Author: Gorki M.  

Tags: kinderliteratur  

Year: 1979

Text
                    

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MAXIM GORKI Das Spätzlein Bei den Spatzen ist es genauso wie bei den Menschen: Die erwachsenen Spatzen und Spätzinnen sind lang- weilige Piepmätze; sie reden über alles, wie es im Buche steht. Die Ju- gend aber, die lebt nach eigenem Ermessen. Es war einmal ein gelbschnäbliger Spatz, der hieß Pumpel und lebte über dem Fenster einer Badestube hinter dem obersten Brett der Fensterver- kleidung in einem warmen Nest aus Werg, Mooshälmchen und anderen weichen Sachen. Zu fliegen hatte er noch nicht versucht, doch schlug er schon mit den Flügeln und reckte sich ständig über den Nestrand hinaus: Er mußte doch so schnell wie möglich herausbekommen, was denn die Welt eigentlich ist. und ob sie auch für ihn taugt. ,,Zu was. zu was?*' fragte ihn die Spätzlein-Mutter. 3
Er schüttelte die Flügel, musterte die Erde und schilpte: „Zu schwarz, viel ZU schwarz!“ Der Papa brachte Pumpel allerhand Krabbeltiere und brüstete sich: „Sind sie nicht schick?“ Mama Spatz lobte ihn: „Schick schick!“ Pumpel aber schluckte die Krabbel- tiere und überlegte: Was ist schon dran? — Ein Wurm mit Füßen — weiter nichts! Und wieder reckte er sich aus dem Nest und hatte seine Augen überall. „Spatzei, Spatzei, stürz nicht runter!“ schrie die Spätzin aufgeregt. „Zu was, zu was?“ fragte Pumpel. „Ach was, zu was? Stürzest hinunter, kommt die Katz — schilp! — bist schon gefressen!“ erklärte der Vater und flog wieder aus auf Jagd. So ging das immerzu. Die Flügel aber nahmen sich Zeit zum Wachsen. Ein- mal kam Wind auf. Pumpel fragte: „Zu was, zu was?“ „Der Wind, der pust’ dich an 4
schilp! — und bläst dich hinunter zur Katz!“ erklärte die Mutter. Das gefiel Pumpel nicht, und er sagte: ,,Zu was schwanken die Zweige? Sollen stillstehn, dann gibt’s keinen Wind...“ Die Mutter versuchte es ihm klar- zumachen, daß das nicht so sei. Er aber glaubte ihr nicht. Er zog es vor, alles so zu erklären, wie er es sich dachte. Ein Bauer kam an der Badestube vorbei und schlenkerte mit den Armen. ,,Zu sauber hat die Katze doch dem die Flügel gerupft“, meinte Pumpel, „bloß die Knöchlein hat sie ihm ge- lassen!“ „Das ist ein Mensch“, sagte die Spätzin, „die Menschen haben keine Flügel!“ „Wie das?“ „Das ist so ihr Stand, müssen flügel- los leben, immerzu nur auf den Beinen hopsen, putzig!“ „Zu was das?“ „Hätten sie Flügel, würden sie ge- 5
nauso auf uns Jagd machen wie Papa und ich auf die Mücken...!“ ,,Quatsch!“ sagte Pumpel. „Quatsch, Gequassel! Alles muß Flügel haben’ Auf der Erde ist’s doch schlechter als in der Luft ...! Bin ich erst groß, mach ich, daß alle fliegen können.“ Pumpel glaubte der Mutter nicht. Er wußte noch nicht, daß es immer ein böses Ende nimmt, wenn man der Mutter nicht glaubt. Er saß auf dem äußersten Nestrand und sang aus vollem Halse den selbstgedichteten Vers: „Ach, du flügelloser Mensch, Kannst nur auf den Beinen staken. Bist an Wuchs du noch so groß, Fressen dich die Schnaken! Ich dagegen, so klein ich auch bin, Schluck die Schnaken, ob dick oder dünn.“ Er sang und sang und plumpste aus dem Nest. Die Spätzin stürzte ihm nach, die Katze aber — fuchsrot, mit grünen Augen — war auch schon da. Pumpel war nicht schlecht erschrok-

ken. Er spreizte die Flügel, schwankte hilflos auf seinen grauen Beinen und schilpte: „Zuviel Ehre, zuviel Ehre.. Die Spätzin aber stieß ihn beiseite, sträubte die Federn — zum Fürchten sah sie aus in ihrem Todesmut — und, den Schnabel weit aufgesperrt, zielte sie der Katze nach den Augen. „Scher dich fort, scher dich fort! Flieg, Pumpel,.flieg! Flieg aufs Fenster hin- auf, flieg ...“ Der Schreck hob das Spätzlein vom Boden, es hüpfte hoch, schlug zwei-, dreimal mit den Flügeln, und droben war es auf dem Fensterbrett! Da kam auch schon die Mama her- aufgeflogen, zwar ohne Schwanz, aber in großer Freude. Sie setzte sich neben Pumpel, pickte ihn ins Genick und schilpte: „Zu was, zu was?“ „Zu was, zu was?“ gab Pumpel zu- rück. „Es lernt sich nicht alles zugleich!“ Unten auf der Erde aber saß die Katz — fuchsrot, mit grünen Augen. Sie 8
putzte sich die Spatzenfedern von den Pfoten und mauzte so recht mit Be- dauern. „Ein mi-olliges Spätzlein, wie’n Mi-äuslein ... Scha-ade .. Und so war denn alles gut abgegan- gen, wenn man davon absieht, daß die Mama ohne Schwanz geblieben- ist... » / (Deutsch von Marg. Mohnhaupt) MAXIM GORKI Iwanuschka der Narr Es lebte mal — es war einmal Iwanuschka der Narr! Von Angesicht war er ein hübscher Junge, doch konnte er tun und lassen, was er wollte, immer war es bei ihm zum Lachen und nicht wie bei anderen Leuten. Da hatt’ ihn mal ein Bauer in Dienst genommen und machte sich dann auf, mit der Bäuerin in die Stadt zu fahren; die Frau sagte zu Iwanuschka: „Wenn du jetzt mit den Kindern allein bist, 9
schau auf sie, und gib ihnen zu essen!“ . - • ,,Ja, was denn?“ fragte Iwa- nuschka. - H ..Nimmst halt Wasser, Mehl, Kartof- feln, schneidest sie in Stücke und kochst Pochlebka!“ Und der Bauer fügte hinzu: „Paß auf die Tür auf, daß die Kinder nicht etwa in den Wald laufen.“ Der Bauer war mit seiner Frau fort- gefahren. Iwanuschka stieg auf die Schlafpritsche hinauf, weckte die Kinder, schleppte sie auf den Fuß- boden herunter, setzte sich hinter sie und sprach: „So, jetzt schau ich auf euch!“ Eine Weile saßen die Kinder so auf dem Fußboden, dann verlangten sie zu essen. Iwanuschka schleppte einen Kübel mit Wasser in die Stube, schüttete einen halben Sack Mehl und ein Maß Kartoffeln hinein, rührte alles mit einem Tragholz um und überlegte laut: „Wen aber sollte ich in Stücke schneiden?“ 10
