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Text
Q>&
MAXIM GORKI
Das Spätzlein
Bei den Spatzen ist es genauso wie bei
den Menschen: Die erwachsenen
Spatzen und Spätzinnen sind lang-
weilige Piepmätze; sie reden über
alles, wie es im Buche steht. Die Ju-
gend aber, die lebt nach eigenem
Ermessen.
Es war einmal ein gelbschnäbliger
Spatz, der hieß Pumpel und lebte über
dem Fenster einer Badestube hinter
dem obersten Brett der Fensterver-
kleidung in einem warmen Nest aus
Werg, Mooshälmchen und anderen
weichen Sachen. Zu fliegen hatte er
noch nicht versucht, doch schlug er
schon mit den Flügeln und reckte sich
ständig über den Nestrand hinaus: Er
mußte doch so schnell wie möglich
herausbekommen, was denn die Welt
eigentlich ist. und ob sie auch für ihn
taugt.
,,Zu was. zu was?*' fragte ihn die
Spätzlein-Mutter.
3
Er schüttelte die Flügel, musterte die
Erde und schilpte: „Zu schwarz, viel
ZU schwarz!“
Der Papa brachte Pumpel allerhand
Krabbeltiere und brüstete sich: „Sind
sie nicht schick?“
Mama Spatz lobte ihn: „Schick
schick!“
Pumpel aber schluckte die Krabbel-
tiere und überlegte: Was ist schon
dran? — Ein Wurm mit Füßen —
weiter nichts! Und wieder reckte er
sich aus dem Nest und hatte seine
Augen überall.
„Spatzei, Spatzei, stürz nicht runter!“
schrie die Spätzin aufgeregt.
„Zu was, zu was?“ fragte Pumpel.
„Ach was, zu was? Stürzest hinunter,
kommt die Katz — schilp! — bist
schon gefressen!“ erklärte der Vater
und flog wieder aus auf Jagd.
So ging das immerzu. Die Flügel aber
nahmen sich Zeit zum Wachsen. Ein-
mal kam Wind auf. Pumpel fragte:
„Zu was, zu was?“
„Der Wind, der pust’ dich an
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schilp! — und bläst dich hinunter zur
Katz!“ erklärte die Mutter.
Das gefiel Pumpel nicht, und er sagte:
,,Zu was schwanken die Zweige?
Sollen stillstehn, dann gibt’s keinen
Wind...“
Die Mutter versuchte es ihm klar-
zumachen, daß das nicht so sei. Er
aber glaubte ihr nicht. Er zog es vor,
alles so zu erklären, wie er es sich
dachte. Ein Bauer kam an der
Badestube vorbei und schlenkerte mit
den Armen.
,,Zu sauber hat die Katze doch dem
die Flügel gerupft“, meinte Pumpel,
„bloß die Knöchlein hat sie ihm ge-
lassen!“
„Das ist ein Mensch“, sagte die
Spätzin, „die Menschen haben keine
Flügel!“
„Wie das?“
„Das ist so ihr Stand, müssen flügel-
los leben, immerzu nur auf den Beinen
hopsen, putzig!“
„Zu was das?“
„Hätten sie Flügel, würden sie ge-
5
nauso auf uns Jagd machen wie Papa
und ich auf die Mücken...!“
,,Quatsch!“ sagte Pumpel. „Quatsch,
Gequassel! Alles muß Flügel haben’
Auf der Erde ist’s doch schlechter als
in der Luft ...! Bin ich erst groß,
mach ich, daß alle fliegen können.“
Pumpel glaubte der Mutter nicht. Er
wußte noch nicht, daß es immer ein
böses Ende nimmt, wenn man der
Mutter nicht glaubt. Er saß auf dem
äußersten Nestrand und sang aus
vollem Halse den selbstgedichteten
Vers:
„Ach, du flügelloser Mensch,
Kannst nur auf den Beinen staken.
Bist an Wuchs du noch so groß,
Fressen dich die Schnaken!
Ich dagegen, so klein ich auch bin,
Schluck die Schnaken, ob dick oder
dünn.“
Er sang und sang und plumpste aus
dem Nest. Die Spätzin stürzte ihm
nach, die Katze aber — fuchsrot, mit
grünen Augen — war auch schon da.
Pumpel war nicht schlecht erschrok-
ken. Er spreizte die Flügel, schwankte
hilflos auf seinen grauen Beinen
und schilpte: „Zuviel Ehre, zuviel
Ehre..
Die Spätzin aber stieß ihn beiseite,
sträubte die Federn — zum Fürchten
sah sie aus in ihrem Todesmut — und,
den Schnabel weit aufgesperrt, zielte
sie der Katze nach den Augen. „Scher
dich fort, scher dich fort! Flieg,
Pumpel,.flieg! Flieg aufs Fenster hin-
auf, flieg ...“
Der Schreck hob das Spätzlein vom
Boden, es hüpfte hoch, schlug zwei-,
dreimal mit den Flügeln, und droben
war es auf dem Fensterbrett!
Da kam auch schon die Mama her-
aufgeflogen, zwar ohne Schwanz,
aber in großer Freude. Sie setzte sich
neben Pumpel, pickte ihn ins Genick
und schilpte: „Zu was, zu was?“
„Zu was, zu was?“ gab Pumpel zu-
rück. „Es lernt sich nicht alles
zugleich!“
Unten auf der Erde aber saß die Katz
— fuchsrot, mit grünen Augen. Sie
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putzte sich die Spatzenfedern von den
Pfoten und mauzte so recht mit Be-
dauern. „Ein mi-olliges Spätzlein,
wie’n Mi-äuslein ... Scha-ade ..
Und so war denn alles gut abgegan-
gen, wenn man davon absieht, daß die
Mama ohne Schwanz geblieben-
ist...
» /
(Deutsch von Marg. Mohnhaupt)
MAXIM GORKI
Iwanuschka der Narr
Es lebte mal — es war einmal
Iwanuschka der Narr! Von Angesicht
war er ein hübscher Junge, doch
konnte er tun und lassen, was er
wollte, immer war es bei ihm zum
Lachen und nicht wie bei anderen
Leuten.
Da hatt’ ihn mal ein Bauer in Dienst
genommen und machte sich dann auf,
mit der Bäuerin in die Stadt zu fahren;
die Frau sagte zu Iwanuschka: „Wenn
du jetzt mit den Kindern allein bist,
9
schau auf sie, und gib ihnen zu
essen!“ . - •
,,Ja, was denn?“ fragte Iwa-
nuschka. - H
..Nimmst halt Wasser, Mehl, Kartof-
feln, schneidest sie in Stücke und
kochst Pochlebka!“ Und der Bauer
fügte hinzu: „Paß auf die Tür auf, daß
die Kinder nicht etwa in den Wald
laufen.“
Der Bauer war mit seiner Frau fort-
gefahren. Iwanuschka stieg auf die
Schlafpritsche hinauf, weckte die
Kinder, schleppte sie auf den Fuß-
boden herunter, setzte sich hinter sie
und sprach: „So, jetzt schau ich auf
euch!“
Eine Weile saßen die Kinder so auf
dem Fußboden, dann verlangten sie zu
essen. Iwanuschka schleppte einen
Kübel mit Wasser in die Stube,
schüttete einen halben Sack Mehl und
ein Maß Kartoffeln hinein, rührte alles
mit einem Tragholz um und überlegte
laut: „Wen aber sollte ich in Stücke
schneiden?“
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Die Kinder hörten das — und bekamen
es mit der Angst: „Der wird uns noch
kaputtschneiden!“ Und sie liefen leise
zum Haus hinaus.
