ufer, die wohl kaum durch Agenten des Imperialismus umgebracht worden waren ... Ich ließ mich auf Diskussionen ein, bei denen ich selbstverständlich den Kürzeren zog. Eingeladen nach Weimar, um während der dortigen Sommeruniversität aus meinen Arbeiten zu lesen, entwickelte sich anschließend eine Diskussion, wie oftmals nach Lesungen. Und diese Diskussion geriet, bedingt durch einige meiner Texte, sehr rasch auf das ökologische Gleis. Mein Gastgeber, ein Professor Rich- ter, machte eine zunehmend bängliche Miene, weil die Anwesenden als Nicht-DDR-Bürger keine Hemmungen kannten. Ja, mit den Ausländern gab es immer Schwierigkeiten durch ihren Mangel an Diskre- tion bei verfänglichen Fragen. Und als ich schließlich zu sagen wagte, es sei doch ziemlich nebensächlich, ob die Abgase aus einem „Mercedes“ oder einem „Moskwitsch“ kämen, raunte mir Professor Richter ins Ohr: „Hierher werden Sie nie wieder eingeladen!“ Dieser kurze Satz bestimmte fernerhin meine Nicht-Auftritte in der DDR. Ein einziges Mal gelang es mir, in der Zeitschrift SINN UND FORM so etwas wie eine Debatte zum Ökologie-Thema anzuregen; freilich wurde sie sogleich durch den Chefredakteur Wilhelm Girnus, einen extremen Hardliner, abgewürgt. Zur Wasserverschmutzung nahm er auf eine geradezu erheiternde Art und Weise Stellung: Er behauptete allen Ernstes, dass die Verschmutzung der Berliner Gewässer einzig und allein von den Schwimmern herrühre, die mir nichts, dir nichts ihrem Urin freien Lauf ließen ... Ja, es war nicht alles schlecht in der DDR - insbesondere die unfreiwillige Komik besaß, was in anderen Bereichen fehlte, wirklich Weltniveau. Durch die amtliche Ignoranz erschien es den Bürgern legitim, sich ihres Drecks in der Natur zu entledigen. Auf meinen Wanderungen 51
durch „Wald und Flur“ nahe meinem Wohnhaus begrüßte ich wöchentlich mehr und mehr funktionslos gewordene Produkte der Industrie: Fahrradskelette, verbeulte Kühlschränke, unbrauchbare Gaskocher, durchgebrannte Kochtöpfe, Eimer, Farbdosen, Motorölkanister; alles, was der Mensch nicht mehr benötigt, fand sich am Wegesrand wieder. Einmal traf ich eine Frau, die einen ganzen Sack voller Blechabfälle zwischen die Bäume kippte, mich aber gar nicht erst zu Wort kommen ließ, sondern sich mit einem entschuldigenden „Ich weiß ja, ich weiß ja!“ in die Büsche schlug. Wie der Herr — so’ Gescherr! Freilich, die DDR war kein solitärer Platz der unsplendid isolation. Gleichgültigkeit, Desinteresse, Verdrängung, Missachtung beschränk- ten sich keineswegs auf den real existierenden Sozialismus. Auch in anderen Ländern entdeckte man eine bemerkenswerte Sorglosigkeit im Umgang mit den Grundlagen des eigenen Daseins. Wobei, was immerhin positiv anzumerken ist, in Deutschland das, was man sich angewöhnt hat, „Umweltbewusstsein“ zu nennen, noch am weitesten entwickelt ist. Vielleicht gerade wegen der frühen Einsichten in die von uns bewirkten Zerstörungen. Aber, und hier gehört ein ABER her, dieses Bewusstsein verändert noch gar nichts. Ich erinnere mich an die Tage, da wir aus Ostberlin in den Westen, nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, umgezogen waren und ich mor- gens die frisch abonnierte Zeitung aufschlug und auf der fünften Seite eine kleine Meldung las, des Inhalts, dass drei Prozent des deut- schen Waldes geschädigt seien. So der Stand 1979. Mich erschreckte die Meldung, nur konnte ich meine Vorstellung, hier handele es sich erst um den Anfang des Waldsterbens, keinem meiner Bekannten und Freunde vermitteln. Das ist rund zwanzig Jahre her, viel Gerede ist seitdem geflossen, vor allem, dass guter Rat viel zu teuer sei und außerdem andere, gravierende Probleme primär gelöst werden müssten. Ja, in Ausreden, Beschönigungen und Euphemismen-Erfinden sind wir Meister. Mögliche Bedenken, gar Gewissensbisse lassen sich aufs Simpelste sprachlich „entsorgen“. Weh dem, der gegen den Konsens des Wegsehens und Weghörens verstößt. Auch seine Mahnung oder Warnung wird verbal neutralisiert, indem er selber zum Außenseiter deklariert wird. Meine Erfahrungen nach so genannten „Dichterlesungen“ waren und sind stets ein und dieselbe. Sobald es nach der Lesung zu einem Dialog mit dem ansonsten akzeptierten Poeten kommt, ergibt sich 52
sogleich der Dissens: Der Dichter zeigt, wie man im Publikum selbst- gewiss feststellt, in seinen Gedichten eine äußerst negative Sicht der Dinge. Und ich weiß, gleich fällt der Satz: „Wenn ich so wie Sie denken würde, könnte ich mich ja aufhängen!“ Der Nächste ruft aus dem Hintergrund: „Warum sehen Sie denn alles so schwarz, so schnell geht die Welt nicht unter!“ Ich habe dann das unabweisliche Gefühl, mich an Bord der „Titanic“ zu befinden und dabei als Einziger Kenntnis von der Kollision mit dem Eisberg zu haben. Sonst hat niemand etwas bemerkt. Man fährt ja weiter, es läuft wie geschmiert, kleinere Pannen werden ausgebügelt, das Drei-Liter-Auto steht vor der Tür, obwohl vor keiner amerikanischen, keiner mexikanischen und vor keiner indischen. Und man glaubt mich listig erwischt zu haben, indem man strahlend erklärt: „Übrigens sind die Aale (oder sonstwelche Fische) in den Rhein zurückgekehrt!“, als wäre mit einem regenerierten Fischbestand der Planet gerettet. Gläubig nehmen die Leute derartige Trostpreise entgegen. Auch der Seeadler ist wieder da, obwohl er, gleich der einsamen Schwalbe, keinen Sommer macht; und die Meldung, dass bei der letzten Schiffshavarie an der Nordseeküste 16 000 Seevögel die Verölung nicht überstanden, hat auch nicht gerade ermuntert. Es ist alles andere als eigenartig, dass man sich müht, die Summation der Fakten für Übertreibung zu halten. Dass die Menschheit noch jede Katastrophe überstanden hätte, gehört unabdingbar zum Repertoire jener, die sich und ihre Verwandten und Bekannten für die Menschheit halten. Der Mangel an Information ist nicht das Schlimmste, auf das man stößt, nicht der Unglaube an Kriege um ein Glas Trinkwasser; es ist eine selbstblinde Egozentrik, die sowohl lächerlich wie erschütternd ist. Dass man selber durch Energieverbrauch, durch Reduktion nicht erneuerbarer Ressourcen an dem wachsenden Debakel beteiligt sein könnte, kommt kaum einem in den Sinn. Weil jeder, ohne es jemals zuzugeben oder sich einzugestehen, nach dem Motto des Ancien Regime verfährt: nach mir die Sintflut. Vor allem ab einem bestimmten Alter, da die individuelle Zukunft deutlich zu schrumpfen beginnt, wächst das Laisser-faire im Umgang mit der Umwelt. Sie wird einem egal, da man persönlich eventueller Folgen enthoben ist. Sollen die Nachfolgenden doch für sich selber sorgen, uns geht das nichts mehr an. Und man muss sogar die heikle Frage stellen, ob nicht hinter solcher Haltung etwas wie Schaden53
freude steckt auf alle, die das Leben noch vor sich haben, während man selber bereits dem Ende zuwankt ... Die Verantwortung einer Generation für die noch Ungeborenen, also für etwas eher Abstraktes, sinnlich nicht Erfahrbares, ist eine Fiktion, die in den Sonntagsreden der Politiker zu den beliebten rhetori- schen Apotheosen zählt. Der Countdown läuft nicht erst seit gestern; er hat mit unserer fast naturhaft sich ergebenden Option für die Industriezivilisation eingesetzt. Man lese in den verstaubten Pandekten nach, was wir bereits vor Epochen um unseres Wohlstandswillen vernichtet haben. Ach, wir brauchen doch bloß in die Regionen unserer winterlichen Sehnsüchte zu reisen, damit wir den totalen Kahlschlag wahrnehmen. Nur da wir ihn als Zeitgenossen nicht miterlebten, erscheint uns heute eine abgetötete Landschaft als naturgegeben. Was man nicht sterben sah, vermisst man nicht. Das heißt: Jede Generation wächst in der Gewöhnung an Verhältnisse und Umstände auf, die einen weiteren Schritt in Richtung Abgrund bedeuten. Der Prozess verlief bisher schleichend, wird sich aber exponentiell steigern, wenn die vielen kleinen und mittleren Apokalypsen sich au- tomatisch zusammenschließen. Stephen Hawking spendiert der Menschheit großzügig noch ein Millenium für ihre Existenz, eine tatsächlich überaus optimistische Prognose. Vergessen wird, dass die gegenwärtig hymnisch gefeierte „Globalisierung“ außer ihren pekuniä- ren und technologischen Aspekten auch eine Kehrseite hat, von deren Auswirkungen wir bisher kaum etwas ahnen. Wie immer erwarten wir von unseren grandiosen Innovationen das Heil, unfähig die zu erwartenden Ergebnisse abschätzen zu können. Schlagen wir spaßeshalber eine alte Zeitung auf, eine aus der quasi guten alten Zeit des späten 19. Jahrhunderts, bitte die Humortseite, und amüsieren wir uns mit unseren Urgroßvätern über eine Erfin- dung, welche man für regelrecht närrisch hielt, über ein pferdeloses Fahrzeug, das mit viel Gestank und Gerüttel durch die Straßen ruckelte, „Töff-Töff“ genannt. Wie hat man über das Monstrum gelacht, bevor es zum Monster wurde. Niemand vermochte die Konse- quenzen auch nur zu ahnen. Und just so wie einst unsere Vorfahren voller Naivität und Begeisterung die technologische Entwicklung bejubelten, so stehen wir selber als künftige Vorfahren da, schuldbeladen ohne es zu wissen. Freilich, es gibt das Dilemma Erkennende, nur ist ihre Stimme zu schwach. 54
Rüdiger Safranski, einer der wenigen Einsichtigen, schreibt (1997, 52329: Was bedeutet es, wenn der Eigensinn der Zivilisation stärker ist als die Absicht der Menschen? Vielleicht müssen wir erst noch begreifen, daß wir uns mit der Logik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation auf Strukturen und Kräfte bezogen, die jenseits unserer Verfügungsgewalt liegen, auch wenn sie sich nur dach unsere Aktivität manifestieren. Wenn es aber die Strukturen und die Systemlogik sind, die uns bestimmen, so sind sie damit für uns zu einer neuen Art des Heiligen geworden, rational und numinos zugleich. Sie wirken durch uns, wir sind ihrer aber nicht mehr Herr. Ich plädiere dafür, dem neuen Gott, diesem wahren Deus ex machina, die Unterwerfung zu verweigern. Literaturhinweis Safranski, Rüdiger: Das Böse oder das Drama der Freiheit, München: Carl Hanser Ver- lag 1997. KHK „Was tut man, wenn man in einer Irrenanstalt eingesperrt ist und die Ärzte alle gefährliche Irre sind?“ Arundhati Roy KRKKK
I. REPLIK Thomas Knopf Zwischen Natur und Kultur — Zu den Bedingtheiten menschlichen Umweltverhaltens Der Anlass Über die Ursachen menschlichen Umweltverhaltens wurde im JAHRBUCH ÖKOLOGIE mehrfach intensiv diskutiert (vgl. z.B. Bauriedl 1996 und Leunig/Heider 1998). Sven Leunig und Jörg Heider führten hierbei die These eines „evolutionären Egoismus“ aus. Grundlegende umweltschädigende Verhaltensweisen wie Selbstsucht, Aggression und Besitzstreben gingen auf evolutionär herausgebildete und genetisch festgeschriebene Handlungsmuster zurück. Hinsichtlich der Motive für umweltzerstörerisches Verhalten vertraten sie damit eine grundsätzlich andere Meinung als Thea Bauriedl zwei Jah- re zuvor. Sie hatte die Unfähigkeit des: Einzelnen und der Gesellschaft, auf selbst verursachte, bedrohliche Schädigungen unserer Ökosysteme sinnvoll zu reagieren, auf eine Art unbewusstes und kol- lektives Suchtverhalten zurückgeführt; dieses sei sowohl individuell als auch in unserer Gesellschaftsstruktur verankert und kompensiere Angstgefühle. Beide Aufsätze sind von einer eher pessimistischen Perspektive ge- prägt. Während Leunig/Heider angesichts menschlicher Verhaltensdeterminierungen keine prinzipiellen Möglichkeiten für die „Rettung der Welt“ sehen, existiert für Bauriedl zumindest die Chance, durch strukturelle Veränderungen in Politik und Gesellschaft Veränderungen herbeizuführen. Im Folgenden sollen nun einige Aspekte angesprochen werden, die zeigen, dass unser Umweltverhalten auch außerhalb genetischer Fixie- rungen, nämlich durch kulturelle Rahmenbedingungen, gesteuert wird. Die potenzielle Wandlungsfähigkeit kulturell bestimmter 56
Handlungs- und Denkweisen gibt zwar keinen Anlass zu sprühendem Optimismus; sie ermöglicht jedoch einen weniger pessimistischen oder gar fatalistischen Ausblick auf gesellschaftliche Veränderungen. Die Grundlagen Zwei fundamentale Faktoren beeinflussen das menschliche Verhalten: genetisch festgeschriebene Handlungsmuster und kulturspezifisch festgelegte Normen. So gegensätzlich diese zwei Bereiche meist verstanden werden, so eng sind sie miteinander verbunden. Entsprechend schwierig ist es, für einzelne Verhaltensweisen eine analytische Trennung vorzunehmen. Für die Herausbildung vererbbarer Verhaltensstrukturen werden oft evolutionsgeschichtliche Umstände verantwortlich gemacht. Neben elementaren Strategien des Lebens (vgl. Verbeek 1998) spielen die spezifischen Lebensbedingungen des Paläolithikums, also der Phase der „Menschwerdung“ mit der vorläufig letzten Stufe des Homo sapiens sapiens, eine Rolle. Die genetische Verhaltensfixierung des Menschen stammt somit zumindest zum Teil aus demjenigen Abschnitt seiner Existenz, der von einer jägerisch/sammlerischen Lebensweise und einer überschaubaren sozialen Gruppe, das heißt einer Großfamilie, bestimmt war. Nur in diesem vergleichsweise kleinen sozialen Rahmen mussten sich die Menschen orientieren können. Komplexes und vorausschauendes Denken war nur so weit sinnvoll, wie es die Existenz- und Fortpflanzungssicherung der eigenen Person und der eigenen Gruppe sicherte. Eine entsprechende Vorsorge und Umsicht konnte auf wenige Jahrzehnte begrenzt werden. Auch die geringe Lebenserwartung schränkte eine weiter reichende Zukunftsperspektive ein. Die Vorstellung, eine Tierart könnte bei gleich bleibender Bejagung in einigen hundert Jahren ausgerottet sein, gehörte nicht zu den notwendigen Überlebensmaßnahmen, zumal ein Ausweichen auf andere Nahrungsressourcen vergleichsweise einfach war. So zeichnet sich etwa im archäologischen Befund mehrerer Kontinente bzw. Inseln ab, dass immer wieder eine große Zahl von Großsäugerarten durch altsteinzeitliche Menschen ausgerottet wurde (vgl. Schüle/Schuster 1995). Kaum jemand wird bestreiten wollen, dass Grundtendenzen unserer Handlungen von evolutionsgeschichtlich angelegten Mechanismen der Verhaltenssteuerung bestimmt werden. Dies gilt auch für 57
kurzfristige Interessensicherung und Egoismus, sei es persönlicher oder gruppenspezifischer Art. Gerade diese — gleichsam in uns festgeschriebenen — Eigenschaften werden für die heutige Umweltkrise immer wieder verantwortlich gemacht (vgl. Verbeek 1998). So sind unsere eigenen ökonomischen solche von Unternehmen momentane, Ziele, die unserer Familie, aber auch und Staaten ganz überwiegend auf die überschaubare Zeit ausgerichtet und dienen in erster Linie der kurz- und mittelfristigen Existenzsicherung, was durchaus auch im Sinne eines Erhalts der eigenen Gene oder Machtstrukturen zu verstehen ist. In unseren alltäglichen Entscheidungen steuern uns aber nicht nur naturgegebene Triebe oder in der Urgeschichte angelegte Handlungsdeterminanten. Vielmehr sind es kollektive Gewohnheiten, Standar- disierungen und Konventionen, die uns — ähnlich wie genetische Konstanten — oft als „normal“ und relativ unveränderlich erscheinen. Diese überindividuellen Verhaltensregeln zwingen uns geradezu bestimmte Handlungsmuster auf, die mit dem Tun der anderen Mitglieder unserer Gemeinschaft übereinstimmen müssen. Die Summe solcher Normen wird auch als „Kultur“ bezeichnet, wobei auch mate- rielle Güter eingeschlossen sind, die ja in aller Regel ebenfalls gewissen Standardisierungen unterliegen. Kultur in diesem Sinne ist eng mit Tradition verknüpft, denn Verhalten und Wissen wird erlernt und weitergegeben. So war der Zeithorizont des prähistorischen Menschen zwar eingeschränkt, aber er konnte seit dem Aufkommen komplexeren Sprachvermögens auf tradierte Verhaltensweisen und Erfahrungen zurückgreifen, die die gene- tischen Dispositionen überschritten. Sprache, Werkzeuge, Moral-, Sexual- und auch Umweltverhalten sind als Bestandteil kultureller Normen von zahlreichen Faktoren abhängig und mehr oder weniger starken Wandlungen unterworfen. Dementsprechend zeigen Gesell- schaften — seien sie historisch, ethnografisch oder soziologisch dokumentiert — nicht selten in den gleichen Lebensbereichen stark diver- gierende Verhaltensweisen. Der Mensch ist also ein „Kulturwesen von Natur aus“ (Atzwanger 1999). Dies gilt auch für den Umgang mit der Umwelt bzw. das Verhalten, das sich direkt oder indirekt schädlich auf die natürliche Umwelt auswirkt. 58
Kultur statt Natur — einige Argumente Die hier ausgewählten Gesichtspunkte betreffen sowohl individuelle als auch kollektive Verhaltensweisen (Besitzstreben bzw. Kooperation), sowohl handlungsorientiertes Verhalten als auch Denkweisen (Idealismus bzw. Naturwahrnehmung). Das Streben nach Besitz, im Sinne einer Anhäufung materieller Güter, speziell Nahrungsmitteln, mag seine ursprüngliche Motivation im Trieb der Existenzsicherung haben. Auf dieser Ebene wäre es mit einer Vorratshaltung zu vergleichen, wie sie auch bei Tieren (z. B. Eichhörnchen) angetroffen wird. Geht man von der oben ausgeführten These der Herausbildung genetisch verankerten Verhaltens aus, so ergeben sich aber Widersprüche. Besitz spielt bei jägerisch/sammlerisch orientierten Gruppen kaum eine Rolle. Jeder persönliche Gegenstand muss mit eigener Körperkraft getragen werden. Das bedeutet, dass bereits mit lebensnotwendigen Werkzeugen, Nahrung sowie Kleinkindern die Transportkapazität erschöpft ist. Prestigegewinn konnte daher wohl eher durch jägerische, sammlerische Erfolge oder spezielle soziale Fähigkeiten erlangt werden. Einzig kleinere Schmuck- oder Kunstobjekte wären im Sinne eines zusätzlichen materiellen, aber auch ideellen Wertes vorstellbar. Erst die sesshafte Lebensweise ermöglichte die Ansammlung von Besitz. Grundlage dafür war die Möglichkeit zur Überschussproduktion auf Basis von Tier- und Pflanzendomestikation sowie technischen Neuerungen (Töpferei, Pflug etc.). Hinzu kamen neuartige soziale Beziehungen im Rahmen des bäuerlichen Lebens. Innovationen wie.Sesshaftigkeit, Züchtung und neue Gerätschaften sind kulturelle Errungenschaften. Der Drang nach Besitz und die Sicherung von Ressourcen gegen Konkurrenten hängt daher in erster Linie mit der agrarisch-sesshaften Kulturentwicklung zusammen. Leunig und Heider (1997) haben das „Trittbrettfahrer-Syndrom“ und die mangelnde Kooperation bei gemeinsam genutzten Ressourcen (Allmende) als grundlegende anthropologische Verhaltensweise beschrieben. Diese „Strategien“ seien praktisch während der gesamten Menschheitsgeschichte zum Einsatz gekommen. Die Ursache liege im kurzfristig-egoistischen Denken begründet. Seit dem Essay von Garrett Hardin von 1968 über die damit verbundene Problematik steht das Schlagwort von der „Tragödie der Allmende“ (tragedy of the commons) im Raum. Die seither geführten Diskussionen, speziell an kon59
kreten Beispielen, haben deutlich gemacht, dass Allmende-Konstellationen von einer Fülle kultureller, sozialer und naturräumlicher Faktoren abhängig sind (GAIA 1998). Dabei finden sich auch viele Beispiele für funktionierende Allmenden, wie etwa der kollektive Einsatz von Bewässerungssystemen oder eine nachhaltige Waldnutzung (Radkau 2000). Sie verdeutlichen, dass unter spezifischen Be- dingungen eine gemeinschaftliche Nutzung nicht zwangsläufig von Egoismen diktiert wird. Das Phänomen Altruismus besitzt in seiner „reziproken“ Ausprägung (Leunig/Heider 1997) seinen Ursprung sicher im Nutzen für den genetischen Erhalt der eigenen Gruppe. Auch individueller Vorteil bei wechselseitiger Hilfe bzw. unmittelbarer Gegenleistung ist unter entwicklungsgeschichtlicher Perspektive zweckmäßig. In solchen Fällen liegt eine evolutionär sinnvolle Eigenschaft vor, die mehr oder weniger stark über Erbanlagen weitergegeben wird. Ein altruistischer Einsatz mündet aber nicht zwangsläufig in einem genetischen Erfolg. Die „Belohnung“ kann z.B. auch in einem Zugewinn an sozialem Prestige bestehen. Auch eine erst viel später zu erwartende persönliche Gegenleistung (etwa Pflege im Alter) und, allgemeiner ausgedrückt, die Berücksichtigung eines über das Individuum hinausge- henden Zeithorizontes haben die evolutionär angelegten, selbstsüchtigen Ziele zumindest ein Stück weit hinter sich gelassen (vgl. Atzwanger 1999). Unterschiedliche gesellschaftliche Normen und vor allem religiöse Motive können zu verschiedenen Formen altruistischen Verhaltens führen, die mit dem Erhalt des Genbestandes kaum etwas zu tun haben. Man denke etwa an unbezahlte soziale Dienste oder die selbstlose Aufopferung eines Pater Kolbe im KZ Auschwitz (vgl. Verbeek 1998). Auch idealistisches Engagement - sei es individuell oder institutionalisiert verwirklicht — im Umweltschutz, in der Entwicklungshilfe oder bei amnesty international, um nur drei Beispiele zu nennen, sprechen für eine kulturell gesteuerte, nicht evolutionäre Ausrichtung. Sie hat nicht die persönliche oder gruppenspezifische Existenzsicherung als Ziel, sondern eher den Schutz der Lebensgrundlagen bzw. die Sicherung von Grundrechten. Hier handelt es sich also um vergleichsweise abstrakte Ziele für Fremde bzw. für die Zukunftssicherung eines Gemeinguts aller Menschen. Die natürliche Umwelt wurde zu manchen Zeiten und in einigen Gebieten der Erde als „übermächtiger Feind“ angesehen. Es kann je60
doch nicht davon ausgegangen werden, dass diese Sichtweise im Zuge der Evolution als überlebensdienliches Element entstanden ist. Natur wurde zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich wahrgenommen. Unser westlich-europäisches Naturbild hat sich erst in der Neuzeit entwickelt (vgl. Groh/Groh 1991). Die zunehmende Distanz zur Natur führte zur Möglichkeit der genießenden, praktisch zweckfreien Betrachtung. Die vorherrschende Sichtweise ist somit auch von ästhetischen Gesichtspunkten geleitet. In der Antike wurde Natur noch in einem metaphysischen Sinne als umgreifendes Ganzes und Göttliches verstanden. Im Mittelalter schien die Natur durch den Sündenfall mit ins Verderben gezogen. Entsprechend sah man Berge als schrecklich und bedrohlich und die Wildnis als eher nutzlos an. Naturerfahrung ist somit ein historisch bedingtes Konstrukt unserer Kulturauffassung und unterliegt einem Wandel grundlegender Deu- tungsmuster. Auch der Blick auf rezente „Naturvölker“ zeigt, dass sich deren Vorstellung von unserem neuzeitlich-abendländischen Na- turbild deutlich unterscheidet (vgl. Bargatzky 1992). Natur ist dort kein „aus dem Verhaltens- und Sinnzusammenhang des Lebensvoll- zugs in der Gemeinschaft herauslösbares, separates Sein“ (ebd. 401). Vielmehr ist die Wahrnehmung der Realität von einer mythischen Übereinstimmung von Natur, Göttern und Menschen geprägt. Fazit Es ist unbestritten, dass unser Verhalten in verschiedener Hinsicht determiniert ist. Zum einen gibt das genetisch festgeschriebene Ver- halten Muster vor, innerhalb derer — ähnlich wie bei der Ausbildung der Körpergröße — gewisse Spielräume vorhanden sind. Zum anderen prägen uns kulturspezifische Maßstäbe, in der Regel kollektive Verhaltensweisen, die sich aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Kons- tellationen und ihrer Geschichte als scheinbar „normales Verhalten“ herausgebildet haben. Beides beeinflusst uns in aller Regel unbewusst, eine Trennung in jeweilige Ursachen fällt daher schwer. Für unser Umweltverhalten haben Leunig/Heider vor allem einen evolutionären Egoismus verantwortlich gemacht, der sich in Besitz- streben, mangelnder Kooperation, reziprokem Altruismus und einer spezifischen Naturwahrnehmung äußere. Gerade für diese Punkte konnte jedoch gezeigt werden, dass sie in erheblichem Maße kulturell definiert sind und nicht oder nicht ausschließlich auf genetische Pro61
grammierungen zurückgehen. Die Existenz eines evolutionären Egoismus sei nicht generell bestritten, jedoch scheinen in einer Reihe von Punkten normative Mechanismen unserer Kultur mehr Einfluss zu besitzen. Nicht zu Unrecht wird daher im Kontext der Umweltkrise auch von einer „Krise der Kultur“ gesprochen (Kruse-Graumann 1997). Was bedeutet das für die Zukunft unseres Umweltverhaltens und letztlich für die Perspektiven unseres Planeten? Kulturelle Errungenschaften wie Sprache, Gebräuche, Riten oder materielle Güter unterliegen einem ständigen, mehr oder weniger starken Wandel. Zugleich werden zentrale, aber auch eher randliche Wertmaßstäbe und Informationen als kollektive Verhaltensweisen und mittels institutionalisierter Einrichtungen, wie z.B. Familie, Aus- bildung, Beruf etc., weitergegeben. Kultur ist somit auch Tradition, die wir nicht zuletzt selbst gezielt beeinflussen: die Vorgaben an Bildungseinrichtungen durch Lehrpläne, die Vermittlung spezifischer Werte und Vorstellungen — seien sie positiv oder negativ — durch die Medien, gezielte, meist öffentliche Förderung von Aufklärungskam- pagnen oder auch speziellen Forschungsschwerpunkten, Gesetze usw. Dabei wird deutlich, dass die Kultur hinsichtlich tendenziell gegen- läufiger Strukturveränderungen umso träger ist, je größer der soziale Rahmen und die Anzahl der Akteure in verschiedensten Konstellationen sind. Dennoch sind Veränderungen, gerade im Verhalten gegenüber der Umwelt, grundsätzlich möglich. Wir stehen nicht vor einer unabwendbaren „evolutionären Sackgasse“. Sicher sind strukturelle Veränderungen, wie sie Bauriedl gefordert hat, schwer umzusetzen. Es sind viele kleine Schritte notwendig, um gewohnte Normen aufzubrechen. Ansätze sind durchaus vorhanden. So ist es zumindest für die Mehrheit der Bevölkerung inzwischen durchaus „normal“, Müll zu tren- nen, und dies, obwohl es früher als selbstverständlich erschien, Abfälle auf Müllkippen oder in den Müllschlucker zu werfen. Eine wichtige Rolle spielen sicher Bildung und Aufklärung bei der Weitergabe und Veränderung von Werten. Grundlagenwissen um komplexe Zusammenhänge und vernetztes Denken müssen hier verstärkt vermittelt werden und zur Basis des konkreten Umweltverhal- tens werden. Die Einrichtung eines Pflichtfachs „Ökologie“ an Schulen und Hochschulen ist dabei ein erster wichtiger Schritt. Hier könnte ein nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen gleichsam im positiven Sinne „indoktriniert“ werden. Letztlich muss 62
das Gelernte dann zur kollektiven Regel werden, das heißt zur sozialen Norm, über die nicht mehr in jedem Einzelfalle nachgedacht und diskutiert werden muss. Von fundamentalen Veränderungen unserer Denkstruktur sind wir sicher noch weit entfernt, und ein wirklicher Wandel der strukturellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zeichnet sich noch nicht recht ab. Bei aller Skepsis, die somit angesichts der momentanen ökologischen Situation angebracht ist, bleibt festzuhalten: Menschen können unter den entsprechenden kulturell-strukturellen Bedingungen ihr Umweltverhalten doch ändern! Literaturhinweise Atzwanger, Klaus: Der Mensch als Kulturwesen von Natur aus: verhaltensbiologische Überlegungen, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Band 129, 1999.8.2331. Bargatzky, Thomas: Kulturökologie, in: H. Fischer (Hg.): Ethnologie. Einführung und Überblick, 3. Auflage, Berlin 1992, S. 383-406. Bauriedl, Thea: Wann ändern Menschen ihr Verhalten?, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1996, S. 11-17. GAIA: Beiträge zum Brennpunkt „Allmende“, in: GAIA 7, Heft 4, 1998, S. 251-254; 271-278; 304-307. Groh, Ruth/Groh, Dieter: Weltbild und Naturaneignung. Natur, Frankfurt a.M. 1991. Kruse-Graumann, Zur Kulturgeschichte der Lenelis: Die Krise der Kultur braucht die Sozialwissenschaften, in: SPD-Bundestagsfraktion (Hg.): Lust auf Zukunft. Nachhaltige Entwicklung — die sozial-ökologische Erneuerung der Gesellschaft, Bonn 1997, S. 76-77. Leunig, Sven/Heider, Jörg E. A.: Warum Menschen ihr Verhalten nicht ändern!, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1998, S. 21-30. Radkau, Joachim: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt, München 2000. Schüle, Wilhelm/Schuster, Sabine: Klima, Speer und Feuer. Zur ökologischen Rolle des frühen Menschen, in: Jahrbuch des Mainz, Band 42, 1995, S. 207-255. Römisch-Germanischen Zentralmuseums Verbeek, Bernhard: Die Anthropologie der Umweltzerstörung. Die Evolution und der Schatten der Zukunft, 3. Auflage, Darmstadt 1998.
III. SCHWERPUNKTE 2002 1. „RIO + 10“ Heike Leitschuh-Fecht/Petra Stephan „Rio + 10“. Der Count-down läuft! Der Vorbereitungsprozess für den „Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung“ (kurz: „Rio + 10“) läuft auf Hochtouren. Zehn Jahre nach der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro wird im Herbst 2002 in Johannesburg Bilanz gezogen. Im Rückblick war UNCED 1992 sicherlich eines der wichtigsten internationalen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts: Staats- und Regierungschefs aus 176 Nationen einigten sich in Rio auf ein gemeinsames Leitbild — das der nachhaltigen Entwicklung (sustainable development). Dieses Leitbild versprach Lösungen für die brennenden ökologischen und sozialen Probleme in ‚Nord‘ und ‚Süd‘. Die Richtung, die für eine nachhaltige Entwicklung eingeschlagen werden sollte, gab die AGENDA 21, das globale Aktionsprogramm, vor. Die Ausstrahlungskraft der Konferenz und ihrer Be- schlüsse ist bis heute politisch wie gesellschaftlich spürbar — wenngleich sich derzeit das Primat des Wirtschaftswachstums gegenüber der Idee der nachhaltigen Entwicklung zunehmend scheint. Wo also stehen wir im Jahr 10 nach ‚Rio‘? durchzusetzen Der hehre Geist von ‚Rio‘... Die Länder des Nordens waren in ‚Rio‘ auf eine Kooperation des Südens angewiesen, sollte den globalen ökologischen Herausforderungen wie dem Klimawandel und dem Verlust der biologischen Vielfalt Einhalt geboten werden. Endlich setzte sich die Erkenntnis durch, dass die globalen Umweltprobleme, die letztlich alle Nationen dieses 64
Planeten bedrohen, nur gemeinsam, also kooperativ lösbar sind. Üb- licherweise treten die Länder des Südens auf dem internationalen politischen Parkett als Bittsteller auf. In ‚Rio‘ hatten sie im Verhand- lungspoker etwas entgegenzusetzen — und entsprechend fielen die Verhandlungsergebnisse aus: Dem Süden wurden Wachstumsspielräume zugebilligt und der Norden stimmte — zumindest nominell — einem Transfer von Technologien und von zusätzlichen Finanzmitteln zu. Gleichzeitig bekannte sich der Norden erstmalig zu seiner Ver- antwortung als Hauptverursacher der weltweiten Umweltdegrada- tion. Auch andere Umweltverträge belegen, dass die Verhandlungs- macht der Entwicklungsländer seit der UNCED zumindest im Umweltbereich gewachsen ist (Biermann 1998). Die in ‚Rio‘ unterzeichneten Verträge — neben der AGENDA 21 die Biodiversitätskonvention und die Klimarahmenkonvention — sind auch heute noch die zentralen Eckpunkte der internationalen Um- weltpolitik. Dank regelmäßig stattfindender internationaler Konferenzen zu den beiden Konventionen wie auch zum Aktionsprogramm hat sich ein institutionalisierter Nachfolgeprozess herausgebildet. Im Laufe dieses ‚Rio‘-Follow-ups wurden neue internationale Umweltverträge, beispielsweise die Wüstenkonvention, erarbeitet und unter- zeichnet. Bestehende Vereinbarungen wurden durch Protokolle wie das Cartagena-Protokoll der Biodiversitätskonvention und das KyotoProtokoll der Klimarahmenkonvention ergänzt. Institutionell gesehen war die Gründung der Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD) das wichtigste Ergebnis der Konferenz von 1992. Aufgabe der im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) angesiedelten Kommission ist es, die Umsetzung der AGENDA 21 zu überwachen und voranzutreiben. Die AGENDA 21 nimmt nicht nur Politiker in die Pflicht, sondern fordert auch die Zivilgesellschaft auf, ihren Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung zu leisten. Neben Aktionen großen Maßstabs auf der internationalen Ebene waren auch kleine Schritte auf der lokalen Ebene gefragt. Der „Geist von Rio“ hat weltweit Menschen motiviert und mobilisiert: Überall krempelten PolitikerInnen, Umweltschützer und Entwicklungsexperten, Unternehmer und GewerkschaftlerInnen, Repräsentanten von Kirchen und Menschenrechtler, aber auch einfache Bürgerinnen und Bürger die Ärmel hoch und begannen, Nachhaltigkeit für sich be- greifbar zu machen, sich konkrete Ziele zu setzen und diese umzusetzen. Seit dem Erdgipfel ist es auch salonfähig geworden, dass sich 65
Nichtregierungsorganisationen (NRO) bei internationalen, nationalen und lokalen politischen Prozessen zur Umsetzung der AGENDA 21 intensiv mitwirken. NRO-Vertreter nehmen an UN-Konferenzen teil und bekommen damit Einflussmöglichkeiten auf Vertragstexte und Empfehlungen. „Think global — act local“ wurde zum Motto der vielfältigen Lokalen-Agenda-21-Prozesse in Nord und Süd. Diese Prozesse tragen der Erkenntnis Rechnung, dass Nachhaltigkeit im globalen Maßstab nur realisierbar ist, wenn dies auch „vor Ort“, also innerhalb der Gemeinden, praktiziert wird. ... und die bittere Realität Bereits die erste Zwischenbilanz zum Umsetzungsstand der Vereinbarungen von Rio auf der Sondersitzung der Vereinten Nationen 1997 in New York fiel mehr als ernüchternd aus; die Konferenz schloss oh- ne politische Erklärung, die Verhandlungen waren festgefahren. Zumindest darin waren sich Regierungsvertreter in Nord und Süd wie auch Vertreter der NRO einig: Die Umweltzerstörung setzt sich fünf Jahre nach dem Erdgipfel ungebrochen fort; auch die soziale Bilanz gab weltweit keinen Anlass zur Freude. Die Zahl der Menschen, die in Armut leben, steigt weiter, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer, sowohl zwischen den Ländern als auch in den Ländern. Hin- zu kommt, dass fundamentalistische Strömungen demokratische Errungenschaften bedrohen; regionale militärische Konflikte — oft nationalistisch und religiös motiviert - nehmen zu. Und auch die teilweise skrupellose Art, wie sich die moderne kapitalistische Ökonomie auf dem Globus breit macht, gibt wenig Anlass zur Entwarnung. Nimmt man diese Parameter als alleinige Gradmesser für den Erfolg der Vereinbarungen von ‚Rio‘, so fällt die Bewertung knapp zehn Jahre später recht düster aus. Heute, zehn Jahre danach, lässt sich die Aufbruchstimmung von 1992 kaum noch heraufbeschwören. Die Leitidee der Nachhaltigkeit ist zwar noch immer ein Schlüsselwort, das sich in politischen Strategiepapieren, in Positionspapieren von NRO bis hin zu Wirtschaftsberichten internationaler Konzerne finden lässt. Da jedoch noch immer klar umrissene und allgemein akzeptierte Maßstäbe dafür fehlen, was nun nachhaltige Entwicklung eigentlich beinhaltet und was sie ausschließt, ist es nicht verwunderlich, dass sich dieser Begriff für die unterschiedlichsten Zwecke instrumentalisieren lässt. 66
Weltweit keine Trendwende in Sicht Das Worldwatch Institute in Washington macht zu Beginn des 21. Jahrhunderts Besorgnis erregende Trends aus: Die globale Temperatur steigt. Der Grundwasserspiegel sinkt. Das Ackerland pro Kopf der Weltbevölkerung nimmt ab. Die Die Die Die Die Die Meere sind überfischt. Waldbestände nehmen ab. Artenvielfalt sinkt. Weltbevölkerung wächst (wenn auch langsamer) weiter. Arbeitslosigkeit steigt. Kluft zwischen Arm und Reich (zwischen Industrie- und Ent- wicklungsländern und innerhalb der Länder) wird größer. Es gibt immer mehr regionale militärische Konflikte. Die ökonomische Macht ist zunehmend konzentriert. Der Einfluss der globalen Finanzmärkte wird immer größer. SAST Vorsicht vor faulen Kompromissen Das zur Erklärung von Nachhaltigkeit — auch von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen — gerne genutzte „Nachhaltigkeitsdreieck“ unterstützt diese Instrumentalisierung: Der Anspruch, soziale, ökologische und ökonomische Interessen auszubalancieren, führt mitunter zu Kompromissen, die sich als wenig tragfähig herausstellen. Denn: Nicht immer können alle drei Ziele gleichberechtigt behandelt werden. Die Belastungsgrenzen der Ökosysteme sind nicht beliebig verschiebbar; vielmehr geben sie die Leitplanken für ökologische und soziale Ziele vor. Und ökonomische Ziele sollten sich aus sozialen Bedürfnissen ableiten. Nachhaltigkeit verlangt nach globaler (Verteilungs-)Gerechtigkeit, nach internationaler Solidarität, nach neuen Konsum- und Lebensstilen, nach neuen Produktionsmustern, nach einer Abkehr vom Wachstumsdogma und einer Veränderung ge- sellschaftlicher und individueller Wertesysteme. durchaus nicht alle, denn es gibt Gewinner Das aber wollen und Verlierer in diesem Prozess. ASTON LINIVERSITY INFO LIBR& AR YRMATION SERVICES 67
Hatten das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung und die Umsetzung des Aktionsprogrammes in den ersten Jahren nach ‚Rio‘ noch eine relativ große Rolle gespielt, so dominieren heute „Globalisie- rung“, „shareholder-value“ und „Profitmaximierung“ die politische Diskussion. Die Entwicklungsländer sehen sich oft als Verlierer der Globalisierung und sind von den Industrieländern bitter enttäuscht, weil diese ihren finanziellen Zusagen nicht oder nur unzureichend nachkommen. Schwächen des internationalen Prozesses Wenn die Debatte um Nachhaltigkeit an Ausstrahlungskraft verloren hat, so liegt das aber nicht nur am Globalisierungsdruck, sondern hat auch hausgemachte Gründe: e Nachhaltige Entwicklung, von der Idee her ein ganzheitlicher Ansatz, wurde in eine Vielzahl sektoraler Einzelprozesse von Konventionen und UN-Konferenzen aufgespalten, die weder „normale“ Bürgerinnen und Bürger noch Fachleute in einen größeren Zusammenhang bringen, geschweige denn in ihrer Komplexität inhaltlich nachvollziehen können. e Die soziale Dimension wurde weitestgehend aus dem Nachhaltigkeitsprozess ausgeklammert. Damit wurde dem Eindruck Vorschub geleistet, dass es eigentlich ‚nur‘ um Umweltschutz gehe. Bis heute ist es nicht gelungen, die soziale und entwicklungspolitische Be- deutung der Nachhaltigkeit umfassend zu vermitteln. e Die Vision einer globalen Partnerschaft für einen völlig neuen politischen Entwicklungsweg der Weltpolitik ist verblasst. Die Akteure kämpfen in ihren jeweiligen Sektoren meist äußerst fachkundig, doch oft ohne Bezug zu einem übergeordneten Ziel. Die handfesten Resultate des ‚Rio‘-Follow-up-Prozesses fallen also weit hinter die 1992 geweckten Hoffnungen zurück. Trotz der vielen Schwächen, Rückschläge und noch offenen Fragestellungen ist der „Rio-Prozess“ jedoch keineswegs gescheitert. „Nachhaltige Entwicklung“ ist weiterhin ein Leitbild, das weltweit diskutiert wird. Zahlrei- che Aktivitäten rund um den Globus versuchen Nachhaltigkeit um- zusetzen. Oft gehen derartige Prozesse nicht von den Politikern aus, sondern vielmehr von Mitgliedern der Zivilgesellschaft. Im Folgen- den wollen wir genauer analysieren, welche Herausforderungen sich stellen, wenn man die Ebenen der einzelnen Akteure betrachtet. 68
Zehn Jahre danach — eine Bilanz mit Blick auf die Akteure Die politische Ebene — Querschnittsthema Nachhaltigkeit Von der internationalen bis hin zur lokalen Ebene gibt es nur in den wenigsten Fällen politische Kohärenz in Sachen Nachhaltigkeit. So z.B. haben die CSD-Delegierten, die auf ihren Konferenzen einen nachhaltigen Entwicklungsweg in ‚Nord‘ und ‚Süd‘ diskutieren und entsprechende Beschlüsse fassen, auf die Verhandlungen der Welt- handelsorganisation (WTO) keinen Einfluss. Dort werden jedoch die eigentlichen Weichen für oder gegen einen nachhaltigen Entwicklungsweg gestellt. Ziel des Freihandelsabkommens ist es, bestehende Hemmnisse für den internationalen Handel abzubauen - als solche werden dabei auch umweltpolitische und soziale Standards eingestuft. Diese Standards bilden jedoch wichtige Instrumente einer nachhalti- gen Entwicklung. Diese mangelnde Abstimmung wie auch das Primat des Wirt- schaftswachstums, hinter dem machtvolle Interessengruppen stehen, bestimmen nicht nur die internationale Politik. Schaut man sich die Regierungsdelegationen auf den CSD-Konferenzen an, so fällt auf, dass sie fast ausschließlich aus den Umweltministerien der jeweiligen Länder besetzt sind. Die Ressorts Wirtschaft, Finanzen, Landwirt- schaft und Verkehr fehlen in den meisten Delegationen — vor allem der Industrieländer. Doch gerade diese Ressorts geben die Richtung der weiteren Entwicklung vor. In vielen Staaten fehlt nach wie vor der politische Wille, nachhaltige Entwicklung als Querschnittsthema, das ressortübergreifendes, interdisziplinäres Handeln erfordert, zu behandeln. Die Entscheidungen eines Ressorts werden oft durch ein ande- res konterkariert. Bestes Beispiel ist die Verkehrspolitik. Außer den direkt Beteiligten nehmen andere betroffene Ministerien und die Parlamente kaum Kenntnis von den CSD-Beschlüssen. Entsprechend nachrangig wird die praktische Umsetzung der Beschlüsse in nationale Politik behandelt. Da die AGENDA 21 ein Hand- lungsprogramm und keine völkerrechtlich verbindliche Konvention ist, sind die Regierungen nicht an die verabschiedeten Beschlüsse der CSD gebunden. Die CSD entwickelt sich daher zunehmend zum ‚Papiertiger‘, auf deren Konferenzen zwar jede Menge Beschlüsse ge- fasst und Papier bedruckt wird, jedoch ohne nennenswerte Konsequenzen in den Mitgliedsländern. 69
Nationale Nachhaltigkeitsstrategie — ein Muss! Bereits in ‚Rio‘ wurden die Staaten aufgefordert, langfristig ausgerichtete „Nationale Nachhaltigkeitsstrategien“ zu entwickeln. Hierdurch sollte gewährleistet werden, dass das Leitbild Nachhaltigkeit Einzug in den Alltag sämtlicher Politikbereiche hält. Bis Anfang 2001 hatten weltweit aber erst rund 60 Staaten nationale Nachhaltigkeitsstrategien — unterschiedlichster Qualität — vorgelegt. Viele dieser Strategien lassen offen, wie die Nachhaltigkeitsziele in alle Ressorts integriert werden sollen. In Deutschland empfahl die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“, einen „Rat für nachhaltige Entwicklung“ zu schaffen, der dafür sorgen solle, dass Nachhaltigkeit zu einem übergeordneten Politikziel wird. Gleichzeitig forderte die Kommission eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie ein. Nach den Bundestagswahlen 1998 verständigte sich die neue Koalition darauf, eine derartige Strategie zu erarbeiten, und schrieb dies im Koalitionsvertrag fest. Erst im Sommer 2000 fasste das Bundeskabinett den Beschluss, eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie zu erarbeiten sowie einen „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ einzurichten. Im Februar 2001 wurde dieses Gremium gegründet, in dem 17 Einzelpersönlichkeiten vertreten sind, die zwar die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessengruppen repräsentieren, aber explizit nicht im Auftrag ihrer jeweiligen Organisationen handeln sollen. Dieser im Vergleich zum früheren „Nationalen Komitee für Nachhaltige Entwicklung“ lich höher angesiedelte „Rat“ soll politisch deut- e Beiträge für eine Strategie für eine nachhaltige Entwicklung ausarbeiten, e konkrete Projekte zur Umsetzung vorschlagen sowie e den gesellschaftlichen Dialog zur Nachhaltigkeit voranbringen. Bis zum Weltgipfel 2002 in Johannesburg („Rio + 10“) soll der Nachhaltigkeitsrat ein erstes Ergebnis vorlegen. Die damit verbundene innenpolitische Aufwertung umwelt- und entwicklungspolitischer Fragestellungen könnte nicht nur lokale Prozesse unterstützen, sondern auch auf internationaler Ebene Wirkung zeigen. Inhaltlich soll sich der Nachhaltigkeitsrat auf die Themen Klima, Mobilität sowie Landwirtschaft konzentrieren. 70
Think global — act local: Der Beitrag der Kommunen Die AGENDA 21 hebt in Kapitel 28 die besondere Rolle der Kommunen bei der Umsetzung des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung hervor. Es ist die lokale Ebene, die der Bevölkerung am nächsten liegt und wo die Menschen am ehesten Einfluss nehmen können. Bis 1996 sollten weltweit alle Gemeinden unter Beteiligung aller relevanten Akteure „Lokale-Agenda-21“-Prozesse in Gang setzen und somit einen Beitrag zur Lösung der globalen Probleme leisten. Bis zum Jahr 2000 waren erst rund 5 000 Gemeinden, darunter 3 400 in Europa, dieser Aufforderung nachgekommen. Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass LA-21-Initiativen nicht selten konventionelle kommunale Umweltpolitik unter anderem Namen fortsetzen. Soziale Fragestellungen werden oft ebenso vernachlässigt wie die Nord-Süd- Dimension der Nachhaltigkeit. Dennoch gibt es — in Deutschland wie auch in anderen Regionen der Welt — hoffnungsvolle Prozesse auf kommunaler Ebene: In „Runden Tischen“ werden alle relevanten lokalen Akteure an kommunalpolitischen Entscheidungsprozessen beteiligt (z.B. in München), Bürger entscheiden über den kommunalen Haushalt mit (so in Porto Alegre/Brasilien), Nord-Süd-Partnerschaften wurden aufgebaut (z.B. zwischen Bremen und Winhoek) und in vielen Gemeinden gestalten Frauen umfassende Agenda-Prozesse maßgeblich mit (so in Duisburg und Hagen). Diese Beispiele belegen, dass der Lokale-Agenda-21-Prozess ein spannendes und innovatives „Instrument“ sein kann, um Nachhaltigkeit in konkrete Praxis zu übersetzen, die Akteure in ihre Verantwortung zu bringen und die Kreativität und das Engagement der Bürgerinnen und Bürger nutzbringend in die Kommunalpolitik einzubinden. In vielen der LA-21-aktiven Gemeinden zeigten sich jedoch neben den Erfolgen lokaler Nachhaltigkeitsstrategien rasch auch deren Grenzen. Zahlreiche nicht-nachhaltige Regelungen der Länder oder des Bundes, die auf lokaler Ebene umgesetzt werden müssen, behindern lokale Aktivitäten oder stehen ihnen entgegen. In dieser Situation fordern immer mehr Lokalpolitiker zu Recht einen umfassenden, ressortübergreifenden nationalen Rahmen für die Nachhaltigkeit ein. Wirtschaft — Unternehmen der Nachhaltigkeit? Angesichts der relativen Schwäche der Nationalstaaten geraten Wirtschaftsunternehmen (wie aber auch NRO) plötzlich ins Zentrum des Interesses bei der Umsetzung des Nachhaltigkeitskonzepts. In der Tat Al
trägt die Privatwirtschaft eine besondere Verantwortung: Einerseits stellt sie einen wichtigen Teil des Problems dar, andererseits kann sie aufgrund ihres Know-hows und ihrer finanziellen Ressourcen maßgeblich zu Problemlösungen beitragen. Viele Unternehmen haben inzwischen nachhaltige Entwicklung auf ihre Fahnen geschrieben, jedoch lohnt es sich schon, genauer hinzuschauen: Denn manchmal ist das, was da als Nachhaltigkeit ‚verkauft‘ wird, nicht mehr als Umweltmanagement im traditionellen Sinne. Weiter gehende Fragen nach der sozialen und ökologischen Verantwortung des Unternehmens gegenüber der Zukunft und der Dritten Welt werden oft nicht gestellt. Und doch gibt es immer mehr Unternehmen, die sich der komplexen Herausforderung stellen und z.B. wie Unilever (Initiative gegen die Überfischung der Meere) oder BP Amoco und Shell (Hinwendung zu erneuerbaren Energien) versuchen, ihre Firmenpolitik neu auszurichten — bei aller verbleibenden Widersprüchlichkeit. Ob sich Nachhaltigkeitsstrategien in der Wirtschaft im großen Stil durchsetzen, hängt angesichts der global machtvollen Position der Finanzwirtschaft auch stark davon ab, ob sich Banken und Investoren künftig bei ihren Kredit- und Investitionsentscheidungen von sozialen und ökologischen Überlegungen leiten lassen. Die Finanzwelt wollte lange Zeit vom ‚Rio‘-Prozess nichts wissen. Inzwischen beginnt auch sie umzudenken: Immerhin 174 Unternehmen der Branche hatten sich bis Anfang 2001 der „Finance Initiative“ des Umweltpro- gramms der Vereinten Nationen (UNEP) angeschlossen. Sichtbarer Ausdruck davon, dass Nachhaltigkeit zunehmend The- ma für die Wirtschaft wird, ist z.B. der Dow Jones Sustainability In- dex, den die Züricher Vermögensverwaltungsgesellschaft Sustainable Asset Management (SAM) zusammen mit der Dow Jones GmbH Ende 1999 ins Leben rief. Laut SAM wächst der Aktienwert von „sustainable companies“, nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen, schneller als der anderer. Wenn sich auch über die Kriterien solcher Nachhaltigkeits-Ratings streiten lässt, so markiert diese Entwicklung doch einen Durchbruch: Sie könnte dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit aus der Nische in den Mainstream gelangt. Es sind zwar oft die „global players“, die international agierenden Unternehmen, die die Schlagzeilen beherrschen und in ihrer Branche die Diskussion um Nachhaltigkeit anführen. Doch die derzeit interessantesten Promotoren von Nachhaltigkeit sind eher bei den kleinen 72
und mittleren Unternehmen (KMU) zu suchen, bei Unternehmen, die stark auf lokale und regionale Märkte bauen. Nicht selten finden sich bei den inhabergeführten KMU noch visionäre, sozial verant- wortliche Querdenker, die mit ihren Innovationen Vorreiter für andere sind. Dagegen benutzen viele Wirtschaftslobbyisten der Unternehmensverbände das Thema Nachhaltigkeit als K.o.-Kriterium und interpretieren das Leitbild in ihrem Sinne um: Erst müsse die Wirtschaft boomen, bevor man sich auf umfassendere Ziele einlassen könne. Dass sich soziale, ökologische und ökonomische Zukunftssicherung gegenseitig bedingen, wird dabei schnell vom Tisch gewischt. So wird oft mehr über die Wirtschaftsverträglichkeit der Nachhaltigkeit geredet als über die Nachhaltigkeit der Wirtschaftsweise selbst. Gewerkschaften — das soziale Gewissen der Nachhaltigkeit? Für die Gewerkschaften stehen die Arbeitsplätze sowie der Lebensstandard und die Rechte der Beschäftigten im Vordergrund des Interesses. Doch viele unter ihnen wollen Arbeitsplätze (wieder) um fast jeden Preis. Dies belegen z.B. die Auseinandersetzungen um den Ausbau von Flughäfen in Deutschland. Angesichts der massiven Umwälzungsprozesse in den Unterneh- men ist das sicher eine verständliche Reaktion — bloß: Arbeitsplätze und Lebensstandard, das ist die eine Seite, doch das Leitbild Nachhaltigkeit gebietet es, diese sozialen Auseinandersetzungen mit der Frage nach ökologisch akzeptablen Arbeitsplätzen und einem ebensolchen Lebensstil zu verknüpfen. Wenn z.B. Beschäftigte eines Atomkraftwerkes, das stillgelegt werden soll, für ihre Arbeitsplätze auf die Straße gehen, so ist klar, dass eine soziale Lösung hier nicht Weiterbetrieb heißen kann. Zivilgesellschaft - NRO als neue Hoffnungsträger? Den zivilgesellschaftlichen Gruppierungen wie Frauen, Kindern/ Jugendlichen, Indigenen Völkern, NRO, Kommunen, Gewerkschaf- ten, Privatwirtschaft und Wissenschaft sind die Kapitel 23 bis 32 der AGENDA 21 gewidmet. Internationale NRO wie Greenpeace und der World Wide Fund for Nature setzen inzwischen auf mehrere Pferde gleichzeitig, um ihre Ziele zu erreichen: Neben eigenen Nachhaltigkeitsprojekten und öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen findet man sie immer häufiger an Konferenztischen. Selbst „strategische Al73
lianzen“ mit den Chefetagen der Automobilkonzerne und der Erdölindustrie sind für sie keine Tabuthemen mehr. In etlichen Fällen hat sich gezeigt, dass NRO und Wirtschaftsunternehmen in der Lage sind, gemeinsame Strategien zu entwickeln, die in beiden Lagern anerkannt werden. Die Zertifizierung von nachhaltiger Holzwirtschaft (Forest Stewardship Council — FSC) sowie die Zertifizierung nachhaltiger Fischerei (Marine Stewardship Council -— MSC) sind Beispiele hierfür. Immer sicherer bewegen sich viele der größeren NRO auf dem internationalen Parkett. Über die Jahre sind sie äußerst fachkundige Konferenzstrategen geworden. Zahlreiche Regierungen (Großbritannien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Kanada, die USA, die Philippinen, Deutschland u.a.) sind dazu übergegangen, NRO-Vertreter in die offiziellen Delegationen z.B. für die Konferenzen der CSD aufzunehmen. Diese Annäherung vieler NRO an die Regierungspolitik ist jedoch umstritten und droht die NRO in zwei Lager zu spalten: in das Lager der auf dem Parkett der internationalen Institutionen professionell agierenden und in das der „grass root“-NRO, die sich von den Delegationen wie auch dem gesamten UN-System distanzieren. Bei vielen NRO besteht zudem die Gefahr, die großen Zusammenhänge und die Kerngedanken der Nachhaltigkeit aus dem Auge zu verlieren. Ihr Handeln wird zunehmend durch die Logik der Regierungsverhandlungen bestimmt; sie hecheln von Konferenz zu Konferenz, werden zu Experten für Detailfragen wie joint implementation und „CO,-Senken“, aber themenübergreifende politische Strategiedebatten sind passe. Viele NRO-Vertreter fordern daher eine Rückbesinnung auf die core values wie Gleichheit, Solidarität, Nachhaltigkeit, Demokratie und Freiheit, nicht zuletzt um die allgemeine ÖFfentlichkeit wieder für den ‚Rio‘-Prozess zu aktivieren. Ähnlich wie die Regierungen haben auch die NRO mit Nord-SüdGegensätzen zu kämpfen. Viele NRO-Vertreter aus dem Süden kritisieren, dass ihre KollegInnen aus dem Norden das Geschehen zu stark dominieren. Häufig sind es sogar NRO-Vertreter aus dem Norden, die auf den Konferenzen „im Namen des Südens“ sprechen. Größte Hindernisse für die aktive Mitwirkung der Süd-NRO sind fehlende Kommunikationsmöglichkeiten und unzureichender Zugang zu Informationen. Für viele Süd-NRO ist es schlicht eine Frage des Geldes, ob sie sich den Internetzugang Konferenzen leisten können. 74 oder die Reisen zu wichtigen f
Perspektive: Was kann „Rio + 10“ bringen? Der „Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung“ ist ein Meilenstein, doch allzu hohe Erwartungen sollten daran nicht geknüpft werden. So bedeutsam Verhandlungsprozesse auf dem internationalen Parkett sind, so können dort nur dann entscheidende Fortschritte erzielt werden, wenn die Bemühungen um die Umsetzung der Nachhaltig- keitsziele in den Ländern selbst intensiviert werden. Entscheidend für den Erfolg der „Rio + 10“-Konferenz dürften daher die Vor- und Nachbereitungsprozesse auf der nationalen Ebene sein. Hier liegt die größte Chance und die wichtigste Aufgabe: die nationalen Prozesse zu “ beleben und die einzelnen Akteure erneut in die Pflicht zu nehmen. Der „Rio + 10“-Gipfel und die nationalen Vorbereitungsprozesse sollten sich daher darauf konzentrieren, e diejenigen Faktoren, die die Umsetzung des Leitbildes „nachhaltige Entwicklung“ behindern, sorgfältig zu analysieren. Die beteiligten (staatlichen wie nicht-staatlichen) Akteure müssen sich über die konkreten Inhalte des Leitbildes verständigen, über das, was Nach- haltigkeit einschließt, und das, was mit dem Leitbild unvereinbar ist. Hierzu sollten auch Indikatoren, also eindeutige Messgrößen, herangezogen bzw. fortentwickelt werden; e die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass ihre Zukunft eng damit verbunden ist, inwieweit Nachhaltigkeit zu einem bestim- menden Leitbild der Gesellschaft wird. Es gibt viele interessante Projekte, die zeigen, was Nachhaltigkeit in der Praxis sein kann. Diese sollten intensiv kommuniziert und propagiert werden. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit muss Nachhaltigkeit als erreichbare Vision, als attraktives Bild von der Zukunft entstehen; e die weltweit existierenden (meist lokalen) Nachhaltigkeitsprojekte miteinander zu vernetzen. Damit bekommen die Einzelprojekte einen höheren Stellenwert, es ergeben sich Möglichkeiten, voneinander zu lernen, Leitprojekte finden so weltweite Aufmerksamkeit und Nachahmer; e einen ernsthaften Dialog mit dem Süden über Nachhaltigkeit aufzunehmen. Der Norden muss sich gesprächsbereit zeigen für diejenigen Themen, die für die Länder des Südens von existenzieller Bedeutung sind: Armut und Unterentwicklung. Es müssen klare Vereinbarungen über die Finanzierung von Nachhaltigkeitsstrategien im Süden getroffen werden. 75
Wir beobachten gegenwärtig ein weltweites Tauziehen um die Frage, welche Wertmaßstäbe sich auf Dauer durchsetzen werden. Werden es die Maßstäbe derer sein, die den Globus am liebsten zu einer großen „Welt AG“ umfunktionieren würden, oder derer, die darum ringen, dass nicht sämtliche Lebensbereiche nur nach Profitabilität beurteilt werden? Die Vision der Nachhaltigkeit ist die einer Gesellschaft, in der es sozial wie ökologisch gerecht und solidarisch zugeht und die zudem tolerant und weltoffen bleibt. Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Es wäre an der Zeit, dass dies auch so deutlich benannt wird — gerade in Johannesburg, im Herbst 2002. Literaturhinweise Aufbruch 21: Ökologie und Demokratie, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 2000, S. 180-189. Biermann, Frank: Weltumweltpolitik zwischen Nord und Süd. Die neue Verhand- lungsmacht der Entwicklungsländer, Baden-Baden: Nomos 1998. Biermann, Frank/ Simonis, Udo E.: Plädoyer für eine Weltorganisation für Umwelt und Entwicklung, Policy Paper No. 9, Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden 1998. Brühl, Tanja/Simonis, Udo E.: Strukturen und Trends der Weltökologie, in: Globale Trends 2000, Frankfurt a.M. 1999, S. 273-293. Dodds, Felix (Hg.): Earth Summit 2002. A New Deal, London: Earthscan 2000. Fues, Thomas: Rio plus 10. Der deutsche Beitrag zu einer globalen Strategie für nachhaltige Entwicklung, Policy Paper No. 6, Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden 1997. Leitschuh-Fecht, Heike: Sinnliches für die Minister. Sieben Jahre nach ‚Rio‘ bemüht sich die UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung (CSD) um mehr Einfluss, in: Frankfurter Rundschau vom 18.05.1999. Leitschuh-Fecht, Heike: Die Fehler sind beliebt. Vereinte Nationen im Tal nach dem Erd-Gipfel, in: Frankfurter Rundschau vom 12.05.1998. Maier, Jürgen: „Rio + 10. Ein Gipfel mit offener Agenda“, in: Rundbrief 3/2000 des Forums Umwelt & Entwicklung, Bonn. Martens, Jens: Abstieg vom Erdgipfel, in: Vereinte Nationen, Heft 4, 1997, S. 137142. Sachs, Wolfgang: Wie zukunftsfähig ist die Globalisierung? Über ökonomische Entgrenzung und ökologische Begrenzung, Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), Studien & Berichte Nr. 3, Berlin 2000. Simonis, Udo E.: Nachhaltige Entwicklung — quo vadis?, in: epd-Entwicklungspolitik, Heft 8/9, 2001, S. 20. Stephan, Petra: Lokale Agenda 21 im Zeitalter der Globalisierung, in: epdEntwicklungspolitik, 2001, Heft 1, Januar, S. 24-27. Stephan, Petra: Die Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD): „lalkshop“ der Vereinten Nationen oder wirksame Institution zur Umsetzung der AGENDA 213, in: Fues, Thomas/Hamm, Brigitte (Hg.): Die Weltkonferenz der 90er Jahre. Baustellen für Global Governance, Bonn 2001. 76 '
Benno Pilardeaux Ein Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik? Zum „Erdgipfel 2002“ Der „Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung“ in Johannesburg bietet zehn Jahre nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED) und dreißig Jahre nach der ersten Weltumweltkonferenz von Stockholm 1972 eine der seltenen Gelegenheiten, um in der internationalen Umweltpolitik Grundlegendes zu bewegen. Die internationale Gemeinschaft hat, trotz der bestehenden 900 bi- oder multilateralen Umweltverträge, allen Grund Druck zu machen: Dem Patienten Erde geht es heute schlechter als noch vor einer Dekade und alle Prognosen gehen von einer weiteren Verschärfung der Lage aus (UNEP 2000; WBGU 2001). Der Handlungsdruck ist offensichtlich, die Frage ist nur, in welchen Bereichen sollten und könnten in Johannesburg Meilensteine gesetzt werden? Die internationale Umweltpolitik — und darin besteht weitgehend Konsens — muss vor allem handlungsfähiger werden. An erster Stelle wird die Weiterentwicklung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zu einer Globalen Umweltorganisation (GEO) bzw. einer Weltumwelt- und -entwicklungsorganisation (WEDO) diskutiert (Biermann/Simonis 1998); aber auch die Verbesserung der wissenschaftlichen Politikberatung und neue Wege der Finanzierung erscheinen dringlich. Auf dem Weg zur globalen Umweltorganisation Eine jede Diagnose des UNEP macht schnell deutlich, dass es für seinen globalen Auftrag nur unzureichend ausgestattet ist: e Als Programm im System der Vereinten Nationen verfügt es nur über eine schwache Stellung; eine Aufwertung zu einer UN- Organisation liegt nahe. e Sein Etat, momentan pro Jahr unter der 100-Millionen-Dollar- Grenze, reicht angesichts der zu bewältigenden globalen Aufgaben Erg
nicht aus. Außerdem besteht aufgrund der großen Abhängigkeit von freiwilligen Beiträgen wenig Planungssicherheit. e Gemessen an seiner Aufgabe ist es personell unterbesetzt. Während UNEP nur über rund 350 Mitarbeiter verfügt, beschäftigt z.B. das deutsche Umweltbundesamt über 1 100, die amerikanische Environment Protection Agency über 12 000 Mitarbeiter. Bemühungen um die Aufwertung des UNEP gibt es schon seit längerem. Bereits in der 1997 vom UNEP-Verwaltungsrat verabschiedeten Nairobi-Deklaration, aber auch in der Malmö-Deklaration der Umweltminister von 2000 wird auf die Notwendigkeit einer organisatorischen und finanziellen Stärkung des UNEP hingewiesen. Die Diskussion um dieses Thema auf dem 2. Umweltministerforum 2001 in Nairobi zeigte, dass von fast allen Ländern die Notwendigkeit einer Reform des UNEP gesehen wird. Auch der EU-Umweltministerrat sieht diesen Bedarf (Gouvernement Frangais, 2001), al- lerdings ist nach Ansicht der europäischen Umweltminister die Weiterentwicklung des UNEP nur eine von mehreren Optionen. Die zweite Option wird in einem Bündel von Maßnahmen gesehen, ohne Änderung des Programmstatus. Dieser Vorschlag umfasst z.B. die Einrichtung einer Environment Management Group, den Aufbau eines Koordinierungsmechanismus für Umweltinstitutionen sowie die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit zwischen den Konventionen und ihren Sekretariaten. Die Umsetzung dieser Variante würde indes kaum zu der erhofften Aufwertung des Umweltthemas im UNSystem führen, da die eingangs angesprochenen Mängel nicht besei- tigt würden. Tief greifender wäre eine Weiterentwicklung des UNEP zu einer UN-Organisation. So könnte UNEP zu einer Sonderorganisation ähnlich der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder zu einer UNinternen Körperschaft nach dem Beispiel der UN-Konferenz über Handel und Entwicklung (UNCTAD) ausgebaut werden. Dabei bliebe die Eigenständigkeit der einzelnen Institutionen zwar unverändert, ihre Zusammenarbeit würde aber gefördert (WBGU, 2001). Die Funktionen der Kommission für nachhaltige Entwicklung (CSD), der Globalen Umweltfazilität (GEF), der verschiedenen Ver- tragsstaatenkonferenzen und Konventionssekretariate sowie die umweltpolitischen Abteilungen und Programme der einzelnen UNSonderorganisationen würden bei dieser Reformvariante nicht verändert. Im Vordergrund stünde ihre verbesserte und gleichberechtigte 78
Kooperation. Ziel wäre ein finanzieller und personeller Ausbau sowie die allgemeine Aufwertung des Umweltthemas in der UN-Familie. Bei genauerem Hinsehen kommt man aber zu dem Schluss, dass eine verbesserte Kooperation schon seit längerem angestrebt wird, etwa durch schriftliche Vereinbarungen zwischen den einzelnen Konventionssekretariaten. Daher wird die Weiterentwicklung des UNEP nach diesem Modell vermutlich noch nicht den erhofften Auftrieb bewirken können, um Umweltbelange wirksamer zu institutionalisieren. Viel versprechender erscheint eine Reform des UNEP nach dem Modell der Welthandelsorganisation (WTO) mit direkter Einbindung in die UN-Familie. Dabei würden alle multilateralen Umweltabkommen und deren weltweit verstreute Sekretariate unter einem Dach vereint. Die Beschlüsse über einzelne Umweltabkommen erfolgten weiterhin in gesonderten Vertragsstaatenkonferenzen, die als „Ausschüsse“ dieser neuen globalen Umweltorganisation angeschlos- sen wären. Das Reizvolle an dieser Variante wäre die organisatorische Gleichstellung der Umweltpolitik mit der Handelspolitik. Insgesamt würde ein auf diese Weise reformiertes UNEP international sicherlich mehr Gehör finden als bisher. Gleichzeitig könnte das 2000 von UNEP eingerichtete globale Umweltministerforum eine wichtige Unterstützungsfunktion für die neue Organisation wahrnehmen, z.B. bei der Prioritätensetzung in der internationalen Umweltpolitik. Möglich wäre auch, dass dieses Ministerforum sich mit dem Verhältnis zwi- schen multilateralen Umweltabkommen und der Welthandelsorganisation beschäftigt (Gouvernement Francais, 2001). Eine Reform des UNEP ließe auch die Rolle der Kommission für nachhaltige Ent- wicklung (CSD) nicht unberührt. Es wäre längerfristig vorstellbar, dass der UN-Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) in einen Rat für nachhaltige Entwicklung umgewandelt wird. Allerdings wäre hierfür eine Änderung der UN-Charta erforderlich. Umsetzbar sind diese Vorschläge allerdings nur, wenn Industriewie Entwicklungsländern gleiche Mitbestimmungsrechte in der neuen Organisation eingeräumt und die Reformbemühungen von Anfang an als Nord-Süd-Projekt betrieben werden. In Anlehnung an die bereits 1997 auf der UN-Sondergeneralversammlung („Rio + 5“) von Brasilien, Deutschland, Singapur und Südafrika geforderte Grün- dung einer UN-Sonderorganisation für Umweltfragen könnte für Johannesburg („Rio + 10°) eine neue Koalition geschmiedet werden. Eine Schlüsselrolle könnte dabei der Gastgeber Südafrika einnehmen. 2”
Finanzierung nachhaltiger Entwicklung Entscheidend für den Erfolg des Weltgipfels von Johannesburg wird aber auch sein, in welchem Umfang die Industrieländer eine finanzielle Unterstützung der Entwicklungsländer zusagen und die Bereitschaft zeigen, das immer wieder eingeforderte 0,7-Prozent-Ziel auch einzuhalten, also mindestens 0,7 Prozent des Bruttosozial- produkts für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Dabei steht das 1992 in Rio vereinbarte Prinzip der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“ auf dem Prüfstand. Der Testfall tritt wenige Monate vor dem Weltgipfel auf der internationalen Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung (Intergovern- mental Event on Financing for Development) im Frühjahr 2002 in New York ein. Für die Atmosphäre auf dem danach folgenden Gipfel wird es entscheidend sein, inwieweit sich die Industrieländer zur finanziellen Unterstützung der Entwicklungsländer bekennen werden, wozu auch Entschuldungsinitiativen zählen. Sicherlich wird der wachsende Mittelbedarf nicht losgelöst von der Mittelbereit- stellung und -verwendung diskutiert werden können, da viele Geberländer den Forderungen nach mehr Geld höchst skeptisch gegenüberstehen. Deshalb wird neben diesen klassischen Instrumenten seit längerem auch die Erschließung neuer Finanzierungsquellen diskutiert, insbesondere die Erhebung von Entgelten für die Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter (WBGU, 2001). Hierbei handelt es sich um allgemein zugängliche Güter, wie z.B. den internationalen Luftraum, die hohe See oder den Weltraum, die trotz Schutzregelungen zunehmend geschädigt werden. Durch Erhebung von Entgelten z.B. für Flugpassagiere, die für den Einzelnen kaum spürbar wären (Idee: ein Euro pro Flugticket), könnten jährlich Milliardenbeträge zusammenkommen. Dadurch würde die internationale Umwelt- und Entwicklungspolitik unabhängiger von nationalen Etatentscheidungen. Erwartet wird zudem eine Ausweitung des Förderspektrums der Globalen Umweltfazilität (GEF) auf ihrer Generalversammlung im Herbst 2002, organische etwa Schadstoffe für die und Desertifikationskonvention. 80 UN-Konvention wahrscheinlich auch über persistente für die UN-
Wissenschaftliche Politikberatung Internationale Umweltpolitik ist in zentralen Bereichen Handeln unter Unsicherheit. Viele Entwicklungen, beispielsweise der Verlust bio- logischer Vielfalt oder die weltweite Bodenzerstörung und deren mögliche Auswirkungen, sind nur in Grundzügen bekannt. Es gibt — um bei diesen Beispielen zu bleiben — keine Vorstellung darüber, wie viel Biodiversität oder Böden verloren gehen können, ohne dass bestimmte Leistungen des globalen Ökosystems gefährdet werden, wie z.B. die Aufrechterhaltung eines stabilen Sauerstoffgehaltes in der Atmosphäre. Wären die maximal noch hinnehmbaren Eingriffe des Menschen zumindest in groben Zügen bekannt, könnten vorläufige Schutz- oder Reduktionsziele formuliert werden, die mindestens ein- gehalten werden müssten. Bisher gibt es weder für die Biodiversitäts- noch die Desertifikationskonvention solche Schutz- oder Reduktionsziele bzw. Indikatorenkataloge, mit denen die Wirkungen der Vereinbarungen gemessen oder zumindest nachvollziehbar gemacht werden könnten. Beim Klimaschutz hingegen gibt es eine Vorstellung über die maximal tolerierbare Erderwärmung und den einzuhaltenden Sicherheitsabstand zu möglichen abrupten oder unumkehrbaren Umschwüngen des Klimasystems, so dass konkrete Reduktionsziele abgeleitet werden konnten. Wesentlicher Motor ist hier der 1988 eingerichtete Zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaänderungen (IPCC), der in regelmäßigen Sachstandsberichten das beste verfügbare Wissen über den globalen Klimawandel zusammenträgt und in Zusammenfassungen für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft aufbereitet. In Anlehnung an den IPCC sind für die Beratung und Begleitung der internationalen Boden- und Biodiversitätspolitik und ihrer erfolgreichen Umsetzung nach Auffassung des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen vergleichbare wissenschaftliche Gremien unverzichtbar (WBGU, 2001). In einem „Zwischenstaatlichen Ausschuss über biologische Vielfalt“ (Untergovernmental Panel on Biological Diversity — IPBD) oder einem „Zwischenstaatlichen Ausschuss über Land und Boden“ (Intergovernmental Panel on Land and Soil - IPLS) ließen sich international anerkannte Wissenschaftler zusammenführen, die kontinuierlich und unabhängig arbeiten und wissenschaftliche Politikberatung leisten könnten. Ihre spezielle Aufgabe wäre die Beratung der Vertragsstaatenkonferenzen 81
und die Information der internationalen Öffentlichkeit mit den Schwerpunkten: © regelmäßige Zustandsanalyse des Systems Erde, e Früherkennung und Frühwarnung vor drohenden und potenziell irreversiblen Umweltschädigungen, e Abschätzung von „Leitplanken“, die noch akzeptable Übergangsbereiche bzw. inakzeptable Zustände beschreiben, um irreversible Entwicklungen zu verhindern. Solche unabhängigen wissenschaftlichen Gremien wären eine wichtige Ergänzung der bestehenden und im Wesentlichen mit politischen Verhandlern besetzten Wissenschaftsausschüsse der Vertragsstaatenkonferenzen, etwa zu Biodiversität und Desertifikation. Deren Stärke liegt in ihrer Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft und Politik, wobei sie eine Schlüsselrolle bei der Erarbeitung von Hand- lungsoptionen einnehmen könnten (wie es bereits bei der Klimarahmenkonvention der Fall ist). Insgesamt bietet der Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002 („Rio + 10“) eine gute Gelegenheit, die skizzier- ten Reformen auf den Weg zu bringen und damit, ähnlich wie 1992 in Rio de Janeiro, einen Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik zu bewirken. Die meisten Länder sind zu solchen Reformen bereit, jetzt kommt es darauf an, eine wirksame Nord-SüdKoalition zu schmieden. Die Europäer, die Deutschen, könnten dazu die Initiative ergreifen. Literaturhinweise Biermann, F./Simonis, U. E.: Eine Weltorganisation für Umwelt und Entwicklung. Funktionen, Chancen, Probleme, Policy Paper 9, Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden, 1998. Gouvernement Frangais, Ministere de l’Amenagement du Territoire et de l’Environnement: French Presidency of the European Union — International Environmental Governance, Presidency Report, 19.1.2001 (http://www.environnement.gouv.fr/international/intersom.htm). Simonis, U. E. et al.: Weltumweltpolitik. Grundriss und Bausteine eines neuen Politikfeldes, 2. Aufl., Berlin 1999. United Nations Environment Programme (UNEP): Global Environment Outlook, London 2000. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel. Neue Strukturen globaler Umweltpolitik. Jahresgutachten 2000, Berlin 2001. 82
Barbara Schäfer „Erdgipfel 2002“ — Eine Einschätzung des Erreichbaren Im Jahr 2002 jährt sich zum zehnten Mal der Erdgipfel von Rio de Janeiro, 1992. Verabschiedet wurden in Rio die AGENDA 21, die RioDeklaration und die Prinzipien zur Erhaltung der Wälder, gezeichnet wurden die Klima- und die Biodiversitätskonvention. Die Umsetzung und Weiterentwicklung der AGENDA 21 wird seit- her durch die 1993 gegründete Kommission für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Commission lopment, CSD) begleitet und überwacht. Sie hat gen Arbeitsprogramm seit Rio die Themen der delt und dadurch wichtige Weichenstellungen on Sustainable Devein einem mehrjähriAGENDA 21 verhanvorgenommen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Auf der 3. Tagung der CSD in 1995 wurde ein internationales Arbeitsprogramm zu Indikatoren verab- schiedet, in dessen Folge weltweit nationale, regionale und lokale Indikatorensysteme entwickelt wurden, die zu wichtigen MonitoringInstrumenten für die Politik der Nachhaltigkeit geworden sind. Entsprechend wird von dem „Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung“, der vom 2. bis 11. September 2002 in Johannesburg , Südafrika, stattfindet, erwartet, dass von ihm wieder neue Impulse für Umwelt- und Entwicklungspolitik ausgehen. So hat die Entscheidung für den Austragungsort Johannesburg wichtige Signalwirkung, insbeson- dere für Afrika als Kontinent mit besonders gravierenden Umwelt- und Entwicklungsproblemen. Bereits jetzt sind zahlreiche Projekte in Vorbereitung, die das Po- tenzial haben, nachhaltige Entwicklung für die Region Sub-Sahara Afrikas weiter voranzubringen. Weltweit wird der Gipfel neue Impul- se für Umwelt und Entwicklung geben. Insbesondere birgt seine Austragung in einem Entwicklungsland die große Chance, die Partnerschaft zwischen den wirtschaftlich hoch entwickelten Staaten des Nordens mit denen des Südens auf eine neue Basis des gegenseitigen Vertrauens und der Zusammenarbeit zu stellen.