Die Kinder hörten das — und bekamen es mit der Angst: „Der wird uns noch kaputtschneiden!“ Und sie liefen leise zum Haus hinaus. Iwanuschka schaute ihnen nach, kratzte sich den Hinterkopf und über- legte: „Wie soll ich jetzt auf sie schauen? Und die Tür hier — auf die soll ich doch auch auf passen, daß sie nicht wegläuft!“ Er guckte in den Kübel und sprach: „Koch du hier solange, Pochlebka, ich aber will gehn, auf die Kinder schaun!“ Er hängte die Tür aus, nahm sie auf die Schulter und ging mit ihr dem Wald zu. Auf einmal kam ihm ein Bär entgegengetappt — blieb verwundert stehen und brummte ihn an: „He du, warum trägst du Holz in den Wald?“ Iwanuschka erzählte, wie es ihm er- gangen war. Der Bär setzte sich auf die Hinterpfoten und konnte sich kaum halten vor Lachen. „Was bist du doch für ein Närrchen! Dich muß ich doch gleich mal fressen!“ ii
Iwanuschka aber sagte: „Friß lieber die Kinder, daß sie das nächste Mal auf Vater und Mutter hören und nicht wieder in den Wald laufen!“ Der Bär mußte noch mehr lachen — wälzte sich nur so auf der Erde vor lauter Lachen. „So was Dummes ist mir noch nicht begegnet! Komm, ich will dich meiner Frau zeigen!“ Er führte ihn seiner Höhle zu. Iwanuschka ging hinter ihm und blieb mit seiner Tür immerzu an den Kie- fern hängen. „Ja, so wirf sie doch nur ab!“ sagte der Bär. „Nein! Mein Wort, das halt ich. Hab’s versprochen, auf sie aufzupassen — also paß ich auch auf!“ Sie kamen zur Höhle. Der Bär sagte zu seiner Frau: „Hier, Mascha, hab dir einen Narren mitgebracht! Zum Totlachen ist er!“ Iwanuschka aber fragte die Bärin: „Tante, hast du nicht ein paar Kinder gesehen?“ 12
„Die meinen sind zu Hause, sie schlafen.“ „Zeig mal her, am Ende sind es meine?“ Die Bärin zeigte ihm drei Bärenjunge. Iwanuschka sagte: „Nein, die sind’s nicht, ich hatte zwei.“ Da sah auch die Bärin, daß er ein Dummerjan war, und auch sie mußte lachen: „Die deinen waren doch Menschenkinder!“ „Na jaa“, meinte Iwanuschka, „wer will sich da auskennen, wenn sie klein sind, wem welche gehören!“ „Na, der ist gut!“ staunte die Bärin und sagte zu ihrem Mann: „Michailo Patopytsch, wir wollen ihn nicht fres- sen, laß ihn als Arbeiter bei uns wohnen.“ „Meinetwegen“, sagte der Bär, „er ist zwar ein Mensch, ist aber gar so harmlos!“ Die Bärin gab Iwanuschka einen Spankorb: „Geh, hol Wald- himbeeren! Wenn meine Kinder auf- wachen, will ich ihnen was Leckeres I vorsetzen.“
„Gut, wird gemacht!“ sagte Iwanuschka. „Ihr aber paßt solange auf die Tür auf!“ • Iwanuschka suchte sich einen Him- beerschlag, pflückte dort seinen Spankorb voll Beeren, aß sich auch selber noch satt, ging zurück zu den Bären und sang aus vollem Halse: „Die Marienkäferchen, oh, wie ungeschickt! Doch die Ameisen und die Eidechsen, davon bin ich ganz entzückt!“ Er kam zur Höhle und schrie: „Hier sind die Himbeeren!“ Die kleinen Bären stürzten über den Spankorb her, knurrten, stießen sich weg, purzelten übereinander und freuten sich. Iwanuschka schaute ihnen zu und sagte: „Schade, daß ich kein Bär bin — hätt’ sonst wohl auch Kinder!“ Der Bär und seine Frau grölten vor Lachen. ,,Oh, du meine Güte!“ knurrte der 14
Bär. „Es ist unmöglich, mit dem zu- sammen zu leben, da stirbt man ja vor fachen!“ „Hört mal zu“, sagte Iwanuschka, „paßt hier auf meine Tür auf, ich aber will gehn, die Kinder suchen, sonst krieg ich noch einen Denkzettel von meinem Herrn!“ Die Bärin aber bat ihren Mann: „Geh, Mischa, hilf ihm suchen!“ „Hast recht“, bestätigte der Bär, „man muß ihm helfen, er ist gar zu komisch!“. Der Bär suchte mit Iwanuschka die Waldpfade ab. Sie gingen dahin und unterhielten sich so recht kamerad- schaftlich miteinander. „Du bist aber auch wirklich erstaun- lich dumm!“ meinte der Bär. „Na — und du — bist du klug?“ „Meinst du mich?“ „Na ja!“ „Das weiß ich nicht!“ „Ich weiß es auch nicht. Bist du — bösartig?“ „Nein, warum?“ 15
„Ich glaube auch, es sind die Bös- artigen, die dumm sind. Ich bin auch nicht bösartig, also sind wir beide, du und ich, auch nicht dumm!“ „Da schau her, wie fein du das her- ausgefunden’ hast!“ sagte der Bär staunend. Auf einmal sahen sie unter einem Busch zwei Kinder sitzen. Sie waren eingeschlafen. Der Bär fragte: „Sind das deine?“ „Weiß nicht“, meinte Iwanuschka, „man muß sie fragen. Die meinen wollten essen.“ Sie weckten die Kinder und fragten sie: „Wollt ihr essen?“ Die Kinder schrien: „Schon lange wollen wir essen!“ „Na also“, sagte Iwanuschka, „es sind die meinen! Ich bringe sie jetzt ins Dorf. Du aber, Onkelchen, sei so gut und bring die Tür, ich selber hab nämlich keine Zeit — muß die Poch- lebka noch kochen.“ ,,Schon gut“, sagte der Bär, „ich bring sie dir.“ Iwanuschka ging hinter den Kindern 16_______________________
drein, schaute auf sie herunter, wie es ihm anbefohlen, und sang dabei: „Seht euch nur das Wunder an! - Die Käfer jagen Hasen. Unterm Busche sitzt der Fuchs, rümpft darob die Nase!“ Er kam ins Haus. Die Bauersleute waren schon aus der Stadt zurück- gekehrt: Mitten in der Stube sahen sie den Kübel stehen, bis an den Rand voll Wasser, Kartoffeln waren hin- eingeschüttet und auch Mehl, die Kinder aber waren weg, und auch die Tür war verschwunden. Sie setzten sich auf die Bank und weinten bitter- lich. „Warum weint ihr?“ fragte da plötz- lich Iwanuschka. Sie schauten auf, sahen die Kinder, umarmten sie voller Freude, und auf den Kübel zeigend, fragten sie Iwanuschka: „Was hast du denn da zusammengerührt?“ „Die Pochlebka.“ „Ja, aber so macht man das doch nicht!“ „Wie denn sonst?“ 17
.--------------------------- - „Und wo ist denn die Tür hingekom- men?“ „Wird gleich gebracht — da ist sie schon!“ ' , ' 'r . Sie schauten zum Fenster hinaus. Da stapfte ein Bär die Straße entlang und brachte die Tür angeschleppt. Die Leute nahmen Reißaus vor ihm, klet- terten auf Dächer und Bäume. Die Hunde blieben vor Schreck in den Zäunen und unter den Toren stecken; nur ein fuchsroter Gockel stand ver- wegen auf der Straße und krähte den Bären an: „Ich knick dir’s Gni-i-ck...“ t k (Deutsch von Marg. Mohnhaupt) MAXIM GORKI Was Jewsejka passierte Eines Tages saß der kleine Jewsejka, ein guter Junge, am Meeresufer und angelte. Das ist nun etwas sehr Lang- weiliges. Außerdem war es heiß. Da duselte Jewsejka ein, und — plumps! I 18