Iwanuschka schaute ihnen nach,
kratzte sich den Hinterkopf und über-
legte: „Wie soll ich jetzt auf sie
schauen? Und die Tür hier — auf die
soll ich doch auch auf passen, daß sie
nicht wegläuft!“ Er guckte in den
Kübel und sprach: „Koch du hier
solange, Pochlebka, ich aber will
gehn, auf die Kinder schaun!“
Er hängte die Tür aus, nahm sie auf
die Schulter und ging mit ihr dem
Wald zu. Auf einmal kam ihm ein Bär
entgegengetappt — blieb verwundert
stehen und brummte ihn an: „He du,
warum trägst du Holz in den
Wald?“
Iwanuschka erzählte, wie es ihm er-
gangen war. Der Bär setzte sich auf
die Hinterpfoten und konnte sich
kaum halten vor Lachen. „Was bist
du doch für ein Närrchen! Dich muß
ich doch gleich mal fressen!“
ii
Iwanuschka aber sagte: „Friß lieber
die Kinder, daß sie das nächste Mal
auf Vater und Mutter hören und nicht
wieder in den Wald laufen!“
Der Bär mußte noch mehr lachen —
wälzte sich nur so auf der Erde vor
lauter Lachen.
„So was Dummes ist mir noch nicht
begegnet! Komm, ich will dich meiner
Frau zeigen!“
Er führte ihn seiner Höhle zu.
Iwanuschka ging hinter ihm und blieb
mit seiner Tür immerzu an den Kie-
fern hängen.
„Ja, so wirf sie doch nur ab!“ sagte
der Bär.
„Nein! Mein Wort, das halt ich. Hab’s
versprochen, auf sie aufzupassen —
also paß ich auch auf!“
Sie kamen zur Höhle. Der Bär sagte
zu seiner Frau: „Hier, Mascha, hab
dir einen Narren mitgebracht! Zum
Totlachen ist er!“
Iwanuschka aber fragte die Bärin:
„Tante, hast du nicht ein paar Kinder
gesehen?“
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„Die meinen sind zu Hause, sie
schlafen.“
„Zeig mal her, am Ende sind es
meine?“
Die Bärin zeigte ihm drei Bärenjunge.
Iwanuschka sagte: „Nein, die sind’s
nicht, ich hatte zwei.“
Da sah auch die Bärin, daß er ein
Dummerjan war, und auch sie mußte
lachen: „Die deinen waren doch
Menschenkinder!“
„Na jaa“, meinte Iwanuschka, „wer
will sich da auskennen, wenn sie klein
sind, wem welche gehören!“
„Na, der ist gut!“ staunte die Bärin
und sagte zu ihrem Mann: „Michailo
Patopytsch, wir wollen ihn nicht fres-
sen, laß ihn als Arbeiter bei uns
wohnen.“
„Meinetwegen“, sagte der Bär, „er
ist zwar ein Mensch, ist aber gar so
harmlos!“ Die Bärin gab Iwanuschka
einen Spankorb: „Geh, hol Wald-
himbeeren! Wenn meine Kinder auf-
wachen, will ich ihnen was Leckeres
I vorsetzen.“
„Gut, wird gemacht!“ sagte
Iwanuschka.
„Ihr aber paßt solange auf die Tür
auf!“ •
Iwanuschka suchte sich einen Him-
beerschlag, pflückte dort seinen
Spankorb voll Beeren, aß sich auch
selber noch satt, ging zurück zu den
Bären und sang aus vollem Halse:
„Die Marienkäferchen,
oh, wie ungeschickt!
Doch die Ameisen
und die Eidechsen,
davon bin ich ganz entzückt!“
Er kam zur Höhle und schrie: „Hier
sind die Himbeeren!“
Die kleinen Bären stürzten über den
Spankorb her, knurrten, stießen sich
weg, purzelten übereinander und
freuten sich. Iwanuschka schaute
ihnen zu und sagte: „Schade, daß ich
kein Bär bin — hätt’ sonst wohl auch
Kinder!“
Der Bär und seine Frau grölten vor
Lachen.
,,Oh, du meine Güte!“ knurrte der
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Bär. „Es ist unmöglich, mit dem zu-
sammen zu leben, da stirbt man ja vor
fachen!“
„Hört mal zu“, sagte Iwanuschka,
„paßt hier auf meine Tür auf, ich aber
will gehn, die Kinder suchen, sonst
krieg ich noch einen Denkzettel von
meinem Herrn!“
Die Bärin aber bat ihren Mann: „Geh,
Mischa, hilf ihm suchen!“
„Hast recht“, bestätigte der Bär,
„man muß ihm helfen, er ist gar zu
komisch!“.
Der Bär suchte mit Iwanuschka die
Waldpfade ab. Sie gingen dahin und
unterhielten sich so recht kamerad-
schaftlich miteinander.
„Du bist aber auch wirklich erstaun-
lich dumm!“ meinte der Bär.
„Na — und du — bist du klug?“
„Meinst du mich?“
„Na ja!“
„Das weiß ich nicht!“
„Ich weiß es auch nicht. Bist du —
bösartig?“
„Nein, warum?“
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„Ich glaube auch, es sind die Bös-
artigen, die dumm sind. Ich bin auch
nicht bösartig, also sind wir beide, du
und ich, auch nicht dumm!“
„Da schau her, wie fein du das her-
ausgefunden’ hast!“ sagte der Bär
staunend. Auf einmal sahen sie unter
einem Busch zwei Kinder sitzen. Sie
waren eingeschlafen.
Der Bär fragte: „Sind das deine?“
„Weiß nicht“, meinte Iwanuschka,
„man muß sie fragen. Die meinen
wollten essen.“
Sie weckten die Kinder und fragten
sie: „Wollt ihr essen?“
Die Kinder schrien: „Schon lange
wollen wir essen!“
„Na also“, sagte Iwanuschka, „es
sind die meinen! Ich bringe sie jetzt
ins Dorf. Du aber, Onkelchen, sei so
gut und bring die Tür, ich selber hab
nämlich keine Zeit — muß die Poch-
lebka noch kochen.“
,,Schon gut“, sagte der Bär, „ich
bring sie dir.“
Iwanuschka ging hinter den Kindern
16_______________________
drein, schaute auf sie herunter, wie es
ihm anbefohlen, und sang dabei:
„Seht euch nur das Wunder an! -
Die Käfer jagen Hasen.
Unterm Busche sitzt der Fuchs,
rümpft darob die Nase!“
Er kam ins Haus. Die Bauersleute
waren schon aus der Stadt zurück-
gekehrt: Mitten in der Stube sahen sie
den Kübel stehen, bis an den Rand
voll Wasser, Kartoffeln waren hin-
eingeschüttet und auch Mehl, die
Kinder aber waren weg, und auch die
Tür war verschwunden. Sie setzten
sich auf die Bank und weinten bitter-
lich.
„Warum weint ihr?“ fragte da plötz-
lich Iwanuschka. Sie schauten auf,
sahen die Kinder, umarmten sie voller
Freude, und auf den Kübel zeigend,
fragten sie Iwanuschka: „Was hast du
denn da zusammengerührt?“
„Die Pochlebka.“
„Ja, aber so macht man das doch
nicht!“
„Wie denn sonst?“
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.--------------------------- -
„Und wo ist denn die Tür hingekom-
men?“
„Wird gleich gebracht — da ist sie
schon!“ ' , ' 'r .