Bezüglich der Themen, die auf dem Gipfel prioritär behandelt werden sollen, wird es frühestens zur 56. Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) im Herbst/Winter 2001 eine offizielle Be- schlusslage geben. Es gibt aber bereits Anzeichen dafür, dass der Fokus des Gipfels auf den Zusammenhang von Armutsbekämpfung, Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik gerichtet sein wird. Weitere Hauptthemen dürften Globalisierung und nachhaltige Entwicklung, Partnerschaft mit dem privaten Sektor, Wasserwirtschaft, Energiepolitik, Finanzen und Technologie und internationale GovernanceStrukturen sein. Weiterhin bietet der Johannesburg-Gipfel die Gelegenheit, einen Problembereich zu thematisieren, der ‚quer‘ zu allen Nachhaltigkeitsthemen liegt — der Zusammenhang zwischen der ‚Frauen/Gender- frage‘ und der Umwelt- bzw. Entwicklungspolitik. Eine zu diesem Thema von Deutschland ausgerichtete internationale Expertenkonferenz wurde auf der 9. Tagung der Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD-9) im April 2001 insbesondere von internationalen NGOs positiv aufgegriffen. Im Folgenden sollen die Debatte um diese Themen und das Spektrum der möglichen Verhandlungen dargestellt werden. Dabei gilt es zunächst festzuhalten, dass die Ausführungen Prognosecharakter haben und nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, da die regi- onalen und nationalen Vorbereitungsprozesse der nächsten Monate sicher noch andere wichtige Aspekte ergeben werden. Auch haben viele Interessengruppen ihre Vorbereitungen erst begonnen. Von ihnen dürften sicher neue Impulse und Ideen in die Tagungen der CSD-10, auf welchen die Vorbereitung des Gipfels erfolgen, eingebracht werden. Schwerpunktthema Armutsbekämpfung und finanzielle Ressourcen Die Rio-Konferenz hatte bei vielen Entwicklungsländern eine Erwartungshaltung bezüglich der Bereitstellung von neuen und zusätzlichen finanziellen Ressourcen und von Technologietransfer zu Vorzugsbedingungen geweckt. Die Realität des Rio-Folgeprozesses ist hinter diesen Erwartungen jedoch zurückgeblieben, insbesondere vor dem Hintergrund der sinkendenTrends bei der öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA). Die seit Rio stark angestiegenen privaten Kapitalflüsse in einzelne Länder werden von den Entwicklungsländern insge84
samt nicht als ausreichende Kompensation für den sinkenden Anteil öffentlicher Hilfe angesehen. Diese Entwicklung hat zu einem Vertrauensverlust auf Seiten vieler Entwicklungsländer geführt, was die Verhandlungen in vielen multilateralen Umweltabkommen und in der CSD seit Rio erschwert hat. Aber auch auf Seiten der Industrieländer gibt es enttäuschte Erwartungen. Zum einen sehen sie eine zentrale Voraussetzung für eine effektive finanzielle und technische Hilfe — eine gute Regierungsführung (good governance) — in vielen Fällen nicht erfüllt. Vor allem aber steht für sie der Rio-Folgeprozess für die Balance zwischen ökonomischen, sozialen und ökologischen Zielen und damit für eine Integration des Umweltschutzes in alle Politikbereiche, und sie erwarten von ihren Verhandlungspartnern zumindest die Anerkennung von für sie so zentralen Prinzipien wie „Ökoeffizienz“ und „Internalisierung externer Kosten“. Es ist wohl nicht zu weit gegriffen vorherzusagen, dass es letztlich der Umgang mit diesen Themen sein wird, der darüber entscheidet, ob der Gipfel in Johannesburg einen weitreichenden Erfolg hervorbringen kann oder nicht. Wenn hierzu während der Vorbereitungstagungen der CSD-10 in 2002 und auf der UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung (Financing for Development) in Mexiko im März 2002 die Bereitschaft zur Annäherung fehlt, werden auch in Johannesburg die Verhandlungen von Umwelt- und Entwicklungsthemen wesentlich erschwert sein. Für echte Verhandlungserfolge auf dem Gipfel wäre es sehr förderlich, wenn die Industrieländer ernst- hafte Bereitschaft für die Mobilisierung von neuen und innovativen Finanzierungsmechanismen signalisieren und die Entwicklungsländer die ökologischen Ziele stärker als bisher anerkennen würden. Die derzeitige Verhandlungslage, vor allem die Ergebnisse der CSD-9 und 10, lässt ein solches Konvergieren der Positionen noch nicht erkennen. Allerdings waren alle Staaten(gruppen) bislang auch . bemüht, im Vorfeld des Gipfels noch keine ihren Positionen entgegenlaufenden Festlegungen zu akzeptieren. Die entscheidende Frage wird sein, ob dafür lediglich verhandlungstaktische Gründe ausschlaggebend waren — oder ob es tatsächlich an der Bereitschaft mangelt, die seit Rio vielfach beschworene „Partnerschaft“ zwischen Nord und Süd mit neuem Leben zu erfüllen. 85
Schwerpunktthema Ressourcenschutz — Energie und Wasser Während das Thema neue und zusätzliche Finanzressourcen für die Entwicklungsländer vermutlich zum Testfall für einen Verhandlungserfolg des Gipfels wird, dürfte das inhaltliche Kernstück der Verhandlungsposition der EU und anderer Industrieländer die Forderung nach zusätzlichen und weitreichenderen Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Ressourcen sein. Dabei sollen vor allem diejenigen Fragen behandelt werden, die nicht durch andere intergouvernementale Prozesse bereits abgedeckt sind — wie Klima, biologische Vielfalt, Desertifikation und Wälder. Insbesondere in den Bereichen Energie und Wasser ist es erklärtes Ziel der EU, zu weiter reichenden Verpflichtungen zu kommen und konkrete Zielgrößen für die ökologische Effizienz sowie für die Eindämmung des Abbaus natürlicher Ressourcen in den Gipfeltexten zu verankern. Energie: Bereits auf der CSD-8 hat Bundesumweltminister Trittin den Vorschlag gemacht, für den Johannesburg-Gipfel möglichst konkrete energiepolitiche Handlungsoptionen, differenziert nach Entwicklungsstand der Staaten, zu entwickeln. Weiterhin richtungweisend für den Gipfel waren die Verhandlungen der Ad-hoc Open Ended Working Group on Energy im März 2001 und die Ergebnisse der CSD-9. Hier ist es trotz stark divergierender Interessenlagen gelungen, eine gemeinsame Entscheidung herbeizuführen. Diese kann als Grundlage der Johannesburg-Beschlüsse dienen, da es sich um ein Papier handelt, das die wesentlichen Fragen eines nachhaltigen Umgangs mit Energie weltweit enthält - wenn auch die starke Präsenz der OPEC unter den Wortführern der G77 anspruchsvollere Festlegungen zu Energieeffizienz, erneuerbaren Energien, Brennstoffspezifikationen, Brennstoffmix, Emissionsreduktion und zu Marktmechanismen wie Energiesteuern und Subventionsabbau noch verhinderte. Wasser: Das zweite zentrale Ressourcenthema in Johannesburg wird voraussichtlich der Zugang zu sauberem Wasser sein. Die Bewälti- gung der Wasserprobleme, der Wasserknappheit und der Wasserverschmutzung ist eine der größten Herausforderungen an die internationale Staatengemeinschaft. Ein wesentliches Element der Gipfelvorbereitung ist eine Internationale Wasserkonferenz, die in enger Ab- stimmung mit den Vereinten Nationen durch das Bundesumweltministerium und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter dem Motto „Wasser — ein Schlüssel zur nachhaltigen 86
Entwicklung“ vorbereitet und vom 3. bis 7. Dezember 2001 in Bonn stattfinden wird. Die Konferenz soll Empfehlungen zu Themen wie innovative Strategien für Wasserver- und Abwasserentsorgung für die Armen, Schutz der Ökosysteme und der Wasserressourcen oder Aus- gleich bei Wassernutzungen erarbeiten und so für die Behandlung des Themas auf dem Johannesburg-Gipfel den Boden bereiten. Schwerpunktthema Globalisierung und privater Sektor Spätestens auf der CSD-8 kontroverses Thema war deutlich geworden, dass ein weiteres im Zentrum der Auseinandersetzungen um weltweite nachhaltige Entwicklung steht: die Frage des freien Warenund Dienstleistungsverkehrs zwischen den Ländern des Nordens und des Südens im Zuge des weltweiten Globalisierungsprozesses und die Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialstandards hierbei. Die Industrieländer, allen voran die EU, dringen auf eine stärkere Einbeziehung Produkten ökologischer Aspekte bei international und Produktionsprozessen, gehandelten auf die Möglichkeit entspre- chender Kennzeichnung (labelling), auf die Förderung des Handels von umwelt- und sozialverträglichen Produkten, die bessere Berück- sichtigung des Vorsorgeprinzips sowie auf eine verbesserte Kohärenz multilateraler Umweltabkommen mit den Regelungen der World Trade Organization (WTO). Für die Entwicklungsländer steht hin- gegen der Abbau von handelsverzerrenden Subventionen in Industrieländern, vor allem im Agrarbereich, an erster Stelle - und somit ein wesentlich verbesserter Zugang ihrer Güter und Dienstleistungen zu deren Märkten ohne neue Konditionalitäten der oben erwähnten Art. Aufgrund der weitreichenden ökonomischen Implikationen ist es wohl nicht realistisch, von Johannesburg eine Lösung aller Konflikte im Bereich Handel und Umwelt zu erwarten, doch birgt das große öffentliche Interesse für den Gipfel die Chance von Vereinbarungen zumindest in Teilbereichen. Eine von Bundesumweltministerium und UNEP veranstaltete Ministerkonferenz im März 2001 hat hierzu erste Schritte eingeleitet. Es gab eine Verständigung zur Stärkung der Rolle von UNEP im Bereich Handel und Umwelt, zur Abschätzung der Wirkungen von Handelsabkommen auf eine nachhaltige Ent- wicklung (sustainability impact assessment) sowie zur Bedeutung von Auslandsdirektinvestitionen für eine nachhaltige Entwicklung. In engem Zusammenhang mit der ökonomischen Globalisierung rückt ein weiteres Thema für Johannesburg ins Blickfeld — die Rolle 87
der privaten Unternehmen im Prozess der nachhaltigen Entwicklung. Die Wirtschaft hat seit 1992 in vielen Bereichen eine aktive Rolle, in manchen Bereichen sogar eine Führungsrolle übernommen. In jedem Fall kann ein gestiegenes Bewusstsein für Umweltschutz als Standortfaktor festgestellt werden. Hieraus ergibt sich die Chance für den Gipfel, weitere Strategien zur Integration von Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten in den Globalisierungsprozess zu erarbeiten. So gibt es eine Initiative des Bundesumweltministeriums, gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft, Gewerkschaften und NGOs auf freiwilliger Basis Leitlinien für die Integration von Umweltaspekten bei Auslandsinvestitionen zu entwickeln. In die gleiche Richtung gehen Bemühungen, der Industrie Gelegenheit zu geben, den Gipfelteilnehmern nachhaltige Projekte mit Vorzeigecharakter vorzustellen. Schwerpunktthema Institutionen Die institutionelle Stärkung des Umweltschutzes und des Politikfeldes Nachhaltige Entwicklung im UN-System wird in jedem Fall auf dem Gipfel in Johannesburg zur Beratung kommen. Dabei geht es vor allem um die Reform von UNEB um die zukünftige Rolle und die Aufgaben der CSD sowie um die Beziehungen dieser Institutionen untereinander und zu den bestehenden multilateralen Umweltabkommen. Zu den diskutierten Optionen gehört die Einrichtung einer Weltumweltorganisation im Sinne einer Stärkung und Aufwertung von UNEP Die Gipfelvorbereitung der Thematik erfolgt, entspre- chend einer Entscheidung des UNEP-Verwaltungsrates vom Februar 2001, durch eine Arbeitsgruppe zur Reform der Governance-Strukturen im Bereich der Umweltpolitik. Auch die Rolle und die Aufgaben der CSD werden in Johannes- burg voraussichtlich auf dem Prüfstand stehen. Nach Rio eingerichtet als politische Plattform, um die Themen der AGENDA 21 und deren Implementierung fortzuentwickeln, wurde in den letzten Jahren zunehmend Kritik an der CSD hörbar, insbesondere weil ihre Verhandlungsatmosphäre sukzessive weniger konstruktiv und ergebnisorien- tiert geworden sei. In Johannesburg wird man sich mit dieser Problematik befassen müssen. Das Spektrum der möglichen Alternativen für eine Effektuierung der CSD nach 2002 reicht hierbei von einer Reduzierung der zu bearbeitenden Themen pro Tagung über die Auswahl von lediglich neuen Themen, der Verlagerung der Tagungen weg von New York, um so mehr Expertenbeteiligung zu garantieren, 88
bis hin zu noch stärkerer Beteiligung von Interessengruppen - so genannten multi-stakeholders —, die bereits in den letzten Jahren eine immer wichtigere Rolle gespielt haben. Diskutiert werden muss auch eine verbesserte personelle Ausstattung des Sekretariats der CSD. Querschnittsthema Gender und Umwelt Insbesondere von Deutschland und verschiedenen Nord- und SüdNGOs wird eine weitere Problematik als diskussionsbedürftig angesehen: die Frage des Zusammenhangs zwischen der Frauen-/ Genderfrage und der Umweltproblematik. Bereits in Rio 1992 war anerkannt worden, dass Frauen eine besondere Rolle bei der nachhaltigen Entwicklung zukommt. In den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Kontexten haben Frauen eine Tradition der Verantwortung für Ressourcennutzung und dazu in besonderem Maße Handlungskompetenz und innovative Kraft bewiesen. Eine wichtige Forderung der Nachhaltigkeitsdebatte ist daher die stärkere Beteiligung von Frauen an den gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen über Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Wie in vielen anderen Bereichen der AGENDA 21 klafft aber auch bei diesem Thema eine große Lücke zwischen den formulierten Zielen und der Umsetzung in die Praxis. Zwar steht das Thema „Gender und Umwelt“ seit Rio formal durchaus auf der Tagesordnung. In den konkreten Verhandlungen jedoch sind die Entscheidungen meist substanzlos ausgefallen — die Berücksichtigung der Problematik erschöpft sich in pauschalen Aufforderungen an die Vertragspartner, Frauen intensiver am politischen Prozess zu beteiligen und die Belange von Frauen stärker zu berücksichtigen. Um hier ein Stück weit voranzukommen, muss das Thema wieder auf die politische Tagesordnung. Für den Erfolg des Themas auf dem Gipfel wird entscheidend sein, dass sich die Diskussionen wegbewegen von der mehr gesellschafts- als umweltpolitisch motivierten Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit, hin zu qualifizierten Aussagen bezüglich des Nutzens einer Geschlechterorientierung der Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitspolitik. Fazit und Bewertung Einige entscheidende Weichen für die Vorbereitung des Erdgipfels 2002 wurden durch die Diskussionen auf der CSD-9 gestellt. Wich89
tige Zukunftsthemen wie Energie oder internationale GovernanceStrukturen stehen zur Diskussion, und es ist zu hoffen, dass die Sig- nale, auf dem Gipfel vor allem solche besonders dringlichen Themen bearbeiten zu wollen, ergebnisorientierten Debatten gute Chancen gibt. Auch die Auswahl des Austragungsorts hat positive Signale gesetzt. Regierung und NGOs Südafrikas bereiten sich mit großem Engagement auf den Gipfel vor, und für Afrika, insbesondere für die Region südlich der Sahara dürfte der Gipfel wichtige umwelt- und entwicklungspolitische Impulse mit sich bringen. Weltweit sind die Erwartungen entsprechend hoch - sicher ebenfalls eine Voraussetzung dafür, den Gipfel weiterhin ambitioniert vor- zubereiten. Allerdings haben die Jahre seit Rio 1992 gezeigt, wie schwierig es ist, wirklich weitreichende Verhandlungsfortschritte für nachhaltige Entwicklung zu erzielen. Weit auseinander gehende Positionen bezüglich der Bewertung des Globalisierungsprozesses, der Bedeutung der Handels- und Investitionspolitik und der Entwicklungsfinanzierung sind dabei die maßgeblichen Faktoren für die Stagnation der Verhandlungen. Solange die beteiligten Staaten und Staatengruppen primär die Bewahrung ihrer eigenen Interessen im Blick haben, so lange wird es schwer bleiben, zielgerichtete Anstren- gungen für bessere Politik, Maßnahmen und Projekte zu unternehmen. Es steht zu hoffen, dass es auf dem Erdgipfel 2002 gelingt, die konstruktive Verhandlungsatmosphäre der Anfangsphase des RioProzesses wieder aufleben zu lassen. Es ist aber sicher nicht zu optimistisch zu erwarten, dass Johannesburg wichtiger Impulsgeber, Katalysator, Diskussionsplattform in dem langen Prozess hin zu mehr Nachhaltigkeit weltweit sein wird und e dazu beiträgt, das öffentliche Interesse an den Themen Umwelt und Nachhaltigkeit wieder zu erhöhen, e eine Verständigung auf realisierbare Schritte hin zu einem integrierten Institutionengefüge im Bereich Umwelt und nachhaltige Entwicklung ermöglicht, e konkrete Initiativen zur Integration von Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten in den weltweiten Globalisierungsprozess vor allem durch die Privatwirtschaft anstößt e und vor allem für Umwelt- und Entwicklungsthemen, die sich neu stellen, neue und zusätzliche Weichenstellungen erreicht. 90
Literaturhinweise Agarval, A./Narain, S./Sharma, A. (Hg): Global Environmental Negotiations 1, Centre for Science and Environment, Neu Delhi 1999. Dodds, Felix (Ed.): Earth Summit 2002 — A New Deal, London: Earthscan 2001. International Institute for Sustainable Development (Ed.): Earth Negotiation Bulletin. Summary April 3 — Kommission auf den of the Tenth Session of the Commission on Sustainable Development: May 2, 2001, Winnipeg. der Europäischen Gemeinschaften: Zehn Jahre nach Rio: Vorbereitungen Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002. Mitteilung der Kommission an den Rat und an das Europäische Parlament - KOM (2001) 53 end- gültig, Brüssel 2001. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen(WBGU): Welt Neue Strukturen globaler Umweltpolitik, Berlin: Springer 2001. KHK „Globalisierung ist der Name, der bislang unverstandenen Prozessen aus einem Mangel an besseren Konzepten gegeben wird.“ Marc Humbert KKAKK im Wandel:
2. WAS IST LEBEN? Hans Werner Ingensiep Was ist Leben? - Grundfragen der Biophilosophie Wozu die Frage? Welche Frage? Der vielfältige und geradezu inflationäre Gebrauch des Ausdrucks „Leben“ in aktuellen Problemfeldern -— von der Sozialethik bis zur Gentechnologie — steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu seiner Klarheit und Bedeutung: je intensiver der Gebrauch, desto größer die Unschärfe. Innerhalb der Naturwissenschaft scheinen vor allem die paradigmatischen „Lebenswissenschaften“ — Biologie und Medizin — die Definitionshoheit zu beanspruchen, innerhalb der Philosophie vor allem die „Bioethik“, die alle „Lebensphänomene“ betrifft und sie einer praktischen Bewertung unterzieht — sei es in der Menschen-, Tier- oder Umweltethik. Man spricht von der Würde und Heiligkeit des Lebens, wenn es um menschliche Embryonen geht, vom subjektiven Empfindungsleben, wenn es um Glück, Leid und intrinsische Werte höherer Tiere geht, von der Ehrfurcht vor dem Leben unter Einschluss von Bakterien und Viren, von dem Wert der Biodiversität und der Biosphäre qua Gaia. Beobachter dieser verschiedenen Lebensdiskurse lehnen sich verwirrt zurück und fragen, von welcher Art von Leben gerade die Rede war. Es ist ein Faktum, dass vieldeutige und vielfältige Lebensbegriffe im Gebrauch sind, sei es auf der rein beschreibenden Ebene oder auf der bewertenden Ebene — und hier liegt bereits ein erstes Kernproblem. Angesichts der Diskussionen über das Leben eines menschlichen Embryos im Rahmen des sog. therapeutischen Klonens, über Designer-Lebewesen für die medizinische Nutzung, über das Leben eines Gorillas oder eines Baumes in Ökosystemen und last but not least im medizinischen Feld über das schwierige Leben eines geistig schwerstbehinderten Menschen wird deutlich, dass wir es mit einem äußerst 92
heterogenen und weit gespannten Gebrauch des Lebensbegriffes zu tun haben. Zugespitzt gesagt: Innerhalb dieser Diskussionsfelder fin- den gespaltene Diskurse über das Leben statt. Häufig werden Bedeutungen aus Kontexten herausgerissen und von einem Bereich auf den anderen übertragen, ertrinken geradezu zwischen unterschiedlichen Metaphern, so dass Philosophen — insbe- sondere analytisch denkende — zu Recht meinen, der Begriff des Lebens sei eben „unklar“. Aber im Allgemeinen können wir damit gut leben. Nur innerhalb der Bioethik haben wir es jedoch mit einer besonderen Problemsituation zu tun, wenn z.B. die Begriffe „Leben“ und „Person“ unterschieden werden sollen. Aber auch „Personen“ le- ben. Nicht zuletzt deshalb muss der biologische Lebensbegriff für die Bioethik anschlussfähig sein. Die bislang mehr theoretisch gestellte Frage „Was ist Leben?“ ist bioethisch höchst brisant, wie die Beispiele deutlich machen. Obwohl wir es mit unterschiedlichen Lebensfragen zu tun haben, so ist doch der Lebensbegriff als Brücke zwischen den getrennten Diskussionsfeldern, seine Integrations- und Kommunikationskraft gefordert, insbesondere, wenn es ein kontinuierliches und konstruktives Gespräch zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern über das „Leben“ geben soll. Das fachübergreifende Gespräch wird fruchtbar, wenn Differenzie- rungen in grundlegende Lebensfragen vorgenommen (2. Abschnitt) und wenigstens idealtypische Anforderungen formuliert werden (3. Abschnitt). Eine exemplarische Antwort aus der Perspektive der Naturwissenschaften am Ende des 20. Jahrhunderts (4. Abschnitt) er- laubt die Erörterung biophilosophischer Fundamentalkategorien (5. Abschnitt) und die Darlegung eines Grundproblems moderner Lebensdefinitionen — deren Genomzentriertheit (6. Abschnitt). Schließlich erfolgt — davon ausgehend — wieder ein Schritt vom Le- ben zur Person und damit zur Wiedergewinnung einer phänomengerechteren Perspektive auf das Leben (7. Abschnitt). Drei Lebensfragen unterscheiden Instruktiv für Unterscheidungen und Überschneidungen im Lebensbegriff ist der Ausdruck „vegetatives Leben“, der einerseits für Pflanzen, andererseits für die pflanzenhafte Existenz normaler Menschen in der frühembryonalen Entwicklung Verwendung findet (vgl. Ingensiep 2001). „Persistent vegetative state“ bezeichnet dagegen medizi93
nisch einen anormalen, pathologischen Lebenszustand, der im Fall des so genannten appallischen Syndroms bei körperlich und geistig schwerstbehinderten Menschen mit dem Verlust eines inneren Bewusstseins- und Empfindungsleben verbunden wird, wenngleich äußerlich ein durchaus intensives Bewegungsleben zu beobachten ist. Manche Eltern resignieren angesichts dessen wie ein Vater, der von seinem bettlägerigen Sohn sagt: „Er lebt wie eine Pflanze, aber dann müssen Sie schon an schlecht blühendes Unkraut denken“ (zitiert nach Anstötz in Cavalieri/Singer 1994, S. 252). Selbst der Vergleich mit tierischem Leben scheint hier zu versagen, und man steigt in der hierarchischen Stufenfolge des Lebens vom Menschen über das Tier auf die Lebensstufe der Pflanze hinab, um diese Seinsweise erfassen zu können (vgl. Ingensiep 1997, 1999). Die Wissenschaftssprache steht hier nicht zurück, wenn im Angelsächsischen in diesem Fall von ‚hu- man vegetables’ die Rede ist. Was für ein Lebensbegriff wird hier zugrunde gelegt? Welche Bedeutungen werden dem Lebensbegriff auferlegt? Welche Kontexte ermöglichen hier eine begriffliche Klärung? Offenbar wird zwar ein biologischer deskriptiver und neutraler Lebensbegriff — Pflanzenleben — zugrunde gelegt, der aber dann in der Übertragung den bitteren Beigeschmack eines negativen Wertungsbegriffes erhält. Bereits auf der Beschreibungsebene ist der Lebensbegriff äußerst komplex und verlangt weitere Differenzierungen. Beispielsweise wird angesichts des Hirntodproblems zu Recht unterschieden zwischen der Frage: (1) Wann lebt ein Mensch? und der Frage: (2) Was ist ein Lebewesen? (vgl. Stöcker 1999, S. 75-80). Eine Antwort auf die erste Frage erlaubt, lebende von toten Menschen zu unterscheiden, die Antwort auf die zweite Frage zielt auf Kriterien zur Unterscheidung von Lebewesen und Nicht-Lebewesen. Hier kann es zu seltsamen Antworten kommen: „Lebewesen sind diejenigen Systeme, die aufgrund ihrer arttypischen Zusammensetzung aus Zellen die Fähigkeit haben, sich eine Zeit lang dynamisch der Entropie zu widersetzen, und zwar so lange, dass eine Fortpflanzung hinreichend häufig möglich ist“ (ebd. S. 79). Man stößt in bioethischem Kontext auf eine klassische Antwort von Schrödinger, dessen Leitfrage allerdings laute- te: „Was ist Leben?“ Das Beispiel an der Schnittstelle zwischen Biolo- gie und Bioethik macht aber deutlich, dass wir es mindestens mit drei unterschiedlichen Lebensfragen zu tun haben, deren Beantwortung in unterschiedliche Richtungen zielt. 94
Zielrichtung der drei Lebensfragen 1. Wann lebt ein Lebewesen (z.B. ein Mensch)? Diese Frage zielt auf einen individuellen, ontogenetischen Zustand eines Lebewesens — ob es lebendig oder tot ist. 2. Was ist ein Lebewesen? Diese Frage zielt auf eine spezifische Klasse von Naturkörpern und deren Differenz zu anderen natürlichen oder künstlichen Körpern. 3. Was ist Leben? Diese Frage zielt auf das Wesen eines spezifischen Prozesses, in den alle Lebewesen und individuellen Zustände — ob lebendig oder tot — eingebunden sind. Anforderungen an moderne Antworten Abgesehen davon, dass Was-ist-Fragen dieser Art schnell unter Metaphysikverdacht geraten, so zeigt doch der Alltag in den Lebenswissenschaften und in der Philosophie, dass sie immer wieder gestellt werden. Eine wichtige Frage ist, ob und wieweit der Lebensbegriff der Biologie beispielsweise mit dem Lebensbegriff der Anthropologie und der modernen Bioethik anschlussfähig ist. Ist er es nicht, hängen un- terschiedliche Lebensbegriffe unvermittelt, ja undiskutierbar in der Luft. Für die Biologie mag das angehen, da sie auch ohne einen defi- nierten Lebensbegriff forschen kann. Für eine philosophische Anthropologie ist es systematisch und weltanschaulich problematisch, weil sie dann auf einem ungeklärten Lebensfundament ruht. Für eine moderne Bio(!)ethik aber wäre es fatal. Denn eine Bioethik ohne soliden Lebensbegriff wäre eine Wissenschaft ohne definierten Gegen- stand, über den sie spricht und wertend urteilt. Ein fruchtbarer Dialog zwischen Bioethikern und Biologen wäre dann aussichtslos. Anschlussfähigkeit im Lebensbegriff scheint mir daher eine wichtige aktuelle Forderung zu sein, nicht zuletzt um auch zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern eine gemeinsame Sprache über das Leben zu finden. Allerdings kann es nicht angehen, dass die einen sich die Definitionen bei den andern abholen, um sie dann unhinterfragt zu instrumentalisieren. 95
Welche weiteren Anforderungen können gestellt werden? Ich nenne nur kurz klassische wissenschaftstheoretische Kriterien — Exaktheit, Einfachheit und Fruchtbarkeit -, die aber bereits auf innerbiolo- gischer Ebene schwer einlösbar sind. Es bedarf noch weiterer Kriterien, die zunächst als trivial erscheinen wie die Forderung nach Speziesneutralität. Die Antwort auf die Frage: Was ist Leben? sollte nicht speziesistisch ausfallen, d.h. nicht aus der Perspektive einer bestimmten Spezies namens Mensch - also anthropozentrisch — oder aus der bestimmter, leidensfähiger Tierarten — also zoozentrisch oder pathozentrisch — erfolgen. Positiv formuliert bedeutet dies, dass der Le- bensbegriff die Klasse aller Spezies umfassen und in diesem Sinne integrativ sein sollte. Zu diskutieren wäre aber, ob nicht jede umfassende Antwort anthropomorph oder anthropozentrisch bzw. neurozentrisch ausfallen muss bzw. ob nicht aus einer biozentrischen Grund- perspektive Leben immer über Leben urteilt und damit jeder Antwortversuch biomorph befangen ist, selbst wenn eine Minimal- definition des Lebens angestrebt wird. Weitere ideale Anforderungen können gestellt werden, die gerade in bioethischer Hinsicht interessant wären wie z. B. Individuierbarkeit von Leben. Alle miteinander sind keinesfalls ohne weiteres ein- lösbar. Für die Prüfung klassischer philosophischer Antwortversuche von Aristoteles bis Hans Jonas ist hier nicht der Raum (vgl. Baranzke u.a. 2000), daher konzentrieren wir uns auf eine charakteristische Antwort der Moderne. Eine moderne Antwort Modern soll heißen: Die Antwort erfolgt im Zeichen von Darwins Evolutions- bzw. Selektionstheorie, d.h. Leben ohne Teleologie, ferner im Zeichen der modernen Physik, d.h. Leben gegen die Entropie, und schließlich auf der Grundlage moderner Molekularbiologie, d.h. Leben mit Genom. Bereits Erwin Schrödinger thematisierte zwei grundlegende Prinzi- pien, die zum Verständnis des aktuellen Lebensbegriffs wichtig sind: 1. das Prinzip „Ordnung aus Ordnung“ und 2. das Prinzip: „Ord- nung aus Unordnung“ (vgl. Murphy/O ’Neill 1997, S. 12f.). Schrö- dinger vertrat die Auffassung, dass die Zelle ein ordnungsstiftendes Prinzip enthalten muss, und postulierte einen aperiodischen Kristall als Träger dieses Lebens. Seit 1953 wissen wir mit den Molekularbio96
logen Watson und Crick, dass die DNA eine derartige Bedingung für Leben erfüllt. Folgende Lebensdefinition, die sich an den Theorien Darwins und Schrödingers orientiert, stammt aus einem aktuellen Lehrbuch der Genetik: Leben ist gekennzeichnet durch das Bestreben, sich identisch zu reproduzieren und der Umgebung Energie zu entziehen, um aus sich heraus einen Zu- stand höherer Ordnung zu schaffen. Es wirkt damit dem Prinzip der permanenten Zunahme der Entropie entgegen. Eine Lebensform erfüllt diese Auf- gabe umso besser, je anpassungsfähiger sie ist und je komplexer sie ihre Umgebung zu strukturieren mag. Leben kann als der Versuch bezeichnet werden, biologisch einem notwendigen physikalischen Ablauf verzögernd entgegen- zuwirken: dem Tod des Universums durch Erreichung der maximalen Ent- ropie. (Seyffert u. a. 1998, S. 4f.) Biophilosophische Fundamentalkategorien Dieses Beispiel erlaubt, einige biophilosophische Fundamentalkategorien zu illustrieren, kurz: Struktur, Funktion, Geschichtlichkeit und Information. In Lehrbüchern dieser Art ist die Rede von Nukleinsäuren (DNA/RNA), Proteinen, Phospholipiden etc. als stofflichen Trägern von Leben, wobei zunächst eine besondere „Struktur“ dieser Kompo- nenten erforderlich ist. Schon aus rein thermodynamisch-physika- lischer Perspektive betrachtet ist eine stabile, materielle Konstellation eines Substrats, eben eine spezifische Struktur, erforderlich, damit biologisch eine sinnvolle Rede von Leben erfolgen kann. Wäre Leben aber nur strukturell bestimmt, könnte man beispielsweise auch ein Stück Nukleinsäure aus sich wiederholenden gleichen Bausteinen als einen Fall von Leben auffassen. Eine rein strukturelle Definition von Leben ist offenbar nicht hinreichend. Strukturen der genannten Art müssen außerdem bestimmte „Funktionen“ haben. Genau genom- men muss es sich um potenziell funktionserhaltende Strukturen handeln, z.B. zwecks Selbstreproduktion. Diese Beziehung zwischen Struktur und Funktion ist fundamental für Leben. Die aperiodisch strukturierten Nukleinsäuren müssen eine spezifische Ordnungsfunktion haben z.B. bei der Herstellung von Enzymen oder deren Regulierung im Stoffwechsel. Man spricht von „Selbsterhaltung“, wenn der funktionale Referenzpunkt ein sich durch Regulation erhaltendes System ist. Dieses „Selbst“ in der funktionalen „Selbsterhaltung“ steht für ein System von Beziehungen, das wir noch aus einer geschichtsloSn
sen systemischen Perspektive beschreiben. Dennoch sprechen auch Biologen gerne in einer historisch-teleologisch metaphorischen Weise über das Leben, wie auch im obigen Beispiel, wenn dem Leben ein „Bestreben“, eine „Aufgabe“, ein „Versuch“, kurz: ein Ziel unterlegt wird wie die Erhaltung, Erreichung oder Verhinderung eines bestimmten Zustandes. Der zu verhindernde „Tod“ wird zudem als dia- lektischer Gegenbegriff in die Lebensbetrachtung einbezogen. Über Struktur und Funktion hinaus sind wir bei weiteren klä- rungsbedürftigen Schlüsselbegriffen des Lebens angelangt: Geschichtlichkeit und Information. Bestimmte moderne systemische Lebenskonzepte wie Bertalanffys Auffassung von Lebewesen als halb offenen Systemen im Fließgleichgewicht oder Maturanas Autopoiesis nehmen eine auffällig geschichtslose Perspektive ein. In einer nachdarwin- schen Lebenserklärung wird aber meist die Anpassungsgeschichte in den Lebensbegriff miteinbezogen, d.h. ein funktionaler Niederschlag und Gestaltungsraum von Strukturen gemäß den klassischen Evolutionsfaktoren Variation, Selektion, Isolation etc. Diese Form evolutio- närer „Geschichtlichkeit“ ist mehr als die Beschreibung und Aufreihung zufälliger zeitlicher Abfolgen von Systemveränderungen, auch mehr als ein rein genetischer Niederschlag von Information. Auf höherer Ebene zeigt sich diese fundamentale Geschichtlichkeit des Lebens in kulturellen Traditionen, die in anderer Weise als geronnene Erfahrung mit dem Leben gelten können als die bloß genetisch betrachtete Beziehungsgeschichte zwischen einem System, seinen Teilen und seiner Umwelt. Die bloß systemische Sicht des Lebens ist problematisch: „Das Modell des offenen Systems redet nicht über Information“, meinte der Begründer der biologischen Systemtheorie, Ludwig von Bertalanf. Eine zentrale Frage war und ist daher, welche Rolle dem Begriff der „Information“ bei der Charakterisierung des Lebens eingeräumt werden soll. Dieser Begriff wird einerseits benutzt, um Parallelen zur künstlichen Maschine aufzuzeigen, andererseits, um Eigenarten des Lebens zu artikulieren, wie bei Rupert Riedl, der das Evolutionsgeschehen insgesamt für einen informationsgewinnenden, systemischen Rückkoppelungsprozess hält. Moderne Biotheoretiker versuchen immer wieder, den Unterschied zwischen der Amöbe und Einstein informationstheoretisch zu fassen, so Manfred Eigen, der die Evolution des Lebens „nach den Kriterien funktionscodierender 98 Information“ beschreibt: „Der Mensch unter-
scheidet sich vom Coli-Bakterium nicht durch seine effizientere Chemie, sondern durch mehr Information (und zwar 1000-mal mehr als beim Coli-Bakterium). Diese Information codiert für raffiniertere Funktionen und ermöglicht komplexeres Verhalten.“ (Eigen in Mur- phy 1997, S. 21). Das klingt gut und reduktionistisch. Klassische Wissenschaftsphilosophen von Mario Bunge bis Carl Friedrich von Weizsäcker würden den Informationsbegriff als Charakteristikum des Lebens für anthropo- bzw. technomorph und teleologisch vorbelastet halten und weitere erkenntnistheoretische Klarstellungen einfordern. Ein bloß quantifizierender Informationsbegriff ist nicht hinreichend, qualitative Unterschiede zwischen Lebewesen — Viren, Bakterien, Pflanzen, Tieren und Menschen — bereits auf deskriptiver Ebene zu erfassen und es bedarf weiterer biophänomenologischer Rahmenkategorien, um qualitative Sprünge in der Geschichte des Lebens begreif- bar zu machen. Aber zunächst ist ein aktueller Trend ins Auge zu fas- sen, die Genomzentriertheit moderner Lebensbegriffe. Genomzentriertheit im Lebensbegriff Unter Genomzentriertheit möchte ich eine Sichtweise des Lebens verstehen, in welcher das Genom quasi die Stelle einnimmt, die einst die Seele als entelechiales Prinzip der Selbstbewegung innehatte. Das Genom wird zum Subjekt des Lebens schlechthin erklärt, sei es als In- formations- bzw. Programmträger in der Zelle (Ernst Mayr), als Träger eines informationsgewinnenden Evolutionsprozesses insgesamt (Rupert Riedl, Manfred Eigen) oder metaphorisch-anthropomorph umschrieben als „egoistische Genmaschine“ (Richard Dawkins), die eine stabile evolutionäre Überlebensstrategie verfolgt. Im Hinblick auf derartige genomzentrierte Sichtweisen des Lebens ist sowohl die historische Analyse als auch die aktuelle biotheoretische Diskussion aufschlussreich. Wissenschaftshistorisch ist die Genomzentriertheit der Diskussion durchaus verständlich. Schon vor der Entdeckung der DNA-Struktur starrte man in der Biologie auf den Zellkern und die chromosomalen Träger der Reproduktions- und Regulationsfunktionen. Schrödingers ‚aperiodischer Kristall‘ als Träger des Lebens ist hierfür ein gutes Bei- spiel. Der Ordnungs- und wenig später der Programmblick war auf das Genom fixiert, von dem a priori galt, dass es nicht nur notwendig, sondern auch hinreichend für die Erklärung von Leben sei. Die 99
aktuelle Analyse der Schrödingerschen Argumentation vor dem Hintergrund des selbst organisierten Verhaltens offener thermodynamischer Systeme ergibt aber in diesem Punkt eine andere Sicht (vgl. Kauffman in Murphy 1997, S. 99-133). Der Biotheoretiker meint, dass die Schrödingersche Kristallord- nung weder notwendig noch hinreichend für die Evolution des Lebens bzw. für die dynamische Ordnung der heutigen Lebewesen sei. Leben beruhe „auf einem Phasenübergang zu kollektiv autokatalytischen Molekülverbänden in offenen thermodynamischen Systemen“. Die Modellanalyse zeigt, dass es sich um kollektiv autokatalytische Systeme handelt, z.B. um Zellen, in denen sich kein Molekül wirklich ‚selbst‘ repliziert, also auch nicht die DNA. Die Grundidee ist, dass in ausreichend komplexen chemischen Reaktionssystemen bei Überschreiten einer „kritischen Diversität“ der Molekülarten ein kol- lektiv autokatalytisches System entstehen kann und Emergenz unvermeidlich wird. Ist das System katalytisch geschlossen, erfolgt zwangsläufig dessen Ausbreitung. Computersimulationen demonstrieren, dass solche Systeme „ohne ein Genom“, quasi „in silicio“, evolvieren. Eine stabile molekulare Struktur wie das Genom erscheint demnach theoretisch als Träger von Lebensfunktionen nicht erforder- lich. Ein stabiler Träger qua aperiodischer Kristall, der „Ordnung aus Ordnung“ hervorbringt, sei nicht notwendig. Bereits aus dieser biotheoretischen Perspektive ist die DNA also nicht als ein Programmierer- und Chemiker-Selbst in der Mitte der Zelle anzusehen, das die Struktur des zellulären Reaktionsnetzwerkes entwirft, um sich zu replizieren. Vielmehr erscheint der Lebenskristall umgekehrt als ein Niederschlag — eine Kristallisation — scher Aktivitäten eines molekularen Kollektivs. Ist nun, so die nächste Frage, der vermeintliche autokatalyti- Ordnungsträger DNA als Quelle der dynamischen Ordnung im Lebewesen hinreichend, um Ordnung zu gewährleisten? Die Antwort: Nein! „Das co- dierte System könnte chaotisch sein.“ Für die Kernfragen: Was ist ein Lebewesen? und Was ist Leben? bedeute dies nach Kauffman: Leben- de Systeme sind weder geordnete noch chaotische, sondern komplexe adaptive Systeme, die „in Richtung auf das komplexe Regime am Rande des Chaos evolvieren“ (a.a.O.). Entsprechend ergibt sich auch ein anderes Bild der Ontogenese der Individuen, deren Regime „viel- leicht nicht allzu weit vom Rande des Chaos entfernt liegen“ (ebd.). In dieser Selbstorganisationsvariante wird also Leben phylogenetisch 100
und ontogenetisch neu interpretiert und zu diskutieren ist, inwieweit dies für den aktuellen Lebensbegriff relevant ist. Jedenfalls zeigt sich schon auf einer im Prinzip reduktionistischen, biotheoretischen Ebene, dass man mit genomzentrierten Lebensdefinitionen vorsichtig sein sollte. Vom Leben zurück zur Person — Positionalität Eine erweiterte Sicht auf den Lebensbegriff ergibt sich, wenn über das Genom hinaus bis zur menschlichen Person fundamentale biophänomenologische Kategorien einbezogen werden. Der Philosoph und Biologe Helmuth Plessner bot in seinem Hauptwerk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ (1955) mit dem Begriff der „Positionalität“ eine Fundamentalkategorie, die den Begriff des „Lebens“ und den Begriff der „Person“ anschlussfähig machen sollte. Positionalität begreift, kurz gesagt, die Insich- und Übersichhinaus- Gesetztheit als Wesenszug allen Lebens. Unter prinzipieller Einbeziehung einer doppelten Perspektive auf das Leben — von innen und außen her - soll eine je einseitige und dualistische cartesianische Sicht des Lebens überwunden werden. Plessner geht vom Leitbegriff der „Grenze“ aus, die allem Leben eigen sei. Man kann diesen Ansatz vom Boden der modernen Biologie her plausibel machen. Ein voll- ständig geschlossenes System kann ebenso wenig als ‚Lebewesen‘ existieren wie ein vollständig offenes, unbegrenzt durchlässiges Sys- tem. Geschlossene Systeme wären undurchlässig für Stoffe oder für Sinneseindrücke, d.h. interaktions-, damit entwicklungs- und lernun- fähig und in diesem Sinne auch geschichtsunfähig. Vollständig offene Systeme wären dagegen eine Art von diffuser molekularer Brühe, die zwar am Anfang einer Theorie der Biogenese stehen, nicht aber als eigentliche Träger einer Geschichte des Lebens fungieren. Kompartimentierung oder Semipermeabilität sind daher biologisch betrachtet plausibel, wenn ein solches System eine „Position“ behaupten soll. Ein solches Lebensgebilde steht daher zwangsläufig in einem besonderen Selbstverhältnis zu seiner Grenze, indem es einerseits auf sich selbst gestellt ist, andererseits über sich hinaus verweist. Wir leben eben nicht in einer molekularen Brühe, aber auch nicht als Ge- steinsbrocken im Gebirge. In einer molekularen Brühe lässt sich noch die Verwirklichung von Strukturen und bestimmter Funktionen denken, aber vom Einsatz einer Geschichte des Lebens sollte man erst 101
sprechen, wenn individuierbare Einheiten vorliegen, die Träger dieser Geschichte sein können. Diese Individuen erscheinen idealtypisch betrachtet auf höheren Stufen des Organischen als selbst gestaltende (höhere Pflanzen), empfindungszentrierte (höhere Tiere) und schließ- lich als selbstreflexive Einheiten, die durch jeweils besondere Verhältnisse zu ihrer Grenze charakterisiert sind (siehe Abbildung ]). 3% Apositionalität Positionalität zentrische Positionalität exzentrische Positionalität Abbildung 1: Positionalität als Modal Plessner hatte in diesem Sinne Positionalität als „Modal“, d.h. als organische Fundamentalkategorie angesehen und apositionale Gebilde mit kontingenter Grenze wie Gesteinsbrocken qualitativ davon geschieden. In diesem Sinne ist nicht nur die permanente Konfrontation mit Grenzen, sondern auch Bewahrung und Bewährung des Er- worbenen in der Geschichte ein Grundzug des Lebens. Wer will, kann sich dies reduktionistisch verdeutlichen im Sinne einer Bewährung durch natürliche Selektion und Bewahrung der Anpassung durch Informationsspeicherung im Genom. Man kann sich aber darüber hinaus Plessners Standpunkt einer „exzentrischen Positionalität“ als hermeneutischen Ausgangspunkt eines jeden Lebensentwurfs und damit einer jeden Lebensführung zu Eigen machen. So führt die biophänomenologische Beleuchtung des Lebensbegriffes wieder auf den zentralen Begriff der „Person“, der im Mittelpunkt bioethischer Dis- kussionen steht. Eine Anforderung an diesen Beitrag war, im Hinblick auf die gespaltenen Lebensdiskurse die Begriffe Leben und Person wieder anschlussfähig zu machen. Dazu müssen moderne und klassische Le102
bensdiskurse dieser Art - ob in der Biotheoretik oder in der Biophilosophie — insbesondere angesichts eines sich zuspitzenden genomzentrierten Lebensbegriffes und der Entschlüsselung des menschlichen Genoms laufend reflektiert werden. Die Natur- und die Geisteswissenschaften und schließlich die Qualität der allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion über „das Leben“ können davon nur profitieren. Literaturhinweise Altner, G./Gebhard, W.: Bioehtik, Frankfurt a.M. 1999. Baranzke, H./Gottwald, K./Ingensiep, H.W. (Hg.): Leben Töten Essen — Anthropologische Dimensionen, Stuttgart 2000. Bertalanffy, L. v.: Theoretische Biologie, 2 Bde., Berlin 1932/1948. Cavalieri, P./P. Singer (Hg.): Menschenrechte für die Großen Menschenaffen. Mün- chen 1994. Ingensiep, H. W.: Personalismus, nicht-menschlichen Sentientismus, Biozentrismus — Grenzprobleme Bioethik, in: Theory in Biosciences, Band der 116, 1997, S. 169- 191. Ingensiep, H. W.: Natur als Hierarchie? Zur Geschichte und Aktualität einer Idee, in: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik, Heft 1/1999, S. 6-19. Ingensiep, H. W.: Geschichte der Pflanzenseele. Philosophische und biologische Entwürfe. Von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 2001. Meyer-Abich, K. M.: Praktische Naturphilosophie des menschlichen Handelns im Ganzen der Natur, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1997, S. 138-151. Murphy, M. P./O 'Neill, L. A. J. (Hg.): Was ist Leben? Die Zukunft der Biologie. Eine alte Frage in neuem Licht — 50 Jahre nach Erwin Schrödinger, Heidelberg 1997. Plessner, H., Die Stufen des Organischen und der Mensch, 3. Aufl., Berlin, New York 1979. Riedl, R.: Die Ordnung des Lebendigen. Systembedingungen der Evolution, Hamburg, Berlin 1975. Schrödinger, E.: What is Life?, Cambridge 1944. Seyffert, W./Gassen, H. G./Hess, O./Jäckle, H./Fischbach, K.-F. (Hg.): Lehrbuch der Genetik, Stuttgart 1998. Stöcker, R.: Der Hirntod. Ein medizinisches Transformation, München 1999. Problem und seine moralphilosophische
Günter Altner Ressource Mensch — Über biotechnischen Fortschritt und Würde des Menschen Als im Mai 2001 mit der Berufung des Nationalen Ethikrates, der „Berliner Rede“ des Bundespräsidenten und dann auch mit der Gentechnik-Debatte im Deutschen Bundestag die Biomedizin-Gentech- nik-Diskussion einen neuen Grad an Öffentlichkeit gewann, meinten viele, jetzt habe die ethische Auseinandersetzung mit der Biomedizin begonnen. Aber das war ein Irrtum. Die Diskussion läuft seit über zwei Jahrzehnten und dies nicht nur in vertrauten Zirkeln zwischen Fachleuten und Berufsethikern. Blickt man auf die zurückliegende Diskussion, so sind neben anderen Facetten insbesondere zwei Ten- denzen bezeichnend: 1. Die biomolekulare Zentrierung des Blickwinkels wurde zunächst auf nichtmenschlichen Anwendungsfeldern geübt, nicht zuletzt im tiermedizinischen Bereich. Die Einfügung von Genen, insbesonde- re von Wachstumsgenen, in Säugetierkeime kam in Mode: Erzeugung von Supersauen, Superlachsen ... Bezeichnend auch, dass die umfangreich angelaufenen „Dolly“ hervorbrachten. Klonversuche schließlich das Schaf Die belebte Natur nichts anderes als ein molekularer Baukasten, in dem nach Pläsier und Interesse Verände- rungen ausgelöst werden können?! Die konkrete, im Verlaufe von Evolutions- und Züchtungsprozessen herausgebildete Lebensgestalt ist offenbar nicht mehr beachtens- und schonenswert. Diese Praxis legte es nahe, dass eine entsprechende Einstellung auch auf den Menschen übertragen wird. 2. Und in der Tat ist ein jahrelanges Zusammenwachsen von Fortpflanzungsmedizin und Gentechnik im menschlichen Bereich zu beobachten. Mit der technischen Perfektionierung der Laborbefruchtung und der biotechnischen Steuerung der frühen Keimes- entwicklung wurde die Fortpflanzungsmedizin zum Einfallstor für gentechnische Eingriffsabsichten. Das Verfahren der Einfügung von Genen (Gentherapie) wurde zunächst im somatischen Bereich 104
zur Bekämpfung von erblich bedingten Krankheiten (z.B. Krebs) geübt, blieb aber bis heute mit erheblichen Mängeln und Risiken behaftet. Der gezielte gentherapeutische Eingriff in die Keimbahn lässt also noch auf sich warten. Schließlich führte die vollständige Durchsequenzierung des menschlichen Erbgutes zu einem Er- kenntnisstand, der in den kommenden Jahren zur Eröffnung neuer Theorien, aber auch neuer Auslese- und Eingriffsmöglichkeiten beitragen könnte. Wenn also heute die Präimplantationsdiagnostik und die Stammzellenforschung im Zentrum des wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses stehen, so sind diese Verfahren das Ergebnis einer langen Vorgeschichte. Aber sie sind gleichzeitig auch Zwischenergebnis einer viel breiter angelegten Entwicklung, die bald zu neuen Eingriffsmög- lichkeiten führen wird. Stehen wir am Rand weit ausufernder Ver- suchsfelder mit menschlichen Embryonen? Bei dem Streit um die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik und der Herstellung embryonaler Stammzellen geht es um die Bewertung ungeborenen menschlichen Lebens. Schon Mensch? Noch nicht Mensch? Der frühe menschliche Embryo nur ein winziger Zellhaufen? Die molekularbiologische Rasterung der Lebensformen, die von der konkreten Lebensgestalt abstrahiert und sich auf die molekularen Bausteine und ihre Wechselwirkungen konzentriert, trifft den Men- schen am ehesten dort, wo er noch nicht oder nicht mehr als Person erkennbar ist. Die ethischen Probleme der modernen Biomedizin beginnen nicht erst auf den Anwendungsfeldern, sie sind vielmehr me- thodisch durch den abstrahierenden Blickwinkel der molekularen Biologie bedingt und bringen das Erscheinungsbild des Menschen als Person von vornherein zum Verschwinden. Längst bevor hier diagnostiziert, ausgelesen oder manipuliert wurde, ist eine Grundentscheidung gefallen, die kaum wieder aufgehoben werden kann. Die moderne Biologie ist punktgenau. Aber ist sie auch sozial? Man muss diese Situation als ein prinzipielles Problem sehen, wenn man sich den aktuellen Streitigkeiten zuwendet. Hier dominieren, wenn es um die Lockerung des Embryonenschutzes geht, taktische Argumente, die nicht zur Lösung der aktuellen Probleme beitragen, die vielmehr diktiert sind von Zugriffsinteressen, auch wenn vielfach therapeutische Ziele beschworen werden. Um es an Beispielen zu verdeutlichen: Zur Legitimierung des Zugriffs auf menschliche Embryonen wird auf die schon bestehenden 105
Ausnahmen hingewiesen: auf die Schwangerschaft verhütende Spirale, die gesetzlich legitimierte Abtreibungspraxis, die medizinisch indizierte Spätabtreibung. Und das generelle Argument, das daran angeschlossen wird, lautet: Wenn hier Tötung ungeborenen menschlichen Lebens zugelassen ist, warum dann nicht auch Tötung ganz am Anfang aus guten therapeutischen Gründen zur Herstellung von Stammzellen und zur Vermeidung schwerkranken Lebens? Ungeachtet der Notwendigkeit, jeden einzelnen dieser Fälle hinsichtlich seiner sozialen Rahmenbedingungen sorgfältig zu diskutieren, lautet die generelle Antwort: Keiner dieser Fälle kann und darf zur Legitimierung wissenschaftlicher Eingriffsabsichten herangezogen werden. Umgekehrt muss — auf der Grundlage der inzwischen eingetretenen Sensibilisierung — die Verantwortlichkeit dieser Fälle erneut zur Diskussion gestellt werden. Das Kriterium der Widerspruchsfreiheit im Umgang mit ungeborenem menschlichen Leben kann ja nicht dazu benutzt werden, einer fragwürdigen, aber auch aus sehr verschiedenen Lebenssituationen re- sultierenden Praxis einen weiteren problematischen Ausnahmefall hinzuzufügen. Im Letzten steht hinter dieser auf Folgerichtigkeit pochenden Argumentationsstrategie die Absicht, die Verfügungsmöglichkeiten über ungeborenes menschliches Leben auszuweiten und es zum Mittel für medizinische Zwecke zu machen. Ferner ist zu unterstreichen, dass im Falle der auf weit vorausliegende therapeutische Ziele orientierten Stammzellenforschung keine soziale Zwangssituation vorliegt, sondern eine klare Verfügungsab- sicht, die aus Erkenntnisinteressen und einem bestimmten therapeutischen Kalkül resultiert. In diesem Zusammenhang wird als weiteres Argument zur Legitimierung des Eingriffs in ungeborenes menschliches Leben die Statusdefinition hinsichtlich des menschlichen Embryos eingeführt. Dabei stehen sich graduelle und prinzipielle Definitionen gegenüber. Bei der graduellen Statusdefinition des Embryos sind eine biologisch-vergleichende und eine philosophisch-utilitaristische Variante zu unterscheiden. Beide Begründungsversuche relativieren die Mensch- lichkeit des frühen Embryos. Die biologischen Definitionsversuche zur Ermittlung des Eintritts in die Menschlichkeit sind durch eine unendliche und im Letzten nie abschließbare Parameterdiskussion gekennzeichnet. So wurden u.a. als Kriterien genannt: die Einnistung in die Gebärmutter, die Ausdifferenzierung des Neokortex, die Er106
fahrbarkeit der Bewegung des Fötus im Mutterleib, die Fähigkeit des medizingestützten Überlebens ... Die so ins Feld geführten Kriterien haben bis heute nicht zur Klärung der Frage geführt, wo denn nun eigentlich menschliches Leben beginnt. Die Schwäche dieser biologisch-vergleichenden Kriterien liegt insbesondere darin, dass sie prinzipiell unterhalb jeder Wesensbestimmung des Menschen angesiedelt sind und durch Überfrachtung des biologischen Argumentes eine Definition des Menschen erschleichen. Es handelt sich eben nur um Indizien, die auf eine sehr indirekte Weise als Hinweis auf menschliche Existenz verstanden werden können. Bei der philosophisch-utilitaristischen Argumentation liegt der Ausgangspunkt für die Definition des Menschen am entgegengesetzten Ende. Unter der Voraussetzung eines normal ausgebildeten erwachsenen Menschen werden Selbstbewusstsein, Rationalität, Zu- kunftsfähigkeit ... als Kriterien für Menschlichkeit erhoben und retrospektiv zur Beurteilung des Fötus benutzt. Dabei erweist sich geradezu zwangsweise der menschliche Embryo als eine defizitäre menschliche Existenz. (Bei Peter Singer führt dieses Vorgehen dazu, dass auch Neugeborene noch nicht im vollen Stand des Menschseins gesehen werden.) Der Bundespräsident hat in seiner Berliner Rede vom Mai 2001 im Blick auf die Bewertung des ungeborenen menschlichen Lebens einen prinzipiellen Standpunkt eingenommen.! Er bringt sehr deutlich zum Ausdruck, dass das grundsätzliche Argument zum Schutz des ungeborenen Lebens (in allen seinen Stadien) den Menschen als ein auf Zeit angelegtes Wesen immer unter dem Schutzschirm der ihm zugesprochenen Würde sieht. Das betrifft nicht nur den Embryo, sondern auch den gesamten Komplex von Zeugung, Schwanger- schaft und Geburt unter der jeweiligen Konstellation unverwechselbarer Biographien. Wer daher menschliche Embryonen als Ressource für medizinische Forschungszwecke beansprucht, muss wissen, dass er damit die soziale Dimension biotechnisch der menschlichen Mögliche die Geburtlichkeit soziale ignoriert. Wenn Ausgestaltung von das Zeugung, Schwangerschaft und Geburt bestimmt und nicht mehr soziale Dienstleistung im Sinne menschlicher Hilfestellung ist, dann stehen die Dinge auf dem Kopf. Bei dem Bemühen, die Auswahl und die Realisierung medizinischer Forschungsabsichten an soziale Kriterien zu binden, ist keinerlei 107
Forschungsfeindlichkeit im Spiel. Es geht vielmehr um die Gewährleistung einer humanen Medizin. Die Diskussion über die Gewinnung von Stammzellen — entweder embryonal oder adult — zeigt sehr klar, dass der soziale Vorbehalt zugunsten der Menschenwürde erfinderisch macht und zu einer Diversifizierung der zunächst für unumgänglich gehaltenen Forschungswege führt. Das Prinzip, dass mit menschlichem Leben ohne informierte Zustimmung nicht experimentiert werden darf, ist seit 1945 internationaler Grundsatz in der Medizinforschung gewesen. Wie viel Hilfe verdanken wir dieser Tradition! Warum sollten wir diesen Weg auf der Grundlage der modernen Medizin nicht fortsetzen!? Es mag ja sein, dass die soziale Rückbindung medizinischer Forschungsmethoden im internationalen Vergleich zunächst zu Verzöge- rungen führt. Betrachtet man aber den Gesamtzusammenhang langfristig, so kann gar kein Zweifel darüber bestehen, dass die Methoden und Ergebnisse einer humanen Medizin auf Dauer den Sieg gegenüber den ausbeutenden Varianten auf dem Weltmarkt davontragen werden. Wenn es nun um die gesellschaftliche Realisierung einer solchen Orientierung geht, ist der primäre Verantwortungsträger das Volk selber. Die von ihm gewählten Parlamentarier und die von diesen gebildeten Regierungen stehen im Dienst des Volkes. Das wird nicht nur von den meisten Wissenschaftlern, sondern auch von vielen politischen Verantwortungsträgern vergessen. Wenn der Bundeskanzler die Gentechnik in der Anwendung auf den Menschen durch Berufung eines Nationalen Ethikrates zur Chefsache zu machen versucht und dabei an den bestehenden Institutionen (Ethikbeirat im Ge- sundheitsministerium, Enquete-Kommission für Biomedizin) vorbeiagiert, so ist das der bedenkliche und zugleich dilettantische Versuch, eine bestimmte Interessenpolitik am Volk vorbei zu betreiben. In diesen Kontext einer demokratisch ungezügelten Interessenund Ressourcenpolitik passt auch das Vorgehen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die anlässlich der Kanzler-Initiative ihre Zurückhaltung fahren ließ, die Gunst der Stunde nutzte und für For- schung mit embryonalen Stammzellen plädierte. Bei diesen Versuchen, die Claims für eine nutzungsträchtige Bio-Forschung im emb- ryonalen Bereich abzustecken, stellt das Vorpreschen des nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Clement ein besonderes Stück fragwürdiger Interessenpolitik dar. Kaum hatte der Bundestag die 108
ethische Debatte über die Zulässigkeit der Embryonenforschung begonnen, preschte er vor und versuchte, für den an der Bonner Universität forschenden Professor Oliver Brüstle schon einmal Embryonen aus Israel zu besorgen ... So verschieden und diffus inzwischen die ethischen Überzeugungen im öffentlichen Bewusstsein sein mögen — gestern Sozialstaat, heute die Ich-AG, morgen die virtuellen Communities, gestern christliche Grundsätze und Kant’scher Idealismus, heute utilitaristi- scher Zweckoptimismus —, so bleibt es doch dabei, dass das unser Gemeinweisen tragende Grundgesetz zum Nachdenken in abgestimmter Gemeinsamkeit verpflichtet. Hier gibt es-auch keine absolute Freiheit der Forschung. Mit guten Gründen betont Jutta Limbach, die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, dass verlangt werden darf, „dass bei der Planung und Beurteilung wissenschaftlicher Er- kenntnisse die gesellschaftlichen Folgen bedacht werden ... Ist aber der Schutzbereich der verfassungsrechtlichen Garantie der menschlichen Würde tangiert, so hat die Freiheit der Forschung zurückzutreten“. Ohne den leidenschaftlichen und öffentlichen Diskurs über die Tragweite der in der Verfassung garantierten Menschenwürde steht es um die Chancen für eine humane, nicht ausbeutende Medizin schlecht, wird der Mensch zur Ressource einer immer weiter ausufernden biotechnischen Manipulationskunst. Anmerkungen 1 Frankfurter Rundschau vom 19. Mai 2001, S. 7. 2 Frankfurter Rundschau vom 1. Juni 2001, S. 16. Literaturhinweise Altner, G.: Leben in der Hand: des Menschen. Die Brisanz des biotechnischen Fortschritts, 2. Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000. Altner, G.: Leben auf Bestellung? Das gefährliche Dilemma der Gentechnologie, Freiburg i.Br.: Herder Verlag 1988. Chargaff, E.: Das Feuer des Heraklit. Skizzen aus einem Leben vor der Natur, Stuttgart: Klett-Cotta 1979. Jonas, H.: Das Prinzip Verantwortung, 4. Aufl., Frankfurt: Insel Verlag 1984. Singer, P.: Praktische Ethik, Stuttgart: Reclam 1984.
