Author: Leben J.  

Tags: transport   verkehr  

ISBN: 978-3-643-13575-9

Year: 2016

Text
                    /KVGKPGOSWCNKVCVKXGP(QTUEJWPIUCPUCV\P¼JGTVUKEJFKGUGU$WEJFKGUGP(TCIGP
&C\WYWTFGPKP$GTNKP4CF(CJTGPFGKPVGTXKGYVWPFDGQDCEJVGV#PJCPFGKPGT
GORKTKUEJIGPGTKGTVGP6[RQNQIKGFGT4CF(CJTGPFGPYGTFGPFKG<WUCOOGPJ¼Pge dargestellt und erklärt.

Jörg Leben

,ÑTI.GDGPCTDGKVGVCNU8GTMGJTURNCPGTKP$GTNKP

Rad Fahrende

/KV<WPCJOGFGU4CFXGTMGJTUPGJOGPKPXKGNGP5V¼FVGPFKG-QPƀKMVG\W8QT
CNNGOFCU4GIGNXGTJCNVGPFGT4CF(CJTGPFGPYKTFMTKVKUKGTV&QEJFCU8GTJCNVGP
hat seine Gründe. Welche sind dies und welche Wirkmechanismen stecken dahinter? Sind die Rad Fahrenden das Problem, oder liegen die Ursachen für die
-QPƀKMVG ICP\ YQCPFGTU! 9GNEJG -QPUGSWGP\GP GTIGDGP UKEJ FCTCWU H×T FKG
8GTMGJTURQNKVKMWPFRNCPWPI!

Jörg Leben

Rad Fahrende

978-3-643-13575-9

Lit
www.lit-verlag.de

;1*@,+?)(3(

Wer sie sind und was sie brauchen

Lit

Lit


Jörg Leben Rad Fahrende
Mobilität und Gesellschaft herausgegeben von Weert Canzler, Stephan Rammler und Oliver Schwedes Band 7 LIT
Jörg Leben Rad Fahrende Wer sie sind und was sie brauchen LIT
Umschlagbild: Niels Schröder Die Arbeit wurde im Jahr 2015 von der Fakultät V – Verkehr und Maschinensysteme der Technischen Universität Berlin als Dissertation unter dem Titel „Zusammenhänge von Anforderungen Rad Fahrender an die Verkehrsinfrastruktur und ihrem Handeln bei der Verkehrsteilnahme. Empirische Generierung einer Typologie“ genehmigt. ½ Gedruckt auf alterungsbeständigem Werkdruckpapier entsprechend ANSI Z3948 DIN ISO 9706 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-643-13575-9 Zugl.: Berlin, Technische Universität, Diss., 2015 u. d. T.: Zusammenhänge von Anforderungen Rad Fahrender an die Verkehrsinfrastruktur und ihrem Handeln bei der Verkehrsteilnahme. Empirische Generierung einer Typologie © LIT VERLAG Dr. W. Hopf Berlin 2016 Verlagskontakt: Fresnostr. 2 D-48159 Münster Tel. +49 (0) 2 51-62 03 20 E-Mail: lit@lit-verlag.de http://www.lit-verlag.de Auslieferung: Deutschland: LIT Verlag Fresnostr. 2, D-48159 Münster Tel. +49 (0) 2 51-620 32 22, E-Mail: vertrieb@lit-verlag.de E-Books sind erhältlich unter www.litwebshop.de
Danksagung Eine Arbeit in diesem Umfang wird in der Regel von zahlreichen dem Autor wohlgesonnenen Menschen begleitet. Dies war auch bei der vorliegenden Arbeit der Fall. Allen Helfern und Fürsprechern bin ich zu außerordentlichem Dank verpflichtet. Die Arbeit in der vorliegenden Form ist auch ihr Verdienst. An erster Stelle möchte ich Prof. Dr.-Ing. Christine Ahrend danken, die die Betreuung dieser Arbeit übernommen hat. Neben der fachlich wegweisenden Betreuung und ihren Versuchen, mir das zu entlocken, was ich nicht schrieb, aber dachte, hat mir ihr unerschütterlicher Optimismus und ihre Begeisterung beeindruckt. Sie hat es geschafft, dass ich aus jedem Termin mit neuer Lust und neuer Energie herausgegangen bin. In dem von ihr geleitetem Doktorandenseminar am Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung an der TU Berlin habe ich weitere wertvolle Hinweise erhalten. Allen Mitgliedern möchte ich Danken. Ganz besonders hervorgetan haben sich dabei die Personen, die mich über viele Jahre beim Doktorandenseminar begleitet haben und mit denen ich mich auch persönlich austauschen konnte. Dr.-Ing. Melanie Herget und Veronique Riedel sind hier zu nennen. Stephan Daubitz übernahm zu dem die Validierung meiner Arbeit und Prof. Dr. Oliver Schwedes verlängerte seine Begleitung, in dem er diese Arbeit als Buch herausgibt und so eine besondere Plattform bereitstellt. Auch aus Dortmund bekam ich Hilfe. Prof. Dr.-Ing. Christian Holz-Rau hatte bereits mein Studium in den 90ern geprägt und da er sich auch noch an meinen Namen erinnern konnte, war für mich klar, dass er auch meine Doktorarbeit als Zweitgutachter begleiten sollte. Seine zuweilen provokant zugespitzte Kritik bringt einen oft weiter. Die Teilnehmenden seines Doktorandenkolloquiums am Fachgebiet Verkehrswesen und Verkehrsplanung an der TU Dortmund haben sich durch das ein oder andere Kapitel meiner Arbeit gequält und natürlich weitere wichtige Hinweise gegeben. Herzlichen Dank hierfür! Beginnen konnte ich die Arbeit, weil ich eine Qualifikationsstelle am Verkehrswesenseminar der TU Berlin erhielt. Prof. Dr.-Ing. Thomas Richter hat als Sprecher des Verkehrswesenseminars für die schützende Hand gesorgt und da er auch noch den Vorsitz des Prüfungsausschusses übernahm, ist ihm mein besonderer Dank sicher. Arvid Krenz, mein Kollege am Verkehrswesenseminar, wurde ein guter Freund. Nicht nur weil er für einige v
Danksagung Zeit der Fahrradbeauftragte des Berliner Senats war, konnte ich mit ihm alles zum Fahrradverkehr diskutieren. Auch mit Karsten Michael Drohsel freundete ich mich am Verkehrswesenseminar an. Er hat die Arbeit durchgearbeitet und als Urbanist für einen anderen Blickwinkel gesorgt. Für die freundliche fachliche Hilfe aus der Sicht der Psychologie möchte ich mich bei Prof. Dr. Carmen Hagemeister und Prof. Dr. Bernhard Schlag von der TU Dresden bedanken. Weitere Unterstützung bekam ich bei Prof. Dr. Ralf Bohnsack von der FU Berlin, der mich an seiner Forschungswerkstatt für qualitative Forschung hat teilnehmen lassen. Unterstützung bekam ich auch von den Studierenden der TU Berlin. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung haben sie die Interviews transkribiert. Agnes Harms hat die Auswertung der ersten Beobachtungsphase fachlich und technisch unterstützt. Niko Hinz und Olaf Pullwitt haben im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten die Beobachtungen ausgewertet. Definitiv den größten Anteil an den Ergebnissen dieser Arbeit haben die Probandinnen und Probanden. Ohne Ihre Erfahrungen, ihre Auskunftsbereitschaft und ihr Engagement bleibt von der Arbeit nicht viel übrig. Ihnen muss ich also ganz besonders danken. Doch auch an die Probandinnen und Probanden musste ich erstmal finden. Hier haben mir der Blog der Radspannerei (rad-spannerei.de/Blog) und der ADFC Berlin geholfen. Da die Stelle am Verkehrswesenseminar nicht ewig währte, brauchte ich einen neuen Unterschlupf. Büro und Zeit stellte die LK Argus GmbH, deren Geschäftsführer Dr.-Ing. Eckhart Heinrichs ich hiermit herzlich danken möchte. Ganz anders eingebunden waren Freunde und Familie, die vor allem für die emotionale Unterstützung verantwortlich waren und die das ein oder andere Mal auf mich verzichten mussten. Daher gilt mein besonderer Dank meiner Frau Myriel Walser für ihre Geduld und Hilfe, wenn es darauf ankam und meinem Sohn Finn für seinen Humor. Darüber hinaus bedanke ich mich bei Torsten Kröger für das Lesen der Endkapitel. Meiner Schwester Katja Wüstenhagen und ihrer Frau Nadine danke ich für das Korrekturlesen. vi
Inhalt Geleitwort ....................................................................................................... 1 1. Zugang zum Thema ..................................................................... 3 1.1. Relevanz des Radverkehrs ................................................................... 5 1.2. Probleme durch den stärkeren Radverkehr .......................................... 9 2. Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr ................................. 11 2.1. Anforderungen von Rad Fahrenden ................................................... 11 2.2. Verhalten von Rad Fahrenden ............................................................ 19 2.3. Übergreifende Kenntnisse .................................................................. 38 3. Klärung zentraler Begriffe ......................................................... 41 3.1. Anforderungen ................................................................................... 41 3.2. Verhalten ............................................................................................ 42 3.3. Fahrverhalten, Fahrweise und Fahrstil ............................................... 49 3.4. Emotionen und Gefühle ..................................................................... 50 3.5. Motive ................................................................................................ 51 3.6. Einstellungen und Erfahrungen .......................................................... 52 3.7. Normen und Werte ............................................................................. 53 4. Erweitertes Vorverständnis, Forschungsfragen und -ziele ........ 55 4.1. Anforderungen ................................................................................... 55 4.2. Fahrverhalten...................................................................................... 56 4.3. Wirkungszusammenhänge zwischen Anforderungen und Fahrverhalten...................................................................................... 57 4.4. Gruppierung Rad Fahrender ............................................................... 58 4.5. Forschungsfragen ............................................................................... 58 vii
Inhalt 4.6. Forschungsziel.................................................................................... 60 5. Forschungsdesign ...................................................................... 63 5.1. Methodischer Ansatz .......................................................................... 63 5.2. Untersuchungsraum............................................................................ 68 5.3. Stichprobe .......................................................................................... 70 5.4. Qualitatives Interview ........................................................................ 73 5.5. Beobachtung ....................................................................................... 77 5.6. Analysedesign .................................................................................... 84 5.7. Zusammenfassung .............................................................................. 90 6. Durchführung ............................................................................ 91 6.1. Feldphase............................................................................................ 91 6.2. Datenaufbereitung .............................................................................. 95 7. Datenlage ................................................................................. 105 7.1. Das erhobene Material ..................................................................... 105 7.2. Die Fälle ........................................................................................... 106 8. Kategoriale Analyse ................................................................ 111 8.1. Qualität des Radfahrens ................................................................... 115 8.2. Anforderungen der Rad Fahrenden .................................................. 122 8.3. Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender ...................................... 148 8.4. Fahrverhalten der Rad Fahrenden .................................................... 160 8.5. Einstellungen der Rad Fahrenden .................................................... 175 8.6. Normen der Rad Fahrenden ............................................................. 190 8.7. Regelkenntnisse der Rad Fahrenden ................................................ 192 8.8. Wirkungszusammenhänge ............................................................... 193 8.9. Ergebnis der kategorialen Analyse ................................................... 224 viii
Inhalt 9. Generierung einer Typologie ................................................... 229 9.1. Vergleichsdimensionen .................................................................... 229 9.2. Typenbildung ................................................................................... 249 9.3. Homogenität der Typen .................................................................... 257 9.4. Externe Heterogenität der Typen ..................................................... 288 9.5. Ergebnisse der Typologie ................................................................. 293 10. Ergebnisse und Schlussfolgerungen ........................................ 299 10.1. Ergebnisse ........................................................................................ 299 10.2. Konsequenzen für die Verkehrsplanung .......................................... 312 10.3. Forschungsbedarf und Ausblick ....................................................... 315 Tabellenverzeichnis .......................................................................... 319 Abbildungsverzeichnis ...................................................................... 323 Literatur............................................................................................. 325 Anhang im eigenen Band. Dieser kann unter http://LK-argus.de/kunden und Angabe des Namens „RadFahrende“ und des Passworts „Anforderungen“ heruntergeladen werden. ix

