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Inhalt Cover Über das Buch Über den Autor Titel Impressum Kapitel 1: Digitaler Spurensucher Kapitel 2: Das tote Mädchen unter der Teufelstalbrücke Kapitel 3: Mord im Parkhaus Kapitel 4: Kopfschuss nach Streit um Drogengeld Kapitel 5: Der tote Soldat und die Rätsel der Vergangenheit Exkurs: Die Zukunft der Tatortrekonstruktion Kapitel 6: Mord mit Ansage Kapitel 7: Das Skelett der Täter – Der Goldmünzenraub Kapitel 8: Und sie funktioniert doch: Der Tankstellenraub und das Skelett der Täter Exkurs: Die Zukunft der Foto- und Videoanalyse Kapitel 9: Den Toten ein Gesicht geben Kapitel 10: Die ältesten Morde Österreichs Exkurs: Die Zukunft der Gesichtsrekonstruktion Kapitel 11: Die Zukunft der digitalen Forensik – wie sich die Strafverfolgung ändern muss Quellen Anmerkungen 1
Über das Buch Es sind scheinbar aussichtslose Fälle: Das Kind, das von einer Brücke in den Tod stürzte. Das Video, auf dem zu hören und zu sehen ist, wie im Leipziger Rockerkrieg ein Mann erschossen wird. Oder der Tatort eines schweren Raubes, an dem es zwar viele Spuren aber nur wenige Erkenntnisse gibt. Er rekonstruiert Tatorte in 3-D-Modellen, simuliert den Tathergang und schafft digitale Doubles von Opfern und Tätern. Immer dann, wenn Ermittler mit klassischen Methoden der Spurenauswertung nicht weiterkommen, wenden sie sich an Dirk Labudde. Anhand seiner spannendsten Fälle zeigt er, dass die Zukunft der digitalen Forensik längst begonnen hat, welche Chancen darin liegen, aber auch welche Risiken. 2
Über den Autor Dirk Labudde, geboren 1966, hat in Rostock, Enschede und Kaiserslautern Theoretische Physik und Medizin studiert. Seit 2009 ist er Professor für Bioinformatik und digitale Forensik an der Hochschule Mittweida. Als Berater für verschiedene Polizeien der Länder und Staatsanwaltschaften hilft er bei der forensischen Aufklärung von Straftaten und ist als Sachverständiger vor Gericht tätig. 3
DIRK LABUDDE mit Heike Vowinkel DIGITALE FORENSIK Die Zukunft der Verbrechensaufklärung LÜBBE 4
Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes Originalausgabe Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln Textredaktion: Ulrike Strerath-Bolz Umschlaggestaltung: Kristin Pang Umschlagmotiv: © Tomas Rodriguez, Köln eBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf ISBN 978-3-7517-2385-5 luebbe.de lesejury.de 5
KAPITEL 1 DIGITALER SPURENSUCHER Es passt einfach nicht zusammen. Von der Steilküste kann der Junge nicht ins Meer gestürzt sein. Wo sind seine Hose, die Schuhe, die Socken? Hat die Strömung sie ihm ausgezogen? Dafür war sie eigentlich zu schwach. Oder hat er sich selbst vorher entkleidet? Nur, wo sind die Sachen dann? Und wer zieht sich vor einem Unfall die Hose aus? Ich sitze mit drei meiner Studierenden vor der großen digitalen Bildschirmwand des Labors. Wir sind ratlos. Das Surren der Klimaanlage untermalt unser Schweigen. Der Kaffee in meinem Becher ist kalt. Seit Stunden versuchen wir, einen Ablauf für diesen Fall zu rekonstruieren, einen, der Antworten gibt und nicht ständig neue Fragen aufwirft. Auf dem Bildschirm ist die Steilküste des spanischen Ferienortes Lloret de Mar zu sehen, ein originalgetreu nachgebautes 3-D-Modell, das wir mithilfe von Daten aus Spezialkameras erstellt haben. Vor einigen Wochen ließen wir diese Kameras mit Drohnen über die Küste fliegen, genau dort, wo im Juli 2019 der 17-jährige Linus Wetzel* aus Hessen mit schwerem Schädelbruch tot aus dem Meer gezogen worden war. Zusammen mit zwei Freunden hatte er in Lloret de Mar mit einem Jugendreiseveranstalter Urlaub gemacht. Auch für Linus Wetzel bauten wir ein Computermodell, ein Dummy, das auf seinem Körpergewicht und seiner Größe beruhte. Von Dutzenden Positionen aus ließen wir es immer und immer wieder von der Küste hinunterstürzen. Nur ein einziges Mal landete es im Wasser, allerdings von einer Stelle aus, die flacher ist und an der ein Weg verläuft, sodass Linus Wetzel nicht so dicht an der Küste hätte entlanggehen müssen. Dass sein Sturz ein Unfall war, erscheint an dieser Stelle daher eher unwahrscheinlich. Von allen anderen Stellen aus schlug das Dummy aber stets an den Klippen und Steinvorsprüngen auf – jedenfalls landete es nicht im Wasser. Wie kommen wir hier weiter? Ich laufe zwischen Bildschirmwand und Stuhl hin und her, in Bewegung kann ich besser denken. Noch einmal gehen wir alle Informationen durch: Linus Wetzel soll in der Nacht nach einem Streit mit Freunden oder Fremden am Strand – dazu gibt es unterschiedliche Aussagen – den Weg hinauf zu den Klippen gelaufen sein. Vorher machte er noch einen Abstecher in eine Bar. Dort fiel er auf, weil er betrunken und hilflos wirkte. Er soll dann weiter in Richtung Steilküste gelaufen sein. Danach verliert sich seine Spur. Die spanische Polizei geht davon aus, dass er betrunken von den Klippen ins Meer stürzte. Ein Unfall also. Doch unsere Simulation zeigt, dass das sehr unwahrscheinlich ist. Und es bleiben die vielen unbeantworteten Fragen: Warum ist die Aussage des Freundes 6
so widersprüchlich? Und wo sind die Hose, die Schuhe, die Socken? Das alles passt einfach nicht zusammen. * Morde, Raubüberfälle, Erpressungen, nicht zu identifizierende Leichen und uneindeutige Tode wie der von Linus Wetzel bestimmen seit Jahren meinen Alltag. Vorgezeichnet war dieser Weg für mich nicht. Denn ich bin Physiker, Bioinformatiker und Professor an der Hochschule Mittweida in Sachsen. Rückblickend passte es zwar hervorragend, dass ich viele Jahre lang in der Bioinformatik als einer der Pioniere Methoden entwickelt habe, mit denen sich biologische Prozesse in Computersimulationen übertragen lassen. Doch Verbrechen interessierten mich damals höchstens im Film. Dass ich heute als digitaler Forensiker Tatorte und -abläufe mithilfe von Computersimulationen analysiere, verdanke ich dem früheren Chemnitzer Polizeipräsidenten. Er hatte seit Anfang der 2010er-Jahre immer öfter Betrugs- und Schadensmeldungen auf dem Tisch, die mit elektronischen Medien und dem Internet zu tun hatten. Doch nur wenige seiner Polizistinnen und Polizisten kannten sich damit gut genug aus, um effektiv zu ermitteln. 2013 wandte er sich deshalb an meinen Hochschulrektor: Ob wir Wissenschaftler seine Leute unterstützen könnten, etwa durch Kooperationen, wollte er wissen. Vielleicht könnten wir sie ja auch weiterbilden? Die Anfrage landete auf meinem Tisch. Seitdem hat mich die Welt der Verbrechen nicht mehr losgelassen. Heute bietet mein Lehrstuhl vielfältige ITForensik-Schulungen für Ermittlerinnen, Ermittler, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte an. Außerdem arbeite ich als Sachverständiger und Berater eng mit Strafverfolgungsbehörden zusammen. Parallel baute ich einen Studiengang für Allgemeine und Digitale Forensik auf, um Forschung und Praxis enger miteinander zu verknüpfen. Denn anders als in den USA, den Niederlanden oder Großbritannien werden Ermittlerinnen und Ermittler in Deutschland nicht an staatlichen Hochschulen ausgebildet, sondern an Polizei(hoch)schulen und akademien. Einen institutionellen Austausch zwischen Grundlagenforschung und Praxis gibt es nicht. Mit meinem Studiengang versuche ich das zu ändern. Mein Team und ich entwickeln digitale Lösungen und Methoden für Ermittlungsprobleme, denen ich in der Praxis, also bei konkreten Fällen, begegne. Beides fließt in die Ausbildung der Studierenden ein, die später zur Polizei gehen, aber auch in der freien Wirtschaft als IT-Sicherheitsexperten oder als digitale Forensiker arbeiten. DER EWIGE WETTLAUF – VON EDMOND LOCARD BIS ZUR CYBERKRIMINALITÄT Forensik ist eine Querschnittswissenschaft, und genau das macht sie so spannend für mich: Medizin, Biologie, Physik, Chemie, Psychologie greifen ineinander, und mittlerweile gehört eben auch die Informatik dazu. Das war nicht 7
immer so. Die moderne Forensik entstand erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Analyse und Systematisierung von Spuren ins Zentrum von Ermittlungen rückte. Zuvor konzentrierten sich diese vor allem auf Zeugenaussagen. Das Problem dabei war: Aussagen von Zeugen sind nie objektiv, zumal wenn sie – wie noch bis weit ins 19. Jahrhundert üblich – unter Androhung oder Einsatz von Gewalt zustande kommen. Der Beweiswert von Spuren wurde also immer wichtiger. Doch was genau sind Spuren? Edmond Locard, Direktor des weltweit ersten offiziellen Polizeilabors in Lyon und Begründer der modernen Forensik, formulierte es um 1910 so: Überall dort, wo er [der Täter] geht, was er berührt, was er hinterlässt, auch unbewusst, all das dient als stummer Zeuge gegen ihn. Nicht nur seine Fingerabdrücke oder seine Fußabdrücke, auch seine Haare, die Fasern aus seiner Kleidung, das Glas, das er bricht, die Abdrücke der Werkzeuge, die er hinterlässt, die Kratzer, die er in die Farbe macht, das Blut oder Sperma, das er hinterlässt oder an sich trägt. All dies und mehr sind stumme Zeugen gegen ihn. Dies ist der Beweis, der niemals vergisst. Er ist nicht verwirrt durch die Spannung des Augenblicks. Er ist nicht unkonzentriert, wie es die menschlichen Zeugen sind. Er ist ein sachlicher Beweis. Physikalische Beweismittel können nicht falsch sein, sie können sich selbst nicht verstellen, sie können nicht vollständig verschwinden. Nur menschliches Versagen, diese zu finden, zu studieren und zu verstehen, kann ihren Wert zunichtemachen.1 Einen Tatort ohne Spuren gibt es also nicht. Wobei unter Tatort nicht nur der eigentliche Ort des Geschehens zu verstehen ist, sondern es sind auch all jene Orte, die einen Bezug zur Tat haben, etwa weil sich Täter oder Opfer vorher oder nachher dort aufhielten. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden dann die Grundlagen für die heutige Spuren- und Tatortanalyse gelegt: Systematiken und wissenschaftliche Methoden entstanden, um etwa Schusswaffen zu analysieren, um Merkmale abzugleichen, mit denen sich Menschen identifizieren lassen – wie Schuh- und Fingerabdrücke, DNA-Spuren –, oder um Verletzungen von Opfern rechtsmedizinisch einzuordnen. Ab den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich ein neuer Tat- und Spurenort: die digitale Welt. Computer wurden zu einem Massenprodukt, das Internet trat seinen Siegeszug an und veränderte die Arbeits- und Lebensweise der Menschen fundamental. Heute gibt es kaum noch einen Bereich, der nicht digital beeinflusst ist. Die meisten von uns führen längst ein digitales Leben: 94 Prozent aller über 14-jährigen Deutschen nutzen das Internet und verbringen im Schnitt darin täglich 136 Minuten. Und es wird immer mehr: In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Nutzungsdauer digitaler Medien fast verdoppelt.2 Überwachungskameras filmen uns, wir schreiben Sprachnachrichten, chatten in Messengern, suchen im Netz nach Themen oder Produkten, bestellen diese und hinterlassen dabei – Spuren. Natürlich nutzen und missbrauchen auch Kriminelle all dies. Doch bis die Strafverfolgungsbehörden begannen, die digitale Welt als Tatort ernst zu nehmen und bei Ermittlungen auch 8
an diesen Bereich zu denken, dauerte es eine Weile – die Entstehungsgeschichte unseres Studiengangs ist nur ein Beispiel dafür. Selten wurde der technologische Wettlauf zwischen Tätern und Ermittlern unter so ungleichen Startbedingungen begonnen wie im Zeitalter der Digitalisierung. Ein frühes Beispiel für diesen Wettlauf liefert bereits Locards Lehrer, der französische Kriminalist Alphonse Bertillon. Der drängte einst darauf, Straftäter in möglichst immer gleicher Position und auf die gleiche Art und Weise zu fotografieren; erst dann seien die Aufnahmen hilfreich bei der Suche und Identifizierung von Tätern. Damit hatte er zwar recht. Doch es dauerte nicht lange, bis Verbrecher begannen, ihr Äußeres zu ändern, sich Bärte und Haare wachsen zu lassen oder sie zu färben. Der Wettlauf zwischen Tätern und Kriminaltechnik läuft seitdem in immer schnellerem Tempo. Technologien entwickeln sich rasant. Täter adaptieren sie so schnell, dass Strafverfolgungsbehörden naturgemäß das Nachsehen haben. Ihre Strukturen sind nicht gut geeignet, um bei diesem Wettrennen mithalten zu können. Sie hinken wie auch andere Behörden in Deutschland bei der Digitalisierung hinterher, sind oft schwerfällig, weil es viele Entscheider und langwierige Prozesse gibt. Datenschutzbestimmungen und der Föderalismus erschweren oft flächendeckende, einheitliche Lösungen – und das in einer digitalen Welt, die weder Länder- noch Zeitgrenzen kennt. Es gibt zu wenige IT-Experten bei Polizei und Justiz, und den meisten Ermittlern mangelt es an digitalem Grundwissen. Im Vergleich zur analogen Welt haben Straftäter es daher immer noch ungleich leichter, unbemerkt und ungestraft in digitalen Tatorten davonzukommen.3 MIT DIGITALEN METHODEN ANALOGE VERBRECHER JAGEN Inzwischen ist zwar das weite Feld der IT-Forensik entstanden. Allerdings beschränkt es sich meist noch darauf, Methoden und Analysen allein auf digitale Taten und Orte anzuwenden, also auf sogenannte Cybercrime-Delikte wie etwa Datendiebstähle, digitale Erpressungen oder das Verschicken und Teilen von Bildern und Videos, die Kindesmissbrauch zeigen. Die Herausforderungen, vor denen Ermittler dabei stehen, sind immens. Denn die Datenflut ist riesig und wächst kontinuierlich: Allein innerhalb eines Chats werden meist neben Textnachrichten massenweise Bilder und Videos geteilt, die es dann auszuwerten gilt. Auf beschlagnahmten Datenträgern wie Computern oder Handys finden sich Terabytes an möglichen Spuren – Verdächtiges und Strafbares gilt es von Unverdächtigem abzugrenzen. Bislang werten vor allem Menschen diese Daten aus. Doch das ist längst nicht mehr angemessen zu bewältigen – es ist zu viel für die verfügbare Zahl an Polizistinnen und Ermittlern. Noch sind die Möglichkeiten begrenzt, mithilfe von intelligenten Systemen die Auswertungen zu beschleunigen. Doch überall auf der Welt wird an solchen Software-Lösungen gearbeitet. Auch mein Team und ich sind daran beteiligt. Zu wenig genutzt wurden und werden zudem digitale Methoden bei analogen Verbrechen, also all jenen Straftaten, die nicht im digitalen Raum passieren. 9
Dabei können sie die Ermittlungen in diesen Fällen immens verbessern. Zum einen liefert die Auswertung der digitalen Kommunikationsmittel von Täter und Opfer oft entscheidende Hinweise, wo sie sich wann aufhielten oder mit wem sie zuletzt in Kontakt standen. Darüber hinaus können digitale Methoden aber auch helfen, die Spurenlage analoger Tatorte besser zu systematisieren. Sie lassen sich als getreue 3-D-Modelle am Computer rekonstruieren, Spuren können in diese Modelle übertragen und überprüft, Tatabläufe darin simuliert werden. Fotos und Videos lassen sich mit digitalen Werkzeugen verbessern und genauer auswerten. Inzwischen können wir sogar Menschen allein anhand ihrer Anatomie in Überwachungsvideos identifizieren. Ein Schädel reicht, um mit digitalen Methoden Gesichter unbekannter Toter in 3-D-Modellen zu rekonstruieren. Die Software-Grundlagen für diese Methoden sind vorhanden und werden in anderen Feldern wie der Architektur, der Spiele- und Filmwelt schon lange genutzt. In der Ermittlungsarbeit kommen sie jedoch erst seit gut zehn Jahren in Deutschland langsam an. In diese Lücke bin ich damals mit meinem Studiengang gestoßen. Inzwischen habe ich an Dutzenden Fällen mitgearbeitet. Von einigen werde ich im Folgenden erzählen, nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern nach den jeweiligen Forensik-Methoden, die hierbei angewandt wurden und diese darin genauer erklären. Ich werde zudem zeigen, wie diese Methoden sich voraussichtlich weiterentwickeln werden und warum vieles von dem, was heute schon technisch möglich ist, aus guten Gründen noch nicht angewandt wird. Softwareprogramme, die auf Basis intelligenter Systeme arbeiten, können zwar enorm bei der Auswertung von Datenmassen helfen, etwa von Fotos, Videos und Dokumenten. Sie können auch zerstörtes Material wiederherstellen und solches in schlechter Qualität verbessern. Teilweise tun sie das auch bereits. Vorhersagen, wo und wann es am wahrscheinlichsten ist, dass eine Straftat passiert, können sie ebenfalls schon treffen. Doch noch fehlen vielfach die juristischen Rahmenbedingungen, um all dies beweiskräftig vor Gericht einsetzen zu können. Es muss klar sein, wie genau diese Systeme arbeiten, wie Algorithmen programmiert wurden und auf welcher Basis Informationen ersetzt werden. Datenschutzkriterien sind einzuhalten. Auch Risikound Folgenabschätzungen müssen mit einfließen in die Erarbeitung solcher Rahmenbedingungen. »WENN ICH DEN SEH’, ICH HAU’ DEN TOT!« Normalerweise sind es Staatsanwaltschaften oder Gerichte, die mich um Hilfe bitten und als Sachverständigen für digitale Forensik beauftragen. Im Fall des 17jährigen Linus Wetzel, der im Meer vor Lloret de Mar tot aufgefunden wurde, war es ein TV-Journalist, der mich Ende 2020 um eine Tatortrekonstruktion bat. Klingt ein Fall spannend und kann ich an ihm unsere Methoden ausprobieren oder sogar weiterentwickeln, nehme ich mit meinem Team auch Anfragen von Privatermittlern oder eben Journalisten an. An ihnen kann ich meinen Studierenden erklären, mit welchen forensischen Herausforderungen sie in Zukunft zu tun haben werden. In diesem Fall war die Aktenlage der spanischen 10
Ermittler dürftig und lückenhaft. Es gab nur wenige gesicherte Spuren – was durchaus häufiger der Fall ist. Ein Hobbytaucher hatte Linus Wetzels Leiche mehr als 36 Stunden nach seinem Verschwinden in sieben Metern Wassertiefe vor der Küste gefunden. Die Obduktion ergab später, dass der junge Mann an schweren Schädelverletzungen gestorben war, vermutlich verursacht durch einen Sturz von den Klippen. Die spanische Polizei befragte Linus’ Freunde, die mit ihm nach Lloret de Mar gereist waren, und suchte die Küste nach seiner fehlenden Hose, den Socken und Schuhen sowie seinem Ausweis ab – ergebnislos. Mitte August, knapp vier Wochen nach Linus’ Tod, schloss die spanische Polizei das Verfahren ab. Ihr Ergebnis: Der Schüler stürzte in jener Nacht alkoholisiert und offenbar unter Einfluss von Ecstasy ohne fremdes Zutun die Klippen hinunter ins Meer. Wir versuchten daher zunächst, mithilfe von Aufnahmen aus Überwachungskameras, Chatverläufen und Zeugenaussagen einen Ablauf jener verhängnisvollen Nacht am Computer zu rekonstruieren. Demnach war Linus Wetzel irgendwann nach Mitternacht vom Strand verschwunden – allerdings widersprachen sich die Aussagen seines Freundes dazu. Anfangs erzählte er, Linus und er hätten sich zu zweit mit drei Mädchen am Strand amüsiert. Der dritte Freund sei zu dieser Zeit allein in der Disco gewesen. Plötzlich sei Linus dann aufgestanden und weggegangen. Die Mädchen wurden nie identifiziert und von der spanischen Polizei befragt, um die Aussage des Freundes zu überprüfen. Später sprach er von drei jungen Einheimischen, die ihn und Linus plötzlich angegriffen hätten. Linus sei weggerannt, weshalb er sehr wütend auf ihn gewesen sei. Tatsächlich schickte er noch in der Nacht an einen anderen Freund in Deutschland eine Sprachnachricht, in der er die Situation schilderte und sich über Linus’ Verhalten aufregte: »… wenn ich den finde, fick ich den richtig« und »Bei Gott … wenn ich den seh’, ich hau’ den tot!«. Er gab an, Linus später in der Nacht zusammen mit dem Freund, der in der Disco war, gesucht, aber nicht gefunden zu haben. Gegen 1.30 Uhr will ein Barkeeper Linus Wetzel am Tresen seiner Bar gesehen haben, die auf dem Weg zu den Klippen liegt. Linus soll um Hilfe und Alkohol gebeten haben. Auf seinem T-Shirt seien Blutstropfen zu sehen gewesen, betrunken und desorientiert habe er gewirkt. Der Barkeeper sah ihn noch in Richtung Steilküste laufen. Was danach geschah, ist unbekannt. Für die dreidimensionale Ablaufrekonstruktion des Sturzes haben wir den Obduktionsbericht, die Zeugenaussagen, den Fundort im Meer, aber auch die Strömungsverhältnisse zugrunde gelegt. Das Ergebnis, dass Linus Wetzel von nur einer einzigen Stelle aus ins Meer hätte stürzen können, hat mich ratlos zurückgelassen. Zumal von dieser Stelle ein Unfall noch unwahrscheinlicher ist, da es dort einen Weg gibt. Und die Stelle liegt nicht in der Richtung, in die der Barkeeper Linus hat laufen sehen. Ich bitte daher einen befreundeten Rechtsmediziner, der Experte für die Biomechanik von Verletzungen ist, sich den Obduktionsbericht genauer anzuschauen. Er wundert sich, dass darin keine Halswirbelverletzungen vermerkt sind, die eigentlich bei einem Sturz von den Klippen zu erwarten wären. Am Ende können wir trotz all dieser Ungereimtheiten und offenen Fragen mit unserer Rekonstruktion und Simulation nicht erklären, wie 11
Linus Wetzel starb. Die Unfalltheorie der spanischen Polizei allerdings lässt sich auch nicht bestätigen. Im Gegenteil, sie erscheint sehr unwahrscheinlich. Stattdessen zeigen wir, wie notwendig es gewesen wäre und noch immer ist, weitere Spuren zu suchen und zu sichern. Wichtige Handydaten wie die GPSStandortinformationen wurden nicht ausgewertet, Zeuginnen und Zeugen nicht vernommen, längst nicht alle Überwachungskameras überprüft. Und nach den fehlenden Kleidungsstücken suchte die Polizei ebenfalls nicht intensiv genug. Der Journalist berichtet zwar in einem Fernsehbeitrag über die Ergebnisse unseres Gutachtens. Doch die spanische Polizei beeindruckt das offenbar nicht. Der Fall galt für sie bereits als abgeschlossen. Die deutsche Staatsanwaltschaft hat zwar ein Verfahren zur Aufklärung der Todesursache eingeleitet, doch das Amtshilfeersuchen, das sie an die Spanier stellt, zieht sich hin. Ein Jahr, nachdem der Fernsehbeitrag gesendet wurde, gibt es noch immer keine neuen Erkenntnisse. Ich fürchte, meine Ergebnisse bleiben folgenlos. Wie genau und warum Linus Wetzel starb, darauf wird es vermutlich keine Antworten geben. * Anders als im Krimi, wo sich alle Ungereimtheiten nach und nach aufklären, stoßen Ermittlerinnen und Ermittler und auch ich als Forensiker immer wieder auf Fragen, die wir nicht beantworten können. Das hat verschiedene Gründe; meist liegt es an der Spurenlage. Im Laufe meiner Arbeit habe ich dabei viel über das Locard’sche Prinzip gelernt: Jemand betritt einen Ort und hinterlässt automatisch und immer Spuren. Diese gilt es so vollständig wie möglich zu finden. Doch das ist nur ein Teil der forensischen Wahrheit. Denn gesucht werden muss nicht nur nach allen physischen Spuren, sondern vor allem auch nach Mustern, also nach Informationen, die fehlen, und solchen, die vorhandene Spuren in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen können. Auf die Suche nach diesen Informationen haben mein Team und ich allerdings nur dann Einfluss, wenn wir als Berater bei Ermittlungen frühzeitig eingebunden sind. Meist werde ich jedoch als Sachverständiger beauftragt und bekomme für eine bestimmte Frage die entsprechenden Informationen und Ermittlungsergebnisse zur Verfügung gestellt. Manchmal ist das besser so, denn ich gerate nicht in Gefahr, mich von Ermittlungsergebnissen und Hypothesen beeinflussen zu lassen. Manchmal erfahre ich als Sachverständiger auch erst im Laufe eines Gerichtsprozesses von bestimmten Spuren oder Aussagen, die für meine Rekonstruktion wichtig gewesen wären. Dann muss ich meine Simulationen im laufenden Verfahren und oft unter Zeitdruck anpassen. Es gibt aber auch jene Fälle, bei denen ich von Anfang an oder ab einem frühen Zeitpunkt als Berater dabei bin. Dann kann ich frühzeitig schauen, ob es digitale Werkzeuge und Wege gibt, um Muster in der Spurenlage und fehlende Spuren zu erkennen. Im Fall von Linus Wetzel wäre das sicherlich sinnvoll gewesen. Am Ende aber sind auch digitale Forensik-Methoden – ob sie nun auf intelligenten Systemen basieren oder nicht – immer nur ein Hilfsmittel, um eine Tat besser zu verstehen. Sie können die Fallarbeit von Ermittlerinnen und Ermittlern enorm erleichtern und verbessern. Sie können sie aber nicht ersetzen. 12
* Name wurde anonymisiert. Der echte Name ist den Autoren bekannt. 13
KAPITEL 2 DAS TOTE MÄDCHEN UNTER DER TEUFELSTALBRÜCKE »Hallo, Herr Labudde, Kriminaldirektor Thomas Mayer* hier von der Landespolizeidirektion Thüringen. Kann ich mir mal Ihre Arbeit anschauen?« Der Anruf im Herbst 2016 kommt überraschend. Seit ich vor zwei Jahren das Institut gegründet habe, ist die Zusammenarbeit mit der Polizei nur schleppend vorangekommen. Doch in diesem Jahr haben einige Medien über unsere Arbeit berichtet – vor allem über unsere 3-D-Tatortrekonstruktionen. Mayer ist Dezernatsleiter im Thüringer Landeskriminalamt und kennt mich von der Durchsuchung eines Unternehmens im Jahr zuvor, bei der ich als IT-Berater dabei war. Damals ging es um die Auswertung von Computern. Jetzt will er wissen, was wir sonst noch so können. Der Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingsheim in Rockensußra, einem Ortsteil von Ebeleben in Thüringen, soll unser Testfall werden. Ein Jahr zuvor hatten Unbekannte die Dachstühle von drei Wohnblocks angezündet, in denen Asylsuchende untergebracht werden sollten. Mehrere Bewohner des Ortes werden nun verdächtigt, das Feuer gemeinsam gelegt zu haben. Mayer bringt uns die Zusammenfassung der Akte nach Mittweida. Er möchte, dass wir überprüfen, ob die Aussagen verdächtiger Bewohner, wo sie zum Tatzeitpunkt waren, und was sie von dort aus gesehen haben, stimmen können. Dafür fahren wir mit ihm, zwei weiteren Kollegen und einem Brandexperten nach Rockensußra. Mit Drohnen machen wir dort 3-DAufnahmen von den Gebäuden und Straßen, wo die Zeugen gewesen sein wollen, und erstellen damit später am Computer ein Modell des Ortes. Mit diesem lässt sich zeigen, dass etliche Aussagen nicht zutreffen können. Ein Mann hätte durch einen Bauernhof schauen müssen, andernfalls wäre nicht zu sehen gewesen, was er ausgesagt hat. Ein anderer konnte mit einem Nachbarn nicht geredet haben, weil dieser viel zu weit entfernt stand. Viele der Aussagen, die einzeln betrachtet möglich erscheinen, werden durch die Visualisierung unplausibel oder widerlegt. Mayer ist überzeugt. Erst jetzt verrät er, worum es ihm eigentlich geht: drei Kindermorde aus den 90er-Jahren, die nie aufgeklärt werden konnten. Nun, so scheint es, ist ein vierter hinzugekommen, ein besonders brisanter. Eine Sonderkommission werde gerade eingerichtet und soll mit allem arbeiten, was an moderner Technologie zur Verfügung steht. Mayer schaut mich ernst an: »Lassen sich Ihre Rekonstruktionen auf die Fälle anwenden?« – »Klar«, antworte ich spontan und schiebe schnell hinterher: »Wenn die Datenlage es hergibt.« Ich bin aufgeregt. Dies könnte der Durchbruch für meine Methoden werden, für die digitale Forensik und das Institut. Denn seit ich weiß, worum genau es geht, ist 14
mir klar: Das öffentliche Interesse an den Ermittlungen in diesem seit Jahren ungelösten Fall wird riesig sein. EIN SENSATIONSFUND MIT RÄTSELHAFTER DNA-SPUR Am 2. Juli 2016 hat ein Pilzsammler in einem Waldstück bei Rodacherbrunn in Thüringen Skelettteile von Peggy Knobloch entdeckt – 15 Jahre, nachdem das neunjährige Mädchen in seiner Heimatstadt Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule spurlos verschwunden war. Lichtenberg in Oberfranken liegt nur 20 Kilometer von Rodacherbrunn entfernt. Als dann auch noch eine DNA-Spur des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Tatort gefunden wird, der Ende der 90erJahre zusammen mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in den rechtsextremen Untergrund gegangen war, ist die Sensation perfekt. Die drei hatten zwischen 2000 und 2006 neun Menschen aus rassistischen Gründen getötet. Böhnhardt, der aus Jena stammt, war 2014 schon einmal mit einem Kindermord in Verbindung gebracht worden: dem an dem neunjährigen Bernd Beckmann. Der Schüler war 1993 aus Jena spurlos verschwunden und lag wenige Tage später tot am Ufer der Saale. Böhnhardt war damals als Zeuge befragt worden, ein damaliger Freund galt als Tatverdächtiger. 2014 beschuldigte dieser nun Böhnhardt, für die Tat verantwortlich gewesen zu sein. Das ließ sich nicht erhärten. Doch nun sieht es nach ein paar Zufällen zu viel aus, waren doch in dem ausgebrannten Wohnmobil, in dem sich Böhnhardt zusammen mit Uwe Mundlos 2011 in Eisenach das Leben genommen hat, verkohlte Reste eines Kinderschuhs, einer Puppe, eines Teddys und einer Wasserpistole gefunden worden. An dem Schuh und den Spielzeugen befanden sich auch DNA-Spuren der beiden Männer. Und schließlich hatten Ermittler auf einem Computer, der in einer vom Terroristen-Trio genutzten Wohnung in Zwickau stand, Missbrauchsdarstellungen von Kindern entdeckt. Könnte es also sein, dass die drei (oder einer von ihnen) etwas mit Peggy Knoblochs Tod zu tun hatten und vielleicht sogar mit dem weiterer Kinder? In den 90er-Jahren war in der Region nicht nur Bernd Beckmanns Tod unaufgeklärt geblieben. Auch bei der zehnjährigen Ramona Kraus aus Jena, die im August 1996 spurlos verschwand und deren Leiche ein Jäger ein halbes Jahr später in einem Wald bei Treffurt in Hessen fand, wurde nie ein Täter ermittelt. Dasselbe gilt für die zehnjährige Stephanie Drews aus Weimar, deren lebloser Körper im August 1991 unter der Teufelstalbrücke an der A 4 tot gefunden wurde. Politiker fordern nun neue Ermittlungen. Die Landespolizeidirektion Thüringen beschließt daher, die Fälle wieder aufzunehmen und vor allem: nach Verbindungen zwischen ihnen zu suchen. Deshalb hat Thomas Mayer mich kontaktiert. Ich soll mit meinen Methoden die Ermittlungen unterstützen – von Beginn an. Anfang 2017 kommt heraus, dass die DNA-Spur von Böhnhardt wohl doch nicht vom Fundort bei Rodacherbrunn stammt – sie befand sich an einem winzigen Textilstück, das so viele Jahre im Wald nicht überdauert haben konnte. Angeblich kam der winzige DNA-Fitzel über die Spurensicherung an den Tatort, 15
so die offizielle Erklärung, eventuell durch einen Messstab, der auch am Fundort von Böhnhardts Leiche, dem ausgebrannten Wohnwagen in Eisenach, benutzt wurde. Überzeugend ist diese Erklärung nicht. Die Thüringer Behörden schließen eine solche Übertragung aus, die Reinigungsvorschriften sprächen dagegen. Auch ich halte eine Verunreinigung bei der Spurensicherung wegen der langen Zeit zwischen beiden Terminen für extrem unwahrscheinlich. Aufgeklärt wurden die Hintergründe der DNA-Spur am Fundort von Peggys Leiche bis heute nicht. Die Soko »Altfälle« soll dennoch starten – und damit auch mein Team und ich. Unser erstes Treffen findet im Frühjahr 2017 statt. Zu neunt sitzen wir in einem Besprechungsraum der Soko »Altfälle«, sechs Kripobeamtinnen und -beamte, zwei meiner wissenschaftlichen Mitarbeiter und ich. In dem alten Polizeigebäude in Jena ist noch vieles im Umbau, der Besprechungsraum nur spärlich eingerichtet: ein großer Tisch, an der Wand eine Leinwand, durch die hohen Fenster des Altbaus scheint die Sonne. Die Stimmung im Büro dagegen ist unterkühlt. Die Beamten sind skeptisch, das ist deutlich zu spüren. Was wollen diese Theoretiker bei uns?, fragen sie sich wohl insgeheim. Sie ziehen die Vorhänge zu und starten eine Präsentation, um uns die Fälle zu erklären. Jeweils ein Teil der insgesamt 19 Ermittler der Soko soll sich mit einem der drei Morde beschäftigen. Geleitet wird jede Mord-Einheit von einem Verfahrensführer, eine weitere Gruppe soll nach Querverbindungen suchen. Die Akten, Hunderte LeitzOrdner gefüllt mit mehreren Zehntausend Seiten, die in einem Dokumentenraum nebenan stehen, müssen hierfür erst mal digitalisiert werden. Dann sollen Hinweise der alten Ermittlungen erneut überprüft, noch lebende Zeugen ein weiteres Mal vernommen werden. Eine Mammutaufgabe hat begonnen, die Suche nach dem roten Faden. Eine Polizistin projiziert Fotos der drei toten Kinder und die Bilder der Spurensicherung auf die Leinwand. So wird das nichts, denke ich nach ein paar Minuten. Die Beamten rattern runter, was bisher getan wurde und was sie noch tun wollen, geben aber keinen Einblick in die kriminalistischen Fragen. Wo, frage ich mich, sollen wir da ins Spiel kommen? Wollen die überhaupt eine Zusammenarbeit? Also wage ich einen Versuch: »Was weiß man darüber, ob der Fundort jeweils auch der Tatort war?« Kurzes Schweigen, zögerlich zählt die Beamtin, die gerade präsentiert hat, die Indizien auf, die etwa im Fall von Bernd Beckmann dafür sprechen. Jetzt muss ich dranbleiben, den Ermittlern zeigen, wie unsere Computermodelle ihnen helfen können: »Die Taten sind fünfundzwanzig Jahre her. Die Tat- und oder Fundorte haben sich seitdem verändert. Wir können Ihnen die Orte, so wie sie in den Neunzigern aussahen, am Computer wiedererschaffen und in dieses Modell alle Hinweise aufnehmen, sie auf Zusammenhänge oder Widersprüche hin abklopfen.« Zumindest sind jetzt alle Augen auf mich gerichtet. Ich fahre fort: »Dafür brauche ich alle Informationen über die Tat- und Fundorte: Wo genau lag die Leiche? Wie war die Körperhaltung, wie die Beschaffenheit des Bodens, der Umgebung? Schien die Sonne an dem Tag oder regnete es?« Jedes noch so kleine Detail sei wichtig, sage ich. Und dass ich nicht nur alle Ermittlungsdetails kennen muss, sondern auch die Hypothesen zum möglichen Tatablauf, damit ich diese anhand der Daten durchspielen und so überprüfen kann. Jemand stellt eine Frage, dann noch einer. Das Interesse scheint geweckt. Aber als ich wissen will, 16
ob wir kompletten Zugang zu den Akten bekommen, heißt es, das müsse erst noch geprüft werden. Das Eis ist noch nicht ganz gebrochen, aber die technischen Möglichkeiten scheinen sie zu interessieren. Im Fall von Bernd Beckmann wird die Eiszeit zwischen den Ermittlern und uns nie vollends enden. Dabei beschäftigt uns sein Tod in den Wochen nach diesem ersten Treffen am stärksten. Für seinen Fall erstellen wir das erste Computermodell des Fundortes am Ufer der Saale, wo wir tagelang mit Drohnen und Spezialkameras die Gegebenheiten fotografieren und vermessen. Doch die Ermittlergruppe, die sich schwerpunktmäßig mit Bernd Beckmann beschäftigt, bindet uns nicht ein und kann mit unserer Arbeit nicht viel anfangen. Mir zeigt diese Reaktion, dass unsere Methoden nur dann in einem Verfahren hilfreich sind, wenn es eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit gibt. So wie im Fall von Stephanie Drews, zu dessen Ermittlergruppe wir ein paar Monate später stoßen. EIN TOTES KIND UNTER DER BRÜCKE Der 24. August 1991 war ein warmer Sommertag, einer der letzten Ferientage in Weimar. Die zehnjährige Stephanie Drews, ihre beste Freundin Claudia und zwei jüngere Geschwister von Stephanie waren in den nahe gelegenen Goethepark (Park an der Ilm) gegangen, um am Ochsenauge zu spielen. Der kleine, von einem Steinkreis eingerahmte Teich war ein beliebter Spielort für die Kinder. Ganz in der Nähe entspringen die Läutraquellen, wo in einer kleinen Grotte auf einem Quader eine Sphinxfigur ruht. Vertieft in ihr Spiel seien sie gewesen, so erzählte es später Claudia, als sich plötzlich ein Mann zu ihnen gesellte und ein Gespräch mit ihr und Stephanie begann. Nach einiger Zeit fragte er die beiden Mädchen, ob sie ihm den Weg zum vier Kilometer entfernten Schloss Belvedere zeigen könnten. 50 Mark werde er ihnen dafür geben und sie anschließend zurückbringen. Es dauere auch nur eine halbe Stunde, versprach er, ganz schnell seien sie zurück. Claudia wollte trotzdem nicht mit, sie fürchtete, zu spät nach Hause zu kommen an diesem Samstagnachmittag. Stephanie, ein zurückhaltendes, eher ängstliches Mädchen mit langen braunen Haaren und einer großen Hornbrille, ließ sich dagegen überreden. 50 Mark waren viel Geld und ihre Eltern einfache Leute. Sie ging mit dem Mann mit. Und sie kehrte nicht zurück. Nicht an diesem Tag, nicht an einem anderen. Eine Suchaktion der Polizei blieb erfolglos. Erst zwei Tage später, am Nachmittag des 26. August, machten Kinder an einem Hang unterhalb der Teufelstalbrücke an der A 4, 55 Kilometer von Weimar entfernt, einen grausigen Fund: Zwischen Sträuchern und Gräsern lag der leblose Körper der vermissten Stephanie Drews. Das Mädchen lag auf dem Rücken, den Kopf nach rechts gedreht, die Arme wie erhoben daneben, das linke Bein angewinkelt unter dem rechten. Auf den ersten Blick sah es aus, als schliefe sie nur. Doch sie war tot, offenbar von der 54 Meter hohen Teufelstalbrücke gestürzt. Die Gerichtsmediziner in Jena kamen zum gleichen Schluss: Die Verletzungen, an denen Stephanie starb, stammten von einem Sturz aus großer 17
Höhe. Und sie habe noch gelebt, als sie von der Brücke in die Tiefe fiel. Zudem deutete einiges auf einen Missbrauch hin. Die Unterhose war ihr auf links angezogen worden; Textilfasern, die man nicht zuordnen konnte, wurden am Gesäß und der Unterhose des Kindes gefunden. Sie könnten von einer Decke stammen, hieß es im Obduktionsbericht. Stephanies Brille, ohne die das Mädchen wenig sah, fehlte und wurde nirgendwo gefunden. Entweder hatte der Täter sie ihr abgenommen oder sie ging bereits auf dem Weg zwischen Goethepark und Teufelstalbrücke verloren. In Stephanies Blut wurden hohe Mengen Medazepam und Diphenhydramin gefunden, Wirkstoffe, wie sie Beruhigungs- und Schlafmittel enthalten, sowie Diazepam, ein Abbauprodukt von Medazepam. Die Konzentration von Medazepam überschritt die zweieinhalb- bis fünffache Tagesmaximaldosis, die von Diphenhydramin die zwei- bis dreifache. Das Kind müsse stark sediert, wenn nicht gar bewusstlos gewesen sein, schrieben die Gerichtsmediziner. Die Ermittler gingen in den darauffolgenden Jahren mehr als 100 Hinweisen nach. Fast 300 Personen wurden überprüft, doch nichts brachte sie wirklich weiter. All das lese ich 26 Jahre später im Juni 2017 in den Akten. Vor wenigen Wochen ist Kathrin Mende* bei uns gewesen. Die 34-jährige Kriminalhauptkommissarin führt das Verfahren im Fall Stephanie Drews. Sie ist offen für neue Methoden und weiß genau, was sie von uns will: eine detailgetreue Rekonstruktion der Teufelstalbrücke, denn 1999 wurde die ursprüngliche Brücke abgerissen und bis 2002 neu aufgebaut. Mende hat Monate intensiver Aktenauswertung hinter sich, 140 Männer stehen auf ihrer Verdächtigenliste, bei den Vorbestraften hat ihr Team auch alte Gerichts- und sogar Stasiakten hinzugezogen und digital ausgewertet. Noch hat sie keinen Hauptverdächtigen. Doch sie weiß, sobald es ihn gibt, wird sie ihm nachweisen müssen, dass er Stephanie getötet hat. Und dass es ein Mord war, alles andere wäre verjährt. Mit unserer Rekonstruktion will sie darum klären: Kann Stephanies Sturz von der Brücke ein Unfall gewesen sein oder wurde sie gestoßen bzw. geworfen? Und noch eine dritte Hypothese besprechen wir: Zeugen wollen 1991 ein parkendes Auto auf der Brücke gesehen haben. Ist Stephanie vielleicht auf der 270 Meter langen Brücke ausgesetzt worden, am Geländer entlanggelaufen bis zum Anfang der Brücke und hat versucht, von dort aus hinunter ins Tal zu laufen? Ohne Brille konnte Stephanie schlecht sehen. Sie könnte also auch gestürzt sein. Eigentlich spricht der Obduktionsbericht bzw. das toxikologische Gutachten von 1991 gegen diese Hypothese. Danach hatte Stephanie so viele Beruhigungsbzw. Schlafmittel in ihrem Blut, dass sie vermutlich bewusstlos war. Doch das untersuchte Blut war ihr damals nur aus dem Herzen entnommen worden und nicht, wie heute üblich, auch aus der Oberschenkelvene. Letzteres hätte eine genauere Einschätzung ermöglicht, wie stark die gegebenen Medikamente und Wirkstoffe sich im ganzen Körper verteilt hatten und damit wirkten. Medazepam zum Beispiel ist ein Wirkstoff, der im Blut dazu neigt, sich an dem Ort der höheren Konzentration zu sammeln. Es hätte also auch sein können, dass sich der Wirkstoff im Herzen konzentriert hatte, sich aber im Rest des Körpers in gar nicht so hoher Konzentration befand. Das Gutachten der Rechtsmediziner, das 18
1991 zu dem Schluss kam, Stephanie sei schwer sediert bis bewusstlos gewesen, sähe dann vielleicht anders aus. Deshalb hat Kathrin Mende ein neues toxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben, erzählt sie mir. Doch das Ergebnis liegt noch nicht vor. Ich will mir daher auch die Unfall-Hypothese genauer anschauen. Nachdem Kathrin Mende die Aktenfreigabe bei der Staatsanwaltschaft für uns bekommen hat, können wir daraus zwar viele wichtige Daten sammeln. Doch das Material, das wir eigentlich brauchen – möglichst viele Fotos und Infos zur Brücke –, ist eher dürftig. Die Bilder, die ein Beamter der Spurensicherung 1991 gemacht hat, bieten lediglich Ansatzpunkte: Etwa die Abstände von der Fahrbahnbegrenzung zum Brückenrand, der ausgemessen wurde, oder der Abstand zwischen der Stelle, an der Stephanies Körper aufschlug, und der Brücke: Acht Meter liegen dazwischen. Immerhin wissen wir, dass die Absturzstelle fast mittig lag, an Brückenpfeiler 47, nach 129 Metern Brückenverlauf. Auf den Bildern ist zudem das 78 Zentimeter hohe Geländer am äußersten Brückenrand gut zu erkennen, die Höhe, die Entfernung zu den Seitenpollern. Doch damit ist die Datenlage auch schon erschöpft. TATORT TEUFELSTALBRÜCKE Also fahren meine Mitarbeiter und ich an einem kühlen Sommertag zum Teufelstal, um einen Eindruck vom Fundort zu bekommen. Vielleicht gibt es ja doch noch Übereinstimmungen, lassen sich mithilfe von Drohnen 3-D-Aufnahmen machen, die uns weiterhelfen. Wir parken am Wanderweg unten im Tal und laufen von dort die paar Meter hoch bis zu dem kleinen Hang, an dem der Körper des Mädchens aufschlug, etwa 48,5 Meter unterhalb der Brücke. Die genaue Stelle lässt sich nicht so einfach finden, denn auch der Untergrund wurde beim Neubau der Brücke verändert, wie wir nun feststellen. Die schweren Pfeiler sind um einige Meter breiter als die ursprünglichen und stehen auch nicht mehr an der gleichen Stelle. Beim Verankern der Pfeiler im Boden wurden etliche Kubikmeter Erde verschoben. Wir vergleichen das, was wir sehen, mit den Tatortfotos, messen nach, laufen hin und her, bis wir uns schließlich sicher sind: Dies muss die Stelle sein, an der Stephanie aufschlug. Wir fotografieren sie, dokumentieren die Vegetation, messen noch einmal die Abstände nach. Dabei wird mir endgültig klar: So funktioniert das nicht. Nicht nur die Brücke ist eine andere, auch das Tal hat sich derart verändert, dass eine originalgetreue Rekonstruktion aufgrund dieser Daten unmöglich ist. Ein neuer Ansatz oder besser: Neue Daten müssen her. Lediglich die Hypothese, dass Stephanie versuchte, entlang der Böschung hinunterzulaufen, erscheint zunehmend unwahrscheinlich. Ohne Brille und mit all den Medikamenten im Blut wäre es sehr schwer für sie gewesen, überhaupt so weit zum Anfang der Brücke zu laufen. Dass sie aber dann von dort nach einem Sturz bis zur Fundstelle am Hang fiel oder rollte, kommt mir, nachdem ich den Untergrund und die Bodenbeschaffenheit gesehen habe, sehr unwahrscheinlich vor. So tief wie sie stürzte, wäre sie sicherlich von der Böschung aus nicht 19
gefallen, Büsche und Gestrüpp hätten sie gestoppt. Außerdem stand in den Akten nichts von zerdrückten Sträuchern oder abgeknickten Halmen, die es aber hätte geben müssen, wenn sie sich tastend den Hang hinunterbewegt hätte. Auch Fußabdrücke wurden nicht gefunden. Bleiben noch die beiden anderen Hypothesen: Ein Sturz aus Versehen von der Brücke. Oder sie wurde gestoßen, vielleicht geworfen. Doch um das in einem Computermodell überprüfen zu können, brauchen wir detailliertere Daten zur Brücke. Eine akribische, wochenlange Suche nach alten Fotos und Zeichnungen von der Teufelstalbrücke beginnt. Meine Kollegen und ich telefonieren mit Museen, Archiven, der Autobahnmeisterei, mit Lokalzeitungen und Wandervereinen. Hunderte Bilder kommen so zusammen, doch die meisten sind unbrauchbar oder unvollständig. Auf einem Video über die Bauarbeiten der neuen Teufelstalbrücke, das wir vom MDR bekommen, ist zwar zu sehen, wie stark der Untergrund durch Baggerarbeiten für die Pfosten tatsächlich verändert wurde. Doch auch das reicht nicht, um die Brücke und den Ort originalgetreu nachzubauen. Den Durchbruch liefert schließlich ein Mitarbeiter im Weimarer Bauamt. Er ruft eines Tages an und erzählt, dass er die Original-Baupläne der Teufelstalbrücke von 1938 gefunden hat. Ein Jubelschrei geht durch unser Labor. Endlich haben wir die genauen Maße, kennen das verbaute Material, die Statik-Berechnungen. Um sie am Computer nachzubauen, nutzen wir die Open-Source-Software Blender, ein 3-D-Grafikprogramm, dessen Quellcode im Internet frei zugänglich ist, und das beliebig kopiert, genutzt und verändert werden kann. Wir haben die Software für unseren Zweck angepasst. Die Brücke können wir nun darin 1:1 als 3-D-Modell nachbauen. Wir fühlen uns wie Architekten, die ihrem Werk beim Entstehen zusehen. UNFALL ODER MORD? In unserem Fallbesprechungsraum sieht es längst aus wie bei der Kripo im 120 Kilometer entfernten Jena: Um die Computer und Arbeitsplätze herum stehen Stellwände, auf denen die wichtigsten Fotos und die Baupläne angepinnt sind. Pfeile weisen auf Details hin, ausgedruckte Fragen erinnern an zu klärende Punkte. Viele Stunden verbringen wir in diesem Raum, jede freie Minute, die uns unsere eigentliche Arbeit an der Uni lässt. Als Nächstes füttern wir das Brückenmodell mit zusätzlichen Daten. Wir passen es an die Umgebungskarte an, tragen Rastplätze, Tankstellen ein und lassen die Ergebnisse der Spurensicherung vom Fundort einfließen, die Ausmessungen von der Fahrbahn, dem Fundort der Leiche. Auch unsere eigenen Aufnahmen vom Ort und die alten Fundortbilder werden eingegeben. Am Ende entsteht so am Rechner ein Ort, der dem vor 26 Jahren so genau wie möglich gleicht. Lediglich das Aussehen des Tals, die Beschaffenheit und der Bewuchs des Hangs, auf den Stephanie Drews fiel, lässt sich nicht mehr hundertprozentig rekonstruieren. Es gibt zu wenige Fotos davon. Und doch, als die Brücke schließlich auf dem Bildschirm erscheint, sind wir Zeitreisende, die in die Vergangenheit blicken. Für Stephanie Drews 20