Michael Emmrich Maßlose Wissenschaft Die letzte Hürde ist gefallen. US-Forscher haben genmanipulierte Babys geschaffen. Die Gen- und Biorevolution zeigt damit immer mehr ihre hässliche, verantwortungslose Seite. Frei nach dem Motto: Wo es keine Grenzen gibt, gibt es auch keine Grenzübertritte mehr. Parallel hat sich in Deutschland die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Vernichtung menschlicher Embryonen ausgesprochen, um an für die Medizin wichtige Stammzellen zu kommen. Und deutsche Forschungs- und Gesundheitsministerinnen reden eugenischen Tendenzen das Wort. Sie wollen die Zerstörung von Emb- ryonen nach einem Gentest erlauben. All dies wirft ein grelles Schlaglicht auf die Maßlosigkeit moderner Wissenschaft. Der Eingriff in die menschliche Keimbahn galt bisher als Tabu, das Verbot als international akzeptiert. Allerdings konnten sich einige Wissenschaftler immer schon vorstellen, unter bestimmten Bedingungen die Geschlechtszellen von menschlichen Embryonen zu manipulieren. Zum Beispiel, um schwerste Krankheiten zu verhindern. Aber schon damit verbinden sich eine Reihe hoch problematischer Aspekte. Etwa: Bei welcher Krankheit wäre der Eingriff gerechtfer- tigt? Ist es grundsätzlich erlaubt, in die Keimbahn einzugreifen? Denn diese Veränderungen werden an die nächste Generation weitergege- ben. Lässt sich überhaupt eine verlässliche Grenze zwischen Gesundheit und Lifestyle ziehen? Wo also beginnt die Designer-Gesellschaft? In den USA wurde das Erbgut von drei Menschen zusammenge- mischt, um überhaupt erst die Chance auf eine Schwangerschaft zu erhalten. Begründet wird der Vorstoß zum einen mit den mutmaßlich gesunden Babys, zum anderen mit dem Helfer-Argument. Exakt so war es auch, als vor mehr als 20 Jahren mit Louise Brown das erste so genannte Retortenbaby geboren wurde. Ein damals umstrittener, heute weithin akzeptierter Vorgang. Unter dem Strich ist Forschern also vieles recht, um ihre Interessen und die ihrer Kunden durchzusetzen. Dabei verdrängen sie stets, dass 110
es um mehr als das Arzt-Patienten-Verhältnis geht. Beide wirken mit ihren Handlungen direkt in die Gesellschaft hinein. Die genmanipulierten Babys betreffen deshalb die Gemeinschaft insgesamt, die Kultur eines Gemeinwesens, sein Sozialverhalten, seine Bindungskräfte und die Richtung seiner Entwicklung. Typisch war in den USA, dass die Forscher der Öffentlichkeit nur das Ergebnis präsentierten. Über das Für und Wider zu streiten gab es keine Gelegenheit. Dies ist in Deutschland zumindest zum Teil anders. Denn die DFG trägt ihre Position vorher öffentlich vor. Dabei hat sie allerdings ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Und zugleich ihren Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacher öffentlich desavouiert. Mit ihrer Forderung, das Embryonenschutzgesetz zu lockern und auch in Deutschland die Vernichtung von Embryonen zuzulassen, hat die DFG ohne Not den gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt. Dabei ist ihre Kehrtwende weder wissenschaftlich noch ethisch nachvollziehbar. Denn noch bis vor kurzem stand die DFG zumindest öffentlich zum Embryonenschutzgesetz. Ihr Präsident begründete unverdrossen, warum der Embryonenverbrauch zur Gewinnung der viel versprechenden Stammzellen nicht nötig sei und die Forschung hier zu Lande vielmehr auf die weniger bedenkliche Alternative der erwachsenen Stammzellen setzen sollte. Denn dafür muss kein Embryo zerstört . werden. Die wissenschaftliche Debatte der jüngsten Zeit stützt die neue DFG-Position kaum, die ethische gar nicht. Zudem gilt in Deutsch- land der vom Verfassungsgericht verkündete Grundsatz, dass auch Embryonen Menschenwürde zukommt. Darum geht es im Kern: ob ein hoher Verfassungsgrundsatz über Bord geworfen werden soll. Auf der Gegenseite stehen bisher lediglich Hoffnungen, Vermutungen, Verheißungen. Und selbst wenn es Gewissheit wäre, dass aus zerstörten Embryonen gewonnene Stammzellen medizinisch wertvoll sind, muss die Abwägung nicht notwendig zu Lasten der Embryos gehen. Was die DFG fordert, ist nichts weniger, als dass menschliches Le- ben zum Abwägungsgegenstand wird. Das muss dann nicht bei Emb- ryonen stehen bleiben, sondern kann einmal auch für Demente, Koma-Patienten und Alte gelten. Die DFG rüttelt deshalb an einem humanen Menschenbild: weil sie die Illusion nährt, ein Leben ohne Krankheit sei möglich, Gebrechlichkeit technisch zu bewältigen, und weil sie die Menschen beim alten Traum von der leidfreien Gesell- schaft packt. 111
Ein kurzer Blick zurück auf die Versprechungen der Medizin in den vergangenen Jahrzehnten zeigt jedoch, dass der häufig propagierte Sieg über Krebs, Alzheimer und Aids nur in den Köpfen und Träumen der Forscher stattgefunden hat, nicht in der Wirklichkeit. Krankheitsbekämpfung kann nicht grenzenlos sein. Schon gar nicht dort, wo andere das Leben dafür lassen müssen. Die Medizin wird pervers, wenn sie Leben als bloßen Bausatz begreift und nur dann noch helfen und heilen kann, wenn sie dafür zerstören und ver- nichten muss. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages abgedruckt aus der „Frankfurter Rund- schau“ vom 8. Mai 2001. KKKKK „Diabolischer Imperativ: Dass alles, was gemacht werden kann, gemacht werden muss.“ Erwin Chargaff KK
Michael Müller Gesundheit braucht neues Denken — Umwelt- und Gesundheitsschutz gehören zusammen Wende in der Gesundheitspolitik?! Der Medizinsektor ist eine der wichtigsten Wirtschaftsbranchen in unserem Land. Er setzt im Jahr mehr als eine halbe Billion DM um, rund 12 Prozent aller Beschäftigten sind direkt oder indirekt von ihm abhängig. Bei Forschung und Innovationen hat die Medizintechnik eine strategische Bedeutung, ihre Produkte haben in der Regel eine hohe Wertschöpfung (vgl. WHO zeigen: Gesundheit 1998). Diese wenigen Stichworte ist ein zentrales Zukunftsthema — ökonomisch, sozial und auch ökologisch. Deutschland war lange Zeit führend im medizinischen Fortschritt; in den letzten zwei Jahrzehnten ist es aber zurückgefallen. Grundlegende Reformen stehen an, doch altes Denken herrscht vor. Unser Gesundheitssystem ist nicht zukunftsfähig. Bisher ist die öffentliche Debatte vornehmlich auf Kosten- und Organisationsfragen beschränkt. Einsparung heißt das Thema. In der Konsequenz besteht die Gefahr, dass es auf einem relativ hohen Niveau zu einer „Zwei-Klassen-Medizin“ kommt, in der Kassenpatien- ten in einem weit geringeren Umfang als bisher Zugang zu medizinischen Therapien haben. Ohne strukturelle Reformen Umdenken heißt aber, vor tut sich damit eine Sackgasse auf. allem die Ursachen von chronischen Krankheiten ins Zentrum zu rücken. Hier gibt es Parallelen: Wie in der Umweltpolitik muss es auch in der Gesundheitspolitik heißen: Vorsorgen ist besser, als teuer zu heilen. Dabei ist eine saubere Umwelt eine wesentliche Voraussetzung, dass Menschen gesund zur Welt kommen, gesund heranwachsen und gesund leben können. Vorsorge, als Grundsatz in der Umweltpolitik längst akzeptiert, wenn auch nicht immer praktiziert, gilt in der Gesundheitspolitik noch lange nicht. Im Gegenteil: Das System verdient an seinen eige115
nen Fehlleistungen. Es setzt in der Regel nicht beim Erhalt der Gesundheit an, sondern erst, wenn die Krankheit schon da ist (vgl. Schwartz et al. 1998). Neues Denken sieht dagegen nicht nur die jeweiligen Krankheitssymptome und die genetische Disposition, sondern beachtet auch die Wechselbeziehungen mit den Sozialverhältnissen und den Umweltbedingungen. Kreisläufe und Zusammenhänge kommen in den Blick. Hier liegt der Schlüssel, um die Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten wirksam einzudämmen (vgl. Wichmann 1996). Die stärkere Ausrichtung auf die sozialen und ökologischen Ursachen von Krankheit oder Wohlbefinden ist ein notwendiger Schritt, um den hohen Modernisierungsbedarf im Gesundheitssystem abzubauen. Gesundheitsförderung — eine Aufgabe mit Zukunft Medizin und Medizintechnik haben in Deutschland durch eine leistungsfähige Wissenschaft gute Möglichkeiten, künftig (wieder) eine wichtige Rolle einzunehmen. Wenn es zu einer Wende in Richtung auf Gesundheitsförderung Arbeitsplätze gung könnte vorhandenen nisatorische kommt, könnten nicht nur hochwertige geschaffen und neue Märkte erschlossen, die Versorauch solidarisch ermöglicht werden. Dafür müssen die Kompetenzen gebündelt und zielgerichtet für die orgaErneuerung von Medizin und Medizintechnik genutzt werden (vgl. Grönemeyer 2000). Qualitativ hoch stehende medizinische Leistungen und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sind durchaus gefragt. Ohne Neuausrichtung kommen sie aber nur unzureichend auf den Markt. Die Gesundheitsförderung fragt nach den Ursachen und Bedingungen im Wechselverhältnis von Gesundheit und Krankheit, denn in das Ent- stehen von Krankheiten wirken auch kulturelle, soziale und ökologische Faktoren hinein. Vereinfacht lassen sich diese Faktoren wie folgt einteilen (vgl. SRU 1987): e die soziale Situation, die Arbeitswelt, soziale Kontakte und das all- gemeine Wohlbefinden. e die alltäglichen Umweltbelastungen wie Chemisierung, künstliche Ionisation oder Lärm. Mit dem Anwachsen des umwelttoxikologischen Potenzials, individueller Überforderung, sozialer Ausgrenzung und zunehmender Hektik entsteht eine neue „Normalität“ im Krankheitsgeschehen. 114
Viele Krankheiten werden zwar nicht unmittelbar von diesen Faktoren hervorgerufen, aber durch sie ausgelöst oder verstärkt; sie ent- springen komplizierten Wechselbeziehungen, langfristigen Anreicherungen oder spezifischen Dosis-Wirkungs-Verhältnissen. Die moderne Zivilisation leidet also auch an der Umwelt; der wirt- schaftlich-technische Fortschritt fordert seinen Preis. Das Gegenargument ist bekannt, natürlich werden die Menschen heute älter als früher. Aber richtig ist auch, dass die Belastungen größer und die Aufwendungen höher werden. Es bleibt nicht ohne Konsequenzen, wenn die Umwelt- und Stressbelastungen zunehmen, Abläufe beschleunigt und Menschen immer öfter aus gefestigten Zusammenhängen „Hochgeschwindigkeitsgesellschaft“ herausgelöst werden. spiegelt sich auch Die im Gesund- heitszustand der Menschen wider (vgl. IGUMED 1996). Überstimulation einerseits und Identitätsverlust andererseits sind wichtige Ursachen für das Entstehen neuer Krankheiten, die nicht allein mit Medikamenten und medizinischen Behandlungen geheilt werden können. Sie machen zuerst mehr Arbeits- und Lebensqualität not- wendig. Moderne Gesundheitspolitik heißt deshalb: Im Zentrum muss die gesundheitsfördernde Gestaltung der Arbeits- und Lebensbedingungen stehen — bessere Arbeitsbedingungen, eine saubere Umwelt und ein umweltbewusster Lebensstil. Das heutige Gesundheitssystem verdient dagegen zuerst am Kranksein, nur wenig am vorsorgenden Erhalt der Gesundheit. Entschei- dende Ursachen für diese Fehlentwicklungen liegen in der übermächtigen Anbieterorientierung und in überholten kurativ-reaktiven Leit- vorstellungen. Besonders problematisch ist die Gleichsetzung der Anbieterinteressen mit Gesundheitsbedürfnissen. Der Medizinbetrieb ist vorrangig auf die Diagnostik und Behand- lung objektiver Schädigungen und funktionaler Störungen ausgerichtet. Vernetzte Zusammenhänge werden (zu) wenig beachtet, soziale und ökologische Ursachen von Krankheiten weitgehend ausgeblendet. So werden Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden, immer häufiger einer reinen „Medikalisierung“ der Beschwerden unterworfen, weil der klassische Medizinbetrieb ihnen nicht mehr hel- fen kann (vgl. Bastian 1998). Die Alarmsignale werden lauter, Krankheiten, die auf Umweltfak- toren zurückzuführen sind, häufiger: Die Zahl der Allergien und 115
Immundefekte steigt an, Krebs, Rheuma und Atemwegsentzündun- gen sind zu weit verbreiteten Volkskrankheiten geworden. Neuere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass rund 100 Millionen Menschen in den USA chronisch erkrankt sind, besonders eklatant ist der wachsende Anteil von Kindern und Jugendlichen hieran. In Deutschland leiden ca. 25 Millionen Menschen an Beschwerden wie Allergien, Immundefekten oder Atemwegserkrankungen (Med Plus 1998). Immer häufiger kann ihnen nach der erfolglosen Rundum-Überweisung nicht mehr geholfen werden. Schon heute grenzt das traditionelle Gesundheitssystem ca. zwei Millionen Patienten als „austherapiert“ aus oder stellt sie als „Ökochonder“ hin - als eingebildete Kranke. Die alltägliche Routine in Praxen, Krankenhäusern und Kassen be- gegnet der Zunahme chronisch kranker Patienten meist mit ungeeigneten, aber kostentreibenden Behandlungsmethoden von Internisten, die nicht helfen können, oder Neurologen, die am Ende die Psyche der Kranken verantwortlich machen. Doch selbst wenn keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Ketten herzustellen sind, was bei Umweltgiften der Fall sein kann, darf dies kein Grund sein, das Problem auf die Psychologen abzuwälzen. Umwelteinflüsse, Stress, falsche Ernährung oder Bewegungsmangel überfordern den Körper. Leistungsschwankungen, Konzentrationsschwächen, vorzeitige Alterungsprozesse und eine Zunahme chroni- scher Zivilisationskrankheiten sind die Folgen. Dennoch ist das Bewusstsein für eine — auch ökologisch ausgerichtete — Gesundheitsvor- sorge bisher kaum vorhanden. In der Konsequenz profitiert das System vor allem von seinen Fehlleistungen. Es ist antiquiert, obwohl im Grunde unstrittig ist, dass Krankheiten heute oftmals andere Ursachen haben als in der frühindustrialisierten Welt. Moderne Gesundheitspolitik muss von daher die „Krankheit vor der Krankheit“ sehen und diese durch eine aktive Gesundheitsvorsorge verhindern. Heute setzt die Versorgung zu spät ein, um wirksam zu helfen. Die übliche Stufendiagnostik kann die vielfältigen Ursachen chronischer Krankheiten meist nur unzureichend erfassen. Innovative Methoden, die Abhilfe versprechen, können sich nur schwer gegen die etablierten Interessen des Medizinbetriebs durchsetzen. Der vorherrschende Dualismus zwischen Facharzt und Krankenhaus und ein in vielen Regionen konservatives Gutachterwesen verfestigen diese Strukturen. Die hohen Gewinninteressen großer multi116
nationaler Medizinanbieter und das Beharrungsvermögen der Standesorganisationen verschwenden im Milliardengeschäft Gesundheit wertvolle Ressourcen, denn bessere Hilfe wäre möglich. Weil es in erster Linie ein Reparaturbetrieb ist, gerät das Gesundheitswesen angesichts veränderter Krankheitsbilder an Grenzen. Es hat sich von der fürsorglichen Betreuung der Menschen entfernt, weil es nicht frühzeitig das Entstehen komplexer Krankheitsursachen zu verhindern sucht. Die Folge ist: Immer mehr Menschen sind zwar nicht richtig krank, aber auch nicht richtig gesund. Beschwerden werden chronisch. Das Gesundheitswesen muss künftig daher Vorsorge, Gesundheitserhalt und Wohlbefinden ins Zentrum seines Selbstverständnisses und seines Tuns stellen. Vor allem aus drei Gründen sollten überfällige Reformen nicht länger verhindert werden: e aus humanitären Gründen: Die wachsende Gruppe chronisch kranker Menschen braucht wirksame Hilfe und keine folgenlose Rundumüberweisungen. e aus solidarischen Gründen: Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen hat eine wesentliche Ursache in der einseitigen Überlastung durch kostspielige Einzeltherapien. Tatsächlich sinkt der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt seit Mitte der 70er Jahre, doch ein wachsender Anteil der Leistungen wurde aus der Solidarversicherung herausgenommen. e aus wirtschaftlichen Gründen: Durch die etablierte „Krankheitspolitik“ (Zllis Huber) gerät der Gesundheitssektor ins Hintertreffen, werden Innovationschancen blockiert. Von der kurativen Medizin zur Gesundheitsförderung Ein Umsteuern zur Gesundheitsförderung eröffnet große Chancen, Innovationen einzuleiten, qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen, neue Berufe zu kreieren und neue Märkte zu erschließen. Das knüpft konzeptionell an die Vorschläge der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an, die in Erklärungen niedergelegt sind, die bisher allerdings weitgehend folgenlos waren. In ihrer Gründungserklärung vom 22. Juni 1946 hat die WHO „Gesundheit als Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur des Freiseins von Krankheit“ definiert. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Deshalb sollen die Ar117
beits- und Lebensbedingungen so gestaltet werden, dass sie das Wohlbefinden fördern. Von diesem Denken ist der alltägliche Gesundheitsbetrieb weit entfernt, obwohl, wie der Sachverständigenrat für Umweltfragen sagt, „alle Krankheiten letzten Endes auf genetische Ursachen oder solche aus der Umwelt zurückzuführen sind“ (SRU 1999). Dietrich Grönemeyer vom Medizintechnischen Institut in Bochum hat die Chancen einer modernen Gesundheitspolitik wie folgt beschrieben: Die frühzeitige Vorsorge vor Verschleiß-, Zivilisations- und Infektkrankheiten, deren Anteil ständig zunimmt, wird durch den Einsatz von moderner Labormedizin und radiologischer, immunologischer und umweltmedizinischer Diagnostik möglich, ebenso durch die gezielte Nutzung von HightechTherapieverfahren wie sanften endoskopischen Operationsweisen, der Mikrotherapie und naturheilkundlichen Behandlungsverfahren. Eine ganzheitlich ausgerichtete Betrachtungsweise von Gesundheit stärkt die Vorsorge, fördert die Verantwortung des Einzelnen und erhöht in der Gesellschaft das Bewusstsein für den Gesundheitsschutz. Sie steigert die Präzision in Diagnostik und Therapie und optimiert durch die Möglichkeiten einer Computervernetzung den Kontakt und die Betreuung zwischen Arzt und Patient. (Grönemeyer 2000, S. 8) Von großer Bedeutung ist dabei der Ausbau der Immuntherapie als wichtige Säule einer aktiven Gesundheitsförderung. Ein intaktes Immunsystem schützt vor Krankheiten und Zellschädigungen. Umgekehrt schwächt die Überbeanspruchung die natürliche Abwehr. Durch hohe Umweltbelastungen werden die Abwehrkräfte des Menschen dauernden Einflüssen durch Keime, Toxine und Allergene ausgesetzt. Dadurch nehmen therapieresistente Infektionen und chronische Erkrankungen zu, die mit herkömmlichen Methoden zu- meist erst nach einem längeren Zeitraum festgestellt werden. Dagegen kann die Immuntherapie Defizite frühzeitig erfassen und gezielte Gegenmaßnahmen einleiten. Die Kosten einer modernen Gesundheitsversorgung werden sich unterschiedlich entwickeln. Teilbereiche wie Tumortherapie, Umweltmedizin, Infektionsbehandlung oder Immuntherapie, aber auch die fürsorgliche Betreuung und intensivere Beratung werden teuer bleiben. Andere Sektoren werden dagegen durch höhere Eigenverantwortung, durch optimierte Behandlungen oder ambulante Operationsmethoden preiswerter werden. Grönemeyer weist darauf hin, dass dafür allerdings der Dualismus von ambulanter und stationärer Therapie aufgehoben werden muss (a.a.O., S. 10). 118
Innerhalb der Medizin verändern sich die Berufsbilder, enge Ab- grenzungen brechen auf. Der technische Fortschritt macht miniaturi- sierte Methoden sowie neue diagnostische und schonende therapeutische Verfahren möglich. Die Umweltmedizin wird in das Gesamtsystem integriert. Der Arzt lernt auch, soziale Zusammenhänge besser zu bewerten. Die Menschen selbst werden stärker in die Gesundheitsvorsorge einbezogen. Der Hausarzt wird zum „Gesundheitsmanager“ und nimmt eine Lotsenrolle durch das Gesundheitssystem ein. Viele Ärzte und Patienten sehen mit Sorge, dass in Deutschland die Weichen ähnlich gestellt werden könnten wie in anderen Ländern, die von der solidarischen Versorgung abgegangen sind. Ein besonders negatives Beispiel ist dabei das englische Gesundheitssystem, das tatsächlich zu einer Zwei-Klassen-Medizin geworden ist. Selbst in akuten Fällen muss der englische Patient bisweilen mit monatelangen Wartezeiten rechnen, wogegen Privatkunden zu deutlich überhöhten Sätzen behandelt werden. Die Chancen nutzen Die moderne Medizintechnik ermöglicht es, den Menschen fürsorg- lich, verständlich und vorsorgend zu betreuen. Sie kann die Kommunikation zwischen Arzt, Patient und Gesellschaft verbessern und die Umwelt- und Sozialmedizin ausbauen. Die Bereitschaft für eine breite Unterstützung derartiger Reformen scheint da zu sein. Das Interesse der Menschen ist nirgendwo so groß wie bei der Gesundheit. Engagierte Ärzte, besorgte Eltern, innovative Wissenschaftler und informierte Journalisten können zu Akteuren für das Umsteuern werden. Deshalb ist eine öffentliche Debatte über die künftige Ausgestaltung des Gesundheitswesens notwendig. Eine qualitativ hochwertige Versorgung, die Gesundheit, Wohlbefinden und Eigenverantwortung der Menschen fördert, kann die Zeit der medizinischen Leistungserbringung verkürzen, die Kosten durch Gesundheitsförderung sen- ken, die Beteiligten zu mehr Selbsthilfe und Selbstverantwortung motivieren und sie zufriedener machen. Die WHO-Regionalstrategie „Gesundheit 2000“ nennt in diesem Zusammenhang drei Ziele: 1. Systematische Bewertungsverfahren heitsverträglicher Alternativen; unter Einbeziehung gesund119
2. Erhöhung der Lebensqualität durch aktive Umweltpolitik, Humanisierung der Arbeitswelt und Sinn stiftende Kulturangebote; 3. Einbeziehung der Bevölkerung zur Förderung des Engagements für Gesundheit und Wohlbefinden. Die EU-Umwelt- und Gesundheitsminister einigten sich bereits 1989 auf eine „Europäische Charta Umwelt und Gesundheit“. Darin hieß es: „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Umwelt, die ein höchstmögliches Maß an Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht.“ Im Jahre 1994 tagte in Helsinki die zweite „Europakonferenz Um- welt und Gesundheit“. Die „Erklärung von Helsinki“ stellte fest: Wir haben ein gemeinsames Ziel: die Lebensbedingungen und gesundheitlichen Voraussetzungen der heutigen Generation zu verbessern, um sicherzustellen, dass die Ressourcen der Natur nicht überbeansprucht werden und das Recht künftiger Generationen auf ein zufriedenstellendes, produktives Leben gewahrt bleibt. Eine nachhaltige Entwicklung kann nur durch radikale Anderungen der gegenwärtigen Produktionsverfahren und Konsumgewohnheiten bewirkt werden. Koexistenz zwischen Mensch und Natur ist eine Voraussetzung für die Zukunft der Menschheit. Wohlstand und eine nachhaltige Entwicklung basieren auf der vollen Anerkennung und dem Schutz der biologischen Vielfalt der Natur. (WHO 1994) Doch Ziele und Taten fallen auseinander, weshalb immer mehr Men- schen allergisch auf das 20. Jahrhundert reagieren. Pyrethroide und phosphororganische Produkte, die zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden, können zu Nervenerkrankungen und Immunschäden führen. Chlor in Schwimmbädern kann Defekte in der Körperabwehr auslösen. Pestizide können über die Wasserkette zu Störungen im Hormonsystem führen. Immer häufiger wird „Multiple Chemical Sensitivity“ (MCS) diagnostiziert, der Sammelbegriff für verschiedene umweltbedingte, aber unspezifische Krankheiten. Bei MCS können selbst geringe Industriechemikalien chronische Krankheiten auslösen. Das Umweltbundesamt weist auf eine starke Zunahme von MCS in Deutschland hin und der Sachverständigenrat für Umweltfragen stellt zu Recht heraus: Schwierigkeiten und wissenschaftliche Kenntnislücken dürfen nicht zu Las- ten der Bevölkerung gehen. Dies wäre jedoch der Fall, ließe man Expositio- nen grundsätzlich so lange zu, bis ein methodisch anerkannter Nachweis der Gesundheitsschädlichkeit erbracht ist. (SRU 1997) Deshalb kann die konsequente Zusammenführung von Umwelt- und Gesundheitspolitik zu Reformen führen für 120
® ein vernetztes, ganzheitliches Gesundheitssystem, das die Förderung von Wohlbefinden als vorrangige Aufgabe sieht; ® verbesserte diagnostische Verfahren und schonende Eingriffe, die präventiv und patientenorientiert sind; e eine bessere Aus- und Weiterbildung; e die zügige Umsetzung des WHO-Aktionsplans „Umwelt und Gesundheit“; e die Humanisierung der Arbeitswelt; e die Einbeziehung ökologischer und sozialer Problemlagen bei der Ermittlung von Krankheitsursachen; e die Motivierung der Bevölkerung für eine aktive Gesundheitsförderung; e eine Reform des Gutachterwesens, um innovative Verfahren an- wenden zu können; e die Förderung neuer Therapie- und Diagnoseverfahren, die immunologische, naturheilkundliche und psychosoziale Aspekte einbezieht. Die medizinische Verantwortung des Arztes bleibt unbestritten. Moderne Gesundheitspolitik ist auch kein Widerspruch zur wissenschaftlichen Forschung oder zum Einsatz von medizinischem Hightech. Aber sie verändert das Verhältnis zwischen Experten, Ärzten, Pa- tienten, Laien und Umwelt- und Verbrauchergruppen und kommt so aus den eingefahrenen Gleisen heraus. Konkrete Ansatzpunkte für das Umsteuern liegen in der Aufstellung von Belastungskatastern, Gesundheitsplänen für Städte oder Regionen oder der Förderung von Selbsthilfegruppen. Ein wichtiger Schritt könnte die Umsetzung der „Europäischen Charta“ der Europäischen Umwelt- und Gesundheitsminister und des „HelsinkiPlans“ der WHO sein, insbesondere der folgenden Ziele: e Einrichtung von Lehrstühlen für Umweltmedizin; Förderung der Immunologie für eine fein gesteuerte Therapie; umwelt- und gesundheitsverträgliche Chemiepolitik; Reform des Arbeitsschutzes, mehr Mitbestimmungsrechte; gesundheitsgerechte Stadt-, Bau- und Verkehrsplanung; gesunde Ernährung ohne belastende Zusatzstoffe durch Rückstandsminimierung und Förderung des ökologischen Landbaus. Die Bundesrepublik Deutschland kann zum Vorreiter für ein modernes Gesundheitssystem werden. Durch das Umsteuern auf Gesundheitsförderung würde nicht nur den Menschen besser geholfen, 121
es würden auch wichtige Technologie-, Dienstleistungs- und Arbeitsmärkte erschlossen. Für eine humane und moderne Medizin dürfte weltweit hohe Nachfrage bestehen. Literaturhinweise Bastian, T.: Gesundheit und Umwelt, in: Arzt und Umwelt, 11. Jg., Heft 3, 1998. Grönemeyer, D. H.W.: Medizin in Deutschland, Berlin 2000. IGUMED: Umwelt und Gesundheit, München 1996. MedPlus: Einschätzung der Häufigkeit chronischer Krankheiten, Düsseldorf 1998. Schwartz, F. W./Kikbusch, E./Wismar, N.: Ziele und Strategien der Gesundheitspolitik, München 1998. SRU (Sachverständigenrat für Umweltfragen): Jahresgutachten 1987 und 1994, Wiesbaden 1987 und 1994. UBA (Umweltbundesamt): Jahresbericht, Berlin 1997. Wichmann, H. E.: Kenntnisstand zum Thema Umwelt und Gesundheit unter beson- derer Berücksichtigung epidemiologischer Aspekte, Neuherberg 1996. WHO (Weltgesundheitsorganisation): Erklärung über Maßnahmen für Umwelt und Gesundheit in Europa, Helsinki 1994. WHO (Weltgesundheitsorganisation): World Health Report, Genf 1998. KKKKK „Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur überwinden mit Bildern einer Zukunft, die wir wirklich wollen.“ Franz Alt KKKKK
3. SESSHAFTIGKEIT — ORTSQUALITÄT Hanns-Georg Brose Zeit-Kulturen im Umbruch Beschleunigung und Kurzfristigkeit ... Der Verlust an Zukunftsoffenheit und Fortschrittsoptimismus, der die Selbstwahrnehmung moderner, westlicher Gesellschaften in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts grundierte, fand seinen Ausdruck darin, dass die Zukunft der Gesellschaft nur noch als Risiko beschrieben wurde. Als Ausweg aus dieser vielfach als Modernisierungsblockade interpretierten Situation wird seither verstärkt ein Entwicklungspfad propagiert, den man als Radikalisierung der Moderne bezeichnen könnte: Die Moderne setzt sich nicht mehr nur — wie anfangs — durch das Neue von dem Alten ab (antiqui et moderni), sie erklärt Innovation schlechthin zu ihrem Wesensmerkmal. In der suggestiven Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften als auf Innovation und Information basierenden Wissensgesellschaften ist dann per definitionem der Widerspruch schöpferischer Zerstörung als movens eingebaut: Die Grundlagen, auf denen man baut, müssen ständig wieder abgeräumt werden. Die Beschleunigung dieses Erneuerungsprozesses gewinnt einen Eigenwert. Resonanzstarke Thesen gehen deshalb auch davon aus, dass die „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Sennett) eine Kultur der Kurzfristigkeit sei und die technisch und ökonomisch forcierte Entwicklung zum „digitalen Kapitalismus“ (Glotz) von einem Kulturkampf zwischen Beschleunigern und (so Glotz: falschen) Propheten der Verlangsamung begleitet werde. ... oder Langfristigkeit und Langsamkeit? Kultur wird traditionellerweise die Funktion des Bewahrens und der „Bindung“ zugerechnet. Das gilt nicht nur für die „hohe“ Kultur, de123
ren Artefakte archiviert werden und einen wesentlichen Teil des Ge- dächtnisses der Gesellschaft darstellen. Es gilt auch für die Alltagskultur, die Unternehmenskultur usw. Konzepte von ‚avant-garde‘ oder ‚Pop-Kultur‘ reproduzieren diese Bindungsfunktion noch in ihrer Abgrenzung gegen das Motiv des Hochkulturellen bzw. in ihrem Erneuerungsimpuls. Die Verankerung sozio-ökonomischer Evolution in langfristig wirkenden Traditionen und ihre „Einbettung“ (Polanyi) in Wertbindungen steigern so die Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit der darauf spezialisierten gesellschaftlichen Funktionssysteme. Kultureller Wandel vollzieht sich also, im Gegensatz zu technischem oder ökonomischem Wandel, vergleichsweise langsam. Eine Entwicklung hin zu einer Kultur der Beschleunigung und Kurzfristigkeit wäre also ein irritierender Befund. Ihm wird die „Wiederentdeckung der Lang- samkeit“ und die Forderung nach „Entschleunigung“ schon seit längerer Zeit als Kontrastprogramm gegenübergestellt. In der Tat lassen sich nämlich verschiedene Perspektiven beobachten, die sich als evolutionäre Varianten gegen die, aber auch jenseits der Alternativen von Kurzfristigkeit und Langfristigkeit, von Be- schleunigung und Entschleunigung entwickeln könnten: Außer den normativ motivierten Versuchen oder reaktiven Entwicklungen, dem „Abräumbedarf“ des gegenwärtigen Zeitalters entgegenzuwirken, et- wa durch /nstitutionenbildung, Musealisierung und Renaissance der Langsamkeit, gibt es auch bemerkenswerte Beispiele soziokultureller Evolution, die das Anpassungspozential kurzfristiger Dispositionen mit der Tradierbarkeit, Langfristigkeit und Anschlussfähigkeit kultu- rellen Vermögens verbinden. So ermöglicht beispielsweise die moderne Technologie des „Buchdrucks auf Bestellung“ eine Kombination der Kurzfristigkeit der Kapital bindenden Lagerung und Bereitstel- lung von Büchern mit der Langfristigkeit der Verfügbarkeit eines Kulturgutes und der Bewahrung einer spezifischen Form der Schriftund Lesekultur. Eine andere Entwicklung deutet sich dort an, wo die diachrone Produktion von Ungleichzeitigkeiten im Nacheinander — ein Kennzeichen der klassischen Moderne — durch Formen der Differenzierung im Nebeneinander (Simmel; Luhmann) und die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ ergänzt wird. Dies lässt sich auf so verschiedenen Ebenen wie der Semantik des sozialen Zeitbewusstseins und in den post-bürokratischen, nach-tayloristischen Formen der Arbeitsteilung in organisierten Sozialsystemen beobachten. 124
Die „Kultur der Kurzfristigkeit“ In seinem Buch „Der flexible Mensch“ beschreibt Richard Sennett die „Kultur des neuen Kapitalismus“ als eine Kultur der Kurzfristigkeit. Er vertritt die These, dass die Veränderungen der Operationsweise von Wirtschaftsorganisationen, die sich an kurzfristiger Gewinn- erzielung orientierten, die kulturellen Grundlagen des Kapitalismus aufzehrten. Das an rastloser, aber stetiger Berufsarbeit orientierte Muster asketischer Lebensführung verliert — so Sennett - in einer solchen Wirtschaftsweise seine Überzeugungs- und Legitimationskraft. Die profan-ethischen Grundlagen des asketischen Protestantismus sind für die Welt des Kasino-Kapitalismus sogar eher hinderlich. Während die alte Arbeitsethik, die auf dem Muster aufgeschobener Bedürfnisbefriedigung, der Selbstdisziplin und dem langfristigen und stetigen Bemühen beruhte, auch zur sozialen Integration beitrug, werden die Beschäftigten im neuen, „dis-organisierten Kapitalismus“ (Lash/Urry) von Personen mit beruflichen Identitäten zu Teilnehmern an Spielen, in denen nicht mehr die Leistung, sondern nur noch der Erfolg zählt. Diese begünstige opportunistische Interessenverfolgung und zerstöre vertrauensbasierte Koordinationsmechanismen und soziale Beziehungen — auch jenseits der Arbeit. Zerstört würden also auch die Grundlagen sozialer Kohäsion in ethnischen und kulturellen Gemeinschaften. Außerdem würden die neuen For- men der Kooperation — z.B. in Teams — die eigentlichen Ver- antwortlichkeiten und Machtstrukturen „maskieren“, was strukturelle Zusammenhänge bis zur „Unlesbarkeit“ verschleiere. Sennett ver- knüpft also suggestiv Entwicklungen der Zeit- und Organisationsstruktur von Arbeit mit den - seiner Interpretation zufolge — daraus sich ergebenden Auflösungserscheinungen eines Sozialcharakters, von dem Max Weber ja behauptet hatte, dass er zur Entwicklung des ok- zidentalen Rationalismus beigetragen habe. Man kann nun die Frage stellen, ob Sennetts Diagnose wirklich zutrifft. Gehen wir zunächst aber davon aus, dass die von Sennett be- schriebenen Entwicklungstendenzen wenigstens auf struktureller Ebene zutreffen könnten. Dass also Mitgliedschaften in Organisationen immer seltener auf Dauer gelten, dass Beschäftigungsver- hältnisse von Diskontinuitäten gekennzeichnet sind und Kooperati- onsverhältnisse zunehmend flüchtig und instabil werden und dass die „Spielregeln“ klarer Verantwortlichkeit und vertrauensvoller Bezie125
hungen dabei zunehmend an Bedeutung verlieren. Sennett dürfte hier durchaus wichtige Aspekte der gegenwärtigen Entwicklung von Arbeitsstrukturen benannt haben, die in der internationalen und auch bundesdeutschen Diskussion unter Stichworten wie „Verflüssi- gung von Örganisationsgrenzen“, „Dezentralisierung“ und „Entgrenzung von Arbeit“ verhandelt werden. Funktionsbedingte Kurzfristigkeit des Wirtschafissystems Wenn wir mit Luhmann davon ausgehen, dass die Funktion des Wirtschaftssystems in der Sicherstellung knapper Güter für eine grundsätzlich unbekannte Zukunft liegt und dass dies vermittels der Regenerierung der Zahlungsfähigkeit der im Wirtschaftssystem operierenden Akteure geschieht, dann lässt sich daraus herleiten, dass diese Orientierung an einer ungewissen Zukunft zu Entscheidungen in der Gegenwart nötigt, die unter Bedingungen der Unsicherheit getroffen werden. Dies führt, so die wirtschaftswissenschaftliche Lehrmeinung, zur Diskontierung der Zukunft und zur Zeit-Präferenz, d.h. zur Orientierung an Kurzfristigkeit. Die Akteure im System der Wirtschaft operieren dabei durchaus mit unterschiedlichen Zeithorizonten. Während an Börsen im Horizont der Kurzfristigkeit gehan- delt wird, transformieren Banken kurzfristige und langfristige Zahlungsvorgänge und operieren mit ihren Zahlungsversprechen in einem mittelfristigen Zeithorizont (Baecker). Demgegenüber wird der Zeithorizont von Unternehmen als vergleichsweise langfristig eingeschätzt. Die These von der Kurzfristigkeit des am share holder value orientierten Kapitalismus besagt nun allerdings, dass Unternehmen zunehmend dazu übergehen, den zeitlichen Horizont ihrer Operatio- nen zu verkürzen. Funktion von Kultur: Verankerung und Latenzschutz Wenn also das Wirtschaftssystem, gewissermaßen funktionsbedingt, eher Kurzfristigkeit zum Modus seiner Operationen macht und hier wohl eher die Radikalisierung dieser Perspektive hervorzuheben ist, dann galt von der Funktion des kulturellen Systems in der Regel eine „komplementäre“ Ausbalancierung der zeitlichen Horizonte durch Langfristigkeit und Rekurs auf die Vergangenheit. Das kann man durchaus als gemeinsamen Bezugspunkt ansonsten unterschiedlicher Umschreibungen dessen, was als „Kultur“ definiert wird, erkennen. Sei es als tradierten Bestand tief verankerter, normativer und symbolischer Orientierungen, sei es als das „Gedächtnis“ des Gesellschaftssys126
tems, das die Funktion der Erhaltung von Strukturmustern durch Latenzschutz bedient. Dies gilt insbesondere natürlich für Handlungssysteme wie Bildung und Sozialisation, die, insofern sie die grundlegenden Kulturtechniken und Orientierungen vermitteln, in diesem Funktionssystem von besonderer Bedeutung sind. Und hier scheint es offensichtlich, dass auch die sozio-kulturelle Entwicklung vielfältige Hinweise für eine Verkürzung von Zeithorizonten gibt. Kultur und Kurzfristigkeit: Evidenzen und Gegenevidenzen Diese lassen sich vor allem an semantischen Fokussierungen auf Phänomene der Beschleunigung und der zeitlichen Verdichtung erkennen. Deutungen der gesellschaftlichen Entwicklung, die das „Tempo“ oder die „Nervosität“ des Lebens sensibel wahrnehmen (Simmel) bzw. suggestiv stilisieren, sind jedoch keinesfalls neu. In der Zusammenarbeit mit historischer Forschung sollte es möglich sein zu klären, inwieweit derartige Wahrnehmungen und Selbstbeschreibungen mentalitätsgeschichtlich zu deutende „Periodenphänomene“ die aktuelle Geschwindigkeitssemantik sind und ob (Gleick 1999) andere zeit- strukturelle Eigenschaften kultureller Orientierungen reflektiert als die an der letzten Jahrhundertwende bzw. in den futuristischen Faszinationen der zwanziger Jahre. Neben den „sichtbaren“ Gesichtspunk- ten einer Veränderung des „Iempos“ „beschleunigten Verschleiß“ von unseres Lebens Wissensbeständen und dem im Zuge einer sich selbst auf Innovation festlegenden Gesellschaft bleiben auch auf der strukturellen Ebene, im Bildungssystem und im Bereich der primären Sozialisation die Ausdrucksformen von Kurzfristigkeit unübersehbar. Die Stabilität von Familien und Haushaltskonstellationen ist im Verlaufe der letzten Jahrzehnte deutlich gesunken. Auch die Art und der Verlauf des Erwerbs von Wissen in Bildungsinstitutionen können nicht mehr als ein fragloses Stadium der Vorbereitung auf die spätere Anwendung von erworbenen und reproduzierten Wissensbeständen begriffen werden. Die aktuelle Diskussion an den deutschen Hochschulen spiegelt das wider. Und selbst im Hort von Sicherheit und Langfristigkeit, dem Recht, werden Gesetze zur Verwaltungsbeschleunigung vorbereitet, von der Kurzfristigkeit politischer Entscheidungshorizonte (Weizsäcker) ganz abgesehen. Freilich hat sich gerade auch gezeigt, dass Versuche kurzfristigen Umsteuerns in der Energiepolitik sich an der langfristigen Bindungswirkung geschlossener Verträge brechen. 127
Die Anzeichen für eine Bedeutung von Kurzfristigkeit (auch) im kulturellen System sind also mit bloßem Auge zu sehen. Dennoch: Es gibt nicht nur — gewissermaßen nach wie vor — im kulturellen und institutionellen Bereich Zeithorizonte einer (relativ) langen Dauer; es gibt nicht nur — gerade angesichts der Zunahme von Beschleunigungs- und Befristungstendenzen — durchaus massive und breit gestreute Bemühungen um eine „Verankerung“ der gegenwärtigen soziokulturellen Entwicklung in den unterschiedlichen Ausdrucksfor- men des kulturellen Erbes und seiner Tradierung. Die Bedeutung der Musealisierung der Gegenwart ist hier zu nennen, wie generell die außerordentliche Zunahme von Museumsbauten, die dieses Bedürfnis nach „Verankerung“ im kulturellen Bereich deutlich machen. Es gibt also auch, so lautet die Vermutung, unter den Bedingungen der gegenwärtigen Begrenzung von Zeithorizonten Entwicklungsmomen- te, die der Kultur der Kurzfristigkeit nicht nur Grenzen ziehen, ihr entgegenwirken, sondern sie auch in neue Formen der Verknüpfung von Kurz- und Langfristigkeit zu transformieren vermögen. So gibt es in Deutschland, durch das sog. „Arbeitnehmerüber- lassungsgesetz“ geregelt, mit der Zeitarbeit die Institutionalisierung einer neuen Beschäftigungsform. Dabei werden Arbeitskräfte, die bei einem Verleihbetrieb (relativ) dauerhaft beschäftigt sind, zu kurzfristigen Einsätzen in verschiedene Nutzerbetriebe entsandt. Die Diskontinuität des einzelnen Einsatzes kann durch Fristentransformation zu einer längerfristigen Beschäftigung verknüpft werden, insbesondere wenn die Regulierung dieser Beschäftigung „sozialverträglich“ ge- staltet wird. Auch in der Sozialpolitik wird das Prinzip der Fristentransformation dort wirksam, wo beispielsweise für Frauen familien- bedingte Unterbrechungen der Versicherungszeiten aufgrund sozial- politischer Gestaltung (Rentenreform ’92) durch Anerkennung von Ausfallzeiten in eine Kontinuität überführt werden. Und im sog. Dritten Sektor lässt sich die Zunahme punktualisierter, befristeter sozialer Unterstützung — etwa im Ehrenamt — oder die Kombination der „Event-Kultur“ mit den institutionalisierten, traditionellen Formen sozialer Hilfe hervorheben. Veränderungen im sozialen Zeitbewusstsein Soziales Zeitbewusstsein kann als eine Form der Anschauung bzw. Beobachtung von Zuständen und Veränderungen in der Gesellschaft 128
verstanden werden. In der Untersuchung von Zeitbewusstsein geht es darum, die Kategorien und Unterscheidungen, mit denen diese Beo- bachtung operiert, zu rekonstruieren. Als Beispiele können die Kate- gorien „Bewegung“, „Ereignis“, „Veränderung“ bzw. „Dauerhaftig- keit“ oder die Unterscheidung von „Zeit und Ewigkeit“, „alt und neu“ oder „vorher und nachher“ gelten. Anhand dieser (soziohisto- risch variierenden) Unterscheidungen/Beobachtungen werden Erfah- tungen geordnet, Erwartungen strukturiert, Handlungen entworfen, Erleben sortiert und insbesondere Kausalitäten konstruiert. Gleichzeitigkeit und Gegenwartsbewusstsein Im Unterschied zum „vormodernen“, zyklischen, Zeitbewusstsein, in dem Ereignisse in kontinuierlicher Wiederkehr aneinander gereiht waren, die in einer „gleichen“, immer wieder in sich zurückkehrenden Zeit aufgehoben waren, betont das moderne Zeitbewusstsein die Phänomene der Ungleichzeitigkeit, der Diskontinuität und vor allem der Differenz von Vorher und Nachher bzw. zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese Differenz, die als Neuigkeitserlebnis, als Innovation je nach Sichtweise gepriesen oder beklagt wird, kann zu pessi- mistischen oder optimistischen Erwartungen und Deutungen führen. Bei dieser Betonung von Brüchen in der Moderne bekommt das lineare Zeitbewusstsein die Aufgabe, diese Brüche in eine Kontinuität zu überführen, welche die Anschlussmöglichkeiten von Vorher und Nachher, die Erwartungen und Handlungen, vor allem aber die Re- konstruktion von Kausalitäten — auf die man sich einstellen kann — ermöglicht. Im Zuge der säkularen Umstellung des Zeitbewusstseins auf diese Form der Beobachtung verlor dadurch die Gegenwart immer mehr an „eigenem“ Orientierungswert, an Sinn. Sie schrumpfte zu einem Umschaltpunkt zwischen Zukunft und Vergangenheit und setzte die handelnden Akteure immer mehr unter Zeitdruck. Dies war so lange kein Problem, als die Zukunft als „offen“ gelten konnte, in die hinein das entstehende Neue projiziert und platziert werden ‚konnte. In dem Maße, in dem die (unbeabsichtigten) Folgewirkungen von Modernisierungsprozessen — besonders im Bereich der Ökologie — immer deutlicher spürbar geworden sind, funktionierte diese Form der „De-Futurisierung“ (Luhmann) nicht mehr fraglos. Sie geriet vielmehr unter erheblichen Rechtfertigungsdruck. Damit rückt auf neue Weise die Gegenwart in den Horizont des beobachtenden Zeitbewusstseins. Sie kann nicht mehr bloß ein Um129
schaltpunkt sein, in dem beständig Zukunft in Vergangenheit überführt wird, sondern sie muss — stärker als früher — zu einem Arran- gierraum für zukünftige Möglichkeiten und damit für Entscheidungen werden. Sie wird potenziell zur „gedehnten Gegenwart“. Damit wird aber neben der Ungleichzeitigkeit von „Vorher und Nachher“ die Gleichzeitigkeit zu einer Kategorie des (neuen) Zeitbewusstseins. Und das verschärft das Problem: Neben das Bewusstsein von den ir- reversiblen Folgen gegenwärtigen Handelns — etwa durch den Verbrauch fossiler Energien — tritt die Einsicht in die Unverfügbarkeit simultan ablaufender Handeln/Erleben Prozesse. Was gleichzeitig mit dem eigenen sich vollzieht, lässt sich nicht mehr beeinflussen; und die Beschleunigung der jeweiligen Prozesse steigert diese Unverfügbarkeit. War „Gleichzeitigkeit“ — in der Moderne — in der Kon- struktion der standardisierten Weltzeit einerseits garantiert und für die Koordination von Projekten hilfreich, so wird, in der zweiten Moderne, die Simultaneität —- und damit Unverfügbarkeit — von Ereignissen und Prozessen in einer komplexer werdenden Weltgesellschaft (Stichworte: Omnipräsenz durch Telekommunikation und Television; Globalisierung) immer bewusster. Damit wachsen die Anfor- derungen für die Bewältigung von Komplexität in der Gleichzeitigkeit. Die These ist also, dass wir uns gegenwärtig in einer Phase gesellschaftlicher Entwicklung befinden, in der die auf Diskontinuität und Ungleichzeitigkeit begründete Wahrnehmung der Zeitdimension der Welt durch eine Semantik der Gleichzeitigkeit (des Ungleichzeitigen) und eine Differenzierung des Gegenwartserlebens ergänzt wird. Museumsarchitektur — ein Beispiel ... Diese grobe Kennzeichnung der Entwicklung und Veränderung des sozialen Zeitbewusstseins von Gegenwart und Gleichzeitigkeit ließe sich in spezifischer Weise an der musealen Repräsentation der Gegenwart als historisierte Gegenwart oder als Gegenwart des Historischen untersuchen. Eine paradigmatische Bedeutung für die Symbolisierung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen kommt dagegen wohl der Architektur des Erweiterungsbaus des neuen jüdischen Museums in Berlin zu. Der Orthogonalität fast völlig vermeidende Grundriss des von Daniel Libeskind entworfenen Gebäudes enthält verschiedene, auseinander weisende, sich kreuzende Linien, Achsen, und im inneren Aufbau sich überlagernde Ebenen, in die „Leeren“ (Voids) ein- gebaut sind. 130
Void ist ein Raum, den man im Museum betritt, ein Raum, der das Museum organisiert und der doch nicht wirklich Teil des Museums ist. ... Er ist nicht wirklich ein Museumsraum. Er ist etwas anderes, das dann wieder doch sehr viel mit den Museumsräumen zu tun hat — und zugleich mit dem Raum Berlin, weil ‚void‘ sich im Grunde auf das bezieht, was niemals ausgestellt werden kann ... (Jüdisches Museum Berlin, S. 30). Der Eindruck der Zerstörung, den die scheinbar erratisch zueinander ansteigenden und abfallenden Linien vermitteln, die Re-Präsentation der Ver-Nichtung, die durch die „Leeren“ zur Geltung kommt, blei- ben erhalten und werden doch auch aufgehoben. Die Leere wirkt nicht als „abstraktes Zeichen der Negation“ (ebd.), sondern ist „ein- gebaut“ in eine Architektur, deren verwirrende Linien doch zu Überlagerungen und Wieder-Begegnungen historischer Räume und Zeiten führen. Darin deutet sich eine Variante des Umgangs mit historischer Zeit an, die — jenseits der Chronologie- die Kontinuitäten, Katastro- phen und Diskontinuitäten historischer und kultureller Entwicklung zu ordnen imstande ist. Zeitbewusstsein von Jugendlichen — ein anderes Beispiel Ein anderes aufschlussreiches Beispiel für die Analyse der Veränderungen sozialen Zeitbewusstseins ist die Situation von Jugendlichen. Zum einen ist das Zeitbewusstsein von Altersgruppen erwartbar von Veränderungen der kollektiven sozialen Zeitsemantik beeinflusst. Zum anderen ist aber das Zeitbewusstsein von Jugendlichen in spezifischer Weise affın zu den aktuellen Veränderungen des Zeitbewusstseins, da im Zeitbewusstsein von Jugendlichen der Bereich der Gegenwart und ihrer möglichen Dehnung (wenn man will: aufgrund des sozialen Alters) schon immer von besonderer Bedeutung gewesen ist. Die Betonung von „Spaß“ und ekstatischen Formen des Erlebens verweisen auf ein „Ausklinken“ aus einem die Gegenwart tendenziell abwertenden, linearen Zeitverlauf. Gleichzeitig wächst — wie auch in der Gesellschaft — das Risikobewusstsein der Jugendlichen. Ihre Lebensphase, die durch die Ablösung vom Elternhaus und von der noch nicht vollzogenen Integration in das Berufs-/Erwachsenenleben ge- kennzeichnet ist, führt zu einem doppelten Verlust an Sicherheiten. Das eine gilt nicht mehr, das andere noch nicht. War dies früher eine mehr oder weniger lange Statuspassage, ein „psychosoziales Moratorium“, dessen Ende erwartet wurde, so wird es gegenwärtig vielen Jugendlichen auch. unsicher erscheinen, ob diese Erwartungen noch gelten. Die aus der Sozialstrukturanalyse bekann131
ten Befunde über die Verzögerung von Statusübergängen lassen sich in diesem Zusammenhang deuten: Die für Jugendliche wohl immer schon gültige, vergleichsweise starke Akzentuierung von Gegenwartserleben wird durch eine Veränderung im Bereich der sozialen Zeitsemantik gewissermaßen verstärkt. Damit rücken Formen des Zeitbewusstseins in den Horizont des Interesses, welche die Gegenwartsorientierung von Jugendlichen nicht nur als Ausdruck von wachsendem Hedonismus oder als altersphasenspezifische Ungebundenheit, Unverantwortlichkeit erscheinen lassen, sondern sie auch als einen — gebrochenen, möglicherweise gesteigerten — Ausdruck des veränderten sozialen Zeitbewusstseins zu erkennen geben. Die Ergebnisse der jüngsten Shell-Jugendstudie (Fuchs-Heinritz 2000) geben hierfür jedenfalls Anhaltspunkte. Sie belegen, dass nach einer planerischen Zukunfts- und einer (weniger ausgeprägten) Vergangenheitsorientierung der Gegenwartorientierung der Jugendlichen eine relativ große Bedeutung zukommt. Sie steht wiederum in einem engen Zusammenhang mit einer biographischen Perspektive, die als „Commitment auf Widerruf“ gekennzeichnet werden kann. Darunter sind Lebensplanungen und a unübersichtlicher zu verstehen, die — angesichts und unverfügbarer Verhältnisse — die Möglichkeiten des Umsteuerns, der Vermeidung von Pfadabhängigkeit im Lebenslauf ermöglichen sollen. (ebd., S. 36) Gegenwartsorientierung kann sich dann durchaus in Ausdrucksformen der „Spaßgesellschaft“ artikulieren, wäre aber im Kontext bio- graphischer Unsicherheit zu deuten. Dies wird durch den Befund ergänzt, dass die „Sicherung des eigenen Lebensbereichs“ bzw. die Su- che nach einem Fixpunkt — jenseits der durch die „Diktatur der Geschwindigkeit“ gesteigerten Unübersichtlichkeit der Lebensverhältnisse — eine unter den Jugendlichen vergleichsweise deutlich ausgeprägte Orientierung ist. Bei einem großen Teil der Befragten scheint sie — neben ansonsten zwischen planerischer Zuversicht und Pessimismus divergierenden Orientierungen — so etwas wie ein zweiter Referenz- punkt zu sein. Dies könnte ein Hinweis auf eine Orientierung jenseits der Alternativen von Beschleunigung und Verlangsamung, von Kurzfristigkeit und Langfristigkeit sein. 182
Neues Management im Wirtschaftssystem Neuere Analysen der Entwicklungsdynamik und Operationsweise von Wirtschaftsorganisationen heben häufig deren gegenüber früher gewachsene Geschwindigkeit und Kurzfristigkeit hervor. Die Verkür- zung von Produktlebenszyklen, die zunehmende Befristung von Be- schäftigungsverhältnissen und Organisationsstrukturen (Projekte) u.a.m. sind stichhaltige empirische Belege für diese These. Die Ursache für dieses „speed“- und Diskontinuitäten-Management wird u.a. in den Turbulenzen in der Umwelt der Organisationen gesehen, für die das Beispiel der Finanzmärkte besonders spektakulär ist. Die darin zum Ausdruck kommenden Unsicherheiten zukünftiger Entwicklungen veranlassen die Unternehmen zu kurzfristigen Strategien der Ge- winnerzielung und lassen den Entscheidungsbedarf rasch anwachsen. Obwohl diese Diagnose wesentliche Merkmale der gegenwärtigen Entwicklung zutreffend deutet, greift sie empirisch und analytisch zu kurz. Nicht nur, dass die Strategien der Kurzfristigkeit in einigen Wirtschaftsbereichen inzwischen an ihre Grenzen zu stoßen scheinen, wie das Beispiel der Modebranche oder der Softwarebranche zeigt. Wer kauft schon die allerneueste Version eines Textverarbeitungspro- gramms, wenn die übernächste schon angekündigt ist? Und im Bereich der Produktentwicklung sind die perversen Effekte weiterer Beschleunigung ebenfalls eklatant, wie die „umwerfenden“ Erfahrungen beim „rapid-prototyping“ des A-Klassen-Mercedes gezeigt haben. Die Tendenz der Beschleunigung von Entwicklungen und der Verkürzung von (Bindungs-)Fristen stößt womöglich nicht nur an ihre Grenzen, sie geht auch mit komplementären Strategien der Ermöglichung neuer Formen der Längerfristigkeit, des Managements von Diskontinuitäten, des „Abwartens“, „timings“ und des „Unterlassens“ einher. So ist z.B. die allseits propagierte Markt- und Kundenorientierung nicht nur der Versuch, die Volatilität der Märkte besser zu beobachten, um frühzeitig darauf reagieren zu können. Sie verfolgt auch das Ziel, die künftige Entwicklung der Nachfrage durch Innovation proaktiv zu beeinflussen, indem der erworbene Pionierbonus in Kundenbindung umgesetzt werden kann. Die Diskontinuität der zukünftigen Entwicklung kann dadurch begrenzt bzw. überbrückt werden. Spezielle Vertriebsformen, Markenstrategien oder Serviceangebote und die Einrichtung von Call-Centern sollen dazu beitragen, dass die umworbenen Kunden auch unter Kontrolle bleiben. 133
Die Kurzfristigkeit von Marktentwicklungen wird so einerseits umgesetzt, aber auch reflexiv gebrochen: Die Beschleunigung von Prozessen und die Befristung von Bindungen geht potenziell einher mit der Nutzung der so gewonnenen Dispositionsspielräume zur Steigerung von Erwartbarkeiten und der Einbindung von Umwelt. Aus dieser temporalen Perspektive kann übrigens auch der Diskussion über die Flexibilisierung von Strukturen und netzwerkförmige Unternehmensorganisation eine größere Tiefenschärfe abgewonnen werden. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang nämlich, dass gerade auch die Organisation von Innovation — die ja Diskontinuität hervorrufen soll — in erheblichem Umfang in netzwerkförmiger Kooperation betrieben wird, die Risiken der Innovation also gewisser- maßen versichert werden. Interessant erscheinen in diesem Zusammenhang auch alternative Mobilitätskonzepte. Das Konzept des Micro-Compact-Car „Smart“ stellt den bisher am weitesten gehenden Bruch mit der Vorstellung vom Auto als „Renn-Reise-Limousine“ (Canzler 1999) dar. Es ist einerseits ein Beispiel der avanciertesten Realisierung einer „just-in- time“-Produktion, die sich dem Ideal der „production on demand“ (Bienzeisler/Brose 2000) auch dadurch nähert, dass Teile der End- montage beim Auslieferer erfolgen. Dabei kann der Kunde kurzfristig noch über bestimmte Ausstattungsmerkmale (z.B. Farbe) disponie- ren. Bestellung und Auslieferung erfolgen extrem zeitnah. Kurze Produktions- und Auslieferungszeiten und eine Kundenwünsche berücksichtigende, variable Endkonfektionierung machen aus dem Smart ein Beispiel für die Kurzfristigkeit und Schnelligkeit in der Reaktion auf Nachfrageschwankungen. Die Begrenzung der Nutzungsfunktion (Zweisitzer) und der Reichweite (lokaler Verkehr) macht das Auto für lange Fahrten relativ ungeeignet. Gleichzeitig erwirbt der Käufer des Smart (kostenlos) die Mitgliedschaft in einem überregional funk- tionierenden Netz von Car-sharing-Unternehmen, und die Beförderung mit den Auto-Reisezügen der Deutschen Bundesbahn erfolgt zu besonders günstigen Tarifen. Die lokale Begrenztheit und Kurzphasigkeit der Nutzung wird also in diesem Mobilitätskonzept mit der überregionalen und verschiedene Verkehrsmittel übergreifenden „An- schlussfähigkeit“ verbunden. Und die kostengünstige und kurzfristige Austauschbarkeit von Ausstattungsvarianten macht den Smart zu einem partiell „recycelbaren“ Produkt. Damit soll angedeutet werden, dass diese Formen des Diskontinuitäten-Managements durchaus in 134
einem Zusammenhang mit dem im Bereich der Ökologie diskutierten Konzept der Nachhaltigkeit gesehen werden können, auf das in diesem Beitrag hier abschließend aber nur verwiesen werden kann. Ausblick Prozesse der Beschleunigung sozialen Wandels haben seit den Frühzeiten der Moderne immer wieder auch retardierende Reaktionen hervorgerufen. In seiner Studie über den „Flaneur“ notiert Walter Benjamin, dass es um 1840 in Paris in Mode gekommen sei, Schild- kröten in den Passagen spazieren zu führen. Die NaturfreundeBewegung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts könnte man auch als Reaktion auf den Geschwindigkeitsrausch, wie er im Futurismus zum Ausdruck kam, deuten. Ist also der gegenwärtige „Kulturkampf“ zwischen den Beschleunigern und den Propheten der Langsamkeit nur die Intonation einer altbekannten — kontrapunktischen — Begleitmusik? Und: Reicht es, dieses als wiederkehrendes Begleitmotiv zu identifizieren? In diesem Beitrag habe ich mich zunächst darauf beschränkt, nach Tonlagen und Tempi zwischen dem prestissimo und dem andante zu suchen, in der Hoffnung, in die gegenwärtig geführte Debatte da- durch ein Mehr an analytischer Differenzierung und empirischer Präzision einzubringen. Dies sind allerdings bestenfalls Anregungen für die Bearbeitung der weitergehenden Frage, inwiefern sich nämlich die Bedingungen, unter denen sich die Dynamik soziokulturellen und -ökonomischen Wandels — zwischen Beschleunigung und Retardierung — vollzieht, nicht doch grundsätzlich verändert haben. Meine Vermutung geht dahin, dass die aktuelle Entwicklung sich zumindest insofern unter veränderten Bedingungen vollzieht, als die Zukunft — als Projektionsfläche und Arrangierraum für Möglichkeiten — wohl definitiv ihre Unschuld, ihre Offenheit verloren hat. Auch wenn die neuen IuK-Technologien uns ungeahnte neue Möglichkeiten verheißen und neue Beschleunigungserfahrungen vermitteln, so haben die irreversiblen Effekte vergangener Zukünfte die gegenwärtige Zukunft doch schon so tangiert, dass es mit dem „Abräumen“ von Ruinen wohl nicht so ganz einfach sein dürfte. Dies ist im Bereich der Ökologie unübersehbar. Ob aber die Rückkehr zur Langsamkeit allein dieses Problem lösen könnte, muss man wohl auch bezweifeln. 135
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Klaus Michael Meyer-Abich Sesshaftigkeit — Fin Zukunftsprojekt Die meisten Menschen sind heute guten Glaubens, dass der Über- gang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit auf kultivierten Böden vor sechs- bis achttausend Jahren in den verschiedenen Teilen der Erde stattgefunden habe und seitdem hinter uns liege. Auch differenziertere Beurteilungen (vgl. Balter 1998) haben die Grundeinschätzung nicht verändert, dass wir bereits sesshaft geworden seien. Ebendies ist aber eine höchst wirklichkeitsferne Beschönigung jedenfalls der industriegesellschaftlichen Lebensformen. De facto haben wir das kluge steinzeitliche Projekt noch lange nicht verwirklicht, sind damit in der Vergangenheit allerdings wohl schon etwas weiter gewesen als heute. Stellen wir uns die Nomaden sehr vereinfacht so vor, dass sie die ab- genagten Knochen hinter sich in die Gegend warfen und ihr Vieh alles kahl fraß, bevor sie weiterzogen, so tut dies gewisslich nicht nur den meisten Nomaden Unrecht, sondern ist unserer Lebensweise gegenüber noch beinahe ein Musterbild von dauerhafter Wirtschaft. Das Gras wächst wieder nach und die Knochen werden zwar nicht leicht abgebaut, sind aber doch relativ einfach zu beseitigen und unschädlich. Was die Industriegesellschaften hinter sich werfen, ist demgegenüber im Wesentlichen weder unschädlich noch leicht zu beseitigen. Wir richten das Land, auf dem wir angeblich sesshaft sind, wirklich mehr und mehr zugrunde. Nomaden haben dies nicht getan. Die Devise „Steinzeit — Nein, danke!“ hatte also einen Hintersinn, den sich die Atomkernenergiefreunde, welche damit für ihr Weltbild warben, wohl kaum bewusst gemacht haben. Denn eigentlich bestätigt der Spruch die Absage an die Sesshaftigkeit, welche durch die marktwirtschaftliche Mobilisierung aller Dinge und der Men- schen praktiziert und technisch durch Energiesysteme ermöglicht wird. Eben dazu sollte die Nutzung der Atomkernenergie auf lange Sicht eine Lösung sein. Der anscheinend so dümmliche Aufkleber war also vielleicht doch klüger als mancher, der sich seiner bediente. 137
Der Neubeginn mit dem leeren Blatt Die Absage an die Sesshaftigkeit ist fast jedem Plädoyer für irgendeine technische Erfindung in unserer Zeit schon vorangegangen. Um dieser Grundhaltung bewusst zu werden, brauchen wir uns nur zu ver- gegenwärtigen, dass der Boden, auf dem wir leben, zwar nicht überall so vielschichtig gewachsen ist wie dort, wo einmal die Römer waren, im Allgemeinen aber doch auch kein Neuland ist (wie z.B. ein Koog). Fast überall begegnen wir vielfältigen natur- und menschheitsgeschichtlichen Gliederungen. Wie aber gehen wir damit um? Das technische Ingenium bisheriger Art entfaltet sich am leichtesten auf einem leeren Blatt, in Gestalt eines Neubeginns. Deshalb erscheinen, wo etwas Technisches industriegesellschaftlich ins Werk ge- setzt werden soll, in der Regel zuerst die Bagger und die Planierraupen, um den Ort des Geschehens dem leeren Blatt anzugleichen, auf dem das Zukunftswerk entworfen ist. Nach diesem Leitbild werden z.B. Landschaften vorab einem jeweils bestimmten Stand der Ver- kehrstechnik angepasst, so dass man sich nicht mehr auf Wegen in der Landschaft bewegt, sondern auf Trassen Entfernungen überwindet. Descartes’ Vorstellung vom homogenen Raum, der nur noch die schlichte Ausgedehntheit und ohne jeden Unterschied von Ort zu Ort, also eigentlich ortlos ist, wird hier zum Ideal gesetzt. Vielleicht war sie immer schon latent normativ gemeint. Der Boden, auf dem wir zu stehen meinen, schrumpft in diesem Denken zur bloßen Fläche. So aber verlieren wir ihn unter den Füßen ... Der Neubeginn mit dem leeren Blatt der reinen Ausgedehntheit ist ein Leitbild, das in der Praxis nicht immer strikt durchgehalten wird. Vor allem gute Architekten und Raumplaner nehmen von sich aus Rücksicht auf das, was schon da ist: den Boden in seiner Gewachsenheit, die Bäume, die Himmelsrichtungen, die Geländebeschaffenheit. Hinzu kommen baurechtliche Vorschriften, welche zumindest grund- sätzlich auch der Einbettung des Hauses in die Umgebung dienen sollen. Wäre die Einbettung das oberste Prinzip, müsste allerdings das Haus primär zum Garten und in das übrige Gelände passen und nicht der Garten umgekehrt vor allem zum Haus; so weit aber gehen selbst die rücksichtsvollsten Architekten (und Bauherren oder Baufrauen) meist nicht. Soweit z.B. in der Raumplanung Rücksicht auf gewachsene Strukturen genommen wird, ist dies in unserer Wirtschaft im Grunde 138
nicht systemkonform. Denn wirtschaftlich gelten alle Naturdinge eigentlich nur als Ressourcen oder als Material, so wie es dem Cartesi- schen Gedanken entspricht, es gebe außer dem menschlichen Geist nur noch res extensa, Ausgedehntes, und alle sonstigen Eigenschaften der Dinge seien sekundär. Beton und Spanplatten sind der typische Ausdruck dieses Naturverständnisses; die Dinge hätten keinen Eigenwert und bekämen einen Wert erst dadurch, dass man sie durch eine Mühle dreht und in neuer Form den menschlichen Bedürfnissen anverwandelt. Dem Boden ergeht es ebenso. Zurück zur Kultur Nun ist diesem Umgang mit der außermenschlichen Natur kaum noch anzusehen, dass wir eigentlich ein Kulturvolk sind. Ein Grund- gedanke der „Praktischen Naturphilosophie“ (Meyer-Abich 1997) ist deshalb, dass die außermenschliche Natur nicht unsere Umwelt - um uns und für uns da -, sondern unsere natürliche Mitwelt ist und somit mitweltliche Rücksichten um ihrer selbst willen verdient. Für die Wirtschaft ist es ein großer Unterschied, ob ihr kulturelle Grenzen gesetzt werden oder aber nicht. Das Leitbild einer kultivierten Wirtschaft ergibt sich gegenüber dem des leeren Blatts aus dem Mitsein in der Pluralität je spezifischer Umwelten im Ganzen der Natur. Vor jeder Veränderung kommt hier die Würdigung des Bestehenden im Sinn des Grundsatzes: Die Dinge gehören zunächst einmal dahin, wo wir sie vorfinden. Dort sind sie in ihrem Mitsein und Gewordensein zu würdigen. Die Würdigung schließt das Urteil nicht aus, dass sie woanders gebraucht werden und dorthin besser gehören als dahin, wo sie gerade sind. Dies aber erst nach vorangegangener Würdigung zu erwägen, ist die Grundfrage der kulturellen Veränderung, wohingegen der bloße Konsum ohne die vorangegangene Würdigung erfolgt. Es kann sehr gute Gründe geben, z.B. ein Stück Land im menschlichen Interesse zu kultivieren oder Steine in einer Hausmauer besser aufgehoben zu finden als dort, wo sie waren. Bäume zu fällen, um daraus Haustüren, Möbel oder Schiffe zu bauen, kann ich mir in wei- tem Umfang gleichermaßen als eine kultivierende Veränderung vorstellen. Es geht mir also keineswegs darum, Veränderungen grundsätzlich auszuschließen, jedoch soll nicht jede Veränderung schon deswegen gerechtfertigt sein, weil einige Menschen ohne Ansehen des 139
Eigenwerts oder der besonderen Natur der Dinge im Ganzen der Na- tur meinen, dies entspreche ihren Bedürfnissen. Vielmehr sollte abgewogen werden, ob die Welt — soweit wir dies beurteilen können — durch die betreffende Veränderung schöner und besser wird, als sie es sonst wäre. Dass wir in dieser Entscheidung nur selten oder nie die Sicherheit z.B. der Lachse, die ihren Geburtsort wiederfinden, erreichen werden, liegt in der menschlichen Natur. Eine vernünftige Entscheidung wenigstens zu versuchen, liegt aber gleichermaßen in der menschlichen Natur. Die kulturelle Begrenzung der Wirtschaftstätigkeit dürfte manche Zerstörungen verhindert haben, wenn sie in der Vergangenheit schon gegolten hätte. Die Grundregel alles kultivierenden menschlichen Handelns in der Natur lautet also, zunächst das Vorgefundene in seinem Mit- und Gewordensein zu würdigen und erst dann zu erwägen, ob etwas vielleicht doch besser anders werden sollte, als es ist, weil dies unseren Bedürfnissen oder seinem Eigenwert im Ganzen der Natur zugute käme. Um diesem Prinzip in konkreten Entscheidungssituationen folgen zu können, bedürfte es einer gemeinschaftlichen Willensbildung, wie wir in Zukunft leben möchten. Es ist nicht zu erwarten, dass wir in einer industriegesellschaftlichen Situation, die durch eine umfassende Vergessenheit aller kulturellen Bestimmungen des Umgangs mit der natürlichen Mitwelt charakterisiert ist, unversehens die richtigen Kriterien dafür parat haben. Notwendig ist eine Art kultureller Anamnese in Bezug auf die Natur. Der Boden, auf dem wir stehen, ist dazu jederzeit die richtige Grundlage. Dabei kann die Frage getrost offen bleiben, ob andere Kulturen oder einige von ihnen - z.B. die buddhistischen — mental genauso zerstörerisch wie die unsere, technisch aber nicht so einfallsreich waren oder ob sie technisch dasselbe vermocht hätten, dieses Vermögen aber aufgrund anderer Haltungen nicht entwickelt haben. Soweit es Lösungen gibt, müssen sie den heutigen Problemen entsprechen, die aber sind in aller Welt nach dem europäischen Vorbild entstanden. Gegengewichte können zumindest hierzulande am ehesten in unserer eigenen kulturellen Tradition gefunden werden. Was wir unter Kultur verstehen, hat einmal als Agrikultur angefan- gen, also im Umgang mit dem Boden. Dieser Erinnerung bedarf es besonders in einer Zeit, in der das Verständnis von Kultur auf den Zuständigkeitsbereich von Kulturdezernenten zu schrumpfen droht, 140
auf Museen, Theater und Konzerte, wohingegen der industrialisierten Landwirtschaft mittlerweile beinahe die letzten Reste an Agrikultur ausgetrieben worden sind. Tatsächlich aber war die mitteleuropäische Kulturlandschaft noch bis ca. 1800 eine der überzeugendsten Kultur- leistungen. Denn hier sieht man wirklich, wie durch Menschen etwas Gutes in die Welt kommen kann, und zwar nicht nur für uns, auch vielen anderen Lebewesen sind dadurch neue Lebensräume geboten worden. Es gibt etliche Beispiele dieser Art. Leitbild Sesshaftigkeit Die naturphilosophische Begründung kultureller Kriterien für den Fortgang der Wirtschaft ist natürlich nur als Gemeinschaftsleistung denkbar. Wenn in einem gemeinsamen Lernprozess diejenigen, welche sich auf das wirtschaftliche Handeln verstehen, dafür auch ein Bewusstsein kultureller Maßstäbe bekämen, und diejenigen, welche sich auf die jahrtausendelange Entwicklung dieser Maßstäbe verstehen, diese auch unter den Bedingungen wirtschaftlichen Handelns zu bewähren suchten, könnte die industrielle Wirtschaft vielleicht doch noch eine Zukunft in der Gemeinschaft der Natur haben. Ein Leitbild, unter dem dieser Prozess in Gang kommen könnte, ist der Gedanke der Sesshaftigkeit, der in den Anfängen der Agrikultur schon einmal ein bedeutender kultureller Wegweiser gewesen ist. Wir könnten also versuchen, durch das /n-der-Welt-heimisch-Sein über das bloße In-der-Welt-Sein hinauszugehen. Für die Sesshaftigkeit als Leitbild einer künftigen Kultur sprechen drei Gründe in einer historischen Stufung. Zum einen ist die neolithische Revolution, in der die Menschheit sich erstmals angeschickt hat, sesshaft zu werden, das Prinzip aller Kultur in dem Doppelsinn, dass das Projekt Kultur einerseits damals begonnen ‚worden ist, andererseits seither grundsätzlich dem durch den Übergang vom Nomadentum zur Agrikultur eingeschlagenen Weg gefolgt ist. Zweitens ist in den Industrieländern das Menschenbild des interplanetarischen Eroberers geschichtsmächtig geworden, der diesen Planeten nutzt, solange noch etwas zu holen ist, dann aber weiter- zuziehen gedenkt. Dass wir so leben, ist unsere Absage an die Sesshaftigkeit. Drittens ist durch den Siegeszug dieses heimatlosen Eroberers in der Neuzeit eine Herausforderung verfehlt worden, die kopernikanische, die nun so zu verstehen wäre, dass wir auf der Erde 141
wirklich heimisch werden möchten, uns also anschicken sollten, in dauerhafter Weise sesshaft zu werden. Angesichts der Frage, was in der Naturkrise der wissenschaftlichtechnischen Welt nun aus den interplanetarischen Eroberern werden soll, schlage ich vor, uns beim heutigen Stand von Kultur und Wissenschaft des klugen und immer noch uneingelösten steinzeitlichen Programms der Sesshaftigkeit zu erinnern. Die Alternative wäre, den Eroberungszug fortzusetzen, auch in den Weltraum hinein, so wie es durch die Raumfahrt vorbereitet wird. Mein Plädoyer für Sesshaftigkeit beruht demgegenüber darauf, dass wir unserer Natur nach eigentlich keine Eroberer sind, obwohl man uns das immer einzureden versucht, da wir nur im Mitsein mit andern Menschen und der natürlichen Mitwelt wirklich zur Welt kommen. Dies ist aber eine Erinnerung an einen fast vergessenen Traum. Welche kulturellen Begrenzungen des wirtschaftlichen Umgangs mit der natürlichen Mitwelt ergeben sich aus der Erinnerung an das steinzeitliche Projekt? Unter Sesshaftigkeit können wir heute natürlich nicht mehr dasselbe verstehen, was vor sechs- bis achttausend Jahren einmal modern war. Es kommt vielmehr darauf an, beim heu- tigen Stand einerseits des kulturellen und politischen Bewusstseins, andererseits von Wissenschaft und Technik — soweit diese zur Sesshaf- tigkeit brauchbar sind — Lösungen für das dritte Jahrtausend nach Christus zu finden, weder für das fünfte oder sechste vor Christus noch für das vierte danach. Ich verstehe den Gedanken der Sesshaf- tigkeit aus heutiger Sicht unter vier Gesichtspunkten, die je für sich zu begründen sind. Es sind dies (a) die Ansässigkeit im Raum, (b) die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens, (c) die naturgemäße Technik und (d) die Würde der natürlichen Mitwelt, die dabei nicht zu verletzen ist. Die Vollständigkeit dieser vier Kriterien ist nicht bewiesen, jedoch scheinen die wichtigsten Merkmale der Sesshaftigkeit in diesen Rahmen zu passen. In diesem Aufsatz beschränke ich mich auf das erste Kriterium, die Ansässigkeit im Raum. Ansässigkeit klingt beinahe synonym mit Sesshaftigkeit und bedarf insoweit der Eingrenzung gegenüber den anderen Charakteren. Ich meine damit den Raumbezug zu dem Boden unter unseren Füßen, wohingegen (b) die Nachhaltigkeit als Dauerhaftigkeit in der Zeit und (c/d) die Umgangsformen mit dem, was mit uns ist, andere Charaktere der Sesshaftigkeit sind. Der Raum- und Bodenbezug zeigt sich 142
im Wohnen und Wirtschaften, im Reisen bzw. im Verkehr grundsätzlich im Verhältnis von Stadt und Land. und Wohnen und Heimat In Bruno Tauts Architekturschauspiel „Der Weltbaumeister“ (1920) gibt es eine Zeichnung, auf der sich Häuser so aus der Erde heben, als brauchten Lehm und Ton nicht vorab zu Bausteinen gebacken zu werden und als arrangierten sich die Steine im Aufgehen der Erde unter den Strahlen der Sonne wie von selbst zu Mauern und Dächern. Die Bildunterschrift lautet: „Sommersonnenlicht — die hellgrüne Erddecke hebt sich — aus ihr wachsen Menschenhütten — bunt — wie Blumen“. Friesische Bauernhöfe passen so in die Landschaft, als seien sie wie die sie beschützenden Bäume aus der Erde hervorgewachsen. Viele italienische Städte, die auf Bergen liegen, sehen ebenfalls so aus, als sei nicht die Stadt auf den Berg gebaut, sondern als sei sie selbst die Kuppe des Bergs. Auch Häuser dieser Art werden von Menschen gebaut. Da ist es eine nahe liegende Vorstellung, die Erde habe zwar nicht direkt ostfriesische Bauernhäuser oder Bergkuppen wie Montepulciano, Orvieto oder Locorotondo gebären können, wohl aber — vermöge der Naturgeschichte — Menschen, welche dann ihrerseits diese Städte aus der Natur hervorgebracht und dadurch Kultur in die Welt gebracht haben. Solche Häuser und Städte könnten eigentlich auch heute noch gebaut werden ... In der Architektur sehen wir vor allem an der Rolle der Baustoffe, dass sich ein kultiviertes Bauen am ehesten in der Kontinuität der Naturgeschichte ergibt. Beispielsweise ist mir nördlich von Verona aufgefallen, dass die waagrechten Schichten in Weiß und Rosa, die für die Kirchenbauten dieser Gegend so charakteristisch sind, ihren Ursprung in den Kalkstein- bzw. Marmorschichten der dortigen Felsgesteine zu haben scheinen. Man hat also nicht nur mit den in der Umgebung vorkommenden Steinen gebaut, sondern sogar deren geologische Schichtung in den Baustil übernommen — und dies noch sehr viel kunstvoller, als es der Natur selbst gelungen war. Um in einem Haus wirklich ansässig zu werden, sollte es über die Baustoffe hinaus so in seinen Ort eingebettet sein, wie es der Landschaft, der Topografie des Geländes, den Himmelsrichtungen, den Wasserverhältnissen entspricht. Ein energietechnisch richtig an seinen 143
Ort gebautes Haus braucht nur 10 bis höchstens 20 Prozent des bisher durchschnittlichen Energieaufwandes zur Heizung und Klimatisierung. Stattdessen werden Häuser von Reikjavik bis Rio immer noch überwiegend in gleicher Art gebaut, so dass sie eigentlich gar keinen Raum- und Bodenbezug haben, sondern nirgends hingehören und nur wie vergessene Schachteln herumstehen. Man bekommt in ihnen zwar eine Adresse, wird aber nicht ansässig. Die Einbettungsdefizite werden durch einen entsprechenden Energie-‚Bedarf’ — im Norden zur Heizung, im Süden zur Kühlung - ausgeglichen. In Deutschland werden zur Heizung bzw. Klimatisierung etwa 30 Prozent des Energiebudgets verschwendet. Dies ist neben dem Stra- ßenverkehr der Hauptbeitrag zu Klimaänderung. In Indien sind es etwa 20 bis 25 Prozent ausgerechnet der wertvollsten Energie, der Elektrizität, die für den Betrieb von Klimaanlagen in wärme- bzw. kältetechnisch meistens miserabel gebauten Häusern ‚moderner Bauart‘ aufgewandt werden — zu Lasten der Wohnqualität und der Gesundheit, aber im Namen des ‚Fortschritts.‘. Wenn Häuser nach tradi- tionellen Bauweisen dem Klima angepasst sind und man sie richtig bewohnt, braucht man auch in den Tropen in der Regel keine Klima- anlage, um in angenehmen Temperaturen zu leben. Was als fortschrittlich gilt, ist bei weitem nicht immer die intelligentere Technik. Mängel sind dies nicht nur an Ort und Stelle, denn der Ansässigkeitsgedanke geht über das Grundstück, auf dem gebaut wird, weit hinaus. Man wohnt nicht nur innerhalb der Hausmauern, man wohnt auch in der näheren und weiteren Umgebung, welche sich durch die Fenster zeigt. Ein gelingendes Wohnen steht unter der Be- dingung, dass das Haus an seinem Ort in ein Verhältnis zur übrigen Welt gesetzt ist, welches das Mitsein mit dieser als zum Haus gehörig — wie ein erweitertes Gehäuse —- zum Ausdruck bringt. Dieses Mitsein kann auch durch Reisen und anderweitigen Verkehr erfahren werden, sofern man sich nicht zu Lasten der natürlichen Mitwelt, insbesondere des Klimas und des Bodens, bewegt, wie es durch das Autofahren und durch Flugreisen geschieht. Selbstverständlich ist Ansässigkeit nicht so gemeint, dass man seinen Ort möglichst gar nicht verlassen soll ... Ob ein Haus zu einem ländlichen oder städtischen Umfeld gehört, macht keinen grundsätzlichen Unterschied, in beiden Fällen ergeben sich jedoch ganz verschiedene Verhältnisse. Ein Stadthaus muss zu- nächst in die Stadt und mit dieser in die Landschaft passen. Es steht 144
nicht einfach nur auf einem Grundstück, sondern gleichermaßen in einer Straße und in einem Stadtteil, in einer Stadt und mit dieser in einer Landschaft, in einer Region und in einem Land, auf einem Kontinent und letztlich auf der Erde selbst. Solange es zur Wasserversorgung den Grundwasserspiegel im Umland absenkt, dieses mit un- verträglichen Abwässern oder Abfällen belastet und obendrein vielleicht gar nur mit dem Auto erreichbar ist, kann selbst für das um- welttechnisch bestgebaute Haus von einer über das bloße Grundstück hinausgehenden Ansässigkeit keine Rede sein. Da der Energieaufwand für das Autofahren und zur Kompensation der übrigen Einbettungsdefizite derzeit die Hauptursache für die globale Klimaänderung ist, reicht das Mitsein, in dem ein Haus der Ansässigkeit Raum geben soll, heute oft über mehrere Kontinente. In den Industrieländern steht praktisch kaum ein Haus, in dem nicht zu Lasten der Lebensbedingungen im näheren oder ferneren Umland und in der Dritten Welt gewohnt wird. Ansässig geworden also sind wir noch lange nicht, nicht einmal in unserem Wohnen. Die neolithi- sche Revolution liegt im Wesentlichen noch vor uns, und jeder Schritt zur Sesshaftigkeit wäre ein Gewinn an Kultur. Heimatbewusstsein Der unvollendeten Ansässigkeit entspricht im heutigen Bewusstsein, dass der Heimatgedanke diskreditiert ist. In Deutschland hat dies wohl einen historischen Grund darin, dass die Nationalsozialisten — in ihrem Wirtschaftshandeln ungefähr die schlimmsten Technokra- ten, die es je gegeben hat - ihre Ausbeutung der Natur in einen Mantel von Heimattümelei gekleidet haben. Dass das Heimatbewusstsein schwindet, ist aber nicht auf Deutschland beschränkt. Dies mag daran liegen, dass Heimat eine Weise ist, wie Menschen in die Natur ge- hören, und dass das Gefühl für diese Zugehörigkeit durch die wirtschaftliche Mobilisierung verloren geht. Dies ist auf dem Land nicht grundsätzlich anders als in der Stadt. Gerade Städte sind neben den Kulturlandschaften und der Kunst ein Beispiel dafür, wie Kultur der menschliche Beitrag zur Naturgeschichte sein kann. Nach eben diesem Kriterium halte ich den Städtebau des 20. Jahrhunderts freilich — trotz einzelner Gegenbeispiele —, zum größten Teil für missraten, nämlich nicht für ein Ansässigwerden geeignet — wie in den aus dem Boden hervorgewachsenen alten italienischen Städten oder in nord145
deutschen Backsteinhäusern -, sondern für die bloße Einrichtung von Adressen hinter Wohnungstüren. Eine Heimat zu haben, ist eine Grundbedingung des menschlichen Selbstseins. Die Heimat ist nichts von dem, was zu einem gehört, sondern sie ist das, wozu man selbst gehört und worin das eigene Leben sich erfüllt. Deshalb identifizieren wir uns mit ihr, ebendeshalb aber können wir sie auch verlieren. Die Grundbestimmung der Zu- gehörigkeit sollte jedoch eigentlich in den Konjunktiv gesetzt werden: Heimat ist das, wozu man gehören kann. Wenn ich da bin, wohin ich gehöre, komme ich damit gleichermaßen zu mir selber. Heimat ist deshalb eigentlich, wo ich jemand bin. Auch dieser Satz gehört in den Konjunktiv: Heimat ist, wo ich jemand sein kann, nämlich ich selber. Wer eine Heimat hat, weiß auch im politischen und wirtschaftli- chen Handeln, dass sich für uns in der Natur nicht alles gehört, was jemand für seinen privaten Vorteil halten kann. Gegenüber allen Bestimmungen der Kultur, wie wir in die Natur gehören, stehen im heutigen Wirtschaftsbewusstsein die globale Heimatlosigkeit des Kapitals und die entsprechende Mobilisierung des Menschen im Vordergrund. Das Interesse ist dann nur noch, wie die Natur — die natürliche Mitwelt und der eigene Leib — am bequemsten zu konsumieren ist. Dies ist wohl der Grund, warum der Heimatgedanke so weitgehend vergessen ist. Wie könnte auch die totale Mobilisierung, also die Entwurzelung, mit der heimatlichen Verwurzelung vereinbar sein? Heimatgefühle gibt es aber auch heute noch. Beispielsweise ergab die Studie „Umweltbewusstsein 2000“, dass die Umwelt- bzw. Natur- zerstörung von den meisten Menschen global und in der Ferne für wesentlich schlimmer gehalten wird als im Nahbereich des eigenen Wohnens und Arbeitens. Ich vermute, dass sich in diesem Ergebnis zwei entgegengesetzte Urteile überlagern, nämlich erstens das über die Umweltqualität, nach der gefragt worden war, und zweitens ein Heimatgefühl, das auch starke Belastungen durch die Aura des eige- nen Lebensraums erträglich macht. Mir ist dies besonders im Ruhrgebiet aufgefallen, wo die dort Be- heimateten selbst die zerstörtesten Gegenden und Landschaften noch irgendwie „schön“ finden. Hier zeigt sich, wie mir scheint, ein Heimatbedürfnis, das sich eigentlich nicht mit den Zerstörungen abzufinden brauchte. In einem Zukunftsprojekt Sesshaftigkeit gewönne die Anamnese des Heimatgefühls in der Naturkrise der wissenschaftlich-technischen 146
Welt, wenn sie durch die Krise stimuliert würde, eine völlig andere politische Bedeutung als in der Heimattümelei oder ihrem patriotischen Missbrauch. „Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen“, sagte Tucholsky, „in der Heimatliebe von niemand“ (1929, VII, S. 314). Dies wäre umso wichtiger, als unser Wirtschaftshandeln globale Auswirkungen hat, so dass das Heimatgefühl letztlich der ganzen Erde gelten sollte, allerdings in einer abgestuften Weise: In dem Haus und auf dem Boden, wo ich zu Hause bin, fühle ich mich beheimatet in der Stadt und der Region, in der ich meine Arbeit ha- be. Ich befinde mich dort aber auch in Deutschland und in Europa, in dem Land und auf dem Kontinent, die in einem umfassenderen Sinn ebenfalls meine Heimat sind, und letztlich stehe ich dort wie hier auf der Erde überhaupt, der Heimat aller Menschen wie der meinen. Hier, wo ich Boden unter den Füßen habe, ist nicht nur das Haus, in dem ich gerade diesen Aufsatz schreibe, sondern hier ist auch eine Stadt, ein Land, ein Kontinent, und hier ist obendrein so- gar die Erde selbst, unser aller Heimat. Literaturhinweise Balter, M.: Why Settle Down? The Mystery of Communities, in: Science, Vol. 28, 1998, S. 1442-1445. Krause, L. W./Langer, G.: Landschaftswandel über die Jahrhunderte, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1996, S. 101-119. Kuckartz, U.: Umweltbewusstsein in Deutschland 2000. Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativstudie, Leverkusen 2000. Meyer-Abich, K. M.: Praktische Naturphilosophie — Erinnerung an einen vergessenen Traum, München 1997. Tucholsky, K.: Heimat [1929], in: Gesammelte Werke in 10 Bänden, hg. von M. Gerold-Tucholsky und F. J. Raddatz. Bd. VII: 1929, Reinbek 1975, S. 312-314.