Geleitwort Der Französische Ethnologe Marc Augé (2016) erinnert in seinem Lob des Fahrrads mit Wehmut an die historische Bedeutung des Radfahrens und an das damit seinerzeit verbundene persönliche Hochgefühl. Eine Ahnung davon, was das Radfahren früher bei den Menschen bewirkte, erfährt jeder von uns noch heute in dem Moment, wenn er als Kind erstmals das Fahrrad beherrschend sich von der ebenso sichernden wie zurückhaltenden Hand der Eltern löst: Freiheit, Autonomie, Selbstbestimmung. Diese Emphase für das Fahrrad ging verloren, als das Automobil zum Maß des Freiheitsversprechens wurde. Vor diesem Hintergrund stellt Augé am Ende seiner Überlegungen selbstkritisch die Frage, ob es sich bei der von ihm heraufbeschworenen Renaissance des Fahrrads nicht um eine Utopie handelt. Um die Frage beantworten zu können, ob wir heute noch an die positiven Erfahrungen des Radfahrens anknüpfen können, müssen wir die historische Ethnologie des Fahrrads durch eine soziologische Analyse der Radfahrenden ergänzen. Eine Verkehrsplanung, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Radfahren zu unterstützen, muss wissen, für wen sie plant. Sie ist angewiesen auf Informationen über die spezifischen Anforderungen und Bedürfnisse der Radfahrenden, eine bis heute noch weitgehend unbekannte Spezies. In der vorliegenden Arbeit trägt Jörg Leben dazu bei, mehr über die unbekannte Spezies der Radfahrenden zu erfahren, indem er sich im wahrsten Sinne des Wortes an ihre Fersen heftet. Dabei hat er sie nicht nur intensiv befragt, sondern Kamerabewährt regelrecht verfolgt, um über die verkehrlichen Herausforderungen von Radfahrenden zu berichten. Während der alltägliche Wahnsinn von Radfahrenden in autogerechten Städten gut dokumentiert ist, erfahren wir hier erstmals über die unterschiedlichen subjektiven Wahrnehmungen und die daraus resultierenden individuellen Handlungsstrategien. Auf diese Weise eröffnet die vorliegende Untersuchung eine neue Sicht auf den öffentlichen Straßenraum, der bisher einseitig aus der Windschutzfensterperspektive betrachtet und geplant wurde. Die Pionierstudie von Herrn Leben unterstützt mit ihren Ergebnissen eine nachfrageorientierte, an den spezifischen Bedürfnissen der Menschen orientierte Verkehrsplanung und -politik. Es ist zu wünschen, dass diese verdienstvolle Arbeit den Auftakt für weiter Untersuchungen dieser Art bildet und eine neue Planungstradition be1
Geleitwort gründet, die nicht mehr darauf zielt, den Verkehrsfluss aufrecht zu erhalten, sondern der Vielfalt menschlicher Anforderungsprofile gerecht zu werden. In dem Fall müsste die Renaissance des Fahrrads keine Utopie bleiben. Oliver Schwedes 2
1. Zugang zum Thema Im Zuge meiner Tätigkeit in einem Verkehrsplanungsbüro bearbeitete ich einige Fahrradinfrastrukturprojekte in Berlin und Umgebung. Dabei hielt ich mich wie selbstverständlich an die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrsordnung (VwV-StVO 2009) und die von der Forschungsgesellschaft für Straßen und Verkehrswesen herausgegebenen Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (FGSV 2010), ohne diese groß zu hinterfragen. Dies tat ich auch deshalb, weil deren Vorgaben hinsichtlich der Qualität von Radverkehrsanlagen weit über die vor Ort angetroffenen Zustände hinausgingen. Zu einer Hinterfragung meinerseits kam es auch nicht, als im Rahmen eines Projekts zur Umgestaltung der Greifswalder Straße in Berlin Realisierungsmöglichkeiten von Radverkehrsanlagen geprüft wurden. Zur Diskussion standen auf der Fahrbahn markierte sogenannte Angebotsstreifen für den Radverkehr1 oder baulich im Seitenraum angelegte Radwege. Für den Angebotsstreifen sprachen die geringeren Kosten und die höhere Sicherheit, vor allem in Hinblick auf Konflikte mit rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen. Zudem sollen so Konflikte zwischen Rad Fahrenden und Fußgängerinnen und Fußgängern vermieden werden. Für die baulichen Radwege sprachen die geringeren Konflikte durch in zweiter Reihe abgestellte Fahrzeuge, wie zum Beispiel durch den an dieser Straße häufig vorkommenden Lieferverkehr. Insbesondere der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), der in Berlin als Haupt-Interessenvertreter der Rad Fahrenden wahrgenommen wird,2 setzte sich vehement für Angebotsstreifen auf der Fahrbahn ein. Angebotsstreifen seien an den Knoten sicherer, da so die Rad Fahrenden für Kfz-Fahrende auf der Strecke sichtbar sind und beim Rechtsabbiegen seltener übersehen werden. Darüber hinaus sei der Fahrbahnbelag aus Asphalt glatter, wodurch den Rad Fahrenden höhere Geschwindigkeiten möglich seien. 1 2 In Berlin wurden in dieser Zeit sogenannte Angebotsstreifen markiert. Von den Abmessungen her orientierten sich diese an Radfahrstreifen. Es wurde aber auf das Anordnen des Zeichens 237 verzichtet. Von 2003 bis 2009 war der Berliner Landesvorsitzende des ADFC, Herr Benno Koch, gleichzeitig Fahrradbeauftragter der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. 3
Zugang zum Thema Letztendlich wurde entschieden, die momentan vorherrschende Berliner Praxis fortzusetzen und Angebotsstreifen zu markieren. Als ich dieses Ergebnis in einem Kreis älterer Damen erwähnte, stieß ich auf erhebliches Unverständnis. Angebotsstreifen würden sie ungerne nutzen und eher vermeiden. Vielmehr fühlten sie sich auf Radwegen sicher und aufgehoben. Auch der leichtere Zugang zu den Geschäften sei von Bedeutung. Diese klare Ablehnung erschreckte mich. Mir wurde klar, wie wenig ich bisher an die Vielfalt der Nutzenden und ihren scheinbar unterschiedlichen Anforderungen gedacht hatte. Daraus folgen einige Fragen. Welche Anforderungen haben Rad Fahrende tatsächlich? Wie vielfältig sind diese Anforderungen? In welchen Bereichen widersprechen sich die Anforderungen von Rad Fahrenden untereinander? Ist eine Gruppierung der Rad Fahrenden nach ihren jeweiligen Anforderungen möglich und sinnvoll? Ist die momentan anzutreffende Radverkehrsinfrastruktur anforderungsgerecht? Berücksichtigt unser zurzeit angewendetes Planungsinstrumentarium die Anforderungen? Wenn ich Rad Fahrende im Straßenbild beobachte, frage ich mich und durchaus auch andere,3 ob sich Rad Fahrende aufgrund ihrer Ausstattung oder ihres Verhaltens einer bestimmten Gruppe Rad Fahrender zuordnen lassen. Mit diesen Fragen bin ich zunächst in die vorbereitenden Arbeiten dieser Dissertation gegangen. Die Anforderungen von Nutzerinnen und Nutzern des Verkehrsmittels Fahrrad bildeten den Start einer Reihe von weiteren Themenbereichen, die in dieser Arbeit näher beleuchtet werden. Später wird gezeigt werden, dass es vor allem hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen den Anforderungen der Rad Fahrenden und ihrem Fahrverhalten erhebliche Wissenslücken gibt. Dabei steht besonders das Regelverhalten im Mittelpunkt des Interesses, da dieses sowohl Wissenschaft als auch Öffentlichkeit am meisten bewegt. Diese Arbeit wird die Wissenslücken füllen und damit zu einem erheblichen Maß dazu beitragen, die Motive und das Verhalten der Rad Fahrenden zu verstehen. Darüber hinaus wird gezeigt werden, mit welchen Maßnahmen das Fahrverhalten der Rad Fahrenden positiv beeinflusst werden kann. In dieser Arbeit wird zunächst die Bedeutung des Fahrrads für die heutige Verkehrsplanung aufgezeigt und dargelegt, welche Probleme durch den 3 Ein Internetuser hat auf der Freiburger Website Fudder eine Fahrradfahrer-Typologie aufgestellt (vgl. lobo 2007). 4
Relevanz des Radverkehrs stärker werdenden Radverkehr auftreten. Um die eingangs gestellten Fragen zu beantworten, wird eine Literaturanalyse durchgeführt (Kapitel 2). Dabei steht der Forschungsstand zu den Themen Anforderungen und Fahrverhalten Rad Fahrender im Fokus. Die Beschäftigung mit dem Thema bringt es mit sich, dass einige Begriffe definiert werden müssen – u. a. Anforderungen, Fahrverhalten und Einstellungen –, da sonst kein gemeinsamer Kontext hergestellt werden kann (Kapitel 3). Die Erkenntnisse aus den bisherigen Kapiteln werden zusammengefasst und es wird geschaut, welche Fragen bisher beantwortet wurden und welche weiteren Fragen sich aus dem Forschungsstand ergeben. Diese werden zu Forschungsfragen verdichtet, woraus wiederum das Forschungsziel abgeleitet wird (Kapitel 4). Für die Beantwortung der Forschungsfragen wird ein qualitatives Erhebungsdesign entwickelt, das als zentrale Elemente leitfadengestützte Interviews und Beobachtungen beinhaltet. Sowohl der Feldzugang als auch das Analysedesign – welches vornehmlich auf der Grounded Theory-Methode beruht und als kategoriale Analyse bezeichnet wird und auch eine empirisch begründete Typenbildung enthält – werden beschrieben (Kapitel 5). Die Erläuterungen zur Feldphase beinhalten das Vorgehen bei der Akquise der Fälle, bei der Durchführung der Interviews und der Beobachtungen. Schließlich wird dargelegt, in welcher Form die Daten aufbereitet wurden (Kapitel 6). In der Datenlage werden das vorliegende Material vorgestellt und die Fälle kurz beschrieben (Kapitel 7). Mit der Beschreibung des Vorgehens bei der kategorialen Analyse beginnt der Ergebnisteil. Schwerpunkte der kategorialen Analyse sind die Anforderungen, die Einstellungen und das Fahrverhalten der Rad Fahrenden sowie ihre Wirkungszusammenhänge (Kapitel 8). Anhand der aus der kategorialen Analyse gewonnenen Ergebnisse werden die Fälle einer Typengenerierung unterzogen. Damit werden die Ergebnisse ein weiteres Mal verdichtet und eine Theorie mittlerer Reichweite gewonnen (Kapitel 9). Letztlich werden die Erkenntnisse zusammengefasst, die Konsequenzen für die Verkehrsplanung diskutiert und das Forschungsdesign einer Reflexion unterzogen. Am Ende darf ein Blick in die Zukunft und die Formulierung von auf dieser Arbeit fußenden Fragen nicht fehlen (Kapitel 10). 1.1. Relevanz des Radverkehrs Die Förderung des Radverkehrs wird inzwischen in vielen Städten und Kommunen als eine von verschiedenen Maßnahmen gesehen, um den Verkehr zu entlasten und damit die Belastung der Umwelt durch Lärm und 5
Zugang zum Thema Abgase zu reduzieren. Als Beleg soll beispielhaft die Stadt Kopenhagen, Hauptstadt Dänemarks, herangezogen werden. In einer Broschüre stellt die Stadt dar, dass jeder mit dem Fahrrad zurückgelegte Kilometer die Staatsfinanzen entlaste, während jeder Autokilometer der Allgemeinheit Kosten verursache (Copenhagen 2011a: 9).4 Die Stadt Kopenhagen zieht daraus den Schluss, den Radverkehr weiter zu fördern und hat sich zum Ziel gesetzt, Fahrradhauptstadt der Welt zu werden (Copenhagen 2011a: 5). In Deutschland wird ebenso das Ziel verfolgt, den Radverkehrsanteil am Modal Split weiter zu steigern. In der Bundeshauptstadt ist dieses Ziel in der Berliner Fahrradstrategie festgeschrieben worden (SenStadtUm 2013: 2). Doch auch landesweit soll der Radverkehr weiter gefördert werden. Für die Bundesrepublik Deutschland hat das Bundeskabinett am 5.9.2012 den neuen Nationalen Radverkehrsplan beschlossen, mit dessen Hilfe weitere Steigerungspotenziale aktiviert werden sollen. Dabei wird eine Steigerung auf einen Anteil von 15 % im Jahr 2020 für möglich gehalten (vgl. BMVBS 2012: 11). Bereits zuvor konnte der Radverkehrsanteil erhöht werden. Laut der Personenverkehrsstudie „Mobilität in Deutschland (MiD)“ 5 stieg die Anzahl der mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege deutschlandweit von 2002 bis 2008 um 10 % (Follmer und Schulz 2009: 17). Für Berlin wird in der Studie „Mobilität in Städten (SrV) ebenfalls eine Steigerung des Radverkehrsanteils festgestellt. An den mittleren Werktagen, Dienstag bis Donnerstag, stieg dieser von 10 % im Jahr 1998 auf 13 % im Jahr 2008 (vgl. SenStadt 2011: 2). Neben dem Radverkehrsanteil ist die Fahrradverfügbarkeit ein Indiz für die Verbreitung und Relevanz des Fahrrads. Bundesweit besitzen 78 % der 4 5 In dieser sozio-ökonomischen Kosten-Nutzen-Rechnung sind folgende Faktoren monetarisiert eingegangen: Transportaufwand, Sicherheit, Komfort, Branding/Tourismus, Transportzeiten und Gesundheit. Der Faktor Gesundheit soll dabei den größten Anteil ausmachen. Die Einsparungen durch geringere Behandlungskosten und höhere Steuereinnahmen durch weniger Krankheiten stehen den Unfallkosten (ebenfalls Behandlungskosten und Steuerausfälle) gegenüber (Copenhagen 2011b: 18). Grundlegende Erkenntnisse zum Verkehrsverhalten der Bevölkerung Deutschlands werden von den Untersuchungen „Mobilität in Deutschland 2008“ (MiD) und „Mobilität in Städten – SrV 2008“ bereitgestellt. Beide Studien haben eine lange Tradition und etablierten sich als unverzichtbare Grundlagen für die Mobilitätsforschung (Ahrens et al. 2007: 270). Bei der MiD wurden 2008 bundesweit rund 26.000 Haushalte und damit rund 60.000 Personen befragt (vgl. Infas und DLR 2010a: 10). Beim SrV wurden bei den teilnehmenden Städten rund 110.000 Personen befragt, davon allein in Berlin 38.000 Personen (vgl. Ahrens et al. 2009: 46 f.). Für die Aussagen werden für die bundesweiten Werte die MiD-Daten und für die Berliner Werte die SrV-Daten herangezogen. 6
Relevanz des Radverkehrs Personen ab 0 Jahre (vgl. Infas und DLR 2010c, Abschnitt Personen: 3) und 83 % der Haushalte (vgl. Infas und DLR 2010c, Abschnitt Haushalte: 3) mindestens ein Fahrrad. Dass Radfahren nicht nur eine Randerscheinung ist, zeigt auch die hohe Zahl an Personen, die ein Fahrrad regelmäßig nutzen. Rund 39 % der bei der MiD befragten Personen gaben an, an mindestens einem Tag in der Woche Fahrrad zu fahren (vgl. Tabelle 1). Der Anteil der (fast) täglich das Rad Nutzenden ist bei Schülerinnen und Schülern besonders hoch und bei Rentnerinnen und Rentnern am niedrigsten. Mit Blick auf den Schulabschluss und den ökonomischen Status6 der Haushalte variiert zwar die Häufigkeit der Radnutzung, viel wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass das Fahrrad von allen Gruppen eingesetzt wird. Das Fahrrad ist somit kein Verkehrsmittel ausschließlich für Menschen, die sich kein Kraftfahrzeug leisten können, sondern fest in der Gesellschaft verankert. Die Nutzung des Fahrrads hängt vom Wegezweck ab (vgl. Tabelle 2), wobei sein Anteil am Modal Split zwischen 3 und 15 % variiert. Während Begleitungen und Dienstfahrten eher seltener mit dem Fahrrad erfolgen, wird für Ausbildungswege das Fahrrad überdurchschnittlich häufig genutzt. Die geringe Nutzungshäufigkeit bei den Begleit- und Dienstwegen ist auf die geringere Eignung des Fahrrads für diese Wegezwecke zurückzuführen. Bei diesen Wegezwecken ist die Nutzung des Pkw besonders hoch. Das Einsatzgebiet des Fahrrads als Hauptverkehrsmittel ist durch die zurückzulegende Wegelänge begrenzt. Neun von zehn in Deutschland mit dem Fahrrad zurückgelegte Wege sind kürzer als 5 Kilometer (vgl. Infas und DLR 2010c, Abschnitt Wege: 41). Zwei Drittel der Wege sind sogar kürzer als 2 Kilometer. Die durchschnittliche mit einem Fahrrad zurückgelegte Wegelänge beträgt 3,2 Kilometer (vgl. ebd.). 6 Innerhalb der MiD erfolgt eine Zuordnung von Haushalten zu einem ökonomischen Status anhand einer Matrix aus Haushaltsnettoeinkommen und gewichteter Haushaltsgröße. Die gewichtete Haushaltsgröße wird durch das Alter der Haushaltsmitglieder bestimmt. Bei Haushalten ohne Angabe des Einkommens erfolgt eine Zuordnung über den Pkw-Status. Wenn auch dieser nicht bekannt ist, erfolgt eine Zuordnung über den Wohnquartierstyp (vgl. Infas und DLR 2010b: 5). 7
Zugang zum Thema 1-3 Tage pro Monat seltener als monatlich nie oder fast nie habe kein Fahrrad verweigert oder weiß nicht 18,8 Gesamt 15,9 Vollzeitbeschäftigte (mit Auszubildenden und Zivildienstleistenden) 22,4 Teilzeitbeschäftigte 35,4 Schülerinnen und Schüler 29,4 Studierende Hausfrauen / Hausmänner 18,8 (auch Elternzeit) Rentnerinnen und Rentner 16,4 16,6 Hauptschulabschluss 16,8 Realschulabschluss 16,8 Fachhochschulreife 21,6 Hochschulreife 36,9 noch Schüler/in 14,6 anderer Abschluss ökonomischer Status des Haushalts 21,3 sehr niedrig 22,3 niedrig 18,5 mittel 18,1 hoch 15,7 sehr hoch 1-3 Tage pro Woche (fast) täglich Haufigkeit der Radnutzung (alle Angaben in %) 20,3 22,0 14,2 19,0 9,9 13,2 23,4 21,6 13,4 8,3 0,1 0,0 23,2 21,6 20,7 18,7 15,7 14,5 15,8 10,2 10,4 8,1 8,8 9,9 20,5 16,0 16,7 27,2 7,8 4,4 8,6 15,0 0,1 0,1 0,0 0,1 16,3 19,1 20,0 22,3 21,3 21,4 15,0 7,8 10,1 14,7 17,2 16,8 14,3 11,3 5,3 7,5 10,8 11,7 10,9 7,6 5,9 28,5 27,4 24,8 21,5 19,3 15,8 26,8 25,6 19,1 12,9 10,4 10,0 3,9 26,3 0,1 0,1 0,1 0,0 0,1 0,1 0,2 17,2 19,6 20,0 21,0 22,7 11,3 11,2 13,2 16,2 18,3 7,2 7,6 9,1 11,3 13,5 24,2 21,7 24,9 22,6 21,0 18,6 17,5 14,1 10,9 8,9 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 Grundgesamtheit: 40.626 Befragte (gewichtet) ab 14 Jahre (Quelle: Überarbeitete Tabelle nach Infas und DLR 2010c, Abschnitt Personen: 7 f.) Tabelle 1: Häufigkeit der Radnutzung: Gesamt, nach Erwerbsstatus oder Tätigkeit der Person, Schulabschluss und ökonomischem Status des Haushalts 8
Probleme durch den stärkeren Radverkehr Hauptverkehrsmittel (alle Angaben in %) Hauptzweck des zu Weges Fuß Fahrrad Krad Pkw Lkw ÖPNV 7,5 10,4 1,3 68,5 0,2 11,0 Arbeit 4,2 3,4 0,1 70,0 17,5 3,0 dienstlich 24,1 14,9 0,6 26,5 0,0 31,7 Ausbildung 27,6 10,6 0,3 57,0 0,0 4,2 Einkauf 26,7 9,6 0,5 55,5 0,1 6,2 Erledigung 32,5 11,0 0,6 48,5 0,0 5,4 Freizeit 17,0 5,4 0,2 74,6 0,0 2,3 Begleitung 23,7 10,0 0,5 56,0 1,2 7,2 Gesamt Grundgesamtheit: 193.290 Wege (gewichtet) anderes 1,0 1,8 2,2 0,1 1,3 2,0 0,5 1,3 (Quelle: Eigene Darstellung nach Infas und DLR 2010c, Abschnitt Wege: 23) Tabelle 2: Hauptzweck des Weges nach Hauptverkehrsmittel 1.2. Probleme durch den stärkeren Radverkehr Doch mit der Steigerung des Radverkehrsanteils kommen auch Probleme auf die Städte zu. Burkhard Horn von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin nennt fünf Problemfelder: Verkehrssicherheit, Verkehrsklima – insbesondere Konflikte zwischen Rad- und Fußverkehr sowie mangelnde Regelakzeptanz –, schwer handhabbares Regelungsrepertoire für die anordnenden Behörden, unzureichende Infrastruktur und Finanzknappheit der Kommunen (Horn 2009: 7). Rad Fahrende sind im Verhältnis zu ihrer Fahrleistung besonders unfallgefährdet (vgl. Walter et al. 2005, S. 73), auf dem Fahrrad weitgehend ungeschützt und daher stark verletzungsanfällig. Daneben ist der Platz im öffentlichen Straßenraum äußerst begrenzt. Radverkehrsanlagen sind entweder nicht vorhanden oder ihre Kapazität reicht aufgrund größerer Fahrzeuge oder einer größeren Anzahl von Fahrrädern nicht mehr aus. Soll Platz für Rad Fahrende geschaffen werden, müssen meist andere Nutzungen weichen. Während früher für die Einrichtung von Radwegen vornehmlich der Gehbereich für Fußgängerinnen und Fußgänger beschnitten wurde (Monheim und Monheim-Dandorfer 1990: 267), vielerorts heute noch durch Radwegmarkierungen auf den Gehwegen sichtbar, werden zurzeit oft Fahrstreifen für den Radverkehr anstelle von Fahr- oder Parkstreifen markiert. Mit dem 9
Zugang zum Thema höheren Radverkehrsanteil wird gleichzeitig der Konkurrenzdruck zwischen den Verkehrsmitteln auf Fahrbahnen und Gehwegen stärker. Dies birgt reichlich Konfliktstoff. Vermehrt wird in der Presse von Kampfradlern und Streit um den knappen Straßenraum berichtet (beispielhaft vgl. Matthies 2011 und Bartsch et al. 2011). Dabei werden in der Regel zwei Hauptverursacher der Probleme ausgemacht. Zum einen die Rad Fahrenden, die jedwede Verkehrsregel zu missachten scheinen 7 und zum anderen – zunehmend – eine nicht angemessene Verkehrsplanung (vgl. Jacobs 2010). Wie man es auch wendet, eine Problemlösung hat auch mit den Rad Fahrenden zu tun. Aufgrund des Problemaufrisses drängen sich weitere Fragen auf:  Wie verhalten sich Rad Fahrende objektiv gesehen im Straßenraum?  Welche Regeln werden wie oft missachtet?  Was sind die Ursachen für die Regelmissachtungen?  Welche Rolle spielen Verkehrsanlagen und das Verkehrsrecht bei den Ursachen für die Missachtungen? Sind diese anforderungsgerecht?  Welches Gefahrenpotenzial geht von den Regelmissachtungen aus? Dazu kommen die bereits im Anfangskapitel gestellten Fragen:  Welche Anforderungen haben Rad Fahrende tatsächlich an die Verkehrsumwelt?  Wie vielfältig sind diese Anforderungen?  In welchen Bereichen widersprechen sich die Anforderungen von Rad Fahrenden untereinander?  Ist eine Gruppierung der Rad Fahrenden nach ihren jeweiligen Anforderungen möglich und sinnvoll?  Lassen sich Rad Fahrende aufgrund ihrer Ausstattung oder ihres Verhaltens einer bestimmten Gruppe Rad Fahrender zuordnen? Und dann noch etwas tiefergehend  Wodurch werden die Anforderungen Rad Fahrender beeinflusst? 7 Probleme der Rad Fahrenden mit Verkehrsregeln wurden in Studien bereits nachgewiesen (beispielhaft vgl. Pauen-Höppner 1991). 10
2. Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr Aufgrund der im ersten Abschnitt aufgeworfenen Fragen wird eine Literaturanalyse durchgeführt. Zunächst wird auf die Anforderungen von Rad Fahrenden eingegangen. Da das Verhalten der Rad Fahrenden mutmaßlich mit deren Anforderungen zusammenhängt, wird das Verhalten anschließend behandelt.8 2.1. Anforderungen von Rad Fahrenden In der Literatur ist eine Vielzahl von Anforderungen Rad Fahrender belegt. Diese Anforderungen beziehen sich in der Regel auf Kriterien der Streckenoder Routenwahl. Da diese auf unterschiedliche Arten und an verschiedenen Orten erhoben wurden, unterscheiden sich die Rangfolgen nach der Wichtigkeit in den verschiedenen Studien. Grob kann zwischen Kriterien, die beim Vergleich unterschiedlicher Strecken angewendet werden, und Kriterien, die Rad Fahrenden auf allen Wegen wichtig sind, unterschieden werden. Im Folgenden sollen zunächst die Einzelkriterien näher beleuchtet werden. Dabei wird mit den für die Rad Fahrenden wichtigsten begonnen. Die Rangfolge ergibt sich aus den Studien der TU Dresden (Hagemeister und Schmidt 2004: 52-59)9, der Bundesanstalt für Straßenwesen – BaSt (Alrutz et al. 1998: 47)10 und der TU Braunschweig (Krause 1984: 97-100)11. Eine der wichtigsten Anforderungen an eine Strecke ist das Vorhandensein einer Radverkehrsanlage. In seiner Dissertation konnte Feldkötter nachweisen, dass fehlende Radverkehrsanlagen ein wesentlicher Hinde8 9 10 11 Ein Teil der in diesem Kapitel zusammengetragenen Erkenntnisse wurde bereits in Leben 2014 veröffentlicht. 2002 wurden im Rahmen einer Studienarbeit 74 Rad Fahrende in Dresden nach den Kriterien ihrer Routenwahl befragt (vgl. Schmidt 2002: 39). In der für die Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) durchgeführten Studie wurde die Attraktivität von Radverkehrsführungen auf der Strecke untersucht. Dabei wurden rund 1.500 Rad Fahrende in den Städten Bielefeld, Hannover, Kiel, Köln, Münster und Oldenburg befragt (vgl. Alrutz et al. 1998: 32). 1983 wurden in Braunschweig und Münster rund 900 Rad Fahrende nach ihrem Wegewahlverhalten befragt. 11
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr rungsgrund für die Nutzung des Fahrrads sind (vgl. Feldkötter 2003: 159).12 Ohne diese empfinden die Befragten die Nutzung des Fahrrads im Alltagsverkehr als zu gefährlich. Ob Rad Fahrende eher Radfahrstreifen oder Radwege präferieren, soll auf die „Radfahrerpersönlichkeit“ zurückzuführen sein (vgl. Alrutz et al. 1998: 60 f.). Auf die Bedeutung des Ausdrucks „Radfahrerpersönlichkeit“ wird von den Autorinnen und Autoren nicht näher eingegangen. Es stellt sich die Frage, was diese „Radfahrerpersönlichkeit“ ausmacht und was ihre Beweggründe sind. Die Mehrheit der Befragten, so die Studie, bevorzugt Radwege. Dort wird davon ausgegangen, dass sich die Mehrheitsverhältnisse noch ändern werden: Die Rad Fahrenden müssten sich an die damals noch relativ neuen Radfahrstreifen erst noch gewöhnen. Hier stellt sich die Frage, ob Radverkehrsplanung Mehrheitsverhältnissen folgen oder eher eine Planung für alle Rad Fahrenden entwickeln sollte? Woher kommt die Skepsis gegenüber Radfahrstreifen? Sind diese nicht anforderungsgerecht oder sind Mängel in der Umsetzung die Ursache? Andere Führungsformen wie Erschließungsstraßen, selbstständige Wege und Fahrradstraßen werden laut Studie wegen ihrer Führung abseits vom Kfz-Verkehr von den Befragten besonders positiv bewertet (vgl. ebd.: 92). Zu ähnlichen Rückschlüssen kommt Zimber 1995). Bei seiner Untersuchung stellt er fest, „daß gut ausgebaute und allein für Radfahrer verfügbare Wege beim Nutzer am besten ankommen“ (ebd.: 21).13 Eine Einschätzung, die auch für ältere Rad Fahrende zutrifft. In einer weiteren Studie für die Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) werden die Präferenzen speziell von älteren Rad Fahrenden ermittelt (vgl. Steffens et al. 1999: 133).14 Diese meiden komplexen, dichten Verkehr und suchen eher ungefährlichere Wege. Überhaupt werden Radverkehrsanlagen von den Nutzenden sehr unterschiedlich bewertet. In einer neueren Arbeit wurde nach Einschätzungen zu den Radverkehrsführungen Radfahrstreifen, Radweg und für den Radverkehr freigegebener Gehweg gefragt (vgl. Hagemeister 2009).15 Wesentliche Ergebnisse sind: Stärker fahrbahnorientierte Rad Fahrende (Personen, die im Zweifelsfall eher die Kfz-Fahrbahn nutzen als einen aus ihrer Sicht schlechten Radweg) 12 13 14 15 Feldkötter befragte bei seinen Erhebungen zur Fahrradnutzung in Bonn und Düsseldorf rund 1.800 Personen. Rund 650 waren regelmäßig das Rad nutzende Personen. Zimber befragte 300 Rad Fahrende in Heidelberg. Die Untersuchung wurde in Konstanz durchgeführt. Dabei wurden rund 600 Rad Fahrende beobachtet und rund 300 zur beobachteten Fahrt interviewt. Mit weiteren 100 Rad Fahrenden wurde ein Intensivinterview durchgeführt. Befragt wurden 2006 rund 500 Personen per Internetfragebogen. 12
Anforderungen von Rad Fahrenden haben besonders hohe Anforderungen an die Qualität von Radverkehrsführungen. Andere wiederum nutzen für den Radverkehr freigegebene Gehwege, weil sie vom Kfz-Verkehr separiert unterwegs sein wollen. Dafür nehmen sie auch Qualitätseinbußen in Kauf. Hinsichtlich der unterschiedlichen Anforderungen von Rad Fahrenden resümiert Hagemeister: „Auf der einen Seite stehen Radfahrer, die auch im dichten Verkehr auf der Fahrbahn fahren möchten, auf der anderen Seite solche, die sich nur fern von Kfz auf dem Gehweg sicher fühlen“ (Hagemeister 2009: 24). Diese Präferenzen haben Regelmissachtungen zur Folge. So wird, wenn bestimmte Bedingungen nicht gegeben sind, auf andere Wege ausgewichen. Beispielsweise bewirken bei Radfahrstreifen viele oder schnelle Kraftfahrzeuge ein Ausweichen auf den Gehweg (ebd.: 23). Die Frage ist folglich, wie dieses Ausweichverhalten verhindert werden kann. Die Berechnungen von Hagemeister zeigen auch, dass die Bewertungen der Radverkehrsführungen nur zu einem geringen Teil die Verhaltensgewohnheiten erklären. Sie vermutet, dass konkrete Situationen das Verhalten beeinflussen, und dass ortskonkrete Betrachtungen weitere Aufschlüsse geben (vgl. ebd.: 24). Folglich besteht weiterer Forschungsbedarf, der die Zusammenhänge der Anforderungen genauer beleuchtet. Hinsichtlich der bevorzugt genutzten Verkehrsanlage kann festgehalten werden: Die Nutzung einer Verkehrsanlage und damit das Verkehrsverhalten hängt von grundlegenden Anforderungen ab. Erste Erklärungsansätze gibt es bereits, können aber die Wirkzusammenhänge noch nicht vollständig beschreiben. Dies ist aber notwendig, um das Fahrverhalten – insbesondere das Regelverhalten – der Rad Fahrenden positiv zu beeinflussen. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Belagsqualität in Form einer glatten und intakten Fläche, bevorzugt in Asphalt. In einer britischen Studie wird festgestellt, dass sich die Distanz, die sich Rad Fahrende z. B. auf den Weg zur Arbeit zumuten wollen, auch von der Oberflächenbeschaffenheit der Wege abhängt (Parkin et al. 2007: 79). Bei der Studie aus Dresden ist der Belag das wichtigste Kriterium der Routenwahl (Hagemeister und Schmidt 2004: 57). In der Studie der BaSt ist die Belagsqualität nach dem Vorhandensein eines Radwegs oder Radfahrstreifens das zweitwichtigste Kriterium (vgl. Alrutz et al. 1998: 47). Eine Strecke mit wenig Halten ist ebenfalls von Bedeutung (vgl. Hagemeister und Schmidt 2004: 57 und Krause 1984: 99). Womit in der Regel das Halten an Lichtsignalanlagen gemeint ist. Auch die Anzahl der Halte hat Einfluss auf die – den Rad Fahrenden zumutbaren – Distanzen (vgl. Parkin et al. 2007: 79). Männer bewerten die Wichtigkeit einer mög13
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr lichst geringen Anzahl von Fahrtunterbrechungen etwas höher als Frauen (vgl. Alrutz et al. 1998: 46). Feldkötter arbeitete als wichtigstes Kriterium, nicht Fahrrad zu fahren, ein zu hohes Kfz-Verkehrsaufkommen heraus. Es ist die am häufigsten genannte Ursache für eine hohe Gefährdung (vgl. Feldkötter 2003: 159). Nun würde man meinen, dass Radverkehrsanlagen dieses Argument entkräften. Doch bei Alrutz et al. (vgl. Alrutz et al. 1998: 63) wurde festgestellt, dass die Höhe des Kfz-Verkehrsaufkommens (sowie das Geschwindigkeitsniveau der Kraftfahrzeuge) keinen nachweisbaren Einfluss auf den Wunsch nach einer Radverkehrsanlage hat. Dennoch sei das subjektive Sicherheitsgefühl (vgl. Alrutz et al. 1998: 47) das wichtigste Kriterium der Routenwahl, da es in der Studie mit dem Wunsch nach einer Radverkehrsanlage verknüpft wird. Somit zeigt sich ein deutlicher Widerspruch zwischen den Ergebnissen der Studien. Weitere als wichtig beschriebene Kriterien für die Routenwahl werden benannt:  geringe Lärm- und Abgasbelastung (vgl. Krause 1984: 99, Alrutz et al. 1998: 47, Hagemeister und Schmidt 2004: 54),  ein angenehmes städtisches oder landschaftliches Umfeld beispielsweise mit viel Grün oder einer interessanten Umgebung (vgl. Krause 1984: 99) und  genügend breite Radwege (vgl. Krause 1984: 99). In der Arbeit von Hagemeister und Schmidt werden noch wesentlich ausdifferenziertere Kriterien abgefragt. Die wichtigsten – nicht bereits genannten – sind: freie Sicht an Knotenpunkten, Hindernisfreiheit, ungefährliches Abbiegen und Queren an Knotenpunkten, nicht durch abbiegende Fahrzeuge verstellte Knotenpunkte, gut einsehbare Strecken und soziale Sicherheit16 (vgl. Hagemeister und Schmidt 2004: 53-57). Dabei ist zu beachten, dass Frauen die soziale Sicherheit höher gewichten als Männer (vgl. Alrutz et al. 1998: 46 f.). Trotz der bereits umfänglich ausgearbeiteten Kriterien stellt sich die Frage, ob wirklich alle Anforderungen und vor allem die Anforderungen beeinflussenden Kriterien bekannt sind. Zudem gibt es über die Stärke der Einflussfaktoren unterschiedliche Einschätzungen. Werden die Präferenzen der Rad Fahrenden hinsichtlich einer Gesamtstrecke im direkten Vergleich betrachtet, können drei Kriterien herausgear16 Unter sozialer Sicherheit wird hier verstanden: Schutz vor Überfällen, Hilfe nach Sturz/Unfall, vermeiden von Unbehagen verursachenden Bereichen wie z. B. Unterführungen/Tunnel und Dunkelheit (vgl. Schmidt 2002: 32 f.). 14
Anforderungen von Rad Fahrenden beitet werden. Demnach werden Routen gewählt, die entweder am kürzesten, schnellsten oder sichersten erscheinen (vgl. Krause 1984: 99). Die zwei Determinanten Zeit und Sicherheit werden auch in britischen Studien nachgewiesen (vgl. Parkin et al. 2007: 77).17 Die jeweiligen Präferenzen hängen von verschiedenen Faktoren ab. In einer dänischen Studie wurden Anforderungen von älteren (über 70 Jahre) und jüngeren Rad Fahrenden (zwischen 40 und 49 Jahre) gegenübergestellt (vgl. Bernhoft und Carstensen 2008).18 Während den älteren Befragten Routen mit Radwegen oder Straßen mit wenig Kfz-Verkehr besonders wichtig sind und diese dafür auch Umwege in Kauf nehmen, bevorzugen die jüngeren Befragten eher schnelle oder direkte Routen. Bei der jüngeren Gruppe gibt es darüber hinaus Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen ist die Wahl einer Route mit Radwegen mehrheitlich wichtiger als die Wahl der schnellsten Route. Männer bevorzugen eher die schnellste Route. Dieses Ergebnis findet sich auch in einer amerikanischen Studie, in der das Verhalten weiblicher und männlicher Rad Fahrender gegenübergestellt wurde (vgl. Krizek et al. 2005).19 Auch hier bevorzugen Frauen eine andere Radverkehrsinfrastruktur als Männer. Sie bewerten Risiken anders als Männer und präferieren subjektiv sicherere Radverkehrsinfrastrukturen (vgl. ebd.: 38). Warum Frauen Risiken anders bewerten, kann anhand der Studie nicht geklärt werden, da nur die bevorzugten Infrastrukturen, Umwegfaktoren und die Wichtigkeit von bestimmten Kriterien wie z. B. Beleuchtung und Zustand von Radwegen untersucht wurden. Eine tiefere Betrachtung, warum Menschen bestimmte Anforderungen haben, fehlt also auch hier. Dass Alter und Geschlecht einen Einfluss haben, beschreibt auch Conrad (1995)20. In seiner Dissertation zur Wegewahl unter Berücksichtigung der Wegelänge weist er zudem einen Einfluss der geplanten Aktivität nach. Beispielsweise nimmt ein junger Mann auf dem Weg zu seinem Ausbildungsplatz am ehesten den distanzkürzeren Weg (vgl. ebd.: 201 ff.). Aus Sicherheitsgründen nutzen am ehesten ältere, erwerbstätige und weibliche 17 18 19 20 Verwiesen wird auf vier Veröffentlichungen aus den Jahren 1985 bis 2003. Befragt wurden 2001 rund 1.000 ältere Personen und rund 900 Personen in einem Alter zwischen 40 und 49 Jahren in zwei Städten in Dänemark. Dabei ging es sowohl um Fußals auch um Radverkehr. In dieser Untersuchung erfolgte eine Sekundärauswertung von fünf amerikanischen Verhaltensstudien. Es wurden zwei Befragungen durchgeführt. 1992 und 1993 wurden je rund 500 Personen nach ihren Hin- und Rückwegen befragt. 15
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr Personen einen Umweg. Die am Beispiel Krizek et al. benannten Fragen bleiben auch hier unbeantwortet. Auch die Häufigkeit der Radnutzung scheint einen Einfluss auf die Präferenzen zu haben. Nach der Untersuchung von Zimber fördert häufiges Radfahren Anforderungen nach kurzen Wegen, geringen Fahrzeiten und Fahrtkosten (vgl. Zimber 1995: 21). Die Wahl einer sicheren oder schnelleren Route hängt mit den oben erwähnten Einzelkriterien zusammen. Auf Sicherheit bedachte Personen achten bei ihrer Routenwahl auf das Vorhandensein einer Radverkehrsanlage. Ihre Wege liegen besonders häufig im Grünen oder führen entlang von Straßen mit geringer Kfz-Belastung. Personen, denen das schnelle Vorankommen eher wichtig ist, legen besonderen Wert auf eine gute Oberflächenbeschaffenheit. Sie nutzen eher stark befahrene Straßen ohne Radverkehrsanlagen (vgl. Conrad 1995: 203 f.). Dies bestätigt Zimber. Darüber hinaus stellt er fest, dass im Mischverkehr angetroffene Rad Fahrende größeren Wert auf zügiges Vorankommen als auf Sicherheit vor Unfällen legen (vgl. Zimber 1995: 21). Feldkötter bezieht noch den ruhenden Verkehr in seine Studie mit ein und bildet vier Präferenztypen. Diese legen besonderen Wert entweder auf eine gute Infrastruktur für den fließenden Radverkehr, eine gute Infrastruktur für den ruhenden Verkehr, auf eine hohe Verkehrssicherheit oder auf die Möglichkeit des schnellen Vorankommens (vgl. Feldkötter 2003: 191). Neben den Anforderungen an die Infrastruktur im weitesten Sinne gibt es noch Anforderungen anderer Art, wie fahrradfreundliches soziales Umfeld, fahrradfreundliche Umfeldbedingungen und Angstfreiheit. Diese lassen sich besonders aus Untersuchungen herleiten, die die Verkehrsmittelwahl betrachten: Das Forschungsteam um Flade weist in einem ersten Schritt den Einfluss des Umfelds und des Fahrradklimas auf die Fahrradnutzung mit Hilfe eines Niederlande-Deutschland-Vergleichs nach: deutsche Austauschstudierende nutzen das Fahrrad in den Niederlanden eher als in Deutschland (vgl. Flade et al. 1999).21 Im zweiten Schritt steht die Fahrradnutzung im Alltagsverkehr von Jugendlichen und Erwachsenen im Mittelpunkt (vgl. Flade et al. 2002b).22 Dabei liegt der Fokus vor allem auf Jugendliche, da diese die 21 22 Befragt wurden 30 Studierende. Befragt wurden rund 1.350 Erwachsene, davon rund 350 Rad Fahrende und rund 1.400 Jugendliche. 16
Anforderungen von Rad Fahrenden zukünftigen Nutzenden von Verkehrsmitteln sind und noch am ehesten zu beeinflussen seien (vgl. Flade et al. 2002a: 542). Festgehalten wird, dass die Radnutzung insbesondere von den örtlichen Bedingungen, also der Raumstruktur und dem ÖPNV-Angebot abhängt (vgl. Flade et al. 2002b: 273). Hinsichtlich der Mobilitätsorientierungen bei den Jugendlichen wird festgestellt: „als wichtigste Einflussfaktoren der Radorientierung erwiesen sich die Einstellungen zum Radfahren, die subjektiven Normen in Bezug auf das Radfahren („Radfahren ist für mich das Normale“), die Verkehrsmittelnutzung der Eltern und die Nationalität“ (Flade et al. 2002a: 547). Der Einfluss des kulturellen Milieus ist bedeutend, Jugendliche mit Migrationshintergrund sind deutlich seltener radorientiert. Warum dies so ist, geht aus der Studie nicht hervor. Aus den Ergebnissen lässt sich die Anforderung nach einem – nicht nur die Infrastruktur betreffenden – fahrradfreundlichen und fahrradbejahenden sozialen Umfeld ableiten. Weitere abzuleitende Anforderungen erbringt eine relativ neue Studie23 aus England (vgl. Aldred 2010). Hier werden Motive von Rad Fahrenden herausgearbeitet und die bestehende Fahrradkultur beleuchtet. Das Radfahren erlaube eine ganz andere Verbindung zur natürlichen und sozialen Umwelt, als motorisierter oder öffentlicher Verkehr. Es sei zudem mehr, als eine Art zum Ziel zu kommen, und umfasse eine Vielzahl von Gefühlen und Erfahrungen. Die Anstrengungen beim Radfahren geben den Rad Fahrenden das Gefühl, sich nach dem Radfahren selbst etwas Gutes tun zu können. Zudem wird das Freiheits- und Unabhängigkeitsgefühl gestärkt, da Rad Fahrende den Eindruck haben, durch ihre Verkehrsmittelnutzung etwas für das Allgemeinwohl zu tun. Fahrrad Nutzende haben also Anforderungen an die Tätigkeit des Radfahrens. Diese können teilweise nur im Zusammenhang mit entsprechenden Umfeldbedingungen erfüllt werden. Ein Hinderungsgrund, das Fahrrad zu nutzen, sind Ängste vor den Gefahren, die das Fahrradfahren mit sich bringt. In einem britischen Aufsatz wurden drei wesentliche Angst steigernde Faktoren herausgearbeitet: die Verkehrserziehung, Kampagnen zur Nutzung des Fahrradhelms und die verstärkte Separation des Radverkehrs vom Kfz-Verkehr (vgl. Horton 2007: 138). Bei der Verkehrserziehung werden die Zielgruppen auf die Gefahren des Straßenverkehrs hingewiesen, zudem werden bei vielen Kampagnen zur Nutzung des Fahrradhelms Gefahren oft mit drastischen Bildern verdeutlicht. Dies schürt übermäßige Ängste. Vom Kfz-Verkehr separiert geführte 23 Die Studie fußt auf 25 narrativen Interviews, die in Cambridge, England geführt wurden. 17
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr Radverkehrsanlagen führen zu einer Entwöhnung, eine gemeinsame mit dem Kfz-Verkehr genutzte Infrastruktur wirkt in Folge dessen zunehmend bedrohlich. Die aus diesen Erkenntnissen zu formulierende Anforderung könnte angstfreies gesellschaftliches Umfeld genannt werden. Zusammenfassung Im Ergebnis wird deutlich, dass Rad Fahrende unterschiedliche Anforderungen an die Radverkehrsinfrastruktur und das Umfeld haben. Rad Fahrende sind folglich keine homogene Gruppe, d. h. die Radfahrerin oder den Radfahrer, wie in der Öffentlichkeit gerne tituliert, gibt es nicht. Als Folge der unterschiedlichen Anforderungen werden unterschiedliche Routen gewählt. Dabei werden drei unterschiedliche Ziele verfolgt. Entweder wird die Route gewählt, die über die kürzeste Wegstrecke verfügt, die am schnellsten zurückgelegt werden kann oder die subjektiv am sichersten ist. Auf Sicherheit bedachte Personen legen bei der Routenwahl viel Wert auf das Vorhandensein von Radverkehrsanlagen. Personen, denen ein schnelles Fortkommen wichtig ist, schätzen besonders eine gute Oberflächenqualität. Eine Differenzierung nach verschiedenen Radverkehrsanlagetypen findet in der Regel nicht statt, wäre aber zum besseren Verständnis der Zusammenhänge notwendig. Die Präferenzen der Rad Fahrenden sind von verschiedenen Merkmalen abhängig. Neben Geschlecht und Alter, besteht ein Einfluss durch die geplante Aktivität und die Häufigkeit der Radnutzung. Es können vier Präferenzgruppen gebildet werden. Diese Gruppen legen entweder besonderen Wert auf eine gute Infrastruktur für den fließenden Radverkehr, eine gute Infrastruktur für den ruhenden Verkehr, auf eine hohe Verkehrssicherheit oder auf die Möglichkeit des schnellen Vorankommens. Neben den Anforderungen an die Infrastruktur gibt es noch Anforderungen an das gesellschaftliche Umfeld. Dabei geht es vor allem um eine dem Fahrrad positiv gegenüberstehende Grundstimmung und ein angstfreies Verkehrsklima. Gefühle zum und beim Radfahren spielen eine Rolle, so dass von Ansprüchen an die Tätigkeit des Radfahrens gesprochen werden kann. Hinsichtlich der zum Ende des Kapitels 1.2 aufgeworfenen Fragen zu den Anforderungen Rad Fahrender ist festzuhalten:  Es sind vielfältige Anforderungen Rad Fahrender bekannt. Als grundlegende Anforderungen werden herausgearbeitet: Sicherheit, geringer Zeitaufwand, kurze Routen und gute Infrastruktur.  Die grundlegenden Anforderungen widersprechen sich nicht. Allerdings präferieren Rad Fahrende unterschiedliche Lösungen. 18
Verhalten von Rad Fahrenden  Rad Fahrende werden nach den festgestellten grundlegenden Anforderungen gruppiert, allerdings ohne Ausstattung oder Verhalten der Rad Fahrenden zu berücksichtigen.  Ein Zusammenhang zwischen den grundlegenden Anforderungen zu anderen Einflüssen, wie zum Beispiel Gefühlen und Einstellungen der Rad Fahrenden und anderer Umfeldbedingungen, wird noch nicht hergestellt. Aus den Erkenntnissen zu den Anforderungen Rad Fahrender ergeben sich folgende zusätzliche Fragen:  Die festgestellten Anforderungen befinden sich auf einem unterschiedlichen Abstraktionsniveau. Es werden neben konkreten Lösungen wie Radverkehrsanlagen auch grundlegende Anforderungen wie Sicherheit zum Teil nebeneinander abgefragt. Damit wird z. B. nicht klar, warum die Sicherheit von den einzelnen Führungsformen durch die Rad Fahrenden unterschiedlich eingeschätzt wird und sich teilweise erheblich von der Einschätzung der Verkehrsexperten unterscheidet (Stichwort Abhängigkeit von „Radfahrerpersönlichkeit“). Zumal der Begriff Sicherheit pauschal genutzt wird und von den Rad Fahrenden sicherlich unterschiedlich interpretiert werden kann. Folglich ist sicher, dass es eine Beziehung zwischen den einzelnen Anforderungen geben muss. Wie dieser Bezug sich darstellt, sollte genauso erforscht werden, wie die Frage, ob es eine Hierarchie zwischen den Anforderungen gibt.  Eine umfassende Erläuterung der Vielfalt der Anforderungen und eine Ausarbeitung eventueller Widersprüche der Anforderungen untereinander fehlen bislang. Welche Anforderungen widersprechen sich vordergründig und welche sind tatsächlich unvereinbar?  Die bisher vorliegenden Gruppierungen Rad Fahrender stellen einen ersten, allerdings mit weiteren Kriterien zu verfeinernden Ansatz dar. Zudem ist weiterhin offen, welche Einflüsse auf die Anforderungen wirken. Warum bewerten z. B. Frauen Risiken anders als Männer? Ist diese unterschiedliche Bewertung wirklich an das Geschlecht gekoppelt oder spielen ganz andere Faktoren eine Rolle? 2.2. Verhalten von Rad Fahrenden Drei Arbeiten konnten ermittelt werden, in denen eine umfassende Beschreibung des Fahrverhaltens von Rad Fahrenden erfolgt. Diese sollen als Grundlage für die folgenden Ausführungen herangezogen werden. Ergänzt werden 19
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr die Erkenntnisse aus Arbeiten, die Teilbereiche des Fahrverhaltens untersucht haben, wie das Risikoverhalten und die Art und Weise der körperlichen Bewegung. Eine Schweizer Untersuchung, die Rad Fahrende nach ihrem Fahrverhalten gruppiert, nutzt folgende Verhaltensweisen als Kriterien (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996)24:  Spurverhalten,  Geschwindigkeitsverhalten,  Orientierungsverhalten,  Kommunikationsverhalten,  Entstehen von konflikthaften Konfrontationen und  Beachtung von Verkehrsregeln. Eine Diplomarbeit an der Hochschule Karlsruhe (vgl. Patzelt 2006)25 gruppiert Rad Fahrende anhand der Eigenschaften  technische Merkmale des Fahrrads,  Reaktionsfähigkeit,  Komfortbedürfnis,  Fahrtgeschwindigkeit und  paralleler Platzbedarf. Eine Studie über ältere Rad fahrende Personen untersucht (vgl. Steffens et al. 1999: 135)26  die Fahrzeugausstattung und Fahrzeugbenutzung,  Fahrfehler bei einzelnen Fahraufgaben,  das Orientierungsverhalten,  das Kommunikationsverhalten,  das Bewegungsverhalten und  die Bewältigung altersbedingter Beeinträchtigungen. Aus den weiteren recherchierten Arbeiten werden die Kriterien Risikoverhalten (z. B. aus Kerwien 1997) und Art und Weise der körperlichen Bewegung (aus Meyer 2008) ergänzt. 24 25 26 Die Autoren fassen in ihrer Veröffentlichung mehrere Studien zusammen. In Basel haben sie 1981 und 1982 rund 500 Rad Fahrende beobachtet und befragt. In Zürich wurden 1991 rund 200 Rad Fahrende befragt und rund 1.000 beobachtet. Es wurden 60 Rad Fahrende in Karlsruhe beobachtet. Die Untersuchung wurde in Konstanz durchgeführt. Dabei wurden rund 600 Rad Fahrende beobachtet und rund 300 zur beobachteten Fahrt interviewt. Mit weiteren 100 Rad Fahrenden wurde ein Intensivinterview durchgeführt. 20
Verhalten von Rad Fahrenden Zusammengefasst ergeben sich elf Kriterien, nach denen auf das Verhalten der Rad Fahrenden bei der Verkehrsteilnahme zurückgeschlossen werden kann. Diese sollen nacheinander abgearbeitet und näher spezifiziert werden. Bereits die Ausstattung von Fahrrad und Fahrenden wurde für die Beschreibung des Verhaltens der Rad Fahrenden genutzt. Patzelt betrachtete die Sattel-Lenker-Überhöhung, die Reifenbreite und ob Vorrichtungen für einen Gepäcktransport vorhanden waren. Bei Steffens et al. wurden die Fahrradart, die Sicherheitsausstattungen und die Fahrzeugmängel analysiert. Zudem wurde darauf geachtet, ob die Rad Fahrenden einen Helm trugen oder Gepäck transportierten (vgl. Steffens et al. 1999: 108). Ein gegenüber dem Lenker höherer Sattel und schmale Reifen wurden eher sportlich fahrenden Personen zugeordnet (vgl. Patzelt 2006: 64). Ältere Verkehrsteilnehmende (vgl. Steffens et al. 1999: 109) bevorzugen „normale“ Fahrräder mit Nabenschaltung, die in der Regel mängelfreier sind als die Fahrräder der Kontrollgruppe. Männliche Senioren sind auch oft auf Damenrädern anzutreffen. Darüber hinaus konnte eine gegenseitige Abhängigkeit des Fahrverhaltens vom genutzten Fahrradtyp durch Unfallanalysen nachgewiesen werden. So gibt es einen Zusammenhang von Unfallort und Fahrradtyp. Während Nutzende von Rennrädern in erster Linie auf der Kfz-Fahrbahn verunglücken (51 %), verunfallen Hollandradnutzende eher auf dem Radweg (39 %) (vgl. Heinrich und Osten-Sacken 1996: 25 aber auch Walter et al. 2005: 132). Die Autoren weisen darauf hin, dass die Unfallbelastungen in der Regel auf unterschiedliches Fahrverhalten (Fahrstil, Einsatzgebiet, Fahrzeitpunkt, Verwendungszweck usw.) und nicht auf die Konstruktionsart der Fahrräder zurückzuführen seien. Nutzende, die einen bestimmten Fahrradtyp präferieren, haben scheinbar eine spezifische Streckenwahl. Bei dem Spurverhalten oder parallelen Platzbedarf, wird auf die Fahrlinie der Rad Fahrenden geachtet. Mehr Platzbedarf nehmen unsichere oder aggressiv fahrende Personen in Anspruch (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 126). Unsicher fahrende Personen neigen eher zu einer niedrigen Geschwindigkeit, während aggressiv fahrende eher zu schnell unterwegs sind (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 127). Ältere Personen wählen ebenfalls eher geringere Geschwindigkeiten, um ihre altersbedingten Einschränkungen zu kompensieren (vgl. Steffens et al. 1999: 136). Wird die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschritten oder die Geschwindigkeit nicht der Verkehrssituation angemessen gewählt, ist das Geschwindigkeitsverhalten ein Teil des Kriteriums „Beachtung von Verkehrsregeln“. 21
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr Etwas uneinheitlich wird die Wahl der Verkehrsanlage oder die Wahl der Strecke behandelt. Patzelt ordnet die Wahl der Verkehrsanlage dem Komfortbedürfnis unter, indem er unterstellt, dass Rad Fahrende die Fahrbahn wegen der glatteren und damit komfortableren Fahrbahnoberfläche gegenüber dem Radweg vorziehen. Er stellt aber auch fest, dass dies im Konflikt mit dem Sicherheitsbedürfnis steht, da er beobachtete, dass bei höheren KfzVerkehrsaufkommen die Rad Fahrenden wieder auf den Radweg wechseln (vgl. Patzelt 2006: 52). Die Wahl der Verkehrsanlage wird bei Steffen et al. als Teil des Bewegungsverhaltens abgehandelt. Insbesondere dort wird deutlich, dass hier auch das Regelverhalten betroffen ist. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn der Gehweg statt der Fahrbahn genutzt wird. Ältere Verkehrsteilnehmende sind diesbezüglich stärker auf ihre Sicherheit bedacht und halten einen höheren Abstand zum fließenden Kfz-Verkehr ein, indem sie eine stärkere Nähe zum Fahrbahnrand suchen oder Rad- und Gehwege nutzen (vgl. Steffens et al. 1999: 114). Bei der Ermittlung des Orientierungsverhaltens wurde bei der Untersuchung aus der Schweiz die Blickrichtung der Rad Fahrenden aufgenommen, also ob weit nach vorne, eher knapp vor dem Fahrrad oder wechselnd und durch den Raum schweifend (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 127). Diese Vorgehensweise unterscheidet sich von anderen Untersuchungen. Bei Steffen et al. wird das Umschauen beim Spurwechsel als ein Beleg für das Orientierungsverhalten verwendet und bezieht sich dabei auf die Studie von Pauen-Höppner ( 1991). Sie nennt in ihrer Studie vier Situationen, bei denen es auf ein intensives Orientierungsverhalten ankommt: Situationen an Kreuzungen, beim Einordnen, beim Abbiegen und beim Spurwechsel (vgl. ebd.: 197). Ältere Verkehrsteilnehmende scheinen ihre zunehmenden Bewegungsschwierigkeiten durch eine beim Einordnen oder vor dem Linksabbiegen stärkere Orientierung nach hinten, ausgleichen zu wollen (vgl. Steffens et al. 1999: 111). Das Kommunikationsverhalten wurde ebenfalls auf unterschiedliche Art und Weise aufgenommen. Bei Steffen et al. wurde das Handzeichengeben beim Abbiegen herangezogen. Sie stellen fest, dass nur rund ein Drittel der beobachteten Personen beim Abbiegen Handzeichen gibt, und zwar unabhängig vom Alter der Personen. Zudem sei das Verhalten abhängig von der Verkehrssituation. Fahren die Rad Fahrenden auf vorfahrtberechtigten Straßen, geben sie wesentlich öfter ein Handzeichen beim Linksabbiegen, als wenn sie auf vorfahrtgewährenden Straßen unterwegs sind (vgl. Steffens et al. 1999: 113). Bei der Untersuchung von Hürliman und von Hebenstreit wurde die direkte Kommunikation zwischen den Rad Fahrenden und ande22
Verhalten von Rad Fahrenden ren Verkehrsteilnehmenden, wie Blickkontakt, Handzeichen oder Klingeln, aufgenommen. Diese Kommunikationsformen konnten allerdings nur selten beobachtet werden. Am häufigsten nutzen Personen (jede vierte) mit einem aggressiven Fahrstil die Klingel. Bei den anderen Fahrstilgruppen liegt dieser Anteil bei jeweils unter 4 % (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 129). Eine Betrachtung der Reaktionsfähigkeit findet sich ausschließlich bei Patzelt. Dies mag daran liegen, dass diese nur schwer beobachtet werden kann. Er beobachtete die Reaktionen der Rad Fahrenden, wenn plötzlich Hindernisse wie querende zu Fuß Gehende, Kraftfahrzeuge oder Rad Fahrende auftraten. Vornehmlich ältere Verkehrsteilnehmende zeigen eine verminderte Reaktionsfähigkeit (Patzelt 2006: 50 f.). Hürliman und von Hebenstreit betrachteten demgegenüber konflikthafte Konfrontationen, also Situationen bei denen es zu einem Unfall gekommen wäre, wenn nicht ein Beteiligter oder eine Beteiligte auf sein oder ihr Recht verzichtet hätte. Hier spielt wieder das Regelverhalten eine Rolle. Wie bei Unfällen wurden die konflikthaften Konfrontationen nach den Verursachenden kategorisiert. Die Wahrscheinlichkeit eines Konfliktes hängt genauso von dem Fahrverhalten der Rad Fahrenden ab, wie die Wahrscheinlichkeit, der Verursachende des Konflikts zu sein. So sind Rad Fahrende mit einem aggressiven Fahrstil nicht nur besonders häufig in Konflikte involviert, sie sind auch häufig die Verursachenden (siehe Tabelle 3). Demgegenüber sind Rad Fahrende mit einem ruhig-ausgeglichenen Fahrstil nicht nur selten in Konfrontationen verwickelt, sie sind auch nur selten für diese Konflikte verantwortlich. Letztere sind auch vorsichtiger gegenüber zu Fuß gehenden Personen. Doch wie hoch ist das Gefährdungspotenzial für Rad Fahrende, in einen Unfall verwickelt, verletzt oder getötet zu werden? 2009 sind deutschlandweit 75.797 Personen mit dem Fahrrad verunglückt. 27 462 davon wurden dabei getötet. Dies sind rund 930 Verunglückte und 6 Getötete pro 1 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner (vgl. Destatis 2010: 11). Bezogen auf alle Verkehrsmittel, waren 18,6 % aller verunglückten und 11,1 % aller im Straßenverkehr 2009 getöteten Personen mit dem Fahrrad unterwegs (vgl. Destatis 2011: 29). Einer norwegischen Studie zu Folge ist das Risiko, bei 27 Verunglückte sind in der Unfallstatistik Personen, die verletzt oder getötet wurden. Zu beachten ist, dass nicht zwischen Fahrzeuglenkenden und Mitfahrenden unterschieden wird. 23
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr einem Verkehrsunfall zu sterben, für Rad Fahrende unter Berücksichtigung der zurückgelegten Personenkilometer ungefähr 10-mal so groß wie für Insassen eines Pkw (vgl. Erke 2008: 171). Ähnliches gilt für die Schweiz. Hier ist das Risiko, als Rad Fahrender getötet oder schwer verletzt zu werden, bezogen auf die Personenkilometer, 10-mal so groß wie als Insasse eines Pkw (vgl. Walter et al. 2005: 73). Für das EU-Projekt WALCYING werden für 10 Länder die Radkilometer pro Einwohnerin und Einwohner und Tag und die getöteten Rad Fahrenden pro Radkilometer in einer gemeinsamen Grafik dargestellt. Damit wird gezeigt, dass die Anzahl der getöteten Rad Fahrenden pro Kilometer mit der Anzahl der mit dem Rad zurückgelegten Kilometer abnimmt. Zusammen mit weiteren Beispielen wird nachgewiesen, dass die Sicherheit des einzelnen Rad Fahrenden, rein statistisch, von dem Radverkehrsanteil am örtlichen Modal Split abhängt (vgl. Hydén et al. 1999: 34 und Wittink 2003: 173). Anteil konflikthafter Konfrontationen 17,8 Verursachende (in %) Rad zu Fuß Kfz- Beide Fah- Gehen- Fah- Beteil rende de rende igte 8,4 7,4 78,9 5,3 Fahrstil-Typen ruhigausgeglichen 14,2 7,0 16,3 72,1 4,6 aktiv-dynamisch sportlich68,5 21,8 41,7 31,3 5,2 ambitioniert affektiv70,5 41,9 12,9 25,8 19,4 unausgewogen unsicher52,0 61,5 7,7 7,7 23,1 ungeschickt 82,2 75,7 8,1 5,4 10,8 aggressiv 29,9 25,4 21,0 45,8 7,8 Summe Grundgesamtheit: 334 Konflikte, Hervorhebungen im Original Summe 100 100 100 100 100 100 100 (Quelle: Überarbeitete Tabelle nach Hebenstreit und Hürliman 1996: 129 f.) Tabelle 3: Anteil der konflikthaften Konfrontationen bei der Begegnung der Rad Fahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmenden und Verursachende der konflikthaften Konfrontationen, nach Fahrstil-Typ 24
Verhalten von Rad Fahrenden Radfahrer werden öfter in einen Unfall verwickelt als Radfahrerinnen. 61 % der verunglückten Rad Fahrenden sind männlich (berechnet aus Destatis 2010: 13), obwohl männliche Personen in etwa gleich viele Wege mit dem Fahrrad zurücklegen wie weibliche Personen (vgl. Infas und DLR 2010c: 57). Hinsichtlich der Altersgruppen sind besonders die 10- bis 14-Jährigen und die 18- bis 29-Jährigen gefährdet. So wurden 2008 beispielsweise 11,9 % aller Wege mit dem Fahrrad von 18- bis 29-jährigen Personen unternommen. Diese Gruppe stellte aber 16,8 % der 2009 mit dem Fahrrad Verunglückten Personen (aus Destatis 2010: 13 und Infas und DLR 2010c: 55 errechnet). Alleinunfälle Zusammenstoß mit Fahrrad mit Mofa, Moped, Motorrad mit Pkw mit Bus mit Güter-Kfz mit zu Fuß Gehenden Sonstige Mehrere Beteiligte Summe Unfälle mit Personenschaden unter Beteiligung Bei Unfällen von Rad getöte Rad Fahrenden Fahrende 12.612 16,6 % 107 23,2 % Getötete Rad Fahrende im Verhältnis zur Anzahl Unfälle 0,8 % 5.242 1.299 6,9 % 1,7 % 11 6 2,4 % 1,3 % 0,2 % 0,5 % 44.873 509 3.409 3.864 59,1 % 0,7 % 4,5 % 5,1 % 198 8 79 5 42,9 % 1,7 % 17,1 % 1,1 % 0,4 % 1,6 % 2,3 % 0,1 % 1.592 2.513 75.913 2,1 % 3,3 % 100,0 % 19 29 462 4,1 % 6,3 % 100,0 % 1,2 % 1,2 % 0,6 % (Quelle: Eigene Darstellung nach Destatis 2010: 14) Tabelle 4: Verunglückte Rad Fahrende bezogen auf die Verkehrsmittel der anderen Beteiligten, 2009 in Deutschland Am häufigsten verunglücken Rad Fahrende, indem sie mit einem Pkw kollidieren (siehe Tabelle 4). Aber auch die Anzahl der Alleinunfälle, d. h. das Verunglücken der Rad Fahrenden ohne Beteiligung einer weiteren Person, ist hoch. Die Wahrscheinlichkeit, bei einer Kollision getötet zu 25
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr werden, ist bei einem Zusammenstoß mit einem Güterkraftfahrzeug am größten (siehe Tabelle 4, letzte Spalte). Das erhöhte Tötungsrisiko bei einer Kollision mit Lkw wird auch international bestätigt (vgl. Erke 2008: 172). Werden alle Unfälle, also auch die polizeilich nicht erfassten, betrachtet, ist der Anteil der Alleinunfälle erheblich. Zwei norwegische Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass ca. 80 % aller Radfahrunfälle Alleinunfälle sind (ebenda). Die Beachtung von Verkehrsregeln oder auch die Fahrfehler von Rad Fahrenden wurden vielfach untersucht. Die Forschungsgruppe um Kuller beobachtete das Fahrverhalten Rad Fahrender. Sie stellt fest, dass 92 % der Rad Fahrenden während einer Fahrt mindestens einmal gegen eine Regel verstoßen. Insgesamt gibt es 28 verschiedene Regelverstöße. Die Anzahl der Verstöße wurde mit der Zahl der möglichen Verstöße in Bezug gesetzt. Die häufigsten Regelverstöße sind demnach (vgl. Kuller et al. 1986: 2)28:  ohne Handzeichen abbiegen 65 %,  ohne Beleuchtung fahren 26 %,  Kurve schneiden 22 %,  beim Abbiegen nicht nach hinten sehen 20 %,  falsch einordnen 15 %,  Vorfahrt des Kfz nehmen (beim Abbiegen) 14 %,  Radweg in falscher Richtung befahren 11 %,  Haltlinie oder Rotlicht überfahren 9 %,  nicht rechts fahren 9 %,  Fahrbahn statt Radweg benutzen 8 %,  auf dem Gehweg fahren 7 %,  Lichtsignalanlage umfahren 6 %,  Vorfahrt des Kfz nehmen (beim Geradeausfahren) 6 %. Der Regelverstoß „Fahrbahn statt Radweg benutzen“ gilt heute nur noch eingeschränkt. Inzwischen müssen Rad Fahrende nur noch als benutzungspflichtig gekennzeichnete Radwege nutzen. In einer neueren Arbeit wurde das Verhalten von Rad Fahrenden auf Radverkehrsanlagen dokumentiert. Auf fünf Radwegen mit Benutzungspflicht, benutzten nur an einem Streckenabschnitt mehrere Rad Fahrende (3,4 %) die Fahrbahn anstatt des Rad28 Innerhalb der Studie wurden in den Städten Bremen, Duisburg und Freiburg rund 4.700 Rad Fahrende beobachtet und rund 700 Rad Fahrende befragt. 26
Verhalten von Rad Fahrenden wegs (vgl. Alrutz et al. 2009: 42).29 Die Quote der verkehrswidrigen Gehwegnutzung lag an diesen Strecken zwischen 0,9 und 5,8 %. Radfahrstreifen und Schutzstreifen wurden bei dieser Studie an insgesamt acht Streckenabschnitten betrachtet. Die Fahrbahnnutzung an diesen Strecken lag zwischen 0,3 und 4,3 %, die der Gehwegnutzung zwischen 0 und 1,6 % (vgl. Alrutz et al. 2009: 44).30 Werden Rad Fahrende nach ihrer Regelbefolgung gefragt, gibt es sehr unterschiedliche Ergebnisse. In einer Online-Befragung durch die Unfallforschung der Versicherer (UDV) und der Prognos AG gaben 68 % der befragten Rad Fahrenden an, nie rote Ampeln zu überfahren (vgl. Gehlert 2009: 10).31 Demgegenüber gaben in einer Freiburger Studie nur 29 % der Befragten an, nie bei Rot weiterzufahren (vgl. Fuchs und Pfeiffer 2009: 43).32 Dies gilt in abgeschwächter Form auch für andere Regelverstöße. 69 bzw. 56 % der Befragten fahren nie ohne Licht im Dunkeln. 30 bzw. 12 % der Befragten befahren einen Radweg nie in Gegenrichtung. Insgesamt wird deutlich, dass von einer hohen Zahl von Rad Fahrenden zumindest gelegentlich gegen wichtige Verkehrsregeln verstoßen wird. 11-17 18-44 Jahre Jahre 45-64 Jahre Männlich 9 % 23 % 17 % Anteil an den Personen mit Regelverstößen 4 % 25 % 16 % Anteil an allen Verfolgten Weiblich 10 % 24 % 7% Anteil an den Personen mit Regelverstößen 6 % 28 % 11 % Anteil an allen Verfolgten Grundgesamtheit: rund 1.400 verfolgte Rad Fahrende 65 Jahre und älter Summe 8% 56 % 7% 53 % 2% 44 % 2% 47 % (Quelle: Eigene Darstellung nach Alrutz et al. 2009: 48) Tabelle 5: Regelverstöße nach Geschlecht und Alter 29 30 31 32 Es wurden rund 400 Personen auf diesen Streckenabschnitten in Berlin und Köln verfolgt. Es wurden rund 650 Personen auf diesen Streckenabschnitten in Berlin, Bonn, Halle, Köln und Troisdorf verfolgt. Bei der nach eigenen Angaben in 2008 durchgeführten repräsentativen Online-Befragung haben rund 1.000 Personen, davon 540 das Fahrrad nutzende Personen, teilgenommen. 2009 wurden in Freiburg rund 600 Personen, davon rund 470 Rad Fahrende, befragt. 27
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr Bezogen auf Alter und Geschlecht verstoßen Radfahrer etwas öfter gegen Verkehrsregeln als Radfahrerinnen. Dies ist allerdings abhängig vom Alter. Während es in den Altersklassen bis 44 Jahren zwischen Frauen und Männern kaum Unterschiede gibt, verstoßen ältere Männer häufiger gegen Verkehrsregeln als ältere Frauen (siehe Tabelle 5). Die Folgen von Regelübertretungen Rad Fahrender zeigen sich in der Unfallstatistik. Von rund 83.000 Unfällen mit Personenschaden und Beteiligung von Rad Fahrenden zeigen rund 53.000 Rad Fahrende ein Fehlverhalten (vgl. Destatis 2010: 18). Die häufigsten Fehler werden bei der Nutzung der Straße gemacht. Hierzu zählen die Missachtung der Benutzungspflicht von Radwegen, ebenso wie die Nutzung von Einbahnstraßen oder Radverkehrsanlagen in falscher Fahrtrichtung. Auffällig ist die Abhängigkeit des Fehlverhaltens vom Alter der Beteiligten. Bei Personen unter 35 Jahren spielt die falsche Straßenbenutzung eine große Rolle (siehe Tabelle 6). Fahraufgaben, bei denen auch körperliche Fähigkeiten eine Rolle spielen, wie z. B. beim Vorfahrt Gewähren oder beim Abbiegen, führen sowohl bei sehr jungen als auch bei sehr alten Personen besonders häufig zu Unfällen. Bei den mittleren Altersgruppen ist vor allem das Fahren unter Alkoholeinfluss ein Problem. Zwischen dem Regelverhalten und den übrigen Verhaltensweisen der Rad Fahrenden gibt es einen Zusammenhang (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 133). Beispielsweise treten das Fahren in falscher Richtung und das Fahren auf der Fahrbahn anstatt auf dem Radweg vor allem bei den Sportlich-ambitionierten auf. Gleichzeitig fahren diese eher seltener auf dem Gehweg. Den meisten bisherigen Erkenntnissen zum Fahrverhalten bleibt gemein, dass diese sich auf beobachtetes Verhalten beziehen. Die unmittelbaren Gründe für diese Verhaltensweisen werden in der Regel nicht aufgedeckt. Eine Ausnahme bildet hier die Studie von Steffens et al. (1999), die sich allerdings auf das Verhalten von Rad Fahrenden hohen Alters beschränkt.33 33 Mit diszipliniertem, langsamem Fahren und dem Meiden vom dichten Verkehr werden altersbedingte Beeinträchtigungen kompensiert (vgl. ebd.: 3). 28
unter 15 1517 11.774 5.214 3.678 1820 4.631 2124 10.150 2534 678 1 30 711 153 206 210 60 706 68 147 104 78 48 48 44 45 Überholen 14 8 11 12 Vorfahrt / Vorrang 62 86 95 73 Abbiegen, Ein- und Anfahren Nicht angepasste Geschwindigkeit 152 Falsche Straßenbenutzung 54 darunter: Alkoholeinfluss 639 55 73 48 15 12 62 50 175 86 658 48 206 74 703 38 45 16 50 137 79 596 11.431 3544 40 40 15 55 119 80 584 12.417 4554 Darunter im Alter von … Jahren Fehlverhalten der Fahrzeugführenden in Summe 82.520 Beteiligte Fahrzeugführende Summe 44 46 15 53 125 65 590 8.665 5564 55 56 9 40 119 36 548 8.590 6574 92 85 9 30 118 11 633 4.056 ab 75 76 84 57 41 306 4 1.056 1.914 ohne Anga be Verhalten von Rad Fahrenden (Quelle: Darstellung nach Destatis 2010: 18) Tabelle 6: Fehlverhalten Rad Fahrender (je 1.000 eteiligte) 2009 bei Unfällen mit Personenschaden nach Altersgruppen und Art der Verkehrsbeteiligung 29
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr Mehr Forschungsergebnisse gibt es zu den Einflussfaktoren auf die Regelbeachtung. Ob Regelkenntnisse einen Einfluss auf die Regeleinhaltung haben, untersuchten Fuchs und Pfeiffer in ihrer Studie. Sie kommen allerdings zu dem Schluss, dass bis auf den Fall „mit Fahrrad auf Gehweg fahren“ kein Einfluss der Regelkenntnisse auf die Häufigkeit der Übertretungen nachgewiesen werden kann (vgl. Fuchs und Pfeiffer 2009: 58). Ebenfalls keine Zusammenhänge zum Regelwissen stellt die Forschergruppe um Alrutz fest (vgl. Alrutz et al. 2009: 106). Zwischen der Vertrautheit einer Strecke und der Regelbeachtung kann auch kein Zusammenhang nachgewiesen werden (ebd.). Strafen sollen laut Fuchs und Pfeiffer ebenfalls nicht zu einer Erhöhung der Regelbefolgung beitragen. Bereits sanktionierte Personen halten Regeln weniger strikt ein, als Personen, die noch nie eine Strafe zahlen mussten (vgl. Fuchs und Pfeiffer 2009: 57).34 Zwischen der von den Rad Fahrenden eingeschätzten Entdeckungswahrscheinlichkeit und der Regelbefolgung kann ebenfalls kein Zusammenhang nachgewiesen werden (vgl. ebd.: 50). Dieser Nachweis wird allerdings statistisch geführt. Über einen Einfluss der Strafhöhe bzw. empfundenen Strafhärte wird nur spekuliert (vgl. ebd.: 51). Die Gründe, warum Strafen keinen Einfluss haben, können somit nicht geklärt werden. Einen höheren Einfluss auf die Regeleinhaltung hat die Einstellung der Rad Fahrenden. Fuchs und Pfeiffer resümieren in ihrer Studie, „dass eine deutliche Mehrheit der Radfahrer eine positive und grundsätzlich bejahende Grundhaltung zu den geltenden Verkehrsregeln besitzt und in der Einhaltung der Verkehrsregeln einen Beitrag zur Erhöhung der persönlichen Verkehrssicherheit sieht. Allerdings stellt eine nicht unerhebliche Minderheit eine strikte Befolgung der Verkehrsregeln in Frage und äußert, Spaß an riskantem Verkehrsverhalten zu haben“ (Fuchs und Pfeiffer 2009: 57). Die Autoren resümieren, dass es wichtiger sei, den Sinn und Zweck von Regeln im Sinne der Verkehrssicherheit zu vermitteln, als Strafen zu verhängen. Die Anforderungsgerechtigkeit der Verkehrsinfrastruktur für Rad Fahrende wird in der Studie nicht bezweifelt. In der Untersuchung von Alrutz et al. werden typische Fehlverhaltensweisen von Rad Fahrenden mit Personenmerkmalen, Selbsteinschätzungen 34 Nach einer Veränderung des Verhaltens, vor und nach der Strafe, wird allerdings nicht gefragt. Somit fehlt ein Nachweis, dass Strafen keinen präventiven Effekt haben. 30
Verhalten von Rad Fahrenden und selbst angegebenem Fahrverhalten verglichen. Beispielsweise fahren insbesondere Personen bei Rot, die angaben (vgl. Alrutz et al. 2009: 103),  eher schneller unterwegs zu sein als andere Rad Fahrende,  sich nicht immer an die Verkehrsregeln zu halten,  häufig den kürzeren Weg zu nehmen, auch wenn sie sich dabei mal nicht an die Verkehrsregeln halten,  nicht den sichereren Weg zu nehmen, wenn sie einen Umweg in Kauf nehmen müssen,  dass es für sie eher unüblich ist, sich an die Verkehrsregeln zu halten und  das Fahren bei Rot in Ordnung zu finden. Damit werden erste Wirkungszusammenhänge aufgezeigt. Meist bleiben diese allerdings bei einfachen Zusammenhängen stehen. So wird nachgewiesen, dass Rad Fahrende insbesondere dann unrechtmäßig einen Gehweg befahren, wenn sie (vgl. ebd.)  sich nicht immer an die Verkehrsregeln halten,  weiblich sind und  das Befahren eines Gehwegs in Ordnung finden. Es erscheint logisch, dass Personen, die mit dem Fahrrad auf dem Gehweg fahren, dieses Verhalten in Ordnung finden. Sich nicht an Verkehrsregeln zu halten, ist in dieser Aussage enthalten. Der hier ermittelte Zusammenhang führt zu keinem tiefergehenden Erkenntnisgewinn. In einer weiteren Analyse dieser Studie werden weitere Zusammenhänge hergestellt. So benutzen Personen, die Radwege in der falschen Richtung befahren, auch schon mal einen Gehweg. Personen, die sich üblicherweise an Regeln halten und deren soziales Umfeld eine Regelbefolgung gutheißt, verhalten sich auch beim Radfahren eher regelkonform (vgl. ebd.: 106 f.). Bezüglich Anforderungen Rad Fahrender und ihrer Regeleinhaltung heißt es, dass, nach der positiven Einstellung zum Regelverstoß, die Motivation, möglichst schnell und ohne Umwege ans Ziel zu kommen, den zweitgrößten Einfluss auf das regelabweichende Verhalten hat (vgl. ebd.: 117). Die Studien erklären das Verhalten von notorischen Regelbrechern. Die Frage ist, ob bei diesen statistischen Untersuchungen auch die Rad Fahrenden zur Geltung kommen, die sporadisch Regeln missachten. Verführt das Radfahren zu einer stärkeren Regelmissachtung? Welche Gründe könnte es hierfür geben? Bei Kuller et al. werden je Regelübertretung die Motive erläutert. So wird beispielsweise bei der Benutzung von Radwegen in falscher Richtung oft das Erreichen eines nah gelegenen Ziels oder Zwischenziels (und der andernfalls 31
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr notwendige Umweg) als Grund für die Regelmissachtung angegeben. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Regelmissachtung in diesem Zusammenhang unbewusst geschieht und heruntergespielt wird: „Nur ein kurzes Stück“ (Zitat eines Rad Fahrenden nach Kuller et al. 1986: 95). Als wichtigste Beweggründe von Regelmissachtungen werden Sicherheit, Rücksicht auf andere, Schonung der eigenen Kräfte und des Fahrrads erkannt (vgl. ebd.: 2a). Für einige Rad Fahrende gelte der Anspruch, „selbst entscheiden zu können, ob die Regel einzuhalten ist oder nicht“ (ebd.: 2a). Andere Rad Fahrende würden sich dem Fußverkehr nahe fühlen, für den keine Regeln gelten. Trotzdem seien die Rad Fahrenden grundsätzlich auf ihre Sicherheit bedacht und würden dann Regeln übertreten, wenn sie der Ansicht sind, dass eine Befolgung sie in Schwierigkeiten bringen würde. Die Autoren kommen schließlich zu dem Schluss, dass Verkehr, in diesem Fall das Radfahren, nebensächlich ist und hinter dem Erreichen des Ziels zurücksteht. Einer Nebensache würde weniger Aufmerksamkeit gewidmet, und folglich würden Regeln nicht bedacht und in der Folge missachtet (vgl. ebd.: 115). In einer französischen Studie wird festgestellt, dass Rad Fahrende in erster Linie effizient vorankommen möchten, daher möglichst selten anhalten und dafür auch Regeln missachten (vgl. Carré 2002).35 Ketterer (1990) kommt bei seiner Studie zu dem Schluss, dass die Gestaltung des Verkehrsraums einen erheblichen Einfluss auf die Regeleinhaltung hat und weist dies anhand des beobachteten Verhaltens nach (vgl. ebd.: 103).36 So beobachtete er direkt linksabbiegende Rad Fahrende, obwohl ein indirektes Linksabbiegen über einen Radweg und den zugehörigen Furten vorgeschrieben war. Da er die beobachteten Rad Fahrenden nicht befragt hatte, vermutete er zeitliche Gründe hinter der Regelabweichung. Damit ist Ketterer einer der wenigen, die einen expliziten Zusammenhang zwischen den Anforderungen und dem Fahrverhalten herstellen. Dies ist allerdings auf einen kleinen Ausschnitt der Verkehrsinfrastruktur und der Verkehrswirklichkeit beschränkt. 35 36 Es wurden 20 Rad Fahrende auf ihren täglichen Wegen mit vier Videokameras beobachtet. Dabei wurden das Gesicht der Rad Fahrenden, die Straße vor und hinter den Rad Fahrenden und das Tachometer aufgezeichnet. Im Rahmen seiner psychologischen Studie zu Sicherheitsproblemen des Radverkehrs wurden 1988 in Freiburg an drei lichtsignalgeregelten Knotenpunkten rund 2.500 Rad Fahrende beim Geradeausfahren, Links- und Rechtsabbiegen per Videoaufzeichnung beobachtet. 32
Verhalten von Rad Fahrenden Andere Studien setzen vornehmlich auf die Aufklärungsarbeit, um auf die Einstellungen der Rad Fahrenden einzuwirken, und stellen die Sinnhaftigkeit des aktuellen Verkehrssystems nicht in Frage (beispielhaft Alrutz et al. 2009: 121-123 und Fuchs und Pfeiffer 2009: 58). Die Anforderungsgerechtigkeit des Systems Straße wird nicht hinterfragt. Ob Aufklärungsarbeit alleine reicht, kann im Hinblick auf die Studienergebnisse von Ketterer jedoch bezweifelt werden. Vielmehr ist zu befürchten, dass Hinweise auf die Gefahren zu weiteren Vorbehalten gegenüber dem Fahrrad als alltägliches Verkehrsmittel führen. Die im vorherigen Kapitel vorgestellten Studien von Horton belegen diese Befürchtung. Pauen-Höppner (1991)37 bildet in ihrer Studie drei Cluster von Rad Fahrenden: hinsichtlich der Einhaltung von Regeln: eher abweichende, eher angepasste oder eher auffällige Rad Fahrende. Die eher abweichenden Rad Fahrenden seien vorwiegend schnelle und leistungsorientierte Verkehrsteilnehmende, die optimal durch den Verkehr kommen wollen und dabei auch Regelübertretungen in Kauf nehmen (vgl. ebd.: 272 f.). Die Gruppe der angepassten Rad Fahrenden wird als ordentlich und rücksichtsvoll, selbstbewusst und verkehrserfahren beschrieben. Zwar treten auch bei dieser Gruppe Regelübertretungen auf, die zugeordneten Personen achten aber auch sehr auf die anderen Verkehrsteilnehmenden. Die letzte Gruppe der eher auffälligen Rad Fahrenden wird ein weiteres Mal aufgeteilt. Beide Teilgruppen werden als regelverletzend und unberechenbar bezeichnet. Beide achten nur wenig auf andere Verkehrsteilnehmende. Während der eine Teil als risikoreich und offensiv charakterisiert wird, besteht der andere Teil aus ängstlichen und unsicheren Rad Fahrenden (vgl. ebd.: 278 f.). In die Clusteranalyse gingen die sechs Fehlergruppen und die Anzahl der bei den Beobachtungen festgestellten Übertretungen ein. Die Erkenntnisse aus den Interviews wurden genutzt, um die Cluster näher zu beschreiben. Insgesamt bezieht sich die Studie ausschließlich auf Fahrfehler. Anforderungen oder das Fahrverhalten insgesamt gingen nicht in die Clusteranalyse ein. In der Studie wird betont, dass örtliche Einflüsse – also auch die Ausgestaltung der Infrastruktur – Fehlverhalten beeinflussen können. Um diese Hypothese zu bestätigen, seien tiefergehende Analysen notwendig (vgl. ebd.: 251). Darüber hinaus fehlt aufgrund des Alters der Studie eine Betrachtung neuerer Infrastruktureinrichtungen wie auf der Fahrbahn markierter Radverkehrsan37 Es wurden 1987 in Berlin und Celle 136 Personen zunächst bei drei Fahrten beobachtet und anschließend intensiv befragt. 33
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr lagen (Radfahrstreifen). Interessant wäre daher, ob z. B. Radfahrstreifen zu einer fehlerfreieren Fahrweise führen. Unfallrelevanz 5-stufig XX XXX XX X XXX XX XX XX XXX XXX XXX XXX X XX X bis XX Risikofaktoren von Rad Fahrenden Eingeschränkte Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, vor allem relevant bei Kindern unter 10 Jahren Ablenkung durch spielerisches Fahrerlebnis bei Kindern Körpergröße, insbesondere bei Kindern: sehen und gesehen werden Motorische Fähigkeiten, insbesondere bei Kindern Mangelhaftes verkehrsrelevantes Wissen Sicherheitsabträgliche Einstellung Alkoholkonsum Sicherheitsabträglicher Fahrstil Hohe (unangepasste) Fahrgeschwindigkeit, eher bei Kindern und Jugendlichen Regelwidriges Verhalten Ungenügende Sichtbarkeit bspw. Kleidung, Licht Kein oder schlecht sitzender Helm, relevant hinsichtlich Unfallschwere Risikofaktoren von Fahrrädern Technische Mängel (außer Beleuchtung und Bremsen) Mangelhafte Beleuchtungseinrichtung Mangelhafte Bremsanlage (Quelle: Eigene Darstellung ausschnittsweise nach Walter et al. 2005: 8 f.) Tabelle 7: Bedeutung verschiedener Risikofaktoren Rad Fahrender und ihrer Fahrräder Das Risikoverhalten stellt innerhalb des Fahrverhaltens eine wichtige Komponente dar. Wie beschrieben hat es auch einen Einfluss auf die Regelbeachtung. Eine Studie aus der Schweiz hat Risikofaktoren und ihre Unfallrelevanz für alle schwer verletzten oder getöteten Rad Fahrenden zusammengestellt (vgl. Walter et al. 2005). Die Risikofaktoren werden in fünf Hauptkategorien eingeteilt: Rad Fahrende, Fahrrad, Kfz-Lenkende, Kraftfahrzeug und Infrastruktur (ebd.: 8 f.). Die Risikofaktoren für Rad Fahrende und Fahrrad sind in Tabelle 7 dargestellt. Auf der Seite der Rad Fahrenden 34
Verhalten von Rad Fahrenden ist vor allem das Fahrverhalten ein wichtiger die Unfallschwere beeinflussender Faktor. Interessant ist, dass einzelne Faktoren der Kfz-Lenkenden, der Kraftfahrzeuge und der Infrastruktur relevanter für schwerwiegende Verletzungen sind.38 Kerwien untersuchte speziell das Risikoverhalten von Rad Fahrenden.39 Bei der Untersuchung berücksichtigte er mehrere Risikoverhaltensvariablen sowie die Stärke des Anreizes, sich riskant zu verhalten (vgl. Kerwien 1997: 540). Er weist nach, dass die Einschätzung der Gefahr besonders durch die wahrgenommene Unkontrollierbarkeit der Situation und der Angst vor schweren Verletzungen bei einem möglichen Unfall beeinflusst wird. Rad Fahrende scheinen sich im Vergleich zu motorisierten Verkehrsteilnehmenden verletzlicher zu fühlen. Darüber hinaus belegt er, dass Verhaltensentscheidungen vornehmlich durch risikomotivierende Anreize, beispielsweise Ausnutzung der Vorteile des Radfahrens durch Regelübertretungen, beeinflusst wird. Rad Fahrende akzeptieren Risiken eher, je stärker der Anreiz ist, je mehr sie anderen Verkehrsteilnehmenden eine Kontrollmöglichkeit zuschreiben und je mehr sie sich an die Gefahren gewöhnt haben (vgl. Kerwien 1997: 542). Die Einstellung von Personen wirkt sich aber nicht nur auf die Regelbeachtung aus. In einer Arbeit aus dem Bereich der Sport- und Bewegungswissenschaften wird anhand des Radfahrens nachgewiesen, dass die Art der Bewegung kulturell bestimmt wird.40 Die für die untersuchten Personen individuelle Bedeutung des Radfahrens „wird durch die Körperhaltung verdeutlicht und zeigt sich in der Gesamtbewegung des Radfahrens“ (Meyer 2008: 283). Beispielsweise ist einem Radfahrer aus der Untersuchung das Radfahren verhältnismäßig gleichgültig. Diese Bedeutungslosigkeit zeigt sich in seiner Bewegung. Er fährt aufgerichtet mit einem sehr niedrigen Sattel, dabei spannungslos in sich zusammengefallen, ruhig, aber gelangweilt (vgl. ebd.: 284). Zudem zeigt sich eine Abhängigkeit des Verhaltens vom Fahrradtyp und der dazugehörigen Rad Fahrendengruppe. Nach Ansicht der Autorin wird ein bestimmter „Radfahr-Habitus“ (ebd.) im Sinne Bourdi38 39 40 Hinsichtlich der Unfallrelevanz wurde mit fünf Stufen bewertet: steifigkeitsaggressive Frontpartien bei den Kraftfahrzeugen und Knoten bei der Infrastruktur. Bei den KfzLenkenden wird die Überschreitung der Geschwindigkeitslimits oder unangepasste Geschwindigkeit sowie dichte Überholmanöver mit der Stufe vier bewertet. Bei der Untersuchung wurden 144 Rad Fahrenden 10 Videoszenen gezeigt. Im Anschluss sollten die Probandinnen und Probanden diese Szenen beurteilen. Hierfür wurden vier Radfahrer aus Tokio und Bremen beobachtet und interviewt. 35
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr eus deutlich.41 In Abhängigkeit vom genutzten Fahrradtyp und der damit verbundenen Sitzhaltung würde die Umgebung unterschiedlich wahrgenommen werden (vgl. ebd.: 286). Wie zu Anfang dieses Kapitels erläutert, gruppieren einige Untersuchungen Rad Fahrende nach den oben beschriebenen Kriterien. Interessant ist, dass von Hebenstreit und Hürlimann zunächst Fahrstiltypen für Autofahrende ermitteln, um dann festzustellen, dass sich die Typisierung auch auf Rad Fahrende übertragen lässt. Es werden sechs Fahrstile dargestellt (die Klammerwerte zeigen den Anteil am Gesamtkollektiv auf): der ruhigausgeglichene (47 %), aktiv-dynamische (28 %), sportlich-ambitionierte (16 %), affektiv-unausgeglichene (4 %), unsicher-ungeschickte (2 %) und der aggressive Fahrstil (3 %) (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 126). Im Gegensatz zur Arbeit von Pauen-Höppner (1991) werden zwar nicht nur die Fahrfehler in die Typisierung einbezogen, doch durch das Fehlen der Darstellung des Typenbildungsprozesses lässt sich nicht abschätzen, ob sich die Ergebnisse dieser schweizerischen Arbeit auf deutsche Verhältnisse übertragen lassen. Zudem gingen ausschließlich Beobachtungen in die Typenbildung ein. Patzelt (2006) stellt in seiner Diplomarbeit drei Gruppen dar: besonders schutzbedürftig, sicherheitsbetont und risikofreudig (vgl. ebd.: 63 f.). Besonders schutzbedürftig sind in diesem Fall Personen, deren Wahrnehmung und Koordination eingeschränkt ist, wie dies beispielsweise bei Kindern, Jugendlichen und Senioren der Fall ist. Zusammenfassung Das Fahrverhalten Rad Fahrender wird anhand unterschiedlicher Kriterien dargestellt. Zu diesen Kriterien gehören die technischen Merkmale und die Art des Fahrrads, das Spurverhalten, die Geschwindigkeit, die genutzte Verkehrsanlage, das Orientierungsverhalten, das Kommunikationsverhalten, die Reaktionsfähigkeit, das Risikoverhalten, das Regelverhalten und das Verhalten bei konflikthaften Konfrontationen. Bei einigen dieser Kriterien werden Aspekte der Regelbeachtung mit berücksichtigt. Die Wahl der Verkehrsanlage korrespondiert besonders stark mit den Anforderungen der Rad Fahrenden. 41 Demnach besteht ein bewusstes oder unbewusstes Wissen darüber, wie man sich zu verhalten hat, um einer bestimmten Gruppe zugeordnet zu werden. Dabei zeigt sich der Habitus den Gruppenmitgliedern über die Körperhaltung (ebd.). 36
Verhalten von Rad Fahrenden Die Arten, Häufigkeiten und Folgen von Regelmissachtungen sind umfangreich erforscht. Regelbeachtung und Folgen sind zum Teil geschlechtsund altersabhängig. Rad Fahrende verstoßen aus unterschiedlichen Motiven gegen Regeln. Die von Rad Fahrenden genannten wichtigsten Motive, Sicherheit, Rücksicht auf andere, Schonung der eigenen Kräfte und des Fahrrads, können gleichzeitig auch als Anforderungen von Rad Fahrenden gesehen werden. Die Regelbeachtung von Verkehrsteilnehmenden wird von deren Einstellung und ihrem sozialen Umfeld bestimmt. Bestimmende Größe ist hierbei die Einstellung zu Regeln und riskantem Fahrverhalten. Demgegenüber besteht ein Einfluss von Regelkenntnissen oder möglichen Strafen nur begrenzt bzw. gar nicht. Der in Teilen nicht anforderungsgerechten Infrastruktur wird demgegenüber ein negativer Einfluss auf die Regelakzeptanz zugeschrieben. Rad Fahrende werden hinsichtlich ihrer Regelbeachtung oder ihres Fahrstils gruppiert. Bezüglich der zum Ende des Kapitels 1.2 aufgeworfenen Fragen zum Verhalten Rad Fahrender ist festzuhalten:  Das Verhalten von Rad Fahrenden wird in Ansätzen beschrieben.  Die beobachtbaren Umstände von Regelmissachtungen durch Rad Fahrende werden umfassend abgehandelt.  Als Ursachen für Regelmissachtungen werden Motive, nicht erfüllte Anforderungen und die Gestaltung des Verkehrsraums herausgearbeitet.  Welche konkreten Anforderungen der Rad Fahrenden nicht berücksichtigt werden und welche Auswirkungen dies unmittelbar hat, wird bisher nicht umfassend geklärt. Aus den Erkenntnissen zum Verhalten Rad Fahrender ergeben sich folgende zusätzliche Fragen:  Es wird festgestellt, dass die positive Einstellung zum Regelverstoß und riskantem Verhalten das größte Gewicht bei der Erklärung des Regel abweichenden Verhaltens hat. Wodurch wird diese Einstellung beeinflusst und wie kann diese Einstellung verändert werden? Ist Aufklärungsarbeit die einzig mögliche Maßnahme?  Das soziale Umfeld spielt ebenfalls eine Rolle. Welche Einflüsse kommen hier zum Tragen? Können diese im Sinne einer höheren Regelakzeptanz beeinflusst werden? Weiterhin nicht gelöst ist die Frage nach der anforderungsgerechten Infrastruktur und inwiefern diese die Regelakzeptanz beeinflusst. 37
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr 2.3. Übergreifende Kenntnisse Anforderungen und Verhalten werden selten zusammengebracht. Am deutlichsten wird eine Verbindung, wenn nach den Motiven für die Regelmissachtung geforscht wird. Dabei werden unter anderem Sicherheit, Schonung der eigenen Kräfte und des Fahrrads genannt (vgl. Kuller et al. 1986: 2a). Diese Motive gelten auch für Anforderungen der Rad Fahrenden. So steht hinter der Anforderung „wenig Halte“ vermutlich ebenfalls das Motiv der Schonung eigener Kräfte. Von Rad Fahrenden bevorzugte Verkehrsanlagen werden sowohl als Anforderungen abgefragt als auch beim Fahrverhalten beobachtet. Von daher gibt es auch hier einen Zusammenhang. Bei einer Analyse von Fahrstilgruppen wurde nur eine Aussage zu Anforderungen von Rad Fahrenden überprüft. Das Ergebnis erschöpft sich in der Aussage, dass die Zustimmung zu der Behauptung ‚es gibt zu wenig Radwege‘ je nach Fahrstiltyp zwischen 69 % und 90 % variiert (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 143). Die Extremwerte stammen von den Fahrstilgruppen aggressiv bzw. ruhig-ausgeglichen. In einer Studie aus Großbritannien werden neben Anforderungen und Verhalten sowohl sozio-demografische Komponenten als auch Einstellungen berücksichtigt, um Zielgruppen fürs Pro-Rad-Marketing zu definieren (vgl. Davies et al. 1998: 7 ff.).42 Im Ergebnis werden fünf Typen Rad Fahrender definiert. Diese fünf Gruppen werden graphisch anhand zweier Achsen verortet (vgl. Abbildung 1). Die eine Achse repräsentiert die Einstellungen zum Auto, die andere unterteilt den Fahrtzweck in die beiden Pole Fahrt zur Arbeit und Freizeitnutzung. Während sich die Rad-Idealisten klar von der Autonutzung distanzieren und das Rad für alle Fahrtzwecke einsetzen, sind die Schönwetter-Rad-Fahrenden Gelegenheitsnutzende, die auch gerne Auto fahren. Die praktisch denkenden Rad Fahrenden nutzen das Rad vor allem, wenn es Vorteile gegenüber anderen Verkehrsmitteln hat. Dies tritt insbesondere bei Fahrten zur Arbeitsstelle auf, wo das Fahrrad im urbanen Raum oft das schnellste und kostengünstigste Verkehrsmittel ist. Der auf das Rad angewiesene Personenkreis hat oft auch aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln oder Kraftfahrzeugen. 42 Gearbeitet wurde hierbei mit 13 Focus-Gruppen aus 5 Gebieten. 38
Übergreifende Kenntnisse (Quelle: Eigene Darstellung und Übersetzung aus dem Englischen auf Grundlage Davies et al. 1998: 8) Abbildung 1: Für Marketingmaßnahmen interessante Typen von Rad Fahrenden 39
Vorhandene Kenntnisse zum Radverkehr Zusammenfassung Hinsichtlich der zum Ende des Kapitels 1.2 aufgeworfenen Fragen zur gemeinsamen Betrachtung von Anforderungen und Verhalten Rad Fahrender ist festzuhalten, dass die Zusammenhänge von Anforderungen und Verhalten selten Beachtung finden. Es ist zu vermuten, dass die Regelakzeptanz und damit auch die Sicherheit nur dann entscheidend verbessert werden, wenn alle Zusammenhänge, insbesondere zwischen den Anforderungen und dem Fahrverhalten, erforscht sind. Dabei ist zu beachten, dass Fahrverhalten mehr beinhaltet als Regeleinhaltung und Risikoverhalten. Aus den Erkenntnissen zu den Zusammenhängen zwischen Anforderungen und Verhalten Rad Fahrender ergeben sich folgende zusätzliche Fragen:  Es konnten erste Zusammenhänge zwischen Motiven und Anforderungen auf der einen Seite und dem Regelverhalten auf der anderen Seite aufgezeigt werden. Ist durch eine stärkere Berücksichtigung der Anforderungen eine verbesserte Regelakzeptanz zu erwarten? Welche Anforderungen und welche Regeln wären davon betroffen? Welche Maßnahmen müssten umgesetzt werden?  Eine Zuordnung des Fahrverhaltens zum Regelverhalten erfolgte bisher nur rudimentär. Gibt eine tiefergehende gemeinsame Betrachtung der beiden Felder weitere wichtige Aufschlüsse über das Zusammenwirken von Anforderungen und Regelakzeptanz? 40
3. Klärung zentraler Begriffe Bei den Arbeiten zum Radverkehr werden verschiedene Begriffe genutzt. Um Missverständnissen vorzubeugen und mit diesen Begriffen weiter arbeiten zu können, bedarf es einer Klärung dieser Begriffe und der Zusammenhänge untereinander. Die zentralen Begriffe dieser Arbeit sind Anforderungen und Verhalten. Zum Verhalten gehören auch Routinen, das Fahrverhalten und als Teil dessen der Fahrstil. Auf die für diese Arbeit zentralen Begriffe haben Motive, Emotionen, Einstellungen, Erfahrungen und subjektive Normen hohen Einfluss. 3.1. Anforderungen Der Begriff der Anforderung findet sich insbesondere im Bereich der Technik und wird beispielsweise vom Institut der Elektrik- und ElektronikIngenieure definiert (vgl. IEEE 1991: 172). Eine etwas handhabbarere, auf das wesentliche reduzierte Definition, die für diese Arbeit genutzt werden soll, stammt aus einer Abhandlung zum Requirements-Engineering, wie es oft bei der Implementierung von Software-Systemen Anwendung findet. Demnach ist eine Anforderung „eine Aussage über eine Eigenschaft oder Leistung eines Produktes, eines Prozesses oder der am Prozess beteiligten Personen“ (Rupp 2007: 13). Im Falle der betrachteten Rad Fahrenden sind Produkte unter anderem die Verkehrsanlagen oder das Fahrrad. Unter Prozess können Verkehrsregelungen oder Interaktionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden verstanden werden. Personen können Verkehrsteilnehmende oder beispielsweise Mitarbeitende des Ordnungsamts sein. Hinter den Anforderungen können Bedürfnisse vermutet werden. Bedürfnisse sind Ausdruck eines Mangelzustandes und werden gemeinhin als eine Diskrepanz zwischen einem situativen Istwert und einem angestrebten Sollwert definiert (vgl. McClelland et al. 1976: 7 f.). In der Psychologie geht der Bedürfnisbegriff heute in den Motivbegriff mit auf (vgl. Hodapp und Rohrmann 2006: 348). Der Motivbegriff soll vor allem genutzt werden, wenn es um das Verhalten Rad Fahrender geht. Der Motivbegriff wird in Kapitel 3.5 näher behandelt. 41
Klärung zentraler Begriffe 3.2. Verhalten Es gibt je nach Disziplin verschiedene Definitionen und Oberbegriffe für das, was in der Regel Verhalten oder Handeln genannt wird (vgl. Edelmann 2000: 67).43 Zur besseren Handhabbarkeit in dieser Arbeit, wird als Oberbegriff „Verhalten“ genutzt. Verhalten meint dabei ein „körperliches Geschehen in Raum und Zeit“ (Luckmann 1992: 38). Diese Definition kann auch sehr weit interpretiert werden, in dem sie sämtliche auch physiologische Prozesse, wie zum Beispiel die Blutzirkulation, mit enthält (vgl. Schimank 2007: 23). In dieser Arbeit steht vorrangig das von außen sichtbare Verhalten im Mittelpunkt des Interesses. Innerhalb des sichtbaren Verhaltens gibt es verschiedene Ausprägungen, die von quasi reflexhaft über gewohnheitsmäßig bis zu motiviert reichen. Dabei sind die Übergänge zu großen Teilen anerkanntermaßen fließend (vgl. bspw. Edelmann 2000: 196, Rudolph 2003: 5, Weber 1985: 11). Bei der reflexhaften Reaktion ist eine körperliche Reaktion gemeint, die kaum kontrolliert werden kann. Hier gehören das Gähnen oder das reflexhafte Abstützen bei einem Sturz dazu. Dabei muss unterschieden werden zwischen Reflexen, die angeboren sind und nicht erlernt werden müssen (vgl. Lachnit 2006: 162), wie zum Beispiel der Kniesehnenreflex, und reflexhaften Reaktionen, die eingeübt, das heißt konditioniert werden (vgl. Zimbardo und Gerrig 2004: 248). Unter gewohnheitsmäßig wird ein Verhalten verstanden, welches ohne nachzudenken abläuft. Dazu gehört das Schuhbinden, welches man auch als automatisch ablaufend bezeichnen könnte. Aber auch bei der selbstverständlichen Nutzung des Kraftfahrzeugs bei der täglichen Verkehrsmittelwahl wird von gewohnheitsmäßigem oder routinierten Verhalten gesprochen. Die Begriffe automatisiertes Verhalten, Routine und Gewohnheit werden oftmals synonym verwendet.44 Da in der vorliegenden Arbeit eine Unterscheidung nicht zielführend ist, wird durchgängig der Begriff des habitualisierten Verhaltens verwendet. Definiert wird dieser Begriff durch „eine erlernte 43 44 In den Verkehrswissenschaften ist ein Diskussionsbeitrag erschienen, in dem ausdrücklich zwischen Verhalten und Handeln unterschieden wird (vgl. Ahrend et al. 2013: 4-9). Dem wird in dieser Arbeit nur zum Teil gefolgt, da eine Unterscheidung, wie noch gezeigt wird, für diese Arbeit in der Regel nicht sinnvoll ist. Eine Differenzierung der Begriffe automatisiertes Verhalten, Routine und Gewohnheit findet sich bei Klöckner 2005: 5 ff. 42
Verhalten Verhaltensweise, die relativ festgelegt ist und in bestimmten Situationen mit hoher Verlässlichkeit auftritt“ (Zimbardo und Gerrig 1999: 521).45 Das motivierte Verhalten, also Verhalten, für das sich entschieden und mit Absicht ausgeführt wird, soll Handeln genannt werden (vgl. Rudolph 2003: 5). Vier Elemente des Handlungsprozesses gehören im Sinne der Motivationspsychologie dazu (vgl. ebd.: 5 f.):  Es müssen mehrere Handlungsalternativen zur Verfügung stehen.  Die einmal gewählte Handlung und das damit verbundene Handlungsziel kann zu verschiedenen Zeitpunkten oder Gelegenheiten begonnen werden.  Die begonnene Handlung kann mit unterschiedlicher Energie oder Intensität verfolgt werden.  Die Handlung endet, wenn das Handlungsziel erreicht oder aufgegeben wird. In dieser Arbeit wird oftmals nur vom Verhalten gesprochen werden können, da zwischen habitualisiertem Verhalten oder explizitem Handeln objektiv schwierig unterschieden werden kann (vgl. Schimank 2007: 26). Verkehrsverhalten wird von Verkehrspsychologen als Risikoverhalten verstanden (vgl. Klebelsberg 1982: 260 und Schlag 2006: 35). Dahinter verbirgt sich der Ansatz, dass die Verkehrsteilnahme immer mit Risiken verbunden ist. Es kann immer ein Schadensfall auftreten. Sei es nun durch eigenes riskantes Verhalten oder durch Verhalten in Risikosituationen. 3.2.1. Die Theorie des geplanten Verhaltens Das Verhalten wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Eines der in der Mobilitäts- und Verkehrsforschung zunehmend angewendeten Modelle ist die Theorie des geplanten Verhaltens von Ajzen. Hinsichtlich des Verkehrsmittelwahlverhaltens wurde dieses Modell bereits mehrfach angewendet (vgl. Bamberg 2004: 54) und auch bei Forschungen zum Verhalten von Rad Fahrenden wurde es, wenn auch in modifizierter Form, für den Untersuchungsansatz als Arbeitsmodell genutzt (vgl. Alrutz et al. 2009: 88 f.). Nach der Theorie des geplanten Verhaltens (vgl. Abbildung 2) wirken auf die Verhaltensabsicht die Einstellungen zum Verhalten, die subjektive Norm (vgl. Kapitel 3.7) und die wahrgenommene Verhaltenskontrolle (vgl. Ajzen 45 Zimbardo und Gerrig definieren den Begriff Gewohnheit, „Habit“ auf diese Weise. 43
Klärung zentraler Begriffe 1991: 182). Mit Einstellung zum Verhalten ist die Bewertung des Verhaltens und deren Konsequenzen durch die betreffende Person gemeint. Diese Einstellung zum Verhalten wird durch Motive und Überzeugungen, darunter sind auch allgemeine Einstellungen (vgl. Kapitel 3.6) zu verstehen, bestimmt. Die wahrgenommene Verhaltenskontrolle drückt die Überlegung der Person aus, wie einfach oder schwierig die Durchführung der Verhaltensoption ist. Dabei spielen auch motorische Fähigkeiten, Verfügbarkeiten oder Kenntnisse eine Rolle. (Quelle: Eigene Darstellung nach Ajzen 1991: 182) Abbildung 2: Theorie des geplanten Verhaltens In dem für die Radverkehrsforschung modifizierten Arbeitsmodell (vgl. Abbildung 3) wurde neben der Verhaltensabsicht auch habitualisiertes Verhalten unter der Annahme berücksichtigt, dass Gewohnheiten Einflussfaktoren für nachfolgendes Verhalten darstellen (vgl. Alrutz et al. 2009: 89). Dabei bezog sich das Autorenteam auf eine theoretische Debatte, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll.46 Darüber hinaus beeinflussen Emotionen die Verhaltensweisen von Verkehrsteilnehmenden erheblich (vgl. Bliersbach et al. 2002: 5). In Kapitel 3.4 wird näher auf den Begriff Emotion eingegangen. Die dargestellten Theorien und Modelle geben Hinweise auf die Wirkungszusammenhänge zum Fahrverhalten. Eine Verbindung zu den Anforderungen wird nicht gezogen. Trotzdem ist das Arbeitsmodell eine wichtige Arbeitshilfe für diese Arbeit. 46 Näheres bspw. bei Klöckner 2005 oder Bamberg 1996. 44
Verhalten (Quelle: Eigene Darstellung nach Alrutz et al. 2009: 89) Abbildung 3: Arbeitsmodell zum Regelverhalten Rad Fahrender 3.2.2. Das Wirkmodell der Regelbefolgung Das Wirkmodell der Regelbefolgung wurde von Verkehrspsychologen aufgestellt, um damit das Regelverhalten von Kfz-Fahrenden zu untersuchen und zu erklären. Womöglich lässt sich dieses Modell auf das Verhalten Rad Fahrender ausweiten, weswegen es hier näher betrachtet werden soll. Wie das eben beschriebene Arbeitsmodell auch, hat das Wirkmodell der Regelbefolgung das Konzept der Verhaltenskontrolle aus der Theorie des geplanten Verhaltens integriert (vgl. Hautzinger et al. 2011: 71). Das Konzept findet sich vor allem in den instrumentellen Erwartungen, die Teil des externalen Weges sind. Dieser ist einer der drei wesentlichen Einflussbereiche (siehe Abbildung 4): internaler Weg, externaler Weg und Aufforderungsgehalt der Situation. 45
Klärung zentraler Begriffe (Quelle: Veränderte Darstellung nach Hautzinger et al. 2011: 82) Abbildung 4: Wirkmodell der Regelbefolgung 46
Verhalten Internaler Weg Grundlage des Regelverhaltens ist die Existenz von Normen, Regelungen und Gesetzen. Um Regeln bewusst einhalten zu können, müssen diese bekannt sein („Wissen“). Neben den gesetzlich festgeschriebenen Normen und Regeln, gibt es Normen (Definition von Normen siehe Kapitel 3.7), die in der Gesellschaft allgemein verankert, quasi ein allgemein akzeptierter Konsens, sind. Zwischen den gesellschaftlich akzeptierten Normen und den gesetzlichen Normen kann es Unterschiede bis hin zur Diskrepanz geben. Diese gesellschaftlichen Normen werden durch deskriptive und injunktive Normen transportiert. Deskriptive Normen sind die Wahrnehmung des von anderen Personen gezeigten Verhaltens, unabhängig davon, ob dieses Verhalten gebilligt oder missbilligt wird. Demgegenüber beschreiben injunktive Normen die Wahrnehmung der Billigung oder Missbilligung von Verhaltensweisen durch andere Personen (vgl. Aronson et al. 2008: 259). Bei der Missbilligung findet eine informelle Sanktionierung, zum Beispiel durch eine maßregelnde Bemerkung, statt. Sie ist Teil der sozialen Norm (vgl. Kapitel 3.7). Tritt eine soziale Norm innerhalb von Gruppen auf, wird auch von einer In-group Norm oder sozialer Gruppennorm gesprochen. Normen sind ein wichtiger Bestandteil, wenn es um die Erklärung von Einstellungen und Verhalten geht (vgl. Kapitel 3.7). In der Verkehrspsychologie wird von personalen Normen gesprochen, wenn es um verinnerlichte Normen geht. Personale Normen werden vor allem durch wahrgenommene gesellschaftliche Normen, Normen der eigenen Bezugsgruppe und durch erfahrene Konsequenzen in der eigenen Gruppe geprägt (vgl. Hautzinger et al. 2011: 80). Einstellungen sind ein weiterer wichtiger Baustein für die Erklärung des Verhaltens (Definition von Einstellungen in Kapitel 3.6). Die Akzeptanz von Regeln gehört zu den Einstellungen (vgl. Lucke 1995: 103). Dabei ist wichtig, die Akzeptanz vom Verhalten abzugrenzen. Schade fasst eine Definition von Lucke zusammen, die einer sozialpsychologischen Sichtweise zugrunde liegt: „´Akzeptanz` wird als Einstellung beschrieben, die allenfalls die Bereitschaft (Intention) beinhaltet, sich der Einstellung gemäß verhalten zu wollen. Sie impliziert aber nicht, ob es tatsächlich zu diesem Verhalten kommen wird“ (Schade 2005: 31). Für diese Arbeit bedeutet dies, dass Rad Fahrende, die Regeln akzeptieren, durchaus ein regelabweichendes Verhalten zeigen können. 47
Klärung zentraler Begriffe Externaler Weg Der externale Weg beschreibt den Einfluss von Erwartungen auf die Entscheidungsprozesse. Diese Erwartungen beziehen sich direkt auf eine konkrete geplante Handlung oder das Ergebnis der geplanten Handlungen. Bei Regelübertretungen betreffen diese die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Konflikts oder einer Sanktionierung inklusive der zu erwartenden Strafhärte (vgl. Hautzinger et al. 2011: 80). Ebenfalls in diesem Bereich ist die wahrgenommene Verhaltenskontrolle (vgl. Kapitel 3.2.1) sowie die erwartete Eintrittswahrscheinlichkeit eines Konflikts – auch bei Regeleinhaltung – einzuordnen. Selbstverständlich kann es auch positive Erwartungen, wie z. B. die schnelle Erreichung eines Ziels, geben. Fallen die erwarteten Konsequenzen positiv aus, „führt dieser externale Weg oft zu Gewohnheiten (habits). […] Gewohnheiten sind aufwandsarm und ressourcenschonend, damit verstärkend und oft schwer zu ändern“ (Hautzinger et al. 2011: 80). Mehrere Studien zeigen, dass habitualisiertes Verhalten (auch Gewohnheiten oder Habits genannt, vgl. Kapitel 3.2) das Verhalten stark beeinflusst (vgl. Conner und Armitage 1998: 1436). Im Verkehrsbereich konnten bei KfzFahrenden bei überhöhter Geschwindigkeit und gefährlichem Überholen (vgl. Forward 2009: 206) sowie bei Rotlichtverstößen und Fahren unter Alkoholeinfluss (vgl. Rößger et al. 2011: 13) ein starker Einfluss des habitualisierten Verhaltens festgestellt werden. Wahrgenommener Aufforderungsgehalt der Situation Unmittelbaren Einfluss auf die Entscheidungsprozesse hat die Situation, in der sich der Verkehrsteilnehmende befindet. Zur Situation gehören die Verkehrssituation, die physische Umwelt, der Zustand des Verkehrsteilnehmenden – ist er in Eile, hat er Stress, wie ist seine Stimmung – und das Verhalten der übrigen aktuell Anwesenden. Dabei legt die Situation den Handelnden ein bestimmtes Verhalten nahe (vgl. Schlag et al. 2012: 65). So führen breite Wege zu einer höheren Geschwindigkeit. Bei Rot laufende zu Fuß Gehende führen zu Nachahme-Effekten. 48
Fahrverhalten, Fahrweise und Fahrstil 3.3. Fahrverhalten, Fahrweise und Fahrstil Um das Verkehrsteilnahmeverhalten von Fahrzeuglenkenden zu beschreiben, werden die Begriffe Fahrverhalten, Fahrweise oder Fahrstil oftmals synonym verwendet.47 Alle drei Begriffe beschreiben die Art und Weise, wie jemand fährt. Dennoch lässt sich der Fahrstilbegriff von den anderen Begriffen abgrenzen. So entwickelt sich der Fahrstil nicht nur über mehrere Jahre hinweg (vgl. Elander et al. 1993: 279), er bleibt auch stabil (vgl. Marberger 2007: 14) und wird gewohnheitsmäßig jeden Tag gewählt (vgl. Lajunen und Özkan 2011: 45). Fahrstile können über einen langen Zeitraum, teilweise sogar bis ins hohe Alter beibehalten werden (vgl. Ellinghaus et al. 1990: 110). Der Fahrstil kann folglich definiert werden als „eine relativ stabile, von einem Fahrer gewählte, persönliche, gewohnheitsmäßige und gleichförmige Art und Weise des Fahrens“ (vgl. Schütze 2011: 24). Der Fahrstil ist, da er eine gewohnheitsmäßige Fahrweise meint, eine habitualisierte Verhaltensweise. Zudem ist der Fahrstil nur über einen längeren Zeitraum beobachtbar. In kurzen Situationen beobachtbares Verhalten beim Fahren lässt nur eingeschränkt Rückschlüsse auf den Fahrstil zu. Solches in kurzen Zeitabschnitten gezeigtes Verhalten ist eine Fahrweise. Als Fahrverhalten soll das gesamte Verhalten der Rad Fahrenden bei der Verkehrsteilnahme bezeichnet werden, quasi als Oberbegriff von Fahrweise und Fahrstil. Neben den in Kapitel 2.2 genannten Größen. die den Fahrstil beeinflussen, werden in einer Studie zum Kfz-Verkehr die unabhängigen Dimensionen Geschwindigkeit, Gelassenheit48, Planung49, Konzentriertheit50, sozialer Widerstand51 und Regeleinhaltung als Bestimmungsgrößen nachgewiesen (vgl. French et al. 1993: 35 f.). 47 48 49 50 51 In den betreffenden Studien werden die Begriffe entweder alleine oder wechselnd benutzt: Fahrweise bei Ehrenpfordt 2009: 116, Fahrweise und Fahrstile bei Adelt et al. 1999: 17 und 116 sowie Ellinghaus und Steinbrecher 2003: 123 und 130, Fahrweise und Fahrverhalten bei Maag 2004: 21 und 26. Mit Gelassenheit (Calmness) ist beispielsweise das Ruhigbleiben in gefährlichen Situationen, bei denen nur kurze Zeit zum Nachdenken bleibt, gemeint. Unter Planung (Planning) werden das Planen von Ruhepausen und das Nutzen von Karten verstanden. Die Konzentriertheit (Focus) wird unter anderem mit vorsichtigem Fahren und dem Ignorieren von Ablenkungen beschrieben. Als sozialer Widerstand (Social resistance) wird das Unbehagen gegenüber Ratschlägen von anderen Personen bezeichnet. 49
Klärung zentraler Begriffe 3.4. Emotionen und Gefühle Gefühle sind eine Komponente der Emotionen (vgl. Meyer und Horstmann 2006: 232). Während Gefühle nicht beobachtbar sind, können die Grundemotionen anhand des Gesichtsausdrucks abgelesen werden (vgl. Scheffer und Heckhausen 2006: 63). Eine Emotion kann definiert werden als „ein komplexes Muster von Veränderungen; es umfasst physiologische Erregung, Gefühle, kognitive Prozesse und Verhaltensreaktionen als Antwort auf eine Situation, die als persönlich bedeutsam wahrgenommen wurde“ (Zimbardo und Gerrig 2004: 547). Unter physiologischer Erregung sind körperliche Reaktionen gemeint wie zum Beispiel eine höhere Herzfrequenz. Zu den Gefühlen gehört beispielsweise das Glücksgefühl. Die kognitiven Prozesse bestehen aus Interpretationen, Erinnerungen und Erwartungen und beeinflussen die Art des Gefühls. Die Verhaltensreaktion lässt sich aufteilen in den Ausdrucks- und Handlungsaspekt (vgl. Meyer und Horstmann 2006: 233). Das Ausdrucksverhalten ist eher unwillkürlich und betrifft den Gesichtsausdruck, die Gestik, die Körperhaltung, unwillkürliche Körperbewegungen und bestimmte Merkmale der Sprechstimme. Der Handlungsaspekt drückt sich in zielgerichteten Handlungen aus oder gibt den Impuls für solche Handlungen. Daneben gibt es weitere Kriterien, die für eine Emotion typisch sind (vgl. Meyer et al. 2001: 24-31). So sind Emotionen aktuelle Zustände und lassen sich damit von Stimmungen und Launen abgrenzen. Zudem werden Emotionen bewusst erlebt und sind typischerweise objektgerichtet. Objektgerichtet meint hier ein „Etwas“. Man ärgert sich über etwas oder ist traurig über etwas. Auch hier unterscheidet sich die Emotion von einer Stimmung. Von verschiedenen Forschern als Grundemotionen erkannte Emotionen sind Interesse, Überraschung, Freude, Traurigkeit oder Unwohlsein, Ekel, Furcht, Ärger und Scham (vgl. Scheffer und Heckhausen 2006: 62 f.). Emotionen sind quasi zwischen Reiz und Reaktion zwischengeschaltet. Dadurch kann die entsprechende Person angemessen, aber gleichzeitig auch rechtzeitig auf situative Herausforderungen reagieren. Daher sind Emotionen „eine vorrationale Form von Werten und Erwartungen, die in das motivationale Geschehen eingreifen“ (Scheffer und Heckhausen 2006: 62). Das Wissen über Emotionen und Gefühle könnte in dieser Arbeit wichtig für die Rekonstruktion der Wirkungszusammenhänge werden. 50
Motive 3.5. Motive Die Begriffe Motiv und Motivation werden in der Fachliteratur nicht einheitlich verwendet (vgl. Reisenzein 2006: 239). Aus diesem Grund sollen die Definitionen genutzt werden, die im Kontext dieser Arbeit am sinnvollsten erscheinen. Als Motiv wird ein handlungsverursachender Wunsch bezeichnet. Es dient zur Befriedigung eines Ziels (vgl. Reisenzein 2006: 239 und Bliersbach et al. 2002: 46). Bei der Motivation sind mehrere Motive wirksam. „Motivation ist der allgemeine Begriff für alle Prozesse, die der Initiierung, der Richtungsgebung und der Aufrechterhaltung physischer und psychischer Aktivitäten dienen“ (Zimbardo und Gerrig 2004: 503). Der Mensch handelt also aus einer Motivation heraus. Zur Erklärung dieser Motivation gibt es zahlreiche Motivationstheorien, die übersichtsartig von Schlag zusammengestellt wurden (vgl. Schlag 2009: 12-18). Bei der Beobachtung einer Handlung kann nicht eins zu eins auf ein Motiv oder eine Motivation zurück geschlossen werden, vielmehr spielen noch mindestens drei weitere Einflüsse eine Rolle. Neben der Motivation, also dem persönlichen Wollen, muss das individuelle Können, um die Handlung durchführen zu können, vorhanden sein. Dazu muss die Situation, um die Handlung durchzuführen, gegeben sein. Letztendlich fehlt dann noch das soziale Dürfen, also die rechtliche Erlaubnis oder zumindest die soziale Anerkennung (vgl. Bliersbach et al. 2002: 46 f.). Es lassen sich zwei wesentliche Motivationen menschlicher Fortbewegung ausmachen (vgl. Schmitz 1994: 105). Beim Zweckverkehr handelt es sich um eine Ortsveränderung, um am Ziel eine Aktivität durchzuführen. Klassische Ziele von Zweckverkehren sind Arbeitsplatz, Schule, Versorgungseinrichtungen usw. Beim intrinsisch motivierten Verkehr (vgl. Bliersbach et al. 2002: 59) wird die Fortbewegung um ihrer selbst willen durchgeführt. Ein Grund kann das Erleben von Fortbewegung sein, beispielsweise das Erleben eines gewissen Thrills, durch Fahren mit hohen Geschwindigkeiten (vgl. Flade 1994: 9). Ein weiterer Grund kann der Wunsch nach Erleben der Umwelt sein, wie dies beispielsweise beim Spazierengehen oder -fahren der Fall ist. Die Erweiterung des Aktionsraums kann dabei ebenfalls eine Rolle spielen (vgl. Schmitz 1994: 109). Letztlich hat die Fortbewegung noch eine soziale und symbolische Dimension (vgl. Flade 1994: 9 und Franke 2001: 54 f.). Ein Fahrzeug dient auch als Status51
Klärung zentraler Begriffe symbol (vgl. Held 1982: 199) oder, wie möglicherweise auch beim Fahrrad, als Darstellung der eigenen Sportlichkeit. Für das Verhalten im Straßenverkehr spielen weitere Motive wie Leistung, Geselligkeit, Aggression, Unabhängigkeit, Kompensation, Macht, Geltung und Spiel eine Rolle (vgl. Hoyos und Pupka 1977: 43-63). Bei dieser Arbeit ist davon auszugehen, dass Motive wichtige Treiber für die Anforderungen aber auch für das Fahrverhalten der Rad Fahrenden sind. 3.6. Einstellungen und Erfahrungen Einstellungen werden in der Regel definiert als „erlernte Neigung, Klassen von Gegenständen oder Menschen in Abhängigkeit von den eigenen Überzeugungen und Gefühlen günstig oder ungünstig zu bewerten“ (Zimbardo und Gerrig 1999: 521):  Die Definition weist zunächst darauf hin, dass Einstellungen erlernt werden. Der Einstellungserwerb erfolgt durch direkte Erfahrungen, Beobachtungen und durch Gespräche und Kontakte mit anderen Personen (vgl. Bliersbach et al. 2002: 77).  Für Rad Fahrende können einschlägige Erlebnisse bei der Verkehrsteilnahme, wie zum Beispiel eine gefährliche Situation durch einen rücksichtslosen Taxifahrer, zu einer negativen Einstellung gegenüber Taxifahrenden führen. Insbesondere dann, wenn solche Situationen bereits öfter erlebt wurden. Eine solche Einstellung, Taxifahrende seien rücksichtslos, ist dann nicht nur oft sehr stabil, sondern wird auch schnell generalisiert (vgl. ebenda). Das heißt, die Einstellung bezieht sich dann nicht nur auf die Taxifahrenden, mit denen man ein solches schlechtes Erlebnis hatte, sondern bezieht alle Taxifahrenden mit ein. Beobachtungen wirken ähnlich, nur dass die betreffende Person nicht selbst in der Handlung involviert ist.  Bei der Bildung von Einstellungen durch Gespräche mit anderen Personen ist Voraussetzung, dass diese Personen akzeptiert und als kompetent angesehen werden. Dies können Freunde, Bekannte und Familienmitglieder sein. Aber auch Aussagen von Verbänden – wie zum Beispiel einem Fahrradclub – oder Medien können Einfluss haben.  Die Klassen von Gegenständen und Menschen sind die Einstellungsobjekte. Die oben erwähnten Taxifahrenden sind solch ein Einstellungsobjekt. Mit Gegenständen sind nicht nur Sachen gemeint, wie zum Beispiel ein bestimmter Fahrradtyp, sondern auch bestimmte Maßnahmen, Rege52
Normen und Werte lungen oder Ereignisse. So kann es Einstellungen gegenüber der Förderung des Radverkehrs oder anderer verkehrspolitischer Maßnahmen geben.  Gefühle zum Einstellungsobjekt beeinflussen die Einstellungen genauso wie vorhandene Überzeugungen und Meinungen. Eine Überzeugung, dass Radfahren im Gegensatz zur Autonutzung gut für die Umwelt ist, kann zum Beispiel zu einer positiven Einstellung zum Radfahren führen.  Die gebildeten Meinungen und Überzeugungen sowie die Gefühle zum Einstellungsobjekt führen schließlich zu einer Bewertung. Einstellungen werden oft aus drei Komponenten bestehend beschrieben (vgl. Crisand und Herrle 1993: 30):  Mit der kognitiven Komponente sind die aus den zur Verfügung stehenden Informationen zum Einstellungsobjekt gebildeten Meinungen gemeint. Dadurch ist die entsprechende Person zu bestimmten Überzeugungen gekommen. Zum Beispiel, dass das Radfahren gut ist. In diesem Fall ist dies eine positive Einstellung zum Radfahren. Eine diese Einstellung beeinflussende Information könnte die Beschreibung des Radfahrens als gut für die Gesundheit sein.  Die affektive Komponente ist der gefühlsmäßige Teil der Einstellung. Sie reicht von starker Ablehnung oder Geringschätzung bis zu hoher Zuneigung oder Wertschätzung. Eine positive Einstellung zum Radfahren könnte so zu einem guten Gefühl während des Radfahrens führen.  Die Verhaltenskomponente bezeichnet das aus der Einstellung resultierende Verhalten gegenüber dem Einstellungsobjekt. So führt eine positive Einstellung gegenüber dem Radfahren unter Umständen dazu, dass das Fahrrad öfter genutzt wird. Einstellungen sind nicht direkt beobachtbar, sondern müssen aus Beobachtungen oder Befragungen rekonstruiert werden (vgl. Peuckert 2010: 59). In dieser Arbeit ist die Ermittlung der Einstellungen der Rad Fahrenden für den Erkenntnisgewinn von hoher Bedeutung. Zudem wird deutlich, dass Erfahrungen einen hohen Einfluss haben. Daher ist es wichtig, diese mit in den Fokus dieser Arbeit zu stellen. 3.7. Normen und Werte Auf das Handeln und Verhalten gibt es soziale Einflüsse, die je nach Studie unterschiedlich bezeichnet werden. Genannt werden die Begriffe soziale Faktoren (bspw. bei Bliersbach et al. 2002: 80 oder Hautzinger und Pfeiffer 53
Klärung zentraler Begriffe 1996: 14), subjektive Normen (bspw. Flade et al. 2002a: 547) oder soziales Umfeld (bspw. Alrutz et al. 2009: 106). Die sozialen Faktoren bestehen unter anderem aus den Normen (vgl. Bliersbach et al. 2002: 80) und Werten (vgl. Hautzinger und Pfeiffer 1996: 13) der jeweiligen Person. Wenn von sozialen Faktoren die Rede ist, sind also auch Normen gemeint. Der Begriff der subjektiven Norm wird aus der Theorie des geplanten Verhaltens abgeleitet (vgl. Kapitel 3.2). Er ist nah am Begriff der sozialen Norm. Im sozialen Bereich wird unter dem Begriff Normen explizit gemachte Verhaltensregeln verstanden. Es sind verbindliche Regeln und Standards, die von außen auf das Individuum wirken (vgl. Schäfers 2002: 30). Die gegenseitige Beeinflussung des Handelns mehrerer Individuen und der Aufbau sozialer Beziehungen zueinander ist nur möglich, wenn die Individuen sich an „gemeinsam gekannte und akzeptierte Standards (Regeln) des Zusammenlebens halten“ (ebd.: 31). Diese Standards werden soziale Normen genannt. Diese sozialen Normen werden im Sozialisationsprozess erworben, verinnerlicht und verbindlich gemacht (vgl. ebd.). Die subjektive Norm (vgl. Ajzen 1985: 12) ist der vom Individuum empfundene soziale Druck, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen oder zu unterlassen. Der soziale Druck wird insbesondere von den – für das Individuum wichtigen – Personen oder Gruppen bestimmt. Diese Personen oder Gruppen werden auch als soziales Umfeld bezeichnet (vgl. Alrutz et al. 2009: 106). Eine Norm kann auch ein Wert sein (vgl. Schäfers 2002: 31). Werte sind Dinge, die dem Individuum wichtig oder lohnend erscheinen. Sie können Lebensprinzipien sein oder auch etwas, was erreicht werden soll oder erhaltenswert erscheint (vgl. Zimbardo und Gerrig 1999: 521). Die Lebensprinzipien können kultureller, religiöser, ethischer oder sozialer Art sein (vgl. Schäfers 2002: 36). Normen und Werte haben somit ebenfalls einen hohen Einfluss auf das Verhalten und sollen in dieser Arbeit mit berücksichtigt werden. 54
4. Erweitertes Vorverständnis, Forschungsfragen und ziele Die zu Beginn dieser Arbeit formulierten Fragen werden anhand der bekannten Forschungsarbeiten beantwortet oder weiterentwickelt. Aus den Erkenntnissen ergeben sich zusätzliche Fragen. Die wichtigsten Erkenntnisse und sich daraus ergebenden Forschungsfragen sollen hier kurz zusammengefasst werden. Aus diesen folgen die Forschungsleitfrage und weitere – der Leitfrage untergeordnete – Forschungsfragen. Das Kapitel endet mit den angestrebten Forschungszielen. 4.1. Anforderungen Rad Fahrende haben viele Anforderungen an die Verkehrsumwelt. Dazu gehören Anforderungen, die allen Rad Fahrenden wichtig sind, wie zum Beispiel eine glatte Fahrbahn- oder Wegoberfläche. Sicherheit ist ebenfalls ein für alle Rad Fahrenden wichtiges Thema. Nur wie und vor allem wo eine bestmögliche Sicherheit gewährleistet ist, da gehen die Meinungen auseinander. Für die einen bedeuten Radfahrstreifen ein Maximum an Sicherheit, für andere Radwege im Seitenraum, wiederum andere bewegen sich lieber im Mischverkehr auf Hauptstraßen oder auf Nebenstraßen. In den vorliegenden Studien wird meist nicht deutlich, aus welchen Gründen die Rad Fahrenden bestimmte Infrastrukturlösungen bevorzugen. So kann die positive Bewertung eines baulichen Radwegs verschiedene Gründe haben. Die Einen fühlen sich dort sicherer, da sie sich auf der Fahrbahn durch die dicht vorbei fahrenden Kfz bedroht fühlen. Andere fühlen sich durch den unmittelbaren Lärm gestresst. Die tatsächlichen Anforderungen sollten also nicht baulicher Radweg, sondern ausreichender Abstand zum Kfz-Verkehr oder Verkehrsführung in einem ruhigen Umfeld lauten. Es gibt also auf der einen Seite Anforderungen, die eher lösungsunabhängig sind, wie zum Beispiel subjektive Sicherheit, und auf der anderen Seite Anforderungen, die eine ganz konkrete Lösung, wie zum Beispiel Radfahrstreifen, betreffen. Bisher wurden lösungsunabhängige und lösungsabhängige Anforderungen in den betrachteten Studien meist zusammen abgefragt. Ein Abhängigkeitsgefüge der Anforderungen untereinander aus der Sicht der Nutzenden sollte weitere Aufschlüsse geben. 55
Erweitertes Vorverständnis, Forschungsfragen und -ziele Das Verständnis über die Anforderungen und ihre Beziehungen untereinander kann erhöht werden, wenn auch die näheren Gründe der Anforderungen bekannt sind. Unter Umständen gibt es ganz bestimmte Ursachen oder Erfahrungen, auf denen die Anforderungen fußen. Es wäre also möglich, bei einer Veränderung der Erfahrungen, zum Beispiel durch weniger konflikthafte Situationen, eine Änderung der Einstellungen herbeizuführen. Dies könnte wiederum zu veränderten Anforderungen führen. Für eine anforderungsgerechtere Planung müssen die zum Teil widersprüchlichen Anforderungen der Rad Fahrenden zusammengebracht werden. Es müssen bauliche und rechtliche Lösungen gefunden werden, die allen Nutzenden gerecht werden. Zusammengefasst ergeben sich folgende Fragen:  Wie ist das Anforderungsgefüge der Rad Fahrenden gestaltet? Wie hängen die Anforderungen der Rad Fahrenden voneinander ab? Welche Anforderungen stehen im Widerspruch zueinander?  Welchen Einfluss haben Erfahrungen, wie z. B. erlebte Unfälle und Konflikte, auf Einstellungen und damit auf die Anforderungen der Rad Fahrenden? 4.2. Fahrverhalten Der von den Rad Fahrenden praktizierte Umgang mit Regeln ist weitestgehend erforscht. Die Motive als auch die Intensität der Regelmissachtungen sind unterschiedlich. Rad Fahrende sind grundsätzlich für Regeln und nur eine Minderheit lehnt eine strikte Befolgung ab. Als sinnvoll und zweckmäßig empfundene Regeln werden auch eingehalten. Rad Fahrende haben scheinbar eine eigene, sehr individuelle Rechtsnorm, an die sie sich halten. Einige Rad Fahrende fühlen sich eher als zu Fußgehende, die eine oder andere Regelübertretung geschieht unbewusst. Keinen nennenswerten Einfluss auf die Regeleinhaltung haben Strafen, Bekanntheit der Regeln oder die Bekanntheit der gefahrenen Strecken. Gut bekannt sind die unmittelbar für eine Regelübertretung verantwortlichen Motive. Ursächlichere zum Beispiel auf Erfahrungen begründete Motive könnten das wissenschaftliche Verständnis weiter fördern. Dies betrifft ebenfalls eine eingehendere Beschäftigung mit den dem Regelverhalten zu Grunde liegenden Normen und Einstellungen sowie mit dem Einfluss des sozialen Umfelds. Weit weniger als die Regelbeachtung ist das gesamte Fahrverhalten und im speziellen der Fahrstil der Rad Fahrenden erforscht. Einige Ausprägungen des Fahrverhaltens sind bekannt, allerdings stammen die wesentlichen 56
Wirkungszusammenhänge zwischen Anforderungen und Fahrverhalten Ergebnisse aus einer Studie aus der Schweiz. Inwiefern eine Übertragung auf deutsche Rad Fahrende möglich ist, kann nicht abgeschätzt werden, da die verwendete Methodik nicht dokumentiert wurde. Durch eine Einbeziehung des Fahrstils könnten die Anforderungen der Rad Fahrenden besser verstanden und interpretiert werden. Dies eröffnet wiederum die Chance einer anforderungsgerechteren Planung. Folgende Fragen lassen sich hieraus ableiten:  Welchen Einfluss haben Erfahrungen, wie erlebte Unfälle und Konflikte, auf Einstellungen und damit auf das Fahrverhalten der Rad Fahrenden? Inwiefern können sowohl die Einstellungen als auch die Normen beeinflusst werden? Gibt es weitere Einflüsse?  Ist (fast) jedes Fahrverhalten habitualisiert und damit Teil eines Fahrstils?  Wie können die Fahrstile Rad Fahrender in Deutschland beschrieben werden? 4.3. Wirkungszusammenhänge zwischen Anforderungen und Fahrverhalten Zwischen den Anforderungen von Rad Fahrenden und ihrem Fahrverhalten gibt es einen Zusammenhang. Dies wird zum einen bei der Regelbeachtung deutlich: Nicht erfüllte Anforderungen sind oftmals Grund für einen Regelübertritt. Darüber hinaus nehmen Rad Fahrende Umwege in Kauf, um eine eher ihren Anforderungen genügende Strecke nutzen zu können. Die nicht erfüllten Anforderungen beeinflussen also das Fahrverhalten. Durch das festgestellte Fahrverhalten können möglicherweise die Anforderungen rekonstruiert werden. Die genauen Kenntnisse der Wirkungszusammenhänge zwischen Anforderungen und Fahrverhalten sind erforderlich, um eine anforderungsgerechte Planung durchführen zu können. Diese sind aber bisher eher Beiwerk der bisherigen Studien. Um die Wirkungszusammenhänge zwischen Anforderungen und Fahrverhalten zu ermitteln, sind weitere Forschungsanstrengungen notwendig. Womöglich sind diese Wirkungszusammenhänge auch flexibel und somit veränderbar. Die Frage ist nur, wie und wodurch sich diese Wirkungszusammenhänge verändern lassen. Darüber hinaus besteht die Frage, ob die auf die Anforderungen wirkenden Einflüsse direkt oder nur indirekt auf das Fahrverhalten und den Fahrstil wirken. Zusammengefasst ergeben sich folgende Fragen: 57
Erweitertes Vorverständnis, Forschungsfragen und -ziele  Gibt es einen Wirkungszusammenhang zwischen den Anforderungen von Rad Fahrenden und ihrem Fahrverhalten?  Inwiefern beeinflussen nicht erfüllte Anforderungen das Fahrverhalten?  Lassen sich aus dem Fahrverhalten der Rad Fahrenden Rückschlüsse auf ihre Anforderungen ziehen?  Welche Einflüsse bewirken Veränderungen des Wirkungszusammenhangs zwischen den Anforderungen der Rad Fahrenden und ihrem Fahrverhalten? 4.4. Gruppierung Rad Fahrender Es gibt mehrere Ansätze Rad Fahrende zu gruppieren. Gruppierungen gibt es zur Wegewahl, zu den Anforderungen, zum Regelverhalten und zum Fahrstil. Diese Gruppierungen machen die Gegensätzlichkeit der Rad Fahrenden untereinander deutlich. Um eine allen Rad Fahrenden gerechte Planung zu vereinfachen, sollten die Rad Fahrenden in Typen eingeteilt werden. Durch die damit einhergehende Informationsreduktion, wird die Übersichtlichkeit erhöht. Entscheidende planungsrelevante Merkmale können dann präziser herausgearbeitet werden. Die bisher herausgearbeiteten Gruppierungen sind hierfür weniger geeignet, da nur Teilaspekte berücksichtigt wurden. Es ist eine Typologie zu entwickeln, die der Unterschiedlichkeit der Rad Fahrenden gerecht wird. Welche Merkmale hierfür entscheidend sind, soll in dieser Arbeit ermittelt werden. Daraus ergibt sich die Frage: Welche Merkmale sind für die Generierung einer Typologie der Rad Fahrenden heranzuziehen, damit die Verkehrsplanung allen Rad Fahrenden gerecht werden kann? 4.5. Forschungsfragen Aus den Fragen, die sich unmittelbar aus dem Vorverständnis generieren, wird eine Leitfrage formuliert, die das leitende Erkenntnisinteresse geeignet und prägnant repräsentiert. Die Frage, die als zentral anzusehen ist, lautet: Wie muss ein Radverkehrssystem gestaltet sein, damit es allen Rad Fahrenden gerecht wird und somit einen wichtigen Beitrag zur Verkehrssicherheit leistet? Bei der Gestaltung des Radverkehrssystems sollen die unterschiedlichen Anforderungen der Rad Fahrenden berücksichtigt werden. Eine stärkere 58
Forschungsfragen Berücksichtigung der Anforderungen fördert wiederum – so die Annahme – eine regelgerechtere Fahrweise der Rad Fahrenden. In der Folge wird die allgemeine Verkehrssicherheit, insbesondere für zu Fuß Gehende und Rad Fahrende, erhöht. Zur besseren Lesbarkeit seien hier die Leitfrage und die oben begründeten Forschungsfragen noch einmal dargestellt: Leitfrage Wie muss ein Radverkehrssystem gestaltet sein, damit es allen Rad Fahrenden gerecht wird und somit einen wichtigen Beitrag zur Verkehrssicherheit leistet? Forschungsfragen Anforderungen  Wie ist das Anforderungsgefüge der Rad Fahrenden gestaltet? Wie hängen die Anforderungen der Rad Fahrenden voneinander ab? Welche Anforderungen stehen im Widerspruch zueinander?  Welchen Einfluss haben Erfahrungen, wie z. B. erlebte Unfälle und Konflikte, auf Einstellungen und damit auf die Anforderungen der Rad Fahrenden? Fahrverhalten  Welchen Einfluss haben Erfahrungen, wie z. B. erlebte Unfälle und Konflikte, auf Einstellungen und damit auf das Fahrverhalten der Rad Fahrenden? Inwiefern können sowohl die Einstellungen als auch die Normen beeinflusst werden? Gibt es weitere Einflüsse?  Ist (fast) jedes Fahrverhalten habitualisiert und damit Teil eines Fahrstils?  Wie können die Fahrstile Rad Fahrender in Deutschland beschrieben werden? Wirkungszusammenhang  Gibt es einen Wirkungszusammenhang zwischen den Anforderungen von Rad Fahrenden und ihrem Fahrverhalten?  Inwiefern beeinflussen nicht erfüllte Anforderungen das Fahrverhalten?  Lassen sich aus dem Fahrverhalten der Rad Fahrenden Rückschlüsse auf ihre Anforderungen ziehen?  Welche Einflüsse bewirken Veränderungen des Wirkungszusammenhangs zwischen den Anforderungen der Rad Fahrenden und ihrem Fahrverhalten? 59
Erweitertes Vorverständnis, Forschungsfragen und -ziele Typologie  Welche Merkmale sind für die Generierung einer Typologie der Rad Fahrenden heranzuziehen, damit die Verkehrsplanung allen Rad Fahrenden gerecht werden kann? Zur Verbildlichung der in den Forschungsfragen thematisierten Beziehungen, werden diese in einem einfachen Arbeitsmodell dargestellt (Abbildung 5). Anforderungen Erfahrungen Einstellungen Fahrverhalten Normen (Eigene Darstellung) Abbildung 5: Arbeitsmodell zur Unterstützung der Forschungsfragen 4.6. Forschungsziel Ziel dieser Forschungsarbeit ist es, einen planerischen Nutzen zu erbringen. Das heißt, es sollen aus den Ergebnissen planerische und rechtliche Maßnahmen abgeleitet werden, die die ermittelten Anforderungen der Rad Fahrenden angemessen berücksichtigen. Eine Anpassung der Planung an die Anforderungen der Rad Fahrenden führt mutmaßlich zu einer positiven Beeinflussung der Erfahrungen der Rad Fahrenden. Dies wiederum könnte zu einer Steigerung der Attraktivität der Radnutzung und damit zu einer zurzeit klimapolitisch geforderten Erhöhung des Radverkehrsanteils führen. Darüber hinaus führt eine an den Anforderungen der Rad Fahrenden orientierte Planung zu einer verbesserten Beachtung der Verkehrsregeln, welche wiederum zu einer Erhöhung der Verkehrssicherheit beiträgt. Ergebnisse, mit denen das Forschungsziel erreicht werden soll, sind:  Anforderungen an die Verkehrsumwelt Die Anforderungen von Rad Fahrenden sollen ermittelt werden. Es ist zu prüfen, inwiefern Anforderungen aus dem Fahrverhalten der Rad Fahren60
Forschungsziel den und eventuell auch aus anderen in dieser Arbeit noch zu entdeckenden Zusammenhängen abgeleitet werden können. Daneben sollen die Einflüsse und Wirkungsweisen der Verkehrserfahrungen auf die Anforderungen der Rad Fahrenden untersucht werden. Die Ermittlung der Gründe für diese Anforderungen sollen die Ergebnisse abrunden.  Verhalten bei der Verkehrsteilnahme Es soll ermittelt werden, wie Rad Fahrende sich bei der Verkehrsteilnahme verhalten und welches habitualisierte Verhalten sich dabei herausgebildet hat. Dabei sollen sowohl die Motive, als auch die Wirkungen äußerer Bedingungen wie die Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmenden, die Infrastruktur sowie die Einflüsse und Wirkungsweisen der Verkehrserfahrungen erforscht werden.  Zusammenhänge zwischen den Anforderungen an die Infrastruktur und dem Fahrverhalten Es soll festgestellt werden, ob es einen Wirkungszusammenhang zwischen den Anforderungen der Rad Fahrenden an die Infrastruktur und ihrem Fahrverhalten gibt und wie dieser sich darstellt. Es soll ermittelt werden, welche Einflüsse diesen Wirkungszusammenhang verändern.  Typologie Damit in der Verkehrsplanung die unterschiedlichen Interessen der Rad Fahrenden angemessen berücksichtigt werden können, soll eine Typologie der Rad Fahrenden generiert werden.  Radverkehrsplanungsinstrumentarium und Verkehrsregelungen Das bestehende Instrumentarium wird beispielhaft dahingehend überprüft, ob es allen Rad Fahrenden gerecht wird. Verbesserungsmöglichkeiten werden aufgezeigt.  Planungsvorgehen Es soll ein Vorschlag für ein Vorgehen zukünftiger Radverkehrsplanungen gemacht werden, bei denen die Berücksichtigung der Nutzenden, hier der Rad Fahrenden, im Vordergrund steht. Die abgeleiteten planerischen und rechtlichen Maßnahmen sollen möglichst alle Anforderungen der Rad Fahrenden an die Infrastruktur abdecken. Dabei ist auch zu klären, ob es je Typus eine eigene Maßnahme geben kann oder ob es Maßnahmen gibt, die allen Rad Fahrenden genügen. Mit der Kenntnis über die Motive, Normen und Einstellungen wird deutlich werden, wie Rad Fahrende denken und handeln und wo Gesetzgeber, Planende und andere Verantwortliche ansetzen müssen, um insbesondere die Regelbeachtung bei Rad Fahrenden zu steigern. Es wird aufgezeigt, welche Maßnahmen geeignet sind, die Regelübertretungen der Rad Fahrenden zu reduzieren. Mit dem 61
Erweitertes Vorverständnis, Forschungsfragen und -ziele Wissen der Anforderungen der Rad Fahrenden an die Infrastruktur können Maßnahmen effektiver eingesetzt und begründet werden. Radfahren wird so attraktiver – durch Berücksichtigung der Anforderungen – und sicherer – durch Reduzierung der Regelmissachtung. 62
5. Forschungsdesign Für diese Arbeit wird ein Forschungsansatz entwickelt, der verschiedene Datenerhebungs- und Analysemethoden beinhaltet, und dabei die Gütekriterien wissenschaftlicher Forschung einhält. Ziel der folgenden Kapitel ist es, die Methoden zu erläutern und zu begründen. Zunächst wird der methodische Ansatz erläutert. Die Wahl des Untersuchungsraums wird begründet und der Feldzugang dargestellt. Im Anschluss wird die Entwicklung der Datenerhebungsmethoden beschrieben, die im Laufe der Erhebungsphase angepasst wurden. Das entwickelte Analysedesign wird begründet. 5.1. Methodischer Ansatz Leitend für die Wahl der Methoden ist ihre Angemessenheit bezüglich des Forschungsgegenstands (vgl. Flick 2010: 124). Dabei ist es Ziel, ein Verfahren zu finden, mit dessen Hilfe die Forschungsfragen in angemessenem Arbeitsaufwand und nachvollziehbar beantwortet werden können. Gleichzeitig sollen entscheidende Erklärungszusammenhänge weder vergessen noch unaufgedeckt bleiben. Aufgrund des explorativen Charakters der Forschungsfragen (vgl. Kapitel 4.5), wird für diese Arbeit ein qualitativer Forschungsansatz gewählt. Auf die Aufstellung von Hypothesen wird verzichtet, stattdessen wird aus den erhobenen Daten eine Theorie mittlerer Reichweite entwickelt. Der qualitative Ansatz ist aus den folgenden Gründen besonders gut für die Erreichung der Forschungsziele geeignet:  Qualitative Methoden orientieren sich am Subjekt. Dadurch kann das Denken, Fühlen und Verhalten der Menschen gut erfasst werden. (vgl. Mayring 1995: 33).  Da Menschen auf Grundlage subjektiver Bedeutungen denken und fühlen, und auch ihr Verhalten von diesen Bedeutungen beeinflusst wird, ist ein verstehend-interpretativer Zugang notwendig (vgl. ebd.).  Das Denken, Fühlen und Verhalten von Menschen ist immer situationsund kontextabhängig (vgl. ebd.: 33 f.). Durch die Einbeziehung des Gesamtkontextes eines Falles können einzelne Aussagen besser eingeordnet und somit rekonstruiert werden. Durch den größeren Bezugsrahmen ist es 63
Forschungsdesign für den Forschenden besser möglich, sein eigenes Relevanzsystem außen vor zu lassen (vgl. Bohnsack 2008: 21). Das Vorgehen bei qualitativen Untersuchungen erfolgt zirkulär (vgl. Abbildung 6 und Witt 2001: Abs. 15-20). In der Idealvorstellung wird entsprechend den Vorkenntnissen eine erste Untersuchung an einer oder zumindest wenigen Personen durchgeführt. Die Erkenntnisse daraus führen zu einer Modifizierung des Verfahrens oder zu weiteren anderen Verfahren. Diese werden dann an weiteren Personen angewendet, was zu weiteren Erkenntnissen und weiteren Anpassungen führen kann. Bereits während des zirkulären Prozesses werden Theorien entwickelt und geprüft. Dieser Prozess wurde von Glaser und Strauss als Theoretisches Sampling bezeichnet (vgl. Glaser und Strauss 2005: 53). Das Theoretische Sampling kann oder soll so lange dauern, bis keine neuen Erkenntnisse mehr generiert werden können und somit die Theoretische Sättigung erreicht wurde (vgl. Glaser und Strauss 2005: 68). Anschließend erfolgt aus den Erkenntnissen die endgültige Theorie. Da ein solches ideales Verfahren sehr aufwändig ist und von vielen Variablen abhängt, wird das zirkuläre Vorgehen oft auf bestimmte Arbeitsschritte beschränkt. Wie bei dieser Arbeit mit diesem Ansatz umgegangen wird, wird in Kapitel 5.3 erläutert. Generell ist das zirkuläre Vorgehen innerhalb einer qualitativen Auswertung von Vorteil, da das gesamte Forschungsvorgehen permanent reflektiert wird und so der Forschungsgegenstand immer wieder von einer anderen Seite beleuchtet wird. Dadurch sind wesentliche Erkenntnisfortschritte zu erwarten (vgl. Flick 2010: 126 f.). Das Ergebnis von Untersuchungen mit qualitativem Forschungsansatz kann verbessert werden, wenn auf mehrere Methoden zurückgegriffen wird. Ein Zugang zum Forschungsfeld, der nur auf eine Methode beruht, birgt zum einen die Gefahr einer durch die Wahl der Methode verursachten Fehlinterpretation von Ergebnissen (vgl. Flick 2011: 11). Zum anderen werden vielleicht Aspekte, die ebenfalls zur Klärung von Phänomenen von Bedeutung sind, außer Acht gelassen. Dieses soll ein Methoden-Mix52 verhindern. Weitere Methoden bringen in der Regel eine andere Sicht auf die Dinge, der Forschungsgegenstand wird anders konstituiert (vgl. Flick 2011: 25 f.). Bei 52 In den Sozialwissenschaften wird vielfach der Begriff Triangulation verwendet (u. a. bei Bohnsack 2008, Flick 2011, Lamnek 2005, Mayring 2002, Przyborski und Wohlrab-Sahr 2008). 64
Methodischer Ansatz einem Methoden-Mix kann zwischen verschiedenen Formen unterschieden werden, die Flick übersichtsartig darstellt (vgl. Flick 2009: 311-315). (Quelle: Eigene Darstellung nach Witt 2001: Abs. 15) Abbildung 6: Zirkuläre Vorgehensweise bei qualitativen Forschungsstrategien Für den Feldzugang bieten sich sowohl Beobachtungen als auch Interviews an. Beide Methoden werden innerhalb des Erhebungsdesigns kombiniert und mit weiteren Methoden ergänzt. Abbildung 7 stellt das Erhebungsdesign dar. 65
Forschungsdesign (Eigene Darstellung) Abbildung 7: Erhebungsdesign Die Anforderungen und das Verhalten bei der Verkehrsteilnahme (Fahrverhalten) zu ermitteln, sind die zentralen Erhebungsziele dieser Arbeit. Die Anforderungen, das Fahrverhalten, aber vor allem die Wirkungszusammenhänge zwischen den Anforderungen und dem Fahrverhalten, können gut mit Interviews erfasst werden. Darüber hinaus lassen sich einige Fragen, wie 66
Methodischer Ansatz zum Beispiel die Gründe für die Wahl bestimmter Infrastrukturen, alleine mit Beobachtungen nicht beantworten. Bei der Beobachtung sollen die Fahrten der Interviewten per Video aufgezeichnet werden. Die Rekonstruktionsmöglichkeiten des Fahrverhaltens werden somit wesentlich erweitert. Darüber hinaus können die Erzählungen der Rad Fahrenden, bei denen sie ihre subjektiv geprägte Sicht darlegen, mit einer objektiveren Sicht ergänzt werden.53 Wobei diese objektivere Sicht wiederum von der subjektiven Sichtweise der Betrachtenden und Auswertenden geprägt sein kann. Wichtig ist, dass dies dem Forschenden bewusst ist.54 Der hier gewählte MethodenAnsatz ist damit nach Flick ein Methoden-Mix der Datenerhebung (vgl. Flick 2011: 107), der auch als „Between-Method-Triangulation“ (Flick 2009: 313) bezeichnet wird. Auf Anforderungen, Fahrverhalten und ihre Wirkungszusammenhänge gibt es Einflussfaktoren, die ebenfalls ermittelt werden sollen. Die Einflussfaktoren ergeben sich zum einen aus dem Arbeitsmodell – Erfahrungen, Einstellungen und Normen – als auch aus der unmittelbaren Verkehrssituation. Darüber hinausgehend soll ermittelt werden, welchen Einfluss die Qualitäten des Radfahrens auf die Anforderungen haben. Unter Umständen lassen sich die Typen der Rad Fahrenden auch anhand ihrer soziodemografischen Daten oder ihrer Fahrradausrüstung unterscheiden. Um dies prüfen zu können, werden auch diese Daten erhoben. Die meisten Informationen lassen sich über ein Interview generieren. Mit der Fahrtaufzeichnung werden das Fahrverhalten generell und das spontane Verhalten in bestimmten Verkehrskonstellationen dokumentiert. Zur Erfassung der Ausrüstung der Fahrräder und der Personen wird auf Fotos zurückgegriffen. Ein standardisierter Fragebogen unterstützt das Interview, um das pure Abfragen von Daten in der Interviewsituation zu vermeiden. Die Untersuchungsmethoden werden ab Kapitel 5.4 näher erläutert. Das weitere methodische Vorgehen in dieser Arbeit wird in Abbildung 8 dargestellt. Die unter anderem aus den Interviews und Beobachtungen erhobenen Daten werden mit Hilfe eines qualitativen Verfahrens analysiert und ausgewertet. Mittels dieser Ergebnisse wird eine empirisch begründete Typologie Rad Fahrender generiert. Die Umsetzungsvorschläge für die 53 54 Die subjektive Sichtweise der Beforschten ist wichtig für den Verstehungsprozess und wird nicht ersetzt. Ein Gütekriterium für qualitative Forschung ist die Selbstreflexion des Forschenden (s. Kapitel 0). 67
Forschungsdesign Praxis werden wiederum aus den direkten Ergebnissen und der Typologie gespeist. Eigene Darstellung Abbildung 8: Vorgehensweise innerhalb der Arbeit 5.2. Untersuchungsraum Als Untersuchungsraum wird Berlin gewählt. Neben erhebungspraktischen Gründen55 sprechen vor allem fachliche Gründe für die Wahl Berlins als Untersuchungsort. Zunächst ist es Ziel, den städtischen Radverkehr zu betrachten. Der städtische Radverkehr ist – vor allem aufgrund des knappen städtischen Raums – stärker im Fokus der Verkehrsplanung und der fachlichen Diskussion als der Radverkehr im ländlichen Raum. Berlin erfüllt hinsichtlich des Radverkehrs wesentliche Punkte einer durchschnittlichen deutschen Stadt. Die Topografische Lage ist aufgrund nur weniger Steigungen für den Radverkehr sehr gut geeignet. Berlin nimmt 55 Der Autor lebt und arbeitet bereits lange in Berlin und kennt daher die Stadt und die Verkehrsanlagen gut. Dies ist ein Vorteil bei der Interpretation der Aussagen der Interviewten. 68
Untersuchungsraum nach der Definition des nationalen Radverkehrsplans (vgl. BMVBS 2012: 14) weder eine Vorreiterrolle ein, noch muss sie als Einsteiger bezeichnet werden. Mit einem Radverkehrsanteil von 13 % (SenStadt 2011: 2) und der vom Senat von Berlin mit der Radverkehrsstrategie formulierten ausdrücklichen Förderung (SenStadtUm 2013: 2), gehört Berlin zu der mittleren Gruppe der „Aufsteiger“. Sie ist keine international anerkannte Fahrradstadt wie Münster, Freiburg oder Bremen (bspw. BMVIT 2010, Ligtermoet 2009), steht aber als Bundeshauptstadt durchaus im Fokus anderer Städte und Gemeinden und wird auch international beobachtet (bspw. Ligtermoet 2009: 11). Vertreter der Senatsverwaltung Berlin präsentieren auf Kongressen regelmäßig die Fortschritte Berliner Radverkehrsplanung.56 Berlin verfügt als Bundeshauptstadt über unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Zudem kommen viele Menschen aus anderen Bundesländern. Damit wird ein regionaler Einschlag weitestgehend vermieden. Hinzu kommt, dass in Berlin unterschiedliche Arten von Radverkehrsanlagen umgesetzt wurden. Das Angebot reicht von separierten Radwegen in Wäldern oder Parkanlagen, gemeinsam mit Fußgängern und Fußgängerinnen genutzten Wegen, für Rad Fahrende freigegebene Bussonderfahrstreifen, Radfahrstreifen, benutzungspflichtigen und nicht benutzungspflichten Radwegen bis hin zu mit dem Kfz-Verkehr gemeinsam genutzten Fahrbahnen. Aber auch Fahrradstraßen oder Radfahrstreifen in Mittellage57 gehören inzwischen zum Planungsrepertoire der Hauptstädtischen Verkehrsplanerinnen und -planer. Hinzu kommt, dass Radverkehrsmaßnahmen von dem jeweiligen Stadtbezirk abhängen. Dadurch sind Qualität und Verbreitung der Radverkehrsanlagen sehr unterschiedlich. Die Berliner Rad Fahrenden wurden folglich bereits mit den verschiedensten Infrastrukturlösungen konfrontiert. Unter diesen Voraussetzungen sind die Ergebnisse dieser Arbeit für viele Städte relevant und übertragbar. 56 57 Unter anderem Velo-City 2007 in München, Abschlusskonferenz zur Verkehrserhebung „Mobilität in Städten – SrV 2008“ 2009 in Dresden, 2. MeetBike Konferenz 2009 in Dresden, Nationaler Radverkehrskongress 2009 in Berlin, Nationaler Radverkehrskongress 2011 in Nürnberg. Dies ist ein Radfahrstreifen links vom Rechtsabbiegestreifen. 69
Forschungsdesign 5.3. Stichprobe Im Sinne der zirkulären Vorgehensweise qualitativer Forschung werden zunächst nur einige Interviews durchgeführt. Nach der Auswertung von verschiedenen Interviewpassagen und unter Zugrundelegung der Erhebungserfahrungen wird der Leitfaden weiterentwickelt (vgl. Kapitel 5.4.1). Anschließend werden weitere Fälle akquiriert. Für die Auswahl der weiteren Fälle wird ein qualitativer Stichprobenplan aufgestellt. Dabei werden Festlegungen für die Erhebung der Fälle getroffen. Diese betreffen „1. die relevanten Merkmale für die Fallauswahl, 2. die Merkmalsausprägungen und 3. die Größe des qualitativen Samples“ (Kelle und Kluge 2010: 50, Hervorhebungen im Original). Die Personen der Zielgruppe sollten das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel nutzen, regelmäßig in der Berliner Innenstadt Rad fahren (sogenannter „Hundekopf“) und zwischen 18 und 65 Jahre alt sein. Der geografische Ausschnitt wird gewählt, um eine Vergleichbarkeit zwischen den Fällen hinsichtlich des Erlebens des Straßenverkehrs zu gewährleisten. Aus dem gleichen Grund sollte für die Zielgruppe das Fahrrad das Hauptverkehrsmittel sein. Die Befragten sind damit als Experten und Expertinnen in eigener Sache anzusehen. Darüber hinaus wird sichergestellt, dass die Personen das Fahrrad im Alltagsverkehr einsetzen. Eine Betrachtung des Freizeitverkehrs wird dabei nicht ausgeschlossen. Das Handeln von Kindern und älteren Rad Fahrenden hängt verstärkt von anderen Dingen wie z. B. kognitiven Fähigkeiten ab. Diese zusätzlichen Dimensionen erhöhen den Arbeitsaufwand für den Nachweis der in den Forschungsfragen formulierten Wirkungszusammenhänge deutlich. Daher wird im Rahmen dieser Arbeit auf die Einbeziehung von Kindern und älteren Rad Fahrenden verzichtet. Als relevante Merkmale für die Fallauswahl bieten sich das Geschlecht, das Lebensalter, die zeitliche Dauer der Verkehrsteilnahmeerfahrungen und die Lebensphase an. Frauen und Männer verhalten sich im Straßenverkehr unterschiedlich. Das zeigt nicht nur das höhere Unfallrisiko von Männern (vgl. Kapitel 2.2). Einflüsse des Geschlechts bestehen auch bei der bevorzugten Radverkehrsinfrastruktur (vgl. Alrutz et al. 2009: 33 f.) und bei der Einschätzung des eigenen Fahrstils (vgl. Gehlert 2009: 9). In einer weiteren Studie konnte ein deutlicher Unterschied bei den Fahrstilen zwischen Frauen und Männern nachgewiesen werden (vgl. Hebenstreit 1999). Daher ist für diese Arbeit das Geschlecht ein relevantes Merkmal mit den Merkmalsausprägungen weiblich und männlich. 70
Stichprobe Das Lebensalter gilt ebenfalls als eine wichtige Einflussgröße für das Verkehrsteilnahmeverhalten. Neben dem erhöhten Unfallrisiko von jungen Menschen (vgl. Kapitel 2.2) konnte nachgewiesen werden, dass einige Altersgruppen in manchen Fahrstilgruppen besonders stark vertreten sind (vgl. Adelt et al. 1999). Auch bei der Selbsteinschätzung des Fahrstils sind zwischen den Altersgruppen Unterschiede feststellbar (vgl. Gehlert 2009: 9). In zwei Untersuchungen konnte gezeigt werden, das Fahrstilgruppen oder Einstellungen von Autofahrenden denen von Rad Fahrenden ähneln (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996: 124 und Götz et al. 1998: 64). Das Lebensalter wird somit als Merkmal für diese Arbeit herangezogen. Die Erfahrungen bei der Verkehrsteilnahme nehmen ebenfalls Einfluss auf das Verkehrsteilnahmeverhalten. In einer Studie wird ein signifikanter Einfluss der Raderfahrungen auf die Schwere von Fehlern nachgewiesen (vgl. Pauen-Höppner 1991: 255 f.). Dies wird auch von einer Studie zum Autoverkehr bestätigt. Personen unter 45 Jahre, die weniger als ein Jahr einen Führerschein besitzen, sind öfter in einen Unfall verwickelt als andere in ihrer Altersgruppe. Demgegenüber verfügen die 45-65-Jährigen Erfahrenen über eine wesentlich höhere Unfallrate als die Fahranfänger gleichen Alters. In diesem Alter sind die Fahranfänger besonders vorsichtig. Generell wurde aber gezeigt, dass das Lebensalter einen höheren Einfluss auf die Unfallrate hat als die Erfahrung (vgl. Klebelsberg 1982: 176). Da bei der Fallauswahl für die Ermittlung der Raderfahrungen eine Vorbefragung erfolgen müsste, wird auf dieses Merkmal verzichtet. Innerhalb der Forschung zur Verkehrsmittelwahl werden vielfach Lebensphasen als Einflussfaktoren herangezogen (vgl. bspw. Deffner 2009: 61, Lanzendorf und Scheiner 2004: 25 f.). Zu Lebenslagen oder Lebensphasen gehören oft die Merkmale Beruf/Erwerbstätigkeit, Geschlecht, Alter, Region, Nationalität und Geburtszeitraum (vgl. Berger und Hradil 1990: 10). Allerdings gibt es keine allgemein anerkannte Lebensphasen-Typologie (vgl. Hunecke und Schweer 2006: 158). Hinsichtlich des Verhaltens von Personen bei der Verkehrsteilnahme wurde bisher noch kein Nachweis des Einflusses von Lebensphasen erbracht. Allerdings werden sich vermutlich Personen, die Rad fahrende Kinder begleiten oder mit ihnen täglich zu tun haben, im Straßenverkehr anders verhalten und auch andere Anforderungen haben. Ob von der befragten Person ein zu betreuendes Kind oder zu betreuende Kinder im Haushalt leben, ist also ein wesentliches Merkmal, welches in dieser Arbeit Eingang findet. 71
Forschungsdesign Ebenfalls von Interesse sind Personen, die aus finanziellen Gründen Rad fahren. Diese haben oft keinen anderen Verkehrszugang. Sie sind auf das Rad angewiesen. Diese Gruppe hat daher eventuell andere Anforderungen an den Radverkehr, als Personen, die „freiwillig“ das Rad nutzen. Vermutlich betrifft dies vor allem junge Rad Fahrende, da diese sich meist noch in der Ausbildung befinden und daher über wenig Geld verfügen. Dieses Merkmal wird also mit dem Merkmal Alter mit einbezogen. Zusammengefasst werden für die Auswahl der Fälle im Rahmen des Stichprobenplans die Merkmale Geschlecht, Alter (inkl. geringes Einkommen) und Kinder im Haushalt verwendet. Die Merkmalsausprägungen werden wie folgt festgelegt. Als Altersgrenzen werden der 30. und der 45. Geburtstag gewählt. Unter 30-Jährige haben nicht nur ein erhöhtes Unfallrisiko (vgl. Kapitel 2.2), bei den Kfz-Fahrenden sind sie überdurchschnittlich oft unter der Fahrstilgruppe der „Raser“ vertreten (vgl. Adelt et al. 1999: 117). Die Altersgrenze von 45 Jahren wurde gewählt, um besonders erfahrene Rad Fahrende zu berücksichtigen. Darüber hinaus sind über 40 Jahre alte Kfz-Fahrende überdurchschnittlich stark in der Fahrstilgruppe der „Gelassenen“ vertreten (vgl. Adelt et al. 1999: 109). Über 50-Jährige finden sich überdurchschnittlich oft in der Gruppe der „Ängstlichen“ (vgl. Adelt et al. 1999: 105). Bei den unter 30Jährigen befinden sich dann auch die Personen mit geringerem finanziellem Spielraum, da diese entweder studieren oder sich in einer anderen Ausbildung befinden. Um Personen mit einem Umgang mit Kindern in der Stichprobe zu haben, wird sich auf Mütter oder Väter zwischen 30 und 44 Jahren konzentriert. In dieser Altersgruppe werden am ehesten Kinder im Grundschulalter erwartet. Es wird davon ausgegangen, dass Eltern in dieser Lebensphase der Kinder, z. B. durch den Beginn der selbstständigen Bewältigung des Schulwegs, am ehesten über die Verkehrssicherheit der Kinder reflektieren. Zumindest lässt sich dies auf die zunehmende Begleitung von Kindern durch Erwachsene auf dem Schulweg und die zunehmende Vertreibung der Kinder aus dem Straßenraum vermuten (vgl. Funk 2004: 119). Die bei der Beantwortung der Forschungsfragen zu klärenden Zusammenhänge werden in allen Fallgruppen vermutet. Ob es zwischen den Zielgruppen Unterschiede gibt, soll ein Ergebnis dieser Arbeit sein. Um eventuelle Unterschiede fundiert belegen zu können, wird eine möglichst gleichmäßige Besetzung der Fallgruppen angestrebt. Ein im Sinne einer quantitativen Erhebung repräsentatives Ergebnis ist ausdrücklich kein Ziel dieses Stichprobenplans. 72
Qualitatives Interview Um auf der einen Seite eine gewisse Varianz innerhalb der Fallgruppen zu erhalten, aber auf der anderen Seite den gesamten Umfang der Arbeit nicht zu sprengen, wird eine Fallgruppengröße von mindestens drei Fällen festgelegt. Damit besteht das qualitative Sampling aus mindestens 24 Fällen. Diese Anzahl der Fälle stellte sich bereits bei anderen Untersuchungen im Verkehrsbereich, bei denen eine Typologie generiert wurde, als ausreichend dar (vgl. Ahrend 2002). 18-29 Jahre (in Ausbildung / geringer finanzieller Spielraum) 30-44 Jahre (mit und ohne Kindern) 45-65 Jahre Zwischensumme Summe Männlich 3 Weiblich 3 3 (ohne) 3 (mit) 3 (ohne) 3 12 3 (mit) 3 12 24 (Eigene Darstellung) Tabelle 8: Qualitativer Stichprobenplan, Anzahl der Fälle Während der Akquise und Auswahl der einzelnen Fälle wird darauf geachtet, ein möglichst breites Spektrum an Rad Fahrenden zu erhalten. Dadurch fließen beispielsweise Nutzende mit alten, schlecht ausgestatteten Fahrrädern genauso wie Rad Fahrende mit neuen, sehr teuren Fahrrädern in die Untersuchung mit ein. Durch die Heterogenität wird sichergestellt, dass möglichst alle Aspekte in die Beantwortung der Forschungsfragen einfließen (vgl. Kelle und Kluge 2010: 52). 5.4. Qualitatives Interview Innerhalb der qualitativen Sozialforschung haben sich unterschiedliche Formen der Interviewführung etabliert (vgl. Helfferich 2009: 35 ff.). Innerhalb dieser Arbeit werden leitfadengestützte Interviews durchgeführt. Die leitfadengestützte Interviewform hat den Vorteil, dass zum einen alle interessierenden Themen in gleicher Form angesprochen werden können, und zum anderem während des Interviews flexibel auf die Interviewten eingegangen werden kann. Die Behandlung aller Themen ist notwendig, um 73
Forschungsdesign bei der Auswertung eine Fallkontrastrierung und eine Typenbildung durchführen zu können (vgl. Kapitel 5.6). Durch die variable Interviewsteuerung kann gleichzeitig dafür gesorgt werden, dass alle Themen in ausreichender Tiefe besprochen werden. Neben eher problemorientierten Fragen kommen erzählgenerierende Fragen zum Einsatz. Dabei sollen die Interviewten von Situationen erzählen und so von ihren Erfahrungen berichten.58 Damit – so die Theorie – sollen Erinnerungen wieder hervorgebracht werden, die durch einfaches, mitunter abstraktes Abfragen von Informationen nicht erinnert worden wären (vgl. Flick 2010: 238 f.). Durch die offenen Fragen ist es den befragten Personen zudem möglich, durch die Reihenfolge und Ausführlichkeit ihrer Erzählungen die Wichtigkeit einzelner Aspekte selbst zu setzen. Das Relevanzsystem der Befragten wird so deutlich (vgl. Bohnsack 2008: 20). Die hier vorgenommene Mischung von Fragetypen – erzählgenerierende und problemorientierte – ist nicht unüblich und hat sich in der Praxis bewährt (vgl. Helfferich 2009: 13). Die eigentlichen Interviews werden durch einen Kurzfragebogen, ein Protokoll59 und das Fotografieren der befragten Personen und ihrer Fahrräder ergänzt. 5.4.1. Leitfadendesign Der Leitfaden ist an dem von Helfferich vorgeschlagenen Design angelehnt (vgl. Helfferich 2009: 186) und befindet sich im Anhang A-1. Er ist gegliedert nach den Leitfragen, die in jedem Fall gestellt werden sollten. Sind diese relativ schnell erschöpft oder kommt die befragte Person vom Thema ab, soll mit Aufrechterhaltungs- oder Steuerungsfragen nachgebessert werden. In der Spalte Check sind Themen als Stichpunkte enthalten, die die Befragten möglichst von alleine ansprechen sollen. Erfolgt dies nicht, sollen hierzu noch während des Interviews weitere Fragen formuliert werden. Schließlich gibt es noch konkrete Fragen, die möglichst an passender Stelle, aber eher am Ende eines Blockes gestellt werden. Am Ende des Interviews können übrige Nachfragen, die während des Interviews auftreten, aber nicht zum Leitfaden gehören, gestellt werden. Dies gilt vor allem für Fragen, die 58 59 Dieses Vorgehen ist Kennzeichen episodischer Interviews (vgl. Flick 2010: 238-245). Kurzfragebogen und Protokoll sind neben Leitfaden und Tonaufzeichnung als Instrumente des problemzentrierten Interviews bekannt (vgl. Witzel 2000: Abs. 5-9). 74
Qualitatives Interview den Erzählfluss der befragten Person stören. Sowohl die Leitfragen, als auch die Aufrechterhaltungsfragen sollen so gestellt werden, dass die befragten Personen zu einer Erzählung animiert werden. Der Leitfaden für die Interviews ist in fünf Blöcke aufgeteilt. In dem Einführungsteil soll den Befragten der Einstieg in das Thema erleichtert werden. Durch den Erzählstimulus soll den Interviewten signalisiert werden, dass sie selbst über die Erzähltiefe und über den Schwerpunkt ihrer Erzählung, also über das, was sie erzählen wollen, bestimmen können. In den zentralen drei Blöcken II bis IV geht es um den Kern der Forschungsfragen. Die Blöcke umfassen die Themen Erfahrungen, Fahrverhalten und Anforderungen. Im Block II wird nach den allgemeinen Erfahrungen gefragt. Ist die Erzählung der Befragten kurz, kann mit weiteren Fragen, wie zum Beispiel zu Unfällen und gefährlichen Situationen, die Frage konkretisiert werden. Ziel ist es, die das Fahrverhalten und die Anforderungen prägenden Ereignisse zu ermitteln. Hinsichtlich des Fahrverhaltens im Frageblock III werden die Interviewten gebeten, ihre Fahrweise selbst zu charakterisieren. Darüber hinaus sollen sie anhand von Beispielen – erlebte Situationen oder generell – ihr Verhalten beschreiben. Auf die Art soll es bei der Auswertung möglich sein, die Selbsteinschätzung mit den von den Interviewten beschriebenen situativen Verhaltensweisen zu vergleichen. Mit den Fragen zur Einschätzung der Verhaltensweisen anderer Verkehrsteilnehmender inklusive anderer Rad Fahrender sollen weitere Rückschlüsse auf das Fahrverhalten der Interviewten ermöglicht werden. Ein zentrales Thema ist die Beachtung von Verkehrsregeln. Um die Interviewten nicht durch eine direkte Frage nach der Regelbeachtung zu verunsichern, werden sie zu Beginn der Thematisierung der Regeleinhaltung – sofern sie über eigene Regelmissachtungen noch nicht gesprochen haben – dazu aufgefordert, die aus ihrer Sicht problematischen Verkehrsregeln zu erläutern. Weitere Hinweise auf das eigene Regelverhalten gibt die Frage nach nicht akzeptierten Regelverletzungen durch andere Rad Fahrende. Es wird davon ausgegangen, dass die befragten Personen ein von ihnen nicht akzeptiertes Fahrverhalten in der Regel selbst nicht praktizieren werden. Mit dieser Frage lassen sich später auch die Einstellungen zu den Regeln herausarbeiten. Bei Bedarf kann die direkte Frage nach der Regelmissachtung nachträglich noch gestellt werden. Im Block IV werden die Interviewten nach ihren Anforderungen an eine attraktive Strecke oder Route gefragt. Vervollständigt werden die Angaben durch die Frage nach den Kriterien, nach denen die aktuell genutzte Route ausgewählt wurde. Mit der zweiten Frage kann abgeschätzt werden, wie wichtig den Befragten die zuvor angegebenen Anforderungen sind. Der Abschlussteil dient vor allem 75
Forschungsdesign dazu, den Befragten die Möglichkeit zu geben, Themen anzuschneiden, die nicht zur Sprache oder den Befragten zu kurz kamen. Mit den Fragen zur Radverkehrspolitik und dem eigenen Engagement soll ermittelt werden, wie stark sich die Befragten mit dem Thema Radverkehr bisher auseinandergesetzt haben. Aufgrund der Erfahrungen aus den ersten fünf durchgeführten Interviews des Pretests wurde der Interviewleitfaden angepasst. Da die ursprüngliche Einstiegsfrage60 oft sehr kurz beantwortet wurde und sich damit als zu wenig inhaltsgenerierend darstellte, wurde eine neue Einstiegsfrage 61 entwickelt. Diese dient dazu, die Mobilitätsbiografie zu erfassen und somit zu einer längeren Erzählung anzuregen. Fragen, die oft nicht zum Tragen kamen, da sie bereits an anderer Stelle beantwortet wurden, kamen in den Bereich Check oder wurden ganz gestrichen. Unverständliche Fragen wurden verändert. Außerdem wurde aus dem – nach dem Interview auszufüllenden – Kurzfragebogen (siehe folgendes Kapitel) die Frage zur am häufigsten genutzten Route62 in den Block Anforderungen des Leitfadens übernommen. Damit können weitere wesentliche Erzählungen angestoßen werden, die alle drei Themenbereiche – Erfahrungen, Fahrverhalten und Anforderungen – betreffen. Dies sollte sich vor allem bei Personen als hilfreich erweisen, deren Erzählungen bis zu dieser Frage eher zurückhaltend waren. Aufgrund der Leitfadenüberarbeitung erhöhte sich die durchschnittliche Interviewdauer der ersten fünf Interviews von rund 60 Minuten auf rund 100 Minuten bei den späteren Interviews. Bevor der Leitfaden bei den 24 Fällen des Stichprobenplans zum Einsatz kam, wurde er noch in zwei weiteren Pretests verwendet und verfeinert. Das Vorgehen bei der Aufbereitung der Texte ist in Kapitel 6.2.1 beschrieben. 5.4.2. Kurzfragebogen Die Interviews werden wie bei einem problemzentrierten Interview mit einem Fragebogen (vgl. Witzel 2000: Abs. 6) ergänzt, um Daten zu erheben, 60 61 62 „Erzählen Sie bitte, wie sind Sie zu Ihrem Fahrrad gekommen?“ „Ich möchte gerne etwas über Ihren Werdegang als Radfahrer/in erfahren. Erzählen Sie mir bitte, wie haben Sie Radfahren gelernt?“ „Gehen Sie bitte im Geiste Ihre täglich bzw. am häufigsten genutzte Route durch. Können Sie die Radverkehrsführung dieser Route beschreiben und auf positive wie negative Aspekte eingehen?“ 76
Beobachtung die in einem offenen Interview die Erzählphasen stören und den Aufwand für die Bearbeitung, unter anderem für die Transkription, erhöhen. Zu diesen Daten gehören sozio-demografische Angaben, aber auch Fragen zur Fahrradausrüstung und zur allgemeinen Verkehrsmittelnutzung und -verfügbarkeit. Der Fragebogen befindet sich im Anhang A-2. 5.4.3. Fotos Zur objektiven Erfassung der Fahrräder und des Erscheinungsbilds der Rad Fahrenden werden die Fahrräder einzeln und zusammen mit den Rad Fahrenden fotografiert. So sollen Missverständnisse hinsichtlich des Fahrradtyps vermieden werden. Zudem wird eine spätere Klassifizierung erleichtert, da die Fahrradtypen, sofern dies zum Beispiel für die Generierung der Typologie notwendig erscheint, erst nach den Erhebungen in Klassen eingeteilt werden müssen. Das Gleiche trifft auf die befragten Personen hinsichtlich Ausrüstung und Erscheinungsbild zu. Die Fotos können auch hier bei der Generierung der Typologie hinzugezogen werden. Durch dieses mit Einschränkungen (vgl. Diskurs hierzu Flick 2010: 309 f.) objektive Medium ist die Fotodokumentation eine Art Beobachtung (Flick 2010: 279). Da für die Fotos zuvor die Einwilligung von den Interviewten eingeholt werden musste, konnten diese sich auf die Situation einstellen und sich so darstellen, wie sie gerne gesehen werden wollen. Daher ist dies eine offene Beobachtungsform. 5.4.4. Protokoll In dem Protokollbogen zum Interview werden in erster Linie Daten notiert, die weder von der Tonaufzeichnung, dem Kurzfragebogen noch den Fotos erfasst werden können. Dies betrifft besondere Vorkommnisse bei der Kontaktierung oder im Interview, die Interviewatmosphäre, die Örtlichkeit oder andere wichtige Äußerungen der Interviewten zum Thema, die im Vorfeld oder Nachgang des Interviews fallen. Das Protokoll kann für die Kontextualisierung des Interviews herangezogen werden. 5.5. Beobachtung In einem weiteren Schritt werden die teilnehmenden Personen bei ihrer Verkehrsteilnahme beobachtet. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Fahrverhalten inklusive der Regelbeachtung und der Interaktion mit anderen Verkehrsteil77
Forschungsdesign nehmenden. Treten bei der Fahrt Konflikte auf, kann dies zu weiteren Erkenntnissen führen. Die Verkehrsteilnahme wird mit einer Kamera aufgezeichnet. Ziele Ziel der Beobachtung ist es, zum einen die Aussagen der Interviewten zu ihrem Fahrverhalten zu ergänzen und zum anderen die Rekonstruktionsmöglichkeiten zu erweitern. Die Ergänzung kann vollkommen neue Aspekte beinhalten oder aber geäußerte Gegebenheiten oder Zusammenhänge verständlicher machen. Wenn zum Beispiel eine Radfahrerin angibt, auf dem Gehweg ausschließlich angemessen langsam zu fahren, weiß die oder der Forschende nur, dass die Radfahrerin die Geschwindigkeit selbst als langsam einschätzt. Auf ihre tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit kann nicht geschlossen werden. Mit Hilfe der Aufnahmen kann die gefahrene Geschwindigkeit näherungsweise ermittelt werden. Zudem kann die oder der Forschende, eventuell auch in Rücksprache mit anderen Personen, allgemein nachvollziehbare Kriterien aufstellen, um die Angemessenheit der Geschwindigkeit zu beurteilen. Im Zusammenhang mit dem Interview sollen folgende Fragen geklärt werden. Gibt es  Verhaltensweisen der Beobachteten, die im Interview nicht zur Sprache kommen?  Phänomene, die erst im Zusammenspiel von Interview und Beobachtung erkannt werden?  Phänomene, die allein mit einer Beobachtung nicht erkannt oder nicht erklärt werden können? Der zunächst verfolgte Untersuchungsansatz wurde aufgrund erster Erfahrungen angepasst. Beide Untersuchungsansätze werden im Folgenden methodisch begründet sowie die Umsetzung erläutert. 5.5.1. Erster Untersuchungsansatz Beim ersten Untersuchungsansatz wird die teilnehmende Person bei einer ihrer alltäglichen Fahrten durch eine beobachtende Person mit dem Fahrrad verfolgt. Die Fahrten werden mit einer Videokamera aufgezeichnet. Danach wird die verfolgte Person gebeten, ihre Fahrt zu kommentieren. Aus forschungsethischen Gründen sollen Personen, deren Verhalten aufgezeichnet wird, vorher um Einverständnis gebeten werden (vgl. Ellgring 78
Beobachtung 1995: 206). Eine verdeckte Beobachtung ist so nicht mehr möglich. Ob es sich um eine teilnehmende Beobachtung handelt, lässt sich nicht einfach beantworten. Man könnte das Vorgehen als passive teilnehmende Beobachtung63 bezeichnen. Der Verfolgende beobachtet in erster Linie und nimmt weniger teil (näheres bei Lamnek 2005: 562 u. 577). Die Rad Fahrenden werden beobachtet, ohne dass der Verfolgende unmittelbar ins Geschehen eingreift, sie wissen aber, dass sie beobachtet werden. Vielleicht haben manche das Gefühl, sich umdrehen zu müssen, um zu schauen, ob der Verfolgende noch da ist. Eine Teilnehmerin fühlte sich zum Beispiel gehetzt. Hinsichtlich der Frage, inwieweit die Beobachtung das Verhalten der Rad Fahrenden beeinflusst, wird in der Fachliteratur darauf hingewiesen, dass zumindest am Anfang mit einem anderen Verhalten zu rechnen sei (vgl. Ellgring 1995: 206). Es wird aber auch deutlich gemacht, dass die Art und Weise der Darlegung des Forschungsinteresses gegenüber den Untersuchungspersonen einen hohen Einfluss hat. So sei eine allgemeine Einführung oft hilfreicher, als spezielle Erläuterungen zum wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse (vgl. Przyborski und Wohlrab-Sahr 2008: 58). Dass es nicht zwangsweise zu Veränderungen des Fahrverhaltens kommen muss, konnte in einer Studie64 aus den 60er Jahren nachgewiesen werden. Hierbei konnten keine wesentlichen Unterschiede zwischen wissentlicher und unwissentlicher Beobachtung beim Fahrverhalten von jugendlichen Moped Fahrenden festgestellt werden (vgl. Höfner 1972: 350). Nach der Fahrt folgt ein Interview, bei dem die Teilnehmenden ihre Fahrt noch einmal reflektieren sollen.65 Oberstes Ziel ist dabei, die Interpretation des Fahrverhaltens nicht nur dem Beobachtenden zu überlassen. Zudem bietet sich so die Möglichkeit, durch das direkte Fragen nach den soeben erlebten Situationen, das Alltagsverhalten und die Alltagssituationen in den 63 64 65 Die teilnehmende Beobachtung wird hier als ergänzendes Erhebungsverfahren und nicht als umfassende Forschungsstrategie eingesetzt. Zum weiteren Erkenntnisstand zu teilnehmender Beobachtung und Ethnografie siehe Lüders 2009. Das genaue Jahr der durchgeführten Beobachtungen ist nicht bekannt. Die die Studie beinhaltende Dissertation wurde 1967 eingereicht. Von zunächst rund 700 ohne ihr Wissen beobachteten Moped Fahrenden wurden 82 Fahrende ausgewählt, die einer weiteren Beobachtung unterzogen werden sollten. Diese zweite Beobachtung erfolgte mit dem Wissen der zu Beobachtenden. Von der ersten Beobachtung hatten diese auch im Nachhinein keine Kenntnis. Dieser Ansatz beinhaltet Elemente des fokussierten Interviews (vgl. Merton und Kendall 1984: 171 f.), bei dem ebenfalls Personen bezüglich einer zuvor erlebten Situation interviewt werden. 79
Forschungsdesign Blick zu rücken, die den befragten Personen oftmals nicht bewusst sind und dadurch nur schwer direkt erfragt werden können (vgl. Friebertshäuser 1997: 505). Die für die Verfolgungsfahrt notwendige Kamera wird am Helm des Verfolgenden befestigt (siehe Abbildung 9), da vorherige Tests zeigten, dass bei einer Befestigung am Lenker die Aufzeichnungen zum Teil zu stark verwackeln. Somit besteht die Gefahr, dass wichtige Details verloren gehen. (Foto: J. Leben) Abbildung 9: Kamera seitlich am Helm befestigt Die per Video aufgezeichnete Fahrt wird gemeinsam mit den Teilnehmenden angeschaut. Die Gespräche werden geführt, während die Fahrt abgespielt wird. Die verfolgten Personen sollen ihre Fahrt kommentieren und auf auffällige Situationen oder ihre Eindrücke während der Fahrt näher eingehen. Da sich in einem Pretest herausstellte, dass ein Interview wenige Tage nach der Fahrt zu Problemen bei der Erinnerung führt – so konnten Hintergründe von Entscheidungen oder Gefühle bei auffälligen Situationen nicht mehr erinnert werden – werden die Interviews mit den Probandinnen und Probanden entweder direkt im Anschluss der Fahrt oder zumindest noch am selben Tag durchgeführt. Umsetzung Innerhalb des ersten Untersuchungsansatzes wurden zunächst drei Verfolgungsfahrten und Gespräche durchgeführt, da geprüft werden sollte, ob 80
Beobachtung dieser Untersuchungsansatz trägt. Die Fahrten wurden im September und Oktober 2011 durchgeführt. Die ausgewählten Personen stammen aus unterschiedlichen Fallgruppen des Stichprobenplans (vgl. Kapitel 5.3). Die Fahrten erfolgten jeweils morgens vom Wohnort der Probanden oder Probandinnen bis zum jeweiligen Arbeitsort. Das anschließende Gespräch fand zweimal im sofortigen Anschluss am Arbeitsplatz der verfolgten Personen und einmal abends in meinem Büro statt. Für das Gespräch wurden die Verfolgten darum gebeten, ihre Fahrt zu kommentieren und dabei auf ihr Erleben und auf außergewöhnliche Situationen einzugehen. Bei auffälligen Verhaltensweisen sollten sie auf ihre Beweggründe eingehen. Zum Teil wurde auf die Möglichkeit, die Videoaufzeichnung anzuhalten und Sequenzen zu wiederholen, zurückgegriffen, um Situationen detaillierter zu analysieren. Die Qualität der Videoaufzeichnungen war meistens sehr gut. Erschütterungen blieben in der Regel aus. Abbildung 10 gibt einen Eindruck von der Qualität der Videoaufzeichnungen. Für die Analyse der Gespräche wurden die Videoaufzeichnungen der Fahrten mit den Tonaufzeichnungen der jeweiligen Gespräche synchronisiert und in eine Aufzeichnung zusammengefasst. Die Leitfadeninterviews der drei Personen wurden nach den dort geäußerten Fahrweisen ausgewertet und in einer Tabelle eingetragen. Dem wurden die in den Videoaufzeichnungen festgestellten Fahrweisen inklusive der von den Probanden und Probandinnen geäußerten Kommentare gegenüber gestellt. Methodenkritik Aus dem ersten Untersuchungsansatz ergeben sich methodische Vor- und Nachteile: Ein Großteil der Eindrücke aus den Interviews konnte bestätigt werden. Zudem gab es hinsichtlich des Fahrverhaltens Ergänzungen, die im Interview nicht zur Sprache kamen. Auch die Rekonstruktionsmöglichkeiten wurden durch die Videoaufzeichnungen erweitert. So gaben die Videoaufzeichnungen ein gutes Bild davon ab, was die jeweiligen Personen für eine angemessene Geschwindigkeit auf dem Radweg oder Gehweg halten. Daneben gab es Widersprüche zwischen Aussagen aus dem Interview und dem tatsächlich beobachteten Verhalten. Diese Widersprüche könnten in einer späteren kommunikativen Validierung ausgeräumt werden.66 Ein nachgewiesener Vorteil der Kommentierung durch die Rad Fahrenden liegt in der 66 Auf eine kommunikative Validierung mit den Interviewten wurde wegen des hohen Aufwands und des erwarteten geringen Ertrags verzichtet. 81
Forschungsdesign Ermöglichung einer korrekten Interpretation des aufgezeichneten Fahrverhaltens. Ein wesentlicher Nachteil des Untersuchungsansatzes ergibt sich aus der Durchführung der Verfolgungsfahrten. So ergaben sich bei der Verfolgung gefährliche Situationen, da beispielsweise bei Rotverstößen die Verfolgung nicht abgebrochen werden sollte. Auch sind viele der bei den Verfolgungen genutzten Strecken für den Verfolger unbekannt, weswegen es bei hohen Fahrgeschwindigkeiten zu Problemen kommen kann. Das Unsicherheitsgefühl ist groß, da auf die Schnelle nicht immer klar ist, welchen Weg, Fahrbahn oder Fahrstreifen die verfolgte Person nutzen wird und welche Gefahren sich daraus ergeben. (Videoaufzeichnung: J. Leben) Abbildung 10: Standbild aus der Videoaufzeichnung einer Verfolgungsfahrt Auch bei der Auswertung der Fahrt treten Probleme auf. So gibt es nicht zu allen im Interview angesprochenen Themen passende Situationen bei den Fahrten. Andere Fahrverhalten lassen sich mit der Kamera nicht einfangen. So lässt sich der Blickkontakt zwischen den Rad Fahrenden und anderen Verkehrsteilnehmenden nicht aufnehmen. Selbst der Schulterblick lässt sich oft eher erahnen als unwiderlegbar feststellen. Da die Gespräche über die Fahrten ohne Vorbereitung weitestgehend spontan geführt wurden, konnten einige Verhaltensweisen, die erst nach wiederholter Betrachtung des Video82
Beobachtung materials auffielen oder durch die Analyse des Interviewmaterials wichtig wurden, nicht zur Sprache gebracht werden. Außerdem zeigte die Auswertung, dass zwar offene Fragen oder Unstimmigkeiten geklärt werden, aber auch neue Fragen und Unstimmigkeiten auftreten. Problembehaftete Fälle können eventuell besser erklärt werden. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass scheinbar einfache Fälle in Wahrheit viel komplizierter sind. Auch besteht die Möglichkeit, dass aus den Interviews ein Fahrverhalten rekonstruiert wird, welches so gar nicht beobachtet werden kann. Folglich kann aufgrund der Interviews keine verlässliche Auswahl zu verfolgender Personen erfolgen. Für eine korrekte Anwendung der Methode müssten alle interviewten Personen beobachtet werden. Nun besteht allerdings das Problem, dass einige der interviewten Personen mit dem Fahrrad sehr schnell oder regelwidrig fahren. Bei hohen Geschwindigkeiten könnte eine verfolgende Person konditionell an ihre Grenzen kommen. Aufgrund der gemachten Erfahrungen ist eine Verfolgung von extrem regelwidrig fahrenden Personen gefährlich oder schlicht unmöglich. Eine Verfolgung durch eine ausreichend schnelle dritte Person wäre hinsichtlich der Gefahrenlage nicht verantwortbar.67 Eine Verfolgung per Kraftfahrzeug aufgrund der Wendigkeit des Fahrrads und der möglichen Nutzung der Rad Fahrenden von für Kraftfahrzeuge verbotenen Wegen ist nicht möglich. Daher könnten nicht alle zuvor interviewten Personen mit in die Beobachtung einbezogen werden. Aufgrund des hohen Aufwands und des dem gegenüberstehenden eingeschränkten Nutzens wurde der Untersuchungsansatz weiterentwickelt. Der daraus entstandene zweite Untersuchungsansatz wird im folgenden Kapitel erläutert. 5.5.2. Zweiter Untersuchungsansatz Statt die Rad Fahrenden zu verfolgen, zeichnen die Rad Fahrenden eine Fahrt selbst auf. Dazu wird die Kamera an der Lenkstange des Fahrrads angebracht. Da die Kamera nur noch die Umgebung, aber nicht mehr die oder den Rad Fahrenden aufnimmt, ist der Qualitätsverlust aufgrund der Erschütterungen hinnehmbar. 67 Wie bei anderen Untersuchungen (bspw. Pauen-Höppner 1991) mit diesen Problemen umgegangen wurde, haben die Autorinnen oder Autoren nicht dokumentiert. 83
Forschungsdesign Mit diesem Ansatz wird die Person nicht mehr direkt, sondern nur noch indirekt, quasi über das Verhalten des Fahrrads beobachtet. Nicht mehr beobachtet werden Handzeichen, Interaktionen usw. Weiterhin beobachtet werden Geschwindigkeit, Bremsverhalten, Wegenutzung usw. Die Beobachtungsform ist weiterhin offen, aber der Beobachtende nimmt nicht mehr teil. Der Aufwand bei der Umsetzung verringert sich für alle Beteiligten. Umsetzung und Ergebnis Mit diesem Untersuchungsansatz wurden die übrigen Beobachtungen durchgeführt. Vor der Fahrt wurde den Interviewten die Kamera übergeben und die Funktionsweise erläutert. In der Regel wurden die Fahrten vom Wohnort zur Ausbildungs- oder Arbeitsstelle aufgenommen. Es waren immer Fahrten auf bekannten Strecken. Eine kurze Beschreibung der Probleme findet sich in Kapitel 6.1.3. Mit dem zweiten Untersuchungsansatz konnten die oben formulierten Ziele erreicht werden. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse erfolgt im Kapitel 6.2.2. 5.6. Analysedesign Für die Analyse der Daten bieten sich auf den ersten Blick mehrere Verfahren an, unter anderem die qualitative Inhaltsanalyse (s. Mayring 2008), das theoretische Kodieren68 innerhalb der Grounded Theory-Methodik (s. Strauss und Corbin 1996),69 das thematische Kodieren70 und die dokumenta68 69 Als theoretisches Kodieren wird in einigen Lehrbüchern (z. B. bei Böhm 2009, Flick 2010, Kuckartz 2010) die Textanalyse nach der Grounded Theory-Methode mit den Kodierprozeduren offenes, axiales und selektives Kodieren bezeichnet. Die Trennung der beiden Begriffe Grounded Theory-Methodik und theoretisches Kodieren ist notwendig, da bei der Grounded Theory-Methodik, wie bei einem qualitativen Forschungsansatz üblich, bereits die Datenerhebung Teil der Methodik ist. Strauss als einer der Begründer dieser Methodik stellte in einem Interview klar, dass ein Verfahren ohne Theoretischem Sampling (vgl. Kapitel 5.1) kein Verfahren nach der Grounded Theory-Methodik darstellt (vgl. Legewie und Schervier-Legewie 2004: Abs. 59 und 64). Da durch die Arbeit mit einem Stichprobenplan nicht der ideale Weg der Grounded Theory-Methodik gegangen wird, soll der Begriff theoretisches Kodieren genutzt werden, auch wenn dieser von Strauss nicht und von Glaser anders verwendet wird (vgl. Mey und Mruck 2007: 16). Mit dieser Begriffswahl soll Missverständnissen vorgebeugt werden. In diesem Buch wird die Vorgehensweise der Grounded Theory-Methode für Anfänger, in der Version nach Strauss, anschaulich dargestellt. Zum ersten Mal ausführlich beschrie- 84
Analysedesign rische Methode (s. Bohnsack 2008). Sieht man sich Beispiele aus der Forschungspraxis an, die auf der Grounded Theory-Methodik basieren, trifft man auf eine Vielzahl von Anwendungs- und Modifizierungsvarianten. Die Methodik gibt ein Regelwerk vor, das von den Forschenden mehr oder weniger stark befolgt wird (vgl. Breuer 2010: 40). Wie bei der Auswahl des Interviewverfahrens wird die Auswertungsmethodik aufgrund der Fragestellung und den sich daraus ergebenden Kriterien bestimmt. Mögliche Kriterien werden allgemeiner von Flick (vgl. Flick 2010: 473-482) und speziell aus dem Blickwinkel einer Anwenderin und Planerin von Deffner (vgl. Deffner 2004: 15) formuliert. Zusammenfassend ergeben sich daraus folgende wesentliche Kriterien:  Die Methode muss für die Auswertung der Daten geeignet sein und die Erhebungsmethoden passend ergänzen.  Die Forschungsfragen müssen mit der Methode beantwortet werden können.  Das Auswertungsziel, beispielsweise Theorieentwicklung oder Verteilung von Sichtweisen, muss mit der Methode erreicht werden können.  Die Methode sollte gegenüber einer Variation einzelner Verfahrensschritte offen sein.  Die Methode sollte relativ leicht erlernbar und anwendbar sein, ohne dass jahrelange praktische Erfahrungen notwendig sind.  Die Methode muss von einer Person ohne größere Teamunterstützung durchführbar sein.  Die Datenauswertung und Ergebnisentwicklung sollte mit der Methode in einem angemessenen Zeit- und Arbeitsaufwand erfolgen können. Um den anschließenden Text nicht zu umfangreich werden zu lassen, sollen die entscheidenden Kriterien näher betrachtet werden. Der Forschungsansatz hat einen explorativen Charakter, das heißt, es liegt keine Theorie zugrunde, vielmehr sollen Zusammenhänge aus dem Material herausgearbeitet werden. Verfahren wie die qualitative Inhaltsanalyse engen 70 ben und begründet wurde diese Methode in Glaser und Strauss 2005 (im Original 1967 erschienen). Später entwickelten Glaser und Strauss die Methode unabhängig voneinander weiter. Ein Diskurs zu den Unterschieden der beiden Entwicklungsstränge findet sich bei Strübing 2011. Das thematische Kodieren wird in vielen qualitativen Forschungen eingesetzt und hat sich als eine Art Common-Sense-Technik etabliert, welche in der Regel nicht beschrieben wird (vgl. Kuckartz 2010: 84). Eine gut beschriebene Variante findet sich bei Schmidt 2009 und Hopf und Schmidt 1993. 85
Forschungsdesign die Interpretationsmöglichkeiten des Materials aber sehr ein. Das Verfahren ist „nicht darauf angelegt, implizite Bedeutungen, wie sie in der Art und Weise einer Formulierung oder einer Interaktionssequenz zum Ausdruck kommen können, zu erfassen“ (Przyborski und Wohlrab-Sahr 2008: 183). Daher ist die Methodik der qualitativen Inhaltsanalyse weniger geeignet. Das thematische Kodieren weist einige Elemente des theoretischen Kodierens auf, versucht aber in erster Linie Hypothesen zu überprüfen. Dies widerspricht dem Ansatz dieser Arbeit. Das beschriebene Vorgehen gibt allerdings einige wertvolle Anregungen. Das theoretische Kodieren ist hinsichtlich der Tiefe und Breite der Analyse variierbar. Es ist allerdings gerade für Unerfahrene schwierig abschätzbar, wann die weitere Suche nach Kategorien und Zusammenhängen abgeschlossen werden kann (vgl. Flick 2010: 401). Daher empfiehlt Flick, die Texte in Interpretationsgemeinschaften auszuwerten. Um die Anwendbarkeit und Funktionalität der dokumentarischen Methode und des theoretischen Kodierens am eigenen Material zu testen, habe ich von Oktober 2008 bis Februar 2009 an einer Forschungswerkstatt von Prof. Bohnsack und im gleichen Zeitraum an einer Schulung zu einer sogenannten QDA-Software,71 in diesem Fall ATLAS.ti, teilgenommen. Dabei habe ich die transkribierten Abschnitte dreier Interviews, die im Rahmen der ersten Interviewphase im Dezember 2008 geführt wurden, analysiert. Für die Forschungswerkstatt habe ich die Texte mit Hilfe der dokumentarischen Methode interpretiert (unter Zuhilfenahme von Nohl 2008). Dieselben Textabschnitte bearbeitete ich mit ATLAS.ti innerhalb der Schulung. Durch die Teilnahme an der Forschungswerkstatt bekam ich ein Gefühl für die Interpretation von Texten. Ein Problem bei der dokumentarischen Methode besteht darin, dass der Einsatz einer unterstützenden Software nicht sinnvoll ist. Die bearbeitbare Datenmenge ist daher begrenzt. Bei der Methode geht man davon aus, dass nur ausgewählte Textteile transkribiert und näher ausgewertet werden. Dies ist hinsichtlich der aufgestellten Forschungsfragen und des Leitfadens nicht zielführend. Erschwerend kommt hinzu, dass mir keine Studien aus den Verkehrswissenschaften bekannt sind, in denen mit der dokumentarischen Methode gearbeitet wurde. Eine Referenz, mit der die eigene Vorgehensweise einfach überprüft werden kann, fehlt daher. In der Summe ist das theoretische Kodieren das für die Fragestellung geeignetste Verfahren, da es alle Kriterien, wenn das Verfahren sinnvoll ange71 QDA steht für „Qualitative Data Analysis“ (Kuckartz 2010: 9). 86
Analysedesign passt wird, erfüllt. Aus den Verkehrswissenschaften gibt es einige Beispiele der erfolgreichen Anwendung (s. Ahrend 2004: 170, Deffner 2009: 68, Herget 2013: 85 und Jansen 2012: 57). Durch den Besuch des Doktorandenkollegs bei Prof. Ahrend soll die intersubjektive Interpretation der Daten sichergestellt werden. Damit können einige mögliche Probleme der Methode umgangen werden. Das von Strauss und Glaser beschriebene Verfahren des theoretischen Kodierens soll aber nur die Basis sein. Es wird empfohlen, bestehende Verfahren an die Rahmenbedingungen anzupassen und einen eigenen Weg der Auswertung zu finden (vgl. Schmidt 2009: 447 f.). Als Grundgerüst fungiert die von Ahrend in ihrer Arbeit (vgl. Ahrend 2002) entwickelte Methodik, auf die einige der hier benannten Vorgehensweisen – kategoriale Analyse und Typengenerierung – zurückgreifen. Das bei dieser Arbeit gewählte Vorgehen ist zweigeteilt. Zuerst werden die Interviews ausgewertet. Dabei wird immer wieder auf die Forschungsfragen zurückgegriffen. Die Auswertung der Beobachtungen erfolgt separat. Mit einer, auf dem theoretischen Kodieren fußenden, kategorialen Analyse wird die Grundlage für die Typenbildung gelegt. Das Vorgehen bei der kategorialen Analyse ist in Tabelle 9 dargestellt. Im zweiten Teil erfolgt die Generierung einer Typologie. Eine Übersicht zum Vorgehen bei der Typenbildung ist in Tabelle 10 dargestellt. Das offene, axiale und selektive Kodieren sind von Strauss und Corbin72 entwickelte Kodierprozeduren (vgl. Strauss 1998 sowie Strauss und Corbin 1996). Sie werden auf die transkribierten Interviewtexte angewendet. Die Beobachtungen werden protokolliert und mit den Ergebnissen aus der Interviewanalyse abgeglichen. Zur Unterstützung können sowohl die Fotos als auch die Ergebnisse der Fragebögen hinzugezogen werden. 72 Bei der Anwendung des theoretischen Kodierens wird auf die Beschreibungen von Strauss und Corbin zurückgegriffen. Die von Strauss und Corbin weiterentwickelte Variante der Grounded Theory-Methode gilt, im Vergleich zur Glaser-Variante, als besser begründetes Verfahren, was insbesondere für die Integration des Vorwissens des Forschenden gilt (vgl. Strübing 2011: 273). 87
Forschungsdesign Kategoriale Analyse A Markieren und Zuordnen von Textsegmenten zu den, aus dem Leitfaden entwickelten, Ordnungskategorien mittels Kodes; deduktives Verfahren. B Ermittlung weiterer Kategorien aus dem Material; induktives Verfahren; parallel zu A. C Notizen zu Kodes oder den Texten, schreiben von Memos zu Auswertungsideen; während des gesamten Verfahrens. D Memos zu den Fällen: Besonderheiten, Kernthemen; parallel zu A. E Evtl. Zusammenfassung von Kategorien. Festlegen und Erläutern der Merkmalsausprägungen der Kategorien. F Untersuchung der Zusammenhänge zwischen einzelnen Kategorien. Überführung in handlungstheoretische Modelle nach dem Kodierparadigma von Strauss und Corbin73. Grob-, Sub- und Feinkategorien entstehen. Oft wird ein Zurückspringen zu Punkt B notwendig. G Ausarbeitung und Validierung der Ergebnisse aus F mit Hilfe der Daten. Formulierung eines theoretischen Modells. Auch von hier kann jederzeit zu B oder F zurückgesprungen werden. offenes Kodieren axiales Kodieren selektives Kodieren (Quelle: Eigene Darstellung mit Anleihen aus Deffner 2004, 2009, Witzel 200074 und Mey und Mruck 2011: 41) Tabelle 9: Vorgehen bei der kategorialen Analyse Eine Typologie ist das Ergebnis eines Gruppierungsprozesses. Dabei werden die Fälle anhand von einem oder mehreren Merkmalen gruppiert. Ziel ist es, dass die Fälle innerhalb eines Typus möglichst ähnlich sind und sich die Typen untereinander möglichst stark unterscheiden. Dies wird als 73 74 Nähere Erläuterungen zum Kodierparadigma finden sich im Kapitel 6.2.1 ab Seite 72. Witzel hat für die Auswertung des von ihm vorgeschlagenen problemzentrierten Interviews ein Auswertungsverfahren entwickelt. Deffner modifizierte dieses Verfahren für ihre Zwecke (vgl. Deffner 2009: 68). 88
Analysedesign interne Homogenität und externe Heterogenität bezeichnet (vgl. Kluge 1999: 26 f.). Bei der Generierung der Typologie findet eine Orientierung an der empirisch begründeten Typenbildung75 statt. Das Verfahren bietet sich an, da es auf anderen unterschiedlichen Typenbildungsverfahren76 aufbaut und darüber hinaus gut dokumentiert ist. Die Typenbildung erfolgt, wie in Tabelle 10 dargestellt, in vier Stufen. Mit Hilfe der generierten Typen und den ihnen zugrunde liegenden Sinnzusammenhängen wird eine Theorie mittlerer Reichweite dargestellt. Empirisch begründete Typenbildung H Erarbeiten von relevanten Vergleichsdimensionen, d. h. Auswahl der für die Typenbildung relevanten Kategorien und Merkmale; Übernahme aus der kategorialen Analyse. I Gruppieren der Fälle nach den Vergleichsdimensionen. Vergleich der einer Merkmalskombination zugeordneten Fälle zur Prüfung der internen Homogenität. Vergleich der Gruppen zur Prüfung der externen Heterogenität. J Analyse der inhaltlichen Sinnzusammenhänge, d. h. die theoretische Bedeutung der vorläufig gebildeten Gruppen ist nachzuweisen. Oft folgt auf diesen Schritt eine Reduzierung der Merkmalskombinationen und damit auch der Typen. Fällt die Analyse negativ aus, muss wieder bei Stufe 1 fort gefahren werden. K Charakterisieren der konstruierten Typen anhand der Merkmalskombinationen und der inhaltlichen Sinnzusammenhänge. Stufe 1 Stufe 2 Stufe 3 Stufe 4 (Quelle: Eigene Darstellung nach Kelle und Kluge 2010: 91 f. ) Tabelle 10: Vorgehen bei der empirisch begründeten Typenbildung 75 76 Kluge hat das Verfahren im Rahmen ihrer Dissertation entwickelt (dokumentiert in Kluge 1999). Zusammen mit Kelle wurde dieses Verfahren zu einer Art Anleitung (Original 1999 nun in der 2. Aufl.: Kelle und Kluge 2010). In den Verkehrswissenschaften wurde dieses Verfahren erfolgreich angewendet (z. B. Ahrend 2002 und Herget 2013). Gemeint sind die Prozessstrukturanalyse nach Gerhardt, die Typologische Analyse nach Kuckartz und die Typologische Operation der Reduktion nach Barton und Lazarsfeld (vgl. Kluge 1999: 257). 89
Forschungsdesign 5.7. Zusammenfassung Unter Berücksichtigung der gegebenen Rahmenbedingungen wird ein qualitativer Forschungsansatz hergeleitet. Als Untersuchungsraum wird die Berliner Innenstadt ausgewählt. Der entwickelte qualitative Stichprobenplan ist auf 24 Fälle ausgelegt. Zu den Methoden der Datenerhebung gehören qualitative Interviews und Beobachtungen. Diese beinhalten eine leitfadengestützte mündliche Befragung, ergänzt mit einem standardisierten Kurzfragebogen. Zur Dokumentation der Ausrüstung und des Fahrradtypen werden die Befragten und ihre Fahrräder fotografiert. Zusätzlich wird das Fahrverhalten der Befragten per Video aufgezeichnet. Das Verfahren wurde im Zuge der Erhebung angepasst. Die Interviews werden einer kategorialen Analyse auf Basis des – aus der Grounded Theory-Methodik abgeleiteten – theoretischen Kodierens unterzogen. In die Analysen werden die Daten aus den anderen Erhebungsschritten mit einbezogen. Am Ende des Verfahrens steht eine empirisch begründete Typenbildung. Diese dient der Darstellung einer Theorie mittlerer Reichweite. 90
6. Durchführung Die Durchführung beinhaltet die Feldphase und die Datenaufbereitung. 6.1. Feldphase Die Datenerhebung fand im Berliner Raum statt (vgl. Kapitel 5.2). Für die Auswahl der Fälle wurde der Stichprobenplan herangezogen (vgl. Kapitel 5.3), der überwiegend umgesetzt werden konnte. Wie dabei vorgegangen wurde, wird in Kapitel 6.1.1 beschrieben. Die Kriterien77 aus dem Stichprobenplan machten es notwendig, die Probandinnen und Probanden gezielt auszuwählen. Eine verdeckte Beobachtung und eine Befragung im Anschluss, um zu ermitteln, ob die beobachtete Person einer Teilnahme einwilligt und den Kriterien entspricht, wurden wegen des hohen Aufwands ausgeschlossen. Die Auswahl der Rad Fahrenden sollte also zu Beginn der Feldphase stehen. Zudem wurde es als sinnvoller erachtet, das Interview der Beobachtung voranzustellen: Aus der Forschung ist bekannt, dass Rad Fahrende häufig Regeln übertreten. Demzufolge ist die Beobachtung einer Fahrt durch eine fremde Person ein sensibles Unterfangen. Es war zu befürchten, dass sich die Rad Fahrenden nicht unbefangen Verhalten. Werden zuerst die Interviews durchgeführt, besteht die Hoffnung, dass durch das Interview ein Vertrauensverhältnis zum Forschenden aufgebaut wird. Dies ist möglich, wenn dort bereits ausführlich über z. B. Regelübertretungen gesprochen und diese auch zugegeben werden. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die zuvor interviewten Personen bei der Beobachtung ein unverfälschtes Verhalten zeigen. Darüber hinaus wird das Interview in diesem Erhebungsdesign als die Methode angesehen, die stärker zur Beantwortung der Forschungsfragen beiträgt. Zudem sind einige Fragen des Leitfadeninterviews dazu geeignet, Beobachtungen zu ersetzen, wie zum Beispiel die Aufforderung, Aussagen mit der Beschreibung konkreter Situationen zu belegen. Folglich wiegt ein Wegfall des Interviewteils schwerer als das Fehlen der Beobachtung. Kommt der 77 Als Kriterien werden verwendet: Geschlecht, Alter und Kinder im Haushalt sowie Nutzung des Fahrrads überwiegend in der Innenstadt und als Hauptverkehrsmittel (siehe Kapitel 5.3). 91
Durchführung zweite Erhebungsteil nicht zustande, ist der erste Teil – in diesem Fall das Interview – dennoch gesichert. Bei der Akquise der Fälle wurde das Interview in den Mittelpunkt gestellt. Auf die Beobachtung wurde gegenüber den potenziellen Interviewpartnerinnen und -partnern als Option hingewiesen. Damit sollte verhindert werden, dass sich die potenziellen Interviewpartnerinnen und -partner von dem mutmaßlich hohen Zeitaufwand abschrecken lassen. Diese Vorgehensweise hat sich später bestätigt. Die Beobachtungen kamen vor allem bei Personen mit Kindern oft aufgrund von Zeitmangel nicht zustande. Ein Ausschluss dieser Fälle hätte möglicherweise zu einem anderen Ergebnis dieser Untersuchung geführt. Im Folgenden wird zunächst die Akquise der Fälle beschrieben. Im Anschluss wird über das Vorgehen und aufgetretene Probleme bei der Interviewführung und den Beobachtungen berichtet. 6.1.1. Akquise der Fälle Für die ersten Interviews wurden im November 2008 Flugblätter an abgestellten Fahrrädern auf dem Campus der TU Berlin befestigt, in einem Fachgebiet des Instituts für Land- und Seeverkehr ein Aushang gemacht, sowie auf der Internetseite des Fachgebiets geworben. Da der Rücklauf überschaubar blieb – vier Personen haben sich gemeldet – wurde für die Fälle des Stichprobenplans der Feldzugang ausgeweitet. Die ersten fünf Interviews fanden im Dezember 2008 statt. Da der Interviewleitfaden angepasst wurde (vgl. Kapitel 5.4.1), wurden diese Fälle nicht in den Stichprobenplan aufgenommen. Es mussten daher weitere 24 Fälle akquiriert werden. Die Hauptakquise gemäß Stichprobenplan und die Interviewdurchführung erfolgten parallel von April bis Dezember 2010. Erste Kontakte wurden bereits beim Frühlingscheck des ADFC Berlin 2009 – dort wurden kostenlos Fahrräder hinsichtlich ihrer Verkehrssicherheit gecheckt und gegebenenfalls kleine Reparaturen erledigt – geknüpft. Dazu wurden Wartende und sich informierende Personen gezielt angesprochen. Diese Aktion wurde im Frühjahr 2010 an einem anderen Ort wiederholt. Im August 2010 wurde ein Aufruf in einem von Rad Fahrenden stark nachgefragten Blog gepostet. Daraufhin meldeten sich fast 30 an einem Interview interessierte Personen. Fallgruppen, die über diese Zugänge unzureichend akquiriert werden konnten, insbesondere ältere weibliche Personen und Eltern, wurden über persönliche Kontakte erreicht. 92
Feldphase Um gezielt Rad Fahrende anzusprechen, die über Merkmale verfügen, die bis dato fehlten, wurden in dem Blog zusätzlich Rad Fahrende gesucht, die über besondere Fahrräder, z. B. Lasten-, Liege-, Sport-, Fixed-Gear-78, oder besonders teure Fahrräder verfügen. Der angestrebte Stichprobenplan konnte weitestgehend umgesetzt werden. Eine 29-Jährige (Kürzel: Vf), die bereits über eine gut dotierte Stelle verfügt, wurde in die Fallgruppe der 30–44-Jährigen übernommen. Hier kommt zum Tragen, dass das Alter eher als ein Richtwert für die Ansprache der Zielpersonen, denn als harte Grenze angesehen wird und dass die Lebensphase, hier repräsentiert durch das Merkmal „größerer finanzieller Spielraum“, als ausschlaggebender für die Eingruppierung gewertet wird. Neben den 24 Personen des Stichprobenplans und den fünf Personen der ersten Interviewgruppe wurden für Pretests drei weitere Personen interviewt. Dazu kommt ein zusätzliches Interview mit einem Liegeradfahrer, der erst akquiriert werden konnte, nachdem die entsprechende Fallgruppe bereits ausreichend besetzt war. Dennoch sollte dieser Fall eventuell später als Vergleichsfall herangezogen werden. Bei zwei weiteren Personen stellte sich erst während des Interviews heraus, dass sie nicht den Anforderungen genügen. Eine Person ist zu alt, die andere fährt nicht das ganze Jahr über mit dem Fahrrad. 6.1.2. Interviews Die 24 Interviews des Stichprobenplans fanden vom April 2010 bis zum Dezember 2010 statt. Alle Termine wurden zuvor per Mail oder telefonisch vereinbart. Als Interviewort wurde den Teilnehmenden zunächst ihre eigene Wohnung oder ihr Dienstort vorgeschlagen. Einige der Interviews wurden aber auch im Institut der TU Berlin durchgeführt. Interviews an öffentlichen Plätzen, wie z. B. in einem Café, wurden gemieden, da die Geräuschkulisse bei einem Interview hoch war und sowohl die Verständigung als auch die Transkription erschwerte. Alle Interviews wurden von mir durchgeführt. Nach einer kurzen Erläuterung des Themas und der Vorgehensweise, haben die Teilnehmenden eine Einverständniserklärung unterschrieben. Mit 78 Diese Fahrräder werden auch Bahnrad, Eingangrad oder Fixie genannt. Sie haben nur einen Gang und keinen Leerlauf, d. h., der Rad Fahrende muss die ganze Zeit mittreten und bremst auch über die Pedalen. 93
Durchführung dieser Erklärung gaben sie ihre Einwilligung, dass das Interview digital erfasst und die erhobenen Daten wissenschaftlich genutzt werden dürfen. Die Interviews wurden unter Verwendung des bereits beschriebenen Leitfadens geführt und digital aufgezeichnet. Der standardisierte Kurzfragebogen wurde nach dem Ende des jeweiligen Interviews von den interviewten Personen selbst ausgefüllt. Da ich dabei anwesend war, konnten Probleme beim Ausfüllen des Kurzfragebogens schnell geklärt werden. Die Fotos wurden in der Regel im Anschluss an die Befragung erstellt. Dabei wurden die Fahrräder der befragten Personen zunächst einzeln und dann mit der Person selbst fotografiert. Die Personen sollten sich dabei mit der Kleidung und Ausrüstung ablichten lassen, die sie tragen oder dabei haben, wenn sie mit dem Fahrrad unterwegs sind. Sie stellten sich neben ihr Fahrrad oder hielten es fest. Wenn möglich wurden auch die sonst noch vorhandenen Fahrräder der Befragten fotografiert oder es wurde um ein Foto gebeten. 6.1.3. Beobachtungen Die drei Verfolgungsfahrten wurden im September und Oktober 2011 durchgeführt. Für die Verfolgung wurde in allen drei Fällen ein morgendlicher Termin vereinbart. In 14 der übrigen 21 Fälle des Stichprobenplans konnte eine Selbstaufzeichnung durchgeführt werden. Mit den Probandinnen und Probanden wurde ein Termin vereinbart, an dem die Kamera übergeben und die Funktionsweise erläutert wurde. Eine gedruckte Bedienungsanleitung wurde ebenfalls mitgegeben. Die Probandinnen und Probanden führten ihre Fahrten vom März bis September 2012 durch. Von sieben Personen gibt es letztlich keine Fahrtaufzeichnungen: Zu vier Personen konnte nach dem Interview kein Kontakt mehr hergestellt werden. Zwei Personen sagten aus zeitlichen Gründen ab und eine Person fährt nicht mehr regelmäßig Fahrrad. Bei der Durchführung der Beobachtung kam es bei zwei Personen zu Problemen. Eine Person hatte Schwierigkeiten, die Kamera einzuschalten. Bei zwei Versuchen kam keine Aufzeichnung zustande. Beim dritten Versuch habe ich die Kamera am Fahrrad der Probandin befestigt und die Kamera eingeschaltet. Bei der zweiten Person war eine Aufzeichnung aus Zeitgründen nicht möglich. Stattdessen hat die Partnerin des Probanden eine 94
Datenaufbereitung Fahrt von sich aufgezeichnet. Im zweiten Fall liegt folglich keine Fahrtaufzeichnung des Probanden vor. 6.2. Datenaufbereitung Als Daten stehen Interviewaufzeichnungen, Fotos der Fahrräder und der Teilnehmenden, Kurzfragebögen, Protokolle zum Interview und Videoaufzeichnungen der Beobachtungen zur Verfügung. Wie diese Daten aufbereitet wurden, ist Inhalt dieses Kapitels. 6.2.1. Interviews Die Interviews wurden mit einem digitalen Aufnahmegerät mitgeschnitten und vollständig transkribiert, da eine Transkription in Teilen bereits eine Vorinterpretation der Wichtigkeit einzelner Aspekte bedeutet. Die Interviews wurden angelehnt an das Transkriptionssystem TiQ (Talk in Qualitative Social Research) erfasst (vgl. Przyborski und Wohlrab-Sahr 2008: 164167). Die verwendeten Transkriptionszeichen finden sich im Anhang A-3. Einen Teil der Interviews habe ich selbst, einen anderen Teil Studierende im Rahmen einer Lehrveranstaltung transkribiert. Davor wurden die Studierenden dem Datenschutz verpflichtet. Darüber hinaus waren ihnen die wahren Identitäten und Namen der Interviewten nicht bekannt. Ich habe alle Transkripte Wort für Wort kontrolliert und korrigiert.79 Für die Maskierung der sensiblen Daten wurde allen in die Untersuchung einbezogenen Personen mindestens ein Buchstabe zugeordnet. Dabei wurde mit A begonnen. Die weiteren Buchstaben wurden chronologisch nach der Reihenfolge der Interviews vergeben. Da die Personen der Pretests mit einbezogen wurden, beginnen die in der Stichprobe enthaltenen Personen mit dem Buchstaben I. Nach der Vergabe des Buchstaben Z wurde mit der Buchstabenkombination AA, AB usw. fortgefahren. Diesen Buchstaben wurde je nach Geschlecht ein f (für feminin) oder m (für maskulin) hinzugefügt. Der Interviewer erhielt die Maskierung Y. Für die Auswertung der Texte wurde auf das Analyse-UnterstützungsProgramm ATLAS.ti zurückgegriffen. Zur flexibleren Arbeit mit den Texten 79 Korrekturen waren notwendig bei akustisch schwer verständlichen Passagen oder unkorrekter Verwendung der Transkriptionszeichen. 95
Durchführung wurde statt der Zeilennummerierung eine Absatznummerierung genutzt. Bei der Aufbereitung der transkribierten Interviews wurde darauf geachtet, dass zwischen den Sprecherwechseln eine Leerzeile eingefügt wird. Um die Länge der Absätze zu begrenzen, wurden Zeilenumbrüche verwendet (vgl. Kuckartz 2010: 51 f. und Friese 2004: Lernmodul 3 – Projektmanagement, Teil 2 - Datenaufbereitung: 5 f.). In dieser Arbeit werden die Namen der Interviewten durch Kürzel ersetzt. Ortsangaben werden mit einem X gekennzeichnet. So wird zum Beispiel aus der Bundesallee die X-allee. Um für die Interpretation der Daten den Kontext zu erhalten, wurden die Ortsangaben bei den Originaltranskripten beibehalten. Zitate aus dem Material werden in dieser Arbeit nur dargestellt, wenn an ihnen direkt etwas gezeigt werden soll, wie z. B. das Vorgehen bei der Interpretation. Damit soll vor allem die Lesbarkeit erhalten bleiben. Um Aussagen zu belegen, wird auf die Transkripte in der Form Personen-Kürzel: Absatznummer (z. B. Tf: 93) verwiesen. Paradigmatisches Modell nach Strauss Innerhalb des axialen Kodierens sollte nach Strauss (vgl. Strauss 1998: 57) auf das Kodierparadigma zurückgegriffen werden. Mit diesem „paradigmatischen Modell“ (vgl. Strauss und Corbin 1996: 78-85) werden die ermittelten Kategorien miteinander in Beziehung gebracht und handlungstheoretische Zusammenhänge sichtbar. In Abbildung 11 wird das paradigmatische Modell schematisch dargestellt. Zu beachten ist, dass Strauss und Corbin zumindest in den vorliegenden Schriften auf eine bildliche Darstellung verzichtet haben. Die Überführung in eine Abbildung wurde von Mey und Mruck vorgenommen. Die Begriffe sollen hier kurz erläutert werden, damit die spätere Verwendung des paradigmatischen Modells besser nachvollzogen werden kann. Im Mittelpunkt des Kodierparadigmas steht das „Phänomen“. Es ist das zentrale Moment, dessen Verankerung in der realen Welt mit Hilfe dieses Modells erklärt werden soll. Die „ursächlichen Bedingungen“ haben das Phänomen verursacht oder dazu beigetragen. Im „Kontext“ werden die Zusammenhänge des „Phänomens“ beschrieben. Dies können Ausprägungen sein, wie z. B. die Stärke des „Phänomens“, oder aber andere Beschreibungen betreffen, wie der Beginn oder die Dauer des „Phänomens“. Der „Kontext“ beinhaltet aber auch die Bedingungen, unter denen eine „Handlungs- und Interaktionsstrategie“ aufgestellt wird. Die „intervenierenden Bedingungen“ sind äußere Bedingungen, die auf die „Strategien“ einwirken. Sie können diese fördern, 96
Datenaufbereitung aber auch einengen. Die „Strategie“ steht hinter der Handlung oder Interaktion, die auf das Phänomen folgt oder es zu bewältigen versucht. Aus den Handlungen oder Interaktionen ergeben sich „Konsequenzen“ oder Ergebnisse. (Quelle: Strauss 1998: 57 in einer Darstellung von Mey und Mruck 2009: 131) Abbildung 11: Kodierparadigma nach Strauss Das Kodierparadigma sollten die Forschenden bei Verwendung der Grounded-Theory-Methode verinnerlicht haben (vgl. Strauss 1998: 57). In dieser Arbeit wird die Verwendung des Kodierparadigmas am Beispiel von vier Wirkungszusammenhängen dokumentiert (siehe Kapitel 8.5.1 und 8.8.2). 6.2.2. Beobachtungen Die Videoaufzeichnungen zu den Beobachtungen wurden im Rahmen einer Bachelor- (vgl. Hinz 2013) und einer Masterarbeit (vgl. Pullwitt 2013) am Verkehrswesenseminar des Instituts für Land- und Seeverkehr an der TU Berlin ausgewertet. Die Aufgabenstellungen finden sich in den Anhängen A4.2 und A-4.3. Die Ziele der beiden Abschlussarbeiten unterscheiden sich. In 97
Durchführung der Bachelorarbeit wurde anhand der Fahrtaufzeichnungen die Methodik der Videobeobachtung auf ihre Brauchbarkeit für die Verhaltensermittlung von Rad Fahrenden analysiert. Demgegenüber hatte die Masterarbeit ein planerisch orientiertes Ziel. Mit Hilfe der Fahrtaufzeichnungen wurde ermittelt, welche äußeren Umstände ein Fehlverhalten der Rad Fahrenden provozieren. Inhalt eines Bearbeitungsteils beider Arbeiten ist die Entwicklung einer eigenen Auswertungsmethodik. Bei der Analyse der Fahrten sollten nicht nur die Regelverstöße kategorisiert und gezählt werden. Als wichtig wurden auch außergewöhnliche Verhaltensweisen erachtet. Dazu gehören die Nutzung einer Fahrbahn bei gleichzeitiger Verfügbarkeit eines nicht benutzungspflichtigen Radwegs und Interaktionen oder Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmenden. Welches Verhalten als Regelverstoß gewertet wird und welches als wichtig für eine Interpretation, wurde den Bearbeitern überlassen. Beide Bearbeiter nutzten die Videoaufzeichnungen der 17 teilnehmenden Rad Fahrenden. Die eingesetzte Kamera splittet Videoaufzeichnungen in Abschnitte zu jeweils fünf Minuten. Aufgrund der Aufgabenstellung der Masterarbeit, nutzte deren Bearbeiter auch die Fahrt-Kommentare von Sf und Zm. Bei Gesprächen im Rahmen der Betreuung der Abschlussarbeiten sind die von den Bearbeitern gewählten Methoden bestätigt worden. Beide Bearbeiter legten erste Ergebnisse vor. Die Protokolle zu den beiden Fällen AAf und AIf arbeitete ich unter Zuhilfenahme der Fahrtaufzeichnungen durch. Ereignisse, die meiner Einschätzung nach wichtig sind, aber von den Bearbeitern nicht protokolliert wurden, mussten von ihnen nachträglich eingearbeitet werden. So konnte gewährleistet werden, dass die Bearbeiter ihren Blick schärften und alle wesentlichen Ereignisse dokumentierten. In seiner Bachelorarbeit erarbeitete Hinz zunächst ein Kategorienschema (Anhang A-4.4). Trat ein entsprechendes Ereignis auf, vermerkte er dieses mittels eines Kürzels in einer Excel-Datei (siehe Beispiel im Anhang A-4.6). Der Vermerk wurde mit einem Link zu einer Videodatei ergänzt. Diese Videodatei besteht aus einem Ausschnitt aus der originalen Fahrtaufzeichnung, die das Ereignis in seiner gesamten zeitlichen Dauer zeigt. Die so entstandenen Videoschnipsel werden nicht weiter von Hinz kommentiert. Im Anhang seiner Bachelorarbeit sind die Fahrten der Fälle unter den Überschriften „Wahl der Verkehrsflächen“ und „Fahrstil“ kommentiert. Zur Bachelorarbeit gehören pro Fall jeweils eine Excel-Datei sowie die verlinkten Videoschnipsel. 98
Datenaufbereitung Pullwitt wählte in seiner Masterarbeit den klassischeren Weg und legte für jeden Fall ein schriftliches Fahrtprotokoll an (Beispielhaft Anhang A4.7). In diesem beschreibt er mit Angabe der Videodatei und der genauen zeitlichen Verortung alle Vorkommnisse wie Regelverstöße, bemerkenswerte Verhaltensweisen – z. B. Beachtung Rotlicht, Nutzung Fahrbahn anstatt Radweg – und konfliktbehaftete Situationen. Seine Ergebnisse liegen tabellarisch vor (Beispielhaft Anhang A-4.8). Für einige der Teilnehmenden berechnete er anhand des Weges und der Zeit, die sie für das Zurücklegen des Weges brauchen, die Fahrtgeschwindigkeit. Eine Kommentierung der Fahrten je Fall sowie die tabellarische Zusammenfassung befinden sich im Textteil seiner Arbeit. Die Fahrtprotokolle sind im Anlagenteil untergebracht. Bei einem Vergleich der Ergebnisse der beiden Arbeiten fällt die zum Teil starke Differenz bei der Anzahl der Verstöße auf (Tabelle 11). Der größte Unterschied tritt bei Ym auf. Während Pullwitt nur zwei Verstöße feststellte, zählte Hinz zehn Verstöße. Im Ergebnis attestiert Pullwitt Ym ein „regelkonformes Verhalten“ (Pullwitt 2013: 34). Doch auch Hinz ist bei Ym der Meinung, dass ein regelwidriges Verhalten eher selten sei (vgl. Hinz 2013: Anhang J). Bezüglich des insgesamt gezeigten Verhaltens des Probanden sind die von den Autoren festgestellten Unterschiede also nur gering. Aufgrund der zum Teil großen Unterschiede bei der Anzahl der Verstöße habe ich fünf Fahrtaufzeichnungen exemplarisch überprüft. Im Fall von Ym komme ich auf neun Übertretungen. Die zwei von Pullwitt festgestellten Übertretungen registrierte auch Hinz und können auch von mir bestätigt werden. Vier von Hinz festgestellte Übertretungen schätze ich anders ein. Dies betrifft zwei Gehwegüberfahrten, eine Übertretung des Rechtsfahrgebots und ein Verstoß gegen das Gebot, nicht rechts zu überholen. Bei einer Gehwegüberfahrt kreuzt Ym den Gehweg, um einen Weg in einer Grünanlage zu verlassen. Im zweiten Fall kreuzt er den Gehweg, um sein Fahrrad abzustellen. In keinem der Fälle sind zu Fuß Gehende zu sehen. Ähnlich wie Kraftfahrzeuge auch, dürfen Rad Fahrende einen Gehweg kreuzen, um z. B. ein Grundstück oder einen Radweg zu erreichen. Dieses gilt, solange keine Verkehrsteilnehmenden gefährdet werden (vgl. § 10 StVO 2013). Bei dem von Hinz festgestellten Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot, fährt Ym auf einem überbreiten Fahrstreifen weit links, um Fahrbahnschäden auszuweichen. Später biegt er links ab. Da er beim Linksabbiegen am Knoten von keinen Fahrzeugen überholt wird, lässt sich vermuten, dass er keine nachfolgenden Kraftfahrzeuge behindert hat. Aus diesem Grund liegt meines Erachtens kein Regelverstoß vor. Die Strecke geht allerdings über eine längere 99
Durchführung Distanz, so dass das Verhalten von Ym auch als Verstoß bewertet werden könnte. Bei dem von Hinz ermittelten Verstoß gegen das Überholen von rechts, fährt Ym auf einer Fahrbahn mit zwei Fahrstreifen. Während auf dem linken Fahrstreifen Kraftfahrzeuge an einer Lichtsignalanlage warten, steht auf dem rechten Fahrstreifen ein Entsorgungsfahrzeug in zweiter Reihe. Ym fährt zunächst auf dem linken Fahrstreifen und fährt quasi auf der Leitlinie zwischen den Fahrzeugen hindurch. Bei stockendem Verkehr auf dem linken Fahrstreifen ist ein Überholen von rechts erlaubt (vgl. Schurig und Marquardt 2009: 87). Darüber hinaus dürfen Rad Fahrende wartende Fahrzeuge von rechts überholen. Dabei müssen sie allerdings eine mäßige Geschwindigkeit (etwa 8-12 Km/h) einhalten (vgl. ebenda). Augenscheinlich ist die Geschwindigkeit von Ym höher. Des Weiteren registrierten Pullwitt und Hinz drei Verstöße nicht oder bewerteten sie nicht als Verstoß. Dies betrifft das Fahren auf einer Fahrbahn entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung, das Fahren in einer nicht für den Radverkehr freigegebenen Grünanlage und das Befahren einer Grünfläche. Das erste Delikt wurde von Pullwitt zwar dokumentiert, aber von ihm nicht in die zusammenfassende Tabelle der Verstöße aufgenommen. Hinz hat dieses Delikt wahrscheinlich übersehen, da Ym von einem Fußgängerbereich aus einfährt und die parallele Fahrbahn aufgrund des breiten Mittelstreifens kaum im Video zu sehen ist. Im Video ebenfalls nicht zu erkennen ist, dass die von Ym befahrene Grünanlage nicht für den Radverkehr freigegeben ist. Beim schließlich letzten Fall kürzt Ym den Weg über eine Grünfläche ab, um einen Weg zu erreichen. Der Weg über die Grünfläche beträgt nur rund einen Meter und wird entweder übersehen oder als Bagatelle abgetan. Die Frage ist nun, warum Fehlverhaltensweisen so unterschiedlich wahrgenommen werden. Schwer zu unterscheiden ist, ab wann ein regelwidriges Verhalten vorliegt. Einfach zu erkennen sind Rotlichtverstöße oder die Benutzung eines falschen Straßenteils. Aber ab wann wird gegen das Rechtsfahrgebot verstoßen? Welche Lücke ist breit genug, um noch durchfahren zu dürfen? Was ist eine mäßige oder angepasste Geschwindigkeit? Darüber hinaus werden Regelverstöße leicht übersehen, wenn flexible Absperrrungen oder Baustellen eine legale Fahrweise unterbinden und der Rad Fahrende eigentlich absteigen müsste. Mehrfach tolerierte Pullwitt solche Übertretungen, während Hinz diese zählte. Oder ist ein kurzes Benutzen des Gehwegs in diesen Fällen in Ordnung? Dass das deutsche Verkehrsrecht den Rad Fahrenden und wahrscheinlich nicht nur diesen überfordert, ist inzwischen auch in der Verkehrswissenschaft zur Kenntnis genommen worden (vgl. 100
Datenaufbereitung Maier 2013: 585 f.). Auch Maier kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Verkehrsregeln vereinfacht werden müssen (vgl. ebenda). Anzahl Verstöße Fall Fahrtzeit Pullwitt Hinz Leben If 21 2 2 Jf 29 20 21 Kf 26 1 2 Lf 23 13 11 Pm 31 1 1 Qm 16 5 7 Rm 26 12 18 Sf 33 11 14 Um 36 5 8 Vf 21 7 10 9 Wm 20 5 5 Xm 91 20 41 Ym 29 2 10 10 Zm 19 4 7 AAf 11 8 5 7 AFm 51 41 43 54 AIf 18 6 3 3 Summe 163 208 -: von mir nicht überprüft. (Quelle: Eigene Darstellung nach Werten von Hinz und Pullwitt: Anhang A-4.5 und Pullwitt 2013) Tabelle 11: Gegenüberstellung der bei den Videoanalysen ermittelten Verstöße Trotz der Erkenntnis, dass die Ergebnisse von Pullwitt und Hinz bezüglich der Regelverstöße so unterschiedlich sind, geben sie doch einen Hinweis darauf, wie stark jemand die Regel verletzt. Letztlich kommt es bei den Beobachtungen nicht auf eine detaillierte Protokollierung der Regelverstöße an. Für einen Fallvergleich sind die Fahrtlängen, aber vor allem die genutz101
Durchführung ten Strecken zu unterschiedlich. Letztlich fließt in die Arbeit nur ein, ob jemand wenige Bagatellverstöße – wie z. B. Gehwegnutzung, um Fahrbahn zu erreichen –, mittelviele bis häufige Regelverstöße oder schwerwiegende Regelverstöße – Überqueren einer Fahrbahn bei rotem Signal – begeht. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass Pullwitt und Hinz ähnliche Rückschlüsse bezüglich der Fahrweise der beobachteten Rad Fahrenden zogen. Um aber die Fahrweisen der Beobachteten den in der kategorialen Analyse ermittelten Ausprägungen zuordnen zu können, musste das Videomaterial herangezogen werden. Um nicht das gesamte Videomaterial selbst analysieren zu müssen, wurden die Fahrtprotokolle von Pullwitt und die ExcelTabellen von Hinz genutzt. Die dort dokumentierten auffälligen Verhaltensweisen boten einen ersten Hinweis auf eine kategorisierbare Verhaltensweise im Sinne der Ausprägungen. Mit Hilfe dieser Hinweise wurden die entsprechenden Videosequenzen hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit zum Nachweis einer Ausprägung analysiert. Im Anhang A-4.1 sind alle festgestellten Ausprägungen mit einem Verweis auf die Arbeiten von Pullwitt und Hinz und dem entsprechenden Videomaterial dokumentiert. Viele Verweise sind beispielhaft, da die Verhaltensweisen auch an anderer Stelle nachweisbar sind. Einige wenige Eindrücke ließen sich nicht an einer konkreten Situation festmachen. Vielmehr ergab sich ein Gesamteindruck. Wenn jemand beispielsweise zwischen stehenden Kraftfahrzeugen mit hoher Geschwindigkeit hindurch fährt, kann dies zunächst Zufall sein. Wiederholen sich derartige oder ähnliche Verhaltensweisen, wird deutlich, dass die oder der Rad Fahrende sicher mit dem Fahrzeug umgehen kann. Hinsichtlich der Durchführung der Videoauswertung lassen sich zwei wesentliche Lehren ziehen. Mit dem Einsatz eines GPS-Geräts kann sowohl die Geschwindigkeit als auch das Beschleunigungsverhalten genau ermittelt werden. Eine Abschätzung der Geschwindigkeit anhand von Karten wäre dann nicht mehr notwendig. Mit einer intensiven Schulung der Auswertenden können konsistentere Analyseergebnisse erreicht werden. Aufgrund der Vielzahl möglicher Situationen und dem bereits angesprochenen komplizierten und nicht immer eindeutigen Verkehrsrecht, lassen sich allerdings nicht alle Interpretationsunterschiede vermeiden. Aus diesem Grund wird es auch weiterhin wichtig sein, mehrere Personen solche Materialien auswerten zu lassen. Darüber hinaus schlägt Hinz in seiner Arbeit vor, die Teilnehmenden mit einer zweiten Kamera auszurüsten, die den Verkehrsraum hinter den Rad Fahrenden aufnimmt (vgl. Hinz 2013: 33). Regelverstöße, die auf der Behin102
Datenaufbereitung derung anderer Verkehrsteilnehmender beruhen, können somit besser belegt werden. 103