fiel er ins Wasser. Aber das war ja halb so schlimm — er bekam gar keinen Schreck und schwamm ruhig ein Stück, da tauchte er ein bißchen und kam auch gleich auf dem Grund an. Er setzte sich auf einen Stein, der weich mit rötlichen Wasserpflanzen gepolstert war, und sah sich um — herrlich war es hier! Gemächlich kriecht ein purpurroter Seestern, langsam schreiten bärtige Langusten über die Steine, eine Krabbe bewegt sich seitlich fort. Überall sind wie große Kirschen über den Steinen Seeanemonen ausge- streut, und weit und breit gibt es die merkwürdigsten Dinge zu sehen. Da blühen und schaukeln Wasserlilien, wie Fliegen blitzen die flinken Garne- len auf, dort schleppt sich eine Seeschildkröte hin, und über ihrem schweren Panzer spielen zwei kleine grüne Fischlein wie Schmetterlinge in der Luft, und hier führt ein Einsied- lerkrebs seine Muschel über die wei- ßen Steine spazieren. Bei seinem 19
- -• -1 Jewsejka gleich Wagen Anblick erinnert sich an den Vers: Ein Haus und keinen hat Großpapa Jakow... Und plötzlich ertönt über seinem Kopf eine ganz feine Stimme wie das Piepsen einer Klarinette: „Wer sind Sie denn?“ . i Als er hinsieht, steht ein riesiger Fisch im graublausilbernen Schuppenkleid und mit ganz großen Augen über ihm, der die Zähne zeigt und freundlich lächelt, als ob er schon gebraten und auf einer Platte auf dem Tisch läge. „Haben Sie eben gesprochen?“ fragt Jewsej. „Ja-a.“ Jewsejka wundert sich und fragt zornig: „Wie können Sie denn? Fische sind doch stumm!“ Gleichzeitig denkt er aber: Sieh einmal an! Französisch kann ich nicht verstehen, aber die Sprache der Fische sofort! Da soll mal einer was gegen mich sagen! Fr blickt sich selbstbewußt um und sieht ein verspieltes buntes Fischlein •20______________________________
----------•--------------' •. .. - pIS • um sich herumschwimmen, das la- chend in die Worte ausbricht: „Nun guckt doch bloß, was da für ein Untier hergeschwommen ist — mit zwei Schwänzen!“ „Und keine Schuppen — pfui!“ „Und nur zwei Flossen!“ Ein paar ganz Mutige schwimmen ihm direkt vor die Nase und ziehen ihn auf: „Atsch — ätsch!“ Jewsejka ist gekränkt: Das ist doch gemein von ihnen! Als ob sie nicht verstünden, daß sie einen richtigen Menschen vor sich haben... Er will sie greifen, aber sie schwim- men ihm unter den Händen weg, tummeln sich, stoßen einander mit den Nasen in die Seite und singen im Chor ein Spottlied auf den großen Krebs: „Unter Steinen liegt ein Hummer, der an einem Fischschwanz leckt, trockner Fischschwanz macht ihm Kummer, weiß nicht, wie die Fliege schmeckt!“ Der Krebs bewegt wütend seinen 21
. • • ? . - — - k’: • ->_• k- . - - -•-- . - ' j - A * <CT5» Schnurrbart und brabbelt, die Scheren ausgestreckt: „Wenn ich euch kriege, schneide ich euch die Zunge ab!“ Das ist ein ganz Böser, denkt Jewsejka. Der große Fisch fängt noch einmal an zu fragen: . „Woher haben Sie denn das, daß die Fische stumm seien?“ „Das hat mein Papa gesagt.“ : „Was ist denn das — Papa?“ „Nun, so etwa wie ich, bloß größer und mit einem Schnurrbart. Und wenn er nicht ärgerlich ist, dann ist er sehr gut.“ . ,,Und ißt er Fische?“ Jetzt bekam Jewsejka einen Schreck: Er konnte doch nicht zugeben, daß er welche aß! Er blickte nach oben und sah durch das Wasser einen trübgrü- nen Himmel und eine gelbe Sonne ^rin wie ein rundes Tablett aus essing; der Junge überlegte und sagte die Unwahrheit: „Nein, Fische ’jt er nicht, die haben ihm zuviel Graten.“ 22
„Das ist doch stark!“ schrie der Fisch beleidigt. „Wir haben doch nicht alle viel Gräten! Meine Familie zum Bei- * spiel ...“ Wir müssen das Gesprächs- thema wechseln, dachte Jewsejka und fragte höflich: „Sind Sie auch manch- mal bei uns oben?“ „Ich bedanke mich bestens!“ stieß der Fisch zornig aus. „Da bekommt man ja keine Luft.“ „Aber schöne Fliegen gibt es dafür.“ I Der Fisch schwamm um ihn herum, hielt direkt vor seiner Nase an und sagte plötzlich: „Flie-gen! Und warum sind Sie hierhergeschwommen?“ So, jetzt geht es los! dachte Jewsejka. Jetzt frißt mich der Tölpel! So harmlos wie möglich antwortete er: „Bloß so, ein bißchen spazieren.“ „Hm?“ fauchte wieder der Fisch. „Vielleicht sind Sie auch schon er- trunken?“ „Das wäre ja noch schöner!“ rief der Junge beleidigt. ..Unter keinen Um- ständen! Ich stehe jetzt auf...“
' i— Aber es gelang ihm nicht. Als ob er in eine feste Decke eingehüllt wäre — nicht drehen und nicht rühren konnte er sichl Schon wollte er zu weinen anfangen, da fiel ihm ein, daß im Wasser ja keine Tränen zu sehen sind, also lohnte es sich nicht — vielleicht würde es auf irgendeine andere Weise gelingen, aus dieser unangenehmen Geschichte her- auszukommen. Inzwischen hatten sich um ihn herum — du lieber Himmel! — die verschie- densten Meeresbewohner angesam- melt. Gar nicht zu zählen. An seinem Bein hat sich eine Holothu- rie heraufgearbeitet, die wie ein schlecht gezeichnetes Ferkel aussieht, und zischt: „Ich möchte mit Ihnen näher bekannt werden!“ Vor seiner Nase zittert eine Seeschnecke, pustet sich auf, schnauft und macht sich über Jewsejka lustig: „Ätsch — ätsch! eder Krebs noch Fisch noch Mol- luske - ai - jai _ jai!“ 24
„Wartet nur ab, vielleicht bin ich sogar ein Flieger“, sagte Jewsejka zu ihr. Inzwischen ist ihm eine Languste auf die Knie gekrochen und fragt höflich mit hin und her wandernden Stielaugen: „Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“ ' ' Ein Tintenfisch schwimmt vorüber wie ein nasses Taschentuch; überall tauchen Quallen auf wie Glaskugeln, in dem einen Ohr kitzelt ihn eine Garnele, das andere wird auch von einem neugierigen Wesen befühlt, sogar über den Kopf kriechen ihm ganz kleine Krebse, verwirren sich in seinen Haaren und zerzausen sie. Au, au! ruft Jewsejka für sich aus und versucht zu allem ein harmloses und freundliches Gesicht zu machen wie Papa, wenn er ein schlechtes Gewis- sen hat und Mama auf ihn böse ist. Um ihn herum im Wasser schwebt alles von Fischen — leise bewegen sie die Flossen und reißen vor dem Jun- gen ihre runden Augen auf, die lang- weilig sind wie Algebra. 25