bauen wir ein Dummy, einen 35 Kilogramm schweren ovalen Körper mit den physikalischen Eigenschaften des Mädchens: 1,44 Meter groß, 35 Kilo schwer. Es ist ein unheimlicher Moment, als wir vor dem Computer sitzen und zum ersten Mal dieses Dummy auf die Brücke stellen, um mit ihm die verbliebenen Hypothesen durchzuspielen. Wie wäre Stephanie aufgeschlagen und gefunden worden, wäre sie nach der zweiten Hypothese durch einen Unfall, also aus Versehen von der Brücke gestürzt? Das Programm lässt das Dummy 30 Mal im freien Fall von der Brücke stürzen, mal dreht es sich nur einmal, dann drei oder zwei Mal. Die Art des Sturzes erfolgt mit unterschiedlichen Startbedingungen, sodass ein arithmetischer Mittelwert des Aufprallareals entsteht: Er liegt bei etwa vier Metern Abstand zur Brücke. Tatsächlich aber wurde Stephanies Körper acht Meter von der Brücke entfernt aufgefunden. Die zweite Hypothese kann also nicht zutreffen. Wir lassen das Dummy nun nicht mehr von allein hinunterfallen, sondern mithilfe eines Moduls den Computer berechnen, wie hoch die Anfangsgeschwindigkeit sein muss, um das Dummy zum Auffindeort zu bringen. 2,5 Meter pro Sekunde, lautet die Antwort. Es braucht also eine Beschleunigung, einen Impuls oben auf der Brücke, um Stephanie so von ihr hinunterfallen zu lassen, dass sie dort aufprallt, wo der Körper gefunden wurde. Die dritte Hypothese scheint also bestätigt: Das Mädchen fiel durch einen beschleunigenden Impuls, einen Stoß oder Wurf, von der Brücke. Die Ermittler der Soko »Altfälle« haben inzwischen einen operativen Fallanalytiker (OFA) aus Nordrhein-Westfalen um Hilfe gebeten. Martin Sölle* soll anhand der Zeugenaussagen und Spuren ein Profil des Täters erstellen und Muster erkennen, die auf mögliche Szenarien schließen lassen, was zwischen Stephanies Verschwinden und dem Auffinden ihrer Leiche passiert sein könnte. Als Sölle Ende August 2017 nach Jena zur Besprechung mit den Kommissaren kommt, will ich unbedingt dabei sein. Die Auswertungen der Spuren durch die OFA können auch für unser Modell noch wichtige Informationen liefern. Sölle geht davon aus, dass der Mann, der die Kinder im Park ansprach, plante, eines der Mädchen zu missbrauchen, und darum Medikamente mit sich führte. Er wollte sein Opfer betäuben. Einiges deute darauf hin, dass er ein Serien-Missbraucher sei, aber kein Serienmörder, sagt Sölle. Auf der Strecke zwischen Weimar und der Teufelstalbrücke habe er dann gehalten, um Stephanie auf einer Decke zu missbrauchen. Vermutlich wollte er sie danach einfach zurückbringen. Doch etwas muss schiefgelaufen sein. Wurde Stephanie schlecht, wurde sie gar bewusstlos? Glaubte der Täter vielleicht, sie sterbe, weil er ihr zu viele Medikamente gegeben hatte? Handelte er dann aus Panik? Die auf links angezogene Unterhose, die fehlende Brille könnten dafür sprechen, sagt Sölle. Denn das neue toxikologische Gutachten, das inzwischen vorliegt, hat zwar ergeben, dass Stephanie nicht unbedingt bewusstlos gewesen sein muss, wie die Rechtsmedizin 1991 angab, doch sei sie so stark sediert gewesen, dass sie in keinem Fall in der Lage war, allein zu laufen. Sölle und das neue Gutachten bestätigen also unsere Hypothese, dass Stephanie nicht zum Anfang der Brücke gelaufen sein kann, wo sie dann beim Versuch, die Böschung hinunterzulaufen, gestürzt wäre. Für mich bestätigt sich 21
damit die letzte Hypothese: Stephanie fiel durch einen beschleunigenden Impuls von der Brücke. Die Gewissheit trifft uns alle wie ein Schlag. Wer diesen Impuls auslöste, sie also warf oder stieß, um die vorangegangene Entführung und den Missbrauch zu vertuschen, hat ein noch lebendes Kind von der Brücke gestürzt. Unsere Berechnungen und die Auswertung der Fallanalytiker lassen für Kathrin Mende und ihr Team nur einen Schluss zu: Sie suchen nach einem Mörder. ENDLICH EINE HEISSE SPUR Im November 2017 hat das Ermittlerteam schließlich eine heiße Spur: Dringend tatverdächtig ist ein wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs vorbestrafter Mann, der bereits im Fall des 1993 in der Saale tot aufgefundenen Bernd Beckmann in Verdacht geraten war. Schon 1969 und 1979, aber auch später in den 90erJahren hatte er Kinder missbraucht und war dabei stets ähnlich vorgegangen. Karl-Heinz König* lockte seine Opfer mit der Aussicht auf eine Belohnung in sein Auto. Und einige stellte er auch mit Medikamenten ruhig. Im Fall von Bernd Beckmann konnte der Mann 1993 ein Alibi vorweisen. Aber kann er das auch im Fall der zwei Jahre zuvor ermordeten Stephanie Drews? König arbeitete in den 90er-Jahren als Lkw-Fahrer und stammte aus Weimar. 1982, also noch zu DDRZeiten, war er nach Berlin ausgereist. Nach der Wende besuchte er dann regelmäßig Verwandte in Weimar. Er kannte die Gegend also gut. 1993 wurde er in Thüringen zum ersten Mal wieder straffällig, geriet so auch bei den Ermittlungen zu Bernd Beckmann in den Fokus. Kathrin Mende bittet uns nun, alle aktenkundigen Straftaten von König mithilfe einer Google-Maps-Karte und den entsprechenden Daten zu visualisieren. Auf einen Blick wird dabei deutlich, dass die Teufelstalbrücke ganz zentral in seinem Bewegungsradius lag. Je mehr die Ermittler der Soko »Altfälle« über den inzwischen 65-jährigen KarlHeinz König erfahren, desto sicherer sind sie sich, dass er der Gesuchte sein könnte. Im Februar 2018 observieren sie ihn zwei Wochen lang und werten die Beobachtungen mit einer Verhaltensspezialistin aus, bevor sie schließlich Anfang März zugreifen. Die Verhaltensspezialistin hat die Beamten auf die Vernehmung im Landeskriminalamt in Berlin vorbereitet, erklärt ihnen, was für ein Tätertyp König ist, wie er auf Fragen, auf Anschuldigungen reagieren wird. Im Gespräch gibt König dann zwar schnell zu, dass er Stephanie 1991 entführte, sie mit Medikamenten ruhigstellte und missbrauchen wollte. Nur von der Brücke will er sie nicht gestoßen haben. Es sei ein Unfall gewesen, behauptet er und verstrickt sich in Widersprüche. Die Ermittler sind – auch durch die Arbeit mit der Verhaltenspsychologin – darauf vorbereitet. Kathrin Mende hat mich daher gebeten, ihr die Computersimulationen zu schicken. Sie will Karl-Heinz König damit konfrontieren. Er schaut sich die Brücke und das herunterfallende Dummy an. Ihm sei anzusehen gewesen, wie er zwischen Erkennen und Nichtwahrhabenwollen schwankte, erzählt Mende später. Am Ende gesteht er, dass er Stephanie von der Brücke stieß, weil er fürchtete, entdeckt zu werden. Der Fall scheint gelöst. 22
Bei einer Pressekonferenz im März 2018 wird der Ermittlungserfolg verkündet. Im Mai, zwei Monate später, treffen wir uns mit allen an den Ermittlungen Beteiligten, etwa 30 Personen, in der Sportschule Bad Blankenburg für eine Nachbesprechung. Was lief gut bei den Ermittlungen, was nicht so gut? Jeder erzählt noch einmal, was er in seinem Bereich gemacht hat und wie er zu seinen Ergebnissen gekommen ist. Auch wir präsentieren dort unsere Computersimulation, lassen das Dummy von der Brücke fallen und erläutern, wie wir unsere Hypothesen überprüft haben. »Können Sie das Dummy eigentlich auch so aussehen lassen wie Stephanie?«, will plötzlich der Leiter der Soko wissen. »Klar«, sage ich. »Nur, was würde das bringen? Die physikalischen Ergebnisse bleiben ja gleich.« Das weiß der Sokoleiter natürlich. Er erklärt, dass es wichtig sei, dem Opfer vor Gericht ein Gesicht zu geben. Ich bin skeptisch. Ist diese Art der Individualisierung für ein Gutachten angemessen, bei dem es um physikalische Zusammenhänge geht? Ich fürchte, wenn vor Gericht nicht nur ein Dummy, sondern ein optisch wie Stephanie aussehendes Kind von der Brücke stürzt, immer und immer wieder, wird das viele Menschen schockieren, für manche vielleicht auch zu viel sein. Muss man das Schreckliche unbedingt zeigen? Ist das voyeuristisch, ist es ethisch vertretbar? Ich bin unsicher. Der Sokoleiter argumentiert, an der Tat gebe es nichts zu beschönigen und dass die Grausamkeit nicht hinter physikalischen Berechnungen verschwinden dürfe. Ich verspreche, darüber nachzudenken. Zurück in Mittweida diskutieren wir weiter, bis meine Mitarbeiter und ich schließlich zu dem Schluss kommen, dass es berechtigt ist, diese grausame Tat auch als solche zu zeigen. Mit dem Programm MakeHuman bauen wir also einen Avatar von Stephanie, ein Kind mit langen braunen Haaren, so groß wie Stephanie, so schwer wie sie. Es ist der Mittelwert eines zehn Jahre alten Mädchens. Den passen wir an die Fotos von Stephanie noch etwas mehr an, geben ihm ein Kleid, das das gleiche bunte Muster jenes Kleides hat, in dem sie gefunden wurde. Es ist beklemmend, als wir sie zum ersten Mal so von der Brücke fallen lassen: Wie von unsichtbarer Hand wird das Kind nach vorn gestoßen, stürzt von der Brücke, überschlägt sich im Fallen, prallt auf dem Hang auf, die Arme neben dem Kopf, den Kopf nach rechts verdreht, das linke Bein angewinkelt unter dem rechten. Die Frage, wie realistisch Opfer gezeigt werden sollten, wird uns auch in Zukunft noch beschäftigen. Es ist eine – auch ethisch – schwierige Frage. UND WENN SIE SELBST GESPRUNGEN IST? Kurz bevor am 15. Oktober 2018 im Landgericht Gera der Prozess beginnt, widerruft Karl-Heinz König sein Geständnis. Er habe Stephanie an der Brücke aus dem Auto aussteigen lassen und sei ohne sie weggefahren, sagt er nun. Sie müsse danach allein von der Brücke gefallen sein. Kathrin Mende überrascht das nicht, sie hatte es fast erwartet. Sie kennt diese Art von Widerruf, sagt sie mir am Telefon. Und doch ist es eine heikle Situation für die Ermittler. Ihre gesamte Arbeit wäre vergebens, wenn sie König vor Gericht nicht nachweisen können, dass er 23
Stephanie von der Brücke warf. Alles hängt nun von unserer 3-D-Simulation ab. Kann diese das Gericht nicht überzeugen, ist König ein freier Mann. Alle anderen Verbrechen, die Entführung, der Missbrauch, die Betäubung, sind verjährt. Nur wenige Zuschauer sitzen im Gerichtssaal, als ich dort einige Tage später zum ersten Mal meine Simulation auf eine Leinwand projiziere. Ich zeige und erkläre, warum Stephanie nicht durch ein Versehen von der Brücke gefallen sein kann. Warum es einen Impuls gegeben haben muss, um sie dorthin zu bringen, wo sie aufprallte. König sitzt apathisch da. Ihm ist nicht anzusehen, was er denkt oder fühlt. Dann steht sein Verteidiger auf: »Und wenn sie selbst gesprungen ist? Haben Sie auch diesen Fall berechnet?«, will er wissen. Ich spüre, wie mir heiß wird, und verneine. Tatsächlich bin ich auf diese Möglichkeit nicht gekommen, wohl auch weil ich so etwas nach dem Bericht des operativen Fallanalytikers, der Stephanie als stark sediert beschrieb, nicht für möglich gehalten habe. Ich frage mich gerade noch, wie wir überhaupt an Daten kommen sollen, wie weit ein sediertes Kind aus dem Stand heraus springen kann, als der Anwalt schon die nächste Frage stellt: »Und welche Rolle könnte der Fahrtwind vorbeifahrender Fahrzeuge gespielt haben? Eines Lkws zum Beispiel?« Er bezieht sich auf eine Notiz in den Akten: Ein Polizist hatte dort 1991 geschrieben, dass »man schon sehr wackele«, wenn man am Brückenrand stehe und ein Lkw vorbeifahre. Der Anwalt fragt: »Könnte Stephanie vom Fahrtwind eines Lkws erfasst worden sein?« Mist, denke ich. Warum habe ich daran nicht gedacht? Auch ich hatte die Notiz des Beamten gesehen, aber als unwichtig abgetan. Doch nichts, so lerne ich jetzt, ist vor Gericht im Zweifelsfall unwichtig. Diese Hypothese wird schwer durchzuspielen sein, denn Strömungskanäle zu simulieren ist hochkomplex. Der Anwalt will zudem wissen, wie sich der Fahrtwind auf Stephanie ausgewirkt hätte, wenn sie am Brückenrand gesessen hätte. Das Gericht bittet, für all diese Fälle Simulationen zu berechnen, und bestellt uns zum nächsten Prozesstermin in zwei Wochen. Das ist eine kurze Frist für zwei so komplexe Berechnungen. Kathrin Mende ruft an und will wissen, ob wir das schaffen. Ich beruhige sie und versichere ihr, dass wir es hinbekommen. Ein bisschen beruhige ich auch mich damit. Von jetzt an verbringen meine Kollegen und ich jede freie Minute vor unseren Rechnern. Muss ich in eine Vorlesung, rufe ich meinen Mitarbeitern zu, dass sie an der Stelle, an der ich gerade bin, weitermachen sollen. Muss einer von ihnen sein Kind aus der Kita abholen, springe ich ein. Wie in einem Staffellauf hetzen wir durch diese Tage. Für den Fall, dass Stephanie von sich aus von der Brücke sprang, eventuell in Panik oder aus Verzweiflung, müssen wir herausfinden, wie weit ein Kind aus dem Stand heraus springen kann. Nach einigen Tagen werden wir schließlich beim Schulamt fündig: Es erhebt für alle Klassenstufen die durchschnittliche Weite des sogenannten Standsprungs, also eines Sprungs mit beiden Beinen aus dem Stand heraus. Demnach bekommt ein Kind der vierten Klasse wie Stephanie die Note Vier, wenn es einen Meter weit springt. Es muss also kein besonders sportliches Kind sein. Schon bei dieser Weite wird bei einem Absprungwinkel von 45 Grad eine Anfangsgeschwindigkeit von 3,26 Metern pro 24
Sekunde erreicht – was sogar zu einem von der Brücke aus gesehen noch weiter entfernten Aufprallort führt als dem tatsächlichen. Demnach könnte Stephanie tatsächlich allein gesprungen sein. Bleibt die zweite Frage: Welche Wirkung hat der Druck und Sog vorbeifahrender Fahrzeuge? Sie zu beantworten erscheint mir in der Kürze der Zeit besonders schwierig. Die Berechnung von Strömungs- und Windmechaniken ist komplex, viele Faktoren spielen eine Rolle. Unter Hochdruck beginnen meine Kollegen und ich, nach relevanten Daten zu recherchieren. Wir sind schon fast so weit, aufzugeben, als ich in einer durchgearbeiteten Nacht auf die Straßenverkehrsordnung der 90er-Jahre stoße. Darin ist ein Mindestabstand von einem Meter zum Überholen von Personen und Fahrzeugen vorgeschrieben, um Schäden durch Sog und Druck auszuschließen. Diesem Mindestabstand muss eine Berechnung zugrunde liegen. Nur welche? Ich finde schließlich eine amerikanische Studie aus dem Jahr 1977, die als Grundlage für den Mindestabstand diente. Sie benutzt eine Formel, die anhand der Geschwindigkeit eines Fahrzeugs und des Drucks, der davon abhängig beim Überholen entsteht, den Abstand errechnet. Wir wenden sie auf unsere Daten an. Das Ergebnis ist eindeutig: Um einen derartigen Druck/Sog zu erzeugen, dass ein Kind vom Brückenrand stürzt, müsste ein Lkw mindestens 200 km/h gefahren sein. Das aber ist extrem unwahrscheinlich. ANGST VOR EINER BEGEGNUNG MIT DER MUTTER Zwei Wochen später stehe ich wieder im Gericht und präsentiere meine Simulation, diesmal im großen Saal. Die Zuschauerbänke sind an diesem Tag voll besetzt; ich frage mich, ob auch Stephanies Mutter da ist. Noch einmal gehe ich alle Hypothesen durch: die Varianten eines möglichen Unfalls, wie Stephanie einfach nur hinunterfällt, mal am Rand stehend, mal auf der Brücke sitzend, und jedes Mal zu dicht an der Brücke auf dem Boden aufschlägt. Und erläutere, dass diese Variante daher ausgeschlossen werden kann. Im nächsten Animationsvideo ist zu sehen, wie Stephanie eigenständig vom Brückenrand aus springt und an der markierten Stelle oder sogar darüber hinaus aufschlägt. »Dass sie selbst gesprungen ist, lässt sich also nicht ausschließen«, erkläre ich, verweise aber auf den Obduktionsbericht. Mehr kann ich, mehr darf ich dazu nicht sagen, denn von mir wird nicht erwartet, dass ich die Ergebnisse bewerte – das ist Aufgabe des Gerichts. Und schließlich erläutere ich die Lkw-Variante. Ich zeige, wie das Kind am Brückenrand steht, sitzt, sogar auf dem Geländer steht, und der Lkw jeweils in verschiedenen Geschwindigkeiten an ihm vorbeifährt. In allen Fällen wird deutlich, dass der Fahrtwind zu schwach ist, um Stephanie von der Brücke zu drücken. Zum Schluss präsentiere ich die Simulation, bei der Stephanie von der Brücke gestoßen wird und so wie beim Standsprung am tatsächlichen Fundort aufschlägt. Die ganze Zeit denke ich: Was, wenn die Mutter sieht, wie ihr Kind immer und immer wieder von der Brücke hinunterstürzt? Was für ein Horror wäre 25
das für sie? War es vielleicht doch falsch, aus dem Dummy einen Avatar von Stephanie zu machen? Das Gericht und der Anwalt stellen nur noch wenige Fragen. Schließlich werde ich aus dem Zeugenstand entlassen. Als ich zurück zu meinem Platz gehe, traue ich mich nicht, ins Publikum zu schauen. Doch ich habe das Gefühl, dass mehrere Personen eine Bewegung in meine Richtung machen. Vielleicht sind es Journalisten, vielleicht ist aber auch die Mutter darunter. Oder bilde ich mir das nur ein? Was soll ich ihr bloß sagen, wenn sie mich anspricht? Ich will so schnell wie möglich aus dem Saal heraus. Meinem Mitarbeiter sage ich daher, er möge den Laptop einpacken: »Ich gehe schon mal vor.« Ich eile hinaus. Vom Gutachten des Fallanalytikers bekomme ich nichts mehr mit und erfahre erst später von Kathrin Mende, dass seine Aussagen unsere Ergebnisse bestätigen. Vor allem seine Ausführungen zum toxikologischen Gutachten hätten deutlich gezeigt, dass ein eigenständiger Sprung kaum möglich war angesichts der hohen Konzentration an Beruhigungsmitteln in Stephanies Blut. Einige Tage später wird das Urteil gesprochen. Der Richter erklärt, Karl-Heinz König habe Stephanie vorsätzlich von der Brücke gestürzt, um den Missbrauch und die überhöhte Medikamentengabe zu vertuschen. Er stützt sich dabei auch auf unsere Gutachten. Am 30. November 2018 wird König zu lebenslanger Haft wegen Mordes an Stephanie Drews verurteilt. Für den Mord an den beiden anderen Kindern, dem neunjährigen Bernd Beckmann und der zehnjährigen Ramona Kraus, ist König nicht verantwortlich. Ihre Täter werden weiterhin gesucht. Wenn ich heute mit meinen Studierenden diesen Erfolgsfall im Seminar behandele, dann erzähle ich auch von meiner Angst, Stephanies Mutter im Gericht zu begegnen. Davon, dass ich damals mit der Situation überfordert war. Sie sollen sich bewusst werden, wie emotional belastend die Arbeit für die Polizei, aber auch als Gutachter sein kann. Wie wichtig es darum ist, auf sich zu achten und sich gegebenenfalls selbst zu schützen. »Heute«, sage ich ihnen dann aber auch, »würde ich anders handeln.« Inzwischen habe ich gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Und ich weiß, dass es nicht nur für die Mutter womöglich wichtig gewesen wäre, mit mir zu reden, um einen Abschluss zu finden. Sondern auch für mich. 26
KAPITEL 3 MORD IM PARKHAUS Schuldig oder nicht schuldig? Fehlt ein Geständnis oder ein glaubwürdiger Zeuge, dann hängt die Antwort allzu oft von der Spurenlage und ihrer Interpretation ab. Kaum ein anderer Fall hat mir das so deutlich gezeigt wie jener, der mich mit Axel Petermann zusammenbrachte. Der Fallanalytiker und ehemalige Leiter der Ersten Mordkommission des Landeskriminalamts Bremen beschäftigt sich seit seiner Pensionierung im Auftrag von Angehörigen und Anwälten mit ungeklärten Todes- und Verbrechensfällen. Im Frühsommer 2016 ruft Petermann mich an. Wir beide sind kurz zuvor unabhängig voneinander für einen MDR-Bericht interviewt worden. Das Filmteam hatte die Idee, uns zusammenzubringen. Petermann ging sofort darauf ein, ich auch. Denn für Forschung und Lehre bin ich stets auf der Suche nach spannenden Fällen, an denen sich unsere Methoden weiterentwickeln und erproben lassen. Einen solchen Fall bearbeitet Petermann gerade: den Mord an der Unternehmerin Charlotte Böhringer, der 2006 als »Münchner Parkhausmord« bundesweit Schlagzeilen machte. Mir sagt der Name zunächst nicht viel. Ich habe lediglich vage Erinnerungen an Medienberichte von damals. Petermann skizziert mir ein paar Details am Telefon, erzählt vom ältesten Neffen Böhringers, Benedikt Toth, der für den Mord verurteilt wurde. Er war als Erbe des Unternehmens vorgesehen, hatte also nach Ansicht der Ermittler ein Motiv und für die Tatzeit kein Alibi. Das Verfahren vor dem Landgericht München war ein reiner Indizienprozess. Toths Anwalt will ein Wiederaufnahmeverfahren beantragen, ein früheres wurde abgelehnt. Dafür braucht er neue Erkenntnisse. Toths Familie hat Petermann daher mit der Überprüfung der Ermittlungen von damals beauftragt. Der erfahrene Kriminalist erzählt mir am Telefon, dass er etliche Indizien noch einmal überprüft und dafür die Hilfe von Experten braucht. Von mir will er eine 3-D-Tatortrekonstruktion. Wir verabreden, uns einige Wochen später an dem Parkhaus in München zu treffen. Dort will Petermann mir weitere Details geben. Mein Team und ich sollen dann die Wohnung von Charlotte Böhringer digital vermessen. In der Zwischenzeit lese ich im Internet, was es zu dem Fall gibt. Erst da dämmert mir, dass der Mord an Charlotte Böhringer eines der spektakulärsten Verbrechen der vergangenen 20 Jahre ist. Nur wenige andere haben für derart viel Aufsehen gesorgt, auch weil der Prozess 93 Tage dauerte, und der Neffe stets die Tat bestritten hat. Während der zwei Jahre dauernden Untersuchungshaft ging er in den Hungerstreik, und als das Urteil im Sommer 2008 fiel, lagen sich Freunde von Toth weinend in den Armen, Familienmitglieder und sein Anwalt protestierten lautstark. Bis heute kämpfen Benedikt Toth und seine Unterstützer gegen das 27
Urteil. 250.000 Euro bietet die Familie inzwischen für Hinweise auf den wahren Täter. Im Juli treffen wir also Axel Petermann und eine Kollegin von Toths Anwalt vor dem Münchner Parkhaus. Ich kannte Petermann zuvor nur von Fotos und Dokumentationen. In beigefarbenem Trenchcoat, mit Schnauzbart und wirrem weißen Haar stellte ich ihn mir wie eine Mischung aus Albert Einstein und dem US-Serienermittler Columbo vor. Das passt tatsächlich. Er ist ein echtes Original, redet bedächtig mit norddeutscher Färbung und lässt Eindrücke erst einmal auf sich wirken, bevor er Schlüsse aus ihnen zieht. Schon beim ersten Telefonat haben wir uns geduzt. Jetzt, da wir uns sehen, sind wir uns gleich sympathisch. Zusammen gehen wir zur Tankstelle im Parkhaus, wo Benedikt Toths Bruder Mate arbeitet, und holen von ihm den Schlüssel zur Wohnung. Mit dem Fahrstuhl fahren wir hoch in den vierten Stock des Parkhauses. Der weiß gestrichene Flur endet an einer gelben Metalltür mit Sichtfenster, hinter der die Stellflächen eines Parkdecks zu erkennen sind. Direkt daneben gibt es noch eine weitere, schwere Metalltür mit einem Türspion. Eine dunkelbraune Gegensprechanlage ist neben ihr angebracht, aber kein Namensschild. Von außen deutet nichts darauf hin, dass sich hinter dieser unscheinbaren Tür die ehemalige Wohnung einer Millionärin verbirgt. Wir betreten den unteren Flur. Es ist der Ort, an dem Charlotte Böhringer starb – ein kleiner, vollkommen kahler Raum, der Boden aus Marmor, die Wände weiß gestrichen. Das kleine goldfarbene Barocktischchen mit einer Replik der Denkerfigur von Rodin darauf, die fünf Bilder an der rechten Wand, die Brücken, die zum Zeitpunkt der Tat im Flur lagen, all das, was ich gleich auf Fotos vom Tatort sehen werde, gibt es darin nicht mehr. Doch in der oberen Ebene der Wohnung, in die man über eine Treppe vom unteren Flur aus gelangt, sind noch etliche Möbel unverändert. Während meine Mitarbeiter beginnen, die Räume mit der 3-D-Kamera zu scannen, setzen Petermann und ich uns an den großen Esstisch im Salon. Er zeigt mir die Akte und erzählt von dem Fall, der nun schon zehn Jahre zurückliegt. DER MORD, DER VERDÄCHTIGE UND EIN LANGER INDIZIENPROZESS Am 16. Mai 2006, einem Dienstag, hängte ein Angestellter um acht Uhr wie an jedem Werktagmorgen eine Tüte mit Zeitungen an die gelbe Metalltür der Wohnung seiner Chefin. Charlotte Böhringer war eine in Münchens High Society gut vernetzte Frau. Die 59-Jährige, die aus Ungarn stammte, hatte von ihrem 1995 verstorbenen Mann etliche Immobilien und ein florierendes Parkhaus am Münchner Isartor geerbt. Über diesem wohnte sie in einer 400 Quadratmeter großen Penthousewohnung. Das vierstöckige Parkhaus mit seinen 210 Stellplätzen, der angeschlossenen Tankstelle mit Shop und Serviceangeboten für Reifenwechsel und Autowäschen war der wichtigste Teil ihres Unternehmens. Charlotte Böhringer war kinderlos und wollte ihren beiden Neffen ihr Vermögen vererben: Benedikt Toth, damals 33, den alle nur Bence nennen, und Mate, 31. Benedikt sollte als älterer der beiden die Geschäftsführung übernehmen. Beide 28
Neffen hatten bereits als Schüler im Parkhaus mitgearbeitet, Mate vor allem an der Kasse der Tankstelle, Benedikt in der Geschäftsführung. Beide taten dies auch während ihrer Studienzeit. An diesem Dienstag schien zunächst alles wie immer zu sein. Benedikt Toth kam gegen Mittag ins Parkhaus. Von den Angestellten erfuhr er, dass seine Tante sich noch nicht gemeldet habe. Das war ungewöhnlich. Normalerweise fragte sie mehrmals am Tag bei ihnen an, ob etwas zu klären sei. Toth rief sie an, doch sie nahm nicht ab. Also fuhr er hoch zur Wohnung und sah, dass die Zeitungen nicht mehr an der Tür hingen. Er sei davon ausgegangen, dass sie diese hereingeholt hätte, sagte er später. Darum habe er sich zu dem Zeitpunkt noch nicht gesorgt, als die Tante auch auf sein Klingeln nicht reagierte. Er habe gedacht, sie habe vielleicht spontan etwas unternommen, und fuhr daher erst einmal wieder nach Hause. Doch auch in den folgenden Stunden reagierte Charlotte Böhringer nicht auf Anrufe. Mate Toth rief Freundinnen und Freunde der Tante an, doch niemand wusste, wo sie sein konnte. Zu dem wöchentlichen Stammtisch in einem nahen Wirtshaus sei sie am Abend zuvor nicht gekommen, erfuhr er. Irgendwann rief er den stellvertretenden Geschäftsführer an, der an jenem Tag frei hatte. In dessen Büro lag ein Schlüssel zur Wohnung der Tante. Mate Toth bat ihn, zum Parkhaus zu kommen und gemeinsam mit seinem Bruder Benedikt in der Wohnung nachzusehen. Als beide gegen 19 Uhr die Tür öffneten, lag Charlotte Böhringer am Ende des Eingangsflurs in einer Blutlache, dort wo die Treppe aus der oberen Etage in den Flur mündet. Die weißen Wände waren mit Blutspritzern übersät. Toth gab später an, im ersten Moment habe er gedacht, seine Tante sei die Treppe hinuntergestürzt. Er kniete sich neben sie und versuchte, ihren Puls zu ertasten. Doch das Handgelenk war kalt, der Körper starr, Charlotte Böhringer war tot. Die Obduktion ergab später, dass sie am Abend des 15. Mai zwischen 18.45 und 19.30 Uhr mit mindestens 24 Schlägen auf den Kopf getötet wurde. Die Tatwaffe musste ein schwerer Gegenstand gewesen sein, ein Hammer oder ein Kombiwerkzeug. Gefunden wurde diese Waffe nie. Damit hatte der Täter offenbar immer und immer wieder auf Böhringers Kopf eingeschlagen. In der Forensik spricht man in so einem Fall von »Übertötung«: Das Opfer ist tödlich verletzt, und doch lässt der Täter nicht von ihm ab. So ein Verhalten zeugt meist von einer stark emotional motivierten Tat, von extremer Aggression, von Wut und Hass. Beobachtet wird es häufig bei Beziehungstaten, wenn lang angestaute Gefühle sich Bahn brechen, meist im Affekt. Aber auch jugendliche und überforderte Täter sowie solche, die unter Drogeneinfluss stehen, reagieren oft unkontrolliert aggressiv. Die Polizei sicherte Spuren, befragte die Mitarbeiter. Auch die beiden Neffen sowie Benedikt Toths herbeigeeilte Verlobte mussten angeben, wo sie zur Tatzeit gewesen waren. Toth sagte, er habe zu Hause ein Bad genommen, weil er eine Erkältung hatte, während seine Verlobte nachmittags mit einer Freundin unterwegs und abends auf eine Feier eingeladen gewesen sei. Er besaß also kein Alibi, anders als sein Bruder, der zur Tatzeit an der Kasse des Tankstellenshops gesessen hatte. Außerdem hätte er – so die Ermittler – ein 29
Motiv gehabt: Seine Tante und seine Familie sollen nicht gewusst haben, dass er sein Jurastudium abgebrochen hatte, wie die Ermittler später erfuhren. Dieses Studium war Böhringers Bedingung dafür, dass er dereinst die Hälfte ihres Unternehmens erben und es führen sollte. Doch Jura interessierte Benedikt Toth nicht wirklich. Er träumte davon, Schauspieler zu werden, wechselte zwischendurch zu Theaterwissenschaften und kehrte schließlich doch wieder zum Jurastudium zurück. Zum ersten Staatsexamen trat er jedoch nicht an. Stattdessen arbeitete er mehr und mehr in der Geschäftsleitung des Parkhauses mit. Trotzdem erzählte er allen, dass er das erste Staatsexamen bestanden habe und nun dabei sei, das Rechtsreferendariat zu machen. Im Mai 2006, so die Staatsanwaltschaft, drohte sein Lügengebäude einzustürzen. Da hätte nämlich das zweite Staatsexamen stattfinden sollen. Die Ermittler fragten sich also: Tötete Benedikt Toth seine Tante, damit sie ihn nicht wegen seiner Lügengeschichte enterbte? Drei Tage, nachdem Benedikt Toth sie tot aufgefunden hatte, wurde er für eine Befragung zur Polizei gebeten. Stundenlang verhörten ihn die Ermittler. Am Ende waren sie sich sicher, dass er ein Motiv und die Möglichkeit zur Tat gehabt hätte. Benedikt Toth kam in Untersuchungshaft. Seine Wohnung wurde durchsucht. Dort fanden die Ermittler drei der Zeitungen von dem Tag, an dem Böhringer tot aufgefunden worden war: die gleichen drei Zeitungen – Abendzeitung, BILD und Süddeutsche Zeitung –, die der Parkhausmitarbeiter am Morgen an ihre Tür gehängt hatte, zwei davon mit der Ausgabe des Stadtteils, in der das Parkhaus liegt, nicht aber Toths Wohnung. Die Ermittler schlossen daraus, dass Toth die Zeitungen von der Tür seiner Tante mitgenommen hatte, damit es so aussah, als sei sie zu Hause, und ihr Auffinden verzögert würde. Er dagegen behauptete, die Zeitungen aus dem Tankstellenshop am Morgen mit nach Hause genommen zu haben, konnte das aber nicht belegen. Immer mehr Indizien schienen für seine Täterschaft zu sprechen. In seinem Portemonnaie fanden die Ermittler 2350 Euro, davon drei klein gefaltete 500-Euro-Scheine in einem hinteren Fach. Viel Geld für jemanden, der kaum mehr als 1000 Euro im Monat bei seiner Tante verdiente. Sie glaubten, Benedikt Toth habe das Geld seiner Tante gestohlen. Toth dagegen behauptete, das Geld teilweise von seiner Tante für ein neues Fahrrad bekommen, teilweise in einem Wettbüro gewonnen zu haben. Er sagte zudem aus, seiner Tante schon im Spätsommer 2005 den Abbruch des Jurastudiums gestanden zu haben. Sie sei der einzige Mensch gewesen, dem er davon erzählt habe. Warum, fragten sich die Ermittler, hätte er ausgerechnet ihr davon erzählen sollen, die so viel Wert darauf legte, seiner Familie und seinen Freunden aber nicht? Die Staatsanwaltschaft klagte ihn schließlich wegen des Mordes an seiner Tante an. Im Mai 2007 begann vor dem Landgericht München I ein Indizienprozess gegen Toth. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass Benedikt Toth und seine Tante sich kurz vor ihrem Tod gestritten hatten und dass er daher tagelang nicht mehr im Parkhaus gewesen war. Schon vorher habe sie immer mal wieder gedroht, ihn und seinen Bruder zu enterben. Finanziell sei Toth vollkommen abhängig von ihr gewesen, sagten Zeugen. Charlotte Böhringer, auch das kam im Laufe des Prozesses heraus, war eine temperamentvolle Frau, 30
deren Stimmungen schnell wechseln konnten. Zeugen beschrieben sie als großzügig und liebevoll, aber auch als aufbrausend und streitsüchtig. Benedikt Toth dagegen sagte, seine Tante sei zwar schnell aufgebracht, aber genauso schnell auch wieder zu besänftigen gewesen. So habe es ihn auch nicht überrascht, dass sie ihn am Muttertags-Sonntag, dem 14. Mai, zu sich bestellt habe. Sie hätten sich ausgesprochen, und sie habe ihn dann gebeten, am kommenden Dienstag und Freitag im Parkhaus in der Geschäftsstelle auszuhelfen, da die beiden Geschäftsführer nicht anwesend seien. Einen Tag später war sie tot. Doch das Gericht glaubte nicht ihm, sondern folgte der Staatsanwaltschaft und erklärte Benedikt Toth am 12. August 2008 für schuldig, seine Tante aus Habgier und niederen Beweggründen erschlagen zu haben. Es verurteilte ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest, weshalb Toth nicht schon nach 15 Jahren aus der Haft entlassen werden kann, sondern frühestens nach 23 bis 25 Jahren. Laut Urteil soll er gewusst haben, dass seine Tante am Abend des 15. Mai 2006 zu ihrem wöchentlichen Stammtisch wollte. Er habe die Tat geplant, wofür auch die Handschuhspuren in der Wohnung sprachen, und ihr im Hausflur aufgelauert. Als sie die Tür öffnete, habe er mit einem schweren Gegenstand immer wieder auf ihren Kopf eingeschlagen, bis sie tot war. Danach sei er in ihr Arbeitszimmer gegangen und habe nach dem Testament gesucht, weil er sich nicht sicher gewesen sei, ob er immer noch als Erbe eingesetzt war. Tatsächlich fanden sich seine DNA-Spuren in Böhringers Arbeitszimmer, auch am Umschlag des Testaments und ihrem Blazer. Allerdings konnte nicht festgestellt werden, wie alt diese Spuren waren, ob sie also auch schon vor der Tat dorthin gelangt sein könnten. Toths Anwalt argumentierte, dass sein Mandant regelmäßig im Büro seiner Tante arbeitete, die Spuren daher jederzeit an die Kleidung und Gegenstände gekommen sein könnten. Das Gericht ging außerdem davon aus, dass Toth vier 500-Euro-Scheine aus der Geldbörse seiner Tante gestohlen habe; das erkläre den hohen Geldbetrag in seinem Portemonnaie. An zweien der Scheine wurde vermeintlich Charlotte Böhringers DNA gefunden. Allerdings sagte im Laufe des Verfahrens eine DNA-Spezialistin aus, es sei nicht eindeutig festzustellen, ob die Spur von Böhringer stamme. Insgesamt 14 Indizien nennen die Richter im Urteil, die gegen Benedikt Toth sprächen. Jedes einzelne reiche allein für sich nicht aus, »um den vollen Beweis dafür zu erbringen«, dass Toth seine Tante ermordete. Erst in der Gesamtschau legten sie sich »wie ein Ring« um seine Täterschaft, so die Richter. Als das Urteil fiel, war Toths Familie, waren seine Freunde entsetzt. Bis heute beteuert Benedikt Toth seine Unschuld, bis heute glauben Freunde und seine Familie ihm. Sie werfen dem Gericht und der Staatsanwaltschaft vor, einseitig nur in eine Richtung ermittelt und von Anfang an nur Benedikt Toth als möglichen Täter in Betracht gezogen zu haben. Und sie lassen seitdem nichts unversucht, das Urteil des Landgerichts anzufechten. Doch eine Revision wies der Bundesgerichtshof 2009 zurück. Auch das Oberlandesgericht lehnte eine Beschwerde ab. Bis vors Bundesverfassungsgericht zog Toths Anwalt Peter 31
Witting daraufhin, doch das nahm seinen Antrag nicht an. Ein Antrag für ein Wiederaufnahmeverfahren wurde ebenfalls abgelehnt. Die Familie will das nicht akzeptieren und strebt daher ein weiteres Wiederaufnahmeverfahren an. Dafür braucht sie neue Indizien, besser noch Beweise. Sie wendet sich an Journalisten und bekommt so im Frühjahr 2016 Kontakt zu Axel Petermann. Der beginnt die Akten zu studieren. Dabei fallen ihm Unstimmigkeiten auf. Ihm kommen Zweifel, ob tatsächlich so sorgfältig wie behauptet ermittelt wurde und ob der Tatablauf so gewesen sein kann, wie von der Staatsanwaltschaft und dem Gericht angenommen. NEUE ERKENNTNISSE UND VIELE OFFENE FRAGEN Im Juli 2016 sitzen wir also auf barocken Stühlen an Charlotte Böhringers großem Esstisch. Von draußen scheint die Sonne durch die Fenster, es ist ein warmer Sommertag. Ich bin beeindruckt von der Größe der Wohnung, aber auch von dem neureichen Einrichtungsstil. Abgesehen von einigen Möbeln hat die Familie die Wohnung im Zustand wie vor zehn Jahren belassen. Schwere dunkle Brücken liegen auf dem Marmorboden, das große Wohnzimmer wird von einem offenen Kamin und wuchtigen rosafarbenen Polstermöbeln beherrscht. Die abgeschrägten Decken sind teilweise mit Holz vertäfelt. In den Bädern gibt es allerlei Goldverzierungen, an den Wänden Kerzenlüster. Ich frage mich, wie der Mensch Charlotte Böhringer war, der ganz allein – und vermutlich auch einsam – in diesen unpersönlich, museal wirkenden Räumen lebte. Petermann erzählt mir von seinen bisherigen Recherchen. Von den Zweifeln, die ihm beim Sichten der Akten kamen. Wie er sich die Originalbilder vom Tatort genau angeschaut und an die Stellen im Flur geklebt hat, wo sie aufgenommen wurden. Dabei sei ihm aufgefallen, dass in der Nähe der Tür und im vorderen Flur keine Blutspritzer gefunden wurden. Das Gericht ging aber davon aus, dass Benedikt Toth seiner Tante an der Tür auflauerte und sie, als sie diese öffnete, gleich mit einem hammerähnlichen Werkzeug attackierte. Warum also gibt es im vorderen Flur und an der Tür keine Blutspritzer?, fragt er sich. Gutachter erklärten das im Prozess damit, dass es bei einem ersten Schlag auf ein unverletztes Opfer noch nicht zu Spritzspuren komme. Die ersten Blutspuren waren von der Tür aus gesehen nach etwa zwei Metern an der rechten Wand gefunden worden. Das Gericht schloss daraus, dass Charlotte Böhringer zurückwich und an dieser Stelle in einer entweder aufrechten oder gering gebückten Haltung erneut vom Täter attackiert wurde. Das hält Petermann für unwahrscheinlich. Auch mir erscheint es wenig plausibel. Denn wenn Böhringer an der Tür den ersten Schlag abbekam, zurücktaumelte oder geschubst wurde, dann dürfte sie danach kaum noch aufrecht oder auch nur fast aufrecht gestanden haben, als sie der nächste Schlag traf. Petermann fragt sich zudem: Wenn der Täter direkt nach dem Mord in den oberen Teil der Wohnung gegangen ist, um dort im Arbeitszimmer nach dem Testament zu suchen, wie vom Gericht angenommen, warum wurden dann keine blutigen Schuhabdrücke auf der Treppe oder auf dem Weg zum Arbeitszimmer oder im Arbeitszimmer entdeckt? In weniger als zehn Minuten 32
hätte Benedikt Toth die Tat laut Urteil verübt. Um 18.14 Uhr soll seine Tante das letzte Mal von ihrem Telefon aus versucht haben, den Verwalter ihrer Wohnungen zu erreichen. Wenn sie zu ihrer Verabredung im Wirtshaus gehen wollte, hätte sie vermutlich gegen 19 Uhr die Wohnung verlassen, vor deren Eingangstür Benedikt Toth ihr aufgelauert haben soll. Da er aber um 19.34 Uhr von seiner Wohnung aus mit der Mutter seiner Verlobten telefonierte, hätte er für die Tat maximal zehn Minuten Zeit gehabt. Denn mit dem Fahrrad, so hatten die Ermittler errechnet, hätte er mindestens 20 Minuten von Tür zu Tür gebraucht. Können also die Blutspuren im unteren Flur so schnell getrocknet sein, dass Toth in der oberen Wohnung keine Fußabdrücke mehr hinterließ? Auch das soll ich untersuchen. Je mehr Petermann erzählt, desto komplexer, aber auch spannender finde ich den Fall. Er bittet mich, in unsere 3-D-Tatortrekonstruktion eine detaillierte Analyse der Blutspuren im Flur einzufügen, um herauszufinden, wie die Tat nach diesem Spurenbild tatsächlich verlaufen ist. Außerdem möchte er wissen, wie die DNA-Spur am unteren Rücken von Charlotte Böhringers Blazer, die von Benedikt Toth stammen soll, daran gelangt sein kann. Auch diese Spur hatte Toth im Prozess schwer belastet. Eine »behandschuhte Hand« soll sie am Blazer hinterlassen haben. Allerdings war die genetische Spur damals nicht vollständig darstellbar gewesen, weshalb die DNA-Expertin vor Gericht aussagte, sie könnte auch von einem anderen Verwandten stammen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sei sie aber Benedikt Toth zuzuordnen, was das Gericht dann auch tat. BLUTIGE SPUREN UND WAS SIE ERZÄHLEN Zurück in Mittweida erstellen wir zunächst ein 3-D-Modell des unteren Flurs und der Treppe. Für die Frage nach dem Tatablauf nehmen wir uns dann eine intensive Analyse der Blutspritzer im Flur vor. Aus jedem Blutstropfen lässt sich anhand seiner Form herauslesen, in welchem Winkel und aus welcher Richtung er auf einen Gegenstand gefallen ist. Dabei wird zwischen passiven und projizierten Blutspuren unterschieden. Von passiven Blutspuren spricht man, wenn Blut von einem Körper oder Gegenstand der Schwerkraft folgend einfach abtropft. Je höher die Fallhöhe, desto größer werden die Tropfen, und es bilden sich Sekundärspritzer, also kleinere Spritzer, die von dem Haupttropfen abstrahlen. Projizierte Blutspuren entstehen durch eine Bewegung, etwa einen Schlag auf den Kopf, oder durch ein blutiges Tatwerkzeug. Beides lässt sich in einer 3-D-Tatortrekonstruktion mit sogenannten Bewegungstrajektoren darstellen, also Linien, die die Richtung anzeigen, aus der eine Blutspur stammt. Mithilfe dieser Linien lässt sich an ihrem Schnittpunkt herausfinden, wo sich die Quelle des Blutes, also das Opfer, aufhielt. Wir übernehmen dafür die Fotos von den Blutspritzern im Flur aus den Akten und projizieren sie maßstabsgetreu in unser 3-D-Modell. Mit dieser Methode können wir zeigen, dass die Tat tatsächlich im hinteren Teil des Flurs stattgefunden haben muss. Das erste wahrnehmbare Blutmuster befindet sich zwischen den letzten beiden Bildern, die von der Tür aus gesehen an der rechten Wand im hinteren Teil des Flurs hängen. An dieser Stelle muss 33
Charlotte Böhringer gestanden haben, also vor dem goldenen Tisch am Ende des Flurs, als sie der erste Schlag traf. Danach ist sie vermutlich zusammengesackt, während der Täter weiter auf sie einschlug. Die übrigen Blutspritzer rechts und links der Wand sind durch das Schleudern der Tatwaffe sowie die dadurch verursachten Verletzungen entstanden. Außerdem waren bei der Obduktion der Leiche an beiden Oberarmen Hämatome festgestellt worden, die aussehen, als habe jemand Charlotte Böhringer festgehalten. Für uns ergibt sich daraus ein anderer als der vom Gericht angenommene Ablauf: Wenn die ersten Schläge sie also nicht am Eingang des Flurs, sondern an seinem Ende trafen, dort wo die Treppe aus der zweiten Etage in den Flur mündet, kamen sie und ihr Mörder vermutlich die Treppe hinunter, der Täter lief hinter ihr her, packte sie an den Oberarmen und riss sie herum. Vielleicht hatte es einen Streit gegeben. Erst dann griff der Täter zu dem Werkzeug, um auf sie einzuschlagen. Allerdings können auch wir nicht ausschließen, dass der Täter von der Eingangstür hereinkam, sie in den hinteren Teil des Flurs drängte und dann dort begann, auf sie einzuschlagen. WIE KOMMT DIE DNA-SPUR AN DEN BLAZER? Als Nächstes überprüfen wir die blutigen Spuren, die am unteren Rücken des Blazers von Böhringer gefunden wurden und die als Abdruck eines Handschutzes oder Handschuhs gedeutet worden waren. An einer haftete eine DNA-Mischspur, die eine Gutachterin sowohl Böhringer als auch mit großer Wahrscheinlichkeit Benedikt Toth zugeordnet hatte. Wir sollen herausfinden, ob diese Spur auch anders an den Blazer gelangt sein könnte, etwa als Toth seine Tante am Boden liegend fand und überprüfte, ob sie noch lebte, indem er nach ihrem Puls tastete. Dafür erstellen wir dreidimensionale Personenmodelle mit der biometrischen Körpergröße und dem Gewicht von Charlotte Böhringer und Benedikt Toth, um realistische Bewegungen zu erzeugen. Als Benedikt Toth zusammen mit dem stellvertretenden Geschäftsführer in Böhringers Wohnung kam, ging er zu seiner Tante, kniete neben ihr und tastete an einem ihrer Handgelenke nach ihrem Puls. Auch das Gericht erklärte sich die Blutspur am linken Knie seiner Hose damit, dass er auf der blutgetränkten Brücke kniete, die unter seiner Tante lag. Ansonsten gab es auf seiner Hose keine Blutspuren, er berührte also nur mit dem linken Knie den Boden. Ich schaue mir noch einmal genau die Fotos vom Tatort an: Charlotte Böhringer liegt darauf lang ausgestreckt bäuchlings am Ende des Flurs zwischen der untersten Stufe der Treppe und dem kleinen goldfarbenen Tisch. Ihr Oberkörper verdeckt den linken Oberarm, die linke Hand liegt ausgestreckt zwischen Wand und dem linken hinteren Tischbein. Der rechte Arm und die rechte Hand sind angewinkelt auf Kopfhöhe, die Hand ruht in der Ellenbeuge des linken Arms. Genauso passen wir ihr Modell in das Computermodell ein. Dann lassen wir Benedikt Toths Computerfigur mehrere Male neben Böhringer knien und aus verschiedenen Positionen den Puls nehmen, mal an der rechten, mal an der linken Hand. In beiden Fällen wird klar: Der Linkshänder Toth musste sehr wohl über den unteren Teil des Blazers 34