Sie schauten zum Fenster hinaus. Da
stapfte ein Bär die Straße entlang und
brachte die Tür angeschleppt. Die
Leute nahmen Reißaus vor ihm, klet-
terten auf Dächer und Bäume. Die
Hunde blieben vor Schreck in den
Zäunen und unter den Toren stecken;
nur ein fuchsroter Gockel stand ver-
wegen auf der Straße und krähte den
Bären an: „Ich knick dir’s
Gni-i-ck...“
t
k
(Deutsch von Marg. Mohnhaupt)
MAXIM GORKI
Was Jewsejka passierte
Eines Tages saß der kleine Jewsejka,
ein guter Junge, am Meeresufer und
angelte. Das ist nun etwas sehr Lang-
weiliges. Außerdem war es heiß. Da
duselte Jewsejka ein, und — plumps!
I 18
fiel er ins Wasser.
Aber das war ja halb so schlimm — er
bekam gar keinen Schreck und
schwamm ruhig ein Stück, da tauchte
er ein bißchen und kam auch gleich
auf dem Grund an. Er setzte sich auf
einen Stein, der weich mit rötlichen
Wasserpflanzen gepolstert war, und
sah sich um — herrlich war es hier!
Gemächlich kriecht ein purpurroter
Seestern, langsam schreiten bärtige
Langusten über die Steine, eine
Krabbe bewegt sich seitlich fort.
Überall sind wie große Kirschen über
den Steinen Seeanemonen ausge-
streut, und weit und breit gibt es die
merkwürdigsten Dinge zu sehen. Da
blühen und schaukeln Wasserlilien,
wie Fliegen blitzen die flinken Garne-
len auf, dort schleppt sich eine
Seeschildkröte hin, und über ihrem
schweren Panzer spielen zwei kleine
grüne Fischlein wie Schmetterlinge in
der Luft, und hier führt ein Einsied-
lerkrebs seine Muschel über die wei-
ßen Steine spazieren. Bei seinem
19
-
-• -1
Jewsejka gleich
Wagen
Anblick erinnert sich
an den Vers:
Ein Haus und keinen
hat Großpapa Jakow...
Und plötzlich ertönt über seinem
Kopf eine ganz feine Stimme wie das
Piepsen einer Klarinette: „Wer sind
Sie denn?“ . i
Als er hinsieht, steht ein riesiger Fisch
im graublausilbernen Schuppenkleid
und mit ganz großen Augen über ihm,
der die Zähne zeigt und freundlich
lächelt, als ob er schon gebraten und
auf einer Platte auf dem Tisch läge.
„Haben Sie eben gesprochen?“ fragt
Jewsej.
„Ja-a.“
Jewsejka wundert sich und fragt
zornig: „Wie können Sie denn? Fische
sind doch stumm!“ Gleichzeitig denkt
er aber: Sieh einmal an! Französisch
kann ich nicht verstehen, aber die
Sprache der Fische sofort! Da soll mal
einer was gegen mich sagen!
Fr blickt sich selbstbewußt um und
sieht ein verspieltes buntes Fischlein
•20______________________________
----------•--------------'
•. .. - pIS •
um sich herumschwimmen, das la-
chend in die Worte ausbricht: „Nun
guckt doch bloß, was da für ein Untier
hergeschwommen ist — mit zwei
Schwänzen!“
„Und keine Schuppen — pfui!“
„Und nur zwei Flossen!“
Ein paar ganz Mutige schwimmen ihm
direkt vor die Nase und ziehen ihn
auf: „Atsch — ätsch!“
Jewsejka ist gekränkt: Das ist doch
gemein von ihnen! Als ob sie nicht
verstünden, daß sie einen richtigen
Menschen vor sich haben...
Er will sie greifen, aber sie schwim-
men ihm unter den Händen weg,
tummeln sich, stoßen einander mit den
Nasen in die Seite und singen im Chor
ein Spottlied auf den großen Krebs:
„Unter Steinen liegt ein Hummer,
der an einem Fischschwanz leckt,
trockner Fischschwanz macht ihm
Kummer,
weiß nicht, wie die Fliege
schmeckt!“
Der Krebs bewegt wütend seinen
21
. • • ? . - — - k’: • ->_• k-
. - - -•-- .
- ' j - A * <CT5»
Schnurrbart und brabbelt, die Scheren
ausgestreckt: „Wenn ich euch kriege,
schneide ich euch die Zunge ab!“
Das ist ein ganz Böser, denkt
Jewsejka.
Der große Fisch fängt noch einmal an
zu fragen: .
„Woher haben Sie denn das, daß die
Fische stumm seien?“
„Das hat mein Papa gesagt.“ :
„Was ist denn das — Papa?“
„Nun, so etwa wie ich, bloß größer
und mit einem Schnurrbart. Und wenn
er nicht ärgerlich ist, dann ist er sehr
gut.“ .
,,Und ißt er Fische?“
Jetzt bekam Jewsejka einen Schreck:
Er konnte doch nicht zugeben, daß er
welche aß! Er blickte nach oben und
sah durch das Wasser einen trübgrü-
nen Himmel und eine gelbe Sonne
^rin wie ein rundes Tablett aus
essing; der Junge überlegte und
sagte die Unwahrheit: „Nein, Fische
’jt er nicht, die haben ihm zuviel
Graten.“
22
„Das ist doch stark!“ schrie der Fisch
beleidigt. „Wir haben doch nicht alle
viel Gräten! Meine Familie zum Bei-
*
spiel ...“ Wir müssen das Gesprächs-
thema wechseln, dachte Jewsejka und
fragte höflich: „Sind Sie auch manch-
mal bei uns oben?“
„Ich bedanke mich bestens!“ stieß
der Fisch zornig aus. „Da bekommt
man ja keine Luft.“
„Aber schöne Fliegen gibt es
dafür.“
I
Der Fisch schwamm um ihn herum,
hielt direkt vor seiner Nase an und
sagte plötzlich: „Flie-gen! Und warum
sind Sie hierhergeschwommen?“
So, jetzt geht es los! dachte Jewsejka.
Jetzt frißt mich der Tölpel! So harmlos
wie möglich antwortete er: „Bloß so,
ein bißchen spazieren.“
„Hm?“ fauchte wieder der Fisch.
„Vielleicht sind Sie auch schon er-
trunken?“
„Das wäre ja noch schöner!“ rief der
Junge beleidigt. ..Unter keinen Um-
ständen! Ich stehe jetzt auf...“
' i—
Aber es gelang ihm nicht. Als ob er in
eine feste Decke eingehüllt wäre —
nicht drehen und nicht rühren konnte
er sichl
Schon wollte er zu weinen anfangen,
da fiel ihm ein, daß im Wasser ja keine
Tränen zu sehen sind, also lohnte es
sich nicht — vielleicht würde es auf
irgendeine andere Weise gelingen, aus
dieser unangenehmen Geschichte her-
auszukommen.
Inzwischen hatten sich um ihn herum
— du lieber Himmel! — die verschie-
densten Meeresbewohner angesam-
melt. Gar nicht zu zählen.
An seinem Bein hat sich eine Holothu-
rie heraufgearbeitet, die wie ein
schlecht gezeichnetes Ferkel aussieht,
und zischt: „Ich möchte mit Ihnen
näher bekannt werden!“
Vor seiner Nase zittert eine
Seeschnecke, pustet sich auf,
schnauft und macht sich über
Jewsejka lustig: „Ätsch — ätsch!
eder Krebs noch Fisch noch Mol-
luske - ai - jai _ jai!“
24
„Wartet nur ab, vielleicht bin ich
sogar ein Flieger“, sagte Jewsejka zu
ihr. Inzwischen ist ihm eine Languste
auf die Knie gekrochen und fragt
höflich mit hin und her wandernden
Stielaugen: „Können Sie mir sagen,
wie spät es ist?“ ' '
Ein Tintenfisch schwimmt vorüber
wie ein nasses Taschentuch; überall
tauchen Quallen auf wie Glaskugeln,
in dem einen Ohr kitzelt ihn eine
Garnele, das andere wird auch von
einem neugierigen Wesen befühlt,
sogar über den Kopf kriechen ihm
ganz kleine Krebse, verwirren sich in
seinen Haaren und zerzausen sie.