„Wie kann er ohne Barthaare und Schuppen ” überhaupt existieren?“ murmeln sie. „Könnten wir Fische wohl unsere Schwänze verdoppeln? Er ist weder einem Krebs ähnlich noch uns! Ist * .dieses Ungeheuer vielleicht mit dem |üngestalten Achtfüßer verwandt?“ Dummköpfe! denkt Jewsejka ge- kränkt. Wo ich im vorigen Jahr in Russisch zwei Zweien gekriegt habe ... Er tut, als hörte er überhaupt nichts, und will sogar unbekümmert anfangen zu pfeifen, aber, siehe da, es geht nicht — das Wasser verschließt ihm den Mund wie ein Korken. Ein geschwätziger Fisch fragt ihn immerzu: „Gefällt es Ihnen bei uns?“ „Nein ... das heißt — ja, es gefällt mir ... bei mir zu Hause ... ist es auch sehr schön“, antwortet er und be- kommt einen neuen Schreck: Himmel, was rede ich nur?! Womöglich wird er böse, und dann fangen sie an, mich zu fi essen ... Laut sagt er nur: „Wollen 26
— — -—--- z ’ z'Y X , -2. ' ® Yv - E* ‘ ‘ . * r—. * 3 -*~ -_r -• <►•-* «4 ' w "J r wir nicht ein bißchen spielen, sonst ist es doch langweilig.“ Das gefiel dem geschwätzigen Fisch sehr, er lachte, macht sein rundes Maul auf, daß die rosa Kiemen und die scharfen Zähne zu sehen waren. Er wedelte mit dem Schwanz und schrie mit einer Altweiberstimme: „Das ist fein — spielen! Sehr fein — spie- len!“ „Wollen wir einmal an die Oberfläche schwimmen?“ schlug Jewsejka vor. „Warum?“ fragte der Fisch. „Hier unten geht es doch nicht! Und oben gibt es Fliegen.“ „Flie-gen! Lieben Sie die?“ Jewsejka liebte nur Mama, Papa und Gefrorenes, antwortete aber: „Ja.“ „Na schön ... schwimmen wir los!“ sagte der Fisch und stellte sich mit dem Kopf nach oben. Jewsej griff sofort nach seinen Kiemen und schrie: „Ich bin bereit!“ „Halt! Sie Untier können doch mit Ihren Pfoten nicht in meine Kiemen hineinfassen!“ 27
V 'S „Da ist doch nichts dabei!“ „Was heißt — nichts dabei? Ein an- ständiger Fisch kann nicht leben, ohne zu atmen.“ „Du lieber Himmel!“ schrie der Junge. „Was Sie nur immer zu streiten haben! Spielen wir nun oder nicht?“ Bei sich aber dachte er: Wenn er mich nur ein Stückchen in die Höhe brächte — dann werde ich schon wieder auf- tauchen. Der Fisch schwamm los wie im Tanz und sang aus Leibeskräften dazu: „Fische mit den Augen glotzen, Karpfen mit den Flossen protzen, ohne Mittag ist es schlecht — schon die Zähne fletscht der Hecht!“ Die kleinen Fische kreisten um sie herum und sangen im Chor: „Hecht und Karpfen, eins, zwei, drei — lachend schwimmt davon der Blei: lut uns auch der Hunger weh, Wasser ist doch schön, juchhe!“ Sie schwammen und schwammen. Je 28

höher sie kamen, desto schneller und leichter ging^es, und plötzlich fühlte Jewsejka, daß sein Kopf an der Luft war. ' ' „Oi!“ Er blickt um sich — heller, lichter Tag, die Sonne spielt auf dem Wasser, das grün ans Ufer schlägt, rauscht und singt, Jewsejkas Angel schwimmt weit draußen auf der See, er selber sitzt auf demselben Stein, von dem er her- untergefallen war, und ist schon wieder ganz trocken. „Ach“, sagt er und lächelt der Sonne zu, „da bin ich ja wieder auf- ge taucht!“ . 1 (Deutsch von Felix Loesch) VALENTIN KATAJEW Blümchen Siebenblatt Es war einmal ein Mädchen namens Genia, das wurde von seiner Mutter zum Kaufmann geschickt, um Kringel zu kaufen — sieben Stück: zwei mit 30
Kümmel für den Papa, zwei mit Mohn für die Mama, zwei mit Zuckerguß für sich selber und ein kleines, rosafarbe- nes Kringelchen für das Brüderchen Paul. Genia nahm das mit einem Bastfaden zusammengebundene kleine Bündel und machte sich auf den Heimweg. Unterwegs schaute sie neugierig nach allen Seiten, las alle Aushängeschilder und zählte die Raben und Krähen. Unterdessen schlich sich von hinten ein fremder Hund an sie heran und fraß alle Kringel auf; erst Papas Kümmelkringel, dann Mamas Mohn- kringel und schließlich Genias Zucker- kringel. Als Genia merkte, daß ihr kleines Bündel immer leichter wurde, drehte sie sich um. Doch da war es schon zu spät. Das Bastfädchen baumelte leer an ihrem Arm, und der Hund fraß gerade das letzte, rosafarbene, für den kleinen Bruder Paul bestimmte Krin- gelchen auf, leckte sich dann die Schnauze und nahm Reißaus. 31
,,0h, du Bösewicht!“ rief Genia und rannte hinter dem Ausreißer her. Sie lief und lief, den Hund holte sie nicht ein, sie selber aber verirrte sich. Sie sah sich um — die Gegend war ihr auf einmal gänzlich unbekannt; keine großen Häuser mehr, sondern nur lauter kleine Hütten ringsum. Da bekam Genia einen Schreck und fing an zu weinen. Plötzlich — keiner weiß, woher es gekommen sein mochte — stand ein altes gebücktes Weiblein vor ihr. „Kind, aber Kind! Warum weinst du?“ ^*iij Unter Tränen erzählte Genia alles, was sich ereignet hatte. Da tröstete die Alte das Mädchen, führte es zu ihrem Gärtchen und sprach: „Macht nichts, mein Kind, weine nicht! Ich werde dir helfen. Freilich, Kringel habe ich keine und Geld auch nicht, aber dafür wächst in meinem Garten ein Blümchen, das , heißt das Blümchen Siebenblatt, das kann alles. Du bist, das weiß ich, ein 32
braves Kind, wenn du dich auch gern nach allen Seiten neugierig um- schaust. Ich schenke dir dieses Blüm- chen, es wird alles wieder in Ordnung bringen.“ Mit diesen Worten pflückte die alte Frau von einem Beet eine sehr schöne kleine Blume, die wie eine Kamille aussah, und gab sie dem Mädchen. Das Blümchen hatte sieben durch- sichtige Blütenblätter, jedes von einer anderen Farbe: gelb, rot, dunkelblau, grün, orange, violett und himmelblau. „Dieses Blümchen“, sagte dazu das alte Weiblein, „ist keine gewöhnliche Pflanze, sondern eine ganz besondere. Sie kann dir nämlich jeden Wunsch erfüllen. Dazu brauchst du bloß eines der Blättchen abzuzupfen, es in die Luft zu werfen und zu sagen: ,Flieg, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort!‘