7. Datenlage Die erhobenen Daten sollen hier kurz dargestellt werden. Im Kapitel 7.1 erfolgt eine Beschreibung der vorliegenden Daten und ihrer Qualität. Im Kapitel 7.2 werden die akquirierten Fälle beschrieben. 7.1. Das erhobene Material Es liegen rund 40 Stunden Interviewmaterial von 24 Personen vor80. Ein Interview dauert im Schnitt 1 Stunde und 40 Minuten. Kürzere Interviews dauern rund eine Stunde, während das längste Interview über 3 Stunden lang ist. Im Ergebnis mussten 633 Seiten Transkripte ausgewertet werden. Dies entspricht einem Schnitt von rund 26 Seiten pro Interview. Fotos liegen zu 23 der 24 Personen vor. Bei einer Person war zu der Zeit des Interviews das Fahrrad in der Werkstatt. Ein späterer Fototermin kam nicht zustande. Neben dem vorwiegend genutzten Fahrrad sowie der Person mit Fahrrad wurden auch die weiteren Fahrräder der Personen fotografiert, sofern diese verfügbar waren. Insgesamt liegen 23 verwertbare Fotos zu Personen und 32 verwertbare Fotos zu den Fahrrädern vor. Abbildung 12 zeigt beispielhaft das Foto eines der Interviewten. Dabei sind sowohl sein zurzeit genutztes Fahrrad als auch die von ihm zurzeit beim Radfahren getragene Kleidung zu erkennen. Die Fotos liegen im Original in hoher Auflösung und in Farbe vor. Die Fotos der Interviewten und ihrer in der Regel oder am Tag des Interviews genutzten Fahrräder sind in den Anhängen A-10.1 und A-10.2 dargestellt. Zu 17 der 24 Personen gibt es Fahrtaufzeichnungen. 3 der 17 beobachteten Personen haben ihre Fahrt im Anschluss kommentiert. In der Regel haben die Personen eine Fahrt von sich aufgenommen. Die Längen der Fahrtaufzeichnungen variieren zwischen 11 und 91 Minuten. Es liegen insgesamt rund 500 Minuten Videomaterial vor. Dies ergibt einen Schnitt von rund 29 Minuten pro beobachtete Person. Bei beiden Untersuchungsansätzen führte die offene Beobachtung nicht dazu, dass keine Regelmissachtungen mehr auftraten. Bei allen Fällen wurden bei den beobachteten Fahrten offensichtliche Regelmissachtungen wie 80 Ohne Daten der Pretests. 105
Datenlage Fahren über Rot oder unerlaubte Gehwegnutzung festgestellt. Möglicherweise wurde durch die zuvor durchgeführten Interviews und die dort bereits umfangreich beschriebenen Regelverstöße verhindert, dass die beobachteten Personen von ihrer üblichen Fahrweise abwichen. (Foto: J. Leben, Original in Farbe) Abbildung 12: Foto eines Interviewten mit Fahrrad Auch Hinz kommt in seiner Arbeit zu dem Schluss, dass die Beobachtungsmethode trotz ihrer Offenheit gut für die Aufgabenstellung geeignet ist (vgl. Hinz 2013: 36). Die Größenordnung der ermittelten Regelverstöße stimmt mit den Ergebnissen anderer Studien weitgehend überein. Aufgrund fehlender Vergleichswerte kann aber auch er nicht belegen, dass die offene Beobachtung zu keiner Veränderung des Fahrverhaltens beiträgt. 7.2. Die Fälle Die Interviewten des Stichprobenplans sind zwischen 20 und 55 Jahre alt. In der Tabelle 12 sind die Fälle mit ihrem Kürzel dem Stichprobenplan zuge106
Die Fälle ordnet. Dabei sind die Fälle fettgedruckt, von denen zusätzlich zum Interview mindestens eine Fahrt beobachtet wurde. 19 der Interviewten wohnen in der Innenstadt. Die anderen fünf Fälle sind vorwiegend in der Innenstadt unterwegs, da ihre hauptsächlich angefahrenen Ziele – Arbeitsplatz oder Ausbildungsstelle – dort liegen. Aus sechs von sieben Innenstadtbezirken konnten Personen befragt werden (Abbildung 13). Unter den Befragten ist eine in Berlin lebende Französin. Die übrigen Fälle besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. In der Stichprobe sind alle Haushaltseinkommensklassen von unter 500 € bis mehr als 3.600 € vertreten (Tabelle 13). Hinsichtlich der Berufsausbildung sind ebenfalls alle Kategorien vertreten (Tabelle 14). Dies trifft auch auf den Schulabschluss zu, wobei Personen mit allgemeiner oder fachgebundener Hochschulreife überwiegen und Personen mit einem Hauptschulabschluss unterrepräsentiert sind (Tabelle 15). Bemerkenswert ist, dass der überwiegende Teil der Teilnehmenden vollzeitbeschäftigt ist (Tabelle 16). Keiner Beschäftigung nachgehende Fälle fehlen hingegen ganz. Die Aufteilung zwischen Männern und Frauen ist in allen Kategorien relativ ausgewogen. Die Daten zeigen, dass die Fälle relativ gleichmäßig verteilt sind. Nur wenige Bevölkerungsschichten werden ausgeschlossen. Alle Teilnehmenden nutzen – wie im Stichprobenplan angestrebt – (fast) täglich das Fahrrad (Tabelle 17). Drei Personen nutzen den öffentlichen Verkehr zum Teil in Kombination mit dem Fahrrad (fast) täglich. Mehr als die Hälfte der Interviewten nutzt selten bis nie einen Pkw. Dennoch haben 20 der Befragten einen Führerschein für Pkw. Fünf Personen besitzen einen Pkw und weitere vier Personen können jederzeit auf einen Pkw zurückgreifen. Sechs Fälle haben eine Zeitkarte für öffentliche Verkehrsmittel. Allerdings sind davon fünf Fälle Studierende, deren Studierendenausweis in der Regel zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel berechtigt. Fünf der sechs Zeitkartenbesitzenden nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel mindestens einmal in der Woche. Die Analyse zur Verkehrsmittelnutzung belegt, dass für alle Teilnehmenden das Fahrrad das Hauptverkehrsmittel ist. Darüber hinaus zeigt der Führerscheinbesitz, dass 20 Personen im Rahmen ihrer Führerscheinprüfung über ausreichende Kenntnisse der Verkehrsregeln verfügen sollten. 107
Datenlage (Quelle: Eigene Darstellung auf Kartengrundlage Wikimedia Commons) Abbildung 13: Verteilung der Wohnorte der Fälle auf das Untersuchungsgebiet der Berliner Innenstadt 108
Die Fälle Weiblich Kf, Lf, AAf 18-29 Jahre (in Ausbildung / geringer finanzieller Spielraum) 30-44 Jahre (mit und ohne Kinder) Männlich Qm, Xm, AFm Sf, Mf, Om, Wm, Tf, AEf, Rm, Zm, AHf ADm Vf Um (ohne) (mit) (ohne) (mit) If, Jf, AIf Pm, Ym, ACm 12 / 8 12 / 9 24 / 17 45-65 Jahre Zwischensumme Summe Fettdruck: inkl. beobachteter Fahrt (Eigene Darstellung) Tabelle 12: Qualitativer Stichprobenplan, Fallzuordnung Haushaltseinkommen < 500 € 500 - < 900 € 900 - < 1.500 € 1.500 - < 2.000 € 2.000 - < 2.600 € 2.600 - < 3.600 € ab 3.600 € Anzahl Fälle 2 5 3 1 3 7 3 (Eigene Darstellung) Tabelle 13: Haushaltseinkommen der Fälle Berufsausbildung Hoch- oder Fachhochschule Lehre, Berufsfachschule, Handelsschule Meister-/Technikerschule, Fachschule, Berufs-/Fachakademie ohne (Eigene Darstellung) Tabelle 14: Berufsausbildung der Fälle 109 Frauen Männer Summe 6 5 11 2 3 5 1 1 2 3 3 6
Datenlage Frauen Männer Summe 9 9 18 Schulabschluss allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife (Abitur) Realschulabschluss / Mittlere Reife Haupt- oder Volksschulabschluss 3 0 2 1 5 1 (Eigene Darstellung) Tabelle 15: Schulabschluss der Fälle Erwerbstätigkeit Vollzeit (wöchentlich 35 Stunden und mehr) wöchentlich zwischen 18 und 34 Stunden wöchentlich weniger als 18 Stunden Studierende Schülerin oder Schüler * gleichzeitig Student Frauen Männer Summe 7 6 13 0 3 3 0 1* 1 3 2 5 2 0 2 (Eigene Darstellung) Tabelle 16: Erwerbstätigkeit der Fälle Häufigkeit (fast) täglich 1 bis 3 mal pro Woche 1 bis 3 mal im Monat seltener (fast) nie Fahrradnutzung 24 0 0 0 0 (Eigene Darstellung) Tabelle 17: Verkehrsmittelnutzung der Fälle 110 Pkw-Nutzung 0 5 5 6 8 ÖV-Nutzung 3 7 7 7 0
8. Kategoriale Analyse Die Analyse beginnt mit dem offenen Kodieren. Dabei werden Kodes sowohl deduktiv, aufgrund der Fragen aus dem Leitfaden, als auch induktiv aus dem Material heraus gebildet. Die Ober- und Unterkodes, die sich aus dem Leitfaden ergeben, zeigt Tabelle 18. Die Oberkodes stellen die Frageblöcke bzw. Oberthemen des Leitfadens dar. Insgesamt wurden zunächst 28 Kodes gebildet. Aufgrund der Erfahrungen bei der Interviewdurchführung konnten weitere 19 Kodes ergänzt werden, so dass zu Beginn der Auswertung 47 Kodes zur Verfügung standen. Sie sind im Anhang A-5.1 aufgelistet. Ergänzt wurden diese Kodes um Fragen aus dem standardisierten Fragebogen. Diese zusätzlichen 55 Kodes (Anhang A-5.2) wurden allerdings relativ selten mit Textsegmenten aus den Interviews verknüpft. Bereits bei der Kodierung der ersten Interviews zeigte sich, dass die Anzahl der Kodes durch die Ergänzung mit induktiven Kodes schnell wachsen wird. In Zwischenschritten wurden Kodes immer wieder verdichtet. Nach dem ersten Kodierungsdurchgang, bei dem alle Interviews mindestens einmal durchgegangen worden sind, betrug die Anzahl der Kodes bereits 560. Im Anhang A-5.3 sind alle Kodes des ersten Durchgangs aufgelistet. Nach dem Ende der kategorialen Analyse sind schließlich 667 Kodes zu verzeichnen. Einen Überblick gibt Anhang A-5.4. Die Zuordnung zu Oberkodes wurde teilweise geändert. Innerhalb des Kategoriensets sind folgende Oberkodes hinzugekommen:  Anforderungen an die Rad Fahrenden,  Einstellungen,  Erfahrungen,  Gefühle,  Motorisierung (in erster Linie aus dem standardisierten Fragebogen),  Normen,  Rad Fahrende (in erster Linie aus dem standardisierten Fragebogen),  Rad Fahrende im öffentlicher Verkehr (in erster Linie aus dem standardisierten Fragebogen),  Rad Fahrende als zu Fuß Gehende und  Regelkenntnisse. 111
Kategoriale Analyse Oberkodes Qualität des Radfahrens Fahrrad Anforderungen Handeln Konflikte/Unfälle Unterkodes Ausstattung Auswahlgrund Einsatzbereiche des Fahrrads Radnutzung nach Jahreszeit Radnutzung in Abhängigkeit vom Wetter Radweg nutzen Radfahrstreifen nutzen Radfahrstreifen in Mittellage nutzen Fahrradstraßen nutzen Busspur nutzen Wegweisung nutzen Sicher fühlen Fahrweise Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmenden Regelverhalten Regelverhalten Gehwegnutzung Regelverhalten Bußgeld Regelverhalten nebeneinander fahren Veränderung des Verhaltens Eigene Konsequenzen Erfahrung mit Polizei Engagement Politik (Eigene Darstellung) Tabelle 18: Deduktiv ermittelte Kodes Die ursprünglich gesetzten Oberkodes Engagement und Politik bilden nun Unterkodes des Oberkodes Einstellungen. Ein Teil der Kodes erwies sich als nicht gesättigt genug, um in das Ergebnis der kategorialen Analyse einfließen zu können. Tabelle 19 zeigt die Verankerung der verdichteten Kodes in den Interviewtranskripten und Fragebogenergebnissen, indem die Anzahl der zugeordneten Kodes und die Anzahl der mit den Kodes verknüpften Textsegmente dargestellt wird. Im Anschluss erfolgt eine kurze Begründung, warum einzelne Oberkodes nicht für die weitere Theoriebildung herangezogen werden. 112
Kategoriale Analyse Oberkode Anzahl Anzahl Kodes Textsegmente 1. Für die Theoriebildung wesentliche Oberkodes Qualität des Radfahrens 51 264 Anforderungen der Rad Fahrenden 124 1.112 Erfahrungen und Konflikte der Rad 124 1.175 Fahrenden Fahrverhalten der Rad Fahrenden 122 1.375 Einstellungen der Rad Fahrenden 59 400 Normen der Rad Fahrenden 3 3 Regelkenntnisse der Rad Fahrenden 5 51 Summe von 1. 488 4.380 2. Für die Theoriebildung nicht berücksichtigte Oberkodes Anforderungen an die Rad Fahrenden 9 25 _Einstellungen 75 332 Fahrrad 38 773 Gefühle 15 170 Motorisierung 10 234 Rad Fahrende 27 429 Rad Fahrende im öffentlichen Verkehr 4 98 Rad Fahrende als zu Fuß Gehende 1 6 2.067 Summe von 2. 179 Gesamtsumme 667 6.447 (Eigene Darstellung) Tabelle 19: Oberkodes und die mit ihnen verknüpften Kodes und Textsegmente Einige wenige Aussagen betreffen die „Anforderungen an die Rad Fahrenden“. Dazu gehören vor allem die körperliche Anstrengung und die Notwendigkeit, sich auf den Verkehr konzentrieren zu müssen (die beiden Kodes betreffen 18 der 25 Textsegmente). Wenn Anforderungen an die Rad Fahrenden auch nicht als eigene Kategorie weiterverfolgt werden, so fließen die Aussagen als Begründung für das Verhalten doch oft mit in die Analysen ein. Ein Teil der Einstellungen bezieht sich auf das Fahrverhalten der Rad Fahrenden. Diese Einstellungen sind zum gleichlautenden Oberkode verdichtet worden. Ein anderer Teil der Einstellungen betrifft eine Vielzahl unterschiedlicher Themen. Der aus dem Leitfragen entwickelte Oberkode Einstellungen findet sich hier, aber auch Einstellungen zu anderen Verkehrs113
Kategoriale Analyse teilnehmenden oder zum Verkehr allgemein. Aufgrund des Materialumfangs der Arbeit wurde auf eine tiefergehende Analyse der nicht auf das eigene Verhalten bezogenen Einstellungen verzichtet. Davon sind keine Einstellungen zu anderen Verkehrsteilnehmenden betroffen, die einen Rückschluss auf das eigene Verhalten zulassen. Die Kodes zum Fahrrad beziehen sich vor allem auf Aussagen aus dem standardisierten Fragebogen. Hier sind vor allem Aussagen zu den vorhandenen Fahrrädern und der Fahrradausstattung betroffen. Auch der Grund für die Wahl eines Fahrrads oder die Frage nach der Durchführung von Reparaturen ist betroffen. Die Daten gingen nicht in die kategoriale Analyse ein, wurden aber zum Teil bei der Beschreibung der Typologie einbezogen. Einige Male erwähnen die Interviewten, wie sie sich bei einer bestimmten Situation gefühlt haben oder bringen ihre Gefühle ein, um einen Sachverhalt zu beschreiben. Die am häufigsten benannten Gefühle betreffen Ungerechtigkeit, Angst und Unsicherheit (38, 37 bzw. 31 Kodes). Die Gefühle werden zwar nicht als eigene Kategorie geführt, gehen aber in die kategoriale Analyse indirekt bei den Einstellungen und Erwartungen mit ein. Beispielsweise spielt das Gefühl der Unsicherheit bei der Erwartung des Ausgeliefertseins eine wichtige Rolle (siehe Kapitel 8.8.2). Die Motorisierung speist sich ebenfalls vornehmlich aus dem standardisierten Fragebogen. Zudem wurden Textsegmente kodiert, bei denen die Interviewten angaben, ein Kraftfahrzeug zu nutzen. Um die Komplexität der Arbeit gering zu halten, wurde der Zusammenhang zwischen Kraftfahrzeugnutzung und Radverkehrsverhalten nicht weiter untersucht. Dies trifft auf die Kodierungen zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und dem Verhalten als zu Fuß Gehende oder Gehender ebenfalls zu. Analog der Kodes zum Fahrrad sind auch die Kodes zu den Rad Fahrenden Ergebnis des standardisierten Fragebogens. Inhalt sind die Ausstattungsmerkmale der Rad Fahrenden und ihre Soziodemografischen Daten. Ein Teil der Daten wurde ebenfalls für die Beschreibung der Typologie verwendet. Die übrigen Oberkodes werden innerhalb der kategorialen Analyse näher analysiert. Dabei werden die ihnen im Verlauf der Analyse zugeordneten Kodes verdichtet und als Kodes 1., 2. und 3. Ordnung benannt. Sich als wichtig für die Theoriebildung herausstellende Oberkodes werden als Grobkategorien weitergeführt. Dabei werden die verdichteten Kodes 2. Ordnung zu Feinkategorien und die Kodes 3. Ordnung zu Subkategorien. In den folgenden Kapiteln werden zunächst die Zusammenhänge innerhalb der Oberkodes dargestellt und die Grobkategorien hergeleitet. Am Ende 114
Kategoriale Analyse der kategorialen Analyse werden schließlich die Wirkungszusammenhänge (Kapitel 8.8) untersucht. Zunächst werden die folgenden Oberkodes näher betrachtet:  die Qualität des Radfahrens (Kapitel 1.1),  die Anforderungen der Rad Fahrenden (Kapitel 8.2),  die Erfahrungen und Konflikte der Rad Fahrenden (Kapitel 8.3),  das Fahrverhalten der Rad Fahrenden (Kapitel 8.4),  die Einstellungen der Rad Fahrenden (Kapitel 8.5),  die Normen der Rad Fahrenden (Kapitel 8.6) und  die Regelkenntnisse der Rad Fahrenden (Kapitel 8.7). 8.1. Qualität des Radfahrens Das Radfahren ist nicht nur eine Art der Fortbewegung, um von A nach B zu kommen. Fahrräder werden auch für den Sport oder als Freizeitaktivität zum Beispiel für einen Ausflug genutzt. Um die Bedeutung des Radfahrens für die Interviewten zu ermitteln, wurde gefragt, welche Qualität für sie das Fahrradfahren hat. Dies erfolgte im Einführungsteil des Interviewleitfadens (vgl. Anhang A-1). Die Kodes lassen sich zu drei Kodes 3. Ordnung verdichten, wobei die Verdichtung der 3. Ordnung „Erleben“ eine Verdichtung aus sieben Kodes 2. Ordnung darstellt. Die Verdichtung bietet sich aus folgenden Gründen an: Zum Kode „Mobilität“ sind Kodes verdichtet, die den puren Transportvorgang, also das unkomplizierte und jederzeit mögliche Fahren von A nach B beinhalten. Das Fahrrad erfüllt den Zweck des Transportvorgangs. Diese Zweckorientierung hinsichtlich des Transportvorgangs wird durch den Zeitfaktor (Kode „Zeit“) gesteigert, in dem es nicht nur wichtig ist von A nach B zu gelangen, sondern dies auch in einer bestimmten Zeit zu schaffen. Die beiden Kodes „Mobilität“ und „Zeit“ können problemlos auch auf andere Verkehrsmittel übertragen werden. Beispielsweise ist die Nutzung eines Autos auf dem Land ebenfalls schnell und pünktlich und steht für Unabhängigkeit. Von der Zweckorientierung des Transportvorgangs deutlich abgrenzbar sind die Kodes, die zum Kode „Erleben“ verdichtet werden. Hier stehen sinnliche Erlebnisse beim Transportvorgang und der Habitus im Vordergrund. Sie sind eher radspezifisch. Innerhalb des Kodes „Erleben“ sind auch stärkere Widersprüche verortet, die sich in den Kodes 2. Ordnung niederschlagen (z. B. Kodes „Thrill“ und „Entspannung“). Damit verdeutlichen die Kodes 2. Ordnung die unterschiedlichen Motive der Rad Fahrenden. 115
Kategoriale Analyse Die Zuordnung der Kodes 1. Ordnung ist in Tabelle 20 dargestellt. Im Anschluss werden die Kodes 2. und 3. Ordnung näher vorgestellt. Kode 3. Ordnung Mobilität Kode 2. Ordnung Zeit Erleben Thrill Kode 1. Ordnung  Das Fahrrad ist ein Transportmittel.  Die Nutzung des Fahrrads ist sinnvoll.  Das Fahrrad ist ein unkompliziertes Verkehrsmittel.  Das Fahrrad ist ein komfortables Verkehrsmittel.  Mit dem Fahrrad ist man unabhängig von anderen Verkehrsmitteln.  Mit dem Fahrrad kann man selbst über die Streckenwahl entscheiden.  Das Fahrrad ist ein preisgünstiges Verkehrsmittel insbesondere gegenüber Kfz und ÖV.  Mit dem Fahrrad können Orte erreicht werden, die mit anderen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen sind.  Das Fahrrad ist ein Bestandteil des Lebens.  Fahrradfahren spart Zeit.  Mit dem Fahrrad ist man schneller als mit anderen Verkehrsmitteln wie Kfz oder ÖV.  Das Fahrrad ist ein pünktliches Verkehrsmittel, da sich die Dauer einer Fahrradfahrt gut einschätzen lässt.  Fahrradfahren sorgt für einen Adrenalinkick. Ausgelöst wird dies durch das Fahren mit hoher Geschwindigkeit und die drohenden Konflikte im Verkehr. Damit verbunden ist der Zwang, besonders konzentriert zu sein.  Das Radfahren macht wach. 116
Qualität des Radfahrens Kode Kode 3. Ordnung 2. Ordnung Erleben Sport (Fortsetzung) Kode 1. Ordnung  Das Radfahren sorgt für körperliche Bewegung und ist Ausgleich für sitzende Tätigkeiten.  Radfahren dient als Ersatz für den Gang ins Fitnessstudio oder anderen Sport.  Das Radfahren dient der Gesundheit.  Durchs Radfahren fühlt man sich gut.  Der Bewegungsablauf beim Radfahren macht Spaß.  Es macht Spaß, schnell zu fahren. Entspannung  Das Radfahren dient dem Stressabbau.  Das Fahrrad ist ein leises Verkehrsmittel.  Das Radfahren sorgt für einen „freien“ Kopf. Teilweise wird dies durch den Zwang ausgelöst, sich auf den Verkehr konzentrieren zu müssen.  Beim Radfahren können Rad Fahrende ihre Gedanken frei fließen lassen. Freiheit  Das Radfahren gibt den Nutzenden ein Gefühl der Freiheit.  Das Radfahren gewährt eine höhere soziale Sicherheit als z. B. öffentliche Verkehrsmittel. Spaß  Das Radfahren macht Spaß.  Das Radfahren macht Spaß, wenn etwas neu ist, sei es das Radfahren selbst oder ein neues Fahrrad oder eine neue Ausstattung.  Das Radfahren dient dem Genuss.  Mit dem Fahrrad ist die Fortbewegung mit ökologisch reinem Gewissen möglich. 117
Kategoriale Analyse Kode 3. Ordnung Erleben (Fortsetzung) Kode 2. Ordnung Umgebungsverbunden Sozial / Image Kode 1. Ordnung  Das Fahrradfahren dient dem sinnlichen Erleben, wie zum Beispiel den Fahrtwind spüren oder Gerüche aufnehmen.  Mit dem Fahrrad ist das Fahren in der Natur möglich.  Es ist schön, sich draußen und an der frischen Luft zu bewegen.  Mit dem Fahrrad kann die Umgebung erkundet werden. Radfahren hilft bei der Orientierung.  Beim Radfahren bekommt man mehr vom Umfeld mit als mit anderen Verkehrsmitteln.  Das Radfahren ist ein Mittel, um gemeinsam mit anderen Personen etwas zu unternehmen.  Durch das Radfahren kommt man mit anderen Menschen ins Gespräch.  Das Fahrrad als Statussymbol.  Das Fahrrad verleiht dem Fahrenden Sportlichkeit (Länge der Strecke, Geschwindigkeit) und Härte (bei jedem Wetter).  Das Radfahren als ökologische und politische Aussage. (Eigene Darstellung) Tabelle 20: Verdichtungen bei der Qualität des Radfahrens Die dem Fahrrad zugewiesene Hauptaufgabe ist es, die Mobilität sicherzustellen (Kode 3. Ordnung „Mobilität“). Das Fahrrad dient in erster Linie als Transportmittel für die eigene Person. Aber auch Kinder und Einkäufe können mit dem Fahrrad ohne viel Aufwand transportiert werden. Für viele Rad Fahrende bedeutet das Fahrrad Unabhängigkeit von anderen Verkehrsmitteln und anderen Personen. Dies gilt insbesondere für die Rad Fahrenden, die sich aus finanziellen Gründen kein Kraftfahrzeug leisten können oder aus 118
Qualität des Radfahrens anderen Gründen auf ein Kraftfahrzeug freiwillig oder unfreiwillig verzichten. Aber auch die Unabhängigkeit von den öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere was die zeitliche Verfügbarkeit anbelangt, spielt eine Rolle. Hier gibt es eine Verbindung zu dem Kode 3. Ordnung „Zeit“. Denn die Unabhängigkeit vom öffentlichen Verkehr bedeutet für viele schneller ihr Ziel erreichen zu können. Ebenfalls mit der Unabhängigkeit verbunden ist der Umstand, dass das Fahrrad in der Regel ein kostengünstiges Verkehrsmittel darstellt. Das Sparen von Zeit und Pünktlichkeit ist ebenfalls eine wichtige Qualität des Radfahrens (Kode 3. Ordnung „Zeit“). Radfahren bedeutet für viele in kurzer Zeit ein Ziel erreichen zu können. Dabei werden immer wieder Vergleiche mit Kraftfahrzeugen und öffentlichen Verkehrsmitteln herangezogen. Das Radfahren hat den Vorteil, dass die Parkplatzsuche entfällt und auch Wartezeiten, wie sie an Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel auftreten, nicht anfallen. Dabei sind die Fahrzeiten mit dem Fahrrad gut kalkulierbar. Probleme wie Staus beim Kraftfahrzeugverkehr gibt es beim Fahrrad nicht. Folglich ist eine Qualität des Fahrrads seine Pünktlichkeit. Wichtig, da von den Interviewten intensiv beschrieben, sind Qualitäten, die zum Kode 3. Ordnung „Erleben“ verdichtet werden. Dabei geht es mehr um weiche Kriterien und weniger ums Faktische wie bei den bereits beschriebenen Kodes 3. Ordnung. Das Erleben besteht aus mehreren Komponenten, die zu sieben Kodes 2. Ordnung verdichtet wurden. Für einige Rad Fahrende ist der Adrenalinkick, den sie beim Radfahren erhalten, eine Qualität des Radfahrens (Kode 2. Ordnung „Thrill“). Für das Radfahren in der Stadt ist aufgrund der vielen zu beachtenden Eindrücke und Gefahren eine hohe Konzentration erforderlich. Darüber hinaus müssen Rad Fahrende jederzeit schnell reagieren können. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn die Rad Fahrenden mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind. Die einen nutzen dies, um morgens wach zu werden (vgl. ACm: 88). Anderen macht es Spaß, im Verkehr gefordert zu sein (vgl. AFm: 49). Dazu gehört es bspw., kleinste Lücken im Verkehr auszunutzen und dort mit hoher Geschwindigkeit durchzuschlüpfen. Alles, was mit Bewegung und Freude an der Bewegung zu tun hat, wird zum Kode 2. Ordnung „Sport“ verdichtet. Hier findet sich auch die Freude am schnellen Fahren. Im Gegensatz zum Kode 3. Ordnung „Zeit“ geht es hierbei nicht darum, in kurzer Zeit sein Ziel zu erreichen. Hier überwiegt allein die Freude an der Tätigkeit des schnellen Fahrens (vgl. AHf: 141). Oft ist es in den Interviews schwierig zu erkennen, aus welchem Grund schnell 119
Kategoriale Analyse gefahren wird. Eine Rekonstruktion ist meist nur durch das Heranziehen weiterer Aussagen möglich. Mit dem Radfahren wird nicht ausschließlich eine sportliche Tätigkeit verbunden. Für viele Rad Fahrende beinhaltet das Radfahren eine entspannende Komponente (Kode 2. Ordnung „Entspannung“). Dies geschieht auf zwei sich scheinbar widersprechende Art und Weisen. Die einen entspannen zum Beispiel von der Arbeit, in dem sie sich auf den Verkehr und das Radfahren konzentrieren. Alles andere, Probleme und Sorgen, vergessen sie dabei (vgl. AFm: 38). Andere können gerade beim Radfahren ihre Gedanken kreisen lassen und kommen dabei auf neue Ideen (vgl. Zm: 55). Letzteres, so schränken einige Rad Fahrende ein, sei nur möglich, wenn sie nicht im Straßenverkehr unterwegs sind. Oft ginge dies nur in geschützten Bereichen, z. B. auf separaten Radwegen im Umland (vgl. Lf: 95). Für einige Rad Fahrende transportiert das Fahrrad ein Gefühl der „Freiheit“. Dabei ist dieses Freiheitsgefühl mit dem Kode 3. Ordnung „Ermöglicht Mobilität“ und dort besonders mit der Eigenschaft Unabhängigkeit gekoppelt. Die Unabhängigkeit von anderen Verkehrsmitteln, aber auch von hohen Kosten (vgl. Mf: 427), der Freiheit, sein Fahrrad einfach stehen zu lassen (vgl. Mf: 415) oder sich im Verkehr frei zu bewegen (vgl. Sf: 17), gehören dazu. Aber auch selten kontrolliert oder für Regelverstöße belangt zu werden, fördert das Gefühl der Freiheit (vgl. AHf: 377). Im Einzelfall bedeutet das Fahren mit dem Fahrrad eine höhere soziale Sicherheit gegenüber dem Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln (vgl. AFm: 34). Die Möglichkeit, sich frei von Angst bewegen zu können, stellt eine Art Freiheit dar. Aus diesem Grund wurde dieser Fall dem Kode „Freiheit“ zugeordnet. Vielen macht das Radfahren Spaß oder sie genießen es, Rad zu fahren (Kode 2. Ordnung „Spaß“). Die Gründe für die Freude am Radfahren werden oft nicht näher spezifiziert. Aus diesem Grund wurde hierzu ein eigener Kode „Spaß“ gebildet, obwohl die Gründe voraussichtlich zu anderen Kodes 2. Ordnung zugeordnet werden könnten. Radfahren gibt also ein gutes Gefühl. Daher wird zu diesem Kode das Fahren mit gutem Gewissen, insbesondere hinsichtlich des ökologischen Bewusstseins hinzugezählt (vgl. ACm: 52-56). Anders als mit dem Kraftfahrzeug oder dem Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln nehmen Radfahrende ihr Umfeld unmittelbar wahr (Kode 2. Ordnung „Umgebungsverbunden“). Häufig wird das gute Gefühl, sich draußen zu bewegen, genannt. Oft geht dies mit der besonderen Erwähnung von frischer Luft einher, wobei diese vornehmlich außerhalb des Straßenverkehrs wahrgenommen wird. Etwas seltener wird vom sinnlichen Erleben 120
Qualität des Radfahrens berichtet. Der Fahrtwind, der als wohltuend wahrgenommen wird, oder Gerüche, die aufgenommen werden können (vgl. AIf: 33). Beim Letzteren wird deutlich, dass das Fahrrad vor allem in grüner Umgebung seine Stärken hat. Dies mag einer der Gründe sein, warum Rad Fahrende gerne Grünanlagen zum Radfahren nutzen. Aber auch in der Stadt hat das Fahrrad seine Stärken. Einige gaben an, dass das Radfahren die Orientierung in der Stadt erleichtert. Städte können mit dem Fahrrad gut erkundet werden (vgl. AHf: 25). Schließlich hat das Fahrrad auch eine soziale Komponente (Kode 2. Ordnung „Sozial/Image“). Dies zeigt sich zum einen darin, dass Menschen mit Hilfe des Radfahrens miteinander interagieren. Sei es, indem sie gemeinsam mit dem Fahrrad einen Ausflug unternehmen (vgl. Ym: 65) oder unterwegs mit anderen Menschen in Kontakt kommen (vgl. AIf: 69). Zum anderen transportiert das Fahrrad ein Image. Mit einem Öko-Image ist das Fahrrad bereits seit längerem verbunden, dennoch ist es einigen der Interviewten weiterhin wichtig zu zeigen, dass eine individuelle Mobilität auch ohne Kraftfahrzeug möglich ist (vgl. Wm: 365). Darüber hinaus zeigen Rad Fahrende ihre Sportlichkeit und Fitness. Die Anerkennung ist hoch, wenn eine große Entfernung mit dem Fahrrad zur Arbeit zurückgelegt wird. Geschieht dies auch bei widrigen Bedingungen, ist die Anerkennung umso größer (vgl. ACm: 56). Als Erkenntnisgewinn bezüglich der Qualitäten kann formuliert werden, dass das Radfahren viele Qualitäten außerhalb des puren Transportvorgangs – sichtbar anhand des Kodes „Erleben“ – aufweist. Die Qualitäten des Fahrrads entsprechen vielfach Zielen, die mit dem Radfahren erreicht werden sollen. Beispielsweise ist „Den Kopf frei bekommen“ eine Qualität des Radfahrens. Aufgrund dieser Qualität nutzen manche bewusst das Radfahren, um auf andere Gedanken zu kommen. Die dem Radfahren zugewiesenen Qualitäten stellen die Basis dafür dar, warum das Verkehrsmittel Fahrrad genutzt wird. Wichtigste Grundlage ist hierbei der Kode „Mobilität“. Werden diese Qualitäten nicht erfüllt, ist das Fahrrad als Verkehrsmittel unbrauchbar. Um die Qualitäten des Radfahrens auszuschöpfen, formulieren die Rad Fahrenden direkt oder indirekt – letzteres wird aus den Textsegmenten rekonstruiert – ihre Anforderungen. Damit schließen die Anforderungen die Qualitäten mit ein. Dies zeigt sich auch daran, dass sich der überwiegende Teil der Kodes 2. und 3. Ordnung in dem Kategorienschema der Grobkategorie „Anforderungen“ wiederfindet. Während die Qualitäten oftmals sehr allgemein gehalten sind, sind die Anforderungen konkreter und die von den Interviewten getätigten Erklärun121
Kategoriale Analyse gen dichter. Somit sind die Anforderungen stärker von den Interviewten reflektiert. Diesen Umstand ausnutzend, sollen die Anforderungen die Qualitäten mit repräsentieren. Folglich gehen in die weitere Theoriebildung die Qualitäten indirekt über die Anforderungen mit ein. 8.2. Anforderungen der Rad Fahrenden Eines der Kernthemen dieser Arbeit ist die Frage nach den Anforderungen der Rad Fahrenden an die Verkehrsinfrastruktur und die Verkehrsregelungen.81 Mehrere Fragen des Interviewleitfadens sind dazu geeignet, hierüber mehr zu erfahren. Die wichtigsten sind (vgl. Anhang A-1 Interviewleitfaden sowie Kapitel 5.4.1):  Wie sieht für Sie eine attraktive Strecke oder Route aus?  Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welchen Weg Sie wählen?  Bei welchen Radverkehrsführungen fühlen Sie sich am sichersten?  Bei Ihrer täglich genutzten Strecke, wo fühlen sie sich besonders wohl, wo besonders unsicher? Aber auch bei Fragen nach den Erfahrungen der Rad Fahrenden können verschiedene Anforderungen extrahiert werden. Die Anforderungen werden von den Rad Fahrenden sowohl direkt geäußert, als auch bei der Analyse anhand von Äußerungen abgeleitet. Am Beispiel folgender Aussage einer Radfahrerin soll die Vorgehensweise bei der Auswertung verdeutlicht werden: „Wenn die Fahrradstraße meinem Ideal einer asphaltierten Nebenstraße, wo keiner ist, nahe kommt, dann ist das sehr gut.“ (If: 393) Aus dieser Aussage können vier Anforderungen herausgelesen werden. Die erste Anforderung bezieht sich auf die bevorzugte Nutzung von Nebenstraßen, verdeutlicht dadurch, dass die Radfahrerin von einem Ideal spricht. Dies ist allerdings mit Bedingungen verknüpft, die gleichzeitig weitere Anforderungen darstellen. Die Oberfläche soll aus Asphalt bestehen, was in der Regel glatt und reibungsarm bedeutet. Außerdem soll das Verkehrsaufkommen gering sein, hier ausgedrückt durch die Aussage „wo keiner ist“. Da es 81 Anforderungen aus dem Alltagsradverkehr lassen sich nicht immer von Anforderungen aus dem Freizeitverkehr trennen. Teilweise berichten Rad Fahrende von Fahrten vom Arbeitsplatz nach Hause, bei denen sie einen Umweg fahren, um das Radfahren als sportliche Betätigung zu nutzen. Hier werden folglich Fahrtzwecke miteinander vermengt. Aus diesem Grund erscheint eine Trennung der Fahrtzwecke nicht sinnvoll. 122
Anforderungen der Rad Fahrenden sich hier um das Fahren auf einer Fahrbahn handelt, ist davon auszugehen, dass sich das geringe Verkehrsaufkommen in erster Linie auf den Kraftfahrzeugverkehr bezieht. Wenn Fahrradstraßen als Sonderfall der Nebenstraße diese Bedingungen per Definition erfüllen, dann sind diese ebenfalls ideal und somit eine weitere, die vierte zu erkennende Anforderung. Bei der Interpretation ist zu beachten, dass nicht alle Äußerungen direkte Rückschlüsse auf die Anforderungen zulassen. Zudem gibt es häufig relative Angaben. Ein Radfahrer erzählt beispielsweise, dass er Radfahrstreifen lieber nutzt als Radwege und begründet dies wie folgt: „weil es halt meistens besser ausgebaut ist und sich angenehmer fährt“ (Qm: 336). Diese Aussage bedeutet nicht, dass ein Radfahrstreifen für ihn die optimale oder die beste Radverkehrsführung darstellt. Ebenfalls nicht klar wird, auf welche Eigenschaften sich der Radfahrer mit den Aussagen „besser ausgebaut“ und „angenehmer fährt“ bezieht. Eine glatte Fahrbahn- oder Wegoberfläche könnte ebenso gemeint sein, wie eine ausreichende Breite. Für die richtige Interpretation müssen andere Textstellen hinzugezogen werden. Dennoch geben seine Auskünfte wichtige Hinweise zu den Zusammenhängen innerhalb der Anforderungen Rad Fahrender. Die herausgearbeiteten Anforderungen befinden sich auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen. Dies wird anhand des ersten Zitats deutlich. Hinter der Anforderung „geringer Kraftfahrzeugverkehr“ können weitere ursprünglichere Anforderungen stecken, wie zum Beispiel eine höhere Verkehrssicherheit oder eine bessere Luftqualität. Die Anforderungen Nebenstraße und Fahrradstraße beziehen sich demgegenüber direkt auf planerische Lösungen. Unter Umständen sind diese Lösungen für die Interviewten nur ein Synonym für bestimmte Anforderungen. Dabei kann allerdings weder sichergestellt werden, dass Interviewte und Interpretierende die gleichen Anforderungen mit der Lösung verbinden, noch das die genannte Lösung die tatsächlichen Anforderungen optimal erfüllt. Die Radverkehrsplanung ausschließlich auf Lösungsvorschläge der Nutzenden aufzubauen, könnte den tatsächlichen ursprünglichen Anforderungen der Rad Fahrenden nicht gerecht werden. Vier Abstraktionsebenen sind zu unterscheiden: 1. Nicht ableitbare ursprüngliche Anforderungen, wie Spaß haben oder unversehrt bleiben. 2. Von den ursprünglichen Anforderungen abgeleitete Anforderungen, wie das eben genannte „wo keiner ist“. 3. Anforderungen an die Ausgestaltung von Verkehrsanlagen oder Verkehrsregeln, wie beispielsweise Forderung nach einer gewissen Breite ei123
Kategoriale Analyse ner Verkehrsanlage oder der Beschaffenheit der Oberfläche einer Verkehrsanlage. 4. Forderung nach einer konkreten planerischen Lösung wie Fahrradstraße oder Radfahrstreifen. 8.2.1. Das Anforderungsgefüge des Radverkehrs Aus den Interviewtexten der Rad Fahrenden können 122 Anforderungen repräsentierende Kodes herausgearbeitet werden. Die Anzahl der Verknüpfungen mit Textzitaten variiert stark. Sehr häufig wird der Kode „Verkehrssicherheit“ (175-mal) und der Kode „Glatter, sauberer Belag“ (116-mal) referenziert. Sehr selten dagegen sind Kodes wie „Unklare Verkehrsführungen für alle Verkehrsteilnehmende“ oder „LSA: Signalisierung zusammen mit Kfz“ (je eine Verknüpfung).82 Aus den Anforderungen der Rad Fahrenden lässt sich ein Gefüge erstellen, welches die hierarchischen Beziehungen der Anforderungen untereinander zeigt. Damit werden auch die unterschiedlichen Ebenen deutlich. Alle erstellten Beziehungen ergeben sich aus den Interviews und können dort nachgewiesen werden. Die bereits genannte Aussage zur Infrastrukturlösung Fahrradstraße wird in dem Gefüge wie in Abbildung 14 dargestellt. (Eigene Darstellung aus atlas.ti) Abbildung 14: Ausschnitt Anforderungsgefüge am Beispiel einer Aussage zur Fahrradstraße (If: 393) 82 Die Anzahl der Referenzen gibt einen Hinweis auf die Wichtigkeit, ist aber kein alleiniges Merkmal. Die Intensität der Auseinandersetzung mit einem Thema ist ein weiteres Indiz. 124
Anforderungen der Rad Fahrenden Innerhalb dieses Gefüges ist die Fahrradstraße eine spezielle Ausprägung der Nebenstraße. Das heißt, dass die Forderung auf einer mit geringem Kraftfahrzeugverkehr belasteten und mit einem guten Belag versehenen Nebenstraße zu fahren, durch eine Fahrradstraße eingelöst wird. Solche Beziehungen werden mit einem „begründet“-Pfeil bezeichnet. In diesem Fall ist die Fahrradstraße im Sinne der Rad Fahrenden eine Weiterentwicklung einer Nebenstraße. Die Bezeichnung der Pfeile mit „Lösung und Erfordernis zugleich“ zeigt eine Wechselbeziehung an. Am Beispiel „Reduktion Kfz“ und „Fahrradstraße“ bedeutet dies, dass If die Fahrradstraßen deshalb gerne benutzen würde, da sie erwartet, dass Fahrradstraßen nur mit geringem Kraftfahrzeugverkehr belastet sind. Dadurch stellen sie eine „Lösung“ dar. Damit sie als Lösung funktionieren, ist die geringe Belastung mit Kraftfahrzeugen Voraussetzung. Nur wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, stellen Fahrradstraßen im Sinne der Aussage eine ideale Lösung dar. Die Anforderungen (repräsentiert durch Kodes) lassen sich innerhalb des Anforderungsgefüges den vier definierten Ebenen zuteilen. Aufgrund der vielen Abhängigkeiten der Anforderungen untereinander, mussten innerhalb der Ebenen weitere Stufen eingerichtet werden. Deren Anzahl ist ein Resultat der Intention, mit dem Gefüge die sich aus den Abhängigkeiten ergebene Hierarchie der Anforderungen abzubilden. Insgesamt umfasst das Anforderungsgefüge fünfzehn Stufen. Je höher die Anzahl der mit der Anforderung verknüpften Anforderungen ist, desto eher ist die Anforderung auf eine Stufe festgelegt. Folglich könnten Anforderungen mit wenigen Abhängigkeiten oft unterschiedlichen Stufen zugeordnet werden. Die Zuordnung der Anforderungen zu den Ebenen und Stufen ist in Tabelle 21 dargestellt. Zu jeder kodierten Anforderung wurde anhand der Interviews ermittelt, ob die Anforderung für alle interviewten Rad Fahrenden Gültigkeit besitzt. Die Gültigkeiten der Anforderungen lassen sich folgendermaßen beschreiben:  Unwidersprochen: Es konnten in den Interviews aller Personen keine Aussagen ermittelt werden, die gegen die Anforderung sprechen. Es gibt auch keine andere Anforderung, die in Konflikt mit der Anforderung steht.  Nicht alle: Diese Anforderung steht zwar nicht in Konflikt mit anderen Anforderungen aus den Interviews, es wird aber aus den gesamten Interviews heraus deutlich, dass diese Anforderung nicht auf alle Rad Fahrenden zutrifft. 125
Kategoriale Analyse  Widerspruch: Der Anforderung wird von anderen Interviewten deutlich widersprochen, ohne dass die Erfüllung dieser Anforderung in direktem Konflikt zu einer anderen Anforderung steht.  Konflikt: Die Anforderung steht in einem direkten Konflikt zu einer anderen Anforderung. Wobei dieser Konflikt ein Widerspruch sein kann, aber nicht muss. Stufe / Kode Nr. (Kode-Kürzel: Name) Erste Ebene: Ursprüngliche Anforderungen 1a AMo: Recht auf Mobilität 1b AGt, AKi: Transport von Gütern und Kindern 1c AGs: Unversehrtheit 1d ATe: Schnell von A nach B kommen 1e ASc, AAt: Spaß haben, schönes Fahren 2a ATs: Hohe Geschwindigkeit beim Fahren 2b ASt: Stressfreies, angenehmes Fahren 2c AUa: Unaufmerksam sein können 2d ALk: Einfaches, leichtes, müheloses Vorankommen 2e AFl: Ungestörter Bewegungsfluss 3a ASi: Verkehrssicherheit 3b AUg: Abwechslungsreiches Umfeld 3c ALe, ALu, ADr: Ruhiges Umfeld, saubere Luft, kein Dreck 3d AWe: Schutz vor Wind und Regen 3e ATf: Kurze Fahrzeit Zweite Ebene: Abgeleitete Anforderungen 4a AFk: Fahrkomfort, bspw. nicht durchgerüttelt werden oder wenig Rollwiderstand 4b AO: Orientierungsmöglichkeiten bspw. hinsichtlich Verkehrsführung oder Örtlichkeiten 4c ATz: Zügiges Vorankommen (ohne aufgehalten zu werden) 4d ATo: Weg ohne Steigungen 126 Gültigkeit Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Nicht alle Unwidersprochen Nicht alle Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Nicht alle Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Nicht alle
Anforderungen der Rad Fahrenden Stufe / Nr. 4e 4f 5a 5b 5c 6a 6b 6c 7a 7b 7c 8a 8b 8c 8d 8e 8f 8g 8h 8i 9a 9b 9c Kode (Kode-Kürzel: Name) ADi: Kurze, umwegfreie Wege AAh: Nutzbarkeit von Lastenrädern oder Anhängern in Bezug auf Infrastruktur AFa: Funktionstüchtiges Fahrrad AGn: Reduzierung des Geschwindigkeitsniveaus des Kfz-Verkehrs AHa: Wenig Halte AVo: Bevorzugung gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden AGl: Gleichberechtigung mit Kfz-Verkehr ASö: Wenig Störungen auf der Strecke APG: Geschützter Raum ANb: Möglichkeit nebeneinander fahren zu können AÜ: Möglichkeit des Überholens und Ausweichens von Hindernissen ASiS: Sichtbarkeit, sehen und gesehen werden ASa: Sicherheitsabstand zu anderen Verkehrsteilnehmenden AKfD: Reduzierung des Ausgesetztseins von Aggressionen des Kfz-Verkehrs, bspw. Belehrungen AFü: Führung des Verkehrs, Zuweisung von Flächen und Wegen AP: Platz und Raum ABe: Glatter, sauberer Belag ARä: Winterdienst auf und Reinigung von Radverkehrsanlagen AReE: Einhaltung von Verkehrsregeln AAsD, AAsV, AAsR: Fahrrad: Schutz vor Diebstahl, Vandalismus, Regen ARü: Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmenden untereinander AReG: Geringere Strafen für Rad Fahrende AKfR: Reduzierung des Kfz-Verkehrs 127 Gültigkeit Nicht alle Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Teilweise Konflikt 6 b Teilweise Konflikt 6 a Unwidersprochen Nicht alle Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Nicht alle Unwidersprochen Konflikt 11 i Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Nicht alle Unwidersprochen Unwidersprochen Konflikt 11 t Unwidersprochen
Kategoriale Analyse Stufe / Kode Gültigkeit Nr. (Kode-Kürzel: Name) 9d ABa: Barrierefreiheit Unwidersprochen Dritte Ebene: Anforderungen an die Ausgestaltung von Verkehrsanlagen oder Regeln 10 a AAbI: Indirektes Abbiegen Konflikt 10 b 10 b AAbD: Direktes Abbiegen Konflikt 10 a 10 c AHk: Keine Hauptstraßen Konflikt 12 f 10 d ALsW: Kürzere Wartezeiten oder längere Unwidersprochen Grünzeiten an LSA 10 e AKfP: Haltverbote für Kfz, bspw. an Nicht alle Radfahrstreifen 10 f AReV: Verständliche und eindeutige Nicht alle Regeln 10 g AEb: Eigener Bereich für Rad Fahrende, für Konflikt 11 i alle erkennbar 10 h AFüD: Durchgängige Führung des Widerspruch Radverkehrs 10 i AKiG: Kinder sollen auch mit höherem Nicht alle Alter noch auf dem Gehweg fahren dürfen 10 j AKiF: Kinder sollen bereits früher auf der Nicht alle Fahrbahn fahren dürfen 11 a AGr: Führung in grüner Umgebung Unwidersprochen 11 b ABrF, ABrG, ABrRvF, ABrRvH, ABrS: Unwidersprochen Ausreichende Breite von Verkehrsanlagen und Sicherheitsstreifen 11 c ABeB, ABeS, ARvHK, ARvHT: Unwidersprochen Vermeidung gefährlicher Borde, Schienen, Kanten und Begrenzungen 11 d ARvÜ: Sichere Übergänge von Unwidersprochen Radverkehrsanlagen zu Fahrbahnen 11 e AGe: Gerade Führung von Unwidersprochen Radverkehrsanlagen 11 f ARvFS: Fahrstreifenmarkierungen Nicht alle 11 g ASiM: Deutlich sichtbare Markierung von Konflikt 11 i Radverkehrsanlagen 11 h AFüE: Einheitliche und eindeutig Konflikt 11 i erkennbare Führung des Radverkehrs, kein Wechsel des Radverkehrsanlagentyps 128
Anforderungen der Rad Fahrenden Stufe / Nr. 11 i Kode (Kode-Kürzel: Name) AFüU: Unklare Verkehrsführungen für alle Verkehrsteilnehmenden 11 j ARvB: Aufhebung der Benutzungspflicht von Radverkehrsanlagen 11 k AVf: Vorfahrt für Rad Fahrende 11 l ARl: Rechts-vor-Links-Regelungen 11 m ALsE: Lichtsignalanlagen (LSA): Eigene Radfahrersignale 11 n ALsEF: LSA: vor Kfz Grün bekommen 11 o ALsR: LSA: von rechtsabbiegenden Kfz getrennte Signalisierung 11 p ALsG: LSA: Signalisierung zusammen mit Kfz 11 q ALsT: LSA: trotz Rot fahren dürfen, bspw. „grüner Pfeil“ 11 r ALsK: Koordinierung von Lichtsignalanlagen, bspw. grüne Welle für Radverkehr 11 s ARvHV: Vorgezogene Haltlinien 11 t AReD: Durchsetzung von Regeln 11 u AÖv: Einbindung in den Öffentlichen Verkehr Vierte Ebene: Forderung nach konkreten Lösungen 12 a ARv: Radverkehrsanlage 12 b 12 c 12 d 12 e 12 f 12 g 12 h 12 i 12 j 12 k AGw, ARvK: Freigabe von Gehwegen für den Radverkehr, separierte Geh-/Radwege ARvZ: Zweirichtungsradwege AMv: Fahrbahnnutzung, Mischverkehr ANs: Nebenstraßen AHs: Hauptstraße, insbesondere wegen Vorfahrtberechtigung AKr: Kreisverkehr AEi: Freigabe von Einbahnstraßen AAs: Fahrradabstellanlagen AÖvL: Leihräder AÖvM: Fahrradmitnahme im ÖV 129 Gültigkeit Konflikt 8 d, 11 h Nicht alle Konflikt 6 b Konflikt 11 k Konflikt 11 p Konflikt 11 p Konflikt 11 p Konflikt 11 m, 11 n, 11 o Konflikt 10 f Konflikt 6 b Unwidersprochen Konflikt 9 b Unwidersprochen Konflikt 12 d, 13 a, 13 b Widerspruch Nicht alle Konflikt 12 a Konflikt 12 f Konflikt 10 c, 12 e Widerspruch Konflikt 10 f Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen
Kategoriale Analyse Stufe / Nr. 12 l 12 m 12 n 12 o 13 a 13 b 13 c 13 d 13 e 13 f 13 g 13 h 13 i 13 j 13 k 14 a 14 b 14 c 15 Kode (Kode-Kürzel: Name) ABl: Straßenbeleuchtung AAz: Aufzüge ADu: Dusch- oder Umkleidemöglichkeiten ALi: Zulassung unterschiedlicher Beleuchtungskonzepte ARvVF: Verzicht auf Radfahrstreifen ARvVH: Verzicht auf Radwege ARvH, ARvR: straßenbegleitende und separierte Radwege ARvF: Radfahrstreifen ARvFM: Radfahrstreifen in Mittellage AAr: Aufgeweitete Radaufstellstreifen ABu: Für den Radverkehr freigegebene Bussonderfahrstreifen ARvS: Fahrradstraßen ANsB: Verkehrsberuhigte Bereiche ASs: Shared Space83-Bereiche ARo: Fahrradrouten ARvT: Fahrradschnellwege AWw: Wegweisung AReS: Verkehrserziehung AÖa: Öffentlichkeitsarbeit, Marketing Gültigkeit Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Konflikt 13 d Konflikt 13 c Konflikt 13 b Konflikt 13 a Widerspruch Unwidersprochen Widerspruch Konflikt 6 b Widerspruch Nicht alle Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen Unwidersprochen (Eigene Darstellung) Tabelle 21: Anforderungen repräsentierende Kodes in vier Ebenen und fünfzehn Stufen 83 Shared Space ist eine Planungsphilosophie und kann als „gemeinsam genutzter Raum“ übersetzt werden. In der Umsetzung bedeutet dies, dass alle Verkehrsteilnehmenden gleichberechtigt sind und rücksichtsvoll miteinander umgehen sollen. Regeln werden auf ein Mindestmaß reduziert. D. h., Regelungen wie rechts-vor-links oder Geschwindigkeitsbegrenzungen bleiben bestehen. Es gibt aber keine Regelungen, die den Vorrang von zu Fuß Gehenden oder Kraftfahrzeugen regeln. So soll die dominierende Wirkung des Kraftfahrzeugverkehrs vermindert werden. Gegenüber dem Grundkonzept unveränderte Shared Space-Bereiche sind mit dem zurzeit geltenden deutschen Verkehrsrecht nicht vereinbar (vgl. FGSV 2011: 4). 130
Anforderungen der Rad Fahrenden Die Tabelle macht deutlich, dass ursprüngliche Anforderungen weitestgehend unwidersprochen sind. Je mehr es um konkrete Lösungen geht, desto eher tauchen Widersprüche auf. Es werden unterschiedliche Lösungskonzepte zwischen den Befragten für dieselbe Problematik deutlich. Eine Übersicht der mindestens 20 Mal referenzierten Kodes findet sich im Anhang A-6.1.84 Zu jeder dieser Kodes gibt es ein Schaubild, das ein Ausschnitt des Anforderungsgefüges wiedergibt. In diesem Schaubild werden die Verbindungen und Anforderungen dargestellt, mit denen die Anforderung direkt verbunden ist. Die Schaubilder finden sich im Anhang A-6.2. Im Folgenden werden die Kodes verdichtet und in Kategorien überführt. 8.2.2. Sub- und Feinkategorien der Grobkategorie Anforderungen Die Kodes 1. Ordnung zu den Anforderungen der Rad Fahrenden lassen sich zu vier Kodes 3. Ordnung verdichten (vgl. Tabelle 22). Diese Kodes der 3. Ordnung beruhen in erster Linie auf den Anforderungen der ersten Stufe der ersten Ebene „Ursprüngliche Anforderungen“ des Anforderungsgefüges (siehe Tabelle 21). Alle anderen Anforderungen haben einen Bezug zu diesen und bauen auf diesen auf. Folglich stellen die Kodes 3. Ordnung eine Verdichtung aller Kodes 1. Ordnung dar. Die Anforderungen „Recht auf Mobilität“ und „Transport von Gütern und Kindern“ lassen sich zum Kode „Mobilität“ verdichten. Hier werden die Grundbedürfnisse, also der Transport von A nach B, abgedeckt. Die Anforderung „Schnell von A nach B kommen“ steht für den Kode „Zeitersparnis“. Es wird ein Qualitätsanspruch erhoben, der über die bloße Mobilität hinausgeht. Hier werden bereits erste Differenzierungen zwischen den Präferenzen der Rad Fahrenden deutlich, da die Zeitersparnis und die ihr zugeordneten Kodes 1. Ordnung den Rad Fahrenden unterschiedlich wichtig sind. 84 Zu beachten ist, dass zu einem Teil der Anforderungen innerhalb des Leitfadens konkrete Fragen gestellt wurden. Daraus ergibt sich eine häufigere Kodierung dieser Anforderungen. Die Anzahl der Verknüpfungen stellt somit keine Wertigkeit dar. Der Wert von 20 wird verwendet, da eine Darstellung aller Anforderungen in einem Schaubild, den Umfang des Anhangs sprengen würde. Mit Hilfe der Arbeitsdateien und des Programms atlas.ti können „per Knopfdruck“ zu allen Anforderungen Schaubilder generiert werden. 131
Kategoriale Analyse Die Anforderung „Unversehrtheit“ ist eine ursprüngliche Anforderung, von der der Kode „Sicherheit“ eine Ableitung darstellt. Zusammen bilden sie den Kode 3. Ordnung „Sicherheit“. Die Sicherheit ist allen Rad Fahrenden beinahe gleich wichtig und spiegelt sich in der generellen Anforderung sicher von A nach B zu kommen wider. Unterschiede gibt es hinsichtlich der Einschätzung, wie Sicherheit erreicht werden kann. Sie zeigen sich in den beiden Kodes 2. Ordnung „Sichtbarkeit“ und „Geschützter Raum“. Eine Unterscheidung dieser beiden Kodes ist wichtig, da sie auf unterschiedliche Strategien der Rad Fahrenden hinweisen. Auf diese beiden Kodes wird daher in Kapitel 0 näher eingegangen. Die Anforderung „Spaß haben, schönes Fahren“ begründet den Kode 3. Ordnung „Erleben“. Wie bereits bei den Qualitäten des Radfahrens hergeleitet (Kapitel 1.1), spielt das Erleben auch bei den Anforderungen eine zentrale Rolle. Es konnten die fünf Kodes 2. Ordnung „Sport“, „Entspannung“, „Komfort“, „Umgebung“ und „Soziales“ zum Kode 3. Ordnung „Erleben“ verdichtet werden. Die Besonderheiten des „Erlebens“ beim Radfahren können erklärungsstarke Faktoren bei der Rekonstruktion der Wirkungszusammenhänge zwischen Anforderungen und Fahrverhalten sein. Vor allem die Kodes „Sport“ und „Entspannung“ sind geeignet, da sie sich zumindest in Teilen widersprechen und mit den Kodes „Sichtbarkeit“ und „Geschützter Raum“ zusammenzuhängen scheinen. Die Kodes 1. Ordnung der von den ursprünglichen Anforderungen abgeleiteten Anforderungen, können oftmals zu verschiedenen Kodes der 2. oder 3. Ordnung verdichtet werden. Insbesondere zwischen den Kodes 3. Ordnung „Zeitersparnis“ und „Erleben“ besteht ein Zusammenhang. Beispielsweise führen einige der Bedingungen, die dem Fahrkomfort entgegenstehen, ebenfalls zu einer Erhöhung der Fahrzeit. Um jeden Kode 1. Ordnung nur zu einem Kode der 2. oder 3. Ordnung zu verdichten, wird die Stärke85 des Zusammenhangs berücksichtigt. Eine kurze Beschreibung der Kodes 2. oder 3. Ordnung wird im Anschluss der Tabelle vorgenommen. 85 Die Stärke eines Zusammenhangs ergibt sich in der qualitativen Forschung aus der Interpretation der Textsegmente und nicht durch das Messen bzw. Auszählen von Nennungen (vgl. Helfferich 2009: 21). 132
Anforderungen der Rad Fahrenden Kode 3. Ordnung Mobilität Kode 2. Ordnung Sicherheit Sichtbarkeit Geschützter Raum Kode 1. Ordnung (Stufe / Nr. – Kode-Kürzel: Name) 1 a - AMo: Recht auf Mobilität 1 b - AGt, AKi: Transport von Gütern und Kindern 4 f - AAh: Nutzbarkeit von Lastenrädern oder Anhängern in Bezug auf Infrastruktur 5 a - AFa: Funktionstüchtiges Fahrrad 8 i - AAsD, AAsV, AAsR: Fahrrad: Schutz vor Diebstahl, Vandalismus, Regen 9 d - ABa: Barrierefreiheit 1 c - AGs: Unversehrtheit 3 a - ASi: Verkehrssicherheit 5 b - AGn: Reduzierung des Geschwindigkeitsniveaus des Kfz-Verkehrs 8 c - AKfD: Reduzierung des Ausgesetztseins von Aggressionen des Kfz-Verkehrs, bspw. Belehrungen 8 g - ARä: Winterdienst auf und Reinigung von Radverkehrsanlagen 9 a - ARü: Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmenden untereinander 9 c - AKfR: Reduzierung des Kfz-Verkehrs 8 a - ASiS: Sichtbarkeit, sehen und gesehen werden 7 a - APG: Geschützter Raum 8 b - ASa: Sicherheitsabstand zu anderen Verkehrsteilnehmenden 8 d - AFü: Führung des Verkehrs, Zuweisung von Flächen und Wegen 133
Kategoriale Analyse Kode 3. Ordnung Zeitersparnis Kode 2. Ordnung Erleben Sport Entspannung Komfort Umgebung Sozial Kode 1. Ordnung (Stufe / Nr. – Kode-Kürzel: Name) 1 d - ATe: Schnell von A nach B kommen 3 e - ATf: Kurze Fahrzeit 4 c - ATz: Zügiges Vorankommen (ohne aufgehalten zu werden) 4 e - ADi: Kurze, umwegfreie Wege 5 c - AHa: Wenig Halte 6 c - ASö: Wenig Störungen auf der Strecke 7 c - AÜ: Möglichkeit des Überholens und Ausweichens von Hindernissen 1 e - ASc, AAt: Spaß haben, schönes Fahren 2 a - ATs: Hohe Geschwindigkeit beim Fahren 2 b - ASt: Stressfreies, angenehmes Fahren 2 c - AUa: Unaufmerksam sein können 2 d - ALk: Einfaches, leichtes, müheloses Vorankommen 2 e - AFl: Ungestörter Bewegungsfluss 3 d - AWe: Schutz vor Wind und Regen 4 a - AFk: Fahrkomfort, bspw. nicht durchgerüttelt werden oder wenig Rollwiderstand 4 d - ATo: Weg ohne Steigungen 8 f - ABe: Glatter, sauberer Belag 3 b - AUg: Abwechslungsreiches Umfeld 3 c - ALe, ALu, ADr: Ruhiges Umfeld, saubere Luft, kein Dreck 7 b - ANb: Möglichkeit, nebeneinander fahren zu können (Eigene Darstellung) Tabelle 22: Verdichtungen bei den Anforderungen Rad Fahrender Unter dem Kode „Mobilität“ finden sich ursprüngliche Anforderungen, wie die Möglichkeiten der Fortbewegung und des Transports von Personen und Gütern. Um das Verkehrsmittel Fahrrad zu nutzen, bedarf es eines funktionstüchtigen Fahrrads sowie der entsprechenden Ausstattung, um zum Beispiel Kinder mitnehmen zu können. Um die Funktionstüchtigkeit des Fahrrads zu erhalten, sind Abstellanlagen einer bestimmten Qualität notwen134
Anforderungen der Rad Fahrenden dig. Vor allem besonders breite oder schwere Fahrräder, wie Transporträder, Dreiräder oder Fahrräder mit Anhängern, benötigen eine barrierefreie Infrastruktur sowohl im fließenden als auch im ruhenden Verkehr. Eine für alle Rad Fahrenden zentrale Anforderung ist die Gewährleistung der eigenen Sicherheit. Wichtige Anforderungen des Kodes „Sicherheit“ sind: Verkehrssicher befahrbare Wege – Wege, auf denen Eis und rutschiges Laub rechtzeitig entfernt werden –, Strecken mit einer geringen KfzVerkehrsbelastung und niedrigen Kfz-Geschwindigkeiten, sowie eine Verbesserung des Umgangs der Verkehrsteilnehmenden untereinander. Letzteres zielt auf eine verstärkte Rücksichtnahme der Verkehrsteilnehmenden untereinander ab. Ganz besonders schwer wiegen die zuweilen gefährlichen „erzieherischen“ Maßnahmen mancher Kfz-Fahrenden. Aus den Interviews lassen sich zwei wesentliche Kodes 2. Ordnung herausarbeiten, die aus Sicht der Rad Fahrenden eine möglichst hohe Sicherheit gewährleisten. Zum Kode „Sichtbarkeit“ gehören Anforderungen, die für gute Sichtbeziehungen zwischen Rad und Kfz-Fahrenden sorgen. Damit würden diese maßgeblich zu einer Vermeidung von Konflikten beitragen. Zum Kode „Geschützter Raum“ gehören Anforderungen, die den Rad Fahrenden einen eigenen Bereich, separiert von anderen Verkehrsmitteln, einräumen. Generell sind beide Möglichkeiten für Rad Fahrende wichtig, werden aber unterschiedlich präferiert. Welche Auswirkungen dies hat, wird in dem folgenden Kapitel 0 vertieft. Der Kode „Zeitersparnis“ steht für eine möglichst kurze Fahrzeit. Neben einem schnellen und zügigen Vorankommen ist die kurze Distanz der Strecke wichtig. Mit dazu gehört, möglichst ohne Halte und andere Störungen unterwegs sein zu können. Umwege werden zum Teil ungern in Kauf genommen, da für Rad Fahrende eine längere Strecke oft eine längere Fahrzeit bedeutet. Grundlage für viele weitere Anforderungen ist die Freude am Radfahren, die dem Kode „Erleben“ zugeordnet ist. Bei dem Kode 2. Ordnung „Sport“ geht es um das Radfahren als sportliche Betätigung.86 Dies ist in der Regel mit der Anforderung, mit einer hohen Geschwindigkeit fahren zu können, verbunden. Demgegenüber steht das Radfahren als entspannende Tätigkeit (Kode 2. Ordnung „Entspannung“). Stress soll beim Radfahren vermieden werden. Damit dies gelingt, sollen die Verkehrssituationen so anspruchslos sein, dass es möglich ist, abzuschalten oder unaufmerksam zu sein. Weniger 86 Diese Anforderung ist nicht alleine auf den Freizeitverkehr beschränkt. 135
Kategoriale Analyse speziell ist die Anforderung, einen gewissen Fahrkomfort beim Radfahren zu haben (Kode 2. Ordnung „Komfort“). Dabei nimmt eine reibungsarme Fahrbahn- oder Wegoberfläche eine zentrale Stellung ein. Jegliches Stören des Fahrflusses wird als weitere Komforteinschränkung empfunden. Eine angenehme Umgebung – ausgedrückt durch den Kode 2. Ordnung „Umgebung“ – ist besonders für Rad Fahrende wichtig, da sie dem Umfeld ungeschützt ausgeliefert sind. Neben einem ruhigen und sauberen Umfeld ist eine abwechslungsreiche (Stadt-)Landschaft wichtig. Unter dem Kode 2. Ordnung „Sozial“ finden sich schließlich Anforderungen, die sich auf das gemeinsame Radfahren beziehen. Insbesondere im Freizeitbereich wird gerne zu mehreren Personen Fahrrad gefahren. Die Möglichkeit, nebeneinander fahren zu können, ist dabei eine wichtige Voraussetzung. Subkategorie Sicherheit Feinkategorie Sichtbarkeit Geschützter Raum Zeitersparnis Erleben Sport Entspannung Komfort Umgebung Sozial (Eigene Darstellung) Tabelle 23: Sub- und Feinkategorien der Anforderungen Rad Fahrender Für die weitere Theoriebildung sollen die Kodes 2. und 3. Ordnung als Fein- bzw. Subkategorien übernommen werden (Tabelle 23). Nicht mit eingehen soll der Kode 3. Ordnung „Mobilität“, da die Sicherstellung der Mobilität mit dem Fahrrad die Basis für alle Rad Fahrenden des Alltagsradverkehrs ist87 und somit allen Rad Fahrenden in etwa gleich wichtig ist. Der 87 Wichtig ist der Kode „Mobilität“ für die Erklärung der Verkehrsmittelwahl. Die Verkehrsmittelwahl ist aber ausdrücklich nicht maßgeblicher Inhalt dieser Arbeit. 136
Anforderungen der Rad Fahrenden Kode „Mobilität“ ist daher vordergründig nicht dafür geeignet, um das Fahrverhalten zu erklären. 8.2.3. Wirkungszusammenhänge der Anforderungen Wie gezeigt, präferieren die Rad Fahrenden unterschiedliche Lösungen. Um den Rad Fahrenden Lösungen anbieten zu können, die allen Rad Fahrenden gerecht werden, sind nicht ihre fertigen Lösungsansätze von entscheidender Bedeutung, sondern die Anforderungen, auf denen ihre Lösungsansätze basieren. Dazu ist es wichtig, diese Anforderungen zu isolieren. Aus der Analyse der Anforderungen heraus, wurde ein Wirkungszusammenhang zwischen den Anforderungen herausgearbeitet, der sich auf drei Stränge reduzieren lässt (vgl. Abbildung 15). Diese Stränge stehen jeweils für eine Gruppe Rad Fahrender und entwickeln sich aus den Subkategorien „Erleben“, „Sicherheit“ und „Zeitersparnis“. Aus den drei Subkategorien können Anforderungen extrahiert werden, die hauptsächlich für die Differenzen in den Anforderungen der Rad Fahrenden verantwortlich sind. Aus den Subkategorien „Sicherheit“ und „Zeitersparnis“ lassen sich als leitende Anforderungen direkt die Anforderungen „Das Ziel sicher erreichen“ (in Abbildung „Sicher“) bzw. „Das Ziel in kurzer Zeit erreichen“ (in Abbildung „Schnell das Ziel erreichen“) ableiten. Aus der Subkategorie „Erleben“ sind zwei Anforderungen leitend, die in den Feinkategorien „Sport“ und „Entspannung“ ihre Entsprechung finden. Sie sind nicht nur eine Anforderung an das Radfahren, sondern gleichzeitig ein Ziel und eine Qualität des Radfahrens. Es sind die leitenden Anforderungen „Radfahren, um Sport zu treiben“ (in Abbildung „Sportlicher Aspekt“) und „Eine entspannte oder entspannende Fahrradfahrt haben“ (in Abbildung „Entspannt“). Beide Anforderungen widersprechen sich im Prinzip nicht. Im Gegenteil, vielen wird die sportliche Betätigung zur Entspannung dienen. Im städtischen Kontext ist eine Verbindung der sportlichen Betätigung mit einer entspannenden Fortbewegung nicht vereinbar. Aus diesem Grund sind sie für den zu zeigenden Wirkungszusammenhang leitend. 137
Kategoriale Analyse (Eigene Darstellung) Abbildung 15: Wirkungszusammenhang zwischen leitenden Anforderungen und der geforderten Infrastruktur 138
Anforderungen der Rad Fahrenden Schnell und sicher das Fahrtziel zu erreichen, ist auf den ersten Blick allen Rad Fahrenden und Verkehrsteilnehmenden wichtig. Der Grad der Wichtigkeit sowie die Art und Weise, wie diese Anforderungen erreicht werden sollen, unterscheiden sich. Die leitende Anforderung „Schnell das Ziel erreichen“, ist bei Personen, die dem zweiten Strang zugeordnet werden können, am stärksten ausgeprägt. Für Personen des dritten Strangs spielt diese Anforderung kaum noch eine Rolle. Ihnen ist es viel wichtiger, sicher und entspannt ihr Fahrtziel zu erreichen. Auch die Personen des ersten Strangs wollen ihr Fahrtziel mit größtmöglicher Sicherheit erreichen. Dennoch überwiegen bei ihnen der sportliche Aspekt und die Anforderung, schnell ihr Fahrtziel zu erreichen. Dafür nehmen sie ein erhöhtes Risiko in Kauf. Die leitenden Anforderungen führen zu unterschiedlichen Fahrgeschwindigkeiten der Rad Fahrenden. Das Radfahren als Sport zu betreiben, sollte in der Regel eine hohe Fahrgeschwindigkeit mit sich bringen. Mit der Anforderung, das Fahrtziel möglichst schnell zu erreichen, gehen ebenfalls hohe Fahrgeschwindigkeiten einher, wenn sie auch niedriger sein sollten als bei sportlicher Intention. Das Fahrtziel sicher zu erreichen, ist für alle Rad Fahrenden wichtig. Allerdings wirkt sich diese leitende Anforderung unterschiedlich stark auf die Fahrgeschwindigkeiten der Rad Fahrenden aus. Ist das Sicherheitsbedürfnis ausgeprägter, wird auch die Durchschnittsgeschwindigkeit geringer sein. Die vierte leitende Anforderung der entspannten Fahrradfahrt ist vor allem durch eine geringe Fahrgeschwindigkeit zu erreichen. Dies trifft vor allem auf Fahrten im städtischen Umfeld zu, da hier eine stärkere Konzentration auf den Verkehr notwendig ist. Die Notwendigkeit der Konzentration nimmt mit der Fahrgeschwindigkeit zu. In Abhängigkeit von der Geschwindigkeit ergeben sich unterschiedliche Differenzgeschwindigkeiten zum Fuß- oder Kfz-Verkehr. Bei niedrigem eigenen Tempo haben die Rad Fahrenden das Gefühl, der Geschwindigkeit der zu Fuß Gehenden nah zu kommen (vgl. AHf: 225). Die Differenzgeschwindigkeit zum Kfz-Verkehr ist dann dementsprechend höher. Fahren langsame Rad Fahrende auf der Fahrbahn, werden sie mit höherem Tempo und öfter von Kraftfahrzeugen überholt als schnell fahrende Rad Fahrende. Ist die Geschwindigkeit der Rad Fahrenden hoch, entsteht der Eindruck, am Verkehrsfluss des Kraftfahrzeugverkehrs teilnehmen zu können (vgl. Xm: 249). Dieser Effekt wird bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h stärker (vgl. Qm: 392). Aufgrund der unterschiedlichen Höhe der Differenzgeschwindigkeiten werden die Gefahren anders empfunden. Vor allem auf langsam fahrende 139
Kategoriale Analyse Rad Fahrende wirkt der Kfz-Verkehr bedrohlicher als der Fußverkehr (vgl. ADm: 392). Dies trifft vor allem dann zu, wenn das Kfz-Aufkommen sehr hoch ist (vgl. Mf 261), ein hoher Schwerverkehrsanteil besteht (vgl. Jf: 210) oder Kraftfahrzeuge dicht überholen (vgl. AEf: 62). Demgegenüber fürchten einige der schnell fahrenden Rad Fahrenden eher einen Zusammenstoß mit zu Fuß Gehenden (vgl. AFm: 48). Eine Erklärung ist, dass die Wahrscheinlichkeit, mit zu Fuß Gehenden zu kollidieren, mit höherer Geschwindigkeit steigt (vgl. Zm: 196). Zudem ist mit einer größeren Unfallschwere zu rechnen. Je höher die Geschwindigkeit der Rad Fahrenden, desto schlechter können sie querenden zu Fuß Gehenden ausweichen oder rechtzeitig bremsen. Um Konflikte mit dem Kfz-Verkehr zu vermeiden, ziehen die Rad Fahrenden verschiedene Konsequenzen. Diese sind den Feinkategorien „Sicherheit“ und „Geschützter Raum“ der Subkategorie „Sicherheit“ zugeordnet. Bei den schnell fahrenden Rad Fahrenden überwiegt die Ansicht, dass gute Sichtbeziehungen zwischen dem Kfz- und Radverkehr maßgeblich für eine hohe Verkehrssicherheit sind. Befindet sich die Radverkehrsanlage im Seitenraum, fürchten sie von abbiegenden Kfz-Fahrenden übersehen zu werden (vgl. Qm: 352). Demgegenüber präferieren eher langsam fahrende Rad Fahrende das Fahren in einem möglichst großen Abstand zum KfzVerkehr, quasi in einem eigenen nur für Rad Fahrende vorgesehenen geschützten Raum. Für viele Rad Fahrende sind die hohe Masse eines Kraftfahrzeugs und die fehlende eigene Knautschzone Grund für die Anforderung, einen möglichst großen Abstand zum Kfz-Verkehr zu wahren. Die Rad Fahrenden fühlen sich im Konfliktfall unterlegen (vgl. AHf: 221). Zudem erhöhe sich bei einem geringen Abstand zum Kfz-Verkehr die Unfallwahrscheinlichkeit, weil dicht vorbeifahrende Kraftfahrzeuge Rad Fahrende umreißen könnten (vgl. ebd.). Die Gefahr einer Kollision mit abbiegenden Kraftfahrzeugen wird im Vergleich dazu entweder ausgeblendet, oder es wird besonders vorsichtig agiert, indem die Kfz-Fahrenden beobachtet werden (vgl. AIf: 112), die Rad Fahrenden bereits vor dem Knoten abbremsen (vgl. Kf: 57) oder im Extremfall sogar anhalten und auf den eigenen Vorrang verzichten (vgl. AEf: 142). Hinsichtlich des Fußverkehrs fordern die schnell fahrenden Rad Fahrenden einen möglichst großen Abstand zum Fußverkehr (vgl. AFm: 46). Diesen ebenfalls als geschützten Raum anderer Art zu bezeichnenden Platz finden sie auf der Fahrbahn. Einen gegenüber zu Fuß Gehenden geschützten Raum fordern auch langsame Rad Fahrende. Den Hauptkonflikt sehen sie aber mit dem Kfz-Verkehr (vgl. ADm: 392). Gegenüber dem Fußverkehr 140
Anforderungen der Rad Fahrenden hilft ihnen ihr geringes Tempo, wodurch sie in der Lage sind, relativ schnell anhalten zu können. Dieses Tempo reduzieren sie oft noch, wenn zu Fuß Gehende in der Nähe sind (vgl. Jf: 182). Falls es dennoch zu einer Kollision kommt, wird die Gefahr einer eigenen schwerwiegenden Verletzung als geringer eingeschätzt, als bei einer Kollision mit einem Kraftfahrzeug (vgl. Lf: 283). Rad Fahrende, die mit eher mittlerer Geschwindigkeit unterwegs sind, kombinieren die beiden Anforderungen. Sie setzen sich für gute Sichtbeziehungen ein und fordern gleichzeitig einen möglichst großen Abstand zum Kfz-Verkehr. Die Zuordnung der Infrastrukturlösungen Fahrbahn,88 Radfahrstreifen und Radweg zu den drei Strängen komplettiert die dargestellten Wirkungszusammenhänge innerhalb der Grobkategorie „Anforderungen“. Weitere mit den Feinkategorien „Sichtbarkeit“ und „Geschützter Raum“ verbundene Anforderungen sind in Tabelle 24 dargestellt. Damit werden die unterschiedlichen Sichtweisen und ihre Auswirkungen unterstrichen. Rad Fahrende, die auf Sichtbarkeit besonderen Wert legen, bevorzugen, wie oben bereits hergeleitet, das Fahren auf der Fahrbahn im Mischverkehr. Dazu gehört es, im Verkehr mitzuschwimmen und wie selbstverständlich alle Fahrstreifen mitzubenutzen. Zum Beispiel wird an größeren Knotenpunkten direkt links abgebogen und – sofern vorhanden – der Linksabbiegefahrstreifen genutzt. Straßenbegleitende Radwege werden aufgrund der oft schlechten Sichtbeziehungen zum Kfz-Verkehr generell abgelehnt. Sind straßenbegleitende Radwege vorhanden, wird von den Kfz-Fahrenden gegenüber den trotz des vorhandenen Radwegs auf der Fahrbahn fahrenden Rad Fahrenden oft wenig Rücksicht genommen. Insbesondere der Sicherheitsabstand wird von den Kfz-Fahrenden dann häufig nicht eingehalten (vgl. Xm: 453 und Zm: 93). Daher sollte es nach Meinung einiger dieser Rad Fahrenden nach Möglichkeit keine straßenbegleitenden Radwege geben (vgl. ACm: 164). 88 Die Fahrbahn steht hier für den Kode/die Anforderung, im Mischverkehr mit dem KfzVerkehr unterwegs sein zu wollen. 141
Kategoriale Analyse Sichtbarkeit Stufe/ Kode Nr. (Kode-Kürzel: Name) 8a ASiS: Sichtbarkeit, sehen und gesehen werden Geschützter Raum Stufe/ Kode Nr. (Kode-Kürzel: Name) 7a APG: Geschützter Raum 8b 10 b AAbD: Direktes Abbiegen 10 a 10 g 11 p ALsG: LSA: Signalisierung zusammen mit Kfz 11 m 12 d AMv: Fahrbahnnutzung, Mischverkehr AHs: Hauptstraße, insbesondere wegen Vorfahrtberechtigung 12 a ASa: Sicherheitsabstand zu anderen Verkehrsteilnehmenden AFü: Führung des Verkehrs, Zuweisung von Flächen und Wegen AAbI: Indirektes Abbiegen AEb: Eigener Bereich für Rad Fahrende, für alle erkennbar ALsE: Lichtsignalanlagen (LSA): Eigene Radfahrersignale ARv: Radverkehrsanlage 10 c AHk: Keine Hauptstraßen 12 b AGw, ARvK: Freigabe von Gehwegen für den Radverkehr, separierte Geh-/Radwege ARvH, ARvR: straßenbegleitende und separierte Radwege 8d 12 f 13 b ARvVH: Verzicht auf Radwege 13 c (Eigene Darstellung) Tabelle 24: Sichtbarkeit und geschützter Raum und ihnen zuordenbare Kodes Für Rad Fahrende, die für sich einen geschützten Raum einfordern, bedeutet – wie bereits ausgeführt – ein großer Abstand zum motorisierten Verkehr größtmögliche Sicherheit. Für stark vom Kfz-Verkehr belastete Straßen, vor allem Hauptverkehrsstraßen, fordern sie Radverkehrsanlagen. Diese sollen möglichst in Form von Radwegen bereitgestellt werden. Ist dies 142
Anforderungen der Rad Fahrenden nicht möglich, fordern einige die Freigabe der Gehwege für den Radverkehr. Radfahrstreifen sind ihnen teilweise ebenfalls zu nah am Kfz-Verkehr. Zudem begrüßen sie eine eigenständige Lichtsignalregelung für den Radverkehr und wünschen eine sichere Führung für das Linksabbiegen. Dabei wird das indirekte Linksabbiegen dem direkten Linksabbiegen (vgl. Wm: 173) oder einer Führung über Radfahrstreifen in Mittellage (vgl. Pm: 184) vorgezogen. 8.2.4. Bewertung des Infrastrukturangebots In diesem Kapitel sollen zunächst die unterschiedlichen Bewertungen für die in Berlin am häufigsten vorzufindenden Infrastrukturlösungen Radfahrstreifen und Radweg erläutert werden, da diese von den Rad Fahrenden besonders kontrovers diskutiert werden. Im Anschluss daran wird kurz dargestellt, wie andere Lösungen bewertet werden. Die drei im vorherigen Kapitel dargestellten Stränge sind wesentlich, wenn es darum geht, die Gründe für die Bevorzugung unterschiedlicher Infrastrukturlösungen zu erklären. Die Unterschiede zwischen Radfahrstreifen und Radwegen sind nicht nur anhand der Feinkategorien „Sichtbarkeit“ und „Geschützter Raum“ festzumachen. Weitere Unterschiede werden deutlich, wenn die Verknüpfungen innerhalb des Anforderungsgefüges betrachtet werden.89 Bei dem Vergleich der Verknüpfungen fällt zunächst auf, dass einige Anforderungen bei beiden Infrastrukturlösungen genannt werden. Darüber hinaus gibt es die Anforderungen „Räumdienst“ und „Sichtbarkeit“, die die Infrastrukturlösung Radfahrstreifen begründen, während sie bei der Radverkehrsanlage Radweg ein Erfordernis, also eine Bedingung darstellen. Das heißt, der Radweg ist nur dann eine akzeptable Lösung, wenn er gut von zum Beispiel rechtsabbiegenden Kfz eingesehen werden kann. Mit der Anforderung „Räumdienst“ ist die Beseitigung von Schnee, Eis und Laub gemeint. Rad Fahrende gehen davon aus, das Radfahrstreifen aufgrund ihrer Lage auf der Fahrbahn schneller von Schnee, Eis und Laub geräumt werden als Radwege. Ein Räumdienst ist wiederum die Voraussetzung, um einen Radweg sicher nutzen zu können. Ähnliches gilt für die Sichtbarkeit, die sowohl das 89 Im Anhang 6-3 werden Ausschnitte des Anforderungsgefüges für Radfahrstreifen und Radwege dargestellt, die jeweils alle, von den Interviewten direkt mit den Radfahrstreifen und Radwegen in Zusammenhang gebrachten, Anforderungen zeigen. 143
Kategoriale Analyse Gesehen werden durch die Kfz-Nutzenden meint, als auch das Sehen können anderer Verkehrsteilnehmender. Radfahrstreifen gelten als Garant für eine gute Sichtbeziehung zwischen Kfz-Nutzenden und Rad Fahrenden. Radwege gelten hingegen nur als gut und sicher, wenn auch sie diese Bedingung erfüllen. Es gibt aber auch Anforderungen, die beide Radverkehrsanlagentypen begründen, aber etwas Unterschiedliches meinen. Anhand der Anforderung „Wenig Störungen auf der Strecke“ soll dies verdeutlicht werden. Beim Radfahrstreifen wird die geringe Störanfälligkeit durch zu Fuß Gehende betont. Demgegenüber wird bei den Radwegen hervorgehoben, dass hier keine oder weniger Störungen durch abgestellte Kraftfahrzeuge auftreten. Im Folgenden sollen die Begründungen und Erfordernisse je Radverkehrsanlage näher dargestellt werden. Radfahrstreifen funktionieren vor allem dann gut, wenn sie weitestgehend frei von abgestellten Kfz sind, hier ausgedrückt durch die Anforderung „Regeln durchsetzen“, wenn sie ausreichend breit sind und sich kein Parkstreifen neben dem Radfahrstreifen befindet. Radfahrstreifen werden von Rad Fahrenden bevorzugt, weil sie geräumt werden und auch sonst wenige Störungen, verursacht zum Beispiel durch zu Fuß Gehende, auftreten. Unter anderem aufgrund der geringen Störanfälligkeit kommen Rad Fahrende auf Radfahrstreifen zügig voran. Durch den gegebenen Sicherheitsabstand, der in der Regel geraderen Führung und der Möglichkeit, Hindernissen über den Kfz-Fahrstreifen auszuweichen, können Rad Fahrende mit einer höheren Geschwindigkeit auf den Radfahrstreifen fahren als auf einem Radweg. Im Gegensatz zu vielen Radwegen besteht die Oberfläche von Radfahrstreifen aus Asphalt. Aufgrund der glatten Oberfläche ist nicht nur eine höhere Geschwindigkeit möglich, auch der Fahrkomfort ist dadurch besser. Aufgrund der Lage der Radfahrstreifen auf der Fahrbahn, fühlen sich Rad Fahrende gegenüber den Kfz-Nutzenden gleichberechtigt. Vor allem wegen der guten Sichtbeziehungen zum KfzVerkehr – die Konflikte an Knotenpunkten sowie an Ein- und Ausfahrten werden reduziert – fühlen sich viele Rad Fahrende auf Radfahrstreifen sicher. Radwege werden dann besonders gut angenommen, wenn sie im Winter und Herbst geräumt werden, wenn die Sichtbeziehungen zum Kraftfahrzeugverkehr nicht zum Beispiel durch parkende Kraftfahrzeuge eingeschränkt sind und wenn die Wege sowie die Sicherheitsstreifen zu parkenden Kraftfahrzeugen und zum Gehweg ausreichend breit sind. Ein Belag in gutem Zustand, möglichst aus Asphalt, ist wichtig. Radwege erfordern aber 144
Anforderungen der Rad Fahrenden auch eine gewisse Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmenden, insbesondere zwischen Gehenden und Rad Fahrenden. An Radwegen wird vor allem der räumliche Abstand zum Kfz-Verkehr geschätzt. Dadurch ist die Luft weniger direkt mit Abgasen belastet. Bei Regen werden Rad Fahrende weniger oft von Kraftfahrzeugen nass gespritzt. Auch die Störungen durch abgestellte Kraftfahrzeuge fallen geringer aus. Radwege geben den Rad Fahrenden Raum und einen eigenen Bereich, der für sie reserviert ist. Dadurch fühlen sie sich gleichberechtigt und akzeptiert. Auf Radwegen fühlen sich Rad Fahrende weniger gestresst und haben das Gefühl, auch mal unaufmerksam sein zu können. Hier trauen sie sich stärker zu, auch schwer beladen oder unter Alkoholeinfluss o. ä. am Verkehr teilnehmen zu können. Vor allem wegen des Sicherheitsabstands zum KfzVerkehr fühlen sich einige Rad Fahrende auf dem Radweg sicherer. Der Vergleich zeigt, dass vor allem bauliche Umsetzungen und eventuelle Störungen die Bewertungen der Lösungen beeinflussen. Neben den bereits behandelten Infrastrukturangeboten haben sich weitere Lösungen etabliert. Die Frage ist, wie diese Radverkehrslösungen von den Rad Fahrenden bewertet werden. Im Folgenden werden die verschiedenen Lösungen anhand der Bewertungen der Interviewten in eine Reihung gebracht. Abbildung 16 verdeutlicht diese Reihung. Die Reihung beginnt mit den Rad Fahrenden, die zum schnellen Vorwärtskommen das Fahren auf Vorfahrtstraßen ohne Radverkehrsanlagen bevorzugen. Auf der anderen Seite der Reihe stehen die Rad Fahrenden, die – wenn kein Radweg möglich ist – für die Freigabe des Gehwegs für den Radverkehr votieren. Zwischen diesen beiden Extremen lassen sich die anderen Infrastrukturlösungen einordnen. Dabei ist zu beachten, dass Schutzstreifen, Fahrradstraßen oder für Rad Fahrende freigegebene Bussonderfahrstreifen von den Interviewten selten als präferierte Lösungen genannt werden. Diese Lösungen sind den Rad Fahrenden wenig präsent oder unbekannt.90 Bussonderfahrstreifen sind vor allem im Westteil Berlins verbreitet. Für Fahrradstraßen gibt es nur zwei den Interviewten bekannte Beispiele, die Linienstraße in Mitte und die Bergmannstraße in Kreuzberg. Zudem scheint die Unterscheidung zwischen Radfahrstreifen und Schutzstreifen theoreti- 90 Während der Interviews wurde frühzeitig deutlich, ob den Interviewten die Infrastrukturlösungen und die damit verbundenen Regelungen bekannt sind. Unbekannte Lösungen oder Regelungen wurden bei Bedarf vom Interviewer erklärt. 145
Kategoriale Analyse scher Natur zu sein. Nur eine Interviewte – selbst Verkehrsplanerin – machte einen Unterschied zwischen Radfahr- und Schutzstreifen.91 Bevorzugte Infrastruktur Separation Mischverkehr (extrem: Vorfahrtstraße) Radfahrstreifen Radweg (extrem: Gehweg) Schutzstreifen Fahrradstraße Bussonderfahrstreifen, Radverkehr frei (Eigene Darstellung) Abbildung 16: Reihung der Straßeninfrastruktur nach den Bewertungen der Rad Fahrenden – Prinzipskizze 91 Die in Berlin auf der Fahrbahn vorwiegend vorzufindenden Radverkehrsanlagen können visuell weder den Schutz- noch den Radfahrstreifen eindeutig zugeordnet werden. Rein rechtlich funktionieren sie eher wie Schutzstreifen, d. h. das Befahren und Halten mit Kfz ist erlaubt. Trotzdem sind sie oft mit unterbrochenem Breitstrich anstatt mit Schmalstrich markiert. Die Breite der Angebotsstreifen ist an den Vorgaben für Radfahrstreifen orientiert. Zudem sind die parallel verlaufenden Fahrstreifen für den Kfz-Verkehr so breit, dass ein Befahren der Streifen zum Ausweichen aufgrund von Gegenverkehr nicht notwendig ist. Von den Interviewten werden sie allerdings als Radfahrstreifen bzw. als „Radweg auf der Fahrbahn“ wahrgenommen. Der Einfachheit halber bezeichne ich die Berliner Radstreifen weiterhin als Radfahrstreifen. 146
Anforderungen der Rad Fahrenden Die drei Lösungen Schutzstreifen, Fahrradstraße und für Rad Fahrende freigegebene Bussonderfahrstreifen sind Lösungen des Mischverkehrs. Schutzstreifen gehören zum Mischverkehr, da sie den Rad Fahrenden zwar einen Schutzraum bieten, aber von Kraftfahrzeugen zum Ausweichen genutzt werden dürfen.92 Fahrradstraßen sind in Berlin für den Anliegerverkehr freigegeben. Viele Interviewte beklagen den starken Kfz-Verkehr in den Fahrradstraßen. Dennoch werden die Fahrradstraßen von allen Rad Fahrenden gerne genutzt, wenn sie bestimmten Standards93 genügen. Bussonderfahrstreifen dürfen neben Linienbussen in der Regel auch von Taxen und Krankentransportern, seltener von Lastkraftwagen und Bussen im Gelegenheitsverkehr, genutzt werden. Zudem gelten sie oft nur für eine bestimmte Tageszeit. Daher werden Bussonderfahrstreifen eher von Personen, die bevorzugt im Mischverkehr unterwegs sind, gerne genutzt. 8.2.5. Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns Anhand des Anforderungsgefüges kann nachgewiesen werden, welche Anforderungen der Rad Fahrenden hinter den von den Rad Fahrenden präferierten Infrastrukturlösungen stehen. Die stärksten Widersprüche innerhalb des Gefüges lassen sich auf drei wesentliche Stränge innerhalb des Wirkungszusammenhangs zurückführen. Die Sub- und Feinkategorien mit dem größten Einfluss auf diese Stränge sind  Sicherheit,  Zeitersparnis,  Erleben – Sport und  Erleben – Entspannung. Aus diesen vier Kategorien ergeben sich die Stränge  Sportlich und mit hoher Fahrgeschwindigkeit fahren können; dabei schnelles und sicheres Erreichen des Ziels.  Schnelles und sicheres Erreichen des Ziels, das eine mittlere Geschwindigkeit zur Folge hat. 92 93 Der Schutzstreifen ist laut VwV-StVO, zu § 2, Absatz 4, Satz 2 der StVO, Absätze 3 bis 5, kein Sonderweg für Rad Fahrende, wie es zum Beispiel der Radfahrstreifen ist. Der Schutzstreifen ist ein markierter Teil der Fahrbahn und gilt somit als eine Verkehrsanlage des Mischverkehrs (vgl. auch FGSV 2010: 22). Einzuhaltende Standards sind beispielsweise eine ausreichende Breite, Vorfahrt an Knotenpunkten und die Vermeidung von Störungen durch Parken in zweiter Reihe. 147
Kategoriale Analyse  Entspannt und sicher fahren können. Die Fahrgeschwindigkeit ist dabei nebensächlich. Aus diesen ursprünglichen Anforderungen erwachsen Anforderungen zur Wahrung der eigenen Sicherheit, die in den Feinkategorien „Sichtbarkeit“ und „Geschützter Raum“ ihren Ausdruck finden. Die aus den ursprünglichen Anforderungen resultierenden drei Stränge werden als Grundlage für die Typengenerierung dienen. 8.3. Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender In den Interviews wurde gezielt nach den Erfahrungen der Rad Fahrenden gefragt. Dabei sollten die Interviewten auf ihre Erfahrungen mit der Polizei, mit Unfällen, mit anderen Verkehrsteilnehmenden und den aus ihren Erfahrungen resultierenden Konsequenzen eingehen (vgl. Block 2 des Interviewleitfadens, Anhang A-1). Bei den Erzählungen der Rad Fahrenden nehmen die negativen Erfahrungen viel Raum ein. Sie sind um ein vielfaches häufiger Thema als positive Erfahrungen. Eine Ursache ist sicherlich, dass vornehmlich nach Konflikten gefragt wird. Möglicherweise spielen aber auch negative Erfahrungen in den Erzählungen eine größere Rolle, da konflikthafte Erlebnisse mit einer höheren emotionalen Intensität erlebt werden. An Erlebnisse mit einer hohen emotionalen Intensität kann sich besser erinnert werden (vgl. Schneider 1992: 440). Ob positive oder negative Erfahrungen häufiger sind, wird von den Interviewten unterschiedlich eingeschätzt. Für die einen überwiegen die negativen Erfahrungen (vgl. Sf: 34), für die anderen sind die positiven Erfahrungen in der Überzahl (Aaf sieht 80 % positive Erfahrungen, vgl. Aaf: 54). Eine ähnliche Diskrepanz gibt es bei der Einschätzung der KfzFahrenden. Diese reicht von Krieg auf den Straßen (vgl. Pm: 61) und der Einschätzung, dass der überwiegende Teil der Kfz-Fahrenden tolerant sei (vgl. AFm: 46) oder sich gut auf den Radverkehr eingestellt hätte (vgl. Xm: 205). Letztlich scheint die Tendenz bei den Alltags-Rad-Fahrenden eher zum Positiven zu gehen. Darauf deuten zumindest die zahlreich erwähnten Qualitäten hin, die dem Radfahren zugeschrieben werden. Eine tiefergehende Analyse der positiven Erfahrungen lässt die geringe Dichte des betreffenden Materials nicht zu. Daher sollen die positiven Erfahrungen innerhalb dieser Arbeit nicht näher betrachtet werden. Die negativen Erfahrungen lassen sich in Konflikte aufgrund der Verkehrsinfrastruktur, Konflikte mit Polizei und Ordnungsamt, Konflikte mit 148
Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender anderen Verkehrsteilnehmenden oder in Unfälle einteilen. Die Unfälle sind als Extremfall eines Konflikts bei den Konflikten enthalten, werden aber zusätzlich separat betrachtet. Da die negativen Erfahrungen sich vornehmlich auf Konflikte beziehen, sollen diese im weiteren Verlauf der Arbeit als Konflikterfahrungen bezeichnet werden. 8.3.1. Konflikte aufgrund der Verkehrsinfrastruktur Konflikterfahrungen gibt es zu allen Arten der Radverkehrsführung. Dabei handelt es sich vor allem um schlecht umgesetzte oder ungenügend gewartete Verkehrsführungen. Zu den schlecht umgesetzten Verkehrsführungen gehören sowohl mangelhafte Planungen als auch schlechte Bauausführungen. In diesem Abschnitt soll auf die Konflikte nur kurz eingegangen werden, da sich die Konflikte in den Anforderungen widerspiegeln, auf die bereits im Kapitel 8.2 ausführlich eingegangen wird. Besonders häufig werden die Führungen Radweg und Radfahrstreifen 94 kritisiert. Aus diesem Grund werden die wichtigsten Konfliktpunkte der beiden Führungsformen mit ihren ursächlichen Bedingungen kurz aufgelistet (vgl. Tabelle 25 bzw. Tabelle 26). Deutlich wird, dass bei den Radwegen vor allem Konflikte mit zu Fuß Gehenden und rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen von Bedeutung sind. Hinsichtlich des Komforts wird in erster Linie der bauliche Zustand der Radwege beklagt. Bezüglich der Radfahrstreifen wird vor allem über Probleme mit dem Kfz-Verkehr berichtet. Größte Ärgernisse sind dabei das Parken und Halten von Kraftfahrzeugen auf Radfahrstreifen und die Angst vor unachtsam geöffneten Kfz-Türen. 94 In der Regel unterscheiden die Rad Fahrenden nicht zwischen Radfahr- und Schutzstreifen nach StVO 2013 (wobei der Radfahrstreifen nach § 2 sowie Zeichen 237 zu den Radwegen gezählt wird; der Schutzstreifen findet bei Zeichen 340 „Leitlinie“ Erwähnung) und den in Berlin abweichend von der StVO oft mit einem Breitstrich markierten Schutzstreifen. 149
Kategoriale Analyse Konflikt Selbstgefährdung/ Komfort/ Geschwindigkeit Zu Fuß Gehende: Auf Radwegen Zu Fuß Gehende: Auf Gehwegen Kfz: Rechtsabbiegende Kfz an Ausfahrten und Kreuzungen Kfz: Aufstehende Türen Kfz: Bedrohung der auf der Fahrbahn fahrenden Rad Fahrenden Rad Fahrende: in falscher Richtung entgegenkommend Rad Fahrende: langsam und mittig fahrend Ursache Kante zwischen Rad- und Gehweg Belagsqualität – Material, Pflasterung Belagsqualität – Instandhaltung: Aufbrüche, Löcher, Wurzeln Hindernisse – Schnee, Eis, Kfz, Müll, Glasscherben, hineinragendes Geäst Geringe lichte Breite: Einbauten, Abgrenzungen zu Baumscheiben Geringe Kurvenradien, hohe Anzahl Verschwenkungen Unterbrechungen durch Baustellen Schlecht wahrnehmbare Abgrenzung zu Gehwegen Hochfrequentierte Gehwege, z. T. mit Touristen Schmale Gehwege Nähe zu Bushaltestellen und UBahneingängen Ausweichen auf Gehweg wegen abgestellter Kfz oder anderen Hindernissen Schlechte Sichtbeziehungen zwischen Kfz- und Rad Fahrenden Führung rechts vom Kfz-Verkehr Geringe Breite des Sicherheitsstreifens zwischen parkenden Kfz und Radweg Geringe lichte oder gebaute Breite Geringe lichte oder gebaute Breite (Eigene Darstellung) Tabelle 25: Durch Radwege ausgelöste Konflikte und ihre Ursachen 150
Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender Konflikt Kfz: Aufstehende Türen Kfz: Rechtsabbiegende Kfz in Kreisverkehren und an Kreuzungen Kfz: Mitbenutzung der Radfahrstreifen Kfz: Vorbeifahren mit geringem Abstand zum Rad Fahrenden Kfz: Fahrbahn mit Kfz teilen müssen Kfz: Sanktionen gegenüber den auf der Fahrbahn fahrenden Rad Fahrenden Kfz: Ein- und ausparkende Kfz Selbstgefährdung/Komfort Zu Fuß Gehende: plötzlich zwischen parkenden Kfz heraustretend Ursache Geringe Breite des Sicherheits- oder Radfahrstreifens Parkstreifen rechts oder links vom Radfahrstreifen Führung rechts vom Kfz-Verkehr Schlechte Sichtbeziehungen zwischen Kfz- und Rad Fahrenden (toter Winkel) Geringe Breite des Radfahrstreifens Plötzliches Ende des Radfahrstreifens Hindernisse, insbesondere Kfz machen Ausweichen auf Fahrbahn notwendig Geringe Breite des Sicherheits- oder Radfahrstreifens – Rad Fahrende fahren links vom Radfahrstreifen, aus Sorge um plötzlich öffnende Autotüren Parkstreifen rechts vom Radfahrstreifen, insbesondere bei Schräg- oder Senkrechtaufstellung Belagsqualität Hindernisse – Kfz Indirektes Linksabbiegen durch Pflicht, Furten zu nutzen Schlechte Sichtbeziehungen zwischen Gehenden und Rad Fahrenden Geringe Breite des Sicherheitsstreifens (Eigene Darstellung) Tabelle 26: Durch Radfahrstreifen ausgelöste Konflikte und ihre Ursachen Auf der Strecke zwischen den Knotenpunkten gibt es je nach Führungsform unterschiedliche Störungen. Während bei Radwegen Konflikte mit Rad Fahrenden und zu Fuß Gehenden drohen, wird bei Radfahrstreifen vor allem von Konflikten mit Kfz-Fahrenden berichtet. Dabei ist zu beachten, dass bei den Radfahrstreifen über weniger Konflikte als bei den Radwegen geklagt 151
Kategoriale Analyse wird. Der Belag der Radwege ist in der Regel schlechter. Ein Grund ist u. a. das hohe Alter der Radwege. Sie entsprechen hinsichtlich Belag, Führung und Breite meist nicht mehr dem heutigen Stand der Technik und sind schlecht gepflegt. Währenddessen wurden in Berlin Radfahrstreifen erst in den letzten Jahren vermehrt angelegt. An den zusammengestellten Konflikten lassen sich die Präferenzen der Rad Fahrenden gut ablesen. Bevorzugt die Fahrbahn nutzende Rad Fahrende kritisieren Radwege besonders heftig sowie mit anderen Schwerpunkten als Rad Fahrende, die lieber im Seitenraum unterwegs sind. 8.3.2. Konflikte mit Polizei und Ordnungsamt Die meisten Interviewten hatten bezüglich des Radfahrens bereits Kontakt mit der Polizei, nur wenige mit dem Ordnungsamt. Dabei führten die wenigsten Kontakte zu einer Sanktionierung. Besonders oft wird von Schwerpunktkontrollen, bei denen die StVZO-gerechte Ausstattung der Fahrräder (Licht, Reflektoren und Bremsen) oder die Rahmennummer kontrolliert wurde, berichtet. Außerhalb der Schwerpunktkontrollen wurden insbesondere das Fahren auf Geh- oder Parkwegen oder Rotlichtverstöße beanstandet. Bemerkenswert ist, dass die Polizei es meist bei einer Ermahnung belassen hat. Teilweise sollten Rad Fahrende ohne Licht ihr Fahrrad nach Hause schieben oder die Rad Fahrenden wurden aufgefordert, ihr gemäß StVZO nachgerüstetes Fahrrad binnen zehn Tagen vorzuführen. Einige Befragte halten die Berliner Polizei für besonders großzügig und sprachen von überwiegend positiven Erfahrungen. Das Ordnungsamt wurde auf Geh- und Parkwegen aktiv und hat stets ein Ordnungsgeld ausgesprochen. Dabei hatten einige Interviewte das Gefühl, dass die Falschen belangt werden oder äußerten die Sorge, abkassiert zu werden. Diese Einschätzung ist an die Art des Regelverstoßes gebunden. Während bei Rotlichtverstößen die Sanktionierung akzeptiert wird, gibt es wenig Verständnis bei der Sanktionierung der Gehwegnutzung. Die Befragten fahren in der Regel nicht gerne auf Gehwegen und weichen meist nur auf diese aus, wenn sie das Fahren auf der Fahrbahn für zu unsicher oder unkomfortabel, z. B. bei Natursteinpflasterbelag, erachten. Also dann, wenn Rad Fahrende bei der Gestaltung des Verkehrsraums nicht berücksichtigt werden. Eine Strafe wird dann als ungerecht oder unverhältnismäßig empfunden. 152
Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender Kritisch sehen die Interviewten die mangelnden Fachkenntnisse einiger Beamtinnen und Beamten. Dies betrifft sowohl Kenntnisse zur Ausstattung der Fahrräder gemäß StVZO als auch Kenntnisse zu einzelnen Verkehrsregeln, wie z. B. die Benutzungspflicht von Radwegen. So kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, wenn Polizeibeamtinnen oder -beamte nicht wissen, dass das Fahren auf nichtbenutzungspflichtigen Radwegen freiwillig ist. Außerdem fühlen sich einige Rad Fahrende von der Polizei nicht ernstgenommen. Es herrscht das Gefühl vor, das Rad Fahrende der Polizei egal seien, sowohl was die Verfolgung der Verstöße der Rad Fahrenden selbst, als auch die Verfolgung von Verstößen, bei denen Rad Fahrende behindert oder gefährdet werden. Letztlich ist der Einfluss der Polizei auf das Fahrverhalten der Rad Fahrenden gering. Am auffälligsten ist die gesteigerte Sensibilität bezüglich des Fahrens ohne Licht und das Vermeiden von Polizeikontakt durch Personen, die besonders häufig Regeln missachten. 8.3.3. Konflikte mit Verkehrsteilnehmenden Es gibt drei wesentliche Gruppen Verkehrsteilnehmender, mit denen Rad Fahrende Konflikte haben können: Kfz-Fahrende – inkl. Taxen, Busse und Lkw – Rad Fahrende und zu Fuß Gehende. Dabei gehen die Einschätzungen, von welcher Gruppe die größte Gefahr ausgeht, auseinander. Meistens wird den Kraftfahrzeugen das größte Gefahrenpotenzial zugesprochen, da hier bei einer Kollision das Verletzungsrisiko am höchsten sei. Zu Fuß Gehende sind aufgrund ihrer Unberechenbarkeit gefürchtet. Einige Befragte ärgern sich über andere Rad Fahrende am meisten. Dabei wird vor allem die Disziplinlosigkeit einiger Rad Fahrender als ein Ärgernis gesehen. In Tabelle 27 werden die Konflikte, die mindestens zehnmal kodiert sind, aufgelistet. Die Konflikte werden gemäß der Häufigkeit der Kodierung in eine Reihung gebracht, wobei mit dem am häufigsten kodierten Konflikt begonnen wird. Da es sich um eine qualitative Untersuchung handelt, wird die Häufigkeit der Kodierungen nicht ausgewiesen. Es soll lediglich ein Eindruck vermittelt werden, welche Bedeutung diese Konflikte für die Befragten haben. In einer anderen Erhebung könnten weitere Konflikte und andere Reihungen auftreten. Die Furcht, mit einem rechtsabbiegenden Kraftfahrzeug zu kollidieren, ist bei den Rad Fahrenden am weitesten verbreitet. Deutlich seltener wird über Konflikterfahrungen mit zu Fuß Gehenden auf Radverkehrsanlagen, Kfz153
Kategoriale Analyse Fahrenden, die zu eng überholen und auf Radverkehrsanlagen abgestellten Fahrzeugen berichtet. Es wird deutlich, dass viele Konflikte, sollte es zu einer Kollision kommen, für Rad Fahrende mit hohem Verletzungsrisiko verbunden sind. Bei einigen Konflikten können Rad Fahrende keine oder nur bedingt Vorsorge treffen, wie z. B. bei zu geringen Überholabständen von Kfz-Fahrenden bzw. unvorhersehbar rechtsabbiegenden Kfz, sich plötzlich öffnenden Autotüren oder unmittelbar den Radweg querenden Personen. Konfliktpartner/in Kfz*-Fahrende Gehende Kfz-Fahrende Kfz-Fahrende Rad Fahrende Kfz-Fahrende Rad Fahrende Kfz-Fahrende Kfz-Fahrende Kfz-Fahrende Kfz-Fahrende Kfz-Fahrende Rad Fahrende Kfz-Fahrende Gehende Lkw-Fahrende Rad Fahrende Konfliktbeschreibung Rechtsabbiegen mit Missachtung des Vorrangs Rad Fahrender Queren von, Stehen auf und Laufen auf Radverkehrsanlagen ohne auf Rad Fahrende zu achten Überholen von Rad Fahrenden mit zu geringem Abstand Parken und Halten auf Radverkehrsanlagen Fahren auf Radverkehrsanlagen entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung Unberechtigtes Anhupen von Rad Fahrenden Missachtung des Rotsignals Öffnen von Autotüren ohne den (Rad-)Verkehr zu beachten Belehrung von Rad Fahrenden mit gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr: enges Überholen, Schneiden usw. (Sanktionierung) Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit Missachtung der Vorfahrt Rad Fahrenden nicht die Möglichkeit geben, den Fahrstreifen zu wechseln, z. B. um Hindernissen auszuweichen Fahren auf Gehwegen, Fußgängerüberwegen oder furten, oft im Zusammenhang mit gegenüber zu Fuß Gehenden rücksichtslosem Fahren Schneiden von Rad Fahrenden, z. B. bei Fahrbahneinengungen Hunde auf dem Radweg oder Wegen in Parkanlagen Als besonderes Gefahrenpotenzial wahrgenommen Als Hindernis wahrgenommen, wenn z. B. sehr langsam fahrend und schlechten Überholmöglichkeiten 154
Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender Konfliktpartner/in Rad Fahrende Rad Fahrende Konfliktbeschreibung Fahren ohne Licht Verbales Belästigen von anderen Verkehrsteilnehmenden Rad Fahrende Nicht auf andere Verkehrsteilnehmende achtend Taxi Fahrende Besonders auffällig, z. B. wegen aggressiven Fahrens * beinhaltet Pkw, Lkw, Busse und Taxen (Eigene Darstellung) Tabelle 27: Konflikte mit Verkehrsteilnehmenden Die Wirkung der Konflikte auf das Verhalten der Rad Fahrenden ist abhängig von der Einschätzung der Rad Fahrenden, ob der Konflikt auf ein Fehlverhalten der Konfliktgegner oder -gegnerinnen beruht. Wird der Konflikt auf ein Fehlverhalten zurückgeführt, stellt sich die Frage, ob das Fehlverhalten einer Absicht unterlag. Dabei ist die persönliche Einschätzung der Rad Fahrenden leitend und weniger die tatsächliche Absicht der z. B. KfzFahrenden.95 Die Rad Fahrenden nehmen das Fehlverhalten auf drei Arten wahr:  Die oder der Kfz-Fahrende will die oder den Rad Fahrenden sanktionieren.  Die oder der Kfz-Fahrende ist auf ihren oder seinen Vorteil bedacht und verhält sich rücksichtslos.  Die oder der Kfz-Fahrende macht einen Fehler: Ausführungsfehler, Planungsfehler, unbeabsichtigten Fehler oder einen Verstoß aus Unkenntnis.96 Diese Einteilung soll am Beispiel des geringen Überholabstands genauer erläutert werden. Beim ersten Fall wird kein ausreichender Sicherheitsabstand eingehalten, um der oder dem Rad Fahrenden zu zeigen, dass sie oder er auf der Fahrbahn unerwünscht ist. Das Verhalten der oder des Rad Fah95 96 Dies trifft auch auf andere Verkehrsteilnehmende, wie zu Fuß Gehende oder Rad Fahrende, zu. Der Kraftfahrzeug-Fahrende soll hier lediglich als Beispiel dienen. Nach Reason (vgl. Reason 1994: 27 f.) lässt sich das Fehlverhalten, das auf eine beabsichtigte Handlung beruht, in drei Kategorien einteilen: Verstoß (gegenüber Regeln oder normativem Verhalten), Planungsfehler (geplante Handlung führt nicht zum beabsichtigten Resultat) und Ausführungsfehler (ausgeführte Handlung weicht von der geplanten Handlung ab). Unbeabsichtigtes Fehlverhalten ist auf ein Mangel an Aufmerksamkeit zurückzuführen. 155
Kategoriale Analyse renden wird sanktioniert. Im zweiten Fall wird eng an der oder dem Rad Fahrenden vorbei gefahren, da der Platz zum Überholen mit ausreichendem Seitenabstand fehlt. Anstatt hinter der oder dem Rad Fahrenden zu bleiben, wird dennoch überholt. Es wird bewusst gegen eine Regel verstoßen, um sich selbst einen Zeitvorteil zu verschaffen. Zum dritten Fall gehört der Verstoß aus Regelunkenntnis. Hier fährt die oder der Kfz-Fahrende mit Absicht dicht an der oder dem Rad Fahrenden vorbei, da ihm die Regel, genügend Abstand halten zu müssen, nicht bekannt ist. Ein unbeabsichtigter Fehler wäre es, wenn die oder der Kfz-Fahrende die oder den Rad Fahrenden übersehen hätte. Der geringe Abstand kann aber auch ein Fehler in der Ausführung sein, z. B. wenn der Abstand zum Rad Fahrenden falsch eingeschätzt wird. Während die ersten beiden Fehlverhaltensweisen von Rad Fahrenden in der Regel – sofern sie selbst betroffen sind – nicht akzeptiert werden, wird für das dritte Fehlverhalten oft Verständnis gezeigt (vgl. Einstellungen „Verständnis gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden zu haben“ in Kapitel 8.5.1). Die Empfindung der Rad Fahrenden ist letztlich subjektiv. Fest steht, dass, unabhängig mit welcher Intention ein Fehlverhalten stattfindet, die Rad Fahrenden letztlich diesem Fehlverhalten ausgeliefert sind. Die den KfzFahrenden zugeschriebenen Intentionen haben einen Einfluss auf das Fahrverhalten der Rad Fahrenden (vgl. Kapitel 8.8). 8.3.4. Unfälle Bis auf zwei Radfahrerinnen erinnern sich alle Befragten an eigene Unfälle. Insgesamt werden 59 Unfälle näher beschrieben. Tabelle 28 gibt einen Überblick über die Unfälle, den Unfallgegnern oder Unfallgegnerinnen, den häufigsten Unfallursachen, die Anzahl der Unfälle, die von den Rad Fahrenden selbst verursacht wurden, die Anzahl der Unfälle, bei denen die Rad Fahrenden verletzt wurden und die Anzahl der Unfälle, die von der Polizei aufgenommen wurden. Die meisten der beschriebenen Unfälle sind Alleinunfälle ohne Einwirkung von anderen Verkehrsteilnehmenden. Zwei Unfälle sind Gehenden und Pkw-Fahrenden zugeordnet, obwohl es zu keiner Kollision kam. Stattdessen verunglückten die beiden Radfahrer beim Versuch auszuweichen. Die häufigsten Kollisionen sind mit Personenkraftwagen zu verzeichnen. 156
Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender Unfallgegner/in Alleinunfall Anzahl 37 Pkw-Fahrende 13 Rad Fahrende 5 Lkw-Fahrende Gehende Summe 2 2 59 Häufigste Ursachen (Anzahl) Schnee / Eis (7) Schienen (7) Rechtsabbiegen, ohne auf Rad Fahrende zu achten (6) Vorfahrt nicht beachtet (3) - Rad Fahr. schuld - Unfälle mit Verletzten 14 Unfall anzeigen 1 1 4 4 0 3 2 0 1 2 2 2 25 1 1 9 (Eigene Darstellung) Tabelle 28: Unfälle der Rad Fahrenden Nicht an alle Unfälle können sich die Rad Fahrenden noch erinnern. Einige konnten erst nach einer kurzen Bedenkzeit die näheren Umstände der Unfälle beschreiben. Die Länge und Intensität der Beschreibungen lässt vermuten, dass vor allem Unfälle mit Kraftfahrzeugen und spektakuläre oder unerwartete Unfälle noch sehr präsent sind.97 Auch der Zeitfaktor spielt eine Rolle. Viele der beschriebenen Unfälle haben sich erst in den letzten ein bis zwei Jahren ereignet. Bei den Unfällen mit anderen Rad Fahrenden und zu Fuß Gehenden fällt – im Gegensatz zu den Kollisionen mit Personenkraftwagen – der hohe Anteil auf, bei denen sich die Rad Fahrenden verletzt haben. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Unfälle mit Verletzungen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die tatsächliche Anzahl der Kollisionen mit anderen Rad Fahrenden und zu Fuß Gehenden höher ist, diese aber aufgrund ihrer Folgenlosigkeit nicht nachdrücklich in Erinnerung blieben. In jedem Fall höher ist die tatsächliche 97 Beispiele: Spektakulärer Sturz, von dem sich der Interviewte eine Filmaufnahme gewünscht hätte (vgl. Rm: 71). Auffahrunfall wegen einer quer über den Radweg gespannten, fast nicht sichtbaren Hundeleine (vgl. Pm: 49). Dies wurde auch wissenschaftlich nachgewiesen: An Ereignisse mit einer hohen emotionalen Intensität kann sich besser erinnert werden (vgl. Schneider 1992: 440). 157
Kategoriale Analyse Anzahl der Alleinunfälle. Vielfach werden Alleinunfälle nur nebenbei erwähnt, zusammengefasst98 oder erst auf Nachfrage beschrieben. Einige nehmen Stürze nur dann als Unfall wahr, wenn andere Verkehrsteilnehmende daran beteiligt sind (u. a. AIf: 75-81). Auch die Angaben zu möglichen Verletzungen bleiben bei den Alleinunfällen oft vage. Sehr auffällig ist, dass von den Rad Fahrenden nur zwei Kollisionen verursacht worden sein sollen. Möglicherweise ist dies darauf zurückzuführen, dass bei der Klärung der Schuldfrage ausschließlich auf die Aussagen der Interviewten zurückgegriffen werden kann. Bei den Alleinunfällen wird die Schuldfrage offen gelassen. Diese Zuordnung wurde gewählt, da sich – außer bei zweien, bei denen ein technisches Versagen des Fahrrads vorlag – nicht mehr zweifelsfrei feststellen lässt, ob ein Fehlverhalten der Rad Fahrenden vorausging, wie z. B. Unachtsamkeit oder zu hohe Geschwindigkeit. Möglicherweise waren die Gefahren nicht erkennbar oder es wurde von den Baulastträgern gegen die Verkehrssicherungspflicht verstoßen. Weiterhin fällt die geringe Zahl an Unfallanzeigen auf. Somit gehen die meisten Unfälle nicht in die Unfallstatistik ein. Bei den nicht angezeigten Unfällen gibt es sowohl Unfälle mit Fahrerflucht, als auch Fälle, bei denen die Unfallgegner oder Unfallgegnerinnen die Schuld auf sich nahmen und die Schäden ausglichen. Nicht bei allen Unfällen kam es zu Verletzungen. Meistens gingen die Unfälle glimpflich aus. Selbst Unfälle mit Leicht- oder Schwerverletzten wurden nicht immer angezeigt. Oft zogen die Rad Fahrenden aus ihren Unfällen Konsequenzen. Auf diese wird in Kapitel 8.8.1 näher eingegangen. 8.3.5. Verdichtung der Konflikterfahrungen Die beschriebenen Konflikterfahrungen lassen sich wie folgt verdichten (vgl. Tabelle 29). Die Probleme mit der Verkehrsinfrastruktur lassen sich auf systembedingte Probleme, Probleme durch mangelhafte planerische Umsetzung oder Mängel bei der Ausführung sowie auf fehlende Pflege und Wartung zurückführen.99 98 99 Oft wird von mehreren Unfällen gesprochen, ohne diese näher zu spezifizieren. Ein systembedingter Mangel von Radfahrstreifen ist bspw. die regelwidrige Mitnutzung durch Kraftfahrzeuge, die mit planerischen Mitteln und Sanktionen kaum eingedämmt werden kann. Ebenso ist eine Mitnutzung von Radwegen durch zu Fuß Gehende kaum zu verhindern. Demgegenüber ist das nicht Freihalten von Sichtachsen zwischen Radweg und Fahrbahn (Parkstände, Einbauten, Bewuchs) ein Mangel in der planerischen Umset- 158
Erfahrungen und Konflikte Rad Fahrender Bei Konflikten mit anderen Verkehrsteilnehmenden ist entscheidend, welche Intention die Rad Fahrenden hinter dem Fehlverhalten der anderen Verkehrsteilnehmenden vermuten. Rad Fahrende ärgert vor allem sanktionierendes und rücksichtsloses Verhalten. Fehler werden anderen Verkehrsteilnehmenden zugestanden. Kode 3. Ordnung Konflikte aufgrund der Verkehrsinfrastruktur Konflikte mit Verkehrsteilnehmenden Kode 2. Ordnung Systembedingt Umsetzung und Ausführung Pflege und Wartung Sanktionierung Rücksichtslosigkeit Fehler Sanktionierung Kode 1. Ordnung Planungsfehler Ausführungsfehler Verstoß aus Regelunkenntnis Unaufmerksamkeit durch Polizei durch Ordnungsamt (Eigene Darstellung) Tabelle 29: Verdichtung der Konflikterfahrungen der Rad Fahrenden Polizei und Ordnungsamt werden in erster Linie mit der Sanktionierung des eigenen Fehlverhaltens in Zusammenhang gebracht. Wie später noch gezeigt werden wird, spiegeln sich die Konflikterfahrungen in den Anforderungen, Einstellungen und dem Fahrverhalten wider. Daher wird zwar auf eine Überführung der Verdichtungen in Kategorien verzichtet, die Rolle der Konflikterfahrungen innerhalb der kategorialen Analyse aber weiterhin beleuchtet. zung oder Ausführung. Ist die Oberfläche eines Radwegs beschädigt oder sind die Markierungen eines Radfahrstreifens kaum noch wahrnehmbar, ist dies ein Mangel in der Instandhaltung. 159
Kategoriale Analyse 8.3.6. Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns Viele Rad Fahrende formulieren ihre Anforderungen aus ihren Konflikterfahrungen mit der Infrastruktur und den Konflikterfahrungen mit anderen Verkehrsteilnehmenden heraus. Ihnen ist bewusst, dass sie im Falle eines Konflikts – unabhängig von der Unfallgegenseite – einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt sind. Gravierend ist, dass die Rad Fahrenden bei einigen Konfliktarten keine Möglichkeit haben, den Konflikt zu verhindern oder zu entschärfen. Sanktionen werden von Ordnungskräften – zumindest in Berlin – nur selten ausgesprochen. Aus diesem Grund hat das Sanktionierungsrisiko nur einen geringen Einfluss auf das Fahrverhalten. Fast alle Rad Fahrenden hatten bereits einen Unfall. Dabei überwiegen Alleinunfälle. Besorgniserregend ist die hohe Dunkelziffer, denn nur eine Minderheit der Unfälle – nicht nur der Alleinunfälle – wurde zur Anzeige gebracht. Bereits hier wird deutlich, dass die täglichen Konflikterfahrungen im Straßenverkehr ein erheblicher Treiber des Fahrverhaltens sind. In Kapitel 8.8.1 werden die einzelnen, direkt von den Rad Fahrenden in Zusammenhang gebrachten Konsequenzen betrachtet. In Kapitel 8.8.2 werden die Wirkungen auf die Einstellungen näher analysiert. 8.4. Fahrverhalten der Rad Fahrenden Aus den Interviews können an mehreren Stellen Rückschlüsse auf das Fahrverhalten der Rad Fahrenden gezogen werden. Insbesondere bei den Fragen zum Block Verhalten und Verkehrsregeln, mit der Aufforderung an die Interviewten, sich selbst als Rad Fahrende zu charakterisieren, ist dies der Fall (vgl. Anhang A-1 Interviewleitfaden). Das Fahrverhalten der Rad Fahrenden setzt sich aus mehreren Ausprägungen100 zusammen, die im ersten Arbeitsschritt beschrieben werden. Im 100 Das Fahrverhalten ist im Rahmen dieser Arbeit die zentrale Kernkategorie im Sinne Strauss und Corbins. Insbesondere für die Kernkategorie ist es wichtig (vgl. Strauss und Corbin 1996: 100), ihre Eigenschaften und die dazugehörigen dimensionalen Ausprägungen zu benennen. Allerdings soll hier nur der Begriff Ausprägung verwendet werden, da bei der Typenbildung der Begriff Vergleichsdimensionen genutzt wird. Mit einer gleichzeitigen Verwendung der Begriffe Dimension, dimensionale geht die Eindeutigkeit verlo- 160
Fahrverhalten der Rad Fahrenden Anschluss daran werden die Ausprägungen des Fahrverhaltens zu Kategorien verdichtet. 8.4.1. Ausprägungen des Fahrverhaltens Zur Charakterisierung des eigenen Fahrverhaltens nutzen die Befragten häufig die Begriffe offensiv und defensiv. Diese Begriffe werden allerdings nicht einheitlich gebraucht. Unter offensiver Fahrweise wird auf der einen Seite eine sehr sichtbare Fahrweise verstanden. Die Rad Fahrenden nehmen ihre Rechte wahr und lassen sich beispielsweise nicht an den Rand der Fahrbahn drängen (vgl. Xm: 285). Andere setzen eine offensive Fahrweise mit dem Eingehen von Risiken gleich (vgl. ACm: 108). In einem anderen Fall werden diese beiden Ausprägungen verbunden und zusätzlich mit dem Attribut aggressiv versehen (vgl. Rm: 118 und 155). Die defensive Fahrweise wird mit den Ausprägungen rücksichtsvoll (vgl. AAf: 102) und vorsichtig (vgl. Om: 328) beschrieben. Als defensiv bezeichnen sich Rad Fahrende auch, wenn sie Regeln einhalten (vgl. AIf: 100) oder aufgrund von hohem Kfz-Aufkommen nicht benutzungspflichtige Radwege nutzen (vgl. If: 261). Aufgrund der uneinheitlichen Verwendung der Begriffe, wird das Begriffspaar offensiv-defensiv aus den Ausprägungen heraus genommen und durch verschiedene eher beschreibende Begriffe wie Risikoverhalten und Wahrnehmung von Rechten ersetzt. Im Verlauf des Kodierens wurden zunächst verschiedene Ausprägungen des Fahrverhaltens kodiert. Dies erfolgte induktiv aus dem Interviewmaterial heraus. Später wurde festgestellt, dass die Ausprägungen oft ein Paar bilden, wie z. B. „Vorsichtig“ und „Risikoreich“. Daher wurde versucht, für die Begriffspaare eine Überschrift zu finden. In dem genannten Beispiel wäre dies „Risikoverhalten“. Diese „Überschriften“ werden in dieser Arbeit Hilfskategorien genannt, da sie noch keine endgültigen Kategorien darstellen. Da es zu den bisher gefundenen Ausprägungen zunächst nicht immer einen passenden Gegenpol gab, wurden diese gezielt im Material gesucht. ren. Die Eigenschaften werden hier als Hilfskategorien bezeichnet, um die Verdichtung der Ausprägungen zu den Sub- und Feinkategorien nachvollziehbarer zu gestalten. 161
Kategoriale Analyse Hilfskategorie Risikoverhalten Beschleunigung Kommunikation Wahrnehmung von Rechten Rücksichtnahme Perspektivenübernahme Konzentration Sichtbarkeit Regelverhalten Geschwindigkeit Bezug zum Verkehrssystem Umgang mit Fahrrad Ausprägungen Vorsichtig Abrupter Wechsel Aggressiv Recht durchsetzen Rücksichtsvoll Mitdenkend Aufmerksam Stringent, nachvollziehbar Regelkonform Schnell An Pkw orientiert Sicher Risikoreich Fließender Übergang Gelassen Zurückstehen Rücksichtslos Ignorierend Abgelenkt Sprunghaft, undurchschaubar Regelwidrig Langsam An Gehende orientiert Unsicher (Eigene Darstellung) Tabelle 30: Hilfskategorien des Fahrverhaltens und ihre Ausprägungen In Tabelle 30 sind alle Hilfskategorien des Fahrverhaltens Rad Fahrender mit ihren Ausprägungen dargestellt. Die Ausprägungen stellen die Pole innerhalb der Hilfskategorien dar. Das gezeigte Risikoverhalten eines Rad Fahrenden muss also nicht zwangsläufig vorsichtig oder risikoreich sein, sondern kann sich zwischen diesen beiden Polen bewegen. In den anschließenden Abschnitten werden die Hilfskategorien kurz beschrieben und mit Beispielen unterlegt. Risikoverhalten Die Beschreibungen zum Risikoverhalten reichen von vorsichtig bis risikoreich. Wobei viele Interviewte Situationen beschreiben, an denen sie sich vorsichtig verhalten, während nur wenige behaupten, mit hohem Risiko zu fahren. Eine Fahrweise verfügt dann über eine „Vorsichtige“ Ausprägung, wenn die Interviewten ihre Fahrweise der Verkehrsumwelt anpassen. Beispiele sind die Reduzierung der Geschwindigkeit oder das Einhalten eines größeren Abstands zu einer Person oder einem Objekt. Folgende Beispiele zeigen vorsichtige Fahrweisen zusammen mit den Situationen, die diese Verhaltensweisen ausgelöst haben: 162
Fahrverhalten der Rad Fahrenden  langsames Fahren an Engstellen oder abschüssigen Wegen (vgl. If: 421 bzw. AEf: 74),  langsames Fahren oder Anhalten beim Fahren auf dem Gehweg (vgl. Lf: 283),  Nutzen von Rad- oder Gehwegen anstatt der Fahrbahn bei hohen KfzGeschwindigkeiten oder bei der Kindermitnahme (vgl. If: 261 bzw. ADm 146),  indirektes Abbiegen an Knoten mit Furten für Rad Fahrende (vgl. Vf: 157),  Einhalten eines größeren Abstands gegenüber parkenden Kraftfahrzeugen (vgl. If: 209, Vf: 97),  Absteigen an großen oder unübersichtlichen Kreuzungen (vgl. Jf: 214, Mf: 177, Wm: 173),  beim Ausweichen wegen Hindernissen anhalten und auf eine Lücke im fließenden Verkehr warten (vgl. Jf: 299),  bei rechtsabbiegenden Kfz-Fahrenden anhalten und erst weiterfahren, wenn sicher ist, dass sie von den Abbiegenden gesehen werden (vgl. AEf: 142). Ursachen für ein generell vorsichtiges Fahren sind das Fahren ohne Licht oder mit anderen Fahrzeugmängeln. Eine weitere Ursache für vorsichtiges Fahren ist eine das Fahrrad destabilisierende Beladung (vgl. Rm: 130). Vorsichtig zu sein, kann durchaus mit einer offensiven Fahrweise kombiniert werden. Einige Interviewte gaben an, generell offensiv zu fahren, aber in gefährlichen Situationen bereit zu sein, auf das eigene Recht zu verzichten (vgl. Xm: 285, AIf: 112). Bei einer risikoreichen Fahrweise werden vermeidbare Risiken eingegangen. Beispiele in den Interviews sind das Durchsetzen des eigenen Rechts, z. B. durch absichtliches spätes Bremsen in Konfliktsituationen (vgl. Rm: 118), aber auch übermütiges Verhalten, wie z. B. im Sog eines Busses zu fahren (vgl. ACm: 108). Beschleunigung Mit der Eigenschaft „Beschleunigung“ wird die hinsichtlich des Beschleunigungsverhaltens zu beobachtende Fahrweise beschrieben. Die Beschleunigung ist beim Anfahren positiv und beim Bremsen negativ. Auf der einen Seite steht die Ausprägung „Abrupter Wechsel“, auf der anderen die Ausprägung „Fließender Übergang“. Für beide Ausprägungen finden sich etwa gleich viele Beispiele. 163
Kategoriale Analyse Mit abruptem Wechsel beim Beschleunigungsverhalten ist eine Fahrweise gemeint, bei der starker Antritt beim Losfahren und ein hartes, mitunter spätes Bremsen die Fahrweise kennzeichnet. Zwischen Antritt und Bremsen kann abrupt gewechselt werden. Sich durch den Verkehr zu schlängeln oder jede Gelegenheit zu nutzen, um zu überholen (vgl. Sf: 48), kann ebenfalls damit assoziiert werden. Oft wird diese Art der Fahrweise als sportliche Fahrweise beschrieben. Manche empfinden diese Art des Fahrens als aggressiv. Andere nennen es offensiv (vgl. Rm: 155). Darüber hinaus ist das aggressive Verhalten vom Umfeld abhängig und kann aus einem Konflikt heraus entstehen. Eine Radfahrerin gab an, gelegentlich aggressiv zu fahren, wenn sie sich zuvor über einen rücksichtslosen Kfz-Fahrenden ärgern musste (vgl. AAf: 74). Im Gegensatz dazu steht die eher um einen fließenden Übergang zwischen dem Bremsen und Anfahren bemühte Fahrweise. Es wird eher gemäßigt angefahren und frühzeitig gebremst. Oft wird diese Fahrweise auch als gemütliche Fahrweise (vgl. ADm: 146) oder als eine genussvolle, eher mäßig sportliche Fahrweise beschrieben (vgl. Jf: 50). Dazu gehört auch, für die Fahrt ausreichend Zeit einzuplanen (vgl. Lf: 95). Kommunikation Der Hilfskategorie „Kommunikation“ werden die beiden Ausprägungen „Aggressiv“ und „Gelassen“ zugeordnet. Für beide finden sich einige Beispiele. Aggressiv wird die Kommunikation geführt, wenn schnell ein Streit ausbricht, die Rad Fahrenden ausfallend oder gar handgreiflich werden. Das passiert umso häufiger, wenn die Rad Fahrenden den Eindruck gewinnen, dass ihnen Unrecht getan wird (vgl.: Rm: 159). Gelassen ist das Verhalten, wenn die betreffende Person ruhig bleibt und nicht auf die Vorwürfe des Konfliktgegners oder der -gegnerin reagiert (vgl. AAf: 110). Einigen bereitet es Mühe, die eigene Aggressivität zu unterdrücken und selbst gelassen zu bleiben (Wm: 129). Wahrnehmung von Rechten Hier steht das Durchsetzen des eigenen Rechts dem Zurückstehen gegenüber. Viele Rad Fahrende wollen gegenüber dem Kraftfahrzeug als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmende anerkannt werden. Einige Rad Fahrende versuchen daher durch ihr Fahrverhalten, einen Beitrag zur Durchsetzung ihres Rechts zu leisten. Andere Rad Fahrende verzichten zu Gunsten anderer 164
Fahrverhalten der Rad Fahrenden auf die Durchsetzung ihres Vorrechts. Dabei geht es in erster Linie darum, sich nicht in Gefahr zu begeben. Rad Fahrende versuchen ihr Recht durchzusetzen, in dem sie ihre Rechte für andere Verkehrsteilnehmende deutlich sichtbar wahrnehmen. Dazu gehören u. a.:  die Nutzung der Fahrbahn anstatt des nicht benutzungspflichtigen Radwegs (vgl. Rm: 159, Ym: 161),  das Einordnen in den fließenden Kfz-Verkehr mit markantem Handzeichengeben (vgl. If: 129, Rm: 359, Um: 158) und  der Verzicht überholenden Kraftfahrzeugen Platz zu machen (vgl. Xm: 285). Die Ausprägung „Recht durchsetzen“ hat Überschneidungen mit den Ausprägungen anderer Hilfskategorien. So werden einige Verhaltensweisen von einigen Rad Fahrenden auch als aggressive oder risikoreiche Fahrweisen beschrieben (vgl. If: 221 bzw. Rm: 118). Der Ausprägung „Zurückstehen“ sollen hier Fahrweisen zugeordnet werden, bei denen bewusst gegenüber anderen auf das eigene Recht verzichtet wird. Beispiele sind, sich bei Hindernissen auf dem Radfahrstreifen nicht in den fließenden Kfz-Verkehr einzuordnen (vgl. Jf: 299) und auf die eigene Vorfahrt zu verzichten (vgl. AEf: 142). Dies geschieht in Abgrenzung zum „Zurückstehen“ aus einem diffusen Eindruck der Sicherheitslage heraus, wenn z. B. vom Rad abgestiegen wird, weil die Verkehrssituation unübersichtlich ist. Dieses „Zurückstehen“ wird der Ausprägung „Vorsichtig“ der Hilfskategorie „Risikoverhalten“ zugeordnet. Rücksichtnahme Die Hilfskategorie „Rücksichtnahme“ wird durch die beiden Ausprägungen „Rücksichtsvoll“ und „Rücksichtslos“ beschrieben. Während rücksichtsvolles Verhalten des Öfteren erwähnt wird, gaben lediglich zwei Interviewte an, dass ihr Fahrverhalten von anderen als rücksichtslos bezeichnet werden könnte. Die Ausprägung „Rücksichtsvoll“ beinhaltet Verhaltensweisen, die weder auf andere Verkehrsteilnehmende bedrohlich wirken, noch diese behindern. Auf welche Personengruppe Rücksicht genommen wird, ist von der Örtlichkeit abhängig. Auf zu Fuß Gehende wird vor allem in Parkanlagen und auf Gehwegen geachtet. Ganz besondere Rücksicht wird dort auf Kinder, ältere Personen, Touristen und Hunde genommen (vgl. Sf: 46, AAf: 90). Selbst auf Radwegen versuchen sich einige Rad Fahrende rücksichtsvoll gegenüber zu 165
Kategoriale Analyse Fuß Gehenden zu verhalten, z. B. wenn diese aus einem Bus ausgestiegen sind (vgl. Vf: 85). Rücksicht in diesem Zusammenhang bedeutet,  bei vollen Wegen gegebenenfalls anzuhalten oder den Weg zu meiden (vgl. Zm: 107 bzw. Kf: 291),  nicht zu klingeln (vgl. Mf 145),  nicht knapp zu überholen (vgl. Kf: 181, AAf: 86),  mit angemessener Geschwindigkeit zu fahren (vgl. Jf: 182, Mf: 145),  querende zu Fuß Gehende ihr Recht einzuräumen, auch wenn diese warten (vgl. Tf: 197). Neben den zu Fuß Gehenden versuchen einige Rad Fahrende auch Bus- oder Kfz-Fahrende nicht unnötig zu behindern (vgl. Vf: 85 bzw. Ym: 161, AFm: 73). Die rücksichtsvolle Fahrweise wird von Interviewten in einigen Fällen auch als vorsichtige und defensive Fahrweise bezeichnet (vgl. Jf: 126 bzw. AAf: 102). Rücksichtslos ist ein Verhalten, bei dem Rad Fahrende nicht auf andere Verkehrsteilnehmende achten und auf ihren eigenen Vorteil fokussiert sind. Darüber hinaus nehmen sie Gefährdungen und Behinderungen anderer Verkehrsteilnehmender in Kauf. Kennzeichen der Ausprägung „Rücksichtslos“ sind eine schnelle, bezüglich der Zeit effiziente und nicht regelgerechte Fahrweise. Zwei Interviewte räumen ein, dass dieses Verhalten als rücksichtslos wahrgenommen wird (vgl. Sf: 48 und AFm: 93). Perspektivenübernahme Die Hilfskategorie „Perspektivenübernahme“ hat die Ausprägungen „Mitdenkend“ und „Ignorierend“. In dem Interviewmaterial lassen sich viele Beispiele für eine Perspektivenübernahme finden. Von einer – andere Personen ignorierenden – Verhaltensweise wird kaum berichtet. Im Gegensatz zur Ausprägung „Vorsichtig“ wird als „Mitdenkend“ bezeichnet, wenn Rad Fahrende die Perspektive der anderen Verkehrsteilnehmenden einnehmen, deren mögliches Verhalten berücksichtigen und dementsprechend aktiv werden. Beispiel: Der (nur) vorsichtige Rad Fahrende drosselt seine Geschwindigkeit, sobald er sich einer Kreuzung nähert. Der mitdenkende Rad Fahrende macht dies von dem Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmenden abhängig, er versucht die Situation zu lesen. Erst wenn er sich nicht sicher ist, ob z. B. ein rechtsabbiegender Kfz-Fahrender ihn sieht, wird er seine Geschwindigkeit reduzieren oder ggf. ausweichen. Die Ausprägungen „Vorsichtig“ und „Mitdenkend“ schließen sich nicht aus. 166
Fahrverhalten der Rad Fahrenden Als mitdenkende Fahrweise wird auch gewertet, wenn Personen eine relativ wahrscheinliche Situation vorhersehen. Folgende Beispiele zeigen die Möglichkeiten des Mitdenkens oder Vorhersehens einer Situation:  achtsam sein, wenn Gehende eine Haltung einnehmen, die vermuten lässt, dass sie einen Hund mit sich führen (vgl. If: 253),  Abstand halten, wenn im Pkw eine Person sitzt, die plötzlich eine Tür öffnen könnte (vgl. Vf: 97) und  aufpassen, dass Rechtsabbiegende einen nicht übersehen, wenn die Sichtbeziehungen durch eine Hecke gestört sind (vgl. Wm: 277). Die der Ausprägung „Mitdenkend“ gegenüberstehende Ausprägung soll als „Ignorierend“ bezeichnet werden. In diesem Fall sind die Rad Fahrenden ganz auf sich oder die momentane Fahraufgabe konzentriert und „Ignorieren“ ihr Umfeld. Beispielsweise, wenn noch rechtzeitig ein Knoten bei grünem Signal gequert werden soll (vgl. Mf: 149). Die Person fokussiert sich dann nur auf das Signal und ignoriert die Randbedingungen (Sichtbeziehungen, Geschwindigkeiten anderer Verkehrsteilnehmenden). Eine weitere Gefahr besteht, wenn sich Rad Fahrende ihres eigenen Rechts zu sicher sind und sich zu sehr darauf verlassen, dass dieses von anderen Verkehrsteilnehmenden beachtet wird (vgl. Xm: 165). Konzentration Die Hilfskategorie der „Konzentration“ wird durch die beiden Ausprägungen „Aufmerksam“ und „Abgelenkt“ beschrieben. Für beide Ausprägungen finden sich in den Interviews zahlreiche Beispiele. Unter der Ausprägung „Aufmerksam“ soll das Fahren mit hoher Konzentration und Aufmerksamkeit für die Umgebung verstanden werden. Rad Fahrende sind aufmerksam, um bei einem drohenden Konflikt schnell reagieren zu können. Dies kann sich durch eine stete Bremsbereitschaft äußern (vgl. If: 221). Die Konzentration bezieht sich auch auf die eigene Fahrweise, z. B. das Bemühen, nicht von der geraden Fahrlinie abzuweichen, wenn Kraftfahrzeuge dicht überholen (vgl. Wm: 113). Demgegenüber steht die Ausprägung „Abgelenkt“. In diesem Fall nehmen die Rad Fahrenden ihr Verkehrsumfeld weniger wahr. Sie sind entweder mit ihren Gedanken woanders (vgl. Mf: 149) oder durch andere Reize abgelenkt. Gegenüber ihrer Verkehrsumwelt unaufmerksam sind Rad Fahrende, wenn sie Musik hören, in ein Gespräch mit einer Begleitung (vgl. Wm: 249) oder in ein Telefonat vertieft sind. 167
Kategoriale Analyse Sichtbarkeit Die Hilfskategorie „Sichtbarkeit“ hat die beiden Ausprägungen „Stringent, nachvollziehbar“ und „Sprunghaft, undurchschaubar“. Direkt werden diese Ausprägungen von jeweils nur einem bzw. einer Befragten genau beschrieben. In dem ersten Fall geht es um eine geradlinige, für andere Verkehrsteilnehmende gut nachvollziehbare Fahrweise, bei der der Rad Fahrende bspw. durch Handzeichen seine angestrebte Fahrtrichtung anzeigt. In dem Beispiel redet der Radfahrer von einer transparenten Fahrweise (vgl. ACm: 96). Demgegenüber fährt ein Rad Fahrender sprunghaft, wenn er kurzfristig die Fahrtrichtung ändert. Dies ist insbesondere dann problematisch, wenn dies von anderen Verkehrsteilnehmenden nicht erwartet wird (vgl. Mf: 153). Regelverhalten „Regelkonform“ und „Regelwidrig“ sind die beiden Ausprägungen der Hilfskategorie „Regelverhalten“. Beide lassen sich sehr gut aus den Angaben der Interviewten rekonstruieren. Regelkonformes Fahren beschreibt den Versuch der Rad Fahrenden, die Verkehrsregeln einzuhalten. Einige der Befragten gaben an, möglichst regelkonform zu fahren (vgl. Jf: 130). Dabei müssen sie allerdings oft einräumen, dass es ihnen nicht durchgehend gelingt, sei es nun aus Unwissenheit (vgl. ADm: 214) oder wenn sie im eigenen Kiez unterwegs sind (vgl. AEf: 74). Beim regelwidrigen Verhalten werden im Extremfall Regeln bewusst nicht beachtet. Es werden alle Regeln gebrochen, die dem schnellen Vorankommen entgegenstehen (vgl. AFm: 48). Zwischen den beiden Ausprägungen gibt es viele gemischte Formen. Ein Radfahrer gab an, Regeln dann einzuhalten, wenn diese für andere wichtig seien (vgl. Rm: 69). Die am stärksten diskutierten Regelverstöße sind das Fahren bei rotem Signal und das Fahren auf dem Gehweg. Oft verstoßen die Rad Fahrenden nur gegen eine der beiden Regeln regelmäßig. Einigen ist nicht klar, dass das Radfahren auf dem Gehweg nur in Ausnahmefällen gestattet ist (vgl. Sf: 38). Geschwindigkeit Zur Hilfskategorie „Geschwindigkeit“ gehören die beiden Ausprägungen „Schnell“ und „Langsam“. Viele der Interviewten möchten schnell vorankommen, während nur wenige angeben, generell langsam zu fahren. 168
Fahrverhalten der Rad Fahrenden Zum schnellen Fahren gehört sowohl das Fahren mit einer sehr hohen Geschwindigkeit – von den Interviewten oft auch „heizen“ genannt – bei dem nicht immer auf andere Verkehrsteilnehmende ausreichend Rücksicht genommen wird (vgl. Sf: 48), als auch das schnelle an die Verkehrsumgebung angepasste Fahren (vgl. Ym: 161) sowie das Bemühen, in möglichst kurzer Reisezeit von A nach B zu kommen (vgl. Tf: 181). Das langsame Fahren kann sowohl die gesamte Fahrt (vgl. AEf: 74) als auch Teilabschnitte betreffen. Im letzteren Fall kann dies u. a. anderem auch aus Vorsicht erfolgen (vgl. Om: 328). Bezug zum Verkehrssystem Bei dieser Hilfskategorie geht es darum, zu welchem Teil des Verkehrssystems die Rad Fahrenden ihre eigene Fahrweise in Bezug setzen. Orientieren sie sich mit ihrer Fahrweise eher am Kraftfahrzeugverkehr oder an den zu Fuß Gehenden? Bei den Befragten finden sich mehr Beispiele für ein Pkworientiertes Verhalten. Eine Pkw-Orientierung liegt dann vor, wenn die Rad Fahrenden vornehmlich auf der Fahrbahn fahren, auch wenn es einen straßenbegleitenden Radweg gibt (vgl. Rm: 159). Ein weiteres Kennzeichen ist es, wenn die Rad Fahrenden beim Linksabbiegen wie die Kfz-Fahrenden den direkten Weg wählen (vgl. Pm: 184). Auch Rad Fahrende, die mit einer hohen Geschwindigkeit fahren, fühlen sich oftmals den Kfz-Fahrenden näher (vgl. Xm: 249). Einige Rad Fahrende geben an, in einigen Situationen mit dem Fahrrad in derselben Art wie mit einem Pkw zu fahren (vgl.: Pm: 184, Xm: 249 und ACm: 188). Rad Fahrende, die sich den zu Fuß Gehenden näher fühlen, bevorzugen das Fahren im Seitenraum, notfalls auch auf dem Gehweg (vgl. Jf: 110). Sie sind in der Regel eher langsam unterwegs und dabei oft nicht wesentlich schneller als die zu Fuß Gehenden (vgl. ADm: 146). Einige Rad Fahrende wechseln zwischen den Verhaltensweisen, je nachdem, wie gefährlich ihnen die Nutzung der Fahrbahn erscheint oder welche Fahrweise ihnen ein schnelleres Vorankommen ermöglicht (vgl. Lf: 171). Umgang mit Fahrrad Bei der Hilfskategorie „Umgang mit Fahrrad“ geht es um die sichere oder unsichere Beherrschung des Fahrrads hinsichtlich bestimmter Fahraufgaben. Aufgrund ihrer häufigen Radnutzung sind die Interviewten eher sichere Radnutzende. 169
Kategoriale Analyse Eine sichere Radnutzung liegt vor, wenn Rad Fahrende beim Halten des Gleichgewichts – auch beim Umschauen und Handzeichen geben – keine Probleme haben. Darüber hinaus ist das Meistern von kritischen Situationen, plötzliches Auftauchen eines Hindernisses oder eines schmalen lichten Raums, Kennzeichen eines sicheren Umgangs mit dem Fahrrad. In bestimmten Fahrsituationen reagieren Rad Fahrende unsicher und kommen an die Grenzen ihres Fahrkönnens. Beispiele hierfür sind das Fahren auf kurvigen Führungen (vgl. If: 209), auf schlechtem Belag (vgl. Om: 440), beim Kreuzen von Gleisen (vgl. Sf: 72) und beim Fahren auf vereistem oder sandigem Untergrund (vgl. ACm: 132). 8.4.2. Sub- und Feinkategorien der Grobkategorie Fahrverhalten Das von den Rad Fahrenden berichtete Fahrverhalten lässt sich zu zwölf Hilfskategorien und ihren Ausprägungen verdichten. Bei der Einordnung des Fahrstils werden von den Interviewten häufig die Begriffe offensiv und defensiv verwendet. Diese eignen sich gut, um den Fahrstil der Rad Fahrenden zu kategorisieren (Feinkategorien „Offensiv“ und „Defensiv“). Als Oberbegriff dieses Begriffspaars und damit als Subkategorie soll der Begriff „Risikobereitschaft“ verwendet werden. Dieser Begriff verdeutlicht, dass der Antrieb sich entweder offensiv oder defensiv zu verhalten, in erster Linie ein Resultat der Abwägung von Risiken ist. In der Form wird der Begriff auch von Verkehrspsychologen verwendet (vgl. Kapitel 3.2), auch wenn dies von den Rad Fahrenden selbst nicht immer so wahrgenommen wird. Die Ausprägungen von sechs Hilfskategorien lassen sich zu den Feinkategorien „Offensiv“ oder „Defensiv“ verdichten. Das Risikoverhalten ist ein wichtiges Merkmal bei der Einordnung des Fahrverhaltens, da sich das Verhalten der Rad Fahrenden in diesem Bereich stark unterscheidet. Die Frage ist, warum gehen die einen mehr Risiken ein als die anderen? Mit den Hilfskategorien lässt sich das Risikoverhalten beschreiben. Dabei sind die Ausprägungen der Hilfskategorie „Wahrnehmung von Rechten“ die bestimmenden Kriterien. D. h. die Fahrweise Rad Fahrender, die mit ihrem Verhalten versuchen, ihre Rechte durchzusetzen und sich nicht von der Fahrbahn auf den Seitenraum verdrängen zu lassen, ist eine offensive Fahrweise. Das Durchsetzen des Rechts, auf der Fahrbahn zu fahren, ist fest mit einer Pkworientierten Fahrweise verbunden. Darüber hinaus erfordert eine offensive Fahrweise oftmals das Eingehen von Risiken und einen sicheren Umgang 170
Fahrverhalten der Rad Fahrenden mit dem Fahrrad. Meistens fahren Rad Fahrende mit einer eher offensiven Fahrweise schnell und pflegen eine sportliche Fahrweise. Eine defensive Fahrweise wird vor allem durch die Ausprägung „Zurückstehen“ beschrieben. Es wird aus Sicherheitsgründen auf das eigene Recht verzichtet. Dies ist vor allem dann bedeutend, wenn Rad Fahrende vorsichtiger agieren, als sie objektiv müssten. Oftmals ist dies einer eigenen Unsicherheit bei der Beherrschung des eigenen Fahrzeugs geschuldet. Oft geht die defensive Fahrweise mit einer niedrigen Geschwindigkeit und einem mäßigen Beschleunigungsverhalten einher. Zuweilen orientieren sich defensiv Fahrende eher an dem Verkehrsverhalten zu Fuß Gehender. Zur Subkategorie „Risikobereitschaft“ lassen sich nicht alle extrahierten Ausprägungen verdichten. So ist die Regelbeachtung nicht zwangsläufig mit der Risikobereitschaft verbunden. Offensive wie defensive Rad Fahrende können sowohl eine sehr regelkonforme als auch eine sehr regelmissachtende Fahrweise zeigen. Während offensiv fahrende Rad Fahrende eher die Radwegbenutzungspflicht missachten, befahren defensiv eingestellte Rad Fahrende eher verbotswidrig den Gehweg. Diese und andere Ausprägungen werden zu den beiden Feinkategorien „Kooperativ“ und „Selbstbezogen“ und schließlich zur Subkategorie „Interaktion“ verdichtet. Das Regelverhalten und die fehlende bzw. vorhandene Rücksichtnahme sind ein wichtiger Faktor bei der öffentlichen Wahrnehmung des Fahrverhaltens Rad Fahrender. Von daher ist eine Analyse des Fahrverhaltens Rad Fahrender nur dann vollständig, wenn diese Kategorien mit betrachtet werden. Den Feinkategorien „Kooperativ“ und „Selbstbezogen“ lassen sich fünf Hilfskategorien mit ihren Ausprägungen zuordnen. Die hier vornehmlich bestimmende Hilfskategorie ist die der Konzentration mit ihren Ausprägungen des „Aufmerksam seins“ auf der einen und der des „Verträumt und abgelenkt seins“ auf der anderen Seite. „Kooperativ“ als Feinkategorie meint ein gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmenden kooperatives Verhalten. Die Rad Fahrenden dieser Feinkategorie sind dem Verkehr und seinen Verkehrsteilnehmenden gegenüber aufmerksam, denken für die anderen Verkehrsteilnehmenden mit, nehmen auf diese Rücksicht und versuchen so zu fahren, dass ihr Verhalten für die anderen Verkehrsteilnehmenden nachvollziehbar ist. Daher versuchen diese Rad Fahrende auch, eher Regeln einzuhalten. Demgegenüber betrifft die Feinkategorie „Selbstbezogen“ das Fahrverhalten Rad Fahrender, bei dem die Rad Fahrenden ihre Verkehrsumwelt wenig wahrnehmen. Sie sind verträumt oder abgelenkt, agieren rücksichtslos oder jagen ihrem Vorteil hinterher, ohne auf andere Verkehrsteilnehmende 171
Kategoriale Analyse zu achten. Ihre Fahrweise ist für andere schwierig zu durchschauen. Regeln werden regelmäßig missachtet. Subkategorie Feinkategorie Risikobereitschaft Offensiv Defensiv Interaktion Kooperativ Selbstbezogen Kommunikation Aggressiv Gelassen Ausprägung Recht durchsetzen Pkw-orientiert risikoreich sicherer Umgang mit Fahrrad abrupter Wechsel hohe Geschwindigkeit Zurückstehen vorsichtig fließender Übergang niedrige Geschwindigkeit orientiert an zu Fuß Gehenden unsicherer Umgang mit Fahrrad aufmerksam mitdenkend rücksichtsvoll nachvollziehbares Fahren regelkonform abgelenkt rücksichtslos ignorierend undurchschaubares Fahren regelwidrig aggressiv gelassen (Eigene Darstellung) Tabelle 31: Verdichtung von Ausprägungen zu den Sub- und Feinkategorien des Fahrverhaltens Die gelassenen und aggressiven Kommunikationsformen bilden jeweils eigene Feinkategorien. Diese werden zur Subkategorie „Kommunikation“ verdichtet, da die Feinkategorien nicht sinnvoll in die anderen Subkategorien integriert werden können. Die gelassen oder aggressiv kommunizierenden 172
Fahrverhalten der Rad Fahrenden Rad Fahrenden tun dies unabhängig davon, ob sie eher offensiv oder defensiv bzw. kooperativ oder selbstbezogen unterwegs sind. Einen Überblick über die Sub- und Feinkategorien und den ihnen zugeordneten Ausprägungen gibt Tabelle 31. Eine Gruppierung der Rad Fahrenden nach ihrem Fahrverhalten erfolgt bei der Typengenerierung in Kapitel 9.1.2. 8.4.3. Fahrstil Aus den Interviews kann herausgearbeitet werden, dass sich das Fahrverhalten der Rad Fahrenden auf einen vorwiegenden Fahrstil reduzieren lässt. Von dem alltäglichen Fahrstil weichen sie ab, wenn  sie Kinder begleiten oder auf dem Fahrrad mitnehmen (vgl. Mf: 141, ADm: 146, AHf: 141),  sie Güter transportieren (vgl. Tf: 181),  die Funktionstüchtigkeit des Fahrrads eingeschränkt ist (vgl. Zm: 45),  sie einen anderen Fahrradtyp nutzen (vgl. ACm: 221),  die eigene physische Leistungsfähigkeit, z. B. die Wahrnehmung, eingeschränkt ist (vgl. AFm: 85),  sie unter Zeitdruck stehen (vgl. Tf: 181, ACm: 168),  sie unter Anspannung stehen (vgl. AAf: 110),  sie sich entspannen wollen (vgl. Xm: 193, Zm: 150),  sie mit anderen Personen unterwegs sind und z. B. nebeneinander fahren (vgl. Ym: 65) oder  sie eine Fahrradtour unternehmen (vgl. AFm: 85). Letzteres trifft insbesondere dann zu, wenn die Strecke der Tour außerhalb städtischer Räume entlang führt. Einige dieser Fahrstiländerungen liegen vor, wenn Fahrten im Rahmen des Freizeitverkehrs erfolgen. Die Interviewten beschreiben ihre Fahrstilwechsel stets so, dass sie als Ausnahme von der Regel zu verstehen sind. So wird beispielsweise der Fahrradausflug mit der Partnerin als „Schönwetterradeln“ (Ym: 65) bezeichnet. Andere betonen die Seltenheit der Wahl eines anderen Fahrstils (vgl. Zm: 150). Dies lässt sich auch auf die interviewten Rad Fahrenden, die häufig ihre Kinder begleiten oder auf dem Fahrrad mitnehmen, übertragen. Auf den überwiegenden Teil ihrer Fahrten sind sie ohne Kinder unterwegs. 173
Kategoriale Analyse Bei den Beobachtungen zeigen nur Xm und Zm zwei unterschiedliche Fahrstile.101 Die Differenz zwischen den Fahrstilen fällt allerdings unterschiedlich aus. Xm war bei einem Teil seiner Fahrten schneller unterwegs und fuhr öfter bei rotem Signal, als bei seinen anderen Fahrten. Obwohl ein Unterschied im Fahrstil zu erkennen war, blieb die Grundausrichtung seiner beiden gezeigten Fahrstile gleich. Zm begleitete bei seiner ersten Fahrt seine Tochter zur Schule. Seine zweite Fahrt fand gleich im Anschluss statt und führte ihn zu seiner Arbeitsstelle. Während er bei der Begleitung seiner Tochter auf dem Gehweg und sehr langsam fuhr, war er auf dem Weg zur Arbeit sehr viel schneller unterwegs und nutzte trotz eines vorhandenen nicht benutzungspflichtigen Radwegs die Fahrbahn. Insgesamt spiegeln die vornehmlich gezeigten Fahrstile den ursprünglichen Charakter der Rad Fahrenden wider. Die Rad Fahrenden agieren unabhängig von den oben genannten Randbedingungen, wodurch die aus den Konflikterfahrungen und Einstellungen resultierenden Fahrstile nicht verfälscht werden. Für die weitere Vorgehensweise in dieser Arbeit bedeutet dies, dass die Fahrweise der Rad Fahrenden mit einem Fahrstil gleichgesetzt werden kann. 8.4.4. Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns Zum ersten Mal liegt eine Beschreibung des Fahrverhaltens von Rad Fahrenden vor, die nicht aus „objektiven“ Beobachtungen hergeleitet wird, sondern von den Rad Fahrenden selbst stammt. Anstatt auf beobachtbare Kriterien, wie Anzahl der Regelverstöße, Geschwindigkeit, Platzbedarf und Wahl der Verkehrsanlage zurückzugreifen, werden die von den Rad Fahrenden genannten Verhaltensweisen herangezogen. Somit werden nur Eigenschaften einbezogen, die für die Rad Fahrenden von Relevanz sind. Im Ergebnis gibt es zwölf Eigenschaften, die das Fahrverhalten der Rad Fahrenden beschreiben. In bisherigen Studien wird mit maximal sechs Merkmalen gearbeitet (siehe Kapitel 2.2). Dementsprechend vielfältig sind die anzutreffenden Fahrstile der Rad Fahrenden. Das Fahrverhalten wird zu drei Subund sechs Feinkategorien verdichtet. Der Vorteil dieses so definierten Fahrverhaltens besteht darin, dass das Fahrverhalten aus den Interviews heraus begründet werden kann. Denn oft werden die Gründe für ein bestimmtes Verhalten von den Interviewten direkt 101 Nur wenige der teilnehmenden Personen haben mehrere Fahrten aufgenommen. 174
Einstellungen der Rad Fahrenden benannt. Die entsprechenden Einflussgrößen werden in Kapitel 8.8.5 behandelt. Um das Fahrverhalten der einzelnen Probanden zu beschreiben, wird sowohl auf die Fahrtbeobachtungen, als auch auf die in den Interviews beschriebenen Situationen und Eigenbeschreibungen zurückgegriffen. 8.5. Einstellungen der Rad Fahrenden Aus dem Material sollen induktiv Einstellungen gewonnen werden, die Einfluss auf die Anforderungen und das Fahrverhalten der Rad Fahrenden nehmen (zum Begriff der Einstellungen siehe Kapitel 3.6). Die im Leitfaden genutzten Oberkodes Engagement und Politik (siehe Kapitel 8) werden nicht als Grobkategorien übernommen. Es gab keine Anzeichen dafür, dass das eigene Engagement für den Radverkehr oder die Einstellungen zur Radverkehrspolitik einen direkten Einfluss auf die Anforderungen oder das Fahrverhalten der jeweils interviewten Personen haben. Bei den Fragen zur Verkehrspolitik werden allerdings Einstellungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Anerkennung des Radverkehrs deutlich. Abhängig vom Interviewverlauf gibt es in verschiedenen Phasen des Interviews Hinweise auf die Einstellungen der Interviewten. In dem Block Verhalten und Verkehrsregeln (siehe Anhang A-1, Leitfaden), in dem die Interviewten aus ihrer Sicht problematische Verkehrsregeln thematisieren sollten, können vor allem Einstellungen zu den Verkehrsregeln extrahiert werden. Zum Abschluss des Interviews wurde nach allgemeinen Problemen des Radverkehrs gefragt. Oft resümieren hier die Interviewten ihre zuvor getätigten Aussagen und allgemeinere Einstellungen werden deutlich. In den Anforderungen manifestieren sich ebenfalls Einstellungen der Rad Fahrenden. Dies wird insbesondere an Anforderungen, die die Gleichberechtigung des Radverkehrs oder den Wunsch nach Bevorzugung des Radverkehrs zum Thema haben, deutlich. 8.5.1. Die Einstellungen im Einzelnen Zunächst werden die ermittelten Einstellungen vorgestellt. Diese stellen ein bereits verdichtetes Ergebnis dar. 175
Kategoriale Analyse Einstellungen zum Verhalten als Vorbild Einige der Interviewten sehen sich in der Pflicht, gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden ein vorbildhaftes Verhalten zu zeigen. Aus den Interviews lassen sich drei Zielgruppen herausarbeiten, gegenüber denen ein vorbildliches Verhalten gezeigt werden soll. Diese Zielgruppen sind: Passantinnen und Passanten, Kinder allgemein sowie die eigenen Kinder. Oft ist die Einhaltung von Regeln abhängig von der unmittelbaren Anwesenheit anderer Personen, wie dies der Fall ist, wenn Kinder entweder auf dem Fahrrad mitgenommen oder begleitet werden oder wenn Personen im Polizeidienst oder vom Ordnungsamt zu sehen sind. Daher gaben einige Interviewte zu, insbesondere nachts Regeln zu missachten, da es dann unwahrscheinlich ist, von Personen dieser Gruppen gesehen zu werden. Bei Personen von Polizei und Ordnungsamt spielt die Erwartung einer möglichen Strafe eine Rolle (siehe auch Phänomen „Polizei/Ordnungsamt“ in dem Bereich der „Handlungs- und Ergebniserwartungen“ in Kapitel 8.8.2). Ist die Erwartung einer Strafe vordergründig, kann nicht mehr von dem Motiv, eine Vorbildfunktion einnehmen zu wollen, ausgegangen werden. Es lassen sich vier verschiedene Einstellungen hinsichtlich der Vorbildfunktion ausmachen:  Dem in vielen Köpfen verankerten Feindbild des die Regeln brechenden und rücksichtslos agierenden Rad Fahrenden, soll entgegengewirkt werden (vgl. Ym: 143, AAf: 130).  Kindern soll ein positives Vorbild gegeben werden, damit diese gefährliche Verhaltensweisen nicht nachahmen (vgl. Mf: 213). In der Regel wird der Grund nicht explizit erwähnt. Oft heißt es lapidar, dass bei der Anwesenheit von Kindern bestimmte Regeln, z. B. Halten bei Rot zeigenden Signalen, eingehalten werden (vgl. Wm: 329, Xm: 341, AAf: 158, ACm: 72, ADm: 230, AEf: 90).  Eine rücksichtsvolle und regelbeachtende Verhaltensweise beim Radfahren soll für mehr gegenseitige Rücksichtnahme unter den Verkehrsteilnehmenden werben (vgl. Vf: 165). Mit der eigenen Gelassenheit, die sich u. a. darin ausdrückt, nicht auf das eigene Recht zu bestehen, sollen andere zu ebenfalls gelassenem Verhalten animiert werden (vgl. Wm: 105).  Schließlich soll das eigene Radfahren zeigen, dass man auch unmotorisiert mobil sein kann. Damit sollen andere animiert werden, auf das umweltfreundlichere Fahrrad umzusteigen (vgl. Wm: 365, ACm: 56). Letztere Einstellung ist ein Motiv der Wahl des Fahrrads als Verkehrsmittel. Es erklärt nicht das Fahrverhalten oder die Anforderungen von Rad Fahren176
Einstellungen der Rad Fahrenden den. Aus diesem Grund wird diese Einstellung nicht bei der weiteren Kategorisierung von Einstellungen berücksichtigt. Einstellungen zur Regelakzeptanz Die Regeln als Gesamtes werden von den meisten Rad Fahrenden grundsätzlich akzeptiert. Dabei zeichnen sich drei wesentliche Gründe ab:  die Verkehrssicherheit (vgl. AAf: 158, ACm: 197, AFm: 125),  das Funktionieren des Verkehrs (vgl. Pm 208) und  das Bild, welches regelwidrig fahrende Rad Fahrende abgeben, und die damit einhergehende sinkende Akzeptanz des Radverkehrs durch andere Verkehrsteilnehmende (vgl. ACm: 72 u. 197). Dabei wird auch hervorgehoben, dass es viele den Radverkehr bevorzugende Regeln gibt, wie z. B. an stehenden Kraftfahrzeugen rechts vorbeifahren zu dürfen (vgl. Ym: 201). Einstellungen zur Wichtigkeit von Kontrollen Einige der Rad Fahrenden fordern eine stärkere Durchsetzung von Regeln auch gegenüber Rad Fahrenden. Dabei wird vor allem die Sanktionierung von schwerwiegenden und rücksichtslosen Übertretungen gefordert (vgl. If: 343). Dies betrifft das Fahren bei rotem Lichtsignal (vgl. Om: 224) und das Fahren auf Gehwegen mit hoher Geschwindigkeit bei gleichzeitig hohem Fußverkehrsaufkommen (vgl. Wm: 189). Einstellung, sich nicht zu ärgern Ein Teil der Rad Fahrenden hat sich die Einstellung zu Eigen gemacht, dass es nichts bringt, sich aufzuregen. Zum Beispiel versuchen einige eine verbale Auseinandersetzung mit anderen Verkehrsteilnehmenden zu vermeiden. Zum einen wollen sie niemanden Beleidigen (vgl. Xm: 169) oder selbst aggressiv werden (vgl. AAf: 110). Zum anderen haben sie die Erfahrung gemacht, dass ein Streit keine positiven Effekte hat (vgl. ACm: 124). Andere Rad Fahrende wollen sich bei unbefriedigenden Verkehrssituationen nicht aufregen, sondern nehmen die gegebene Situation an. Dies hat zur Konsequenz, dass sie auf das Durchsetzen ihres Rechts verzichten (vgl. Wm: 105) oder nicht versuchen, jede Lücke im Verkehr auszunutzen (vgl. AHf: 137). Mit der eigenen Gelassenheit wollen sie ihre gute Stimmung behalten (vgl. Wm: 129), sicherer den Verkehr bewältigen und die Gelassenheit auf andere Verkehrsteilnehmende übertragen (vgl. Wm: 105). 177
Kategoriale Analyse Einstellung, Verständnis gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden zu haben Gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden wird bis zu einer gewissen Grenze Verständnis gezeigt. So wird ihnen zugestanden, Fehler zu machen (vgl. Pm: 64). Andere äußerten Verständnis für Kfz-Fahrende, die einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt seien und daher andere Verkehrsteilnehmende übersehen könnten (vgl. Ym: 121). Dass sich Verkehrsteilnehmende über Rad Fahrende ärgern, wird auf das Fehlverhalten vieler Rad Fahrender zurückgeführt (vgl. Mf: 69). Während die einen in der Regel nur kleinere Fehler dulden, zeigen andere Rad Fahrende eine generelle Gelassenheit gegenüber dem Verhalten von anderen Verkehrsteilnehmenden. Einstellungen zur Nachvollziehbarkeit von Regeln Regeln werden nicht verstanden oder akzeptiert, wenn es in vergleichbaren Situationen unterschiedliche Regelungen gibt. Besonders deutlich wird dies bei separaten Wegen durch Parkanlagen. In einigen Parks in Berlin sind breite Wege pauschal für den Radverkehr freigegeben. Dies gilt auch bei Wegen, die stark von zu Fuß Gehenden frequentiert sind. Im Gegensatz dazu gibt es Wege, die nicht für den Radverkehr freigegeben sind, obwohl diese kaum von zu Fuß Gehenden genutzt werden (vgl. Om: 412-424). Wenn dann durch das Ordnungsamt Verwarnungsgelder erhoben werden, reagieren die Rad Fahrenden schnell mit Unverständnis. Dies wird verstärkt, wenn der Parkweg später für den Radverkehr freigegeben wird (vgl. Jf: 62, 299). Durch die Widersprüchlichkeit werden die Regeln unterminiert. An Lichtsignalanlagen besteht ein Akzeptanzproblem, wenn der Sinn einer Lichtsignalanlage oder einer langen Sperrzeit nicht erkannt wird. So bei Lichtsignalanlagen, die für die sichere Querung von zu Fuß Gehenden eingerichtet wurden, die aber oft zugunsten der zu Fuß Gehenden die Phase wechseln, ohne dass zu Fuß Gehende in der Nähe sind (vgl. Pm: 111). Ebenfalls problematisch ist es, wenn der Eindruck entsteht, dass alle Fahrtrichtungen über einen längeren Zeitraum gleichzeitig Rot haben (vgl. Jf: 166). Nicht nachvollziehbare Regeln werden als Gängelung empfunden, was wiederum zu einer Eigenmaßstäblichkeit führen kann, d. h. die betroffenen Personen legen selbst fest, was ihnen richtig erscheint (vgl. Buffaloe 2012: 9).102 102 Aus einem Interview mit Renate Buffaloe, Fachpsychologin für Verkehrspsychologie mit Praxen in Berlin und Baruth, in der Mitgliederzeitschrift „Radzeit“ des ADFC Berlin. 178
Einstellungen der Rad Fahrenden Einstellungen zur Ungerechtigkeit von Regeln In verschiedenen Situationen fühlen sich Rad Fahrende ungerecht behandelt. Dies bezieht sich insbesondere auf das Verhalten von anderen Verkehrsteilnehmenden. Aber auch einige Verkehrsregeln oder ihre Umsetzung werden von Rad Fahrenden als diskriminierend empfunden. Dazu gehören  die Verdrängung des Radverkehrs in den Seitenraum, wodurch der Radverkehr gezwungen ist, mehrmals an Rot zeigenden Signalen – an Kreuzungen oder Kreisverkehren – zu halten. Dies trifft vor allem beim indirekten Linksabbiegen zu (vgl. Zm: 281, Rm: 207). Eine Koordinierung von Lichtsignalanlagen für den Kfz-Verkehr benachteiligt den Radverkehr (vgl. Qm: 150).  benutzungspflichtige Radwege insbesondere dann, wenn diese nicht den Vorschriften entsprechend ausgebaut (Breite, Abstände) oder rechts von Rechtsabbiegefahrstreifen geführt werden (Sicherheitskonflikt) (vgl. ACm: 88, Zm: 196)  die Benutzungspflicht dynamobetriebener Lichtquellen bei Fahrrädern generell und bei Rennrädern über 11 kg Gesamtgewicht im speziellen (vgl. StVZO 2012: § 67, Abs. 1 u. 11;103 Rm: 207) und  das mit Ausnahme in Fahrradstraßen geltende Verbot des Nebeneinanderfahrens, wenn andere Verkehrsteilnehmende behindert werden (vgl. Sf: 36, Tf: 277). Insbesondere hinsichtlich der Benutzungspflicht von Radwegen wird betont, dass nicht die Regeln das Problem sind, sondern vielmehr die Anordnung durch die verantwortlichen Stellen und die Auslegung durch Ordnungsämter oder Polizei (vgl. Ym: 201, AFm: 125). Einstellungen zum Geltungsbereich von Regeln Regeln, so ist die Empfindung vieler Rad Fahrender, dienen entweder dazu, die Leistungsfähigkeit des Kfz-Verkehrs aufrecht zu erhalten, oder den Fußverkehr – in der Regel wegen der vom Kfz-Verkehr ausgehenden Gefahr – sicherer zu gestalten. Für den Radverkehr seien viele Regelungen eher hinderlich und unnötig. Insbesondere Lichtsignalanlagen, gerade an kleineren Knotenpunkten, werden für den Radverkehr als nicht nötig erachtet. Für den Kfz-Verkehr seien diese notwendig, da entweder vom Kraftfahrzeug als dem „stärkeren“ 103 Diese Regelung wurde im Juli 2013 geändert. Inzwischen sind sowohl Batterien als auch aufladbare Energiespeicher als Energiequellen zugelassen (vgl. BMVBS 2013: 2806). 179
Kategoriale Analyse Verkehrsmittel die größere Gefahr ausgehe (vgl. Lf: 191) oder dem KfzFahrenden die Übersicht fehle (vgl. Zm: 200-204). Einstellungen zur Zuverlässigkeit von Regeln Aufgrund ihrer Konflikterfahrungen stellen Rad Fahrende fest, dass es nicht ausreicht, sich an Verkehrsregeln zu halten, um sicher das Fahrtziel zu erreichen. Das bedeutet, dass sie den Verkehr und die sich um sie bewegenden Verkehrsteilnehmenden jederzeit beobachten müssen. So können sie gegebenenfalls rechtzeitig reagieren. Oft folgt daraus, dass sie zurückstehen müssen und auf ihr eigenes Recht verzichten. Wenn die Rad Fahrenden sich von den Regeln nicht beschützt fühlen, verlieren diese ihre Relevanz für die Rad Fahrenden. In der Folge gerät die Einhaltung von Verkehrsregeln zur Nebensache (vgl. AHf: 89). Diese Einstellung hängt stark von der Erwartung der Rad Fahrenden ab, nicht die Kontrolle über die Situation zu haben (vgl. Ergebniserwartungen „Ausgeliefert sein“ und „Regeln sind nicht verlässlich“ in Kapitel 8.8.2). Den befürchteten Kontrollverlust (vgl. Preiser 1988: 29) versuchen die Rad Fahrenden zu verhindern, indem sie selbst aufpassen. Somit übernehmen sie wieder die Kontrolle über das Geschehen. In der Konsequenz kann das bedeuten, dass Rad Fahrende Regeln missachten, um selbst sicherer unterwegs zu sein. So fährt beispielsweise eine Radfahrerin, kurz bevor es Grün wird, bei rotem Signal los, um noch vor den rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen den Knoten zu passieren (vgl. Sf: 36). Einstellungen zur Wichtigkeit der Rücksichtnahme Die Rücksichtnahme ist für viele Rad Fahrende ein wesentlicher Aspekt. Zur Rücksichtnahme werden in diesem Fall auch Aussagen verdichtet, in denen es darum geht, vorsichtig oder aufmerksam zu sein. Die Aussage dieser hier beschriebenen Einstellung ist, dass ein rücksichtsvolles Verhalten wichtiger ist, als sich an die Regeln zu halten oder auf Regeln zu bestehen. Hier werden bereits die beiden Pole deutlich. Die eine Aussage ist, dass das Verletzen von Regeln in Ordnung ist, solange der- oder diejenige sich dennoch rücksichtsvoll verhält (vgl. Um: 238). In der anderen Aussage steht die Rücksicht über dem eigenen Recht. Findet eine Regelübertretung von anderen statt, wird dieser mit Toleranz begegnet. Zum Beispiel wird nicht an zu Fuß Gehenden, die auf den Radweg treten, eng und mit hoher Geschwindigkeit vorbeigefahren (vgl. AAf: 118). Weitere Einstellungen zur Rücksichtnahme sind:  besser sich selbst als andere gefährden (vgl. Xm: 273), 180
Einstellungen der Rad Fahrenden  Sicherheit ist wichtiger als das Durchsetzen des eigenen Rechts (am Beispiel von rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen vgl. Wm: 101) und  unklare Regeln fördern die Rücksicht (Xm: 197-201). Einstellungen zur Ungerechtigkeit von Kontrollen Die Kontrolle von Rad Fahrenden wird dann als ungerecht empfunden, wenn das Gefühl besteht, dass eher harmlose Vergehen sanktioniert werden, während Rad Fahrende, die andere Verkehrsteilnehmende stark gefährden, nicht behelligt werden (vgl. If: 345). Ebenfalls auf Unverständnis stoßen Kontrollen im größeren Umfang im Frühjahr. Hier entsteht der Eindruck, es solle vor allem Geld eingenommen werden. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn Rad Fahrende eine umfassende Kontrolle von Kfz-Fahrenden vermissen (vgl. Sf: 84). Einstellung, sein eigenes Recht durchsetzen zu wollen Rad Fahrende werden häufig von anderen Verkehrsteilnehmenden, hauptsächlich Kfz-Fahrenden, behindert, so dass sie das Gefühl haben, in ihren Rechten beschnitten zu werden. Einige Rad Fahrende reagieren darauf, indem sie versuchen, ihr Recht mit Hilfe ihres Verhaltens durchzusetzen. Dies beginnt damit, dass sie sich so verhalten, dass sie für die anderen Verkehrsteilnehmenden sichtbar sind (vgl. Um: 150) und endet, indem sie sich ihren benötigten Platz auf der Fahrbahn nehmen. Ein Beispiel hierfür ist das Halten eines größeren Abstands zu den rechts parkenden Kraftfahrzeugen (vgl. Ym: 81–85). Rad Fahrende rechtfertigen sich zuweilen für die Inanspruchnahme des Raums. Nicht sie selbst, sondern der Kraftfahrzeugverkehr sei der Verursacher der Verkehrsprobleme (vgl. AEf: 62). Besonders häufig gibt es Konflikte mit Kfz-Fahrenden, wenn Rad Fahrende die Fahrbahn nutzen, obwohl ein Radweg vorhanden ist. Ihren Unmut über diese Inanspruchnahme des Platzes durch die Rad Fahrenden äußern die Kfz-Fahrenden durch Hupen, knappes Überholen, Schneiden und Belehren (vgl. Vf: 53, Ym: 113, Zm: 158, vgl. hierzu auch die Ergebniserwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“ in Kapitel 8.8.2). Interessant ist hierbei, dass sich die Rad Fahrenden der scheinbar allgemein akzeptierten Norm, dass Rad Fahrende auf den Radweg und nicht auf die Fahrbahn gehören, widersetzen. Teilweise wird sogar von Diskussionen mit Polizisten berichtet (vgl. ACm: 84–88). Andere wiederum diskutieren mit den Kfz-Fahrenden (vgl. AFm: 48). 181
Kategoriale Analyse Ein Radfahrer stellt einen Zusammenhang zwischen der eigenen Einstellung und der Akzeptanz durch die Kfz-Fahrenden her. Durch seinen berechenbaren und offensiven Fahrstil meint er, weniger Anfeindungen ausgeliefert zu sein (vgl. ACm: 72). Die Absicht, das eigene Recht durchsetzen zu wollen, führt zu einer eigenen Sanktionierung anderer Verkehrsteilnehmender, sei es durch verbale Auseinandersetzungen oder durch Blockieren eines Fahrstreifens oder einer Fahrbahn. Auch das enge Überholen von zu Fuß Gehenden, die auf dem Radweg laufen, ist eine Art der Sanktionierung. Ein Beispiel hierfür ist Rm, der offensiv den Kfz-Fahrenden seine Rechte aufzeigen will. So sei es sein pädagogischer Antrieb, Kfz-Fahrende bei einem Fahrfehler einen Schrecken zuzufügen (vgl. Rm: 118). Einstellung, die Freiheit wiederherstellen zu wollen Die Einstellung, die eigene Freiheit wiederherstellen zu wollen, hat eine starke Erklärungskraft zur Beschreibung des Verhaltens von Rad Fahrenden. Dieses Phänomen wird von einer Radfahrerin benannt und genauer beschrieben. Mit Hilfe des Kodierparadigmas (vgl. Kapitel 6.2.1) sollen die Ursachen dieser Einstellung dargestellt werden. Als Grundlage dient die Beschreibung der Radfahrerin: „[…] was ich auch blöd finde, sind Autofahrer, die sich dann auch ständig über Fahrradfahrer aufregen. Die ständig irgendwie nicht darauf achten, dass ich jetzt; also zum Beispiel: die regen sich immer darüber auf, wenn ein Fahrradfahrer den anderen überholt. Und ich weiß nicht, aber man darf doch einen anderen Fahrradfahrer überholen. Also ich verstehe es nicht. Dann hupen die immer. Als würde ich neben dem fahren. Dabei fahr ich nur daran vorbei und das sieht man auch, dass ich daran vorbeifahre. Und das ärgert mich tierisch, ja. Also das ist dieses, mir gehört die Straße und Fahrradfahrer was macht ihr eigentlich hier? Ja? Und da denk ich mir immer, ey, am liebsten würde ich denen mal den Kopf waschen und sagen, sei froh, dass ich fahrradfahre und nicht Auto. Ja, dass nicht die Straßen noch verstopfter sind und die Umwelt noch mehr belastet, ja? Also eigentlich sollen die über jeden Fahrradfahrer froh sein, der auf der Straße ist. So also das ärgert mich am allermeisten, wenn so diese Beanspruchung der Straße stattfindet. Und ich kann dann schon verstehen, wenn Fahrradfahrer, das mach ich ja auch, ihre Freiheit wiederherstellen, indem sie halt auch illegale Sachen machen. Also bei Rot fah182
Einstellungen der Rad Fahrenden ren oder sich durchwuseln. Aber öhm, ja weiß nicht, immer dieses mir gehört die Straße. Das find ich halt irgendwie blöd. Also; das ärgert mich total“ (Sf: 36). Das Zitat wird im Folgenden den von Strauss eingeführten Begriffen zugeordnet und in die schematische Darstellung übernommen (Abbildung 17). (Eigene Darstellung) Abbildung 17: Kodierparadigma zur Einstellung „Freiheit wiederherstellen“ am Beispiel Sf: 36 Die Radfahrerin fühlt sich von anderen Verkehrsteilnehmenden, in dem beschriebenen Fall von Kfz-Fahrenden, ins Unrecht gesetzt (Phänomen). Ihrer Meinung nach wird sie von den Kfz-Fahrenden durch Hupen gemaßregelt, obwohl sie keinen Regelverstoß begeht, wenn sie andere Rad Fahrende überholt (ursächliche Bedingungen). Diese Maßregelung kann sie nicht nachvollziehen und ärgert sich darüber (Kontext). Gegen dieses Unrecht möchte sie sich wehren und ihren Standpunkt verdeutlichen (Strategie). Aufgrund der Situation ist es ihr nicht möglich, die Kfz-Fahrenden anzusprechen und ihren Ärger in der direkten Auseinandersetzung an die KfzFahrenden weiterzugeben (intervenierende Bedingungen). Als Ersatzstrategie versucht sie, ihre Freiheit wiederherzustellen (Strategie). Sie missachtet 183
Kategoriale Analyse Regeln und bewegt sich am Rande der Legalität, indem sie bspw. bei Verkehrsstaus jede Lücke ausnutzt, um vorwärts zu kommen (Konsequenzen). Die Aussage, die Freiheit wiederherstellen zu wollen, setzt voraus, dass sie die Sanktionen der Kfz-Fahrenden als eine Beschränkung ihrer Freiheit empfindet. Zur Verallgemeinerung des Phänomens sollen die Ergebnisse aus dem Zitat ergänzt werden. Das Ergebnis ist in Tabelle 32 dargestellt. Phänomen Ursächliche Bedingungen Kontext Strategien Intervenierende Bedingungen Konsequenzen Einschränkung der Freiheit Belehrungsversuche durch Kfz-Fahrende Kfz als „stärkeres“ Verkehrsmittel Verletzlichkeit des Rad Fahrenden „Gängelung“ durch Regeln hohes (Kfz-)Verkehrsaufkommen Unverständnis, Ärger, Stress, Bedrohung passiv: Situationen vermeiden aktiv: in den Widerstand gehen:  verbale Auseinandersetzung mit KfzFahrenden suchen  Recht durchsetzen  sich gegen die Normen und Regeln stellen direkte Auseinandersetzung ist nicht möglich gefährliche oder unkomfortable Alternativen Freiheit (Kontrolle) wieder herstellen:  sich frei von Normen und Regeln bewegen  andere Route wählen  Verfestigung als Einstellung (Eigene Darstellung) Tabelle 32: Abstrahiertes Kodierparadigma zur Einstellung „Freiheit wiederherstellen“ Das zentrale Phänomen ist das Gefühl der eigenen Freiheit, d. h. der freizügigen Bewegung beraubt zu sein. Diese Bewegungsfreiheit wird durch die Belehrungsversuche, also die Sanktionen der Kfz-Fahrenden, eingeschränkt. Dies wird durch das Gefühl verstärkt, dass das Fahrrad in Bezug auf die 184
Einstellungen der Rad Fahrenden empfundene Sicherheit ein dem Kraftfahrzeug unterlegenes Verkehrsmittel ist. Hier zeigen sich Parallelen zur Erwartung, dem Kfz-Verkehr ausgeliefert zu sein (vgl. Kapitel 8.8.2). Aus den gleichen Gründen schränkt auch ein hohes Verkehrsaufkommen, insbesondere durch den Kraftfahrzeugverkehr, die eigene Bewegungsfreiheit ein. Als unsinnig empfundene Regeln werden vermutlich ebenfalls als freiheitseinschränkend empfunden. Den Einschränkungen wird mit Unverständnis und Ärger begegnet. Der Ärger führt zu Stress. Das hohe Verkehrsaufkommen und die Sanktionen der KfzFahrenden können zu einer als die Gesundheit bedrohenden Situation wahrgenommen werden. Der Verlust der Freiheit ist mit einem Verlust der Kontrolle über die Situation gleichzusetzen.104 Die Rad Fahrenden sind nun bestrebt, die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen. Dieses Verhalten, bei Freiheitseinschränkungen in den Widerstand zu gehen, lässt sich mit der Reaktanz-Theorie105 aus der Sozialpsychologie belegen. Nach dieser Theorie reagieren Personen auf subjektiv empfundene Freiheitseinschränkungen, in dem sie versuchen, die ursprünglichen Möglichkeiten wiederherzustellen oder weitere Einschränkungen der Wahlfreiheit zu vermeiden (vgl. Gniech und Dickenberger 1992: 6). Die Reaktanz ist eine Strategie zur Wiedererlangung der Kontrolle (vgl. Grabitz 1997: 228). Um die Kontrolle wiederzuerlangen, entwickeln Rad Fahrende unterschiedliche Strategien. Eine passive, defensive Strategie ist es, der Situation aus dem Weg zu gehen und eine andere Strecke zu wählen, um dort die Freiheit wiederherzustellen.106 Andere versuchen, in einen Dialog mit den Kfz-Fahrenden einzutreten oder ihr Recht durchzusetzen. In einem Beispiel bleibt eine Radfahrerin stets in der Mitte von Bussonderfahrstreifen, damit sie nicht mit geringem Abstand überholt und an den Fahrbahnrand gedrängt werden kann (vgl. If: 397-401). Damit versucht sie die Situation zu kontrollieren. Da die genannten Strategien teilweise nicht oder nur eingeschränkt 104 105 106 Das Streben der Menschen nach der Kontrollierbarkeit der eigenen Handlungen und Ereignisse in ihrer Umwelt wird als Kontrollmotivation oder Kontrollbedürfnis bezeichnet (vgl. Preiser 1988: 28). Dies äußert sich in drei Ebenen (vgl. ebd.): Zunächst möchte der Mensch wissen, was in ihm und seiner Umgebung vorgeht. Darüber hinaus möchte er wissen, was ihn in der Zukunft erwartet, damit er sich darauf einstellen kann. Schließlich möchte er auf die Geschehnisse Einfluss nehmen. Diese Bedürfnisebene kann auch als Bedürfnis nach Freiheit oder Autonomie bezeichnet werden. Diese Widerstands-Reaktion auf Freiheitsentzug wurde von Brehm (vgl. Brehm 1966) zum ersten Mal vorgestellt (vgl. Gniech und Dickenberger 1997: 259). Als Beispiel dient hier eine Aussage von Ym, die im Kodierparadigma zur Erwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“ verbildlicht ist (vgl. Abbildung 19, Seite 161). 185
Kategoriale Analyse verfolgbar sind, stellen sich Rad Fahrende im Extremfall gegen die herrschenden Regeln und Normen. Dies kann sich durch einen sehr offensiven Fahrstil äußern. Eine Radfahrerin gab an, nach Konflikten aggressiver zu fahren (vgl. AAf: 110). Da sie einen aggressiven Fahrstil vermeiden will, versucht sie solchen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Sie wehrt sich gegen eine Verfestigung dieser Fahrweise zu einer Routine. Es ist zu vermuten, dass nicht alle Rad Fahrenden nur situativ reagieren. Durch die wiederholten Konflikterfahrungen mit Freiheitseinschränkungen wird diese Art des Widerstands verfestigt und zu einer festgefügten Einstellung. Regeln und von anderen Verkehrsteilnehmenden transportierte Normen, werden bewusst ignoriert oder zweitrangig behandelt. Einstellungen zur gesellschaftlichen Geringschätzung des Radverkehrs Viele der Rad Fahrenden sind der Meinung, dass der Radverkehr geringschätzig behandelt wird. Dabei zeichnen sich vier wesentliche Felder ab:  Verkehrspolitik,  Kfz-Fahrende,  Medien,  Einzelhandel. Der Politik wird vorgeworfen, weiterhin einer autozentrierten Verkehrsplanung verhaftet zu sein. Dies äußere sich beispielsweise in einer autozentrierten Straßenverkehrsordnung (vgl. Tf: 229) oder in dem Platz, der dem Autoverkehr zugestanden wird (vgl. Zm: 176). Bezüglich der Radverkehrspolitik sind einige Rad Fahrende der Meinung, dass die Planungen gedankenlos oder nur halbherzig erfolgen oder der Radverkehr generell vernachlässigt wird. Gedankenlose Verkehrsplanung läge vor, wenn Radverkehrsanlagen nicht durchgängig geplant seien und Radverkehrsanlagen in Parkstreifen geleitet werden (vgl. Kf: 520). Insbesondere im Vergleich zum in Berlin forcierten Autobahnbau empfinden einige Rad Fahrende, dass für den Radverkehr zu wenig getan wird (vgl. Pm: 52 oder Um: 330). Die Vernachlässigung des Radverkehrs wird durch die schlecht instand gehaltene Radverkehrsinfrastruktur deutlich (vgl. ADm: 270). Die Geringschätzung durch Kfz-Fahrende äußert sich in erster Linie durch das gefährdende und rücksichtslose Verhalten der Kfz-Fahrenden (vgl. Lf: 191). Dabei ist zweitrangig, ob dies durch Gedankenlosigkeit oder mit Absicht erfolgt. Einige Rad Fahrende sind unzufrieden über die mediale Berichterstattung. Dies betrifft vor allem die Berichterstattung zu Unfällen und Unfallsta186
Einstellungen der Rad Fahrenden tistiken, die durch Pressemitteilungen der Polizei vorbereitet werden. Aber auch die Diskussion zur Helmpflicht ist betroffen. So würde bei Unfällen mit Beteiligung von Rad Fahrenden immer erwähnt werden, ob die oder der Rad Fahrende einen Helm getragen hatte, obwohl gar keine Kopfverletzung oder eine Gefährdung des Kopfes vorlag (vgl. Ym: 381). Ein anderer bemängelt die einseitige Berichterstattung. Während Kfz-Fahrenden zugestanden wird, etwas zu übersehen, wird den Rad Fahrenden eine aktive Rolle zugeschrieben (vgl. Zm: 387). Insgesamt suggeriere die Berichterstattung, dass Rad Fahrende die Unfälle bzw. deren schwerwiegende Folgen selbst zu verantworten hätten (vgl. AAf: 130). Ebenfalls bemängelt wird die Geringschätzung der Rad fahrenden Kunden durch den Einzelhandel. Bei vielen Geschäften würden adäquate Abstellmöglichkeiten fehlen (vgl. AAf: 214). Einige der Interviewten sehen zum einen, dass die gesellschaftliche Anerkennung noch nicht so stark ist, wie sie es gerne hätten, und zum anderen, dass der Radverkehr ein steigendes Ansehen genießt (vgl. AIf: 301). Ob ein Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen gesellschaftlichen Anerkennung des Radverkehrs und den Einstellungen zur Regelakzeptanz nachgewiesen werden kann, wird innerhalb der Typengenerierung überprüft (Kapitel 9.1.3). Einstellungen zur gesellschaftlichen Anerkennung des Radverkehrs Zur Fahrradpolitik gibt es auch positive Rückmeldungen. Insbesondere Erfolge, wie die verstärkte Anlage von Radfahrstreifen und die Rücknahme der Benutzungspflicht von Radwegen, werden honoriert (vgl. ACm: 201). Auch im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten sei Berlin relativ fortschrittlich (vgl. AFm: 49). Auch wenn keine oder keiner der Interviewten Berlin für eine vorbildliche Fahrradstadt hält, wird der städtischen Radverkehrspolitik Bemühen attestiert (vgl. AFm: 221) und der Bau oder die Anlage von Radverkehrsanlagen auf eine dem Radverkehr positiv zugewandte Verkehrspolitik zurückgeführt (vgl. Jf: 62 und Xm: 469). 8.5.2. Sub- und Feinkategorien der Grobkategorie Einstellungen Die im vorigen Kapitel verdichteten Einstellungen werden zu Feinkategorien überführt und weiter zu Subkategorien verdichtet. Die Tabelle 33 gibt einen Überblick. 187
Kategoriale Analyse Subkategorie Regelbewusstsein Feinkategorie Vorbild geben Regeln akzeptieren Gelassenheit Eigenmaßstäblichkeit Kontrollen wichtig Sich ärgern bringt nichts Verständnis zeigen Regeln nicht nachvollziehbar Regeln ungerecht Regeln für andere Regeln unzuverlässig Rücksicht nehmen Fortsetzung Eigenmaßstäblichkeit Kontrollen ungerecht Einstellungen Bekämpfung Feindbild Vorbild gegenüber Kindern Gegenseitige Rücksichtnahme Verkehrssicherheit Wahrung der Leistungsfähigkeit des Verkehrs Anerkennung des Radverkehrs Verkehrssicherheit Situation annehmen Provokationen aushalten Verkehrsteilnehmende Widersprüchliche Regelungen Nicht erkennbares Ziel der Regelung Mehr Halte als Kfz-Verkehr Radwegbenutzungspflicht Einschränkung des Nebeneinanderfahrens Fahrradausstattung Leistungsfähigkeit Kfz-Verkehr Sicherheit Fußverkehr wichtiger als eigene Regeleinhaltung wichtiger als eigenes Recht besser sich selbst gefährden Sicherheit ist wichtiger als eigenes Recht unklare Regeln trifft Falsche Kontrollen sind übertrieben 188
Einstellungen der Rad Fahrenden Subkategorie Widerstand Anerkennung Feinkategorie Recht durchsetzen Freiheit wieder herstellen Gesellschaft verkennt Radverkehr Gesellschaft erkennt Radverkehr an Einstellungen Verkehrspolitik Kfz-Fahrende Medien Einzelhandel Verkehrspolitik (Eigene Darstellung) Tabelle 33: Sub- und Feinkategorien zu den Einstellungen Rad Fahrender Die Einstellungen, ein Vorbild sein zu wollen, zur Regelakzeptanz und zur Wichtigkeit von Kontrollen, werden zur Subkategorie „Regelbewusstsein“ verdichtet. Hintergrund dieser Feinkategorien ist der Antrieb, sich zumindest in bestimmten Konstellationen regelkonform zu verhalten, und diese Regelkonformität auch von anderen einzufordern. Bei der Feinkategorie „Vorbild geben“ gilt es, der Gesellschaft sein regelkonformes Verhalten zu zeigen. Bei der Forderung nach mehr und effektiveren Kontrollen soll die Einhaltung von Regeln sichergestellt werden, die der Verkehrssicherheit dienen. Die Verdichtung zum Regelbewusstsein ist wichtig, da es die Grundlage dafür ist, ob Regeln eingehalten werden. Die Einstellungen, sich nicht ärgern zu wollen und Zeigen von Verständnis gegenüber dem Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmender, offenbaren eine gewisse Gelassenheit. Daher werden diese Feinkategorien zur Subkategorie „Gelassenheit“ verdichtet. Dies kann ein Hinweis auf die Anforderung „Entspannt“ sein. Alle Einstellungen, die sich mit einer eigenen Auslegung von Regeln befassen, werden zur Subkategorie „Eigenmaßstäblichkeit“ verdichtet. Bereits zuvor konnte in einigen Studien (vgl. Kapitel 2.2) den Rad Fahrenden die Entwicklung eines eigenen Regelverständnisses nachgewiesen werden. Dies wird auch von den Rad Fahrenden nicht negiert. Die Ursachen sind auch auf die wahrgenommenen Normen zurückzuführen. So wird beispielsweise eingeräumt, dass durch das Verstoßen gegen subjektiv unwichtigere Regeln der eigene Ärger über den Regelverstoß anderer – insbesondere der Kfz189
Kategoriale Analyse Fahrenden – nachlässt (vgl. Tf: 257). Die Eigenmaßstäblichkeit ist damit ein erklärungsstarker Indikator für das Regelverhalten. Das eigene Recht durchzusetzen, sowie der Wunsch, die eigene Freiheit wiederherzustellen, ist eine Form des Widerstands gegenüber der bestehenden Verkehrsordnung und den das Verkehrssystem beherrschenden Verkehrsteilnehmenden. Die Rad Fahrenden empfinden eine Art der Unterdrückung und wehren sich dagegen. Die Subkategorie soll daher „Widerstand“ genannt werden. Die Frage der Gleichberechtigung des Radverkehrs mit dem Kraftfahrzeugverkehr ist in vielen Interviews ein Thema. Viele der Konflikte – sei es mit der Infrastruktur oder mit anderen Verkehrsteilnehmenden – werden auf die fehlende Gleichberechtigung zurückgeführt. Hinter der Forderung nach Gleichberechtigung steht die Einstellung, dass der Radverkehr von vielen Akteuren als geringwertig bzw. als nicht wichtig eingeschätzt wird. Die Einschätzungen der Rad Fahrenden, inwiefern der Radverkehr von der Gesellschaft anerkannt wird, werden zur Subkategorie „Anerkennung“ zusammengefasst. 8.5.3. Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns Bei den Einstellungen nimmt der Umgang mit Regeln einen großen Raum ein. Alle Interviewten setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander. Die Regeln werden als Bezugsrahmen, der für alle Verkehrsteilnehmenden gilt, akzeptiert. In Bezug auf den Radverkehr werden viele Regeln als unpassend oder ungerecht empfunden. Es überwiegt der Eindruck, dass der Radverkehr nicht als gleichberechtigtes Verkehrsmittel neben dem Kfz-Verkehr anerkannt ist. Besonders prägend ist das Empfinden, dass Verkehrsregeln nicht die Sicherheit des Radverkehrs gewährleisten können. Einige Rad Fahrende gehen in den Widerstand. Sie haben entweder die Einstellung, dass sie ihr Recht selbst durchsetzen müssen, oder sie etablieren eigene Regeln. 8.6. Normen der Rad Fahrenden Nach den Normen und Werten der Interviewten wurde nicht explizit gefragt (zum Normbegriff siehe Kapitel 3.7). Dennoch gibt es in den Interviews einige wenige Hinweise auf von den Rad Fahrenden wahrgenommene Normen. Diese sind zum einen der deskriptiven Norm und zum anderen der 190
Normen der Rad Fahrenden sozialen Gruppennorm zuordenbar (zum Begriff der deskriptiven Norm siehe Kapitel 3.2.2). Bei der deskriptiven Norm hat sowohl das Verhalten anderer Rad Fahrender als auch das Verkehrsverhalten von anderen Verkehrsteilnehmenden, insbesondere des von Kfz-Fahrenden, einen Einfluss auf das eigene Verhalten. Die häufigen Regelübertretungen Kfz-Fahrender zu Lasten von Rad Fahrenden, zum Beispiel das Parken auf Radverkehrsanlagen oder Nehmen der Vorfahrt und der fehlenden Sanktionierung durch die herbeigerufene Polizei (vgl. Tf: 241), führen zu der Einsicht, dass Regeln nicht allgemein anerkannt sind. Dies ist ein Nährboden für die Einstellungen, die zur Subkategorie „Eigenmaßstäblichkeit“ verdichtet wurden (Kapitel 8.5.2). Wenn befreundete Rad Fahrende das Fahren ohne Licht kritisieren und dies zur Einsicht führt, bei Dunkelheit nur noch mit Licht zu fahren (vgl. Vf: 121), so ist dies ein Beispiel für eine soziale Gruppennorm. Kode 3. Ordnung Wahrgenommene Normen Kode 2. Ordnung Deskriptive Norm Soziale Gruppennorm (Eigene Darstellung) Tabelle 34: Verdichtungen zu den Normen Rad Fahrender Auf die Abhängigkeit des Verhaltens Rad Fahrender von dem Verhalten anderer und dem sozialen Umfeld, wird auch in anderen Studien hingewiesen (vgl. Kapitel 2.2). Dennoch kann in nur wenigen Interviews ein Normbezug hergestellt werden. Dabei wird nicht klar, ob tatsächlich keine Normbezüge vorliegen, oder ob diese nur nicht reflektiert werden. Wird davon ausgegangen, dass nur Zusammenhänge wichtig sind, wenn diese auch thematisiert werden, muss der bewusste Einfluss von Normen als gering eingestuft werden. Aus diesem Grund werden die Normen zwar für die Darstellung der Wirkungszusammenhänge weiterhin genutzt (vgl. Kapitel 8.8.5), für die Theoriebildung im Rahmen der Typengenerierung werden sie aber nicht berücksichtigt. In der Konsequenz wird auf eine Weiterführung der Normen-Kodes zu Fein- und Subkategorien verzichtet. 191
Kategoriale Analyse 8.7. Regelkenntnisse der Rad Fahrenden Aus dem Stand der Forschung ist bekannt, dass fehlende Regelkenntnisse bei Regelverstößen nur eine untergeordnete Rolle spielen (vgl. Kapitel 2.2). In einigen Fällen sind Regelverstöße aber durchaus auf mangelndes Wissen zurückzuführen. Während nahezu jedem bewusst ist, dass bei einem Rot zeigenden Lichtsignal anzuhalten ist, sind die Regelungen abseits der Fahrbahn oft unklar. Es kann zwischen grundsätzlichen Kenntnislücken des Regelwerks und Interpretationsproblemen aufgrund nicht eindeutig erkennbarer Regelungen unterschieden werden (siehe Tabelle 35). Unsicherheiten bezüglich bestehender Regeln gibt es zur erlaubten Nutzung des Gehwegs, sei es aufgrund hoher Kfz-Belastungen der Fahrbahn (vgl. Sf: 38) oder bei der Begleitung von Kindern (vgl. Mf: 205–209). Weiterhin sind die Regeln zur Radwegbenutzungspflicht (vgl. bspw. Qm: 186– 190), zu Geschwindigkeiten, z. B. in verkehrsberuhigten Bereichen (vgl. Rm: 211), sowie beim Einordnen in Fahrstreifen (vgl. Lf: 171), Handzeichen geben (vgl. Jf: 190) oder dem Schulterblick (vgl. Zm: 167) nicht immer bekannt. Darüber hinaus gibt es Probleme bei der Einordnung konkreter Situationen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn von einer bestimmten Regelung vor Ort ausgegangen wird, ohne sich zu vergewissern, dass eine solche Regelung, z. B. angezeigt durch ein Verkehrszeichen, tatsächlich gilt (vgl. Jf: 271). Subkategorie Außergewöhnliche Kenntnisse Kenntnislücken Feinkategorie Regelwerk Missinterpretation der Situation vor Ort (Eigene Darstellung) Tabelle 35: Sub- und Feinkategorien zu den Regelkenntnissen der Rad Fahrenden Die fehlenden Regelkenntnisse führen zu einer Verunsicherung der Rad Fahrenden. Sie haben schnell den Eindruck, sich in einer „Grauzone“ zu befinden. Hieraus entsteht das Gefühl, dass es für sie keine alle Situationen umfassenden Regeln gibt (vgl. Lf: 215). Darüber hinaus ist ein Einfluss auf die Regelakzeptanz, insbesondere auf die Einstellung, das eigene Verhalten 192
Wirkungszusammenhänge nicht von den bestehenden Regelungen abhängig zu machen, wahrscheinlich (vgl. Einstellungen zur Zuverlässigkeit von Regeln in Kapitel 8.5.1). Demgegenüber stehen außergewöhnliche Kenntnisse. Damit sind Kenntnisse gemeint, die über das allgemeine Wissen von Regeln hinausgehen. Dazu gehört u. a. zu wissen, welche Wege benutzungspflichtig sind (vgl. Kf: 300) oder welche Abstände beim Überholen eingehalten werden sollten (vgl. Pm: 61). Die außergewöhnlichen Kenntnisse verdeutlichen die Intensivität, mit der sich mit dem Thema Regeleinhaltung beschäftigt wird. Die Aneignung des Wissens erfolgt meist aus einem bestimmten Antrieb heraus. Drei wesentliche Gründe lassen sich herausarbeiten. Im ersten Fall geht es um das Bedürfnis, sich regelkonform zu verhalten. Entweder aus einem inneren Antrieb heraus (vgl. Om: 184), aus Sicherheitsgründen (vgl. Pm: 61) oder um zu vermeiden, ein Bußgeld zahlen zu müssen bzw. zu wissen, was ein Verstoß, wenn er denn geahndet wird, kostet (vgl. Rm: 235). Häufiger werden Regelkenntnisse angeeignet (2. Fall), wenn es darum geht zu wissen, welche Sonderregelungen für Rad Fahrende bestehen. Von besonderem Interesse sind Regeln, die dazu dienen, schnell voranzukommen. Hierzu gehört das rechte Überholen von wartenden Kraftfahrzeugen (vgl. Ym: 161) oder das Nutzen der Fahrbahn bei nichtbenutzungspflichtigen Radwegen (vgl. Zm: 158). Häufig wird dieses Wissen angeeignet, um sich gegen Sanktionen von anderen Verkehrsteilnehmenden oder Ordnungskräften zu verteidigen (vgl. ebenda). Im dritten Fall geht es um Regeln, die als ungerechtfertigt empfunden werden, weswegen sich die Rad Fahrenden näher mit diesen Regeln beschäftigen. Hierzu gehört das Verbot für Rad Fahrende nebeneinander zu fahren, wenn der übrige Verkehr behindert wird (vgl. Tf: 277) und die Radwegbenutzungspflicht (ACm: 88). 8.8. Wirkungszusammenhänge In diesem Kapitel werden die aus den Interviews extrahierten Zusammenhänge zwischen den Grobkategorien dargestellt. Hinzu kommen die Wirkungen, die aus den Konflikterfahrungen der Rad Fahrenden hervorgehen. Laut Arbeitsmodell (siehe Kapitel 4.5) wirken die Konflikterfahrungen der Rad Fahrenden auf ihre Einstellungen. Ob dieser Zusammenhang nachgewiesen werden kann, wird im ersten Unterkapitel 8.8.1 geklärt. Bei der Arbeit mit den Interviews wurde deutlich, dass es über das Arbeitsmodell hinausgehende Einflüsse auf das Fahrverhalten gibt. Hinweise geben bereits 193
Kategoriale Analyse die vorgestellten Verhaltensmodelle im Kapitel 3.2.1 und 3.2.2. Wichtige Faktoren aus diesen Modellen sind  die wahrgenommene Verhaltenskontrolle aus dem Modell des geplanten Verhaltens von Ajzen. Sie wurde von den Verkehrspsychologen um Hautzinger als Handlungs- und Ergebniserwartung im Wirkmodell der Regelbefolgung weiterentwickelt (vgl. Kapitel 3.2.2),  die Gewohnheiten aus dem Arbeitsmodell von Alrutz et al. sowie dem Wirkmodell von Hautzinger et al.,  die Kenntnisse zu den Verkehrsregeln ebenfalls aus dem Arbeitsmodell von Alrutz et al. sowie dem Wirkmodell von Hautzinger et al. und  der wahrgenommene Aufforderungscharakter der Situation aus dem Wirkmodell der Regelbefolgung (Hautzinger et al. 2011). Die in diesen Modellen aufgezeigten Abhängigkeiten können nun mit tatsächlich nachweisbaren Wirkungszusammenhängen ergänzt oder unterfüttert werden. Die Regelkenntnisse werden bereits im Kapitel 8.7 thematisiert. Weitere Faktoren werden in den Kapiteln 8.8.2, 8.8.3 und 8.8.4 erarbeitet. 8.8.1. Der Einfluss von Konflikterfahrungen Während der Interviews wurden die Rad Fahrenden direkt nach ihren Konsequenzen aus ihren Konflikterfahrungen gefragt. Die Konsequenzen lassen sich zu dreizehn Kodes verdichten und können einer eher defensiven oder offensiven Verhaltensweise zugeordnet werden (siehe Tabelle 36). Anschließend werden die einzelnen Konsequenzen kurz beschrieben und mit Fallbeispielen unterlegt. Dabei ist zu beachten, dass weder die verdichteten Konsequenzen noch die Fallbeispiele die Wirklichkeit vollständig abbilden. Sie sollen lediglich die Konsequenzen der Interviewten verdeutlichen. Darüber hinaus sollen sie aufzeigen, wie das Fahrverhalten von eigenen Konflikterfahrungen geprägt wird. Im Anschluss an die Beschreibungen wird kurz dargelegt, auf welche Faktoren die Konflikterfahrungen wirken. Betroffen sind vor allem die Handlungs- und Ergebniserwartungen (Kapitel 8.8.2) und die Einstellungen (Kapitel 8.5.1). Abschließend wird die Zuordnung der verdichteten Konsequenzen zur Risikobereitschaft begründet. 194
Wirkungszusammenhänge Verdichtete Konsequenz (Kode) Wegewahl ändern, Fahrrad stehen lassen Vorsichtiger fahren Langsamer fahren Gelassener sein Fahrradhelm tragen Regelkonformer verhalten Fahrrad verkehrssicher gestalten Aufmerksamer sein Sanktionierung vermeiden Für andere mitdenken Sichtbarkeit erhöhen Fahrbahn statt Radweg nutzen Sich Raum verschaffen Risikobereitschaft defensiv offensiv (Eigene Darstellung) Tabelle 36: Konsequenzen aus Konflikterfahrungen Wegewahl ändern, Fahrrad stehen lassen Um Konflikten zu entgehen, wird entweder die gefahrene Strecke verändert oder das Fahrrad stehen gelassen und auf andere Verkehrsmittel zurückgegriffen. Einer der Interviewten vermeidet beispielsweise öfter die Nutzung einer bestimmten Straße. Auf dieser Straße verläuft ein schlecht angelegter Radweg. Da dem Radfahrer das Fahren auf dem Radweg zu gefährlich erscheint, nutzt er die Fahrbahn, wird aber immer wieder von Kfz-Fahrenden bedrängt. Seine Konsequenz ist, dass er oft eine andere, längere Route wählt, um die Lust am Radfahren nicht zu verlieren (vgl. Ym: 169). Ein anderer Radfahrer meidet eine ganz bestimmte Strecke, da er dort bedrohliche Auseinandersetzungen und Stürze erlebt hat (vgl. Pm: 86). Eis- und Schneeglätte führen dazu, dass das Rad an einzelnen Tagen oder während des gesamten Winters stehen gelassen wird (vgl. AIf: 45 bzw. Um: 118).107 Diese Konflikterfahrungen bestimmen die Handlungs- und Ergebniserwartungen (Kapitel 8.8.2). Im Falle der schlechten Verkehrsanlage und der Eis- und Schneeglätte erwarten die Rad Fahrenden eine nicht die Verkehrs107 Trotzdem wurde Um in der Stichprobe belassen, da er im letzten Winter zum ersten Mal sein Fahrrad stehen gelassen hat. 195
Kategoriale Analyse sicherheit gewährleistende Infrastruktur („Verkehrsanlage ist unsicher“). Die drohenden Konflikte mit den Kfz-Fahrenden finden sich in der Sorge, von Verkehrsteilnehmenden sanktioniert zu werden („Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“). Die gezeigte Verhaltensänderung ist defensiv. Es wird darauf verzichtet, das eigene Recht durchzusetzen. Die Situationen werden durch Verzicht auf die Benutzung des Fahrrads oder der Nutzung einer bestimmten Strecke vermieden. Im Extremfall können Konflikterfahrungen zu einem generellen Verzicht der Radnutzung führen. Vorsichtiger fahren Die meisten Rad Fahrenden gehen nicht so weit, aufgrund von Konflikten Strecken zu meiden. Sie nutzen vielmehr ihre Konflikterfahrungen, indem sie entweder generell oder in bestimmten Situationen oder an bestimmten Orten vorsichtiger agieren. Zum vorsichtigen Fahren gehören nach Meinung der Befragten:  größeren Abstand zu parkenden Kfz zu halten (vgl. Kf: 137, Vf: 81, Zm: 107),  größeren Abstand zu Hauswänden zu halten oder Gehwege zu meiden (vgl. ADm: 134),  öfter hinter sich zu blicken (vgl. Kf: 137),  an Lichtsignalanlagen Kfz seltener rechts zu überholen (vgl. Ym: 113) und  nicht freihändig zu fahren (vgl. Sf: 34). Bei folgenden Situationen wird vorsichtiger agiert:  Nässe (vgl. Om: 448, Rm: 118, AEf: 58),  Schienen in der Fahrbahn (vgl. Rm: 118),  schlechtem Untergrund (vgl. Om: 64, AEf: 58) und  Hunden in unmittelbarer Nähe (vgl.: Pm: 149). In einem Fall will eine Radfahrerin zukünftig immer den benutzungspflichtigen Radweg statt der Fahrbahn nutzen. Sie verunglückte, als sie auf der Fahrbahn anstatt auf dem Radweg fuhr. Wegen Schnees und der befürchteten Glätte wollte sie den Radweg damals nicht nutzen (vgl. Kf: 137). Die meisten Konsequenzen zum vorsichtigen Fahren betreffen eher weiche Kriterien, zu denen es in der StVO keine Festlegungen gibt, wie z. B. die Höhe der angepassten Geschwindigkeit oder die Häufigkeit des Schulterblicks. Den Rad Fahrenden ist es in diesem Zusammenhang egal, ob das vorsichtigere Fahren eine stärkere Regeleinhaltung beinhaltet. Ihnen ist es 196
Wirkungszusammenhänge vor allem wichtig, sicherer unterwegs zu sein. Der Wille, vorsichtiger zu fahren, ist eine Einstellung und gehört zu den als Rücksichtnahme zusammengefassten Einstellungen (Einstellung „Rücksicht nehmen“). Es wird aber auch ein Zusammenhang mit den Ergebniserwartungen deutlich. In den oben benannten Situationen werden Stürze in Folge einer unsicheren Verkehrsanlage oder eines eingeschränkten Fahrkönnens erwartet (Ergebniserwartungen „Verkehrsanlage ist unsicher“ und „Fahrkönnen“). Mit dem vorsichtigeren Fahren versuchen die Rad Fahrenden das Risiko gezielt zu vermindern. Dies ist eine defensive Vorgehensweise. Darüber hinaus gehört das vorsichtige Fahren zum defensiven Fahrstil, da es eine einseitige vom Rad Fahrenden ausgehende Reaktion auf den Verkehr ist. Es wird nicht versucht, auf andere Verkehrsteilnehmende aktiv einzuwirken. Langsamer fahren Das Reduzieren der Geschwindigkeit ist in den vorliegenden Fällen eine Art des vorsichtigen Fahrens. Da das langsame Fahren eine Eigenschaft des Fahrverhaltens ist, soll es auch hier eine eigene Kategorie bilden. Die Befragten reduzieren aufgrund ihrer Konflikterfahrungen die Geschwindigkeiten beim bergab fahren (vgl. Sf: 46), in unübersichtlichen Situationen, z. B. an Engstellen (vgl. Xm: 189) oder wenn sie im Seitenraum in der Nähe von zu Fuß Gehenden fahren (vgl. Zm: 171). Die Einflüsse auf die Einstellungen und Erwartungen gelten analog zu den Konsequenzen des vorsichtigen Fahrens. Da das langsame Fahren vor allem das Risiko eines Konflikts vermindern soll, gehört es zum defensiven Fahrstil. Gelassener sein An einige eher ungefährlichere Konflikte gewöhnen sich Rad Fahrende. Mit der Zeit ärgern sie sich weniger und gehen gelassener mit der Situation um. So regt sich ein Radfahrer inzwischen weniger auf, wenn rechtsabbiegende Kfz-Fahrende die Furten von Radverkehrsanlagen blockieren (vgl. Um: 150). Andere wollen sich nicht mehr darüber ärgern, wenn KfzFahrende unberechtigterweise hupen (vgl. Mf: 69, ACm: 92). Der Wille gelassen zu bleiben, lässt sich den Einstellungen zuordnen. Als Einstellung könnte dahinter stehen, dass es keine positiven Auswirkungen hat, wenn man sich aufregt. Der gelassenere Umgang mit Konflikten ist eher einem defensiven Fahrstil zuzuordnen, da Konflikte hingenommen werden. Es wird nicht versucht, 197
Kategoriale Analyse eine aktive Rolle zur Vermeidung eines Konflikts oder zur Durchsetzung des eigenen Rechts einzunehmen. Fahrradhelm tragen Bei Unfällen waren Rad Fahrende entweder froh, einen Helm getragen zu haben, oder sie tragen seit dem Unfall einen Helm oder haben es sich vorgenommen (vgl. Kf: 161, Pm: 51 bzw. Sf: 34). Der Einfluss eines Unfalls kann mit der Zeit auch wieder zurückgehen mit der Folge, dass der Helm nicht mehr oder seltener getragen wird (vgl. Um: 98). Ein Helm wird mit der Erwartung getragen, im Falle eines Unfalls einem geringeren Verletzungsrisiko ausgesetzt zu sein. Damit ist die Aussage „der Helm schützt“ eine eigene Ergebniserwartung (verdichtet zur Ergebniserwartung „Ausstattung schützt“). Die Handlungs- und Ergebniserwartungen „Verkehrsanlage ist unsicher“ und „Fahrkönnen“ sind ebenfalls betroffen, da ohne sie ein Helm nicht notwendig wäre. Das Tragen eines Fahrradhelms ist ein Beitrag zur Erhöhung der passiven Sicherheit. Unfälle werden nicht verhindert, wohl aber negative Auswirkungen vermindert. Es ist daher eine defensive Maßnahme. Regelkonformer verhalten Das regelkonformere Verhalten, in dem vorliegenden Fall das Halten an Rot zeigenden Lichtsignalanlagen, wird als Beispiel des konzentrierteren Fahrens genannt (vgl. AAf: 106). Nur in diesem Fall wird eine häufigere Regeleinhaltung als Konsequenz eines Konflikts oder Unfalls genannt. Konflikterfahrungen wirken – wenn auch im begrenzten Umfang – auf die Einstellungen zur Regelakzeptanz. Das regelkonformere Verhalten lässt sich gemäß den verdichteten Kategorien (Kapitel 8.4.2) weder einem defensiven noch offensiven Fahrstil zuordnen. Stattdessen ist es dem kooperativen Fahrstil zuzuordnen. Mit einem größeren Erfahrungsschatz wird das regelkonforme Verhalten stärker wertgeschätzt. Fahrrad verkehrssicher gestalten Trivial ist die Erkenntnis, dass bei Unfällen aufgrund von technischen Mängeln diese in Zukunft behoben und vermieden werden. Es gibt aber auch Möglichkeiten, Fahrräder über die üblichen Verkehrssicherheitsausstattungen hinausgehend zu verbessern oder gefährliche Ausrüstungen zurückzubauen. So können im Winter Reifen mit Spikes aufgezogen werden (vgl. 198
Wirkungszusammenhänge AFm: 89). Bei der Verwendung von Klickpedalen108 können sich ungeübte bei einem Sturz oft nicht rechtzeitig abfangen. Der betreffende Radfahrer nutzt Klickpedalen nur noch bei Fahrten über Land (vgl. Zm: 85). Ähnlich wie beim Fahrradhelm, erhöht eine angemessene Fahrradausstattung die Sicherheit. Dies ist damit eine Ergebniserwartung („Ausstattung schützt“). Im Gegensatz zur Fahrradhelmnutzung werden mit einem verkehrssicheren oder mit einem an den Nutzenden angepassten Fahrrad Konflikte und Unfälle direkt vermieden. Diese Maßnahmen können sowohl einen vorsichtigen als auch einen risikoreichen Fahrstil unterstützen. Aufmerksamer sein Aufgrund ihrer Konflikterfahrungen konzentrieren sich Rad Fahrende stärker auf den Verkehr. Besondere Aufmerksamkeit schenken sie Lastkraftwagen an Knoten (vgl. Pm: 73), rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen (vgl. Qm: 142), entgegenkommenden Rad Fahrenden (vgl. Um: 138) sowie an einer Leine geführten Hunden (vgl. Pm: 73), Rad Fahrenden (vgl. Ym: 113) und zu Fuß Gehenden (vgl. AIf: 100). Die Einflüsse auf die Einstellungen und Erwartungen gelten analog zu den Konsequenzen des vorsichtigen Fahrens. Gemäß der Kategorien zum Fahrverhalten lässt sich das aufmerksame Fahren nicht mehrheitlich einem defensiven oder offensiven Fahrstil zuordnen. Stattdessen ist es Kennzeichen des kooperativen Fahrstils. Mit einer hohen Aufmerksamkeit soll Konflikten vorgebeugt werden. Bei einem gleichzeitig offensiven Fahrstil kann durch die höhere Aufmerksamkeit die Reaktionszeit verkürzt werden. Bei einem defensiven Fahrstil kann eine höhere Aufmerksamkeit zu einer Verstärkung des defensiven Fahrstils führen, indem beispielsweise größere Abstände eingehalten werden. Sanktionierung vermeiden Aus Konflikterfahrungen mit Polizei oder Ordnungsamt resultiert häufig der Versuch, bei Regelübertretungen darauf zu achten, dass keine Polizei in Sichtweite ist (vgl. Wm: 201). 108 Bei Klickpedalen sind die Pedalen fest mit den Schuhen verbunden. Um die Verbindung zu lösen, muss der Rad Fahrende mit dem Fuß eine leichte Drehbewegung ausführen. Für die Automatisierung des Bewegungsablaufs ist einige Übung nötig. 199
Kategoriale Analyse Eine Sanktionierung durch den Staat gehört zu den Ergebniserwartungen („Sanktionierung Staat“). Im Gegensatz zur Absicht, Regeln generell einhalten zu wollen, werden hier nur unter bestimmten Bedingungen Regeln eingehalten. Das Verhalten ist aktiv, da es nur unter der Bedingung der Anwesenheit einer Ordnungsmacht gezeigt wird. Es ist daher eher eine offensive Verhaltensweise. Für andere mitdenken Um Konflikte zukünftig zu vermeiden, versuchen viele die Perspektive anderer Verkehrsteilnehmender einzunehmen und quasi für sie mitzudenken (vgl. Wm: 105, Xm: 293). So erkennen sie mögliche Gefahren frühzeitig (vgl. Pm: 99, AFm: 97). Folgende Beispiele zeigen die Möglichkeiten des Mitdenkens oder Vorhersehens einer Situation:  auf soeben geparkte Kfz achten, bei denen eventuell Personen – ohne auf den Verkehr zu achten – Türen öffnen (vgl. Um: 134),  abbremsen, wenn sich Fahrzeuge aus der Seitenstraße mit hoher Geschwindigkeit nähern und möglicherweise nicht die Vorfahrt beachten (vgl. Om: 204),  aufpassen auf Personen, die aufgrund ihrer Beschäftigung abgelenkt sind und nicht auf den Verkehr achten, wie z. B. beim Fahrzeug ent- oder beladen (vgl. Ym: 113). Die Einflüsse auf die Einstellungen und Erwartungen gelten analog zu den Konsequenzen des vorsichtigen Fahrens. Auch dieses Verhalten ist, da es ein der Situation angepasstes Verhalten ist, ein aktives Verhalten. Es ist daher eher offensiv als defensiv. Trotzdem ist es kein offensives Verhalten im Sinne der Kategorisierung des Fahrverhaltens, da die Rad Fahrenden bei der Ausübung des „Mitdenkens“ kein höheres Gefährdungsrisiko eingehen. Sichtbarkeit erhöhen Eine weitere Konsequenz ist es, die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen oder zumindest negative Folgen einer schlechten Sichtbeziehung zu vermeiden. Dabei sind in der Regel die Sichtbeziehungen zu Kfz-Fahrenden, insbesondere Rechtsabbiegenden gemeint. Einige Rad Fahrende fahren nicht rechts an wartenden Kraftfahrzeugen vorbei, sondern bleiben entweder dahinter (vgl. Om: 316) oder fahren links an ihnen vorbei (vgl. Xm: 189). Auch an der Haltlinie bevorzugen sie es, sich vor, links neben oder hinter den Kraftfahrzeugen aufzustellen (vgl. Zm: 106). 200
Wirkungszusammenhänge Darüber hinaus gibt es noch andere Möglichkeiten, die Sichtbarkeit zu erhöhen. Dazu gehören das Fahren mit Licht (vgl. Qm: 138), das Handzeichen geben (vgl. AFm: 69) oder bei der Begleitung von Kindern neben diesen zu fahren (vgl. AHf: 189). In unklaren Situationen wird versucht, Augenkontakt aufzunehmen (vgl. AFm: 69) oder notfalls gegen das Kraftfahrzeug zu klopfen (vgl. AFm: 97). Mit dem Bestreben, die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen, wird der Erwartung einer unsicheren Verkehrsanlage entgegengewirkt (Ergebniserwartung „Verkehrsanlage ist unsicher“). Andere Konsequenzen, wie das hinter einem Kraftfahrzeug Bleiben, dienen dazu, der Erwartung, dem Verkehrsgeschehen bzw. der Rücksicht anderer Verkehrsteilnehmenden ausgeliefert zu sein, zu umgehen (Ergebniserwartung „Ausgeliefert sein“). Die Erhöhung der Sichtbarkeit kann sowohl Ausdruck eines offensiven als auch defensiven Fahrstils sein. Wird auf der Fahrbahn deutlich Präsenz gezeigt, ist dies Kennzeichen für den Willen, das eigene Recht durchzusetzen. Gleichzeitig können Außenstehende dies als Erhöhung des Risikos empfinden. Damit ist dieses Verhalten ein eher offensives. Andere Maßnahmen, wie das Fahren mit Licht oder das Bleiben hinter Kraftfahrzeugen, ist eher Kennzeichen für ein defensiveres Verhalten. Fahrbahn statt Radweg nutzen Die Nutzung der Fahrbahn anstatt des (nichtbenutzungspflichtigen) Radwegs erhöht nicht nur die eigene Sichtbarkeit gegenüber dem Kfz-Verkehr. Die Fahrbahn wird in dem vorliegenden Fall auch als freier von Störungen, durch z. B. zu Fuß Gehende, wahrgenommen. Dies sei vor allem bei hohen eigenen Geschwindigkeiten der Fall (vgl. AFm: 48). Der (nichtbenutzungspflichtige) Radweg wird als unsichere Verkehrsanlage eingeschätzt (Ergebniserwartung „Verkehrsanlage ist unsicher“). Gleichzeitig besteht die Einschätzung, dass sich nicht auf die Regeln verlassen werden kann, da rechtsabbiegende Kfz-Fahrende oft nicht den Vorrang der Rad Fahrenden beachten oder zu Fuß Gehende ohne Beachtung von Rad Fahrenden den Radweg begehen (Ergebniserwartung „Regeln sind nicht verlässlich“). Dies kann, wenn benutzungspflichtige Radwege nicht genutzt werden, zu einer Regelübertretung führen. Die Einstellung, dass Regeln nicht so entscheidend sind, wird bedient (Einstellung „Regel ist nicht entscheidend, Zwang, selbst aufzupassen“). Die Rad Fahrenden, die trotz vorhandener Radwege die Fahrbahn nutzen, stellen sich gegen die allgemeine Norm, dass Rad Fahrende Radwege zu nutzen haben. Diese Norm wird durch die sanktionierenden Verhaltenswei201
Kategoriale Analyse sen der Kraftfahrzeug-Fahrenden transportiert. Mit dem Festhalten an dem Fahren auf der Fahrbahn versuchen die Rad Fahrenden ihr Recht durchzusetzen. Zudem wird dieses Verhalten von vielen als risikoreich empfunden. Damit ist die Nutzung der Fahrbahn anstatt eines Radwegs ein offensives Fahrverhalten. Die Konsequenz „Fahrbahn statt Radweg nutzen“ ist Teil der Ausprägung „An Pkw orientiert“. Sich Raum verschaffen Um nicht mit geringem Abstand überholt oder geschnitten zu werden, halten einige Rad Fahrende einen so großen Abstand vom Fahrbahnrand oder den parkenden Kraftfahrzeugen ein, dass entweder ein Überholen nicht möglich ist, oder vom Überholenden der Fahrstreifen gewechselt werden muss (vgl. Zm: 342). Wird dennoch mit geringem Abstand überholt, kann die oder der Rad Fahrende zumindest nach rechts ausweichen (vgl. Ym: 85). Aus diesen Gründen fährt eine Radfahrerin auf Bussonderfahrstreifen stets auf der Mitte des Fahrstreifens (vgl. If: 397). Mit zu dieser Konsequenz gehört, sich nicht auf den teilweise mit parkenden Fahrzeugen belegten rechten Fahrstreifen verdrängen zu lassen. Sonst besteht die Gefahr, sich nicht mehr gefahrlos wieder in den fließenden Verkehr einordnen zu können (vgl. Ym: 101). Die Ergebniserwartung, dem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmenden – in diesem Fall dem, mit geringem Abstand überholt zu werden – ausgeliefert zu sein, ist der Antrieb dieser Konsequenz (Ergebniserwartung „Ausgeliefert sein“). Dies manifestiert sich schließlich in der Einstellung, selbst für die Durchsetzung des eigenen Rechts sorgen zu müssen (Einstellung „Eigenes Recht durchsetzen“). Die Konsequenz „Sich Raum verschaffen“ ist ebenfalls ein Ausdruck des Willens, sein eigenes Recht durchzusetzen. Es ist Teil eines offensiven Fahrstils. Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns Es wird deutlich, dass die Konsequenzen, je nach Persönlichkeit, sehr unterschiedlich ausfallen können. Die einen Rad Fahrenden zeigen ein eher defensiveres Fahrverhalten: sie fahren vorsichtiger, wählen eine andere Strecke oder schützen sich mit einem Helm. Andere wählen die offensivere Variante und sorgen dafür, im Straßenverkehr stärker von anderen Verkehrsteilnehmenden wahrgenommen zu werden. Dass sich beides nicht ausschließen muss, zeigt das Beispiel von Ym. Dieser vermeidet bestimmte Routen, gerade weil er sich nicht verstecken will. Er beansprucht den nötigen Raum für sich, indem er mit deutlichem Abstand zu den parkenden Kfz fährt. 202
Wirkungszusammenhänge Letztlich zeigt sich, dass Unfälle und Konflikte einen großen Einfluss auf den Fahrstil der Rad Fahrenden haben. Die Konsequenzen sind stark von Sicherheitsgedanken geprägt. Es wird aber auch deutlich, dass einer stärkeren Regeleinhaltung keine Verbesserung des Sicherheitsgefühls zugesprochen wird. 8.8.2. Handlungs- und Ergebniserwartungen Ein wichtiger Baustein der Verhaltensabsicht sind die Ergebnisse, die die Akteurinnen oder Akteure aufgrund ihres Handelns erwarten. Gemäß diesen Erwartungen werden sie ein bestimmtes Verhalten zeigen oder gerade nicht zeigen. Unter die Ergebniserwartungen fallen die dem Fahrrad zugewiesenen Qualitäten. Eine Qualität des Radfahrens besteht beispielsweise in der Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen. Das Wissen um diese Qualität führt wiederum dazu, dass die betreffende Person erwartet, sich mit dem Fahrrad sportlich betätigen zu können. Diese Form der Erwartung lässt sich allen Qualitäten zuordnen, die im Kapitel 1.1 behandelt werden. Daher soll an dieser Stelle keine tiefergehende Betrachtung erfolgen. Ein weiterer Teil der herausgearbeiteten Erwartungen betrifft die subjektiv wahrgenommenen Gefahren des Straßenverkehrs. Diese lassen sich zu drei Gruppen verdichten:  das Gefühl, Verhaltensweisen anderer Verkehrsteilnehmenden ausgeliefert zu sein (Erwartung „Ausgeliefert sein“),  die Erfahrung, dass Regeln nicht verlässlich sind (Erwartung „Regeln sind nicht verlässlich“) und  die Erfahrung, dass die Nutzung eines jeden Verkehrsanlagentyps mit anderen Gefahren verbunden ist (Erwartung „Verkehrsanlage ist unsicher“). Mit Hilfe der richtigen Ausrüstung soll das Unfall- und Verletzungsrisiko reduziert werden (Erwartung an „Sichere Ausrüstung“). Ein weiterer wichtiger Aspekt der Unfallverhütung ist die richtige Einschätzung des eigenen Fahrkönnens (Erwartung „Fahrkönnen“). Den anderen Teil der Erwartungen betreffen Konsequenzen, die aus dem eigenen Verhalten resultieren. Diese können beispielsweise die Angst vor Strafen oder sozialen Konflikten beinhalten, welche sich wiederum mit bestimmten Personengruppen verknüpfen lassen. Diese sind  Vertretende der Staatsmacht, also Mitarbeitende von Polizei und Ordnungsamt (Erwartung „Sanktionierung Staat“) und 203
Kategoriale Analyse  Verkehrsteilnehmende, die durch soziale Interaktion versuchen, scheinbar sich falsch verhaltende Personen zu reglementieren. Sei es durch Hupen, enges Überholen, Schneiden, Abdrängen oder mündliche Belehrungsversuche (Erwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“). Insbesondere auf die für die Arbeit zentralen Erwartungen, „Ausgeliefert sein“ und „Regeln sind nicht verlässlich“, soll näher eingegangen werden, da sie sich als entscheidend für die Eigenmaßstäblichkeit der Rad Fahrenden herausgestellt haben (siehe Kapitel 8.5.2). Daher soll das Kodierparadigma von Strauss (vgl. Kapitel 6.2.1) angewendet werden, um weitere Zusammenhänge aufzuzeigen. Erwartung „Ausgeliefert sein“ Eine wichtige Erwartung von vielen Rad Fahrenden ist es, dem Kfz-Verkehr weitgehend schutzlos ausgeliefert zu sein. Von den Rad Fahrenden werden Situationen beschrieben, in denen ihre Sicherheit von den Verhaltensweisen anderer Verkehrsteilnehmender abhängt. Zum Beispiel können sie selten beeinflussen, mit welchem Abstand sie von einem Kraftfahrzeug überholt werden (vgl. Wm: 117). Auch ist es oft nicht möglich abzuschätzen, inwiefern Kfz-Fahrende Rad Fahrende wahrnehmen (vgl. Ym: 121). Vor allem bei abbiegenden Kraftfahrzeugen stellt dies ein Problem dar. Die Folge ist ein Gefühl der Unsicherheit. Der im Gegensatz zum Kraftfahrzeug fehlende passive Schutz wirkt verstärkend (vgl. AHf: 221). In bestimmten Situationen, zum Beispiel beim direkten Linksabbiegen, wenn Rad Fahrende ungeschützt auf der Fahrbahn den Gegenverkehr abwarten müssen, ist das Unsicherheitsgefühl besonders stark (vgl. AEf: 66). Andere versuchen der Unsicherheit mit einer erhöhten Aufmerksamkeit zu begegnen (vgl. ACm: 108). Das von den Rad Fahrenden häufig geäußerte Gefühl des Ausgeliefertseins, wird als Kontrollverlust bezeichnet (vgl. Preiser 1988: 29).109 Die Rad Fahrenden begeben sich in eine Situation, die sie nicht vollständig kontrollieren können. Stattdessen sind sie auf das richtige Verhalten anderer angewiesen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins resultiert aus Fehlverhaltensweisen anderer Verkehrsteilnehmender. Daraus kann sich für die Rad Fahrenden 109 Der Verlust der Freiheit wird ebenfalls als Kontrollverlust bezeichnet. Zur Einstellung „Freiheit wiederherstellen“ in Kapitel 8.5.1 wird näher auf die Kontrollierbarkeit eingegangen. 204
Wirkungszusammenhänge die Erkenntnis ergeben, dass die bestehenden Regeln nicht verlässlich sind. Diese Erwartung soll im Folgenden näher beleuchtet werden. Erwartung „Regeln sind nicht verlässlich“ Verkehrsregeln sollen unter anderem die Sicherheit der Verkehrsteilnehmenden gewährleisten. Problematisch wird es, wenn die Sicherheit subjektiv als nicht gegeben empfunden wird. Insbesondere an Knoten mit links- oder rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen ist dies ein Problem (vgl. Pm: 136). Unfälle mit abbiegenden Kraftfahrzeugen sind die bei weitem häufigste Unfallursache (vgl. Polizei Berlin 2013: 25), über die in den Medien entsprechend oft berichtet wird. In Berlin stehen im Jahr 2012 1.485 Radverkehrsunfälle, verursacht von Kraftfahrzeugen beim Abbiegen, 201 Radverkehrsunfällen gegenüber, bei denen die unfallverursachenden Rad Fahrenden das Rotsignal nicht beachteten (vgl. Polizei Berlin 2013: 5). Dieses Missverhältnis suggeriert den Rad Fahrenden, dass sie von den Regeln nicht ausreichend geschützt werden, während die Nichtbefolgung von Regeln – hier das Fahren trotz roten Signals – seltener negative Folgen hat. In der Folge werden, wie bereits bei den Einstellungen zur Zuverlässigkeit von Regeln beschrieben (Kapitel 8.5.1), Regeln gebrochen, da sie zur Erhaltung der eigenen Sicherheit keine Relevanz zu haben scheinen. Teilweise werden sogar Regeln missachtet, um die eigene Sicherheit zu erhöhen. So ist es auch bei einer Radfahrerin, die kurz bevor die Lichtsignalanlage Grün zeigt, bereits bei Rot losfährt, um rechtszeitig vor den rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen den Knoten zu queren (vgl. Tf: 261). Einordnung der Erwartungen „Ausgeliefert sein“ und „Regeln sind nicht verlässlich“ mittels des Kodierparadigmas Um den Zusammenhang der beiden Erwartungen darzustellen, wird mit Hilfe eines Zitats ein erster Entwurf eines paradigmatischen Modells (vgl. Kapitel 6.2.1) entwickelt. Eine Radfahrerin beschreibt an einem Beispiel ihren Umgang mit der Situation des Ausgeliefertseins: „[…] wenn irgendwie so ein parkendes Auto losfährt und blinkt und wo ich jetzt nicht genau weiß, ja kann ich jetzt noch vorbei oder fährt der jetzt einfach los oder so, also das merke ich schon, dass ich mit Autofahrern manchmal so eine Unsicherheit hab, ob ich jetzt wahrgenommen wurde oder nicht. Und da geh ich dann schon oft auf, lieber auf Nummer sicher und so und anstatt da auf mein Recht zu beru- also ist ja klar, also da hat ja irgendwie, so ein Auto schon irgendwie so 205