greifen, um an die Handgelenke seiner Tante heranzukommen – was das Gericht für unwahrscheinlich gehalten hatte. Dabei kann er, der nur ein kurzärmeliges Polo-Shirt trug, natürlich auch Hautschuppen verloren haben. Wir zeigen sogar, dass er sich sehr wahrscheinlich mit der rechten Hand am Rücken seiner Tante abstützte, denn sonst hätte er mit nur einem Knie am Boden vermutlich das Gleichgewicht verloren. Außerdem können wir nachweisen, dass diese Spur nicht, wie vom Gericht angenommen, durch Handschuhe entstanden ist. Die Spur war damals so gedeutet worden, weil auf dem Blazer ein leicht genopptes Muster zu erkennen war, Noppen, wie sie auch manche Gummihandschuhe haben. Wir werten die Fotos bildtechnisch aus und jagen Bildverbesserungssoftware darüber. Nun ist deutlich zu sehen, dass die Abdrücke von den Gewebestrukturen des Blazers stammen. »Das passt«, sagt Axel Petermann, als ich ihm unsere Ergebnisse durchgebe. Er sieht seine Hypothese gleich in mehrfacher Hinsicht bestätigt: dass der erste Schlag Charlotte Böhringer nicht am Eingang des Flurs traf, sondern am Ende. Und dass die DNA-Spur am Rücken des Blazers nicht von der Tat stammte, sondern entweder dorthin kam, während Toth ihren Puls ertastete, oder vielleicht sogar noch früher. Denn Toth hatte regelmäßig Kontakt zu seiner Tante, und auch an anderen Kleidungsstücken von ihr wurde seine DNA gefunden. Außerdem hatte Petermann die vermeintlich auf einen Gummihandschuh hindeutende Blutspur am Rücken des Blazers auch in einem Textilforschungsinstitut in Thüringen untersuchen lassen. Dort kam man zum gleichen Ergebnis wie wir: Das, was als Noppen eines Gummihandschuhs gedeutet wurde, ist eine Rautenstruktur, die entstand, als das Blut in das Gewebe eindrang. Auch an anderen Gegenständen sollen Handschuhspuren sichergestellt worden sein, und zwar immer von den gleichen. Das Gericht ging daher davon aus, dass der Täter Handschuhe übergezogen hatte, der Mord also geplant war. Auch auf der Marmorplatte des kleinen Tischs wurden blutige Wischspuren gefunden, die von Handschuhen stammen sollten. Um diese zu untersuchen, lassen wir uns die Marmorplatte nach Mittweida schicken. Mit Schweineblut, das ähnliche physiologische Eigenschaften besitzt wie menschliches Blut, versuchen wir in Experimenten ein vergleichbares Spurenbild wie auf der Platte zu erzeugen. Wir probieren verschiedene Varianten und Haushaltshandschuhe durch. Am Ende können wir keinen eindeutigen Nachweis erbringen, ob die Spur von Haushaltshandschuhen oder anders verursacht wurde; der Abdruck ist einfach zu klein. WIE LANGE TROCKNEN BLUTSPUREN? Vor Gericht spielte auch Charlotte Böhringers schwarze Handtasche eine Rolle. Sie lag auf dem Boden vor dem kleinen Flurtisch. Es sah so aus, als sei sie vom Tisch gefallen und der Inhalt dabei aus der Tasche herausgerutscht oder beim Durchsuchen ausgeschüttet worden. Das nahm auch das Gericht an. Für Petermann ergibt das keinen Sinn – zumindest nicht nach dem offiziellen 35
Tatablauf: Wenn Charlotte Böhringer ausgehfertig die Tür öffnete, als sie auf ihren Mörder traf, dann müsste sie ihre Handtasche, die keinen Schulterriemen hatte, ja eigentlich in der Hand gehalten haben. Schlug der Täter nun auf sie ein, hätte sie sich dann nicht reflexartig mit den Händen und der Tasche vor den Schlägen geschützt? Die Tasche müsste daher eigentlich entsprechende Spuren aufweisen. Auch ihr Inhalt hätte dann schon viel weiter vorn herausfallen können oder müssen. Petermann ist überzeugt, dass die Tasche erst nach der Tat auf dem Boden am rechten Tischbein landete. Mir fällt auf, dass ein paar Dinge hinter der Tasche und ihrer Öffnung liegen, und ich frage mich, wie diese dorthin gelangt sind. Mein Team experimentiert mit einer ähnlichen Tasche und lässt sie immer wieder vom Tisch fallen. Dabei stellen wir fest, dass die Gegenstände nicht so herausgefallen sein können, dass sie hinter der Tasche landeten. Auch die Anordnung der übrigen Gegenstände deutet für uns eher darauf hin, dass sie behutsam entleert beziehungsweise durchsucht wurde und dass die Blutspuren, die an und in der Tasche festgestellt wurden, erst nach der Tat beim Durchsuchen daran gelangten. Vielleicht entleerte der Täter die Tasche, um nach Geld zu suchen? Petermann bittet mich, die Fotos von der Tasche und ihrem Inhalt zu untersuchen und mithilfe von Bildverbesserungssoftware herauszufinden, ob sich unter den Gegenständen auf den Fliesen Blutspuren befinden. Doch zweifelsfrei lässt sich das nicht feststellen: Zu schlecht ist die Qualität der Bilder und zu unvollständig. Nur unter einem Mäppchen, das bei der Tasche lag, ist verschmiertes Blut zu erkennen. Eine weitere Wischspur lässt sich etwa 45 Zentimeter von dem Mäppchen entfernt auf einer Fliese nachweisen. Diese Spur hat keinen Eingang in die Akten gefunden. Interessant ist auch die Frage, ob an den am Boden liegenden Gegenständen Blut haftet oder nicht. Zweifelsfrei festgestellt wurde das nur für ebenjenes Mäppchen, das bei der Tasche lag und das zudem selbst eine Blutspur trug, sowie für die Tasche. Die übrigen Gegenstände wiesen keine Spuren auf, doch das kann verschiedene Gründe haben: Entweder gab es keine Blutspritzer auf den Fliesen, auf denen die Gegenstände landeten. Oder sie gelangten darauf, als diese schon getrocknet waren. Doch wie lange brauchen Blutspuren, um zu trocknen? Wie lange, um Wischspuren zu erzeugen, die so aussehen wie die gefundenen? Diese Fragen sind entscheidend, auch für die Dauer der Tat. Wie gesagt: Die Richter gingen davon aus, dass Benedikt Toth den Mord in fünf bis sieben Minuten verüben konnte und dass er in dieser Zeit auch noch das Büro der Tante durchsuchte, ohne auf dem Weg dorthin oder im Büro Blutspuren zu hinterlassen. Petermann bittet mich, diese Fragen unter den Bedingungen der Wohnung zu untersuchen. Wir experimentieren dazu wieder mit Schweineblut. In einer Klimakammer probieren wir bei Temperaturen von 16 bis 22 Grad aus, wie lange einzelne Bluttropfen getrocknet sein müssen, damit Wischspuren entstehen wie die, die gefunden wurden. Das Ergebnis ist eindeutig: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Wischspuren am Boden erst nach mindestens 15 Minuten entstanden. Denn es sind keine Verwischungen von frischem Blut, dann wäre der gesamte Tropfen verschmiert. Vielmehr sind es solche, bei denen der äußere Rand bereits angetrocknet ist und die Verwischung 36
aus der noch nicht getrockneten Mitte herrührt. Für Petermann ist das eine Bestätigung, dass der Täter sich deutlich länger als fünf bis sieben Minuten am Tatort aufgehalten haben muss. WAS DIE VERLETZUNGEN ÜBER DIE TATWAFFE VERRATEN Als Letztes schauen wir uns die Fotos der Verletzungen am Kopf genauer an. Petermann hat Charlotte Böhringers Schädel an ein rechtsmedizinisches Institut geschickt. Die Experten dort sollen untersuchen, ob sich anhand der Verletzungen sagen lässt, in welcher Reihenfolge sie entstanden und mit welchem Tatwerkzeug sie verursacht wurden. Schon im Obduktionsbericht waren schwarze Partikel am Schädelknochen festgestellt worden. Die Spurensicherung stellte ähnliche Teilchen an der Flurtapete sicher. Eine chemische Untersuchung ergab damals, dass es sich bei beiden Spuren um den Abrieb eines einschichtigen schwarzen Lacks handelte, der vermutlich von einem Werkzeug stammte. Darüber hinaus wurden auch eisenhaltige Kügelchen am Schädel festgestellt, Partikel, die laut Gutachten bei Schweißarbeiten entstehen. Doch das von Petermann beauftragte Institut kommt an dieser Stelle nicht weiter. Die Rechtsmediziner können weder die Reihenfolge der Verletzungen noch das Tatwerkzeug genauer bestimmen. Sie bestätigen lediglich die ursprünglichen rechtsmedizinischen Untersuchungen, dass es sich bei dem Tatwerkzeug um ein Multifunktionswerkzeug gehandelt haben muss, das eine rechteckige, flächige Seite und auch andere Seiten hatte. Petermann bittet darum auch mich, mir die Fotos von dem Schädel genauer anzuschauen. »Gibt es vielleicht digitale Methoden, um ein mögliches Werkzeug zu identifizieren?«, will er wissen. Am Computer modellieren wir einen vergleichbaren Kopf, auf den wir anhand der Obduktionsbilder die getreue Anordnung und das Muster der Verletzungen übertragen. Danach suchen wir verschiedene Werkzeuge, vor allem Schweißer-Hammer, und schauen uns ihre Oberflächen genauer an. Wie bei einem Puzzle suchen wir nach einem, dessen Oberfläche vergleichbare Verletzungsmuster verursachen kann. Tatsächlich finden wir ein Modell, das wahrscheinlicher als die anderen überprüften Werkzeuge zu den Verletzungen passt. Allerdings wollen Benedikt Toths Anwälte diesen Pfad nicht weiterverfolgen – für den Wiederaufnahmeantrag werde die Spur nicht genug bringen, ist ihre Einschätzung. Überhaupt nutzen sie etliche der von uns, aber vor allem von Petermann zusammengetragenen Ergebnisse nicht in ihrem Wiederaufnahmeantrag, den sie Anfang 2019 beim Landgericht Augsburg einreichen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die DNA-Spur am Blazer. Ein Experte für Wiederaufnahmeverfahren hatte zusätzlich einen DNA-Analytiker beauftragt, zu untersuchen, ob diese Spur tatsächlich so eindeutig Benedikt Toth zuzuordnen sei, wie es damals geschehen war. Dieser kommt zu dem Schluss, dass sie sehr wohl auch von Toths Mutter oder Bruder stammen könnte. Zudem habe die damalige Analyse nichts darüber ausgesagt, woher die DNA stammte, etwa von Blut, Speichel oder Schweiß, und wann sie entstand. Die Herkunft zu bestimmen gehöre aber zu den »anerkannten 37
Standards« der DNA-Analytik. Die DNA-Spuren, auf die sich das Urteil maßgeblich stützte, seien nicht richtig bewertet worden, das Verfahren gegen Benedikt Toth daher wieder aufzunehmen, so der Anwalt. Lediglich meine Rekonstruktion, die nachweist, dass Toth sehr wohl die DNA-Spur auf dem Blazer seiner Tante hinterlassen konnte, als er nach ihrem Puls suchte, fließt in den Antrag mit ein. Mit der Begründung, dass andere Spurengeber wie die Mutter und der Bruder ein Alibi für die Tatzeit hatten, wird auch dieser Antrag im Mai 2020 abgelehnt. Toths Anwälte legen sofort Widerspruch dagegen ein, doch Ende Juli 2021 wird auch dieser zurückgewiesen. Die Antwort auf eine Verfassungsbeschwerde steht noch aus, doch sehr wahrscheinlich wird auch diese nicht zugelassen. So ganz haben Petermann und ich nie verstanden, warum sich die Anwälte so sehr auf die DNA-Spur fokussiert haben und nicht stärker mit unseren Ergebnissen zur Tatzeit und dem -ablauf argumentiert haben. Ob das zu einem anderen Ergebnis geführt hätte, können aber auch wir nicht sagen. Als Petermann mir am Telefon von dem gescheiterten Wiederaufnahmeantrag erzählt, ist seine Enttäuschung unüberhörbar. Mir geht es ähnlich. Allerdings hat er noch deutlich mehr Zeit und Energie eingesetzt, um auch mit unserer Hilfe nachzuweisen, dass etliche Annahmen des Gerichts auf nicht eindeutigen und falsch bewerteten Spuren beruhen. Fehler auf Ermittlerseite sind manchmal unvermeidbar, so viel habe ich durch meine Arbeit in den vergangenen Jahren gelernt. Zu viel Druck lastet oft auf ihnen: vonseiten der Angehörigen, der Öffentlichkeit, der Staatsanwaltschaft. Letztlich sind Ermittler wie Richter auch nur Menschen, die selbst mit den besten Absichten falsche Schlüsse ziehen. Dennoch: Am Ende kann auch ich die Frage nach Benedikt Toths Schuld oder Unschuld nicht beantworten. Auch nicht mit digitalen Methoden. Ich bin froh, dass ich es nicht muss. 38
KAPITEL 4 KOPFSCHUSS NACH STREIT UM DROGENGELD Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. Mai 2018, ein milder Frühlingsabend, als kurz nach elf Uhr ein weißer BMW zur Notaufnahme der Uni-Klinik in Leipzig rast. Auf dem Beifahrersitz liegt bewusstlos Boran Keser*, 28 Jahre alt. Sein Kopf ist blutüberströmt, in seiner Stirn steckt drei Zentimeter tief eine Pistolenkugel. Nur durch eine stundenlange Not-OP können Ärzte Kesers Leben retten. Das Krankenhaus verständigt die Polizei, offensichtlich liegt hier eine Gewalttat vor. Der Fahrer des BMW, Emre Can*, 30, gibt sich den Beamten gegenüber ahnungslos: Er und sein kurdischer Kumpel seien mit dem Auto seiner Mutter einfach so durch die Gegend gefahren, sagt Can. Zwischendurch hätten sie immer mal wieder Zigarettenpausen eingelegt, zuletzt auf einem Parkplatz im Süden Leipzigs, wo genau, wisse er nicht mehr. Als sie schon wieder im Auto saßen, seien plötzlich drei Männer auf das Auto zugekommen. Einer habe sich vor seine Tür gestellt und ihn am Aussteigen gehindert, ein anderer die Beifahrertür aufgerissen und versucht, Kesers Gurttasche wegzureißen, die er über der Schulter trug. In der Tasche seien 1500 Euro gewesen. Als sich Keser wehrte, habe der Mann auf ihn geschossen. Auch auf Can habe er Schüsse abgegeben, ihn aber nicht getroffen. Can habe dann Vollgas gegeben und seinen angeschossenen Freund so schnell wie möglich in die Unik-Klinik gebracht. In den folgenden Stunden machen sich zwei Ermittler gemeinsam mit Emre Can auf die Suche nach dem Tatort. Als sie an einem Parkplatz im Leipziger Stadtteil Lößnig vorbeifahren, erkennt Can diesen wieder. Die Spurensicherung findet wenig später dort Kesers linken Schuh, einen Ring mit zwei Schlüsseln und eine Patronenhülse. Emre Can ist kein Unbekannter für die Polizei. Er ist wegen mehrerer Drogendelikte vorbestraft, auch aktuell laufen Ermittlungen gegen ihn. Er soll unter anderem mit Crystal Meth handeln. Die Polizei vermutet daher, dass es sich bei dem Angriff auf Keser und Can um einen Streit im Drogenmilieu handeln könnte und bei dem gestohlenen Geld um Drogengeld. Doch wie lief dieser Streit ab? Weil Cans Telefon wegen der laufenden Verfahren überwacht wird, kommen die Ermittler schnell auf die Spur von Deniz Erkin*, 27, und Samir Malik*, 25. Offenbar kannte Can die drei Angreifer und war mit ihnen am Tatabend verabredet – anders als er und auch Keser ausgesagt hatten, der im Krankenhaus vernommen worden war. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass Deniz Erkin die beiden für einen fingierten Drogendeal auf den Parkplatz lockte. Wollten er und die syrischen Brüder ihnen dort Geld abnehmen, das sie für den Kauf der Drogen bei sich trugen, ohne Ware dafür zu liefern? Tatsächlich 39
befanden sich in der Gurttasche mindestens 23.000 Euro und nicht, wie Can angegeben hatte, nur 1500 Euro. Erkin und die beiden Malik-Brüder werden im August 2018 festgenommen, ihre Wohnungen durchsucht. Die Polizei findet dabei die Tatwaffe, eine umgebaute halbautomatische Schreckschusspistole der türkischen Marke Zoraki. Die Festgenommenen bestreiten alle Vorwürfe und verweigern die Aussage. Auch bei Emre Can wird eine Razzia durchgeführt. Die Ermittler finden Drogen, Diebesgut und große Mengen Bargeld. Can verweigert von nun an die Aussage. Die Gurttasche mit dem gestohlenen Geld bleibt verschwunden. EIN ÜBERRASCHENDER AUFTRAG Ich habe von alldem nichts mitbekommen. Einige Monate später, im Januar 2019, taucht eine mir unbekannte Nummer auf meinem Handy auf. »Hallo, hier Meidinger* vom Landgericht Leipzig.« Ich kenne die Stimme: Es ist der Vorsitzende Richter in einem anderen Verfahren, in dem ich schon seit Monaten als Gutachter aussage. Darin geht es um einen tödlichen Streit unter Rockern. Ich habe dafür neue Methoden der Bild- und Videoanalyse verwendet. Die Anwälte in dem Prozess nutzen jede Gelegenheit, diese Methoden und meine Kompetenz in Zweifel zu ziehen (siehe Kapitel 6). Ich atme daher tief ein, als ich den Namen des Richters höre. Der schiebt rasch hinterher: »Keine Sorge, es geht nicht um die Rocker, Herr Professor.« Er erzählt von dem Mordversuch auf dem Leipziger Parkplatz. Soeben habe er mit dem Anwalt eines der Angeklagten gesprochen, sagt Meidinger. »Sie kennen ihn schon.« Es ist Frank Dübel*, jener Anwalt, der den Hauptangeklagten im Rockerprozess vertritt und mich gerade seit Monaten piesackt. Wenn uns jemand weiterhelfen kann, habe Dübel ihm gesagt, dann dieser Professor. »Der macht doch Tatort- und Ablaufrekonstruktionen.« Ich bin überrascht, dass Dübel mich als Sachverständigen haben will nach all den Attacken, die er vor Gericht gerade gegen mich fährt. Aber offenbar gehört ein solches Verhalten zur Jobbeschreibung eines Anwalts. Richter Meidinger allerdings hat Zweifel. »Ich bin mir nicht sicher, ob sich in diesem Fall der Tatablauf in einem 3-D-Modell überhaupt rekonstruieren lässt«, sagt er. Es gebe kaum eindeutige Spuren, und die Aussagen der beiden Opfer seien teilweise widersprüchlich, die Angeklagten verweigerten ohnehin jede Aussage. »Wollen Sie es dennoch versuchen?« Ich sage sofort zu. Wohl auch, weil ich mich geschmeichelt fühle davon, dass ausgerechnet dieser Anwalt ein Gutachten von mir vorgeschlagen hat. Er brauche es aber schnell, sagt Meidinger noch, denn der Prozess starte im Februar. Er verspricht mir, alle Informationen und Ermittlungsergebnisse zu schicken. Schon am nächsten Tag hält ein Justizfahrzeug an der Hochschule und liefert fünf Kartons mit Akten. Weil die Zeit knapp ist, stürzen wir uns zunächst auf den Tatortuntersuchungs- und den Obduktionsbericht sowie die Zeugenaussagen. Tatsächlich ist die Ausgangslage dürftig. Es gibt nur die beiden Aussagen von Boran Keser und Emre Can über den Verlauf des Abends, die Blut- und 40
Fingerspuren im und am Auto und das, was auf dem Parkplatz gefunden wurde: eine Patronenhülse, Kesers linker Schuh sowie ein Anhänger samt Schlüsseln. Als Erstes telefonieren wir mit den Rechtsmedizinern und Beschussexperten beim Landeskriminalamt, die beauftragt sind, herauszufinden, wie genau und aus welcher Entfernung geschossen wurde. Für unsere Simulation sind die Ergebnisse natürlich wichtig. Deshalb wollen wir dabei sein. Wenige Tage später fahren einer meiner Mitarbeiter und ich zur Außenstelle des LKA in LeipzigPaunsdorf, wo wir mit einem Schusswaffenexperten und zwei Rechtsmedizinern verabredet sind. Gemeinsam wollen wir die Beschussexperimente durchführen. Wir sind etwas zu früh, die Rechtsmediziner sind noch nicht da. Der Schusswaffenexperte zeigt uns daher in seinem Büro schon mal die Tatwaffe: Eine halbautomatische Schreckschusspistole mit schon recht abgenutztem braunen Griff. Die Munition besteht aus 13 veränderten Neun-MillimeterGummigeschosskugeln – Waffe und Munition wurden in der Wohnung eines der syrischen Brüder, Adil Malik, sichergestellt. »Nur dreizehn Kugeln?« Ich bin erstaunt. »Das reicht doch niemals für eine statistisch valide Aussage«, sage ich. Der Schusswaffenexperte erklärt mir, dass es sich um illegale Munition handele, die durchschlagskräftiger sei und daher auch tödlich sein könne. Weil diese Art von Munition in Deutschland verboten ist, konnte er für die Experimente nicht mehr Kugeln besorgen, etwa aus Italien, wo man sie legal bekomme. Nicht einmal zur Verbrechensaufklärung dürften Ermittler sie kaufen. Mir wird wieder einmal bewusst, wie groß die Diskrepanz ist zwischen meiner durch Filme geprägten Vorstellung der Ermittlerwelt, in der schier alles problemlos besorgt werden kann und möglich ist, und der deutschen Behördenwirklichkeit. Notwendig wären mehrere Dutzend Patronen für die Beschussexperimente – doch wir haben gerade mal 13! Einige Schuss Munition sind zudem bereits vom Bundeskriminalamt (BKA) verbraucht worden. In Wiesbaden hat das BKA die Möglichkeit, Hochgeschwindigkeitsaufnahmen im Labor für eine effizientere Schmauchspuranalyse anzufertigen, die uns ebenfalls zur Verfügung gestellt wird. Für unsere Simulation ist das hilfreich, um den Radius der Treibgase – also jener Gase, die eine Schmauchspur an der Wunde hinterlassen – genauer bestimmen zu können. Im Obduktionsbericht waren solche Schmauchspuren an Kesers Stirn festgestellt worden, allerdings nur sehr wenige – was zwei Schlüsse zulässt: Entweder wurden beim Reinigen der Wunde weitere Schmauchspuren weggewischt. Oder es wurde aus einer Entfernung geschossen, die keine solchen Spuren hinterließ – also aus mindestens 60 Zentimetern. Außerdem zeigen die Hochgeschwindigkeitsaufnahmen des BKA auch den Auswurfwinkel der Patronenhülse, also wohin und wie weit genau die Hülse flog und auf welcher Seite der Waffe sie landete. Das alles hilft bei der Berechnung des wahrscheinlichsten Abstands zwischen Täter und Opfer. Die Hülse, so das Ergebnis, könnte etwa dreieinhalb Meter weit geflogen sein. In einem solchen Radius rund um ihren Fundort muss sich also der Schütze aufgehalten haben. 41
EXPERIMENTE MIT NUR 13 SCHUSS MUNITION Inzwischen sind auch die Rechtsmediziner eingetroffen. Sie haben die Experimente anhand des Obduktionsberichts und der Informationen über die Waffe und Munition vorgeplant. Wir trinken noch einen Kaffee zusammen und gehen dann in den Keller. Ich bin zum ersten Mal bei solchen Beschussexperimenten dabei. Durch eine schwere Stahltür betreten wir einen Raum, der wie eine riesige Abstellkammer wirkt. Allerlei Gerätschaften stehen herum, Folien, Kartons, Holzplatten, Tische. Die gelbliche Wand am Ende des Raums ist übersät mit schwarzen Einschusslöchern, die offenbar von vorangegangenen Experimenten stammen. Auch ein großes aquariumartiges Becken gibt es, das mit Wasser gefüllt ist und in das gezielt wird, um bei bestimmten Experimenten die Geschwindigkeit darin zu bremsen und anschließend die Patronenhülsen vergleichen zu können. In unserem Fall ist das nicht notwendig, das Becken bleibt daher abgedeckt. Wir brauchen stattdessen große gelatineartige Blöcke, vor die mit Schraubstöcken eine Platte aus Knochenersatzmaterial gespannt wird. Die Platte simuliert den Schädelknochen, der Gelatineblock das Gewebe dahinter. Am Ende des etwa zehn Meter langen Raums geht es durch eine weitere schwere Stahltür in einen Nebenraum. In diesem warten wir mit Ohrschützern, während der Schussexperte die Pistole abfeuert – die Gefahr, einen Hörschaden zu erleiden oder durch einen Querschläger verletzt zu werden, ist zu groß, deshalb darf nur er im Raum sein. Alle Schüsse werden fotografiert und gefilmt. Nach jedem Versuch beraten wir, wie weiter vorgegangen werden soll. Eine Kugel und einen Schädel aus Knochenersatzmaterial, die jeweils mit Gelatine gefüllt sind, gibt es auch noch, doch die sparen wir uns für die letzten beiden Versuche auf. Zunächst wird aus vier Metern Entfernung geschossen, eine Distanz, die wir eigentlich für zu groß halten. Doch zu unserer Überraschung durchdringt die Kugel auch aus dieser Entfernung noch die Knochenplatte. Unsere Annahme, dass aus sehr kurzer Entfernung auf Keser geschossen wurde, scheint damit nicht so leicht zu beweisen. Andererseits können vier Meter Entfernung ausgeschlossen werden, weil eine aus dieser Entfernung abgeschossene Kugel keine Schmauchspuren an der Knochenplatte hinterlässt. Sie dringt zudem nicht drei Zentimeter tief in den Gelatineblock ein, also so tief, wie die Kugel in Kesers Kopf saß. Als Nächstes wird die Pistole auf der Platte aufgesetzt und geschossen, dann aus 20 Zentimeter Entfernung, aus einem Meter, aus 50 Zentimeter, aus zehn. Schon nach den ersten Schüssen merken wir, dass die Anfangsgeschwindigkeit bei dieser nicht standardisierten Munition extrem variiert. Jede Patrone hat im Grunde andere Eigenschaften – eine aus 20 Zentimetern Entfernung abgeschossene Kugel dringt nicht genauso tief in die Gelatinemasse ein wie eine andere aus der gleichen Entfernung. »Was machen wir denn nun damit?«, frage ich in die Runde. Uns wird zunehmend bewusst, wie heikel es ist, nur 13 Schuss Munition zu haben. Für eine statistisch valide Aussage ist das nicht nur extrem wenig, sondern angesichts dieser Besonderheit der Munition nur begrenzt aussagefähig. Wir beschließen daher, von einer minimalen, einer maximalen und der nach dem Obduktionsbericht wahrscheinlichsten Entfernung 42
zwischen Pistolenlauf und Knochen auszugehen. Kesers Aussage, dass die Pistole auf der Stirn aufgesetzt wurde, kann nicht stimmen, denn das Verletzungsbild unterscheidet sich zu sehr von dem im Untersuchungsbericht der Klinik: die Kugel hätte tiefer eindringen und auch innerhalb der Wunde Schmauchspuren hinterlassen müssen. Es wurde also aus näherer Entfernung geschossen. Unsere Hauptaufgabe ist es nun, herauszufinden, ob das, was die Mediziner an Keser beobachtet haben, nämlich, dass die Kugel drei Zentimeter tief eingedrungen war, mit diesen Schwankungen der Munition überhaupt erklärbar ist. Die letzten Schüsse sollen auf die Kugel und den Schädel aus Knochenersatzmaterial abgefeuert werden – und zwar aus jeweils 20 Zentimeter Entfernung, weil die Verletzungsmerkmale aus dieser Distanz denen von Keser am stärksten ähneln. Die Kugel, die wie eine Bowlingkugel aussieht, und auch der Schädel sind aufklappbar, sodass anschließend gesehen werden kann, wie tief die Patrone in die Gelatinemasse eindrang. Diese letzten beiden Schüsse bestätigen die vorherigen Beobachtungen. Als wir schließlich nach fünf Stunden das LKA verlassen, sind wir nur mäßig zufrieden mit den Ergebnissen. Für unsere Simulation können wir zwar ausschließen, dass die Waffe auf Kesers Stirn aufgesetzt wurde, und wir wissen jetzt, dass auf ihn aus näherer Entfernung geschossen worden sein muss, am wahrscheinlichsten aus einer Distanz von 20 Zentimetern. Maximal ein Meter Abstand zwischen Täter und Opfer wäre aber auch noch denkbar. Das ist weniger präzise, als wir es uns erhofft hatten. WO LAG DER SCHUH, DIE PATRONENHÜLSE, DER SCHLÜSSELANHÄNGER? Als Nächstes suchen wir uns bei Google Maps den Lößniger Parkplatz heraus und überlegen, wie viele Drohnen und welche Technik wir brauchen, um ausreichend 3-D-Bilder vom Tatort für unsere Computersimulation zu erstellen. Eine Drohne scheint in diesem Fall auszureichen, denn der Parkplatz ist nicht sonderlich groß. Wir verabreden uns mit den Kriminaltechnikern, die am Tatort die Spuren gesichert hatten, um mit Laserscan und einer Drohne den Tatort genau zu vermessen. Und wir bestellen bei einem nahe gelegenen Autohaus einen baugleichen BMW wie jenen, mit dem Emre Can fuhr. Denn das Tatfahrzeug ist bereits wieder an die Besitzerin, Cans Mutter, ausgehändigt worden. Am Tag der Tatortbesichtigung stellt sich allerdings heraus, dass wir offenbar doch etwas sehr hastig die Akten überflogen haben. Als der BMW geliefert wird und wir von den Kriminaltechnikern wissen wollen, wo er abgestellt werden soll, schauen die uns nur mit großen Augen an: »Woher sollen wir das denn wissen? Das Fahrzeug war doch am Krankenhaus und nicht mehr am Tatort, als wir es übernommen haben.« Den Aufwand mit der Autolieferung hätten wir uns also sparen können. Unser schöner Plan, alle gefundenen Asservate wie Kesers linken Schuh, die Patronenhülsen und den Schlüsselring im genauen Abstand, wie sie zum Auto lagen, am Tatort zu platzieren, geht also nicht auf. Zwar können 43
uns die Kriminaltechniker noch sagen, wo die Gegenstände auf dem Parkplatz gefunden wurden, aber sie können eben nicht exakt angeben, wo das Auto stand. Später rufen wir bei BMW an und bitten, dass sie uns das Konstruktionsmodell des Fahrzeugs digital schicken – eine viel einfachere Variante, als ein originalgetreues Fahrzeug auf dem Parkplatz photogrammetrisch zu erfassen, also mit Laserscan rundum zu vermessen, sodass sich daraus ein originalgetreues 3-D-Modell errechnen und nachbauen lässt. Trotzdem scannen wir den BMW von innen mit einem Handlaser-Scanner, um später sichergehen zu können, dass es keine Abweichungen gibt. Im Computermodell legen wir dann die jeweiligen Daten übereinander. Und natürlich fotografieren wir auch den Parkplatz mit der 3-D-Kamera aus der Luft von oben. Mit einem der Kriminaltechniker der Polizeidirektion Leipzig entspannt sich dabei eine Diskussion über die zeitgemäße Ausstattung von Ersteinschreitern, also jenen Polizistinnen und Polizisten, die als Erste am Tatort eintreffen. Natürlich wäre es für eine effiziente Spurensicherung sinnvoll, wenn Kriminaltechniker gleich bei der ersten Begehung mit 3-D-Kameras und Laserscannern ausgerüstet wären, sodass Fundstücke wie die Patronenhülse oder der Schlüssel für unsere Arbeit nicht erst nachträglich wieder an den Tatort gebracht und dort platziert werden müssten – mit allen Gefahren potenzieller Ungenauigkeiten. Das, was wir jetzt mit 3-D-Kameras und Laserscannern im Nachhinein machen, wäre sinnvollerweise besser gleich passiert, als die Polizei am Tatort eintraf. Und auch die Blutspuren in dem Fahrzeug, das an der Klinik geparkt wurde, wären besser gleich mit einem Handlasergerät dokumentiert worden. Dann müssten wir jetzt nicht umständlich händisch die ausgemessenen Spuren in unser Computermodell einfügen. Viele Landeskriminalämter sind zwar inzwischen mit entsprechender Technik ausgestattet, aber eben nicht die Polizeidirektionen. Doch die sind meist als Erste am Tatort. Der Kriminaltechniker wendet ein, selbst wenn Tatortgruppen mit 3-DKameras und Scannern ausgerüstet wären, müssten sie abwägen, wann diese zum Einsatz kämen. Sinnvollerweise gleich am Anfang. Doch einen Tatort 3-Dmäßig zu erfassen kostet Zeit, je nach Größe mindestens eine Stunde. »Was wäre also, wenn das Opfer noch lebt?«, will er wissen. »Natürlich müsste es als Erstes versorgt werden«, sage ich. »Der Tatort wäre dann wegen der Sanitäter und Rettungskräfte aber nicht mehr im Originalzustand«, sagt er und zählt weitere Punkte auf, die je nach Tatort eine Rolle spielen: Öffentliche Plätze müssen rasch wieder zugänglich gemacht, Wetterbedingungen bedacht, Fingerabdrücke schnell genommen werden. Ich bin dennoch überzeugt, dass es machbar und hilfreich wäre, so früh wie möglich Tatorte digital zu erfassen. Am Ende sind wir uns zumindest einig, dass es viel mehr Austausch zwischen Polizei und anwendungsbezogener Forschung geben sollte. DIE ZEUGENAUSSAGEN WIDERSPRECHEN SICH Zurück an der Hochschule bauen wir mit den Drohnenbildern ein 3-D-Modell vom Parkplatz, platzieren darin die Asservate an den Stellen, die die Spurensicherung 44
ausgemessen hatte, und nähern uns mit deren Hilfe dem wahrscheinlichsten Standort des Autos. Doch erst später im Prozess können wir anhand der Zeugenaussagen diesen noch weiter konkretisieren. Auch den Standort des Täterautos und der übrigen Fahrzeuge, die sich auf dem Parkplatz befanden, können wir nur anhand der Zeugenaussagen – unter anderem von einem Anwohner – ungefähr einfügen. Wir verdunkeln den Tatort, da das Treffen gegen 22.30 Uhr stattfand, bauen die Laternen mit ihren entsprechenden Lichtstärken ein, nachdem wir uns zuvor beim Straßenbauamt abgesichert haben, dass es an jenem Tag keine Schäden oder Störungsmeldungen für sie gab. Nur den ganz genauen Verdunkelungsfaktor für jene Nacht kennen wir nicht, also wie stark die Bewölkung an diesem Ort genau war. Wir legen daher einen Mittelwert für jene Maiwoche zugrunde, in der die Tat stattfand. Danach fügen wir mithilfe der Originalfotos aus dem Fahrzeug die im und am Auto gefundenen Fingerabdrücke sowie die Blutspuren in unser Modell ein. Wir erstellen von allen fünf Beteiligten Dummys mithilfe einer Software, die aus dem konkreten Alter, Gewicht, der Größe und ethnischen Herkunft der Täter und Opfer eine Art Avatar errechnet, der zwar dicht dran ist am Originalmenschen, aber bei bestimmten anderen Faktoren, die uns nicht vorliegen – Knochenstärke, Schulterbreite und Ähnliches –, auf Mittelwerte zurückgreift. Beim Modellieren des Tatorts und der Simulation des Ablaufs mithilfe der Dummys werden die widersprüchlichen Aussagen der Opfer besonders deutlich: Emre Can sagte den Polizeibeamten, die Täter hätten die Beifahrertür aufgerissen und dann auf Boran Keser geschossen. Dieser behauptete dagegen, seine Tür habe offen gestanden und seine Beine seien wegen der Zigarettenpause außerhalb des Fahrzeugs gewesen, als die Täter auf das Auto zukamen. Die Simulation zeigt, dass beide Varianten so nicht zutreffen können. Denn hätte Keser tatsächlich im Auto gesessen, als auf ihn geschossen wurde, dann hätten sich im oberen Autobereich viel mehr Blutspritzer befinden müssen. Tatsächlich war aber nur an der Sonnenblende ein einziger Rückspritzer gefunden worden, eine Anheftung, aus der wir schließen, dass der Schuss erfolgte, als Keser sich zwischen Tür und Holm des Autos befand, also vermutlich dabei war, ein- oder auszusteigen. Auch Kesers Aussage, dass er im Auto saß, als auf ihn geschossen wurde, passt nicht so recht zu der Tatsache, dass sein linker Schuh auf dem Parkplatz gefunden wurde. Wir spielen verschiedene Varianten durch, und es zeigt sich: Nur wenn Kesers linker Fuß zwischen offener Tür und Trittbrett baumelte, kann er beim Versuch, den Fuß ins Auto zu ziehen, am Trittbrett hängen geblieben sein und so den Schuh verloren haben. NEUN SIMULATIONEN UND VIELE OFFENE FRAGEN Als wir schließlich für unseren ersten Verhandlungstag am 22. Mai 2019 zum Gericht fahren – der Prozess läuft seit Februar –, haben wir zwar fünf mögliche Simulationen dabei, aber auch noch viele offene Fragen. Es erweist sich als Vorteil, dass wir an diesem ersten Verhandlungstag noch nicht drankommen. Boran Keser, ein kleiner, schmächtiger Mann, dessen große Narbe auf dem 45
Schädel fast von einem Ohr bis zum anderen läuft, wird von den Verteidigern der Angeklagten befragt. Es zieht sich hin. Obwohl er recht gut Deutsch spricht, hat er eine Dolmetscherin dabei. Keser ist Kurde, der nach eigenen Angaben in der Türkei politisch aktiv war und deshalb verfolgt wurde. Drei Jahre habe er dort im Gefängnis gesessen, erzählt er. Ende 2016 reiste er dann mit gefälschten Papieren über Frankreich nach Deutschland ein und beantragte Asyl. In einer Gaststätte lernte er Can kennen, die beiden freundeten sich an. Anfang 2018 plante Can, ein leer stehendes Haus zu sanieren, in das er mit seiner Frau und seinem Kind einziehen und in dessen Erdgeschoss er eine Gaststätte mit Spielautomaten eröffnen wollte. Can bot Keser an, in das Geschäft mit einzusteigen. Auch in die Wohnung könne er mit einziehen. Dafür sollte Keser das Projekt finanziell unterstützen. Keser ließ sich dafür größere Geldbeträge von seiner Familie in der Türkei überweisen – etwa 16.000 Euro insgesamt. Can steuerte etwa 7000 bis 8000 Euro bei und plante offenbar, die Gesamtsumme von 23.000 Euro mit Drogengeschäften zu verdoppeln. Deshalb nahm er Kontakt zu Deniz Erkin auf, um über ihn Crystal Meth zu kaufen, wie im weiteren Verlauf des Prozesses herauskommt. Doch bei dem Deal lief offenbar einiges schief. Am Ende versuchten die beiden Malik-Brüder, Can und Keser das Geld abzunehmen, ohne Ware dafür zu liefern. Als es um die Schüsse auf die beiden geht, darf auch ich Fragen stellen, eine Gelegenheit, mehr zum Abstand zwischen Täter und Opfer zu erfahren. Ich frage Keser, ob er zeigen könne, wo genau Adil Malik stand, als dieser auf ihn schoss. Keser sagt nur, es sei nah gewesen. »Genauer erinnere ich mich nicht.« Ich bitte ihn, uns auf einem Stuhl sitzend zu zeigen, wie er im Auto saß, als auf ihn geschossen wurde. Keser setzt sich auf einen Stuhl und demonstriert, wie er bei geöffneter Fahrzeugtür den linken Fuß noch halb im Auto hatte und den rechten auf dem Parkplatz. Auf diese Art kann er allerdings den linken Schuh nicht verloren haben. Also frage ich erneut nach, ob der Fuß vielleicht zwischen offener Tür und Trittbrett baumelte: die einzige Möglichkeit unserer Simulation zufolge, wie er beim Versuch, den Fuß ins Auto zu ziehen, am Trittbrett hängen geblieben sein und so den Schuh verloren haben könnte. »Ich kann mich nicht erinnern«, antwortet Keser wieder. Sehr ergiebig ist meine Befragung daher nicht. Allerdings bemerke ich, als er vom Stuhl aufsteht und neben mir steht, dass er kleiner ist als ich. Die Information, dass Keser 1,70 Meter groß sei, die wir von den Kriminaltechnikern für unser Dummy im 3-D-Modell bekommen haben, kann also nicht stimmen. Ich gebe das zu Protokoll, und es wird beschlossen, dass er bei der nächsten Sitzung gemessen wird. Dabei zeigt sich, dass er tatsächlich nur 1,65 Meter groß ist. Ich passe das Dummy in den Simulationen entsprechend an. In den darauffolgenden Verhandlungstagen sind wir immer noch nicht dran, bekommen aber in den Sitzungen Zusatzinformationen, die ich ebenfalls mit in die Simulationen aufnehme. So sagt der Rechtsmediziner aus, es sei denkbar, dass Keser die Schusswunde mit der Hand abdecken konnte, sodass keine Bluttropfen den Erdboden berührten. Damit wäre auch eine Variante denkbar, bei der Keser nicht im Auto saß, als auf ihn geschossen wurde, sondern sich außerhalb desselben befand – wo keine Blutspuren gefunden wurden. Wir erstellen daher zum nächsten Prozesstermin vier zusätzliche Alternativ-Varianten, 46
bei denen Can und Keser aus dem Auto aussteigen und vor dem Fahrzeug auf Keser geschossen wird. Allerdings halten wir es für recht unwahrscheinlich, dass Keser – auch wenn es theoretisch möglich ist – seine Kopfwunde tatsächlich so gut abdeckte, dass kein Blut auf den Boden tropfte, zumal aus der Wunde sehr viel Blut austrat, waren doch der Beifahrersitz, die Armlehnen und die Zwischenkonsole blutgetränkt. Immer mehr verwirrende Aussagen und Spuren-Interpretationen kommen in den nächsten Sitzungstagen zur Sprache: Wie gelangten die Fingerabdrücke von Adil Malik auf das Dach und die Tür von Cans Auto – und vor allem wann? Bislang waren wir davon ausgegangen, dass er sich in der Tatnacht daran abstützte – was dafür sprach, dass Boran Keser im Auto saß und Adil Malik dicht bei ihm stand. Im Laufe des Prozesses wird aber bekannt, dass Adil Malik sich schon am Nachmittag des Tattages mit Erkin und Can in einer Werkstatt getroffen hatte, wo in das Auto von Cans Mutter eine Soundanlage eingebaut wurde. Bereits dort hätte er sich also am Autodach abstützen und die Fingerabdrücke hinterlassen können. Can selbst, auch das erfahren wir nun, ist zwar als Zeuge geladen, aber nicht erschienen. Er soll sich – auch wegen der gegen ihn laufenden Drogenverfahren – in die Türkei abgesetzt haben. Erst im Juli bin ich schließlich mit unserem Gutachten dran. Ich präsentiere neun Szenarien. Vier Alternativen haben wir aufgrund der Erkenntnisse aus dem Prozess noch zusätzlich angefertigt. Ich erkläre alle Varianten: die, bei denen Boran Keser in verschiedenen Positionen im Auto saß und Adil Malik jeweils aus unterschiedlichen Entfernungen schoss. Und schließlich noch die Alternativen, bei denen Keser am Auto stand. Bei jeder Variante erläutere ich, was aufgrund der Spurenlage und der Aussagen plausibel und was unplausibel erscheint. Am Ende sind es zwei Varianten, die uns selbst am plausibelsten erscheinen (was ich aber vor Gericht so nicht sage, denn ich darf den Richtern nicht die Wertung abnehmen): jenes Szenario, bei dem die Beifahrertür bereits geöffnet ist, Keser noch im Auto sitzt, den rechten Fuß aber schon außerhalb des Fahrzeugs hat, den linken noch im Rahmen. Adil Malik steht an der Beifahrertür und schießt aus mindestens 20 Zentimetern Entfernung. Die Schusswaffe ist außerhalb des Fahrzeugs, Kesers Kopf teilweise noch innerhalb, die Tasche hat Adil Malik ihm bereits entrissen. Auch ein Alternativszenario halte ich für denkbar: Keser steht draußen unmittelbar vor der geöffneten Beifahrertür, Adil Malik vor ihm, den ausgestreckten Arm mit der Pistole auf ihn gerichtet, sodass zwischen Pistole und Kesers Stirn mindestens 20 Zentimeter liegen. Adil Malik schießt auf Keser, der fällt rückwärts zurück auf den Beifahrersitz, ein Blutstropfen spritzt an die Sonnenblende, Keser verliert seinen linken Schuh beim Versuch, komplett einzusteigen. Es gibt nur wenige Fragen zu unserem Gutachten. Adil Maliks Verteidiger geht darauf ein, dass einige Spuren wie etwa jene Fingerabdrücke auf dem Dach ja auch zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sein könnten, etwa in der Autowerkstatt am Nachmittag. Ich gebe ihm recht, die Möglichkeit besteht. Doch mehr Fragen und Anmerkungen kommen nicht. Überraschend ist für mich dann die Reaktion des Richters: »Herr Professor Labudde«, sagt Meidinger, »wenn ich 47
jetzt ketzerisch bin, ist das kein richtiges Gutachten.« Ich bin irritiert und weiß nicht, was er damit meint. Mit diesen Worten, ohne weitere Erklärung, entlässt er mich. DIE MACHT DER SPUREN Zwei Tage später rufe ich ihn an. Seine Worte lassen mir keine Ruhe, ich will verstehen, was ihm an meinem Gutachten missfällt. Er erklärt mir, dass ich in den jeweiligen Szenarien die Spuren und Aussagen nicht in »plausibel« und »nicht plausibel« hätte einteilen dürfen, dadurch hätte ich sie gewertet. »Aber ich habe die Szenarien doch nicht gewertet«, wende ich ein. »Doch«, sagt Meidinger, ich hätte dadurch einzelne Spuren und Aussagen gewichtet. Wir hätten nur erklären sollen, dass wir bestimmte Spuren einbeziehen und andere nicht, wo es Widersprüche gibt, welche Spuren und Aussagen zusammenpassen und welche nicht. Die Methodik als solche, betont Meidinger dann aber noch, halte er für hilfreich, um sich dem Tathergang zu nähern. In diesem Fall sei die Spurenlage aber einfach zu dürftig gewesen. Das habe er von Anfang an befürchtet. Ich denke viel über seine Worte nach und komme schließlich zu dem Schluss, dass er zum Teil recht hat. Unseren Auftrag, den wahrscheinlichsten Tatablauf zu rekonstruieren, konnten wir nicht erfüllen. Zu viele Informationen erhielten wir erst im Laufe des Verfahrens, sie lagen uns beim Erstellen der Simulationen noch nicht vor. Die Herkunft bestimmter Spuren blieb zudem uneindeutig, etwa die Fingerabdrücke auf dem Autodach, bei denen nicht klar war, wann sie dorthin gelangt waren. Sie konnten daher nicht zweifelsfrei in den Tatablauf einbezogen werden. Andere Punkte widersprachen sich, etwa dass im Auto nur ein Blutspritzer gefunden wurde, der vermutlich vom unmittelbaren Schuss stammte, und Kesers Aussage, dass er während der Tat im Auto saß. Wäre das wahr, hätten sich darin aber deutlich mehr Blutspritzer vom Schuss befinden müssen – die gefundenen Blutlachen auf dem Sitz und der Konsole sind ganz offensichtlich erst später entstanden. Lag das nun daran, dass Keser etwas Falsches sagte, und er nicht im Auto saß, sondern davor stand? Doch hätten dann nicht auch außerhalb des Autos oder an dessen Außenseite Blutspritzer gefunden werden müssen? Oder lag es daran, dass nicht alle Spuren gefunden oder gesichert wurden? Vielleicht ist der Auslöser mein Gutachten, vielleicht auch nicht: Am nächsten Verhandlungstag nach der Sommerpause wollen die Tatverdächtigen, die bisher eisern geschwiegen haben, doch noch aussagen – offenbar auf Anraten ihrer Verteidiger. Ich bin eher zufällig dabei, weil ich für eine andere Verhandlung am Gericht bin. Sie bestätigen nun, was auch schon aus den abgehörten Telefonaten bekannt war: dass sie die Opfer kannten und sich bereits am Nachmittag des gleichen Tages getroffen hatten. Am Abend seien dann alle zum vereinbarten Treffpunkt, dem Lößniger Parkplatz, gekommen. Adil und Samir Malik seien ausgestiegen, zu Cans Auto gegangen, der sei ihnen wenige Schritte entgegengekommen, während Keser am Auto stehen geblieben sei. Vom weiteren Verlauf bieten sie nun eine geschickte Variante: Keser habe plötzlich 48