Au, au! ruft Jewsejka für sich aus und
versucht zu allem ein harmloses und
freundliches Gesicht zu machen wie
Papa, wenn er ein schlechtes Gewis-
sen hat und Mama auf ihn böse ist.
Um ihn herum im Wasser schwebt
alles von Fischen — leise bewegen sie
die Flossen und reißen vor dem Jun-
gen ihre runden Augen auf, die lang-
weilig sind wie Algebra.
25
„Wie kann er ohne Barthaare und
Schuppen ” überhaupt existieren?“
murmeln sie.
„Könnten wir Fische wohl unsere
Schwänze verdoppeln? Er ist weder
einem Krebs ähnlich noch uns! Ist
*
.dieses Ungeheuer vielleicht mit dem
|üngestalten Achtfüßer verwandt?“
Dummköpfe! denkt Jewsejka ge-
kränkt. Wo ich im vorigen Jahr in
Russisch zwei Zweien gekriegt habe
... Er tut, als hörte er überhaupt
nichts, und will sogar unbekümmert
anfangen zu pfeifen, aber, siehe da, es
geht nicht — das Wasser verschließt
ihm den Mund wie ein Korken.
Ein geschwätziger Fisch fragt ihn
immerzu: „Gefällt es Ihnen bei
uns?“
„Nein ... das heißt — ja, es gefällt mir
... bei mir zu Hause ... ist es auch
sehr schön“, antwortet er und be-
kommt einen neuen Schreck: Himmel,
was rede ich nur?! Womöglich wird er
böse, und dann fangen sie an, mich zu
fi essen ... Laut sagt er nur: „Wollen
26
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z ’ z'Y X , -2. ' ® Yv - E* ‘
‘ . * r—. * 3 -*~ -_r
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wir nicht ein bißchen spielen, sonst ist
es doch langweilig.“
Das gefiel dem geschwätzigen Fisch
sehr, er lachte, macht sein rundes
Maul auf, daß die rosa Kiemen und die
scharfen Zähne zu sehen waren. Er
wedelte mit dem Schwanz und schrie
mit einer Altweiberstimme: „Das ist
fein — spielen! Sehr fein — spie-
len!“
„Wollen wir einmal an die Oberfläche
schwimmen?“ schlug Jewsejka vor.
„Warum?“ fragte der Fisch.
„Hier unten geht es doch nicht! Und
oben gibt es Fliegen.“
„Flie-gen! Lieben Sie die?“
Jewsejka liebte nur Mama, Papa und
Gefrorenes, antwortete aber: „Ja.“
„Na schön ... schwimmen wir los!“
sagte der Fisch und stellte sich mit
dem Kopf nach oben. Jewsej griff
sofort nach seinen Kiemen und schrie:
„Ich bin bereit!“
„Halt! Sie Untier können doch mit
Ihren Pfoten nicht in meine Kiemen
hineinfassen!“
27
V 'S
„Da ist doch nichts dabei!“
„Was heißt — nichts dabei? Ein an-
ständiger Fisch kann nicht leben, ohne
zu atmen.“
„Du lieber Himmel!“ schrie der
Junge. „Was Sie nur immer zu streiten
haben! Spielen wir nun oder nicht?“
Bei sich aber dachte er: Wenn er mich
nur ein Stückchen in die Höhe brächte
— dann werde ich schon wieder auf-
tauchen. Der Fisch schwamm los wie
im Tanz und sang aus Leibeskräften
dazu:
„Fische mit den Augen glotzen,
Karpfen mit den Flossen protzen,
ohne Mittag ist es schlecht —
schon die Zähne fletscht der
Hecht!“
Die kleinen Fische kreisten um sie
herum und sangen im Chor:
„Hecht und Karpfen, eins, zwei,
drei —
lachend schwimmt davon der Blei:
lut uns auch der Hunger weh,
Wasser ist doch schön, juchhe!“
Sie schwammen und schwammen. Je
28
höher sie kamen, desto schneller und
leichter ging^es, und plötzlich fühlte
Jewsejka, daß sein Kopf an der Luft
war. ' '
„Oi!“
Er blickt um sich — heller, lichter Tag,
die Sonne spielt auf dem Wasser, das
grün ans Ufer schlägt, rauscht und
singt, Jewsejkas Angel schwimmt weit
draußen auf der See, er selber sitzt auf
demselben Stein, von dem er her-
untergefallen war, und ist schon
wieder ganz trocken.
„Ach“, sagt er und lächelt der Sonne
zu, „da bin ich ja wieder auf-
ge taucht!“ . 1
(Deutsch von Felix Loesch)
VALENTIN
KATAJEW
Blümchen Siebenblatt
Es war einmal ein Mädchen namens
Genia, das wurde von seiner Mutter
zum Kaufmann geschickt, um Kringel
zu kaufen — sieben Stück: zwei mit
30
Kümmel für den Papa, zwei mit Mohn
für die Mama, zwei mit Zuckerguß für
sich selber und ein kleines, rosafarbe-
nes Kringelchen für das Brüderchen
Paul.
Genia nahm das mit einem Bastfaden
zusammengebundene kleine Bündel
und machte sich auf den Heimweg.
Unterwegs schaute sie neugierig nach
allen Seiten, las alle Aushängeschilder
und zählte die Raben und Krähen.
Unterdessen schlich sich von hinten
ein fremder Hund an sie heran und
fraß alle Kringel auf; erst Papas
Kümmelkringel, dann Mamas Mohn-
kringel und schließlich Genias Zucker-
kringel.
Als Genia merkte, daß ihr kleines
Bündel immer leichter wurde, drehte
sie sich um. Doch da war es schon zu
spät. Das Bastfädchen baumelte leer
an ihrem Arm, und der Hund fraß
gerade das letzte, rosafarbene, für den
kleinen Bruder Paul bestimmte Krin-
gelchen auf, leckte sich dann die
Schnauze und nahm Reißaus.
31
,,0h, du Bösewicht!“ rief Genia und
rannte hinter dem Ausreißer her.
Sie lief und lief, den Hund holte sie
nicht ein, sie selber aber verirrte sich.
Sie sah sich um — die Gegend war ihr
auf einmal gänzlich unbekannt; keine
großen Häuser mehr, sondern nur
lauter kleine Hütten ringsum. Da
bekam Genia einen Schreck und fing
an zu weinen.
Plötzlich — keiner weiß, woher es
gekommen sein mochte — stand ein
altes gebücktes Weiblein vor ihr.
„Kind, aber Kind! Warum weinst
du?“ ^*iij
Unter Tränen erzählte Genia alles,
was sich ereignet hatte.
Da tröstete die Alte das Mädchen,
führte es zu ihrem Gärtchen und
sprach: „Macht nichts, mein Kind,
weine nicht! Ich werde dir helfen.