Hast du dieses Sprüchlein aufgesagt, so befiehl: Ich will dies, oder ich will das, und es wird sofort geschehen.“ Genia bedankte sich höflich bei dem alten Weiblein, ging zur Gartentür hinaus, und da erst fiel ihr ein, daß sie ja den Heimweg nicht wußte. -.0 Was sollte sie tun? Nach alter Ge- wohnheit wollte Genia schon wieder in Tränen ausbrechen, die Nase hatte sie bereits wie eine Ziehharmonika in. Falten gelegt. Da fiel ihr plötzlich das Blümchen ein. jfl „Nun, wir werden ja gleich sehen, was für eine Bewandtnis es damit hat“, sagte sie zu sich selbst. Flink zupfte Genia das gelbe Blütenblatt ab, warf’s in die Luft und sprach den Vers, den das alte Weiblein sie gelehrt hatte: „Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, I weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! -
Und ich will, daß ich sogleich mitsamt den Kringeln wieder daheim bin!“ Sie hatte noch nicht ganz zu Ende ge- sprochen, als sie sich schon zu Hause befand, und in den Händen hielt sie tatsächlich das kleine Bündel mit den sieben Kringeln. • Genia gab die Kringel ihrer Mutter, bei sich selber aber dachte sie: Das ist wirklich ein merkwürdiges Blümchen. Das muß man unbedingt in die aller- schönste Vase stecken. Nun war Genia noch ein recht kleines Mädchen, darum kletterte sie auf einen Stuhl, stellte sich auf die Ze- henspitzen und reckte sich, um die Lieblingsvase ihrer Mutter vom ober- sten Wandbrett herunterzulangen. In diesem Augenblick flog draußen vor dem Fenster ein Krähenschwarm vorüber. Selbstverständlich wollte Genia ganz genau wissen, wie viele es waren — ob sieben oder acht. Sie öffnete den Mund und begann zu zählen, wobei sie ihre Finger krampf- haft zusammenpreßte. Natürlich pur- 35
zelte die Vase herunter und zersprang — pardauz! — in lauter kleine Stücke. „Hast du schon wieder was zerbro- chen?“ rief die Mutter aus der Küche. „Doch nicht etwa meine Lieblings- vase?“ „Nein, aber nein, Mama, ich habe nichts zerbrochen!“ rief Genia zurück und zupfte ganz schnell das rote Blütenblatt von ihrer Blume ab, warf es in die Luft und murmelte hastig ihr Sprüchlein: 4 „Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, fl weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Und ich will, daß Mamas Lieblings- : vase auf der Stelle wieder heil ist!“ Kaum hatte sie ihr Sprüchlein auf- gesagt, als die Scherben sich von ganz allein wieder zusammenfügten. Als die Mama nun von der Küche herbeigelaufen kam, sieh an! — da 36 ' „ | * — I
stand ihre Lieblingsvase, als ob gar nichts gewesen wäre, heil und un- versehrt auf ihrem gewohnten Platz. Die Mama drohte auf alle Fälle ihrer Tochter mit dem Finger und schickte sie zum Spielen hinaus auf den Hof. Dort saßen die Jungen aus der Nach- barschaft auf alten Brettern; sie hatten eine Fahne in den Sand gesteckt und spielten Polarforscher. ..Laßt mich doch bitte, bitte mitspie- len!“ bettelte Genia. „Was willst du? Mitspielen? Siehst du denn nicht, du dumme Suse, daß das der Nordpol ist? Da nehmen wir doch keine Mädel mit hin.“ „Wie kann denn das der Nordpol sein, wenn es bloß Bretter sind?“ „Das sind doch keine Bretter, sondern Eisschollen. Mach, daß du fort- kommst! Stör uns nicht, bei uns ist gerade Packeisdruck.“ „Ihr wollt mich also nicht mitspielen lassen?“ „Nein.“ „Ist auch gar nicht nötig“, tröstete 37
sich da Genia. „Ich werde auch ohne euch gleich am Nordpol sein. Aber nicht bloß so zum Schein, sondern richtig. Und euch bleibt nur der Katzenschwanz!“ Genia trat beiseite unter den Torweg, holte ihr Blümlein Siebenblatt hervor, zupfte das dun- kelblaue Blütenblättchen ab, warf’s in die Luft und flüsterte: j|| „Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd,. weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, | kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Ich will, daß ich sogleich am Nordpol bin!“ Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da erhob sich ein Wir- belwind. Die Sonne verschwand, es wurde stockfinstere Nacht, und die Erde drehte sich wie ein Brumm- kreisel unter Genias Füßen. Und Genia — so wie! sie war, im dünnen Sommerkleidchen und barfüßig — befand, sich auf einmal am Nordpol, aber die Kälte war dort schauerlich. 38 ' •
Das Thermometer hätte gewiß viele, viele Grad unter Null gezeigt. ,,O weh, o weh! Mama, Mama, ich erfriere!“ jammerte Genia und brach in Tränen aus; aber die Tränen ver- wandelten sich sofort in Eiszapfen und hingen ihr an der Nase wie an einer Regentraufe. Im selben Augen- blick kamen über die Eisschollen sieben Eisbären daher, schnurstracks auf das Mädchen zu — einer immer größer und furchterregender als der andere; der erste plump und täppisch, der zweite zornig brummend, der dritte noch böser und wilder als der zweite, der vierte mit aufgesperrtem Rachen, der fünfte triefend vor Nässe, der sechste rauh und zottig, und der siebente — der war der größte und schrecklichste von allen. „Hilfe, Hilfe!“ kreischte Genia und wußte vor Furcht nicht mehr aus noch ein. Sie ergriff mit klammen Fingern ihr Blümchen Siebenblatt, zupfte das grüne Blütenblättchen ab, warf’s in die Luft und schrie aus vollem Halse,
so laut sie konnte: ,,Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Ich will, daß ich gleich wieder auf unserem Hof bin!“ Und im selben Augenblick befand sie sich wieder daheim auf dem Hof. Und die Jungen sahen sie an und lachten: „Na, Genia, wo ist denn dein Nord- pol?“ „Ich war eben dort.“ . „Aber davon haben wir gar nichts gesehen. Das mußt du uns erst be- weisen.“ „Da, seht nur, an meiner Nase hängt ja hoch ein Eiszapfen.“ „Das ist doch kein Eiszapfen, das ist der Katzenschwanz!“ spotteten sie. Tief gekränkt beschloß Genia, sich nicht mehr mit den Jungen abzugeben. Sie ging nach dem Nachbarhof. Dort saßen die Mädchen mit ihren Spielsa- I 40