einen blinkenden Gegenstand aus seiner rechten Hosentasche geholt, ein Messer, sagt Adil Malik. Erst daraufhin habe er seine Pistole gezogen, Keser sei näher auf ihn zugekommen, er sei zurückgewichen, dann habe sich ein Schuss gelöst. Die Pistole trage er immer bei sich, seit er infolge einer früheren Drogenabhängigkeit an Angstzuständen leide, sagt Adil Malik. Dass die Schreckschusspistole auch tödlich sein könne, habe er nicht gewusst, nicht einmal, dass die Waffe geladen war. Keser habe das Messer fallen lassen, Can sich gebückt und es vielleicht aufgehoben und in die Tasche gesteckt. Eine geschickte Aussage, die sein Bruder und Erkin bestätigen. Sie ist weder zu belegen noch zu widerlegen. Doch unabhängig davon, ob der Schuss auf Keser tatsächlich eine Reaktion auf eine vermeintliche Bedrohung durch ein Messer war oder nicht: Die Brüder Malik geben erstmals ihre Tatbeteiligung zu und bestätigen, dass Adil Malik auf Boran Keser schoss. Ich bin mir sicher, dass unsere Simulationen zu dieser Aussage beigetragen haben. Den Ablauf jener Nacht in einem Video detailgetreu noch mal zu sehen, auch wenn nicht jede Einzelheit stimmte, hat offenbar gewirkt. Am 4. Februar 2020 wird das Urteil gesprochen: Der Schütze, Adil Malik, wird wegen zweifachen Mordversuchs, gefährlicher Körperverletzung, besonders schweren Raubes sowie unerlaubten Waffenbesitzes zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Sein Bruder, Samir Malik, der den Fahrer Emre Can in Schach hielt, muss für achteinhalb Jahre wegen Beihilfe zum Mordversuch und schweren Raubes hinter Gitter. Der dritte Beschuldigte, Deniz Erkin, wird freigesprochen. Ihm kann nicht nachgewiesen werden, ob er davon wusste, dass die Brüder Emre Can und Boran Keser ausrauben wollten. Eine Revision wird abgelehnt. Für mich und meine Herangehensweise an die digitale Forensik ist der Prozess immens wichtig. Ich hinterfrage, wie Spuren an einem Tatort überhaupt zu interpretieren sind. Wie wichtig die Beziehungen von Spuren zueinander sind und wie sich Widersprüche und Aussagen erklären lassen. Monatelang lese ich alles zum Thema »Spuren«. Erst da wird mir richtig klar, dass eine Spur ihre Bedeutung in der Forensik komplett verändern kann, wenn eine weitere hinzukommt. Ein Hämatom an der Schulter kann vom Entreißen einer Brusttasche zeugen, wie es bei Keser der Fall war. Gibt es aber ein weiteres, ähnliches Hämatom am Arm, dann deutet das eher auf eine gewaltsame Auseinandersetzung hin. Es muss nach übergreifenden Mustern gesucht werden, die einen Tatablauf wahrscheinlicher machen. Entscheidend sind folgende Fragen: Welche Spuren sind qualitativ gut auswertbar, können aber nicht zugeordnet werden, weil es keine Vergleichsspuren gibt? Welche können zugeordnet werden? Und welche Spuren sind überhaupt tatrelevant? Jeder Tatort ist ein »öffentlicher« Ort. Selbst wenn er noch so privat ist, haben zu verschiedenen Zeiten Menschen Zugang zu ihm gehabt und damit Spuren hinterlassen – Fingerabdrücke, Hautschuppen, Haare, Speichel-DNA an einem Zigarettenstummel. Aber an einem Ort wie zum Beispiel dem Lößniger Parkplatz kann man nicht alles sichern, was da ist. Das wirft die Frage auf, wie Spurensicherung überhaupt erfolgt. Wird intensiv genug gesucht? Werden Muster rechtzeitig erkannt, um an Stellen nach weiteren Spuren zu suchen, die nicht 49
unmittelbar offensichtlich sind? Auch eine gefundene und gesicherte Spur muss hinterfragt werden: Ist es wirklich eine Einzelspur, wie etwa der Blutspritzer an der Blende über dem Beifahrersitz, oder wurde nur nicht genau genug gesucht, ob es noch woanders ähnliche Spuren gab? Das Schwierige an diesem Fall war, dass es nur wenige Spuren gab, die eindeutig zugeordnet werden konnten. Und dass sowohl Täter als auch Opfer offensichtlich nicht die volle Wahrheit sagten. In anderen Fällen konnten wir die Widersprüche in den Aussagen durch unser 3-D-Modell und die Ablaufsimulationen entlarven. In diesem Fall ging das nur teilweise, weil die Spurenlage zu dürftig war. Es gab keinen Anker, nichts, was als absolut gesichert angenommen werden konnte – außer, dass Boran Keser eine Kugel im Kopf hatte. Fehlendes Wissen kann man nicht mit Simulationen wettmachen. Wir können überprüfen, ob Aussagen zur Spurenlage passen, Spuren in Simulationen einordnen und dadurch erkennen, ob welche fehlen. Aber wie lässt sich nachweisen, dass Spuren wirklich nicht da waren oder eventuell nur nicht gesichert oder gar aus Versehen beseitigt wurden oder durch andere Gründe wie Witterung verschwanden? Und: Auch wenn es eine Spur gibt, ist sie nicht immer lesbar. Manchmal kann das auch daran liegen, dass wir noch nicht über entsprechende Auswertungsverfahren verfügen. Denken wir zum Beispiel an DNA-Analysen, die vor 30 Jahren noch nicht möglich waren. Heute gehören sie zum Standard, weswegen viele Altfälle neu aufgerollt werden können. Das verschiebt dann die Gewichte im ewigen Wettlauf zwischen Kriminellen und Ermittlern, der längst ein technologischer ist. 50
KAPITEL 5 DER TOTE SOLDAT UND DIE RÄTSEL DER VERGANGENHEIT Ungewöhnlich ist die Anfrage, die mich im Sommer 2018 über das LKA Thüringen erreicht. Eine Regisseurin suche jemanden, der ihr bei der forensischen Auswertung eines historischen Fotos helfe, sagt mir ein Beamter am Telefon. »Was heißt historisch?«, frage ich. »Ende des Zweiten Weltkriegs«, entgegnet der Mann. Weil es sich um keinen aktuellen Fall handele, hätten sie selbst keine Zeit, um in der Sache zu recherchieren. Auf dem Foto sei ein erschossener Soldat zu sehen. Viel mehr könne er mir dazu nicht sagen. Ob sie meinen Kontakt an die Regisseurin weitergeben dürften, fragt er. Ich zögere, denn ich bin zu dem Zeitpunkt nicht sonderlich scharf auf den Fall. Er bedeutet zusätzliche, unbezahlte Arbeit. Die Ermittlungen zum toten Mädchen unter der Teufelstalbrücke laufen gerade auf Hochtouren, neue Fälle sind hinzugekommen. Mein Team und ich sind damit vollauf beschäftigt. Der Hochschulbetrieb fordert mich außerdem. Trotzdem willige ich ein. Ein Gespräch kann ich ja mal führen, denke ich und telefoniere wenig später mit Christa Pfafferott, einer freischaffenden Autorin und Filmemacherin aus Hamburg. Sie erzählt mir von dem US-Gefreiten Robert Vardy Wynne, von einem Dorf in Thüringen, von Zeitzeuginnen und -zeugen und von vielen Fragen, auf die sie Antworten sucht. REISE IN DIE VERGANGENHEIT Es waren die letzten Tage des Krieges, als Anfang April 1945 die 6. Panzerdivision der 3. US-Armee fast ohne Gegenwehr Richtung Ostdeutschland vorrückte. Zuvor hatte sie in der Bretagne gekämpft und war an der Abwehr der Ardennen-Offensive beteiligt. Aufseiten der Wehrmacht leisteten ihnen nur noch Reste der 7. Armee in Thüringen Widerstand. Einen Ort nach dem anderen nahmen die US-Soldaten ein. Am 4. April, einem Mittwoch, zogen sie durch das kleine thüringische Dorf Oberdorla bei Mühlhausen. Hinter den Panzern liefen Infanteristen, sicherten Straße für Straße. Plötzlich fiel ein Schuss. Der Gefreite Robert Vardy Wynne aus Texas, 19 Jahre alt, stürzte zu Boden. Eine Kugel, abgefeuert aus dem Hinterhalt, hatte ihn getroffen. Kurz darauf entstand ein ikonisches Foto: Wynne, wie er gekrümmt in der gepflasterten Wasserrinne der matschigen Dorfstraße liegt. Der Fotograf stand offenbar hinter einem Leiterwagen, dessen Deichsel weit in das Bild hineinragt. Der tote Wynne liegt hinter diesem Wagen. Zwei seiner Kameraden stehen wenige Meter von ihm 51
entfernt an einer Hauswand, die Waffen in der Hand. Es sieht so aus, als suchten sie dort Deckung. Über ihren Köpfen ist ein Straßenschild gut zu erkennen, »Sperlingsberg« steht darauf, der Name der Straße, in der Wynne genau an der Stelle liegt, wo sie auf eine andere stößt, die Heyeröder Straße. Über diese rennt ein weiterer Soldat in Richtung eines US-Panzers, der gerade die Heyeröder Straße hinunterrollt. Viele amerikanische Zeitungen druckten das Foto auf ihrer Titelseite. Es wurde zu einem Symbol des Siegs über Deutschland. Pfafferott erzählt mir, wie sie eine kolorierte Version dieses Fotos mehr als 72 Jahre später bei Twitter entdeckte: Jemand hatte es neben ein anderes Bild gestellt. Dieselbe Straßenecke, dieselbe Perspektive, aber nicht in Schwarz-Weiß damals, sondern in Farbe heute. Die Ecke, das zeigen beide Fotos, hat sich kaum verändert. Die Straße ist inzwischen geteert, einige Häuserfassaden sind renoviert, aber es sind dieselben Häuser. Das neue Straßenschild »Sperlingsberg« hängt an ähnlicher Stelle. Der lange zurückliegende Krieg rückt beim Betrachten der Fotos plötzlich ganz nah. Die Vergangenheit wird in der Gegenwart erahnbar. Die beiden Bilder gingen 2017 in den sozialen Netzwerken viral, sie wurden vielfach, nicht nur in Deutschland, geteilt.4 Die Ecke ließ Christa Pfafferott nicht mehr los. Anfang 2018 fuhr sie nach Oberdorla – aus Neugierde und einer bestimmten Ahnung heraus. Sie besuchte 52
das Heimatmuseum und entdeckte Archivmaterial, das Filmaufnahmen von den Amerikanern 1945 in Oberdorla zeigt. Im Sommer fuhr sie erneut, diesmal zusammen mit einer Kollegin und mit einer Kamera im Gepäck. Sie lernte einen Mann kennen, der sich für die Ortsgeschichte interessiert und ihr die Stelle zeigte, von der aus der Schütze Zeitzeugen zufolge geschossen haben soll. In dem Moment, als Pfafferott dort filmte, lief eine ältere Dame die Straße hinunter und ihr buchstäblich ins Kamerabild hinein. »Erinnern Sie sich auch noch an den toten Soldaten?«, fragte Pfafferott die Frau. »Ja. Natürlich. Ich hab den Soldaten ja sogar gesehen.« »Sie haben den Soldaten gesehen?« »Ja.« Die Kamera ging näher an die Frau heran. »Ich war erst fünf Jahre alt …« Martha Lange*, 79 Jahre alt, wohnt heute nur zwei Häuser von der Straßenecke entfernt. Es war der Moment, in dem die Geschichte der Ecke für Pfafferott neu begann. Sie wusste, sie würde einen Film über die Ecke und das bekannte Foto drehen. Diesen Film produzierte sie später unter dem Titel Die Ecke unter anderem zusammen mit dem MDR und arte.5 Bei ihren weiteren Recherchen entdeckte sie in der Universitätsbibliothek Jena in einem historischen Band über den Einmarsch der Amerikaner in Thüringen ein weiteres Foto von dem toten Soldaten, aufgenommen aus anderer Perspektive. Sie begann, Aussagen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu sammeln, aus Tagebucheinträgen, aber auch von noch lebenden Dorfbewohnern. Teilweise widersprachen sie sich. Ein damals 13-Jähriger etwa schrieb, der Schuss sei von einem Mast am unteren Ende der Straße Sperlingsberg gekommen. Das sagte auch Martha Lange. Sie habe selbst gesehen, dass der Soldat in die Stirn getroffen worden sei, als sie damals mit ihrer Mutter vor der Leiche stand. Jemand anderer meinte, es sei ein Schuss in den Rücken gewesen. Der Schütze sei anschließend in Richtung Anger gelaufen und angeblich kurz darauf ebenfalls erschossen worden. Der tote US-Soldat, das wurde Pfafferott allmählich klar, war in all den Jahren ein Teil der Dorfgeschichte geworden. Und wie das mit mündlich Überliefertem häufig ist, existierten verschiedene Wahrheiten. DAS DORF, EIN TATORT Pfafferott kam der Gedanke, dass diese Bilder ja einen Tatort zeigen. Darum fragte sie beim Landeskriminalamt Thüringen an, ob Ermittler helfen könnten, Antworten auf ihre Fragen zu finden: Von wo wurde tatsächlich geschossen? Was genau ging dem Moment der Aufnahme voraus? Wer war der Täter? Lässt sich das Foto forensisch auswerten? Bei unserem ersten Gespräch am Telefon erzählt Christa Pfafferott so leidenschaftlich von diesem Bild und dem Ort, dass auch mich die Geschichte langsam packt. Allerdings bin ich noch nicht überzeugt, ihr wirklich helfen zu können. Wir verabreden trotzdem ein Treffen. Kurz vorher schickt sie mir das Foto. Als ich es zum ersten Mal sehe, verstehe ich, warum sie sagte, sie habe 53
den Eindruck, es wirke ein wenig wie inszeniert. Tatsächlich hat das Bild etwas, was man in der Kunstgeschichte als den »goldenen Schnitt« bezeichnet, also jene seit der Antike bekannte Gestaltungsregel, die ein Bild durch den Aufbau möglichst ausgewogen teilt und dadurch eine besondere Perspektive schafft. Die Deichsel des Leiterwagens, hinter dem der Fotograf steht, ragt fast parallel zum gepflasterten Wasserablauf am Straßenrand, in dem der erschossene Soldat liegt, hinein in den oberen Teil des Bildes. Der Blick wird dadurch auf den über die Straße laufenden anderen Soldaten und den Panzer gelenkt. Nach einer spontanen Momentaufnahme sieht das nicht aus. Ich frage mich, warum der Leiterwagen überhaupt in dem Bild ist. Stand er da schon vorher? Ist er vielleicht sogar nur für das Foto dorthin gerollt worden? Aber vor allem: Aus welcher Richtung kam der Schuss? Wenn vom unteren Teil der Straße Sperlingsberg aus geschossen wurde, stünden die beiden Soldaten, die an der Straßenecke offenbar in Deckung gegangen sind, genau in der Schusslinie. Das ergäbe wenig Sinn. Dass der Schütze hinter dem Fotografen stand, ist ebenfalls unwahrscheinlich, denn dann hätte sich dieser ja ebenso wie die beiden Männer an der Hauswand unterhalb des Schildes massiv in Gefahr gebracht. Nach diesem Bildaufbau konnte der Schütze nur von einem der Häuser am anderen Ende der Heyeröder Straße geschossen haben, also aus jener Richtung, in die der Panzer rollt und in die der vierte Soldat läuft. Vielleicht läuft er ja über die Straße, um den Schützen anzugreifen? Andererseits sehen die beiden an der Häuserwand unter dem Straßenschild stehenden Soldaten nicht so aus, als gäben sie ihrem Kameraden ernsthaft Deckung. Zwar hat der vordere seine Waffe aufgerichtet, aber nicht im Anschlag, seine Körperhaltung ist kaum angespannt. Der hintere hält sein Gewehr entspannt auf den Boden gerichtet. Beide wirken nicht so, als fürchteten sie gerade um ihr Leben. Auch das weiße Tuch, das aus einem Fenster im ersten Stock eines der Häuser weht und auf das der Soldat zuläuft – oder ist es ein Vorhang? –, wirft Fragen auf: Ist es ein Zeichen, dass sich da jemand ergibt? Ein Zeichen, dass nicht geschossen werden soll? Später schickt Christa Pfafferott mir noch das andere Bild, das sie in der Bibliothek in Jena gefunden hatte.6 Auf diesem liegt Robert V. Wynne unverändert auf der Straße, auch der Leiterwagen ist noch an gleicher Stelle. Doch der Fotograf hat es aus einer anderen Perspektive aufgenommen. Er steht nicht hinter dem Leiterwagen, sondern auf der Heyeröder Straße etwa gegenüber vom Leiterwagen. Am Haus mit dem Straßenschild »Sperlingsberg« steht nun nur ein Soldat, allerdings an der anderen Seite, also nicht mehr an jener Wand, an der das Straßenschild befestigt ist, sondern an der, die an der Heyeröder Straße liegt. Der Soldat sucht offenbar Schutz an dieser Ecke und schaut mit vorgehaltenem Gewehrlauf den Sperlingsberg hinunter. Aber auch hier wirkt der Soldat nicht so, als gehe er von einer unmittelbaren Gefahr aus. In diesem Bild sieht es so aus, als wäre der Schuss von der unteren Seite der Straße Sperlingsberg gekommen. Das deckt sich mit der Aussage von Anwohnern und der damals fünfjährigen Martha Lange, jener älteren Frau, die Christa Pfafferott bei ihrem ersten Besuch in Oberdorla traf. 54
So stellt sich nun die entscheidende Frage: Welches der beiden Fotos entstand zuerst? Sie stammen aus verschiedenen Kameras, wie Pfafferott anhand der Größenverhältnisse und des Bildformats geschlossen hat. In einem US-Archiv entdeckt sie, dass das bekannte historische Bild einem anderen Namen zugeordnet ist als dem Fotografen, der eigentlich dafür bekannt wurde. Sie macht Angehörige der beiden Männer ausfindig, die das Foto geschossen haben sollen. Die Kinder des einen wussten von dem Bild, auch dass es berühmt wurde. Christa Pfafferott stieß bei ihren Recherchen auf einen Memoirenband dieses Fotografen, Darkness visible (Sichtbare Dunkelheit) lautet der Titel. Kurz bevor er das Bild schoss, schreibt er darin, sei er stehen geblieben, um den Film in seiner Kamera zu wechseln. Da sei ein Soldat vor ihm über die Straße gelaufen: Robert V. Wynne, der im nächsten Moment erschossen wurde. Die Angehörigen des anderen Fotografen wussten nichts von dem Bild. Doch mithilfe weiterer Fotos können sie nachvollziehen, dass ihr Vater ziemlich sicher in diesen Kriegstagen in Oberdorla war. Wer von beiden machte nun welches Foto?, fragt sich Pfafferott. Es lässt sich nicht mehr feststellen, und auch nicht, was unmittelbar vor der Aufnahme geschah. Für unsere forensische Arbeit führt diese Spur also ins Leere. Im Internet kursieren auch alte Filmaufnahmen von jenem 4. April 1945 in Oberdorla. Doch Robert V. Wynne taucht darin nicht auf. Gefilmt wurde unter anderem die Heyeröder Straße aus der gleichen Perspektive, aus der die beiden Fotos gemacht wurden, also zum Anger fahrend, jedoch weiter oberhalb. Auf die Frage, wann sie entstanden, vor oder nach dem Tod von Robert V. Wynne, und wo der Täter stand, geben auch sie keine Antwort. Wir versuchen mit Bildverbesserungssoftware herauszufinden, ob wir identifizierende Merkmale der Soldaten auf den jeweiligen Bildern finden, um eventuell feststellen zu können, ob dieselben Männer in beiden Fotos auftauchen. Doch die Qualität der Aufnahmen ist dafür zu schlecht. Auch die Panzer in den Videos und auf dem einen Foto lassen sich nicht abgleichen. ZWEI FOTOS UND WAS SIE ERZÄHLEN Als Christa Pfafferott ein paar Wochen später nach Mittweida kommt, erzähle ich ihr, welche forensischen Hypothesen ich aus den Fotos aus Oberdorla herauslese und warum für mich einiges dagegen spricht, dass das berühmte Bild unmittelbar nach dem Schuss entstand. Aus forensischer Sicht, sage ich Pfafferott, scheine das unbekanntere Foto dichter an der Tat zu liegen: »Aber unmittelbar nach dem Schuss ist es wohl auch nicht entstanden. Trotzdem deutet für mich mehr darauf hin, dass der Schütze vom Sperlingsberg aus auf Wynne schoss.« Diese Hypothese zu überprüfen dürfte allerdings angesichts der schlechten Spurenlage schwierig sein. Ich erzähle Pfafferott von unseren ColdCases-Rekonstruktionen und wie wir im Fall des toten Mädchens unter der Teufelstalbrücke vorgegangen sind. Wie aufwendig es war, die ursprünglichen Gegebenheiten des Fundortes herauszufinden, der sich im Laufe der Zeit stark 55
verändert hatte. Die Idee einer Tatortrekonstruktion fasziniert sie. Von den Schwierigkeiten lässt sie sich nicht abschrecken und betont, wie wenig Oberdorla sich seit damals verändert habe. Ließe sich eine Tatablauf-Simulation in ihren Film einbauen?, will sie wissen. Und was wäre, wenn man diese den heutigen Bewohnern der beiden Straßen zeigte? »Die letzten Zeitzeuginnen und -zeugen, die noch vom Krieg erzählen können, sterben bald«, sagt sie. »Es wäre die Chance, ihre Geschichten zu retten und weiterhin erfahrbar zu machen.« Ich kann ihre Begeisterung nachvollziehen, bezweifle aber immer noch, ob aus forensischer Sicht eine Rekonstruktion möglich ist. Inzwischen bin ich überzeugt, dass ich das nur vor Ort herausfinden kann. Ich werde also gemeinsam mit Christa Pfafferott, ihrem Drehteam und zwei meiner Kollegen nach Oberdorla fahren. Ende April 2019 stehe ich tatsächlich an der Ecke Heyeröder Straße und Sperlingsberg, genau an jener Stelle, an der die beiden Soldaten auf dem berühmten Foto Deckung suchten. Ich berühre die Wand. Es sieht so aus, als könnten noch immer Kugeln in ihr stecken. Wahnsinn, denke ich. Es ist der Moment, in dem auch mich die Vergangenheit einholt. Ich laufe durch die Straßen, den Sperlingsberg runter zu einem historischen Brunnen, der am Ende der Straße steht, von dort hinüber zum Anger und schließlich die Heyeröder Straße zurück zur Ecke. Vieles kommt mir vertraut vor, so oft habe ich mir die alten Bilder und Videoaufnahmen bereits angeschaut. Der Ort scheint sich tatsächlich kaum verändert zu haben. Der Straßenbelag, den es damals noch nicht gab, wird eine Rolle spielen, denke ich. Doch der Unterschied ist mithilfe historischer Bilder abschätzbar. WIE GLAUBWÜRDIG SIND ZEITZEUGENAUSSAGEN? Das Drehteam hat eine Drohnen-Dreherlaubnis organisiert, die Polizei ist vor Ort, und die entsprechenden Straßen werden abgesperrt. Anwohner kommen zu uns, erzählen, dass auch in ihren Häusern zum Teil noch Einschusslöcher zu sehen seien. Ich spreche mit vielen Menschen, auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, und versuche, mit ihrer Hilfe so viele Details wie möglich von damals zu lokalisieren, damit wir sie in unser 3-D-Modell mit aufnehmen können. Auch Martha Lange kommt und erzählt mir, dass der tote Soldat nach einer Weile an den Straßenrand unter eine Plane gelegt worden sei. »Meine Mutter ging mit mir zu dieser Plane und hob sie an.« Die damals Fünfjährige sah in das Gesicht des Toten. Zuvor habe seine Leiche noch unverdeckt auf der Straße gelegen, erzählt sie. Während des Gesprächs mit ihr holt ein Mann eine alte US-Plane aus seinem Haus. Seine Familie habe sie aufbewahrt, sagt er. Andere erzählen, einem Zeitzeugenbericht zufolge soll der Täter eine Uniform getragen haben. Es kommen weitere Menschen auf die Straße und berichten von den Ereignissen jenes 4. April 1945, so wie es ihnen verstorbene Zeitzeugen geschildert hätten. Mir wird in diesem Moment bewusst, wie vielschichtig Erinnerung ist. Aussagen von Zeuginnen und Zeugen sind für die Forensik grundsätzlich ein 56
schwieriges Beweismittel, denn sie basieren auf Erinnerungen, und diese sind immer subjektiv geprägt. Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto größer ist die Herausforderung, weil Erinnerungen mit der Zeit verblassen. Je nachdem, wie prägend eine Erfahrung war, erinnert sich ein Mensch an sie intensiver als an andere Ereignisse. Erinnerungen von Zeitzeugen sind zudem oft autobiografisch geprägt. Häufig erzählt, können sie im Bewusstsein verankert sein, selbst wenn sie im Detail so möglicherweise nicht stattgefunden haben. Sie werden dann allmählich zur individuellen Wahrheit, die wiederum zur kollektiven Erinnerung beiträgt. All das gilt es in diesem Fall zu beachten. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass es kaum möglich sein wird, eine getreue, auf den Aussagen beruhende Rekonstruktion zu erstellen. Dennoch liefern die Erinnerungen der Anwohnerinnen und Anwohner Anhaltspunkte zum möglichen Ablauf. Sie werfen für mich zudem spannende Fragen auf: Wie prägt individuell Erlebtes kollektive Erinnerungen? Und wie prägt umgekehrt diese Erinnerung dann die individuelle? Kann man Zeugenaussagen auf ihre Wahrscheinlichkeit und ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen? Seitdem denke ich darüber nach, ob sich mithilfe von Zufallsexperimenten ein Modell entwickeln lässt, das genau so etwas berechnet. Noch habe ich keine befriedigende Lösung dafür gefunden. An jenem Apriltag 2019 legen wir eine Stoffpuppe an die Stelle, an der Robert V. Wynne starb. Mit Martha Lange gehe ich den Sperlingsberg hinunter zu der Stelle, wo früher der Strommast stand. Von dort aus soll der Soldat geschossen haben. Ich markiere die Stelle. Wir vermessen sie, scannen die wichtigen Straßen und machen mithilfe der Drohnen Luftaufnahmen – auch von der Heyeröder Straße, um die Hypothese überprüfen zu können, ob es theoretisch möglich wäre, dass von dort auf Wynne geschossen wurde. Verschiedene Stellen, etwa den Brunnen am Ende des Sperlingsbergs, scannen wir ebenfalls, um anschließend im Computermodell zu schauen, ob der Schuss auch von hier aus gekommen sein könnte. EIN DORF IM JAHR 1945 In Mittweida rekonstruieren wir dann zunächst das Dorf Oberdorla des Jahres 1945 mithilfe der Scans, aber auch der historischen Fotos. Es entsteht ein recht getreues 3-D-Modell. Wir ziehen bei der Beschaffenheit der Straßen den Belag ab, modellieren US-Soldaten in entsprechenden Uniformen, suchen und finden ein Modell jenes Panzers, der damals in der 6. US-Panzerdivision vorwiegend genutzt wurde, und bauen es nach. Dann spielen wir die verschiedenen Hypothesen durch. Es zeigt sich, dass alle drei auf den ersten Blick möglich sind: Jene, bei der der Schütze von einem der Häuser in der Heyeröder Straße schoss, etwa von der Höhe aus, wo auf dem ersten Foto der Panzer fuhr. Die Sicht auf Robert V. Wynne wäre von dort aus optimal gewesen. Allerdings widerspricht diese Hypothese den meisten Zeugenaussagen, vor allem der von Martha Lange, sowie dem zweiten Foto, auf dem neben dem toten Wynne noch ein weiterer Soldat zu sehen ist, der an der Hausecke Deckung sucht und dabei auf der 57
Heyeröder Straße steht. Vorausgesetzt, das Foto wäre kurz nach dem Schuss auf Wynne entstanden, dann wäre er an dieser Stelle völlig ungeschützt gewesen. Aber auch die Hypothese, dass der deutsche Schütze hinter dem Mast in der Straße Sperlingsberg stand und schoss, ist möglich. Von dort hätte er ebenfalls genug Sicht gehabt, um Wynne zu erschießen. Etwas eingeschränkter als im Fall, dass sich der Schütze in der Heyeröder Straße befand, aber durchaus möglich. Diese Hypothese stimmt mit den meisten Zeugenaussagen überein. Aus diesem Grund halte ich sie für die wahrscheinlichste. Sie setzt jedoch voraus, dass das berühmtere der beiden Bilder, in dem die beiden US-Soldaten an der Hausecke auf der Straße Sperlingsberg stehen, später und nicht direkt nach dem Schuss auf Wynne entstand. Den Soldaten müsste klar gewesen sein, dass der Schütze nicht mehr hinter dem Mast am Sperlingsberg stand und daher von dort keine Gefahr mehr drohte. Da das Foto recht inszeniert wirkt, spricht einiges dafür. Die Hypothese, dass der Schütze vom Brunnen in der Straße Sperlingsberg aus schoss, erscheint am wenigsten plausibel. Denn von dort aus hätte er nur ein sehr kleines Sicht- und Zeitfenster gehabt. Nur in dem Moment, da Wynne genau an jener Stelle stand, an der er erschossen wurde, wäre der Schusswinkel vom Brunnen aus möglich gewesen. Deshalb und weil es keine Zeugenaussagen gibt, die diese Hypothese stützen, halte ich sie für die unwahrscheinlichste. Zweifelsfrei können wir allerdings für keine der Hypothesen sagen, ob sie stimmt. Dafür ist die Spurenlage zu schlecht. Das zeigt mir wieder einmal, dass die Spurenlage für die Qualität der digitalen Tatort- und Ablaufrekonstruktion absolut entscheidend ist. Als Christa Pfafferott erneut nach Mittweida kommt, zeige ich ihr die Animationen und diskutiere sie mit ihr. Auch sie hält die Hypothese, dass der Schütze am Mast im Sperlingsberg stand, für die wahrscheinlichste. Obwohl ich ihre Fragen damit – wie ursprünglich befürchtet – nicht vollständig beantworten kann, überzeugen sie die Animationsvideos. Sie möchte sie den Menschen in Oberdorla zeigen. Sie sollen erleben können, wie vor 76 Jahren der Krieg genau an dieser Stelle, an dieser Ecke stattfand. Weil wir gerade mit Virtual Reality-Brillen für die Forensik experimentieren, kommt ihr die Idee, das Video mithilfe einer solchen Brille vorzuführen, um die Wirkung der Animation noch anschaulicher und direkter zu machen. Virtual-Reality (VR) ist eine zwar schon seit Jahrzehnten bekannte, aber erst in den letzten Jahren ausgereifte Technologie, die vor allem in der Gamingund Filmindustrie genutzt wird. Die am Computer erzeugten Orte werden in VRBrillen als 3-D-Welt gezeigt. Über Joysticks, Datenhandschuhe oder Sensoren am Headset reagiert das System auf die Bewegungen der Nutzerin oder des Nutzers. Wird der Kopf nach rechts gedreht, folgt entsprechend die Kameraführung im digitalen Tatort, bewegt sich der Nutzer nach vorn oder benutzt er die Joysticks oder die Datenhandschuhe entsprechend, dann bewegt sich auch der Raum vor seinen Augen. Wer die Brille trägt, bekommt so den Eindruck, Teil einer anderen Welt zu sein. Für Ermittlerinnen und Ermittler bieten solch begehbare, digitale Tatorte, in die alle vorhandenen Spuren übertragen 58
werden, die Chance, quasi vor Ort Hypothesen auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen. In unserem Fall ermöglicht die VR-Brille einen Blick zurück in eine vergangene Welt. Wer die Brille aufsetzt, reist in den Sperlingsberg des Jahres 1945. Doch erst im Mai 2021 können wir diese Reise tatsächlich antreten, denn die Coronapandemie hat das Land und zwischenzeitlich auch das Filmprojekt stillgelegt. Mit der dreidimensionalen Videosimulation und einer VR-Brille mit Joysticks im Gepäck fahren wir zusammen mit Christa Pfafferott und ihrem Team nach Oberdorla. »Sowas darf niemals wieder passieren.« Die Frau, die die Brille gerade vom Kopf nimmt, ist Anfang 40, wohnt in der Heyeröder Straße und ist tief bewegt. Sie ist soeben den Sperlingsberg des Jahres 1945 hinuntergegangen, hat beobachtet, wie der Mann hinter dem Strommasten das Gewehr anlegt, hat sich hinter ihn gestellt und gesehen, was er sieht: Robert V. Wynne am Ende der Straße. Dann ist sie hoch zur Heyeröder Straße gegangen, dorthin, wo Wynne tot am Boden liegt. »Ich habe richtig weiche Knie«, erzählt sie, so körperlich spürbar sei der Schrecken des Krieges in der Simulation gewesen. Erst jetzt sei ihr klar geworden, wie präsent die Vergangenheit noch immer sei. Auch in ihrem Haus befänden sich noch Einschusslöcher vom Krieg. Der Sohn des Bürgermeisters, ein Teenager, ist ebenfalls fasziniert von der Zeitreise: »Wie cool. Das wäre ja mal was für die Schule: Geschichte zum Anfassen.« Für die älteren Anwohner und auch für Martha Lange ist die VR-Brille dagegen ungewohnt und schwierig zu bedienen. Sie kommen, anders als die Jüngeren, nicht gut mit den Joysticks klar, die notwendig sind, um sich in der Animation fortzubewegen. Trotzdem ist auch Martha Lange beeindruckt davon, sich plötzlich wieder in den Sperlingsberg ihrer Kindheit zurückzuversetzen. Die Technik der digitalen Tatortrekonstruktion, das zeigt dieses Projekt sehr deutlich, funktioniert auch bei lange zurückliegenden Fällen. Ist die Spurenlage allerdings schlecht und gibt es neben Zeugenaussagen kaum oder kein anderes Material, so wie in diesem Fall, dann ist eine eindeutige Tatablaufrekonstruktion nicht möglich. Dennoch bieten solche 3-D-Modelle enorme Chancen, einen historischen Ort zu rekonstruieren – auch jenseits der Kriminalistik. Ob nun in einem Dokumentarfilm oder nur mit VR-Brillen: Die 3-D-Tatortsimulation kann die Vergangenheit zum Leben erwecken. Anschaulicher als jedes Geschichtsbuch lässt sich so ein Gefühl für längst vergangene Räume und Zeiten vermitteln. 59
EXKURS DIE ZUKUNFT DER TATORTREKONSTRUKTION UND ABLAUFSIMULATION An dieser Stelle wage ich einen Blick in die Glaskugel. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass in Zukunft digitale Tatortrekonstruktionen und Ablaufsimulationen den gesamten Prozess der Verbrechensaufklärung von der Spurensicherung bis zum Gerichtsprozess massiv verändern werden. In etlichen Bundesländern nutzen digitale Tatortvermesser bei Kapitalverbrechen bereits Laserscanner, um Fundund Tatorte am Computer zu rekonstruieren. In Zukunft werden Rettungssanitäter und Ersteinschreiter, also jene Polizistinnen und Polizisten, die als Erste vor Ort sind, mit 3-D-Scankameras am Helm oder Körper ausgestattet sein. Zudem werden sie eine Drohne dabeihaben, die über dem Tatort schwebt und diesen aus der Vogelperspektive erfasst. Natürlich bedeutet das nicht, dass diejenigen, die als Erste am Tatort sind, sich nur mit der Erfassung beschäftigen. Sie werden weiterhin das Opfer sofort versorgen und den Tatort sichern. Nur scannen sie in diesem Zusammenhang alles aus ihrer Perspektive und zeigen dabei, was durch ihr Handeln am Tatort und am Opfer verändert wird. So lässt sich der parallel erstellte virtuelle 3-D-Tatort viel einfacher in den Urzustand versetzen, also in jenen Zustand, in dem er vor dem Eintreffen der Ersteinschreiter und Sanitäter war. Noch bevor die Spurensicherer dann an den Tatort kommen, können sie bereits am Computer die getreue 3-D-Rekonstruktion aus allen Perspektiven analysieren und schauen, welche Hypothesen daraus auf den ersten Blick ableitbar sind, etwa, von wo aus der Täter angriff. Aus welcher Richtung ein Schuss kam. Wo sich das Opfer befand. Es wird dann viel schneller klar, wo gezielt nach Spuren gesucht werden sollte. Sind die Spurensicherer dann vor Ort, können sie ihre Arbeit durch das 3-D-Modell ständig auf noch zu wenig beachtete Spuren und ihre Beziehung zueinander überprüfen. Sie können ihre Hypothese mit der Realität abgleichen, Widersprüche werden deutlich, und es zeigt sich, ob gegebenenfalls zu wenig beachtete Spuren anders zu bewerten oder neue zu sichern sind. Der klassische forensische Tatort-Dreisatz »sehen – dokumentieren – handeln« wird zu einem Zweisatz: »scannen – handeln«. Das präzise Scannen aller Maßnahmen und des gesamten Tatorts fasst Sehen und Dokumentieren sinnvoll zusammen. EIN ABBILD VON DER HAUT BIS ZUM SKELETT 60
Auch Opfer werden in Zukunft von Anfang an digital erfasst. Ihre virtuelle Rekonstruktion durch bildgebende Verfahren, wie zum Beispiel die in der Schweiz entwickelte Virtopsie,7 beginnt dann bereits am Tatort. Virtopsie setzt sich aus den Wörtern virtuell und Autopsie zusammen und bedeutet, dass die digitale Rekonstruktion des Opfers durch Körperscanning, Photogrammetrie, Mehrschichten-Computertomografie (CT), Kernspinbzw. Magnetresonanztomografie (MRT) eine virtuelle Autopsie möglich macht. Der Körper wird durch entsprechende Strahlung scheibchenweise in millimeterfeinen Schichten rundum durchleuchtet. Im Computer wird dann daraus in Sekundenschnelle ein exaktes dreidimensionales Abbild des Menschen von der Haut bis zum Skelett erstellt. Schon jetzt können virtuelle Autopsien rechtsmedizinische Untersuchungen enorm beschleunigen, verbessern und teilweise sogar ersetzen. Sie kann etwa feinste Strukturen von Verletzungen sichtbar machen. Aber auch Blutanalysen zum Nachweis von Alkohol sind mit ihr möglich. Die Dokumentation des Zustands der Leiche wird durch sie überflüssig, ebenso wie die Suche nach Schusswaffen-Projektilen oder anderen Fremdkörpern. Da, wo die virtuelle Autopsie schon heute eingesetzt wird, wie etwa in der Schweiz standardmäßig bei Gewaltopfern, verbessert sie die Obduktion immens.8 In Deutschland ist bei gerichtlich angeordneten Autopsien zwar der Einsatz von Mehrschichten-Computertomografien inzwischen Standard. Doch all das, was darüber hinaus für eine vollständige virtuelle Autopsie heute bereits möglich wäre, wie zum Beispiel die Darstellung der Blutgefäße oder die Bestimmung von Alkoholwerten, wird noch nicht routinemäßig gemacht. Da in Zukunft auch Rettungssanitäter, die an einen Tatort gerufen werden, mit entsprechenden Body-Kameras ausgestattet sein werden, erstellen sie 3-DOberflächenscans, während sie Erste Hilfe leisten und sich um Opfer kümmern. Das wird zusammen mit den virtuellen Autopsien helfen, digitale Zwillinge schneller in 3-D-Tatorte einfügen zu können und so ein umfassenderes Bild vom Tatgeschehen zu bekommen. Zugleich ermöglicht die digitale Rekonstruktion von Leichen, dass diese dauerhaft, also auch nach der Beisetzung, verfügbar sind, etwa für den Fall, dass es neue Fragen oder Beweismittel gibt und diese an der Leiche überprüft werden müssen. AUGENZEUGEN KEHREN ALS AVATARE ZURÜCK AN DEN TATORT Schon jetzt lassen sich in digitale 3-D-Tatortmodelle Spurenbilder von Blut und DNA, Schussverläufe und vieles mehr einbauen, berechnen und analysieren. Mögliche Ablaufvarianten können entsprechend durchgespielt werden. Ermittlerinnen und Ermittlern ist es möglich, so rekonstruierte dreidimensionale Tatorte mithilfe von VR-Brillen zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu betreten und die verschiedenen Hypothesen durchzuspielen. Augenzeugen können dann quasi als Avatare in den 3-D-Tatort versetzt werden, um das Erlebte interaktiv in den Tatablauf einzubringen und seine Rekonstruktion mitzugestalten. Die 61
Verknüpfung all dieser Spuren und Aussagen ermöglicht es, Irreführendes leichter zu erkennen und herauszufiltern. Doch nicht nur Ermittlern oder Zeugen, auch Staatsanwälten und Richtern wird es in Zukunft möglich sein, mithilfe von VR-Brillen den detailgetreuen Ort eines Verbrechens von allen Seiten zu begehen, ihn aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten und Hypothesen durchzuspielen. Erste Versuche, dass mehrere Personen gleichzeitig einen virtuell rekonstruierten Tatort betreten, gibt es bereits in BadenWürttemberg. Dort wird mit einem sogenannten Cave (Computer Automatic Virtual Environment) gearbeitet. Das ist ein Virtual-Reality-System, das in einem etwa 20 Kubikmeter großen Kubus aus Acrylglas eine dreidimensionale Animationswelt projiziert, in der sich mehrere Menschen gleichzeitig aufhalten und miteinander interagieren können.9 Diese Form von gemeinsamer Arbeit in einem dreidimensionalen virtuellen Raum wird in Zukunft für Ermittlerinnen und Ermittler zur Normalität werden. Auch in Gerichtssälen werden Tatorte dann nicht länger nur in Form von Fotos und über Bildschirme in 2-D zu sehen sein, sondern Prozessbeteiligte können sich gemeinsam und zur gleichen Zeit in den Tatort begeben und Aussagen entsprechend überprüfen. Unstimmigkeiten und Widersprüche werden dadurch für alle sofort sichtbar. BEVOR SPUREN ERKALTEN, SIND MOBILE DIGITALE FORENSIK-LABORE VOR ORT Auch digitale Spuren von Tätern wie Opfern werden in Zukunft viel schneller in entsprechende Rekonstruktionen eingebaut. Jeder Mensch hinterlässt solche digitalen Spuren: in seinem Smartphone, dem Computer, in Überwachungskameras. Schon jetzt ist mithilfe der von Smartphones ausgesendeten Signale nachvollziehbar, wo und zu welcher Zeit sich jemand aufhält. Denn jedes Smartphone sendet seine IP-Adresse, seine Geräte- und SIM-Karten-Nummer und seine GPS-Koordinaten an die Server von Providern und Anbietern und macht damit dessen Besitzerin und Besitzer ortbar. Dadurch wird nachvollziehbar, wann sich jemand wo aufgehalten hat. Digitale Endgeräte wie das Smartphone verraten aber noch viel mehr über ihre Besitzer, beispielsweise, mit wem sie wann, wie häufig und zu was Kontakt hatten, was sie online am liebsten einkaufen oder anschauen. Ihre Aktivitäten in sozialen Netzen ermöglichen Rückschlüsse auf Interessen, Meinungen und Neigungen. All das und noch viel mehr können IT-Forensiker schon heute in Ermittlungsverfahren bei Tatverdächtigen oder Verbrechensopfern auswerten. Allerdings dauert das in der Regel noch verhältnismäßig lange, auch weil es in IT-Laboren fernab des Tatorts gemacht wird. Doch das wandelt sich gerade. Das Polizeipräsidium Oberfranken etwa testet seit März 2021 ein mobiles digitales Forensik-Labor, das in einem Transporter zu Unternehmen fährt, die Opfer von Cyberangriffen wurden, um möglichst schnell vor Ort digitale Daten zu sichern und Geräte zu untersuchen.10 In Zukunft werden solche Labore kleiner, mobiler und vor allem viel schneller sein. Schon am Tatort werden dann Geräte des Opfers oder der Tatverdächtigen, 62
aber auch Überwachungskameras und Internet-of-Things (IOT)-Geräte wie Sprachassistenten, smarte Kühlschränke, Heizgeräte und vieles mehr auswertbar und in die Tatort- und Ablaufrekonstruktion integrierbar sein. Bevor Daten gelöscht und vernichtet werden, digitale Spuren also erkalten und auf sie nicht mehr zugegriffen werden kann, sind sie dann bereits gesichert und im besten Fall in ein noch umfangreicheres 3-D-Modell integriert. Aber dafür braucht es natürlich eine juristische Grundlage. All diese Entwicklungen, die die Ermittlungsarbeit in Zukunft enorm erleichtern und verbessern können, bergen jedoch auch immense Gefahren. Dreidimensionale Tatorte, in die Prozessbeteiligte eintauchen, vermitteln den Eindruck objektiver Wahrheit und wirken dadurch manipulativ. Diese Modelle werden mit Daten gefüttert, also mit der Spurenlage vor Ort und den Aussagen von Zeuginnen und Zeugen. Beides ist und bleibt fehleranfällig. Denn obwohl die Arbeit von Ermittlern durch die virtuelle Rekonstruktion erleichtert und verbessert wird, weil sie Hypothesen überprüfen und mit der Realität abgleichen können, kann es auch in Zukunft passieren, dass Spuren nicht korrekt oder ausreichend digital erfasst oder falsch interpretiert werden. Zum Beispiel wenn witterungsbedingt während oder nach einer Tat Spuren wie Schuhabdrücke durch Regen verwischt oder vernichtet werden und daher in einem virtuellen Tatort fehlen. Auch Zeugenaussagen bleiben, wie in den vorangegangenen Kapiteln bereits gezeigt, in Zukunft wegen der subjektiven Wahrnehmung der Betreffenden besonders fehleranfällig. Fließen sie in die virtuelle Tatort- und Ablaufrekonstruktion ein, dann haben sie eine viel größere Suggestivkraft auf Prozessbeteiligte als eine rein gesprochene Aussage während der Verhandlung. Opfer könnten zudem retraumatisiert werden, wenn sie an den virtuellen Tatort versetzt werden und den simulierten Tatablauf so anschaulich noch einmal vorgeführt bekommen. All das gilt es zu beachten und wird sicherlich auch in der Diskussion um die Verwendung und Zulassung entsprechender 3-D-Modelle und den Einsatz von Virtual Reality vor Gericht eine Rolle spielen. Die Chancen und Risiken müssen sehr genau abgewogen werden. Vor allem aber muss auch in Zukunft die hypothesengeleitete kriminalistische Arbeit im Vordergrund stehen. Je mehr Technik in der Ermittlungsarbeit eine Rolle spielt, desto größer die Gefahr, dass man sich auf diese zu sehr verlässt oder sich gar von ihr leiten lässt. Doch genau das sollte nicht geschehen. Technik kann und soll durch all die skizzierten Entwicklungen immer nur die Arbeit erleichtern und verbessern. Das kriminalistische Denken kann und darf sie nicht ersetzen. Ohne vernünftige Methodik sind Methoden nichts wert. 63
KAPITEL 6 MORD MIT ANSAGE 36,33 Sekunden. So kurz ist die Filmaufnahme, die einen Mord zeigt, und von der ich zum ersten Mal höre, als ich gerade auf der Autobahn gen Norden fahre, um meine Mutter in Mecklenburg zu besuchen. Mein Handy klingelt. Es ist Anfang Juli 2016, zwei Wochen nach der Tat. Der Anrufer ist der Leipziger Oberstaatsanwalt Dieter Wohltat*. Wir kennen uns von einer IT-Fortbildung, die mein Institut für sächsische Polizisten und Staatsanwälte gemacht hat. Ich halte auf dem nächsten Rastplatz und rufe ihn zurück. Er erzählt mir von der Tat und ihren Hintergründen. Zwei verfeindete Rockergruppen sind in Leipzig aneinandergeraten. Am Ende ist ein Mann tot, zwei liegen verletzt im Krankenhaus. Nun ist bei YouTube ein Video aufgetaucht, das die Tat zeigt. Es ist kurz, aus großer Entfernung aufgenommen und von schlechter Qualität. Hochgeladen wurde es von einem YouTube-Nutzer, der sich »Le Gamer« nennt. Wohltat hofft, mithilfe der Aufnahme die Täter zu überführen. »Können Sie uns helfen, die Personen in dem Video zu identifizieren?«, will er von mir wissen. »Dafür muss ich erst einmal das Video sehen«, sage ich. Er verspricht, es mir so schnell wie möglich zu schicken. TÖDLICHER REVIERKAMPF In Leipzig herrschten damals Rivalitäten zwischen zwei Rockergruppen. Die angestammten Hells Angels wurden von einer jüngeren Bruderschaft, den United Tribuns Iron City, herausgefordert. Diese war ursprünglich als Türsteher- und Kampfsportvereinigung gegründet worden. Die meisten ihrer Mitglieder sind Migranten der zweiten Generation. In Leipzig traten sie als Motorrad-Club auf und konkurrierten mit den Hells Angels um Einfluss im Drogen-, Türsteher- und Rotlicht-Milieu. Die United Tribuns hatten sich die Eisenbahnstraße im Osten Leipzigs als ihr Revier ausgesucht und bezogen dort Ende April 2016 in einer Seitenstraße ihr Clubhaus. Zwei Monate später, am Morgen des 25. Juni, einem Samstag, eskaliert der Konflikt: Das Hells-Angels-Mitglied Mario Voigt* wird von einem Tribuns-Rocker verprügelt, weil er in einem Shirt der Höllenengel durch die Eisenbahnstraße lief. Nicht noch einmal solle er es wagen, sich in diesem Aufzug in seinem Revier blicken zu lassen, droht der Tribuns-Rocker. Wenige Stunden später lässt sich Voigt wieder blicken – allerdings mit Verstärkung: Gegen 15 Uhr marschieren auf der Eisenbahnstraße im Osten Leipzigs mehr als ein Dutzend Hells Angels auf, sammeln sich vor einem Lokal, das nur 80 Meter vom Clubhaus der United Tribuns entfernt liegt, und warten auf diese. 64
Auf dem Video11, das Staatsanwalt Dieter Wohltat mir nun schickt, sind zunächst Autos zu sehen, die auf der Eisenbahnstraße fahren. Die Handykamera schwenkt auf die gegenüberliegende Seite, wo etwa 15, 20 Meter entfernt an einer Straßenecke mehrere Männer in Hells-Angels-Kutten vor einem Imbisslokal stehen. Sie blicken nach rechts, wohin nun auch die Kamera schwenkt. Von dort nähern sich mehrere United-Tribuns-Anhänger, die vom Otto-Runki-Park her kommen und auf die Hells Angels zugehen. Bei Sekunde 16 hebt ein TribunsMann, der der Gruppe vorangeht, das Bein und tritt mit dem gestreckten Fuß wie bei einem Kung Fu-Tritt weit ausholend in Richtung der Hells Angels. Ein anderer Tribuns-Anhänger macht eine Bewegung, als schlage er in die Gruppe der Hells Angels. Fast zeitgleich fallen Schüsse, sieben innerhalb von drei Sekunden. Während der ersten Schüsse schwenkt die Kamera nach rechts und fängt ein, wie einige Tribuns-Männer weglaufen, während in rascher Folge weitere Schüsse fallen. Die Kamera schwenkt zurück auf das Lokal. Auf der Straße davor liegt nun ein Mann am Boden. Hells Angels laufen hinter den Tribuns-Leuten her, werfen Flaschen, brüllen. Mehrere Männer stehen um den am Boden Liegenden herum, ein vorbeifahrendes dunkles Auto verdeckt die Szenerie für einen Moment, dann sieht man, wie der Mann am Boden getreten wird. Die Kamera schwenkt wieder nach rechts, wo Hells Angels hinter Tribuns-Rockern herlaufen, sie in den Park hinein verfolgen. Es wird gebrüllt und geschrien, Glas zersplittert. Dann in Sekunde 36,3 wird das Bild schwarz. Das Video ist zu Ende. Und ich bin ratlos. Wer jetzt Szenen aus CSI: Vegas12 oder anderen Krimiserien vor Augen hat, den muss ich enttäuschen: Mal eben ins Video zoomen, einzelne Personen mit ein bisschen Bildverbesserungssoftware scharfstellen, ihre Gesichter vergrößern, und schon ist der Mensch klar und deutlich zu erkennen – so funktioniert es maximal, wenn das Ausgangsmaterial von sehr guter Qualität ist, also die Originaldatei in HD-Schärfe vorliegt. Was ich mir aber gerade angeschaut habe, ist von miserabler Qualität, die hochgeladene Kopie einer Kopie, komprimiert und aus großer Distanz aufgenommen. Um eine Person sicher identifizieren zu können, braucht man sie in einer Größe von 100 bis 120 Pixel – und zwar nur ihr Gesicht in dieser Größe. In diesem Video erreichen etliche Personen höchstens eine Größe von 70 bis 100 Pixel – und zwar von Kopf bis Fuß. Leider ist so schlechtes Material bei Ermittlungen eher die Regel als die Ausnahme. Mir ist klar: Egal, wie viel Video-Verbesserungssoftware ich über das Video jage, mit wie starken Kontrasten, Hell- und Dunkelzeichnern oder Sättigung ich auch arbeite, es wird nicht reichen. »Wir können ja nicht zaubern«, sage ich zu meinen Mitarbeitern. Trotzdem versuchen wir, die Aufnahme technisch so aufzubereiten, dass Einzelheiten besser erkennbar werden. Dafür zerlegen wir das Video zunächst in einzelne Standbilder, auch Frames genannt, 1093 insgesamt, und bearbeiten jedes mit Verbesserungssoftware. Danach können wir zumindest einiges mehr erkennen: Elf Hells Angels stehen vor dem Lokal, mindestens neun United Tribuns nähern sich vom Park, zwischen beiden Gruppen machen wir auch einen Polizisten aus, der, wie wir später erfahren werden, zusammen mit einem Kollegen in die Eisenbahnstraße beordert worden 65