Freilich, Kringel habe ich keine und
Geld auch nicht, aber dafür wächst in
meinem Garten ein Blümchen, das
, heißt das Blümchen Siebenblatt, das
kann alles. Du bist, das weiß ich, ein
32
braves Kind, wenn du dich auch gern
nach allen Seiten neugierig um-
schaust. Ich schenke dir dieses Blüm-
chen, es wird alles wieder in Ordnung
bringen.“
Mit diesen Worten pflückte die alte
Frau von einem Beet eine sehr schöne
kleine Blume, die wie eine Kamille
aussah, und gab sie dem Mädchen.
Das Blümchen hatte sieben durch-
sichtige Blütenblätter, jedes von einer
anderen Farbe: gelb, rot, dunkelblau,
grün, orange, violett und himmelblau.
„Dieses Blümchen“, sagte dazu das
alte Weiblein, „ist keine gewöhnliche
Pflanze, sondern eine ganz besondere.
Sie kann dir nämlich jeden Wunsch
erfüllen. Dazu brauchst du bloß eines
der Blättchen abzuzupfen, es in die
Luft zu werfen und zu sagen:
,Flieg, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui von Ost nach Süd,
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise,
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort!‘
Hast du dieses Sprüchlein aufgesagt,
so befiehl: Ich will dies, oder ich will
das, und es wird sofort geschehen.“
Genia bedankte sich höflich bei dem
alten Weiblein, ging zur Gartentür
hinaus, und da erst fiel ihr ein, daß sie
ja den Heimweg nicht wußte. -.0
Was sollte sie tun? Nach alter Ge-
wohnheit wollte Genia schon wieder
in Tränen ausbrechen, die Nase hatte
sie bereits wie eine Ziehharmonika in.
Falten gelegt. Da fiel ihr plötzlich das
Blümchen ein. jfl
„Nun, wir werden ja gleich sehen,
was für eine Bewandtnis es damit
hat“, sagte sie zu sich selbst. Flink
zupfte Genia das gelbe Blütenblatt ab,
warf’s in die Luft und sprach den
Vers, den das alte Weiblein sie gelehrt
hatte:
„Fliege, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui von Ost nach Süd, I
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise,
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort! -
Und ich will, daß ich sogleich mitsamt
den Kringeln wieder daheim bin!“ Sie
hatte noch nicht ganz zu Ende ge-
sprochen, als sie sich schon zu Hause
befand, und in den Händen hielt sie
tatsächlich das kleine Bündel mit den
sieben Kringeln. •
Genia gab die Kringel ihrer Mutter,
bei sich selber aber dachte sie: Das ist
wirklich ein merkwürdiges Blümchen.
Das muß man unbedingt in die aller-
schönste Vase stecken.
Nun war Genia noch ein recht kleines
Mädchen, darum kletterte sie auf
einen Stuhl, stellte sich auf die Ze-
henspitzen und reckte sich, um die
Lieblingsvase ihrer Mutter vom ober-
sten Wandbrett herunterzulangen. In
diesem Augenblick flog draußen vor
dem Fenster ein Krähenschwarm
vorüber. Selbstverständlich wollte
Genia ganz genau wissen, wie viele es
waren — ob sieben oder acht. Sie
öffnete den Mund und begann zu
zählen, wobei sie ihre Finger krampf-
haft zusammenpreßte. Natürlich pur-
35
zelte die Vase herunter und zersprang
— pardauz! — in lauter kleine
Stücke.
„Hast du schon wieder was zerbro-
chen?“ rief die Mutter aus der Küche.
„Doch nicht etwa meine Lieblings-
vase?“
„Nein, aber nein, Mama, ich habe
nichts zerbrochen!“ rief Genia zurück
und zupfte ganz schnell das rote
Blütenblatt von ihrer Blume ab, warf
es in die Luft und murmelte hastig ihr
Sprüchlein: 4
„Fliege, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui von Ost nach Süd, fl
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise,
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort!
Und ich will, daß Mamas Lieblings-
: vase auf der Stelle wieder heil ist!“
Kaum hatte sie ihr Sprüchlein auf-
gesagt, als die Scherben sich von ganz
allein wieder zusammenfügten.
Als die Mama nun von der Küche
herbeigelaufen kam, sieh an! — da
36 ' „ |
* — I
stand ihre Lieblingsvase, als ob gar
nichts gewesen wäre, heil und un-
versehrt auf ihrem gewohnten Platz.
Die Mama drohte auf alle Fälle ihrer
Tochter mit dem Finger und schickte
sie zum Spielen hinaus auf den Hof.
Dort saßen die Jungen aus der Nach-
barschaft auf alten Brettern; sie hatten
eine Fahne in den Sand gesteckt und
spielten Polarforscher.
..Laßt mich doch bitte, bitte mitspie-
len!“ bettelte Genia.
„Was willst du? Mitspielen? Siehst du
denn nicht, du dumme Suse, daß das
der Nordpol ist? Da nehmen wir doch
keine Mädel mit hin.“
„Wie kann denn das der Nordpol sein,
wenn es bloß Bretter sind?“
„Das sind doch keine Bretter, sondern
Eisschollen. Mach, daß du fort-
kommst! Stör uns nicht, bei uns ist
gerade Packeisdruck.“
„Ihr wollt mich also nicht mitspielen
lassen?“
„Nein.“
„Ist auch gar nicht nötig“, tröstete
37
sich da Genia. „Ich werde auch ohne
euch gleich am Nordpol sein. Aber
nicht bloß so zum Schein, sondern
richtig. Und euch bleibt nur der
Katzenschwanz!“ Genia trat beiseite
unter den Torweg, holte ihr Blümlein
Siebenblatt hervor, zupfte das dun-
kelblaue Blütenblättchen ab, warf’s in
die Luft und flüsterte: j||
„Fliege, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui von Ost nach Süd,.
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise, |
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort!
Ich will, daß ich sogleich am Nordpol
bin!“ Sie hatte noch nicht zu Ende
gesprochen, da erhob sich ein Wir-
belwind. Die Sonne verschwand, es
wurde stockfinstere Nacht, und die
Erde drehte sich wie ein Brumm-
kreisel unter Genias Füßen. Und
Genia — so wie! sie war, im dünnen
Sommerkleidchen und barfüßig —
befand, sich auf einmal am Nordpol,
aber die Kälte war dort schauerlich.
38 ' •
Das Thermometer hätte gewiß viele,
viele Grad unter Null gezeigt.
,,O weh, o weh! Mama, Mama, ich
erfriere!“ jammerte Genia und brach
in Tränen aus; aber die Tränen ver-
wandelten sich sofort in Eiszapfen
und hingen ihr an der Nase wie an
einer Regentraufe. Im selben Augen-
blick kamen über die Eisschollen
sieben Eisbären daher, schnurstracks
auf das Mädchen zu — einer immer
größer und furchterregender als der
andere; der erste plump und täppisch,
der zweite zornig brummend, der
dritte noch böser und wilder als der
zweite, der vierte mit aufgesperrtem
Rachen, der fünfte triefend vor
Nässe, der sechste rauh und zottig,
und der siebente — der war der größte
und schrecklichste von allen.
„Hilfe, Hilfe!“ kreischte Genia und
wußte vor Furcht nicht mehr aus noch
ein. Sie ergriff mit klammen Fingern
ihr Blümchen Siebenblatt, zupfte das
grüne Blütenblättchen ab, warf’s in
die Luft und schrie aus vollem Halse,
so laut sie konnte:
,,Fliege, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui von Ost nach Süd,
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise,
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort!
Ich will, daß ich gleich wieder auf
unserem Hof bin!“
Und im selben Augenblick befand sie
sich wieder daheim auf dem Hof. Und
die Jungen sahen sie an und lachten:
„Na, Genia, wo ist denn dein Nord-
pol?“
„Ich war eben dort.“ .