Barbara Mettler-von Meibom Ortsqualität oder: Der Traum vom guten Leben Ein hoch entwickeltes Verkehrsund Kommunikationswesen hat eine ungeheuer mächtige Wirkung: Es entwurzelt die Menschen. E.E Schumacher Wer hat ihn nicht, den Traum vom guten Leben? Schon Kinder ma- len ihn: Ein Häuschen im Grünen, Häschen hoppeln über die Wiese, SpielgefährtInnen tummeln sich im Garten, der Wald und ein kleiner Bach sind in der Nähe. Erwachsene tun sich schwerer. Die Träume sind nicht vorüber, doch sie zu realisieren, will nicht ohne weiteres gelingen. Wer es sich einrichten kann, sucht sein Glück außerhalb der Ballungsräume, nimmt lange Wege in Kauf, selbst wenn Frauen als „grüne Witwen“ mit dem ‚halben Leben zu kämpfen haben. Wer finanziell wirklich gut gestellt ist, verwirklicht den Traum sogar inner- halb der Stadt, gilt als privilegiert und ist — je nach Einstellung — Objekt von Neid oder Hochachtung. Doch es geht auch anders: Paris, Bahnhof Montparnasse; ein Hausfest ist angesagt. Die Bauten am Gare Montparnasse sind mir bei jeder Aus- und Einfahrt des Zuges als besonders abstoßend aufgefallen, als Beispiel dafür, wie ich nie und nimmer in einer Stadt leben wollte: hohe Kästen, Wohnzelle an Wohnzelle, schätzungsweise einige Hundert. Für mich ein Beispiel für anonymes Wohnen in der Stadt. Nun bin ich von französischen Freunden eingeladen, an dem Fest teilzunehmen, das die Bewohner in einem der Häuser- blocks veranstalten. Ich mache mich auf Deprimierendes gefasst. Umso größer ist meine Überraschung: Mich erwartet ein bunter Reigen von Menschen und Aktivitäten. Viele der Haustüren sind offen; Menschen, die sich offensichtlich gut kennen, wandern von Wohnung zu Wohnung, der schmale Streifen Wohnstraße vor dem Hausblock ist für die Festivitä148
ten reserviert, die sich lebendig entrollen. Meine Vorurteile sind gründlich widerlegt. Dieser Ort hat Qualitäten, die ich nicht gesehen hatte, Qualitäten, die sich offenbar aus einem tragfähigen Netz von Beziehungen zwischen den Bewohnern und Bewohnerinnen ergeben. Ortsqualität — was ist das? Was also ist Ortsqualität, was macht sie aus? Ist es der Zugang zum Grünen? Ist es die Nähe zu Freunden? Ist es die Erreichbarkeit von Arbeitsplatz, Flughafen, Autobahn oder Bäcker und Schule? Sicherlich all dies, wobei die Bedingungen für jede Generation, jede Kultur, jede Ortsgröße, jede Region und jedes Milieu unterschiedlich sein dürften. Und dennoch scheint mir, dass es bis zu einem gewissen Grad verallgemeinerbare Aussagen gibt. Und deren wichtigste ist sub- jektiv: Ortsqualität ist für einen Mann, eine Frau, ein Kind vor allem dann gegeben, wenn er oder sie sich an dem Ort, an dem sie leben, wohl fühlen. Ein Ort hat dann Qualität, wenn ein Mensch sich dort so gerne aufhält, dass er ein gewisses Maß von Sesshaftigkeit entwickelt, und wenn der Wunsch, an dem Ort zu sein, so groß ist, dass andere Wünsche zurücktreten: der Wunsch, sich ständig auf Spritztouren mit dem Auto fortzubewegen, sein Heil in der nächsten Flugreise zu suchen ... sich innerlich von Reise zu Reise zu hangeln. Dass der Wunsch nach Ortsqualität zu täglichen Pendlerströmen derer führt, die ihren Traum im ländlichen Raum verwirklichen wollen, gehört gerade zu den Paradoxien. Um Ortsqualität zu erreichen, werden Verkehre erzeugt, Zwischenräume zwischen Quell- und Zielort mit Lärm und Abgasen „zugemüllt“ und lange Zeiten in Staus in Kauf genommen. Hier kommt die ökologische Dimension von Ortsqualität zum Tragen: Wo Menschen den Ort, an dem sie leben, nicht so erleben, dass sie sich wohl fühlen, nimmt die Mobilität mit ihren verheerenden ökologischen Folgen noch weiter zu. Offenbar nützt es wenig, wenn die Ortsqualität vor allem außerhalb der Städte gesucht wird, erzeugt sie doch genau die Verkehrsbewegungen, die zu einer weiteren Minderung von Ortsqualität beitragen. Was also macht Ortsqualität aus, und zwar jenseits der wohlbekannten psychologischen Frkenntnis, dass unsere Fähigkeit, uns wohl zu fühlen, vor allem von der inneren Haltung abhängt, sprich davon, ob wir in der Lage sind, das Gute in der gegenwärtigen Lebenssituation zu sehen? 149
Jenseits dieser subjektiven Dimension hängt Ortsqualität m. E. vor allem mit vier in hohem Maße objektiv feststellbaren Bündeln von Gegebenheiten zusammen: e der ökologischen Qualität; e der Qualität der kommunikativen Einbettung; e den Erreichbarkeiten; e den Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort. Ökologische Qualität Wo die Luft nicht sauber, der Lärmpegel nicht erträglich, der Lichteinfall nur spärlich und die Möglichkeiten der Naturerfahrung auf ein Minimum reduziert sind, stellt sich bei Menschen ein Hunger nach anderem ein. Was so schmerzlich vermisst wird, soll wenigstens an anderer Stelle für einen kurzen Zeitraum erreicht werden, selbst wenn es mit weiten Reisen, Fahrten oder Wegen erkauft ist. Zu diesen bekannten ökologischen Defiziten in vielen hoch verdichteten Stadtagglomerationen tritt ein weiteres hinzu, die man- gelnde ökologische Qualität der baulichen Substanz. Nicht nur in den in Verruf geratenen Plattenbausiedlungen des deutschen Ostens, sondern auch in vielen westdeutschen Bauten lässt die Lebensqualität zu wünschen übrig. Insbesondere Pilz- und Schimmelbefall treiben vermehrt ihr Unwesen, nachdem Maßnahmen der Wärmedämmung und Schallisolierung manche Wohnungen zu hermetischen Verliesen gemacht haben, die die BewohnerInnen mehr einschließen als be- heimaten. Man hat gelegentlich vergessen, dass nicht nur Menschen, sondern auch Häuser atmen können müssen. Qualität der kommunikativen Einbettung Die Qualität der kommunikativen Einbettung vor Ort ist der zweite wesentliche Parameter von Ortsqualität; man könnte hier auch von einer kommunikationsökologischen Qualität (Mettler-von Meibom 1994, S. 93ff.) sprechen. Menschen sind soziale Wesen, und wie der Sozialpsychologe und Therapeut Jacob Moreno herausgearbeitet hat, leben Menschen mit einem für sie absolut lebenswichtigen sozialen Atom (vgl. Leutz 1986, S. 11ff.). Nach Moreno setzt sich das soziale Atom aus mehreren Schichten zusammen: Im innersten Kreis sind die für den einzelnen Menschen elementaren Personen angesiedelt, in 150
den weiteren Schichten finden sich Freunde, Bekannte, Arbeitskolle- gen — je nach ihrer Wichtigkeit für Wohlbefinden und soziale Einbindung. Entscheidend ist, ob Menschen in der Lage sind, ein sozia- les Atom aufzubauen, zu pflegen und zu erhalten bzw. den Verlust von Menschen, die ihnen wichtig sind, durch neue Menschen auszugleichen. Nach Morenos Auffassung geht dem körperlichen Tod eines Menschen der Tod des sozialen Atoms voraus. Mit anderen Worten: Als Menschen sind wir auf soziale und kommunikative Einbindung existenziell angewiesen. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der — mit steigender Tendenz — rund ein Drittel der Haushalte Ein-Personen-Haushalte sind, kommt der Pflege und Aufrechterhaltung des sozialen Atoms eine noch größere Bedeutung zu als bisher. In Mehr-Personen-Haushalten ergeben sich soziale Kontakte unorganisiert, quasi naturwüchsig durch die Art der Alltagsorganisation. Einschränkend muss man hier allerdings sagen, dass die Enge mancher Zweierbeziehung oder Kleinfamilie auch ein gravierendes Defizit sozialer Interaktion mit sich bringen kann. Dennoch bleibt ein entscheidener Unterschied zwischen Menschen in Ein- und Mehr-Personen-Haushalten bestehen. Menschen in Ein-Personen-Haushalten müssen jeden Kontakt bewusst suchen und herstellen. Umso wichtiger werden für sie Lebens- zusammenhänge, die so komplex und vielfältig sind, dass die soziale Einbindung gelingen kann. Die urbanen Singles mit ihrem weit gespannten Netzwerk von Menschen und Beziehungen sind daher eine Antwort auf das menschliche Bedürfnis nach Einbindung ohne enge Bindung. Sie markieren den einen Pol eines Spannungsbogens, an dessen anderem Ende soziale Beziehungen stehen, die wenig komplex, dafür aber verlässlich und vorhersehbar sind und die die Men- schen durch die Art der Alltagsorganisation ohne großen Aufwand sozial und kommunikativ integrieren. Besonders deutlich wurde dies bei einer Untersuchung in den neu- en Bundesländern kurz nach der Wiedervereinigung. In ihr ging es darum festzustellen, wie sich Menschen in einer Gesellschaft kommunikativ verständigen, die nur eine äußerst niedrige Ausstattung mit Telefonen hat. Was wir feststellten (Schimmel/Mettler-v. Meibom 1994, S. 101ff.): In der alten DDR organisierten sich Beziehungen rund um den Arbeitsplatz. Er wurde gemeinschaftlich mit Hilfe von öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht und war — neben dem Wohnort — das zweite Zentrum sozialer Beziehungen. Die Motorisierung mit 151
Pkw war niedrig, die Ausstattung mit Telefonen verschwindend gering. Doch genau dieser Mangel bedeutete im Hinblick auf die soziale Einbettung einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Er brachte ei- ne Interaktionsdichte im privaten, öffentlichen und wirtschaftlichen Raum mit sich, der zu einer weit intensiveren sozialen Einbindung der Menschen beitrug.! Aus der Sicht des Westens machte sich hier sozialer „Mief“ breit, aus der Sicht des Ostens entpuppte sich die westliche Gesellschaft als kühl, kalt, unverbindlich — ausgestattet mit einer Ellbogenmentalität. Die Individualisierungsprozesse, die den Westen der Republik über fünf Jahrzehnte geprägt hatten und die mit einer ökonomischen, politischen und sozialen Liberalisierung einhergingen, hatten für viele Menschen in den neuen Bundesländern nur einen begrenzten Charme: Sie trauerten den alten Zeiten hinterher. Dass sie nicht die Einzigen waren, die die Kühle der westdeutschen Gesellschaft beklagten, wurde in dem aufgeregten Ost-West-Disput der damaligen Jahre unterschlagen, obgleich die Anzeichen von Einsamkeit und sozialer Atomisierung in den alten Bundesländern unübersehbar sind (vgl. Mettler-v. Meibom 1997). Kommunikative Netzwerke vor Ort zu entwickeln, ist für Kinder und Jugendliche zwingend notwendig, wenn sie sich seelisch gesund entwickeln sollen. Doch auch für Erwachsene ist der unorganisierte, spontane Kontakt zu vertrauten Menschen eine, wenn nicht die wichtigste Quelle von Gesundheit und Wohlbefinden (vgl. Dossey 1987). Aus diesem Grund kann man von kommunikativer sozialer Einbin- dung — und damit von einer kommunikationsökologischen Ortsqualität — erst dann sprechen, wenn Menschen fußläufig, im nahräumlichen Umfeld, soziale Netzwerke bilden können: in der eigenen Woh- nung, in der weiteren Nachbarschaft, im städtischen Quartier (dem Dorf in der Stadt oder englisch dem „urban village“), in der dörfli- chen Gemeinschaft. Jede Analyse von Netzwerken, die nicht die Differenz zwischen fußläufiger und motorisierter Erreichbarkeit berücksichtigt, geht daher in die Irre. So ist es nach meiner These im Hinblick darauf, ob ich mich wohlfühle, beheimate und sesshaft werde, von entscheidender Bedeutung, ob wichtige Personen meines sozialen Atoms in einem zu Fuß erreichbaren Radius leben oder ob es der Radius ist, den ich mir nur mit einer Autotour erschließen kann. Die Qualität fußläufiger Netzwerke wird in funktionierenden Nachbarschaften oder Hausgemeinschaften deutlich, in dem oben erwähnten Beispiel am Gare Montparnasse oder in den so genannten 152
„Höfen“ des Bergischen Landes, die sich auch heute noch in den Städten nachweisen lassen. In Letzteren ist eine kleine Anzahl von Häusern so umeinander gruppiert, dass sich kleine Nachbarschaften bilden. Ortsqualität zeigt sich hier in der Chance zum spontanen alltäglichen Miteinander in Freud und Leid. Den Gegenpol dessen markieren die atomisierten und isolierten Lebensverhältnisse, die sich entlang von alten oder neu geschaffenen verlärmten Verkehrsschneisen bilden. Es sind Zonen, die durch extensiven Besatz von Fernsehsatellitenschüsseln auf Balkonen und Mauern auffallen. Hier ist die Kommunikation wie in Monaden vor allem nach innen gerichtet, ohne dass eine kommunikative Vernetzung im Wohnungsumfeld aufgebaut würde. Erreichbarkeiten Stadt- und Regionalplaner denken weniger an soziale Erreichbarkeiten als vielmehr an infrastrukturelle Erreichbarkeiten. In der Tat hat deren Vorhandensein eminente Bedeutung für die Ortsqualität. Je nach Lebenssituation haben Einrichtungen der sozialen Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, Universitäten), der kommerziellen Infrastruktur (Bäcker, Fleischer, Lebensmittel, Einzelhandel), der kulturellen Infrastruktur (Kino, Theater, Konzert, Comedy, Museen), des Sports (Bäder, Sportanlagen, Turnhallen) und der Verkehrsinfrastruktur (ÖPNV, Rad- und Gehwege, Straßen, Fernzüge und Flughäfen) eine eminente Bedeutung für die Ortsqualität. Wer jeden zweiten Tag mit dem Flieger unterwegs sein muss, braucht eine Anbindung an den Flughafen. Wer nicht mehr Auto fahren kann und sich zu Fuß selbst versorgen muss, braucht in der Nähe einen Bäcker. Und wer durch eine hohe Verdichtung von Arbeits- und Lebenszeit darauf angewiesen ist, alles in einem überschaubaren Umkreis zu finden, wird in einem städtischen Raum leben wollen, der Zugang zu allen diesen Infrastrukturen erlaubt. Hier stoßen wir auf die ungebrochene Attraktivität der großen Städte, trotz ihrer vielfach niedrigen ökologischen Qualität. Die Stadt der kurzen Wege, in der Leben und Arbeiten in ein Gleichgewicht gebracht werden, in der den wirtschaftlichen Erfordernissen ebenso Rechnung getragen wird wie den sozialen, ökologischen und kulturellen, ist deswegen das erklärte Ziel der „Lokalen Agenda 21” im Gefolge der Konferenz von Rio. Das Leitbild der „nachhaltigen Stadt“ 153
soll nicht nur die ökologischen Defizite einer wirtschaftlich dominierten Stadtentwicklung ausgleichen, sondern auch Wege eröffnen, wie Menschen sich wieder und besser in Städten beheimaten können. Der Ruf nach mehr Urbanität — allen Trends der Zersiedelung zum Trotz — nach „urban villages“, also dörflichen, überschaubaren Substrukturen in den großen Städten, hat seinen Ursprung in einer Konvergenz menschlicher Bedürfnisse mit ökologischen Kriterien. Wo Entscheider versuchen, auch in großen Stadtagglomerationen die Grundbedürfnisse nach Beheimatung vor Ort aktiv zu befriedigen, wird zugleich das Ziel der Nachhaltigkeit verfolgt. Und umgekehrt: Wo Nachhaltigkeit im Sinne der „Lokalen Agenda 21“ verwirklicht wird, da finden Grundbedürfnisse nach Ortsqualität und Beheimatung Berücksichtigung. Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort Die Arbeit im Weinberg fordert ihren Tribut. Jeden Tag geht sie heraus mit Kind und Hunden. Gefordert ist mühsamste Handarbeit: Zurück- schneiden, Hochbinden, Unkraut entfernen, wieder Zurückschneiden. Der Weinberg lässt keine Atempausen. Und dennoch: Dieser Ort ist freiwillig gewählt. Er verwurzelt, selbst in einem fremden Land. Er gibt etwas, was die anonyme Kühle deutscher Großstädte nicht zu geben vermochte, Nähe und Kontakt zur Natur, die Möglichkeit, sich mit dem eigenen Tun in das Umfeld „einzuschreiben“. Alltag einer Um-Steigerin, nicht Aus-Steigerin in einem piemontesischen Weinberg. Der Mensch als Kulturwesen begegnet sich in seinen eigenen Kreationen. Daraus resultiert ein weiteres Grundbedürfnis, dessen Befriedigung über die Qualität eines Ortes mitbestimmt: das Bedürfnis, an seinem Platz Spuren zu hinterlassen. Einen nachdrücklichen Hinweis auf diesen Zusammenhang müssen wir heute in zahllosen Städten erleben und erleiden: Graffiti sind die unübersehbaren Zeichen einer unbeheimateten Jugendgeneration. Indem sie ihre Farbspuren hinterlassen, drücken sie aus, dass sie hier — gegen allen Protest der Erwachsenen — einen Platz beanspruchen, der ihnen nicht freiwillig gewährt wird. Auch in der Welt der Erwachsenen entdecken wir den Wunsch nach Gestaltung, nur verdeckter, mehr im Privaten: Den Garten oder Schrebergarten nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten oder eine Patenschaft für eine öffentliche Fläche vor dem Haus zu übernehmen, 154
drückt den Wunsch aus, sich in seine Umgebung „einzuschreiben“, in der anonymen Materie sichtbar zu werden. Auch Bürgerinitiativen oder bürgerschaftliches Engagement in Parteien und Verbänden haben in diesem Grundbedürfnis einen wichtigen Nährboden. Dabei hat es heute den Anschein, als würden die Menschen im Zeichen von Politikverdrossenheit und passiver Konsumhaltung von diesem Grundbedürfnis Abstand nehmen. Gleichwohl kann man feststellen, dass unter günstigen Rahmenbedingungen, z. B. in ökologisch ausgerichteten Wohnstrukturen, dieses Grundbedürfnis reaktiviert wird. Deswegen meine These: Ein Ort gewinnt für seine BewohnerInnen dann Qualität, wenn er ihnen die Chance lässt, weniger in der Rolle passiver Bewohner zu verharren, als zum aktiven Gestalter des eigenen Lebensumfeldes zu werden. Ortsqualität lässt sich also sehr wohl nicht nur subjektiv bestimmen, sondern auch anhand objektiver Kriterien festmachen: Von einer hohen Ortsqualität können wir dann sprechen, wenn der Ort und seine Bebauung ökologische Qualität haben, wenn sie eine kommunikative Einbindung der BewohnerInnen erlauben, wenn sie gute Frreichbarkeiten aufweisen und wenn das Ortsumfeld die Chance bietet, sich „in den Ort einzuschreiben“. Solche Bedingungen lassen sich als (überwiegend) notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingungen begreifen. Denn ob wir die Qualität eines Ortes als hoch einschätzen, ob wir sie wertschätzen können und ob wir dies mit Sesshaftigkeit und Beheimatung hono- rieren, das hängt entscheidend von unserer subjektiven Sicht und Einstellung ab. Wer immer nur ein halb leeres Glas Wasser sieht, wird auch bei der höchsten Ortsqualität mit einem Gefühl des Ungenügens reagieren ... Mobilität, Virtualisierung und Ortsqualität Die Suche nach Ortsqualität und Sesshaftigkeit hat heute neue Bri- sanz gewonnen. Wie der philosophische Ökonom E. F Schumacher schon vor Jahrzehnten betonte: Verkehrsinfrastrukturen entwurzeln die Menschen (Schumacher 1977, S. 61). Obgleich die Kritik der Umweltverschmutzung durch wachsenden motorisierten Verkehr un- gebrochen ist, werden Infrastrukturen im Zuge von Just-in-timeProduktion, Internationalisierung und Globalisierung mehr denn je ausgebaut. Dies gilt zum einen für Verkehrsinfrastrukturen, die für 155
den Transport materieller Güter gebaut werden, insbesondere den motorisierten Individual- und Lkw-Verkehr. Hinzu kommt im Zuge der Liberalisierung ein massiver Ausbau der Luftverkehrswege, der zu dramatischen Zuwachsraten von Flugbewegungen führt. Parallel dazu werden die Verkehrsinfrastrukturen der Informationsgesellschaft per Funk, Kabel, Satellit mit Hochdruck ausgebaut. Es entstehen technische „Nerven“-Bahnen der Kommunikation, in denen Sprache, Text, Bild und Bewegtbild weitgehend frei zirkulieren können und neue Zusammenhänge schaffen, in die private Haushalte ebenso eingebunden sind wie Betriebe und informationstechnische Megastrukturen wie z.B. die Finanzmärkte. Mit dem Aufbau dieser „Nachrichtenstraßen“ entsteht eine neue und ambivalente Bewegung: Einerseits wird es nun möglich, den "Iraum vom guten Leben zu leben, indem man sich virtuell vernetzt, aber real vor Ort verwurzelt. Der Rückzug ins Häuschen im Grünen oder auf der fernen Insel kann im Zeitalter des Internet einhergehen mit einer intensiven virtuellen Einbindung in gesellschaftliche Aktivi- täten, und zwar nicht nur national, sondern sogar international, ja global. Andererseits führt die Informatisierung von Berufswelt und Alltag keineswegs zu neuer Sesshaftigkeit, sondern zu einer weiterhin zunehmenden Faktormobilität von Kapital und Arbeit. Mit anderen Worten: In der globalisierten Wirtschaft mit Telearbeit bleiben die Menschen nicht zu Hause, und die Warenzirkulation auf den Straßen und in der Luft nimmt auch nicht ab. Im Gegenteil: Die reale und nicht nur die virtuelle Mobilität steigt weiter, das Verkehrsaufkommen auf ‚Straßen und Autobahnen nimmt zu statt ab (vgl. Schwer- punkt „Ökologische Verkehrspolitik — aber wie?“, in: JAHRBUCH OKOLOGIE 1996). Soll die Vision erhöhter Sesshaftigkeit verwirklicht und dem weiteren ökologischen Raubbau durch eine aus den Fugen geratene Mobilität Einhalt geboten werden, dann können wir also nicht ohne weiteres auf die „Segnungen“ der neuen „Autobahnen“ der Informationsgesellschaft hoffen. Vielmehr benötigen wir individuell und kollektiv eine Vorstellung davon, wie wir uns nachhaltiger an unserem Lebensort beheimaten können, was also Sesshaftigkeit unter den Bedingungen der Informationsgesellschaft unterstützt. Dies gilt sowohl für den städtischen wie für den ländlichen Raum. Während es in den Städten vor allem um die „Stadt der kurzen Wege“ und die Erhöhung der urbanen und ökologischen Qualität geht, um der Stadtflucht entge156
genzuwirken, kommt es im ländlichen Raum eher darauf an, die Zwangsmobilitäten mit dem Auto zu reduzieren und die soziale und kulturelle Vernetzung zu erhöhen. Bei Letzterem können die neuen Informations- und Kommunikationstechniken in der Tat eine notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung sein, um zu einer höheren Ortsqualität zu gelangen. Ein subjektives Fazit Damit komme ich zurück zur Frage nach der Ortsqualität. Sie hat odJektive Dimensionen, die mit Begriffen wie ökologische und kommu- nikationsökologische Qualität, Erreichbarkeit und Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeit für die Menschen vor Ort benannt werden können und an denen sich Ideen festmachen lassen, wie sich Orts- qualität erhöhen lässt. Zugleich hat Ortsqualität jedoch in hohem Maße eine subjektive Dimension. Ortsqualität, die Sesshaftigkeit unterstützt, beginnt bei der inneren Einstellung der Menschen gegenüber ihrem unmittelbaren räumlichen Umfeld. Ein altes englisches Sprichwort sagt „Accept it, change it or leave it“, akzeptiere es, verändere es oder verlasse es. Dies lässt sich auch auf den Ort übertragen, an dem wir leben. Wenn die Qualität eines Ortes für Menschen zum Problem wird, dann beginnt alles mit der Frage, ob und, wenn ja, in welcher Haltung wir uns diesem Ort zuwenden: Akzeptieren wir ihn, so wie er ist, möchten wir ihn verändern, so wie wir ihn gerne haben wollen, oder verlassen wir ihn, um an einer anderen Stelle die Ortsqualität zu finden, die wir suchen und die wir mit unserer eigenen oder einer gemeinschaftlichen Initia- tive zu gestalten vermögen? Wer prüfen will, braucht eine Vision: Was hilft mir, mich zu ver- wurzeln und sesshaft zu werden? Sesshaftigkeit und Ortsqualität können nicht entkoppelt werden. Wer Wurzeln schlagen will, muss einen guten Nährboden vorfinden oder ihn sich gestalten können. Und da diese Vision letztlich eine höchst subjektive Angelegenheit ist, kann ich an dieser Stelle nur enden, indem ich Ihnen meine Vision antrage; vielleicht finden Sie ja darin etwas, was auch Sie anspricht und gedanklich beflügelt. Ich suche einen Ort, an dem mein Körper und mein Geist in ein Gleichgewicht kommen, an dem ich liebe Freunde und Freundinnen zu Fuß erreiche, 157
an dem mein Körper, meine Seele und mein Geist Zugang zu dem haben, was ihnen Nahrung und Anregung bringt, an dem ich Räume der Begegnung mit Menschen finde oder mir diese Räume erschließe, an dem meine Sinne belebt werden und an dem die Natur zu mir spricht, an dem ich einen Hafen finde, wenn sich mein Lebensschiff wieder auf stürmische See herausgewagt hat, an dem ich ich selbst sein darf, ohne vereinsamen zu müssen, an dem ich meine Spuren hinterlasse, so dass ich mich in den Ort einschreibe, an dem ich dies nicht alleine tue, sondern mit anderen, die auch wie ich „Hand anlegen“ und Träume verwirklichen. Ich finde einen Ort, an dem ich meine Vision vom guten Leben verwirklichen kann, dankbar dafür, dass meine innere Spur mich an diesen Ort gebracht hat. Anmerkung 1 Dies ist auch eine kulturelle und klimatische Frage. So ist z.B. Italien ein Land mit hoher Motorisierung und hoher Telefondichte, und dennoch ist die soziale Interak- tion und Kommunikation weit engmaschiger und dichter als bei uns. Literaturhinweise Dossey, Larry: Die Medizin von Raum und Zeit. Ein Gesundheitsmodell, Reinbek: Rowohlt 1987. Leutz, Grete: Das klassische Psychodrama nach J. L. Moreno, Heidelberg: Springer 1986. Mettler-v. Meibom, Barbara (Hg.): Einsamkeit in der Mediengesellschaft, Münster: Lit Verlag 1997. Mettler-v. Meibom, Barbara: Kommunikation in der Mediengesellschaft, Berlin: editi- on sigma 1994. Mettler-v. Meibom, Barbaral Bauhardt, Christine: Nahe Ferne, fremde Nähe. Infrastrukturen und Alltag, Berlin: edition sigma 1994. Schimmel, Frank/Mettler-v. Meibom, Barbara: Kommunikation (fast) ohne Telefon, in: Mettler-v. Meibom, Barbara/Bauhardt, Christine (Hg.), a.a.O., S. 101-110. Schumacher, Ernst F.: Die Rückkehr zum menschlichen Maß, Reinbek: Rowohlt 1977. Unseld, Godela: Erfahrungsfähigkeit S. 194-201. & Natur, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1994,
4. SAUBERE PRODUKTE Christine Henseling/Karl Otto Henseling Orientierungen auf dem Wege zum sauberen Produkt Als Einleitung zu seiner Parodie auf die deutsche Mülltrennkultur schreibt Robert Gernhardt: Jahrzehntelang sind wir locker mit zwei Bewusstseinen ausgekommen, mit unserem richtigen und dem falschen der anderen. Doch da aller guten Dinge drei sind, gibt es nun auch noch das Umweltbewusstsein. In den 80er Jahren hat sich dieses neue Bewusstsein, nachdem zuvor rauchende Schlote, stinkende Abwässer und hässliche Müllberge im Vordergrund standen, auch auf den Bereich der Produkte ausgeweitet. In die Produktwerbung hielten Begriffe wie „umweltfreundlich“, „ökologisch“, „alternativ“ oder „bio“ Einzug. Was verhilft einem Produkt zu so erfreulichen Eigenschaften, und wie sind diese zu verstehen? An welchen Kriterien orientieren sich diese Begriffe? Erfolgen Verbesserungen in Bezug auf die wirklich drängenden Umweltfragen oder werden nur augenfällige Randprobleme angegangen? Dies sind Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Spätestens seit der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ist klar geworden, dass es nicht allein darum gehen kann, die ökologischen Eigenschaften von Produkten zu verbessern, son- dern dass soziale und ökonomische Aspekte gleichermaßen berück- sichtigt werden müssen — dass es also darum gehen muss, nachhaltige Produkte zu entwickeln. Im Folgenden sollen daher verschiedene Analysemethoden vorgestellt werden, mit deren Hilfe erfasst werden kann, was ein umweltgerechtes bzw. nachhaltiges Produkt ist. Des Weiteren wird die Frage erörtert, wie man solche Produkte den Konsumenten vorstellen und nahe bringen kann. 159
Ökobilanz und Nachhaltigkeitsanalysen Ökobilanzen analysieren den Lebensweg eines Produktes (von der Entnahme und Aufbereitung von Rohstoffen, über Herstellung, Distribution und Transport bis zu Gebrauch, Verbrauch und Entsorgung). Sie erfassen in der Sachbilanz die Stoff- und Energieumsätze längs des Lebensweges sowie Flächenverbräuche, die einer exakt definierten funktionellen Einheit (z.B. der Verpackung für einen Liter Milch) zuzuordnen sind. In der Wirkungsabschätzung werden diese Daten verschiedenen umweltbezogenen Kategorien zugeordnet. Die Anforderungen an die ordnungsgemäße Durchführung einer Ökobilanz sind international in der Normenreihe ISO 14040 ff. festgelegt. Mit Hilfe von Ökobilanzen können die ökologischen Auswirkungen von Produkten analysiert werden. Für eine nachhaltige Produktentwicklung und -bewertung (also eine Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien) liegen dagegen bislang nur wenige Vorschläge vor. Ein Beispiel dafür ist die vom Öko-Institut e.V. entwickelte Methode PROSA - Product Sustainability Assessment (Ewen et al. 1997). PROSA ist ein Instrument zur Produktbewertung, das neben ökologischen Kriterien auch soziale und ökonomische Kriterien berücksichtigt. Es soll Unternehmen ermöglichen, das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung auch umzusetzen. Hierzu ist es erforderlich, die Zusammenhänge zwischen Produkten und diesem Leitbild systematisch herauszuarbeiten. Die PROSA-Methode ist in dem Projekt „Kundenorientierte Ökologisierung der Produktentwicklung und -vermarktung“ vom Öko-Institut und der TU-Berlin weiterentwickelt worden (Klaffke et al. 1999). Hierbei wurden die Bedingungen für eine kundenorientierte Ökologisierung der klassischen Produktentwicklung und -vermarktung analysiert. Für die Entwicklung und Markteinführung ökologisch innovativer Produkte schlagen die Autoren einen Sichtwechsel vor: weg von der separaten ökologischen Produktentwicklung, die fast zwangsläufig auf Nischenmärkte zielt, hin zu einer kundenorientierten Ökologisierung der traditionellen Produktentwicklung und -vermarktung, durch die erst eine durchgreifende Ökologisierung der Massenmärkte möglich wird. Dementsprechend wird eine praxisorientierte Erweiterung der traditionellen Produktentwicklung und -vermarktung vorgeschlagen: Festlegung produktspezifischer Umweltziele, lebensstilbezogene Be160
dürfnis- und Nutzenanalyse sowie Analyse der Produktlinie selbst (mit den Instrumenten Ökobilanz und Lifecycle Costing). Der Weg zu einer allgemein anerkannten und normierten dik der Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten (wie sie Ökobilanz bereits existiert) ist wohl noch weit. Mit der entwicklung von PROSA liegt aber ein erprobtes Werkzeug Methofür die Weitervor, das auf anerkannten Analysemethoden beruht. Bewertung in Ökobilanzen Die mit einem Produkt oder einer Dienstleistung über den gesamten Lebensweg verbundenen Auswirkungen zu ermitteln und zu beschreiben ist eine Sache; diese Kenntnisse zu bewerten, eine andere. Der sehr komplexen Frage nach einer Bewertung der Nachhaltigkeit von Produkten kann an dieser Stelle nicht umfassend nachgegangen werden. Es können jedoch einige neue Entwicklungen im Bereich der Bewertung in Ökobilanzen (für den umweltbezogenen Teilbereich der Nachhaltigkeit) dargestellt werden. Schon für den ökologischen Bereich ist eine Bewertung schwierig. Was ist wichtiger: die Klimaveränderung, das Artensterben oder die Eutrophierung von Gewässern? Ist die Beurteilung eines Produkts als „umweltverträglicher“ im Vergleich zu einem anderen das nachvollziehbare Ergebnis einer Ökobilanz oder ist die Ökobilanz nur zur Bekräftigung eines entsprechenden Vorurteils durchgeführt worden? Die in diesen Fragen steckende Brisanz hat dazu geführt, dass sei- tens des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes ein Projekt durchgeführt wurde, in dem sich Vertreter der Industrie, der Wissenschaft, werkschaften der Umwelt- und Verbraucherverbände, und staatlicher Umweltbehörden der Ge- über grundsätzliche Fragen zur „Bewertung in Ökobilanzen“ verständigten (Braunschweig 1999). Die vereinbarten Grundsätze geben Hinweise darauf, wie über Ökobilanzen und die Konsequenzen für die produktbezogene Um- weltpolitik eine Verständigung erzielt werden kann: e Die Bewertung in Ökobilanzen erfolgt vor dem Hintergrund ak- teursspezifischer Interessen und ist daher grundsätzlich subjektiv und nicht ohne weiteres objektivierbar. Schon von daher muss es eine Pluralität von Bewertungsmethoden geben. e Die Gestaltung des Bewertungsprozesses ist genauso wichtig wie die Auswahl einer Bewertungsmethode. 161
e Die Zielfestlegung, die Ausgestaltung des Bewertungsprozesses sowie die Auswahl der anzuwendenden Methode(n) liegt im Verantwortungsbereich des Auftraggebers einer Ökobilanz. e Die Bewertung einer Ökobilanz kann keinen Automatismus bezüglich der umweltpolitischen Entscheidungen auslösen. Die Subjektivität und Kontextabhängigkeit der Bewertung von Ökobilanzen ist eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht ein umfangreiches Wissen über Art und (mögliche) Folgen der Umweltbelastung, denen die Ergebnisse der Sachbilanz in der Wirkungsabschätzung zugeordnet werden. Der Gefahr der subjektiven Beliebigkeit der Bewertung kann vor allem dadurch begegnet werden, dass die Bewerter auf dem gleichen aktuellen Kenntnisstand bezüglich des Bewertungshintergrundes urteilen. Das Umweltbundesamt hat daher eine Methode der Bewertung in Ökobilanzen entwickelt, die Bewerter in die Lage versetzen soll, ihre Entscheidungen auf der Grundlage eines möglichst umfassenden Bildes der möglichen Umweltwirkungen des Bewertungsgegenstandes zu fällen (Umweltbundesamt 1999 a). Die Umweltwirkungen werden den üblichen Wirkungskategorien (Treibhauseffekt, Ozonabbau, Ressourcenbeanspruchung, direkte Gesundheitsgefährdung etc.) zugeordnet. Diese Bewertungsmethode beruht auf der Festlegung, dass ein Beitrag zu einer Wirkungskategorie als umso umweltschädigender beurteilt wird, e je schwerwiegender die potenzielle Gefährdung der ökologischen Schutzgüter in der betreffenden Wirkungskategorie anzusehen ist (Kriterium: Ökologische Gefährdung); e je weiter der derzeitige Umweltzustand in dieser Wirkungskategorie vom angestrebten Umweltzustand entfernt ist (Kriterium: Di- stance-to-target); e je größer dieser Beitrag in Bezug auf einheitliche Referenzwerte ist, z.B. der Anteil an der jeweiligen Gesamtjahresemission (Kriterium: Spezifischer Beitrag). Diese Bewertungsmethode setzt darauf, dass sich die Bewerter neben den aus der Ökobilanz erhaltenen Informationen auch einen fun- dierten Überblick über die Kriterien „Ökologische Gefährdung“ und „Distance-to-target“ verschaffen. Im Anhang zu der Handreichung „Bewertung in Okobilanzen“ des Umweltbundesamtes sind ausführ- liche Hintergrundinformationen zu diesen Kriterien enthalten. 162
Das Öko-Institut hat ein eigenes Modell zur ökologischen Bewertung von Produkten entwickelt: die integrierte ökologische Bewertung (Bunke et al. 2000). Bei dieser Methode werden die in der Ökobilanz ermittelten Ressourcenverbrauchs- und Emissionswerte direkt auf der Basis von Umweltzielen, wie z.B. dem „UmweltBarometer“ (siehe unten), bewertet. Umwelt-Barometer Deutschland Umweltbereich Schlüsselindikator Klima Jährliche CO-- Reduzierung der CO,-Emissionen um Emissionen 25 % bis 2005 gegenüber 1990 Emissionen von SO,, NO, NH3 und VOC Reduzierung um 70 % bis 2010 gegenüber 1990 Luft Umweltziel Flächenverbrauch | Reduzierung auf 30 ha pro Tag bis 2020 Natur Ökologische Vorrangflächen 10-15 % Vorrangflächen für Biotopverbund bis 2020 Wasser Gewässergüteklasse Erreichen der chem. Güteklasse II bei allen Fließgewässern bis 2010 Ressourcen | Energieproduktivität Rohstoffproduktivität Verdopplung der Energieproduktivität bis 2020 gegenüber1990 Erhöhung der Rohstoffproduktivität auf das 2,5fache bis 2020 gegenüber1990 Quelle: Bundesumweltministerium 1998 Prioritäten Mit der Formulierung von Grundsätzen und der Erarbeitung von Grundlagen für die Bewertung in Ökobilanzen sind wir der Frage, was denn ein „sauberes“ Produkt sei, schon ein gutes Stück näher gekommen. Was noch fehlt, ist eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage, was wichtiger ist, die Klimaveränderung, das Artensterben oder die Eutrophierung von Gewässern? Auf diese Frage gibt es keine allgemein gültige Antwort. Antworten müssen auf verschiedenen Ebenen gefunden werden: auf der politi163
schen Ebene wie auf der Ebene konkreter Entscheidungen der wirtschaftlichen Akteure. Auf der politischen Ebene hat das Bundesumweltministerium mit dem Vorschlag für ein „Umwelt-Barometer“ entsprechende Themen in den Vordergrund gestellt (s. Abbildung). Diese Themenliste setzt Schwerpunkte für die umweltpolitische Diskussion auf nationaler Ebene. Damit ist jedoch kein Vollständigkeitsanspruch verbunden. Wichtige Themen wie die Frage der Schadstoffkontrolle sind nicht oder nur indirekt angesprochen. Für die Prioritätensetzung bei der Bewertung umweltbezogener Aspekte eines Produktlebensweges kann eine solche nationale Sicht nur eine erste, allerdings wichtige Orien- tierungshilfe sein. Die Priorisierung ist ein Bewertungsschritt, der ebenfalls in die Verantwortung der Bewertung im konkreten Einzelfall fällt. Die Handreichung „Bewertung in Ökobilanzen“ des Umwelt- bundesamtes enthält auch für diese Aufgabe wichtige Anregungen und unterstützende Hinweise. Probleme bei der Vermarktung umweltgerechter Produkte Die bisher geschilderten Schritte zu einem klareren Bild davon, was ein ökologisch „sauberes“ Produkt ist, sollen letztlich zu konkreten Entscheidungen führen. Das können zunächst Entscheidungen darüber sein, welche Schritte auf dem Lebensweg eines Produktes zu verbessern sind. Vor allem sollen Verbraucher über solche Verbesserungen und die Vorteile umweltoptimierter Produkte informiert werden, damit ihre Kaufentscheidungen einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten können. Es kommt also nicht nur darauf an, ökologische Kriterien und diesen gemäße Produkte zu entwickeln, sondern auch darauf, diesen hohen Anspruch dem Konsumenten zu vermitteln. Hier liegt ein Kernproblem einer ökologischen Produktpolitik. Obwohl es bereits in vielen Bereichen qualitativ hochwertige ökologische Produkte gibt, wer- den diese von den Konsumenten nicht oder nur in geringem Maße angenommen. So lag beispielsweise der Anteil von Öko-Lebensmitteln am gesamten Umsatz in Deutschland 1999 bei weniger als 2 Prozent. Und obwohl bereits Pkw angeboten werden, deren Verbrauch bei 5 Litern je 100 km oder darunter liegt, ist der Durchschnittsverbrauch von Neufahrzeugen höher als 7 Liter (Bundesumweltministerium 1998). 164
Die Nachfrage nach ökologisch problematischen Produkten und Dienstleistungen wie größeren und schnelleren Autos, mehr Wohnraum oder weiten Flugreisen nimmt weiter zu. Von einem umweltgerechten Konsumverhalten sind wir also noch weit entfernt. Besonders schwer haben es dabei Produkte, deren Umwelteigenschaften nicht sofort ersichtlich sind. Der Konsument hat meist nur die Produkteigenschaften im Blick, die in der Gebrauchsphase (evtl. auch bei der Entsorgung) eine Rolle spielen. Viele Umweltsiegel und Marketingstrategien setzen darum hier an. Das Umweltsiegel Öko-Tex Standard 100 garantiert z.B. die Schadstofffreiheit von Textilien (und ist damit in erster Linie verbrau- cherschutzorientiert), sagt aber nichts über die Umweltbelastungen bei der Produktion selbst aus. Marketingstrategien fokussieren oft auf Argumente wie niedrigen Energieverbrauch (z.B. bei Haushaltsgeräten) oder auf gesundheitliche Vorteile (z.B. bei Bio-Lebensmitteln), die beim Gebrauch eine Rolle spielen. Die Produktionsphase, die oft einen wesentlichen Anteil an den ökologischen Auswirkungen eines Produkts hat, ist dem Konsumenten dagegen nur schwer vermittelbar. Sie darf aber aufgrund ihrer Umweltrelevanz nicht vernachlässigt werden. Das Verständnis der Konsumenten, was ein umweltgerechtes Produkt ist, muss also über Energiespartaste, Schadstofffrei-Garantie und Recyclingfähigkeit hinausgehen. Zur Rolle von Information und Kommunikation Damit saubere, umweltgerechte Produkte von den Konsumenten angenommen werden, bedarf es gezielter Vermarktungsstrategien. In der Vergangenheit wurde der Schwerpunkt bei der Vermarktung von ökologischen Produkten auf die Verbraucherinformation, z.B. durch Verbraucherzentralen, Umweltzeichen oder Umweltsiegel, ge- legt. Die Umweltverträglichkeit als Zusatznutzen eines Produkts muss dem Konsumenten transparent gemacht werden, weil die ökologischen Eigenschaften eines Produkts nur in wenigen Fällen direkt ersichtlich sind. So sieht das Ei von Hühnern aus ökologischer Haltung genauso aus wie das Ei aus der Massentierhaltung. Der Konsument ist also auf Hersteller- und Händlerinformationen bzw. auf Informationen unabhängiger Gremien angewiesen. Hier setzen zum Beispiel Umwelt165
zeichen und Umweltsiegel sowie die Veröffentlichungen von Stiftung Warentest oder Öko-Test an. Umweltzeichen können, wenn sie auf anspruchsvollen, nachprüf- baren Kriterien beruhen und von einem unabhängigen Gremium vergeben werden, dem Verbraucher in komprimierter Form verlässliche Informationen über die Umwelteigenschaften von Produkten liefern. Eine besondere Rolle spielen dabei Multikriterien-Umweltzeichen, wie z.B. der „Blaue Engel“ oder das EU-Umweltzeichen, bei denen auch die Produktionsphase in die Bewertung mit einfließt. Ihnen liegen anspruchsvolle Kriterien zugrunde, die neben Aspekten des Verbraucher- und Gesundheitsschutzes auch Aussagen zu den Umweltbelastungen bei der Produktion machen. In Deutschland erfüllt vor allem der „Blaue Engel“, dessen Vergabekriterien von der unabhängigen Jury Umweltzeichen festgelegt werden, diese Aufgabe (www.blauer-engel.de). Dieses Zeichen wird seit 1977 vergeben und findet inzwischen bei über 80 Produktgruppen Anwendung, von Autowaschanlagen bis zu Zeitungsdruckpapier. Die Zahl der Produkte, für die der „Blaue Engel“ vergeben wurde, bewegt sich inzwischen in der Größenordnung von über 5000. Diese Zahl ist zugleich einer hohen Dynamik unterworfen, da jedes Jahr Produkte aufgrund verschärfter Anforderungen herausfallen und andere Produkte neu aufgenommen werden. In den letzten Jahren ist die Zahl der mit dem Umweltzeichen gekennzeichneten Produkte allerdings rückläufig. Auch hat sich die Bedeutung des „Blauen Engels“ als Erkennungszeichen für umweltfreundliche Produkte inzwischen weitgehend nivelliert. Zwar geben 55 Prozent der Konsumenten auf die Frage, woran sie umweltfreundliche Produkte erkennen, den Aufdruck des „Blauen Engels“ an, andere Produktkennzeichnungen holen aber kontinuierlich auf (Umweltbundesamt 2000). Obwohl seit den 80er Jahren eine Umweltaufklärung der Verbraucher stattfindet, konnte bislang eine Veränderung im Konsumverhalten auf breiter Basis nicht erreicht werden. Daraus lässt sich schließen: Umweltaufklärung in Form von Umweltzeichen und -siegeln oder Ergebnissen von Testzeitschriften ist notwendig, aber nicht hin- reichend. Ausschließlich kognitiv orientierte Strategien der Konsumaufklärung greifen offensichtlich zu kurz. Zudem sind „die Konsumenten“ keine homogene Gruppe, sondern setzen sich aus verschie166
denen Lebensstil- und Konsumtypen zusammen, Strategien der Verbraucheransprache erfordern. die differenzierte Der Lebensstil-Ansatz Hierzu liefert das Konzept der Lebensstile wichtige Ansätze. Als Lebensstile werden relativ beständige Verhaltens- und Selbstdarstel- lungsmuster bezeichnet, nach denen Menschen ihren Alltag in den verschiedenen Bedürfnisfeldern organisieren (Zapf 1987). Durch das Lebensstilkonzept werden die Kategorien von Klasse und Schicht um subjektive Aspekte wie Alltagsorientierungen, und Konsumverhalten ergänzt. Mit Werte, Einstellungen Hilfe des Lebensstilkonzepts können nicht nur soziale Unterschiede identifiziert werden, sondern auch subjektive Lebensorientierungen. Ein wesentliches Element besteht in der identitätsstiftenden Funktion der Lebensstile: Lebensstile drücken immer auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bzw. die Abgrenzung von einer anderen aus. Zwei Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Lebensstilforschung dürften für die Frage nach einem nachhaltigen Konsum von Bedeutung sein. Erstens: „Den Konsumenten“ gibt es nicht und folglich auch nicht „die Strategie“ der Konsumentenansprache. Wir haben es vielmehr mit einer Vielfalt von Lebensstilen zu tun. Dieser Vielfalt muss man Rechnung tragen, wenn man auf eine Veränderung des Konsumverhaltens in Richtung Nachhaltigkeit hinwirken will. Dies betrifft sowohl das Marketing als auch das Design der Produkte. Bereits bei der Produktentwicklung muss eine Orientierung an den Wünschen und Bedürfnissen jener Gruppen erfolgen, die man mit dem Produkt erreichen will. Zweitens: Das Konsumverhalten ist auch ein Mittel, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (einem Lebensstil) auszudrücken und zu festigen. Beim Konsum geht es also nicht nur darum, dass Bedürfnisse befriedigt werden, sondern auch darum, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden. Deshalb sind Strategien, die auf eine Änderung des gesamten Lebensstils eines Menschen zielen, wenig Erfolg versprechend (Schultz/Weller 1996). Mit Hilfe des Lebensstilkonzepts können die verschiedenen Le- bensstile bzw. Konsumtypen identifiziert und darauf aufbauend Marketingstrategien entwickelt werden, die auf die unterschiedlichen 'Iy167
pen zugeschnitten sind. In der Umweltforschung gibt es verschiedene Projekte, die mit diesem Ansatz arbeiten. So hat beispielsweise das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) die Konsumtypen und Konsumstile in Deutschland untersucht und auf dieser Grundlage Strategien für die Umwelt- und Verbraucheraufklärung entwickelt (siehe Beitrag in diesem Buch). Auch das Öko-Institut arbeitet bei der Vermarktung von nachhaltigen Produkten mit dem Lebensstilansatz. So beispielsweise — gemeinsam mit dem ISOE - in dem Projekt „TopTen Innovationen“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird (vgl. Kasten). TopTen Innovationen Im Zentrum dieses Projekts steht die Entwicklung und Vermarktung nachhaltiger Produkte. Ziel des Vorhabens ist es, eine deutliche ökologische Ver- besserung bei Kauf und Gebrauch von Produkten bzw. Dienstleistungen in den zehn Produktfeldern herbeizuführen, die etwa zwei Drittel der bundesdeutschen Stoffströme (Ressourcen und Emissionen) ausmachen. Weiter soll die Entwicklung und Vermarktung nachhaltiger Produkte unterstützt werden. Dazu sollen produktspezifische Konsumtypen ermittelt und zielgruppenspezifische Strategien für ein „Nachhaltigkeitsmarketing“ abgeleitet werden. Drei produktbezogene Pilot-Initiativen werden bzw. Unternehmensverbänden durchgeführt: dazu mit Unternehmen e die Initiative „Nachhaltigkeitsmarketing zum 3-Liter-Auto“ mit der Volkswagen AG, e die Entwicklung und Vermarktung der „Universal-T-Net-Box“ zum Ersatz individueller Anrufbeantworter und Faxgeräte mit der Deutschen Telekom und e die Kampagne zur Änderung des Verbraucherverhaltens beim Waschen mit dem Industrieverband Körperpflege und Waschmittel. Auf dem Weg zum sauberen Produkt Bei dem EU-Umweltministertreffen im Mai 1999 in Weimar wurde eine integrierte Produktpolitik als Hauptaufgabe auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung erkannt. Diese Aufgabe könne nur Erfolg haben, wenn alle Beteiligten — Staat, Unternehmen und Verbraucher ihrer jeweiligen Verantwortung für die Umweltqualität von Produkten gerecht werden (Umwelt 6/1999). Im Februar 2001 hat die EU168
Kommission ein „Grünbuch zur integrierten Produktpolitik“ vorge- legt, mit dem die Diskussion zu dem Thema Produktpolitik in Euro- pa vorangebracht werden soll (EU-Kommission 2001). Wir konnten einige Bereiche beschreiben, die es ermöglichen, diese umfassende Herausforderung zu konkretisieren: e Zunächst ist es erforderlich, ein klares Bild davon zu gewinnen, in welchen Bereichen die Umweltinanspruchnahme auf dem Lebensweg eines Produkts besonders problematisch ist und welche Innovationen ein Produkt „sauber“ werden lassen. In den letzten Jahren konnten bei der Methodik und den Bewertungsgrundlagen Ökobilanzen wesentliche Fortschritte erzielt werden. Damit die Grundlagen für eine Verständigung darüber gelegt, mit chen Verbesserungen die drängenden Probleme angegangen den können. von sind welwer- e Es ist eine Sache, „ökologische Richtungssicherheit“ zu gewinnen. Eine andere Sache ist es, diesen Zuwachs an Wissen und Verhal- tenssicherheit auch anderen zu vermitteln. Umweltzeichen wie der „Blaue Engel“ oder das Europäische Umweltzeichen basieren zwar auf anspruchsvollen Kriterien; die Praxis zeigt jedoch, dass Information und Kommunikation über „saubere“ Produkte zu den Schwerpunkten einer integrierten Produktpolitik gehören müssen. e Die Akzeptanz für ökologisch „saubere“ Produkte ist bei den Menschen höchst unterschiedlich ausgeprägt. Sie hängt entscheidend von den persönlichen Wertmustern und Handlungsmöglichkeiten ab. Die Lebensstilforschung Bevölkerungsgruppen kann Hinweise dazu geben, welche mit welchen Argumenten Erfolg verspre- chend auf ökologisch verbesserte Produkt- oder Dienstleistungsan- gebote angesprochen werden können. Literaturhinweise Braunschweig, A.: Bewertung in Ökobilanzen, Projektbericht und Projektdokumentation. Im Auftrag des Umweltbundesamtes, Bundesumweltministerium Berlin 1999. (Hg.): Nachhaltige Entwicklung in Deutschland. eines umweltpolitischen Schwerpunktprogramms, Entwurf Bonn 1998. Bunke, D. et al: Die integrierte ökologische Bewertung. Öko-Institut, Freiburg 2000. Ewen, C. et al. Hoechst Nachhaltig. Sustainable Development — Vom Leitbild zum Werkzeug. Öko-Institut, Freiburg 1997. Eyerer, P./ Wolf, M. A.: Zero Emissions: Was geht und was nicht geht, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 2001, S. 136-148. 169
Klaffee, K. et al: Kundenorientierte Ökologisierung von Produktentwicklung und -vermarktung. Freiburg/Berlin 1999. Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Grünbuch zur integrierten Produktpolitik, Brüssel 2001. Kraus, J.: Rio, Rom und Rote Bete. Aktionen und Anregungen für eine neue Ess- und Einkaufskultur, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 2000, S. 237-246. Schultz, 1./Weller, I.: Nachhaltige Konsummuster und postmaterielle Lebensstile. Eine Vorstudie im Auftrag des Umweltbundesamtes, Frankfurt a.M. 1996. Umweltbundesamt (Hg.): Bewertung in Ökobilanzen. Methode des Umweltbundesamtes zur Normierung von Wirkungsindikatoren, Ordnung (Rangbildung) von Wir- kungskategorien und zur Auswertung nach ISO 14042 und 14043. UBA-TEXTE 92/99, Berlin 1999 (Umweltbundesamt 1999 a). Umweltbundesamt (Hg.): Handbuch Umweltfreundliche Beschaffung, 4. Auflage; München 1999 (Umweltbundesamt 1999 b). Umweltbundesamt (Hg.): Umweltbewusstsein in Deutschland 2000. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, Berlin 2000. Zapf, W. et al.: Individualisierung und Sicherheit. Untersuchungen zur Lebensqualität in der Bundesrepublik Deutschland, München 1987. KRKKK „Auf schöne Abhandlungen hat man tausend Preise gesetzet, auf vortreffliche Thaten nicht die geringsten.“ Jean-Jacques Rousseau KKKKK
Willy Bierter System-Design — Radikale Produkt- und Prozessinnovationen Ein wichtiger Baustein für eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise ist die zielgerichtete Entwicklung und Vermarktung von öko-intelligenten Gütern. Dazu sind wirtschaftlich-kommerzielle, organisatorische, technische und soziale Innovationen erforderlich, die zum Ziel haben, dass die Produkte, Prozesse und Infrastrukturen über ihren ge- samten Lebenszyklus mit möglichst wenig Rohstoffen und Energie möglichst schadstofffrei während möglichst langer Zeit einen hohen Nutzen stiften. Entsprechende zielführende Innovationsstrategien sind, mit steigendem Schwierigkeitsgrad: e Produktionsoptimierung e Produktoptimierung e Neu-Design e System-Design Produktionsoptimierung Bleibt ein Produkt in seiner Grundstruktur unangetastet, so zielen kostensenkende Innovationen zunächst auf Verbesserungen von betrieblichen Abläufen und Verfahrenstechnologien. Solche Innovationen betreffen hauptsächlich die Phase der Fertigung und beinhalten nachhaltigkeitsorientierte Verbesserungen des Herstellungsprozesses (cleaner production). Ihr Ziel ist vor allem die Vermeidung von Abfällen und Emissionen an der Quelle ihrer Entstehung. Handlungsmöglichkeiten dazu sind u.a.: e Abfälle reduzieren; e Energieverbräuche reduzieren; e Emissionen reduzieren. Die dazu notwendigen Maßnahmen können u. a. umfassen: e Änderung der Fertigungsorganisation; e Verbesserung oder Änderung der Fertigungstechnologie; 171
e effizientere Energienutzung; e Energie aus umweltverträglicheren Energiequellen; e weniger und umweltverträglichere Hilfsstoffe. Ein weiteres Ziel der Produktionsoptimierung kann die Verringerung der Transportkosten und die logistische Rationalisierung beinhalten. Solange die Produkte, die Zuliefer- und Vertriebswege gleich bleiben, sind einfach zu realisierende Einsparpotenziale in der Regel allerdings gering. Produktoptimierung Maßnahmen der Produktoptimierung — das Re-Design eines Produktes — haben zum Ziel, den Ressourcenverbrauch über den gesamten Produktlebenszyklus zu verringern und Emissionen zu reduzieren bzw. ganz zu vermeiden. Denkbare Maßnahmen sind u.a.: e Substitution der Werkstoffe; e Änderung der Konstruktion/Baustruktur; e Änderung der Verbindungstechnologie. Re-Design-Maßnahmen können auch eine Verlängerung der Nutzungsdauer eines Produktes zum Ziel haben. Soll ein Produkt bei- spielsweise wartungsarm sein, muss auch die Nutzungsphase in der Produktentwicklung mitberücksichtigt werden. Denn während der Nutzungsphase eines Produktes können beträchtliche Stoffverbräuche (z.B. für die Oberflächenbehandlung) sowie Umweltbelastungen und damit Kosten auftreten. Diese eigentlichen Nutzungskosten fallen beim Nutzer an. Ein ökologisches Re-Design eines Produktes sollte deshalb auch die Reduzierung dieser Nutzungskosten zum Ziel haben. Eine Änderung des konstruktiven Aufbaus eines Produktes können seine Wartung, Instandhaltung und Reparatur erleichtern und damit das „Dienstleistungs-Leben“ des Produktes verlängern, was wiederum zur Erhöhung der Ressourcenproduktivität und damit zu einem geringeren Ressourceninput pro Nutzeneinheit führt. Zielführende Arbeitsschritte beim Re-Design können u. a. sein: e Stärken-/Schwächenanalyse des ausgewählten Produktes auf seine ökologische Qualität anhand umweltrelevanter Produkteigenschaften (Erarbeiten des Umweltprofils); ® Entwickeln Erfolg versprechender Ideen zur Verbesserung des Produk- tes und seines ‚Produktsystems‘; ImZ
e Bewerten und Auswählen der ökonomisch und ökologisch erfolgversprechendsten Ideen; ® Erkunden möglicher Strategien und Mafßnahmen, damit das ausgewählte Produkt lebenszyklusweit einen möglichst hohen Kundennutzen mit weniger Material- und Energieeinsatz und möglichst schadstofffrei erfüllt; e Festlegen der konkreten Re-Design-Strategie und Erarbeiten von Produktkonzepten; diese Aufgaben betreffen die Ausarbeitung und Prüfung der Machbarkeit der ausgewählten besten Ideen und Maßnahmen für das Re-Design des ausgewählten Produktes; e Umsetzung der besten Re-Design-Strategie. Neu-Design Das Neu-Design von Produkten und Produktnutzungssystemen eröffnet wesentlich größere Chancen, das Ziel einer besseren Erfüllung der vom Nutzer gewünschten Nutzen bei gleichzeitig deutlich geringerem Umweltverbrauch zu erreichen. Grundlegende strategische Ansätze, das vom neuen Produkt bzw. Produktnutzungssystem zu erfüllende Funktions- und Nutzenbündel zu verbessern, sind u.a.: e die Verlängerung der Nutzungsdauer des Produktes und e die Erhöhung der Anzahl der geleisteten Nutzeneinheiten. Der erste entscheidende Schritt bei der Konzipierung eines neuen Angebotes ist die sorgfältige Bestimmung der wesentlichen Funktionen und Dienste, die das neue Produkt bzw. Produktnutzungssystem erfüllen soll. Für die Lösung dieser Aufgabe bietet sich die Bildung eines Innovationsteams an, das aus Vertretern des unternehmensinternen Projektteams und potenziellen Endnutzern besteht. In vertieften Teamdialogen werden die zu erfüllenden Funktions- und Dienstleistungsbündel definiert sowie die zusätzlichen Bedingungen festgelegt, die das neue Produkt erfüllen soll. Die nächste Aufgabe ist das eigentliche Design des neuen Produkts mit der größtmöglichen Ressourcenproduktivität „von der Wiege bis zur nächsten Wiege“. Wichtige Aspekte beim Design neuer ökointelligenter Produkte sind: e nur Materialien mit kleinen ökologischen Rucksäcken auswählen; e Langlebigkeit des Produktes und seiner Komponenten; e modulare Bauweise, die leichte Reparierbarkeit und ein einfaches technisches Aufrüsten erlaubt; 173
e lebenszyklusweite Minimierung des Aufwandes an Materialien, Energie, Fläche sowie human- und ökotoxischen Stoffen; e hygienische und ergonomische Aspekte berücksichtigen; e Prüfung und Abstimmung der Produktkonzeption im Hinblick auf eine schlanke Produktion; e Prüfung der Wirtschaftlichkeit der neuen Produktlösung(en) unter Berücksichtigung der Verfügbarkeit von Materialien, qualifizierten Fachkräften und Produktionstechniken. Ein Neu-Design von Produkten und Produktnutzungssystemen ist nicht nur gleichbedeutend mit einer konstruktiv-technischen Innova- tion, die in der Regel immer auch Zulieferer tangiert; es verlangt darüber hinaus immer auch organisatorische Innovationen, z.B.: e bei der Entwicklung (z.B. Schaffung von Innovationsteams); e bei der Produktionsorganisation und der Zusammenarbeit mit Zulieferern; beim Kundendienst (Wartung/Service); bei der Rücknahme, Demontage und Aufarbeitung der Produkte; bei der Kostenerfassung; beim Marketing. Dies erfordert von Anfang an den aktiven Einbezug sowohl von betrieblichen Fachleuten aus den Bereichen Design/Entwicklung, Produktion/Technik, Einkauf, Marketing/Verkauf, Logistik, Qualität & Umwelt und Servicefunktionen als auch von externen Akteuren wie Leitkunden und Zulieferern. Zwischenbetrachtung Maßnahmen zur Produktionsoptimierung können positive Wettbewerbswirkungen hervorrufen, indem dadurch entweder die Kostensituation gegenüber Wettbewerbern verbessert wird (Kostenpotenzial) oder die Differenzierungschancen im Markt vergrößert werden (Differenzierungspotenzial). Letzteres ist in der Regel nur durch weiter gehende Innovationen zu erzielen. Das Re-Design bzw. Neu-Design von Produkten wirkt sich in der Regel positiv auf die Wertschöpfung und die Wettbewerbsvorteile von Unternehmen aus. Wenn die Nachfrage nach öko-intelligenten Produkten und Dienstleistungen im Markt weiter wächst, werden Firmen, die diese Chancen heute nicht nutzen, sich morgen mit Wettbewerbsnachteilen konfrontiert sehen. 174
Doch wie steht es neben den ökonomischen mit den ökologischen Chancen? Anhand von praktischen Beispielen lässt sich grob abschätzen, dass beim Re-Design von Produkten eine Steigerung der Produk- tivität der eingesetzten Ressourcen (bei gleich bleibender Lebensdauer) um etwa 30 bis 50 Prozent, d.h. um einen Faktor 2 bis maximal 3, erzielt werden kann. Beim Neu-Design von Produkten, sofern es mit einer abgestimmten Optimierung von Teilen der Wertschöp- fungskette einhergeht, lässt sich eine Steigerung der Ressourcenpro- duktivität zwischen einem Faktor 3 und maximal 5 erreichen (Bierter 1999). Produktionsoptimierung bzw. Re-Design bzw. Neu-Design von Produkten — neuerdings auch als Integrated Product Policy (IPP) bezeichnet — sind wichtige Schritte zur Umweltentlastung. Doch diese reichen bei weitem nicht aus, um den notwendigen Faktor 10 oder mehr zu erreichen. Für die Erreichung einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise sind daher radikale Innovationen und vor allem radikale Systeminnovationen erforderlich (Steilmann 2001). System-Design Bei radikalen Innovationen wie z.B. der Substitution von chemischen Katalysatoren durch Enzyme in Produktionsprozessen sind Steigerungen der Ressourcenproduktivität bis zu einem Faktor 37 000 bekannt. Der Einsatz von ‚coldzymes‘ wird den Elektrizitätsverbrauch auch der ältesten Waschmaschinen um 90 Prozent senken. Die Ver- wendung von Nanotechnologie und ‚smart materials‘ (öko- intelligente Moleküle) erlaubt Steigerungen der Ressourcenproduktivität um einen Faktor 100. Radikale Systeminnovationen sind vor allem dann zielführend, wenn es darum geht, Werte durch den Verkauf von Resultaten aus Dienst- leistungssystemen zu schaffen (z.B. öko-intelligente Mobilität statt Drei-Liter-Autos verkaufen). Nur so kann allmählich der Übergang von der jetzigen „Durchfluss-Wirtschaft“ hin zu einer „Performance- Gesellschaft“ in Gang kommen (Giarini/Stahel 2000). Die Performance-Gesellschaft optimiert die Nutzung von Wissen und Güterflotten durch ein dynamisches Bewirtschaften; ihr zentraler wirtschaftlicher Wertbezug ist der Nutzungswert. Damit ist eine neue Qualität des Wirtschaftens über längere Zeiträume verbunden, da je175
de Qualitätsminderung der zirkulierenden Güter auch eine Minderung der eigenen (Unternehmens-)Werte ist, und Präventionsmaßnahmen (wie Schadensverhütung und Abfallvermeidung) deshalb im Eigeninteresse der wirtschaftlichen Akteure liegen (in der DurchflussWirtschaft hingegen betrifft die Wertminderung die flussabwärts gelegenen anonymen Akteure, insbesondere die Verbraucher). Im Zentrum der Performance-Gesellschaft steht die Werterhaltung; diese ist umso höher, je kleiner die Kreisläufe sind: Wiederverwenden kommt vor Reparieren vor Aufarbeiten vor Recycling vor Entsorgung. Zusätzlich zu den stofflichen Kreisläufen schließt die PerformanceGesellschaft auch die Kreisläufe mit ein. Diese (unsichtbaren) Ver- antwortungskreisläufe widersprechen der Logik der Industriegesellschaft, und eine Schließung der Verantwortungskreisläufe durch gesetzliche Regelungen ist der Durchfluss-Wirtschaft ein Dorn im Auge (siehe z.B. die blockierte EU-Rücknahmeverordnung für Altautos). Die hohe Nachhaltigkeit der Performance-Gesellschaft liegt auch darin begründet, dass eine Erhöhung der Ressourceneffizienz direkt ihre Wirtschaftlichkeit erhöht: e Dematerialisierung führt zu höheren Profiten; e Suffizienzlösungen ermöglichen höchste Wirtschaftlichkeit durch ein Wirtschaften ohne Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung; e eine längere Nutzungsdauer von Gütern ist Gewinn bringend, die Optimierung des Betriebs und der Instandhaltung der Güter durch entsprechendes Produktdesign und Dienstleistungen werden zu Schlüsselfähigkeiten; und regionale Arbeitsplätze ersetzen hohen Energieverbrauch und hohe Stoffflüsse. Die treibenden Kräfte des Umbaus der Durchfluss-Wirtschaft zur Performance-Gesellschaft sondern wissenschaftliche sind aber Innovation nicht nur der Umweltschutz, und neue Technologie. Die Schlagworte ‚Naturschutz‘ und ‚saubere Prozesstechnologien‘ wurden in jüngster Zeit zunehmend durch ‚Null-Abfall‘ und ‚höhere Ressourceneffizienz‘ abgelöst (Kühr 2001). Quantensprünge in dieser, Richtung werden aber erst durch radikales Umdenken ermöglicht. Dazu notwendig sind neue Unternehmensstrategien, der Mut zu Systeminnovationen und ein Wechsel zu neuen Technologien, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen. 176
System-Design: Ein Beispiel Systemisches Denken sagt uns, dass Nachhaltigkeit bzw. Zukunftsfä- higkeit weder für ein einzelnes Produkt noch für ein einzelnes Unter- nehmen definiert und erreicht werden kann, sondern nur für ein ganzes ökonomisch-sozial-ökologisches System. Das zentrale Problem, mit dem wir konfrontiert sind, ist nicht so sehr ein Managementproblem, sondern ein Designproblem. Damit wir uns richtungssicher auf eine Performance-Gesellschaft zubewegen, müssen wir ein System von Handel, Produktion und Organisation realisieren, in dem jede Handlung inhärent nachhaltig ist. Selbst die besten Unternehmen gemessen an den drei Mindestbedingungen von ökonomischer Prosperität, ökologischer Qualität und sozialer Gerechtigkeit - können nur nachhaltig sein, wenn die sie umgebenden Institutionen und Märkte derart umgestaltet werden, dass sie Nachhaltigkeit unterstüt- zen und vorantreiben. Was beinhaltet zukunftsfähiges System-Design konkret? Wie kann es vorangebracht werden? Gibt es einfache Heuristiken dafür? Diese und ähnliche Fragen wollen wir im Folgenden am Beispiel von Holzwerkstoff-Dienstleistungen kursorisch erörtern. Einige Trends e Weltweit gehen die Waldflächen zurück, in vielen Regionen mit hoher Geschwindigkeit. e Die Nachfrage nach Holz und Holzprodukten nimmt ständig zu. So hat die Nachfrage nach Rundholz zwischen 1965 und 1995 um 50 Prozent zugenommen, die nach Holzplatten um und nach Papier um 198 Prozent. 248 Prozent e In den letzten 30 Jahren hat eine starke Verschiebung von der Produktion von Qualitätshölzern zur Massenproduktion von Holzfasern stattgefunden. Holz aus extrem nicht-nachhaltiger Forstwirtschaft geht zunehmend in Produkte von immer geringerer Qualität und wertvolle Wälder verschwinden zunehmend in kurzlebigen Werbebroschüren und Billigmöbeln. Von der gesamten Holzernte landen inzwischen 40 Prozent in Papier, bald dürften es 50 Prozent sein. Einige Grundfragestellungen e \Wie lässt sich die Ressourceneffizienz von Holzwerkstoff-Dienstleistungen steigern? 177
e Können damit neue Märkte geschaffen werden? e Lassen sich gleichzeitig Wertschöpfung und Wettbewerbsvorteile erhöhen? Ausgangsthese Eine Einsparung an Holzressourcen um 90 Prozent („Faktor 10°) ist möglich ohne Einbuße an Quantität oder Qualität der gewünschten Dienstleistungen. Ein solches Einsparungspotenzial ist jedoch nur durch einen geziel- ten Innovationsschub der involvierten Unternehmen zu erreichen. Angepasste politische Rahmenbedingungen können ihn entscheidend fördern. Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Staat sind deshalb sinnvoll und notwendig, um das ehrgeizige Ziel schrittweise zu erreichen. Beispiele zeigen, dass Unternehmen, die den Wandel in Richtung einer Nachhaltigkeitspraxis anführen, deutliche Wettbewerbsvorteile erzielen. Solche Unternehmen sind auch in der Lage, die Spielregeln des Marktes ihrer Branche neu zu bestimmen. Systematische Schritte zur Ressourceneinsparung Die Grundprinzipien von großen Einsparungen sind sehr einfach: viele sukzessive Einsparungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette — angefangen von der Gewinnung des Rohstoffes über jeden Zwischen- schritt der Verarbeitung und des Transports bis zur Lieferung der Dienstleistung an den Endnutzer und zur letztendlichen Wiedergewinnung bzw. Entsorgung. Besonders ertragreich sind die Einsparungen „downstream“; sie führen im Prinzip zu großen Einsparungen an Holzwerkstoffen und Baumstämmen „upstream“. Wie effizient auch immer wir Wälder in Stämme und weitere Holzprodukte umwandeln, führt dies so lange zu nichts, wie das Er- gebnis Produkte sind, die eigentlich niemand will und alsbald nicht mehr genutzt und weggeworfen werden. Jede Einheit an solchen unerwünschten bzw. gering geschätzten „Dienstleistungen“, die reduziert wird, führt dazu, dass die entstehenden Verluste entlang der ganzen Kette bis zurück zum Wald vermieden werden können, die größt- mögliche Zahl an Bäumen eingespart und das große Ausmaß Waldschäden durch das Holzschlagen vermieden werden können. an Aber: So groß das Einsparungspotenzial auch ist, wir sind mit dem Problem konfrontiert, dass die Material- und Wertflüsse in der globa- len Forstprodukte-Industrie äußerst komplex sind. Die Beziehungen 178
zwischen Preisen, Haupt-, Ko- und Nebenprodukten, Verarbeitungs- kapazitäten, Marktstrukturen etc. sind extrem verflochten. Wir haben es deshalb nicht mit klar gegliederten Wertschöpfungsketten (wie et- wa bei der Stromindustrie) zu tun. Im Vergleich zu anderen Indust- riezweigen tendiert die komplexe Struktur des Forstprodukte- Wertschöpfungsgeflechts dazu, Marktbarrieren aufzubauen, was die Geschwindigkeit reduziert, mit der sich Märkte anpassen. Sie führt für Unternehmen zudem auch zu deutlich anspruchsvolleren Herausforderungen, um Wettbewerbsvorteile zu erringen. Das heißt nicht, dass wir nichts tun können, um Wälder nachhaltig zu bewirtschaften und zu retten. Es heißt nur, dass wir Steigerungen der Ressourcen- produktivität nur dann erreichen können, wenn wir systemisch und systematisch quer durch alle Sektoren und Anwendungen vorgehen. Systemperspektive Aus einer Systemperspektive heraus muss die relative Ressourcenproduktivität bzw. Nachhaltigkeit verschiedener Dienstleistungssysteme einer bestimmten Ressource untersucht werden. Ein hilfreiches Vor- gehen dabei kann in der Lovins-Formel zusammengefasst werden (Hawken et al. 1999), die die wichtigsten Faktoren kombiniert, die das Schlagen von Bäumen aus den Wäldern verursachen. Sie lautet: e Die Zahl der Bevölkerung, multipliziert mit dem e Wohlstand, hier der durchschnittlichen Zahl an Service-Einheiten (z.B. Papierverbrauch in kg pro Person und Jahr), die jede Person in Anspruch nimmt, multipliziert mit dem © nicht-substituierten Holzwerkstoffen (wie viel von dieser Nachfrage nach Service-Einheiten wird tatsächlich durch Holzwerkstoffe gedeckt und nicht durch Substitutionsprodukte aus Nicht-Holzwerk- stoffen), multipliziert mit der e Abhängigkeit von neuen Materialien (welcher Anteil an Produkten, die die gewünschten Service-Einheiten liefern, werden aus neuen Holzwerkstoffen hergestellt und nicht aus rezyklierten Holzwerkstoffen, aus neuen Holzprodukten und nicht aus reparierten oder wiederaufgearbeiteten Produkten, sind Wegwerfprodukte und nicht dauerhafte Produkte). Das Ergebnis der Multiplikation dieser vier Faktoren zeigt, wie viel Holzwerkstoffe insgesamt benötigt würden, wenn alle Ressourceneffi- zienzen beim Ernten, in der Verarbeitung und der Nutzung dieser Holzwerkstoffe konstant bleiben. 179
Um die Möglichkeiten zu identifizieren, wo mehr Service- Einheiten mit weniger Holzwerkstoffen zur Verfügung gestellt werden können (Innovationspotenziale), muss das oben errechnete Ergebnis (die potenzielle Nachfrage nach Holzwerkstoffen) durch das Produkt aus den folgenden Effizienzverbesserungen dividiert werden: Funktionseffizienz: Wie effizient bzw. effektiv erhöhen die Dienstleistungssysteme auf Holzwerkstoffbasis die Befriedigung der jeweiligen menschlichen Bedürfnisse? Welche Maßnahmen führen bei gleich bleibender Funktionserfüllung zu einer Reduktion an Holzwerkstoffen in den einzelnen Produktbereichen? Endnutzungseffizienz: Wie effizient werden Holzwerkstoff-Zwi- schenprodukte umgesetzt in Dienstleistungssysteme für die Endnutzung (z.B. Dokumente, Möbel, Holzhäuser)? Welche Maßnahmen führen zu einer Reduktion an Holzwerkstoff-Zwischen- produkten (z.B. durch doppelseitiges Drucken und Kopieren und Verwenden von einseitig bedrucktem „Abfall“-Papier)? Umwandlungseffizienz: Wie effizient werden Forstprodukte in Produkte auf Holzwerkstoffbasis umgewandelt (z.B. Steigerung der Umwandlungseffizienz in der Papierstoff-Herstellung)? Flächeneffizienz: Wie effizient werden Wälder in solche primären Forstprodukte wie Papierzellstoff, Holzbretter usw. umgewandelt (z.B. Zunahme in der Papierholzgewinnung pro Hektar aus Weichhölzer-Plantagen statt aus nicht-kultivierten Naturwäldern)? Dematerialisierung: Wie und in welchem Maße lassen sich die Dienstleistungssysteme auf Holzwerkstoffbasis durch weniger In- puts an neuen Holzwerkstoffen realisieren (z.B. leichte Tragwerkkonstruktionen im Holzbau)? Schließung von Holzwerkstoff-Kreisläufen: Wie und in welchem Maße lassen sich Holzwerkstoff-Kreisläufe schließen (z.B. durch eine Mehrfachverwendung von Papierprodukten)? Substitutionseffizienz: Welche Substitutionsmaßnahmen führen zu einer Reduktion des Einsatzes an neuen Holzwerkstoffen (z.B. Substitution von neuen Holzwerkstoffen durch Holzabfälle und re- zyklierte Holzabfälle)? Die Funktionseffizienz und die Abhängigkeit von neuen Materia- lien sind zwar sehr wichtige Faktoren, aber schwierig zu definieren. Hingegen eröffnet die Fokussierung auf die übrigen vier Faktoren Substitutionen von Holzwerkstoffen, Flächeneffizienz, Umwandlungseffizienz und Endnutzungseffizienz — ein Einsparungspotenzial 180