war nach einem Tipp, dass es zwischen Hells Angels und United Tribuns Ärger geben könnte. Anhand der einzelnen Bilder lässt sich eine Person herausarbeiten, deren Gestik und Bewegung auf das Durchladen einer Waffe deutet: Mario Voigt*, 31 Jahre alt, arbeitsloser Maler und jener Hells-AngelsMann, der am Morgen in der Eisenbahnstraße von einem Tribuns-Mitglied geschlagen worden war, wie wir später im Prozess erfahren. Wir analysieren den Ton, also den Audiofile der Schüsse, berechnen die Schussfolge, ihre Intensität und können damit nachweisen, dass alle sieben Schüsse aus derselben Waffe stammen. Mehr lässt sich aus diesem Video nicht herausholen, denke ich. Und schicke das Gutachten an die Ermittler. Die haben – wie zu erwarten – weitere Fragen. Inzwischen haben sie aber auch zusätzliche Fotos aufgetan, Aufnahmen, die Anwohner und Passanten gemacht haben, und Bilder der Festgenommenen, die unmittelbar nach der Tat entstanden sind, schließlich noch die erkennungsdienstlichen Fotos der Verdächtigen, die am Tattag gemacht wurden. Mit diesen zusätzlichen Bildern versuchen wir, die Männer im Video abzugleichen – also eine Korrespondenz herzustellen. Dafür zerlegen wir die 1093 Einzelbilder des Videos in kleine Quadrate, vergrößern sie und versuchen so einen Abgleich mithilfe besonderer Merkmale der Männer, die auf den zusätzlichen Fotos erkennbar sind: Fast alle im Video tragen die für das Milieu typischen Kutten. Diese wiederum sind mit entsprechenden Abzeichen und Verzierungen gekennzeichnet, die sich teilweise unterscheiden. Details der Kleidung, die die Männer auf den Fotos tragen, oder auch besondere Merkmale wie Tattoos ermöglichen einen Abgleich mit dem Video. Einer trägt unter der Kutte ein weißes T-Shirt, ein anderer ein schwarzes, wieder ein anderer ein schwarzes T-Shirt zur Kutte und ist zusätzlich Bartträger. Jemand hat eine Tätowierung am Bein. Bei manchen funktioniert es: Wir können sie nun auf dem Video zuordnen. Doch bei anderen sind Details, die für einen Abgleich taugen würden, noch immer nicht genau erkennbar. Wir sind erneut an einem toten Punkt angelangt. Die Hoffnung, dass die Ermittler an das Originalvideo kommen, das eventuell von besserer Qualität ist, haben wir bereits aufgegeben. Zwar haben sie die wahre Identität von »Le Gamer« über eine Bestandsdaten-Abfrage13 bei YouTube ausfindig machen können. Doch der Mann, der das Video als Passant von der anderen Straßenseite aus gefilmt hat, sagt aus, dass er die Originaldatei nicht mehr besitze, weil er das Handy, auf dem sie sich befand, verloren habe. Es gibt nur weitere über Facebooks Messenger und WhatsApp verschickte und entsprechend komprimierte Kopien in ähnlich schlechter Qualität. SICHTBAR MACHEN, WAS KAUM ZU ERKENNEN IST Irgendwann fällt mir ein, anwendet, um sichtbar Röntgenbildern schwer Kontrastmitteln, die etwa dass man in der Medizin ein besonderes Verfahren zu machen, was zwar da, aber mit einfachen zu erkennen ist. Das funktioniert mithilfe von in Venen injiziert und dadurch sichtbar werden. So 66
entsteht ein Positiv-Bild des Originals. In einer Kopie wird dann der gemeinsame Informationsgehalt mit dem Original gelöscht, sodass nur das Abweichende zurückbleibt, der sogenannte Kontrastmittelschatten. Wenn man nun das Original und dieses bearbeitete Bild übereinanderlegt, werden zum Beispiel Tumore sichtbar. Dieses Prinzip will ich abgewandelt auch bei dem Video verwenden. Wir schneiden daher einzelne Personen aus den Bildern heraus und suchen an ihnen nach gut erkennbaren Merkmalen wie Schriftzeichen auf Schuhen, Streifen an Hosen, Farben und Formen von Kleidungsstücken, Tattoos und optimieren sie, indem wir ihre Kontraste, die Sättigung oder ihren Farbwert verstärken. Das Gleiche machen wir mit dem zusätzlichen Bildmaterial und legen dann die Fotos nebeneinander beziehungsweise gleichen sie ab. Und es funktioniert: Zusammenhänge sind zu sehen; Merkmale, die vorher kaum oder gar nicht sichtbar waren, lassen sich nun erkennen. Belastungs-, Spannungs- und Kraftlinien der Bewegung einer Person, sogenannte Bewegungstrajektorien, können wir so nun mithilfe der Merkmale herausarbeiten: Wohin bewegt sich eine Person im Laufe des Videos? Wo steht sie? Was tut sie? Mit dieser Methode lassen sich schließlich alle 15 Hells Angels zuordnen, ihre jeweiligen Standorte, die Taten im Video und ihre Bewegungen nachvollziehen: Mario Voigt, der an jenem Tag ein rotes Shirt und eine kurze dunkle Hose trug, schoss demnach auf den Tribuns-Anwärter Dilan Kara*, 27, und zwei weitere Männer. Kara starb noch am gleichen Tag auf der Intensivstation einer Leipziger Klinik, die beiden anderen wurden lebensgefährlich verletzt und konnten nur durch eine Notoperation gerettet werden. Sichtbar machen wir aber auch die Männer, die auf den am Boden liegenden Kara eintreten: Michael Botte*, 45, der am Tattag eine kurze schwarze Sporthose mit markanten weißen Doppelstreifen an der Seite trug und mindestens einmal deutlich erkennbar gegen Karas Kopf trat. Samu Török*, der zwar wie sechs weitere Männer ausschließlich dunkle Kleider trug, aber der Einzige mit einem markanten Symbol auf dem rechten T-Shirt-Ärmel war. Einen oder mehrere Tritte können wir ihm nicht eindeutig, aber mit großer Wahrscheinlichkeit zuordnen. Und schließlich Patrick Boldt*, 34, der am schwersten zu identifizieren ist, da er wie ein weiteres Hells-Angels-Mitglied eine dunkle kurze Hose und ein dunkles TShirt unter einer Weste trug. Ein so gekleideter Mann trat mindestens zwei Mal eindeutig erkennbar gegen Karas Kopf. Erst nachdem wir die Körpergrößen anhand des Bildmaterials vermessen, seinen geringeren Bauchumfang kenntlich machen, ein Tattoo am rechten Arm und dass er keinen Bart trug, ist auch er als tretender Täter zuzuordnen. Und schließlich setzen wir noch eine intelligente Software ein, die mit künstlichen, sogenannten neuronalen Netzen arbeitet. Diese Netze sind der Funktionsweise des menschlichen Gehirns nachempfunden und werden für maschinelles Lernen eingesetzt. Vereinfacht gesagt, lernt die Software, indem man ihr Bilder von Gegenständen zeigt und sagt, das ist ein Tisch, das ist ein Auto. Wenn sie Millionen solcher Zuordnungen erfasst hat, kann sie, selbst wenn ein Bild verschwommen oder sehr unscharf ist, anhand von Mustern und Merkmalen die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der etwas Gelerntes zu sehen ist, und die 67
fehlenden Daten oder Bildwerte ergänzen. In unserem Fall werden die Einzelbilder und damit die gesamte Aufnahme dadurch klarer und deutlicher. Solche intelligenten Softwareprogramme gibt es auch für andere Datenquellen, wie etwa Audioaufnahmen, Texte, Tabellen oder Zeitreihen. Die Software, die wir einsetzen, ist frei zugänglich (Open Source), sodass sie mit Millionen von Bildern vortrainiert worden ist, die wir nicht kennen. Das ist nicht unproblematisch – und wird später im Prozess zum Ausschluss der so gewonnenen Dateien führen. Denn wenn Näherungswerte fehlende Informationen ersetzen, können andere kleine Aspekte eines Bildausschnittes, sogenannte Artefakte, überschrieben werden, also das, was beim Anschauen verschwommen wirkt. Es verschwindet damit. Tatsächlich ist diese Form von künstlicher Intelligenz (KI) dadurch zwar hilfreich – aber zugleich auch gefährlich. Hilfreich, weil sie einen deutlich klareren Eindruck einer Aufnahme vermittelt. Gefährlich, weil auch Informationen überschrieben werden können, die nur einmal kurz in einem Bildframe auftauchen, danach aber nicht mehr. Die Software identifiziert sie dann gegebenenfalls als Fehler und nimmt sie heraus, um das Bild schärfer zu machen, doch im Zweifelsfall kann es ein wichtiger Aspekt gewesen sein. Damit ist die Arbeit erst einmal getan. Nach jeder neuen Frage der Ermittler haben wir ein weiteres Gutachten erstellt, insgesamt fünf, und es an die Staatsanwaltschaft verschickt. Nun kommen keine weiteren Fragen mehr. Mehr können wir aus dem vorhandenen Material auch nicht herausholen. Unsere Arbeit ist getan. Ich bin längst mit neuen Projekten beschäftigt, als ich sechs Monate später die Ladung vom Landgericht in Leipzig bekomme, um im Prozess als Sachverständiger unser Gutachten vorzustellen. SICHERHEITSSTUFE ROT Dutzende Polizisten und Sicherheitskräfte stehen wie eine schwarze Phalanx am Morgen des 8. September 2017 in der Leipziger Harkortstraße. Schwer bewaffnet sichern sie die Eingänge des Landgerichts. Ein Racheakt der United Tribuns wird erwartet. Rund um das Gebäude und natürlich auch darin gilt daher die höchste Sicherheitsstufe. Besucherinnen und Besucher werden zwei Mal nach Waffen und spitzen Gegenständen abgetastet, sie werden durch eine Sicherheitsschleuse geschickt und müssen vor dem Verhandlungssaal ihre Handys abgeben. Um den Abstand zu den Zuschauern zu vergrößern, ist die Anklagebank mit einer zusätzlichen Tischreihe umstellt. Hier sitzen die vier Hells Angels, denen gemeinschaftlicher Mord, zweifacher versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird: Mario Voigt soll auf Dilan Kara geschossen haben. Patrick Boldt, Ex-Chef des später aufgelösten Leipziger Hells Angels-Ablegers, wird vorgeworfen, auf den am Boden Liegenden eingetreten zu haben, ebenso wie Samu Török und Michael Botte. Alle vier hatten wir im Video zuordnen können. Jeder der Angeklagten hat zwei Verteidiger mitgebracht. Die erklären gleich zu Beginn des Prozesses, dass sich »derzeit« keiner ihrer Mandanten zu den Vorwürfen äußern will. Das Gleiche gilt für die ersten Zeugen, 68
die dem Lager der Hells Angels zugerechnet werden, sowie die beiden TribunsMitglieder, die jeweils von einem Schuss getroffen wurden und nur knapp überlebten. Es gilt der Ehrenkodex der Rocker-Clans: Schweigen ist Bruderpflicht. Lediglich ein Polizeibeamter sagt aus, dass einer der beiden Angeschossenen in der Vernehmung den Todesschützen auf einem Foto erkannt und identifiziert habe. Schon am ersten Verhandlungstag zeigt sich: Dieser Prozess wird langwierig und schwierig. Die Verteidiger versuchen alles, damit das Video nicht als Beweismittel vor Gericht zugelassen wird. Frank Dübel*, einer der beiden Anwälte von Mario Voigt, sagt, das Video sei ohne Zustimmung des Angeklagten entstanden, sein Recht am eigenen Bild damit verletzt worden. Die Einführung des Videos in die Ermittlungsakte verstoße zudem gegen geltendes Datenschutzrecht. Doch das Gericht lässt die Einwände nicht gelten. Einiges davon lese ich in der Zeitung. Doch wie erbittert um das Video tatsächlich gerungen wird, bekomme ich nicht mit. Als ich am 25. Oktober zum ersten Mal zum Gericht fahre, bin ich daher nicht vorbereitet auf das, was mich in den nächsten Stunden und den darauffolgenden Monaten erwarten wird. Dummerweise ist ausgerechnet an jenem Mittwoch die A 38 von Dresden nach Leipzig gesperrt; ich muss einen Umweg nehmen und dann quer durch die Stadt fahren. Dabei komme ich durch die Eisenbahnstraße. Auch die ist dicht, weil kurz zuvor eine Straßenbahn aus den Schienen gesprungen ist. Das fängt ja gut an, denke ich und rufe beim Gericht an: »Labudde hier, ich bin Gutachter im Rocker-Verfahren und stehe gerade in der Eisenbahnstra…« »Wie Eisenbahnstraße?«, fällt mir die Frau am anderen Ende ins Wort. »Sie wissen schon, dass die Verhandlung im Gericht ist, und nicht am Tatort!« Nun ja. Das Missverständnis lässt sich aufklären. Doch ich komme viel zu spät am Gericht an. Der Prozess läuft bereits, als ich vor dem Saal einem Justizbeamten die Situation erkläre und frage, was ich jetzt tun soll. Er rät mir, bis zur nächsten Verhandlungspause abzuwarten und solange im Zuschauerraum Platz zu nehmen. Der ist voll besetzt mit großen, muskelbepackten Männern: links die United Tribuns, rechts die Hells Angels. Zwischen den United Tribuns ist noch ein Platz frei, auf den setze ich mich. Vorn geht es offenbar gerade um mich. Ich bekomme mit, wie die Verteidiger der Angeklagten versuchen, mich für befangen erklären zu lassen, weil ich noch nie zuvor bei Gericht als Gutachter aufgetreten sei. Sie zweifeln meine Kompetenz an. Es geht eine Weile hin und her. Irgendwann wird mir das zu bunt, und ich rufe aus dem Publikum heraus: »Wenn Sie Fragen haben, können Sie die auch gern persönlich an mich stellen!« Das kommt nicht gut an. Denn als Gutachter Geladene dürfen nur dann aktiv am Prozess teilnehmen, wenn sie schon vereidigt wurden, wie mich der Vorsitzende Richter aufklärt. Das wusste ich nicht. Er unterbricht die Verhandlung und bittet mich, schnellstmöglich vorn beim Staatsanwalt Platz zu nehmen und mit meiner Präsentation zu beginnen. Ich hole also meinen Laptop und projiziere die Ergebnisse meiner Gutachten über einen Beamer auf die Leinwand, die vorn im Gerichtssaal aufgebaut ist, erläutere die Methodik der Schuss- und Korrespondenzanalyse und wie wir bei der Zuordnung der Personen vorgegangen sind. 69
Kaum ist mein Vortrag beendet, kommt die erste Frage: »Haben Sie überprüft, ob das Video echt ist?«, will einer der Anwälte wissen. Spätestens da ist mir klar: Das Video und damit ich als sein Gutachter sind von nun an Zielscheibe der Verteidigung. Ich antworte, dass das zu überprüfen nicht mein Auftrag war. Also stellt der Anwalt den Antrag, das Video auf seine Echtheit zu überprüfen. Der Richter stimmt zu und will dann noch wissen, welche Rolle der erste Tritt spielte, der beim Zusammentreffen der beiden Gruppen von einem Mitglied der United Tribuns ausging. »Auch das herauszufinden war nicht mein Auftrag«, sage ich wieder und bekomme den Auftrag nun. Zurück am Institut suchen meine Mitarbeiter und ich zunächst nach irgendwelchen Hinweisen auf Manipulationen, also Auffälligkeiten im Video. Dafür schauen wir uns noch einmal die 1093 Einzelbilder an, suchen nach Unterschieden, also Sprüngen zwischen einem Bild und dem darauffolgenden. Diese könnten einen Hinweis darauf geben, dass das Video geschnitten wurde. Wir achten dabei vor allem auf den Vordergrund, also wenn ein Auto vorbeifährt, ob es ungewöhnlich große Abstände zum vorangegangenen Bild gibt. Doch an keiner Stelle können wir einen solchen Sprung feststellen. Eine Manipulation des Videos kann darum ausgeschlossen werden. Auch für die Frage nach der Rolle, die der Initialtritt gespielt hat, gehen wir Bild für Bild durch. Diesen Tritt machte Navid Bostak*, 33, der Vizepräsident der United Tribuns, jener Mann, der am Tattag Stunden zuvor den Streit ausgelöst hatte, als er den Hells Angel Voigt schlug und warnte, sich nicht noch einmal in Hells-Angels-Shirt in der Eisenbahnstraße sehen zu lassen. Zu erkennen ist im Video, dass alle anderen sich an ihm zu orientieren scheinen. Hinter Bostak steht ein Mann, der eine ähnliche Bewegung macht, sich zurückbeugt, dann das Bein hebt und schließlich auch den Arm. Könnte er einen Gegenstand geworfen haben? Doch egal, was wir auch versuchen, wir bekommen das Bild nicht so scharf, dass der Wurf eines Gegenstandes sichtbar wird. Am nächsten Verhandlungstag müssen wir die Frage offenlassen, was genau dieser Mann hinter Bostak tat. WER IST HIER EIGENTLICH DER ANGEKLAGTE? Das war freilich erst der Anfang. Die Verteidiger nutzen von nun an jede Gelegenheit, uns wahlweise als inkompetent oder befangen darzustellen. Immer neue Fragen werden von ihnen auf uns abgefeuert. Einmal geht es um die Korrespondenzanalyse. Einer der Angeklagten trug bei der Festnahme eine blaue Jeans. Im Video sieht diese Hose aber schwarz aus. Dafür ist die Komprimierung des Videos verantwortlich, durch sie lässt der mittlere Farbwert der Umgebung die Hose schwarz erscheinen. Im Grunde einfach erklärbar. Doch die Anwälte nutzen das für eine Attacke auf unsere Analysemethode: »Das ist also schwarz, obwohl es eigentlich blau ist. Ist dann die blaue Hose von diesem Mann im Video schwarz, obwohl sie eigentlich blau ist? Welchen Aussagewert haben die Merkmale dann überhaupt?« Eine Stunde lang geht das so – und dient ganz offensichtlich nur dazu, Verwirrung und Zweifel zu säen. 70
Die Prozesstage ziehen sich hin, immer neue Fragen kommen auf und Anträge werden gestellt. Insgesamt zehn Mal müssen mein Kollege und ich im Prozess erscheinen. Einmal wollen die Anwälte wissen, warum wir in einem der Gutachten nur 14 Personen zuordnen, in einem anderen 13 und nicht alle 15 Hells Angels. Das lag daran, dass die Polizei uns zu unterschiedlichen Zeitpunkten bat, mithilfe verschiedener Einzelbilder aus dem Video eine Art Draufsicht zu erstellen, in der wir jede bis dahin zugeordnete Person kenntlich machen sollten. Darum waren in so einer Skizze mal nur 13, mal 14 Personen zu finden und nicht jeweils alle 15. Für die Anwälte ist das der Beweis, dass wir befangen sind: »Sie machen also alles, was die Ermittler von ihnen verlangen!«, werfen sie uns vor. »Wie unabhängig sind Sie dann eigentlich als Sachverständiger? Das ist doch keine Wissenschaft.« Ich fühle mich in solchen Sitzungen, als säße auch ich auf der Anklagebank – zumindest für die Anwälte. ZEIGT EIN VIDEO DIE REALITÄT? Auch unsere Analyse, dass das Video nicht manipuliert wurde, zweifeln sie an einem anderen Verhandlungstag plötzlich wieder an und geben ein eigenes Gutachten bei einem Berliner Bildforensiker in Auftrag. In einer Sequenz ist die Armbewegung eines Hells Angels zu sehen. Der Bildforensiker hält diese für zu schnell; ist das ein Indiz für eine erhöhte Bildrate beziehungsweise Framerate – und damit für eine Manipulation. Die Framerate ist die Anzahl der Bilder, die in einem Video pro Sekunde aufeinander folgen. Erst durch diese Abfolge entsteht beim Anschauen der Eindruck einer Bewegung. In einem dieser Einzelbilder dieser Sequenz gebe es zudem eine Unstimmigkeit in der Pixelfolge, ein Artefakt also, unten auf der Straße. Zwei Fehler in einer Bildfolge, das sei ein Beweis für eine Manipulation, sagt der Gutachter. Ich kann das entkräften. Denn tatsächlich lassen sich diese Fehler durch die Lichtveränderung erklären, die entsteht, wenn hochpolierte Autos durch das Video fahren, das Licht reflektieren und so die Szene anders beleuchten. Das führt dazu, dass die Kamera neu fokussieren und damit einen neuen Weißabgleich machen muss. Ich gehe also mit dem Bildforensiker nach vorn an die Präsentationsleinwand und lasse das Video ganz langsam ablaufen, um zu zeigen, wie die vorbeifahrenden Fahrzeuge durch die Lichtreflexionen eine Art Welle erzeugen, die sich durch das gesamte Video zieht, und so an einer anderen Stelle etwa den Eindruck erwecken, dass eine Laterne wackelt. Das führt auch zu einer veränderten zeitlichen Auflösung der Bewegung einzelner Personen und kann wie eine vermeintlich zu schnelle Armbewegung wirken, oder es erzeugt Artefakte immer dann, wenn ein Fahrzeug vorbeifährt. Meine Argumentation überzeugt den Kollegen. Doch die Anwälte nehmen meine Antwort gleich zum Anlass für den nächsten Angriff: »Das heißt also, das ganze Video kann nicht ausgewertet werden, weil es gar nicht die Realität wiedergibt?« Das sei jetzt aber eine sehr philosophische Frage, ob ein Video die Realität wiedergibt, antworte ich. Nun wird es auch dem Richter zu bunt: »Schluss. Aus. 71
Wir fangen jetzt hier nicht an, darüber zu diskutieren, ob ein Video die Realität abbildet.« Irgendwann kurz vor Weihnachten merke ich, wie das Dauer-Bombardement der Anwälte mir zusetzt. Ihre Taktik, mich aus der Fassung zu bringen, meine Glaubwürdigkeit und Kompetenz anzuzweifeln, zeigt Wirkung. Als sie mich mit unterschiedlichen Abkürzungen der Namen ihrer Mandanten attackieren, und ich dadurch die von uns in den Schaubildern eingetragenen Namensabkürzungen durcheinanderbringe, merke ich, dass ich nicht mehr kann. Ich bitte die Verhandlung abzubrechen und auf den nächsten Termin zu vertagen. Der Richter kommt der Bitte nach. Als wir im neuen Jahr dann zum ersten Mal wieder zusammenkommen, begrüßt mich einer der Anwälte vor Gericht mit den Worten: »Na, Herr Professor, sind wir heute mal gesund? Oder brechen wir wieder früher ab?« Diese Art der »psychologischen Kriegführung« ist neu für mich. Dennoch weiß ich natürlich, dass es das Recht und auch die Aufgabe der Verteidigung ist, Zweifel zu säen. Ein Urteil soll schließlich zweifelsfrei gefällt werden. WAS KANN, WAS DARF INTELLIGENTE SOFTWARE VOR GERICHT? Ein anderes Mal geht es darum, was all die anderen Hells Angels taten, die weder schossen noch auf Dilan Kara eintraten. In einer Sequenz sieht es so aus, als ob einer der Männer eine Flasche aufhebt und in Richtung United Tribuns wirft. Doch egal, wie sehr wir diese Sequenz auch bearbeitet haben: Sie war nicht klarer zu bekommen. Darum entscheide ich mich, nun im Prozess die Bilder einzusetzen, die wir mit einer Künstliche-Intelligenz-Software bearbeitet haben. Während ich das erste Bild zeige, erkläre ich, wie diese Software funktioniert und dass sie mithilfe von Fotos darauf trainiert wurde, auf diesen Objekte zu erkennen, selbst wenn sie nur sehr undeutlich zu sehen sind. Die Software berechnet dann anhand der Umgebungsbilder, mit denen sie trainiert wurde, die wahrscheinlichste Variante der unscharfen Objekte und verbessert sie entsprechend. Tatsächlich ist auf dem einen Bild nun klar zu sehen, dass der Pixelklumpen auf dem Boden eine Flasche ist, vor der eine Flüssigkeitslache liegt. Auf dem nächsten, dass der Mann sie hochhebt, auf einem weiteren, dass sie durch die Luft fliegt. Die Verteidigung will wissen, ob wir diese Software selbst trainiert hätten. Als ich antworte, dass wir eine vorprogrammierte Software benutzt haben, weiß ich sofort, dass das nun zum Problem wird. »Sie sind also nicht in der Lage, uns die Bilder zu zeigen, mit denen die Software trainiert wurde?« »Nein«, sage ich, aber es gehe auch nicht um die Trainingsbilder, sondern um die Geometrien und Objekte, die gelernt wurden. Doch das überzeugt den Anwalt nicht. Er beantragt, diese Bilder in der Hauptverhandlung nicht zuzulassen. Das Gericht gibt dem Antrag statt. Doch da haben alle im Gerichtssaal auf dem Bildschirm das Foto, das die Flasche eindeutig zeigt, längst gesehen. Und natürlich trägt das dazu bei, dass im weiteren Verlauf niemand mehr daran zweifelt, dass die Flasche von dem Mann geworfen wurde. 72
Ich bin mir bewusst, dass das nicht unproblematisch ist. Die Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz (KI) in der Forensik spielen kann und soll, wird sich die Justiz in Zukunft verstärkt stellen müssen. Natürlich ist es hilfreich, Unkenntliches auf Bildern und Videos mithilfe intelligenter Systeme kenntlich zu machen. Es kann sogar entscheidend sein, wenn es sich um eine Tatwaffe handelt. Doch alles Visuelle ist für den Betrachter manipulativ. Deshalb ist es absolut richtig, dass die Anwälte so sehr darauf pochten, zweifelsfrei festzustellen, ob das Video manipuliert worden sein kann. Und deshalb bin auch ich davon überzeugt, dass forensische KI-Methoden mit Vorsicht einzusetzen sind und vor Gericht keine überhöhte und alleinige Beweiskraft haben sollten. Sie können Bilder verbessern, doch es muss sichergestellt sein, dass keine Information hinzugefügt wird, die es vorher nicht gab. In Zukunft müssen solche Systeme, die zur Analyse und vor Gericht eingesetzt werden, auf ihre Schwachstellen und Manipulationsmöglichkeiten hin überprüft und auch transparent dargestellt werden. Es muss klar sein, welche Merkmale zur Erkennung verwendet wurden. DROHUNGEN UND ANFEINDUNGEN Einige Wochen später soll es in der Verhandlung um die Taten der Hauptangeklagten gehen. Mein Kollege und ich sind gut vorbereitet, können jede einzelne Handlung von ihnen mithilfe der Korrespondenzmethode abbilden und nachvollziehen. Wir sind uns sicher, dass es an diesem Tag gut laufen wird. Doch kaum habe ich meinen Laptop ausgepackt, stellt einer der Anwälte erneut einen Antrag auf Befangenheit gegen mich: Ich hätte ein Interview zum laufenden Verfahren gegeben, begründet er diesen. Ich stutze: »Wie kommen Sie darauf? Ich habe kein Interview gegeben.« »Doch«, behauptet er und verweist auf die Sendung »MDR um 4«, in der ich im April 2018 eingeladen war. Er fordert, die Aufzeichnung der Sendung in der Mediathek zu suchen und im Prozess zu zeigen. Tatsächlich ging es in der Sendung aber nur allgemein um meine Arbeit. Nur als ich vorgestellt wurde, sagte die Moderatorin, dass ich aktuell auch im Prozess gegen die Hells Angels Gutachter sei. Es wird schnell klar, dass die Anwälte mal wieder nur ein Störmanöver ausprobieren. Plötzlich wollen sie dann doch nicht mehr, dass die Aufzeichnung im Prozess gezeigt wird. Aber der Richter besteht nun seinerseits darauf. Also wird die Sendung angeschaut. An einer Stelle erkläre ich der Moderatorin, dass man sich Forensik wie Puzzeln vorstellen müsse. Da haken die Anwälte dann im Anschluss wieder nach. Wie ich das denn gemeint habe. Sie lassen die Sequenz wieder und wieder ablaufen und fragen: »Nehmen Sie das alles hier also gar nicht so ernst? Ist das nur ein Spiel für Sie?« Ich bleibe ruhig und erkläre, was Puzzeln bedeutet, und wie ich das im übertragenen Sinne gemeint habe. So geht es weiter. Am Ende ist allen klar, dass dies ein erneuter Versuch der Anwälte war, mich zu diskreditieren. Der lief allerdings ins Leere. Doch nicht nur vorn im Gericht ist die Stimmung zwischen Verteidigung, Angeklagten, Staatsanwaltschaft und Gutachtern angespannt. Die Angeklagten 73
schauen mich jedes Mal vorwurfsvoll an, wenn ich etwas für sie Belastendes sage. Auch hinten im Zuschauerraum wird es dann stets unruhig. Es wird geraunt und geflüstert. Als es um den Tritt geht, den Samu Török im Video dem am Boden liegenden Opfer verpasste, und ich sage, dass aus dem Video eine bewusste, zielgerichtete Bewegung ableitbar sei, zieht eine Frau auf der Zuschauerbank ihren gestreckten Zeigefinger quer an ihrem Hals entlang – eine eindeutige Geste, dass man mir den Hals abschneiden möge. An manchen Verhandlungstagen gehe ich daher mit einem komischen Gefühl aus dem Saal und frage mich, ob ich draußen vor dem Gebäude mit einer Überraschung rechnen muss. Auch die Raucherpausen sind oft unangenehm. Vor dem Haupteingang am Landgericht steht jeweils rechts und links ein Aschenbecher. An dem einen versammeln sich die Hells Angels, an dem anderen die United Tribuns. Als ich zum ersten Mal mit meiner Schachtel in der Hand vor die Tür trete, schaue ich nach rechts, nach links und frage mich, wohin ich mich stellen soll. Ich entscheide mich für die Mitte, bleibe direkt vor der Tür stehen und zünde mir meine Zigarette an. Da kommt ein Justizbeamter und weist mich darauf hin, dass Rauchen nur an den Aschenbechern erlaubt sei. Ich erkläre ihm mein Problem. Er runzelt die Stirn, überlegt einen Moment und sagt dann: »Okay, dann dürfen sie als Einziger in der Mitte rauchen.« KEINE WEITEREN FRAGEN Mehr als anderthalb Jahre zieht sich die Verhandlung schließlich hin, immer wieder werden Termine abgesagt oder verschoben. Am 20. Mai 2019 stehen wir erneut im Gerichtssaal, beantworten wieder und wieder Fragen. In einer der Unterbrechungen bekomme ich schließlich mit, wie der Verteidiger Frank Dübel einen der anderen Anwälte fragt: »Hast du noch Fragen?« Der denkt kurz nach und antwortet dann: »Nein.« »Ich auch nicht mehr«, sagt Dübel. Da weiß ich: Ich habe es geschafft. So anstrengend und kräftezehrend der Prozess auch war, das Verfahren hat mich viel gelehrt: Wie wenig ich vorher vom taktischen Rollenspiel der verschiedenen Parteien im Prozess wusste, zum Beispiel. Und dass Wissenschaft und die Verteidigung eines wissenschaftlichen Gutachtens vor Gericht zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. So verschieden wie Gerechtigkeit und Recht. Wer glaubt, vor Gericht könne man einfach nur sein Fachwissen so präsentieren, wie man das vielleicht bei einer wissenschaftlichen Tagung tut, liegt falsch. Die Frage nach einem zweifelsfreien Nachweis bezieht sich nicht allein auf Methodik und Methoden, sondern auf das gutachterliche Gesamtpaket. Weder an der Präsentation noch am Präsentierenden darf ein Zweifel aufkommen. Doch genau das versucht die Verteidigung: in allen Bereichen Zweifel zu säen. Es geht dabei viel um Psychologie, um Eindrücke, die erweckt werden sollen. Wenn sich etwa die Anwälte mit den Angeklagten an jedem neuen Verhandlungsmorgen zur Begrüßung fröhlich abklatschen, soll das selbstbewusste Gelassenheit suggerieren, die Überzeugung, im Recht zu sein. All das soll die Gegenseite 74
verunsichern. Für einen Naturwissenschaftler wie mich ist das eine neue und befremdliche Erfahrung. Zwei Wochen später, am 4. Juni 2019, verkündet der Vorsitzende Richter das Urteil: Mario Voigt, Patrick Boldt, Samu Török und Michael Bott werden wegen gemeinschaftlichen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu jeweils lebenslanger Haft verurteilt. Er begründet das damit, dass die vier nach einem gemeinschaftlichen Plan gehandelt hätten. Sie waren mit fünf Messern und zwei Pistolen bewaffnet. Es sei um Machtkämpfe und die Vormachtstellung im Revier gegangen. Die Taten seien unter anderem durch das Video belegt, so der Richter. Auch Staatsanwalt Dieter Wohltat hatte es in seinem Plädoyer noch einmal betont: Ohne dieses Video wäre der Tatnachweis schwierig gewesen. Die Anwälte der Hells Angels gehen in Revision. Das war zu erwarten. Erneut argumentieren sie, dass das Video ohne Einwilligung der Gezeigten gemacht worden sei und damit ihre Persönlichkeitsrechte verletze. Doch der Bundesgerichtshof verwirft die Revision im September 2020. Das Urteil ist damit rechtskräftig. Als der Staatsanwalt mich darüber informiert, bin ich sehr erleichtert. 75
KAPITEL 7 DAS SKELETT DER TÄTER – DER GOLDMÜNZENRAUB Diese Geschichte beginnt mit einem Zufall, endet in einem Desaster und ist dennoch ein Glücksfall für mich – auch wenn ich eine Weile brauche, um das so zu sehen. Es geht um einen der spektakulärsten Raubfälle der vergangenen Jahre. Im März 2017 wird im Berliner Bode-Museum die 100 Kilo schwere »Big Maple Leaf« aus dem Münzkabinett gestohlen, eine der größten Goldmünzen der Welt mit einem Wert von 3,75 Millionen Euro. V-Leute der Polizei geben schon kurz darauf einen Hinweis, dass eine aus dem Libanon stammende Großfamilie damit zu tun habe; zwischenzeitlich geraten bis zu neun Männer unter Verdacht. Am Ende werden zwei Brüder und ein Cousin angeklagt, ein Wachmann des Museums soll zudem ihr Komplize gewesen sein. Sie sind zwischen 20 und 24 Jahre alt, einer ist Kurierfahrer, einer noch Schüler, und einer gibt an zu studieren. Über die Hochbahngleise der S-Bahn, die hinter dem Museum entlangführen, sollen die drei mithilfe einer mitgebrachten Leiter zum defekten und nicht alarmgesicherten Fenster eines Umkleideraums im zweiten Stock des Museums und von dort in den Ausstellungsbereich gelangt sein. Im Museum zertrümmerten sie mit einer Axt in Raum 234 eine Vitrine, hievten die schwere Goldmünze auf ein Rollbrett und fuhren sie zurück zum Fenster. Dort warfen die Männer sie auf die Gleise. Mit einer Schubkarre transportierten sie das wertvolle Stück dann über die Gleise bis zu einem Park in der Nähe des Bahnhofs »Hackescher Markt«, seilten sie ab und schafften sie mit dem Auto weg. Die Beweislage ist dürftig. Bei den Verdächtigen werden zwar Werkzeuge, im Internet recherchierte Goldpreislisten und vor allem an verschiedenen Kleidungsstücken und Orten, wie dem Auto eines der Verdächtigen, Glassplitter und Goldpartikel in extremer Reinheit von 99,999 Prozent gefunden, die typisch für die »Big Maple Leaf« ist. Um für diese Qualität zu werben, war die Goldmünze einst als eine von weltweit fünf mit dem Porträt der britischen Königin Elizabeth II. hergestellt worden. Doch das sind alles nur Indizien. Die Tatverdächtigen schweigen, es gibt keine Zeugen, und die Münze bleibt verschwunden. Experten fürchten, dass sie eingeschmolzen und stückweise verkauft wurde. Doch dann fällt einem Beamten, der die Videoaufzeichnungen aus der Überwachungskamera am Gleis des S-Bahnhofs Hackescher Markt auswertet, etwas auf: In zwei verschiedenen Nächten vor der Tat und in der Tatnacht selbst sind einmal zwei und zweimal drei Männer zu sehen, die jeweils in die gleiche Richtung bis zum Ende des Gleises in Richtung Bode-Museum laufen. Es wirkt, als seien es dieselben Männer, sie haben die gleiche Statur und einer eine besondere Art zu gehen; sein rechter Fuß knickt nach außen ab. Ihre Gesichter verstecken sie hinter Basecaps, Kapuzen und Schals, halten sich die Hand vors 76
Gesicht oder drehen sich bewusst weg von der Kamera. Die Ermittler sind sich sicher, dass es sich um die Täter handelt. Doch wie lässt sich das nachweisen? Sie haben bei den Verdächtigen Kleidungsstücke beschlagnahmt, die aussehen wie jene, die die Männer im Video tragen. Nun sucht die Staatsanwaltschaft jemanden, der zeigen kann, dass es sich tatsächlich um dieselben Stücke handelt. Außerdem wollen sie wissen, ob in den Videos immer dieselben Männer zu sehen sind, und ob es eine Möglichkeit gibt, sie an der Art, wie sie gehen, den Tatverdächtigen zuzuordnen. Der Zufall will es, dass auch eine Freundin von mir, die Rechtsmedizinerin ist, gefragt wird, ob sie nicht jemanden kenne, der so eine Video-Auswertung machen kann. Sie empfiehlt mich. Kurz darauf telefoniere ich mit der Staatsanwältin, und schon im Juli 2017 liegen die Videos bei mir im Büro. Tatsächlich ist auf allen dreien der auffällige Gang einer der Personen auf den ersten Blick zu erkennen. Um die Übereinstimmung nachzuweisen, schauen wir uns aber zunächst die Kleidung der Männer an. Sechs Wochen haben wir eigentlich dafür Zeit. Doch die Frist ist schon bald Makulatur, denn alle paar Wochen haben die Ermittler neue Fragen, schicken Bilder von zusätzlich beschlagnahmten Kleidungsstücken oder wollen weitere Verdächtige ausschließen. AUFFÄLLIGER GANG UND STREIFEN AM SCHUH Wir beginnen mit einer klassischen Videoanalyse, zerlegen die Aufzeichnungen in einzelne Bilder und suchen nach Übereinstimmungen zwischen den insgesamt acht Personen (drei in zwei Videos und zwei in dem dritten). Wir schauen uns ihre Größe, Statur, alle äußeren Merkmale an. Danach untersuchen wir die Kleidungsstücke und gleichen sie mit den sichergestellten Gegenständen der Verdächtigen ab. Bei etlichen lassen sich Übereinstimmungen feststellen, einem Basecap der Marke Nike etwa und einer auffälligen Jacke. Komplizierter ist es bei den Turnschuhen von einem der Männer im Video. Der gleiche Markenschuh wurde zwar bei einem der Verdächtigen sichergestellt, doch die Farbe der Seitenstreifen ist nicht identisch. Der sichergestellte Schuh hat zweifarbige Streifen, im Video sieht es so aus, als seien sie einfarbig. Wir vermuten, dass die Überwachungskamera schuld an der Andersfarbigkeit ist, doch es gibt den Schuh tatsächlich auch mit einfarbigen Streifen. Um nachzuweisen, dass es sich um denselben Schuh handeln kann, müssen wir also nachweisen, dass die Kamera für die Farbveränderung verantwortlich ist. Wir fragen beim Hersteller nach. Dieser bestätigt, dass er seine Überwachungskameras nicht auf Farbechtheit testet; das Video bildet die Farbwerte nicht in einer Qualität ab, wie es etwa eine gut ausleuchtende Studiokamera tun würde. Nun gilt es nachzuweisen, wie die Überwachungskamera die Farben verändert. Dafür lassen wir an einem Abend im März 2018 Polizisten einen bunten und einen weißen Regenschirm auf dem Treppenabsatz am Bahngleis platzieren, dort, wo der Schuh aufgenommen wurde. Zum Abgleich werden beide Schirme in einem Studio unter optimaler Ausleuchtung aufgenommen. Damit können wir nachweisen, dass die 77
Überwachungskamera die Farben stark verändert und die Streifen am Schuh im Video sehr wohl identisch sein können mit jenen an dem sichergestellten Schuh. Als Nächstes schauen wir uns die Männer in den Videoaufzeichnungen genauer an. Wir beginnen mit demjenigen, dessen Fuß beim Gehen stark nach außen abknickt, was vor allem beim Treppensteigen gut zu erkennen ist. Also nehmen wir in allen drei Videos ein Bildframe dieses Mannes, das ihn beim Treppensteigen zeigt, und stellen die drei Bilder nebeneinander. Dabei ist die Übereinstimmung deutlich zu erkennen. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um dieselbe Person. Ähnlich verfahren wir bei dem nächsten Mann. Er trägt in allen drei Aufnahmen den gleichen Schuh und hat eine vergleichbare Statur. Außerdem ist bei ihm ein leichtes Einknicken des rechten Knies zu beobachten; seine Art zu gehen wirkt am ruhigsten und ausgeglichensten. Auch das Verhalten ist an den drei Tagen ähnlich: Dieser Mann geht stets voran, schaut sich nach den folgenden um, ist am stärksten zielgerichtet. So lassen sich immer mehr Übereinstimmungen finden. Den einen Teil des Auftrags, nachzuweisen, dass die Männer in den drei Videos jeweils dieselben sind, können wir mithilfe der klassischen Videoanalyse so schließlich erfüllen. Doch was ist mit der zweiten Frage, ob die Männer in den Videos dieselben sind wie die Tatverdächtigen? Abgesehen davon, dass das, was die Männer im Video tragen, und die sichergestellten Kleidungsstücke übereinstimmen, scheint es keine weiteren charakteristischen Merkmale zu geben – etwa Tattoos wie im Rocker-Prozess. Zu gut verdecken die Männer im Video ihre Gesichter vor der Kamera. Nur an einer Stelle ist das Gesicht von einem teilweise von der Seite zu sehen, er trägt einen Dreitagebart. Auf den erkennungsdienstlichen Bildern der Tatverdächtigen tragen aber fast alle Dreitagebärte. Diese Fährte führt also nicht weiter. Ich denke viel darüber nach, welche Möglichkeiten wir sonst noch haben, charakteristische Merkmale herauszuarbeiten, um die Tatverdächtigen den Männern in den Videos zuordnen zu können. Der auffällige Gang in allen drei Videos ist ein Ansatzpunkt. Nur: Der Abgleich von Personen in verschiedenen Videos, also von Video-Aufnahme zu Video-Aufnahme, ist das eine. Aber ist ein solcher Abgleich auch mit einem Tatverdächtigen möglich? Es ist bekannt, dass die Anatomie einer Person sich auf die Art zu gehen auswirkt. Man kennt das von Schuhen, deren Sohlen zum Beispiel durch Ab- oder Einrieb sehr individuell abgenutzt werden. Zwar können Menschen ihren Gang bewusst verändern, doch in dynamischen Situationen wie etwa beim Treppensteigen ist es fast unmöglich, den individuellen Gang zu verändern. Das liegt vor allem daran, dass man beim Treppensteigen einen besonderen Kraftaufwand braucht, um die Bewegung auszuüben, und dabei auf sein Gleichgewicht achten muss. In jeder Spur gibt es einen dynamischen und einen statischen Anteil. Bei dem dynamischen geht es immer um die Frage, wie diese Spur entstanden ist. Wenn also auf dem Video jemand zu sehen ist, der seinen Fuß immer abknickt, dann müsste logischerweise der Schuh desjenigen dieses Gangbild irgendwie abbilden – also in der Spur sichtbar sein. Wir schauen uns daraufhin das Foto des wegen seiner Farbstreifen bereits untersuchten Turnschuhs und seine Sohle genauer an. Tatsächlich ist außen an der Sohle eine auffällige Veränderung zu sehen, die darauf hindeutet, dass durch den nach außen abknickenden Gang diese Zone 78
stärker belastet gewesen sein könnte. Das ist häufig bei Menschen zu beobachten, die einen o-beinigen Gang haben. Wir werten die auffällige Abnutzung der Schuhsohle daher als ein Zuordnungsmerkmal. DAS SKELETT DER TÄTER ALS ERKENNUNGSMERKMAL Die Art, wie die Männer im Video gehen, bringt mich auf eine weitere Idee. Ich spreche zu jener Zeit in einer meiner Vorlesungen mit den Studierenden gerade über das Typische des Bewegungsapparats. Dass es bestimmte Krankheiten, Haltungs- und Bewegungsfehler gibt, die sich auf den Gang eines Menschen auswirken. Dahinter steht die Frage: Wie einzigartig ist das individuelle Skelett eines Menschen? Ich überlege nun also, ob es möglich ist, einen Abgleich des Bewegungsapparats für die Männer im Video und die Verdächtigen zu erstellen – also eine Art Bewegungs- oder Gangbild-Analyse auf der Grundlage ihres Skeletts. Es ist die Zeit, in der Künstliche-Intelligenz-Software beginnt, Fotos und Videos auszuwerten, auch für Bewegungen. Sogenannte Dance-Pose-Videos kommen auf. Das sind Videos, in denen Softwareprogramme die Bewegungen von Menschen erkennen können, indem sie identifizieren, wo sich die wichtigsten Körperteile und Gelenke – Nase, Augen, Ohren, Schultern, Ellbogen, Hüfte, Handgelenke, Knie und Knöchel – befinden, und mit ihrer Hilfe eine Art virtuelles Skelett erstellen, auch Rig genannt. Für Animationsfilme und Computerspiele werden diese schon länger genutzt. Ich frage mich, ob diese Grundidee übertragbar ist, ob sich das Gangbild der Männer im Video nicht entsprechend analysieren und auf die der Verdächtigen übertragen lässt. Dafür müssten wir einen digitalen Zwilling der Tatverdächtigen erstellen, um von ihm ein Rig ableiten zu können. Dieses Rig könnte dann in die 3-D-Welt der S-Bahn-Station vom Hackeschen Markt gestellt werden, in die auch das echte Video projiziert werden müsste. Dann könnten beide – die Rigs der Menschen in den Videos und die der virtuellen Zwillinge der Tatverdächtigen – wie eine Schablone übereinandergelegt und ihre Bewegungsabläufe im Computer abgeglichen werden. Die Idee klingt gut, doch die Umsetzung erweist sich als recht aufwendig. Ich erkläre den Ermittlern unseren Plan. und sie nehmen mit einer 3-D-Kamera das Bahngleis für uns auf. Mit diesen Scans bauen wir im Computer mit der Software Blender die Station nach. Anschließend bauen wir das Überwachungsvideo genau aus der Perspektive in unser Computermodell ein, aus der es die echte Überwachungskamera gefilmt hatte. Die echte Videoaufnahme wird also in die virtuell nachgebaute Bahngleiswelt gebracht. Als Nächstes müssen wir einen virtuellen Zwilling der Tatverdächtigen erstellen, sie also photogrammetrisch erfassen, das heißt rundum scannen, um dann die Daten in ein 3-D-Modell zu übertragen. Dafür wollen wir eine Art Drehteller benutzen, auf den sich die zu scannende Person stellt und mit dem wir sie dann rundum fotografieren. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir nur Gegenstände photogrammetrisch vermessen. Für Menschen nutzten wir in unseren Simulationen Dummys, für die bestimmte biometrische Körperdaten wie das echte Gewicht oder die Größe festgelegt werden können. Ich habe hier im Buch bereits die virtuelle Autopsie 79