„Aber davon haben wir gar nichts
gesehen. Das mußt du uns erst be-
weisen.“
„Da, seht nur, an meiner Nase hängt
ja hoch ein Eiszapfen.“
„Das ist doch kein Eiszapfen, das ist
der Katzenschwanz!“ spotteten sie.
Tief gekränkt beschloß Genia, sich
nicht mehr mit den Jungen abzugeben.
Sie ging nach dem Nachbarhof. Dort
saßen die Mädchen mit ihren Spielsa-
I
40
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chen. Eins hatte einen Puppenwagen,
ein anderes einen Ball, ein drittes ein
Springseil, ein viertes ein Dreirad und
eines sogar eine große Puppe, die
sprechen konnte und auf dem Kopf
einen ^trohhut und an den Füßen
Galoschen hatte.
Genia verdroß das, und sie wurde vor
Neid richtig gelb und grün. Nun,
dachte sie, ich werde euch gleich
zeigen, wer die meisten Spielsachen
hat.
Sie zog das Blümchen Siebenblatt
hervor, zupfte das orangefarbene
Blütenblättchen ab, warf’s in die Luft
und sagte:
„Fliege, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui von Ost nach Süd,
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise,
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort!
Ich will, daß alles Spielzeug der
ganzen Welt mir gehört!“
Und augenblicklich, noch ehe sie zu
Ende gesprochen hatte, strömte von
41
allen Seiten Spielzeug auf Genia ein.
Als erste kamen natürlich Puppen
angetrippelt, lauter Puppen, die mit
den Augen klappern konnten und ohne
Unterlaß „Papa, Mama!“ quäkten.
Zuerst freute sich Genia unbändig,
dann aber wurden es so viele, daß sie
allmählich den ganzen Hof füllten und
die Gasse und die nächste Straße und
den halben Marktplatz. Es war un-
möglich, noch einen Schritt zu tun,
ohne auf eine Puppe zu treten.
Ringsum war nichts weiter zu hören
als das Geplärr der quäkenden Pup-
pen. Könnt ihr euch vorstellen, wel-
chen Lärm fünf Millionen Puppen
vollführen? Und es waren bestimmt
nicht weniger. Sogar Genia kriegte
einen rechten Schreck.
Doch das war erst der Anfang. Hinter
den Puppen kamen die dazugehörigen
Puppenwagen angerollt und Bälle und
Murmeln und Dreiräder und Roller.
Springseile hopsten über den Boden,
gerieten den Puppen zwischen die
Beine und veranlaßten sie, noch lauter
42
V/7WZ
zu quäken.
Und durch die Luft kamen Millionen
von Spielzeugfliegern angesurrt —
Doppeldecker und Eindecker — und
Papierdrachen in allen Formen, Far-
ben und Größen, und viele blieben in
den Drähten der Telefonleitungen und
im Geäst der Bäume hängen.
Die Bewegung in der Luft, das Surren
und Schwirren wollte kein Ende
nehmen. Die Schutzleute waren auf
ihre Türme mit den Verkehrsampeln
geklettert und wußten nicht, was sie
von der ganzen Sache denken und was
sie tun sollten.
„Genug, genug!“ rief Genia und faßte
sich entsetzt an den Kopf. „Soviel
Spielzeug brauche ich gar nicht! Ich
habe ja bloß Spaß gemacht! Ich
fürchte mich ...“ Aber das half alles
nichts. 1
Mehr und immer mehr Spielsachen
strömten herbei.
Schon war die ganze Stadt bis zu den
höchsten Dachfirsten unter all dem
Spielzeug begraben. . ]
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44
jgP - * * itnH
Genia rannte die Treppe hinauf — die
Spielsachen hinter ihr her; sie lief auf
den Balkon — die Spielsachen ihr
nach; sie rettete sich mit einem Sprung
auf das Dach, zupfte rasch das vio-
lette Blatt des Blümchens ab und
rief: 1 . .
„Fliege, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui von Ost nach Süd,
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise,
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort!
Und ich will, daß,alle Spielsachen
schleunigst wieder in ihre Läden zu-
rückkehren!“
Im Handumdrehen waren da alle
Spielsachen verschwunden. Genia
betrachtete nun ihr Blümlein und sah,
daß von den sieben Blättern nur noch
ein einziges übrig war.
Das ist ja reizend! dachte sie. Sechse
habe ich schon vertan und kein biß-
chen Vergnügen davon gehabt, nicht
das geringste. Nun, macht nichts!
Künftig werd ich klüger sein.
45
Sie ging hinunter auf die Straße, und
im Gehen überlegte sie: Was soll ich
mir eigentlich noch wünschen! Viel-
leicht zwei Dutzend Eiswaffeln?
Nein, lieber zwei Pfund Bonbons!
Dazu noch eine Stange Marzipan und
eine Tüte Nüsse. Und für den kleinen
Paul noch ein Kringelchen. Doch das
wird alles schnell aufgegessen sein,
und was dann ...? Nichts wird davon
übrigbleiben ... Ach nein, da wünsche
ich mir doch lieber was Dauerhafteres
— ein Dreirad zum Beispiel. Aber was
soll ich damit? Na ja, darauf fahren
... Doch dann werden die Jungen
kommen und es mir wegnehmen und
es kaputt machen. Nein, da wünsche
ich mir doch lieber ein Kinobillett oder
eine Eintrittskarte für den Zirkus.
Dort gibt’s wenigstens Spaß. Oder
vielleicht sollte ich mir ein Paar rote
Schuhe wünschen. Das wäre auch
nicht schlechter als eine Zirkus- oder
Kinovorstellung. Aber genaugenom-
men, was hätte das für einen Sinn:
rote Schuhe ...? Nein, ich muß mir
46
etwas viel Besseres wünschen, etwas
viel, viel Besseres ... Hauptsache:
nichts übereilen!
I
Während Genia so ihren Gedanken
nachhing, sah, sie einen netten kleinen
Jungen, der unter einem Torweg auf
einem Bänkchen saß. Der Junge gefiel
ihr auf den ersten Blick; man sah
sofort, daß er kein Raufbold und kein
Krakeeler war. Gar zu gern hätte
Genia gewußt, wer das war.
Ohne Scheu trat sie an ihn heran, so
nahe, daß sie in jeder seiner Pupillen
ganz deutlich ihr eigenes Gesicht mit
den beiden auf die Schultern her-
abfallenden Zöpfen erkennen
konnte.
„Sag, wie heißt du?“
„Viktor. Und du?“
„Genia. Wollen wir Haschen spie-
len?“ . . •
„Ich kann nicht laufen.“
„Wie schade“, sagte sie. „Ich mag
dich gern. Ich wäre mit dem größten
Vergnügen mit dir um die Wette ge-
rannt.“
Und Genia sah, daß der eine seiner
Füße in einem unförmigen Stiefel mit
sehr dicker Sohle und hohem Absatz
steckte. .]
„Ich mag dich auch“, antwortete der
Junge. „Und ich wäre so gern mit dir
herumgetollt. Aber leider geht das
nicht mit meinem Bein. Da kann man
nichts machen. Das ist fürs ganze
Leben...“ I
„Was redest du für einen Unsinn!“
rief Genia und zog das Blümchen
Siebenblatt aus ihrer Tasche. „Wart
nur! Paß mal auf!“
Und bei diesen Worten zupfte sie das
letzte, das himmelblaue Blütenblatt
ab, hielt es dem Jungen ein Weilchen
vor die Augen, öffnete ihre Finger und
sang mit dünnem, vor Glück beben-
dem Stimmchen: i
„Fliege, mein Blättlein, fliege fort,
flieg im Hui vqu Ost nach Süd,
weiter dann nach West und Nord.