von ungefähr 75 bis 80 Prozent an neuen Holzwerkstoffen, um Dienstleistungen wie neue Holzhäuser oder Zeitungen zu liefern. Innovationsansätze und -strategien in der Papierkette Aus diesen möglichen Ansätzen sei beispielhaft eine radikale Systeminnovation kurz skizziert (s. hierzu die nachfolgende Tabelle). Sie kann u.a. umfassen: e Die Reduzierung des Papierverbrauchs bei großen Papierverbrau- chern (Banken, Versicherungen, Staat) durch Neugestaltung von Arbeitsprozessen (incl. durchgängiger Nutzung von Informationsund Kommunikationstechniken ohne dauerndes Ausdrucken); e die Nutzung der Dekopier-Technologie für homogene Papiersorten in großen Organisationen (dadurch kann ein Papier bis zu 10 000mal wiederverwendet werden); e der Aufbau von regionalen Mini-Mills, um aus Altpapier plus höchstens 25 Prozent an neuen Holzfasern Papier herzustellen. (Bei der Mini-Mill im Stadtteil Bronx von New York wird statt von Altpapier vom „urban forest“ gesprochen, um zum Ausdruck zu bringen, dass es auch in städtischen Agglomerationen „Wald“ in der Form von zirkulierendem Papier gibt und für diesen „Wald“ ebenso Sorge getragen werden muss wie für den „normalen“ Wald). Strategien zur Umsetzung von Systeminnovationen Radikale Systeminnovationen erfordern weit reichende organisatorische Transformationsprozesse und soziale Innovationen unter intelligenter Nutzung neuer Technologien. Von der Komplexitätsforschung lernen wir, dass radikale, systemische Veränderungen immer von den Rändern des Systems oder des „Chaos“ herkommen, „inszeniert“ von neuen Akteuren und Akteurskonstellationen mit neuen Wertvorstellungen. Zielführende Strategien zur Umsetzung von radikalen Systeminnovationen sind vor allem: 1. Marktgemeinschaften mit gemeinsamen Zukunftsvorstellungen Um ihren Kunden dauerhaft öko-intelligente Systemlösungen anbieten zu können, schaffen proaktive Unternehmen unternehmerische Ökosysteme (Moore 1998). Ein solches System besteht aus e den Kunden, e dem eigenen Unternehmen, e seinen Kooperationspartnern, e den verschiedenen Zulieferern und Händlern, 181
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e den verarbeiteten, verkauften und zurückgenommenen Gütern, e den Eigentümern, anderen Anspruchsgruppen (z.B. NGOs) sowie den staatlichen Institutionen, Regulierungsbehörden, Verbänden usw., die jeweils verschiedene Interessen vertreten, und schließlich e den Konkurrenten. Solche „unternehmerischen Ökosysteme“ bilden sich um innovati- ve Ideen herum und umspannen oft eine Vielzahl von Industriezweigen (z.B. sind für die Problemlösung „Reduktion des Papierver- brauchs“ bei Banken Kompetenzen im Bereich Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation erforderlich). Die involvierten Unternehmen werden zum Mittelpunkt weit gespannter Netze innovativer Anstrengungen und wollen die vorhandene menschliche Kreativität zur Lösung drängender Probleme nutzen und den Kunden damit einen „zukunftsfähigen“ Dienst erweisen. Sie entwickeln gemeinsam neue Fähigkeiten im Umkreis der Innovation, und sie kooperieren teils, teils konkurrieren sie miteinander, wenn neue öko-intelligente Systemlösungen eingeführt werden, Kundenwünsche zu berücksichtigen sind und die nächste Innovationsrunde ins Haus steht. Die unternehmerische Strategiebildung orientiert sich am Konzept der Koevolution, das ein neues Stadium des Wettbewerbs beschreibt. 2. Integration und Zusammenarbeit im Wertschöpfungsnetz Auch das Schmieden von direkten Beziehungen „upstream“ und „downstream“ macht die Realisierung von systemischen Einsparun- gen möglich (z.B. die Ausschaltung des Zwischenhandels). Um eine Wertschöpfungskette „virtuell“ zu integrieren, ist entweder ein verti- kal integriertes Unternehmen Netzwerke denkbar. oder die Entwicklung kooperativer 3. Aufbau kundenorientierter Leistungs- und Innovationsnetzwerke Die Umsetzung von radikalen Systeminnovationen erfordert die Zusammenarbeit unterschiedlicher Leistungsanbieter. Dies setzt voraus, dass Unternehmen gemeinsame Visionen entwickeln, Allianzen bilden, Vereinbarungen treffen und komplexe Beziehungsnetzwerke managen. Gerade Letzteres zeigt, dass dabei „weiche“ Innovationsfaktoren wie Organisation, Qualifikation, Managementmentalität, Kommunikation sowie Verhaltensstile eine mindestens ebenso große Rolle spielen wie technologische Innovationsfaktoren. Zu den Aufgaben kundenorientierter Leistungs- und Innovationsnetzwerke gehört auch, dass frühzeitig Konsumenten und Produzenten zusammenge185
bracht werden (Bildung von „Innovationsteams“), damit der Bedarf an den gewünschten Funktionen möglichst exakt ermittelt werden kann und die künftigen Kunden bzw. Nutzer sich darauf einstellen können, die neuen Systeme auch einzusetzen, wenn sie auf dem Markt erscheinen. Innovationsprozesse beginnen also, sollen sie erfolgreich sein, in der Regel immer mit organisatorischen und sozialen Innovationen. 4. Entwicklung von Leitmärkten Radikale Systeminnovationen müssen von der Marktseite her konzipiert, entwickelt und realisiert werden. Leitmärkte sind solche Märkte, die beim ersten größeren Einsatz neuer Systeme entstehen und auf denen sich wichtige wirtschaftliche und technische Rahmenbedingungen für die neuen Systeme erst herausbilden. Auf den Leitmärkten bilden sich die Kundenerwartungen und damit die konkrete Nachfrage heraus, werden aber auch wirtschaftliche Defizite neuer Systeme sichtbar. Zudem werden auf den Leitmärkten auch Preise gebildet, die richtungweisend sind, bis die Konkurrenz sich entfaltet hat und der Markt etabliert ist. Auf den Leitmärkten entstehen zudem auch technologische Standards, neue Formen der Arbeits- und Produktionsorganisation, Zulieferbeziehungen und viel Know-how für das Design, die Fertigung und den Vertrieb von neuen Dienstleis- tungserfüllungssystemen. 5. Funktionsorientierte Betrachtung der Befriedigung von Bedürfnissen Bei der Funktionsorientierung stellen sich Unternehmen die Frage, welche Systeme welche Funktionen erfüllen müssen, um die Bedürf- nisse ihrer Kunden mit weniger Stoff- und Energieeinsatz und durch Verminderung der human- und ökotoxikologischen Risikopotenziale zu befriedigen. In der strategischen Perspektive der Funktionsorientierung liegt das wohl größte Nachhaltigkeitspotenzial. 6. Neue Formen der Wissensorganisation und des Wissensmanagements Radikale Systeminnovationen verlangen die Beschaffung und Verarbeitung von neuen Informationen und neuem Wissen. Dies bedingt einmal einen umfangreichen Informations- und Wissensaustausch im Unternehmen zwischen Forschung und Entwicklung, Marketing, Vertrieb und Produktion, vor allem aber mit den (potenziellen) Kunden. Eine weitere wichtige Quelle ist die vertikale Kommunikation in der Wertschöpfungskette bzw. entlang des gesamten Lebenszyklus einer Produktlinie bis hin zur Abfallwirtschaft. 186
Literaturhinweise Bierter, W.: Ökologisches Produkt-Design, öko-intelligente Dienstleistungs- und Nutzungskonzepte im Bereich Heimmöbel, Projektbericht im Auftrag des BMBF (DLR-Projektträger Umwelttechnik), Bonn, Institut für Produktdauer-Forschung, Genf/Giebenach, Dezember 1999. Giarini, O./Stahel, W. R.: Die Performance-Gesellschaft. Chancen und Risiken beim Übergang zur Service Economy, Marburg 2000. Hawken, P. et al.: Natural Capitalism. Creating the Next Industrial Revolution, Bos- ton, New York, London 1999. Kühr, R.: Das Zero-Emissions-Konzept. ÖKOLOGIE 2001, S. 119-128. Zum Stand der Dinge, in: JAHRBUCH Moore, J.: Das Ende des Wettbewerbs. Führung und Strategie im Zeitalter unterneh- merischer Ökosysteme, Stuttgart 1998. Report of the Steilmann Commission: The Wealth of People. An Intelligent Economy for the 21st Century, Bonn 2001. KKKKK „Bei den vorgegebenen Strukturen würde ein stetiges Wirtschaftswachstum unvermeidlich eine Umweltkrise heraufbeschwören. Liefe das Räderwerk der Wirtschaft jedoch langsamer, dann hätten wir die Lähmung des Industriesystems mit Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung bitter zu büßen.“ NAWU-Report KAKKK
Norbert Kopytziok/Nina Schwarz Abfall als Indikator von Nachhaltigkeit Seit einigen Jahren werden an unterschiedlichen Stellen Aktivitäten zur Förderung einer „nachhaltigen Entwicklung“ begonnen. Der An- spruch der Nachhaltigkeit leitet sich dabei von der AGENDA 21 ab, dem internationalen Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert. Darin wird von allen Ländern und allen Menschen ein Verhalten gefordert, nach der die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse künftige Generationen in ihrer Existenz nicht gefährden darf. Auf überregionaler Ebene wurden dazu Leitbilder und Ziele festgelegt, die im Rahmen von Lokalen-Agenda-21-Prozessen konkretisiert werden müssen. Zur Identifikation von prioritären Ansatzstellen und als Bewertungsmaßstab werden hierfür Indikatoren bestimmt. Der vorliegende Beitrag beleuchtet die Debatte um Nachhaltigkeitsindikatoren aus der Sicht der Abfallwirtschaft. Sinn von Nachhaltigkeitsindikatoren Mit Hilfe von Indikatoren sollen Auswirkungen komplexer Systeme so weit vereinfacht dargestellt werden, dass Aussagen über die Veränderung des Zustandes dieser Systeme möglich sind. So helfen zum Beispiel Temperatur und Luftdruck bei der Wettervorhersage; erhöhte Körpertemperatur ist ein erstes Indiz für eine Krankheit. Mit dem Bruttosozialprodukt (BSP) und der Arbeitslosenquote wird die Wirtschaftsstärke einer Nation eingeschätzt. Nachhaltigkeitsindikatoren sollen Veränderungen in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft abbilden. Die Indikatoren können — wie die Anzeige des Fieberthermometers — vor unerwünschten Entwicklungen warnen und der Planung und Kontrolle von Politik dienen. Anhand der zeitlichen Entwicklung der Daten kann auch überprüft werden, ob getroffene politische Maßnahmen die nachhaltige Entwicklung fördern oder behindern. Die Ausarbeitung und Anwendung von Indikatoren führt zu breiten gesellschaftli188
chen Diskussionen. Damit kann zugleich die Idee der Nachhaltigkeit greifbar gemacht werden. Derzeit werden auf verschiedenen politischen Ebenen Nachhaltigkeitsindikatoren erarbeitet. Die „Commission for Sustainable Deve- lopment“ (CSD) hat 1995 ein Set von über einhundert Einzelindika- toren vorgelegt, die die nachhaltige Entwicklung auf nationaler und internationaler Ebene abbilden sollen. Dieses Indikatorenset wird seitdem von verschiedenen Staaten getestet. Auch Deutschland beteiligt sich an der Testphase. Für die Bundesrepublik selbst sind schon mehrere Indikatorensysteme vorgeschlagen worden. Als Beispiele seien die Indikatoren aus der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ o- der die Indikatoren des Forums für Umwelt und Entwicklung ge- nannt. Einzelne Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg haben ebenfalls Indikatorensets entwickelt. Während die Ausarbeitung von Indikatoren auf globaler und staatlicher Ebene meist deduktiv und theoretisch-abstrakt erfolgt, ist die Entwicklung von Nachhaltigkeitsindikatoren in Kommunen ein partizipativer empirischer Prozess: In Form von Arbeitsgruppen, Projek- ten oder Diskussionsrunden werden Indikatoren entsprechend der lokalen Anforderungen erarbeitet. Im Folgenden wird auf solche Ansätze näher eingegangen. Vielfalt Lokaler-Agenda-21-Aktivitäten Ein Teil der lokalen Indikatorensets wurde speziell für die ;jeweilige Kommune und damit unabhängig von anderen, bestehenden Sets entwickelt. So hat beispielsweise die Gemeinde Ganderkesee in Niedersachsen ein Set aus 36 Nachhaltigkeitsindikatoren entwickelt. Zur „Ökologie“ finden sich Indikatoren wie Siedlungsdichte, Wasserverbrauch oder Nitratbelastung der Böden. Wahlbeteiligung, Tempo-30-Zonen, Krippenplätze und Ausbildungsplätze für jugendliche Aussiedler/innen und Ausländer/innen gehören zum Bereich „Soziales und Gesellschaft“. Ökonomische Indikatoren sind die Schulden der Kommune, die Anzahl der Langzeitarbeitslosen u.a.m. Ganderkesee hat noch einen vierten Themenbereich aufgegriffen, die „Entwicklungshilfepolitik“. Hierfür gelten Produkte aus fairem Handel und der Anteil fair verwerteter Altkleider als Indikatoren (Arbeitsgruppe Lokale Agenda 21, 1998). 189
In beinahe allen lokalen Indikatorensets gibt es auch einen oder mehrere Indikatoren zum Abfall, die allerdings meist recht unterschiedlich sind: von der häufig verwendeten Siedlungsabfallmenge pro Kopf und Jahr bis zum Anteil der aus der Region exportierten Abfallmenge. Oft werden die recycelten Wertstoffe und die thermisch behandelten Abfälle betrachtet; es gibt Erhebungen über die Anzahl privater Haushalte mit Eigenkompostierung und über die Abfallmengen aus Produktion und Bauwesen (z.B. Diefenbacher et al. 1997; Evangelische Akademie Iserlohn 2000). Angesichts der Vielzahl von verwendeten Indikatoren ist ein Vergleich verschiedener Kommunen nur schwer möglich. Ein Vergleich ist aber auch dann schwierig, wenn der gleiche Indikator verwendet wird, die dafür notwendigen Daten aber unterschiedlich erfasst und zusammengestellt wurden. Bevor abfallbezogene Indikatoren in das Indikatorenset aufgenommen werden, müssen die traditionell erhobenen Daten über Abfallar- ten und -mengen auf ihre Anwendbarkeit hin überprüft werden. Neben der Zuverlässigkeit des Datenmaterials ist zu klären, ob sich die Abfalldaten überhaupt auf das Gebiet beziehen, für das eine Lokale Agenda 21 durchgeführt wird. Die Abfallmengenangaben müssen sowohl die beseitigten Abfälle als auch die Abfälle aufführen, die ei- ner Verwertung zugeführt wurden. Darüber hinaus sollten die Angaben nach Abfallfraktionen getrennt sein und Rückschlüsse auf die zu Abfall gewordenen Produkte ermöglichen. Lebensweg des Abfalls Der Abfall ist in aller Regel ein nicht mehr gewolltes oder gebrauchtes Produkt, das zahlreiche Einzelprozesse durchlaufen hat. Im Abfall steckt eine von Menschen begleitete bzw. gesteuerte Entstehungsgeschichte. Er besteht aus Rohstoffen und Energie, die her- und bereitgestellt, transportiert und benutzt wurden. Eine Analyse der Herstellungspfade der zu Abfall gewordenen Materialien verdeutlicht die oft weltumspannenden Produktionsnetze. Neben Veränderungen von Landschaften, Klima und den Qualitäten von Luft, Wasser und Bo- den hinterlassen Abfälle Spuren, die mit der Produktion, beim Handel und durch denWarenkonsum entstehen. Hätten die Abfälle einen Begleitbogen, auf dem alle Fertigungsprozesse und die damit verbundenen Effekte registriert wären, würde die Bedeutung jedes einzelnen 190
Abfalls für eine nachhaltige Entwicklung schnell erkennbar. Ideal wäre es, wenn für alle Belastungen im Laufe der Produktherstellung und -nutzung einheitliche Bewertungspunkte vergeben würden. Dann wären besonders belastende Produkte mit einer hohen Punktzahl ver- sehen, so dass für sie vorrangig Alternativen entwickelt und empfohlen werden könnten. „Bio“ und „Papier“ als relevante Fraktionen Für die ökologische Dimension als eine der drei üblichen Nachhaltigkeitsdimensionen werden derartige Daten bereits teilweise über stoffstrombezogene Ökobilanzen ermittelt. Sofern sie nach den Prinzipien der DIN EN ISO 14040 angefertigt wurden, lassen sich unter- schiedliche Produkte vergleichen. Die Ergebnisse der Sachbilanzen lassen sich darüber hinaus in Kenndaten wie „ökologischen Rucksäcken“ oder „ökologischen Fußabdrücken“ übertragen und ermögli- chen so eine fachlich begründete Schwerpunktsetzung. Werden die lokalen Abfälle einer ökobilanzierenden Untersuchung unterzogen, kristallisieren sich die Umweltbelastungen der einzelnen Abfallfraktionen schnell heraus. Dabei reicht es, die Abfälle zu betrachten, die nach einer Produktnutzung anfallen, wie es bei den Siedlungsabfällen der Fall ist. Produktionsabfälle werden bei der Betrachtung der Herstellungslinien von Siedlungsabfällen bereits mit untersucht. Eine ökobilanzierende Einschätzung der einzelnen Abfallfraktionen aus dem Siedlungsabfall wurde für Schleswig-Holstein vorgenommen und ergab, dass die „biogenen Abfälle“ und die „Papier/PappeAbfälle“ für mehr als die Hälfte aller mit dem Abfall verbundenen Umweltbelastungen verantwortlich sind (Kopytziok, Leverkühne 1997). Zu den biogenen Abfällen zählen u.a. Essensreste und Gartenabfälle. Sie nehmen in der Summe der verwerteten und beseitigten Siedlungsabfälle bis zu 50, Papierabfälle etwa 20 Gewichtsprozente ein. Zum anderen sind aber auch die Umweltbelastungen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln und von Papierprodukten höher als oft angenommen. Bei den Nahrungsmitteln sind vor allem die Flächeninanspruchnahme, der Einsatz von Agrochemikalien, die Belastungen durch Fleischproduktion und Transporte relevant. Die Papierprodukte belasten die Umwelt sowohl bei der Papierherstellung als auch in 191
noch größerem Umfang durch die Gewinnung der Zellulose aus Baumstämmen. Dieser Fertigungsschritt bedarf eines hohen Einsatzes an Chemikalien, Wasser und Energie. Darüber hinaus weist das Abwasser der Zellstofffabriken durch den hohen Anteil an organischen Resten sowie der Chemikalienbelastung einen außergewöhnlich hohen BSB-Wert (biologischer Sauerstoffbedarf) auf. Bei den Umweltbelastungen, die global durch die biogenen Abfälle und die Papierprodukte entstehen, spielen die in der öffentlichen Diskussion vorrangig thematisierten Verpackungen nur eine unterge- ordnete Rolle. Auch die Sonderabfälle, denen oft eine hohe spezifische Umweltbelastung zugewiesen wird, wirken aufgrund ihrer geringen Menge im Siedlungsabfall nicht gravierend. Aus diesen Erkenntnissen heraus bietet es sich an, abfallwirtschaftliche Indikatoren zu entwickeln, die insbesondere die Art und Herkunft der Bio- und der Papierabfälle berücksichtigen. Dabei ist bei den biogenen Abfällen besonders auf Indizien zu achten, die auf Produkte aus Übersee, eine starke industrielle Verarbeitung und einen hohen Fleischkonsum hinweisen. Bei den Papier-/Pappe-Abfällen stellen neben der Gesamtmenge auch die Menge der Hochglanzpapiere und der Werbeträger wichtige Informationen für die Bewertung dar. Die abfallwirtschaftlichen Daten sind unzureichend Bisher gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs Siedlungsabfall. Die meisten Kommunen zählen Haus- und Geschäftsmüll, Sperrmüll, hausmüllähnliche Gewerbeabfälle, Garten- und Parkabfälle, Markt- und Baustellenabfälle sowie Straßenkehricht zu den Siedlungsabfällen. Diese Definition entspricht den Abfallarten, die in Ar- tikel 2 der EG-Deponierichtlinie den Siedlungsabfällen zugeordnet werden. Sie umfassen die Abfallarten, die in der 20er Reihe der Schlüsselnummern im Europäischen Abfallkatalog (EAK) aufgeführt sind, der seit 1999 anzuwenden ist. In der in Deutschland gültigen Technischen Anleitung Siedlungsabfall werden dagegen auch Klärschlämme und Bauabfall (inklusive Erdaushub) zu den Siedlungsabfällen gezählt. Allerdings wird durch die hohen Mengen an Klärschlamm und Bauabfall der Blick auf den Haus- und Gewerbeabfall verzerrt. Für eine bessere Vergleichbarkeit mit anderen Kommunen ist es daher sinnvoll, der EU-weiten Definition zu folgen. 192
Angaben über regionale Abfallmengen sind selten aktuell und selbst für Fachleute nicht immer verständlich. Begriffe wie „öffentlich angediente Abfälle“ enthalten beispielsweise nicht die privatwirtschaftlich entsorgten und verwerteten Abfälle. Auch der Begriff „Ge- samtabfallaufkommen“ suggeriert zu Unrecht, dass darin alle entstandenen Abfälle enthalten sind. Die Angaben können sowohl zu hoch als auch zu niedrig sein. Hausmüll und Siedlungsabfälle werden tendenziell zu hoch angegeben. Die ohnehin schon hohen Mengen an Bauabfällen werden dagegen deutlich zu niedrig angegeben. Ein Grund für die Ausprägung der Fehler in den Mengenangaben besteht darin, dass Siedlungsabfälle im Gegensatz zu mineralischen Bauabfällen für die Müllverbrennung geeignet sind. Da der Bau von Müllverbrennungsanlagen teuer ist, bündeln sich an dieser Entsor- gungstechnik Lobbyisten mit starken wirtschaftlichen Interessen. Angaben zu Abfallmengen sind beispielsweise zu hoch, wenn für das Gesamtaufkommen die „Abfälle zur Verwertung“ und die „Abfälle zur Beseitigung“ einfach addiert wurden. Die „Abfälle zur Beseitigung“ enthalten auch die Sortierreste der „Abfälle zur Verwertung“ und die Schlacke der Müllverbrennung, so dass diese Abfallmengen doppelt aufgenommen werden. Auch hochgerechnete Abfallmengen auf einer unsicheren Datenbasis mit unrealistischen Zuwachsraten führen zu Prognosen mit zu hohen Abfallmengen. Zu niedrig sind die Abfallmengenangaben, wenn die über ein anderes Entsorgungssystem ent- sorgten Abfälle unberücksichtigt blieben. Das passiert z. B. mit im „Gelben Sack“ über das Duale System Deutschland (DSD) ent- sorgten Verpackungen oder Abfällen, die in betriebseigenen Deponien beseitigt werden. Auch findet selten eine Import/ExportBereinigung statt, so dass Gebietskörperschaften mit einer Entsor- gungsanlage zu hohe und Gebietskörperschaften mit zu geringen Entsorgungskapazitäten zu niedrige Abfallmengen aufweisen können. Die Anwendung von Nachhaltigkeitsindikatoren stellt an die erforderlichen Daten zwei zusätzliche zentrale Ansprüche: Zum einen sollen sie für die betrachtete Region verfügbar sein. Für die Abfallentsorgung sind die so genannten Entsorgungspflichtigen Körper- schaften zuständig. Eine Entsorgungspflichtige Körperschaft kann sowohl ein Kreis bzw. ein Landkreis, eine kreisfreie Stadt oder auch ein Zusammenschluss mehrerer Kommunen zu einem Zweckverband sein. In der Regel erheben diese Institutionen die Abfalldaten. Dazu bilanzieren sie die von ihren Eigenbetrieben durchgeführten Samm193
lungen und/oder fragen die Daten bei den Betreibern der Abfallverwertungs- und -beseitigungsanlagen ab. Damit verfügen kleinere Kommunen in der Regel nicht über eigene Abfalldaten. Der zweite Anspruch an das Datenmaterial ist, ohne größeren Aufwand die Ba- sisdaten für die Indikatoren zu erhalten. Nach dem Europäischen Abfallkatalog sind nicht nur die Abfälle aufzuführen, die öffentlichrechtlichen Entsorgungsträgern angedient wurden, vielmehr sind auch die privatwirtschaftlich beseitigten Abfälle und die zur Verwertung getrennt gesammelten Bio- und Papierabfälle anzugeben. Probleme von Abfallindikatoren Wenn die abfallwirtschaftlichen Daten vorschriftsmäßig vorliegen, sind die mit dem Abfall verbundenen ökologischen Belastungen immer noch nicht eindeutig bestimmbar. Um eine ökologische Bewertung des Abfalls vornehmen zu können, ist eine weitere Differenzie- rung der Fraktionen nötig. So ist beispielsweise die ökologische Belastung für chlorgebleichtes Papier höher als für Recyclingpapier. Auch sind die spezifischen Mengen an normalem Zeitungspapier und von Zeitschriften aus Hochglanzpapieren für die Entwicklung einer optimalen Nachhaltigkeitsstrategie bedeutsam. Dabei ist zusätzlich wichtig, ob der Papierrohstoff aus einem nachhaltig bewirtschafteten, re- gionalen Forst stammt, oder ob für das Papier beispielsweise riesige Bäume im kanadischen Urwald gefällt wurden. Für einen Nachhaltigkeitsindikator sind die mit der Herstellung, der Vermarktung und der Nutzung verbundenen ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge bedeutsam. Der lokale Abfall ist dabei immer nur ein Ausgangspunkt und Mosaikstein der gesamten Input- und Outputströme einer bestimmten Region. Auch gibt es relevante Stoff- und Energieströme, die sich nicht oder nur sehr mühsam vom Abfall ableiten lassen. So deuten Lebensmittelreste auf ein Menü hin, bei dessen Anbau, Verarbeitung und Transport Umweltbelastungen entstanden sind. Wäre das Nahrungsmittel komplett verzehrt worden, so hätte man mit einer Müllanalyse keinen Hinweis darauf bekommen. Außerdem landet nicht alles, was produziert und gebraucht wird, im Abfall. Zum einen erschweren die diversen Abfall- und Verwertungswege das Zusammenfügen der tatsächlich entstandenen Abfälle, zum anderen werden viele Produkte zwischengelagert oder an einer völlig anderen 194
Stelle beseitigt. Beispielsweise kippen noch immer viele Menschen Lebensmittelreste, Medikamente, Farb- und Lösemittelreste in die Kanalisation. In ländlichen Gegenden ist es noch immer üblich, Bau- schutt irgendwo „unterzubuddeln“. Und das, was ökologisch zu begrüßen ist, Produkte möglichst lange zu nutzen, erschwert ebenfalls die Identifikation der abfallbezogenen Belastungsfelder. Heutige Bauabfälle deuten auf den Rohstoffverbrauch von vor 50, 100 oder gar 200 Jahren hin. Würde man die eingesetzten Baustoffe erst als Abfall ökologisch bewerten, so wäre es zu spät. Nachhaltiges Bauen lässt sich daher nicht ohne weiteres anhand heutiger Bauabfälle, sondern eher über den heutigen Baustoff-Input einschätzen. Trotz dieser Probleme, die die Aussagekraft der lokalen Abfälle be- grenzen, macht es Sinn, den Abfall mit in das Set der Nachhaltigkeitsindikatoren aufzunehmen. Der Abfall hat im Gegensatz zu Luftund Wasserbelastungen den Vorteil, sichtbarer zu sein, und er lässt sich einfacher dokumentieren. Abfall als Informationsquelle für Lokale-Agenda-21-Prozesse Um wirksame Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung einleiten zu können, müssen die besonders belastenden Abfallfraktionen identifiziert werden. Wie aber lässt sich der Informationsgehalt des Abfalls in Erfahrung bringen, wenn die herkömmlichen Abfallstatis- tiken dazu eher ungeeignet sind? Um die Entstehungsgeschichte der einzelnen Abfälle und der mit den einzelnen Fertigungsschritten erzeugten Umweltbelastungen erahnen zu können, ist ein ökobilanzierender Blick in die Müll- und Wertstofftonnen der erste Schritt. Dazu empfiehlt sich eine stichprobenhafte Müllanalyse, die die Mengen der wesentlichen Abfallfraktionen (Biogenes, Papier, Glas, Kunststoff und Metall) offen legt. Anschließend sollte man sich ein Bild von den Herstellungspfaden der einzelnen Fraktionen machen und eine erste ökobilanzierende Einschätzung vornehmen. Lassen sich dabei einzelne Fraktionen benennen, die zu überdurchschnittlichen Belastungen führen, können im Weiteren konkrete Produkte identifiziert werden, die innerhalb dieser Fraktionen einen hohen Anteil an den Belastungen haben. Konnten solche Produkte, wie z.B. die Tageszeitung, innerhalb der Papierfraktion ermittelt werden, stellen sie einen möglichen Nach195
haltigkeitsindikator und gleichzeitig eine prioritäre Ansatzstelle für Veränderungsmaßnahmen dar. Allerdings sind auch die Produkte im Blickfeld zu halten, die anstelle des als belastend identifizierten Produktes verwendet werden. Nur wenn die Vorteile durch die Reduzierung der einen Belastung, die Nachteile durch die Belastungen des Substitutes überwiegen, kann von einem Erfolg der Maßnahme gesprochen werden. Gelang es, einzelne Produkte für Veränderungsprozesse auszuwählen, sollten diese Produkte und die mit ihnen in Verbindung stehenden Probleme öffentlich thematisiert werden. Dadurch lässt sich die Suche nach Alternativen anregen und eine gesellschaftliche Akzeptanz für Umstellungsmaßnahmen schaffen. Empfehlung für ein pragmatisches Vorgehen Eine herkömmliche Müllanalyse, durch die die Mengen und Arten der einzelnen Abfallfraktionen bestimmt werden, ist Voraussetzung für eine ökobilanzierende Bewertung des regionalen Abfalls. Da sowohl die Müllanalyse als auch eine nachgeschaltete ökobilanzierende Bewertung arbeits- und kostenintensiv sind, wird im Folgenden ein pragmatisches Vorgehen empfohlen. Papierprodukte verursachen überproportionale Umweltbelastungen. Deshalb sollten sie in der Umweltdiskussion stärker betont und in das Set der Nachhaltigkeitsindikatoren aufgenommen werden. Wenn sichergestellt ist, dass über die Restmüllbehälter einer Region kaum Altpapier entsorgt wird, können allein die Angaben über die getrennt gesammelte Altpapiermenge als Indikator herangezogen werden. Fin- det keine hinreichende Abfalltrennung statt, müssen die im Restmüll enthaltenen Papierabfälle zusätzlich ermittelt und den verwerteten Papiermengen hinzugerechnet werden. So wird verhindert, dass Kommunen mit schlechter Mülltrennung ungerechtfertigt positive Ergebnisse erhalten. Im Weiteren sind die wesentlichen Produkte zu identifizieren, aus denen das Altpapier besteht. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen lassen sich gezielte Maßnahmen zur Reduktion des Papierverbrauchs einleiten. Eine detaillierte Analyse der biogenen Abfälle erscheint dagegen we- nig sinnvoll. Die Produkte, die diesen Abfällen zugrunde liegen, lassen sich besser über das regionale Warenangebot ermitteln. So schlägt zum Beispiel die Deutsche Umwelthilfe in ihrem Pilotprojekt „Zu196
kunftsfähige Kommune“ die Indikatoren „Regionale Erzeuger auf den Wochenmärkten“ und „Verkauf von Bioprodukten“ vor. Und der Zukunftsrat Hamburgs empfiehlt aus Gründen der vereinfachten Datenermittlung, die Anzahl der Wochenmarkttage zu verwenden. Die gezielte Beobachtung einer einzelnen Abfallfraktion oder einzelner Produkte birgt die Gefahr in sich, eventuelle Negativentwicklungen beim Verbrauch anderer Produkte zu übersehen. Aus diesem Grund bietet es sich an, die gesamte Menge an Siedlungsabfall pro Kopf und Jahr als kontrollierenden Indikator mit heranzuziehen. Weist die untersuchte Region eine auffällig hohe spezifische Menge an Siedlungsabfällen auf oder steigt die Menge im Untersuchungszeitraum, so geben diese Informationen Anlass zu weiter gehenden kritischen Prüfungen. Zur Bewertung regionaler Aktivitäten hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung lassen sich die Informationen aus der Abfallwirtschaft auf zwei wesentliche Aspekte begrenzen. Dies sind: e die Menge an Altpapier (evtl. reichen die Daten der getrennt erfassten Altpapiermenge) und e die Siedlungsabfallmenge pro Person (ohne Klärschlamm und Bauabfall). Die Datenerhebung für getrennt erfasstes Altpapier wird bereits vom Europäischen Abfallkatalog gefordert. Das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz impliziert die Ermittlung der Siedlungsabfallmengen. Für Regionen, in denen das Altpapier zu einem hohen Anteil getrennt erfasst wird, sind daher für die vorgeschlagenen abfallbezogenen Nachhaltigkeitsindikatoren keine zusätzlichen Daten erforderlich. Andere als die hier vorgeschlagenen Abfalldaten erscheinen als Nachhaltigkeitsindikatoren weniger geeignet. Literaturhinweise Arbeitsgruppe Lokale Agenda 21 der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg: Auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Ganderkesee. wicklung der agenda.htm Gemeinde, Oldenburg Indikatoren zur nachhaltigen Ent- 1998, www.uni-oldenburg.de/politik/- Bongaerts, J. C. B./Hempen, S./Kozel, I.: Anforderungen an eine Kreislaufwirtschaft, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1994, S. 109-119. Diefenbacher, H./Karcher, H./Stahmer, C./Teichert, V. (FEST): Nachhaltige Wirt- schaftsentwicklung im regionalen Bereich. Ein System von ökologischen, ökonomischen und sozialen Indikatoren, Heidelberg 1997. 197
Evangelische Akademie Iserlohn (Hg.): Indikatorenbericht der Modellregion Märkischer Kreis. Werkstattfassung, Iserlohn 2000. Kopytziok, N.: Abfall und nachhaltige Entwicklung. Giobale Aspekte für die regionale Umweltplanung auf der Grundlage stoffstrombezogener Prozessbeobachtungen, Rhombos-Verlag, Berlin 2000. Kopytziok, N./Leverkühne, J.: Weitreichende Wechselwirkungen. Aus der Herkunft der Abfälle kann eine konsequente Strategie der Abfallvermeidung abgeleitet werden, in: MüllMagazin, Heft 2, 1997, S. 21-25. KAKKK „Die Emissionen von heute sind die Altlasten von morgen.“ Rainer Funke KKKKK
Claudia Empacher/Irmgard Schultz Nachhaltige Konsumstile: Neue Erkenntnisse Der Trend zu nicht-nachhaltigem Konsumverhalten ist in den „ent- wickelten“ Ländern nach wie vor ungebrochen. Aufklärung über ökologischere Produkte und ökologische Kriterien von Produkten reicht erfahrungsgemäß nicht aus, um spürbare Änderungen im Konsum- verhalten auszulösen. Inzwischen findet folglich auch ein Perspektiv- wechsel statt, von der produktionsbezogenen Seite der Produkte hin zur „anderen Seite“: den Konsumentinnen und Konsumenten. Dabei ist schon weitgehend anerkannt, dass die Verbraucher natürlich nicht als homogene Gruppe existieren, sondern man es vielmehr mit einer Vielzahl unterschiedlicher Gruppen zu tun hat, die sich in ihrem Konsumverhalten weitgehend unterscheiden. Hieraus ergibt sich eine Vielzahl an neuen Fragen für die Umweltkommun ikation: Wer sind überhaupt die Verbraucher? Welche Gruppen mit unterschiedlichem Konsumverhalten lassen sich identifizieren und wie las- sen sich diese für nachhaltigen Konsum ansprechen? Und an was orientieren sich diese Gruppen von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei der Produktauswahl und beim Gebrauch von Produkten, von welchen Motiven und Restriktionen hängt ihr Handeln ab? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer vom Institut für SozialÖkologische Forschung (ISOE) im Auftrage des Umweltbundesamtes durchgeführten sozial-ökologischen Konsumuntersuchung (Umweltbundesamt 2001). Ziel der Studie war es, Potenziale für nachhaltigen Konsum in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu identifizieren, um zielgruppenspezifische Ökologisierungsstrategien entwickeln zu können. Der vorliegende Artikel stellt die Untersuchung vor und präsentiert einige zentrale Ergebnisse der Zielgruppenbetrachtung. Die Konsumstile-Studie Das zentrale Konzept des Untersuchungansatzes der ISOE-Studie sind die Konsumstile deutscher Haushalte. Der Konsumstil eines 199
Haushaltes wird gebildet durch das Zusammenspiel mehrerer Fakto- ren: die soziale Situation des Haushaltes (soziodemografische Merkmale sowie die Ausstattung mit zeitlichen und finanziellen Ressourcen), die Konsumorientierungen (subjektive Präferenzen einer Person für die Produktauswahl und Verhaltensweisen) und das Konsumver- halten (Konsumausstattung sowie das konkrete Kauf- und Nutzungsverhalten). Durch dieses Verständnis von Konsumstilen wird bereits deutlich, dass „Konsum“ in der Untersuchung nicht im ökonomischen Sinne nur als Verbrauch von Produkten verstanden, sondern von einem breiteren Konsumverständnis ausgegangen wird. Konsum meint hier sowohl unterschiedliche Phasen von Konsum, von der Produktauswahl über dessen Gebrauch bis zur Entsorgung, als auch die subjekti- ven und motivationalen Faktören von Verhaltensweisen. Der gewählte Untersuchungsansatz geht in mehrerer Hinsicht über Untersuchungen der so genannten Lebensstilforschung hinaus (vgl. Reusswig, 1994). Zum einen konzentriert sich die KonsumstileStudie auf nachhaltigen Konsum, der in der Lebensstilforschung nur als Randaspekt in Bezug auf das Umweltthema behandelt wird. Zum anderen wird in der Studie des ISOE ein besonderes Augenmerk auf die Alltagspraxis in den Haushalten gelegt. Lebensstile bzw. Milieus, die im Wesentlichen durch eine Kombination objektiver sozialstruktureller Merkmale wie Einkommen, Beruf etc. sowie subjektiver Wertorientierungen und Einstellungen beschrieben werden (vgl. Schultz/Weller 1997), abstrahieren zumeist von der Ebene der konkreten Alltagspraxis und Alltagsorganisation. Will man jedoch, wie in der Diskussion über geeignete Umweltkommunikationsstrategien be- tont wird, „die Verbraucher dort abholen, wo sie stehen“, spielen die Möglichkeiten und die Muster der Alltagsgestaltung eine entschei- dende Rolle. Nachhaltiges Verhalten und nachhaltige Produkte müssen in die Alltagspraxis, in die Abläufe im Haushalt, integriert werden können, ohne dass diese sich hierfür grundlegend verändern müssen. Methodik und Vorgehen Um diese Aspekte in das Konzept einbeziehen zu können, wurde eine mehrstufige Untersuchung durchgeführt. In einem qualitativen Interview wurde zunächst die in der Haushaltsführung kompetente Person des Haushaltes nach ihren Konsumorientierungen und alltägli200
chen Verhaltensweisen befragt. Anschließend füllte die Person einen Konsumerfassungsbogen über die Konsumausstattung des Haushaltes sowie über Konsumgewohnheiten in wichtigen Handlungsfeldern aus. Insgesamt Haushalten wurden durchgeführt, 100 qualitative Interviews in deutschen die nach den folgenden Kriterien ausge- sucht worden waren: Alter, Geschlecht, Stadt/Land- und räumliche Verteilung, Haushaltsgröße, Wohnform (Eigentum/Miete) sowie unterschiedliche Berufsgruppen, darunter auch Hausfrauen, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, sozi- al Benachteiligte auf der einen sowie privilegierte Gruppen auf der anderen Seite mit aufzunehmen, da diese Gruppen in anderen Unter- suchungen zum Umweltverhalten tendenziell vernachlässigt wurden. Diese Art der qualitativen Untersuchung ist zwar nicht repräsentativ, kann aber durch die genaue Quotierung für sich in Anspruch nehmen, alle relevanten Bevölkerungsgruppen berücksichtigt zu ha- ben. Konsumorientierungen — Motivationale Ansatzpunkte Die Auswertung der Interviews begann mit der Identifikation verschiedener Konsumorientierungen. Darunter verstehen wir Einstellungen und Verhaltenselemente, die motivational unterfüttert sind: Sie sind zentral für die Entwicklung zielgruppenspezifischer Ökologisierungsstrategien, insofern diese an den jeweiligen Orientierungen anknüpfen müssen, um ihre Wirkung entfalten zu können. In diesem Sinne können Konsumorientierungen als motivationale Ansatzpunkte für nachhaltiges Konsumverhalten wirken. Sie können aber auch hemmende Faktoren für die Umsetzung solcher Verhaltensweisen darstellen. So kann eine Orientierung an ethischen Werten, wie z.B. dem Tierschutz, der unterfüttert ist mit Mitleid mit den Tieren, zur Verminderung des Fleischverzehrs oder zum Kauf von Fleisch aus ökologischer Aufzucht führen. Demgegenüber ist die Orientierung an Convenience-Produkten, die unterfüttert ist mit Zeitnot, wegen des hohen Material- und Energieverbrauchs als hemmender Faktor anzusehen. In den Interviews wurde jedoch schnell deutlich, dass eine genaue Differenzierung innerhalb der Konsumorientierungen notwendig ist, um tatsächlich Potenziale für nachhaltigen Konsum ausfindig machen zu können. Viele Orientierungen sind in Bezug auf nachhaltigen 201
Konsum ambivalent, d.h., sie können, je nach situativen Begebenheiten, entweder zu hemmenden Faktoren werden oder aber als motivationale Ansatzpunkte wirken. So kann eine Orientierung an Sparsamkeit in Bezug auf Energiesparen vorteilhaft sein; bei teureren Angeboten wie z.B. von Produkten aus kontrolliert biologischem Anbau wirkt sich Sparsamkeit hingegen hemmend aus. Es gilt deshalb bei der Entwicklung von Ökologisierungsstrategien, diese ambivalenten motivationalen Ansatzpunkte für nachhaltiges Konsumverhalten positiv zu wenden. Drei übergreifende Grundorientierungen der Lebensgestaltung In den Interviews wurden drei zentrale Dimensionen erkennbar, die die Ausprägung der Konsumorientierungen beeinflussen und damit auch unterschiedliche Möglichkeiten für den Ansatz von Ökologisierungsstrategien eröffnen: 1. Orientierung an kreativer Gestaltung des Konsums gegenüber Konsum als unangenehme Last: Diese Orientierungsdimension beinhaltet eine grundsätzliche Einstellung zum Konsum und zur Alltagsgestaltung. Das kann ei- nerseits bedeuten, die alltägliche (Haus-)Arbeit und das Konsumverhalten als kreatives Gestaltungsforum für Selbstverwirklichung und Umsetzung kreativer Ideen zu sehen. Beispiele hierfür sind der Spaß am Selbermachen oder die Lust am Kochen. Es fanden sich sogar Interviewte, die dem Staubsaugen etwas „Konstruktives“ zuschrieben. Auf der anderen Seite wird Konsum und die Alltagsge- staltung als eine extreme Belastung empfunden, der die Befragten so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen versuchen, indem sie externe Hilfe in Anspruch nehmen oder in starkem Maße auf Convenience-Angebote zurückgreifen. 2. Orientierung an einem partnerschaftlichen Geschlechtermodell des Familienkonsums gegenüber einem traditionellen Familienkonsum: Im partnerschaftlichen Geschlechtermodell wird die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern verfolgt. Männer und Frauen bemühen sich, sich zu gleichen Teilen sowohl an der Be- rufsarbeit als auch an der Familienarbeit (Kinderbetreuung und Haushalt) zu beteiligen. Im traditionellen Geschlechtermodell ist der Mann Alleinverdiener und die Frau als Hausfrau für Hausar- beit und Kinder zuständig. Nur in seltenen Fällen existieren diese 202
Modelle in Reinform, häufiger bestehen indessen Mischformen, bei denen die Frauen am Erwerbsleben durch Teilzeitarbeit teil- nehmen und die Männer bei der Hausarbeit und Kinderbetreuung helfen. . Orientierung an einem ganzheitlichen Körperbild und Gesundheits- bewusstsein gegenüber der Orientierung an einem funktionalistischen Körperbild und Gesundheitsbewusstsein: Eine ganzheitliche Gesundheitsorientierung ist von der Überzeugung bestimmt, dass Körper und Geist eine Einheit darstellen, welche nicht unabhängig, sondern eingebettet in eine natürliche Umwelt existiert. Folglich wird stark auf naturbelassene Ernährung und unbehandelte Produkte, nicht nur in der Ernährung, sondern auch bei der Gestaltung des Wohnumfeldes geachtet. Demgegen- über begreift das funktionalistische Körperbild den Körper als Mittel, um Leistung zu erbringen. In dieser Vorstellung können ein- zelne Komponenten des Körpers durch gezielte Eingriffe leistungsfähiger gemacht werden, z.B. durch gezieltes Training einzelner Körperteile. Essen dient in diesem Verständnis nicht der Aufrechterhaltung des ganzheitlichen Systems, sondern der Nährstoffzufuhr zur Funktionserhaltung. Typisch für diese Einstellung ist eine Kopplung mit einer positiven Einstellung zu Nahrungsergänzungsstoffen, wie z.B. Vitaminpräparaten oder fettreduzierten Lebens- mitteln. Diese Orientierungsdimensionen sind von zentraler Bedeutung für die Förderung nachhaltigen Konsumverhaltens, denn sie fokussieren bisher teilweise ausgeblendete Aspekte: % Die meisten der propagierten nachhaltigen Konsumverhaltensweisen und Aufklärungsstrategien setzen Verbraucher voraus, die eine eher positive Einstellung zur Konsumarbeit haben, da viele Strate- gien höheren Aufwand bedeuten und zeitintensiv sind, alleine schon durch eine intensivere Information z.B. über Beschaffungsmöglichkeiten. Dass es hingegen auch Verbraucher gibt, die sich mit Konsumarbeit nicht länger als unbedingt nötig beschäftigen wollen, wird weitgehend ignoriert. .In der Diskussion um nachhaltigen Konsum wird selten beachtet, dass Konsum auch eine Fülle von Versorgungsarbeit beinhaltet, die immer noch in der Mehrzahl von Frauen, und zwar unbezahlt, geleistet wird. Die Erfüllung der Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern und damit auch eine Gleichverteilung der bezahlten 203
und unbezahlten (Konsum-)Arbeit darf im Sinne der Nachhaltig- keit jedoch nicht in Widerspruch geraten zu ökologischen Zielen. Folglich müssen sich Ökologisierungsstrategien auch daran messen lassen, inwiefern sie die Geschlechterdemokratie unterstützen oder eine Ungleichverteilung nur noch zementieren.! 3.Das Körperbild einer Person ist mit entscheidend für ihre Konsumorientierungen, da es die Vorstellungen über Gesundheit, Sauberkeit, körperliches Wohlbefinden sowie den Bezug zur Natur bestimmt. Im Kontext der Umweltkommunikation wird dies jedoch bisher vor allem in Bezug auf das Gesundheitsbewusstsein disku- tiert, das als so genannter Zusatznutzen für nachhaltige Ernährungsweisen eine Rolle spielen soll. Dass Gesundheitsbewusstsein jedoch stark unterschiedlich ausgerichtet sein kann und damit auch andere Ansatzpunkte für nachhaltiges Verhalten bietet, wurde bisher in der Diskussion zu wenig beachtet.? Zehn Konsumtypen — Vier Zielgruppen Anhand der Elemente des Konsumstils wurde zunächst eine Typologie erstellt, die die folgenden zehn Konsumtypen umfasst: Typ 1: Die durchorganisierten Ökofamilien Typ 2: Die kinderlosen Berufsorientierten Typ 3: Die jungen Desinteressierten Typ 4: Die Alltags-Kreativen Typ 5: Die Konsum-Genervten Typ 6: Die Ländlich-Traditionellen Typ 7: Die schlecht gestellten Überforderten Typ 8: Die unauffälligen Familien Typ 9: Die aktiven Seniorinnen und Senioren Typ 10: Die statusorientierten Privilegierten Diese zehn Konsumtypen stellen gewissermaßen Idealtypen dar. In der Realität gibt es hingegen viele Mischtypen, die Merkmale zweier oder auch mehrerer Typen in sich vereinen. Die Typologie zeigt die Pluralität unterschiedlicher Konsumorientierungen sowie ihrer motivationalen Ansatzpunkte. Sie kann eine erste wichtige Funktion für die Ausarbeitung von Ökologisierungsstrategien erfüllen. Im weiteren Verlauf wurden die Typen jedoch noch einmal zu vier Zielgruppen kondensiert, um eine überschaubare Anzahl von Strategien entwickeln zu können. Diese Gruppen sind in 204
sich nicht homogen, weisen aber einige gemeinsame Hauptkomponenten auf, die ihre Ähnlichkeit ausmachen. Die vier Zielgruppen wurden nach diesen Hauptkomponenten benannt und werden im Folgenden gemeinsam mit den enthaltenen zehn Konsumtypen näher vorgestellt. Die Umweltorientierten: In dieser Zielgruppe finden sich eine starke Umweltorientierung sowie eine Vielzahl anderer fördernder motivationaler Ansatzpunkte für nachhaltiges Konsumverhalten: e Die durchorganisierten Ökofamilien In den durchorganisierten Ökofamilien versuchen die (Ehe-) Partner, ein partnerschaftliches Geschlechtermodell umzusetzen. Folglich sind beide berufstätig; da sie jedoch auch Kinder haben, ergeben sich hierdurch ein großer Zeitdruck und ein hoher Bedarf an Abstimmung der Alltagsabläufe aller Familienmitglieder. Dies impliziert eine starke Orientierung an Convenience-Angeboten. Dennoch ist eine deutliche Umweltorientierung vorhanden, muss aber dort zurückstehen, wo der Organisationsaufwand sie zu hoch ist. Weiterhin zeichnen sich die Familien durch eine generelle Offenheit gegenüber Neuem aus. Die Orientierung an ethischen Aspekten spielt eine Rolle, eine ganzheitliche Gesundheitsorientie- rung wird vor allem im Hinblick auf die Kinder groß geschrieben. Das Auto wird als unersetzbar zur Aufrechterhaltung der Familienorganisation wahrgenommen. Die durchorganisierten Ökofamilien finden sich schwerpunktmäßig in Westdeutschland und in größe- ren Städten, sie sind finanziell recht gut gestellt, und beide Partner haben eine höhere Schulbildung. e Die Alltags-Kreativen Dieser Typ zeichnet sich vor allem durch die oben beschriebene Orientierung an kreativer Gestaltung des Konsums aus. Zudem ist eine starke Orientierung an Umwelt und ethischen Aspekten im Konsum sowie ein ganzheitliches Gesundheitsbewusstsein erkennbar. Es handelt sich vorwiegend um junge Leute mit niedrigem Einkommen, in der Mehrzahl um Frauen, die überwiegend sozialen, pflegerischen oder künstlerischen Berufen nachgehen. Die Überforderten: Das übergreifende Merkmal der Typen in dieser Zielgruppe ist, dass sie sich überfordert fühlen oder mit ihrer aktuellen Situation tatsäch205
lich überfordert sind. In der Gruppe sind hemmende Orientierungen in Bezug auf nachhaltigen Konsum vorherrschend, sie sind folglich für Ökologisierungsstrategien nicht oder nur sehr schwer erreichbar. e Die Konsum-Genervten Dieser Typ stellt quasi den Gegenpol zu den Alltags-Kreativen dar, da er es als extrem lästig empfindet, sich mit seinem Alltagsleben auseinander setzen zu müssen. Deshalb ist diese Gruppe auch sehr an so genannten Convenience-Angeboten orientiert und versucht, so viel wie möglich von Haushalts- und Konsumaktivitäten abzugeben oder zu minimieren. Sich zusätzlich um Umweltaspekte kümmern zu müssen, empfinden Konsum-Genervte als Zumutung. In dieser Gruppe finden sich vor allem Singles und Geschiedene, in der Mehrheit Männer. e Die jungen Desinteressierten Auch viele Jugendliche und junge Erwachsene, die gerade aus dem Elternhaus ausgezogen sind, weisen diese „Konsum-ist-lästig“-Ein- stellung auf, weil sie die neu auf sie zukommenden Aufgaben im Haushalt als zu aufwendig empfinden. Diese junge Gruppe ist gegenüber Umweltthemen stark desinteressiert und hält diese für langweilig; stattdessen weisen sie eine ausgeprägte Spaß- und Erlebnisorientierung auf. Zudem sind sie in ihrem Konsumverhalten stark an ihrem Freundeskreis orientiert und bevorzugen billige, eher kurzlebige Konsumgüter, weil sie sich noch nicht festlegen wollen. e Die schlecht gestellten Überforderten Dieser Typ ist im eigentlichen Sinne des Wortes überfordert. Vertreten sind hier vor allem arme Alte, Arbeitslose, Alleinerziehende. Ihre objektive Unterprivilegierung geht noch mit einer Situation der Überforderung einher: Ihnen fehlt nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit und die sozialen Netze, um sich mit dem Nachhal- tigkeitsthema auseinander zu setzen. Manchmal ist es auch die fehlende Alltagskompetenz, d.h. die Fähigkeit, die richtigen Informationen zu beschaffen und den Alltag zu organisieren. Den Überforderten sind allerdings Konsumgüter immens wichtig, um nach außen hin zu beweisen, dass sie noch dazugehören und nicht schon sozial abgestiegen sind. Folglich orientieren sie sich an Billigangeboten und damit an eher kurzlebigen Konsumgütern. 206
Die Traditionellen: Die Gemeinsamkeit der Traditionellen besteht in ihrer Orientierung an eher traditionellen Werten, wie z.B. Erhaltung/Bewahrung, sozialer Zusammenhalt, bescheidenes Leben, aber auch an traditionellen Geschlechtsrollen. Die Traditionellen lehnen das Ökologiethema wegen des Ideologieverdachts ab, sie sind jedoch aufgrund ihrer tradi- tionellen Orientierungen gegenüber Nachhaltigkeitsaspekten aufgeschlossen. Folglich dominieren bei dieser Gruppe im Hinblick auf nachhaltigen Konsum ambivalente motivationale Ansatzpunkte. e Die Ländlich-Traditionellen Dieser Typ besteht aus älteren Ehepaaren oder Familien mit Kindern, die vorwiegend in ländlicher oder kleinstädtischer Umgebung im Eigenheim wohnen. Die Arbeitsaufteilung der Partner ist traditionell, die Frau kümmert sich um Haus und Garten, der Mann ist erwerbstätig und in der Dorfgemeinschaft oder Gemeinde aktiv. Die Gruppe ist stark in ihr unmittelbares soziales Umfeld (Nachbarschaft, Dorfgemeinschaft) eingebunden und folglich auch im Konsumverhalten und anderen Aktivitäten regional orientiert. Beim Konsum sind darüber hinaus Qualität und solide Produkte wichtig, der Besitzstand muss gewahrt werden. Teilweise baut die- ser Typ noch seine Lebensmittel selbst an oder kauft sie beim Bauern nebenan. e Die aktiven Seniorinnen und Senioren Es handelt sich hierbei um Rentner und Pensionäre mit ausreichenden finanziellen Ressourcen, die ihren so genannten Lebens- abend genießen möchten. Die Gruppe ist weniger ländlich einge- bunden, hat aber ähnliche Konsumorientierungen wie die Ländlich-Traditionellen. Die aktiven Senioren zeichnen sich darüber hinaus durch eine große Weltoffenheit und Neugier gegenüber Neuem aus. Da diese Gruppe auch viel Zeit hat, scheint sie als An- sprechpartner für Ökologisierungsstrategien viel versprechend. e Die unauffälligen Familien In den unauffälligen Familien ist der Mann berufstätig, die Frau Hausfrau. In Ostdeutschland allerdings geht die Frau ebenfalls einer bezahlten Tätigkeit nach, übernimmt jedoch zusätzlich die ge- samte Versorgungs- und Konsumarbeit. Das deutlichste Merkmal dieser Familien ist es, sich so zu verhalten, dass sie nicht auffallen, d.h. es wird möglichst das getan, was alle tun. Aus der Masse herauszuragen, ist für diese Gruppe kein Lebensziel. Dieser Typ weist 207
dementsprechend auch wenig ausgeprägte, deutliche Konsumorientierungen auf, ist allerdings auf Sparsamkeit bedacht und solide Qualität ist ihm wichtig. Die Privilegierten: Die Zielgruppe der Privilegierten stellen die „Gewinner“ in unserer Gesellschaft dar. Als solche gelten sie für viele Bevölkerungsgruppen auch als Vorbild und sind deshalb Trendsetter. Aus diesem Grund haben sie eine besondere Bedeutung für die Umweltkommunikation, wurden von dieser jedoch bisher weitgehend vernachlässigt. In dieser Zielgruppe finden sich sowohl hemmende als auch fördernde motivationale Ansatzpunkte für nachhaltigen Konsum. e Die kinderlosen Berufsorientierten Die Berufsorientierten leben als Single oder als Paar ohne Kinder in einer Großstadt, sind stark am Beruf orientiert und auch relativ erfolgreich, haben wenig Zeit und dementsprechend eine starke Convenience-Orientierung. Umgekehrt kann sich dieser Typ jedoch durch sein vergleichsweise hohes Einkommen exklusive Konsumgüter leisten, auch Reisen und Autos sind sehr wichtig. Die Frauen dieses Typs sind in ihrem Ernährungsverhalten an einer ganzheitlichen Gesundheit orientiert, bei den Männern herrscht jedoch eine Konsum-ist-lästig-Orientierung vor. Kennzeichnend ist auch das häufige Essengehen. Die Umweltdiskussion wird von den Berufsorientierten vielfach als ideologisch übertrieben wahrgenommen und dementsprechend grenzen sie sich gegenüber „Ökos“ ab. e Die statusorientierten Privilegierten Die Privilegierten gehören zu den im eigentlichen Sinne wirklich reichen Familien. Sie haben ein ausgesprochen hohes Konsumniveau, sind stark an Status und Exklusivität orientiert und grenzen sich gegenüber den „unteren“ gesellschaftlichen Gruppen stark ab. Charakteristisch ist zudem die Einbindung in den milieuspezifischen Bekanntenkreis („Beziehungen“), über den Informationen und auch Konsumgüter bezogen werden. Charakteristisch für die- sen Typ ist eine Aversion gegen das Wort „Öko“, was diesen Typ für Ökologisierungsstrategien schwer erreichbar macht. Konsumstile, Umweltkommunikation und Umweltpolitik Die Konsumtypologie und das Zielgruppenkonzept für nachhaltigen Konsum 208 haben für die Umweltkommunikation eine orientierende
Funktion. Das Wissen über Orientierungen und Handlungsbedingungen verschiedener Bevölkerungsgruppen ermöglicht, gruppeadäquate Kommunikationsstrategien zu entwickeln, die in der jeweiligen Gruppe zielgenauer sind als breit gestreute Aufklärungskampagnen. Im Rahmen der Studie wurde auch eine zielgruppenspezifische Evaluation von Verbraucherberatungsangeboten durchgeführt. Die Gruppen Umwelt, Ernährung und Energie der Verbraucherzentrale NRW konnten hierfür als Kooperationspartner gewonnen werden. In der Diskussion mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zeigte sich, dass es eine solche Typologie auch erlaubt, knappe Ressourcen effizienter einzusetzen. Aufgrund der Kenntnisse über die Ansprechbarkeit verschiedener Gruppen können Prioritäten zur Nutzung von Mitteln dort gesetzt werden, wo die erwartete Wirkung am wahr- scheinlichsten ist. Umgekehrt kann auch zielgenauer auf Gruppen fokussiert werden, bei denen es am dringlichsten wäre, nachhaltige Verhaltensweisen zu befördern. Umgekehrt macht die Typologie auch eines deutlich: Der Verbraucherberatung und Umweltkommunikation sind Grenzen gesetzt. Es gibt Zielgruppen, die mit rein kommunikativen Mitteln aufgrund ihrer Abwehrhaltung für das Umweltthema kaum erreichbar sind. Dies ist z.B. für die Konsum-Genervten und in Teilbereichen ‚ auch für die jungen Desinteressierten der Fall. Hier sind folglich andere Mittel gefragt, wenn Verhaltensänderungen erreicht werden sollen. Hier muss letztlich die Umweltpolitik mit adäquaten Instrumenten wie Besteuerung, Abgaben oder sogar Verboten auf den Plan treten. (Z.B. sind inzwischen dem in der Studie angeführten Beispiel des wachsenden Verbrauchs von Getränkedosen, bei dem sich die Umweltkommunikation als machtlos erwies, durch das Dosenpfand Grenzen gesetzt worden.) Fazit: Potenzial für nachhaltigen Konsum Die Konsumstile-Studie konnte durch die Erarbeitung zielgruppenspezifischer Ansatzpunkte und Strategien für nachhaltiges Konsumverhalten aufzeigen, dass das Potenzial für nachhaltigen Konsum bei den verschiedenen Konsumtypen noch nicht ausgeschöpft ist. Um diese Potenziale erschließen zu können, müssen sich jedoch auch die Vermarktung ökologischer Produkte und die Produktentwicklung auf die Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen einstellen. 209
Zum einen sollten Kommunikationsstrategien den unspezifizierten Gebrauch der Präfixe „Öko-“ und „Umwelt-“ vermeiden, da eine deutliche Abwehrhaltung bei großen Teilen der Befragten existiert, die sich auf Umweltorientierung als Weltanschauung oder auf generalistische Behauptungen eines Umweltnutzens bezieht. Ein konkretes Qualitätsmerkmal eines Produktes/Dienstleistungsangebots, das zur Umweltentlastung beiträgt, ist jedoch nach wie vor ein Positionierungsargument auf dem Markt. Umweltentlastungskriterien haben aber darüber hinaus umso mehr eine Chance, aufgenommen zu werden, je genauer sie an den Alltagserfahrungen und Motivhintergründen der entsprechenden Zielgruppe anschließen. Nicht nur der Beitrag zum Umweltschutz, sondern diese Motivhintergründe sollten daher bei den Zielgruppen deutlich angesprochen werden. Zum anderen müssen sich aber auch die ökologischen Produkte selbst verändern, wenn sie aus der Öko-Nische herauswollen. Das Image ökologischer Produkte, zeitaufwendig und lustfeindlich zu sein, stößt bei vielen Gruppen weiterhin auf Ablehnung. Die ökologische Produktentwicklung sollte hingegen versuchen, die Trends zu mehr Convenience und Gesundheit aufzunehmen. Das hieße vor allem ökologische Produkte und Angebote zu entwickeln, die zeitsparende Lösungen bieten und umweltfreundlich hergestellt werden und genutzt werden können, um sich andere Zielgruppen zu erschließen. Anmerkungen Fe Das ISOE führt zur Zeit im Auftrag des Umweltbundesamtes eine Vorstudie mit dem Titel „Analyse des Geschlechtsrollenwandels für Umweltbewusstsein und Um- weltverhalten“ durch, die zum Ziel hat, Ansatzpunkte für nachhaltige Verhaltensweisen herauszufinden, die gleichzeitig die Geschlechterdemokratie befördern kön- nen. 2 Die Unterschiedlichkeit im Gesundheitsbewusstsein und die Auswirkungen auf die Bereitschaft, sich nachhaltiger zu ernähren, wurden in einer Studie des ISOE zu An- sprüchen von Verbrauchern und Verbraucherinnen am Beispiel von Joghurt und Putenfleisch aufgezeigt. Literaturhinweise Gillwald, K.: Umweltverträgliche Lebensstile. Chancen BUCH OKOLOGIE und Hindernisse, in: JAHR- 1997, S. 83-92. Reusswig, F.: Lebensstile und Ökologie. Gesellschaftliche Pluralisierung und alltagsöko- logische Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Energiebereichs. Sozial-ökologisches Arbeitspapier AP 43, Frankfurt a.M. 1994. 210
Schramm, E. et al.: Konsumbezogene Innovationssondierung. Veränderte Produktgestaltung durch Berücksichtigung von ökologischen und Nutzungsansprüchen. Studientexte des ISOE Nr. 7, Frankfurt a.M. 2000. Schultz, 1./Weller, I.: Nachhaltige Konsummuster und postmaterielle Lebensstile. Bestandsaufnahme der Ergebnisse der einschlägigen sozialwissenschaftlichen Forschung zu den Themenkreisen Umweltbewusstsein und -verhalten, Wertewandel, neue Le- bensstile und neue Wohlstandsmodelle, einschließlich einer Identifizierung des weiteren Forschungsbedarfs resp. der entsprechenden Weiterentwicklungsmöglichkeiten der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung. Eine Vorstudie i.A. des Umweltbundesamtes, UBA-Texte, 1997. Umweltbundesamt (Hg.): Nachhaltige Konsummuster. Konturen eines neuen umwelt- politischen Handlungsfeldes. Mit einer Zielgruppenanalyse des Frankfurter Instituts für sozial-ökologische Forschung, Berlin 2001. KKKKK „Die alten Staatsklugen redeten immerfort von Sitten und von Tugend: Die unsrigen reden von nichts als vom Handel und vom Gelde.“ Jean-Jacques Rousseau KAKKK
IV. UMWELTPOLITIKGESCHICHTE Ulrike Kronfeld-Goharani/Götz Neuneck Die schleichende Verseuchung der Arktischen Region Am 14. August 2000 meldeten die Medien, dass das Atom-U-Boot „Kursk“ nördlich der Kola-Halbinsel während eines Manövers gesunken sei. Bestürzt verfolgte die Weltöffentlichkeit in den folgenden Tagen die vergeblichen Rettungsversuche, 118 Besatzungsmitglieder in 108 Metern Tiefe aus dem Wrack zu bergen. Gleichzeitig wurde dar- über spekuliert, ob die beiden Antriebsreaktoren des U-Bootes, das der russischen Nordmeerflotte angehörte, durch den Unfall beschä- digt worden waren und ob das Boot Nuklearwaffen an Bord geführt hatte, von denen möglicherweise eine radioaktive Verseuchung der Barentssee ausgehen konnte. Befürchtungen wie 1989, als das russische Jagd-U-Boot „Komsomolets“ vor Nordnorwegen gesunken war, wurden wach. Ein weiteres Mal wirft ein U-Boot-Unfall ein Schlaglicht auf den Zustand und die Probleme der russischen Nordmeerflotte. Die Tragödien der „Kursk“ wie auch der „Komsomolets“ bilden nur ein, wenn auch dramatisches Beispiel für die zunehmende Gefahr einer radioaktiven Verseuchung im arktischen Nordmeer, welche durch den Zerfall der Sowjetunion, die ökonomische Krise in Russland, die nukleare Abrüstung, Kompetenzgerangel, Hang zu Geheimniskrämerei und fehlenden politischen Willen in den nächsten Jahrzehnten verschärft werden könnte. Der Unfall der Kursk hat das öffentliche Interesse wieder auf die Gefahren gelenkt, die von den Atom-U-Booten im Falle von Havarien ausgehen. Doch sind es nicht allein Unfälle, die die Arktische Region bedrohen. Schon der Normalbetrieb der U-Boot-Flotte verursacht große Mengen Nuklearmüll, dessen unsachgemäße Lagerung eine ständige Kontaminationsquelle darstellt. Übervolle Lager, feh- lende oder mangelhafte Ausrüstung und unzuverlässige Bewachung 212
komplizieren die Situation. Hinzu kommt eine Reihe weiterer Quellen, die zwar weniger von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, die aber nicht unerheblich an der radioaktiven Verseuchung der Ark- tischen Region und der angrenzenden Meere beteiligt sind. Abbildung 1: Die Arktische Region Paradoxerweise wird die arktische See immer noch zu den saubersten Gewässern in Europa gezählt. (Publikumswirksam hatte der russische Präsident vor laufenden Kameras ein Glas Wasser getrunken.) Gemessen wurde nur Cäsium-137 in der Barentssee, der Kara-See und dem 213
Weißen Meer, von dem die Hälfte dabei aus Sellafield (England) und La Hague (Frankreich) stammt. Sollte aber das eingeschlossene radio- aktive Inventar längerfristig in die Umwelt gelangen, ist eine großflächige nukleare Katastrophe nicht ausgeschlossen. Immer wieder wird in Pressemeldungen vor dem Hintergrund der in der Region gelagerten Nuklearabfälle von einem möglichen „Tschernobyl in Zeitlupe“ oder von weiteren atomaren Katastrophen in der Murmansk-Region gesprochen. Im Januar 1998 wies der Euro-arktische Barentsrat (BEAC) darauf hin, dass der Atommüll in Nordwestrussland ein „wachsendes Umwelt- und Sicherheitsrisiko“ darstellt.! Chris Patten, der Beauftragte der EU für externe Beziehungen, bezeichnete im Ja- nuar 2001 bei einem Besuch in Moskau die Entsorgungsproblematik als „Damoklesschwert über unserer Zukunft“. Umfang und Zustand der russischen Nordmeerflotte In mehr als 30 Jahren schuf die Sowjetunion die größte nuklear angetriebene U-Boot-Flotte der Welt. Über neunzig Prozent aller nuklear angetriebenen Schiffe sind U-Boote, Russland baute davon allein mehr als die Hälfte. Zwischen 1954 und 1996 produzierte die Sowjetunion 287 U-Boote, für deren Antrieb ca. 500 Reaktoren verwendet wurden. Ein großer Teil dieser Unterwasserarmada, bis heute ca. 183 U-Boote, kommen an ihre Lebensgrenze bzw. müssen aufgrund fortschreitender Abrüstungsverpflichtungen ausgemustert werden. Die Nordmeerflotte alleine verfügt über 142 U-Boote und drei Kreuzer, die von mehr als 300 Reaktoren angetrieben werden. Hinzuzuzählen sind noch 10 Eisbrecher und ein Containerschiff. Die durchschnittliche Betriebszeit eines Atom-U-Bootes beträgt ca. 20 Jahre. Nukleare Abschreckung auf See Atom-U-Boote sind heute die vielleicht katastrophenträchtigste und zugleich strategisch wichtigste Waffengattung der Nuklearmächte. Die Hälfte des Nukleararsenals der USA und Russlands ist seegestützt, in Großbritannien und Frankreich der größte Teil. U-Boote sind für Militärs sehr attraktiv, da sie relativ unbemerkt große Distanzen zurücklegen und diverse nukleare und konventionelle Waffen transportieren und verschießen können: Raketen, Minen, Torpedos. Sie sind schwer zu orten, weil sie sich schnell bewegen und große Tauchtiefen erreichen können. Zur Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung auf See verwenden die Nuklearwaffenstaaten nuklear 214
angetriebene strategische U-Boote, die mit nuklearbestückten Interkontinentalraketen ausgestattet sind. Die USA besitzen von diesem Typ 18, Russland 16, Frankreich und Großbritannien vier und China eines. Atemberaubend ist das Zerstörungspotenzial, das diese Schiffe darstellen: Jedes strategische U-Boot der amerikanischen OHIOKlasse verfügt über 24 Trident-Raketen (Reichweite bis 11.000 km) und damit über die zehnfache Explosionsstärke der Munition, die im 2. Weltkrieg zum Einsatz kam oder ca. 1300 Hiroshima-Bomben. Der risikoreiche Betrieb der Nordmeerflotte Bau und Betrieb von Atom-U-Booten waren und sind höchst risikoreich. In der Vergangenheit wurden die U-Boote der Nordmeerflotte oft unter enormem Zeitdruck fertig gestellt. Lag der Ablieferungstermin für einen speziellen U-Boot-Iyp erst einmal fest, musste er unter allen Umständen von den Schiffswerften eingehalten werden. Als Folge dieser Politik wurden Atom-U-Boote häufig der Marine übergeben, ohne dass sie alle notwendigen Sicherheits- und Seetests absolviert hatten. Noch 1989 wurden 529 Klagen wegen mangelhafter Ausrüstung von Atom-U-Booten bei der Marineleitung einge- reicht. So sollen beispielsweise auf einem Boot alle Lichtschalter in den Mannschaftsräumen und in den Raketenschächten gefehlt haben. Aber auch vom Betrieb der gefechtsbereiten U-Boote über See geht eine ständige potenzielle Bedrohung aus. Dabei ist es nicht in erster Linie die Bewaffnung, sondern der nukleare Antrieb der Schiffe, der in Friedenszeiten See und Festland bedroht, wenn es zu einem Unfall kommt. Im Rumpf jedes U-Bootes arbeitet auf engstem Raum ein komplettes Atomkraftwerk, dessen Reaktortechnik entschieden ge- fährlicher ist als die fünf- bis zehnmal stärkeren Leistungsreaktoren an Land. Die Unterwasserreaktoren sind hochgezüchtete, leistungsstarke Druckwasseranlagen, die mit extrem hoch angereichertem Uhran- brennstoff arbeiten. Die Platznot auf den Schiffen erlaubt nur reduzierte Notkühlsysteme. Kettenreaktionen laufen sehr schnell ab, und es bleiben oft nur Augenblicke, um gefährliche Entwicklungen zu entschärfen. Unter Wasser können die Reaktoren in kritischen Situationen, in denen ein ziviler Meiler sofort abgeschaltet würde, nicht immer heruntergefahren werden. Arbeitet in so einem Fall auch das Reservesystem nicht mehr und fehlt dem Boot der Antrieb, ist es manövrierunfähig. 215
Auch die Entsorgung der Unterwasserreaktoren oder ihr Füllen mit neuem Brennstoff birgt größere Risiken als bei Landmeilern. Auf Grund der kompakten Bauweise wird der Brennstoff moderner U-Boote nur alle drei bis fünf Jahre ausgetauscht. Der verbrauchte Brennstoff, der Plutonium und Strontium 90 enthält, ist aufgrund seiner hohen Anreicherung und der langen Nutzung noch wesentlich gefährlicher als der Abfall eines zivilen Reaktors. Kommt es zu einem Unglück an der Meeresoberfläche, kann der radioaktive Fallout durch den Wind über große Entfernungen transportiert werden. Bedrohlich verschärft wird das Unfallrisiko durch die ökonomische Krise, in der Russland sich seit Jahren befindet und wovon auch die Nordmeerflotte, einstiges Prestigeobjekt der Sowjetunion, betroffen ist. Dringend notwendige Wartungs- und Reparaturarbeiten scheitern oft an fehlenden Mitteln, so dass die gesamte Flotte ihre Aufgaben gemäß der vorherrschenden Militärdoktrin — die Verteidigung russischen Territoriums — nur noch eingeschränkt erfüllen kann. 1994 flossen der Flotte nur 35 Prozent der Mittel zu, die für Wartung und Unterhalt bestimmt waren, aber zum größten Teil zur Nachzahlung von Löhnen und Personalkosten eingesetzt werden mussten. 1995 war der gesamte Jahresetat der Flotte wegen der hohen Inflation bereits nach sechs Monaten aufgebraucht. Offiziere wurden in den Ferien nicht bezahlt und mussten immer wieder Verzögerungen bei der Auszahlung der Gehälter hinnehmen. Als Folge des hohen Sozialdrucks kam und kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, bei de- nen auch schon Forderungen nach besserer Entlohnung mit der Dro- hung ausgesprochen wurden: „Wir werden ein neues Tschernobyl verursachen.“3 Die wirtschaftliche Misere Russlands bewirkt auch eine Abnahme der Qualifizierungs- und Trainingseinheiten der U-Boot-Besatzun- gen. Nach dem Wegfall der hochmodernen U-Boot-Trainingslager in Paldiski (heute Estland) und Sevastopol (heute Ukraine) erlitt die russische Marine bereits einen empfindlichen Kompetenzverlust, der sich weiter erhöht, wenn auch die praktische Erfahrung der U-BootCrews weiter abnimmt, dadurch dass die Schiffe infolge der ökonomischen Krise immer häufiger und länger in den Marinestützpunkten liegen oder nur mit reduzierter Besatzung auslaufen — eine Entwicklung im Umgang mit einer heiklen Technologie, die Anlass zur Besorgnis gibt. 216
U-Boot-Unfälle: Eine Geschichte von Katastrophen, Kollisionen und Havarien Seit Inbetriebnahme der ersten nuklear angetriebenen U-Boote ist es immer wieder zu schweren Un- und Zwischenfällen gekommen. Bis heute wurden sieben gesunkene Wracks, einschließlich der „Kursk“, von den atomaren Seemächten bestätigt (Abbildung 2). Wie viele U-Boote tatsächlich auf den Weltmeeren verschwanden, ist bis heute Staatsgeheimnis sowohl in West wie in Ost. 10. April 1963: Die USS Thresher sinkt infolge einer Explosion hundert Meilen östlich von Cap Cod, Massachussetts auf 2750 Meter Wassertiefe. 169 Mann an Bord sterben. 27. Mai 1968: Die USS Scorpion sinkt mit 99 Mann Besatzung 400 Meilen südwestlich der Azoren auf 3300 Meter Wassertiefe. 10. April 1970: Ein russisches Atom-U-Boot der November-Klasse K-8 sinkt mit 52 Besatzungsmitgliedern auf 4680 Meter Tiefe. Juli 1983: Südlich der russischen Halbinsel Kamtschatka Atom-U-Boot der Charlie-I-Klasse mit 90 Mann Besatzung. sinkt ein 6. Oktober 1986: Ein russisches Atom-U-Boot der Yankee-Klasse K-219 sinkt 600 Seemeilen nördlich von Bermuda. 7. April 1989: Infolge eines Feuers sinkt das russische U-Boot K-278, bekannt als „Komsomolets“ vor den norwegischen Bäreninseln auf 1700 Meter Tiefe. 42 Crewmitglieder kommen ums Leben. 12. August 2000: Das russische Atom-U-Boot der Oscar-II-Klasse K-141, „Kursk‘“, sinkt östlich von Murmansk in der Barentssee auf 108 Meter Tiefe. 118 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Abbildung 2: Chronologie schwerer Unfälle von Atom-U-Booten? Die schwerwiegendsten Unfälle wurden durch Feuer, Explosionen oder Reaktorüberhitzung infolge Versagens des Kühlmittelkreislaufes ausgelöst. Weitere Unfallursachen waren Kollisionen mit anderen U-Booten, Schiffen oder Eisbergen und Grundberührungen. Bei zahlreichen Unfällen ebenso wie bei einer Reihe kleinerer Zwischenfälle gelangte radioaktives Material in die Umgebung. Beim Totalverlust der Boote sanken diese mit ihren Reaktoren und ihrer Bewaffnung in die Tiefe.