7 • . r f • . ;• V” ’ - - - . ‘ . • • k M V , . J. . i . K i. •,*'•>'. K « . .. . < -_ • - , - • ' ” • ' >/ chen. Eins hatte einen Puppenwagen, ein anderes einen Ball, ein drittes ein Springseil, ein viertes ein Dreirad und eines sogar eine große Puppe, die sprechen konnte und auf dem Kopf einen ^trohhut und an den Füßen Galoschen hatte. Genia verdroß das, und sie wurde vor Neid richtig gelb und grün. Nun, dachte sie, ich werde euch gleich zeigen, wer die meisten Spielsachen hat. Sie zog das Blümchen Siebenblatt hervor, zupfte das orangefarbene Blütenblättchen ab, warf’s in die Luft und sagte: „Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Ich will, daß alles Spielzeug der ganzen Welt mir gehört!“ Und augenblicklich, noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, strömte von 41
allen Seiten Spielzeug auf Genia ein. Als erste kamen natürlich Puppen angetrippelt, lauter Puppen, die mit den Augen klappern konnten und ohne Unterlaß „Papa, Mama!“ quäkten. Zuerst freute sich Genia unbändig, dann aber wurden es so viele, daß sie allmählich den ganzen Hof füllten und die Gasse und die nächste Straße und den halben Marktplatz. Es war un- möglich, noch einen Schritt zu tun, ohne auf eine Puppe zu treten. Ringsum war nichts weiter zu hören als das Geplärr der quäkenden Pup- pen. Könnt ihr euch vorstellen, wel- chen Lärm fünf Millionen Puppen vollführen? Und es waren bestimmt nicht weniger. Sogar Genia kriegte einen rechten Schreck. Doch das war erst der Anfang. Hinter den Puppen kamen die dazugehörigen Puppenwagen angerollt und Bälle und Murmeln und Dreiräder und Roller. Springseile hopsten über den Boden, gerieten den Puppen zwischen die Beine und veranlaßten sie, noch lauter 42
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zu quäken. Und durch die Luft kamen Millionen von Spielzeugfliegern angesurrt — Doppeldecker und Eindecker — und Papierdrachen in allen Formen, Far- ben und Größen, und viele blieben in den Drähten der Telefonleitungen und im Geäst der Bäume hängen. Die Bewegung in der Luft, das Surren und Schwirren wollte kein Ende nehmen. Die Schutzleute waren auf ihre Türme mit den Verkehrsampeln geklettert und wußten nicht, was sie von der ganzen Sache denken und was sie tun sollten. „Genug, genug!“ rief Genia und faßte sich entsetzt an den Kopf. „Soviel Spielzeug brauche ich gar nicht! Ich habe ja bloß Spaß gemacht! Ich fürchte mich ...“ Aber das half alles nichts. 1 Mehr und immer mehr Spielsachen strömten herbei. Schon war die ganze Stadt bis zu den höchsten Dachfirsten unter all dem Spielzeug begraben. . ] . s t / 44
jgP - * * itnH Genia rannte die Treppe hinauf — die Spielsachen hinter ihr her; sie lief auf den Balkon — die Spielsachen ihr nach; sie rettete sich mit einem Sprung auf das Dach, zupfte rasch das vio- lette Blatt des Blümchens ab und rief: 1 . . „Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Und ich will, daß,alle Spielsachen schleunigst wieder in ihre Läden zu- rückkehren!“ Im Handumdrehen waren da alle Spielsachen verschwunden. Genia betrachtete nun ihr Blümlein und sah, daß von den sieben Blättern nur noch ein einziges übrig war. Das ist ja reizend! dachte sie. Sechse habe ich schon vertan und kein biß- chen Vergnügen davon gehabt, nicht das geringste. Nun, macht nichts! Künftig werd ich klüger sein. 45
Sie ging hinunter auf die Straße, und im Gehen überlegte sie: Was soll ich mir eigentlich noch wünschen! Viel- leicht zwei Dutzend Eiswaffeln? Nein, lieber zwei Pfund Bonbons! Dazu noch eine Stange Marzipan und eine Tüte Nüsse. Und für den kleinen Paul noch ein Kringelchen. Doch das wird alles schnell aufgegessen sein, und was dann ...? Nichts wird davon übrigbleiben ... Ach nein, da wünsche ich mir doch lieber was Dauerhafteres — ein Dreirad zum Beispiel. Aber was soll ich damit? Na ja, darauf fahren ... Doch dann werden die Jungen kommen und es mir wegnehmen und es kaputt machen. Nein, da wünsche ich mir doch lieber ein Kinobillett oder eine Eintrittskarte für den Zirkus. Dort gibt’s wenigstens Spaß. Oder vielleicht sollte ich mir ein Paar rote Schuhe wünschen. Das wäre auch nicht schlechter als eine Zirkus- oder Kinovorstellung. Aber genaugenom- men, was hätte das für einen Sinn: rote Schuhe ...? Nein, ich muß mir 46
etwas viel Besseres wünschen, etwas viel, viel Besseres ... Hauptsache: nichts übereilen! I Während Genia so ihren Gedanken nachhing, sah, sie einen netten kleinen Jungen, der unter einem Torweg auf einem Bänkchen saß. Der Junge gefiel ihr auf den ersten Blick; man sah sofort, daß er kein Raufbold und kein Krakeeler war. Gar zu gern hätte Genia gewußt, wer das war. Ohne Scheu trat sie an ihn heran, so nahe, daß sie in jeder seiner Pupillen ganz deutlich ihr eigenes Gesicht mit den beiden auf die Schultern her- abfallenden Zöpfen erkennen konnte. „Sag, wie heißt du?“ „Viktor. Und du?“ „Genia. Wollen wir Haschen spie- len?“ . . • „Ich kann nicht laufen.“ „Wie schade“, sagte sie. „Ich mag dich gern. Ich wäre mit dem größten Vergnügen mit dir um die Wette ge- rannt.“
Und Genia sah, daß der eine seiner Füße in einem unförmigen Stiefel mit sehr dicker Sohle und hohem Absatz steckte. .] „Ich mag dich auch“, antwortete der Junge. „Und ich wäre so gern mit dir herumgetollt. Aber leider geht das nicht mit meinem Bein. Da kann man nichts machen. Das ist fürs ganze Leben...“ I „Was redest du für einen Unsinn!“ rief Genia und zog das Blümchen Siebenblatt aus ihrer Tasche. „Wart nur! Paß mal auf!“ Und bei diesen Worten zupfte sie das letzte, das himmelblaue Blütenblatt ab, hielt es dem Jungen ein Weilchen vor die Augen, öffnete ihre Finger und sang mit dünnem, vor Glück beben- dem Stimmchen: i „Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui vqu Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! 48