Kategoriale Analyse einen Vorteil, da nützt es mir dann auch nichts mehr, wenn ich Recht hätte eigentlich so“ (Mf: 359). Das Zitat kann den von Strauss eingeführten Begriffen zugeordnet und in die schematische Darstellung übernommen werden (Abbildung 18). (Eigene Darstellung) Abbildung 18: Kodierparadigma zur Erwartung „Ausgeliefert sein“ am Beispiel Mf: 359 Die Erwartung, der Situation ausgeliefert zu sein, spiegelt sich in der Frage wider, ob die Radfahrerin von der oder dem Kfz-Fahrenden gesehen wird. Die Unsicherheit, die sich für sie aus dieser Frage ergibt, kann als Kontext der Situation begriffen werden. Die Unsicherheit ist bereits vorher vorhanden und wird wahrscheinlich durch solche oder ähnliche Situationen genährt. Ihre Unsicherheit beruht folglich auf eigenen Konflikterfahrungen. Ausgelöst wird die Frage nach der Sichtbarkeit durch das Auto, das losfährt und gleichzeitig blinkt. Das Losfahren ist somit eine ursächliche Bedingung. Als Strategie wählt die Radfahrerin die Möglichkeit, auf ihr Recht zu verzichten. So versucht sie der Erwartung, dem Kraftfahrzeug ausgeliefert zu sein und in einen Unfall zu geraten, zu begegnen. Es ist ihr noch möglich zu bremsen und das Fahrzeug vorbeizulassen. In diesem Beispiel sind das die intervenierenden Bedingungen. Als Konsequenz aus dieser Situation begreift die 206
Wirkungszusammenhänge Radfahrerin ihr Recht als von anderen nicht beachtet. Folglich wird hier die Erwartung „Regeln sind nicht verlässlich“ berührt. Das Gefühl, dem KfzVerkehr ausgeliefert zu sein, führt dazu, dass sie ihr Recht nicht immer wahrnehmen kann. Sie geht dann lieber auf „Nummer sicher“. Um das Kodierparadigma zur Erwartung „Ausgeliefert sein“ weiter zu verallgemeinern, werden einige der beispielhaften Erläuterungen ersetzt und ergänzt (dargestellt in Tabelle 37). Erwartung Ursächliche Bedingungen Kontext Strategien Intervenierende Bedingungen Konsequenzen ausgeliefert sein Kfz als „stärkeres“ Verkehrsmittel Verhalten des Kfz-Fahrenden Verletzlichkeit des Rad Fahrenden Unübersichtliche Situation Unsicherheit, Angst, Unterlegenheit, Schutzlosigkeit eigenes Recht durchsetzen höhere Aufmerksamkeit höhere Bremsbereitschaft auf eigenes Recht verzichten Risikobereitschaft Beschaffenheit der Infrastruktur Unverlässlichkeit des Rechts (Eigene Darstellung) Tabelle 37: Abstrahiertes Kodierparadigma zur Erwartung „Ausgeliefert sein“ Als ursächliche Bedingung für die Erwartung kann das Kraftfahrzeug in der Rolle des stärkeren Verkehrsmittels gesehen werden. Mit dazu gehören die Verletzlichkeit der Rad Fahrenden und die ausgeführte Aktion der oder des Kfz-Fahrenden. Neben dem beschriebenen Losfahren des Kraftfahrzeugs könnten auch hohe Geschwindigkeit des Kraftfahrzeugs oder unübersichtliche Situationen wie zum Beispiel Dunkelheit oder ein unübersichtlicher Straßenverlauf gehören. Zum Kontext können neben der Unsicherheit weitere Gefühle gehören, wie z. B. Angst oder das Gefühl der Unterlegenheit oder Schutzlosigkeit. Als weitere Strategien sind erhöhte Aufmerksamkeit oder Bremsbereitschaft denkbar, aber auch der Wille, das eigene Recht durchzusetzen und z. B. darauf zu achten, sichtbar zu sein. Welche Strategie schließlich gewählt wird, hängt von der Risikobereitschaft der Person und von der gegebenen Infrastruktur ab. Einen Einfluss könnte eine mangelhafte oder 207
Kategoriale Analyse nicht den Anforderungen der Rad Fahrenden genügende Infrastruktur haben. Häufig folgt aus den Erwartungen, dem Verkehr ausgeliefert zu sein und der Erwartung, dass auf das Recht kein Verlass ist, eine eigene Rechtsnorm der Rad Fahrenden (siehe Subkategorie „Eigenmaßstäblichkeit“ der Grobkategorie „Einstellungen“ in Kapitel 8.5.2). Erwartung „Verkehrsanlage ist unsicher“ Jeder Verkehrsanlagentyp wird mit anderen Gefahren in Zusammenhang gebracht. Beispielsweise meiden einige Rad Fahrende Radwege, weil sie dort mehr Störungen von zu Fuß Gehenden und damit vermehrt gefährliche Situationen erwarten (vgl. Xm: 129). Diese Erwartungen spiegeln sich folglich in den Anforderungen der Rad Fahrenden wider. Sie sind maßgeblich für die Transformierung der ursprünglichen Anforderungen, wie „Unversehrtheit“ und „Recht auf Mobilität“, hin zu der Forderung nach einer bestimmten Infrastruktur verantwortlich (siehe Kapitel 0). Erwartung „Sichere Ausrüstung“ Hinter einer sicheren Ausrüstung steht die Erwartung, entweder Unfälle zu vermeiden oder, falls es dennoch zu einem Unfall kommt, das Verletzungsrisiko zu vermindern. Im ersten Fall wird das Fahrrad verkehrssicher ausgestattet bzw. nur gefahren, wenn das Fahrrad im verkehrssicheren Zustand ist (vgl. ACm: 221 bzw. Kf: 45). Auch die Nutzung einer Warnweste soll das Unfallrisiko vermindern (vgl. Pm: 81). Im zweiten Fall soll durch das Tragen eines Fahrradhelms die passive Sicherheit erhöht und somit das Verletzungsrisiko vermindert werden (vgl. Pm: 51). Erwartung „Fahrkönnen“ Rad Fahrende begeben sich in der Regel nur dann in bestimmte Situationen, wenn sie meinen, diese aufgrund ihres Fahrkönnens beherrschen zu können. Im Straßenverkehr bedeutet dies, dass sie dann vorsichtiger oder langsamer fahren, wenn die Situation dies erfordert (vgl. Rm: 130 bzw. Sf: 72). Situationen, in denen ein höheres Fahrkönnen gefordert wird oder das Fahrkönnen eingeschränkt ist, sind:  das Fahren auf bestimmten Fahrradtypen wie z. B. Fixed-Gear-Rädern (vgl. AFm: 14),  das Fahren in Kurven (vgl. If: 209),  das Fahren auf unbefestigten Wegen (vgl. ACm: 132), 208
Wirkungszusammenhänge     das Bergabfahren (vgl. Sf: 72), das Fahren entlang von Straßenbahnschienen (vgl. Sf: 72), das Fahren an Engstellen, z. B. zwischen Pollern hindurch (vgl. AEf: 14), beim Fahren mit nicht angemessen transportierbaren Gütern (vgl. Rm: 130). Erwartung „Sanktionierung Staat“ Ein Einfluss, der die Regeleinhaltung fördert, ist das Bemühen, Strafen von Polizei oder Ordnungsamt zu entgehen. Einige Rad Fahrende versuchen generell regelkonform zu fahren. Andere halten sich nur an diejenigen Regeln, die eine gewisse Sanktionswahrscheinlichkeit haben. Insbesondere an Lichtsignalen achten einige Rad Fahrende auf die Einhaltung der Regeln (vgl. Jf: 178, Om: 424, AAf: 54). Einige Rad Fahrende brechen Regeln, wenn sie meinen, dass durch Einhalten der Regeln die Wahrscheinlichkeit einer Kollision steigt. Gegebenenfalls nehmen sie eine Strafe in Kauf und rechtfertigen sich entsprechend (vgl. Sf: 36). Bei einigen Situationen, wie z. B. bei der Nutzung von Fußgängerüberwegen, führt eine fehlende Sanktionierung zu der Einschätzung, dass das gezeigte Verhalten legitim sei (vgl. Lf: 239). Andere Rad Fahrende achten beim Regelübertritt darauf, ob Polizeibeamtinnen oder -beamte in der Nähe sind (vgl. Lf: 175, Rm: 130, Um: 234, Wm: 213, Zm: 237). Dies wird vor allem im Zusammenhang mit Rotlichtverstößen erwähnt. Erwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“ Ebenfalls Einfluss auf das Verhalten der Rad Fahrenden nehmen Personen, die durch Ansprechen, Beschimpfen, enges Überholen, Schneiden oder Abdrängen versuchen, Rad Fahrende zu belehren. Dies tritt nicht nur bei Regelverstößen von Rad Fahrenden auf (vgl. Ym: 177). Das Problem und seine Folgen soll anhand des Kodierparadigmas (vgl. Kapitel 6.2.1) näher beleuchtet werden. Anhand mehrerer Zitate von Ym wird das Schaubild (Abbildung 19) gefüllt. Die Zitate betreffen eine Situation, die an einer bestimmten Strecke immer wieder auftritt. Auf diese Situation wird im Rahmen des Interviews an unterschiedlichen Zeitpunkten zurückgekommen. Die Situation wird zum ersten Mal beschrieben, als es thematisch um die Qualitäten des Radfahrens ging: „[…] Fahrradfahren ist für mich, ich bin sehr schnell, es ist eine gute Mischung aus Sport und macht Spaß. Und damit dann auch natürlich 209
Kategoriale Analyse auf sehr angenehme Art und Weise zur Arbeit zu kommen. Zurück fahr ich sogar immer einen kleinen Umweg. Habe ich jetzt so eine Strecke entdeckt; da fahr ich ganz gerne über den XX. So bewusst so einen Umweg; außen rum. Und da such ich allerdings auch ein bisschen so die Strecken, wo sie nicht so nerven mit dem Gehupe. Also weil ich generell auf der Straße fahre, werde ich natürlich auch laufend angehupt ohne Ende. Und, also nicht generell, ich fahr dann auf der Straße wenn ich darf. Und dann wirst du halt, am Anfang habe ich da noch ein bisschen gegen gekämpft, aber irgendwann aufgegeben und gesagt, nee drauf geschissen, also dann fährst du halt lieber woanders. Ja, also das durchzusetzen ist nicht meine Art. Ich lass mich jetzt dann auch zwar nicht verschrecken, aber ich habe einfach keinen Nerv mehr drauf […]“ (Ym: 37). Als Ym zum zweiten Mal auf die Situation zu sprechen kommt, geht es um das Thema Konflikterfahrungen: „[…] es gibt eine Strecke, die bei mir besonders schlimm ist, das ist die X-Straße. […] Ja die ist ja nun zweispurig. Sehr eng und also die ist ja zweispurig in jede Richtung, du hast dann diesen Grottenfahrradweg, also der gehört eigentlich wirklich gesprengt. Und das ist irgendwie für mich die Hassecke. Also die Autofahrer auf mich die Hassecke ja. Also weil irgendwie wenn da Berufsverkehr ist, ist es sowieso, wenn du da im Auto fährst, ist es schon wirklich sehr knapp. Ja, also da gibt es dann halt, es gibt ja auch so die älteren Herrn mit ihren Cordhüten, die generell so auf dem weißen Mittelstreifen fahren, mit ihrem Auto, und da habe ich dann sogar als Autofahrer Probleme dran vorbeizukommen; und wenn dann jetzt noch ein Fahrradfahrer so wie ich das tue, ich lasse wirklich meinen Abstand ja, weil ich am Anfang ganz negative Erfahrungen gemacht habe, also ich wär ja beinahe mal von so einem Lkw an einem Auto abgestreift worden, weil ich dann auch zu wenig Platz hatte, konnte ich nicht mehr weiter nach rechts ausweichen. Seit der Zeit fahr ich dann schon durchaus ungefähr da, wo die ihren rechte Reifen sind, von den Autos, ungefähr so, dem Dreh. Mal ein bisschen drüber mal so. Und da kriegen die halt so eine Hasskappe irgendwo. […] Also das ist einfach nur abartig ja. Und deswegen, und danach irgendwie durch einen Zufall, habe ich das halt da mit dem XX entdeckt und dann fahre ich dann halt liebend außen; lieber außen rum. Angenehmere, also die Strecke ist von der Gegend her wesentlich hässlicher aber, zum Radfahren ist es angenehm und dann über den XX, es hat was, ne. Ich fahre aber jetzt nicht 210
Wirkungszusammenhänge generell, ich fahre natürlich auch manchmal noch die Strecke ja, also fahre ich dann auch. Und man konzentriert sich darauf, dass man sich, wenn du angehupt wirst, nicht erschrickt, sondern man erschrickt halt dann trotzdem immer wieder. Also dann kannst du machen was du willst, und nervt sich doch immer wieder. Und ich hab einfach da keinen Bock darauf. Und deswegen vermeide ich es, wenn es geht […] (Ym: 81-89). Ein letztes Mal kommt er auf die Situation zu sprechen, als es um das Thema Änderung der eigenen Fahrweise geht: „[…] Ich habe durchaus dem Druck der Straße, Druck der Deppen auf der Straße, wollen wir es mal so ausdrücken, in Teilbereichen nachgegeben. Das finde ich nicht unbedingt gut, aber das ist für mich ein guter Kompromiss einigermaßen auch mit, also nicht die Lust am Fahrradfahren zu verlieren. Wollen wir es mal so rum ausdrücken. Und das sind die zwei Punkte. Der eine ist der, dass ich, jetzt zum Beispiel auf dem Rückweg einen Umweg mache, weil ich da einfach weniger Gefahr laufe, dieses, also weil ich mir einfach diese X-Straße spare. […] (Ym: 169). Die Länge der Zitate und der Umstand, dass Ym im Laufe des Interviews immer wieder auf das Thema zurückkommt, machen deutlich, welchen hohen Einfluss die Handlungen der anderen Verkehrsteilnehmenden auf ihn haben. Ym lehnt das Befahren von Radwegen, die keiner Benutzungspflicht unterliegen, ab. Zugleich versucht er, aufgrund der Konflikterfahrungen, gegenüber den abgestellten Kraftfahrzeugen einen ausreichenden Sicherheitsabstand einzuhalten. Dies sind nach seiner Darstellung die ursächlichen Bedingungen für das Hupen der Kfz-Fahrenden. Obwohl er weiß, dass er auf dieser Strecke oft angehupt wird, erschrickt er sich immer wieder. Das strengt ihn an und verleidet ihm das Fahren auf dieser Strecke (Kontext). 110 Um den Spaß und die Lust am Fahrradfahren nicht zu verlieren, versucht er die Situation zu vermeiden (Strategie). Zwei wesentliche alternative Strategien stehen hierfür zur Verfügung. Erste Strategie: er benutzt eine andere für den Radverkehr zugelassene Verkehrsfläche auf dieser Straße, den Radweg. Zweite Strategie: Er meidet die Straße ganz. Beide Strategien sind mit intervenierenden Bedingungen verbunden. Im ersten Fall ist ihm das Fahren auf 110 In Klammern finden sich die von Strauss verwendeten Begriffe des Kodierparadigmas. 211
Kategoriale Analyse dem Radweg zu gefährlich.111 Im zweiten Fall ist die alternative Route mit einem Umweg und zumindest teilweise mit einer weniger angenehmen Umgebung verbunden. In der Konsequenz entscheidet sich Ym für die Wahl einer anderen Route. (Eigene Darstellung) Abbildung 19: Kodierparadigma zur Erwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“ am Beispiel Ym: 37, 81-89 und 169 Die Entscheidung von Ym ist seine Art, mit der Sanktionierung von Verkehrsteilnehmenden umzugehen. Es zeigt sich, dass das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmender einen hohen Einfluss auf das Verhalten von Rad Fahrenden haben kann. In der Tabelle 38 wird das Kodierparadigma zu dieser Erwartung stärker verallgemeinert dargestellt. Hier gehen die Erwar111 Der Radweg ist dem Autor bekannt. Er genügt nicht den aktuellen technischen Standards: ist nur ca. 1 m breit, verfügt über keinen Sicherheitsabstand zu den parkenden Kfz, ist für rechtsabbiegende Kfz kaum einsehbar, hat einen schadhaften Belag (Wurzelschäden), hat eine kleine Kante zum Gehweg und führt eng an Bäumen und Einbauten (z. B. Altglascontainer) vorbei. 212
Wirkungszusammenhänge tungen anderer Rad Fahrender, die sie mit den Sanktionen von Verkehrsteilnehmenden verknüpfen, ein. Eine ursächliche Bedingung für diese Erwartung ist die Konkurrenz von Kfz-Fahrenden und Rad Fahrenden um Platz und Raum im Straßenverkehrssystem. Sobald Rad Fahrende einen Raum beanspruchen, der ihnen aus Sicht der Kfz-Fahrenden nicht zusteht, versuchen diese dies deutlich zu machen. Sehr oft geschieht dies durch Hupen. Erwartung Ursächliche Bedingungen Kontext Strategien Intervenierende Bedingungen Konsequenzen Sanktionierung Verkehrsteilnehmende den Kfz-Verkehr „störendes“ Verhalten der Rad Fahrenden Anstrengung, Erschrecken, Angst, Ärger, ausgeliefert sein eigenes Recht durchsetzen auf eigenes Recht verzichten verbale Auseinandersetzung suchen Wahl einer alternativen Route Regeleinhaltung Einstellungen der Rad Fahrenden Risikobereitschaft Beschaffenheit der Infrastruktur Verdrängung des Radverkehrs Verringerung der Sicherheit des Radverkehrs (Eigene Darstellung) Tabelle 38: Abstrahiertes Kodierparadigma zur Erwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“ Der Konflikt tritt beispielsweise auf, wenn Rad Fahrende die Fahrbahn nutzen, obwohl es gleichzeitig einen Radweg gibt. Dabei ist es unerheblich, ob die Rad Fahrenden erlaubt oder unerlaubt auf der Fahrbahn fahren. So werden Rad Fahrende belehrt, obwohl es ihnen freigestellt ist, nicht benutzungspflichtige Radwege zu nutzen (vgl. Rm: 70, Xm: 453, Zm: 158). Andere werden sanktioniert, obwohl die Radwege aufgrund ihres Zustands nicht nutzbar sind (vgl. Om: 256, Vf: 53). Teilweise gibt es sogar Konflikte, wenn nur ein Radweg vermutet wird (vgl. Kf: 205). Weitere Konfliktfälle sind: Nebeneinanderfahren (vgl. Kf: 563), Überholen eines anderen Rad Fahrenden (vgl. Rm: 69, Sf: 104), Einordnen in Linksabbiegefahrstreifen 213
Kategoriale Analyse (vgl. Lf: 175), Fahren mit ausreichend Platz zu parkenden Kfz (vgl. Tf: 153), und – bei vorhandenem Schutz- oder Radfahrstreifen – Fahren links vom Schutz- oder Radfahrstreifen, um insbesondere bei hohen Geschwindigkeiten ausreichend Platz zu parkenden Kfz zu haben (vgl. Zm: 112). Neben dem oben beschriebenen Genervtsein, lösen die Sanktionen der Kfz-Fahrenden Ängste (vgl. If: 261, Kf: 563) und Ärger (vgl. Kodierparadigma von Sf, Abbildung 17) aus. Letztlich besteht auch hier das Gefühl, dem Kfz-Verkehr ausgeliefert zu sein. Die Rad Fahrenden verfügen nicht mehr über die Kontrolle der Situation. Die Konflikte haben verschiedene Strategien der Rad Fahrenden zur Folge. Zum einen kann eine Trotzreaktion ausgelöst werden, was sich in den im Kapitel 8.5.1 angesprochenen Einstellungen „Eigenes Recht durchsetzen“ (vgl. Ym: 113) und „Freiheit wieder herstellen“ (vgl. Sf: 36 und Kodierparadigma in Abbildung 17) äußert. Andere Rad Fahrende versuchen die KfzFahrenden zu stellen und mit diesen – meist mit geringem Erfolg – zu sprechen (vgl. Zm: 158). Eine andere Strategie ist es, diesen Konflikten in Zukunft aus dem Wegzugehen. In Erwartung der Wiederholung einer solchen Gefährdung, vermeiden Rad Fahrende ein Verhalten, welches eine solche Reaktion provozieren könnte. Sie wählen eine andere Strecke, wobei sie auch – wie oben gezeigt – Umwege in Kauf nehmen. Sie nutzen eine andere Führungsform, zum Beispiel einen nicht benutzungspflichtigen Radweg (vgl. If: 261) oder halten Regeln, wie zum Beispiel nicht nebeneinander zu fahren, ein (vgl. Kf: 563). Besonders problematisch ist es, wenn das Bedrängen zum regelwidrigen Verhalten der Rad Fahrenden führt. Das Verdrängen Rad Fahrender auf den Gehweg ist hierfür ein weit verbreitetes Beispiel. Die Sanktionierungen der Kfz-Fahrenden sind sehr gefährlich und sollten unbedingt unterbunden werden. Durch enges Überholen oder Schneiden werden die Rad Fahrenden direkt gefährdet. Werden die Rad Fahrenden verdrängt, erhöht sich das Gefährdungsrisiko in anderen Bereichen. Nutzen Rad Fahrende schlecht einsehbare Radwege, erhöht sich die Unfallgefahr an Knoten. Weichen Rad Fahrende auf Gehwege aus, wird die Freizügigkeit zu Fuß Gehender beeinträchtigt sowie die Unfallgefahr für zu Fuß Gehende gesteigert. Die Sanktionen der Verkehrsteilnehmenden haben sowohl eine langfristige als auch eine kurzfristige Wirkung. Die langfristige Wirkung spiegelt sich in den oben beschriebenen Einstellungen wider. Diese haben einen festgefügten Einfluss auf den Fahrstil. Die Rad Fahrenden reagieren aber auch kurzfristig – abhängig von der jeweiligen Situation – auf das sanktionierende 214
Wirkungszusammenhänge Verhalten von Kfz-Fahrenden. Hierauf wird beim Aufforderungscharakter der Situation „Druck der Straße“, in Kapitel 8.8.4, eingegangen. Eine Sanktionierung anderer Verkehrsteilnehmender findet auch durch Rad Fahrende statt. Beeinflusst wird dieses Verhalten unter anderem durch die Einstellung „Recht durchsetzen“ (siehe Kapitel 8.5.1). 8.8.3. Habitualisiertes Verhalten Die Rad Fahrenden bestätigen in den Interviews habitualisiertes Verhalten. Sie geben an, z. B. das Rotlicht routiniert zu missachten und nur noch zu schauen, ob Polizei in der Nähe ist (vgl. Lf: 175). In anderen Fällen denken sie nicht darüber nach, ob ihr Verhalten gegen eine Regel verstößt. Es wird einfach gefahren und der günstigste Weg gesucht (vgl. Jf: 283, Mf: 201). Dies entspricht der natürlichen Neigung des Menschen, den Weg der geringsten Anstrengung zu gehen und dabei Regelverstöße in Kauf zu nehmen (vgl. Reason 1994: 242). Habitualisiertes Verhalten betrifft nicht nur Regelverstöße. Auch das vorsichtige Fahren erfolgt zum Teil routiniert, wenn z. B. an Knoten trotz bestehender eigener Vorfahrt gebremst wird (vgl. Kf: 57). Einige sind sicher, dass durch häufiges Fahren eine Art Intuition für Gefahren entwickelt wird und nur bei Besonderheiten es noch erforderlich ist, sich zu konzentrieren (vgl. AFm: 97, AHf: 141). 8.8.4. Aufforderungscharakter der Situation Sind die Rad Fahrenden unterwegs, wirkt das Umfeld auf ihr Verhalten ein. Dieses Umfeld macht durch seine Gestaltung Verhaltensangebote und gibt Verhaltensanreize (vgl. Schlag 2010: 64). Die Rad Fahrenden reagieren auf diese Reize und den sich aus dem Verkehr ergebenden Situationen. Sie fühlen sich zu einem Verhalten aufgefordert. Ein Beispiel ist die Nutzung des Gehwegs, wenn die Fahrbahn mit einem schlechten Natursteinpflaster ausgestattet ist. Der glattere Belag auf dem Gehweg fordert die Rad Fahrenden quasi dazu auf, diesen anstatt der Fahrbahn zu nutzen. Der erwartete bessere Komfort ist der Treiber. Dabei wirkt eine gute Erreichbarkeit des Gehwegs, z. B. durch einen abgesenkten Bord, und ein sehr breiter Gehweg mit wenigen zu Fuß Gehenden verstärkend. Die Nutzung des Gehwegs ist 215
Kategoriale Analyse dann sehr bequem.112 Aus den Interviews lassen sich fünf maßgebliche, auf die Rad Fahrenden wirkende Situationen herausarbeiten:  das Ausnutzen der Vorteile, die das Fahrradfahren bietet (Situation „Vorteile des Rads ausnutzen“),  das Nachgeben gegenüber dem Druck der „Straße“, der in erster Linie durch Kfz-Fahrende ausgeübt wird (Situation „Druck der Straße“),  die Übertretung von Verkehrsregeln aufgrund einer verkehrlichen Zwangssituation (Situation „Verkehrssituation erfordert Übertretung“),  die falsche Interpretation geltender Regeln (Situation „Missinterpretation der Situation“) und  die Abhängigkeit des eigenen Verhaltens vom Verhalten anderer Rad Fahrender (Situation „Verhalten wie andere Rad Fahrende“). Situation „Vorteile des Rads ausnutzen“ Um schnell das Fahrtziel zu erreichen, wird die Flexibilität des Fahrrads – oft auch auf Kosten der Regelmissachtung – ausgenutzt (vgl. Rm: 159). Dem auffordernden Charakter kann hier die Wendigkeit und Leichtigkeit des Fahrrads zugeordnet werden. Durch diese besonderen Eigenschaften des Fahrrads sind schnelle Richtungsänderungen möglich und auch Borde stellen keine Hürde dar. Rad Fahrende können so schnell auf Gehwege ausweichen (vgl. AEf: 118) oder Wege abkürzen (vgl. Mf: 153). Weit verbreitet ist es, beim Linksabbiegen die Fußgängerfurt entgegen der Fahrtrichtung zu nutzen, wenn das Fahrradsignal Rot zeigt (vgl. Mf: 153, Wm: 225, AEf: 118). Auch das Fahren in Gegenrichtung – sei es in einer nicht für den Radverkehr in Gegenrichtung freigegebenen Einbahnstraße (vgl. Mf: 153) oder auf einem Einrichtungsradweg (vgl. AEf: 118) – gehört dazu. Situation „Druck der Straße“ Der „Druck der Straße“ besteht vor allem dann, wenn Kraftfahrzeuge Rad Fahrende mit geringem Abstand Überholen. Auch hohe Differenzgeschwindigkeiten sowie die bereits in Kapitel 8.8.2 thematisierten sanktionierenden Verkehrsteilnehmenden stellen ein Problem dar. In allen Fällen werden Rad Fahrende nicht nur genötigt, nicht benutzungspflichtige Radwege zu nutzen (vgl. Xm: 193), sondern auch auf Gehwege gedrängt (vgl. If: 229, AIf: 86). 112 Die hier beschriebene Situation lässt sich gut aus einer Videosequenz der Verfolgungsfahrt von Lf herausarbeiten (Datei PICT0005.AVI, ab 01:55 [min:sek]). 216
Wirkungszusammenhänge Darüber hinaus wird die Einhaltung eines Sicherheitsabstands zu rechts parkenden Kraftfahrzeugen erschwert (vgl. Vf: 97). In der Folge entsteht ein Gefühl, auf der Fahrbahn nicht akzeptiert zu sein. Oft wird auch die Frage der Gleichberechtigung gestellt (siehe Anforderungen in Kapitel 8.2). Es ergibt sich ein Widerspruch zwischen der Aufforderung, die Fahrbahn zu verlassen und den Regelungen der StVO, die das Rad fahren auf Gehwegen für Personen ab vollendetem 10. Lebensjahr verbietet (vgl. § 2, Abs. 1 u. 5). Situation „Verkehrssituation erfordert Übertretung“ Ein Problem ist, wenn aufgrund von Regelübertretungen anderer, z. B. Laufen oder Parken auf Radverkehrsanlagen, ein Ausweichen auf Fahrbahn oder Gehweg notwendig wird. Infolgedessen haben Rad Fahrende das Gefühl, gegen Regeln zu verstoßen (vgl. Tf: 249). Ebenfalls durch das Verhalten anderer ausgelöst, ist das zu weit links Fahren auf schmalen Fahrbahnen, um ein zu enges Überholen durch Kfz-Fahrende zu vermeiden (vgl. Zm: 342). Ein Konflikt besteht zwischen den beiden Anforderungen, einen genügenden Abstand zu den parkenden Kraftfahrzeugen einzuhalten und gleichzeitig nicht zu weit links zu fahren (vgl. Vf: 97). Gerade für schnelle Rad Fahrende stellen – an Mindestmaßen orientierte – Radfahr- oder Schutzstreifen ein Problem dar. Einen genügenden Abstand zu den parkenden Kraftfahrzeugen herzustellen und gleichzeitig noch innerhalb der Markierungen des Radfahr- oder Schutzstreifens zu bleiben, ist oft nicht möglich. In der Konsequenz fahren sie auf der Markierung oder sogar links davon, was zu unliebsamen Reaktionen bei den Kfz-Fahrenden (siehe Kapitel 8.8.2) führt (vgl. Xm: 197, Zm: 112). Durch die wiederholt erzwungenen Regelübertretungen besteht die Gefahr, Regeln generell in Frage zu stellen oder die Regelübertretung, mit der Gefahr einer Habitualisierung, für normal zu erachten (vgl. Buffaloe 2012: 9). Situation „Missinterpretation der Situation“ Die falsche Interpretation von unklaren Situationen führt zu einem Fehlverhalten. Diese Missinterpretation ist eine Art der Regelunkenntnis und wurde bereits in Kapitel 8.7 abgehandelt. Der Zusammenhang zwischen der falschen Interpretation einer Regelung und dem Aufforderungscharakter soll folgendes Fallbeispiel verdeutlichen. In diesem Fall ist eine Radfahrerin unsicher, ob das Radfahren auf dem Gehweg in der X-Straße erlaubt ist (vgl. Jf: 271-275). Der Gehweg sei sehr 217
Kategoriale Analyse breit und das Kfz-Verkehrsaufkommen sei sehr hoch. In anderen Straßen mit ähnlicher Konstellation sei das Radfahren auf dem Gehweg erlaubt. Zudem seien nur wenige zu Fuß Gehende unterwegs. Der Fall macht deutlich, wie stark die Situation auf die Radfahrerin wirkt. Der breite Gehweg und die geringe Anzahl an zu Fuß Gehenden erhöht die Attraktivität, den Gehweg zu nutzen. Zudem kennt sie aus anderen Situationen, dass es Regelungen gibt, die das Radfahren auf dem Gehweg erlauben. Es gibt aus ihrer Sicht keinen Grund, warum es hier nicht auch so sein sollte. Der hohe Kfz-Verkehr führt dazu, dass das Fahren auf der Fahrbahn unattraktiv wird. Durch diese Faktoren fühlt sie sich zur Gehwegnutzung aufgefordert. Sie provozieren ein Fehlverhalten der Radfahrerin. Situation „Verhalten wie andere Rad Fahrende“ In bestimmten Situationen passt der Mensch sein Verhalten an das Verhalten anderer Personen an. Dies erfolgt im Zuge des normativen sozialen Einflusses und rührt aus dem Bedürfnis, akzeptiert zu werden (vgl. Aronson et al. 2008: 269). Häufig lässt sich die oder der Rad Fahrende an der Lichtsignalanlage von anderen Rad Fahrenden zur Missachtung des Rotlichtsignals verführen. Bei kleineren Rotdelikten, wie z. B. beim Rechtsabbiegen, verstärkt sich der Druck (vgl. Vf: 157). Dazu passt eine Äußerung einer Radfahrerin, nach der es sie ärgert, wenn sie die einzige ist, die sich strikt an die Regeln hält. Sie hat festgestellt, dass sie sich entspannter fühlt, wenn sie ebenfalls die Regeln missachtet und sich dadurch nicht mehr über das Regelverhalten der anderen Verkehrsteilnehmenden aufregen muss (vgl. Tf: 221-225). Andere sorgen sich, in einen Auffahrunfall verwickelt zu werden, wenn sie an einem roten Signal plötzlich, und für andere Rad Fahrende unerwartet, anhalten (vgl. Pm: 111). 8.8.5. Wirkungszusammenhänge zum Fahrverhalten Rad Fahrender Zu allen in der kategorialen Analyse näher untersuchten Kodes und Kategorien werden die Wirkungen auf das Fahrverhalten analysiert. Zusammen mit den im Kapitel 8.8 ermittelten Faktoren werden die auf das Fahrverhalten direkt oder indirekt wirkenden Kodes und Kategorien in Abbildung 20 dargestellt. 218
Wirkungszusammenhänge Kürzel dienen zur besseren Auffindbarkeit innerhalb der „Memos“ der Atlas.ti-Arbeitsdatei (Eigene Darstellung) Abbildung 20: Wirkungszusammenhänge zum Fahrverhalten Rad Fahrender 219
Kategoriale Analyse Ein wesentlicher Bestandteil zur Erklärung des Verhaltens sind die Einstellungen. Grundlagen der Einstellungen sind die Regelkenntnisse, und wie die Regeln von der Umgebung, also der Gesellschaft, durch die eigene Gruppe der Rad Fahrenden oder von nahestehenden Personen beachtet oder gerade nicht beachtet werden („Wahrgenommene Normen“). Insbesondere bei den Regeln zum Radverkehr gibt es eine erhebliche Diskrepanz zwischen gesetzlichen Regeln, der Norm in der Gesellschaft und der Gruppennorm der Rad Fahrenden, was bei Rotlichtverstößen gut zu beobachten ist.113 Wenn es um Konflikterfahrungen geht, wird oft von Konflikten und Unfällen in Folge von unsicheren Verkehrsanlagen und in Folge von Fehlverhaltensweisen der Verkehrsteilnehmenden berichtet. Sanktionen vom Staat spielen eine untergeordnete Rolle. Einen wesentlichen Einfluss haben die Konflikterfahrungen der Rad Fahrenden auf ihre Einstellungen (Kapitel 8.8.1). Darüber hinaus beeinflussen die Konflikterfahrungen die Erwartungen an das Ergebnis bestimmter Ereigniskonstellationen (Handlungs- und Ergebniserwartungen). Erwartungen und Einstellungen beeinflussen sich gegenseitig. Die Erwartungen prägen die Einstellungen. Die Einstellungen führen wiederum zu einer bestimmten Erwartung. Positive Erfahrungen sind nicht tiefergehender analysiert worden. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass vor allem dem Rad zugesprochene Qualitäten auf positive Erfahrungen beruhen. Bei einer Fahrradfahrt werden Situationen erwartet, bei denen es zu einem Kontrollverlust kommen kann, der sich in Gefühlen, dem Verkehr schutzlos ausgeliefert zu sein oder sich nicht auf Regeln verlassen zu können, widerspiegelt. Erwartete Eigenschaften der Verkehrsanlagen führen im Ergebnis zu der Wahl einer bestimmten Strecke oder Führungsform, wie z. B. dem Radweg oder der Fahrbahn. Das vermutete Unfallrisiko bestimmt die Wahl der Ausrüstung (Licht, Fahrradhelm, Warnweste). Anhand der Einschätzung des eigenen Fahrkönnens wird der Fahrstil gewählt. Bei eigenem Fehlverhalten drohen Geldstrafen durch Polizei oder Ordnungsamt. 113 Abhängig vom genutzten Verkehrsmittel wird das Rotlicht von denselben Personen unterschiedlich beachtet. So verstoßen sie als Kfz-Fahrende weniger häufig gegen diese Regel, als wenn sie mit dem Fahrrad unterwegs sind. Sind sie zu Fuß unterwegs, ist eine Rotübertretung noch wahrscheinlicher (vgl. Heumann 2012: 56). Zumindest die Berichte aus den Medien suggerieren hinsichtlich der Rotlichtverstöße Rad Fahrender eine strenge gesellschaftliche Norm, indem die Rotlichtverstöße von Rad Fahrenden besonders häufig thematisiert werden und oft als Indiz für deren häufige Regelmissachtungen herangezogen und entsprechend verurteilt werden. 220
Wirkungszusammenhänge Darüber hinaus besteht die Gefahr, den Belehrungen von Verkehrsteilnehmenden, teilweise mit gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr, ausgeliefert zu sein. Die auf das Fahrverhalten wirkenden Einstellungen sind vielfältig. Ein Großteil bezieht sich auf den Umgang mit Regeln. Auf der einen Seite stehen der Anspruch, eine Vorbildfunktion einnehmen zu wollen, sowie die Akzeptanz von Regeln. Auf der anderen Seite wird den Verkehrsregeln kritisch gegenübergestanden. Dies ist der Fall, wenn Regeln nicht nachvollziehbar sind, als ungerecht empfunden oder für verzichtbar gehalten werden. In der Konsequenz erwachsen die Einstellungen, dass insbesondere Rad Fahrende auf sich selbst aufpassen müssen, ihr Recht durchsetzen müssen oder ihre Freiheit selbst wieder herstellen müssen. Zum Teil ersetzt die Rücksichtnahme die Regeleinhaltung als moralische Instanz. Andere sehen es eher fatalistisch und haben die Einstellung, dass keine positiven Auswirkungen zu erwarten sind, wenn sie sich ärgern. Neben dem Wissen und den Einstellungen wirken auch die Erwartungen auf die Verhaltensabsicht. Dabei kann es zu einem Widerstreit zwischen den Einstellungen und den Erwartungen kommen. So kommt es beispielsweise vor, dass gemäß der Einstellung ein Rotlichtverstoß als in Ordnung betrachtet wird, die Angst vor einer Entdeckung und Strafe aber zu einem regelgerechten Verhalten führt (vgl. Jf: 178). Positive Erfahrungen, wie z. B. sicher, schnell und ohne Strafen zum Ziel gekommen zu sein, führen zu einer Verfestigung der Ergebniserwartungen und damit in der Regel zu habitualisiertem Verhalten (vgl. Schlag et al. 2012: 66). Habitualisiertes Verhalten führt wiederum zu unbewussten Entscheidungen. Die Anforderungen entstehen aus dem Verlangen heraus, die erwarteten Qualitäten des Radfahrens zu erreichen. Aber auch die anderen Erwartungen, wie z. B. die Erwartung einer unsicheren Verkehrsanlage, bestimmen die Anforderungen mit. Sowohl erfüllte als auch nicht erfüllte Anforderungen wirken auf die Verhaltensabsicht. Mit beeinflusst wird die Verhaltensabsicht von der vorherrschenden Situation. Diese fordert zu einem bestimmten Verhalten auf (Aufforderungscharakter der Situation). Einfluss haben die Möglichkeiten, die das Fahrrad bietet, der Druck der durch andere Verkehrsteilnehmende auf einen wirkt – in der Hauptsache Kfz-Fahrende und Rad Fahrende – oder die Verkehrssituation, die eine Übertretung der Verkehrsregeln fördert oder nahe legt. Wird die Situation – z. B. bezüglich der geltenden Regeln – falsch interpretiert, hat dies ebenfalls Einfluss auf die eigene Verhaltensabsicht. 221
Kategoriale Analyse Die Verhaltensabsicht ist das Ergebnis dieser verschiedenen Wirkungszusammenhänge. Eine Umsetzung der Verhaltensabsicht muss allerdings nicht immer vollständig gelingen, weswegen das tatsächlich beobachtbare realisierte Fahrverhalten von der Verhaltensabsicht abweichen kann. Der Wirkungszusammenhang zwischen Fahrverhalten und Anforderungen anhand eines Beispiels Da der Wirkungszusammenhang zwischen dem Fahrverhalten und den Anforderungen zentral für diese Arbeit ist, soll der Zusammenhang an einem Beispiel mit Hilfe des Kodierparadigmas vertieft werden. In diesem Beispiel soll es um einen Radfahrer gehen, der mit einer hohen Fahrgeschwindigkeit unterwegs sein will. Aus seinen Erfahrungen heraus macht das schnelle Radfahren Spaß. Damit stellt dies auch eine Qualität des Radfahrens dar, die er wiederum als Folge dieser positiven Erfahrungen vom Radfahren erwartet. Um schnell Radfahren zu können, muss die Infrastruktur entsprechend ausgebaut sein (Anforderung). Aus eigenen oder berichteten Konflikterfahrungen weiß er, dass es vorkommen kann, dass Kraftfahrzeugtüren geöffnet werden, ohne dass auf den Verkehr geachtet wird (Konflikterfahrung). Aufgrund dieser Konflikterfahrungen hält er eine solche Kollision auch auf einer seiner Fahrten für möglich (Erwartung). Daraus erwächst für ihn die Anforderung, mit einem ausreichend großem Abstand an parkenden Kraftfahrzeugen vorbeifahren zu können. Dies ist seiner Meinung nach nicht gewährleistet, wenn Schutz- oder Radfahrstreifen zu schmal sind (Kontext). Der Radfahrer hat zwei wesentliche Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Entweder er hält trotzdem den gewünschten Abstand zu den abgestellten Kraftfahrzeugen ein, ignoriert die Markierungen und verstößt somit gegen die StVO, oder er fährt langsam, um gegebenenfalls öffnenden Kfz-Türen besser ausweichen zu können (Strategien). Aufgrund seiner Einstellung, nach der es besser sei, selbst aufzupassen, anstatt die Verkehrsregeln zu beachten (intervenierende Bedingung), entscheidet er sich für die Einhaltung eines Sicherheitsabstands und damit gegen die Einhaltung der Regeln (Konsequenz). Mit diesem Beispiel wird deutlich, dass die Anforderungen maßgeblich von den Erwartungen, sowohl an die erwarteten Qualitäten (Ergebniserwartungen) als auch an den Verkehrsablauf (Handlungserwartungen), bestimmt werden. Die Anforderungen wirken wiederum direkt auf die Verhaltensabsicht. Dieser Wirkungszusammenhang wird von den Einstellungen mit beeinflusst. 222
Wirkungszusammenhänge (Eigene Darstellung) Abbildung 21: Kodierparadigma zur Anforderung „Sicherheitsabstand zu abgestellten Kraftfahrzeugen“ 8.8.6. Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns Es soll ein Wirkzusammenhang herausgehoben werden, der besonders wichtig ist, um das teilweise zu beobachtende, besonders regelwidrige Verhalten der Rad Fahrenden zu erklären. In der Wahrnehmung der Rad Fahrenden hat das Fahrrad meist keinen eindeutigen Platz in unseren Straßensystemen. Je nachdem, wie viel Raum vorhanden ist, und abhängig von den Präferenzen der Planenden, werden Rad Fahrende zwischen Seitenraum und Fahrbahn hin und her verschoben (vgl. If: 429): Oft ist für die Rad Fahrenden nicht nachvollziehbar, warum sie an der einen Strecke auf dem Gehweg fahren sollen und auf der anderen nicht. An anderer Stelle gibt es einen – mit dem Gehweg niveaugleichen – Radweg, der im Wechsel mit einem Schutz- oder Radfahrstreifen auf der Fahrbahn angelegt wird. An vielen hochbelasteten Hauptverkehrsstraßen werden die Rad Fahrenden ganz sich selbst überlassen. Durch Probleme mit dem Kraftfahrzeugverkehr fühlen sich viele Rad Fahrende auf der Fahrbahn nicht akzeptiert. In der Folge nehmen sie sich nicht als vollwertige Verkehrsteilnehmende wahr oder wähnen sich im rechtlichen Graubereich. 223
Kategoriale Analyse Besonders problematisch sind die Erwartungen der Rad Fahrenden, nicht ausreichend geschützt zu sein: Entweder werden Regeln von Kfz-Fahrenden nicht eingehalten oder andere Verkehrsteilnehmende sind unaufmerksam. Diese Situationen haben Rad Fahrende nicht unter Kontrolle. Den Kontrollverlust versuchen die Rad Fahrenden abzuwenden, indem sie selbst bestimmen, welchen Weg sie einschlagen und welche Regeln sie beachten. Das ist der Grundstock einer eigenen Rechtsnorm der Rad Fahrenden. Daraus ergibt sich die Einstellung, dass das Einhalten von Regeln keine Vorteile bringt. Diese wird insbesondere dann gefördert, wenn die Rad Fahrenden den Eindruck bekommen, die Konsequenzen aus dem eigenen Regelverstoß unter Kontrolle zu haben und darüber hinaus durch das schnellere Vorankommen ein positives Ergebnis aus der Regelübertretung erfahren. Als wesentliche Erkenntnis muss formuliert werden: Auf die Einhaltung von Regeln können sich Rad Fahrende bei anderen – insbesondere KfzFahrenden – nicht verlassen, woraufhin sie sich selbst über Regeln hinwegsetzen bzw. eigene Regeln etablieren. In erster Linie tun sie dies mit der Zielsetzung, die Kontrolle wiederzuerlangen. Unter Umständen führt das wiederum dazu, dass auch andere Verkehrsteilnehmende sich animiert fühlen, Regeln weniger zu achten. 8.9. Ergebnis der kategorialen Analyse In der kategorialen Analyse können vier Grobkategorien mit 13 Subkategorien und 30 weiteren Feinkategorien herausgearbeitet werden (vgl. Tabelle 39). Die Qualitäten des Radfahrens sind mit den Zielen, die mit dem Radfahren verfolgt werden, deckungsgleich. Mit dem Fahrrad sichern sich die Befragten ihre Mobilität. Sie setzen das Fahrrad ein, um einen Zeitvorteil zu generieren. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Verkehrsmitteln ist das Erleben beim Radfahren. Die Ziele, Sport zu treiben und sich zu bewegen, lassen sich besonders gut mit dem Fahrrad verwirklichen. Damit die Ziele des Radfahrens erreicht werden und die Qualitäten des Rad Fahrens zum Tragen kommen, haben Rad Fahrende Anforderungen an das Verkehrssystem. Im Rahmen der Theoriebildung werden die Qualitäten von den Anforderungen repräsentiert. Die Anforderungen der Rad Fahrenden sind vielfältig und abhängig von ihren Präferenzen. Die zentrale Anforderung ist die Sicherheit, d. h. die körperliche Unversehrtheit. Ein Großteil der Anforderungen teilen die Rad Fahrenden. Unterschiede gibt es vor allem 224
Ergebnis der kategorialen Analyse hinsichtlich der geforderten Lösungen. Es gibt einige wenige Anforderungen, die einen maßgeblichen Einfluss auf die späteren Lösungspräferenzen haben. Diese finden sich in den Subkategorien „Sicherheit“, „Zeitersparnis“ und „Erleben“. Innerhalb der Subkategorie „Erleben“ sind die Feinkategorien „Sport“ und „Entspannung“ von entscheidender Bedeutung. Diese ursprünglichen Anforderungen haben Einfluss auf das Sicherheitsempfinden. Gegenüber dem Kfz-Verkehr fühlen sich die einen sicherer, wenn sie von diesem gesehen und damit wahrgenommen werden. Andere fühlen sich sicherer, wenn sie möglichst weit weg vom Kfz-Verkehr geführt werden. Es stehen sich die Gegensätze gemeinsame Führung mit dem Kfz-Verkehr und Separation von Rad- und Kfz-Verkehr gegenüber. Die Anforderungen der Rad Fahrenden werden von ihren Konflikterfahrungen beeinflusst. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt sind. Oft fehlt ihnen die Möglichkeit, einen Konflikt entschärfen oder gar verhindern zu können. Fast alle Rad Fahrende verfügen über Unfallerfahrungen, wobei Alleinunfälle überwiegen. Für Konflikte verantwortlich sind aus der Sicht der Rad Fahrenden eine mangelhafte Verkehrsinfrastruktur und andere Verkehrsteilnehmende. Nur wenige geben eigenes Fehlverhalten zu. Als bedrohlich wird rücksichtsloses Verhalten von Kfz-Fahrenden wahrgenommen. Besonders ärgerlich wird es, wenn Kfz-Fahrende Rad Fahrende gefährden, um diese zurechtzuweisen. Oftmals geschieht dies, obwohl Rad Fahrende keine Regelverletzung begangen haben. Demgegenüber einen geringen Einfluss haben Sanktionen von Seiten der Polizei oder des Ordnungsamts. Das Fahrverhalten wird sowohl von den Rad Fahrenden selbst beschrieben, als auch aus dem Interviewmaterial rekonstruiert. Der überwiegende Teil der Befragten wurde auf einer seiner Fahrten beobachtet. Die zwölf Eigenschaften des Fahrstils können zu vier wesentlichen Feinkategorien verdichtet werden. Leitend für den Fahrstil sind der Sicherheitsanspruch und die erlangten Konflikterfahrungen. Die Rad Fahrenden reagieren mit einem offensiven oder defensiven Fahrstil. Weitere Fahrstileigenschaften sind der kooperative Fahrstil, d. h. der Versuch aufmerksam und rücksichtsvoll unterwegs zu sein, und der selbstbezogene Fahrstil, d. h. es wird vor allem versucht, eigene Vorteile zu erzielen, und die Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmende wird zurückgestellt. In der Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmenden wird entweder die Konfrontation gesucht, oder es wird versucht, gelassen zu bleiben. 225
Kategoriale Analyse Grobkategorie Subkategorie Anforderungen Sicherheit Zeitersparnis Erleben Fahrverhalten Risikobereitschaft Interaktion Kommunikation Einstellungen Regelbewusstsein Gelassenheit Eigenmaßstäblichkeit Widerstand Anerkennung Regelkenntnis Außergewöhnliche Kenntnisse Kenntnislücken Feinkategorie Sichtbarkeit Geschützter Raum Sport Entspannung Komfort Umgebung Sozial Offensiv Defensiv Kooperativ Selbstbezogen Aggressiv Gelassen Vorbild geben Regeln akzeptieren Kontrollen wichtig Sich ärgern bringt nichts Verständnis zeigen Regeln nicht nachvollziehen Regeln ungerecht Regeln für andere Regeln unzuverlässig Rücksicht nehmen Kontrollen ungerecht Recht durchsetzen Freiheit wieder herstellen Gesellschaft verkennt Radverkehr Gesellschaft erkennt Radverkehr an Regelwerk Missinterpretation der Situation vor Ort (Eigene Darstellung) Tabelle 39: Kategorien zum Radfahren 226
Ergebnis der kategorialen Analyse Die Einstellungen werden von den Konflikterfahrungen beeinflusst. Besonders prägend sind die Erfahrungen, dass Regeln keine ausreichende Sicherheit bieten. Allen Rad Fahrenden ist die Gefahr, die von abbiegenden Kraftfahrzeugen ausgeht, bewusst. Das Thema Regeln nimmt folglich einen großen Raum ein. Dabei werden Regeln als Bezugsrahmen im Grundsatz akzeptiert. Bei vielen Rad Fahrenden überwiegt die Einstellung, dass der Radverkehr nicht als gleichwertiges Verkehrsmittel anerkannt ist. Regelungen beträfen in erster Linie die Abwicklung des Fuß- und Kraftfahrzeugverkehrs. Infolgedessen werden viele Regeln als ungerecht oder ungerechtfertigt angesehen. Dies und die geringe Sicherheitswirkung von Regeln für den Radverkehr, lässt die Rad Fahrenden eine Eigenmaßstäblichkeit entwickeln, innerhalb derer sie selbst festlegen, welche Regeln sie befolgen und welche sie gegebenenfalls zusätzlich etablieren. Leitend ist die Einstellung, sich nicht auf bestimmte Regeln verlassen zu können und die Fehler anderer Verkehrsteilnehmender ausgleichen zu müssen. Für viele steht die Vorsicht und Rücksicht über den Regeln, aber auch über der Absicht, sein eigenes Recht durchsetzen zu müssen. Der eigenen Sicherheit wegen, werden Regeln missachtet, d. h. die eigene Einschätzung der Konfliktwahrscheinlichkeit und der Konfliktschwere steht über der Regeleinhaltung. Andere gehen in den Widerstand. Sie möchten durch ihr Handeln ihr Recht durchsetzen oder eigene Vorteile generieren, um ihre Freiheit wieder herzustellen. Einstellungen werden von Normen beeinflusst. Hier wird vor allem der Einfluss der wahrgenommenen Normen deutlich. Besonders prägend ist die Wahrnehmung, dass von anderen Verkehrsteilnehmenden viele Regeln ignoriert werden. Das betrifft sowohl das Rotlicht missachtende Rad Fahrende als auch Kraftfahrzeug-Fahrende, die mit geringem Abstand überholen oder auf Radfahrstreifen und Radwegen ihre Fahrzeuge abstellen. Insgesamt haben die Werte und Normen aber einen schwierigen Stand gegenüber den tagtäglich erfahrenen Konflikten. Nur Regeln, die bekannt sind, können auch beachtet werden. Demzufolge hat die Regelkenntnis einen Einfluss auf die Regeleinhaltung. Das Fahrverhalten der Rad Fahrenden wird von den Auswirkungen beeinflusst, die die Rad Fahrenden aufgrund ihres Fahrverhaltens erwarten. Diese Ergebniserwartungen werden von den Konflikterfahrungen genährt und beeinflussen wiederum die Einstellungen. Aus diesem Grund wiederholen sich in den Erwartungen Einflüsse, die bereits aus den Konflikterfahrungen und Einstellungen bekannt sind. Dies sind die Erkenntnisse, dass Regeln keinen verlässlichen Schutz bieten und dass Sanktionen durch den Staat und andere Verkehrsteilnehmende drohen. Die Erwartung, im Straßenverkehr 227
Kategoriale Analyse dem Verhalten anderer ausgeliefert zu sein, ist besonders schwerwiegend. Die Erwartung, dass bestimmte Verkehrsanlagen Sicherheitsrisiken bergen, resultiert aus Konflikterfahrungen und beeinflusst die Anforderungen. Neben den über die Zeit verfestigten Gewohnheiten, hat die unmittelbare Situation einen wesentlichen Einfluss auf das Verhalten. Sowohl die gegebene Infrastruktur, die Interpretation der Regeln als auch das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmenden spielen eine wichtige Rolle. Die Erkenntnisse zeigen, dass Rad Fahrende keinen festen Platz im System Straßenverkehr innehaben. Dies spiegelt sich sowohl in der oft mangelhaften Infrastruktur als auch in der Benachteiligung der Rad Fahrenden bei vielen Verkehrsregelungen wider. In der Folge wähnen sich Rad Fahrende im Graubereich. Regeln bieten ihnen keinen ausreichenden Schutz und haben für sie daher keine Relevanz. Gleichzeitig ist die Regelakzeptanz in der Gesellschaft eingeschränkt. Dies zeigt sich durch die Vielzahl an Rotlichtverstößen beim Fuß- und Radverkehr und Geschwindigkeitsübertretungen beim Kfz-Verkehr. Dies verstärkt die geringe Regelakzeptanz der Rad Fahrenden. Dieses Dilemma kann nur gelöst werden, wenn die Infrastruktur verbessert und die Regeleinhaltung aller Verkehrsteilnehmenden erhöht wird. Mit staatlichen Sanktionierungen alleine lässt sich langfristig keine bessere Regelbeachtung erzielen (vgl. Schlag 2010: 26). Neben einer Stärkung der gesellschaftlichen Regelakzeptanz sind auch zu Regelverstößen auffordernde Situationen zu vermeiden. Weitere Zusammenhänge sollen mit der folgenden Typengenerierung gezeigt werden. 228
9. Generierung einer Typologie Wie bereits in Kapitel 5.6 erläutert, erfolgt die empirisch begründete Typenbildung in vier Stufen. Diese vier Stufen bilden einen Prozess, der zum Zweck der Theoriegenerierung mehrmals aus unterschiedlichen Perspektiven durchgeführt werden kann.114 Der Prozess soll in den folgenden Kapiteln nachvollziehbar gemacht werden. Dabei wird nicht in Stufen, sondern inhaltlich vorgegangen. Zunächst werden im Kapitel 9.1 Vergleichsdimensionen ausgewählt, die für die Typenbildung und somit für die Beantwortung der Forschungsfragen geeignet erscheinen. Mit Hilfe der Fälle wird ermittelt, inwiefern die aus der kategorialen Analyse gewonnenen Kategorien und Merkmale geeignet sind, einen Merkmalsraum aufzubauen. In den Kapiteln zu den Vergleichsdimensionen wird dieser Prozess dargestellt. Der finale Prozess der Typenfindung wird im Kapitel 9.2 beschrieben. Hier wird auch die endgültige Typologie kurz dargestellt. In den darauf folgenden Kapiteln werden die Typen charakterisiert und der theoriegenerierende Sinnzusammenhang zwischen den Merkmalen entwickelt. Dabei wird dargelegt, welche Eigenschaften für die einzelnen Typen stehen. Die Homogenität der Typen wird in Kapitel 9.3 herausgearbeitet. Besonders gut den Typus repräsentierende Fälle dienen als Prototypen und werden näher vorgestellt. In Kapitel 9.4 werden die Unterschiede der Typen herausgearbeitet. Mit dem Nachweis der Homogenität und Heterogenität wird eine grundlegende Anforderung an die Typenbildung erfüllt (vgl. Kluge 1999: 27 f.). Die Typenbildung dient der Beantwortung der Forschungsfrage. Dafür werden die Ergebnisse dieses Arbeitsschrittes noch einmal in Kapitel 9.5 zusammenfassend dargestellt. 9.1. Vergleichsdimensionen Für das Aufspannen des Merkmalsraums sollen die, hinsichtlich der Beantwortung der Forschungsfragen, erklärungsstärksten Kategorien herangezo114 Falls erste Merkmalskombinationen bspw. keinen inhaltlichen Sinnzusammenhang ergeben, muss der Prozess wiederholt werden. Neue Merkmalskombinationen können Modifikationen beinhalten oder vollkommen neu zusammengestellt werden. 229
Generierung einer Typologie gen werden. Diese wurden im Rahmen der kategorialen Analyse (vgl. Kapitel 8) herausgearbeitet und spiegeln sich in den Grobkategorien „Anforderungen“, „Fahrverhalten“, „Einstellungen“ und „Regelkenntnisse“ mit ihren Sub- und Feinkategorien wider. In den folgenden Kapiteln werden die Verwendungsmöglichkeiten der Grobkategorien „Anforderungen“ (Kapitel 9.1.1), „Fahrverhalten“ (Kapitel 9.1.2), „Einstellungen“ (Kapitel 9.1.3) und „Regelkenntnisse“ (Kapitel 9.1.4) als Vergleichsdimensionen näher überprüft. 9.1.1. Vergleichsdimension Anforderungen Im Folgenden wird der Ansatz herausgearbeitet, mit dem innerhalb der Typengenerierung ein Erkenntnisgewinn erzielt werden kann. Erster Ansatz Bei der Bestimmung der Vergleichsdimensionen zur Grobkategorie „Anforderungen“ stehen zunächst die Subkategorien „Sicherheit“, „Zeitersparnis“ und „Erleben“ im Fokus. Allerdings haben sich die Verdichtungen für die Nutzung als Vergleichsdimensionen nicht als zielführend herausgestellt, weil dieser hohe Abstraktionsgrad keine differenzierten Erkenntnisse über Fahrverhalten ermöglicht. Aus diesem Grund wird zunächst ein kleinteiliger Ansatz verfolgt, in dem geringer verdichtete Kodes verwendet werden. Diese sollen folgenden Kriterien entsprechen:  Jede Subkategorie soll durch mindestens einen Kode repräsentiert werden.  Die durch den Kode repräsentierte Anforderung soll möglichst grundlegend sein, d. h. keine konkrete verkehrsplanerische Lösung darstellen.  Der Kode soll mit möglichst vielen Textsegmenten verlinkt sein.  Die durch den Kode repräsentierte Anforderung soll nicht allen Rad Fahrenden wichtig sein.  Im Idealfall widersprechen sich die durch die gewählten Kodes repräsentierten Anforderungen.  Die Kodes müssen dazu geeignet sein, Unterschiede zwischen den Rad Fahrenden darzustellen. Folgende Kodes scheinen geeignet zu sein:  „Fahren mit hoher Geschwindigkeit“ (ATs) – Subkategorie „Erleben“, Feinkategorie „Sport“, 230
Vergleichsdimensionen  „Unaufmerksam sein können“ (AUa) – Subkategorie „Erleben“, Feinkategorie „Entspannung“,  „Vorrang gegenüber Kfz-Verkehr haben“ (AVo) – steht im Konflikt gegenüber Anforderung AGl,  „Gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden gleichberechtigt sein“ (AGl) – steht im Konflikt gegenüber Anforderung AVo,  „Überholen oder ausweichen können“ (AÜ) – Subkategorie „Zeitersparnis“,  „Möglichst kurzer Weg“ (ADi) – Subkategorie „Zeitersparnis“,  „Niedriges Geschwindigkeitsniveau des Kfz-Verkehrs“ (AGn) – Subkategorie „Sicherheit“,  „Nebeneinander fahren“ (ANb) – Subkategorie „Erleben“, Feinkategorie „Sozial“,  „Sicherheitsabstand zu anderen Verkehrsteilnehmenden“ (ASa) – Subkategorie „Sicherheit“, Feinkategorie „Geschützter Raum“ und  „Strecken mit geringem Kfz-Verkehr“ (AKfR) – Subkategorie „Sicherheit“. Aufgrund der Kodierungen wird für alle Rad Fahrenden eine Beurteilung vorgenommen, inwiefern ihnen die jeweilige Anforderung wichtig ist. Äußern sie sich entsprechend, wird in einer Matrix ein Pluszeichen eingetragen.115 Das Ergebnis findet sich in Anhang A-7.1. Doch die Durchführung erweist sich als problematisch. Nicht bei jedem Fall ist dem Interviewmaterial zu entnehmen, ob eine Anforderung wichtig oder unwichtig für den Interviewten oder die Interviewte ist. Das Bild, welches die Rad Fahrenden abgeben, ist folglich lückenhaft. Darüber hinaus sind einige Anforderungen entgegen der ersten Vermutung sehr vielen Rad Fahrenden wichtig. Dies betrifft den Sicherheitsabstand und die Anforderung nach möglichst geringem Kfz-Verkehr. Die Anforderung, nebeneinander fahren zu können, kann eher durch das beschriebene 115 Eine Ausnahme bildet die Anforderung „Nebeneinander“. Zu diesem Thema wurden seit dem Interview mit Kf alle Interviewten befragt. Daher kann für die Anforderung „Nebeneinander“ nicht mehr die Logik angewendet werden, nach der die Erwähnung des Themas bereits einen Hinweis auf die Relevanz gibt. Folglich werden die Beiträge zum Nebeneinanderfahren näher analysiert. Es wird unterschieden zwischen Rad Fahrenden, die das Nebeneinanderfahren für unverträglich gegenüber dem übrigen Verkehr halten (mit +/bewertet), Rad Fahrenden, die das Nebeneinanderfahren gut finden, es aber nicht durchsetzen wollen (+) und Rad Fahrenden, die Nebeneinanderfahren als ein wichtiges Recht der Rad Fahrenden sehen (++). 231
Generierung einer Typologie Verhalten als durch die tatsächliche Forderung danach beurteilt werden. Dies trifft auch auf die Anforderung „Hohe Geschwindigkeit“ zu. Daran wird deutlich, dass für einige Anforderungen eine Einteilung nach dem tatsächlichen Fahrverhalten sinnvoller ist, als nach den in den Interviews formulierten Anforderungen. Der Ansatz, die Rad Fahrenden anhand der Wichtigkeit der kleinteiligen Anforderungen zu clustern, erweist sich als nicht zielführend. Trotz verschiedener Clusterversuche, ist kein interpretierbares Bild zu erkennen. Aus diesem Grund wird ein weiterer Ansatz erarbeitet. Zweiter Ansatz In dem zweiten Ansatz sollen die im Kapitel 0 dargestellten leitenden Anforderungen116 und die daraus resultierenden Feinkategorien „Sichtbarkeit“ und „Geschützter Raum“ als Grundlage für die Vergleichsdimensionen dienen (vgl. Abbildung 15). Die hier verwendeten Sub- und Feinkategorien werden von den Anforderungen gemäß Tabelle 22 unterstützt. Für die leitende Anforderung „Sportlicher Aspekt“ soll die Anforderung „Fahren mit hoher Geschwindigkeit“ (ATs) stehen. Die leitende Anforderung „Schnell das Ziel erreichen“ soll durch die Anforderungen  „Schnell von A nach B kommen“ (ATe)  „Kurze Fahrzeit“ (ATf) und  „Kurze, umwegfreie Wege“ ( ADi) repräsentiert werden. Als Unterstützung dienen zudem die Anforderungen  „Zügiges Vorankommen (ohne aufgehalten zu werden)“ (ATz)  „Wenig Halte“ (AHa)  „Wenig Störungen auf der Strecke“ (ASö) und  „Möglichkeiten des Überholens und Ausweichens von Hindernissen“ (AÜ) Die leitende Anforderung „Sicher“ soll durch die Anforderung „Verkehrssicherheit“ (ASi) abgedeckt werden. Die Anforderungen „Stressfreies, ange116 Leitende Anforderungen sind maßgeblich für bestimmte Sub- und Feinkategorien der Grobkategorie „Anforderungen“. Die leitende Anforderung „Sicher“ ist maßgeblich für die Subkategorie „Sicherheit“, die leitende Anforderung „Schnell das Ziel erreichen“ ist maßgeblich für die Subkategorie „Zeitersparnis“, die leitende Anforderung „Sportlicher Aspekt“ ist maßgeblich für die Feinkategorie „Sport“ der Subkategorie „Erleben“ und die leitende Anforderung „Entspannt“ ist maßgeblich für die Feinkategorie „Entspannung“ und ist ebenfalls in der Subkategorie „Erleben“ enthalten. 232
Vergleichsdimensionen nehmes Fahren“ (ASt) und „Unaufmerksam sein können“ (AUa) stehen für die leitende Anforderung „Entspannt“. Eine Anforderung zur Entschärfung des Konflikts Kfz-Verkehr ist die Anforderung „Sichtbarkeit, sehen und gesehen werden“ (ASiS). Die Anforderung „Geschützter Raum“ (APG) findet sowohl gegenüber dem KfzVerkehr als auch dem Fußverkehr Verwendung. Unterstützt wird diese von den Anforderungen „Sicherheitsabstand zu anderen Verkehrsteilnehmenden“ (ASa) und „Führung des Verkehrs, Zuweisung von Flächen und Wegen“ (AFü). Die ausgewählten Anforderungen bilden mit den Fällen eine Matrix (vgl. Anhang A-7.2). Auf einen Fall zutreffende Anforderungen sind mit einem Pluszeichen markiert. Der Wunsch nach einem geschützten Raum bzw. einem ausreichend großen Sicherheitsabstand gegenüber Kraftfahrzeugen ist mit einem K markiert. Ein F steht für einen ausreichenden Abstand gegenüber zu Fuß Gehenden. Eine Gruppierung der Fälle anhand der Matrix bleibt unbefriedigend. Etwa die Hälfte der Befragten möchte mit hoher Geschwindigkeit fahren (ATs). Das heißt allerdings nicht, dass sie nicht auch stressfrei (ASt) oder unaufmerksam (AUa) unterwegs sein möchten. Personen, die stressfrei unterwegs sein möchten, finden sich zu gleichen Teilen bei denen, die mit hoher Geschwindigkeit fahren als auch bei denen, die hierauf keinen gesteigerten Wert legen. Die Anforderung „Verkehrssicherheit“ (ASi) hilft ebenfalls nicht weiter, da alle Rad Fahrenden sicher ihr Ziel erreichen wollen. Demgegenüber ist die Matrix gut geeignet, die Zusammenhänge zwischen hoher Geschwindigkeit (ATs) und die Forderung nach einer guten Sichtbarkeit nachzuweisen (ASiS). Rad Fahrende mit hoher Wunschgeschwindigkeit legen eher Wert auf eine gute Sichtbarkeit. Rad Fahrende, für die eine hohe Fahrgeschwindigkeit nicht von Bedeutung ist, ist oft ein geschützter Raum (APG, ASa, AFü) gegenüber dem Kfz-Verkehr wichtig. Dritter Ansatz Als Grundlage für eine Vergleichsdimension ist die Matrix folglich wenig geeignet. Die unterschiedliche Aussagekraft der einzelnen InterviewPassagen muss stärker berücksichtigt werden. Dies soll durch eine Einzelfallanalyse anhand des Materials gelingen, bei der eine Abwägung der Anforderungen untereinander erfolgt. Mit Hilfe der kodierten Anforderungen wird für jede und jeden Interviewten ein Kurzprofil erstellt (vgl. Anhang A-7.3). Die Ergebnisse der Einteilung sind in Tabelle 40 dargestellt. 233
Generierung einer Typologie In der Gruppe 1 befinden sich die Rad Fahrenden, denen eine hohe Geschwindigkeit wichtig ist. Gegenüber den zu Fuß Gehenden versuchen sie einen großen Sicherheitsabstand einzuhalten. Gegenüber dem Kfz-Verkehr ist eine gute Sichtbarkeit entscheidend. Die Rad Fahrenden der Gruppe 2 legen Wert auf ein zügiges Vorankommen. Das Radfahren dient nicht als Freizeitvergnügen. Ihnen ist sowohl ein ausreichender Sicherheitsabstand zum Kfz-Verkehr als auch zum Fußverkehr wichtig. Eine gute Sichtbeziehung zum Kfz-Verkehr und die Feststellung, zum Straßenverkehr dazuzugehören, sind ihnen oft wichtig. Nr. - Beschreibung 1 - hohes Tempo, Abstand zu Gehenden 2 - zügiges Erreichen des Ziels, Abstand sowohl zu Kfz als auch zu Gehenden 3 - entspannt Fälle Qm, Rm, Um, Xm, Ym, Zm, ACm, AFm If, Lf, Kf, Om, Pm, Sf, Tf, Vf, AIf Jf, Mf, Wm, AAf, ADm, AEf, AHf Eigene Darstellung Tabelle 40: Gruppierung der Fälle nach dem Wirkungszusammenhang zwischen leitenden Anforderungen und den Anforderungen zur Sicherheit In der Gruppe 3 finden sich schließlich diejenigen Rad Fahrenden, denen ein entspanntes Radfahren wichtig ist. Schnell das Ziel zu erreichen hat selten oberste Priorität. Stress soll möglichst gering gehalten werden, weswegen der Kfz-Verkehr gemieden wird. Der Fußverkehr wird eher selten als störend empfunden. Durch die Einzelfallanalyse lassen sich die Fälle nachvollziehbarer clustern. Die leitenden Anforderungen können damit berücksichtigt werden. Aus diesem Grund sind diese drei Merkmale gut für die Gestaltung des Merkmalsraums und damit für die Typengenerierung geeignet. Exkurs: Zusammenhang zwischen leitenden Anforderungen und der bevorzugten Führungsform Werden die Rad Fahrenden nach ihren Anforderungen gefragt, verbinden die Befragten ihre Antworten oft mit den konkreten Lösungen vor Ort. Sie haben bereits genauere Vorstellungen davon, wie ihren leitenden Anforderungen entsprochen werden kann. Um dieses Wissen nutzbar zu machen, sollen die Fälle zunächst nach ihren bevorzugten Führungsformen gruppiert 234
Vergleichsdimensionen werden. Im Anschluss daran werden die Merkmale der leitenden Anforderungen aus dem dritten Ansatz mit den Merkmalen der bevorzugten Führungsform gekreuzt. So wird der Zusammenhang zwischen leitenden Anforderungen und den bevorzugten Führungsformen deutlich. Folgende Führungsformen werden einbezogen:117  fahren auf der Fahrbahn einer Hauptverkehrs- / Vorfahrtstraße (AHs) oder ablehnen des Fahrens auf der Fahrbahn einer Hauptverkehrsstraße (AHk),  fahren im Mischverkehr (AMv),  fahren auf der Fahrbahn einer Nebenstraße / Straße mit Tempo 30 (ANs),  fahren im Verkehrsberuhigten Bereich (ANsB),  fahren in einer Fahrradstraße (ARvS),  fahren auf einem Bussonderfahrstreifen (ABu),  fahren auf einer Radverkehrsanlage (ARv),  fahren auf einem Radfahrstreifen (ARvF),  fahren auf einem Radfahrstreifen in Mittellage (ARvFM),  fahren auf einem Radweg (ARvH),  fahren auf einem Gehweg (AGw),  fahren im Park, Wald oder einem separaten Rad- oder kombinierten Geh/Radweg (AGr). Fordern die Interviewten eine Führungsform, wird ein Pluszeichen eingetragen. Äußern sich die Interviewten ablehnend, wird ein Minuszeichen eingesetzt. Ein Minus- / Pluszeichen wird eingetragen, wenn sich die Interviewten zur Führungsform äußern, aber keine klare Präferenz erkennen lassen. Keine Bewertung erfolgt, wenn die Führungsform im Interview nicht besprochen wird. Darüber hinaus wird anhand der Interviews bestimmt, ob die oder der Interviewte eher Radwege oder Radfahrstreifen präferiert. Bleiben die Fälle weiterhin schwer zuordenbar, wird versucht zu rekonstruieren, ob sie das Fahren auf Radwegen oder Radfahrstreifen gegenüber dem Fahren auf der Fahrbahn vorziehen. Die Zuordnungen sind tabellarisch im Anhang A-7.4 aufbereitet. Bei den Bewertungen zur Fahrradstraße ist zu beachten, dass viele diese Führungsform grundsätzlich positiv bewerten, die in Berlin umgesetzten Fahrradstraßen aber oft kritisch sehen. In diesen Fällen wird trotzdem ein 117 Zugehörige Kode-Kürzel der Anforderungen sind in Klammern angegeben. 235
Generierung einer Typologie Pluszeichen vergeben, da die Bewertung unabhängig von den Berliner Gegebenheiten erfolgen soll. Bei den Radfahrstreifen in Mittellage besteht das Problem, dass diese Führungsform vielen Interviewten noch unbekannt war. Einigen Interviewten reichte eine Beschreibung dieser Führungsform, um diese zu bewerten. Der klassische Radfahrstreifen wird aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt. Den einen ist der Abstand zum Kfz-Verkehr zu gering. Andere lehnen Radfahrstreifen wegen ihrer geringen Breite ab. Zudem zwingt sie der Radfahrstreifen oftmals dazu, nur indirekt links abbiegen zu können. Für die Gruppierung der Interviewten nach ihren Anforderungen werden mehrere Möglichkeiten geprüft. Da einige Interviewte nur über wenige oder keine praktischen Erfahrungen zu den Radfahrstreifen in Mittellage, Fahrradstraßen oder Bussonderfahrstreifen verfügen, ergibt sich aus diesen Kriterien kein zusammenhängender oder erklärbarer Befund. Die Kriterien, die die Interviewten zu Hilfe nehmen, um diese Führungsformen zu bewerten, sind zu unterschiedlich. Ein klareres Bild ergibt sich, wenn die Kriterien weiter verdichtet werden. Zusammengefasst werden die Kriterien Hauptstraße und Mischverkehr zum Kriterium Mischverkehr (MV):  1: Hauptstraße ja und / oder Mischverkehr ja,  2: Hauptstraße nein und keine Äußerung Mischverkehr oder keine Äußerung Hauptstraße und keine Äußerung Mischverkehr. Zudem werden die Kriterien Radfahrstreifen und Radweg zum Kriterium Radverkehrsanlage (RVA 1) zusammengefasst:  1: Radfahrstreifen ablehnen und Radweg ablehnen oder Radfahrstreifen ablehnen und Radweg ist egal oder Radweg ablehnen und Radfahrstreifen ist egal,  2: Radfahrstreifen fordern und Radweg ablehnen,  3: Radfahrstreifen fordern und Radweg ist egal,  4: Radfahrstreifen und Radweg fordern,  5: Radweg fordern und Radfahrstreifen ablehnen. Zusammen mit den beiden neuen Kriterien (MV und RVA 1) stellt sich das Kriterium, ob die Rad Fahrenden Radfahrstreifen oder Radwege bevorzugen, als sinnstiftend heraus (Kriterium RVA 2):  1: Radfahrstreifen werden Radwegen vorgezogen,  2: es gibt keine Präferenz zwischen Radwegen oder Radfahrstreifen,  3: Radwege werden Radfahrstreifen vorgezogen. 236
Vergleichsdimensionen Mit diesen drei Kriterien können zunächst fünf Gruppen Rad Fahrender, gemäß ihren Anforderungen an die Führungsform, gebildet werden (Tabelle 41 und ausführlich nach den Kriterien sortiert in Anhang A-7.5). Die erste Gruppe bilden Rad Fahrende, die den Mischverkehr auf der Fahrbahn dem Fahren auf Radverkehrsanlagen vorziehen und gleichzeitig Radverkehrsanlagen zumindest skeptisch gegenüber stehen. Radverkehrsführungen auf der Fahrbahn – Schutzstreifen und Radfahrstreifen – sind ihnen oft zu schmal. Aus diesem Grund stören diese eher, als das sie ihnen helfen. RVA 1 1 Nr. - Beschreibung 1 - Möglichst keine RVA MV 1 2 - Mischverkehr bevorzugt, Radfahrstreifen gut 1 2, 3, 4 3 - möglichst keine Hauptstraße, aber Radwege eher nicht 2 2, 3 1 4 - möglichst keine Hauptstraße, Radwege und Radfahrstreifen sind gut 2 4 1, 2 4, 5 3 5 - keine Hauptstraße, Radweg gegen- 2 über Radfahrstreifen bevorzugt oder Ablehnung Radfahrstreifen RVA2 nicht relevant 1, 2 Fälle Um, Xm, Zm If, Qm, Rm, Ym, ACm, AFm Lf, Pm, Sf, Tf, AAf, AIf Kf, Mf, Om, Vf, Wm Jf, ADm, AEf, AHf (Eigene Darstellung) Tabelle 41: Gruppierung der Fälle nach der von ihnen präferierten Führungsform In der zweiten Gruppe finden sich ebenfalls Rad Fahrende, die lieber im Mischverkehr unterwegs sind. Im Gegensatz zur ersten Gruppe fahren diese auch gerne auf Radfahrstreifen. Einige nutzen auch gerne Radwege. Rad Fahrende der dritten Gruppe fahren nicht gerne im Mischverkehr von Hauptstraßen. Sie ziehen Radfahrstreifen Radwegen vor. Ein Großteil 237
Generierung einer Typologie schätzt die Nutzung von Radwegen wegen der oftmals schlechten Sichtbeziehungen als zu gefährlich ein und lehnt sie ab. Zur vierten Gruppe gehören Rad Fahrende, die ebenfalls den Mischverkehr auf Hauptverkehrsstraßen vermeiden. Im Gegensatz zur dritten Gruppe nutzen sie sowohl Radfahrstreifen als auch Radwege gerne. Ihnen ist es wichtig, dass es zu jeder Hauptverkehrsstraße Radverkehrsanlagen gibt. Die Art der Radverkehrsanlage ist ihnen dabei gleichgültig. Die fünfte Gruppe besteht aus Rad Fahrenden, die Fahrbahnen von Hauptstraßen meiden. Sie ziehen Radwege Radfahrstreifen vor oder lehnen Radfahrstreifen als zu nah am Kraftfahrzeugverkehr ab. Durch die Gruppierung der Rad Fahrenden nach den Führungsformen wird das im Kapitel 0 beschriebene Schaubild (vgl. Abbildung 16) bestätigt. Für die Präferenzen Mischverkehr, Radfahrstreifen und Radweg gibt es jeweils eine Gruppe. Zusätzlich gibt es zwischen den drei Präferenzen weitere Gruppen. Gruppe 2 mit Personen, die gerne im Mischverkehr und auf Radfahrstreifen unterwegs sind und Gruppe 4 mit Personen, die sowohl Radfahrstreifen als auch Radwege gut finden. Die fünf Gruppen lassen sich darüber hinaus gut den Feinkategorien „Sichtbarkeit“ und „Geschützter Raum“ zuordnen. Den Gruppen 1 bis 3 ist die Sichtbarkeit wichtig, während die Gruppen 4 bis 5 eher den geschützten Raum präferieren. Nicht alle Rad Fahrenden lassen sich in diese Gruppen zweifelsfrei einteilen. Ein Grenzfall ist Om, der sich gegenüber beiden RadverkehrsanlageFormen positiv äußert, aber dennoch Radfahrstreifen besser als Radwege findet. In diesem Fall ist es schwierig zu entscheiden, ob es sich um eine Person handelt, der der Sichtkontakt wichtiger ist oder die Separation. Alle Rad Fahrenden zusammen betrachtet, ist eine Einteilung nach den Kriterien zur Führungsform besser begründbar als nach den oben beschriebenen grundlegenderen Anforderungen. Die Standard-Führungsformen sind den Interviewten bekannt, denn sie konnten ausreichend Erfahrungen sammeln und dadurch nachdrücklicher ihre Position darlegen. Darüber waren die Anforderungen an die Führungsform besonders gut durch die Beobachtung des Fahrverhaltens nachzuvollziehen. 238
Vergleichsdimensionen Nr. - Beschreibung 1 - Möglichst keine RVA 2 - Mischverkehr bevorzugt, Radfahrstreifen gut 1 - hohes Tempo Um, Xm, Zm Qm, Rm, Ym, ACm, AFm 3 - möglichst keine Hauptstraße, aber Radwege eher nicht 4 - möglichst keine Hauptstraße, Radwege und Radfahrstreifen sind gut 5 - keine Hauptstraße, Radweg gegenüber Radfahrstreifen bevorzugt oder Ablehnung Radfahrstreifen 2 - zügiges Erreichen des Ziels 3entspannt If Lf, Pm, Sf, Tf, AIf Kf, Om, Vf AAf Mf, Wm Jf, ADm, AEf, AHf (Eigene Darstellung) Tabelle 42: Wirkungszusammenhang zwischen leitenden Anforderungen / Anforderungen zur Sicherheit und den bevorzugten Führungsformen Werden die Ergebnisse aus der Gruppierung zum Wirkungszusammenhang zwischen leitenden Anforderungen und den Anforderungen zur Sicherheit mit denen der bevorzugten Führungsform zusammengebracht, wird ein Zusammenhang deutlich (siehe Tabelle 42). Personen, die mit hohem Tempo unterwegs sein wollen (Spalte 1) und sind, bevorzugen den Mischverkehr auf der Fahrbahn. Zum Teil wäre es ihnen lieber, es gäbe gar keine Radverkehrsanlagen. Weniger eindeutig ist die Zuordnung der zügig unterwegs sein wollenden Rad Fahrenden (Spalte 2) und der eher entspannt unterwegs sein wollenden Rad Fahrenden (Spalte 3) zu den bevorzugten Führungsformen. Bei der Gruppe der zügig unterwegs sein wollenden Rad Fahrenden (Spalte 2) gilt der Radfahrstreifen als eine ideale Führungsform. Bei den zugeordneten Personen reicht die Bandbreite von einer tendenziellen Bevorzugung des Mischverkehrs bis hin zur Aussage, dass ein gemäß Stand der Technik angelegter Radweg ebenfalls die Funktion einer sicheren Radverkehrsanlage einnehmen kann. Auch bei den entspannt unterwegs sein wollenden Rad Fahrenden (Spalte 3) gibt es eine Person (AAf), die Radfahrstreifen gegen239
Generierung einer Typologie über Radwegen bevorzugt. Dennoch überwiegen in der Gruppe die Personen, die Radwege den Radfahrstreifen vorziehen. Hier ist der Wunsch leitend, möglichst weit vom Kfz-Verkehr unterwegs sein zu wollen. Die Bevorzugung des Radfahrstreifens gegenüber dem Radweg im Falle AAf muss kein Widerspruch zu der Aussage sein, möglichst weit entfernt vom KfzVerkehr fahren zu wollen. In dem konkreten Fall versucht AAf einen möglichst großen Abstand zum Kfz-Verkehr einzuhalten, in dem sie Hauptstraßen – auch solche mit Radverkehrsanlagen – generell meidet. Für die Typengenerierung wird die Gruppierung nach den leitenden Anforderungen und Anforderungen an die Sicherheit (Ansatz 3, Tabelle 40) als Vergleichsdimension für die Grobkategorie „Anforderungen“ verwendet. 9.1.2. Vergleichsdimension Fahrverhalten Streng genommen müssten bei diesem Vergleich die einzelnen Fahrstile der Rad Fahrenden betrachtet werden und nicht ihr Fahrverhalten insgesamt, das mehrere Fahrstile enthalten kann. Ausreichende Informationen gibt es allerdings nur für den überwiegenden Fahrstil. Andere Fahrstile werden nur als kurze Episoden beschrieben. Diese spiegeln in der Regel auch nicht die grundsätzlichen Einstellungen der Rad Fahrenden wider (vgl. hierzu auch Kapitel 0). Aus diesem Grund wird der überwiegende Fahrstil als maßgeblich für die Theoriebildung angesehen. Für die Vergleichsdimension Fahrverhalten kommen zunächst die sechs Feinkategorien „Offensiv“, „Defensiv“, „Kooperativ“, „Selbstbezogen“, „Aggressiv“ und „Gelassen“ als Merkmale in Frage. Um zu bestimmen, für welche Rad Fahrenden die einzelnen Eigenschaften zutreffen, werden die den Subkategorien zugeordneten Ausprägungen aus Kapitel 8.4.2 (vgl. Tabelle 31) verwendet. In einem ersten Durchgang werden mit Hilfe der Fahrtaufzeichnungen die Ausprägungen für die teilnehmenden 17 Rad Fahrenden bestimmt. Eine Matrix mit den Fällen und den zugehörigen beobachteten Fahrverhalten findet sich im Anhang A-8.1. Einige Ausprägungen können grundsätzlich nicht beobachtet werden. Sie müssten von den Rad Fahrenden selbst benannt werden und bleiben daher frei. Hierzu gehören die Ausprägungen  mitdenkend und  verträumt, abgelenkt. Darüber hinaus wurden keine Situationen aufgezeichnet, die es möglich machen, folgende Ausprägungen den Rad Fahrenden zuzuordnen: 240
Vergleichsdimensionen  abrupter Beschleunigungswechsel,  zurück stehen,  unsicherer Umgang mit dem Fahrrad und  aggressiv in der Interaktion. Im Unterschied dazu kann zu jedem Rad Fahrenden eine Aussage getroffen werden, ob bei der Fahrt die Regeln mehrheitlich eingehalten werden oder nicht. Da fast alle Rad Fahrenden irgendwann eine Regel brechen, ist es notwendig zwischen wenigen bedingt sicherheitsrelevanten Regelverstößen, mehreren Regelverstößen und schwerwiegenden Regelverstößen zu unterscheiden. Zu den bedingt sicherheitsrelevanten Regelverstößen zählen:  Queren von für den Fußverkehr eingerichteten Lichtsignalanlagen bei Rot, sofern ein Mindestabstand zu zu Fuß Gehenden von fünf Metern eingehalten wird.  Rechtsabbiegen bei rotem Lichtsignal, unter der Voraussetzung, dass keine Konfliktflächen zum Kfz-Verkehr gequert werden. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein Rad Fahrender sich auf einem Radweg befindet und rechts abbiegt, um auf einem anderen Radweg weiterzufahren. Darüber hinaus muss ein Mindestabstand zu zu Fuß Gehenden von fünf Metern und zu Rad Fahrenden von zehn Metern eingehalten werden.  Eine Gehwegnutzung im Schritttempo, ohne zu Fuß Gehende zu behindern oder zu gefährden.  Nutzung von Fußfurten oder Fußgängerüberwegen im Schritttempo, ohne zu Fuß Gehende zu behindern oder zu gefährden.  Nutzung von Radwegen in falscher Richtung, sofern nur kurze Abschnitte befahren werden, Fahrbahnen nicht gequert und entgegenkommende Rad Fahrende nicht behindert werden. Als schwerwiegender Regelverstoß wird gewertet:  Das Queren von Konfliktflächen zum Kfz-Verkehr bei rotem Signal,  das Nutzen von Gehwegen, Fußfurten und Fußgängerüberwegen in hohem Tempo oder mit engem Überholen von zu Fuß Gehenden,  das Nutzen von Radwegen in falscher Richtung (Ausnahmen siehe oben),  das Einfahren auf Fahrbahn oder Radverkehrsanlage, ohne den Verkehr zu beachten,  das Fahren bei Dunkelheit ohne Licht. Sehr häufig kann eine Aussage darüber getroffen werden, ob die beobachteten Rad Fahrenden vorsichtig oder risikoreich unterwegs sind. Eine Zuordnung von Szenen zu den, bei den Fahrten festgestellten, Ausprägungen findet sich im Anhang A-4.1. 241
Generierung einer Typologie Mit Hilfe der in der Matrix (Anhang A-8.1) eingetragenen Ausprägungen kann für die Teilnehmenden eine Einschätzung getroffen werden, ob sie eher offensiv oder defensiv und ob sie eher kooperativ oder selbstbezogen unterwegs sind. Eine Einschätzung hinsichtlich des Kommunikationsverhaltens (aggressiv oder gelassen) ist mangels beobachteter Ereignisse nicht möglich. Bei der Mehrheit der Beobachteten ist die Ermittlung, ob es sich um eine offensive oder defensive Fahrweise handelt, relativ einfach. Mit Hilfe der ermittelten Ausprägungen lässt sich die Risikobereitschaft gut einschätzen. Zwei Fälle zeigen eine mäßige Risikobereitschaft. Sie sind weder besonders offensiv noch defensiv unterwegs. Im Ergebnis überwiegt bei elf Rad Fahrenden ein offensiver Fahrstil. Demgegenüber zeigen nur vier Rad Fahrende einen defensiven Fahrstil. Schwieriger fällt die Zuordnung, ob es sich bei den Fahrweisen um einen kooperativen oder eher einen selbstbezogenen Fahrstil handelt. Als leitendes Kriterium wird der schwerwiegende Regelverstoß verwendet. Alle Personen, die in ihrer Fahrt einen schwerwiegenden Regelverstoß zeigen, werden einem selbstbezogenen Fahrstil zugeordnet. Oft gehen diese Regelverstöße mit einer rücksichtslosen Fahrweise einher (siehe Nachweis im Anhang A4.1). Bei den übrigen Personen wird bei der Zuordnung die Anzahl der Ausprägungen je Feinkategorie berücksichtigt. Sechs Rad Fahrende verhalten sich eher neutral, d. h. die Ausprägungen zum kooperativen oder selbstbezogenen Fahrstil halten sich in etwa die Waage. Drei Rad Fahrende zeigen einen eher kooperativen, acht Rad Fahrende einen eher selbstbezogenen Fahrstil. Werden die Subkategorien zusammen betrachtet, fällt auf, dass defensiv fahrende Personen eher rücksichtsvoll unterwegs sind und dass offensiv fahrende Personen eher schwerwiegende Regelverstöße begehen. Nach der Auswertung der Beobachtungen werden in einem zweiten Durchgang die Textsegmente hinzugezogen (Anhang A-8.2). Für jede Ausprägung gibt es einen Kode. Anders als bei den meisten Fahrten ist zu beachten, dass die Rad Fahrenden von unterschiedlichen Fahrsituationen und Fahrstilen berichten. So kommt es vor, dass Personen, die sonst von einer offensiven und risikoreichen Fahrweise berichten, dann vorsichtig fahren, wenn sie zum Beispiel etwas transportieren oder Kinder begleiten. In die Matrix geht aber nur der überwiegend beschriebene Fahrstil ein (vgl. Diskussion zum Fahrstil in Kapitel 0). Da die Ausprägungen aus den Kodes der Interviewauswertung gebildet werden, kann jede Ausprägung von mindestens einer Person besetzt werden. Einige Ausprägungen können fast jeder Person zugeordnet werden. Viele 242
Vergleichsdimensionen geben an, aufmerksam und vorsichtig zu fahren und für andere Verkehrsteilnehmende mitzudenken, oder berichten von Situationen, wo sie dies taten. Zudem wollen viele Rad Fahrende schnell unterwegs sein. Viele Angaben scheinen sich zu widersprechen. Bei einer Betrachtung der Details wird deutlich, dass die Ausprägungen nicht nur fahrstilabhängig, sondern auch situationsabhängig sind. Manche gehen in der einen Situation Risiken ein und in der nächsten Situation agieren sie sehr vorsichtig. Andere agieren im Straßenverkehr stets aufmerksam und denken für andere mit. Sind sie in einer Parkanlage unterwegs, fangen sie an zu träumen und sind unaufmerksam. Darüber hinaus besteht die Schwierigkeit, dass die Aussagen der Interviewten subjektiv geprägt sind. Die Herausforderung besteht darin, die tatsächliche überwiegende Fahrweise, also den Fahrstil zu rekonstruieren. Bei der Bestimmung des Fahrstils muss die Intensität der Ausprägungen berücksichtigt werden. Hilfreich ist es, wenn Interviewte davon sprechen, besonders zu „heizen“ oder wenn sie von Situationen erzählen, an denen sie es vorzogen, vom Fahrrad abzusteigen. Eine eindeutige Zuordnung ist bei der Regeleinhaltung möglich. Unter Berücksichtigung des Gesamtinterviews kann bestimmt werden, ob die Rad Fahrenden ausschließlich Bagatelldelikte gemäß obiger Definition begehen, oder ob sie sich als Rad Fahrende regelwidrig oder schwerwiegend regelwidrig bewegen. Im Unterschied zu den Beobachtungen kann die Häufigkeit der Regelverstöße oft nicht oder nur grob eingeschätzt werden. Analog zu dem beobachteten Fahrverhalten wird anhand der Ausprägungen eingeschätzt, welchen Fahrstil die Rad Fahrenden überwiegend zeigen (siehe Anhang A-8.2). Da das Interviewmaterial umfangreicher ist als die Videoaufzeichnungen, ist die Zuordnung aufwendiger. Scheinbar widersprüchliche Angaben müssen gegeneinander abgewogen werden. Einzelne Kriterien können nicht mehr automatisch zu einer Einteilung der Person bzw. seines Fahrstils führen. Beispielsweise führen schwerwiegende Regelverstöße nicht mehr zwangsweise zu einer Zuordnung zu einem selbstbezogenen Fahrstil. Im Ergebnis des zweiten Durchgangs fällt auf, dass genauso viele Personen einem defensiven wie einem offensiven Fahrstil zugeordnet werden können (je acht). Sechs Personen können keinem der beiden Extreme zugeordnet werden und zeigen eine eher mäßige Risikobereitschaft. Die Zuordnungen zu einem kooperativen oder selbstbezogenen Fahrstil halten sich ebenfalls fast die Waage (elf mit einem kooperativen und zehn mit einem selbstbezogenen Fahrstil). 243
Generierung einer Typologie Um zu einem endgültigen Ergebnis der Fahrstilzuordnung zu kommen, werden die Ergebnisse der beiden Durchgänge in einer Matrix zusammengefasst (siehe Anhang A-8.3). Dort, wo es Unterschiede zwischen den beiden Durchgängen gibt, wird die Fahrstilzuordnung erneut abgewogen. Die Beobachtung hat den Vorteil, dass die Häufigkeit und Intensität von Regelverstößen besser eingeschätzt werden kann. Andererseits besteht die Gefahr, dass der eine oder andere Rad Fahrende aufgrund der Beobachtungssituation von seinem eigentlichen Fahrstil abgewichen ist und im Zweifel eher einzelne Regeln eingehalten hat. Das Ergebnis der Matrix ist in einer Kreuztabelle eingetragen (vgl. Tabelle 43). Da es nur zu neun Fällen Aussagen zur Kommunikation bei Auseinandersetzungen gibt, wird diese Subkategorie nicht in der Kreuztabelle berücksichtigt. Da jede Person mindestens einer der einbezogenen Feinkategorien zugeordnet werden kann, ergeben sich acht besetzte Merkmalskombinationen. Kooperativ Neutral Selbstbezogen Summe Anzahl Offensiv If, Ym, ACm Zm, AAf Qm, Rm, Sf, Um, Xm, AFm 11 Mäßig Kf, Pm, Vf Lf, Tf 5 Defensiv Jf, Om, Wm, ADm, AIf AEf, AHf Mf Summe Anzahl 11 4 9 8 (Eigene Darstellung) Tabelle 43: Gruppierung der Fälle bezüglich der Vergleichsdimension Fahrverhalten Die vier Merkmalskombinationen mit zwei zugeordneten Feinkategorien („Offensiv“/„Kooperativ“, „Defensiv“/„Kooperativ“, „Offensiv“/„Selbstbezogen“ und „Defensiv“/„Selbstbezogen“) werden kurz beschrieben. Zur plastischeren Darstellung werden die Gruppen überzeichnet. Die Merkmalskombinationen mit nur einer zugeordneten Feinkategorie liegen zwischen den Eigenschaften der beschriebenen Merkmalskategorien. Der offensive und zugleich kooperative Fahrstil wird von Personen gezeigt, die schnell mit dem Fahrrad unterwegs sein wollen und in der Konkurrenz mit dem motorisierten Verkehr versuchen ihre Rechte durchzusetzen. 244
Vergleichsdimensionen Dabei versuchen sie die Verkehrsregeln weitestgehend einzuhalten, damit sie als gleichwertige Verkehrsteilnehmende anerkannt werden. Beim defensiv-kooperativen Fahrstil überwiegt das sicherheitsbetonte Verhalten. Konflikten mit dem motorisierten Verkehr wird aus dem Weg gegangen. Da die oder der Rad Fahrende die oder der schwächere Verkehrsteilnehmende ist, wird auf die Durchsetzung des eigenen Rechts eher verzichtet. Gleichzeitig wird auf andere Rücksicht genommen und Regeln werden – insbesondere aus Sicherheitsgründen – eingehalten. Rad Fahrende mit einem offensiven und selbstbezogenen Fahrstil fahren risikoreich, schnell und wollen oft ihr Recht durchsetzen. Sie nutzen die Strecke, über die sie am schnellsten zum Ziel gelangen und nehmen dabei auf Regeln wenig Rücksicht. Selbstbezogen und defensiv sind Rad Fahrende unterwegs, die einerseits Sicherheitsrisiken scheuen und auf der anderen Seite wenig auf Regeln achten. Sie bewegen sich so mit dem Fahrrad, wie es für sie sinnvoll und sicher erscheint, ohne auf andere Verkehrsteilnehmende besondere Rücksicht zu nehmen. Da für die Typengenerierung nur 24 Fälle zur Verfügung stehen und die Typen mit mehreren Fällen besetzt sein sollten, ist die Anzahl der Typen auf maximal acht118 begrenzt. Zudem sollen, um etwaige Sinnzusammenhänge erklären zu können, weitere Vergleichsdimensionen einbezogen werden. Um nicht zu viele mit Fällen besetzte Merkmalskombinationen zu erhalten, muss für den weiteren Fortgang der Typengenerierung der durch die Vergleichsdimension „Fahrverhalten“ aufgespannte Merkmalsraums reduziert werden. Dies erfolgt durch die Kombination mit einem oder mehreren Vergleichsdimensionen bei der Typenbildung in Kapitel 9.2. 9.1.3. Vergleichsdimension Einstellungen Für eine Gruppierung der Rad Fahrenden bezüglich ihrer Einstellungen, werden die in der kategorialen Analyse entwickelten Sub- und Feinkategorien verwendet. Anhand der Textsegmente können die Feinkategorien einzelnen Rad Fahrenden zugeordnet werden (siehe Anhang A-9.1). Für die Feinkategorien „Vorbild geben“ und „Regeln akzeptieren“ können weitere Differenzierungen vorgenommen werden. Bei der Feinkategorie „Vorbild geben“ kann zwischen den Rad Fahrenden, die sich ganz allgemein 118 Eine gleichmäßige Verteilung vorausgesetzt. 245
Generierung einer Typologie vorbildlich verhalten wollen, um zum Beispiel dem Bild des sich immer regelwidrig verhaltenen Verkehrsrowdys entgegenzutreten, und den Rad Fahrenden, die sich vor Kindern nicht falsch verhalten wollen, unterschieden werden. Ein Sonderfall ist Rm. Er möchte sich möglichst vorbildlich benehmen, gibt aber zu, dies oft nicht zu leisten. Bei der Feinkategorie „Regeln akzeptieren“ kann unterschieden werden zwischen Personen, die versuchen sich selbst regelgerecht zu verhalten und Personen, die Regeln generell für wichtig erachten. Bei letzteren bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass die Rad Fahrenden sich an die Regeln halten. Oft sprechen sie auch nur von bestimmten Regeln, die wichtig seien, ohne näher darauf einzugehen, welche Regeln dies sind. Auch hier gibt es einen Sonderfall. Lf hält Regeln und ihre Überwachung für wichtig, räumt aber selbst ein, genau die Regeln, deren Überwachung sie gut fände, nicht einzuhalten. In der Feinkategorie „Rücksicht nehmen“ gibt es ebenfalls Unterschiede bei den Einschätzungen durch die Interviewten. Einem Teil der Rad Fahrenden ist die Rücksichtnahme auf andere Verkehrsteilnehmende wichtig. Gesteigert wird diese Einstellung von Personen, die der Meinung sind, dass die Rücksichtnahme über der Einhaltung von Regeln steht. Darüber hinaus wird von vielen der Regelbruch toleriert, so lange sich dennoch rücksichtsvoll gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden verhalten wird. Diese Einschätzungen zur Rücksichtnahme sind ein erklärungsstarker Hinweis auf die Eigenmaßstäblichkeit der einzelnen Interviewten. Um ein Bild von dem Zusammenspiel der Feinkategorien zu erhalten, werden die Interviewten anhand der Feinkategorien sortiert (siehe Anhang A-9.2). Werden die Interviewten nach den Feinkategorien „Regeln akzeptieren“, „Vorbild geben“, und „Kontrollen wichtig“ sortiert (grüne Umrandung im Anhang), sind einige Zusammenhänge zu erkennen. Ein Vorbild für alle sein zu wollen und generell zu versuchen Regeln einzuhalten, wird oft – insgesamt fünf Mal – zusammen genannt. Als Kontrapunkt zur Regelakzeptanz erweist sich vor allem der Zwang, selbst aufzupassen, da die Regeln nicht verlässlich seien. Auch die Einschätzung, dass die Rücksichtnahme ein höheres Gut als die Regeleinhaltung ist, wird eher von Personen geteilt, die eine geringere Regelakzeptanz zeigen (rote Umrandung im Anhang). Demgegenüber hat die Einschätzung, dass es Regeln gibt, die nicht nachvollziehbar sind, augenscheinlich keinen Einfluss auf die generelle Regelakzeptanz. Zu versuchen, sein Recht durchzusetzen oder die Freiheit wieder herzustellen, steht in keinem Zusammenhang mit dem Regelbewusstsein. Personen, die Regeln vor allem für andere Zielgruppen für wichtig erachten, akzeptie246
Vergleichsdimensionen ren Regeln tendenziell nicht. Personen, die eine gelassenere Einstellung offenbaren – Einstellung „Sich ärgern bringt nichts“ – ist die Einhaltung von Regeln tendenziell weniger wichtig (blaue Umrandung im Anhang). Die Einschätzungen zur positiven oder negativen Anerkennung des Radverkehrs durch die Gesellschaft scheinen ebenfalls keinen Einfluss auf die Einstellungen zum Regelbewusstsein oder zur Eigenmaßstäblichkeit zu haben. Für einen Vergleich der Einstellungen mit den Vergleichsdimensionen aus den Anforderungen und dem Fahrverhalten, sollen die Interviewten gemäß ihrer Einstellungen gruppiert werden. Da die Subkategorien „Regelbewusstsein“ und „Eigenmaßstäblichkeit“ besonders stark aufeinander wirken, sollen diese als Kriterien für die Gruppierung dienen. In einem ersten Schritt werden die Interviewten nach ihrem Regelbewusstsein – hoch, mittel, gering – kategorisiert (siehe Anhang A-9.3). Als hoch wird das Regelbewusstsein kategorisiert, wenn das Ziel der Interviewten ist, Regeln grundsätzlich einzuhalten oder sich vorbildhaft zu verhalten. Als mittel wird das Regelbewusstsein eingestuft, wenn Regeln als wichtig bewertet werden. Bei allen anderen wird das Regelbewusstsein als eher gering eingestuft. Im zweiten Schritt werden die Interviewten nach dem Grad ihrer Eigenmaßstäblichkeit – hoch, gering – eingestuft. Ein hoher Grad an Eigenmaßstäblichkeit liegt vor, wenn das eigene Verhalten nach anderen Kriterien als nach der Regeleinhaltung ausgerichtet wird. Bei allen anderen Interviewten wird von einer geringen Eigenmaßstäblichkeit ausgegangen. Durch die Kombination der beiden Kriterien ergeben sich fünf Gruppen. Die Kriterien und das Ergebnis der Gruppierung finden sich in Tabelle 44. In der ersten Gruppe finden sich Rad Fahrende, die ohne Einschränkung vorbildhaftes Verhalten zeigen wollen und dabei versuchen, die Regeln einzuhalten. Der zweiten Gruppe sind Rad Fahrende zugeordnet, die Regeln für wichtig erachten, davon aber auch abweichen. In erster Linie geschieht dies, um Gefahren auszuweichen. Die Eigenmaßstäblichkeit bleibt dennoch gering. In der Gruppe der Widersprüchlichen finden sich Personen, die entweder widersprüchliche Angaben machen oder deren Angaben nicht ausreichen, um sie zuzuordnen. Im ersten Fall machen die Interviewten deutlich, wie wichtig es sei, Regeln einzuhalten oder als Vorbild zu fungieren. Gleichzeitig geben sie an, dass Regeln umgangen werden können, solange die Rücksicht gewahrt wird. Im zweiten Fall fehlt ein Bekenntnis zur Akzeptanz von Regeln, es werden aber auch keine Aussagen gemacht, die Rückschlüsse auf eine eigene Maßstäblichkeit zulassen. 247
Generierung einer Typologie Rad Fahrende der Gruppe vier halten generell Regeln für wichtig. Regeln sind für sie aber nicht immer verlässlich, weswegen es ihnen legitim erscheint, bestimmte Regeln nicht einzuhalten. Nr. - Beschreibung 1 - Regelbewusst 2 - Regelbewusst mit Einschränkungen 3 - Widersprüchlich 4 - Eigenmaßstäblich mit Einschränkungen 5 - Eigenmaßstäblich Regelbewusstsein hoch Eigenmaßstäblichkeit gering mittel gering hoch gering mittel hoch gering hoch gering hoch Fälle Om, Ym, AAf, ACm, ADm, AIf Pm Jf, Vf, Wm Kf, Qm Lf, Rm, AEf, AFm If, Mf, Sf, Tf, Um, Xm, Zm, AHf (Eigene Darstellung) Tabelle 44: Gruppierung der Fälle bezüglich der Vergleichsdimension Einstellungen Zur fünften Gruppe gehören schließlich die Rad Fahrenden, denen es wichtig ist, die Regeleinhaltung nach ihren Bedürfnissen auszurichten, um sich im Verkehr zu behaupten. Angaben, ob sie Regeln einhalten wollen oder ob sie eine Vorbildfunktion einnehmen wollen, machen sie nicht. Die Ergebnisse sind zusammen mit den Gruppierungen aus den anderen Vergleichsdimensionen zu bewerten. Dies erfolgt bei der Typenbildung. 9.1.4. Vergleichsdimension Regelkenntnisse Um die Interviewten nach ihren Regelkenntnissen gruppieren zu können, sollen zunächst drei Kriterien herangezogen werden. Die Kriterien sind allgemeine Kenntnislücken zum Regelwerk, Unkenntnisse in bzw. Missinterpretation einer bestimmten Situation und über das normale Maß hinausgehende außergewöhnliche Kenntnisse. Da in den von den Interviewten beschriebenen Situationen Kenntnislücken nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden können, wird für die Gruppierung auf dieses Kriterium verzichtet. 248
Typenbildung Aus den verbliebenen beiden Kriterien ergeben sich vier Gruppen (siehe Tabelle 45). Nr. - Beschreibung 1 - Gut Kenntnislücken Regelwerk - außergewöhnliche Kenntnisse vorhanden 2 - Unauffällig - - 3 - Widersprüchlich 4 - Lückenhaft vorhanden vorhanden vorhanden - Fälle Om, Pm, Tf, Ym, ACm, ADm If, Vf, Wm, Xm, AAf, AFm, AHf Kf, Rm, Zm Jf, Lf, Mf, Qm, Sf, Um, AEf, AIf (Eigene Darstellung) Tabelle 45: Gruppierung der Fälle bezüglich der Vergleichsdimension Regelkenntnisse Da bei den Leitfaden-Interviews nicht gezielt nach Regelkenntnissen gefragt wurde, ist die Gruppierung nicht als endgültige Einstufung zu verstehen. 9.2. Typenbildung Für die Typenbildung stehen die Gruppierungen aus den Vergleichsdimensionen zur Verfügung. Die anschließende empirisch begründete Typenbildung baut auf diesen Ergebnissen auf und beruht auf dem gemäß Tabelle 10 auf Seite 89 skizzierten Ablauf der Typenbildung. In einem ersten Schritt werden die Fälle nach der Vergleichsdimension „Anforderungen“ und den Feinkategorien „Defensiv“ und „Offensiv“ aus der Vergleichsdimension „Fahrverhalten“ gruppiert. Ziel ist es, einen Zusammenhang zwischen den Anforderungen und dem Fahrverhalten herzuleiten. Hierzu scheint die Unterscheidung „Offensiv“-„Defensiv“ aufschlussreicher zu sein als die Kombination „Kooperativ“ und „Selbstbezogen“. Ein offensiver oder defensiver Fahrstil könnte in einem direkten Zusammenhang zu den leitenden Anforderungen stehen. Es ist zu vermuten, dass offensiv Rad Fahrende das Fahren mit hohem Tempo bevorzugen. Das Ergebnis dieser ersten Gruppierung der Fälle nach den Vergleichsdimensionen „An249
Generierung einer Typologie forderungen“ und „Fahrverhalten“ („Risikobereitschaft“/„Offensiv“„Defensiv“) findet sich in Tabelle 46. Bei der Gruppierung der Fälle entstehen zunächst sechs Gruppen. Wie vermutet, fahren alle acht Personen, die mit hohem Tempo unterwegs sein wollen, eher offensiv. Auf der anderen Seite weisen sechs von sieben Personen, die eher entspannt unterwegs sein möchten, einen eher defensiven Fahrstil auf. Zwischen diesen beiden Polen gibt es vier weitere Gruppen, die geringere Gruppenstärken von zwischen einem und fünf Fällen aufweisen. Drei der vier Gruppen betreffen Personen, die zügig unterwegs sein wollen. Diese Personen zeigen alle Arten der Risikobereitschaft. Aufgrund dieser Bandbreite ist es schwierig, zwischen der Risikobereitschaft und der leitenden Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ einen Sinnzusammenhang herzustellen. Risikobereitschaft Offensiv Hohes Tempo – Abstand zu Gehenden Qm, Rm, Um, Xm, Ym, Zm, ACm, AFm Kf, Lf, Pm, Tf, Vf Om, AIf Mäßig Defensiv Summe Zügiges Erreichen des Ziels – Abstand sowohl zu Kfz als auch zu Gehenden If, Sf 8 9 Entspannt – Abstand zu Kfz AAf Summe 11 5 Jf, Mf, Wm, ADm, AEf, AHf 7 8 24 (Eigene Darstellung) Tabelle 46: Gruppierung der Fälle nach den Vergleichsdimensionen „Anforderungen“ und „Fahrverhalten“ mit der Subkategorie „Risikobereitschaft“ Mit Erweiterung der Vergleichsdimension „Fahrverhalten“ um die Feinkategorien „Kooperativ“ und „Selbstgezogen“, wird der Aspekt der Regeleinhaltung und der Rücksichtnahme eingebracht. Das Bild wird nun komplexer, eröffnet aber mehr Möglichkeiten einen Sinnzusammenhang herzustellen. Das aktualisierte Ergebnis zeigt Tabelle 47. 250
Typenbildung Risikobereitschaft Offensiv Mäßig Defensiv Interaktion Selbstbezogen Neutral Kooperativ Selbstbezogen Neutral Kooperativ Selbstbezogen Neutral Hohes Tempo – Abstand zu Gehenden Qm, Rm, Um, Xm, AFm Zm Ym, ACm Entspannt – Abstand zu Kfz AAf Summe 6 11 If 2 3 Lf, Tf 2 Kf, Pm, Vf 3 Om, AIf Kooperativ Summe Zügiges Erreichen des Ziels – Abstand sowohl zu Kfz als auch zu Gehenden Sf 8 9 Mf 1 AEf, AHf Jf, Wm, ADm 7 2 5 8 5 24 (Eigene Darstellung) Tabelle 47: Gruppierung der Fälle nach den Vergleichsdimensionen Anforderungen und Fahrverhalten mit den Feinkategorien „Offensiv“/„Defensiv“ und „Kooperativ“/„Selbstbezogen“ Durch die Erweiterung des Merkmalsraums erfolgt eine weitere Aufsplitterung in Gruppen. Zwölf der potenziellen 27 Merkmalskombinationen sind mit Fällen besetzt. Im Sinne der weiteren Typenbildung wird geprüft, welche Kategorien zusammengefasst werden können und welche Kategorien weiterhin getrennt betrachtet werden sollten. Hierzu wird das Interviewmaterial einer weiteren Analyse unterzogen. Im Ergebnis sind zwei Gruppen gut zur Darstellung eines inhaltlichen Sinnzusammenhangs geeignet. Die Gruppen „Hohes Tempo-Offensiv“ und 251
Generierung einer Typologie „Entspannt-Defensiv“ sind in sich relativ homogen. Auch wenn in beiden Gruppen die gesamte Bandbreite von kooperativ bis selbstbezogen vorhanden ist, ist der Zusammenhang zwischen „Hohes Tempo“ und „Offensiv“ sowie zwischen „Entspannt“ und „Defensiv“ dominierend. Zudem ist der Übergang zwischen „Kooperativ“ und „Selbstbezogen“ innerhalb dieser Gruppen fließend. Eine Trennung erscheint mit Blick auf die geforderte Heterogenität von Typen zunächst nicht weiterführend. Aus diesen beiden Gruppen ergeben sich die Typen „Ambitionierte“ und „Gelassene“ (Tabelle 48). Risikobereitschaft Offensiv Interaktion Selbstbezogen Neutral Hohes Tempo – Abstand zu Gehenden Qm, Rm, Um, Xm, AFm Zm Ym, ACm Zügiges Erreichen des Ziels – Abstand sowohl zu Kfz als auch zu Gehenden Sf Entspannt – Abstand zu Kfz AAf If Mäßig Kooperativ Selbstbezogen Neutral Kf, Pm, Vf Defensiv Kooperativ Selbstbezogen Neutral Kooperativ Om, AIf Lf, Tf Mf AEf, AHf Jf, Wm, ADm (Eigene Darstellung) Tabelle 48: Typen Rad Fahrender auf Grundlage der Gruppierung der Fälle nach den Vergleichsdimensionen Anforderungen und Fahrverhalten mit den Feinkategorien „Offensiv“/„Defensiv“ und „Kooperativ“/„Selbstbezogen“ 252
Typenbildung Entscheidender ist es, die Merkmalskombinationen mit den Feinkategorien „Selbstbezogen“ oder „Kooperativ“ für die Fälle beizubehalten, die zwischen den beiden Typen „Ambitionierte“ und „Gelassene“ stehen. Bei der Analyse des Materials wird deutlich, dass die Personen mit einem selbstbezogenen Fahrstil und der Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ ein ganz eigener Typus sind. Die Rad Fahrenden dieses Typus wechseln die Führungsform, so wie es ihnen im Augenblick am nützlichsten erscheint. Regeln spielen für sie keine oder zumindest eine untergeordnete Rolle. Oft scheint es, als entscheiden sie sich intuitiv für den Weg mit dem geringsten zeitlichen Widerstand. Aus diesem Grund wird für diesen Typus die Kurzbezeichnung „Intuitive“ verwendet. Ihnen gegenüber stehen die „Vernünftigen“. Sie achten die Regeln sehr und nutzen die jeweils vorgeschriebene Führungsform. Diese und die weiteren Typen sind mit den Vergleichsdimensionen in der Tabelle 49 und grafisch in der Abbildung 22 dargestellt. Nr. - Typus 1 - Ambitionierte Anforderung Hohes Tempo 2 - Intuitive Zügiges Erreichen des Ziels Entspannt Zügiges Erreichen des Ziels 3 - Vernünftige 4 - Gelassene Entspannt Risikobereitschaft Offensiv Interaktion Selbstbezogen/ Neutral/ Kooperativ Offensiv/ Mäßig Selbstbezogen/ Neutral Offensiv/ Mäßig/ Defensiv Defensiv Kooperativ Selbstbezogen/ Neutral/ Kooperativ (Eigene Darstellung) Tabelle 49: Typen Rad Fahrender mit Vergleichsdimensionen 253 Fälle Qm, Rm, Um, Xm, Ym, Zm, ACm, AFm Lf, Sf, Tf, AAf If, Om, Pm, Kf, Vf, AIf Jf, Mf, Wm, ADm, AEf, AHf
Generierung einer Typologie (Eigene Darstellung) Abbildung 22: Typen Rad Fahrender im Merkmalsraum Weitere Beschreibungen der hier generierten Typen, insbesondere zum inhaltlichen Sinnzusammenhang sowie zur internen Homogenität und der Heterogenität der Typen untereinander, erfolgen in den folgenden Kapiteln 9.3 und 9.4. 254
Typenbildung Zusätzlich zu den eben beschriebenen Merkmalen stehen noch weitere Merkmale und Vergleichsdimensionen für die Bildung von Typen zur Verfügung. Neben der Subkategorie „Kommunikation“ der Grobkategorie „Fahrverhalten“ sind dies die Vergleichsdimensionen „Einstellungen“ und „Regelkenntnisse“. Nur von neun Rad Fahrenden gibt es Aussagen, ob sie bei Konflikten verbal oder physisch gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden aktiv werden. Nimmt man dieses Merkmal in den Merkmalsraum auf, ergibt sich kein Muster. Die Rad Fahrenden mit offensivem oder selbstbezogenem Fahrstil interagieren nicht zwangsweise aggressiv gegenüber anderen. Genauso wenig reagieren „Vernünftige“ bei gefährlichen Situationen automatisch gelassen. Einstellungen und Regelkenntnisse wirken auf den Fahrstil von Rad Fahrenden (vgl. Kapitel 8.8.5). Dieser Zusammenhang zeigt sich auch, wenn die Ergebnisse der Vergleichsdimensionen „Einstellungen“ und „Regelkenntnisse“ aus den Kapiteln 9.1.3 und 9.1.4 mit dem Ergebnis der Typenbildung verglichen werden. In Tabelle 50 sind die Ergebnisse gegenübergestellt. Die Einstellungen korrespondieren häufig mit dem kooperativen oder selbstbezogenen Fahrstil. Personen, die ein hohes Regelbewusstsein zeigen, offenbaren bis auf eine Ausnahme (Fall AAf) einen kooperativen Fahrstil. Personen, die eine hohe Eigenmaßstäblichkeit darlegen, sind eher selbstbezogen unterwegs. Hier gibt es allerdings mehr Ausnahmen (Fälle AEf, AHf, If und Zm). Aufgrund dieses Zusammenhangs führt eine Aufnahme der Vergleichsdimension Einstellungen in den Merkmalsraum zu keinem weiteren Erkenntnisgewinn. Bei Einbeziehung der Regelkenntnisse lassen sich ebenfalls Zusammenhänge, wenn auch etwas schwächer, erkennen. Je besser die Regelkenntnisse, desto eher ist das Regelbewusstsein ausgeprägt. Dies ist nicht verwunderlich, da Personen, die versuchen sich regelkonform zu verhalten, eher über die geltenden Regelungen informiert sind. Die Schwäche des Zusammenhangs ist auf die geringe Qualität der Datengrundlage zurückzuführen.119 Aufgrund dieser Umstände ist mit Aufnahme der Vergleichsdimension „Regelkenntnisse“ in den Merkmalsraum kein höherer Erkenntnisgewinn zu erwarten. 119 Die Datenlage ist lückenhaft, da in den Leitfadeninterviews Regelkenntnisse nicht explizit abgefragt wurden. 255
Generierung einer Typologie Typus Fall Gelas- ADm sene Jf Wm AEf AHf Mf Ver- Om nünf- AIf tige Pm Vf Kf If Intui- Lf tive Tf AAf Sf Ambi- Ym tioACm nierte Zm Qm AFm Rm Xm Um Risikoverh. Defens. Defens. Defens. Defens. Defens. Defens. Defens. Defens. Mäßig Mäßig Mäßig Offens. Mäßig Mäßig Offens. Offens. Offens. Offens. Offens. Offens. Offens. Offens. Offens. Offens. Anforderung Entspannt Entspannt Entspannt Entspannt Entspannt Entspannt Zügig Zügig Zügig Zügig Zügig Zügig Zügig Zügig Entspannt (Zügig) Zügig Schnell Schnell Schnell Schnell Schnell Schnell Schnell Schnell Interaktion Kooperativ Kooperativ Kooperativ Neutral Neutral Selbstbez. Kooperativ Kooperativ Kooperativ Kooperativ Kooperativ Kooperativ Selbstbez. Selbstbez. Einstellung Regelbew. Widerspr. Widerspr. (Eigenmaß) Eigenmaß Eigenmaß Regelbew. Regelbew. (Regelbew.) Widerspr. Widerspr. Eigenmaß (Eigenmaß) Eigenmaß Regelkenntnis Gut Lückenh. Unauff. Lückenh. Unauff. Lückenh. Gut Lückenh. Gut Unauff. Widerspr. Unauff. Lückenh. Gut Neutral Regelbew. Unauff. Selbstbez. Kooperativ Kooperativ Neutral Selbstbez. Selbstbez. Selbstbez. Selbstbez. Selbstbez. Eigenmaß Regelbew. Regelbew. Eigenmaß Widerspr. (Eigenmaß) (Eigenmaß) Eigenmaß Eigenmaß Lückenh. Gut Gut Widerspr. Lückenh. Unauff. Widerspr. Unauff. Lückenh. (Eigene Darstellung) Tabelle 50: Vergleichsdimensionen je Fall 256
Homogenität der Typen 9.3. Homogenität der Typen In diesem Kapitel werden die Typen charakterisiert und die Homogenität innerhalb der Typen dargestellt. Zur näheren Charakterisierung des Typus wird ein Prototyp – einen den Typus besonders gut repräsentierender Fall – näher beschrieben. Es wird daher ein Fall als Prototyp ausgewählt, der die wesentlichen Charakterzüge des Typus in sich vereint. Bei der Beschreibung der Prototypen wird zwischen den Typus ausmachenden Charakterzügen und den individuellen Eigenschaften des Prototyps unterschieden. In dieser Arbeit wird die Verwendung eines Prototyps dem Konstrukt eines Idealtyps vorgezogen, um den Bezug zu den untersuchten Rad Fahrenden nicht zu verlieren (vgl. Kelle und Kluge 2010: 107). Die Konstruktion eines Idealtyps ist vor allem dann hilfreich, wenn die Fälle innerhalb der Typen sehr heterogen sind (vgl. Kelle und Kluge 2010: 106). Dies ist hier nicht der Fall. Der Stichprobenplan (Kapitel 5.3) diente dazu, möglichst unterschiedliche Rad Fahrende für diese Studie zu akquirieren. Gleichzeitig sollten möglichst alle Ausprägungen Rad Fahrender erfasst werden. Als Ergebnis der Typenbildung ist es von Interesse, ob es einen Zusammenhang zwischen den Fallgruppen des Stichprobenplans und den entwickelten Typen gibt. In Tabelle 51 werden die Fälle des Stichprobenplans entsprechend ihrer Zugehörigkeit zu den Typen hervorgehoben. Weiblich 18-29 Jahre (in Ausbildung / geringer finanzieller Spielraum) Lf, Aaf, Kf 30-44 Jahre (mit und ohne Kinder) Sf, Tf, Vf (ohne) 45-65 Jahre Legende: Gelassene; Ambitionierte; If, Aif, Männlich Qm, Xm, AFm (mit) Mf, AEf, AHf Jf, Rm, Um, (ohne) Om Pm, Vernünftige; Intuitive; Ambitionierte (kooperativ) (Eigene Darstellung) Tabelle 51: Typen innerhalb des qualitativen Stichprobenplans 257 Zm, (mit) Wm, ADm Ym, ACm
Generierung einer Typologie Es gibt Zusammenhänge zwischen den Fallgruppen des Stichprobenplans und den Typen. Alle Rad Fahrende des Typus „Gelassene“ haben Kinder. Im Falle Jf sind diese bereits älter. „Ambitionierte“ mit einem kooperativen Fahrstil sind männlich und über 44 Jahre alt. Das Äquivalent zu den selbstbezogenen männlichen „Ambitionierten“ sind die Radfahrerinnen des Typus „Intuitive“. Auch diese sind unter 45 Jahre alt und haben keine Kinder. Bei der Charakterisierung der Typen wird näher auf die Zusammenhänge eingegangen. Bei der Erhebung des Datenmaterials wurden von den Rad Fahrenden und ihren Fahrrädern Fotos gemacht. Damit sollen eventuelle Zusammenhänge zwischen den Typen Rad Fahrender und ihrer Ausstattung verdeutlicht werden. Die Fotos sind im Anhang – sortiert nach den Typen – dokumentiert. Im Anhang A-10.1 befinden sich die Fotos zu den Fahrrädern und im Anhang A-10.2 sind die Porträts der Rad Fahrenden zu finden. In der Tabelle 52 sind die wesentlichen Ausprägungen der einzelnen Typen zusammengefasst. Neben den Fotos werden auch die Angaben aus dem standardisierten Fragebogen und den Interviews hinzugezogen. Ein Rückschluss vom Fahrrad und seiner Ausstattung auf den Typus ist nur sehr eingeschränkt und am ehesten bei den „Ambitionierten“ möglich. Fixed-Gear-Räder120 oder Fahrräder mit Klickpedalen121 werden vornehmlich von Rad Fahrenden mit sportlichen Ambitionen genutzt. Alle anderen Eigenschaften können auch bei anderen Typen auftreten. Insbesondere bei Rad Fahrenden, die nur gelegentlich Radfahren und nicht Teil der Stichprobe sind, sind vom Typus abweichende Ausstattungsmerkmale möglich. In unserem Beispiel tragen nur „Ambitionierte“ regelmäßig Funktionskleidung. Funktionskleidung wird aber auch gerne von Radtouristen verwendet. Dennoch lassen sich einige Tendenzen aufzeigen. Die wichtigsten werden hier kurz erläutert. Bei der Charakterisierung der Typen werden die maßgebenden Eigenschaften im Detail erläutert. 120 121 Definition Fixed-Gear-Rad siehe Fußnote 78 auf Seite 56. Definition Klickpedale siehe Fußnote 108 auf Seite 136. 258
Homogenität der Typen Typus Merkmale der Fahrräder Gelassene (6 Fälle) 4 moderne Räder, 2 alte Räder (älter als 25 Jahre). Moderne Räder mit Nabendynamo.122 Frauen nutzen Räder mit abgesenktem Oberrohr. 3 Räder mit Kindersitzen. 1 Rad mit Fahrradkorb. Keine Fahrradcomputer. Neupreis der modernen Räder zwischen 800 und 1.500 €. 4 moderne Räder (davon 1 gebraucht gekauft), 2 alte Räder (älter als 25 Jahre). Moderne Räder mit Nabendynamo. Von 4 Frauen nutzen 2 Frauen Räder mit abgesenktem Oberrohr. Fahrradcomputer werden bei 3 Rädern immer, gelegentlich oder selten eingesetzt. Neupreis der Räder zwischen 400 und 2.200 €. Vernünftige (6 Fälle) 122 Merkmale der Rad Fahrenden 2 Personen tragen regelmäßig einen Helm, 1 gelegentlich. 1 Person nutzt regelmäßig reflektierende Kleidung. 3 Personen tragen regelmäßig einen Helm, 2 gelegentlich oder selten. 1 Person nutzt regelmäßig reflektierende Kleidung. 2 Personen fahren gelegentlich mit Kopfhörern. Der Nabendynamo befindet sich in der Nabe des Vorderrads. Er ist weitgehend ausfallsicher und sorgt für ein durchgängig helles Licht. Die Reibung ist sehr gering und für den Rad Fahrenden nicht wahrnehmbar. Aus diesem Grund lässt er sich nicht deaktivieren. Fahrräder älterer Bauart haben oft noch einen Seitenläuferdynamo. Dieser kann bei Bedarf an eine Reifenwand des Fahrrads angelegt werden. Der Seitenläuferdynamo ist nicht ausfallsicher, da die am Reifen anliegende Walze bei Nässe durchrutschen kann. Zudem ist das Licht oft dunkler als bei Nabendynamos. Da die Reibung bei den Seitenläuferdynamos hoch ist und die Anlagen reparaturanfällig sind, wird der Seitenläuferdynamo oft nicht bzw. in der Dämmerung zu spät eingeschaltet. 259
Generierung einer Typologie Typus Merkmale der Fahrräder Intuitive (4 Fälle) 4 moderne Räder (davon 1 gebraucht gekauft). Keines der Räder verfügt über einen Nabendynamo. 3 Frauen nutzen Räder mit nicht abgesenktem Oberrohr. Keine Fahrradcomputer. Neupreis der Räder zwischen 180 und 2.500 €. Letzteres eine Ausnahme, da Lastenrad. Im Schnitt eher niedrigpreisige Räder. 3 Räder wurden selbst aufgebaut, 2 Räder wurden von Händlern individuell aufgebaut, 3 Räder stammen direkt vom Händler (2 davon wurden wesentlich modifiziert). Nur 2 der Räder verfügen über einen Nabendynamo, 6 werden mit Batterie/Akkulichtern betrieben. 3 Räder mit Rennlenkern, übrige mit geraden Lenkern. 2 Fixed-Gear-Räder. 4 Räder mit Klickpedalen. 3 Räder mit Fahrradcomputer, 3 weitere gelegentlich oder selten. 5 Räder haben keinen Gepäckträger. Ambitionierte (8 Fälle) 123 Merkmale der Rad Fahrenden 1 Person trägt selten einen Helm. 1 Person nutzt regelmäßig Handschuhe. 1 Person fährt gelegentlich mit Kopfhörern. 4 Personen tragen regelmäßig einen Helm,123 1 gelegentlich, 2 selten. 3 Personen tragen regelmäßig Funktionskleidung. 1 Person nutzt regelmäßig reflektierende Kleidung. 1 Person fährt regelmäßig mit Kopfhörern, 2 Personen fahren gelegentlich mit Kopfhörern. Eine Person trug in der Zeit, als das Interview stattfand, nur selten einen Helm. Zum Zeitpunkt der Aufnahme der Fahrt, ca. zwei Jahre später, nutzt diese Person regelmäßig einen Fahrradhelm. 260
Homogenität der Typen Typus Merkmale der Fahrräder Fortsetzung Ambitionierte (8 Fälle) 3 Räder haben keine, 2 Räder verkürzte Schutzbleche. Neupreis der Räder zwischen 350 und 2.800 €. Die Räder sind im Schnitt höherpreisig, meist lag der Preis bei rund 1.000 €. Merkmale der Rad Fahrenden (Eigene Darstellung) Tabelle 52: Ausstattungsmerkmale der Fahrräder und der Rad Fahrenden, gruppiert nach den Typen Während die Ausstattungsmerkmale der „Gelassenen“ kaum von denen der „Vernünftigen“ zu unterscheiden sind, weisen die „Intuitiven“ und die „Ambitionierten“ deutlichere Unterschiede auf. Bei den „Intuitiven“ fällt eine gewisse Nachlässigkeit gegenüber dem eigenen Fahrrad und der Sicherheit auf. Die Fahrräder sind relativ günstig, kein Fahrrad verfügt über einen Nabendynamo, welcher die Ausfallsicherheit des Fahrradlichts erheblich erhöht, und das Tragen eines Fahrradhelms hat sich ebenfalls noch nicht durchgesetzt. Bei den „Ambitionierten“ fällt die Liebe zum Fahrrad besonders auf. Der Großteil der Räder sind Unikate, zum Teil selbst von den Rad Fahrenden aus verschiedenen Teilen zusammengebaut. Die Ausstattung ist oftmals betont sportlich. Dies unterstreichen die bereits erwähnten Klickpedalen, die Verwendung von Batterie-/Akkulichtern, die Form der Lenker und die Maßnahmen zur Gewichtsreduzierung wie der Verzicht auf Gepäckträger oder Schutzbleche. 9.3.1. Typus „Gelassene“ Rad Fahrende des Typus „Gelassene“ gehören zu der Gruppe Rad Fahrender mit der leitenden Anforderung „Entspannt“. Wie bereits bei der Vergleichsdimension „Anforderungen“ im Kapitel 9.1.1 formuliert, ist das Radfahren als genussvolle Tätigkeit zu erleben, die wichtigste Anforderung dieser Gruppe. Das Radfahren dient nicht nur dazu, das Mobilitätsbedürfnis zu befriedigen. Im Vordergrund steht das Wohlbefinden. Frische Luft und eine angenehme, auch ruhige Umgebung sind wichtig. Stress und Situationen mit drohendem Kontrollverlust sollen vermieden werden. Aus diesen Gründen 261
Generierung einer Typologie ist ein möglichst großer Abstand zum Kfz-Verkehr eine zentrale Anforderung der Rad Fahrenden dieses Typs. Demgegenüber wird ein größerer Abstand zum Fußverkehr nicht gefordert. Dies lässt sich auch, wie bereits in Kapitel 0 beschrieben, auf die geringe Differenzgeschwindigkeit zwischen zu Fuß Gehenden und nicht auf ein schnelles Vorankommen Wert legenden „gelassenen“ Rad Fahrenden zurückführen. Das entspannte Radfahren schließt hohe Geschwindigkeiten nicht aus. Das Erreichen einer hohen Geschwindigkeit steht allerdings hinter anderen Anforderungen zurück und wird nur dann angestrebt, wenn dies ohne nennenswerte Risiken möglich ist. Nicht verwunderlich ist demzufolge, dass die entspannt unterwegs sein wollenden Rad Fahrenden keine Verkehrsflächen mit hohem Kraftfahrzeugverkehr nutzen wollen. Dies betrifft vor allem den Mischverkehr auf Hauptverkehrsstraßen, aber zum Teil auch Bussonderfahrstreifen. Selbstständige Radwege – gerne durch Grünanlagen –, verkehrsberuhigte Bereiche und straßenbegleitende Radwege werden häufig gefordert. Demgegenüber werden Radfahrstreifen von einigen Rad Fahrenden dieses Typs wenig geschätzt. Dies trifft vor allem dann zu, wenn der Radfahrstreifen zu schmal ist, von Kraftfahrzeugen zugeparkt ist oder die Straße stark durch fließenden Kfz-Verkehr belastet ist. Der Fahrstil der Fälle dieses Typs ist defensiv. Wenn Gefahr droht oder eine Situation unübersichtlich erscheint, wird vom Fahrrad abgestiegen und das Fahrrad geschoben. Dies äußert sich unter Umständen dadurch, dass bei drohender Kollision mit einem Kraftfahrzeug, auf das eigene Recht, z. B. auf den Vorrang oder die Vorfahrt, verzichtet wird. Damit wird versucht, das Risiko des Auftretens eines Konfliktes gering zu halten. Aus diesem Grund ist auch die Fahrgeschwindigkeit der „Gelassenen“ im Vergleich zu anderen Rad Fahrenden oft geringer. Mit einer geringen eigenen Geschwindigkeit sollen Konflikte oder deren Folgen abgemildert werden. Zudem wirken die Situationen, wenn mit einer geringen Geschwindigkeit gefahren wird, leichter kontrollierbar. Aber auch das Fahren im Seitenraum oder auf eigenen Wegen erscheint für Personen dieses Typs besser kontrollierbar zu sein. Im Seitenraum und auf eigenen Wegen sind sie die agierenden Verkehrsteilnehmenden. Während sie sich dem Kraftfahrzeugverkehr auf der Fahrbahn weitgehend ausgeliefert fühlen, gibt es im Seitenraum und auf eigenen Wegen keine – ausgenommen sind Knotenpunkte und Kfz-Ein- und Ausfahrten – Konfliktflächen mit dem Kfz-Verkehr. An Knotenpunkten sowie Ein- und Ausfahrten kann durch eigenes vorsichtiges Agieren – Reduktion der eigenen Geschwindigkeit, nötigenfalls Anhalten – das Restrisiko subjektiv gering gehalten werden. Aufgrund der eigenen geringen Fahrgeschwin262
Homogenität der Typen digkeit und der geringen Geschwindigkeit der zu Fuß Gehenden, wirken drohende Konflikte mit zu Fuß Gehenden kontrollierbar und liegen zumindest subjektiv weitestgehend in der Hand der Rad Fahrenden: Durch die Reduktion der eigenen Fahrgeschwindigkeit, Bremsbereitschaft und der Möglichkeit – als eine Kerneigenschaft des Fahrrads – fast beliebig ausweichen zu können, sollen etwaige negative Folgen auch hier gering gehalten werden. Zusammengefasst lässt sich sagen: Unabhängig vom Verkehrsmittel etwaiger Konfliktgegnerinnen oder -gegner soll ein Verlust der Kontrolle über die Situation in jedem Fall ausgeschlossen werden. Beim Typus der „Gelassenen“ gibt es sowohl Rad Fahrende mit einem kooperativen Fahrstil als auch Rad Fahrende mit einem selbstbezogenen Fahrstil. Das heißt gelassene Rad Fahrende mit einem selbstbezogenen Fahrstil agieren nicht immer in jeder Situation rücksichtsvoll. Dies kann bedeuten, dass sie beim Fahren auf dem Gehweg zu Fuß Gehende eng und mit zu hohem Tempo überholen. In der Konsequenz wird ein Gefahrenpotenzial eher im Konfliktbereich mit dem Kraftfahrzeugverkehr verortet. Auch hier trifft zu, dass im Seitenraum von den Rad Fahrenden eine stärkere eigene Kontrollierbarkeit vermutet wird. Nicht alle „Gelassenen“ sind stets aufmerksam oder versuchen für andere Verkehrsteilnehmende mitzudenken. Durch Meiden des Kfz-Verkehrs und die Wahl einer geringen Fahrgeschwindigkeit fühlen sie sich oft sicher und werden unaufmerksam. Auch bezüglich der Einstellungen ist die gesamte Bandbreite von einer hohen Regelakzeptanz bis zur Eigenmaßstäblichkeit anzutreffen. Einige der „Gelassenen“ stehen sowohl dem Fahrverhalten anderer als auch dem eigenen Regelverhalten eher gelassen gegenüber. Sie zeigen Verständnis für Fahrfehler anderer und haben die Einstellung, dass das sich Ärgern keinen Vorteil bringt. Die Einhaltung von Regeln ist zweitrangig. Dies spiegelt sich allerdings nicht in den Regelkenntnissen wider. Bei den „Gelassenen“ finden sich sowohl Fälle mit guten als auch mit lückenhaften oder unauffälligen Regelkenntnissen. Rücksichtnahme wird wichtiger als eine Regeleinhaltung erachtet. Häufig sehen sich die „Gelassenen“ gezwungen, aus Gründen der Sicherheit Regeln missachten zu müssen. Dies spiegelt sich in der Anforderung wider, möglichst keine Fahrbahn von Hauptverkehrsstraßen zu benutzen. Aufgrund der hohen Differenzgeschwindigkeit fühlen sich hier viele „Gelassene“ unsicher und bevorzugen die Nutzung des Gehwegs. Im Typus der „Gelassenen“ finden sich Personen beiderlei Geschlechts. Auffällig ist, dass alle Rad Fahrende des Typs Kinder haben. Jf, die der Fallgruppe der über 45-Jährigen zugeordnet ist, hat ein bereits erwachsenes Kind. Scheinbar führen Kinder zu einer Sensibilisierung gegenüber Gefah263
Generierung einer Typologie ren. Damit geht ein Wechsel des Fahrstils einher. Darüber hinaus wechseln die meisten Rad Fahrenden ihren Fahrstil, wenn sie Kinder begleiten. Sie agieren dann vorsichtiger und benutzen häufig den Gehweg (vgl. Mf: 141145; ADm: 146). Das Alter hat ebenfalls Einfluss. Einige Rad Fahrende – auch anderer Typen – gaben an, zu früheren Zeiten mit einem anderen Fahrstil unterwegs gewesen zu sein. Insbesondere als Jugendliche sind sie „hitziger“ unterwegs gewesen (vgl. ADm: 166-170).124 Aber nicht immer hatten „Gelassene“ mit geringerem Alter einen anderen Fahrstil. Sowohl bei Jf als auch bei AEf fehlen Hinweise, dass sie früher einen anderen Fahrstil bevorzugten. AEf ist allerdings erst mit höherem Alter wieder zum Fahrradfahren gekommen. In der Zeit ihrer Jugend wurde es ihr verboten, und als sie wieder anfing, war ihr erstes Kind bereits geboren (vgl. AEf: 14). Die Fahrräder der „Gelassenen“ machen einen praktischen Eindruck. Da oft auch Kinder transportiert werden, sind drei der Räder mit Kindersitzen ausgestattet. Auch mit dem Lastenfahrrad wird oft ein Kind transportiert. Das Fahrrad muss für die „Gelassenen“ vor allem praktisch sein. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb die Frauen dieses Typus Räder mit abgesenktem Oberrohr nutzen, da dies das Auf- und Absteigen erleichtert. Da die Räder im Alltag bestehen müssen, sind sie – sofern ausreichend Mittel zur Verfügung stehen – überwiegend höherwertig und z. B. mit einem Nabendynamo ausgestattet. Auf technische Raffinessen, wie z. B. Fahrradcomputer, wird verzichtet. Eine vom Durchschnitt abweichende Ausstattung der fahrenden Personen bezüglich Tragen eines Helms oder bestimmter Kleidung, ist nicht festzustellen. Es fällt auf, dass es in der Stichprobe keine Rad Fahrenden gibt, die ähnlich stark einen Kontakt mit dem Kfz-Verkehr meiden wie die „Gelassenen“, aber dennoch mit hoher Geschwindigkeit mit dem Fahrrad vorankommen wollen. Die Vermutung liegt nahe, dass es diesen Typus innerhalb der Gruppe der Personen mit Hauptverkehrsmittel Fahrrad nicht gibt. Personen, die hohe Geschwindigkeiten erreichen wollen, aber den Kfz-Verkehr im Alltag fürchten, sind vermutlich eher im Freizeitverkehr anzutreffen. Aufgrund dieses Befunds kann folgende These formuliert werden: Von den Personen, die einen großen Abstand zum Kfz-Verkehr fordern, sind ausschließlich Personen mit der leitenden Anforderung „Entspannt“ 124 Aus der Entwicklungspsychologie ist bekannt, dass mit zunehmendem Alter die wahrgenommene Anfälligkeit und Verwundbarkeit zunimmt. In der Folge werden in der Regel weniger Risiken eingegangen (vgl. Seiffge-Krenke 2008: 829 f.). 264
Homogenität der Typen bereit, trotz der derzeitigen Berliner Verkehrsverhältnisse125 das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel zu nutzen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass, für eine weitere Erhöhung des Radverkehrsanteils am Modal Split, eine wesentliche Verbesserung des Systems Radverkehr notwendig wird. In welcher Form dies geschehen muss, wird in Kapitel 10.2 erläutert. Da diese These zurzeit nichtradfahrende Personen betrifft, kann sie innerhalb dieser Arbeit nicht zweifelsfrei belegt werden. Prototyp Jf Jf ist zwischen 45 und 50 Jahre alt 126 und lebt mit ihrem erwachsenen Kind zusammen. Sie verfügt über ein Fahrrad und einen Pkw. Pkw und öffentliche Verkehrsmittel nutzt sie ein- bis dreimal wöchentlich. Mit dem Fahrrad fährt sie täglich zur Arbeit. Das Fahrrad ist ein Damen-Trekkingrad. Sie fährt Rad, um sich zu bewegen sowie Geld und Zeit zu sparen (vgl. Jf: 14). Bei ihrer Fahrweise fällt die sehr starke Nutzung von Gehwegen auf. Dabei tritt das Gehwegfahren nicht nur bei schlechtem Fahrbahnbelag oder hohem Kfz-Verkehr auf. Den Gehweg nutzt sie auch, um Umwege oder einen Wechsel der Straßenseite zu vermeiden (vgl. Pullwitt 2013: 18). Kommt es bei der Gehwegnutzung zu einer Begegnung mit zu Fuß Gehenden, versucht sie beim Überholen Abstand zu halten. Ist dies nicht möglich, reduziert sie ihr Tempo deutlich (vgl. ebenda). Insgesamt fährt Jf nicht sehr schnell. Auf der Fahrbahn beträgt ihre Geschwindigkeit etwa 18 km/h (vgl. ebenda). Auf dem Gehweg ist ihre Geschwindigkeit geringer. An einem Abschnitt beträgt diese etwa 13 km/h (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 5). Bei ihrer Fahrt überfährt sie keine Fahrbahn bei Rot zeigendem Lichtsignal (vgl. ebenda). Mit ihrer Fahrweise zeigt Jf zwei wesentliche Eigenschaften der „Gelassenen“. Dies sind zum einen die unbedingte Vermeidung der Nutzung von stark mit Kfz-Verkehr belasteten Fahrbahnen und zum anderen ihre geringe Geschwindigkeit. Jf zeigt insgesamt fünf Charakteristiken, die wesentlich für den Typus der „Gelassenen“ sind:  Sie will das Radfahren genießen. 125 126 In Städten mit einer stärkeren Separation des Radverkehrs, wie zum Beispiel in Münster oder Kopenhagen, ist mit einem anderen Ergebnis zu rechnen. Das Alter der Prototypen wird in Form einer Zeitspanne angegeben, da Interview und aufgezeichnete Fahrt zwei Jahre auseinander liegen. 265
Generierung einer Typologie  Sie ist eher langsam unterwegs (< 20 km/h).  Sie meidet den Mischverkehr auf Hauptverkehrsstraßen.  Sie hält Radverkehrsanlagen für sehr wichtig.  Sie lässt bei unklaren Situationen anderen den Vortritt. Jf behauptet von sich ein „Genussradler“ (Jf: 50) zu sein. Dies bedeutet für sie, dichten Kfz-Verkehr zu vermeiden und, wenn es nicht anders geht, das Fahrrad intermodal – mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln vernetzt – zu benutzen. Sie fährt zwar Rad, um sich zu bewegen (s. o.), eine übermäßige sportliche Belastung versucht sie allerdings zu vermeiden. Wesentlich sind für sie das Erleben in Form einer angenehmen Umgebung (vgl. Jf: 50). Um dieses Erlebnisgefühl sicherzustellen, fährt sie auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit einen erheblichen Umweg (vgl. Jf: 22). An diesem Beispiel wird deutlich, dass „Gelassene“ wenig Wert auf eine hohe Geschwindigkeit und eine schnelle Erreichung des Fahrtziels legen. Im Fall von Jf steht das Erleben der Fahrt im Vordergrund. Um nicht auf der Fahrbahn von Hauptverkehrsstraßen fahren zu müssen, fährt Jf Umwege oder nutzt den Gehweg (vgl. Jf: 110). Anstatt die Hauptverkehrsstraßen zu nutzen, bevorzugt sie das Fahren durch Parkanlagen und Nebenstraßen (vgl. Jf: 270). Die Hauptverkehrsstraße meidet sie aus Sicherheitsgründen (vgl. Jf: 110). Vor allem Lastkraftwagen ängstigen sie aufgrund der vielen Unfälle zwischen Rad Fahrenden und Lastkraftwagen sehr (vgl. Jf: 146). Immer wieder betont sie, dass sie ein vorsichtiger oder ängstlicher Typ sei (vgl. Jf: 99, 299). Der Kfz-Straßenverkehr wird als gefahrvoll erlebt. Jf verspürt vor allem gegenüber dem Lkw-Verkehr eine Ohnmacht, die sich auch hier als ein Gefühl des Ausgeliefertseins manifestiert. Das Fahren im Mischverkehr auf Hauptverkehrsstraßen bedeutet für sie das Abgeben der Kontrolle. Aus diesem Grund versucht sie das Fahren auf Hauptverkehrsstraßen im Mischverkehr unbedingt zu vermeiden. Ängstlichkeit und vorsichtiges Fahren sind ein Kennzeichen der „Gelassenen“. Damit ist die geringe Fahrgeschwindigkeit eine Folge des vorsichtigen Fahrens. Radverkehrsanlagen sind ihr sehr wichtig (vgl. Jf: 206). Dabei fühlt sie sich auf Radwegen am wohlsten. Aber auch Radfahrstreifen bewertet sie besser als Hauptverkehrsstraßen ohne Radverkehrsanlagen (vgl. Jf: 206).127 Bussonderfahrstreifen zieht sie ebenfalls Hauptverkehrsstraßen vor (vgl. 127 Es gibt auch Rad Fahrende des Typus „Gelassene“, die Radfahrstreifen ablehnen (z. B.: ADm: 278). Grund ist auch in diesem Beispiel das Problem von auf dem Radfahrstreifen haltenden oder parkenden Kraftfahrzeugen. 266
Homogenität der Typen Jf: 230).128 Radwege bewertet sie besser als Radfahrstreifen, da diese ihr mehr Sicherheit geben (vgl. Jf: 206). Auf Radfahrstreifen fühlt sie sich nur halbwegs sicher (vgl. Jf: 270). Der Abstand gegenüber überholenden Lastkraftwagen ist ihr auf den Radfahrstreifen zu gering (vgl. Jf: 210). Ein weiterer wichtiger Grund für diese Unsicherheit sind auf Radfahrstreifen abgestellte Kraftfahrzeuge (vgl.: Jf: 270). Die abgestellten Kraftfahrzeuge zwinzwingen Jf dazu, den Radfahrstreifen zu verlassen und die Kfz-Fahrstreifen zum Überholen zu nutzen. Sowohl in dieser Situation, als auch bei den geringen Überholabständen, droht ein Verlust der Kontrolle. In der Folge wird die Situation als höchst unangenehm empfunden. Nicht alle Rad Fahrenden des Typus „Gelassene“ bewerten Radfahrstreifen schlechter als Radwege. Dennoch ist die kritische Bewertung von Radfahrstreifen ein besonderes Kennzeichen der „Gelassenen“, denn nur Personen dieses Typs bewerten Radfahrstreifen aufgrund des geringen Abstands zum Kfz-Verkehr negativer als Radwege. Bei fehlenden oder endenden Radverkehrsführungen an großen Knotenpunkten kommt es vor, dass sie von ihrem Fahrrad absteigt und ihren Weg über die Fußgängerfurten fortsetzt (vgl. Jf: 214). Als besonders schwierig empfindet sie es, auf Radfahrstreifen abgestellte Kraftfahrzeuge zu überholen, wenn gleichzeitig viele Kraftfahrzeuge unterwegs sind. Sie traut sich dann nicht, Handzeichen zu geben und sich in den fließenden Verkehr einzuordnen. So kommt es vor, dass sie anhält und wartet, bis eine ausreichend große Lücke ein gefahrloses Einfahren ermöglicht (vgl. Jf: 299). Durch dieses Zurückstehen erlangt sie die Kontrolle über die Situation zurück. Das Sicherheitsgefühl ist ihr wichtiger als ein schnelles Vorankommen. Dies ist ein wesentlicher Aspekt dieses Typus. Weitere Eigenschaften, die bei den „Gelassenen“ weit verbreitet sind, aber nicht auf alle zutreffen müssen, ist die Verurteilung allen rücksichtslosen Verhaltens und das Beachten von Rot zeigenden Lichtsignalen. Jf verurteilt rücksichtsloses Verhalten, unabhängig mit welchem Verkehrsmittel die sich rücksichtslos Verhaltenden unterwegs sind. Insbesondere über Rad Fahrende ärgert sie sich. So stört es sie, wenn diese auf Gehwegen schnell fahren und dabei zu Fuß Gehende eng überholen (vgl. Jf: 70). Über Rad Fahrende, die Kreuzungen bei Rot nicht auf der vorgeschriebenen 128 Allerdings verfügt sie über wenig Erfahrungen mit Bussonderfahrstreifen (vgl. Jf: 234). Beim Typus der „Gelassenen“ finden sich auch Rad Fahrende, die Bussonderfahrstreifen für zu gefährlich halten (z. B. ADm: 286). 267
Generierung einer Typologie Fahrlinie queren, ärgert sie sich ebenfalls (vgl.: Jf: 74). An diesem Beispiel wird die Eigenmaßstäblichkeit der Rad Fahrenden anschaulich. Obwohl Jf durch ihre Gehwegfahrten selbst Regeln stark missachtet, toleriert sie kein rücksichtsloses Verhalten. Für sie gilt, Regeln dürfen gebrochen werden, solange dabei rücksichtsvoll agiert wird (vgl. Jf: 62). In der Regel traut sich Jf nicht bei Rot zeigendem Lichtsignal zu fahren (vgl. Jf: 130). Ausnahmen gibt es, wenn die Rotphase sehr lang ist und der Kraftfahrzeugverkehr bereits abgeflossen ist. Die Gefahr, von Polizisten angehalten zu werden und Strafe zahlen zu müssen, schränkt ihren Willen bei Rot zu fahren, weiter ein (vgl. Jf: 178). Das Beispiel zeigt, dass „Gelassene“ ihre Risikoeinschätzung nicht von geltenden Regeln abhängig machen. Ein Rot zeigendes Signal wird nicht mit einer drohenden Gefahr bei Überschreitung der Haltlinie gleichgesetzt. Die Fähigkeit, die Situation selbst kontrollieren zu können, steht über den verkehrlichen Regelungen. 9.3.2. Typus „Vernünftige“ Die leitende Anforderung der Rad Fahrenden des Typs „Vernünftige“ ist „Zügiges Erreichen des Ziels“. Dies ist nicht gekoppelt mit einer hohen Fahrgeschwindigkeit. Vielmehr ist hierbei das Wertlegen auf ein zügiges Fortkommen gemeint. Hierzu zählen geringe Anzahl Halte, geringe Wartezeiten, gute Möglichkeiten zum Überholen, wenig Störungen, möglichst keine Umwege etc. Das Fahrrad wird von dieser Personengruppe aus zweckrationalen Gründen genutzt. Rad Fahrende des Typs „Vernünftige“ begreifen sich zum Teil dem Straßenverkehr zugehörig und grenzen sich vom Fußverkehr ab. Das Radfahren als Selbstzweck mit dem Ziel des Erlebens tritt hinter dem Verkehrscharakter zurück. Dies trifft vor allem auf die Alltagsmobilität zu. Im Freizeitverkehr, zum Beispiel bei Radtouren, wird das Erleben wieder wichtiger. Die gefahrene Geschwindigkeit der Fälle dieses Typus liegt eher im mittleren Bereich. Es ist weder langsam noch sehr schnell. Damit sind die Rad Fahrenden dieses Typus deutlich schneller als zu Fuß Gehende und immer noch deutlich langsamer als Kraftfahrzeuge in Straßen mit Tempo-50Regelungen. Das Fahren in Straßen mit Tempo-30-Regelung zumeist bereits als relativ entspannt empfunden. Aus diesem Grund fordern die „Vernünftigen“ an Hauptverkehrsstraßen mit Tempo-50-Regelung das Einrichten von Radverkehrsanlagen. Sie stellen den notwendigen Abstand zum Kfz-Verkehr sicher. Radfahrstreifen werden gegenüber Radwegen oft bevorzugt, da diese 268
Homogenität der Typen von Kfz-Fahrenden besser eingesehen werden können und daher als sicherer gelten. Außerdem gewähren Radfahrstreifen einen Sicherheitsabstand zum Fußverkehr. Durch parkende Kraftfahrzeuge oder den Bord werden Radfahrstreifen seltener durch zu Fuß Gehende mitgenutzt. Die Trennung vom Fußverkehr wird wichtiger, da durch die höhere Differenzgeschwindigkeit schwerwiegendere Konflikte drohen. Situationen zwischen Fuß- und Radverkehr sind schwieriger zu kontrollieren. Dies trifft auch auf Situationen mit dem kreuzenden Kfz-Verkehr zu. Auch hier erscheinen Konflikte bei höherem eigenem Tempo schlechter kontrollierbar. Aus diesem Grund wird es wichtiger, dass die Kfz-Fahrenden stärker auf die Rad Fahrenden achten und sie besser wahrnehmen. Der Schlüssel zu einer besseren Wahrnehmung wird in verbesserten Sichtbeziehungen zwischen Rad und Kfz-Fahrenden gesehen. Rad Fahrende des Typs „Vernünftige“ fahren weniger offensiv, sondern sind eher unauffällig oder defensiv unterwegs. Wobei auch das defensive Verhalten weniger stark ausgeprägt ist als bei den „Gelassenen“. Die beiden betroffenen Fälle mit defensivem Fahrstil sind zwar eher vorsichtig und langsamer unterwegs, ein stärkeres Zurückstehen oder Verzichten auf das eigene Recht waren aber nicht zu beobachten. Insgesamt gesehen, gehen die „Vernünftigen“ wenige Risiken ein. Das Besondere an Rad Fahrenden des Typus „Vernünftige“ ist, dass sie einen kooperativen Fahrstil zeigen. Dies äußert sich vor allem darin, dass sie sehr bemüht sind, Regeln einzuhalten. Schwerwiegende Rotlichtverstöße kommen nicht vor. Rotlichtverstöße im geringen Umfang gibt es, wenn sie rechts abbiegen oder sie Lichtsignalanlagen für zu Fuß Gehende kreuzen. Dies erfolgt aber meist nur mit niedriger Geschwindigkeit und wenn keine zu Fuß Gehenden behindert oder gefährdet werden. Auch alle anderen kleineren Regelverstöße erfolgen in der Regel mit Vorsicht. Insgesamt bewegen sich „Vernünftige“ unauffällig und dem Verkehrssystem angepasst. Bei ihrer Streckenwahl versuchen „Vernünftige“ das Fahren im Mischverkehr von Hauptverkehrsstraßen möglichst zu vermeiden, indem sie auf Nebenstraßen oder Grünanlagen ausweichen. Ist die Nutzung einer Hauptverkehrsstraße ohne Radverkehrsanlage unvermeidlich, wird bei hohem Kfz-Verkehr oder hohen Kfz-Geschwindigkeiten von einigen der Gehweg genutzt. Dies kann folgendermaßen interpretiert werden: Wird das Bedrohungsszenario und damit das Gefühl des Ausgeliefertseins groß – drohender Kontrollverlust –, werden auch die „Vernünftigen“ auf den Gehweg gezwungen. Die hohe Regelakzeptanz findet sich bei den meisten Fällen des Typus in den Einstellungen wider. Sich vorbildhaft benehmen zu wollen, ist allerdings 269
Generierung einer Typologie nur durchschnittlich häufig vertreten. Das vorbildhafte Verhalten ist folglich nicht der ursächliche Antrieb für die vergleichsweise gute Regeleinhaltung der „Vernünftigen“. Die überdurchschnittliche Regelakzeptanz wird auch von der Einstellung unterstützt, dass Rücksicht zwar sehr wichtig ist, sie aber nicht die Regeleinhaltung ersetzt. Weiterhin fällt auf, dass sich „Vernünftige“ sehr über das regelwidrige Verhalten anderer ärgern. Die Regelkenntnisse der „Vernünftigen“ sind zwar nur tendenziell besser als die der anderen Typen, anhand der Interviews wird aber deutlich, dass ein hohes Interesse an den geltenden Regeln vor allem aus Gründen der Verkehrssicherheit besteht. Das Thema Sicherheit ist den „Vernünftigen“ aber auch allgemein sehr wichtig. Durch die starke Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt sich das vernunftorientierte Verhalten der Fälle dieses Typus. Der überwiegende Teil der „Vernünftigen“ hält die Regeln dafür geeignet, die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Sie müssen nur beachtet werden. Ist die Sicherheit nicht gewährleistet, befürchten sie, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Dies wird besonders bei den Konflikten mit rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen deutlich. Die „Vernünftigen“ finden sich in allen Altersklassen des Stichprobenplans. Einzig bei den Fallgruppen der Personen mit Kindern unter 12 Jahren fehlen Fälle des Typus „Vernünftige“. Dies kann Zufall sein, kann aber auch bedeuten, dass ursprünglich eher „Vernünftige“ mit der Verantwortung für Kinder ihre Anforderungen ändern und zum Typus „Gelassene“ wechseln. Andererseits ist es möglich, dass „Vernünftige“ mit Kinderzuwachs das tägliche Radfahren aufgeben, da Kinder bzw. deren Transport nicht mehr mit dem zweckrationalen Einsatz des Fahrrads in Einklang gebracht werden kann. Werden die Kinder älter und müssen nicht mehr begleitet werden, ist eine Rückkehr zum täglichen Radfahren wieder möglich. Zusätzlich ist eine Tendenz hin zu höheren Lebensaltern festzustellen. Dies wird in den Interviews bestätigt. Mit der Lebenserfahrung erhöht sich die Bereitschaft, Regeln stärker zu beachten und sich selbst rücksichtsvoller zu verhalten (vgl. AIf: 100, Pm: 99, 208). Die Räder der „Vernünftigen“ sind ebenfalls zweckorientiert ausgestattet und verfügen über Schutzbleche und fest montierte Lichtanlagen. Ähnlich wie bei den „Gelassenen“ sind auch hier alle Räder jüngerer Bauart mit Nabendynamos ausgestattet. Zum Teil werden auch Fahrradcomputer eingesetzt; ein Zeichen für eine leichte Tendenz zum sportlichen Fahren. Eher typisch für „Vernünftige“ ist die etwas höhere Helmtragequote, wie sie auch bei den „Ambitionierten“ zu finden ist. Das Tragen reflektierender Kleidung oder Elemente, wie z. B. einer Warnweste könnte ebenfalls ein typisches 270
Homogenität der Typen Merkmal der „Vernünftigen“ sein, tritt aber auch in dieser Gruppe nur einmal auf. In der gesamten Stichprobe nutzen nur wenige der Rad Fahrenden regelmäßig reflektierende Kleidung oder Elemente, weswegen eine abschließende Beurteilung nicht möglich ist. Bei den „Vernünftigen“ scheinen die wenig ausgeprägte Risikobereitschaft und die hohe Regelakzeptanz zusammenzuhängen. Ihr Fahrstil – die an das bestehende Berliner Verkehrssystem angepasste Risikobereitschaft, die mittlere Fahrgeschwindigkeit – passt gut zu den geltenden Regeln. Sind Radwege vorhanden, werden sie in der Regel auch genutzt, und auf die Benutzung des Gehwegs wird aus Sicherheitsgründen – Konflikte mit zu Fuß Gehenden, Sichtbarkeit gegenüber Kfz-Verkehr – eher selten zurückgegriffen. Damit stellen die „Vernünftigen“ den für Planende idealen Typus des Rad Fahrenden dar. Prototyp Pm Pm ist zwischen 50 und 55 Jahre alt und wohnt südlich der Berliner Innenstadt. Er verfügt über ein Fahrrad und einen Pkw. Während er den Pkw nur ein- bis dreimal im Monat nutzt – in der Regel um einkaufen zu fahren –, fährt er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ein- bis dreimal wöchentlich. Mit dem Fahrrad fährt er vier Mal in der Woche zu seiner Arbeitsstelle, die sich in der Berliner Innenstadt befindet. Das Fahrrad ist ein ungefedertes Herren-Sportrad. Auf der dokumentierten Fahrt hält sich Pm an die geltenden Regeln. Er beachtet alle Lichtsignalanlagen und bremst frühzeitig, wenn er an eine Rot zeigende Signalanlage heran fährt (vgl. Hinz 2013: Anhang H). Er ist, im Vergleich zu den anderen in der Aufzeichnung zu sehenden Rad Fahrenden, relativ schnell unterwegs. An einem Wegeabschnitt erreicht er eine Geschwindigkeit von 23 km/h (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 8). Wenn er wartende Kfz rechts überholt, hält er den erforderlichen Abstand ein oder er bleibt stehen, wenn die zur Verfügung stehende Gasse nicht ausreicht (vgl. Pullwitt 2013: 21). Radwege ohne Benutzungspflicht nutzt er, auch wenn diese nicht dem Stand der Technik entsprechen (vgl. Hinz 2013: Anhang H): Sie sind zu schmal, verfügen über keinen ausreichenden Sicherheitsabstand zu den parkenden Kraftfahrzeugen und der Belag ist schadhaft. Insgesamt zeigt Pm einen stark an die Regeln angepassten Fahrstil. Er geht wenige Risiken ein und fährt dennoch nicht langsam. Damit entspricht er dem Idealbild der „Vernünftigen“. Das Fahrrad ist für Pm ein Gebrauchsgegenstand. Ursprünglich angeschafft, um sich mehr zu bewegen, wird es inzwischen fast nur noch für den 271
Generierung einer Typologie Weg zur Arbeit eingesetzt. Selten nutzt er sein Fahrrad für Spazierfahrten (vgl. Pm: 41). Beim Radfahren trägt er stets einen Helm (vgl. Pm: 45) und eine Warnweste (vgl. Pm: 81). Damit zeigt Pm zwei wesentliche Charakteristiken der „Vernünftigen“. Das Fahrrad wird zweckrational nur als Verkehrsmittel, um von A nach B zu kommen, eingesetzt, und dem Sicherheitsbedürfnis wird mit dem Tragen einer der Sicherheit dienenden Ausrüstung nachgekommen. Pm zeigt sieben Charakteristiken, die wesentlich für den Typus der „Vernünftigen“ sind:  Er nutzt das Fahrrad überwiegend als Transportmittel.  Er ist mit einer eher mittleren Fahrgeschwindigkeit (bis 25 km/h) unterwegs.  Er legt auf Sicherheit wert und geht nur wenige Risiken ein.  Er hält Regeln für wichtig.  Er verfügt über gute Regelkenntnisse und Einblicke in die lokale Verkehrspolitik.  Er meidet den Mischverkehr auf Hauptverkehrsstraßen.  Er hält Radverkehrsanlagen für wichtig und zieht dabei Radfahrstreifen den Radwegen vor. Viele Äußerungen von Pm weisen darauf hin, wie wichtig ihm das Beachten der Verkehrsregeln ist. Dies wird besonders deutlich an der Art und Weise, wie er Rad Fahrende kritisiert. Er bemängelt die rücksichtslose Fahrweise, welches sich durch das Fahren mit hoher Geschwindigkeit auf Gehwegen und Fußfurten zeige (vgl. Pm: 81). Er hätte das Gefühl, dass Regeln von Rad Fahrenden bestenfalls „interpretiert“ würden (vgl. ebenda). Seiner Meinung nach ist die Einhaltung von Regeln wichtig, da sonst das System Straßenverkehr nicht funktioniert (vgl. Pm: 208). In Bezug auf die Regeleinhaltung empfindet er sich gegenüber Rad Fahrenden als unsolidarisch (vgl. Pm: 81). Er unterscheidet bei der Beurteilung von Verhalten nicht zwischen Auto und Rad Fahrenden (vgl. Pm: 208). Daneben haben Regeln für ihn auch einen praktischen Nutzen: Geisterfahrende auf Radwegen findet er problematisch, da es oft schwierig sei, diesen auszuweichen. Daher kommt es für ihn nicht in Frage, einen Radweg in falscher Richtung zu nutzen (vgl. Pm: 64). Auch die Reflektion seines eigenen Verhaltens deutet auf eine hohe Akzeptanz hin. Er versucht so Rad zu fahren, wie er Auto fährt (vgl. Pm: 99): Er gibt Handzeichen beim Abbiegen (vgl. ebenda) und versucht beim Linksabbiegen den direkten Weg zu wählen (vgl. Pm: 184). Warum er dennoch an zwei Stellen seines Arbeitsweges bei Rot fährt, legt er im Interview ausführlich dar. An diesen Stellen kreuzt er lediglich eine Gehbahn. Querverkehr gäbe es dort so gut wie nie. Die Lichtsignalanlagen an diesen Stellen bezeichnet er 272
Homogenität der Typen als sinnlos (vgl. Pm: 111). Schließlich zeigen auch seine Regelkenntnisse, wie stark er sich mit den Regeln auseinandersetzt. So hält er die Freigabe von Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung für problematisch, da die Freigabe dem Grundgedanken von Einbahnstraßen gegenüber stehe. In der Konsequenz versucht er, das Befahren von Einbahnstraßen in Gegenrichtung zu vermeiden (vgl. Pm: 99). Seine Regelakzeptanz führt Pm auf seine Konflikterfahrungen zurück und spricht diesbezüglich von „Altersweisheit“ (Pm: 208). An seinen Ausführungen wird deutlich, welchen hohen Stellenwert er der Regeleinhaltung für die Sicherheit einräumt. Allerdings folgt er Regeln nicht blind, sondern versucht die Sinnhaftigkeit stets zu beurteilen. Damit zeigt auch sein Verhalten eine – wenn auch im Vergleich zu den anderen Typen relativ gering ausgeprägte – Eigenmaßstäblichkeit. Dies lässt sich bei allen Fällen dieses Typs beobachten. Ein weiterer Nachweis seiner Regelkenntnisse besteht in seinem Wissen des Abstands, den Auto Fahrende beim Überholen von Rad Fahrenden einzuhalten haben (vgl. Pm: 61). Zudem ist er gut über die aktuelle Verkehrspolitik informiert (vgl. Pm: 52). Dabei wünscht er sich sowohl von der Stadt als auch vom Bezirk ein stärkeres Engagement für den Radverkehr und die Anlage von mehr Radfahrstreifen (vgl. Pm: 136 und 212). Soweit es geht, versucht Pm das Fahren auf Fahrbahnen von Hauptverkehrsstraßen zu vermeiden (vgl. Pm: 52, 115, 188). Vor allem das enge Überholen von Kfz-Fahrenden –oft verbunden mit hohen Geschwindigkeiten – hält ihn von der Nutzung ab (vgl. Pm: 52, 61). In der Konsequenz befährt er auf seinem Arbeitsweg hauptsächlich Nebenstraßen und Wege in Parkanlagen (vgl. Pm: 188), obwohl er lieber auf Vorfahrtstraßen auf einer Radverkehrsanlage unterwegs wäre, um nicht so häufig auf den Querverkehr achten und halten zu müssen (vgl. Pm: 136). Ideal wäre es seiner Meinung nach, wenn der Radverkehr vom Kfz-Verkehr auf den Hauptverkehrsstraßen entkoppelt wäre. An Knotenpunkten mit Lichtsignalanlagen sollen Rad Fahrende nicht in Konflikte mit Kraftfahrzeugen kommen (vgl. Pm: 136), was in der Konsequenz bedeutet, das abbiegende Kfz lichtsignaltechnisch gesichert geführt werden müssten. Pm möchte durch die Separation von Kraftfahrzeug- und Radverkehr auf Hauptverkehrsstraßen ein hundert Prozent sicheres Verkehrssystem erreichen. Damit wären die Rad Fahrenden bezüglich ihres Sicherheitsempfindens nicht mehr abhängig von den KfzFahrenden und hätten nicht mehr das Gefühl, dem Kfz-Verkehr schutzlos ausgeliefert zu sein. Die Kontrolle über die eigene Sicherheit wäre wieder hergestellt. Mit der Sicherstellung der Separation an Vorfahrtstraßen, wird das Fahren an Vorfahrtstraßen attraktiver und die Rad Fahrenden könnten 273
Generierung einer Typologie aufgrund seltenerer Halte schneller fahren. Damit wird zusätzlich die leitende Anforderung der „Vernünftigen“, „Zügiges Erreichen des Ziels“, erfüllt. Für Pm sind Radfahrstreifen die sichereren Radverkehrsanlagen (vgl. Pm: 192). Radwege hält er in der Regel für gefährlich, was vor allem durch den schlechten Zustand (vgl. Pm: 53) und durch die regelwidrige Benutzung von zu Fuß Gehenden verursacht wird (vgl. Pm: 116). Darüber hinaus werden Rad Fahrende auf Radwegen häufig von abbiegenden Kfz-Fahrenden übersehen (vgl. Pm: 188). Auch hier zeigt sich, dass die Sicherheit der zentrale Antrieb für die von Pm formulierten Anforderungen ist. Eine Separation wird nicht nur zum Kfz-Verkehr, sondern auch zum Fußverkehr gefordert. Aufgrund seiner Konflikterfahrungen erfüllen Radfahrstreifen diese Anforderungen am besten. „Vernünftige“ wie Pm stehen oft vor dem Dilemma, sich zwischen einer Fahrweise wie mit dem Pkw und einer vorsichtigen Fahrweise – Abstandhalten zum Kfz-Verkehr – entscheiden zu müssen. Dies zeigt sich bei Pm einerseits, in dem er häufig direkt links abbiegt (vgl. Pm: 184) und andererseits, in dem er in der Nähe von Lkw äußerst vorsichtig agiert. Fährt er rechts von einem Lkw, ist er sich des toten Winkels bewusst und geht einem möglichen Konflikt aus dem Weg: An Knotenpunkten wartet er erst das Verhalten des Lkw-Fahrenden ab, ehe er seinen Weg fortsetzt (vgl. Pm: 57). Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Pm versucht, stets die Kontrolle über die Situation zu behalten und sich nicht dem Verhalten des LkwFahrenden – nimmt dieser ihn wahr? – auszuliefern. 9.3.3. Typus „Intuitive“ Die meisten Rad Fahrenden des Typus „Intuitive“ haben dieselben leitenden Anforderungen wie Rad Fahrende des Typus „Vernünftige“. Auch für sie ist das Fahrrad Mittel zum Zweck, um ihr Ziel – möglichst zügig – zu erreichen. Das Erreichen einer hohen Fahrgeschwindigkeit steht ebenso wenig im Vordergrund wie das Wertlegen auf einen hohen Erlebnisfaktor. Sie sind ebenfalls mit einer eher mittleren Fahrgeschwindigkeit unterwegs. Folglich sind auch bei ihnen die Differenzgeschwindigkeiten zu den zu Fuß Gehenden als auch zu den Kraftfahrzeugen hoch. Zu den „Intuitiven“ gehören allerdings auch Rad Fahrende, deren leitende Anforderung es ist, eher entspannt – also mit höherem Erlebnisfaktor und der damit verbundenen Einschränkung des etwas weniger zügigen Vorankommens – ihr Ziel zu erreichen. Im Gegensatz zu den „Gelassenen“ haben diese Rad Fahrenden 274
Homogenität der Typen dennoch einen offensiveren Fahrstil. Innerhalb des Stichprobenumfangs trifft nur auf einen Fall diese Merkmalskombination zu. Bei diesem Fall (AAf) wiegt die Anforderung höher, eine Strecke mit geringer Schadstoffbelastung zu nutzen, als zügig das Ziel zu erreichen. In allen anderen Charakteristiken weist sie deutlichere Ähnlichkeiten zu den „Intuitiven“ als zu den „Gelassenen“ auf. Die „Intuitiven“ ziehen, ähnlich den bisher behandelten Typen der „Gelassenen“ und der „Vernünftigen“, das Fahren auf Radverkehrsanlagen oder Nebenstraßen dem Fahren im Mischverkehr von Hauptverkehrsstraßen vor. Auch hier ist das Ziel, einen möglichst großen Abstand zum Kfz-Verkehr zu erhalten. Dabei werden Radfahrstreifen besser als Radwege bewertet. Die bessere Bewertung fußt hierbei weniger auf den größeren Abstand zum Fußverkehr, sondern vielmehr auf der Möglichkeit, langsamere Rad Fahrende komfortabler überholen zu können. Auch der bessere Belag und damit ein komfortableres schnelles Fortkommen werden genannt. Prägend ist folglich die Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“, indem man möglichst wenig aufgehalten wird. Eine hohe Fahrgeschwindigkeit ist dabei als nachrangig zu betrachten und nicht mit den hohen Fahrgeschwindigkeiten der „Ambitionierten“ vergleichbar. Darüber hinaus besteht die Anforderung einer Bereitstellung eines möglichst direkten Wegs. Dies bezieht sich vor allem auf die Verkehrsorganisation im kleinräumigen Bereich. Anforderungen sind hier die Erlaubnis, Radwege in beide Richtungen nutzen zu dürfen, Freigabe von Einbahnstraßen, Erlauben des Radfahrens in Grünanlagen und das Erlauben der Nutzung von Fußgängerfurten und -überwegen. Ob solche Regelungen der Sicherheit zuträglich sind, ist für Rad Fahrende dieses Typus von nachrangiger Bedeutung. Die Risikobereitschaft der „Intuitiven“ reicht von offensiv bis mäßig. Rad Fahrende, die den Typus besonders gut repräsentieren, bewegen sich je nach Situation wie zu Fuß Gehende oder wie Kraftfahrzeug-Fahrende. Sie wechseln zwischen diesen beiden Extremen, indem sie beispielsweise in einem Moment wie zu Fuß Gehende einen Fußgängerüberweg nutzen, um die Fahrbahn zu queren, und in der nächsten Situation nutzen sie wie KfzFahrende die Fahrbahn, um dort direkt links abzubiegen, anstatt einer indirekten Führung zu folgen. Sie wählen dabei intuitiv, abhängig von der Situation, den Weg, der ihnen das zügigste Vorankommen verspricht. Das Linksabbiegen an einer Kreuzung ist eine solche Situation. Hier nehmen „Intuitive“ den Weg, bei dem das Signal zuerst grün zeigt. Die Anforderung, einen möglichst großen Abstand zum Kraftfahrzeug- oder Fußverkehr einzuhalten, tritt hinter der Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ zurück. 275
Generierung einer Typologie „Intuitive“ zeigen in der Regel einen selbstbezogen Fahrstil. Durch die Anforderung schnell und mit möglichst geringem Aufwand voranzukommen, werden häufig Regeln missachtet. Durch das „Switchen“, also dem schnellen Wechseln zwischen den Rollen des oder der Kfz-Fahrenden und der oder dem zu Fuß Gehenden, wird die Fahrweise schnell undurchschaubar oder rücksichtslos. Gleichzeitig fordert diese Fahrweise eine hohe Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, sich in andere Verkehrsteilnehmende hineinversetzen zu können. Dies ist notwendig, um auf gefährliche Verkehrssituationen adäquat reagieren zu können. Auch bei diesem Typus sind die Einstellungen eng mit dem Fahrstil verknüpft. Die „Intuitiven“ bestimmen selbst, welche Regeln wichtig sind und welche Regeln umgangen oder missachtet werden können. Zum Teil ersetzt die Rücksichtnahme die Regeleinhaltung als leitende Norm. Auch das Empfinden, dass die Regeln nicht schützen und zum Teil sogar missachtet werden müssen, um sicher unterwegs zu sein, ist verbreitet. Entsprechend der Empfindung, dass die Regeleinhaltung keinen Vorteil verspricht, sind die Regelkenntnisse tendenziell eher lückenhaft. Hinsichtlich ihrer Einstellungen bildet der Fall AAf vordergründig wieder eine Ausnahme. Im Gegensatz zu den anderen Fällen dieses Typus, lassen ihre Äußerungen auf eine hohe Regelakzeptanz schließen. Der von ihr gezeigte Fahrstil deckt sich allerdings nicht mit ihren Äußerungen.129 Der Typus der „Intuitiven“ findet sich im Rahmen der Stichprobe ausschließlich bei Frauen in einem Alter von unter 45 Jahren. Zudem verfügt keine der Frauen über Kinder. Mit zunehmendem Alter oder einer zunehmenden Verantwortung, scheint das intuitive Verhalten abzunehmen und einem sicherheitsbewussteren Fahrstil Platz zu machen. Die ausschließliche Belegung des Typus mit Frauen überrascht zunächst. Zwar ist es theoretisch denkbar, dass es auch Männer dieses Typus gibt. Die Analyse der Fälle weist allerdings darauf hin, dass das männliche Äquivalent Teil des Typus „Ambitionierte“ ist. Diese haben zwar ebenfalls keine Scheu, Regeln zu verletzen und einen nur geringen Abstand gegenüber zu Fuß Gehenden einzuhalten, ihre leitende Anforderung ist es aber, vor allem mit einer hohen Fahrge- 129 Für die Differenz gibt es zwei mögliche Erklärungen: 1. Regelakzeptanz und das gelegentliche Verstoßen gegen Regeln stellen für sie keinen Widerspruch dar bzw. die gezeigten Regelübertretungen werden von ihr nicht als solche wahrgenommen. 2. Die Beobachtung fand ca. zwei Jahre nach dem Interview statt. In dieser Zeit haben sich ihre Einstellungen oder ihr Fahrstil verändert. 276
Homogenität der Typen schwindigkeit unterwegs zu sein. Dies ist der ausschlaggebende Grund, warum diese einem anderen Typus zugeordnet sind. Aufgrund der geringen Fallzahl ist es insbesondere bei den „Intuitiven“ schwierig, eine Aussage zu den Ausstattungsmerkmalen zu treffen. Auffallend ist, dass drei der vier Frauen auf Rädern ohne abgesenktes Oberrohr fahren, und dass keins der Fahrräder über einen Nabendynamo verfügt. Letzteres steht im Gegensatz zu den Ausstattungsmerkmalen bei den „Gelassenen“ und „Vernünftigen“. Auch dass keine der Frauen regelmäßig einen Helm trägt, scheint typisch für die „Intuitiven“ zu sein. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass das Thema Sicherheit – gut funktionierende Beleuchtung, Helm – bei den „Intuitiven“ eher nachlässig gehandhabt wird. Der Zweckorientierung und der leitenden Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ ordnen die „Intuitiven“ die Regeleinhaltung weitestgehend unter. Die geltenden Regelungen werden, sofern sie überhaupt bekannt sind, bestenfalls registriert. Stattdessen wird der Weg mit dem geringsten Widerstand, also der kürzesten Reisezeit, gewählt. Im Bewegungsfluss zu bleiben, wird unter anderem als wesentliches Ziel genannt. Der aus Sicht der „Intuitiven“ geringe Wert der Regeleinhaltung hat seine Ursache in dem subjektiv geringen Nutzen, den sie der Regeleinhaltung hinsichtlich eines schnellen Vorankommens, aber auch der Gewährleistung der Sicherheit zuschreiben. Im Gegenteil: Die Regeln und das damit verbundene Verkehrssystem – mit seiner Zentrierung auf den Autoverkehr – verhindern das zügige Vorankommen der Rad Fahrenden. Der zügigen Zielerreichung werden in der Regel auch andere Aspekte, wie die Sicherheit – vernachlässigen eines angemessenen Abstands gegenüber zu Fuß Gehenden – und das Fahrterleben untergeordnet. Letzteres gilt zumindest für den überwiegenden Fahrstil. Im Freizeitverkehr kann das Erleben eine wichtigere Rolle spielen. Die „Intuitiven“ stellen für die bestehende Planungsphilosophie eine hohe Herausforderung dar. Die Unterordnung der Radverkehrsinfrastruktur gegenüber der Kfz-Verkehrsinfrastruktur in Hauptverkehrsstraßen führt zu Umwegen für den Radverkehr. Diese Umwege werden unter Missachtung der Regeln – Abbiegen über Fußgängerfurten, Nutzung von Radwegen in Gegenrichtung – von den „Intuitiven“ vermieden. Mögliche Auswege aus diesem Dilemma werden in Kapitel 10.2 aufgezeigt. Prototyp Lf Lf ist zwischen 25 und 30 Jahre alt und studiert. Das Fahrrad ist ihr ständiges Verkehrsmittel. Sie nutzt es für alle innerstädtischen Fahrten, aber auch für Touren im Umland von Berlin (vgl. Lf: 31). Werden die Strecken zu weit 277
Generierung einer Typologie oder das Fahren mit dem Rad aufgrund des Kfz-Verkehrs zu anstrengend, nimmt sie das Fahrrad mit in die öffentlichen Verkehrsmittel (vgl. Lf: 39, 413). Die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt sie ebenfalls fast täglich. Mit der Kombination der Verkehrsmittel zeigt sich bereits eine Zweckorientierung hinsichtlich eines möglichst effektiven Erreichens des Fahrtziels. Nur in Ausnahmefällen, z. B. um etwas zu transportieren oder für einen Urlaub, leiht sie sich ein Kraftfahrzeug aus (vgl. Lf: 515). Ihr Fahrrad ist ein ungefedertes Herren-Trekkingrad. Bei ihrer dokumentierten Fahrt wird deutlich, wie sehr ihr an einem zügigen Vorankommen gelegen ist (vgl. Pullwitt 2013: 19). Sie überholt Kraftfahrzeuge von rechts, auch wenn nur wenig Raum vorhanden ist (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 7), kürzt Strecken über Gehwege ab (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 7) und missachtet häufig (sieben von neun) Rot zeigende Lichtsignalanlagen (vgl. Pullwitt 2013: 20). Dabei quert sie die Straßen mit relativ geringem Tempo und nachdem der querende Kfz-Verkehrs bereits abgeflossen ist (vgl. ebenda). Zeigt ein Fußgänger-Signal vor dem KfzSignal Grün, fährt sie los (vgl. Pullwitt 2013: 20 f.). Bei Pflasterstraßen weicht sie über den Gehweg aus, auch wenn dieser verhältnismäßig schmal ist (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 7). Zu Fuß Gehende überholt sie dabei relativ eng und mit nur geringfügig reduzierter Geschwindigkeit (vgl. ebenda). Auf den Radwegen fährt sie mit etwa 23 km/h und überholt einige Rad Fahrende, indem sie über die Fahrbahn oder den Gehweg fährt (vgl. Pullwitt 2013: 20). Vorhandene Radwege nutzt sie in der Regel. An einem kurzen Abschnitt mit Benutzungspflicht weicht sie allerdings über die Fahrbahn aus. Der ausgesparte Radweg ist sehr schmal (vgl. Pullwitt 2013: 19). Mit ihrem Verhalten zeigt Lf bereits einige der für „Intuitive“ typischen Verhaltensweisen. Sie hält sich nicht an Regeln, wenn diese nicht für ihr zügiges Fortkommen nützlich sind. Sie wechselt intuitiv zwischen den Verkehrsflächen für den Kfz- und Fußverkehr hin und her. Sie scheut keine geringen Abstände gegenüber zu Fuß Gehenden und fährt mit einer mittleren Geschwindigkeit (unter 25 km/h). Dem zügigen Fortkommen wird letztlich alles untergeordnet. Sich selbst beschreibt Lf als „leidenschaftlich“ und „pragmatisch“ (Lf: 155). Sie fährt sowohl im Alltag als auch in der Freizeit bei ihren Fahrten im Umland gerne Rad. Auf Ausflügen will sie sich vor allem entspannen (vgl. Lf: 99). Im Alltag soll das Radfahren in erster Linie praktisch sein, was sich für sie darin äußert, dass das Fahrrad funktional sein soll (vgl. Lf: 155). Lf zeigt sechs Charakterzüge, die für den Typus der „Intuitiven“ relevant sind:  Sie nutzt das Fahrrad zweckorientiert. 278
Homogenität der Typen      Sie ist mit einer mittleren Fahrgeschwindigkeit (bis 25 km/h) unterwegs. Sie möchte zügig vorankommen und versucht im Fluss zu bleiben. Sie meidet den Mischverkehr auf Hauptverkehrsstraßen. Sie fordert Radverkehrsanlagen und kritisiert Radwege. Sie „switcht“ zwischen den Verhaltensweisen. Einmal verhält sie sich wie zu Fuß Gehende und im nächsten Augenblick fährt sie so, wie Auto Fahrende fahren würden.  Sie achtet nicht auf Regeln und zeigt diesbezüglich Kenntnislücken. Die leitende Anforderung von Lf ist es, möglichst zügig das Ziel zu erreichen oder – wie von Lf häufig erwähnt – im Fluss zu bleiben (vgl. Lf: 147). Aus diesem Grund ignoriert sie auch Rot zeigende Lichtsignalanlagen (vgl. Lf: 175). Sollte sie doch mal zum Halten gezwungen sein, versucht sie alles, um nicht die Füße von den Pedalen nehmen zu müssen. Damit will sie eine Verzögerung beim Wiederanfahren verhindern (vgl. Lf: 167, 263). Die hohe Priorität, ihr Fahrtziel möglichst schnell zu erreichen, zeigt sich in ihrer Weigerung, Radwege ausschließlich in der vorgeschriebenen Richtung zu nutzen. Mit dieser regelwidrigen Nutzung will sie Umwege vermeiden (vgl. Lf: 259). Damit decken sich die im Interview beschriebenen Verhaltensweisen mit den Erkenntnissen aus der dokumentierten Fahrt. Dem zügigen Vorankommen werden die Regeln untergeordnet. Das Fahren auf Hauptverkehrsstraßen im Mischverkehr stresst Lf wegen des hohen Verkehrsaufkommens (vgl. Lf: 139). Viel lieber ist sie auf ruhigen Nebenstraßen mit wenig Kfz-Verkehr unterwegs (vgl. Lf: 139, 445). Dafür nimmt sie auch kleinere Umwege in Kauf (vgl. Lf: 429). Die Bereitschaft, einen Umweg zu fahren, ist bei Lf abhängig von der Ursache. Umwege, die das Fahren angenehmer – auch aus Sicherheitsgründen – machen, werden eher akzeptiert als Umwege, die von dem bestehenden Verkehrssystem und seinen Regeln verursacht werden. Es wird deutlich, dass die Einhaltung von Regeln hinter den Anforderungen „Sicherheit“ und „Erleben“ zurücktritt. Mehr noch, das Einhalten von Regeln wird nicht mit der Gewährung von Sicherheit gleichgesetzt. Der Gleichung, Regeln einhalten gleich hohe Sicherheit, wird nicht gefolgt. An Radverkehrsanlagen schätzt sie, dass sie einen Bereich vorfindet, der sie dazu berechtigt, dort zu sein (vgl. Lf: 323). Ideal empfindet sie Strecken, die über einen breiten Radfahrstreifen mit ausreichendem Platz zum fließenden und ruhenden Verkehr verfügen. Dort kann sie einen ausreichenden Abstand zu parkenden Kfz einhalten und findet genügend Platz vor, um andere Rad Fahrende zu überholen (vgl. Lf: 311). An Radwegen stören sie vor allem der oft schlechte Zustand des Belags und die häufigen Behinde279
Generierung einer Typologie rungen durch den Fußverkehr (vgl. Lf: 127). Dadurch kann sie dort oft nicht zügig unterwegs sein. Radfahrstreifen in der Idealform geben das Gefühl, die Kontrolle über die Situation zu haben, da bei Bedarf ausgewichen werden kann. Neben einer ausreichenden Breite führt auch eine glatte Fahrbahnoder Wegoberfläche dazu, dass Rad Fahrende zügig unterwegs sein können. Das Wechseln zwischen den Verhaltensweisen – Orientierung an Kraftfahrzeugen, Orientierung an zu Fuß Gehenden – illustriert Lf an einem Beispiel. Sie fährt auf der Fahrbahn und ordnet sich zum Linksabbiegen auf einem Linksabbiegefahrstreifen ein. Hier verhält sie sich ihrer Meinung nach so, als wenn sie mit einem Auto unterwegs wäre. Da die Lichtsignalanlage für die Fahrzeuge Rot zeigt, müsste sie anhalten. Für die querenden zu Fuß Gehenden ist Grün. Sie überquert die Haltlinie des Fahrzeugverkehrs und biegt links auf die Furt der zu Fuß Gehenden ein und setzt somit ihren Weg auf der Fußgängerfurt fort. Sie „switcht“ und verhält sich nun wie zu Fuß Gehende (vgl. Lf: 171). Sie sieht dieses Verhalten durchaus kritisch, da dies das Unfallrisiko erhöhen würde und zugleich die Akzeptanz Rad Fahrender durch die anderen Verkehrsteilnehmenden vermindert (vgl. Lf: 127). Die Ursache für dieses Verhalten ist in der Anforderung zu suchen, möglichst zügig den Knoten passieren zu wollen. Dem ordnet sie sowohl ihre eigene Sicherheit, als auch die Außendarstellung der Rad Fahrenden unter. Lf gibt zunächst an, die Verkehrsregeln zu kennen, aber keine Rücksicht auf diese zu nehmen (vgl. Lf: 167). Später war sie der Meinung, dass es für Rad Fahrende keine eindeutigen Regeln gäbe (vgl. Lf: 215). Da sie selbst Regeln nicht so wichtig nimmt, ist sie gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden nachsichtiger, wenn diese Regeln nicht einhalten. Nur bei KfzFahrenden ist sie strenger, da diese aufgrund des höheren Gefährdungspotenzials mehr Verantwortung hätten (vgl. Lf: 191). Während des Interviews offenbarte sie einige Lücken bei der Regelkenntnis. Wird Fehlverhalten nicht sanktioniert, hätte sie das Gefühl, dass dieses Verhalten legitim sei (vgl. Lf: 239). Aus dieser Konsequenz heraus spricht sie sich für mehr Kontrollen aus (vgl. Lf: 215). Sie räumt dabei aber ein, dass sie ihr Verhalten komplett ändern müsste, wollte sie sich an die Verkehrsregeln halten (vgl. Lf: 231). Die Auseinandersetzung mit den Regeln innerhalb des Interviews macht deutlich, welchen geringen Wert die Verkehrsregeln für sie haben. Sie haben für sie keine Relevanz. Die lückenhaften Regelkenntnisse sind eine Folge davon. Rücksichtnahme ist für sie wichtiger als das Einhalten von Regeln. So empfindet sie das Beharren auf das eigene Recht als rücksichtslos (vgl. Lf: 167). Um Reaktionen zu provozieren, ist sie einmal mit einer Freundin 280
Homogenität der Typen nebeneinander auf einem Radweg entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung gefahren (vgl. Lf: 303). Fehlende Rücksichtnahme macht sie auch bei vielen Kfz-Fahrenden aus. Sie fühlt sich dann als nicht gleichberechtigt und hat den Eindruck, dass Rad Fahrende für Kfz-Fahrende minderwertige Verkehrsteilnehmer seien (vgl. Lf: 191). Damit zeigt sich, dass auch Lf – stellvertretend für alle „Intuitiven“ – nicht auf Normen verzichtet. Die geltenden Regeln werden durch eine Eigenmaßstäblichkeit ersetzt, die die gegenseitige Rücksichtnahme und das Achten aufeinander zur leitenden Norm macht. Dieser auf Rücksichtnahme beruhenden Norm wird auch die Gewährung einer höheren Sicherheit zugetraut. Ein Gedanke, dem auch bei der Shared Space-Philosophie130 gefolgt wird. 9.3.4. Typus „Ambitionierte“ Die leitende Anforderung der Rad Fahrenden des Typus „Ambitionierte“ ist das Fahren mit einer möglichst hohen Fahrgeschwindigkeit (Anforderung „Hohes Tempo“). Damit ist nicht zwangsläufig die Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ verknüpft. Im Gegenteil, einige der „Ambitionierten“ fahren Umwege, um Strecken nutzen zu können, bei denen sie mit besonders hoher Geschwindigkeit fahren können. Mit den Umwegen nehmen sie eine längere Fahrtdauer in Kauf. Das Fahren aus Gründen der sportlichen Betätigung wird in die Alltagsmobilität – zum Beispiel Fahrt von der Arbeit nach Hause – integriert. Mit der sportlichen Betätigung ist ein Ehrgeiz verbunden, der im Extremfall in einen Vergleich mit dem Kfz-Verkehr mündet. Ziel ist es, sich im Verkehr behaupten zu können und auf ähnliche (Reise-) Geschwindigkeiten wie der Kfz-Verkehr zu kommen. Damit einhergehend kommt es zu einer besonderen Verbundenheit mit dem Fahrrad, die über eine Zweckgemeinschaft hinausgeht. Unter anderem wegen des hohen Tempos bevorzugen Rad Fahrende dieses Typus das Fahren auf der Fahrbahn. Einige ziehen dabei Hauptverkehrsstraßen den Nebenstraßen vor, um von der Vorfahrtsregelung zu profitieren und nicht so häufig anhalten zu müssen. Die meisten dieser Rad Fahrenden sind mit hohen Geschwindigkeiten mit bis zu 40 km/h unterwegs. Damit nähert sich ihre Fahrgeschwindigkeit den Geschwindigkeiten des KfzVerkehrs an, was eine geringere Differenzgeschwindigkeit zur Folge hat. Demgegenüber wird die Differenzgeschwindigkeit gegenüber dem Fußver130 Siehe Fußnote 83, Seite 93. 281
Generierung einer Typologie kehr ungleich höher. Folglich werden Kollisionen mit zu Fuß Gehenden zum Teil stärker gefürchtet als mit Kraftfahrzeugen. Zumal zu Fuß Gehende als unberechenbarer in Bezug auf die Kontinuität ihrer Bewegungsrichtung gelten. In der Folge ist für die „Ambitionierten“ ein ausreichender Sicherheitsabstand zum Fußverkehr wichtiger als zum Kfz-Verkehr. Darüber hinaus soll die Konfliktwahrscheinlichkeit mit Kraftfahrzeugen durch eine verbesserte Sichtbeziehung zu den Kfz-Fahrenden reduziert werden. Der überwiegende Teil der Rad Fahrenden dieses Typs lehnt Radwege ab. Ein Teil der „Ambitionierten“ lehnt sogar jegliche Form von Radverkehrsanlagen ab. Dies hat vornehmlich zwei Gründe. Zum einen entsprechen die ungenügende Ausgestaltung der Radwege – hinsichtlich Breite, Sichtbarkeit und Befahrbarkeit – überwiegend nicht den Anforderungen der „Ambitionierten“. Zum anderen sanktionieren Kfz-Fahrende, zum Teil auch die Polizei, das Radfahren auf der Fahrbahn bei gleichzeitigem Vorhandensein einer Radverkehrsanlage (auch bei nicht benutzungspflichtigen Radwegen). Radfahrstreifen werden gegenüber Radwegen von den „Ambitionierten“ eher akzeptiert und zum Teil auch für gut befunden. Voraussetzung ist allerdings, dass sie breit genug sind, damit die Rad Fahrenden einen ausreichenden Abstand zu parkenden Kfz einhalten können. Ansonsten fürchten sie Kollisionen mit aufgehenden Türen. Mit der höheren Fahrtgeschwindigkeit werden die Anforderungen an die Breite des Sicherheitsabstands höher. Trotz der hohen Fahrgeschwindigkeiten der „Ambitionierten“, wird auch von Ihnen oft eine Reduktion des Geschwindigkeitsniveaus des KfzVerkehrs gefordert. Dies betrifft vor allem Hauptverkehrsstraßen außerhalb des Innenstadtbereichs, da hier die gefahrenen Geschwindigkeiten der Kraftfahrzeuge sehr hoch sind und der notwendige Überholabstand besonders häufig unterschritten wird. Das Gefühl des Ausgeliefertseins kann in diesen Straßen so stark sein, dass selbst routinierte – d. h. an den Kfz-Verkehr gewöhnte – „Ambitionierte“ auf den Seitenraum ausweichen. „Ambitionierte“ fahren per Definition offensiv, da zwei wichtige Ausprägungen – die hohe Geschwindigkeit und das Pkw-orientierte Fahren – Teil des offensiven Fahrens sind. Aber auch die anderen Eigenschaften, wie eigenes Recht durchsetzen, abrupter Wechsel bei der Beschleunigung und risikoreiches Fahren sowie der sichere Umgang mit dem Fahrrad, sind häufig bei den „Ambitionierten“ zu beobachten. Grund für den sicheren Umgang und der risikoreicheren Fahrweise ist, dass „Ambitionierte“ routinierte Rad Fahrende sind. Viele dieser Rad Fahrenden haben bereits Erfahrungen mit schwerwiegenden Alleinunfällen oder Grenzsituationen gesammelt. Sie wissen daher, wo ihre Grenzen sind und können Risiken besser einschätzen. 282
Homogenität der Typen „Ambitionierte“ mit wenigen Konflikterfahrungen können sich allerdings auch schnell überschätzen. Beim Typus der „Ambitionierten“ finden sich sowohl Rad Fahrende, die sehr kooperativ – auf die Einhaltung von Regeln bedacht – unterwegs sind, als auch Rad Fahrende, die schwerwiegend Regeln missachten. Während die „Ambitionierten“ mit einem kooperativen Fahrstil diesbezüglich Ähnlichkeiten mit den „Vernünftigen“ aufweisen, zeigen die „Ambitionierten“ mit einem selbstbezogenen Fahrstil ein ähnliches Verhalten wie die „Intuitiven“. Den Regeln wird keine Bedeutung zugeschrieben, und sie werden dem Drang, möglichst schnell und mit hoher Fahrgeschwindigkeit voranzukommen, untergeordnet. Die Folge sind Missachtung des Rotlichts, Befahren von Fahrbahnen in falscher Richtung, Nutzung von Abkürzungen und Fahren über Rad- oder Gehwege, um Verkehrsstauungen zu umgehen. Hinsichtlich der Einstellungen ist eine ähnliche Verteilung anzutreffen. Ein Teil der „Ambitionierten“ will die Rolle des Vorbilds einnehmen. Meist wird dabei das Ziel verfolgt, als gleichwertige Verkehrsteilnehmende wahrgenommen zu werden. Demgegenüber stehen die „Ambitionierten“, die meinen, zur Wahrung der eigenen Sicherheit, Regeln missachten zu müssen. Auch sie räumen oft der Rücksichtnahme einen höheren Stellenwert als der Regeleinhaltung ein. Die Einstellung, ihr Recht durchsetzen zu müssen, ist bei den „Ambitionierten“ besonders weit verbreitet. In diesem Zusammenhang verfügen einige der Ambitionierten über außergewöhnliche Regelkenntnisse. Beide Punkte – Wahrung der Sicherheit und das Durchsetzen des eigenen Rechts – beziehen sich in erster Linie auf die Anforderung, auf der Fahrbahn fahren zu dürfen. Zum Teil soll die Sicherheit gewahrt werden, indem trotz eines bestehenden Radwegs mit Benutzungspflicht auf der Fahrbahn gefahren wird. Mit Nutzung der Fahrbahn werden auch Sanktionen durch Verkehrsteilnehmende in Kauf genommen. Der Typus der „Ambitionierten“ findet sich ausschließlich bei den Männern. In der Stichprobe legte keine Frau Wert auf eine hohe Fahrgeschwindigkeit im Alltagsverkehr. Wenn dies auch ein Zufall sein mag, so ist doch davon auszugehen, dass „Ambitionierte“ – im Alltagsverkehr – vor allem Männer sind. Mögliche Gründe für die Zurückhaltung der Frauen könnten sein: Vermeidung von Risiken, Vermeidung der sportlichen Betätigung im Alltagsverkehr wegen seiner negativen Folgen wie z. B. stärkerem Schwit- 283
Generierung einer Typologie zen, eine häufigere Einbindung der Radfahrten in Wegeketten131 und damit verbunden eine stärkere Zweckorientierung. Auffallend ist auch, dass in der Altersgruppe ab 45 Jahren die Rad Fahrenden dieses Typus einen kooperativen Fahrstil haben. Folglich geht auch hier das zunehmende Alter mit einer höheren Regelakzeptanz einher. Wie bereits beim Typus „Gelassene“ thematisiert, führen Kinder zu einem umsichtigeren Fahrstil: Zm, der einzige „Ambitionierte“ mit Kind (unter 12 Jahren), befindet sich im Grenzbereich zwischen einem kooperativen und einem selbstbezogenen Fahrstil. Das Fahrrad ist den „Ambitionierten“ sehr wichtig. Es stellt nicht nur ein Verkehrsmittel dar, das einfach nur funktionieren soll. Alle Räder werden nach bestimmten Vorgaben ausgesucht, individuell angepasst, nach eigenen Vorgaben von Händlern zusammengestellt oder von den Rad Fahrenden selbst montiert, indem die verschiedenen technischen Komponenten einzeln erstanden und selbst zusammengebaut werden. Daneben fällt die sportliche Ausstattung der Fahrräder auf. Im Ergebnis wird deutlich, dass die Räder nicht nur dazu dienen, von A nach B zu kommen, sondern ein Mittel sind, um sich sportlich zu betätigen und mit hoher Geschwindigkeit fahren zu können. Passend zum sportlichen Verhalten ist die Helmquote relativ hoch. Auch das Tragen von Funktionskleidung ist nur bei den „Ambitionierten“ vorzufinden. Die Regeleinhaltung stellt die „Ambitionierten“ vor eine besondere Herausforderung. Viele Teile der für den Radverkehr vorgesehenen Radinfrastruktur sind nicht für diese schnellen Rad Fahrenden adäquat nutzbar. Radwege können sowohl aus baulichen Gründen – gerade ältere Radwege sind oftmals fahrdynamisch ungünstig angelegt – als auch wegen ihrer Nähe zum Fußverkehr nicht mit hohen Geschwindigkeiten befahren werden. Auch viele Zwangshalte – Rechts-vor-Links-Regelungen im Nebennetz, Lichtsignalanlagen an Hauptverkehrsstraßen – stehen im Widerspruch zu einer sportlichen Fortbewegung. Hinzukommt, dass selbst die „Ambitionierten“ für eine für den Kfz-Verkehr optimierte Koordinierung der Lichtsignalanlagen noch zu langsam sind. Selbst die eigentlich für schnelle Rad Fahrenden idealen Radfahrstreifen – geringer Fußverkehr, gerade Führung – können nicht mit hohem Tempo befahren werden. Insbesondere bei parallel eingerichteten Parkständen sind sie oft zu schmal ausgelegt. Schnelle Rad Fahrende können dann keinen ausreichenden Sicherheitsabstand zum ruhenden 131 Frauen haben durchschnittlich komplexere Wegeketten als Männer (vgl. Infas und DLR 2010a: 15). 284
Homogenität der Typen Verkehr oder Seitenraum einhalten, ohne dem den Kraftfahrzeugen vorbehaltenen Fahrbahnbereich zu nahe zu kommen. Das viele Kfz-Fahrende die Fahrgeschwindigkeiten der schnellen Rad Fahrenden unterschätzen, erhöht die Gefahr für „Ambitionierte“ zusätzlich. Prototyp AFm AFm ist zwischen 20 und 25 Jahre alt. Er fährt täglich mit dem Fahrrad. Einbis dreimal die Woche nutzt er öffentliche Verkehrsmittel. Einen Führerschein hat AFm nicht. In seiner Zeit als Zivildienstleistender hat er Botengänge mit dem Fahrrad unternommen und war fast den ganzen Tag mit dem Fahrrad unterwegs (vgl. AFm: 14). Im Laufe des Interviews wird deutlich, dass er sich als Mitglied der Kurier-Fahrenden-Szene sieht. Dies zeigt sich darin, dass er von „uns“ spricht, wenn von Kurier Fahrenden die Rede ist (vgl. AFm: 173). In der Regel ist er mit einem Fixed-Gear-Rad unterwegs, welches mit einer Vorderradbremse ausgerüstet ist (vgl. ebenda). Er nimmt sein Fahrrad mit in die Wohnung, wo noch zwei weitere Fahrräder – ein zweites Fixed-Gear- und ein Tourenrad – stehen. Er achtet stets darauf, Fahrradlichter dabei zu haben und trägt einen Fahrradhelm (vgl. AFm: 26). Die beiden dokumentierten Fahrten zeigen drei wesentliche Verhaltensweisen von AFm. Das Fahren mit einer hohen Geschwindigkeit von etwa 30 km/h (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 2), das Bevorzugen der Fahrbahn gegenüber dem Fahren im Seitenraum (vgl. Pullwitt 2013: 11) und den Drang, zügig voranzukommen, was sich durch extrem regelwidriges Verhalten und unkonventionelles Nutzen von Abkürzungen zeigt. AFm ignoriert auf einem kurzen Abschnitt die Radwegbenutzungspflicht (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 2). Bei einer anderen Gelegenheit verlässt er einen Schutzstreifen, um einer kürzeren Fahrlinie zu folgen (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 2). An 25 von 30 Lichtsignalanlagen ignoriert AFm das Rotlicht (vgl. Hinz 2013: Anhang B). Dabei reduziert er die Geschwindigkeit zum Teil nur geringfügig auf 24 km/h (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 2). Bei hohem Querverkehr überquert er zunächst die Haltlinie und fährt bis zur ersten kreuzenden Fahrbahn. Sobald sich hier eine ausreichend große Zeitlücke ergibt, überquert er diese. Gibt es eine zweite zu kreuzende Fahrbahn, wiederholt er das Vorgehen (vgl. Pullwitt 2013: Anlage 2). Oft nutzt er Fußgängerfurten oder ignoriert das Rechtsfahrgebot (vgl. ebenda: Anlage 2). Einmal hält er nur, weil neben ihm ein Polizeifahrzeug auftaucht (vgl. ebenda: 13). AFm nutzt Geh- und Parkwege und fährt querfeldein, meist um Abkürzungen zu nehmen. Dabei reduziert er sein Tempo nur unwesentlich auf ca. 25 km/h (vgl. ebenda: Anlage 2). An einer Stelle fährt er auf einer ca. 20 cm breiten Rampe einer 285
Generierung einer Typologie Treppe hinunter (vgl. ebenda: Anlage 2). Sein Fahrstil deutet auf eine gute Beherrschung des Fahrrads hin. Auf andere Verkehrsteilnehmende nimmt AFm wenig Rücksicht. Vereinzelt behindert er Kfz-Fahrende, Rad Fahrende und zu Fuß Gehende. In einer Situation fährt er eng an Passanten vorbei (vgl. ebenda: Anlage 2). AFm zeigt in der Summe einen Fahrstil, der in der öffentlichen Meinung gerne den „Kampfradlern“ zugeschrieben wird. Ohne Rücksicht auf Regeln oder andere Verkehrsteilnehmende verfolgt er sein Ziel. Damit zeigt er deutliche Parallelen zum Fahrverhalten der „Intuitiven“. Unterschiede sind vor allem in seiner hohen Geschwindigkeit und der vornehmlichen Nutzung der Fahrbahn zu finden. Trotz seines risikoreichen Fahrstils legt auch er Wert auf seine eigene Sicherheit. Dies zeigt er durch das Tragen eines Helms und indem er stets eine Beleuchtung mit sich führt. Für AFm bedeutet das Fahren mit dem Fahrrad vor allem unabhängig von öffentlichen Verkehrsmitteln und ihren systemimmanenten Zeitrestriktionen zu sein (vgl. AFm: 14). Zudem ist er mit dem Fahrrad schneller als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (vgl. ebenda). Das Radfahren hat für ihn aber auch einen sportlichen Aspekt (vgl. ebenda). Findet er keine Zeit zum Radfahren, hat er das Gefühl, dass ihm die Bewegung fehlt (vgl. AFm: 13). Das Besondere bei AFm ist die Vorliebe, sich im Stadtverkehr zu beweisen. Er sucht die Herausforderung und findet Gefallen daran, zu jeder Zeit vollkommen konzentriert zu sein (vgl. AFm: 49). Er ist stolz darauf, dass er Verkehrssituationen richtig einschätzen kann (vgl. AFm: 14). Ihm gefällt, sich im Verkehr zu „schulen“ und sich „auszupowern“ (AFm: 201). Damit verbindet AFm mit dem Fahrrad einen Nutzen, der selbst bei den „Ambitionierten“ selten ist. Der sportliche Aspekt bezieht sich bei AFm nicht nur auf das Fahren mit hoher Geschwindigkeit. Für ihn liegt die Herausforderung auch im geschickten Umgang mit dem Fahrrad innerhalb des Straßenverkehrs. AFm repräsentiert vier wesentliche Charakterzüge der „Ambitionierten“:  Er fährt Fahrrad des Erlebens willen.  Er fährt mit hohem Tempo (> 25 km/h).  Er bevorzugt das Fahren auf der Fahrbahn.  Er hat seiner hohen Fahrgeschwindigkeit entsprechende Ansprüche an die Sicherheit. AFm erreicht gemäß seiner Angaben Durchschnittsgeschwindigkeiten von rund 35 km/h (vgl. AFm: 93). Bei diesen Geschwindigkeiten fühlt er sich auf der Fahrbahn sicherer als auf dem Radweg, da dort jederzeit von den Seiten aus – insbesondere durch zu Fuß Gehende – Gefahr drohe (vgl. AFm: 48). Für die Gewährleistung der Sicherheit legt er Wert auf ein technisch ein286
Homogenität der Typen wandfrei funktionierendes Fahrrad (vgl. AFm: 53) und auf eine gute Beleuchtung, um von den Kfz-Fahrenden gesehen zu werden (vgl. AFm: 26). Zudem ist ihm wichtig, dass er das Fahren auf dem Fahrrad stets gut beherrscht (vgl. AFm: 14). Wenn er in der Stadt fährt, nutzt er alle Sinne. Z. B. hört er beim Radfahren keine Musik (vgl. AFm: 48). So versucht er die Kontrolle zu behalten. Einen anderen Fahrstil wählt er, wenn er außerhalb der Stadt mit dem Rad unterwegs ist (vgl. AFm: 85) oder etwas mit dem Rad transportiert (vgl. AFm: 121). Er fährt dann weniger achtsam bzw. nutzt Radwege und fährt langsamer (vgl. AFm: 85 bzw. 121). AFm fährt gerne auf der Fahrbahn (vgl. AFm: 213). Hauptverkehrsstraßen nutzt er, um schnell voranzukommen (vgl. AFm: 209). Er selbst benötigt keine Radverkehrsanlagen, findet aber Radfahrstreifen in Ordnung, da sie die sicherste Radverkehrsanlage darstellen und den Radverkehr insgesamt attraktiver machen (vgl. AFm: 213). Demgegenüber sieht er Radwege als Gefahrenquellen. Insbesondere von zu Fuß Gehenden werden diese oft nicht wahrgenommen (vgl. AFm: 46). Darüber hinaus werden Rad Fahrende auf Radwegen auch von Kfz-Fahrenden häufig übersehen (vgl. AFm: 48). Die geringen Abstände, wenn Kfz-Fahrende AFm auf der Fahrbahn überholen, machen ihm nicht mehr viel aus (vgl. AFm: 48). Trotzdem hat auch für ihn die Fahrbahnnutzung seine Grenzen. Insbesondere in den Außenbezirken von Berlin seien die Kfz-Fahrenden rücksichtsloser und würden besonders schnell fahren (vgl. AFm: 233). Am Beispiel AFm lässt sich die Wirkung der unterschiedlichen Differenzgeschwindigkeiten gut verdeutlichen. Zu Fuß Gehende stellen im kleinräumigen Stadtverkehr das stärkere Konfliktpotenzial dar. Demgegenüber wird der Kfz-Verkehr erst dann bedrohlich, wenn seine Geschwindigkeiten zunehmend höher werden. AFm gehört zu den „Ambitionierten“, die einen selbstbezogenen Fahrstil zeigen. AFm ist sich bewusst, dass er viele Regeln missachtet und deswegen von vielen als rücksichtslos wahrgenommen wird (vgl. AFm: 93). Er ist aber der Meinung, dass er niemanden einschränkt oder gefährdet (vgl. AFm: 153). Dabei findet er die bestehenden Regeln zum großen Teil richtig (vgl. AFm: 125). In einigen Bereichen spricht er von einer Überregulierung, was vor allem die Ausstattung von Fahrrädern betrifft (vgl. AFm: 47). Durch häufige Kontrollen seines Fahrrads132 fühlt er sich von der Polizei „fast 132 Fixed-Gear-Räder standen zu einer bestimmten Zeit besonders im Fokus von Polizeikontrollen, da viele dieser Räder aufgrund fehlender Bremsen als nicht verkehrssicher eingeschätzt werden. 287
Generierung einer Typologie schon diskriminiert“ (ebenda). Seine Rotlichtverstöße begründet er mit der Anforderung, schnell vorankommen zu wollen (vgl. AFm: 48). Das Fahren auf Radverkehrsanlagen entgegen der vorgeschrieben Fahrtrichtung hält er für äußerst gefährlich und vermeidet dies daher. Falls es doch einmal notwendig wird, fährt er eher auf der Fahrbahn entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung (vgl. AFm: 157). Auf Gehwegen passt er seine Geschwindigkeit dem Fußverkehr an (vgl. ebenda). Diese Aussage steht allerdings im Widerspruch zu den Aufnahmen von seinen Fahrten (s. o.). Nach AFm sind Verkehrsregeln dazu da, um den Verkehr zu strukturieren. Für sein eigenes Fortkommen sind sie allerdings ohne Wert. Demzufolge ignoriert er die Regeln weitgehend und ersetzt sie durch eine eigene Rechtsnorm. Seine Ausführungen zur Rücksicht machen die Dehnbarkeit des Begriffs deutlich. Welches Verhalten als rücksichtsvoll empfunden wird, hängt vom Betrachtenden ab. 9.4. Externe Heterogenität der Typen Ein Anspruch an die Typenbildung ist es, dass sich die Fälle innerhalb der Typen möglichst ähnlich sind (Homogenität) und dass sich die den unterschiedlichen Typen zugeordneten Fälle möglichst stark voneinander unterscheiden (Heterogenität). In diesem Kapitel wird die Heterogenität der Typen nachgewiesen. Dabei wird nacheinander jeder Typus einem anderen Typus gegenübergestellt.133 Typus „Gelassene“ versus Typus „Vernünftige“ Der entscheidende Unterschied zwischen den „Gelassenen“ und den „Vernünftigen“ besteht in den leitenden Anforderungen und dem besonders vorsichtigen Fahrverhalten der „Gelassenen“. Während die „Vernünftigen“ vor allem schnell ihr Ziel erreichen wollen, ist für die „Gelassenen“ die generelle Wegbewältigung entscheidend. Entweder ist das Genießen der Fahrt wichtiger oder beim Kindertransport wird auf eine sichere Erreichung des Ziels Wert gelegt. Eine gemeinsame Anforderung beider Typen ist die Vermeidung einer zu großen Nähe zum KfzVerkehr. Während die „Vernünftigen“ aber trotzdem zügig vorankommen wollen und eine Führungsform fordern, die eine relativ hohe Fahrgeschwin133 Dieses Vorgehen wird von Kelle und Kluge empfohlen (vgl. Kelle und Kluge 2010: 91). 288
Externe Heterogenität der Typen digkeit zulässt, sind die „Gelassenen“ bereit, Strecken zu nutzen, die mit nur geringen Fahrgeschwindigkeiten bewältigt werden können, wie z. B. gemeinsame Geh- und Radwege. Beiden Typen ist die Sicherheit wichtig. Bei den „Gelassenen“ äußert sich dies durch einen defensiven Fahrstil, der vor allem auf eine eigene Kontrolle über die Situation setzt. Die „Gelassenen“ erreichen dies, indem sie Strecken nutzen, bei denen sie die Kontrolle innehaben. Diese Strecken liegen oft im Seitenraum oder in Nebenanlagen. Mit einem vorsichtigen Fahrstil – langsames Fahren mit der Bereitschaft, im Zweifel anzuhalten – entschärfen sie mögliche Konflikte. Die „Vernünftigen“ gehen durch ihre höhere Geschwindigkeit ein höheres Risiko ein und sind damit eher dem Verhalten anderer ausgeliefert. Bessere Sichtbeziehungen und eine Trennung vom Fußverkehr sollen Konflikte vermeiden helfen. Während sich die „Vernünftigen“ in fast allen Fallgruppen – außer bei denen mit Kindern – des Stichprobenplans finden lassen, ist bei den „Gelassenen“ ein starker Bezug zu Kindern festzustellen. Möglicherweise liegt das daran, dass es „Vernünftigen“ schwerfällt, tägliches Radfahren mit den Erfordernissen von Kindern zu verbinden. Typus „Gelassene“ versus Typus „Intuitive“ Zur maßgeblichen Unterscheidung von „Gelassenen“ und „Intuitiven“ müssen auch hier die leitenden Anforderungen und der Fahrstil herangezogen werden. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Typen entsprechen bezüglich der leitenden Anforderungen den Unterschieden zwischen den „Gelassenen“ und den „Vernünftigen“ (s.o.). Hinsichtlich des Fahrstils ist der Unterschied zwischen den „Gelassenen“ und den „Intuitiven“ größer als zwischen den „Gelassenen“ und den „Vernünftigen“. Der Fahrstil der „Intuitiven“ ist risikoreicher. Im Gegensatz zu den „Gelassenen“ haben die „Intuitiven“ nahezu keine Berührungsängste gegenüber dem Kfz-Verkehr, wenn es darum geht, zügig voranzukommen. So nutzen sie unter Umständen auch bei hohen Kfz-Verkehrsstärken die Fahrbahn, wenn sie dadurch – z. B. beim Linksabbiegen – Zeit sparen können. Zumindest die subjektive Sicherheit wird dann der leitenden Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ untergeordnet. Nur ein Teil der „Gelassenen“ hält sich stark an die Verkehrsregeln. Der andere Teil verstößt ähnlich häufig gegen Regeln wie die „Intuitiven“. Der Unterschied liegt in den Schwerpunkten. „Gelassene“ verstoßen vor allem gegen Regeln, wenn sie versuchen, dem Mischverkehr in Hauptverkehrs289
Generierung einer Typologie straßen auszuweichen. Bei den „Intuitiven“ liegt der Schwerpunkt der Regelmissachtungen bei Rotlichtverstößen. Tendenziell fahren „Intuitive“ auf Gehwegen schneller und rücksichtsloser als „Gelassene“. Typus „Gelassene“ versus Typus „Ambitionierte“ Der Unterschied zwischen den „Gelassenen“ und den „Ambitionierten“ zeigt sich sowohl in den leitenden Anforderungen als auch in dem defensiven versus offensiven Fahrstil. Neben dem puren Transportvorgang ist den „Gelassenen“ ein entspanntes Radfahren wichtig. Das „Erleben“ beim Radfahren wird geschätzt. „Erleben“ ist auch den „Ambitionierten“ wichtig. Der Schwerpunkt liegt bei Ihnen allerdings bei der sportlichen Auslebung des Radfahrens, während den „Gelassenen“ eine ruhige, Kfz-freie Umgebung und gute Luft eher wichtig sind. Im Ergebnis ist die Fahrgeschwindigkeit zwischen diesen beiden Typen sehr unterschiedlich. Die Differenz kann 20 km/h und mehr betragen. Demzufolge haben die „Gelassenen“ geringe Schwierigkeiten, auch von zu Fuß Gehenden frequentierte Räume zu nutzen. Die „Ambitionierten“ bevorzugen eher Räume, die sie mit hoher Fahrgeschwindigkeit nutzen können. Dies ist im verdichteten städtischen Raum die Fahrbahn. Kfz-Verkehr wird von den „Ambitionierten“ eher in Kauf genommen. „Gelassene“ meiden diesen. Die unterschiedlichen Fahrgeschwindigkeiten, mit denen die beiden Typen unterwegs sind, spiegeln sich auch in den genutzten Fahrrädern wider. Die mit für hohe Fahrgeschwindigkeiten ausgelegten Komponenten ausgestatteten Räder der „Ambitionierten“ stehen Rädern der „Gelassenen“ gegenüber, die für einen möglichst bequemen und praktischen Transport – abgesenktes Oberrohr bzw. Kindersitz – ausgerichtet sind. Beide Typen verfolgen unterschiedliche Strategien, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Den „Gelassenen“ ist die Sicherstellung der eigenen Kontrolle über die Situation sehr wichtig. So meiden sie Situationen, bei denen sie anderen Verkehrsteilnehmenden ausgeliefert sind. Dies bedeutet, dass sie den Kfz-Verkehr meiden und sich bei unklaren Situationen zurücknehmen und auf ihr Recht verzichten. Ihr Fahrstil ist defensiv. Aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit geben die „Ambitionierten“ einen Teil ihrer Kontrolle ab. Allein mit ihrer Bremsbereitschaft können nicht mehr alle Konflikte entschärft werden. Unklare Situationen sollen vermieden werden, indem sie für den Kfz-Verkehr jederzeit gut sichtbar sind. Das Fahren auf der Fahrbahn wird zur Überlebensstrategie. Hierfür wird das eigene Recht, auf der Fahrbahn fahren zu dürfen, durchgesetzt. Der Fahrstil der „Ambitionierten“ ist offensiv. 290
Externe Heterogenität der Typen Die „Ambitionierten“ finden sich in allen Lebensphasen der Rad Fahrenden, während männliche „Gelassene“ nur bei den Männern mit Kindern zu finden sind. Dabei ist im Laufe der Zeit ein Wechsel zwischen diesen beiden Typen möglich. Seinen Erzählungen nach könnte ADm in seinen jüngeren Jahren, in der Zeit vor den Kindern, zu den „Ambitionierten“ gehört haben. Der Fall Zm wiederum zeigt, dass auch Radfahrer mit Kindern zum Typus „Ambitionierte“ gehören können. Folglich sind vorhandene Kinder kein alleiniger Erklärungsgrund. Typus „Vernünftige“ versus Typus „Intuitive“ Im Gegensatz zu den anderen Vergleichspaaren, haben die „Vernünftigen“ und „Intuitiven“ ähnliche Anforderungen. Beide haben eine mittlere Fahrgeschwindigkeit und wollen unabhängig vom Kfz- wie Fußverkehr auf eigenen Radverkehrsanlagen geführt werden. Der vornehmliche Unterschied zwischen diesen beiden Typen besteht in dem Fahrstil. Zudem legen die „Vernünftigen“ mehr Wert auf eine sichere Abwicklung des Verkehrs. Der von den Fällen der beiden Typen gezeigte gegensätzliche Fahrstil, macht eine Trennung zwingend notwendig. Während die „Vernünftigen“ ein weitestgehend den Regeln folgendes Verhalten zeigen, nutzen die Rad Fahrenden des Typs „Intuitive“ die Infrastruktur stets in der Art, die für sie hinsichtlich des schnellen Vorankommens am sinnvollsten erscheint. Regeln spielen für die „Intuitiven“ eine nur untergeordnete Rolle. Da den Rad Fahrenden beider Typen die schnelle Zielerreichung die vordringlichste Anforderung ist, bestehen die Gründe für den unterschiedlichen Fahrstil in den Einstellungen. Die „Vernünftigen“ halten Regeln für wichtig. Diese sind dazu da, um die Sicherheit zu gewähren, wobei auch den „Vernünftigen“ klar ist, dass dies nicht immer funktioniert. Demgegenüber fühlen sich die „Intuitiven“ nicht zwingend an Regeln gebunden. Ihrer Meinung nach ist die Rücksichtnahme der Verkehrsteilnehmenden untereinander wichtiger als das Bestehen auf Regeln. Laut den Aussagen in den Interviews ist allen Rad Fahrenden die Sicherheit sehr wichtig. Gemessen an dem beobachteten wie geschilderten Fahrverhalten wird deutlich, dass der Stellenwert der Sicherheit bei den „Intuitiven“ geringer als bei den „Vernünftigen“ ist. Dies spiegelt sich auch in der Sicherheitsausstattung wider. Keine der „Intuitiven“ trägt im Gegensatz zu den „Vernünftigen“ einen Fahrradhelm. Die Lichtanlagen der Fahrräder der „Intuitiven“ entsprechen nicht dem neuesten Standard, während der überwiegende Teil der Fahrräder der „Vernünftigen“ mit einem Nabendynamo ausgestattet ist. 291
Generierung einer Typologie Tendenziell sind die „Intuitiven“ jünger als die „Vernünftigen“. Womöglich hängt dies damit zusammen, dass mit höherem Alter und dem damit verbundenen höheren Erfahrungsschatz, Verkehrssituationen anders eingeschätzt werden und sich die Risikobereitschaft ändert. Wahrscheinlich ist auch, dass die Rad Fahrenden mit zunehmendem Alter ruhiger werden, und die Anforderung, das Ziel auf dem schnellsten Weg zu erreichen, einen geringeren Stellenwert einnimmt. Typus „Vernünftige“ versus Typus „Ambitionierte“ Die Unterschiede zwischen den „Vernünftigen“ und den „Ambitionierten“ bestehen in den leitenden Anforderungen und im defensiven wie offensiven Fahrstil. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die leitenden Anforderungen kaum. Beide Typen legen Wert auf Schnelligkeit. Die „Vernünftigen“ möchten ihr Ziel schnell erreichen. Dafür versuchen sie ihren Weg möglichst zügig zurückzulegen. Demgegenüber ist es den „Ambitionierten“ wichtig, eine möglichst hohe Fahrgeschwindigkeit zu erreichen. Der größere Unterschied zwischen den beiden Typen findet sich in den Anforderungen, die hinter den leitenden Anforderungen stehen. Den „Vernünftigen“ dient das Fahrrad in erster Linie als Transportmittel. Für die „Ambitionierten“ ist das Fahrrad auch ein Sportgerät. Darüber hinaus fühlen sie sich stärker mit ihren Fahrrädern verbunden. Das Erleben bei der Fahrradfahrt ist ihnen oft wichtiger als das pure Erreichen des Fahrtziels. Dies schlägt sich auch in der Ausstattung nieder. „Ambitionierte“ verzichten auf gewichtsintensives Zubehör. Oft fehlen praktische Teile wie Schutzbleche und Gepäckträger. Statt eines Nabendynamos werden batterie- oder akkubetriebene Stecklichter mitgeführt. Als eine Auswirkung der leitenden Anforderungen entwickeln sich unterschiedliche Anforderungen an das Verkehrssystem. Mit ihrer hohen Fahrgeschwindigkeit gelingt es den „Ambitionierten“ – zumindest in der Innenstadt – gegenüber der Geschwindigkeit der Kraftfahrzeuge mitzuhalten. Damit wirkt das Fahren auf der Fahrbahn weniger gefahrvoll. Demgegenüber fühlen sich „Vernünftige“ auf für sie reservierte Verkehrsanlagen wohler. Diese Anforderungen spiegeln sich im Fahrstil wider. Gemäß ihren Anforderungen nutzen „Ambitionierte“ bevorzugt die Fahrbahn und zeigen damit eine Pkw-orientierte Fahrweise, die wiederum dem offensiven Fahrstil zugeordnet ist. Der Fahrbahnbezug erscheint vielen anderen Rad Fahrenden als risikoreich. „Vernünftige“ zeigen daher ein eher vorsichtiges Fahrverhalten und vermeiden den Kfz-Verkehr. 292
Ergebnisse der Typologie Typus „Intuitive“ versus Typus „Ambitionierte“ Hinsichtlich der Anforderungen sind die Unterschiede zwischen den „Intuitiven“ und den „Ambitionierten“ ähnlich denen zwischen den „Vernünftigen“ und den „Ambitionierten“. Größere Unterschiede gibt es beim Fahrverhalten. So ist der Fahrstil bei den „Intuitiven“ eher offensiv. Dies drückt sich vor allem darin aus, dass „Intuitive“ beim Radfahren hohe Risiken eingehen. Was sich bei den „Ambitionierten“ in der hohen Fahrgeschwindigkeit und der Pkw-Orientierung niederschlägt, zeigt sich bei den „Intuitiven“ durch den zum Teil abrupten Wechsel der Führungsform. Die „Intuitiven“ setzen ihre leitende Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ radikal um. So versuchen die „Intuitiven“ die hohe Geschwindigkeit der „Ambitionierten“ auszugleichen, indem sie jede legale oder illegale Gelegenheit nutzen, um zügig voranzukommen. Ein Verhalten, das auch bei einigen der „Ambitionierten“ zu beobachten ist. Diese kombinieren die leitende Anforderung „Hohes Tempo“ mit der Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ – gleichbedeutend mit „möglichst wenig aufgehalten zu werden“ – und ordnen diesen Anforderungen die Regeleinhaltung unter. Damit bilden sie hinsichtlich ihrer Einstellungen zu den Regeln das männliche Äquivalent zu den ausschließlich weiblichen „Intuitiven“. Dass diese „Ambitionierten“ dennoch nicht den „Intuitiven“ zuordenbar sind, liegt in den unterschiedlichen Präferenzen bei der Wahl der Führungsform begründet. Die „Ambitionierten“ bevorzugen das Fahren auf der Fahrbahn, während die „Intuitiven“ eher den Kfz-freien Raum nutzen. 9.5. Ergebnisse der Typologie Im Ergebnis der Typologie bestehen vier Typen von Rad Fahrenden, deren Hauptverkehrsmittel das Fahrrad ist. Die Typologie gilt für den Alltagsverkehr im verdichteten städtischen Raum und ist auf Berlin begrenzt. Der Typenbildung liegen die Anforderungen und der Fahrstil der Rad Fahrenden zugrunde. Die Typen werden als „Gelassene“, „Vernünftige“, „Intuitive“ und „Ambitionierte“ bezeichnet. Als leitende Anforderungen konnten eine Zweckorientierung und eine Orientierung auf das Radfahren als Erlebnis herausgearbeitet werden. Die Zweckorientierung besteht in erster Linie aus der Anforderung, das Fahrtziel möglichst schnell zu erreichen („Vernünftige“ und „Intuitive“). Beim Radfahren als Erlebnis liegt der Fokus auf einen sportlichen Aspekt, indem eine möglichst hohe Fahrgeschwindigkeit erreicht werden soll („Ambitionierte“), 293
Generierung einer Typologie und auf ein möglichst genussvolles Fahren, bei dem neben der Bewegung auch die Umgebung – Ruhe, gute Luft – wichtig ist („Gelassene“). Diese leitenden Anforderungen schlagen sich auf die gefahrenen Geschwindigkeiten nieder. Die „Gelassenen“ fahren eher langsam, die „Vernünftigen“ und „Intuitiven“ zeigen eine mittlere Fahrgeschwindigkeit, und die „Ambitionierten“ sind sehr schnell unterwegs. Sowohl der Kraftfahrzeugverkehr als auch der Fußverkehr sind mit dem Radverkehr nur begrenzt verträglich. Je nach gefahrener Geschwindigkeit wird eine bestimmte Nähe zu den anderen Verkehren akzeptiert. Die „Gelassenen“ bevorzugen die Nähe zum Fußverkehr, die „Vernünftigen“ und „Intuitive“ benötigen sowohl zum Kfz- als auch zum Fußverkehr einen gewissen Abstand, während sich die „Ambitionierten“ am ehesten mit dem Kraftfahrzeugverkehr arrangieren können. Die Unterscheidung zwischen den „Vernünftigen“ und den „Intuitiven“ fußt vor allem auf dem unterschiedlichen Fahrstil der beiden Typen. Der hohen Regeleinhaltung durch die „Vernünftigen“ steht der – dem zügigen Vorankommen unterworfene – Fahrstil der „Intuitiven“ gegenüber. Dabei stellt sich die Frage, warum die beiden Typen sich trotz eines ähnlichen Erfahrungs- und Anforderungshintergrunds so stark unterscheiden. Der Einfluss der Lebensphase scheint ein Grund zu sein. Inwiefern auch andere tiefergehende Normen und Einstellungen eine Rolle spielen, kann anhand der vorliegenden Daten nicht ermittelt werden. Der Fahrstilunterschied zwischen den „Gelassenen“ und den „Ambitionierten“ zeigt sich dahingehend, dass die „Gelassenen“ defensiv unterwegs sind und eher auf das eigene Recht verzichten, als sich zu gefährden, während die „Ambitionierten“ einen offensiven Fahrstil pflegen. Die Typologie und die Lebensphasen hängen voneinander ab. Radfahrer (Typus „Ambitionierte“) nutzen das Fahrrad in ihrer Alltagsmobilität eher als Sportgerät als Radfahrerinnen. Dennoch gibt es zu denjenigen „Ambitionierten“, die selbstbezogen unterwegs sind, ein weibliches Äquivalent. Die zumindest in dieser Stichprobe ausschließlich weiblichen „Intuitiven“ zeigen einen ähnlichen Fahrstil, indem sie ebenfalls die Regeleinhaltung dem schnellen Vorankommen unterordnen. Mit zunehmendem Alter nimmt die Regeleinhaltung allerdings zu, und es werden weniger Risiken eingegangen (Typus „Vernünftige“ und innerhalb des Typus „Ambitionierte“). Die Anforderungen verschieben sich mit der Folge, dass die Sicherheit wichtiger wird und die Anforderung „Zügiges Erreichen des Ziels“ dahinter zurücktritt. Rad Fahrende im Alter zwischen 30 und 44 Jahren mit Kindern gehören mehrheitlich dem Typus der „Gelassenen“ an. Dem einzigen Typus, der so 294
Ergebnisse der Typologie stark mit einer Lebensphase verbunden ist. Diese Verknüpfung birgt zwei Fragen. Warum ist der Typus der „Gelassenen“ so stark mit dieser Lebensphase verbunden und warum konnte weder der Typus der „Vernünftigen“, noch der Typus der „Intuitiven“ mit dieser Lebensphase verknüpft werden? Die starke Präsenz des Typus „Gelassene“ könnte zum einen damit zusammenhängen, dass Personen sich im Straßenverkehr vorsichtiger Verhalten, sobald sie für Kinder verantwortlich sind. Eine andere Erklärung ist, dass Kinder bzw. deren Wege nicht zu einem zweckorientierten zügigen Einsatz des Fahrrads passen. D. h. ein Teil der „Vernünftigen“ und „Intuitiven“ geben, wenn die Kinder im Kleinkind- oder Grundschulalter sind, das Radfahren auf oder reduzieren zumindest den Einsatz des Rades, so dass sie aus dem Feld derer, die das Rad als Hauptverkehrsmittel nutzen, herausfallen. In der Folge werden die „Gelassenen“ der vorherrschende Typus in dieser Lebensphase. Neben der starken Verknüpfung mit Kindern, fällt bei den „Gelassenen“ der defensive, fast ängstliche Fahrstil und die leitende Anforderung, die Fahrradfahrt genießen zu wollen, auf. Die Frage ist, warum tritt ein defensiver Fahrstil und die leitende Anforderung „Entspannt“ nur bei den „Gelassenen“ auf? Und aus dieser Fragestellung resultierend, warum gibt es keine Rad Fahrenden mit defensivem Fahrstil und der Anforderung „Hohes Tempo“? Folgende Erklärung ist denkbar: Ein zu großer Respekt vor dem KfzVerkehr und schnelles Vorankommen schließen sich – zumindest in Berlin – derzeit aus. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Personen, die das Rad als schnelles Verkehrsmittel im Alltag nutzen wollen, denen aber das Radfahren im Berliner Straßenverkehr zu gefährlich ist, von der Radnutzung ausgeschlossen werden. Die von den Rad Fahrenden empfundene Verkehrssicherheit, das Verkehrssystem und das Fahrverhalten hängen voneinander ab. Die Rad Fahrenden verfolgen unterschiedliche Strategien, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Dafür nehmen sie in Abhängigkeit von der gewählten Strategie und dem vorhandenen Verkehrssystem bestimmte Arten von Regelverstößen in Kauf. Den generierten Typen lassen sich folglich unterschiedliche Sicherheitsstrategien, Regelverstöße und verursachende Probleme des Verkehrssystems zuordnen (Tabelle 53). Die Sicherheitsstrategie der „Gelassenen“ besteht darin, eine Abhängigkeit von anderen Verkehrsteilnehmenden möglichst zu vermeiden. Im Umgang mit dem Kfz-Verkehr bedeutet dies, dass die gemeinsame Nutzung von Verkehrsflächen gemieden wird. Da ein für die „Gelassenen“ ausreichender 295
Generierung einer Typologie Abstand zum Kfz-Verkehr durch das aktuelle Verkehrssystem häufig nicht gewährleistet wird, weichen die „Gelassenen“ auf den Gehweg aus. SicherheitsTypus strategie Gelassene Vermeidung des Ausgeliefertseins Vernünftige Regelbeachtung Intuitive Ambitionierte Sichtbarkeit typische Regelverstöße Gehwegnutzung Rotlichtverstoß Fahrbahnnutzung Probleme des Verkehrssystems Nähe zum KfzVerkehr Umwege Wegebreiten (Eigene Darstellung) Tabelle 53: Verhältnis der Typen zum Verkehrssystem Die „Vernünftigen“ versuchen die Konfliktwahrscheinlichkeit gering zu halten, indem sie sich weitestgehend an die Verkehrsregeln halten. Mit der Regeleinhaltung ist auch ihr gesamter Fahrstil an das Verkehrssystem angepasst. Ihre Regelverstöße haben oft nur Bagatellcharakter. Da aber auch sie wissen, dass eine Regeleinhaltung keinen hundertprozentigen Schutz bietet, legen sie Wert auf eine entsprechende Sicherheitsausstattung. Dies spiegelt sich z. B. in einer hohen Helmtragequote wider. Bei den „Intuitiven“ lässt sich keine bestimmte Sicherheitsstrategie ausmachen. Das auf den Kfz-Verkehr konzentrierte Verkehrssystem in Berlin, bietet dem Radverkehr auf den vorgeschriebenen Wegen nur selten die Möglichkeit, zügig und auf schnellstem Weg das Fahrtziel zu erreichen. An Knoten oder am Ziel sind Umwege besonders oft notwendig. In der Folge fahren „Intuitive“ besonders häufig bei Rot – u. a., um die Fußgängerfurt zu nutzen – oder befahren Radwege entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung. Aufgrund ihrer hohen Fahrgeschwindigkeit benötigen die „Ambitionierten“ breite Schutz- und Radfahrstreifen, um einen ausreichend großen Sicherheitsabstand gegenüber parkenden Kraftfahrzeugen einhalten und andere Rad Fahrende bequem überholen zu können. In Berlin erfüllen diese Anforderungen erst wenige Straßenzüge. Darüber hinaus werden Radwege, da sie in der Regel nah an den Gehbereichen geführt werden, von fast allen „Ambitionierten“ abgelehnt. In der Folge nutzen „Ambitionierte“ die Fahrbahn, auch wenn Rad Fahrende dort nicht zugelassen sind. Hinsichtlich ihrer Sicherheit vertrauen die „Ambitionierten“ darauf, dass sie durch ihre Fahr296
Ergebnisse der Typologie bahnnutzung gut von den Kfz-Fahrenden gesehen und wahrgenommen werden. Diese Zusammenstellung zeigt, wie wenig das aktuelle Verkehrssystem den Anforderungen der Rad Fahrenden entspricht. Am ehesten scheint das System den „Vernünftigen“ zu genügen, doch auch sie sind mit dem Verkehrssystem unzufrieden. Letztlich trauen selbst sie dem System und seinen Regeln keine halbwegs verlässliche Gewährleistung der Sicherheit zu. In der Folge ist bei allen Typen ein gewisser Grad an Eigenmaßstäblichkeit festzustellen. Sie legen selbst fest, welche Regeln sie zur Gewährleistung ihrer Sicherheit für wichtig erachten und einhalten und welche Regeln umgangen werden können. Die Regeleinhaltung wird durch Verhaltensweisen wie Rücksichtnahme und eine erhöhte Aufmerksamkeit ersetzt. Das Fahrverhalten wird aber auch von der aktuellen Verkehrssituation beeinflusst. Insbesondere der „Druck der Straße“ – hohes Kfz-Verkehrsaufkommen mit überhöhten Geschwindigkeiten und geringem Überholabstand – hat einen Einfluss. In Extremsituationen ziehen sogar „Vernünftige“ und „Ambitionierte“ den Gehweg der Fahrbahn vor. Letztlich wird deutlich, dass ein anforderungsgerechteres und vor allem subjektiv sichereres Verkehrssystem einen wesentlichen Beitrag leistet, die Regeleinhaltung Rad Fahrender zu verbessern. Entsprechende Maßnahmen werden in Kapitel 10.2 vorgeschlagen. Darüber hinaus ist wichtig, dass nicht nur Rad Fahrende die spezifischen Radverkehrsregeln beherrschen. Diese Kenntnisse sollten alle Verkehrsteilnehmenden haben. Nur so können Sanktionierungen durch Verkehrsteilnehmende, die oft einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr bedeuten, verhindert werden. 297