Armeesprecher, aber auch Hydrographen behaupten, von den gesunkenen Booten gehe zur Zeit keine Gefahr aus. Es stellt sich jedoch die Frage, wie lange dieser Zustand anhält und wie sicher die Umhüllung der radioaktiven Materialien auf lange Sicht ist. Was nützen 20, 50 oder gar 500 Jahre Strahlungsabschirmung, wie ihn russische Spezialisten für ein in der Karasee an versenkten U-Booten angewendetes Material angeben, im Hinblick auf die hohe Halbwertszeit von Plutonium? Für unsere menschlichen Zeitskalen wirkt Plutonium ewig. Gelangt ein Plutoniumteilchen über die Nahrungskette in den menschlichen Körper, erzeugt es Krebs, auch nach 500, 1000 oder 50 000 Jahren noch ... Abrüstung: Die gefährliche Demontage der Atom-U-Boote und ihrer Waffen Weltweit sollen im Rahmen der Abrüstung ca. 300 atomgetriebene U-Boote außer Dienst gestellt und verschrottet werden. Die USA demontieren davon 100 Atom-U-Boote, Großbritannien 16 und Frankreich zwei. Aufgrund ihrer enormen U-Boot-Flotte hat jedoch Russland den Großteil zu tragen. Allein zwischen 1990 bis 1994 hat Russland zwischen 15 bis 25 U-Boote pro Jahr ausgemustert, bis heute insgesamt 179. 130 dieser U-Boote warten auf ihre Demontage, wobei 110 bis 115 U-Boote noch funktionsfähige, mit Brennstoff versehene Reaktoren an Bord haben. In den nächsten Jahren sollen weitere 35 Schiffe abgerüstet werden. Die russische Regierung plant bis zum Jahr 2007 die „Außerdienststellung“ von 150 U-Booten. Der Prozess der Außerdienststellung ist äußerst risikoreich, arbeits- intensiv und kostspielig. Aufgrund der fehlenden Demontagekapazitäten werden die U-Boote zunächst in den eisfreien Häfen der Nordmeerflotte vor Anker gelegt. Zur Wartung und Überwachung der Reaktorkühlung und zur Bewachung des Schiffs muss eine kleine Crew an Bord gehalten werden. Der vollständige Prozess der Demontage umfasst mehrere Schritte (Abbildung 3): Entnahme des nuklearen Brennstoffs, Bergung der Munition, Demontage der Raketenabschussbasen, Ausbau verwertbarer Ausrüstungsgegenstände, Bergung des Reaktorgehäuses, Lagerung des anfallenden Nuklearmülls, Zerlegung des Schiffsrtumpfs und zuletzt Versiegelung und Transport der Reaktorteile an geeignete Stellen für sichere Langzeitlagerung. 218
Stilllegung des Langfristige U-Bootes Entnahme des Nuklearbrennstoffs er Temporäre Lagerung Wiederaufarbeitung Bergung der Munition Pemekiege der Raketenabschussbasen Entfernen der Ausrüstungsgegenstände Ausbau des Reaktor gehäuses Verschiffung des Reaktorgehäuses er“maps tige Br ern Zerlegung des Schiffsrumpfs Recycling von U-Boot-Teilen Abbildung 3: Schritte bei der Demontage eines Atom-U-Bootes? 219
Die Verschrottung nur eines amerikanischen Yankee-U-Bootes erfordert 630 000 Mannstunden, und es werden dafür Kosten von ca. 27 Millionen Dollar angegeben. Für die Verschrottung eines russischen U-Bootes werden ca. 2 Millionen Dollar angenommen. Die Verschrottung wird in der Nerpa-Schiffswerft (Murmansk) sowie den Werften Zvezdochka und Sevmash (Severodinsk) durchgeführt. Bei 36 der 179 außer Dienst gestellten russischen Atom-U-Boote half das Pentagon durch „Know-how“ und finanzielle Unterstützung. Für die restlichen 143 Boote ist die Finanzierung noch nicht geklärt. Die Verantwortung für die Verschrottung der U-Boote ist 1998 durch ein Regierungsdekret von der Marine an das Russische Ministerium für Atomenergie (MINATOM) übergegangen. Ca. 10.000 Personen, die mit der Dekommissionierung beschäftigt waren, mussten durch die Marine entlassen werden. Unklar ist, ob MINATOM der Entsorgung der U-Boote hohe Priorität einräumt und genügend Ressourcen dafür zur Verfügung stellt. Fraglich ist auch, wie gut die Marine und MINATOM zusammenarbeiten. 1999 konnte lediglich bei acht U-Booten der Brennstoff entfernt werden. Das russische Atomministerium hat einen Vorschlag für die weitere Demontage der Atom-U-Boote bis 2005 erarbeitet. Unter Nutzung von 13 Werften sollen dabei Kosten in Höhe von umgerechnet 1,5 bis 2 Milliarden Dollar anfallen. 30 bis 40 Prozent davon sollten aus dem Staatsbudget stammen, der Rest durch ausländische Hilfe und den Verkauf von wieder verwertbaren Metallen. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation der Nordmeer- flotte, des Kompetenzgerangels verschiedener Institutionen und des postsowjetischen Hanges zur Geheimniskrämerei geht der Verschrot- tungsprozess nur sehr langsam voran. Es fehlt an Infrastruktur in den Schiffswerften, an Serviceschiffen für die Entnahme des nuklearen Brennstoffs und an Speicherkapazitäten für den anfallenden Nukle- armüll. Die Entsorgungsschwierigkeiten des Nuklearmülls sind die Hauptursache dafür, dass zur Zeit nur ca. ein Atom-U-Boot pro Jahr verschrottet wird.7 Ein weiterer Faktor, der diesen Prozess tung der START-Verträge. Setzt Russland Abrüstung der seegestützten ballistischen tragsvereinbarungen, verzögert sich die Dienst gestellten Atom-U-Boote. 220 beeinflusst, ist die Einhaldas Schwergewicht auf die Raketen gemäß der VerVerschrottung der außer
Das ungelöste Problem: Wohin mit dem Nuklearmüll? Der Gebrauch, die Unterhaltung und die Außerbetriebnahme von Reaktoren erzeugten nuklearen Abfall. Schon im Normalbetrieb fallen große Mengen bei der Auffüllung von U-Boot-Reaktoren mit neuem Brennstoff an. Die ersten russischen Atom-U-Boote nach sieben bis zehn Jahren mit neuem wurden Brennstoff ausgerüstet, je nach Anreicherungsgrad des benutzten Uran-235 und Einsatzdauer des Reaktors. Modernere U-Boote werden bereits nach drei bis fünf Jahren mit neuem Brennstoff aufgefüllt, so dass heute in wesentlich kürzeren Abständen nuklearer Müll anfällt. Bei Brennstofferneue- rungsarbeiten entstehen 155 bis 200 Kubikmeter feste und flüssige Anteile nuklearen Abfalls.8 Der Entsorgung des Nuklearmülls wurde in der Ära des Kalten Krieges in West und Ost nur wenig Beachtung geschenkt. Das Hauptinteresse galt dem Entwurf und der Konstruktion von AtomU-Booten und verschiedenen Raketensystemen. Während das erste sowjetrussische Atom-U-Boot bereits 1957 vom Stapel lief, wurden Einrichtungen zur Handhabung und Lagerung radioaktiven Abfalls erst Anfang der 60er Jahre fertig gestellt. Dieses Problem begleitete die Entwicklung aller nachfolgenden U-Boot-Generationen und besteht bis heute fort. Dass der sicheren Handhabung und Lagerung radioaktiven Mülls nur geringe Bedeutung zugemessen wurde, drückte sich auch in dem Mangel an technischen und ökonomischen Ressourcen aus, die von der sowjetrussischen Marine für diesen Zweck bereitgestellt wurden. Viele Einrichtungen für das Management radioaktiven Abfalls wurden nur auf Reißbrettern konstruiert. Wurden Mittel für den Bau ei- ner bestimmten Anlage bewilligt, handelte es sich häufig nur um einmalige Aufwendungen. Waren diese verbraucht, blieb die Anlage in dem (unfertigen) Zustand zurück, in dem sie sich gerade befand. Als Folge dieser Politik befinden sich heute nicht nur 18 Prozent aller in der Welt existierenden Reaktoren in der Arktischen Region, sondern die Kola-Halbinsel und Severodvinsk am Weißen Meer verfügen mit ca. 300 Reaktoren auch über die höchste Konzentration nuklearer Reaktoren in der Welt.? Der sich in mehr als 40 Jahren an- gesammelte Nuklearabfall wurde größtenteils in den Militärstützpunkten auf der Kola-Halbinsel gelagert, im Meer versenkt oder zur Wiederaufarbeitungsanlage Mayak transportiert. 221
Auf der Kola-Halbinsel unterhält die Nordmeerflotte fünf Militärbasen zwischen Zapadnaya Litsa im Westen und Gremikha im Osten. An allen Stützpunkten befinden sich Lagerkapazitäten für festen und flüssigen Nuklearmüll (siehe Abbildung 4). Diese Lagerkapazitäten sind nicht nur überfüllt, sondern befinden sich größtenteils auch in einem bautechnisch schlechten Zustand. Fester radioaktiver Müll wird an elf verschiedenen Plätzen entlang der Kola-Halbinsel sowie in Severodvinsk gelagert, stellenweise unter freiem Himmel ohne besondere Schutzvorkehrungen. Flüssiger radioaktiver Abfall, der vor allen Dingen bei der Brennstofferneuerung der noch in Dienst befindlichen U-Boote anfällt, wird in allen Marinebasen gelagert, zum Teil in unterirdischen Tanks auf dem Land, an Bord von Versorgungsschiffen oder in Schwimmtanks. Einige der Tanks befinden sich in sehr schlechtem Zustand. Ein Teil des neu anfallenden flüssigen Atommülls wird in die Wiederaufbereitungsanlage der zivilen Eisbrecherflotte in Murmansk gebracht. Allerdings ist die Kapazität der Anlage zu gering und sind die Kosten der Wiederaufarbeitung für die Nordmeerflotte zu hoch. Die größte Lagerstätte für verbrauchten Nuklearbrennstoff befindet sich in Zapadnaya Litsa in Andreeva Bay, 40 km von der Norwegischen Grenze entfernt. Hier sollen ca. 23.000 verbrauchte Brennelemente, der Inhalt von etwa 90 Reaktoren, in drei überalterten, innen mit Stahlplatten verschenen Betontanks und bedeckt von einer ca. 4 Meter dicken Wasserschicht gelagert sein. Im Februar 1982 traten in zwei der Betonbecken Leckagen auf, und ein halbes Jahr lang trat hochgradig kontaminiertes Wasser aus, das in den nur 350 Meter entfernten Litsa-Fjord floss. Weitere 200-220 Brennelemente, verpackt in Containern, sollen hier seit 36 Jahren unter freiem Himmel ste- hen. Ähnlich wie in Andreeva Bay wurden auch in Gremikha Reaktorkerne in Betonbecken abgesenkt und mit Wasser bedeckt. Auch hier traten Leckagen auf. 1984 wurden drei von insgesamt vier Becken entleert, die Brennelemente geborgen, nach Murmansk verschifft und von dort mit dem Zug zur Wiederaufarbeitungsanlage Mayak transportiert. 95 beschädigte Brennelemente wurden in den vierten Pool umgelagert, wo sie sich bis heute befinden sollen. Auch in Gremikha sollen auf einem relativ ungeschützten offenen Gelände Container mit verbrauchten Brennelementen unter freiem Himmel stehen. Zur Zeit soll die Nordmeerflotte über kein Schiff verfügen, das geeignete 222
Vorrichtungen an Bord hat, die überalterten Container aus Gremikha fortzuschaffen. Auch der nukleare Abfall der mit Flüssigmetall gekühlten Reaktoren soll hier gelagert sein. Jährlich fällt in Russland nuklearer Müll von 20 Atom-U-Booten an. Lagerkapazitäten sollen dagegen nur für den Abfall von drei Booten vorhanden sein. Insgesamt müssten Jahr für Jahr rund 30.000 Kubikmeter flüssiger und 6.000 Kubikmeter fester Atommüll entsorgt werden. Hinzu kommt ein beträchtlicher Anteil aus Reparaturarbeiten an beschädigten oder havarierten U-Booten. Zur Zeit werden Studien durchgeführt, um eine Langzeitlagerstätte für den hochradioaktiven festen Atommüll auf der Insel Nowaja Semlja oder der Kola-Halbinsel zu errichten. Norwegen hat im letzteren Fall erhebliche Zweifel, da die Lagerstätte nahe der norwegischen Grenze liegt. Es wird mit Kosten von 200 Millionen Euro gerechnet. Entsorgung: Die einfache Lösung — das Meer als nukleare M: üllkippe 1993 verfügte Präsident Jelzin eine Bestandsaufnahme der Umweltverschmutzung. Das Ergebnis war der „Jablokov-Bericht“, der erstmals detailliertere Daten vorlegte. So wurde bekannt, dass die russische Marine und die Eisbrecherflotte der ehemaligen Sowjetunion von 1959 bis 1991 jahrelang große Mengen festen und flüssigen Nuklearmülls, darunter auch Reaktorgehäuse mit ihrem Nuklearbrennstoff, im Meer versenkt hatten. Die Hauptversenkungs- gebiete befanden sich vor der Küste des Inselarchipels und Atomtestgebietes Nowaja Semlja in der Karasee sowie vor der Nordküste der Kola-Halbinsel in der Barentssee. Nach Angaben aus unterschiedlichen Quellen wurden in der Karasee vor Nowaja Semlja im Meer versenkt: 16 Reaktoren, darunter mindestens sechs, die noch Brennelemente enthielten; ca. 17.000 Atommüllcontainer mit flüssi- gem und anderem radioaktiven Müll; 12 Atom-U-Boote und drei atombetriebene Eisbrecher; 1964 die „N. Baumann“, die 1500 bereits undichte Atommüllbehälter geladen hatte. 1984 wurden vom Eisbrecher „Lepse“ weitere Atommüllcontainer abgeworfen, nachdem sie zuvor mit Hilfe von Geschosssalven undicht geschossen und so zum Sinken gebracht worden waren. Die Container sollen jetzt in 200 Metern Tiefe liegen.19 Havarierte oder abgewrackte Atom-U-Boote wurden häufig in den Fjorden von Nowaja Semlja, insbesondere in der Abrosimov-, Stepovogo- und Tzivolky-Bucht versenkt, oft in weniger als 50 Metern Wassertiefe. In Bezug auf den Ort der Versen223
kung, den Abstand zur Küste und die Versenkungstiefe war das ein klarer Verstoß gegen das London-Abkommen von 1972.11 Ort Zapadnaya Einrichtung Quellen für radioaktive Kontamination 26 einsatzbereite Atom-U-Boote 1 stillgelegtes Atom-U-Boot mit Nuklearbrennstoff an Bord Militärbasis Litsa (Bolshaya, 1 stillgelegtes Atom-U-Boot ohne Lopatka, Nerpichya, Nuklearbrennstoff 23 260 verbrauchte Brenneiemente Andreeva Bay) 2000 m’ flüssiger Atommüll 6000 m’ fester Atommüill Vidyayevo Militärbasis |® (Ura Bay) < U} ® ® Gadzhievo (Skalisti) Militärbasis | ® ® & Saida Bay unbekannte Anzahl von Atom-U- Booten 200 m’ flüssiger Atommüll 2037 m’ fester Atommüll ® gelegentlich: Versorgungsschiffe mit Nuklearbrennstoff und flüssigem Atommüll an Bord Lagerstätte | ® 12 U-Boot-Rümpfe mit ihren Reaktoren sms Gremikha 4 einsatzbereite Atom-U-Boote 1 Reaktor der Nurka-Klasse 14 stillgelegte Atom-U-Boote mit Nuklearbrennstoff an Bord min. 3 m’ flüssiger Atommüll Fester Atommüll 2 nuklear angetriebene Zerstörer Militärbasis |© ®. einige einsatzbereite Atom-U-Boote 15 stillgelegte Atom-U-Boote ® 300 m’fester Atommüll 2.000 m’ flüssiger Atommüill o 795 verbrauchte Brennelemente ® ® 9 Reaktorkerne von Atom-U-Booten mit Flüssigmetall-gekühlten Reaktoren 224
Schiimer| 0 Nerpa 2 Atom-U-Boote, die außer Dienst gestellt werden gelegentlich: Versorgungsschiffe mit verbrauchtem Nuklearbrennstoff und flüssigem Atommüill 200 m’ fester Atommüill 170 m’ flüssiger Atommüill Shkval (Polyarny) i rn 1 Atom-U-Boot zur Instandsetzung/ Wartung 1 Versorgungsschiff mit Nuklear- brennstoff an Bord 1 Versorgungsschiff mit flüssigem Atommüll an Bord 7 stillgelegte Atom-U-Boote mit Nuklearbrennstoff an Bord Lagerstätte für festen Nuklearmüll 150 m’ flüssiger Atommüll Sevmorput Schiffswerft 1 stillgelegtes Atom-U-Boot mit Nuklearbrennstoff an Bord 1 stillgelegtes Atom-U-Boot ohne Nuklearbrennstoff gelegentlich: Versorgerschiffe mit flüssigem Atommüill Lagerstätte für festen Atommüill Severodvinsk Schiffswerft | ® 12 539 m’ fester Atommüll 3 000 m’ flüssiger Atommüill 4 Atom-U-Boote zur Instandsetzung/ Wartung 12 stillgelegte Atom-U-Boote mit Nuklearbrennstoff an Bord 4 Reaktorblöcke von außer Dienst gestellten Atom-U-Booten Abbildung £: Der Nuklearmüll in den Einrichtungen der Nordmeerflotte!? Bis heute wurden in der Karasee keine Hinweise festgestellt, dass es zu einer signifikanten Freisetzung von Radioaktivität aus dem ver- senkten Nuklearschrott gekommen ist. Allerdings wurden in unmittelbarer Nähe einiger versenkter Objekte erhöhte Radioaktivitätswer- te in einigen Sedimentproben gefunden, die auf kleinere Leckagen schließen lassen.!3 225
Entsorgung: Die kostspielige Lösung — Transport und Wiederaufarbeitung Russland unterhält drei große Nuklearkomplexe, die sich alle südlich der arktischen Region befinden: Mayak, Krasnoyarsk und Tomsk. Mayak im 3000 Kilometer von der Kola-Halbinsel entfernten Tscheljabinsk im Ural wurde 1948 errichtet, um Plutonium (Pu-239) für Nuklearwaffen zu produzieren. Nach Mayak ging 1973 auch der erste Transport Nuklearmüll der Nordmeerflotte zur Wiederaufarbeitung. Aus Furcht, in Zukunft mit einer Uranknappheit rechnen zu müssen, war es Politik der damaligen Sowjetunion, möglichst den gesamten verbrauchten Brennstoff wieder aufzubereiten und erneut einzusetzen. Das scheiterte im Falle der Nordmeerflotte jedoch daran, dass Andreeva Bay und Gremikha, die Hauptlagerstätten für verbrauchte Brennelemente, nicht an das Eisenbahnnetz angebunden wurden und es auch bis heute nicht sind. Ferner fehlte es an geeigneten Containern für den Transport des verbrauchten Nuklearbrennstoffs. Und Wiederaufarbeitung ist teuer. Immer wieder fehlten der Nordmeerflotte die Mittel für den immerhin 3000 Kilometer weiten Transport von der Kola-Halbinsel bis nach Mayak und den anschließenden Wiederaufarbeitungsprozess. Die Nukleartechnik und der Bau von Kernwaffen im Ural blieben nicht ohne Folgen für die Umwelt. Immer wieder wurde die Region von nuklearen Zwischenfällen, Hochwassern oder Dammbrüchen von Abwasserseen heimgesucht und die Umgebung radioaktiv kontaminiert. Über das Flusssystem gelangten und gelingen auch heute noch Radionuklide in Ob und Yenisey, die beide in die Karasee münden. Weitere Gründe radioaktiver Kontamination: Nukleartests, Tschernobyl und Wiederaufbereitungsanlagen Die oberirdischen Kernwaffentests der Nuklearmächte verursachten die größte nukleare Verseuchung globalen Ausmaßes. Zwischen 1955 und 1966 wurden etwa 520 Bombentests vorgenommen. Bis 1962 führte die ehemalige Sowjetunion auf Nowaja Semlja 87 oberirdische Kernwaffenversuche durch, die 1963 mit Unterzeichnung des Vertra- ges über einen begrenzten Teststopp (Partial Test Ban Treaty), der Kernwaffenversuche im Weltraum, in der Atmosphäre und unter Wasser verbietet, beendet wurden. Der globale atmosphärische Eintrag an Radioaktivität durch diese Testreihen, der so genannte ‚Fall226
out, stellt die größte Quelle für anthropogen erzeugte Radioaktivität dar.!# Neben dem atmosphärischen Fallout trugen Abschwemmungen von den Landmassen und durch den Wassermassentransport aus geografischen Breiten mit höheren Konzentrationen zur Belastung der Arktischen Region bei. Durch die Tschernobyl-Katastrophe am 26. April 1986 wurden große Mengen Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt, die aufgrund der vorherrschenden Windverhältnisse auch den südlichen Bereich der Kola-Halbinsel und die Region um den Mündungsbereich des Ob erreichten. Insgesamt wurden nördlich des Polarkreises jedoch keine signifikanten Belastungen festgestellt, die etwa über den Werten des globalen Fallouts lagen. Allerdings wurden Anteile aus der stärker belasteten Nord- und Ostsee mit dem Atlantischen Küstenstrom bis in Arktische Gewässer transportiert. Die radioaktiven Freisetzungen aus den britischen Wiederaufberei- tungsanlagen in Sellafield und Dounreay und der französischen Anlage bei La Hague, die heute gut dokumentiert sind, stellen eine andere bedeutende Quelle für radioaktive Kontamination in den Arktischen Gewässern dar. Bei der Wiederaufbereitung verbrauchten Kernbrennstoffs entsteht eine große Menge Abwasser, das verschiedene Radio- nuklide enthält. Bereits seit 1952 wird in Europa ein Teil dieser Ab- wässer in die Nordsee und in die Irische See eingeleitet. Die aus dem Ärmelkanal oder aus der Irischen See um die Nordspitze Schottlands herum in die Nordsee gelangten Radionuklide werden anschließend mit dem Norwegischen Küstenstrom und Teilen des Nordatlantischen Stromes in die Arktischen Gewässer transportiert. Die Ausbreitung in die Barentssee und in die Karasee ist eindeutig über die Aktivitätsverhältnisse der verschiedenen Radionuklide nachweisbar. Auf Grund der Höhe seiner Einleitungen ist Sellafield die Haupteintragsquelle für die radioaktive Belastung der nordeuropäischen Meere. Eine weitere Quelle und Gefahr für die radioaktive Verseuchung der Arktischen Region ist auch der massive Einsatz von Atomkraft für zivile Zwecke. Das Atomkraftwerk Poljarny auf der Kola-Halbinsel wurde von der Internationalen Atomenergie-Organisation (LAEO) als „gefährlich“ eingestuft.!5 Das Kraftwerk verfügt über kein Containment. Allgemein nicht bekannt ist auch, dass die UdSSR zwischen 1969 und 1988 zwanzig Atomsprengköpfe beim Bau von öffentli- chen Infrastruktureinrichtungen und in Bergwerken einsetzte. Die meisten dieser Aktivitäten finden in den amtlichen Meldungen keine 227
Erwähnung, und über die radioaktive Verseuchung dieser Gebiete ist nichts oder nur wenig bekannt.1° Umweltradioaktivität und Proliferationsgefahren So spektakulär U-Boot-Unfälle auch sein mögen, an der schleichenden radioaktiven Verseuchung der Arktischen Region hatten sie bisher nur einen geringen Anteil. Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre bekannt wurde, dass große Mengen an radioaktiven Abfällen in die Kara- und Barentssee verklappt worden waren, war die Befürchtung groß, dass diese Meeresgebiete radioaktiv verseucht sind. Um den aktuellen und zukünftig zu erwar- tenden Grad der radioaktiven Verschmutzung in der Arktischen Region zu ermitteln, begannen Mitte der 0er Jahre im Auftrag der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), der NATO tee on the Challenges of a Modern Society (Commit- -—CCMS), der Arktik- anrainerstaaten mit ihrem Arctic Monitoring and Assessment Program- me (AMAP) sowie im Rahmen von bilateralen Absprachen zur Zusammenarbeit zwischen Russland und Norwegen internationale Arbeitsgruppen damit, in der Arktischen Region Messprogramme durchzuführen. Von deutscher Seite beteiligten sich daran das Bun- desamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Meereskunde, Hamburg, und das For- schungszentrum für Marine Geowissenschaften (GEOMAR), Kiel. Ziel dieser Programme war es u.a. zu klären, ob außer für die Ba- rents- und Karasee überregionale Folgen etwa durch Eisdrift und die Verdriftung radioaktiver Substanzen mit Meeresströmungen für das Europäische Nordmeer und den angrenzenden Atlantischen Ozean zu erwarten waren. Immerhin wird in diesen Meeren ein Großteil des in Europa angelandeten Fischs gefangen. Die experimentellen Untersuchungen bisheriger internationaler Programme zeigen, dass ein Großteil der nachweisbaren künstlichen Radionuklide aus den oberirdischen Atomwaffentests der 50er und 60er Jahre, dem Tschernobyl-Unfall und durch Einleitung radioaktiver Abwässer in die Nordsee und in die Irische See aus den europäischen Wiederaufbereitungsanlagen stammt. Messungen von Cäsium137 in der Karasee zeigten, dass ca. 40 Prozent vom Fallout der Nuk- leartests stammen und ca. 55 Prozent aus der Irischen See von Sella- field. Man findet hohe Dosen (bis 20 Becquerel/kg) von Cäsium-137 228
in Fischen in der Ostsee und der Irischen See, während die Dosen in der Barentssee und im Nordatlantik geringer sind (2 Becquerel/kg). Es gibt einige Gründe, warum der nukleare Brennstoff, das hoch- angereicherte Uran (HEU), für die Atom-U-Boote ein hohes Weiter- verbreitungsrisiko darstellt. Die größte Gefahr besteht darin, dass der Nuklearbrennstoff HEU aus U-Boot-Reaktoren oder Zwischenlagern gestohlen wird. Der hohe Sozialdruck, dem die Angehörigen der Nordmeerflotte ausgesetzt sind, kann dazu verleiten, dass Material gestohlen und außer Landes geschafft wird. Eine Reihe von bekannt gewordenen Zwischenfällen belegt dies. Im Juli 1993 wurden eine Wache und ein Matrose verhaftet, weil sie 1,8 kg HEU entwendet hatten. Im November 1993 gelang es zwei Marineoffizieren, 4,5 kg HEU aus drei Brennstoffstäben abzuzweigen. Eine signifikante Proliferationsgefahr ist auch durch den schlechten bautechnischen Zustand der Lagerkapazitäten für Nuklearbrennstoff gegeben. Überquellende Lagerstätten in Zapadnaya Litsa und Gre- mikha oder Serviceschiffe mit unzureichenden physikalischen Schutzvorkehrungen bieten Gelegenheiten, spaltbares Material abzuzweigen. Neben der unzureichenden Sicherheitsüberwachung gibt es auch Ungenauigkeiten bei der Feststellung der Inventarien des Nuklearmaterials. Anfang 1998 gab die russische Behörde für Nuklear- und Strahlungssicherheit, Gostatomnadzor, einen Report heraus, in dem in neun Fällen Abweichungen auftraten zwischen Beständen der nuklearen Eisbrecherflotte und denen der Nordmeerflotte. Diese Vorgänge sind beunruhigend und zeugen von einem Mangel an Schutzvorkehrungen, Materialkontrolle und Ermittlung der nuk- learen Inventarien. Solange diese aber nicht genau bekannt sind, können mögliche Abzweigungen noch schlechter festgestellt werden. Schwach radioaktives Material und die Brennelemente selbst verbleiben an Bord der im Hafen liegenden U-Boote, da das Material ständig gekühlt werden muss. Der schwach bestrahlte Brennstoff an Bord von ausgemusterten U-Booten, die noch nicht ihr Betriebsende erreicht haben, enthält große Mengen von dem Atombombenstoff HEU. Die Trennung von HEU aus dem schwach bestrahlten Brennelement ist einfacher als die chemische Abtrennung von Plutonium. Auch sind die Brennelemente eines U-Boot-Reaktors kompakter und einfacher zu handhaben als die Brennelemente eines Leistungsreaktors. Ein einfacher nuklearer Sprengsatz aus HEU ist einfacher zu229
sammenzubauen als eine Plutoniumbombe. Kein Abrüstungsvertrag regelt bisher vertraglich die genaue Meldung, Lagerhaltung und Vernichtung der großen Menge von HEU, über die Russland heute verDie einzige Hoffnung ist, dass aufgrund der strengen Sicherheitsvorkehrungen und der unwirtlichen Lebensumstände in der Arktischen Region der Diebstahl von HEU sehr erschwert wird. Nationale und internationale Maßnahmen: Was wird getan? Seit Anfang der 90er Jahre hat es eine Reihe von nationalen und in- ternationalen Projekten gegeben, um auf der Kola-Halbinsel und in der Barentssee-Region weitere Umweltschäden zu verhindern bzw. solchen vorzubeugen. Die USA gewähren technische und finanzielle Hilfe im Rahmen ihres Cooperative Threat Reduction Programme (CTR), das zur Ver- meidung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Technologie aus der ehemaligen Sowjetunion initiiert wurde und den Auftrag hat, Beistand bei der Eliminierung von 564 Abschussbasen von seegestützten ballistischen Raketen (SSBNs: submarine-launched ballistic missiles) und der Demontage von 31 SSBNs zu leisten. Programm stellt zahlreiche Ausrüstungsgegenstände wie Kräne, belschneidemaschinen usw. zur Verfügung. Seit 1996 wird auch sucht, neben der Technologie einzelne Infrastruktureinrichtungen Das Kaverwie die Schiffswerften direkt zu unterstützen. mit MINATOM versucht man, In Zusammenarbeit Serviceschiffe und Serviceeinrichtungen an Land nur zum Zweck der Bergung des Nuklearbrennstoffes einzurichten. Allein durch Lösung dieses Problems könnte der Demonta- geprozess beschleunigt werden. Die Japaner sind besorgt um das Japanische Meer, in das Nuklearmüll versenkt wurde. Japan bemüht sich um die Finanzierung einer Wiederaufbereitungsanlage für flüssigen Nuklearmüll der Pazifikflotte und hat zum Beispiel angeboten, ein Jahr lang die Betriebskosten in Höhe von 3,4 Millionen Dollar für eine Anlage in Bolshoy Kamens Zvezda Schiffswerft zu übernehmen. Da es Probleme mit den für den Betrieb der Anlage erforderlichen russischen Zertifikaten gab, schei- terte das Vorhaben. Ferner bemüht Japan sich um e die Instandsetzung der Eisenbahnlinie von Bolshoy Kamen bis zum Anschluss an die Transsibirische Eisenbahn, 230
e den Umbau und die Ausrüstung eines Serviceschiffes, das ver- brauchte Brennelemente zu Einrichtungen in der Nähe von Wladiwostok bringen kann, wo es Eisenbahnanschluss gibt, e die Demontage eines Atom-U-Bootes der Victor-Klasse in Bolshoy Kamen. In Norwegen, dessen Staatsgrenze nur 40 Kilometer von Andreeva Bay entfernt verläuft, ist die Furcht vor radioaktiven Verseuchungen besonders groß, zumal sich Befürchtungen, dass an vielen Stellen auf der Kola-Halbinsel mit spaltbarem Material grob fahrlässig umgegangen wird, mit Bekanntgabe norwegischen des Berichts „The Northern Umweltschutzorganisation Bellona Fleet“ der bestätigt haben. Aber Norwegen sorgt sich auch um die nukleare Verschmutzung der Barentssee. Für Norwegens nördlichste Region, für die der Fischfang eine wichtige Einnahmequelle darstellt, bedeutete es eine wirtschaftliche Katastrophe, wenn die reichen Fischgründe für Shrimps, Schell- fisch, Hering und Rotbarsch in der Barentssee nuklear verseucht würden. Um die Gefahr zu vermindern, legte das Außenministerium in Oslo 1997 bereits zum dritten Mal einen Plan ofAction for Nuclear Safety Issues vor, der sich mit Maßnahmen zur Sicherung russischer Atomkraftwerke, zur Entsorgung, Lagerung und Wiederaufarbeitung radioaktiven Mülls und verbrauchter Brennelemente sowie der Suche nach sicheren Zwischenlagern für flüssige und feste radioaktive Abfälle befasst. In Kooperation mit der EU sollen Lösungen für das Problem des nuklear angetriebenen Eisbrechers „Lepse“ sowie das Abwra- cken außer Dienst gestellter U-Boote gefunden werden. Des Weiteren will die norwegische Regierung gesicherte Container für den Bahn- transport zur Wiederaufbereitungsanlage nach Majak zur Verfügung stellen, um die extrem risikoträchtige Zwischenlagerung in Andreeva Bay zu beenden. Leider zeigen die bisherigen Bemühungen nicht den erhofften Erfolg. Von russischer Seite gibt es kaum staatliche Sofortprogramme, und die finanzielle Ausstattung der eigenen Umweltbehörden ist kaum der Rede wert. Auf nationaler Ebene fördert das UN-Umwelt- programm — vor allem im Internet (www.grida.no/soe/) — die Einrichtung von Umweltinformationssystemen, um die Bevölkerung zu sensibilisieren und politische Entscheidungen voranzutreiben. Die meisten praktischen Maßnahmen werden von der internationalen Staatengemeinschaft organisiert und finanziert. Allerdings be- reitet deren Umsetzung häufig Schwierigkeiten, und Gelder ver231
schwinden oft in dunklen Kanälen. Die russischen Behörden zeigen nicht sonderlich viel Informationsbereitschaft. Es fehlt an hinrei- chend zuverlässigen Institutionen, die die Projektumsetzung vor Ort fördern oder überwachen. Nach wie vor besteht das Problem der militärischen Geheimhal- tung, die unabhängigen Gremien immer wieder den Zugang zu den Militärstürzpunkten verweigert. Nicht zuletzt auch davon hängt ab, ob die USA und die EU bereit sind, mehr an finanziellen Mitteln und technischer Unterstützung zu leisten. Solange nicht verifiziert werden kann, dass westliche Gelder unter keinen Umständen zur Un- terstützung der angeschlagenen Nordmeerflotte eingesetzt werden, ist dies fraglich. Fazit Russlands Schwierigkeiten, die Verkleinerung und Abrüstung der riesigen U-Boot-Flotte aus der Ära des Kalten Krieges sicher und zügig vorzunehmen, stellen eine Bedrohung nicht nur für Russland, sondern für die gesamte internationale Staatengemeinschaft und die globale Ökologie dar. Russland benötigt weiterhin internationale Unterstützung in Bezug auf Technologie, Materialien und Geld. Allerdings müssen die Hilfsmaßnahmen besser koordiniert werden. Das Gelingen vieler Projekte hängt maßgeblich davon ab, ob unabhängigen Experten in Zukunft der Zugang zu den Marinewerften und Stützpunkten gewährt wird. Seit 1991 hat es zwar Fortschritte bei der Demontage der AtomU-Boot-Flotte gegeben, dennoch sind Russlands Probleme weiterhin immens. Auch gegen die Gefahr der horizontalen Proliferation muss Russland schärfere Sicherheitsvorkehrungen durchsetzen. Um Umweltgefahren einzudämmen, sollten strikte Umweltstandards und die Verpflichtung für eine umweltgerechte Entsorgung in den Abrüs- tungsverträgen explizit festgelegt werden. Trotz der erheblichen Mengen radioaktiven Materials, die seit Ende der 50er Jahre in der Barents- und der Karasee versenkt wurden, konnten bisher keine erhöhten radioaktiven Konzentrationen im Wasser oder im Sediment gemessen werden. Dennoch besteht langfristig die Gefahr, dass radioaktive Substanzen aus den versenkten Behältern, Reaktorgehäusen oder Atom-U-Booten entweichen und mit Meeresströmungen oder Eisdrift über große Distanzen transportiert 292:
werden. In der direkten Umgebung der Versenkungsgebiete könnten dann plötzlich sehr hohe Konzentrationen auftreten. Der Schutz der ökologisch sensiblen Arktischen Region verlangt mehr öffentliche Aufmerksamkeit und klarere politische Konzepte, um dieser latenten Gefahr zu begegnen. Radionuklide machen nicht vor den Hoheitsgrenzen Halt. Bei größeren Unfällen sind wir alle davon betroffen, wie die traurige Erfahrung von Tschernobyl gezeigt hat. Schon heute gibt es keinen Menschen unter 45 Jahren, in dessen Knochenmark sich nicht Spuren des atmosphärischen Fallouts finden ließen. Dennoch hat die radioaktive Verseuchung auch nach Einstellung der oberirdischen Kernwaffentests weltweit stetig zugenommen, nicht zuletzt auch durch die zivile Nutzung der Kernenergie. Heute ist es Normalität geworden, mit einer anthropogen erzeugten Hinter- grundradioaktivität zu leben. Welche Folgen das für Mensch und Umwelt hat, vermag aber niemand abschließend abzuschätzen. Der Schutz der Umwelt und zukünftiger Generationen verlangt daher weiterhin energische Bemühungen, die Zunahme radioaktiver Ver- schmutzungen einzudämmen und zu verhindern. Anmerkungen 1 Viele nützliche Informationen finden sich in: Nilsen/Kudrik/Nikitin (im Folgenden zitiert als Bellona-Report). Eine ausführliche Darstellung in Deutsch findet sich in: Kronfeld-Goharani 1999. 2 Bellona-Report, Kapitel 8, www.bellona.no/e/russia/nfl/nfl8.htm, 1996. 3 Kudrik, I.: Strikers blocked nuclear submarine, in: Bellona, news, 27.02.1997, und Kudrik, 1.: Kola shipyard workers: We will arrange another Chernobyl, in: Bellona, news, 09.11.1997. 4 Spiegel Online, Chronik: Schwere Unfälle von Atom-U-Booten, 14.08.2000; Schrecken der Meere, in: Dossier Nr. 40, Die Zeit, 26.9.1991; Nilsen, T.: Sunken nuclear powered submarines, in: Bellona , news, 15.8.2000. 5 Diakov, A./Korobov, V. K./Miasnikov, E. V.: Nuclear Powered Submarine Inacti- vation and Disposal in the U.S. and Russia: A Comparative Analysis, in: Problems of Material Science, Issue 2 (8), 1997, S. 37. 6 Die offiziellen Summen durch MINATOM) (20 Mio. Dollar für 199 und 30 Mio. Dollar für 2000 reichen sicher nicht aus. Siehe: Chuen, C./Jasinski, M.: Rus- sia’s Blue Water Blues, in: Bulletin of the Atomic Scientists, January/February 2001, S. 56-70, hier S. 69. 7 Baklanov/Bergmann 1999, hier S. 172. 8 Bellona-Report, Kapitel 4, www.bellona.no/e/russia/nfl/nfl4.html, 1996. 9 Nach Angaben von Bellona verfügt die Nordmeerflotte über insgesamt 339 Reaktoren. Baklanov und Bergmann, a.a.O., geben ca. 296 Reaktoren an für zwei Schlachtschiffe und insgesamt 154 Atom-U-Boote, wovon sie sowohl die in Betrieb befindlichen als auch die außer Dienst gestellten Boote berücksichtigen. Ferner ge- 233
ben sie an, die Nordmeerflotte verfüge über acht nuklear angetriebene Eisbrecher, und fünf Schiffe seien mit nuklearem Abfall beladen. 10 Official Documentation and Information from Norway (ODIN): The Norwegian Ministry of Environment, Radioactive pollution in northern ocean areas, http://odin.dep.no/html/english/publ.html. 11 Convention on the Prevention of Marine Pollution by Dumping of Wastes and Other Material, London, 1972. 12 Nilsen/Kudrik/Nikitin 1996. 13 Nies, H., et al.: Transportmechanismen radioaktiver Substanzen im Arktischen Ozean. Numerische und experimentelle Studien am Beispiel der Barents- und Karasee, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, Hamburg 1998, S. 30. 14 Die Herkunft radioaktiven Fallouts lässt sich durch ein bestimmtes Aktivitätsverhältnis der Radionuklide ermitteln. Für die atmosphärischen Atombombenversuche lässt sich das Verhältnis von Cäsium-137 zu Strontium-90 ('”Cs/”Sr) bei- spielsweise mit 1,5 angeben. 15 Die IAEO rechnet mit 25-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit einer kritischen Situation in den nächsten 20 Jahren. 16 Die ökologische Erblast der Planwirtschaft, in: die tageszeitung/WoZ, Dossier, Juli 2000. Literaturhinweise Baklanov, A./Bergmann, R.: Radioactive Sources in the Barents Euro-Arctic Region. Are there reasons to be concerned?, in: NEBI Yearbook 1999, Copenhagen: Springer. Boutwell, J.: Report of the Pugwash Meeting No. 254, The Status and Prospects of Naval Nuclear Weapons and the Development of the Science-Industry Complex of the Russian Northwest, 2000. Diakov, A./Korobov, V. K./Miasnikov, E. V.: Nuclear Powered Submarine Inactivation and Disposal in the U.S. and Russia: A Comparative Analysis, in: Problems of Ma- terial Science, Issue 2 (8), 1997. Kiew-Memorandum: Zehn Lektionen von Tschernobyl, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1997282319225: Kronfeld-Goharani, U.: Ein Erbe des maritimen Wettrüstens: Der Atommüll Nordmeerflotte, SCHIFF-Texte Nr. 53, Kiel 1999. Nilsen, T./Kudrik, 1./Nikitin, A.: The Russian Northern Fleet. Bellona-Report, 1996. der
Michael Zschiesche Vergessene Umweltgeschichte — Störfälle, Havarien und Unfälle in der DDR! Die Luft — ein Gasfeld Es ist der Morgen des 28. März 1988, unweit von Halle an der Saale. Im Untergrundspeicher zwischen den Orten Teutschenthal und Bad Lauchstädt, einer Kaverne, wird ein Druckabfall registriert. Alle Maßnahmen, den Druck wieder auf 60 at zu bringen, scheitern. Nach erwa einer Stunde werden erste Gasaustritte registriert. Gegen Mittag entschließt man sich von Werksseite, Havariealarm auszulö- sen. Gegen 15 Uhr tritt an etwa 20 Stellen Gas aus dem Boden aus. Es entsteht ein Riss in der Erdoberfläche, der immer stärker wächst und gegen 17 Uhr eine Länge von etwa 1 km hat und zwischen 1 cm und 1 Meter breit ist. Die Bildung des Risses ist mit geysirähnlichen Ausbrüchen verbunden, ein Gemisch aus Ethylen, Schlamm und Wasser. Fontänen dieses Gemisches erreichen Höhen von bis zu 5 Metern. Es entsteht eine Gaswolke, die gegen 20 Uhr eine Ausdehnung von 4 km erreicht. Obgleich Ethylen nicht giftig ist, werden etwa 100 Einwohner am Ortsrand von Teutschenthal sofort evakuiert. Der Grund: Die Gaswolke ist hochexplosiv. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, warum das Gas austritt. Es herrscht hektisches Treiben am Unglücksort. Die Familien werden über so genannte Agitatoren der SED betreut. Genaue Informationen sind Mangelware. Weder Zeitdauer noch Notwendigkeit der Evakuierung werden den betroffenen Familien mitgeteilt. Doch, Glück im Unglück, so unerwartet wie das Ereignis eintrat, verschwindet es auch wieder. Das Gas verflüchtigt sich aufgrund der Witterungsverhältnisse am späten Abend. Gegen 22 Uhr liegt die Konzentration erstmals unterhalb der Explosionsgrenze. Den Rest erledigt eine Fackel. Zwei Fernverkehrsstraßen und eine Eisenbahnverbindung werden in der Nacht wieder freigegeben. Bei allen Beteilig- ten beginnt ein Aufatmen. Es war nur ein Beinahe-Unglück. Später 235
steht im Bericht an das Zentralkomitee der SED, dass niemand zu Schaden gekommen sei, auch wenn sich noch Tage später zahlreiche Menschen mit Bindehautreizungen in ärztliche Behandlung hatten begeben müssen. Produktionseinschränkungen für die Verbraucher VEB Leuna Werke „Walter Ulbricht“ und VEB Chemische Werke Buna sind hin- gegen tatsächlich nicht zu verzeichnen. Ganz im Gegenteil, nach der Havarie wird entschieden, die Kaverne, in der etwa 9 000 t Ethylen lagern, leer zu machen. Ethylen wird als Grundstoff für die Produktion von Plastikwerkstoffen und chemischen Zwischenprodukten verwendet. Buna und Leuna können pro Stunde nur 10 t abnehmen. Es wird entschieden, das Gas in den Untergrundspeicher 7 umzuleiten. Hierbei treten dann erneut Probleme auf, noch Tage danach tritt an etwa zehn Stellen Gas in Explosionskonzentration aus den Untergrundspeichern aus. Unter der Bevölkerung im Katastrophengebiet herrscht nach dem Ereignis Angst, weil sie bis heute nur lückenhaft und portionsweise über das Geschehen aufgeklärt wurde. Schon 1985 und 1986 hatte es ähnliche Ereignisse gegeben. Die restriktive Informationspolitik lässt Gerüchte entstehen. Die Menschen der betroffenen Orte wissen, dass sie auf einem Pulverfass sitzen. Bislang jedoch gab es keine Havarie solchen Ausmaßes. Diesmal sind auch die offiziellen Stellen ratlos. Noch Monate später ist die Ursache der Beinahe-Katastrophe unklar. Im Anschluss daran wird festgehalten, dass eine tektonische Verschiebung bzw. ein Gebirgsabriss Ursache gewesen sei. Andere Fälle In Teutschenthal bei Halle hatten die Menschen und hatte auch die Umwelt Glück. Leider gab es in der DDR viele Fälle, in denen dieses Glück fehlte. Havarien in Produktionsanlagen, Unglücke in der Land- und Forstwirtschaft, Brände, Störfälle in Anlagen und nicht wenige Katastrophen waren Begleiter der DDR — und mussten es sein. Während die Umweltschäden nach 1989 allerorten in Ost- deutschland sichtbar waren, in der Folge gründlich analysiert und zum Teil erstaunlich schnell beseitigt wurden, trat die Aufarbeitung von Einzelereignissen, die sehr viel persönliches Leid für die Betroffenen bedeuteten, in den Hintergrund. Sie wurden dadurch zum Teil vergessen bzw. erst gar nicht bekannt. 236
Allein 1983 wurden in der DDR 1145 Brände, 331 Havarien und 67 Explosionen in Industriebetrieben gezählt. Dabei fanden 18 Men- schen den Tod und 85 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Umweltschäden wurden in der DDR bis zuletzt von keiner Statistik erfasst, wichtig war allenthalben nur die Frage nach dem entstandenen Produktionsausfall. Was sich aus den Archiven nur mühevoll rekonstruieren, zum Teil auch nur erahnen lässt, sind die unmittelbaren Schäden für die Umwelt, die durch Havarien, Explosionen und Katastrophen vornehmlich in Industriebetrieben, aber auch in der Landwirtschaft und im Verkehrswesen entstanden sind. Die Bitterfelder Katastrophe Eine für die DDR lange Zeit bestimmende Katastrophe ereignete sich am 11.7.1968 im Chemiekombinat in Bitterfeld. Sie ist bis dahin neben dem Grubenunglück am 22. Februar 1960 im damaligen Steinkohlebergwerk „Karl-Marx“ in Zwickau, welches 123 Bergleute das Leben kostete, sowie dem Eisenbahnunglück 1967 in Langenweddingen, als ein Tanklastzug in einen voll besetzten Zug raste, die schwerste Katastrophe ihrer Art nach 1945 in der DDR. Ausgelöst wurde sie während des Schichtwechsels in der PVC-Produktion des Chemiekombinats Bitterfeld gegen 14 Uhr. In der Frühschicht wur- den bei einem der zwölf Autoklaven, in denen der Produktionsprozess zum PVC innerhalb von 16 Stunden erfolgt, undichte Stellen entdeckt. Dies stellt normalerweise kein Problem dar, da sowieso bei Druckänderungen am Autoklaven das gasförmige Vinylchlorid immer einfach in den Raum abgelassen wird. So ist es auch am 11. Juli. Noch vor Schichtwechsel gelingt es nicht, die Undichtheit am Manometerflansch am Autoklaven 7 zu beseitigen. Der Autoklave, in dem bereits Vinylchlorid in großen Mengen eingeströmt ist, soll wieder vollständig entleert werden, um eine neue Dichtung im Manometerflansch einziehen zu können. Wie üblich wird das explosionshaltige Gas einfach in die Produktionshalle abgelassen, eine Verfahrens- weise, die häufig bei den Arbeitern wegen der narkotischen Wirkung des Vinylchlorid zu Bewusstseinsstörungen führt und gesundheitliche Schädigungen erzeugt. Zwar wird durch Hupen der Austritt von Vinylchlorid signalisiert, so genannter „VC-Alarm“, an diesem Tag ist die Konzentration des Gases jedoch so hoch, dass die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist. 2ON.