Und ich will, daß Viktor auf der Stelle gesund wird!“ Da sprang der Junge von seinem Bänkchen auf und konnte hüpfen und springen und mit Genia Haschen spielen. Und er lief so gut, daß sie ihn nicht einholen konnte, sosehr sie sich auch anstrengte. (Deutsch von Horst Wolf) k VALENTIN KATAJEW Schalmei und Krüglein Im Wald reiften die Erdbeeren. Da nahm der Vater einen Krug, die Mutter eine Tasse, Genia ein Krüg- lein, und dem kleinen Paul gab man ein Schüsselchen. Dann gingen alle zusammen in den Wald und begannen um die Wette zu pflücken: Wer würde wohl zuerst sein Gefäß voll haben? Die Mutter suchte für Genia die beste Lichtung aus und sagte: „Hier, Töch- terchen, ist ein ausgezeichnetes Fleckchen, wo viele Erdbeeren wach- 49
sen. Nun pflücke fleißig.“ Genia wischte ihr Krüglein mit einem Klettenblatt aus und machte sich ans Werk. Sie ging und ging, guckte und guckte — aber nirgends fand sie eine Beere und kehrte mit leerem Krüglein zu- rück. Da sah sie: Alle hatten Erdbeeren. Papas Krug war zu einem Viertel voll, Mamas Tasse halbvoll, sogar der kleine Paul hatte zwei Beeren in sei- nem Schüsselchen. „Mama, ach Mama, warum habt ihr alle welche und ich keine einzige? Du hast mir wirklich den schlechtesten Platz aus- gesucht!“ „Hast du denn auch richtig ge- sucht?“ „Ganz richtig. Doch dort gibt es keine einzige Beere, bloß lauter Blätter.“ „Und hast du auch unter die Blätter geschaut?“ ' „Nein, das freilich nicht.“ a „Das ist es ja eben. Man muß drun- terschauen.“ 50
„Warum schaut denn Paulchen nicht drunter?“ „Paulchen ist noch klein, fast genau- so klein wie eine Erdbeerpflanze; er braucht nicht erst drunterzuschaun. Aber du, Mädchen, bist doch schon ziemlich groß.“ Und der Vater sagte: „Die Erdbeeren sind schlau, sie ver- stecken sich immer. Man muß es verstehen, sie zu finden. Gib acht, wie ich es mache.“ Dabei kauerte er sich nieder, schaute unter die Blätter und fing an, Beere um Beere hervorzuho- len. Dabei sagte er: „Die eine nehme ich, nach der anderen schaue ich, die dritte erspähe ich, und die vierte ge- wahre ich gerade noch.“ „Schön“, sagte Genia, „ich danke dir, Papachen, ich werde es ebenso machen.“ Damit lief sie auf ihre Lichtung zurück, kauerte sich hin, beugte sich ganz dicht zur Erde nieder und lugte unter die Blätter. Unter manchen Blättern waren Beeren, unter manchen keine. Genia ließ ihre Augen umherwandern, dann begann 51
sie zu pflücken und die gepflückten Beeren in ihr Krüglein zu werfen. Dabei sprach sie: „Die eine nehme ich, nach der andern schaue ich, die dritte erspähe ich, und die vierte ge- wahre ich gerade noch.“ Aber bald wurde es Genia langweilig, so dazuhocken. Für mich reicht es, ich habe wirklich schon genug gepflückt, dachte sie und richtete sich auf. Doch als sie in ihr Krüglein sah, lagen ganze vier Beeren darin. „Das sind zuwenig, damit ist nichts anzufangen. Da muß man sich noch mal hinhocken.“ Sie kauerte sich abermals nieder, pflückte und sagte dabei: „Die eine nehme ich, nach der anderen schaue ich, die dritte erspähe ich, und die vierte gewahre ich gerade noch.“ Dann schaute sie in ihr Krüglein, aber darin lagen alles in allem acht Beeren, nicht einmal der Boden war ganz bedeckt. Nun, dachte sie, das Pflük- ken gefällt mir ganz und gar nicht, die ganze Zeit über hockt man da, bückt
und bückt sich, guckt sich die Augen aus, bis man müde davon wird. Ich werde mir lieber eine andere Lichtung suchen. Und sie lief davon, um eine andere Lichtung zu suchen, wo sich die Erd- beeren nicht unter den Blättern ver- steckten, .sondern einem von selber vor die Augen kamen und ins Krüglein sprangen. Sie lief und lief, aber eine solche Lichtung konnte sie nicht fin- den. Sie wurde müde und setzte sich auf einen Baumstumpf, um auszuru- hen. Und wie sie so saß, nahm sie vor lauter Nichtstun eine Be'ere nach der anderen aus dem Krüglein und steckte sie in den Mund, bis sie alle acht gegessen hatte. Dann schaute sie in das leere Krüglein. Was soll ich jetzt tun? Wenn mir doch jemand helfen könnte! Kaum hatte sie das gedacht, als das Moos sich bewegte, die Hälm- chen schoben sich auseinander, und unter dem Baumstumpf hervor kroch ein kleines Männlein: weißer Mantel, taubengrauer Bart, Samthut und quer 53
über dem Hut ein vertrocknetes Gras- hälmchen. „Guten Tag, Mädchen“, sagte das Männchen. „Guten Tag, Onkelchen.“ „Ich bin kein Onkelchen, sondern ein Großväterchen. Hast du mich nicht erkannt? Ich bin doch das Steinpilz- und Wurzelmännchen, das Oberhaupt aller Pilze und Beeren. Warum hast du geseufzt? Was bekümmert dich? Wer hat dich gekränkt?“ „Die Beeren haben mich gekränkt, Großväterchen.“ „Meine Beeren? Na, ich weiß nicht, bei mir sind sie immer brav und artig. Wodurch haben sie dich denn ge- kränkt?“ „Sie wollen sich nicht finden lassen und verstecken sich immer unter den Blättern. Von oben sind sie einfach nicht zu sehen. Man muß sich bücken und bücken. Ehe man sein Krüglein voll hat, ist man todmüde.“ Da strich sich das Pilz- und Wur- zelmännchen seinen taubengrauen Bart und sagte lächelnd: „Kleinigkeit! 54 pi I -
Für solche Fälle habe ich eine Schal- mei. Sobald die spielt, gucken alle Bee- ren unter ihren Blättern hervor und zeigen sich.“ Bei diesen Worten zog das Pilz- und Wurzelmännchen aus seiner Tasche eine Schalmei und sprach: „Spiele, Schalmei!“ Und die Schalmei begann von ganz allein zu spielen, und kaum hatte sie zu spielen angefangen, da schauten überall unter den Blättern die Beeren hervor. „Hör auf, Schal- mei!“ Die Schalmei hörte auf zu spielen, und die Beeren versteckten sich wieder. Da freute sich Genia. „Großväter- chen, Großväterchen, schenk mir diese Schalmei!“ „Schenken kann ich sie dir nicht, aber laß uns tauschen: Ich gebe dir meine Schalmei, und du gibst mir dein Krüglein, denn es gefällt mir sehr.“ „Topp, abgemacht! Mit dem größten Vergnügen!“ Und Genia gab dem Männlein ihr Krüglein und nahm dafür von ihm die 55