erklärt, bei der schon heute der Körper eines Menschen durch MehrschichtenComputertomografie scheibchenweise in millimeterfeinen Schichten rundum gescannt und so ein dreidimensionales Bild von der Haut bis zum Skelett erstellt wird. Doch wegen der hohen Strahlenbelastung ist das nur an Leichen und nicht an lebenden Menschen möglich. Um von dem äußeren virtuellen Zwilling der Tatverdächtigen am Computer auf sein Skelett zu schließen, brauchen wir bestimmte Messpunkte, die wir anhand der Gelenkknochen, zum Beispiel an der Schulter, dem Ellbogen oder dem Knöchel bestimmen. Diese müssen wir daher beim Fotografieren der Personen vorher durch Klebeband markieren. Die Ermittler organisieren uns Termine mit den zu jenem Zeitpunkt fünf verbliebenen Verdächtigen. Die übrigen vier sind inzwischen ausgeschieden, weil sie Alibis haben oder ihre Statur nicht zu den Männern im Video passt. Im Oktober und November 2017 fahren ein Kollege und ich zum Landeskriminalamt in Berlin, um die fünf Männer zu vermessen. Leider sind nicht alle im Ermittlerteam offen dafür, etwas Neues auszuprobieren. Ein Vermessungstechniker bezweifelt, ob das, was wir vorhaben, funktioniert, und wird die ganze Zeit über seine Kritik und Bedenken äußern. Das nervt. Denn ich weiß ja, dass wir noch am Anfang einer neuen Methode stehen, die es erst zu entwickeln gilt. Ständig gesagt zu bekommen, dass das sowieso nicht funktionieren wird, demotiviert und belastet die Zusammenarbeit mit den Ermittlern. Das ist etwas, was uns immer wieder mit Ermittlungsgruppen passiert. Da heißt es dann: »Das haben wir schon immer so gemacht.« Und wer auf die Idee kommt, etwas anders zu machen, eine neue Methode auszuprobieren, ist suspekt. Es hat wohl auch einiges mit der Angst zu tun, die eigene langjährige Erfahrung könnte an Wert verlieren, die erprobten Methoden sich als weniger effektiv erweisen. Im Fotolabor des LKA stellen wir die Verdächtigen dann jeweils auf den mitgebrachten Drehteller und bauen unsere Stative mit zwei digitalen Spiegelreflexkameras auf. Idealerweise müssten sie sich bis auf die Unterwäsche ausziehen für die Aufnahmen, doch nicht jeder ist dazu bereit. Zwei verweigern es aus religiösen Gründen, krempeln lediglich die Hosenbeine hoch. Bei einem ist während der Photogrammetrie nicht nur sein Anwalt, sondern auch dessen Praktikantin dabei, weshalb sich der Mann nicht ausziehen mag. Es gibt keine Möglichkeit, ihn oder die anderen dazu zu zwingen, also müssen wir das machen, was möglich ist. Damals sind wir auf die Schnelle zudem noch nicht so weit, dass wir es hinbekommen, die Größenverhältnisse der real vermessenen Personen mit den Größenverhältnissen der virtuellen Videos zu verknüpfen. Deshalb müssen wir neben jeden der fotografierten Männer eine Messlatte stellen, damit wir später am Computer die Skalierung zwischen digitalem Zwilling und Person im Video anpassen und sie für einen Abgleich übereinanderlegen können. GEFÄHRLICH GEISTESABWESEND Als Erster ist Wissam Remmo dran, einer der Hauptverdächtigen, der in Untersuchungshaft sitzt. Ein 20-Jähriger mit fast kindlichem Gesicht und 80
wuscheligem braunen Haar. Mein Eindruck von ihm passt so gar nicht zu dem Bild, das ich nach der Lektüre seiner Jugendakte von ihm habe. Er ist mehrfach vorbestraft wegen Diebstählen, Raub, Drogen. Er wird von zwei Beamten der Ermittlungseinheit gebracht, sein Anwalt ist ebenfalls da. Wir begrüßen uns, ich erkläre, was wir vorhaben, und bitte Wissam Remmo, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, was er anstandslos tut. Mit Klebeband markiere ich dann die Messpunkte für das künstliche Skelett, also Handgelenk, Ellbogen, Schulter, Knie, Knöchel usw. Die Polizisten sind angespannt. Auch ich bin nervös, ob alles funktionieren wird. Außerdem habe ich zum ersten Mal vor einer Verhandlung Kontakt zu einem Tatverdächtigen. Bisher bin ich ihnen immer erst im Gerichtssaal begegnet. Wie angespannt die Atmosphäre ist, merke ich aber erst, als ich mich ruckartig nach unten beuge, um Rezas Knöchel abzukleben. Die anwesenden Beamten glauben, ich hätte einen Schlag von ihm bekommen und sei deshalb so rasch in die Knie gegangen. »Was ist passiert?«, ruft ein Polizist aufgeregt. »Nichts«, beschwichtige ich. »Alles gut. Ich klebe nur die Knöchel ab.« Remmo reagiert als Einziger entspannt. Seine Kooperationsbereitschaft hat aber Grenzen. Während der Aufnahmen bewegt er sich die ganze Zeit, kippelt auf dem Drehteller herum, was die Qualität der Aufnahmen beeinträchtigt und die Sitzung verlängert. Als ich ihn bitte, stillzustehen, pampt er mich an: »Ich stehe doch still.« Zum Schluss wird in einem Nebenraum ein letztes Ganzkörperbild gemacht. Der Laborleiter schießt das Foto, danach drehen sich alle um und verlassen den Raum. Wissam Remmo und ich bleiben allein zurück, ich muss noch die Utensilien wegräumen und ihn von den Klebestreifen befreien. Weil wir uns beeilen sollen, fragt Remmo, ob er selbst die Klebebänder losschneiden könne. Ich denke nicht darüber nach, sage »Klar« und drücke ihm geistesabwesend die Schere in die Hand. Erst da merke ich, dass das vielleicht keine gute Idee war, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Mit klopfendem Herzen räume ich weiter die Kamera-Utensilien zusammen. Als Remmo fertig ist, reicht er mir die Schere. Ich nehme sie und bin sehr erleichtert. Es passt tatsächlich nicht zusammen: Er wirkt so verpeilt und harmlos, und doch hat er diesen kriminellen Lebenslauf. Zurück im Forensik-Labor nehmen wir die so gewonnenen Messdaten, erstellen den 3-D-Zwilling der Tatverdächtigen und leiten daraus das virtuelle Skelett ab, das nun jede denkbare Bewegung ausführen kann. Wir legen es über das Originalvideo, das in das 3-D-Modell vom Stationsgleis projiziert wurde, und gleichen die einzelnen Personen im Video mit den digital erstellten Zwillingen der fünf Tatverdächtigen ab. Wir können zeigen, dass das Rig von drei der fünf Tatverdächtigen mit den Personen in den Videos übereinstimmt, und es die Bewegungen der jeweiligen Person ausüben kann. Es funktioniert also. Ich bin begeistert. Es ist tatsächlich gelungen, mithilfe des Rigs die Tatverdächtigen durch ihre besondere Art zu gehen den Männern im Video zuzuordnen. Aber was ist diese Zuordnung forensisch wert? Wie viele weitere Menschen könnten das gleiche Rig haben, das sich genauso zuordnen ließe? Könnte ich nachweisen, dass es nur einen von einer Million Menschen gibt, hätte ich ein neues Identifizierungsmerkmal gefunden. Ich fange an, davon zu träumen, wie 81
eine Weiterentwicklung der Methode aussehen könnte, und was sie für die Auswertung von Überwachungsvideos bedeuten würde. Doch noch kann ich die Frage nicht beantworten, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein weiterer Mensch ein solches Skelett hat. Dazu werde ich erst viel später in der Lage sein, zu spät für diesen Prozess. Zu jener Zeit bin ich aber überglücklich, dass die Methode funktioniert. Mit einem Hochgefühl schreibe ich daher unser Gutachten und liefere es Anfang Mai 2018 ab. Genauso überzeugt, dass wir dabei sind, eine großartige Methode zu entwickeln, fahre ich fast ein Jahr später zusammen mit einem Kollegen nach Berlin zum Prozess. In der Zwischenzeit habe ich noch an zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Methode ausprobiert, um sie weiter zu evaluieren. Auch diese Versuche bestätigen, dass sie funktioniert. DAS DESASTER NIMMT SEINEN LAUF Die Ernüchterung könnte daher kaum größer sein, als wir am 28. März 2019 nach meinem Vortrag im Berliner Landgericht stundenlang von den Anwälten gelöchert werden. Der Saal ist voll besetzt an diesem Tag. Vorn sitzt das Gericht, rechts daneben die Staatsanwaltschaft, an den Seiten rechts und links leicht erhöht die drei Tatverdächtigen mit ihrer Phalanx an Anwälten. Wir setzen uns gleich um neun Uhr an den Tisch vor dem Gericht. Hinter uns sind die Prozessbesucherinnen und -besucher. Ich beginne mit meinem Vortrag, projiziere die echten Videos der Überwachungskameras über einen Beamer auf die Leinwand, erläutere die Übereinstimmungen in der Kleidung, den Schuhen, die Farbunterschiede. Erkläre, dass der Abgleich der kurzen Sequenz, in der das Gesicht eines der Männer im Video von der Seite zu sehen ist, nicht weiterführt, da alle untersuchten Tatverdächtigen zwischenzeitlich Dreitagebärte trugen. Und dass auch die Qualität der Aufnahme zu schlecht ist, um sonstige physiognomische Übereinstimmungen mit den Tatverdächtigen feststellen zu können. Danach stelle ich die von uns entwickelte Methode vor, erkläre, was virtuelle Skelette sind und wie wir diese Rigs für die Personen im Video erstellt haben. Ich erzähle, wie digitale Zwillinge von Tatverdächtigen und die entsprechenden Rigs für sie gemacht werden. Wie wir in das am Computer rekonstruierte Stationsgleis das reale Video der Überwachungskamera eingefügt und schließlich den Abgleich mit den digitalen Zwillingen gemacht haben, der mit den Männern im Video übereinstimmt. In der Pause nach unserem Vortrag werde ich von Journalisten umringt. »Können Sie die Methode bitte noch mal erklären?«, fragen sie. Offenbar habe ich das Prinzip nicht gut genug rübergebracht, so viel wird mir klar. Also versuche ich es mit einem Beispiel aus der Filmwelt: »Sie kennen doch sicher Gollum, das deformierte Fabelwesen aus Herr der Ringe«, sage ich. »Das war die erste Figur, die so modelliert wurde – allerdings in umgekehrter Form. Bei ihr wurde der echte Mensch gefilmt, und seine Bewegungen wurden dann auf die künstlich am Computer geschaffene Trickfigur übertragen.« Inzwischen werde diese Methode viel in Computerspielen angewandt, ergänze ich noch und merke nicht, wie viele 82
Fragezeichen bei den meisten Prozessbeobachtern noch geblieben sind. Zu groß ist meine Freude über das große Interesse an meiner Methode. Erst als danach die Befragung beginnt, erkenne ich, dass offenbar noch vieles unklar ist. Die Verteidiger wollen mehr zu den künstlichen Skeletten wissen, den Rigs und den unterschiedlichen Werten. Ich versuche zu erklären, wie wir im Computer Abstandswerte und Längen des Rigs und der realen Video-Personen ausgerechnet haben, um diese miteinander abzugleichen. Doch diese Werte scheinen mehr zu verwirren als zu erhellen. Einer der Anwälte möchte, dass wir im Gerichtssaal vorführen, wie wir den Abgleich der Personen in dem echten Video mit den virtuellen Rigs gemacht haben. Das kann ich nicht, weil der Laptop, den ich für die Präsentation dabeihabe, nicht genug Rechnerkapazität für das Programm hat. Ich biete an, dass wir beim nächsten Mal den entsprechenden Rechner mitbringen und genau vorführen, wie wir die Werte ermittelt haben. Auch der Versuch, die Übereinstimmungswerte durch heat maps zu veranschaulichen, also spezielle in der Wissenschaft benutzte Visualisierungswerkzeuge, die mit Farben arbeiten, ist offenbar eine schlechte Idee. Niemand versteht, was die Farben sollen. Zum Schluss geht es um die Aussagekraft der Abgleiche. Die meisten Menschen erwarten von der Forensik, dass ihre Methoden der Identifizierung dienen. Aber es geht nicht ums Identifizieren, es geht darum, mit einer möglichst hohen Wahrscheinlichkeit eine Zuordnung zu ermöglichen. Nur bei dem Fingerabdruck- und der DNA eines Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie jeweils mit einem zweiten Menschen übereinstimmen, so gering, dass man bei ihnen von Identifizieren reden kann. Bei vielen anderen Spurenauswertungen wie etwa Schuhabdrücken oder Handschriften ist das aber nicht so. Da geht es nicht ums Identifizieren, sondern darum, mit einer möglichst hohen Wahrscheinlichkeit eine Spur oder ein individuelles Merkmal zuzuordnen und auszuschließen, dass sie oder es von jemand anderem stammt. Diese Methoden sind für die Ermittlungsarbeit dennoch immens wichtig, weil sie als Teil einer Kombination von Spurenzuordnungen am Ende ein Gesamtbild ergeben. So verstehen wir auch unsere Gangbildanalyse. Doch die Erwartungshaltung im Gericht ist eine andere: »Sie können mit Ihrer Methode also keinen unbekannten Täter ermitteln?«, fragt einer der Anwälte. »Ich kann zuordnen, aber ich kann nicht identifizieren«, sage ich. »Und was sagt uns das dann jetzt?«, fragt schließlich auch die Richterin. Bei wie vielen anderen Menschen in Europa käme man zu einer solchen Übereinstimmung? »So weit ist die Forschung noch nicht«, sage ich. »Dennoch gibt die Methode eindeutige Hinweise, dass die Verdächtigen mit den Männern im Video übereinstimmen.« Ich erkläre, dass die Gangbildanalyse noch nicht so gut evaluiert ist wie etwa der Abgleich von Fingerabdrücken oder DNA. Das macht es nicht besser. Auf dem Rückweg am späten Nachmittag erst wird mir klar, dass es uns nicht gelungen ist, den Menschen im Gerichtssaal die Methode verständlich zu erklären. Mein Mitarbeiter und ich fragen uns, woran das lag, und finden keine überzeugende Antwort. Viel später erst, zu spät, wird mir bewusst, dass wir zu 83
sehr in wissenschaftlichen Kategorien gesprochen haben. Es ist das klassische Problem von Wissenschaftlern, wenn sie Nichtwissenschaftlern ihre Arbeit erklären. Wir machen uns zu wenige Gedanken darüber, wie wir unsere Forschung möglichst einfach und verständlich vermitteln. Das komplette Ausmaß des Miss- und Unverständnisses ist mir jedoch nach dem ersten Verhandlungstag noch nicht bewusst. Zumal in den Medien über uns eher positiv berichtet wird: Dort überwiegt die Faszination für unsere Methode. Mein Mitarbeiter und ich beschließen daher zwar, uns auf den nächsten Verhandlungstag noch einmal intensiv vorzubereiten, unsere Methode verständlicher – oder das, was wir dafür halten – zu erklären, und sie vor allem auch am Modellierungsrechner vorzuführen. Doch der nächste Verhandlungstag mehr als sechs Wochen später wird erst recht zum Fiasko. Weil mein Mitarbeiter krank ist, fahre ich allein nach Berlin. Auf der Autobahn staut sich der Verkehr, und so komme ich mit einer Stunde Verspätung in den Gerichtssaal gehetzt. Dort will nun niemand mehr etwas von unserer neuen Methode wissen. Stattdessen werden mir die beschlagnahmten Kleidungsstücke der Angeklagten in Tüten auf den Tisch gelegt. »Haben Sie die Sachen schon mal gesehen?«, fragt ein Anwalt. »Ja«, antworte ich. »Wo?«, fragt der Anwalt. »Auf Bildern.« »Also, Sie kennen diese Asservate gar nicht?« »Doch. Aber nicht im Originalzustand.« »Was hat das dann mit Wissenschaftlichkeit zu tun?« Ich antworte, dass unser Auftrag lautete, einen Abgleich anhand von Bildmaterial zu erstellen. Doch mir wird klar, dieses Spiel kann ich nicht mehr gewinnen. Dann wird der Turnschuh aus der Plastiktüte genommen. Es ist ein linker Schuh. Im Gutachten haben wir aber den rechten Fuß als abknickend gekennzeichnet. Offensichtlich ist meinen Mitarbeitern und mir nicht aufgefallen, dass wir den falschen Schuh analysiert haben. Für die Anwälte ist damit der Punkt gekommen, an dem sie meine Glaubwürdigkeit vollends in Zweifel ziehen. »Das ist ja alles unwissenschaftlich, Sie halten sich ja an gar keine Norm!«, werfen sie mir vor. Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Wann wache ich endlich aus diesem Albtraum auf? Als sie mir dann noch nachweisen, dass das, was wir als Abrieb der Schuhsohle gedeutet haben, tatsächlich Einrieb von Dreck ist – was im Grunde die Interpretation des abknickenden Gangs genauso bestätigt, aber an der Stelle schon niemanden mehr interessiert –, weiß ich, dass es nun vollends gelaufen ist. Die Verteidigung kündigt an, gegebenenfalls einen Befangenheitsantrag gegen mich zu stellen. Das Gericht will darüber beraten, inwieweit es an meinem Gutachten festhält, und ich werde entlassen. Ich weiß nicht mehr, wie ich aus dem Saal gekommen bin. Vor dem Gerichtsgebäude atme ich tief ein und aus. Was war das da gerade? Wie ferngesteuert setze ich mich in Bewegung, laufe einfach los, in Richtung meines geparkten Autos. Dann sehe ich ein Kneipenschild, denke nicht lange nach, gehe hinein und bestelle ein Bier. Warum nur habe ich die Methode in diesem Fall angewandt? In diesem Moment bereue ich es zutiefst. Und dann dieser 84
handwerkliche Fehler mit dem Schuh! Wie konnte das nur passieren? Ich rufe meine Sekretärin an und bitte sie, die Vorlesung am Abend abzusagen. Am nächsten Sitzungstag, an dem ich schon nicht mehr dabei bin, wird die Richterin den Befangenheitsantrag ablehnen. Doch ihre Begründung lässt keinen Zweifel daran, dass auch sie nicht von unserer Methode überzeugt ist. Bei der Verkündung des Urteils wird sie erklären, dass sie meinem Gutachten keine eigene Beweiskraft zumisst. Es enthalte zu viele Unwägbarkeiten, sagt sie. Das ist ein weiterer Schlag. Wissam Remmo, einer seiner Cousins und der Wachmann werden schließlich zu Haftstrafen nach Jugendstrafrecht zwischen drei und vier Jahren verurteilt. Das Urteil beruft sich dabei vor allem auf die Gold- und Glassplitterspuren der Museumsvitrine, die an der Kleidung eines der beiden festgestellt werden konnte, sowie auf DNA-Spuren von beiden, die am Seil und dem Tatwerkzeug gefunden wurden. Zusammen mit der Video-Auswertung reicht das, um sie zu verurteilen. Der 25-jährige Bruder des Cousins wird freigesprochen. Bei ihm konnten keine Goldspuren an Kleidern nachgewiesen werden. Dass unsere Methode ihn als dritte Person im Video der Tatnacht zugeordnet hatte, spielt keine Rolle für das Urteil. Die Revision der Anwälte gegen die drei Verurteilten wird im Juli 2021 vom Bundesgerichtshof abgelehnt. SCHOCK, TROTZ UND WIE DAS DESASTER DOCH NOCH ZUM GLÜCKSFALL WIRD Zurück in Mittweida trommele ich mein Team zusammen und wir besprechen, was passiert ist, und wie es dazu kommen konnte. Ärgerlich sind vor allem die handwerklichen Fehler. In Zukunft brauchen wir zusätzliche Kontrollen. Ich beschließe, dass jedes Gutachten von nun an von drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die nicht an dem Projekt beteiligt waren, gelesen wird und dass wir dann darüber diskutieren. Doch bei der Methode selbst sind alle der Meinung, dass es nicht besser ging und wir aus dem vorhandenen Material das Beste herausgeholt haben. Wir diskutieren die Frage, ob es der richtige Zeitpunkt war, mit einer noch nicht ausgereiften Methode ein Gutachten für einen so wichtigen und brisanten Fall zu machen. Hätten wir nicht besser offensiv damit umgehen sollen, sagen, dass wir zwar eine Methode haben, dass diese aber noch in der Entwicklung steckt? Dann allerdings wäre sie vor Gericht von den Anwälten sicherlich genauso zerfetzt worden. Ich bin ratlos. Ein paar Tage später spreche ich mit einem guten Freund, der Anwalt ist und aus Interesse an beiden Sitzungstagen im Zuschauerraum saß, an denen ich mein Gutachten präsentiert habe. Er sagt mir ganz offen, dass ich im Gericht viel zu kompliziert über die Methode gesprochen habe. »Da konnte keiner folgen. Du hast mit Begrifflichkeiten hantiert, ohne sie zu erklären.« Erst nach diesem Gespräch verstehe ich vollends, dass die Sprache der Wissenschaft nicht für den Gerichtssaal taugt. Und dass die eigentliche Herausforderung darin liegt, wissenschaftliche Methoden so zu übersetzen, dass sie allgemein verständlich sind. In unsere Gutachten führe ich daher zwei neue Kapitel ein. Eins heißt: 85
Übersetzung des Auftrags in wissenschaftliche Fragen. Wir erklären darin also, wie wir den Auftrag interpretieren und welche Fragen sich für uns als Gutachter daraus ergeben. Im Goldmünzen-Prozess hätten wir an dieser Stelle erklären müssen, was eine Zuordnung mit unserer Methode eigentlich ist und wie sich diese von einer Identifizierung unterscheidet. Das andere heißt: Empfehlungen. Darin erläutern wir, was wir mit dem vorhandenen Material über die ursprüngliche Fragestellung hinaus noch untersuchen könnten. Trotzdem bin ich weiterhin so frustriert, dass ich inzwischen die gesamte Methode in Zweifel ziehe. Ich bin fast so weit, sie komplett zu verwerfen. In den folgenden Wochen besuche ich mehrere Tagungen und Workshops, dabei unterhalte ich mich in den Pausen mit Ermittlern. Automatisch kommen wir auf den Goldmünzen-Fall zu sprechen, offenbar haben viele ihn genauer verfolgt, als mir lieb ist. Zu meiner großen Überraschung stelle ich aber fest, dass die meisten der Meinung sind: Auch wenn die Methode für eine Identifizierung noch nicht ausreicht, kann sie doch während laufender Ermittlungen hilfreiche Hinweise liefern und so mit dafür sorgen, dass diese Ermittlungen in die richtige Richtung führen. Auf den Frust und die Abwehrhaltung, die Methode ganz zu verwerfen, folgt nun langsam ein Gefühl von: Jetzt erst recht. Ich will aus ihr eine wasserdichte, wissenschaftlich erforschte Methode machen. »Also«, sage ich zu meinem Team, »wir müssen uns jetzt eben hinsetzen und das alles von A bis Z durchrechnen. Was ist alles messbar? Wie lässt sich nachweisen, dass das Rig tatsächlich alle Bewegungen und Posen gleich gut wiedergeben kann? Wir müssen eine Basis an Begrifflichkeiten und evaluierten Zahlen schaffen.« Dafür brauche ich Forschungsgelder. Gemeinsam mit der Polizeihochschule Hessen, einer Leipziger Digitalfirma und der Polizeidirektion Göttingen beantrage ich ein recht großes Forschungsprojekt, um die Analyse des Rigs zu einer wissenschaftlich evaluierten Methode weiterzuentwickeln. Erst im zweiten Anlauf mit einer abgespeckten Variante geht der Antrag durch. Aber schon zuvor arbeiten wir in kleineren Projekten an der Methode weiter. An der Polizeidirektion Göttingen zum Beispiel schaffen wir in einem großen Schulungssaal eine Laufstrecke, an der fünf Kameras installiert werden, um die verschiedenen Perspektiven und ihren Einfluss auf die Bilder zu analysieren. Es handelt sich um die fünf gängigsten Überwachungskamera-Modelle, um zu klären, wie sich der Kameratyp auf die Bilder auswirkt. Auf dieser Laufstrecke führen Probanden, die vor allem aus Polizeischülerinnen und -schülern bestehen, verschiedene Bewegungen aus. Anhand der fünf verschiedenen Kameraaufnahmen werden dann die Rigs erstellt. Dadurch lernen wir zum Beispiel, dass die Methode ungenau wird, wenn die Arme ganz nach oben gestreckt oder Kniebeugen gemacht werden oder gehüpft wird. Deshalb machen wir das Rig im Schulterbereich flexibler, sodass es danach viel mehr Bewegungen abbilden kann. Mit den Forschungsgeldern kaufen wir unter anderem Datensätze aus der Bekleidungsindustrie von gleich großen Menschen mit allen Maßen, die wir für das Erstellen eines Rigs benötigen, wie zum Beispiel der Länge des Ober- oder Unterarms, der Schulter- und Beckenbreite und so weiter. Damit berechnen wir das Individualitätsmaß mathematisch exakt und können nun zeigen, dass das 86
Skelett eines Menschen mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn hoch sechs mit dem irgendeines anderen Menschen übereinstimmt. Anders gesagt: Nur eine Person aus einer Million Menschen hat dasselbe Skelett wie eine andere Person. Damit sprechen wir also nicht mehr nur über ein besonderes Merkmal, sondern nähern uns einem Identifizierungsmerkmal, was in der Wissenschaft auch als passives biometrisches Merkmal bezeichnet wird. Zum Vergleich: Das DNA-Profil eines Menschen stimmt mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn hoch 19 mit einem anderen überein, also einer Zahl, die 19 Nullen hat. Es ist also extrem unwahrscheinlich und praktisch ausgeschlossen, dass es noch einen weiteren Menschen mit demselben DNA-Profil auf der Welt gibt. Aber auch eine Übereinstimmung von eins zu einer Million ist schon sehr unwahrscheinlich. Inzwischen können wir das virtuelle Skelett eines Tatverdächtigen zudem deutlich präziser und schneller erstellen und mit einem Video abgleichen, indem wir auch die Umgebung der vermessenen Personen mitscannen und so einen virtuellen Zwilling in einem virtuellen Raum schaffen, in dem ein Meter einem realen Meter entspricht. Der virtuelle Zwilling ist dadurch bereits skaliert und kann deshalb einfach in den als 3-D-Modell rekonstruierten Tatort projiziert werden. Eine Messlatte bei der photogrammetrischen Erfassung von Verdächtigen ist daher nicht mehr notwendig, ebenso wenig wie das umständliche Abkleben der Skelett-Eckpunkte. Das wird von uns nur noch sicherheitshalber gemacht, denn es gibt inzwischen eine KI-Software, die eigenständig die Gelenkpunkte erkennt und anhand der Körpermaße berechnet. Sie wurde an Millionen von echten Menschenkörpern trainiert und kann punktgenaue Rigs erstellen. International ist das, was wir dazu erforscht haben und in der Forensik anwenden, im Moment noch einzigartig. Wichtig ist aber auch die Frage, ob es vor Gericht zulässig ist, wenn wir eine solche KI-Software zur Analyse von Bewegungen verwenden. Darüber spreche ich mit einem Professor der Universität Hannover, der einen Lehrstuhl für Rechtsinformatik innehat. Vor Gericht dürfte es dann keine Probleme geben, sagt er, wenn ich sicherstellen und nachweisen kann, dass ein bestimmtes Rig in einem Video immer den gleichen Menschen zeigt und zugleich, dass es sich bei der Software um ein abgeschlossenes System handelt, es also bei der Anwendung nicht weiterlernt. Das kann ich sicherstellen. Inzwischen ist mir auch klar geworden, dass die Bezeichnung Gangbild-Analyse Unsinn ist. Denn das, was wir untersuchen, ist nicht der Gang, sondern das Skelett eines Menschen. Darum bezeichnen wir die Methode nur noch als Rig-Analyse. Rückblickend bedauere ich es schon lange nicht mehr, dass ich die Methode am Goldmünzenfall ausprobiert habe. Ja, ich bin vor Gericht damit grandios gescheitert, habe mich blamiert und wurde bloßgestellt. Aber all das hat mich geerdet und nach dem ersten Schock meinen Widerstandsgeist herausgefordert. Ich habe viel daraus gelernt – über mich selbst und auch über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Justiz. Vor allem aber, wie wichtig es in der Forensik ist, kreativ zu bleiben und neue Wege auszuprobieren. Heute bin ich mir sicher: Der Prozess um die Goldmünze war kein Reinfall, sondern ein Glücksfall für mich. 87
KAPITEL 8 UND SIE FUNKTIONIERT DOCH: DER TANKSTELLENRAUB UND DAS SKELETT DER TÄTER Die Gelegenheit, zu zeigen, was die Rig-Analyse wirklich kann, bekomme ich ein Jahr später. Es ist kein spektakulärer Fall, aber einer, bei dem mein Team und ich entscheidend zur Urteilsfindung beitragen können. UND PLÖTZLICH ZIEHT DER MOTORRADFAHRER EINE PISTOLE Es ist eine trübe, feucht-milde Winternacht, das Thermometer zeigt acht Grad plus, als am 12. Dezember 2017 um 4.30 Uhr zwei Männer auf einer Suzuki zur Tankstelle eines Gewerbegebiets in Großweitzschen bei Chemnitz fahren. Sie halten an der beleuchteten Zapfsäule; der Beifahrer, ein Mann in dunkler Motorradmontur, auf dem Kopf einen schwarzen-roten Helm, steigt ab und schlendert zum Shop hinüber. Im Eingangsbereich des Shops bleibt der Beifahrer stehen, fasst sich an die hintere Hosentasche, als suche er etwas, und schaut dabei immer wieder hinüber zu dem Mann, der auf dem Motorrad sitzend die Maschine volltankt. Als er fast fertig damit ist, betritt der Beifahrer den Shop. Er schaut durch die Regale, wartet, bis ein Kunde den Shop verlassen hat, geht dann zum Tresen, zieht eine Pistole und befiehlt dem Verkäufer, ihm die Einnahmen des Tages zu geben. Der öffnet hektisch die Kasse, greift alle Scheine, mehrere Hundert Euro, und gibt sie dem Mann. So ruhig, wie dieser den Shop betreten hat, verlässt er ihn auch wieder. Das Geld stopft er sich dabei in die Jackentasche, als handele es sich lediglich um Wechselgeld. Gelassen setzt er sich auf die Rückbank der Suzuki, die der Fahrer in der Zwischenzeit vor der Eingangstür geparkt hat. Gemeinsam brausen die beiden davon. Nur wenige Minuten dauert der Raubüberfall, der aus mehreren Kameras der Tankstelle gefilmt wurde. Routiniert wirkt der Täter, kein Geschrei, keine Aufregung, gerade so, als sei es nichts Besonderes, nach dem Tanken im Shop statt zu zahlen die Kasse leer zu räumen. Die Fahndung nach den Tätern wird schnell eingeleitet. Doch von den beiden Männern und der Suzuki fehlt lange jede Spur. Die Polizei veröffentlicht daher nach einiger Zeit die Videoaufzeichnungen. Im November 2018 meldet sich schließlich eine Frau: Sie habe einen Helm, wie er in den Aufnahmen zu sehen sei, einem Bekannten geliehen, sagt sie: Manuel Tieberg* heißt der Mann, ein einschlägig wegen Diebstahls- und Drogendelikten vorbestrafter 30-Jähriger. Die Ermittler finden auf seinem Handy einen WhatsApp-Chat, aus dem sie auf den mutmaßlichen Beifahrer schließen: Pascal Frese*, 36, auch er ist vorbestraft. 88
Beide kommen in Untersuchungshaft. In der Nähe von Tiebergs Wohnung wird schließlich auch eine als gestohlen gemeldete Suzuki mit blauen Seitenblenden entdeckt – Blenden, wie sie auch das Motorrad in den Videoaufnahmen hat. Das Originalmodell dagegen hat keine blauen Seitenblenden. Bei Tieberg wird zudem eine Lackdose mit blauer Farbe gefunden, mit der die Seitenblenden umlackiert worden sein könnten. Im Oktober 2019 beginnt vor dem Landgericht Chemnitz das Verfahren gegen die beiden Männer. Es kommt nur schleppend voran. Den beiden Angeklagten ist schwer nachzuweisen, dass sie den Tankstellenraub begangen haben. Helme verdecken die Gesichter der Täter in den Videos, und die Verdächtigen schweigen zu den Vorwürfen. Im März 2020 ruft der Vorsitzende Richter daher in meinem Institut an und fragt, ob ich beim Identifizieren des Fahrzeugs helfen könne. Er erzählt von den Seitenblenden, der Lackdose. »Lässt sich nachweisen, dass die beiden Motorräder identisch sind, das sichergestellte und das aus dem Video der Tankstelle?«, will er wissen. Nach allem, was er mir erzählt hat, klingt das nach einer schnell zu erledigenden Aufgabe. Ich sage deshalb zu, und schon am nächsten Tag bekommen wir die Videos und Bilder der sichergestellten Suzuki sowie Aufnahmen der Farbdose. Das Original-Motorrad ist dem ursprünglichen Besitzer bereits zurückgegeben worden, daher steht es für den direkten Abgleich nicht mehr zur Verfügung. Zunächst suchen wir nach eindeutigen charakteristischen Merkmalen in den Videos und bei dem sichergestellten Fahrzeug, um sie mithilfe der Korrespondenzanalyse abzugleichen. In der Standardausfertigung des SuzukiModells sind die Seitenbleche nicht blau. Darum prüfen wir, ob der Farbwert der Lacksprühdose mit dem der Seitenbleche der Motorräder übereinstimmt, also jener Suzuki, die sichergestellt wurde, und jener, die im Video zu sehen ist. Wir nehmen dafür das Foto von der Sprühdose, fokussieren uns auf die Farbreste am Sprühkopf und zerlegen diese in Pixel. Das Gleiche machen wir mit den blauen Seitenblechen des Motorrads im Video und des sichergestellten Fahrzeugs. Der Blauwert von allen dreien ähnelt sich tatsächlich sehr. Es gibt noch weitere, sehr spezifische Merkmale beider Fahrzeuge, die wir mithilfe der Korrespondenzanalyse nachweisen können, etwa die vordere sichelförmige Rahmenverkleidung, ein markantes Heck mit Soziusgriffen, einen Stiefelschutz mit Befestigung für die Soziusfußraste, chromfarbige Spiegel mit zweifacher Unterbrechung beim Spiegelschaft und eine auffällige Form der Blende des Motorradscheinwerferlichts. Außerdem können wir mit unserer Videoanalyse zeigen, dass der Motorrad- und sein Beifahrer die ganze Zeit über Blickkontakt miteinander hatten. Der Fahrer des Motorrads könnte sich also nicht herausreden, er habe von dem Raubüberfall nichts mitbekommen – sollte er das denn vorhaben. Zwei Wochen später präsentiere ich unsere Ergebnisse vor Gericht. Es gibt wenige Fragen dazu. Am Ende weise ich im Empfehlungsteil unseres Gutachtens darauf hin, dass wir weitere Informationen aus dem Videomaterial herausholen könnten: etwa einen Abgleich der Tatverdächtigen mit den Männern in den Videos, um die Frage zu klären, ob sie sich zuordnen lassen. Die Qualität der 89
Videos ist gut genug, und inzwischen haben wir unsere Methode so weiterentwickelt, dass ich sicher bin, sie in diesem Fall erfolgversprechend einsetzen zu können. »Damit ist zwar noch keine Identifizierung wie bei einem Fingerabdruck möglich, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich nachweisen, ob sie übereinstimmen oder nicht, und gegebenenfalls lässt sich damit auch eine Täterschaft ausschließen«, erkläre ich. Der Vorsitzende Richter und der Staatsanwalt sind sofort daran interessiert. Die beiden Anwältinnen der Angeklagten fragen skeptisch nach. Sie wollen wissen, wie die Methode funktioniert und was genau damit nachweisbar ist. »Wir beraten uns mit unseren Mandanten«, sagen sie schließlich. Am Ende willigen sie ein. Bis zum nächsten Verhandlungstag fahren wir darum zur Tankstelle und vermessen diese, um von ihr ein 3-D-Modell nachbauen zu können. Die Aufnahmen der Tatverdächtigen sollen wir in einem der Gerichtssäle machen, weil beide in Haft sitzen. Es ist tatsächlich einfacher und schneller, einen Sitzungssaal zu reservieren und umzuräumen, als uns ins Gefängnis mit all den aufwendigen Sicherheitsprüfungen zu bekommen. Wir beginnen mit Manuel Tieberg, dem Fahrer des Motorrads. Als er in den Saal geführt wird, glaube ich zunächst, es handele sich um eine Verwechslung: Der Mann, den die Polizisten hereinführen, ist durchtrainiert und sieht gesund aus; seine dunklen Haare sind frisch geschnitten, sein Backenbart gestutzt. Die Bilder in seiner Akte hatten einen abgemagerten und von Drogen gezeichneten jungen Mann gezeigt. Tieberg scheint sich im Gefängnis stabilisiert zu haben. Er ist höflich, interessiert und macht alles bereitwillig mit. Nur ausziehen mag er sich nicht. Er habe keine Unterwäsche an, sagt er. Also fotografieren wir ihn mit hochgekrempelter Hose und im T-Shirt. Während ich ihn vermesse, erzählt er mir, dass er dabei sei, seinen Schulabschluss nachzumachen. Er scheint auf einem guten Weg zu sein. Pascal Frese dagegen können wir erst Wochen später vermessen. Er war im Gefängnis offenbar wieder an Drogen gekommen und hatte deshalb zwischenzeitlich psychische Probleme. An dem Tag, als wir ihn vermessen, kommt er jedoch entspannt in den Saal geschlendert. Er ist deutlich kleiner als Tieberg, zurückhaltender auch, aber höflich. Auch er macht alles bereitwillig mit. EIN ÜBERRASCHENDES ERGEBNIS Zurück im Labor nutzen wir die Daten, um mithilfe der bereits erwähnten KISoftware die virtuellen Skelette, also die Rigs der Tatverdächtigen zu erstellen. Wir passen die Überwachungskameras im 3-D-Modell an den Stellen ein, wo sie in der realen Tankstelle auch angebracht sind. Komplizierter ist es für den Verkaufsinnenraum. Der Tankstellenbesitzer hat inzwischen gewechselt und die Kameras im Innenraum an anderer Stelle einbauen lassen. Wir tauschen uns mehrfach mit der Firma aus, die den Auftrag ausgeführt hat, und beschließen schließlich, die Videos aus dem Innenraum nicht zu nutzen, weil ihre Positionen nicht exakt genug zu rekonstruieren sind. Die Aufnahmen der Außenkameras reichen aber für einen Rigabgleich. Dafür erstellen wir zunächst die virtuellen 90
Skelette der Männer im Video – was wir zu dieser Zeit ebenfalls schon deutlich schneller können als zuvor, weil wir auch hierfür eine KI-Software nutzen. Diese gleichen wir dann mit den Rigs der photogrammetrisch vermessenen Tatverdächtigen ab. Das Ergebnis überrascht mich: Das Rig von Manuel Tieberg und dem draußen wartenden Fahrer des Motorrades stimmt klar überein. Pascal Freses Rig dagegen, der als Sozius den Raub durchgeführt haben soll, passt nicht zu dem des Tankstellenräubers im Video: Er ist viel kleiner und schmächtiger. Ich überprüfe noch einmal die Daten. Habe ich mich mit den Kameras vertan? Mit der Positionierung? Ich checke alles gründlich und passe die Videoaufzeichnungen am Computer neu ein. Das Ergebnis bleibt gleich: Freses Rig ist um sieben Zentimeter kleiner als das des Beifahrers im Video. Ich bitte zwei meiner Mitarbeiter, unabhängig voneinander die Rigabgleiche für beide Verdächtigen im Modell durchzuführen und die Daten zu überprüfen. Auch sie kommen zum gleichen Ergebnis: Freses Daten stimmen nicht mit jenen aus den Videos überein. Tiebergs dagegen sind eindeutig dem des Motorradfahrers zuzuordnen. Danach gleichen wir die Rigs der beiden Tatverdächtigen noch mit einer unbeteiligten, in den Videos eingangs zu sehenden dritten Person ab. Und wir vergleichen sie mit den Rigs, die wir von Menschen erstellt haben, deren Daten wir von der Bekleidungsindustrie gekauft haben und die vergleichbare Körpermaße wie Tieberg und Frese besitzen. Es ist kein Zufall: Nur Tiebergs Rig passt zu dem des Motorradfahrers im Video, Freses dagegen zu keinem. Ich schaue noch einmal in die Akten. Gibt es irgendeinen Ansatzpunkt, den wir übersehen haben? Wie wurde Frese eigentlich zum Tatverdächtigen? Es gab mehrere Chats in Tiebergs Handy, in dem er und Frese sich über einen möglichen Raub austauschen, allerdings wirkte es in dem Chat so, als versuche Tieberg, seinen Freund zu dem Überfall erst noch zu überreden. Außerdem gibt es eine Zeugin, die aussagte, Tieberg hätte mit mehreren Männern in einer Spielothek über einen geplanten Überfall auf eine Tankstelle geredet; auch Freses Name sei dabei gefallen. Aber hätte nicht auch einer der anderen Männer der zweite Täter sein können? Am Ende kommen wir zu dem Schluss, dass die Indizien, die in den Akten zulasten von Pascal Frese gehen, weicher sind als unsere Daten. Vor Gericht präsentiere ich am nächsten Verhandlungstag unsere Ergebnisse: Diesmal erkläre ich die Riganalyse ausführlich, demonstriere sie an einer Holzpuppe und versuche Wissenschafts-Slang zu vermeiden. Ich erläutere den Unterschied zwischen Zuordnung und Identifizierung und zeige, dass wir inzwischen eine valide Statistik haben, die die Zuverlässigkeit der Zuordnung untermauert. Je länger ich das Gutachten präsentiere, desto ruhiger werde ich. Als ich erkläre, dass Pascal Frese wegen seiner Körpergröße nicht der Beifahrer gewesen sein kann, da sein Rig nicht zu dem im Video passt, nickt seine Anwältin zufrieden. Sie hat keine weiteren Fragen. Tiebergs Verteidigerin dagegen löchert mich – was zu erwarten war. Sie fragt nach der Verlässlichkeit der Methode, nach einzelnen Daten, und fordert das Zahlenmaterial an, um es von einem anderen Gutachter nachrechnen zu lassen. Ich beantworte alle ihre Fragen und lasse ihr die Daten zukommen. In der nächsten Sitzung ist von einem weiteren Gutachter allerdings keine Rede mehr, stattdessen stellt die Anwältin 91
einen Befangenheitsantrag gegen mich und meinen Kollegen. Sie zweifelt nun plötzlich die Qualität der Methode an. Stundenlang sitzen wir während der Beratung des Gerichts vor dem Saal. Doch diesmal bin ich entspannt. Ich weiß, dass die Methode funktioniert und vor allem, dass jedes Detail erklärbar ist, dass ich jede fachliche Nachfrage beantworten kann. Wir haben inzwischen viel mehr Erfahrung und besitzen mehr Daten, die die Zuverlässigkeit unserer Methode belegen. Einige Stunden später werden wir wieder hineingebeten. Der Befangenheitsantrag ist abgelehnt. Die Anwältin hat noch ein paar Fragen, ich kann alle beantworten und schlüssig erklären. Schließlich fragt der Richter: »Gibt es noch weitere Fragen?« Staatsanwalt und Verteidigerinnen schütteln die Köpfe. Wir werden entlassen. Als ich auf dem Weg nach Hause im Auto sitze, klingelt mein Handy. Der Vorsitzende Richter ist dran: »Professor Labudde, sind Sie sich wirklich sicher, dass es Pascal Frese nicht gewesen sein kann?« »Ja«, sage ich spontan. »Dann muss ich ihn jetzt freisprechen«, sagt der Richter. In meinem Hirn rattert es: Von meinen Berechnungen hängt nun also ab, ob jemand freigesprochen wird. Was für eine Verantwortung! Ich wollte mit meinen Methoden immer nur ein Baustein in einem Verfahren sein, gern ein wichtiger, der das Gesamtbild ergänzt und so hilft, einen Fall zu lösen. Doch nun ist mein Gutachten jener Baustein, der über Freispruch oder Verurteilung entscheidet. Die Verantwortung ist immens, und sie ist ungewohnt für mich. »Drei Menschen, zwei meiner Mitarbeiter und ich, haben unabhängig voneinander die Daten berechnet und kommen zu der gleichen Aussage: Frese kann nicht der Mann im Video sein. Ja, ich bin mir sicher«, sage ich dem Richter. Danach denke ich noch tagelang an Manuel Tieberg. Er war mir sympathisch, schien sich ändern und etwas aus seinem Leben machen zu wollen. Es hätte mich gefreut, wenn auch sein Rig nicht mit dem im Video übereingestimmt hätte. Aber die Beweislast war zu groß, nicht nur sein virtuelles Skelett hat ihn überführt. Er wird zu fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Pascal Frese wird mit Verweis auf unser Gutachten freigesprochen. Die Rig-Methode funktioniert. Und sie hat sich nun auch vor Gericht bewährt. 92
EXKURS DIE ZUKUNFT DER FOTO- UND VIDEOANALYSE Eine junge Frau lächelt in die Kamera. Hinter ihr ist undeutlich eine Autobahn zu erkennen. Fahrzeuge bewegen sich darauf wie punktförmige Schatten. »Stopp«, ruft die Ermittlerin und zeigt auf den Bildschirm. Die IT-Forensikerin hält das Video mit der lachenden Frau an, das sie gerade auf dem Bildschirm abspielt. Die Ermittlerin zeigt auf die dunklen Punkte: »Zoom doch bitte mal die Straße ran.« Mit wenigen Klicks holt die Forensikerin die Autobahn näher heran, immer deutlicher ist die Straße zu erkennen, auch die darauf fahrenden Autos. Was gerade noch eine Punktwolke war, ist nun ein roter Porsche. Ein paar Klicks weiter, und der Fahrer des Porsches bekommt ein Gesicht. »Guck mal an, wen wir da haben!«, ruft die Ermittlerin … Wir alle kennen solche oder ähnliche Szenen aus Krimis. Meist sind es nicht einmal Science-Fiction-Filme, sondern sie spielen in der Gegenwart. Doch das echte Leben ist oft noch weit entfernt von solchen Szenarien. Denn die Auswertung von Fotos und Videos stößt, wie in den vorangegangenen Kapiteln gezeigt, vielfach an Grenzen, die eng gesetzt sind durch die Qualität der Aufnahmen: Sieht es auf einem Foto oder in einem Video aus wie Russland im Schnee, ist also die Auflösung schlecht, wurde aus großer Entfernung gefilmt, gibt es Verwacklungen, schlechte Lichtverhältnisse – in all diesen Fällen können wir bislang noch nicht viel machen, um die gesuchten Informationen aus einem Bild oder Video herauszulesen. Im Moment wird deshalb daran gearbeitet, die Qualität von Bildern und Videos so zu verbessern, dass Objekte auch aus großer Entfernung und mit schlechter Auflösung noch zu erkennen und identifizieren sind. Softwareprogramme, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, spielen hierfür eine entscheidende Rolle, wie ich im Hells-Angels-Prozess gezeigt habe. Dabei geht es im ersten Schritt noch nicht darum, fehlende Informationen zu ergänzen, sondern Bilder zu »entrauschen«, also Kontraste besser herauszuarbeiten, eine Aufnahme damit schärfer und besser auswertbar zu machen. Erst in einem zweiten Schritt gilt es dann, mithilfe von zu ergänzenden Informationen Näherungswerte zu berechnen, wie etwas nur undeutlich zu Erkennendes tatsächlich aussehen könnte. Wie heikel das vor allem für die juristische Bewertung sein kann, haben wir ebenfalls im Hells-Angels-Prozess gesehen. Die Herausforderung liegt darin, dass Bildverbesserungssoftware, die mit künstlicher Intelligenz arbeitet, nur das ergänzen beziehungsweise weglassen darf, was tatsächlich da war. Dafür muss sie aber in Zukunft auch trainiert sein, also mit Bildern, die in Alltagssituationen verbrechensnahe Gegenstände wie Waffen, 93
gefährliche Werkzeuge oder Ähnliches zeigen, damit sie diese auch in solchen Umgebungen erkennen kann. EINE DATENBANK FÜR VIRTUELLE SKELETTE VON STRAFTÄTERN Einfacher und schneller wird in Zukunft unsere Riganalyse anzuwenden sein. Im Moment kann ein virtueller Zwilling nur über das umständliche photogrammetrische Vermessen von Menschen erstellt werden. Dafür ist es notwendig, eine Kamera um eine Person herumzuführen, oder wie wir es tun: diese Person auf einen Drehteller zu stellen. Schon bald wird es Boxen geben, die rundum mit Kameras ausgestattet sind. Tatverdächtige brauchen in diese nur einzutreten, damit von ihnen, ohne dass sie gedreht werden müssen, ein photogrammetrischer Scan erstellt wird, der in Sekundenschnelle einen virtuellen Zwilling von ihnen erschafft. Dadurch kann ein Abgleich zwischen einer Person im Video und dem virtuellen Zwilling deutlich schneller erfolgen. Habe ich also Videos, die einen Menschen bei unterschiedlichen Taten zeigen, und will ich wissen, ob es sich um jeweils dieselbe Person handelt, kann ich sie einfach mithilfe der Rig-Methode abgleichen. Da immer mehr Menschen von sich Bilder und Videos ins Netz stellen, etwa auf Social-Media-Portalen, könnte theoretisch auch nach einem Tatverdächtigen gesucht werden, indem die frei zugänglichen Videos mit den Menschen, die von Überwachungskameras bei Straftaten gefilmt wurden, abgeglichen werden – allerdings mit den gleichen datenschutzrechlichen Problemen und Gefahren, die Gesichtserkennungs-Software so umstritten macht, wie ich gleich noch zeigen werde. Denkbar ist zudem, dass es irgendwann vergleichbar zu anderen forensischen Datenbanken wie jene für DNA oder Fingerabdrücke von Straftätern auch solche für Rigs geben wird. Die Herausforderung hierbei ist im Moment noch, dass die Skalierung der unterschiedlichen Videos aus unterschiedlichen Kameras und Perspektiven nicht übereinstimmt, also die Entfernungs- und Raummaße nicht identisch sind. Hierfür müssen erst noch Umwandlungsprogramme geschrieben werden, sogenannte Converter, die genau dies in kurzer Zeit können. Daran wird zurzeit gearbeitet. Einfacher wird es, wenn in Zukunft Kameras hologrammfähig sind. Das heißt, sie machen statt 2-D- standardmäßig 3-D-Aufnahmen und zwar nicht wie jetzt herkömmliche 3-D-Kameras, indem sie die räumliche Anordnung nur als Messpunkte speichern und anschließend im Computer in eine 3-D-Darstellung übertragen. Sondern indem Objekte oder Szenen gleich in drei Dimensionen erfasst werden. Dabei wird das Abzubildende mithilfe eines Lasers abgetastet, die Bildinformationen werden zerlegt und samt räumlicher Anordnung an ein entferntes Ziel weitergeleitet. Dort wird diese Information mithilfe von Lasern erneut zusammengesetzt. Der Betrachter sieht die Lichtwellen des Gegenstandes dann so, als seien sie direkt vom Original in seine Augen gestreut worden. Hologramm-Aufnahmen haben den Vorteil, dass die Relation der Maße zueinander bereits vorliegt, also wie groß einzelne Objekte in einem Raum und 94