Um 14.02 Uhr, die nächste Schicht konnte sich noch gar nicht auf die Arbeit einstellen, erschüttert eine gewaltige Detonation das Produktionsgelände und ganz Bitterfeld. Noch in Muldenstein, einem Ort etwa 6 km vom Explosionsort entfernt, zerbersten Fensterscheiben. Viele der 57 Arbeiter in der PVC-Produktionshalle sind sofort tot. Über 200 Verletzte, viele davon schwer, müssen ärztlich versorgt werden. Die Detonationswelle walzt große Teile des Betriebes nieder. Aufgrund des weiterhin ausströmenden Vinylchlorid kann man drei Tage lang nicht mit Schneidbrennern arbeiten, sondern muss sich mühevoll mit Händen und einfachen Geräten an die Opfer herantasten. Die Schäden, die bilanziert werden, sind enorm. 42 Menschen mussten sterben. 80 Millionen Mark direkter Sachschaden entstand. Das Werk wird in Bitterfeld nicht wieder aufgebaut, die Produktion nach Schkopau zum Kombinat Buna verlagert. Konsequenzen aus der Bitterfelder Katastrophe Nach dem Ereignis in Bitterfeld werden überall in der DDR die Bestimmungen des Arbeits-, Gesundheits- und Brandschutzes wichtig genommen. Regelrecht beschlusswütig zeigt sich die Partei der SED, die in der Folge bis 1971 insgesamt 10 Beschlüsse und Verordnungen erlässt. So unter anderem den e Beschluss über die Erarbeitung von Grundsätzen zur Organisation bei der Leitung der Bekämpfung von schweren Havarien vom 17.7.1968, e Beschluss über die Grundsätze zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung in den Staats- und Wirtschaftsorganen, VVB, volkseigenen Kombinaten und Betrieben vom 25.9.1968, e Beschluss zur Gewährleistung des Arbeitsschutzes und der technischen Sicherheit bei Erzeugnissen, Maschinen 11231968; und Anlagen vom e Beschluss über Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung von Ölhavarien vom 19.12.1969 und die e Verordnung über die Verhütung und Bekämpfung von Katastrophen vom 13.1.1971. Die Katastrophe in Bitterfeld 1968 markiert so einen mehrfach be- merkenswerten Höhepunkt. Zum einen wird nun vielen Verantwortlichen der Regierung der DDR deutlich, dass sich die Maxime, der 238
Produktionsplan ist Gesetz, koste es, was es wolle, zuallererst gegen die Menschen und gegen die Umwelt richtet. Es wird einigen Verantwortlichen auch bewusst, dass dies, verbunden mit dem technologischen Rückstand gegenüber dem Westen, Havarien und Katastrophen geradezu provozieren muss. Und es wird deutlich, dass neben dem Arbeits-, Gesundheits- und Brandschutz auch für den Umweltschutz etwas getan werden muss. Im Jahre 1970 wird das Landeskulturgesetz? von der Volkskammer beschlossen. Allerdings ändert dies in den Folgejahren nach 1970 nichts an den Katastrophen, Havarien und Störfällen in unverändert hoher Zahl an den zunehmend verschlissenen Produktionsanlagen. Allein 1970 werden in der Volkswirtschaft der DDR 1584 Brände, 117 Explosionen und 728 Havarien verzeichnet. Der Sachschaden wird auf 100 Millionen Mark beziffert. Im Zusammenhang mit den Schadensfällen werden im Jahre 1970 31 Personen getötet und 161 erleiden zum Teil schwere Verletzungen. Nur 5 Prozent der Vorfälle sind vorsätzlich begangene Delikte wie Brandstiftungen oder Sabotage. Alle anderen Fälle beruhen auf Fahrlässigkeit oder Missständen in der Produktion selbst. Vor allem Gleichgültigkeit gegenüber den Produktionsanlagen macht die Staatssicherheit als häufige Ursache der Ereignisse aus. Obgleich die IM-Netze immer weiter ausgebaut wer- den und Anfang der 70er Jahre stolz berichtet wird, dass zuverlässige IMs in allen relevanten Einrichtungen der DDR, die für Katastrophen- und Havarieschutz verantwortlich sind, arbeiten, geht die Zahl der Ereignisse in den 70er Jahren nicht zurück. Nach der Bitterfelder Katastrophe lassen sich bis 1971 unter anderem folgende Ereignisse bilanzieren: e 19.12.1968: Großbrand von mit Benzol gefüllten Kesselwaggons im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Cottbus, ein tödlich Verletzter, e 25.4.1970: Explosion mit Brandfolge in der Polyacrylnitrilfabrik Buna Schkopau, zwei Arbeiter mittelschwere Verletzungen, fünf Personen wurden leicht verletzt; auf dieser Anlage wurden bis dahin bereits elf Brände und eine Explosion registriert, e 21.3.1970: Staatsreservelager Nedewitz, 380 000 Liter Benzin laufen aus dem Kessel aus, das Benzin versickert im Erdreich, e 15.4.1971: Explosion der Öldruckvergasung Leuna-Werke, 67 Verletzte. 239
Die letzten Jahre vor der Wende Auch kurz vor dem ökonomischen Zusammenbruch der DDR 1989 liegt die Zahl der Ereignisse, die Katastrophencharakter tragen, weiterhin hoch. 1988 werden 3 899 Unfälle und Havarien an überwa- chungspflichtigen Anlagen in der Volkswirtschaft der DDR registriert. Dabei finden 31 Menschen den Tod, 463 werden zum Teil schwer verletzt. Der Produktionsausfall wird auf 262 Millionen Mark beziffert. Umweltschutz wird zwar zunehmend in den Berichten der Staatssicherheit erwähnt, aber noch immer kaum thematisiert. Typische Ereignisse aus den letzten beiden Jahren der DDR sind bis 1990 unter anderem: ° 11.7.1988: Kollision der Rangiereinheit mit einem auf dem Anschlussgleis zum Chemiehandel Potsdam abgestellten Waggon; auf einer Fläche von 50 x 5 Metern gelangen etwa 7 000 Liter reine Schwefelsäure ins Erdreich, e 12.03.1989: Ein Waggon, beladen mit Heizöl, entgleist auf der Strecke Rostock-Seehafen Kavelsdorf, 40 000 Liter Heizöl strömen ins Erdreich, geschätzter Sachschaden 1,2 Millionen Mark, e 14.01.1989: Explosion in der Blockgießerei des Chemiekombinats Bitterfeld, ein tödlich verletzter Strafgefangener, zwei Leichtverletz- te, 5 Millionen Mark Sachschaden, e 30.5.1989: Wasserschadstoffhavarie im VEB Mansfeld-Kombinat in Eisleben, ca. 30 m3 Heizöl sind in benachbarte Flüsse und Vorfluter des Einzugsbereichs Süßer See gelangt. Zynischer Umgang mit Katastrophen Am 9.08.1988 kommt es gegen 18.45 Uhr zu einem Großbrand in einer Lagerhalle für Rohstoffe zur Herstellung von Pflanzenschutzmitteln des Betriebsteils Hermania in Schönebeck an der Elbe. Die Lagerhalle ist zu dieser Zeit voll mit erwa 700 t Rohstoffen. So voll, dass es keine begehbaren Zwischenräume zwischen den Rohstoffsta- peln mehr gibt. Der 9. August ist ein heißer Tag. Noch am Abend sinkt die Quecksilbersäule nur wenig unter 30 Grad Celsius. Zwei Lagerarbeiter der Spätschicht entdecken auf einem der oberen Palet- tenstapel Rauch, der wenig später zu einer offenen Flamme wird. Die Feuerwehr kämpft vergebens gegen die Flammen, die Halle brennt innerhalb kürzester Zeit völlig nieder. Das Feuer lässt eine riesige schwarze Rauchwolke über dem Werk aufsteigen, sie driftet kurze 240
Zeit später auf das Stadtgebiet Schönebeck und die angrenzenden Dörfer ab. Es entsteht starke Rauch- und Geruchsbelästigung. Angehörige der Feuerwehr und unbeteiligte Bürger müssen sich wegen akuter Atemwegsprobleme ärztlich behandeln lassen. Die Volkspolizei fordert über Lautsprecher dazu auf, die Fenster zu schließen und die Wohnungen nicht zu verlassen. Es gelangen etwa 270 Kubikmeter Löschwasser, verseucht mit einem Chemikalienbrei aus Lenacil, Pro- ximpham und Prometryn, in die Elbe. Bei Proxipham handelt es sich ein Gift der Klasse II nach DDR-Klassifizierung, um alle anderen Chemikalien sind Wasserschadstoffe. Eifrig bemühen sich die Verantwortlichen der DDR, das Ereignis herunterzuspielen. In den Berichten der Staatssicherheit ist die Rede davon, dass die Schadstoffkonzentration in der Elbe noch unterhalb der Gefährdungsbereiche liege. Die Bevölkerung habe man umfas- send informiert. Auswirkungen würden allenfalls bei der Schädlingsbekämpfung zur Frühjahrsbestellung 1989 auftreten, da Schädlingsbekämpfungsmittel nun nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung stünden... Anmerkungen Die in diesem Artikel verwendeten Zahlen und Daten basieren auf Unterlagen des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR sowie auf Archivmaterial der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR. 2 Gesetz über die planmäßige Gestaltung der sozialistischen Landeskultur in der Deutver schen Demokratischen Republik, Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik vom 14. Mai 1970, Teil I Nr.12, S.67. Literaturhinweise Heinisch, E.: Umweltbelastung in Ostdeutschland. Fallbeispiele Chlorierte Kohlenwasserstoffe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1992. Pauke, H.: Umweltschutz in der DDR, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1997, S. 310-318. Petsdow, U./Meyerhoff, J./Thomasberger, C.: Umweltreport DDR. Bilanz der Zerstörungen, Kosten der Sanierung, Strategien a. M.: Fischer Verlag 1990. Pflugbeil, S.: Kernenergie in der DDR, für den ökologischen Umbau, Frankfurt in: M. Zschiesche (Hg.): Alles wird besser, nichts wird gut. Wege zur ökologischen Wende, Berlin: Aufbau TaschenbuchVerlag 1995, S. 13-36. Zschiesche, M.: Umweltunglücke in der DDR. Dokumentation vergessener Ereignisse, Berlin: Unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V. 2001. 241
V. EXEMPEL, ERFAHRUNGEN, ERMUTIGUNGEN Klaus Wortmann/Werner Möhring-Hüser Aus. Wirklich aus? — Die Stand-by-Kampagne der Energiestiftung Schleswig-Holstein Klimaschutz — wo anfangen? Klimaschutz wird, wenn die Zeichen nicht trügen, in den nächsten Jahren eher noch stärker als bisher schon zum Thema der Umwelt-, aber auch der Wirtschaftspolitik werden. Jetzt zu handeln und alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die sonst später drastischen Folgen eines sorglosen Umgangs mit Energie zu vermeiden oder zumindest abzuschwächen, ist ein Gebot verantwortungsbewusster Politik. Da- bei ist gerade das Stromsparen wegen der Umwandlungsverluste bei der Erzeugung von Strom nach wie vor besonders wichtig, zumal an- gesichts relativ niedriger Stromkosten für die Verbraucher aufgrund der Liberalisierung des Strommarktes. Wenn es um eine ökologisch verträgliche Stromwirtschaft geht, wird zwar viel über regenerative Energien diskutiert und über grüne Stromangebote; Energieeinsparung und Energieeffizienz, häufig die einfachsten und billigsten Lö- sungen beim Klimaschutz, fristen dagegen ein Schattendasein. Hier setzt die Energiestiftung Schleswig-Holstein mit ihrer Stand- by-Kampagne an: Ein klarer Fall von Geldverschwendung und Umweltverschmutzung wird angeprangert und Verbraucher, Händler und Hersteller werden zum umweltgerechten Handeln aufgefordert, gleichzeitig aber dabei unterstützt. Es geht um die Problematik des unnützen oder unnütz hohen Stromverbrauchs für Elektrogeräte im Warte- oder sogar Aus-Zustand (= Stand-by-Verbrauch). Nach einer Studie des Umweltbundesamtes (Rath et al., 1997) ist dieser für immerhin 14 Mio. Tonnen CO, und damit rund 1,5 Pro- zent des gesamten CO,-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich. Dabei gibt es — typisch für das Energiesparen — einfache Maßnah242
men, die wenig kosten, kaum Mühe erfordern und noch dazu einen positiven Effekt auf das eigene Portemonnaie und die Umwelt haben (= typische Win-win-Situation). Viele Hersteller bieten auch Geräte mit geringen Verbrauchswerten an, durch abschaltbare Steckerleisten lassen sich ganze Geräteparks (z.B. Hi-Fi-Anlagen) vom Netz trennen und fernbedienbare Vorschaltgeräte wie etwa „Powersafer“ reduzieren den Verbrauch alter Geräte. Auf 5 Milliarden DM selbst bei vorsichtiger Rechnung belaufen sich die Kosten für die so genannten „Leerlaufverluste“: Strom, der ohne Gegenleistung in Form eines Nutzens für die Kunden verbraucht wird. Besonders ärgerlich ist ein solcher Stromverbrauch dann, wenn Geräte trotz (scheinbaren) Aus-Zustandes noch Strom verbrauchen, wie es häufig bei elektronischen Geräten — z. B. Unter- haltungselektronik oder PCs — der Fall ist. Kunden, die hierüber nicht informiert sind, können nicht nachfragen. Händler und Hersteller verzichten in dieser Situation auf einfache technische Verbesserungen (z.B. elektronische Netzteile), da sie selbst bei geringen Mehrkosten einen Wettbewerbsnachteil befürchten (vgl. Rath et al., 1999). In dieser Situation kommt den Konsumenten, die die Geräte kau- fen und durch ihre Nachfrage einen Markt überhaupt erst bilden, eine geradezu strategische Bedeutung zu. Diesen Ansatzpunkt zu nutzen, ist das Hauptziel der seit Januar 2001 laufenden und (vorläufig) bis Juni 2001 begrenzten Stand-by-Kampagne der Energiestiftung Schleswig-Holstein. Der Wirkungsansatz Briefing. Um einen gewünschten Effekt im Markt, d.h. auch bei Händlern und Herstellern, zu erreichen, erschien von vornherein eine professionelle Kampagne, die mit Hilfe einer Werbeagentur durchgeführt wird, als Methode der Wahl. Ihre Unabhängigkeit und die (landes-)gesetzlich festgeschriebene Satzungsaufgabe des Klimaschutzes, u. a. mittels Durchführung von Pilot- und Demonstrationsvorhaben, ermöglichten der Energiestiftung Schleswig-Holstein die Umsetzung dieses Pioniervorhabens. Über ein Briefing wurden ausgewählte Werbeagenturen in Schleswig-Holstein und Hamburg angesprochen, um die Ziele der Kampagne, insbesondere die Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit für sinnvolle, effiziente und sparsame Stromanwendung am Beispiel unnötigen Stand-by-Verbrauchs, umzusetzen. 243
Kommunikationsstrategie. Im Zentrum dieser Sensibilisierungskampagne (siehe Abbildung I) steht nicht das ökologische Ziel, sondern ein Appell an die Autonomie und Eigenverantwortlichkeit der Konsumenten. Mit dem Slogan der Kampagne „Aus. Wirklich aus?“ soll die scheinbare Selbstverständlichkeit „Wenn ich ein Gerät ausschalte, verbraucht es keinen Strom mehr“ in Zweifel gezogen werden. Auf humorvolle und attraktive Weise wird dabei gezeigt: „Viele Elektrogeräte verbrauchen auch dann noch eine Menge Strom, wenn Sie sie ausgeschaltet haben“ (so lautet eine Formulierung in den Zeitungsanzeigen). Diese Botschaft wird mit Hilfe des Kampagnenslogans und seiner auf Beziehungen und andere alltägliche Lebensbereiche bis hin zum Haarausfall übertragenen Bedeutungen kommuniziert. Kosteneinsparungen (bis zu 250 DM für einen gut ausgestatteten Haushalt) treten demgegenüber in den Hintergrund. Internet /Broschüre Fachhandel POS-Materiai Dialogmedien Abbildung 1: Schema der Strategie der Stand-by-Kampagne Kampagnenlogo/Empfehlungszeichen. Eine Kaufhilfe im Sinne eines Empfehlungszeichens für gute Geräte am „point of sale“ ist für Nach244
frage-Effekte in den Läden unverzichtbar. Das „kleine e“ (s. Abb. 1) mit der Umschrift „kleiner Stand-by-Verbrauch“ war zunächst aus der Not geboren, da kein von Handel und Herstellern weithin akzeptier- tes Zeichen vorlag. Gleichzeitig popularisiert es kleinen Energieverbrauch und es weist, da abgeleitet aus dem Logo der Energiestif- tung, auf den Absender und seine generelle Aufgabe hin. Empfohlen werden solche Geräte, die die europaweit festgelegten Anforderungen der GEA (siehe wwu.gealabel.org oder www.energielabel.de) erfüllen. Auch durch Übernahme und Weiterentwicklung einer Gerätedatenbank der Gemeinschaft Energielabel Deutschland (GED) baut die Kampagne auf vorhandene Informationen und Vorarbeiten auf. Kernzielgruppe. Als Kernzielgruppe der Kampagne wurden diejenigen Konsumenten bestimmt, die auf Individualität und Selbstbestimmung Wert legen und sich nicht ohne weiteres Strom „klauen“ lassen. Dazu gehören insbesondere junge, nach vorliegenden Lebensstilun- tersuchungen dem Thema Energiesparen eher fern stehende Menschen zwischen 16 und 40 - ohne dass freilich Ältere und traditionel- le Energiesparer abgeschreckt werden sollen. Um bei dieser Zielgruppe zu „landen“, muss die Werbung unterhaltsam sein und zumindest die Chance haben, „Kult“ zu werden. Die Botschaft des Stromsparens kann, auf diese Weise modernisiert — es geht um modernste Kommu- nikations- und Unterhaltungselektronik —, am ehesten gehört und verstanden werden. Einbindung von Händlern und Herstellern. Obwohl die Kampagne die Verbraucher im Zentrum sieht, gehört zum Gesamtansatz auch ein eigens entwickeltes „Händlerkonzept“, das gezielt die Elektrohändler in Schleswig-Holstein umwirbt und ihnen mit Kampagnenmaterialien Beratungs- und Verkaufshilfen an die Hand gibt. Ebenso wurden auch die Hersteller zur Kooperation eingeladen, da viele von ihnen in den meisten Geräteklassen Geräte mit sehr geringem Stand-byVerbrauch anbieten. Im Rahmen der Händlerbetreuung konnten alle schleswig-holsteinischen Elektrohändler ein Infopaket anfordern. Es enthielt die eigens entwickelte Broschüre „Auszeit“ mit den wichtigsten Informationen zum Thema, Material zur Präsentation der Bro- schüre im Laden, Plakate sowie kleine Pappaufsteller mit dem „kleinen e“, um empfehlenswerte Geräte im Sortiment herauszustellen. Der Mix an werblichen Mafsnahmen. Die Werbemaßnahmen umfas- sen im Einzelnen: 245
e Kinowerbung (es wurde eigens ein attraktiver Kinospot für die Kampagne gedreht), e Radiospots: Zwei verschiedene Spots werden im Verlauf der Kampagne über die drei wichtigsten Privatsender in Schleswig-Holstein verbreitet, e Anzeigen in Tageszeitungen, die mit wechselnden Motiven die „Aus. Wirklich aus?“-Situation im Wochenabstand immer wieder verdeutlichen, e eine Internetpräsenz unter www.wirklich-aus.de, die selbst modern und unterhaltsam ist und außerdem eine ausführliche Datenbank für Kunden, Händler und Hersteller enthält, e „das kleine e“ als Kampagnenlogo und gleichzeitig Empfehlungszeichen für energieeffiziente Geräte, eine PR-Konzeption, die eine positive Einstellung zur Kampagne auf allen Seiten zusätzlich fördert und - z. B. über Gewinn- oder Verlosungsaktionen — Möglichkeiten für Hersteller bietet, sich durch Sponsoring an der Kampagne zu beteiligen. Durch diverse Dialogmedien (Zeitung, Internet, Beratungssituation beim Händler) bleibt die Kampagne nicht bei einer bloßen Massenkommunikation stehen, sondern ermöglicht Rückmeldungen von den Adressaten. Evaluation. Aufgrund des Pilotcharakters der Aktion wurde von vornherein auf die Dokumentation und Auswertung der Erfahrungen im Verlauf der Kampagne Wert gelegt. Noch in der Vorbereitungsphase fand bereits ein fachlicher Kontakt mit der Deutschen Bundes- stiftung Umwelt, die auf nationaler Ebene eine Stand-by-Initiative vorbereitet, statt. Aus dieser Kooperation ging die Verabredung einer Werbewirkungskontrolle durch ein Meinungsforschungsinstitut mit einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung vor und während der Kampagne sowie einer Elektrohändlerbefragung in zwei Bundeslän- dern hervor. Dadurch wurde der Status des Projektes als Pilotvorhaben für eine bundesweite Ausdehnung untermauert. Daneben wurden und werden die direkten und indirekten Reaktionen auf die Werbung und Medienberichte sowie die Internet-Klick-Raten gesammelt und ausgewertet. Erste Ergebnisse. Da die Kampagne bei der Erarbeitung dieses Artikels noch läuft, können hier nur erste Ergebnisse präsentiert werden. Sie deuten jedoch darauf hin, dass der beabsichtigte Erfolg bereits einge246
treten ist. Im Zuge der Kampagne selbst zeigten zahlreiche positive Reaktionen von KonsumentlInnen, die sich direkt an die Energiestiftung wandten, als auch eine sehr positive Resonanz in der schleswigholsteinischen Presse, die durch eigene, ausführliche Berichterstat- tung dem Thema eine große Aufmerksamkeit zuwandte, den beabsichtigten Erfolg. Für die Presseaktionen konnten auch einzelne Her- steller und Sponsoren hochwertiger Geräte (mit geringem Stand-byVerbrauch) gewonnen werden. Immerhin 400 von 700 einschlägigen Händlern in Schleswig-Holstein forderten die Händler-Infopakete an. In einem eigens anberaumten Händlerevent wurde diese Zielgruppe auch bereits vor Start der Kampagne besonders umworben, was sich auszahlte. Die Auswertung der Nutzung der Kampagnenseite im Internet zeigt, dass als Reaktion auf die wöchentlichen Anzeigen sowie die umfangreiche Zeitungs- und Fernsehberichterstattung jeweils deutliche Anstiege zu verzeichnen sind und dass die „Grundra- te“ täglicher Besuche auf der Internetsite sukzessive auf mittlerweile zweihundert Web-Besucher pro Tag gestiegen ist. Genaue Hinweise auf den Grad der erreichten Sensibilisierung und die Effekte bis hin zum Elektrohandel wird allerdings erst die Auswertung der Befragungsergebnisse liefern. Dass die nicht unerhebli- chen Kosten einer solchen Kampagne selbst bei dem scheinbar so unbedeutenden Thema Stand-by durch den Nutzen mehr als aufgewogen werden, verdeutlicht folgendes Rechenbeispiel: Würden nur 10 Prozent aller Potenziale in Schleswig-Holstein tatsächlich als Konsequenz der Kampagne ausgeschöpft, betrügen die Kosten pro „eingesparter“ kWh ca. 3 Pfennig, ein Wert unterhalb der Erzeugungskos- ten für Energie. Diskussion Die Ergebnisse bisher bestätigen den Ansatz der Energiestiftung, die sich nach dem (britischen bzw. dänischen) Modell eines EnergiesparTrusts verhält (vgl. Wortmann/Menges 2000). Ein solcher Trust versteht sich als „Energieeffizienz-Unternehmen“, das seine Mittel mög- lichst professionell und kosten-nutzen-orientiert für die Senkung des Energieverbrauchs einsetzt. Sie folgt dabei einem push-and-pullAnsatz. Exemplarisch dafür ist die beschriebene Kampagne: Zwar stehen die EndkonsumentInnen im Mittelpunkt. Doch die Tatsache der Kampagne selbst wurde auch auf der Anbieterseite für Koopera247
tionsgespräche, z.B. mit dem Fachhandel und mit Herstellern genutzt, um sie für die Unterstützung der Kampagne zu gewinnen (auch für sie könnte eine solche Unterstützung sich durchaus auszah- len). Innerhalb dieses Ansatzes wird also möglichst professionell und mit marktwirtschaftlichen Mitteln der Markt von der Nachfrageseite aus beeinflusst und so zu sinnvollem Stromeinsatz animiert. Die marktwirtschaftlich orientierte Vorgehensweise erleichtert nach den bisherigen Erfahrungen die Aufnahme von kooperativen Kontakten in alle Richtungen. Immer mehr Produkte aus dem ökologischen Bereich haben neben ökologischen auch direkt auf weiteren Nutzendimensionen (auch bei den Kosten) individuelle Vorteile, die sich durch modernes Marketing, ähnlich wie andere Produkte auch, ver- markten lassen und nicht unbedingt auf ein besonderes ÖkoMarketing (moralisches Verhalten im Vordergrund, nur was teuer ist, ist gut) angewiesen sind. Es braucht in dem gerade angesichts der Liberalisierung unübersichtlicher werdenden Marktgeschehen auch vertrauenswürdige Leitplanken jenseits des gesetzlichen Bereiches, die durch Empfehlungszeichen wie das „kleine e“ geschaffen werden können. Von daher denkt die Energiestiftung auch daran, dieses Markenzeichen auszubauen, als Zeichen für geringen Energieverbrauch generell. Die bisher positive Reaktion gerade in den Medien (bis hin in den überregionalen Bereich) zeigt, dass ein Ansatz beim persönlichen Nutzen, der im Bereich Energieeffizienz und Energieeinsparung häufig gegeben ist, erfolgreich sein kann. Natürlich hat ein solcher Kampagnenansatz auch Grenzen. Es kann nur ein Anstoß gegeben werden, und die Sicherheit, mit der die Verbraucher in den Läden nachher die „richtigen“, d.h. empfohlene Geräte kaufen oder auch ihr Verhalten entsprechend ändern (durch Nutzung von Steckerleisten oder Powersafern oder einfach häufigeres Ausschalten) ist sicher nicht garantiert. Grundfragen wie die scheinbar grenzenlosen Ansprüche an materiellen Wohlstand und die persönliche Definition der Lebensqualität werden dabei nicht angesprochen. Hier könnte jedoch social marketing (mit der Idee statt des Pro- dukts im Vordergrund) Anstöße geben. Zum anderen sind dies Fragen grundlegender Kampagnen und sehr persönlicher Art, die weniger durch als vielmehr im (lebenslangen) Erziehungs- und Ent- wicklungsprozess zu klären sind. Eine Kampagne allein kann also nicht alle Klimaschutzprobleme lösen. Dabei ist sie, und das sollte hier gezeigt werden, ein notwendi248
ger Bestandteil einer integrierten Umweltpolitik. Die Nutzung aller wirksamen Bestandteile modernen Marketings für ein Ziel, das in der Zielvorstellung „weniger ist mehr“ (nämlich Stromverbrauch) besteht, ist noch weitgehend Neuland. Um die Effekte der Kampagne zu optimieren, sind natürlich weitere Maßnahmen auf politischer Ebene — erwähnt seien hier die Vergabe von Gütezeichen, freiwillige Vereinbarungen bis hin zu vorgeschriebenen Minimalstandards im Hinblick auf Energieeffizienz oder steuerliche Anreize, um den CO,-Verbrauch zu reduzieren — möglich und sinnvoll, teilweise auch bereits umgesetzt. Die beste Politik wird in dem intelligenten Mix und in einem guten Timing der verschiedenen Maßnahmen sowie im Bezug dieser Maßnahmen aufeinander bestehen. Die Energiestiftung Schleswig-Holstein zeigt mit ihrer Akti- on, dass es in der Umweltpolitik durchaus noch Reserven gibt in einem Bereich, der früher gerne mit dem Terminus „weiche Maßnah- men“ gegenüber den scheinbar „harten Maßnahmen“ der Technik disqualifiziert wurde. Literaturhinweise Brohmann, B./Lücking, G.: Energisch Energie Sparen, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1997, S. 243-250. Prose, F./Wortmann, K.: ‚Negawatt statt Megawatt’: Eine Energiesparlampen-Aktion, in: JAHRBUCH ÖKOLOGIE 1992, S. 174-185. Rath, U./Hartmann, M./Präffke, A./Mordziol, Chr.: Klimaschutz durch Minderung von Leerlaufverlusten bei Elektrogeräten. Sachstand/Projektionen/ CO>-Minderungspotentiale. Umweltbundesamt, UBA-Texte 45/97, Berlin 1997. Rath, U./Hellmann, R./Möhring-Hüser, W./Wortmann, K./Bregas, ]./Mordziol, Chr.: Klimaschutz durch Minderung von Leerlaufverlusten bei Elektrogeräten - Instrumente. Umweltbundesamt, UBA-Texte 5/99, Berlin 1999. Wortmann, K./Menges, R.: Der Energy Saving Trust als Förderinstrument für die Ener- giewirtschaft im liberalisierten Markt, in: Zeitschrift für Energiewirtschaft, 24. Jg., 1, 2000, S. 51-68.
Susanne Bergius Per Vertrag zum Energiesparen — Niederländer sind Vorreiter im Umweltschutz Wo andere Länder Vorschriften erlassen, schließen niederländische Regierungen Verträge. In vielen Bereichen dient das Vertragsinstrument so selbstverständlich als Lösung gesellschaftlicher Probleme, dass niemand weiß, wie viele Verträge es mittlerweile insgesamt gibt. Insbesondere beim Umweltschutz haben die Niederlande damit viel erreicht. Die Regierung in Den Haag hat seit Mitte der 80er Jahre mehr als 100 Umweltschutzvereinbarungen geschlossen. Sie reichen vom Batterierecycling und Windmühlenbau bis zur Asbestverminderung in Bremsbelägen und der Verminderung des Verpackungsmülls. Vor allem die Bilanz der seit zehn Jahren bestehenden so genannten Energie-Konvenanten mit der Industrie kann sich sehen lassen. Von freiwilliger Selbstverpflichtung zu vertraglicher Verpflichtung Die Praxis sieht so aus: Ein oder mehrere Ministerien verhandeln mit der Wirtschaft Lösungen für ein Problem und räumen ihr die Möglichkeit ein, sich selbst auf strenge Ziele zu verpflichten. Wollen die Betroffenen nicht mitziehen, droht ihnen der zuständige Minister mit einem Gesetz oder mit schärferen Umweltauflagen. Das wirkt in aller Regel. Die Ministerien schließen die Verträge gemeinsam mit einem einzelnen Unternehmen, einem Branchenverband, Gemeinden oder gesellschaftlichen Organisationen; die Mitglieder von Verbänden un- terzeichnen ihrerseits einen Vertrag mit dem Verband und verpflichten sich so ebenfalls rechtswirksam zu dessen Einhaltung. Mitte der 90er Jahre noch hielten Juristen Gesetze für effektiver. Die Kritik ist inzwischen aber verstummt, weil die Mehrjahresverträ- ge nicht mehr rein freiwillige Selbstverpflichtungen sind wie in der Startphase, sondern meist Verträge nach bürgerlichem Recht. In je- dem Fall sind sie bindend. 250
Herausragende Bedeutung haben die 30 Energiesparverträge zwischen dem Wirtschaftsministerium und 1250 Unternehmen. Sie decken mehr als 90 Prozent des industriellen Energieverbrauchs ab. (Hinzu kommen 12 Vereinbarungen mit anderen Sektoren.) Die Ver- träge mit der Industrie sehen eine Effizienzverbesserung des Energieeinsatzes um durchschnittlich 20 Prozent bis zum Jahr 2000 gegenüber 1990 vor. Dieses Ziel wurde nach Angaben des Wirtschaftsministeriums bereits 1999 erreicht. Der Weg der Energiesparverträge habe sich gelohnt, meint auch der größte Unternehmensdachverband VNO-NCW. Der Elektronikriese Philips Electronics N.V. hat sein Ziel mit 34 Prozent mehr als übererfüllt. Nur einige kleine Branchen wie die Fleischverarbeitung und die Milchindustrie hinkten weit hinterher; sie machten aber nur etwa 5 Prozent des industriellen Energieverbrauchs aus. Ob sie die Ziellinie noch erreichen, wird erst Ende 2001 bekannt sein. Energieeffizienz deutlich gesteigert, COz-Ausstoß stabilisiert Die niederländische Industrie hat laut VNO-NCW überdies den CO,-Ausstoß weitgehend stabilisiert. Und das, obwohl das Land seit sieben Jahren ein enormes Wirtschaftswachstum erlebt. Die Unter- nehmen sind sehr zufrieden mit den Verträgen, weil sie ziel- und nicht instrumentenorientiert sind. Sie ermöglichen den Betrieben große Investitionsflexibilität und führen zu erheblichen Kosteneinsparungen. Können die Verträge Gesetze ersetzen? „Nein“, antwortet der Unternehmensverband überraschenderweise. Gesetze seien ein Mittel, das Recht umzusetzen. Ohne Gesetze würden keine Verträge geschlossen — der „Stock hinter der Tür“ sei schon nötig. Die Unternehmen müssen mit der Aufsichtsbehörde Novem detaillierte Investitionspläne erarbeiten. Diese berücksichtigen ihre individuelle ökonomische Situation und Entwicklung. Werden die Investitionspläne nicht eingehalten, könnten Richter die Unternehmen dazu zwingen. Die Regierung geht aber anders vor: Falls eine Firma den Vertrag ohne eigenes Verschulden wegen technischer oder wirtschaftlicher Probleme nicht einhalten kann, zeigt man Verständnis. Bei absichtlicher Missachtung der Verträge aber wird der Vertrag gekündigt, und das Unternehmen wird über die Gemeinde mit verschärften Umweltauflagen zu den nötigen Investitionen gezwungen. Das ist mehrfach passiert. 251
Kritiker sagten vor Jahren, die energieintensiven Branchen hätten schon aus Eigennutz die geforderten Energie sparenden Investitionen getätigt. Die dem BUND vergleichbare Milieudefensie bemängelte einst, die abgesteckten Ziele seien zu Lasten der Umwelt schwächer ausgefallen und hätten eine geringere Innovationskraft stimuliert, als dies bei gesetzlichen Vorgaben der Fall gewesen wäre. Beweisen ließ sich beides nicht. Inzwischen erkennen Umweltorganisationen an: Die Großverbraucher haben ihre Hausaufgaben gemacht. Im Zusammenhang mit dem europäischen Konsens über die Aufteilung der Pflichten aus dem Kyoto-Protokoll müssen die Niederlande die CO,-Emissionen bis 2010 nur um 6 Prozent (und nicht wie Deutschland um 25 Prozent) senken. Für ein Land, das schon viel für die Energieeffizienz getan hat, sind weitere Verbesserungen schwierig und kostenaufwendig. Deutschland hat von der Schließung alter Fabriken im Osten profitiert und kann das ehrgeizige Ziel leichter erreichen. Der Abschluss vergleichbarer Verträge zur Steigerung der Energieeffizienz oder zur Verringerung der Emissionen könnte aber auch Deutschland sowie andere europäische Länder einen großen Schritt voranbringen. Probleme bereitet der Verkehr Trotz der unbestrittenen Erfolge der Energiesparverträge steht das Land vor einem Problem: Durch den Wirtschaftsboom steigt der gesamte Energieverbrauch, 1999 erneut um etwa 2 Prozent (so das Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt, RIVM). Der Anstieg liegt zwar dank höherer Energieeffizienz unter dem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent, doch falls der Energieverbrauch weiter steigt, wird es kaum möglich sein, die Kyoto-Verpflichtungen zu er- füllen. Rechnerisch sanken die CO,-Emissionen nur deshalb um 2 Prozent, weil mehr Energie importiert wurde als zuvor. Die mit Im- portenergie verbundenen Emissionen werden laut internationaler Absprache dem Exportland zugerechnet. Hauptproblem ist der zunehmende Verkehr. Die CO,-Emissionen des Straßenverkehrs stiegen von 1990 bis 2000 nach Angaben des RIVM um 24 Prozent. Bei einem Wirtschaftswachstum von jährlich 3 Prozent müssten die Niederlande bis 2010 ihre Energieeffizienz um 40 bis 50 Prozent steigern, um das Kyoto-Ziel zu erreichen, rechnete der Unternehmensverband VNO-NCW vor. Das sei kaum machbar. 292
Den Haag betritt international mehrfach Neuland Umwelt- und Wirtschaftsministerium der Niederlande sehen das anders. Die Ministerien hätten getreu dem Motto „Zuckerbrot und Peitsche“ verschiedene Instrumente, um den Energieverbrauch wirk- sam zu senken sowie Entwicklung und Verwendung energieeffizienter sowie umweltfreundlicher Techniken zu fördern. Dabei wartet Den Haag nicht auf die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls, sondern will selbst international Anstöße geben - und begann bereits mit einigen Möglichkeiten, die im Protokoll vorgesehen sind. Im Januar 2001 wurde die Ökosteuer auf fossile Energieträger zum sechsten Mal seit 1994 erhöht — und soll auch in den kommenden Jahren weiter steigen. Umweltfreundliche Energien werden gefördert, sparsame Autos und schwefelarmer Kraftstoff steuerlich entlastet. Das ist noch nichts Ungewöhnliches. Im Mai 2001 aber begann ein Pionierprojekt: Zur Kompensation unvermeidlicher CO,-Emissionen aus dem Verkehr sollen Unternehmen, Organisationen und später eventuell auch Privatleute „Waldzertifikate“ kaufen. Das heißt, sie sollen in neuen anzulegenden Wald investieren, der mindestens 50 Jahre lang nachhaltig bewirtschaftet wird. Bäume binden Kohlenstoff aus dem Kohlendioxid und wandeln ihn um in Holz. Der dem ADAC vergleichbare holländische Automobilclub ANWB und die staatliche Forstbehörde haben Mitte Mai bereits solche Zertifikate gekauft. Andere Branchen zeigten Interesse. Die Aufforstungskosten tragen Investoren und der Staat je zu Hälfte. Den Haag finanziert seinen Anteil aus der Ökosteuer. Überdies hat die niederländische Regierung bereits im April 1999, also vor Ablauf der Mehrjahres-Energieverträge, die Industrie mit ei- nem so genannten Benchmarking-Konvenant stark in die Pflicht genommen. Bei diesem weltweit einzigartigen Vertrag geht es um Maßnahmen, die richtig Geld kosten: Die energieintensive Industrie muss ihre Produktionsanlagen so schnell wie möglich, spätestens aber bis 2012 so modernisieren, dass sie hinsichtlich der Energieeffizienz dau- erhaft Weltspitze ist. Jedes einzelne Unternehmen muss seine Spitzenposition nachweisen. Den Vorteil des Konvenant sehen beide Seiten darin, dass er anders als eine gesetzlich festgelegte CO,-Emission marktkonform ist. Das verhindere Konkurrenznachteile sowie ein Abwandern der Industrie in weniger strenge Staaten zu Lasten der Umwelt, so lauten die Argumente. 253
Nicht zuletzt wollen die Niederlande mit ihrer energieintensiven Wirtschaft die Hälfte der CO,-Reduzierung durch Emissionsrechtehandel und Investitionen in Drittländern erreichen. Auch hier hat sich das Land als Vorreiter positioniert. Die Regierung will den Aufbau eines weltweiten Emissionshandels sowie die Preisbildung kräftig stimulieren. Als erstes Industrieland kauften die Niederlande in gro- ßem Umfang eine CO,-Emissionsverringerung: Wirtschaftsministerin Annemarie Jorritsma unterzeichnete im April 2001 die ersten fünf Verträge, mit denen sie eine CO,-Minderung von 4,62 Megatonnen erwarb. Der Preis betrug 35,3 Millionen Euro. Zwei niederländische und ein amerikanisches Unternehmen werden zusammen mit lokalen Partnern in Polen, Rumänien und Tschechien einen Windpark, zwei Fernwärmeprojekte, Biomasse-Heizkessel und eine Kraft-WärmeZentrale erstellen. Die damit erreichte CO,-Minderung wird den Niederlanden angerechnet. Die zweite Ausschreibung läuft im Winter 2001/2002 und steht ebenfalls ausländischen Investoren offen. Den Haag hält es für möglich, auf diese Art schrittweise die Hälfte der Kyoto-Verpflichtungen zu erfüllen und so die niederländischen CO,Emissionen um 25 Megatonnen zu senken. Bereits im Februar 2001 signalisierte Den Haag, nicht auf den weltweiten Emissionshandel zu warten. Umweltminister Jan Pronk und die Wirtschaftsverbände vereinbarten, dass Unternehmen in den Niederlanden ab 2003 mit Stickstoffoxidemissionen handeln dürfen. Sie werden Emissionsrechte von Firmen erwerben können, die weniger Schadstoffe ausstoßen als vertraglich vorgegeben. Literaturhinweise Centraal Bureau voor Statistiek (CBS): De Nederlandse Energiehuishouding — jaarcijfes 1997, Voorburg/Heerlen 1998 (Die niederländische Energiewirtschaft — Jahreser- gebnisse 1997). Hoofdinspectie Milieuhygiene (HIMH), Ministerie van VROM: Emissies en afval in Ne- derland, Jaarrapport 1998 en ramingen 1999, Den Haag 2000 (Emissionen und Abfall in den Niederlanden, Jahresbericht 1998 und Prognosen für 1999, Umweltaufsichtsamt beim Umweltministerium). Sonnefeld, Ad/Guis, Bas: Luchtverontreiniging — emissies 1990-1998, Kwartaalbericht Milieustatistieken, Voorburg/Heerlen: CBS, 1999 (Luftverschmutzung — Emissionen 1990-1998, Quartalsbericht Umweltstatistik des CBS).
Jann Carstensen 10 Jahre „Föhrer Dosenschwur“ — Ein Erfahrungsbericht Die Urlaubsinsel Föhr Die Insel Föhr liegt mitten im „Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“ und ist vor den Naturgewalten der Nordsee durch die vorgelagerten Inseln Amrum und Sylt weitgehend geschützt. An der Südküste finden sich ausgedehnte Sandstrände, wo- hingegen der übrige Teil der Insel durch hohe Seedeiche gegen Hochwasser gesichert ist. Auf 82 qkm Fläche leben rund 8 700 Einwohner, davon in der Stadt Wyk auf Föhr als „Unterzentrum“ und zentraler Eingangshafen für die gesamte Insel ca. 4 400. An Verwal- tungseinheiten gibt es zum einen die Stadt Wyk auf Föhr mit einem hauptamtlichen Bürgermeister und elf weitere selbststständige Gemeinden mit jeweils einem ehrenamtlichen Bürgermeister, welche im „Amt Föhr-Land“ mit wiederum einem ehrenamtlichen Amtsvorsteher zusammengeschlossen sind. Die Insel Föhr lebt wirtschaftlich ganz wesentlich vom Tourismus. So wurden im Jahr 1999 mehr als 1,9 Millionen Gäste-Übernachtungen gezählt, in den Hauptsaisonzeiten machen bis zu 30.000 Gäs- te (an einem Tag) Urlaub auf Föhr. Es ist daher leicht vorstellbar, dass in den Jahren, als der Tourismus boomte, einerseits die Entwicklung der materiellen Infrastruktur kaum mithalten konnte, andererseits ein hoher Druck auf dem eigentlichen touristischen Potenzial, der unver- brauchten Natur und Landschaft, lastete. Anfang der 90er Jahre begann man sich deshalb auf nahezu allen Ebenen um den Umwelt- und Naturschutz zu bemühen, was letztlich zum Image der „Grünen Insel Föhr“ führte. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass bereits 1989 ein gemeinde- übergreifendes Bürgerforum (Föhrer Forum) nach dem Muster der heutigen AGENDA 21 entstanden war und der „Föhrer Dosenschwur“ zustande kam. 255
Anspruch ... „Wo stehen denn die Cola-Dosen?“ ist eine in den Geschäften der In- sel Föhr häufig wiederkehrende Frage an das Verkaufspersonal. Die Frage wird jedesmal mit nun schon über zehn Jahre anhaltender Geduld und Höflichkeit unter Hinweis auf den „Föhrer Dosenschwur“ beantwortet — und verneint. Erstaunt über diese dosenfreie Kultur und darüber, dass die Föhringer Inselfriesen trotzdem noch nicht ver- durstet sind, reagieren die Fragenden fast immer mit einem anerkennenden: „Das find ich gut.“ Diese Anerkennung ist auch mehr als ge- rechtfertigt, denn eine vergleichbare Aktion gibt es bisher in Deutschland — und wahrscheinlich sogar weltweit - nicht. Der Historische Ausgangspunkt des „Föhrer Dosenschwurs“ war ein Beschluss des „Umweltforums Einzelhandel“ des Kreises Nordfriesland vom 23.03.1990, aus Gründen des Umweltschutzes auf den Nordfriesischen Inseln die Getränkedosen einheitlich aus dem Ange- bot zu nehmen, um damit eine Signalwirkung für das Festland zu erzielen. Engagierten Personen ist es zu verdanken, dass diese Idee auch die Insel Föhr erreichte. Ende September 1990 kam es als Ergebnis einer eigens hierzu einberufenen Bürgerversammlung unter Beteiligung der Föhrer Einzel- und Großhändler und der beliefernden Handelsketten zu folgendem Beschluss, dem „Föhrer Dosenschwur“: Die auf der Insel Föhr ansässigen Verkaufsstellen erklären sich bereit, vom 1. Januar 1991 an freiwillig auf den Verkauf von Getränken in Dosen und Einwegverpackungen, für die es Mehrwegalternativen gibt, zu verzichten. Überhaupt wuchs damals das Bewusstsein für die Gefährdung des Ökosystems Wattenmeer und die wirtschaftliche Bedeutung einer unversehrten Natur, insbesondere für die Tourismusbranche. Der Schrecken des Robbensterbens Ende der 80er Jahre blieb nicht ohne Wirkung. ... und Wirklichkeit Heute kann die Insel Föhr zumindest im Hinblick auf die möglichen Verkaufsstellen, die Einzelhandelsgeschäfte und die beiden insularen Supermärkte als weitgehend frei von Getränkedosen bezeichnet werden. Die Auswirkungen auf die Abfallmenge der gesamten Insel Föhr lässt sich aber aufgrund fehlender Untersuchungen bisher nicht konkret bemessen. 256
Dieses wäre auch sehr schwierig, denn im Gepäck der auf die Insel Föhr reisenden Urlauber und Gäste befinden sich erfahrungsgemäß häufig größere Mengen Getränkedosen. Aber auch die einheimischen Insulaner verhalten sich diesbezüglich oft nicht gerade vorbildlich und führen aus dem gelegentlichen und vermeintlich günstigeren Festlandseinkauf Getränkedosen ein. Dieser „Macht der Gewohnheit“ oder Unkenntnis, vielleicht auch Gedankenlosigkeit, in manchen Fällen vielleicht sogar dem Trotz gegen „Die da oben ...“ gilt es mit gutem Beispiel und Überzeugungsarbeit entgegenzutreten. Dass dieses oft ein recht mühevolles Unterfangen ist, viel Geduld und gute Worte erfordert und dennoch nicht immer von Erfolg gekrönt ist, wurde just im Jubiläumsjahr deutlich: Denn im September 2000 feierte eine größere Gruppe einheimischer Jugendlicher und Erwachsener ein Zeltfest im Stile der 70er Jahre, ausschließlich mit Getränkedosen. Als ob dies noch nicht genug wäre, fand die Party ohne Wissen und Zustimmung der zuständigen Ordnungsbehörde mitten in der freien Natur statt. Die Getränkedosen hierfür waren in großen Mengen auf dem Festland eingekauft worden. Nach dem derzeitigen Stand der Rechtsprechung (Januar 2001) ist es ohnehin nicht möglich, entsprechende Auflagen über die gewerberechtliche Genehmigung oder die Konzessionserlaubnis festzusetzen, es bleibt nur der bereits genannte Weg des guten Beispiels und der guten Worte. Die immer wieder beliebte Argumentation, dass es diese Getränkearten ja nicht in Ein- oder Mehrwegflaschen gäbe, greift nicht, da das Gegenteil ja in allen Geschäften auf der Insel Föhr bewiesen wird. Ausblick Wie es der Zufall wollte, kam gerade zum Zeitpunkt der Föhrer Jubiläumsfeier bundesweit neuer Schwung in die Diskussion um ein Zwangspfand für Getränkedosen. Dieses bescherte der Insel Föhr und dem „Föhrer Dosenschwur“ eine zwar nur kurzzeitige, aber sehr er- freuliche Medienpräsenz. Es stellt sich aber die Frage, wie sich ein Zwangspfand für Getränkedosen auf den Fortbestand des „Föhrer Dosenschwurs“ auswirken würde. Die beteiligten Einzelhändler äußern sich dazu sehr unterschiedlich. Manche sehen sich von einem zukünftigen Dosenpfand nicht betroffen; da ja keine Getränkedosen verkauft werden, müssen auch 257
keine zurückgenommen werden. Wenn dagegen Feriengäste und auch Einheimische, welche Getränkedosen auf dem Festland eingekauft haben, diese auch dorthin wieder mit zurücknehmen müssten, um den Pfandbetrag erstattet zu bekommen, hätte dies ganz sicherlich einen erzieherischen Effekt. Andere wiederum würden aufgrund einer besseren (?) Logistik eventuell den gesamten Getränkebestand auf Dosen umstellen oder zumindest Getränkedosen wieder ins Programm nehmen. Gefürchtet werden hier eher die Kosten für die Rücknahmesysteme (Personal oder Automat). Es überwiegt daher die Einschätzung, dass sich ein Zwangspfand auf Getränkedosen kontraproduktiv auf den „Föhrer Dosenschwur“ auswirken wird, denn an- dere Geschäfte werden aus Konkurrenzgründen mitziehen müssen. Ein zumindest hypothetisch denkbarer Boykott der Getränkedosen seitens des Kunden erscheint trotz zehnjähriger intensiver Öffentlichkeitsarbeit dagegen unwahrscheinlich. Konstruktiv wird aber angemerkt, dass eine vom Hersteller zu ent- richtende Steuer auf Getränkedosen oder sogar ein Verkaufsverbot für Getränkedosen, ähnlich wie in Dänemark, der allgemein bessere Weg wäre. Dänemark ist diesbezüglich in der Tat ein Exempel, was ja auch unzähligen deutschen Urlaubern jedes Jahr nicht entgehen dürfte; verdurstet ist dort ebenfalls noch niemand. Resümee Wenn auch die erhoffte Signalwirkung für das Festland (ganz Schleswig-Holstein und die Bundesrepublik) ausblieb, so können die Beteiligten doch auf ein erfolgreiches zehnjähriges Bestehen des „Föhrer Dosenschwurs“ zurückblicken. Der Erfolg ist schließlich auch daran messbar, dass die Strände, Parks und öffentlichen Grünflächen der Insel Föhr weitgehend frei von achtlos weggeworfenen Getränkedosen sind. Der Beschluss hat der Insel Föhr außerdem zu einem erheblichen Imagegewinn verholfen und letztlich den Ruf als umweltfreundliche „Grüne Insel“ mit begründet. Seit Bestehen des Dosenschwurs wurden unzählige Anfra- gen von Privatpersonen, Vereinen, Verbänden, Parteien, Journalisten und Universitäten nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Frankreich, Belgien, USA und sogar aus Japan beantwortet. Dieses beeindruckende Presseecho bestätigt und ehrt alle Beteiligten und verdeutlicht, dass sich diese oder auch vergleichbare Aktio258
nen werbewirksam inszenieren lassen. Das freiwillige Engagement der Föhrer Einzel- und Großhändler für den „Föhrer Dosenschwur“ verdient vor diesem Hintergrund höchste Anerkennung. an 10 Jahre Föhrer Dosenschwur Ich bin für eine saubere Natur und beteilige mich am Föhrer Dosenschwur unser Geschäft beteiligt sich freiwillig am Föhrer Dosenschwur und verkauft keine Getränkedosen für eine dosenfreie Insel - der Umwelt zuliebe ! KAKKK „Man muss heutzutage lange gehen, um noch den Geruch der Erde zu riechen und das fröhliche Umspringen des Windes zu spüren. Nie war der üble Geruch des Geldes, sein hochmütiger Gestank, stärker.“ George Steiner KRKKK
Ute Evers Grüne Gentechnik und Umwelt Als 1994 die GATT-Mitglieder die Schlussakte und den Vertrag zur Gründung der WTO (World Trade Organization) unterzeichneten, war ein Teil des Vertragspakets der Schutz des geistigen Eigentums beim Welthandel. Das Abkommen über TRIPs (Trade Related Aspecıs of Intellectual Property Rights) beinhaltet unter anderem die Ausweitung des Patentschutzes auf Lebewesen wie Pflanzen oder Mikroorganismen. Wirtschaftlich wichtig sind TRIPs gerade für die Industrienationen: Aus diesen Ländern kommen 97 Prozent der Patentanträge für isoliertes und verändertes Genmaterial; identische und abgewandelte Naturstoffe, aus denen Nahrungsmittel, -zusätze oder Medikamente hergestellt werden (Herdegen 1996). Ungeschützt bleibt dagegen das in den Entwicklungsländern vorhandene traditionelle Wissen über die Nutzung von Heilpflanzen oder die Pflanzenzucht (GRAIN). Über 40 Prozent der weltweiten biotechnologischen Predukunn hängen von der Ausnutzung der Biodiversität ab. Systematisch erkunden daher Forscher im Dienst ihrer Firmen und Universitäten die global verteilt liegenden Zentren der Biodiversität. Wegen ihres Artenreichtums wurden kürzlich 25 Gebiete als „Hotspots der Biodiver- sität“ beschrieben: Sie nehmen zusammen nur 1,4 Prozent der Landfläche der Erde ein, beherbergen aber 44 Prozent von den auf der Welt vorkommenden Gefäßpflanzen — und 35 Prozent der Vertebratenarten (Myers 2000). Einundzwanzig von ihnen liegen in Entwicklungs- oder Schwellenländern, eines davon ist Madagaskar: Hier wurden 1995 über 15000 Patente angemeldet, aber nur 21 von einheimischen Forschern (DIE ZEIT 2001). Weil der technologische Vorsprung den Industrienationen einen exklusiven Zugang zur Vermarktung der genetischen Ressourcen gewährt und weil sich das Erbgut und die davon abgeleiteten Produkte beliebig vervielfältigen lassen, ist Gentechnik zu einer Schlüsseltechnologie geworden. Dass viele Rohstoffreserven allmählich zur Neige 260
gehen und dass dies ein limitierender Faktor des globalen Wachstums ist, war bereits 1972 in dem Bericht an den Club of Rome, Die Grenzen des Wachstums, aufgezeigt worden. Unmittelbar auf dieses Menetekel folgte die Ölkrise von 1973/74. Und nachhaltig prägte sich die westliche Welt ein, dass der wachstumsbegrenzende Faktor die Ver- fügbarkeit von Rohstoffen sei. Etwa zum selben Zeitpunkt entstan- den die ersten in vitro rekombinierten DNA-Moleküle in den Labo- ren der Molekularbiologen. Ohne die Werkzeuge des „genetic engineering“ hätte die moderne Biotechnologie nicht ihre gegenwärtige Bedeutung erlangen können. Gentechnik und grüne Gentechnik Gentechnik ist ein Methodenkomplex, der es ermöglicht, Gene präzis in der Erbsubstanz zu lokalisieren, zu isolieren und zu vervielfältigen. Es lassen sich die Wirkungen der Gene untersuchen oder ihre Bausteinfolgen bestimmen. Ferner können Gene im Labor identisch nachgebaut oder durch gerichtete Mutagenese gezielt verändert wer- den. Die Methoden erlauben es, ausgewählte Gene mit anderen Genen zu koppeln und in ihre natürlichen Wirtszellen bzw. Organismen wieder einzuführen. Werden sie in fremde Zellen bzw. Organismen eingeschleust, entstehen transgene Mikroorganismen, Pflanzen oder Tiere. Dies ist das Novum an dieser Technologie: Gene und Fragmente der Erbinformation völlig neu zu kombinieren, ungehindert durch die bis dahin existierenden, natürlichen Artengrenzen. Die grüne Gentechnik befasst sich mit transgenen Pflanzen. Im Zentrum des Interesses stehen landwirtschaftliche Nutzpflanzen, die durch den Einbau meist artfremder Gene unempfindlich gegen Herbizide (Unkrautvernichtungsmittel), Schädlinge (z.B. Insekten, Pilze, Viren) oder ungünstige Umwelteinflüsse (z.B. Trockenheit-, Frost-, Salztoleranz) gemacht werden können. Experten verweisen auf das große Potenzial dieser Technologie und stellen insbesondere den Nut- zen der Biotechnologiesparte im Kampf gegen den Hunger heraus. Den Hauptgeschäftsbereich der grünen Gentechnik bildet bisher der Viehfuttersektor. Investiert wurde Anfang der 80er Jahre von den Firmen Monsanto, Calgene und DuPont in herbizidresistente Sojapflanzen und insektenresistenten Mais aus nüchternen, betriebswirt- schaftlichen Überlegungen. Schon damals sagten Experten eine Expansion des Viehbestandes voraus, weil mit weltweit wachsendem 261
Wohlstand der Fleischkonsum steige. Die Erwartung der Firmen erfüllte sich: Nach einer Studie der FAO essen die Menschen heute in den Entwicklungsländern im Durchschnitt pro Kopf 50 Prozent mehr Fleisch als noch 1983. Fleischprodukte liefern hochwertige Proteinnahrung. Aber die ökologische Bilanz für ihre Herstellung ist negativ: Drei Kalorien Getreide werden für die Gewinnung einer Kalorie Fleisch eingesetzt. Bereits jetzt verschlingen die Masttiere 36 Prozent der Welternte, während 840 Millionen Menschen hungern; und deren Zahl wird möglicher- weise steigen, wenn der Anteil des Viehfutters an der Welternte zunimmt. Der Interessenkonflikt zwischen den armen und den reichen Nationen scheint sich im Gefolge der neuen Technik zu verschärfen. Einer Modellrechnung des IFPRI (International Food Policy Research Institute) zufolge wächst der Bedarf der Dritten Welt im Zeitraum von 1993 bis 2020 von 88 auf voraussichtlich 188 Millionen Tonnen Fleisch. Diese Vorhersage basiert auf der Annahme, dass die globalen Ernteerträge bis 2020 jährlich um 1,3 Prozent zunehmen werden. Ist der Zuwachs geringer, werden die Erträge nicht ausreichen, um die Nachfrage zu befriedigen, und die Preise werden steigen. Für die Farmer bliebe Tierfutter weiterhin erschwinglich; sie werden auch zukünftig ihr Fleisch verkaufen, weil sie die Armen am Getreidemarkt überbieten können. Armut, nicht etwa der Mangel an Nahrungsmitteln, ist die Ursache des Hungers. Weil die grüne Gentechnik mit dem Tierfuttermarkt wächst und weil das Szenario um eine mögliche Nahrungsknappheit in der Zu- kunft bekannt ist, versuchen Werbestrategen den Einsatz der grünen Gentechnik mit einer verbesserten Ertragslage zu rechtfertigen. Aber bereits die der IFPRI-Modellrechnung zugrunde gelegten Werte einer jährlichen Zunahme der Getreideernte um 1,3 Prozent waren nur während der 80er Jahre realistisch. Seitdem sanken sie auf ein durchschnittliches Niveau von 1,1 Prozent pro Jahr. Und das, obwohl der private Sektor inzwischen viermal so viel in die Verbesserung der Ertragsleistung von Kulturpflanzen investiert als vor zwanzig Jahren. So kann die angestrebte Steigerungsrate wohl nur durch weitere Landkultivierung kommen (New Scientist 2000). Welche Folgen ein fortschreitender Landverbrauch zu Lasten von Natur und Umwelt hat, zeigt sich schon heute deutlich am Beispiel Soja. 262
Beispiel Soja Die steigende Sojaproduktion hat in Brasilien und Bolivien einen wesentlichen Anteil an der dortigen Zerstörung der Wälder. Noch vor 35 Jahren wurde Soja in Lateinamerika nicht angepflanzt, weil die Frträge unwirtschaftlich waren. Aber dank neuer Sorten, die eigens für den Anbau in tropischen Breiten am EMBRAPA (Brazilian Agricul- tural Research Center) gezüchtet wurden, nimmt Brasilien inzwischen Platz zwei hinter den USA beim Export von Soja ein. Große Plantagen verdrängen die ansässigen Kleinbauern. In Zentralbrasilien, woher die Hälfte der Sojaernte stammt, wurden allein von 1970 bis 1985 4,2 Millionen Hektar Natur- in Ackerland umgewandelt. Hier, im Cerrado, stieg der Anteil der Sojamonokulturen zwischen 1970 und 1990 von 14 000 Hektar auf 3,8 Millionen Hek- tar. Vom Boom profitieren aber nur die großen Farmen. 1992 musste ein Farmer in Maranhao ca. 1 Million US-Dollar investieren, um 1.000 Hektar mit Soja zu bepflanzen. Dabei ist Brasiliens Sojabohnenanbau hochgradig mechanisiert und schafft nur wenig Arbeits- plätze. Die stark expandierende Intensivlandwirtschaft bedroht zudem ein Weltnaturerbe: Der Cerrado hat eine der reichsten Savannenfloren der Welt und zählt zu den Zentren der Biodiversität, die vorrangig geschützt werden sollten. Obwohl die phosphatarmen, sauren und schweren Böden des Cerrados von minderer Qualität sind, ermöglichten es neue Pflanzensorten und Anbaumethoden, das ehemals extensiv beweidete Gebiet zu bestellen. Die Einführung von „no-tll“-Pflanzungen reduzierte die als Folge des Verlustes der natürlichen Vegetationsdecke auftretende Bodenerosion. Anstatt die konkurrierenden Unkräuter durch Pflügen zu beseitigen, werden die Saatfurchen meist mit dem Totalherbizid Glyphosat von Monsanto vom Bewuchs freigespritzt. Weil Soja für den Staat wirtschaftlich als Exportartikel bedeutend ist, gleichzeitig den Agrokonzernen den Absatz von Chemikalien sichert und, nicht zuletzt auch deshalb, weil Soja mit Mais den Haupt- markt der grünen Gentechnik bildet, hat die Sojaproduktion eine starke Lobby. Zwar erstritt Greenpeace zusammen mit der brasilianischen Verbraucherorganisation 1998 ein Anbauverbot von gentechnisch veränderten Pflanzen, dem auch die von Monsanto in Zusammenar- beit mit EMBRAPA hergestellte Glyphosat-unempfindliche Sojasaat 263
unterliegt. Trotzdem treibt die Lobby die Expansion der Sojaflächen im Cerrado weiter voran. Über gemeinsame Projekte, die in den 90er Jahren zwischen privaten Investoren und Staatsbehörden initiiert wurden, wird die Verbindung des Nordcerrado mit Häfen des Amazonas finanziert. Durch die so verbesserte Infrastruktur sollen Trans- portkosten gesenkt und weitere 500 000 Hektar Plantagenland erschlossen werden. Der Ausbau der Verkehrswege beschleunigt so wiederum die Abholzung der Wälder. Mit dem Ziel, Boliviens Außenhandel über Soja-Exporte zu fördern, stellte die Weltbank 1989 einen Fonds bereit, der zur Erweite- rung des Straßennetzes im Bezirk Santa Cruz von 430 auf 650 Kilometer genutzt wurde. Bis 1990 war die Abholzung im Tiefland des Amazonas-Beckens von Bolivien noch gering: Es verschwanden von der sechstgrößten Fläche des tropischen Regenwalds auf der Welt nur 5,6 Prozent des ursprünglichen Waldbestandes. Inzwischen vernichtet der Sojaanbau aber mehr Wald als der Einschlag von Edelhölzern durch lizensierte Firmen. Dank der verbesserten Infrastruktur wurden im Zeitraum von 1990 bis 1999 rund 300 000 Hektar des halbimmergrünen Saison- waldes direkt für die Erweiterung des Plantagenlandes abgeholzt. Ob die gerodeten Gebiete nachhaltig als Ackerland genutzt werden können, ist fraglich: Böden und Klima sind in einigen Gebieten für den Sojaanbau wenig geeignet. Die regengrünen Wälder im Amazonas-Tiefland von Bolivien bilden in vieler Hinsicht ein ökologisches Gegenstück zu den nordeuro- päischen sommergrünen Laubwäldern. Sie sind besonders artenreich. Hier wachsen die Ahnen der heutigen Tomaten- und Erdnusspflan- zen. Die Erhaltung der Flora und Fauna in solchen Ursprungsgebieten ist von unschätzbarem Wert. Auf die Bewahrung der genetischen Ressourcen sind traditionelle Züchter besonders angewiesen. Aus dem Genpool verwandter Wildformen können sie neue Eigenschaften wie Krankheits- und Schädlingsresistenzen in die Kulturpflanzen einkreuzen. Von dem Plantagenboom profitiert die einheimische Bevölkerung Lateinamerikas kaum. Über 80 Prozent der Sojabauern sind kapitalkräftige Immigranten; inzwischen bewirtschaften brasilianische Groß- farmer etwa ein Viertel der Flächen in Bolivien (Angelsen/Kaimowitz 2001). 264
Ökologische Risiken „Plantage bedeutet Pflanzung, besonders von Nutzpflanzen in den Kolonien“, heißt es im Meyer-Lexikon von 1907 lapidar. Monokul- turen brachten erst die Kolonialisten mit ins Land. Traditionell dem Polykulturen. Von die Einheimischen bewirtschafteten gemischten Anbau verschiedener Feldfrüchte konnte sich die Bevölkerung ausgewogen und vitaminreich ernähren. Umweltverträglichkeit und Leistungsfähigkeit landwirtschaftlicher Produktionssysteme sind sehr unterschiedlich. Bereits in der „Agenda 21” wurde eine Erweiterung der bewirtschafteten Flächen ausdrücklich abgelehnt. Die derzeitige Anwendung der grünen Gentechnik in der Landwirtschaft kann nicht als nachhaltig angesehen werden. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise nutzt die Ressourcen nur so, dass sie sich wieder regenerieren können und zu keinen irreversiblen Ände- rungen im Ökosystem führen. Ebenso scheint der gegenwärtige Nutzen dieser Technologie zur Bekämpfung des Welthungers fraglich, weil bei der Verwendung von Nahrungspflanzen für die Tiermast die ursprünglich produzierte Nahrungsenergie pro Hektar sinkt. Gleichzeitig steigen Umweltbelastungen durch CO,, Methan (bei der Rindermast) und Stickstoff, wenn Nahrungsmittel über den „Veredelungsumweg" tierisches Produkt erzeugt werden. Wie das Beispiel Soja gezeigt hat, kann die Ausdehnung der An- bauflächen auf bislang ungenutzte Standorte durch Anwendung neuer landwirtschaftlicher oder biotechnologischer Methoden immens beschleunigt werden. Doch nicht nur der Markt für transgene Pflanzen könnte die Artenvielfalt und den damit verbundenen Erhalt der genetischen Ressourcen gefährden, sondern auch die neuartigen Ei- genschaften der transgenen Pflanzen selbst. Beispielsweise ist bisher im Grunde ungeklärt, welche ökologischen Risiken mit der Freisetzung gentechnisch veränderter Kulturpflanzen in ihren Ursprungsländern verbunden sind. Befürchtet wird, dass aus Kreuzungen von gentechnisch veränderten Pflanzen mit verwandten Wildarten invasive Nachkommen entstehen, die die ursprünglichen Wildarten aus ihrem Lebensraum verdrängen. Artfremde Gene, die beispielsweise für eine Insekten-, Hitze- oder Salztoleranz sorgen, verleihen der Kulturpflanze eine veränderte Fit- ness. Dass transgene Kulturpflanzen trotz erhöhter Fitness auswildern, ist aber eher unwahrscheinlich. Das Gros der Hochleistungssor265
ten gedeiht nur auf intensiv gepflegtem Ackerland. Anders verhält es sich bei den wild wachsenden Ahnen der Kulturpflanzen: Sie sind robust und wachsen ohne pflegerische Maßnahmen auf ihren natürlichen Standorten. Nachkommen aus Kreuzungen zwischen Kulturund Wildform könnten von der zusätzlichen Fitness profitieren: Sie erhielten einen Selektionsvorteil, der sie eventuell befähigt, in neue Lebensräume einzuwandern und sich dort zu Lasten der heimischen Flora zu vermehren. Nachgewiesen ist ein Genfluss von der Kulturpflanze auf wilde Verwandte unter anderem bei Mais, Sorghum, Raps und Zuckerrüben. Pflanzen wie Mais oder Kartoffeln haben beispielsweise in Europa keine verwandten Wildarten. Sie stammen ursprünglich aus den Biodiversitätszentren Mittel- und Südamerikas. In Mexiko wachsen verschiedene Unterarten von Teosinte, mit denen sich Mais auskreuzen kann. Betroffen von kostspieligen Untersuchungen über mögliche Auskreuzungen wären vor allem Länder, in denen die bereits erwähnten „Hotspots der Biodiversität“ liegen. Aber für ein eigenverantwortli- ches Monitoring der Freisetzungsrisiken von Gentech-Pflanzen fehlen diesen Ländern die finanziellen Mittel. Allein für die Beantwortung der relativ einfachen Frage, ob der Pollen des Br-Mais den MonarchFalter gefährdet, veranschlagen Wissenschaftler ein Untersuchungs- budget von 2 bis 3 Millionen Dollar. Im Mai 1999 entfachte die Meldung über die Gefährdung dieses in den USA so populären Schmetterlings durch transgenen Mais erstmals eine breite Diskussion über die Risiken der grünen Gentechnik. Hinterfragt wurde im Verlauf der Debatte auch, ob GentechNahrung mit möglichen Gesundheitsrisiken für die Verbraucher verbunden sei. Im Gegensatz zur EU besteht in den USA keine Kennzeichnungspflicht für neuartige Lebensmittel. In der EU schreibt die Novel- Food-Verordnung von 1997 die Kennzeichnung der gentechnisch veränderten Lebensmittel vor. Eine entsprechende Kennzeichnungspflicht für Tierfutter gibt es dagegen nicht. Die New York Times berichtete am 25. Januar 2001, dass die Regulierung für Gen-Food auf eine Initiative der Firma Monsanto zurückgehe. 1986, in einem Gespräch mit dem damaligen Vizepräsidenten Bush, hätten die Firmenmanager auf einer offiziellen Kontrolle des Gen-Foods bestanden, die das Vertrauen der Verbraucher zu den neu266
en Lebensmitteln herstellen sollte. Obwohl die Reagan-Administration ein Meister der Deregulierung für fast alle Industriezweige war, bekam die Firma Monsanto vom Weißen Haus, was die Firmenmanager vorschlugen. Und dieses Bündnis wurde von den nachfolgenden Regierungen erneuert: Was immer die Lobbyisten vorschlugen, erhielt die Biotech-Industrie. So diente bislang die Entwicklung von bio- und gentechnologischen Verfahren vorrangig marktwirtschaftlichen Interessen, nicht den Interessen der Länder der Dritten Welt, der Verbraucher und des Umweltschutzes. Literaturhinweise Angelsen, Arild/Kaimowitz, David (Eds.): Agricultural Technologies and Tropical Deforestation, CAB International, Wallington, UK, 2001. GRAIN: The Intellectual Property Rights and Biodiversity: The Economic Myths, htrp://www.grain.org Herdegen, M.: Gentechnikrecht im internationalen Vergleich. Gutachten auf Grundla- ge von Länderberichten, erstellt im Auftrag des Bundesministers für Gesundheit, 1996. Myers, Norman et al.: Biodiversity hotspots for conservation priorities, in: Nature, Vol. 403, 2000, $. 853-858. New Scientist: The Meat Eaters, 18.3.2000, S. 33-36. DIE ZEIT: „Geschäfte mit Genen und Pillen“, 1.3.2001. KHKKK „Wenn auf einer Seite ganz allein die Macht ist, auf der anderen sich ganz allein Einsicht und Weisheit befinden, so werden die Gelehrten selten auf etwas Großes, die Fürsten aber noch weit seltener auf etwas Schönes sinnen, und die Völker werden beständig niederträchtig, verderbt und unglücklich bleiben.“ Jean-Jacques Rousseau KK
15jähriger Schüler erhält Hoffnungspreis Dem Motto der Deutschen Umweltstiftung „Hoffnung durch Handeln" entsprechend, wurde 1993 der „Hoffnungspreis“ ins Leben ge- rufen. Mit diesem Preis sollen junge Menschen, die mit ihrem Engagement einen hervorragenden Beitrag zur Bewahrung von Natur und Umwelt leisten, öffentlich ausgezeichnet werden. Er ist mit 3.000 DM (1.500 Euro) dotiert. Im Jahr 2001 ging der Hoffnungspreis an Christoph Schneider aus Ludwigsburg. Schon seit seinem elften Lebensjahr hat sich Christoph um Umweltprobleme gekümmert. Es reichte ihm aber nicht, sich zu informieren, sein Wissen zu vermehren und allmählich schwierige Zusammenhänge durchschauen zu lernen. Weil er immer wieder feststellen musste, dass Informationen über Umweltfragen vor allem für Kinder und Jugendliche nur schwer aufzufinden sind, Umweltschutz in Kindergärten und Schulen keine große Rolle spielt und die Berichterstattung in den Medien stark zurückgegangen ist, begann Christoph bereits mit dreizehn Jahren im Internet unter Umweltschutzweb.de einen Informationspool aufzubauen, der inzwischen über 600 Seiten umfasst. Noch arbeitet er am Computer seiner Eltern, täglich zwischen zwei und drei Stunden, an Wochenenden auch mehr. Wer seine WebSeiten besucht, findet viele wichtige Ereignisse und Themen, nicht nur aktuelle Umweltskandale, sondern auch ein vielfältiges Angebot an Hintergrundinformationen über Energie, Klima, Verkehr, Gentechnik, Landwirtschaft, Stellungnahmen politischer Parteien und Umweltorganisationen. Christoph Schneider galt den Juroren der Umweltstiftung geradezu als der ideale Fall für den Hoffnungspreis. Er ist ein leuchtendes und nachahmenswertes Vorbild für seine Alterskameraden. Näheres über den Umweltpreis bei: Deutsche Umweltstiftung, Postfach 1355, 76713 Germersheim, Telefon: 07274-4767; Fax: 07274-77302, e-mail: info@deutscheumweltstiftung.de; Internet: htrp://www.deutscheumweltstiftung.de 268
VI. SPURENSICHERUNG In memoriam Donella Meadows Eine der Großen der Umweltbewegung ist viel zu früh von uns gegangen. Am 20. Februar 2001 starb Professor Donella H. Meadows an bakterieller Meningitis in New Hampshire im Alter von nur 59 Jahren. Sie wurde weltbekannt als Hauptautorin des Buches „The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome Project on the Predicament of Mankind“ (in deutsch: „Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“). Dieses Buch von 1972 über die langfristigen Interdependenzen von Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum und natürlicher Umwelt war eine doppelte Herausforderung: Es stellte das weitere quantitative Wirtschaftswachstum in Frage und es bezweifelte die Fähigkeit der Wissenschaften zu integriertem Denken. Das Buch wurde schnell ein Bestseller, in 28 Sprachen übersetzt und viel zitiert. In Deutschland wurden mehr als 800 000 Exemplare verkauft, ganz ungewöhnlich für ein wissenschaftliches Werk. Donella H. Meadows war aber auch Hauptautorin des Nachfolgebandes, der zwanzig Jahre später erschien: „Beyond the Limits“, der in deutsch einen völlig verfehlten Titel erhielt: „Die neuen Grenzen des Wachstums“. Dieses Buch fand nicht mehr die Aufmerksamkeit, die der Vorläufer gefunden hatte. Die Autoren waren nämlich der Auffassung, dass ihre Prognosen von vor 20 Jahren im Wesentlichen eingetroffen seien: Das ökonomische System war nicht steuerungsund anpassungsfähig, die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit waren in vielen Bereichen überschritten worden ... Dana, wie ihre Freunde und Kollegen sie liebevoll nannten, war eine führende Stimme im globalen Nachhaltigkeitsdiskurs. Und sie wurde gehört — mit ihren anderen Büchern („Groping in the Dark. The First Decade of Modeling“, 1982; „The Electronic Oracle. Computer Models and Social Decisions“, 1985, und weiteren), aber 269