Fliege, flieg in weitem Kreise,
kehrst du heim von deiner Reise,
so gehorche mir aufs Wort!
48
Und ich will, daß Viktor auf der Stelle
gesund wird!“
Da sprang der Junge von seinem
Bänkchen auf und konnte hüpfen und
springen und mit Genia Haschen
spielen. Und er lief so gut, daß sie ihn
nicht einholen konnte, sosehr sie sich
auch anstrengte.
(Deutsch von Horst Wolf)
k
VALENTIN KATAJEW
Schalmei und Krüglein
Im Wald reiften die Erdbeeren.
Da nahm der Vater einen Krug, die
Mutter eine Tasse, Genia ein Krüg-
lein, und dem kleinen Paul gab man
ein Schüsselchen. Dann gingen alle
zusammen in den Wald und begannen
um die Wette zu pflücken: Wer würde
wohl zuerst sein Gefäß voll haben?
Die Mutter suchte für Genia die beste
Lichtung aus und sagte: „Hier, Töch-
terchen, ist ein ausgezeichnetes
Fleckchen, wo viele Erdbeeren wach-
49
sen. Nun pflücke fleißig.“
Genia wischte ihr Krüglein mit einem
Klettenblatt aus und machte sich ans
Werk.
Sie ging und ging, guckte und guckte
— aber nirgends fand sie eine Beere
und kehrte mit leerem Krüglein zu-
rück.
Da sah sie: Alle hatten Erdbeeren.
Papas Krug war zu einem Viertel voll,
Mamas Tasse halbvoll, sogar der
kleine Paul hatte zwei Beeren in sei-
nem Schüsselchen. „Mama, ach
Mama, warum habt ihr alle welche
und ich keine einzige? Du hast mir
wirklich den schlechtesten Platz aus-
gesucht!“
„Hast du denn auch richtig ge-
sucht?“
„Ganz richtig. Doch dort gibt es keine
einzige Beere, bloß lauter Blätter.“
„Und hast du auch unter die Blätter
geschaut?“ '
„Nein, das freilich nicht.“
a
„Das ist es ja eben. Man muß drun-
terschauen.“
50
„Warum schaut denn Paulchen nicht
drunter?“
„Paulchen ist noch klein, fast genau-
so klein wie eine Erdbeerpflanze; er
braucht nicht erst drunterzuschaun.
Aber du, Mädchen, bist doch schon
ziemlich groß.“ Und der Vater sagte:
„Die Erdbeeren sind schlau, sie ver-
stecken sich immer. Man muß es
verstehen, sie zu finden. Gib acht, wie
ich es mache.“ Dabei kauerte er sich
nieder, schaute unter die Blätter und
fing an, Beere um Beere hervorzuho-
len. Dabei sagte er: „Die eine nehme
ich, nach der anderen schaue ich, die
dritte erspähe ich, und die vierte ge-
wahre ich gerade noch.“
„Schön“, sagte Genia, „ich danke
dir, Papachen, ich werde es ebenso
machen.“ Damit lief sie auf ihre
Lichtung zurück, kauerte sich hin,
beugte sich ganz dicht zur Erde nieder
und lugte unter die Blätter. Unter
manchen Blättern waren Beeren,
unter manchen keine. Genia ließ ihre
Augen umherwandern, dann begann
51
sie zu pflücken und die gepflückten
Beeren in ihr Krüglein zu werfen.
Dabei sprach sie: „Die eine nehme
ich, nach der andern schaue ich, die
dritte erspähe ich, und die vierte ge-
wahre ich gerade noch.“
Aber bald wurde es Genia langweilig,
so dazuhocken. Für mich reicht es, ich
habe wirklich schon genug gepflückt,
dachte sie und richtete sich auf. Doch
als sie in ihr Krüglein sah, lagen ganze
vier Beeren darin.
„Das sind zuwenig, damit ist nichts
anzufangen. Da muß man sich noch
mal hinhocken.“
Sie kauerte sich abermals nieder,
pflückte und sagte dabei: „Die eine
nehme ich, nach der anderen schaue
ich, die dritte erspähe ich, und die
vierte gewahre ich gerade noch.“
Dann schaute sie in ihr Krüglein, aber
darin lagen alles in allem acht Beeren,
nicht einmal der Boden war ganz
bedeckt. Nun, dachte sie, das Pflük-
ken gefällt mir ganz und gar nicht, die
ganze Zeit über hockt man da, bückt
und bückt sich, guckt sich die Augen
aus, bis man müde davon wird. Ich
werde mir lieber eine andere Lichtung
suchen.
Und sie lief davon, um eine andere
Lichtung zu suchen, wo sich die Erd-
beeren nicht unter den Blättern ver-
steckten, .sondern einem von selber
vor die Augen kamen und ins Krüglein
sprangen. Sie lief und lief, aber eine
solche Lichtung konnte sie nicht fin-
den. Sie wurde müde und setzte sich
auf einen Baumstumpf, um auszuru-
hen. Und wie sie so saß, nahm sie vor
lauter Nichtstun eine Be'ere nach der
anderen aus dem Krüglein und steckte
sie in den Mund, bis sie alle acht
gegessen hatte. Dann schaute sie in
das leere Krüglein. Was soll ich jetzt
tun? Wenn mir doch jemand helfen
könnte! Kaum hatte sie das gedacht,
als das Moos sich bewegte, die Hälm-
chen schoben sich auseinander, und
unter dem Baumstumpf hervor kroch
ein kleines Männlein: weißer Mantel,
taubengrauer Bart, Samthut und quer
53
über dem Hut ein vertrocknetes Gras-
hälmchen. „Guten Tag, Mädchen“,
sagte das Männchen.
„Guten Tag, Onkelchen.“
„Ich bin kein Onkelchen, sondern ein
Großväterchen. Hast du mich nicht
erkannt? Ich bin doch das Steinpilz-
und Wurzelmännchen, das Oberhaupt
aller Pilze und Beeren. Warum hast du
geseufzt? Was bekümmert dich? Wer
hat dich gekränkt?“
„Die Beeren haben mich gekränkt,
Großväterchen.“
„Meine Beeren? Na, ich weiß nicht,
bei mir sind sie immer brav und artig.
Wodurch haben sie dich denn ge-
kränkt?“
„Sie wollen sich nicht finden lassen
und verstecken sich immer unter den
Blättern. Von oben sind sie einfach
nicht zu sehen. Man muß sich bücken
und bücken. Ehe man sein Krüglein
voll hat, ist man todmüde.“
Da strich sich das Pilz- und Wur-
zelmännchen seinen taubengrauen
Bart und sagte lächelnd: „Kleinigkeit!
54 pi I -
Für solche Fälle habe ich eine Schal-
mei. Sobald die spielt, gucken alle Bee-
ren unter ihren Blättern hervor und
zeigen sich.“
Bei diesen Worten zog das Pilz- und
Wurzelmännchen aus seiner Tasche
eine Schalmei und sprach: „Spiele,
Schalmei!“ Und die Schalmei begann
von ganz allein zu spielen, und kaum
hatte sie zu spielen angefangen, da
schauten überall unter den Blättern
die Beeren hervor. „Hör auf, Schal-
mei!“ Die Schalmei hörte auf zu
spielen, und die Beeren versteckten
sich wieder.