die Entfernungen zwischen ihnen sind. Wären gleichzeitig die 3-D-Daten von öffentlichen Orten und Gebäuden frei zugänglich, was teilweise schon der Fall ist, ließe sich dieser Prozess der Identifizierung zusätzlich beschleunigen. Denkbar ist zudem, dass mithilfe von virtuellen Skeletten auch Bewegungen vorhersagbar werden. Fehlen zum Beispiel bei einer Videoaufnahme Teile, lassen sich diese durch die vorherigen Szenen weiterführen. Natürlich liegen darin auch große Gefahren. Bei der juristischen Bewertung muss sichergesellt sein, dass diese Ergänzungen nur Möglichkeiten darstellen. Nachgewiesen würde dann zwar, dass eine Person eine entsprechende Bewegung ausgeübt haben kann. Sie muss es aber nicht. Umgekehrt werden derart verbesserte Softwareprogramme auch Deep Fakes ermöglichen, also Aufnahmen, die künstlich am Computer hergestellt wurden, täuschend echt aussehen und den Verdacht auf eine unschuldige Person lenken. Daher wird in Zukunft eine große Herausforderung darin liegen, gefälschte Videos von echten zu unterscheiden und entsprechende Software dafür zu entwickeln. Doch gleichzeitig können auch Strafverfolgungsbehörden diese Fakes für ihre Ermittlungen nutzen und tun dies auch bereits, etwa in Fällen von Kindesmissbrauch. Pädokriminelle fordern nämlich häufig sogenannte »Keuschheitsproben«, also neue, bisher unbekannte Darstellungen von Kindesmissbrauch, bevor sie Interessierten Zugang zu geschlossenen Foren im Internet gewähren, in denen Missbrauchsvideos und bilder getauscht werden. Ermittlern blieben diese Foren lange Zeit verschlossen, denn sie dürfen keine verbotenen Fotos und Videos verwenden, die echte Missbrauchssituationen zeigen. Seit Februar 2020 ist es in Deutschland verdeckt ermittelnden Polizisten nun erlaubt, künstlich am Computer generierte Darstellungen von Kindesmissbrauch, also Fake-Bilder und -Videos, einzusetzen.14 Eine Technologie, die auch Verbrecher einsetzen, um zu täuschen und zu betrügen, darf nun genutzt werden, um Pädokriminelle zu überführen. GESICHTER UND RÄUME IN BILDERN UND VIDEOS ERKENNEN Ermittler verbringen heute viel Zeit damit, Videos und Fotos zu sichten, um auf ihnen bestimmte Objekte oder Personen wiederzuerkennen. In Zukunft wird das einfacher und schneller möglich sein, weil eine KI-Software diese Aufgabe übernehmen wird. Längst kann mithilfe von intelligenten Systemen aus Millionen von Bildern dasselbe Gesicht wiedergefunden werden. Diese für das Auffinden von Personen als Facial Recognition (Gesichtserkennung) bekannt gewordene Technologie ist recht weit entwickelt. Meta zum Beispiel erreicht nach eigenen Angaben mit seiner DeepFace-Software eine Genauigkeit von 97,35 Prozent.15 Andere Softwareprogramme wie etwa die der US-Firma Clearview, deren Auswertungs-App von Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten wie dem FBI und der CIA eingesetzt wird, versprechen ähnlich gute Werte.16 Allerdings gilt dies bislang nur dann, wenn auch ein Gesicht erkennbar ist. Sind wesentliche Teile des Gesichts verdeckt, ist die Trefferquote erheblich geringer. 95
Doch der Widerstand und die Debatten, die Gesichtserkennungs-Software auslöst, zeigt auch, wo die Gefahren liegen. Vor allem aus datenschutzrechtlichen Gründen sind in den letzten Jahren die Proteste immer lauter geworden. Im Januar 2020 etwa berichtete die New York Times darüber, dass Clearview für den Gesichtsabgleich eigene Datenbanken mit mehr als drei Milliarden Bildern nutzt, die das Unternehmen aus frei zugänglichen Quellen im Internet absaugt – von sozialen Netzwerken genauso wie von Firmen- und Nachrichtenseiten. Die Menschen, denen diese Bilder gehören, haben nie eingewilligt, dass sie gespeichert werden dürfen.17 Die Debatten, die nach der Veröffentlichung losbrachen, führten dazu, dass Pläne, ähnliche Systeme in Deutschland für die Polizei einzuführen, erst einmal auf Eis gelegt wurden.18 Aktuell wird eine europaweite Regelung für den Einsatz von als hochriskant eingestufter künstlicher Intelligenz diskutiert, worunter auch biometrische Erkennungssoftware fällt. Ein Resolutions-Entwurf, der ihrem Einsatz enge Grenzen setzen soll, liegt bereits vor.19 Ende 2021 kündigte der Meta-Konzern zudem an, was andere große Techunternehmen wie Microsoft oder Google schon zuvor beschlossen hatten: die Gesichtserkennungs-Anwendungen auf seinen Plattformen wie Facebook zu löschen. Befürchtet wird vor allem ein Missbrauch in Zeiten, da immer mehr Fotos und Videos von Menschen im Internet eingestellt und geteilt werden. Es drohe Überwachung, so die Sorge vieler. Daran weiter forschen will Meta dennoch.20 Es ist also ein schmaler Grat, auf dem die Forensik mit dem Einsatz von KISoftware balanciert. Die Chancen sollten dabei aber nicht aus dem Blick geraten. Ermittlern ersparen diese KI-Lösungen nicht nur langwierige Suchen, sondern in Zukunft auch psychische Belastungen, indem sie ihnen etwa das Sichten von Bildmaterial, das Kindesmissbrauch zeigt, zumindest teilweise abnehmen. Häufig werden in entsprechenden Fällen riesige Datenmengen sichergestellt, die durchforstet werden müssen. Um diesen Prozess zu beschleunigen, hat etwa das Landeskriminalamt Niedersachsen eine selbstlernende Software entwickelt, die mit recht hoher Wahrscheinlichkeit sexuelle Situationen auf Bildern und in Videos von anderen Situationen unterscheiden kann.21 Die finale Suche nach Darstellungen von Kindesmissbrauch in den so vorsortierten Bildern müssen zwar immer noch Menschen vornehmen, doch bereits dieses Vorsortieren erspart den Ermittlern unendlich viel Zeit. In Zukunft wird diese Art von Bildauswertung weiter verbessert, sodass sie irgendwann Bildmaterial, das eindeutig Kindesmissbrauch zeigt, eigenständig von anderen, etwa pornografischen Fotos und Videos unterscheiden kann. Polizistinnen und Polizisten müssen dann nur noch in Stichproben die digitale Auswertung überprüfen. Schwierig wird es hierbei vor allem, wenn es nicht mehr nur darum geht, Menschen in bestimmten Konstellationen zueinander zu erkennen, sondern im besten Fall auch die Räume, in denen sie sich aufhalten und Strafbares tun, also die Ereignis- bzw. Tatorte. Das kann dabei helfen, etwa Kinder aus einer Missbrauchssituation zu befreien, weil sich der Ort, an dem ihnen Gewalt angetan wird, identifizieren lässt. Im Moment tun sich intelligente Systeme damit noch deutlich schwerer als mit der Erkennung von Gesichtern. Denn Räume können 96
durch Gegenstände wie Möbel, Tapeten, Vorhänge oder Teppiche, die sich in ihnen befinden, stark verändert aussehen. Die Maße innerhalb von Räumen müssen skalierbar sein, es braucht also Referenzpunkte, damit sie miteinander abgeglichen werden können. Das ist die Voraussetzung für die Ortserkennung. Gibt es in Zukunft standardmäßig 3-D-Aufnahmen, dann wird sich dieses Problem von allein lösen. Denn dann kann die Software Entfernungen und Maße etwa von Fenstern und Türen zueinander oder andere unveränderliche Merkmale eines Raums automatisch bestimmen. Sie kann also erkennen, ob es sich um denselben Raum handelt, auch wenn er komplett umdekoriert wurde. INTELLIGENTE SOFTWARE, DIE BILDER INTERPRETIEREN KANN Ist dies möglich, werden intelligente Systeme irgendwann auch in der Lage sein, die Semantik in Aufnahmen zu erkennen. Sie werden also Situationen, die in einem Foto oder Video zu sehen sind, interpretieren können. Das ist eine ungleich größere Herausforderung, denn dazu muss der Software beigebracht werden, Interaktionen zwischen Menschen richtig zu deuten. Gelingt dies, können auch gezielt strafbare Konstellationen, Handlungen oder auch Dialoge in Videoaufnahmen abgefragt werden22, etwa: Suche zwei Männer, die bei einem roten Auto stehen, sich anschreien und dann prügeln. Mit dieser Form von semantischer Abfrage lässt sich dann etwa ein überwachter Platz analysieren und gezielt herausfinden, wann und wo genau dort eine mit entsprechenden Attributen zu beschreibende Straftat stattfand. Teilweise sind solche KI-Softwares bereits im Einsatz.23 All diese Entwicklungen werden in Zukunft die Arbeit von Ermittlern erleichtern. Denn wir leben in einer Welt, die immer stärker visuell geprägt ist. Es gibt mehr Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen und im privaten Raum, Menschen posten in sozialen Netzwerken immer häufiger Videos und Bilder von sich selbst und anderen. Je visueller die digitale Welt wird, desto wichtiger werden entsprechende Aufnahmen als Beweismittel. Doch die Gefahren liegen ebenfalls auf der Hand: Es droht nicht nur wie bereits geschildert die Fälschung von entsprechenden Aufnahmen durch künstlich erzeugte Bilder und Videos, die täuschend echt wirken. Es droht auch eine lückenlose Überwachung durch Strafverfolgungsbehörden, die mithilfe der Spuren, die Tatverdächtige im digitalen Raum hinterlassen, komplette Bewegungsprofile erstellen könnten. Eine gesetzliche Regelung ist hier dringend notwendig, der Einsatz entsprechender intelligenter Systeme muss politisch und juristisch kontrolliert werden. 97
KAPITEL 9 DEN TOTEN EIN GESICHT GEBEN Es ist ein grauer, kühler Tag Anfang März 2021, das Thermometer steht bei drei Grad, als Fritz Gertenkort* sich gegen 14 Uhr auf den Weg macht. Der Rentner will in einem Wald nahe der Samtgemeinde Freden im Landkreis Hildesheim seine Kamera aufhängen, um Wildtiere zu beobachten. Gertenkort läuft auf einem Trampelpfad über eine Wiese, erreicht den Waldrand, schlägt sich durchs Unterholz. Gleich wird er an der abgelegenen, schwer zugänglichen Stelle sein, die er sich für die Kamera ausgesucht hat. Er kennt sie schon von früheren Wanderungen. Plötzlich sieht er eine zerfetzte dunkle Hose auf dem Boden liegen, einige Meter weiter entfernt einen rechten schwarzen Adidas-Turnschuh mit den drei weißen Streifen. Es ist der Schuh eines Erwachsenen, Größe 44. Er fragt sich, wer die Sachen hier wohl abgelegt haben mag. Sein Blick folgt dem Pfad und bleibt ein paar Meter weiter an etwas hängen, das wie ein Skelett aussieht: eine bräunliche Masse, offenbar ein bäuchlings liegender Torso, zwei Beinknochen, am linken fehlen der Unterschenkel und der Fuß. Schockiert tritt Fritz Gertenkort näher heran, sieht, dass der Schädel abgetrennt links neben dem Torso liegt, sieht den linken Schuh etwa einen Meter neben dem rechten Oberschenkel des Skeletts liegen, der Schnürsenkel fehlt. Er greift nach seinem Handy und ruft die Polizei. Wenig später kommt erst ein Polizist der Dienststelle Alfeld zum Fundort und wenig später die Spurensicherung. Das Team der Polizeiinspektion Hildesheim, drei Ermittler, drei Kriminaltechniker, eine Rechtsmedizinerin der Hochschule Hannover, untersucht die Leiche und dokumentiert die Spuren. Die Kriminaltechniker entdecken Teile eines roten Langarmshirts am Torso ebenso wie einen Schnürsenkel, der auf dem Oberkörper liegt. Die linke, nach oben geöffnete Hand ragt auf der rechten Seite des Torsos heraus; als sie diesen vorsichtig anheben, kommt der linke Arm darunter zum Vorschein, auf dem der Oberkörper liegt. Der linke Unterschenkel samt Fuß fehlt. Am abgetrennten, schon skelettierten Schädel befinden sich noch dunkle kurze Haare. Das Gebiss ist bis auf zwei Zähne vollständig, die sich offenbar in dem Totenschädel gelockert haben und auf dem Boden unter dem Schädel liegen. An verschiedenen Stellen des Skeletts haben sich Tiere an der Leiche zu schaffen gemacht. Neben dem rechten Turnschuh liegt ein Küchenmesser mit einer etwa zehn Zentimeter langen Klinge. Wenige Meter davon entfernt finden die Ermittler eine Brille mit Hugo-Boss-Gestell. Sie untersuchen die Hose, eine dunkle Jeans, und stellen fest, dass der Reißverschluss und der Knopf am Hosenbund geschlossen sind; die Hosenbeine sind zerfetzt und nur noch teilweise vorhanden. Mit einer Metallsonde wird der Fundort später noch einmal 98
untersucht, dabei wird ein Einwegfeuerzeug der Marke BIC ganz in der Nähe gefunden, außerdem ein Tablettenblister mit dem Aufdruck ASS TAH der Marke ratiopharm, ein Blutverdünner. Hinweise auf die Identität des Toten geben die Funde nicht. Die Leiche wird in die Rechtsmedizin nach Hannover gebracht. Bei der Obduktion lässt sich die Todesursache nicht mehr feststellen, zu stark ist die Verwesung bereits fortgeschritten. Allerdings deutet auch nichts darauf hin, dass dem Mann Gewalt angetan wurde. Hinweise auf ein Verbrechen finden sich also nicht – ausgeschlossen werden kann es aber auch nicht. Dass Leichenteile fehlen oder vom Körper abgetrennt sind, lässt sich durch Tiere erklären: Füchse, Dachse oder Wildschweine, aber auch Vögel haben vermutlich Teile der Leiche angefressen und weggeschafft. Auch die geschlossene Hose dürften sie von der Leiche gezerrt haben, nachdem diese begann, sich zu zersetzen. Die Obduktion ergibt, dass es sich um die Leiche eines 40 bis 50 Jahre alten Mannes handelt, anhand des Oberschenkelknochens wird seine Größe auf etwa 1,70 Meter geschätzt. Im Gebiss des Mannes finden sich aufwendige, hochwertige Zahnarbeiten wie Brücken, Kunststoffkronen, Keramikfüllungen, auch eine zweifache Wurzelkanalbehandlung ist erkennbar. Der Mann war stark kurzsichtig, hatte dunkle Haare. Die Leiche muss mindestens mehrere Monate, könnte aber auch schon wenige Jahre im Wald gelegen haben, folgern die Rechtsmediziner. Der DNA-Abgleich mit dem Fahndungssystem der Polizei zeigt keinen Treffer an. Auch die Vermisstenanzeigen stimmen nicht mit den Daten des Mannes überein. Die Medien werden informiert und berichten über den unbekannten Toten. Einige Hinweise gehen daraufhin ein, doch sie alle führen auf falsche Fährten. Niemand, so scheint es, kennt oder vermisst diesen Mann. Weil es sich auf den ersten Blick nicht um ein Verbrechen handelt, kümmert sich irgendwann nur noch eine Kriminaloberkommissarin darum, die Identität des Mannes herauszufinden. Zunächst hofft Eva Brandt*, dass die aufwendigen Zahnarbeiten und das entsprechende Gutachten dazu ihr weiterhelfen. Sie gibt es an die Zahnärztekammer und in entsprechende Foren, bittet um Verbreitung in der Hoffnung, dass eine Praxis die Daten einem ihrer Patienten zuordnen kann. Vergeblich. Sie hofft zudem, dass die Brille des Mannes sie weiterbringt. Optiker haben festgestellt, dass die Gläser extrem hohe Zylinderwerte besitzen. Bei Deutschen seien diese eher selten anzutreffen, bei Männern aus dem arabischen Raum, vor allem dem Maghreb, indes weit verbreitet. Brandt schreibt Augenärzte und diverse Optikerforen an, fragt, ob jemand einen Kunden mit solchen Brillengläsern in seinen Dateien findet. Doch auch diese Spur führt ins Leere. Ein Phantombild müsste man haben, denkt Brandt. Von einem Mitarbeiter der Polizeidirektion Göttingen, mit dem wir schon ein paarmal zusammengearbeitet haben, erfährt sie schließlich von mir und dass ich am Computer Gesichtsrekonstruktionen anhand von Totenschädeln fertige. WAS SCHÄDELKNOCHEN ÜBER DAS GESICHT VERRATEN 99
Tatsächlich habe ich zu jener Zeit bereits einige Erfahrung mit digitaler Gesichtsrekonstruktion. Die klassische, also analoge Gesichtsweichteilrekonstruktion wurde schon in den 40er-Jahren von Anthropologen entwickelt und danach weiter verfeinert. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass die Knochenstruktur des Schädels entscheidend für das Aussehen eines Menschen ist. Experimente mit Toten bestätigten dies Anfang des letzten Jahrhunderts und schufen die Grundlage für die spätere manuelle Gesichtsweichteilrekonstruktion. Sie kommt seitdem immer dann ins Spiel, wenn es nur noch das Skelett eines Menschen gibt und ansonsten keinerlei Hinweise darauf, wer die Person ist, zu der die Knochen gehören. Mit ihrer Hilfe wird den Toten ein Gesicht gegeben, sodass danach im besten Fall Angehörige, Bekannte, Freunde oder Zeugen sie wiedererkennen und identifizieren. In der klassischen, manuellen Form ist die Gesichtsweichteilrekonstruktion eine aufwendige Methode, die einige Nachteile mit sich bringt: Der Schädel muss zunächst mithilfe von Ton oder Gips abgeformt werden. Anschließend sind an dem so geschaffenen Modell sogenannte anatomische Weichteilmarker anzubringen. Diese markieren die Abstände zwischen Knochen und Haut, also die Dicke der Weichteile wie Muskeln, Gewebe und so weiter. Früher wurden diese Werte mit Nadeln an Leichen gemessen. Dabei zeigte sich, dass diese Marker an bestimmten anatomischen Punkten des Schädels abhängig vom Alter, Geschlecht, dem Ernährungs- und Lebensstil sowie der Ethnie immer ähnlich ausfallen. Heute stehen moderne bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie (CT) zur Verfügung. Dadurch ist der Datensatz für die entsprechenden Durchschnittswerte deutlich genauer geworden. Mithilfe dieser Marker werden die Gesichtsweichteile durch verschiedene Materialien wie Kunststoff, Ton oder Wachs modelliert. Allerdings lässt sich so bei der manuellen Gesichtsweichteilrekonstruktion nur ein einziger Gesichtsausdruck zeigen. Bekanntlich kann ein Gesicht je nach Mimik aber sehr verschieden aussehen. Werden außerdem zusätzliche Informationen gewonnen, etwa dass der Mensch eine auffällige Narbe oder dergleichen hatte, können diese nicht mehr oder nur sehr schwer nachträglich eingefügt werden. All dies führte bei mir irgendwann zu der Frage, ob das nicht auch einfacher und mit größerer Flexibilität digital ginge. Ein dreidimensionales Computermodell ließe sich jederzeit an zusätzliche, neu gewonnene Informationen anpassen, könnte aus verschiedenen Perspektiven, mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken per Knopfdruck innerhalb kürzester Zeit variiert werden. Also begann ich mit einem Mitarbeiter nach entsprechenden Softwareprogrammen zu suchen. Tatsächlich gab es bereits einige computergestützte Methoden zur Rekonstruktion von Gesichtern, auch dreidimensionale, die sich auf bildgebende Verfahren wie CT-Daten und Röntgenbilder stützen und sowohl Modelling- als auch Animationssoftware anwenden. Doch zum einen sind das recht teure Programme, zum anderen boten sie nicht die Möglichkeiten, sie an unsere Bedürfnisse anzupassen. Mein Team und ich begannen daher, uns frei zugängliche Open-Source-Software anzuschauen, mit der unter anderem ein iranischer Forscher in Großbritannien arbeitet, um archäologischen Skeletten ein 100
Gesicht zu geben:24 die von uns ohnehin bereits genutzte 3-D-Grafiksoftware Blender sowie InVesalius, ein Programm, mit dem bildgebende Verfahren in Netzstrukturen umgewandelt werden können. Wir experimentierten mit den Programmen und fügten Funktionen für unsere forensischen Bedürfnisse ein, etwa die anatomischen Landmarken. Tatsächlich eigneten sich die Programme dafür ganz hervorragend. Als Eva Brandt im Juli 2021 also bei mir im Labor anruft, haben wir mithilfe der so entwickelten Software bereits einige Gesichtsweichteilrekonstruktionen am Computer erstellt. Zum ersten Mal 2016 bei einer ebenfalls unbekannten Leiche, einem älteren Mann, dessen Schädel uns die Polizeidirektion Chemnitz brachte. Er konnte später auf anderem Weg identifiziert werden, Fotos von ihm zeigten dann aber, dass unsere Rekonstruktion sehr dicht am Original dran war. Unsere digitale Gesichtsweichteilrekonstruktion funktionierte also. 2018 folgte der ungeklärte Fall einer 1988 im hessischen Rosbach bei Friedberg gefundenen Frauenleiche, der wieder aufgerollt wurde. 2019 der ebenfalls unaufgeklärte Fall eines offenbar gewaltsam getöteten Mannes, dessen Leiche 1993 in Holzerode bei Göttingen gefunden wurde. Auch etliche archäologisch-historische Funde haben wir schon rekonstruiert (siehe nächstes Kapitel). Ich erkläre Eva Brandt also am Telefon, was wir für eine solche Rekonstruktion von ihr brauchen: vor allem den Schädel und möglichst viele Informationen zur Situation am Fundort, zu allem, was im Wald sichergestellt wurde, den Obduktionsbericht, einfach alles, was sie bis dahin ermittelt hat. Brandt kommt ein paar Wochen später zusammen mit einem Kollegen nach Mittweida. Im Gepäck hat sie die Akte und einen Karton, in dem der Schädel zerlegt in drei Teile liegt; bei der Obduktion wird immer die Schädeldecke abgenommen, der Unterkiefer ist ohnehin nur am Hauptschädel eingehängt. Von den Schädelteilen lassen wir zunächst in der Klinik in Mittweida computertomografische Scans anfertigen. Danach gehen wir zusammen mit den beiden Ermittlern in unseren Fotolaborkeller, um die Schädelteile, aber auch die Brille photogrammetrisch zu erfassen und zu vermessen. Wir platzieren die Schädelteile und die Brille jeweils auf dem Drehteller so, dass drei Digitalkameras sie von unterschiedlichen Winkeln aus simultan aufnehmen. Nachdem wir alle Daten erfasst haben, verabschieden sich die beiden Ermittler aus Hildesheim, und wir machen uns an die Arbeit. Am Computer berechnen wir nun ein originalgetreues 3-D-Modell, einen digitalen Zwilling des Schädels. Dass wir in diesem Fall von dem Schädel sowohl CT-Scans als auch photogrammetrische Vermessungen machen, wäre im Grunde nicht notwendig. Wir wollen aber nachweisen, dass am Ende identische Daten herauskommen. Das ist insofern wichtig, weil die photogrammetrische Vermessung deutlich günstiger, schneller und unaufwendiger durchzuführen ist. Außerdem kann sie bei lebenden Personen genutzt werden, ein CT wäre in diesem Fall wegen der Strahlenbelastung nicht möglich, ein MRT zwar schon, dauert aber ebenfalls deutlich länger – und ist teurer. Und tatsächlich: Die Qualität beider Verfahren ist miteinander vergleichbar. 101
Voraussetzung für die digitale Weichteilrekonstruktion ist wie bei der manuellen, dass so viele Informationen wie möglich über die entsprechende Person zusammengetragen werden: vom Obduktionsbericht über Fotos vom Fundort bis hin zu Zeugenaussagen. Alles, was hilft, ein biologisches Profil der zu rekonstruierenden Person zu erstellen, ist wichtig. Hilfreich ist in diesem Fall, dass wir wissen, welche Haarfarbe und -länge der Mann hatte, wie alt er ungefähr war, welche Konfektionsgröße er trug. Diese Daten sind wichtig, um die Weichteil-Marker digital möglichst genau anwenden zu können. Außerdem lassen wir den Schädel, den uns Brandt dagelassen hat, noch von zwei Anthropologinnen in unserem Team untersuchen. Sie finden heraus, dass die Zähne in einem hervorragenden Zustand waren, es aber Entzündungen am Zahnfleisch und am gesamten Gaumen gegeben haben muss, die zu Strukturveränderungen am Knochen geführt haben. Man kennt solche Entzündungen von Menschen, die längere Zeit ihre Zähne schlecht gereinigt oder starke Medikamente beziehungsweise Betäubungsmittel eingenommen haben. Natürlich könnte man viele Informationen, die wir jetzt erst einmal nur annehmen müssen, wie die Augen-, die Hautfarbe und das Alter, aus einer erweiterten DNAAnalyse des Unbekannten, auch Phänotypisierung genannt, herauslesen. Allerdings wurde für den Datenbank-Abgleich nur eine einfache Analyse gemacht. In Deutschland ist die erweiterte DNA-Analyse seit 2019 erlaubt, allerdings nur bei besonders schweren Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung. Für beides gibt es in diesem Fall keine Hinweise. Daher müssen wir hier mit einigen Annahmen arbeiten. Wir erstellen zwei Varianten, eine hellhäutige kaukasische und eine dunkelhäutige, weil die Brillenglaswerte ein Hinweis darauf sein könnten, dass der Mann vielleicht aus dem arabischen Raum stammte. Auch die Augenfarbe müssen wir annehmen. Wir wählen braun, weil er dunkle Haare hatte und die meisten dunkelhaarigen Menschen braune Augen haben. Beim Modellieren des Gesichts am Computer greifen wir auch auf Gesichtsdatenbanken25 zurück, mit deren Hilfe wir für die entsprechende Altersgruppe zum Beispiel Falten übertragen können. Mithilfe der gefundenen Haare des unbekannten Mannes können wir seine Haarfarbe und auch verschiedene Kurzhaarfrisuren rekonstruieren. Am schwierigsten ist die Nachbildung von Nase, Mund und Ohren – und zwar in jedem Fall. Bei der Nase ist das Verhältnis zwischen dem Weichgewebe, den knöchernen Ausprägungen der Nasenöffnung und des Nasenstachels fehleranfällig. Dennoch gibt es bestimmte Berechnungsmodelle, die sich bewährt haben und recht gute, mit dem Original übereinstimmende Ergebnisse erzielen. Der Mund und seine Form ist dagegen noch immer eine riesige Herausforderung. Zwar gibt es auch hier gewisse Standard-Methoden, doch diese sind noch immer nicht sehr präzise. Wir sind dabei, Bibliotheken verschiedener Nasen- und Mundformen anzulegen, um diese Methoden standardisiert und damit schneller anwenden zu können. Denn wenn Menschen sich daran erinnern sollen, ob sie jemanden gesehen haben, müssen sie schnell ein Bild vor Augen haben. 102
Für die Rekonstruktion von Ohren gibt es noch keine Berechnungsmodelle. Es handelt sich bei der Rekonstruktion von Ohren also ausschließlich um Annahmen, wie diese aussahen. Doch auch hier könnten Bibliotheken mit verschiedenen Ohrenformen helfen, sich einem stimmigen Gesamtbild schneller anzunähern. Hauttexturen, Narben oder auffällige Male wie etwa das Feuermal des früheren sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow lassen sich mit den Informationen, die in den meisten Fällen vorliegen, nicht rekonstruieren. Dabei sind sie häufig zum Wiedererkennen entscheidend. Im Fall des in Holzerode bei Göttingen 1993 tot aufgefundenen Mannes gab es eine solche Besonderheit am linken Oberkieferknochen, die zumindest teilweise nachweisbar war: Sechs Millimeter unter dem unteren Augenhöhlenrand war eine ovale Knochenverletzung festgestellt worden, die offenbar verheilt war. Diese Verletzung schloss Bereiche ein, an denen sensible Nerven großer Teile der linken Gesichtsseite liegen. Ursache dafür könnte eine Entzündung der linken Kiefernhöhle gewesen sein oder eine äußerlich zugefügte Verletzung. Sehr wahrscheinlich hatte der Mann eine Narbe dicht unterhalb des linken Auges, eventuell auch eine Verfärbung oder Lähmung in der linken Gesichtsseite. All das zeigt, wie essenziell wichtig es ist, so viele Informationen wie möglich über den Menschen zusammenzutragen, dessen Gesicht rekonstruiert wird. Es zeigt aber auch, dass in jeder Form der Gesichtsweichteilrekonstruktion – ob nun manuell oder digital – immer nur eine Version herauskommen kann, die sich dem Original annähert. Während sich die untere Gesichtspartie ziemlich getreu nachbilden lässt, wenn die entsprechenden Knochen vorhanden sind, ist die Rekonstruktion der oberen Partie in vielen Bereichen eher eine kreative Annäherung, bei der es auch darauf ankommt, dass das Gesamtbild stimmig wirkt. In 60 von 100 Fällen ist eine Identifizierung möglich – was angesichts der Einschränkungen trotz allem ein recht guter Wert ist. DIE SPUR FÜHRT INS AUSLAND Im Fall des Unbekannten aus dem Wald bei Freden fertigen wir im September zwei Modelle an, die die Polizei Hildesheim Ende des Monats der Öffentlichkeit präsentiert: eines mit hellem, eines mit dunklem Hautton. Eva Brandt gibt die Rekonstruktion auch an die Augenärzte und -optiker weiter, die bereits die Brillenwerte erhielten, sowie an die Zahnärzte, die das Zahnschema bekamen. Sie hofft, dass jemand den Mann als einen Patienten bzw. Kunden wiedererkennt. Auch in Freden, dem nächstgelegenen Ort zur Fundstelle, lässt sie die Bilder der Rekonstruktion plakatieren. Doch nur wenige Hinweise gehen ein, eine heiße Spur ist nicht darunter. Drei Wochen, nachdem unsere Bilder von dem Toten in den Medien erschienen, leitet ein polnisches Vermisstenportal einen Hinweis weiter. Es hatte die deutschen Berichte aufgegriffen, woraufhin ein Leser eine Anzeige an die Redaktion schickte, in der nach einem Spanier gesucht wird. Der Mann wird seit Juli 2018 in Barcelona vermisst. Damals war er 38 Jahre alt, etwa 1,70 groß, wog 80 Kilo, hatte dunkle kurze Haare und trug eine Brille. Das Foto ähnelt unserer 103
Rekonstruktion tatsächlich sehr. Vielleicht ist das endlich die erhoffte heiße Spur? Eva Brandt schaut im Schengener Informationssystem nach, einer EU-Datenbank für Strafverfolgungsbehörden, in der die Daten vermisster und zur Fahndung ausgeschriebener Personen gespeichert werden. Dort findet sie ein weiteres Bild des Mannes. Das ähnelt dem Bild der Vermisstenanzeige und damit auch unserer Rekonstruktion schon deutlich weniger: Der Mann trägt darauf schulterlange Haare und keine Brille. Dennoch bittet sie über das Bundeskriminalamt die spanischen Kollegen um Amtshilfe und hofft, über einen DNA-Abgleich mehr herauszufinden. Doch solche Ersuchen ziehen sich hin, wenn keine Gefahr in Verzug ist. Im Januar 2022 bekommt Eva Brandt schließlich Antwort: Die DNA der beiden Männer stimmt nicht überein. Einen kurzen Moment lang hatte sie gehofft, dem Rätsel um den Toten im Wald näher gekommen zu sein. Mir ging es genauso, als sie mir davon erzählte. Nun ist diese Hoffnung zerschlagen. So viele Fragen sind weiterhin offen: Warum ging der Mann zu einer so abgelegenen Stelle im Wald? Wollte er sich dort verstecken? War er auf der Flucht? Wollte er sich das Leben nehmen und nicht gefunden werden? Oder hat ihn jemand anderswo getötet und dort, an dieser einsamen Stelle, nur abgelegt? Vielleicht war der Mann ja ein Obdachloser? Allerdings waren dafür seine Kleider zu hochwertig, die Markenbrille zu teuer. Oder war er drogenabhängig? Die Veränderungen im Gaumen und Kiefer könnten darauf hindeuten, dass er längere Zeit Drogen genommen hat. Das Rätsel um den unbekannten Toten aus dem Wald bei Freden bleibt vorerst – vielleicht auch für immer – ungelöst. Auch das habe ich im Laufe der Jahre gelernt: Nicht alle Fälle lassen sich lösen. 104
KAPITEL 10 DIE ÄLTESTEN MORDE ÖSTERREICHS Die Landschaft rund um die Gemeinde Wöllersdorf-Steinabrückl in Niederösterreich ist hügelig und waldreich, und durch die Ebenen schlängeln sich Flüsse. Seit Jahrtausenden siedeln hier Menschen. Für Archäologen ist die Gegend deshalb schon lange ein wichtiger Grabungsort. Immer wenn die kleine Gemeinde, in der 4700 Menschen leben, neues Bauland am Dorfrand ausweist, reist Dorothea Talaa daher mit einem Team von Archäologinnen und Archäologen an, um das Erdreich zu durchforsten, bevor die Bauarbeiten beginnen und Funde möglicherweise für immer vernichten. Etliche Grabstätten aus dem 5. und 4. Jahrtausend v. Chr., also der Kupferzeit und der frühen Eisenzeit, hat die 66Jährige hier schon aus der Erde geholt. Am 8. Juni 2011, einem warmen Frühsommertag, entdeckt Talaa mit ihrem Team eine kleine Grube, nur 30 Zentimeter tief. In ihr liegt ein Schädel ohne Unterkiefer, dahinter und halb darüber ein linker Oberschenkelschaft. Die Knochenteile ruhen auf einer kleinen Steinplatte aus Granit. Eine Grabstätte ist das nicht, das erkennt Talaa gleich, dafür ist die Grube zu klein. Das sieht komisch aus, denkt sie. Immer mal wieder hat sie in der Gegend Überreste von verbrannten Leichen oder auch Skeletten in Grabstätten aus der Steinzeit und der Eisenzeit gefunden. Doch in dieser Grube ist vieles anders: Die fehlenden Skelettteile, die besondere Anordnung des Oberschenkelknochens, die Steinplatte – Talaa vermutet, dass es sich um einen steinzeitlichen Schädelkult handelt. Sie kennt solche Totenköpfe vor allem aus Gruben der Jungsteinzeit, wo sie schon des Öfteren gefunden wurden. Doch wie immer bei dieser Art von Grabung hat sie wenig Zeit, die Bauarbeiten sollen bald beginnen. Also fotografiert Talaa ihren Fund in der Grube, verpackt die Schädelteile, den Knochenschaft, die Steinplatte. All das landet erst einmal in ihrem Depot. Sie hat gleich im Anschluss weitere Aufträge und für die Untersuchung noch kein Geld, denn Talaa ist freiberufliche Archäologin. Erst vier Jahre später kommt sie dazu, eine Knochenprobe des Schädels in ein Labor nach Florida zu schicken. Dort lässt sie schon lange das Alter fast all ihrer Funde mithilfe der C-14-Methode bestimmen, auch bekannt als Radiokarbondatierung. Wochen später trifft die E-Mail mit dem Ergebnis ein. Talaa liest es gleich mehrmals, so unfassbar erscheint es ihr: 6735 bis 6675 Jahre v. Chr. lautet die Datierung. Der älteste Fund eines erwachsenen Menschen in Österreich! Nicht aus der Jungsteinzeit stammt der Schädel also, wie sie dachte, sondern aus der Mittelsteinzeit, dem Mesolithikum. Er ist somit 105
noch deutlich älter als die Gletschermumie Ötzi, die 1991 in den Ötztaler Alpen in Tirol gefunden wurde und aus der späten Jungsteinzeit 3250 v. Chr. stammt. »Stell dir vor: Der Schädel aus Wöllersdorf ist aus der Mittelsteinzeit!«, ruft Talaa ins Telefon. Auch ihre Gesprächspartnerin Silvia Renhart kann die Nachricht kaum glauben, als Talaa ihr davon erzählt. Die Anthropologin vom Universalmuseum Joanneum in Graz arbeitet schon viele Jahre eng mit Talaa zusammen. Renhart untersucht die meisten ihrer Funde, bestimmt Lebensalter und Geschlecht. Auch der Wöllersdorfer Schädel liegt längst bei ihr. Doch auch sie ist bislang noch nicht dazu gekommen, ihn intensiver anzuschauen. Nun legt sie alles andere beiseite und holt den Schädel hervor. Schon bei der ersten groben Untersuchung hatte Renhart diverse Verletzungen entdeckt: Schädelbrüche, die mit zwei Schabtrepanationen behandelt worden waren. Als Trepanation werden chirurgische Eingriffe an der Schädelecke bezeichnet, die schon im alten Ägypten recht weit entwickelt waren. Die frühesten Trepanationsmethoden in Mitteleuropa waren bislang für die Eisenzeit nachgewiesen worden. An diesem Schädel aus der Mittelsteinzeit sind nun Verletzungen zu finden, bei denen mit einem Gegenstand fingerkuppentief Knochenmaterial aus der Schädeldecke herausgeschabt wurde, offenbar um die Wunde zu reinigen. Also besaßen schon die Steinzeitmenschen des Mesolithikums substanzielles Wissen darüber, wie Kopfverletzungen zu behandeln sind, um Entzündungen zu vermeiden. Renhart untersucht den Schädel nun intensiver und findet zusätzlich einen rechteckigen, länglichen Abdruck nahe des linken Scheitelbeinhöckers, dazu etliche Bruchlinien. Der Abdruck eines Gegenstandes, der als tödliche Waffe diente, so scheint es. Dieser Schädel, so wird Renhart allmählich bewusst, ist nicht nur der älteste Fund eines erwachsenen Menschen in Österreich, er gehört auch ganz offensichtlich zum ältesten Mordopfer des Landes. Renhart vermutet, dass die Verletzung von einer hölzernen Keule stammt, mit der dieser Mensch erschlagen wurde. Darauf deutet der rechteckige Abdruck hin. Weitere Bruchlinien zeugen von Schlägen nicht nur an der linken, sondern auch an der rechten Schädelseite sowie im Gesicht oberhalb der Augen – vermutlich von Fausthieben. Die deutlich ausgeprägte Überaugenregion, die Stärke des Schädelknochens und vor allem das sehr wulstig ausgeformte Hinterhauptbein lassen für Renhart keinen Zweifel daran, dass es sich um einen männlichen Schädel handelt. Aufgrund der Abnutzung des Gebisses schätzt die Anthropologin das Alter des Mannes auf 31 bis 40 Jahre. Später lässt sie den Schädel von Rechtsmedizinern in Düsseldorf mit einer neuartigen Methode untersuchen, die das Alter eines Menschen anhand der Molekularstruktur in Proteinen aus Knochen sehr genau bestimmen kann. Der Mann wurde 32,3 Jahre alt, lautet ihr Ergebnis. Renharts anthropologische Berechnung lag also sehr dicht dran. Aus all diesen Informationen schließen Talaa und Renhart nun, dass der Mann vermutlich bei einem Kampf ums Leben kam und höchstwahrscheinlich als Krieger oder Stammesführer eine besondere Rolle innerhalb seiner Gruppe spielte. Die besondere Anordnung des Schädels deutet auf ein Ritual, das nur 106
ausgewählten Persönlichkeiten zuteilwurde. Es handelt sich offenbar um eine Sekundärbestattung: Der Tote war zunächst woanders beigesetzt worden. Als die Verwesung bereits fortgeschritten war, trennte man den Schädel ab, wobei der Unterkiefer am Skelett verblieb, und setzte ihn woanders bei. Das Ritual ist bisher vor allem aus Südosteuropa bekannt, etwa von den mesolithischen Fundstellen der unteren Donau in Lepenski Vir, im heutigen Serbien. Ihm lag die Vorstellung zugrunde, dass die Fähigkeiten eines Kriegers oder Anführers im Kopf sitzen und daher auf denjenigen übergehen, der den Schädel besitzt. MOMENTAUFNAHME EINER BRUTALEN TAT Etwa zur gleichen Zeit, im Mai 2015, macht Talaa mit ihrem Team einen weiteren sensationellen Fund. Nur 20 Kilometer von Wöllersdorf entfernt soll in Pöttsching im Burgenland eine Wasserleitung gebaut werden. In der Gegend sind schon viele Funde aus der Jungsteinzeit entdeckt worden. Die Archäologin und ihr Team untersuchen das Gebiet vor Baubeginn. Sie graben in einem großflächigen, aus mehreren Gruben bestehenden Lehmabbaugelände, das sich in der Nachbarschaft einer großen Siedlung der frühen Jungsteinzeit befindet. Den Lehm nutzten die Menschen damals zum Töpfern und für den Hausbau. In einer höhlenartigen Teilgrube stoßen sie an diesem Tag plötzlich auf ein extrem gut erhaltenes Skelett. Während sie die Knochenreste freilegt, wird Talaa schnell klar, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Fund handelt: Das Skelett ist vollständig konserviert und liegt in der Grube, als wollte es noch im Moment des Todes eine Gefahr abwehren. Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen Menschen handelt, der erschlagen wurde. Andächtig stehen Talaa und die Frauen und Männer ihres Teams vor diesen Knochen, beeindruckt von der Momentaufnahme einer brutalen Tat, die Jahrtausende zurückliegt. 5210 bis 4990 Jahre v. Chr. ergibt die Radiokarbon-Untersuchung später, das Skelett stammt also aus der frühen Jungsteinzeit und ist damit mehr als 2000 Jahre älter als »Ötzi«. Anders als im Fall des Mannes aus Wöllersdorf ist der Zustand des Skeletts in Pöttsching extrem gut – auch dank der Kalkablagerungen im Boden. Die forensischen Untersuchungen ergeben schließlich, dass es sich um das Skelett eines etwa 15 Jahre alten Jungen handelt, der gewaltsam ums Leben kam: Seine Rippen und ein Oberschenkel wurden von Pfeilen getroffen, sein Kopf weist mehrere schwere Verletzungen auf. Talaa und Renhart vermuten, dass sein Dorf Opfer eines kriegerischen Überfalls wurde. Der Junge flüchtete zur nahegelegenen Lehmgrube, doch die Pfeile der feindlichen Angreifer streckten ihn nieder. Getroffen kämpfte er womöglich noch mit einem Gegner, der ihn schließlich überwältigte. Rückwärts stürzte der Junge dann auf den Boden der Grube, sein Schädel brach, er starb. Danach wurde die Grube offenbar von den Eroberern der Siedlung einfach zugeschüttet, die Leiche also verlocht, vermutlich um Tiere von der Siedlung fernzuhalten. Ein ordentliches Begräbnis bekam der Junge jedenfalls nicht. Beide Funde sind derart spektakulär, dass Renhart überlegt, wie sie diese für die Öffentlichkeit anschaulicher machen kann. Durch einen 107
Visualisierungsexperten erfährt sie von meinem Institut und lässt anfragen, ob wir den ältesten Mordopfern Österreichs ein Gesicht geben könnten. WIE SAHEN UNSERE AHNEN AUS? Es ist nicht das erste Mal, dass wir für historische Funde Gesichtsweichteilrekonstruktionen machen. Mit australischen Ureinwohnern fing es an. Für das Museum für Völkerkunde in Dresden hatten wir 2018 zwei Perlentaucher – eine Frau und einen Mann – vom Ende des 19. Jahrhunderts rekonstruiert. Ihre Schädel waren über dubiose Handelsgeschäfte von Australien in den Museumsfundus gelangt. Diese Toten sind stille Zeugen unbeschreiblicher Grausamkeit gegen die Ureinwohner des australischen Kontinents. Vor allem junge Frauen, aber auch einige Männer wurden im 19. Jahrhundert vor den Küsten Australiens ohne Hilfsmittel zum Perlentauchen gezwungen. Man band ihnen Steine an die Füße, damit sie besser in die Tiefe sanken, und holte sie oft erst viel zu spät wieder hoch. Viele Menschen starben qualvoll. Wir gaben den beiden stellvertretend für die vielen ein Gesicht. Im April 2019 wurden sie in einer feierlichen Zeremonie in Dresden ihren Stämmen zurückgegeben. Aber auch französischen Soldaten aus einem Massengrab in FrankfurtRödelheim gaben wir ein Gesicht. Sie waren Anfang des 19. Jahrhunderts in den Befreiungskriegen gegen die Truppen Napoleons ums Leben gekommen. Wir rekonstruierten außerdem das Gesicht einer Frau aus dem späten Mittelalter, deren Schädel 1970 von einem Bauarbeiter in der Leipziger Pauliner-Gruft gefunden worden war. Anders als bei der forensischen Gesichtsweichteilrekonstruktion steht bei der archäologischen nicht die Identifizierung im Vordergrund, sondern die sinnbildliche Darstellung eines Menschen zu seiner Lebenszeit. Den Urahnen soll ein Gesicht gegeben werden, wie originalgetreu dieses ist, bleibt zweitrangig. Dennoch ist auch bei der archäologischen Gesichtsweichteilrekonstruktion das biologische Profil die entscheidende Grundlage für das digitale Gesicht. In den forensischen Fällen stellen uns Polizeibehörden Fotoaufnahmen, Ermittlungsergebnisse und Obduktionsberichte zur Verfügung. Darin finden sich Informationen zum Zustand der Leiche und darüber, wie und wo sie aufgefunden wurde, was sie trug, Spuren wie Haare, Hautschuppen und sonstige DNA-Träger. Die Schwierigkeit bei archäologischen Fällen ist, dass vieles davon nicht existiert oder unbekannt ist. Das biologische Profil ist daher schwerer zu erstellen und mit mehr Unsicherheiten verbunden. Oft ist der Schädel zudem in keinem guten Zustand wie etwa bei dem Wöllersdorfer Mann, wo der Unterkiefer komplett fehlt. Das Knochenmaterial ist durch viel längere Liegezeiten und Witterungseinflüsse meist stark in Mitleidenschaft gezogen. Silvia Renhart schickt uns also aus Graz alles, was sie selbst und andere zum biologischen Profil der beiden frühgeschichtlichen Menschen analysiert haben: 108
ihre eigenen anthropologischen Untersuchungen zu Alter, Geschlecht, Verletzungen am Schädel und auffälligen Besonderheiten. Die RadiokarbonUntersuchung sowie die Molekularstruktur-Protein-Analyse zur Altersbestimmung der Rechtsmedizin an der Universität in Düsseldorf und schließlich die Computertomografie-Scans, die die FH Wien angefertigt hat. Vor der eigentlichen Rekonstruktion recherchieren wir genau wie bei den Cold Cases möglichst umfangreich zu den Personen und ihrer Zeit. In diesem Fall lesen wir uns in die Forschungen der Archäologin Dorothea Talaa ein. Ich recherchiere zu den Menschen in der Mittel- und Jungsteinzeit und bin fasziniert vom Leben unserer Urahnen, die deutlich intelligenter und kultivierter waren, als ich bislang angenommen habe, und bereits ein erstaunliches medizinisches Wissen besaßen. Im nächsten Schritt nehmen wir die CT-Scans und erstellen mit ihnen Modelle der beiden Schädel. Beim Wöllersdorfer Mann fehlt nicht nur der Unterkiefer, sondern auch der Nasendorn und Nasenrücken. Hier zeigen sich die Vorteile der digitalen vor der manuellen Rekonstruktion, denn mithilfe computergestützter Modellierungen lässt sich der Unterkiefer in wenigen Minuten nachbilden – allerdings brauchen wir dafür anatomische Daten. Wir nutzen unser Softwareprogramm, mit dem wir die anatomischen Landmarken berechnen können, und ergänzen diese noch mit Vergleichsdaten anderer frühgeschichtlicher Schädel – unter anderem des deutlich besser erhaltenen Pöttschinger Schädels, wohl wissend, dass wir damit 2000 Jahre überspringen. Erschwert wird das Ganze, weil der Nasendorn ebenfalls eine wichtige anatomische Landmarke ist. Er lässt sich – auch mithilfe eines Nasenrekonstruktionsmodells – nur annähernd schätzen. Am Ende bekommen wir für den Unterkiefer ein Modell, das sich dem wahren Gesicht des unbekannten Mannes vermutlich nur annähert. Danach müssen die Weichteilmarker eingefügt werden, also die Abstände zwischen Knochen und Haut, die erst wirklich ein Gesicht formen. Auch hierfür werden anatomische Landmarken gebraucht, in diesem Fall, um Weichteildicken festzulegen. Wir nutzen hierfür eine Studie, für die die Weichteildicken von 967 erwachsenen Kaukasiern gemessen wurden, aufgeschlüsselt nach Alter, Geschlecht und BodyMass-Index (BMI) der Probanden. Eine wichtige Rolle für Gesichtsweichteilmarker spielt neben dem Geschlecht das Lebensalter. Mit steigendem Alter verlieren die Gesichtsweichteile an Festigkeit. Am stärksten wird ihre Dicke jedoch von der individuellen Ernährung beeinflusst. Bei Menschen der Jung- und Mittelsteinzeit kann man voraussetzen, dass ihr BMI nicht übermäßig hoch war, wenn man ihre Ernährung und Lebensumstände bedenkt. Aus der Tabelle der Studie berechnen wir dann die Werte für den Wöllersdorfer Mann und den Pöttschinger Jungen. Auch die Lippen sind eine Herausforderung. Für ihre Rekonstruktion gibt es noch keine einheitliche Methode, daher modellieren wir ihre Form möglichst neutral und ethnienspezifisch. Anhand des Aufbaus des Oberkiefers lassen sich zumindest die Breite des Mundes und seine Platzierung rekonstruieren – dabei setzen wir allerdings voraus, dass es keine Fehlstellung des Unterkiefers gab. Die Hautfarbe ist ebenfalls schwer zu bestimmen. Studien zufolge entwickelte 109