auch und besonders durch ihre wöchentliche Kolumne „The Global Citizen“, die seit 1985 regelmäßig erschien, vielfach abgedruckt wurde und mehrere Preise erhielt. Dana hatte eine besondere Zuneigung zur deutschsprachigen Welt, nicht nur weil ihr Buch „Die Grenzen des Wachstums“ hier so intensiv diskutiert wurde und viele Leserinnen und Leser fand, sondern auch weil die Universität Kassel sie zur Gastprofessorin berief. Dana, die immer global dachte, war eine vielseitige lokale Aktivistin: 27 Jahre lang hat sie einen organischen Bauernhof geführt, ein Öko-Dorf und das „Sustainability Institute“ (Nachhaltigkeits-Institut) gegründet. Ihre Mutter nannte sie eine „Earth missionary“, eine Erd-Missionarin. Sie selbst beschrieb sich einmal als „engagierte Kolumnistin, ewige Spendeneintreiberin, leidenschaftliche Gärtnerin, Opernliebhaberin, Bäckerin und Bäuerin, Lehrerin und weltweit emsige Stechfliege“. Donella H. Meadows hat nicht den Nobelpreis für Umweltschutz erhalten, weil es den noch nicht gibt und vielleicht nie geben wird ... Sollte es ihn aber doch einmal geben, sie wäre die Erste, die ihn post- hum erhalten sollte. Udo E. Simonis 270
Udo E. Simonis Präsident Bushs klimapolitische Wegfahrsperre „I oppose the Kyoto Protocol“, so heißt es in dem Brief von Präsident Bush vom 13. März an die Senatoren Hagel, Helms, Craig und Ro- berts. Ist damit ein Anti-Klima-Kurswechsel der USA eingeläutet oder gar eine Blockade für die internationale Klimapolitik angekündigt worden? Ist die Weltklimakonferenz in Bonn in Frage gestellt, steht das mühsam ausgehandelte Kyoto-Protokoll zur Disposition? Dass ein neu gewählter Regierungschef ein Wahlkampfversprechen, hier: die CO,-Emissionen im eigenen Lande zu senken, kippt, ist gewiss nichts Neues, das haben wir schon öfter erlebt. Präsident Bush aber verdanken wir eine wirklich neue Erkenntnis, dass fundamentale Naturgesetze nicht gelten, wenn sie den rechtlichen Bestimmungen der Vereinigten Staaten nicht entsprechen: „Kohlendioxid ist kein Schadstoff unter dem Clean Air Act. Meine Regierung sollte den Elektrizitätswerken daher keine Emissionsreduzierung auferlegen.“ Der Satz zieht einem wahrlich die Schuhe aus, hatte doch nur Wo- chen zuvor das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in seinem jüngsten Bericht (Climate Change 2001) festgestellt, das Klimaproblem sei von katastrophaler Brisanz. Bushs Einknicken vor der Kohle- und Öl-Lobby desavouiert aber nicht nur die internationale Wissenschaft. Auch die von ihm gerade ernannte Leiterin der US-Umweltbehörde, Christine Todd Whitman, ist kaltgestellt, hatte sie doch erst am 3. März auf der Umweltkonferenz der G8-Staaten in Iriest gesagt, die globale Erderwärmung sei die größte Herausforderung im Bereich der Umweltpolitik. Präsident Bush desavouiert aber auch das Kyoto-Protokoll, jene anspruchsvolle völkerrechtliche Vereinbarung über Ziele und Maßnahmen zum internationalen Klimaschutz, wenn er schreibt, das Proto- koll sei unfair und ein ineffektives Mittel, die Klimaänderung anzugehen. Man wird sich erinnern: Das Kyoto-Protokoll war 1997 in allerletzter Minute erst zustande gekommen, weil auf Betreiben der USA noch eine Reihe flexibler Mechanismen in den Vertragstext hi271
neingeschrieben worden waren, insbesondere der internationale Handel mit Emissionsrechten und die Anerkennung von Weiden und Wäldern als Senken von CO,-Emissionen. Die 6. Weltklimakonfe- renz in Den Haag im November 2000 war dann unter anderem an der Forderung der USA gescheitert, einen größeren Teil der eigenen CO,„-Reduzierungspflichten von 7 Prozent bis zur Planungsperiode 2008-2012 (gegenüber dem Basisjahr 1990) über solche Senken anrechnen zu lassen. Kann man sich nun, nach dem Bush-Brief, die ganze Mühe der Fortsetzung der internationalen Klimaverhandlun- gen sparen? Sollten wir den Versuch der konsensorientierten politischen Regulierung eines gravierenden globalen Problems vergessen? Nein, auf keinen Fall — das Kyoto-Protokoll muss in Kraft treten! Beim Klimaproblem geht es um ein gravierendes ökologisches Problem, das strukturelle ökonomische und soziale Ursachen und massive Konsequenzen hat: zu hoher Energie- und Materialdurchsatz der Wirtschaft, zu hohe Ansprüche an Natur und Umwelt einerseits, schwerwiegende und teils irreversible Schädigungen an den ökologischen, aber auch den ökonomischen und sozialen Systemen andererseits, die der IPCC-Bericht in aller Deutlichkeit beschreibt. Politische Weisheit und Weitsicht sind also gefragt — und zwar gerade jetzt. Wir dürfen uns vom amerikanischen Präsidenten also nicht in Gei- selhaft nehmen lassen und wir müssen das Kyoto-Protokoll als völkerrechtlich bindenden Vertrag auch nicht abschreiben — in den viel zu viel investiert worden ist, als dass man ihn mal eben, mir nichts dir nichts, kippen dürfte. Es gibt mehrere Optionen, dieser Falle zu entgehen, vor allem diese drei: Option 1: Das Kyoto-Protokoll wird ohne die US-Amerikaner umgesetzt. Dazu könnten auf der Konferenz in Bonn die Kriterien zum Inkrafttreten geändert werden; durch Reduzierung der Zahl der Beitrittsländer auf weniger als 55 und weniger als 55 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen oder aber, was besser wäre, durch geschickte diplomatische Vorarbeit und Einbeziehung der mittel- und osteuropäischen Staaten und der Japaner, wodurch die bisherigen Kriterien erfüllbar würden. Womit aber kann man diese und andere zögernde Länder zum Bei- tritt gewinnen? Durch gutes Vorbild, natürlich, durch Vorreiter: Indem der Deutsche Bundestag das Protokoll noch vor der Bonner Konferenz ratifiziert, indem das Europa-Parlament und die Europäi272
sche Union mitziehen. Das ist der eine Finger der Hand, der auf uns, die Deutschen, die Europäer, selbst zurückweist, wenn wir die USA und ihren Präsidenten anklagen. Warum, meine Damen und Herren Abgeordnete, hat der Bundestag das Kyoto-Protokoll noch nicht ratifiziert? Darüber wird bei uns nicht diskutiert. Viele meinen wohl, das sei längst geschehen. Man kann aber auch nicht glaubwürdig sein, Herr Minister Trittin, wenn man immer wieder die Vorreiterrolle bemüht, aber in der globalen Menschheitsfrage des Klimaschutzes den Malediven den Vortritt lässt. Gewiss, die Malediven werden zu großen Teilen im steigenden Meeresspiegel untergehen, doch die ma- teriellen und kulturellen Kosten eines nicht vermiedenen Klimawandels für Deutschland und Europa werden gigantisch sein. Option 2: Das Kyoto-Protokoll wird mit den USA gemeinsam ratifiziert. Dazu müssten jedoch, nimmt man den Brief Bushs so ernst, wie er sich liest, die Europäer, aber auch die Entwicklungsländer gar vieles anbie- ten — und manches davon wird ihnen als unangemessen erscheinen. Sofortige Inkraftsetzung der Flexibilitätsmechanismen wie Emissionszertifikate-Handel, gemeinsame Umsetzung (joint implementation), Clean Development Mechanism (CDM), aber auch Anerkennung der Senkenfunktion der Wälder. An dieser letzten Frage dürften die Europäer scheitern, weil ihre Umweltverbände seltsamerweise nicht akzeptieren wollen, dass es zum Klimaschutz nicht nur den techni- schen, sondern auch den natürlichen Weg gibt: erhöhte Energie- und Materialeffizienz einerseits, mehr und qualitativ bessere Wälder ande- rerseits. Die Option der gemeinsamen Ratifizierung kann aber noch an einem anderen Punkt scheitern, einem Punkt, wo Präsident Bush ausnahmsweise Recht hat: Globaler Klimaschutz ist letztlich nicht möglich, wenn man die wirtschaftlich und bevölkerungsmäßig rasch wachsenden Entwicklungsländer außen vorlässt, vielleicht bis 20082012, aber nicht darüber hinaus. Option 3: Das Kyoto-Protokoll wird vorläufig ohne die USA ratifiziert. Dies wäre zwar keine besonders wünschenswerte Option, weil auf die USA mehr als 25 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen entfallen. Sie hätte aber Reize der anderen Art: Wenn klimabedeutsame Schlüsseltechnologien wie Photovoltaik, Windenergie, Kraft-Wärme-Kopplung, Ein-Liter-Auto u.a.m. in einer gemeinsamen Anstrengung von 295
Europa und Japan vorangebracht und durch entsprechende Angebote in den Entwicklungsländern, insbesondere in Indien, China, Brasilien, rasch verbreitet würden, dann setzte man die amerikanische Kohle- und Öl-Lobby aufs technologische Abstellgleis und die USIndustrie insgesamt unter erheblichen Innovationsdruck. „Kohle erzeugt mehr als die Hälfte des amerikanischen Elektrizitätsangebots ... und dem Bürger dürfen wir keine zusätzlichen Lasten aufbinden“ — so schreibt der US-Präsident in seinem Brief. Wer sich aber den Einstieg in das Solarzeitalter mit solchen Einsichten und Ansichten verstellt, der bekommt über kurz oder lang in der sich weiter globalisierenden Wirtschaft schnell die Quittung. Vergleichende Studien zur Diffusion umwelttechnischer Innovationen belegen, dass der Kompe- tenzverlust aufgrund dieses Prozesses oft schlagartig erfolgt. Wenn die Amerikaner die internationale Klimapolitik jetzt blockieren, dann bekommen sie über kurz oder lang ein ernsthaftes ökonomisches Problem. Fazit: Bushs Anti-Klima-Kurswechsel und seine klimapolitische Blo- ckadedrohung sind politisch wie ökonomisch zu überwinden. Dazu braucht es allerdings versierter Diplomaten, einsichtiger Umweltschützer und weitsichtiger Politiker, aber auch exzellenter Forstleute und Umwelttechniker. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages abgedruckt aus: FREITAG. Die Ost-West- Wochenzeitung vom 30. März 2001. KKKKK „Praktisch jeder Unternehmer war über die Abkühlung der US-Konjunktur besorgter als über die Erwärmung des Planeten Erde.“ Thilo Bode über das Global Economic Forum in Davos, Januar 2001 KKKKK
Harald Kohl Klimawandel, Klimafolgen, Klimapolitik — Zum Dritten Sachstandsbericht des IPCC Sir John Houghton nahm es mit britischer Gelassenheit. Dabei konn- te der Veteran des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimafragen Untergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) mehr als zufrie- den sein, als er nach der Plenarsitzung seiner Arbeitsgruppe in Schanghai von den Wissenschaftlern und Delegierten aus mehr als 100 Ländern mit stehendem Beifall in den Ruhestand verabschiedet wurde. Nach zwölf Jahren IPCC und drei umfassenden Sachstands- berichten zum globalen Klimawandel und dessen Folgen sind die Kritiker weitgehend verstummt. Der Ausschuss hat sich zu einem in seiner Form einzigartigen, weltweit akzeptierten Gremium entwickelt, das die wissenschaftlichen Grundlagen für weitergehende Verhandlungen im Rahmen des internationalen Klimapolitikprozesses legt. „Eine wachsende Zahl von Beobachtungen zeichnet ein umfassen- des Bild einer globalen Erwärmung und eines Wandels des Klimasystems“ ist die lapidare zentrale Feststellung der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger (Summary for Policymakers, SPM) des Dritten IPCC-Sachstandsberichts und: „Es gibt neue und bessere Beweise dafür, dass der größte Teil dieser Erwärmung auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist.“ Anders ausgedrückt: Es gibt keinen vernünftigen Zweifel mehr daran, dass der Mensch das globale Klima bereits verändert hat und dass sich dieser Wandel im 21. Jahr- hundert fortsetzen und verstärken wird. Der Dritte Sachstandsbericht des IPCC 2001 Das war nicht immer so. Denn seit seiner Gründung im Jahre 1989 waren die Ergebnisse des IPCC oft in Zweifel gezogen worden. Dabei basiert der Ausschuss und seine Arbeit auf einer international bislang ungewöhnlichen Organisationsform. In regelmäßigen Abständen von ca. fünf Jahren umreißt und bewertet IPCC den jeweiligen wissen275
schaftlichen Sachstand zu den Fragen, ob es einen Klimawandel gibt, welche Ursachen und Folgen er hat, ob und wie er sich fortsetzen wird und außerdem, welche Instrumente und Maßnahmen man ein- setzen kann, um ihn zu mindern und sich an die Klimafolgen anzupassen. Dazu arbeiten mehrere hundert wissenschaftliche Autoren im Rahmen dreier Arbeitsgruppen (Klimaforschung, Klimafolgen und Maßnahmen) einen Bericht aus, der in wiederholten Schritten der Prüfung von Experten (Reviews) unterzogen wird. Schließlich mün- den die Arbeiten in Entwürfe für die SPM, die in Plenarsitzungen gemeinsam von Wissenschaftlern und Regierungsvertretern Zeile für Zeile abgestimmt werden. Der Vorteil: Am Ende steht ein Bericht, der auch auf politischer Ebene akzeptiert wird und damit gemeinsame Grundlage für weitergehende Verhandlungen etwa im Rahmen internationaler Übereinkommen ist. So entstand auch der Dritte Sachstandsbericht des IPCC (Third Assessment Report, TAR), der im Frühjahr 2001 in Schanghai, Genf und Accra (Ghana) abgestimmt und vom IPCC-Plenum in Nairobi formell beschlossen wurde. Klimawandel Was Sir John und seine wissenschaftlichen Kollegen der Arbeitsgruppe I bereits im Zweiten Sachstandsbericht 1996 befürchtet hatten, hat sich nunmehr bestätigt. Beobachtungen und Analysen von Baumringen, Eiskernen, Korallenwachstum und historischen Aufzeichnungen zeigen, e dass der Anstieg der globalen Oberflächentemperatur seit 1860 um ca. 0,6 Grad Celsius mit hoher Wahrscheinlichkeit die stärkste Temperaturerhöhung seit 1000 Jahren auf der nördlichen Erdhalbkugel ist; e dass die 90er Jahre das wärmste Jahrzehnt und 1998 das wärmste Jahr des 20. Jahrhunderts waren; e dass der Meeresspiegel weltweit im letzten Jahrhundert um 10 bis 20 Zentimeter gestiegen ist; ° dass die Niederschläge in mittleren und höheren geografischen Breiten im 20. Jahrhundert pro Dekade um 0,5 bis 1 Prozent zugenommen, in den Subtropen dagegen abgenommen haben und e dass die Schneebedeckung in mittleren und höheren nördlichen Breiten seit Ende der 60er Jahre um ca. 10 Prozent abgenommen 276
hat, begleitet von einem weit verbreiteten Rückgang der Berggletscher. Gleichzeitig, so stellt der Dritte Sachstandsbericht fest, nimmt die Konzentration von treibhausrelevanten Spurengasen in der Atmosphäre kontinuierlich zu. Seit 1750 stieg die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre um 31 Prozent, die höchste Konzentration in den letzten rund 420.000 Jahren. Ursache für diesen Anstieg sind zum allergrößten Teil vom Menschen verursachte Emissionen — drei Viertel des anthropogenen CO, stammen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Aber auch die Konzentrationen der anderen wichti- gen Treibhausgase haben deutlich zugenommen; Distickstoffoxid stieg seit 1750 um 17 Prozent, Ozon um rund 30 Prozent, Methan gar um 151 Prozent. Die Konzentrationen vieler Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die sowohl die Ozonschicht zerstören als auch als Treibhausgas wirken (z.B. CFCl; und CF,Cl,) haben seit 1996 wegen der erfolgreichen Maßnahmen des „Montrealer Protokolls“ entweder abgenommen oder steigen kaum noch an. Problematisch ist freilich, dass die gleichen Maßnahmen Ersatzstoffe für FCKW fördern (z.B. PFCs und SF,), die selbst wiederum treibhauswirksam sind. Klimafolgen Eine Vielfalt von Untersuchungen im globalen wie auch im regionalen Maßstab zeigen, dass der Klimawandel in vollem Gange ist. Zu den unmittelbaren Veränderungen gehören die direkten Folgen der Erwärmung. In den Bergregionen tauen Gletscher ab, besonders drastisch im Himalaja. Dauerfrostböden (Permafrost) tauen auf, beson- ders in weiten Bereichen des eurasischen Kontinents. Flüsse frieren später zu und brechen früher auf. Dass diese Veränderungen auch auf Lebensräume und andere biologische Systeme Einfluss haben, ist unverkennbar. Gerade in den letzten Jahren wurden viele Beispiele dokumentiert für e eine Verschiebung von Ökosystemen sowie der Lebensräume bestimmter Tiere und Pflanzen in größere Höhen bzw. polwärts; die drastische Dezimierung einiger Tierpopulationen; das frühere Auftreten von Baumblüten; e das Auftauchen invasiver Insektenarten und ein verändertes Brutverhalten bei Vögeln. ZN
Es gibt keinen Bereich, der von diesen Veränderungen verschont bliebe. Biologische Systeme wandeln sich in terrestrischen ebenso wie in aquatischen und marinen Bereichen. Eine ursächliche Zuordnung zu den unmittelbaren Klimaänderungen ist in vielen Einzelfällen schwierig, da gleichzeitig weitere Belastungen wie Landnutzungsänderungen, Luftverschmutzung usw. die Umwelt beeinträchtigen. In der großen Mehrzahl der Fälle können derartige Reaktionen natürlicher Systeme jedoch klar dem allgemeinen Klimawandel zugeschrieben werden. Künftige Kimaänderungen Deutliche Fortschritte konstatiert IPCC seit dem Zweiten Sach- standsbericht bei den verfügbaren Klimamodellen. Bereits 2000 hatte der Ausschuss in einem Sonderbericht über Emissionsszenarien die Grundlagen für umfassende Untersuchungen künftiger Entwicklungen gelegt. Wichtigstes Ergebnis: Nach Berechnungen mit verbesserten Modellen muss bis zum Jahre 2100 mit einer Erwärmung der Atmosphäre zwischen 1,4 und 5,8 Grad Celsius gerechnet werden. Der Anstieg wird damit größer sein als bislang angenommen (Zweiter Sachstandsbericht: 1,0 bis 3,5 Grad). Grund hierfür ist vor allem, dass die Schwefeldioxid-Emissionen, die einen abkühlenden Effekt hervorrufen, niedriger als bisher geschätzt werden. Die Folgen dieser Erwärmung werden vielfältig sein. Bis zum Jahr 2100 wird mit einem Anstieg des Meeresspiegels von rund 10 bis 90 Zentimetern gerechnet, wobei neben einer Veränderung der globalen und regionalen Niederschlagsverteilung auch eine Zunahme meteoro- logischer Extremereignisse erwartet wird. Trockenperioden, höhere Spitzentemperaturen, mehr Starkniederschläge und weltweit weniger Frosttage werden verbunden sein mit Stürmen, Überschwemmungen und Dürren. Die nordatlantische, sog. „thermohaline“ Zirkulation hingegen, die sich im bekannten „Golfstrom“ manifestiert, wird sich in den nächsten Jahrzehnten zwar abschwächen, aber vor dem Jahre 2100 wohl kaum zum Versiegen kommen. Für Europa bedeutet dies, dass die direkte Erwärmung durch den Treibhauseffekt durch die in- direkte Abkühlung einer schwächeren Nordatlantikströmung kompensiert wird. Nach 2100 allerdings ist ein völliger Zusammenbruch der ozeanischen Strömung nach den neueren Modellen nicht völlig auszuschließen. 278
Extremereignisse Extremereignisse, so stellt der Dritte Sachstandsbericht fest, werden im 21. Jahrhundert zunehmen. Schäden Industrie und Infrastruktur müssen schwemmungen, Stürmen und in der Landwirtschaft, auf befürchtet werden, bei Über- Hitzeperioden droht unmittelbare Gefahr für menschliches Leben. Ernte- und Viehzuchtverluste, Wald- und Steppenbrände, erhöhte Mortalität von Wildbeständen, erhöhtes Überflutungsrisiko und schlechtere Wasserqualität gehen Hand in Hand. Die wichtigsten Gefährdungen sind in Tabelle I zusammengefasst. Wegen ihrer begrenzten Anpassungskapazität sind natürliche Systeme für Klimaänderungen meist besonders anfällig. Irreversible Schäden erwartet IPCC nicht nur bei Gletschern und Korallenriffen sondern auch bei Mangrovenwäldern, borealen und tropischen Wäldern, arktischen und alpinen Ökosystemen, Prärie-Feuchtgebieten, Graslandschaften und kritischen Zonen (hot spots) hoher biologischer Vielfalt. Wasserressourcen, Gesundheit, Ernährung In Mitleidenschaft gezogen werden jedoch auch viele vom Menschen geschaffene Einrichtungen. Land- und Forstwirtschaft sind ein offensichtliches Beispiel, auch Süßwasser-Ressourcen, Siedlungen und die menschliche Gesundheit werden bedroht sein. Beispiel Wasserverfügbarkeit: Drastische Änderungen der jährlichen Abflussmengen großer Flusssysteme sind vorprogrammiert. In den hohen geografischen Breiten und in Südostasien wird zwar ausreichend Wasser zur Verfügung stehen, in Zentralasien, Südafrika, im Mittelmeer-Gebiet sowie in Australien werden die Flüsse dagegen weit weniger Wasser führen. Die Klimaänderung verstärkt damit den in arıden und semiariden Gebieten bereits bestehenden Wassermangel. Die Zahl der derzeit unter Wassermangel leidenden Weltbevölke- tung von 1,7 Mrd. könnte sich demzufolge bis 2025 auf 5 Mrd. Menschen erhöhen. Aus der Zunahme von Starkniederschlagsereignissen resultiert darüber hinaus erhöhte Hochwassergefahr. Am anfäl- ligsten hierfür sind nicht nachhaltig oder überhaupt nicht bewirtschaftete Systeme ohne Schutz der Wasserressourcen und -qualität, also in den armen und ärmsten Regionen der Erde. 279
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Beispiel menschliche Gesundheit und Ernährung: Wasserverfügbarkeit, Wasserqualität und Nahrungsmittelversorgung sind hier die kritischen Faktoren. Gesundheitlich leiden werden Menschen durch größeren Hitzestress, höhere Luftfeuchtigkeiten und — an vielen Orten — durch stärkere Luftverschmutzung. Dies erhöht vor allem die Erkrankungshäufigkeit und die Sterberaten der älteren, vorgeschädigten, urbanen Bevölkerung und kann zu einer Verschiebung erhöhter Sterberaten vom Winter in den Sommer führen. Darüber hinaus wird sich das Risiko durch Infektionskrankheiten erhöhen. Wegen fehlenden Zugangs zu sauberem Trinkwasser und durch die Ausweitung der Verbreitungsgebiete bestimmter Erreger (Malaria, Denguefieber, Leishmaniosen, Hirnhautentzündung, Cholera, Diarrhöe) werden auch hier besonders die einkommensschwachen, hauptsächlich tropischen und subtropischen Staaten und deren Menschen am stärksten betroffen sein. Nicht zuletzt wird der Anstieg des Meeresspiegels teils gravierende Folgen haben. Siedlungen, Tourismus, Fischerei, technische Infrastruktur und nicht zuletzt landwirtschaftliches Kulturland werden in Mitleidenschaft gezogen. Besonders gefährdet sind die Korallenriffe mit ihrer hohen Artenvielfalt. Würden keinerlei Anpassungsmaßnahmen (wie der Bau von Deichen) getroffen bzw. getroffen werden können, so beliefen sich die Landverluste in diesem Jahrhundert in den Niederlanden auf 6 Prozent, in Bangladesch auf 16 Prozent, auf den Marshall-Inseln auf 80 Prozent. Viele andere kleine Inselgruppen würden vollständig im Meer versinken. Europäische Dimensionen Klimawandel also ein Problem ferner Länder? Nein, denn obgleich die schlimmsten Folgen tatsächlich in der Dritten Welt eintreten werden, so blickt auch Europa bei der globalen Erwärmung nicht auf rosige Zeiten. Beispiele: e Die Hälfte der Gletscher in den Alpen und große Dauerfrostgebiete im Norden Europas können verschwinden. e Die Gefahr von Fluss-Hochwassern wird in den meisten Teilen Europas steigen; in Küstenbereichen wird die Überschwemmungsgefahr, die Erosion und der Verlust von Feuchtgebieten merklich ansteigen. 282
® Negative Konsequenzen sind zu befürchten für Siedlungen, Industrie, Tourismus, Landwirtschaft und Naturschutzgebiete in Küstenzonen. ®e Die Anpassungsfähigkeit an Folgen der Klimaänderung sind in Europa für menschliche Einrichtungen generell hoch, Südeuropa und der arktische Norden sind aber verwundbarer als andere Teile des Kontinents. Technische und ökonomische Mafcnahmen Seit dem Zweiten Sachstandsbericht hat sich auch erhärtet, dass sich durch technische und organisatorische Maßnahmen sowie durch Veränderung der Verhaltensmuster die Folgen des Klimawandels signifi- kant vermindern lassen. Die Arbeitsgruppe III des IPCC hat sich intensiv mit den Möglichkeiten auseinandergesetzt, durch Drosselung der Ireibhausgas-Emissionen die globale Erwärmung wenn nicht zum Stillstand zu bringen, so doch erheblich zu bremsen. Allerdings sind hierfür rasche, weltweite und nachhaltige Anstrengungen, vor allem in den Industrieländern erforderlich. Technische Maßnahmen zur Emissionsminderung, besonders die rasche Steigerung der Energieeffizienz, ermöglichen nach den Angaben des IPCC im Zeitrahmen von 2010 bis 2020 eine Verminderung der globalen TreibhausgasEmissionen unter die Werte des Jahres 2000. Die Hälfte der erforderlichen Maßnahmen wird dabei als wirtschaftlich eingestuft, d.h. sie sind mit Kosteneinsparungen verbunden. Die andere Hälfte ist mit Kosten bis 100 US-Dollar pro Tonne CO,-Äquivalent erreichbar. Art, Umfang, zeitlicher Einsatz und Kosten von Minderungsmaßnahmen hängen einerseits von sozioökonomischen und technologischen Entwicklungen, andererseits vom angestrebten Stabilisierungsniveau der Treibhausgas-Konzentrationen ab. Die Frage, welche dieser Konzentrationen in der Atmosphäre und damit welche globale Erwärmung bestenfalls akzeptabel sind, kann nur politisch entschieden werden. Kosten-Wirksamkeits-Studien zur Stabilisierung der Treibhausgas-Emissionen über einen Zeitraum von 100 Jahren zeigen einen moderaten Anstieg der Kosten bei Zielkonzentrationen für Koh- lendioxid in der Atmosphäre zwischen 750 bis 550 ppmv und einen drastischen Kostenanstieg zwischen 550 und 450 ppmv. Klar ist jedoch, dass die derzeit von vielen diskutierten 500 bis 550 ppm zu erreichen wären. 283
Modellrechnungen zeigen für die industrialisiertren Länder, dass durch die Einhaltung der Emissionsbegrenzungen des KyotoProtokolls Einbußen an Bruttosozialprodukt in einer Bandbreite von 0,2 bis 2 Prozent im Jahr 2010 entstehen können. Diese Einbußen können durch internationalen Emissionshandel allerdings halbiert werden. Bei der Mehrzahl der Modellrechnungen liegen die Einbußen an Bruttosozialprodukt unter 1 Prozent. Für die meisten Transformationsländer (Mittelost- und Osteuropa) dürften die Kosten zur Realisierung der Kyoto-Verpflichtungen wegen der hohen Energieeffizienzpotenziale und der Möglichkeiten des Emissionshandels sogar bei Null sein. Eines jedoch macht der IPCC-Bericht unmissverständlich klar: Nur ein Ansatz, der ein ganzes Instrumentenbündel zum Einsatz bringt, kann letztlich zum Erfolg führen. Außerdem muss Klimaschutzpolitik in andere Politikfelder integriert werden, um die Ziele zu erreichen. Frühzeitiges Handeln, so der Dritte Sachstandsbericht, erhöhe dabei die Flexibilität. Wegen des Zusammenhangs zwischen Umweltwirksamkeit, Kostenwirksamkeit und Gerechtigkeit von internationalen Vereinbarungen sollten Klimaschutzregime so gestaltet werden, dass Effizienz und weltweite Gerechtigkeit gleichzeitig erhöht werden. Rasches und entschlossenes Handeln gefordert Die Zusammenfassung des IPCC zeigt: Globaler Klimawandel und seine Folgen lassen sich durch rasches und entschlossenes Handeln mit vertretbarem Aufwand bremsen. Nur umfassende Maßnahmenbündel und die Integration des Klimaschutzes in andere Politikfelder bilden Ansätze für eine effiziente Bekämpfung der Klimaveränderungen. Dazu gehört insbesondere, dass sich die internationale Gemeinschaft endlich auf erste, gemeinsame Schritte gegen die Erderwärmung einigt. Weiteres Zögern, besonders bei der Ausgestaltung und Umsetzung der bestehenden internationalen Übereinkommen, kann den Klimapolitikprozess und damit den Kampf gegen die Klimafolgen um viele Jahre zurückwerfen.
ANHANG Umweltinstitutionen Energiestiftung Schleswig-Holstein (Selbstdarstellung) Die Energiestiftung Schleswig-Holstein wurde Ende 1993 gegründet und versteht sich als unabhängige Sitftung zwischen Wirtschaft und Staat. Mit den Erträgen aus dem Stiftungsvermögen unterstützt sie durch ihre eigene Tätigkeit und die Förderung entsprechender Maßnahmen Fortschritte auf dem Gebiet des Klimaschutzes. Stiftungszweck ist die Erforschung, Entwicklung und Verbreitung von Wissen über den Klimaschutz in den Bereichen Energienutzung, Energieumwandlung und erneuerbare Energien. Die Stiftung fördert soziale, wirtschaftliche, rechtliche sowie organisatorische Maßnahmen zur Anwendung von Techniken, die dem Klimaschutz dienen. Dabei agiert sie überwiegend operativ, entwickelt ihre Arbeitsbereiche und bereitet Projekte selbst vor. Die aktuellen Arbeitsbereiche umfassen die Förderung von Pilot- und Demonstrationsvorhaben, Markteinführungs- und Transformationsprogramme, Energieberatung, Kooperation in der Ostseeregion, Finanzierung von Stif- tungsprofessuren und Stipendien sowie Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen. Mit Hilfe der im Rahmen des neuen Arbeitsbereichs „Markttransformation“ angesiedelten Stand-by-Kampagne fokussiert die Stiftung ihre Aktivitäten verstärkt auf den Verbraucher. Durch ihre Unabhängigkeit von öffentlichen Haushaltszwängen kann die Energiestiftung solche Ziele längerfristig verfolgen. Sie ist dabei in der Lage, theoretisch sinnvolle Maßnahmen zu entwickeln und an deren praktischer Umsetzung zu arbeiten. Inzwischen ist die Energiestiftung ein wichtiger Akteur in den vielfältigen Netzwerken des Klimaschutzes in Schleswig-Holstein und darüber hinaus und wirkt daran mit, die Potenziale lokalen und regionalen Handelns mit den Anforderungen des Wettbewerbs zu verknüpfen, um eine nachhaltige Entwicklung zu sichern. Adresse: Energiestiftung Schleswig-Holstein, Dänische Straße 3-9, D-24103 Kiel; Tel.: 0431/9805 600; Fax: 0431/9805 699; e-mail: info@essh.de; Internet: www.energiestiftung.de 285
Forschungsgruppe Energierecht (Selbstdarstellung) In kaum einem anderen Rechtsgebiet - wenn man vom Recht der Neuen Medien absieht — vollziehen sich so rasche Veränderungen, ist der Klärungsbedarf bei konkreten Einzelfragen wie auch bei grundsätzlichen, übergreifenden Problemstellungen so groß wie im Energierecht. Betroffen ist sowohl die internationale wie die nationale Ebene, und zusätzliche Probleme ergeben sich besonders durch das Zusammenspiel zwischen europäischem und deutschem Energierecht. Die Forschungsgruppe Energierecht versucht auf vielfältige Weise, Aktivi- täten auf dem Gebiet des Energierechts zusammenführen. Sie will einen Beitrag zur Verankerung und weiteren Ausbildung des Rechtsgebietes Energierecht leisten und den interdisziplinären Diskurs fördern. Sie will ein Forum bilden, das es ermöglicht, energierechtliche Probleme zu sammeln, zu bündeln, den jeweiligen Kern herauszuschälen und Antworten zu finden, die gleichermaßen für Theorie und Praxis bedeutsam und folgenreich sind. Zugleich will sie einen aktiven Beitrag zur energierechtspolitischen Diskussion liefern, indem sie ihr Augenmerk auf zentrale Bereiche lenkt, die hier dis- kutiert werden. Dabei geht es ganz besonders um die instrumentelle Weiterentwicklung bzw. die rechtliche Durchdringung neuartiger Instrumente. Die Forschungsgruppe Energierecht will schließlich einen Beitrag zur Klä- rung aktueller energierechtlicher Fragen leisten. Genannt seien nur die Umsetzung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, die Offshore-Problematik, die Folgen des Atomkonsenses und die Umsetzung der Gas-Richtlinie. Die eben formulierten Ziele lassen sich vermutlich nicht alle gleichzeitig verwirklichen; zudem muss jederzeit flexibel auf konkrete Anforderungen von außen reagiert werden können. Die Forschungsgruppe Energierecht ist auf kontinuierliche Erweiterung angelegt. Sie bemüht sich um Kooperationspartner im inner- und außeruniversitären Bereich. Besonderer Wert wird dabei auf die Entfaltung des interdisziplinären Ansatzes und auf den Austausch mit Einrichtungen in anderen europäischen Ländern gelegt. Die Forschungsgruppe Energierecht wurde im Jahre 2000 gegründet und umfasst derzeit elf Mitglieder. Adresse: Forschungsgruppe Energierecht, c/o Professur für Öffentliches Recht, insbesondere Umweltrecht, Scharnhorststr. 1, D-21335 Lüneburg; Tel. 04131/78-2456; Fax: 04131/78-2455; e-mail: webmaster@fg-energierecht.de 286
International Council for Local Environmental Initiatives (ICLED (Selbstdarstellung) Vorgeschlagen vom Internationalen Rat für Kommunale Umweltinitiativen ([CLED), fand das Mandat zur Lokalen AGENDA 21 Eingang in das Kommunalkapitel 28 der AGENDA 21 von Rio de Janeiro 1992. Seitdem fördert und inspiriert ICLEI eine Städtebewegung für nachhaltige Entwicklung in allen Erdteilen. Für Johannesburg 2002 („Rio+10“) koordiniert ICLEI den internationalen kommunalen Vorbereitungsprozess, der eine weltweite Erhebung zur Lokalen AGENDA 21 einschließt, sowie Tagungen zu den längerfristigen Heraus- forderungen an die Kommunen. In Europa hat ICLEI die europäische Kampagne zukunftsbeständige Städte und Gemeinden mit begründet. Die „Charta von Aalborg“ wurde von mehr als tausend Kommunen unterzeichnet. Der „Europäische Runde Tisch für Lokale AGENDA 21” bringt die Beteiligten am LA21-Prozess und nationalen LA21-Kampagnen zu strategischen Diskussionen zusammen. Weitere Programme und Kampagnen von ICLEI widmen sich dem Trinkwassermanagement, der umweltfreundlichen Beschaffung sowie der Weiterentwicklung des Instrumentariums kommunaler Umweltplanung. Als Internationale Umweltagentur der Kommunen gibt ICLEI Informationsdienste heraus, organisiert Schulungen und Tagungen und bietet Bera- tung an. Mitglieder nutzen ICLEIs Informationsbriefe, Handbücher, Studien und „best practice”-Fallstudien. ICLEIs Internationale Akademie organisiert die Fortbildung von und den Erfahrungsaustausch zwischen kommunalen Entscheidungsträgern. ICLEIExperten beraten Kommunen bei der Planung von Programmen zur nachhaltigen Entwicklung und geben fachliche Unterstützung bei der Entwicklung von Umweltmanagementsystemen. ICLEI pflegt Partnerschaften mit internationalen Organisationen, wissen- schaftlichen Einrichtungen und Verbänden, die für nachhaltige Entwicklung eintreten. Bisher haben sich 370 Städte, Gemeinden und Kreise dem Internationalen Rat als Mitglied angeschlossen. Metropolen wie Bangkok, Tokio, Santiago, Säo Paulo, Los Angeles oder Berlin sind ebenso dabei wie Mittel- und Klein- städte aus 62 Ländern der Erde. ICLEIs Mitglieder repräsentieren rund 300 Millionen Menschen. Adresse: ICLEI — Europasekretariat, Eschholzstrasse 86, D-79115 Freiburg; Tel.: 0761/36892 0; Fax: 0761/36892 19; e-mail: iclei-europe@iclei-europe.org; Internet: www.iclei.org 287
Umwelt im Internet Internationale Organisationen Verbände Ecological Indicators Website www.ecologicalindicators.org Bundesdeutscher Arbeitskreis umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) www.baumev.de Europäische Umweltagentur (EEA) www.eea.ea.int Europäische Union (EU) www.europa.eu.int Umweltforum Europa www.mut-online.de United Nations Environment Programme (UNEP) www.unep.org United Nations Framework Convention on Climate Change www.unfcec.de Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) www.bund.de Bundesverband für artgerechten Naturund Artenschutz www.bna-ev.de Deutsche Gesellschaft für Umwelterziehung www.umwelterziehung.de Deutscher Naturschutzring (DNR) www.dnr.de United Nations — Sustainable Development Earth First www.un.org/esa/sustdev Fachagentur nachwachsende Rohstoffe www.dainet.de/fnr/homefnr.htm Nationale Organisationen Bundesamt für Naturschutz (BfN) www.bfn.de Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) www.bmu.de www.earthfirst.org Fachverband Betriebs- und Regenwassernutzung www.home.t-online.de/home/fbrev Future www.future-ev.de Greenpeace Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) www.dbu.de www.greenpeace.de Deutsche Umweltstiftung www.grueneliga.de Grüne Liga www.deutscheumweltstiftung.de Grüner Punkt Naturdetektive, Bundesamt für Naturschutz www.naturdetektive.de www.gruener-punkt.de Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (SRU) www.umweltrat.de Umweltbundesamt (UBA) www.umweltbundesamt.de Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) www.wbgu.de 288 NaturFreundejugend www.naturfreundejugend.de Naturschutzbund Deutschland (NABU) www.nabu.de Regenwald www.umwelt/org/regenwald Robin Wood www.umwelt/org/robinwood.de Sonnenenergie www.solarfoerderung.de
Tierversuchsgegner www.tierschutz.de Eco Net www.igc.org/igc/econet World Wildlife Fund for Nature (WWF) Envirolink www.envirolink.de www.wwf.de Institute Ecologic www.ecologic.de Hoffnungspreisträger Christoph Schneider www.umweltschutzweb.de Forschungsstelle für Umweltpolitik (FFU) Informationsdienst Umwelt für die Wirtschaft www.u-punkt.de www.fu-berlin.de/ffu International Corporate Environmental ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung www.enviroreporting.com www.ifeu.de Jahrbuch Ökologie Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung www.ioew.de www.jahrbuch-oekologie.de Reporting Lokale Umweltinfo www.lokale.umweltinfo.de Institut für sozial-ökologische Forschung Nicht immer alles wegwerfen — (ISOE) www.isoe.de Anzeige aufgeben Öko-Institut e.V. Solarunternehmen www.solarunternehmen.de www.oeko-institut.org/indexb.html Potsdam-Institut für Kimafolgenforschung www.alles-und-umsonst.de SOS Arche 2000 www.sos-arche2000.de www.pik-potsdam.de Stiftung Ökologie &Landbau Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen www.jungk-bibliothek www.soel.de UfU-Institut für Umweltfragen www.ufu.de Wissenschafiszentrum Berlin (WZB) www.wz-berlin.de Umweltadressen im Internet www.umweltadressen.de Umweliforum Europa www.mut-online.de Umweltgesetze und -verordnungen Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, www.juris.de Umweltinformation www.unep.de Umweltmanagement-Internet-Service Energie www.umis.de World Resources Institute www.igc.apc.org/wri www.wuppertal-institut.de Weitere Internetseiten Blauer Engel www.blauer-engel.de Deutsche Stiftung Weltbevölkerung www.dsw-online.de Doktorandennetzwerk Öko-Audit www.doktoranden-netzwerk.de Earthlink-Netzwerk für Mensch und Natur www.earthlink.de Umweltmanagement unter einem Dach www.umweltdatenbank.de Umweltpreise www.umweltpreis.de Umweltstatistik www.,statistik-bund.de Windkraft www.windkraft.de
Abkürzungsverzeichnis AGENDA 21 AGÖL BSE CJD CO, CSD Weltweites Aktionsprogramm der Vereinten Nationen Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau Bovine Spongiforme Enzephalopathie (dt.: Gehirnerkrankung bei Rindern) Creutzfeldt-Jakob-Krankheit Kohlendioxid Kommission für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft ECOSOC EU Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen GAIA GEF GEO (nach griechischer Sage) die „Urmutter Erde“ Global Environment Facility (dt.: Globale Umweltfazilität) Europäische Union Global Environment Organization (dt.: Globale Umweltorganisation) G77 Gruppe 77 der Entwicklungsländer ICLEI International Council for Local Environmental Initiatives ICE Intergovernmental Panel on Climate Change (dt.: Zwischenstaatlicher Ausschuss über Klimaänderungen) NRO Nichtregierungsorganisation ODA OECD Öffentliche Entwicklungshilfe Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwick- lung OBEE ÖPNV Organisation erdölexportierender Länder Öffentlicher Personennahverkehr Rio bzw. UNCED Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung, SRU Rat von Sachverständigen für Umweltfragen UBA UN UNEP Vereinte Nationen 1992 Umweltbundesamt United Nations Environment Programme (dt.: Umweltprogramm der Vereinten Nationen) WBGU Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WEDO World WTO Weltumwelt- und Entwicklungsorganisation) World Trade Organization (dt.: Welthandelsorganisation) 290 Environment and Development Organization (dt.:
Autorinnen und Autoren des Bandes Günter Altner, geb. 1936; Dr. in Biologie und Theologie; bis 2000 Professur für evan- gelische Theologie an der Universität Koblenz; Mitherausgeber des JAHRBUCH OKOLOGIE. Susanne Bergius, geb. 1963; Dipl.-Geografin; seit 1990 Benelux-Korrespondentin des Handelsblatts in Brüssel. Willi Bierter, geb. 1940; Dr. phil.; Direktor des Instituts für Produktdauer-Forschung, Genf/ Giebenach/ Hamburg und Mitglied des Factor 10 Innovation Network. Hanns-Georg Brose, geb. 1945; Dr. phil.; Professor für Soziologie an der GerhardMercator-Universität Duisburg. Jann Carstensen, geb. 1961; Angestellter der Stadt Wyk auf Föhr. Michael Emmrich, geb. 1959; Dr. phil.; Redakteur der Frankfurter Rundschau. Claudia Empacher, geb. 1969; Dipl. oec.; Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt am Main; Forschungsschwerpunkt „Nachhaltige Produktions- und Konsummuster“. Ute Evers, geb. 1956; Dr. rer. nat.; freie Autorin mit dem Schwerpunkt Umwelt; bis 1993 Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Max-Planck-Gruppe für Ribosomenstruktur am DESY, Hamburg. Franz-Theo Gottwald, geb. 1955; Dr. phil.; Vorstand der Schweisfurth-Stiftung, München. Christine Henseling, geb. 1972; Soziologin (M.A.); Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Produkte und Stoffströme des Öko-Institut e.V., Freiburg i.Br. Karl Otto Henseling, geb. 1945; Dr. Ing.; Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Umwelt- bundesamt Berlin. Hans Werner Ingensiep, geb. 1953; Dr. rer. nat. habil. phil.; Hochschuldozent für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Essen. Thomas Knopf, geb. 1966; Dr. phil.; Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Urund Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen. Harald Kohl, geb. 1963; Dr. rer. nat.; Physiker; Referent im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Bereich Internationale Zusammenarbeit; deutscher National Focal Point für den IPCC. Norbert Kopytziok, geb. 1954; Dr. Ing. habil.; Umweltwissenschaftler mit dem Arbeits- schwerpunkt Ökologische Stoff- und Abfallwirtschaft, Osnabrück. Ulrike Kronfeld-Goharani, geb. 1956; Dr. rer. nat; Ozeanografin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schleswig-Holsteinischen Institut für Friedensforschung (SCHIFF) der Universität Kiel. Renate Künast, geb. 1955; Rechtsanwältin; Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Günter Kunert, geb. 1929; freier Schriftsteller; lebt in Schleswig-Holstein. Heike Leitschuh-Fecht, geb. 1958; Umwelt- und Wirtschaftsjournalistin; Beraterin mit dem Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung, nehmensentwicklung und Lokale Agenda 21. insbesondere zukunftsfähige Unter- 291
Barbara Mettler-von Meibom, geb. 1947; Dr. phil.; Professorin für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Kommunikation und Medien an der Universität Essen; Mitherausgeberin des JAHRBUCH ÖKOLOGIE. Klaus Michael Meyer-Abich, geb. 1936; Dr. phil.; Professor für Nase der Universität Essen. an Werner Möhring-Hüser, geb. 1961; Dr. Ing. Elektrotechnik; Wissenschaftlicher Mitar- beiter bei der Energiestiftung Schleswig-Holstein in Kiel. Michael Müller, geb. 1948; MdB, Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion; Bundesvorsitzender der NaturFreunde und Mitglied im Präsidium des Deutschen Naturschutzrings. Götz Neuneck, geb. 1954; Dr. rer. nat.; Physiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Benno Pilardeaux, geb.1963; Dr. rer. nat.; Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Geschäftsstelle Berlin. Iris Radisch, geb. 1959; Studium der Germanistik, Philosophie und Romanistik; Re- dakteurin im Ressort Feuilleton und Literatur der ZEIT; Gastprofessuren in St.Louis und Göttingen. Barbara Schäfer, geb. 1964; Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft; von 1993-1996 Mitarbeiterin des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen, von 1996-1999 Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesumweltamtes; seither Referentin am Bundesumweltministerium. Irmgard Schultz, geb. 1949; Dr. phil.; Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Mit- begründerin des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main; Koordinatorin des Forschungsbereichs „Alltagsökologie und Stoffströme“. Nina Schwarz, geb. 1979; Studium der Umweltwissenschaften an der Universität Lü- neburg, Arbeitsschwerpunkte Indikatoren einer nachhaltigen Entwicklung sowie regenerative Energien. Udo E. Simonis, geb. 1937; Dr. sc. pol.; Professor für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin; Präsident der World Society for Ekistics; Mitherausgeber und Redakteur des JAHRBUCH ÖKOLOGIE. Gerd Sonnleitner, geb. 1948; bewirtschaftet einen 100-Hektar-Veredlungsbetrieb in Ruhstrof im Landkreis Passau; seit 1997 Präsident des Deutschen Bauernverbandes, seit 2001 Präsident des Europäischen Bauernverbandes. Petra Stephan, geb. 1960; Studium der Biologie, Ökologie und Sozialwissenschaften; langjährige Mitarbeiterin am Institut für Entwicklung und Frieden, seit 2001 Gutachterin mit den Schwerpunkten freie Nachhaltige Entwicklung in Nord und Süd; internationale Umweltpolitik. Klaus Wortmann, geb. 1959; Dr.phil.; Diplom-Psychologe; Leiter der Arbeitsbereiche Stiftungsforschung und Markttransformation bei der Energiestiftung SchleswigHolstein in Kiel. Michael Zschiesche, geb. 1964; Dipl.-Ökonom und Jurist; Vorstandssprecher des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen (UfU) e.V., Berlin, Halle.
Gesamtregister 1992-2002 Agenda 21 Agenda 21-Prozesse an Hochschulen 2001, 158 Aufbruch 21: Ökologie und Demokratie 2000, 180 Ökologie und die Zukunft der Stadt 1999, 37 Wege zur Nachhaltigkeit: Das Ulmer Netzwerk 1999, 48 Zukunftsfähige Städte und Gemeinden in Europa 1999, 63 Arbeit Gedanken über die Zukunft der Arbeit 1995, 11 Gewerkschaften und Umwelt 1992, 344 Neue Arbeitszeitmodelle 1996, 269 Bauen Blockheizkraftwerk im Nahwärmeverbund 2001, 257 Mietwohnungsbau und Ökologie 1998, 238 Solarhaus und Solarsiedlung 1996, 277 Vom konventionellen zum ökologischen Bebauungsplan 1993, 237 Biologische Vielfalt Die Biodiversitätskonvention 1998, 82 Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EG 1994, 72 Die Wiederaufforstungsidee 1998, 116 Eine „Arche Noah“ für tierische Randgruppen 1994, 263 Fortschritte im internationalen Artenschutz 1996, 207 Gutes Geld für grünes Gold? 1998, 94 Landwirtschaft und Schutz der biologischen Vielfalt 1998, 106 Regionale Flora 2000, 232 Strategien zum Schutz der Artenvielfalt 1994, 37 Bodenschutz Ein Aufruf zum Bodenschutz 2001, 261 Flächen- und Bodenverbrauch stoppen 2000, 137 Mutter Erde -Boden als Lebenselement 2000, 128 Plädoyer für eine internationale Bodenkonvention 2000, 151 Von der Wüstenkonvention zum globalen Bodenschutz 2001, 225 Wüstenkonvention - erste Schritte 2000, 146 Chemiediskurs Beschäftigten-Initiativen in einem Chemiebetrieb 1992, 335 Chemieindustrie in den neuen Bundesländern 1993, 63 Perspektiven für die Chlorchemie 1994, 120 Szenarien einer Chemiewende 1993, 32 Zum Stand der chemiepolitischen Diskussion 1992, 187 293
Dorf- und Stadterneuerung Ein naturnaher Garten 1998, 227 Gemeinde-Ökopfad Bordesholm 1996, 300 Horno/Lausitz: Kampf gegen Abbaggerung 2000, 273 Mölbis/Leipzig: Zwischen Enttäuschung und Hoffnung 1993, 243 Natürliche Dörfer in Österreich 1992, 313 Ökologischer Stadtumbau: Projekt Leipziger Ostraum 1995, 255 Wulkow/Brandenburg: Wie sich ein Dorf ökologisch erneuert 1993, 84 Energiepolitik Der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie 2001, 276 Der Castor kommt 1999, 272 Der Sonnenenergie zum Durchbruch verhelfen 1997, 11 Die Stand-by-Kampagne der Energiestiftung Schleswig-Holstein 2002, 242 Ein Holzheizwerk in Bordesholm 1999, 248 Energiebedingte Umweltbelastungin der ehemaligen DDR 1993, 54 Energiekonsens — aber wie? 1996, 27 Energiepolitik: Über Ausstieg und Einstieg 2001, 54 Energiepolitik in Dänemark 1995, 269 Energiesparen an Schulen 2001, 168 Energisch Energie Sparen 1997, 243 Grüner Strom 2001, 250 Kontroversen um die Windenergie 1999, 252 Negawatt statt Megawatt: Energiesparlampen-Aktion 1992, 174 Per Vertrag zum Energiesparen — Niederländer sind Vorreiter 2002, 250 Photovoltaik - Technik der Zukunft 1994, 292 Solarzeitalter - Die neue Energie-Ökonomie 2001, 196 Weltweiter Atomausstieg und Klimaschutz 2001, 183 Windenergie - im Rahmen bleiben 2000, 175 Windenergie in Schleswig-Holstein 1992, 352 Zur Geschichte der Windenergienutzung 1998, 190 Erdgipfel Anforderungen an Konferenz Umwelt und Entwicklung 1992, 162 Die Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung 1993, 279 Ein Quantensprung in der internationalen Umweltpolitik? 2002, 77 „Erdgipfel 2002“: Eine Einschätzung des Erreichbaren 2002, 83 Nachhaltige Entwicklung: Rolle der öffentlichen Hände 1993, 120 Nachhaltigkeit der Entwicklung in Nord und Süd 1993, 102 Oligarchische oder demokratische Lebensstandards 1993, 91 Rio + 10. Der Count-down läuft 2002, 64 Wohlhabende Saubermänner — arme Schmutzfinken 1993, 113 Erdmanagement Globales Umweltmanagement 1999, 168 Über die Machbarkeit globalen Managements 1999, 187 Weltsteuerung in der Ökologie? 1999, 199 294
Ernährung Bio-Kost im Kommen 1993, 228 Eine Akademie lernt, umweltverträglich zu arbeiten 1993, 263 Nachhaltige Landwirtschaft, neue Ernährungskultur? 2002, 11 Natürliche Nahrung 1995, 55 Rio, Rom und Rote Bete 2000, 237 Was alles als „natürlich“ bezeichnet werden darf 1995, 76 Erziehung Arbeit, Bildung und Umwelt 2001, 174 Bildungspolitik für eine umweltgerechte Entwicklung 1995, 100 Die Schule als sinnvolle Arbeit 1995, 107 Gedanken zum Sinn ökologischer Bildungsarbeit 1995, 113 Ideen für ein fachübergreifendes Curriculum 1995, 245 Internationale Projekte der Umwelterziehung 1995, 250 Klimabildung - ein neues Handlungsfeld 1997, 256 Ökologische Schulen in Rheinland-Pfalz 1997, 267 Ökologischer Humanismus 2001, 149 Umwelterziehung war erst der Anfang 1995, 94 Was ist Umwelterziehung? 1995, 85 Europa Erweiterung der Europäischen Union und der Umweltsektor 2001, 170 Chancen der Internationalisierung der Umweltpolitik 1992, 223 Europäischer Binnenmarkt: Güterverkehr 1992, 233 Fünftes Umweltaktionsprogramm der Europäischen Union 1996, 218 Osterweiterung und Flexibilisierung der Umweltpolitik 2001, 106 Polen und die Europäische Union 2001, 95 Über Normen und Bananen 1997, 286 Umweltstandards für Mittel- und Osteuropa 2001, 81 Forschung Der offene Prozess der Natur 1993, 9 Entdeckung der ubiquitären Dioxin-Verbreitung 1993, 215 Rachel Carson und Sherwood F. Rowland 1997, 217 Syndrom- oder Motoransatz der Forschung? 1999, 158 Umweltforschung in den Niederlanden 1997, 295 Frauen Die Gestaltungsmacht von (Haus-)Frauen 1999, 74 Frauen als umweltbewusste Konsumentinnen 1999, 68 Ökologie als gelebte Praxis: Das Beispiel Indien 1999, 83 Gentechnik Die Umweltbewussten und die Gentechnik 1994, 231 Gentechnik in der Medizin 1998, 138 Gentechnik: Unerledigte Hausaufgaben 1993, 21 Gesundheit und gentechnisch veränderte Lebensmittel 1995, 67 Grüne Gentechnik und Umwelt 2002, 260 Keine Notwendigkeit für Gentechnik 1994, 240 295
Maßlose Wissenschaft 2002, 110 Ressource Mensch. Über biotechnischen Fortschritt 2002, 104 Warnung vor der Überschreitung von Grenzen 1994, 246 Was ist Leben? Grundfragen der Biophilosophie 2002, 92 Golfkrieg Auswirkungen der Ölbrände in Kuwait auf das Klima 1992, 91 Der Golfkrieg: Krieg gegen die Umwelt 1992, 78 Kuwait nach dem Golfkrieg: Das ökologische Desaster 1992, 103 Kinder Der Kindergipfel in Frankfurt: Vertrag und Forderungen 1993, 283 Ein Waldspaziergang mit „Teenies“ 1997, 76 Größte Gefahr für unsere Kleinsten 1997, 56 Hilfe für Kinder aus Tschernobyl 1998, 207 Kinder entdecken die Sonnenenergie 1998, 215 Kinder erforschen Natur 2001, 233 Kinder in der Umwelt-Werbung 1997, 66 Kinderangst als Zukunftssicherheit 1994, 21 Was Kinder über Umwelt denken 1997, 47 Klimapolitik Berliner Klimakonferenz — wie weiter? 1996, 43 Die CO>-Crime-Story 1994, 308 Die Dominanz der USA im Kyoto-Protokoll 2001, 207 Eine Chronologie der Klimadebatte in Deutschland 1994, 252 „Joint Implementation“ 1996, 212 Klimakonferenz von Kyoto 1998, 52 Klimakonvention: Konflikt zwischen Nord und Süd 1992, 138 Klimaschutz — die Wette 2000, 221 Öko-Kolonialismus — auch durch Veränderung des Klimas 1992, 25 Soziales Marketing für den Klimaschutz 1996, 285 Umweltverbände in der Klimapolitik 1999, 240 UV-Strahlung: Ein weiteres globales Umweltproblem 1993, 127 Vorbereitung einer globalen Klimakonvention 1992, 130 Zum Dritten Sachstandsbericht des IPCC 2002, 275 Landschaft Geotopschutz — Die neue Aufgabe im Landschaftsschutz 2001, 264 Gestaltete Landschaft — Beispiele aus Holland 1996, 128 Landschaftsästhetische Bewertung 1996, 120 Landschaftswandel über die Jahrhunderte 1996, 101 Landschaftszerstörung durch Windenergie 2000, 159 Schöne Landschaften 1996, 136 Störfälle, Havarien und Umweltunfälle in der DDR 2002, 235 Landwirtschaft Bauern: Die Letzten von gestern — die Ersten von morgen? 1995, 48 Die Vegetarier jubeln 1997, 329 296
Doppelt gut: Für die Bauern und für die Natur 2002, 29 Eine Erklärung von Agrarökonomien 2002, 37 Für eine neue Agrarpolitik: Kasseler Erklärung 2002, 41 Hermannsdorfer Werkstätten 2000, 226 Landwirtschaft und Gesundheit 1997, 326 Landwirtschaft und Wasser 1995, 139 Lebensmittel aus ökologischem Anbau 1995, 60 Massentierhaltung auf der Anklagebank 1997, 31 Neue Agrarpolitik — Ökologischer Landbau 2002, 22 Rinder- oder Behördenwahn: Der Fall BSE 1998, 273 Scheinheiliges Mitleid mit den Kühen 2002, 47 Lebensweisen Altersvorsorge als Mittel des Umweltschutzes 2001, 272 Die Außen- und die Innenweltverschmutzung 1992, 373 Eine Hutterische Bruderhof-Gemeinschaft 1994, 297 Nachhaltige Konsumstile - Neue Erkenntnisse 2002, 199 Nachhaltige Lebensstile - Konkrete Utopien 1997, 103 Ortsqualität oder: Der Traum vom guten Leben 2002, 148 „Schlaraffenland“ — Alte Märchen und neue Wirklichkeit 1998, 31 Sesshaftigkeit - Ein Zukunftsprojekt 2002, 137 Sieben „Wunder“ der Nachhaltigkeit 1996, 309 Umwelt in Schleswig-Holstein 1997, 113 Umweltverträgliche Lebensstile 1997, 83 Wann ändern Menschen ihr Verhalten? 1996, 11 Warum Menschen ihr Verhalten nicht ändern! 1998, 21 Wieviel Mensch erträgt die Erde? 1996, 247 Zeit-Kulturen im Umbruch 2002, 123 Medien 15jähriger Schüler erhält Hoffnungspreis 2002, 268 Kein Ökotopia auf der Datenautobahn 1997, 209 Mit neuen Medien zur Umweltbelastung 1997, 200 Mit neuen Medien zur Umweltentlastung 1997, 188 Multimediatechnik bei Genehmigungsverfahren 1998, 248 Nachhaltigkeit — ein Kommunikationsproblem 2000, 268 Umwelt im Internet 2002, 288 Medizin Angewandte Umweltmedizin — klinische Ökologie 1998, 150 Das Beispiel Humaninsulin 1998, 138 Eine nicht erkannte Nahrungsmittel-Allergie 1992, 203 Gesundheit braucht neues Denken 2002, 113 Hormonelle Sabotage der Fortpflanzung 1998, 158 Ich bin ein Umwelt-Indikator 1992, 216 Natur und Mensch bei Paracelsus 1994, 303 Resolution gegen Klonierung des Menschen 1998, 271 Umweltmedizin in Deutschland 1998, 126 29T.
Mülldiskurs Abfall als Indikator von Nachhaltigkeit 2002, 188 Das bessere Müllkonzept: Einfälle gegen Abfälle 1992, 255 Der „Grüne Punkt“ — wie die Made im Abfall 1995, 280 Die Mülldebatte und das Prinzip Verantwortung 1992, 242 Die „umweltfreundliche“ Einkaufsstraße 1997, 251 Gedanken zum Begriff „Abfall“ 1994, 78 SERO - Recycling & la DDR 1992, 266 Zehn Jahre „Föhrer Dosenschwur“ 2002, 255 Naturwahrnehmung — Naturschutz „Akupunktur der Erde“ 1996, 304 Bodenschutz international auf dem Vormarsch 1999, 143 Die Begriffe Natur und Umwelt 1998, 265 Natur und Naturbedrohung bei Günter Grass 2001, 16 Naturschutz durch ökologische Landnutzung 1994, 48 Teichbau: Erfahrungsfeld ökologischer Bildung 1992, 329 Thüringens Altlast Nr. 1 1995, 285 Umweltschutz in der DDR 1997, 310 Wer rettet die Wahner Heide? 1993, 191 Zukunftssicherung der Natur 1999, 225 Ökologische Ökonomie Analytische Grundlagen einer ökologischen Ökonomie 1995, 162 Gibt es überhaupt eine ökologische Produktion? 1995, 199 Mit Produktbilanzen zum ökologischen Produkt 1995, 213 Ökologische Ökonomie: Konzept, Fragen, Folgerungen 1995, 147 Ökologische Produkte — Eine Notwendigkeit 1995, 205 Ökologische Produktion ist möglich, aber schwierig 1995, 222 Umweltmoral oder Umweltökonomie 1999, 11 Ökologische Prinzipien Deklaration der Menschenpflichten 1999, 22 Elf Gebote für eine lebenswerte Zukunft 1992, 371 In memoriam Donella Meadows 2002, 269 Ökologie der Zeit 1996, 18 Ökologische Selbstverpflichtung 1992, 363 Prinzipien ökologischen Überlebens 1992, 47 Pro- und post-materielle Werthaltungen 1995, 186 Zehn Jahre JAHRBUCH ÖKOLOGIE 2001, 9 Zwischen Natur und Kultur 2002, 56 Osteuropa Die schleichende Verseuchung der Arktischen Region 2002, 212 Konversion der Rüstungsforschung — Nur in der GUS? 1993, 153 Ökologie in Osteuropa: Erste Bilanz und Perspektiven 1993, 41 Zehn Lektionen von Tschernobyl 1997, 319 298
Philosophie Abschied vom allmächtigen Gott 1998, 11 Begründung der Tiefenökologie 1997, 130 Neue Perspektiven der ökologischen Bewegung 1997, 121 Okologie-Gedanken eines Schriftstellers 2002, 50 Praktische Naturphilosophie 1997, 138 Warum schreiben? 1997, 152 Weltethos und die Wissenschaften 2000, 11 Psychologie Ökologische Blindheit: Das Beispiel des Golfkrieges 1992, 112 Träume von einer Gefährdung und Heilung der Erde 1993, 270 Zur Psychologie der Gewalt gegen Mensch und Natur 1992, 38 Rüstungskonversion Konversion: Eine Chance für ökologisches Wirtschaften 1993, 136 Konversion als ökologische Friedensdividende 1993, 147 Konversion der Rüstungsforschung 1993, 153 Stoffströme Aneignung von Nettoprimärproduktion 1997, 22 Anforderungen an eine Kreislaufwirtschaft 1994, 109 De-Meaterialisierung und ökologischer Strukturwandel 1994, 94 Kohlenstoffkreislauf — Die fehlende Senke 1999, 94 Materialkreislauf - Der Faktor 10 1999, 122 Stickstoffkreislauf - Gefahrenaspekte 1999, 114 Stoff-Wechsel 1998, 221 Vom Nutzen nationaler Stoffbilanzen 1995, 20 Was heißt Ressourcenproduktivität? 1995, 29 Technologie Das Ergrünen der Technologie 1992, 54 Das Zero-Emissions-Konzept 2001, 119 Elektromagnetische Manipulationen 2001, 36 „Faktor 4“. Fortschritt der Umwelttechnik 1998, 254 Globale Umweltprobleme: Technische Lösungen? 1996, 193 Orientierungen auf dem Wege zum sauberen Produkt 2002, 159 Radikale Produkt- und Prozessinnovationen 2002, 171 Windenergie — Technologie mit Zukunft 2000, 167 Zero Emission: Was geht und was nicht geht 2001, 136 Tierschutz Grundzüge einer Tierethik 1994, 58 Kirche und Tierschutz in der DDR 1996, 294 Massentötung von Schweinen 1999, 273 Sterbende Korallen 1996, 318 Tierversuche: Ersatz- und Ergänzungsmethoden 1992, 323 299
Tourismus Die Alpen zwischen Verstädterung und Verödung 1997, 156 Die Naturfreunde - Beispiel für sanften Tourismus 1998, 232 Konzept des umweltverträglichen Tourismus 1997, 176 Ökotourismus — Entwicklungsperspektiven 2000, 247 Sanfter Tourismus: Möglichkeiten, Hindernisse 1997, 167 Umweltsiegel: Der „grüne Koffer“ 2000, 253 Umweltberatung Das Kieler Umweltstadtbuch 1992, 318 Kommunaler Umweltschutz trotz leerer Kassen 1997, 274 Mit Umwelt-Sponsoring in die Offensive? 1992, 357 Umwelt-Arbeit in einer Landeskirche 1994, 275 Umweltberatung: Was war, wie geht's weiter? 1992, 308 Umweltgeschichte entdecken 1994, 271 Umweltbewegung Die Chipko-Bewegung 1997, 290 Humanere Zukünfte erfinden 1997, 307 Neue Männer braucht die Ökologie 1999, 27 Private Umweltinitiativen. Drei anregende Beispiele 1995, 240 Ulm: Ein ökologisches Bündnis vor Ort 2001, 237 Wie der Protest zur Sprache kam 2001, 28 Umweltinstitute B.A.U.M. 1995, 307 Das Bundesamt für Naturschutz 1995, 308 Das Österreichische Institut für Nachhaltige Entwicklung 1998, 276 Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie 1998, 277 Der Deutsche Naturschutzring 1998, 275 Deutsche Gesellschaft für Umwelterziehung 1999, 274 Deutsche Stiftung Weltbevölkerung 1999, 275 Deutsche Umweltstiftung 1994, 316 Die Abteilung Soziale Ökologie des IFF-Wien 1999, 276 Die Akademie für kommunalen Umweltschutz 1997, 333 Die Forschungsstelle für Umweltpolitik 1997, 332 Die Stiftung Ökologie & Landbau 1997, 334 Ecologic gemeinnützige GmbH 2000, 291 Energiestiftung Schleswig-Holstein 2002, 285 Forschungsgruppe Energierecht 2002, 286 ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung 2000, 292 Institut für Europäische Umweltpolitik 1993, 290 Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung 1993, 291 Institut für sozial-ökologische Forschung 2001, 289 International Council for Local Environmental Initiatives 2002, 287 Öko-Institut e.V. 1992, 377 Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 1996, 321 Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen 1996, 322 300
UfU-Institut für Umweltfragen e.V. 1994, 317 Umweltbundesamt 1992, 375 Vereinigung für Ökologische Wirtschaftsforschung 2001, 290 Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen 2001, 291 Umweltpolitik Auf dem Weg zur Ökodiktatur? 1991, 200 Bürgerbeteiligung in den neuen Bundesländern 1997, 279 Commission on Sustainable Development 1996, 96 Deutschland auf dem Weg zur Nachhaltigkeit? 1998, 164 Gegen umweltpolitischen Instrumentalismus 1997, 35 Global 2050: Auszüge aus dem Bericht des Club of Doom 1992, 63 Gruhls Rache 1999, 262 Institutionenlernen: Beispiel „Ozon-Fonds“ 1998, 68 NAFTA - Nur ein kleiner Schritt 1996, 223 Neue Spielregeln für die Umweltpolitik 1998, 40 Ökodiktatur vermeiden! 1993, 206 Ökodiktatur vermeiden — auch im Kopf 1993, 211 Ökologie, Ökonomie und Politik 2000, 38 Ökologischer Machiavellismus 1994, 9 Ökosteuer: Eine Nachbetrachtung 2001, 62 Raum Halle/Leipzig/Bitterfeld/Merseburg 1993, 75 Reduzierung des materiellen Konsums 1996, 239 Ror-grüne Umweltpolitik: Eine Zwischenbilanz 2001, 46 Umweltbundesamt — 25 Jahre 1999, 207 und 2000, 199 Umweltpolitik 2000. Eine langfristige Strategie 1992, 11 UN-Seerechtskonvention 1996, 200 UN-Sondergeneralversammlung 1999, 133 Verhandeln und Argumentieren 1996, 35 Weltorganisation für Umwelt und Entwicklung 2000, 26 Zivilisationsmuster — Ökologiemuster 1996, 229 Umwelt-Verfassung Der Staat als Naturstaat 1994, 157 Eine Umwelt-Verfassung für Europa 1994, 177 Globale Umwelt-Kooperation 1994, 186 Kann es eine Umwelt-Verfassung geben? 1994, 166 Umweltwahrnehmung Erfahrungsfähigkeit & Natur 1994, 194 Natur — Mensch — Medien 1994, 209 Ökologie als Body-Building 1994, 202 Ökologie in der Kunst? 1994, 220 Verbandsklage in Deutschland 2000, 287 Verkehrspolitik Autofreier Sonntag in Italien 2001, 287 Der „Hammer“ des Jahres 2001, 288 Die Kernfrage heißt Mobilität 1992, 273 301
Elektrische Straßenfahrzeuge 1996, 166 Fehler wohlmeinender Verkehrsplanung 1996, 176 Gemächlichkeit und Autoverzicht 1992, 286 Gratisbus statt Straßenbau 2000, 61 Leben ohne eigenes Auto 1996, 185 Mindestanforderungen an Autos 1996, 160 Mobilitätsverhalten beginnt im Kopf 1993, 174 Mythologien der Motorisierung 1996, 151 Ökologisch verträgliche Mobilität 2000, 43 Ökologische Folgen des Flugtourismus 2000, 76 „Rollende Landstraße“ auf dem Abstellgleis 1995, 305 Selbstbeweglichkeit 2000, 68 Semesterticket für Studierende 1993, 258 Stadtverkehr der Zukunft 1993, 165 Stadtverkehr ökologisieren! 2000, 53 Strategien für den Verkehr von morgen 1992, 279 Über den Wolken — unter aller Kritik? 1999, 151 Wieder ohne Auto. Über den Gewinn eines Verzichts 1993, 250 Wald Bäume gegen den Treibhauseffekt 1998, 116 Die Wald- und Holz-Option — ein Manifest 2000, 281 Entdeckung des Waldsterbens in Deutschland 1996, 310 Globales Waldschutzabkommen 1998, 75 Wer hat eigentlich das Waldsterben entdeckt? 1992, 292 Wasser Bürgerbeteiligung bei einer Gewässersanierung 2001, 244 Der Korken des Kolumbus 1995, 303 Erfahrungen mit Regenwassernutzung 1995, 277 Gesellschaftlichen „Wasserdiskurs“ in Gang bringen 1995, 121 Nachhaltiger Umgang mit Wasser 2000, 99 Wasser als Problem — Wasser als Politik 1995, 226 Wasser in der Stadt 2000, 120 „Wassergroschen“ in Niedersachsen 1996, 290 Wasserhaushalt und Basenverluste aus der Landschaft 1995, 129 Wasserknappheit und Ernährungssicherung 2000, 87 Wasserpolitik in Europa 2000, 110 Wassersparen in Hessen 1994, 312 Wirtschaft Der moderne „Infrastrukturkanal“ 1994, 280 Erfahrungen mit Ökofonds 1998, 244 Für eine ökologische Wirtschaftsordnung 1996, 71 Handelspolitik im Dienste des Umweltschutzes? 1998, 57 Nachhaltigkeit — durch Intervention oder Innovation 2000, 190 Nachhaltigkeit — erfolgreiche Unternehmen 2000, 263 Naturtextilien — Erfolgsgeschichte 2000, 259 302
Ökologisch bewusste Unternehmensführung 1995, 170 Ökologische Branchenökonomie: Beispiel Textilindustrie 1995, 181 Ökologische Steuerreform 1994, 132 Ökologisierung des GATT 1996, 89 Ökonomische Instrumente für den Umweltschutz 1996, 80 Plädoyer für eine öko-soziale Marktwirtschaft 1995, 295 Umweltschutz in der Rezession 1994, 138 Verantwortung ökonomischer Eliten 2000, 16 Von der „Verkaufs- zur Dienstleistungswirtschaft“ 1995, 35 Zukunft Plädoyer für einen ökologischen Generationenvertrag 1994, 31 Nachhaltige Entwicklung in Oberösterreich 1995, 262 Neue Regeln für zukunftsfähiges Haushalten 1994, 149 Umwelt-Enqueten des Bundestages 1996, 255 Zukunftsfähige Lebensweisen im Alltag 1997, 93 Zukunftsfähiges Deutschland 1996, 50 Zukunftsfähiges Österreich 1996, 63 KAKKK „Der einzige Traum, den es lohnt zu träumen, ist der Traum, dass man lebt, solange man lebt, und erst stirbt, wenn man tot ist.“ Arundhati Roy KAKKK
Natur und Umwelt Louis Beyens Arktische Passionen Ein Reisebericht Aus dem Niederländischen von Janneke Panders 2000. 350 Seiten mit 31 Abbildungen und Karten sowie 40 Farbabbildungen. Gebunden Wilhelm Bode/Elisabeth Emmert Jagdwende Vom Edelhobby zum ökologischen Handwerk 3. Auflage. 2000. 318 Seiten mit 55 Abbildungen und Tabellen. Paperback Beck’sche Reihe Band 1242 Wilhelm Bode/Martin von Hohnhorst Waldwende Vom Försterwald zum Naturwald 4. Auflage. 2000. 199 Seiten mit 30 Abbildungen und 1 Tabelle. Paperback Beck’sche Reihe Band 1024 Peter Düweke Sternstunden der Biologie 2000. 167 Seiten mit 11 Abbildungen. Paperback Beck’sche Reihe Band 1351 Joachim Radkan Natur und Macht Eine Weltgeschichte der Umwelt 2000. 437 Seiten. Gebunden Manfred Wöhlcke Der ökologische Nord-Süd-Konflikt 1993. 126 Seiten mit 2 Abbildungen und 4 Tabellen. Paperback Beck’sche Reihe Band 1031 Verlag C.H.Beck München
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Disput und LEIBTELDTZL) - Lehren aus der PIE EIS NEIGTTEBEETIT TER EL AR TSTTT Ernährungskultur? / Doppelt gut: Für die Bauern TTS TERN ETTTWANTERTTEIHIELIIGTGTT: NEITESERTEIGTIT WAT CIRTTERN ENT GHRZIMETINCH Kunert ®e Replik: Zwischen Natur und Kultur ® Schwerpunkte: Rio + 10 / Was ist Leben? / Sesshaftigkeit — Ortsqualität / Saubere Produktee Umweltpolitikgeschichte: Die Verseuchung der Arktischen Region / Störfälle und Umweltunfälle in der DDR » Exempel, Erfahrungen, Ermutigungen: ITS ETT ELSE ETTERTDESOTTG TIER OHTTEESIH EEE wig-Holstein / 10 Jahre „Föhrer Dosenschwur” / Grüne Gentechnik und Umwelt ®e Spurensicherung: In memoriam Donella H. Meadows / Präsident Bushs klimapolitische Wegfahrsperre / Klimawandel, Klimafolgen, Klimapolitik e UmweltLEOTCHSTTTESOENIISDIERSNITELDISCHW] International Council for Local Environmental Initiatives e Gesamtregister: 1992-2002 Verlag C.H.Beck ULTITETETETENT: ISBN 3-406-47572-8 € 12,50[D] ab1. 1. 2002 DM 24,90 ll 47572 www.beck.de ÖS 182,--