Schalmei; schnurstracks lief sie auf ihre Lichtung, stellte sich dort in der Mitte hin und rief: „Spiele, Schal- mei!“ Die Schalmei begann zu spielen, und im selben Augenblick bewegten sich auf der Lichtung alle Blätterchen und drehten sich langsam um, als ob der Wind darüber hinstriche. Zuerst guckten unter den Blättern die allerjüngsten, noch ganz grünen Beeren hervor, die am neugierigsten waren. Nach ihnen streckten die etwas älteren ihre Köpfchen hervor, deren eine Wange schon einen rosigen Hauch hatte, während die andere noch weiß war. Darauf schauten auch die völlig reifen, dicken und roten hervor, und schließlich, von ganz unten her, zeigten sich die allerältesten Beeren, die stark duftenden, die schon ganz schwarz und matschig und mit gelben Samenkörnchen bedeckt waren. Die ganze Lichtung um Genia herum war besät mit lauter Beeren, die hell in der Sonne schimmerten. Es war, als .z 4 ' 56
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würden sie von der Schalmei an- gezogen. „Spiele, Schalmei!“ rief Genia. „Spiel schneller!“ .Die Schalmei spielte schneller, und die Beeren streckten sich noch weiter hervor, so weit, daß die Blätter unter ihnen gar nicht mehr zu sehen waren. Aber Genia konnte nicht genug bekommen. „Noch schneller, Schalmei, noch schneller!“ Die Schalmei spielte immer schneller, und der ganze Wald füllte sich mit ihren angenehmen, rasch und immer rascher aufeinanderfolgenden Tönen so, daß es schon kein Wald mehr war, sondern die reinste Spieldose. Die Bienen hörten auf, die Schmetterlinge von den Blüten und Blumen weg- zustoßen; die Schmetterlinge klappten ihre Flügel zu wie ein Buch, die klei- nen, noch • nicht flüggen Vöglein schauten aus ihrem leichten Nest, das sich in den Zweigen eines Ho- lunderbusches schaukelte, und sperr- . ten vor Entzücken ihre gelben Schnä- .58 '
bei auf. Die Pilze stellten sich auf die Zehenspitzen, damit ihnen ja kein Ton verlorenginge, und sogar die alte groß- äugige Libelle, die wegen ihres zank- süchtigen Charakters berüchtigt war, verweilte in der Luft bei dieser in die Tiefen der Seele dringenden wunder- baren Musik. Und jetzt werde ich anfangen zu pflücken, dachte Genia und wollte schon die Hand nach der größten und rötesten Beere ausstrecken, als ihr einfiel, daß sie ja ihr Krüglein gegen die Schalmei vertauscht hatte und nun nichts besaß, wohinein sie die Beeren hätte tun können. „Och, du dumme Schalmei!“ rief das Mädchen ärger- lich. „Ich habe nichts, um die Beeren hineinzutun, und du spielst und spielst in einem fort.“ Und sie lief zurück zum Pilz- und Wurzelmännchen und bat: „Groß- väterchen, Großväterchen, bitte gib mir mein Krüglein wieder.“ „Gut“, antwortete das Männchen, „ich werde dir dein Krüglein wieder- 59
geben, aber nur, wenn du mir auch meine Schalmei wiedergibst.“ Also gab Genia dem Pilz- und Wur- zelmännchen die Schalmei zurück, nahm ihr Krüglein in Empfang und lief schnell wieder auf die Lichtung. Doch als sie dort ankam, war keine einzige Beere mehr zu sehen, bloß lauter Blätter. Was für ein Unglück! Hat man die Schalmei, dann fehlt einem das Krüglein; hat man das Krüglein, dann fehlt einem die Schalmei. Was soll man da bloß machen, dachte Genia.' Sie dachte nach, und nach • • langem Überlegen beschloß sie, noch einmal zum Pilz- und Wurzelmänn- chen hinzulaufen. Das tat sie auch und bat: „Groß- väterchen, gib mir die Schalmei wie- der!“ „Gut, aber nur, wenn du mir dein ' Krüglein dafür gibst.“ „Nein, das tu ich nicht. Ich brauche es ja, um die Beeren hineinzutun.“ „Ei, so gebe ich dir auch meine Schalmei nicht.“ 60 r
Genia flehte: ,,Großväterchen, wie soll ich denn die Beeren in mein Krüglein sammeln, wenn sie ohne deine Schalmei alle unter den Blättern bleiben und überhaupt nicht hervor- gucken. Ich brauche unbedingt Krüg- lein und Schalmei!“ „Sieh mal einer an, was für ein schlaues Mädchen! Beides will sie haben! Behilf dich ohne Schalmei, allein mit dem Krüglein.“ „Nein, ich kann mich doch nicht behelfen, Großväterchen.“ „Und wie machen es denn die anderen Leute?“ „Die kauern sich hin, lugen von der Seite her unter die Blätter und pflük- ken Beere um Beere. Die eine nehmen sie, nach der anderen schauen sie, die dritte erspähen sie, und die vierte gewahren sie gerade noch. Aber so Beeren zu pflücken, das gefällt mir ganz und gar nicht. Immerfort sich bücken und bücken. Ehe man sein Krüglein voll hat, ist man schon tod- müde.“ 61
„Ei, sieh mal an“, sagte das Männ- chen und wurde so zornig, daß sich sein taubengrauer Bart schwarz färbte. ,,Du bist, wie mir scheint, ganz einfach ein Faulpelz. Nimm dein Krüglein und pack dich! Die Schalmei bekommst du nicht.“ Bei diesen Worten stampfte das Männchen mit dem Fuße auf und verschwand unter dem Baumstumpf. Genia starrte in ihr leeres Krüglein. Dann erinnerte sie sich, daß Papa, Mama und der kleine Paul auf sie warteten; rasch lief sie auf ihre Lich- tung, hockte sich hin, lugte unter die Blätter und pflückte geschwind Beere um Beere. Die eine nahm sie, nach der anderen schaute sie, die dritte er- spähte sie, und die vierte gewahrte sie gerade noch. Bald hatte Genia ihr Krüglein bis zum Rande gefüllt und kehrte zu Papa, Mama und dem Brüderchen zurück. ,,Da ist ja Genia“, rief der Vater. „Und ihr Krüglein ist randvoll. Da wird sie wohl recht müde sein.“ 62
\ 1 < J Durchaus nicht, Papa, es war bei- nahe, als ob das Krüglein mitgepflückt hätte.“ -- r ~ t Und dann gingen sie alle miteinander heim: der Vater mit vollem Krug, die Mutter mit der vollen Tasse, Genia mit dem vollen Krüglein und der kleine Paul mit dem vollen Schüsselchen. Doch von der Schalmei hat Genia niemandem ein Sterbenswörtchen erzählt. / (Deutsch von Horst Wolf)