Da freute sich Genia. „Großväter-
chen, Großväterchen, schenk mir
diese Schalmei!“
„Schenken kann ich sie dir nicht, aber
laß uns tauschen: Ich gebe dir meine
Schalmei, und du gibst mir dein
Krüglein, denn es gefällt mir sehr.“
„Topp, abgemacht! Mit dem größten
Vergnügen!“
Und Genia gab dem Männlein ihr
Krüglein und nahm dafür von ihm die
55
Schalmei; schnurstracks lief sie auf
ihre Lichtung, stellte sich dort in der
Mitte hin und rief: „Spiele, Schal-
mei!“
Die Schalmei begann zu spielen, und
im selben Augenblick bewegten sich
auf der Lichtung alle Blätterchen und
drehten sich langsam um, als ob der
Wind darüber hinstriche.
Zuerst guckten unter den Blättern die
allerjüngsten, noch ganz grünen
Beeren hervor, die am neugierigsten
waren. Nach ihnen streckten die
etwas älteren ihre Köpfchen hervor,
deren eine Wange schon einen rosigen
Hauch hatte, während die andere noch
weiß war. Darauf schauten auch die
völlig reifen, dicken und roten hervor,
und schließlich, von ganz unten her,
zeigten sich die allerältesten Beeren,
die stark duftenden, die schon ganz
schwarz und matschig und mit gelben
Samenkörnchen bedeckt waren.
Die ganze Lichtung um Genia herum
war besät mit lauter Beeren, die hell
in der Sonne schimmerten. Es war, als
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56
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würden sie von der Schalmei an-
gezogen.
„Spiele, Schalmei!“ rief Genia.
„Spiel schneller!“ .Die Schalmei
spielte schneller, und die Beeren
streckten sich noch weiter hervor, so
weit, daß die Blätter unter ihnen gar
nicht mehr zu sehen waren. Aber
Genia konnte nicht genug bekommen.
„Noch schneller, Schalmei, noch
schneller!“
Die Schalmei spielte immer schneller,
und der ganze Wald füllte sich mit
ihren angenehmen, rasch und immer
rascher aufeinanderfolgenden Tönen
so, daß es schon kein Wald mehr war,
sondern die reinste Spieldose. Die
Bienen hörten auf, die Schmetterlinge
von den Blüten und Blumen weg-
zustoßen; die Schmetterlinge klappten
ihre Flügel zu wie ein Buch, die klei-
nen, noch • nicht flüggen Vöglein
schauten aus ihrem leichten Nest, das
sich in den Zweigen eines Ho-
lunderbusches schaukelte, und sperr-
. ten vor Entzücken ihre gelben Schnä-
.58 '
bei auf. Die Pilze stellten sich auf die
Zehenspitzen, damit ihnen ja kein Ton
verlorenginge, und sogar die alte groß-
äugige Libelle, die wegen ihres zank-
süchtigen Charakters berüchtigt war,
verweilte in der Luft bei dieser in die
Tiefen der Seele dringenden wunder-
baren Musik.
Und jetzt werde ich anfangen zu
pflücken, dachte Genia und wollte
schon die Hand nach der größten und
rötesten Beere ausstrecken, als ihr
einfiel, daß sie ja ihr Krüglein gegen
die Schalmei vertauscht hatte und nun
nichts besaß, wohinein sie die Beeren
hätte tun können. „Och, du dumme
Schalmei!“ rief das Mädchen ärger-
lich. „Ich habe nichts, um die Beeren
hineinzutun, und du spielst und spielst
in einem fort.“
Und sie lief zurück zum Pilz- und
Wurzelmännchen und bat: „Groß-
väterchen, Großväterchen, bitte gib
mir mein Krüglein wieder.“
„Gut“, antwortete das Männchen,
„ich werde dir dein Krüglein wieder-
59
geben, aber nur, wenn du mir auch
meine Schalmei wiedergibst.“
Also gab Genia dem Pilz- und Wur-
zelmännchen die Schalmei zurück,
nahm ihr Krüglein in Empfang und lief
schnell wieder auf die Lichtung. Doch
als sie dort ankam, war keine einzige
Beere mehr zu sehen, bloß lauter
Blätter. Was für ein Unglück! Hat
man die Schalmei, dann fehlt einem
das Krüglein; hat man das Krüglein,
dann fehlt einem die Schalmei. Was
soll man da bloß machen, dachte
Genia.' Sie dachte nach, und nach
• •
langem Überlegen beschloß sie, noch
einmal zum Pilz- und Wurzelmänn-
chen hinzulaufen.
Das tat sie auch und bat: „Groß-
väterchen, gib mir die Schalmei wie-
der!“
„Gut, aber nur, wenn du mir dein
' Krüglein dafür gibst.“
„Nein, das tu ich nicht. Ich brauche
es ja, um die Beeren hineinzutun.“
„Ei, so gebe ich dir auch meine
Schalmei nicht.“
60
r
Genia flehte: ,,Großväterchen, wie
soll ich denn die Beeren in mein
Krüglein sammeln, wenn sie ohne
deine Schalmei alle unter den Blättern
bleiben und überhaupt nicht hervor-
gucken. Ich brauche unbedingt Krüg-
lein und Schalmei!“
„Sieh mal einer an, was für ein
schlaues Mädchen! Beides will sie
haben! Behilf dich ohne Schalmei,
allein mit dem Krüglein.“
„Nein, ich kann mich doch nicht
behelfen, Großväterchen.“
„Und wie machen es denn die anderen
Leute?“
„Die kauern sich hin, lugen von der
Seite her unter die Blätter und pflük-
ken Beere um Beere. Die eine nehmen
sie, nach der anderen schauen sie, die
dritte erspähen sie, und die vierte
gewahren sie gerade noch. Aber so
Beeren zu pflücken, das gefällt mir
ganz und gar nicht. Immerfort sich
bücken und bücken. Ehe man sein
Krüglein voll hat, ist man schon tod-
müde.“
61
„Ei, sieh mal an“, sagte das Männ-
chen und wurde so zornig, daß sich
sein taubengrauer Bart schwarz
färbte. ,,Du bist, wie mir scheint, ganz
einfach ein Faulpelz. Nimm dein
Krüglein und pack dich! Die Schalmei
bekommst du nicht.“
Bei diesen Worten stampfte das
Männchen mit dem Fuße auf und
verschwand unter dem Baumstumpf.
Genia starrte in ihr leeres Krüglein.
Dann erinnerte sie sich, daß Papa,
Mama und der kleine Paul auf sie
warteten; rasch lief sie auf ihre Lich-
tung, hockte sich hin, lugte unter die
Blätter und pflückte geschwind Beere
um Beere. Die eine nahm sie, nach der
anderen schaute sie, die dritte er-
spähte sie, und die vierte gewahrte sie
gerade noch. Bald hatte Genia ihr
Krüglein bis zum Rande gefüllt und
kehrte zu Papa, Mama und dem
Brüderchen zurück.
,,Da ist ja Genia“, rief der Vater.
„Und ihr Krüglein ist randvoll. Da
wird sie wohl recht müde sein.“
62
\ 1
< J
Durchaus nicht, Papa, es war bei-
nahe, als ob das Krüglein mitgepflückt
hätte.“
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Und dann gingen sie alle miteinander
heim: der Vater mit vollem Krug, die
Mutter mit der vollen Tasse, Genia mit
dem vollen Krüglein und der kleine
Paul mit dem vollen Schüsselchen.
Doch von der Schalmei hat Genia
niemandem ein Sterbenswörtchen
erzählt. /
(Deutsch von Horst Wolf)