10. Ergebnisse und Schlussfolgerungen Zum Abschluss dieser Arbeit sollen die Forschungsergebnisse anhand der Leit- und Forschungsfragen (Kapitel 4.5) bewertet werden. Es wird in Kapitel 10.1 zusammenfassend dargelegt, welche Antworten schlussendlich auf die Fragen gefunden wurden. Neben der Beantwortung der Forschungsfragen ist ein wesentliches Ziel dieser Arbeit, Verbesserungsmöglichkeiten des Systems Radverkehr aufzuzeigen und einen Vorschlag für zukünftige Radverkehrsplanungen zu machen. Dem wird im Kapitel 10.2 entsprochen. Eine Rückschau auf die verwendeten Methoden soll zum einen die Gültigkeit dieser Arbeit belegen und zum anderen der Forschungsgemeinschaft Hinweise für eigene Forschungsansätze geben (Kapitel 0). Ein Blick auf die Fragen, die entweder nicht beantwortet werden können oder sich aus dieser Arbeit neu stellen, rundet diese Arbeit schließlich ab (Kapitel 10.3). 10.1. Ergebnisse Die Ergebnisse dieser Arbeit werden anhand der Forschungsfragen zusammenfassend dargestellt. Die Forschungsfragen gliedern sich in die vier Bereiche Anforderungen, Fahrverhalten, Wirkungszusammenhang und Typologie. Anforderungen – Anforderungsgefüge In der Forschung gelten die Anforderungen „Sicherheit“, „Schnelligkeit“ und „Kurze Distanzen“134 als die entscheidenden Anforderungen, um Rad Fahrende zu unterscheiden und ihre Wegewahl zu erklären. Die zentrale Bedeutung der Sicherheit (Subkategorie „Sicherheit“) und der Schnelligkeit (Subkategorie „Zeitersparnis“) werden auch in dieser Arbeit bestätigt. Darüber hinaus zeigt sich aber auch, dass das Erleben beim Radfahren (Subkategorie „Erleben“) eine wichtige Komponente darstellt, die in bisherigen Forschungen nicht berücksichtigt wurde. Die Aspekte, dass Radfahren auch im Alltagsgebrauch dazu dient, sich sportlich zu betätigen oder zu entspan134 Krause nennt die drei Anforderungen „Sicherheit“, „Schnelligkeit“ und „Kurze Distanzen“ (vgl. Krause 1984: 99). Parkin et al. nennen „Zeit“ und „Sicherheit“ (vgl. Parkin et al. 2007: 77). 299
Ergebnisse und Schlussfolgerungen nen (Feinkategorien „Sport“ und „Entspannung“), werden in der Forschung ebenfalls bisher nicht gesehen. Dabei stellen gerade diese Anforderungen besonders wichtige Qualitäten des Radfahrens dar. Denn gerade in diesen Punkten ist das Verkehrsmittel Fahrrad in der Stadt zumindest aus Sicht der Rad Fahrenden den anderen Verkehrsmitteln deutlich überlegen. Während Umwegfahrten von Rad Fahrenden im Alltagsverkehr bisher ausschließlich mit Sicherheitsüberlegungen begründet werden (vgl. Conrad 1995: 203), kann jetzt aufgrund der in dieser Arbeit dargelegten Erkenntnisse nachgewiesen werden, dass Umwege auch aus Gründen von „Erlebens“-Aspekten gewählt werden. Die Anforderung „Erleben“ ist der Anforderung „Zeitersparnis“ mindestens gleichgestellt. Das Thema Sicherheit wird in anderen Forschungen oft zu den anderen Anforderungen ins Verhältnis gesetzt, z. B. sei das schnelle Vorankommen einem Teil der Rad Fahrenden wichtiger als die eigene Sicherheit (vgl. Zimber 1995: 21). Bei den Analysen dieser Arbeit wird dagegen deutlich, dass die Sicherheit allen Rad Fahrenden ein hohes Gut ist. Es ist fraglich, ob es gegenüber dem Sicherheitsbedürfnis angemessen ist, dieses ins Verhältnis zu anderen Anforderungen zu setzen. Mit Hilfe der Typologie können die unterschiedlichen Sicherheitskonzepte der Rad Fahrenden aufgezeigt werden. Während die „Gelassenen“ das „Ausgeliefertsein“ und damit die Nähe des Kfz-Verkehrs meiden, suchen die „Ambitionierten“ geradewegs den Kontakt zum Kfz-Verkehr, um nicht übersehen zu werden. Während die „Vernünftigen“ ihr Heil, trotz aller Mängel und Vorbehalte, in der Regeleinhaltung suchen, haben die „Intuitiven“ das Vertrauen in die Regeleinhaltung verloren und folgen ihren eigenen Gesetzen. Das schnelle Fortkommen wird der Regeleinhaltung – aber nicht unbedingt der Sicherheit – übergeordnet. Die Sicherheitskonzepte fußen folglich auf den unterschiedlichen Anforderungen der Rad Fahrenden. Die „Gelassenen“ wollen entspannt Rad fahren, die „Ambitionierten“ wollen sich sportlich betätigen und die „Vernünftigen“ und „Intuitiven“ wollen ihre Ziele zügig erreichen. Es konnte gezeigt werden, dass die Rad Fahrenden mehr oder weniger in die Eigenmaßstäblichkeit getrieben werden. Das Verkehrssystem wird ihrem Sicherheitsbedürfnis nicht gerecht. Mit dem ermittelten Anforderungsgefüge können die Anforderungen der Rad Fahrenden (z. B. „Radfahrstreifen“) auf ursprüngliche Anforderungen, wie z. B. „Unversehrtheit“ und „Schnell von A nach B kommen“, zurückgeführt und damit erklärt werden. Mit Hilfe dieses Gefüges ist es nicht nur möglich, die Rad Fahrenden besser zu verstehen, es eröffnet vielmehr die 300
Ergebnisse Möglichkeit, bereits bei ihren ursprünglichen Anforderungen anzusetzen bzw. die Umsetzung entsprechender Maßnahmen zu priorisieren. Die größte Erklärungskraft hinsichtlich der Zusammenhänge innerhalb des Anforderungsgefüges hat die Fahrgeschwindigkeit. Je höher die eigene Fahrgeschwindigkeit ist, desto weniger wird der fließende Kfz-Verkehr als Gefahr wahrgenommen. Dieser Zusammenhang beeinflusst das Sicherheitskonzept und damit auch das Fahrverhalten der Rad Fahrenden. Anforderungen – Einflüsse Die Einflüsse auf die Anforderungen der Rad Fahrenden sind vielfältig. Primär werden die Anforderungen von den Erwartungen beeinflusst. Auf der einen Seite stehen die positiven Erwartungen, die sich in den Qualitäten der Rad Fahrenden wiederfinden. Zum Beispiel die Erwartung/Qualität mit dem Fahrrad schnell unterwegs sein zu können. Die Anforderungen zielen darauf ab, diese Qualität einzufordern. Auf der anderen Seite stehen Handlungserwartungen. Zum Beispiel führt die Erwartung, dass sich Autotüren unvermittelt öffnen können, zu der Anforderung, mit einem großen Sicherheitsabstand an Kraftfahrzeugen vorbeigeführt zu werden. Damit wird klar, dass die Erwartungen sowohl von positiven also auch von Konflikterfahrungen beeinflusst werden. Die Einstellungen wiederum werden ebenfalls von den Erfahrungen bestimmt und spielen bei der Gestaltung der Anforderungen eine Rolle. Bisher gibt es keine Modelle,135 die die Anforderungen der Rad Fahrenden dezidiert betrachten. In dieser Arbeit werden die Anforderungen der Rad Fahrenden erstmals in den Kontext von Erfahrungen, Einstellungen, Erwartungen und der Verhaltensabsicht gestellt. Damit wird gezeigt, dass die Anforderungen der Rad Fahrenden veränderbar sind. So können positive Erfahrungen bzw. das Fehlen von Konflikterfahrungen dazu führen, dass sich die Anforderungen der Rad Fahrenden wandeln.136 Dadurch hat die 135 136 In bisherigen Arbeitsmodellen (fußend auf der Theorie des geplanten Verhaltens) werden Anforderungen oder Qualitäten des Radfahrens nicht berücksichtigt (vgl. Kapitel 3.2.1 und Alrutz et al. 2009: 89). In den Niederlanden gibt es Beispiele von Radfahrstreifen, die relativ schmal sind und nur einen geringen Abstand zu den parkenden Kfz aufweisen. Nach Auskunft eines niederländischen Verkehrsplaners sei ein Abstand nicht nötig, da Unfälle mit öffnenden Kfz-Türen in den Niederlanden praktisch nicht vorkommen. Die Anforderung eines Abstands gibt es dort nicht (Exkursion der Fahrradakademie am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), Utrecht 2008). 301
Ergebnisse und Schlussfolgerungen Verkehrsplanung die Möglichkeit, auf zwei Ebenen zu agieren. Zum einen können die Anforderungen an die Verkehrsverhältnisse herangeführt und zum anderen kann das Verkehrssystem an die Anforderungen angepasst werden. Fahrverhalten – Beschreibung Im Rahmen der Arbeit können 24 Ausprägungen des Fahrverhaltens ermittelt werden, die nun das Fahrverhalten von Rad Fahrenden wesentlich ausdifferenzierter verstehen und erklären lassen. Während sich die bisherige Forschung lediglich auf Beobachtungen stützt, und hierfür nur bis zu sechs Merkmale nutzt (vgl. Hebenstreit und Hürliman 1996, Patzelt 2006 und Steffens et al. 1999), fußt diese Arbeit auf den Selbsteinschätzungen der Rad Fahrenden und den Beobachtungen ihrer Fahrten. Somit werden nur Eigenschaften einbezogen, die für die Rad Fahrenden von Relevanz sind. In der Folge stellt diese Arbeit einen wesentlich fundierteren Merkmalscanon des Fahrverhaltens zur Verfügung. Ein weiterer, dem methodischen Vorgehen geschuldeter Vorteil ist, dass das Fahrverhalten direkt aus den Interviews heraus begründet wird, und dadurch differenzierter erklärt werden kann. Die 24 Ausprägungen können zu den sechs Feinkategorien „Offensiv“, „Defensiv“, „Kooperativ“, „Selbstbezogen“, „Aggressiv“ und „Gelassen“ verdichtet werden. Die ersten vier Feinkategorien, verdichtet zu den Subkategorien „Risikobereitschaft“ und „Interaktion“, gehen als theoriebildende Dimensionen in die Gruppierung des Fahrverhaltens und in die Typengenerierung ein. Durch Kombination der Feinkategorien werden die Fahrstile der Rad Fahrenden beschrieben. In der Typologie wird der Wirkungszusammenhang zwischen den Anforderungen und dem Fahrverhalten nachgewiesen (siehe unten). Demgegenüber hat die Subkategorie „Kommunikation“ mit den Feinkategorien „Aggressiv“ und „Gelassen“ aufgrund ihrer zu selten vorkommenden Ausprägungen innerhalb der Typologie keine Erklärungskraft. Die Kombination der Feinkategorien ergibt vier Fahrstile Rad Fahrender: „Offensiv-Kooperativ“, „Defensiv-Kooperativ“, „Offensiv-Selbstbezogen“ und „Defensiv-Selbstbezogen“. Es konnte gezeigt werden, dass Regelverstöße – enthalten in der Subkategorie „Interaktion“ – nicht zwangsläufig mit einer offensiven Fahrweise verbunden sein müssen. Vielmehr bestimmt die Risikobereitschaft die Art des Regelverstoßes. Während defensiv Rad Fahrende eher unberechtigt den Gehweg nutzen, verstoßen offensiv Fahrende eher gegen die Radwegbenutzungspflicht. Ein Rotlichtverstoß wird oft unabhängig von einem offensiven oder defensiven Fahrstil begangen. Es ist 302
Ergebnisse also wichtig, bei der Erklärung des Fahrverhaltens nicht nur die Regeleinhaltung zu betrachten. Sie ist nur ein zu beachtender Aspekt von vielen. Mit dargelegter Vorgehensweise geht erstmals eine nachvollziehbar gemachte Gruppierung des Fahrverhaltens von Rad Fahrenden über die Betrachtung der Regeleinhaltung hinaus. Fahrverhalten – Habitus Neben den Aussagen aus den Interviews zeigt auch der Vergleich der Aussagen mit den Beobachtungen, dass die Fahrstile der Rad Fahrenden dieser Feldforschung kaum variieren.137 Aus diesem Grund kann von einem habitualisierten Verhalten ausgegangen werden. Dies bedeutet, dass das Verhalten der Rad Fahrenden bereits so weit verfestigt ist, dass Verhaltensänderungen nur schwierig zu initiieren sind (vgl. Schlag et al. 2012: 66). Verhaltensänderungen sind noch am ehesten über positive Erfahrungen, also einem verbesserten Angebot – welches Regelübertretungen überflüssig macht – zu erreichen. Demgegenüber scheint der Einfluss einer, z. B. über eine Sicherheitskampagne transportierten, gesellschaftlichen Norm gering zu sein, da in dieser Arbeit eine Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen Normen und dem Verhalten der Rad Fahrenden festgestellt wurde. Diese Diskrepanz wird auch in den Einstellungen der Rad Fahrenden deutlich, die eine gesellschaftliche Geringschätzung des Radverkehrs vermuten. Trotzdem wird in vielen Studien einzig die Aufklärungsarbeit genannt, um die Regeleinhaltung zu verbessern (beispielhaft Fuchs und Pfeiffer 2009: 58). Fahrverhalten – Einflüsse Wie erwartet, sind die Einflüsse auf das Fahrverhalten komplex. Dass das Fahrverhalten von wahrgenommenen Normen, Regelkenntnissen, Einstellungen, Handlungs- und Ergebniserwartungen, dem habitualisierten Verhalten und von dem Aufforderungscharakter der Situation abhängt, wurde für den Kfz-Verkehr bereits hinreichend belegt (vgl. Hautzinger et al. 2011: 82). Mit dieser Arbeit konnten diese Zusammenhänge für den Radverkehr bestätigt und erweitert werden. Es wird nachvollziehbar gemacht, warum Regeln für Rad Fahrende oftmals eine geringe Relevanz haben. Dabei geht diese Arbeit über den Stand der Forschung hinaus, bei der oftmals nur geringe 137 Bei einigen Rad Fahrenden ist der Fahrstil von dem Fahrtzweck abhängig. Der alltägliche Fahrstil wird beispielsweise abgelegt, wenn ein Kind begleitet wird oder eine Radtour im Umland unternommen wird. 303
Ergebnisse und Schlussfolgerungen Regelakzeptanz, Schnelligkeit oder kurze Wege als Gründe ausgemacht werden (beispielhaft Alrutz et al. 2009: 103). Es wird deutlich, wie wichtig es für die Rad Fahrenden ist, die Kontrolle über die Situation zu behalten, und dass Sanktionierungen von anderen Verkehrsteilnehmenden gefürchtet werden, während die Sanktionierungen von Polizei und Ordnungsamt kaum Relevanz haben.138 Folgende neue Befunde sind zentral und in der Forschung bisher nicht berücksichtigt:  die Erwartung, den Fehlern anderer Verkehrsteilnehmender ausgeliefert zu sein und damit einhergehend ein drohender Verlust der Kontrollmöglichkeit,  die Erwartung, sich nicht auf die Einhaltung von Regeln verlassen zu können (Gefahr durch Links- und Rechtsabbiegenden bei eigenem grünen Signal),  die Erwartung, von anderen Verkehrsteilnehmenden sanktioniert zu werden,  die Einstellung, aufgrund von wahrgenommenen Einschränkungen, die mit dem Radfahren verbundene Freiheit wiederherstellen zu müssen. Diese Erwartungen wirken auf die Einstellungen, wie z. B. die Einstellung, dass Regeln nicht ausreichend schützen und der Zwang besteht, selbst aufpassen zu müssen oder die Einstellung, dass das eigene Recht selbst durchgesetzt werden muss. Die Erwartungen und damit auch die Einstellungen resultieren aus Konflikterfahrungen und führen zu einer eigenen Rechtsnorm der Rad Fahrenden. Nachweisbar negativ beeinflusst wird die Regelakzeptanz, wenn andere Verkehrsteilnehmende Rad Fahrende sanktionieren, obwohl die Rad Fahrenden sich an die Regeln halten. In der Folge wird die Eigeninterpretation der Regeln subjektiv als sicherer erachtet, als das „stumpfe“ Einhalten von Regeln. Wird erst einmal angefangen, gegen Regeln zu verstoßen und bleiben Konflikterfahrungen aus bzw. bestätigen positive Erfahrungen wie z. . ein schnelleres Vorankommen das Verhalten, 138 Letzteres ist aus der Forschung bekannt (vgl. Fuchs und Pfeiffer 2009: 57). Der bisherigen Forschung unbekannt sind die Gründe. Anhand dieser Arbeit wird deutlich, dass der Aspekt der Sicherheit entscheidend ist. Die Sanktionierungen der Verkehrsteilnehmenden kommen häufiger vor als staatliche Sanktionierungen und sind oft gefährlich. Demgegenüber ermahnt die Polizei in der Regel nur, Geldstrafen werden vornehmlich vom Ordnungsamt ausgesprochen. Die Entdeckungswahrscheinlichkeit ist gering. Zudem entziehen sich notorisch Regelmissachtende oft der Verfolgung. 304
Ergebnisse führt dies langfristig zu einer Habitualisierung des Regelverstoßes (vgl. Schlag et al. 2012: 66). Der Regelverstoß wird als normal wahrgenommen Ein anderer Aspekt ist, dass viele Regeln als unpassend oder ungerecht empfunden werden. Hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen den Anforderungen der Rad Fahrenden und dem Verkehrssystem. Ein Umstand, der in der Forschungslandschaft nicht beachtet wird. Bei den Rad Fahrenden entsteht aufgrund der Diskrepanz der Eindruck, dass der Radverkehr nicht als gleichberechtigtes Verkehrsmittel neben dem Kfz-Verkehr anerkannt ist. Wer sich nicht als Teil des Systems empfindet, fühlt sich auch nicht an die Regeln gebunden. Wirkungszusammenhang – Anforderungen und Fahrverhalten In dieser Arbeit kann ein Wirkungszusammenhang zwischen den Anforderungen und dem Fahrverhalten nachgewiesen werden. Den unmittelbaren Zusammenhang verdeutlicht die entwickelte Typologie. Mit ihrer Hilfe wird gezeigt, dass Rad Fahrende unterschiedliche Handlungsstrategien entwickeln, um von A nach B zu gelangen:  Rad Fahrende des Typus „Gelassene“ wollen vermeiden, von dem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmender abhängig zu sein (Vermeidung des Ausgeliefertseins). Dies äußert sich in der Anforderung „Sicherheitsabstand zum Kfz-Verkehr“ und einem Fahrverhalten, bei dem vornehmlich Rad- und Gehwege benutzt werden.  Beim Typus „Vernünftige“ handelt es sich um Rad Fahrende, die durch die Einhaltung der Regeln ihre Sicherheit gewährleisten wollen. Neben der Einhaltung der Regeln achten sie auch auf eine hohe Sicherheitsausstattung (z. B. Helm).  Die „Intuitiven“ verfolgen keine explizite Sicherheitsstrategie. Sie wollen zügig ihr Ziel erreichen (Anforderung) und nehmen dafür Regelübertretungen in Kauf (Fahrverhalten).  Rad Fahrende des Typus „Ambitionierte“ meinen ihre Sicherheit zu gewährleisten, indem sie für den Kfz-Verkehr gut sichtbar sind. Daher nutzen sie bevorzugt die Fahrbahn. Die Sicherheitsstrategie ist damit gleichbedeutend mit der Anforderung. Um ihre Sicherheitsstrategien durchzusetzen, nehmen einige der „Gelassenen“ und der „Ambitionierten“ Regelverletzungen in Kauf, indem sie nicht freigegebene Gehwege nutzen oder die Radwegbenutzungspflicht ignorieren. Hier führt nicht Unwissen, Bequemlichkeit oder eine mangelnde Regelakzeptanz zur Regelübertretung, sondern die Not, sich sonst nicht sicher zu 305
Ergebnisse und Schlussfolgerungen fühlen. Hier zeigt sich wiederholt: Würden die Anforderungen der Rad Fahrenden erfüllt, fände keine Regelübertretung statt. Zudem zeigt die Typologie, dass die Kategorie „Erleben“ einen hohen Einfluss auf den Fahrstil der Rad Fahrenden hat. Das Ausleben des sportlichen Aspekts des Fahrrads führt zu einer überwiegenden Nutzung der Fahrbahn (Typus „Ambitionierte“). Dies ist – so das Ergebnis dieser Arbeit – verbunden mit einem offensiven Fahrstil. Umgekehrt wird so deutlich, dass eine sportliche Betätigung für Personen, die den Kfz-Verkehr meiden wollen, im Alltagsradverkehr nicht möglich ist. Dieser Personenkreis wird von der Radmobilität ausgeschlossen. Ein anderer Aspekt der Kategorie „Erleben“ findet sich in der Anforderung „Entspannt unterwegs sein zu wollen“. Im Ergebnis dieser Arbeit wird deutlich, dass entspanntes Radfahren bei der vorwiegend anzutreffenden städtischen Radverkehrsinfrastruktur oft nicht möglich ist. Personen des die Anforderung repräsentierenden Typus „Gelassene“ zeigen gegenüber dem Kfz-Verkehr eine defensive Fahrweise, indem sie diesem den Vortritt lassen, auf ihre Rechte verzichten und oft Gehwege nutzen. Eine neue Erkenntnis ist, dass es sich hier nicht nur um ängstliche Rad Fahrende handelt. Bei Personen dieses Typus reicht es nicht aus, die Sicherheit zu verbessern, vielmehr muss die Umgebung insgesamt – attraktive Stadtstruktur, kein Lärm, gute Luft – den Anforderungen Rad Fahrender genügen. Umgekehrt sind nicht alle ängstlichen Personen automatisch „Gelassene“ Rad Fahrende. Es ist damit zu rechnen, dass Personen, die ängstlich, aber nicht gelassen sind, von der alltäglichen Radmobilität ausgeschlossen werden. Mit der Anforderung der „Zeitersparnis“ sind zwei unterschiedliche Fahrstile verknüpft. Aufgrund ihrer Sicherheitsstrategie versuchen sich die „Vernünftigen“ an die Regeln zu halten, sind aufmerksam und rücksichtsvoll (kooperativer Fahrstil). Demgegenüber versuchen die „Intuitiven“, ihre Anforderung „Zeitersparnis“ zu erreichen, indem sie diesem Ziel alles andere, Regeleinhaltung, Rücksicht usw., unterordnen (selbstbezogener Fahrstil). Ein anforderungsgerechtes Verkehrssystem verhindert bei den „Vernünftigen“, dass sie das Radfahren aufgeben, und verbessert die Regeleinhaltung der „Intuitiven“. Wirkungszusammenhang – unerfüllte Anforderungen und Fahrverhalten Regelübertretungen werden in der Forschung oft damit begründet, dass Rad Fahrende Zeit sparen wollen. Ketterer vermutete dies, da er beobachtete, wie Rad Fahrende regelwidrig direkt links abbogen, obwohl das indirekte Links306
Ergebnisse abbiegen vorgeschrieben war (vgl. Ketterer 1990: 103). Zeitersparnis ist sicherlich einer der wesentlichen Gründe für diesen Regelverstoß. Doch in dieser Arbeit kann nachgewiesen werden, dass es weitere Gründe bzw. nicht erfüllte Anforderungen für diesen Regelverstoß gibt. Für die „Ambitionierten“ ist entscheidend, im Bewegungsfluss zu bleiben, weswegen sie ein selteneres Halten bevorzugen. Anderen (z. B. „Vernünftige“) dürfte das direkte Abbiegen sicherer erscheinen, da sie nicht von rechtsabbiegenden Kfz übersehen werden können. Es zeigt sich: welche unerfüllten Anforderungen zu einem unerwünschten Fahrverhalten führen, ist abhängig von dem Typus. Insbesondere für die bisher unentdeckte Kategorie „Erleben“ ergeben sich bisher nicht betrachtete unerfüllte Anforderungen. So werden bspw. die meisten Radverkehrsanlagen, unter ihnen die Mehrheit der Radfahrstreifen, nicht den hohen Geschwindigkeitsanforderungen der „Ambitionierten“ gerecht. Sie sind in der Regel zu schmal und zu nah an den parkenden Kfz. Für die „Gelassenen“ ist der Kfz-Verkehr zu laut, zu dreckig und zu stressig. Ein entspanntes Radfahren ist so in der Regel nicht möglich. Wirkungszusammenhang – Fahrverhalten und Rückschlüsse auf ihre Anforderungen Die Ergebnisse der Arbeit ermöglichen es, die Anforderungen der Rad Fahrenden vom Fahrverhalten abzuleiten. Neben den Fehlverhaltensweisen weist auch die Höhe der Radverkehrsmengen und damit die Wegewahl auf die Anforderungen der Rad Fahrenden hin. Einfach zu interpretieren ist es, wenn in einer Hauptverkehrsstraße vornehmlich der Gehweg von den Rad Fahrenden genutzt wird. Hier werden zumindest die Anforderungen „Erleben“ und „Sicherheit“ nicht erfüllt. Finden sich dann auch noch „Ambitionierte“ auf dem Gehweg, ist das Radfahren auf dieser Straße subjektiv gesehen nicht möglich. Die Anforderung „Sicherheit“ wiegt dann schwerer, als die Anforderung „Hohes Tempo“. Ähnliche Rückschlüsse lassen sich aus anderen Verhaltensweisen ziehen. Mit Beobachtung des Verhaltens der Rad Fahrenden kann für einen Planungsraum auf die Typen und die mit ihnen verbundenen Anforderungen geschlossen werden:  Die „Ambitionierten“ fallen durch ihre hohen Geschwindigkeiten, die Fahrbahnnutzung, ihre Funktionskleidung und ihre sportlichen Fahrräder auf. Ihr Antrieb und ihre wichtigste Anforderung ist das „Erleben“ einer hohen Fahrgeschwindigkeit. 307
Ergebnisse und Schlussfolgerungen  Die „Gelassenen“ finden sich vor allem abseitig des Kfz-Verkehrs. Sie nutzen vornehmlich Wege in Grünanlagen und bevorzugen Straßen mit Radwegen. Sie fahren oft in gemäßigtem Tempo, und die Fahrräder sind mehr auf Bequemlichkeit als auf Tempo ausgerichtet. Auch bei Ihnen ist das „Erleben“ das wichtigste Gut, das vor allem das entspannte Fahren in einer attraktiven Umgebung meint.  Die „Intuitiven“ zeigen sich vornehmlich durch ihr anarchisches Fahren und dem Wahrnehmen jeder Chance, schnell voranzukommen. Ihre wichtigste Anforderung ist die der „Zeitersparnis“.  Die „Vernünftigen“ fahren regelbewusst, rücksichtsvoll und vorausschauend. Ihre Fahrräder sind sicher und auf dem Stand der Technik. Wie die „Intuitiven“ sind sie zweckorientierte Rad Fahrende und haben als leitende Anforderung die „Zeitersparnis“. Je nach Vorkommen der einzelnen Typen, können die Planenden das Hauptaugenmerk ihrer Planungen auf die entsprechend nachgefragten Anforderungen legen. Darüber hinaus kann das Fehlen bestimmter Typen auf Lücken des Verkehrssystems hinweisen. Wirkungszusammenhang – verändernde Einflüsse Werden die Anforderungen der Rad Fahrenden stärker berücksichtigt, hat dies einen unmittelbaren Einfluss auf ihr Fahrverhalten:  Den „Ambitionierten“ wird die Planung vor allem dann gerecht, wenn die Wege ausreichend breit sind. Zudem nutzen „Ambitionierte“ gerne die Fahrbahnen von Hauptverkehrsstraßen. Voraussetzung hierfür ist, dass es keine Radwegebenutzungspflicht gibt. Radfahrstreifen müssen ausreichend breit sein, und das direkte Abbiegen sollte nicht unterbunden werden. Unter Umständen sind hierfür das Planungsinstrumentarium anzupassen, und die Benutzungspflicht von Radfahrstreifen, sofern es keine extra Radfahrstreifen für Linksabbiegende gibt, aufzuheben. Darüber hinaus sind die Anstrengungen zu erhöhen, Kfz- wie Rad Fahrende über die Rechten und Pflichten der Rad Fahrenden aufzuklären, um die Sanktionierungen von Verkehrsteilnehmenden zu reduzieren. Mit diesen Maßnahmen können wesentliche Regelübertritte der „Ambitionierten“ vermieden werden.  Für die „Gelassenen“ bedeutet dies, dass es ausreichende Wegeverbindungen abseits des Kfz-Verkehrs, möglichst in grüner Umgebung, geben muss. Das Fahren auf der Fahrbahn wird von ihnen dann angenommen, wenn der Kfz-Verkehr radverkehrsverträglich abgewickelt wird. Geringe 308
Ergebnisse Kfz-Verkehrsstärken und geringe gefahrene Geschwindigkeiten sind eine Grundvoraussetzung. Nur unter diesen Bedingungen wird die regelwidrige Gehwegnutzung reduziert werden.  Für die „Intuitiven“ sind direkte Wege wichtig. Bei einem guten Angebot werden aber auch kleinere Umwege in Kauf genommen. Regelwidrigkeiten werden vor allem dann begangen, wenn das Verkehrssystem unangemessen radverkehrsfeindlich ist. Dazu zählen: kurze Grün- und lange Rotzeiten, Rechtsabbiegefahrbahnen, fehlende Querungsmöglichkeiten, Einbahnstraßen und subjektiv unnötige Verkehrsregelungen.  Die „Vernünftigen“ haben oberflächlich betrachtet keine weitergehenden Anforderungen. Tatsächlich helfen aber auch ihnen die bereits genannten Maßnahmen. Wird die Infrastruktur ihnen nicht gerecht, besteht auch bei ihnen die Gefahr, dass sie das Fahrrad nicht (mehr) nutzen.139 Ein Nebeneffekt bei der Berücksichtigung der Anforderungen ist, dass das Radverkehrssystem auch für potenzielle Interessenten attraktiv wird. Auf die daraus folgenden Konsequenzen für die Akteure wird am Ende des Kapitels hingewiesen. Typologie – Merkmalsraum Der Merkmalsraum für die Typologie wird von den Vergleichsdimensionen „Anforderung“ und „Fahrverhalten“ aufgespannt. Zu der Vergleichsdimension „Anforderung“ gehören die Merkmale „Hohes Tempo“, „Zügiges Erreichen des Ziels“ und „Entspannt“. Damit sind mit „Hohes Tempo“ und „Entspannt“ zwei Merkmale enthalten, die der Subkategorie „Erleben“ zugeordnet sind. Damit geht der Ansatz über die Gruppierungen bisheriger Forschungsarbeiten hinaus. Es wird hier der Tatsache Rechnung getragen, dass das Erleben wesentlich ist, wenn es darum geht, alle Rad Fahrenden des Alltagsradverkehrs zu berücksichtigen. Die Vergleichsdimension „Fahrverhalten“ wird in die beiden Vergleichsdimensionen „Risikobereitschaft“ und „Interaktion“ unterteilt. Hier ist neu, dass das Fahrverhalten auch abseits der Regeleinhaltung betrachtet wird, und die Regeleinhaltung von der „Risikobereitschaft“ unabhängig ist. Denn auch sich defensiv verhaltende Rad Fahrende übertreten Regeln. Zu der Vergleichsdimension „Risikobereitschaft“ gehören die Merkmale „Offensiv“, „Mäßig“ und „Defensiv“. Zur Vergleichsdimension „Interaktion“ gehören die Merkmale „Selbstbezogen“, 139 Einer der interviewten „Vernünftigen“ hat das Radfahren inzwischen aufgegeben. Er will sich nicht mehr länger über andere Verkehrsteilnehmende ärgern. 309
Ergebnisse und Schlussfolgerungen „Neutral“ und „Kooperativ“. Das Regelverhalten ist zusammen mit der Rücksichtnahme in der Vergleichsdimension „Interaktion“ enthalten. Mit der Integration von Anforderungen und Fahrverhalten in einer generischen Typologie wurde erstmals ein umfassendes wissenschaftliches Verständnis der städtischen Rad Fahrenden vorgelegt. Im Ergebnis besteht die Typologie aus vier Typen: „Ambitionierte“, „Intuitive“, „Vernünftige“ und „Gelassene“. Damit steht erstmals eine Typologie Rad Fahrender zur Verfügung, die die Anforderungen und das Fahrverhalten der Rad Fahrenden miteinander verbindet. Die „Ambitionierten“ zeichnen sich durch ihre Liebe zum Fahrrad und ihre sportlichen Ambitionen beim Radfahren aus. Sie bevorzugen das Fahren auf der Fahrbahn. Den „Gelassenen“ ist ein entspanntes Radfahren wichtig. Sie nehmen Umwege in Kauf, um im Grünen fahren zu können. Dem entgegengesetzt verfolgen die Typen „Vernünftige“ und „Intuitive“ mit der alltäglichen Fahrradnutzung eher zweckorientierte Ziele. Für sie ist das Fahrrad Mittel zum Zweck. Sie wollen ausschließlich schnell und sicher ans Ziel. Während die „Vernünftigen“ auf eine gut funktionierende Sicherheitsausstattung achten, sind die „Intuitiven“ auch mit älterer Technik zufrieden. Bei beiden Typen sind die Feinkategorien „Kooperativ“ und „Selbstbezogen“ mit der Ausprägung der Regeleinhaltung das maßgebliche Kriterium zur Unterscheidung des Fahrstils. Die Unterschiede sind in den Einstellungen begründet: während die „Vernünftigen“ Regeln für die Gewährung der Sicherheit für wichtig halten, heben die „Intuitiven“ die Wichtigkeit der Rücksichtnahme hervor und stellen diese über die Regeleinhaltung. Einfluss hat auch die Lebensphase: „Vernünftige“ sind eher älter als „Intuitive“. Werden die vier gebildeten Typen in ihrer Gesamtheit betrachtet, fällt auf, dass es zu bestimmten Merkmalskombinationen keine Fälle gibt. Die theoretisch möglichen Typen „Hohes Tempo, aber defensiv agierende (KfzVerkehr scheuende, eher ängstliche) Rad Fahrende“ und „Zweckorientierte Rad Fahrende mit Kindern“ werden aus dem System alltäglicher städtischer (Berliner) Radverkehr ausgeschlossen. Im ersten Fall lässt die Berliner Infrastruktur hohes Fahrradtempo abseits des Kfz-Verkehrs zu selten zu. Im zweiten Fall wird der zügige Transport von und mit Kindern erschwert. Schuld könnten fehlende durchgängige Radverkehrsanlagen sein, was die häufige und langsame Gehwegnutzung erzwingt. Nimmt man das politische Ziel, mehr Radverkehr auf die Straße zu bringen, ernst, sollten nicht nur die Anforderungen der bekannten Typen, sondern auch der nichtspezifizierten Typen Berücksichtigung finden. Um diese Typen und ihre Anforderungen 310
Ergebnisse sicher zu bestimmen, sind weitere Forschungsanstrengungen notwendig (vgl. Kapitel 10.3). Konsequenzen Zentral ist die Anerkennung des Radverkehrs als ein gleichberechtigtes Mitglied innerhalb des Verkehrssystems. Damit wird vermieden, dass sich Rad Fahrende als „Rechtlose“ wahrnehmen und Regeln ignorieren. Mit den folgenden Ansätzen sollte dies gelingen:  Verkehrsplanung: Der Radverkehr ist als wichtige Komponente des Stadtverkehrs stets mitzudenken. Das städtische Verkehrssystem muss für Rad Fahrende durchgängig nutzbar sein (Kapitel 10.2).140  Politik: Die Umsetzung muss finanziell abgesichert sein.  Gesellschaft: Die Rücksichtnahme im Straßenverkehr muss als zentrales Gut gestärkt werden. Vor allem die Sanktionierungen durch Verkehrsteilnehmende sollten dringend unterbunden werden. Die Rechte der Rad Fahrenden sind folglich allen Verkehrsteilnehmenden zu vermitteln.  Ordnungskräfte: Die Sanktionierungen durch den Staat sollten verbessert werden. Sie sollten sowohl den Kfz-Verkehr als auch den Rad- und Fußverkehr einbeziehen. Dabei ist Aktionismus zu vermeiden. Die Kontrollen sollten sich auf Gefahrenherde konzentrieren und fachlich kompetent sein. Kontrollen von Gehwegfahrenden an subjektiv unsicheren Hauptverkehrsstraßen ohne adäquate nutzbare Radverkehrsanlagen sind kontraproduktiv und werden oft als Schikane wahrgenommen. Parallel dazu sind planerische Maßnahmen zur Unfallvermeidung prioritär umzusetzen. Das Misstrauen gegenüber der Gewährleistung der Sicherheit durch das System ist bei allen Rad Fahrenden tief verwurzelt. Die Beantwortung der Leitfrage, wie die Verkehrsplanung das Verkehrssystem gestalten sollte, damit es den Anforderungen aller Rad Fahrenden gerechter wird, erfolgt im Kapitel 10.2. 140 Dies meint konkret die Zumutbarkeit der Nutzung: Radfahren ohne Absteigen zu müssen und Radverkehrsanlagen in Hauptverkehrsstraßen mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit mit mehr als 30 km/h bzw. sofern sich dort nicht wichtige Quellen oder Ziele befinden, die Bereitstellung angemessener Alternativstrecken. 311
Ergebnisse und Schlussfolgerungen 10.2. Konsequenzen für die Verkehrsplanung In den für die Verkehrsplanung in Deutschland maßgeblichen Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA vgl. FGSV 2010: 8 f.) sind die Ziele eines Radverkehrskonzepts planungsorientiert formuliert. Ziele sind unter anderem die Erarbeitung eines Netzplans mit einer Zuordnung von Strecken und einer Festlegung der angestrebten Qualität, ein Wegweisungsnetz, Festlegungen zu Fahrradabstellanlagen und Maßnahmen zur Einbindung des öffentlichen Nahverkehrs. Als allgemeine Anforderungen werden ausschließlich schnelle und direkte Wege gefordert. Neben dem „Alltäglichen zielgerichteten Radverkehr“ werden als Zielgruppen „Kinder und Jugendliche“, „Ältere Menschen“ sowie die zwei Gruppen des Freizeitverkehrs „Fahrradurlauber“ und „Radfernwanderer“ unterschieden. Kurz wird bei diesen Gruppen auf deren Bedürfnisse eingegangen. Bei den „Älteren Menschen“ sind dies zum Beispiel griffige Oberflächen, (für viele von ihnen) eine vom Kraftfahrzeugverkehr getrennte Führung und die Gewährleistung der sozialen Sicherheit. Darüber hinaus sind aus Sicht der Nutzenden folgende Mindestziele wichtig:  das Radfahren sollte allen Personenkreisen angstfrei möglich sein,  die Sicherheit ist zu gewährleisten und  das Verkehrssystem ist so zu gestalten, dass eine Beachtung der Regeln einfach und vor allem sicher möglich ist. Ist es das politische Ziel,141 den Radverkehr zu fördern und attraktiver zu gestalten, sind darüber hinausgehend weitere Anforderungen der Rad Fahrenden zu berücksichtigen. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist, dass es im Alltagsradverkehr nicht nur den in der ERA definierten „Alltäglichen zielgerichteten Radverkehr“ gibt. Mit der vorliegenden Typologie wird eine weitere Differenzierung vorgeschlagen, die zwar noch weiter zu ergänzen ist, die aber die Notwendigkeit einer umfassenderen Betrachtung verdeutlicht. So findet sich die Forderung nach schnellen und direkten Wegen des in der ERA definierten Alltagsverkehrs bei den Typen „Vernünftige“ und „Intuitive“ zwar wieder, jedoch wird mit der Typologie gezeigt, dass nicht für alle Rad Fahrenden der schnelle und direkte Weg das oberste Ziel ist. Rad Fahrende des Typus „Gelassene“ bevorzugen das Fahren in einer angenehmen Umgebung. Rad Fahrende des Typus „Ambitionierte“ suchen eher die sportliche Herausforderung. Festzuhalten ist: die Anforderungen sind den Rad 141 Wie bereits in Kapitel 1.1 ausgeführt, ist die Förderung des Radverkehrs sowohl ein Ziel der Bundesregierung als auch – stellvertretend für das Untersuchungsgebiet – ein Ziel der Stadt Berlin. 312
Konsequenzen für die Verkehrsplanung Fahrenden unterschiedlich wichtig und umfassen bei den vorliegenden Typen im Wesentlichen  einen möglichst großen Abstand zum Kfz-Verkehr („Gelassene“, „Vernünftige“ und „Intuitive“),  einen möglichst großen Abstand zum Fußverkehr („Vernünftige“, „Intuitive“ und „Ambitionierte“)  störungsfreie Wege und eine geringe Anzahl an Halten („Vernünftige“, „Intuitive“ und „Ambitionierte“)  direkte Verbindungen („Vernünftige“ und „Intuitive“) und  eine attraktive Umgebung („Gelassene“). Darüber hinaus sind Anforderungen, wie z. B. die Forderung nach einer glatten Fahrbahn- oder Wegoberfläche, die nur in geringem Maße typenspezifisch sind, zu berücksichtigen. Ziel sollte es sein, alle Typen Rad Fahrender zu berücksichtigen, indem beispielsweise Radverkehrsanlagen ausreichend dimensioniert werden. Bei Bedarf ist allerdings auch eine gezielte Förderung bestimmter Typen möglich, was seinen Ausdruck mit dem Anbieten paralleler Systeme unterschiedlicher Hierarchie und entsprechender Anlagen findet. Die „Ambitionierten“ sind gerne schnell unterwegs und nehmen für die passende Strecke auch Umwege in Kauf. Darüber hinaus legen „Ambitionierte“ – gemäß ihren Erzählungen und den Beobachtungsfahrten – relativ lange Wege zurück. Bei einer Förderung des Radverkehrs auf Verbindungen zwischen der Peripherie und einem Zentrum, werden vor allem „Ambitionierte“ angesprochen, da die Entfernungen relativ lang sind. Überlandverbindungen und im Idealfall Radschnellwege sind besonders gut geeignet. „Gelassene“ werden eher dadurch gefördert, indem Wege entlang von Grünachsen ähnlich der „Green Cycle Routes“ in Kopenhagen (vgl. Tørsløv 2009) geschaffen werden (Abbildung 23). Um ein zügiges und sicheres Fortkommen der Rad Fahrenden zu gewährleisten, werden im Extremfall Brücken über die Hauptverkehrsstraßen gebaut. Da „Gelassene“ auch bereit sind, Umwege zu nehmen, ist für diesen Typus ein engmaschiges Netz nicht zwingend notwendig. Der Typus der „Gelassenen“ hat einige Ähnlichkeiten mit den in der ERA genannten Gruppen „Ältere Menschen“ und „Fahrradurlauber“. Dies betrifft in erster Linie die Anforderung nach einer Trennung vom Kfz-Verkehr bei den „Älteren Menschen“ und die Anforderung nach einem hohen Erlebniswert bei den „Fahrradurlaubern“. Es zeigt sich, dass einige Typen des Alltagsradverkehrs Ähnlichkeiten mit den Gruppierungen des Freizeitverkehrs aufweisen. Mit dem Aufstellen einer Gesamttypologie können die Anforderungen der Rad Fahrenden innerhalb einer Kommune 313
Ergebnisse und Schlussfolgerungen ermittelt werden. Weist eine Kommune einen hohen Anteil Rad Fahrender auf, denen eine Trennung gegenüber dem Kfz-Verkehr wichtig ist, kann es unter Umständen sinnvoller sein, Radverkehrsanlagen im Seitenraum anstatt auf der Fahrbahn anzubieten. Für die „Intuitiven“, „Vernünftigen“ und noch zu aktivierenden Rad Fahrenden,142 muss das Fahrrad im Alltagseinsatz funktionieren. D. h. Umwege werden nur in geringem Maße akzeptiert. Es kommen nur Lösungen in Frage, die sich in das verdichtete städtische Umfeld integrieren lassen. Mit der Umsetzung von Maßnahmen, die auf die Anforderungen der „Intuitiven“ und „Vernünftigen“ ausgerichtet sind, werden auch viele Anforderungen der anderen Typen berücksichtigt. (Fotos: J. Leben, 2009) Abbildung 23: Green Cycle Route in Kopenhagen Das Problem der städtischen Verkehrsplanung ist eher ein Umsetzungsdefizit als ein Defizit bei den Planungsinstrumenten. Dennoch sollten Entwicklungen in anderen Ländern beobachtet werden. Beispielsweise ist zu prüfen, ob der Kampf gegen verkehrswidrig auf Radfahr- oder Schutzstreifen abgestellter Kfz, alleine über Sanktionierungen gewonnen werden kann. Womöglich ist eine bauliche Abgrenzung unvermeidlich. Weiterhin könnte erforscht werden, welche Verbesserungen im Verkehrssystem für Rad Fahrende umsetzbar sind. Beispielsweise könnten Sonderregelungen an Lichtsignalanlagen für Rad Fahrende überprüft werden, wie die Möglichkeit des 142 Dieses können Personen sein, die sich im städtischen (Berliner) Radverkehr (noch) nicht sicher fühlen. In Städten mit hohem Radverkehrsanteil bilden diese unter Umständen einen eigenen Typus. 314
Forschungsbedarf und Ausblick Rechtsabbiegens per Grünpfeil. Bei der Umsetzung sollte ganz konkret auf folgende Punkte geachtet werden:  Die Verkehrsführung muss selbsterklärend, sinnhaft und widerspruchsfrei sein. Den Verkehrsteilnehmenden muss jederzeit klar sein, wie die Verkehrsführung ist und welche Regeln sie beachten müssen.  Zu Regelverstößen auffordernde Situationen sind zu vermeiden. Hier bedarf es weiterer Forschungsanstrengungen, bei denen ermittelt werden sollte, welche konkreten Situationen zu vermeiden sind und wie die Problemlagen gelöst werden können.  Hauptverkehrsstraßen mit Quellen und Zielen des Verkehrs benötigen für den Radverkehr nutzbare Anlagen oder eine angepasste zulässige Höchstgeschwindigkeit. Es müssen Lösungen und Kompromisse gefunden werden. Nichts zu tun oder ein zeitlicher Aufschub ohne Lösungsperspektive darf keine Option sein.  Radverkehrsanlagen oder adäquat nutzbare Fahrbahnen sollten nicht an einem Hindernis oder so enden, dass der Radverkehr sich selbst überlassen bleibt. Insgesamt lässt sich feststellen, dass eine integrierte Verkehrsplanung zu einer Verbesserung der Regeleinhaltung beitragen kann. Das sich in der Folge alle Verkehrsteilnehmenden in jeder Situation regelkonform und fehlerfrei verhalten werden, ist dennoch nicht zu erwarten. Zum einen liegt dies an Verkehrsregelungen, die trotz bester Kompromissfindung nicht immer allen Anforderungen genügen können und zum anderen an einzelnen Verkehrsteilnehmende, die sich generell nicht an bestimmte Regeln halten möchten. Sanktionierungen durch Ordnungskräfte werden daher immer notwendig bleiben. 10.3. Forschungsbedarf und Ausblick Im Ergebnisteil und bei der Reflexion des Forschungsdesigns wurde bereits darauf hingewiesen, dass es denkbare Typen gibt, die in Berlin nicht in Erscheinung getreten sind. Um diese nachzuweisen und eventuell neue Typen zu entdecken, sind weitere Forschungsanstrengungen notwendig. Neben den in dieser Arbeit nicht berücksichtigten Personenkreisen müssten noch weitere Städte, darunter mindestens eine Stadt mit sehr hohem Radverkehrsanteil untersucht werden. Eine Verallgemeinerung und Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Städte ist dann möglich. 315
Ergebnisse und Schlussfolgerungen Schließlich besteht noch die Frage, ob im ländlichen Umfeld mit anderen Typen zu rechnen ist. Möglicherweise ist dort der Tourismusverkehr eine wichtigere Komponente. Um die Anwesenheit und Anteile der Typen in einer Stadt schnell und zuverlässig ermitteln zu können, ist es sinnvoll, ein Fragenset zu entwickeln. Durch die in dieser Arbeit detailliert charakterisierten Typen können die entsprechenden Kriterien leicht herausgearbeitet werden. Sind die Typen und die Zusammensetzung ihrer Anteile bekannt, ist es mit ihrer Hilfe möglich, die Infrastruktur gezielt weiterzuentwickeln. So könnten für die bestehenden Typen gemäß ihrer Anforderungen passende Maßnahmen umgesetzt werden. Bestehen hinsichtlich der Typenzusammensetzung regionale Unterschiede, sind auch räumlich begrenzte Maßnahmen denkbar. Soll der Radverkehr noch stärker gefördert werden, indem noch nicht Rad fahrende Bevölkerungsgruppen aufs Rad gebracht werden, sind eventuell weitere bisher nicht entdeckte Typen interessant. Mit speziellen Fördermaßnahmen können diese gezielt motiviert werden. Beispielsweise könnten mit einer Beschleunigung des Radverkehrs die „Vernünftigen“ fürs Radfahren begeistert werden. Die Einrichtung von „Schnellfahrstrecken“ für Sportliche wäre ein weiterer Ansatz. Aber auch hinsichtlich der beschriebenen Typologie bleiben noch einige Fragen offen. Dem Typus der „Ambitionierten“ konnte aus dem Stichprobenumfang keine Frau zugeordnet werden. Zu prüfen wäre, ob dies ein zufälliges Ergebnis ist. Interessant ist, ob Frauen im Alltagsverkehr das Fahren mit hoher Geschwindigkeit vermeiden. Ist dies nicht der Fall, wäre die Frage zu klären, ob sie dann einen anderen Fahrstil als Männer zeigen und womöglich einen eigenen Typus darstellen. Ähnliches trifft auf die „Gelassenen“ zu, in deren Haushalten Kinder leben. Auch hier stellt sich die Frage, ob dieser Zusammenhang zwingend ist. Die Unterschiede zwischen den „Vernünftigen“ und den „Intuitiven“ sind in den Einstellungen zu suchen. Aus den vorliegenden Daten konnte einzig eine Abhängigkeit von der Lebensphase festgestellt werden. Ob es Unterschiede hinsichtlich der Biografie der Rad Fahrenden gibt, konnte aufgrund der Schwerpunktsetzung innerhalb des Leitfadens nicht ermittelt werden. Mit einer Erweiterung des Forschungsansatzes auf biografische Themen könnte eruiert werden, ob es einen Zusammenhang zwischen Biografie und den Einstellungen zur Regelakzeptanz gibt. Dies könnte weiterhelfen zu verstehen, warum Menschen sich nicht an bestimmte Regeln halten. Im Rahmen dieser Arbeit konnte nachgewiesen werden, dass das Fahrverhalten der Rad Fahrenden zahlreichen Einflüssen unterliegt. Eine wesent316
Forschungsbedarf und Ausblick liche Abhängigkeit besteht zwischen den nicht erfüllten Anforderungen, beeinflusst durch die Ergebniserwartungen, und dem Regelverhalten. Dennoch stellt diese Arbeit nur eine Momentaufnahme dar. Welche Verbesserung des Verkehrssystems zu einer langfristigen Verbesserung des Regelverhaltens führt, sollte in dieser Arbeit nicht ermittelt werden. Dennoch stellt diese Frage ein interessantes Forschungsfeld dar. Eine genaue Aufschlüsselung und Typisierung, welche Situationen zu welchen Arten von Regelverstößen führen, könnte wertvolle Erkenntnisse bringen. Das Fahrverhalten der Rad Fahrenden hängt vom Verkehrssystem und damit auch von dem politischen Willen ab. Die Güte des Radverkehrssystems wird sowohl von dem Platz, der den Rad Fahrenden zur Verfügung gestellt wird, als auch von den finanziellen Mitteln, die zur Ausgestaltung des Systems zur Verfügung gestellt werden, bestimmt. Eine Förderung des Radverkehrs sorgt nicht nur für mehr Radverkehr, sondern auch für ein regelgerechteres Verhalten der Rad Fahrenden und damit für mehr Sicherheit. Einige Städte nehmen diesbezüglich bereits erhebliche Anstrengungen auf sich. In Groningen wird bereits seit Jahren der motorisierte Individualverkehr gezielt mit Restriktionen belegt (vgl. Chen 2014: 28 f.). Die Stadt Kopenhagen wendet im Schnitt jedes Jahr rund 22,- Euro pro Einwohnenden auf (vgl. Copenhagen 2014: 11), um die Radverkehrssicherheit zu erhöhen, und um das Ziel zu erreichen, die fahrradfreundlichste Stadt der Welt zu werden (vgl. Copenhagen 2011a: 5). Im Vergleich dazu nehmen sich die aufgewendeten Mittel in der Bundeshauptstadt bescheiden aus. In den Haushalt 2014/15 wurden 1,20 Euro pro Einwohnenden für Investitionen in den Radverkehr eingestellt (insgesamt 4 Mio. Euro jährlich) (vgl. VCD 2013). Dies ist ein eindeutiger Hinweis auf den Stellenwert des Radverkehrs in Deutschland. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden hoffentlich dazu führen, dass Politik und Verwaltung die Notwendigkeit eines dem Radverkehr angemessenen Verkehrssystems anerkennen. Mit politischem Willen und ein wenig Glück steigert diese Anerkennung den, auch an finanziellen Mitteln ablesbaren, Stellenwert des Fahrradverkehrs in der Verkehrsplanung. 317

Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Häufigkeit der Radnutzung: Gesamt, nach Erwerbsstatus oder Tätigkeit der Person, Schulabschluss und ökonomischem Status des Haushalts .................................................................................. 8 Tabelle 2: Hauptzweck des Weges nach Hauptverkehrsmittel ....................... 9 Tabelle 3: Anteil der konflikthaften Konfrontationen bei der Begegnung der Rad Fahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmenden und Verursachende der konflikthaften Konfrontationen, nach Fahrstil-Typ ........................................................ 24 Tabelle 4: Verunglückte Rad Fahrende bezogen auf die Verkehrsmittel der anderen Beteiligten, 2009 in Deutschland ................ 25 Tabelle 5: Regelverstöße nach Geschlecht und Alter ................................... 27 Tabelle 6: Fehlverhalten Rad Fahrender (je 1.000 eteiligte) 2009 bei Unfällen mit Personenschaden nach Altersgruppen und Art der Verkehrsbeteiligung ................................................................................ 29 Tabelle 7: Bedeutung verschiedener Risikofaktoren Rad Fahrender und ihrer Fahrräder .................................................................................. 34 Tabelle 8: Qualitativer Stichprobenplan, Anzahl der Fälle .......................... 73 Tabelle 9: Vorgehen bei der kategorialen Analyse....................................... 88 Tabelle 10: Vorgehen bei der empirisch begründeten Typenbildung .......... 89 Tabelle 11: Gegenüberstellung der bei den Videoanalysen ermittelten Verstöße ................................................................................................ 101 Tabelle 12: Qualitativer Stichprobenplan, Fallzuordnung.......................... 109 Tabelle 13: Haushaltseinkommen der Fälle ............................................... 109 Tabelle 14: Berufsausbildung der Fälle ...................................................... 109 Tabelle 15: Schulabschluss der Fälle.......................................................... 110 Tabelle 16: Erwerbstätigkeit der Fälle........................................................ 110 Tabelle 17: Verkehrsmittelnutzung der Fälle ............................................. 110 Tabelle 18: Deduktiv ermittelte Kodes ....................................................... 112 Tabelle 19: Oberkodes und die mit ihnen verknüpften Kodes und Textsegmente ........................................................................................ 113 Tabelle 20: Verdichtungen bei der Qualität des Radfahrens ...................... 118 Tabelle 21: Anforderungen repräsentierende Kodes in vier Ebenen und fünfzehn Stufen .............................................................................. 130 Tabelle 22: Verdichtungen bei den Anforderungen Rad Fahrender ........... 134 319
Tabellenverzeichnis Tabelle 23: Sub- und Feinkategorien der Anforderungen Rad Fahrender ............................................................................................... 136 Tabelle 24: Sichtbarkeit und geschützter Raum und ihnen zuordenbare Kodes ..................................................................................................... 142 Tabelle 25: Durch Radwege ausgelöste Konflikte und ihre Ursachen ....... 150 Tabelle 26: Durch Radfahrstreifen ausgelöste Konflikte und ihre Ursachen ................................................................................................ 151 Tabelle 27: Konflikte mit Verkehrsteilnehmenden .................................... 155 Tabelle 28: Unfälle der Rad Fahrenden ...................................................... 157 Tabelle 29: Verdichtung der Konflikterfahrungen der Rad Fahrenden ...... 159 Tabelle 30: Hilfskategorien des Fahrverhaltens und ihre Ausprägungen........................................................................................ 162 Tabelle 31: Verdichtung von Ausprägungen zu den Sub- und Feinkategorien des Fahrverhaltens ........................................................ 172 Tabelle 32: Abstrahiertes Kodierparadigma zur Einstellung „Freiheit wiederherstellen“ ................................................................................... 184 Tabelle 33: Sub- und Feinkategorien zu den Einstellungen Rad Fahrender ............................................................................................... 189 Tabelle 34: Verdichtungen zu den Normen Rad Fahrender ....................... 191 Tabelle 35: Sub- und Feinkategorien zu den Regelkenntnissen der Rad Fahrenden .............................................................................................. 192 Tabelle 36: Konsequenzen aus Konflikterfahrungen ................................. 195 Tabelle 37: Abstrahiertes Kodierparadigma zur Erwartung „Ausgeliefert sein“ ................................................................................ 207 Tabelle 38: Abstrahiertes Kodierparadigma zur Erwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“ .............................................. 213 Tabelle 39: Kategorien zum Radfahren ...................................................... 226 Tabelle 40: Gruppierung der Fälle nach dem Wirkungszusammenhang zwischen leitenden Anforderungen und den Anforderungen zur Sicherheit ............................................................................................... 234 Tabelle 41: Gruppierung der Fälle nach der von ihnen präferierten Führungsform ........................................................................................ 237 Tabelle 42: Wirkungszusammenhang zwischen leitenden Anforderungen / Anforderungen zur Sicherheit und den bevorzugten Führungsformen ................................................................ 239 Tabelle 43: Gruppierung der Fälle bezüglich der Vergleichsdimension Fahrverhalten ......................................................................................... 244 Tabelle 44: Gruppierung der Fälle bezüglich der Vergleichsdimension Einstellungen ......................................................................................... 248 320
Tabellenverzeichnis Tabelle 45: Gruppierung der Fälle bezüglich der Vergleichsdimension Regelkenntnisse ..................................................................................... 249 Tabelle 46: Gruppierung der Fälle nach den Vergleichsdimensionen „Anforderungen“ und „Fahrverhalten“ mit der Subkategorie „Risikobereitschaft“ .............................................................................. 250 Tabelle 47: Gruppierung der Fälle nach den Vergleichsdimensionen Anforderungen und Fahrverhalten mit den Feinkategorien „Offensiv“/„Defensiv“ und „Kooperativ“/„Selbstbezogen“ ................. 251 Tabelle 48: Typen Rad Fahrender auf Grundlage der Gruppierung der Fälle nach den Vergleichsdimensionen Anforderungen und Fahrverhalten mit den Feinkategorien „Offensiv“/„Defensiv“ und „Kooperativ“/„Selbstbezogen“ .............................................................. 252 Tabelle 49: Typen Rad Fahrender mit Vergleichsdimensionen ................. 253 Tabelle 50: Vergleichsdimensionen je Fall ................................................ 256 Tabelle 51: Typen innerhalb des qualitativen Stichprobenplans ................ 257 Tabelle 52: Ausstattungsmerkmale der Fahrräder und der Rad Fahrenden, gruppiert nach den Typen ................................................... 261 Tabelle 53: Verhältnis der Typen zum Verkehrssystem............................. 296 321

Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Für Marketingmaßnahmen interessante Typen von Rad Fahrenden ................................................................................................ 39 Abbildung 2: Theorie des geplanten Verhaltens .......................................... 44 Abbildung 3: Arbeitsmodell zum Regelverhalten Rad Fahrender ............... 45 Abbildung 4: Wirkmodell der Regelbefolgung ............................................ 46 Abbildung 5: Arbeitsmodell zur Unterstützung der Forschungsfragen ........ 60 Abbildung 6: Zirkuläre Vorgehensweise bei qualitativen Forschungsstrategien ............................................................................... 65 Abbildung 7: Erhebungsdesign .................................................................... 66 Abbildung 8: Vorgehensweise innerhalb der Arbeit .................................... 68 Abbildung 9: Kamera seitlich am Helm befestigt ........................................ 80 Abbildung 10: Standbild aus der Videoaufzeichnung einer Verfolgungsfahrt ..................................................................................... 82 Abbildung 11: Kodierparadigma nach Strauss ............................................. 97 Abbildung 12: Foto eines Interviewten mit Fahrrad................................... 106 Abbildung 13: Verteilung der Wohnorte der Fälle auf das Untersuchungsgebiet der Berliner Innenstadt ....................................... 108 Abbildung 14: Ausschnitt Anforderungsgefüge am Beispiel einer Aussage zur Fahrradstraße (If: 393) ...................................................... 124 Abbildung 15: Wirkungszusammenhang zwischen leitenden Anforderungen und der geforderten Infrastruktur ................................. 138 Abbildung 16: Reihung der Straßeninfrastruktur nach den Bewertungen der Rad Fahrenden – Prinzipskizze ................................. 146 Abbildung 17: Kodierparadigma zur Einstellung „Freiheit wiederherstellen“ am Beispiel Sf: 36 .................................................... 183 Abbildung 18: Kodierparadigma zur Erwartung „Ausgeliefert sein“ am Beispiel Mf: 359 .............................................................................. 206 Abbildung 19: Kodierparadigma zur Erwartung „Sanktionierung Verkehrsteilnehmende“ am Beispiel Ym: 37, 81-89 und 169 ............... 212 Abbildung 20: Wirkungszusammenhänge zum Fahrverhalten Rad Fahrender ............................................................................................... 219 Abbildung 21: Kodierparadigma zur Anforderung „Sicherheitsabstand zu abgestellten Kraftfahrzeugen“ .......................................................... 223 Abbildung 22: Typen Rad Fahrender im Merkmalsraum ........................... 254 Abbildung 23: Green Cycle Route in Kopenhagen .................................... 314 323