sich die helle Haut der Europäer schon mindestens seit 6500 bis 4000 Jahren v. Chr. DNA-Analysen aus der Neusteinzeit und Bronzezeit zeigen, dass die Depigmentierung des modernen Europäers, also das Hellerwerden seiner Haut, vor über 5000 Jahren begann. Es gibt allerdings für Mitteleuropa kaum DNAAnalysen zur Hautfarbe aus dem Mesolithikum. Deshalb nehmen wir an, dass die des Wöllersdorfer Mannes zwischen einer hellen und einer dunklen Hautfarbe liegt. Wir wählen eine dunklere, aber kaukasische Hautbeschaffenheit. Für die Haut des aus der Jungsteinzeit stammenden Pöttschinger Jugendlichen wählen wir einen helleren Hautton. Zum Schluss modellieren wir noch die Kopf- und Gesichtsbehaarung. Auch diese ist nicht leicht zu erstellen. Im Fall des Wöllersdorfer Mannes legen wir Untersuchungen zugrunde, dass dunkelbraune Haare und Augen in jener Region am weitesten verbreitet waren. Für die Struktur des Haares wählen wir eine allgemein glatte, aber nicht sehr gepflegte. Den Bart gestalten wir ungeschnitten und kraus. Zur realistischen Darstellung des finalen Gesichts rendern wir dieses, nutzen also Nachbearbeitungseffekte, indem wir Eigenschaften wie die Oberflächenstruktur, die Farbverläufe oder Lichtquellen anpassen, wodurch Hauttextur und Haare realistischer wirken. ZWEI STEINZEITMENSCHEN INS GESICHT SCHAUEN »Kommt mal schnell rüber«, ruft eine Mitarbeiterin meines Teams, die besonders gern digitale Gesichtsrekonstruktionen macht. Nach acht Wochen Recherchen und Tüfteleien hat sie schließlich alle Daten und Berechnungen eingegeben, die mein Team zusammengetragen hat. Ein Raunen geht durch den Laborraum, als wir auf ihren Bildschirm schauen. Dort blicken uns zwei Menschen aus der Steinzeit an, plastisch und dem heutigen Menschen sehr ähnlich. »Die sehen ja mindestens so gut aus wie die Perlentaucher aus Australien!« Ich bin überrascht. Die Perlentaucher waren fast 9000 Jahre jünger als diese niederösterreichischen Steinzeitmenschen, und die Datenlage war ungleich besser: Wir hatten Zeichnungen, Fotos von Ureinwohnern, die nur 100 Jahre jünger waren als die Originale, und sehr viel mehr Hintergrundmaterial. Mein zweiter Gedanke ist dennoch: »Verdammt viel Kunst.« Denn wie gerade beschrieben, müssen wir wegen fehlender verlässlicher Daten vieles annehmen und mit Näherungswerten arbeiten. Bei so alten Funden gibt es einfach zu viele Fragezeichen, vor allem wenn deren Zustand so schlecht ist wie im Fall des Wöllersdorfer Mannes. Dennoch sind solche Rekonstruktionen großartig, um Geschichte erlebbarer zu machen. Wie groß die Wirkung tatsächlich ist, erfahre ich einige Monate später. Im Dezember 2019 bin ich zu einer Tagung nach Graz eingeladen, um gemeinsam mit all den anderen beteiligten Wissenschaftlern unsere Ergebnisse zu präsentieren. Nachdem ich die Modelle der beiden Steinzeitmenschen vorgestellt habe, ist die Begeisterung groß. Ich ernte deutlich mehr Aufmerksamkeit als die anderen Forscher. Das ist nicht fair, denn schließlich wäre unsere Gesichtsrekonstruktion ohne ihre Arbeit – die forensischen, bildgebenden, 110
anthropologischen und archäologischen Untersuchungen – nicht möglich gewesen. Und auch die Medien, denen die Ergebnisse Anfang 2020 präsentiert werden, stürzen sich auf die von uns rekonstruierten Gesichter. Ende 2021 rückt für einen kurzen Moment weniger Kunst und mehr Wissen in greifbare Nähe. Silvia Renhart ist es gelungen, beim Wöllersdorfer Mann eine Knochenprobe zu entnehmen, die noch DNA enthält. Sie schickt sie an die Universität in Tübingen zur Analyse. Im Februar 2022 kommt das Ergebnis: Die DNA-Probe enthält leider keine Informationen über die Haut-, Augen- und Haarfarbe des Mannes, schreibt der Archäogenetiker. So nah der Wöllersdorfer Mann uns durch die Rekonstruktion auch schon gekommen ist, ein paar Geheimnisse bewahrt dieser Urahn weiterhin für sich. Doch wer weiß, vielleicht werden sie in Zukunft mit einer besseren Probe oder neuen Methoden auch noch gelüftet. 111
EXKURS DIE ZUKUNFT DER GESICHTSREKONSTRUKTION Schon heute wäre in der Gesichtsrekonstruktion einiges mehr möglich, als wir im Moment machen. Unsere in 3-D-Modellen rekonstruierten Gesichter könnten zum Beispiel animiert gezeigt werden. Das Aussehen eines Menschen wirkt, je nachdem ob er wütend, traurig oder fröhlich ist, geöffnete oder geschlossene Augen hat, schmollt, spricht oder schweigt, mitunter ganz anders. Intelligente Softwareprogramme, die Gesichter auf Fotos solche Mimiken durchlaufen lassen können, haben wir für unsere Zwecke trainiert und verwenden sie bereits. Allerdings nutzen wir sie in anderem Zusammenhang, etwa um Gesichtsausdrücke von Missbrauchsopfern zu analysieren – man kann an diesen ablesen, ob es sich um freiwilliges oder erzwungenes Posen handelt. Wir müssten das Funktionsprinzip dieser Software im Grunde nur umkehren und auf unsere Rekonstruktionsprogramme übertragen – aber dafür mangelt es uns an Zeit und auch an Forschungsgeldern. Denn unbekannte Tote, die nicht identifizierbar sind, gibt es nicht so häufig, aber leider sehr viel häufiger Missbrauchsdarstellungen von Kindern, die im Internet verbreitet werden. Auch Phantombilder, die auf Zeugenbefragungen basieren, sind schon jetzt als digitale 3-D-Modelle möglich und wären auch interaktiv denkbar. Wenn etwa mehrere Augenzeugen die vermisste Person gesehen haben, der eine von vorn, ein anderer nur von der Seite, so ließe sich ein solches Modell dann interaktiv von ihnen jeweils gestalten, indem bestimmte Merkmale hinzugefügt oder weggenommen werden. So etwas könnte man auch im Fall des unbekannten Toten aus dem Wald versuchen, wenn unsere 3-D-Rekonstruktion der Öffentlichkeit so zur Verfügung gestellt würde, dass man ihn sich von allen Seiten anschauen und selbst Details verändern könnte. Vielleicht würde mancher sich dann leichter erinnern, dass er diesen Menschen schon einmal gesehen hat. In Zukunft wird sich die Gesichtsrekonstruktion weiter verbessern – und zwar auf mehreren Ebenen. Zum einen wird KI-Software helfen, Gesichter von Toten zu rekonstruieren, aber auch Phantombilder anhand von Zeugenaussagen anzufertigen. Intelligente Systeme werden darauf trainiert sein, anhand von Knochen beziehungsweise dem Schädel die Gesichter genauer nachzubilden, vor allem in jenen Regionen, die uns im Moment noch Schwierigkeiten bereiten, wie Mund, Nase und Ohren. Im Grunde brauchen sie dafür nur ausreichend viele reale Gesichter und die entsprechenden Aufnahmen der dazugehörigen Schädel, um Muster erkennen zu können und dann eigenständig anhand der Schädelknochen ein Gesicht zu berechnen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Original gleicht. Alter und Umwelteinflüsse, die neben den Knochen das Aussehen extrem stark beeinflussen, fließen in Zukunft mithilfe von intelligenten 112
Systemen in solche Rekonstruktionen mit ein. Schon jetzt gibt es Softwareprogramme, die Gesichter beispielsweise realistisch altern lassen. Da dürfte es nicht schwierig sein, auch bestimmte Umwelteinflüsse, die sich auf das Aussehen auswirken, in entsprechende Programme mit einzubauen, wie zum Beispiel den Effekt von intensivem Tabakkonsum auf die Haut, von bestimmten Klima- und Witterungsverhältnissen oder Ernährungsgewohnheiten. Es gibt auch schon KI-Software, die zudem darauf trainiert ist, allein anhand der Stimme Gesichter zu bestimmen.26 Dass auf das Geschlecht und teilweise auch das Alter anhand der Stimme geschlossen werden kann, leuchtet leicht ein. Auch dass aus Dialekt oder Akzent Hinweise auf die geografische Herkunft ableitbar sind oder auf das soziale Milieu, ebenso dass Emotionen wie Wut oder Freude aus der Stimme herauszuhören sind. Dass aber allein von der Stimme auf das Aussehen geschlossen werden kann, erscheint im ersten Moment unwahrscheinlich. Doch Forschern der Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston ist genau das schon 2019 gelungen. Sie haben eine KI-Software entwickelt (speech2face), die aus einer lediglich sechs Sekunden langen Aufnahme der Stimme einer Person Phantombilder erstellt.27 Diese Bilder geben schon recht präzise Alter, Geschlecht und ethnischen Hintergrund wieder, dazu konkrete Merkmale wie die Form des Gesichts oder die Struktur der Nase. Allerdings liefert die Software (noch) keine exakte Darstellung der Person, deren Stimme analysiert wurde, also kein getreues Phantombild. Die KI wurde drauf trainiert, in Videos nach Mustern beziehungsweise Korrelationen zwischen den sprachlichen Merkmalen eines Menschen und seinen äußerlichen anatomischen Eigenschaften wie zum Beispiel der Mund- und Lippenform oder der Länge des Kiefers zu suchen. Diese Zusammenhänge verbessert sie fortlaufend durch selbstlernende Prozesse. Weitergedacht lässt sich die Software in Zukunft auch in der Verbrechensaufklärung einsetzen, etwa wenn es von einem unbekannten Täter nur die Aufnahme der Stimme gibt. Schon jetzt verwenden viele Menschen in Smartphone-Chats nur noch Sprachnachrichten anstelle von manuell eingetippten schriftlichen Botschaften. Und ihre Anzahl wächst: 2021 etwa übermittelten zwei Drittel der Deutschen via Sprachnachricht Neujahrsgrüße, 2019 waren es erst 20 Prozent.28 WAS DIE GENE ÜBER ÄUSSERE MERKMALE VERRATEN Die DNA-Analyse wird in Zukunft zudem eine noch größere Rolle für Gesichtsrekonstruktionen spielen als bisher. Seit sie 1988 eingeführt wurde, gehört sie zu den wichtigsten forensischen Identifizierungsmethoden. Schon ein winziger Blutstropfen, ein Haar oder ein paar Hautschuppen, die ein Täter am Tatort verliert, reichen, um daraus eine DNA-Analyse zu erstellen, die eine Person identifiziert. Doch lange Zeit wurde diese Methode nur sehr eingeschränkt angewandt – als eine Art »genetischer Fingerabdruck«. Wurde eine DNA-Spur gefunden, ließ sie sich mit der von bereits bekannten Tätern in der Datenbank 113
des BKA gespeicherten abgleichen. Stimmten beide überein, galt die Person als überführt. Wenn nicht, durfte lediglich noch das Geschlecht aus der DNA abgelesen werden. Erst Ende 2019 wurde in Deutschland die erweiterte DNAAnalyse erlaubt, allerdings nur für die Bestimmung der Augen-, Haar- und Hautfarbe und des Alters, nicht aber der geografischen Herkunft eines Menschen, die sich ebenfalls aus seinen Genen ableiten lässt. Zu groß war die Sorge, dies könnte zur Diskriminierung ganzer Bevölkerungsgruppen führen. In den Niederlanden, Großbritannien oder der Slowakei ist sie dagegen erlaubt.29 Genetisch bedingte Krankheiten dürfen ebenfalls nicht aus der DNA abgelesen werden, weil dies als zu großer Eingriff in die Privatsphäre gilt. Wie alle anderen zugelassenen Merkmale kann man auch die geografische Herkunft nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus der DNA herauslesen. Doch je mehr Elterngenerationen ausschließlich aus einer Region stammen, desto besser wird die Vorhersage – ein Deutscher etwa, der in der zehnten Generation in Norddeutschland lebt, lässt sich klar von einem Italiener abgrenzen. Die Genauigkeit, mit der dunkle Haut, rote Haare sowie blaue oder braune Augen aus der DNA bestimmt werden können, ist momentan schon sehr hoch. Für schwarze Haare und diverse helle Hautfarben ist sie deutlich geringer. Nichtblaue und nichtbraune Augen können nur als gemischtfarbig angegeben werden. Da manche braunhaarige Erwachsene als Kinder blond waren, sind die DNA-Analysen für diese Merkmale ebenfalls erheblich ungenauer. In dem EUProjekt VISAGE etwa arbeiten Partner von Universitäten, Polizei und Justiz aus acht europäischen Staaten, darunter auch das Bundeskriminalamt, daran, die erweiterte DNA-Analyse schneller und genauer zu machen. All das wird sich also in den kommenden Jahren rasant verbessern. Die Trefferquote für die genannten Merkmale wird sich erhöhen. Und es werden weitere hinzukommen. Schon 2014 fanden Forscher spezifische Gene, die zum Beispiel die Form der Lippen, der Knochen um die Augen oder der Wangenknochen verändern können.30 2016 wurden die Gene entdeckt, die das Aussehen der Nase bestimmen.31 Es wird also in Zukunft möglich sein, nur anhand einer DNA-Spur ein ziemlich exaktes Phantombild des möglichen Täters zu erstellen. In Kombination mit weiteren Spuren, die auch mithilfe von KI-Software (wie oben beschrieben) auswertbar sind, werden so sehr detaillierte und genaue Darstellungen möglich sein. Als Forensiker begrüße ich so etwas natürlich, als Bürger sehe ich die Gefahren dieser Entwicklung. Denn DNA-Spuren an einem Tatort sagen noch nichts über eine Tatbeteiligung aus. Es kann viele Erklärungen geben, wie eine solche Spur an Tatorte gelangt ist, bis hin zu Verunreinigungen bei der Spurensicherung. Diesen Prozess muss die Politik daher begleiten und die erforderlichen Gesetze dafür schaffen. 114
KAPITEL 11 DIE ZUKUNFT DER DIGITALEN FORENSIK – WIE SICH DIE STRAFVERFOLGUNG ÄNDERN MUSS Es war das perfekte Werkzeug für perfekte Verbrechen. Dealer besprachen offen und ungeniert den Übergabeort für die nächste Crystal-Meth-Lieferung oder bestellten Amphetamine in Drogenlaboren. Clanmitglieder organisierten Erpressungen oder Raubzüge. Bandenchefs wickelten Geldwäscheaktionen ab. Waffenhändler priesen ihre Waren an und verschickten Fotos samt detaillierten technischen Daten. Angst, abgehört zu werden, hatten sie keine. Denn sie nutzten ja ein abhörsicheres Gerät: ein Kryptohandy. Das besaß keine GPS-, Kamera- und Mikrofonfunktion und kommunizierte wie über eine »Geheimsprache« mit anderen typgleichen Geräten, indem es Gespräche und Nachrichten verschlüsselte. Der Anbieter dieses Handys, die Firma EncroChat, versprach seinen Kunden, alle Nachrichten und Nutzerdaten seines Chatprogramms liefen über eigene Server und würden dort weder gespeichert noch entschlüsselt. Es sei »das elektronische Äquivalent zu einer normalen Unterhaltung zwischen zwei Menschen in einem leeren Raum«, perfekt für eine »sorgenfreie Kommunikation«.32 Zwar hatte die Anonymität ihren Preis: 1000 Euro kostete ein »EncroPhone«, für den Betrieb waren zusätzlich 1500 Euro pro Halbjahr an Gebühren fällig. Doch es war ein lohnendes Geschäft – für beide Seiten. Weltweit nutzten bis zu 60.000 Menschen das Kryptohandy von EncroChat. Irgendwann allerdings wunderten sich die kriminellen Kunden, dass ihnen die Polizei immer häufiger dazwischenfunkte – beim Showdown zwischen zwei verfeindeten Banden genauso wie bei der Drogenübergabe im Hafen. Was sie nicht wussten: Französischen Strafverfolgern war es gelungen, einen EncroChatServer in Nordfrankreich zu hacken und Schadsoftware auf ihre EncroPhones zu spielen. Die darüber ausgetauschten Informationen, Textnachrichten, Bilder und Dateien leiteten sie auf einen eigenen Server um, lasen monatelang in Echtzeit Chatverläufe mit, kopierten und sicherten Millionen Daten. Die Franzosen holten die Niederlande und Großbritannien mit ins Boot. Im Sommer 2020 flog die Abhöraktion auf. EncroChat hatte die Schadsoftware entdeckt und warnte seine Nutzer, alle Daten zu löschen und die Geräte zu zerstören. Doch da war es schon zu spät. Europaweit folgten Razzien und Festnahmen. Drogen, Waffen, gestohlene Waren wurden beschlagnahmt – auch in Deutschland, wo die europäische Polizeibehörde Europol die brisanten Daten ans Bundeskriminalamt weiterreichte. Mehr als 2700 Strafverfahren wurden seitdem bundesweit eingeleitet, über 900 Haftbefehle ausgestellt (Stand: Januar 2022),33 mehrere 115
Tonnen Cannabis, Hunderte Kilogramm Kokain, mehr als 300 Schusswaffen und Vermögenswerte in dreistelliger Millionen-Höhe sichergestellt. Das Vorgehen der Polizeibehörden verunsicherte die Unterwelt zutiefst: »Ich habe noch nie etwas Derartiges erlebt«, zitierte das Online-Magazin Vice einen EncroChat-Nutzer.34 Mit einem solchen Schlag hatte wohl niemand gerechnet. Die Aktion leitete eine Wende im Kampf gegen die organisierte Kriminalität ein. Zwar füllten andere Kryptohandy-Anbieter die Lücke, sobald EncroChat vom Markt verschwunden war. Sky ECC zum Beispiel, ein Kryptodienste-Anbieter mit Sitz in Kanada. Doch genauso schnell schlugen die Ermittler erneut zu. Kein Jahr später gelang es belgischen, französischen und niederländischen Polizeibehörden, Sky ECC zu infiltrieren. Von seinen weltweit mehr als 170.000 Kunden wurden 70.000 abgehört, der sichergestellte Datensatz soll viermal so groß sein wie der von EncroChat.35 Und wieder folgten Hunderte Festnahmen, mehrere Tonnen Drogen wurden sichergestellt, Verfahren eingeleitet. Die Beispiele EncroChat und Sky ECC zeigen, dass das Wettrennen zwischen Kriminellen und Ermittlern inzwischen längst auch ein digitales ist, selbst dann, wenn es nicht ausschließlich im digitalen Raum stattfindet: Straftäter nutzen alle zur Verfügung stehenden technologischen Mittel und Werkzeuge, Ermittler versuchen mitzuhalten. Der Polizei gelingt das aber nur, wenn sie über ausreichend digitales Wissen, eine moderne technische Ausstattung und einen rechtlichen Rahmen verfügt, der ihr erlaubt, beides auch anzuwenden. Deutsche Strafverfolger hinken in allen drei Bereichen hinterher – aus verschiedenen Gründen. DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN ERMITTLERN UND DIGITALEN FORENSIKERN In den Kapiteln zuvor habe ich an verschiedenen Fällen gezeigt, wie mit digitaler Forensik Ermittlungen unterstützt und verbessert werden können. Einiges davon wird inzwischen auch bei Landeskriminalämtern angewandt, doch das ist, diplomatisch gesagt, ausbaufähig. Durch meine Arbeit für und mit Polizistinnen und Polizisten, Staatsanwaltschaften und Gerichten habe ich immer wieder festgestellt, dass das Wissen um digitale Ermittlungsmethoden an vielen Stellen viel zu gering ist. Fast überall wird zudem noch zwischen digitaler und analoger Welt unterschieden. Verschickt ein Täter einen Erpresserbrief, für den er aus Zeitschriften Buchstaben ausschneidet, dann gilt das als analoges oder klassisches Verbrechen. Schreibt er ihn aber am Computer und druckt ihn aus, nutzt er also Informationstechnik, gilt es als digitales Verbrechen oder »Cybercrime im weiteren Sinne«. Oft sind dann auch noch unterschiedliche Bereiche der Polizei zuständig, was zeigt, wie widersinnig das in einer Welt ist, in der nahezu jede Bürgerin und jeder Bürger moderne Informationstechnik nutzt – selbst der Erpresser, der für seine Tat Buchstaben ausschneidet, aber privat ein Handy nutzt. 116
Stattdessen müssten Ermittlerinnen und Ermittler längst bei jeder Tat das digitale Leben von Opfern wie Tätern mitdenken und im Blick haben. Sie müssten wissen, wie sie diese digitalen Leben recherchieren und auswerten. Mehr noch: Sie müssten auch wissen, welche digitalen Möglichkeiten es gibt, um Ermittlungen zu verbessern. Tatortrekonstruktionen, Ablaufsimulationen sowie digitale Video- und Bildanalysewerkzeuge bieten vielfältige Möglichkeiten, um Hypothesen zu überprüfen. Dabei will ich nicht einem häufig diskutierten Einheitspolizisten das Wort reden, also einer eierlegenden Wollmilchsau, die sowohl ausgebildeter Ermittler oder Ermittlerin ist und zugleich studierte ITForensikerin oder IT-Forensiker. Dieses Wunderwesen kann und wird es nicht geben. Nein, meine Vision einer effizienten, modernen Ermittlungsarbeit besteht in einem neuen Verhältnis zwischen Kriminalisten und digitalen Forensikern. Was wir brauchen, sind gut ausgebildete Expertinnen und Experten aus beiden Bereichen, die jeweils genug Wissen von der Arbeit des anderen haben, um enger als heute üblich zusammenzuarbeiten. Im Moment läuft es allerdings meist so: Ermittler übergeben IT-Forensikern sichergestellte Datenträger wie Handys, Festplatten oder Laptops und sagen: »Bereite mir mal die Daten auf.« Vielleicht liefern sie ihnen auch noch ein paar zusätzliche Informationen, wie den Durchsuchungsbefehl, oder geben an, wonach genau sie suchen sollen, etwa alle Kontakte rund um den Tattag. Die Forensikerinnen und Forensiker sichern die Daten und packen sie in entsprechende Ordner, die von den Ermittlern durchgeschaut werden – je nachdem, wonach sie suchen. Häufig tun sie das wie am Fließband. Zeit, sich über das, was sie da auswerten, Gedanken zu machen, sich Verknüpfungen oder weiterführende Ansätze zu überlegen, haben sie meist nicht. Durch diese Vorgehensweise gehen viele interessante Ansätze verloren. Würden nämlich digitale Forensiker stärker in die Ermittlungsarbeit einbezogen, gäbe man ihnen mehr Zeit und Spielraum, Dinge auszuprobieren, dann könnten sie interessantere Ergebnisse erzielen. Ein fiktives Beispiel: Ein Ermittlerteam wird an einen Tatort gerufen. Eine junge Frau liegt erdrosselt in ihrer Wohnung. Sie lebte allein, niemand scheint gewaltsam die Tür aufgebrochen zu haben oder sonst wie in ihre Wohnung eingedrungen zu sein. Sie muss den Täter also selbst hereingelassen haben. Die Spurensicherung nimmt das Handy und den Laptop der Frau mit, sichert Fingerabdrücke und DNASpuren. Die meisten Spuren können zugeordnet werden, nur einige bleiben offen, allerdings ohne Treffer in Datenbanken. Die Ermittler geben die Geräte an die ITForensik, bitten, alles auszulesen und nach Kontakten, Verabredungen, Fotos und Nachrichten zu suchen, die um den Todestag herum ein- und ausgegangen sind, die Aktivitäten des Opfers in sozialen Netzwerken durchzugehen, die Orte, an denen die Frau sich aufhielt. Vierzehn Menschen listen die Forensiker schließlich auf, mit denen die Frau rund um den Todestag telefonierte, chattete, sich verabredete. Sie erstellen mit den GPS-Daten des Handys ein Bewegungsprofil der Frau. Die Kontakte werden überprüft, ihr Weg nachgezeichnet. Dutzenden Hinweisen gehen die Ermittler nach. Ergebnislos. 117
Keine der 14 Personen kommt als Tatverdächtiger in Frage. Die Ermittler sind an einem toten Punkt angekommen. Hätten sie enger mit den Forensikern zusammengearbeitet und sie nicht nur um eine tatrelevante, sondern umfassende Analyse der Smartphonenutzung der Frau gebeten, also die Kollegen auch ein bisschen tüfteln lassen, dann hätten die Forensiker leicht herausfinden können, dass das Opfer ein Fan von Onlinespielen war. Denn in einer WhatsApp-Nachricht an eine Freundin schrieb die Frau, dass sie gerne im Netz zocke. Forensiker, die gebeten werden, nicht nur Daten auszulesen, sondern ein genaues Profil des Opfers zu erstellen, und die mit Fallarbeit vertraut sind, würden das zum Anlass nehmen, in dem Browserverlauf der Frau nach Onlinespielen zu suchen. Dabei würden sie entdecken, dass die Frau regelmäßig mehrere Spieleplattformen aufgerufen hat. Mit den bereits gefundenen Login-Daten auf der Festplatte könnten sie ihr Spielekonto einsehen und feststellen, dass die Frau sich über mehrere Wochen in der Chatfunktion eines dieser Spiele intensiv mit einem anderen Spieler, offensichtlich einem Mann, unterhielt, der sich wie sie selbst auch unter Pseudonym angemeldet hatte. Aus den Chats geht hervor, dass sich die beiden vor einigen Wochen für ein echtes Treffen verabredet hatten. Danach spielte die Frau zwar weiter Onlinespiele, aber nie wieder dieses und hatte auch keinen weiteren Kontakt mehr zu diesem Mann, beziehungsweise einem Spieler mit dessen Pseudonym. Irgendetwas muss also bei diesem Treffen vorgefallen sein. Spielen wir den Fall weiter durch: So sehr sich die Forensiker bemühen, den Klarnamen des Mannes mit Hilfe von frei zugänglichen Rechercheplattformen und -methoden, sogenannter Open Source Intelligence (OSINT) herauszufinden, es gelingt ihnen nicht. Er scheint sehr geschickt darin zu sein, seine digitalen Spuren zu verwischen. Doch die Forensiker lassen nicht locker. Sie programmieren ein eigenes Auswertungsprogramm, mit dem sie alle Spielepartner dieses Mannes analysieren können, und finden das Profil eines Spielers, der besonders oft mit ihm gezockt hat. Dieser Mann ist weniger vorsichtig. Mit OSINT-Methoden können sie seinen wahren Namen und die Adresse ausfindig machen. Sie befragen ihn, erfahren, dass er sogar mit dem Spielepartner befreundet ist, und gelangen so an den wahren Namen des Chatpartners der getöteten Frau. Er wird befragt, verstrickt sich in Widersprüche, seine DNA passt zu der, die in der Wohnung des Opfers gefunden wurde, aber nicht zugeordnet werden konnte. Am Ende gesteht er: Er traf sich mit der Frau. Danach brach sie den Kontakt vollständig ab, ohne ihm zu sagen, warum. Das wollte er nicht hinnehmen, recherchierte ihre Adresse und stand am Tatabend plötzlich vor ihrer Tür … Den weiteren Verlauf der Geschichte kann man sich denken. Das fiktive Beispiel zeigt: Viel zu oft wird das Potenzial von Forensikern nicht ausreichend genutzt. Würden sie in Ermittlungen intensiver eingebunden, könnten sie Ideen einbringen, digitale Auswertungsmethoden miteinander verknüpft einsetzen, im besten Falle sogar neue entwickeln und ausprobieren. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass nicht nur Ermittlerinnen und Ermittler ein besseres Verständnis dafür haben, was digitale Forensik kann, sondern dass 118
auch IT-Forensikerinnen und -Forensiker hypothesengeleiteter Fallarbeit besitzen. ein Grundverständnis von WAS SICH ÄNDERN MUSS Damit wir zu einer solchen Form von Ermittlungsarbeit kommen, muss sich die Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten, aber auch von IT-Forensikerinnen und -Forensikern im Polizeidienst drastisch ändern. Zwar ist inzwischen in allen Bundesländern die Vermittlung von IT-Fähigkeiten in der Polizeiausbildung verankert – allerdings mit großen Unterschieden in Quantität und Qualität: Die Unterrichtseinheiten dazu variieren in der zweieinhalb- bis dreijährigen Ausbildung zwischen sieben und 105 Unterrichtsstunden. Die Inhalte, die unterrichtet werden, sind genauso verschieden wie die digitale Ausstattung. Schon bei der Auswahl angehender Polizistinnen und Polizisten müsste viel mehr auf digitale Basisfähigkeiten geachtet und in der Ausbildung dann ein ausreichendes Grundwissen über digitale Technologien vermittelt werden. Wie private Daten in Sozialen Medien, aber auch anderen Plattformen missbraucht werden können und wie man wichtige Informationen im Internet recherchiert und verifiziert, wird in der Schule noch immer viel zu selten unterrichtet. Deshalb muss dies angehenden Polizistinnen und Polizisten wenigstens in der Ausbildung vermittelt werden. Sie müssen lernen, was digitale Spuren überhaupt sind und wie man als Ersteinschreiter am Tatort dafür sorgt, dass sie nicht verloren gehen. Dass es etwa nicht sinnvoll ist, ein offen dastehendes Laptop zuzuklappen und einfach einzupacken, weil es danach passwortgeschützt ist und IT-Forensiker dieses Passwort erst mühsam wieder knacken müssen. Dass sie stattdessen die Maus ständig in Bewegung halten sollten, damit der Bildschirmschoner und der Passwortschutz nicht einsetzen. Sie müssen wissen, dass auch eine Smartwatch digitale Spuren liefern kann, etwa über die GPS-Daten Informationen Aufenthaltsorte verrät, und deshalb einem Tatverdächtigen bei der Festnahme sofort abgenommen werden sollte, bevor er diese Daten löschen kann. Sie brauchen ein Grundwissen über digitale Kriminalität, wie sie entsteht, welche Formen sie annimmt, welche wichtigen Werkzeuge im Einsatz sind. All das spielt bislang eine viel zu geringe Rolle in der Ausbildung. Das liegt auch daran, dass diese nicht noch weiter verlängert werden soll. Wenn also mehr digitales Grundwissen vermittelt werden muss, geht das nur auf Kosten anderer Inhalte. Und dafür müsste man sich darüber einigen, auf welche Inhalte verzichtet werden kann. Ein schwieriges Unterfangen. Darüber hinaus brauchen Polizistinnen und Polizisten, die für Ermittlungen im Zusammenhang mit Straftaten eingesetzt werden, vertieftes Wissen über digitale Techniken und ihre Einsatzmöglichkeiten. Auch das ist bislang in den Bundesländern sehr unterschiedlich organisiert. Manche bieten berufsbegleitende Fort- und Weiterbildungen hierzu an, andere bilden direkt sogenannte Cybercops aus. Es fehlen vor allem ein einheitlicher inhaltlicher Standard und ein Ausbildungsansatz, der eine sich schnell verändernde Technologie und das 119
Wissen über Missbrauchsmöglichkeiten ebenso schnell adaptieren kann. Das Bundeskriminalamt zum Beispiel schlägt gerade einen anderen Weg ein: Über Fort- und Weiterbildungen werden Polizeibeamtinnen und -beamte in digitaler Sachbearbeitung so vertieft trainiert, dass sie als Mittler zwischen beiden Bereichen eingesetzt werden können. Sie kommen aus der Polizeiarbeit, erwerben in einem berufsbegleitendem Studienprogramm genug digitale Sachkenntnis, dass sie IT-Sachverständige oder IT-Forensiker entsprechend in die Ermittlungsarbeit einbeziehen können. Egal welcher Weg gegangen wird, grundsätzlich muss das Ziel eine stärker technologiegetriebene Ausbildung bei der Polizei sein. Auf der anderen Seite müssen auch IT-Forensiker wissen, welche Ursachen und Formen von Kriminalität es gibt und ebenso, welche Methoden zur Aufklärung und Bekämpfung. Sie brauchen also Basiswissen in Kriminologie und Kriminalistik. Ausbildungswege, wie wir sie etwa in Mittweida anbieten, müssen aus dem weiten Feld der Informatik spezialisiert vor allem die Bereiche vermitteln, die in der Ermittlungsarbeit eingesetzt werden können. Dazu muss aber auch unterrichtet werden, wie hypothesengeleitete Ermittlungsarbeit funktioniert. Nur wenn IT-Forensiker verstehen, was tatrelevante Spuren sind und wie sie im Zusammenspiel zu sehen sind, können sie für ihre Auswertung digitale Methoden entwickeln und einsetzen. Sie müssen das Wissen aus der analogen Ermittlungswelt auf die digitale Welt übertragen und zusammenführen können. Bislang allerdings konzentrieren sich die meisten IT-Forensik-Ausbildungen auf sogenannte Cybercrime-Delikte, bei denen Verbrechen vermeintlich ausschließlich im Netz passieren und auch dort aufgeklärt werden. Doch das ist ein Trugschluss: Es gibt keine reinen Cyber-Strafttaten. Kein Verbrechen beginnt allein im Rechner und endet dort. Wir alle, also auch Täter und Opfer, leben in einer Welt, in der sich zwischen digitalem und realem Raum nicht mehr trennen lässt: Wir benutzen täglich digitale Werkzeuge und hinterlassen dabei Spuren, die es im Fall einer Straftat zu sichern und zu deuten gilt. Grundvoraussetzung für all das ist aber, dass es auch eine entsprechende digitale Ausstattung bei Strafverfolgungsbehörden gibt, und zwar bei allen. Die Unterschiede sind hier jedoch extrem groß. Während manche modernste Geräte und Systeme nutzen, besitzen andere nicht einmal halbwegs schnelle Rechner oder etwa Diensthandys. Vorgangsbearbeitungssysteme sind veraltet und vor allem meist nicht über Bundesländergrenzen hinweg einsetzbar; viele Daten und Systeme sind nicht miteinander vernetzt. Das Gleiche gilt für den Austausch von Informationen zwischen Staatsanwaltschaften und Polizeien. Zwar gibt es auch hier Initiativen und Programme, diese Lücken und Missstände endlich zu füllen. Doch im Moment ist das alles noch viel zu langsam. Mir kommt es so vor, als sollte die Polizei im Trabi ein Formel-Eins-Rennen fahren, während die Täter im Ferrari davonbrausen. Wer dieses Rennen gewinnt, steht vom Start an fest. Um neue digitale Ermittlungsmethoden zu entwickeln, die in der Praxis wirklich weiterhelfen, ist zudem ein besserer Austausch zwischen Praktikern und 120
Wissenschaftlern beziehungsweise Entwicklern notwendig. Im Moment ist vor allem die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich, kurz ZITiS, dafür zuständig. Diese Bundesbehörde mit Sitz in München entwickelt allerdings nur für das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und das Bundesamt für Verfassungsschutz digitale Werkzeuge und Lösungen und bietet sie ihnen an. Sie müsste weiter ausgebaut werden und ihre Arbeit auch den Länderpolizeien zugänglich machen. Außerdem wäre ein stärkerer Austausch mit externen Forschungseinrichtungen und Universitäten wichtig, damit die ZITis-Forensiker die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen der Wissenschaft besser für die Praxis nutzbar machen können. JURISTISCHE GRENZEN – DATENSCHUTZ IST BÜRGERSCHUTZ Doch der Wettlauf zwischen Kriminellen und Strafverfolgern ist nicht nur eine Frage von technologischer Kompetenz und Ausstattung. Er ist auch eine Frage des Rechts. Was sollte erlaubt sein, um Straftäter zu fassen und die Gesellschaft damit vor ihnen zu schützen? Beim Superhack im Fall EncroChat saugte die Polizei die Daten der kompletten Kundschaft eines Unternehmens ab. Vor den Gerichten läuft daher nun ein juristischer Kampf. Es geht um die Frage, ob die von französischen Behörden gehackten Daten in deutschen Prozessen überhaupt verwendet werden dürfen, unter anderem auch, weil sie faktisch aus einer anlasslosen allgemeinen Überwachungsaktion stammen. In der einen Waagschale liegt die Überführung Tausender Krimineller für teils schwerste Verbrechen. In der anderen liegen die Grundrechte unbescholtener Bürgerinnen und Bürger. Denn unter den EncroChat-Kunden waren auch etliche, die nichts Kriminelles getan haben – wenn auch nur eine Minderheit, wie die Datenauswerter behaupten. Dennoch: Das Recht dieser Menschen auf eine geschützte Kommunikation, das Post- und Fernmeldegeheimnis, wurde verletzt. Ist das legitim? Es ist eine Abwägung zwischen Rechtsgütern, die letztlich vom Gesetzgeber und von Gerichten getroffen werden muss. Wer die Allgemeinheit vor Kriminalität schützen will und nicht möchte, dass die digitale Welt zum rechtsfreien Raum wird, der muss dafür sorgen, dass Regeln dort genauso wie in der analogen Welt eingehalten werden. Dies lässt sich erreichen, indem man unendlich viele Polizistinnen und Polizisten auf Streife ins Netz schickt – was unrealistisch ist. Oder indem man intelligente Systeme dazu bringt, solche Taten zu entdecken, die dann von Menschen, die dafür ausgebildet sind und den Staat repräsentieren, überprüft werden. Doch hierfür fehlt ein verlässlicher Rechtsrahmen, ebenso wie für den generellen Einsatz künstlicher Intelligenz in der Forensik. Im Moment haben wir lediglich Ansätze für eine effektive Strafverfolgung im Netz. So verpflichtet zum Beispiel der Gesetzgeber Onlinediensteanbieter mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) dazu, strafbare Inhalte auf ihren Plattformen zu melden. Sie werden damit zu einer Art Hilfssheriff gemacht. Nur, wollen wir diese Aufgabe tatsächlich privatwirtschaftlichen Firmen überlassen? Oder sollte das nicht besser in der Hoheit des Staates liegen? Dieser Diskussion muss sich die Gesellschaft stellen. 121
Eins steht fest: Die digitale Entwicklung bietet unglaubliche Möglichkeiten für die gesamte Gesellschaft. Diese muss allerdings lernen, weniger sorglos mit den eigenen Daten umzugehen und die Gefahren einzuschätzen. Es würde ja auch niemand auf dem Markplatz seine privaten Fotos oder Briefe auslegen. Im Netz dagegen haben viele Menschen damit überhaupt kein Problem. Kriminelle, auch das ist sicher, werden diese Sorglosigkeit genauso wie jede technische Neuerung und die daraus resultierenden Sicherheitslücken nutzen. Strafverfolgungsbehörden können dagegen nur dann effektiv vorgehen, wenn sie ebenfalls alle zeitgemäßen digitalen Werkzeuge einsetzen – und dafür einen Rechtsrahmen haben. Sie brauchen aber auch eine größere Offenheit gegenüber neuen Technologien und den Mut, neue Wege auszuprobieren. Als ich 2014 anfing, digitale Forensikmethoden zu entwickeln, wurde ich noch vielfach belächelt. Damals musste ich mir vom sächsischen Landespolizeipräsidenten anhören: »Das, was Sie da machen, wird sich nie durchsetzen.« Er hat sich geirrt. Nur ist die Skepsis längst nicht überall verschwunden. Veränderung, das habe ich gelernt, funktioniert in komplexen Gesellschaften und Organisationen (wie der Polizei) nicht als Sprint. Es ist ein Langstreckenlauf. Die Vorbehalte dagegen, externe Experten bei Ermittlungen heranzuziehen, sind oft groß und die Kooperationsbereitschaft entsprechend gering. Immer wieder erlebe ich Situationen wie diese: Zwei Wochen lang arbeite ich daran, in einem Raubüberfall den Schuh eines Tatverdächtigen identifizierbar zu machen, der in einer qualitativ schlechten Videoaufzeichnung zu sehen ist. Schließlich gelingt es, und ich präsentiere dem Kommissar stolz das Ergebnis. Doch der lehnt sich gemütlich zurück, verschränkt die Arme über seinem dicken Bauch und sagt: »Hmmm, und wat soll mir dit jetzt bringen? Ick weeß doch schon, dat wir nen Nike-Schuh suchen. Wir haben letzte Woche nen Schuhabdruck jefunden.« Dummerweise hat er vergessen, mir das zu sagen. Meine Zeit hätte ich sinnvoller einsetzen können, etwa um nach anderen Hinweisen in dem Video zu suchen. Nur wenn Ermittler mir die Chance geben, meine Methoden anzuwenden, sie mit ihnen und ihren Erkenntnissen weiterzuentwickeln, kommt dabei etwas heraus, was uns alle weiterbringt – und im besten Fall Täter überführt. Die Polizei braucht Wissen von außen, die Wissenschaft den Kontakt zur Praxis, um Techniken zu entwickeln, die wirklich gebraucht werden. Erst dann hat die Gesellschaft eine Chance im ewigen Wettrennen gegen Kriminelle. 122
QUELLEN ARD-ZDF-Onlinestudie, 9.11.2021 https://www.ard-zdf-onlinestudie.de/ardzdfonlinestudie/infografik/ Eine ausführliche Analyse der Daten ist in der Fachzeitschrift »MediaPerspektiven« (Heft 10/2021) dokumentiert Becker, S., Dreßler, J., Thiele, K., & Labudde, D.: Gesichtsweichteilrekonstruktion mithilfe einer open-source-software, in: Rechtsmedizin, 26 (2) 2016, S. 83–89. Berner, S.; et al: Technologiegetriebene Polizeiausbildung im Umgang mit Digitalen Spuren, erscheint 2022 in: Bayerl, Petra Saskia; Rüdiger, Thomas-Gabriel (Hrsg): Cyberkriminologie, Bd.2 – Neue Phänomene und Ansätze, Springer VS. Cox, Joseph: »Die Leute sind gefickt«: Wie die Polizei heimlich ein Handynetzwerk für Drogengangs infiltrierte, Vice, 3.7.2020 https://www.vice.com/de/article/3aza95/encrochat-hackwie-die-polizei-ein-handynetzwerk-fur-drogengangs-infiltrierte Da Silva, Gioia: Nach IBM, Amazon und Microsoft distanziert sich nun auch Facebook von der Technologie der Gesichtserkennung, Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2021 https://www.nzz.ch/technologie/facebook-schaltet-die-gesichtserkennung-aus-und-loescht-dieerkennungsmerkmale-von-mehr-als-einer-milliarde-nutzern-ld.1653306 Film: Die Ecke, (90 Min.), Buch und Regie: Christa Pfafferott, eine Koproduktion von Sinn Filmproduktion, Christa Pfafferott und MDR, in Zusammenarbeit mit arte, gefördert mit Mitteln der MOIN Filmförderung, MDM-Filmförderung, Premiere 2022. Finke, Björn: Was das neue KI-Gesetz der EU vorsieht, Süddeutsche Zeitung, 21.4.2021 https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ki-ai-eu-gesichtserkennung-intelligenz-1.5271653 Hill, Kashmir: The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It, New York Times, 18.1.2020 https://www.nytimes.com/2020/01/18/technology/clearview-privacy-facialrecognition.html Hill, Kashmir; Mac, Ryan: Facebook, Citing Societal Concerns, Plans to Shut Down Facial Recognition System, New York Times, 5.11.2021 https://www.nytimes.com/2021/11/02/technology/facebook-facial-recognition.html Hill, Kashmir: Clearview AI does well in another round of facial recognition accuracy tests, New York Times, 23.11.2021 https://www.nytimes.com/2021/11/23/technology/clearview-ai-facialrecognition-accuracy.html?searchResultPosition=2 Imhasly, Patrick: Kuck mal, wer da spricht: Computer können sich aus unserer Stimme ein präzises Bild machen, NZZ am Sonntag, 22.6.2019 https://nzzas.nzz.ch/wissen/kuenstlicheintelligenz-phantombild-aus-der-stimme-ld.1490675?reduced=true Labudde, Dirk; Spranger, Michael (Hrsg): Forensik in der digitalen Welt. Moderne Methoden der forensischen Fallarbeit in der digitalen und digitalisierten realen Welt. Springer Spektrum, 2017 Labudde, Dirk; Mohaupt, Marleen: Bioinformatik im Handlungsfeld der Forensik. Springer Spektrum, 2018 Locard, Edmond: Die Kriminaluntersuchung und ihre wissenschaftlichen Methoden. Berlin Kameradschaft Verlagsges. 1930 https://thenextweb.com/news/meta-filed-a-patent-for-3dconversations-are-holographic-calls-almost-here Oh, Tae-Hyun; et al.: Speech2Face: Learning the Face Behind a Voice, EEE Conference on Computer Vision and Pattern Recognition (CVPR), 2019 https://openaccess.thecvf.com/content_CVPR_2019/papers/Oh_Speech2Face_Learning_the_Fac e_Behind_a_Voice_CVPR_2019_paper.pdf 123
Osel, Johann: Tatort in 3D, Süddeutsche Zeitung, 16.8.2018 https://www.sueddeutsche.de/bayern/polizeiarbeit-tatort-in-3d-1.4093348 Petermann, Axel: Im Auftrag der Toten. Cold Cases. Ein Profiler ermittelt. Heyne Verlag. 2021 Reinhard, Daniel: Der Münchner Parkhausmord. Ein spektakulärer und umstrittener Indizienprozess. Books on Demand, 2018 Rüdiger, Thomas-Gabriel: Digitale Kriminalitätstransparenz, in: Kriminalistik 2/2021, S. 72–76 Schneider, Peter M.; Prainsack, Barbara; Kayser, Manfred: Erweiterte forensische DNA-Analyse zur Vorhersage von Aussehen und biogeografischer Herkunft, in: Deutsches Ärzteblatt 5152/2019 Uhlenbroich, Burkhard: »900 Haftbefehle dank geknackter Handy-Codes«, Interview mit BKAPräsident Holger Münch, in BILD am SONNTAG, 7.11.2021 https://www.bka.de/DE/Presse/Interviews/2021/211107_InterviewMuenchBildAmSonntag.html Taigman, Yaniv; Yang, Ming; Ranzato, Mar‹Aurelio; Wolf, Lior: DeepFace: Closing the Gap to Human-Level Performance in Face Verification. IEEE Conference on Computer Vision and Pattern Recognition, 2014. https://research.facebook.com/publications/deepface-closing-the-gap-tohuman-level-performance-in-face-verification/ 124
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17 https://www.nytimes.com/2020/01/18/technology/clearview-privacy-facial-recognition.html 18 https://www.sueddeutsche.de/digital/seehofer-gesichtserkennung-bahnhof-polizei-gesetz1.4769958 19 https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ki-ai-eu-gesichtserkennung-intelligenz-1.5271653 20 https://www.nzz.ch/technologie/facebook-schaltet-die-gesichtserkennung-aus-und-loeschtdie-erkennungsmerkmale-von-mehr-als-einer-milliarde-nutzern-ld.1653306 21 https://www.lka.polizei-nds.de/a/presse/pressemeldungen/kuenst­liche-intelligenz-lkaniedersachsen-stellt-software-zur-bekaempfung-von-kinderpornografie-bundesweit-zurverfuegung-114750.html https://www.welt.de/politik/deutschland/plus208257861/Paedophile-Netze-im-InternetMissbrauch-live.html 22 https://www.computerwoche.de/a/effizientes-suchen-mit-kuenst­licher-intelligenz,3099804 23 https://www.polizeipraxis.de/themen/kommunikation/detailansichtkommunikation/artikel/echtzeit-videoanalyse-und-kuenst­liche-intelligenz-im-einsatz.html 24 https://www.bionity.com/en/encyclopedia/Maziar_Ashrafian_ Bonab.html 25 https://faces.mpdl.mpg.de/imeji/ http://www.whdeng.cn/raf/model1.html 26 https://tu-dresden.de/mn/psychologie/ifap/kknw/ressourcen/­dateien/media-reports/NZZ_201906-23_KuckMalWerDaSpricht_layout-web.pdf?lang=de 27 https://cdfg.mit.edu/publications/speech2face-learning-face-behind-voice 28 https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Zwei-Drittel-Neujahrsgruesse-Videocall 29 https://www.aerzteblatt.de/archiv/211418/Erweiterte-forensische-DNA-Analyse-zurVorhersage-von-Aussehen-und-biogeografischer-Herkunft https://www.nzz.ch/schweiz/erweiterte-dna-analyse-als-fahndungsinstrument-ld.1589584 30 https://www.scinexx.de/news/biowissen/3d-modell-liefert-zusammenhang-zwischen-gesichtund-genen/ 31 https://www.sueddeutsche.de/wissen/genetik-der-nase-nach- 1.2999327 https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/­15-gene-fuers-gesicht/ 32 https://www.vice.com/de/article/3aza95/encrochat-hack-wie-die-polizei-ein-handynetzwerkfur-drogengangs-infiltrierte 33 https://www.golem.de/news/sky-ecc-polizei-soll-millionen-chats-von-kryptohandysbekommen-2111-161093.html https://www.bka.de/DE/Presse/Interviews/2021/211107_InterviewMuenchBildAmSonntag.html 34 https://www.vice.com/de/article/3aza95/encrochat-hack-wie-die-polizei-ein-handynetzwerkfur-drogengangs-infiltrierte 35 https://www.zeit.de/news/2021-11/15/richter-polizei-soll-millionen-krypto-handys-chatskriegen https://www.europol.europa.eu/media-press/newsroom/news/new-major-interventions-toblock-encrypted-communications-of-criminal-networks 126
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