Literatur Adelt, Peter J.; Grimmer, Werner und Stephan, Ekkehard R. (1999): Autofahrer-Typen auf Deutschlands Straßen : Sicher Direct Studie ’97. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW (Werkstattberichte aus Wissenschaft + Technik Wb 23) Ahrend, Christine (2002): Mobilitätsstrategien zehnjähriger Jungen und Mädchen als Grundlage städtischer Verkehrsplanung. Münster: Waxmann (Internationale Hochschulschriften 381) Ahrend, Christine (2004): Theoriegenerierende Mobilitätsforschung in der Verkehrswissenschaft. In: Kuckartz, Udo; Grunenberg, Heiko und Lauterbach, Andreas (Hrsg.): Qualitative Datenanalyse: computerge– stützt : Methodische Hintergründe und Beispiele aus der Forschungs– praxis. Wiesbaden: VS Verlag, S. 167-180 Ahrend, Christine; Schwedes, Oliver; Daubitz, Stephan; Böhme, Uwe und Herget, Melanie (2013): Kleiner Begriffskanon der Mobilitätsforschung. Berlin (IVP-Discussion Paper. Heft 1/2013) Ahrens, Gerd-Axel; Hellenschmidt, Jens; Ließke, Frank und Wittwer, Rico (2007): Wenn zwei das Gleiche tun, erheben sie noch lange nicht dasselbe : Die Haushaltsbefragungen „Mobilität in Deutschland – MiD“ und „Mobilität in Städten - SrV“ stehen vor ihrer Neuauflage. In: Internationales Verkehrswesen, Jg. 59, Nr. 6, S. 270-274 Ahrens, Gerd-Axel; Ließke, Frank; Wittwer, Rico und Hubrich, Stefan (2009): Endbericht zur Verkehrserhebung ,Mobilität in Städten – SrV 2008‘ in Berlin. Dresden, Technische Universität Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, URL: http://www.stadtentwick lung.berlin.de/verkehr/politik_planung/zahlen_fakten/download/2_SrV _endbericht_tudresden_2008_berlin.pdf, Download am 1.3.2011 Ajzen, Icek (1985): From Intentions to Actions: A Theory of Planned Behavior (Kap. 2). In: Kuhl, Julius und Beckmann, Jürgen (Hrsg.): Action Control : From Cognition to Behavior. Berlin: Springer, S. 11-39 Ajzen, Icek (1991): The Theory of Planned Behavior. In: Organizational Behavior and Human Decision Processes, 50, S. 179-211, Download am 24.6.2012 Aldred, Rachel (2010): ‘On the outside’: constructing cycling citizenship. In: Social & Cultural Geography, Vol. 11, Nr. 1, S. 35-52, Download am 24.8.2011 325
Literatur Alrutz, Dankmar; Bohle, Wolfgang und Willhaus, Elke (1998): Bewertung der Attraktivität von Radverkehrsanlagen. Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW (Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Verkehrstechnik Heft V 56) Alrutz, Dankmar; Bohle, Wolfgang; Hacke, Ulrike; Lohmann, Günter; Müller, Holger und Prahlow, Heike (2009): Unfallrisiko und Regelak– zeptanz von Fahrradfahrern. Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW (Be– richte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Verkehrstechnik Heft V 184) Aronson, Elliot; Wilson, Timothy D. und Akert, Robin M. (2008): Sozial– psychologie. 6., aktual. Aufl. München: Pearson Education Deutschland, Originaltitel: Social psychology Bamberg, Sebastian (1996): Habitualisierte Pkw-Nutzung: Integration des Konstrukts "Habit" in die Theorie des geplanten Verhaltens. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 27, Nr. 4, S. 295-310 Bamberg, Sebastian (2004): Sozialpsychologische Handlungstheorien in der Mobilitätsforschung : Neuere theoretische Entwicklungen und praktische Konsequenzen. In: Dalkmann, Holger; Lanzendorf, Martin und Scheiner, Joachim (Hrsg.): Verkehrsgenese : Entstehung von Verkehr sowie Potenziale und Grenzen der Gestaltung einer nachhaltigen Mobilität. Mannheim: Verl. MetaGIS Infosysteme (Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung Bd. 5), S. 51-70 Bartsch, Matthias; Berg, Stefan; Book, Simon; Deggerich, Markus; Git– schier, Laura; Heckel, Manuel; Hornig, Frank; Kleinhubbert, Guido; Müller, Peter und Sontheimer, Michael (2011): Das Blech des Stärkeren. In: Der Spiegel, Nr. 37, S. 66-75 Berger, Peter A. und Hradil, Stefan (Hrsg.) (1990): Lebenslagen, Lebens– läufe, Lebensstile. Göttingen: Schwartz (Soziale Welt : Sonderband 7) Bernhoft, Inger Marie und Carstensen, Gitte (2008): Preferences and behaviour of pedestrians and cyclists by age and gender. In: Trans– portation Research Part F, 11, S. 83-95 Bliersbach, Gerhard; Culp, Werner; Geiler, Michael; Heß, Michael; Schlag, Bernhard; Schuh, Klaus und Pfafferott, Ingo (2002): Gefühlswelten im Straßenverkehr : Emotionen, Motive, Einstellungen, Verhalten. Bonn (Schriftenreihe Verkehrssicherheit 10) BMVBS, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (2012): Nationaler Radverkehrsplan 2020 : Den Radverkehr gemeinsam weiterentwickeln. Berlin BMVBS, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (2013): Achtundvierzigste Verordnung zur Änderung straßenverkehrs– 326
Literatur rechtlicher Vorschriften. In: Bundesgesetzblatt, Jahrgang 2013 Teil I, Nr. 43, S. 2803-2811 BMVIT, Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (Hrsg.) (2010): Radverkehr in Zahlen : Daten, Fakten und Stimmungen. Wien Böhm, Andreas (2009): Theoretisches Codieren: Textanalyse in der Groun– ded Theory (Kap. 5.13). In: Flick, Uwe; Kardorff, Ernst v. und Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung : Ein Handbuch. 7. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (rowohlts enzyklopädie), S. 475-485 Bohnsack, Ralf (2008): Rekonstruktive Sozialforschung : Einführung in qualitative Methoden. 7. durchgesehene und akt. Aufl. Opladen: Barbara Budrich (UTB 8242) Brehm, Jack Williams (1966): A theory of psychological reactance. New York: Acad. Press (Social psychology) Breuer, Franz (2010): Reflexive Grounded Theory : eine Einführung für die Forschungspraxis. 2. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. (Lehr– buch) Buffaloe, Renate (2012): Mein bester Feind. In: Radzeit, Nr. 1, S. 8-9 Carré, Jean-Rene (2002): Forschungsexperiment zu den Strategien der Radfahrer im städtischen Verkehr. In: ECF (Europäischer Radfahrer Verband). Bicycle Research Report, 142 Chen, Jing Hui (2014): Bausteine der Radverkehrsförderung : Wege zu einer fahrradfreundlichen Stadt (Kap. 1). In: Drohsel, Karsten Michael; Krenz, Arvid; Leben, Jörg und Lösche, Vanessa (Hrsg.): Aspekte des städtischen Radverkehrs. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin (Spektrum des Verkehrswesens 1), S. 15-36 Conner, Mark und Armitage, Christopher J. (1998): Extending the Theory of Planned Behavior: A Review and Avenues für Further Research. In: Journal of Applied Social Psychology, 28, Nr. 15, S. 1429-1464, URL: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1559-1816.1998.tb01685.x /pdf Conrad, Uwe (1995): Wegewahlverhalten von Fahrradfahrern zur Ermitt– lung von Belastungen städtischer Radverkehrsnetze. Braunschweig, Technische Universität Carolo-Wilhelmina, Fachbereich für Bauin– genieur- und Vermessungswesen, Diss. Copenhagen, The City of (2011a): Good, Better, Best : The City of Copen– hangen's Bicycle Strategy 2011-2025. Copenhagen, Technical and Environmental Administration, Traffic Department, URL: http://kk.sites. 327
Literatur itera.dk/apps/kk_pub2/pdf/823_Bg65v7UH2t.pdf, Download am 14.6. 2014 Copenhagen, The City of (2011b): Copenhagen City of Cyclists : Bicycle Account 2010. Copenhagen, Technical and Enviromental Administration, Traffic Department, URL: http://subsite.kk.dk/sitecore/content/Sub sites/CityOfCopenhagen/SubsiteFrontpage/LivingInCopenhagen/CityAnd Traffic/CityOfCyclists/PressPublicationsAndMedia/~/media/439FAEB2B2 1F40D3A0C4B174941E72D3.ashx, Download am 4.10.2014 Copenhagen, The City of (2014): Copenhagen City of Cyclists : Bicycle Account 2012. Copenhagen, Technical and Enviromental Administration, Traffic Department, URL: http://kk.sites.itera.dk/apps/kk_pub2/pdf/ 1034_pN9YE5rO1u.pdf, Download am 14.6.2014 Crisand, Ekkehard und Herrle, Johannes (1993): Psychologische Grundlagen im Führungsprozeß. Heidelberg: Sauer (Arbeitshefte Führungs– psychologie Bd. 19) Davies, D. G. ; Emmerson, P. und Gardner, G. (1998): Achieving the aims of the National Cycling Strategy: Summary of TRL research. Crowthorne: Transport Research Laboratory (TRL Report 365) Deffner, Jutta (2004): Mit der Brille der Planerin oder dem Blick der Soziologin? Über Möglichkeiten und Anforderungen bei der Auswertung offener Interviews. Erkner, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung. - Working Paper, URL: http://www.irs-net.de/down load /interviewauswertung.pdf, Download am 8.9.2009 Deffner, Jutta (2009): Zu Fuß und mit dem Rad in der Stadt – Mobilitäts– typen am Beispiel Berlins. Dortmund: Institut für Raumplanung (IRPUD) (Dortmunder Beiträge zur Raumplanung, Verkehr V 7), Diss., Originaltitel: Was beeinflusst Zufußgehen und Fahrradfahren in der Stadt? Stile nicht-motorisierter Mobilität auf Basis bewohnerzentrierter Untersuchungen in ausgewählten Berliner Stadtquartieren Destatis, Statistisches Bundesamt (2010): Verkehrsunfälle 2009 : Zweirad– unfälle im Straßenverkehr. Wiesbaden, Statistisches Bundesamt, URL: https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls? CSPCHD=00300001000046x4idvM000000GByH4cQO$oSmvRAMri9 WJg--&cmspath=struktur,vollanzeige.csp&ID=1026441, Download am 14.12.2010 Destatis, Statistisches Bundesamt (2011): Unfallentwicklung auf deutschen Straßen 2010. (Pressekonferenz des Statistischen Bundesamtes, 6.7.2011, Berlin). - Begleitmaterial, URL: http://www.destatis.de/jetspeed/por 328
Literatur tal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pk/2011/Unfaelle2010/press ebroschuere__unfaelle,property=file.pdf, Download am 19.8.2011 Edelmann, Walter (2000): Lernpsychologie. 6., vollst. überarb. Aufl. Wein– heim: Beltz, Psychologie-Verl.-Union Ehrenpfordt, Ingmar (2009): Zur belastungsoptimierten Routengenerierung im Straßenverkehr. Braunschweig: DLR, Deutsches Zentrum für Luftund Raumfahrt e.V. (Berichte aus dem DLR-Institut für Verkehrs– systemtechnik Bd. 4), Diss. Elander, James; West, Robert J. und French, Davina J. (1993): Behavioral Correlates of Individual Differences in Road-Traffic Crash Risk: An Examination of Methods and Findings. In: Psychological Bulletin, 113, Nr. 2, S. 279-294 Ellgring, Heiner (1995): Audiovisuell unterstützte Beobachtung (Kap. 6.2.4). In: Flick, Uwe; Kardorff, Ernst v.; Keupp, Heiner; Rosenstiel, Lutz v. und Wolff, Stephan (Hrsg.): Handbuch qualitative Sozialforschung : Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. 2. Aufl. Weinheim: Beltz, Psychologie-Verl.-Union, S. 203-208 Ellinghaus, Dieter; Schlag, Bernhard und Steinbrecher, Jürgen (1990): Leistungsfähigkeit und Fahrverhalten älterer Kraftfahrer. Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW (Unfall- und Sicherheitsforschung Strassenverkehr Heft 80) Ellinghaus, Dieter und Steinbrecher, Jürgen (2003): Fahren auf Land– straßen: Traum oder Albtraum? : Untersuchung zum Fahrverhalten und Fahrvergnügen von Pkw-Fahrern auf Landstraßen. Köln/Hannover (Uniroyal Verkehrsuntersuchung 28) Erke, Alena (2008): Fußgänger- und Radfahrersicherheit : Übersicht über den norwegischen und internationalen Forschungsstand. In: Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 54. Jg., Nr. 1, S. 171 - 176 Feldkötter, Michael (2003): Das Fahrrad als städtisches Verkehrsmittel : Untersuchungen zur Fahrradnutzung in Düsseldorf und Bonn. Mann– heim: Verlag MetaGIS Infosysteme (Studien zur Mobilitäts- und Ver– kehrsforschung Bd. 6), Diss., Originaltitel: Die Fahrradnutzung im städ– tischen Alltagsverkehr. Eine vergleichende Untersuchung in ausgewähl– ten Teilräumen der Großstädte Düsseldorf und Bonn FGSV, Forschungsgesellschaft für Strassen- und Verkehrswesen (2010): Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA). Ausgabe 2010. Köln: FGSV, Forschungsgesellschaft für Strassen- und Verkehrswesen FGSV, Forschungsgesellschaft für Strassen- und Verkehrswesen (2011): Hinweise zu Straßenräumen mit besonderem Überquerungsbedarf 329
Literatur Anwendungsmöglichkeiten des "Shared Space"-Gedankens. Ausgabe 2011. Köln: FGSV, Forschungsgesellschaft für Strassen- und Verkehrs– wesen Flade, Antje (1994): Mobilitätsverhalten : Bedingungen und Veränderungs– möglichkeiten aus umweltpsychologischer Sicht. Weinheim: Beltz Flade, Antje; Lohmann, Günter und Happ, Tobias (1999): Fahrradfahren in den Niederlanden und in Deutschland : Erfahrungen von AustauschStudentinnen und -Studenten. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt (Studien und Texte zur Mobilitätsforschung 4) Flade, Antje; Hacke, Ulrike und Lohmann, Günter (2002a): Wie werden die Erwachsenen von morgen unterwegs sein? In: Internationales Verkehrs– wesen, Jg. 54, Nr. 11, S. 542-547 Flade, Antje; Lohmann, Günter; Hacke, Ulrike; Borcherding, Katrin und Bohle, Wolfgang (2002b): Einflussgrößen und Motive der Fahrrad– nutzung im Alltagsverkehr. Darmstadt: Institut für Wohnen und Umwelt (IWU), Planungsgemeinschaft Verkehr (PGV), Psychologisches Institut der Technischen Universität Darmstadt Flick, Uwe (2009): Triangulation in der qualitativen Forschung (Kap. 4.6). In: Flick, Uwe; Kardorff, Ernst v. und Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung : Ein Handbuch. 7. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (ro– wohlts enzyklopädie), S. 309-318 Flick, Uwe (2010): Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung. 3. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (rowohlts enzyklopädie 55694) Flick, Uwe (2011): Triangulation : Eine Einführung. 3., akt. Aufl. Wies– baden: VS Verlag (Qualitative Sozialforschung 12) Follmer, Robert und Schulz, Alexandra (2009): Rückenwind für das Fahr– rad? : Aktuelle Ergebnisse zur Fahrradnutzung. (Nationaler Radver– kehrskongress 2009, 7.5.2009, Berlin), URL: http://www.mobilitaet-indeutschland.de/pdf/Follmer%20MiD%202008_Fahrradkongress2009. pdf, Download am 4.10.2010 Forward, Sonja E. (2009): The theory of planned behaviour: The role of descriptive norms and past behaviour in the prediction of drivers' intentions to violate. In: Transportation Research Part F, 12, S. 198-207, URL: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S136984780800 1022# Franke, Sassa (2001): Car Sharing: Vom Ökoprojekt zur Dienstleistung. Berlin: Ed. Sigma 330
Literatur French, D.J.; West, R.J.; Elander, J. und Wilding, J.M. (1993): Decision making style, driving style and self-reportet involvement in road traffic accidents. In: Ergonomics, 36, Nr. 6, S. 627-644 Friebertshäuser, Barbara (1997): Feldforschung und teilnehmende Beobach– tung. In: Friebertshäuser, Barbara und Prengel, Annedore (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissen– schaft. Weinheim: Juventa Verlag, S. 503-534 Friese, Susanne (2004): ATLAS.ti Einführungskurs. thinksupport Fuchs, Mario und Pfeiffer, Manfred (2009): Befragung zur Radverkehrs– sicherheit in Freiburg : für die Stadt Freiburg und die Polizeidirektion Freiburg - Verkehrspolizei. Mannheim Funk, Walter (2004): Kinder im Straßenverkehr : Wandel der Soziali– sationsbedingungen und der Verkehrssicherheitsarbeit für Kinder. Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW (Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Mensch und Sicherheit M 164) Gehlert, Tina (2009): Unfallforschung kompakt : Verkehrsklima in Deutsch– land 2008. Berlin: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirt– schaft e.V., Unfallforschung der Versicherer Glaser, Barney G. und Strauss, Anselm (2005): Grounded theory : Strate– gien qualitativer Forschung. 2. korr. Aufl. Bern: Huber, Originaltitel: The discovery of grounded theory: Strategies for Qualitative Research (1967) Gniech, Gisla und Dickenberger, Dorothee (1992): Die Reaktanz-Theorie. Bremen: Univ. (Bremer Beiträge zur Psychologie : Reihe D, Forschungs– berichte der Wissenschaftlichen Einheit "Handlung und Wahrnehmung" Nr. 104) Gniech, Gisla und Dickenberger, Dorothee (1997): Reaktanz. In: Frey, Dieter und Greif, Siegfried (Hrsg.): Sozialpsychologie : Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. 4. Aufl. Weinheim: Psychologie-Verl.-Union, S. 259261 Götz, Konrad ; Jahn, Thomas und Schultz, Irmgard (1998): Mobilitätsstile : ein sozial-ökologischer Untersuchungsansatz. Freiburg: Öko-Inst. (Forschungsbericht Stadtverträgliche Mobilität 7) Grabitz, Hans-Joachim (1997): Kontrolle und Hilflosigkeit. In: Frey, Dieter und Greif, Siegfried (Hrsg.): Sozialpsychologie : Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. 4. Aufl. Weinheim: Psychologie-Verl.-Union, S. 227230 Hagemeister, Carmen und Schmidt, Anne (2004): Erleben des Verkehrs– umfelds durch Radfahrer. In: Schlag, B. (Hrsg.): Verkehrspsychologie : 331
Literatur Mobilität - Sicherheit - Fahrerassistenz. Lengerich: Pabst Science Publishers Hagemeister, Carmen (2009): Wie schätzen Alltagsradler/-innen Führungen für den Radverkehr ein und unter welchen Bedingungen nutzen sie sie? In: Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 55. Jg., Nr. 1, S. 20-24 Hautzinger, H.; Manssen, G.; Schlag, B.; Müller, H.; Pfeiffer, M.; Rößger, L. und Schade, J. (2011): Regelverstöße im Straßenverkehr : Häufigkeit, Schadenfolgen, Sanktionierung, Prävention. Heilbronn, Aachen/Dresden, Regensburg, Institut für angewandte Verkehrs- und Tourismusforschung e.V. (IVT); Institut für Verkehrspsychologie; Universität Regensburg, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Verwaltungsrecht, Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie (Im Auftrag der Unfallfor– schung der Versicherer (UDV)) Hautzinger, Heinz und Pfeiffer, Manfred (1996): Gesetzmäßigkeiten des Mobilitätsverhaltens. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW (Verkehrs– mobilität in Deutschland zu Beginn der 90er Jahre, Band 4, Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Mensch und Sicherheit Heft M 57) Hebenstreit, Benedikt v. und Hürliman, Fred W. (1996): Typologie und Verkehr : Verkehrssicherheit in der Praxis II. Zürich: Verlag Heinrich Vogel Hebenstreit, Benedikt v. (1999): Fahrstiltypen beim Autofahren. In: Flade, Antje und Limbourg, Maria (Hrsg.): Frauen und Männer in der mobilen Gesellschaft. Opladen: Leske + Budrich Heinrich, Claus und Osten-Sacken, Ernst v. d. (1996): Möglichkeiten zur Verbesserung der Verkehrssicherheit von Fahrrädern (Kap. Teil 1). In: Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.): Verkehrssicherheit von Fahr– rädern. Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW (Berichte der Bundesanstalt für Strassenwesen, Fahrzeugtechnik Heft F 15), S. 10-203 Held, Martin (1982): Verkehrsmittelwahl der Verbraucher : Beitrag e. kog– nitiven Motivationstheorie zur Erklärung d. Nutzung alternativer Ver– kehrsmittel. Berlin: Duncker & Humblot (Wirtschaftspsychologische Schriften der Universitäten München und Augsburg Band 8) Helfferich, Cornelia (2009): Die Qualität qualitativer Daten : Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. 3., überarb. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. (Lehrbuch) Herget, Melanie (2013): Verkehrsverhalten und Mobilitätsstrategien von Familien in ländlichen Räumen Deutschlands unter besonderer Berücksichtigung rollentypischer Arbeitsteilung. Berlin, Technische Universität Berlin, Fakultät V - Verkehrs- und Maschinensysteme, Diss., 332
Literatur URL: http://opus4.kobv.de/opus4-tuberlin/files/3990/ herget_melanie. pdf, Download am 29.6.2014 Heumann, Christian (2012): Rotlicht ist Rotlicht ist Rotlicht : Rotlichtver– stöße bei Kraftfahrern, Radfahrern und Fußgängern. Dresden, Tech– nische Universität Dresden, Fakultät Mathematik und Naturwissen– schaften, unveröffentlichte Diplomarbeit Hinz, Niko (2013): Die Eignung der Videobeobachtung zur Erfassung regelwidrigen Verhaltens Radfahrender. Berlin, Technische Universität Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr, unveröffentlichte Bachelor– arbeit Hodapp, Volker und Rohrmann, Sonja (2006): Differentielle Psychologie: Persönlichkeitsforschung (Kap. 24). In: Pawlik, Kurt (Hrsg.): Handbuch Psychologie : Wissenschaft - Anwendung - Berufsfelder. Heidelberg: Springer, S. 337-354 Höfner, Klaus (1972): Fahrverhaltens- und Persönlichkeitsanalyse jugend– licher Mopedfahrer. In: Zeitschrift für Verkehrsrecht, 17. Jg., Nr. H 11, S. 344-352 Hopf, Christel und Schmidt, Christiane (Hrsg.) (1993): Zum Verhältnis von innerfamilialen sozialen Erfahrungen, Persönlichkeitsentwicklung und politischen Orientierungen. Dokumentation und Erörterung des methodischen Vorgehens in einer Studie zu diesem Thema. Hildesheim: Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim Horn, Burkhard (2009): Neue Handlungsspielräume für die Verkehrspla– nung - Bewertung aus Sicht der Städte. (Seminar der Fahrradakademie: Mehr Qualität im Radverkehr - die neuen Standards der 46. StVO-Novel– le, 29.9.2009, Berlin) Horton, Dave (2007): Fear of Cycling. In: Horton, Dave; Rosen, Paul und Cox, Peter (Hrsg.): Cycling and society. Aldershot, England: Ashgate (Transport and society), S. 133-152 Hoyos, C. Graf und Pupka, M. v. (1977): Motivorientierte Aspekte der Verkehrspsychologie. Köln: Bundesanstalt für Straßenwesen (Unfall- und Sicherheitsforschung Straßenverkehr Heft 7) Hunecke, Marcel und Schweer, Indra R. (2006): Einflussfaktoren der Alltagsmobilität - Das Zusammenwirken von Raum, Verkehrsinfra– struktur, Lebensstil und Mobilitätseinstellungen. In: Beckmann, Klaus J.; Hesse, Markus; Holz-Rau, Christian und Hunecke, Marcel (Hrsg.): Stadt– Leben – Wohnen, Mobilität und Lebensstil : Neue Perspektiven für Raumund Verkehrsentwicklung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 148-166 333
Literatur Hydén, C.; Nilsson, A. und Risser, R. (1999): WALCYING : How to enhance WALking and CYcliNG instead of shorter car trips and to make these modes safer, University of Lund, Sweden / FACTUM, Vienna, Austria (UR-96-SC.099). - Deliverable D6, URL: http://safety.fhwa.dot.gov/ ped_bike/docs/walcyng.pdf, Download am 7.9.2011 IEEE, Institute of Electrical and Electronics Engineers, Inc. (1991): 610: IEEE Standard Computer Dictionary : A Compilation of IEEE Standard Computer Glossaries. New York: Institute of Electrical and Electronics Engineers Infas, Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH und DLR, Deut– sches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. - Institut für Verkehrs– forschung (2010a): Mobilität in Deutschland 2008 : Ergebnisbericht : Struktur - Aufkommen - Emissionen - Trends. Bonn und Berlin, beauftragt vom BMVBS, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtent– wicklung (FE-Nr. 70.801/2006), URL: http://www.mobilitaet-in-deut schland.de/pdf/MiD2008_Abschluss bericht_I.pdf, Download am 14.10. 2010 Infas, Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH und DLR, Deut– sches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. - Institut für Verkehrsfor– schung (2010b): Mobilität in Deutschland 2008 : Variablenaufbereitung Haushaltsdatensatz. Bonn und Berlin, beauftragt vom BMVBS, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (FE-Nr. 70.801/2006), URL: http://www.mobilitaet-in-deutschland.de/pdf/MiD 2008_Tabellenband.pdf, Download am 14.10.2010 Infas, Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH und DLR, Deut– sches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. - Institut für Verkehrs– forschung (2010c): Mobilität in Deutschland 2008 : Tabellenband. Bonn und Berlin, beauftragt vom BMVBS, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (FE-Nr. 70.801/2006), URL: http://www. mobilitaet-in-deutschland.de/pdf/MiD2008_Tabellenband.pdf, Down– load am 14.10.2010 Jacobs, Stefan (2010): Volle Fahrt in den Frust. In: Tagesspiegel (7.11.2010), Nr. 20 791, S. 9 Jansen, Holger (2012): Erfolgsfaktoren der Fahrgastbeteiligung im öffentlichen Verkehr. Berlin, Technische Universität Berlin, Fakultät V Verkehrs- und Maschinensysteme, Diss., URL: http://www.nexusinsti tut.de/images/stories/content-pdf/12-06-06_Dissertation_Veroeffent lichung_Online_END.pdf, Download am 30.8.2012 334
Literatur Kelle, Udo und Kluge, Susann (2010): Vom Einzelfall zum Typus : Fallver– gleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung. 2., überarb. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss. (Qualitative Sozialforschung 15) Kerwien, Hartmut (1997): Das Risikoverhalten von Radfahrern. In: Schlag, Bernhard (Hrsg.): Fortschritte der Verkehrspsychologie 1996 : Kongreß– bericht. Bonn: Dt. Psychologen Verl., S. 539-544 Ketterer, Werner (1990): Sicherheitsprobleme des Radverkehrs psycho– logisch betrachtet. Freiburg i. Br.: Psycholog. Inst., Abt. Allg. Psycho– logie (Forschungsberichte des Psychologischen Instituts der AlbertLudwigs-Universität Freiburg i. Br. 61) Klebelsberg, Dieter (1982): Verkehrspsychologie. Berlin: Springer Klöckner, Christian A. (2005): Das Zusammenspiel von Gewohnheiten und Normen in der Verkehrsmittelwahl - ein integriertes Norm-AktivationsModell und seine Implikation für Interventionen. Bochum, RuhrUniversität Bochum, Fakultät für Psychologie, Inaugural - Dissertation, URL: http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/Kloe cknerChristianA/diss.pdf, Download am 23.6.2012 Kluge, Susann (1999): Empirisch begründete Typenbildung : zur Konstruk– tion von Typen und Typologien in der qualitativen Sozialforschung. Opladen: Leske + Budrich Krause, Juliane (1984): Radfahren in der Stadt : Wegewahlverhalten von Radfahrern. Die Bedeutung der Umwegempfindlichkeit für die inner– städtische Radverkehrsplanung. Braunschweig: Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung der TU Braunschweig Krizek, Kevin J. ; Johnson, Pamela Jo und Nebiyou, Tilahun (2005): Gender Differences in Bicycling Behavior and Facility Preferences. In: TRB, Transportation Research Board (Hrsg.): Research on Women's Issues in Transportation : Report of a Conference. Bd. 2: Technical Papers. Wa– shington D.C. (Conference Proceedings 35), S. 31-40 Kuckartz, Udo (2010): Einführung in die computergestützte Analyse qualitativer Daten. 3., akt. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. (Lehrbuch) Kuller, Erich Christian; Gersemann, Dieter und Ruwenstroth, Gunter (1986): Regelabweichendes Verhalten von Fahrradfahrern. Bergisch Gladbach: Bundesanst. für Strassenwesen, Bereich Unfallforschung (Forschungs– berichte der Bundesanstalt für Strassenwesen, Bereich Unfallforschung 142) 335
Literatur Lachnit, Harald (2006): Elementare Lernprozesse (Kap. 11). In: Pawlik, Kurt (Hrsg.): Handbuch Psychologie : Wissenschaft - Anwendung - Berufs– felder. Heidelberg: Springer, S. 161-178 Lajunen, Timo und Özkan, Türker (2011): Self-Report Instruments and Methods. In: Porter, Bryan E. (Hrsg.): Handbook of Traffic Psychology. London: Elsevier Inc. Lamnek, Siegfried (2005): Qualitative Sozialforschung : Lehrbuch. 4., vollst. überarb. Aufl. Weinheim: Beltz (BeltzPVU) Lanzendorf, Martin und Scheiner, Joachim (2004): Verkehrsgenese als Herausforderung für Transdisziplinarität : Stand und Perspektiven der Forschung. In: Dalkmann, Holger; Lanzendorf, Martin und Scheiner, Joachim (Hrsg.): Verkehrsgenese : Entstehung von Verkehr sowie Poten– ziale und Grenzen der Gestaltung einer nachhaltigen Mobilität. Mannheim: Verl. MetaGIS Infosysteme (Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung Bd. 5), S. 11-38 Leben, Jörg (2014): Anforderungen und Verhalten von Radfahrenden : Eine Bestandsaufnahme (Kap. 6). In: Drohsel, Karsten Michael; Krenz, Arvid; Leben, Jörg und Lösche, Vanessa (Hrsg.): Aspekte des städtischen Radverkehrs. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin (Spektrum des Verkehrswesens 1), S. 117-136 Legewie, Heiner und Schervier-Legewie, Barbara (2004): "Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen". Anselm Strauss im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie [90 Absätze]. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 22, URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn: de:0114-fqs0403222. Ligtermoet, Dirk (2009): Bicycle policies of the European principals: continuous and integral. Utrecht: Fietsberaad (Publication No. 7) lobo (2007): Die Fahrradfahrer-Typologie. In: Fudder : Neuigkeiten aus Freiburg. Freiburg: URL: http://fudder.de/artikel/2007/03/28/die-fahr radfahrer-typologie/, Zugriff: 2.8.2010 Lucke, Doris (1995): Akzeptanz : Legitimität in der "Abstimmungsgesell– schaft". Opladen: Leske + Budrich, Habil. Luckmann, Thomas (1992): Theorie des sozialen Handelns. Berlin: de Gruyter (Sammlung Göschen 2108) Lüders, Christian (2009): Beobachten im Feld und Ethnographie (Kap. 5.5). In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst und Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative 336
Literatur Forschung : Ein Handbuch. 7. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (rowohlts enzyklopädie), S. 384-401 Maag, Christian (2004): Fahrer und Verkehrsklima : eine verkehrswissen– schaftliche Untersuchung zu den Ursachen und Folgen von Emotionen im Strassenverkehr: VDI-Verl. Maier, Reinhold (2013): Radverkehrsführung in Stadtstraßen - Aktuelle Anforderungen und Lösungen. In: Straßenverkehrstechnik, 57. Jg., Nr. 9, S. 583-586 Marberger, Claus (2007): Nutzerseitiger Fehlgebrauch von Fahrerassis– tenzsystemen. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW (Berichte der Bun– desanstalt für Straßenwesen, Fahrzeugtechnik Heft F 63) Matthies, Bernd (2011): Mit Gottes Segen gegen die Kampfradler. In: Tagesspiegel (1.10.2011), Nr. 21 113, S. 19 Mayring, Philipp (1995): Psychologie (Kap. 2.1). In: Flick, Uwe; Kardorff, Ernst v.; Keupp, Heiner; Rosenstiel, Lutz v. und Wolff, Stephan (Hrsg.): Handbuch qualitative Sozialforschung : Grundlagen, Konzepte, Metho– den und Anwendungen. 2. Aufl. Weinheim: Beltz, Psychologie-Verl.Union, S. 33-35 Mayring, Philipp (2002): Einführung in die qualitative Sozialforschung : Eine Anleitung zu qualitativem Denken. 5., überarb. und neu ausgestattete Aufl. Weinheim: Beltz (Beltz Studium) Mayring, Philipp (2008): Qualitative Inhaltsanalyse : Grundlagen und Techniken. 10., neu ausgestattete Aufl. Weinheim: Beltz (Beltz Päda– gogik) McClelland, David C. ; Atkinson, John W. ; Clark, Russell A. und Lowell, Edgar L. (1976): The achievement motive. New York: Irvington Publ. (The century psychology series) Merton, Robert K. und Kendall, Patricia L. (1984): Das fokussierte Inter– view. In: Hopf, Christel und Weingarten, Elmar (Hrsg.): Qualitative Sozialforschung. 2. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 171-204, Originaltitel: The Focussed Interview. In: American Journal of Sociology, Bd. 51 (1945/46), S. 541-557 Mey, Günter und Mruck, Katja (2007): Grounded Theory Methodologie Bemerkungen zu einem prominenten Forschungsstil. In: Mey, Günter und Mruck, Katja (Hrsg.): Grounded Theory Reader. Köln: Zentrum für Historische Sozialforschung (Historical social Research, Beiheft Nr. 19), S. 11-39 Mey, Günter und Mruck, Katja (2009): Methodologien und Methodik der Grounded Theory. In: Kempf, Wilhelm und Kiefer, Markus (Hrsg.): 337
Literatur Forschungsmethoden der Psychologie : Zwischen naturwissenschaft– lichem Experiment und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik. Bd. III: Natur und Kultur. Berlin: Regener, S. 100-152 Mey, Günter und Mruck, Katja (2011): Grounded-Theory-Methodologie: Entwicklung, Stand, Perspektiven. In: Mey, Günter und Mruck, Katja (Hrsg.): Grounded Theory Reader. 2., aktual. u. erw. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., S. 11-48 Meyer, Imke K. (2008): Die kulturelle Bestimmtheit von Bewegung : Eine Studie zum Radfahren in Bremen und Tokyo. Bremen, Universität Bremen, Diss., URL: http://d-nb.info/1001820592/34, Download am 28.9.2010 Meyer, Wulf-Uwe ; Reisenzein, Rainer und Schützwohl, Achim (2001): Einführung in die Emotionspsychologie : Die Emotionstheorien von Watson, James und Schachter. Bd. I. 2., überarb. Aufl. Bern: Huber (Huber: Psychologie Lehrbuch) Meyer, Wulf-Uwe und Horstmann, Gernot (2006): Emotion (Kap. 16). In: Pawlik, Kurt (Hrsg.): Handbuch Psychologie : Wissenschaft - Anwen– dung - Berufsfelder. Heidelberg: Springer, S. 231-238 Monheim, Heiner und Monheim-Dandorfer, Rita (1990): Straßen für alle : Analysen und Konzepte zum Stadtverkehr der Zukunft. Hamburg: Rasch und Röhring Nohl, Arnd-Michael (2008): Interview und dokumentarische Methode : Anleitungen für die Forschungspraxis. 2. überarb. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag (Qualitative Sozialforschung 16) Parkin, John ; Ryley, Tim und Jones, Tim (2007): Barriers to Cycling: An Exploration of Quantitative Analyses. In: Horton, Dave; Rosen, Paul und Cox, Peter (Hrsg.): Cycling and society. Aldershot, England: Ashgate (Transport and society), S. 67-82 Patzelt, Holger (2006): Analyse und Einteilung von Benutzergruppen im Radverkehr. Karlsruhe, Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft, unveröffentlichte Diplomarbeit Pauen-Höppner, Ursula (1991): Sichere Fahrradnutzung in der Stadt. Bergisch Gladbach: Bundesanst. für Strassenwesen (Forschungsberichte der Bundesanstalt für Straßenwesen 235) Peuckert, Rüdiger (2010): Einstellung, soziale. In: Kopp, Johannes und Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. 10. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, S. 59-61 Polizei Berlin, Der Polizeipräsident in Berlin (Hrsg.) (2013): Sonder– untersuchung "Radverkehrsunfälle" in Berlin 2012. Berlin 338
Literatur Preiser, Siegfried (1988): Kontrolle und engagiertes Handeln : Entwick– lungs-, Veränderungs- und Wirkungsbedingungen von Kontrollkognitio– nen und Engagement. Göttingen: Verl. für Psychologie, Hogrefe, Habil. Przyborski, Aglaja und Wohlrab-Sahr, Monika (2008): Qualitative Sozial– forschung : Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg Pullwitt, Olaf (2013): Der Einfluss der Verkehrsumwelt auf das Fahrver– halten Radfahrender. Berlin, Technische Universität Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr, unveröffentlichte Masterarbeit Reason, James (1994): Menschliches Versagen : Psychologische Risikofak– toren und moderne Technologien. Heidelberg: Spektrum, Akad. Verl., Originaltitel: Human error Reisenzein, Rainer (2006): Motivation (Kap. 17). In: Pawlik, Kurt (Hrsg.): Handbuch Psychologie : Wissenschaft - Anwendung - Berufsfelder. Heidelberg: Springer, S. 239-247 Rößger, Lars; Schade, Jens; Schlag, Bernhard und Gehlert, Tina (2011): Verkehrsregelakzeptanz und Enforcement. Berlin: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V., Unfallforschung der Versiche– rer (Verkehrsverhalten / Verkehrspsychologie 06), Forschungsbericht Rudolph, Udo (2003): Motivationspsychologie. Weinheim: Beltz PVU Rupp, Chris (2007): Requirements-Engineering und -Management : profes– sionelle, iterative Anforderungsanalyse für die Praxis. 4., aktual. und erw. Aufl. München: Hanser Schade, Jens (2005): Akzeptanz von Straßenbenutzungsgebühren: Entwick– lung und Überprüfung eines Modells. Dresden, Technische Universität Dresden, Mathematik und Naturwissenschaften, Psychologie, Professur Verkehrspsychologie, Diss., URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de: swb:14-1131444884293-06183, Download am 3.11.2006 Schäfers, Bernhard (2002): Soziales Handeln und seine Grundlagen: Nor– men, Werte, Sinn (Kap. Lektion II). In: Korte, Hermann und Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. 6., erw. u. akt. Aufl. Opladen: Leske + Budrich Scheffer, David und Heckhausen, Heinz (2006): Eigenschaftstheorien der Motivation (Kap. Kapitel 3). In: Heckhausen, Jutta und Heckhausen, Heinz (Hrsg.): Motivation und Handeln. 3. Aufl. Heidelberg: Springer (Springer-Lehrbuch), S. 45-72 Schimank, Uwe (2007): Handeln und Strukturen : Einführung in die akteur– theoretische Soziologie. Weinheim: Juventa-Verl. (Grundlagentexte Soziologie) 339
Literatur Schlag, Bernhard (2006): Risikoverhalten im Straßenverkehr. In: Wissen– schaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden, 55, Nr. 3-4, S. 35-40, URL: http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/docume nts/1869/1172667790025-2983.pdf, Download am 23.6.2012 Schlag, Bernhard (2009): Lern- und Leistungsmotivation. 3. Aufl. Wies– baden: VS Verl. für Sozialwiss. (Lehrbuch) Schlag, Bernhard (2010): Regelbefolgung. In: Verkehrssicherheitsrat, Deut– scher (Hrsg.): Risiko Raus : Fachliche Beiträge zu Themen der Kam– pagne. Bonn (Schriftenreihe Verkehrssicherheit 14), S. 23-38 Schlag, Bernhard ; Rößger, Lars und Schade, Jens (2012): Regelbefolgung Ein Modell der Einflussgrößen. In: Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 58, Nr. 2, S. 62-67 Schmidt, Anne (2002): Erleben und Konfliktwahrnehmung von Radfahrern und deren Rolle für die Routenwahl im Alltagsverkehr. Dresden, Technische Universität Dresden, Institut für Straßenverkehr und Verkehrsplanung, unveröffentlichte Studienarbeit Schmidt, Christiane (2009): Analyse von Leitfadeninterviews (Kap. 5.10). In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst und Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung : Ein Handbuch. Orig.-Ausg., 7. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (rororo - rowohlts enzyklopädie), S. 447-456 Schmitz, Britta B. (1994): Mobilitätsmotive: Warum ist der Mensch mobil? In: Flade, Antje (Hrsg.): Mobilitätsverhalten : Bedingungen und Verän– derungsmöglichkeiten aus umweltpsychologischer Sicht. Weinheim: Beltz, S. 103-112 Schneider, Klaus (1992): Emotionen (Kap. 7). In: Spada, Hans (Hrsg.): Lehrbuch allgemeine Psychologie. 2., korr. Aufl. Bern: Huber, S. 403450 Schurig, Roland und Marquardt, Andreas (2009): StVO : Kommentar zur Straßenverkehrs-Ordnung mit VwV-StVO. 13. Aufl. Bonn: Kirschbaum Schütze, Anika (2011): Fahrstile im Straßenverkehr : Bedeutung, Definition, Messung und Wirtschaftlichkeit. Berlin, Technische Universität Berlin, Verkehrswesenseminar, unveröffentlichte Bachelorarbeit Seiffge-Krenke, Inge (2008): Gesundheit als aktiver Gestaltungsprozess im menschlichen Lebenslauf (Kap. 27). In: Oerter, Rolf und Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 6., vollst. überarb. Aufl. Weinheim: Beltz, S. 822-836 SenStadt, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hrsg.) (2011): Mobilität in Berlin : Bilanz zum Personenverkehr in der Stadt (SrV 2008). Berlin (Verkehrsplanung) 340
Literatur SenStadtUm, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg.) (2013): Neue Radverkehrsstrategie für Berlin. Berlin Steffens, Ulrich ; Pfeiffer, Kerstin und Schreiber , Norbert (1999): Ältere Menschen als Radfahrer. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW (Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Mensch und Sicherheit Heft M 112) StVO (2013), Straßenverkehrs-Ordnung vom 6. März 2013 (BGBl. I S. 367), Neufassung gem. V v. 6.3.2013 I 367, in Kraft getreten am 1.4.2013 StVZO (2012), Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung vom 26. April 2012 (BGBl. I S. 679), die zuletzt durch Artikel 2 der Verordnung vom 19. Oktober 2012 (BGBl. I S. 2232) geändert worden ist Strauss, Anselm und Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologische Verlags Union, Originaltitel: Basics of Qualitative Research: Grounded Theory Procedures and Techniques (1990) Strauss, Anselm (1998): Grundlagen qualitativer Sozialforschung : Daten– analyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen For– schung. Unv. Nachdruck d. 2. Aufl. 1998. München: W. Fink (UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher 1776) Strübing, Jörg (2011): Zwei Varianten von Grounded Theory? Zu den methodologischen und methodischen Differenzen zwischen Barney Glaser und Anselm Strauss. In: Mey, Günter und Mruck, Katja (Hrsg.): Grounded Theory Reader. 2., aktual. u. erw. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., S. 261-277 Tørsløv, Niels (2009): Bicycle City Copenhagen. (Nationaler Radverkehrs– kongress 2009, 7.5.2009, Berlin) VCD, Verkehrsclub Deutschland - Landesverband Nordost (2013): Höhere Investitionen für den Radverkehr in Berlin. (Pressemitteilung, 14.10.2013, Berlin), URL: http://www.vcd.org/vorort/fileadmin/user upload/nordost/redaktion/Dokumente/Pressemitteilungen/2013-1014_PM_Radverkehr.pdf, Download am 14.6.2014 VwV-StVO (2009), VwV-StVO : Allgemeine Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung vom 22. Oktober 1998, idF v. 17.7.2009 Walter, Esther; Cavegn, Mario; Allenbach, Roland und Scaramuzza, Gianantonio (2005): Fahrradverkehr : Unfallgeschehen, Risikofaktoren und Prävention Bern: Schweizerische Beratungsstelle für Unfallver– hütung bfu (Sicherheitsdossier 2) Weber, Max (1985): Wirtschaft und Gesellschaft : Grundriss der verste– henden Soziologie. 5. rev. Aufl., Studienausg. Tübingen: Mohr 341
Literatur Witt, Harald (2001): Forschungsstrategien bei quantitativer und qualitativer Sozialforschung [36 Absätze]. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(1), Art. 8, URL: http://nbnresolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs010189. Wittink, Roelof (2003): Planning for cycling supports road safety. In: Tolley, Rodney (Hrsg.): Sustainable transport : Planning for walking and cycling in urban environments. Cambridge: Woodhead Publishing (Woodhead Publishing in Environmental Management) Witzel, Andreas (2000): Das problemzentrierte Interview [25 Absätze]. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Re– search, 1(1), Art. 22, URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs 0001228. Zimbardo, Philip und Gerrig, Richard (1999): Psychologie. 7. Aufl. Berlin: Springer Zimbardo, Philip G. und Gerrig, Richard J. (2004): Psychologie. 16., aktual. Aufl. München: Pearson Studium, Originaltitel: Psychology and life Zimber, Andreas (1995): Radverkehrsanlagen im Urteil ihrer Nutzer. In: Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 41, Nr. 3, S. 18-23 342
/KVGKPGOSWCNKVCVKXGP(QTUEJWPIUCPUCV\P¼JGTVUKEJFKGUGU$WEJFKGUGP(TCIGP &C\WYWTFGPKP$GTNKP4CF(CJTGPFGKPVGTXKGYVWPFDGQDCEJVGV#PJCPFGKPGT GORKTKUEJIGPGTKGTVGP6[RQNQIKGFGT4CF(CJTGPFGPYGTFGPFKG<WUCOOGPJ¼Pge dargestellt und erklärt. Jörg Leben ,ÑTI.GDGPCTDGKVGVCNU8GTMGJTURNCPGTKP$GTNKP Rad Fahrende /KV<WPCJOGFGU4CFXGTMGJTUPGJOGPKPXKGNGP5V¼FVGPFKG-QPƀKMVG\W8QT CNNGOFCU4GIGNXGTJCNVGPFGT4CF(CJTGPFGPYKTFMTKVKUKGTV&QEJFCU8GTJCNVGP hat seine Gründe. Welche sind dies und welche Wirkmechanismen stecken dahinter? Sind die Rad Fahrenden das Problem, oder liegen die Ursachen für die -QPƀKMVG ICP\ YQCPFGTU! 9GNEJG -QPUGSWGP\GP GTIGDGP UKEJ FCTCWU H×T FKG 8GTMGJTURQNKVKMWPFRNCPWPI! Jörg Leben Rad Fahrende 978-3-643-13575-9 Lit www.lit-verlag.de ;1*@,+?)(3( Wer sie sind und was sie brauchen Lit Lit